Wilhelmine Karoline von Wobeser
Elisa
oder das Weib wie es sein sollte
Fater of light and life tou Good supreme
O teach me what is good teach me Tyself
Save me from folly vanity and vice
From every low pursuit and feed my soul
Wit Knowledge conscious peace and virtue pure
Sacred substantial never fading bliss
Allen
deutschen Mädchen
und
Weibern
gewidmet
In einem Jahrhundert in welchem Kultur Aufklärung und Verfeinerung zu einem so
hohen Grade gestiegen sind sollte man natürlicherweise den Einfluss davon auch
auf das andere Geschlecht bemerken Man könnte erwarten unter den Weibern mehr
Ausbildung des Geistes und richtigere Begriffe von ihren Pflichten und von
ihrer Bestimmung zu finden Sie welche in alle Verhältnisse des bürgerlichen
Lebens verflochten sind deren Einfluss sich von den einzelnen Teilen auf das
Ganze erstreckt sind noch weit entfernt den Platz auszufüllen welchen sie in
der bürgerlichen Gesellschaft einnehmen In der großen Welt sind die Weiber in
ihren Sitten Ton und Manieren verfeinert allein an wahrer Geisteskultur fehlt
es ihnen Doch über diese Sphäre hat der Luxus zu sehr seine verderblichen
Fittige ausgebreitet als dass man hier hoffen könnte durch heilsame aber
einfache Wahrheiten Gutes stiften zu können Ich wende mich also an Euch meine
Mitbürgerinnen die ihr nicht zu der Klasse gehört in welcher die Bildung des
Äußern der letzte Zweck der Erziehung zu sein scheint und wo auf die Begierde
zu gefallen alle Fähigkeiten des jungen Mädchens gerichtet werden Euch trage
ich das Resultat meiner Betrachtungen vor Euch widme ich dieses Werk welches
ich nur darum schrieb um in den Herzen mancher unter Euch gute Empfindungen zu
erwecken Ich traure oft wenn ich sehe dass eine so große Anzahl von
Geschöpfen von der Natur mit ihren schönsten Anlagen begabt entweder durch
Erziehung verdrehet oder ungebildet und roh auf der Bahn des Lebens
fortwandelt ohne im Geringsten sich ihrer Bestimmung zu nähern Es tut mir
wehe Menschen zu sehen welche so tief unter dem wahren Menschen stehen und
wäre mein Buch nur ein Tropfen im Meere der Wahrheit und Aufklärung so ist mir
der Gedanke doch süß vielleicht durch diesen Tropfen Einigen meiner
Mitbürgerinnen Erkenntnis ihrer Bestimmung gegeben zu haben denn der
Gesichtspunkt aus welchem das Weib betrachtet wird ist meistens noch falsch
er ist selbst bei wenigen Männern nur richtig Nur weil man sich noch nicht
recht überzeugen will wie groß der Nutzen sein kann den das Weib in ihrer
Sphäre zu stiften vermag bleiben so viele Kräfte ihrer Seele unentwickelt Die
Erziehung welche die Weiber bekommen kann in zwei Klassen geteilt werden in
der Einen wird alles auf das schimmernde gelenkt da lernt das Mädchen die
geistigen und körperlichen Gaben anwenden nur um zu glänzen um zu gefallen In
dieser Klasse findet man angenehme Gesellschafterinnen aber man gehe in ihre
Wohnungen wird man Gattinnen wird man Mütter finden In dieser Klasse bilden
sich noch die weiblichen bel esprits von allen Weibern die schädlichsten weil
durch sie Kenntnisse im Weibe lächerlich gemacht werden da doch Kenntnisse das
Weib so wie den Mann vervollkommen
In der Zweiten Erziehungsklasse wird das Weib zur Hausfrau gebildet da
findet man gute Wirtschafterinnen aber wie wenig für den der den ganzen
Umfang der Pflichten des Weibes kennt O wie wenige Weiber gibt es welche
wahrhaft aufgeklärt über ihre Pflichten und Bestimmung mit ausgebildetem Geiste
und edlem Herzen auf der Bahn auf welcher sie wandeln alles das Gute und
Nützliche stiften welches innerhalb ihres Wirkungskreises liegt Und o meine
Mitbürgerinnen warum sollten Sie nicht Alle von dem Stolze beseelt sein sich
über die Schranken zu erheben welche Alltagsmeinungen Ihrem Geschlechte setzen
Warum sollten Sie das nicht in Ihrer Sphäre werden was der Mann in der seinigen
ist Blicken Sie um sich sehen Sie wie groß Ihr Einfluss ist Sie sind ein
Mitglied der großen Kette an welcher alles zum Guten mitwirken soll Ihr Platz
ist nicht unwichtig füllen Sie ihn aus Und o möchte doch unser Jahrhundert
noch so fruchtbar an großen Entdeckungen an großen Geistesprodukten doch auch
der Nachwelt unsere Weiber als Muster vorstellen
Vorrede zur zweiten Auflage
Die Nachsicht mit der man ein Werk aufgenommen hat welches der erste Versuch
einer jugendlichen Feder war macht es mir zur Pflicht die Gründe dazutun
welche mich bewogen haben Elisa in jedem Moment ihres Lebens gerade so und
nicht anders darzustellen Ein Ideal kann nur einmal sein sagt man und
dieses ist wahr allein ich wollte nur zeigen wie in einzelnen Fällen das Weib
wohl am besten handeln würde Freilich hat jede individuelle Lage ihre eigenen
Verpflichtungen allein die Gründe welche Elisa zu ihren Handlungen bewogen
und ihr System stets nach dem Gesetze des Guten zu handeln und die Vernunft
als ihre erste Führerinn anzuerkennen dieses sollte sich wohl jedes Weib zu
eigen machen Ich stellte dieses System in einer Reihe von Handlungen auf und
concentrirte sie in einer Person weil ich gewiss glaube dass Mann oder Weib wer
dieses System befolgt glücklich ist Hiezu gehört freilich ein höherer Grad der
Ausbildung des Verstandes um das Bessere zu erkennen eine Standhaftigkeit
eine Festigkeit im Guten Um alle diese Eigenschaften zu erlangen hat der
Mensch nicht selten mit Schwierigkeiten zu kämpfen welche durch seine frühere
Erziehung durch Konvenienz bürgerliche Einrichtungen Gesellschaften und
manches Individuelle in seiner Lage erzeugt werden allein sollten wir darum
jeden Versuch zur Besserung der Menschen aufgeben weil so viele Ursachen
vorhanden sind die dieser Besserung entgegen wirken Oder ist dieses nicht
vielmehr ein Antrieb wahre Aufklärung und reine einfache Moral immermehr
unter die Menschen zu verbreiten Wenn wir gleich unter unsern Weibern keine
Elisa finden möchten so finden wir doch Manche unter ihnen so empfänglich für
jedes Gute so bereitwillig es auszuüben dass es ihnen oft nur an Berichtigung
ihrer Begriffe und mehrerer Ausbildung derselben fehlt um ganz das leisten zu
können was sie als Weiber leisten sollten und für diese werden die Schriften
welche für sie geschrieben sind nicht ganz ohne Nutzen bleiben
Man hat es Unrecht gefunden dass die sterbende Elisa Zweifel gegen die
Unsterblichkeit der Seele hegte Es war meine Absicht dass reine Moral die
Bewegungsgründe zu Elisas Handlungen ausmachte und keine Grundsätze der
positiven Religion welche nur zu oft schwankend werden Dann aber musste Elisa
über positive Religion ganz aufgeklärt sein oder sie war nicht das Weib wie
ich sie schildere Und sie welche ihr ganzes Leben hindurch Hoheit des Geistes
und Festigkeit zeigte hätte nicht sagen können dass sie sich schon die
Zerstörung ihres Wesens gedacht hätte Mit der Erkenntnis dass wir von einer
Fortdauer nach dem Tode nichts wissen können ist schon der Gedanke von der
Zerstörung unsers Wesens verbunden und viele Menschen müssen ihn schon gedacht
haben Ich wollte zeigen dass die Ruhe im Tode wohl hauptsächlich aus der
Überzeugung entspringt auf der Erde unsere Pflichten erfüllt zu haben weiter
hinaus ist ein Vorhang vorgezogen den wir Menschen wohl nie aufheben werden
Halbe Aufklärung ist immer schädlich warum sollen aber denn die Weiber nur halb
aufgeklärt sein Wer wird es verhindern dass sie nicht viele Schriften lesen in
welchen über den Satz von der Unsterblichkeit der Seele entgegengesetzte
Meinungen aufgestellt sind Wird diese Ungewissheit sie aber nicht unglücklich
machen wenn sie diesen Satz als eine Bedingung ihrer Glückseeligkeit angenommen
haben Und wäre es nicht besser wenn jeder Einzelne diesen Satz als eine
philosophische Meinung betrachtete dessen Entscheidung außerhalb dem Gebiete
des Menschen liegt und eben deshalb auf die Ruhe und das Glück des Menschen
keinen Einfluss haben kann Bei mehrerm Nachdenken werden vielleicht die meisten
Menschen zu dieser Überzeugung gelangen die vielleicht im Tode am meisten Ruhe
gewährt da wir uns alsdann gewöhnt haben an die Zukunft mit Ruhe zu denken
Warum sollten wir aber das Nachdenken der Weiber nicht auch auf diesen
Gegenstand leiten da es für sie eben so wichtig ist hier eine ruhige feste
Überzeugung zu erhalten
Ich übergebe also meinen Mitbürgerinnen Elisa noch einmal in derselben
Gestalt Selbst ein Weib wünsche ich wahre Tugend und höhere Ausbildung des
Geistes immer mehr unter meinem Geschlechte verbreitet zu sehen von welchen wir
uns durch eine falsche Richtung des Verstandes immer mehr entfernen Durch die
Kunst gebildet wünschte ich das Weib zur Einfachheit und zur Natur
zurückgeführt zu sehen
Dieses war mein Zweck als ich dieses Buch meinen Mitbürgerinnen weihete
Mögen Andere diesen Zweck durch kräftigere Mittel erreichen mögen edle Männer
es sich zur Pflicht machen durch ihr Verhalten die Weiber zur Tugend zu
erziehen jedes edle Weib wird ihnen danken Und die Verfasserinn der Elisa wird
gern ihr Buch der Vergessenheit übergeben wenn sie hoffen darf dass das System
welches Elisa befolgte in den Herzen unserer meisten Weiber eingeprägt ist
Vorbericht des Verlegers zu der dritten Auflage
Um diesem musterhaften Buche welches bereits in tausend Händen ist den
möglichsten Grad von Vollkommenheit zu geben schrieb ich nach Erscheinung der
vortrefflichen Rezension über Elisa in der A L Zeitung 1797 S 381 an die
verehrungswürdige Verfasserinn sandte ihr dieses Blatt und bat wo möglich die
Wünsche und Winke des Rezensenten zu erfüllen und zu benutzen da ich im
Begriffe sei eine N Auflage zu machen zugleich forderte ich sie abermals auf
mir zu erlauben doch jetzt ihrem Buche ihren Namen vordrucken zu dürfen weil
ein großer Teil ihrer Leser und Leserinnen wünschten die Verfasserinn der
Elisa wenigstens dem Namen nach zu kennen Über alles dieses erhalte ich
folgenden Brief der als Neue Vorrede der Verfasserinn gelten mag
»Ich sage Ihnen meinen Dank für die Übersendung des Blattes der allgemeinen
LiteraturZeitung Sie wünschen also eine dritte Auflage zu veranstalten Ich
muss Ihnen aufrichtig gestehen dass es nur wäre um Ihrem Wunsche ein Gnüge zu
leisten wenn ich mich noch einmal einer Arbeit an Elisa unterzöge Es ist ein
Zug in meinem Charakter dass ich mich ungern und nicht mit glücklichem Erfolge
mit einem schon beendigten Werke noch einmal beschäftige es fehlt mir hierzu an
gehöriger Anstrengung und es kostet mir viele Mühe einen Faden wieder
anzuknüpfen den ich seit vielen Jahren fallen ließ
Als ich Elisa schrieb gehörte es in meinen Plan sie sterben zu lassen Ich
wollte die Ruhe schildern welche das tugendhafte Weib bis ins Grab begleitet
Ich legte ihr meine Überzeugungen in den Mund wie ich es in dem ganzen Buche
getan hatte ohne zu wähnen dass man hieran den mindesten Anstoß nehmen könnte
denn die sterbende Elisa sagt ja nicht Ich glaube an keine Unsterblichkeit der
Seele sie sagt nur Die Zukunft sei wie sie wolle ich sterbe ruhig weil ich
mit dem Bewusstsein sterbe meine Pflichten erfüllt zu haben Ich finde dieses
Gefühl in dem tugendhaften Sterbenden so natürlich dass ich Elisa nie anders
sterben lassen könnte und wohl dem Menschen der mit diesem Gefühl in den Tod
gehen kann Doch sollte Elisa zum Drittenmale verändert erscheinen so würde
ich sie nun gar nicht mehr sterben lassen Der Rezensent sagt zwar selbst dass
die Wendung verbraucht ist ihr ihren ersten Geliebten zum zweiten Gatten zu
geben wünschen Sie aber noch eine dritte Auflage von Elisa zu machen so will
ich sehen wie mir diese Wendung gelingen wird ob ich mir gleich nicht viel
davon verspreche da ich wenig Neues hinzufügen könnte indem meine Gedanken
über weibliche Pflichten in der Elisa wie sie gegenwärtig ist enthalten sind
Doch ich würde alsdann meinen Versuch Ihrer Prüfung überlassen und es würde
Ihnen immer frei stehen ob Sie diesen Anhang der Elisa beifügen wollen oder
nicht Ich bitte Sie mir hierüber bald zu antworten und mir Ihre Gedanken
mitzuteilen Nur kann ich Ihnen nicht versprechen das Geschäft bald zu
beschleunigen denn ich erwarte in einigen Monaten Mutter zu werden welches
mir bei dieser Arbeit einige Hindernisse verursachen könnte Was Ihr zweites
Verlangen betrifft so kann ich Ihnen die Erfüllung desselben nicht gewähren
Ich sage Ihnen meinen Dank für Ihre Verschwiegenheit und bitte Sie sie in
Absicht meiner beizubehalten Ich bin so wenigen Menschen bekannt dass durch
Nennung meines Namens ich doch den meisten welche mein Buch lesen nicht
bekannter werde und in dem Zirkel in welchem ich lebe würde die Nennung
meines Namens als eine Anmassung gelten die mir einen Teil der Achtung und des
Zutrauens rauben könnte deren ich jetzt genieße« usw
Alle diese hier von der Verfasserinn selbst aufgestellten Gründe die
Notwendigkeit der baldigen Erscheinung dieser dritten Auflage da ich kein
einziges Exemplar mehr hatte und die Nachricht dass in Mannheim ein elender
Nachdruck existire bestimmten mich auf alle Umänderung Verzicht zu tun
Mitin tritt Elisa bloß verschönerter und völlig von allen kleinen Fehlern
frei zum Drittenmale auf und in dieser Gestalt ist sie auch zum Behuf für
Lernende der französischen Sprache in dieser Sprache übersetzt worden Heil
und Segen der würdigen Verfasserinn denn ihre Lehren und ihre aufgestellten
Beispiele der Tugend müssen hundertfältige Früchte bringen
»Fast ein halbes Jahrhundert habe ich durchlebt viele Menschen habe ich
gesehen aber selten wahres Glück angetroffen ich habe Unwürdigen Ehrenstellen
erteilen und sie vom Rechtschaffnen aber minder Beglückten beneiden sehen
aber nicht den gefunden der bei harten Schlägen des Schicksals sich sagte und
dennoch bin ich glücklich Nicht den dessen Wünsche nicht seine Kräfte
überschritten hätten der zufrieden mit dem Platze den das Schicksal ihm
angewiesen sich nicht immer aus demselben versetzt und allenthalben Glück nur
da wo er sein musste Unglück sah Und eben weil die Menschen nie ihrer Lage
gemäß denken und handeln entsteht so mannichfaches Übel Nein die Welt ist
weder ein Himmel noch eine Hölle und die Menschen weder Engel noch Teufel
Manche frohe Stunde wirst Du haben meine Tochter aber auch manche Leiden
warten Deiner Erwarte stets beides Denke im Taumel des Glücks dass ein fernes
Übel Dir droht und in Widerwärtigkeiten vergiss nicht dass auch dann noch
Freude Dir lächelt Sei in beiden Dir gleich sei immer tugendhaft Handle wie
Du handeln musst Sei stets da wo das Schicksal Dich berief dann wird Stärke
des Geistes Dich nie verlassen und der Schimmer des Glücks Dich nie verführen
Liebe die Menschen ertrage sie verzeihe ihnen Beleidigungen wirke stets
Gutes so viel Du kannst und Du wirst nie das Unglück kennen«
So sprach auf seinem Sterbebette der Baron von Hohnau zu Elisa seiner
dreizehnjährigen Tochter und starb bald darauf Seine Worte prägten sich tief
in ihr Herz sie fiel nieder bei der Leiche ihres Vaters küsste seine erstarrte
Hand und sprach Vater ich will stets Deine Tochter sein Lange blieb sie
sprachlos bei dem entseelten Leichnam liegen ihre junge Seele fasste ganz den
Schmerz der Trennung Elisa trauerte lange um den Verlust ihres Vaters aber im
Frühlinge des Lebens ist der Schmerz nicht dauernd er sollte es am Abende auch
nicht sein Elisa hörte auf zu weinen aber sie vergaß nicht die Lehren ihres
Vaters sein Bild umschwebte sie und seinen Schatten zu verehren bildete sie
ihre Seele zu jedem Guten In einer der größten Städte Deutschlands hatte der
Baron von Hohnau mit seiner Familie gelebt Sie bestand aus seiner Frau und zwei
Töchtern von welchen Elisa die älteste war ihre Mutter verließ die Stadt nach
dem Tode ihres Mannes und begab sich auf das Land
Die Baroninn von Hohnau verband mit einem guten Herzen und einem richtigen
Verstande viele Fehler stolz strenge von einem kalten gleichgültigen
Charakter war sie immer bereit zu verdammen die unschuldigsten Handlungen
hörten es auf in ihrem Auge zu sein sobald sie der Schicklichkeit zuwider
waren und Ahnenstolz nannte sie Schicklichkeit Ganz das Gegenteil der
sanften gefühlvollen Alles liebenden Elisa liebte sie diese nicht sehr
sondern zog ihr Karoline ihre jüngere Schwester vor welche fast ganz das
Ebenbild ihrer Mutter nur böser als jene war
Elisa besaß eine Freundin ihr Name war Henriette von Wanberg sie war
einige Jahre älter als Elisa eine Waise und dürftig Die Baroninn von Hohnau
erlaubte dass sie die Gesellschafterinn ihrer Töchter wurde und bot ihr ihr
Haus zu ihrem Aufenthalte an
An der Seite ihrer teuren Henriette verlebte Elisa die ersten Jahre ihres
angehenden Frühlings Sie ordnete ihre allzu feurige Einbildungskraft durch
welche die junge Elisa hätte irre geleitet werden können Am Grabe ihres Vaters
wiederhohlte ihr Henriette oft seine Lehren und gerührt erwiderte ihr einst
Elisa Ja unvergesslich sind mir seine letzten Worte unvergesslich ist mir seine
Tugend seine Größe der Seele Ach Henriette ich versprach es seinem Schatten
ihm ähnlich zu werden sage hielt ich mein Versprechen
Henr Liebe Elisa es zu wollen ist schon Tugend
Elisa Nein nein weg mit jener Gemeintugend weg mit jenen guten
Vorsätzen welche unausgeführt bleiben Sieh Henriette den reinen heitern
Himmel er soll immer das Bild meiner Seele sein ewig rein und unbefleckt
Henr Wohl Dir dann meine Freundin wenn dieses stets so ist O dass
Kummer immer so entfernt von Dir sein mag als es das Laster gewiss sein wird
Elisa Warum diese Betrachtung Henriette Ich kann erwarten dass ich den
Kummer nicht kennen werde Ich kenne nur ein Glück Liebe und Tugend können es
gewähren Mit einem edelen Manne verbunden zu sein ist das einzige Gut nach
welchem ich strebe es wird mir zu Teil werden und an seiner Seite werde ich
jedes Ungemach ertragen
Henr Warum nur unter dieser Bedingung Elisa Wer hat Dir Dein Loos gesagt
Keine Schwärmerei Sie wird Dich elend machen Den Mann nach Deinem Herzen
findest Du nicht Sanfte gefühlvolle erhabene Seele Du lebtest nur in der
Einsamkeit Du weißt nicht wie in der Welt Leidenschaften und entgegengesetztes
Interesse mit einander kämpfen wie bald die Tugend unterliegt wie besonders
jene Delikatesse jene seine Gefühle bald erstickt werden welche in der
männlichen Seele nie in der Stärke als in der weiblichen sind O Elisa eine
Eigenschaft fehlt Dir noch ohne welche die Tugend nur Schwachheit ist und
welche die letzte Rede Deines Vaters Dich lehren sollte Stärke der Seele und
richtige Beurteilung Erwarte Mittelmässigkeit von den Menschen erwarte von der
Hand des Schicksals Kummer und Freude Dieses
Elisa Dieses waren seine Worte glaube nicht dass ich sie vergessen werde
Ach Henriette führe leite mich Ich kann es mir oft nicht vorstellen dass die
Menschen nicht eben so dächten eben so empfänden als ich Alles Große und
Schöne erregt ja ein so erhabenes Gefühl in uns gefällt so bald wir es
erkennen und erzeugt das Verlangen es zu erreichen
Henr Wohl wahr meine Freundin wenn alle Menschen so wie Du und ich Zeit
hätten auf ihre inneren Gefühle zu merken Wenn sie nicht vom Strome der
Leidenschaften und von tausend Begebenheiten hingerissen würden welche es
ihnen unmöglich machen richtig zu urteilen und wenn endlich noch ehe sie
denken konnten nicht schon ihr Geschmack eine falsche Richtung bekommen hätte
wo sie nicht mehr fähig sind weder das Schöne zu erkennen noch Gefühl dafür zu
haben
Elisa Mit einem Seufzer Ach Henriette so würde ich mich ja fast allein
in der Welt finden so fände ich nicht Seelen die mich verstehen so müsste ich
einsam von den Menschen entfernt meine Tage zubringen
Henr Nein ein so trauriges Bild wollte ich nicht in Dir erregen Fliehen
sollst Du die Menschen nicht nur keine überspannten Begriffe von ihrer Tugend
haben Jede gute Seele wird Dich verstehen und deren gibt es noch viele wenn
Du nicht Vollkommenheit von ihnen heischest Nein die Tugend selbst hörte auf
es zu sein wenn sie nicht mit Menschen leben könnte und welche gefühlvolle
Seele wünschte nicht lieber von Menschen hintergangen zu werden als nur in sich
verschlossen zu leben
Elisa Ich fühle die Wahrheit Deiner Worte auch erwarte ich nicht mich in
jedem Menschen zu finden aber es gibt doch deren gewiss welche eben so denken
eben so empfinden als ich
Henr Weit entfernt sei es von mir die menschliche Natur so zu erniedrigen
um das Dasein schöner Seelen zu bezweifeln Ja sie sind noch die welche das
Gute nur um seiner selbst willen lieben die uneigennützig edel handeln die
Wohlwollen und Liebe für jedes Wesen empfinden
Aber ob Du sie antreffen wirst Elisa Ob sie sich nicht in der Menge
verlieren werden und Du sie dann nicht wahrnimmst Wer kann dir das
versprechen
Elisa Mein Herz Es wird sie finden
Henr Liebenswürdige Schwärmerinn oft wirst Du glauben sie gefunden zu
haben und wirst dann trauern wenn Du Dich hintergangen hast
Elisa Sie umarmend Henriette so wirst Du mir doch bleiben aber warum
zerstörst Du immer die süßen Bilder meiner Einbildungskraft
Henr Weil es Bilder sind und Du sie als Wirklichkeit betrachtest Elisa
ich schwärme vielleicht auch aber meine Einbildungskraft zeigt mir Dich als
das Ideal weiblicher Vollkommenheit und ich will dass Du es erreichen sollst
Elisa Ich Vollkommenheit erreichen so weit sie ein Weib erreichen kann
O Henriette dieser Gedanke erhöht mein ganzes Selbst
Henr Und er schmeichelt meinem Stolze wenn ich denke dass auch ich daran
arbeite Doch ich täusche mich Wenn Elisa die Vollkommenste ihres Geschlechts
wird so ist sie es durch ihren Vater durch sich selbst geworden
Elisa Vollkommenheit hoher erhabener Begriff den wir kaum fassen können
dir werde ich mich nicht nähern aber gut will ich werden und hierzu meine
Henriette bedarf ich Deiner Hilfe
Henr Ja Elisa nie werde ich schweigen wenn Du fehlst nie Dir die
Wahrheit verhüllen Meine ganze Seele hängt an Dir ich teile Deine Tugenden
Deine Fehler ja die Erstern machen mich stolz
Elisa Liebes Mädchen Sei versichert von heute an bilde ich mir keine
Menschen mehr Du zeigst mir dass ich Unrecht hätte wenn ich mehr suchte als
ich schon gefunden habe
Elisa und Henriette umarmten sich wie nur reine Seelen sich umarmen können
welche der Tugend Bund beschwören Stummes Entzücken und Ergiessung des Herzens
war in dem Kusse der Freundschaft Eine sah in der Andern die liebevolle
erhabene Seele und beide liebten sich um so mehr So verflossen noch einige
Jahre in welchen Elisa immer noch von ihrer feurigen Einbildungskraft
geleitet das Ideal des Schönen und Großen nicht mehr in Andern suchte sondern
in sich zu erreichen sich bestrebte Sie gewöhnte sich Dinge und Menschen zu
betrachten wie sie wirklich waren Den schönen Traum von Tugend Freiheit
Gleichheit unter allen Menschen träumte sie zwar auch sah auch ein dass es
möglich werden könnte und dass wenn die Menschen besser wären sie auch
glücklicher sein würden allein dieses wurde zu ihrer Zeit so viel gesagt und
geschrieben ohne dass die welche es am häufigsten sagten bei sich selbst diese
große Verbesserung anfingen Elisa sagte es nicht aber sie wollte es sich durch
sich selbst beweisen Sie sah dass die Menschen nach unsern politischen und
bürgerlichen Einrichtungen nicht besser sein konnten dass notwendige Ursachen
eben diese Einrichtungen hervorgebracht hatten das sah sie auch und dass diese
gleichwohl nicht eher würden geändert werden als bis die Menschen klüger und
besser würden das erkannte sie Auch dachte sie dass ein Jeder der dieses
einsieht hierzu beitragen könnte zwar nicht durch das beständige Zurufen
Werdet besser und werdet glücklicher sondern durch Handlungen diesem
Grundsatze gemäß Zeigt es erst den Menschen dass dieses so ist sprach sie zu
ihrer Henriette und dann fordert es von ihnen Klagt nicht dass das Glück nicht
das Verdienst belohnt zeigt dass es in eurem Verdienste in eurer Tugend in
Euch selbst besteht dass fremde Güter es Euch nicht geben und Unfälle es Euch
nicht rauben können weil Ihr es mit Euch führt Bereitet Tugenden der künftigen
Generation und erzeiget der gegenwärtigen Gutes Oft muss ein halbes Jahrhundert
erst eine Revolution in der Denkungsart bewirken So wurde Elisa immer noch
feurig in ihren Empfindungen kalt in ihren Urteilen und Schlüssen sie empfand
lebhaft aber sie dachte richtig Uneigennützige Liebe und Wohlwollen hegte sie
gegen alle Menschen aber sie erwartete sie nicht von ihnen wenn sie sie
antraf empfing sie die Beweise davon mit Dank und Rührung Jedoch weit
entfernt misstrauisch zu sein ahndete sie nicht Böses in jeder Handlung ihrer
Mitgeschöpfe nein sie wusste dass die Menschen immer nach dem Guten streben
und dass falsche Begriffe allein sie irre leiten nie würden sie einander
beleidigen nie sich zu schaden suchen wenn sie sich nicht gegenseitig als ein
Hindernis ihrer Glückseeligkeit betrachteten Dieses machte sie weniger
empfindlich für Beleidigungen und bereiter zu verzeihen Liebe und Güte
schienen in der ganzen Natur zu atmen und schienen allein ihr Wesen
auszumachen Sie verehrte in allen Geschöpfen den ersten Ursprung aller Wesen
Wenn sie zum Himmel blickte sich Millionen Welten dachte so verlor sich ihr
Geist in diesen Betrachtungen Die Pracht die Größe die Mannichfaltigkeit der
Welt erhob ihn im stummen Staunen stand sie da und empfand endlich dass der
Geist zu dieser Unendlichkeit sich nicht erheben könnte wenn aber der Gesang
der Vögel im nahen Hain erschallte wenn der Nachtigall liebliches Lied ertönte
wenn sie den brausenden Käfer den Wurm zu ihren Füßen die wimmelnden Insekten
welche die Lust erfüllten sah dann fiel sie nieder und rief aus Ja du bist
du bist Der Wurm so wie der Sternen Heere beweisen dein Dasein das Insekt das
ich einatme zeigt deine Größe Und dieses Gefühl vom Dasein eines ersten
Wesens welches nur Sophisterei bezweifelt das Herz aber immer erkennt und der
Verstand immer begreift war ihr das seligste Wohin sie sah erblickte sie den
Urheber alles Seins Was du auch bist sprach sie gewiss du hörst nie auf zu
wirken ich erkenne es deine Kraft belebt die ganze Natur Elisa glaubte dass
es des Menschen edelstes Geschäft wäre den Geist aufzuklären und ihn dadurch
zu veredeln sie bildete ihren Verstand erwarb sich Talente und Kenntnisse und
durch Lesen und Nachdenken hatte sie die Eigenschaften erlangt welche sie so
liebenswürdig machten Lesen auf Gelehrsamkeit Anspruch machen schöne Geister
sein zu wollen war zwar zu ihrer Zeit unter den Frauenzimmern so gewöhnlich
dass sie oft ihre wichtigern Pflichten darüber versäumten und dass vernünftige
Männer welche diesen Missbrauch einsahn alle Beschäftigungen des Geistes für
ein Frauenzimmer verwarfen weil sie sie als Quelle dieses Übels betrachteten
und sie zur Unwissenheit verdammten weil Missbrauch der edelsten
Beschäftigungen falsche Anwendung derselben und das Verlangen mit Kenntnissen
zu prahlen sie zu Törinnen machte Wer hätte aber eine Elisa getadelt welche
nur lernte um besser zu werden die edles Vergnügen stärkeren Reiz zur Tugend
in den Beschäftigungen des Geistes fand die weit entfernt durch Witz Verstand
und Gelehrsamkeit glänzen zu wollen jeden Schein davon vermied und welche auch
die geringste Handarbeit nicht verachtete ihr willig ihre liebsten
Beschäftigungen aufopferte sobald Pflicht es heischte Elisa teilte einst
selbst ihre Gedanken über diesen Gegenstand ihrer Henriette mit nachdem sie
einige Stunden in einer Gesellschaft schöner Geister von beiden Geschlechtern
zugebracht hatte
Elisa Henrietten welche ihr entgegen kommt freudig umarmend O wie
wohl ist mir Henriette dass ich wieder bei Dir bin
Henr Habe ich diese Freude Deiner Liebe zu mir oder der Langeweile die
Du empfandest zu verdanken
Elisa Beidem liebes Mädchen doch ich gestehe es Dir in diesem
Augenblicke mehr noch der letztern Sie gähnt O es ist unerträglich
langweilig mit Leuten umzugehen welche aufgehört haben die Sprache der Natur
zu sprechen die alle vor Verlangen brennen ein wenig Witz und einige seichte
Kenntnisse zu zeigen und aus allzu großer Gelehrsamkeit oft Ungereimteiten
sagen
Henr Du sprichst so Du die Du in den Unterhaltungen des Geistes Dein
größtes Vergnügen findest und mit Entzücken die Schriften großer Männer
liefest
Elisa Ja Henriette ich verehre wahre Gelehrsamkeit aber ich verachte
eben so sehr jeden Schein derselben den nur unwissende Pedanten annehmen um
sich verächtlicher zu machen Großes Wesen wenn es der edelste Vorzug des
Menschen ist dass er fähig ist durch anhaltendes Forschen höhere Kenntnisse zu
erlangen wie sehr erniedriget er sich wenn er die großen Fähigkeiten welche
du ihm gabest nur anwendet durch Missbrauch derselben unverdiente Bewunderung
zu erlangen Wenn der den das Glück begünstiget seinen Geist zu bilden sich
nur begnügt statt Begriffe leere Worte zu sammeln mit welchen er vor
Unwissenden sich den Schein tiefer Gelehrsamkeit gibt und noch stolz auf
diese nichtige Wissenschaft ist
Henr Liebe Elisa bist Du nicht allzu strenge gegen diese armen Würmer der
Gelehrsamkeit welchen sich hinaufzuschwingen Flügel fehlen
Elisa Nein Henriette ich verlange nur dass man seine Ohnmacht fühle dass
man einen Blick in sich selbst tue Wüssten alle schöne Geister und
philosophirende Damen wie töricht sie durch das Bestreben werden mit der
Oberfläche von Kenntnissen zu glänzen welche nur ihre Unwissenheit beweist sie
würden ihrer Eitelkeit bald eine andre Richtung geben und aufhören Kenntnissen
und Gelehrsamkeit den Anstrich des Lächerlichen zu geben
Henr Aber meine liebe Moralistin Sie schelten auf philosophirende Damen
und philosophiren doch selbst so gern
Elisa Henriette ich bin doch keine Pedantinn Unglücklich wäre das Weib
wenn es zur Unwissenheit verdammt wäre Nein die Natur gab uns gleiche
Fähigkeiten wir haben also gleiche Verpflichtung sie auszubilden Ja unsere
bürgerliche und gesellschaftliche Verfassung erfordert dass Weiber in den höheren
Ständen Welt Menschen und Sachkenntnisse besitzen Und warum sollten sie des
edlen Vergnügens beraubt sein ihren Geist immer mehr aufzuklären ihren
Verstand zu bilden Mögen sich auch die Männer dagegen aufwerfen so werden sie
doch gern das kluge Weib zu ihrer Gefährtinn wählen Doch nein der vernünftige
edle Mann verachtet nicht höhere Eigenschaften in dem Weibe aber er verachtet
in ihr jeden Anspruch jeden Schein von Gelehrsamkeit welcher sie ihre
Pflichten vernachlässigen macht O wer nur in der Veredlung seines Geistes
Vergnügen findet der wird nie um Bewunderung zu erregen mit lächerlicher
pedantischer Miene ein wenig Gelehrsamkeit auskramen denn dieses erniedriget
uns Nie wird das Weib von richtigen Kenntnissen und Verstande und erhabenen
Gesinnungen eine Pedantinn werden nie nach einem höheren Rufe als nach dem Rufe
eines guten ihren Pflichten getreuen Weibes streben
Henr Ich höre Dich mit Vergnügen meine Freundin Nein die ModeTorheit
unsers Zeitalters wird für Dich nicht ansteckend sein Du hast ins Innere
geblickt und den Schein von der Wirklichkeit getrennt der so manches in der
Tat, kluge Frauenzimmer verführt
Elisa Ich fühle es auch Henriette wie leicht selbst ein kluges
Frauenzimmer durch ihn verführt werden kann und die Männer welche das
pedantische das gelehrte Weib tadeln sind doch selbst die Ursache des
gelehrten Paroxismusses der jetzt unter unserm Geschlechte so herrschend ist
Warum geben sie uns Beifall indem sie uns verdammen Durch Lob und Eitelkeit
verblendet sehen wir nur den Beifall und hören nicht den Tadel und nun
verdoppelt sich das Bestreben größeren Beifall zu erhalten Ich bedaure immer
das Frauenzimmer welche stets bereit ist ihre höheren Kenntnisse zu zeigen und
um sich eine Schaar Bewunderer zu sehen glaubt gern möchte ich ihr zurufen Ein
Heer der Spötter versammelst du um dich Suche Bewunderung durch Tugend nicht
durch Gelehrsamkeit zu erlangen
Henr Billigest Du auch nicht wenn ein wirklich kluges und bescheidenes
Frauenzimmer die Gesellschaft gelehrter Männer sucht nicht um zu glänzen
sondern um zu hören
Elisa Dieses ist der Strand an dem die Bescheidenheit scheitert und
Eitelkeit und das Verlangen zu glänzen sich ihrer Seele bemächtigen Ich
verlange nicht dass ein Frauenzimmer sich das Vergnügen einer klugen
Unterhaltung untersagen soll sie soll den klugen Mann nicht meiden sie kann
ihn suchen nur nicht pedantisch ihm anhängen nicht gelehrte Klubs besuchen
Denn macht sie hierdurch nicht schon einen Anspruch auf Gelehrsamkeit Sich in
der Gesellschaft gelehrter Männer befinden O Ihr Weiber die Ihr Euch über
den gemeinen Haufen Eures Geschlechts erhebt die Ihr richtige Kenntnisse und
Bescheidenheit besitzt sagt selbst Macht dieser Gedanke Euch nicht stolz
Erregte er nie Eure Eitelkeit Waret Ihr nur immer Zuhörerinnen Empfandet Ihr
nie das Verlangen selbst zu glänzen Erfülltet Ihr es nie Und endlich
verliesst Ihr diese Gesellschaften mit dem Vorsatze bessere Gattinnen bessere
Mütter bessere Kinder bessere Menschen zu sein Oder wolltet Ihr nicht
vielmehr bei Vernachlässigung Eurer wichtigsten Pflichten Euch in den Stand
setzen einen der ersten Plätze in diesem geistreichen Zirkel einzunehmen War
Euer Gefühl für Tugend wärmer als wenn einsam Ihr Euch mit Euren Betrachtungen
über Euch selbst über Eure Pflichten über den Zweck des Menschen über Gott
und die Schöpfung unterhieltet Nein gewiss nicht aber auch nicht gelehrter
verliesst Ihr jene Gesellschaften und das Vergnügen das Ihr empfandet
entsprang bloß aus der Eitelkeit
Henr O meine Elisa dass doch unsere Schwestern welche aus Verblendung
irren Deinen Zuruf gehört hätten Sie halten jene gelehrten Klubs für ganz
unschädlich
Elisa Sie glauben vielmehr Veredlung des Geistes da zu finden Es wird da
so viel über Tugend über unsere Gefühle und Leidenschaften moralisirt Die
großen Worte Philosophie Religion Naturalismus Toleranz und Menschenliebe
werden so oft wiederholt dass man das was man hört zu sein glaubt Schöne
erhabene Gedanken welche in einer Versammlung gelehrter Männer gewiss oft statt
finden werden zwar mit Begeisterung angehört aber das Verlangen selbst
Bewunderung zu erregen erlaubt dem Verstande nicht sie richtig zu fassen sie
sich verständlich zu machen und sie bleiben ohne Nutzen Ja ich behaupte dass
selbst Männer diese Klubs ohne Nutzen besuchen denn ein jeder kommt nur hin
sich selbst und nicht Andere zu hören Hier wo nur Stolz und Selbstbewunderung
die Versammlung beschäftigt werden sich die Begriffe nicht erweitern Im
freundschaftlichen Gespräche im Zirkel einiger denkenden Köpfe welche ohne
Prahlerei versammelt sind nicht Gelehrsamkeit zum Zwecke haben ist es wo
durch Mitteilung der Gedanken Beobachtungen über Gegenstände unserer
Aufmerksamkeit würdig neue Begriffe in unserer Seele entstehen sich erweitern
sich mit jenen verbinden und unser Geist aufgeklärter wird Und dieses
Vergnügen ist auch für die Wenigen unsers Geschlechts welche durch höhere
Begriffe bessere Handlungen sich über die gewöhnlichen Weiber erheben Ja
meine Schwestern dieses Vergnügen ist süßer ist edler als mit dem Scheine der
Gelehrsamkeit zu glänzen bei welchem unsere Eigenliebe so oft Demütigungen
erfährt Auch in Eurem häuslichen Zirkel könnt Ihr dessen genießen und die
Erfüllung Eurer Pflichten wird Euch den Genuss verdoppeln
Henr Lass Dich umarmen meine Elisa O ihr Weiber lernt wie sie denken
dann werdet Philosophinnen Gelehrte ihr werdet unter jedem Namen
verehrungswürdig sein
So war Elisa als Herrmann von Birkenstein seine Mutter besuchte welche
ohnweit Hohnauschloss Rittersitz der Baronin von Hohnau auf einem einsamen
Landgütchen lebte Die Baronin von Hohnau kannte die Frau von Birkenstein nicht
sie war arm ihre Familie hatte ihren alten Glanz verloren und Frau von Hohnau
würdigte sie nicht eines Besuchs Aber Elisa und Henriette waren ihr oft da
beide Güter an einander grenzten auf ihren einsamen Spaziergängen begegnet
hatten in ihr Edelmut sanfte Gefälligkeit und wahre Güte wahrgenommen und
eilten zuweilen wenn Karoline sie nicht begleitete nach Birkenstein wo nicht
der finstre Ernst einer alten Matrone sondern die mütterliche Zärtlichkeit
einer erfahrnern Freundin sie aufnahm Bei einem dieser Besuche war es wo
Herrmann und Elisa sich zuerst sahen sie war mit ihrer Freundin ihrer
Gewohnheit nach nach Birkenstein gegangen beim Eingange des Dorfs erblickten
sie eine Schaar junger Bäuerinnen ländlich geschmückt und Blumenkränze
tragend Der Zug ging nach dem Wohnhause der Frau von Birkenstein Was bedeutet
das ruft Elisa den jungen Mädchen zu O rufen Alle heute ist der Geburtstag
unserer guten Mutter unserer gnädigsten Gebieterinn sie tut uns so viel
Gutes wir wollen ihr zeigen dass wir sie auch lieben aber wir können ihr
nichts als Blumen bringen
Elisa Und Eure Dankbarkeit und Eure Liebe Nicht so
Die Mädchen O gewiss gewiss
Elisa Nun gute Mädchen das ist ein köstliches Geschenk und sie wird
gewiss sich dessen freuen Aber wollt Ihr uns wohl mitnehmen
Die Mädchen Herzlich gern Sie lieben ja auch unsere gute Mutter
Elisa Komm Henriette lass uns ihr auch Blumenkränze bringen
Schnell riss Elisa den Hut vom Kopfe bekränzte ihr Haar mit Blumen gürtete
ihr Kleid auf und erhielt von den gutherzigen Landmädchen den schönsten
Blumenkranz Henriette folgte ihrem Beispiele und nun führten Beide den Zug an
Schon in der Ferne erblickte Elisa Frau von Birkenstein welche vor ihrem Hause
unter dem Schatten einer Linde saß Elisa verdoppelt ihre Schritte ihr warmes
Gefühl für Tugend lässt sie mit Entzücken das Schauspiel genießen welches die
Liebe und Dankbarkeit dieser guten Landleute gegen ihre Wohltäterin ihr
darbietet O Natur ruft sie aus in deinem Schoße gibt es noch gute Menschen
Diese freudige Empfindung erhöhte das Rot ihrer Wangen Sie hatte sich nun der
Frau von Birkenstein genähert voller Rührung wirft sie sich ihr in die Arme
Liebe Mutter ruft sie aus unsere Herzen huldigen Ihnen heute sein Sie uns
noch lange das Beispiel der Tugend und Güte
Alles drängte sich nun um Frau von Birkenstein ein Jeder wollte ihre Hand
ihren Rock ergreifen man legte die Blumen zu ihren Füßen man küsste den Saum
ihres Kleides Mit freudigem Wohlwollen blickte sie auf die guten Geschöpfe Ich
danke Euch meine Lieben sprach sie mit sanftem Tone ich werde mich bemühen
Eure Liebe zu verdienen O gnädigste Frau beste Gebieterinn rufen Alle wie
aus Einem Munde wie können wir Ihnen vergelten Genug genug fällt Frau von
Birkenstein ein wir wollen uns immer gegenseitig lieben gegenseitig dienen
Elisa hing noch immer an ihren Blicken und bemerkte nicht Herrmann der neben
seiner Mutter stand Aber seine Blicke waren unverändert auf sie geheftet er
sah nicht die freudige Menge welche um seine Mutter sich versammelte nicht
die mit Blumen geschmückten Mädchen er sah nur Elisa hörte noch immer ihre
sanfte Stimme als sie schon längst nicht mehr sprach Stärker hatte ihm sein
Herz geschlagen als sie die Frau von Birkenstein Mutter nannte und gerne wäre
er neben ihr an den Busen der Mutter gesunken Schon waren die ersten Ausbrüche
des Danks und der Freude gemindert als erst Elisa Herrmann erblickte War es
Bestürzung hier so unvermutet einen jungen Mann zu sehen war es Verwirrung
weil ihre Blicke den seinigen begegneten Kurz Elisa schlug die Augen nieder
und errötete Doch bald blickt sie ihn wieder an und findet dass er schön ist
Noch nie hatte sie bei einem Manne diese Anmerkung gemacht aber Herrmanns Auge
war so voll Geist das Feuer desselben schien so durch Güte und Menschlichkeit
gemildert zu sein es war eine so sanfte Rührung in seinen Blicken dass die
ihrigen mit Wohlgefallen auf ihm verweilten Sie wendet sich zu Henrietten
Wer mag der junge Mann dort sein
Henr Ich habe ihn schon lange bemerkt seine Bescheidenheit glaube ich
erlaubt ihm nicht sich näher mit uns bekannt zu machen
Elisa Ich sah noch nie so interessante Züge als die seinigen
Henr Lächelnd Auch noch nie würdigtest Du einen Mann so vieler
Aufmerksamkeit
Hier wurden sie von Frau von Birkenstein unterbrochen welche ihnen Herrmann
als ihren Sohn vorstellte Er überraschte mich gestern sprach sie es sind nun
fünf Jahre dass ich ihn nicht gesehen habe urteilen Sie wie groß meine Freude
war
Herrmann und Elisa begrüßten sich mit Verwirrung Kommen Sie aus B
fragte sie ihn endlich mit bewegter Stimme Ja mein Fräulein war seine ganze
Antwort und nun hatte die Unterredung ein Ende Ich weiß nicht Herrmann hub
Frau von Birkenstein an wie du mit einemmale geworden bist Du warst noch vor
wenigen Augenblicken so heiter aufgelegt und nun bist Du still
kopfhängerisch
Herrm Liebe Mutter Überraschung Freude über diesen Tag der Sie werden
ließ um mich durch die beste Mutter zu beglücken O hätte ich nicht empfinden
sollen da hier alles empfand nicht zehnfach diese Empfindungen der Liebe und
Dankbarkeit hegen sollen Mit Inbrunst drückte er hier seiner Mutter Hand an
seine Lippen ein Lächeln mütterlicher Zärtlichkeit war ihre Antwort Tief wurde
Elisa durch diese Szene kindlicher und mütterlicher Liebe gerührt denn ach sie
kannte das Glück nicht von einer Mutter mit Zärtlichkeit geliebt zu werden sie
dachte an ihren Vater und eine helle Träne glänzte in ihrem schönen Auge Aber
Henriette sah dass Elisas Gegenwart die Wärme erzeugte mit welcher Herrmann
sprach sie sah ihre Freundin bewegt und zitterte schon für sie Sie wollte
dieser stummen Szene in welcher Empfindung so laut sprach ein Ende machen sie
wandte sich also gegen Frau von Birkenstein In der Tat, sprach sie die Freude
hat uns sprachlos gemacht und ein wenig Zerrüttung in uns hervorgebracht Wir
sind alle stumm und haben uns doch alle etwas zu sagen Elisa und ich sollten
Ihnen unsern Glückwunsch über die Ankunft Ihres Sohnes abstatten und der Herr
von Birkenstein könnte uns wohl seine Freude bezeigen über das Glück zwei so
angenehme Nachbarinnen zu finden
Herrm Nur wenn ich schwach empfinde drücke ich meine Empfindungen durch
Worte aus und dieses ist heute nicht der Fall
Henr Gut nun wir davon unterrichtet sind sehen wir Ihr Stillschweigen als
das größte Kompliment an
Herrm Ihnen kann man nie ein Kompliment machen
Henr O Herr von Birkenstein man merkt es dass Sie aus B kommen aber
wir Landmädchen können Ihnen hierauf nicht antworten
Fr v B Im Gegenteil liebe Henriette scheint mein Sohn heute sogar
unter uns Landleuten verlegen
Herrm Liebe Mutter häufen Sie doch nicht so viele Beschuldigungen gegen
mich Wie werde ich mich gegen Sie Alle verteidigen können
Elisa Um Verzeihung Herr von Birkenstein Sie haben es nur mit zweien zu
tun ich nahm keinen Anteil an der Beschuldigung meiner Freundin
Herrm Ihre Hand an seine Lippen drückend Ihr huldreicher sanfter Blick
lässt mich hoffen in Ihnen eine Beschützerinn zu finden
Elisa Sie rechtfertigen in diesem Augenblicke was Ihnen meine Freundin
zuvor sagte
Herrm O gewiss nicht gewiss nicht Meine Mutter kann es Ihnen sagen schon
als Knabe entfernte ich mich nie von der Wahrheit
Fr v B Auch glaube ich mit Dir Herrmann dass Elisa und Henriette nur die
Wahrheit hören können wenn ihnen Lob erteilt wird
Henr Frau von Birkenstein Sie treten zu seiner Partei über Elisa
erklärt dass von ihrer Seite kein Anariff geschehen ist ich sehe mich also
allein auf dem Kampfplatze und wohl oder übel muss ich nun wohl Friede machen
Die scherzhafte Wendung welche das Gespräch nahm stimmte Herrmanns und
Elisas Empfindungen zu dem vertraulichen Tone der Freundschaft um Gleich edel
gleich gefühlvoll für das Schöne empfanden sie dass sie sich verstanden und
verbannt war zwischen ihnen jenes steife Ceremoniel welches nur kalte Seelen
erfanden und an die Stelle des Gefühls setzen
Frau von Birkenstein schlug vor die jungen Mädchen hier unter der großen
Linde tanzen zu lassen Elisa Henriette und Herrmann freueten sich dieses
Einfalls riefen den jungen Mädchen und Burschen und tanzten selbst im
Reihentanze mit O sagte Elisa zu Herrmann nachdem sie sich wieder gesetzt
hatten wie angenehm ist das Bild der Freude und wo wird es treuer dargestellt
als auf ländlichen Festen
Herrm Wohl wahr die Erinnerung an dieselben rührt mich oft wenn ich in
B die Säle der Langeweile besuchen muss zu denen man als den Schauplätzen
des Vergnügens hineilt
Elisa Das lebhafte Gefühl für die Natur ist gewiss das seligste das
beglückendste Ich freue mich wenn ich es antreffe denn der Mensch in dem es
wohnt ist gut wie die Natur
Herrm Sie beweisen dieses Ja nur mit einer schönen erhabenen Seele
konnte man so wie Sie mit den Bäuerinnen tanzen
Elisa Schmeicheln Sie mir nicht Herr von Birkenstein aus Ihrem Munde
könnte mir das Lob gefährlich werden denn ich würde geneigt sein es zu
glauben
Elisa errötete nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte sie schätzte
Birkenstein und nicht gewohnt zu heucheln gestanden ihm diese Worte ihre
Empfindung allein sie erkannte gleich dass sie einem Manne den sie gar nicht
kannte zu schnell ihre Gesinnungen entdeckt habe er bemerkte ihre Verwirrung
und weit entfernt sie durch eine Miene der Freude und Selbstzufriedenheit zu
vergrößern bestrebte er sich sie zu vermindern Nein edles Märchen sprach
er das Lob eines Mannes der die Tugend verehrt kann für eine schöne Seele
nicht verderblich sein Elisa erblickte in diesem Betragen seine zärtliche
Aufmerksamkeit für sie und ihr Herz dankte ihm
Elisa Nach einer Pause Wo ist denn Ihre Mutter und Henriette
Herrm Mich dünkt sie gingen dort jenen bedeckten Gang
Elisa Lassen Sie uns zu ihnen gehen
Nun gingen Beide schweigend zu Henrietten und Frau von Birkenstein Liebe
Elisa sprach Henriette weißt Du wohl dass es schon acht Uhr ist und eine
Stunde gehen wir von hier bis Hohnauschloss
Elisa Schon so spät Aber in Birkenstein beflügelt Freude die Zeit
Herrm Lebhaft Nicht in Birkenstein sondern da wo Sie sind sie ist mit
den Grazien ihren Schwestern immer in Ihrem Gefolge
Verwirrt schlug Elisa die Augen nieder mit Entzücken heftete Herrmann seine
Blicke auf sie lose lächelte Henriette und Frau von Birkenstein betrachtete
einige Augenblicke diese Gruppe mit Aufmerksamkeit Henriette unterbrach
endlich diese Stille O über die ewigen Komplimente sprach sie sie könnten
uns endlich noch so gut gefallen dass sie uns am Ende gar hier fesselten
Wohlan Elisa wir wollen uns der Gefahr mit Gewalt entreißen
Elisa lächelte und Beide nahmen nun Abschied von der Frau von Birkenstein
Herrmann bat dass sie ihm erlauben möchten sie zu begleiten und Elisa und
Henriette Beide so gewissenhaft in der Beobachtung äußerer Anständigkeit
hielten doch dieses nicht für unschicklich sondern Elisa reichte ihm ihre Hand
Man sprach wenig auf dem Wege Henriette bemühete sich vergebens die
Unterhaltung lebhaft und allgemein zu machen es gelang ihr nicht Vor
Hohnauschloss trennten sich die beiden Freundinnen von Herrmann Er blieb stehen
bis dass er sie aus dem Gesichte verloren hatte und ging dann nachdenkend nach
Birkenstein zurück Was wird Deine Mutter sagen sprach Henriette nachdem
Herrmann sie verlassen hatte dass wir so spät zu Hause kommen
Elisa Ich weiß nicht ich fürchte ihren Anblick
Ihr Herz schlug ihr als sie in die Türe trat man sagte ihnen dass Frau
von Hohnau mit ihrer Tochter schon im Speisesaale wären zitternd eilten sie
hinein Der Blick der Frau von Hohnau war finster Warum sprach sie kommt ihr
so spät zurück
Elisa Mit zitternder Stimme Liebe Mutter wir wussten nicht wie viel Uhr
es war
Karoline Welche die Uhr an ihrer Seite erblickt spöttisch Warum hattest
Du denn die Uhr mitgenommen Schwester
Elisa Verwirrt Ich die Uhr Ich hatte nicht weiter daran gedacht
Fr v Hohn Warum bist Du denn so verlegen Ich will wissen wo Du gewesen
bist
Karol Immer spöttisch Hätte sich etwa ein junger Nachbar eingefunden
der sie auf ihren Spaziergängen überrascht und ihnen die Zeit verkürzt hätte
Röte überzog Elisas Wangen allein ihre Stimme wurde fester Karolinens
unedles Betragen gab Elisan die Würde der Tugend und frei antwortete sie ihrer
Mutter Wir sind in Birkenstein gewesen
Fr v Hohn Ich werde Euch bitten nicht mehr ohne mich Besuche
abzustatten
Elisa bat ihre Mutter um Verzeihung dass sie ohne es zu wollen sie
beleidigt habe und Frau von Hohnau antwortete ihr kalt es wäre schon gut
Karoline lächelte spöttisch Elisa klagte nicht zurück in ihrem Zimmer
unterhielt sie sich nur mit Henrietten von Birkenstein und Herrmann Henriette
benachrichtigte sie dass Herrmann schon seit einem Jahre in B beim
Kammergerichte angestellt wäre und Hoffnung habe bald eine Stelle zu bekommen
Elisa Ich werde mich dessen freuen Der junge Mann verdient gewiss glücklich
zu sein Er hat eine solche offene Physiognomie seine Züge sind so sanft sein
ganzes Wesen zeigt Güte und Menschlichkeit
Henr Dein Urteil ist sehr schnell liebe Elisa Du sahst ihn nur einmal
Elisa O hätte ich ihn nur einen Augenblick gesehen er wäre hinreichend
gewesen mich zu überzeugen
Henr Das sagtest Du nicht im Ernste Ich will Dir zugestehen dass Herrmanns
Ansehen für ihn spricht aber Du bist zu klug um deswegen von seiner innern
Güte überzeugt zu sein
Elisa Ach Henriette wenn unser Herz ein günstiges Urteil fällt ist es
dem Verstande nicht erlaubt dessen Ausspruch anzunehmen
Henr Wenn Du jetzt bei dieser Frage nicht interessiert wärest wie würdest
Du sie beantworten
Elisa Nach einer Pause Ich erkenne es Henriette Du hast Recht Erst
will ich Herrmann beobachten und allein meine Erkenntnis soll das Urteil
fällen
Auch Herrmanns Herz urteilte günstig von Elisa und ihre Gestalt schwebte
ihm im Traume vor Er eilte gleich am andern Morgen unter die Linde wo er sie
am vorigen Tage zuerst gesehen hatte und seine Mutter fand ihn im tiefen
Nachdenken versunken Er war zerstreut Herrmann sprach Frau von Birkenstein
Elisa hat eine schnelle Veränderung in Dir bewirkt
Herrm Mutter ich liebte noch nie ich glaube auch nicht dass ich jetzt
schon liebe aber ein Mädchen wie Elisa sah ich noch nie
Fr v B Sei vorsichtig Herrmann Nie kann Elisa die Deine werden
Herrmann und Elisa begegneten einander nach einigen Tagen er war
entschlossen sein Herz vor der Liebe zu bewahren und Elisa wollte ihn
beobachten Kalt und mit Zurückhaltung redeten sie einander an dieser Zwang war
Beiden lästig der feurige Jüngling konnte ihn nicht länger ertragen Elisa
rief er aus fehlt Ihnen etwas Habe ich Sie beleidigt
Elisa Mit sanfter Stimme Nein lieber Birkenstein aber Sie selbst sind
ja verändert
Herrm feurig Ich verändert gegen Sie Ha
Henr Einfallend O des brausenden Menschen Sagen Sie mir nur warum Sie
in so heftige Bewegung geraten
Herrm Ach verzeihen Sie Elisa Ich bin seit einigen Tagen so unruhig
Kommen Sie lassen Sie uns auf jene Anhöhe gehen mich dünkt man atmet freier
wenn man die Erde unter seinen Füßen sieht und sich den Wolken nähert
Er ergriff ihre Hand und sie erstiegen den Berg
Elisa Nachdem sie einige Zeit in stummer Betrachtung da gestanden hatte
Wie schön ist es hier Ihr die ihr unzufrieden mit dem Schicksale seid kommt
hierher Seht wie schön die Erde ist Seht jenen Wald der auch für euch seine
Schatten ausbreitet Sauget der Blumen Balsamdüfte die auch für euch da stehen
Seht im Werke des Allmächtigen die Spur der Menschenhände welche auch eure
Brüder sind
Herrm Feierlich Allgütige Natur Mutter aller Freuden lass uns dieses
Augenblicks nie vergessen Sollten wir je des Schicksals Härte empfinden so
erinnere uns dass in deinem Schoss uns der Freuden Fülle noch bleibt
Alle waren bewegt langsam richtete Elisa ihre Augen auf Herrmann O wie
schön schien er ihr in diesem Augenblicke Würde und Sanftmut war in seinen
Blicken vereiniget Größe lag in seinen Zügen Sie reichte ihm ihre Hand Wohl
wohl sprach sie wollen wir des Augenblicks immer gedenken um selbst bei
Widerwärtigkeiten noch glücklich zu sein
Eine Träne entschlüpfte bei diesen Worten ihrem Auge Herrmann schlang
seinen Arm um ihren Leib Elisa kann nie unglücklich sein rief er und nun riss
er sich von ihr los und eilte hinweg Staunend sah ihm Elisa nach und
seufzte als er vor ihren Blicken verschwand Sie verlor sich in ihren
Betrachtungen über ihn und bald sah sie nicht mehr die wirklichen Gegenstände
welche sie umgaben sie sah nur Herrmann der schon weit von ihr entfernt war
Henriette welcher keine ihrer Bewegungen entgieng näherte sich ihr endlich
Hat Herrmann sprach sie so ganz Deine Aufmerksamkeit mit sich genommen dass Du
alles übrige vergisst
Elisa Zum wenigsten einen großen Teil derselben sein Betragen war sehr
sonderbar
Henr Lächelnd War sehr natürlich
Elisa Du scherzest jetzt immer Henriette und nie war ich weniger zu
scherzen aufgelegt als jetzt
Henr Sage auch nie war ich so ungerecht zu verlangen dass Anderer Launen
sich nach den meinigen richten sollten als jetzt
Elisa Verzeihe liebe Henriette und tausend Dank Dir dass Du mir meine
Fehler sagest Ohne Dich würde ich ein albernes Mädchen werden
Henr Das nicht liebe Elisa ich verbessere nur hin und wieder kleine
Flecken um den Glanz noch zu erhöhen
Elisa Mein Herz sagt mir in diesem Augenblicke dass ich Dein Lob diesmal
nicht verdiene Aber komm lass uns zu Hause gehen es wird kalt
Elisa wurde nun nachdenkender sie lächelte seltener oft saß sie in Gedanken
verloren und Herrmann war der Gegenstand ihres Nachdenkens gewesen Ich weiß
nicht sprach sie zu Henrietten einige Tage nach ihrem letzten Spaziergange
warum Herrmann uns nicht besucht
Henr Er glaubt vielleicht dass deine Mutter ihn nicht gut aufnehmen würde
Elisa O dann kennt er sich dann weiß er nicht wie einnehmend er ist
Henriette lächelt Elisa errötend nach einer Pause Ich gestehe ich bin
feurig in seinem Lobe wenn ich ihn sehe schwindet der Vorsatz ihn zu
beobachten mich dünkt ich beleidige die Menschheit und die Natur wenn ich bei
seinem Anblicke noch zweifle dass er Einer der Besten unter den Sterblichen ist
Sein Ausruf seine Anrede auf dem Berge an die Natur wie ungekünstelt wie
feierlich Henriette ich hätte mögen Tage da stehen und ihn betrachten
Henr So ist es denn wieder ein Ideal von Schönheit und Vollkommenheit
welches Dich zu Herrmann hinreisst
Elisa Kein Ideal welches in meiner Einbildungskraft entsprang Seine
Zärtlichkeit für seine Mutter seine Ehrfurcht für die Tugend sein lebhaftes
Gefühl für die Natur dieses alles ist Wirklichkeit und wehe den kalten Seelen
welche diesen Eigenschaften nicht Achtung zollen
Noch an eben dem Tage ließ sich Herrmann bei der Baroninn von Hohnau melden
Elisas Wange wurde feuriger bei seinem Namen ihr zur Erde gesenkter Blick
empfing ihn langsam drückte er ihre Hand an seine Lippen und ein Seufzer
entfuhr seiner Brust
Herrm Nachdem er sich gesetzt hatte zur Baroninn von Hohnau Gnädige
Frau die Bitte eines Unglücklichen führt mich zu Ihnen ein Bauer aus
Birkenstein
Baroninn v H Einfallend Ich hoffe nicht Herr von Birkenstein dass Sie
sich dieses Diebes annehmen wollen
Herrm Sanft Er ist ja ein Mensch und ist unglücklich sollte ich ihm
denn nicht beistehen wenn er meiner Hilfe bedarf
B v H Sie aber nicht verdient
Herrm Mit Wärme Wann hört der Beistand auf den der Mensch dem Andern
leisten soll wer wagt das zu bestimmen Doch erlauben Sie mir gnädige Frau
Ihnen sein Verbrechen und die Veranlassung dazu zu erzählen und Sie werden
sehen dass hier Gerechtigkeit Härte sein würde Vor zwei Jahren starb der Vater
des jungen Harberg auf seinem Sterbebette sagte er seinem Sohne dass er seit
vielen Jahren einem andern Bauer zwanzig Taler schuldig wäre er habe aber die
Schuld abgeschworen doch nun erwache sein Gewissen und er könne nicht ruhig
sterben wenn er ihm nicht verspräche die Schuld zu bezahlen Harberg
hinterließ zwar seinem Sohne nichts allein der Jüngling hatte lange gedient
war sparsam und ordentlich gewesen und hatte gerade so viel gesammelt als die
Schuld seines Vaters betrug er brachte die Summe augenblicklich dem Gläubiger
seines Vaters und dieser segnete ihn sterbend Er bekam nun den Hof des
Verstorbenen allein er fand in demselben weder Hausgeräte noch Vieh er musste
borgen um das Notwendige kaufen zu können Der Mann welcher der Gläubiger
seines Vaters gewesen und in guten Umständen war gerührt durch seinen
Edelmut bot ihm seine Tochter zum Weibe an allein der junge Harberg liebte
schon lange und wurde wieder von einem redlichen aber dürftigen Mädchen
geliebt Er wollte nicht treulos werden und schlug die Tochter des alten Jacobs
aus Er heiratete das Mädchen das er liebte arbeitete fleißig und bezahlte
auch immer etwas von seiner Schuld allein der schlechte Einschnitt im
vergangenen Jahre ließ ihn nun wieder Mangel fühlen Sein Weib kam vor vierzehn
Tagen nieder und war dem Tode nahe noch liegt sie auf dem Krankenlager er
besaß noch kaum soviel um einige Brode backen zu können sein Vieh hatte schon
seit einigen Tagen gehungert er hatte weder Stroh noch Heu und im ganzen Dorfe
wollte ihm kein Mensch etwas leihen er konnte sein Vieh das Mittel seiner
Unterhaltung nicht sterben lassen und die Not zwang ihn die Wiese abzumähen
welche Ihnen gnädige Frau gehört und an Birkenstein gränzt Sie haben ihn
verklagt der Richter hat ihn zum Ersatze und zur vierwöchentlichen
Gefängnissstrafe verdammt Der Ersatz macht zwanzig Taler hier sind sie aber
ein Wort von Ihnen kann ihn von der Gefängnissstrafe befreien welche ihn in
seinen gegenwärtigen Umständen zum Bettler machen würde
B v H Ich werde an den Richter schreiben allein in der Folge wird selbst
Ihre Fürbitte den Dieben nichts helfen das Laster muss bestraft werden
Herrm Ist Armut worein Edelmut stürzte Laster O gnädige Frau der
