Ludwig Tieck
William Lovell
Erstes Buch
1
Karl Wilmont an seinen Freund Mortimer in London
Bondly in Yorkshire am 17 Mai
Wie kommt es denn in aller Welt dass Du nicht schreibst Hundert Mutmaßungen
sind mir schon durch den Kopf geflogen aber auch nicht eine hat eine bleibende
Stelle finden können Bald halt ich Dich für tot bald für verreist bald glaub
ich Dich irgendwodurch erzürnt zu haben bald Deine Briefe auf der Post
verloren Doch wie gesagt von allem kann ich nichts glauben Oder bist Du
etwa auch ein Überläufer geworden und hast zur schwarzen Fahne der traurigen
langweiligen Ernsthaftigkeit geschworen Es sollte mir leid um Dich tun aber
wenn Du mir nicht launige Briefe schreiben willst so schicke mir wenigstens
ernsthafte doch wie gesagt ich will es nicht von Dir hoffen denn Du bist wie
dazu geboren aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen und in der Laune
wie in Deinem Elemente zu leben Ich habe noch bei niemand diese glückliche
Mischung des Temperaments gefunden die ihn mit vollen Segeln über die tanzenden
Wellen hinführt indes ihm die zeitlichen Sorgen schwer unbeholfen und mit
zerrissenem Tauwerk nachrudern ohne ihn jemals einzuholen Ich schreibe Dir
diesen Brief als eine Bittschrift oder als eine Kriegserklärung antworte mir
freundschaftlich oder ergrimmt nur schreib Sei traurig wehmütig
grossherzig kriegerisch lustig ernstaft lobe tadle verachte schimpfe mich
nur schreib
Nach dieser patetischen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter übrig als
meinen eigentlichen Brief anzufangen der Dir also vors erste sagen mag dass ich
hier in dem angenehmen Bondly noch gesund und wohl bin dass ich an Dich denke
dass ich Dich zu sehen wünsche dass London nicht Bondly und Bondly nicht London
ist und dass wenn ich diesen Brief in dieser Manier zu schreiben fortfahre Du
ihn schwerlich zu Ende lesen wirst
Nicht wahr Du siehst mir das langweilige Leben hier auf dem Lande schon an
So abgetrieben war mein Witz nicht als ich in euren lustigen Gesellschaften
in London war wo Wein Gesang Tanz und Küsse von den reizendsten Lippen uns
begeisterten wo unsre Laune mit sechs munteren Pferden über die ebne Chaussee
des Leichtsinns und der Vergessenheit aller Wichtigkeiten und Armseligkeiten
dieses Lebens dahinrollte nun wir werden uns wiedersehen Hier komm ich mir
vor wie eine Schnecke die nur immer furchtsam mit halbem Leibe ihre Behausung
verlässt und langsam und schwerfällig von einem Grashalme zum andern kriecht
zwar ist die Gegend sehr schön der Garten angenehm auch veranstaltet uns der
Himmel manchen prächtigen Sonnenuntergang aber was ist eine Gegend sei sie
noch so schön ohne Freunde die unsre Freuden mit genießen nichts als ein Rahm
ohne Gemälde wir sehen nur die Veranlassung die uns vergnügen könnte So leb
ich hier einen Tag fort wie den andern zuweilen bekommen wir Besuche und
erwidern sie und so leben wir im ganzen nicht unangenehm Wenn nur das ewige
Einerlei nicht wäre
Mein beständiger Gesellschafter ist William Lovell der lebhafte muntere
Jüngling den Du im vorigen Jahre einigemal in London sahst er ist zum Besuche
seines Busenfreundes Eduard Burton hier William ist ein vortrefflicher junger
Mann der mir noch viel teurer sein würde wenn er nur einmal erst neben mir
festen Fuß fassen wollte aber er gedeiht in keinem Boden Kein Adler steht mit
dem Äther und allen himmlischen Lüften in so gutem Vernehmen als er oft fliegt
er mir so weit aus den Augen dass ich ganz im Ernste an den armen Ikarus denke
mit einem Wort er ist ein Schwärmer Wenn ein solches Wesen einst fühlt wie
die Kraft seiner Fittige erlahmt wie die Luft unter ihm nachgibt der er sich
vertraute so lässt er sich blindlings herunterfallen seine Flügel werden
zerknickt und er muss nachher in Ewigkeit kriechen
Es mag an feuchten Abenden besonders für einen Mann im Amte recht angenehm
sein einen weiten warmen Mantel zu tragen aber wenn man ihn nie ablegen
sollte wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen müsste so möcht
ich dafür lieber beständig in meinem schlichten Fracke gehen Der Trank der
Hippokrene mag ein ganz gutes Wasser sein aber sich damit den Magen zu erkälten
und ein Fieber zu bekommen kann doch so etwas besonders Angenehmes nicht sein
Es gibt aber Leute die sich für die entgegengesetzte Meinung totschiessen
ließ und unter diesen steht William wahrhaftig nicht im letzten Gliede Wir
haben sehr oft unsre kleinen Disputen darüber und was das schlimmste ist so
werd ich jedesmal aus dem Felde geschlagen aber ganz natürlich denn wenn ich
etwa nur Lust habe mit leichter Reiterei zu scharmutzieren so schießt er mir
mit Vierundzwanzigpfündern unter meine besten Truppen wenn sich zuweilen nur
ein paar Husaren von witzigen Einfällen an ihn machen wollen so schleppt er mit
einem Male einen ganzen Train schwerer Allgemeinsätze herbei als Lachen sei
nicht der Zweck des Lebens unaufhörliche Lustigkeit setze einen Mangel aller
feinern Empfindung voraus usw Oder er zieht sich unter die Kanonen seiner
Festung seufzt und antwortet gar nicht
Du wirst gewiss fragen was den unbefangenen leichterzigen William zu einem
so schwermütigen Träumer gemacht habe Ich will Dir die Ursache entdecken ob
er gleich gegen sich selbst geheim damit tut er ist verliebt Liebe die den
Menschen froher glücklicher machen die seinen Ellenbogen einen Zentner Kraft
zusetzen sollte um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu stoßen die
Liebe o Himmel was hat die Liebe nicht schon in der Welt Böses getan
Wenn noch irgendein Stück von dem ehemaligen Mortimer an Dir ist so wett
ich Du wirst wissen wollen wer denn die allmächtige Sonne sei die mit ihren
brennenden Strahlen das Herz des armen William niemand anders als meine
Schwester Sie hat gewiss seine Liebe bemerkt aber er scheint es nicht bemerkt
zu haben dass ihr diese Bemerkung nicht missfallen hat denn es fehlt nur wenig
so liebt sie ihn wieder Es gibt die lächerlichsten Szenen wie er ihr oft im
Garten ausweicht und sie emsig in der nächsten Allee wieder sucht wie sie
Stunden lang miteinander zubringen ohne fast nur eine Silbe zu sprechen wie er
seufzt und sich wunder wie unglücklich fühlt dass sie sich ihm nicht freiwillig
in die Arme wirft um kurz zu sein er ist unglücklich weil er glücklich ist
aber auch wieder glücklich weil er an Unglück Überfluss hat denn glaube mir
nur er würde seine poetischen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen
Plötzlich kam die Nachricht meine Schwester solle von hier abreisen Ihr
Besuch bei mir und beim alten Burton war so immer schon von einer Woche zur
andern verlängert der Barometer stieg um viele Grade und immer mehr je näher
es dem Tage der Abreise kam Fast jedermann bemerkte seine Schwermut er
behauptete aber jedem mit einer kecken verdrossenen Traurigkeit ins Gesicht er
wäre noch nie so aufgeräumt gewesen Er machte sich jetzt zuweilen an mich und
ging auf den Spaziergängen lange neben mir auf und ab ich fürchtete immer
plötzlich in die Rolle eines Vertrauten geworfen zu werden und unter Bedrohung
des Totschlages des Untergangs der Welt oder einer ähnlichen Kleinigkeit ein
öffentliches Geheimnis zu erfahren aber nein ich hatte geirrt dazu hätt ich
wenigstens vorher mein Probestück in Seufzen und Weinen ablegen müssen Mit
einer so erzwungenen Kälte dass ihm fast die Tränen in den Augen standen fragte
er mich ob ich meine Schwester nicht zu Pferde begleiten würde nun merkte
ich wo er hinauswollte Er wünschte ich möchte meine Schwester einige Meilen
begleiten damit er einen Vorwand haben könnte mitzureiten Es hat mich
wirklich gerührt dass ihm an dieser Kleinigkeit so viel lag er ist ein sehr
guter Junge ich sagte sogleich ja und bat ihn selbst um seine Gesellschaft
Morgen reiten wir also
Sind die Menschen nicht närrische Geschöpfe Wie manches Unglück in der Welt
würde sich nicht ganz aus dem Staube machen und sein Monument bis auf die letzte
Spur vertilgt werden wenn nicht jeder sorgsam selbst ein Steinchen oder einen
Stein auf die große Felsenmasse würfe bloß um sagen zu können er sei doch
auch nicht müßig gewesen er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen Gingen
wir stets mit uns selbst gerade und ehrlich zu Werke ließ wir uns nicht so
gern von kränklichen Einbildungen hintergehn glaube mir die Welt wäre viel
glücklicher und ihre Bewohner viel besser Aber denkst Du dass ich es wage
ihm so etwas zu sagen Nie Sonderbar dass ein Mensch vorsätzlich
einschlafen kann und sich nachher nicht aus seinen Träumen will wecken lassen
weil er sich schon wachend glaubt und ihn mit kaltem Wasser zu begiessen halt
ich für grausam
Du siehst wie mir die Landluft bekommt ich ich fange an zu moralisieren
doch auch das gehört unter die menschlichen Schwächen und irgend eine Abgabe
zur allgemeinen Kasse der Menschlichkeit muss doch jeder brave Erdenbürger
einreichen
Gott schenke Dir ein recht langes Leben damit ich mir keinen Vorwurf daraus
zu machen brauche dass ich Dir durch einen langen Brief so viel von Deiner Zeit
genommen habe doch willst Du mein Freund bleiben so soll es mich eben nicht
sehr gereuen noch hinzuzusetzen dass ich bin
Der Deinige
Nachschrift Soeben lese ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit
Schrecken dass ich Dir einen Bündel Stroh schicke in welchem Du mit
Shakespeare zu reden auch nicht ein einziges Korn finden wirst Ich setzte mich
nämlich nieder Dir zu schreiben dass meine Schwester nach London zurückgeht und
dass Du sie nun also kannst kennenlernen dass ich nicht nach London reise weil
es der alte Burton ebenso ungern als sein Sohn sehen würde der alte Mann
scheint an meiner Gesellschaft Geschmack zu finden und wer weiß ob ich es
auch außerdem getan haben würde
Wieso hör ich Dich fragen Könnt ich nun den Brief nicht schließen und
Dich mit Deiner Frage im offenen Munde stehnlassen und das Petschaft besehn
Hättest Du nicht Gelegenheit in einem Briefe an mich Deinen Scharfsinn zu
zeigen und mir tausend Erklärungen zu schicken ohne auch nur der wahren mit
einer Silbe zu erwähnen
Der junge Burton der wirklich ein vortrefflicher Jüngling ist schade
dass ich zeitlebens nicht so sein werde der junge Burton also hat eine
Schwester die zugleich die Tochter des Alten ist
Sei nur ruhig ich werde nie in die Grube fallen die sich Lovell gegraben
hat
Ich habe mir ernstaft vorgenommen dass es keine Liebe werden soll denn
sieh wie schön das zusammenhängt denn mein Vermögen ist gegen das ihrige
viel zu geringe
Du lachst Und würde die Welt nicht über Dich lachen wenn Du den
Zusammenhang hier vermisstest
Auch William Lovell kommt nächstens nach London und darum bilde Dir ein
dass ich so viel von ihm geschrieben haben könnte
Ich bin noch einmal denn so etwas kann man nicht zu oft sein Dein
zärtlichster Freund
Karl Wilmont
2
William Lovell an Eduard Burton
am 18 Mai
Ich schreibe Dir Eduard aus einem Wirtshause hinter York es ist Nacht und
Karl schläft im Nebenzimmer alles umher ist feierlich und still die Glocke
eines entfernten Dorfes tönt manchmal wie Grabgeläute zu mir herüber
Einsam sitz ich hier wie ein Elender der aus einem goldenen Traume in
seiner engen Hütte erwacht Die schmelzenden Akkorde der Symphonie sind
geschlossen das Theater ist zugefallen ein Licht nach dem andern erlischt
In diesem Gefühle schreib ich Dir Freund Bruder meine Seele sucht Teilnahme
und findet sie bei Dir am reinsten und wärmsten
Ich bin nie so aufmerksam als in diesen Augenblicken darauf gewesen wie
von einem kleinen Zufalle von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung
unsers Charakters abhängt Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unsern
Geist oft anders wer kennt die Regeln nach denen unser schützender Genius
umgewechselt wird Eduard eine dunkle ungewisse Ahnung hat mich befallen
als sei hier in diesen Momenten eine der Epochen meines Lebens mir ist als
säh ich meinen guten Engel weinend von mir Abschied nehmen der mich nun
unbewacht dem Spiel des Verhängnisses überlässt als sei ich in eine dunkle
Wüste hinausgestossen wo ich unter den dämmernden Schatten hin und wider
schwankende feindselige Dämonen entdecke
Ja Eduard spotte nicht meiner Schwäche ich bin in diesen Augenblicken
abergläubig wie ein Kind Nacht und Einsamkeit haben meine Phantasie gespannt
ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab ich nehme
Gestalten wahr die zu mir emporsteigen freundliche und ernste aber ein ganzes
Heer furchtbarer Gebilde Der ebne Faden meines Lebens fängt an sich in
unauflösliche Knoten zu verschlingen über deren Auflösung ich vielleicht
vergebens meine Existenz verliere
Bis jetzt ist mein Leben ein ununterbrochner Freudentanz gewesen kindlich
habe ich meine Jahre verscherzt und mich lachend der flüchtigen Zeit überlassen
in der hellen Gegenwart genoss ich und weidete mich an Träumen einer goldenen
Zukunft in der glücklichsten Beschränktheit liebt ich Gott wie einen Vater die
Menschen wie Brüder und mich selbst als den Mittelpunkt der Schöpfung auf den
die Natur mit allen ihren Wohltaten ziele Itzt steh ich vielleicht auf der
Stufe von wo ich in die Schule des Elends mit ernster Grausamkeit verwiesen
werde um mich vom Kinde zum Manne zu bilden und werd ich glücklicher sein als
ich war wenn ich vom harten Unterrichte zurückkehre
Und hab ich denn ein Recht über mein Unglück zu klagen und bin ich wirklich
unglücklich Liebt mich denn Amalie ist sie mein dass mich ihre Entfernung
traurig machen darf Bin ich nicht der Sohn eines zärtlichen Vaters der Freund
eines edlen Freundes und ich spreche von Elend Wozu dieser Eigensinn dass
ich mir einbilde nur sie sei meine Seligkeit Ja Eduard ich will meiner
Schwäche widerstehn aber Sehnsucht und Wünsche sind nicht Verbrechen Ich will
nicht mit dem Schicksal rechten aber Klagen sind der Schwäche des Menschen
vergönnt wer noch nie seufzte hat noch nie verloren
Wie ein Gewicht drückt eine ängstliche Beklemmung meine Brust wenn ich an
die wenigen glücklichen Tage in Bondly zurückdenke und damit die lange lange
freudenleere Zukunft vergleiche Die Liebe zeigte mir das Licht das Morgenrot
schwang durch den Himmel seine purpurrote Fahne alle Berge umher glühten und
flammten im freudenreichen Scheine jetzt ist die Sonne wieder untergesunken
eine öde Nacht umfängt mich Ich habe meinen lieben Gefährten verloren und rufe
durch den dunkeln Wald vergeblich seinen Namen ein hohles Echo wirft mir ihn
ohne Trost zurück die weite einsame Leere kümmert sich nicht um meinen Jammer
Ein schneidender Wind bläst schadenfroh über mein Haupt dahin und schüttelt das
letzte Laub von den Bäumen
Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten
Durch Wolkenschleier matt und bleich
Die Flur durchstrich das Geisterreich
Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten
Und zornge Götter mich ins Leben sandten
Die Eule sang mir grause Wiegenlieder
Und schrie mir durch die stille Ruh
Ein grässliches Willkommen zu
Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder
Und grüßten mich als längst gekannte Brüder
Da sprach der Gram in banger Geisterstunde
Du bist zu Qualen eingeweiht
Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit
Die Bogen sind gespannt und jede Stunde
Schlägt grausam dir stets neue blutge Wunde
Dich werden alle Menschenfreuden fliehen
Dich spricht kein Wesen freundlich an
Du gehst die wüste Felsenbahn
Wo Klippen drohn wo keine Blumen blühen
Der Sonne Strahlen heiß und heißer glühen
Die Liebe die der Schöpfung All durchklingt
Der Schirm in Jammer und in Leiden
Die Blüte aller Erdenfreuden
Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt
Wo Durst aus selgem Born Erquicken trinkt
Die Liebe sei auf ewig dir versagt
Das Tor ist hinter dir geschlossen
Auf der Verzweiflung wilden Rossen
Wirst du durchs öde Leben hingejagt
Wo keine Freude dir zu folgen wagt
Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück
Sieh tausend Elend auf dich zielen
Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen
Ja erst im ausgelöschten Todesblick
Begrüsst voll Mitleid dich das erste Glück
Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor welches jammert ohne selbst
zu wissen worüber Ich komme soeben von einem kleinen Spaziergange aus dem
Felde zurück der Mond zittert in wunderbaren Gestalten durch die Bäume der
Schatten flieht über das Feld und jagt sich hin und her mit dem Scheine des
Mondes die nächtliche Einsamkeit hat meine Gefühle in Ruhe gewiegt ich sehe
mich und die Welt gemässigter an und kann jetzt mein Unglück nur in mir selber
finden Ich ahne eine Zeit in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere
Träume vorschweben werden wo ich mitleidig über diesen Drang des Herzens
lächle der jetzt meine Qual und Seligkeit ist und soll ich es Dir gestehen
Eduard Diese Ahnung macht mich traurig Wenn dieses glühende Herz nach und
nach erkaltet dieser Funke der Gottheit in mir zur Asche ausbrennt und die Welt
mich vielleicht verständiger nennt was wird mir die innige Liebe ersetzen mit
der ich jetzt die Welt umfangen möchte Die Vernunft wird die Schönheiten
anatomieren deren holder Einklang mich jetzt berauscht ich werde die Welt und
die Menschen mehr kennen aber ich werde sie weniger lieben sobald man die
Auflösung zum sinnreichsten Rätsel gefunden hat erscheint es abgeschmackt
Mein Brief scheint mir jetzt übertrieben ich möchte ihn zerreißen ich bin
unwillig auf mich selbst aber nein ich will mir meine Beschämung vor Dir
nicht ersparen Ich will Dir daher auch gestehen dass indem ich schrieb eine
Art von Trost für mich in dem Bewusstsein lag dass ich auch Dich nun bald
verlassen müsse dadurch schien mir meine Bitterkeit gegen mein Schicksal
gerechtfertigt Doch jetzt sind alle diese Träume verschwunden jetzt fühl ich
es innig dass Du meiner Existenz unentbehrlich bist aber ebenso tief empfind
ich es auch dass mir das Andenken an Amalien nie wie ein trüber Traum erscheinen
wird in einem Momente nur konnte mich diese Ahnung hintergehn ihre Gegenliebe
würde mich unaussprechlich glücklich machen Nie werde ich den Blick vergessen
mit dem sie mich so oft betrachtet hat die holdselige Güte mit der sie zu mir
sprach alles alles hat sich so in alle meine Empfindungen verflochten so
innig bis an meine frühesten Erinnerungen gereiht dass ich nichts davon
verlieren kann ohne an Glück zu verlieren Ach Eduard wenn sie mich liebte
Mein volles Herz will vor Wehmut bei dem Gedanken zerspringen wenn sie mich
liebte warum bin ich dann nicht an ihren Busen gesunken warum sitz ich dann
hier und schreibe nieder was ich empfinde und empfinden könnte Als der freie
Platz im Walde kam wo wir Abschied nehmen wollten alle Bäume und Hügel
schwankten um mich her eine unbeschreibliche Angst drängte und wühlte in
meinem Busen der Wagen wollte halten ich ließ ihn weiterfahren und so immer
in Gedanken von einem Baume zum andern fort immer noch eine kurze Frist
gewonnen in der ich sie sah in der ich den Klang ihrer Stimme hörte endlich
stand der Wagen Wir stiegen ab Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit ich
nahte mich zitternd ich wünschte diesen Augenblick im Innersten meines Herzens
vorüber sie neigte sich mir entgegen ich schwankte und sah sie an ich war
im Begriffe in ihre Arme zu stürzen ich bog mich ihr entgegen und küsste ihre
Wange eine eisige Kälte überflog mich der Wagen rollte fort
Da wurzelte mein Auge in das Gras es schwärmte in dem Laub der Bäume und
alles schien mir grüner und glänzender von den Strahlen ihrer letzten Blicke
beleuchtet Ich atmete tief auf und hätte von Bäumen und Gras diesen Geist der
mich anglänzte in mich ziehen mögen
Bei einer Waldecke sah sie noch einmal mit dem holden göttlichen Blicke
zurück o mir wars als würd ich in ein tiefes unterirdisches Gefängnis
geschleppt
Warum hab ich ihr nicht gesagt wie viel sie meiner Seele sei Wenn ich
ihren letzten Blick nicht missverstand war es nicht Schmerz Traurigkeit die
daraus sprachen aber vielleicht für ihren Bruder Doch die Innigkeit mit
der sie mich betrachtete Oh eine schreckliche Unruhe jagt das Blut
ungestümer durch meine Adern
Itzt schläft sie vielleicht Ich muss ihr im Traume erscheinen da ich so
innig nur sie nur sie einzig und allein denken kann Bald kommt sie nun in
London an macht Bekanntschaften und erneuert alte man schwatzt man lobt man
vergöttert sie schmeichlerische Lügner schleichen sich in ihr Herz und ich
bin vergessen Kein freundlicher Blick wendet sich zu mir in die Einsamkeit
zurück ich stehe dann da in der freudenleeren Welt einer Uhr gleich auf
welcher der Schmerz unaufhörlich denselben langsamen einförmigen Kreis
beschreibt
Ihr Bruder Karl lächelte als wir zurückritten Ich hätte weinen mögen Oh
warum müssen denn Menschen so gern über die Schmerzen ihrer Brüder spotten
Wenn es nun auch Leiden sind von denen sie keine Vorstellung haben oder die
sie für unvernünftig halten sie drücken darum das Herz nicht minder schwer
Ich bedurfte Mitleid ein empfindendes Herz und ein spottendes Lächeln eine
kalte Verachtung oh Eduard mir war als klopft ich im Walde verirrt an
eine Hütte und nichts antwortete mir aus dem verlassenen Hause als ein leiser
öder Widerhall
Lebe wohl Ich will jetzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in
Waterhall besuchen grüße Deine liebe Schwester und verzeih mir meine Schwäche
doch ich kenne ja Dein Herz das alle Leiden der Menschheit mitempfindet über
nichts spottet was den Mut des schwächern Bruders erschüttert das sich mit den
Fröhlichen freut und mit den Weinenden weint
3
Der alte Willy an seinen Bruder Thomas Gärtner in Waterhall
Bondly
So wie ichs vernommen so hält sich ja jetzt mein lieber junger Herr auf Deinem
Gute auf Bewirte ihn recht ordentlich und ich will es ansehen als wäre es dem
alten Willy geschehen Er ist also wie gesagt entweder schon da oder er wird
noch hinkommen zu Pferde saß er wenigstens schon vorgestern und das so hübsch
und geschickt als nur ein Mensch in den drei Königreichen zu Pferde sitzen
kann der ein Frauenzimmer begleiten will das in einer Chaise nach London fuhr
Wie gesagt Fräulein Malchen ist vorgestern also auch abgereist So wirds nun
nach und nach bei uns leer aber der lustige Herr Wilmont ist gestern schon mit
seinem Schimmel zurückgekommen er war ordentlich etwas müde und hatte nebenher
ein Eisen verloren
Der alte Toby hier im Dorfe ist nun endlich wirklich gestorben von dem wir
es immer schon vor 20 Jahren zusammen prophezeiten und ich dachte dabei an
Dich guter Tom denn Du bist fast ebenso alt als er nun gewesen ist aber ich
hoffe Gott wird Dir noch einmal einen kleinen Vorschuss tun wie vor zehn
Jahren als Du die große Krankheit hattest und ich immer des Nachts so viel für
Dich beten musste Dafür rechne ich nun aber auch auf Dich was das Beten
anbetrifft vollends da ich nun bald in fremde Länder komme wo man meine
Sprache nicht mehr versteht
Ja lieber Tom Du kannst Dich immer wundern ging es mir doch um kein Haar
besser und ich hatt es doch schon vorher gewusst Ich soll mit meinen alten
Augen noch fremde Länder sehen Italien Frankreich je nun wenns nur nicht
in die Türkei geht solange ich noch Religionsverwandte antreffe denk ich immer
noch unter guten Freunden zu sein wo aber die Türken angehn da ist es mit der
Freundschaft aus denn wer nicht meinen Gott liebt der kann auch mich nicht
lieben sie sollen apart einen Gott ganz für sich haben und des Brot ich esse
des Lied ich singe
Wenn ich aber meinen lieben Bruder nicht wiedersehen sollte Denn der Herr
William sprach da so etwas von ein paar Jahren die die Reise kosten würde das
Geld abgerechnet ja wollt ich nur sagen wenn ich nun so wiederkäme und hätte
die ganze Welt gesehen was hälf es mir wenn ich meinen Bruder Tom nicht mehr
sehen könnte Mir war schon immer als säh ich ein schwarzes Kreuz auf einem
grünen Hügelchen da in der Ecke des Kirchhofs stehen wo der große Nussbaum
gewachsen ist und Deinen Namen Thomas mit großen Buchstaben darauf so recht
als mir zur Kränkung oh lieber Bruder ich würde lieber wünschen mit Dir
hinterm Ofen gesessen zu haben um uns von Krieg und Frieden und vom
Schottischen Kriege zu erzählen Darum besuche mich Ich hätte gestern fast
geweint und das schickt sich doch nicht Thomas für so einen alten Mann
Vom Gelde sprich nicht wieder Du bist ja mein Bruder wir sind ja alte
Männer könnt ich Dir mit aller meiner Armseligkeit noch Leben ankaufen frage
nicht ob ichs täte Komm nach Bondly oder lass Dich herfahren denn Deine Füße
sind in dem Alter nicht mehr zum Gehen geboren Das Geld ist Dein Du bist lange
krank gewesen und mein Herr gibt mir immer mehr als ich brauche Wie kann ein
Bruder dem andern etwas schuldig sein Gott sind wir alles schuldig und der
behüte Dich deswegen
Willy Dein Bruder bis ewig
4
Eduard Burton an William Lovell
Bondly
Ich vermute dass Du einige Tage in Waterhall bleiben wirst und darum schick ich
Dir diesen Brief der gestern angekommen ist Wie sehr ich Dich liebe habe ich
bei Lesung Deines Briefes empfunden Stets hab ich Dich um die Lebhaftigkeit
Deiner Phantasie um die Reizbarkeit Deines Gemütes beneidet aber ich fange
auch an sie zu fürchten Liebe Vertrauen Freundschaft Glaube sie sind Leben
und Glück aber sie gedeihen nur in gesunden Herzen sie verlangen Mut und Ruhe
Oh Lieber gewiss gibt es Dämonen sie sind jene Zweifelsucht jene dunkle
Angst jene Lust an Unglück und traurigen Vorstellungen der sich unsre Seele
nur zu gern ergibt Ist das Leben erst so dunkel geworden dass kein Strahl
wahrer Freude hereinbrechen kann da regieren sie in der Finsternis und führen
auch wohl jene Verhängnisse herbei die wir früher aus der Ferne mit stummer
Angst wahrgenommen haben Wirf Dich in die Arme der Freundschaft und Liebe und
lass dann die Zeit gewähren es geht und wandelt sich alles ebenso oft in das
Bessere an das wir nicht glauben konnten als es sich zum Schlimmern lenkt Je
inniger Du liebst je stärker soll Dein Vertrauen sein
Eduard Burton
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Der alte Lovell an seinen Sohn Einlage des vorigen
London
Du hast lange nicht geschrieben lieber William und daraus schließe ich dass es
Dir noch immer in den Armen Deines Freundes und der schönen Natur gefalle
Diese Jahre in denen Du lebst sind die Jahre des reizendsten Genusses darum
genieße wenn Du auch etwas von dem vergessen solltest was Du ehemals wusstest
wenn Dein Geist in der stillen Betrachtung der Natur und ihrer Schätze
bereichert wird so kannst Du gewisse Gedächtnissachen indes als ein Kapital
irgendwo unterbringen und Du bekömmst sie nachher mit reichen Zinsen zurück
Vielleicht wird dadurch auch Deine Gesundheit so sehr befestiget dass Du nicht
wie ich von tausend Unfällen zu leiden hast und ungehindert alle Deine Kräfte
in der glücklichsten Tätigkeit wirken können wenn der Schwächere erst von
tausend umgebenden Kleinigkeiten die Erlaubnis dazu erbitten muss
Seit einigen Tagen bewohne ich ein Landbaus ganz nahe bei London dasselbe
von dem ich Dir schon mehrmals geschrieben habe das ich vielleicht kaufen
würde Meine Unpässlichkeiten scheinen zurückgeblieben zu sein ich halte die
Luft hier in der Ebene für reiner und gesunder als dort auf den Bergen Meine
neuliche Krankheit hat mich aber wieder auf die Zerbrechlichkeit des Lebens
aufmerksam gemacht ich komme in ein Alter in welchem man sich mehr von der
Welt zurückzuziehen wünscht und einen kleinen lieben Zirkel zu bilden in dem
ein jeder Gedanke und jedes Gefühl bekannt ist Oh lieber William ich hab es
mir so schön ausgemalt was für ein Leben ich führen will wenn Du nun als
gebildeter Mann von Deinen Reisen zurückgekehrt sein wirst wie mir dann meine
letzten Tage in vollem frohem unbefangenem Genuss hinfliessen sollen ja ich
will von allen Stürmen ausruhn die so oft den Horizont meines Lebens trübten
Nur muss ich mich hüten diesen Genuss zu weit hinauszuschieben ich muss anfangen
mit meinen Stunden zu sparen ein Jahr ist schon eine große Summe für mich
welches der verschwendende im Überflusse frohlockende Jüngling oft so
gleichgültig vergeudet Mein Haar wird grau meine Kraft zerbricht darum
wünscht ich sehnlich dass Du Deine Reise sobald als möglich antreten mögest
noch früher als wir neulich ausgemacht hatten Antworte mir doch hierauf
sogleich oder besuche uns lieber selbst Für einen älteren Freund zu Deiner
Begleitung will ich indessen Sorge tragen Lebe wohl bis ich Dich wieder an
mein Herz drücken kann
Dein Vater Walter Lovell
6
William Lovell an Eduard Burton
Waterhall
In einigen Tagen komme ich zu Dir zurück um auf lange Abschied zu nehmen Mein
Vater wünscht meine Abreise aus England früher er ist fast immer krank und ich
fürchte für sein Leben daher ich jedem seiner Wünsche zuvorkomme Es möchte
sonst eine Zeit eintreten wo es mich sehr reuen würde nicht ganz seine
Zärtlichkeit gegen mich erwidert zu haben Mein Vater wohnt jetzt nahe bei
London und Eduard ich werde sie wiedersehen Meine traurigen Ahndungen sind
jetzt nichts als Träume gewesen über deren Schrecken man beim Aufgange der Sonne
lacht Hoffnungen wachen in meinem Busen auf ich vertraue der Liebe meines
