1797-9_Hoelderlin_Hyp.html




        
                              Friedrich Hölderlin
                                    Hyperion
                                      oder
                           Der Eremit in Griechenland
                                   Erster Band
  Non coerceri maximo
 contineri minimo divinum est
 
                                    Vorrede
Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen Aber ich fürchte die
einen werden es lesen wie ein Kompendium und um das fabula docet sich zu sehr
bekümmern indes die andern gar zu leicht es nehmen und beede Teile verstehen
es nicht
    Wer bloß an meiner Pflanze riecht der kennt sie nicht und wer sie pflückt
bloß um daran zu lernen kennt sie auch nicht
    Die Auflösung der Dissonanzen in einem gewissen Charakter ist weder für das
bloße Nachdenken noch für die leere Lust
    Der Schauplatz wo sich das Folgende zutrug ist nicht neu und ich gestehe
dass ich einmal kindisch genug war in dieser Rücksicht eine Veränderung mit dem
Buche zu versuchen aber ich überzeugte mich dass er der einzig angemessene für
Hyperions elegischen Charakter wäre und schämte mich dass mich das
wahrscheinliche Urteil des Publikums so übertrieben geschmeidig gemacht
    Ich bedaure dass für jetzt die Beurteilung des Plans noch nicht jedem
möglich ist Aber der zweite Band soll so schnell wie möglich folgen
 
                                  Erstes Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Der liebe Vaterlandsboden gibt mir wieder Freude und Leid
    Ich bin jetzt alle Morgen auf den Höhn des Korintischen Istmus und wie
die Biene unter Blumen biegt meine Seele oft hin und her zwischen den Meeren
die zur Rechten und zur Linken meinen glühenden Bergen die Füße kühlen
    Besonders der Eine der beeden Meerbusen hätte mich freuen sollen wär ich
ein Jahrtausend früher hier gestanden
    Wie ein siegender Halbgott wallte da zwischen der herrlichen Wildnis des
Helikon und Parnass wo das Morgenrot um hundert überschneite Gipfel spielt und
zwischen der paradiesischen Ebene von Sicyon der glänzende Meerbusen herein
gegen die Stadt der Freude das jugendliche Korint und schüttete den
erbeuteten Reichtum aller Zonen vor seiner Lieblingin aus
    Aber was soll mir das Das Geschrei des Jakals der unter den Steinhaufen
des Altertums sein wildes Grablied singt schröckt ja aus meinen Träumen mich
auf
    Wohl dem Manne dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt Mir
ist als würd ich in den Sumpf geworfen als schlüge man den Sargdeckel über mir
zu wenn einer an das meinige mich mahnt und wenn mich einer einen Griechen
nennt so wird mir immer als schnürt er mit dem Halsband eines Hundes mir die
Kehle zu
    Und siehe mein Bellarmin wenn manchmal mir so ein Wort entfuhr wohl auch
im Zorne mir eine Träne ins Auge trat so kamen dann die weisen Herren die
unter euch Deutschen so gerne spuken die Elenden denen ein leidend Gemüt so
gerade recht ist ihre Sprüche anzubringen die taten dann sich gütlich ließ
sich beigehn mir zu sagen klage nicht handle
    O hätt ich doch nie gehandelt um wie manche Hoffnung wär ich reicher 
    Ja vergiss nur dass es Menschen gibt darbendes angefochtenes tausendfach
geärgertes Herz und kehre wieder dahin wo du ausgingst in die Arme der Natur
der wandellosen stillen und schönen
                             Hyperion an Bellarmin
Ich habe nichts wovon ich sagen möchte es sei mein eigen
    Fern und tot sind meine Geliebten und ich vernehme durch keine Stimme von
ihnen nichts mehr
    Mein Geschäft auf Erden ist aus Ich bin voll Willens an die Arbeit
gegangen habe geblutet darüber und die Welt um keinen Pfenning reicher
gemacht
    Ruhmlos und einsam kehr ich zurück und wandre durch mein Vaterland das wie
ein Totengarten weit umher liegt und mich erwartet vielleicht das Messer des
Jägers der uns Griechen wie das Wild des Waldes sich zur Lust hält
    Aber du scheinst noch Sonne des Himmels Du grünst noch heilige Erde Noch
rauschen die Ströme ins Meer und schattige Bäume säuseln im Mittag Der
Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf Die Fülle
der allebendigen Welt ernährt und sättiget mit Trunkenheit mein darbend Wesen
    O selige Natur Ich weiß nicht wie mir geschiehet wenn ich mein Auge
erhebe vor deiner Schöne aber alle Lust des Himmels ist in den Tränen die ich
weine vor dir der Geliebte vor der Geliebten
    Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht wenn die zarte Welle der Luft mir
um die Brust spielt Verloren ins weite Blau blick ich oft hinauf an den Äther
und hinein ins heilige Meer und mir ist als öffnet ein verwandter Geist mir
die Arme als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit
    Eines zu sein mit Allem das ist Leben der Gottheit das ist der Himmel des
Menschen
    Eines zu sein mit Allem was lebt in seliger Selbstvergessenheit
wiederzukehren ins All der Natur das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden
das ist die heilige Bergeshöhe der Ort der ewigen Ruhe wo der Mittag seine
Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des
Kornfelds gleicht
    Eines zu sein mit Allem was lebt Mit diesem Worte legt die Tugend den
zürnenden Harnisch der Geist des Menschen den Zepter weg und alle Gedanken
schwinden vor dem Bilde der ewigeinigen Welt wie die Regeln des ringenden
Künstlers vor seiner Urania und das eherne Schicksal entsagt der Herrschaft
und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod und Unzertrennlichkeit und ewige
Jugend beseliget verschönert die Welt
    Auf dieser Höhe steh ich oft mein Bellarmin Aber ein Moment des Besinnens
wirft mich herab Ich denke nach und finde mich wie ich zuvor war allein mit
allen Schmerzen der Sterblichkeit und meines Herzens Asyl die ewigeinige Welt
ist hin die Natur verschließt die Arme und ich stehe wie ein Fremdling vor
ihr und verstehe sie nicht
    Ach wär ich nie in eure Schulen gegangen Die Wissenschaft der ich in den
Schacht hinunter folgte von der ich jugendlich töricht die Bestätigung meiner
reinen Freude erwartete die hat mir alles verdorben
    Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden habe gründlich mich
unterscheiden gelernt von dem was mich umgibt bin nun vereinzelt in der
schönen Welt bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur wo ich wuchs und
blühte und vertrockne an der Mittagssonne
    O ein Gott ist der Mensch wenn er träumt ein Bettler wenn er nachdenkt
und wenn die Begeisterung hin ist steht er da wie ein missratener Sohn den der
Vater aus dem Hause stieß und betrachtet die ärmlichen Pfennige die ihm das
Mitleid auf den Weg gab
                             Hyperion an Bellarmin
Ich danke dir dass du mich bittest dir von mir zu erzählen dass du die vorigen
Zeiten mir ins Gedächtnis bringst
    Das trieb mich auch nach Griechenland zurück dass ich den Spielen meiner
Jugend näher leben wollte
    Wie der Arbeiter in den erquickenden Schlaf sinkt oft mein angefochtenes
Wesen in die Arme der unschuldigen Vergangenheit
    Ruhe der Kindheit himmlische Ruhe wie oft steh ich stille vor dir in
liebender Betrachtung und möchte dich denken Aber wir haben ja nur Begriffe
von dem was einmal schlecht gewesen und wieder gut gemacht ist von Kindheit
Unschuld haben wir keine Begriffe
    Da ich noch ein stilles Kind war und von dem allem was uns umgibt nichts
wusste war ich da nicht mehr als jetzt nach all den Mühen des Herzens und all
dem Sinnen und Ringen
    Ja ein göttlich Wesen ist das Kind solang es nicht in die Chamäleonsfarbe
der Menschen getaucht ist
    Es ist ganz was es ist und darum ist es so schön
    Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht im Kind ist
Freiheit allein
    In ihm ist Frieden es ist noch mit sich selber nicht zerfallen Reichtum
ist in ihm es kennt sein Herz die Dürftigkeit des Lebens nicht Es ist
unsterblich denn es weiß vom Tode nichts
    Aber das können die Menschen nicht leiden Das Göttliche muss werden wie
ihrer einer muss erfahren dass sie auch da sind und eh es die Natur aus seinem
Paradiese treibt so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus auf das
Feld des Fluchs dass es wie sie im Schweiße des Angesichts sich abarbeite
    Aber schön ist auch die Zeit des Erwachens wenn man nur zur Unzeit uns
nicht weckt
    O es sind heilige Tage wo unser Herz zum ersten Male die Schwingen übt wo
wir voll schnellen feurigen Wachstums dastehn in der herrlichen Welt wie die
junge Pflanze wenn sie der Morgensonne sich aufschliesst und die kleinen Arme
dem unendlichen Himmel entgegenstreckt
    Wie es mich umhertrieb an den Bergen und am Meeresufer ach wie ich oft da
saß mit klopfendem Herzen auf den Höhen von Tina und den Falken und Kranichen
nachsah und den kühnen fröhlichen Schiffen wenn sie hinunterschwanden am
Horizont Dort hinunter dacht ich dort wanderst du auch einmal hinunter und
mir war wie einem Schmachtenden der ins kühlende Bad sich stürzt und die
schäumenden Wasser über die Stirne sich schüttet
    Seufzend kehrt ich dann nach meinem Hause wieder um Wenn nur die
Schülerjahre erst vorüber wären dacht ich oft
    Guter Junge sie sind noch lange nicht vorüber
    Dass der Mensch in seiner Jugend das Ziel so nahe glaubt Es ist die schönste
aller Täuschungen womit die Natur der Schwachheit unsers Wesens aufhilft
    Und wenn ich oft dalag unter den Blumen und am zärtlichen Frühlingslichte
mich sonnte und hinaufsah ins heitre Blau das die warme Erde umfing wenn ich
unter den Ulmen und Weiden im Schoße des Berges saß nach einem erquickenden
Regen wenn die Zweige noch bebten von den Berührungen des Himmels und über dem
tröpfelnden Walde sich goldne Wolken bewegten oder wenn der Abendstern voll
friedlichen Geistes heraufkam mit den alten Jünglingen den übrigen Helden des
Himmels und ich so sah wie das Leben in ihnen in ewiger müheloser Ordnung
durch den Äther sich fortbewegte und die Ruhe der Welt mich umgab und
erfreute dass ich aufmerkte und lauschte ohne zu wissen wie mir geschah  hast
du mich lieb guter Vater im Himmel fragt ich dann leise und fühlte seine
Antwort so sicher und selig am Herzen
    O du zu dem ich rief als wärst du über den Sternen den ich Schöpfer des
Himmels nannte und der Erde freundlich Idol meiner Kindheit du wirst nicht
zürnen dass ich deiner vergaß  Warum ist die Welt nicht dürftig genug um
außer ihr noch Einen zu suchen1
    O wenn sie eines Vaters Tochter ist die herrliche Natur ist das Herz der
Tochter nicht sein Herz Ihr Innerstes ists nicht Er Aber hab ichs denn kenn
ich es denn
    Es ist als säh ich aber dann erschreck ich wieder als wär es meine eigne
Gestalt was ich gesehen es ist als fühlt ich ihn den Geist der Welt wie
eines Freundes warme Hand aber ich erwache und meine ich habe meine eignen
Finger gehalten
                             Hyperion an Bellarmin
Weißt du wie Plato und sein Stella sich liebten
    So liebt ich so war ich geliebt O ich war ein glücklicher Knabe
    Es ist erfreulich wenn gleiches sich zu gleichem gesellt aber es ist
göttlich wenn ein großer Mensch die kleineren zu sich aufzieht
    Ein freundlich Wort aus eines tapfern Mannes Herzen ein Lächeln worin die
verzehrende Herrlichkeit des Geistes sich verbirgt ist wenig und viel wie ein
zauberisch Losungswort das Tod und Leben in seiner einfältigen Silbe verbirgt
ist wie ein geistig Wasser das aus der Tiefe der Berge quillt und die geheime
Kraft der Erde uns mitteilt in seinem kristallenen Tropfen
    Wie hass ich dagegen alle die Barbaren die sich einbilden sie seien weise
weil sie kein Herz mehr haben alle die rohen Unholde die tausendfältig die
jugendliche Schönheit töten und zerstören mit ihrer kleinen unvernünftigen
Mannszucht
    Guter Gott Da will die Eule die jungen Adler aus dem Neste jagen will
ihnen den Weg zur Sonne weisen
    Verzeih mir Geist meines Adamas dass ich dieser gedenke vor dir Das ist
der Gewinn den uns Erfahrung gibt dass wir nichts Treffliches uns denken ohne
sein ungestaltes Gegenteil
    O dass nur du mir ewig gegenwärtig wärest mit allem was dir verwandt ist
traurender Halbgott den ich meine Wen du umgibst mit deiner Ruhe und Stärke
Sieger und Kämpfer wem du begegnest mit deiner Liebe und Weisheit der fliehe
oder werde wie du Unedles und Schwaches besteht nicht neben dir
    Wie oft warst du mir nahe da du längst mir ferne warst verklärtest mich
mit deinem Lichte und wärmtest mich dass mein erstarrtes Herz sich wieder
bewegte wie der verhärtete Quell wenn der Strahl des Himmels ihn berührt Zu
den Sternen hätt ich dann fliehn mögen mit meiner Seligkeit damit sie mir nicht
entwürdigt würde von dem was mich umgab
    Ich war aufgewachsen wie eine Rebe ohne Stab und die wilden Ranken
breiteten richtungslos über dem Boden sich aus Du weißt ja wie so manche edle
Kraft bei uns zu Grunde geht weil sie nicht genützt wird Ich schweifte herum
wie ein Irrlicht griff alles an wurde von allem ergriffen aber auch nur für
den Moment und die unbehülflichen Kräfte matteten vergebens sich ab Ich
fühlte dass mirs überall fehlte und konnte doch mein Ziel nicht finden So fand
er mich
    Er hatt an seinem Stoffe der sogenannten kultivierten Welt lange genug
Geduld und Kunst geübt aber sein Stoff war Stein und Holz gewesen und
geblieben nahm wohl zur Not die edle Menschenform von außen an aber um dies
wars meinem Adamas nicht zu tun er wollte Menschen und um diese zu schaffen
hatt er seine Kunst zu arm gefunden Sie waren einmal da gewesen die er suchte
die zu schaffen seine Kunst zu arm war das erkannt er deutlich Wo sie da
gewesen wußt er auch Da wollt er hin und unter dem Schutt nach ihrem Genius
fragen mit diesem sich die einsamen Tage zu verkürzen Er kam nach
Griechenland So fand ich ihn
    Noch seh ich ihn vor mich treten in lächelnder Betrachtung noch hör ich
seinen Gruß und seine Fragen
    Wie eine Pflanze wenn ihr Friede den strebenden Geist besänftigt und die
einfältige Genügsamkeit wiederkehrt in die Seele  so stand er vor mir
    Und ich war ich nicht der Nachhall seiner stillen Begeisterung
wiederholten sich nicht die Melodien seines Wesens in mir Was ich sah ward
ich und es war Göttliches was ich sah
    Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiß der Menschen gegen die
Allmacht der ungeteilten Begeisterung
    Sie weilt nicht auf der Oberfläche fasst nicht da und dort uns an braucht
keiner Zeit und keines Mittels Gebot und Zwang und Überredung braucht sie
nicht auf allen Seiten in allen Tiefen und Höhen ergreift sie im Augenblick
uns und wandelt ehe sie da ist für uns ehe wir fragen wie uns geschiehet
durch und durch in ihre Schönheit ihre Seligkeit uns um
    Wohl dem wem auf diesem Wege ein edler Geist in früher Jugend begegnete
    O es sind goldne unvergessliche Tage voll von den Freuden der Liebe und
süßer Beschäftigung
    Bald führte mein Adamas in die Heroenwelt des Plutarch bald in das
Zauberland der griechischen Götter mich ein bald ordnet und beruhigt er mit
Zahl und Maß das jugendliche Treiben bald stieg er auf die Berge mit mir des
Tags um die Blumen der Heide und des Walds und die wilden Moose des Felsen des
Nachts um über uns die heiligen Sterne zu schauen und nach menschlicher Weise
zu verstehen
    Es ist ein köstlich Wohlgefühl in uns wenn so das Innere an seinem Stoffe
sich stärkt sich unterscheidet und getreuer anknüpft und unser Geist allmählich
waffenfähig wird
    Aber dreifach fühlt ich ihn und mich wenn wir wie Manen aus vergangner
Zeit mit Stolz und Freude mit Zürnen und Trauern an den Atos hinauf und von
da hinüberschifften in den Hellespont und dann hinab an die Ufer von Rhodus und
die Bergschlünde von Tänarum durch die stillen Inseln alle wenn da die
Sehnsucht über die Küsten hinein uns trieb ins düstere Herz des alten
Peloponnes an die einsamen Gestade des Eurotas ach die ausgestorbnen Tale von
Elis und Nemea und Olympia wenn wir da an eine Tempelsäule des vergessenen
Jupiters gelehnt umfangen von Lorbeerrosen und Immergrün ins wilde Flussbett
sahen und das Leben des Frühlings und die ewig jugendliche Sonne uns mahnte dass
auch der Mensch einst da war und nun dahin ist dass des Menschen herrliche
Natur jetzt kaum noch da ist wie das Bruchstück eines Tempels oder im
Gedächtnis wie ein Totenbild  da saß ich traurig spielend neben ihm und
pflückte das Moos von eines Halbgotts Piedestal grub eine marmorne
Heldenschulter aus dem Schutt und schnitt den Dornbusch und das Heidekraut von
den halbbegrabnen Architraven indes mein Adamas die Landschaft zeichnete wie
sie freundlich tröstend den Ruin umgab den Weizenhügel die Oliven die
Ziegenherde die am Felsen des Gebirgs hing den Ulmenwald der von den Gipfeln
in das Tal sich stürzte und die Lacerte spielte zu unsern Füßen und die
Fliegen umsummten uns in der Stille des Mittags  Lieber Bellarmin ich hätte
Lust so pünktlich dir wie Nestor zu erzählen ich ziehe durch die
Vergangenheit wie ein Ährenleser über die Stoppeläcker wenn der Herr des Lands
geerntet hat da liest man jeden Strohhalm auf Und wie ich neben ihm stand auf
den Höhen von Delos wie das ein Tag war der mir graute da ich mit ihm an der
Granitwand des Cyntus die alten Marmortreppen hinaufstieg Hier wohnte der
Sonnengott einst unter den himmlischen Festen wo ihn wie goldnes Gewölk das
versammelte Griechenland umglänzte In Fluten der Freude und Begeisterung warfen
hier wie Achill in den Styx die griechischen Jünglinge sich und gingen
unüberwindlich wie der Halbgott hervor In den Hainen in den Tempeln
erwachten und tönten in einander ihre Seelen und treu bewahrte jeder die
entzückenden Akkorde
    Aber was sprech ich davon Als hätten wir noch eine Ahnung jener Tage Ach
es kann ja nicht einmal ein schöner Traum gedeihen unter dem Fluche der über
uns lastet Wie ein heulender Nordwind fährt die Gegenwart über die Blüten
unsers Geistes und versengt sie im Entstehen Und doch war es ein goldner Tag
der auf dem Cyntus mich umfing Es dämmerte noch da wir schon oben waren
Jetzt kam er herauf in seiner ewigen Jugend der alte Sonnengott zufrieden und
mühelos wie immer flog der unsterbliche Titan mit seinen tausend eignen
Freuden herauf und lächelt herab auf sein verödet Land auf seine Tempel seine
Säulen die das Schicksal vor ihn hingeworfen hatte wie die dürren
Rosenblätter die im Vorübergehen ein Kind gedankenlos vom Strauche riss und auf
die Erde säete
    Sei wie dieser rief mir Adamas zu ergriff mich bei der Hand und hielt sie
dem Gott entgegen und mir war als trügen uns die Morgenwinde mit sich fort
und brächten uns ins Geleite des heiligen Wesens das nun hinaufstieg auf den
Gipfel des Himmels freundlich und groß und wunderbar mit seiner Kraft und
seinem Geist die Welt und uns erfüllte
    Noch trauert und frohlockt mein Innerstes über jedes Wort das mir damals
Adamas sagte und ich begreife meine Bedürftigkeit nicht wenn oft mir wird wie
damals ihm sein musste Was ist Verlust wenn so der Mensch in seiner eignen Welt
sich findet In uns ist alles Was kümmerts dann den Menschen wenn ein Haar von
seinem Haupte fällt Was ringt er so nach Knechtschaft da er ein Gott sein
könnte Du wirst einsam sein mein Liebling sagte mir damals Adamas auch du
wirst sein wie der Kranich den seine Brüder zurückliessen in rauer Jahreszeit
indes sie den Frühling suchen im fernen Lande
    Und das ists Lieber Das macht uns arm bei allem Reichtum dass wir nicht
allein sein können dass die Liebe in uns so lange wir leben nicht erstirbt
Gib mir meinen Adamas wieder und komm mit allen die mir angehören dass die
alte schöne Welt sich unter uns erneure dass wir uns versammeln und vereinen in
den Armen unserer Gottheit der Natur und siehe so weiß ich nichts von
Notdurft
    Aber sage nur niemand dass uns das Schicksal trenne Wir sinds wir wir
haben unsre Lust daran uns in die Nacht des Unbekannten in die kalte Fremde
irgend einer andern Welt zu stürzen und wär es möglich wir verließen der
Sonne Gebiet und stürmten über des Irrsterns Grenzen hinaus Ach für des
Menschen wilde Brust ist keine Heimat möglich und wie der Sonne Strahl die
Pflanzen der Erde die er entfaltete wieder versengt so tötet der Mensch die
süßen Blumen die an seiner Brust gedeihten die Freuden der Verwandtschaft und
der Liebe
    Es ist als zürnt ich meinem Adamas dass er mich verließ aber ich zürn ihm
nicht O er wollte ja wieder kommen
    In der Tiefe von Asien soll ein Volk von seltener Trefflichkeit verborgen
sein dahin trieb ihn seine Hoffnung weiter
    Bis Nio begleitet ich ihn Es waren bittere Tage Ich habe den Schmerz
ertragen gelernt aber für solch ein Scheiden hab ich keine Kraft in mir
    Mit jedem Augenblicke der uns der letzten Stunde näher brachte wurd es
sichtbarer wie dieser Mensch verwebt war in mein Wesen Wie ein Sterbender den
fliehenden Otem hielt ihn meine Seele
    Am Grabe Homers brachten wir noch einige Tage zu und Nio wurde mir die
heiligste unter den Inseln
    Endlich rissen wir uns los Mein Herz hatte sich müde gerungen Ich war
ruhiger im letzten Augenblicke Auf den Knieen lag ich vor ihm umschloss ihn zum
letzten Male mit diesen Armen gib mir einen Segen mein Vater rief ich leise
zu ihm hinauf und er lächelte groß und seine Stirne breitete vor den Sternen
des Morgens sich aus und sein Auge durchdrang die Räume des Himmels  Bewahrt
ihn mir rief er ihr Geister besserer Zeit und zieht zu eurer Unsterblichkeit
ihn auf und all ihr freundlichen Kräfte des Himmels und der Erde seid mit ihm
    Es ist ein Gott in uns setzt er ruhiger hinzu der lenkt wie Wasserbäche
das Schicksal und alle Dinge sind sein Element Der sei vor allem mit dir
    So schieden wir Leb wohl mein Bellarmin
                             Hyperion an Bellarmin
Wohin könnt ich mir entfliehen hätt ich nicht die lieben Tage meiner Jugend
    Wie ein Geist der keine Ruhe am Acheron findet kehr ich zurück in die
verlassenen Gegenden meines Lebens Alles altert und verjüngt sich wieder Warum
sind wir ausgenommen vom schönen Kreislauf der Natur Oder gilt er auch für uns
    Ich wollt es glauben wenn Eines nicht in uns wäre das ungeheure Streben
Alles zu sein das wie der Titan des Aetna heraufzürnt aus den Tiefen unsers
Wesens
    Und doch wer wollt es nicht lieber in sich fühlen wie ein siedend Öl als
sich gestehen er sei für die Geissel und fürs Joch geboren Ein tobend
Schlachtross oder eine Mähre die das Ohr hängt was ist edler
    Lieber es war eine Zeit da auch meine Brust an großen Hoffnungen sich
sonnte da auch mir die Freude der Unsterblichkeit in allen Pulsen schlug da
ich wandelt unter herrlichen Entwürfen wie in weiter Wäldernacht da ich
glücklich wie die Fische des Ozeans in meiner uferlosen Zukunft weiter ewig
weiter drang
    Wie mutig selige Natur entsprang der Jüngling deiner Wiege wie freut er
sich in seiner unversuchten Rüstung Sein Bogen war gespannt und seine Pfeile
rauschten im Köcher und die Unsterblichen die hohen Geister des Altertums
führten ihn an und sein Adamas war mitten unter ihnen
    Wo ich ging und stand geleiteten mich die herrlichen Gestalten wie
Flammen verloren sich in meinem Sinne die Taten aller Zeiten in einander und
wie in Ein frohlockend Gewitter die Riesenbilder die Wolken des Himmels sich
vereinen so vereinten sich so wurden Ein unendlicher Sieg in mir die
hundertfältigen Siege der Olympiaden
    Wer hält das aus wen reißt die schröckende Herrlichkeit des Altertums nicht
um wie ein Orkan die jungen Wälder umreisst wenn sie ihn ergreift wie mich
und wenn wie mir das Element ihm fehlt worin er sich ein stärkend
Selbstgefühl erbeuten könnte
    O mir mir beugte die Größe der Alten wie ein Sturm das Haupt mir raffte
sie die Blüte vom Gesichte und oftmals lag ich wo kein Auge mich bemerkte
unter tausend Tränen da wie eine gestürzte Tanne die am Bache liegt und ihre
welke Krone in die Flut verbirgt Wie gerne hätt ich einen Augenblick aus eines
großen Mannes Leben mit Blut erkauft
    Aber was half mir das Es wollte ja mich niemand
    O es ist jämmerlich so sich vernichtet zu sehen und wem dies unverständlich
ist der frage nicht danach und danke der Natur die ihn zur Freude wie die
Schmetterlinge schuf und geh und sprech in seinem Leben nimmermehr von
Schmerz und Unglück
    Ich liebte meine Heroen wie eine Fliege das Licht ich suchte ihre
gefährliche Nähe und floh und suchte sie wieder
    Wie ein blutender Hirsch in den Strom stürzt ich oft mitten hinein in den
Wirbel der Freude die brennende Brust zu kühlen und die tobenden herrlichen
Träume von Ruhm und Größe wegzubaden aber was half das
    Und wenn mich oft um Mitternacht das heiße Herz in den Garten hinuntertrieb
unter die tauigen Bäume und der Wiegengesang des Quells und die liebliche Luft
und das Mondlicht meinen Sinn besänftigte und so frei und friedlich über mir
die silbernen Gewölke sich regten und aus der Ferne mir die verhallende Stimme
der Meeresflut tönte wie freundlich spielten da mit meinem Herzen all die
großen Phantome seiner Liebe
    Lebt wohl ihr Himmlischen sprach ich oft im Geiste wenn über mir die
Melodie des Morgenlichts mit leisem Laute begann ihr herrlichen Toten lebt
wohl ich möcht euch folgen möchte von mir schütteln was mein Jahrhundert mir
gab und aufbrechen ins freiere Schattenreich
    Aber ich schmachte an der Kette und hasche mit bitterer Freude die
kümmerliche Schale die meinem Durste gereicht wird
                                 
                             Hyperion an Bellarmin
Meine Insel war mir zu enge geworden seit Adamas fort war Ich hatte Jahre
schon in Tina Langeweile Ich wollt in die Welt
    Geh vorerst nach Smyrna sagte mein Vater lerne da die Künste der See und
des Kriegs lerne die Sprache gebildeter Völker und ihre Verfassungen und
Meinungen und Sitten und Gebräuche prüfe alles und wähle das Beste  Dann kann
es meinetwegen weiter gehen
    Lern auch ein wenig Geduld setzte die Mutter hinzu und ich nahms mit Dank
an
    Es ist entzückend den ersten Schritt aus der Schranke der Jugend zu tun es
ist als dächt ich meines Geburtstags wenn ich meiner Abreise von Tina gedenke
Es war eine neue Sonne über mir und Land und See und Luft genoss ich wie zum
ersten Male
    Die lebendige Tätigkeit womit ich nun in Smyrna meine Bildung besorgte und
der eilende Fortschritt besänftigte mein Herz nicht wenig Auch manches seligen
Feierabends erinnere ich mich aus dieser Zeit Wie oft ging ich unter den immer
grünen Bäumen am Gestade des Meles an der Geburtsstätte meines Homer und
sammelt Opferblumen und warf sie in den heiligen Strom Zur nahen Grotte trat
ich dann in meinen friedlichen Träumen da hätte der Alte sagen sie seine
Iliade gesungen Ich fand ihn Jeder Laut in mir verstummte vor seiner
Gegenwart Ich schlug sein göttlich Gedicht mir auf und es war als hätt ich es
nie gekannt so ganz anders wurd es jetzt lebendig in mir
    Auch denk ich gerne meiner Wanderung durch die Gegenden von Smyrna Es ist
ein herrlich Land und ich habe tausendmal mir Flügel gewünscht um des Jahres
Einmal nach Kleinasien zu fliegen
    Aus der Ebne von Sardes kam ich durch die Felsenwände des Tmolus herauf
    Ich hatt am Fuße des Bergs übernachtet in einer freundlichen Hütte unter
Myrten unter den Düften des Ladanstrauchs wo in der goldnen Flut des Paktolus
die Schwäne mir zur Seite spielten wo ein alter Tempel der Cybele aus den Ulmen
hervor wie ein schüchterner Geist ins helle Mondlicht blickte Fünf liebliche
Säulen trauerten über dem Schutt und ein königlich Portal lag niedergestürzt zu
ihren Füßen
    Durch tausend blühende Gebüsche wuchs mein Pfad nun aufwärts Vom schroffen
Abhang neigten lispelnde Bäume sich und übergossen mit ihren zarten Flocken
mein Haupt Ich war des Morgens ausgegangen Um Mittag war ich auf der Höhe des
Gebirgs Ich stand sah fröhlich vor mich hin genoss der reineren Lüfte des
Himmels Es waren selige Stunden
    Wie ein Meer lag das Land wovon ich heraufkam vor mir da jugendlich
voll lebendiger Freude es war ein himmlisch unendlich Farbenspiel womit der
Frühling mein Herz begrüßte und wie die Sonne des Himmels sich wiederfand im
tausendfachen Wechsel des Lichts das ihr die Erde zurückgab so erkannte mein
Geist sich in der Fülle des Lebens die ihn umfing von allen Seiten ihn
überfiel
    Zur Linken stürzt und jauchzte wie ein Riese der Strom in die Wälder
hinab vom Marmorfelsen der über mir hing wo der Adler spielte mit seinen
Jungen wo die Schneegipfel hinauf in den blauen Äther glänzten rechts wälzten
Wetterwolken sich her über den Wäldern des Sipylus ich fühlte nicht den Sturm
der sie trug ich fühlte nur ein Lüftchen in den Locken aber ihren Donner hört
ich wie man die Stimme der Zukunft hört und ihre Flammen sah ich wie das
ferne Licht der geahneten Gottheit Ich wandte mich südwärts und ging weiter Da
lag es offen vor mir das ganze paradiesische Land das der Kayster durchströmt
durch so manchen reizenden Umweg als könnt er nicht lange genug verweilen in
all dem Reichtum und der Lieblichkeit die ihn umgibt Wie die Zephyre irrte
mein Geist von Schönheit zu Schönheit selig umher vom fremden friedlichen
Dörfchen das tief unten am Berge lag bis hinein wo die Gebirgkette des
Messogis dämmert
    Ich kam nach Smyrna zurück wie ein Trunkener vom Gastmahl Mein Herz war
des Wohlgefälligen zu voll um nicht von seinem Überflusse der Sterblichkeit zu
leihen Ich hatte zu glücklich in mich die Schönheit der Natur erbeutet um
nicht die Lücken des Menschenlebens damit auszufüllen Mein dürftig Smyrna
kleidete sich in die Farben meiner Begeisterung und stand wie eine Braut da
Die geselligen Städter zogen mich an Der Widersinn in ihren Sitten vergnügte
mich wie eine Kinderposse und weil ich von Natur hinaus war über all die
eingeführten Formen und Bräuche spielt ich mit allen und legte sie an und zog
sie aus wie Fastnachtskleider
    Was aber eigentlich mir die schale Kost des gewöhnlichen Umgangs würzte das
waren die guten Gesichter und Gestalten die noch hie und da die mitleidige
Natur wie Sterne in unsere Verfinsterung sendet
    Wie hatt ich meine herzliche Freude daran wie glaubig deutet ich diese
freundlichen Hieroglyphen Aber es ging mir fast damit wie ehemals mit den
Birken im Frühlinge Ich hatte von dem Safte dieser Bäume gehört und dachte
wunder was ein köstlich Getränk die lieblichen Stämme geben müssten Aber es war
nicht Kraft und Geist genug darinnen
    Ach und wie heillos war das übrige alles was ich hört und sah
    Es war mir wirklich hie und da als hätte sich die Menschennatur in die
Mannigfaltigkeiten des Tierreichs aufgelöst wenn ich umher ging unter diesen
Gebildeten Wie überall so waren auch hier die Männer besonders verwahrlost und
verwest
    Gewisse Tiere heulen wenn sie Musik anhören Meine bessergezognen Leute
hingegen lachten wenn von Geistesschönheit die Rede war und von Jugend des
Herzens Die Wölfe gehen davon wenn einer Feuer schlägt Sahn jene Menschen
einen Funken Vernunft so kehrten sie wie Diebe den Rücken
    Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland ein warmes Wort so gähnten
sie und meinten man hätte doch auch zu leben in der jetzigen Zeit und es wäre
der gute Geschmack noch immer nicht verloren gegangen fiel ein anderer
bedeutend ein
    Dies zeigte sich dann auch Der eine witzelte wie ein Bootsknecht der
andere blies die Backen auf und predigte Sentenzen
    Es gebärdet auch wohl einer sich aufgeklärt machte dem Himmel ein
Schnippchen und rief um die Vögel auf dem Dache hab er nie sich bekümmert die
Vögel in der Hand die seien ihm lieber Doch wenn man ihm vom Tode sprach so
legt er stracks die Hände zusammen und kam so nach und nach im Gespräche
darauf wie es gefährlich sei dass unsere Priester nichts mehr gelten
    Die Einzigen deren zuweilen ich mich bediente waren die Erzähler die
lebendigen Namenregister von fremden Städten und Ländern die redenden
Bilderkasten wo man Potentaten auf Rossen und Kirchtürme und Märkte sehen kann
    Ich war es endlich müde mich wegzuwerfen Trauben zu suchen in der Wüste
und Blumen über dem Eisfeld
    Ich lebte nun entschiedner allein und der sanfte Geist meiner Jugend war
fast ganz aus meiner Seele verschwunden Die Unheilbarkeit des Jahrhunderts war
mir aus so manchem was ich erzähle und nicht erzähle sichtbar geworden und
der schöne Trost in Einer Seele meine Welt zu finden mein Geschlecht in einem
freundlichen Bilde zu umarmen auch der gebrach mir
    Lieber was wäre das Leben ohne Hoffnung Ein Funke der aus der Kohle
springt und verlischt und wie man bei trüber Jahreszeit einen Windstoß hört der
einen Augenblick saust und dann verhallt so wär es mit uns
    Auch die Schwalbe sucht ein freundlicher Land im Winter es läuft das Wild
umher in der Hitze des Tags und seine Augen suchen den Quell Wer sagt dem
Kinde dass die Mutter ihre Brust ihm nicht versage Und siehe es sucht sie
doch
    Es lebte nichts wenn es nicht hoffte Mein Herz verschloss jetzt seine
Schätze aber nur um sie für eine bessere Zeit zu sparen für das Einzige
Heilige Treue das gewiss in irgend einer Periode des Daseins meiner
dürstenden Seele begegnen sollte
    Wie selig hing ich oft an ihm wenn es in Stunden des Ahnens leise wie
das Mondlicht um die besänftigte Stirne mir spielte Schon damals kannt ich
dich schon damals blicktest du wie ein Genius aus Wolken mich an du die mir
einst im Frieden der Schönheit aus der trüben Woge der Welt stieg Da kämpfte
da glüht es nimmer dies Herz
    Wie in schweigender Luft sich eine Lilie wiegt so regte sich in seinem
Elemente in den entzückenden Träumen von ihr mein Wesen
                             Hyperion an Bellarmin
Smyrna war mir nun verleidet Überhaupt war mein Herz allmählich müder geworden
Zuweilen konnte wohl der Wunsch in mir auffahren um die Welt zu wandern oder in
den ersten besten Krieg zu gehen oder meinen Adamas aufzusuchen und in seinem
Feuer meinen Missmut auszubrennen aber dabei blieb es und mein unbedeutend
welkes Leben wollte nimmer sich erfrischen
    Der Sommer war nun bald zu Ende ich fühlte schon die düstern Regentage und
das Pfeifen der Winde und Tosen der Wetterbäche zum voraus und die Natur die