gerechteste Richter ist die Stimme der Menschlichkeit
B v H Mit diesen schönen Phrasen wenn sie in Tribunälen gälten würde
der Staat sehr schlecht verwaltet werden
Herrm O dass doch so wenig Menschen sich überzeugen können dass Güte und
Menschlichkeit mehr Tugenden bewirken als Strenge Was hilft es dass wir es in
allen Schriften lesen so lange wir noch Härte in den Herzen der Menschen
finden Nein gnädige Frau wenn erst Billigkeit Untersuchung der Tatsache
und Nachsicht mehr als ungerechte Gesetze gelten werden dann erst kann man
hoffen die Menschen besser und glücklicher zu sehen
Elisa Leise zu Henrietten Edler Mann Höre ihn Henriette welche reine
Menschenliebe aus ihm spricht
Die Unterhaltung nahm nun eine andre Wendung die Baronin von Hohnau hatte
sich durch seine Worte beleidigt gefunden er bemerkte es und es tat ihm
wehe Er wollte nicht ihrem Stolze schmeicheln aber er konnte Elisas Mutter
nicht auf sich zürnen sehen Gnädige Frau sagte er endlich mit einer
Freimütigkeit welche in Elisas Augen ihn noch erhabener machte ich sprach
zuvor mit Eifer die Sache der Menschheit flösst ihn mir immer ein meine Worte
aber waren nicht an Sie gerichtet denn musste ich nicht voraussetzen dass das
sanfte weibliche Herz jede Äußerung der Güte und Liebe billigte
Die Baroninn von Hohnau ward beschämt durch Herrmanns Betragen Wir
verstanden einander nicht recht anwortete sie wie könnte ich in Ihnen
Menschenliebe tadeln Nur muss sie recht geleitet werden
Bald darauf brach Herrmann seinen Besuch ab er hat um die Erlaubnis ihn
wiederholen zu dürfen und erhielt sie
B v H Nachdem er hinaus war Ein artiger junger Mann
Karol Nur etwas zu frei
Elisa Mit sanftem Tone Du tadelst beständig Schwester
Karol Spöttisch Und Dir gefällt man sehr leicht
Elisa Errötend Ich sagte ja nicht dass mir Herr von Birkenstein
gefiele
Karol Im vorigen Tone Deine Röte beweist es
Glücklicherweise bemerkte die Baroninn von Hohnau diese Unterredung nicht
Elisa war so schüchtern dass sie den ganzen Abend nicht mehr sprach und dieses
gab Karolinen immer mehr Stoff zu ihren Spöttereien die sanfte geduldige Elisa
ertrug sie gelassen Sie sagte oft es ist eine der ersten unter den geselligen
Tugenden Anderer Schwachheiten ertragen und das sicherste Mittel sie für sich
unschädlich zu machen
Herrmann kam nun oft nach Hohnauschloss er und Elisa kannten keine höhere
Wonne als sich zu sehen Das gefühlvolle Mädchen glaubte Achtung und
Freundschaft wären ihre Empfindungen für den liebenswürdigen Jüngling und er
ach er fühlte wohl dass Elisa ihm Alles war aber er wagte es nicht sich
selbst seine Empfindungen zu gestehen So waren vierzehn Tage seit seinem
ersten Besuche in Hohnauschloss verflossen als an einem Morgen plötzlich ein
junger Bauer in Elisas Zimmer trat Es war Harberg Gott grüß Sie schönes
Fräulein Verzeihen Sie dass ich gerade in die Stube komme war seine Anrede
Elisa Das hat nichts zu sagen mein Freund entdecke Er mir nur sein
Verlangen
Harb Ich wollte Sie bitten dass Sie möchten Gevatter bei meinem Mädchen
stehen Ich bin so arm gewesen dass ich bis jetzt nicht habe können taufen
lassen aber unser gütiger junger Herr hat mich fortgeholfen Er zieht einen
Brief aus der Tasche Hier ist ein Brief von der gnädigen Frau sie bittet auch
für mich
Harb Nachdem Elisa gelesen hatte Verzeihen Sie dass ich so frei bin Sie
so geradezu zu bitten aber als ich Sie auf unserer gnädigen Frau Geburtstage
sah wie Sie so freundlich gegen uns arme Leute und so voll Liebe gegen unsre
gute Mutter waren ach da kann ich gar nicht sagen wie mir war Ich hätte
mögen zu Ihnen rennen und Ihnen den Rock küssen wenn es sich so geschickt
hätte
Elisa Ich danke ihm für seine Liebe Ich werde kommen wenn meine Mutter es
erlaubt Aber ist seine Frau nun wieder besser
Harb Ja Gott und unserm gütigen Herrn sei Dank O was ist das für ein
Herr Ich war in seiner Jugend sein Spielkamerad die gnädige Frau sagte dann
immer Herrmann sei höflich und gefällig gegen Jürgen er ist so gut wie du
Und wenn wir uns stritten und Herrmann hatte Unrecht so musste er mich um
Verzeihung bitten und die gnädige Frau achtete mich dann weit mehr als ihn
bis dass er sein Unrecht erkannte Aber ihre Lehren haben auch geholfen er ist
ein Engel geworden
Elisa Schnell einfallend O erzähle Er mir doch etwas von ihm Sie holt
einen Stuhl Setze Er sich lieber Harberg Er wird müde sein
Harb O das ist zu viel das ist zu viel Liebes Fräulein machen Sie doch
nicht so viel Umstände mit mir armen Manne
Elisa Er erzeigt mir einen Gefallen wenn Er sich setzt ich habe es nicht
gern wenn die Leute vor mir stehen
Harb Setzt sich So ist unser gnädiger Herr eben Als er des Abends zu
mir kam wie meine Frau noch krank war und im Bette lag und ich nur einen
einzigen Schemel hatte so musste ich sitzen und er stand Er sagte Harberg Er
hat gearbeitet und ich nicht Er muss nun ruhen Er kam wohl viermahl des Tages
wie meine Frau so schlecht war um zu sehen ob sie die Arznei ordentlich bekam
welche er vom Doktor verschreiben ließ dem er täglich dafür dass er aus der
Stadt kam einen Taler gab und dann nahm er noch ein Weib an welche meine
Frau und mein Kind warten und pflegen musste Ach und wie ich das Gras gestohlen
hatte was gab er mir da für Lehren Harberg sagte er wie Er durch eine
einzige Handlung sich unglücklich gemacht hat wäre er zu mir gekommen und
hätte mir sein Leid geklagt ich hätte ihm geholfen und wäre ich noch nicht
hier gewesen so hätte es meine Mutter getan denn ehrlichen Leuten steht man
immer bei Nun kann Er aber ins Gefängnis kommen und dann bleibt seine ganze
Wirtschaft den Sommer über liegen und Er wird dadurch an den Bettelstab
gebracht Er erregt dann kein Mitleiden mehr man sagt Er ist ein Dieb Er
verdient sein Schicksal Verachtung liest Er auf allen Gesichtern und womit
kann Er sich dann trösten Mit innerlicher Zufriedenheit Er hat sie verloren
Er wird sich in jedem Augenblicke sagen Ich habe mein Weib mein Kind
Zeitlebens unglücklich gemacht Sie werden aufhören Ihn zu lieben Von einem
Jeden verachtet und von Keinem geliebt wird Er sein Leben zubringen Mit
Tränen wird er das erbettelte Stück Brod benetzen weinen wenn er sein Weib
ansehen wird die Er sonst mit so inniger Freude in seinen Armen drückte
Vergleiche er diesen Zustand mit dem Tage an dem Er die Schuld seines Vaters
bezahlte Da verlor Er alles aber Er war vergnügt Mit dem Tage an dem sein
liebes Mädchen sein Weib wurde da war Er auch arm aber Er handelte ehrlich
und Er fühlte seine Armut nicht Sie war ihm süß sie ist Ihm erst drückend
geworden seitdem Er gestohlen hat Diesen Unterschied wird Er immer empfinden
je nachdem Er Recht oder Unrecht tut Seine eigne Erfahrung hat Ihn schon davon
überzeugt Armut ist nicht eher ein Unglück als bis man Böses tut dann fühlt
man alle Leiden doppelt So etwas hatte mir der Priester nie gesagt aber ich
war auch noch nie so gerührt gewesen denn ich fühlte dass alles wirklich so
war wie mir der gnädige Herr gesagt hatte denn ich konnte mein Weib nicht
ansehen ohne zu weinen und wenn mir der Herr Pastor auch noch so viel von
Höllenstrafen vorsagte so empfand ich davon nichts und ich dachte dann nicht
weiter daran Ich werde es nie vergessen was der gnädige Herr sagte wie einem
Diebe zu Mute wäre und ich wollte nicht mehr stehlen sollte ich auch
verhungern denn ich würde dadurch doch nicht so unglücklich werden als ich es
jetzt bin Aber Sie sollten mahl den Bedienten des jungen Herrn hören wenn der
von ihm erzählt Ach da muss man weinen wie ein Kind Eine Geschichte
besonders die vergesse ich nie denn sie ist gar zu schön
Elisa Mit angenommener Gleichgültigkeit Wie ist sie denn
Harb Unser junger Herr ist doch in Berlin in Diensten und da ist in
demselben Fach noch ein Herr der ist neidisch auf ihn gewesen weil er so
geschickt ist und der Minister so viel aus ihm machte er hat ihn also nicht
leiden können und immer Böses von ihm zum Minister gesprochen Endlich sollte
unser junger Herr eine Stelle erhalten allein der Andere hat so lange gemacht
bis dass er es verhindert hat Dies alles hat nun unser junger Herr wohl gewusst
allein er hat sich nichts merken lassen Bald drauf wird der Andre krank und da
er immer sehr lustig lebt so hat er kein Geld und Verwandten hat er auch nicht
in Berlin da geht es ihm nun sehr schlecht dies erfährt unser junger Herr der
eben auch nicht bei Gelde ist denn er lässt sich nur sehr wenig von seiner
Mutter geben weil sie auch nicht viel hat und er sagt er will es hier den
Armen nicht entziehen welchen sie es gibt Er weiß sich nun nicht anders zu
helfen als dass er Stunden geben muss um den Andern beizustehen da sagt
Christian hat er vier Wochen lang des Abends um sechs Uhr einen Oberrock
angezogen ist in eine andere Gegend der Stadt und bei Leute gegangen wo er
nicht bekannt war und hat bis um neun Uhr Stunden gegeben dann ist er zu dem
Menschen gegangen hat ihn gepflegt ihm einen Doktor und eine Wartefrau
angenommen aber das Geld hat er ihm durch die Post geschickt so dass der nicht
gewusst hat von wem er es bekommen hat er ist immer erst spät von ihm gegangen
und oft sagt Christian wenn er dann hat viel Arbeit gehabt hat er des Nachts
gearbeitet um nicht die Stunden zu versäumen Wir hatten alle die Augen voll
Wasser als Christian das erzählte Gott segne den guten jungen Herrn und gebe
ihm ein gutes Weib die ihn für alles das belohne
Harberg stand nun auf er bat Elisan noch einmal zu ihm zu kommen sie
versprach es ihm und er verließ das Zimmer
Elisa Nachdem Harberg hinaus ist indem einige Tränen ihre Wangen
herabrollten Herrmann edler guter Jüngling Ja wohl möchtest Du
unaussprechlich glücklich sein O könnte ich Dein Glück mit meinem Leben
erkaufen Jeder Tag sollte für Dich ein Tag der Wonne sein
So blieb sie noch lange sitzen dachte nur an Herrmann und rief in ihr
Gedächtnis alles zurück was Harberg ihr gesagt hatte Sie erhielt von ihrer
Mutter die Erlaubnis nach Birkenstein zu gehen und nun beschäftigte sie sich
für Harbergs Tochter einen Anzug zu verfertigen Ihre liebende Seele dachte sich
die Freude der Mutter wenn sie das kleine Geschöpf so geschmückt sehen würde
es war ihr süß diese selbst zu bereiten Henriette wollte Elisan begleiten
allein sie befand sich am andern Morgen nicht wohl und Karoline sagte sie
hielte es nicht für eine Ehre die Gevatterinn eines Bauern zu sein also fuhr
Elisa allein nach Birkenstein Herrmann erwartete sie schon vor dem Dorfe und
führte sie zu seiner Mutter Beide konnten kaum die Freude verbergen sich zu
sehen Ihr Schweigen Herrmanns trunkene Blicke und Elisas stärker klopfender
Busen Alles entdeckte ihre Empfindungen und Frau von Birkenstein las in ihren
Herzen Ach könnte ich sie doch einmal als Tochter umarmen sprach sie zu sich
selbst
Sie gingen nun zusammen zu dem ehrlichen Harberg und die feierliche
Handlung nahm ihren Anfang Elisa hielt das Kind über die Taufe sanfter Ernst
und Wohlwollen war während dieser Zeit auf ihrem Gesichte verbreitet Ich werde
ihre zweite Mutter sein sprach sie zur jungen Frau indem sie ihr ihre Tochter
wieder gab
Harb zu Herrmann nachdem die Taufe vollzogen ist Gott weiß es gnädiger
Herr Sie haben mir viel Gutes getan und was ich empfinde kann ich Ihnen
nicht sagen Er wischt sich einige Tränen von seinen Wangen Aber kann ich
Ihnen mahl mit meinem Leben dienen so befehlen Sie Weib und Kind will ich
vergessen und für Sie sterben Sie haben sie mir erhalten und haben mich
wieder zum ehrlichen Kerl gemacht
Herrm Gerührt Ich freue mich Harberg Ihn wieder glücklich zu sehen
Sei Er immer gut dann wird Er das erste auch sein
Harb Das weiß ich nun schon aus Erfahrung und wer in Birkenstein mehr als
einmal sündiget der muss ein Schurke sein
Zwei Bauern die gegenwärtig sind Da spricht Er ein wahres Wort Wo eine
gute Herrschaft ist die einen unterstützt da sind gewiss nicht viel schlechte
Kerl Das können Sie uns glauben gnädige Frau wir ließ Alle unser Leben für
Sie aus Liebe für Sie möchten wir nichts Böses tun
Alle Anwesende Nein gewiss gewiss nicht
Gerührt dankte Frau von Birkenstein Allen für diese Äußerungen der Liebe
Seid gut seid glücklich sprach sie dann werde ich es auch sein
Elisa Nach einer Pause zur Frau von Birkenstein Würdige Frau wenn ich
je ein Glück beneiden könnte so wäre es das Ihrige Welche himmlische Wollust
muss es sein die Menschen zu bessern sie gut und glücklich zu machen
F v B Ja liebe Elisa des Bild des Glücks und der Ordnung gefällt uns
immer gern verweilen wir bei demselben aber doppelt süß ist es sich als
Schöpfer desselben zu sehen Die Freude erscheint uns dann noch in einem hellern
Gewande und die Tugend noch größer Man schreiet über das Verderben der
Menschheit und wie leicht kann man den Menschen das Gute liebenswürdig und
annehmlich machen wenn man jede seiner Pflichten erfüllt Dieses ist mein
einziges Verdienst Einfach von der Natur selbst eingegeben sind die Mittel
welche ich anwende das Gute zu befördern und Freude zu verbreiten Ich liebe
die Einwohner von Birkenstein und unterstütze sie denn ihre Bedürfnisse sind
so klein dass ob ich gleich nicht reich bin ich sie doch befriedigen kann
Dieses gewann mir ihre Liebe und ihr Bestreben mir zu gefallen Überzeugt
dass sie stets auf meinen Beistand rechnen können wenden sie keine
unrechtmässigen Mittel an ihre Bedürfnisse zu befriedigen Sie tun das Gute
weil es zu ihrem Nutzen gereicht und lieben einander weil kein Eigennutz sie
trennt So leicht kann man den großen Haufen zum Guten gewöhnen wenn man Mangel
von ihm entfernt und das Laster ihm schädlich werden lässt Dieses sollten jene
Menschenbesserer bewirken Dieses sollte das Bestreben jedes Mannes jedes
Weibes in jeder Klasse in jeder Sphäre werden dann würden wir bald den
größten Haufen der Menschen so wie in Birkenstein gut und fröhlich sehen
Aber leider finden wir mehr heftige Declamationen über Sittenverderbniss und
Menschenelend als tätiges Bestreben es zu verringern
Harberg und sein Weib zogen nun Herrmanns und Elisas Aufmerksamkeit auf
sich Er hielt sie lange umarmt und rief endlich Hanne wie glücklich bin ich
dass ich dich wieder habe Sie weinte blickte auf ihn und auf das Mädchen
welches in ihrem Schoss lag und drückte sie wechselsweise an ihren Busen Es
ist für dein Kind sprach sie dass ich so viel ausgestanden habe meine Liebe
hat mir alles überstehen helfen Gott gebe uns nur seinen Segen dass unser
Mädchen fromm und groß werde Bei diesen Worten reichte sie ihm seine Tochter
er nahm sie in seine Arme drückte Mutter und Kind an sein Herz und vergoss
Tränen der Freude Auch Herrmanns und Elisas Augen füllten sich mit Tränen
leise Seufzer drängten sich aus ihrer Brust Sie fühlten Beide die Allgewalt der
Liebe und der Natur und Beider Herzen sprachen leise In Herrmanns in Elisas
Armen würde auch ich so glücklich sein Mit diesen Empfindungen verließen sie
diese Wohnung der Unschuld und der Zufriedenheit als eben ein Bote der Frau von
Birkenstein einen Brief brachte welcher eine augenblickliche Antwort
erforderte Frau von Birkenstein entschuldigte sich bei Elisan und verließ sie
Gleich hinter dem Garten der Frau von Birkenstein war ein Park in welchem Elisa
gern verweilte Herrmann hatte dieses von seiner Mutter gehört und schlug
Elisan vor zusammen in den Park zu gehen indes seine Mutter schrieb
Schweigend gingen sie nun durch die dunkeln Gänge wohlduftender Linden und nur
zuweilen unterbrach der Luftbewohner Abendgesang die feierliche Stille um sie
Sie erstiegen eine Anhöhe die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Erde
noch sahen sie sie durch die Zweige majestätischer Buchen brechen welche am
Fuße des Hügels standen auf welchem sie saßen Herrmann hatte seinen Arm um
Elisan geschlungen und mit niedergesenktem Blicke saß sie da höher hob sich
ihr Busen Herrmanns Auge wurde funkelnder Liebe wehete ihm das Rauschen der
Blätter zu Liebe hörte er im Gesange der hoch sich schwingenden Lerche Er
ergreift Elisas Hand sie zittert Er blickt sie an eine Träne glänzt in
ihrem Auge Elisa stammelt er meine Elisa und drückt seine Lippen auf die
ihrigen Purpurröte überzieht ihre Wangen sie windet sich aus seinen Armen
und wagt es nicht ihn anzusehen
Herrm Bin ich schuldig
Elisa Mit bebender Stimme So bin ich es denn auch Herrmann
Herrm Sie feurig umarmend Nein meine Elisa das sind wir nicht Wir
gehorchen der Stimme unsers Schöpfers der aus Liebe uns schuf durch Liebe uns
werden ließ und durch sie uns beglücken wird
Elisa Ihren Kopf an seine Schulter lehnend O Herrmann
Herrm Meine Elisa wie glücklich machen Sie mich Ich wagte nicht es zu
glauben Liebe Liebe wie groß sind deine Freuden
Elisa Gen Himmel blickend Dank dir mein Schöpfer dass du mich ihn
finden ließest diesen Mann der allein dieses selige Entzücken mich fühlen
lassen konnte Sie reichte ihm ihre Hand Herrmann Ihre Liebe macht mich
stolz macht mich glücklich
Herrm Kniet vor Elisan und hält lange ihre Hand an seine Lippen
Himmlisches Mädchen ich vermag es nicht meine Gefühle auszudrücken
Bei diesen Worten sank er in ihre Arme und Beide schwiegen nun Die Sprache
des Gefühls ist zu mächtig zu trunken das Wonnegefühl der Liebe um durch Worte
sie auszudrücken Ihre Blicke nur sagten sich ihr Glück
Elisa Nach einer langen Pause Herrmann die Sonne ist untergegangen wir
müssen zurückgehen
Herrm O dass ich eine Ewigkeit hier sitzen könnte
Elisa Lassen Sie uns hoffen nie getrennt zu werden Ach ich könnte den
Gedanken ohne Sie zu leben nicht ertragen
Herrm Und ich ihn nicht fassen Ohne Sie kann mir kein Glück mehr werden
Elisa Wir wollen ihn nicht denken mein Herrmann das Schicksal ließ uns
einander finden unsere Liebe wird uns auf ewig vereinigen
Herrm Süßes liebevolles Geschöpf Dank dir gütiger Vater du ließest mich
einen Engel finden
Ein holdlächelnder Blick ein Kuss den sie errötend auf seine Lippen
drückte war Elisas Antwort Schnell eilte sie nun fort doch Herrmann
erreichte sie bald wieder Im tiefen Schweigen war schon die Natur versenkt
allein ihre Liebe belebte Alles oder vielmehr hörten sie auf andere
Gegenstände zu bemerken In der ganzen Natur sah Herrmann nur Elisa und Elisa
nur Herrmann Zum Erstenmale erblickte sie ohne Entzücken den gestirnten Himmel
den aufgehenden Mond zum Erstenmale hörte Herrmann nicht die Schallmeie des
fröhlichen Hirten welche in der Ferne erschallte und welche er sonst mit
Vergnügen belauschte Im stummen Entzücken gingen sie fort nur Seufzer der
Liebe weheten die Lüfte ihnen nach Frau von Birkenstein erwartete sie am
Eingange des Gartens Elisa nähert sich ihr verwirrt Sind Sie schon fertig
liebe Mutter
Fr v B Es freut mich dass Herrmann Sie so gut unterhalten hat dass Sie
den Verlauf zweier Stunden nicht bemerkt haben
Elisa Immer verwirrter sieht errötend nach der Uhr In der Tat, es ist
schon spät Wir sind weit gegangen
Herrm Mutter unsere Unterhaltung war die welche Jahre zu Minuten macht
Elisa verbirgt ihr Gesicht am Busen der Frau von Birkenstein welche sie
umarmt
Fr v B Erröten Sie nicht meine Freundin Herrmann ist Ihrer Liebe
würdig und Liebe in solchem Herzen als das Ihrige ist Engelgefühl
Herrm Kniet nieder vor Elisa und seiner Mutter Meine Elisa Hier vor
meiner Mutter gelobe ich Ihnen Liebe und Treue und bekenne dass Sie mir das
Heiligste auf der Erde sind
Elisa Ihn aufhebend Und hier eröffne ich Ihnen ganz mein Herz
Unaussprechlich Herrmann liebe ich Sie nur unbedingte Pflicht kann mich je
von Ihnen reißen und nie wird ein Mann so wie Sie meine Liebe besitzen
Fr v B Beide umarmend O meine Kinder möchte doch Eure Liebe Euer
Glück und meine Freude im Alter machen
Der Mutter und der beiden Liebenden Tränen der Freude und des Gefühls
vermischten sich mit einander dichter als ihre Arme waren ihre Herzen in
einander gekettet und nur mit Mühe entriss sich ihnen Elisa und eilte zurück
nach Hohnauschloss Der Schleier der Nacht lag schon auf der Natur verbreitet
Elisan war er willkommen des Tages Geräusch hätte sie aus ihren Empfindungen
geweckt und Elisa konnte und wollte nur an Herrmann denken und sich zurück
träumen an seine Seite seine Lippen auf den ihrigen gedrückt Der Wagen hielt
endlich still Elisa stieg aus schaute noch einmal mit einem Seufzer nach der
Gegend hin wo Birkenstein lag und ging zu ihrer Mutter Hier verweilte sie
nicht lange bald sagte sie ihrer Mutter und Karolinen gute Nacht und eilte zu
Henrietten Sie warf sich in ihre Arme Henriette ich liebe schrie sie und
drückte sie fester an ihren Busen
Henr Heute sagt mir es Dein Mund aber Deine Blicke sagten es mir schon
lange
Elisa Meine Blicke Nein Henriette noch fühlte ich nicht wie jetzt Hätte
ich Liebe fühlen können wenn ich entfernt von Herrmann war Hätten meine Blicke
beredt sein können ehe seine Küsse mir Leben und Feuer einhauchten
Henr Elisa auch auf Dich wirkt der Zauber der Liebe so heftig
Elisa O Henriette Du kennst nicht seine Macht Als ich an deiner Seite
saß Herrmann als deine feurigen Blicke deine stammelnden Lippen mich das
seligste Gefühl kennen lehrten als vor mir alle Gegenstände schwanden ich nur
dich sah nur dein und meines Herzens Klopfen hörte als der erste Feuerkuss
meine Lippen berührte dein erstes Geständnis das Blut in meinen Adern stärker
wallen ließ da hätte ich die Frage für unmöglich gehalten
Henr Schwärmerinn
Elisa Immerhin Henriette will ich umherschwärmen in dem Gebiete der
Liebe ich habe die Tugend und Herrmann zu meinen Gefährten O dass Du heute
nicht mit uns warst Henriette Nicht sahst unsere Liebe nicht fühltest unser
Glück
Henr Elisa Deine allzufeurige Einbildungskraft ließ mich immer die Liebe
für Dich fürchten
Elisa Fürchten Warum denn fürchten Sonst dachte ich nicht oft an die
Liebe ich begehrte nicht sie zu kennen doch ich glaubte nicht dass man sie zu
fürchten brauche Aber nun ich sie an deiner Seite in deinen Augen durch
deinen Händedruck Herrmann kennen lernte nun ihre Entzückungen meinen Busen
heben und ich durch sie dich edelsten Mann beglücken kann nun dünkt mich
Furcht vor ihr so wie Furcht vor der Sonne die Alles belebt wie Furcht vor
dem Urquell aller Wesen der Allen Dasein gab
Henr Dass sie Dir immer diese Wonne gewähren möge
Elisa Sie wird es Das Andenken ihrer vergangenen Freuden wird in trüben
Tagen mich aufrichten Werde ich meinem Herrmann entrissen so wird banger
Kummer mein Loos Aber die Erinnerung unsrer Liebe wird mich durch das Leben
begleiten und mir noch in den letzten Augenblicken süß sein
Henr Lächelnd Wer würde in dieser Heftigkeit die sanfte Elisa erkennen
Nein liebes Mädchen die Liebe muss Dich nicht umschaffen Sollte sie Dich
allein unvollkommener machen
Elisa Nein Henriette das soll sie nicht Mein Herrmann ist so edel so
gut er würde mich nicht mehr lieben wenn ich aufhörte es zu sein
Henr Du würdest also endlich die Tugend nur um Herrmann lieben
Elisa Das nicht Henriette Ja ich fühle es ich würde ihr selbst meine
Liebe aufopfern aber doch warum diese Frage Sprich Henriette versäume
ich meine Pflichten seit dem Tage Ach ich liebte ihn schon damals als
meine Augen ihn zuerst erblickten
Henr Elisa Du bist unruhig Lass uns von andern Gegenständen reden
Elisa Ich kann nicht Henriette Herrmann schwebt vor meinen Augen sein
Bild ist in meinem Herzen und selbst wider meinen Willen würden meine Lippen
seinen Namen stammeln
Henr Elisa ich hörte Dich so oft sagen Nie müsse man sich irgend einer
Leidenschaft mit Heftigkeit überlassen
Elisa Wahr Henriette ich fühle noch die Richtigkeit dieses Satzes allein
Herrmann und eine Vereinigung mit ihm erfüllt so ganz jeden Begriff den ich
von Glückseligkeit hatte welchem ich zwar nicht nachhieng weil ich ihn nie
erfüllt zu sehen glaubte aber nun ich ihn kenne den Mann Ach Henriette nun
kann ich der Liebe nicht widerstehen
Henr Liebe Elisa mein Wunsch war stets Dich glücklich zu sehen Wirst Du
es durch die Liebe so werde ich den Tag segnen an welchem die Natur und Dein
Herrmann sie Dich zuerst kennen lehrten
Elisa Henrietten umarmend O Freundschaft Auch du hast deine Freuden
Stärker als je Henriette schlägt mein Herz heute für Dich
Henriette erwiderte den freundschaftlichen Kuss lange hielten sie sich
umarmt Möchte uns doch das Schicksal nie trennen riefen Beide aus O Herrmann
o Henriette sprach Elisa an Eurer Seite meine Tage verleben Gott das wäre
mehr als eine Sterbliche erwarten könnte das kann nicht geschehen
Dieser Gedanke trübte ihre Stirn Ich fühle es sprach sie mit der Liebe
schwindet die Ruhe bange Besorgnisse erfüllen meine Brust O Herrmann
Möchtest doch du nie sie kennen Möchtest doch du nur der Liebe Freuden
genießen ich will ihre Leiden tragen
Aber auch Herrmann empfand wechselsweise Entzücken Hoffnung Zweifel und
Furcht er eilte am andern Tage nach Hohnauschloss Wie schlug nun Elisas Herz
als er sich ihr näherte Wie zitterte nun seine Hand als er die ihrige
berührte Leise sprach er zu Henrietten Henriette wissen Sie mein Glück
Henr Ja wohl sind Sie glücklich Birkenstein denn Elisas Herz schlägt nur
für Sie
Herrm O dass ich ihr gleich zu ihren Füßen danken vor der ganzen Welt
bekennen könnte Elisa ich liebe Dich
Henr Nicht so heftig lieber Birkenstein noch müssen Sie sich nicht
verraten
Er entfernte sich von ihr und augenblicklich kam Elisa und fragte Was
sagte er Dir
Henr Er sprach wovon die Geliebten gewöhnlich sprechen von seiner Liebe
Elisa O nein er spricht nicht wie Andere lass mich jedes Wort hören
Henr Man bemerkt uns Elisa Du musst vorsichtig sein
Elisa O des unerträglichen Zwanges Wie kann man seine Empfindungen
verbergen
Frau von Birkenstein welche nichts unterlassen wollte Herrmanns und
Elisas Glück zu befördern hatte ihrem Sohne aufgetragen die Baroninn von
Hohnau um Erlaubnis zu bitten ihr ihre Aufwartung machen zu dürfen Die
Baroninn konnte dieses nicht abschlagen und nach einigen Tagen stattete die
Frau von Birkenstein einen Besuch in Hohnauschloss ab welchen die Baroninn von
Hohnau erwiderte und nun erhielten Elisa und Henriette die Erlaubnis zuweilen
nach Birkenstein zu gehen Fast täglich sahen sich nun Herrmann und Elisa ihre
Liebe wuchs mit jedem Tage ihre Besorgnisse schwanden sie tranken nun aus dem
Kelch der Liebe und der Freude
An einem Nachmittage ging Elisa allein in einen kleinen Birkenwald welcher
zwischen Hohnauschloss und Birkenstein lag Ihr begegnete Herrmann sich einander
sehen und einander in die Arme fliegen war immer das Werk eines Augenblicks
Herrmann war einige Tage abwesend gewesen also noch feuriger war heute ihr Kuss
O mein Herrmann fing endlich Elisa an wie sehr habe ich Ihre Abwesenheit
empfunden Wie öde schien mir der Wald da ich wusste Sie atmeten nicht in
seiner Nähe
Herrm Auch mir bot die Natur vergebens ihre Schönheiten dar wo Elisa nicht
ist da ist für mich Tod und Verwüstung
Elisa Anmutiger lächeln nun wieder die Gefilde O Natur alle deine
Werke ließ der Hauch der Liebe werden
Herrm Nach einer Pause Kannst Du es fühlen Elisa das Entzücken
welches meine Brust belebt kannst Du sie begreifen die unnennbaren
Empfindungen welche durch meine Nerven beben wenn ich Dich höre die Liebe
preisen und mir dann sage Ich schuf dieses Gefühl in ihr ich belebe das Feuer
ihrer Augen ich röte ihre Wange ich lass ihn stärker sich heben diesen
klopfenden Busen Kannst Du es Elisa O dann ist dein Gefühl das Gefühl
eines Gottes der Welten voller Wonne um sich schafft
Elisa Bist denn nicht auch Du der Schöpfer meines Glücks
Herrm Sie an seine Brust drückend Gott diese Worte aus Deinem Munde
Welchem Fühllosen würden sie nicht Gefühl einhauchen
Elisa Wie heftig Herrmann Kommen Sie lassen Sie uns unter den Schatten
jener lieblichen Birken setzen und erzählen Sie mir da von Ihrer Reise
Herrm Von meiner Reise O ich will Ihnen Alles sagen was ich sah und
hörte Unter jeder Linoe sah ich meine Elisa die Winde weheten mir das Lispeln
ihrer Stimme zu ich hörte immer diese sanften schmelzenden Töne aber ich
konnte nicht wie jetzt sie in meinen Armen drücken nicht ihr sagen Herrmann
lebt nur für dich lebt nur da wo du bist Sie setzten sich nun ein kleiner
Bach der ohnweit aus einem Berge floss rauschte an ihrer Seite sein Murmeln
die graue Dunkelheit des Waldes des Tages Schwüle Alles wiegte ihr Herz in
jene dunkle Empfindung des Verlangens und der Wollust Träne rollte von ihren
Wangen Herrmann sprach noch aber seine Stimme zitterte und nur leise lispelte
Elisa mein Herrmann und ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken Das Tuch
welches um ihren Hals sich schlang entfaltete sich und ließ Herrmann den
schönen Busen erblicken auf welchem sanft ihre braunen Locken spielten und
welchen der Liebe Seufzer bewegten Feuriger drückte er sie an sein Herz und
heißer wurden seine Küsse Er wagt es und drückt seine brennenden Lippen auf
ihren Busen aber nun erwachte Elisa aus dem Taumel der Wollust und der Liebe
eilig stand sie auf Herrmann lass uns fliehen die Tugend verlässt uns
Herrm Bleibt liegen zu ihren Füßen Elisa verzeihe Ach wer kann der
Allgewalt der Schönheit widerstehen
Elisa Ihn umarmend O mein Herrmann Dank sei der gütigen Vorsicht dass
ich Kraft hatte mich Deinen Armen zu entreißen Jetzt weine ich Tränen der
Freude und einige Augenblicke vielleicht noch vergösse ich Tränen des
Schmerzes
Herrm Edle Seele Nur an Deiner Seite kann mir der Wollust Reiz gefährlich
werden aber auch Du kannst ihn mich besiegen lehren
Elisa O Tugend Diese Gewalt verdank ich dir Nie werde du von mir
entweihet Lassen Sie uns nicht öfter der Gefahr trotzen Herrmann Ach im Arme
der Liebe ist die Tugend so wankend Nie wollen wir uns mehr allein sehen
Herrmann schwieg sein Herz murrte aber er verehrte Elisan und jeder
ihrer Aussprüche war ihm heilig Er sah in ihren Blicken die heitre
Zufriedenheit welche jede edle Tat gewährt und sie schien ihm schöner als da
zum Erstenmale ihre Lippen ihm Liebe stammelten Nur der Wollüstling wird
trauren dass das Mädchen nicht in seinen Armen Unschuld und Tugend zurückließ
nicht der Mann von Gefühl Auch die besten Menschen können straucheln auch
ihnen zeichnet die Leidenschaft ihre Zauberbilder vor und so verblendet reißt
sie sie mit sich fort aber bald lässt Gefühl für das wahre Schöne sie ihren
Irrtum erkennen sie kehren zurück und freuen sich ihres Sieges So freute
sich auch Herrmann als er seine Elisa noch in der vollen Blüte der Unschuld
und mit dem süßen Bewusstsein die heftigste Leidenschaft besiegt zu haben vor
sich erblickte Die Stärke des Gefühls ließ ihn ausrufen Nein Elisa selbst in
Deinen Armen würde ich die Wonne nicht empfinden die jetzt das selige Gefühl
der Tugend mir gibt
Elisa Mit tränendem gen Himmel gerichtetem Blick Wohl mir Tugend du
bist kein Traum Du lebest in der Brust des edelsten Mannes Und dieser Mann ist
mein liebt mich werde mein Loos nun welches es wolle Ich habe des Glücks
Grösstes gekannt
Herrm O Elisa Warum kann ich nicht alle Mädchen der Erde um Dich
versammeln Dich ihnen zeigen und ihnen sagen Werdet wie Elisa und Welten
werden euch verehren
Elisa Entusiastischer Schwärmer Auch dem Weisesten hält die Liebe ihr
Vergrösserungsglas vor
Herrm Nicht dem der Dich liebt Elisa Deine Strahlen blenden nicht nur
nach und nach erblickt man den Glanz der Dich umgibt
Elisa Legt ihre Hand auf seinen Mund Still Herrmann Sie wissen aus
Ihrem Mund ist das Lob mir gefährlich Ich könnte mich erheben und lassen Sie
mich immer Ihrer würdig bleiben
Herrm Welch ein Ausdruck Doch Sie sollen nicht allein die Stufen der
Vollkommenheit ersteigen auch ich will hinanklimmen und durch Ihren Anblick
gestärkt mich bestreben dem Gipfel mich zu nähern
Elisa Dieser Vorsatz veredelt uns mein Herrmann und macht uns des Glücks
würdiger welches unsere Liebe uns gewährt Er wird selbst wenn das Schicksal
uns trennen sollte uns Standhaftigkeit verleihen
Herrm Elisa warum mischen Sie diesen bitteren Gedanken in den Kelch der
Freude
Elisa Ach er drängt sich zuweilen mit aller Gewalt in mein Herz um es mit
Angst zu erfüllen Eine Pause Doch es ist unweise sich der Zukunft wegen zu
ängstigen sie liegt ja im Schleier verborgen und wir können ihn doch nicht
aufheben Sie küsst Herrmann Lassen Sie mich von Ihrer Stirne die trüben
Wolken wegküssen welche ich aufsteigen ließ
Herrm Sie mit Wehmut an seine Brust drückend Ach Mädchen Du lässest
mich fühlen dass Trennung von Dir mehr als zehnfacher Tod wäre
Elisa Nicht weiter davon mein Herrmann Noch bin ich Dein und mein Herz
sagt mir Dein werde ich bleiben
Herrm Holdes Geschöpf Mögest Du wahr reden
Sie waren jetzt am Eingange von Hohnauschloss und mussten sich trennen
Heiter kehrte Elisa zurück ihr Gefühl war Freude und edle Selbstzufriedenheit
die süßeste Belohnung welche Tugend gewährt
Elisa hielt ihr Versprechen und sah Herrmann nicht anders als in
Henriettens Begleitung
Nach einigen Tagen reiste die Baroninn von Hohnau mit Karolinen zu ihrer
Schwester und war vierzehn Tage abwesend Dieses waren Tage der Wonne für
Herrmann und Elisa fast täglich ging Elisa nach Birkenstein mit mütterlicher
Zärtlichkeit empfing sie Frau von Birkenstein und an ihrem Busen weinte oft
Elisa Tränen der Liebe und der Freude Zuweilen führten Herrmann und Elisa die
gute Mutter auf die Anhöhe auf welcher sie sich zuerst ihre Liebe gestanden O
Mutter hub dann Herrmann an hier fing mein Glück an hier drückte ich den
ersten Kuss auf Elisas zitternde Lippen hier sah ich dass Liebe ihre Wangen
rötete
Elisa Und was empfand ich da Menschensprache kann dieses nicht ausdrücken
Es glänzten Tränen der Freude im Auge der Frau von Birkenstein Ich habe
schon viel der Freuden gekannt sprach sie aber die größte gütigste Vorsicht
bereitest du mir noch Das Glück meines Sohnes meines Lieblings kann ich noch
sehen O Elisa wenn Sie werden Mutter sein werden Sie diese Empfindung
begreifen
Elisa errötete und lebhafter drückte Herrmann ihre Hand
Fr v B Gefühlvolles Mädchen viele Freuden warten Ihrer noch Aber alle
werden sie aus der Hand der Tugend gegeben Wäre Ihre Seele nicht der Abdruck
der Tugend und der Unschuld Ihre Liebe würde Sie nicht so glücklich machen Wie
oft entweihet man den Namen Liebe Nur der Tugendhafte kennt sie und alle ihre
seligen Empfindungen Unordentliche Begierden eine Verbindung welche nur Genuss
zum Zwecke hat verdienen diesen Namen nicht sie haben in ihrem Gefolge Unmut
und die Ruhe flieht vor ihnen Wohl Euch meine Kinder dass Ihr die wahren
Freuden des Lebens kennen lerntet und dass kein falscher Schimmer derselben Euch
irre leitete
Herrm Ihnen verdanke ich dieses meine Mutter
Elisa Eine Träne im Auge Und ich Dir heiliger Schatten meines
unvergesslichen Vaters Du leitetest mein Herz zu jedem Guten Deine letzten
Worte waren Lehren der Tugend Du warst es der durch sie mir meinen Herrmann
gab
Mit Entzücken drückte sie dann Herrmann an seine Brust und Frau von
Birkenstein freute sich ihres Glücks
Die Baroninn von Hohnau kam zurück mit ihr zwei Herren von Wallenheim
welche sie bei ihrer Schwester gesehen hatte Sie waren Vettern der Eine war
der einzige Sohn eines reichen Vaters der Andere der Neffe des alten von
Wallenheim ohne Vermögen und ganz abhängig von dem Willen seines Onkels Sie
erregten Elisas Aufmerksamkeit nicht nur mit Herrmann beschäftigt bemerkte
sie andere Männer kaum Von ihm unterhielt sie sich am andern Morgen mit ihrer
Henriette als ihre Mutter sie zu sich rufen ließ
B v H Nach dem ersten Morgengrusse Wie gefällt Dir Karl von Wallenheim
Es war der Sohn des noch lebenden Wallenheim
Elisa Er scheint sehr finster sehr in sich verschlossen zu sein
B v H Er soll Dein Gemahl werden
Elisa Stutzt Nach einer Pause Meine Mutter ich muss den Mann erst
kennen dem ich meine Hand gebe
B v H Du wirst ihn kennen lernen Allein Dein Urteil über ihn sei
welches es wolle so erwarte ich Gehorsam
Elisa Und ich kann hoffen dass meine Mutter mich nicht wird unglücklich
machen wollen
B v H Kein Romanengeschwätz Wenn Du Deine Pflichten erfüllst wirst Du
nicht unglücklich werden
Elisa Ich würde es wenn ich Ihrem Willen gehorchen müsste Denn teure
Mutter verzeihen Sie mir mein Geständnis Ich liebe
B v H Spöttisch Der Gegenstand Deiner Liebe wird wohl so edel sein
als es Deine Denkungsart ist
Elisa Er ist edel durch sein Herz durch seine Gesinnungen aber auch durch
seine Geburt Ich liebe Herrmann von Birkenstein
B v H Nie hätte ich in eine Verbindung mit ihm gewilliget wenn ich auch
nicht wichtige Ursachen hätte Dich mit dem Herrn von Wallenheim zu
verheiraten
Elisa Mit Tränen im Auge O meine Mutter Können Sie so mit kaltem
Blute das ganze Glück meines Lebens aufopfern
B v H Willst Du mir das Meinige rauben Wisse Karoline liebt Philipp von
Wallenheim mit einer Heftigkeit welche mich für sie fürchten lässt und sein
Oheim aufgebracht dass sein Neffe und nicht sein Sohn das reiche Mädchen
heiraten sollte verbot ihm Karolinen wieder zu sehen Karoline wurde krank
ich fuhr selbst zum alten Wallenheim nichts konnte ihn bewegen bis dass er
endlich hörte dass ich noch eine Tochter hätte da versprach er seine
Einwilligung in seines Neffen Verbindung mit Karolinen zu geben doch unter der
Bedingung dass sein Sohn Dich heiraten würde Ich fürchte meine Karoline zu
verlieren wenn ihr Wunsch nicht erfüllt wird und Du würdest es sein welche
meinem Herzen diese Wunde schlüge
Elisa Das soll nicht geschehen meine Mutter Schreiben Sie Herrn von
Wallenheim ich entsage meinem ganzen Vermögen sein Sohn soll der Besitzer
desselben werden dann wird er in Karolinens Verbindung willigen Und ich O
meine Mutter werde an Birkensteins Seite meine Tage verleben können Er wird
bald eine Stelle bekommen die Einkünfte davon und das geringe Vermögen
welches er besitzt werden hinlänglich sein mich glücklich zu machen
B v H Nie soll Birkenstein mein Sohn werden Dein Vorschlag kann nicht
angenommen werden Du musst Wallenheim Deine Hand geben
Elisa Meine Mutter lassen Sie mich an Herrn von Wallenheim schreiben
Vielleicht wird er gerührt durch die Schilderung meines Kummers Vielleicht
schreckt ihn der Gedanke zwei schuldlose Geschöpfe unglücklich zu machen
B v H Elisa so viel Widersprüche bin ich nicht gewohnt
Elisa Wirft sich zu den Füßen der Baroninn und ergreift ihre Hände O
meine Mutter ich bestrebte mich immer meine Pflichten zu erfüllen jeder Ihrer
Winke war mir Befehl welchen ich nie uberschritt und mein ganzes Leben soll
Gehorsam gegen Sie sein Ich entsage Birkenstein aber ich kann keinem andern
Manne meine Hand geben
B v H Entzieht Elisan ihre Hände und wendet sich von ihr Du sollst
sie Wallenheim geben Karoline liebte nicht versprach sich nicht wider meinen
Willen ich werde sie Dir nicht aufopfern
Elisa Mit einem Ausbruche von Tränen Gott so muss ich das Opfer sein
Meine Mutter bin ich denn nicht auch Ihre Tochter
B v H Eine widerstrebende ungehorsame Tochter
Elisa O meine Mutter mit der Vernunft gab mir der Schöpfer das Recht
selbst mein Glück zu wählen Indem ich Ihnen gehorche widerstehe ich dem ersten
Gebote der Natur welches mich zum Glücke ruft
B v H Das erste Gebot der Natur ist kindlicher Gehorsam
Elisa Ich weiß es Allein er hört da auf wo das ganze Glück des Lebens wo
die Tugend selbst auf dem Spiele steht ohne dass die Urheber unserer Tage
Vorteil davon ziehen Werden Sie glücklicher sein wenn Sie mich unter der Last
des Kummers gebeugt sehen werden Wird Ihr Ohr ermüdet von meinen Seufzern
noch den Tönen der Freude offen sein
B v H Und wenn mir dieses alles Karoline auch sagte
Elisa Tat ich Ihnen nicht einen Vorschlag welcher uns Beide befriedigen
könnte Nehmen Sie ihn an Und wenn ihn Wallenheim ausschlägt kann Philipp
nicht den Tod seines Oheims erwarten
B v H Sein Oheim ist noch nicht alt und er drohet ihn in ein Kloster zu
stecken wenn er Karolinen nicht gänzlich entsagt Und das erstere würde von
Deiner Seite ein sehr unschicklicher Schritt sein
Elisa Meine Lage rechtfertigt ihn und fremdes Urteil ist mir
gleichgültig wenn ich weiß dass ich recht handle
B v H Allein hoffe nicht Birkensteins Weib zu werden
Elisa Mit erstickten Tränen Ich habe Ihnen schon gesagt meine Mutter
ich entsage ihm Nach einer Pause Darf ich schreiben
B v H Du erzwingst meine Einwilligung Schreibe
Elisa verließ das Zimmer wankend ging sie in das ihrige und sinnlos warf
sie sich in einen Sessel Lange saß sie da betäubt waren ihre Empfindungen und
trocken ihr Auge Nur Seufzer drängten sich aus ihrem Busen ihr Auge war gen
Himmel gerichtet und schien Hilfe von der unbekannten Macht zu erflehen Ein
Ring von Herrmanns Haaren geflochten und den sie erst am vorigen Tage von ihm
erhielt erweckte endlich ihre Empfindungen Ihr Blick fiel auf ihn sie drückte
ihn mit Inbrunst an ihre Lippen und eine Flut von Tränen rollte von ihren
Wangen Sie weinte lange Herrmann rief sie endlich aus so habe ich dir denn
entsagt So habe ich denn mit einem Worte alle Freuden von deinen und meinen
Tagen verscheucht O dass ich nicht die Last deines Kummers tragen kann Dass ich
dich unglücklich mache indem ich elend werde Das alles forderte Pflicht von
mir Ich gehorche Nie nie soll meine Liebe über die Tugend siegen Ich
will Leiden tragen lernen Von dir getrennt Herrmann werde ich meine Tage
verweinen aber ich werde mir sagen Ich erfüllte das Gebot meiner Mutter nie
streuete ich Unmut auf ihre Tage O dann werde ich noch in meinen Tränen
Trost finden Aber einem Andern meine Hand geben Nein ich will bei meiner
Mutter bleiben ich will Karolinens Glück sehen mich dessen freuen Ach es
kostete mir ja Alles Aber namenlos würde mein Elend wenn ich Wallenheim o
der Name ist mir verhasst Liebe schwören müsste Dagegen will ich alle meine
Kräfte aufbieten Ich will es tragen das harte Geschick von Herrmann getrennt
zu sein O mein Vater Du ahndetest es als Du sterbend mich noch Ergebung in
den Willen des Schicksals und Standhaftigkeit lehrtest Wohl Ich will Dir
folgen ich will sie erfüllen jede Pflicht die Du mir auferlegtest Aber mich
in einen Abgrund stürzen aus welchem nur der Tod mich retten kann Nein das
kann nicht Mutterbefehl Herrmann Herrmann Du sollst mich nicht in den Armen
eines Andern sehen
Nun stand sie auf setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb folgende
Zeilen an den Herrn von Wallenheim
»Mein Herr
Unbekannt werden Ihnen diese Züge sein wie mir bisher Ihr Name war Ihr
Name den ich nun zitternd ausspreche Doch nein voll des Vertrauens auf die
Güte welche der Schöpfer in jedes menschliche Herz pflanzte nähere ich mich
Ihnen und wage Sie jetzt Gebieter meines Schicksals um Mitleiden anzuflehen
Ohne mich zu kennen glaubten Sie mich würdig die Gattin Ihres Sohnes zu
werden Ich erkenne es in seinem ganzen Umfange dieses edle Vertrauen und
wäre mein Herz frei gewesen so würde ich mich bestrebt haben es zu verdienen
Aber schon lange fesselt mich Übereinstimmung der Neigungen und der Denkungsart
an einen edlen Jüngling Und wie kann ich nun mit einem Herzen voll
unaussprechlicher Liebe gegen ihn Ihrem Sohne die Hand geben mich schuldig
und ihn unglücklich machen Das kann ein Vater nicht wollen Er darf nicht die
Mutter seiner Kinder unglücklich machen sonst würden einst Ihre Enkel Ihnen
meine Tränen vorwerfen Aber Sie verlangen mich als Gattin Ihres Sohnes oder
das Band zerrissen zu sehen welches meine Schwester an Ihren Neffen knüpfte
Sie wollen sie trennen sie welchen die Liebe einander zurief und vereinigte
Und ich ich sollte es sein welche Kummer auf die Tage meiner Schwester
verbreitete Welche dem Herzen ihrer und meiner Mutter jede Freude raubte indem
sie die blühende Tochter dahin welken sah O wohin ich blicke wartet meiner
Verbrechen und Elend Ihre Güte allein kann mich retten Ein Wort von Ihnen
sichert mein und meiner Schwester Glück Aber der Wille meiner Mutter welche
mich bestimmte die Gattin Ihres Sohns zu werden legt mir eine Pflicht auf
die ich erfüllen will Meine Hand kann ich dem Herrn von Wallenheim nicht geben
aber mein Vermögen sehe ich als das Seinige an Ich entsage Allem was ich
besitze und mache ihn zum Herrn desselben Es ist mir süß ihm diesen Beweis
meiner Achtung zu geben und kränken würde es mich wenn Ihre Großmut ihn
ausschlüge Das erwarte ich nicht denn es ist nicht ein Sold den ich geben
will um Ihre Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester mit Ihrem Neffen zu
erlangen O nein das Glück so vieler Geschöpfe kann nicht mit Gelde bezahlt
werden Und über jeder Belohnung als über die welche Tugend gewährt ist der
welcher so viel Segen über seine Mitgeschöpfe verbreitet Nur unser Dank nur
unser spätester Segen kann Ihnen lohnen nie unser Geld Das Meinige gehört
nach allen Rechten Ihrem Sohne es verwerfen hieße mich verachten
Ich habe Sie nun in meinem Herzen lesen lassen ich habe Ihnen alle meine
Gesinnungen entdeckt muss ich nun noch Ihren Ausspruch fürchten O bedenken
Sie dass das Glück meines Lebens von ihm abhängt dass er es ist welcher jeden
meiner Tage zu Tagen der Wonne machen wird Mehr wage ich nicht hinzuzusetzen
Wenn Ihr Gefühl nicht für mich spricht so bin ich verloren
Elisa von Hohnau«
Diesen Brief brachte sie ihrer Mutter und bat sie zugleich in ihrem Zimmer
bleiben zu dürfen bis dass sie eine Antwort von Herrn von Wallenheim würde
erhalten haben Die Baroninn von Hohnau erlaubte es ihr verbot ihr aber an
Herrmann zu schreiben und auch Henriette erhielt Befehl nicht ohne Karolinen
das Haus zu verlassen Beide gehorchten die sanfte Elisa murrte nicht auch
klagte sie nicht länger vergebens sie bestrebte sich ihren niedergeschlagenen
Geist wieder aufzurichten Unaufhörlich war sie beschäftigt sie suchte jedes
Gfühl zu betäuben las ernste philosophische Schriften um ihre Gedanken von
Herrmann und von ihrer Liebe abzuziehen Oft hatte sie sonst gesagt Ein jeder
Mensch wird physikalisch und moralisch gezwungen sich dem Gesetze der
Notwendigkeit zu unterwerfen aber nur der Weise erkennt es und ergibt sich
ihm ohne Murren und Widerstand denn er weiß dass keine Macht im ganzen Weltall
es aufheben kann Dieser Worte erinnerte sie sich jetzt Ach sagte sie sich
mit einem Seufzer ich muss nun das ausüben was ich sonst als weise und gut
erkannte Selten nur sprach sie mit Henrietten von ihrer Liebe und so
erlangte sie Ruhe in ihrem Herzen zu erhalten Aber Wallenheim ihre Hand geben
Diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen Dann flog von ihren Lippen das
heitre Lächcln welches ihr Antlitz zum Bilde der Unschuld und der Tugend
machte
Ihre Mutter hatte ihren Brief dem Herrn von Wallenheim geschickt und am
sechsten Tage nach seiner Absendung erhielt Elisa eine Antwort Die Baroninn
von Hohnau brachte sie ihr und Karoline begleitete sie Elisa war bei ihrer
Freundin zitternd erbrach sie den Brief er enthielt folgende Worte
»Gnädiges Fräulein
Ich konnte Sie nicht zwingen die Gattin meines Sohns zu werden aber nie
werde ich in die Verbindung meines Neffen mit Ihrer Schwester willigen Ich
beharre stets auf meinem Entschluss und was ich einmal für gut erkenne das
ändere ich nie Die Welt würde mich als den eigennützigsten Mann betrachten
wenn ich Ihr Geld annähme das kann also nicht geschehen Und da mein Sohn nicht
das Glück gehabt hat Ihnen zu gefallen so soll er unverzüglich mit meinem
Neffen zurückkommen Dieses habe ich ihm auch geschrieben Ich bedaure
übrigens dass ich nicht das Glück haben kann mit Ihnen und Ihrer Familie
verbunden zu sein und dass Sie mir jede Gelegenheit geraubt haben Ihnen zu
beweisen wie sehr Sie lieben würde
Ihr
ergebener Diener
Franz von Wallenheim«
Elisa sank auf einen Stuhl nachdem sie ihn durchgelesen hatte sie reichte ihn
ihrer Mutter Er enthält meinen Tod sprach sie
Karoline Nachdem auch sie den Brief gelesen hat Nein meine Mutter
Philipp soll mich nicht verlassen
B v H Elisa Du musst Dich entschließen
Elisa Wirft sich der Baroninn und Karolinen zu Füßen Meine Mutter
Karoline Ach Mitleid Mitleid Tausendfache Leiden zerreißen meine Brust
B v H Elisa Deine Mutter bittet Dich
Karoline Umarmt Elisan Schwester Du machst mich unglücklich
Elisa Ach Karoline hast Du nur Gefühl für Dein eigenes Unglück Könntest
Du einem Andern die Hand geben in dem Augenblicke da Du Philippen entsagen
müsstest
B v H Dein Zaudern würde nur Deine Verbindung mit Wallenheim aufschieben
aufheben nicht so lange Karoline lebt Was würde es Dir helfen täglich ihre
und meine Tränen zu sehen Du würdest durch sie nicht glücklicher denn
Birkenstein soll nie der Deine werden Fluch würde dann mein letzter Gedanke
an Dich sein Fluch der Tochter die das Herz ihrer Mutter zerriss
Elisa Gott
Karoline O dass jede meiner Tränen höllische Martern in Deine Brust gießen
möge
Elisa Halt ein Karoline Ach Muttersegen Mutterfluch beide machen mich
elend Und nirgends ein Ausweg für mich nirgends mehr Hilfe
B v H Noch in Deinem Gehorsam Elisa
Karoline Noch in dem Wonnegefühl wie Du es nennst Andere glücklich zu
machen Oder hättest Du nur gelernt schön zu sprechen und schlecht zu
handeln
B v H Sprich Elisa was ist Dein Entschluss
Elisa Mit schwacher Stimme Zu sterben aber Ihnen zu gehorchen
Karoline Wirft sich Elisan um den Hals Elisa Elisa was soll ich tun
Elisa Mir nicht danken Dein Dank Deine Freude lässt mich mein Unglück
fühlen Nach einer Pause Nur eine Bitte meine Mutter gewähren Sie mir
Lassen Sie mich noch einige Tage in meinem Zimmer bleiben ich muss Kräfte
sammeln um Wallenheim sprechen zu können und o Gott lassen Sie mich
selbst meinem Herrmann sagen dass er und ich ewig elend sind
Hier sank sie wieder kraftlos in einen Sessel und verhüllte ihr Gesicht in
ein Tuch Henriette eilte zu ihr fasste sie in ihre Arme aber vergebens waren
ihre Bemühungen sie aus der Betäubung zu ziehen Die Baroninn von Hohnau und
Karoline verließen das Zimmer und die Erstere sagte Henrietten sie willige in
das Verlangen ihrer Tochter Henriette weinte Grausame Mutter sprach sie um
die Leidenschaft deiner einen Tochter zu befriedigen opferst du die Ruhe der
Andern auf Ach mögest du nie dein Verbrechen empfinden
In Elisas Seele kehrte nun das Andenken ihrer letzten Worte zurück sie
erhob ihren Kopf und sah die weinende Henriette an ihrer Seite Auch Dich
meine Freundin sagte sie mache ich unglücklich O meine Mutter dass auch
diese Tränen Dir mögen vergeben werden
Henr Für sich Die edle Seele wie entfernt ist Zorn von ihr
Elisa So werde ich dich auch nicht mehr lieben dürfen mein Herrmann Ach
Henriette Das war mein Trost als ich ihm entsagte dass mein Herz ihm doch
immer bleiben würde und nun soll ich sein Bild darin vertilgen Nun darf ich
seinen Namen nicht mehr nennen Gott können Menschen dieses fordern und kann
ich das alles halten
Henr Ich erwarte Stärke von deiner Tugend
Elisa Nach einer Pause fällt auf ihre Knie Ewige unsichtbare Macht
dein erster Wille lenkte die Begebenheiten aller Zeiten hindurch auch ich bin
mit begriffen in dem Gesetze ewiger Notwendigkeit ach lass mich immer
überzeugt sein dass es so am besten in der Reihe der Dinge war Sie lässt ihren
Kopf auf Henriettens Schoss sinken Henriette ich wollte ihn aussprechen den
Schwur nicht mehr zu lieben Ich kann nicht
Henr Hebt sie auf Fasse Dich meine Freundin Du musst nun Dein Glück
allein in der Tugend suchen
Elisa Sprich nicht von Glück Henriette erflehe nur Ruhe für mich dem
Glücke habe ich entsagt
Sie schwieg nun ruhig war ihr Blick und alle ihre Bewegungen Henriette
sagte ihr dass ihre Mutter ihr ihre Bitte gewähre ein Seufzer war ihre Antwort
Ach sprach sie endlich dass Herrmann mich vergessen möge dass er nur möge
glücklich werden Eine Träne zitterte bei diesen Worten in ihrem Auge aber
Elisa unterdrückte jeden Ausbruch des Schmerzes
Täglich war Herrmann in den Birkenwald gegangen in welchem er stets seine
Elisa anzutreffen pflegte Hoffnung beflügelte an jedem Tage seine Schritte und
voll düstrer Schwermut wankte er an jedem Abend zurück nach Birkenstein Er
weiß kaum was er denken soll Er wagt es nicht irgend einer Mutmaßung Raum zu
geben denn schwarze Bilder schweben um seine Einbildungskraft Er wagt es
endlich am fünften Tage nach Hohnauschloss zu reiten allein die Baroninn von
Hohnau nimmt seinen Besuch nicht an er zieht Erkundigungen ein und kann weiter
nichts erfahren als dass Elisa und Henriette nicht das Zimmer verlassen ob sie
gleich ganz wohl sind Dieses vermehrt nur seine Besorgnisse er geht am andern
Tage wieder in den Birkenwald unruhig durchläuft er alle Gänge welche nach
Hohnauschloss führen da erblickt er endlich seine Elisa welche wankend daher
kommt er eilt ihr entgegen und kraftlos sinkt sie in seine Arme
Herrm Gott was ist das Elisa Dein Herz schlägt heute so schwach gegen
das meinige
Elisa Entreisst sich seinen Armen mit angenommener Standhaftigkeit und
fester Stimme Herrmann wir sehen uns heute zum letztenmale
Herrm Blickt sie starr an Elisa hält ihre Hand vor die Augen er fällt
endlich zu ihren Fussen Elisa sprichst Du mein Todesurteil
Elisa Herrmann erschwere mir meine Pflicht nicht ich wollte bei Dir
Standhaftigkeit suchen
Herrm Steht auf Spötterinn Du kannst noch meines Elends spotten
Elisa Mit sanfter einschmeichelnder Stimme Höre mich mein Herrmann
Mutterbefehl entreisst mich Dir Ach ich würde in Deinen Armen nicht mehr
glücklich sein wenn meiner Mutter Fluch auf mir ruhte
Herrm Elisa warum bist Du so vollkommen und ich so unglücklich O
Mädchen wärest Du in den Tiefen eines Abgrundes gewesen an dessen Rande
tausend Dolchstiche meine Brust zerfleischt hätten mit dem Tode ringend wäre
ich zu Dir geeilt hätte Dich in meine Arme genommen wäre gestorben aber wäre
glücklich gewesen Ach Elisa ich kannte nur Leben und Glück seit dem
Augenblicke da ich Dich sah Nein ich hatte kein Dasein zuvor Und nun
stössest Du mich zurück in ewige Finsternis O welche herrliche Aussicht lag
vor mir Wie ergötzte ich mich oft wenn ich in die Zukunft blickte Elisa gab
Licht und Leben allen Gegenständen die ich sah Und nun Schauder ergreift
mich meine Tage werden öde sein kein Gefühl kenne ich mehr Nun wird
Verzweiflung mir süß und Raserei mein Loos sein
Elisa Halt ein Herrmann Du zerreissest mein Herz O Mutter Mutter
Mögen seine Flüche nie über Dich kommen Sie sinkt nieder auf den Rasen Wo
soll ich Kraft hernehmen seinen Schmerz zu tragen
Herrm Setzt sich neben sie und umarmt sie Elisa Weib meines Herzens
Du willst mich verlassen
Elisa Ein Strom von Tranen rollt von ihren Wangen sie legt ihren Kopf
auf seine Schulter nach einer Pause Herrmann ich bin doppelt unglücklich
Ich muss einem Andern meine Hand geben Du darfst mich lieben ich muss Dich
vertilgen aus diesem Herzen in welchem Du herrschest Aber schwuren wir uns
nicht oft der Tugend treu zu bleiben Mein Herrmann gedenke des Tages an dem
Du sagtest wir wollen zusammen die Leiter der Vollkommenheit ersteigen
Wollen wir nur auf der untersten Sprosse stehen bleiben
Herrm Seinen Kopf auf seine Hände gestützt Gott ich soll sie verlieren
O wie werde ich Kraft zum Leben behalten
Elisa Blicke um Dich mein Herrmann die Natur verlässt keines ihrer Kinder
in ihrem Schoss wirst Du Balsam für Deine Wunden finden
Herrm Vergebene Hoffnung mit Dir schwindet jeder Genuss alles ist nun tot
für mich
Elisa Aber ich bin ja noch meine Ruhe hängt von der Deinigen ab Herrmann
Herrmann könnte ich mit diesem Leben Dein Glück erkaufen Ach schone meiner
Herrm Drückt sie mit Inbrunst an seine Brust Himmel wäre dieses der
letzte meiner Augenblicke ich wollte ihn segnen Ich stürbe an meiner Elisa
Brust
Elisa Ach Herrmann wie schwer machest Du mir den Kampf zwischen Liebe und
Pflicht
Herrm Hat denn die Liebe nicht auch ihre Pflichten
Elisa Wäre ich Dein Weib geworden ich hätte sie alle erfüllt aber
Herrmann ich bin das versprochene Weib eines Andern
Herrm Schreckliches Wort Der Gedanke »Zernichtung« ist es weniger als Du
Elisa Lass uns nicht mit allem Gefühl des Schmerzes an diesem Augenblicke
hängen Herrmann viel werden Deiner Tage noch sein wende sie an zum Wohl
Deiner Brüder werde groß und gut streue Segen um Dich her Du bist Mann
weit kann Dein Wirkungskreis werden viel des Guten welches Du stiften kannst
Blicke dahin solltest Du da nicht Trost finden
Herrm An Deiner Seite hätte ich mich hinauf schwingen wollen zu jeder edlen
Tat hätte handeln wollen wie ein Mann von Ehre und Gefühl Meine Ruhe hätte
ich meinen Pflichten Vergnügungen meinen Geschäften aufgeopfert Dein Lächeln
hätte mich belohnt Ach es wäre der süßeste Lohn gewesen Er fehlt mir nun
und mit ihm verschwindet jede Kraft zu handeln
Elisa Nicht so mein Herrmann Wenn ich Dir nicht mehr zulächeln kann so
bleibt Dir doch die innere Stimme Deines Herzens die Dir lohnen zehnfach
lohnen wird Es bleibt Dir das selige Gefühl Dich des Glücks zu freuen welches
Du schufest
Herrm Mit aufgehabenen Händen Ach jedes ihrer Worte lässt mich die
Stärke meines Unglücks fühlen Er lässt seinen Kopf auf ihren Schoss sinken
Elisa Engel ich koste Dir Tränen Was soll aus mir werden
Elisa Umarmt ihn Sei standhaft mein Herrmann Verdopple meine Leiden
nicht ich muss unterliegen wenn ich Deinen Schmerz sehe
Herrm Aber Elisa wie konntest Du auch so bereit sein Deiner Mutter zu
gehorchen
Elisa Herrmann Du weißt nicht wodurch ich dahin gebracht wurde Meiner
Schwester meiner Mutter Glück fordert es von mir Wenn ich Wallenheim meine
Hand gebe darf meine Schwester Philippen von Wallenheim den sie liebt
heiraten Dieses ist der Wille des alten Wallenheim und meine Mutter drohte