Vaters Wenn ich es nun wagte ihm ein Gemälde von dem Glücke zu entwerfen wie
ich es in ihren Armen genießen werde wenn ich ihn in das innerste Heiligtum
meines Herzens führte und ihm jenes reine und ewige Feuer zeigte welches der
holden Gottheit lodert Würde er so hart sein mich von dem Bilde
zurückzureissen mir meine schönsten Empfindungen zu nehmen die Hallen des
Tempels zu schleifen um von den Ruinen eine armselige Hütte zu erbauen Aber
ich fürchte mein Vater betrachtet mein Glück aus einem ganz verschiedenen
Standpunkte er ist älter und jenes schöne Morgenrot der Phantasie ist von der
Gegend verflogen er misst mit dem Maßstabe der Vernunft die Verhältnisse des
Palastes wo der jüngere Entusiast in einer trunkenen Begeisterung anstaunt
ach Eduard er berechnet vielleicht mein Glück indem ich wünsche dass er es
fühlen möchte er sucht mir vielleicht eine frohe Zukunft vorzubereiten und
schiebt mir seine Empfindungen unter er knüpft Verbindungen um mir Ansehen zu
verschaffen um mich in der großen Welt emporzuheben ohne daran zu denken dass
ich den ländlichen Schatten des Waldes vorziehe und in jener großen Welt nur ein
unendliches Chaos von Armseligkeiten erblicke
Ich habe hier einige Tage in einer süßen Schwermut verlebt mir selbst und
meinen Empfindungen überlassen ich behorchte in mir leise die wehmütige Melodie
meiner wechselnden Gefühle Der Wald sprach mir mit seinem ernsten Rauschen
freundlichen Trost zu die Quellen weinten mit mir Man kann nirgend verlassen
wandeln dem leidenden Herzen tritt die Natur mütterlich nach Liebe und
Wohlwollen spricht uns in jedem Klange an Freundschaft streckt uns aus jedem
Zweige einen Arm entgegen
Itzt lacht der Himmel mit mir in seinem hellsten Sonnenscheine die Blumen
und Bäume stehen frischer und lieblicher da das Gras nickt mir am See freundlich
entgegen die Wellen tanzen ans Ufer zu mir heran Nein ich will nicht
verzweifeln nie wird mein Schmerz mich so unedel machen können dass ich in
wilder Verzerrung Liebe und Freundschaft von mir stoße Auch das größte Leid
soll der edle Geist mit Anstand tragen
Lovell
7
Eduard Burton an William Lovell
Bondly
Ich freue mich innig dass Du heiterer bist komm bald nach Bondly und ich will
noch einige frohe Tage mit Dir genießen Dann wirst Du mir entrissen um jenen
Traum als Wirklichkeit zu begrüßen den wir so oft miteinander geträumt haben
Natur und Kunst Menschen und herrliche Städte empfangen Dich und nur meine
herzlichsten Wünsche meine Gebete können Dich begleiten
Ja könnt ich selbst Dein Begleiter sein Aber ich habe diese einst meine
liebste Hoffnung schon seit lange aufgegeben mein Vater würde die Zeit die
ich auf diese Art anwendete für verloren ansehen und abtrotzen möchte ich ihm
seine Einwilligung nicht Er hasst die Begeisterung mit der ich zuweilen von den
Heroen des Altertums oder der Göttlichkeit eines Künstlers spreche er sieht
mit Verachtung auf diese kindischen Aufwallungen des Bluts hinab wie er jeden
Enthusiasmus nennt an die hohen Gefühle der Freundschaft glaubt er nicht
alles was in Dir so gut und heftig ist belächelt er und prophezeit aus seinem
Unglauben dass wir uns niemals verstehen und unsre sogenannte Freundschaft nur
betrübt für uns beide endigen könne Er liebt Menschen die sich nie aus den
Gegenständen von denen sie umgeben werden verlieren können er spottet über
alles was man Erhabenheit der Gedanken und Gefühle nennt Es gibt vielleicht
wenig Menschen welche die Vorurteile und Begriffe der Konvention so tief in ihr
ganzes Dasein haben verwachsen lassen Ist dies Menschenkenntnis die aus ihm
spricht o so beneide ich sie ihm nicht doch muss er sie teuer erkauft haben da
er sie für so richtig hält Aber wir glauben so oft einen Blick in die Seele
anderer getan zu haben wenn wir bloß das Flüstern unsers eignen Geistes
vernommen hatten
Er verzeihe mir die Bitterkeit die zuweilen und jetzt eben in mir aufsteigt
aber ich muss zu oft von seiner Kälte leiden Er ist älter als ich er kann oft
betrogen sein die schönsten Gefühle sind vielleicht an ihm meineidig geworden
er hat wohl mit Mühe alles aus seinem Busen vertilgt was ehemals so schön und
herrlich blühte aber er soll nicht verlangen dass ich seinen Erfahrungen
ungeprüft glaube oder wenn ich sie bestätigt finde dass ich darum ein
Harterziger werde und den Glauben an jeden harmonischen Klang verliere weil
alle Tangenten die ich anschlage auf zersprungene Saiten treffen nein er
soll in mir einen Sohn erziehen der einst die Schuld bezahlt die er mir zum
Erbteile lässt es tut mir weh denn er ist mein Vater aber glaube mir
William ich werde manchen Armen zu trösten und mancher Waise zu erstatten
haben
Zu Dir und zu niemand anders darf ich also sprechen Wie beneid ich Dich
Glücklichen Du gehst Raffaels und Michelangelos Gebilden entgegen allen großen
Erinnerungen aus der Geschichte indes ich eingekerkert hier in Bondly sitze
8
Amalie Wilmont an ihren Bruder Karl Wilmont
London
Ich bin gestern in London angekommen das Gewühl der Stadt das Geräusch der
Wagen und die lärmende Munterkeit kontrastierte sehr mit der Ruhe des Landes
die ich soeben verließ Es war traurig wieder in die Straßen hineinzufahren
die ich so freudig verlassen hatte mir war es als wären es die Mauern eines
großen Gefängnisses
Seitdem hab ich oft an Dich und an meinen schönen Aufenthalt in Bondly
gedacht Die Gegend war so reizend die kleine Gesellschaft so traulich alle
machten gleichsam nur eine Seele und alles das im Glanze der Frühlingssonne
ach ich bin vielleicht in sehr langer Zeit nicht wieder so glücklich
Grüße Lovell und danke ihm für seine freundliche Begleitung
London kommt mir ungeachtet der vielen Menschen sehr einsam vor meine
Zimmer sind mir ganz fremd geworden alles ist so eng und düster man sieht kein
Feld keinen Baum und wenn ich dagegen die reizenden Hügel und schönen Gebirge
denke an jene Seen und Wasserfälle den dichten rauschenden Wald und an das
mannigfaltige Leben der Natur so möchte ich gleich wieder umkehren um dieses
vielfach bewegte aber tote Chaos wieder hinter mir zu haben
Unsre Eltern sind wohl sie freuten sich recht herzlich mich wiederzusehn
Lieber Bruder weiter hätt ich Dir nun nichts mehr zu sagen außer dass Du
Lovell grüßen sollst doch das hab ich ja schon einmal gesagt das widerwärtige
Lärmen auf den Straßen hat mich verwirrt gemacht
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Mortimer an Karl Wilmont
London
Warum ich Dir so lange nicht geschrieben habe Du solltest Dich doch schon daran
gewöhnt haben dass es in dieser Sterblichkeit eine Menge von Vorfällen
Wirkungen Handlungen und Unterlassungen ohne Ursache gibt Es gibt Leute
die bei einem Allegro weinen können oder die beim schmelzendsten Adagio einen
unwiderstehlichen Beruf zum Tanzen fühlen wer wird hier nach den Ursachen
fragen Ebenso habe ich zu gewissen Zeiten Perioden von Trägheit wo mir jede
Feder zuwider ist wo mich ein Billet was ich schreiben soll in Schrecken
setzen kann ich bin aber noch nie darauf gefallen tiefsinnige philosophische
Betrachtungen darüber anzustellen ob die Seele oder der Körper daran schuld
sei von welchen Mittelideen und Kombinationen diese Sache abhängen möge
Wir wollen also ganz davon abbrechen erwarte keine Entschuldigungen denn
ich habe keine ich kann Dich auch nicht um Verzeihung bitten denn ich weiß Du
hast es nicht übelgenommen nur soviel will ich Dir zur Entschädigung sagen dass
diese Trägheit mit zu jenen Eigenschaften gehört die ich mir mit der Zeit
abgewöhnen will
Deine Mutmaßung ist übrigens nicht ganz unrichtig dass ich wenn Du es
durchaus so nennen willst ernsthafter geworden bin Mit Dir verließ uns der
Geist unsrer lustigen Gesellschaften und man darf nur etwas aufrichtig gegen
sich selbst sein so liegt so etwas Oberflächliches in dieser sogenannten
genussreichen Art zu leben eine Nüchternheit in der ich mir oft die Langeweile
des Tantalus recht lebhaft habe denken können Ich habe mich jetzt darum aus
dieser Gesellschaft mehr zurückgezogen ich bin mehr allein und Du wirst
vielleicht lachen ich habe oft wieder angefangen zu studieren und mich dessen
zu erinnern was ich auf meinen Reisen gelernt habe
Halte mich aber nicht für einen so schwachen Menschen der aus einer
Anwandlung von Langeweile sich gleich über Hals und Kopf in eine so steinharte
Ernsthaftigkeit wirft dass ihn die Hunde auf der Straße anbellen denke nur etwa
nicht dass ich jetzt mit einem essigherben Gesichte dasitze und wunder wie sehr
meinen Geist zu beschäftigen glaube indem ich mit philosophischem Anstande
gähne und grübelnd eine Prise Tabak zwischen den Fingern zerreibe Halte mich
nicht für ein Wesen das sich seine Zeit verdirbt indem es sich tausend unnütze
Geschäfte macht und sich selbst zur Bewunderung über die Menge seiner Arbeiten
zwingt nein Karl ich bin noch immer der unbefangene Mortimer der noch ebenso
gern lacht als zuvor und der nichts sehnlicher wünscht als einmal mit Dir ein
herzliches Duett lachen zu können O ich möchte meine Tinte in schwarze
Klagelieder ergießen oder die erste beste Stelle aus Youngs Nachtgedanken
abschreiben um es Dir recht fühlbar zu machen wie sehr Du mir fehlst
Wenn das alles wahr ist was Du mir von William Lovell schreibst so steht
es schlimm mit ihm es tut mir jedesmal weh wenn ich einen jungen Menschen
sehe der sich selbst um die Freuden seines Daseins bringt Gibt es etwas
Abgeschmackteres als zu seufzen zu weinen und alle Freuden der Welt aus einer
Metapher in die andere zu jagen und zwar wie äußerst sinnreich und
vernünftig weil ein andres Wesen nicht auch jammert und klagt und zwar
darüber weil ich es tue Denn wahrlich ich habe schon Liebhaber gesehen die
so geliebt wurden dass nur noch ein Gran gefehlt hätte und es wäre ihnen selber
zur Last gefallen die aber beständig die unglücklichsten Geschöpfe in der Welt
waren denn ihr Mädchen war ihnen lachend entgegengekommen und sie hatten sie
sich gerade weinend gedacht weil sie einen Abschied auf zwei ewig lange Stunden
nehmen sollten um eine große Reise in die nächste Gasse zu ihrem Onkel zu tun
der ihnen einen Wechsel auszahlen wollte Es sind Schauspieler die sich einen
ellenhohen Koturn angeschnallt haben der nur dazu dient sie in jedem
Augenblicke fallen zu machen sie sind unendlich über alle fade Sinnlichkeit
erhaben und sitzen da und können sich tagelang von ihrer Geliebten über die
Farbe eines Bandes unterrichten lassen der Schosshund ihres Mädchens ist ihnen
mehr wert als ein halbes Menschengeschlecht sie schwärmen in allen Regionen
der Phantasie umher um endlich doch dahin zurückzukommen wo sie sich wieder in
die Reihe der übrigen sterblichen Menschen finden denn ich hoff es zur Ehre
der Menschheit dass von diesen Mondsüchtigen noch keiner die Ansprüche gemacht
hat seine Geliebte ohne Augen zu sehen und ohne Ohren zu hören wenn sie auch
vergessen haben dass die Sinne zu dem Hause das sie bewohnen die erste Etage
ausmachen am Ende sind sie oben dem Winde ausgesetzt und sie ziehen wieder
herunter
Merkutio hat recht wenn er sagt das fadeste Gespräch hätte mehr Sinn als
das Selbstpeinigen dieser verlorenen Söhne der Natur die sich von Trebern
nähren und diese in einem beklagenswürdigen Wahnsinne für Ambrosia halten
Deine Schwester hab ich heut schon besucht sie ist schön und scheint ebenso
verständig außer dass sie traurig war und gewiss um Lovell es tut mir leid um
sie
Es wäre übrigens wohl möglich dass Du Dich in Deiner Einsamkeit ganz
ernstaft verliebtest Dein Auge sieht keinen andern Gegenstand der Dich
zerstreuen könnte und die Gewohnheit ist auch hierin die zweite Natur Diese
allmächtige Gottheit macht ja sogar dass so mancher mit seiner Frau zufrieden
ist die er außerdem gegen einen Star austauschen würde Dazu ist Emilie die
Schwester Deines Freundes Burton schön und liebenswürdig und liebt wie alle
jungen Mädchen die hohen Spannungen des Gemütes es ist daher keinem Zweifel
unterworfen dass Deine Stimmung die ihrige erschaffen kann oder umgekehrt
Ich erwarte also nächstens einen Brief voller Seufzer und mit einer Träne
gesiegelt bis dahin bin ich Dein treuer Freund
Mortimer
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William Lovell an Eduard Burton
London
Ich bin auf dem Landhause meines Vaters nahe bei London ich sehe die Türme der
Stadt die Amalie bewohnt ich höre ihre Glocken aus der Ferne oh das Herz
schlägt mir ängstlich und ungestüm dass ich sie so nahe bei mir weiß und sie
noch nicht gesehen habe ja ich muss sie heut noch sprechen
Mein Vater war ungemein fröhlich da er mich wiedersah seine Freude hatte
einen Anstrich von Melancholie die mich gerührt hat er sah bleich und krank
aus er umarmte mich mit einer Herzlichkeit in der ich ihn noch nie gesehen
habe er findet überhaupt sein Glück in dem meinigen und in der Zukunft die er
mir ebnen will er sprach so manches von Verbindungen die er meinetwegen suchen
würde er schien mir ankündigen zu wollen wie sehr er einst meine Verheiratung
mit der einzigen Tochter und Erbin des Lord Bentink wünschen würde wer weiß
wie viel Unglück mir noch die trübe Zukunft aufbewahrt Ich überlasse mich
zuweilen mit einer unbegreiflichen Trägheit der Zeit dass sie den Knäuel
auseinander wickele der mir zu verworren scheint
Von Dir hab ich also nun auf lange Abschied genommen Bald werden sich
Städte und Meere zwischen uns werfen bald wird ein Brief von Dir zu mir Wochen
auf seiner Reise brauchen Den Abend vor meiner Abreise von Bondly ging ich
noch einmal durch die mir so bekannten Gärten ich nahm von jedem Orte Abschied
der mir durch die Zeit oder irgendeine Erinnerung wert geworden war Aus den
Wipfeln fiel eine schwere Ahndung auf mich herab dass ich nie dort wieder
wandeln würde oder im Verluste aller dieser großen Gefühle die den Geist in
die Unendlichkeit drängen und uns aus unsrer eigenen Natur herausheben
Wenn ich nun einst wiederkehrte den Busen mit den schönsten Gefühlen
angefüllt mein Geist genährt mit den Erfahrungen der Vorwelt und eigenen
Beobachtungen wenn ich nun bemüht gewesen wäre die Schönheiten der ganzen
Natur in mich zu saugen um dann ein fades alltägliches Leben zu führen von
der Langeweile gequält von allen meinen großen Ahndungen verlassen wie ein
Gefangener der seinen Ketten entspringt im hohen Taumel durch den
sonnbeglänzten Wald schwärmt und dann zurückgeführt von neuem an die kalte
gefühllose Mauer geschmiedet wird
Doch ich sehe Dich lächeln nun wohl ich gebiete meiner Phantasie und
diese schwarzen Gestalten sinken mit ihrem nächtlichen Dunkel vom Tuche herab
und ein liebliches Morgenrot dämmert empor da hebt sich nun die ganze
Landschaft majestätisch und schön aus dem chaotischen Nebel empor wie von der
Hand eines Gottes angerührt steht die Natur in ihrer reizendsten Schöne da und
die Phantasie verliert sich in den Gebirgen den Grenzen des Horizontes Schon
ist die Natur geschäftig in fernen Landen alle meine Ideale zu realisieren
schon seh ich jede Landschaft wirklich die ich einst als Gemälde bewunderte
oder von der ich in einer Beschreibung entzückt ward die Kunstwerke des großen
Menschenalters stehen vor mir die die grausame Hand der unerbittlichen Zeit
selbst nicht zu zernichten wagte um nicht die glänzendste Periode der
Weltgeschichte auszulöschen
Oh wenn Amalie mich liebte Eduard ja ich werde sie heut noch sehen
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William Lovell an Eduard Burton
London
Eduard o freue Dich mit mir Freund mit Deiner brüderlichen Seele alle Zweifel
sind gehoben alle Rätsel aufgelöst Amalie liebt mich Dieses neue
Bewusstsein hat mich aus allen kleinen armseligen Gefühlen zum hohen Genuße
eines Gottes emporgerissen ich bin zu Empfindungen gereift von denen mir auch
keine Ahndung etwas sagte ich stehe in einer Welt wo der gütige Schöpfer
Freude und Wonne aus jedem Zweige blühen und über jeden Hügel glänzen lässt
Alles was ich sehe was ich höre alles was lebt ist vom Hauche der Liebe
vom Hauche Gottes beseelt
Wie unter mir alles zusammenschrumpft was ich einst für groß und wichtig
hielt Ich nehme es mit der Zukunft und allen ihren Begebenheiten auf
Wie gleichgültig und öde kam noch gestern die ganze Welt meinem Blicke
entgegen alles ist heut mein Freund alles lächelt mich liebevoll an Eduard
wie soll ich Dir die Empfindung beschreiben als ich nun die Straße betrat in
der sie wohnt als ich vor ihrem Hause stand es war schon Abend ein blasser
Schimmer des Mondes brach durch graue Wolken mein Herz klopfte hörbar als ich
dem Bedienten meinen Namen sagte und die Treppen hinaufstieg Sie war allein
ich trat in das Zimmer Himmel war es nicht als käme mir ein Engel entgegen
um mich im Paradiese zu bewillkommnen wie ein heiliger Duft wehte mich die Luft
an in der sie atmete ich weiß nicht was ich ihr sagte ich weiß nicht was
sie antwortete aber meinen Namen sprach sie einigemal mit einer
unaussprechlichen Süßigkeit Wir setzten uns ich war in einer wehmütigen
freudigen Stimmung sie sprach von der glücklichen Aussicht einer so schönen
Reise ich hatte Mühe meine Tränen zurückzuhalten o Himmel wie gütig sie zu
mir sprach wie jeder Ton im Innersten meiner Seele widerklang jede Silbe
foderte mich auf mich dieser holdseligen Güte zu entdecken ich sank an ihren
Busen und stammelte ihr das Bekenntnis meiner Liebe
Ich war auf alles gefasst aber nicht auf diese Milde eines glänzenden
Engels mit der sie mich schweigend noch fester an ihren Busen drückte Ich
zweifelte in diesem Augenblicke an meinem Dasein an meinem Bewusstsein an
allem Meine Freude hatte mich einer Ohnmacht nahe gebracht
Unsre Lippen begegneten sich ihr Mund brannte auf dem meinigen mein Herz
ging auf vom ersten Sonnenstrahle getroffen wie Blumen taten sich alle meine
Sinne auf den Glanz in sich zu saugen der so freundlich auf sie herabstrahlte
Ich drückte sie inniger an meine Brust ich fühlte im Klopfen ihres Herzens das
Unendliche Unaussprechliche das sich in diesem Moment mit meinem ewigen Geiste
vermählte und das wir Menschen stammelnd Liebe nennen
Eduard ich soll ihr schreiben sie will mir antworten Oh sie ist ein
Engel Sie würde ihr Leben opfern mich glücklich zu machen
Ich bleibe noch länger als eine Woche bei meinen Eltern Ich werde sie noch
oft sehen mir ist seit gestern als dürfte nur dies das Geschäft meines Lebens
sein Ich habe auch den Mann kennen lernen der mich auf meinen Reisen
begleiten soll er heißt Mortimer Mein Freund wird er schwerlich werden
können er hat eine gewisse kalte beissende Laune die mich von ihm gestoßen hat
Er soll viel wissen er hat diese Reise schon einmal gemacht er ist älter
als ich alles dies zusammengenommen hat meinen Vater bewogen ihn zu meinem
Begleiter auszuwählen Er scheint sehr unterhaltend zu sein aber ich liebe
nicht diese Art von Charakteren das Satirische in ihm gefällt mir nicht diese
Erhebung über die andern Menschen diese Bitterkeit führt leicht zur
Menschenfeindschaft ich liebe die meisten möchte sie gern alle lieben und mag
über keinen spotten jeder bewache seine eigne Schwäche
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Mortimer an Karl Wilmont
London 4 Jun
Wenn ich gerade aufgelegt wäre über die wunderbaren Wege der Vorsehung
Betrachtungen anzustellen so hätt ich heute dazu die schönste Gelegenheit Denn
wahrlich nichts ist so seltsam keine Linie läuft in den wunderbarsten
Verschränkungen so schief und krumm um in sich selbst zurückzukehren als es so
oft die Begebenheiten und Vorfälle in dieser Welt tun Den Schilling den ich
heut meinem Bedienten gebe erhalt ich morgen vielleicht vom Lord Parton zurück
um ihn einem Bettler zu schenken Du bist begierig welch Resultat endlich aus
diesem Wirwarr folgen soll nun so höre denn und erstaune Erstaunst Du
nicht so gesteh ich dass Du selbst ein erstaunenswürdiges Wesen bist
Wer hätte Dir wohl damals ins Ohr geraunt als Du Deinen neulichen Brief an
mich schriebst in welchem von William Lovell die Rede war dass Du an den
achtbaren Gouverneur dieses hoffnungsvollen Eleven schriebest Um ernstaft zu
sprechen ich reise mit William nach Italien und Frankreich und kehre dann als
ein zweimal gereister Mann in mein sehnsuchtsvolles Vaterland zurück um auch
hier mein Licht glänzen zu lassen Ich sehe die Gegenden noch einmal die mich
schon einst entzückten Ich habe hier nichts zu tun ich versäume nichts Lovell
ist leidlicher ja angenehmer als ich ihn mir vorgestellt hatte und darum hab
ich das Anerbieten seines Vaters angenommen
William ist soviel ich gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft bemerken
konnte nicht ganz mit mir zufrieden ich bin ihm zu froh zu wenig das was er
ernstaft nennt Wer von uns beiden nun den andern aus seinen Verschanzungen
zuerst treiben wird ist die große Frage In einer Woche ungefähr reisen wir
Ich will mir alle mögliche Mühe geben meinen Freund aus ihm zu machen
Mein alter Onkel hätte beinahe geweint als ich ihm die Nachricht meiner
Abreise brachte er ist mir mehr gewogen als ich dachte er hat es mir so gut
wie versprochen mich zum Erben einzusetzen wenn er während meiner Abwesenheit
sterben sollte
Könnt ich über Bondly reisen so würde die Reise noch eine Annehmlichkeit
mehr für mich haben aber einige Leute die Fait von der Geographie machen
wollen behaupten es läge ganz auf der entgegengesetzten Seite
Deine Schwester ist allerdings ein vortreffliches Mädchen ausgenommen
darin dass sie gewiss Lovell liebt doch vielleicht wird er unter der Anführung
eines gescheiten Mannes anders das heißt nach meiner Überzeugung besser
Worüber ich mich verwundre ist dass man mich für so gelehrt hält um mit
Nutzen der Begleiter eines jungen Mannes zu sein der nicht ohne Kenntnisse ist
der alte Lovell aber ist ein vernünftiger Mann der weiß was meistenteils
hinter der gewöhnlichen Ernsthaftigkeit steckt vielleicht hat auch eben meine
Heiterkeit seine Wahl auf mich fallen lassen da er mit der zu reizbaren
Empfindsamkeit und Schwärmerei seines Sohnes nicht ganz zufrieden ist
Und wenn nun auch bald viele Meilen zwischen uns liegen so bin ich auch im
wärmeren Klima zwar nicht wärmer aber ebenso warm als jetzt Dein Freund und
wenn ich nicht auf dem Kanal untergehe so erhältst Du aus Frankreich einen
Brief von
Deinem Mortimer
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Willy an seinen Bruder Thomas in Waterhall
Weiß nicht lieber Bruder von wo aus ich Dir schreiben soll aber ohne dass die
Schuld davon an mir liegt denn ich bin hier ganz nahe bei London aber doch
nicht in London so dass ich lieber gar kein Datum dabeischreiben will um Dich
nicht konfus zu machen weil ich weiß dass Du Dich nicht gut aus den Ortschaften
und Ländereien herausfinden kannst wenn sie eine Meile von dem Garten in
Waterhall liegen und London oder das Landhaus hier nahe bei London ist nicht
so nahe an Waterhall als Du glaubst ob es freilich wohl ganz nahe an London
liegt so dass man die Glocken kann schlagen hören wenn sie gerade nicht
unrichtig gehen wie denn das wohl in so einer großen Stadt bisweilen der Fall
ist, wo selten alles ganz richtig geht es macht die Menge
Der Herr William ist so ein guter Herr als nur ein Bedienter verlangen
kann wenn er nicht selbst der Herr werden will Er sagte er hätte mich mehr
aus alter Freundschaft mitgenommen als wie einen Bedienten nun ist er freilich
nicht ganz so alt als ich aber so alt er auch immer sein mag so bin ich doch
wirklich von der Geburt an sein Freund gewesen Du weißt Tom was ich meinen
will dass ich ihn nämlich schon vor der Geburt gekannt habe als ich schon lange
vorher beim alten Herrn Lovell als ein Bedienter gestanden habe
Du glaubst übrigens nicht Thomas wie viel Menschen es auf der Welt gibt
den Mann wollt ich sehen der die Leute so zählen könnte die ich unterwegs alle
Augenblicke gefunden habe Der Vikar Winter hat doch recht so wie in allen
Sachen die er in der Kirche ausruft es sind viele Menschen auf der Welt Dafür
ist die Welt aber auch so ziemlich groß das hab ich nun auch gesehen denn wie
wollten sie sonst auch alle Platz darauf finden wenn nicht neue Einrichtungen
gemacht würden Bis dahin bin ich
Dein getreuer Bruder Willy
Weil sich hier gerade das so vortrefflich passte bis dahin bin ich usw so
hatte ich mich dadurch verführen lassen dass der Brief hier aufhören sollte ich
hatte Dir aber noch manches sagen wollen unter andern dass wir nächstens
abreisen es komme wie es geh ich schreibe Dir manchmal der gute Herr William
hat mir erlaubt sooft ich Dir etwas zu sagen habe meine Sachen in seinen Brief
mit einzulegen so kostet es mir und Dir nichts und ich habe nicht die Mühe
Deine Aufschrift zu machen und Du brauchst sie auch nicht zu lesen sondern Du
weißt dann gleich auswendig dass jeder Brief den Du von mir geschickt kriegst
an Dich gerichtet ist Ferner Dein ewiger Bruder
Willy
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William Lovell an Eduard Burton
Dover
London liegt hinter mir mit allem seinem Glücke Frankreich vor mir Ich komme
soeben von den erhabenen Klippen zurück deren Schilderung wir beide so oft in
dem gigantesken Werke des unsterblichen Shakespeare bewundert haben Mir
wars als könnt ich in die Zukunft hineinsehn als wären die Schleier eben im
Begriffe herunterzufallen die sonst vor diesem Schauplatze hängen die See
rauschte tief unter mir und wogte und schlug ohnmächtig an die
unerschütterlichen Klippengestade Wolken standen aus dem Meere auf und
schritten durch das ruhige Blau der unübersehbaren Wölbung ohne fröhlich zu
sein ohne Traurigkeit sah ich in die unendliche Natur hinaus der Wind blies
über die See hin die Dornblumen am Felsen zitterten ich stand ruhig Das Wogen
der Flut rauschte leise herauf tausend Sonnen tanzten in dem wiegenden
Meeresspiegel ja Freund der Mensch hält gewiss selbst die Zügel seines
Schicksals er regiere sie weise und er ist glücklich lässt er sie aber mutlos
fahren so ergreift sie ein ergrimmter Dämon und jagt ihn wutfrohlockend in das
furchtbare schwarze Tal hinab wo alle Geburten des Unglücks auf ihn lauern
Darum wollen wir Männer sein Eduard und ohne Zagen unser Schicksal regieren
auch wenn tausendfaches Unglück den Wagen in den Abgrund zu schleudern droht
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William Lovell an Amalie Wilmont
Dover
Mit Tränen sieht mein Auge rückwärts das Ihrige blickt mir weinend nach Aber
nein kein Zweifel kein Zagen soll in unsrer Brust entstehn ich will mutig
hoffen O ja Amalie Ordnung Harmonie ist das große Grundgesetz aller
unendlichen Naturen sie ist das Wesen der Urstoff des Glücks die erste
bewegende Kraft auch wir werden von den Speichen des großen Rades ergriffen
wir sind Kinder der Natur und haben Anspruch an ihre Gesetze Und gäb es für
mich ein Glück ohne Amalien Leben Sie wohl die Segel schwellen die Winde
rufen zur Abfahrt leben Sie wohl Ihr Bild soll der Schutzgeist sein der
mich begleitet in dem Augenblicke da Sie mich vergessen bin ich allen
Gefahren preisgegeben bis dahin fühle ich die Stärke eines Gottes in meinem
Herzen
Zweites Buch
1
Mortimer an Karl Wilmont
Paris
Ich bin nun wieder in der Stadt die die Franzosen die Hauptstadt von Europa
nennen wo man in einer beständigen Verwirrung von Besuchen und Vergnügungen
lebt wo man sehr lange leben kann ohne zu sich selbst zu kommen und wo man
sich wie William Lovell täglich behauptet zu Tode langeweilt und ärgert wenn
die gesunde Vernunft nur auf einen einzigen Tag aus ihrer Betäubung erwacht
Sonst sind wir alle wohl und gesund und die Reise hieher war recht angenehm
auch William gewöhnt sich an meine Gesellschaft wir kommen uns näher so wie
ich es vorhergesehn habe ich muss mich nur hüten dass ich nicht auf einen
gewissen Eigensinn gerate ihm zuviel zu widersprechen so paradox er auch
manchmal aus seinen dunkeln Gefühlen philosophieren will dies würde uns von
neuem entfernen und bei ihm die Sucht veranlassen mir in keiner meiner
Behauptungen recht zu geben so würden alle unsre Gespräche Gezänke werden und
dies führt zu einer Bitterkeit die am Ende in eine völlige Unverträglichkeit
ausartet
Könnt ich ihn doch fast beneiden ja lächle nur über den Menschen und
seine Schwäche ich fühle in manchen Stunden eine Art von unbegreiflicher
Eifersucht Er ist trunken im Glücke der ersten Liebe dies Gefühl hat ihm
Paradiese aufgeschlossen und wahrlich erst jetzt beim Anblick so
mannigfaltiger Schönheiten weiß ich wie schön Deine Schwester ist von ihrem
Geist von ihrer Liebenswürdigkeit will ich nicht einmal sprechen die ich hier
nur zu sehr vermisse in dieser Überfülle von Witz und glänzend kalter
Koketterie Dann tut es mir aber wieder weh ihn oft so tief in Träumen
verloren zu sehen mir dünkt dann wieder er segelt über einen Strom der ihm
eine göttliche Aussicht bietet er fühlt sich selig indem er sein Auge an der
Schönheit der Landschaft weidet aber das Fährgeld hinüber ist zu teuer und er
wird es gewiss selbst bemerken wenn die Fahrt geendigt ist und er den Fuß ans
Ufer setzt
Der alte Willy ist gegen ihn der seltsamste Kontrast er ist mehr unser
Freund als Diener und William hat ihn nur aus Vorliebe mitgenommen Ein Wesen
so natürlich und ungekünstelt als wenn es die mütterliche Natur nur so eben