wie ein schäumender Springquell emporgedrungen war in allen Pflanzen und
Bäumen stand jetzt schon da vor meinem verdüsterten Sinne schwindend und
verschlossen und in sich gekehrt wie ich selber
    Ich wollte noch mit mir nehmen was ich konnte von all dem fliehenden
Leben alles was ich draußen liebgewonnen hatte wollt ich noch hereinretten in
mich denn ich wusste wohl dass mich das wiederkehrende Jahr nicht wieder finden
würde unter diesen Bäumen und Bergen und so ging und ritt ich jetzt mehr als
gewöhnlich herum im ganzen Bezirke
    Was aber mich besonders hinaustrieb war das geheime Verlangen einen
Menschen zu sehen der seit einiger Zeit vor dem Tore unter den Bäumen wo ich
vorbei kam mir alle Tage begegnet war
    Wie ein junger Titan schritt der herrliche Fremdling unter dem
Zwergengeschlechte daher das mit freudiger Scheue an seiner Schöne sich
weidete seine Höhe maß und seine Stärke und an dem glühenden verbrannten
Römerkopfe wie an verbotner Frucht mit verstohlnem Blicke sich labte und es
war jedesmal ein herrlicher Moment wann das Auge dieses Menschen für dessen
Blick der freie Äther zu enge schien so mit abgelegtem Stolze sucht und
strebte bis es sich in meinem Auge fühlte und wir errötend uns einander
nachsahen und vorüber gingen
    Einst war ich tief in die Wälder des Mimas hineingeritten und kehrt erst
spät abends zurück Ich war abgestiegen und führte mein Pferd einen steilen
wüsten Pfad über Baumwurzeln und Steine hinunter und wie ich so durch die
Sträuche mich wand in die Höhle hinunter die nun vor mir sich öffnete fielen
plötzlich ein paar karabornische Räuber über mich her und ich hatte Mühe für
den ersten Moment die zwei gezückten Säbel abzuhalten aber sie waren schon von
anderer Arbeit müde und so half ich doch mir durch Ich setzte mich ruhig
wieder aufs Pferd und ritt hinab
    Am Fuße des Berges tat mitten unter den Wäldern und aufgehäuften Felsen sich
eine kleine Wiese vor mir auf Es wurde hell Der Mond war eben aufgegangen über
den finsteren Bäumen In einiger Entfernung sah ich Rosse auf dem Boden
ausgestreckt und Männer neben ihnen im Grase
    Wer seid ihr rief ich
    Das ist Hyperion rief eine Heldenstimme freudig überrascht Du kennst
mich fuhr die Stimme fort ich begegne dir alle Tage unter den Bäumen am Tore
    Mein Ross flog wie ein Pfeil ihm zu Das Mondlicht schien ihm hell ins
Gesicht Ich kannt ihn ich sprang herab
    Guten Abend rief der liebe Rüstige sah mit zärtlich wildem Blicke mich an
und drückte mit seiner nervigen Faust die meine dass mein Innerstes den Sinn
davon empfand
    O nun war mein unbedeutend Leben am Ende
    Alabanda so hieß der Fremde sagte mir nun dass er mit seinem Diener von
Räubern wäre überfallen worden dass die beiden auf die ich stieß wären
fortgeschickt worden von ihm dass er den Weg aus dem Walde verloren gehabt und
darum wäre genötigt gewesen auf der Stelle zu bleiben bis ich gekommen Ich
habe einen Freund dabei verloren setzt er hinzu und wies sein totes Ross mir
    Ich gab das meine seinem Diener und wir gingen zu Fuße weiter
    Es geschah uns recht begann ich indes wir Arm in Arm zusammen aus dem
Walde gingen warum zögerten wir auch so lange und gingen uns vorüber bis der
Unfall uns zusammenbrachte
    Ich muss denn doch dir sagen erwidert Alabanda dass du der Schuldigere der
Kältere bist Ich bin dir heute nachgeritten
    Herrlicher rief ich siehe nur zu an Liebe sollst du doch mich nimmer
übertreffen
    Wir wurden immer inniger und freudiger zusammen
    
    Wir kamen nahe bei der Stadt an einem wohlgebauten Khan vorbei das unter
plätschernden Brunnen ruhte und unter Fruchtbäumen und duftenden Wiesen
    Wir beschlossen da zu übernachten Wir saßen noch lange zusammen bei offenen
Fenstern Hohe geistige Stille umfing uns Erd und Meer war selig verstummt wie
die Sterne die über uns hingen Kaum dass ein Lüftchen von der See her uns ins
Zimmer flog und zart mit unserm Lichte spielte oder dass von ferner Musik die
gewaltigern Töne zu uns drangen indes die Donnerwolke sich wiegt im Bette des
Aeters und hin und wieder durch die Stille fernher tönte wie ein schlafender
Riese wenn er stärker atmet in seinen furchtbaren Träumen
    Unsre Seelen mussten um so stärker sich nähern weil sie wider Willen waren
verschlossen gewesen Wir begegneten einander wie zwei Bäche die vom Berge
rollen und die Last von Erde und Stein und faulem Holz und das ganze träge
Chaos das sie aufhält von sich schleudern um den Weg sich zu einander zu
bahnen und durchzubrechen bis dahin wo sie nun ergreifend und ergriffen mit
gleicher Kraft vereint in Einen majestätischen Strom die Wanderung ins weite
Meer beginnen
    Er vom Schicksal und der Barbarei der Menschen heraus vom eignen Hause
unter Fremden hin und her gejagt von früher Jugend an erbittert und verwildert
und doch auch das innere Herz voll Liebe voll Verlangens aus der rauen Hülse
durchzudringen in ein freundlich Element ich von allem schon so innigst
abgeschieden so mit ganzer Seele fremd und einsam unter den Menschen so
lächerlich begleitet von dem Schellenklange der Welt in meines Herzens liebsten
Melodien ich die Antipathie aller Blinden und Lahmen und doch mir selbst zu
blind und lahm doch mir selbst so herzlich überlästig in allem was von ferne
verwandt war mit den Klugen und Vernünftlern den Barbaren und den Witzlingen 
und so voll Hoffnung so voll einziger Erwartung eines schöneren Lebens 
    Mussten so in freudig stürmischer Eile nicht die beiden Jünglinge sich
umfassen
    O du mein Freund und Kampfgenosse mein Alabanda wo bist du Ich glaube
fast du bist ins unbekannte Land hinübergegangen zur Ruhe bist wieder
geworden wie einst da wir noch Kinder waren
    Zuweilen wenn ein Gewitter über mir hinzieht und seine göttlichen Kräfte
unter die Wälder austeilt und die Saaten oder wenn die Wogen der Meersflut
unter sich spielen oder ein Chor von Adlern um die Berggipfel wo ich wandre
sich schwingt kann mein Herz sich regen als wäre mein Alabanda nicht fern
aber sichtbarer gegenwärtiger unverkennbarer lebt er in mir ganz wie er
einst dastand ein feurig strenger furchtbarer Kläger wenn er die Sünden des
Jahrhunderts nannte Wie erwachte da in seinen Tiefen mein Geist wie rollten
mir die Donnerworte der unerbittlichen Gerechtigkeit über die Zunge Wie Boten
der Nemesis durchwanderten unsre Gedanken die Erde und reinigten sie bis
keine Spur von allem Fluche da war
    Auch die Vergangenheit riefen wir vor unsern Richterstuhl das stolze Rom
erschröckte uns nicht mit seiner Herrlichkeit Athen bestach uns nicht mit
seiner jugendlichen Blüte
    Wie Stürme wenn sie frohlockend unaufhörlich fort durch Wälder über Berge
fahren so drangen unsre Seelen in kolossalischen Entwürfen hinaus nicht als
hätten wir unmännlich unsre Welt wie durch ein Zauberwort geschaffen und
kindisch unerfahren keinen Widerstand berechnet dazu war Alabanda zu verständig
und zu tapfer Aber oft ist auch die mühelose Begeisterung kriegerisch und klug
    Ein Tag ist mir besonders gegenwärtig
    Wir waren zusammen aufs Feld gegangen saßen vertraulich umschlungen im
Dunkel des immergrünen Lorbeers und sahen zusammen in unsern Plato wo er so
wunderbar erhaben vom Altern und Verjüngen spricht und ruhten hin und wieder
aus auf der stummen entblätterten Landschaft wo der Himmel schöner als je mit
Wolken und Sonnenschein um die herbstlich schlafenden Bäume spielte
    Wir sprachen darauf manches vom jetzigen Griechenland beede mit blutendem
Herzen denn der entwürdigte Boden war auch Alabandas Vaterland
    Alabanda war wirklich ungewöhnlich bewegt
    Wenn ich ein Kind ansehe rief dieser Mensch und denke wie schmählich und
verderbend das Joch ist das es tragen wird und dass es darben wird wie wir
dass es Menschen suchen wird wie wir fragen wird wie wir nach Schönem und
Wahrem dass es unfruchtbar vergehen wird weil es allein sein wird wie wir dass
es  o nehmt doch eure Söhne aus der Wiege und werft sie in den Strom um
wenigstens vor eurer Schande sie zu retten
    Gewiss Alabanda sagt ich gewiss es wird anders
    Wodurch erwidert er die Helden haben ihren Ruhm die Weisen ihre
Lehrlinge verloren Große Taten wenn sie nicht ein edel Volk vernimmt sind
mehr nicht als ein gewaltiger Schlag vor eine dumpfe Stirne und hohe Worte
wenn sie nicht in hohen Herzen widertönen sind wie ein sterbend Blatt das in
den Kot herunterrauscht Was willst du nun
    Ich will sagt ich die Schaufel nehmen und den Kot in eine Grube werfen
Ein Volk wo Geist und Größe keinen Geist und keine Größe mehr erzeugt hat
nichts mehr gemein mit andern die noch Menschen sind hat keine Rechte mehr
und es ist ein leeres Possenspiel ein Aberglauben wenn man solche willenlose
Leichname noch ehren will als wär ein Römerherz in ihnen Weg mit ihnen Er
darf nicht stehen wo er steht der dürre faule Baum er stiehlt ja Licht und
Luft dem jungen Leben das für eine neue Welt heranreift
    Alabanda flog auf mich zu umschlang mich und seine Küsse gingen mir in die
Seele Waffenbruder rief er lieber Waffenbruder o nun hab ich hundert Arme
    Das ist endlich einmal meine Melodie fuhr er fort mit einer Stimme die
wie ein Schlachtruf mir das Herz bewegte mehr brauchts nicht Du hast ein
herrlich Wort gesprochen Hyperion Was vom Wurme soll der Gott abhängen Der
Gott in uns dem die Unendlichkeit zur Bahn sich öffnet soll stehen und harren
bis der Wurm ihm aus dem Wege geht Nein nein Man frägt nicht ob ihr wollt
Ihr wollt ja nie ihr Knechte und Barbaren Euch will man auch nicht bessern
denn es ist umsonst man will nur dafür sorgen dass ihr dem Siegeslauf der
Menschheit aus dem Wege geht O zünde mir einer die Fackel an dass ich das
Unkraut von der Heide brenne die Mine bereite mir einer dass ich die trägen
Klötze aus der Erde sprenge
    Wo möglich lehnt man sanft sie auf die Seite fiel ich ein
    Alabanda schwieg eine Weile
    Ich habe meine Lust an der Zukunft begann er endlich wieder und fasste
feurig meine beeden Hände Gott sei Dank ich werde kein gemeines Ende nehmen
Glücklich sein heißt schläfrig sein im Munde der Knechte Glücklich sein mir
ist als hätt ich Brei und laues Wasser auf der Zunge wenn ihr mir sprecht von
glücklich sein So albern und so heillos ist das alles wofür ihr hingebt eure
Lorbeerkronen eure Unsterblichkeit
    O heiliges Licht das ruhelos in seinem ungeheuren Reiche wirksam dort
oben über uns wandelt und seine Seele auch mir mitteilt in den Strahlen die
ich trinke dein Glück sei meines
    Von ihren Taten nähren die Söhne der Sonne sich sie leben vom Sieg mit
eigenem Geist ermuntern sie sich und ihre Kraft ist ihre Freude 
    Der Geist dieses Menschen fasste einen oft an dass man sich hätte schämen
mögen so federleicht hinweggerissen fühlte man sich
    O Himmel und Erde rief ich das ist Freude  Das sind andre Zeiten das
ist kein Ton aus meinem kindischen Jahrhundert das ist nicht der Boden wo das
Herz des Menschen unter seines Treibers Peitsche keucht  Ja ja bei deiner
herrlichen Seele Mensch Du wirst mit mir das Vaterland erretten
    Das will ich rief er oder untergehn
    Von diesem Tag an wurden wir uns immer heiliger und lieber Tiefer
unbeschreiblicher Ernst war unter uns gekommen Aber wir waren nur um so seliger
zusammen Nur in den ewigen Grundtönen seines Wesens lebte jeder und schmucklos
schritten wir fort von einer großen Harmonie zur andern Voll herrlicher Strenge
und Kühnheit war unser gemeinsames Leben
    Wie bist du denn so wortarm geworden fragte mich einmal Alabanda mit
Lächeln In den heißen Zonen sagt ich näher der Sonne singen ja auch die
Vögel nicht
    Aber es geht alles auf und unter in der Welt und es hält der Mensch mit
aller seiner Riesenkraft nichts fest Ich sah einmal ein Kind die Hand
ausstrecken um das Mondlicht zu haschen aber das Licht ging ruhig weiter seine
Bahn So stehen wir da und ringen das wandelnde Schicksal anzuhalten
    O wer ihm nur so still und sinnend wie dem Gange der Sterne zusehn könnte
    Je glücklicher du bist um so weniger kostet es dich zu Grunde zu richten
und die seligen Tage wie Alabanda und ich sie lebten sind wie eine jähe
Felsenspitze wo dein Reisegefährte nur dich anzurühren braucht um unabsehlich
über die schneidenden Zacken hinab dich in die dämmernde Tiefe zu stürzen
    Wir hatten eine herrliche Fahrt nach Chios gemacht hatten tausend Freude an
uns gehabt Wie Lüftchen über die Meeresfläche walteten über uns die
freundlichen Zauber der Natur Mit freudigem Staunen sah einer den andern ohne
ein Wort zu sprechen aber das Auge sagte so hab ich dich nie gesehen So
verherrlicht waren wir von den Kräften der Erde und des Himmels
    Wir hatten dann auch mit heitrem Feuer uns über manches gestritten während
der Fahrt ich hatte wie sonst auch diesmal wieder meines Herzens Freude daran
gehabt diesem Geist auf seiner kühnen Irrbahn zuzusehn wo er so regellos so
in ungebundner Fröhlichkeit und doch meist so sicher seinen Weg verfolgte
    Wir eilten wie wir ausgestiegen waren allein zu sein
    Du kannst niemand überzeugen sagt ich jetzt mit inniger Liebe du
überredest du bestichst die Menschen ehe du anfängst man kann nicht zweifeln
wenn du sprichst und wer nicht zweifelt wird nicht überzeugt
    Stolzer Schmeichler rief er dafür du lügst aber gerade recht dass du mich
mahnst nur zu oft hast du schon mich unvernünftig gemacht Um alle Kronen möcht
ich von dir mich nicht befreien aber es ängstiget denn doch mich oft dass du
mir so unentbehrlich sein sollst dass ich so gefesselt bin an dich und sieh
fuhr er fort dass du ganz mich hast sollst du auch alles von mir wissen wir
dachten bisher unter all der Herrlichkeit und Freude nicht daran uns nach
Vergangenem umzusehn
    Er erzählte mir nun sein Schicksal mir war dabei als säh ich einen jungen
Herkules mit der Megära im Kampfe
    Wirst du mir jetzt verzeihen schloss er die Erzählung seines Ungemachs
wirst du jetzt ruhiger sein wenn ich oft rau bin und anstößig und
unverträglich
    O stille stille rief ich innigst bewegt aber dass du noch da bist dass du
dich erhieltest für mich
    Ja wohl für dich rief er und es freut mich herzlich dass ich dir denn
doch geniessbare Kost bin Und schmeck ich auch wie ein Holzapfel dir zuweilen
so keltre mich so lange bis ich trinkbar bin
    Lass mich lass mich rief ich ich sträubte mich umsonst der Mensch machte
mich zum Kinde ich verbargs ihm auch nicht er sah meine Tränen und weh ihm
wenn er sie nicht sehen durfte
    Wir schwelgen begann nun Alabanda wieder wir töten im Rausche die Zeit
    Wir haben unsre Bräutigamstage zusammen rief ich erheitert da darf es wohl
noch lauten als wäre man in Arkadien  Aber auf unser vorig Gespräch zu
kommen
    Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein Er darf nicht fordern
was er nicht erzwingen kann Was aber die Liebe gibt und der Geist das lässt
sich nicht erzwingen Das lass er unangetastet oder man nehme sein Gesetz und
schlag es an den Pranger Beim Himmel der weiß nicht was er sündigt der den
Staat zur Sittenschule machen will Immerhin hat das den Staat zur Hölle
gemacht dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte
    Die raue Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat Er
ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte und Blumen
    Aber was hilft die Mauer um den Garten wo der Boden dürre liegt Da hilft
der Regen vom Himmel allein
    O Regen vom Himmel o Begeisterung Du wirst den Frühling der Völker uns
wiederbringen Dich kann der Staat nicht hergebieten Aber er störe dich nicht
so wirst du kommen kommen wirst du mit deinen allmächtigen Wonnen in goldne
Wolken wirst du uns hüllen und empor uns tragen über die Sterblichkeit und wir
werden staunen und fragen ob wir es noch seien wir die Dürftigen die wir die
Sterne fragten ob dort uns ein Frühling blühe  frägst du mich wann dies sein
wird Dann wann die Lieblingin der Zeit die jüngste schönste Tochter der
Zeit die neue Kirche hervorgehn wird aus diesen befleckten veralteten Formen
wann das erwachte Gefühl des Göttlichen dem Menschen seine Gottheit und seiner
Brust die schöne Jugend wiederbringen wird wann  ich kann sie nicht verkünden
denn ich ahne sie kaum aber sie kommt gewiss gewiss Der Tod ist ein Bote des
Lebens und dass wir jetzt schlafen in unsern Krankenhäusern dies zeugt vom
nahen gesunden Erwachen Dann dann erst sind wir dann ist das Element der
Geister gefunden
    Alabanda schwieg und sah eine Weile erstaunt mich an Ich war hingerissen
von unendlichen Hoffnungen Götterkräfte trugen wie ein Wölkchen mich fort 
    Komm rief ich und fasst Alabanda beim Gewande komm wer hält es länger aus
im Kerker der uns umnachtet
    Wohin mein Schwärmer erwidert Alabanda trocken und ein Schatte von Spott
schien über sein Gesicht zu gleiten
    Ich war wie aus den Wolken gefallen Geh sagt ich du bist ein kleiner
Mensch
    In demselben Augenblicke traten etliche Fremden ins Zimmer auffallende
Gestalten meist hager und blass so viel ich im Mondlicht sehen konnte ruhig
aber in ihren Mienen war etwas das in die Seele ging wie ein Schwert und es
war als stünde man vor der Allwissenheit man hätte gezweifelt ob dies die
Außenseite wäre von bedürftigen Naturen hätte nicht hie und da der getötete
Affekt seine Spuren zurückgelassen
    Besonders einer fiel mir auf Die Stille seiner Züge war die Stille eines
Schlachtfelds Grimm und Liebe hatt in diesem Menschen gerast und der Verstand
leuchtete über den Trümmern des Gemüts wie das Auge eines Habichts der auf
zerstörten Palästen sitzt Tiefe Verachtung war auf seinen Lippen Man ahnte
dass dieser Mensch mit keiner unbedeutenden Absicht sich befasse
    Ein andrer mochte seine Ruhe mehr einer natürlichen Herzenshärte danken Man
fand an ihm fast keine Spur einer Gewaltsamkeit von Selbstmacht oder Schicksal
verübt
    Ein dritter mochte seine Kälte mehr mit der Kraft der Überzeugung dem Leben
abgedrungen haben und wohl noch oft im Kampfe mit sich stehen denn es war ein
geheimer Widerspruch in seinem Wesen und es schien mir als müsst er sich
bewachen Er sprach am wenigsten
    Alabanda sprang auf wie gebogner Stahl bei ihrem Eintritt
    Wir suchten dich rief einer von ihnen
    Ihr würdet mich finden sagt er lachend wenn ich in den Mittelpunkt der
Erde mich verbärge Sie sind meine Freunde setzt er hinzu indes er zu mir
sich wandte
    Sie schienen mich ziemlich scharf ins Auge zu fassen
    Das ist auch einer von denen die es gerne besser haben möchten in der Welt
rief Alabanda nach einer Weile und wies auf mich
    Das ist dein Ernst fragt einer mich von den Dreien
    Es ist kein Scherz die Welt zu bessern sagt ich
    Du hast viel mit einem Worte gesagt rief wieder einer von ihnen Du bist
unser Mann ein andrer
    Ihr denkt auch so fragt ich
    Frage was wir tun war die Antwort
    Und wenn ich fragte
    So würden wir dir sagen dass wir da sind aufzuräumen auf Erden dass wir die
Steine vom Acker lesen und die harten Erdenklösse mit dem Karst zerschlagen und
Furchen graben mit dem Pflug und das Unkraut an der Wurzel fassen an der
Wurzel es durchschneiden samt der Wurzel es ausreißen dass es verdorre im
Sonnenbrande
    Nicht dass wir ernten möchten fiel ein andrer ein uns kommt der Lohn zu
spät uns reift die Ernte nicht mehr
    Wir sind am Abend unsrer Tage Wir irrten oft wir hofften viel und taten
wenig Wir wagten lieber als wir uns besannen Wir waren gerne bald am Ende und
trauten auf das Glück Wir sprachen viel von Freude und Schmerz und liebten
hassten beide Wir spielten mit dem Schicksal und es tat mit uns ein Gleiches
Vom Bettelstabe bis zur Krone warf es uns auf und ab Es schwang uns wie man
ein glühend Rauchfass schwingt und wir glühten bis die Kohle zu Asche ward Wir
haben aufgehört von Glück und Missgeschick zu sprechen Wir sind emporgewachsen
über die Mitte des Lebens wo es grünt und warm ist Aber es ist nicht das
Schlimmste was die Jugend überlebt Aus heißem Metalle wird das kalte Schwert
geschmiedet Auch sagt man auf verbrannten abgestorbenen Vulkanen gedeihe kein
schlechter Most
    Wir sagen das nicht um unsertwillen rief ein anderer jetzt etwas rascher
wir sagen es um euertwillen Wir betteln um das Herz des Menschen nicht Denn
wir bedürfen seines Herzens seines Willens nicht Denn er ist in keinem Falle
wider uns denn es ist alles für uns und die Toren und die Klugen und die
Einfältigen und die Weisen und alle Laster und alle Tugenden der Roheit und der
Bildung stehen ohne gedungen zu sein in unsrem Dienst und helfen blindlings
mit zu unsrem Ziel  nur wünschten wir es hätte jemand den Genuss davon drum
suchen wir unter den tausend blinden Gehülfen die besten uns aus um sie zu
sehenden Gehülfen zu machen  will aber niemand wohnen wo wir bauten unsre
Schuld und unser Schaden ist es nicht Wir taten was das unsre war Will
niemand sammeln wo wir pflügten wer verargt es uns Wer flucht dem Baume wenn
sein Apfel in den Sumpf fällt Ich habs mir oft gesagt du opferst der
Verwesung und ich endete mein Tagwerk doch
    Das sind Betrüger riefen alle Wände meinem empfindlichen Sinne zu Mir war
wie einem der im Rauch ersticken will und Türen und Fenster einstösst um sich
hinauszuhelfen so dürstet ich nach Luft und Freiheit
    Sie sahen auch bald wie unheimlich mir zu Mute war und brachen ab Der Tag
graute schon da ich aus dem Khan trat wo wir waren beisammen gewesen Ich
fühlte das Wehen der Morgenluft wie Balsam an einer brennenden Wunde
    Ich war durch Alabandas Spott schon zu sehr gereizt um nicht durch seine
rätselhafte Bekanntschaft vollends irre zu werden an ihm
    Er ist schlecht rief ich ja er ist schlecht Er heuchelt grenzenlos
Vertrauen und lebt mit solchen  und verbirgt es dir
    Mir war wie einer Braut wenn sie erfährt dass ihr Geliebter insgeheim mit
einer Dirne lebe
    O es war der Schmerz nicht den man hegen mag den man am Herzen trägt wie
ein Kind und in Schlummer singt mit Tönen der Nachtigall
    Wie eine ergrimmte Schlange wenn sie unerbittlich herauffährt an den Knieen
und Lenden und alle Glieder umklammert und nun in die Brust die giftigen Zähne
schlägt und nun in den Nacken so war mein Schmerz so fasst er mich in seine
fürchterliche Umarmung Ich nahm mein höchstes Herz zu Hilfe und rang nach
großen Gedanken um noch stille zu halten es gelang mir auch auf wenige
Augenblicke aber nun war ich auch zum Zorne gestärkt nun tötet ich auch wie
eingelegtes Feuer jeden Funken der Liebe in mir
    Er muss ja dacht ich das sind ja seine Menschen er muss verschworen sein
mit diesen gegen dich Was wollt er auch von dir Was konnt er suchen bei dir
dem Schwärmer O wär er seiner Wege gegangen Aber sie haben ihren eigenen
Gelust sich an ihr Gegenteil zu machen so ein fremdes Tier im Stalle zu haben
lässt ihnen gar gut 
    Und doch war ich unaussprechlich glücklich gewesen mit ihm war so oft
untergegangen in seinen Umarmungen um aus ihnen zu erwachen mit
Unüberwindlichkeit in der Brust wurde so oft gehärtet und geläutert in seinem
Feuer wie Stahl
    Da ich einst in heiterer Mitternacht die Dioskuren ihm wies und Alabanda die
Hand aufs Herz mir legt und sagte Das sind nur Sterne Hyperion nur
Buchstaben womit der Name der Heldenbrüder am Himmel geschrieben ist in uns
sind sie lebendig und wahr mit ihrem Mut und ihrer göttlichen Liebe und du
du bist der Göttersohn und teilst mit deinem sterblichen Kastor deine
Unsterblichkeit 
    Da ich die Wälder des Ida mit ihm durchstreifte und wir herunterkamen ins
Tal um da die schweigenden Grabhügel nach ihren Toten zu fragen und ich zu
Alabanda sagte dass unter den Grabhügeln einer vielleicht dem Geist Achills und
seines Geliebten angehöre und Alabanda mir vertraute wie er oft ein Kind sei
und sich denke dass wir einst in Einem Schlachttal fallen und zusammen ruhen
werden unter Einem Baum  wer hätte damals das gedacht
    Ich sann mit aller Kraft des Geistes die mir übrig war ich klagt ihn an
verteidigt ihn und klagt ihn wieder um so bitterer an ich widerstrebte meinem
Sinne wollte mich erheitern und verfinsterte mich nur ganz dadurch
    Ach mein Auge war ja von so manchem Faustschlag wund gewesen fing ja kaum
zu heilen an wie sollt es jetzt gesundere Blicke tun
    Alabanda besuchte mich den andern Tag Mein Herz kochte wie er hereintrat
aber ich hielt mich so sehr sein Stolz und seine Ruhe mich aufregt und
erhitzte
    Die Luft ist herrlich sagt er endlich und der Abend wird sehr schön sein
lass uns zusammen auf die Akropolis gehen
    Ich nahm es an Wir sprachen lange kein Wort Was willst du fragt ich
endlich
    Das kannst du fragen erwiderte der wilde Mensch mit einer Wehmut die mir
durch die Seele ging Ich war betroffen verwirrt
    Was soll ich von dir denken fing ich endlich wieder an
    Das was ich bin erwidert er gelassen
    Du brauchst Entschuldigung sagt ich mit veränderter Stimme und sah mit
Stolz ihn an entschuldige dich reinige dich
    Das war zuviel für ihn
    Wie kommt es denn rief er entrüstet dass dieser Mensch mich beugen soll
wies ihm gefällt  Es ist auch wahr ich war zu früh entlassen aus der Schule
ich hatte alle Ketten geschleift und alle zerrissen nur Eine fehlte noch nur
eine war noch zu zerbrechen ich war noch nicht gezüchtiget von einem
Grillenfänger  murre nur ich habe lange genug geschwiegen
    O Alabanda Alabanda rief ich
    Schweig erwidert er und brauche meinen Namen nicht zum Dolche gegen mich
    Nun brach auch mir der Unmut vollends los Wir ruhten nicht bis eine
Rückkehr fast unmöglich war Wir zerstörten mit Gewalt den Garten unsrer Liebe
Wir standen oft und schwiegen und wären uns so gerne so mit tausend Freuden um
den Hals gefallen aber der unselige Stolz erstickte jeden Laut der Liebe der
vom Herzen aufstieg
    Leb wohl rief ich endlich und stürzte fort Unwillkürlich musst ich mich
umsehn unwillkürlich war mir Alabanda gefolgt
    Nicht wahr Alabanda rief ich ihm zu das ist ein sonderbarer Bettler
seinen letzten Pfenning wirft er in den Sumpf
    Wenns das ist mag er auch verhungern rief er und ging
    Ich wankte sinnlos weiter stand nun am Meer und sah die Wellen an  ach
da hinunter strebte mein Herz da hinunter und meine Arme flogen der freien
Flut entgegen aber bald kam wie vom Himmel ein sanfterer Geist über mich und
ordnete mein unbändig leidend Gemüt mit seinem ruhigen Stabe ich überdachte
stiller mein Schicksal meinen Glauben an die Welt meine trostlosen
Erfahrungen ich betrachtete den Menschen wie ich ihn empfunden und erkannt von
früher Jugend an in mannigfaltigen Erziehungen fand überall dumpfen oder
schreienden Misslaut nur in kindlicher einfältiger Beschränkung fand ich noch
die reinen Melodien  es ist besser sagt ich mir zur Biene zu werden und sein
Haus zu bauen in Unschuld als zu herrschen mit den Herren der Welt und wie mit
Wölfen zu heulen mit ihnen als Völker zu meistern und an dem unreinen Stoffe
sich die Hände zu beflecken ich wollte nach Tina zurück um meinen Gärten und
Feldern zu leben
    Lächle nur Mir war es sehr Ernst Bestehet ja das Leben der Welt im Wechsel
des Entfaltens und Verschliessens in Ausflug und in Rückkehr zu sich selbst
warum nicht auch das Herz des Menschen
    Freilich ging die neue Lehre mir hart ein freilich schied ich ungern von
dem stolzen Irrtum meiner Jugend  wer reißt auch gerne die Flügel sich aus 
aber es musste ja so sein
    Ich setzt es durch Ich war nun wirklich eingeschifft Ein frischer Bergwind
trieb mich aus dem Hafen von Smyrna Mit einer wunderbaren Ruhe recht wie ein
Kind das nichts vom nächsten Augenblicke weiß lag ich so da auf meinem
Schiffe und sah die Bäume und Moskeen dieser Stadt an meine grünen Gänge an
dem Ufer meinen Fußsteig zur Akropolis hinauf das sah ich an und ließ es
weiter gehen und immer weiter wie ich aber nun aufs hohe Meer hinauskam und
alles nach und nach hinabsank wie ein Sarg ins Grab da mit einmal war es auch
als wäre mein Herz gebrochen  o Himmel schrie ich und alles Leben in mir
erwacht und rang die fliehende Gegenwart zu halten aber sie war dahin dahin
    Wie ein Nebel lag das himmlische Land vor mir wo ich wie ein Reh auf
freier Waide weit und breit die Täler und die Höhen hatte durchstreift und das
Echo meines Herzens zu den Quellen und Strömen in die Fernen und die Tiefen der
Erde gebracht
    Dort hinein auf den Tmolus war ich gegangen in einsamer Unschuld dort
hinab wo Ephesus einst stand in seiner glücklichen Jugend und Teos und Milet
dort hinauf ins heilige trauernde Troas war ich mit Alabanda gewandert mit
Alabanda und wie ein Gott hatt ich geherrscht über ihn und wie ein Kind
zärtlich und glaubig hatt ich seinem Auge gedient mit Seelenfreude mit
innigem frohlockendem Genuße seines Wesens immer glücklich wenn ich seinem
Rosse den Zaum hielt oder wenn ich über mich selbst erhoben in herrlichen
Entschlüssen in kühnen Gedanken im Feuer der Rede seiner Seele begegnete
    Und nun war es dahin gekommen nun war ich nichts mehr war so heillos um
alles gebracht war zum ärmsten unter den Menschen geworden und wusste selbst
nicht wie
    O ewiges Irrsal dacht ich bei mir wann reißt der Mensch aus deinen Ketten
sich los
    Wir sprechen von unsrem Herzen unsern Planen als wären sie unser und es
ist doch eine fremde Gewalt die uns herumwirft und ins Grab legt wie es ihr
gefällt und von der wir nicht wissen von wannen sie kommt noch wohin sie
geht
    Wir wollen wachsen dahinauf und dortinaus die Äste und die Zweige breiten
und Boden und Wetter bringt uns doch wohin es geht und wenn der Blitz auf
deine Krone fällt und bis zur Wurzel dich hinunterspaltet armer Baum was geht
es dich an
    So dacht ich Ärgerst du dich daran mein Bellarmin Du wirst noch andere
Dinge hören
    Das eben Lieber ist das Traurige dass unser Geist so gerne die Gestalt des
irren Herzens annimmt so gerne die vorüberfliehende Trauer festhält dass der
Gedanke der die Schmerzen heilen sollte selber krank wird dass der Gärtner an
den Rosensträuchen die er pflanzen sollte sich die Hand so oft zerreißt o
das hat manchen zum Toren gemacht vor andern die er sonst wie ein Orpheus
hätte beherrscht das hat so oft die edelste Natur zum Spott gemacht vor
Menschen wie man sie auf jeder Straße findet das ist die Klippe für die
Lieblinge des Himmels dass ihre Liebe mächtig ist und zart wie ihr Geist dass
ihres Herzens Wogen stärker oft und schneller sich regen wie der Trident womit
der Meergott sie beherrscht und darum Lieber überhebe ja sich keiner
                             Hyperion an Bellarmin
Kannst du es hören wirst du es begreifen wenn ich dir von meiner langen
kranken Trauer sage
    Nimm mich wie ich mich gebe und denke dass es besser ist zu sterben weil
man lebte als zu leben weil man nie gelebt Neide die Leidensfreien nicht die
Götzen von Holz denen nichts mangelt weil ihre Seele so arm ist die nichts
fragen nach Regen und Sonnenschein weil sie nichts haben was der Pflege
bedürfte
    Ja ja es ist recht sehr leicht glücklich ruhig zu sein mit seichtem
Herzen und eingeschränktem Geiste Gönnen kann mans euch wer ereifert sich
denn dass die bretterne Scheibe nicht wehklagt wenn der Pfeil sie trifft und
dass der hohle Topf so dumpf klingt wenn ihn einer an die Wand wirft
    Nur müsst ihr euch bescheiden lieben Leute müsst ja in aller Stille euch
wundern wenn ihr nicht begreift dass andre nicht auch so glücklich auch so
selbstgenügsam sind müsst ja euch hüten eure Weisheit zum Gesetz zu machen
denn das wäre der Welt Ende wenn man euch gehorchte
    Ich lebte nun sehr still sehr anspruchslos in Tina Ich ließ auch wirklich
die Erscheinungen der Welt vorüberziehn wie Nebel im Herbste lachte manchmal
auch mit nassen Augen über mein Herz wenn es hinzuflog um zu naschen wie der
Vogel nach der gemalten Traube und blieb still und freundlich dabei
    Ich ließ nun jedem gerne seine Meinung seine Unart Ich war bekehrt ich
wollte niemand mehr bekehren nur war mir traurig wenn ich sah dass die
Menschen glaubten ich lasse darum ihr Possenspiel unangetastet weil ich es so
hoch und teuer achte wie sie Ich mochte nicht gerade ihrer Albernheit mich
unterwerfen doch sucht ich sie zu schonen wo ich konnte Das ist ja ihre
Freude dacht ich davon leben sie ja
    Oft ließ ich sogar mir gefallen mitzumachen und wenn ich noch so
seelenlos so ohne eignen Trieb dabei war das merkte keiner da vermisste keiner
nichts und hätt ich gesagt sie möchten mirs verzeihen so wären sie
dagestanden und hätten sich verwundert und gefragt was hast du denn uns getan
Die Nachsichtigen
    Oft wenn ich des Morgens dastand unter meinem Fenster und der geschäftige
Tag mir entgegenkam konnt auch ich mich augenblicklich vergessen konnte mich
umsehn als möcht ich etwas vornehmen woran mein Wesen seine Lust noch hätte
wie ehmals aber da schalt ich mich da besann ich mich wie einer dem ein Laut
aus seiner Muttersprache entfährt in einem Lande wo sie nicht verstanden wird
 wohin mein Herz sagt ich verständig zu mir selber und gehorchte mir
    Was ists denn dass der Mensch so viel will fragt ich oft was soll denn die
Unendlichkeit in seiner Brust Unendlichkeit wo ist sie denn wer hat sie denn
vernommen Mehr will er als er kann das möchte wahr sein O das hast du oft
genug erfahren Das ist auch nötig wie es ist Das gibt das süße
schwärmerische Gefühl der Kraft dass sie nicht ausströmt wie sie will das eben
macht die schönen Träume von Unsterblichkeit und all die holden und die
kolossalischen Phantome die den Menschen tausendfach entzücken das schafft dem
Menschen sein Elysium und seine Götter dass seines Lebens Linie nicht gerad
ausgeht dass er nicht hinfährt wie ein Pfeil und eine fremde Macht dem
Fliehenden in den Weg sich wirft
    Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor und würde Geist wenn nicht
der alte stumme Fels das Schicksal ihr entgegenstände
    Aber dennoch stirbt der Trieb in unserer Brust und mit ihm unsre Götter und
ihr Himmel
    Das Feuer geht empor in freudigen Gestalten aus der dunkeln Wiege wo es
schlief und seine Flamme steigt und fällt und bricht sich und umschlingt sich
freudig wieder bis ihr Stoff verzehrt ist nun raucht und ringt sie und