mir mit ihrem Fluche wenn ich ihrer Tochter den Geliebten raubte
Herrm Grausame Mutter Dich opfert sie also auf
Elisa Schweig Herrmann Liebe ist unwillkürlich Eine ihrer Töchter musste
sie zum Opfer bestimmen wie natürlich also dass es die wurde welche ihrem
Herzen am wenigsten teuer ist
Herrm Wie bereit Du bist sie zu entschuldigen O Elisa liebtest Du wie
ich Du könntest es nicht
Elisa Herrmann werde nicht unbillig Du warst sonst so edel O wenn ich
gegen meine Liebe kämpfen wenn ich heiße Tränen des Schmerzes weinen werde
dass sie stärker als Vernunft und Tugend in mir ist dann lass mir den Trost in
meiner Liebe die Entschuldigung zu finden dass ich den edelsten Mann liebe
Herrm Gott welch ein Weib O dass Wallenheim ganz ihren Wert erkennen
möge Er drückt sie mit Wehmut an seine Brust mit erstickten Tränen Meine
Elisa werde glücklich vergiss Deinen Herrmann
Er steht schnell auf und lehnt sich an einen Baum Elisa nähert sich ihm
nimmt seine Hand und drückt ihre Lippen auf die seinigen Herrmann bleibe mein
Freund ich bleibe ewig Deine Freundin Nun entfernte sie sich mit starken
Schritten Herrmann wandte sich um er sieht sie forteilen und fast sinnlos
sinkt er an den Baum zurück Elisa Gott ruft er aus Sie sieht sich noch
einmal um und mit schwacher Stimme ruft sie ihm zu Er gebe Dir Kraft
Geliebter meiner Seele Sie verdoppelt ihre Schritte und bald erreicht sie den
Eingang des Gartens an welchem Henriette ihrer wartete sie wirft sich in ihre
Arme ihre Kräfte waren erschöpft sie bleibt empfindungslos am Busen ihrer
Freundin liegen Ihre Augen waren geschlossen Blässe überzog ihre Wangen
Henriette legt sie auf den Rasen mit mitleidsvollem Auge blickt sie auf ihre
Freundin und trauert dass das edle Geschöpf so jung den Kummer kennt Sie
reibt ihre Stirne und Schläfe und Elisa kehrte zurück ins Leben Ihre ersten
Worte waren indem sie Henrietten umarmte Ach Henriette nie nie werde ich
ihn nun wiedersehen Ein Strom von Tränen brach durch ihr mattes Auge Meine
Seele mein ganzes Dasein sprach sie ist bei ihm zurückgeblieben aber ich
habe meine Pflicht erfüllt Trost war ihr dieser Gedanke ihre Tränen wurden
ruhiger Ach dachte Henriette möchten doch Alle die auf welchen die Hand des
Kummers ruht sich dieses sagen können Ihr Schmerz würde nicht so zerreissend
ihre Seele des Trostes fähig sein
Am Arme ihrer Freundin ging Elisa zurück Sie kam vor ihrer Mutter Zimmer
vorbei sie hört Wallenheims Stimme und schaudert Gott sagt sie voller
Schrecken bald bin ich sein Weib In düstere Schwermut stürzt sie diese
Betrachtung ihr Schweigen war schrecklich ihre Blicke drückten Verzweiflung
aus
Henr Sie umarmend Elisa meine Freundin Dein Zustand zerreißt mein
Herz
Elisa Ich Elende Alles was mich liebt mache ich unglücklich
Henr O meine süße Elisa wer würde nicht gern mit Dir leiden wenn man von
Dir geliebt wird
Elisa Mit aufgehobenem und tränenvollem Blicke Ach in den bittersten
Stunden unsers Lebens gibt es noch süße Augenblicke Nie fühlte ich so wie
jetzt die Seligkeit der Freundschaft
Henr Nie meine Elisa warst Du mir so teuer O könnte ich Glück und
Leben geben und Dich glücklich sehen
Elisa Dank Dir Henriette Du lässest mich empfinden dass es noch Freuden
für mich gibt
Henr Liebes Mädchen die Zukunft wird Dir noch mehrere bereiten
Elisa Ach wenn mein Herrmann nur nicht so unglücklich wäre Wie gerne
wollte ich leiden wie willig Alles tragen was die Hand des Schicksals mir
auferlegte wenn ich wüsste dass er frei von Kummer sorgenlos und heiter wäre
wie am Tage da ich ihn zuerst sah Ich raubte ihm jede Freude des Lebens Ich
verbitterte seine Tage ich machte ihn namenlos elend O Henriette als ich
ihn verließ da stand er an einen Baum gelehnt hatte nicht die Kraft mich
zurückzurufen
Henr Ja sein Schmerz wird groß wie seine Liebe sein aber liebe Elisa
er wird ihn bekämpfen und wird einst so wie Du auch wieder Ruhe finden
Elisa Wollte der Himmel mein Andenken erlöschte heute in seinem Herzen
Ich wollte mich freuen wenn ich von ihm vergessen würde Zwar ist mir der
Gedanke von ihm vergessen zu sein schmerzhaft aber mein Herrmann würde ruhig
sein sein Bild voll Jammer umschwebte mich dann nicht mehr Könnte ich ihn
nur noch einmal mit dem heitern Lächeln auf den Lippen mit der edlen
Zufriedenheit auf der Stirne sehen mit welcher er an meiner Seite saß als am
Geburtstage seiner Mutter die Bäuerinnen unter der großen Linde tanzten
Henr Warum rufst Du diesen Tag in Dein Gedächtnis zurück Elisa Du musst
nun Deine Blicke von der Vergangenheit abwenden
Elisa Ach ich weiß es dass ich ihn nicht mehr lieben darf ich will sie
auch bekämpfen diese Leidenschaft Aber noch einmal will ich sie zurückrufen
alle Szenen der Wonne alle seligen Augenblicke welche ich mit meinem Herrmann
durchlebte Ihr Andenken soll mich stärken den dunkeln Pfad zu betreten der
vor mir liegt Ich will denken Einst war ich glücklich
Henr Wie wenig Kraft wirst Du dann haben wenn Du diese Liebe zu Herrmann
unterhältst
Elisa Weinend Ach Henriette ich kann ihn nicht mit einemmale aus
meinem Herzen reißen Aber ich will nicht mehr von ihm sprechen Da nimm
den Ring den er mir gab trage ihn immer nur nicht in meiner Gegenwart Sie
küsst den Ring Du warst mir so teuer meine Blicke weilten so gern auf dir
und auch von dir muss ich mich trennen Sie gibt Henrietten den Ring und
verhüllt ihr Gesicht in ein Tuch
Henr Das ist ein Opfer welches Du der Tugend machest sie wird Dich nicht
unbelohnt lassen
Elisa Nach einer Pause Dieses Wort erweckt jede schlummernde Kraft
meiner Seele Sie reicht Henrietten die Hand Dir Henriette gelobe ich es
bei dem Andenken meines Herrmanns schwöre ich es Alles was Tugend von mir
heischt will ich erfüllen O dann werde ich stark sein alle
Widerwärtigkeiten des Lebens zu ertragen
Henr Elisan umarmend Ja meine Freundin dann wird Glück und
Zufriedenheit Dich bis zum letzten Hauche Deines Lebens begleiten O dass Dein
Vater seine Tochter sehen dass er das edle Geschöpf an seine Brust drücken
könnte in welches er den Keim zu jeder Tugend und dadurch den Grund
dauerhafter Glückseligkeit für sie legte
Elisa seufzte noch aber sie fühlte sich stärker fest war sie entschlossen
ihren Widerwillen gegen Wallenheim zu bekämpfen und jede Erinnerung an Herrmann
zu entfernen
Lange noch stand Herrmann in der Stellung in welcher Elisa ihn verlassen
hatte Schmerz war jeder Ausdruck seiner Züge Verzweiflung das einzige Gefühl
das ihn belebte So kehrte er zurück nach Birkenstein aber noch heftiger ward
sein Schmerz als er sich der Linde näherte unter welcher er seine Elisa zuerst
gesehen hatte Gott ruft er aus und wirft sich unter ihren Schatten hier hub
ein Tag des Glücks und eine Ewigkeit von Qualen für mich an Frau von
Birkenstein welche alle Abende unter dem wohltätigen Schatten der Linde
verweilte kam nun auch hier freute sie sich immer des verlebten Tages wenn
sie vom Unglücklichen den Kummer verscheucht und statt dessen sanfte Freude in
seinem Herzen verbreitet hatte Noch heute hatte sie das Glück zweier Geschöpfe
befördert indem sie ein junges Mädchen der Gewalt einer Stiefmutter entriss
welche Tyranninn gegen sie war und ihr eine Ausstattung gab welche sie in den
Stand setzte dem Mann den sie liebte ihre Hand zu geben Noch begleitete sie
der Segen des liebenden Paars da dachte sie an Herrmann und an seine Liebe
und Tränen der Freude Tränen des Danks gegen die gütige Vorsicht die unter
den Leiden welche die Sterblichen sich bereiten so mannichfaltige Freuden auf
sie schüttet rollten von ihrem Auge So erblickt sie Herrmann er sah seine
Mutter nicht im Schmerze vergraben lag er da und nur Elisas Bild schwebte vor
seinen Augen
Fr v B Herrmann was ist Dir
Herrm Steht auf Sie hier meine Mutter
Fr v B Warum sind Deine Blicke so fürchterlich Du bist blass Du
zitterst O mein Sohn welch ein Unglück droht Dir
Herrm Das schrecklichste Mutter welches den elenden Erdensohn treffen
kann Elisa ist verloren ewig verloren für mich
Fr v B Herrmann sei ein Mann
Herrm Ich fühle dass ich es bin Denn der Schmerz dringt langsam aber
desto tiefer in meine Nerven und Verzweiflung rollt wild in meinen Adern
Fr v B Unglücklicher Herrmann Deine Liebe zu mir führte Dich hierher
und hier musstest Du die Quelle Deines Grams finden
Herrm O hätte ich es gewähnt als ich Elisan hier zum Erstenmale
erblickte ich wäre geflohen ich hätte ihren Zauberblicken mich länger nicht
genähert Aber wer hätte ihr widerstanden Wer Unglück geahndet in der
Gesellschaft eines Engels So liebevoll schmiegte sie sich an Ihren Busen so
sanft blickte sie auf mich so offen so vertraulich war ihr Gespräch O
Augenblicke der Wonne nie kehret ihr mehr zurück
Fr v B Aber woher entstand diese plötzliche Veränderung
Herrm Von der Grausamkeit ihrer Mutter sie opfert sie Karolinen auf sie
muss einem reichen Herrn von Wallenheim ihre Hand geben damit Karoline dessen
Vetter heiraten kann welches sonst der Vater nicht zugegeben hätte
Fr v B Das arme Mädchen wie viel wird ihr Herz leiden
Herrm Ach Mutter und ich mache sie so unglücklich Hätte sie mich nicht
gesehen hätte ich ihr meine Liebe nicht entdeckt nicht Alles angewandt die
ihrige zu gewinnen so wäre sie jetzt ruhig so gehorchte sie jetzt willig dem
Befehle ihrer Mutter Und nun Ach wie sie kämpfte wie sie litt
Fr v B O dass ich Eure Liebe so tief Wurzel fassen ließ Dass ich Dich
nicht wegschickte Herrmann ehe dieses alles so weit kam
Herrm Mutter machen Sie sich keine Vorwürfe dass Sie nicht der Zukunft
Schleier enthüllen konnten Sie wollten mein Glück von fern ließ das Schicksal
es mich erblicken um es mir zu entreißen
Fr v B Herrmann muss Erfahrung Dich erst lehren dass der unaufhörliche
Wechsel der Freude und des Leidens das ewige Loos aller Sterblichen ist Der
gemeine Haufen der Menschen erwartet Trost von der Hand der Zeit aber der Weise
kommt ihr durch Standhaftigkeit zuvor
Herrm Ach Mutter Sie verloren nicht alles was das Leben Ihnen teuer
machte
Fr v B Ich verlor es einst Aber keine Trennung hebt je unsere Pflichten
als Mensch auf darum müssen wir uns fassen um fortwirken zu können
Herrm Ich fortwirken Nein Mutter der Unglückliche hört auf zu wirken
Fr v B Mein Sohn mein Herrmann verdrängte die Liebe zu Elisan jede
andere Liebe aus Deinem Herzen O es gibt noch ein Wesen dessen Wohl ganz von
dem Deinigen abhängt
Herrm Teure Mutter Ach verzeihen Sie dem ersten Ausbruch meines
Schmerzes Ich fühle es das Glück meines Lebens ist dahin
Fr v B Aber Deine Ruhe muss es nicht sein Komm mit mir in das Haus
weine an meinem Busen ich bin nicht unempfindlich gegen Deinen Schmerz
Herrmann folgte seiner Mutter aber Ruhe war diese Nacht von seinem Lager
verscheucht Er durchstrich am andern Morgen früh alle Gänge welche er einst an
der Hand seiner Elisa durchging Ich kann nicht länger in Birkenstein bleiben
rief er endlich aus hier wo ich sie nie mehr sehen werde ist das Leben mir
eine unerträgliche Qual Gefasst war nun sein Entschluss das Königreich wollte er
verlassen und weit von seinem Vaterlande Ruhe oder den Tod suchen Er entdeckte
diesen Vorsatz seiner Mutter sie widersetzte sich ihm nicht denn sie wusste
dass Zerstreuung das beste Heilungsmittel ist Noch war er in ihrem Zimmer als
ein Bote aus Hohnauschloss kam er brachte der Frau von Birkenstein einen Brief
er war von Elisan Herrmann küsste das Siegel die Aufschrift Also heute noch
heute du Innigstgeliebte hast du dich mit mir beschäftigt Hast meinen Namen
noch gedacht ihn noch genannt So sprach er und eine Träne entschlüpfte bei
diesen Worten seinem männlichen Auge Frau von Birkenstein las indes folgende
Zeilen
»Verehrungswürdige Frau
Mit welchem Gefühl soll ich heute mich Ihnen nähern da ich bisher gewohnt
war Sie als Mutter zu betrachten zu verehren Welcher Worte soll ich mich
bedienen Ihnen zu sagen dass das Band zerrissen ist welches meinem Herzen so
teuer war O ich wähnte es nicht als ich das Letztemal von Birkenstein
ging dass ich es nie wieder betreten würde Denn verzeihen Sie mir meine
Mutter noch sprechen meine Lippen unwillkürlich diesen Namen aus ich darf
nicht mehr nach Birkenstein kommen ich darf nicht den Abschiedskuss auf Ihre
Lippen drücken ich würde auf ihnen die Spur von Herrmanns Küssen suchen Ach
es war eine Zeit da umschlossen Ihre Arme uns Beide Sie ist dahin und das
Andenken an sie ist nun Verbrechen für mich Oft ermahnten Sie mich zur
Tugend seine Pflichten aufs strengste erfüllen ist die höchste Tugend ich
will suchen sie zu erreichen Ich darf also den Ort nicht wieder sehen an
welchem Alles mich an meine Liebe an den Mann erinnern würde dessen Namen ich
nicht mehr aussprechen darf O wie gerne weinte ich noch einmal an dem
mütterlichen Busen an welchem jetzt auch mein Herrmann Tränen des Schmerzes
vergisst Aber der Gedanke Verbrechen schreckt mich zurück In wenigen Wochen
bin ich das Weib eines Andern und dann ist Gedanke an ihn schon Sünde Also
nur diese Zeilen dürfen Ihnen Lebewohl sagen Meine Blicke werden Sie nie mehr
sehen aber mein Herz wird Sie ewig lieben Trösten Sie meinen Herrmann Ach
dass er noch glücklich werden möchte Dieses ist das Einzige was ich jetzt vom
Himmel erflehe Leben Sie wohl meine Mutter meine Freundin
Elisa von Hohnau«
Frau von Birkenstein benetzte diesen Brief mit ihren Tränen sie gab ihn
Herrmann Ich noch dein Herrmann rief er aus nachdem er ihn durchgelesen
hatte Einziges Mädchen Das Andenken Deiner Liebe soll mir Trost sein Ach
Wallenheim ist noch unglücklicher als ich Zur Frau von Birkenstein Meine
Mutter lassen Sie mir diesen Brief er ist der letzte Beweis ihrer Liebe Wenn
stiller Kummer an meinem Herzen naget dann will ich ihn lesen er wird mir
Stärke geben Frau von Birkenstein gewährte ihm seine Bitte und Elisan
antwortete sie folgende Zeilen
»Teure Elisa
Welch ein Ausdruck soll Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt
machen O meine junge Freundin ich fühle Ihren Schmerz ich sehe Herrmanns
Leiden und weine um den Verlust einer Tochter Jede freudige Hoffnung meines
Alters ist verschwunden Doch gerne wollte ich die Ruhe meiner übrigen Tage
dahingeben wenn ich sie dadurch in Ihr Herz zurückrufen könnte Ich klage mich
jetzt an wegen der Nachsicht gegen meinen Sohn dass ich seine Liebe duldete
aber ich war Mutter und wünschte sein Glück und meine Zärtlichkeit sprach
lauter als die Klugheit welche mir hätte vorhersagen können dass Elisa von
Hohnau nie das Weib meines Sohnes werden würde Verzeihen Sie mir dieses Elisa
Ach wer kann Sie kennen und nicht wünschen Sie Tochter zu nennen Mein
Herz ist zerrissen bei dem Gedanken dass ich Sie nicht mehr sehen soll und
doch erkenne ich dass dieses notwendig ist Ihre Lage würde mich zittern
machen wenn Sie eines der gewöhnlichen Weiber wären Mit einem Herzen voll
Liebe gegen einen Andern einem Manne den Sie nie kannten Ihre Hand zu geben
Wie viel Standhaftigkeit gehört hierzu um tugendhaft zu bleiben Aber ich kenne
Sie meine Freundin ich weiß Sie werden Ihren Pflichten jede Leidenschaft
aufopfern welche Ihnen an ihrer Ausübung hinderlich sein könnte und noch
verehrungswürdiger werden Sie dann sein meine Freundin Die Achtung des
Mannes den Sie zum glücklichsten Gatten machen werden und der Beifall Ihres
Herzens wird Ihre Belohnung sein und Sie der Tage voll Kummer vergessen
machen welche Sie jetzt verleben Auch mein Herrmann wird sich dann bestreben
durch Bekämpfung seiner Leidenschaft der Liebe würdig zu sein welche die
Edelste Ihres Geschlechts einst für ihn hegte Sie werden ihn dann als Freund
wiedersehen und vielleicht ist es mir noch erlaubt Sie noch einmal zu umarmen
Ich werde indes Ihre mütterliche Freundin bleiben und Sie als meine Tochter
lieben Jeder meiner Wünsche wird für Ihr Glück und meines Sohns Ruhe sein
O lassen Sie mich bald hören meine süße Elisa dass meine Wünsche nicht
vergebens waren dann werde ich sterbend noch mich freuen und dem ewigen Geber
alles Guten danken dass er das letzte Gebet erhörte von
Kunigunde von Birkenstein«
Herrmann sagte seiner Mutter dass er am andern Tage von Birkenstein abreisen
und nur dann zurückkehren wolle ihr das letzte Lebewohl zu sagen wenn Elisa
Hohnauschloss verlassen haben würde Frau von Birkenstein hieß Alles gut sie
verschloss den Gram welchen sie bei dem Gedanken der nahen Trennung von ihm
empfand sie wünschte nur seine Ruhe und wollte seinen Kummer nicht vermehren
Mögen ihn doch meine mütterlichen Arme so sprach sie zu sich selbst nicht mehr
umschließen und er nur fern von hier Glück und Ruhe finden So reiste er am
andern Morgen ab von ihrem Segen und von seiner Liebe begleitet Noch sah er
in der Ferne den Turm von Hohnauschloss hervorragen Ewiger Friede auf dir
himmlische Bewohnerinn dieses engen Bezirks welchen du zum Aufenthalte der
höchsten Freuden machtest Ach bald verschwindet diese Turmspitze Elisa ewig
entferne ich mich von dir O als ich noch mit dir jene Anhöhen erstieg von
welchen wir die Natur in ihrer Pracht erblickten sie bewunderten ihren
Schöpfer preisten da war ich gewiss der Glücklichste der Sterblichen und nun
Großes Wesen Nun bin ich das Elendeste deiner Geschöpfe So sprach Herrmann
Helle Tränen glänzten in seinem Auge er blickte zurück verschwunden war die
Turmspitze an welcher sein Blick mit schmerzlichem Vergnügen hing er
streckte seine Arme nach der Gegend aus Ewig so rief er donnernd und nun sank
sein Haupt seine Empfindungen wurden stumpf Fort rollte der Wagen die Natur
voränderte ihre Szenen um ihn Herrmann bemerkte es nicht Er kam in B an
das laute Getümmel auf den Gassen weckte ihn nicht aus seiner Betäubung Ewige
Trennung von Elisan dieses war der einzige Gedanke welcher ihn
beschäftigte und nichts vermochte ihn davon abzuziehen
Elisa hatte indes Alles angewandt um ihren Schmerz zu bekämpfen Henriette
verließ sie nicht aber Elisa versagte sich den Trost an ihrem Busen zu weinen
sie sprach den Namen ihres Geliebten nicht mehr aus Oft suchte sie Zerstreuung
an ihrem Klavier aber sie sang nicht mehr die Arien welche ihr Herrmann gern
hörte So vergingen ihr vier Tage am fünften kam ihre Mutter am Morgen zu ihr
Sie schien die Blässe auf Elisas Wangen nicht zu bemerken und nach dem
Morgengrusse sprach sie zu ihr Elisa wann wird es Dir endlich gefällig sein
den Herrn von Wallenheim zu sprechen
Elisa Wenn Sie es befehlen meine Mutter
B v H So geschehe es noch heute man merkt es dass Deine Krankheit nur
vorgegeben ist und dieses ist nicht sehr schmeichelhaft für Deinen künftigen
Gatten
Elisa Weiß er es denn nicht dass bloß unbedingte Notwendigkeit mich
zwingt ihm die Hand zu geben
B v H Ich habe es ihm nicht gesagt ich schrieb gleich nach Deiner
Einwilligung an seinen Vater und sagte ihm dass Du nur einige Tage Bedenkzeit
verlangt hättest welche ich Dir zugestanden hätte und dass Du jetzt bereit
wärest meinen Willen zu erfüllen Ich hoffe sprach er dass Fräulein von Hohnau
dieses nicht ungern tut Ich versicherte ihn vom Gegenteil und sagte ihm
zugleich dass eine kleine Unpässlichkeit Dich verhinderte das Zimmer zu
verlassen Er erkundigt sich fleißig nach Deiner Gesundheit und gestern haben
er und ich Briefe vom alten Wallenheim empfangen Er wünscht seinem Sohne Glück
dass er alle Schwierigkeiten überwunden hat und erlaubt ihm bis nach
Vollziehung der Hochzeit hier zu bleiben
Elisa seufzte die Baroninn von Hohnau befahl ihr beim Mittagsmahle zu
erscheinen und verließ das Zimmer Gott was waren da Elisas Empfindungen Sie
stand lange unbeweglich da bis endlich Henriette hinein kam
Elisa Ach Henriette heute soll ich ihn nun sehen Werde ich stark genug
sein seinen Anblick zu ertragen den Antrag zu hören den er mir machen wird
Henr Frägt Elisa mich das welche immer stark zu Allem war was Pflicht von
ihr heischte
Elisa Ach bisher war es mir so leicht gut zu sein ich folgte nur dem
Hange meines Herzens Aber nun empören sich alle meine Empfindungen gegen meine
Pflichten
Henr Und nun wirst Du beweisen dass feste Grundsätze alle Leidenschaften
besiegen und dass wenn man unwandelbar fortgeht auf dem Wege zum Guten man
Kraft hat alle Hindernisse zu überwinden
Elisa O meine Freundin ich fühle es dass diese Anhänglichkeit zum Guten
mir jetzt Trost gibt ich müsste unterliegen wenn nicht der Gedanke mich
unterstützte Ich tue meine Pflicht
Henr Er begleite Dich beständig meine holde Freundin und Du wirst
erfahren dass der Satz wahr ist dass für den Rechtschaffenen der Freuden mehr
und der Leiden weniger in der Welt sind
Elisa umarmte ihre Freundin mit einem Seufzer ihr Bestreben war nun die
erforderliche Gemütsruhe zu erlangen um mit Wallenheim zu sprechen Bisher
hatte sie Herrmanns Gemälde an ihrem Halse unter dem Tuche getragen heute band
sie es ab küsste es benetzte es mit ihren Tränen und verschloss es O dass ich
zugleich meine Liebe aus meinem Herzen verbannen könnte sprach sie Einige
Augenblicke hing sie dem Gedanken an Herrmann nach aber dann entriss sie sich
ihm ergriff ein Buch und las mit anstrengender Aufmerksamkeit bis dass
Henriette ihr rief mit ihr zu Tische zu gehen Blässe überzog jetzt ihre
Wangen aber sie fasste sich schnell und trat voller Würde in das Zimmer
Wallenheim näherte sich ihr augenblicklich und fragte nach ihrer Gesundheit
Höflich aber kurz waren ihre Antworten Sie erhielt ihren Platz neben ihm
Alle waren fröhlich aber sie vermochte es nicht zu sein ihr Blick war ernst
allein Achtung und Gefälligkeit bezeigte sie Wallenheim Ihre Mutter schlug nach
Tische einen Spaziergang im Garten vor und als Wallenheim ihr seinen Arm anbot
konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren Ach so oft durchstrich ich die
Gänge an Herrmanns Seite Diese Rückerinnerung ihres vorigen Glücks war in
diesem Augenblicke ihr schmerzhaft ihr Busen hob sich höher sie zitterte aber
Wallenheim bemerkte diese Bewegung nicht Elisa war ihm gleichgültig und sein
künftiges Weib schien ihm bis jetzt noch keiner Aufmerksamkeit würdig Sie
gingen nun nur die Mutter und Henriette blieben zurück und bald entfernte sich
Karoline mit ihrem Geliebten von ihrer Schwester Sie war nun allein mit
Wallenheim und sie befanden sich eben am Eingange einer Laube Wallenheim
fragte sie ob sie einige Augenblicke ruhen wollte Elisa wünschte es denn kaum
vermochte sie noch zu gehen Sie setzten sich nun In eben dieser Laube hatte
sie so oft mit Herrmann gesessen hatte mit ihm von ihrer Liebe von einer
glücklichen Zukunft gesprochen jedes Wehen der Blätter lispelte ihr hier den
Namen Herrmann zu Elisa war stark erschüttert allein sie unterdrückte ihre
Empfindungen ihr Blick war zur Erde gesenkt denn sie wagte es nicht
Wallenheim anzublicken Er ergriff endlich ihre Hand Mein gnädiges Fräulein
sprach er Ihre Frau Mutter hat mir Hoffnung gemacht dass ich vielleicht so
glücklich sein würde bald diese Hand zu erhalten
Er küsste bei diesen Worten die Hand welche er hielt
Elisa Mit einem Tone voll Würde Mein Herr man hat mich bestimmt Ihre
Gattin zu werden es ist der Wille Ihres Vaters und meiner Mutter Ich gehorche
ihm aber ich werde den Mann nicht betrügen dessen Gattin ich werden soll
Ich liebe mein Herr edel und gut ist der Jüngling den ich allen Andern
vorziehe allein ich weiß dass meine Liebe nun zum Verbrechen wird und ich will
sie bekämpfen ich will mich bestreben die Gesinnungen zu erlangen welche ich
Ihnen schuldig bin Wenn Sie nach diesem Geständnisse mich noch würdig finden
Ihre Gattin zu werden so sei mein ganzes künftiges Leben angewandt Ihre Liebe
zu verdienen
Elisa schwieg Wallenheim sah sie staunend an sie schien ihm so edel und
dieses machte ihn verlegen endlich sagte er stotternd Glauben Sie mein
gnädiges Fräulein dass ich bis jetzt nichts hiervon gewusst habe es wird mir nun
schwer werden meiner Hoffnung zu entsagen
Elisa Aber darf ich hoffen dass wenn ich gleich nicht Ihre Gattin werde
Sie von Ihrem Herrn Vater die Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester
bewirken werden
Wallenh Dieses kann ich nicht versprechen jede Mühe welche ich anwenden
würde würde vergeblich sein
Elisa Nun dann mein Herr so stehe ich nicht länger an Ihre Hand
anzunehmen
Wallenh Mein Fräulein darf ich wohl hoffen Sie des glücklichen Mannes
vergessen zu machen
Elisa Ich werde es nie vergessen dass ich Ihre Gattin sein werde
Nun stand Elisa auf und sprach von andern Gegenständen Unbefangen und
ruhig war ihr Wesen aber auch ruhig war ihre Seele zwar schien ihr Wallenheim
nicht liebenswürdig zwar entflohen ihr Seufzer sobald sie an Herrmann dachte
und sie dachte nur ihn allein ein Blick den sie auf ihre Mutter und ihre
Schwester warf gab ihr das Wonnegefühl der Tugend und dieses Kraft ihren
Schmerz zu tragen Sie war voller Aufmerksamkeit gegen Wallenheim er begegnete
ihr höflich sie erwartete nicht seine Liebe aber seine Achtung wollte sie
verdienen und nichts verriet ihm den Widerwillen den sie im Herzen gegen ihn
hegte Vier Wochen vergingen so und der Tag kam endlich der sie mit
Wallenheim und ihre Schwester mit Philippen vereinigen sollte Welch ein Tag
war dieses für Elisan Kaum hatte er angefangen so eilte sie hinaus ins freie
Feld erstieg eine Anhöhe und fiel da nieder auf ihre Knie ihre Augen gen
Himmel gerichtet ihre Hände gefaltet Verwirrt waren ihre Empfindungen der
erste Strahl der Sonne weckte Alles zu neuer Freude nur in ihrem Herzen blieb
es öde Die Lerche zwitscherte ihren Morgengesang alle Bewohner der Luft
schwangen sich jauchzend in die Höhe es blökten in der Ferne die hüpfenden
Heerden Leben war wieder verbreitet in der ganzen Natur Vater der Natur rief
endlich Elisa aus du schufest ja alle deine Geschöpfe zur Freude Und ich sitze
hier in der Mitte deiner fröhlichen Schöpfung und kann mich nicht freuen Die
wiederkehrende Sonne ihr Strahl der Alles belebt erleuchtet den Tag der
Trauer für mich Nur noch einige Stunden und ich bin das Eigentum eines
Mannes den ich nicht lieben kann In deinem Schoss allgütige Natur will
ich mich stärken Ordnung und Schönheit erblicke ich hier wo ich nur meine
Blicke hinwerfe Ach dieses lehrt mich dass alle meine Empfindungen Gedanken
und Handlungen dieses Gepräge haben müssen wenn ich glücklich werden will Ich
nehme heute alle Verbindlichkeiten eines Weibes auf mich ich werde nun ein
wirkendes Mitglied der Gesellschaft Schon längst wusste ich meine Bestimmung
aber nie erschien sie mir so feierlich als heute und nie wähnte ich sonst dass
die Pflichten der Gattin mir würden so schwer zu erfüllen werden Heute soll
ich Wallenheim Treue und eheliche Liebe versprechen Und noch denke ich mit
Schaudern an den Augenblick der uns vereinigen soll Doch über alle Wesen auf
der Erde ist ja der Mensch erhaben Er hat die Kraft groß und gut zu handeln
O hier im Angesichte der Natur schwöre ich es ich will Wallenheim den Schwur
halten den ich ihm heute schwören werde Täglich will ich ihn erneuern und in
seiner Haltung die Kraft finden im Guten standhaft zu bleiben
Sie stand nun auf und fühlte sich gestärkt sie kehrte zurück ihre
Schwester kam ihr entgegen und umarmte sie Ach Elisa heute werde ich ganz
glücklich Elisas Augen füllten sich mit Tränen sie suchte sie zu
unterdrücken Mögest Du es immer sein sprach sie und entriss sich ihr sie
eilte zu ihrer Henriette welche voller Besorgnisse für ihre Freundin diese
Nacht schlaflos zugebracht hatte
Elisa Was ist Dir Henriette Du bist so blass
Henr Elisa Dein Hochzeittag ist mir so traurig
Elisa Gutes teilnehmendes Geschöpf Aber liebe Henriette ich habe
gebetet ich habe es mir vorgenommen meiner Pflicht getreu zu bleiben O ich
fühle es ich werde standhaft sein
Henr Aber Du leidest meine Freundin
Elisa Meine Schwester begegnete mir und sagte mir sie würde heute ganz
glücklich Dieses soll mich stärken mein Opfer zu vollenden ich werde Freude
in ihren Augen sehen und Henriette nie bleibe ich gleichgültig bei Anderer
Glück ich werde das ihrige teilen es wird mich mein trauriges Loos vergessen
machen
Henr Ich danke dem Himmel für Deine Ruhe O meine süße Elisa ich zittere
nicht länger für Dein Glück eine Seele wie die Deinige muss es stets finden
Elisa Mein künftiges Loos soll mich länger nicht beschäftigen Ich erwarte
keine Freuden mehr ich will nur Leiden tragen lernen nur lernen Andere
glücklich machen O dass es mir vergönnt sein möge Heiterkeit auf die Tage
meines Gatten zu streuen und oft von der Wange des Unglücklichen die Träne des
Kummers abzutrocknen dann will ich den meinigen vergessen vergessen dass ich
dem Glücke entsagen musste und nur mich freuen dass mein Herz der Empfindungen
der Menschenliebe und des Wohlwollens fähig ist
Elisa seufzte hier und tränenvoll richtete sie ihren Blick gen Himmel Sie
fuhr fort nach einer Pause Aber etwas ist noch welches meinem Herzen wieder
Freude geben könnte und das wäre Versicherung zu erhalten dass Herrmann wieder
glücklich ist Nenne mir nie seinen Namen aber wenn Du weißt dass Freude wieder
um ihn lächelt dann sage es mir
Sie umarmte Henrietten und eilte in ihr Zimmer
Da lag schon der hochzeitliche Schmuck der heute sie zieren sollte sie
kleidete sich an mit einem Herzen voller Wehmut schon hörte sie auf dem
Schlosshofe die Wagen rollen die Gäste versammelten sich auch der alte
Wallenheim war zu diesem Tage gekommen und noch immer zögerte sie sich in das
Gesellschaftszimmer zu begeben endlich erschien sie schön wie die Göttinn der
Jugend aber traurig und voll sanften Ernsts Sie sprach es aus das Ja welches
sie ewig mit dem Manne verband gegen den sie ungeachtet aller ihrer
Bemühungen nur Widerwillen empfand Allein sie war standhaft und keiner ihrer
Züge entdeckte dem Zuschauer was in ihrem Herzen vorging
Wallenheim bekleidete eine ansehnliche Stelle in B allein er besaß auch
noch ein Landgut wo er oft im Sommer einige Wochen zu verweilen pflegte und
dorthin wollte er für das erste seine Gemahlin führen Philipp welcher bisher
die Aufsicht auf den Gütern seines Oheims gehabt hatte sollte nun mit Karolinen
in Hohnauschloss wohnen bleiben weil die Mutter sich nicht von der Tochter
trennen wollte Henriette wünschte ihre Freundin begleiten zu können und nicht
minder wünschte Elisa ihre teure Henriette zur Gesellschafterinn zu behalten
Sie hoffte es auch gewiss dass ihre Mutter ihr diese Bitte nicht abschlagen
würde und sie entdeckte ihr ihr Verlangen am Tage vor ihrer Abreise von
Hohnauschloss Karoline war gegenwärtig und antwortete sogleich Ich bin an
Henriettens Gesellschaft gewöhnt auch hat Henriette bisher von der Gnade meiner
Mutter gelebt und nicht von der Deinigen sie darf uns also nicht verlassen
Elisa Wenn meine Mutter befiehlt dass Henriette in Hohnauschloss bleiben
soll so weiß ich dass es meine Pflicht ist nichts weiter dagegen zu sagen
Aber teure Mutter vergönnen Sie sie mir nur auf einige Zeit Ich komme in
eine ganz fremde Welt mein Mann selbst ist mir fremd O das geringste
Geschöpf hat ja noch einen Freund mit dem es vertraulich schwatzen kann soll
ich denn ganz verlassen sein
Karol Es ist Dir gut wenn Du nicht mit Henrietten so viel von Birkenstein
plaudern kannst dann wirst Du ihn vergessen
Elisa Karoline sollte das Glück harterzig machen
B v H Mir ist Henriettens Gegenwart oder Abwesenheit gleichgültig allein
Du Elisa kommst nach B und wirst dort mehr Gesellschafterinnen finden als
Karsline hier in einigen Jahren sieht
Elisa Aber keine Freundin meine Mutter Und Karoline bleibt hier in der
Gesellschaft einer geliebten Mutter und eines Gatten den sie liebt
Karol Spöttisch Wer verbietet Dir den Deinigen zu lieben
Ein Blick voll Verachtung war Elisas einzige Antwort
B v H Karoline vielleicht kennst Du ein junges Mädchen welches Dir
Henriettens Stelle ersetzen würde Lass sie mit Elisan ziehen sie liebt Sie
ohnehin mehr als Dich
Karol Aber mir gefällt Henriette Ich verlange keine andere
Gesellschafterinn und sehe Elisas Forderung als eine Unbilligkeit an
B v H Nun denn mag Henriette hier bleiben Zu Elisan Du wirst es
selbst einsehen Elisa dass ich Karolinen dieses nicht wohl abschlagen kann
Elisa Sie wissen meine Mutter dass Ihr Wille mir immer heilig ist
Elisa verließ hierauf das Zimmer weinend ging sie zu ihrer Henriette sie
umarmte sie und hing lange an ihrem Halse
Elisa Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hat Auch diese Wonne ist mir
versagt meine Henriette Du darfst nicht mit mir gehen
Henr Tränen rollten von ihren Wangen Elisa ich soll Dich verlassen
Elisa Es ist meiner Mutter und Karolinens Wille
Henr Zum erstenmale empfinde ich mit Schmerz meine Abhängigkeit
Elisa Ach es ist hart sich von Allem zu trennen was einem teuer ist
In diesem Augenblicke tritt Wallenheim herein
Wallenh Haben Sie schon alle Anstalten zu unserer Abreise getroffen Ich
werde morgen früh wegreisen
Elisa Trocknet ihre Augen Ja mein Bester ich werde Sie gewiss nicht auf
mich warten lassen
Wallenh Spöttisch Und ich besorgte fast Sie würden mir gar nicht folgen
können
Elisa Warum das
Wallenh Im vorigen Tone Ihre Augen lassen mich mutmaßen dass Sie die
Trennung nicht ertragen werden
Elisa Können Sie es mir verdenken Wallenheim dass ich Schmerz empfinde
indem ich meine Mutter die Gespielinn meiner Jugend und den Ort verlasse wo
ich bisher so glücklich war
Wallenh Sie brauchten ihn mir aber doch nicht in seiner ganzen Stärke zu
zeigen
Wallenheim entfernte sich jetzt Elisa seufzte und schwieg
Es war am sechsten Tage nach ihrer Verbindung mit ihm als sie Hohnauschloss
verließ Sie umarmte ihre Mutter und Karolinen und benetzte ihre Wangen mit
ihren Tränen aber als sie Henrietten in ihre Arme schloss da schlug ihr Herz
heftiger ihr Schmerz war stumm und ihr Mund sprach das Lebewohl nicht aus Auf
dem Schlosshofe waren alle Einwohner Hohnaus versammelt Sie wollten sie segnen
sie noch einmal sehen sie die so oft Freude in ihren niedrigen Hütten
verbreitet hatte Alles drängte sich um sie und Elisa nahm von einem Jeden
Abschied und drückte denen von welchen sie wusste dass sie arm waren noch
einige Goldstücke in die Hand Auch Harbergen erblickte sie er ergriff ihren
Rock küsste ihn und weinte und sie hörte ihn sagen Ach unser guter junger
Herr was wäre er glücklich gewesen Diese Worte erschütterten sie stark sie
stieg eilends in den Wagen wollte ihren Tränen Einhalt tun und vermochte es
nicht Der Wagen rollte fort noch einmal überschauete sie die Fluren welche
sie froh durchwandelt hatte an der Hand der Liebe und der Freundschaft Das
Andenken an Herrmann und an Henrietten drängte sich an ihr Herz und einige
Augenblicke vergessend dass Wallenheim an ihrer Seite saß hing sie ganz ihrem
Schmerze nach Allein ein Blick auf ihn sagt ihr dass sie schuldig ist sie
trocknet ihre Augen und verschließt tief in ihr Herz die Leiden welche es
zerreißen
Ernst und finster waren Wallenheims Blicke Elisa sucht ihn aufzuheitern
keine Träne entschlüpft mehr ihrem Auge sondern nur beschäftigt ist sie die
Wolken von der Stirne des Gatten wegzutreiben Allein es gelang ihr nicht denn
Wallenheim war stets in sich verschlossen Nie hatte sich sein Herz der
Freundschaft oder der Liebe geöffnet er kannte Begierden aber nicht
Empfindungen die Menschen waren ihm gleichgültig und die Vergnügungen welche
er liebte waren wild und rau wie seine Seele war
Sie langten am zweiten Tage ihrer Reise in Wallental an so hieß das
Landgut Wallenheims und nach einigen Tagen schrieb Elisa folgenden Brief an
ihre Henriette
»Meine teure Henriette
Auch entfernt von Dir ist mir Deine Freundschaft noch Trost Ach ich kenne
jetzt nur die Sprache des Zwanges Wie wohl ist mir dass ich einmal wieder die
der Freiheit sprechen darf Du lasest stets in meiner Seele und Du allein
sollst auch noch ihre geheimsten Gedanken wissen Nein diese meine
Offenherzigkeit gegen Dich kann nicht strafbar sein Du bist verschwiegen und
was ich der Freundschaft entdecken darf soll für jeden Andern tief in meiner
Brust verschlossen bleiben O Henriette sollte ich Dir jetzt meine
Empfindungen schildern oder vielmehr würde ich es können Doch eine
Beschreibung von Wallental wird Dir einen Begriff von meiner jetzigen Lage
geben Das Wohnhaus oder das Schloss wie es die Einwohner nennen ist in
einiger Entfernung vom Dorfe hohe Linden und Kastanienbäume beschatten den
grünen Hofplatz und verdunkeln die großen gewölbten Zimmer des Hauses an
welches auf der entgegengesetzten Seite der Garten stößt Dunkle Cypressengänge
laden hier die Seele zu melancholischen Betrachtungen ein aus welchen sie durch
nichts erweckt wird denn ein schwarzer Tannenwald der gleich hinter dem Garten
anhebt begränzt die Aussicht Die Natur scheint hier in ewiger Trauer verhüllt
in den hohlen Tannen haben die Unken ihre Wohnung aufgeschlagen und singen ihr
Trauerlied In der Ferne hört man einen Wasserfall der sich mit dem
Eulengeschrei und mit dem Brausen des Windes vermischt Und hier Henriette
bringe ich meine Tage allein zu denn die Jagd ist Wallenheims liebste
Beschäftigung ihr weihet er jede Stunde des Tages Früh so wie der Tag
anbricht entfernt er sich zwar kehrt er zum Mittagsessen zurück allein nach
geendigter Mahlzeit eilt er schon wieder fort und ich bleibe dann allein mit
meinen Gedanken O Henriette sie sind oft quälend Herrmanns Bild drängt
sich dann mit Gewalt in mein Herz lebhaft wird die Vorstellung seiner Liebe
und wider meinen Willen vergleiche ich Wallenheim mit ihm Ach ich fühle dann
auch dass ich schuldig bin Heisse Tränen der Reue vergiesse ich und doch möchte
ich sie vor Wallenh im verbergen Ich erzwinge Heiterkeit auf meinem Gesichte
und in seiner Gegenwart öffnet sich mein Mund dem Lächeln der Freude Ich weiß
es zu gut dass meine Schwermut ihn noch mehr von mir entfernen würde und mein
ganzes Bestreben ist jetzt ihn Vergnügen in meiner Gesellschaft finden zu
lassen Aber ich habe auch angefangen die dunkeln Bilder meiner Phantasie
und die nur zu wirklichen Empfindungen meiner Seele zu zerstreuen O es gibt
nur eine Art Zerstreuung für mich und diese suche ich Ich muss die Leere in
meinem Herzen ausfüllen ich muss Empfindungen darin unterdrücken und wie werde
ich es besser können als wenn ich andere an ihre Stelle setze Ich habe
meinen Spaziergängen einen Zweck gegeben der mich stets heiter zurückkehren
lässt ich besuche die Einwohner des Dorfs ich unterhalte mich mit ihnen ich
suche ihre Liebe ihr Vertrauen zu erlangen und will mich beschäftigen ihre
Bedürfnisse zu befriedigen ihre Begriffe aufzuklären jede Last ihnen zu
erleichtern und jedes ihnen nützliche Vergnügen zu verschaffen Durch ein gutes
Beispiel durch Wohltaten Herablassung und jene Popularität vermöge welcher
man durch Gespräche die Begriffe des gemeinen Mannes aufklären und ihm ein
richtiges Urteil über Recht und Unrecht geben kann geschieht es dass man zur
Vervollkommnung einer Menschenklasse beitragen kann welche noch der
Aufmerksamkeit selbst der besten Menschen entgeht Wie mancher würdige
Gutsbesitzer könnte wenn er auf diesen Gegenstand seine Aufmerksamkeit
richtete in dem kleinen Bezirke in welchem sein Wille Befehl ist Generationen
beglücken und das durch höchst einfache Mittel Der falsche Wert den man den
meisten Dingen beigelegt hat ist schuld dass so wenig Menschen das wirklich
Nützliche erkennen und es befördern Fast jede Staatsverwaltung ist ein
glänzendes Rad woran ein Jeder sich hänget unbekümmert ob die Säulen welche
es stützen auch Festigkeit genug haben Der gemeine Mann der in allen Staaten
den größten Teil der Einwohner ausmachet ist der auf dessen moralische
Bildung und physische Verbesserung seiner Lage am wenigsten Sorgfalt verwendet
wird Glänzende politische Anschläge beschäftigen die Köpfe der Minister aber
dem Wohl des Volks weihen sie nicht eine Stunde Henriette man sollte glauben
die Menschen wären der Konvenienz und des politischen Gleichgewichtes wegen da
so sehr beschäftigen sich unsere größten Köpfe mit allem dem glänzenden Nichts
und so wenig mit Menschenglück Doch wo gerate ich hin Ich wollte Dir sagen
dass ich mich bestreben will in der Sphäre in der ich mich befinde so viel als
möglich nützlich zu werden dass dieses mich stark machen wird jede
Widerwärtigkeit zu ertragen und dass dieses Wirken zum Wohl meiner Mitmenschen
mich von dem Gegenstande abziehen wird der so tief in meinem Herzen eingegraben
ist Untätigkeit nährt jede Leidenschaft keinen Augenblick erlaube ich sie
mir und mit jeder Stunde erkenne ich es wie groß der Nutzen ist wenn die
Erziehung unsern Geist ausgebildet und uns Talente gegeben hat Wie manches
junge Weib wird zur Koquette weil mit einem gefühlvollen Herzen und einem
lebhaften Verstande sie nicht gelernt hat sich zu beschäftigen das Lesen
einiger Romane und unsere Handarbeiten können ihr nicht hinlängliche
Unterhaltung gewähren sie wird immer eine Leere in ihrem Herzen empfinden
durch nichts kann sie sie ausfüllen als durch eine Leidenschaft welcher man
oft mit den festesten Grundsätzen kaum zu widerstehen vermag Eltern wenn
Ihr eure Töchter zu Opfern bestimmtet o so lehret sie die Mittel ihren Geist
zu unterhalten wenn diese unglücklichen Geschöpfe nicht die Schande ihrer
Familie und die Zerstörerinnen dessen Glücks werden sollen Diese
Betrachtungen lehrt mich mein eigenes Schicksal und könnte ich sie doch allen
Eltern lebhaft vorstellen könnte ich ihnen die Empfindungen schildern welche
das Herz eines jungen Weibes zerreißen welche sich auf Lebenslang mit dem Mann
verbunden sieht gegen den sie Widerwillen heget und der sie mit
Gleichgültigkeit behandelt O sie würden vielleicht aufhören die Tyrannen
ihrer Kinder zu sein Sie würden nicht länger zu dem Sittenverderbnisse
beitragen welches durch die Ehen welche Interesse knüpfet und in welchen
gegenseitige Abneigung sich verbindet so sehr befördert wird Ich muss
aufhören Henriette diesen Gegenstand hätte ich nicht berühren sollen mein
Herz leidet zu sehr dabei Lebe wohl«
Oft wurde Elisa durch ähnliche Betrachtungen in Traurigkeit versenkt aber immer
entriss sie sich ihr Aufrichtig war ihr Bestreben eine stets gleich heitere
Laune zu erhalten nie sah Wallenheim auf ihrem Gesichte die Spur von Tränen
welche sie oft in der Einsamkeit vergoss und doch blieb er ungeachtet aller
Bemühungen seiner Gattin mürrisch und in sich verschlossen Elisa scherzte um
ihn und kaum lächelte er sie suchte jene Vertraulichkeit gegen ihn anzunehmen
ohne welche selbst die Liebe bald erkaltet aber Wallenheim erwiderte sie
nicht Er fuhr fort seine Tage auf der Jagd zuzubringen oder Besuche in der
Nachbarschaft zu machen doch nie in Elisas Begleitung Die ziemlich späte
Jahreszeit denn schon näherten sie sich der Mitte des Herbstes erlaubte Elisan
nur selten noch spazieren zu gehen und sie brachte Tage zu ohne ihr Zimmer zu
verlassen Sie waren bereits zwei Wochen in Wallental als ein schöner
Herbstmorgen den braunen Tannenwald vergoldete Die Sonne schien noch einmal der
Erde zuzulächeln prachtvoll warf sie ihren Glanz auf die gelben Blätter welche
der Herbst gefärbt hatte Elisa ergötzte sich an diesem Anblicke Natur rief
sie aus selbst wenn du dahin sinkest bist du schön Sanfte Freude liegt noch
auf dir verbreitet O dass ich auch einst in meinen letzten Tagen so
zurückschauen könnte auf den Sommer meines Lebens und mich seiner freuen Ruhig
und heiter eilte sie nun hinaus ihr Gefühl war Freude sie vergaß auf einen
Augenblick ihre Leiden um im Angesichte der Natur den Empfindungen der
Bewunderung und der Verehrung gegen den Urheber alles Daseins nachzuhängen
Plötzlich sah sie ohnweit vom Dorfe ein Weib ohnmächtig auf dem Grase liegen
sie näherte sich ihr Heftige Krämpfe verzogen bald alle Muskeln dieser
Unglücklichen und Elisas Beistand vermochte nicht sie ins Leben
zurückzurufen Elisa eilte in das Dorf und so schnell als möglich kehrte sie
mit noch mehreren Personen zur Hilfe des armen Weibes zurück Sie wurde in das
Dorf gebracht und Elisa ging selbst in das Schloss um einige Arzneimittel zu
hohlen sie verließ die Frau nicht eher als bis sie ganz wieder hergestellt
und kein Rückfall mehr zu befürchten war Sie kehrte nun zurück aber Wallenheim
war schon vor ihr zu Hause gekommen sie eilte zu ihm Verzeihen Sie mein
Bester sprach sie dass ich so spät zurück gekommen bin allein eine
Unglückliche der ich begegnete welche leblos auf dem Boden lag heischte Hilfe
von mir und dieses hat mich so lange aufgehalten
Wallenh Kalt Sie täten wohl wenn Sie lernten die Pflichten der
Menschlichkeit mit den Pflichten gegen Ihren Gatten vereinigen
Elisa schwieg sie unterdrückte selbst einen Seufzer der aus ihrer Brust
sich drängen wollte Wallenheim sprach während der ganzen Mahlzeit nicht und
nur beim Weggehen sagte er Ich hoffe Elisa dass Sie mich am Abend nicht wieder
werden warten lassen Erteilen Sie Ihre Hilfe zur rechten Zeit damit Sie Ihre
Schuldigkeit nicht versäumen
Er ging fort und Tränen strömten von Elisas Wangen Welch eine Zukunft
stellte sich ihr dar und o wie bitter waren ihre Empfindungen Sie wollte sie
unterdrücken und ging an ihren Schreibtisch um an Henrietten zu schreiben In
einem Kästchen verschlossen lag da Herrmanns Gemälde Noch hatte Elisa das
Kästchen nicht geöffnet seit dem Tage an dem sie das Gemälde hineingelegt
hatte Heute öffnet sie es unwillkürlich und der Anblick des Gemähldes
verdoppelt ihren Schmerz Sie nimmt es heraus sie küsst es Ach Herrmann
sprach sie du hättest mir nicht so begegnet Bewegt legt sie es weg bald
ergreift sie es aber wieder Ich will nicht strafbar werden ruft sie aus ich
will es Henrietten schicken aber noch einmal will ich diese Züge betrachten
die ich nie wieder sehen werde Zu bewegt um schreiben zu können ging sie in
den Garten indem sie noch das Gemälde hielt Noch erwärmte die Sonne die
Atmosphäre und Elisa setzte sich beleuchtet von ihrem milden Strahl Alle
Szenen der Vergangenheit stellten sich ihr jetzt lebhaft dar und bei jeder
Rückerinnerung benetzte Elisa das Gemälde mit ihren Tränen Sie saß da den
Kopf auf ihre Hand gestützt als der Fußtritt eines Menschen sie aus ihrem
Nachdenken weckt sie blickt auf und Herrmann steht vor ihr Der Schreck
machte sie sprachlos Herrmann schloss sie in seine Arme Verzeihen Sie Elisa
rief er aus ich entferne mich auf ewig von Ihnen und nur noch einmal will ich
Sie sehen
Elisa Herrmann besser wäre es für uns wir hätten uns nie gesehen
Herrm Elisa gönnen Sie mir nicht einen Augenblick Erleichterung meiner
Leiden
Elisa O Herrmann Diese Sprache darf ich nicht mehr hören Sie wissen nur
zu gut wie sehr Ihr Kummer mich schmerzt
Sie wischte bei diesen Worten eine Träne aus ihren Augen welche sie vor
Herrmann verbergen wollte er sah sie aber ergriff ihre Hand und drückte sie
an sein Herz
O meine sanfte meine süße Elisa Sie lieben mich noch ich fühle in diesem
Augenblicke keinen Kummer Ich nehme den Trost mit mir dass Sie mein bleiben
mein durch das Band ewiger Liebe das kein Mensch trennen soll
Elisa Halten Sie ein Herrmann ich bin Gattin mein Bestreben ist Sie zu
vergessen Wollen Sie mich strafbar machen Sie für den mein Herz so warm
noch schlägt O nein Lassen Sie mir die Freude Sie sehen zu dürfen ohne mir
sagen zu brauchen du bist schuldig
Herrm Kann meine Elisa fürchten dass ich ihre Ruhe aufopfern will Und weiß
ich nicht dass sie diese nur in der Tugend findet Verzeihen Sie wenn mich die
Liebe auf einen Augenblick hinriss Ach kann ich vergessen dass vor wenig
Monden
Hier schwieg er ihre Blicke begegneten sich sie seufzten Beide und
Tränen rollten von Beider Wangen
Elisa Nach einer langen Pause Herrmann der Vergangenheit dürfen wir
nicht mehr gedenken sie verschwand mit ihren Freuden Und in künftigen Jahren
werden auch diese Tage voll Kummer nur noch in unserm Gedächtnisse leben neue
Freuden vielleicht auch neue Leiden werden ihr Andenken verdrängen O dass wir
es jetzt schon tun könnten Mein Herrmann vergessen Sie dass Sie mich liebten
Denken Sie nicht immer an Elisa entreißen Sie sich jeder Erinnerung an sie
die Ruhe wird Ihnen dafür lohnen
Herrm Wohl Elisa ich will Ihrer würdig bleiben Ich will eine
Leidenschaft bekämpfen durch welche ich einst glücklich war O sagen Sie mir
nur noch dass Sie nicht unglücklich sind dann will ich mich vergessen dann
soll der Kummer nicht mehr an meinem Herzen nagen Ihr Glück wird mir Trost
sein
Elisa Ich suche meine Pflichten zu erfüllen urteilen Sie selbst ob ich
unglücklich bin
Herrm Aber Sie weinten Elisa als ich Sie überraschte
Elisa Reicht ihm das Gemälde Dieses war die Ursach meiner Tränen
Übereilung und Zufall hatten mir es wieder in die Hände gegeben und ich bin
noch nicht stark genug um bei dem Anblicke desselben gleichgültig zu bleiben
Herrmann ergreift das Gemälde und bleibt mit seinem Kopfe auf Elisas
Hand liegen
Elisa Nach einer Pause zieht ihre Hand zurück Herrmann wir müssen uns
trennen auch Sie können meinen Anblick nicht ertragen
Herrm Elisa heute zum Letztenmale O nur noch einige Augenblicke
Elisa Wie und warum kamen Sie hierher
Herrm Ich war in Birkenstein gewesen um von meiner Mutter Abschied zu
nehmen denn auch sie werde ich nicht mehr sehen O Elisa wenn Sie nach
Hohnauschloss kommen besuchen Sie die unglückliche Mutter trösten Sie sie wegen
des Verlustes ihres Sohnes sie liebt Sie ja als ihre Tochter Ich verlasse
mein Vaterland vielleicht sehe ich es nie wieder Ich suche nicht Glück unter
einem andern Himmelsstriche aber Ihre und meine Ruhe welche wir nicht erlangen
würden wenn nur wenige Meilen uns trennten Aber mich ewig von Ihnen entfernen
ohne Ihnen noch einmal Lebewohl zu sagen war mir unmöglich Ich wusste dass die
strengste Tugend dieses nicht verdammen könnte und ich flog nach Wallental um
noch einmal Elisa Sie zu sehen Sie die mich einst des Lebens höchste Freuden
kennen lehrten
Elisa Herrmann ich entferne Sie von Freunden und vom Vaterlande Edler
Jüngling Sie suchen meine Ruhe O möchte ich nie sie finden wenn Sie nicht
glücklich werden
Herrm Nichts davon Elisa Ich will nicht murren nicht klagen an Ihrer
Seite Mein künftiges Schicksal sei welches es wolle Ich konnte nur ein Gut
verlieren und
Elisa Auch ich verlor das einzige Gut Herrmann und wir müssen Beide
lernen den Verlust ertragen
Herrm Schreckliche Notwendigkeit Warum stellten Sie sie mir in diesem
Augenblicke vor
Elisa Weil ich nicht vergessen darf was ich bin Wollen Sie zürnen
Herrmann dass ich meine Pflichten mehr liebe als Sie
Herrm Weib Weib Eben Deine Tugend macht meine Liebe unauslöschlich
Elisa Aber die Tugend soll sie auch heiligen soll sie nicht zur
verzehrenden Flamme machen Sie soll wieder Frieden in Deine Seele gießen
Elisas Augen füllen sich mit Tränen eine Pause sie reicht ihm ihre Hand
Reisen Sie jetzt Herrmann Zeit und Zerstreuungen werden Ihre Wunde heilen und
nach Jahren vielleicht werden wir uns wieder umarmen können
Mit stummen Schmerze drückte Herrmann sie an sein Herz Lebe wohl rief er
aus teures ewig geliebtes Weib
Elisa Noch eine Bitte Herrmann gewähren Sie mir Nehmen Sie dieses
Gemälde mit ich darf es nicht länger besitzen Aber Ihr Bild soll als das
Bild eines teuren Freundes ewig in meinem Herzen leben
Er nahm es seufzte drückte noch einen Kuss auf ihre Lippen und flog fort
Ihre Blicke folgten ihm und ihre Tränen flossen als er vor ihnen verschwand
Erst einige Augenblicke war Herrmann fort als Elisa Wallenheim kommen sah er
war an diesem Tage früh zurückgekehrt und hatte Herrmann aus dem Garten kommen
sehen er fand Elisan weinend
Wallenh Wer war das der so eben von Ihnen ging
Elisa Birkenstein
Wallenh Sie scheinen es vergessen zu haben dass Sie mir einst sagten Sie
würden sich immer erinnern dass Sie meine Gattin wären Oder denken Sie nur
daran in meiner Anwesenheit und glauben Sie dass Ihre Pflichten aufhören
sobald ich abwesend bin
Elisa Ich scheine diesen Vorwurf zu verdienen und doch Wallenheim bin
ich noch eben so schuldlos als da Sie mich verließen
Wallenh Vielleicht hatten Sie auch da schon Ihren Geliebten bestellt
Elisa Diese Vermutung ist demütigend für mich nie glaubte ich Sie dazu
berechtiget zu haben Birkenstein kam um Abschied von mir zu nehmen weil er
sein Vaterland verlässt und wenn ich schuldig bin so bin ich es nur dass ich
litt dass er so lange hier verweilte
Wallenh Weil dieses verursachte dass ich ihn gesehen habe und Sie nun Ihre
Zusammenkünfte werden einstellen müssen
Elisa Diese Worte kränken mich nicht Wallenheim das Gefühl der Unschuld
lässt sie mich ertragen
Wallenh Ich bin solche schöne Phrasen von Ihnen gewohnt und um dass Sie
diese erhabene Theorie desto leichter in Ausübung bringen mögen so verbiete ich
Ihnen so lange wir noch in Wallental sind Ihr Zimmer zu verlassen Ihre
Spatziergänge geben Anlass zu Begebenheiten welche nicht meinen Beifall haben
Elisa Könnte ich doch durch die willige Aufopferung dieses Vergnügens Ihnen
beweisen wie bereit ich immer sein werde jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen
Wallenh Kalt Heute haben Sie dazu den Anfang nicht gemacht doch soll es
mich freuen wenn es in der Folge geschieht
Er verließ hierauf Elisan und sie ging zurück in ihr Zimmer sie sah ihn
an diesem Abend nicht mehr und am andern Morgen reiste er weg ohne Abschied
von ihr zu nehmen und war einige Tage abwesend Geduldig ertrug sie diese
Begegnung Es waren noch einige schöne Herbstage sie genoss ihrer nur an ihrem
Fenster aber sie murrte nicht sie schrieb hierüber folgendes an ihre
Henriette
»Noch einmal habe ich Herrmann gesehen noch einmal mich von ihm getrennt
O Henriette ich konnte den Schmerz nicht unterdrücken ich konnte nicht
gleichgültig scheinen aber doch dachte ich an meine Pflichten und gewiss
Empfindungen die wir nicht zu erregen suchen die wir aber doch unwillkürlich
hegen können uns nicht schuldig machen Herrmann wird mir immer der teuerste
von allen Männern sein Meine Leidenschaften werde ich bekämpfen aber das
innige Gefühl der Achtung ein lebhaftes Interesse an seinem Schicksal werden
immer gleich stark in mir sein Und doch werde ich mich als Gattin nicht
schuldig finden weil ich stets über mich wachen werde um diese Empfindungen
nicht zu stark werden zu lassen Sie sind unwillkürlich sie gründen sich auf
Tugend auf gegenseitige Achtung und Übereinstimmung aber die Vernunft soll
sie leiten und Festigkeit im Charakter wird mich der Liebe und der Sinnlichkeit
widerstehen lassen So kann ich ohne Gefahr Empfindungen hegen welche zu stark
sind als dass ich sie gänzlich unterdrücken könnte aber gewiss hätte ich nicht
den festen Vorsatz alle meine Pflichten genau zu erfüllen und alles zu
entfernen was mich daran hindern könnte so würde ich fürchten dass Liebe unter
der Larve von Achtung und Freundschaft in meinem Herzen versteckt bliebe und
mich endlich durch Sophistereien welche die Sprache der Vernunft und Tugend
entlehnen von meinen Pflichten entfernte So gefährlich ist es wenn wir einem
andern Manne in unserm Herzen den Vorzug gewähren O das Weib welches dieses
weiß und sich nicht täglich prüft nicht eine beständige Aufmerksamkeit auf sich
selbst und auf ihre geheimsten Empfindungen hat wird endlich selbst mit den
besten Grundsätzen mit Anhänglichkeit an Tugend und an ihre Pflichten doch von
ihnen entfernt sie wird ihre Stimme nicht mehr hören wenn sie vernachlässiget
hat die Liebe zu bekämpfen Ich meine Henriette will mir diesen Vorwurf nie
machen Nachsicht gegen mich selbst werde ich mir nie erlauben sie ist immer
Schwachheit
Wallenheim glaubt mich schuldig er hat Herrmann weggehen sehen und hat mir
verboten mein Zimmer zu verlassen so lange wir noch in Wallental wären und
ich lebe jetzt gleich einer Gefangenen Aber ich verzeihe Wallenheim der
Schein war wider mich und an Tugend glaubt er nicht Er ist jetzt abwesend ich
könnte sein Gebot überschreiten und wenn ich es den Bedienten verböte so
würden sie mich nicht verraten denn sie lieben mich aber ich würde mich in
ihrer Achtung heruntersetzen mich einigermaßen von ihnen abhängig machen und
der Ruf zuweilen die Ruhe eines Weibes hängen von der Meinung ihrer Leute und
von dem was sie von ihr sagen ab Die unschuldigste Handlung wenn wir ihr den
Anstrich des Geheimnisses geben bekommt den Anschein der Schuld und gibt zu
falschen Mutmaßungen Anlass man sollte dieses immer vermeiden O wie viel
Vorsicht muss man in der Ehe anwenden wenn man sich stets in der Achtung seines
Gatten und seiner Untergebenen erhalten will Und dieses ist notwendig zum Wohl
der ganzen Familie
Ich kann Dir nicht sagen mit welcher Empfindung ich jetzt an meinem Fenster
die Luft einatme welche ich unter dem freien Himmel nicht genießen darf Es
ist ein gemischtes Gefühl von Ruhe und Traurigkeit eine dunkle Empfindung von
Abhängigkeit und dann wieder das Bewusstsein ich verdiene diese Begegnung
nicht O dann scheint mir der Himmel heiterer zu sein Mein Herz schlägt mir
vor Freude es erhebt sich es blickt mit Gleichgültigkeit auf alle
Begebenheiten des Lebens denn es fühlt dass etwas in ihm ist welches es über
sie erhebt und es mächtiger macht als das Schicksal Henriette es ist mir
ein tröstender Gedanke dass so lange ich der Tugend anhänge ich standhaft sein
werde alle Widerwärtigkeiten zu ertragen Dank der gütigen Vorsicht dass mein
Platz in der Reihe der Geschöpfe so war dass meine Seele zum Guten gebildet
werden konnte Jeder Umstand meiner Jugend welcher meinem Geiste eben diese
Bildung gab war eine Quelle immerwährender Zufriedenheit für mich und ohne