hätte in die Welt hineinlaufen lassen Er gafft und staunt alles an und teilt
mir dann oft in langen Gesprächen seine Bemerkungen mit
William will sich mit dem Eigensinne seiner Empfindung durchaus nicht in den
schnell wandelbaren Charakter des Volks finden auf den Gassen ist er betäubt
in Gesellschaft wird er zu Tode geschwatzt im Trauerspiel ärgert er sich im
Lustspiel gähnt er in der Oper hat er einigemal sogar geschlafen Er ist
unvorsichtig genug seine Bemerkungen Franzosen mitzuteilen und diese finden
dann dass er den Sonderling spielt dass sein Geschmack noch nicht gebildet ist
mit einem Worte dass er kein Franzose ist Diese Disputen sind mir immer sehr
langweilig ein jeder hält die Gründe des andern für trivial und keiner versteht
den andern ganz und beide haben recht und beide unrecht
Unter der Menge von Bekanntschaften haben wir einige sehr interessante
gemacht einige habe ich von meiner vorigen Reise aufgefrischt Es ist oft
unendlich leichter in einer ganz fremden Familie zu einer Art von
Vertraulichkeit zu kommen als in einem Zirkel in welchem man ehemals sehr
bekannt war wenn die Zeit die Erinnerung daran und ihre Farben ausgebleicht
hat Alles ist verwittert die neu aufgetragenen Farben wollen nicht stehen
nichts ist in einem gewissen notwendigen Gleichmass man fürchtet in jedem
Augenblicke zu sehr den Vertrauten oder den kalt gewordenen Fremden zu spielen
man hat die Fugen der Seele indes vergessen und greift auf dem Instrumente
unaufhörlich falsch Den alten Grafen Melun hab ich wieder aufgesucht seine
Nichte die damals ein hübsches Kind war ist ein sehr schönes Weib geworden
ihr Verstand hat sich nicht weniger ausgebildet Sie hat im vorigen Jahre einen
gewissen Grafen Blainville geheiratet der seit einigen Monaten gestorben ist
sie hat als Witwe das Ansehen des liebenswürdigsten Mädchens und sie würde noch
gefährlicher sein wenn sich die Kokette in ihr nicht bald verriete Der alte
Graf ist noch ganz der Mann der er ehedem war er gehört zu denen Leuten die
wenn sie sich ändern sollen notwendig verlieren müssen das heißt sie sind auf
einen gewissen Punkt der Ausbildung gekommen über den sie ihre ganze Lebenszeit
hindurch nicht wegschreiten sie sind mit ihrem Verstande und allen ihren
Begriffen glücklich in den Hafen eingelaufen und wagen nun um alles keine zweite
Fahrt Sein Haus ist noch immer so angenehm wie vormals er versammelt gern
witzige Köpfe schöne Geister Gelehrte und Politiker um sich her aus mehreren
Strahlen wird doch endlich ein Schein und dadurch würde ihn mancher von unsern
Doktoren auf ein ganzes Vierteljahr für einen sehr gescheiten Mann halten Dort
hab ich auch einen Italiener Rosa kennen lernen dessen genauere Bekanntschaft
ich suchen werde Ich habe noch wenige so feine Gesichter gesehen in welchem mir
vorzüglich die sprechenden Lippen auffallen die sich ebenso willig in das
freundlichste Lächeln wie in die Falten des bittersten Spotts legen ich habe
nur noch wenig mit ihm gesprochen aber alles was er sagte hat mich zu ihm
gezogen ohne es zu wollen hat er meine Aufmerksamkeit ganz auf sich geheftet
Er ist kein Entusiast aber auch kein kalter verschlossener Mensch er ist
sehr empfindlich für das Schöne ohne zum Deklamator zu werden Es freut mich
dass er sich an William schließt von solchen Menschen kann dieser viel lernen
wenn er erst den geheimen Hass abgelegt hat den er gegen Wesen fühlt die ihm
überlegen sind
Wir sind mit einem jungen aufbrausenden sonderbaren Deutschen bekannt
geworden dem sich William ganz und gar hingibt er heißt Balder und ist auch
nur seit kurzem in Paris Zwei harmonierendere Töne können nicht so leicht
ineinanderschmelzen als diese beiden Seelen beide sind Entusiasten beide
poetisch gestimmt beide begegnen sich mit gleicher Liebe Ich mag noch jetzt
nichts davon merken lassen dass eine solche Freundschaft von zweien so ganz
gleichgestimmten Wesen geschlossen sich selbst bald aufzehren muss es ist ein
schnelles aufloderndes Feuer das aber keine Hitze hat und ohne Dauer ist denn
wo man nicht fremde Fehler und fremde Vorzüge entdeckt kann man nicht verehren
und nicht lieben Aber William würde mir doch davon nichts glauben und darum
schweig ich lieber und wenn er selbst mit der Zeit diese Erfahrung macht so
bietet er gewiss seinem eigenen Gefühle Trotz um sich diese unvermutete
Erscheinung abzuleugnen
Lebe wohl und antworte mir bald
2
William Lovell an Eduard Burton
Paris
Paris liebster Freund missfällt mir höchlich ich denke oft an Dich und an das
einsame Bondly zurück wenn ich mich hier in den glänzenden Zirkeln herumtreibe
dort war meine Seele in einer steten lieblichen Schwingung hier bin ich
verlassen in Felsenmauern eingekerkert ein wüster Müßiggang ist mein Geschäft
vom Geschwätze betäubt von keiner Seele verstanden Doch nein ich will mich
nicht an dem Schicksal versündigen ich habe hier einen Menschen gefunden wie
ihn mein Herz bedarf ich habe auch hier einen Freund der mich für so viele
verlorne Stunden entschädigt Ich habe die Bekanntschaft eines jungen Deutschen
gemacht er heißt Balder ein Jüngling dessen Seele fast allen Forderungen
entspricht die meine übertreibende Empfindung an einen Freund macht er ist
sanft und gefühlvoll sein Herz wird leicht von der Schönheit und Erhabenheit
erwärmt fast allenthalben treffen sich unsre verwandten Geister in einem
Mittelpunkte ohne dass doch unsrer Natur jene Nuancen mangeln die wie man
behauptet in der Freundschaft und Liebe unentbehrlich sind um beide dauerhaft
zu machen Ich habe nicht wie er diesen tiefen Hang zur düstern Schwärmerei
diese Kindlichkeit mit der er sich an jeden Charakter schmiegt den er liebt
ich bin kälter und zurückgezogener meine Phantasie ist mehr in süßen
lieblichen Träumen zu Hause er ist mit der Unterwelt und ihren Schrecknissen
vertrauter Alles macht auf ihn einen tiefen bleibenden Eindruck sobald er nur
eine schwermütige Seite auffinden kann die Freude kann ihn nur aus der Ferne
beleuchten wie ein sanfter untergehender Abendschimmer Sein Äußeres hat daher
beim ersten Anblicke etwas Zurückscheuchendes aber kaum kam ich ihm einen
Schritt entgegen als er sogleich die ganze zwischenstehende Wand niederwarf
die so oft auch die innigsten Freunde noch in manchen Stunden trennt Mortimer
ist mir um so fremder er kann kein empfindendes Herz haben er lacht beständig
oder lächelt in seiner Kälte über meinen Enthusiasmus auch Balder scheint ihm
nicht zu gefallen Ich zweifle nicht an seinem Edelmute er spricht so scheint
es mir oft mit vielem Verstande er ist älter als ich und kennt die Welt mehr
aber ich zweifle dass er den holden Einklang jener zarten Gefühle versteht die
sich nur den feinern Seelen offenbaren Zuweilen quält er mich wirklich wenn
ich eben unter goldenen Träumen der Zukunft und Vergangenheit wandle von Deinem
Bilde und der holdseligen Gestalt Amaliens angelächelt mit ihm zugleich ein
andres feindseliges Wesen das sich zu mir hinandrängt ein Italiener ein
sogenannter feiner und ausgebildeter Mann mein Herz kann ihm nicht vertraulich
entgegenschlagen mir ist in seiner Gegenwart ängstlich und beklemmt ich mag
lieber viele Stunden mit dem alten ehrlichen Willy zubringen sein gutmütiges
Geschwätz kommt aus seinem Herzen ich weiß dass er nicht über mich spottet dass
er mich nicht studiert um seine Menschenkenntnis zu vermehren
Du wirst mir vielleicht wieder Bitterkeit und Übertreibung vorwerfen
mags aber ich wünsche nichts so sehnlich als den Tag an welchem ich Paris
verlasse Ich finde hier nichts von allem was mich interessiert Die Stadt
ist ein wüster unregelmässiger Steinhaufen in ganz Paris hat man das Gefühl
eines Gefängnisses die Pracht des Hofes und der Vornehmen kontrastiert auf eine
widrige Art mit der Armseligkeit der gemeineren Klassen alles erinnert an
Sklaverei und Unterdrückung Die Gebäude sind mit kleinlichen Zieraten
überladen man stößt auf kein Kunstwerk in welchem sich ein erhabener Geist
abspiegelte die Göttin der Laune und des lachenden Witzes hat alles Große zum
Reizenden herabgewürdigt und so sind aus den männlichen kraftvollen Urbildern
Roms und Griechenlands gezierte und unnatürliche Hermaphroditen geworden Von
dem großen Zwecke von der erhabenen Bestimmung der Künste von jenem Gefühle
aus welchem die Griechen ihren Homer und Phidias an die Halbgötter richten
davon ist auch hier die letzte Ahndung verlorengegangen man lacht man tanzt
und hat gelebt Ach die goldenen Zeiten der Musen sind überhaupt auf ewig
verschwunden Als sich noch die Götter voll Milde auf die Erde herabliessen als
die Schönheit und Furchtbarkeit noch in gleichgefälligen Gewändern auf den
bunten Wiesen verschlungen tanzten als die Horen noch mit goldenem Schlüssel
Auroren ihre Bahn aufschlossen und segnende Gotteiten mit dem wohltätigen
Füllhorne durch ihre lachende Schöpfung wandelten ach damals war das Große und
Schöne noch nicht zum Reizenden herabgewürdiget Versinnlicht stand die erhabene
Weisheit unter den fühlenden Menschenkindern an mitfühlende Götterherzen
gelangte das Gebet des Flehenden Götter hielten Wacht an dem Lager des
schlafenden Elenden keine Wüste war unbewohnt seine Götter landeten mit dem
Verirrten an fremde Gestade Sturmwinde und Quellen sprachen in verständlichen
Tönen in der schönen Natur stand der Mensch unbefangen da wie ein geliebtes
Kind im Kreise seiner zärtlichen Familie aber jetzt o Eduard schon oft hab
ich es gewünscht und ich sag es Dir ungescheut ich bedaure es dass man den
entzückten Menschen so nahe an das schöne Gemälde geführt hat dass die
täuschenden Perspektiven verfliegen wir lachen jetzt über die die sich einst
von diesen grobaufgetragenen Farben von diesen verwirrten Strichen und Schatten
hintergehn ließ und Leben auf der toten Leinwand fanden wir haben den Betrug
mit einem dreisten Schritte enträtselt aber was haben wir damit gewonnen Die
Gestalten sind verschwunden aber unser Blick dringt doch nicht durch den
Vorhang und wenn er es könnte würden wir mit diesen körperlichen Augen etwas
wahrnehmen Ist der Mensch nicht zur Täuschung mit seinen Sinnen geschaffen
wie ist es möglich dass sie jemals aufhöre Ich liebe den Regenbogen wenn man
mir gleich beweist dass er nur in meinem Auge existiere ist mein Auge nicht
ein wirkliches Wesen und darum für mich auch die Erscheinung wirklich Ich
hasse die Menschen die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche
Dämmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphantome verjagen die so
sicher unter der gewölbten Laube wohnten In unserm Zeitalter ist eine Art von
Tag geworden aber die romantische Nacht und Morgenbeleuchtung war schöner als
dieses graue Licht des wolkigen Himmels den Durchbruch der Sonne und das reine
Äterblau müssen wir erst von der Zukunft erwarten
Wie mich alles hier anekelt Man spricht und schwatzt ganze Tage ohne
auch nur ein einzigmal zu sagen was man denkt man geht ins Konzert ohne die
Absicht zu haben Musik zu hören man umarmt und küsst sich und wünscht diese
Küsse vergiftet Es ist eine Welt voller Schauspieler und wo man überdies noch
die meisten Rollen armselig darstellen sieht wo man die fremdartigen
Maschinerien der Eitelkeit Nachahmungssucht oder des Neides so deutlich
durchblicken lässt dass bei manchen keine Täuschung möglich ist
Ich bin aus Langeweile einige Male ins Theater gegangen Tragödien voller
Epigrammen ohne Handlung und Empfindung Tiraden die mir gerade so vorkommen
wie auf alten Gemälden Worte den Personen aus dem Munde gehen um sich deutlich
zu machen diese hertragiert auf eine Art dass man oft in Versuchung kommt zu
lachen je mehr sich der Schauspieler von der Natur entfernt je mehr wird er
für einen großen Künstler gehalten Könige und Königinnen Helden und Liebhaber
sind mir noch nie in einem so armseligen Lichte erschienen als auf der Pariser
Bühne kein Herz wird gerührt keine Empfindung angeschlagen genug man hört
Reime klingeln und der Vorhang sagt einem am Ende doch dass nun das Stück
geschlossen sei und so hat man ohne zu wissen wie ein chef doeuvre des
größten tragischen Genies gesehen Oh Sophokles und göttlicher Shakespeare
Wenn man den Busen mit euren Empfindungen gefüllt von eurem Geiste angeweht
diese Marionettenschauspiele betrachtet
Und dann die frostigen langweiligen Lustspiele wo ein sogenannter witziger
Einfall das ganze Parterre wie mit einem elektrischen Schlage trifft wo nicht
Menschen sondern ausgehöhlte Bilder auftreten in welche sich der Dichter mit
seinem Witze verkriecht Ein schales leeres Wortgeschwätz alles ein Wesen
alles eine wiederkehrende alltägliche Idee doch ist für diese Possen das
Schellengeklingel ihrer Reime etwas angemessener
In der großen weltberühmten Pariser Oper bin ich eingeschlafen Arme und
Füße eines Giganten an den Körper eines Zwerges gesetzt machen doch wirklich
ein vortreffliches Ganzes aus Musiker Maler Tänzer Dichter arbeiten sich
außer Atem um ein armseliges Ungeheuer zustande zu bringen das nicht einmal
das Verdienst der Unterhaltung hat
Doch hinweg von diesen Kleinigkeiten Seit ich Frankreich kennenlerne fang
ich an mein Vaterland um so höher zu achten dort wohnen Freundschaft und
Liebe dort schämen sich die Menschen nicht ein Herz zu haben und ihre Gefühle
zu bekennen oh Amalie unaufhörlich denk ich an dich An diesen Namen
knüpfen sich tausend süße und bittere schwermütige und frohe Empfindungen diese
Hoffnung ist eine Sonne die meine neblichten Tage vergoldet in Amaliens Busen
liegt der Schatz der mich einst glücklich machen muss
Ich habe indes schon manche schönere Gestalt gesehen als Amalie ist aber
ich habe immer selbst in meinem Herzen darüber triumphiert wie sie in meiner
Phantasie über alle übrigen hinwegragt Sie gehört nicht zu jenen Schönheiten
die das Auge augenblicklich fesseln und die Seele kalt und erstorben lassen So
ist die Nichte eines Grafen Melun hier vielleicht das reizendste weibliche
Geschöpf das ich je gesehen habe aber das Imponierende ihrer feurigen
Lebhaftigkeit ist sehr von jener holdseligen Herrschaft verschieden die aus
Amaliens Augen über die Seele gebietet Alle Vergleichungen die meine
Gedanken vornehmen dienen nur sie mit neuen unwiderstehlichern Reizen als
Siegerin in meine Arme zu führen
Dein ewiger Freund
3
Willy an seinen Bruder Thomas
Paris
Da ich Dir nun einmal schreibe so weiß ich doch wahrhaftig nicht wo ich
anfangen soll so voll ist mir der Kopf von merkwürdigen Schreibereien und ich
möchte die Feder in beide Hände nehmen um Dich nur recht viel erfahren zu
lassen Dass der Herr William ein guter Mann ist das wirst Du Dir wohl schon
mit Deinem bisschen Verstande zusammenreimen können aber dass er so gut mit mir
umgeht wie ein Vater mit seinem Kinde das die Pocken hat das wirst Du
vielleicht nimmermehr glauben wollen
Hast Du wohl schon ein ordentliches Puppenspiel mit lebendigen Personen
gesehen Solche sind hier viele und man hat besondere Häuser dazu für die Leute
gebaut die es auch mit ansehen wollen Man sollte nicht glauben dass so viele
Leute eine solche Neugier in sich hätten Es ist immer sehr hell bei solchen
Gelegenheiten von den vielen Lichtern nämlich Thomas musst Du verstehen die
ringsum in dem ganzen Hause brennen denn sonst würden die Leute die es gern
sehen wollen wenig sehen und bei Tage müssen sich doch wohl die
Komödiantentruppen schämen ihre Sachen vorzuspielen ich wenigstens würde auch
ebenfalls am Abende nicht mitspielen und wenn sie mir selbst die vornehmste
Rolle geben wollten Eine Art von Stücken gibt es wo man immer weinen muss
ich habe es aber bei aller Mühe noch nicht dahin bringen können die vornehmen
Damen sind darin mehr geübt aber der gute Herr William nimmt mich manchmal doch
wieder mit er hat auch noch kein einziges Mal darin geweint ich denke es
macht weil wir hier nur Fremde sind
In einem andern großen Hause lachen die Leute immer aus vollem Halse es ist
doch wirklich viel dass das die Komödiantenleute nicht übelnehmen Ich kann hier
den jungen Italiener nicht leiden der meinen Herrn manchmal besucht er hat ein
paarmal angefangen zu lachen als ich mit meinem Herrn William eine ernsthafte
Rede anfing das Auslachen kann ich gar nicht leiden Thomas Du weißt noch dass
wir uns schon in einigen der ehemaligen Jugendjahre tüchtig ausschlugen weil Du
mich etlichemal hattest auslachen wollen doch das ist jetzt vorbei und ich hab
es Dir vergeben
Wie ich Dir sagen wollte so gefällt mir das Ding am besten was sie
hierzulande die Oper nennen da braucht man nicht zu tun als wenn man es
verstünde denn da wird einem jeden alles weitläuftig vorgesungen und es ist
ein recht vernünftiger Gedanke dass wenn sie überdrüssig sind zu singen so
springen sie etliche Sätze herum Die Musik ist Dir immer unter sehr viel
Instrumente abgeteilt damit der Lärm desto größer wird und die
Komödiantensänger nicht die Herzhaftigkeit verlieren denn das ist nicht ein
geringer Spaß wenn auf etliche darunter geschossen wird oder manchmal werden
sie auch ordentlich gestochen und sterben Herrlich sind dabei die Bilder
welche Häuser oder Gärten oder so etwas vorstellen man möchte manchmal
hineingehn so natürlich scheint es in der Ferne auszusehn Neulich war eine
große Prügelei hier ich glaube es war eine Schlacht die der berühmte
Alexander machte Sie war gut
In Paris gibt es auch sehr viel arme Leute Thomas ich denke doch immer
dass die armen Franzosen auch meine Brüder sind wenn ich auch im Grunde ein
Engländer bin ich habe manchem schon etwas von meinem Überflusse gegeben und
die bedanken sich dann immer so sehr als wenn ich wunder was getan hätte
Wozu doch der liebe Gott wohl die so ganz armen Menschen in der Welt geschaffen
haben mag Wenn ich erst einem etwas gebe so kommen gleich eine Menge um mich
herum die mich so mit barmherzigen Augen ansehen dass ich es gar nicht lassen
kann ihnen auch was zu geben der eine drückt mir dann die Hand der andre
sieht nach dem Himmel der dritte weint oh da hab ich oft mitgeweint und mich
nicht dazu gezwungen es kamen mir die Tränen ganz unverhofft ach es sind
recht gute Leute wenn sie nur ihr gehöriges Brot in der Welt hätten
Die vornehmen Leute fahren hier in der Stadt sehr geschwinde viel zu
geschwinde wie ein Jagdpferd Es werden auch manchmal Leute übergefahren und
da machen sie sich nicht viel daraus sie fahren über die Menschen ganz geruhig
weg Thomas auch darüber hab ich neulich geweint wie sie so einen armen
alten Mann überfuhren der eben seinen kleinen Kindern Brot eingekauft hatte es
war gerade ein Fest und er hatte sich weiß Brot gekauft um sich doch auch eine
Freude zu machen und nun fuhren sie ihn gerade so unbarmherzig über dass er
schon am Abende starb Es ist nicht recht Thomas ich könnte nicht wieder
recht ruhig schlafen aber das ist hier nicht anders Wir beide haben noch
niemand übergefahren denn wir sind immer zu Fuße gegangen außer seit ich mit
meinem Herrn auf Reisen bin Übrigens bleibe mein Bruder so wie ich bin
Dein guter Bruder Willy
4
Thomas an seinen Bruder Willy
Bondly
Ich habe Deinen Brief bekommen Willy und es freut mich dass Du auch immer noch
in der großen weiten Welt an Deinen Bruder denkst das ist sehr brav von Dir
Ich habe schon von solchem närrischen Zeuge und auch von solchen Greueltaten
gehört wie Du mir da schreiben willst es ist in der Welt einmal nicht anders
Ich weiß nicht ob Du schon davon gehört hast dass ich jetzt in Bondly wohne und
in Diensten beim alten Lord Burton bin Die Lady Buttler ist gestorben und da
bin ich nun hierhergekommen Der alte Lord ist bei weitem nicht der Mann der
er sein könnte wenn er ein recht guter Christ wäre nun Du wirst ihn ja
kennen aber der junge Herr ist auch ein desto lieberer Herr wenn der erst
einmal die Herrschaft kriegen wird da werden sich die Untertanen recht freuen
zu denen ich doch jetzt auch gehöre Ich wünschte wohl dass ichs noch erlebte
und dass Du Willy mich dann in Bondly besuchtest oder gar hierbliebest der
junge Herr Burton nähme Dich gewiss gleich in Dienste dann wollten wir unsre
letzten Tage noch recht vergnügt zusammenleben Grüße doch Deinen Herrn von
mir und sage ihm er möchte mein guter Freund bleiben so wie ich
der seinige Thomas
Nachschrift Schreibe mir sooft Du kannst Willy nur muss ich Dir noch sagen
dass Deine Art zu schreiben gerade nicht die schönste ist alles ist immer so
dunkel wenn man nicht selbst etwas Verstand hätte so würde man Dich nimmermehr
verstehen Demohnerachtet bin ich
Dein zärtlicher Bruder Thomas
5
Eduard Burton an William Lovell
Bondly
Deine Briefe erfreuen mich um so mehr um so heiterer und lebensmutiger sie
sind Ich teile Deine Sehnsucht nach einer entflohenen schönen alten Zeit aber
soll in dieser Sehnsucht nicht selbst ein Gewinn für uns liegen Jener Lebensmut
des Altertums ist uns wohl entwichen aber es ist uns vielleicht vergönnt Natur
und Kunst mit mehr Inbrunst zu lieben und zu erfassen denn gewiss muss der Geist
der Menschheit das Verständnis der Dinge ebenfalls eine Geschichte haben und
in keiner Geschichte ist ein ununterbrochenes Rückschreiten möglich jene
Völker die uns als Beispiel dienen könnten haben eben auch ihre Geschichte
verloren Der Zustand tierischer Wildheit ist kein menschlicher Zustand mehr
Darum sind uns alle großen Erinnerungen alter Zeiten so wert weil sie an sich
selbst schon unser Gemüt erheben und zugleich in uns den Vor und Rückblick
die Ahndung einer wundersamen aber notwendigen Verkettung der Dinge kurz eine
wahre Geistergeschichte zum Licht erheben Darum wirst Du auch wie die meisten
Reisenden tun den Erinnerungen und Denkmalen des sogenannten MittelAlters
nicht gleichgültig aus dem Wege gehen denn alles was die Neueren echte Kunst
und Poesie nennen dürfen scheint mir doch nur als die letzte Verwandelung
dieser noch ziemlich unbekannten und unerkannten Jahrhunderte uns anzuglänzen
Den Griechen und Römern haben die Künste schwerlich so viel zu danken als sie
sich selbst immer schmeicheln möchten und vielleicht ist in diese mehr
Missverständnis als Verständnis aus den klassischen Autoren gekommen Mit der
Philosophie und Wissenschaft ist es freilich ein ganz anderer Fall und
insoferne keine Zeit eine Kunst besitzen kann die von der Wissenschaft keinen
Einfluss erführe haben Poesie und ihre Geschwister auch gewiss viel Gutes aber
aus der zweiten Hand von jenen Alten bekommen
Ich lebe hier im einsamen Bondly einförmig und ohne Freund Am schlimmsten
ist es dass ich mich oft innerlich härme und quäle wenn ich die
menschenfeindliche Stimmung meines Vaters und jene traurige Verzweiflung in ihm
wahrnehme welche er Menschenkenntnis nennt
Deine Tante in Waterhall ist gestorben ihr Gut ist an Dich gefallen
William darf ich mir eine schöne Zukunft denken in welcher Du dort wohnst so
nahe bei mir Ich verweise alle meine Wünsche in jene Zeit aber eine boshafte
Ahndung will es mir manchmal ableugnen dass sie sich je erfüllen werden
6
William Lovell an Amalie Wilmont
Paris
Oh Amalie dürft ich mit diesem Briefe zugleich nach meinem Vaterlande eilen
in Ihre Arme fliegen o könnt ich Tage zurückzaubern und alle Seligkeiten von
der Vergangenheit wiederfordern Ich sitze nun hier und wünsche und sinne und
fühle so innig die Schmerzen der Trennung Oh wie dank ich dir glücklicher
Genius der du zuerst das Mittel erfandest Gedanken und Gefühle einer toten
Masse mitzuteilen und so bis in ferne Länder zu sprechen gewiss war es ein
Liebender ein Geliebter der zuerst diese Zeichen zusammensetzte und so die
Trennung hinterging Aber doch was kann ich Ihnen sagen dass nur Sie mein
Gedanke im Wachen meine Traumgestalt im Schlafe sind Dass sich meine Phantasie
oft so sehr täuscht dass ich Sie in fremden Gestalten wahrzunehmen glaube dass
ich zittre wenn auch das fremdeste Wesen von ungefähr den Namen »Amalie«
nennt Mit welchen Worten soll ich die Gefühle ausdrücken die mein Herz
erweitern und zusammenziehn Kein Zeichen entspricht der lebendigen Glut in
meinem Innern oh der hat nur halb empfunden der noch Worte suchte und Worte
fand ich kann ich mag Ihnen nichts vorschwatzen nur ein Wunsch nur eine
Bitte vergessen Sie nicht Ihren aufrichtigen zärtlichen William der Sie ewig
nicht vergessen kann
7
Amalie Wilmont an William Lovell
London
Mit einer innigen Wehmut setz ich mich nieder um Ihnen zu schreiben ich hätte
Ihnen so manches zu sagen so manche Antwort von Ihnen zu erbitten und doch bin
ich in Verlegenheit wie ich es Ihnen sagen soll So unerwartet ich Sie in
London wiedersah ebenso plötzlich sind Sie nun wieder abgereist alle meine
Empfindungen frohe und traurige wiegen mich in einen Traum in welchem ich
keinen Begriff kein Gefühl fesseln nachdenken und empfinden kann Ach
William in der kurzen Zeit in welcher ich Sie kannte hatt ich mich so frei
so kühn und ich weiß nicht wie ich es nennen soll so groß gefühlt dass ich
der Zukunft froh und ohne Scheu entgegensah aber jetzt beklemmt eine unnennbare
Bangigkeit meine Brust mein Mut verlässt mich ich fühle mich einsam und
verlassen ich bin wieder ein Kind wie ich vorher war Ich weiß selbst nicht
was ich von mir will die Zukunft und die ganze Welt liegt in einer finsteren
Ausdehnung vor mir ich ahnde dass die Freuden dieses Lebens vielleicht die
zartesten Blumen sind wehe dem Herzen in welchem der Frühling zu früh aufgeht
ein einziger wiederkehrender Wintertag lässt alle Blüten ersterben dann ruft sie
kein Sonnenschein ins Leben zurück keine herabfallende Träne erquickt sie
wieder William wenn dieser ewige Winter meiner wartete Doch lassen Sie uns
abbrechen wir können dem Schicksale nicht gebieten aber Wünsche sind
verzeihlich
Ihr Vater ist von neuem unpässlich geworden er sieht sehr bleich aus ich
habe ihn neulich in London gesehen doch sein Sie nicht betrübt darüber etwas
ist er indes schon besser geworden Mit welcher Freude sprach er von Ihnen Oh
wie liebt ich ihn um dieser Liebe willen Ich fühlte mich in Ihrem Lobe so
geehrt und ich weiß nicht ob ich weiterschreiben soll ach William und
da sprach er von seinen Planen mit Ihnen von gewissen Verbindungen die so gut
wie geschlossen wären er nannte mehrmals den Namen der jungen Bentink ich
konnt ihn nicht mehr lieben alle Freundlichkeit seines Gesichts ward für mich
plötzlich ein furchtbarer Ernst
Leben Sie wohl Weiß ich doch dass ich in Bondly mein schönstes Leben
gefühlt und gelebt habe diese Erinnerung bleibt mir ewig und sie wird mein
Glück sein wenn ich in Zukunft vielleicht einmal alles verloren habe
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Der alte Lovell an seinen Sohn
London
Ich schreibe Dir indem ich mich eben von einer neuen Krankheit erholt habe die
nicht ohne Gefahren war Itzt ist mir besser nur leid ich von einer Schwermut
in welcher ich oft den trüben Gedanken nicht loswerden kann dass ich Dich bei
Deiner Abreise zum letzten Male gesehen habe Ich rufe mir dann lebhaft Dein Bild
zurück und gäbe alles hin um Dich in einem solchen Augenblicke zu sehen ich
bin schon oft im Begriffe gewesen Dir zu schreiben dass Du in der möglichsten
Eile zurückkommen möchtest aber nein bleibe dort wo Du Dich vergnügst und
unterrichtest lerne Menschen kennen und bilde Dich aus ich will meine ganze
Kraft aufbieten dem Tode zu trotzen dann will ich den geliebten Sohn desto
inniger an mein Herz drücken dann will ich mich am Anblicke seines Glückes
laben und ruhig sterben Alle Freuden sind mir abtrünnig geworden aber die
Vaterfreuden werden bei mir aushalten Dein Glück ist jetzt die einzige Hoffnung
die mich an diese Welt fesselt in ihrer Erfüllung will ich am Abende meiner
Tage von allen Beschwerden und Mühseligkeiten der Reise ruhen Ich habe viel
erlitten oh William lerne die Menschen kennen wenn sie Dich nicht elend
machen sollen begegne nicht jedem mit Deiner heißesten Liebe um nicht einst
das ganze Geschlecht zu hassen sei sparsam mit Deinem Vertrauen um nicht einst
in einem ewigen Misstrauen zu verschmachten Solltest Du in der itzigen Glut
Deiner Phantasie solche Erfahrungen machen wie ich aushalten musste wo
wolltest Du jetzt die Stärke hernehmen um Deine Moralität Deine Menschheit
nicht untergehn zu lassen Das Auflodernde in Deinen Gefühlen hat mich oft um
Dich besorgt gemacht ohne zu untersuchen traust Du jedem Wesen das Dir nicht
missfällt alle Deine Gefühle zu und findest sie auch in fremden Seelen wieder
aber wenn Du Dich nun in drei Freunden irrst so wirst Du allen Glauben an
Freundschaft verlieren den edelsten Menschen kannst Du leicht missverstehn wenn
jene aufleuchtende Flamme an welcher Du jetzt den fühlenden Menschen vom kalten
den Guten vom Unwürdigen unterscheiden willst zu einer stillen innern Glut
zurückgesunken ist unbesonnen vertraust Du Dich dem nichtigen Enthusiasmus
eines andern und findest Dich endlich in einer dunkeln einsamen Gruft verirrt
in der Du ängstlich nach der Öffnung tappst Charaktere wie Du können am
leichtesten um die Freuden ihres Lebens betrogen werden sie sind Maschinen in
der Hand eines jeden Menschenkenners In meiner Krankheit hab ich mich in
manche Szenen meines Lebens zurückgeträumt vielleicht schick ich Dir nächstens
kleine Bruchstücke aus meiner Geschichte vielleicht lernst Du aus Beispielen