erlischt was übrig ist ist Asche
    So gehts mit uns Das ist der Inbegriff von allem was in
schröckendreizenden Mysterien die Weisen uns erzählen
    Und du was frägst du dich Dass so zuweilen etwas in dir auffährt und wie
der Mund des Sterbenden dein Herz in Einem Augenblicke so gewaltsam dir sich
öffnet und verschließt das gerade ist das böse Zeichen
    Sei nur still und lass es seinen Gang gehen künstle nicht versuche kindisch
nicht um eine Ehle länger dich zu machen  Es ist als wolltest du noch eine
Sonne schaffen und neue Zöglinge für sie ein Erdenrund und einen Mond
erzeugen
    So träumt ich hin Geduldig nahm ich nach und nach von allem Abschied  O
ihr Genossen meiner Zeit fragt eure Ärzte nicht und nicht die Priester wenn
ihr innerlich vergeht
    Ihr habt den Glauben an alles Große verloren so müsst so müsst ihr hin wenn
dieser Glaube nicht wiederkehrt wie ein Komet aus fremden Himmeln
                             Hyperion an Bellarmin
Es gibt ein Vergessen alles Daseins ein Verstummen unsers Wesens wo uns ist
als hätten wir alles gefunden
    Es gibt ein Verstummen ein Vergessen alles Daseins wo uns ist als hätten
wir alles verloren eine Nacht unsrer Seele wo kein Schimmer eines Sterns wo
nicht einmal ein faules Holz uns leuchtet
    Ich war nun ruhig geworden Nun trieb mich nichts mehr auf um Mitternacht
Nun sengt ich mich in meiner eignen Flamme nicht mehr
    Ich sah nun still und einsam vor mich hin und schweift in die Vergangenheit
und in die Zukunft mit dem Auge nicht Nun drängte Fernes und Nahes sich in
meinem Sinne nicht mehr die Menschen wenn sie mich nicht zwangen sie zu
sehen sah ich nicht
    Sonst lag oft wie das ewigleere Fass der Danaiden vor meinem Sinne dies
Jahrhundert und mit verschwenderischer Liebe goss meine Seele sich aus die
Lücken auszufüllen nun sah ich keine Lücke mehr nun drückte mich des Lebens
Langeweile nicht mehr
    Nun sprach ich nimmer zu der Blume du bist meine Schwester und zu den
Quellen wir sind Eines Geschlechts ich gab nun treulich wie ein Echo jedem
Dinge seinen Namen
    Wie ein Strom an dürren Ufern wo kein Weidenblatt im Wasser sich spiegelt
lief unverschönert vorüber an mir die Welt
                             Hyperion an Bellarmin
Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen wie der Mensch Mit der
Nacht des Abgrunds vergleicht er oft sein Leiden und mit dem Äther seine
Seligkeit und wie wenig ist dadurch gesagt
    Aber schöner ist nichts als wenn es so nach langem Tode wieder in ihm
dämmert und der Schmerz wie ein Bruder der fernher dämmernden Freude
entgegengeht
    O es war ein himmlisch Ahnen womit ich jetzt den kommenden Frühling wieder
begrüßte Wie fernher in schweigender Luft wenn alles schläft das Saitenspiel
der Geliebten so umtönten seine leisen Melodien mir die Brust wie von Elysium
herüber vernahm ich seine Zukunft wenn die toten Zweige sich regten und ein
lindes Wehen meine Wange berührte
    Holder Himmel Ioniens so war ich nie an dir gehangen aber so ähnlich war
dir auch nie mein Herz gewesen wie damals in seinen heitern zärtlichen
Spielen 
    Wer sehnt sich nicht nach Freuden der Liebe und großen Taten wenn im Auge
des Himmels und im Busen der Erde der Frühling wiederkehrt
    Ich erhob mich wie vom Krankenbette leise und langsam aber von geheimen
Hoffnungen zitterte mir die Brust so selig dass ich drüber vergaß zu fragen
was dies zu bedeuten habe
    Schönere Träume umfingen mich jetzt im Schlafe und wenn ich erwachte waren
sie mir im Herzen wie die Spur eines Kusses auf der Wange der Geliebten O das
Morgenlicht und ich wir gingen nun uns entgegen wie versöhnte Freunde wenn
sie noch etwas fremde tun und doch den nahen unendlichen Augenblick des
Umarmens schon in der Seele tragen
    Es tat nun wirklich einmal wieder mein Auge sich auf freilich nicht mehr
wie sonst gerüstet und erfüllt mit eigener Kraft es war bittender geworden es
fleht um Leben aber es war mir im Innersten doch als könnt es wieder werden
mit mir wie sonst und besser
    Ich sah die Menschen wieder an als sollt auch ich wirken und mich freuen
unter ihnen Ich schloss mich wirklich herzlich überall an
    Himmel wie war das eine Schadenfreude dass der stolze Sonderling nun Einmal
war wie ihrer einer geworden wie hatten sie ihren Scherz daran dass den
Hirsch des Waldes der Hunger trieb in ihren Hühnerhof zu laufen 
    Ach meinen Adamas sucht ich meinen Alabanda aber es erschien mir keiner
    Endlich schrieb ich auch nach Smyrna und es war als sammelt alle
Zärtlichkeit und alle Macht des Menschen in Einen Moment sich da ich schrieb
so schrieb ich dreimal aber keine Antwort ich flehte drohte mahnt an alle
Stunden der Liebe und der Kühnheit aber keine Antwort von dem Unvergesslichen
bis in den Tod geliebten  Alabanda rief ich o mein Alabanda du hast den Stab
gebrochen über mich Du hieltest mich noch aufrecht warst die letzte Hoffnung
meiner Jugend Nun will ich nichts mehr nun ists heilig und gewiss
    Wir bedauern die Toten als fühlten sie den Tod und die Toten haben doch
Frieden Aber das das ist der Schmerz dem keiner gleichkömmt das ist
unaufhörliches Gefühl der gänzlichen Zernichtung wenn unser Leben seine
Bedeutung so verliert wenn so das Herz sich sagt du musst hinunter und nichts
bleibt übrig von dir keine Blume hast du gepflanzt keine Hütte gebaut nur dass
du sagen könntest ich lasse eine Spur zurück auf Erden Ach und die Seele kann
immer so voll Sehnens sein bei dem dass sie so mutlos ist
    Ich suchte immer etwas aber ich wagte das Auge nicht aufzuschlagen vor den
Menschen Ich hatte Stunden wo ich das Lachen eines Kindes fürchtete
    dabei war ich meist sehr still und geduldig hatte oft auch einen
wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge von einer Taube die ich
kaufte von einer Kahnfahrt von einem Tale das die Berge mir verbargen konnt
ich Trost erwarten
    Genug genug wär ich mit Temistokles aufgewachsen hätt ich unter den
Scipionen gelebt meine Seele hätte sich wahrlich nie von dieser Seite kennen
gelernt
                             Hyperion an Bellarmin
Zuweilen regte noch sich eine Geisteskraft in mir Aber freilich nur zerstörend
    Was ist der Mensch konnt ich beginnen wie kommt es dass so etwas in der
Welt ist das wie ein Chaos gärt oder modert wie ein fauler Baum und nie zu
einer Reife gedeiht Wie duldet diesen Herling die Natur bei ihren süßen
Trauben
    Zu den Pflanzen spricht er ich war auch einmal wie ihr und zu den reinen
Sternen ich will werden wie ihr in einer andren Welt inzwischen bricht er
auseinander und treibt hin und wieder seine Künste mit sich selbst als könnt
er wenn es einmal sich aufgelöst Lebendiges zusammensetzen wie ein Mauerwerk
aber es macht ihn auch nicht irre wenn nichts gebessert wird durch all sein
Tun es bleibt doch immerhin ein Kunststück was er treibt
    O ihr Armen die ihr das fühlt die ihr auch nicht sprechen mögt von
menschlicher Bestimmung die ihr auch so durch und durch ergriffen seid vom
Nichts das über uns waltet so gründlich einseht dass wir geboren werden für
Nichts dass wir lieben ein Nichts glauben ans Nichts uns abarbeiten für
Nichts um mählich überzugehen ins Nichts  was kann ich dafür dass euch die
Knie brechen wenn ihrs ernstlich bedenkt Bin ich doch auch schon manchmal
hingesunken in diesen Gedanken und habe gerufen was legst du die Axt mir an
die Wurzel grausamer Geist und bin noch da
    O einst ihr finsteren Brüder war es anders Da war es über uns so schön so
schön und froh vor uns auch diese Herzen wallten über vor den fernen seligen
Phantomen und kühn frohlockend drangen auch unsere Geister aufwärts und
durchbrachen die Schranke und wie sie sich umsahn wehe da war es eine
unendliche Leere
    O auf die Knie kann ich mich werfen und meine Hände ringen und flehen ich
weiß nicht wen um andre Gedanken Aber ich überwältige sie nicht die
schreiende Wahrheit Hab ich mich nicht zwiefach überzeugt Wenn ich hinsehe ins
Leben was ist das Letzte von allem Nichts Wenn ich aufsteige im Geiste was
ist das Höchste von allem Nichts
    Aber stille mein Herz Es ist ja deine letzte Kraft die du verschwendest
deine letzte Kraft und du du willst den Himmel stürmen wo sind denn deine
hundert Arme Titan wo dein Pelion und Ossa deine Treppe zu des Göttervaters
Burg hinauf damit du hinaufsteigst und den Gott und seinen Göttertisch und all
die unsterblichen Gipfel des Olymps herabwirfst und den Sterblichen predigest
bleibt unten Kinder des Augenblicks strebt nicht in diese Höhen herauf denn
es ist nichts hier oben
    Das kannst du lassen zu sehen was über andere waltet Dir gilt deine neue
Lehre Über dir und vor dir ist es freilich leer und öde weil es in dir leer
und öd ist
    Freilich wenn ihr reicher seid als ich ihr andern könntet ihr doch wohl
auch ein wenig helfen
    Wenn euer Garten so voll Blumen ist warum erfreut ihr Otem mich nicht
auch  Wenn ihr so voll der Gottheit seid so reicht sie mir zu trinken An
Festen darbt ja niemand auch der Ärmste nicht Aber Einer nur hat seine Feste
unter euch das ist der Tod
    Not und Angst und Nacht sind eure Herren Die sondern euch die treiben euch
mit Schlägen an einander Den Hunger nennt ihr Liebe und wo ihr nichts mehr
seht da wohnen eure Götter Götter und Liebe
    O die Poeten haben recht es ist nichts so klein und wenig woran man sich
nicht begeistern könnte
    So dacht ich Wie das alles in mich kam begreif ich noch nicht
 
                                  Zweites Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Ich lebe jetzt auf der Insel des Ajax der teuren Salamis
    Ich liebe dies Griechenland überall Es trägt die Farbe meines Herzens
Wohin man sieht liegt eine Freude begraben
    Und doch ist so viel Liebliches und Großes auch um einen
    Auf dem Vorgebirge hab ich mir eine Hütte gebaut von Mastixzweigen und Moos
und Bäume herumgepflanzt und Tymian und allerlei Sträuche
    Da hab ich meine liebsten Stunden da sitz ich Abende lang und sehe nach
Attika hinüber bis endlich mein Herz zu hoch mir klopft dann nehm ich mein
Werkzeug gehe hinab an die Bucht und fange mir Fische
    Oder les ich auch auf meiner Höhe droben vom alten herrlichen Seekrieg der
an Salamis einst im wilden klugbeherrschten Getümmel vertobte und freue des
Geistes mich der das wütende Chaos von Freunden und Feinden lenken konnte und
zähmen wie ein Reuter das Ross und schäme mich innigst meiner eigenen
Kriegsgeschichte
    Oder schau ich aufs Meer hinaus und überdenke mein Leben sein Steigen und
Sinken seine Seligkeit und seine Trauer und meine Vergangenheit lautet mir oft
wie ein Saitenspiel wo der Meister alle Töne durchläuft und Streit und
Einklang mit verborgener Ordnung untereinanderwirft
    Heut ists dreifach schön hier oben Zwei freundliche Regentage haben die
Luft und die lebensmüde Erde gekühlt
    Der Boden ist grüner geworden offener das Feld Unendlich steht mit der
freudigen Kornblume gemischt der goldene Weizen da und licht und heiter
steigen tausend hoffnungsvolle Gipfel aus der Tiefe des Hains Zart und groß
durchirret den Raum jede Linie der Fernen wie Stufen gehen die Berge bis zur
Sonne unaufhörlich hinter einander hinauf Der ganze Himmel ist rein Das weiße
Licht ist nur über den Äther gehaucht und wie ein silbern Wölkchen wallt der
schüchterne Mond am hellen Tage vorüber
                             Hyperion an Bellarmin
Mir ist lange nicht gewesen wie jetzt
    Wie Jupiters Adler dem Gesange der Musen lausch ich dem wunderbaren
unendlichen Wohllaut in mir Unangefochten an Sinn und Seele stark und
fröhlich mit lächelndem Ernste spiel ich im Geiste mit dem Schicksal und den
drei Schwestern den heiligen Parzen Voll göttlicher Jugend frohlockt mein
ganzes Wesen über sich selbst über Alles Wie der Sternenhimmel bin ich still
und bewegt
    Ich habe lange gewartet auf solche Festzeit um dir einmal wieder zu
schreiben Nun bin ich stark genug nun lass mich dir erzählen
    Mitten in meinen finsteren Tagen lud ein Bekannter von Kalaurea herüber mich
ein Ich sollt in seine Gebirge kommen schrieb er mir man lebe hier freier als
sonstwo und auch da blüheten mitten unter den Fichtenwäldern und reißenden
Wassern Limonienhaine und Palmen und liebliche Kräuter und Myrten und die
heilige Rebe Einen Garten hab er hoch am Gebirge gebaut und ein Haus dem
beschatteten dichte Bäume den Rücken und kühlende Lüfte umspielten es leise in
den brennenden Sommertagen wie ein Vogel vom Gipfel der Ceder blickte man in
die Tiefen hinab zu den Dörfern und grünen Hügeln und zufriedenen Herden der
Insel die alle wie Kinder umherlägen um den herrlichen Berg und sich nährten
von seinen schäumenden Bächen
    Das weckte mich denn doch ein wenig Es war ein heiterer blauer Apriltag an
dem ich hinüberschiffte Das Meer war ungewöhnlich schön und rein und leicht
die Luft wie in höheren Regionen Man ließ im schwebenden Schiffe die Erde
hinter sich liegen wie eine köstliche Speise wenn der heilige Wein gereicht
wird
    Dem Einflusse des Meers und der Luft widerstrebt der finstere Sinn umsonst
Ich gab mich hin fragte nichts nach mir und andern suchte nichts sann auf
nichts ließ vom Boote mich halb in Schlummer wiegen und bildete mir ein ich
liege in Charons Nachen O es ist süß so aus der Schale der Vergessenheit zu
trinken
    Mein fröhlicher Schiffer hätte gerne mit mir gesprochen aber ich war sehr
einsilbig
    Er deutete mit dem Finger und wies mir rechts und links das blaue Eiland
aber ich sah nicht lange hin und war im nächsten Augenblicke wieder in meinen
eignen lieben Träumen
    Endlich da er mir die stillen Gipfel in der Ferne wies und sagte dass wir
bald in Kalaurea wären merkt ich mehr auf und mein ganzes Wesen öffnete sich
der wunderbaren Gewalt die auf Einmal süß und still und unerklärlich mit mir
spielte Mit großem Auge staunend und freudig sah ich hinaus in die Geheimnisse
der Ferne leicht zitterte mein Herz und die Hand entwischte mir und fasste
freundlichhastig meinen Schiffer an  so rief ich das ist Kalaurea Und wie er
mich drum ansah wußt ich selbst nicht was ich aus mir machen sollte Ich
grüßte meinen Freund mit wunderbarer Zärtlichkeit Voll süßer Unruhe war all
mein Wesen
    Den Nachmittag wollt ich gleich einen Teil der Insel durchstreifen Die
Wälder und geheimen Tale reizten mich unbeschreiblich und der freundliche Tag
lockte alles hinaus
    Es war so sichtbar wie alles Lebendige mehr denn tägliche Speise begehrt
wie auch der Vogel sein Fest hat und das Tier
    Es war entzückend anzusehen Wie wenn die Mutter schmeichelnd frägt wo um
sie her ihr Liebstes sei und alle Kinder in den Schoss ihr stürzen und das
Kleinste noch die Arme aus der Wiege streckt so flog und sprang und strebte
jedes Leben in die göttliche Luft hinaus und Käfer und Schwalben und Tauben und
Störche tummelten sich in frohlockender Verwirrung unter einander in den Tiefen
und Höhn und was die Erde festhielt dem ward zum Fluge der Schritt über die
Gräben brauste das Ross und über die Zäune das Reh und aus dem Meergrund kamen
die Fische herauf und hüpften über die Fläche Allen drang die mütterliche Luft
ans Herz und hob sie und zog sie zu sich
    Und die Menschen gingen aus ihren Türen heraus und fühlten wunderbar das
geistige Wehen wie es leise die zarten Haare über der Stirne bewegte wie es
den Lichtstrahl kühlte und lösten freundlich ihre Gewänder um es aufzunehmen
an ihre Brust atmeten süßer berührten zärtlicher das leichte klare
schmeichelnde Meer in dem sie lebten und webten
    O Schwester des Geistes der feurigmächtig in uns waltet und lebt heilige
Luft wie schön ists dass du wohin ich wandre mich geleitest Allgegenwärtige
Unsterbliche
    Mit den Kindern spielte das hohe Element am schönsten
    Das summte friedlich vor sich hin dem schlüpft ein taktlos Liedchen aus
den Lippen dem ein Frohlocken aus offener Kehle das streckte sich das sprang
in die Höhe ein andres schlenderte vertieft umher
    Und all dies war die Sprache Eines Wohlseins alles Eine Antwort auf die
Liebkosungen der entzückenden Lüfte
    Ich war voll unbeschreiblichen Sehnens und Friedens Eine fremde Macht
beherrschte mich Freundlicher Geist sagt ich bei mir selber wohin rufest du
mich nach Elysium oder wohin
    Ich ging in einem Walde am rieselnden Wasser hinauf wo es über Felsen
heruntertröpfelte wo es harmlos über die Kieseln glitt und mählich verengte
sich und ward zum Bogengange das Tal und einsam spielte das Mittagslicht im
schweigenden Dunkel 
    Hier  ich möchte sprechen können mein Bellarmin möchte gerne mit Ruhe dir
schreiben
    Sprechen o ich bin ein Laie in der Freude ich will sprechen
    Wohnt doch die Stille im Lande der Seligen und über den Sternen vergisst das
Herz seine Not und seine Sprache
    Ich hab es heilig bewahrt wie ein Palladium hab ich es in mir getragen
das Göttliche das mir erschien und wenn hinfort mich das Schicksal ergreift
und von einem Abgrund in den andern mich wirft und alle Kräfte ertränkt in mir
und alle Gedanken so soll dies Einzige doch mich selber überleben in mir und
leuchten in mir und herrschen in ewiger unzerstörbarer Klarheit 
    So lagst du hingegossen süßes Leben so blicktest du auf erhubst dich
standst nun da in schlanker Fülle göttlich ruhig und das himmlische Gesicht
noch voll des heitern Entzückens worin ich dich störte
    O wer in die Stille dieses Auges gesehen wem diese süßen Lippen sich
aufgeschlossen wovon mag der noch sprechen
    Friede der Schönheit göttlicher Friede wer einmal an dir das tobende Leben
und den zweifelnden Geist besänftigt wie kann dem anderes helfen
    Ich kann nicht sprechen von ihr aber es gibt ja Stunden wo das Beste und
Schönste wie in Wolken erscheint und der Himmel der Vollendung vor der
ahnenden Liebe sich öffnet da Bellarmin da denke ihres Wesens da beuge die
Knie mit mir und denke meiner Seligkeit aber vergiss nicht dass ich hatte was
du ahnest dass ich mit diesen Augen sah was nur wie in Wolken dir erscheint
    Dass die Menschen manchmal sagen möchten sie freueten sich O glaubt ihr
habt von Freude noch nichts geahnt Euch ist der Schatten ihres Schattens noch
nicht erschienen O geht und sprecht vom blauen Äther nicht ihr Blinden
    Dass man werden kann wie die Kinder dass noch die goldne Zeit der Unschuld
wiederkehrt die Zeit des Friedens und der Freiheit dass doch Eine Freude ist
Eine Ruhestätte auf Erden
    Ist der Mensch nicht veraltert verwelkt ist er nicht wie ein abgefallen
Blatt das seinen Stamm nicht wieder findet und nun umhergescheucht wird von den
Winden bis es der Sand begräbt
    Und dennoch kehrt sein Frühling wieder
    Weint nicht wenn das Trefflichste verblüht bald wird es sich verjüngen
Trauert nicht wenn eures Herzens Melodie verstummt bald findet eine Hand sich
wieder es zu stimmen
    Wie war denn ich war ich nicht wie ein zerrissen Saitenspiel Ein wenig
tönt ich noch aber es waren Todestöne Ich hatte mir ein düster Schwanenlied
gesungen Einen Sterbekranz hätt ich gern mir gewunden aber ich hatte nur
Winterblumen
    Und wo war sie denn nun die Totenstille die Nacht und Öde meines Lebens
die ganze dürftige Sterblichkeit
    Freilich ist das Leben arm und einsam Wir wohnen hier unten wie der
Diamant im Schacht Wir fragen umsonst wie wir herabgekommen um wieder den Weg
hinauf zu finden
    Wir sind wie Feuer das im dürren Aste oder im Kiesel schläft und ringen
und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft Aber sie kommen
sie wägen Aeonen des Kampfes auf die Augenblicke der Befreiung wo das
Göttliche den Kerker sprengt wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend
emporwallt über der Asche ha wo uns ist als kehrte der entfesselte Geist
vergessen der Leiden der Knechtsgestalt im Triumphe zurück in die Hallen der
Sonne
                             Hyperion an Bellarmin
Ich war einst glücklich Bellarmin Bin ich es nicht noch Wär ich es nicht
wenn auch der heilige Moment wo ich zum ersten Male sie sah der letzte wäre
gewesen
    Ich hab es Einmal gesehen das Einzige das meine Seele suchte und die
Vollendung die wir über die Sterne hinauf entfernen die wir hinausschieben bis
ans Ende der Zeit die hab ich gegenwärtig gefühlt Es war da das Höchste in
diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge war es da
    Ich frage nicht mehr wo es sei es war in der Welt es kann wiederkehren in
ihr es ist jetzt nur verborgner in ihr Ich frage nicht mehr was es sei ich
hab es gesehen ich hab es kennen gelernt
    O ihr die ihr das Höchste und Beste sucht in der Tiefe des Wissens im
Getümmel des Handelns im Dunkel der Vergangenheit im Labyrinthe der Zukunft
in den Gräbern oder über den Sternen wisst ihr seinen Namen den Namen des das
Eins ist und Alles
    Sein Name ist Schönheit
    Wusstet ihr was ihr wolltet Noch weiß ich es nicht doch ahn ich es der
neuen Gottheit neues Reich und eil ihm zu und ergreife die andern und führe sie
mit mir wie der Strom die Ströme in den Ozean
    Und du du hast mir den Weg gewiesen Mit dir begann ich Sie sind der Worte
nicht wert die Tage da ich noch dich nicht kannte 
    O Diotima Diotima himmlisches Wesen
                             Hyperion an Bellarmin
Lass uns vergessen dass es eine Zeit gibt und zähle die Lebenstage nicht
    Was sind Jahrhunderte gegen den Augenblick wo zwei Wesen so sich ahnen und
nahn
    Noch seh ich den Abend an dem Notara zum ersten Male zu ihr ins Haus mich
brachte
    Sie wohnte nur einige hundert Schritte von uns am Fuße des Bergs
    Ihre Mutter war ein denkend zärtlich Wesen ein schlichter fröhlicher Junge
der Bruder und beede gestanden herzlich in allem Tun und Lassen dass Diotima
die Königin des Hauses war
    Ach es war alles geheiliget verschönert durch ihre Gegenwart Wohin ich
sah was ich berührte ihr Fussteppich ihr Polster ihr Tischchen alles war in
geheimem Bunde mit ihr Und da sie zum ersten Male mit Namen mich rief da sie
selbst so nahe mir kam dass ihr unschuldiger Otem mein lauschend Wesen
berührte  
    Wir sprachen sehr wenig zusammen Man schämt sich seiner Sprache Zum Tone
möchte man werden und sich vereinen in Einen Himmelsgesang
    Wovon auch sollten wir sprechen Wir sahen nur uns Von uns zu sprechen
scheuten wir uns
    Vom Leben der Erde sprachen wir endlich
    So feurig und kindlich ist ihr noch keine Hymne gesungen worden
    Es tat uns wohl den Überfluss unsers Herzens der guten Mutter in den Schoss
zu streuen Wir fühlten uns dadurch erleichtert wie die Bäume wenn ihnen der
Sommerwind die fruchtbaren Äste schüttelt und ihre süßen Äpfel in das Gras
gießt
    Wir nannten die Erde eine der Blumen des Himmels und den Himmel nannten wir
den unendlichen Garten des Lebens Wie die Rosen sich mit goldnen Stäubchen
erfreuen sagten wir so erfreue das heldenmütige Sonnenlicht mit seinen
Strahlen die Erde sie sei ein herrlich lebend Wesen sagten wir gleich
göttlich wenn ihr zürnend Feuer oder mildes klares Wasser aus dem Herzen
quille immer glücklich wenn sie von Tautropfen sich nähre oder von
Gewitterwolken die sie sich zum Genuße bereite mit Hilfe des Himmels die
immer treuer liebende Hälfte des Sonnengotts ursprünglich vielleicht inniger
mit ihm vereint dann aber durch ein allwaltend Schicksal geschieden von ihm
damit sie ihn suche sich nähere sich entferne und unter Lust und Trauer zur
höchsten Schönheit reife
    So sprachen wir Ich gebe dir den Inhalt den Geist davon Aber was ist er
ohne das Leben
    Es dämmerte und wir mussten gehen Gute Nacht ihr Engelsaugen dacht ich im
Herzen und erscheine du bald mir wieder schöner göttlicher Geist mit deiner
Ruhe und Fülle
                             Hyperion an Bellarmin
Ein paar Tage drauf kamen sie herauf zu uns Wir gingen zusammen im Garten
herum Diotima und ich gerieten voraus vertieft mir traten oft Tränen der
Wonne ins Auge über das Heilige das so anspruchlos zur Seite mir ging
    Vorn am Rande des Berggipfels standen wir nun und sahen hinaus in den
unendlichen Osten
    Diotimas Auge öffnete sich weit und leise wie eine Knospe sich
aufschliesst schloss das liebe Gesichtchen vor den Lüften des Himmels sich auf
ward lauter Sprache und Seele und als begänne sie den Flug in die Wolken
stand sanft empor gestreckt die ganze Gestalt in leichter Majestät und
berührte kaum mit den Füßen die Erde
    O unter den Armen hätt ich sie fassen mögen wie der Adler seinen Ganymed
und hinfliegen mit ihr über das Meer und seine Inseln
    Nun trat sie weiter vor und sah die schroffe Felsenwand hinab Sie hatte
ihre Lust daran die schröckende Tiefe zu messen und sich hinab zu verlieren in
die Nacht der Wälder die unten aus Felsenstücken und schäumenden Wetterbächen
herauf die lichten Gipfel streckten
    Das Geländer worauf sie sich stützte war etwas niedrig So durft ich es
ein wenig halten das Reizende indes es so sich vorwärts beugte Ach heiße
zitternde Wonne durchlief mein Wesen und Taumel und Toben war in allen Sinnen
und die Hände brannten mir wie Kohlen da ich sie berührte
    Und dann die Herzenslust so traulich neben ihr zu stehen und die zärtlich
kindische Sorge dass sie fallen möchte und die Freude an der Begeisterung des
herrlichen Mädchens
    Was ist alles was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten gegen
Einen Augenblick der Liebe Es ist aber auch das Gelungenste Göttlichschönste
in der Natur! dahin führen alle Stufen auf der Schwelle des Lebens Daher kommen
wir dahin gehen wir
                             Hyperion an Bellarmin
Nur ihren Gesang sollt ich vergessen nur diese Seelentöne sollten nimmer
wiederkehren in meinen unaufhörlichen Träumen
    Man kennt den stolzhinschiffenden Schwan nicht wenn er schlummernd am Ufer
sitzt
    Nur wenn sie sang erkannte man die liebende Schweigende die so ungern
sich zur Sprache verstand
    Da da ging erst die himmlische Ungefällige in ihrer Majestät und
Lieblichkeit hervor da weht es oft so bittend und so schmeichelnd oft wie
ein Göttergebot von den zarten blühenden Lippen Und wie das Herz sich regt in
dieser göttlichen Stimme wie alle Größe und Demut alle Lust und alle Trauer
des Lebens verschönert im Adel dieser Töne erschien
    Wie im Fluge die Schwalbe die Bienen hascht ergriff sie immer uns alle
    Es kam nicht Lust und nicht Bewunderung es kam der Friede des Himmels unter
uns
    Tausendmal hab ich es ihr und mir gesagt das Schönste ist auch das
Heiligste Und so war alles an ihr Wie ihr Gesang so auch ihr Leben
                             Hyperion an Bellarmin
Unter den Blumen war ihr Herz zu Hause als wär es eine von ihnen
    Sie nannte sie alle mit Namen schuf ihnen aus Liebe neue schönere und
wusste genau die fröhlichste Lebenszeit von jeder
    Wie eine Schwester wenn aus jeder Ecke ein Geliebtes ihr entgegenkömmt und
jedes gerne zuerst gegrüßt sein möchte so war das stille Wesen mit Aug und Hand
beschäftigt selig zerstreut wenn auf der Wiese wir gingen oder im Walde
    Und das war so ganz nicht angenommen angebildet das war so mit ihr
aufgewachsen
    Es ist doch ewig gewiss und zeigt sich überall je unschuldiger schöner eine
Seele desto vertrauter mit den andern glücklichen Leben die man seelenlos
nennt
                             Hyperion an Bellarmin
Tausendmal hab ich in meiner Herzensfreude gelacht über die Menschen die sich
einbilden ein erhabner Geist könne unmöglich wissen wie man ein Gemüse
bereitet Diotima konnte wohl zur rechten Zeit recht herzhaft von dem Feuerherde
sprechen und es ist gewiss nichts edler als ein edles Mädchen das die
allwohltätige Flamme besorgt und ähnlich der Natur die herzerfreuende Speise
bereitet
                             Hyperion an Bellarmin
Was ist alles künstliche Wissen in der Welt was ist die ganze stolze Mündigkeit
der menschlichen Gedanken gegen die ungesuchten Töne dieses Geistes der nicht
wusste was er wusste was er war
    Wer will die Traube nicht lieber voll und frisch so wie sie aus der Wurzel
quoll als die getrockneten gepflückten Beere die der Kaufmann in die Kiste
presst und in die Welt schickt Was ist die Weisheit eines Buchs gegen die
Weisheit eines Engels
    Sie schien immer so wenig zu sagen und sagte so viel
    Ich geleitete sie einst in später Dämmerung nach Hause wie Träume
beschlichen tauende Wölkchen die Wiese wie lauschende Genien sahen die seligen
Sterne durch die Zweige
    Man hörte selten ein »wie schön« aus ihrem Munde wenn schon das fromme
Herz kein lispelnd Blatt kein Rieseln einer Quelle unbehorcht ließ
    Diesmal sprach sie es denn doch mir aus  wie schön
    Es ist wohl uns zuliebe so sagt ich ungefähr wie Kinder etwas sagen
weder im Scherze noch im Ernste
    Ich kann mir denken was du sagst erwiderte sie ich denke mir die Welt am
liebsten wie ein häuslich Leben wo jedes ohne gerade dran zu denken sich ins
andre schickt und wo man sich einander zum Gefallen und zur Freude lebt weil
es eben so vom Herzen kommt
    Froher erhabner Glaube rief ich
    Sie schwieg eine Weile
    Auch wir sind also Kinder des Hauses begann ich endlich wieder sind es und
werden es sein
    Werden ewig es sein erwiderte sie
    Werden wir das fragt ich
    Ich vertraue fuhr sie fort hierinnen der Natur so wie ich täglich ihr
vertraue
    O ich hätte mögen Diotima sein da sie dies sagte Aber du weißt nicht was
sie sagte mein Bellarmin Du hast es nicht gesehen und nicht gehört
    Du hast recht rief ich ihr zu die ewige Schönheit die Natur leidet keinen
Verlust in sich so wie sie keinen Zusatz leidet Ihr Schmuck ist morgen anders
als er heute war aber unser Bestes uns uns kann sie nicht entbehren und dich
am wenigsten Wir glauben dass wir ewig sind denn unsere Seele fühlt die
Schönheit der Natur Sie ist ein Stückwerk ist die Göttliche die Vollendete
nicht wenn jemals du in ihr vermisst wirst Sie verdient dein Herz nicht wenn
sie erröten muss vor deinen Hoffnungen
                             Hyperion an Bellarmin
So bedürfnislos so göttlichgenügsam hab ich nichts gekannt
    Wie die Woge des Ozeans das Gestade seliger Inseln so umflutete mein
ruheloses Herz den Frieden des himmlischen Mädchens
    Ich hatt ihr nichts zu geben als ein Gemüt voll wilder Widersprüche voll
blutender Erinnerungen nichts hatt ich ihr zu geben als meine grenzenlose
Liebe mit ihren tausend Sorgen ihren tausend tobenden Hoffnungen sie aber
stand vor mir in wandelloser Schönheit mühelos in lächelnder Vollendung da
und alles Sehnen alles Träumen der Sterblichkeit ach alles was in goldnen
Morgenstunden von höheren Regionen der Genius weissagt es war alles in dieser
Einen stillen Seele erfüllt
    Man sagt sonst über den Sternen verhalle der Kampf und künftig erst
verspricht man uns wenn unsre Hefe gesunken sei verwandle sich in edelen
Freudenwein das gärende Leben die Herzensruhe der Seligen sucht man sonst auf
dieser Erde nirgends mehr Ich weiß es anders Ich bin den nähern Weg gekommen
Ich stand vor ihr und hört und sah den Frieden des Himmels und mitten im
seufzenden Chaos erschien mir Urania
    Wie oft hab ich meine Klagen vor diesem Bilde gestillt wie oft hat sich das
übermütige Leben und der strebende Geist besänftigt wenn ich in selige
Betrachtungen versunken ihr ins Herz sah wie man in die Quelle sieht wenn
sie still erbebt von den Berührungen des Himmels der in Silbertropfen auf sie
niederträufelt
    Sie war mein Lete diese Seele mein heiliger Lete woraus ich die
Vergessenheit des Daseins trank dass ich vor ihr stand wie ein Unsterblicher
und freudig mich schalt und wie nach schweren Träumen lächeln musste über alle
Ketten die mich gedrückt
    O ich wär ein glücklicher ein trefflicher Mensch geworden mit ihr
    Mit ihr aber das ist misslungen und nun irr ich herum in dem was vor und
in mir ist und drüber hinaus und weiß nicht was ich machen soll aus mir und
andern Dingen
    Meine Seele ist wie ein Fisch aus ihrem Elemente auf den Ufersand geworfen
und windet sich und wirft sich umher bis sie vertrocknet in der Hitze des Tags
    Ach gäb es nur noch etwas in der Welt für mich zu tun gäb es eine Arbeit
einen Krieg für mich das sollte mich erquicken
    Knäblein die man von der Mutterbrust gerissen und in die Wüste geworfen
hat einst so sagt man eine Wölfin gesäugt
    Mein Herz ist nicht so glücklich
                             Hyperion an Bellarmin
Ich kann nur hie und da ein Wörtchen von ihr sprechen Ich muss vergessen was
sie ganz ist wenn ich von ihr sprechen soll Ich muss mich täuschen als hätte
sie vor alten Zeiten gelebt als wüsst ich durch Erzählung einiges von ihr wenn
ihr lebendig Bild mich nicht ergreifen soll dass ich vergehe im Entzücken und im
Schmerz wenn ich den Tod der Freude über sie und den Tod der Trauer um sie
nicht sterben soll
                             Hyperion an Bellarmin
Es ist umsonst ich kanns mir nicht verbergen Wohin ich auch entfliehe mit
meinen Gedanken in die Himmel hinauf und in den Abgrund zum Anfang und ans
Ende der Zeiten selbst wenn ich ihm der meine letzte Zuflucht war der sonst
noch jede Sorge in mir verzehrte der alle Lust und allen Schmerz des Lebens
sonst mit der Feuerflamme worin er sich offenbarte in mir versengte selbst
wenn ich ihm mich in die Arme werfe dem herrlichen geheimen Geiste der Welt in
seine Tiefe mich tauche wie in den bodenlosen Ozean hinab auch da auch da
finden die süßen Schrecken mich aus die süßen verwirrenden tötenden Schrecken
dass Diotimas Grab mir nah ist
    Hörst du hörst du Diotimas Grab
    Mein Herz war doch so stille geworden und meine Liebe war begraben mit der
Toten die ich liebte
    Du weißt mein Bellarmin ich schrieb dir lange nicht von ihr und da ich
schrieb so schrieb ich dir gelassen wie ich meine
    Was ists denn nun
    Ich gehe ans Ufer hinaus und sehe nach Kalaurea wo sie ruht hinüber das
ists
    O dass ja keiner den Kahn mir leihe dass ja sich keiner erbarme und mir sein
Ruder biete und mir hinüberhelfe zu ihr
    Dass ja das gute Meer nicht ruhig bleibe damit ich nicht ein Holz mir zimmre
und hinüberschwimme zu ihr
    Aber in die tobende See will ich mich werfen und ihre Woge bitten dass sie
an Diotimas Gestade mich wirft 