Furcht blicke ich in die Zukunft welche mir trübe scheint«
Mit eben der Ruhe empfing Elisa ihren Gatten als er zurück kam sie freute
sich in der Tat, ihn wieder zu sehen und ihre Blicke sagten es ihm Sie
verdoppelte nun ihr Bestreben ihm zu gefallen und jeden Argwohn von ihm zu
entfernen aber kälter als sonst war jetzt Wallenheim gegen seine Gattin
Nach einigen Wochen schrieb Elisa wieder an Henrietten
»Ich habe Dich immer von meinem Schmerz unterhalten nimm auch heute Teil
an meiner Freude Henriette es öffnen sich mir Aussichten des Glucks Ich kann
noch wieder vergnügt und heiter werden wie ich es in meinen glücklichen Tagen
in Hohnauschloss war Doch ich muss Dir die Veranlassung meiner Freude erzahlen
Wallenheim war seitdem er zurückgekommen mürrischer noch als zuvor oft
vergingen Tage ohne dass wir zusammen sprachen denn er antwortete mir nicht auf
meine Fragen und schien mich nicht zu hören wenn ich mit ihm sprach Ich
verdoppelte nun meine Aufmerksamkeit und meine Gefälligkeiten gegen ihn ich
bedauerte ihn aufrichtig denn wie viele Freuden des Lebens muss er entbehren da
er seine Seele vor allen den Empfindungen verschließt welche sie uns genießen
lassen Diese Betrachtung machte mich nachsichtig gegen ihn Ich verziehe ihm
denn ich fühlte dass obgleich eingeschlossen obgleich getrennt von allen die
ich liebe fast von aller menschlichen Gesellschaft ich doch noch glücklicher
war als er
Gestern Abend war er mürrischer als gewöhnlich zurückgekommen stumm und
verdrießlich saß er in meiner Stube auf dem Sofa und schien mich kaum zu
bemerken ich ging an das Klavier spielte und sang eine Arie deren Melodie
sanft einnehmend un fröhlich war sie erregte Wallenheims Aufmerksamkeit Als
ich dieses bemerkte wiederhohlte ich sie und er stellte sich nun hinter meinen
Stuhl Wie ich geendigt hatte bat er mich fortzufahren Man kann Sie nicht ohne
Vergnügen hören sprach er Ich wählte nun lauter Stücke von gefälliger Melodie
und bestrebte mich meinen Vortrag angenehm zu machen er blieb neben mir
stehen wurde heiter wir scherzten zusammen endlich umarmte er mich und
sagte Ich danke Ihnen Elisa Sie haben meine Launen weggespielt Ich fühle
dass ich heute diese Aufmerksamkeit von Ihnen nicht verdiente Ich erwiderte
seine Umarmung Möchte ich doch immer so glücklich sein Wallenheim Ihnen jeden
Verdruss vergessen machen zu können Gewiss dieses sollte die angenehmste
Beschäftigung meines Lebens werden Er küsste meine Hand Sie sind ein liebes
gutes Weib ich erkenne es dass ich oft Ihrer Nachsicht bedarf
Ich lächelnd Und glauben Sie nicht Wallenheim dass ich nicht auch auf die
Ihrige rechne O ich bin zu eigennützig um etwas unentgeldlich zu geben
Er lachte küsste mich und sagte Ich kenne Sie und mich genug um mutmaßen
zu können dass ich Ihr Schuldner bleiben werde So scherzten wir noch einige
Zeit wir setzten uns auf den Sofa und zum Erstenmale wurde unser Gespräch
vertraulich Ich hatte schon lange einen Plan gehabt zu dessen Ausführung aber
ich Wallenheims Einwilligung bedurfte ich entdeckte ihn ihm und er willigte in
mein Verlangen O wie viele Freuden schenkte er mir mit dieser Einwilligung Du
weißt Henriette dass es immer mein Wunsch war die Zahl der Unglücklichen
vermindern zu können meine Lage setzt mich in den Stand ihn zum Teil in
Erfüllung zu bringen und ernstlich dachte ich seitdem ich in Wallental bin
auf Mittel meinen Mitgeschöpfen nützlich zu werden Ich sah stets mit Abscheu
und Mitleiden auf die Elenden welche auf unsern Landstraßen und in unsern
Dörfern wimmeln und welche niederträchtig genug sind lieber vom Allmosen als
von ihrer Hände Arbeit zu leben Zum letzten Grade der Sittenverderbniss ist
diese Menschenklasse gesunken sie vereinigen mit der Roheit des ungesitteten
Menschen alle Laster und Ausschweifungen gebildeter Nationen Bei ihrem Anblicke
trauert man dass die Menschheit so tief sinken kann Aber noch stärker wird
dieses Gefühl wenn man auf ihre Kinder blickt sie von der Natur mit allen
Anlagen zum Guten begabt und durch ihre Geburt zum Laster und Elende verdammt
sieht O ihr Menschenfreunde Generationen dem Laster und dem Elende entziehen
dieses müssten eure Bemühungen sein Hierauf Regenten Minister müsste eure
Sorgfalt gerichtet sein Es sind Menschen diese unglücklichen Kleinen welchen
die Natur gleiche Rechte mit Euch gab Menschen welche zu jedem Großen und
Edlen fähig sind deren Kräfte zum Nutzen ihrer Mitbürger gebraucht werden
können aber eure Nachlässigkeit erstickt jede Anlage zum Guten in ihnen und
macht sie unter der Leitung ihrer Eltern gleich ihnen zum Abschaum der
Menschheit
Einen Teil dieser Kinder will ich dem Verderben entziehen und sie zu
nützlichen Mitbürgern machen Noch in diesem Jahre lasse ich ein Gebäude für sie
aufführen und werde dann zehn Kinder fünf Knaben und fünf Mädchen erziehen
lassen Ich werde sie alle in einem Alter von zehn Jahren annehmen und bis in
ihr sechszehntes sollen sie in diesem Erziehungshause bleiben die Knaben sollen
Handwerke oder Feldarbeiten und die Mädchen alle Arbeiten lernen welche sie in
den Stand setzen sich ihren Unterhalt zu verschaffen Sie sollen in den
Kenntnissen unterrichtet werden welche für ihren Stand erforderlich sind und
unter der Aufsicht eines vernünftigen Mannes und eines vernünftigen Weibes
stehen Außer den Kosten welche die ersten Einrichtungen erfordern wird diese
Anstalt nicht sehr kostbar werden das Gehalt des Mannes und des Weibes wird
nicht sehr groß sein da sie freie Wohnung und freien Unterhalt bekommen und
ein Garten der neben dem Gebäude sein wird und den sie selbst bestellen
sollen wird sie fast hinlänglich mit Lebensmitteln versorgen die Mädchen und
auch die Knaben welche keine Handwerke lernen werden für uns arbeiten So
werde ich alle sechs Jahre mit wenigen Kosten welche vielleicht nur das Opfer
einiger neuer Kleider und einiger neuer Moden erfordern zehn Menschen dem
Elende entziehen und sie vielleicht auf ihr ganzes Leben beglücken O
Henriette welche beseligende Aussicht welch ein frohes Gefühl wartet meiner
mein ganzes Leben hindurch Könnte ich es doch allen Menschen begreiflich
machen Sie würden gewiss alle die Kleinigkeiten die sie beschäftigen mit dem
Wonnegefühl vertauschen welches sich in uns regt wenn wir uns sagen können
ich habe Menschen beglückt
Aber auch das sinkende Alter will ich unterstüzzen Ruhe will ich auf die
letzten Tage des Greises verbreiten Er soll noch einmal lächeln der
Unglückliche welcher sein Leben durchweint hat Ich lasse in Wallental noch
ein Haus bauen welches zehn Stuben enthalten soll alte dürftige Männer und
Weiber nehme ich hier auf zu jeder Stube soll ein kleiner Garten sein und alle
Woche werde ich ihnen alles was zu ihrem Unterhalt erforderlich ist austeilen
lassen und jedesmal wenn durch den Tod eines von ihnen eine Stelle ledig wird
soll ein anderer Unglücklicher sie ersetzen Ich selbst werde die Aufsicht über
dieses alles haben ich selbst werde das Lager des Greises und die Wohnung der
Kinder besuchen
Und dieses alles auszuführen hat mir Wallenheim erlaubt im künftigen
Frühjahre werden die Gebäude fertig sein dann eile ich nach Wallental und im
Schoss der gütigen Natur will ich indem sie Segen auf alle Sterblichen
schüttet am Glücke Einiger meiner Mitmenschen arbeiten
Lebhaft und innig war mein Dank gegen Wallenheim seitdem ich Hohnauschloss
verließ brachte ich noch nie einen so glücklichen Abend zu Wallenheims Güte
machte mich beherzt ich hatte bemerkt dass er sich wenig um seine
Angelegenheiten bekümmerte er hatte die Verwaltung seines Vermögens und seines
Landguts einem Menschen übertragen welcher mir nicht dieses Vertrauens würdig
schien ich hatte Nachlässigkeiten und Betrügereien entdeckt Ich sagte ihm
dieses und bat ihn mir diese Verwaltung zu überlassen Ich versicherte ihm dass
alle Geschäfte durch welche ich ihm Vorteil verschaffen könnte mir angenehm
sein würden Nun sagte er lächelnd so setze ich Sie als meinen Sachwalter ein
schalten Sie mit meinem Vermögen wie Sie wollen ich will keine Rechenschaft
fordern Ich habe auch heute schon angefangen mir von dem Verwalter dem
Wallenheim den Abschied geben wird alle Rechnungen und einen Bericht von
Wallenheims Angelegenheiten geben zu lassen
Zwar besitze ich zu solchen Geschäften weder Erfahrung noch die
erforderlichen Kenntnisse allein Ordnung Achtsamkeit und Fleiß sollen sie bis
ich sie erlangt habe ersetzen Die Aufsicht auf die häuslichen Angelegenheiten
ist eine der ersten Pflichten des Weibes Wenn ich in der Reihe der Geschöpfe
keins erblicke dessen Dasein ohne Nutzen ist und ich sehe dann so viel Weiber
welche nichts zu dem großen Zwecke der Schöpfung Nutzen zu verbreiten
beitragen welche unbekümmert ihrer selbst ihrer Familie und ihrer Mitmenschen
dahin leben und der Bildsäule gleichen welche nur zum Beschauen nicht zum
Wirken dasteht o dann seufze ich über unser Geschlecht Solch ein Weib
erniedriget sich unter die Ameise welche für ihre kleine Wohnung und ihre
Nahrung sorgt Sehr eingeschränkt ist die Sphäre des Weibes weit erstreckt sich
ihr Wirkungskreis nicht aber sehr groß kann der Nutzen sein den sie in diesem
stiften kann und gewiss ist die Leitung der innern Wirtschaft und aller
häuslichen Angelegenheiten wenn der Mann solche vernachlässiget nicht einer
der geringsten Wie könnte ich Wohltaten erweisen wenn ich nicht zu gleicher
Zeit auf die Erhaltung unsers Vermögens bedacht wäre Verschwenderisch und
strafbar würde ich alsdann werden Nein ihr Unglücklichen Eure Hilfe euer
Beistand zu bleiben muss ich Wirtschafterinn sein und mit tätigem Fleiße
unsere Angelegenheiten besorgen Auch meines Mannes Achtung werde ich dadurch
gewinnen O wie viele Bewegungsgründe sind dieses nicht auch diese Pflicht
redlich zu erfüllen
Wir bleiben bis im Dezember hier und so schrecklich mir diese Einsamkeit
auch im Anfange war so ist es mir doch jetzt angenehm dass wir unsern
Aufenthalt noch nicht sobald verändern Diese Stille stimmt mit meinen
Empfindungen überein mich dünkt ich bin hier freier und heiterer als ich es
in B sein würde Nur der Glückliche kann im Geräusche der Welt Vergnügen
finden der Unglückliche fühlt da zu sehr dass er der Freude entsagen muss und
die welche ich mir bereite finde ich in Wallental Gern bliebe ich unter den
Eulen welche unsre Wohnung umgeben den ganzen Winter hier ihr Klagelied ist
mir nicht mehr traurig es lässt mich empfinden dass vielleicht kein Unfall ist
der mir ganz meine innere Zufriedenheit rauben könnte Mit diesem Gefühl
Henriette gibt es Augenblicke in welchen ich mich glücklich preise denn ich
erkenne dass es das Loos aller Sterblichen ist Widerwärtigkeiten zu erfahren
aber nur Wenige haben gelernt sie zu ertragen nur Wenige sehen standhaft dem
Sturm entgegen der nur den Mutlosen gänzlich unterdrückt Meine Bemühungen
sollen immer sein meine Schwäche zu bekämpfen damit ich immer standhaft dem
Schicksal entgegen lächeln kann«
So blieb Elisa sich stets gleich immer bestrebte sie sich auch die
kleinsten ihrer Pflichten zu erfüllen und nie dehnte ein Weib solche mehr aus
als sie Ihre Aufmerksamkeit ihre Gefälligkeit gegen Wallenheim vermehrte sich
mit jedem Tage und mit Wachsamkeit und tätigem Fleiße ordnete sie ihre innere
Wirtschaft und alle häusliche Angelegenheiten Innere Ruhe und das Vergnügen
Wallenheim weniger mürrisch weniger unzufrieden zu sehen waren ihr Lohn So
reisten sie nach B Stolz Liebe zur Pracht und zum Spiel führten Wallenheim
in glänzende Gesellschaften in welchen er übrigens kein Vergnügen fand und
bewogen ihn auch in seinem Hause viele Leute zu sehen Elisa empfand einen
Widerwillen gegen diese Lebensart Ihr Geist fand in den rauschenden glänzenden
Zirkeln keine Unterhaltung und ihnen musste sie Beschäftigungen aufopfern
welche ihr Vergnügen gewährten allein nie verriet ein Wort eine Miene ihr
inneres Missvergnügen Wallenheim wollte es und dieses war genug um jede
Unzufriedenheit in ihr zu unterdrücken und mit eben der heitern Miene mit
welcher sie einsam in Wallental ihn empfing wenn er den Tag abwesend gewesen
war folgte sie ihm jetzt in die glänzenden Versammlungen wo sie wusste dass sie
Langeweile fand welche jedoch kein Sterblicher auf ihrem Gesichte las Edel und
offen war der Anstand mit welchem sie in ihrem Hause die Leute empfing ihre
Miene ihr Wesen schien einem Jeden zu sagen dass sie sich freute ihn zu
sehen selbst dann wenn sie gern den rauschenden Zirkel mit ihrem einsamen
Zimmer vertauscht hätte Aber auch mit eben der Sorgfalt als in Wallental
ordnete sie in B ihre häuslichen Angelegenheiten auch nicht der kleinste
Umstand entging ihrer Aufmerksamkeit und nicht die geringste Nachlässigkeit
erlaubte sie sich denn sie war zu sehr überzeugt dass diese immer größere nach
sich ziehen Wallenheim war seit dem sie in B waren wieder kälter und
zurückhaltender gegen sie seine Geschäfte und andere Gegenstände entfernten ihn
dort mehr als in Wallental von ihr Er kannte die Tugenden seines Weibes
allein ihre Seele war über die Seinige zu erhaben als dass er in ihr jene
Übereinstimmung gefunden hätte welche die Herzen vereiniget und zwei Wesen
gegenseitig mit dem süßesten Gefühle erfüllt
Man sah bald dass Elisa ihrem Gatten gleichgültig war und ungeachtet aller
ihrer Aufmerksamkeit gegen ihn bemerkte man doch dass auch sie nicht viel mehr
für ihn empfand Elisa war jung schön und wurde von ihrem Gatten
vernachlässiget wie viel Gründe um bald ein Heer junger Stutzer um sie zu
versammeln und auch den gefühlvollen Mann zu ihr zu führen der den Wert des
liebevollen Weibes erkannte und empfand Allein Elisa welche ihre Pflicht
als Gattin selbst in Herrmanns Anwesenheit nicht vergessen hatte entfernte
durch Ernst und Würde diejenigen welche ihr den Hof machten Sie hielt diesen
Zeitvertreib wenn er auch nicht zu sträflichern Folgen leitete doch eines
Weibes unwurdig Die kleinen weiblichen Koquetterien machen das Weib zum
Zeitvertreib des Mannes aber sie entsagt durch sie der Achtung auf die sie
Anspruch machen kann Bald hört sie auf die Männer zu belustigen allein das
Andenken an das Vergangene löscht sie nicht aus sie werden sie immer als eine
Puppe betrachten mit der sie spielten so lange es ihnen gefiel Wie natürlich
also dass Geringschätzung jetzt die Stelle ihrer vorigen scheinbaren Anbetung
einnimmt und ihr die Ehrfurcht versagt wird welche das tugendhafte Weib jedem
Manne einflößt So dachte Elisa und ihre Anbeter verehrten sie indem sie sie
entfernte denn es war nicht die stolze Spröde sondern das ihrer Würde sich
bewusste Weib welches durch Sanftmut sie abwies Auch sah sie nicht mehr einen
Hof Verehrer um sich allein ihr Name erweckte Ehrfurcht und man näherte sich
ihr mit der Achtung welche man selbst unwillkürlich der Tugend zollt Und
selbst die Weiber sagten von ihr sie ist eine liebenswürdige Frau Elisa
unbekümmert dessen was man von ihr sprach entfernt von der Begierde zu glänzen
oder Bewunderung zu erwecken erfüllte treu ihre Pflichten und wurde dadurch
nur noch verehrungswürdiger Folgendes schrieb sie an Henrietten nachdem sie
einige Wochen in B gewesen war
»Meine Henriette schon bin ich vier Wochen in B und noch habe ich Dir
keine Nachricht von mir gegeben Glaube aber ja nicht dass die rauschende
Lebensart welche ich hier führe mich Dich vergessen lässt O nein meine
Henriette Eben in den glänzenden Zirkeln empfinde ich recht lebhaft dass ich
einer Freundin beraubt bin Ich sehe hier so viele Gesichter bin von so vielen
Wesen umringt aber alle lassen eine Leere in meinem Herzen zurück Es dünkt
mich immer wenn ich unsre großen Gesellschaften besuche ich komme unter eine
Anzahl sich bewegender Bildsäulen welche alle durch eine einzige Maschine
aufgezogen sind die ihre Bewegungen leitet so viel Gleichförmigkeit haben hier
die Menschen in ihrem Wesen denn indem sie sich von der Natur entfernen
entfernen sie sich auch von der Eigentümlichkeit des Charakters welche in
großen Gesellschaften allein Annehmlichkeit verbreiten könnte und sie durch
ihre Verschiedenheit für den Beobachter anziehend machen würde Allein so wie
man bei einem jeden in seiner Kleidung die herrschende Mode findet so haben
auch der Ton das Wesen die Manieren dieselbe Gestalt hier und da mit einigen
kleinen Abänderungen und dieses gibt den Menschen das Leblose macht die
Gesellschaften langweilig verbannt aus ihnen alle geistige Unterhaltungen um
schalen Witz und schönen Unsinn an ihre Stelle zu setzen Zwar bin ich
überzeugt dass manches vernünftige Weib mancher kluge Mann sich in diesen
Zirkeln befindet allein nur eine nähere Bekanntschaft kann jene bessere
Eigenschaften uns entwickeln denn wenn man auch in großen Gesellschaften sich
nicht vom Strom hinreißen lässt nicht spricht wie der gemeine Haufen so spricht
man doch nichts anders man schweigt oder spricht von gleichgültigen Dingen um
sich nicht zu unterscheiden und nur ein Zufall kann uns mit den wenigen
Personen welche in der großen Welt durch Kopf und Herz sich unterscheiden
bekannt machen Ich suche diese Gelegenheiten nicht Zwar bin ich nicht
unempfindlich gegen das Vergnügen welches der Umgang und die Unterhaltung
kluger Personen gewährt allein ich besitze jetzt nicht die gehörige Heiterkeit
und Unbefangenheit um an solchen Gesprächen Teil zu nehmen Die natürliche
Unterhaltung mit einer Freundin würde jetzt meinem Herzen wohltun Wenn ich
ganze Tage dem Zwange der Langeweile und allen den leeren Beschäftigungen
welche die Gesellschaft von uns fordert aufgeopfert habe o wie glücklich
würde ich dann sein einige Augenblicke in den Armen der Freundschaft zu ruhen
ihr meine Empfindungen mitzuteilen und der immer erneuerten Wonne zu genießen
welche Freundschaft und Liebe zwei Seelen die sie verbunden haben empfinden
lassen Wie glücklich ist das Weib welches dieses in dem Gatten findet
Welches bei den Unannehmlichkeiten des Lebens durch das Vertrauen durch die
Liebe ihres Freundes gestärkt wird sie mit frohem Mute zu ertragen und in
seinen Blicken Vergessenheit mancher trüben Stunden findet O Ihr die ihr in
freundschaftlicher Übereinstimmung zusammen die Bahn des Lebens durchwandertet
sprecht war euch eure Liebe eure gegenseitige Teilnehmung an dem
gemeinschaftlichen Schicksal kein Trost in den Widerwärtigkeiten die euch
trafen Und wenn er es war O so gönnt ihn auch euren Kindern Gebt ihnen den
Gefährten an dessen Seite die Freude höher ihre Wangen färbt ihr Herz
entzückender klopfen und das Leiden seine Gewalt sie minder fühlen lässt
Weniger als je herrscht diese Freundschaft diese Vertraulichkeit zwischen
Wallenheim und mir wir sind einander hier wieder so fremd er sieht mich so
wenig und diese Entfernung von einander erzeugt in ihm wieder die Kälte gegen
mich welche in Wallental sich zu verlieren schien Männer welche es sich zum
Geschäft machen gleich einer Biene um jede Blume zu sumsen haben mich trösten
wollen selbst einige welche Verdienste besitzen und nicht gleich den Gecken
jedem Frauenzimmer den Hof machen aber doch der Denkungsart der großen Welt
beitreten welche die Liebeshändel einer Frau mit dem Namen Galanterien belegt
und diese ganz untadelhaft findet haben auch die Zahl meiner Anbeter vermehrt
Aber Henriette Herrmanns Bild mit so starken so liebenswürdigen Zügen in
meinem Herzen eingegraben lässt mich nicht fürchten dass ich meine Pflichten
vergessen werde Zwar hoffe ich dass wenn ich auch nicht so liebte dass keine
andere Liebe sich mehr in mein Herz einschleichen kann weil mein Herz ohne es
zu wollen Vergleichungen anstellt und mir dann zuflüstert Herrmann bleibt von
allen diesen Männern der edelste der liebenswürdigste dass ich diesem
ungeachtet doch den Namen Gattin nicht entweihen würde Allein mehr auf meiner
Hut würde ich sein Die Gecken fürchte ich nicht aber der Mann von Gefühl
könnte mich empfindlich finden ihn würde ich vermeiden Ich glaube nicht dass
das Band der Ehe uns unempfindlich macht besonders wenn die Liebe es nicht
geknüpft hat aber eine Neigung zu einem Andern unterhalten ist strafbar weil
wir ihre Gränzen nie bestimmen können weil sie bald in uns zur heftigen
Leidenschaft wird die Befriedigung fordert und zu fehlerhaften Handlungen uns
verleitet Ja ich würde bei dem Bestreben des angenehmen des verdienstvollen
Mannes mir zu gefallen mich fragen Hat er auch keinen Eindruck auf Dich
gemacht Ich würde wenn es wäre diesem entgegen arbeiten ich würde ihn
fliehen Lache nicht Henriette die Flucht verrät vielleicht Schwachheit
allein Misstrauen in uns selbst kann uns Leidenschaften besiegen lassen und wird
uns immer verhindern ihnen zu unterliegen Doch das Andenken an Herrmann an
seine Liebe wird nie in meinem Herzen erlöschen Rein schuldlos war seine
Liebe O es gibt noch Augenblicke in welchen diese Erinnerung mich
entzückt Nie werde ich sie mit dem Bewusstsein einer strafbaren Leidenschaft
vertauschen Unschuld erhöhete das entzückende Gefühl welches an Herrmanns
Seite mich beseligte sie ist es welche noch heute mir diese Ruhe einflößt
wenn ich an ihn denke die selbst dieses Andenken nicht zum Verbrechen macht Ja
wenn ich ihn gleich immer noch liebe so ist meine Seele doch noch eben so
schuldlos denn wäre er hier er würde seine und meine Leidenschaft bekämpfen
ich würde mich in Wallenheims Arme werfen und mir sagen Ich bin seine Gattin
Mit diesem Gefühl wird jeder andere Mann mir gleichgültig bleiben und jede
andere Liebe verwerflich weil ich mit ihr nicht Unschuld und Tugend vereinigen
könnte«
Elisa verlebte nun den Winter auf die Art wie sie ihn angefangen hatte
Wallenheim und sie veränderten Beide nichts in ihrem Betragen er abwechselnd
freundlich mürrisch kalt sie immer aufmerksam ihm zu gefallen immer sich
bestrebend jedem seiner Wünsche zuvorzukommen nie hörte er von ihr eine Klage
oder einen Vorwurf nie sah er Ihre Stirne sich runzeln er fand immer in ihr
das gelassene heitere gefällige Weib und oft sagte er es sich dass Elisa die
Erste der Weiber wäre Der Frühling kam Elisa bat ihren Gatten mit ihr nach
Wallental zu reisen damit sie dort die erste Einrichtung ihrer wohltätigen
Anstalten treffen könnte Er schlug es ab doch erlaubte er ihr allein
hinzureisen Froh einmal wieder im Schoss der Natur der Freiheit und der Wonne
zu genießen welche ihre mannichfaltigen Szenen im Herzen des gefühlvollen
Bewunderers erwecken und Jahre voll Zwanges vergessen machen können reiste
Elisa von B Sie hatte ihrer Mutter und Karolinen geschrieben und sie
gebeten Henrietten zu erlauben zu ihr nach Wallental zu kommen und Beide
Elisa und Henriette langten an demselben Tage dort an Mit welchem Wonnegefühl
schlossen sie einander in die Arme Meine Henriette Meine Elisa stammelten
Beider Lippen und innig empfanden sie das süße Glück des Wiedersehens welches
nur empfunden nie beschrieben werden kann Sie blieben vierzehn Tage in
Wallental dieses waren frohe Tage für Elisan An der Seite ihrer Henriette
beschäftigt Nutzen und Glück zu verbreiten atmete ihre Seele die reine Wonne
ausübender Tugend und genoss des ruhigen befriedigenden Genusses der
Freundschaft in seinem ganzen Umfange Ohne Mühe hatte sie von den
herumziehenden Bettlern zehn Kinder erhalten alle in einem Alter von zehn
Jahren Sie ließ sie kleiden und in sechs Tagen waren sie alle in dem für sie
bestimmten Hause eingerichtet Sie ordnete ihre Beschäftigungen und ihren
Unterricht welcher stets noch unter den Landleuten und niedrigen Einwohnern der
Städte so sehr vernachlässiget wird Aber indem Elisa sich mit dem Glück der
blühenden Jugend beschäftigte vergaß sie nicht das leidende Alter Ruhe und
Bequemlichkeit suchet der Mensch am Ende seiner Laufbahn und zehn Greise
sollten sie in Wallental finden Schon waren in dem Hause der Greise neun
Stuben bewohnt aus welchen Elisan Segen und Dank entgegen strömten als sie an
einem Morgen mit Henrietten in dem an der Landstraße gelegenen Tannenwalde
spazieren ging Ein klägliches Rufen O meine Tochter meine Tochter erregte
bald ihre Aufmerksamkeit Es ist das Geschrei eines Unglücklichen rief Elisa
lass uns zu ihm eilen Henriette Sie gingen nun dahin von wo der Schall kam
und sahen einen Greis ein Bild des Jammers An Kräften erschöpft war er auf
den Rasen gesunken und helle Tränen tröpfelten in seinen eisgrauen Bart Ach
meine Tochter du musst sterben rief er wieder Er schien seine Seele mit diesen
Worten auszuhauchen er rang seine Hände und blickte langsam empor gen Himmel
Jetzt hatten Elisa und Henriette sich ihm genähert er erblickte sie und
versuchte aufzustehen allein seine Schwäche fesselte ihn an den Boden
Elisa Bleib er sitzen guter Alter er scheint müde zu sein er muss erst
ausruhen
Greis Seufzt Ach gnädige Frau ich werde wohl hier die ewige Ruhe
finden Ich habe lange genug gelitten und doch wenn der Himmel nur noch ein
Paar Tage mein Leben gefristet hätte
Elisa Er ist unglücklich guter Mann o sage er mir was Menschenhülfe
tun kann ihn zu unterstützen und ich will suchen die letzten Tage seines
Lebens frei vom Kummer zu machen
Greis Faltet seine Hände Gott ich danke dir du sendest mir einen
Retter Zu Elisan O gnädige Frau noch nie flehete ich um Allmosen aber
heute heute muss ich Er bricht in Tränen aus welche ihn verhindern weiter
zu sprechen
Elisa Gerührt setzt sich neben ihn Beruhige er sich guter Alter Es
ist ja keine Schande dürftig zu sein
Greis Ach gnädige Frau und doch blicken so viel Menschen auf den Armen
mit Verachtung Aber meine Tochter wenn ich nur die retten könnte
Elisa Wo ist sie mein Freund ich will sie holen ich will ihr Hilfe
erteilen
Greis Wir wohnen anderthalb Meilen von hier nahe bei Dunkelwalde schon
seit acht Tagen ist meine Tochter krank und seit einigen Tagen so schlecht dass
ich gestern glaubte sie würde sterben Da wollte ich nun heute in die Stadt
gehen zu dem Doctor und auf den Knien ihn bitten zu meiner Tochter zu kommen
aber es ist noch eine Meile von hier und ich habe gestern und heute nichts
gegessen ich konnte nicht mehr
Neue Tränen hemmten wieder seine Sprache Elisa sprang auf Bleibe bei ihm
Henriette ich bin gleich wieder hier Sie eilte nun zu Hause ließ einen Wagen
anspannen befahl dass sogleich ein anderer in die Stadt fahren sollte um den
Arzt zu holen nahm eine Bouteille Wein und Brod mit sich und kehrte zu dem
Greise und Henrietten zurück
Elisa Schenkt ein Glas Wein ein und reicht es dem Greis Trink er guter
Alter Ich habe auch etwas Brod mitgebracht stärke er sich erst dann wollen
wir zusammen zu seiner Tochter fahren und sie hierher holen ich habe auch
schon nach dem Arzte geschickt
Greis Nimmt das Glas Gnädige Frau ich kann Ihnen nicht danken Aber
Gott Du siehst mein Herz
Elisa Guter Greis wenn nur seine Tochter wieder hergestellt wird und er
noch einige Zeit zufrieden in unserm Dorfe lebt das wird mir Danks genug sein
Greis Blickt dankbar gen Himmel Gütiger Vater ich will nicht mehr
klagen da es noch solche gute Menschen auf deiner Erde gibt
Der Greis fühlte sich gestärkt die Hoffnung seine Tochter ins Leben
zurückzurufen belebte ihn Er stand auf Elisa leitete ihn selbst zum Wagen
setzte sich mit ihm und Henrietten hinein und befahl dem Kutscher so
geschwinde als möglich zu fahren Der Greis saß nun da mit gefalteten Händen
mit Tränen im Auge seine Blicke bald auf Elisan bald gen Himmel gerichtet
Elisa Nach einer Pause Guter Alter ich segne heute meinen Spatziergang
O wie will ich mich freuen wenn wir erst bei seiner Tochter sein werden
Aber sage er mir ist er schon lange mit der Dürftigkeit bekannt
Greis Über die Hälfte meiner Tage waren Tage der Leiden für mich Die
Geschichte meines Lebens mag dieses beweisen wenn die gnädigen Frauen sie
anhören wollen
Elisa und Henriette Zugleich Gern guter Alter
Greis Mein Vater war Kaufmann in B von Geburt ein Franzose welcher aus
Liebe zu meiner Mutter durch welche er auch in den Besitz eines geringen
Vermögens gekommen war sich in B niedergelassen hatte Sein Handel war nicht
sehr ausgebreitet und seine VermögensUmstände nur mittelmäßig er machte also
keine Einwendung gegen mein Verlangen das Tischlerhandwerk zu erlernen zu
welchem ich viel Neigung hatte denn er war nicht reich genug mich zum Handel
bestimmen zu können da ich nicht sein einziger Sohn war sondern noch einen
Bruder und eine Schwester hatte Ich hatte schon ausgelernt als mein Vater
banquerott machte Wir gerieten nun in die äußerste Armut Mein Großvater
lebte noch in Frankreich und mein Vater beschloss dass ich hinreisen und von
ihm einige Hilfe erflehen sollte Ich musste einige Monate arbeiten um mir
einiges Reisegeld zu verschaffen und ich ging dann nach Hamburg wo ich mich an
Bord eines französischen Schiffes begab Dieses Schiff sollte im Hafen von
Marseille einlaufen allein im mittelländischen Meere erreichte uns ein
Algierischer Kaper und ungeachtet unsers Widerstandes wurden wir zu Gefangenen
gemacht Wir kamen nach Algier und wurden Sklaven Ach gnädige Frau keine
Vorstellung kann die Wirklichkeit der Misshandlungen und des Jammers erreichen
welche die unglücklichen Sklaven dort erfahren Man spannte uns bei Tage gleich
Ochsen an den Pflug und des Nachts wurden wir gefesselt in eine Art von Stall
geworfen wo man uns in einem Trog eine elende Nahrung vorsetzte Die
Vorstellung von meinem Vater welcher vergebens auf Hilfe wartete seine
Verzweiflung über die betrogene Hoffnung die Armut meiner Familie ihr Trauern
um mich die Klagen das Leiden meiner unglücklichen Gefärten dieses alles
zerriss zehnfach mein Herz und machte verbunden mit meinem eignen Leiden mein
Leben zur Empfindung eines immerwährenden Schmerzes Meine Gefühle wurden
endlich abgestumpft ich wurde empfindungslos gegen alles So verlebte ich zehn
Jahre nach Verlauf derselben traf auch mich die Reihe von den Algierischen
Fesseln durch das Lösegeld befreit zu werden welches in Europa von
mildtätigen Menschenfreunden zur Befreiung der ChristenSklaven in Algier
gesammelt wird Welch ein Augenblick war das als man mir die Fesseln abnahm
Nein nie werden Worte die unnennbaren Gefühle ausdrücken welche mich
durchströmten Ich stand da war kaum meines Daseins gewiss zweifelte an der
Wirklichkeit meiner Befreiung und freute mich ihrer doch und hielt Alles doch
nur für Träume welche meine Einbildungskraft umschwebten Plötzlich drang die
Vorstellung von meinem Vater von meiner Mutter tief in meine Seele ich fiel
nieder zur Erde weinte und rief aus Ich werde sie wieder sehen Nun wurde das
Verlangen meine Eltern und mein Vaterland wieder zu sehen das herrschende
Gefühl in mir und das Vermögen dass ich es konnte erfüllte mich mit
unaussprechlicher Freude allein ein Blick auf meine unglücklichen Gefährten
welche zurückblieben schlug auf einige Zeit sie wieder nieder Diese jammerten
laut als sie uns weggehen sahen Ach ich empfand das Schreckliche ihres Gefühls
bei unserer Befreiung und ich hatte zu lange gelitten als dass fremde Leiden
mich nicht tiëf durchdrungen hätten Ich weinte mit ihnen ich ließ sie von der
Zukunft Befreiung ihres Unglücks hoffen und teilte mit ihnen das wenige Geld
welches ich erhalten hatte damit zum wenigsten einen Tag sie sich
Erleichterung verschaffen könnten Mit mir waren noch neun Gefangene befreit
worden wir wurden alle auf ein französisches Schiff gebracht und hatten die
Überfahrt bis Frankreich frei Diese Reise ist der glücklichste Zeitpunkt
meines Lebens Die wieder genossene Freiheit nach zehn Jahren unnennbaren
Elendes die Erwartung die Personen wieder zu sehen welche mir so teuer
waren dieses alles wiegte mich in die sanftesten Empfindungen der Freude der
frohen Hoffnungen und des Genusses gegenwärtigen Glücks Wir kamen in Marseille
an und ich beschloss nach Languedoe zu gehen wo mein Großvater gelebt hatte
und wo ich einige von meinen Verwandten zu finden hoffte Kaum reichte das
wenige Geld das ich hatte zu dieser Reise selten kehrte ich in ein Wirtshaus
ein mein Lager war der Rasen unter dem Schatten eines Baums und ein Stück
trocken Brod oft meine ganze Nahrung Ich kam endlich in Languedoe an und nach
vielen Erkundigungen fand ich den Bruder meines Vaters Mein Großvater war seit
einigen Jahren tot und hatte eine geringe Erbschaft hinterlassen welcher sich
mein Oheim ganz bemächtiget weil er in einigen Jahren nichts von meinem Vater
gehört hatte Ich gab mich ihm zu erkennen stellte ihm die Armut meines
Vaters und die Billigkeit der Teilung vor Er sagte mir aber dass er keine
Überzeugung davon habe dass ich sein Neffe sei und dass wenn dieses auch sei
er doch keinen Teil seines Vermögens missen könnte weil er sonst selbst mit
seiner Familie würde betteln müssen Freilich war er selbst nur in mittelmäßigen
Umständen und ich fremd und arm konnte nichts gegen ihn ausrichten Er
erlaubte mir einige Tage in seinem Hause zu bleiben um mich von meiner Reise
zu erholen gab mir dann einige Hemden einen alten Rock denn meine Kleidung
war so zerrissen dass ich mich kaum noch sehen lassen konnte und einiges
Reisegeld und riet mir nun in mein Vaterland zurückzukehren Ich trat also
meine Reise mit dem kummervollen Gedanken an dass ich zu meinen Eltern ohne die
geringste Erleichterung ihrer Armut zurückkehrte Das Geld welches ich von
meinem Oheim bekommen hatte reichte bei aller meiner Sparsamkeit denn oft
lebte ich Tage lang ohne etwas zu genießen als das Wasser welches ich aus
einer frischen Quelle schöpfte doch nicht weiter als bis ich in Strassburg
angekommen war Um Almosen konnte ich nicht flehen bis B mich von den
erbettelten Gaben meiner Mitmenschen zu erhalten welche sie oft mit Verachtung
und Beschimpfung mir zuwerfen würden dieser Gedanke war mir unerträglich Ach
es ist so demütigend Anderer Mitleiden anzuflehen Ich hatte zwar
erniedrigende Begegnungen genug erfahren allein ich hatte sie mir doch nicht
selbst zugezogen ich hatte Grausamkeiten erlitten aber doch nicht Verachtung
ertragen müssen Ich beschloss also mein Handwerk wieder so lange zu treiben
bis dass ich mir das Geld zur Reise erworben haben würde Ich bot einem
Tischlermeister meine Dienste an und wurde angenommen Ich blieb drei Monate in
Strasburg allein ich musste noch einigemahl auf meiner Reise in einigen andern
Städten arbeiten weil ich immer nicht viel mehr als meinen Unterhalt erwarb
Endlich langte ich nachdem ich ein Jahr auf dieser Reise zugebracht hatte in
dem Städtchen R wohin ich heute zu gehen gedachte an Ich hatte nun noch
zehn Meilen bis B und je mehr ich mich meiner Vaterstadt näherte desto
unentschlossener war ich mich in diesen armseligen Umständen meinen Eltern zu
zeigen Ich fand in einem Wirtshause in R einen Handelsmann aus B ich
geriet in ein Gespräch mit ihm er wohnte in der Nachbarschaft meines Vaters
und konnte mir daher Nachricht von ihm erteilen Meine Mutter war tot und
mein Vater und meine Geschwister lebten in der äußersten Armut Sie arbeiteten
alle für Tagelohn um sich zu unterhalten allein sie konnten nur das
Notdürftigste erwerben weil mein Vater schon sehr schwach wurde und nicht
mehr viel arbeiten konnte Diese Nachricht erregte neuen Gram in meinem Herzen
Mein Vater hatte einige Unterstützung gehofft als er mich nach Frankreich
schickte und ach ich sollte mit leeren Händen zu ihm zurückkehren Ich
sollte noch seine Dürftigkeit durch meinen Aufenthalt bei ihm vermehren denn
wer wusste ob ich gleich einen Meister finden der mich annehmen würde O
dachte ich wenn ich doch zuvor ehe ich zu ihm zurückkehre mir noch etwas
erwerben könnte um ihm einige Hilfe erteilen zu können Mit diesem Gedanken
beschäftigte ich mich den ganzen Tag am folgenden war ich immer noch
unentschlossen auch befand ich mich nicht wohl ich ging früh zu Bette und
bekam ein heftiges Fieber ich war drei Monate so krank dass ich das Bette nicht
verlassen konnte Mein weniges Geld was ich gehabt hatte ging nun darauf ich
musste meinen Rock auch noch verkaufen kurz ich besaß nicht einen Pfennig
nachdem ich wieder hergestellt war Nun konnte ich mich unmöglich entschließen
nach B zu gehen ich hätte von Dorf zu Dorf mich hinbetteln müssen und
welcher Meister in B hätte mich in dem elenden Aufzuge in welchem ich mich
jetzt befand genommen Ich hätte mich keinem einmal zeigen können Ich ging
also zu dem Tischlermeister welcher in dem Städtchen war klagte ihm meine
Not und bat ihn mich anzunehmen er brauchte eben einen Gesellen und wollte
es wie er sagte mit mir versuchen Der Meister hatte wenig Bestellungen ich
erwarb also nicht viel Immer beharrte ich auf dem Vorsatze so viel zu
erwerben um nicht mit dem Ansehen eines Bettlers zu meinem Vater
zurückzukehren Ich blieb also fünf Jahre in R Ich hatte mir nun wieder
einige Kleidungsstücke angeschafft und hatte noch überdem zehn Taler diese
wollte ich meinem Vater bringen Ich ging nach B Aber Ach gnädige Frau wie
werde ich Ihnen meinen Schmerz beschreiben können als ich meinen Vater nicht
mehr fand Er war seit einem halben Jahre tot und meine Geschwister waren
nicht mehr in B Ich stand da als wenn meine Füße an den Boden geheftet
wären zernichtet war jede Hoffnung für mich ich glaubte mich allein in einer
Einöde zu sehen O wie viele Vorwürfe machte ich mir Eine falsche Schaam hatte
mich abgehalten zu meinem Vater zu eilen als ich ihn noch sehen konnte und
nun hatte ich ihn auf ewig verloren Ich ging endlich in die Stube in welcher
er gewohnt hatte da warf ich mich auf den Boden und schluchzte laut Ach eine
düstere Schwermut verbreitete sich seit diesem Augenblicke auf mein ganzes
Leben Ich kehrte am folgenden Tage zurück nach R denn man konnte mir den
Aufenthalt meiner Geschwister nicht sagen Mein Bruder war als Bedienter in die
Dienste eines Herrn getreten der auf Reisen war und meine Schwester hatte
geheiratet allein man wusste nicht wo sie hingekommen war Ich arbeitete nun
wieder bei meinem vorigen Meister war aber unaufhörlich traurig Er war ein
guter Mann er suchte oft mich zu trösten und begegnete mir als seinem eigenen
Sohne ich gewöhnte mich nach und nach mich als ein Glied dieser Familie zu
betrachten Wir teilten gegenseitig Kummer und Freude Der Meister hatte fünf
Söhne und eine Tochter das Mädchen hatte mich liebgewonnen Einst sagte ihr
Vater zu mir Martin du bist zwar arm aber arbeitsam meine Tochter ist auch
arm ein reicher Mann heiratet sie doch nicht das Mädchen liebt dich kannst
du sie leiden so nimm sie Gott wird euch seinen Segen geben Mir hatte das
Mädchen stets gefallen mich dünkte immer dass ich weniger traurig war wenn ich
bei ihr war Ich dankte dem Vater und fragte Lotten so hieß sie ob sie mich
wohl haben möchte Ach Martin sprach sie ich bin dir so herzlich gut gern
will ich Freud und Leid mit dir teilen Sie weinte bei diesen Worten auch ich
weinte und küsste sie Vier Wochen darauf war unsere Hochzeit Ich fuhr fort bei
meiner Frauen Vater zu arbeiten wir lebten dürftig aber wir erwarben uns doch
unsern Unterhalt Mein Schwiegervater lebte noch fünf Jahre meine Frau war
indes Mutter zweier Söhne geworden Als mein Schwiegervater starb wollte ich
Meister in R werden allein ein andrer Tischlermeister welcher sich schon vor
einiger Zeit dort niedergelassen hatte suchte dieses zu verhindern es gelang
ihm denn er war reich Ich musste aus R ziehen weil ich dort keinen
Verdienst mehr fand Ich mietete das Haus bei Dunkelwalde in welchem ich noch
jetzt wohne Nun arbeitete ich als Taglöhner auch mein gutes Weib arbeitete
fast Tag und Nacht nie klagte sie über Armut oder Mühseligkeiten Lieber Mann
sagte sie mir oft wir werden immer so viel verdienen dass wir leben können und
was brauchen wir mehr Unsern Kindern wird Gott weiter helfen Ihr Mut ihre
Standhaftigkeit half mir unsere Dürftigkeit ertragen ein Leben voll Kummer
hätte die meinige niedergeschlagen Nach einem Jahr gebar meine Frau eine
Tochter sie war acht Tage in Wochen da bekamen unsere Söhne die Blattern und
starben Beide Ach jetzt war keins von uns fähig den Andern zu trösten Als
unser zweiter Sohn die Augen schloss da reichte ich meiner Frau die Hand und
sprach Weib wir verbanden uns alles Ungemach zu tragen Sie sank auf seinen
Leichnam und ich auf meine Knie und lange lagen wir so und schluchzten laut
bis endlich die kleine Lotte schrie da richtete ich mich auf »Weib sprach
ich wir haben noch ein Kind Dein allzuheftiger Schmerz wird es umbringen Ach
bereite uns nicht noch mehr Leiden« Ich nahm das Mädchen aus der Wiege und gab
sie der Mutter Sie drückte sie mit innigster Wehmut an ihr Herz benetzte sie
mit ihren Tränen und legte sie endlich an ihre Brust »Ach mein Fritz mein
Ludwig rief sie aus auch euch ernährte ich einst an meinem Busen und nun «
Verzweiflungsvoll rang sie wieder die Hände Ich fürchtete sie würde sich und
das Kind töten ich nahm ihr es wieder und legte es in die Wiege Ich umarmte
sie Meine Lotte sprach ich vergiss nicht deines dritten Kindes Sie hing sich
nun an meinen Hals und unsere Tränen flossen zusammen Wir durchweinten die
Nacht Am Morgen bat ich Lotten sich ins Bette zu legen sie schlummerte eine
Stunde aber unsere folgenden Tage waren nun alle trübe Ach der Anblick
unserer Kinder hatte uns so oft erfreut und gestärkt hatte uns jede Arbeit
erleichtert wenn wir das mit Mühe erworbene Brod mit ihnen teilten Indes
wuchs unsere Lotte heran und in ihr vereinigte sich nun unsere ganze Liebe und
Sorgfalt sie wurde ein gutes Mädchen Als sie erwachsen war teilte sie jede
Arbeit und Beschwerde mit uns So verlebten wir nun unsere Jahre zwar unter
Mühseligkeiten doch in Ruhe allein unsere Kräfte nahmen ab folglich auch die
Mittel zu unserer Unterhaltung Vor zwei Jahren starb mein Weib Der Schmerz
über diesen Verlust machte mich so schwach dass ich nicht mehr zu arbeiten
vermochte Meine Tochter war nun meine einzige Unterstützung ihrer Hände Arbeit
unser einziger Unterhalt auch arbeitete das gute Mädchen unaufhörlich Ach oft
benetzte ich mit meinen Tränen das Brod welches sie so sauer erworben hatte
und wusste nicht einmal dass meine Tochter hungerte um es mir zu geben Und
mitten unter diesen Mühseligkeiten tröstete sie mich wenn ich kummervoll auf
sie blickte Ach sie war das letzte das einzige Gut welches mir übrig blieb
ihre Liebe ihre Sorgfalt machte mich jede Not oft selbst die Bekümmernis um
sie vergessen und nun o meine Tochter nun sollst du sterben
Elisa Ihn bei der Hand fassend Guter Greis seine Tochter kann ja noch
gerettet werden Mangel an Hülfsmitteln und gehöriger Pflege haben vielleicht
ihre Krankheit so schlimm gemacht und diese Ursachen sollen nun aufhören
Nun erblickte sie in der Ferne das Haus welches der Greis bewohnte er
wurde unruhiger je mehr er sich demselben näherte Ach meine Tochter werde
ich dich noch sehen rief er als der Wagen stille hielt Angst und Liebe gaben
ihm Kräfte er ging schnell in das Haus Elisa und Henriette folgten ihm Ein
Tisch zwei Betten und zwei Stühle war alles was in der Stube stand und alles
was der Greis besaß Er warf sich auf das Bette seiner Tochter sie lebte noch
sie schlief aber sie schien eine brennende Hitze zu haben Sie erwachte bald
allein sie bekam einen heftigen Paroxysmus aus welchem Elisa und Henriette
schlossen dass sie das hitzige Fieber hätte Elisa schickte nach Dunkelwalde
und ließ dort den Amtmann um Citronen bitten und bereitete Citronenwasser
welches sie ihr trinken ließ nachdem der Paroxismus vorüber war Sie ließ sie
nun in den Wagen bringen und sie fuhren zurück nach Wallental sie wurde
gleich in die Stube gebracht welche für sie und ihren Vater bestimmt war auch
war der Arzt schon vor ihnen da und versicherte den Greis dass sie noch nicht
ohne Hoffnung wäre Elisa und Henriette wachten diese Nacht wechselsweise bei
dem Mädchen und nach einigen Tagen befand sie sich in der Besserung Den Tag
vor ihrer Abreise ging Elisa mit ihrer Henriette noch einmal in die Wohnungen
welche sie für das Glück und die Ruhe so vieler Menschen errichtet hatte sie
hatten dem Prediger von Wallental die Aufsicht über diese Anstalten ihrer
Wohltätigkeit gegeben Sie nahm nun Abschied von den Kindern versicherte sie
ihrer beständigen Sorgfalt für sie ermahnte sie zum Fleiße zur Gelehrigkeit
und ihre Aufseher zur Ordnung und Treue Die fröhliche Miene der Kinder ihre
kindischen Versicherungen dass sie immer alles gern tun würden was die gnädige
Frau haben wollte freueten sie sehr sie erteilte noch einem jeden ein kleines
Geschenk und verließ sie
Elisa Zu Henrietten nachdem sie aus dem Hause der Kinder gekommen ist
Liebe Henriette was ist es doch für eine süße Empfindung wenn man für das Wohl
der Menschen arbeitet Wenn ich diese Kinder sehe ist mir als wäre ich an
einem schönen Sommermorgen voller Erwartung eines schönen Tages ihre
Gutmütigkeit lässt mich hoffen dass sie den Zweck des Menschen erreichen werden
sie werden glücklich und in ihrem Stande nützlich sein Doch nun komm zu unsern
Greisen auch von ihnen will ich Abschied nehmen
Sie fanden diese alle vor dem Hause versammelt auch Lotte war
herausgekommen um der schönen Frühlingsluft zu genießen ob sie gleich noch
nicht völlig hergestellt war
Elisa Nähert sich ihnen Guten Tag meine Lieben Seid Ihr alle noch
wohl noch zufrieden
Einige Ach gnädige Frau Ihre Güte
Elisa Ihr könnt doch wohl noch einige Bedürfnisse haben die ich nicht
kenne und die ich leicht befriedigen könnte
Einige Einen Wunsch haben wir noch aber den kann nur der Himmel erfüllen
Er ist für Ihr Glück
Elisa Ich danke Euch meine Lieben Eine Pause Ich kam hierher um von
Euch Abschied zu nehmen ich reise morgen weg Alle sehen sich betrübt an
Elisa wendet sich zu Martin Guter Greis Er wird doch wohl nun auch bei uns
wohnen bleiben Er sieht unsre Einrichtung Seine Tochter braucht nun Seinen
Unterhalt nicht mehr kümmerlich zu erwerben allein wenn sie künftig durch ihrer
Hände Arbeit für sich etwas verdienen will so werde ich dafür sorgen dass sie
immer Arbeit bekommt
Greis Tränen strömen von seinen Wangen O gnädige Frau Sie retteten
sie vom Tode Sie senkten Ruhe auf meine alten Tage durch Sie kann ich mich
meiner letzten Lebenstage freuen Nein keine Worte können Ihre Güte und
meinen Dank ausdrücken
Alle zugleich Ach Sie haben uns alle glücklich gemacht
Elisa Gerührt Es freut mich meine Lieben wenn es mir gelungen ist
Euch zufrieden gemacht zu haben Ihr könnt glauben dass ich glücklich dadurch
werde Lebt nun in Eintracht unter einander und wenn ihr etwas verlanget so
sagt es dem Herrn Prediger er wird es mir schreiben und ich werde es euch
gewähren wenn ich kann
Alle weinten jetzt alle schlossen einen Kreis um Elisan sie reichte einem
Jeden die Hand Lotte warf sich zu ihren Füßen Gott ihr deinen Segen
stammelte ihr Vater Lebt wohl meine Freunde rief Elisa ich werde euch
nicht verlassen Sie wollte nun gehen aber noch hielten einige ihr Kleid
einige ihre Hand Süße Tränen der Empfindung und der belohnten Tugend glänzten
in Elisas Auge Liebevoll blickte sie noch auf einen Jeden und riss sich dann
von ihnen los Segenswünsche und Danksagungen folgten ihr und auf allen
Gesichtern waren dieselben Empfindungen Liebe Dank Freude und Rührung
ausgedrückt
Henr Nachdem sie einige Zeit schweigend fortgegangen sind O meine
Elisa empfange meinen Dank dass Du mich zur Zeuginn Deines Glücks machtest
Elisa Umarmt Henrietten Deine teilnehmende Freundschaft erhöht jedes
mich beseligende Gefühl und Dir verdanke ich sie auch Du lehrtest mich meine
Pflichten erfüllen
Henr Nein meine Elisa die Vernunft gab Dir die Kraft eine Leidenschaft
zu besiegen und die Natur dieses richtige Gefühl für das Gute und Schöne
Elisa Ja Dank der gütigen Vorsicht dass ich beider Stimmen hören konnte
und dass nichts außer mir sie übertäubte Sie schenken dem Sterblichen der auf
sie hört die seligsten Freuden
Henr Du kannst Dir nicht vorstellen Elisa wie sehr seitdem ich hier bin
mein Glaube an Tugend und an die Glückseligkeit die sie gewährt gestärkt ist
Es ist mir so süß Deine Seelenruhe zu sehen ich fühle es überzeugend dass Du
glücklich bist und glücklich durch die Ausübung Deiner Pflichten
Elisa Ja meine Henriette ich bin es Mein Glück ist der Genuss innrer
wahrer Zufriedenheit und die Aussicht einer immer glücklichern Zukunft denn
jedes tätige Bestreben Nutzen und Glück um mich zu verbreiten wird diese
Zufriedenheit erhöhen Und Henriette bald werde ich die süßesten Pflichten
Mutterpflichten zu erfüllen haben O welch ein seliges Vergnügen wird in
ihrer Ausübung liegen Schon der Gedanke daran erfüllt mich mit
unaussprechlicher Freude
Henr Ja meine Elisa auch ich fühle es dass die Summe Deines Glücks sich
mit der Summe Deiner Pflichten vermehrt Edles Weib Dank sei der Tugend dass
sie Dich belohnt für die Opfer die Du ihr brachtest
Elisa Gewiss Henriette das tut sie immer wenn die Menschen dieses nur
versuchen wollten O es ist so etwas Beruhigendes so etwas Seliges in dem
Gedanken ich erfülle alle meine Pflichten und je schwerer sie sind desto mehr
erhebt er uns in unserer eignen Meinung desto mehr Kraft finden wir in unserm
Selbstgefühl bloß nach den Gesetzen des Guten und Edlen zu handeln selbst mit
Aufopferung unserer liebsten Neigungen um in uns die höchste Stufe menschlicher
Größe zu erblicken denn Eigenliebe und Stolz bleiben doch immer mächtige
Triebfedern unserer Handlungen Ja Henriette oft denke ich wie weit
entfernt ich noch von jener himmlischen Tugend bin welche immer sich gleich
stets ihren Pflichten gemäß handelt ihnen ihre Neigungen ihre Freuden opfert
und über alle Leidenschaften siegt Oft frage ich mich Wenn ich Herrmann
zuweilen sähe würde ich ihm und der Liebe widerstehen Würde ich mich
bestreben eben so meine Pflichten gegen Wallenheim zu erfüllen würde ich nicht
nachlässiger darin werden würde ich eben so geduldig eben so bereit sein
jeden seiner Wünsche zu erfüllen Ich zittere dann die Antwort meines Herzens
zu hören und unterdrücke sie Siehe heute wo ich wirklich mit den Kindern
und der Besorgung für die Bequemlichkeit und Ruhe der Greise beschäftigt wo
ich von ihrem Abschied von ihrem Dank gegen mich gerührt war wo selbst die
göttliche Empfindung Diese Menschen mache ich glücklicher mein ganzes Wesen
durchströmte lag doch der Gedanke Heute vor einem Jahre sah ich Herrmann zum
Erstenmahle wie im Hinterhalte meiner Seele Sein Bild wie er neben seiner
Mutter stand voll kindlicher Liebe und Blicke des Wohlgefallens auf mich wars
schwebte beständig vor mir Tränen des seligsten Vergnügens und der Rührung
vergoss ich als ich Abschied von den guten Leuten nahm aber zu gleicher Zeit
entfuhren mir Seufzer welche Herrmanns Andenken erpresste
Henr Meine edle Freundin keine Blicke in die Vergangenheit Freude und
Leid erteilte das Schicksal Dir in diesem Jahre mutlos und traurig könnte ihr
Andenken auf einige Zeit Dich machen
Elisa Besorge nichts Henriette Hast Du vergessen dass ich mir auch
Gegenmittel bereitete O ich darf nur an meine Einwohner in Wallental denken
ich darf nur durch meine Bemühungen Wallenheim zufrieden und freundlich sehen
dann verliert das Andenken von seiner Stärke und ich werde wieder ruhig
Henr Ja diese Ruhe wird unvergänglich wie Deine Tugend sein
Elisa Entusiastische Lobrednerinn Vergisst Du mein voriges Geständnis
Henr Du selbst Elisa tadelst Du Dich dessen
Elisa Ich habe Dir schon gesagt dass diese fortdauernde Liebe zu Herrmann
mich von meinen Pflichten abziehen könnte und also finde ich sie verwerflich
Allein mir selbst kann ich bezeugen dass ich diese Liebe zu schwächen mich
bestrebe dass ich nie vergesse dass ich Gattin bin und dass ich noch
aufmerksamer auf mich sein würde wenn Herrmann gegenwärtig wäre und endlich
dass ich in ihm die Tugend liebe und dass zugleich seine liebenswürdigen
Eigenschaften es mir ohnmöglich machen ganz aufzuhören ihn zu lieben
Henr Du entschuldigest Dich also
Elisa Ich kann über mich keinen Ausspruch tun ich habe Dir mein Herz
geöffnet
Henr In jeder gemeinen Seele würde ich so viel Liebe gegen einen Andern
verdammen aber mit Deiner Standhaftigkeit mit Deiner Anhänglichkeit an Tugend
wird sie für Dich unschädlich
Elisa Glaubst Du Henriette dass das Weib welches gewohnt wäre alle ihre
Begierden zu befriedigen so lieben könnte als ich
Henr Wahr Elisa Du lässt mich fühlen dass keine gemeine Seele so lieben
würde
Elisa Ach ich mag mich nicht entschuldigen Ich fühle ja wie teuer mir
Herrmann noch ist allein wenn es nicht in meiner Gewalt ist meine Neigung ganz
zu unterdrücken so sind doch meine Handlungen in derselben und nie leitete
Leidenschaft diese sondern Erkenntnis des Guten
Henr Ja Dank dem Urheber Deiner Tage
Elisa Wohl Dank ihm Bei seinem Andenken schwur ich der Tugend treu zu
bleiben auch bei dem Andenken des liebenswürdigsten Mannes und nun bald werde
ich es schwören bei dem heiligen Namen Mutter den ich erlangen werde
Könnte ich wohl einen dreifachen Meineid begehen
Henr O Tugend wie erhaben machst du welch ein seliger Anblick den
Sterblichen zu schen in dessen Herzen du wohnest
Elisa Umarmt Henrietten mit Innigkeit Meine Henriette diese Wärme für
sie teiltest Du mir mit Ja Deine Gegenwart belebt jedes gute Gefühl dann aufs
neue in mir Dein Herz versteht das meinige dieses gibt ihm Leben und Wärme
Äch und morgen schon müssen wir uns trennen Tränen rollten bei diesen
Worten von Beider Wangen Eine Pause O wie gerne bliebe ich hier in
Wallental wohnen Hier sind mir meine Beschäftigungen alle so angenehm und sie
mit Dir teilen ist mir doppelt süß In B ist das Leben welches ich führe
langweilig ich habe dort keinen Freund und hier finde ich der Freuden so
viele
Henr Vielleicht kannst Du Wallenheim bewegen einen Teil des Sommers hier
zuzubringen
Elisa Vor der Jagdzeit wird er nicht herkommen und dann fängt die Natur
schon an zu trauern Und das Andenken an den vorigen Sommer wird in B gewiss
mir trauriger sein als es mir hier sein würde
Henr Fast sollte ich glauben dass die Einsamkeit und die Spatziergänge es
lebhafter in Dir erwecken und Dich folglich trauriger machen würden
Elisa Nein Henriette hier beschäftigen so viele andere Gegenstände meinen
Kopf und mein Herz Selbst wenn ich auf unsern Spatziergängen an Herrmann an
die Liebe und an ihre Freuden dachte so zerstreute mich das Vergnügen welches
ich immer im Genuss der Natur empfinde Wenn man ihre Schönheit ihre
Mannichfaltigkeit betrachtet so drängen sich so viele Gefühle so viele
Betrachtungen auf dass man von den Hauptvorstellungen der Seele abgezogen wird
Allein eingeschlossen in B ist nichts was zu meinem Herzen so nahe
spricht um mich jenen Erinnerungen zu entziehen
Henr Es sind aber auch keine Gegenstände da welche Dich auf diese
Erinnerungen leiten
Elisa Lächelnd Dann werde ich nichts mehr von meiner Liebe für Herrmann
fürchten wenn ich an ihn erst muss erinnert werden Sie seufzt Und jetzt wo
jeder Tag mir die Vergangenheit zurückruft Doch lass uns hievon abbrechen
Henriette ich habe schon das Gesetz welches ich mir machte überschritten
Sie gingen nun schweigend nach Hause Dieser Abend war für Beide traurig
denn Beide empfanden aufs Neue den Schmerz der Trennung Indes freute sich doch
Elisa ihren Gatten wieder zu sehen ihre Abneigung gegen ihn hatte sie
überwunden und nach ihren Grundsätzen konnte der Mann der ihr Gatte war der
Vater ihres Kindes sein würde ihr nicht gleichgültig sein Sie hatte ihm
geschrieben und ihm den Tag bestimmt an welchem sie zurückkommen würden
allein sie fand ihn nicht zu Hause Erst um Mitternacht kam er zurück sie eilte
ihm entgegen und umarmte ihn
Wallenh Verwundert Sie noch auf Elisa Ich glaubte Sie würden zu sehr
von der Reise ermüdet sein
Elisa In der Tat bin ich etwas müde allein ich wünschte doch Sie heute
noch zu sehen
Wallenh Küsst ihre Hand Elisa Sie sind zu gütig
Ein Lächeln und der sanfteste Händedruck war ihre Antwort Wallenheim war
gerührt über ihre Aufmerksamkeit ihre Nachsicht gegen ihn in dem Augenblick
da er ihr den empfindlichsten Beweis seiner Kälte gegeben hatte Den ganzen
folgenden Tag war er äußerst gefällig gegen sie allein der Eindruck verlosch
wieder und sein Betragen gegen sie blieb dasselbe Erst in der Mitte Augusts
reiste Wallenheim mit seiner Gattin nach Wallental Wie im vergangenen Jahre
war dort die Jagd seine einzige Beschäftigung und Elisa der Einsamkeit
überlassen allein ihre Beschäftigungen machten ihr diese süß Unaufhörlich mit
dem Glücke der Einwohner Wallentals beschäftigt vergoss sie oft
Freudentränen wenn sie auf so vielen Gesichtern Zufriedenheit und Freude las
Täglich besuchte sie die Kinder und die Greise und der Anblick aller dieser
Geschöpfe war eine unerschöpfliche Quelle des süßesten Vergnügens für sie Auch
war sie jetzt nicht bloß ruhig und heiter sondern lustig und froh Selbst
Wallenheim teilte sie diese Heiterkeit mit oft vergaß er des Nachmittags zur
Jagd zurückzukehren indem er mit Elisan die Stunden verplauderte sie ging
dann mit ihm in das Dorf Fleiß Unschuld und Freude fand er durch die
Bemühungen seiner Gattin bei seinen Untertanen vereiniget er wurde oft
dadurch gerührt denn wo ist der Sterbliche auf den das Bild der Tugend und des
Glücks ganz seine Macht verloren hätte Elisa freute sich wenn sie sein Herz
sich den Empfindungen der Liebe und der Freude öffnen sah er selbst war dann
vergnügter und sagte zu Elisan sie sei für ihn die Schöpferinn neuer ihm
unbekannter Freuden
Elisa O Karl dann wäre ja mein heissester Wunsch Sie heiter und glücklich
zu machen erfüllt