mehr als aus den bloß hingestellten Resultaten meiner teuer erkauften
Erfahrungen Ich war oft einem allgemeinen Menschenhasse nahe allenthalben ward
meine Liebe verraten Menschen die ich für hohe Seelen gehalten hatte
eröffneten mir plötzlich einen Blick in ihr Inneres und ich sah mit Schrecken
elenden verächtlichen Eigennutz auf demselben Throne sitzen auf welchem ich
Wohlwollen und Liebe erwartete ich war schon im Begriffe an meinem eignen
Werte zu verzweifeln aber ich rettete noch die Verehrung der Menschheit und die
Achtung meiner selbst
Was mir jetzt noch mehr als meine Krankheit unangenehm wird ist dass ich in
einen weitläufigen Prozess mit dem Baron Burton geraten werde Du weißt dass
einer meiner Vorfahren die Güter von einem Ahnen Burtons kaufte er zweifelt
jetzt dass die Summen ausgezahlt und die Kontrakte vollzogen sind so wie sie
damals geschlossen wurden der Prozess ist schon eingeleitet und er wird mir
vielleicht viele Sorge wenigstens viele Mühe machen Ich habe schon Advokaten
angenommen welche behaupten kein vernünftiger Mensch könne an der
Rechtmässigkeit meiner Sache zweifeln Es tut mir weh mich auch noch jetzt von
ihm verfolgt zu sehen da er einst in den glücklichsten Tagen meiner Jugend
mein Freund war es ist eine traurige Empfindung wenn ich mit meinem
Gedächtnisse jene Zeiten zurückrufe und sie mit den gegenwärtigen vergleiche
Die Aussicht Deiner künftigen gewiss festen Freundschaft mit Eduard Burton
tröstet mich etwas Eduard ist ein edler Jüngling er hängt fest an Dir ihm
darfst Du Dich ungescheut vertrauen oder ich kenne auch noch jetzt die Menschen
nicht
9
Louise Blainville an Rosa
Paris
Welche Ursache in der Welt kann es geben dass ich Sie so lange nicht gesehen
habe Sie fangen ja an so kalt gegen mich zu werden wie es sich mein
verstorbener Mann kaum erlaubte wenn ich nun zur Strafe meine Neigung auf den
jungen reizenden Engländer würfe und Sie völlig verabschiedete Oder sind Sie
vielleicht gar schon eifersüchtig auf ihn Wenn dies der Fall wäre so würden
Sie sich unnötige Mühe machen denn es scheint mir als hielte eine langweilige
Duegna von erster Liebe unerbittliche Wache vor seinem Herzen
Der alte Graf Melun muss irgendeinen Anschlag im Schilde führen er hat
vielleicht gar die Idee mich von neuem zu einer Heirat zu bereden und zwar
so glaub ich wenigstens und Sie werden gewiss mit mir lachen zu einer
Verbindung mit ihm selbst Doch davon mündlich nur machen Sie dass ich Sie
bald sehe sonst sollen Sie zur Strafe von diesen Vorfällen nichts erfahren
Adieu
10
Rosa an die Komtesse Blainville
Paris
Wenn ich einen Hang zur Eifersucht hätte so würde ihn Ihr Brief wahrlich nicht
vermindern ich bemerkte schon neulich dass Ihnen Lovell nicht missfiel Doch
warum ich Sie so lange nicht besucht habe Eine Unpässlichkeit eine
Bekanntschaft sehen Sie wie ich mich zu rächen weiß doch auch davon
mündlich
Wenn Sie den seltsamen Lovell bekehren können so wünsch ich Ihnen und ihm
Glück mir scheint es fast unmöglich denn seine Vorurteile sind zu tief mit ihm
verwachsen doch was ist den Weibern unmöglich Sie lösen die schwersten
Probleme und auf die leichteste und einfachste Art von der Welt Ich werde mich
freuen mit dem jungen Engländer an einem Siegeswagen zu ziehen dulden Sie es
nicht dass er ein so schwerer Verbrecher an Ihrer Schönheit wird strafen Sie
seine Kälte sie mag nun erzwungen oder natürlich sein auf eine exemplarische
Art und ich werde noch mehr sein
der innige Verehrer Ihres Verstandes und Ihrer Reize
11
William Lovell an Eduard Burton
Paris
Ja Eduard auch in meiner Seele haben sich nun schon so manche Träume
entwickelt wie ich einst glücklich mit Dir glücklich leben will So nahe bei
Dir vielleicht an Amaliens Seite im Schoße einer ländlichen Einsamkeit ich
verliere mich seit Deinem lieben Briefe so oft in diesen Traum und tausend
Vorsätze spinnen sich dann leise in meiner Seele aus Mit einem kindischen
Wohlbehagen verweil ich bei meinen Planen und wünsche die Zukunft schon herbei
um sie wirklich zu machen
Es ängstigt mich Eduard mein Vater ist krank und hat mir einen sehr
melancholischen Brief geschrieben er liebt mich gewiss mit der innigsten
Zärtlichkeit aber ich kann nicht an Amalien denken ohne mich mit Wehmut meines
Vaters zu erinnern sooft mir sein Bild vorüberschwebt werf ich einen
schwermütigen Blick auf Amaliens schnell nachfolgendes diese
nebeneinandergestellten Ideen zerschneiden meine Seele Ich hasse mich Eduard
wenn ich daran denke dass durch Amaliens Besitz meines Vaters Tod weniger
schmerzen könnte aber ich schwöre Dir es soll es wird nicht sein Zu diesem
unedlen Eigennutze wird Dein Freund nie hinabsinken
Ein böser Dämon verfolgt mich in der Gestalt eines Engels um Amaliens Bild
aus meinem Herzen zu reißen aber dieser Versuch wird in Ewigkeit nicht
gelingen ich bleibe ihr und meinen ersten meinen schöneren Gefühlen treu Ich
spreche von der Komtesse Blainville der Nichte des Grafen Melun sie ist das
Modell einer griechischen Grazie ein Zauberreiz begleitet jede ihrer
Bewegungen sie darf nur lächeln um die Göttin der Liebe zu sein ein sanfter
Blick ihres Auges und sie ist das schönste Bild der Schwermut Ich kann sie
nicht betrachten ohne zu erröten und sooft ihr Blick dem meinigen begegnet
schlägt sie ihn sogleich furchtsam nieder sie sucht meine Gesellschaft und
scheint sie doch vermeiden zu wollen so viel Herzensgüte Sanftmut und Verstand
hab ich noch bei keinem Mädchen gefunden Ihre Schönheit ist auffallender ihr
Auge größer und sprechender und ihr ganzes Wesen hat möcht ich sagen einen
gewissen Zauber durch Bizarrerie und Pracht wogegen Amaliens stille Schönheit
für die Phantasie gleichsam in den Schatten tritt Nie wird sie aber in meinem
Herzen auch nur den kleinsten Sieg über jene himmlische Erscheinung davontragen
aber darum kann ich mir ja doch gestehen dass sie liebenswürdig ist dass sie zu
den Ersten ihres Geschlechts gehört Auch empfindet sie wirklich tief ihre
zarte Seele ist nicht durch jenen witzigen Weltton der Franzosen verdorben sie
ist ein einfaches Kind der Natur ohne alle Prätension und Verstellung ich habe
sie beim Anblicke des Elends gerührt gesehen
Ich schließe Mortimer bringt mir soeben einen Brief O Eduard er ist von
Amalien Nein ich bin ein Elender wenn ich sie vergessen könnte Welche
Freude hat dann noch der Garten aufzuweisen wenn dieser schönste Baum in mir
verdorrt Ich bleibe ewig der ihrige so wie der Deinige
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Karl Wilmont an Mortimer
Bondly
Ich muss Dir endlich schreiben und sollte auch mein ganzer Brief nichts als die
Wiederholung der Phrase enthalten dass ich Dir nichts zu schreiben weiß Ich
schäme mich meiner Nachlässigkeit und meine ungelenkigen Finger haben das
Schreiben indes verlernt oratorische Wendungen Tropen Metaphern und alle
Arten von Figuren hab ich rein vergessen und ich selber spiele hier an meinem
Schreibpulte eine höchst armselige Figur indem ich die Feder beisse und mir mit
der linken Hand in den Kopf kratze um mich zu besinnen was ich Dir wohl zu
sagen haben könnte Ich möchte den Brief gar gern ins Feuer werfen aber es reut
mich dann dass ich ihn einmal angefangen habe und einen Brief musst Du doch
irgendeinmal von mir bekommen daher will ich nur einen dreisten Trott
fortreiten ohne mich um die Künste eines Schulpferdes zu bekümmern Wenn es nur
Worte sind so hab ich die Rechnung bezahlt und ich habe mir einmal
vorgenommen dass das was ich hier angefangen habe ein Brief werden soll und
nun soll er auch wahrhaftig zustande kommen und sollt ich mich genötigt sehen
einige rührende Betrachtungen über die Entfernung zweier Freunde mit einfliessen
zu lassen
Ich fange an mir hier in Bondly zum Teil weniger zum Teil besser als
ehedem zu gefallen Der gänzliche Müßiggang behagt mir nicht recht und doch
würd es mir schwer werden ihn aufzuheben Der Mensch ist ein wahres Kind er
weiß nie recht was er eigentlich will er schreit und heult und eine blecherne
Klapper kann ihn zufrieden und glücklich machen im folgenden Augenblicke wird
sie wieder weggeworfen und er sieht sich um was er denn nun wohl wünschen
könne Glücklich ist dabei noch immer der der einer Klapper oder einer Rosine
habhaft werden kann mischt sich aber die liebe Langeweile ins Spiel und ein
gewisses nüchternes Gefühl das einem im Leben so oft zur Last fällt kann man
keine Hoffnung und keinen Wunsch in seinem Gedächtnisse auftreiben ist das
Steckenpferd lahm oder gar zu Tode geritten o wehe dir dann armer
Sterblicher entweder musst du dann ein Philosoph werden oder dich aufhängen
Diese Langeweile hat schon mehr Unglück in die Welt gebracht als alle
Leidenschaften zusammengenommen Die Seele schrumpft dabei wie eine gedörrte
Pflaume zusammen der Verstand wächst nach und nach zu und ist so unbrauchbar
wie eine vernagelte Kanone alles Spirituöse verfliegt da sitzt man denn nun
hinter dem Ofen und zählt an den Fingern ab wann das Abendessen erscheinen
wird die Stunden sind einem solchen Manne länger als dem den man am Pranger
mir Äpfeln wirft man mag nichts denken denn man weiß vorher dass nur dummes
Zeug daraus wird man mag nicht aufstehn man weiß dass man sich gleich wieder
niedersetzt das drückende Gefühl geht mit wie das Haus mit der Schnecke O
Mortimer Linsen durch ein Nadelöhr zu werfen ist dagegen eine geistreiche
Beschäftigung und wie viele Menschen vergähnen auf dieser Erde nicht so ihr
Leben Die magnetische Anziehungskraft erlahmt ohne Übung ungeschlagen
springt kein Funke aus dem Stahle ungerieben zeigt sich keine Elektrizität an
der Glasscheibe kein Verstand kein Gefühl am Menschen ohne Tätigkeit
Mitteilung und Freunde Diese sind der Konduktor welche einen Funken nach dem
andern in die Flasche leiten bis dann endlich ein großer leuchtender Funken
schreiend herausspringt dann kommt Don Quixote oder ein verlornes Paradies zum
Vorschein usw ad libitum
Weil ich aber in so kläglichen Tönen wimmre so glaube darum von mir noch
nicht dass ich schmachtend und hungernd in einer solchen Löwengrube sitze oder
dass ich ganz und gar an Freuden bankerott gemacht habe dass ich zu jenen dumm
unbefangenen Menschen gehöre die es selber nicht ergründen können wie ihnen
zumute ist oder die so über und über mit einer bleiernen Unbehaglichkeit
behangen sind dass man sie auf den ersten Blick nicht vom Elefanten mit dem Turm
unterscheiden kann die sich mit dem kältesten Blute ersäufen könnten weil es
gerade Donnerstag ist nein lieber Mortimer halt mich meines Geschwätzes
ungeachtet immer noch für einen Menschen der seine fünf Sinne im ganzen
genommen behalten hat der zur Not wenn ihn die Langeweile plagt auf die Jagd
geht oder nach der nächsten Stadt reitet oder Whist spielt oder Romane liest
oder Dir einen Brief schreibt wie das zum Beispiel jetzt eben der Fall ist; dann
freilich bin ich etwas verdrießlich und übelgelaunt
Ach lieber Freund was für herrliche Sachen ließ sich nicht über die
Allmacht der Liebe sagen über jenen kleinen Jungen der mit verbundenen Augen
durch die Welt stolpert und mit seinen goldenen Pfeilen alle Leute wie Hasen
zusammenschiesst Ja Freund hier oder nirgends in meinem Leben ist es
angebracht Dir zu zeigen dass ich meinen Ovid und Horaz mit Nutzen gelesen
habe hier wäre es die schönste Gelegenheit mich durch ein hoch lyrisches
Gedicht bei Dir in eine Art von Achtung zu setzen Aber Mortimer genau
betrachtet würde nichts weiter herauskommen als dass ich ein Narr bin und da
ich Dir das in Prosa fast ebenso deutlich machen kann so wollen wirs auch
dabei nur bewenden lassen
Du lachst schon im voraus Du freust Dich dass Deine neuliche Prophezeiung
so genau eingetroffen ist aber doch nicht so sehr als Du nun vielleicht
glaubst Ja die Einsamkeit der Mangel an Beschäftigung o hundert Ursachen
nach denen man gar nicht fragen sollte denn die Erscheinung ist so natürlich
als der Tag wenn die Sonne am Himmel steht alle diese machen es dass ich jetzt
nach und nach verliebt werde Ich bemerke es recht gut und das eben kränkt
mich und doch kann ichs nicht ändern Meine Lustigkeit hat abgenommen und
steht jetzt sogar im letzten Viertel ich fange an so gesetzt zu werden wie ein
Mann der zum Parlamentsgliede gewählt ist ich werde so empfindsam wie ein
Mädchen das den ersten Roman mit Verstand liest Wenn man nun alle diese
herrlichen Progressen an sich selber bemerkt sollen einem da nicht die Haare zu
Berge stehen Doch man muss sich in den Willen des Schicksals ergeben und ich
bin jetzt überzeugt dass man das Verlieben mit vollem Rechte inevitabile fatum
nennen kann
Ich muss ihr oft vorlesen nämlich der Emilie Burton das ist unter uns
Liebhabern nun einmal Sprachgebrauch dass wir die Namen weglassen und das
Vorlesen besonders empfindsamer und rührender Sachen ist gewiss die
gefährlichste Angel die nach einem Menschen ausgeworfen werden kann Ich habe
dabei einigemal mit einem Patos deklamiert dass ich nachher selber erschrocken
bin Dass ich aber zur Fahne jener seufzeraushauchenden und träneneintrinkenden
Toren schwören werde die nur zu leben scheinen um über ihr Leben zu klagen
das wirst Du nicht von mir glauben Ich werde mich nie auf lange aus dem
gemässigten Klima entfernen Emilie selbst ist ein liebes sanftes Geschöpf die
mit ungekünsteltem Gefühle sich freut und trauert so wie es gerade die Umstände
fordern ich mag weder eine Arria noch eine Ninon noch eine Klementine lieben
Doch damit ich Dir nicht ein Gemälde von ihr entwerfe muss ich nur von etwas
anderm sprechen denn ich merke dass ich eben in Versuchung war Dir damit
Langeweile zu machen
Ich werde also vielleicht meine Liebe bald aufgeben müssen hintergehn mag
ich den Vater nicht sie von ihm geschenkt haben ebensowenig ja ich würde
mich selbst bedenken sie von ihm auf irgendeine Art zu verdienen Er ist ein
gemeiner Mensch Ich mache mir oft einen Vorwurf daraus dass ich noch hier und
noch so oft in seiner Gesellschaft bin Manche Menschen die alles entweder
aus einem guten oder schlechten Gesichtspunkte ansehen müssen könnten es gar für
die niedrigste schleichendste Art von Schmeichelei halten doch diese Insekten
müssen einen im Leben nie viel bekümmern am wenigsten muss man sich ihretwegen
genieren Der Sohn der der edelste junge Mann ist kennt mich er ist mein
inniger Freund geworden und er ist jetzt die größte von allen Ursachen die mich
noch hier in Bondly zurückhalten Ich glaube dass Emilie mich nicht hasst
Du wirst vielleicht schon wissen dass der alte Burton auch mit dem Vater
Deines jungen Freundes einen Prozess angefangen hat es tut mir weh die Sachen
scheinen nicht zum besten zu stehen Sein Sohn ist selbst darüber sehr betrübt
Itzt lebe wohl denn in der Eil wüsst ich Dir nun nichts mehr zu sagen so
wenig ich Dir auch Überhaupt gesagt haben mag
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William Lovell an seinen Vater
Paris
Ihr Brief hat mich sehr betrübt zärtlichster Vater o ich möchte zurückeilen
um Sie zu sehen wenn ich nicht Ihr Verbot und Ihren Unwillen fürchtete Sie sind
krank und ich soll Sie nicht verpflegen Traurig und ich soll Sie nicht
trösten Sie selbst verlangen dass ich die Pflichten des Sohnes nicht erfüllen
soll Sie wünschen mir Glück und ich kann mir jetzt kein anderes Glück denken
Sie in Gefahr und ich fern von Ihnen Bis ich wieder einen Brief von Ihnen mit
der Nachricht Ihrer Besserung erhalte gibt es keine Freude ja keine andre
Vorstellung für mich ich sehe Sie nur schmachtend auf Ihrem Krankenlager ich
höre Ihre Seufzer und ein Verbrecher würd ich mir scheinen wenn ich jetzt
fröhlich sein könnte O ich beschwöre Sie mir sogleich mit jeder Post wieder
Nachrichten zukommen zu lassen Mit zitternden Händen werde ich den nächsten
Brief von Ihnen noch eher als den meines Freundes erbrechen
Neuigkeiten werden Sie von mir nicht erwarten ich bin wohl soweit man es
beim Bewusstsein sein kann dass ein geliebter Vater leidet In einigen Wochen
werd ich Paris verlassen ich habe hier einen Freund gefunden einen Jüngling
von vortrefflichem Herzen Balder einen Deutschen Er wird mit mir die Reise
nach Italien machen Sein Sie unbesorgt diesem darf ich trauen auch Mortimer
schätzt ihn Ein Italiener Rosa wird uns auch begleiten seine Bekanntschaft
wird mir in Italien manche Vorteile verschaffen er hat viel Verstand und feine
Welt aber mein Freund wird er nicht leicht werden können Ich hoffe in Ihrem
nächsten Briefe zu erfahren dass Sie gänzlich wiederhergestellt sind bis dahin
werde ich in beständiger Furcht leben
Nachschrift Der alte Willy ist über Ihre Krankheit sehr traurig er hat
durchaus ein Blatt an Sie einlegen wollen und ich habe es dem alten ehrlichen
Manne nicht abschlagen mögen
14
Willy an den Herrn Walter Lovell
Paris
Dass Sie noch auf Ihre alten Tage Krankheiten auszustehen haben hat mich
wahrlich herzlich gejammert doch freilich kommen sie dann am liebsten denn
dann hat der Mensch nicht mehr so viele Kräfte sich gesund zu machen Ich möchte
Sie gar gerne trösten und Ihnen noch viel lieber helfen aber wenn Gott bei
solchen Gelegenheiten nicht das Beste tut so will die menschliche Hilfe wenig
sagen Es ist aber schade dass ein so guter christlicher Herr wie Ihre Gnaden
doch in dem vollsten Masse sind was auch Ihre Feinde nicht von Ihnen ableugnen
können so viel Unglück und Leiden in dieser Welt erdulden soll wenn das nicht
nachher wenn das Leben hier ausgegangen ist wieder gutgemacht wird so ist das
nicht ganz recht und billig Ich wollte ich könnte Ihnen nur etwas von meiner
überflüssigen Gesundheit abgeben denn ich bin hier immer seit ich auf die
Reisen gehe ganz frisch und gesund und das ist mein Herr William Ihren Sohn
mein ich auch immer Trösten Sie sich aber nur es wird gewiss bald besser
werden so alt ich bin so möcht ich doch zu Fuße bis nach London gehen um Sie
einmal wiederzusehn nur sind mir die Füße schwach und es ist der See
dazwischen den die Franzosen aus Spaß wie sie denn bei allen Sachen dummes
Zeug machen einen Kanal nennen wenn viel solche Kanäle bei uns in England
wären so würde von dem Lande eben nicht außerordentlich viel übrigbleiben
Bleiben Sie ja gesund mein liebster gnädiger Herr dass ich Sie mit meinen
alten schwachen Augen noch einmal wiedersehen kann Ich würde viel weinen wenn
ich einmal wieder die Türme von London sähe und Sie wären dann in der ganzen
weiten Gegend umher nicht zu finden als auf dem Kirchhofe und auch da nur tot
es wäre ein Jammer für mich und jeden andern ehrlichen Mann besonders aber
auch außerdem für meinen Herrn wenn Sie können so bleiben Sie gesund wie ich
Ihr Willy
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Die Komtesse Blainville an Rosa
Paris
Da Sie mich jetzt nur so selten besuchen so seh ich mich genötigt mich
schriftlich mit Ihnen zu unterhalten so ungern ich es auch tue denn ganz Ihrem
Umgange zu entsagen wäre eine zu harte Busse für mich
Seit Ihrem neulichen Besuche haben sich einige nicht unwichtige Vorfälle
ereignet Der Graf wird immer freundlicher und höflicher er ist schon zehnmal
im Begriffe gewesen mir durch Umwege einen Heiratsvorschlag zu tun aber immer
ist ihm noch sein böser Genius wieder in den Zügel gefallen Solche Leute werden
sehr langweilig wenn sie nachher in einer Art von Verlegenheit einen andern Weg
einlenken sie sind gestolpert und haben im Schrecken die Steigbügel verloren
Doch Sie kennen ja den Grafen dass er sich pikiert gerade dann am
geistreichsten zu sein wenn er die Gegenwart des Geistes am meisten vermisst
Ein Hinkender wird aber erst am meisten lächerlich wenn er seinen Fehler
verbergen will dies Stottern dies Jagen nach Wortspielen und Verdrehungen des
Sinnes oh es gibt nichts Hässlicheres wenn man soeben etwas Vernünftiges
gesprochen hat
Lovell ist mit seiner Naivität allerliebst der Galimatias den er zuweilen
spricht kleidet ihn recht gut und ich habe jetzt die Manier gefunden ihn zu
attachieren Er ist eigensinnig genug nicht durch gewöhnliche Aufmerksamkeit
gefesselt zu werden ein Franzose würde über die Art der Rolle lachen die ich
jetzt spiele Freilich sind die Weiber verdammt immer nur Rollen auswendig
herzusagen vielleicht auch viele Männer aber meine itzige liegt mir so
entfernt dass ich auf meine Merkworte sehr aufmerksam sein muss wenn ich nicht
zuweilen das ganze Stück verderben will Ich bin so empfindsam wie Rousseaus
Julie ein wenig melancholisch eine kleine Teinture aus Young und eine so
langweilige Vernunft und Moralschwätzerin als die Heldinnen der englischen
Romane Sie würden mich hassen wenn Sie mich in dieser Tragödienlaune sähen
aber Lovell ist davon bezaubert er hält mich in Gedanken für ein Ideal
Richardsons für ein himmlisches und überirdisches Geschöpf Wir empfinden so
sehr ins Feine hinein dass mir schon oft ein Gähnen angewandelt ist das ich nur
mit Mühe verbissen habe durch hundert Vorfälle ist es nun endlich dahin
gekommen dass er wirklich verliebt ist er will sich zwar dies Gefühl selbst
nicht gestehen aber ich mache mich jeden Tag auf eine sehr patetische Erklärung
gefasst er ist schon oft auf dem Wege gewesen aber jedesmal muss ihn noch das
Bild seiner Geliebten zurückgehalten haben
Gestern ging er melancholisch im Garten auf und nieder ich begegnete ihm
wie von ungefähr Er freute sich und erschrak zu gleicher Zeit meine Gegenwart
war ihm lieb aber es war ihm unangenehm selbst durch mich in seinen Träumen
gestört zu werden er geriet in eine Art von Verlegenheit Es war ein schöner
Abend wir waren allein ich hörte wenig von dem was er sagte seine Bildung
sein schöner Wuchs sein feuriges Auge zerstreuten meine Aufmerksamkeit er ist
einer der schönsten Männer die ich bis jetzt gesehen habe Wir kamen zu einer
Laube und setzten uns Der Abend und die Einsamkeit luden zu mancherlei Träumen
ein ich sah es wie Lovell schwer seufzte und ein Geheimnis auf dem Herzen
hatte
»An diese Abende« fing er endlich an »ich ahnde es werd ich in der
Zukunft oft mit Schmerzen zurückdenken«
»Mit Schmerzen Sie verlassen uns also ungern«
»Und Sie können noch fragen«
»Sie werden neue Freunde und schönere Gegenden finden und über die
letzteren die ersteren vergessen«
»Sie quälen mich« rief er nach einer kleinen Pause etwas unwillig
»Ich habe Ursache zu klagen« fuhr ich leise fort um nicht in eine Art von
Zank zu fallen der so leicht langweilig und widrig selbst für beide Parteien
werden kann wenn man einer sehr zärtlichen Aussöhnung nicht äußerst gewiss ist
und dies war hier nicht der Fall »Ich habe Ursache zu klagen« sagt ich
»denn ich bleibe hier in dieser öden langweiligen Welt zurück ich verliere
einen Freund der mir in so kurzer Zeit sehr viel wert geworden ist«
Er küsste mir sehr feurig die Hand »Komtesse« rief er aus »wollen Sie
mich nicht vergessen«
»Vergessen« seufzt ich ganz leise Meine Rolle ward mir hier äußerst
natürlich und ich spielte sie mit einer täuschenden Leichtigkeit Er rührte
mich denn wahrlich er ist mir nicht gleichgültig Meine Hand lag in der
seinigen ich drückte sie ganz leise er erwiderte es mit Heftigkeit unsre
Lippen begegneten sich
Ich stand auf wie erzürnt er suchte mich zu versöhnen Wir fingen bald
wieder ein melancholisch empfindsames Gespräch an und so ward der Streit
darüber vergessen Als wir zur Gesellschaft zurückkamen stand er oft in
Gedanken
Beim Abschiede drückte er auf meine Hand einen sehr feurigen Kuss Itzt ist
in seinem Herzen die entscheidende Epoche indes versprech ich mir über meine
unbekannte Nebenbuhlerin den Sieg
16
William Lovell an Balder
Paris
Ich bin die ganze Stadt durchstrichen ohne Dich zu finden der Abend ist so
schön ich hätte Dir so gern alles gesagt was ich auf dem Herzen habe ich
schreibe Dir daher weil ich Dich doch wahrscheinlich heut nicht mehr sehen
werde Antworte mir noch heut wenigstens morgen früh wenn Du mich nicht selbst
besuchen solltest
O Balder könnte doch meine Seele ohne Worte zu der Deinigen reden und so
alles alles Dir ganz glühend hingeben was in meinem Busen brennt und mich mit
Martern und Seligkeiten quält
Ja Freund jetzt fühl ich es wie sehr Rosa recht behält wenn er sagt Der
Busen des fühlenden Menschen hat für tausend Empfindungen Raum warum will der
Mensch seiner eigenen Wonne zu enge Schranken setzen Des Toren der da schwört
dass er nie wieder lieben wolle Kann er seine Seele zurücklassen
Du weißt von Amalien Soll ich Dir sagen dass ich ihr treulos bin Treulos
das Wort hat keinen Sinn sie ist meinem Herzen so unentbehrlich wie je Aber
kann ich denn diesem nämlichen Herzen widerstehn welches mich zur Blainville
reißt Soll ich blind sein und ihre Schönheit nicht sehen Welche Macht ist es
die uns zueinander führt
Es war ein schöner Abend ich war mit ihr im Garten des Grafen Melun wir
gingen lange einsam auf und ab Balder sie ist das edelste weibliche Geschöpf
das ich bis jetzt gekannt habe so viel Natur und Herzensgüte Ich saß im stummen
Entzücken in einer dämmernden Laube neben ihr die Blumen dufteten Liebe die
Vögel sangen der Göttin Lieder sie wandelte im Hauche des Zephirs durch den
Garten und gaukelte in den Lindenblüten mir wars als könnt ich unter den
goldenen Schimmern des Firmaments den rosengekränzten Engel sehen der den
tausendfachen Segen über die Natur ausgiesst wie sich die ganze lebende und
leblose Natur kindlich zu ihm drängt um zu empfangen und sich zu freuen o es
war eine der wonnevollsten Stunden meines Lebens
Ich war hundertmal im Begriffe ihr meine Empfindungen zu gestehen sie in
einer blinden Begeisterung an mein Herz zu drücken mich kühn zu ihrer Hoheit
emporzureissen aber Amaliens Andenken hielt mich grausam ernst zurück Aber
ich will ich muss ihr gestehen was ich empfinde ohne Mitteilung zersprengt dies
Gefühl meinen Busen
Begeh ich dadurch eine Sünde an Amalien Antworte mir hierauf ich glaub
es nicht ich liebe sie ich werde sie lieben aber soll mir diese Liebe ein
Gesetz sein gegen jede Vortrefflichkeit unempfindlich zu sein Liebe erhöht
die Empfindungen veredelt sie sonst würd ich wünschen nie geliebt zu haben
17
Balder an William Lovell
Paris
Ich möchte Dir so gern nicht antworten da komm ich mit hundert schwermütigen
Träumen mit tausend lästigen Gefühlen aus der nüchternen Welt nach Hause und
finde nun noch Dein Billet ich will noch einige Zeit anwenden Dir zu
antworten besuchen mag ich Dich in meiner itzigen Stimmung nicht wir würden
nur streiten und morgen hab ich eine Menge lästiger Geschäfte kurz ich will
Dir schreiben nur lass mich nachher nicht öfter darüber sprechen denn wir
werden nie einig werden
Die ganze Welt erscheint mir oft als ein nichtswürdiges fades
Marionettenspiel der Haufe täuscht sich beim anscheinenden Leben und freut
sich sieht man aber den Draht der die hölzernen Figuren in Bewegung setzt so
wird man oft so betrübt dass man über die Menge die hintergangen wird und sich
gern hintergehen lässt weinen möchte Wir adeln aus einem törichten Stolze alle
unsre Gefühle wir bewundern die Seele und den erhabenen Geist unsrer
Empfindungen und wollen durchaus nicht hinter den Vorhang sehen wo uns ein
flüchtiger Blick das verächtliche Spiel der Maschinen enträtseln würde Ich
sehe in Deiner neuen Liebe nichts als Sinnlichkeit Deine Phantasie bedarf
beständig eines reizenden Spiels und Du wirst es auch allenthalben sehr bald
finden jenes hohe einzige Gefühl der Liebe das sich weder beschreiben noch
zum zweiten Male empfinden lässt hat Deine irdische Brust nie besucht bei Dir
stirbt die Liebe mit der Gegenwart der Geliebten Warum willst Du das hohe
Wort entweihen
Ich erinnere mich lebhaft aus den wenigen goldenen Tagen meines Lebens wie
meine ganze Seele nur ein einziges Gefühl der Liebe ward wie jeder andre
Gedanke jede andre Empfindung für mich in der Welt abgestorben war in die
finsteren Gewölbe eines romantischen Haines war ich so tief verirrt dass nur noch
Dämmerung mich umschwebte dass kein Ton der übrigen Welt an mein Ohr gelangte
Die ganze Natur wies auf meine Liebe hin aus jedem Klange sprang mir der
Geliebten holder Gruß entgegen Sie starb und wie Meteore gingen alle meine
Seligkeiten auf ewig unter sie versanken wie hinter einem finsteren fernen
Walde kein Schimmer aus jener Zeit hat mir seitdem zurückgeleuchtet
Und auch nie wird ein Strahl zu mir zurückkehren Ich sitze auf dem Grabmale
meiner Freuden und mag selbst kein Almosen aus der Hand des Vorübergehenden
nehmen mein Elend ist mein Trost
Ich fürchte William Du verstehst mich nicht unser Gefühl widerspricht
sich hier Aber wenn Amalie Dich liebt so ist sie durch Deine Liebe elend denn
Du wirst ihr dann nie zurückgeben was sie Dir im vollen Masse ihrer Empfindungen
schenkt Sie seufzt um Dich und Du vergissest sie sie leidet und Dich
bewillkommnen neue Freuden taufe Deinen Sinnenrausch nicht mit dem Namen
Liebe Du beleidigst diese hohe Gottheit denn ist nicht Liebe eben dadurch
Liebe dass sie gänzlich unsern Busen füllt Unsre Seele ist zu eng um zwei
Wesen mit demselben starken Gefühl zu umfangen und wer es kann der ist an
Herzensgefühl arm geworden
18
Die Komtesse Blainville an Rosa
Paris
Seit meinem neulichen Briefe hat sich manche sehr wichtige Begebenheit ereignet