    Lieber Bruder ich tröste mein Herz mit allerlei Phantasien ich reiche mir
manchen Schlaftrank und es wäre wohl größer sich zu befreien auf immer als
sich zu behelfen mit Palliativen aber wem gehts nicht so Ich bin denn doch
damit zufrieden
    Zufrieden ach das wäre gut da wäre ja geholfen wo kein Gott nicht helfen
kann
    Nun nun ich habe was ich konnte getan Ich fodre von dem Schicksal meine
Seele
                             Hyperion an Bellarmin
War sie nicht mein ihr Schwestern des Schicksals war sie nicht mein Die
reinen Quellen fodr ich auf zu Zeugen und die unschuldigen Bäume die uns
belauschten und das Tagslicht und den Äther war sie nicht mein vereint mit
mir in allen Tönen des Lebens
    Wo ist das Wesen das wie meines sie erkannte in welchem Spiegel
sammelten sich so wie in mir die Strahlen dieses Lichts erschrak sie freudig
nicht vor ihrer eignen Herrlichkeit da sie zuerst in meiner Freude sich gewahr
ward Ach wo ist das Herz das so wie meines überall ihr nah war so wie
meines sie erfüllte und von ihr erfüllt war das so einzig da war ihres zu
umfangen wie die Wimper für das Auge da ist
    Wir waren Eine Blume nur und unsre Seelen lebten in einander wie die
Blume wenn sie liebt und ihre zarten Freuden im verschlossnen Kelche verbirgt
    Und doch doch wurde sie wie eine angemasste Krone von mir gerissen und in
den Staub gelegt
                             Hyperion an Bellarmin
Eh es eines von uns beeden wusste gehörten wir uns an
    Wenn ich so mit allen Huldigungen des Herzens selig überwunden vor ihr
stand und schwieg und all mein Leben sich hingab in den Strahlen des Augs das
sie nur sah nur sie umfasste und sie dann wieder zärtlich zweifelnd mich
betrachtete und nicht wusste wo ich war mit meinen Gedanken wenn ich oft
begraben in Lust und Schönheit bei einem reizenden Geschäfte sie belauschte
und um die leiseste Bewegung wie die Biene um die schwanken Zweige meine Seele
schweift und flog und wenn sie dann in friedlichen Gedanken gegen mich sich
wandt und überrascht von meiner Freude meine Freude sich verbergen musst und
bei der lieben Arbeit ihre Ruhe wieder sucht und fand 
    Wenn sie wunderbar allwissend jeden Wohlklang jeden Misslaut in der Tiefe
meines Wesens im Momente da er begann noch eh ich selbst ihn wahrnahm mir
enthüllte wenn sie jeden Schatten eines Wölkchens auf der Stirne jeden
Schatten einer Wehmut eines Stolzes auf der Lippe jeden Funken mir im Auge
sah wenn sie die Ebb und Flut des Herzens mir behorcht und sorgsam trübe
Stunden ahnte indes mein Geist zu unentaltsam zu verschwenderisch im üppigen
Gespräche sich verzehrte wenn das liebe Wesen treuer wie ein Spiegel jeden
Wechsel meiner Wange mir verriet und oft in freundlichen Bekümmernissen über
mein unstet Wesen mich ermahnt und strafte wie ein teures Kind 
    Ach da du einst Unschuldige an den Fingern die Treppen zähltest von
unsrem Berge herab zu deinem Hause da du deine Spaziergänge mir wiesest die
Plätze wo du sonst gesessen und mir erzähltest wie die Zeit dir da vergangen
und mir am Ende sagtest es sei dir jetzt als wär ich auch von jeher dagewesen

    Gehörten wir da nicht längst uns an
                             Hyperion an Bellarmin
Ich baue meinem Herzen ein Grab damit es ruhen möge ich spinne mich ein weil
überall es Winter ist in seligen Erinnerungen hüll ich vor dem Sturme mich ein
    Wir saßen einst mit Notara  so hieß der Freund bei dem ich lebte  und
einigen andern die auch wie wir zu den Sonderlingen in Kalaurea gehörten in
Diotimas Garten unter blühenden Mandelbäumen und sprachen unter andrem über
die Freundschaft
    Ich hatte wenig mitgesprochen ich hütete mich seit einiger Zeit viel Worte
zu machen von Dingen die das Herz zunächst angehn meine Diotima hatte mich so
einsilbig gemacht 
    Da Harmodius und Aristogiton lebten rief endlich einer da war noch
Freundschaft in der Welt Das freute mich zu sehr als dass ich hätte schweigen
mögen
    Man sollte dir eine Krone flechten um dieses Wortes willen rief ich ihm zu
hast du denn wirklich eine Ahnung davon hast du ein Gleichnis für die
Freundschaft des Aristogiton und Harmodius Verzeih mir Aber beim Äther man
muss Aristogiton sein um nachzufühlen wie Aristogiton liebte und die Blitze
durfte wohl der Mann nicht fürchten der geliebt sein wollte mit Harmodius
Liebe denn es täuscht mich alles wenn der furchtbare Jüngling nicht mit Minos
Strenge liebte Wenige sind in solcher Probe bestanden und es ist nicht
leichter eines Halbgotts Freund zu sein als an der Götter Tische wie
Tantalus zu sitzen Aber es ist auch nichts Herrlicheres auf Erden als wenn
ein stolzes Paar wie diese so sich untertan ist
    Das ist auch meine Hoffnung meine Lust in einsamen Stunden dass solche
große Töne und größere einst wiederkehren müssen in der Symphonie des Weltlaufs
Die Liebe gebar Jahrtausende voll lebendiger Menschen die Freundschaft wird sie
wiedergebären Von Kinderharmonie sind einst die Völker ausgegangen die
Harmonie der Geister wird der Anfang einer neuen Weltgeschichte sein Von
Pflanzenglück begannen die Menschen und wuchsen auf und wuchsen bis sie
reiften von nun an gärten sie unaufhörlich fort von innen und außen bis jetzt
das Menschengeschlecht unendlich aufgelöst wie ein Chaos daliegt dass alle
die noch fühlen und sehen Schwindel ergreift aber die Schönheit flüchtet aus
dem Leben der Menschen sich herauf in den Geist Ideal wird was Natur war und
wenn von unten gleich der Baum verdorrt ist und verwittert ein frischer Gipfel
ist noch hervorgegangen aus ihm und grünt im Sonnenglanze wie einst der Stamm
in den Tagen der Jugend Ideal ist was Natur war Daran an diesem Ideale
dieser verjüngten Gottheit erkennen die Wenigen sich und Eins sind sie denn es
ist Eines in ihnen und von diesen diesen beginnt das zweite Lebensalter der
Welt  ich habe genug gesagt um klar zu machen was ich denke
    Da hättest du Diotima sehen sollen wie sie aufsprang und die beeden Hände
mir reichte und rief ich hab es verstanden Lieber ganz verstanden so viel es
sagt
    Die Liebe gebar die Welt die Freundschaft wird sie wieder gebären
    O dann ihr künftigen ihr neuen Dioskuren dann weilt ein wenig wenn ihr
vorüberkömmt da wo Hyperion schläft weilt ahnend über des vergessenen Mannes
Asche und sprecht er wäre wie unser einer wär er jetzt da
    Das hab ich gehört mein Bellarmin das hab ich erfahren und gehe nicht
willig in den Tod
    Ja ja ich bin vorausbezahlt ich habe gelebt Mehr Freude konnt ein Gott
ertragen aber ich nicht
                             Hyperion an Bellarmin
Frägst du wie mir gewesen sei um diese Zeit Wie einem der alles verloren hat
um alles zu gewinnen
    Oft kam ich freilich von Diotimas Bäumen wie ein Siegestrunkner oft musst
ich eilends weg von ihr um keinen meiner Gedanken zu verraten so tobte die
Freude in mir und der Stolz der allbegeisternde Glaube von Diotima geliebt zu
sein
    Dann sucht ich die höchsten Berge mir auf und ihre Lüfte und wie ein Adler
dem der blutende Fittig geheilt ist regte mein Geist sich im Freien und
dehnt als wäre sie sein über die sichtbare Welt sich aus wunderbar es war
mir oft als läuterten sich und schmelzten die Dinge der Erde wie Gold in
meinem Feuer zusammen und ein Göttliches würde aus ihnen und mir so tobte in
mir die Freude und wie ich die Kinder aufhub und an mein schlagendes Herz sie
drückte wie ich die Pflanzen grüßte und die Bäume Einen Zauber hätt ich mir
wünschen mögen die scheuen Hirsche und all die wilden Vögel des Walds wie ein
häuslich Völkchen um meine freigebigen Hände zu versammeln so selig töricht
liebt ich alles
    Aber nicht lange so war das alles wie ein Licht in mir erloschen und
stumm und traurig wie ein Schatte saß ich da und suchte das entschwundne
Leben Klagen mocht ich nicht und trösten mocht ich mich auch nicht Die
Hoffnung warf ich weg wie ein Lahmer dem die Krücke verleidet ist des Weinens
schämt ich mich ich schämte mich des Daseins überhaupt Aber endlich brach denn
doch der Stolz in Tränen aus und das Leiden das ich gerne verleugnet hätte
wurde mir lieb und ich legt es wie ein Kind mir an die Brust
    Nein rief mein Herz nein meine Diotima es schmerzt nicht Bewahre du dir
deinen Frieden und lass mich meinen Gang gehen Lass dich in deiner Ruhe nicht
stören holder Stern wenn unter dir es gärt und trüb ist
    O lass dir deine Rose nicht bleichen selige Götterjugend Lass in den
Kümmernissen der Erde deine Schöne nicht altern Das ist ja meine Freude süßes
Leben dass du in dir den sorgenfreien Himmel trägst Du sollst nicht dürftig
werden nein nein du sollst in dir die Armut der Liebe nicht sehen
    Und wenn ich dann wieder zu ihr hinabging  ich hätte das Lüftchen fragen
mögen und dem Zuge der Wolken es ansehen wie es mit mir sein werde in einer
Stunde und wie es mich freute wenn irgend ein freundlich Gesicht mir auf dem
Wege begegnete und nur nicht gar zu trocken sein »schönen Tag« mir zurief
    Wenn ein kleines Mädchen aus dem Walde kam und einen Erdbeerstrauss mir zum
Verkaufe reichte mit einer Miene als wollte sie ihn schenken oder wenn ein
Bauer wo ich vorüberging auf seinem Kirschbaum saß und pflückte und aus den
Zweigen herab mir rief ob ich nicht eine Handvoll kosten möchte das waren gute
Zeichen für das abergläubische Herz
    Stand vollends gegen den Weg her wo ich herabkam von Diotimas Fenstern
eines offen wie konnte das so wohltun
    Sie hatte vielleicht nicht lange zuvor herausgesehn
    Und nun stand ich vor ihr atemlos und wankend und drückte die
verschlungnen Arme gegen mein Herz sein Zittern nicht zu fühlen und wie der
Schwimmer aus reißenden Wassern hervor rang und strebte mein Geist nicht
unterzugehn in der unendlichen Liebe
    Wovon sprechen wir doch geschwind konnt ich rufen man hat oft seine Mühe
man kann den Stoff nicht finden die Gedanken daran festzuhalten
    Reissen sie wieder aus in die Luft erwiderte meine Diotima Du musst ihnen
Blei an die Flügel binden oder ich will sie an einen Faden knüpfen wie der
Knabe den fliegenden Drachen dass sie uns nicht entgehn
    Das liebe Mädchen suchte sich und mir durch einen Scherz zu helfen aber es
war wenig damit getan
    Ja ja rief ich wie du willst wie du es für gut hältst  soll ich
vorlesen Deine Laute ist wohl noch gestimmt von gestern  vorzulesen hab ich
auch gerade nichts 
    Du hast schon mehr als einmal sagte sie versprochen mir zu erzählen wie
du gelebt hast ehe wir uns kannten möchtest du jetzt nicht
    Das ist wahr erwidert ich mein Herz warf sich gerne auf das und ich
erzählt ihr nun wie dir von Adamas und meinen einsamen Tagen in Smyrna von
Alabanda und wie ich getrennt wurde von ihm und von der unbegreiflichen
Krankheit meines Wesens eh ich nach Kalaurea herüberkam  nun weißt du alles
sagt ich zu ihr gelassen da ich zu Ende war nun wirst du weniger dich an mir
stoßen nun wirst du sagen setzt ich lächelnd hinzu spottet dieses Vulkans
nicht wenn er hinkt denn ihn haben zweimal die Götter vom Himmel auf die Erde
geworfen
    Stille rief sie mit erstickter Stimme und verbarg ihre Tränen ins Tuch o
stille und scherze über dein Schicksal über dein Herz nicht denn ich versteh
es und besser als du
    Lieber  lieber Hyperion Dir ist wohl schwer zu helfen
    Weißt du denn fuhr sie mit erhöhter Stimme fort weißt du denn woran du
darbest was dir einzig fehlt was du wie Alpheus seine Aretusa suchst um
was du trauertest in aller deiner Trauer Es ist nicht erst seit Jahren
hingeschieden man kann so genau nicht sagen wenn es da war wenn es wegging
aber es war es ist in dir ists Es ist eine bessere Zeit die suchst du eine
schönere Welt Nur diese Welt umarmtest du in deinen Freunden du warst mit
ihnen diese Welt
    In Adamas war sie dir aufgegangen sie war auch hingegangen mit ihm In
Alabanda erschien dir ihr Licht zum zweiten Male aber brennender und heißer
und darum war es auch wie Mitternacht vor deiner Seele da er für dich dahin
war
    Siehest du nun auch warum der kleinste Zweifel über Alabanda zur
Verzweiflung werden musst in dir warum du ihn verstiessest weil er nur nicht gar
ein Gott war
    Du wolltest keine Menschen glaube mir du wolltest eine Welt Den Verlust
von allen goldenen Jahrhunderten so wie du sie zusammengedrängt in Einen
glücklichen Moment empfandest den Geist von allen Geistern bessrer Zeit die
Kraft von allen Kräften der Heroen die sollte dir ein Einzelner ein Mensch
ersetzen  Siehest du nun wie arm wie reich du bist warum du so stolz sein
musst und auch so niedergeschlagen warum so schröcklich Freude und Leid dir
wechselt
    Darum weil du alles hast und nichts weil das Phantom der goldenen Tage
die da kommen sollen dein gehört und doch nicht da ist weil du ein Bürger
bist in den Regionen der Gerechtigkeit und Schönheit ein Gott bist unter
Göttern in den schönen Träumen die am Tage dich beschleichen und wenn du
aufwachst auf neugriechischem Boden stehst
    Zweimal sagtest du o du wirst in Einem Tage siebzigmal vom Himmel auf die
Erde geworfen Soll ich dir es sagen Ich fürchte für dich du hältst das
Schicksal dieser Zeiten schwerlich aus Du wirst noch mancherlei versuchen
wirst 
    O Gott und deine letzte Zufluchtsstätte wird ein Grab sein
    Nein Diotima rief ich nein beim Himmel nein So lange noch Eine Melodie
mir tönt so scheu ich nicht die Totenstille der Wildnis unter den Sternen so
lange die Sonne nur scheint und Diotima so gibt es keine Nacht für mich
    Lass allen Tugenden die Sterbeglocke läuten ich höre ja dich dich deines
Herzens Lied du Liebe und finde unsterblich Leben indessen alles verlischt
und welkt
    O Hyperion rief sie wie sprichst du
    »Ich spreche wie ich muss Ich kann nicht kann nicht länger all die
Seligkeit und Furcht und Sorge bergen  Diotima  Ja du weißt es musst es
wissen hast längst es gesehen dass ich untergehe wenn du nicht die Hand mir
reichst«
    Sie war betroffen verwirrt
    Und an mir rief sie an mir will sich Hyperion halten ja ich wünsch es
jetzt zum ersten Male wünsch ich mehr zu sein denn nur ein sterblich Mädchen
Aber ich bin dir was ich sein kann
    O so bist du ja mir Alles rief ich
    »Alles böser Heuchler und die Menschheit die du doch am Ende einzig
liebst«
    Die Menschheit sagt ich ich wollte die Menschheit machte Diotima zum
Losungswort und malt in ihre Paniere dein Bild und spräche heute soll das
Göttliche siegen Engel des Himmels das müsst ein Tag sein
    Geh rief sie geh und zeige dem Himmel deine Verklärung mir darf sie
nicht so nahe sein
    Nicht wahr du gehest lieber Hyperion
    Ich gehorchte Wer hätte da nicht gehorcht Ich ging So war ich noch
niemals von ihr gegangen O Bellarmin das war Freude Stille des Lebens
Götterruhe himmlische wunderbare unerkennbare Freude
    Worte sind hier umsonst und wer nach einem Gleichnis von ihr fragt der hat
sie nie erfahren Das Einzige was eine solche Freude auszudrücken vermochte
war Diotimas Gesang wenn er in goldner Mitte zwischen Höhe und Tiefe
schwebte
    O ihr Uferweiden des Lete ihr abendrötlichen Pfade in Elysiums Wäldern
ihr Lilien an den Bächen des Tals ihr Rosenkränze des Hügels Ich glaub an
euch in dieser freundlichen Stunde und spreche zu meinem Herzen dort findest
du sie wieder und alle Freude die du verlorst
                             Hyperion an Bellarmin
Ich will dir immer mehr von meiner Seligkeit erzählen
    Ich will die Brust an den Freuden der Vergangenheit versuchen bis sie wie
Stahl wird ich will mich üben an ihnen bis ich unüberwindlich bin
    Ha fallen sie doch wie ein Schwertschlag oft mir auf die Seele aber ich
spiele mit dem Schwerte bis ich es gewohnt bin ich halte die Hand ins Feuer
bis ich es ertrage wie Wasser
    Ich will nicht zagen ja ich will stark sein ich will mir nichts
verhehlen will von allen Seligkeiten mir die seligste aus dem Grabe beschwören
    Es ist unglaublich dass der Mensch sich vor dem Schönsten fürchten soll
aber es ist so
    O bin ich doch hundertmal vor diesen Augenblicken dieser tötenden Wonne
meiner Erinnerungen geflohen und habe mein Auge hinweggewandt wie ein Kind vor
Blitzen und dennoch wächst im üppigen Garten der Welt nichts Lieblichers wie
meine Freuden dennoch gedeiht im Himmel und auf Erden nichts Edleres wie meine
Freuden
    Aber nur dir mein Bellarmin nur einer reinen freien Seele wie die deine
ist erzähl ichs So freigebig wie die Sonne mit ihren Strahlen will ich nicht
sein meine Perlen will ich vor die alberne Menge nicht werfen
    Ich kannte seit dem letzten Seelengespräche mit jedem Tage mich weniger
Ich fühlt es war ein heilig Geheimnis zwischen mir und Diotima
    Ich staunte träumte Als wär um Mitternacht ein seliger Geist mir
erschienen und hätte mich erkoren mit ihm umzugehn so war es mir in der Seele.
    O es ist ein seltsames Gemische von Seligkeit und Schwermut wenn es so sich
offenbart dass wir auf immer heraus sind aus dem gewöhnlichen Dasein
    Es war mir seitdem nimmer gelungen Diotima allein zu sehen Immer musst ein
Dritter uns stören trennen und die Welt lag zwischen ihr und mir wie eine
unendliche Leere Sechs todesbange Tage gingen so vorüber ohne dass ich etwas
wusste von Diotima Es war als lähmten die andern die um uns waren mir die
Sinne als töteten sie mein ganzes äußeres Leben damit auf keinem Wege die
verschlossene Seele sich hinüber helfen möchte zu ihr
    Wollt ich mit dem Auge sie suchen so wurd es Nacht vor mir wollt ich mich
mit einem Wörtchen an sie wenden so erstickt es in der Kehle
    Ach mir wollte das heilige namenlose Verlangen oft die Brust zerreißen und
die mächtige Liebe zürnt oft wie ein gefangener Titan in mir So tief so
innigst unversöhnlich hatte mein Geist noch nie sich gegen die Ketten gesträubt
die das Schicksal ihm schmiedet gegen das eiserne unerbittliche Gesetz
geschieden zu sein nicht Eine Seele zu sein mit seiner liebenswürdigen Hälfte
    Die sternenhelle Nacht war nun mein Element geworden Dann wann es stille
war wie in den Tiefen der Erde wo geheimnisvoll das Gold wächst dann hob das
schönere Leben meiner Liebe sich an
    Da übte das Herz sein Recht zu dichten aus Da sagt es mir wie Hyperions
Geist im Vorelysium mit seiner holden Diotima gespielt eh er herabgekommen zur
Erde in göttlicher Kindheit bei dem Wohlgetöne des Quells und unter Zweigen
wie wir die Zweige der Erde sehen wenn sie verschönert aus dem güldenen Strome
blinken
    Und wie die Vergangenheit öffnete sich die Pforte der Zukunft in mir
    Da flogen wir Diotima und ich da wanderten wir wie Schwalben von einem
Frühling der Welt zum andern durch der Sonne weites Gebiet und drüber hinaus
zu den andern Inseln des Himmels an des Sirius goldne Küsten in die
Geistertale des Arcturs 
    O es ist doch wohl wünschenswert so aus Einem Kelche mit der Geliebten die
Wonne der Welt zu trinken
    Berauscht vom seligen Wiegenliede das ich mir sang schlief ich ein mitten
unter den herrlichen Phantomen
    Wie aber am Strahle des Morgenlichts das Leben der Erde sich wieder
entzündete sah ich empor und suchte die Träume der Nacht Sie waren wie die
schönen Sterne verschwunden und nur die Wonne der Wehmut zeugt in meiner
Seele von ihnen
    Ich trauerte aber ich glaube dass man unter den Seligen auch so trauert
Sie war die Botin der Freude diese Trauer sie war die grauende Dämmerung
woran die unzähligen Rosen des Morgenrots sprossen 
    Der glühende Sommertag hatte jetzt alles in die dunkeln Schatten gescheucht
Auch um Diotimas Haus war alles still und leer und die neidischen Vorhänge
standen mir an allen Fenstern im Wege
    Ich lebt in Gedanken an sie Wo bist du dacht ich wo findet mein einsamer
Geist dich süßes Mädchen Siehest du vor dich hin und sinnest Hast du die
Arbeit auf die Seite gelegt und stützest den Arm aufs Knie und auf das Händchen
das Haupt und gibst den lieblichen Gedanken dich hin
    Dass ja nichts meine Friedliche störe wenn sie mit süßen Phantasien ihr Herz
erfrischt dass ja nichts diese Traube betaste und den erquickenden Tau von den
zarten Beeren ihr streife
    So träumt ich Aber indes die Gedanken zwischen den Wänden des Hauses nach
ihr spähten suchten die Füße sie anderswo und eh ich es gewahr ward ging ich
unter den Bogengängen des heiligen Walds hinter Diotimas Garten wo ich sie zum
ersten Male hatte gesehen Was war das Ich war ja indessen so oft mit diesen
Bäumen umgegangen war vertrauter mit ihnen ruhiger unter ihnen geworden jetzt
ergriff mich eine Gewalt als trät ich in Dianens Schatten um zu sterben vor
der gegenwärtigen Gottheit
    Indessen ging ich weiter Mit jedem Schritte wurd es wunderbarer in mir Ich
hätte fliegen mögen so trieb mein Herz mich vorwärts aber es war als hätt ich
Blei an den Sohlen Die Seele war vorausgeeilt und hatte die irdischen Glieder
verlassen Ich hörte nicht mehr und vor dem Auge dämmerten und schwankten alle
Gestalten Der Geist war schon bei Diotima im Morgenlichte spielte der Gipfel
des Baums indes die unteren Zweige noch die kalte Dämmerung fühlten
    Ach mein Hyperion rief jetzt mir eine Stimme entgegen ich stürzt hinzu
»meine Diotima o meine Diotima« weiter hatt ich kein Wort und keinen Otem
kein Bewusstsein
    Schwinde schwinde sterbliches Leben dürftig Geschäft wo der einsame
Geist die Pfennige die er gesammelt hin und her betrachtet und zählt wir sind
zur Freude der Gottheit alle berufen
    Es ist hier eine Lücke in meinem Dasein Ich starb und wie ich erwachte
lag ich am Herzen des himmlischen Mädchens
    O Leben der Liebe wie warst du an ihr aufgegangen in voller holdseliger
Blüte wie in leichten Schlummer gesungen von seligen Genien lag das reizende
Köpfchen mir auf der Schulter lächelte süßen Frieden und schlug sein äterisch
Auge nach mir auf in fröhlichem unerfahrenem Staunen als blickt es eben jetzt
zum ersten Male in die Welt
    Lange standen wir so in holder selbstvergessener Betrachtung und keines
wusste wie ihm geschah bis endlich der Freude zu viel in mir sich häufte und in
Tränen und Lauten des Entzückens auch meine verlorne Sprache wieder begann und
meine stille Begeisterte vollends wieder ins Dasein weckte
    Endlich sahen wir uns auch wieder um
    O meine alten freundlichen Bäume rief Diotima als hätte sie sie in langer
Zeit nicht gesehen und das Andenken an ihre vorigen einsamen Tage spielt um
ihre Freuden lieblich wie die Schatten um den jungfräulichen Schnee wenn er
errötet und glüht im freudigen Abendglanze
    Engel des Himmels rief ich wer kann dich fassen wer kann sagen er habe
ganz dich begriffen
    Wunderst du dich erwiderte sie dass ich so sehr dir gut bin Lieber
stolzer Bescheidner Bin ich denn auch von denen die nicht glauben können an
dich hab ich denn nicht dich ergründet hab ich den Genius nicht in seinen
Wolken erkannt Verhülle dich nur und siehe dich selbst nicht ich will dich
hervorbeschwören ich will 
    Aber er ist ja da er ist hervorgegangen wie ein Stern er hat die Hülse
durchbrochen und steht wie ein Frühling da wie ein Kristallquell aus der
düstern Grotte ist er hervorgegangen das ist der finstre Hyperion nicht das
ist die wilde Trauer nicht mehr  o mein mein herrlicher Junge
    Das alles war mir wie ein Traum Konnt ich glauben an dies Wunder der
Liebe konnt ich mich hätte die Freude getötet
    Göttliche rief ich sprichst du mit mir kannst du so dich verleugnen
selige Selbstgenügsame kannst du so dich freuen an mir O ich seh es nun ich
weiß nun was ich oft geahnt der Mensch ist ein Gewand das oft ein Gott sich
umwirft ein Kelch in den der Himmel seinen Nektar gießt um seinen Kindern vom
Besten zu kosten zu geben 
    Ja ja fiel sie schwärmerisch lächelnd mir ein dein Namensbruder der
herrliche Hyperion des Himmels ist in dir
    Lass mich rief ich lass mich dein sein lass mich mein vergessen lass alles
Leben in mir und allen Geist nur dir zufliegen nur dir in seliger endeloser
Betrachtung O Diotima so stand ich sonst auch vor dem dämmernden Götterbilde
das meine Liebe sich schuf vor dem Idole meiner einsamen Träume ich nährt es
traulich mit meinem Leben belebt ich es mit den Hoffnungen meines Herzens
erfrischt erwärmt ich es aber es gab mir nichts als was ich gegeben und
wenn ich verarmt war ließ es mich arm und nun nun hab ich im Arme dich und
fühle den Otem deiner Brust und fühle dein Aug in meinem Auge die schöne
Gegenwart rinnt mir in alle Sinnen herein und ich halt es aus ich habe das
Herrlichste so und bebe nicht mehr  ja ich bin wirklich nicht der ich sonst
war Diotima ich bin deines gleichen geworden und Göttliches spielt mit
Göttlichem jetzt wie Kinder unter sich spielen 
    Aber etwas stiller musst du mir werden sagte sie
    Du hast auch recht du Liebenswürdige rief ich freudig sonst erscheinen
mir ja die Grazien nicht sonst seh ich ja im Meere der Schönheit seine leisen
lieblichen Bewegungen nicht O ich will es noch lernen nichts an dir zu
übersehen Gib mir nur Zeit
    Schmeichler rief sie aber für heute sind wir zu Ende lieber Schmeichler
die goldne Abendwolke hat mich gemahnt O traure nicht Erhalte dir und mir die
reine Freude Lass sie nachtönen in dir bis morgen und töte sie nicht durch
Missmut  die Blumen des Herzens wollen freundliche Pflege Ihre Wurzel ist
überall aber sie selbst gedeihn in heiterer Witterung nur Leb wohl Hyperion
    Sie machte sich los Mein ganzes Wesen flammt in mir auf wie sie so vor
mir hinwegschwand in ihrer glühenden Schönheit
    O du  rief ich und stürzt ihr nach und gab meine Seele in ihre Hand in
unendlichen Küssen
    Gott rief sie wie wird das künftig werden
    Das traf mich Verzeih Himmlische sagt ich ich gehe Gute Nacht Diotima
denke noch mein ein wenig
    Das will ich rief sie gute Nacht
    Und nun kein Wort mehr Bellarmin Es wäre zuviel für mein geduldiges Herz
Ich bin erschüttert wie ich fühle Aber ich will hinausgehn unter die Pflanzen
und Bäume und unter sie hin mich legen und beten dass die Natur zu solcher Ruhe
mich bringe
                             Hyperion an Bellarmin
Unsere Seelen lebten nun immer freier und schöner zusammen und alles in und um
uns vereinigte sich zu goldenem Frieden Es schien als wäre die alte Welt
gestorben und eine neue begönne mit uns so geistig und kräftig und liebend und
leicht war alles geworden und wir und alle Wesen schwebten selig vereint wie
ein Chor von tausend unzertrennlichen Tönen durch den unendlichen Äther
    Unsre Gespräche gleiteten weg wie ein himmelblau Gewässer woraus der
Goldsand hin und wieder blinkt und unsre Stille war wie die Stille der
Berggipfel wo in herrlich einsamer Höhe hoch über dem Raume der Gewitter nur
die göttliche Luft noch in den Locken des kühnen Wanderers rauscht
    Und die wunderbare heilige Trauer wann die Stunde der Trennung in unsre
Begeisterung tönte wenn ich oft rief nun sind wir wieder sterblich Diotima
und sie mir sagte Sterblichkeit ist Schein ist wie die Farben die vor unsrem
Auge zittern wenn es lange in die Sonne sieht
    Ach und alle die holdseligen Spiele der Liebe die Schmeichelreden die
Besorgnisse die Empfindlichkeiten die Strenge und Nachsicht
    Und die Allwissenheit womit wir uns durchschauten und der unendliche
Glaube womit wir uns verherrlichten
    Ja eine Sonne ist der Mensch allsehend allverklärend wenn er liebt und
liebt er nicht so ist er eine dunkle Wohnung wo ein rauchend Lämpchen brennt
    Ich sollte schweigen sollte vergessen und schweigen
    Aber die reizende Flamme versucht mich bis ich mich ganz in sie stürze
und wie die Fliege vergehe
    Mitten in all dem seligen unverhaltnen Geben und Nehmen fühlt ich einmal
dass Diotima stiller wurde und immer stiller
    Ich fragt und flehte aber das schien nur mehr sie zu entfernen endlich
flehte sie ich möchte nicht mehr fragen möchte gehen und wenn ich wiederkäme
von etwas anderm sprechen Das gab auch mir ein schmerzliches Verstummen worein
ich selbst mich nicht zu finden wusste
    Mir war als hätt ein unbegreiflich plötzlich Schicksal unsrer Liebe den Tod
geschworen und alles Leben war hin außer mir und allem
    Ich schämte mich freilich des ich wusste gewiss das Ungefähr beherrsche
Diotimas Herz nicht Aber wunderbar blieb sie mir immer und mein verwöhnter
untröstlicher Sinn wollt immer offenbare gegenwärtige Liebe verschlossne Schätze
waren verlorne Schätze für ihn Ach ich hatt im Glücke die Hoffnung verlernt
ich war noch damals wie die ungeduldigen Kinder die um den Apfel am Baume
weinen als wär er gar nicht da wenn er ihnen den Mund nicht küsst Ich hatte
keine Ruhe ich flehte wieder mit Ungestüm und Demut zärtlich und zürnend mit
ihrer ganzen allmächtigen bescheidenen Beredsamkeit rüstete die Liebe mich aus
und nun  o meine Diotima nun hatt ich es das reizende Bekenntnis nun hab ich
und halt es bis auch mich mit allem was an mir ist in die alte Heimat in
den Schoss der Natur die Woge der Liebe zurückbringt
    Die Unschuldige noch kannte sie die mächtige Fülle ihres Herzens nicht und
lieblich erschrocken vor dem Reichtum in ihr begrub sie ihn in die Tiefe der
Brust  und wie sie nun bekannte heilige Einfalt wie sie mit Tränen bekannte
sie liebe zu sehr und wie sie Abschied nahm von allem was sie sonst am Herzen
gewiegt o wie sie rief abtrünnig bin ich geworden von Mai und Sommer und
Herbst und achte des Tages und der Nacht nicht wie sonst gehöre dem Himmel
und der Erde nicht mehr gehöre nur Einem Einem aber die Blüte des Mais und
die Flamme des Sommers und die Reife des Herbsts die Klarheit des Tags und der
Ernst der Nacht und Erd und Himmel ist mir in diesem Einen vereint so lieb
ich  und wie sie nun in voller Herzenslust mich betrachtete wie sie in
kühner heiliger Freude in ihre schönen Arme mich nahm und die Stirne mir küsste
und den Mund ha wie das göttliche Haupt sterbend in Wonne mir am offenen
Halse herabsank und die süßen Lippen an der schlagenden Brust mir ruhten und
der liebliche Otem an die Seele mir ging  o Bellarmin die Sinne vergehen mir
und der Geist entflieht
    Ich seh ich sehe wie das enden muss Das Steuer ist in die Woge gefallen
und das Schiff wird wie an den Füßen ein Kind ergriffen und an die Felsen
geschleudert
                             Hyperion an Bellarmin
Es gibt große Stunden im Leben Wir schauen an ihnen hinauf wie an den
kolossalischen Gestalten der Zukunft und des Altertums wir kämpfen einen
herrlichen Kampf mit ihnen und bestehn wir vor ihnen so werden sie wie
Schwestern und verlassen uns nicht
    Wir saßen einst zusammen auf unsrem Berge auf einem Steine der alten Stadt
dieser Insel und sprachen davon wie hier der Löwe Demostenes sein Ende
gefunden wie er hier mit heiligem selbsterwähltem Tode aus den macedonischen
Ketten und Dolchen sich zur Freiheit geholfen  Der herrliche Geist ging
scherzend aus der Welt rief einer warum nicht sagt ich er hatte nichts mehr
hier zu suchen Athen war Alexanders Dirne geworden und die Welt wie ein
Hirsch von dem großen Jäger zu Tode gehetzt
    O Athen rief Diotima ich habe manchmal getrauert wenn ich dahinaussah
und aus der blauen Dämmerung mir das Phantom des Olympion aufstieg
    Wie weit ists hinüber fragt ich
    Eine Tagreise vielleicht erwiderte Diotima
    Eine Tagereise rief ich und ich war noch nicht drüben Wir müssen gleich
hinüber zusammen
    Recht so rief Diotima wir haben morgen heitere See und alles steht jetzt
noch in seiner Grüne und Reife
    Man braucht die ewige Sonne und das Leben der unsterblichen Erde zu solcher
Wallfahrt
    Also morgen sagt ich und unsre Freunde stimmten mit ein
    Wir fuhren früh unter dem Gesange des Hahns aus der Reede In frischer
Klarheit glänzten wir und die Welt Goldne stille Jugend war in unsern Herzen
Das Leben in uns war wie das Leben einer neugebornen Insel des Ozeans worauf
der erste Frühling beginnt
    Schon lange war unter Diotimas Einfluss mehr Gleichgewicht in meine Seele
gekommen heute fühlt ich es dreifach rein und die zerstreuten schwärmenden
Kräfte waren all in Eine goldne Mitte versammelt
    Wir sprachen unter einander von der Trefflichkeit des alten Atenervolks
woher sie komme worin sie bestehe
    Einer sagte das Klima hat es gemacht der andere die Kunst und
Philosophie der dritte Religion und Staatsform
    Atenische Kunst und Religion und Philosophie und Staatsform sagt ich
sind Blüten und Früchte des Baums nicht Boden und Wurzel Ihr nehmt die
Wirkungen für die Ursache
    Wer aber mir sagt das Klima habe dies alles gebildet der denke dass auch
wir darin noch leben
    Ungestörter in jedem Betracht von gewaltsamem Einfluss freier als irgend
ein Volk der Erde erwuchs das Volk der Atener Kein Eroberer schwächt sie
kein Kriegsglück berauscht sie kein fremder Götterdienst betäubt sie keine
eilfertige Weisheit treibt sie zu unzeitiger Reife Sich selber überlassen wie
der werdende Diamant ist ihre Kindheit Man hört beinahe nichts von ihnen bis
in die Zeiten des Pisistratus und Hipparch Nur wenig Anteil nahmen sie am
trojanischen Kriege der wie im Treibhaus die meisten griechischen Völker zu
früh erhitzt und belebte  Kein außerordentlich Schicksal erzeugt den
Menschen Groß und kolossalisch sind die Söhne einer solchen Mutter aber schöne
Wesen oder was dasselbe ist Menschen werden sie nie oder spät erst wenn die
Kontraste sich zu hart bekämpfen um nicht endlich Frieden zu machen
    In üppiger Kraft eilt Lacedämon den Ateniensern voraus und hätte sich eben
deswegen auch früher zerstreut und aufgelöst wäre Lycurg nicht gekommen und
hätte mit seiner Zucht die übermütige Natur zusammengehalten Von nun an war
denn auch an dem Spartaner alles erbildet alle Vortrefflichkeit errungen und
erkauft durch Fleiß und selbstbewusstes Streben und soviel man in gewissem Sinne
von der Einfalt der Spartaner sprechen kann so war doch wie natürlich
eigentliche Kindereinfalt ganz nicht unter ihnen Die Lacedämonier durchbrachen
zu frühe die Ordnung des Instinkts sie schlugen zu früh aus der Art und so
musste denn auch die Zucht zu früh mit ihnen beginnen denn jede Zucht und Kunst
beginnt zu früh wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist
Vollendete Natur muss in dem Menschenkinde leben eh es in die Schule geht damit
das Bild der Kindheit ihm die Rückkehr zeige aus der Schule zu vollendeter