Wallenheim O dass ich eine Seele hätte wie die Ihrige so empfänglich für
jedes Gute so wohlwollend so frei von Fehlern damit auch Sie in der
Übereinstimmung mit mir so glücklich würden als Sie es verdienen
Elisa Glauben Sie mir Wallenheim ich bin es schon durch Ihren Beifall
Ihre Zufriedenheit und die Liebe welche alle diese guten Leute gegen mich
hegen
Wallenheim Umarmt sie Vortreffliches Weib
So nannte Wallenheim stets seine Gattin wenn er von ihren Tugenden gerührt
war allein der Eindruck davon war nicht von Dauer Von Natur zurückhaltend
kalt und in sich verschlossen konnten Bewunderung und Liebe wohl auf einige
Augenblicke sein Herz erwärmen aber nicht in demselben haften Sein Charakter
blieb derselbe und äußerte sich immer auf eine gleiche Art Gegen Ende des
Septembers kam Wallenheim mit seiner Gattin zurück nach B weil Elisa ihre
Niederkunft erwartete Sie gebahr einen Sohn Sie schrieb an Henrietten sechs
Wochen nachdem sie Mutter geworden war
»O meine Henriette lass mich Dir das süße Gefühl mitteilen welches mich
jetzt so unaussprechlich glücklich macht Ich schreibe Dir neben der Wiege
meines Sohns fast in jedem Augenblicke meine Blicke auf ihn richtend mein Herz
ihm entgegen klopfend Wie sanft er ruht O Henriette mächtig drängt sich
der Gedanke mir auf Immer wird er so ruhen wenn Du sein Herz zur Tugend
bildest Ach seit dem Augenblicke seines Daseins fühlte ich diese
Verpflichtung und zitterte dass ich zu ohnmächtig sein würde sie ganz erfüllen
zu können Wie kann man noch leichtsinnig sein nachdem man Mutter ist Wie kann
es noch Weiber geben welche bei dem Gedanken nicht erschüttert werden Dieses
Geschöpf ist deiner Sorgfalt anvertraut du kannst vielleicht durch die guten
oder die schlechten Eindrücke die es durch dich empfängt das Glück oder das
Unglück seines Lebens bestimmen Und dieses Geschöpf dessen Schicksal
vielleicht in deiner Hand steht ist dein Kind Henriette diese Worte schallen
beständig vor meinen Ohren Wenn ich des Nachts erwache so ist Karl mein erster
Gedanke und stundenlang bin ich mit Entwürfen seiner Erziehung beschäftigt
Denn ungeachtet alles dessen was man jetzt über Erziehung schreibt ist sie
doch im Ganzen noch nicht viel besser als sonst Und so lange Mütter nicht
selbst dieses Geschäft übernehmen wird sie es auch nie sein denn die erste
Erziehung ist ganz von ihnen abhängig und schon in den ersten Jahren der
Kindheit kann man die junge Seele zum Guten gewöhnen ihr Liebe dafür einflößen
denn die Eindrücke welche sie dann bekommt bleiben unauslöschlich das ganze
Leben hindurch Und wer ist wohl geschickter das Herz eines Kindes zu bilden
als eine kluge und tugendhafte Mutter Wer wird mit mehrerer Wärme mit mehrerer
Sorgfalt daran arbeiten als sie Gewiss auch der geschickteste Erzieher nicht
O ich will sie alle erfüllen die Pflichten welche die Natur mir auferlegte
Mein Karl soll beständig bei mir sein ich will seine ersten Handlungen seine
ersten Neigungen leiten stets will ich ihn beobachten um die Anlagen seiner
Seele zu entdecken und ich selbst will seine ersten Fähigkeiten entwickeln Nur
meine Liebe zu ihm fürchte ich könnte mich vielleicht verblenden parteiisch
machen Ach ich kenne so viele gute Mütter welche es nicht ahnden dass sie die
Fehler ihrer Kinder übersehen und sich von ihrem Willen leiten lassen O
wärest Du bei mir meine Henriette Du solltest mich warnen wenn Du sähest dass
mütterliche Zärtlichkeit die Klugheit besiegte Ich bin allein Wallenheim
beobachtet mich zu wenig und ist zu wenig bei mir als dass er bei der Erziehung
meines Kindes mein Freund und Ratgeber werden könnte ich muss mich also auf
mich selbst verlassen und mit doppelter Anstrengung will ich über mich wachen
damit meine Liebe nicht Schwachheit werde Du weißt dass ich selbst mein Kind
stille Wallenheim erlaubte es mir und stets hielt ich es ja für die erste
Pflicht der Mutter wenn ihre Gesundheit es erlaubet und jede unverdorbene
Seele jedes Weib welches nicht Gefühl für die Natur und ihre Freuden verloren
hat wird gewiss in dieser mütterlichen Pflicht eine ihrer seligsten Vergnügungen
finden O wenn mein Karl an meinem Busen liegt wenn das Lächeln seines
Wohlbehagens mir der Ausdruck seines Danks und seiner Liebe zu sein scheint und
ich mir dann sage Mit der ersten Nahrung welche die Natur ihm bereitete saugt
er keine wilden Leidenschaften keine Keime des Lasters ein sondern die
ruhigen wohlwollenden Empfindungen seiner Mutter wenn seine Bildung sein
künftiges Glück mich dann beschäftigen O Henriette dann kenne ich nur zwei
Empfindungen Liebe und Freude die reinste Liebe und die seligsten Freuden
Mütterliche Empfindungen sind noch über die Empfindungen der Liebe und nie war
ich so glücklich an Herrmanns Seite als ich es bin meinen Sohn in meinen Armen
haltend Selbst Wallenheim ist mir seitdem ich Mutter bin teurer geworden Er
ist der Vater meines Kindes Ach ich fühle es wie viel Liebe dieser Name
heischt Und auch ich bin ihm nicht mehr so gleichgültig seitdem ich Mutter
bin Er wünschte sehr einen Sohn und Du kannst nicht glauben wie sehr ich mich
freute dass sein Wunsch erfüllt wurde Als er zum Erstenmahle das Kind an
meinem Busen sah blieb er lange mich betrachtend stehen seine Blicke
drückten Vergnügen und Rührung aus Endlich umarmte er mich und das Kind und
sprach O möchtest du doch mit der Milch deiner Mutter alle ihre Tugenden
einsaugen Dieser Ausruf rührte mich sehr o ich nahm es mir vor mit Geduld
seine Fehler zu ertragen Ich sehe dass sein Herz der Empfindung fähig ist und
wären wir immer in Wallental es würde mir gelingen es für jedes gute Gefühl
zu erweichen allein in B erstickt Liebe zur Pracht und zum Spiel jede andere
Empfindung welche Vaterliebe und Achtung zu mir in ihm erregt Auch ist er
jetzt wieder viel abwesend und wenig bei mir allein die ersten Wochen nach
meiner Niederkunft verließ er mich fast gar nicht
Ich werde diesen Winter wenig ausgehen Wie froh bin ich dass ich von dem
Zwange und der lästigen Gesellschaften befreit sein werde Zu Hause mit meinem
Kinde beschäftigt werde ich der stillen häuslichen Freuden genießen und die
Gesellschaft meines kleinen Karls wird mir unterhaltender sein als alle die
glänzenden Zirkel in welchen ich im vergangenen Jahre so viele Stunden
langweilig zubrachte Hätte ich meine Henriette nun noch o dann würde
Freundschaft und mütterliche Liebe jede Stunde mir den reinsten Genuss des
Lebens gewähren Karl erwacht Lebe wohl meine Henriette Mein Sohn
entzieht mich Dir«
Ja Elisa erfüllte sie treu die Pflichten der Mutter sie wurde ihres
Sohnes erste Erzieherinn und schon mit dem ersten Augenblick seines Daseins
weihete sie ihm ihre ganze Sorgfalt Sie hatte es von Wallenheim erlangt dass
auch nachdem sie aufgehört hatte ihn zu stillen sie doch nicht mehr so viel in
Gesellschaft zu gehen brauchte und nachdem Karl ein Jahr alt war nahm sie ein
Frauenzimmer von mittlerm Alter und guter Erziehung zu sich welcher sie den
Plan ihrer Erziehung mitteilte ihr Verhalten gegen ihn bestimmte unter deren
Aufsicht er blieb wenn sie abwesend war
Im Sommer ging Wallenheim mit seiner Gattin wieder auf einige Wochen nach
Wallental und Henriette welche sie nun über ein Jahr nicht gesehen hatte
erhielt von der Baroninn von Hohnau und Karolinen die Erlaubnis ihre Freundin
dort zu besuchen Sie fand Elisan vergnügt und glücklich ihre Miene war ganz
wieder der Ausdruck der Ruhe und Unschuld aber Wallenheim schien ihr noch eben
so rau eben so mürrisch zu sein als er es in Hohnauschloss war Wie ehrwürdig
fand sie ihre Freundin wenn er voller übler Laune ihr sein Missvergnügen über
einige Anordnungen die sie in ihren häuslichen Angelegenheiten gemacht hatte
und welche nicht seinen Beifall hatten in ziemlich harten Ausdrücken zu
verstehen gab und sie dann mit dem sanftesten Tone ihm ihre Ursachen warum sie
so gehandelt habe sagte und ihm bewies dass es auch so am besten wäre allein
immer noch hinzusetzte Doch lieber Wallenheim wenn Sie da noch einige Fehler
entdecken so sagen Sie es mir wir wollen es abändern Wir Beide vereint
werden gewiss die Sache richtiger einsehen als wenn ich sie nur allein
betrachte Wenn er sein Unrecht erkannte so schwieg er oder sagte Ich hatte
diese Ursachen nicht erwogen Dann blickte sie ihn liebevoll an ergriff seine
Hand und sagte Sie sind doch nicht böse Aber gewiss ich hätte nicht geglaubt
dass Sie diese Anordnung missbilligen würden Einst antwortete er ihr unwillig
»Ich habe Ihnen ja schon gesagt dass es gut ist« und wandte sich weg Henriette
sah eine Träne in Elisas Auge aber in eben dem Augenblicke ging sie hinaus
und kam mit Karln auf dem Arme zurück ihre Miene war freundlich und heiter sie
spielte einige Zeit mit dem Kinde und Wallenheim betrachtete mit Vergnügen die
Lebhaftigkeit und freundliche Miene desselben Als sie dieses bemerkte näherte
sie sich ihm und der Kleine streckte seine Arme gegen ihn aus Beider Blicke
fielen auf ihn und begegneten sich Güte und Liebe drückten Elisas Blicke aus
Wallenheim gerührt umarmt sie
Elisa Nach einer Pause indem Wallenheim noch seinen Arm um sie
geschlungen hat und seinen Sohn liebkoset
Wie glücklich unser Karl ist wenn er zwischen uns Beiden ist
Wallenh Nimmt das Kind auf seinen Arm O Karl sei Du immer mein
Fürsprecher bei Deiner Mutter
Elisa Und der Meinige bei Deinem Vater
Wallenh Nimmt ihre Hand und küsst sie Nein meine Elisa Ihre Tugenden
sind das
Nun drückte er sein Weib und seinen Sohn noch einmal an seine Brust und
ging hinaus
Henr Nachdem er hinaus ist Vortrefliches Weib Wie rührend wie erhaben
war Deine Sanftmut Deine Zärtlichkeit Deine Güte
Elisa Sage auch Wallenheims Vaterliebe das schweigende Bekenntnis seines
Unrechts
Henr Jeder Deiner Blicke musste es ihn ja fühlen lassen O er hätte
aufhören müssen ein Mensch zu sein wenn Deine Sanftmut Deine Zweifel indem
Du wusstest dass Du Recht hattest die scheinende Vergessenheit seiner
Beleidigung als Du mit dem Kinde zurückkamest und Deine nur Liebe sprechenden
Blicke nicht diese Wirkung auf ihn gemacht hätten
Elisa Zu sehr meine Henriette erhebt Deine Freundschaft mein Verdienst
Eine Frau sollte ohne die Zustimmung ihres Mannes keine Anordnung in ihren
häuslichen Angelegenheiten machen nur weil Wallenheim sich so wenig um die
Seinigen bekümmert und mir oft wenn ich ihn um Rat frage antwortet »Tun
Sie wie Sie wollen« bin ich genötigt fast immer nach meinem eignen
Gutdünken zu handeln Doch selten tue ich es ohne es ihm zuvor gesagt zu
haben allein als ich diese Anordnung traf über die er unzufrieden war war er
abwesend und sie schien mir so notwendig zu sein dass ich weiter kein Bedenken
darüber hatte Allein aus welchem Rechte konnte ich verlangen dass Wallenheim
sie aus eben dem Gesichtspunkte betrachten sollte als ich Es war also meine
Pflicht sie ihm in demselben zu zeigen aber nicht in einem entscheidenden
seines Rechts sich bewusst und es behauptenden Tone dieser erzeugt Erbitterung
und auf der andern Seite auch Behauptung des Willens sondern Gründe der
Vernunft Sanftmut und Zweifel über die Gerechtigkeit unserer Sache müssen wir
anwenden wenn wir überzeugen und uns rechtfertigen wollen Wer kann ihnen
widerstehen Der Vernunft muss man oft selbst unwillkürlich nachgeben allein
dieses Nachgeben beleidigt doch oft unsere Eigenliebe und dieses machte
Wallenheim unwillig auf mich Im ersten Augenblicke schmerzte mich dieses
allein die Betrachtung dass Wallenheims eigensinnigem unbeweglichem Charakter
gemäß es ihn ärgern musste dass er zwar nicht mir doch meinen Gründen nachgeben
musste ließ mich seine Beleidigung vergessen oder vielmehr machte dass ich sie
nicht mehr als eine solche empfand Ich war hinausgegangen weil sein
ungerechter Unwille mir eine Träne erpresste und ich wollte nicht dass er sie
erblickte weil sie ihm ein Vorwurf seines Unrechts gewesen wäre allein sobald
die vorige Betrachtung dieses entschuldigte sann ich auf ein Mittel ihn zu
besänftigen Ich hätte ihm sonst als ein herrschsüchtiges Weib erscheinen
können ich hätte vielleicht einen Teil seiner Achtung verloren und mir diese
bei ihm zu erhalten ist mir Pflicht Ich wusste dass Karl ihn von seinen
Gedanken abziehen und mir ein Mittel verschaffen würde mich mit ihm wieder
auszusöhnen und darum kam ich mit ihm herein Du siehst also Henriette dass
ich nur meine Pflicht erfüllte und dass jedes andere Betragen tadelhaft gewesen
wäre
Henr Möchten doch alle Weiber Alles in einem solchen Lichte betrachten als
Du und solche richtige Folgerungen machen wie viel seltener würden in den Ehen
Zwist und Uneinigkeit sein welche oft Hass und wirkliche Übel erzeugen
Elisa Gewiss Henriette wenn Gatten es sich zum Gesetze machten nur der
Vernunft zu folgen so würde fast immer Übereinstimmung zwischen ihnen sein
Wenn entgegengesetzte Meinungen sie von einander entfernen so muss Vernunft der
Mittelpunkt sein der sie wieder vereiniget Von ihrer Fackel erleuchtet müssen
sie unparteiisch die Gründe für und wider untersuchen und von denen sich leiten
lassen welche sie für die besten erklärt O dass wir uns doch gewöhnten dass
wir doch unsre Kinder gewöhnen möchten von Jugend an nach Gründen zu handeln
Wenn ein Weib in jedem Augenblicke ihrem Gatten sagen könnte warum sie so
gehandelt habe warum sie so handeln will Wenn sie dieses mit Sanftmut
täte und Vernunft und Wahrheit wären auf ihrer Seite würde er wohl da noch
zornig sein noch hartnäckig seinen Willen behaupten Allein gesetzt er fände
das Gegenteil für besser dann ist es ihre Pflicht seinem Willen gemäß zu
handeln wenn dieses nicht gegen die ersten Pflichten gegen die Pflichten als
Mensch streitet Hätte mir Wallenheim heute nachdem ich ihm meine Gründe
vorgestellt hatte gesagt Ich finde diese Ursachen nicht hinreichend und ich
will dass dieses anders eingerichtet werden soll so hätte ich seinem Willen
gefolgt ohne ihm weiter etwas zu sagen Aber auch dann muss das Weib nicht
mürrisch sein nicht Unwillen oder Unzufriedenheit zeigen nicht dem Gatten
Vorwürfe machen wenn die Folgen seines genommenen Entschlusses unangenehm sind
sondern suchen sie aufzuheben oder sie unwirksam zu machen So wird sie Ruhe
und Einigkeit erhalten und das Glück ihres Gatten ihr eigenes und das ihrer
Familie machen
Henr Ich höre Dich mit Vergnügen O wenn man diese Grundsätze den jungen
Mädchen ins Herz prägte wenn man sie es empfinden ließe es ihnen anschaulich
machte welchen erhabenen Platz sie in der Schöpfung einnehmen könnten wenn ihr
Gatte ihre Kinder die Unglücklichen deren Wohltäterinnen sie waren und
künftige Generationen noch sie als die Stifterinnen ihres Glücks verehrten
würden sie um diesen Preis nicht den so wenig befriedigenden so schnell
vorübergehenden Vergnügungen den Künsten der Koquetterie und das Wohlgefallen
daran welches sie verächtlich macht entsagen
Elisa Ja Henriette die wahre Bestimmung des Weibes ist edel und wer
dieses recht empfindet wird gewiss suchen sie zu erfüllen Allein lehrt man sie
diese kennen In den großen Städten in der großen Welt wird der Wert des
Weibes in Annehmlichkeit und Grazie gesetzt zu glänzen dieses ist der Zweck
ihrer Erziehung hierauf wurden alle Fähigkeiten ihres Geistes gerichtet Mit
dem Verlangen nun Eroberungen zu machen mit der Begierde der Vergnügungen zu
genießen mit einer Leere des Geistes und des Herzens tritt das junge Mädchen
nun in ihrem funfzehnten oder sechszehnten Jahre in die Welt Alles schmeichelt
da ihre Sinne überall erblickt sie Beispiele der Koquetterie der
Zügellosigkeit in dem Gewande des Witzes der Annehmlichkeit und der
Galanterie sie wird fortgerissen sie glaubt auf der Bahn der Vergnügungen die
Blumen ihres Frühlings zu pflücken so wird sie verheiratet ihre Vergnügungen
ihre Leidenschaften zu befriedigen ist ihr zum Bedürfnis geworden weil ihr
Geist keine andere Beschäftigungen kennt als diese und ihnen opfert sie die
Pflichten der Gattin und Mutter von denen sie kaum einen Begriff hat Auf
dem Lande und in den Provinzstädten ist der Begriff vom wahren Werte des Weibes
eben so unrichtig man lässt ihn in einer guten Haushälterinn bestehen und macht
also einen Teil ihrer Pflichten zum ganzen Umfange derselben Allein an die
moralische Bildung des Mädchens wird nirgends gedacht sie kann so eine gute
Wirtschafterinn eine geschickte Näherinn werden allein nicht Gattin nicht
Mutter nicht Erzieherinn nicht das kluge über das wahre Interesse ihrer
Familie aufgeklärte Weib nicht die weise und gute Hausfrau welche die Mutter
aller ihrer Leute ist nicht die liebevolle Freundin der Menschen welche
tätig am Glücke ihrer Mitbrüder arbeitet Denn nur der richtige Begriff von
ihrer wahren Bestimmung und eine richtige Bildung des Verstandes werden sie zu
dem allen machen
Kaum hatte Elisa aufgehört zu sprechen als Wallenheim mit einem andern
jungen Manne hereinkam er nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu seiner Frau
Liebe Elisa sprach er Herr von Felsing ist seit Kurzem unser Nachbar geworden
er ist einer meiner besten Freunde und er wünschte die Gattin seines Freundes
kennen zu lernen Elisa begrüßte ihn freundlich Felsing blieb zu Mittage bei
ihnen er hatte nicht das Rauhe von Wallenheim sondern etwas Sanftes und
Einnehmendes in seinem Wesen Die Gewohnheit sich von ihrer ersten Jugend an zu
sehen hatte Felsing und Wallenheim zu Freunden gemacht denn Beider Landgüter
gränzten an einander allein Felsing war erst seit einigen Wochen nach dem Tode
seines Vaters Besitzer desselben geworden sein Vermögen war indes nur
mittelmäßig Er kam oft nach Wallental Henriette gefiel ihm Elisa sah mit
Vergnügen ihre gegenseitige Neigung Oft wenn Felsing und Henriette traulich
beisammen gingen dachte sie an Herrmann an ihre Liebe und dieses Andenken
erpresste ihr Tränen Sie verließ sie dann eilte zu ihrem Karl drückte ihn an
ihren Busen und rief aus Du bist Wallenheims Sohn Mütterliche Liebe
unterdrückte das zu lebhafte Andenken an ihren Geliebten sie wurde dann wieder
ruhig und heiter und ihren Karl im Arme erwartete sie das liebende Paar und
freute sich ihres Glücks Einst als sie von ihrem Spatziergange zurückgekommen
waren warf Henriette sich um ihren Hals Elisa sei Du die Erste welche meine
Empfindungen mit mir teile und welche der Wahl meines Herzens Beifall gebe
Elisa Schon längst billigte ich sie meine Henriette und freute mich dass
durch sie wir nun nicht mehr so viel getrennt sein würden
Felsing O meine gnädige Frau könnte ich ihnen die Größe meines Glücks
schildern Noch immer zweifelte ich ob meine Henriette meine Liebe erwidern
würde Oft hoffte ich es wenn ich sah dass errötend ihre Blicke sich von mir
wandten und doch hatte ich nur erst heute den Mut ihr meine Seele zu öffnen
Elisa Einer meiner heißesten Wünsche war Henriettens Glück und seine
Gewährung erfüllt mich mit Freude
Gerührt umarmten sich Elisa und Henriette Felsing nahm Beider Hände und
küsste sie endlich schlang er seinen Arm um Henrietten O Henriette sprach er
ich empfange Sie aus der Hand Ihrer Freundin Und jetzt empfand Henriette die
ganze Größe des Opfers welches Elisa der Tugend gebracht hatte sie empfand
wie viel sie gelitten hatte und ihre Augen füllten sich mit Tränen Auch Elisa
erinnerte sich wie sie nach dem ersten Geständnisse ihrer Liebe mit Herrmann
am Halse seiner Mutter hing welche Freudentränen vergaß und alle Szenen ihrer
Liebe und ihrer Leiden schwebten mit Einemmahle vor ihrer Einbildungskraft Sie
drückte ihrer Freundin die Hand eine lange Pause erfolgte endlich stand Elisa
auf Sein Sie glücklich sprach sie bewegt und ging hinein um dem Andenken
ihres Herrmanns einige Tränen zu weihen
Felsings Mutter lebte noch und wohnte bei ihm in Felsingburg Als Felsing
ihr seinen Entschluss eröffnete Henrietten zu heiraten fragte sie gleich wie
viel Vermögen Henriette besäße Und erklärte ihrem Sohne nachdem dieser ihr
gesagt dass sie gar nichts besäße dass sie nie in die Heirat willigen würde da
sein verstorbener Vater es ihr anbefohlen hätte keine Heirat ihres Sohnes mit
einem armen Mädchen zu gestatten weil noch Schulden auf Felsingburg hafteten
welche wenn nicht ein Teil davon bezahlt würde vielleicht Felsing in der
Folge nötigen könnten das Gut zu verkaufen und er wollte nicht dass es je aus
seiner Familie kommen sollte Alle Versicherungen Felsings nie Felsingburg zu
verkaufen sondern durch Sparsamkeit und gute Wirtschaft die Schulden in der
Folge abzutragen konnten Frau von Felsing nicht bewegen ihren Entschluss zu
ändern Nie sagte sie wirst Du mit meiner Einwilligung Fräulein von Wannberg
heiraten und ich werde Alles tun diese Verbindung zu hindern
Niedergeschlagen kam also Felsing am andern Tage nach Wallental und
entdeckte Henrietten und Elisan die Widersetzung seiner Mutter gegen seine
Verbindung und ihre Gründe dazu Allein die Gesetze sprach er zu Henrietten
machen mich unabhängig von dem Willen meiner Mutter ich bin frei und nichts
soll mich hindern Sie liebenswürdige Henriette die Meinige zu nennen
Henr Felsing Nie werde ich es ohne die Einwilligung Ihrer Mutter Ich
weiß dass Kinder nicht genötigt sind dem Eigensinne ihrer Eltern ihr Glück
zu opfern dass sie es selbst nicht müssen wenn nicht unbedingte Notwendigkeit
oder die dringendsten Ursachen sie dazu bewegen Allein ich will nicht die
Ursache Ihres Ungehorsams gegen Ihre Mutter sein durch mich soll das heiligste
Band der Natur nicht zerrissen und Mutter und Sohn nicht getrennt werden
Nun wandte Felsing auch bei Henrietten vergebens seine Beredtsamkeit an
ihren Entschluss zu ändern sie beharrte auf ihrem Vorsatz Elisa versprach
Felsingen am folgenden Tage mit Wallenheim nach Felsingburg zu kommen und
Alles anzuwenden seiner Mutter Einwilligung zu erhalten Sie erfüllte ihr
Versprechen allein ihre Bemühungen waren umsonst Frau von Felsing erklärte
Hätte Henriette nur einiges nur weniges Vermögen so wollte sie in die
Verbindung willigen um ihrem Sohne zu willfahren allein ein ganz armes Mädchen
könnte nicht ihre Schwiegertochter werden sie würde sonst die letzte Pflicht
gegen ihren verstorbenen Gatten verletzen Wallenheim und seine Gattin
verließen also Felsingburg ohne den geringsten Vorteil für ihre Freunde
erlangt zu haben Als sie zurückfuhren bat Elisa ihren Gatten ihr zu erlauben
Henrietten sechstausend Taler von ihrem Vermögen zu schenken Sie versprach
ihm den Aufwand für ihre Person der zwar geringe war noch mehr
einzuschränken Glauben Sie mir Karl sagte sie es wird mich stolz machen in
meinem einfachen Gewande neben den prächtig gekleideten Weibern zu stehen Ich
werde es mit Entzücken fühlen dass ich besser mit den wahren Freuden des Lebens
bekannt bin Wenn Andere in der Sphäre ihres Putzes leben werde ich des Glücks
meiner Freundin genießen und mir sagen auch ich trug bei es zu befördern
Wallenh Ich werde Sie nie verhindern die uneingeschränkte Sachwalterinn
Ihres Vermögens zu sein es ist das Ihrige ich bin reich was Sie verschenken
ist Ihr Verlust
Lebhaft dankte ihm Elisa sie konnte kaum ihre Freude verbergen als sie
Henrietten die abschlägige Antwort der Frau von Felsing mitteilte Am andern
Morgen gingen die beiden Freundinnen wie gewöhnlich spazieren Elisa hatte
diesesmahl Karln mitgenommen sie trug ihn selbst Sie setzten sich auf eine
Rasenbank im Tannenwalde Es war hier wo Felsing Henrietten seiner Liebe
versichert und das Geständnis ihrer Gegenliebe erhalten hatte darum wählte
Elisa diesen Platz
Henriette war sehr niedergeschlagen ihre Blicke weilten auf Elisan welche
mit dem vollen Ausdrucke mütterlicher Zärtlichkeit und mütterlicher Freude ihren
Sohn anlächelte der an ihrem Busen lag Henriette dachte an Felsing an den
Abend da er ihr hier seine Liebe gestand und mit dieser Erinnerung verbanden
sich dunkle Vorempfindungen von Freuden die sie gehofft hatte und welche
Elisas Anblick in ihr erregte Ihr selber unbewusst rollten Tränen von ihren
Wangen die aufmerksame Elisa erblickte sie sie reichte ihrer Freundin die
Hand Henriette sprach sie Dir verdank ich größtenteils das Glück meines
Lebens Als der Tod mir meinen Vater entriss und meine Mutter und Karoline nur
Gleichgültigkeit gegen die Tochter und die Schwester empfanden da warst Du mir
Alles Du warst das einzige Geschöpf welches mich liebte das Einzige in
dessen Arme ich mit Zuversicht mich werfen konnte Aber Du befestigtest mein
Glück als Du meine Einbildungskraft ordnetest Auf wirkliche Gegenstände
geleitet lernte ich durch Dich die wahren Verhältnisse kennen und die
Pflichten die sie heischen ich lernte dass nicht eine warme Einbildungskraft
nicht aufwallende Empfindungen sondern kalte Vernunft unsere Führerinn sein
muss und dieser Richtung meines Geistes verdank ich meine Ruhe meine
Heiterkeit sie gab mir Kraft mein Glück meinen Pflichten aufzuopfern und
belohnte mich dafür O in den trüben Stunden meines Kampfes warst Du wieder
meine Trösterinn meine Ratgeberinn An Deinem Busen konnte ich weinen als man
mir Mitleid versagte warmes Mitgefühl schlug in Deinem Herzen als ich auf
jedem Gesichte Kälte las Und Henriette für alle diese Erteilungen des
Trostes der Freude erlaubest Du der Freundschaft Dir eine zu erwidern
Henr Ich verstehe Dich nicht Elisa
Elisa Darf ich Dir nicht einen von den unzähligen Vorteilen zurück geben
welche ich durch Deine Freundschaft erhielt
Henr Liebe Elisa gewährte mir denn die Deinige nicht eben so viel als Dir
die Meinige
Elisa O wenn das ist meine Henriette wenn Du fühlst wie ich dann wirst
Du mir meine Bitte nicht abschlagen
Henr Und du könntest zweifeln dass ich etwas Dir versagen würde was Dir
Vergnügen macht
Elisa Verzeihe mir meine Henriette Aber Du kannst mich so glücklich
machen
Henr Du spannst meine Erwartung auf das Höchste so sprich doch
Elisa Umarmt sie Sei groß genug meinen Dank nicht auszuschlagen Erröte
nicht ein Geschenk von der Freundschaft anzunehmen
Henr Verwundernd Was willst Du tun
Elisa Dir Deinen Felsing geben Sie gibt ihr ein Blatt Papier welches
die Verschreibung der sechstausend Taler ist Hier sind sechstausend Taler
sie gehörten mir jetzt Dir
Henr Nein Elisa Deine Großmut verschweigt Dir die Größe dieses
Geschenks
Elisa So siegt falsche Delicatesse über mich über die Freundschaft So
glaubt Henriette dass sie größer handelt wenn sie mich kränkt als wenn sie
mich ihres Glücks genießen ließe O Henriette wir waren ja lange schon über
den Wert des Geldes einig wir sahen es als ein Mittel an diejenigen Güter zu
erlangen welche viel zum Glücke des Lebens beitragen Vergnügen und Freuden
müssen die Zinsen sein welche wir aus dem toten Metalle ziehen und welch ein
reineres Vergnügen könnte ich genießen als wenn ich meine Henriette glücklich
in den Armen eines geliebten und würdigen Gatten sähe und mir sagen könnte
auch ich arbeitete an ihrem Glück Welch ein seliges Gefühl wenn wir uns
gegenseitig als die Schöpferinnen unserer Freuden betrachten und desto inniger
uns lieben wenn wir Beide uns sagen Auch ich beförderte das Glück meiner
Freundin auch ich schenkte ihr Freuden O Henriette kann wohl der Stolz Dir
mir die sechs tausend Taler dieses gewähren
Henr Wirft sich Elisan um den Hals Elisa Du hast gesiegt Ja ich will
Dir jede Freude meines Lebens verdanken
Elisa Dank Dir meine Freundin Ganz erkenne ich Deine edle Seele
Als Felsing am Nachmittage kam sagte ihm Henriette welches Geschenk sie
von ihrer Freundin erhalten hatte Ich habe nicht errötet es anzunehmen
Felsing setzte sie hinzu ich kenne die edle Seele meiner Freundin sie will
nicht Verbindlichkeiten auflegen sie will Glückliche machen Sie fühlte dass
ihr Anerbieten mich demütigen könnte und sie machte es mir indem sie selbst
demütig bat und meine Freundschaft beschwor O meine Weigerung würde unedel
gewesen sein Es hätte geschienen als setzte ich Misstrauen in diese schöne
Seele ihr und mir war ich schuldig ihr diesen Beweis meiner Achtung zu geben
Felsing bewunderte beide Weiber er dankte Elisan sie gab ihm seine
Henriette Nach einigen Tagen lud Wallenheim die Frau von Felsing mit ihrem
Sohne zu Mittage ein sie hatten verabredet ihr zu sagen die Baroninn von
Hohnau habe Henrietten sechstausend Taler zu ihrer Aussteuer geschenkt welche
sie ihr einst schon versprochen habe Wallenheim stellte der Frau von Felsing
Henrietten vor und zeigte ihr zugleich die Verschreibung der sechstausend
Taler Henriettens Bescheidenheit nahm die Frau von Felsing für sie ein Wenn
Du mir gewiss versprichst nie Felsingburg zu verkaufen sprach sie zu ihrem
Sohn so will ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit dem Fräulein von
Wannberg geben
Felsing versicherte ihr nie ihrem und seines verstorbenen Vaters Willen
entgegen zu handeln
Fr v F Nun so heirate sie da sie doch jetzt einiges Vermögen hat
Felsing umarmte seine Henriette und führte sie zu seiner Mutter Nie
sprach Henriette indem sie die Hand der Frau von Felsing ergriff nie hoffe
ich werden Sie mich des Namens Ihrer Tochter unwürdig finden Frau von Felsing
umarmte sie Sie scheinen ein gutes Mädchen zu sein sagte sie und ich freue
mich über die Wahl meines Sohnes
Mit gerührtem Entzücken betrachtete Elisa diesen Auftritt Henriette blickte
auf sie sie las ihr eigenes Glück in ihrer Freundin Augen sie flog an ihren
Hals Beide verstanden ihre gegenseitige Empfindungen und ihre Umarmung war die
Ergiessung ihrer Seelen
Nun blieben Wallenheim Elisa und Henriette nur noch wenige Tage in
Wallental Henriette reiste wieder an einem Tage mit ihrer Freundin ab
Felsing wollte ihr in einigen Tagen folgen um der Baroninn von Hohnau seinen
Antrag um sie zu machen Die Baroninn saate ihm gleich dass Henriette von ihr
ganz unabhängig wäre und es wurde festgesetzt dass im Herbste die Hochzeit
vollzogen werden sollte Die Baroninn von Hohnau und Henriette baten Elisan zu
derselben nach Hohnauschloss zu kommen und Elisa erhielt von ihrem Gatten die
Erlaubnis auf acht Tage hinzureisen Sie wurde erschüttert als ihr Wagen auf
dem Felde von Hohnauschloss dahin rollte sie sah in der Ferne den Turm von
Birkenstein sie kam vor dem Platze vorbei wo sie von ihrem Herrmann Abschied
genommen hatte die Stärke ihrer Empfindungen wuchs mit der Lebhaftigkeit jener
Erinnerungen Endlich hielt der Wagen vor dem Wohnhause Elisa musste einige
Augenblicke sich sammeln sie wankte als sie heraus stieg Die Baroninn von
Hohnau Karoline ihr Gatte und Felsing waren ausgegangen Henriette war allein
sie eilt ihrer Freundin entgegen Elisa stürzt sich weinend in ihre Arme und
Henriette drückt mit inniger Teilnehmung die Freundin an ihr Herz
Elisa Nachdem siewieder einige Fassung gesammlet hat Ach wie froh bin
ich dass sich meine Mutter nicht gleich fand und einige Augenblicke meinen
Empfindungen Raum geben konnte Mein Herz war so gepresst
Henr drückt ihr mitleidsvoll die Hand
Elisa Du bist immer so nachsichtig Henriette und ich noch immer so
schwach Aber ich konnte hier das Andenken an ihn nicht unterdrücken wo Alles
es erweckt Indes fürchte nichts für meine Ruhe Henriette ich hatte ja die
Kraft mich ihm zu entreißen sollte ich nicht auch die haben mich hier wo
Alles meines kurzen Glücks mich erinnert meiner Tugend zu freuen
Henr Ja Elisa ich weiß dass Deine Ruhe erschüttert nie zernichtet werden
kann
Jetzt hörte man Geräusch im Hause Elisa konnte nun mit Fassung ihrer Mutter
entgegen gehen und diese freute sich sie zu sehen Karoline empfing ihre
Schwester mit Gleichgültigkeit und Felsing und Wallenheim bezeugten ihr
Ehrerbietung Auch Karoline war Mutter sie hatte eine Tochter Allein Elisa
bemerkte dass die Liebe zwischen Wallenheim und seiner Gattin erkaltet war
Karoline ließ auch ihn die Heftigkeit ihres Charakters empfinden fast täglich
war ein Streit zwischen ihnen und selten war bei ihnen Übereinstimmung Elisa
bestrebte sich ihre gewöhnliche Ruhe und Heiterkeit wieder anzunehmen sie ging
nicht allein spazieren und vermied die Spatziergänge wo sie Herrmann am
häufigsten gesehen hatte Einst fragte die Baroninn von Hohnau sie Bist Du
glücklich
Elisa Ja meine Mutter
B v H Dem Himmel sei gedankt Deine Schwester lebt fast in beständiger
Uneinigkeit mit ihrem Manne und schon warf ich es mir vor Deine Neigung
gezwungen zu haben da doch Karoline dadurch nicht glücklich geworden ist
Elisa Gerührt Dieser Gedanke beunruhige Sie nie meine Mutter Ich
besitze die Achtung meines Gatten und bestrebe mich sie zu verdienen und
finde mein Glück in den Bemühungen meine Pflichten zu erfüllen
B v H Mit einem Seufzer umarmt Elisan Elisa ich verkannte Dich
Sie verließ hierauf das Zimmer Elisa sah dass ihre Mutter ihre vorige
Härte gegen sie bereuete sie wollte sie darüber keinen Schmerz empfinden
lassen Heiterer als zuvor wurde nun ihre Miene sie scherzte froh mit den
Übrigen und durch das Bestreben ihre Mutter von ihrer Zufriedenheit zu
überzeugen vergaß sie dass in Hohnauschloss sie einst zerstört wurde
Henriette war nun seit zwei Tagen Felsings Gattin und der vierte Tag nach
ihrer Hochzeit war zu ihrer und Elisas Abreise festgesetzt Elisa konnte aber
Hohnauschloss nicht verlassen ohne noch einmal die Frau von Birkenstein zu
sehen Sie ging mit Henrietten am Tage vor ihrer Abreise nach Birkenstein und
Karl musste mit seiner Wärterinn sie begleiten Die beiden Freundinnen sprachen
auf dem ganzen Wege kein Wort Elisa war im tiefen Nachdenken verloren und nur
zuweilen drängte sich ein Seufzer aus ihrer Brust Stärker schlug ihr Herz als
sie sich dem Wohnhause der Frau von Birkenstein näherten Nun war sie bei der
Linde unter welcher sie Herrmann zuerst gesehen hatte allein ihre Blicke
weilten nicht auf dieser Stelle sie nahm Karln auf den Arm und eilte schnell
in das Haus Frau von Birkenstein kam ihr entgegen Elisa warf sich in ihre
Arme sie blieb lange in dieser Stellung Endlich fühlte sie sich von den
Tränen der Frau von Birkenstein benetzt und sie selbst weinte ohne es zu
wissen Sie richtete sich nun auf ergriff die Hand der Frau von Birkenstein So
lieben Sie mich denn noch
Fr v B Sie noch einmal in ihre Arme drückend Elisa wer einmal meine
Liebe erhielt verliert sie nie
Sie gingen nun in ein Zimmer ruhiger Ernst verbreitete sich allmählig
wieder auf Elisas Gesicht
Fr v B Nachdem sie einige Zeit von gleichgültigen Dingen gesprochen
haben Liebenswürdige Elisa Sie haben einen meiner heißesten Wünsche erfüllt
O so oft regte sich das Verlangen in mir Sie noch einmal zu sehen
Elisa Beste Frau wie hätte ich können in Hohnauschloss sein und nicht nach
Birkenstein kommen Nein das Andenken an Ihre Güte Ihre Liebe wird nie in
meinem Herzen erlöschen
Fr v B O meine teure Freundin ich freue mich dass ich in Ihrem Herzen
fortleben werde Die liebenswürdige Henriette verlässt nun auch Hohnauschloss
nun kann ich der Freundschaft der Liebe Aller die mir teuer sind nur noch in
Ihrem Andenken genießen
Elisa Eine Träne im Auge drückt der Frau von Birkenstein die Hand nach
einer Pause Erlauben Sie mir eine Frage aber ihre Beantwortung kann mich
ruhiger machen Ist Herrmann wieder glücklich
Fr v B Mit einem Seufzer Er ist Geheimderat in D und beschäftigt
sich seine Mitmenschen glücklich zu machen und dem Staate nützlich zu sein
Diese Arbeit bleibt nicht unbelohnt sein Glück ist das Glück des
Rechtschaffnen allein sein Herz ist noch das eines Jünglings
Elisa Männertugend wird es mit männlicher Kraft erfüllen und ihn über des
Jünglings Empfindungen siegen lassen und glücklich dann durch sich selbst
glücklich durch den Sieg über Leidenschaft wird sein Glück erhaben wie seine
Tugend sein Ja diese Hoffnung erfüllt mich mit Freude Ihr Sohn ist wieder
ruhig dreifach bin ich es nun
Fr v B Dank sei der Vorsicht welche mir noch die Erfüllung meines
Wunsches gewährte Ich lese auch auf Ihrer Stirne Ruhe und Heiterkeit selbst
Ihre Tränen verwischten diese Züge nicht sie scheinen mit Ihrem Wesen
eingewebt zu sein Sie sind also glücklich meine Elisa Und Zufriedenheit des
Weisen wird vielleicht bald meines Sohnes Eigentum Und dieses für Sie Beide zu
erlangen hätte ich gerne die Ruhe meines Alters aufgeopfert und neue
Beschwerden neue Trübsale unternommen
Elisa Umarmt sie mit Lebhaftigkeit O noch einmal wieder meine Mutter
Durch Ihre Liebe meine Mutter Ja Sie sehen mich glücklich Zwar ist Ihr Sohn
noch von allen Sterblichen mir der Teuerste und wird es immer sein allein
ich erfülle meine Pflichten und mein Herz hegt die Empfindungen der Gattin und
Mutter
F v B Beide Nahmen verehren Sie immer sie sind die ersten Titel des
Weibes Weil Sie ihren Wert recht erkannten blieben Sie tugendhaft und wurden
glücklich in einer Lage in welcher die meisten Weiber sich entweder dem Laster
oder der Verzweiflung in die Arme werfen
Elisa Drückt Karln an ihren Busen Ach die kennen nicht Muttergefühl
Fr v B Meine Elisa mögen Sie eine glückliche Mutter werden Sie nimmt
Karln und küsst ihn Und du der würdige Sohn des würdigsten Weibes
Nun stand Elisa auf ihre Trennung von der würdigen Frau wurde ihr schwer
auch Henriette vergoss Tränen am Busen der Frau von Birkenstein Sie drückte
Beide in ihre Arme Ich werde es nie vergessen sagte sie als sie nun sich von
ihr losgerissen dass Sie Beide am Abend meines Lebens mir manche Stunde
erheiterten
Elisa Mit einem Seufzer Ach ich verbitterte Ihnen so viele
Fr v B Nein Elisa das ewige Verhängnis tat es Menschen müssen wir
dieses nicht zurechnen
Elisa und Henriette ergriffen nun noch einmal ihre Hand drückten sie und
eilten fort Sie kamen vor Harbergs Wohnung vorbei O wie viele Erinnerungen
wurden da wieder bei Elisan lebhaft Ich möchte gerne wissen sagte sie zu
Henrietten wie es dem guten Manne geht Komm mit mir hinein
Harberg saß mit seinem Weibe und mit seinen Kindern am Tische beim
Nachtessen Freudig erschrack er als er Elisan erblickte Ach gnädige Frau
sind Sie einmal wieder hier gewesen Ach wie wird sich unsere gnädige Frau
gefreut haben
Elisa Auch ich habe mich gefreuet einmal wieder in Birkenstein zu sein
Wie ist es ihm denn immer gegangen lieber Harberg
Harb Gott und unserm guten jungen Herrn sei Dank ich habe nicht Not
gelitten Wir leben zufrieden meine Hanne und ich Aber es betrübt uns oft dass
unsere gute gnädige Frau immer so traurig ist Ach es ist ganz anders seitdem
Sie und der junge Herr nicht mehr hier sind
Elisa Wie so lieber Harberg Herr von Birkenstein war ja nur eine so kurze
Zeit hier und ich habe nie einmal die Gelegenheit gehabt Euch meine
Bereitwilligkeit Euch zu dienen zu beweisen
Harb Wir freueten uns doch Sie zu sehen Freilich wir haben noch unsere
gute Herrschaft behalten aber die armen Bauern in Hohnauschloss Ach die
trauern noch immer dass Sie nicht mehr da sind
Elisa Ich konnte ihnen auch nicht viel helfen als ich noch zu Hause war
Harb O liebe gnädige Frau eine kleine Unterstützung ist für einen Armen
immer viel Doch wer weiß wie es uns noch gehen wird Man sagt der junge Herr
wird gar nicht wieder ins Land kommen Wie er hier war da freueten wir uns
immer in ihm Ich habe oft die alten Bauern weinen sehen wenn er so recht
freundlich und herzlich mit ihnen gesprochen hatte Gottlob sagten sie denn
unsere Kinder werden es so gut haben als wir Aber wenn nun unsere gute Mutter
stirbt ach dann verlieren wir alles mit ihr
Harbergen stand eine Träne im Auge und auch Elisa war sehr gerührt sie
nahm von Harberg und seinem Weibe Abschied und drückte dem kleinen Mädchen
ihrer Pate ein Goldstück in die Hand und ging eilig hinaus allein das Kind
zeigte das Geld gleich seiner Mutter Beide Eltern folgten nun Elisan
aufrichtige ungekünstelte Danksagungen strömten von ihren Lippen Vor der Tür
saß die Wärterinn mit Karln Harberg erblickte ihn
Harb Ach gnädige Frau ist das Ihr Kind O erlauben Sie mir den kleinen
Junker einen Augenblick auf den Arm zu nehmen
Elisa I ja guter Harberg
Harb Nimmt Karln auf den Arm und küsst ihn Hanne weißt du wohl noch wie
der junge Herr und die gnädige Frau bei unserm Mädchen Gevatter standen da
sagte ich dir noch am selben Abend Ihre Kinder wollen wir einst recht lieben
und ehren und Gut und Blut für sie lassen Ach da dachte ich es würde
anders kommen Doch wie Gott gewollt hat Die Kinder unsers jungen Herrn
werde ich vielleicht nimmermehr sehen aber zwischen Ihnen Beiden machten wir
keinen Unterschied und so bin ich doch so glücklich gewesen und habe Ihren
Junker auf meinem Arme gehabt er küsst ihn noch einmal Alle Tage will ich
zu Gott beten dass er möge groß und glücklich werden und Sie recht viel Freude
an ihm erleben
Elisa Sehr gerührt Der gütige Vater erfülle auch dieses an seinen
Kindern Lehre er sie meinen Namen Harberg und wenn sie in Mangel geraten
oder etwas wünschen zu dem ich ihnen helfen könnte so sage er ihnen sie
sollen zu mir kommen ich hätte ihren Eltern versprochen ihre Mutter zu sein
Elisa ging und Tränen des Danks folgten ihr Allein Harberg hatte mit der
Vergangenheit auch ihren Schmerz zurückgerufen sie war stark gewesen als sie
Frau von Birkenstein verließ weil sie in Herrmann den nützlichen Staatsbürger
den Menschenfreund erblickte allein Harberg hatte ihr Herrmann ihren Geliebten
wieder vorgestellt die Gegenwart verschwand und ihre Einbildungskraft verlor
sich in den Vorstellungen der Vergangenheit Menschenliebe mächtiger in ihr
als jedes andere Gefühl verdrängte in Hohnauschloss wieder jede andere
Empfindung in Elisan sie erinnerte sich was ihr Harberg von den Bauern in
Hohnauschloss gesagt hatte und ihre ersten Worte waren seitdem sie Birkenstein
verlassen hatte Henriette ich muss suchen Einigen dieser armen Einwohner zu
helfen Sie ging nun zu einer jeden Familie fragte nach ihren Bedürfnissen
nach den Beschwerden die sie hätten gab den Armen Geld versprach ihnen dass
sie ihre Fürsprache anwenden wollte ihnen Erleichterung zu verschaffen sie
tröstete sie bewies ihnen dass durch Unterwürfigkeit und Geduld sie die Härte
ihres Schicksals mildern könnten Sie schienen die Beschwerden nicht mehr zu
empfinden als Elisa mit ihnen sprach und sie hatte an diesem Abend in den
Wohnungen von Hohnauschloss Zufriedenheit verbreitet
Karoline war hart selbst Armut konnte bei ihr nicht Anspruch auf Schonung
machen und ihre unfreundliche Miene entfernte von ihr den Unglücklichen der es
nicht wagte ihr seine Not zu klagen Wallenheim war nicht genug mit dem
Zustande der armen Einwohner bekannt es war also keiner der sie gegen
Karolinens Härte schützte keiner der ihrem Mangel abhalf Elisa unterrichtete
ihre Mutter von den Beschwerden und Unterdrückungen die sie litten und bat
sie ihnen beizustehen die Baroninn von Hohnau versprach es ihr und vergnügter
verließ am andern Tage Elisa Hohnauschloss denn sie nahm das Bewusstsein mit
auch hier Gutes gestiftet zu haben
Sie begleitete Henrietten nach Felsingburg und blieb einige Tage in
Wallental Henriette wollte auch wie ihre Freundin Wohltäterin der
Menschen werden Zwar war ihr Vermögen nur eingeschränkt allein dem wahren
Menschenfreunde bleiben Kräfte und Hülfsquellen genug seinen Mitbrüdern
beizustehen Sie schlug ihrem Felsing welcher immer die wohltätigen Anstalten
Elisas bewundert hatte vor zwei Häuser nach eben dem Plane erbauen zu lassen
allein dies sollte erst in den beiden folgenden Jahren geschehen weil die
Ausgabe für sie mit Einemmale zu groß gewesen wäre auch war die Zahl der
Greise und der Kinder die sie versorgen würden nur auf fünfe gesetzt Mehrere
zu unterhalten erlaubte ihnen ihr Vermögen nicht und nur Sparsamkeit und weise
Anwendung des Geldes setzten sie in den Stand mehr Gutes zu wirken als karge
und verschwenderische Reiche wenn sie Jahrhunderte durchlebt haben
Elisa war nun wieder in B Unverändert blieb ihre Art zu handeln
unverändert ihre Sanftmut ihre Gefälligkeit ihr Wohlwollen Die Geschäfte
ihrer Haushaltung die Besorgung aller häuslichen Angelegenheiten die Erziehung
ihres Sohnes die Erwerbung höherer Kenntnisse die Ausbildung ihres Verstandes
die Übung ihrer Talente dieses waren ihre Beschäftigungen zu allen hatte sie
Zeit und stets war sie bereit ihren Gatten so oft er es verlangte in
Gesellschaft oder zu Lustpartien zu begleiten oder in ihrem Hause Gesellschaft
zu sehen Wallenheim fand immer in ihr die muntere Gesellschafterinn deren
Bestreben es war ihn aufzuheitern ihn zu ergötzen aber sie war auch seine
Ratgeberinn seine Freundin Ernstaft scharfsinnig und klug wenn er von
Geschäften mit ihr sprach liebevoll und sanft wenn er verdrießlich war oder
eine Unannehmlichkeit erfahren hatte und scherzhaft wenn seine Seele
Aufheiterung gebrauchte Innere Zufriedenheit Ruhe und Heiterkeit waren mit der
Tugend in ihr vereiniget sie war glücklich weil sie ihres eigenen Beifalls
versichert war sie war froh weil sie Freude um sich verbreitete Die Ruhe die
Heiterkeit ihrer Seele gab ihrem Wesen eine Annehmlichkeit welche ein jeder
empfand sie wurde in allen Gesellschaften geliebt und gesucht Man liebte sie
ohne es zu wissen und sie zog alle Herzen an sich ohne es selbst zu ahnden
Höflichkeit Bescheidenheit und Güte waren in Gesellschaft die Hauptzüge von
denen sie sich nie entfernte Immer lobte Elisa Anderer Tugenden und
entschuldigte Anderer Fehler immer war sie bereit einem Jeden zu dienen und
stets sah man sie in Gesellschaft den untersten Platz einnehmen Auch nannte
man sie allgemein die liebenswürdige Frau von Wallenheim und manches junge
Mädchen dessen Herz noch unverdorben war wurde von ihrer sanften Tugend
eingenommen und beschloss ihrem Beispiel zu folgen Wenn Elisa dieses merkte
so suchte sie mit denen welche sie zu lieben oder zu bewundern schienen in
Verbindung zu kommen sie bat sie oft zu sich und erfüllte in ihrer Gegenwart
ihre Pflichten aber auch stets bemühete sie sich ihren jungen Freundinnen
Vergnügungen zu verschaffen durch sie wollte sie ihnen die Tugend annehmungs
und liebenswürdig machen Des Sommers veranstaltete sie daher fast immer
Lustfahrten auf dem Lande Spatziergänge Wasserfahrten und Fröhlichkeit und
muntrer Scherz herrschte dann unter ihnen Im Hause waren Musik witzige und
kluge Unterhaltungen kleine gewählte Gesellschaften und angenehme Lektüre ihre
Unterhaltungen Langeweile war aus ihren Zirkeln verbannt und Elisa ließ ihre
Freundinnen empfinden dass wahre Freuden wahrer Genuss des Lebens nur mit
Unschuld verbunden ist Sie fühlten es dass bei ihr die Freude und die Tugend
Hand in Hand gingen und sie gewöhnten sich sie immer vereiniget zu denken Sie
fühlten sich besser und froher wenn sie mit Elisan den Tag durchlebt hatten
So bildete sie ihren Geschmack und ihr Herz ihr Beispiel und eine nähere
Bekanntschaft mit ihr bewahrte manches Mädchen vor Ausschweifung und Torheit
Stets bestrebte sich noch Elisa ihren Wirkungskreis zu erweitern nie
glaubte sie dem Nutzen welchen sie stiften könnte Gränzen setzen zu können
Hörte sie von einem Unglücklichen so eilte sie zu ihm und bemühete sich seine
Leiden zu vermindern Anderer Wünsche zu gewähren Anderer Bedürfnisse zu
befriedigen ruhige Ergebung aufrichtige Liebe zum Guten in Andern zu
befördern dieses waren ihre Bemühungen und waren selten fruchtlos weil sie
immer die besten Maßregeln ergriff Unter diesen Beschäftigungen verlebte sie
jeden ihrer Tage
Karl war zwei Jahre alt da wurde Elisa zum zweitenmahle Mutter und Mutter
einer Tochter sie nannte sie Henriette Auch Frau von Felsing war einige
Monate zuvor niedergekommen sie hatte einen Sohn und Felsing hatte ihn
Heinrich genannt
Karl und Henriette machten nun Elisas süssestes Vergnügen ihrer Erziehung
widmete sie alle ihre Sorgfalt Als Karl vier Jahr alt war sagte einst an einem
Morgen Wallenheim zu seiner Gattin Ich bin entschlossen Karln in eine
öffentliche ErziehungsAnstalt zu bringen die Erziehung der Söhne im
väterlichen Hause taugt selten etwas
Elisa Erschrocken Jetzt schon wollen Sie ihn aus dem Hause bringen
Wallenh Warum nicht Je früher in der Erziehung der Anfang gemacht wird
desto leichter wird sie nachgehends und desto besser ist ihr Erfolg
Elisa Sie haben Recht Und ich habe mich bemüht seit der Geburt meines
Sohnes diesem Grundsatze gemäß zu handeln Aber könnten wir ihn nicht noch
ferner in unserm Hause erziehen
Wallenh Unter ihrer Aufsicht allein
Elisa Nein Wallenheim ich besitze nicht alle die Kenntnisse die er einst
wird haben müssen und ich allein kann seine Erziehung nicht vollbringen Allein
wir wollen einen geschickten Erzieher nehmen und gemeinschaftlich an seiner
Erziehung arbeiten
Wallenh Sie erzeigen den Hofmeistern viel Ehre wenn Sie sie Erzieher
nennen Dieses ist eben das was sie nie sind und aus eben der Ursache bin ich
entschlossen nie Einen zu nehmen
Elisa Es ist der Eltern Schuld wenn sie dieses nicht sind wir wollen ihn
dazu bilden O Wallenheim wie kann man sich wundern dass die Hofmeister nicht
Erzieher sind da die Eltern selbst es nicht sind Man betrachte das Betragen
der Eltern gegen ihre Kinder und gegen denjenigen denen sie ihre Erziehung
anvertraut haben wie zwecklos wie planlos Der Erzieher sollte der erste
Freund der Eltern sein er ist ja ihr Gehülfe bei der moralischen Bildung ihrer
Kinder eben bei dem was eigentlich sie zu Menschen macht er teilt ja mit
ihnen ihre Mühe für ihr Wohl ein Zweck ein Plan ein Interesse so viel es
sein könnte sollte sie verbinden Man sollte durch Liebe durch Achtung durch
das Versprechen ihn Lebenslang zu besolden ihn zum Mitglied der Familie
machen Dann Wallenheim dann würden sich auch Erzieher finden Die meisten
welche es jetzt sind werden indes sie eine Stelle bekommen Hofmeister um
sich ihren Unterhalt zu verschaffen und werden auch in den meisten Häusern als
die ersten Bedienten behandelt Sie sind jung sie haben nie über Erziehung
nachgedacht selten darüber gelesen sie konnten nicht ein eigenes Studium daraus
machen weil sie wussten dass ihnen dieses nie ihren Unterhalt verschaffen würde
Allein man lasse auch die Erzieher hoffen dass durch ihre Geschicklichkeit in
diesem Fache sie sich ansehnliche Versorgungen versprechen können man
versicherte ihnen als Erziehern Besoldungen auf Lebenslang man mache ihnen
dieses Geschäfte angenehm man mache den edlen Wunsch in ihnen rege Menschen
bilden zu wollen man zolle Dank und Ehrfurcht dem Manne der ihn zu erfüllen
strebet und gewiss Viele würden sich ganz dem Erziehungsgeschäfte widmen Doch
jetzt bleibt allen Hofmeistern keine andere Aussicht übrig als durch ihre
eigenen Bemühungen sich eine Stelle zu verschaffen da sie in den meisten
Häusern auf einen unangenehmen Fuß stehen so suchen sie diese bald zu erlangen
daher der öftere Wechsel der Hofmeister der immer der Erziehung nachteilig
ist daher ihre wenige Anhänglichkeit an dieses Geschäfte und an ihre Zöglinge
Doch Wallenheim da wir diese Fehler einsehen so können wir sie vermeiden
Lassen Sie uns einen Mann von Kenntnissen und von guter Aufführung suchen und
wo möglich lassen Sie uns einen jungen Mann nehmen Ein junger Mann wird sich
eher leiten lassen er wird mehr für sein Geschäft erwärmt werden er wird sich
noch nicht Ruhe und Bequemlichkeit wünschen und folglich noch nicht so bald an
eine Versorgung denken besonders wenn wir ihn durch Liebe und Zutrauen an uns
gefesselt haben und seine Lage ihm angenehm machen Wenn wir diesen gefunden
haben o so lassen Sie von seinem ersten Eintritt in unser Haus völlige
Gleichheit unter uns eingeführt sein damit wir seinen Charakter und seine
Meinungen über Erziehung kennen lernen lassen Sie uns ihm unsere Begriffe
darüber mitteilen und gemeinschaftlich einen Erziehungsplan entwerfen nach
unsern vereinigten Einsichten den besten und ihn gemeinschaftlich ausführen
Wallenh Zu allem diesen habe ich nicht Zeit dieser schöne Plan wird also
wohl müssen unausgeführt bleiben
Elisa O so vertrauen Sie mir das Geschäft Es wird mir zu wichtig sein
als dass ich es je vernachlässigen sollte Glauoen Sie denn Wallenheim dass
Fremde mit mehrerer Aufmerksamkeit über Ihren Sohn wachen werden als ich seine
Mutter Glauben Sie dass ihre Bemühungen für seine Erziehung ernstlicher sein
werden als die meinigen Doch vielleicht könnte es mir noch an hinlänglicher
Kenntnis fehlen allein auch die will ich suchen zu erlangen Sie sollen den
Entwurf zu seiner Erziehung beurteilen so viel Zeit werden Sie ja wohl haben
Er soll mit dem übereinstimmen was hierüber am besten gesagt und geschrieben
worden ist und vorzüglich er soll dem Charakter meines Sohnes angemessen sein
Versuchen Sie es doch nur Überlegen Sie doch nur meine Gründe
Wallenh Welche haben Sie denn gegen die Erziehung außer dem Hause
Elisa Beispiele haben mir so oft gezeigt dass sie von allen die
schlechteste ist denn sie wird gewiss immer am meisten vernachlässiget Die
Kinder sind ja fast nur in den öffentlichen Lehrstunden unter Aufsicht auf ihre
Handlungen wird nicht gemerkt man sucht nicht Begierde nach Kenntnissen in
ihnen zu erregen und die Bildung ihres Herzens wird gänzlich unterlassen
Wallenh Allein sie lernen Menschen und Weltkenntnis sie lernen mit
Menschen umgehen und die Regeln der Vorsicht praktisch ausführen
Elisa Sollte man in der Privaterziehung nicht auch diesen Vorteil erlangen
können wenn man Proben veranstaltete welche die Kinder Erfahrung lehrten und
gesetzt man erreichte dieses nicht ganz in dem Grade sollte der kluge
einsichtsvolle mit festen Grundsätzen begabte Jüngling wenn er in die Welt
tritt nicht bald lernen den Regeln der Klugheit und der Vorsicht gemäß zu
handeln Man lehre ihn beobachten und er wird bald die Menschen und die Welt
kennen lernen und seine Beobachtungen werden für ihn von doppeltem Nuzzen sein
da er sie nicht unter fremder Leitung sondern mit dem recht angewandten
Gebrauche seiner reifern Vernunft anstellte
Wallenh Um eben dieser kluge einsichtsvolle Jüngling zu werden will ich
ihn in eine öffentliche ErziehungsAnstalt bringen
Elisa Und dieser Zweck wird da vielleicht am ersten verfehlt Wie kann man
über den Vorzug den die Privaterziehung vor der öffentlichen hat noch einige
Zweifel haben Man wendet ja auf die erste weit mehr Sorgfalt Kennt man den
Lehrer dessen Privat man in einer öffentlichen ErziehungsAnstalt die Kinder
übergibt Weiß man ob er sich ihre Erziehung angelegen sein lässt Kann man ihn
beobachten Nein man setzt sich außer Stand die Erziehung seines Kindes
selbst zu ordnen das Fehlerhafte davon zu entdecken und ihm abzuhelfen Man
weiß vielmehr dass das Kind meistens sich selbst überlassen ist dass es mit so
vielen die Bemühungen des Lehrers teile dass es diesem unmöglich ist seine
Beschäftigungen und seine Aufmerksamkeit nur einem zu widmen man muss es also
auf das Ohngefähr ankommen lassen ob das Kind zum guten oder zum schlechten
Menschen zum nützlichen Bürger oder zum ausschweifenden Toren gebildet werde
Allein wenn wir unsern Sohn im Hause behalten so können wir ja alle Sorgfalt
auf seine Erziehung wenden er bleibt unter beständiger Aufsicht Und wenn auch
Sie lieber Wallenheim diesem Geschäfte keine Zeit widmen können so werden
doch die Bemühungen zweier die eines geschickten Erziehers denn diesen hoffe
ich durch die Mittel die ich ihnen gesagt habe zu erhalten und die meinigen
fruchtbarer sein als der geteilte Unterricht eines Lehrers den kein so
starkes Interesse belebt Wird man wohl in einer öffentlichen ErziehungsAnstalt
so die Handlungen meines Kindes beobachten so seine Neigungen ausspähen und
ihnen die edle Richtung geben wie ich beflissen sein werde es zu tun Glauben
Sie mir Wallenheim Eltern sind die besten Erzieher wenn sie es aufrichtig
sein wollen und zu diesem Geschäfte die erforderlichen Einsichten besitzen Ich
zittere für Karln wenn man nicht sucht seinem Charakter Festigkeit zu geben
Vielleicht wird es kein Anderer bemerken dass in seinem Charakter eine
Leichtigkeit ist welche zur Schwäche wird Ich die ich ihn immer beobachte
habe dieses nur zu oft wahrgenommen Er beharrt nie auf einem einmal genommenen
Entschluss augenblicklich geht er durch Anderer Zureden durch den Anblick
anderer Gegenstände von dem was er tun wollte ab Diese Schwäche kann ihn
einst mit den besten Eigenschaften zu den größten Fehlern selbst Verbrechen
verleiten Auch hatte ich schon auf Mittel gedacht ihm Festigkeit zu geben Ich
wollte wenn er erst selbst Schlüsse machen könnte Proben veranstalten durch
welche er den Schaden seiner Nachgiebigkeit selbst empfinden sollte dieses oft
und auf verschiedene Art wiederholt würde gewiss endlich Festigkeit in ihm
hervorbringen Und dieses Alles wird in einer öffentlichen Erziehungsanstalt
verabsäumt Da wird an keine Bildung des Charakters gedacht keine Mittel
gebraucht durch welche moralische Eigenschaften in den Seelen der Zöglinge
haften Und Karl kann ja in unserm Hause eben den Unterricht genießen welcher
in den öffentlichen ErziehungsAnstalten erteilt wird wir könnten ihm Lehrer
halten welche ihn in denjenigen Kenntnissen unterrichteten die sein Lehrer
nicht besitzt O Wallenheim Nie drang ich in Sie mir eine Bitte zu
willfahren Aber diesesmahl es betrifft das Wohl meines Sohnes lassen Sie
ihn mir im Hause
Wallenh Elisa Sie sollten wissen dass ich nie von einem einmal genommenen
Entschluss abgehe Karl soll außer dem Hause erzogen werden
Elisa Lieber Wallenheim ich bitte Sie ja nur meine Gründe zu prüfen Karl
ist noch so jung und erhält jetzt dadurch noch keinen Vorteil wenn er auch in
die beste ErziehungsAnstalt gebracht würde Sein Alter hingegen erfordert noch
so viel Sorgfalt ist noch so vielen Unfällen ausgesetzt dass nur älterliche