und gestern hielt mich Lovell so belagert dass ich Ihnen unmöglich etwas davon
sagen konnte ich muss daher wieder zum Schreiben meine Zuflucht nehmen
Mit meinem teuersten Onkel bin ich so gut wie versprochen endlich ist das
Geständnis über seine Lippen gekommen
Der Graf besuchte mich neulich so wie er oft tut Ich war gerade mit einer
Stickerei beschäftigt Natürlich bewunderte er was gar nicht zu bewundern war
und lobte wo nur irgendein Faden lag man wird an so etwas gewöhnt und ich gab
daher gar nicht besonders darauf acht Das Kammermädchen ging von ungefähr
hinaus und nun nahm das Gespräch eine andere Wendung
»Sie sind so oft allein liebe Nichte wird Ihnen denn nicht zuweilen die
Zeit lang«
»Nie da Sie mir überdies den Gebrauch Ihrer Bibliothek erlaubt haben«
Er nahm einige Visitenkarten in die Hand die auf dem Tische lagen und sah
sie ganz gleichgültig durch
»Rosa« fing er an »wie kommts dass ich ihn so lange nicht gesehen habe«
»Ich weiß nicht welche Geschäfte ihn abhalten müssen «
»Wenn er seine Unart nicht wieder gutmacht so wird er sich Ihren Unwillen
zuziehn«
»Er hat über seine Zeit zu gebieten«
»Ich glaube gar Sie sind schon jetzt böse auf ihn« fuhr er lachend fort
»Wie kommen Sie zu dieser Meinung«
»Je nun« er legte die Karten wieder auf den Tisch und tat als betrachtete
er die Stickerei indem er mich verstohlen aufmerksam und fest beobachtete
»Sie haben ihn von je ausgezeichnet und er erwidert Ihre Höflichkeit mit Undank
«
»Ausgezeichnet« indem ich mit der größten Kälte etwas ausbesserte »Sie
wollen sagen dass er mich auszuzeichnen schien und oft zu meinem größten
Verdruss«
»Verdruss«
»Bin ich denn nicht seitdem auf einem hohen Tone mit meiner kleinen Freundin
Cäcilie hat denn der närrische Belfort nicht seitdem gänzlich mit mir
gebrochen der mich so oft zu lachen machte Ich bin froh dass dieser Rosa mir
nicht mehr soviel Langeweile macht «
»Wenn Rosa Ihnen Langeweile macht so muss dies mit Ihren übrigen
Gesellschaftern noch mehr der Fall sein«
»Leider«
»Und Sie nehmen gar keinen aus« Er sah mich mit einem leichten Lächeln
an
»Ein Besuch ist mir jederzeit angenehm«
Ein plötzlicher Schreck zuckte wie ein Blitz durch seine lächelnden Lippen
er sah mit einem Male sehr ernstaft aus »Und dieser eine« fragte er indem
er sich in ein Lachen aufs Geratewohl hineinwarf das noch so ziemlich natürlich
ward »darf ich ihn nicht wissen«
»O ja« antwortete ich ihm munter »Sollten Sie im Ernste nicht gemerkt
haben dass ich Sie meine«
»Mich auf dieses Kompliment war ich freilich nicht vorbereitet«
»Es soll auch kein Kompliment sein«
»Also Ernst«
»Was sonst«
»Sie würden diese Versicherung vielleicht bald bereuen wenn ich in
Versuchung käme Sie öfter zu sehen«
»Sie werden sehen wie groß mein Vergnügen sein wird«
»Wenn ich Ihnen ganz glauben dürfte«
»Und warum wollen Sie zweifeln«
»Louise liegt Ihnen wirklich nichts an jenen jungen witzigen artigen
Gesellschaftern«
»Sie sind mir lästig«
»Sie lieben überhaupt nicht die große Welt und ihre Freuden«
»Sie macht mir Langeweile«
»Sie sind für ein stilles häusliches Glück geboren«
»Ich wünsche mir kein andres und werde nichts darin entbehren«
»Glücklich ist der Mann den Sie einst Ihren Gatten nennen« Er stand auf
und ging schweigend auf und ab ich war stumm und arbeitete an der Stickerei
weiter
»Man gewinnt nichts in jener sogenannten großen Welt« fuhr er endlich
ernstaft fort »man verliert sein Leben in einem langweiligen Spiele man lernt
keine Freude des Herzens kennen man findet im Entbehren seinen Stolz und ein
eingebildetes konventionelles Glück Ich habe nun lange in dieser Welt gelebt
Louise und kein Glück gekannt«
»Weil Sie es vielleicht nicht suchten«
»Eine elende Eitelkeit hintergeht uns mit betrügerischen Versprechungen wir
schämen uns täglich besser als andre zu sein wir vergehen alle in einer
Langeweile weil es die strenge Mode so fordert aber ich will mich jetzt von
diesem Vorurteile losmachen Wenn ich ein Herz fände das so wie das meinige
fühlte das eine Ahndung vom wahren Glücke hätte und an einem langweiligen
Traume nichts verlöre «
»Sollten diese Herzen so selten sein«
»Sie sind es Louise Man wagt es nicht der Natur und ihrer Lockung zu
folgen wenn ich eine Seele fände die mich liebte der es nicht schwer würde
fade Vorurteile von sich zurückzuweisen o Louise wenn Sie diese wären«
Ich konnte nicht antworten
»Wenn Sie diese wären« fuhr er feuriger aber immer sehr ernstaft fort
»Antworten Sie mir«
»Und wenn «
»Ich will Sie nicht übereilen ich will Sie nicht überreden fragen Sie Ihr
Herz und antworten Sie mir nach einigen Tagen Ich bin der bisherigen Art zu
leben überdrüssig Ich habe Sie erzogen ich kenne Sie Sie haben mir schon
viele Freuden gewährt meine Vorsorge hat die schönsten Früchte hervorgebracht
ich gefalle mir in Ihnen wie in einem verschönernden Spiegel«
So weit schreibe ich Ihnen ungescheut alle diese Lobeserhebungen weil mehr
als die Hälfte auf ihn selber zurückfiel aber die übrigen verschweig ich weil
sie mich nur allein trafen Er verließ mich endlich
Soll ich Ihnen gestehen Rosa dass ich in einer Art von sonderbaren Stimmung
war als er mich verlassen hatte Er war so ernstaft gewesen wie ich ihn noch
nie gesehen hatte er hatte mit Rührung gesprochen Sein itziges ganzes Leben
ist ihm flach und uninteressant erschienen ein Herbstwind hat die Blätter von
den Bäumen geschüttelt die Gegend ist dürr und öde geworden und er übersieht
mit einem Durchblicke die lichten Stellen des Gartens wo einst die versteckten
Partieen den höchsten Reiz ausmachten Er will ein genussreicheres Dasein
suchen er appelliert an mein Herz und will sich von mir eine neue
freudenreichere Existenz erkaufen und soll ich ihn hintergehn
Ich war wirklich weichherzig geworden meine Schwäche hatte mich so sehr
überrascht dass ich mir vornahm Rosa ich schäme mich es niederzuschreiben
zu jenen kindischen Gefühlen und Ideen meiner frühesten Jahre meine Zuflucht zu
nehmen mir selbst alle meine Erfahrungen und reiferen Gedanken abzuleugnen und
sie Lügner zu schelten Kurz ich war auf dem Wege eine vortreffliche Matrone
aus der Provinz zu werden die ihren Töchtern einen gründlichen Unterricht im
Katechismus gibt oder über eine Stelle in der Bibel ihre frommen Tränen
vergisst oh die Schwachheit ist der weiblichen Natur so eigen dass wir ohne
diese vielleicht aufhören würden Weiber zu sein der eine Liebhaber rührt uns
durch seine Schönheit der andre durch Geschenke der dritte durch Zärtlichkeit
ein vierter durch Aufwand von moralischen Maximen und beweglichen Bitten und
sollt er selbst unser Onkel sein
Ich kam wieder aus meiner Zerstreuung zurück meine Eitelkeit mein Stolz
erwachte ich schämte mich vor mir selber So leicht sagt ich zu mir bin ich
also zu bewegen dem angenehmsten Liebhaber den unangenehmern vorzuziehn Wie
wenig Wert muss mein Verstand haben da es so wenig kostet mich dahin zu
bringen die Gedanken eines glänzenden Lebens so leicht aufzuopfern Es fiel
mir ein wie es vielleicht mehr Eitelkeit als Liebe sei die den Grafen zu
diesem Schritte treibe
Der letzte Gedanke tat meiner eigenen Eitelkeit wehe es schien mir am Ende
doch dass er mich wirklich liebe Ich würde vielleicht noch einmal den Kampf mit
mir selber angefangen haben als sich Mortimer und Lovell melden ließ da ich
also jetzt keine Zeit hatte schob ich mein Nachdenken und alle Empfindungen
darüber bis zu einer bequemern Zeit auf
Lovell war sehr ernstaft und zurückhaltend ich weiß nicht welche Gedanken
ihn mit ganz neuer Kraft überrascht haben mussten er war still und selbst kalt
Wir waren auf einige Augenblicke allein und diese benutzte ich so dass ich ihn
aus allen seinen Verschanzungen trieb Er wurde verwirrt wollte sprechen und
konnte nicht bald nachher verließ er mich sehr unruhig
Schon gestern am Morgen ließ er sich anmelden gleich beim Eintritte bemerkt
ich dass er heut einen großen Koup machen wollte und ich hatte mich nicht
geirrt Er war in einer beständigen Verlegenheit er hatte mir immer etwas zu
sagen und wagte es doch nicht er ward rot und blass
Endlich als er mich verließ fasste er den großen Entschluss er küsste mir
außerordentlich feurig die Hand gab mir ein Papier und eilte aus dem Zimmer
Dieses Blatt will ich Ihnen beilegen
Zwei solche aufeinanderfolgende Triumphe müssen meiner Eitelkeit
schmeicheln nicht wahr
Ich sehe dass mein Brief sehr lang geworden ist das Schreiben fängt an mich
zu ennuyieren leben Sie wohl
19
William Lovell an die Komtesse Blainville Einlage
Paris
Nicht länger will ich kann ich schweigen Überraschen Sie diese Worte so bin
ich verloren aber nein auch ohne Worte müssen Sie längst gefühlt haben was
Sie mir sind und warum soll ich nicht gestehen was ich nicht Kraft zu
verschweigen habe erfahren Sie es also durch einen irdischen Laut dass ich Sie
liebe und unaussprechlich liebe Zürnen Sie mir so habe ich Sie zum letzten
Male gesehen
20
Andrea Kosimo an Rosa
Rom
Wie kommt es dass Du uns gar keine Nachrichten von Dir und Deinem Auftrage
gibst Hast Du mich und Deine übrigen Freunde vergessen Lege unsern
Entwürfen nicht selbst durch Verzögerung Hindernisse in den Weg und vergiss nie
dass bei uns vom Argwohne zur Verfolgung und Strafe nur ein Schritt ist
21
Willy an seinen Bruder Thomas
Paris
Ich glaube Dir darin lieber Bruder was Du mir von wegen meiner Briefe sagst
ich weiß es auch dass sie bei weitem nicht die schönsten sind die einem der
Briefträger bringen kann aber das kannst Du mir doch auf mein Wort glauben dass
sie aus dem allerbesten Herzen kommen Und dann weiß ich ja auch dass Du Deinen
guten redlichen Verstand hast der immer gleich weiß was man sagen will sonst
würd ich wahrhaftig mit meinem Briefschreiben übel ankommen aber einem
Gelehrten ist gut predigen Was ich Dir in dem nächsten Briefe geschrieben
hatte ist hier immer noch wahr und ich kann Dir keine andern besonderen
Neuigkeiten schreiben außer dass wir nun bald von Paris abreisen werden Der
Italiener von dem ich Dir neulich ein paar Worte schrieb reist mit uns und
das ist mir gar nicht ganz lieb der Mann ist mir sehr fatal aber ich weiß
selber nicht warum Du wirst es auch wohl wissen Thomas dass einem manchmal
Menschen zuwider sind aber man kann es nicht herauskriegen wie es in aller
Welt zugeht so geht es mir mit dem Herrn Rosa der aus Italien gebürtig ist
Wir haben noch eine neue Gesellschaft an dem Herrn Balder der aus der Gegend
von Deutschland ist den mag ich viel lieber leiden wenn er auch oft etwas
verdrießlich aussieht so ist ihm doch immer recht freundschaftlich zumute er
ist ein sehr guter Freund von meinem Herrn William der Dich auch bei der
Gelegenheit herzlich wieder grüßen lässt Wir bedauern beide die gute Tante die
in Waterhall gestorben ist aus allen Kräften aber es kann ihr doch nichts mehr
helfen allein es ist unsre Schuldigkeit und Deine auch Thomas und ich traue
Dir auch so viel christliche Nächstenliebe zu dass Du im stillen dies Bedauern
für Dich treibst wenn Du mir auch in Deinem Briefe nichts davon geschrieben
hast
Was mich wundern soll ist wie das Italien aussehen wird die Landkarte
davon kommt mir närrisch genug vor an einigen Orten ist es so enge dass sich
schwerlich zwei Wagen ausweichen können ich will Dir doch manches darüber
schreiben so weißt Du es doch von einem Manne der alles mit Augen gesehen hat
und noch dazu von einem Bruder der Dir also nichts vorlügen wird Viel Künste
sollen sie in Italien können aber ich glaube doch dass nichts über das
englische Wettrennen geht wenigstens hab ich bis jetzt gar nichts Schöneres
gefunden
Mir ist hier in Paris die Zeit oft herzlich lang geworden die Leute die
Pariser und die Franzosen überhaupt wollen mir nicht ganz gefallen sie
könnten besser sein In England sehen die Leute viel gesunder und stärker aus
wir haben auch Krüppel die sich gewiss gegen jeden französischen dürfen sehen
lassen aber sie sind nicht so ausgehungert und demütig
Antworte mir wenn Du Zeit hast wenigstens bleibe mein treuer Bruder
Willy
22
Die Komtesse Blainville an Rosa
Paris
Sie zweifelten neulich an meinem Siege ich schreibe Ihnen nachdem er errungen
ist
Ich hatte Lovell gestern abends zu einem Têteàtête zu mir bestellt Er
stellte sich pünktlich ein der Graf ist auf mehrere Tage verreist mein
Kammermädchen hatte ihre gemessene Ordre Sein Gesicht hatte sehr etwas
anziehend Schwermütiges worunter eine sanfte Freude hervorleuchtete er hatte
mir so viel zu sagen aber wir sprachen nur wenig Küsse Umarmungen zärtliche
Seufzer ersetzten die Sprache Ich musste ihm mehrere Sachen auf dem Fortepiano
spielen der Mond goss durch die roten Vorhänge ein romantisches Licht um uns
her die Töne zerschmolzen im Zimmer in leisen Akzenten Sie kennen ja das
Gefühl wenn die hochgespannte Empfindung uns in äterische und Überirdische
Entzückungen versetzt die doch so nahe mit der Sinnlichkeit verwandt sind der
erhabenste Mensch glaubt sich zu veredeln indem er sinkt und kniet
wonnetrunken vor dem Altare der irdischen Venus nieder Durch alle jene
geheimen Nuancen der Wollust ging Lovell endlich schwur er in meinen Armen
seine Kälte und Unempfindlichkeit ab ich freue mich ihn bekehrt zu haben
Leben Sie wohl ich bin müde und schläfrig
Louise Blainville
Nachschrift Apropos Was macht die kleine Blondine von der Sie mir neulich
erzählten Sind Sie noch gesonnen sie als Jockei mit auf die Reise zu nehmen
23
William Lovell an Balder
Paris
Balder ich schreibe Dir noch einmal ich darf Dir schreiben denn Du selber
wirst meinen Gefühlen recht geben O Freund ich bin aus einer düstern Grabnacht
entstanden ein flammendes Morgenrot zieht am Himmel herauf und spiegelt mir
feurig ins Angesicht Louise ist mein ewig mein sie hat sich mir mit dem
heißesten Kusse der Liebe versichert Ich trotze Deiner Verachtung der
Verachtung einer Welt unauflöslich mit glänzenden Fesseln an die Liebe
gekettet wagt sich kein kleinliches Gefühl der Sterblichkeit in den Umkreis
meines Paradieses mit einem flammenden Schwerte steht mein Schutzgeist an der
Grenze und geisselt jede unheilige Empfindung hinweg der siegjauchzende Gesang
der Liebe übertönt im hohen Rauschen des Triumphs jeden Klang des irdischen
Getümmels
Ich fürchte dass ich Dir Wahnsinn spreche aber ich muss mein Gefühl
mitteilen sei bloßer Freund wenn Du mir zuhörst nachher magst Du mich
tadeln aber ich bedaure den der mich tadelt ohne mich zu beneiden ich
bedaure die Toren die ewig von der Verächtlichkeit der Sinnlichkeit schwatzen
in einer kläglichen Blindheit opfern sie einer ohnmächtigen Gottheit deren
Gaben kein Herz befriedigen sie klettern mühsam über dürre Felsen um Blumen zu
suchen und gehen betört der blühenden Wiese vorüber Nein ich habe zum Dienste
jener höheren Gottheit geschworen vor der sich ehrerbietig die ganze lebende
Natur neigt die in sich jede abgesonderte Empfindung des Herzens vereinigt die
alles ist Wollust Liebe für die die Sprache keine Worte die Zunge keine Töne
findet Erst in Louisens Armen hab ich die Liebe kennen lernen die
Erinnerung an Amalien erscheint mir wie in einer nächtlichen neblichten Ferne
ich habe sie nie geliebt
Ich hatt ihr Liebe zugeschworen
Ich Tor mit Liebe unbekannt
Zu keiner Seligkeit erkoren
In irdscher Nichtigkeit verloren
Am schwarzgebrannten Felsenstrand
In schwerer Dumpfheit tief versunken
Lag um mich her die leere Nacht
Da grüßte mich ein goldner Funken
Ha rief ich töricht wonnetrunken
Dort flammt mir Phöbus Götterpracht
Doch alle Ketten sind gesprungen
Aus Osten sprüht ein Feuerglanz
Der große Kampf ist ausgerungen
Mir ist der schönste Sieg gelungen
Herakles trägt den Götterkranz
Ha mögen nun mit Feuerschwingen
Sich Blitze dicht an Blitze reihn
Mag Donner hinter Donner springen
Ich will mit Tod und Schicksal ringen
Bleibt sie bleibt sie nur ewig mein
Am folgenden Morgen
Ich erwache und erschrecke Balder indem ich dies noch einmal überlese Wie
ein Schwindel befällt mich die Erinnerung an gestern Amaliens Andenken kommt
in der ganzen Heiligkeit der Unschuld auf mich zu mit herzdurchschneidender
Wehmut o Balder ich möchte vor mir selber entfliehen Was ist die Stärke
des Menschen Ich bin ein Elender tröste mich wenn Du kannst
O ich muss fort fort von Paris ich muss Mir ist als wollten die Häuser
über mich zusammenstürzen der Himmel hängt tief und trübe auf mich herab Wir
wollen aufbrechen und nicht mehr säumen O Balder Du hast recht ich bin ein
Nichtswürdiger mein Herz ist zu klein für jene Götterempfindungen verachte
verlass mich nicht und zerreiss dies Papier nicht bewahr es und wenn Du mich
im Begriffe siehst Amalien und meine Schwüre zu vergessen dann reiche mir es
heimlich und schweigend und mir wird sein als wenn ein Donnerkeil vor mir
niederfiele
24
Amalie Wilmont an William Lovell
London
Warum hab ich seit so langer Zeit keinen Brief von Ihnen erhalten Ich bin darin
wie ein Kind dass mir immer gleich tausend Übel beifallen die Ihnen zugestoßen
sein könnten reißen Sie mich bald aus meiner Unruhe Ich bin oft einsam und
beschäftige mich in meinen Träumereien mit Ihrem Andenken oft durchbohrt der
Gedanke mein Herz er hat dich vielleicht schon vergessen und dann wein ich
und werfe mir dann wieder das Unrecht vor das ich Ihnen tue und bitte Ihrem
kleinen Gemälde das Sie mir hiergelassen haben meine Übereilung ab O
schreiben Sie mir selbst wenn Sie krank sein sollten seitdem ich keinen Brief
von Ihnen erhalten habe seh ich nichts als Räuber und Banditen die Sie
überfallen und ermorden ich sehe Sie ohnmächtig gegen die Wellen kämpfen oder
höre Sie in einem brennenden Hause vergebens nach Rettung rufen o schreiben
Sie mir ja sogleich mir treten oft kalte Tränen des Entsetzens in die Augen
Ihr Vater ist jetzt wieder besser aber er ist mit dem Baron Burton in einen
Prozess verwickelt der ihm viel Zeit kostet und Verdruss verursacht Es scheint
es gibt mehr schlimme Menschen in der Welt als ich glauben konnte Doch Sie
sind ja mein Freund mein Wunsch nur zu Ihnen will ich alle meine zagenden
Gedanken senden Nur bald wieder einige Worte von Ihnen und ich bin froh und
glücklich
25
William Lovell an Amalie Wilmont
Paris
Wie wohl und wehe Ihre zärtlichen Besorgnisse meinem Herzen tun ich sollte
Sie vergessen Nimmermehr Nein halten Sie mein Herz nicht für so armselig
dass es je die Gefühle verlieren könnte die es Ihnen zu danken hat nein im
Innersten meiner Seele liegen sie aufbewahrt als ein Unterpfand meines Wertes
O Amalie ich hoffe mit Sehnsucht auf die Zeit meiner Rückkehr mit Sehnsucht
auf den Augenblick in dem ich Sie wiedersehe dies Glück nach einer so langen
Trennung wird mich berauschen der lange leere Zwischenraum wird mich dann diese
Freude desto lebhafter empfinden lassen Ich denke oft mit Traurigkeit an
meinen grausam zärtlichen Vater oh die Liebe mag mir diesen Frevel verzeihen
Ihretwegen wünsch ich oft dass er mich weniger liebte dann hätt ich ein
größeres Recht ein ungehorsamer Sohn zu sein Aber jetzt Doch wer weiß
welche Freuden mir noch die karge Zukunft aufbewahrt um mich durch ihre
allmäligen Wohltaten glücklich zu machen Die Hoffnung soll meine Freundin sein
eben die Liebe meines Vaters ist mein Trost er gönnt mir jede Freude des
Lebens er wird mir die nicht missgönnen die die Grundlage meiner Existenz ist
an die sich jedes andre Glück nur reihen kann sehen Sie wie ich mir aus meinem
Leiden selbst eine Freude heraussuche denn bei der Gewissheit meines Glücks
ohne diese Hoffnung würde mich die Trennung noch länger dünken Sein Sie
heiter auch ich will es sein verzeihen Sie dem Freunde eine Nachlässigkeit
durch die er Ihren Zorn verdient hat Ich wollte stets meine schönsten Stunden
wählen Ihnen zu schreiben bald aber machte mir diese bald eine andre Ursache
böse Laune und so ward alles Schreiben aufgeschoben O teuerste teuerste
Amalie es gereuen mich die Worte die ich niedergeschrieben habe tote Zeichen
können nie die Empfindungen meines Herzens ausdrücken alles ist kalt und ohne
Sinn lassen Sie die Liebe diesen Brief lesen lesen Sie ihn mit der Sehnsucht
mit der trüben fröhlichen Melancholie mit der ich ihn schrieb dann werden Sie
fühlen wie Ihr Herz klopft wie eine unerklärbare Bangigkeit Ihren Busen
zusammenpresst wie die Pulse rascher schlagen wie der Geist die Hülle des
Körpers zu durchbrechen strebt um in die Umarmung des verwandten Genius zu
fliegen o dann werden Sie empfinden wie ich dann zerreißen Sie das Papier
und unsre Geister besprechen sich unmittelbar in einer hohen entzückenden
Begeisterung
26
William Lovell an Eduard Burton
Lyon
Wir haben endlich Paris verlassen und mir ist besser Die Reise hieher hat mich
wieder heiter gemacht die schöne Natur hat die finsteren Phantasien
verscheucht die mich marterten ich denke wieder freudig an Dich und an
Amalien ich habe mit meiner Seele einen Frieden geschlossen Ach Eduard es
ist eine traurige Bemerkung für mich dass die gepriesene Stärke des Menschen so
wenig Konsistenz hat ohne Versuchung traut man sich die Kräfte eines Herkules
zu aber wie bald erliegt der Held im Kampfe In Louisens Armen vergaß ich
Dich und Amalien errötend schreibt es der Freund dem Freunde nieder ja ich
schämte mich des Andenkens an euch weil es mich peinigte ich suchte ihm zu
entfliehen aber vergebens Doch kamen meine schöneren Gefühle bald zu mir
zurück ich söhnte mich bald mit meinen teuersten Schätzen aus der Rausch der
Sinne sank jetzt zu jener Verächtlichkeit hinab in welche er meine reinern
Empfindungen des Herzens warf Und so Eduard reich ich Dir nun wie zu einem
neuen Bunde die Hand vergib mir vergiss meine Schwäche jetzt soll mich der
äußere Schein und eine elende Heuchelei nicht wieder so leicht hintergehn in
Louise Blainville hab ich mich geirrt aber mir wird kein zweiter Irrtum
begegnen es lebt nur eine Amalie es gibt nur ein Glück für mich Ich muss der
Außenseite der Menschen weniger trauen ihr Betrug wird ihnen sonst zu leicht
gemacht ich will Vorsicht lernen ohne sie wieder zu erkaufen
Balder und Rosa von denen ich Dir geschrieben habe begleiten mich nach
Italien Rosa ist mir jetzt schon viel lieber als vorher man muss manche Menschen
nur erst so genau kennenlernen dass das Fremde bei ihnen verschwindet und man
findet sie ganz anders als anfangs eben diese Erfahrung hab ich auch bei
Mortimer gemacht dessen Laune mich jetzt sehr oft unterhält Ja Eduard ich
verspreche Dir klüger zu werden mich nicht so oft von dunkeln Gefühlen
überraschen zu lassen sondern mehr zu denken und mit freiem Willen zu handeln
Balder ist ein sehr liebenswürdiger Jüngling nur macht ihn seine Melancholie
sehr unglücklich Lebe wohl Du erhältst nächstens noch einen Brief von mir
ehe ich von Dir eine Antwort haben kann
27
Walter Lovell an seinen Sohn
London
Der Onkel Deines Freundes Mortimer liegt auf dem Sterbebette und wünscht nichts
sehnlicher als seinen Neffen vor seinem Tode zu sehen Du wirst Dich also
wahrscheinlich von ihm trennen müssen und Deine Reise ohne ihn fortsetzen Ich
weiß dass Du keinen Aufseher brauchst und da Dich zwei andere Freunde nach
Italien begleiten werden so wirst Du ihn weniger vermissen Ich wünsche nicht
dass er sich durch Gewissenhaftigkeit oder eine Idee von Verbindlichkeit gegen
Dich zurückhalten ließe denn ihn scheint hier in London ein Prozess zu erwarten
der ihm vielleicht wenn er nicht selbst gegenwärtig wäre in Ansehung der
Erbschaft manche Schwierigkeit machen könnte darum sage ihm nur dass er sich
selbst keine eingebildeten Hindernisse in den Weg legen soll abzureisen
Meine Gesundheit scheint jetzt fester zu stehen als jemals aber mein Prozess
mit Burton macht mir viele Unruhe Er leugnet dass die Summe für die beiden
Güter Orfield und Bosring jemals bezahlt sei er produziert Schriften seines
Großvaters die es zu beweisen scheinen mein unglückliches Gedächtnis die
Reise hieher und meine neuen Einrichtungen machen dass ich jene Dokumente nicht
finden kann die ihn des Gegenteils überführen würden sein Advokat ist der
verschlagenste in London Ich hoffe aber dass ich dennoch die Sache gut
durchführen werde denn viele Umstände vereinigen sich gegen Burton
Um alle Bedenklichkeiten Mortimers zu heben hab ich einen Brief an ihn
beigelegt
28
Mortimer an Karl Wilmont
Lyon
Mein Onkel will durchaus sterben und ich soll durchaus nach England
zurückkommen Der arme alte Mann hat mich in einem Briefe sehr gerührt er
wünscht mich noch zu sehen er kann durchaus nicht eher ruhig sein Itzt reut
mich der Leichtsinn sehr mit welchem ich ihn oft behandelt habe er ließ mich
aber auch nie von seiner Liebe gegen mich etwas merken wenigstens nicht mehr
als man von jedem nur mittelmässigem Onkel mit Recht verlangen kann Ich grüße
also bald wieder meinen vaterländischen Boden und dann Karl will ich ganz das
wilde unstete Leben aufgeben das ich bis jetzt geführt habe Ich habe mir schon
einen sehr schönen Plan ersonnen ich will mich in einer reizenden Gegend
anbauen dort mir selber und meiner Phantasie leben Du bleibst dann bei mir
solange es Dir in meiner Gesellschaft gefällt wir lesen schwatzen reiten
jagen miteinander Die Einsamkeit hat sehr viel Reizendes wenn man vorher die
Welt gesehen und genossen hat man zieht sich dann einen engen Kreis um die
Existenz den man immer ganz mit einem Blicke übersehn kann man lernt alles
umher in seinen genauesten Verhältnissen kennen Um mich in dieser Lebensart
einzurichten muss ich aber erst vorher ein Mädchen finden das diesen Genuss mit
mir teilen will Ob ich sie finden werde ist die große Frage denn bis jetzt hab
ich noch keine kennen lernen bei der mir nicht jeder Gedanke an Verheiratung
einen Schrecken verursacht hätte
Suche es doch so zu veranstalten dass ich Dich in London treffe auch Deine
Eltern würden sich sehr freuen Dich wiederzusehn Wenn Dich also nicht Burtons
Schwester zurückhält so eile nach London bist Du aber verliebt so will ich
Dich nicht einladen denn das hieße einen Kirchenraub begehn
William Lovell lasse ich nun in der Gesellschaft Rosas und Balders
weiterreisen Er ist weit munterer und menschlicher als ehedem er fängt etwas
mehr an aus den unnatürlichen Regionen der Phantasie herauszutreten und sich zu
den Menschen herabzulassen ich hoffe ihn einst als einen recht gescheiten Mann
in England wiederzusehn und Rosa ist gerade der Gesellschafter der ihn dazu
machen kann
Der alte Willy ist über meine Abreise am meisten betrübt er ist überhaupt
auf der Reise melancholisch geworden und hat mir aus einem Traume beweisen
wollen dass für mich und Lovell ein Unglück daraus entstehn würde dass ich ihn
jetzt verlasse
Lebe wohl entweder ich sehe Dich in London oder Du erhältst von dort einen
Brief von mir
29
William Lovell an Eduard Burton
Chambery
Ich gehe jetzt schon den Örtern entgegen wo mich so hohe Entzückungen erwarten
Mortimer hat mich in Lyon verlassen und ist nach England zurückgegangen sein
Onkel ruft ihn dahin Rosa und Balder sind meine Gefährten So ungleich sich
auch ihre Charaktere sind so liebe ich sie doch jetzt beide fast gleich stark
ich fange an mich mit Empfindungen und ihren Äußerungen zu versöhnen die ich
sonst hasste ich schätze am Menschen die Talente ohne seine Fehler zu übersehn
es überrascht mich nur selten mein ehemaliges Vorurteil dass ein einziger Fehler
mir einen Menschen durchaus verhasst macht
Die Reise bis hieher hat mir außerordentlich viel Vergnügen gemacht so
viele frohe Gesichter so viele Feste in den Dörfern ich habe mit Innigkeit an
die Jahre meiner Kindheit bei manchen ländlichen Spielen der Dorfjugend
zurückgedacht Allentalben die schönste Natur die keine trübe oder
menschenfeindliche Empfindung duldet schönes Klima Sonnenschein alles hatte
mich in eine wollüstige Trunkenheit versetzt in der ich mich oft ganz vergaß
und wie ein Kind der Natur bloß die frohe Empfindung eines erquickenden
Wie oft hab ich Dich an meine Seite gewünscht Allein zu genießen und einsam
zu trauern ist gleich lästig Balder ist zu melancholisch zu stumpf für den
Eindruck der Freude Rosas Empfindung zu flüchtig und keiner eigentlichen
Begeisterung fähig o Eduard Du fehlst mir sehr oft diese brüderliche Seele
hat mich noch nirgends wieder begrüßt ich werde sie vergebens suchen Könnt
ich doch Dich und Amalien an mein schlagendes Herz drücken in einer
unaufhörlichen Erinnerung an eure Liebe habe ich mein Verbrechen gegen Amalien
abgebüsst ich bin jetzt wieder ihrer würdig
Dein nächster Brief wird mich in Genua treffen Lebe wohl
Drittes Buch
1
Mortimer an Karl Wilmont
London
Ich habe Dich nicht in London getroffen ich schließe daraus dass Du noch in
Bondly bist
Ich bin so schnell hiehergereist als es nur möglich war aber dennoch
vergebens er war schon tot schon begraben als ich in das Haus trat Ich habe
nur sein Grab besuchen können Bis jetzt hat mich noch kein Vorfall in meinem
Leben so tief geschmerzt als dass ich dem guten Manne nicht seine letzte Freude
seine letzte Hoffnung habe erfüllen können er hat vielleicht in seinem Bette so
oft nach mir geseufzt so oft nach der Türe gesehen in die ich hereintreten
sollte und immer ist sein Erwarten umsonst gewesen Karl wir fühlen es nie
so lebhaft wie viel uns ein Mensch ist als von dem Augenblicke seines Todes