Natur
    Die Spartaner blieben ewig ein Fragment denn wer nicht einmal ein
vollkommenes Kind war der wird schwerlich ein vollkommener Mann 
    Freilich hat auch Himmel und Erde für die Atener wie für alle Griechen
das ihre getan hat ihnen nicht Armut und nicht Überfluss gereicht Die Strahlen
des Himmels sind nicht wie ein Feuerregen auf sie gefallen Die Erde
verzärtelte berauschte sie nicht mit Liebkosungen und übergütigen Gaben wie
sonst wohl hie und da die törige Mutter tut
    Hiezu kam die wundergrosse Tat des Teseus die freiwillige Beschränkung
seiner eignen königlichen Gewalt
    O solch ein Samenkorn in die Herzen des Volks geworfen muss einen Ozean von
goldnen Ähren erzeugen und sichtbar wirkt und wuchert es spät noch unter den
Atenern
    Also noch einmal dass die Atener so frei von gewaltsamem Einfluss aller Art
so recht bei mittelmässiger Kost aufwuchsen das hat sie so vortrefflich gemacht
und dies nur konnt es
    Lasst von der Wiege an den Menschen ungestört treibt aus der engvereinten
Knospe seines Wesens treibt aus dem Hüttchen seiner Kindheit ihn nicht heraus
tut nicht zu wenig dass er euch nicht entbehre und so von ihm euch unterscheide
tut nicht zu viel dass er eure oder seine Gewalt nicht fühle und so von ihm
euch unterscheide kurz lasst den Menschen spät erst wissen dass es Menschen
dass es irgend etwas außer ihm gibt denn so nur wird er Mensch Der Mensch ist
aber ein Gott so bald er Mensch ist Und ist er ein Gott so ist er schön
    Sonderbar rief einer von den Freunden
    Du hast noch nie so tief aus meiner Seele gesprochen rief Diotima
    Ich hab es von dir erwidert ich
    So war der Atener ein Mensch fuhr ich fort so musst er es werden Schön
kam er aus den Händen der Natur schön an Leib und Seele wie man zu sagen
pflegt
    Das erste Kind der menschlichen der göttlichen Schönheit ist die Kunst In
ihr verjüngt und wiederholt der göttliche Mensch sich selbst Er will sich
selber fühlen darum stellt er seine Schönheit gegenüber sich So gab der Mensch
sich seine Götter Denn im Anfang war der Mensch und seine Götter Eins da sich
selber unbekannt die ewige Schönheit war  Ich spreche Mysterien aber sie
sind 
    Das erste Kind der göttlichen Schönheit ist die Kunst So war es bei den
Atenern
    Der Schönheit zweite Tochter ist Religion Religion ist Liebe der Schönheit
Der Weise liebt sie selbst die Unendliche die Allumfassende das Volk liebt
ihre Kinder die Götter die in mannigfaltigen Gestalten ihm erscheinen Auch so
wars bei den Atenern Und ohne solche Liebe der Schönheit ohne solche Religion
ist jeder Staat ein dürr Gerippe ohne Leben und Geist und alles Denken und Tun
ein Baum ohne Gipfel eine Säule wovon die Krone herabgeschlagen ist
    Dass aber wirklich dies der Fall war bei den Griechen und besonders den
Atenern dass ihre Kunst und ihre Religion die echten Kinder ewiger Schönheit 
vollendeter Menschennatur  sind und nur hervorgehn konnten aus vollendeter
Menschennatur das zeigt sich deutlich wenn man nur die Gegenstände ihrer
heiligen Kunst und die Religion mit unbefangenem Auge sehen will womit sie jene
Gegenstände liebten und ehrten
    Mängel und Misstritte gibt es überall und so auch hier Aber das ist sicher
dass man in den Gegenständen ihrer Kunst doch meist den reifen Menschen findet
Da ist nicht das Kleinliche nicht das Ungeheure der Aegyptier und Goten da ist
Menschensinn und Menschengestalt Sie schweifen weniger als andre zu den
Extremen des Übersinnlichen und des Sinnlichen aus In der schönen Mitte der
Menschheit bleiben ihre Götter mehr denn andre
    Und wie der Gegenstand so auch die Liebe Nicht zu knechtisch und nicht gar
zu sehr vertraulich 
    Aus der Geistesschönheit der Atener folgte denn auch der nötige Sinn für
Freiheit
    Der Aegyptier trägt ohne Schmerz die Despotie der Willkür der Sohn des
Nordens ohne Widerwillen die Gesetzesdespotie die Ungerechtigkeit in
Rechtsform denn der Aegyptier hat von Mutterleib an einen Huldigungs und
Vergötterungstrieb im Norden glaubt man an das reine freie Leben der Natur zu
wenig um nicht mit Aberglauben am Gesetzlichen zu hängen
    Der Atener kann die Willkür nicht ertragen weil seine göttliche Natur
nicht will gestört sein er kann Gesetzlichkeit nicht überall ertragen weil er
ihrer nicht überall bedarf Drako taugt für ihn nicht Er will zart behandelt
sein und tut auch recht daran
    Gut unterbrach mich einer das begreif ich aber wie dies dichterische
religiöse Volk nun auch ein philosophisch Volk sein soll das seh ich nicht
    Sie wären sogar sagt ich ohne Dichtung nie ein philosophisch Volk gewesen
    Was hat die Philosophie erwidert er was hat die kalte Erhabenheit dieser
Wissenschaft mit Dichtung zu tun
    Die Dichtung sagt ich meiner Sache gewiss ist der Anfang und das Ende
dieser Wissenschaft Wie Minerva aus Jupiters Haupt entspringt sie aus der
Dichtung eines unendlichen göttlichen Seins Und so läuft am End auch wieder in
ihr das Unvereinbare in der geheimnisvollen Quelle der Dichtung zusammen
    Das ist ein paradoxer Mensch rief Diotima jedoch ich ahn ihn Aber ihr
schweift mir aus Von Athen ist die Rede
    Der Mensch begann ich wieder der nicht wenigstens im Leben Einmal volle
lautre Schönheit in sich fühlte wenn in ihm die Kräfte seines Wesens wie die
Farben am Irisbogen in einander spielten der nie erfuhr wie nur in Stunden
der Begeisterung alles innigst übereinstimmt der Mensch wird nicht einmal ein
philosophischer Zweifler werden sein Geist ist nicht einmal zum Niederreissen
gemacht geschweige zum Aufbaun Denn glaubt es mir der Zweifler findet darum
nur in allem was gedacht wird Widerspruch und Mangel weil er die Harmonie der
mangellosen Schönheit kennt die nie gedacht wird Das trockne Brot das
menschliche Vernunft wohlmeinend ihm reicht verschmähet er nur darum weil er
ingeheim am Göttertische schwelgt
    Schwärmer rief Diotima darum warst auch du ein Zweifler Aber die Atener
    Ich bin ganz nah an ihnen sagt ich Das große Wort das en diaperon eayto
das Eine in sich selber unterschiedne des Heraklit das konnte nur ein Grieche
finden denn es ist das Wesen der Schönheit und ehe das gefunden war gabs
keine Philosophie
    Nun konnte man bestimmen das Ganze war da Die Blume war gereift man
konnte nun zergliedern
    Der Moment der Schönheit war nun kund geworden unter den Menschen war da im
Leben und Geiste das Unendlicheinige war
    Man konnt es aus einander setzen zerteilen im Geiste konnte das Geteilte
neu zusammendenken konnte so das Wesen des Höchsten und Besten mehr und mehr
erkennen und das Erkannte zum Gesetze geben in des Geistes mannigfaltigen
Gebieten
    Seht ihr nun warum besonders die Atener auch ein philosophisch Volk sein
mussten
    Das konnte der Aegyptier nicht Wer mit dem Himmel und der Erde nicht in
gleicher Lieb und Gegenliebe lebt wer nicht in diesem Sinne einig lebt mit dem
Elemente worin er sich regt ist von Natur auch in sich selbst so einig nicht
und erfährt die ewige Schönheit wenigstens so leicht nicht wie ein Grieche
    Wie ein prächtiger Despot wirft seine Bewohner der orientalische
Himmelsstrich mit seiner Macht und seinem Glanze zu Boden und ehe der Mensch
noch gehen gelernt hat muss er knieen eh er sprechen gelernt hat muss er beten
ehe sein Herz ein Gleichgewicht hat muss es sich neigen und ehe der Geist noch
stark genug ist Blumen und Früchte zu tragen zieht Schicksal und Natur mit
brennender Hitze alle Kraft aus ihm Der Aegyptier ist hingegeben eh er ein
Ganzes ist und darum weiß er nichts vom Ganzen nichts von Schönheit und das
Höchste was er nennt ist eine verschleierte Macht ein schauerhaft Rätsel die
stumme finstre Isis ist sein Erstes und Letztes eine leere Unendlichkeit und da
heraus ist nie Vernünftiges gekommen Auch aus dem erhabensten Nichts wird
Nichts geboren
    Der Norden treibt hingegen seine Zöglinge zu früh in sich hinein und wenn
der Geist des feurigen Aegyptiers zu reiselustig in die Welt hinaus eilt
schickt im Norden sich der Geist zur Rückkehr in sich selbst an ehe er nur
reisefertig ist
    Man muss im Norden schon verständig sein noch eh ein reif Gefühl in einem
ist man misst sich Schuld von allem bei noch ehe die Unbefangenheit ihr schönes
Ende erreicht hat man muss vernünftig muss zum selbstbewussten Geiste werden ehe
man Mensch zum klugen Manne ehe man Kind ist die Einigkeit des ganzen
Menschen die Schönheit lässt man nicht in ihm gedeihn und reifen eh er sich
bildet und entwickelt Der bloße Verstand die bloße Vernunft sind immer die
Könige des Nordens
    Aber aus bloßem Verstand ist nie Verständiges aus bloßer Vernunft ist nie
Vernünftiges gekommen
    Verstand ist ohne Geistesschönheit wie ein dienstbarer Geselle der den
Zaun aus grobem Holze zimmert wie ihm vorgezeichnet ist und die gezimmerten
Pfähle an einander nagelt für den Garten den der Meister bauen will Des
Verstandes ganzes Geschäft ist Notwerk Vor dem Unsinn vor dem Unrecht schützt
er uns indem er ordnet aber sicher zu sein vor Unsinn und vor Unrecht ist doch
nicht die höchste Stufe menschlicher Vortrefflichkeit
    Vernunft ist ohne Geistes ohne Herzensschönheit wie ein Treiber den der
Herr des Hauses über die Knechte gesetzt hat der weiß so wenig als die
Knechte was aus all der unendlichen Arbeit werden soll und ruft nur tummelt
euch und sieht es fast ungern wenn es vor sich geht denn am Ende hätt er ja
nichts mehr zu treiben und seine Rolle wäre gespielt
    Aus bloßem Verstande kommt keine Philosophie denn Philosophie ist mehr
denn nur die beschränkte Erkenntnis des Vorhandnen
    Aus bloßer Vernunft kommt keine Philosophie denn Philosophie ist mehr denn
blinde Forderung eines nie zu endigenden Fortschritts in Vereinigung und
Unterscheidung eines möglichen Stoffs
    Leuchtet aber das göttliche en diaperon eayto das Ideal der Schönheit der
strebenden Vernunft so fodert sie nicht blind und weiß warum wozu sie
fodert
    Scheint wie der Maitag in des Künstlers Werkstatt dem Verstande die Sonne
des Schönen zu seinem Geschäfte so schwärmt er zwar nicht hinaus und lässt sein
Notwerk stehen doch denkt er gerne des Festtags wo er wandeln wird im
verjüngenden Frühlingslichte
    So weit war ich als wir landeten an der Küste von Attika
    Das alte Athen lag jetzt zu sehr uns im Sinne als dass wir hätten viel in
der Ordnung sprechen mögen und ich wunderte mich jetzt selber über die Art
meiner Äußerungen Wie bin ich doch rief ich auf die trocknen Berggipfel
geraten worauf ihr mich saht
    Es ist immer so erwiderte Diotima wenn uns recht wohl ist Die üppige
Kraft sucht eine Arbeit Die jungen Lämmer stoßen sich die Stirnen an einander
wenn sie von der Mutter Milch gesättiget sind
    Wir gingen jetzt am Lykabettus hinauf und blieben trotz der Eile zuweilen
stehen in Gedanken und wunderbaren Erwartungen
    Es ist schön dass es dem Menschen so schwer wird sich vom Tode dessen was
er liebt zu überzeugen und es ist wohl keiner noch zu seines Freundes Grabe
gegangen ohne die leise Hoffnung da dem Freunde wirklich zu begegnen Mich
ergriff das schöne Phantom des alten Atens wie einer Mutter Gestalt die aus
dem Totenreiche zurückkehrt
    O Partenon rief ich Stolz der Welt zu deinen Füßen liegt das Reich des
Neptun wie ein bezwungener Löwe und wie Kinder sind die andern Tempel um dich
versammelt und die beredte Agora und der Hain des Akademus 
    Kannst du so dich in die alte Zeit versetzen sagte Diotima
    Mahne mich nicht an die Zeit erwidert ich es war ein göttlich Leben und
der Mensch war da der Mittelpunkt der Natur Der Frühling als er um Athen her
blühte war er wie eine bescheidne Blume an der Jungfrau Busen die Sonne ging
schamrot auf über den Herrlichkeiten der Erde
    Die Marmorfelsen des Hymettus und Pentele sprangen hervor aus ihrer
schlummernden Wiege wie Kinder aus der Mutter Schoss und gewannen Form und
Leben unter den zärtlichen AtenerHänden
    Honig reichte die Natur und die schönsten Veilchen und Myrten und Oliven
    Die Natur war Priesterin und der Mensch ihr Gott und alles Leben in ihr und
jede Gestalt und jeder Ton von ihr nur Ein begeistertes Echo des Herrlichen dem
sie gehörte
    Ihn feiert ihm nur opferte sie
    Er war es auch wert er mochte liebend in der heiligen Werkstatt sitzen und
dem Götterbilde das er gemacht die Kniee umfassen oder auf dem Vorgebirge
auf Suniums grüner Spitze unter den horchenden Schülern gelagert sich die Zeit
verkürzen mit hohen Gedanken oder er mocht im Stadium laufen oder vom
Rednerstuhle wie der Gewittergott Regen und Sonnenschein und Blitze senden und
goldene Wolken 
    O siehe rief jetzt Diotima mir plötzlich zu
    Ich sah und hätte vergehen mögen vor dem allmächtigen Anblick
    Wie ein unermesslicher Schiffbruch wenn die Orkane verstummt sind und die
Schiffer entflohn und der Leichnam der zerschmetterten Flotte unkenntlich auf
der Sandbank liegt so lag vor uns Athen und die verwaisten Säulen standen vor
uns wie die nackten Stämme eines Walds der am Abend noch grünte und des
Nachts darauf im Feuer aufging
    Hier sagte Diotima lernt man stille sein über sein eigen Schicksal es
sei gut oder böse
    Hier lernt man stille sein über Alles fuhr ich fort Hätten die Schnitter
die dies Kornfeld gemäht ihre Scheunen mit seinen Halmen bereichert so wäre
nichts verloren gegangen und ich wollte mich begnügen hier als Ährenleser zu
stehen aber wer gewann denn
    Ganz Europa erwidert einer von den Freunden
    O ja rief ich sie haben die Säulen und Statuen weggeschleift und an
einander verkauft haben die edlen Gestalten nicht wenig geschätzt der
Seltenheit wegen wie man Papageien und Affen schätzt
    Sage das nicht erwiderte derselbe und mangelt auch wirklich ihnen der
Geist von all dem Schönen so wär es weil der nicht weggetragen werden konnte
und nicht gekauft
    Ja wohl rief ich Dieser Geist war auch untergegangen noch ehe die
Zerstörer über Attika kamen Erst wenn die Häuser und Tempel ausgestorben
wagen sich die wilden Tiere in die Tore und Gassen
    Wer jenen Geist hat sagte Diotima tröstend dem steht Athen noch wie ein
blühender Fruchtbaum Der Künstler ergänzt den Torso sich leicht
    Wir gingen des andern Tages früh aus sahen die Ruinen des Partenon die
Stelle des alten Bacchusteaters den Teseustempel die sechszehn Säulen die
noch übrig stehen vom göttlichen Olympion am meisten aber ergriff mich das alte
Tor wodurch man ehmals aus der alten Stadt zur neuen herauskam wo gewiss einst
tausend schöne Menschen an Einem Tage sich grüßten Jetzt kommt man weder in die
alte noch in die neue Stadt durch dieses Tor und stumm und öde steht es da
wie ein vertrockneter Brunnen aus dessen Röhren einst mit freundlichem
Geplätscher das klare frische Wasser sprang
    Ach sagt ich indes wir so herumgingen es ist wohl ein prächtig Spiel des
Schicksals dass es hier die Tempel niederstürzt und ihre zertrümmerten Steine
den Kindern herumzuwerfen gibt dass es die zerstümmelten Götter zu Bänken vor
der Bauernhütte und die Grabmäler hier zur Ruhestätte des weidenden Stiers
macht und eine solche Verschwendung ist königlicher als der Mutwille der
Kleopatra da sie die geschmolzenen Perlen trank aber es ist doch schade um all
die Größe und Schönheit
    Guter Hyperion rief Diotima es ist Zeit dass du weggehst du bist blass und
dein Auge ist müde und du suchst dir umsonst mit Einfällen zu helfen Komm
hinaus ins Grüne unter die Farben des Lebens das wird dir wohltun
    Wir gingen hinaus in die nahegelegenen Gärten
    Die andern waren auf dem Wege mit zwei britischen Gelehrten die unter den
Altertümern in Athen ihre Ernte hielten ins Gespräch geraten und nicht von der
Stelle zu bringen Ich ließ sie gerne
    Mein ganzes Wesen richtete sich auf da ich einmal wieder mit Diotima allein
mich sah sie hatte einen herrlichen Kampf bestanden mit dem heiligen Chaos von
Athen Wie das Saitenspiel der himmlischen Muse über den uneinigen Elementen
herrschten Diotimas stille Gedanken über den Trümmern Wie der Mond aus zartem
Gewölke hob sich ihr Geist aus schönem Leiden empor das himmlische Mädchen
stand in seiner Wehmut da wie die Blume die in der Nacht am lieblichsten
duftet
    Wir gingen weiter und weiter und waren am Ende nicht umsonst gegangen
    O ihr Haine von Angele wo der Ölbaum und die Zypresse umeinander
flüsternd mit freundlichen Schatten sich kühlen wo die goldne Frucht des
Zitronenbaums aus dunklem Laube blinkt wo die schwellende Traube mutwillig über
den Zaun wächst und die reife Pomeranze wie ein lächelnder Fündling im Wege
liegt ihr duftenden heimlichen Pfade ihr friedlichen Sitze wo das Bild des
Myrtenstrauchs aus der Quelle lächelt euch werd ich nimmer vergessen
    Diotima und ich gingen eine Weile unter den herrlichen Bäumen umher bis
eine große heitere Stelle sich uns darbot
    Hier setzten wir uns Es war eine selige Stille unter uns Mein Geist
umschwebte die göttliche Gestalt des Mädchens wie eine Blume der Schmetterling
und all mein Wesen erleichterte vereinte sich in der Freude der begeisternden
Betrachtung
    Bist du schon wieder getröstet Leichtsinniger sagte Diotima
    Ja ja ich bins erwidert ich Was ich verloren wähnte hab ich wonach ich
schmachtete als wär es aus der Welt verschwunden das ist vor mir Nein
Diotima noch ist die Quelle der ewigen Schönheit nicht versiegt
    Ich habe dirs schon einmal gesagt ich brauche die Götter und die Menschen
nicht mehr Ich weiß der Himmel ist ausgestorben entvölkert und die Erde die
einst überfloss von schönem menschlichen Leben ist fast wie ein Ameisenhaufe
geworden Aber noch gibt es eine Stelle wo der alte Himmel und die alte Erde
mir lacht Denn alle Götter des Himmels und alle göttlichen Menschen der Erde
vergess ich in dir
    Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt ich weiß von nichts als meiner
seligen Insel
    Es gibt eine Zeit der Liebe sagte Diotima mit freundlichem Ernste wie es
eine Zeit gibt in der glücklichen Wiege zu leben Aber das Leben selber treibt
uns heraus
    Hyperion  hier ergriff sie meine Hand mit Feuer und ihre Stimme erhub mit
Größe sich  Hyperion mich deucht du bist zu höheren Dingen geboren Verkenne
dich nicht der Mangel am Stoffe hielt dich zurück Es ging nicht schnell genug
Das schlug dich nieder Wie die jungen Fechter fielst du zu rasch aus ehe noch
dein Ziel gewiss und deine Faust gewandt war und weil du wie natürlich mehr
getroffen wurdest als du trafst so wurdest du scheu und zweifeltest an dir und
allem denn du bist so empfindlich als du heftig bist Aber dadurch ist nichts
verloren Wäre dein Gemüt und deine Tätigkeit so frühe reif geworden so wäre
dein Geist nicht was er ist du wärst der denkende Mensch nicht wärst du nicht
der leidende der gärende Mensch gewesen Glaube mir du hättest nie das
Gleichgewicht der schönen Menschheit so rein erkannt hättest du es nicht so
sehr verloren gehabt Dein Herz hat endlich Frieden gefunden Ich will es
glauben Ich versteh es Aber denkst du wirklich dass du nun am Ende seist
Willst du dich verschließen in den Himmel deiner Liebe und die Welt die deiner
bedürfte verdorren und erkalten lassen unter dir Du musst wie der Lichtstrahl
herab wie der allerfrischende Regen musst du nieder ins Land der Sterblichkeit
du musst erleuchten wie Apoll erschüttern beleben wie Jupiter sonst bist du
deines Himmels nicht wert Ich bitte dich geh nach Athen hinein noch Einmal
und siehe die Menschen auch an die dort herumgehn unter den Trümmern die rohen
Albaner und die andern guten kindischen Griechen die mit einem lustigen Tanze
und einem heiligen Märchen sich trösten über die schmähliche Gewalt die über
ihnen lastet  kannst du sagen ich schäme mich dieses Stoffs Ich meine er
wäre doch noch bildsam Kannst du dein Herz abwenden von den Bedürftigen Sie
sind nicht schlimm sie haben dir nichts zuleide getan
    Was kann ich für sie tun rief ich
    Gib ihnen was du in dir hast erwiderte Diotima gib 
    Kein Wort kein Wort mehr große Seele rief ich du beugst mich sonst es
ist ja sonst als hättest du mit Gewalt mich dazu gebracht 
    Sie werden nicht glücklicher sein aber edler nein sie werden auch
glücklicher sein Sie müssen heraus sie müssen hervorgehn wie die jungen Berge
aus der Meersflut wenn ihr unterirdisches Feuer sie treibt
    Zwar steh ich allein und trete ruhmlos unter sie Doch Einer der ein Mensch
ist kann er nicht mehr denn Hunderte die nur Teile sind des Menschen
    Heilige Natur du bist dieselbe in und außer mir Es muss so schwer nicht
sein was außer mir ist zu vereinen mit dem Göttlichen in mir Gelingt der
Biene doch ihr kleines Reich warum sollte denn ich nicht pflanzen können und
baun was not ist
    Was der arabische Kaufmann säete seinen Koran aus und es wuchs ein Volk
von Schülern wie ein unendlicher Wald ihm auf und der Acker sollte nicht auch
gedeihn wo die alte Wahrheit wiederkehrt in neu lebendiger Jugend
    Es werde von Grund aus anders Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die
neue Welt Eine neue Gottheit walte über ihnen eine neue Zukunft kläre vor
ihnen sich auf
    In der Werkstatt in den Häusern in den Versammlungen in den Tempeln
überall werd es anders
    Aber ich muss noch ausgehn zu lernen Ich bin ein Künstler aber ich bin
nicht geschickt Ich bilde im Geiste aber ich weiß noch die Hand nicht zu
führen 
    Du gehest nach Italien sagte Diotima nach Deutschland Frankreich 
wieviel Jahre brauchst du drei  vier  ich denke drei sind genug du bist ja
keiner von den Langsamen und suchst das Größte und das Schönste nur 
    »Und dann«
    Du wirst Erzieher unsers Volks du wirst ein großer Mensch sein hoff ich
Und wenn ich dann dich so umfasse da werd ich träumen als wär ich ein Teil des
herrlichen Manns da werd ich frohlocken als hättest du mir die Hälfte deiner
Unsterblichkeit wie Pollux dem Kastor geschenkt o ich werd ein stolzes
Mädchen werden Hyperion
    Ich schwieg eine Weile Ich war voll unaussprechlicher Freude
    Gibts denn Zufriedenheit zwischen dem Entschluss und der Tat begann ich
endlich wieder gibts eine Ruhe vor dem Siege
    Es ist die Ruhe des Helden sagte Diotima es gibt Entschlüsse die wie
Götterworte Gebot und Erfüllung zugleich sind und so ist der deine 
    Wir gingen zurück wie nach der ersten Umarmung Es war uns alles fremd und
neu geworden
    Ich stand nun über den Trümmern von Athen wie der Ackersmann auf dem
Brachfeld Liege nur ruhig dacht ich da wir wieder zu Schiffe gingen liege
nur ruhig schlummerndes Land Bald grünt das junge Leben aus dir und wächst
den Segnungen des Himmels entgegen Bald regnen die Wolken nimmer umsonst bald
findet die Sonne die alten Zöglinge wieder
    Du frägst nach Menschen Natur Du klagst wie ein Saitenspiel worauf des
Zufalls Bruder der Wind nur spielt weil der Künstler der es ordnete
gestorben ist Sie werden kommen deine Menschen Natur Ein verjüngtes Volk
wird dich auch wieder verjüngen und du wirst werden wie seine Braut und der
alte Bund der Geister wird sich erneuen mit dir
    Es wird nur Eine Schönheit sein und Menschheit und Natur wird sich vereinen
in Eine allumfassende Gottheit
 
                                  Zweiter Band
                 mh pynai ton apanta nika logon to depei panh bhnai keiten
                oten per hkei poly deiteron os taxisa
                                                                      SOPHOKLES
 
                                  Erstes Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Wir lebten in den letzten schönen Momenten des Jahrs nach unserer Rückkunft aus
dem Attischen Lande
    Ein Bruder des Frühlings war uns der Herbst voll milden Feuers eine
Festzeit für die Erinnerung an Leiden und vergangne Freuden der Liebe Die
welkenden Blätter trugen die Farbe des Abendrots nur die Fichte und der Lorbeer
stand in ewigem Grün In den heitern Lüften zögerten wandernde Vögel andere
schwärmten im Weinberg und im Garten und ernteten fröhlich was die Menschen
übrig gelassen Und das himmlische Licht rann lauter vom offenen Himmel durch
alle Zweige lächelte die heilige Sonne die gütige die ich niemals nenne ohne
Freude und Dank die oft in tiefem Leide mit einem Blicke mich geheilt und von
dem Unmut und den Sorgen meine Seele gereinigt
    Wir besuchten noch all unsere liebsten Pfade Diotima und ich entschwundne
selige Stunden begegneten uns überall
    Wir erinnerten uns des vergangenen Mais wir hätten die Erde noch nie so
gesehen wie damals meinten wir sie wäre verwandelt gewesen eine silberne
Wolke von Blüten eine freudige Lebensflamme entledigt alles gröberen Stoffs
    Ach es war alles so voll Lust und Hoffnung rief Diotima so voll
unaufhörlichen Wachstums und doch auch so mühelos so seligruhig wie ein Kind
das vor sich hin spielt und nicht weiter denkt
    Daran rief ich erkenn ich sie die Seele der Natur an diesem stillen
Feuer an diesem Zögern in ihrer mächtigen Eile
    Und es ist den Glücklichen so lieb dies Zögern rief Diotima weißt du wir
standen einmal des Abends zusammen auf der Brücke nach starkem Gewitter und
das rote Berggewässer schoss wie ein Pfeil unter uns weg aber daneben grünt
in Ruhe der Wald und die hellen Buchenblätter regten sich kaum Da tat es uns
so wohl dass uns das seelenvolle Grün nicht auch so wegflog wie der Bach und
der schöne Frühling uns so still hielt wie ein zahmer Vogel aber nun ist er
dennoch über die Berge
    Wir lächelten über dem Worte wiewohl das Trauern uns näher war
    So sollt auch unsre eigne Seligkeit dahin gehen und wir sahns voraus
    O Bellarmin wer darf denn sagen er stehe fest wenn auch das Schöne seinem
Schicksal so entgegenreift wenn auch das Göttliche sich demütigen muss und die
Sterblichkeit mit allem Sterblichen teilen
                             Hyperion an Bellarmin
Ich hatte mit dem holden Mädchen noch vor ihrem Hause gezögert bis das Licht
der Nacht in die ruhige Dämmerung schien nun kam ich in Notaras Wohnung zurück
gedankenvoll voll überwallenden heroischen Lebens wie immer wenn ich aus
ihren Umarmungen ging Es war ein Brief von Alabanda gekommen
    Es regt sich Hyperion schrieb er mir Russland hat der Pforte den Krieg
erklärt man kommt mit einer Flotte in den Archipelagus2 die Griechen sollen
frei sein wenn sie mit aufstehn den Sultan an den Euphrat zu treiben Die
Griechen werden das Ihre tun die Griechen werden frei sein und mir ist herzlich
wohl dass es einmal wieder etwas zu tun gibt Ich mochte den Tag nicht sehen so
lang es noch so weit nicht war
    Bist du noch der Alte so komm Du findst mich in dem Dorfe vor Koron wenn
du den Weg von Misistra kommst Ich wohne am Hügel in dem weißen Landhause am
Walde
    Die Menschen die du in Smyrna bei mir kennen lerntest hab ich verlassen
Du hattest recht mit deinem feinern Sinne dass du in ihre Sphäre nicht tratest
    Mich verlangt uns Beede in dem neuen Leben wiederzusehn Dir war bis jetzt
die Welt zu schlecht um ihr dich zu erkennen zu geben Weil du nicht
Knechtsdienste tun mochtest tatest du nichts und das Nichtstun machte dich
grämlich und träumerisch
    Du mochtest im Sumpfe nicht schwimmen Komm nun komm und lass uns baden in
offener See
    Das soll uns wohl tun einzig Geliebter
    So schrieb er Ich war betroffen im ersten Moment Mir brannte das Gesicht
vor Scham mir kochte das Herz wie heiße Quellen und ich konnt auf keiner
Stelle bleiben so schmerzt es mich überflogen zu sein von Alabanda
überwunden auf immer Doch nahm ich nun auch um so begieriger die künftige
Arbeit ans Herz 
    Ich bin zu müßig geworden rief ich zu friedenslustig zu himmlisch zu
träg  Alabanda sieht in die Welt wie ein edler Pilot Alabanda ist fleißig
und sucht in der Woge nach Beute und dir schlafen die Hände im Schoss und mit
Worten möchtest du ausreichen und mit Zauberformeln beschwörst du die Welt
Aber deine Worte sind wie Schneeflocken unnütz und machen die Luft nur trüber
und deine Zaubersprüche sind für die Frommen aber die Unglaubigen hören dich
nicht  Ja sanft zu sein zu rechter Zeit das ist wohl schön doch sanft zu
sein zur Unzeit das ist hässlich denn es ist feig  Aber Harmodius deiner
Myrte will ich gleichen deiner Myrte worin das Schwert sich verbarg Ich will
umsonst nicht müßig gegangen sein und mein Schlaf soll werden wie Öl wenn die
Flamme darein kommt Ich will nicht zusehn wo es gilt will nicht umhergehn und
die Neuigkeit erfragen wann Alabanda den Lorbeer nimmt
                             Hyperion an Bellarmin
Diotimas Erblassen da sie Alabandas Brief las ging mir durch die Seele Drauf
fing sie an gelassen und ernst den Schritt mir abzuraten und wir sprachen
manches hin und wider O ihr Gewaltsamen rief sie endlich die ihr so schnell
zum Äußersten seid denkt an die Nemesis
    Wer Äusserstes leidet sagt ich dem ist das Äußerste recht
    Wenns auch recht ist sagte sie du bist dazu nicht geboren
    So scheint es sagt ich ich hab auch lange genug gesäumt O ich möchte
einen Atlas auf mich laden um die Schulden meiner Jugend abzutragen Hab ich
ein Bewusstsein hab ich ein Bleiben in mir O lass mich Diotima Hier gerad in
solcher Arbeit muss ich es erbeuten
    Das ist eitel Übermut rief Diotima neulich warst du bescheidner neulich
da du sagtest ich muss noch ausgehn zu lernen
    Liebe Sophistin rief ich damals war ja auch von ganz was anderem die Rede
In den Olymp des Göttlichschönen wo aus ewigjungen Quellen das Wahre mit allem
Guten entspringt dahin mein Volk zu führen bin ich noch jetzt nicht geschickt
Aber ein Schwert zu brauchen hab ich gelernt und mehr bedarf es für jetzt
nicht Der neue Geisterbund kann in der Luft nicht leben die heilige Teokratie
des Schönen muss in einem Freistaat wohnen und der will Platz auf Erden haben
und diesen Platz erobern wir gewiss
    Du wirst erobern rief Diotima und vergessen wofür wirst wenn es hoch
kommt einen Freistaat dir erzwingen und dann sagen wofür hab ich gebaut ach
es wird verzehrt sein all das schöne Leben das daselbst sich regen sollte
wird verbraucht sein selbst in dir Der wilde Kampf wird dich zerreißen schöne
Seele du wirst altern seliger Geist und lebensmüd am Ende fragen wo seid ihr
nun ihr Ideale der Jugend
    Das ist grausam Diotima rief ich so ins Herz zu greifen so an meiner
eignen Todesfurcht an meiner höchsten Lebenslust mich festzuhalten aber nein
nein nein der Knechtsdienst tötet aber gerechter Krieg macht jede Seele
lebendig Das gibt dem Golde die Farbe der Sonne dass man ins Feuer es wirft
Das das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend dass er Fesseln zerreißt Das
rettet ihn allein dass er sich aufmacht und die Natter zertritt das kriechende
Jahrhundert das alle schöne Natur im Keime vergiftet  Altern sollt ich
Diotima wenn ich Griechenland befreie altern ärmlich werden ein gemeiner
Mensch O so war er wohl recht schal und leer und gottverlassen der
Atenerjüngling da er als Siegesbote von Maraton über den Gipfel des Pentele
kam und hinabsah in die Täler von Attika
    Lieber Lieber rief Diotima sei doch still ich sage dir kein Wort mehr
Du sollst gehen sollst gehen stolzer Mensch Ach wenn du so bist hab ich
keine Macht kein Recht auf dich
    Sie weinte bitter und ich stand wie ein Verbrecher vor ihr Vergib mir
göttliches Mädchen rief ich vor ihr niedergesunken o vergib mir wo ich muss
Ich wähle nicht ich sinne nicht Eine Macht ist in mir und ich weiß nicht ob
ich es selbst bin was zu dem Schritte mich treibt Deine volle Seele gebietet
dirs antwortete sie Ihr nicht zu folgen führt oft zum Untergange doch ihr
zu folgen wohl auch Das beste ist du gehst denn es ist größer Handle du
ich will es tragen
                             Hyperion an Bellarmin
Diotima war von nun an wunderbar verändert
    Mit Freude hatt ich gesehen wie seit unserer Liebe das verschwiegne Leben
aufgegangen war in Blicken und lieblichen Worten und ihre genialische Ruhe war
mir oft in glänzender Begeisterung entgegengekommen
    Aber wie so fremd wird uns die schöne Seele wenn sie nach dem ersten
Aufblühn nach dem Morgen ihres Laufs hinauf zur Mittagshöhe muss Man kannte
fast das selige Kind nicht mehr so erhaben und so leidend war sie geworden
    O wie manchmal lag ich vor dem traurenden Götterbilde und wähnte die Seele
hinwegzuweinen im Schmerz um sie und stand bewundernd auf und selber voll von
allmächtigen Kräften Eine Flamme war ihr ins Auge gestiegen aus der gepressten
Brust Es war ihr zu enge geworden im Busen voll Wünschen und Leiden darum
waren die Gedanken des Mädchens so herrlich und kühn Eine neue Größe eine
sichtbare Gewalt über alles was fühlen konnte herrscht in ihr Sie war ein
höheres Wesen Sie gehörte zu den sterblichen Menschen nicht mehr
    O meine Diotima hätte ich damals gedacht wohin das kommen sollte
                             Hyperion an Bellarmin
Auch der kluge Notara wurde bezaubert von den neuen Entwürfen versprach mir
eine starke Partei hoffte bald den Korintischen Istmus zu besetzen und
Griechenland hier wie an der Handhabe zu fassen Aber das Schicksal wollt es
anders und machte seine Arbeit unnütz ehe sie ans Ziel kam
    Er riet mir nicht nach Tina zu gehen gerade den Peloponnes hinab zu reisen
und durchaus so unbemerkt als möglich Meinem Vater sollt ich unterwegs
schreiben meint er der bedächtige Alte würde leichter einen geschehenen
Schritt verzeihn als einen ungeschehenen erlauben Das war mir nicht recht nach
meinem Sinne aber wir opfern die eignen Gefühle so gern wenn uns ein großes
Ziel vor Augen steht
    Ich zweifle fuhr Notara fort ob du wirst auf deines Vaters Hilfe in
solchem Falle rechnen können Darum geb ich dir was nebenbei doch nötig ist für
dich um einige Zeit in allen Fällen zu leben und zu wirken Kannst du einst so
zahlst du mir es zurück wo nicht so war das meine auch dein Schäme des Gelds
dich nicht setzt er lächelnd hinzu auch die Rosse des Phöbus leben von der
Luft nicht allein wie uns die Dichter erzählen
                             Hyperion an Bellarmin
Nun kam der Tag des Abschieds
    Den Morgen über war ich oben in Notaras Garten geblieben in der frischen
Winterluft unter den immergrünen Zypressen und Zedern Ich war gefasst Die