Zärtlichkeit diese von ihm wenden und jene ihm widmen können Versuchen Sie
also den Plan den ich zu seiner Erziehung entworfen habe lassen Sie ihn bis in
sein zwölftes Jahr unter unserer Aufsicht in unserm Hause erziehen und glauben
Sie dann noch dass die Erziehung außer dem Hause besser ist nun so werden doch
die Jahre seiner Kindheit auch nicht für ihn verloren gegangen sein und die
öffentliche Erziehung wird dann vielleicht von mehrerm Nutzen für ihn sein
jetzt kann sie ihm in jedem Betracht nur schädlich werden Entreissen Sie ihn
also nicht der mütterlichen Sorgfalt um ihn Händen anzuvertrauen welche
vielleicht nicht wissen wie sie das Kind behandeln sollen und nicht gewohnt
sind den Mängeln dieses Alters ihre Aufmerksamkeit zu weihen
Wallenh Elisa ich verlange keine Widerrede mehr ich habe Ihnen nicht
meinen Willen bekannt gemacht um Widersprüche zu hören
Elisa Ach verlangten Sie mein Glück mein Leben von mir Sie sollten sie
nicht von mir hören All in es gilt das Glück meines Sohns Auch mir gebot die
Natur es zu befördern sie machte mich zu seiner ersten Versorgerinn und ich
fühle es dass ihm kein Anderer meine Stelle ersetzen könnte Auch kann ich mir
selbst bezeugen dass ich bisher die Mutterpflichten gegen ihn treu erfüllte und
dieses Bewusstsein lässt mich hoffen dass ich immer im Stande sein würde es zu
tun Verzeihen Sie mir also Wallenheim meine Einwendungen da ich sehe dass
Sie im Begriff sind von einem Ohngefähr die moralische Bildung und mithin das
Glück Ihres Sohnes abhängen zu lassen indem ich glaube Mittel anwenden zu
können ihm dieses zu versichern Und ich bitte Sie ja nur die Ausführung Ihres
Entschlusses auf einige Jahre zu verzögern Nehmen Sie doch Rücksicht auf Karls
Alter wie leicht kann er krank werden und vielleicht wenig Pflege alsdenn
bekommen Der Mangel an Aufsicht denn ein öffentlicher Lehrer kann sich
unmöglich viel mit einem Kinde von seinem Alter beschäftigen kann ihm
Gebrechen Schaden zuziehen und ihn vielleicht dem Tode nahe bringen selbst
ins Grab ihn stürzen O Karl ersparen Sie sich Vorwürfe welche diese
Handlung vielleicht für die Zukunft Ihnen bereitet und mir die Angst beständig
in der Ungewissheit über den Zustand meines Sohnes zu sein
Wallenh Ihre Beredsamkeit ist diesesmahl umsonst Sagen Sie mir kein Wort
mehr sondern suchen Sie sich in Absicht Karls zu beruhigen ich werde schon
gehörige Sorge für ihn tragen und bemühen Sie sich die Trennung von ihm
gelassen zu ertragen
Elisa Sie unterdrückt eine Träne Wallenheim o dann gewähren Sie mir
nur eine Bitte Erlauben Sie mir zum wenigsten Sie und Karln zu begleiten
damit ich selbst die Personen sehe und kennen lerne deren Aufsicht mein Karl
anvertraut wird um wo möglich ihnen meine Liebe meine Sorgfalt einzuflößen
und eine Mutter dort bei der Liebe zu ihren Kindern zu beschwören mütterliche
Sorgfalt für meinen Karl zu haben
Wallenh Dieses Alles wird nicht nötig sein ich bin Karls Vater und werde
wohl selbst gehörige Maßregeln ergreifen können damit er gut gehalten werde
Auch würden Sie wohl noch wollen Henrietten ihre Wärterinn und die Mamsell
mitnehmen und mit solchem Gefolge liebe ich nicht zu reisen Setzen Sie also
Karln nur in den Stand in einigen Tagen mit mir wegzureisen ohne sich wider
meinen Willen zu meiner Gesellschafterinn aufzudringen
Er verließ hierauf das Zimmer Elisa war sehr gerührt sie drückte ihren
Sohn mit inniger Wehmut an ihre Brust O mein Karl rief sie aus du sollst
nicht länger an dem mütterlichen Busen ruhen Wallenheim ich ertrug Alles
aber dass du mich meines Kindes beraubest dass du mich außer Stand setzest an
seiner Erziehung an seinem Glücke zu arbeiten dieses zu ertragen dazu gehört
eine höhere Kraft Eine Pause allein er ist Gatte und Vater und auch hier
ist es meine Pflicht geduldig seinem Willen ergeben zu sein Nein ich will
nicht murren nicht mit ihm zürnen sondern jedes sanfte Mittel jede
vernünftige Vorstellung noch anwenden um ihn von seinem Entschlusse
abzubringen Ich will seinen Zorn gelassen ertragen ich spreche ja für das Wohl
meines Kindes und zu dem Vater desselben Und reißt er dich doch aus meinen
Armen O dann Vernunft mache mich stark auch dann meine Pflicht nicht zu
vergessen Standhaftigkeit Festigkeit und Geduld bleibe auch dann
unveränderlich in mir Kann ich Karln auch nicht selbst erziehen so will ich
doch Alles anwenden ihn mit der Zeit gute Grundsätze einzuflößen Sie drückt
Karln wieder mit Heftigkeit an ihre Brust O mein Kind mögest du edel und gut
werden Ach Wallenheim dass du mich dieses nicht bewirken lassen willst
Elisa trocknete indes ihre Tränen wieder und erwartete Wallenheim mit
heiterer Miene allein alle ihre Versuche ihn zu bewegen Karln nicht aus dem
Hause zu bringen waren vergebens er beharrte auf seinem Entschlusse Elisa
verbarg zwar vor ihm ihre Tränen allein es war ihr doch unmöglich so heiter
zu sein als sie gewöhnlich zu sein pflegte Indes schien Wallenheim ihre
Traurigkeit nicht zu bemerken sondern reisste mit Karln am vierten Tage nachdem
er Elisan seinen Vorsatz entdeckt harte ab und brachte ihn nach D Diese
Trennung von ihrem Sohne war Elisan sehr schmerzhaft allein ihr Betragen gegen
Wallenheim blieb dasselbe blieb gleich sanft und freundlich Sie reiste nach
Wallental um in den Umarmungen der Freundschaft Erleichterung ihres Kummers zu
suchen Felsing und Henriette lebten einig und glücklich Henriette hatte sich
ihre Freundin zum Muster genommen sie besaß ihre sanften Tugenden und Elisas
liebevolle Seele atmete nur Freude wenn sie das Glück ihrer Freunde sah
Zum Drittenmahle wurde Elisa Mutter In Wallental war es wo sie ein Jahr
nach Karls Entfernung aus dem Hause niederkam und einen Knaben zur Welt
brachte Er war acht Tage alt und man hatte noch keinen Namen für ihn bestimmt
Wie wollen wir denn unsern Knaben nennen fragte Wallenheim seine Gattin als
er mit Henrietten an einem Morgen an ihrem Bette saß
Elisa Er mag Herrmann heißen Sehen Sie Wallenheim seine große Augen wie
offen sein Blick einst werden wird O gewiss ein süßes Vorgefühl sagt es mir
er wird ein biederer Junge werden und dieser Name ihm am angemessensten sein
Wallenh Lächelnd Nun er mag ihn erhalten denn Sie scheinen sich viel
von dem Namen zu versprechen
Auch Elisa lächelte und bald darauf ging Wallenheim hinaus
Henr Nachdem Wallenheim das Zimmer verlassen hat Elisa So soll Dein
Sohn Dich denn in jedem Augenblick an Deinen Geliebten erinnern
Elisa Nenne ihn nicht mehr so Henriette als Mutter dreier Kinder bin ich
nun wohl ganz Wallenheims Gattin Herrmanns Andenken kann mich nicht mehr
schmerzen kann keine andere Empfindungen als die Empfindungen inniger Achtung
und Freundschaft in mir erregen Gern höre ich jetzt von ihm gern spreche ich
von ihm Wenn ich an ihn und an seine Liebe denke so ist mir als sähe ich in
ein schönes Land zurück wo ich einst weilte und wo ich einen Begleiter fand
der dort meinen Weg mit Blumen bestreuete Ich erinnere mich des Entzückens das
ich empfand und mein Herz liebt noch den Urheber desselben allein das
Entzücken ist vorüber und mit ihm das lebhafte Gefühl für den der es erzeugte
Warum sollte ich meinen Sohn nicht Herrmann nennen da dieser Name mir
Erinnerung meiner Freuden meiner Leiden und ich darf auch sagen meiner
Standhaftigkeit ist Ich denke mir Herrmann nicht mehr als meinen Geliebten
nicht mehr wie er auf dem Berge in Birkenstein mir seine Liebe erklärte nicht
wie er beim Abschiede verzweiflungsvoll mich an seine Brust drückte nein ich
denke ihn mir als den edelen Mann den nützlichen Staatsbürger den warmen
Menschenfreund und mit immer erneuerter Tätigkeit wird mich diese Vorstellung
beleben meinen Sohn dazu zu bilden Wenn ich ihn nennen werde werde ich in ihm
den edelsten Mann den liebenswürdigsten Sterblichen erblicken und alle meine
Bemühungen sollen dahin gehen dass er es werde
Henr Lächelnd Ich erkenne Dich so ganz wieder Elisa Noch immer ist Dein
Gefühl für jedes Gute und Edle schwärmerisch
Elisa O Henriette in der Liebe schwärmt man immer so auch in der Liebe
zur Tugend Doch hüte man sich so viel man kann vor dieser Schwärmerei Leicht
kann man durch sie die wahre Tugend verkennen und empfindsame Hirngespinnste an
ihre Stelle setzen Wer wahrhaft warmes Gefühl für Tugend hat der lasse auch in
den Augenblicken der Begeisterung die kalte prüfende Vernunft seine Führerinn
sein
Herrmann wurde nun ohne dass sie es selbst ahndete seiner Mutter und bald
auch seines Vaters Liebling allein der Knabe rechtfertigte diesen Vorzug Er
war erst einige Jahre alt und man bemerkte schon ihn ihm ein gutes fühlendes
Herz und jede Anlage zum großen Geiste Mit Entzücken drückte ihn oft Elisa an
ihre Brust und sagte dann O er wird Dir ähnlich sein Herrmann mein Sohn
mein Herrmann ich werde dich verehren wie ihn
Es waren nun sechs Jahre dass Elisa in Wallental die zehn Kinder angenommen
hatte Sie waren alle sechszehn Jahre alt und ein jedes hatte gelernt durch
seiner Hände Arbeit sich seinen Unterhalt zu verschaffen Sie sollten nun
eingesegnet werden und dann das Erziehungshaus verlassen Elisa reiste zu der
Zeit nach Wallental und wohnte der Einsegnung bei Nach dieser Feierlichkeit
bestellte sie sie auf das Schloss sie empfing sie auf dem Hofe gerührt
näherten sich ihr die Jünglinge und Mädchen O unsere Wohltäterin riefen
alle und fielen vor ihr nieder
Elisa Steht auf meine Kinder und setzt Euch hier neben mich Alle
gehorchten und setzten sich auf die Bänke welche Elisa für sie hatte
hinstellen lassen Sie fährt fort Wir werden uns vielleicht nun nicht mehr oft
sehen es ist vielleicht heute das Letztemal dass wir hier alle versammelt sind
und glaubt mir meine Kinder die Trennung von Euch geht mir nahe denn Euer
Wohl liegt mir am Herzen Doch sie ist notwendig Ihr seid nun in einem
Alter in welchem Ihr Euch selbst Euren Unterhalt erwerben könnt und es ist
meine Sorge gewesen Euch in den Stand zu setzen dieses tun zu können Nun ist
es Eure Pflicht für Euch selbst zu sorgen O meine Kinder Ihr nahmt heute die
Verbindlichkeit auf Euch gute Menschen zu sein vergesst dieses nie wenn Ihr
wollt dass es Euch wohl gehen soll Seid treu in Eurem Dienste arbeitsam
geduldig und liebreich gegen Eure Nebenmenschen dann werden Eure Herrschaften
Euch lieben und Eure Treue belohnen und diejenigen mit denen Ihr umgeht Euch
gerne Gefälligkeiten erweisen Lebt aber auch ordentlich und eingezogen denn
eine liederliche Lebensart stürzt in Unglück Krankheit und Laster und seid
versichert dass wenn Ihr Euch gut aufführt Ihr immer in mir eine Mutter finden
werdet die bereit sein wird Euch zu helfen Kommt nur zu mir wenn Ihr in
Mangel oder in Elend geratet selbst wenn die geringste Widerwärtigkeit Euch
trifft ich werde Euch unterstützen Alles was ich für Euch tat geschahe in
der Absicht Euch glücklich zu machen und es würde mich sehr kränken wenn Ihr
durch eine schlechte Aufführung selbst Euer Glück zerstörtet O meine lieben
Kinder versprecht mir dass Ihr mir nie diesen Gram machen wollt
Alle weinten und fielen wieder zu Elisas Füßen die nächsten umfassten ihre
Kniee O gnädige Frau o unsere liebreiche Mutter nimmer nimmer
Elisa Wenn das ist meine Kinder so werde ich Euch ruhiger von hier ziehen
sehen und solltet Ihr auch einmal einen Fehltritt begehen so verliert doch
nicht Euer Zutrauen zu mir kommt auch dann noch zu mir auch dann werde ich
Euch aufnehmen Euch zurecht weisen denn nie werde ich aufhören Euch zu
lieben Sollten jetzt einige von Euch sein welche noch keinen Dienst haben
oder noch kein Mittel wissen sich ihren Unterhalt zu erwerben so können sie
bis sie einen Dienst bekommen hier in Wallental auf dem Schloss bleiben und
indes für uns arbeiten
Nun ging Elisa zu einem jeden richtete ihn auf drückte ihm die Hand und
gab einem jeden zwei Taler Dank strahlte aus aller Augen und ein Jeder
versprach es sich selbst seiner Wohltäterin würdig zu bleiben Elisa las es
in ihren Herzen sie sah ihren Vorsatz er erfüllte sie mit der reinsten
Freude Ich habe sie dem Laster und dem Elende entrissen sprach sie zu sich
selbst ich habe sie zu Menschen gebildet ich habe an ihrem Glücke gearbeitet
Diese Vorstellungen strömten Wonnegefühl und das seligste Entzücken in ihr
Herz Sie vergoss Tränen der seligsten Empfindung der Freude über sich selbst
Menschen beglückt zu haben voll dieses Gefühls eilte sie in ihr Zimmer warf
sich auf ihre Kniee und erhob ihr schönes Auge aus welchem reine Verehrung der
Gottheit und warme Menschenliebe blickten Dank Dir gütige Vorsicht rief sie
aus Du lehrtest mich die edelsten Freuden kennen Durch Deine Leitung wurde
meine Seele gefühlvoll und liebend O dass ich nie gleichgültig gegen
Menschenwohl werde dass ich nie erkalte in dem tätigen Eifer es u befördern
Dir erste und wohltätige Quelle alles Daseins erneuere ich das Gelübde mein
ganzes Leben hindurch Menschenglück zu befördern Und dass jeder Blick gen Himmel
mich dessen erinnere oder mit Vorwürfen mich strafe wenn ich kalt in seiner
Erfüllung werde
Nun ging Elisa wieder hinunter ihr Blick schien der Blick eines Engels und
über ihrem ganzen Wesen lag holde Milde verbreitet Auch schlugen alle Herzen
voll Liebe für sie Es waren auf dem Hofe viele Einwohner des Dorfs versammelt
und alle sagten unter einander O wie schön ist unsere gnädige Frau Wie gütig
sieht sie aus O wir wollen immer Alles tun was sie verlangt gält es auch
unser Leben denn sie ist ja immer bemüht uns zufrieden zu machen
Elisa hatte für alle Kinder welche an diesem Tage eingesegnet worden waren
eine Mahlzeit bereiten lassen sie ließ nun auf dem Hofe einen Tisch decken und
sie mussten sich an denselben setzen Fröhlichkeit herrschte bei diesem Mahle
und Elisa genoss mit Entzücken den Anblick unschuldiger jugendlicher Freude Der
kleinen Henriette trug sie auf zu Allen zu gehen zu fragen was sie
verlangten zu sehen was sie wünschten und es ihnen dann zu bringen sie
wollte sie jung gewöhnen Vergnügen in Dienstleistungen und in der Austeilung
von Geschenken zu finden Die folgenden Tage war Elisa beschäftigt zehn andere
Kinder anzunehmen welche die Stelle der Erstern ersetzten und reiste dann
wieder zurück nach B
In dieser Zeit starb Elisas Mutter und sie erbte nun ein ziemlich
ansehnliches Vermögen allein gleich einfach blieb sie in ihrer Kleidung und in
ihrer Lebensart gleich aufmerksam in der Besorgung ihrer Wirtschaft und allen
ihren häuslichen Angelegenheiten Wallenheim hatte indessen schon einen großen
Teil seines Vermögens im Spiele durchgebracht und Elisas Bemühungen ihn von
dieser Leidenschaft zu heilen waren vergebens Auch wollte er nun dass mehr
Prunk in seinem Hause herrschen sollte er nahm noch einige Bedienten an und
fing wieder an viel Gesellschaft in seinem Hause zu sehen in welchem alles auf
einen sehr glänzenden Fuß eingerichtet werden musste Oft reiste er allein nach
Wallental gab dort große Jagden und verspielte dort ansehnliche Summen
Ungern erfüllte Elisa in Absicht des Aufwandes den er führen wollte seinen
Willen Sie machte Vorstellungen dagegen allein er antwortete ihr ich will es
so Elisa Es ist von meinem Vermögen Sie schwieg dann und bestrebte sich in
Allem was er wünschte ihm gefällig zu sein und so viel es sein konnte mit
den wenigsten Kosten diesen Aufwand zu führen Sie erhielt auch von ihm dass er
für Herrmann als dieser fünf Jahr alt war einen Erzieher ins Haus nahm Schon
seit einigen Jahren hatte sie gesucht mit vielen jungen Männern bekannt zu
werden welche sich dem Erziehungsgeschäfte widmen wollten Jetzt fiel ihre Wahl
auf einen jungen Mann welcher mit edlen Gesinnungen und einem biederen Herzen
nützliche und gründliche Kenntnisse verband Zwar besaß er wenig Weltkenntnis
auch hatte er wenige Begriffe über Erziehung und es fehlte ihm an Bildung in
seinem äußern Wesen allein Elisa hoffte dass er dieses alles durch Erfahrung
erlangen würde doch nur in dem Umgange mit ihr konnte dieses geschehen denn
sie wurde ohne dass er es wusste seine Lehrerinn Sie teilte ihm ihre Begriffe
über Erziehung mit machte ihn aufmerksam auf den Charakter und die Anlagen
ihres Sohnes sagte ihm welches die beste Art sein würde ihn zu behandeln
Nach einem Jahr war Waldin so hieß der Lehrer des jungen Wallenheims fähig im
eigentlichen Sinne des Worts Erzieher zu sein Unaufhörlich beobachtete er
seinen Zögling nicht ein Gedanke nicht ein Verlangen des Kindes entging seiner
Aufmerksamkeit und jedes seiner eignen Worte und Handlungen hatte Herrmanns
Erziehung zum Zwecke Elisas höfliches vertrauliches und liebreiches Betragen
gegen ihn hatte verursacht dass sein äußeres Wesen jene feine Politur bekam
welche man nur beim Weltmann antrifft und welche doch der Erzieher stets haben
sollte Verehrung ihrer Tugenden und Liebe gegen Herrmann als den Gegenstand
seiner Bemühungen und das Wesen welches durch ihn seine moralische Bildung
erhalten sollte fesselte ihn an die Wallenheimsche Familie und machten ihm
seine Stelle angenehm Einst als Elisa lange mit ihm über ihre Kinder über den
Erziehungsplan den sie gemeinschaftlich entworfen und gemeinschaftlich
ausführten gesprochen hatte sagte sie ihm endlich Herr Waldin Ihnen werde
ich vielleicht künftig das süßeste Glück meines Lebens verdanken womit werde
ich dieses vergelten können Sie opfern der Erziehung meines Sohns Ihre Jugend
und die Vergnügungen derselben und ich werde Ihnen nichts geben können als
meinen Dank
Waldin Der Dank der Edelsten Ihres Geschlechts ist viel wert gnädige
Frau und doch wird er nur eine meiner geringsten Belohnungen sein Lassen Sie
mich Herrmann zum Mann bilden und ich darf sagen mein Gefühl wird dem Ihrigen
gleich kommen es wird in sich seine Belohnung führen
Elisa Es wird noch erhabener sein Herr Waldin Alles was ich tue heißt
Muttergefühl mir und Mutterfreuden werden mich belohnen aber Ihre Bemühungen
sind eben so uneigennützig als sie groß sind
Waldin Und rein wird meine Freude einst sein O gnädige Frau Sie nur
können die Gedanken und alle die seligen Empfindungen begreifen welche in
seinem Gefolge sind Den Gedanken ich habe einen Menschen gebildet ich habe
ihn zum nützlichen Mitgliede der Gesellschaft gemacht ohne irgend ein anderes
Interesse als das Gutes tun zu wollen ohne irgend einen andern Antrieb als
den meine Pflicht und den erhabensten Beruf zu erfüllen Alles Gute welches
dieser Mensch tut fällt mir als dem ersten Urheber desselben zu Wenn er
seine Mitbürger beglückt und sie ihn segnen so segnen sie mich Wenn er
glücklich durch seine Tugend ist, so ist er es durch mich und ich zehnfach
durch ihn Ich arbeitete an dem Glücke der würdigsten Mutter jede
Freudenträne welche sie über ihren Sohn vergisst strömt Segen auf mich herab
In diesem Augenblicke kam Herrmann angelaufen er warf sich auf den Schoss
seiner Mutter und schrie in einem freudigen Tone Liebe Mutter ich bin recht
vergnügt
Elisa Das freut mich mein Herrmann aber was macht Dich denn so vergnügt
Herrm Ich ging vor die Türe liebe Mutter eben als Sie mir die Kirschen
und das Brod gegeben hatten und da saß ein kleiner Junge er weinte so sehr
und ich fragte ihn weswegen Er sagte mir ihn hungerte sehr und seine Eltern
könnten ihm heute den ganzen Tag nichts zu essen geben da gab ich ihm meine
Kirschen und das Brod Ich war zwar auch hungrig und ich hatte mich sehr auf
die Kirschen gefreuet aber ich dachte nicht mehr daran Ich habe ihm auch
gesagt er sollte auf den Abend wieder kommen ich wollte ihm mein Abendbrot
geben ich kann ja morgen essen und des Nachts fühle ich den Hunger nicht O da
war er recht vergnügt als ich das sagte er sprang und rennte freudig weg und
das machte mich auch lustig
Bei diesen Worten hüpfte der Knabe aufs neue Elisa blickte auf Waldin
inniger Dank war ihr Blick und eine Träne der Freude rollte über ihre Wange
sie nahm ihren Sohn in ihre Arme Waldin verstand den Blick ihn ganz will ich
verdienen sprach er zu sich selbst und fest haftete der Vorsatz in seiner
Seele
Elisa welche noch immer Herrmannen auf ihrem Schoss hält Jedesmahl
mein lieber Herrmann wenn du den Armen etwas geben oder etwas tun wirst was
ihnen Freude macht wirst du so vergnügt sein
Herrm Jedesmahl liebe Mutter Und Sie werden mich dann auch immer lieben
wie jetzt
Elisa Gewiss Herrmann ich werde dich jedesmahl mehr lieben
Herrm O wenn doch recht oft kleine Jungen kämen welche hungerten ich
wollte ihnen immer geben was ich hätte
Elisa Weißt Du kein Mittel Herrmann wodurch dieses geschehen könnte
Herrm Keins Mutter Es sinnt nach Doch etwas fällt mir ein ich
könnte wenn ich spazieren ginge die kleinen Jungen welche traurig und
schlecht angezogen sind fragen ob sie hungrig sind und dann sie mit mir
nehmen
Elisa Ja das geht an Aber sage mir sagte der kleine Knabe mit dem du
heute sprachest dass er oft hungere
Herrm Das habe ich ihn nicht gefragt Doch ich weiß schon was ich tun
werde ich werde ihm sagen dass jedesmahl wenn er hungere er zu mir komme und
dann wird er sich jedesmahl so freuen als heute
Elisa Tue das Herrmann er soll dann jedesmahl neben dir mit uns am
Tische essen
Herrmann fällt seiner Mutter freudig um den Hals Neben mir und ich werde
auch essen O das ist herrlich Nach einigem Besinnen Doch liebe Mutter
er hat nur so ein schlechtes Kleid an es ist so schmutzig und so zerrissen
Elisa Der arme Knabe wie mag ihn im Winter frieren
Herrm Ach ja und dann kann er so nicht mit uns am Tische essen
Elisa Warum nicht Herrmann Dein Kleid ist oft schmutzig und das deines
Vaters und das Meinige sind stets rein wenn wir dich nun mit dem beschmutzten
Kleide nicht wollten an den Tisch nehmen
Herrm O liebe Mutter das wäre hart Ich kann oft nicht dafür dass mein
Kleid beschmutzt wird es geschieht auf den Spatziergängen und wenn ich im
Garten arbeite ohne dass ich es weiß
Elisa Der arme Knabe kann noch weniger dafür dass seine Eltern ihm kein
gutes Kleid kaufen können
Herrm Nein gewiss nicht
Elisa Ist denn nun sein Kleid ein Hindernis dass er nicht mit uns essen
kann
Herrm Beschämt Nein liebe Mutter Er wird nachdenkend nach einer
Pause Aber wenn er doch nun für den Winter ein andres Kleid hätte damit er
nicht zu frieren brauchte
Elisa Und gewiss haben auch seine Eltern nicht einmal Holz um einheitzen
zu können
Herrmann der bisher noch immer im Nachdenken versunken war springt freudig
auf und klatscht mit den Händen O liebe Mutter mir ist etwas eingefallen o
er wird nun nicht so frieren
Elisa Wie wirst du dem abhelfen können
Herrm Ich will ihm eins von meinen Kleidern geben O wie vergnügt er sein
wird wie er springen wird
Er läuft freudig fort Waldin geht ihm nach ihn zu beobachten Elisa mit
freudigem Entzücken Herrmann dein Geist ruht auf ihm Er wird einst edel sein
wie Du und ich werde einst noch in meinem Sohne Dich lieben
Auf diese Art beschäftigte Elisa sich mit ihren Kindern täglich wuchs ihre
Zärtlichkeit gegen sie und vorzüglich gegen Herrmann Karl besuchte seine
Eltern alle Jahre und jedesmahl vermehrten sich Elisas Besorgnisse um ihn
Zwar besaß er innere Güte allein sein Charakter blieb schwankend Er liebte das
Gute und ließ zum Bösen sich hinreißen seine Leidenschaften waren heftig und
sein Verstand träge unfähig zum ernsten Denken unfähig jene unter die
Herrschaft der Vernunft zu bringen Oft erneuerte Elisa die Versuche Wallenheim
zu bewegen Karln wieder in ihr Haus zurückzunehmen allein jedesmahl erhielt
sie eine abschlägliche Antwort Sie trauerte im Stillen darüber ohne weiter
ihrem Gatten Vorwürfe zu machen Doch noch einen empfindlichern Schmerz
bereitete ihr Wallenheim Einst als er einen großen Verlust im Spiele erlitten
hatte beredete ihn einer seiner Freunde ihn zur Redoute zu begleiten um sich
zu zerstreuen Gleichgültig wohin er seine Schritte wendet missmütig und
mürrisch folgt er seinem Freunde und setzt auf der Redoute sich gedankenvoll
in einen Winkel eine weibliche Stimme weckt ihn aus seinem Nachdenken Gehen
Sie liebe Wilhelmine hohlen Sie mich hier wieder ab ich bin so müde dass ich
hier einige Augenblicke ruhen will Dieses waren die Worte welche an seiner
Seite erschallten er wendet sich um und erblickt neben sich eine weibliche
Figur welche in diesem Augenblicke die Maske abnimmt und dadurch Wallenheim
auf einige Augenblicke stutzen macht Noch nie hatte Schönheit auf ihn Eindruck
gemacht allein Rosalie war eins von den Geschöpfen auf welche die Natur ihre
liebsten Züge drückte sanfter Zauber war ihr Blick Liebe lächelte um ihren
Mund Grazie war in jeder ihrer Bewegungen ein schwarzer Mantel schlang sich in
weiten Falten um ihren schlanken Leib ohne die Schönheiten ihres Körpers zu
verhüllen durch ihn sah man den schönsten Busen sich bewegen auf welchem
sanft ihre braunen Locken spielten Kaum saß sie so wendete sie sich zu
Wallenheim ihre Unterhaltung war angenehm sie schwatzte den Missmut aus seiner
Seele er vergaß seinen Verlust und er fühlte dass er dieses Vergessen seiner
schönen Nachbarinn zu verdanken hatte Bald vergaß er jeden andern Gegenstand
und in dem ganzen Zirkel erblickte er nur die schöne Rosalie sie bot alle
Künste der feinsten Koquetterie auf ihn immer mehr an sich zu ziehen schon
berauscht er sich in ihren Blicken schon zittert Wollust in seinen Adern als
er seinen Arm um ihren halbentblössten Körper schlingt So führt ihn Rosalie weg
in ihre Wohnung hier lässt sie ihn nicht genießen sie gibt ihm aber den
Vorschmack von dem was Genuss ihm gewähren würde sie erregt sein Verlangen
reizt seine Begierden und windet sich dann aus seinen Armen Er muss sie
verlassen ohne dass einmal seine Hand auf ihrem klopfenden Busen geruhet habe
und doch zitternd vor Verlangen nach ihrem Besitze Er kehrte am andern Tage zu
ihr zurück und mit starken Zügen lässt ihn Rosalie aus dem Becher der Freude und
der Wollust trinken doch lässt sie ihn denselben nicht ausleeren Immer weiß sie
den Freuden welche in ihre Arme ihn locken einen neuen Reiz zu geben bis dass
sie um ihn die Kette der Liebe und Wollust geschlungen hat aus welcher er sich
nicht mehr winden kann Rosalie beherrscht ihn nun ganz große Summen empfängt
sie von ihm die sie wieder verschwendet Pracht und Überfluss muss in ihrem
Hause herrschen und jedem ihrer Wünsche bestrebt sich Wallenheim zuvorzukommen
Schon sechs Monate dauerte seine Leidenschaft zu Rosalien und Elisa ahndete
nichts von der Untreue ihres Gatten als er einst nach Wallental gereist war
und bei seiner Zurückkunft seinen Bedienten vorausschickte welcher Elisan
sagte dass er seinen Herrn am Tore verlassen habe welcher ihm unverzüglich
folgen würde Elisa wollte die Ankunft ihres Gatten erwarten und nicht eher zu
Bette gehen allein schon war Ludwig Wallenheims Bedienter eine Stunde
zurück und Wallenheim kam noch nicht Elisa ließ Ludwig noch einmal kommen im
ängstlichen Tone sagte sie zu ihm Ludwig mein Mann kommt ja nicht Wenn ihm
nur kein Unfall begegnet ist
Ludwig Ihr Gnaden er war dicht am Tore es kann ihm unmöglich mehr etwas
zugestoßen sein
Elisa O es muss doch sein Warum würde er außen bleiben Er war ja diesen
Abend nicht versagt Und er selbst sagte mir dass er ihm gesagt habe er würde
gleich ihm folgen Gott wenn er nur nicht gestürzt ist es ist so dunkel
Ludwig Ich bitte um Verzeihung Ihr Gnaden es ist heller Mondschein
Elisa O es wäre doch möglich Ich kann unmöglich länger ruhig sein Reite
er wieder bis an den Ort hin wo er ihn verlassen hat Ludwig ziehe er
Erkundigungen von ihm ein und bringe er mir bald Nachricht von ihm
Ludwig erfüllte ihren Befehl allein er kam zurück ohne ihr eine
befriedigende Antwort zu bringen er hatte nichts von seinem Herrn gehört
Elisas Unruhe stieg nun immer höher Sie lief alle Augenblicke an das Fenster
um ihn um so eher zu erblicken allein der Wächter rief zwölfe und Wallenheim
kam nicht er rief eins und Wallenheim war noch nicht da Endlich hört Elisa
das Traben eines Pferdes O das ist er ruft sie froh und eilt hinaus Er war
es doch wild und zerstört war seine Miene Elisa empfängt ihn an der Treppe
und umarmt ihn freudig O Wallenheim wie froh bin ich dass ich Sie sehe Ich
dachte ein Unfall wäre Ihnen begegnet ich konnte mir Ihr langes Aussenbleiben
nicht erklären
Wallenh Kalt erwidert ihre Umarmung nicht Es wäre natürlicher gewesen
wenn Sie geglaubt hätten Einer meiner Bekannten wäre mir begegnet und ich
hätte mit ihm diese Zeit zugebracht wie denn dieses wirklich der Fall ist.
Elisa Lächelnd O wer kann immer der geschäftigen Einbildungskraft
Einhalt tun wenn Besorgnisse über einen teuren Gegenstand in uns erregt sind
Wallenh Im vorigen Tone Es tut mir leid dass Sie meinetwegen und ohne
Not diese Besorgnisse gehabt haben Ersparen Sie sich dieselben in der Zukunft
Ich liebe es ohne dies nicht ausgespähet zu werden und von jedem meiner
Schritte Rechenschaft geben zu müssen
Er wandte sich hierauf weg und ging in sein Zimmer auch Elisa ging in das
Ihrige und gab ihren Tränen ungehindert Lauf Am andern Morgen erwachte sie
früh sie hatte leise das Fenster geöffnet und stand an demselben die
Morgenluft einzuatmen An der einen Seite ihres Schlafgemachs war das Zimmer
ihrer Kammerjungfer auch dort waren die Fenster offen Elisa hört Ludwig
hineintreten Friederike ruft ihm entgegen Geh er sachte Ludwig die gnädige
Frau schläft noch sie ist gestern Abend spät zu Bette gegangen
Ludw Unsere gute gnädige Frau Sie jammerte mich gestern recht Wie
bekümmert sie war O hätte ich ihr nur die Augen öffnen dürfen Doch aus Liebe
zu ihr möchte ich es ihr nicht sagen
Frieder Was meint er Ludwig
Ludw Sie wissen also nicht Mamsell Friederike was in der ganzen
Nachbarschaft schon längst von unserm Herrn bekannt ist
Frieder Ich habe wohl was sprechen hören doch nichts Bestimmtes Ich
bekümmere mich um dergleichen Geschwätze nicht der gnädigen Frau darf ich von
keinem Menschen am wenigsten von unserm Herrn etwas erzählen Sie hat mir
gleich gesagt sie hasse das Klatschen sie wolle mir alle meine Fehler
verzeihen allein merke sie diesen an mir so entliesse sie mich ihrer Dienste
Ludw Die rechtschaffene Frau Und eine solche Buhldirne muss ihr bei unserm
Herrn den Rang ablaufen Ich ärgere mich jedesmahl wenn ich mit ihm zu ihr
gehen oder ihr die prächtigsten Sachen hintragen muss Auch glaubte ich es
gestern gleich dass er bei ihr sein würde und die Versicherung davon erhielt
ich jetzt von ihrem Bedienten der so eben einen Brief von ihr brachte
Frieder So vornehm ist sie also
Ludw Durch unsern Herrn geworden Allein ein gemeines Mädchen war sie
nicht Sie heißt Mamsell Werner sie ist eines Mahlers Tochter und ist viel mit
ihrem Vater gereist der vor zwei Jahren gestorben ist worauf sie diese
Lebensart angefangen hat Allein jetzt glaube ich gehört sie nur unserm Herrn
allein der sie stets seine schöne Rosalie nennt und bis zum Sterben in sie
verliebt ist Den geringsten ihrer Wünsche erfüllt er ihr Wille leitet seine
Handlungen in ihrem Hause ist es so prächtig als in dem Unsrigen und sie
kleidet sich kostbarer als unsere gnädige Frau Ich weiß auch dass er schon ein
Paarmahl Geld geborgt hat um es ihr zu schicken Und Sie sollten sehen welche
Aufmerksamkeit er ihr bezeigt welche Zärtlichkeit er gegen sie hat Als er
neulich in Wallental gewesen war stieg er auch bei ihr ab ich folgte ihm sie
kam ihm entgegen er schlug seinen Arm um sie drückte sie lange an seine Brust
und sagte endlich O meine Rosalie ich habe nicht gelebt die Tage da ich Dich
nicht gesehen habe Schmeichler antwortete sie verlangst Du nun etwa doppelte
Entschädigung Ja ja sagte er lass sie mich nur hier suchen Bei diesen Worten
griff er ihr in den Busen und als führt der Bräutigam zum Erstenmahle die
Braut ins hochzeitliche Bette so ging er mit ihr hinein Doch schön ist sie
das ist wahr Sie hat ein Paar schwarze Augen so voll Feuer und doch so voll
Sanftmut einen so niedlichen Mund so schönes Haar welches auf einem so
weißen Nacken und auf einem so schönen Busen der nur immer halb bedeckt ist
spielt Allein unsere gnädige Frau ist doch auch schön mir kommt sie immer wie
ein Engel vor es geht Einem durchs Herz wenn sie einen ansieht und anlächelt
Und unser Herr Wenn er nur noch der Buhldirne überdrüssig würde Allein er ist
noch eben so vernarrt in sie als er es vor sechs Monaten war
Nicht ein Wort dieses Gesprächs blieb von Elisan ungehört ihr selbst
unbemerkt rollten Tränen von ihren Wangen Sie machte das Fenster wieder leise
zu um nicht gehört zu werden und an demselben Tage schrieb sie folgenden Brief
an Henrietten
»Meine Henriette
Jahre verflossen mir in ruhiger Heiterkeit glücklich in meinen Kindern
ahndete ich keinen andern Schmerz als ihren Verlust Noch gestern glaubte ich
nicht dass ich heute Tränen gekränkter Liebe vergießen würde Doch was klage
ich O Henriette wir werden unbillig wenn wir lange glücklich sind Wir
fordern dann dass kein Wölkchen den heitern Himmel trüben soll Doch ich will es
nicht sein ich will auch jetzt meine Empfindungen unterdrücken Henriette
Wallenheim liebt liebt eine Buhlerinn und diese ist jetzt seine Maitresse Ein
Zufall machte dass ich heute eine Unterredung zwischen Friedriken und Ludwigen
hörte welche mich hiervon unterrichtete Ich gestehe Dir Schmerz war meine
erste Empfindung ich vergoss einen Strom von Tränen Zwölf Jahre eines
traulichen Umgangs zwölf Jahre durch Ein Interesse verbunden zwölf Jahre er
und die Beförderung seines Glücks und seiner Zufriedenheit der Gegenstand meiner
Bemühungen und die Triebfeder meiner Handlungen haben mir Wallenheim endlich
teuer gemacht ich liebe ihn jetzt und es kränkt mich dass eine Andere seinem
Herzen näher war als ich Ich weinte lange O Henriette es waren bittere
Tränen welche ich vergoss Seit langer Zeit wieder hatte mir Wallenheim oft
übel begegnet allein ich hatte es für eine seiner gewöhnlichen Launen gehalten
und jede Empfindlichkeit darüber unterdrückt Jetzt glaubte ich dass seine Liebe
ihm Abneigung gegen mich eingeflößt hätte und dieser Gedanke war mir
schrecklich Ich wollte indes meine Tränen vor ihm verbergen es war am Morgen
und wir frühstücken stets zusammen nachdem Wallenheim aufgestanden ist Ich
hörte schon seine Stimme er war gestern von Wallental zurückgekommen und erst
spät in der Nacht zu Hause gekommen weil er so lange bei seiner schönen
Rosalie wie er sie nennt gewesen war ich hatte ihn erwartet weil sein
langes Aussenbleiben mich besorgt machte und er hatte mir hierüber Vorwürfe
gemacht Ich erkannte dass das Bewusstsein seiner Schuld diese veranlasst hatte
und ich verzieh ihm Nein ich will ihn nicht von mir entfernen sagte ich zu
mir selbst und suchte meine gewöhnliche Heiterkeit wieder anzunehmen Ich
erwähnte des vorigen Tages nicht ich unterhielt ihn ich war lustig er still
und missmütig ich holte heute beim Frühstücke unsere Kinder er sah sie und
mich mit Rührung an er küsste sie herzlich und küsste auch mich beim Weggehen
Noch hasst er mich nicht sagte ich mir und nun prüfte ich mich ob ich etwa
nachlässig in dem Bestreben ihm zu gefallen gewesen wäre Ich konnte mir
nichts vorwerfen allein ich kann unwissentlich gefehlt haben Das Mädchen
soll schön sein Wallenheim kannte die Liebe noch nicht Verlangen hatte ihn nie
in meine Arme geführt Wollust konnte ich ihm nicht mitteilen denn ich empfand
sie nicht in den seinigen Und vielleicht ist dieses alles nur eine
vorübergehende Leidenschaft ein Rausch der Wollust der wieder aufhören wird
Dem sei wie ihm wolle ich bin entschlossen die größte Aufmerksamkeit auf mich
zu haben um mein Betragen gegen ihn nicht zu verändern Ich werde ihm nie über
seine Neigung etwas sagen er soll nie mich mürrisch oder verdrießlich sehen
durch mich soll er in keiner seiner Handlungen in keinem seiner Schritte
eingeschränkt werden nie will ich als Ausspäherinn vor ihm erscheinen und kein
Blick kein Wort keine Bewegung soll mich verraten dass ich das Geheimnis
seines Herzens weiß Vor einem Jeden will ich dieses verbergen Ich will weiter
nicht nachforschen ich will nichts mehr zu erfahren suchen Die Empfindungen
sind unwillkürlich und wehe dem Weibe welches durch Zwang den Gatten erhalten
will Nein Wallenheim Ich werde Dir keine Fesseln anlegen Die der Liebe
banden uns nicht so wollte es das Geschick Auch glaubte ich immer Henriette
dass der Mann nie fühlen müsste dass er als Gatte weniger frei ist die Ehe muss
nicht das Grab seiner Vergnügungen sein Die Männer werden durch Koquetterie
durch den Reitz der Neuheit zu den Weibern hingezogen und das Weib muss durch
Annehmlichkeit durch eine beständige Aufmerksamkeit dem Gatten zu gefallen
jene Eindrücke zu schwächen suchen welche Andere zuweilen auf ihn machen Sie
darf nicht Beständigkeit von ihm erwarten sie muss ihn nicht einschränken sie
muss ihn glücklich machen und er wird sie immer lieben Dieses war mein
Bestreben seit dem Augenblicke da ich Wallenheims Gattin wurde ich
verdoppelte es als mir Wallenheim teuer wurde allein Wallenheim liebt mich
nicht O gewiss ohne Eifersucht hatte ich ihn unbeständig gesehen ich ertrug
seine Gleichgültigkeit aber dass ein anderes Weib sein Zutrauen seine Liebe
besitzt dass ich ihm jetzt weniger bin als ihm seine Buhlerinn ist O
Henriette dieses schmerzt mich denn gern hätte ich seine Liebe verdienen
mögen Allein Vorwürfe werde ich ihm nie machen Nein mit jedem Morgen will ich
mir zurufen Durch Liebe musst du ihn wieder zu gewinnen suchen und gewiss nicht
Langeweile nicht Unzufriedenheit über mich soll ihn Rosalien suchen lassen
Ich fühle mich jetzt ruhiger da ich mein Betragen gegen ihn bestimmt habe ich
suche Wallenheims Glück und ich bin froh dass ich zum wenigsten nichts tue es
zu zerstören Ich fühle dass ich seine Liebe verdient hätte und dieses Gefühl
gibt mir noch Zufriedenheit selbst wenn ich Tränen vergiesse Doch
Henriette ich habe noch mehr Besorgnisse Ich fürchte Rosalie kostet
Wallenheim viel und ich mutmasse dass er seit kurzem große Summen im Spiele
verloren hat Ich weiß dass seine Angelegenheiten in großer Unordnung sind ich
habe auch schon mit ihm deshalb gesprochen allein er antwortet mir Ich sollte
mich nicht darum bekümmern er wüsste schon wie es mit seinen Sachen stände und
er wüsste auch welche Maßregeln er ergreifen müsste Ich habe geschwiegen ich
sage nun nichts mehr allein ich will mich noch mehr einschränken ich will
meine Ausgaben berechnen es werden noch viele sein welche nicht notwendig
sind diese will ich ausstreichen Wallenheim und meine Kinder sollen in ihren
Vergnügungen nicht eingeschränkt die Unglücklichen nicht meiner Hilfe beraubt
werden dieses verbietet mir Menschenpflicht und mein Herz würde sich dagegen
sträuben allein mir will ich Alles entziehen was nicht unbedingte
Notwendigkeit fordert O Henriette ich fühle dass ich eine höhere Wollust
empfinden werde wenn ich dem Notleidenden die Summe geben werde welche für
meine Gemächlichkeit für mein Vergnügen bestimmt war Nein ich darf nicht
sagen dass ich ein Opfer tue ein höheres Glück bereite ich mir
Nun ist es schon ein Jahr meine Henriette dass ich Dich nicht gesehen habe
Sehnlich wünschte ich einmal wieder nach Wallental reisen zu können allein
ich darf es jetzt wohl nicht hoffen Es sind vier Wochen dass ich Wallenheim
mein Verlangen äußerte allein er antwortete mir dass seine Geschäfte ihm nicht
erlauben würden diesen Sommer einige Wochen von B abwesend zu sein Er will
sich nicht von Rosalien trennen und ich will nicht ohne ihn hinreisen heftiger
würde sonst seine Liebe zu ihr da nichts ihr das Gegengewicht halten würde
allein ich will alle meine Bemühungen anwenden ihn zu bewegen mit mir nach
Wallental zu reisen Sein Aufenthalt dort würde ihn vielleicht eher zu mir
zurückbringen Abwesenheit würde ihr Bild schwächen ländliche Stille seine von
Leidenschaft berauschte Seele wieder in Ruhe einwiegen und die natürlichen
Empfindungen der Gattenund Vaterliebe im Schoss der Natur vielleicht stärker
wieder erregt werden O ich kann noch nicht die Hoffnung aufgeben einmal
wieder seine Liebe zu gewinnen Noch sind ihm seine Kinder nicht gleichgültig
Herrmann wird ihm täglich teurer O Henriette wenn Du den Knaben siehst
wirst Du Dich mit mir über ihn freuen Der Keim jeder Tugend scheint in des
Knabens Seele zu sein Täglich ruft er mir Birkensteins Bild zurück wie die
seinige ist seine Stirne offen edel wie der seinige ist sein Blick und
schon sehe ich männliches Feuer in seinen Augen funkeln Doch auch meine
Henriette wird ein liebenswürdiges Geschöpf sie ist so sanft so gehorsam so
fleißig so aufmerksam meinen Willen zu erfüllen ihre kleine Seele findet
schon ein Wohlgefallen darin Andern Freuden zu schaffen sie fühlt schon
Anderer Leiden und ist die Trösterinn unserer Leute Wenn Herrmanns Wildheit
ihn zu Fehlern verleitet so entschuldiget sie sie und verbirgt sie vor uns O
Henriette ich darf hoffen dass ihre Seele einst mit der meinigen übereinstimmen
wird Wenn ich nicht eine glückliche Gattin bin so werde ich doch vielleicht
eine glückliche Mutter werden Und welches Recht habe ich denn alle die
Glückseeligkeiten zu besitzen welche einzeln unter uns Erdenkindern verteilt
sind Nein ich will jedes Leiden willig ertragen und dankbar jedes Guten
mich freuen welches mir zu Teile wird O mir ward ja so viel Ich kenne ja
von meiner Kindheit an die süße Empfindung der Freundschaft Noch heute habe
Dank dafür meine Henriette denn noch heute empfand ich recht lebhaft wie süß
wie beruhigend es ist in dem Busen der Freundschaft alle Empfindungen der
Freude und des Kummers ausschütten zu können«
An eben dem Tage als Henriette diesen Brief empfing erhielt Felsing folgenden
von Wallenheim
»Ich soll Dir schreiben Felsing Du beschwerst Dich dass Du nichts mehr von mir
hörtest Ich lasse Deine Briefe unbeantwortet ich reise nach Wallental und
komme nicht zu Dir Alles wahr Doch Felsing ich kann mich jetzt nicht mit mir
selbst beschäftigen viel weniger mit Gegenständen außer mir Ich kann nicht
denken Alles ist Leidenschaft in mir Ich lebe nur in dem Anschauen in den
Umarmungen eines Weibes und bin wütend wenn ich an ihrem Busen mich gesättigt
habe Ich rase über meine Leidenschaft und bin nur glücklich in ihrer
Befriedigung Ich verehre mein Weib und hasse sie wegen ihrer Vollkommenheit
In diesem Zustande was soll ich Dir sagen Felsing Unwiderstehlich hingezogen
zu Rosalien zu dem schönsten Weibe das ich je sah mache ich mir unaufhörlich
Vorwürfe dass ich die Vortrefflichste aller Weiber hintergehe Ihr die ihr
Leben anwendet mich vergnügt und glücklich zu machen lohne ich mit Untreue und
Undank und doch kann doch mag ich Rosalien nicht entsagen Seit ich sie kenne
weiß ich was Liebe ist Ein unglückliches Verhängnis wollte dass ich mein Weib
nie lieben konnte ob sie gleich so schön so liebevoll ist Ich bewundere sie
ich kann sagen ich verehre sie wie eine Gottheit denn wer kann sie täglich
sehen täglich ihre Handlungen beobachten und nicht glauben die Tugend sei
herabgestiegen und habe ihre Gestalt angenommen und doch Ja Felsing mein
Leben opferte ich Elisan auf allein mit Rosalien möchte ich es zubringen an
ihrer Seite möchte ich meine Tage verleben Solltest Du sie kennen diese
Rosalie solltest Du nur einmal ihre Zauberkraft empfinden Doch ich spreche
wie ein Jüngling Elisas Umgang hatte mein Herz zu weichen Gefühlen gestimmt
ich hatte jene vorige Rauhigkeit verloren ich war fähig zu lieben In diesem
Zustande fand ich einst an meiner Seite ein Weib das Meisterstück der Natur
Ihre Stimme war Gesang ich war schwermütig sie schwatzte den Missmut aus
meiner Seele mein Herz öffnete sich neuen Gefühlen ich umschlang sie ihr
Hauch war Liebe und mein ganzes Wesen ward es nun Sechs Monate sind es jetzt
schon dass ich in Rosaliens Besitze glücklich und unglücklich bin Bei ihr bin
ich glücklich ich vergesse alles Übrige ich lebe nur in ihr ich empfinde nur
durch sie Allein kehre ich zu Elisan zurück dann liegt das Bewusstsein meiner
Schuld schwer auf mir Wenn sie mit ihrer himmlischen Sanftmut mich empfängt
wenn sie lächelnd mir meine Kinder zuführt wenn munterer Scherz von ihren
Lippen strömt der als ich noch nichts liebte so oft mich erheiterte O
Felsing dann ist es als wenn eine Stimme mir zurief Du bist ein Unmensch Ich
werde wütend und lasse gegen Elisan den Zorn über mich selbst aus Ihre
Liebkosungen erwiedere ich mit Kälte ihre Sanftmut mit Unwillen Noch diese
Nacht O wie habe ich das arme Weib gekränkt Ich war in Wallental gewesen
und flog zurück in Rosaliens Arme Zwei Tage hatte ich sie nicht gesehen zwei
Tage nicht an ihrem Busen geruhet heiß war mein Empfang zärtlich der Ihrige
ich schwelgte an ihrer Seite die halbe Nacht hindurch noch berauscht von ihren
Küssen riss ich mich von ihr los und ritt nach Hause Mein Weib empfing mich
dieses war ein Donnerschlag für mich ich glaubte sie stände da mir mein Glück
vorzuwerfen und ich begegnete ihr hart Wie gewöhnlich machte sie mir keine
Vorwürfe und klagte nicht allein Kummer war heute über allen ihren Zügen
verbreitet ob sie gleich sich bestrebte heiter zu sein Sollte sie die Ursache
meines Aussenbleibens erfahren haben Dieses beunruhiget mich Felsing O
durch mich wurde Elisa aller Freuden der Jugend und der Liebe beraubt ich
bestreuete den Pfad ihres Lebens mit Dornen Muss ich nun noch durch Untreue ihre
übrigen Tage verbittern Dieses waren meine Betrachtungen als ich sie heute
sah Felsing und ich war sehr gerührt Gewiss ich werde es nicht bemerken
können ob sie meine Liebe zu Rosalien weiß denn ich bin überzeugt ihr
Betragen gegen mich wird unverändert bleiben Noch nie sprach ihr Mund gegen
mich einen Vorwurf aus und diese himmlische Sanftmut diese beständige
Aufmerksamkeit mir zu gefallen und jedes Missvergnügen von mir zu entfernen
macht mich jetzt noch unglücklicher denn es vergrößert meine Schuld Jetzt
denke ich oft warum konnte ich doch nicht Elisan lieben wie ich Rosalien
liebe Wie glücklich wäre ich gewesen Letzt kam ich einmal an einem Morgen von
Rosalien ich hatte die Nacht in ihren Armen geruhet ich hatte auf ihrem Busen
gespielt ganz hatte ich den Becher der Liebe und Wollust geleert den die
schönste Tochter der Freude mir dargeboten hatte Die Vorstellung genossener
Freuden umschwebte mich noch als ich zurückkam in ihnen verloren und
zerstreut öffnete ich das Schlafzimmer meiner Frau statt der Tür des meinigen
Ich weiß nicht welche Wirkung in diesem Augenblick ihr Anblick auf mich
machte Die Vorhänge ihres Bettes waren zurückgeschlagen ihre Hand war
entblößt ihr Busentuch hatte sich geöffnet sie schien mir so schön ich
näherte mich ihr ihr Hauch war so leise ihre Miene so ruhig so heiter
selbst schlafend lächelte ihr Mund ihr Busen hob sich so sanft sie schien mir
das Bild der Unschuld Ich weiß nicht welche Gefühle sich in mir drängten
Ich fiel vor ihr nieder Ach ich hatte sie oft in meinen Armen gehabt und
hatte nichts empfunden Zum Erstenmale erkannte ich welcher Freuden ich hätte
genießen können In der Tat, vor meiner Bekanntschaft mit Rosalien war mir
mein Weib seit einiger Zeit teuer geworden und ich glaube auch sie fing an
mich zu lieben denn heißer wurden ihre Küsse und immer drückte ich sie oft an
meine Brust allein ein Kuss von Rosalien machte mich kalt gegen Elisas
Umarmungen O Felsing hätte ich doch Elisan schon lange vor meiner
Verheiratung gekannt hätte sie mich doch da schon empfinden lehren können Ich
hätte erkannt welche Seligkeit es sein müsste von einem solchen Weibe geliebt
zu werden Jetzt ist diese Erkenntnis zu spät sie macht mich missmutig oft
wütend Ich mag dem Gedanken nicht nachhängen und doch drängt er sich oft mir
unwillkürlich auf Vorzüglich wenn ich von Rosalien komme und dort glücklich
gewesen bin und dann wider meinen Willen die stillen Tugenden meines Weibes
verehren muss Darum meide ich jetzt ihren Anblick und bin missmutig wenn ich
bei ihr bin und nur selten gelingt es ihr jetzt mich aufzuheitern ich fliehe
dann zu Rosalien in ihren Armen liegt Vergessenheit meiner Sorgen Ich habe
jetzt noch mehrere diese wird Elisa mit mir teilen Lebe wohl Felsing Fast
möchte ich erröten wie ein Knabe dass ich Dich nur von Weibern unterhalten
habe Als ich ein Jüngling war erwähnte ich ihrer nicht und jetzt Doch ich
möchte den Mann sehen der Elisan nicht bewundern und Rosalien nicht lieben
würde
P S Zeige diesen Brief nicht Deiner Gattin«
Ihrem Vorsatze treu änderte Elisa nicht ihr Betragen gegen ihren Gatten Gleich
blieb ihre Liebe ihre Gefälligkeit ihre Geduld Selbst ihre Traurigkeit
verbarg sie vor ihm Oft prüfte sie sich ob auch ihr Betragen noch untadelhaft
wäre und ermunterte sich zur Ausübung ihrer Pflichten gegen ihren Gatten Noch
bereitwilliger verzieh sie ihm jetzt Äußerungen des Zorns oder des Missmuts
denn sie schrieb sie seiner Leidenschaft zu Rosalien zu So verflossen noch
sechs Monate als an einem Morgen da Wallenheim abwesend war ein Mädchen einen
Brief an ihn brachte und ihn Elisan welche ihr begegnete mit den Worten gab
Der Herr möchte ihn doch ja gleich erbrechen denn er wäre von der äußersten
Wichtigkeit Schnell lief das Mädchen wieder weg ohne dass Elisa sie fragen
konnte von wem der Brief wäre Elisa welche sich nie erlaubte offene Briefe
welche ihr Gatte in ihrem Zimmer vergaß zu lesen stand unschlüssig da ob sie
diesen Brief eröffnen sollte Wallenheim war nach Wallental gereist er hatte
ihr nicht gesagt wenn er zurückkommen würde und vielleicht betraf dieser Brief
eine Sache welche keinen Aufschub litt Wenn er vielleicht gar von einem
Gläubiger wäre sprach Elisa zu sich selbst und ich könnte Wallenheim eine
Unannehmlichkeit ersparen Diese Betrachtung bewog sie das Siegel zu erbrechen
sie las folgenden Inhalt
»Eilen Sie zu meiner Rettung Wallenheim Zwar muss ich mich schuldig erkennen
Ich habe meinem unglücklichen Hange zur Verschwendung nicht genug widerstanden
Aber Mann Warum warst Du auch so königlich in Deinen Geschenken als Du in
Deiner Liebe zärtlich bist O Du verwöhntest mich Meine Bücher und
Gemähldesammlung welche ich vor einigen Monaten kaufte ist noch nicht bezahlt
ich borgte das Geld dazu ich wollte die Summe von Ihnen nicht fordern da Sie
mich mit Geschenken überhäufen und ich glaubte sie nach und nach abtragen zu
können Im Taumel der Freuden die Deine Liebe mir schafft vergaß ich dass ich
Schuldnerinn war Ich konnte und wollte den hundert Kleinigkeiten nicht
entsagen wodurch ich Dir gefalle und welche nur ihren Wert durch Deinen
Beifall erhalten ich konnte meine Vergnügungen nicht einschränken denn sie
sind die Deinigen und Wallenheim die Bedingung war dass ich nach drei
Monaten den vierten Teil meiner Schuld bezahlen sollte Viere sind verflossen
ich habe noch nichts bezahlt Mein Gläubiger fordert nun die ganze Summe es
sind 3000 Taler er drohet mir mit Gesängnissstrafe wenn ich sie nicht in
dreien Tagen schaffe Der vorige Besitzer meiner Bücher und Gemähldesammlung
ist nicht mehr hier er würde sie vielleicht wieder annehmen und einen andern
Käufer finde ich nicht so bald Könnte ich auch die Gemälde verkaufen
Wallenheim vor welchen Du und ich so oft Arm in Arm geschlungen standen und
O welche Erinnerungen erwachen da in meiner Seele In diesem Augenblicke
sitze ich vor dem Gemälde des wie er mit zauberischen Zügen die Göttinn
der Liebe schildert als sie den Trojanischen Königssohn bewog ihr der
Schönheit Preis zu geben Ach Du verglichest einst meine Gestalt mit der
Ihrigen da sank ich von süßen Gefühlen überwältigt in Deine Arme mir schwand
jedes Bewusstsein ich fühlte nur noch Deine zitternden Lippen auf meinem Busen
ich warf noch einen Blick auf die Göttinn ich fühlte Dein Herz an dem meinigen
schlagen und Doch wohin leitet mich meine Phantasie Sie sollte mir einen
Kerker zeigen wenn Wallenheim mich verlässt Schon habe ich Dich gestern den
ganzen Tag nicht gesehen dieses erfüllte mich schon mit Bangigkeit Sollte mein
Glück nur so kurze Zeit gedauert haben Schon wieder einen Brief von meinem
Peiniger in einigen Stunden will er mir einen Polizeidiener schicken O
Wallenheim komm zu mir Der Anblick wird Deine Rosalie wieder beruhigen«
Bestürzt stand Elisa nach Lesung des Briefes Tränen rollten von ihren Wangen
Wie zärtlich wird sie geliebt sprach sie Sie machte den Brief wieder zu und
legte ihn in Wallenheims Zimmer Er soll ihn erhalten sprach sie nachdem
Rosalie schon wird gerettet sein Elisa fürchtete dass Wallenheim nicht mehr die
Summe besitzen möchte welche Rosalie verlangte sie wusste aber auch dass er sie
ihr dennoch schaffen würde und sie besorgte dass er in Schulden geraten
möchte Sie beschloss also ihre Juwelen zu verkaufen deren Wert sich auf drei
tausend Taler belief denn von ihrem Vermögen konnte sie an baarem Gelde diese
Summe nicht sobald erhalten auch wollte sie sie nicht aufnehmen Ich darf die
Juwelen zu meinem Gebrauche bestimmen sie sind ein Zierrat den ich entbehren
kann durch sie entreisse ich Wallenheim einer Verlegenheit und verhindere dass
er noch eine größere Summe verliert Dieses waren in diesem Augenblicke
Elisas Betrachtungen Sie nahm die Juwelen und fuhr zu zwei Juwelierern
Beide schätzten ihren Wert auf 3000 Taler allein baares Geld konnten sie ihr
sogleich nicht geben und Elisa wollte dass Rosalie die Summe vor Wallenheims
Zurückkunft erhalten sollte Allein Wallenheim war an demselben Morgen von
Wallental zurück und bei Rosalien angekommen als diese eben den Brief an ihn
weggesandt hatte Beide befanden sich in großer Verlegenheit Wallenheim gestand
Rosalien dass er genörhiget wäre die Summe aufzunehmen und dass seine
Angelegenheiten jetzt in der größten Unordnung wären und Rosalie machte sich
heimlich Vorwürfe dass sie die Schuld dieser Zerrüttung seiner Vermögensumstände
wäre denn sie hatte einen ansehnlichen Teil desselben verschwendet Diessmahl
hatten Scherz und Freude sie verlassen ihre Unterhaltung war ernst und Unmut
las man auf ihren Gesichtern Plötzlich erblickt Wallenheim seinen Wagen vor der
Tür und seine Frau in demselben
Wallenh wird blass Himmel da ist mein Weib Was bedeutet das
Rosalie erschrocken Ihre Frau Ich zittere Ihr ist gewiss der
unglückliche Brief in die Hände geraten den ich Ihnen am Morgen schrieb
Wallenh Wie wäre das möglich sie eröffnet meine Briefe nie Doch welche
Absicht es auch sei welche sie hierher leitet sie kann nicht anders als gut
sein Sie kennen das Weib nicht alle ihre Handlungen sind die eines höheren
Wesens
In diesem Augenblicke kam ein Bedienter herein und meldete Rosalien eine
Unbekannte welche sie bitten ließ ihr eine Unterredung einer halben Stunde zu
gewähren
Rosalie Ich kann sie nicht annehmen
Wallenh Nehmen Sie sie an Rosalie ich bin Bürge dass Sie keine
Beleidigungen zu befürchten haben und ich würde es auch zu rächen wissen
Rosalie zum Bedienten Nun so führe er die Dame in mein Zimmer Der
Bediente geht hinaus Aber wo bleiben Sie Wallenheim
Wallenh Ich werde hier in dieses Kabinet gehen
Rosalie O entfernen Sie sich nur nicht weiter Gott was wird das für eine
Unterredung sein
Wallenh küsst sie Werden Sie nicht mutlos Rosalie die Liebe wird Ihnen
beistehen Er ging hinaus und Elisa trat in das Zimmer
Elisa Nachdem sie eine Verbeugung gemacht hat Verzeihen Sie
Mademoiselle mein Besuch ist vielleicht unbescheiden allein eine wichtige
Angelegenheit führt mich zu Ihnen
Rosalie Verwirrt Sie ist dieses während der ganzen Unterredung Gnädige
Frau in der Tat kann ich nicht begreifen wodurch ich die Ehre Ihres Besuchs
erhalte da ich nicht die Ehre habe von Ihnen gekannt zu sein
Elisa Ich fühle es ich bin zudringlich ich muss um Ihre Nachsicht bitten
Der Titel einer Unbekannten und meinen Namen kann ich Ihnen nicht entdecken
gibt mir keinen Anspruch von Ihnen gehört zu werden wenn Sie mir dieses nicht
aus Güte gewähren
Rosalie Gnädige Frau Sie setzen mich in Erstaunen
Elisa Einfallend Ich werfe mir Ihre Verwirrung vor allein Sie
ergreift ihre Hand können Sie einer Unbekannten eine Bitte gewähren
Rosalie Ich kann es nicht versprechen wenn ich nicht ihren Inhalt weiß
Elisa Mademoiselle unwillkürlich und durch einen Zufall bin ich die
Inhaberinn eines Ihrer Geheimnisse geworden Werden Sie nicht unwillig darüber
Ich bin benachrichtiget worden dass Sie dreitausend Taler schuldig sind und
dass Sie diese gleich bezahlen sollen ich wusste dass Sie sie schleunig
verlangten und dieses bewog mich Ihnen meine Juwelen anzubieten deren Wert
sich auf diese Summe beläuft Sie zog bei diesen Worten das Kästchen mit den
Juwelen aus ihrer Tasche Ich hoffe von Ihrer Großmut dass Sie sie nicht
ausschlagen werden Ich kann sie entbehren doch wollen Sie sie nicht annehmen
so betrachten Sie sie als eine Schuld welche Sie abtragen können sobald es
Ihre Umstände erlauben Nur eine Bitte wage ich hinzu zu setzen sagen Sie
keinem Menschen auch dem Herrn von Wallenheim nicht dass Sie diese Juwelen
erhalten haben
Rosalie bestürzt Wissen Sie meine Verbindung mit Ihrem Gatten
Elisa Er liebt Sie Ich wünschte stets sein Glück o möchte er es doch
finden selbst in den Armen einer Andern Ich kann nur bedauern dass ein
unglückliches Verhängnis es ihn fern von mir suchen ließ ohne ihm andere
Fesseln anlegen zu wollen als die der Liebe mit immer steigender Wärme sie
ergreift Rosaliens Hand Werden Sie ihm also was ich seinem Herzen nicht
werden konnte vergelten Sie ihm wieder Liebe lassen Sie sie aber nicht bloß in