an Wenn wir auch ein Wesen nicht ganz mit unsrer innigsten Liebe umfangen so
erregt doch der Gedanke er war und ist nicht mehr einen bangen Schauder in
unsrer Seele eine seltsame trübe Empfindung die unser Herz zusammenzieht
Doch genug davon so viel ich Dir auch noch über dieses Thema sagen könnte
nur hat mir dieser Tod auf einige Wochen alle Freuden verbittert Ich hätte
gegen diesen Oheim von Jugend auf dankbarer sein können erst jetzt fallen mir
die mannigfaltigen Beweise seiner Liebe gegen mich ein ich nahm seine mürrische
Laune stets von einer zu ernstaften Seite mit einer kindischen Empfindlichkeit
sucht ich oft mühsam manchen seiner Äußerungen die schlimmste Bedeutung zu
geben Ach Karl der Mensch ist ein schwaches Geschöpf wie manche Streiche
spielt ihm seine Eitelkeit und seine Selbstliebe trotz allen philosophischen
Vorsätzen
Meine und seine Verwandten scheinen durch meine Ankunft in eine Art von
Schrecken versetzt wir stehen auf einem fast freundschaftlichen Fuße
miteinander und da er ihnen gewiss Legate ausgesetzt hat so hoff ich dass sich
bei der Eröffnung des Testaments alles ohne Prozess entwickeln werde
Wenn meine Bitten etwas über Dich vermögen so komm nach London und leiste
mir wenigstens einige Wochen hindurch Gesellschaft Ich bin so trübsinnig dass
Du mich kaum wiedererkennen wirst meine gute Laune kann nur durch einen Freund
wieder geweckt werden der mich so genau kennt wie Du Verlass einmal Bondly und
erbarme Dich einer armen verlassenen Seele die Deiner so sehr bedarf ich
möchte oft zu Lovell zurückreisen um mich in Italien zu zerstreuen aber ich
bin auch des Herumwanderns so müde dass es mir ordentlich wohltut die Türme und
Häuser meiner Geburtsstadt einmal wieder so dicht vor mir zu haben
Der alte Lovell den ich jetzt mehrmals besucht habe gehört zu den
schätzbarsten Leuten die ich je habe kennen lernen Ohne die Prätension die
bei vielen Gelehrten von Profession ebenso lästig als lächerlich ist verbindet
er eine große Menge von Kenntnissen mit ebenso vielen Erfahrungen und einem sehr
ausgebildeten Verstande Er empfindet ebenso fein als tief und steht von den
kalten Menschen ebenso weit als von denen mit glühenden Gefühlen entfernt aber
vorzüglich wert ist er mir durch diese innige Menschenliebe geworden mit der er
jedem Unglücklichen entgegenkommt durch diese Bereitwilligkeit mit der sein
Mitleid so schnell als seine Hilfe dem Elenden zugesichert wird Für sich selbst
empfindet er weniger als für andre denn er verbirgt gänzlich den Gram den ihm
der Prozess mit Burton notwendig machen muss besonders da die Umstände für ihn
nichts weniger als günstig sein sollen Ich nehme seit ich ihn mehr kenne den
wärmsten Anteil an allem was ihn betrifft so wie ich sind alle seine Bekannte
seine Freunde
Auch Deine Schwester habe ich mehrmals gesehen sie grämt sich über Lovells
Abwesenheit der sie wahrscheinlich öfter vergisst als sie ihn wie es denn
überhaupt wohl gewiss ist dass das Herz eines zarten weiblichen Geschöpfs fester
und inniger an dem Gegenstande seiner Liebe hängt ihm mit weit schöneren und
bleibendern Gefühlen entgegenkömmt als ihr der Mann jemals zurückgeben kann Es
ist mir hundertmal ihr gegenüber eingefallen dass ich glücklich sein würde
wenn sie diese Anhänglichkeit und Liebe zu mir herübertragen könnte ich habe
oft lange und aufmerksam die zarte und geistreiche Bildung ihres Gesichtes
studiert Die Physiognomie Deiner Schwester gehört zu den interessantesten zu
denen die im flüchtigen Vorüberstreifen das Auge nicht fesseln die aber im
stillen den Blick auf sich locken unvermerkt das Herz in Bewegung setzen und
ein bleibendes Bild in der Phantasie zurücklassen Ich habe hundertmal geträumt
doch lebe wohl wer wird alle seine Träume erzählen Ich bin jedesmal
aufgewacht und wenn ich auch niemals Dein Schwager sein werde so sei doch
überzeugt dass ich unaufhörlich bleibe
Dein Freund Mortimer
2
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly
Ja Freund bald vielleicht in wenigen Tagen seh ich Dich wieder es ist
endlich Zeit dass ich Bondly verlasse Oder ich hätte es vielmehr früher
verlassen sollen denn um meine ganze Ruhe wieder mitzubringen ist es jetzt zu
spät Wie viele Lächerrlichkeiten und Widersprüche im menschlichen Leben Seit
Monaten trag ich mich nun mit einer Wunde deren Verschlimmerung ich recht gut
wahrnahm die ich aber nicht zu heilen suchte außer jetzt wo sie vielleicht
unheilbar ist Manche Moralisten mögen dagegen sagen was sie wollen ich
wenigstens finde gerade darin einen Trost dass ich an meinem Schaden selber
schuld bin ich weiß wie er nach und nach durch meine eigne Nachlässigkeit
entstanden ist und indem ich der Geschichte dieser Entstehung nachgehe und für
jede Wirkung eine hinreichende Ursache entdecke falle ich unvermerkt in eine
Art von Philosophie und gebe mich so über das Unabänderliche zufrieden Ein
Unglück würde mich im Gegenteil toll machen können das so mit einem Male wie
aus den Wolken auf mich herabfiele wo unser Verstand sich lahm räsonniert die
Ursache davon aufzufinden ein Rippenstoss den mir eine unsichtbare Hand
beibringt nein diese Ergebung in das Schicksal Vorsehung Zufall oder
Notwendigkeit wie man es nennen mag ist mir völlig undenkbar Ich fühle gar
keine Anlage in mir zu dieser Art von christlicher Geduld Der Himmel gebe daher
nur dass ich so wie bis jetzt geschehen ist an allem was ich leide selber
schuld sein möge weil ich sonst wahrscheinlich ein großes Lärmen und Geschrei
anfangen würde um mich wenigstens selbst zu betäuben
Ich weiß nicht ob ich es ein Glück oder Unglück nennen soll dass Emilie
gegen meine Liebe nicht gleichgültig ist Mich wundert dass noch kein Franzose
diese Idee zum Sujet einer Tragödie gewählt hat denn sie ist wirklich so
tragisch als nur irgendeine im französischen Trauerspiele sein kann Es ist
eine Tantalusqual die zu den ausgesuchtesten und raffiniertesten gehört etwas
recht lebhaft zu wünschen und doch die Erfüllung seines Wunsches nicht gern
sehen zu dürfen Denn wenn Emilie mich liebt muss sie sich notwendig unglücklich
fühlen ich reise nun bald fort ihr Vater projektiert wahrscheinlich eine
reiche Heirat ach was weiß ich alles wie viele hundert Umstände sich
miteinander verschwören können um einem guten frohen Menschen die Freuden
seines Lebens zu verbittern
Wenn man etwas mit sich selber vertraut ist so muss man sehr oft über sich
lächeln Man nimmt sich manchmal sehr ernstaft zusammen mit aller Gravität
setzt sich der Verstand in seinen Grossvaterstuhl und versammelt alle
Leidenschaften und Launen um sich her und hält ihnen eine gesetzte und
ernsthafte Rede ungefähr folgendermaßen »Hört meine Kinder ihr werdet es
wahrscheinlich alle wissen wie das Wesen welches Mensch heißt von uns in
Gesellschaft bewohnt und abwechselnd regiert wird ihr werdet es ebenfalls
wissen oder wenn es nicht der Fall sein sollte so bitt ich euch inständig
diesen Umstand wohl in Überlegung zu ziehen wie mir als dem Gescheitesten
unter euch allen die Oberherrschaft unter euch anvertraut worden ist Einige
unter euch aber sind widerspenstig und ungehorsam du zum Beispiele« er wendet
sich hier an einen von ihnen an die Liebe oder den Zorn oder die Eifersucht
usw »drohst mir beständig über den Kopf zu wachsen Aber lieben Freunde alles
dies erzeugt nichts als innerliche Zerrüttung und Verderben bedenkt dass ihr
den sogenannten Menschen dadurch ins Unglück stürzt der euch am Ende selbst
deswegen verwünschen wird wie man denn davon mehrere Beispiele hat Um das
innere Glück und die Ruhe zu erhalten müsst ihr also notwendig meine
Oberherrschaft anerkennen und euch willig unter meinem Szepter schmiegen denn
sonst scheine ich hier ganz entbehrlich zu sein Wir wollen darum von nun an ein
neues Regiment anfangen und ich lebe der Zuversicht dass ihr in Zukunft artiger
und bescheidener sein werdet Nicht wahr« Dann neigen sich alle und sagen
ein demütiges »Ja« obgleich einige heimlich unter der Hand lachen oder nur
etwas in den Bart brummen was ebensogut »Nein« als »Ja« heißen kann Sie
treten in aller Demut ab und der Verstand fängt an in seinem Grossvaterstuhle zu
überlegen was er doch eigentlich für ein herrlicher Mann sei der alles so
hübsch unter dem Pantoffel halte er macht Entwürfe wie er künftig immer mehr
seine Herrschaft ausbreiten wolle dass auch am Ende nicht die kleinste Neigung
der leiseste Wunsch ohne seine Einwilligung aus ihren Schlupfwinkeln
hervortreten sollten Seine großen Plane wiegen ihn nach und nach in einen süßen
Mittagsschlummer bis ihn ein taubes Gelärme Getobe Gekreische gar unsanft
wieder erwecken »Was ist denn schon wieder vorgefallen« fährt er auf »Ach
da hat die verdammte Liebe wieder tausend Streiche gemacht da hat sich die
Eifersucht den Kopf blutig gestoßen und in drei andre Köpfe gar Löcher
geschlagen da ist der Zorn mit einem durchgegangen ach es lässt sich nicht
erzählen wie viele Unglücksfälle sich indes ereignet haben« Der Verstand
schlägt die Hände über den Kopf zusammen und muss nun mühsam wieder alles ins
Geleise bringen oft aber legt er wie ein Regent der kein Mittel sich zu
helfen sieht plötzlich die Regierung nieder entwischt aus seinem eigenen
Lande und dann ist alles verloren in einer ewigen Anarchie zerrüttet sich der
Staat selbst Der letzte Fall wird hoffentlich nie bei mir eintreten aber der
erste wahrscheinlich noch oft
So hatt ich mir gestern fest vorgenommen gegen Emilien kälter und
zurückgezogener zu sein ich hatte mir alle Gründe dazu so dicht vor die Augen
gestellt dass es mir nicht anders möglich war sie nicht zu sehen als gradezu
die Augen zuzudrücken Ich hatte mir ein ordentliches Schema gemacht wonach ich
handeln wollte und mir bestimmt alle Linien vorgezeichnet um in keinem
Umstande zu fehlen Aber mir geht es oft wie einem ungeschickten
Billardspieler der der Kugel seines Gegners eine ganz andre Richtung gibt als
er wollte oder sich gar selber verläuft Denn kaum hatte ich meinem festen
unwandelbaren Vorsatze noch die letzte Kraft gegeben als mir Emilie im Garten
als geschähe es mir zum Possen begegnete Nun hast du ja die schönste
Gelegenheit dacht ich bei mir zu zeigen wieviel deine Vernunft über dich
vermag widerstehe der Versuchung wie ein Mann Ich wich ihr daher nicht aus
sondern wir gingen unter gleichgültigen Gesprächen auf und ab Meine Kälte
schien Emilien selbst zu befremden sie äußerte dies einigemal im Gespräche
aber ich hielt mich standhaft und freute mich innerlich über meine wundergrosse
Seelenstärke Wir gingen an einem Strauche vorbei und Emilie brach mit der
unnachahmlichen liebenswürdigen Unschuld eine verspätete Rose ab und reichte
sie mir mit jener zärtlichen Unbefangenheit die sich durch keine Worte
ausdrücken lässt Ich kam mir in diesem Augenblicke mit meinen Vorsätzen so
albern und abgeschmackt vor so nüchtern und armselig dass dass ich ihr hätte
zu Füßen sinken und Abbitte tun mögen Ich weiß nicht wie es geschah aber
plötzlich kam der Geist Lovells über mich ich drückte mit Entzücken die Rose
an meine Lippen Unser Gespräch nahm jetzt eine andre und empfindsamere
Wendung ich hatte Abreise und alles vergessen und sprach mich mit der größten
Unbesonnenheit in eine Wärme und Vertraulichkeit hinein die sich nachher mit
einer völligen Erklärung meiner Liebe endigte
Emilie stand verwirrt erfreut und betrübt zugleich wie mir es schien sie
wagte es nicht mir zu antworten sie hatte meine Hand gefasst und drückte sie
schweigend aber herzlich o lieber Mortimer ich hätte einige Jahre meines
Lebens darum gegeben wenn ich diesen Moment der Seligkeit hätte fesseln und
nur auf einige Stunden festhalten können Der Vater traf uns in dieser Stellung
wir waren beide etwas verlegen und Burton warf einen Blick auf mich o könnt
ich Dir doch diese tötende Kälte diesen Argwohn Menschenhass und diese
Bitterkeit beschreiben die in diesem einzigen streifenden Blicke lagen Dies
hat mich vollends bestimmt ich reise ich komme zu Dir
Emilie ist indes in meiner Gegenwart in einer beständigen liebenswürdigen
Verwirrung gewesen so heimlich vertraulich und dann wieder so plötzlich
zurückgezogen so entgegenkommend und freundlich aber ich reise dennoch ich
reise eben deswegen Arme Emilie und armer Karl
Doch was helfen alle Klagen die Welt wird darum doch nicht anders unsre
Verhältnisse werden von dem Wehen unsrer Seufzer nicht umgeworfen So wenig
Laune mir auch übriggeblieben sein mag so wollen wir doch beide versuchen uns
gegenseitig zu trösten die Freundschaft hat über das Gemüt eine sehr große
Gewalt in Gesprächen in hundert kleinen Zerstreuungen verlieren sich endlich
jene trüben Empfindungen eine Freude wäscht nach der andern den Gram aus unserm
Herzen ja wir wollen dennoch froh miteinander sein Man kann sich gegenseitig
tausendfaches Vergnügen erschaffen und die gewöhnlichen Freuden erhöhen in des
Freundes Gesellschaft spriessen auch Blumen aus dem dürrsten Boden man lacht und
freut sich über tausend Kleinigkeiten die man in der Einsamkeit kaum bemerken
würde Oh ich fange wieder an aufzuleben wenn ich mir alles dies in einem
schönen Lichte und recht lebendig denke Vielleicht machen wir auch beide eine
kleine Reise nach Schottland ein Verwandter hat mich schon seit langer Zeit
dorthin eingeladen
Ich wundre mich dass ich mir die Mühe gebe Dir so vieles zu schreiben da
wir uns nun bald mündlich sprechen können darum werfe ich die langsame und
langweilige Feder aus der Hand und drücke Dich dafür um einige Minuten eher in
meine Arme
3
Der alte Burton an den Advokaten Jackson
Bondly
Sie werden sich vielleicht wundern hochgeehrter Herr von einem Manne einen
Brief zu erhalten gegen den Sie jetzt für den Herrn Lovell arbeiten Da mir Ihre
Gelehrsamkeit und glückliche Praxis schon seit lange bekannt war so hätt ich
den Entschluss gefasst Sie um Ihre Bemühungen zu meinem Besten zu ersuchen als
mir Lovell hierin zu meiner größten Unzufriedenheit zuvorkam Ich bin überzeugt
dass er durch diesen einzigen Schritt den größten Vorteil über mich gewonnen hat
da es mir zu gleicher Zeit leid tut die Summen die ich Ihnen bestimmt hatte
an geringere Talente zu verschleudern und ich überdies weiß dass Lovell nie
Ihren Fleiß und Ihre Verdienste hoch genug anschlagen wird Da Sie Ihr Genie nun
gar für eine ungerechte Sache aufwenden so geht Ihre Bemühung in jeder
Rücksicht verloren Ob Sie mir selbst nun zwar nicht mehr dienen können wollte
ich Sie wenigstens darum bitten sich von Ihrem Eifer nicht zu einer
eigentlichen Erbitterung gegen mich verleiten zu lassen Indem Sie auf die Seite
der einen Partei treten müssen Sie zwar der Widersacher aber darum doch nicht
der Feind der andern werden diese Erinnerung entsteht bloß aus Achtung die ich
für Ihre überwiegenden Fähigkeiten habe die selbst einer ungerechten Sache den
Schein des Rechts geben könnten Sie würden mich sehr verbinden wenn Sie mir in
einer kleinen Antwort deutlich machten wie weit meine Besorgnisse gegründet
oder ungegründet sind
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Der Advokat Jackson an Burton
London
Hochgeborner Herr
Meine Bemühungen gegen Ew Gnaden aufzuwenden ward mir schon seit einigen
Wochen eine unangenehme Pflicht da ich von der Rechtmässigkeit der Sache für
die ich streite nicht überzeugt werden kann seit ich aber durch Ew Gnaden
Neuliches mit der Vortrefflichkeit und dem Edelmute der Gesinnungen meines
hochgebornen Herrn bekannt bin so fühlt Ihr untertänigster Diener seitdem die
Last seines Geschäftes doppelt Es wird daher stets unmöglich sein niedrig
genug zu denken gegen eine nicht unrechtmässige Sache mit Erbitterung zu
streiten oder einen Herrn zu beleidigen für den ich die tiefste und innigste
Verehrung empfinde und Ew Gnaden können versichert sein dass ich nichts
eifriger wünsche als dass meine itzigen Verhältnisse mich nicht zurückhielten
um ganz zu zeigen wie sehr ich bin
Meines Hochgebornen Herrn
ergebenster und untertänigster Knecht
Jackson
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Burton an den Advokaten Jackson
Bondly
Ihre Antwort hat mir viele Freude gemacht denn ich sehe daraus dass ich nun dem
Gange des Prozesses etwas ruhiger zusehn kann Ich wünsche nur dass Sie zu
meiner Freundschaft ein ebenso großes Vertrauen hätten als ich zu Ihren
Talenten habe dann könnte ich mich noch dreister meiner gerechten Sache und der
Entscheidung des Gerichtes überlassen dann könnte ich glauben dass die Absicht
meiner Feinde gewiss nicht gelingen werde Ich kann und darf Sie jetzt auf keine
Weise überreden Lovell zu verlassen und auf meine Seite überzutreten aber da
Sie von der Unrechtmässigkeit der Sache für die Sie streiten überzeugt zu sein
scheinen und da ich sehe dass ich mit einem verständigen Manne spreche so
könnten wir uns vielleicht auf einem andern Wege begegnen Wenn es unsre Pflicht
ist nach unsrer Überzeugung zu handeln und das Gute zu befördern soviel wir
können warum wollen wir uns denn ängstlich an die äußere Form der Sache halten
und nicht mehr auf unsern Endzweck selber sehen Wer kann es mir verbieten Ihre
Talente und Ihre Freundschaft für mich auf das reichlichste zu belohnen selbst
wenn Sie auch in einem Prozesse mein Gegner sind und welche vernünftige Ursache
kann Sie zurückhalten zu meinem Vorteile zu handeln da dieser mit Ihrer
Überzeugung zusammentrifft Warum sollte man hier den günstigen Zufall unbenutzt
lassen der Sie grade an einen Ort gestellt hat wo Sie mehr für mich tun
können als mein eigener Advokat Etwa darum weil es nur Zufall ist Als wenn
der Lebenslauf des Weisen und des Toren sich nicht eben dadurch am meisten
unterschiede dass dieser hin und her schweift hier die günstige Gelegenheit
rechts dort eine andre links liegen lässt der Verständigere aber jede
Kleinigkeit in seinen Plan und Nutzen verbindet und es eben dadurch bewirkt dass
es für ihn keinen Zufall gibt Ich bin überzeugt dass ein so vernünftiger
Mann wie Sie hier nicht lange voller unnützen Zweifel wählen wird In dieser
Hoffnung bin ich
Ihr Freund und Beschützer Baron Burton
Nachschrift Ich mache es weil dies allenthalben meine Gewohnheit ist zur
Bedingung unsrer Korrespondenz dass Sie mir diesen wie meinen ersten Brief und
alle etwanigen künftigen Briefe zurückschicken wenn Sie es verlangen will ich
mit den Ihrigen ebenso verfahren
6
Willy an seinen Bruder Thomas
Florenz
Wir sind nun lieber Bruder schon mitten in dem sogenannten Italien wo mir
alles hier herum so ziemlich gut gefällt Was mir immer närrisch vorkömmt ist
dass in jedem Lande so eine eigne Sprache Mode ist so dass mein gutes Englisch
hier kein Mensch versteht und ich verstehe wieder oft gar nicht was die Leute
von mir wollen Wir sind über Savoyen und Genua gereist aber allenthalben wird
Italienisch gesprochen ob wohl gleich die närrischen Savoyarden nicht zu gut
dazu wären auch einmal Englisch zu reden aber es ist als wenn sich alle Leute
hier meiner Muttersprache schämten
Wir sind über hohe Gebirgsgegenden einigemal weggegangen Wie einem doch von
da Gottes Welt so groß und herrlich aussieht Ich kann Dir nicht sagen Thomas
wie sehr ich mich manchmal gefreut habe aber die Tränen traten mir doch oft in
die Augen wie ich denn überhaupt manchmal etwas wie ein altes Weib bin wie Du
wohl auch ehemals zu sagen pflegtest Aber ich kanns nicht ändern wenn sich
mir das Herz umkehrt wenn ich so von einem Steinfelsenberge so viele Meilen ins
Land hineinsehe Äcker Wiesen und Flüsse und Berge gegenüber und die Sonne mit
den roten Strahlen dazwischen und dabei gesund und froh O Thomas es ist ums
Reisen eine herrliche Sache ich wollt es Dir zeitlebens nicht abraten wenn Du
jemals zu einer Reise Gelegenheit hast Was mir ganz ein Rätsel werden könnte
ist wie man unter Gottes schönem Himmel so betrübt und verdrießlich sein könnte
als mir der Herr Balder zu sein scheint Er tut wahrhaftig unrecht daran Aber
er sieht manchmal aus wie ein armer Sünder der am folgenden Morgen gehängt
werden soll so verloren und kümmerlich dem guten Manne muss doch irgend etwas
fehlen denn sonst Thomas würde ich ihn für eine Art von Narren halten wie es
wohl zuweilen etliche bei uns in England gibt die sich freventlich und
vorwissentlich totschiessen können ohne dass sie selber eigentlich wissen was
sie wollen Beim Totschiessen fällt mir doch auch etwas ein was ich Dir noch
zu erzählen vergessen hatte denn das Gedächtnis fängt bei mir an in Verfall zu
geraten und man sieht und erlebt so viele Dinge und mancherlei Bruder dass mir
manchmal ist als wenn ich in einem Traume läge und alle Sachen umher gar nicht
da wären Wir fuhren einmal sehr langsam einen steilen Berg herunter mein
Herr William aber ritt zu Pferde um die Gegend etwas genauer sehen zu können
und neben ihm ritt ein gewisser kleiner Bedienter des Herrn Rose den er sich
noch aus Frankreich mitgenommen hat weil er ihn so gern leiden mag wie es denn
auch wirklich ein sehr artiger und flinker junger Bursche ist Wir alle
bekümmerten uns nicht viel um den Herrn William und er blieb eine gute Strecke
hinter uns zurück dieser Ferdinand von dem ich eben geredet habe ritt auch zu
Pferde neben ihm her Mit einem Male hörten wir hinter uns etliche Schüsse und
nun Thomas hättest Du sehen sollen wie alles so geschwind aus dem Wagen
sprang und wie schnell ich von meinem Bocke herunter war es war als hätten
wir alle auf Pulver gesessen das eben anbrennen wollte Wer geschossen hatte
das war niemand anders als mein Herr William fünf Spitzbuben und der junge
Ferdinand gewesen einer lag schon davon tot auf dem Boden das war aber zum
Glücke nichts weiter als einer von den Spitzbuben Der Herr William sagte uns
er wäre in großer Gefahr gewesen aber Ferdinand hätte ihm meistenteils durch
seine Kourage sein Leben errettet worüber wir uns denn alle gar gewaltig
wunderten besonders aber der Herr Rose denn man sieht es wirklich dem jungen
Burschen gar nicht an aber so geht es oft in der Welt Thomas der Schein
betrügt und aus einem Kalbe kann mit Gottes Hilfe bald ein Ochs werden und
darauf hoffen wir auch alle jetzt bei dem jungen Ferdinand aus dem gewiss noch
mit der Zeit ein ganzer Kerl wird da er schon so früh anfängt sich tapfer zu
halten Er eben hatte den einen Spitzbuben totgeschossen und war einem andern
mit seinem Hirschfänger nachgejagt als sich mein Herr indes mit den andern
beiden herumbalgte So waren sie endlich Sieger geworden Mir tut es leid dass
ich dabei nichts weiter habe tun können als zusehn und auch das nicht einmal
recht denn wir kamen erst hin als alles schon vorbei war Ich hätte mich mit
Herzenslust auf meine alten Tage noch gern einmal mit jemand durchgeschlagen und
wärs auch nur ein Spitzbube gewesen denn sie sind im Grunde doch auch
Menschen und wenn sie anfangen zu schießen und stechen so treffen ihre Kugeln
oft besser als die von ehrlichen Leuten wie denn die ehrlichen Leute überhaupt
selten so viel Glück haben als die Spitzbuben ich denke immer dass es eine
kleine Genugtuung für sie sein soll dass sie nicht ehrlich sind doch das
weiß Gott allein am besten und darum will ich mir den Kopf darüber nicht
zerbrechen
Wir sind jetzt in Florenz aber schade dass wir etwas zu spät angekommen
sind Da hab ich nämlich mit Wunder und Erstaunen gehört wie hier mitten im
Sommer viele Pferde ein großes Wettrennen halten müssen ganz allein nämlich und
nach ihrem eignen Kopfe ich meine nämlich dass keiner darauf reitet Das muss
herrlich anzusehen sein und es sollen auch dann immer eine große Menge von
Menschen hieherkommen um es zu sehen Das ist nun auch gewiss der Mühe wert Was
das lustigste dabei ist ist dass den Pferden bei der Gelegenheit eiserne Kugeln
mit Sporen über den Buckel gelegt werden wenn sie nun anfangen zu laufen so
stechen sie sich damit selbst und ganz freiwillig weil die Kugeln immer hin und
her gehen Wenn die Pferde nur etwas mehr Verstand hätten so könnte man sie auf
die herrlichste Art ganz allein Kurier reiten lassen aber dazu fehlt ihnen noch
bis jetzt die Einsicht ob ich freilich wohl in England ein paar Pferde gesehen
habe die so viele Kunststücke machten dass sie gewiss mehr Verstand haben
müssen als etliche von meinen besten Freunden ja manches darunter hätte ich
selber nicht nachmachen können Aber die Gaben sind oft wunderlich verteilt
Von den Gemälden und vielen andern Sachen die wir hier alle Tage besehen
kann ich nicht viel halten ich weiß freilich nicht warum aber sie gefallen mir
doch nicht recht Mitunter sind einige freilich wohl recht schön manchmal ist
das Obst so natürlich dass man es essen möchte von diesen hält mein Herr und
Herr Rose aber gar nicht viel Aber wenn ein Gemälde gut sein soll so muss es
doch die Sache die es nachmachen will so natürlich nachmachen dass man sie
selber zu sehen glaubt aber das ist bei den übrigen großen Gemälden gar nicht
möglich So glaub ich immer dass die Maler aus der römischen Schule so heißen
die Gemälde die mir nicht gefallen wollen keinen recht guten Schulmeister
gehabt haben der nicht strenge genug mit ihnen umgegangen ist oder er hat
selber seine Sachen nicht recht verstanden denn sonst würden sie wohl vieles
besser und natürlicher gemacht haben Herr William hält aber diese Gemälde
gerade für die schönsten ich glaube aber dass Herr Rose daran schuld ist weil
der aus Rom gebürtig ist
An den Statüen finde ich auch nichts Besonders die welche sich als Antiken
ausgeben wollen mir gar nicht gefallen diese sollen viele tausend Jahr alt
sein aber das Alter ist vielleicht das Beste an ihnen manche sehen auch schon
ganz verfallen und ungesund aus An allen diesen Arten von Künsten ist nicht
viel es sind mit einem Worte brotlose Künste
Lebe wohl lieber Bruder Thomas und denke oft an mich ich denke sehr oft
an Dich und wünsche Dich oft her besonders wenn mir die Zeit lang wird und
das ist doch manchmal der Fall Bleibe mein Freund wie ich
Dein Bruder
7
William Lovell an Eduard Burton
Florenz
Mein Eduard ich schreibe Dir nun schon aus dem Mittelpunkte von Italien aus
der freundlichsten Stadt die ich bis jetzt gesehen habe die in der
fruchtbarsten Ebne und unter den anmutigsten Hügeln und Bergen liegt Hier wo
die Kunstwerke der größten Genien um mich versammelt sind bespreche ich mich im
stillen Anschauen mit den erhabenen Geistern der Künstler die Natur erquickt
meine Seele mit ihrer unendlichen Schönheit Ich fühle mein Herz oft hoch
anschwellen wenn mich die tausendfältigen Reize der Natur und Kunst begeistern
o wie sehr wünsche ich Dich dann an meine Seite um mit Dir zu genießen um in
Deinen trunkenen Augen den Spiegel meiner eigenen Freude zu sehen Ich vermisse
Dich so oft und gerade dann am meisten wenn ich die übrige Welt umher vergesse
So wird denn nun endlich mein Trieb zu Reisen zu wunderbaren Fernen befriedigt
Schon als Kind wenn ich vor dem Landhause meines Vaters stand und über die
fernen Berge hinwegsah und ganz am Ende des blauen Horizonts eine Windmühle
entdeckte so war mirs als wenn sie mich mit ihrer Bewegung zu sich winkte
das Blut strömte mir schneller zum Herzen mein Geist flog zur fernen Gegend
hin eine fremde Sehnsucht füllte oft mein Auge mit Tränen Wie schlug mir
dann das Herz wenn ein Postorn über den Wald ertönte und ein Wagen vom Abhange
des Berges fuhr Am Abend ging ich traurig und mit trüber Seele in mein Zimmer
zurück meine Gedanken kehrten ungern aus den fernen fremden Gegenden wieder
die bekannte Heimat umher drückte meinen Geist zu Boden Wenn ich an jene
Empfindungen meiner Kindheit zurückdenke so empfind ich meine itzige glückliche
Lage um so lebhafter
Ich muss Dir einen kleinen Vorfall erzählen der wenigstens in meiner Reise
die bisher an Begebenheiten so leer gewesen ist einem Abenteuer noch am meisten
ähnlich sieht Rosa hat aus Paris einen kleinen Bedienten mitgenommen einen
jungen Burschen der sich fast seit dem ersten Tage unsrer Reise an mich
vorzüglich attachiert hat er ist sehr freundlich willig und gutgeartet so dass
ich ihn sehr gern um mich leiden mag Von Champery habe ich den größten Teil der
Reise zu Pferde gemacht und der muntere Ferdinand war sehr oft mein Begleiter
vorzüglich als wir die piemontesischen Alpen passierten wo ihn die raue
Gegend und die so plötzlich abwechselnden Aussichten ebensosehr als mich
entzückten Wir verließen an einem trüben neblichten Morgen ein Dorf das tief
im Grunde lag Rosa und Balder fuhren langsam die Anhöhe hinauf und ich und
Ferdinand folgten zu Pferde Oben auf dem Berge gab uns die Natur einen
wunderbaren Anblick Wie ein Chaos lag die Gegend so weit wir sie erkennen
konnten vor uns ein dichter Nebel hatte sich um die Berge gewickelt und durch
die Täler schlich ein finstrer Dampf Wolken und Felsen die das Auge nicht
voneinander unterscheiden konnte standen in verworrenen Haufen durcheinander
ein finstrer Himmel brütete über den grauen ineinanderfliessenden Gestalten
Itzt brach vom Morgen her durch die dämmernde Verwirrung ein schräger roter
Strahl hundertfarbige Scheine zuckten durch die Nebel und flimmerten in
mannigfaltigen Regenbogen die Berge erhielten Umrisse und wie Feuerkugeln
standen ihre Gipfel über dem sinkenden Nebel Ich hielt und betrachtete lange