großen Kräfte der Jugend hielten mich aufrecht und das Leiden das ich ahnte
trug wie eine Wolke mich höher
    Diotimas Mutter hatte Notara und die andern Freunde und mich gebeten dass
wir noch den letzten Tag bei ihr zusammen leben möchten Die Guten hatten sich
alle meiner und Diotimas gefreut und das Göttliche in unserer Liebe war an ihnen
nicht verloren geblieben Sie sollten nun mein Scheiden auch mir segnen
    Ich ging hinab Ich fand das teure Mädchen am Herde Es schien ihr ein
heilig priesterlich Geschäft an diesem Tage das Haus zu besorgen Sie hatte
alles zurechtgemacht alles im Hause verschönert und es durft ihr niemand dabei
helfen Alle Blumen die noch übrig waren im Garten hatte sie eingesammelt
Rosen und frische Trauben hatte sie in der späten Jahreszeit noch
zusammengebracht
    Sie kannte meinen Fußtritt da ich heraufkam trat mir leis entgegen die
bleichen Wangen glühten von der Flamme des Herds und die ernsten grossgewordnen
Augen glänzten von Tränen Sie sah wie michs überfiel Gehe hinein mein
Lieber sagte sie die Mutter ist drinnen und ich folge gleich
    Ich ging hinein Da saß die edle Frau und streckte mir die schöne Hand
entgegen  kommst du rief sie kommst du mein Sohn Ich sollte dir zürnen du
hast mein Kind mir genommen hast alle Vernunft mir ausgeredet und tust was
dich gelüstet und gehest davon aber vergebt es ihm ihr himmlischen Mächte
wenn er Unrecht vorhat und hat er Recht o so zögert nicht mit eurer Hilfe dem
Lieben Ich wollte reden aber eben kam Notara mit den übrigen Freunden herein
und hinter ihnen Diotima
    Wir schwiegen eine Weile Wir ehrten die traurende Liebe die in uns allen
war wir fürchteten uns sich ihrer zu überheben in Reden und stolzen Gedanken
Endlich nach wenigen flüchtigen Worten bat mich Diotima einiges von Agis und
Kleomenes zu erzählen ich hätte die großen Seelen oft mit feuriger Achtung
genannt und gesagt sie wären Halbgötter so gewiss wie Prometeus und ihr
Kampf mit dem Schicksal von Sparta sei heroischer als irgend einer in den
glänzenden Myten Der Genius dieser Menschen sei das Abendrot des griechischen
Tages wie Teseus und Homer die Aurore desselben
    Ich erzählte und am Ende fühlten wir uns alle stärker und höher
    Glücklich rief einer von den Freunden wem sein Leben wechselt zwischen
Herzensfreude und frischem Kampf
    Ja rief ein anderer das ist ewige Jugend dass immer Kräfte genug im Spiele
sind und wir uns ganz erhalten in Lust und Arbeit
    O ich möchte mit dir rief Diotima mir zu
    Es ist auch gut dass du bleibst Diotima sagt ich Die Priesterin darf aus
dem Tempel nicht gehen Du bewahrst die heilige Flamme du bewahrst im Stillen
das Schöne dass ich es wiederfinde bei dir
    Du hast auch recht mein Lieber das ist besser sagte sie und ihre Stimme
zitterte und das Aeterauge verbarg sich ins Tuch um seine Tränen seine
Verwirrung nicht sehen zu lassen
    O Bellarmin es wollte mir die Brust zerreißen dass ich sie so schamrot
gemacht Freunde rief ich erhaltet diesen Engel mir Ich weiß von nichts mehr
wenn ich sie nicht weiß O Himmel ich darf nicht denken wozu ich fähig wäre
wenn ich sie vermisste
    Sei ruhig Hyperion fiel Notara mir ein
    Ruhig rief ich o ihr guten Leute ihr könnt oft sorgen wie der Garten
blühn und wie die Ernte werden wird ihr könnt für euren Weinstock beten und ich
soll ohne Wünsche scheiden von dem Einzigen dem meine Seele dient
    Nein o du Guter rief Notara bewegt nein ohne Wünsche sollst du mir von
ihr nicht scheiden nein bei der Götterunschuld eurer Liebe meinen Segen habt
ihr gewiss
    Du mahnst mich rief ich schnell Sie soll uns segnen diese teure Mutter
soll mit euch uns zeugen  komm Diotima unsern Bund soll deine Mutter heiligen
bis die schöne Gemeinde die wir hoffen uns vermählt
    So fiel ich auf ein Knie mit großem Blick errötend festlichlächelnd sank
auch sie an meiner Seite nieder
    Längst rief ich o Natur ist unser Leben Eines mit dir und
himmlischjugendlich wie du und deine Götter all ist unsre eigne Welt durch
Liebe
    In deinen Hainen wandelten wir fuhr Diotima fort und waren wie du an
deinen Quellen saßen wir und waren wie du dort über die Berge gingen wir mit
deinen Kindern den Sternen wie du
    Da wir uns ferne waren rief ich da wie Harfengelispel unser kommend
Entzücken uns erst tönte da wir uns fanden da kein Schlaf mehr war und alle
Töne in uns erwachten zu des Lebens vollen Akkorden göttliche Natur da waren
wir immer wie du und nun auch da wir scheiden und die Freude stirbt sind wir
wie du voll Leidens und doch gut drum soll ein reiner Mund uns zeugen dass
unsre Liebe heilig ist und ewig so wie du
    Ich zeug es sprach die Mutter
    Wir zeugen es riefen die andern
    Nun war kein Wort mehr für uns übrig Ich fühlte mein höchstes Herz ich
fühlte mich reif zum Abschied Jetzt will ich fort ihr Lieben sagt ich und
das Leben schwand von allen Gesichtern Diotima stand wie ein Marmorbild und
ihre Hand starb fühlbar in meiner Alles hatt ich um mich her getötet ich war
einsam und mir schwindelte vor der grenzenlosen Stille wo mein überwallend
Leben keinen Halt mehr fand
    Ach rief ich mir ists brennendheiss im Herzen und ihr steht alle so kalt
ihr Lieben und nur die Götter des Hauses neigen ihr Ohr  Diotima  du bist
stille du siehst nicht  o wohl dir dass du nicht siehst
    So geh nur seufzte sie es muss ja sein geh nur du teures Herz
    O süßer Ton aus diesen Wonnelippen rief ich und stand wie ein Betender
vor der holden Statue  süßer Ton noch Einmal wehe mich an noch Einmal tage
liebes Augenlicht
    Rede so nicht Lieber rief sie rede mir ernster rede mit größerem Herzen
mir zu
    Ich wollte mich halten aber ich war wie im Traume
    Wehe rief ich das ist kein Abschied wo man wiederkehrt
    
    Du wirst sie töten rief Notara Siehe wie sanft sie ist und du bist so
außer dir
    Ich sah sie an und Tränen stürzten mir aus brennendem Auge
    So lebe denn wohl Diotima rief ich Himmel meiner Liebe lebe wohl 
Lasst uns stark sein teure Freunde teure Mutter ich gab dir Freude und Leid
Lebt wohl lebt wohl
    Ich wankte fort Diotima folgte mir allein
    Es war Abend geworden und die Sterne gingen herauf am Himmel Wir standen
still unter dem Hause Ewiges war in uns über uns Zart wie der Äther umwand
mich Diotima Törichter was ist denn Trennung flüsterte sie geheimnisvoll mir
zu mit dem Lächeln einer Unsterblichen
    Es ist mir auch jetzt anders sagt ich und ich weiß nicht was von beiden
ein Traum ist mein Leiden oder meine Freudigkeit
    Beides ist erwiderte sie und beides ist gut
    Vollendete rief ich ich spreche wie du Am Sternenhimmel wollen wir uns
erkennen Er sei das Zeichen zwischen mir und dir solange die Lippen
verstummen
    Das sei er sprach sie mit einem langsamen niegehörten Tone  es war ihr
letzter Im Dämmerlichte entschwand mir ihr Bild und ich weiß nicht ob sie es
wirklich war da ich zum letzten Male mich umwandt und die erlöschende Gestalt
noch einen Augenblick vor meinem Auge zückte und dann in die Nacht verschied
                             Hyperion an Bellarmin
Warum erzähl ich dir und wiederhole mein Leiden und rege die ruhelose Jugend
wieder auf in mir Ists nicht genug Einmal das Sterbliche durchwandert zu
haben warum bleib ich im Frieden meines Geistes nicht stille
    Darum mein Bellarmin weil jeder Atemzug des Lebens unserm Herzen wert
bleibt weil alle Verwandlungen der reinen Natur auch mit zu ihrer Schöne
gehören Unsre Seele wenn sie die sterblichen Erfahrungen ablegt und allein nur
lebt in heiliger Ruhe ist sie nicht wie ein unbelaubter Baum wie ein Haupt
ohne Locken Lieber Bellarmin ich habe eine Weile geruht wie ein Kind hab ich
unter den stillen Hügeln von Salamis gelebt vergessen des Schicksals und des
Strebens der Menschen Seitdem ist manches anders in meinem Auge geworden und
ich habe nun so viel Frieden in mir um ruhig zu bleiben bei jedem Blick ins
menschliche Leben O Freund am Ende söhnet der Geist mit allem uns aus Du
wirsts nicht glauben wenigstens von mir nicht Aber ich meine du solltest
sogar meinen Briefen es ansehen wie meine Seele täglich stiller wird und
stiller Und ich will künftig noch so viel davon sagen bis du es glaubst
    Hier sind Briefe von Diotima und mir die wir uns nach meinem Abschied von
Kalaurea geschrieben Sie sind das liebste was ich dir vertraue Sie sind das
wärmste Bild aus jenen Tagen meines Lebens Vom Kriegslärm sagen sie dir wenig
Desto mehr von meinem eigneren Leben und das ists ja was du willst Ach und du
musst auch sehen wie geliebt ich war Das konnt ich nie dir sagen das sagt
Diotima nur
                              Hyperion an Diotima
Ich bin erwacht aus dem Tode des Abschieds meine Diotima gestärkt wie aus dem
Schlafe richtet mein Geist sich auf
    Ich schreibe dir von einer Spitze der Epidaurischen Berge Da dämmert fern
in der Tiefe deine Insel Diotima und dortinaus mein Stadium wo ich siegen
oder fallen muss O Peloponnes o ihr Quellen des Eurotas und Alpheus Da wird es
gelten Aus den spartanischen Wäldern da wird wie ein Adler der alte
Landesgenius stürzen mit unsrem Heere wie mit rauschenden Fittigen
    Meine Seele ist voll von Tatenlust und voll von Liebe Diotima und in die
griechischen Täler blickt mein Auge hinaus als sollt es magisch gebieten
steigt wieder empor ihr Städte der Götter
    Ein Gott muss in mir sein denn ich fühl auch unsere Trennung kaum Wie die
seligen Schatten am Lete lebt jetzt meine Seele mit deiner in himmlischer
Freiheit und das Schicksal waltet über unsre Liebe nicht mehr
                              Hyperion an Diotima
Ich bin jetzt mitten im Peloponnes In derselben Hütte worin ich heute
übernachte übernachtete ich einst da ich beinahe noch Knabe mit Adamas diese
Gegenden durchzog Wie saß ich da so glücklich auf der Bank vor dem Hause und
lauschte dem Geläute der fernher kommenden Karawane und dem Geplätscher des
nahen Brunnens der unter blühenden Akazien sein silbern Gewässer ins Becken
goss
    Jetzt bin ich wieder glücklich Ich wandere durch dies Land wie durch
Dodonas Hain wo die Eichen tönten von ruhmweissagenden Sprüchen Ich sehe nur
Taten vergangene künftige wenn ich auch vom Morgen bis zum Abend unter freiem
Himmel wandre Glaube mir wer dieses Land durchreist und noch ein Joch auf
seinem Halse duldet kein Pelopidas wird der ist herzleer oder ihm fehlt es am
Verstande
    So lange schliefs  so lange schlich die Zeit wie der Höllenfluss trüb und
stumm in ödem Müssiggange vorüber
    Und doch liegt alles bereit Voll rächerischer Kräfte ist das Bergvolk
hieherum liegt da wie eine schweigende Wetterwolke die nur des Sturmwinds
wartet der sie treibt Diotima lass mich den Otem Gottes unter sie hauchen
lass mich ein Wort von Herzen an sie reden Diotima Fürchte nichts Sie werden
so wild nicht sein Ich kenne die rohe Natur Sie höhnt der Vernunft sie steht
aber im Bunde mit der Begeisterung Wer nur mit ganzer Seele wirkt irrt nie Er
bedarf des Klügelns nicht denn keine Macht ist wider ihn
                              Hyperion an Diotima
Morgen bin ich bei Alabanda Es ist mir eine Lust den Weg nach Koron zu
erfragen und ich frage öfter als nötig ist Ich möchte die Flügel der Sonne
nehmen und hin zu ihm und doch zaudr ich auch so gerne und frage wie wird er
sein
    Der königliche Jüngling warum bin ich später geboren warum sprang ich
nicht aus Einer Wiege mit ihm Ich kann den Unterschied nicht leiden der
zwischen uns ist O warum lebt ich wie ein müßiger Hirtenknabe zu Tina und
träumte nur von seinesgleichen noch erst da er schon in lebendiger Arbeit die
Natur erprüfte und mit Meer und Luft und allen Elementen schon rang triebs denn
in mir nach Tatenwonne nicht auch
    Aber ich will ihn einholen ich will schnell sein Beim Himmel ich bin
überreif zur Arbeit Meine Seele tobt nur gegen sich selbst wenn ich nicht bald
durch ein lebendig Geschäft mich befreie
    Hohes Mädchen wie konnt ich bestehen vor dir Wie war dirs möglich so ein
tatlos Wesen zu lieben
                              Hyperion an Diotima
Ich hab ihn teure Diotima
    Leicht ist mir die Brust und schnell sind meine Sehnen ha und die Zukunft
reizt mich wie eine klare Wassertiefe uns reizt hinein zu springen und das
übermütige Blut im frischen Bade zu kühlen Aber das ist Geschwätz Wir sind uns
lieber als je mein Alabanda und ich Wir sind freier umeinander und doch ists
alle die Fülle und Tiefe des Lebens wie sonst
    O wie hatten die alten Tyrannen so recht Freundschaften wie die unsere zu
verbieten Da ist man stark wie ein Halbgott und duldet nichts Unverschämtes
in seinem Bezirke 
    Es war des Abends da ich in sein Zimmer trat Er hatte eben die Arbeit bei
Seite gelegt saß in einer mondhellen Ecke am Fenster und pflegte seiner
Gedanken Ich stand im Dunkeln er erkannte mich nicht sah unbekümmert gegen
mich her Der Himmel weiß für wen er mich halten mochte Nun wie geht es rief
er So ziemlich sagt ich Aber das Heucheln war umsonst Meine Stimme war voll
geheimen Frohlockens Was ist das fuhr er auf bist dus Ja wohl du Blinder
rief ich und flog ihm in die Arme O nun rief Alabanda endlich nun soll es
anders werden Hyperion
    Das denk ich sagt ich und schüttelte freudig seine Hand
    Kennst du mich denn noch fuhr Alabanda fort nach einer Weile hast du den
alten frommen Glauben noch an Alabanda Grossmütiger mir ist es nimmer indes so
wohl gegangen als da ich im Lichte deiner Liebe mich fühlte
    Wie rief ich fragt dies Alabanda Das war nicht stolz gesprochen
Alabanda Aber es ist das Zeichen dieser Zeit dass die alte Heroennatur um Ehre
betteln geht und das lebendige Menschenherz wie eine Waise um einen Tropfen
Liebe sich kümmert
    Lieber Junge rief er ich bin eben alt geworden Das schlaffe Leben überall
und die Geschichte mit den Alten zu denen ich in Smyrna dich in die Schule
bringen wollte 
    O es ist bitter rief ich auch an diesen wagte sich die Todesgöttin die
Namenlose die man Schicksal nennt
    Es wurde Licht gebracht und wir sahen von neuem mit leisem liebendem Forschen
uns an Die Gestalt des Teuren war sehr anders geworden seit den Tagen der
Hoffnung Wie die Mittagssonne vom bleichen Himmel funkelte sein großes
ewiglebendes Auge vom abgeblühten Gesichte mich an
    Guter rief Alabanda mit freundlichem Unwillen da ich ihn so ansah lass die
Wehmutsblicke guter Junge Ich weiß es wohl ich bin herabgekommen O mein
Hyperion ich sehne mich sehr nach etwas Grossem und Wahrem und ich hoff es zu
finden mit dir Du bist mir über den Kopf gewachsen du bist freier und stärker
wie ehmals und siehe das freut mich herzlich Ich bin das dürre Land und du
kommst wie ein glücklich Gewitter  o es ist herrlich dass du da bist
    Stille sagt ich du nimmst mir die Sinnen und wir sollten gar nicht von
uns sprechen bis wir im Leben unter den Taten sind
    Ja wohl rief Alabanda freudig erst wenn das Jagdhorn schallt da fühlen
sich die Jäger
    Wirds denn bald angehn sagt ich
    Es wird rief Alabanda und ich sage dir Herz es soll ein ziemlich Feuer
werden Ha mags doch reichen bis an die Spitze des Turms und seine Fahne
schmelzen und um ihn wüten und wogen bis er berstet und stürzt  und stoße
dich nur an unsern Bundsgenossen nicht Ich weiß es wohl die guten Russen
möchten uns gerne wie Schiessgewehre brauchen Aber lass das gut sein haben nur
erst unsere kräftigen Spartaner bei Gelegenheit erfahren wer sie sind und was
sie können und haben wir so den Peloponnes erobert so lachen wir dem Nordpol
ins Angesicht und bilden uns ein eigenes Leben
    Ein eigenes Leben rief ich ein neu ein ehrsames Leben Sind wir denn wie
ein Irrlicht aus dem Sumpfe geboren oder stammen wir von den Siegern bei Salamis
ab Wie ists denn nun wie bist du denn zur Magd geworden griechische freie
Natur wie bist du so herabgekommen väterlich Geschlecht von dem das
Götterbild des Jupiter und des Apoll einst nur die Kopie war  Aber höre mich
Joniens Himmel höre mich Vaterlandserde die du dich halbnackt wie eine
Bettlerin mit den Lappen deiner alten Herrlichkeit umkleidest ich will es
länger nicht dulden
    O Sonne die uns erzog rief Alabanda zusehn sollst du wenn unter der
Arbeit uns der Mut wächst wenn unter den Schlägen des Schicksals unser Entwurf
wie das Eisen unter dem Hammer sich bildet
    Es entzündete einer den andern
    Und dass nur kein Flecken hängen bleibe rief ich kein Posse womit uns das
Jahrhundert wie der Pöbel die Wände bemalt O rief Alabanda darum ist der
Krieg auch so gut 
    Recht Alabanda rief ich so wie alle große Arbeit wo des Menschen Kraft
und Geist und keine Krücke und kein wächserner Flügel hilft Da legen wir die
Sklavenkleider ab worauf das Schicksal uns sein Wappen gedrückt 
    Da gilt nichts Eitles und Anerzwungenes mehr rief Alabanda da gehen wir
schmucklos fessellos nackt wie im Wettlauf zu Nemea zum Ziele
    Zum Ziele rief ich wo der junge Freistaat dämmert und das Panteon alles
Schönen aus griechischer Erde sich hebt
    Alabanda schwieg eine Weile Eine neue Röte stieg auf in seinem Gesichte
und seine Gestalt wuchs wie die erfrischte Pflanze in die Höhe
    O Jugend Jugend rief er dann will ich trinken aus deinem Quell dann will
ich leben und lieben Ich bin sehr freudig Himmel der Nacht fuhr er wie
trunken fort indem er unter das Fenster trat wie eine Rebenlaube überwölbest
du mich und deine Sterne hängen wie Trauben herunter
                              Hyperion an Diotima
Es ist mein Glück dass ich in voller Arbeit lebe Ich müsst in eine Torheit um
die andere fallen so voll ist meine Seele so berauscht der Mensch mich der
wunderbare der stolze der nichts liebt als mich und alle Demut die in ihm
ist nur auf mich häuft O Diotima dieser Alabanda hat geweint vor mir hat
wie ein Kind mirs abgebeten was er mir in Smyrna getan
    Wer bin ich dann ihr Lieben dass ich mein euch nenne dass ich sagen darf
sie sind mein eigen dass ich wie ein Eroberer zwischen euch steh und euch wie
meine Beute umfasse
    O Diotima o Alabanda edle ruhiggrosse Wesen wie muss ich vollenden wenn
ich nicht fliehn will vor meinem Glücke vor euch
    Eben während ich schrieb erhielt ich deinen Brief du liebe
    Traure nicht holdes Wesen traure nicht Spare dich unversehrt von Gram
den künftigen Vaterlandsfesten Diotima dem glühenden Festtag der Natur dem
spare dich auf und all den heitern Ehrentagen der Götter
    Siehest du Griechenland nicht schon
    O siehst du nicht wie froh der neuen Nachbarschaft die ewigen Sterne
lächeln über unsern Städten und Hainen wie das alte Meer wenn es unser Volk
lustwandelnd am Ufer sieht der schönen Atener wieder gedenkt und wieder Glück
uns bringt wie damals seinen Lieblingen auf fröhlicher Woge
    Seelenvolles Mädchen du bist so schön schon jetzt wie wirst du dann erst
wenn das echte Klima dich nährt in entzückender Glorie blühn
                              Diotima an Hyperion
Ich hatte die meiste Zeit mich eingeschlossen seit du fort bist lieber
Hyperion Heute war ich wieder einmal draußen
    In holder Februarluft hab ich Leben gesammelt und bringe das gesammelte dir
Es hat auch mir noch wohlgetan das frische Erwarmen des Himmels noch hab ich
sie mitgefühlt die neue Wonne der Pflanzenwelt der reinen immergleichen wo
alles trauert und sich wieder freut zu seiner Zeit
    Hyperion o mein Hyperion warum gehen wir denn die stillen Lebenswege nicht
auch Es sind heilige Namen Winter und Frühling und Sommer und Herbst wir aber
kennen sie nicht Ist es nicht Sünde zu trauern im Frühling warum tun wir es
dennoch
    Vergib mir die Kinder der Erde leben durch die Sonne allein ich lebe durch
dich ich habe andre Freuden ist es denn ein Wunder wenn ich andre Trauer
habe und muss ich trauern muss ich denn
    Mutiger lieber sollt ich welken wenn du glänzest sollte mir das Herz
ermatten wenn die Siegslust dir in allen Sehnen erwacht Hätt ich ehmals
gehört ein griechischer Jüngling mache sich auf das gute Volk aus seiner
Schmach zu ziehen es der mütterlichen Schönheit der es entstammte wieder zu
bringen wie hätt ich aufgestaunt aus dem Traume der Kindheit und gedürstet nach
dem Bilde des Teuren und nun er da ist nun er mein ist kann ich noch weinen
o des albernen Mädchens ist es denn nicht wirklich ist er der Herrliche nicht
und ist er nicht mein o ihr Schatten seliger Zeit ihr meine trauten
Erinnerungen
    Ist mir doch als wär er kaum von gestern jener Zauberabend da der heilge
Fremdling mir zum ersten Male begegnete da er wie ein trauernder Genius
hereinglänzt in die Schatten des Walds wo im Jugendtraume das unbekümmerte
Mädchen saß  in der Mailuft kam er in Joniens zaubrischer Mailuft und sie
macht ihn blühender mir sie lockt ihm das Haar entfaltet ihm wie Blumen
die Lippen löst in Lächeln die Wehmut auf und o ihr Strahlen des Himmels wie
leuchtetet ihr aus diesen Augen mich an aus diesen berauschenden Quellen wo im
Schatten umschirmender Bogen ewig Leben schimmert und wallt 
    Gute Götter wie er schön ward mit dem Blick auf mich wie der ganze
Jüngling eine Spanne größer geworden in leichter Nerve dastand nur dass ihm
die lieben Arme die bescheidenen niedersanken als wären sie nichts und wie er
drauf emporsah im Entzücken als wär ich gen Himmel entflogen und nicht mehr da
ach wie er nun in aller Herzensanmut lächelt und errötete da er wieder mich
gewahr ward und unter den dämmernden Tränen sein Phöbusauge durchstrahlt um zu
fragen bist dus bist du es wirklich
    Und warum begegnet er so frommen Sinnes so voll lieben Aberglaubens mir
warum hatt er erst sein Haupt gesenkt warum war der Götterjüngling so voll
Sehnens und Trauerns Sein Genius war zu selig um allein zu bleiben und zu arm
die Welt um ihn zu fassen O es war ein liebes Bild gewebt von Größe und
Leiden Aber nun ists anders mit dem Leiden ists aus Er hat zu tun bekommen
er ist der Kranke nicht mehr 
    Ich war voll Seufzens da ich anfing dir zu schreiben mein Geliebter
Jetzt bin ich lauter Freude So spricht man über dir sich glücklich Und siehe
so solls auch bleiben Lebe wohl
                              Hyperion an Diotima
Wir haben noch zu gutem Ende dein Fest gefeiert schönes Leben ehe der Lärm
beginnt Es war ein himmlischer Tag Das holde Frühjahr weht und glänzte vom
Orient her entlockt uns deinen Namen wie es den Bäumen die Blüten entlockt
und alle seligen Geheimnisse der Liebe entatmeten mir Eine Liebe wie die
unsre war dem Freunde nie erschienen und es war entzückend wie der stolze
Mensch aufmerkte und Auge und Geist ihm glühte dein Bild dein Wesen zu fassen
    O rief er endlich da ists wohl der Mühe wert für unser Griechenland zu
streiten wenn es solche Gewächse noch trägt
    Ja wohl mein Alabanda sagt ich da gehen wir heiter in den Kampf da treibt
uns himmlisch Feuer zu Taten wenn unser Geist vom Bilde solcher Naturen
verjüngt ist und da läuft man auch nach einem kleinen Ziele nicht da sorgt man
nicht für dies und das und künstelt den Geist nicht achtend von außen und
trinkt um des Kelchs willen den Wein da ruhen wir dann erst Alabanda wenn des
Genius Wonne kein Geheimnis mehr ist dann erst wenn die Augen all in
Triumphbogen sich wandeln wo der Menschengeist der langabwesende hervorglänzt
aus den Irren und Leiden und siegesfroh den väterlichen Äther grüßt  Ha an
der Fahne allein soll niemand unser künftig Volk erkennen es muss sich alles
verjüngen es muss von Grund aus anders sein voll Ernsts die Lust und heiter
alle Arbeit nichts auch das kleinste das alltäglichste nicht ohne den Geist
und die Götter Lieb und Hass und jeder Laut von uns muss die gemeinere Welt
befremden und auch kein Augenblick darf Einmal noch uns mahnen an die platte
Vergangenheit
                              Hyperion an Diotima
Der Vulkan bricht los In Koron und Modon werden die Türken belagert und wir
rücken mit unserem Bergvolk gegen den Peloponnes hinauf
    Nun hat die Schwermut all ein Ende Diotima und mein Geist ist fester und
schneller seit ich in lebendiger Arbeit bin und sieh ich habe nun auch eine
Tagesordnung
    Mit der Sonne beginn ich Da geh ich hinaus wo im Schatten des Walds mein
Kriegsvolk liegt und grüße die tausend hellen Augen die jetzt vor mir mit
wilder Freundlichkeit sich auftun Ein erwachendes Heer ich kenne nichts
gleiches und alles Leben in Städten und Dörfern ist wie ein Bienenschwarm
dagegen
    Der Mensch kanns nicht verleugnen dass er einst glücklich war wie die
Hirsche des Forsts und nach unzähligen Jahren klimmt noch in uns ein Sehnen nach
den Tagen der Urwelt wo jeder die Erde durchstreifte wie ein Gott eh ich
weiß nicht was den Menschen zahm gemacht und noch statt Mauern und totem
Holz die Seele der Welt die heilige Luft allgegenwärtig ihn umfing
    Diotima mir geschieht oft wunderbar wenn ich mein unbekümmert Volk
durchgehe und wie aus der Erde gewachsen einer um den andern aufsteht und dem
Morgenlicht entgegen sich dehnt und unter den Haufen der Männer die knatternde
Flamme emporsteigt wo die Mutter sitzt mit dem frierenden Kindlein wo die
erquickende Speise kocht indes die Rosse den Tag witternd schnauben und
schrein und der Wald ertönt von allerschütternder Kriegsmusik und rings von
Waffen schimmert und rauscht  aber das sind Worte und die eigne Lust von
solchem Leben erzählt sich nicht
    Dann sammelt mein Haufe sich um mich her mit Lust und es ist wunderbar
wie auch die Ältesten und Trotzigsten in aller meiner Jugend mich ehren Wir
werden vertrauter und mancher erzählt wies ihm erging im Leben und mein Herz
schwillt oft von mancherlei Schicksal Dann fang ich an von besseren Tagen zu
reden und glänzend gehen die Augen ihnen auf wenn sie des Bundes gedenken der
uns einigen soll und das stolze Bild des werdenden Freistaats dämmert vor
ihnen
    Alles für jeden und jeder für alle Es ist ein freudiger Geist in den Worten
und er ergreift auch immer meine Menschen wie Göttergebot O Diotima so zu
sehen wie von Hoffnungen da die starre Natur erweicht und all ihre Pulse
mächtiger schlagen und von Entwürfen die verdüsterte Stirne sich entfaltet und
glänzt so da zu stehen in einer Sphäre von Menschen umrungen von Glauben und
Lust das ist doch mehr als Erd und Himmel und Meer in aller ihrer Glorie zu
schaun
    Dann üb ich sie in Waffen und Märschen bis um Mittag Der frohe Mut macht
sie gelehrig wie er zum Meister mich macht Bald stehen sie dichtgedrängt in
macedonischer Reih und regen den Arm nur bald fliegen sie wie Strahlen
auseinander zum gewagteren Streit in einzelnen Haufen wo die geschmeidige Kraft
in jeder Stelle sich ändert und jeder selbst sein Feldherr ist und sammeln sich
wieder in sicherem Punkt  und immer wo sie gehen und stehen in solchem
Waffentanze schwebt ihnen und mir das Bild der Tyrannenknechte und der ernstere
Walplatz vor Augen
    Drauf wenn die Sonne heißer scheint wird Rat gehalten im Innern des Walds
und es ist Freude so mit stillen Sinnen über der großen Zukunft zu walten Wir
nehmen dem Zufall die Kraft wir meistern das Schicksal Wir lassen Widerstand
nach unserem Willen entstehn wir reizen den Gegner zu dem worauf wir gerüstet
sind Oder sehen wir zu und scheinen furchtsam und lassen ihn näher kommen bis
er das Haupt zum Schlag uns reicht auch nehmen wir ihm mit Schnelle die Fassung
und das ist meine Panacee Doch halten die erfahrneren Ärzte nichts auf solche
allesheilende Mittel
    Wie wohl ist dann des Abends mir bei meinem Alabanda wenn wir zur Lust auf
munteren Rossen die sonnenroten Hügel umschweifen und auf den Gipfeln wo wir
weilen die Luft in den Mähnen unserer Tiere spielt und das freundliche Säuseln
in unsere Gespräche sich mischt indes wir hinaussehn in die Fernen von Sparta
die unser Kampfpreis sind und wenn wir nun zurück sind und zusammensitzen in
lieblicher Kühle der Nacht wo uns der Becher duftet und das Mondlicht unser
spärlich Mahl bescheint und mitten in unsrer lächelnden Stille die Geschichte
der Alten wie eine Wolke aufsteigt aus dem heiligen Boden der uns trägt wie
selig ists da in solchem Momente sich die Hände zu reichen
    Dann spricht wohl Alabanda noch von manchem den die Langeweile des
Jahrhunderts peinigt von so mancher wunderbaren krummen Bahn die sich das
Leben bricht seitdem sein grader Gang gehemmt ist dann fällt mir auch mein
Adamas ein mit seinen Reisen seiner eignen Sehnsucht in das innere Asien
hinein  das sind nur Notbehelfe guter Alter möcht ich dann ihm rufen komm
und baue deine Welt mit uns denn unsre Welt ist auch die deine
    Auch die deine Diotima denn sie ist die Kopie von dir O du mit deiner
Elysiumsstille könnten wir das schaffen was du bist
                              Hyperion an Diotima
Wir haben jetzt dreimal in Einem fort gesiegt in kleinen Gefechten wo aber die
Kämpfer sich durchkreuzten wie Blitze und alles Eine verzehrende Flamme war
Navarin ist unser und wir stehen jetzt vor der Feste Misistra dem Überreste des
alten Sparta Ich hab auch die Fahne die ich einer albanischen Horde entriss
auf eine Ruine gepflanzt die vor der Stadt liegt habe vor Freude meinen
türkischen Kopfbund in den Eurotas geworfen und trage seitdem den griechischen
Helm
    Und nun möcht ich dich sehen o Mädchen sehen möcht ich dich und deine
Hände nehmen und an mein Herz sie drücken dem die Freude nun bald vielleicht zu
groß ist bald in einer Woche vielleicht ist er befreit der alte edle
heilige Peloponnes
    O dann du Teure lehre mich fromm sein dann lehre mein überwallend Herz
ein Gebet Ich sollte schweigen denn was hab ich getan und hätt ich etwas
getan wovon ich sprechen möchte wieviel ist dennoch übrig Aber was kann ich
dafür dass mein Gedanke schneller ist wie die Zeit Ich wollte so gern es wäre
umgekehrt und die Zeit und die Tat überflöge den Gedanken und der geflügelte
Sieg übereilte die Hoffnung selbst
    Mein Alabanda blüht wie ein Bräutigam Aus jedem seiner Blicke lacht die
kommende Welt mich an und daran still ich noch die Ungeduld so ziemlich
    Diotima ich möchte dieses werdende Glück nicht um die schönste Lebenszeit
des alten Griechenlands vertauschen und der kleinste unsrer Siege ist mir
lieber als Maraton und Termopylä und Platea Ists nicht wahr Ist nicht dem
Herzen das genesende Leben mehr wert als das reine das die Krankheit noch
nicht kennt Erst wenn die Jugend hin ist lieben wir sie und dann erst wenn
die verlorne wiederkehrt beglückt sie alle Tiefen der Seele
    Am Eurotas steht mein Zelt und wenn ich nach Mitternacht erwache rauscht
der alte Flussgott mahnend mir vorüber und lächelnd nehm ich die Blumen des
Ufers und streue sie in seine glänzende Welle und sag ihm Nimm es zum Zeichen
du Einsamer Bald umblüht das alte Leben dich wieder
                              Diotima an Hyperion
Ich habe die Briefe erhalten mein Hyperion die du unterwegens mir schriebst
Du ergreifst mich gewaltig mit allem was du mir sagst und mitten in meiner
Liebe schaudert mich oft den sanften Jüngling der zu meinen Füßen geweint in
dieses rüstige Wesen verwandelt zu sehen
    Wirst du denn nicht die Liebe verlernen
    Aber wandle nur zu Ich folge dir Ich glaube wenn du mich hassen könntest
würd ich auch da sogar dir nachempfinden würde mir Mühe geben dich zu hassen
und so blieben unsre Seelen sich gleich und das ist kein eitelübertrieben Wort
Hyperion
    Ich bin auch selbst ganz anders wie sonst Mir mangelt der heitre Blick in
die Welt und die freie Lust an allem Lebendigen Nur das Feld der Sterne zieht
mein Auge noch an Dagegen denk ich um so lieber an die großen Geister der
Vorwelt und wie sie geendet haben auf Erden und die hohen spartanischen Frauen
haben mein Herz gewonnen dabei vergess ich nicht die neuen Kämpfer die
kräftigen deren Stunde gekommen ist oft hör ich ihren Siegslärm durch den
Peloponnes herauf mir näher brausen und näher oft seh ich sie wie eine
Katarakte dort herunterwogen durch die Epidaurischen Wälder und ihre Waffen
fernher glänzen im Sonnenlichte das wie ein Herold sie geleitet o mein
Hyperion und du kommst geschwinde nach Kalaurea herüber und grüssest die stillen
Wälder unserer Liebe grüssest mich und fliegst nun wieder zu deiner Arbeit
zurück  und denkst du ich fürchte den Ausgang Liebster manchmal wills mich
überfallen aber meine größeren Gedanken halten wie Flammen den Frost ab 
    Lebe wohl vollende wie es der Geist dir gebeut und lass den Krieg zu lange
nicht dauern um des Friedens willen Hyperion um des schönen neuen goldenen
Friedens willen wo wie du sagtest einst in unser Rechtsbuch eingeschrieben
werden die Gesetze der Natur und wo das Leben selbst wo sie die göttliche
Natur die in kein Buch geschrieben werden kann im Herzen der Gemeinde sein
wird Lebe wohl
                              Hyperion an Diotima
Du hättest mich besänftigen sollen meine Diotima hättest sagen sollen ich
möchte mich nicht übereilen möchte dem Schicksal nach und nach den Sieg
abnötigen wie kargen Schuldnern die Summe O Mädchen stille zu stehen ist
schlimmer wie alles Mir trocknet das Blut in den Adern so dürst ich
weiterzukommen und muss hier müßig stehen muss belagern und belagern den einen
Tag wie den andern Unser Volk will stürmen aber das würde die aufgeregten
Gemüter zum Rausch erhitzen und wehe dann unsern Hoffnungen wenn das wilde
Wesen aufgärt und die Zucht und die Liebe zerreißt
    Ich weiß nicht es kann nur noch einige Tage dauern so muss Misistra sich
ergeben aber ich wollte wir wären weiter Im Lager hier ists mir wie in
gewitterhafter Luft Ich bin ungeduldig auch meine Leute gefallen mir nicht Es
ist ein furchtbarer Mutwill unter ihnen
    Aber ich bin nicht klug dass ich so viel aus meiner Laune mache Und das
alte Lacedämon ists ja doch wohl wert dass man ein wenig Sorge leidet eh man es
hat
                              Hyperion an Diotima
Es ist aus Diotima unsre Leute haben geplündert gemordet ohne Unterschied
auch unsre Brüder sind erschlagen die Griechen in Misistra die Unschuldigen
oder irren sie hilflos herum und ihre tote Jammermiene ruft Himmel und Erde zur
Rache gegen die Barbaren an deren Spitze ich war
    Nun kann ich hingehn und von meiner guten Sache predigen O nun fliegen alle
Herzen mir zu
    Aber ich habs auch klug gemacht Ich habe meine Leute gekannt In der Tat!