sinnlichen Freuden bestehen sondern lehren Sie ihn auch das Glück kennen
welches zwei Wesen in der Übereinstimmung ihrer Seelen finden dass er mit
Entzücken fühlen mag dass ein Wesen mit ihm verbunden ist welches jedes Gefühl
mit ihm teilt dass er in dieser Empfindung jede Zufriedenheit jede Freude des
Lebens finden mag O darum sein Sie ihm Geliebte und Freundin stockend
Aber entziehen Sie ihn nicht ganz einer Gattin die ihn liebt und die ihre
Ruhe der seinigen aufopfern will mit erstickten Tränen Entziehen Sie
meinen Kindern nicht ihren Vater dann soll Ihnen in der Stunde meines Todes
meine Dank noch werden
Sie will das Zimmer verlassen Wallenheim eilt aus dem Kabinet und wirft
sich zu ihren Füßen
Wallenh Elisa edles grossmütiges Weib
Elisa bestürzt nach einer Pause Wallenheim Sie hier Und in welcher
Stellung O stehen Sie auf
Wallenh immer zu ihren Füßen Ich will Ihre Verzeihung erflehen O
Elisa mein Herz ist nicht ganz ohne Gefühl Ich kann den Adel Ihrer Seele
empfinden und in diesem Augenblicke fühle ich keinen andern Schmerz als dass
ich Ihnen keine so erhabene so uneigennützige Liebe erwidern kann und dass Sie
diesen Mangel empfinden werden
Elisa gerührt umarmt ihn und hebt ihn auf Wallenheim Sie werden mir
stets so teuer sein als jetzt und kann ich einst Ihre Liebe erhalten so wird
diese mich zum glücklichsten Weibe machen
Tränen glänzen in Wallenheims Auge er küsst mit Inbrunst Elisas Hand
Rosalie nähert sich Elisan Gnädige Frau mit dem Bewusstsein meiner
Schuld hätte ich vom ersten Augenblicke an nicht Ihren Anblick ertragen können
wenn Ihre holdselige Güte mir nicht Mut eingeflößt hätte Ich flehe nicht um
Ihre Verzeihung es ist unter Ihrer großen Seele solche zu erteilen Sie
konnten nicht zürnen Ich habe die Tugend in ihrer ganzen Größe gesehen und in
ihr meine eigne Niedrigkeit erblickt Mich wieder über mich selbst erheben und
die Wollust fliehen soll von heute an das Bestreben meines Lebens werden Ich
verlasse morgen B Nehmen Sie aber Ihre Juwelen zurück gnädige Frau Sie
sehen dass wenn ich alle diese Sachen verkaufe die nur Bedürfnisse des Luxus
sind und mir unnötig werden ich meine Schuld bezahlen kann Ich opfere diese
Sachen auch nur meinem eignen Stolze denn sie würden mir unaufhörlich zurufen
Wir sind der Lohn deiner Schande
Elisa Wohl Ihnen Rosalie Ihre Seele ist unverdorben geblieben Sie war
von der Natur zur Tugend bestimmt nur jugendlicher Leichtann und Übereilung
konnten Sie auf Abwege führen Es ist schön in der Blüte der Jugend und
Schönheit von ihnen zurückzukommen Allein sie ergreift Rosaliens Hand Sie
sollen der Tugend nicht Ihre Gemächlichkeit opfern Ihre Rückkehr zu ihr soll
Ihnen durch Entbehrung des Angenehmen nicht schmerzhaft werden Sie sollen nicht
in Mangel geraten Ihre Phantasie könnte Ihnen sonst Ihre vorige Lage mit
verschönerten Farben wieder vorstellen und sie Sie zurückwünschen lassen Sie
sollen empfinden dass man im Schoss der Tugend jedes Gute doppelt genießt
Behalten Sie also von Ihren Sachen was Notwendigkeit Ihnen nicht heischt zu
verkaufen und sie wendet sich gegen Wallenheim Wallenheim Sie erlauben
mir doch Rosalien meine Juwelen als ein Geschenk anzubieten
Wallenh Sie allein können nur über alles was Sie besitzen gebieten und
ich kann nur Sie bewundern
Elisa Errötet und mit dem ganzen Ausdruck der Liebe blickt sie auf
Wallenheim zu Rosalien Um der Tugend willen also schöne Rosalie nehmen Sie
mein Geschenk an
Rosalie O gnädige Frau wollen Sie denn nur allein so großmütig sein
Elisa Rosalie in Ihrer gegenwärtigen Lage ist es eben so großmütig mein
Geschenk anzunehmen
Rosalie Ich sehe es es wäre Beleidigung Sie glauben zu lassen ich hätte
Sie missverstanden Sie nimmt die Juwelen und führt Elisan in ihr Kabinet vor
ein Gemälde auf welchem die Tugend geschildert ist welche dem Titus eine
Krone reicht auf welcher die Worte stehen Ich mache unsterblich
Alles was Sie hier sehen nehme ich als ein Geschenk von Ihnen an aber von
Allem soll dieses mir das Teuerste sein Ich werde es ansehen als hätten Sie
es mir gegeben um mich zur Tugend zu ermuntern Es soll gerade über meinem
Bette hängen und an jedem Morgen wird es bei meinem Erwachen das Erste sein
was ich erblicken werde ich werde in der Tugend Ihre Züge zu erkennen glauben
und mich dann erinnern dass ich Ihnen gelobte zu ihr zurückzukehren
Elisa Welche feine Züge des Schönen liegen in Ihrer Seele Rosalie sie
sind Ihrer äußern Bildung gleich Sein Sie unverzagt einmal zur Tugend
zurückgekehrt werden Sie ihre Anhängerinn bleiben da Sie sie jetzt schon
verehren werden Sie sie lieben wenn Sie sie näher kennen werden Sie umarmt
sie Leben Sie wohl Meine besten Wünsche werden Sie begleiten
Elisa verließ nun das Zimmer Wallenheim ergriff Rosaliens Hand drückte sie
an seine Lippen und rief Leben Sie wohl Rosalie Nach meiner Gattin werden
Sie mir stets unter allen Weibern das Liebste sein Rosalie sprach nicht sie
vergoss Tränen Tränen des Danks der Bewunderung der Reue und der
Demütigung Wallenheim folgte seiner Gattin sprachlos saß er an ihrer Seite
Vorwürfe waren in ihm erwacht er trauerte dass er der Nachsicht seiner Gattin
bedurfte und dieses Gefühl demütigte ihn und machte ihn niedergeschlagen
Elisa las es in seiner Seele sie wollte jeden Schmerz von ihm entfernen sie
wollte ihn wieder mit sich selbst aussöhnen Sie suchte seine Aufmerksamkeit auf
andere Gegenstände zu richten sie bewies ihm so viel Liebe so viel Achtung in
ihrem ganzen Wesen war eine ungezwungene Heiterkeit sie bestrebte sich ihm zu
zeigen dass sie glücklich sei Er fühlte das Edle ihres Betragens er war
gerührt So langten sie in ihrer Wohnung an Wallenheim begleitete seine Gattin
in ihr Zimmer hier drückte er sie in seine Arme und in seinem Auge glänzte
eine Träne Die sanfte gefühlvolle Elisa weinte Tränen des süßesten Gefühls
O Wallenheim sagte sie indem sie ihren Kopf auf seine Schulter lehnte wie
glücklich werde ich nun sein Wallenheim vermochte nicht zu sprechen er drückte
nur ihre Hand und sagte zu sich selbst wie konnte ich doch das Weib nicht
lieben Nun kamen Henriette und Herrmann herein und in diesem Augenblicke
machte ihr Anblick Wallenheim seine Gattin noch teurer
Wallenh Zu seiner Gattin nachdem die Kinder wieder hinausgegangen sind
Elisa ich bedarf Ihre Nachsicht noch weit mehr meine Vermögensumstände sind in
der größten Zerrüttung ich habe Schulden ich habe Spekulationen gemacht bei
welchen ich ansehnliche Summen verloren habe ich fürchte mir bleibt nichts
mehr übrig
Elisa Ich besitze ja noch mein ganzes Vermögen teurer Wallenheim Lassen
Sie uns morgen Ihre Angelegenheiten untersuchen ich werde Ihre Schulden
bezahlen und bleibt uns nicht viel übrig so wollen wir nach Wallental ziehen
unser Aufenthalt dort wird weniger kostbar sein als in B
Wallenh Elisa Weib Ich raubte Dir die Freuden Deiner Jugend Ich streuete
Gram auf den Pfad Deines Lebens und nun soll ich Dich auch noch Deines
Eigentums berauben Nun sollst Du in die Einsamkeit fliehen mit dem Manne den
Da nicht lieben kannst Nun sollst Du büßen für meine Schuld
Elisa Nicht doch lieber Wallenheim Das Vergangene ist nicht mehr Ich
hatte auch Freuden an Ihrer Seite Wie oft waren wir froh wenn unsere Kinder um
uns spielten Da unser Erstgebohrner zum Erstenmahle in meinem Schoss ruhte
o da umarmten Sie mich mit der innigen Zärtlichkeit des Gattin und des Vaters
Seitdem wuchs meine Liebe zu Ihnen und ich darf sagen Ihre Achtung zu mir
und ich war glücklich Ich war glücklich wenn ich Ihren Beifall glücklich
wenn ich Sie zufrieden sah glücklich wenn Sie mit Liebe auf mich und meine
Kinder blickten und dieses dankte ich Ihnen Der trüben Stunden wollen wir
vergessen sie zogen ja bald vorüber Sollte ich denn nun mein Interesse von
dem Ihrigen trennen Sie und ich können es nicht Wallenheim es ist zu genau
verbunden Lassen Sie uns also gemeinschaftlich an der Wiederherstellung unsers
Vermögens arbeiten Ich gebe Ihnen ja nichts wenn Sie mit meinem Gelde Ihre
Schulden bezahlen es ist ja Ihr Eigentum ich genoss ja des Ihrigen Und
können Sie glauben dass ich unglücklich in Wallental sein werde Ich liebe das
Land Sie und meine Kinder begleiten mich und mit ihnen meine süßesten Freuden
Nur eine Besorgnis würde ich kennen das wäre Sie unglücklich zu sehen Doch
nein auch Sie mein Wallenheim werden das Süße der häuslichen Freuden
empfinden wenn Sie sie kennen werden Sie sind mit den rauschenden Vergnügungen
bekannt o lassen Sie mich Sie mit dem stillen Vergnügen des häuslichen Glücks
bekannt machen Es soll in Wallental das Unsrige werden Es wird es sein wenn
inniger vereiniget wir unser gemeinschaftliches Bestes zu erreichen streben und
gegenseitig jeden Verdruss von einander entfernen und dann an jedem Abend mit
der innern Überzeugung unsere Pflichten erfüllt zu haben uns in der Mitte
unserer Kinder befinden welche wir zu nützlichen Menschen erziehen und deren
Anblick die süßeste Freude in uns erwecken wird wenn wir fortfahren unsern
unglücklichen Mitbrüdern beizustehen wenn wir obgleich nicht mehr reich doch
nicht aufhören die Greise zu unterstützen und die Kinder des Elendes zu
erziehen O dann wird jede Gabe welche wir den Unglücklichen reichen
zehnfache Wonne auf uns strömen denn bisher gaben wir nur von unserm Überfluss
jetzt opfern wir vielleicht einige unserer Bequemlichkeiten allein edle
Selbstzufriedenheit wird uns lohnen und der Seegen der Unglücklichen uns
Freudentränen erpressen Manche Stunden schenken wir dann auch der
Freundschaft Ihr Felsing und meine Henriette werden uns unsere Einsamkeit noch
süßer machen mit ihnen genießen wir die Annehmlichkeiten der Natur Alles ist
Genuss für eine zufriedne Seele Ein ländliches Mahl auf dem grünen Rasen an der
Seite unserer Freunde von unsern Kindern umringt wird ein Fest für uns sein
Unsere Spatziergänge mein Wallenheim werden Ihnen süß werden wenn Sie erst
ein lebhafteres Gefühl für die Natur haben werden Die Freude soll uns immer
begleiten ich werde dafür sorgen sie bei uns zu erhalten Abwechslung soll in
unsern Beschäftigungen in unsern Vergnügungen sein und so können wir der
Langeweile Trotz bieten Eine Reihe zufriedener im Genuße der Freundschaft und
der Liebe durchlebter Tage wird unser Leben nun sein Sie ergreift
Wallenheims Hand O mein Wallenheim diese Aussicht ist nicht so trübe
Aus Wallenheims Augen stürzten Tränen er umarmte mit Heftigkeit seine
Gattin Elisa Elisa Der Mann der sie verdient hätte wäre der glücklichste
Sterbliche gewesen Nach diesen Worten flohe er aus dem Zimmer
Elisa eilte nun den Zustand von Wallenheims Vermögen zu untersuchen alle
Gläubiger mussten sich melden und Elisa fand dass ihr ganzes Vermögen zur
Bezahlung der Schuld erfordert wurde Sie gab es hin ohne Klagen ohne Murren
sie vermied es mit Wallenheim über seine Angelegenheiten zu sprechen und
nachdem sie in Richtigkeit gebracht waren ging sie zu ihm brachte ihm alle
Papiere welche sie hierüber hatte und gab sie ihm mit den Worten Wallental
bleibt uns Wallenheim antwortete nicht er umarmte seine Gattin und
benetzte sie mit seinen Tränen Schon seit einiger Zeit hatte Wallenheim den
Dienst verlassen und seinen Abschied genommen um unabhängiger zu sein Er
konnte also B verlassen Dieses geschahe bald Nicht ganz gleichgültig
verließ Elisa B sie musste dem Umgange einiger Personen entsagen welche ihr
teuer waren Zwar hatte sie ungern in der großen Welt gelebt allein kleine
Gesellschaften einiger von ihr gewählten Freunde deren sie öfters gehabt hatte
in der Zeit dass Wallenheim Rosalien liebte Schauspiele und Musik hatten ihr
manches Vergnügen gewährt Sie fürchtete nicht die Langeweile allein sie liebte
die Unterhaltungen des Geistes und sie wusste dass bei einem beständigen
Aufenthalte auf dem Lande und bei ihrer eingeschränkten Lage man deren viele
entbehren muss Indes verbarg sie ihre Empfindungen vor ihrem Gatten und war nur
aufmerksam ihn zu erheitern und zu zerstreuen
Es war in den ersten Tagen des Märzmonats als Wallenheim mit seiner
Familie aus B reiste Schon hatte die Natur ihr weißes Gewand abgelegt
freundlicher blickte aus Osten die Sonne und schien den Sterblichen wieder neue
Freuden zuzulächeln Es war über ein Jahr dass Elisa nicht in Wallental gewesen
war über ein Jahr dass sie der ländlichen Freuden nicht genossen hatte und sie
vergaß als sie die ersten Spuren des herannähernden Frühlings sah alle
traurige Empfindungen welche sie bei ihrer Abreise aus B gehabt hatte und
überließ sich der Freude welche sie stets im Schoss der Natur empfunden hatte
Sobald sie in Wallental waren war ihr erstes Bestreben ihre innere
Wirtschaft so viel als möglich einzuschränken ohne dieses jedoch Wallenheim
empfinden zu lassen Er entbehrte keine seiner vorigen Bequemlichkeiten zwar
herrschte an seinem Tische nicht mehr der Überfluss aber doch noch immer
Zierlichkeit Elisa wurde eine eifrige Landwirtinn und widmete sich diesen
Beschäftigungen wiewohl nur einige Stunden des Tages ob sie gleich die ganze
Wirtschaft selbst die Feldwirtschaft bestellte allein in der Folge bewog sie
Wallenheim sich mit derselben zu beschäftigen Bisher hatte Elisa von
weiblichen Arbeiten nur so viel getan als zu ihrem Vergnügen gereichte um
aber nicht in ihren Wohltaten gegen Unglückliche eingeschränkt zu sein hatte
sie alle ihre weibliche Bediente ein einziges Mädchen ausgenommen
verabschiedet sie verrichtete also nun selbst alle Handarbeiten und nähere für
ihren Gatten für sich und ihre Kinder Es waren bereits sechs Jahre dass Elisa
zum Zweitenmahle Kinder in dem Erziehungshause angenommen hatte sie sollten es
nun verlassen und andere ihre Stelle ersetzen und sie verfertigte zum Teil
selbst die Kleidungsstücke welche sie bei ihrer Ankunft erhielten So fuhr sie
fort Gutes zu stiften und ihren Mitmenschen nützlich zu sein ob sie gleich
nicht mehr reich war Indes vernachlässigte sie bei allen diesen Beschäftigungen
doch Henriettens Erziehung nicht Henriette war stets bei ihr sie büdete ihren
Geist und ihr Herz sie unterrichtete sie in der Musik und in fremden Sprachen
Zu diesem allen hatte Elisa Zeit denn sie liebte ihre Pflichten und hatte sich
stets daran gewöhnt sie zu erfüllen Die Einteilung ihres Tages war Sie stand
um fünf Uhr auf und las bis um sieben um diese Zeit war Wallenheim
aufgestanden dann ging sie zu ihm und frühstückte mit ihm Nach dem Frühstücke
kam Henriette zu ihr welche dann angekleidet sein musste sie musste nun in ihrer
Mutter Zimmer schreiben entweder Briefe oder Auszüge und Aufsätze machen
während dem war Elisa mit den Anordnungen ihrer Wirtschaft beschäftigt
gemeiniglich dauerte dieses anderthalb Stunden dann setzte sie sich auf und
kleidete sich an dieses beschäftigte sie nur eine Stunde indes erteilte sie
Henrietten Unterricht im Rechnen alsdann sah sie das was sie geschrieben
hatte nach womit sie gewöhnlich um elf Uhr fertig war dann gab sie
Henrietten eine Stunde entweder in der englischen oder in der italienischen
Sprache da Waldin beide Sprachen nicht konnte so wohnte auch Herrmann dieser
Stunde bei Um zwölf Uhr musste Henriette ihrer Mutter aus der Geschichte
vorlesen und Elisa unterhielt sich mit ihr über das Gelesene machte
Anmerkungen darüber hörte die ihrer Tochter und bemühete sich dass Henriette
auf diese Art deutliche und wahre Begriffe erhielt Dieses dauerte bis halb
zwei während dieser ganzen Zeit war Elisa mit ihrer Handarbeit beschäftigt Um
halb zwei musste Henriette entweder zu ihrem Bruder gehen und den Unterricht
welchen er in der Geographie erhielt mit ihm teilen oder sie musste sich auf
dem Klavier oder auf der Harfe üben Elisa fuhr dann mit ihrer Beschäftigung
fort indem sie sich mit ihrem Gatten unterhielt der um diese Zeit gewöhnlich
in ihr Zimmer kam Um zwei Uhr setzten sie sich zur Mittagsmahlzeit welche eine
Stunde dauerte Nach Tische pflegte Elisa noch mit ihrem Gatten zu plaudern mit
ihm umher zu gehen oder einige Anordnungen in der Wirtschaft zu machen
Henriette ging dann mit ihrem Bruder spazieren oder spielte mit ihm oder
arbeitete mit ihm im Garten immer unter der Aufsicht ihrer Erzieherinn und
Herrn Waldins welcher auf diesen Spatziergängen seinen Zöglingen in der Form
eines Gesprächs Unterricht in der Naturgeschichte erteilte Um vier Uhr ging
sie wieder zu ihrer Mutter welche ihr eine Stunde auf dem Klavier oder auf der
Harfe gab und sie singen ließ Um fünf Uhr musste sie ihr wieder vorlesen und
die Bücher welche Elisa dazu wählte dienten ihr zum Unterricht und zur
Unterhaltung wie am Morgen machte sie dann wieder Anmerkungen und unterhielt
sich mit ihrer Tochter über das Gelesene Wenn das Wetter nicht erlaubte
spazieren zu gehen so musste Henriette sich auch eine Stunde mit Handarbeiten
beschäftigen sie konnte diejenigen wählen zu welchen sie an diesem Tage die
meiste Lust hatte und gewöhnlich wünschte sie eben die Arbeit zu machen mit
welcher sie ihre Mutter beschäftigt sah Um sieben Uhr kam auch Herrmann zu
seiner Mutter und er und Henriette konnten sich nun die Zeit vertreiben wie
sie wollten War es schön Wetter so ging Elisa mit ihrem Gatten ihren Kindern
Herrn Waldin und Henriettens Erzieherinn spazieren sie bestrebte sich dann
Wallenheim die Zeit zu vertreiben Oft stellte sie kleine Lustpartieen an
ländliche Feste im Walde Wasserfahrten oder gab am Sonntage den Bauern ein
Fest manchmahl nur den Kindern besuchte zuweilen mit ihrem Gatten und Kindern
die Greise und das Erziehungshaus Durch ihre Bemühungen herrschte Fröhlichkeit
an solchen Festen sie waren einfach allein Heiterkeit Scherz und Freiheit
gaben ihnen Anmut und Wallenheim empfand in ihrem Genuss wirkliches Vergnügen
Wenn Elisa die Abende in ihrem Zimmer zubrachte so suchte sie Wallenheim durch
ihre Unterhaltung und durch Musik welche er liebte die Zeit zu verkürzen Mit
jedem Tage wurde sie ihrem Gatten teurer er fand sich glücklich in ihrem
Besitze Er war nicht mehr der mürrische unzufriedene in sich verschlossene
Mann nein seine Seele war jeder Empfindung offen und jedes Genusses fähiger
den Freundschaft Liebe und die Natur den Sterblichen bereiten Wie natürlich
also dass seine finstre Laune wich jemehr er mit den wahren Freuden des Lebens
bekannt wurde und sie empfand Elisa weinte Freudentränen wenn sie ihren
Gatten glücklich sah sie selbst war nie so glücklich gewesen Wallenheims
Liebe sein Dank die Übereinstimmung in der sie mit ihm lebte lohnte ihr
jetzt für ihre Tugenden Nun genoss sie das Glück einer zufriedenen Ehe und
dieses war um so größer für sie da sie nur allein dessen Schöpferinn war und
sie es durch so viele Aufopferungen durch so manche trübe durchlebte Stunde
errungen hatte Für ihre liebende Seele war es höchste Seligkeit dass eben ihr
Glück auch das ihres Gatten machte Sie teilte ihrer Henriette oft ihre frohe
Empfindungen mit und sagte ihr dann Nein Henriette Tugend ist kein
Verdienst denn ihr Lohn ist überschwenglich groß O ein Tag wie jetzt alle
meine Tage sind wiegt ein Leben voll Mühseligkeiten auf Doch was sage ich
Sind mit der Tugend auch Mühseligkeiten verbunden Nein sie macht selbst die
schwerste Pflicht leicht und lohnt uns dann noch mit den seligsten
Empfindungen und mit der reinsten Zufriedenheit
Wallenheim war nun mit seiner Familie fünf Monate in Wallental als an einem
Abende Elisa allein vor der Türe auf dem Hofe saß Sie hörte das Traben eines
Rosses schlug die Augen auf und erblickte einen Mann den ihr Herz
augenblicklich erkannte sie flog ihm entgegen und umarmte ihn mit der ganzen
Unbefangenheit ihres Herzens Schweigend schloss sie Birkenstein in seine Arme
er fühlte sein Herz klopfen und er empfand dass dreizehn Jahre Abwesenheit das
Andenken seiner Liebe noch nicht erloschen hatte
Elisa Nach einer Pause Willkommen Birkenstein willkommen mir O wie
sehr freue ich mich Sie zu sehen
Birk Küsst Elisan die Hand Indem ich in mein Vaterland zurückkehre
konnte ich nicht unterlassen derjenigen zuerst meine Aufwartung zu machen
deren Andenken ich stets verehrt habe
Elisa Sie kehren also zurück zu Ihrer Mutter Ich habe lange nichts von ihr
gehört
Birk Indem eine Träne in seinem Auge glänzt Ihr Tod ruft mich zurück
Elisa Mit Rührung Sie ist tot O würdige Frau Möchtest Du doch noch
jenseits des Grabes diese Empfindungen kindlicher Liebe erblicken können welche
für Dich mein Herz so warm so innig hegte
Birk Dank Ihnen Elisa für diese Tränen welche Sie dem Andenken der
bessten Mutter weihn
Mit stiller Wehmut gingen Herrmann und Elisa Hand in Hand den Hof herauf
bis an die Stelle wo Elisa gesessen hatte Elisa fühlte dass ihre Lage in der
jetzigen Stimmung ihrer Seele gefährlich war sie unterbrach das Schweigen
welches so empfindungsvoll war
Elisa Birkenstein werden sie nun wieder Ihr Vaterland verlassen
Birk Meine guten Bauern in Birkenstein glauben durch nichts über den
Verlust meiner Mutter getröstet werden zu können als wenn ich bei ihnen wohne
Sie haben die ersten Ansprüche auf meine Beschützung auf meine Sorgfalt und
ich darf sie ihnen nicht versagen
Elisa Sie sind gewohnt Glückliche zu machen Sie werden in dieser edlen
Bemühung fortfahren
Birk Bisher erfüllte ich nur meine Pflichten dem Staate der mich
unterhielt war ich meine Dienste schuldig und um seine Wohlfart zu befördern
suchte ich seine Einwohner der Armut zu entreißen
In diesem Augenblicke kam Henriette zu ihrer Mutter gelaufen sie stutzte
als sie einen Fremden erblickte
Birk Ihre Tochter Elisa O lassen Sie mich sie an mein Herz drücken Er
umarmt Henrietten nach einer Pause Nennen noch mehr solcher holdseligen
Geschöpfe Sie Mutter
Elisa Ich habe noch zwei Söhne der Aelteste ist nicht in unserm Hause der
zweite v Birkenstein das ist ein lieber Knabe
Sie erblickte ihn in der Ferne und rief ihm zu Herrmann Herrmann komm
her und errötete als sie diesen Namen aussprach Birkenstein bemerkte es er
freute sich dass sie ihrem Sohne den Namen gegeben hatte von dem er glauben
konnte dass er einst ihr teuer war seine Blicke sagten ihr dieses und ihre
Verwirrung stieg höher Endlich kam Herrmann angelaufen Als er Birkenstein
sah sagte er zu Elisan Liebe Mutter diesen Mann habe ich noch nicht bei uns
gesehen
Elisa Es ist ein alter Bekannter von mir Herrmann der bisher weit von
hier gewesen ist
Herrm reicht Birkenstein mit naiver Gutherzigkeit die Hand Wenn sie ein
Freund meiner Mutter sind so bin ich Ihnen auch gut
Birk schließt ihn in seine Arme Liebenswürdiger Knabe Sei immer so
offen wie jetzt O Elisa Diese Kinder sagen mir Sie werden eine glückliche
Mutter werden
Elisa gerührt Es ist das Einzige was ich von der gütigen Vorsicht
erbitte jede ihrer Fügungen sind mir willkommen mögen meine Kinder nur gut und
glücklich werden Es ist mein Bestreben dass sie das Erste werden ich weiß dass
man das Zweite dann ist
Die Kinder haben sich indes entfernt Herrmann ergreift Elisas Hand
Gefühlvolles Weib Und wie erhaben in jedem Deiner Gefühle O dieser Knabe Er
ist der Abdruck Deiner Seele seine Züge sind so edel und doch so sanft das
Feuer das in seinen Augen glühet
Elisa Herrmann kein so feuriges Lob ich bin jetzt Gattin
Birk O ich verehre diesen Titel in Ihnen Und meine Elisa doch auch
eine glückliche Gattin
Elisa Mit Ernst Ja Birkenstein Wallenheim liebt mich
Birk Elisa ich wollte Sie nicht beleidigen Leidenschaft lodert nicht mehr
in mir allein warme innige Freundschaft diese erlauben Sie mir doch für Sie
zu fühlen
Elisa reicht ihm lächelnd die Hand O nie hörte ich auf diese für Sie
zu hegen Ich hätte nicht einmal den Gedanken ertragen können dass ich Ihnen
gleichgültig geworden wäre O Birkenstein zu einer höheren Empfindung als die
brausende Leidenschaft des Jünglings ist können wir uns erheben Freundschaft
uneigennützige Freundschaft und wahre Hochachtung wird und soll uns vereinigen
Birk lässt seinen Kopf auf ihre Hand sinken Diese Versicherung fehlte mir
noch zu meinem Glücke nun bleibt mir kein Wunsch mehr übrig
Jetzt sah Elisa Wallenheim kommen sie stand auf und ging ihm mit
Herrmann entgegen
Elisa Lieber Wallenheim ich stelle Ihnen hier den Herrn von Birkenstein
vor einen Mann den ich freudig willkommen hieß weil ich ihm schon seit vielen
Jahren den Titel eines Freundes erteilte den er hoffe ich auch von Ihnen
erhalten wird
Wallenh verlegen und kalt Ich freue mich mein Herr die Ehre zu haben
Ihre Bekanntschaft zu machen
Birk offen und mit edlem Anstande Verbannen Sie jedes Misstrauen mein
Herr Es ist wahr ich liebte sonst Ihre Gattin allein meine Liebe zu Ihr
entfernte mich von Ihr Ich kehre jetzt zurück weil Verehrung Ihrer Tugenden
das einzige Gefühl ist welches ich jetzt für Sie hege und indem ich nach
Wallental kam wollte ich nicht minder mich um Ihre Freundschaft bewerben als
Ihre Gattin um die Ihrige bitten
Wallenh Ich sehe es dass solch ein Mann von meiner Gattin geliebt werden
musste
Elisa umarmt Wallenheim Lassen Sie uns doch vom Vergangenen nicht mehr
reden Birkenstein Wallenheim Sie sind mir Beide teuer und dieses muss Sie
vereinigen dieses muss Sie zu Freunden machen
Birk reicht Wallenheim die Hand Wollen wir nicht den Willen derjenigen
erfüllen die wir Beide verehren
Wallenh umarmt Birkenstein Der Freund meiner Elisa kann nicht anders als
auch der Meinige sein
Birkenstein wollte nun Wallenheim und seine Gattin verlassen aber Beide
baten ihn in Wallental die Nacht zu bleiben und er willigte ein Sie setzten
sich zum Abendessen Elisa war heiter wie immer sie suchte alles was die
Vergangenheit hätte zurückrufen können zu vermeiden ihre Unbefangenheit ihr
munterer Scherz hob jede Verlegenheit zwischen ihrem Gatten und Birkenstein auf
indes war doch Wallenheim ernst und auf Herrmanns Zügen lag eine sanfte Rührung
verbreitet Seine Blicke folgten jeder Bewegung Elisas und oft entfuhr ihm ein
Seufzer wenn er ihre liebevolle Aufmerksamkeit für ihren Gatten ihre zärtliche
Sorgfalt für ihre Kinder sah Unter vertraulichen Gesprächen blieben sie spät
bis in die Nacht zusammen Wallenheim begleitete Birkenstein in sein Zimmer
Elisa blieb gedankenvoll als sie das ihrige verlassen hatten Endlich fühlte
sie eine Träne ihre Wangen hinabrollen Gott rief sie aus hätte mich dieses
Wiedersehen zu tief gerührt Wäre ich noch nicht stark genug in der Tugend um
dem Zauber der Liebe zu widerstehen O ich muss mich prüfen Ich muss den
Empfindungen dieses Tages nachspüren So hätte mich denn nur Abwesenheit vor
einem Vergehen bewahrt So wäre sie denn jetzt noch nötig jetzt da ich
Wallenheim liebe Nach einer Pause im erhabensten Tone Nein Herrmann
könnte an jedem Tage mir zur Seite sein ich würde mich bewachen so wie heute
würde ich an jedem Abend mein Herz befragen und dann wäre es unmöglich dass
eine wärmere Empfindung als Freundschaft sich darein einschliche Wahr ist es
Herrmann ist mir sehr teuer aber an der Seite meines Gatten fürchte ich ihn
nicht Ich empfand heute keine Unruhe ich empfand ja Freude sie beisammen zu
sehen O dieser Freude will ich mich überlassen denn ich fühle es sie ist
unschuldig Aber Wallenheim war heute unruhig O ich muss gehen ihn zu
beruhigen
Elisa fand ihren Gatten im tiefen Nachdenken sie flog an seinen Hals Mein
Wallenheim Birkensteins Besuch hat doch Ihre Ruhe nicht gestört Gewiss er
würde sich dieses vorwerfen wenn er es glauben könnte und mich würde der
Gedanke schmerzen Ja wenn ich auch einst Birkenstein liebte so fühle ich doch
jetzt zu gut dass ich Ihre Gattin bin und er mir nur Freund ist
Wallenh drückt Elisan an seine Brust Bestes edles Weib Dieser Mann
ist ganz Ihrer Liebe würdig
Elisa Ja Wallenheim er ist edel und ich schätze ihn ich liebe ihn als
den teuersten meiner Freunde Aber jene Liebe unserer Jugendjahre lächelnd
o die ist längst erloschen und wird nicht wieder angefacht
Wallenh Es war nicht dieses was ich fürchtete Der einzige Gedanke der
mich beunruhigte war dieser dass Sie vielleicht aufs neue bereuen könnten
Elisa scherzhaft O weg mit diesen Grillen Ich stelle mich sonst morgen
verliebt in Birkenstein denn gestraft müssten Sie doch für diesen Gedanken
werden
Wallenh Er hat also keine Wirklichkeit
Elisa mit Ernst Sehen Sie mich an Wallenheim Lesen Sie je Unwahrheiten
in diesen Blicken
Wallenh Nein
Elisa Nun dann wenn diese Augen nie Ihnen logen so werden sie die
Wahrheit meiner Worte bestätigen dass noch nicht der entfernteste Gedanke von
dem was Sie besorgten in mir aufgestiegen war
Wallenh umarmt Elisan mit Herzlichkeit Nun meine Elisa bin ich Deinem
Birkenstein noch einmal so gut
In der Tat empfing Wallenheim am andern Morgen Birkenstein mit einer weit
offenern und heiterern Miene als er am vorigen Tage gehabt hatte Elisa war
hierüber sehr vergnügt und empfing Birkenstein mit noch mehrerer Herzlichkeit
Wallenheim wollte seiner Gattin beweisen wie entfernt er von jeder Eifersucht
sei und verließ sie und Herrmann bald nach dem Frühstücke Einige Stunden
flohen ihnen nun in traulicher Unterhaltung in welchen Beide sich glücklich
fühlten Birkenstein sagte endlich Elisa Unschuld gibt doch jeder Empfindung
Wert O wenn wir in jenen Jahren der Leidenschaft nachgegeben hätten würden
wir wohl jetzt so vertraut so zufrieden Hand in Hand zusammen sitzen
Birk Ja meine süße Elisa der Tugend Wert lehrt uns erst eigene
Erfahrung Wohl der Jugend wenn sie sich entschließt sich selbst davon zu
überzeugen Man mache es sich nur zum Gesetze sich nie von dem was Recht ist
zu entfernen und die schwersten Opfer werden uns dann belohnt so wenig wir
auch in jenen Augenblicken Schadloshaltung für möglich halten Als das Schicksal
mich von Ihnen riss als ich Birkenstein verließ da betrachtete ich die ganze
Welt nur als eine Wüste in welcher jede Freude für mich erstorben war Ich war
überzeugt ich würde mein ganzes Leben hindurch elend sein ich würde ihn immer
fühlen den nagenden Schmerz der mir fast alle Denkkraft raubte Indes gewohnt
den Gesetzen des Guten zu folgen war ich stark genug mir ihren Anblick zu
versagen welcher mir doch das einzige für mich übrig gebliebene Glück zu sein
schien Ich sagte mir es nicht allein das Bewusstsein blieb mir dass ich doch
noch nützlich sein könnte und so suchte ich Dienste außer meinem Vaterlande
Jeder Ort war mir gleich ich fühlte nur meinen Schmerz ich kam zuerst nach D
und blieb dort Fleiß und einige gute Anschläge welche ich gab machten
dass man mich bald auszeichnete und in eine höhere Sphäre setzte Anstrengung in
meinen Geschäften hatte das Wütende meines Schmerzes und meiner Leidenschaft
gedämpft ich war wieder des Denkens fähig ich sah dass ich für Menschenwohl
arbeiten könnte und dieses war der erste Trost welchen meine leidende Seele
erhielt Ich ergab mich nun mit Eifer diesem Geschäfte ich fühlte Linderung
ich empfand oft Freude aber eben so oft vergoss ich auch noch Tränen des
bittersten Schmerzes Wenn die Unschuld deren Rechte ich verteidigt und
welche ich ihren Unterdrückern entrissen hatte mir Dank stammelte und vor mir
Freudentränen vergoss o dann sagte ich mir ich wäre glücklich wenn ich mit
Elisan meine Empfindungen teilen könnte der Beifall einer Welt ist mir
nichts wenn ich nicht den ihrigen in ihren Blicken lesen kann So achtete ich
auch den meinigen nicht empfand noch nicht jene edle Selbstzufriedenheit die
Triebfeder großer Taten Ich fühlte endlich dass um mich des Guten freuen zu
können was ich tat um nicht bloß maschinenmässig meine Pflichten zu erfüllen
ich nicht allein gut handeln sondern auch weise werden auch meine Leidenschaft
bekämpfen müsste jetzt entzog ich mich jedes Gedankens an Sie suchte
Zerstreuungen spürte der innern Verwaltung des Staats nach entdeckte ihre
Mängel machte Plane zu deren Verbesserung überreichte sie dem Fürsten
unterhielt mich mit ihm über die Mittel seinen Untertanen aufzuhelfen und
seinen Staat blühender zu machen Je ernstlicher ich meine Leidenschaft
bekämpfte je mehr ich mich jeder Erinnerung meiner Liebe entzog desto mehr
fühlte ich innere Stärke desto mehr erwachte Tätigkeit in meiner Seele Bisher
hatte ich nur einzelne gute Handlungen verrichtet jetzt bekamen meine
Handlungen und Geschäfte Zweck und Verbindung Ich wurde erster Geheimerrat in
D allenthalben richtete ich meine Blicke und half wo ich helfen konnte
Nun genoss ich meines eignen Beifalls ich genoss des Glücks und des Wohlstandes
vieler Einwohner Nun erst erfuhr ich dass Tugend belohnt die höchste
Zufriedenheit war nun mein die edelsten Freuden durchdrangen oft mein Herz Ihr
Bild meine Elisa erschien mir jetzt in einem sanften Schimmer es zerstörte
nicht mehr meine Glückseligkeit nein es erhöhete sie Zwar dachte ich oft an
Elisas Seite wäre ich doppelt glücklich gewesen Allein wäre sie mein
geworden ohne ihrer Mutter Einwilligung so hätten wir Beide wider unsere
Pflicht gehandelt und wir wären Beide unglücklich geworden Allein mit dieser
Doch dieses war unmöglich Alle Begebenheiten sind unabänderlich in die Kette
der Dinge gereihet und Tugend ist es eben wenn man selbst bei den widrigsten
derselben nicht aufhört seine Pflichten zu erfüllen
Elisa drückt Herrmanns Hand eine Träne glänzt in ihrem Auge O wir
hielten das Gelübde welches wir einst im Feuer unserer Liebe taten stets auf
der Tugend Pfad zu wandeln und wir wurden glücklich Vereiniget Herrmann wäre
dieses vielleicht nicht gewesen
Herrmanns Kopf sank auf Elisas Hand sie blieben einige Augenblicke in
dieser Stellung Endlich sagte Elisa Auch ich Herrmann suchte in einer
kleinen Sphäre für Menschenwohl zu arbeiten Kommen Sie ich will Sie zu meinen
angenommenen Kindern und zu meinen Greisen führen vielleicht können Sie noch
einige Verbesserungen in meinen Einrichtungen treffen
Herrmann folgte Elisan sie ging mit ihm in das Erziehungshaus und in das
Pflegehaus der Greise Er bewunderte wie mit so vieler Einfachheit sie für das
Glück so vieler Menschen arbeitete Diese Kinder bekamen durch Sie einen Platz
in der bürgerlichen Gesellschaft und am Rande des Grabes fand hier der
Unglückliche noch Unterstützung und dieses waren keine vorübergehenden
Wohltaten nein ein ganzes Menschenleben hindurch wurden hier Menschen
beglückt Und dieses geschahe so ganz ohne alles Gepränge O Tugend fuhr
Herrmann fort als er aus dem Pflegehause der Greise ging hier strahlst Du in
Deinem wahren Glanze erhaben und einfach Hier sollte eine Welt niederfallen
und Dich verehren
Herrmann hatte Elisas Hand auf diesem Wege öfter und inniger gedrückt eine
Träne hatte er aus seinem Auge getrocknet als sie sich bei den Greisen
befanden Elisas Güte und zärtliche Sorgfalt für sie der Greise Dank Liebe
und tiefe Verehrung gegen sie ihre emporgehobenen Blicke und Hände um für
Elisan den Segen des Himmels herabzuflehen war für Herrmann ein rührender
Auftritt gewesen und schweigend ging er an Elisas Seite zurück
Elisa hatte ihm gesagt dass Henriette unweit von Wallental wohne und er
beschloss sie zu besuchen Nach geendigter Mittagsmahlzeit nahm Herrmann von
Wallenheim und seiner Gattin Abschied Er schloss Elisan in seine Arme und
fühlte eine Träne seine Wangen hinabrollen und sah auch die Ihrige in ihrem
seelenvollen Auge fest drückte er den jungen Herrmann an seine Brust der zu
ihm sagte Lieber fremder Mann besuche uns doch bald wieder Herrmann
lächelte küsste ihn noch einmal und eilte hinaus Wallenheim begleitete ihn
Herrmann umarmte ihn noch einmal Ich scheide doch als Ihr Freund von Ihnen
Wallenh drückt ihm die Hand Ja Birkenstein mein Weib ist zu
tugendhaft Sie zu edel als dass Ihr Besuch Besorgnisse in mir erweckt hätte
Ich habe Sie kennen gelernt und liebe Sie
Birk Ich danke Ihnen Wallenheim für dieses edle Vertrauen Nie werde ich
es missbrauchen ich fühle mich stark genug den Anblick Ihres Weibes zu
ertragen und doch nur in vielen Jahren sehen wir uns wieder
Nun schwang er sich auf sein Pferd und eilte fort Elisa sah ihm nach und
trocknete ihre Augen Herrmann erblickte bald den Turm von Felsingburg er ließ
sich bei Henrietten melden Birkenstein fragte sie staunend und schon sah sie
ihn den Hof heraufkommen Sie ging ihm entgegen Staunen und Freude Sie zu
sehen Birkenstein machen mich fast unfähig Sie zu begrüßen
Birk Küsst ihr die Hand Welch ein süßes Vergnügen ist mir dieses mir
schmeicheln zu können dass ich noch unter die Zahl Ihrer Freunde gehöre
Henr Lächelnd Sie trauen also der Abwesenheit nicht viel
Birk So nicht gnädige Frau Bei Gott ich fühle es es gibt Verbindungen
welche durch nichts geschwächt werden und so war auch die Unsrige
Jetzt begleitete Birkenstein Henrietten in ihr Zimmer Felsing war
abwesend doch erwartete ihn Henriette am Abend
Birk Nach einer Pause Ich komme von Wallental
Henr O hätte ich doch dem ersten Augenblicke Ihres Wiedersehens mit
Elisan beiwohnen können
Birk Wir freueten uns Beide unsere Beider Herzen schlugen heftiger O
gnädige Frau Jünglingsfeuer rollt nicht mehr in meinen Adern allein wärmer
schied ich doch von ihr als ich bei meiner Ankunft war
Henr Sie lieben sie noch
Birk Überzeugt dass ich nur warme innige Freundschaft für sie empfand
kam ich nach Wallental Ihr Anblick rufte in mir die Szenen der Vergangenheit
zurück ich umarmte meine vorige Geliebte aber dieser Name konnte nur auf einen
Augenblick mein Herz erschüttern ich war gewohnt sie mir als Wallenheims
Gattin zu denken allein Elisan sehen ihre Tugenden bewundern sie geliebt zu
haben und nur ihr Freund bleiben nein Henriette das vermag ich noch nicht
Welche sanfte Gefälligkeit hat sie gegen ihren Gatten wie geflissen war sie
durch ihr Betragen ihm jeden Verdacht gegen sich und mich zu benehmen Ihr
Lächeln jede ihrer Mienen spricht ihm Liebe und doch mir so zugetan so
unverstellt so offen in ihrem Betragen gegen mich Indem sie nur jedes
Verlangen ihres Gatten aus seinen Augen zu lesen schien um diesem
zuvorzukommen indem sie uns auf die angenehmste Art unterhielt wendete sie
doch eine beständige Aufmerksamkeit auf ihre Kinder Keins ihrer Worte entging
ihnen und ich sah dass Elisa in keinem Augenblicke aufhörte ihre Erzieherinn
zu sein Und welche Ordnung herrscht in ihrem Hause Früh am andern Morgen hatte
sie schon ihr Hauswesen bestellt und ich fand sie angekleidet Allein wenn
Elisa in dem Zirkel ihrer Familie bewunderungswürdig ist wie vielmehr ist sie
es nicht wenn man sie als Wohltäterin ihrer Gegend betrachtet wenn man ihr
in das Erziehungshaus und in das Pflegehaus der Greise folgt wenn man mit den
Bauern in Wallental spricht welche sich glücklich preisen und bei denen man
mehr gesunde Vernunft antrift als in dieser Klasse bei den Einwohnern einer
ganzen Provinz zusammengenommen O könnte ich doch ihr ganzes Geschlecht nach
Wallental rufen ihnen Elisan zeigen wie wirklich groß und erhaben sie durch
ihre Tugenden ist Weiber ihr wollt Alle glänzen Möchtet ihr doch Alle die
Mittel erwählen durch welche Elisa das Erste der Weiber wurde Wahrlich wenn
schon Silberlocken eure Stirne zierten würden wir euch doch noch Dank
Verehrung und Liebe zollen
Henr Und Sie sahen sie nur einen Tag Birkenstein Wenn man ihr aber in
jedem Auftritte ihres Lebens folgt wie viel größer erscheint sie dann Der
erste Augenblick in welchem Wallenheim sie in seine Arme empfing war für sie
abscheulich und doch von diesem Augenblicke an versagte sie sich jeden
Gedanken an Sie Der rauheste der mürrischste Mann den ich je sah war
Wallenheim ihre Sanftmut schuf ihn um sie zwang ihm sie zu lieben es war
kein Opfer welches sie ihm nicht brachte keine unwürdige Behandlung von ihm
welche sie nicht geduldig ertrug Sein Herz öffnete sich endlich dem Gefühl und
sie machte ihn glücklich Er hat ihr Vermögen verschwendet ein nur kärgliches
Einkommen bleibt ihnen übrig und Elisa versagt sich jede Bequemlichkeit um
ihren Gatten nicht die Verringerung ihres Vermögens empfinden zu lassen welche
er verursachte Sie verbirgt dieses vor ihm damit er sich keine Vorwürfe mache
Sie arbeitet oft in der Nacht denn bei Tage widmet sie ihre Stunden dem
Unterrichte ihrer Tochter und die Abende der Unterhaltung ihres Gatten sie
macht sichs zum Geschäft ihm die Zeit angenehm zu vertreiben Noch ist sie
eben so reich in ihren Wohltaten und in ganz Wallental empfindet nur sie den
Verlust ihres Vermögens Dieses Alles Birkenstein wussten Sie noch nicht und
sollte man glauben dass diese Tugenden noch einer Erhöhung fähig sind Und doch
erhöhet sie Elisa noch durch ihr Betragen Ihre Seele ist so erhaben und doch
welche Leichtigkeit welche Gefälligkeit in ihrem Wesen Alle ihre Handlungen
führen in sich das innere Gepräge der Tugend allein es erscheint in ihnen so
viel Einfachheit dass man es kaum fühlt dass Elisa so erhaben ist über Alles
was sie umgibt Man fühlt sich zur Bewunderung hingerissen nein zur Liebe
den Elisa sucht sich einem Jeden gleich zu stellen und will nicht über Andere
erhaben scheinen Und diese Bescheidenheit ist bei ihr nicht erkünstelt nein
sie ist überzeugt sie erfüllt nur ihre Pflichten und ist weit entfernt sich
den Wert beizulegen den der Beobachter ihrer Handlungen ihr zugestehen muss
Und dann eine beständige Aufmerksamkeit Andern Vergnügen zu machen welche sich
auf das geringste Individuum erstreckt wirft auf ihr ganzes Wesen eine
Liebenswürdigkeit welcher man nicht zu widerstehen vermag und man empfindet
dass Elisa auch das angenehmste der Weiber ist und fast möchte ich sagen auch
die Glücklichste Ruhe und Heiterkeit liegen auf ihren Zügen verbreitet und sie
sind das Bild ihrer Seele Zwar ging sie durch so manchen unangenehmen Auftritt
des Lebens allein diese blieben unverändert in ihr Ich sah oft ihr Auge
trübe allein nie hörte ich sie klagen über das Geschick Immer fand ich Elisan
noch heiter wenn auch Schmerz ihre Seele niederbeugte denn sie ist überzeugt
dass jede Begebenheit eine notwendige Folge vorhergegangener Ursachen ist und
so bleibt sie ruhig auch bei den Widerwärtigkeiten des Lebens Sie hört auch
dann nicht auf tätig im Guten zu sein und sie findet Trost in dem Bewusstsein
dass sie ihre Pflichten erfüllt So bleibt sie sich stets gleich stets wirksam
die Übel die sie treffen für Andere unschädlich zu machen und so ist sie
fähiger jedes Ungemach zu ertragen
Birk Wie vortrefflich schildern Sie Ihre Freundin Henriette Und wie nahe
müssen Sie selbst dem Bilde kommen dem Sie so aufrichtig ihre Verehrung zollen
Henr Die innigste Freundschaft vereinigte uns ja stets schon in unsern
FrühlingsTagen machte mich der Gedanke stolz dass die welche ich so sehr
liebte sich vielleicht einst dem Gipfel weiblicher Vollkommenheit nähern würde
Birk O Henriette welche Tage rufen Sie zurück Doch meine Elisa wäre
nicht das Muster weiblicher Tugend geworden wäre sie nicht die Gattin des
Mannes geworden vor dem sie Widerwillen empfand
Henr Nach einer Pause Also ersetzte noch kein Weib Elisas Stelle in
Ihrem Herzen
Birk Keins und wird es nie denn Elisa ist einzig Zwar sah ich manches
liebenswürdige Weib allein Elisas Bild ob ich gleich nicht mehr liebte
entfernte doch jede andere Liebe von meinem Herzen Sie war die Erste die
dieses Gefühl mich kennen lehrte und das in seiner ganzen Reinheit Elisa
vereinigte Alles Verstand Reitze Tugend Liebenswürdigkeit und nur die
höchste Liebe konnte man für sie empfinden Nie wird eine zweite Liebe in meinem
Herzen Platz finden und der Gedanke erregt mir Widerwillen mein Schicksal mit
einem Weibe zu vereinigen welches ich nicht so lieben könnte als ich noch
jetzt Elisan liebe Mich dünkt ich würde das einzige Band zerreißen welches
uns jetzt noch verbindet Elisa obgleich schon längst meine Leidenschaft zu ihr
aufgehört hat ist doch noch immer der Gegenstand meiner liebsten Gedanken und
Empfindungen und dann dürfte sie es nicht mehr sein und ich kann mir nicht das
Vergnügen rauben an sie zu denken ich kann nicht undankbar gegen ein Weib
werden das mich vielleicht allein lieben würde und dem ich diese Liebe nicht
erwidern könnte
Henr Aber Birkenstein fürchten Sie nicht einst eine Leere in Ihren
Herzen zu finden wenn kein Gegenstand es fesselt keiner Ihre liebende Seele
erfüllt
Birk Nein Henriette Die Unglücklichen sollen mich fesseln Die deren
Loos ich verbesserte meine Seele erfüllen Ich werde für sie arbeiten ich
werde suchen frohe Menschen um mich zu versammeln und ich werde glücklich
sein Ich werde Elisas wohltätige Anstalten nachahmen ich werde Menschen
erziehen und auch in Birkenstein soll wie in Wallental das dahin sinkende
Alter Unterstützung finden Wie viel Gegenstände Henriette welche mein Herz
erfüllen werden und dann Elisa und ihre Kinder Elisa welche mir immer
teuer sein wird und in deren Gesellschaft ich künftig manche Stunde verleben
will Wundern Sie sich nicht über diesen Vorsatz Henriette jetzt reise ich
weg und komme in vielen Jahren erst wieder Zwar traue ich mir Tugend genug zu
um nicht das Weib eines Andern zu verführen und ich weiß das Elisa vor dem
Gedanken zurückbeben würde einen Andern als ihren Gatten zu lieben Allein
wenn ich sie sehen kann ohne dass ich aufhöre ein ehrlicher Mann zu sein so
kann ich sie nicht sehen ohne dass ich sie liebe und auch ihr Herz würde oft
unwillkürlich bei meinem Anblick stärker klopfen dieses will ich ihr und mir
ersparen Wir bekämpften Beide unsere Leidenschaft wir siegten der Kampf soll
nicht erneuert werden Allein Henriette wenn kälter das Blut in meinen Adern
rollt dann will ich ein Mitglied der Wallenheimischen Familie dann will ich
Elisas Bruder werden Hier in Städtchen R kauf ich mir dann ein Haus und
verlebe hier sechs Monate des Jahrs denn meine Bauern in Birkenstein verlasse
ich nie ganz Elisas Kinder sollen dann die Meinigen werden wenn Herrmann
dieser Knabe aus dessen Blicken der Mutter liebevolle Seele strahlt und der
mir noch teurer ist durch den Namen den er von ihr erhielt und durch den sie
ein Denkmahl ihrer Liebe stiftete wenn er der mütterlichen Leitung entwachsen
ist dann will ich sein Führer werden dann will ich ihn zum Manne bliden und
ihn ihr dann wieder geben O Henriette wie kann ich eine Leere fürchten
Elisas Freund ihr Bruder ihre Kinder die Meinigen und einige Sterbliche an
deren Glück ich arbeiten und die ich lieben werde
Henr gerührt Herrmann Elisa Möchten doch eure Namen in den Annalen der
Tugend aufgeschrieben werden
Herrm drückt Henriettens Hand Ja Henriette wünschte ich dass er je
unvergesslich würde so wäre es dort
Herrmann und Henriette schwiegen und dieses Schweigen war feierlich und
ernst ein Wagen der daher rollte weckte sie aus ihrem Nachdenken und Felsing
trat herein Herrmann und Felsing wurden Freund und erst am andern Tage schied
Herrmann von ihm und seiner Gattin Viel sprachen Elisa und Henriette bei ihrem
Wiedersehen von ihrem Freunde allein Henriette sah bald dass Elisa über ihr
Herz gewacht und jede aufkeimende Empfindung darin unterdrückt hatte In der
Tat suchte Elisa seitdem Herrmann in Wallental gewesen war ihrem Gatten noch
mehr Liebe zu beweisen Er sah diese Bemühung schätzte sein Weib um so mehr
und Beide waren glücklich
Es war ein Jahr dass sie nun in Wallental waren da wurde Herrmann krank
man fing bald an für sein Leben besorgt zu sein Elisa zitterte sie verließ
sein Bette nicht ihre Augen füllten sich mit Tränen wenn sie auf ihren Sohn
blickte und doch wollte sie sie vor ihrem Gatten verbergen der trostlos ihr
zur Seite saß Wallenheims ganzes Herz hing an dem Knaben sein Anblick hatte
ihn stets mit Freuden erfüllt auf allen seinen Spatziergängen war er sein
Begleiter gewesen und oft hatte ein Lächeln ein kindischer Einfall des Knaben
des Vaters Unmut zerstreuet O Elisa sprach er zu seiner Gattin wenn mir
Herrmann entrissen wird dann wird mein ganzes Leben öde und freudenleer werden
Wie viel versprach ich mir nicht von dem Knaben Er war Ihr Ebenbild Er sollte
die Freude meines Alters werden Ach er war ja jetzt schon die Freude meines
Leben
Elisa weinte sie umarmte ihren Gatten Lassen sie uns stark sein
Wallenheim Wir dürfen ihm nicht unterliegen dem Schmerze Wir müssen hier
stockte ihre Stimme und ihre Tränen flossen häufiger wir müssen für unsere
andern Kinder leben
Wallenheims Tränen verdoppelten sich er verließ das Zimmer da sank Elisa
auf ihre Kniee sie nahm des Knaben Hand ihr Kopf sank auf dieselbe O
Herrmann mein Sohn bald wirst du nicht mehr sein Im stummen Schmerze blieb
sie liegen Endlich stand sie auf blickte gen Himmel umarmte dann Herrmann
Ach seitdem er lebt hat er mein Herz mit Freude erfüllt so manchen süßen
Augenblick gewährte er mir Dank dir mein Sohn Dank Dir gütige Vorsicht die
mich acht Jahre durch ihn eine glückliche Mutter sein ließ Ich will sie nicht
vergessen diese Jahre der Freude Noch jetzt will ich mit Dankbarkeit mich
ihrer erinnern Jetzt wo ich ihn verliere auf ewig verliere sie bricht
aufs neue in Tränen aus O mein Herz ist zerrissen Aber meine
Standhaftigkeit soll mich nicht verlassen Dir gütige Vorsicht opfere ich
meine Leiden opfere ich den Schmerz der jetzt in meinem Busen wühlt Beim
Eintritte in die Welt harrten meiner Leiden und Freuden Ich will sie tragen
die Leiden ich genoss ja die Freuden sie wirft sich wieder auf Herrmanns
Bette O Herrmann mein Sohn du wirst nicht mehr sein Aber Elisa deine
Pflichten hören nicht auf Dein Gatte deine übrigen Kinder leben du musst an
ihrem Glücke arbeiten Dazu berief dich die Natur Und ehe sie mich nicht
zurückruft vom Schauplatze des Lebens eher darf ich nicht aufhören zu wirken
Dazu muss ich stark sein sie fällt nieder auf ihre Kniee und hebt die Hande
gen Himmel Ja ich will es sein Ich will mit ruhiger Ergebung das größte
der Leiden tragen ich will ihn bekämpfen den Schmerz ich muss Wallenheim
trösten O Wallenheim Du sollst nicht zu gleicher Zeit deine Gattin und
deinen Sohn verliehren
Nun stand Elisa auf und setzte sich wieder neben ihrem Herrmann er war
schon seit zwei Tagen ohne Empfindung Sie nahm ihn oft in ihre Arme weinte
aber eben so oft blickte sie empor zum Himmel und rief aus Du wirst mich
stärken großes Wesen
Wallenheim kam wieder herein es war schon Abend Elisa bat ihn zu Bette zu
gehen Meine Elisa sprach er soll ich nicht mit Ihnen diese traurigen Stunden
teilen Wollen Sie allein jene bange Bekümmernis über sich nehmen allein ihn
mit unermüdeter Sorgfalt bewachen und ich soll ruhen
Elisa Ja mein Wallenheim suchen Sie auf einige Stunden zu ruhen Unser
Sohn stirbt noch nicht Noch ist der Faden seines Lebens nicht durchschnitten
Vielleicht doch gehen Sie jetzt Ihre Gegenwart hier würde mich noch mit
mehrerer Besorgnis erfüllen ich würde auch für Sie zittern
Wallenheim umarmte sie weinte und verließ das Zimmer Elisa glaubte dass
Herrmann in dieser Nacht sterben würde und sie wollte nicht dass Wallenheim
diesem traurigen Auftritte beiwohnen sollte Wallenheim ging zu Bette von Gram
und Tränen abgemattet schlossen sich seine Augen Er war eine Stunde weg da
hörte Elisa ihren Sohn leise röcheln das Röcheln nahm zu sie sah mit
unverwandtem Blick auf ihn ihr Busen hob sich hoch und heftig Schmerz wütete
in ihrem Innern Jetzt drängt sich das letzte Röcheln aus Herrmanns Brust seine
Seele entfliehet seine Augen sind auf ewig geschlossen Elisa sinkt auf den
toten Leichnam sie heftet ihre Lippen auf die entseelten Lippen ihres Kindes
hier bleibt sie eine halbe Stunde liegen man will sie wegbringen O lasst mich
ruft sie aus meinen Schmerz auf seinen Lippen aushauchen Dieses war der
einzige heftige Ausbruch ihres Schmerzes Nach einer halben Stunde stand sie
auf und ging in ihr Zimmer Nun flossen ihre Tränen allein sie war ruhig Oft
richtete sie ihre Blicke gen Himmel und einigemahl rief sie aus Großer Urheber
alles Seins Du wolltest es so
Wallenheim hatte einige Stunden geschlafen allein schon lange hatten ihn
bange Besorgnisse geweckt Indes herrschte eine Stille im ganzen Hause und
diese ließ ihn nichts Böses ahnden Endlich klingelt er da trat Elisa herein
warf sich in seine Arme und rief aus O mein Wallenheim er ist nicht mehr
Ach wir verbanden uns Freude und Leid zu tragen
Wallenh Herrmann Elisa Herrmann
Elisa weinte Auf ewig auf ewig Dich verloren rief Wallenheim
Elisa drückt Wallenheim an ihren Busen Mein Wallenheim mein Gatte lass
uns stark sein
Lange weinten nun Beide endlich sagte Elisa Trocknen Sie Ihre Tränen
Geliebtester kommen Sie beim entseelten Körper meines Sohns wollen wir
Standhaftigkeit schwören
Wallenh Elisa Du bist ein Weib Du bist Mutter und Du kannst
Elisa Ach Wallenheim mein Herz ist zerrissen aber ich habe gelernt
Leiden zu tragen
Sie gingen nun zu dem Leichnam ihres Sohnes Beide knieeten vor demselben
O mein Sohn mein Sohn rief Elisa entrissen meinem Herzen Ach es blutet
Tief im Innern nagte der Schmerz Aber einst kniete ich so wie jetzt vor der
Leiche meines Vaters und da schwur ich der Tugend Es ist ja auch Tugend
standhaft zu sein Ich will es sein Sie steht auf und ergreift Wallenheims
Hand Wallenheim lass uns weinen um unsern Sohn lange werden meine Tränen
noch fließen aber dass der Schmerz uns nicht unsere Pflichten versäumen lasse
Nun riss sie ihn mit sich fort ging zu Henrietten tröstete sie Bald kam
Felsing mit seiner Gattin Mit inniger Teilnehmung umarmte Henriette ihre
Freundin Komm auf einige Tage mit deinem Gatten und Henrietten nach
Felsingburg sprach sie zu ihr Waldin und Felsing werden alles besorgen
Die Szenen des Kummers die Zurüstungen trauriger Obliegenheiten zu
vermeiden ist Pflicht wenn man sich ihrer entziehen darf Dieses wusste Elisa
und sie folgte ihrer Freundin Die Beerdigung ihres geliebten Sohnes wurde nun
Felsings und Waldins Geschäft und nach sechs Tagen kehrte die Wallenheimsche
Familie nach Wallental zurück Wallenheim und seine Gattin setzten ihrem Sohne
kein Denkmahl sie wussten er wurde in ihren Herzen fortleben aber sie wollten
durch keinen sinnlichen Gegenstand ihrem Schmerze Nahrung geben
Jene Untätigkeit welcher man sich im Schmerze so gern ergibt vermied
Elisa jetzt Zurück in Wallental fing sie auch ihre Beschäfftigungen wieder
an Zwar unterbrachen ihre Tränen sie oft allein sie gestattete es sich nicht
sich dem Schmerze zu ergeben weinend setzte sie ihre Beschäfftigungen fort und
zwang so ihre Aufmerksamkeit sich auf andere Gegenstände zu richten Sie las
viel und bewog auch Wallenheim viel zu lesen sie wählte ernste Bücher welchen
sie ihre Aufmerksamkeit widmen musste So sehr sie auch um ihren Herrmann
trauerte so bemühete sie sich doch Wallenheim zu trösten Sie verließ ihn in
den ersten Tagen fast gar nicht sie vermischten ihre Tränen aber mitten unter
denselben bestrebte sich Elisa seine Gedanken von seinem Sohne abzuziehen ihm
das Gesetz der Notwendigkeit in seiner ganzen Stärke vorzustellen und ihm
diejenige Ergebung einzuflößen welche der Weise selbst bei den härtesten
Schlägen des Schicksals noch behält welche zwar den Schmerz empfinden lässt
aber Verzweiflung entfernt
Gleich nach Herrmanns Tode hatten Wallenheim und seine Gattin Karln kommen
lassen Die Natur erwachte jetzt aufs neue aus ihrem Schlummer das grüne Gewand
der Erde ging wieder aus ihrem Schoss hervor aber die blühende lachende Natur
goss neue Traurigkeit in Wallenheims und seiner Gattin Herzen Ach sagte Elisa
Alles bluhet und mein Herrmann ist dahin Doch bald erinnerte sich Elisa dass
sie so oft Trost im Schoss der Natur gefunden hatte dass ihre Freuden nie
ersterben sie besuchte also den Wald den Garten die grünen Felder wieder und
so schmerzhaft ihr auch im Anfange die wiederkehrende Freude der Natur gewesen
war so goss sie doch bald wieder Ruhe in ihr Herz es war zu empfindungsvoll
als dass es hätte fühllos gegen die allgemeine Freude bleiben können Auch
Wallenheim bewog sie sie auf ihren Spatziergängen zu begleiten und ihre Kinder
folgten ihnen dann Es war an einem sanften Frühlingstage als Elisa zum
Erstenmahle nach Herrmanns Tode mit ihrem Gatten spazieren ging Sie gingen
durch den Tannenwald auf eine Anhöhe von welcher man auf der einen Seite über
den dunkeln Wald hinblickte und auf der andern erstreckten sich grüne Auen in
einer dem Auge unerreichbaren Länge Sie setzten sich Henriette hascht einen
Schmetterling sieht ihn an und fängt an zu weinen Ach Mutter sonst haschte
Herrmann die Schmetterlinge und half mir Kräuter suchen Ach ich kann es immer
noch nicht vergessen jedesmahl dass ich spazieren gehe
Wallenh nimmt Henrietten wehmütig in seine Arme Armes Mädchen er
weint
Ja Elisa jeder Baum im Tannenwalde hat mich an den Knaben erinnert Wenn
ich mit ihm auf die Jagd ging und er dann vergnügt an meiner Seite hüpfte mir
die Vögel zeigte und unter dem Baume lauschte o dann habe ich mich so oft
über des Knaben Munterkeit gefreuet Gefreuet wenn ich so viel Züge seines
guten Herzens so manchen Beweis seines lebhaften Verstandes sah O Elisa ich
kann Ihnen nicht sagen wie jetzt Alles so öde so freudenleer um mich ist
Elisa drückt Wallenheim die Hand und trocknet ihre Augen nach einer
Pause Meine Wallenheim blicken Sie um sich die Natur ist noch immer schön
Zwar ein großer Teil unsers Glücks unserer Freuden ist uns entrissen aber
viel bleibt uns noch übrig Unsere Kinder werden wieder lustig werden sie
werden hoffe ich gut werden und uns noch manche Freude gewähren Wir werden
noch manchmahl hier der sanften Freuden der Natur genießen Sehen Sie das
lachende Grün hören Sie das frohe Zwitschern der Vögel O lassen Sie Ihr Herz
die Übereinstimmung die Harmonie der Natur empfinden und wenn wir dann um
unsern Herrmann weinen so lassen Sie uns auch empfinden dass in der Schöpfung