die wunderbaren Veränderungen der Natur die hier schnell aufeinander folgten
ich hatte es nicht bemerkt dass der Wagen indes vorangefahren war als ich
wieder aufsah erblickte ich fünf Menschen die aus dem nahen Walde auf uns
zueilten Ferdinand machte mich zuerst auf ihr zweideutiges Äußere aufmerksam
und als wir noch darüber sprachen und eben im Begriffe waren unsre Freunde
wieder einzuholen ergriff der eine von diesen Kerlen plötzlich den Zügel meines
Pferdes indem ein anderer in eben dem Augenblicke nach Ferdinand schoss ihn
aber glücklicherweise verfehlte Ich fühlte mich kalt und wenig verlegen doch
meine beiden Pistolen versagten Ferdinand aber erschoss sogleich den einen
dieser Räuber und stürzte auf die beiden andern mit einem Mute mit seinem
Hirschfänger zu den ich ihm nie zugetraut hätte Ich verwundete jetzt einen
zweiten der sogleich die Flucht ergriff kaum sahen die beiden übrigen dass die
Kämpfenden nun gleich und wir zu Pferde ihnen selbst überlegen waren als sie
sich schnell in den Wald zurückzogen Rosa und Balder die die Schüsse hatten
fallen hören kamen jetzt herbeigeeilt und bewunderten den Mut Ferdinands
vorzüglich Rosa Ferdinand schien sich darin sehr glücklich zu fühlen dass er
mich gerettet habe er sagte für sich selbst sei er nicht besorgt gewesen aber
die Gefahr in welcher er mich gesehen habe ihn anfangs erschreckt Auch der
alte Willy keuchte jetzt den Berg wieder herauf und bedauerte nichts herzlicher
als dass die Spitzbuben schon davongelaufen wären er hätte sich sonst mit ihnen
herumschlagen wollen Der Tote ward in das Dorf geschafft das wir erst
kürzlich verlassen hatten und so endigte sich dieser Unfall mit einer
allgemeinen Freude über unsre Rettung
Der fruchtbare und heitre Herbst gibt den Gegenden hier eine eigentümliche
Schönheit die üppige Natur prangt mit allen ihren Schätzen das frische Grün
der blaue Himmel erquicken das Auge und die Seele Ich habe schon Vall ombrosa
gesehen die reizendste Einsamkeit ich bin oft oben auf Fiesola und gehe über
die Gebirge hinweg und zur lachenden Stadt hernieder ich besuche die anmutigen
Haine oder ich durchwandle die Tempel und ergötze mich an den Denkmalen alter
Kunst Täglich fühl ich mich entzückt alles ist mir schon bekannt und der Reiz
des Fremdartigen verbindet sich mit dem Gefühl des Heimischen
Aber was ist es o könntest Du es mir erklären dass ein Genuss nie unser
Herz ganz ausfüllt Welche unnennbare wehmütige Sehnsucht ist es die mich zu
neuen ungekannten Freuden drängt Im vollen Gefühle meines Glücks auf der
höchsten Stufe meiner Begeisterung ergreift mich kalt und gewaltsam eine
Nüchternheit eine dunkle Ahndung wie soll ich es Dir beschreiben wie ein
feuchter nüchterner Morgenwind auf der Spitze des Berges nach einer durchwachten
Nacht wie das Auffahren aus einem schönen Traume in einem engen trüben Zimmer
Ehedem glaubt ich dieses beklemmende Gefühl sei Sehnsucht nach Liebe Drang
der Seele sich in Gegenliebe zu verjüngen aber es ist nicht das auch neben
Amalien quälte mich diese tyrannische Empfindung die wenn sie Herrscherin in
meiner Seele würde mich in einer ewigen Herzensleerheit von Pol zu Pol jagen
könnte Ein solches Wesen müsste das elendeste unter Gottes Himmel sein jede
Freude flieht heimtückisch zurück indem er danach greift er steht wie ein
vom Schicksale verhöhnter Tantalus in der Natur da wie Ixion wird er in einem
unaufhörlichen martervollen Wirbel herumgejagt auf einen solchen kann man den
orientalischen Ausdruck anwenden dass er vom bösen Feinde verfolgt wird Man
fühlt sich gewissermaßen in eine solche Lage versetzt wenn man seiner Phantasie
erlaubt zu weit auszuschweifen wenn man alle Regionen der schwärmenden
Begeisterung durchfliegt wir geraten endlich in ein Gebiet so exzentrischer
Gefühle indem wir gleichsam an die letzte Grenze alles Empfindbaren gekommen
sind und die Phantasie sich durch hundertmalige Exaltationen erschöpft hat
dass die Seele endlich ermüdet zurückfällt alles umher erscheint uns nun in
einer schalen Trübheit unsre schönsten Hoffnungen und Wünsche stehen da von
einem Nebel dunkel und verworren gemacht wir suchen missvergnügt den Rückweg
nach jenen Extremen aber die Bahn ist zugefallen und so befällt uns endlich
jene Leerheit der Seele jene dumpfe Trägheit die alle Federn unsers Wesens
lahm macht Man hüte sich daher vor jener Trunkenheit des Geistes die uns zu
lange von der Erde entrückt wir kommen endlich als Fremdlinge wieder herab die
sich in eine unbekannte Welt versetzt glauben und die doch die Schwingkraft
verloren haben sich wieder über die Wolken hinauszuheben Auch bei den
poetischen Genüssen scheint mir eine gewisse Häuslichkeit notwendig man muss
nicht verschwenden um nachher nicht zu darben sonderbar dass ich alles dies
vor wenigen Monaten von Mortimer schon hörte und es doch damals nicht glauben
wollte Seit ich es aber selbst erfunden zu haben glaube bin ich vollkommen
davon überzeugt Ist dies nicht ein ziemlich kleinlicher Eigensinn
Doch ich vermeide jetzt jene hohen Spannungen der Einbildungskraft und sie
sind auch nicht immer die Ursache die jenes niederschlagende Gefühl in mir
erzeugen das mich zuweilen wider meinen Willen verfolgt Keiner als Du Eduard
kennt so gut den seltsamen Hang meiner Seele bei fröhlichen Gegenständen
irgendeinen traurigen melancholischen Zug aufzusuchen und ihn unvermerkt in das
lachende Gemälde zu schieben dies würzt die Wollust durch den Kontrast noch
feiner die Freude wird gemildert aber ihre Wärme durchdringt uns um so
inniger es sind die Ruinen die der Maler in seine muntere Landschaft wirft um
den Effekt zu erhöhen Dieser Art von feinstem Epikureismus habe ich manche
Stunden zu danken die zu den schönsten meines Lebens gehören aber jetzt
gewinnen die traurigen Vorstellungen zuweilen so sehr die Übermacht in meiner
Seele dass sich ein düstrer Flor über alle andere Gegenstände verbreitet Die
Reise von Lyon durch Frankreich war die reizendste allenthalben frohe und
singende Winzer die ihre Schätze einsammelten aber viele Meilen beschäftigte
meine Phantasie ein weinender Bettler den ich am Wege hatte sitzen sehen und dem
ich im schnellen Vorüberfahren nichts hatte geben können Mit welchen Gefühlen
muss er den Frohsinn seiner glücklichen Brüder angesehen haben da er gerade sein
Elend so tief empfand Mit welchem Herzen muss er dem schnell dahinrollenden
Wagen nachgeseufzt haben Dann so manche kleine Szenen der Feindschaft und
Verfolgung einer kläglichen Eitelkeit in der so viele Menschen den kleinen
Winkel in dem sie vegetieren für den Mittelpunkt der Welt halten ach
hundert so unbedeutende Sachen die den meisten Reisenden gar nicht in die Augen
fallen haben mir in sehr vielen Stunden meine frohe Laune geraubt
Wohl mag dies übertriebne Reizbarkeit sein die Abspannung notwendig macht
und wohl in Hypochondrie ausarten kann So quälte mich in manchen Stunden auf
der Reise eine andre seltsame Vorstellung Es war mir nämlich oft als hätte ich
eine Gegend oder eine Stadt schon einmal und zwar mit ganz anderen Empfindungen
und unter ganz verschiedenen Umständen gesehen ich überließ mich dann dieser
wunderlichen Träumerei und suchte die Erinnerungen deutlicher und haltbarer zu
machen und mir jene Gefühle zurückzurufen die ich ehemals in denselben Gegenden
gehabt hatte Oft wehte mich wohl auch aus einem stillen Walde oder aus einem
Tale herauf das schreckliche Gefühl an »dass ich eben hier wieder wandeln würde
aber elend und von der ganzen Welt verlassen das Abendrot würde über die Berge
ziehen ohne dass ich auf die Umarmung eines Freundes hoffen dürfte das
Morgenrot würde wieder aufdämmern ohne dass meine Tränen getrocknet würden« Ich
betrachtete dann die Gegend genauer um sie in diesem unglücklichen Zustande
wiederzuerkennen und oft trat mir unwillkürlich eine Zähre ins Auge
Aber wie komme ich zu diesen Vorstellungen Du hast recht die Melancholie
ist ein ansteckendes Übel und ich glaube dass sie bei mir nur eine fremdartige
Krankheit sei die mir Balder mitgeteilt hat Er macht mich jetzt sehr besorgt
denn er ist verschlossener und trauriger als je zuweilen begegne ich einem
seiner verirrten Blicke und ich erschrecke vor ihm Ich habe schon einigemal in
ihn gedrungen mir deutlicher von der Ursache seines tiefen Grams zu sprechen
aber vergebens Sollte die Freundschaft keinen Trost für seine Leiden haben
Lebe wohl Du erhältst meinen nächsten Brief aus Rom
8
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Lieber Eduard ich bin heut noch zu voll von den mannigfaltigen Eindrücken die
alles umher auf mich macht um Dir einen langen Brief schreiben zu können Die
Asche eines Heldenalters liegt unter meinen Füßen mit ernster Größe sprechen
mich die erhabenen Ruinen der Vorzeit an die Kunstwerke der neueren Welt
erzwingen meine Anbetung Ich lebe hier wie in einem unendlich großen Tempel
der heilige Schauer auf mich herabgiesst bei jedem Schritte betret ich eine
Stelle wo einst ein verehrungswürdiger Römer ging oder wo eine große Handlung
vorfiel Ein Drang zu Taten weht mich aus jeder Bildsäule an begeisternde
Schauder wohnen in den Trümmern aus der großen Heroenzeit in der Abenddämmerung
denk ich oft es müsse hinter dem Bogen des Janus oder bei der Quelle der
Egeria mir der Geist eines alten Römers erscheinen und ich vertiefe mich dann
so sehr in meinen Gedanken und den Erinnerungen der alten Zeit dass es mir oft
schwer wird mich nachher wieder zurechtzufinden
Als ich ins Tor hineinfuhr und schon lange vorher den Vatikan und die
Peterskirche gesehen hatte war meine Empfindung so hoch gespannt dass mir der
erste Anblick des Platzes Popolo und der drei großen Straßen samt dem Obelisk
nicht den Eindruck machten den ich erwartet hatte Ich stieg in meinem
Quartiere auf dem Spanischen Platze ab und verirrte mich auf meinem
Spaziergange in der unbekannten Stadt indem die Sonne unterging So geriet ich
an das Panteon ich ging hinein und ein heiliger Schauer umfing mich ich
wartete bis der volle Mond über der Öffnung der Kuppel stand und sah nun das
herrliche Rund vom wunderbarsten Glanze erleuchtet
Wie kann man sich in Rom allen seinen trüben und kränkelnden Empfindungen so
überlassen wie Balder tut Wie ist es möglich dass nicht ein verzehrend Feuer
durch alle Adern brennt und den Lebensgeistern zehnfache Kraft gibt Rosa ist
ein vortrefflicher Mensch er ist ein geborner Römer und stolz auf seine
Vaterstadt erst seit wir hier sind fängt sich an seine Seele in ihrer ganzen
Herrlichkeit zu entwickeln er ist hier wie neubelebt ich entdecke in ihm
täglich neue Vorzüge und Talente die ich vorher nicht erwartet hatte Er
scheint mir ein Muster zu sein nach dem man sich bilden kann dieser
allesumfangende Geist mit diesem zarten Gefühle und diesem richtigen Verstande
verbunden mit einem großen Reichtume von Kenntnissen alles dies kann gewiss nur
das Eigentum einer großen Seele werden
Die Sonne geht unter ich eile die große Treppe hier am Platze hinauf um
die Kuppel der Peterskirche des Vatikan und die ganze Stadt unter mir in Gold
und Purpur brennen zu sehen
9
Walter Lovell an seinen Sohn William
London
Meine Zeit wird jetzt durch den unangenehmen Prozess mit Burton beschränkt ich
kann Dir daher nur selten schreiben Doch will ich ein Versprechen erfüllen
das ich Dir in einem neulichen Briefe tat Dir nämlich kurz einige Szenen meines
Lebens zu erzählen wo meine Standhaftigkeit auf eine harte Probe gesetzt ward
und wo ich Misstrauen und Menschenkenntnis zu einem ziemlich hohen Preis
einkaufen musste
Mein Vater wohnte in Yorkshire sein Landgut lag in der Nähe von Bondly Ich
war sein einziger Sohn nachdem ihm zwei Töchter und ein Knabe gestorben waren
und er erzog mich daher mit der zärtlichsten Sorgfalt er versäumte nichts in
der Ausbildung meiner Fähigkeiten und suchte mir schon früh ein zartes und
bleibendes Gefühl für alles Edle und Schöne einzupflanzen Da er aber einen
übertriebenen Hang für die ländliche Einsamkeit hatte so waren wir beide selten
in Gesellschaft andrer Menschen Bondly ward von uns noch am häufigsten besucht
So wuchs ich gleichsam in seinen Armen auf und lernte nur aus einigen meiner
Lieblingsschriftsteller die Welt und die Menschen kennen ich war mehr in der
kindlichen unbefangenen Zeit Homers zu Hause als in der gegenwärtigen alle
Menschen maß ich nach meinen eigenen Empfindungen alles was außer mir lag war
mir ein unbekanntes Land Auf diese Art war es natürlich dass tausend Vorurteile
in mir aufwuchsen und feste Wurzel schlugen die ganze Welt umher war nur ein
Spiegel in dem ich meine eigne Gestalt wiederfand Unter allen meinen Bekannten
zog mich keiner so an als der junge Burton der damals zwanzig Jahr alt war
nur wenig älter als ich selbst unsre Bekanntschaft ward bald die vertrauteste
Freundschaft eine Freundschaft wie gewöhnlich die erste unter fühlenden
Jünglingen geknüpft zu werden pflegt nach meiner Meinung für die Ewigkeit
Damon und Pylades waren mir noch zu geringe Ideale meine erhitzte Phantasie
versprach für den Freund alles zu tun so wie sie jedes Opfer von ihm verlangte
In diesen Jahren gibt man sich nicht die Mühe den Charakter des Freundes zu
beobachten oder man hat vielmehr nicht die Fähigkeit dies zu tun man glaubt
sich selbst zu kennen und folglich auch den Freund man trägt alles aus sich in
ihn hinüber und das geblendete Auge findet auch in den beiden Charakteren die
täuschendste Ähnlichkeit Eine solche Freundschaft dauert selten über die
ersten Jünglingsjahre hinaus es kommt bei den meisten Menschen doch bald eine
Zeit wo sie durch tausend Umstände gezwungen werden aus ihrem poetischen
Traume zu erwachen dann finden sich beide wenigstens einer von ihnen
getäuscht dieser Moment wo die rosichte Dämmerung der betrogenen Phantasie
nach und nach verschwindet gehört zu den unglücklichsten des Lebens
Mein Vater so wie jeder andere Unbefangene sah auf den ersten Augenblick
dass Burton mir völlig unähnlich sei er war kalt und verschlossen verschlagen
und listig ich kam ihm offenherzig mit einer erhitzen Phantasie mit einer
übertriebenen Empfindsamkeit entgegen Aber ich glaubte Burton besser zu
kennen als ihn jeder andre kannte ich war überzeugt dass die Augen der übrigen
Menschen für seine Vorzüge blind wären und so hielt ich meine Menschenkenntnis
für richtiger und über der meines Vaters erhaben So wie der Barbar einen
sinnlich dargestellten Gott braucht und sich irgendeinen Klotz dazu behaut so
braucht der schwärmende Jüngling ein Wesen dem er sich mitteilt er drückt das
erste das ihm begegnet an seine Brust unbekümmert ob ihn jener willkommen
heiße oder nicht
So lebte ich manches Jahr hindurch ohne dass mein Geist eine andere Wendung
nahm die fast ununterbrochene Einsamkeit mochte wohl die vorzüglichste Ursache
davon sein Als ich kaum mündig geworden war starb mein Vater und ich war mir
nun ganz selber überlassen Mein Schmerz über meines Vaters Verlust war heftig
und anhaltend aber Burtons Liebe tröstete mich Doch bald lernt ich in der
Nachbarschaft ein schönes weibliches Wesen kennen die nach wenigen Wochen so
mein ganzes Herz gewann dass ich wie im Zustande einer Bezauberung mein ganzes
voriges Leben vergaß und endlich innewurde dass ich liebte da ich bis dahin die
Liebe nur Torheit gescholten und das höchste Glück in der Freundschaft hatte
finden wollen Maria Milford war aus der reichsten Familie in der Nachbarschaft
und obgleich mein Vermögen selbst ansehnlich war so war ich doch zu furchtsam
ihrem rauen Vater einen Antrag zu tun meine Erziehung hatte mir eine
Menschenscheu eingeflößt die ich nur erst sehr spät abgelegt habe auch wollte
ich überdies erst ihre persönliche Neigung zu gewinnen suchen ein Wunsch der
auch in kurzer Zeit erfüllt wurde Burton ward der Vertraute meiner Liebe er
war mein Ratgeber und zuweilen auch der Teilnehmer meines Kummers Ich zögerte
noch immer mich dem Vater meiner Geliebten zu entdecken als ein Oheim meines
Freundes Waterloo von seinen Reisen aus Italien zurückkam Er war ein Mann von
ungefähr vierzig Jahren seine Reisen hatten seinen Verstand ausgebildet und
seine Sitten verfeinert Er war höflich und zuvorkommend ohne fade und gegen
jedermann freundschaftlich ohne abgeschmackt zu sein sein Gesicht und
vorzüglich sein Blick hatten etwas Imponierendes das anfangs zurückschreckte
bei einer nähern Bekanntschaft sich aber in Liebenswürdigkeit verwandelte kurz
er schien mir das vollendete Ideal eines Mannes der mich bald völlig
bezauberte Er interessierte sich vorzüglich für mich und ich übergab mich ihm
gänzlich mit einer vollkommenen kindlichen Resignation ich glaubte in ihm einen
zweiten Vater gewonnen zu haben er leitete alle meine Schritte er war bald der
Mitwisser aller meiner Geheimnisse der Vertraute meiner Liebe die ich ganz
seiner Führung überließ
Waterloos Witz so wie seine übrigen Talente machten ihn nach kurzer Zeit zu
einem gesuchten Gesellschafter in der Nachbarschaft umher er ward allenthalben
eingeladen und war nach dem ersten Besuche jedermanns Freund so gewann er auch
bald das nähere Vertrauen des alten Milford den er vorzüglich oft besuchte Er
ward in wenigen Wochen dort der Freund des Hauses und er kam mir selbst mit dem
Antrag entgegen den Vater auf eine Verbindung zwischen mir und seiner Tochter
vorzubereiten Ich umarmte ihn tausendmal ich dankte ihm für seine
Freundschaft ich sah dreister einer glücklichen Zukunft entgegen Als ich
nach einiger Zeit Milford und seine Tochter besuchte bemerkte ich mit
Vergnügen dass Waterloo schon sein Versprechen gehalten haben müsse man empfing
mich freundschaftlicher als je Marie war weniger zurückgezogen und als man uns
im Garten einige Minuten allein ließ sagte sie mir dass mein Freund zuerst
ihren Vater auf mich aufmerksamer gemacht habe und sehr oft von mir mit vielen
Lobeserhebungen spreche Ich glaubte meines Glücks schon gewiss zu sein ich
machte hundert Entwürfe ich dankte Waterloo wie ein entzückter Liebhaber ich
schwur dass ich ihn mehr als meinen Vater oder jeden andern Menschen liebe
Meine Zuneigung für Marie Milford fing sich jetzt an öffentlicher zu zeigen ich
war weniger scheu und zurückhaltend meine Liebe ward erwidert ich war der
glücklichste Mensch unter der Sonne
Plötzlich ward meine Freude durch einen Schlag unterbrochen der für mich
desto schrecklicher war je weniger ich ihn erwartet hatte Ich erhielt an einem
Morgen ein Billet vom Vater meiner Geliebten worin er mich in wenigen Worten
bat ich möchte künftig aus Ursachen die er mir jetzt nicht deutlich machen
könne sein Haus vermeiden Ich stand lange wie betäubt ich konnte mich kaum
von der Wirklichkeit dessen was ich las überzeugen Ich suchte hundert
Ursachen zu entdecken die diesen empörenden Brief könnten veranlasst haben aber
ich fand keine um dies Rätsel aufzulösen ich ritt eiligst nach dem Landgute
Milfords um mit ihm selber zu sprechen und sein Betragen mir erklären zu
lassen aber ich ward nicht vorgelassen Zornig eilte ich nach Hause und
überließ mich meinen trübsinnigen Untersuchungen von neuem aber meine Gedanken
fanden keinen Ausweg aus diesem Labyrinthe ich entdeckte Waterloo meine
seltsame Lage der mich auf jede Art zu trösten suchte er versprach mir zu
ergründen was diesen Vorfall veranlasst habe Er hatte es durch die Kunst seiner
Überredung und durch die freundschaftliche Art mit der er mich zu zerstreuen
suchte dahin gebracht dass ich etwas zufriedener von ihm ging Meine
peinliche Lage dauerte einige Wochen hindurch in welcher Zeit mir Waterloo bald
tröstende bald niederschlagende Nachrichten brachte ich ritt einigemal an
Milfords Hause vorbei und sah Marien weinend am Fenster stehen Waterloo tat
alles meinen Schmerz zu erleichtern er war jetzt mein einziger Freund denn
Burton war schon seit einigen Wochen nach London gereist Wir machten
mannigfaltige Pläne die wir alle wieder verwarfen Endlich schlug mir Waterloo
eine Reise nach London vor die mich zerstreuen sollte er wollte indes als mein
Anwalt meine Sache unermüdet beim alten Milford fortführen einige Verleumdungen
und Missverständnisse müssten mir bei diesem Schaden getan haben die sich gewiss
binnen kurzem von selbst widerlegen und aufklären würden Nach langem Streiten
hin und her ließ ich mich endlich überreden Wir nahmen zärtlich Abschied das
Herz blutete mir mich auch von meinem Freunde zu trennen doch tröstete mich
der Gedanke dass ich Burton in London antreffen würde
Ich reiste zu Pferde und ohne Begleitung niemand sollte mich in meinen
Träumen stören Meine Reise ging nur langsam fort Ich kam daher erst spät in
London an Burton empfing mich mit großer Freude er zog mich wider meinen
Willen zu tausend Ergötzlichkeiten Briefe von Waterloo nährten mich indes mit
Hoffnung und besänftigten oft meinen wieder aufwachenden Schmerz So ging nach
und nach eine längere Zeit vorüber als ich anfangs für meine Abwesenheit
bestimmt hatte denn ich war jetzt schon seit zwei Monaten in London gewesen
Ich erschien mir wie ein Tor der sein Unglück fast verdiene und so quält
ich mich schlaflos in einer stürmischen Nacht auf meinem Lager mit neuem Glanz
trat Mariens Bild vor meine Seele das Benehmen ihres Vaters war mir noch immer
unerklärbar Was konnte er von mir wollen Was hatte er mir vorzuwerfen Ich
bereute es dass ich entfernt von ihr die Zeit verträumte und kaum den Gang
meines Schicksals kannte London war mir mit seinem lärmenden Getümmel verhasst
der Wunsch in mir lebendig dass ich wieder in ihrer Nähe leben wollte auf
meinem einsamen Landsitze dass es mir jetzt vielleicht gelänge ihren Vater mit
mir auszusöhnen
Als ich aufstand war ich wie berauscht es war als wenn mich mein Genius
aus London forttriebe Ich ließ mir nicht Zeit einzupacken nicht einmal Burton
meine Reise zu melden ich nahm mit dem Anbruche des Tages die Post und fuhr im
schnellsten Trabe meiner Heimat zu Ich verweilte nirgend die größte Eile war
mir noch zu langsam ich fuhr auch in der Nacht um desto früher mein Landhaus
wiederzusehn Ich mochte etwa nur noch wenige Meilen von dem Schloss Milfords
entfernt sein als mir ein Zug geputzter und fröhlicher Bäuerinnen in die Augen
fiel Ich erschrak ich fragte sie welches Fest sie heute feierten Die Älteste
unter ihnen trat hervor und sagte mir mit einem naiven Lächeln sie wollten
dort nach dem Schloss indem sie auf den Landsitz Milfords in der Ferne
zeigte um die Verlobung des Fräuleins und des Herrn Waterloo feiern zu helfen
Ich verstummte ich war wie vom Blitze getroffen ich ließ mir diese Nachricht
wohl zehnmal wiederholen ohne sie zu hören ich glaubte alles dies sei ein
Traum der mich noch in London ängstige ich verlor alle Besinnung und ließ
endlich mit der größten Geschwindigkeit vor das Schloss Milfords fahren
Schon in einiger Entfernung weckten mich Trompeten und lärmende Musik aus
meiner Betäubung Ich sprang aus dem Wagen die beschäftigten Bedienten
bemerkten mich kaum ich stürze wie wahnsinnig die Treppen hinauf reiße die Tür
auf und stehe im Saale unter einer Menge von bekannten und unbekannten
Menschen Marie stößt einen Schrei aus und fliegt unwillkürlich in meine Arme
Alle waren erstaunt Waterloo und der alte Milford werfen sich zwischen uns
sie trennen uns mit Gewalt Marie wird fast ohnmächtig auf ihr Zimmer geführt
Waterloo folgt ihr endlich bin ich mit dem Vater allein
»Sie wagen es« fährt er auf »hier zu erscheinen So zu erscheinen Haben
Sie mein strenges Verbot vergessen«
»Ja ich wage es« rief ich aus »ich wage dies und noch mehr Waterloo ist
ein Verräter er soll mir seine Niederträchtigkeit mit seinem Leben büßen«
Ich weiß nicht mehr was ich alles sagte aber eine heftige Wut hatte sich
meiner bemeistert ich fühlte Konvulsionen durch meinen Körper zucken mein Blut
siedete und meine Zähne knirschten Milford war gelassen genug mich austoben zu
lassen dann nahm er das Wort
»Sie sehen« sagte er kalt »wie ich Ihren wahnsinnigen Ungestüm erdulde und
meine Nachgiebigkeit macht Sie vielleicht so frech Sie sind mir überhaupt ein
Rätsel Welches Recht haben Sie auf meine Tochter Sie lieben sie wie Sie
sagen aber dieses Wort reicht nicht hin meine Einwilligung zu erzwingen und
dennoch kommen Sie mit der Wildheit eines Verrückten zurück ob Sie gleich recht
gut wissen dass Sie sich durch hundert Niederträchtigkeiten einer Verbindung mit
meiner Familie unwürdig gemacht haben«
»Niederträchtigkeiten« schrie ich auf und riss den Degen aus der Scheide
»Nicht also« rief Milford mit einem kalten Grimme »lassen wir diese
Spiegelfechterei ich kann Ihnen Beweise geben«
Und nun fing er an mir ein Register von Bosheiten die ich verübt haben
sollte vorzulegen Das meiste war gänzlich erdichtet oder einige ganz
unbedeutende Kleinigkeiten und Zufälle in ein verhasstes Licht gestellt alles
zeugte von der schändlichsten Erfindungsgabe ich errötete oft über die Frevel
die man mir zur Last legen wollte »Und diesem« schloss Milford endlich »soll
ich mein Kind die einzige Freude meines Lebens überantworten Sie lieber
hinrichten«
Ich zwang mich gemässigt zu sein »Wer« fragt ich kalt »ist der Erfinder
dieser wenigstens sinnreichen Lüge«
»Einer den Ihr Charakter am meisten kränkt Ihr Freund Waterloo Ihr
ehemaliger Lobredner«
Itzt wunderte ich mich dass ich nicht längst das ganze Gewebe der Bosheit
durchgesehn hatte der Schleier fiel jetzt ganz von meinen Augen Große Tränen
stürzten über meine Wangen herab ich verlor in diesem Augenblicke einen Freund
den ich unaussprechlich geliebt hatte mein Herz wollte zerspringen Ich warf
mich in einen Sessel um die mannigfaltigen Empfindungen die in meinem Innern
wühlten erst austoben zu lassen Milford sah kalt und gelassen auf mich herab
er war ungewiss ob er diesen Schmerz für Reue oder für tiefe Kränkung halten
sollte Endlich gewann ich die Sprache wieder und nachdem ich mich völlig
gesammelt hatte war es mir ein leichtes den Vater vom Ungrunde aller
Beschuldigungen zu überzeugen Er wütete jetzt gegen Waterloo der ihn auf die
boshafteste und schändlichste Art hintergangen der ihn durch alle Künste der
Verstellung zu seinem warmen Freunde gemacht hatte Er hatte anfangs meinen
Freund und Bewunderer gespielt und auf eine Verbindung zwischen mir und Marien
eingelenkt nach und nach war er zurückhaltender endlich kalt geworden Man
hatte um den Grund dieses Betragens in ihn gedrungen nach langen Umschweifen
nach vielen Klagen war er endlich mit der Entdeckung vorgerückt dass er sich
gänzlich in mir geirrt habe dass er auf diese schmerzliche Weise einen werten
Freund in mir verliere nebst andern Ausbeugungen und moralischen
Gemeinsprüchen Itzt ward eine Erdichtung nach der andern ausgesponnen und als
er mich bei Milford verhasst genug gemacht suchte er in eben dem Verhältnisse
dessen Liebe auf sich zu lenken Dies gelang ihm auch endlich aber Marie hasste
ihn beständig sie hatte niemals seinen Worten geglaubt Unsre Aussöhnung von
allen Seiten war bald gemacht die Verlobung mit Marien nach einigen Tagen
gefeiert ich forderte Waterloo der aber nicht erschien sondern dafür ein
sicheres Mittel fand sich an mir zu rächen
Ich ward bald nachher krank ein anhaltender Schwindel mit Krämpfen und
Ohnmachten verbunden peinigte mich der Arzt entdeckte noch zur rechten Zeit
dass ich Gift bekommen hatte und nur die größte Aufmerksamkeit konnte mein Leben
retten ich entging aber darum nicht einer langen und qualvollen Krankheit die
auch die Ursache aller meiner nachherigen Unfälle gewesen ist Alles dies tat
ein Mensch der mein Freund war den ich mit der größten Zärtlichkeit liebte um
mit Marien eine ansehnliche Aussteuer zu erhalten
Waterloo hatte sich schon vorher entfernt man wusste nicht wo er geblieben
war nach einigen Monaten kam die Nachricht seines Todes Ich ward als ich
genas mit Marien verbunden die mir aber nach einem kurzen Jahre wieder
entrissen ward indem Du mir geschenkt wurdest Ich weinte meinen Schmerz am
Busen meines Freundes Burton aus der über meinen Kummer Tränen vergoss bald
nachher fiel mir ein Brief in die Hände woraus ich sah dass Burton mit Waterloo
einverstanden gewesen war dass eine ansehnliche Belohnung die man ihm aus
Mariens Vermögen hatte zusichern wollen ihn verführt hatte ebenfalls
Teilnehmer an diesem Komplott zu werden
Seit der Zeit hat mich Burton unablässig verfolgt So wurde mein offenes Herz
hintergangen auf diese Art meine zärtliche Freundschaft belohnt
Dies ist aber nur eine Szene meines Lebens ich habe mehrere Stürme
ausgehalten wo meine Liebe auf eine ähnliche Art verraten ward ich suchte
Dich darum schon früh mit Menschen bekannt zu machen und jenen jugendlichen
Enthusiasmus zu mildern bis jetzt ist diese Bemühung vergebens gewesen aber Du
siehst wenigstens aus meiner Geschichte wie notwendig es ist Lebe wohl ich
hoffe dass Du die Anwendung auf Dich selbst am besten daraus wirst machen
können
10
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Der italienische Winter kündigt sich schon durch häufige Regenschauer an Ich
verspare auf unser Wiedersehen alle meine Bemerkungen über die Kunstschätze und
verweise Dich auf mein Tagebuch hierüber Wie will ich mich freuen wenn ich