es war ein außerordentlich Projekt durch eine Räuberbande mein Elysium zu
pflanzen
    Nein bei der heiligen Nemesis mir ist recht geschehen und ich wills auch
dulden dulden will ich bis der Schmerz mein letzt Bewusstsein mir zerreißt
    Denkst du ich tobe Ich habe eine ehrsame Wunde die einer meiner Getreuen
mir schlug indem ich den Greuel abwehrte Wenn ich tobte so riss ich die
Binde von ihr und so ränne mein Blut wohin es gehört in diese trauernde Erde
    Diese trauernde Erde die nackte so ich kleiden wollte mit heiligen Hainen
so ich schmücken wollte mit allen Blumen des griechischen Lebens
    O es wäre schön gewesen meine Diotima
    Nennst du mich mutlos Liebes Mädchen es ist des Unheils zu viel An allen
Enden brechen wütende Haufen herein wie eine Seuche tobt die Raubgier in Morea
und wer nicht auch das Schwert ergreift wird verjagt geschlachtet und dabei
sagen die Rasenden sie fechten für unsre Freiheit Andre des rohen Volks sind
von dem Sultan bestellt und treibens wie jene
    Eben hör ich unser ehrlos Heer sei nun zerstreut Die Feigen begegneten bei
Tripolissa einem albanischen Haufen der um die Hälfte geringer an Zahl war
Weils aber nichts zu plündern gab so liefen die Elenden alle davon Die Russen
die mit uns den Feldzug wagten vierzig brave Männer hielten allein aus fanden
auch alle den Tod
    Und so bin ich nun mit meinem Alabanda wieder einsam wie zuvor Seitdem der
Treue mich fallen und bluten sah in Misistra hat er alles andre vergessen
seine Hoffnungen seine Siegslust seine Verzweiflung Der Ergrimmte der unter
die Plünderer stürzte wie ein strafender Gott der führte nun so sanft mich aus
dem Getümmel und seine Tränen netzten mein Kleid Er blieb auch bei mir in der
Hütte wo ich seitdem lag und ich freue mich nun erst recht darüber Denn wär er
mit fortgezogen so läg er jetzt bei Tripolissa im Staub
    Wie es weiter werden soll das weiß ich nicht Das Schicksal stößt mich ins
Ungewisse hinaus und ich hab es verdient von dir verbannt mich meine eigene
Scham und wer weiß wie lange
    Ach ich habe dir ein Griechenland versprochen und du bekommst ein Klaglied
nun dafür Sei selbst dein Trost
                              Hyperion an Diotima
Ich bringe mich mit Mühe zu Worten
    Man spricht wohl gerne man plaudert wie die Vögel solange die Welt wie
Mailuft einen anweht aber zwischen Mittag und Abend kann es anders werden und
was ist verloren am Ende
    Glaube mir und denk ich sags aus tiefer Seele dir die Sprache ist ein
großer Überfluss Das Beste bleibt doch immer für sich und ruht in seiner Tiefe
wie die Perle im Grunde des Meers  Doch was ich eigentlich dir schreiben
wollte weil doch einmal das Gemälde seinen Rahmen und der Mann sein Tagwerk
haben muss so will ich noch auf eine Zeitlang Dienste nehmen bei der russischen
Flotte denn mit den Griechen hab ich weiter nichts zu tun
    O teures Mädchen es ist sehr finster um mich geworden
                              Hyperion an Diotima
Ich habe gezaudert gekämpft Doch endlich muss es sein
    Ich sehe was notwendig ist und weil ich es sehe so soll es auch werden
Missdeute mich nicht verdamme mich nicht ich muss dir raten dass du mich
verlässest meine Diotima
    Ich bin für dich nichts mehr du holdes Wesen Dies Herz ist dir versiegt
und meine Augen sehen das Lebendige nicht mehr O meine Lippen sind verdorrt
der Liebe süßer Hauch quillt mir im Busen nicht mehr
    Ein Tag hat alle Jugend mir genommen am Eurotas hat mein Leben sich müde
geweint ach am Eurotas der in rettungsloser Schmach an Lacedämons Schutt
vorüberklagt mit allen seinen Wellen Da da hat mich das Schicksal abgeerntet
 Soll ich deine Liebe wie ein Almosen besitzen  Ich bin so gar nichts bin
so ruhmlos wie der ärmste Knecht Ich bin verbannt verflucht wie ein gemeiner
Rebell und mancher Grieche in Morea wird von unsern Heldentaten wie von einer
Diebsgeschichte seinen Kindeskindern künftighin erzählen
    Ach und Eines hab ich lange dir verschwiegen Feierlich verstiess mein Vater
mich verwies mich ohne Rückkehr aus dem Hause meiner Jugend will mich nimmer
wieder sehen nicht in diesem noch im andern Leben wie er sagt So lautet die
Antwort auf den Brief worin ich mein Beginnen ihm geschrieben
    Nun lass dich nur das Mitleid nimmer irre führen Glaube mir es bleibt uns
überall noch eine Freude Der echte Schmerz begeistert Wer auf sein Elend
tritt steht höher Und das ist herrlich dass wir erst im Leiden recht der Seele
Freiheit fühlen Freiheit wer das Wort versteht  es ist ein tiefes Wort
Diotima Ich bin so innigst angefochten bin so unerhört gekränkt bin ohne
Hoffnung ohne Ziel bin gänzlich ehrlos und doch ist eine Macht in mir ein
Unbezwingliches das mein Gebein mit süßen Schauern durchdringt so oft es rege
wird in mir
    Auch hab ich meinen Alabanda noch Der hat so wenig zu gewinnen als ich
selbst Den kann ich ohne Schaden mir behalten Ach der königliche Jüngling
hätt ein besser Los verdient Er ist so sanft geworden und so still Das will
mir oft das Herz zerreißen Aber einer erhält den andern Wir sagen uns nichts
was sollten wir uns sagen aber es ist denn doch ein Segen in manchem kleinen
Liebesdienste den wir uns leisten
    Da schläft er und lächelt genügsam mitten in unsrem Schicksal Der Gute er
weiß nicht was ich tue Er würd es nicht dulden Du musst an Diotima schreiben
gebot er mir und musst ihr sagen dass sie bald mit dir sich aufmacht in ein
leidlicher Land zu fliehn Aber er weiß nicht dass ein Herz das so verzweifeln
lernte wie seines und wie meines der Geliebten nichts mehr ist Nein nein du
fändest ewig keinen Frieden bei Hyperion du müsstest untreu werden und das will
ich dir ersparen
    Und so lebe denn wohl du süßes Mädchen lebe wohl Ich möchte dir sagen
gehe dahin gehe dorthin da rauschen die Quellen des Lebens Ich möcht ein
freier Land ein Land voll Schönheit und voll Seele dir zeigen und sagen dahin
rette dich Aber o Himmel könnt ich dies so wär ich auch ein andrer und so
müsst ich auch nicht Abschied nehmen  Abschied nehmen Ach ich weiß nicht was
ich tue Ich wähnte mich so gefasst so besonnen Jetzt schwindelt mir und mein
Herz wirft sich umher wie ein ungeduldiger Kranker Weh über mich ich richte
meine letzte Freude zu Grunde Aber es muss sein und das Ach der Natur ist hier
umsonst Ich bins dir schuldig und ich bin ja ohnedies dazu geboren heimatlos
und ohne Ruhestätte zu sein O Erde o ihr Sterne werde ich nirgends wohnen am
Ende
    Noch Einmal möcht ich wiederkehren an deinen Busen wo es auch wäre
Aeteraugen Einmal noch mir wieder begegnen in euch an deinen Lippen hängen
du Liebliche du Unaussprechliche und in mich trinken dein entzückend
heiligsüsses Leben  aber höre das nicht ich bitte dich achte das nicht Ich
würde sagen ich sei ein Verführer wenn du es hörtest Du kennst mich du
verstehst mich Du weißt wie tief du mich achtest wenn du mich nicht
bedauerst mich nicht hörst
    Ich kann ich darf nicht mehr  wie mag der Priester leben wo sein Gott
nicht mehr ist O Genius meines Volks o Seele Griechenlands ich muss hinab ich
muss im Totenreiche dich suchen
                              Hyperion an Diotima
Ich habe lange gewartet ich will es dir gestehen ich habe sehnlich auf ein
Abschiedswort aus deinem Herzen gehofft aber du schweigst Auch das ist eine
Sprache deiner schönen Seele Diotima
    Nicht wahr die heiligern Akkorde hören darum denn doch nicht auf nicht
wahr Diotima wenn auch der Liebe sanftes Mondlicht untergeht die höheren
Sterne ihres Himmels leuchten noch immer O das ist ja meine letzte Freude dass
wir unzertrennlich sind wenn auch kein Laut von dir zu mir kein Schatte unsrer
holden Jugendtage mehr zurückkehrt
    Ich schaue hinaus in die abendrötliche See ich strecke meine Arme aus nach
der Gegend wo du ferne lebst und meine Seele erwarmt noch einmal an allen
Freuden der Liebe und Jugend
    O Erde meine Wiege alle Wonne und aller Schmerz ist in dem Abschied den
wir von dir nehmen
    Ihr lieben Jonischen Inseln und du mein Kalaurea und du mein Tina ihr
seid mir all im Auge so fern ihr seid und mein Geist fliegt mit den Lüftchen
über die regen Gewässer und die ihr dort zur Seite mir dämmert ihr Ufer von
Teos und Ephesus wo ich einst mit Alabanda ging in den Tagen der Hoffnung ihr
scheint mir wieder wie damals und ich möcht hinüberschiffen ans Land und den
Boden küssen und den Boden erwärmen an meinem Busen und alle süßen
Abschiedsworte stammeln vor der schweigenden Erde eh ich auffliege ins Freie
    Schade schade dass es jetzt nicht besser zugeht unter den Menschen sonst
blieb ich gern auf diesem guten Stern Aber ich kann dies Erdenrund entbehren
das ist mehr denn alles was es geben kann
    Lass uns im Sonnenlicht o Kind die Knechtschaft dulden sagte zu Polyxena
die Mutter und ihre Lebensliebe konnte nicht schöner sprechen Aber das
Sonnenlicht das eben widerrät die Knechtschaft mir das lässt mich auf der
entwürdigten Erde nicht bleiben und die heiligen Strahlen ziehen wie Pfade die
zur Heimat führen mich an
    Seit langer Zeit ist mir die Majestät der schicksallosen Seele
gegenwärtiger als alles andre gewesen in herrlicher Einsamkeit hab ich
manchmal in mir selber gelebt ich bins gewohnt geworden die Aussendinge
abzuschütteln wie Flocken von Schnee wie sollt ich dann mich scheun den
sogenannten Tod zu suchen hab ich nicht tausendmal mich in Gedanken befreit
wie sollt ich denn anstehn es Einmal wirklich zu tun Sind wir denn wie
leibeigene Knechte an den Boden gefesselt den wir pflügen sind wir wie
zahmes Geflügel das aus dem Hofe nicht laufen darf weils da gefüttert wird
    Wir sind wie die jungen Adler die der Vater aus dem Neste jagt dass sie im
hohen Äther nach Beute suchen
    Morgen schlägt sich unsre Flotte und der Kampf wird heiß genug sein Ich
betrachte diese Schlacht wie ein Bad den Staub mir abzuwaschen und ich werde
wohl finden was ich wünsche Wünsche wie meiner gewähren an Ort und Stelle
sich leicht Und so hätt ich doch am Ende durch meinen Feldzug etwas erreicht
und sehe dass unter Menschen keine Mühe vergebens ist
    Fromme Seele ich möchte sagen denke meiner wenn du an mein Grab kommst
Aber sie werden mich wohl in die Meersflut werfen und ich seh es gerne wenn
der Rest von mir da untersinkt wo die Quellen all und die Ströme die ich
liebte sich versammeln und wo die Wetterwolke aufsteigt und die Berge tränkt
und die Tale die ich liebte Und wir o Diotima Diotima wann sehen wir uns
wieder
    Es ist unmöglich und mein innerstes Leben empört sich wenn ich denken
will als verlören wir uns Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern
in alle Formen mich kleiden in alle Sprachen des Lebens um dir Einmal wieder
zu begegnen Aber ich denke was sich gleich ist findet sich bald
    Große Seele du wirst dich finden können in diesen Abschied und so lass mich
wandern Grüße deine Mutter Grüße Notara und die andern Freunde
    Auch die Bäume grüße wo ich dir zum ersten Male begegnete und die
fröhlichen Bäche wo wir gingen und die schönen Gärten von Angele und lass du
Liebe dir mein Bild dabei begegnen Lebe wohl
 
                                  Zweites Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Ich war in einem holden Traume da ich die Briefe die ich einst gewechselt für
dich abschrieb Nun schreib ich wieder dir mein Bellarmin und führe weiter
dich hinab hinab bis in die tiefste Tiefe meiner Leiden und dann du letzter
meiner Lieben komm mit mir heraus zur Stelle wo ein neuer Tag uns anglänzt
    Die Schlacht wovon ich an Diotima geschrieben begann Die Schiffe der
Türken hatten sich in den Kanal zwischen die Insel Chios und die asiatische
Küste hinein geflüchtet und standen am festen Lande hinauf bei Tschesme Mein
Admiral verließ mit seinem Schiffe worauf ich war die Reihe und hub das
Vorspiel an mit dem ersten Schiffe der Türken Das grimmige Paar war gleich beim
ersten Angriff bis zum Taumel erhitzt es war ein rachetrunknes schreckliches
Getümmel Die Schiffe hingen bald mit ihrem Tauwerk aneinander fest das wütende
Gefecht ward immer enger und enger
    Ein tiefes Lebensgefühl durchdrang mich noch Es war mir warm und wohl in
allen Gliedern Wie ein zärtlichscheidender fühlte zum letzten Male sich in
allen seinen Sinnen mein Geist Und nun voll heißen Unmuts dass ich Besseres
nicht wusste denn mich schlachten zu lassen in einem Gedränge von Barbaren mit
zürnenden Tränen im Auge stürmt ich hin wo mir der Tod gewiss war
    Ich traf die Feinde nahe genug und von den Russen die an meiner Seite
fochten war in wenig Augenblicken auch nicht Einer übrig Ich stand allein da
voll Stolzes und warf mein Leben wie einen Bettlerpfenning vor die Barbaren
aber sie wollten mich nicht Sie sahen mich an wie einen an dem man sich zu
versündigen fürchtet und das Schicksal schien mich zu achten in meiner
Verzweiflung
    Aus höchster Notwehr hieb denn endlich einer auf mich ein und traf mich
dass ich stürzte Mir wurde von da an nichts mehr bewusst bis ich auf Paros
wohin ich übergeschifft war wieder erwachte
    Von dem Diener der mich aus der Schlacht trug hört ich nachher die beiden
Schiffe die den Kampf begonnen seien in die Luft geflogen den Augenblick
darauf nachdem er mit dem Wundarzt mich in einem Boote weggebracht Die Russen
hatten Feuer in das türkische Schiff geworfen und weil ihr eigenes an dem andern
festing brannt es mit auf
    Wie diese fürchterliche Schlacht ein Ende nahm ist dir bekannt So straft
ein Gift das andre rief ich da ich erfuhr die Russen hätten die ganze
türkische Flotte verbrannt  so rotten die Tyrannen sich selbst aus
                             Hyperion an Bellarmin
Sechs Tage nach der Schlacht lag ich in einem peinlichen todähnlichen Schlaf
Mein Leben war wie eine Nacht von Schmerzen wie von zückenden Blitzen
unterbrochen Das Erste was ich wieder erkannte war Alabanda Er war wie ich
erfuhr nicht einen Augenblick von mir gewichen hatte fast allein mich bedient
mit unbegreiflicher Geschäftigkeit mit tausend zärtlichen häuslichen Sorgen
woran er sonst im Leben nie gedacht und man hatt ihn auf den Knien vor meinem
Bette rufen gehört o lebe mein Lieber dass ich lebe
    Es war ein glücklich Erwachen Bellarmin da mein Auge nun wieder dem Lichte
sich öffnete und mit den Tränen des Wiedersehens der Herrliche vor mir stand
    Ich reicht ihm die Hand hin und der Stolze küsste sie mit allen Entzücken
der Liebe Er lebt rief er o Retterin o Natur du gute alles heilende dein
armes Paar das vaterlandslose das irre verlässest doch du nicht O ich will
es nie vergessen Hyperion wie dein Schiff vor meinen Augen im Feuer aufging
und donnernd in die rasende Flamme die Schiffer mit sich hinaufriss und unter
den wenigen geretteten kein Hyperion war Ich war von Sinnen und der grimmige
Schlachtlärm stillte mich nicht Doch hört ich bald von dir und flog dir nach
sobald wir mit dem Feinde vollends fertig waren 
    Und wie er nun mich hütete wie er mit liebender Vorsicht mich gefangen
hielt in dem Zauberkreise seiner Gefälligkeiten wie er ohne ein Wort mit
seiner großen Ruhe mich lehrte den freien Lauf der Welt neidlos und männlich zu
verstehen
    O ihr Söhne der Sonne ihr freieren Seelen es ist viel verloren gegangen in
diesem Alabanda Ich suchte umsonst und flehte das Leben an seit er fort ist
solch eine Römernatur hab ich nimmer gefunden Der Sorgenfreie der
Tiefverständige der Tapfre der Edle Wo ist ein Mann wenn ers nicht war Und
wenn er freundlich war und fromm da wars wie wenn das Abendlicht im Dunkel der
majestätischen Eiche spielt und ihre Blätter träufeln vom Gewitter des Tags
                             Hyperion an Bellarmin
Es war in den schönen Tagen des Herbsts da ich von meiner Wunde halbgenesen zum
ersten Male wieder ans Fenster trat Ich kam mit stilleren Sinnen wieder ins
Leben und meine Seele war aufmerksamer geworden Mit seinem leisesten Zauber
wehte der Himmel mich an und mild wie ein Blütenregen flossen die heitern
Sonnenstrahlen herab Es war ein großer stiller zärtlicher Geist in dieser
Jahreszeit und die Vollendungsruhe die Wonne der Zeitigung in den säuselnden
Zweigen umfing mich wie die erneuerte Jugend so die Alten in ihrem Elysium
hofften
    Ich hatt es lange nicht mit reiner Seele genossen das kindliche Leben der
Welt nun tat mein Auge sich auf mit aller Freude des Wiedersehens und die
selige Natur war wandellos in ihrer Schöne geblieben Meine Tränen flossen wie
ein Sühnopfer vor ihr und schaudernd stieg ein frisches Herz mir aus dem alten
Unmut auf O heilige Pflanzenwelt rief ich wir streben und sinnen und haben
doch dich wir ringen mit sterblichen Kräften Schönes zu baun und es wächst
doch sorglos neben uns auf nicht wahr Alabanda für die Not zu sorgen sind
die Menschen gemacht das übrige gibt sich selber Und doch  ich kann es nicht
vergessen wie viel mehr ich gewollt
    Lass dir genug sein Lieber dass du bist rief Alabanda und störe dein
stilles Wirken durch die Trauer nicht mehr
    Ich will auch ruhen sagt ich O ich will die Entwürfe die Fodrungen alle
wie Schuldbriefe zerreißen Ich will mich rein erhalten wie ein Künstler sich
hält dich will ich lieben harmlos Leben Leben des Hains und des Quells dich
will ich ehren o Sonnenlicht an dir mich stillen schöner Äther der die
Sterne beseelt und hier auch diese Bäume umatmet und hier im Innern der Brust
uns berührt o Eigensinn der Menschen wie ein Bettler hab ich den Nacken
gesenkt und es sahen die schweigenden Götter der Natur mit allen ihren Gaben
mich an  Du lächelst Alabanda o wie oft in unsern ersten Zeiten hast du so
gelächelt wann dein Knabe vor dir plauderte im trunknen Jugendmut indes du
da wie eine stille Tempelsäule standst im Schutt der Welt und leiden
musstest dass die wilden Ranken meiner Liebe dich umwuchsen  sieh wie eine
Binde fällts von meinen Augen und die alten goldenen Tage sind lebendig wieder
da
    Ach rief er dieser Ernst in dem wir lebten und diese Lebenslust
    Wenn wir jagten im Forst rief ich wenn in der Meersflut wir uns badeten
wenn wir sangen und tranken wo durch den Lorbeerschatten die Sonn und der Wein
und Augen und Lippen uns glänzten  es war ein einzig Leben und unser Geist
umleuchtete wie ein glänzender Himmel unser jugendlich Glück Drum lässt auch
keiner von dem andern sagte Alabanda
    O ich habe dir ein schwer Bekenntnis abzulegen sagt ich Wirst du mir es
glauben dass ich fort gewollt von dir dass ich gewaltsam meinen Tod gesucht
war das nicht herzlos rasend ach und meine Diotima sie soll mich lassen
schrieb ich ihr und drauf noch einen Brief den Abend vor der Schlacht  und da
schriebst du rief er dass du in der Schlacht dein Ende finden wolltest o
Hyperion Doch hat sie wohl den letzten Brief noch nicht Du musst nur eilen ihr
zu schreiben dass du lebst
    Bester Alabanda rief ich das ist Trost Ich schreibe gleich und schicke
meinen Diener fort damit O ich will ihm alles was ich habe bieten dass er
eilt und noch zu rechter Zeit nach Kalaurea kommt 
    Und den andern Brief wo vom Entsagen die Rede war versteht vergibt die
gute Seele dir leicht setzt er hinzu
    Vergibt sie rief ich o ihr Hoffnungen alle ja wenn ich noch glücklich
mit dem Engel würde
    Noch wirst du glücklich sein rief Alabanda noch ist die schönste
Lebenszeit dir übrig Ein Held ist der Jüngling der Mann ein Gott wenn ers
erleben kann
    Es dämmerte mir wunderbar in der Seele bei seiner Rede
    Der Bäume Gipfel schauerten leise wie Blumen aus der dunklen Erde sprossten
Sterne aus dem Schoße der Nacht und des Himmels Frühling glänzt in heiliger
Freude mich an
                             Hyperion an Bellarmin
Einige Augenblicke darauf da ich eben an Diotima schreiben wollte trat
Alabanda freudig wieder ins Zimmer Ein Brief Hyperion rief er ich schrak
zusammen und flog hinzu
    Wie lange schrieb Diotima musst ich leben ohne ein Zeichen von dir Du
schriebst mir von dem Schicksalstage in Misistra und ich antwortete schnell
doch allem nach erhieltst du meinen Brief nicht Du schriebst mir bald darauf
wieder kurz und düster und sagtest mir du seist gesonnen auf die russische
Flotte zu gehen ich antwortete wieder doch auch diesen Brief erhieltst du
nicht nun harrt auch ich vergebens vom Mai bis jetzt zum Ende des Sommers bis
vor einigen Tagen der Brief kommt der mir sagt ich möchte dir entsagen
Lieber
    Du hast auf mich gerechnet hast mirs zugetraut dass dieser Brief mich nicht
beleidigen könne Das freute mich herzlich mitten in meiner Betrübnis
    Unglücklicher hoher Geist ich habe nur zu sehr dich gefasst O es ist so
ganz natürlich dass du nimmer lieben willst weil deine größeren Wünsche
verschmachten Musst du denn nicht die Speise verschmähn wenn du daran bist
Durstes zu sterben
    Ich wusste es bald ich konnte dir nicht Alles sein Konnt ich die Bande der
Sterblichkeit dir lösen konnt ich die Flamme der Brust dir stillen für die
kein Quell fleusst und kein Weinstock wächst konnt ich die Freuden einer Welt in
einer Schale dir reichen
    Das willst du Das bedarfst du und du kannst nicht anders Die grenzenlose
Unmacht deiner Zeitgenossen hat dich um dein Leben gebracht
    Wem einmal so wie dir die ganze Seele beleidigt war der ruht nicht mehr
in einzelner Freude wer so wie du das fade Nichts gefühlt erheitert in
höchstem Geiste sich nur wer so den Tod erfuhr wie du erholt allein sich
unter den Göttern
    Glücklich sind sie alle die dich nicht verstehen Wer dich versteht muss
deine Größe teilen und deine Verzweiflung
    Ich fand dich wie du bist Des Lebens erste Neugier trieb mich an das
wunderbare Wesen Unaussprechlich zog die zarte Seele mich an und
kindischfurchtlos spielt ich um deine gefährliche Flamme  Die schönen Freuden
unserer Liebe sänftigten dich böser Mann nur um dich wilder zu machen Sie
besänftigten sie trösteten auch mich sie machten mich vergessen dass du im
Grunde trostlos warst und dass auch ich nicht fern war es zu werden seit ich
dir in dein geliebtes Herz sah
    In Athen bei den Trümmern des Olympion ergriff es mich von neuem Ich hatte
sonst wohl noch in einer leichten Stunde gedacht des Jünglings Trauer sei doch
wohl so ernst und unerbittlich nicht Es ist so selten dass ein Mensch mit dem
ersten Schritt ins Leben so mit Einmal so im kleinsten Punkt so schnell so
tief das ganze Schicksal seiner Zeit empfand und dass es unaustilgbar in ihm
haftet dies Gefühl weil er nicht rau genug ist um es auszustossen und nicht
schwach genug es auszuweinen das mein Teurer ist so selten dass es uns fast
unnatürlich dünkt
    Nun im Schutt des heiteren Atens nun ging mirs selbst zu nah wie sich
das Blatt gewandt dass jetzt die Toten oben über der Erde gehen und die
Lebendigen die Göttermenschen drunten sind nun sah ichs auch zu wörtlich und
zu wirklich dir aufs Angesicht geschrieben nun gab ich dir auf ewig recht Aber
zugleich erschienst du mir auch größer Ein Wesen voll geheimer Gewalt voll
tiefer unentwickelter Bedeutung ein einzig hoffnungsvoller Jüngling schienst du
mir Zu wem so laut das Schicksal spricht der darf auch lauter sprechen mit dem
Schicksal sagt ich mir je unergründlicher er leidet um so unergründlich
mächtiger ist er Von dir von dir nur hofft ich alle Genesung Ich sah dich
reisen Ich sah dich wirken O der Verwandlung Von dir gestiftet grünte wieder
des Akademus Hain über den horchenden Schülern und heilige Gespräche hörte wie
einst der Ahorn des Ilissus wieder
    Den Ernst der Alten gewann in deiner Schule der Genius unserer Jünglinge
bald und seine vergänglichen Spiele wurden unsterblicher denn er schämte sich
hielt für Gefangenschaft den Schmetterlingsflug 
    Dem hätt ein Ross zu lenken genügt nun ist er ein Feldherr Allzugenügsam
hätte der ein eitel Liedchen gesungen nun ist er ein Künstler Denn die Kräfte
der Helden die Kräfte der Welt hattest du aufgetan vor ihnen in offenem Kampf
die Rätsel deines Herzens hattest du ihnen zu lösen gegeben so lernten die
Jünglinge Großes vereinen lernten verstehen das Spiel der Natur das
seelenvolle und vergaßen den Scherz  Hyperion Hyperion hast du nicht mich
die Unmündige zur Muse gemacht So ergings auch den andern
    Ach nun verließen so leicht sich nicht die geselligen Menschen wie der
Sand im Sturme der Wildnis irrten sie untereinander nicht mehr noch höhnte sich
Jugend und Alter noch fehlt ein Gastfreund dem Fremden und die
Vaterlandsgenossen sonderten nimmer sich ab und die Liebenden entleideten alle
sich nimmer an deinen Quellen Natur erfrischten sie sich ach an den
heiligen Freuden die geheimnisvoll aus deiner Tiefe quillen und den Geist
erneun und die Götter erheiterten wieder die verwelkliche Seele der Menschen
es bewahrten die herzerhaltenden Götter jedes freundliche Bündnis unter ihnen
Denn du Hyperion hattest deinen Griechen das Auge geheilt dass sie das
Lebendige sahen und die in ihnen wie Feuer im Holze schlief die Begeisterung
hattest du entzündet dass sie fühlten die stille stete Begeisterung der Natur
und ihrer reinen Kinder Ach nun nahmen die Menschen die schöne Welt nicht
mehr wie Laien des Künstlers Gedicht wenn sie die Worte loben und den Nutzen
drin ersehn Ein zauberisch Beispiel wurdest du lebendige Natur den Griechen
und entzündet von der ewigjungen Götter Glück war alles Menschentun wie einst
ein Fest und zu Taten geleitete schöner als Kriegsmusik die jungen Helden
Helios Licht
    Stille stille Es war mein schönster Traum mein erster und mein letzter
Du bist zu stolz dich mit dem bübisschen Geschlechte länger zu befassen Du tust
auch recht daran Du führtest sie zur Freiheit und sie dachten an Raub Du
führst sie siegend in ihr altes Lacedämon ein und diese Ungeheuer plündern und
verflucht bist du von deinem Vater großer Sohn und keine Wildnis keine Höhle
ist sicher genug für dich auf dieser griechischen Erde die du wie ein
Heiligtum geachtet die du mehr wie mich geliebt
    O mein Hyperion ich bin das sanfte Mädchen nicht mehr seit ich das alles
weiß Die Entrüstung treibt mich aufwärts dass ich kaum zur Erde sehen mag und
unablässig zittert mein beleidigtes Herz
    Wir wollen uns trennen Du hast recht Ich will auch keine Kinder denn ich
gönne sie der Sklavenwelt nicht und die armen Pflanzen welkten mir ja doch in
dieser Dürre vor den Augen weg
    Lebe wohl du teurer Jüngling geh du dahin wo es dir der Mühe wert
scheint deine Seele hinzugeben Die Welt hat doch wohl Einen Walplatz eine
Opferstätte wo du dich entledigen magst Es wäre schade wenn die guten Kräfte
alle wie ein Traumbild so vergingen Doch wie du auch ein Ende nimmst du
kehrest zu den Göttern kehrst ins heilge freie jugendliche Leben der Natur
wovon du ausgingst und das ist ja dein Verlangen nur und auch das meine
    So schrieb sie mir Ich war erschüttert bis ins Mark voll Schrecken und
Lust doch sucht ich mich zu fassen um Worte zur Antwort zu finden
    Du willigest ein Diotima schrieb ich du billigest mein Entsagen konntest
es begreifen  Treue Seele darein konntest du dich schicken Auch in meine
finsteren Irren konntest du dich schicken himmlische Geduld und gabst dich hin
verdüstertest dich aus Liebe glücklich Schosskind der Natur und wardst mir
gleich und heiligtest durch deinen Beitritt meine Trauer Schöne Heldin welche
Krone verdientest du
    Aber nun sei es auch des Trauerns genug du Liebe Du bist mir nachgefolgt
in meine Nacht nun komm und lass mich dir zu deinem Lichte folgen zu deiner
Anmut lass uns wiederkehren schönes Herz o deine Ruhe lass mich wiedersehen
selige Natur vor deinem Friedensbilde meinen Übermut auf immer mir
entschlummern
    Nicht wahr du Teure noch ist meine Rückkehr nicht zu spät und du nimmst
mich wieder auf und kannst mich wieder lieben wie sonst nicht wahr noch ist
das Glück vergangner Tage nicht für uns verloren
    Ich hab es bis aufs Äußerste getrieben Ich habe sehr undankbar an der
mütterlichen Erde gehandelt habe mein Blut und alle Liebesgaben die sie mir
gegeben wie einen Knechtlohn weggeworfen und ach wie tausendmal undankbarer
an dir du heilig Mädchen das mich einst in seinen Frieden aufnahm mich ein
scheu zerrissnes Wesen dem aus tiefgepresster Brust sich kaum ein Jugendschimmer
stahl wie hie und da ein Grashalm auf zertretnen Wegen Hattest du mich nicht
ins Leben gerufen war ich nicht dein wie konnt ich denn  o du weißt es wie
ich hoffe noch nicht hast noch den Unglücksbrief nicht in den Händen den ich
vor der letzten Schlacht dir schrieb Da wollt ich sterben Diotima und ich
glaubt ein heilig Werk zu tun Aber wie kann das heilig sein was Liebende
trennt wie kann das heilig sein was unsers Lebens frommes Glück zerrüttet 
Diotima schöngebornes Leben ich bin dir jetzt dafür in deinem Eigensten um so
ähnlicher geworden ich hab es endlich achten gelernt ich hab es bewahren
gelernt was gut und innig ist auf Erden O wenn ich auch dort oben landen
könnte an den glänzenden Inseln des Himmels fänd ich mehr als ich bei Diotima
finde
    Höre mich nun Geliebte
    In Griechenland ist meines Bleibens nicht mehr Das weißt du Bei seinem
Abschied hat mein Vater mir so viel von seinem Überflusse geschickt als
hinreicht in ein heilig Tal der Alpen oder Pyrenäen uns zu flüchten und da ein
freundlich Haus und auch von grüner Erde so viel zu kaufen als des Lebens
goldene Mittelmässigkeit bedarf
    Willst du so komm ich gleich und führ an treuem Arme dich und deine Mutter
und wir küssen Kalaureas Ufer und trocknen die Tränen uns ab und eilen über den
Istmus hinein ans Adriatische Meer von wo ein sicher Schiff uns weiter bringt
    O komm in den Tiefen der Gebirgswelt wird das Geheimnis unsers Herzens
ruhen wie das Edelgestein im Schacht im Schoße der himmelragenden Wälder da
wird uns sein wie unter den Säulen des innersten Tempels wo die Götterlosen
nicht nahn und wir werden sitzen am Quell in seinem Spiegel unsre Welt
betrachten den Himmel und Haus und Garten und uns Oft werden wir in heiterer
Nacht im Schatten unsers Obstwalds wandeln und den Gott in uns den liebenden
belauschen indes die Pflanze aus dem Mittagsschlummer ihr gesunken Haupt erhebt
und deiner Blumen stilles Leben sich erfrischt wenn sie im Tau die zarten Arme
baden und die Nachtluft kühlend sie umatmet und durchdringt und über uns blüht
die Wiese des Himmels mit all ihren funkelnden Blumen und seitwärts ahmt das
Mondlicht hinter westlichem Gewölk den Niedergang des Sonnenjünglings wie aus
Liebe schüchtern nach  und dann des Morgens wenn sich wie ein Flussbett unser
Tal mit warmem Lichte füllt und still die goldne Flut durch unsre Bäume rinnt
und unser Haus umwallt und die lieblichen Zimmer deine Schöpfung dir verschönt
und du in ihrem Sonnenglanze gehst und mir den Tag in deiner Grazie segnest
Liebe wenn sich dann indes wir so die Morgenwonne feiern der Erde geschäftig
Leben wie ein Opferbrand vor unsern Augen entzündet und wir nun hingehn um
auch unser Tagwerk um von uns auch einen Teil in die steigende Flamme zu
werfen wirst du da nicht sagen wir sind glücklich wir sind wieder wie die
alten Priester der Natur die heiligen und frohen die schon fromm gewesen eh
ein Tempel stand
    Hab ich genug gesagt entscheide nun mein Schicksal teures Mädchen und
bald  Es ist ein Glück dass ich noch halb ein Kranker bin von der letzten
Schlacht her und dass ich noch aus meinem Dienste nicht entlassen bin ich
könnte sonst nicht bleiben ich müsste selbst fort müsste fragen und das wäre
nicht gut das hieße dich bestürmen 
    Ach Diotima bange törichte Gedanken fallen mir aufs Herz und doch  ich
kann es nicht denken dass auch diese Hoffnung scheitern soll
    Bist du denn nicht zu groß geworden um noch wiederzukehren zu dem Glück der
Erde verzehrt die heftige Geistesflamme die an deinem Leiden sich entzündete
verzehrt sie nicht alles Sterbliche dir
    Ich weiß es wohl wer leicht sich mit der Welt entzweit versöhnt auch
leichter sich mit ihr Aber du mit deiner Kinderstille du so glücklich einst
in deiner hohen Demut Diotima wer will dich versöhnen wenn das Schicksal dich
empört
    Liebes Leben ist denn keine Heilkraft mehr für dich in mir von allen
Herzenslauten ruft dich keiner mehr zurück ins menschliche Leben wo du einst
so lieblich mit gesenktem Fluge dich verweilt o komm o bleib in dieser
Dämmerung Dies Schattenland ist ja das Element der Liebe und hier nur rinnt der
Wehmut stiller Tau vom Himmel deiner Augen
    Und denkst du unsrer goldenen Tage nicht mehr der holdseligen
göttlichmelodischen säuseln sie nicht aus allen Hainen von Kalaurea dich an
    Und sieh es ist so manches in mir untergegangen und ich habe der
Hoffnungen nicht viele mehr Dein Bild mit seinem Himmelssinne hab ich noch
wie einen Hausgott aus dem Brande gerettet Unser Leben unsers ist noch
unverletzt in mir Sollt ich nun hingehn und auch dies begraben Soll ich
ruhelos und ohne Ziel hinaus von einer Fremde in die andre Hab ich darum
lieben gelernt
    O nein du Erste und du Letzte Mein warst du du wirst die Meine bleiben
                             Hyperion an Bellarmin
Ich saß mit Alabanda auf einem Hügel der Gegend in lieblichwärmender Sonn und
um uns spielte der Wind mit abgefallenem Laube Das Land war stumm nur hie und
da ertönt im Wald ein stürzender Baum vom Landmann gefällt und neben uns
murmelte der vergängliche Regenbach hinab ins ruhige Meer
    Ich war so ziemlich sorglos ich hoffte nun meine Diotima bald zu sehen nun
bald mit ihr in stillem Glücke zu leben Alabanda hatte die Zweifel alle mir
ausgeredet so sicher war er selbst hierüber Auch er war heiter nur in andrem
Sinne Die Zukunft hatte keine Macht mehr über ihn O ich wußt es nicht er war
am Ende seiner Freuden sah mit allen seinen Rechten an die Welt mit seiner
ganzen siegrischen Natur sich unnütz wirkungslos und einsam und das ließ er so
geschehen als wär ein zeitverkürzend Spiel verloren
    Jetzt kam ein Bote auf uns zu Er bracht uns die Entlassung aus dem
Kriegsdienst um die wir beide bei der russischen Flotte gebeten weil für uns
nichts mehr zu tun war was der Mühe wert schien Ich konnte nun Paros
verlassen wenn ich wollte Auch war ich nun zur Reise gesund genug Ich wollte
nicht auf Diotimas Antwort warten wollte fort zu ihr es war als wenn ein Gott
nach Kalaurea mich triebe Wie das Alabanda von mir hörte veränderte sich seine
Farbe und er sah wehmütig mich an So leicht wirds meinem Hyperion rief er
seinen Alabanda zu verlassen
    Verlassen sagt ich wie denn das
    O über euch Träumer rief er siehst du denn nicht dass wir uns trennen
müssen
    Wie sollt ichs sehen erwidert ich du sagst ja nichts davon und was mir
hie und da erschien an dir das wie auf einen Abschied deutete das nahm ich
gerne für Laune für Herzensüberfluss 
    O ich kenn es rief er dieses Götterspiel der reichen Liebe die sich
selber Not schafft um sich ihrer Fülle zu entladen und ich wollt es wäre so
mit mir du Guter aber hier ists Ernst
    Ernst rief ich und warum denn
    Darum mein Hyperion sagt er sanft weil ich dein künftig Glück nicht
gerne stören möchte weil ich Diotimas Nähe fürchten muss Glaube mir es ist
gewagt um Liebende zu leben und ein tatlos Herz wie meines nun ist hält es
schwerlich aus
    Ach guter Alabanda sagt ich lächelnd wie misskennst du dich Du bist so
wächsern nicht und deine feste Seele springt so leicht nicht über ihre Grenzen
Zum ersten Mal in deinem Leben bist du grillenhaft Du machtest hier bei mir den
Krankenwärter und man sieht wie wenig du dazu geboren bist Das Stillesitzen
hat dich scheu gemacht 
    Siehst du rief er das ists eben Werd ich tätiger leben mit euch und wenn
es eine Andre wäre aber diese Diotima kann ich anders kann ich sie mit halber
Seele fühlen sie die um und um so innig Eines ist Ein göttlich ungeteiltes
Leben Glaube mir es ist ein kindischer Versuch dies Wesen sehen zu wollen ohne
Liebe Du blickst mich an als kenntest du mich nicht Bin ich doch selbst mir
fremd geworden diese letzten Tage seit ihr Wesen so lebendig ist in mir
    O warum kann ich sie dir nicht schenken rief ich
    Lass das sagt er Tröste mich nicht denn hier ist nichts zu trösten Ich
bin einsam einsam und mein Leben geht wie eine Sanduhr aus
    Große Seele rief ich muss es dahin mit dir kommen
    Sei zufrieden sagt er Ich fing schon an zu welken da wir in Smyrna uns
fanden Ja da ich noch ein Schiffsjung war und stark und schnell der Geist und
alle Glieder mir wurden bei rauer Kost in mutiger Arbeit Wenn ich da in
heiterer Luft nach einer Sturmnacht oben am Gipfel des Masts hing unter der
wehenden Flagge und dem Seegevögel nach hinaussah über die glänzende Tiefe
wenn in der Schlacht oft unsre zornigen Schiffe die See durchwühlten wie der
Zahn des Ebers die Erd und ich an meines Hauptmanns Seite stand mit hellem Blick
 da lebt ich o da lebt ich Und lange nachher da der junge Tiniote mir nun am
Smyrner Strande begegnete mit seinem Ernste seiner Liebe und meine verhärtete
Seele wieder aufgetaut war von den Blicken des Jünglings und lieben lernt und
heilig halten alles was zu gut ist um beherrscht zu werden da ich mit ihm ein
neues Leben begann und neue seelenvollere Kräfte mir keimten zum Genuße der
Welt und zum Kampfe mit ihr da hofft ich wieder  ach und alles was ich hofft
und hatte war an dich gekettet ich riss dich an mich wollte mit Gewalt dich in
mein Schicksal ziehen verlor dich fand dich wieder unsre Freundschaft nur war
meine Welt mein Wert mein Ruhm nun ists auch damit aus auf immer und all
mein Dasein ist vergebens
    Ist denn das wahr erwidert ich mit Seufzen
    Wahr wie die Sonne rief er aber lass das gut sein es ist für alles
gesorgt
    Wie so mein Alabanda sagt ich
    Lass mich dir erzählen sagt er Ich habe noch nie dir ganz von einer
gewissen Sache gesprochen Und dann  so stillt es auch dich und mich ein wenig
wenn wir sprechen von Vergangenem
    Ich ging einst hilflos an dem Hafen von Triest Das Kaperschiff worauf ich
diente war einige Jahre zuvor gescheitert und ich hatte kaum mit wenigen ans
Ufer von Sevilla mich gerettet Mein Hauptmann war ertrunken und mein Leben und
mein triefend Kleid war alles was mir blieb Ich zog mich aus und ruht im
Sonnenschein und trocknete die Kleider an den Sträuchen Drauf ging ich weiter
auf der Straße nach der Stadt Noch vor den Toren sah ich heitere Gesellschaft
in den Gärten ging hinein und sang ein griechisch lustig Lied Ein trauriges
kannt ich nicht Ich glühte dabei vor Scham und Schmerz mein Unglück so zur
Schau zu tragen Ich war ein achtzehnjähriger Knabe wild und stolz und hasst es
wie den Tod zum Gegenstande der Menschen zu werden Vergebt mir sagt ich da
ich fertig war mit meinem Liede ich komme so eben aus dem Schiffbruch und weiß
der Welt für heute keinen bessern Dienst zu tun als ihr zu singen Ich hatte
das so gut es ging in spanischer Sprache gesagt Ein Mann mit ausgezeichnetem
Gesichte trat mir näher gab mir Geld und sagt in unserer Sprache mit Lächeln
Da kauf einen Schleifstein dir dafür und lerne Messer schärfen und wandre so
durchs feste Land Der Rat gefiel mir Herr das will ich in der Tat; erwidert
ich Noch wurd ich reichlich von den übrigen beschenkt und ging und tat wie mir
der Mann geraten hatte und trieb mich so in Spanien und Frankreich einige Zeit
herum
    Was ich in dieser Zeit erfuhr wie an der Knechtschaft tausendfältigen
Gestalten meine Freiheitsliebe sich schärft und wie aus mancher harten Not mir
Lebensmut und kluger Sinn erwuchs das hab ich oft mit Freude dir gesagt
    Ich trieb mein wandernd schuldlos Tagewerk mit Lust doch wurd es endlich
mir verbittert
    Man nahm es für Maske weil ich nicht gemein genug daneben aussehn mochte
man bildete sich ein ich treib im stillen ein gefährlicher Geschäft und
wirklich wurd ich zweimal in Verhaft genommen Das bewog mich dann es
aufzugeben und ich trat mit wenig Gelde das ich mir gewonnen meine Rückkehr an
zur Heimat der ich einst entlaufen war Schon war ich in Triest und wollte
durch Dalmatien hinunter Da befiel mich von der harten Reise eine Krankheit und
mein kleiner Reichtum ging darüber auf So ging ich halbgenesen traurig an dem
Hafen von Triest Mit Einmal stand der Mann vor mir der an dem Ufer von Sevilla
meiner einst sich angenommen hatte Er freute sich sonderbar mich wieder zu
sehen sagte mir dass er sich meiner oft erinnert und fragte mich wie mirs
indes ergangen sei Ich sagt ihm alles Ich sehe rief er dass es nicht umsonst
war dich ein wenig in die Schule des Schicksals zu schicken Du hast dulden
gelernt du sollst nun wirken wenn du willst
    Die Rede sein Ton sein Händedruck seine Miene sein Blick das alles
traf wie eines Gottes Macht mein Wesen das von manchem Leiden jetzt gerad
entzündbarer als je war und ich gab mich hin
    Der Mann Hyperion von dem ich spreche war von jenen einer die du in
Smyrna bei mir sahst Er führte gleich die Nacht darauf in eine feierliche