doch noch Freuden für uns sind
Wallenh umarmt Elisan Sanftes liebevolles Weib Ja ich fühle mich
getröstet ich fühle mich stärker wenn ich bei Ihnen bin
Auf diese Art bestrebte sich Elisa immer Wallenheims Gram zu mindern und
dem Ihrigen das Bittere desselben zu benehmen Zwar trauerte sie lange um ihren
Herrmann allein ihr Gram war eine sanfte Schwermut mit derjenigen ruhigen
Heiterkeit vereiniget welche Elisan fast nie verließ
Jahre verflossen nun ohne dass der Wallenheimischen Familie etwas
Merkwürdiges begegnete Henriette war der Gegenstand der Zärtlichkeit ihrer
Eltern geworden allein Elisa hatte über ihre Liebe zu ihr gewacht und hatte
mit den Jahren ihre Sorgfalt für ihre Erziehung verdoppelt und schon erkannte
man in Henrietten die Tugenden ihrer Mutter Herr Waldin war in Wallental
geblieben bis dass er einen Dienst bekommen hatte welchen er durch Elisas
Bemühungen erhielt Als er weg war erhielt Henriette allein ihren Unterricht
von ihrer Mutter welche sich täglich um mehrere Kenntnisse bewarb um den
Verstand ihrer Tochter gehörig zu bilden Übrigens blieb Elisa sich gleich der
Jugend Blüte war von ihr geschwunden aber nicht der Reiz derselben in keine
ernstern Falten zog sich ihre Stirne eben das ruhige sanfte Lächeln tronte
noch auf ihren Lippen und eben derselbe liebevolle Blick der einst Herrmann
zuerst die Liebe kennen lehrte begleitete noch jede ihrer Handlungen und jedes
ihrer Worte Unaufhörlich blieb sie beschäftigt die Summe des Glücks zu
vermehren und nachdem die Zeit und ihre Bemühungen den Schmerz über Herrmanns
Tod getilgt hatten rief sie die Freude zurück an ihre Seite und verbreitete
sie wieder über Alles was sie umgab über ganz Wallental soweit es dem
Menschen möglich ist und nur selten sah man dort einen kummer oder
unmutsvollen Blick
In seinem funfzehnten Jahre war Karl in den Militairdienst getreten oft schon
hatte Elisa bittere Tränen um ihn vergossen Sein Charakter hatte keine
Festigkeit bekommen seine Leidenschaften welche heftig waren keine gehörige
Richtung Sie hatte Wallenheim oft ihre Besorgnisse mitgeteilt ohne ihm indes
Vorwürfe zu machen allein er wollte aus falscher Schaam es nie gestehen dass
sein Weib Recht habe und nie hatte sie ihn bewegen können in Absicht Karls
andere Maßregeln zu nehmen Er war nun vier Jahre beim Regimente und überließ
sich jetzt da er sich frei glaubte seinen Leidenschaften ohne Einschränkung
Das Spiel war fast seine einzige Beschäftigung und die Stunden welche er fern
vom Spieltische zubrachte verlebte er in den Armen feiler Buhlerinnen Er war
zwanzig Meilen von Wallental entfernt allein Elisa ließ ihn beobachten sie
war von jeder seiner Handlungen unterrichtet aber sie verschwieg ihrem Gatten
seine Aufführung um ihm die Vorwürfe welche er sich machen könnte zu
ersparen und auch weil sie besorgte dass er vielleicht um ihn zu bessern
falsche Maßregeln ergreifen könnte Sie wollte einige Zeit seine Leidenschaften
ausbrausen lassen sie glaubte dass wenn ein Jüngling eine schlechte Erziehung
bekommen hätte und seinen Leidenschaften nicht schon vor ihrem Erwachen ein
Zügel angelegt worden wäre sie einem reißenden Strome glichen der alle Dämme
durchbricht welche man ihm entgegensetzt dass folglich in der ersten Hitze
derselben jedes Mittel zur Besserung vergebens sei und sie wollte diese nicht
eher anwenden als bis er einige Zeit seine Leidenschaften befriediget haben
würde Doch jetzt näherte er sich dem zwanzigsten Jahre nun glaubte sie wäre
es Zeit ihn von seinen Ausschweifungen zurückzubringen sonst bliebe er
Lebenslang ein Spieler und ein Wollüstling Sie beschloss selbst nach S zu
reisen wo er in Garnison stand Sie sagte ihrem Gatten dass Karl sich von
heftigen Leidenschaften hinreißen ließe und dass sie hoffte dass wäre sie
einige Zeit in S sie vielleicht Gelegenheit haben würde kräftige Maßregeln
zu seiner Besserung anzuwenden Eine zwanzigjährige Erfahrung hatte Wallenheim
zu sehr von der Klugheit und Vorsicht seiner Gattin überzeugt als dass er jetzt
nur einen Augenblick hätte zweifeln können dass Elisa nicht ganz so handeln
würde als Zeit und Umstände es erforderten Er war gewohnt sie in allen Fällen
die besten Maßregeln ergreifen zu sehen und schon seit langer Zeit schränkte er
sie in keiner ihrer Handlungen mehr ein und Elisa gebrauchte diese Freiheit
nur ihn und ihre Kinder zu beglücken Reisen Sie teure Elisa sprach er es
wird der besten Mutter aufbehalten sein den Sohn zurückzubringen den des
Vaters Fehler auf Irrwege leitete
Und Elisa reiste
Sie trat in S in einem Gasthofe ab sie verbarg ihren Namen viel hörte
sie von ihrem Sohn sprechen er hatte zweitausend Taler Schulden in S und
täglich fand man bei ihm eine Versammlung von Spielern und Freudenmädchen
Inzwischen erzählte man sich auch Züge seines guten Herzens Der junge
Wallenheim hörte Elisa einige Männer sagen kann nur der Verführung nicht
widerstehen es ist zu viel Schwäche in seinem Charakter ich weiß dass er oft
die besten Vorsätze nimmt allein sie schwinden im andern Augenblicke sobald
einer seiner Freunde zu ihm sagt komm mit mir zum Pharotische
Aus allen diesen Reden schöpfte Elisa Hoffnung Er ist noch nicht ganz
verdorben sagte sie zu sich selbst Sie erfuhr dass am andern Tage wieder eine
Versammlung seiner Spielgesellen bei ihm sein würde Sie bat die Wirtin bei
welcher Karl wohnte ihr für ein gutes Trinkgeld zu erlauben während der Zeit
dass bei dem jungen Wallenheim Gesellschaft wäre sich in dem Zimmer neben dem
Seinigen aufzuhalten Die Frau gestattete ihr dieses und Elisa ging am
Nachmittage dahin Bald hört sie das wilde Jauchzen die üppige Fröhlichkeit
Karls und seiner Gesellschafter sie unterscheidet unter ihnen zwei weibliche
Stimmen welche ihn zum Spiele ermunterten Mache Wallenheim dass du gewinnst
riefen sie ihm zu allein wir bekommen die Hälfte des Gewinnstes aber dafür
sollst du auch eine göttliche Nacht haben O ihr werdet sie wohl sehr
menschlich machen antwortete Einer aus der Gesellschaft und ein wildes
Gelächter erscholl Doch jetzt hörte Elisa dass man sich um den Pharotisch
versammelte und nach einer halben Stunde hörte sie Karln ausrufen Der Teufel
schon hundert Louisdor weg Da öffnete sie plötzlich die Tür und trat in das
Zimmer Wie vom Blitze gerührt stand Karl da Elisa schwieg Teufel rief ihm
einer seiner Kameraden zu was machst du Wallenheim Das Weib sieht ja nicht so
schrecklich aus um dir ein solch Herrjemines Gesicht abzujagen
Wallenh Schweig es ist meine Mutter
Nun wurde die Bestürzung unter Karls Gesellschaftern allgemein alle
schwiegen
Elisa nähert sich ihm einige Schritte Karl und du heissest mich nicht
einmal willkommen
Karl bedeckt sein Gesicht mit seinen Händen O meine Mutter
Elisa Karl wenn die kindliche Liebe nicht in dir spricht so spricht doch
die mütterliche Liebe desto lauter in meinem Herzen Komm in meine Arme ich
habe dich in so langer Zeit nicht gesehen
Karl stürzt sich schluchzend in Elisas Arme O meine Mutter darf ich
Sie umarmen
Elisa Bist du denn mein Sohn nicht mehr Karl lass mir die Hoffnung dass
der Knabe den ich unter meinem Herzen trug nicht ganz aufhören kann mein Sohn
zu sein
Karl Meine Mutter Was kann ich Ihnen sagen Ich kann mich nicht
rechtfertigen alles spricht hier gegen mich
Elisa Lass diese Zeugen deiner Handlungen in der Zukunft aufhören und ich
werde sie vergessen
Karl Ach Mutter ich fühle es ich muss ein schlechter Mensch sein dass ich
solch ein Wüstling wurde und solche vortreffliche Mutter habe
Elisa Genug mein Sohn von dem Vergangenen Lass mich hoffen dass du dich
in der Zukunft meiner Leitung überlassen wirst und ich werde auch durch dich
eine glückliche Mutter werden
Karl Mutter wenn der Eindruck Ihrer Güte nicht fest in meiner Seele
haftete so müsste ich jede Empfindung verlieren und aufhören ein Mensch zu
sein
Elisa hebt Karln auf und umarmt ihn Dank dir mein Karl für die süßen
Hoffnungen mit welchen du mich belebest O wenn du weise und gut sein wirst
dann dann drücke ich dich noch mit mehrerm Entzücken an mein Herz als am Tage
deiner Geburt
Karl weinte am Halse seiner Mutter Karl sagte endlich Elisa du vergissest
deine Gesellschafter
Karl wurde verwirrt er kehrte zum Spieltische zurück um welchen Alle noch
versammelt standen Meine Freunde sprach er ihr müsst mich heute verlassen
Verzeiht dass meiner Mutter Ankunft mir nicht länger erlaubt mit euch zu sein
Aber unser Geld Wallenheim flüsterten ihm Einige leise zu
Karl Ich werde es euch zustellen jetzt habe ich es nicht
Baron von T Der wildeste von Karls Gesellschaftern O deine Mutter
wird dich zum Heiligen machen und dann wirst du eine Spielschuld nicht
bezahlen gib sie nur lieber gleich
Karl Aber T ich habe sie nicht
B v T Na Bruder dann komme ich morgen früh wieder denn länger warte
ich nicht
Elisa hat indes ihre Uhr abgemacht und reicht sie dem B von T Mein
Herr diese Uhr wird den Wert der Summe ausmachen welche mein Sohn Ihnen
schuldig ist
Karl O meine Mutter
Baron von T verwirrt Ich kann warten meine gnädige Frau
Elisa Einmahl muss die Schuld doch bezahlt werden
Karl Aber liebe Mutter Ihre Uhr
Elisa Ich bin nicht reich Karl
Karl schlägt sich verzweiflungsvoll vor die Stirn O ich Elender
Elisa zum Baron von T Ich bitte Sie mein Herr nehmen Sie die Uhr
Mir bleibt kein anderes Mittel meines Sohnes Schuld abzutragen
Baron von T nimmt die Uhr gerührt
Alle entfernten sich indem sie sich ehrerbietig gegen Elisan verneigten
Die beiden Freudenmädchen blieben Mit frecher Gebärde stellten sie sich an ein
Fenster und sprachen zusammen Elisa tat als bemerkte sie sie nicht und
Karls Verwirrung stieg immer höher endlich nähert er sich ihnen Wollen Sie
mich nicht auch jetzt verlassen sprach er
Nach erhaltener Bezahlung Herr von Wallenheim war Beider Antwort
Karl Aber Mädchen ihr seid ja noch für diese Nacht frei Warum sollte ich
euch bezahlen da ich euch nicht von weiterm Verdienste abhalte
Die Eine Herr von Wallenheim wir kamen unter der Bedingung dass Sie jeder
von uns fünf Louisdor geben würden Sie wissen wir gehen nicht zu einem jeden
Karl Aber Mädchen ich habe euch nicht gebraucht
Die Andere laut lachend Darum bleiben wir auch hier um uns unser Geld
noch zu verdienen
Die Erste Und genug Herr von Wallenheim wir geben nicht ohne Bezahlung
Karl hitzig O der unverschämten Geschöpfe
Die Vorige Keine Beschimpfungen Herr von Wallenheim Auch wir werden uns
Recht verschaffen können entweder bezahlen Sie uns oder wir verklagen Sie
morgen Baron von T ist Zeuge Ihrer Versprechungen gewesen auf ihn berufen
wir uns
Karl für sich Was soll ich anfangen er wirft sich seiner Mutter zu
Füßen O meine Mutter befreien Sie mich
Elisa geht zu den beiden Mädchen und gibt jeder fünf Louisdors Beide
entfernen sich augenblicklich
Elisa nachdem sie hinausgegangen sind Dieses sind also die Freuden
Karl denen du deine Ruhe dein Glück deine Ehre opferst Denn ein Mann von
Ehre wird die Drohungen einer öffentlichen Buhldirne als einen Schimpf ansehen
den er nicht ertragen kann ein Mann von Ehre wird nicht anderer Geld entwenden
denn Schulden machen die man nicht bezahlen kann ist doch wohl so gut als
Raub Und diese Freuden erkaufst du mit den Tränen deiner Eltern Armer
Jüngling wie wenig musst du mit den wahren Freuden des Lebens bekannt sein um
diesen ein so großes Opfer zu bringen
Karl lag noch auf seinen Knieen und weinte Scham Reue und Liebe zu seiner
Mutter waren die Empfindungen welche in seinem Herzen abwechselten Elisa
überließ ihn diesen Gefühlen sie schwieg Ein starkes Anpochen an der Tür riss
Karln aus denselben Er steht auf öffnet die Tür Fünf seiner Gläubiger stehen
vor ihm er erschrickt Gut junger Herr fängt der Eine von ihnen an dass wir
ihre Mutter noch bei ihnen finden Sie werden uns doch erlauben mit ihr unsere
Sache abzumachen
Karl richtet seinen Blick furchtsam auf seine Mutter er hätte gewünscht in
die Erde sinken zu können Nun traten die Herren herein und zogen Rechnungen
und Schuldverschreibungen heraus Was ist das Karl fragte Elisa Nichts
gnädige Frau antwortete jener Mann welcher schon zuvor gesprochen hatte als
Rechnungen und Schuldverschreibungen welche sich auf zweitausend Taler
belaufen welche Ihr Herr Sohn uns schuldig ist
Elisa erschrocken Gott zweitausend Taler Wo soll ich die hernehmen
Der Gläubiger Gnädige Frau richten Sie es ein wie Sie können nur soviel
sage ich Ihnen wenn wir nicht bezahlt werden oder Sie uns nicht Bürge für die
Bezahlung sind so lassen wir den jungen Herrn nicht aus der Stadt
Elisa Meine Herrn hier sind fünfhundert Taler in jedem der drei
folgenden Jahre sollen Sie eine gleiche Summe erhalten und im Vierten die
Zinsen des Kapitals Sie setzt sich hin und schreibt Hier haben Sie das
schriftliche Versprechen und hier das Geld Sie zählt auf einen Tisch hundert
Louisdor
Die Gläubiger nahmen nun mit vielen Komplimenten von Elisan Abschied
Sobald sie das Zimmer verlassen haben bricht Elisa in Tränen aus
Karl Meine Mutter Sie weinen O ich Unglücklicher
Elisa Mein Herz ist zerrissen Wozu habe ich mich anheischig machen müssen
Meinen Vergnügungen habe ich kein Geld bestimmt ich kann also das Geld deine
Schulden zu bezahlen nicht mir entziehen denn ich habe keine andere Ausgaben
für mich als die welche unbedingte Notwendigkeit fordern Und das Wenige
welches ich zur Annehmlichkeit deines Vaters und deiner Schwester bestimme soll
ich ihnen entziehen O ich werde die Klagen des Vaters über den Sohn hören
müssen der ihm nichts übrig ließ als das bloße Stück Brod Ich werde meine
süße Henriette in den Jahren der Freude sehen und ihr jedes Mittel zum
Vergnügen entziehen müssen Doch schwerer noch wird es meinem Herzen werden dem
Unglücklichen jede Hilfe zu versagen Die Summe welche ich den Armen gab ist
die einzige über welche ich bestimmen kann das Einzige welches ich besitze
Armer hülfloser Greis wenn du nun vor meiner Tür vorbeischleichest darf ich
dir nicht mehr ein Labsal reichen Ich muss deine Tränen sehen und darf sie
nicht trocknen Ich darf dich nicht unterstützen unglückliche Mutter wenn du
mich um ein Stück Brod ansprichst deine Kinder zu unterhalten Ich werde euch
sehen meine bedrängten Brüder euer Elend empfinden und euch nicht helfen
können Karl dieses schmerzt mich O gern opferte ich dir alles was ich
besäße müsste ich dir nur nicht Pflichten gegen meine unglücklichen Mitmenschen
aufopfern
Karl wieder zu den Füßen seiner Mutter Meine Mutter O wie groß ist
meine Schuld Ich fühle es Sie können mich nicht mehr lieben
Elisa Mit sanfter rührender Stimme indem sie ihn umarmt Du bist mein
Sohn
Karl weinte noch einige Zeit in ihren Armen endlich sprach Elisa zu ihm
Ich wünschte dass du mich begleitetest Du bist in langer Zeit nicht in
Wallental gewesen siehe zu dass du auf drei Monate Urlaub bekömmst
Karl erhielt diesen Urlaub Elisa kehrte am Abend in den Gasthof zurück und
sagte ihm dass sie ihn am andern Morgen erwarte um mit ihm abzureisen Karl kam
am andern Morgen er fand seine Mutter schon angekleidet allein er sah weder
eine Kutsche noch Pferde Haben Sie die Postpferde schon bestellt fragte er
nach einiger Zeit
Elisa Ich habe kein Geld mehr und ich mag meine Schulden nicht vermehren
Ich werde zu Fuße gehen du kannst ja reiten
Karl Meine Mutter Sie zu Fuße gehen von hier bis Wallental es sind ja
zwanzig Meilen
Elisa Ich kann es nicht ändern Karl Freilich wird es langsam gehen
allein in sieben Tagen denke ich hinzukommen
Karl Meine Mutter alle die Mühseligkeiten einer solchen Reise wollen Sie
ertragen O ich bitte Sie borgen Sie die Summe welche zu Ihrer Reise
erforderlich ist und ziehen Sie es mir von meinem Taschengelde ab
Elisa Nein mein Sohn ich will deinen Bedürfnissen nichts entziehen Lass
mich zu Fuße gehen du wirst sehen ich werde es schon aushalten können
Karl schwieg er machte sich Vorwürfe und verabscheuete seine vorige
Aufführung Elisa hatte nun alles zur Abreise bereitet ein Bedienter hatte sie
begleitet sie versprach ihm den Weg den er mit ihr machen müsste zu belohnen
Sie wollte durch dieses Mittel Karln lange seine Schuld empfinden lassen Sie
machten sich nun auf den Weg Karl ging beschämt durch die Straßen es
demütigte ihn dass man seine Mutter und ihn in diesem geringen Aufzuge sah Er
war auf dem ganzen Wege traurig und niedergeschlagen oft weinte er wenn er
seine Mutter vor Hitze und Durst ganz abgemattet sah und sie dann ermüdet auf
den Rasen sank und nur nach einigen Stunden wieder Kräfte sammeln konnte um
ihren Weg fortzusetzen aber liebevoll sprach ihm dann Elisa Trost ein sie
machte ihm nie Vorwürfe sie klagte nie ob sie gleich viel Unbequemlichkeiten
auf dieser Reise zu ertragen hatte Sie waren an jedem Tage drei Meilen
gegangen und am Siebenten langten sie endlich in Wallental an Man hatte sie
nicht kommen hören sie traten in das Zimmer Hier fand Elisa außer ihrem
Gatten und ihrer Tochter Birkenstein und Felsing mit seiner Gattin und seinem
Sohne
Wallenheim eilt Elisan entgegen und schließt sie in seine Arme Aber
teure Elisa wir haben kein Geräusch gehört sind Sie denn nicht gefahren
Elisa Nein Wallenheim
Wallenh verwundert Warum nicht
Elisa Ich konnte nicht
Wallenheim sieht sie voller Verwunderung an und erblickt Karln welcher
verwirrt an der Tür stehen geblieben ist Elisa wendet sich um Wallenheim ich
habe Ihnen unsern Sohn mitgebracht Karl warum begrüssest du nicht deinen Vater
Karl nähert sich beschämt und verwirrt Wallenheim empfängt ihn kalt
Henriette hat sich indes in die Arme ihrer Mutter geworfen Alle nähern sich nun
Elisan und bewillkommen sie
Birkenstein Elisa Sie sehen mich hier unter der Zahl ihrer Freunde und
gewiss nicht als einen der Letzten der sich freut Sie zu sehen
Elisa Birkenstein Sie können glauben dass meine Verwunderung Sie hier zu
sehen mir nicht unangenehm ist
Birk Drückt Elisan die Hand Unsere Herzen verstanden sich ja immer sie
sind gewiss auch einstimmig im süßen Tone der Freundschaft
Elisa erwiderte den Druck der Hand
Birk Ich bin jetzt Ihr Nachbar Ich habe mir ein Haus im Städtchen R
gekauft und von nun an verlebe ich hier die Hälfte des Jahrs
Elisa O welch ein herrlicher Einfall Nun werde ich also stets im Kreise
aller meiner Lieben sein
Birk Konnten Sie denn glauben dass ich mich stets Ihres Umgangs Ihrer
Freundschaft entziehen würde Nein Elisa Jetzt können wir uns ohne Gefahr
sehen und jetzt wollen wir uns ruhig im Genuße unserer Freundschaft freuen
Elisa Dank Ihnen Birkenstein dass Sie durch Ihren Aufenthalt hier noch die
Summe meines Glücks vermehren werden
Birk O um diese Worte aus dem Munde des verehrungswürdigsten Weibes zu
hören lohnte es der Mühe Leidenschaften zu bekämpfen und weise zu werden
Froh brachten Wallenheim und seine Gattin mit ihren Freunden den Abend zu
Zwar war Elisa außerordentlich ermüdet allein dieses blieb unbemerkt weil sie
es nicht scheinen wollte Karl war der Einzige welcher sah wie viel
Anstrengung seine Mutter anwendete um nicht der Müdigkeit zu unterliegen Sein
Herz dankte ihr dafür und immer fester haftete darin der Vorsatz seine Mutter
welche so vieles für ihn tat nie wieder zu kränken Er blieb an diesem ganzen
Abend traurig ihn dünkte ein Jeder kenne seine Schuld und er läse Verachtung
in eines Jeden Blicke Tief schlug ihn dieses nieder und nur beschämt und
furchtsam blickte er umher Elisa suchte ihn Mut zu machen immer redete sie
ihn liebevoll an und noch mehr rührte dieses den Jüngling Gern wäre er zu den
Füßen seiner Mutter gestürzt um dort seine Schuld abzubüssen
Ein ganz anderes Betragen hatte der junge Felsing er war seit vier Jahren
vom väterlichen Hause entfernt und seit einem Jahre auf der Universität in G
jetzt war er während der Ferien nach Felsingburg gekommen und wollte zwei
Monate dort bleiben Seine Bildung war angenehm und in seinem äußern Anstande
vereinigte er mit dem Feuer der Jugend sanften Ernst Mit Eifer und Fleiß ergab
er sich den Studien und diese Neigung entfernte ihn von Ausschweifungen Mit
trefflichen Anlagen war er auf der Schule unter die Aufsicht eines geschickten
Mannes gekommen welcher seiner Seele eine edle Bildung gab und seine
Leidenschaften auf das Schöne und Erhabene lenkte und Heinrich von Felsing war
ein Jüngling von dem man erwarten konnte dass er als Mann die schönsten Früchte
tragen würde Erst seit zwei Tagen war er in Felsingburg und die ihn zärtlich
liebende Henriette welche glaubte dass Elisa in Wallental zurück sein würde
wollte mit ihr ihre Freude über ihn teilen und darum fand Elisa sie dort bei
ihrer Ankunft Heinrich gewann schon am ersten Abend Elisas Achtung er war
bescheiden und doch nicht blöde wenn er sprach so geschahe es nie in einem
entscheidenden Tone Sein Scherz war witzig und fein und seine Urteile der
schlichten Vernunft gemäß zuvorkommend war er gegen Karln er bemerkte dass er
traurig war und suchte ihn zu zerstreuen Karl dessen Herz durch die Stimmung
in welcher er heute war mehr als sonst noch jedem Eindrucke offen war gewann
den jungen Felsing lieb und bald wurden Heinrich und Karl vertraute Freunde
Elisa sah diese Freundschaft gern sie glaubte dass Karl durch die Unterhaltung
seines Freundes zum Guten geneigter werden würde sie selbst sprach mit
Heinrichen über diesen Gegenstand und bat ihn Karln das Gute in einem Lichte
vorzustellen welches ihn es lieben mache allein sie glaubte dass jede Mühe
welche sie bis jetzt zu seiner Besserung angewandt hatte vergeblich sein würde
wenn sie ihn nicht Liebe zur Beschäftigung einflößte und in ihm Gefühl für das
wahre Schöne erregte Sie fing also an ihm den Geschmack zum Lesen einzuflößen
dann bildete sie seine Begriffe erweiterte sie machte ihn empfänglich für jede
Naturscene Hatte Karl einen fröhlichen Tag in der Gesellschaft seiner Eltern
und seines Freundes durchlebt so machte ihn Elisa darauf aufmerksam ließ ihn
seine jetzigen Gefühle mit seinen vorigen vergleichen und Karl fand sich jetzt
glücklicher Fast täglich veranstaltete sie ein neues ländliches Vergnügen wo
Scherz und Freude herrschten um Karln den Genuss der einfachen Freuden der Natur
annehmlich zu machen und wenn er dann zuweilen im Kreise munterer Jünglinge und
Mädchen war und froher Scherz von eines Jeden Lippe floss und sie auf dem Rasen
mit jugendlichen Spielen und Tänzen die Stunden hinweg gaukelten dann ließ sie
ihn in das Zimmer kommen setzte ihn an einen LHombre oder Pharotisch allein
der Glanz des Goldes konnte Karln nicht mehr den Reiz des Vergnügens ersetzen
Oft blickte er mit Verlangen nach dem Fenster wenn er draußen das fröhliche
Jauchzen und Lachen seiner Gesellschafter hörte und das Spiel wurde ihm
zuwider weil er ihm manche vergnügte Stunde aufopfern musste In allem diesem
arbeitete Elisa gemeinschaftlich mit dem jungen Felsing Es schien nicht als
hätte sie die Absicht Karln zu bessern er hörte von ihr keine Vorwürfe mehr
keine langweiligen Ermahnungen scheuchten ihn aus der Gesellschaft seiner
Mutter nein an der hand der Freundschaft leitete ihn Elisa auf den Weg auf
welchem sie wünschte dass er fortgehen sollte nur zuweilen ließ sie ihn in
Absicht ihrer die Folgen seiner Schuld empfinden Es traf sich einigemahl dass
er bei ihr war und dass ein Unglücklicher welche alle wussten dass sie in
Wallental Unterstützung zu erwarten hatten Elisan um eine Gabe ansprach dann
wendete sich Elisa weg ging fort und Karl sah eine Träne in ihrem Auge
Dieses war ein Dolchstich für ihn Einen Strom von Tränen vergoss er dann und
war sein Freund Felsing gegenwärtig so warf er sich in seine Arme machte sich
Vorwürfe und Felsing ergriff diese Gelegenheit jeden Vorsatz zum Guten in ihm
zu befestigen Es blieb Elisan nun noch übrig so viel als möglich zu verhüten
dass Karl nicht wieder unter seine vorigen Gesellschafter geriete Sie schrieb
also an den General des Regiments bei welchem Karl war um ihn zu bitten dass
er ihn nach einer andern Garnison versetzen möchte und dieser bewilligte ihr
Verlangen Elisa war nun ruhig in Absicht ihres Sohns Es waren beinahe zwei
Monate verflossen seitdem Karl in Wallental war und viel hatte die Bildung
seines Herzens und seines Verstandes in dieser Zeit gewonnen Seine Grundsätze
waren fester seine Begriffe von den wahren Gütern des Lebens richtiger und die
Gewohnheit war in ihm entstanden in seinen Handlungen den Gesetzen der Vernunft
zu folgen Elisa konnte also hoffen dass Leidenschaften ihn nicht mehr zu
solchen großen Fehlern hinreißen würden allein dass sie ganz ihre Macht über
ihn verlieren würden dieses erwartete sie nicht weil sie den Menschen kannte
und nicht vergaß was doch so viele Eltern tun dass ihr Sohn nur ein
zwanzigjähriger Jüngling war und dass Weisheit in diesem Alter noch nicht
ausgeübt nur erst erlernt werden muss
Doch fast eben so sehr als Karl beschäfftigte ietzt Henriette ihre
Aufmerksamkeit Henriette und Felsing hatten sich oft gesehen und Elisa
bemerkte dass Henriette freudiger aufblickte wenn Felsing in die Stube trat
dass sie rot wurde wenn man von ihm sprach dass ihre Blicke mit Vergnügen auf
ihm verweilten und dass Henriette in Felsings Abwesenheit nicht mehr so
fröhlich so heiter als ehedem ja sogar unruhig war wenn sie ihn erwartete
Aber auch in Heinrichs Augen glänzte ein höheres Feuer wenn er mit Henrietten
sprach und es blieb Elisan nicht unbemerkt dass ein sanfter Händedruck oft
seine Begrüßung war Mit doppelter Aufmerksamkeit beobachtete Elisa ihre
Tochter ohne sie dieses merken zu lassen und beschäfftigte sie mehr als sonst
um sie jetzt nicht den Spielen der Einbildungskraft zu überlassen welche bald
jene aufkeimende Liebe zur lodernden Flamme werden lässt Elisa teilte
Wallenheim ihre Beobachtungen mit Wird Felsing ein redlicher Mann sprach er
und hat etwas gelernt so kann er unsere Tochter heiraten Liebe wird sie
vereinigen Elisa wünschte das Glück ihrer Tochter ihre geliebte Henriette
wünschte sie möchte nur der Liebe Süßigkeit nicht auch ihre Bitterkeit
empfinden und darum sah sie ihre Liebe zu Felsing nicht gern weil um
lebenslängliche Fesseln zu tragen er noch zu jung war Indes sagte sie ihr
nichts um sie nicht misstrauisch gegen sich zu machen
Es war nun am Tage vor Heinrichs Abreise Wallenheim war mit seiner Familie
zwei Tage in Felsingburg gewesen und er und Elisa baten beim Abschiede Felsing
und seine Gattin den letzten Tag von Heinrichs Aufenthalte in Felsingburg in
Wallental zuzubringen Henriette kam wie gewöhnlich nach dem Frühstücke schon
angekleidet zu ihrer Mutter Schwermut lag in ihren Zügen ihr Blick war trübe
und ihre Augen rot vom Weinen Elisa tat als merkte sie dieses nicht war
noch liebevoller gegen sie und umarmte sie mit inniger Zärtlichkeit Henriette
welche in dieser Stunde stets ihrer Mutter aus philosophischen Schriften etwas
vorlas wobei Elisa fortfuhr ihre Begriffe zu bilden und zu erweitern ergriff
auch heute ein Buch allein sie war zerstreut ihre Stimme zitterte sie hörte
nicht ihre Mutter wenn diese sprach und antwortete ihr nicht
Elisa Henriette du bist heute vielleicht zum Lesen nicht aufgelegt Du
bist nicht wohl Lege das Buch weg meine Tochter du musst dir keinen Zwang
auflegen
Henriette Macht das Buch zu errötet und schlägt die Augen nieder
Elisa Komm zu mir meine Henriette setze dich hier neben mich Du bist
seit einiger Zeit nicht mehr so fröhlich als sonst und dieses tut mir wehe
Das Glück meiner Kinder ist mein einziger Wunsch alle meine Handlungen zielen
dahin und es schmerzt mich dass ich diesen Zweck versehle
Henr Wirft sich weinend in die Arme ihrer Mutter O meine gütige meine
liebe Mutter
Elisa Besitze ich dein Zutrauen nicht Ich würde doch so gern Alles tun
um die Ursache deines Missvergnügens aufzuheben
Henriette Meine Mutter ich hätte Ihnen schon lange alles gesagt wenn ich
nur recht gewusst hätte was eigentlich in meinem Herzen vorginge allein
Henriette errötet und wird verwirrt
Elisa Liebe Henriette ich errate dich Gib mir die Hand meine Tochter
erröte nicht Es ist das erste das seligste Gefühl welches die Natur in
unsere Herzen legte wir müssen es nur gehörig leiten und dieses zu tun
versprich mir meinen Beistand anzunehmen
Henr O meine Mutter leiten Sie mich Gern gern folge ich Ihnen müsste
ich auch meine Liebe zu Heinrichen aufgeben Wenn Sie es wollten so wüsste ich
es wäre gut
Elisa Dieses ist der seligste Augenblick meines Lebens In meiner Kinder
Herzen versprach ich mir den Lohn für jede meiner Handlungen und Dank dir
meine Henriette du hast meine Erwartung nicht betrogen Du wolltest mir deine
Liebe aufopfern Ich weiß was dieses deinem Herzen kosten würde Und meine
sorgfältigsten Bemühungen für dein Glück sollen mich deines unbeschränkten
Vertrauens immer würdiger machen
Henr Küsst ihrer Mutter gerührt die Hand
Elisa Jetzt lass uns von deinen Angelegenheiten sprechen Gestand dir
Felsing seine Liebe
Henr Meine Mutter ich will Ihnen Alles Alles sagen was zwischen uns
vorgegangen ist Ich hatte bisher auf meine Empfindungen nicht gemerkt ohne es
zu wissen empfand ich Vergnügen in Felsings Gesellschaft Felsing war so
zuvorkommend gegen mich er suchte mir immer Gefälligkeiten zu erzeigen oder
mir Vergnügen zu machen sein Ton war so sanft wenn er mit mir sprach seine
Worte hatten so das Gepräge der Innigkeit und Herzlichkeit dass ich immer
gerührt war wenn ich einige Stunden mit ihm verplaudert hatte Gestern auf
unserm Spatziergange redete er mit mir von seiner Abreise das machte mich
traurig Als wir zurückkamen setzten Sie sich liebe Mutter mit Felsings und
meinem Vater auf den großen Rasenplatz vor dem Hause Herrn von Birkenstein sah
ich mit meinem Bruder und Heinrichen im Garten den Laubengang hinunter gehen
Unwillkührlich entfernte ich mich von Ihnen liebe Mutter und ging auf die
entgegengesetzte Seite des Gartens Ich kam an die kleine Grotte neben dem
Teiche dessen Ufer die schönen Kastanienbäume beschatteten ich setzte mich da
die Sonne war untergegangen stille und traurig war Alles um mich Ich dachte
nur an Felsings Abreise mein Herz war so beklommen dass ich endlich in Tränen
ausbrach Mich dünkte nun höre jedes Vergnügen für mich auf dieser Garten den
ich so oft an Felsings Hand froh durchstrichen hatte verlor nun seinen Reitz
für mich Alles wird nun öde sein sprach ich zu mir selbst und meine Tränen
verdoppelten sich Dieses machte mich endlich aufmerksam auf mich selbst War
ich denn nicht auch vergnügt fragte ich mich ehe Felsing hierher kam Und
werde ich eben so traurig bei Karls Abreise sein Nein und Karl ist doch mein
Bruder und ich liebe ihn so sehr Ach Mutter da suhlte ich dass ich eine
vorzügliche Neigung für Felsing empfand und ich machte mir Vorwürfe dass ich
dieses nicht eher bemerkt und Ihnen entdeckt hätte Ich war noch in diesen
Betrachtungen versunken als ich Jemand kommen hörte ich wandte mich um es war
Felsing Ich erschrack ich zitterte er kam eilig zu mir Henriette sagte er
wollen Sie mir Ihre Gesellschaft den letzten Abend entziehen an welchem ich mit
Ihnen sein kann Er sprach diese Worte in einem wehmütigen Tone und seine
Stimme zitterte Ich war sehr verrwirrt er setzte sich neben mich mein Herz
schlug gewaltig O Henriette hub er aufs neue an wie glücklich wäre ich wenn
ich Felsingburg mit der Hoffnung verlassen könnte dass ich einst alle künftigen
Tage meines Lebens an Ihrer Seite verleben würde Er blickte mir bei diesen
Worten ins Gesicht eine Träne entfiel mir er sah es und schlug seinen Arm
um meinen Leib Mit Heftigkeit drückte er mich an seine Brust und zum
Erstenmahle drückte er seine Lippen auf die Meinigen O Henriette rief er aus
wenn Liebe Liebe versteht O meine süße Freundin dann darf ich hoffen
Er schwieg ich schlug die Augen nieder endlich wand ich mich aus seinen Armen
Hören Sie Felsing sprach ich es ist wahr ich glaube ich liebe Sie Der
Schmerz über Ihre nahe Abreise hat mich über meine Empfindungen belehrt und
warum sollte ich es Ihnen nicht sagen Ich glaube dass es das Glück meines
Lebens machen würde wenn ich mich einst als Ihre Gattin sähe Hier errötete
ich und er drückte mir sanft die Hand Doch fuhr ich fort unsere Eltern
müssen unsere Liebe billigen Wir müssen uns ihnen entdecken und bis dahin kein
Wort mehr von unserer Liebe was sie über uns beschließen dem unterwerfe ich
mich Sie kennen die Güte die Tugend die Klugheit meiner Mutter was sie will
ist gewiss das Beste für mich Nun standen wir auf Heinrich ergriff meine
Hand und sprach in einem feierlichen Tone Henriette diese Worte über welche
vielleicht mancher Jüngling klagen würde machen Sie mir noch
verehrungswürdiger Ich werde mich bestreben Sie durch Tugend zu verdienen und
dann glaube ich dass ich ruhig den Ausspruch Ihrer verehrungswürdigen Mutter
erwarten kann Wir beschlossen nun dass er heute seinen Eltern seine Liebe
entdecken und auch Sie mit derselben bekannt machen sollte Und nun in einem
ängstlichen Tone meine Mutter entscheiden Sie
Elisa Sei ruhig liebe Henriette du wirst stets Gebieterinn über dich
selbst bleiben nur du kannst über dich bestimmen Eltern haben bloß das Recht
ihren Kindern das Beste vorzustellen ihnen die Mittel zu zeigen durch welche
sie glücklich werden können die Wahl welche sie ergreifen wollen muss ihnen
überlassen sein Hier hört das Recht der Eltern auf der Menschheit heilige
Rechte nehmen ihren Anfang und der Mensch muss es dem Menschen überlassen
welche Mittel zur Erreichung seines Glücks er nach seinen Empfindungen und
Vorstellungen für die besten hält und ihn diese ergreifen lassen Ich will dir
also meine Gedanken über eine Verbindung mit dir und Heinrichen mitteilen und
dann meine Henriette kann nicht ich sondern du musst entscheiden Heinrich ist
jetzt achtzehn Jahr nur wenige Monate ist er älter als du Er wird noch ein
Jahr in G bleiben dann wird er in B angestellt werden und vor seinem
zwei und zwanzigsten Jahre gebe ich es nicht zu dass er dich heiratet Du
meine Henriette bist dann vollkommen fähig Gattin Mutter und Hausfrau zu
werden allein Heinrich ist dann noch immer der brausende Jüngling in der
ganzen Stärke seiner Leidenschaften Erwarte es nicht dass du ihn fesseln wirst
Wenn er dir treu bleibt und wie kannst du dir dieses für gewiss von einem
achtzehnjährigen Jüngling versprechen so hört er auf es zu sein wenn er dein
Gatte ist Alles rejetzt dann noch seine Sinne Alles erweckt seine Begierde Du
meine Henriette näherst dich dann dem Alter wo des Frauenzimmers erste Blüte
schon vorüber ist und doch musst du deinem jugendlichen Ehemanne jetzt
reitzender erscheinen als in den ersten Tagen eurer Liebe Um den Mann zu
fesseln muss das Weib sich nur bestreben seine Achtung zu erlangen und seine
Liebe zu erhalten allein des Jünglings Gattin muss bei diesem noch seine
Begierden erwecken Du musst der ersten Jugend frohen Leichtsinn annehmen Zu
gleicher Zeit musst du seinem Herzen teuer sein seine Sinne reitzen und seine
Vernunft muss dir Beifall geben Erwäge dieses recht Henriette Dieses ist
wahrlich nicht so leicht Jetzt stürzt sich manches junge Mädchen in die Arme
des Jünglings wähnt sich Ewigkeiten des Glücks ohne eine von den Eigenschaften
zu besitzen welche den Grund zu demselben legen könnten Jünglingsliebe ist
nicht der Grundstein desselben sondern WeiberKlugheit WeiberTugend Wenn du
Heinrichs Gattin wirst so muss es in den ersten Jahren deiner Ehe eine deiner
Hauptbemühungen sein dass du in Heinrichs Liebe für dich immer einen hohen Grad
von Feuer und Lebhaftigkeit unterhältst Die Vergnügungen welche er in deinem
Umgange genießt müssen daher stets abwechselnd sein und ihm neu scheinen und
es wird eine wichtige Angelegenheit für dich sein ihm Vergnügungen zu
verschaffen und ihm die Zeit zu vertreiben Ich sehe es daher gern dass ihr in B
sein werdet auf das Land sollten junge Eheleute wenn der Ehemann in
Heinrichs Alter ist nie gehen Einförmigkeit tötet die Liebe
Mannichfaltigkeit unterhält sie Dieses ist ein wahrer Satz er wird uns oft
gesagt aber leider beherzigen ihn unsere jungen Weiber nicht sehr Du meine
Henriette wirst hoffe ich ihn in Ausübung bringen dass Heinrich nie die Zeit
lang werde wenn er bei dir ist Du musst die Gefährtinn seines jugendlichen
Frohsinns werden der Fröhlichkeit und dem Scherze musst du tausend verschiedene
Gestalten geben und sie dich stets umgeben lassen In deiner ganzen Figur musst
du einen Reitz zu unterhalten suchen und wenn Heinrich in andern Armen
geschwärmt hat so muss er doch stets mit Wollust in die Deinigen zurückkehren
Dieses ist die große Kunst von welcher kein Mädchen sich etwas träumt von
welcher unsere Mütter uns nichts vorsagen und welche doch so notwendig ist
wenn besonders wie jetzt gebräuchlich ist nicht Männer sondern Jünglinge
heiraten Darum meine Henriette wenn du Heinrichs Gattin bist ergreife
jedes Mittel welches dir jene den Weibern natürliche Koquetterie und eine
genaue Kenntnis seines Geschmacks und seiner Neigungen an die Hand geben um
seiner Liebe so weit es der Natur der Sache nach möglich ist stets neue
Lebhaftigkeit zu geben Verschaffe ihm Vergnügungen und dieses oft und dass er
dich als die Schöpferinn derselben erblicke Doch bei diesem allem Henriette
wiederhole ich dir dein Gatte wird nicht beständig sein Allein nie müssen
deine Blicke dein Betragen deine Worte ihm den geringsten Verdacht verraten
nie musst du ihn einzuschränken suchen nie dein Betragen gegen ihn verändern und
unfreundlich werden Nein gib ihm immer die überzeugendsten Beweise deiner
Liebe in deinen Blicken in deinen Worten in deinen Handlungen atme stets
Liebe gegen ihn arbeite in jedem Augenblicke deines Lebens an seinem Glücke an
seiner Zufriedenheit dann wirst du stets seinem Herzen teuer sein Wo einmal
gegenseitige Liebe statt fand da wird Liebe immer Liebe erwidern und dann
kannst du ohne Furcht ihn in Anderer Armen erblicken in welche Sinnlichkeit ihn
leitete wenn er den Gegenstand seiner heißen Begierden mit mehrerm Entzücken an
sein Herz drückt so wird er doch dich mit mehrerer Innigkeit an dasselbe
drücken
Vergisst sich Heinrich in deiner Gegenwart lässt er sich in deiner Gegenwart
durch Schönheit Annehmlichkeit oder Sinnlichkeit zu diesem oder jenem Weibe
hinreißen und gibt ihr durch sein Betragen den Eindruck zu erkennen den sie
auf ihn gemacht hat so tue als sähest du dieses nicht Dein Ton deine Laune
deine äußere Stimmung müssen dieselben bleiben ohne den Schein davon zu haben
wetteifere in Annehmlichkeiten mit deiner Nebenbuhlerinn und besonders hüte
dich weder öffentlich noch allein mit deinem Gatten ihm dann weniger Achtung
oder mehrere Gleichgültigkeit zu bezeigen Und bei dem allem Henriette kann
dir sein Herz entrissen werden Der Eindruck den man auf den Jüngling macht
ist nicht dauernd Oft die Sinnlichkeit befriediget und die Liebe verfliegt Es
ist nicht das Alter in dem der Mann geschickt ist Gatte und Vater zu werden
und die vielen Heiraten welche jetzt von Jünglingen geschlossen werden müssen
das Sittenverderbniss vergrößern und die unglücklichen Ehen vermehren Wird in
dem Alter in welchem der Jüngling nur genießen will und von einem Vergnügen
zum andern eilet er sich lebenslängliche Fesseln anlegen und sich den
häuslichen Sorgen unterziehen Nein er heiratet weil er in das Mädchen
verliebt ist welches er vielleicht nach einem oder zwei Jahren in eine andere
eben so sehr sein wird allein einschränken wird er sich nicht er wird seinen
Vergnügungen eben so gut nachgehen und seine häuslichen Angelegenheiten wird er
nach seiner jedesmaligen Laune oder seinem Eigensinne anordnen unbekümmert ob
zum Nutzen oder Schaden derselben und gleichgültig wird er in der Folge gegen
häusliche Freuden werden da er sie eher kennen lernte als er ihren Genuss zu
schätzen wusste
O wie viel anders ist es wenn der Mann heiratet bei dem mit den
JünglingsJahren auch die JünglingsLeidenschaften aufgehört haben Seine
Gattin ist nicht bloß der Gegenstand der nur seine Begierden befriedigen soll
nein er sieht zugleich in ihr seine Gesellschafterinn seine Freundin Er hat
jedes Vergnügen genossen jetzt will er der Ruhe genießen und sie soll sie ihm
versüßen Bleibend wird der Eindruck sein den das Weib seiner Liebe auf sein
Herz gemacht hat wenn sie diese zu erhalten weiß Nicht wilder Ungestüm wird
ihn in der Anordnung seiner häuslichen Angelegenheiten leiten sondern weise
mit seiner Gattin wohl überlegte Maßregeln wird er ergreifen und Beide
werden an ihrem gegenseitigen Glücke an dem Glücke ihrer Familie mit
vereinigten Kräften arbeiten Dieses meine Henriette ist die Lage in welcher
ich dich gewünscht hätte doch Liebe ruft dich in die Arme des Jünglings
Grössere und mehrere Pflichten werden dir zu Teil ungewisser dein Glück deine
Ruhe Heftig sind die Leidenschaften des Jünglings du musst sie leiten du musst
die Führerinn werden an deren Hand Heinrich in fernen Jahren Glück und Ehre
findet Wie viel Klugheit wie viel Geschicklichkeit sind erforderlich um die
Leidenschaften und Neigungen des Jünglings so zu leiten dass seine Handlungen
seinem wahren Interesse entsprechen Bestrebe dich sobald du Heinrichs Gattin
bist dieses aus einem richtigen Gesichtspunkte zu betrachten und dieses sei
das Ziel zu welchem du ihn leitest Allein Henriette in deinem Äußern müsse
nichts Herschsüchtiges sein nicht den Schein einer geringsten Überlegenheit
müssest du über ihn annehmen Vernunft und Sanftmut sind die einzigen Mittel
durch welche du ihn leiten kannst Bestrebe dich sein Vertrauen und vorzüglich
seine Achtung zu erlangen damit Heinrich überzeugt werde dass in jeder deiner
Handlungen Vernunft deine Führerinn ist dann kannst du ihn sicher ihre Stimme
hören lassen und er wird selbst dich zu seiner Ratgeberinn erwählen
Widersprich ihm nie in den ersten Aufwallungen seiner Leidenschaft verhindere
nur dass in wichtigen Fällen er dann nicht handelt
Die Leitung eurer häuslichen Angelegenheiten musst du allein übernehmen
genau musst du wenn du Heinrichs Gattin bist dich mit den seinigen bekannt
machen allein wider seinen Willen unternimm nichts Bestrebe dich nur dass jede
Anordnung welche du triffst so und nicht anders am besten ist dann wird
Heinrich deine Maßregeln billigen und du überhebest ihn der kleinen häuslichen
Sorgen welche dem Jünglinge den Ehestand zuwider machen woraus bald
Gleichgültigkeit oder Abneigung gegen seine Gattin als die Ursache derselben
entspringt und jedes häusliche Glück untergräbt Allein mehr als der Mann hat
der Jüngling Launen und Eigensinn diesen gib nach und bestrebe dich nur so
viel als möglich sie unschädlich zu machen
Kannst du dieses alles erfüllen Henriette Nun so werde Felsings Gattin
Doch auch jetzt überlass dich nicht ganz deiner Liebe Heinrich sah erst wenig
Mädchen jetzt erst hat sich sein Herz den Empfindungen der Liebe geöffnet er
sah dich zuerst und er liebte dich Ob aber in deiner Abwesenheit ein anderes
Mädchen nicht eine eben so starke Liebe in ihm anzünden kann Dieses kann er dir
selbst nicht versprechen so feurig so aufrichtig auch jetzt seine
Versicherungen sein mögen denn sehr wenige Menschen sind in ihrem Entstehen
Herr über ihre Empfindungen und am wenigsten der Jüngling
Henr Meine Mutter Heinrich ist kein gewöhnlicher Jüngling Sie kennen
seine edelen Grundsätze Übereinstimmung erzeugte unsere Liebe und ich darf
hoffen dass er mich immer mehr als jedes andere Mädchen lieben wird Doch meine
Mutter der Tugend so wie der Notwendigkeit werde ich immer meine
Leidenschaft opfern können und Sie und ich wollen über mein Herz wachen dass
sie nicht zu stark werde Und meine Pflichten einst als Heinrichs Gattin O
meine Mutter ich erkenne ihren ganzen Umfang Doch Sie werden mich leiten
durch Ihre Lehren durch Ihr Beispiel werde ich die Eigenschaften erlangen
welche mir noch fehlen
Bei diesen Worten sank Henriette in die Arme ihrer Mutter und in demselben
Augenblicke traten Wallenheim Felsing seine Gattin und Heinrich herein
Henriette erschrack Kommen Sie Felsing sprach Elisa Sie lieben meine
Tochter zu Felsing und seiner Gattin Henriette Felsing billigen Sie seine
Liebe
Henr Deine Tochter die Meinige nennen zu können O Elisa wie sehr wird
dieses ein Glück erhöhen
Elisa Nun dann Felsing so empfangen Sie sie mein Gatte williget in Ihre
Verbindung Aber in diesem Augenblicke wichtig und feierlich für mich für
meine Henriette für Sie lege ich Ihnen die Verbindlichkeit auf sie glücklich
zu machen Ich habe ihr die Gefahren einer Verbindung mit einem Jünglinge
vorgestellt sie will sich ihnen aussetzen sie will ihre Ruhe Ihrem Glücke
aufopfern Prüfen Sie sich jetzt ob Sie ihr stets diese Liebe erwidern können
Sie sind jung nach dem Besitze Ihrer Gattin werden Sie vielleicht anders
denken als jetzt Sie werden es vielleicht bereuen so jung Ihrer Freiheit und
so manchem Vergnügen entsagt zu haben welches für Sie als Ehemann als
Hausvater aufhört Wenn dieses ist O so entsagen Sie meiner Tochter Nähren
Sie keine Liebe in Ihrem Herzen welche sie unglücklich machen könnte oder
fürchten Sie zugleich die Vorwürfe einer Mutter welche indem sie Ihnen ihre
Tochter gibt Ihnen die Sorge für ihr Glück überträgt
Heinrich Gnädige Frau ich sagte gestern zu Henrietten ich wollte sie
durch Tugend verdienen dieses bleibt noch mein Vorsatz Nach einigen Jahren
tun Sie den Ausspruch über mich Und wenn ich einmal den Pfad der Tugend
betreten habe sollte ich ihn verlassen wenn ich im Besitze des
liebenswürdigsten Weibes sein werde
Elisa lächelnd Schöne JünglingsPhrasen Doch sie wendet sich gegen
Wallenheim Wallenheim unsere Tochter ist frei Sie mag entscheiden
Heinrich und Henriette blickten sich an und warfen sich zu gleicher Zeit in
Elisas Arme indem sie ausriefen O meine Mutter wir wollen stets gut sein
Wir wollen Ihnen Freude machen durch unsere Liebe durch das Bestreben uns
gegenseitig glücklich zu machen
Elisa umarmte sie Beide auch Wallenheim schloss seine Tochter in seine Arme
und gerührt drückte Henriette den Sohn an ihr Herz Die süßen Namen Vater
Mutter Tochter Sohn erschollen aus jedem Munde und Beider Eltern fühlten
ihre Freundschaft durch die Liebe ihrer Kinder verstärkt
Auch Birkenstein kam an diesem Tage nach Wallental er teilte mit ihnen
das Glück seiner jungen Freunde und versprach Elisan Heinrichs Bildung zu
vollenden Das erste Jahr dass er in B sein wird sprach Birkenstein werde
ich mit ihm dort zubringen Ich werde seine Leidenschaften leiten jedes Schöne
und Erhabene werde ich ihm als wünschenswert vorstellen und seine Neigungen
darauf richten ich werde ihn lehren Menschen kennen und ihn gewöhnen selbst
in der Hitze der Leidenschaft auf die Stimme der Vernunft zu hören und ihr zu
folgen Kurz mein Bestreben soll sein dass Heinrich einst nicht nur edel denkt
sondern stets gut handelt und schön wird der Abend meines Lebens sein wenn ich
dazu beitragen kann Sie einst in Ihrer Tochter glücklich zu machen
Elisa dankte ihrem edelen Freunde Vergnügt verlebte dieser Zirkel guter und
glücklicher Menschen nun diesen Tag Heinrich und Henriette dachten nicht an den
Abschied sie empfanden nur ihr gegenwärtiges Glück und genossen des künftigen
Doch sie kam die Abschiedsstunde allein frühzeitig hatte Elisa ihrer Tochter
Standhaftigkeit eingeflößt und Henriette zeigte sich ihrer Mutter würdig bei
der Trennung von ihrem Freunde Tränen rollten zwar von ihren Wangen allein
sie flossen ohne Heftigkeit und nach einigen Tagen hatte Henriette ganz ihre
vorige Heiterkeit wieder Elisa fuhr fort sie sehr zu beschäftigen und zu
verhindern dass Heinrich nicht stets der Gegenstand ihrer Gedanken sei sie ließ
sie jetzt selten allein und ging öfterer als sie bisher getan hatte mit ihr
in Gesellschaft Doch eben so sehr bestrebte sie sich Henrietten die
Eigenschaften zu geben welche sie als Heinrichs Gattin von ihr forderte Sie
bildete ihren Geschmack erteilte ihr einige Kenntnisse in den schönen Künsten
und in der schönen Literatur weil sie glaubte dass Henriette eine angenehme
Unterhaltung dadurch bekommen würde und dass wenn man sucht dem Verstande
Grazie und Feinheit zu geben dieses sich auch auf das äußere Wesen ergießt und
dem Weibe Annehmlichkeit gibt Allein auch Menschen und Weltkenntnis fand
Elisa für nötig dass sie ihre Tochter erlangte Sie bat also ihren Gatten dass
er einen Winter in B mit ihr und ihrer Tochter zubringen möchte Hier suchte
sie die Gesellschaften welche von den klügsten und artigsten Weibern B s
besucht wurden und hier bildete sie ihre Tochter zum liebenswürdigsten
angenehmsten Mädchen Allein indem Henriette in ihrem Wesen die Politur der
feinen Welt annahm blieb sie doch ungekünstelt und natürlich Die Natur schien
bei ihr durch die Grazien geschmückt zu sein Doch Henriette sollte nicht nur
das reizende das angenehme sondern auch das gute das vernünftige Weib sein
Von ihrer Jugend an hatte Elisa ihre Begriffe ihre Grundsätze gebildet jetzt
gab sie ihr Gelegenheit zu handeln machte sie darauf aufmerksam wenn sie
fehlte und flößte ihr Beharrlichkeit im Guten ein Aber auch die Besorgung
aller häuslichen Geschäfte übertrug jetzt Elisa ihrer Tochter sie ließ sie in
das Detail jeder wirtschaftlichen Angelegenheit gehen und Henriette erlangte
auch bald in diesem Fache alle Vollkommenheiten einer guten Hausfrau
Elisa war glücklich in diesen Beschäftigungen die guten Eigenschaften ihrer
Tochter wurden mit jedem Tage erweitert und durch sie Elisas Glück erhöhet
Ihr mütterliches Herz kannte jetzt nur Freuden auch in ihrem Sohne wurden ihre
Bemühungen um sein Glück ihr belohnt Karl hatte seinen Ausschweifungen auf
immer entsagt er näherte sich keinem Spieltische ohne an die Aufopferungen zu
denken welche seine Mutter seiner Leidenschaft zum Spiele gemacht hatte und
diese Erinnerung trieb ihn weg vom Spiel Er hatte in Wallental das Gute kennen
und lieben gelernt und jetzt bestrebte er sich es zu befolgen Er kam nach
einem Jahre zurück nach Wallental die Freudentränen seiner Mutter flossen
über seine Wangen und der Jüngling fühlte dass Tugend auch glücklich macht
Aber auch ihr zweiter Sohn wie Elisa Heinrichen nannte strömte Freude in ihr
Herz Birkenstein war auf ein Jahr sein Führer gewesen und er versicherte
Elisan von seiner guten Aufführung und seiner edelen Denkungsart Oft sagte sie
entzückt zu Wallenheim Ich werde meine Kinder glücklich sehen Und die süßesten
Tränen flossen dann von ihren Wangen
So flossen die Tage ihres Lebens jetzt froh und glücklich dahin Immer noch
beschäftigt Gutes zu tun und nützlich zu sein in der Mitte aller derer
welche sie liebte und von welchen sie angebetet wurde genoss Elisa eines
Glücks welches ihr doppelt süß war da es nicht das Werk des Zufalls war
sondern sie es sich durch Tugend errungen hatte und Tugend ihr den Genuss
erhöhete
Jetzt hatte Heinrich sein zwei und zwanzigstes Jahr erreicht er eilte nach
Felsingburg Henriette errötete als sie ihn jetzt wieder sah Elisa lächelte
und der Hochzeittag wurde festgesetzt Auch Karl war nach Wallental gekommen
und Alles atmete Freude Da wurde Elisa krank und nach drei Tagen erklärte der
Arzt dass die Symptomen der Krankheit gefährlich wären und dass er ihre
Wiederherstellung bezweifelte Schrecken verbreitete sich auf allen Gesichtern
Felsing seine Gattin Heinrich Birkenstein blieben Tag und Nacht in
Wallental und alle verließen kaum auf einen Augenblick Elisas Bette Elisa
war ruhig ohne Furcht fühlte sie die Abnahme ihrer Kräfte Zwar füllten sich
ihre Augen mit Tränen wenn sie alle ihre Lieben um ihr Bette sah welche sie
nun bald verlassen würde allein auch jetzt noch blieb sie standhaft und
bekämpfte ihren Schmerz Der Tod sprach sie zu ihren Freunden wird mir nur
schwer weil ich euch verlassen muss Um die Zukunft bin ich unbekümmert Zwar
habe ich keine Gewissheit über die Unsterblichkeit unserer Seele allein ich habe
immer geglaubt dass etwas in uns ist welches fortdauert auch wenn die jetzige
Organisation unsers Wesens aufhört Doch dem sei wie ihm wolle sterben ist
ewiges Gesetz der Natur Ich dachte mir oft die Zerstörung meines Wesens und
ich bin dazu bereit1 Ich habe mein Leben nicht unnütz zugebracht ich habe zum
Glücke einiger meiner Mitbrüder beigetragen ich habe mich stets bestrebt meine
Pflichten zu erfüllen und dieses macht jetzt meine Beruhigung meine Freude
Mein künftiges Schicksal sei welches es wolle ich sterbe mit dem Bewusstsein
dass ich mitwirkte die Summe des Guten zu vermehren und meine Bestimmung als
Mensch erfüllte Und dieses Bewusstsein O meine Freunde es gibt ein
unaussprechlich süßes Gefühl welches selbst die Annäherung des Todes nicht
zerstört und über dessen Schrecken uns siegen lässt Die Trennung von Euch ist
jetzt der einzige Schmerz den ich empfinde und euer Gram um meinen Verlust
meine einzige Bekümmernis Doch meine Freunde euch bleibt noch immer viel zum
frohen Genuße des Lebens wenn ich auch nicht mehr unter euch wandle Seid
stark und überwindet euren Schmerz Mein Wallenheim die Liebe deiner Kinder
wird dir meinen Verlust ersetzen Karl Henriette ich machte es zur
Hauptbeschäftigung meines Lebens an euers Vaters Glücke zu arbeiten euch
übertrage ich dieses nun Es ist die letzte Bitte eurer Mutter Tröstet euren
Vater Ersetzt ihm meine Sorgfalt meine Liebe für ihn O meine guten Kinder
Ich sehe es ihr werdet es tun und ich sterbe freudiger Komm her meine
Henriette komm her mein Karl hier füllten sich ihre Augen mit Tränen sie
umarmte Beide O ihr wart meinem Herzen so teuer Doch auch euch kann ich
ruhig verlassen Ich kann nichts mehr zu eurem Glücke beitragen ihr allein habt
es jetzt in euren Händen ihr kennt die Mittel dazu wendet sie an meine
Kinder und süßer Friede wird immer in euren Herzen wohnen Dich erwarten nun
bald neue Pflichten neue süße Empfindungen meine Henriette Ich sehe dich
schon im Geiste in den Armen deines Gatten und dann darfst du meinem Andenken
nur die ruhigen Tränen der Wehmut widmen Keine anderen Tränen meine
Freunde müssen auf mein Grab fallen Kommen Sie auch hierher Heinrich Sie
sind edel ich bin unbesorgt um meiner Tochter Glück Und du Henriette du
wirst ihre Mutter ersetze ihr meine mütterliche Sorgfalt Und nun Dank Ihnen
Allen meine Freunde die Sie mein Leben versüssten Henriette Birkenstein
Felsing Ihre Freundschaft erhob mein Leben zum höchsten Gipfel der Wonne und
meine letzten Empfindungen sind Dank und Liebe gegen Sie
Elisa reichte einem Jeden nach der Reihe die Hand ein holdseliges Lächeln
begleitete ihre letzten Worte man ehrte ihre Ruhe und ein Jeder verbarg im
Innern seines Herzens den Schmerz über den Verlust des holdseligsten Weibes
Jetzt am Rande des Grabes schon war Elisa doch noch beschäfftiget Gutes
zu wirken selbst nach ihrem Tode noch Sie vermachte eine Summe für die
Stiftungen der Kinder und Greise in Wallental welche von den Zinsen derselben
auf eben die Art wie bisher unterhalten werden sollten und trug Henrietten die
Aufsicht über dieselben auf Die Greise die Kinder aus dem Erziehungshause die
Einwohner Wallentals viele der Unglücklichen welchen sie geholfen hatte Alle
kamen auf das Schloss und wollten noch einmal ihre Wohltäterin sehen Elisa
sprach mit ihnen dankte ihnen für ihre Liebe und zeigte ihnen dass Tugend
auch in den letzten schrecklichen Augenblicken nicht aufhöre glücklich zu
sein So entschlief sie unter den Segnungen derer die sie umgaben ruhig und
sanft wie sie stets im Leben gewesen war und ihre Miene war noch nach ihrem
Tode der Ausdruck des sanften Friedens der bis zu ihrem letzten Atemzuge in
ihrem Herzen gewohnt hatte
Henriette bewies jetzt die Vortrefflichkeit der Lehren ihrer Mutter Sie
weinte allein ruhig war ihr Schmerz und aufrichtig bekämpfte sie ihn ob sie
gleich ihre Mutter anbetete Nur Wallenheim fiel in eine düstere Schwermut
nichts konnte ihn aus derselben reißen Meine Freunde sprach er ihr Alle
kennt nicht die Größe meines Verlustes Was Elisa mir war kann nur ich
empfinden Nur ich sah sie in jedem Augenblicke ihres Lebens und fand sie
immer groß Nur ich weiß wie fest sie an jedem Guten und an ihren Pflichten
hing wie unablässig sie bemüht war Glück um sich zu verbreiten und besonders
mich glücklich zu machen Sie schuf in mir Gefühle mein Weib machte mich zum
Menschen Sie lehrte mich die Güter des Lebens kennen und genießen In ihren
Kindern hat sie ihre Tugenden fortgepflanzt sie können glücklich werden wie
sie war Nur ich bleibe einsam zurück ich lebte nur durch sie meine Gefühle
sterben mit ihr
Und Lebenslang trauerte Wallenheim um sein Weib
Lange beweinte sie Birkenstein weil sie bis zu ihrem Tode der Inbegriff
seiner wärmsten seiner innigsten Empfindungen gewesen war Aber länger dauerte
das Gute welches Elisa gewirkt hatte Sie hatte in den niedrigen Klassen viele
Menschen besser und folglich glücklicher gemacht Sie hatte durch ihr Beispiel
viele Weiber über ihre Pflichten aufgeklärt und sie zur Nachahmung angereizt
Sie hatte durch die vortreffliche Erziehung welche sie Henrietten gab ihre
Tugenden in ihr erblich gemacht welche diese fortzupflanzen sich bestrebte und
so wie ihre Mutter Glück um sich verbreitete Lange blieb ihr Andenken
unvergesslich und ihr Name Antrieb zur Tugend Und Elisa zeigte allen Weibern
dass des Weibes schönster Ruhm Tugend sei und dass durch sie das Weib in jeder
Sphäre Gutes wirken und selbst Generationen beglücken kann
Fußnoten
1 Über die Einwürfe die man mir wegen dieser Stelle gemacht hat habe ich mich
in der Verrede erklärt