Gesellschaft mich ein Ein Schauer überlief mich da ich in den Saal trat und
beim Eintritt mein Begleiter mir die ernsten Männer wies und sagte Dies ist der
Bund der Nemesis Berauscht vom großen Wirkungskreise der vor mir sich auftat
übermacht ich feierlich mein Blut und meine Seele diesen Männern Bald nachher
wurde die Versammlung aufgehoben um in Jahren anderswo sich zu erneuern und ein
jeder trat den angewiesenen Weg an den er durch die Welt zu machen hatte Ich
wurde denen beigesellt die du in Smyrna einige Jahre nachher bei mir fandst
    Der Zwang worin ich lebte folterte mich oft auch sah ich wenig von den
großen Wirkungen des Bundes und meine Tatenlust fand kahle Nahrung Doch all
dies reichte nicht hin um mich zu einem Abfall zu vermögen Die Leidenschaft zu
dir verleitete mich endlich Ich habs dir oft gesagt ich war wie ohne Luft und
Sonne da du fort warst und anders hatt ich keine Wahl ich musste dich
aufgeben oder meinen Bund Was ich erwählte siehst du
    Aber alles Tun des Menschen hat am Ende seine Strafe und nur die Götter und
die Kinder trifft die Nemesis nicht
    Ich zog das Götterrecht des Herzens vor Um meines Lieblings willen brach
ich meinen Eid War das nicht billig muss das edelste Sehnen nicht das freieste
sein  Mein Herz hat mich beim Worte genommen ich gab ihm Freiheit und du
siehst es braucht sie
    Huldige dem Genius Einmal und er achtet dir kein sterblich Hindernis mehr
und reißt dir alle Bande des Lebens entzwei
    Verpflichtung brach ich um des Freundes willen Freundschaft würd ich
brechen um der Liebe willen Um Diotimas willen würd ich dich betrügen und am
Ende mich und Diotima morden weil wir doch nicht Eines wären Aber es soll
nicht seinen Gang gehen soll ich büßen was ich tat so will ich es mit
Freiheit meine eignen Richter wähl ich mir an denen ich gefehlt die sollen
mich haben
    Sprichst du von deinen Bundesbrüdern rief ich o mein Alabanda tue das
nicht
    Was können sie mir nehmen als mein Blut erwidert er Dann fasst er sanft
mich bei der Hand Hyperion rief er meine Zeit ist aus und was mir übrig
bleibt ist nur ein edles Ende Lass mich mache mich nicht klein und fasse
Glauben an mein Wort Ich weiß so gut wie du ich könnte mir ein Dasein noch
erkünsteln könnte weil des Lebens Mahl verzehrt ist mit den Brosamen noch
spielen aber das ist meine Sache nicht auch nicht die deine Brauch ich mehr
zu sagen Sprech ich nicht aus deiner Seele dir Ich dürste nach Luft nach
Kühlung Hyperion Meine Seele wallt mir über von selbst und hält im alten
Kreise nicht mehr Bald kommen ja die schönen Wintertage wo die dunkle Erde
nichts mehr ist als die Folie des leuchtenden Himmels da wär es gute Zeit da
blinken ohnedies gastfreundlicher die Inseln des Lichts  dich wundert die
Rede Liebster alle Scheidenden sprechen wie Trunkne und nehmen gerne sich
festlich Wenn der Baum zu welken anfängt tragen nicht alle seine Blätter die
Farbe des Morgenrots
    Große Seele rief ich muss ich Mitleid für dich tragen
    Ich fühlt an seiner Höhe wie tief er litt Ich hatte solches Weh im Leben
nie erfahren Und doch o Bellarmin doch fühlt ich auch die Größe aller
Freuden solch ein Götterbild in Augen und Armen zu haben Ja stirb nur rief
ich stirb Dein Herz ist herrlich genug dein Leben ist reif wie die Trauben
am Herbsttag Geh Vollendeter ich ginge mit dir wenn es keine Diotima gäbe
    Hab ich dich nun erwidert Alabanda sprichst du so wie tief wie
seelenvoll wird alles wenn mein Hyperion es einmal fasst Er schmeichelt rief
ich um das unbesonnene Wort zum zweiten Male mir abzulocken gute Götter um
von mir Erlaubnis zu gewinnen zu der Reise nach dem Blutgericht
    Ich schmeichle nicht erwidert er mit Ernst ich hab ein Recht zu tun was
du verhindern willst und kein gemeines ehre das
    Es war ein Feuer in seinen Augen das wie ein Göttergebot mich
niederschlug und ich schämte mich nur ein Wort noch gegen ihn zu sagen
    Sie werden es nicht dacht ich mitunter sie können es nicht Es ist zu
sinnlos solch ein herrlich Leben hinzuschlachten wie ein Opfertier und dieser
Glaube machte mich ruhig
    Es war ein eigener Gewinn ihn noch zu hören in der Nacht darauf nachdem
ein jeder für seine eigne Reise gesorgt und wir vor Tagesanbruch wieder
hinausgegangen waren um noch einmal allein zusammen zu sein
    Weißt du sagt er unter andrem warum ich nie den Tod geachtet Ich fühl in
mir ein Leben das kein Gott geschaffen und kein Sterblicher gezeugt Ich
glaube dass wir durch uns selber sind und nur aus freier Lust so innig mit dem
All verbunden
    So etwas hab ich nie von dir gehört erwidert ich
    Was wär auch fuhr er fort was wär auch diese Welt wenn sie nicht wär ein
Einklang freier Wesen wenn nicht aus eigenem frohem Triebe die Lebendigen von
Anbeginn in ihr zusammenwirkten in Ein vollstimmig Leben wie hölzern wäre sie
wie kalt welch herzlos Machwerk wäre sie
    So wär es hier im höchsten Sinne wahr erwidert ich dass ohne Freiheit alles
tot ist
    Ja wohl rief er wächst doch kein Grashalm auf wenn nicht ein eigener
Lebenskeim in ihm ist wie viel mehr in mir und darum Lieber weil ich frei im
höchsten Sinne weil ich anfangslos mich fühle darum glaub ich dass ich endlos
dass ich unzerstörbar bin Hat mich eines Töpfers Hand gemacht so mag er sein
Gefäß zerschlagen wie es ihm gefällt Doch was da lebt muss unerzeugt muss
göttlicher Natur in seinem Keime sein erhaben über alle Macht und alle Kunst
und darum unverletzlich ewig
    Jeder hat seine Mysterien lieber Hyperion seine geheimern Gedanken dies
waren die meinen seit ich denke
    Was lebt ist unvertilgbar bleibt in seiner tiefsten Knechtsform frei
bleibt Eins und wenn du es scheidest bis auf den Grund bleibt unverwundet und
wenn du bis ins Mark es zerschlägst und sein Wesen entfliegt dir siegend unter
den Händen  Aber der Morgenwind regt sich unsre Schiffe sind wach O mein
Hyperion ich hab es überwunden ich hab es über mich vermocht das Todesurteil
über mein Herz zu sprechen und dich und mich zu trennen Liebling meines Lebens
schone mich nun erspare mir den Abschied lass uns schnell sein komm 
    Mir flog es kalt durch alle Gebeine da er so begann
    O um deiner Treue willen Alabanda rief ich vor ihm niedergeworfen muss es
muss es denn sein Du übertäubtest mich unredlicherweise du rissest in einen
Taumel mich hin Bruder nicht so viel Besinnung ließest du mir um eigentlich
zu fragen wohin gehst du
    Ich darf den Ort nicht nennen liebes Herz erwidert er wir sehen
vielleicht uns dennoch einmal wieder
    Wiedersehen erwidert ich so bin ich ja um einen Glauben reicher und so
werd ich reicher werden und reicher an Glauben und am Ende wird mir alles Glaube
sein
    Lieber rief er lass uns still sein wo die Worte nichts helfen lass uns
männlich enden Du verderbst die letzten Augenblicke dir
    Wir waren so dem Hafen näher gekommen
    Noch Eines sagt er da wir nun bei seinem Schiffe waren Grüße deine
Diotima Liebt euch werdet glücklich schöne Seelen
    O mein Alabanda rief ich warum kann ich nicht an deiner Stelle gehen
    Dein Beruf ist schöner erwidert er behalt ihn ihr gehörst du jenes
holde Wesen ist von nun an deine Welt  ach weil kein Glück ist ohne Opfer
nimm als Opfer mich o Schicksal an und lass die Liebenden in ihrer Freude 
    Sein Herz fing an ihn zu überwältigen und er riss sich von mir und sprang
ins Schiff um sich und mir den Abschied abzukürzen Ich fühlte diesen
Augenblick wie einen Wetterschlag dem Nacht und Totenstille folgte aber
mitten in dieser Vernichtung raffte meine Seele sich auf ihn zu halten den
teuren Scheidenden und meine Arme zückten von selbst nach ihm Weh Alabanda
Alabanda rief ich und ein dumpfes Lebewohl hört ich vom Schiffe herüber
                             Hyperion an Bellarmin
Zufällig hielt das Fahrzeug das nach Kalaurea mich bringen sollte noch bis zum
Abend sich auf nachdem Alabanda schon den Morgen seinen Weg gegangen war
    Ich blieb am Ufer blickte still von den Schmerzen des Abschieds müd in
die See von einer Stunde zur andern Die Leidenstage der langsamsterbenden
Jugend überzählte mein Geist und irre wie die schöne Taube schwebt er über
dem Künftigen Ich wollte mich stärken ich nahm mein längstvergessenes
Lautenspiel hervor um mir ein Schicksalslied zu singen das ich einst in
glücklicher unverständiger Jugend meinem Adamas nachgesprochen
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden selige Genien
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten
Schicksallos wie der schlafende
Säugling atmen die Himmlischen
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe
Blühet ewig
Ihnen der Geist
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit
Doch uns ist gegeben
Auf keiner Stätte zu ruhen
Es schwinden es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen
Jahr lang ins Ungewisse hinab
So sang ich in die Saiten Ich hatte kaum geendet als ein Boot einlief wo ich
meinen Diener gleich erkannte der mir einen Brief von Diotima überbrachte
    So bist du noch auf Erden schrieb sie und siehst das Tageslicht noch Ich
dachte dich anderswo zu finden mein Lieber Ich habe früher als du nachher
wünschtest den Brief erhalten den du vor der Schlacht bei Tschesme schriebst
und so lebt ich eine Woche lang in der Meinung du habst dem Tod dich in die
Arme geworfen ehe dein Diener ankam mit der frohen Botschaft dass du noch
lebest Ich hatt auch ohnedies noch einige Tage nach der Schlacht gehört das
Schiff worauf ich dich wusste sei mit aller Mannschaft in die Luft geflogen
    Aber o süße Stimme noch hört ich dich wieder noch einmal rührte wie
Mailuft mich die Sprache des Lieben und deine schöne Hoffnungsfreude das
holde Phantom unsers künftigen Glücks hat einen Augenblick auch mich getäuscht
    Lieber Träumer warum muss ich dich wecken warum kann ich nicht sagen komm
und mache wahr die schönen Tage die du mir verheißen Aber es ist zu spät
Hyperion es ist zu spät Dein Mädchen ist verwelkt seitdem du fort bist ein
Feuer in mir hat mählich mich verzehrt und nur ein kleiner Rest ist übrig
Entsetze dich nicht Es läutert sich alles Natürliche und überall windet die
Blüte des Lebens freier und freier vom gröbern Stoffe sich los
    Liebster Hyperion du dachtest wohl nicht mein Schwanenlied in diesem Jahre
zu hören
                                  Fortsetzung
Bald da du fort warst und noch in den Tagen des Abschieds fing es an Eine
Kraft im Geiste vor der ich erschrak ein innres Leben vor dem das Leben der
Erd erblasst und schwand wie Nachtlampen im Morgenrot   soll ichs sagen ich
hätte mögen nach Delphi gehen und dem Gott der Begeisterung einen Tempel bauen
unter den Felsen des alten Parnass und eine neue Pytia die schlaffen Völker
mit Göttersprüchen entzünden und meine Seele weiß den Gottverlassnen allen
hätte der jungfräuliche Mund die Augen geöffnet und die dumpfen Stirnen
entfaltet so mächtig war der Geist des Lebens in mir Doch müder und müder
wurden die sterblichen Glieder und die ängstigende Schwere zog mich unerbittlich
hinab Ach oft in meiner stillen Laube hab ich um der Jugend Rosen geweint sie
welkten und welkten und nur von Tränen färbte deines Mädchens Wange sich rot
Es waren die vorigen Bäume noch es war die vorige Laube  da stand einst deine
Diotima dein Kind Hyperion vor deinen glücklichen Augen eine Blume unter den
Blumen und die Kräfte der Erde und des Himmels trafen sich friedlich zusammen in
ihr nun ging sie eine Fremdlingin unter den Knospen des Mais und ihre
Vertrauten die lieblichen Pflanzen nickten ihr freundlich sie aber konnte nur
trauern doch ging ich keine vorüber doch nahm ich einen Abschied um den andern
von all den Jugendgespielen den Hainen und Quellen und säuselnden Hügeln
    Ach oft mit schwerer süßer Mühe bin ich noch so lang ichs konnte auf die
Höhe gegangen wo du bei Notara gewohnt und habe von dir mit dem Freunde
gesprochen so leichten Sinns als möglich war damit er nichts von mir dir
schreiben sollte bald aber wenn das Herz zu laut ward schlich die Heuchlerin
sich hinaus in den Garten und da war ich nun am Geländer über dem Felsen wo
ich einst mit dir hinab sah und hinaus in die offene Natur ach wo ich stand
von deinen Händen gehalten von deinen Augen umlauscht im ersten schaudernden
Erwarmen der Liebe und die überwallende Seele auszugiessen wünschte wie einen
Opferwein in den Abgrund des Lebens da wankt ich nun umher und klagte dem
Winde mein Leid und wie ein scheuer Vogel irrte mein Blick und wagt es kaum
die schöne Erde anzusehen von der ich scheiden sollte
                                  Fortsetzung
So ists mit deinem Mädchen geworden Hyperion Frage nicht wie erkläre diesen
Tod dir nicht Wer solch ein Schicksal zu ergründen denkt der flucht am Ende
sich und allem und doch hat keine Seele Schuld daran
    Soll ich sagen mich habe der Gram um dich getötet o nein o nein er war
mir ja willkommen dieser Gram er gab dem Tode den ich in mir trug Gestalt
und Anmut deinem Lieblinge zur Ehre stirbst du konnt ich nun mir sagen 
    Oder ist mir meine Seele zu reif geworden in all den Begeisterungen unserer
Liebe und hält sie darum mir nun wie ein übermütiger Jüngling in der
bescheidenen Heimat nicht mehr sprich war es meines Herzens Üppigkeit die
mich entzweite mit dem sterblichen Leben ist die Natur in mir durch dich du
Herrlicher zu stolz geworden um sichs länger gefallen zu lassen auf diesem
mittelmäßigen Sterne Aber hast du sie fliegen gelehrt warum lehrst du meine
Seele nicht auch dir wiederzukehren Hast du das äterliebende Feuer
angezündet warum hütetest du mir es nicht  Höre mich Lieber um deiner
schönen Seele willen klage du dich über meinem Tode nicht an
    Konntest du denn mich halten als dein Schicksal dir denselben Weg wies
und hättest du im Heldenkampfe deines Herzens mir geprediget  lass dir genügen
Kind und schick in die Zeit dich  wärst du nicht der eitelste von allen eitelen
gewesen
                                  Fortsetzung
Ich will es dir gerade sagen was ich glaube Dein Feuer lebt in mir dein
Geist war in mich übergegangen aber das hätte schwerlich geschadet und nur
dein Schicksal hat mein neues Leben mir tödlich gemacht Zu mächtig war mir
meine Seele durch dich sie wäre durch dich auch wieder stille geworden Du
entzogst mein Leben der Erde du hättest auch Macht gehabt mich an die Erde zu
fesseln du hättest meine Seele wie in einen Zauberkreis in deine umfangenden
Arme gebannt ach Einer deiner Herzensblicke hätte mich fest gehalten Eine
deiner Liebesreden hätte mich wieder zum frohen gesunden Kinde gemacht doch da
dein eigen Schicksal dich in Geisteseinsamkeit wie Wasserflut auf Bergesgipfel
trieb o da erst als ich vollends meinte dir habe das Wetter der Schlacht den
Kerker gesprengt und mein Hyperion sei aufgeflogen in die alte Freiheit da
entschied sich es mit mir und wird nun bald sich enden
    Ich habe viele Worte gemacht und stillschweigend starb die große Römerin
doch da im Todeskampf ihr Brutus und das Vaterland rang Was konnt ich aber
bessers in den besten meiner letzten Lebenstage tun  Auch treibt michs immer
mancherlei zu sagen Stille war mein Leben mein Tod ist beredt Genug
                                  Fortsetzung
Nur Eines muss ich dir noch sagen
    Du müsstest untergehn verzweifeln müsstest du doch wird der Geist dich
retten Dich wird kein Lorbeer trösten und kein Myrtenkranz der Olymp wirds
der lebendige gegenwärtige der ewig jugendlich um alle Sinne dir blüht Die
schöne Welt ist mein Olymp in diesem wirst du leben und mit den heiligen Wesen
der Welt mit den Göttern der Natur mit diesen wirst du freudig sein
    O seid willkommen ihr Guten ihr Treuen ihr Tiefvermissten Verkannten
Kinder und Älteste Sonn und Erd und Äther mit allen lebenden Seelen die um
euch spielen die ihr umspielt in ewiger Liebe o nimmt die allesversuchenden
Menschen nimmt die Flüchtlinge wieder in die Götterfamilie nimmt in die Heimat
der Natur sie auf aus der sie entwichen 
    Du kennst dies Wort Hyperion Du hast es angefangen in mir Du wirsts
vollenden in dir und dann erst ruhen
    Ich habe genug daran um freudig als ein griechisch Mädchen zu sterben
    Die Armen die nichts kennen als ihr dürftig Machwerk die der Not nur
dienen und den Genius verschmähn und dich nicht ehren kindlich Leben der
Natur die mögen vor dem Tode sich fürchten Ihr Joch ist ihre Welt geworden
Besseres als ihren Knechtsdienst kennen sie nicht scheun die Götterfreiheit
die der Tod uns gibt
    Ich aber nicht ich habe mich des Stückwerks überhoben das die
Menschenhände gemacht ich hab es gefühlt das Leben der Natur das höher ist
denn alle Gedanken  wenn ich auch zur Pflanze würde wäre denn der Schade so
groß  Ich werde sein Wie sollt ich mich verlieren aus der Sphäre des Lebens
worin die ewige Liebe die allen gemein ist die Naturen alle zusammenhält wie
sollt ich scheiden aus dem Bunde der die Wesen alle verknüpft Der bricht so
leicht nicht wie die losen Bande dieser Zeit Der ist nicht wie ein Markttag
wo das Volk zusammenläuft und lärmt und auseinandergeht Nein bei dem Geiste
der uns einiget bei dem Gottesgeiste der jedem eigen ist und allen gemein
nein nein im Bunde der Natur ist Treue kein Traum Wir trennen uns nur um
inniger einig zu sein göttlicher friedlich mit allem mit uns Wir sterben um
zu leben
    Ich werde sein ich frage nicht was ich werde Zu sein zu leben das ist
genug das ist die Ehre der Götter und darum ist sich alles gleich was nur ein
Leben ist in der göttlichen Welt und es gibt in ihr nicht Herren und Knechte
Es leben umeinander die Naturen wie Liebende sie haben alles gemein Geist
Freude und ewige Jugend
    Beständigkeit haben die Sterne gewählt in stiller Lebensfülle wallen sie
stets und kennen das Alter nicht Wir stellen im Wechsel das Vollendete dar in
wandelnde Melodien teilen wir die großen Akkorde der Freude Wie Harfenspieler
um die Tronen der Ältesten leben wir selbst göttlich um die stillen Götter
der Welt mit dem flüchtigen Lebensliede mildern wir den seligen Ernst des
Sonnengotts und der andern
    Sieh auf in die Welt Ist sie nicht wie ein wandelnder Triumphzug wo die
Natur den ewigen Sieg über alle Verderbnis feiert und führt nicht zur
Verherrlichung das Leben den Tod mit sich in goldenen Ketten wie der Feldherr
einst die gefangenen Könige mit sich geführt und wir wir sind wie die
Jungfrauen und die Jünglinge die mit Tanz und Gesang in wechselnden Gestalten
und Tönen den majestätischen Zug geleiten
    Nun lass mich schweigen Mehr zu sagen wäre zu viel Wir werden wohl uns
wieder begegnen 
    Trauernder Jüngling bald bald wirst du glücklicher sein Dir ist dein
Lorbeer nicht gereift und deine Myrten verblühten denn Priester sollst du sein
der göttlichen Natur und die dichterischen Tage keimen dir schon
    O könnt ich dich sehen in deiner künftigen Schöne Lebe wohl
Zugleich erhielt ich einen Brief von Notara worin er mir schrieb
Den Tag nachdem sie dir zum letzten Mal geschrieben wurde sie ganz ruhig
sprach noch wenig Worte sagte dann auch dass sie lieber möcht im Feuer von der
Erde scheiden als begraben sein und ihre Asche sollten wir in eine Urne
sammeln und in den Wald sie stellen an den Ort wo du mein Teurer ihr zuerst
begegnet wärst Bald darauf da es anfing dunkel zu werden sagte sie uns gute
Nacht als wenn sie schlafen möcht und schlug die Arme um ihr schönes Haupt
bis gegen Morgen hörten wir sie atmen Da es dann ganz stille wurde und ich
nichts mehr hörte ging ich hin zu ihr und lauschte
    O Hyperion was soll ich weiter sagen Es war aus und unsre Klagen weckten
sie nicht mehr
    Es ist ein furchtbares Geheimnis dass ein solches Leben sterben soll und ich
will es dir gestehen ich selber habe weder Sinn noch Glauben seit ich das mit
ansah
    Doch immer besser ist ein schöner Tod Hyperion denn solch ein schläfrig
Leben wie das unsre nun ist
    Die Fliegen abzuwehren das ist künftig unsre Arbeit und zu nagen an den
Dingen der Welt wie Kinder an der dürren Feigenwurzel das ist endlich unsre
Freude Alt zu werden unter jugendlichen Völkern scheint mir eine Lust doch
alt zu werden da wo alles alt ist scheint mir schlimmer denn alles 
    Ich möchte fast dir raten mein Hyperion dass du nicht hieher kommst Ich
kenne dich Es würde dir die Sinne nehmen Überdies bist du nicht sicher hier
Mein Teurer denk an Diotimas Mutter denk an mich und schone dich
    Ich will es dir gestehen mir schaudert wenn ich dein Schicksal überdenke
Aber ich meine doch auch der brennende Sommer trockne nicht die tieferen
Quellen nur den seichten Regenbach aus Ich habe dich in Augenblicken gesehen
Hyperion wo du mir ein höher Wesen schienst Du bist nun auf der Probe und es
muss sich zeigen wer du bist Leb wohl
    So schrieb Notara und du fragst mein Bellarmin wie jetzt mir ist indem
ich dies erzähle
    Bester ich bin ruhig denn ich will nichts Bessers haben als die Götter
Muss nicht alles leiden Und je trefflicher es ist je tiefer Leidet nicht die
heilige Natur O meine Gottheit dass du trauern könntest wie du selig bist das
konnt ich lange nicht fassen Aber die Wonne die nicht leidet ist Schlaf und
ohne Tod ist kein Leben Solltest du ewig sein wie ein Kind und schlummern dem
Nichts gleich den Sieg entbehren nicht die Vollendungen alle durchlaufen Ja
ja wert ist der Schmerz am Herzen der Menschen zu liegen und dein Vertrauter
zu sein o Natur Denn er nur führt von einer Wonne zur andern und es ist kein
andrer Gefährte denn er 
    Damals schrieb ich an Notara als ich wieder anfing aufzuleben von Sizilien
aus wohin ein Schiff von Paros mich zuerst gebracht
    Ich habe dir gehorcht mein Teurer bin schon weit von euch und will dir nun
auch Nachricht geben aber schwer wird mir das Wort das darf ich wohl gestehen
Die Seligen wo Diotima nun ist sprechen nicht viel in meiner Nacht in der
Tiefe der Traurenden ist auch die Rede am Ende
    Einen schönen Tod ist meine Diotima gestorben da hast du recht das ists
auch was mich aufweckt und meine Seele mir wiedergibt
    Aber es ist die vorige Welt nicht mehr zu der ich wiederkehre Ein
Fremdling bin ich wie die Unbegrabnen wenn sie herauf vom Acheron kommen und
wär ich auch auf meiner heimatlichen Insel in den Gärten meiner Jugend die
mein Vater mir verschließt ach dennoch dennoch wär ich auf der Erd ein
Fremdling und kein Gott knüpft ans Vergangne mich mehr
    Ja es ist alles vorbei Das muss ich nur recht oft mir sagen muss damit die
Seele mir binden dass sie ruhig bleibt sich nicht erhitzt in ungereimten
kindischen Versuchen
    Es ist alles vorbei und wenn ich gleich auch weinen könnte schöne
Gottheit wie du um Adonis einst geweint doch kehrt mir meine Diotima nicht
wieder und meines Herzens Wort hat seine Kraft verloren denn es hören mich die
Lüfte nur
    O Gott und dass ich selbst nichts bin und der gemeinste Handarbeiter sagen
kann er habe mehr getan denn ich dass sie sich trösten dürfen die
Geistesarmen und lächeln und Träumer mich schelten weil meine Taten mir nicht
reiften weil meine Arme nicht frei sind weil meine Zeit dem wütenden
Prokrustes gleicht der Männer die er fing in eine Kinderwiege warf und dass
sie passten in das kleine Bett die Glieder ihnen abhieb
    Wär es nur nicht gar zu trostlos allein sich unter die närrische Menge zu
werfen und zerrissen zu werden von ihr oder müsst ein edel Blut sich nur nicht
schämen mit dem Knechtsblut sich zu mischen o gäb es eine Fahne Götter wo
mein Alabanda dienen möcht ein Termopylä wo ich mit Ehren sie verbluten
könnte all die einsame Liebe die mir nimmer brauchbar ist Noch besser wär es
freilich wenn ich leben könnte leben in den neuen Tempeln in der
neuversammelten Agora unsers Volks mit großer Lust den großen Kummer stillen
aber davon schweig ich denn ich weine nur die Kraft mir vollends aus wenn ich
an Alles denke
    Ach Notara auch mit mir ists aus verleidet ist mir meine eigne Seele weil
ich ihrs vorwerfen muss dass Diotima tot ist und die Gedanken meiner Jugend die
ich groß geachtet gelten mir nichts mehr Haben sie doch meine Diotima mir
vergiftet
    Und nun sage mir wo ist noch eine Zuflucht  Gestern war ich auf dem Aetna
droben Da fiel der große Sizilianer mir ein der einst des Stundenzählens satt
vertraut mit der Seele der Welt in seiner kühnen Lebenslust sich da hinabwarf
in die herrlichen Flammen denn der kalte Dichter hätte müssen am Feuer sich
wärmen sagt ein Spötter ihm nach
    O wie gerne hätt ich solchen Spott auf mich geladen aber man muss sich höher
achten denn ich mich achte um so ungerufen der Natur ans Herz zu fliegen oder
wie du es sonst noch heißen magst denn wirklich wie ich jetzt bin hab ich
keinen Namen für die Dinge und es ist mir alles ungewiss
    Notara und nun sage mir wo ist noch Zuflucht
    In Kalaureas Wäldern  Ja im grünen Dunkel dort wo unsre Bäume die
Vertrauten unsrer Liebe stehen wo wie ein Abendrot ihr sterbend Laub auf
Diotimas Urne fällt und ihre schönen Häupter sich auf Diotimas Urne neigen
mählich alternd bis auch sie zusammensinken über der geliebten Asche  da da
könnt ich wohl nach meinem Sinne wohnen
    Aber du rätst mir wegzubleiben meinst ich sei nicht sicher in Kalaurea
und das mag so sein
    Ich weiß es wohl du wirst an Alabanda mich verweisen Aber höre nur
zertrümmert ist er verwittert ist der feste schlanke Stamm auch er und die
Buben werden die Späne auflesen und damit ein lustig Feuer sich machen Er ist
fort er hat gewisse gute Freunde die ihn erleichtern werden die ganz
eigentlich geschickt sind jedem abzuhelfen dem das Leben etwas schwer
aufliegt zu diesen ist er auf Besuch gegangen und warum weil sonst nichts für
ihn zu tun ist oder wenn du alles wissen willst weil eine Leidenschaft am
Herzen ihm nagt und weißt du auch für wen für Diotima die er noch im Leben
glaubt vermählt mit mir und glücklich  armer Alabanda nun gehört sie dir und
mir
    Er fuhr nach Osten hinaus und ich ich schiffe nach Nordwest weil es die
Gelegenheit so haben will 
    Und nun lebt wohl ihr Alle all ihr Teuern die ihr mir am Herzen gelegen
Freunde meiner Jugend und ihr Eltern und ihr lieben Griechen all ihr Leidenden
    Ihr Lüfte die ihr mich genährt in zarter Kindheit und ihr dunkeln
Lorbeerwälder und ihr Uferfelsen und ihr majestätischen Gewässer die ihr Großes
ahnen meinen Geist gelehrt  und ach ihr Trauerbilder ihr wo meine Schwermut
anhub heilige Mauern womit die Heldenstädte sich umgürtet und ihr alten Tore
die manch schöner Wanderer durchzog ihr Tempelsäulen und du Schutt der Götter
und du o Diotima und ihr Täler meiner Liebe und ihr Bäche die ihr sonst die
selige Gestalt gesehen ihr Bäume wo sie sich erheitert ihr Frühlinge wo sie
gelebt die Holde mit den Blumen scheidet scheidet nicht aus mir doch soll
es sein ihr süßen Angedenken so erlöscht auch ihr und lasst mich denn es kann
der Mensch nichts ändern und das Licht des Lebens kommt und scheidet wie es
will
                             Hyperion an Bellarmin
So kam ich unter die Deutschen Ich foderte nicht viel und war gefasst noch
weniger zu finden Demütig kam ich wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore
von Athen wo ihn der Götterhain empfing und schöne Seelen ihm begegneten 
    Wie anders ging es mir
    Barbaren von alters her durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch
Religion barbarischer geworden tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls verdorben
bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien in jedem Grad der Übertreibung und
der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele dumpf und harmonielos
wie die Scherben eines weggeworfenen Gefässes  das mein Bellarmin waren meine
Tröster
    Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs weil es Wahrheit ist ich kann
kein Volk mir denken das zerrissner wäre wie die Deutschen Handwerker siehst
du aber keine Menschen Denker aber keine Menschen Priester aber keine
Menschen Herrn und Knechte Jungen und gesetzte Leute aber keine Menschen 
ist das nicht wie ein Schlachtfeld wo Hände und Arme und alle Glieder
zerstückelt untereinander liegen indessen das vergossne Lebensblut im Sande
zerrinnt
    Ein jeder treibt das Seine wirst du sagen und ich sag es auch Nur muss er
es mit ganzer Seele treiben muss nicht jede Kraft in sich ersticken wenn sie
nicht gerade sich zu seinem Titel passt muss nicht mit dieser kargen Angst
buchstäblich heuchlerisch das was er heißt nur sein mit Ernst mit Liebe muss
er das sein was er ist so lebt ein Geist in seinem Tun und ist er in ein Fach
gedrückt wo gar der Geist nicht leben darf so stoss ers mit Verachtung weg und
lerne pflügen Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten und darum
ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies Echterfreuliches
Doch das wäre zu verschmerzen müssten solche Menschen nur nicht fühllos sein für
alles schöne Leben ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlassnen Unnatur
auf solchem Volke 
    Die Tugenden der Alten sein nur glänzende Fehler sagt einmal ich weiß
nicht welche böse Zunge und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden denn da
noch lebt ein kindlicher ein schöner Geist und ohne Seele war von allem was
sie taten nichts getan Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel
und nichts weiter denn Notwerk sind sie nur aus feiger Angst mit Sklavenmühe
dem wüsten Herzen abgedrungen und lassen trostlos jede reine Seele die von
Schönem gern sich nährt ach die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren
Naturen den Misslaut nicht erträgt der schreiend ist in all der toten Ordnung
dieser Menschen
    Ich sage dir es ist nichts Heiliges was nicht enteiligt nicht zum
ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk und was selbst unter Wilden
göttlichrein sich meist erhält das treiben diese allberechnenden Barbaren wie
man so ein Handwerk treibt und können es nicht anders denn wo einmal ein
menschlich Wesen abgerichtet ist da dient es seinem Zweck da sucht es seinen
Nutzen es schwärmt nicht mehr bewahre Gott es bleibt gesetzt und wenn es
feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber wenn des Frühlings holdes
Fest wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst und Unschuld
zaubert in ein schuldig Herz wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht der
Sklave seine Ketten froh vergisst und von der gottbeseelten Luft besänftiget die
Menschenfeinde friedlich wie die Kinder sind  wenn selbst die Raupe sich
beflügelt und die Biene schwärmt so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und
kümmert sich nicht viel ums Wetter
    Aber du wirst richten heilige Natur Denn wenn sie nur bescheiden wären
diese Menschen zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen wenn
sie nur nicht lästerten was sie nicht sind und möchten sie doch lästern wenn
sie nur das Göttliche nicht höhnten 
    Oder ist nicht göttlich was ihr höhnt und seellos nennt Ist besser denn
euer Geschwätz die Luft nicht die ihr trinkt der Sonne Strahlen sind sie
edler nicht denn all ihr Klugen der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen
euren Hain könnt ihr auch das ach töten könnt ihr aber nicht lebendig
machen wenn es die Liebe nicht tut die nicht von euch ist die ihr nicht
erfunden Ihr sorgt und sinnt dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht
wenn eure Kinderkunst nichts hilft indessen wandelt harmlos droben das Gestirn
Ihr entwürdiget ihr zerreißt wo sie euch duldet die geduldige Natur doch
lebt sie fort in unendlicher Jugend und ihren Herbst und ihren Frühling könnt
ihr nicht vertreiben ihren Äther den verderbt ihr nicht
    O göttlich muss sie sein weil ihr zerstören dürft und dennoch sie nicht
altert und trotz euch schön das Schöne bleibt 
    Es ist auch herzzerreissend wenn man eure Dichter eure Künstler sieht und
alle die den Genius noch achten die das Schöne lieben und es pflegen Die
Guten Sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Hause sie sind so
recht wie der Dulder Ulyss da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß indes
die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten wer hat uns den
Landläufer gebracht
    Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen
Volk heran du siehst sie sieben Jahre später und sie wandeln wie die
Schatten still und kalt sind wie ein Boden den der Feind mit Salz besäete
dass er nimmer einen Grashalm treibt und wenn sie sprechen wehe dem der sie
versteht der in der stürmenden Titanenkraft wie in ihren Proteuskünsten den
Verzweiflungskampf nur sieht den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren
kämpft mit denen er zu tun hat
    Es ist auf Erden alles unvollkommen ist das alte Lied der Deutschen Wenn
doch einmal diesen Gottverlassnen einer sagte dass bei ihnen nur so unvollkommen
alles ist weil sie nichts Reines unverdorben nichts Heiliges unbetastet lassen
mit den plumpen Händen dass bei ihnen nichts gedeiht weil sie die Wurzel des
Gedeihns die göttliche Natur nicht achten dass bei ihnen eigentlich das Leben
schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist weil sie
den Genius verschmähn der Kraft und Adel in ein menschlich Tun und Heiterkeit
ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt
    Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr und leiden um des
Austernlebens willen alle Schmach weil Höhers sie nicht kennen als ihr
Machwerk das sie sich gestoppelt
    O Bellarmin wo ein Volk das Schöne liebt wo es den Genius in seinen
Künstlern ehrt da weht wie Lebensluft ein allgemeiner Geist da öffnet sich
der scheue Sinn der Eigendünkel schmilzt und fromm und groß sind alle Herzen
und Helden gebiert die Begeisterung Die Heimat aller Menschen ist bei solchem
Volk und gerne mag der Fremde sich verweilen Wo aber so beleidigt wird die
göttliche Natur und ihre Künstler ach da ist des Lebens beste Lust hinweg und
jeder andre Stern ist besser denn die Erde Wüster immer öder werden da die
Menschen die doch alle schöngeboren sind der Knechtsinn wächst mit ihm der
grobe Mut der Rausch wächst mit den Sorgen und mit der Üppigkeit der Hunger
und die Nahrungsangst zum Fluche wird der Segen jedes Jahrs und alle Götter
fliehn
    Und wehe dem Fremdling der aus Liebe wandert und zu solchem Volke kommt
und dreifach wehe dem der so wie ich von großem Schmerz getrieben ein
Bettler meiner Art zu solchem Volke kommt 
    Genug du kennst mich wirst es gut aufnehmen Bellarmin Ich sprach in
deinem Namen auch ich sprach für alle die in diesem Lande sind und leiden wie
ich dort gelitten
                             Hyperion an Bellarmin
Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort Ich suchte unter diesem Volke nichts
mehr ich war genug gekränkt von unerbittlichen Beleidigungen wollte nicht
dass meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute
    Aber der himmlische Frühling hielt mich auf er war die einzige Freude die
mir übrig war er war ja meine letzte Liebe wie konnt ich noch an andre Dinge
denken und das Land verlassen wo auch er war
    Bellarmin Ich hatt es nie so ganz erfahren jenes alte feste
Schicksalswort dass eine neue Seligkeit dem Herzen aufgeht wenn es aushält und
die Mitternacht des Grams durchduldet und dass wie Nachtigallgesang im Dunkeln
göttlich erst in tiefem Leid das Lebenslied der Welt uns tönt Denn wie mit
Genien lebt ich jetzt mit den blühenden Bäumen und die klaren Bäche die
darunter flossen säuselten wie Götterstimmen mir den Kummer aus dem Busen
Und so geschah mir überall du Lieber  wenn ich im Grase ruht und zartes
Leben mich umgrünte wenn ich hinauf wo wild die Rose um den Steinpfad wuchs
den warmen Hügel ging auch wenn ich des Stroms Gestade die luftigen umschifft
und alle die Inseln die er zärtlich hegt
    Und wenn ich oft des Morgens wie die Kranken zum Heilquell auf den Gipfel
des Gebirgs stieg durch die schlafenden Blumen aber vom süßen Schlummer
gesättiget neben mir die lieben Vögel aus dem Busche flogen im Zwielicht
taumelnd und begierig nach dem Tag und die regere Luft nun schon die Gebete der
Täler die Stimmen der Herde und die Töne der Morgenglocken herauftrug und
jetzt das hohe Licht das göttlichheitre den gewohnten Pfad daherkam die Erde
bezaubernd mit unsterblichem Leben dass ihr Herz erwarmt und all ihre Kinder
wieder sich fühlten  o wie der Mond der noch am Himmel blieb die Lust des
Tags zu teilen so stand ich Einsamer dann auch über den Ebnen und weinte
Liebestränen zu den Ufern hinab und den glänzenden Gewässern und konnte lange
das Auge nicht wenden
    Oder des Abends wenn ich fern ins Tal hinein geriet zur Wiege des Quells
wo rings die dunkeln Eichhöhn mich umrauschten mich wie einen
Heiligsterbenden in ihren Frieden die Natur begrub wenn nun die Erd ein
Schatte war und unsichtbares Leben durch die Zweige säuselte durch die Gipfel
und über den Gipfeln still die Abendwolke stand ein glänzend Gebirg wovon
herab zu mir des Himmels Strahlen wie die Wasserbäche flossen um den durstigen
Wanderer zu tränken 
    O Sonne o ihr Lüfte rief ich dann bei euch allein noch lebt mein Herz
wie unter Brüdern
    So gab ich mehr und mehr der seligen Natur mich hin und fast zu endlos Wär
ich so gerne doch zum Kinde geworden um ihr näher zu sein hätt ich so gern
doch weniger gewusst und wäre geworden wie der reine Lichtstrahl um ihr näher
zu sein o einen Augenblick in ihrem Frieden ihrer Schöne mich zu fühlen wie
viel mehr galt es vor mir als Jahre voll Gedanken als alle Versuche der
allesversuchenden Menschen Wie Eis zerschmolz was ich gelernt was ich getan
im Leben und alle Entwürfe der Jugend verhallten in mir und o ihr Lieben die
ihr ferne seid ihr Toten und ihr Lebenden wie innig Eines waren wir
    Einst saß ich fern im Feld an einem Brunnen im Schatten efeugrüner Felsen
und überhängender Blütenbüsche Es war der schönste Mittag den ich kenne Süße
Lüfte wehten und in morgendlicher Frische glänzte noch das Land und still in
seinem heimatlichen Äther lächelte das Licht Die Menschen waren weggegangen
am häuslichen Tische von der Arbeit zu ruhen allein war meine Liebe mit dem
Frühling und ein unbegreiflich Sehnen war in mir Diotima rief ich wo bist
du o wo bist du Und mir war als hört ich Diotimas Stimme die Stimme die
mich einst erheitert in den Tagen der Freude 
    Bei den Meinen rief sie bin ich bei den Deinen die der irre
Menschengeist misskennt
    Ein sanfter Schrecken ergriff mich und mein Denken entschlummerte in mir
    O liebes Wort aus heilgem Munde rief ich da ich wieder erwacht war liebes
Rätsel fass ich dich
    Und Einmal sah ich noch in die kalte Nacht der Menschen zurück und schauert
und weinte vor Freuden dass ich so selig war und Worte sprach ich wie mir
dünkt aber sie waren wie des Feuers Rauschen wenn es auffliegt und die Asche
hinter sich lässt 
    »O du so dacht ich mit deinen Göttern Natur ich hab ihn ausgeträumt von
Menschendingen den Traum und sage nur du lebst und was die Friedenslosen
erzwungen erdacht es schmilzt wie Perlen von Wachs hinweg von deinen
Flammen
    Wie lang ists dass sie dich entbehren o wie lang ists dass ihre Menge dich
schilt gemein nennt dich und deine Götter die Lebendigen die Seligstillen
    Es fallen die Menschen wie faule Früchte von dir o lass sie untergehn so
kehren sie zu deiner Wurzel wieder und ich o Baum des Lebens dass ich wieder
grüne mit dir und deine Gipfel umatme mit all deinen knospenden Zweigen
friedlich und innig denn alle wuchsen wir aus dem goldnen Samkorn herauf
    Ihr Quellen der Erd ihr Blumen und ihr Wälder und ihr Adler und du
brüderliches Licht wie alt und neu ist unsere Liebe  Frei sind wir gleichen
uns nicht ängstig von außen wie sollte nicht wechseln die Weise des Lebens wir
lieben den Äther doch all und innigst im Innersten gleichen wir uns
    Auch wir auch wir sind nicht geschieden Diotima und die Tränen um dich
verstehen es nicht Lebendige Töne sind wir stimmen zusammen in deinem
Wohllaut Natur wer reißt den wer mag die Liebenden scheiden 
    O Seele Seele Schönheit der Welt du unzerstörbare du entzückende mit
deiner ewigen Jugend du bist was ist denn der Tod und alles Wehe der Menschen
 Ach viel der leeren Worte haben die Wunderlichen gemacht Geschiehet doch
alles aus Lust und endet doch alles mit Frieden
    Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt Versöhnung ist
mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder
    Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges ewiges glühendes
Leben ist Alles«
    So dacht ich Nächstens mehr
 
                                    Fußnoten
1 Es ist wohl nicht nötig zu erinnern dass derlei Äußerungen als bloße
Phänomene des menschlichen Gemüts von Rechts wegen niemand skandalisieren
sollten
2 Im Jahr 1770