alle meine Papiere vor Dir in dem geliebten Bondly ausbreiten kann und Du mich
belehrst und ich mit Dir streite Ich will Dir lieber dafür von meinem Umgange
und meinen Freunden erzählen Rosa interessiert mich mit jedem Tage mehr ohne
dass er es selbst will macht er mich auf manche Lücken in meinem Wesen
aufmerksam auf so viele Dinge über die ich bisher nie nachgedacht habe und die
doch vielleicht des Denkens am würdigsten sind aber mein Verstand hatte sich
bis jetzt nie über eine gewisse Grenze hinausgewagt Rosa ermuntert mich meine
Schüchternheit fahrenzulassen und er selber ist mein Steuermann in manchen
dunkeln Regionen Balder zieht sich oft ganz von uns zurück er träumt gern für
sich in der Einsamkeit meine Besorgnis für ihn nimmt mit jedem Tage zu denn er
ist sich oft selbst nicht ähnlich Neulich war das Wetter schöner als es
gewöhnlich um diese Jahreszeit zu sein pflegt wir gingen im Felde spazieren und
ich suchte ihn auf die Schönheiten der Natur aufmerksam zu machen aber er
brütete düster in sich selber gekehrt »Worüber denkst du« fragte ich ihn
dringend »du bist seit einiger Zeit verschlossen du hast Geheimnisse vor
deinem Freunde gegen den du sonst immer so offenherzig warst Was fehlt dir«
»Nichts« antwortete er kalt und ging in seinem Tiefsinne weiter
»Sieh die reizende Schöpfung umher« redete ich ihn wieder an »sieh wie
sich die ganze Natur freut und glücklich ist«
Balder »Und alles stirbt und verwest vergissest du dass wir über Leichen
von Millionen mannigfaltiger Geschöpfe gehen dass die Pracht der Natur ihren
Stoff aus dem Moder nimmt dass sie nichts als eine verkleidete Verwesung ist«
»Du hast eine schreckliche Fähigkeit allenthalben unter den lachendsten
Farben ein trübes Bild zu finden«
»Freude und Lachen« fuhr er auf »was sind sie Dies Grauen vor der
Schönheit ja vor mir selbst ist es was mich verfolgt vertilge dies in mir und
ich werde dich und die übrigen Menschen nicht mehr abgeschmackt finden«
»Warum aber« fuhr ich fort »willst du diese Art die Dinge zu sehen die
doch wahrlich nur eine Verwöhnung und kranke Willkür ist nicht wieder
fahrenlassen und mit frohem Mut die wahre Gestalt der Welt wieder suchen«
»Um so zu sehen wie du siehst« antwortete er »ist aber dieser Anblick der
wahre Wer von uns hat recht Oder werden wir alle getäuscht«
»Mag es sein aber so lass uns doch wenigstens den Betrug für wahr
anerkennen der uns glücklich macht«
Balder »Deine Täuschung macht mich nicht glücklich die Farben sind für
mich verbleicht das verhüllende Gewand von der Natur abgefallen ich sehe das
weiße Gerippe in seiner fürchterlichen Nacktheit Was nennst du Freude was
nennst du Genuss Könnten wir der Natur ihre Verkleidung wieder abreißen o
wir würden weinen wir würden ein Entsetzen finden statt Freude und Lust«
»Und warum Mögen wir doch zwischen Rätsel und Unbegreiflichkeiten
einhergehn ich will die frohe Empfindung meines Daseins genießen dann wieder
verschwinden wie ich entstand genug im Leben liegt meine Freude Deine
Gedanken können dich zum Wahnsinn führen«
Balder »Vielleicht«
»Vielleicht Und das sagst du mit dieser schrecklichen Kälte«
Balder »Warum nicht Der Mensch und sein Wesen sind mir in sich selbst so
unbegreiflich dass mir jene Zufälligkeiten unter welchen er so oder anders
erscheint sehr gleichgültig sind«
»Gleichgültig Du bist mir fürchterlich Balder«
Balder »Dieses Gedankens wegen Es ist immer noch die Frage ob ich beim
Wahnsinne gewinnen oder verlieren würde«
»Diese dumpfe Unempfindlichkeit jenes Dasein das unter der Existenz des
Wurmes steht diese wilde Zwittergattung zwischen Leben und Nichtsein wirst du
doch für kein Glück ausgeben wollen«
Balder »Wenn du dich glücklich fühlst warum soll es der Wahnsinnige nicht
sein dürfen Er empfindet ebensowenig die Leiden der Natur sein Sinn ist
ebenso für das was mich betrübt verschlossen als der deinige warum soll er
elend sein und sein Verstand «
»Und dieses göttliche Kennzeichen des Menschen ist in ihm ausgelöscht
Oder findest du auch in der Sinnlosigkeit seine Wollust«
Balder »Seine Vernunft O William was nennen wir Vernunft Schon viele
wurden wahnsinnig weil sie ihre Vernunft anbeteten und sich unermüdet ihren
Forschungen überließen Unsre Vernunft die vom Himmel stammt darf nur auf der
Erde wandeln noch keinem ist es gelungen über Ewigkeit Gott und Bestimmung
der Welt eine feste Wahrheit aufzufinden wir irren in einem großen Gefängnisse
umher wir winseln nach Freiheit und schreien nach Tageslicht unsre Hand klopft
an hundert eherne Tore aber alle sind verschlossen und ein hohler Widerhall
antwortet uns Wie wenn nun der den wir wahnsinnig nennen «
»Ich verstehe dich Balder weil unsre Vernunft nicht das Unmögliche
erschwingen kann so sollen wir sie geringschätzen und ganz aufgeben dürfen«
Balder »Nein William du verstehst mich nicht Statt einer weitläuftigen
Auseinandersetzung meiner Meinung will ich dir eine kurze Geschichte erzählen
Ich hatte einen Freund in Deutschland einen Offizier einen Mann von gesetzten
Jahren und kaltblütigem Temperamente er hatte nie viel gelesen oder viel
gedacht sondern hatte vierzig Jahre so verlebt wie sie die meisten Menschen
verleben die wenigen Bücher die er kannte hatten seinen Verstand gerade so
weit ausgebildet dass er eine große Abneigung gegen jede Art des Aberglaubens
hatte er sprach oft mit Hitze gegen die Gespensterfurcht und andre ähnliche
Schwachheiten des Menschen Diese Aufklärungssucht ward nach und nach sein
herrschender Fehler und seine Kameraden die ihn von dieser Seite kannten
neckten ihn oft mit einem verstellten Wunderglauben und so entstanden häufig
hitzige und hartnäckige Streitigkeiten in diesen zeichnete sich gewöhnlich ein
Herr von Friedheim durch seinen Widerspruch am meisten aus er war ein Freund
von Wildberg so hieß der andre Offizier aber er suchte ihm auf diese Art
seinen lächerlichen Fehler am auffallendsten zu machen Ein Fall der oft bei
Dispüten eintritt die gewöhnlich mit einem Gelächter endigen ereignete sich
auch hier Friedheim sagte einst nach vielen Debatten und wenn seinem Freunde
auch kein andrer Geist erschiene so wünsche er selbst bald zu sterben um bei
ihm die Rolle eines Gespenstes zu spielen Das Gelächter ward allgemein und der
Streit in eben dem Augenblicke hitziger und empfindlicher Wildberg fühlte sich
bald aufs heftigste beleidigt Friedheim war zornig geworden die Gesellschaft
trennte sich und Friedheim ward von dem erhitzen Wildberg gefordert Die
Sache ward sehr in der Stille getrieben ich war der Sekundant Wildbergs ein
anderer Freund begleitete seinen Gegner wir taten alles um eine Aussöhnung zu
bewirken aber die beleidigte Ehre machte unsre Versuche vergebens Der Platz
ward ausgemessen die Pistolen geladen Friedheim fehlte Wildberg schoss
Friedheim fiel nieder eine Kugel durch den Kopf hatte ihm das Leben geraubt
Mehrere günstige Umstände trafen zusammen so dass der Vorfall halb verheimlicht
blieb Wildberg hatte nicht nötig zu entfliehen Alle seine Freunde waren über
die glückliche Wendung seines Schicksals vergnügt nur er selber versank in eine
tiefe Melancholie Alle schoben dies natürlich auf den Tod seines Freundes den
er selber auf eine gewaltsame Art verursacht hatte da sich aber sein Gram nicht
wieder zerstreute da jeder Versuch ihn wieder fröhlich zu machen vergeblich
war da er endlich manche unverständliche Winke fallenliess so drang man in ihn
die Ursache seines Tiefsinns zu entdecken Itzt gestand er nun erst einem dann
mehreren dass sein Freund Friedheim allerdings Wort halte ihn nach seinem Tode
zu besuchen er komme zwar nicht selbst aber in jeder Mitternacht rolle ein
Totenkopf von einer Kugel durchbohrt durch die Mitte seines Schlafzimmers
stehe vor seinem Bette stille als wenn er ihn mahnend mit den leeren
Augenhöhlen ansehen wolle und verschwinde dann wieder diese schreckliche
Erscheinung raube ihm den Schlaf und die Munterkeit er könne seitdem keinen
frohen Gedanken fassen Von den meisten ward diese Erzählung für eine
unglückliche Phantasie von wenigen nur und gerade von den einfältigsten für
Wahrheit gehalten Wildbergs Krankheit aber nahm indessen zu er fing jetzt an
häufiger und öffentlicher seine Vision zu erzählen er bestritt den Aberglauben
nicht mehr sondern ließ sich im Gegenteile gern von Gespenstern vorsprechen
und so kam es bald dahin dass man ihm den Namen eines Geistersehers beilegte und
ihn für einen sonst ziemlich vernünftigen Mann hielt der nur eine unglückliche
Verrückung habe Wildberg bat jetzt zuweilen einige seiner Freunde zu sich um
in der Nacht mit ihm zu wachen weil seine Angst und sein Schauder bei jeder
Erscheinung höher stieg auch ich leistete ihm einigemal Gesellschaft Gegen
Mitternacht ward er jedesmal unruhig wenn es zwölfe schlug fuhr er auf und
rief Horch jetzt rasselt es an der Tür Wir hörten nichts Dann richtete
Wildberg seine Augen starr auf den Boden Sieh sprach er leise wie er zu mir
heranschleicht O vergib vergib mir mein lieber Freund ängstige mich nicht
öfter ich habe genug gelitten Nachher ward er ruhiger und sagte uns der
Kopf sei verschwunden wir hatten nichts gesehen Es ward allen seinen Freunden
stets wahrscheinlicher dass alles dies nichts weiter als eine unglückliche
hypochondrische Einbildung sei heftige Reue über den Tod seines Freundes die
in eine Art von Wahnsinn ausgeartet sei wir suchten ein Mittel ihn von der
Nichtigkeit seiner Vorstellung zu überführen und ihm so seine Ruhe
wiederzugeben Viele Hypochondristen sind schon dadurch geheilt dass man ihre
Einbildung ihnen wirklich dargestellt und sie nachher auf irgendeine Art vom
Betruge unterrichtet hat auf eben diese Art beschlossen wir sollte Wildberg
geheilt werden Wir verschaften uns also einen Totenkopf durch dessen Stirn
wir ein Loch bohrten wo den unglücklichen Friedheim die Kugel seines Freundes
getroffen hatte wir befestigten ihn an einen Faden um ihn in der Mitternacht
durch das Zimmer zu schleifen Wildberg dann zu beobachten und ihn nachher zu
unterrichten wie er von uns hintergangen sei Wir versprachen uns von diesem
Betruge die glücklichste Wirkung alle Anstalten waren getroffen und wir
erwarteten mit Ungeduld den Augenblick in welchem es vom Kirchturme zwölf Uhr
schlagen würde Itzt verhallte der letzte Schlag und Wildberg rief wieder
Horch da rasselt er an der Tür In eben dem Augenblicke ward von einem in der
Gesellschaft unser Totenkopf hineingezogen und bis in die Mitte des Zimmers
geschleift Wildberg hatte bis jetzt die Augen geschlossen er schlug sie auf
und bleich zitternd und fast in ein Gespenst verwandelt sprang er aus dem
Bette mit einem entsetzlichen Tone rief er aus Heiliger Gott Zwei Totenköpfe
Was wollt ihr von mir«
Balder hielt hier inne Ich muss gestehen der unerwartete Schluss der
Erzählung hatte mich frappiert und beschäftigte jetzt meine Phantasie ich war
nur noch begierig welche Anwendung er daraus auf seine vorigen Gedanken ziehen
wollte nach einigem Stillschweigen fuhr er fort
»Jeder Denker der über jene großen Gegenstände forschen will die ihm am
wichtigsten sind über Unsterblichkeit Gott und Ewigkeit über Geister und den
Stoff und Endzweck der Welt fühlt sich wie mit eisernen Banden von seinem Ziele
zurückgerissen die menschliche Seele zittert scheu vor der schwarzen Tafel
zurück auf der die ewigen Wahrheiten darüber geschrieben stehen Wenn die
Vernunft alle ihre Kräfte aufbietet so fühlt sie endlich wie sie fürchterlich
auf einer schmalen Spitze schwankt und im Begriffe ist in das Gebiet des
Wahnsinns zu stürzen Um sich zu retten wirft sich der erschrockene Mensch
wieder zur Erde aber wenige haben den raschen frechen Schritt vorwärts getan
mit einem lauten Klang zerspringen die Ketten hinter ihnen sie stürzen
unaufhaltsam vorwärts sie sind dem Blicke der Sterblichen entrückt Das
Geisterreich tut sich ihnen auf sie durchschauen die geheimen Gesetze der
Natur ihr Sinn fasst das Ungedachte in flammenden Ozeanen wühlt ihr nimmermüder
Geist sie stehen jenseit der sterblichen Natur sie sind im Menschengeschlechte
untergegangen sie sind der Gottheit näher gerückt sie vergessen der Rückkehr
zur Erde und der verschlossene Sinn brandmarkt mit kühner Willkür ihre
Weisheit Wahnsinn ihre Entzückung Raserei«
Balder sah mich hier mit einem verwegenen Blicke an Er fuhr fort
»Mein Freund Wildberg sah trotz aller Täuschung etwas was wir nicht sahen
können wir wissen was jene erblicken Die Geschichte ist wahr aber wäre sie
auch nichts als ein guterfundenes Märchen so würde sie mir doch sehr wert sein
da sie für mich einen so tiefen Sinn enthält«
»Und wo steht denn« fragte ich »bei dir die Grenze zwischen Wahrheit und
Irrtum«
»Lass das« indem er abbrach »ich bin heute wider meinen Willen ein
Schwätzer gewesen da wir aber einmal davon sprachen wollt ich dir diese
seltsame Idee nicht zurückhalten«
Wir gingen jetzt wieder zur Stadt zurück und Balder war wieder tief in sich
gekehrt
Ich habe Dir mein Eduard dies Gespräch so gut ich konnte
niedergeschrieben Du kannst daraus die wunderbare Wendung kennenlernen die der
Geist meines Freundes genommen hat Ich will jetzt schließen Lebe wohl
Und doch lieber Freund ergreif ich die Feder noch einmal um Dir einen
Vorfall zu melden der seltsam genug ist so geringfügig er auch sein mag
Vielleicht dass mich heut das oben niedergeschriebene Gespräch sonderbar gestimmt
hat oder dass es eine Schwachheit ist weil ich seit einigen Nächten fast nicht
geschlafen habe genug ich will Dir die Sache erzählen wie sie ist Du wirst
über Deinen Freund lächeln aber was ist es denn mehr der Fall wird noch oft
vorkommen Damit Du mich aber ganz verstehst muss ich etwas weit ausholen
Mein Vater hat eine kleine Gemäldesammlung die nur sehr wenige historische
Stücke und Landschaften enthält sondern meistenteils aus Porträten seiner
Verwandten oder andern ihm merkwürdigen Personen besteht Ich ging als Knabe
nie gern in dieses Zimmer weil mir immer war als wenn die Menge von fremden
Gesichtern mit einem Male lebendig würde vorzüglich aber fiel mir ein Bild
darunter stets auf eine unangenehme Art auf Der Kamin des Zimmers ist in einem
Winkel angebracht wo ein starker Schatten fiel und ein Gemälde das darüber
hing fast ganz verdunkelte Es war ein Kopf Eduard ich weiß nicht wie ich
ihn Dir beschreiben soll ich möchte sagen mit eisernen Zügen Ein Mann von
einigen vierzig Jahren blass und hager sein Auge vorwärts stierend indem das
eine in einer kleinen Richtung nach dem andern schielt ein Mund der zu lächeln
scheint der aber wenn man ihn genauer betrachtet soeben die Zähne fletschen
will eine beständige Dämmerung schwebte um dieses Gemälde und ein heimliches
Grauen befiel mich sooft ich es betrachtete und doch heftete sich mein Blick
jedesmal unwillkürlich darauf sooft ich durch dies Zimmer ging daher hat meine
Phantasie bis jetzt dies Bild so treu und fest aufbewahrt Ich habe auch nie jene
kindische Furcht vor diesem Kopfe ganz ablegen können mein Vater sagte mir es
wäre kein Porträt sondern die Idee eines sehr geschickten Malers
Ich hatte den Brief an Dich geendigt ich gehe durch die Stadt die Sonne
war schon untergegangen und ein roter Dämmerschein flimmerte nur noch um die
Dächer und auf den freien Plätzen So will ich mich nach Hause wenden eile vor
den einsamen Weinbergen und dem alten Tempel des heiligen Theodor vorüber gehe
dann weiter nach dem Bogen des Janus um in die belebte Stadt zurückzukehren
als ich hinter der Mauer ein Wesen auf mich zuwanken sehe als es etwas mehr auf
mich zukam zweifelte ich ob es ein Mensch sei ich hielt es für einen Geist
so alt zerfallen bleich und unkenntlich schlich es einher jetzt stand es mir
gegenüber und Eduard Du errätst es vielleicht es war jenes grauenhafte
Bild meines Vaters Alle Gefühle meiner frühesten Kindheit kamen mir plötzlich
zurück ich glaubte in Ohnmacht zu sinken Es war ganz derselbe nur jetzt um
dreißig Jahre älter aber alle jene schrecklichen Grundlinien jenes
unerklärliche Furchtbare jenes verdammnisvolle Schreckliche Er hatte mein
Erschrecken bemerkt er sah mich an und lächelte und ging fort Eduard
ich kann keine Worte finden Dir diesen Blick und dieses Lächeln zu beschreiben
Mir wars als stände mein böser Engel in sichtbarlicher Gestalt vor mir als
hört ich in diesem Augenblicke alle glücklichen Blätter aus dem Buche meines
Lebens reißen wie ein Prolog zu einem langen unglückseligen Lebenslauf fiel
dieser Blick dieses Lächeln auf mich o Eduard es hat mich erschüttert darum
verzeih mir wenn ich zu ernstaft davon spreche
Wer mag es sein frag ich mich jetzt unaufhörlich und wie hat mein Vater
ein ihm so ähnliches Bild erhalten
11
Karl Wilmont an Mortimer
Glasgow
Ich bin nun ganz Schottland durchstrichen und ich glaube ich könnte ebensogut
noch nach Irland und Abyssinien reisen ohne gescheiter zurückzukommen Alle
meine Onkeln Vettern Basen Muhmen Tanten und Geschwisterkinder haben mich
gar nicht wiedergekannt sie hätten darauf geschworen ich wäre ausgetauscht so
übel hat mir die Liebe mitgespielt ich fange an in der ganzen Welt meinen Ruf
als Lustigmacher zu verlieren die Empfindsamkeit hat alle meine Späße gar
armselig zugerichtet Ach Freund jetzt bin ich in der niedlichsten Stadt die
ich bis jetzt auf dem weiten Erdboden habe kennen lernen die Schotten sind so
herrliche und gastfreie Leuteaber ihr Gast taugt wirklich gar zu wenig und
darum werd ich wohl mit der Zeit wieder zurückreisen müssen Hast Du mir aber
irgend etwas zu schreiben so tue es ja denn einige Wochen denk ich noch
hierzubleiben
Mortimer mir ist eingefallen dass wir uns beide den Spaß machen können
einander Elegieen zu dedizieren und so unsre Namen auf die Nachwelt zu bringen
in der Poesie soll ja überdies ein Trost für alle möglichen Leiden liegen statt
uns die Haare auszuraufen wollen wir dann Federn zerkäuen statt an unsre Brust
zu schlagen und zu seufzen Verse an den Fingern abzählen ich habe schon einige
herrliche Gedanken dazu im Kopfe wenn mir nicht ein Hagelschlag daruntergerät
kann das eine vortreffliche Ernte werden
Sonst bin ich gesund aber das Wetter wird unangenehm ich wollte es wäre
Frühling und ich sähe Emilien wieder Sieh doch und wäre mit ihr verheiratet
und Vater von zehn Kindern und und ich versichere Dich dass ich jeden
Satz den ich anfange mit Emilien endigen möchte Das weiß Gott wie das mit
mir werden soll Mit dem neuen Jahre hoff ich soll es besser werden das
haben wir ja nun bald und ich wünsche Dir und mir und allen Menschen die vom
neuen Jahre etwas wissen alles mögliche Gute
Ob sie wohl zuweilen an mich denkt Ich hoffe wohl Wie lebst Du in
London und fährst Du noch immer mehr fort Dich in meine Schwester zu
verlieben Ich möchte oft herzlich über uns beide lachen ich fange auch wohl
zuweilen an aber es will nicht recht gelingen Bald komm ich zu Dir zurück
dann wollen wir wechselseitig unseren kranken Herzen Erleichterung schaffen
12
Mortimer an Karl Wilmont
London
Mich freut es dass der Ton in Deinem Briefe noch so ziemlich munter klingt dies
beweist dass Deine Lage noch nicht so gefährlich ist als Du sie gerne machen
möchtest Ich bin heut in großer Versuchung sehr ernstaft mit Dir zu sprechen
solltest Du also vielleicht bei gar zu fröhlicher Laune sein so lege meinen
Brief so lange beiseite bis sie vorüber ist Doch ich weiß dass bei Dir Lachen
und Ernst seine Zeit hat dass Du nicht zu jenen Humoristen gehörst die nichts
lieber als den Ton ihrer eigenen Zunge hören und sich mit ihrem eigenen
Geschwätze betäuben Das Wetter wird sehr stürmisch mir scheint es daher am
vernünftigsten Du kommst bald nach London zurück denn welches Vergnügen kannst
Du jetzt bei Deinem Herumstreifen haben
Lovell fängt an ein nachlässiger Briefschreiber zu werden er hat sehr lange
nicht an Amalien geschrieben Sie hat mir ihren Kummer darüber mit ihrer
liebenswürdigen Offenherzigkeit geklagt und ist es Leichtsinn der Lovell
abhält so verdient er wirklich nicht die Betrübnis dieser schönen Seele
Karl ich mache mir unendlich oft Vorwürfe dass ich sie so oft sehe ich
mache mir einen Vorwurf daraus dass ich durch meine Zuneigung Lovell beleidige
und dann wieder darf er je die Einwilligung seines Vaters zu dieser Verbindung
hoffen und liebt er sie auch wirklich Hat er sie nicht vielleicht schon
vergessen Wenn dies der Fall wäre vielleicht dass sie dann ihre Liebe nach
und nach zu mir übertrüge Dann Karl hab ich mir einen schönen Plan
ausgedacht glaube mir dass man erst als Hausvater ein eigentlicher Bürger
dieser Erde wird Sie würde dann mein Weib ich habe mir schon einen stillen
reizenden Ort ausgesucht wo ich mich anbauen will Ich habe mir keinen
poetischen und empfindsamen Plan entworfen ich habe alles genau gegeneinander
berechnet ich weiß so ziemlich welche Freuden man von dieser Welt zu erwarten
hat und meine Foderungen sind also nicht zu hoch gespannt ich habe mir das
Vergnügen gemacht mir meine Einrichtung bis auf die kleinsten Umstände
auszudenken nur schade dass ich noch auf die Hauptsache so wenig rechnen darf
Die Freuden des Herzens sind gewiss die reinsten und edelsten in dieser Welt und
jeder kann sie genießen wenn er sie nur nicht selbst verachtet Ich erwarte
Dich also nächstens wieder in London Lebe wohl
13
Der Graf Melun an Mortimer
Paris
Sie verließen lieber Freund Paris als ich eben Anstalten zur Hochzeit mit der
Komtesse Blainville traf da Sie sich stets für mein Schicksal interessiert
haben so halte ich es für meine Pflicht Ihnen einige nähere Nachrichten von
dem Erfolge dieser Narrheit zu geben
Sie würden jetzt mein Haus in Paris nicht wiederkennen so sehr ist alles
durcheinandergeworfen und verändert und modernisiert ich bin so eingeschränkt
dass ich weniger Freiheiten habe als meine Bedienten alle meine vormaligen
Freunde fliehen mein Haus und eine Schar von Zugvögeln gewöhnt sich nach und
nach herein die von der Freigebigkeit oder vielmehr von der Verschwendung
meiner Gebieterin leben ach Mortimer ich sehe noch in meinem Alter einer
drückenden Armut entgegen So hart ist die Torheit eines alten Mannes bestraft
der nach so vielen Jahren von Erfahrung noch die närrische Foderung machte ein
Herz zu finden das ihn um sein selbstwillen liebte Ich wollte die letzte
Periode meines Lebens recht schön beschließen ich wollte mir gleichsam so
manches verlorne Jahr zurückerkaufen und ich habe eine Hölle um mich her
versammelt Die Komtesse hat mich durch ihre Verstellung betrogen ich traute
ihr ein Herz zu aber sie lacht über diesen altfränkischen Galimatias sie
freut sich meines Kummers und wünscht meinen Untergang Schon nach einigen
Wochen meiner Heirat resignierte ich auf eine eigentlich glückliche Ehe aber
ich glaubte doch nicht so vielen Kummer erdulden zu müssen Es gibt keine
Kränkung die ich nicht erleide ja man macht sich ein Vergnügen daraus recht
öffentlich zu verfahren mein Vermögen wird auf die unsinnigste Art
verschwendet sie hat ihren erklärten Liebhaber einen Elenden den sie
bereichert und der weder Witz noch Verstand hat um andern zu gefallen Eine
Auszehrung scheint meinem Leiden ein Ende machen zu wollen denn mit jedem Tage
fühle ich mich matter Dies ist nun der trübe Beschluss eines meist langweiligen
Lebens das ich fast ganz einer albernen Konvenienz zum Opfer brachte
Bedauern Sie ihren Freund und geraten Sie nie in ein Unglück das dem meinigen
ähnlich ist
14
Walter Lovell an Eduard Burton
London
Ich schreibe Ihnen in einer großen Verlegenheit selbst Traurigkeit in welche
mich das lange Stillschweigen meines Sohnes versetzt Ich kann mir die Ursache
nicht erklären wenn er nicht gefährlich krank ist und diese Erklärung vermehrt
nur meinen Kummer Sollte er Ihnen etwa in dieser Zeit Nachrichten von sich
gegeben haben so ersuche ich Sie um die Gefälligkeit mir diese mitzuteilen
Sie werden dadurch den Kummer eines Vaters lindern dem tausend Bilder eins
trüber und schrecklicher als das vorige vor der Seele schweben Ich bitte Sie
also mir bald zu antworten denn ich weiß dass Sie stets mit meinem Sohne
korrespondiert haben er hat vielleicht den Freund weniger als den Vater
vernachlässigt
15
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London
Was ich mache meine liebste Freundin Ich weiß es selbst nicht genau ich bin
nicht krank und doch auch nicht wohl Wenn ich zu Ihnen nach Bondly kommen
könnte würde ich einmal wieder recht vergnügt sein so vergnügt wie damals
als Lovell bei Ihnen war Ich weiß nicht wie der böse Mensch seinen Vater und
uns alle so ängstigen kann er hat seit langer Zeit nicht geschrieben und man
fürchtet nun er sei tot Sollte es bloße Nachlässigkeit sein so wäre sie
unverzeihlich Sagen Sie mir was Sie denken ich wollte lieber wir könnten
so freundschaftlich und vertraut wie ehemals darüber sprechen Sie waren stets
so gütig gegen mich wir waren immer so froh miteinander vielleicht könnten Sie
mich jetzt etwas erheitern die Munterkeit ist mir wirklich nötig ich fühle es
wie ein beständiger Schmerz an meinem Herzen nagt Mortimer tut alles mögliche
um mich vergnügt zu machen aber wenn ich auch zuweilen lache so denke ich doch
indes an Lovell und weine innerlich und Lovell Gott wenn er tot wäre oder
o meine Emilie was sagen Sie Ist es möglich Warum sollten mir vom
Schicksale so große Leiden zugedacht sein da ich nichts verbrochen habe oder
war mein Glück waren meine Hoffnungen Sünde
16
William Lovell an Rosa
Tivoli
Sie haben recht Rosa ich fange erst jetzt an Sie zu verstehen Was mir seit
unsrer Bekanntschaft dunkel und rätselhaft war tritt nun wie aus einem Nebel
allgemach hervor die Täler die zwischen den Bergen liegen werden sichtbar
mein Blick umfängt die ganze Landschaft Ihr Geist zieht den meinigen zu sich
hinüber eben da wo ich mich einst mit einer zu jugendlichen Voreiligkeit ich
darf es Ihnen nun wohl gestehen über Ihnen erhaben fühlte seh ich mich jetzt um
so mehr gedemütigt
Was machen Sie und Balder in Neapel Seit Ihrer Abreise fühl ich mich hier
einsam und verlassen es scheint als wenn mir stets ein Freund zur
Unterstützung notwendig wäre Kommen Sie bald zurück
Aber dennoch hab ich Ihnen nur Ihnen allein jene Selbstständigkeit zu
danken die mir noch vor kurzem so fremd war Sie haben mich aus jenen Wesen
hervorgehoben die in einer bejammernswürdigen Feigheit ihr Leben nicht zu
genießen wagen die sich von unaufhörlichen Zweifeln tyrannisieren lassen und
wie Tantalus mitten im Überflusse schmachten oder die sich von den Schätzen der
lebendigen Natur mit Verachtung hinwegwenden um eine dürre Klippe zu besteigen
wo sie sich dem Himmel näher dünken Aber dort oben stehen sie verlassen
Felsenwände die kein sterblicher Arm hinwegrücken wird begrenzen ihre
Aussicht um den Göttern ähnlich zu werden sterben sie ohne gelebt zu haben
Nein Rosa hinweg mit diesem trostlosen Stolze Ich begnüge mich mit der
Empfindung ein Mensch zu sein rasch entflieht das Leben wehe dem der vom
irdischen Schlafe erwacht ohne angenehm geträumt zu haben denn wüste und
dunkel ist die Zukunft
Seit ich an diesem Glauben hange lacht mir der Himmel freundlicher jede
Blume duftet mir süßer jeder Ton klingt melodischer die ganze Welt betrachte
ich als mein Eigentum jede Schönheit gehört mir indem ich sie verstehe So muss
der freie Mensch durch die Natur wandeln ein König der Schöpfung das edelste
geschaffene Wesen indem er am edelsten zu genießen weiß Ich höre auf nach
Weisheit zu ringen der sich kein Sterblicher nähern kann warum lässt Sisyphus
seinen boshaften Stein nicht endlich liegen Warum werden die Danaiden ihrer
unglückseligen Arbeit nicht überdrüssig Warum schaffen sich Tausende aus
dieser schönen Welt freiwillig eine Hölle
Gönnen Sie mir diesen poetischen Enthusiasmus denn in einer schönen Stunde
schreibe ich Ihnen in dem Garten der schon oft die Szene unsrer Freuden war
Die Luft ist durch ein Gewitter abgekühlt und die schwarzen Wolken ziehen jetzt
hinweg ein schmaler Strahl bricht aus der Dunkelheit hervor und wirft einen
roten Streif über die grüne Wiese golden stehen die Spitzen der Hügel da wie
elysäische Inseln in einem trüben Ozean in der Ferne wandelt ein Regenbogen
durch den grünen Wald die Natur ist wieder frisch die Wiesen duften nur Ihre
Freundschaft fehlt dem glücklichen Lovell
17
Rosa an William Lovell
Neapel
Seitdem ich Ihren Brief erhalten habe tut es mir mehr leid als je dass ich mit
dem melancholischen Balder hiehergereist bin ich werde so schnell als möglich
zurückkommen Er wird mit jedem Tage finsterer und verschlossener eine seltsame
Art von Schwärmerei scheint seinen Geist in einer unaufhörlichen Spannung zu
erhalten Sie werden wissen dass bei ihm die gewöhnlichen Zerstreuungen und
Freuden des Lebens übel angebracht sind sie dienen nur seiner Laune einen noch
finstrern Anstrich zu geben Ist es nicht kindisch sich selbst und der ganzen
Natur deswegen zu fluchen weil nicht alles so ist wie wir es mit unsern
beschränkten Sinnen fordern Aber ich kenne auch die Reize die diese
Schwärmerei uns anfangs gewährt wir ahnden eine Vertraulichkeit mit Geistern
die uns entzückt die Seele badet sich im reinsten Glanze des Äters und vergisst
zur Erde zurückzukehren aber die Kraft die die Welt nach dem innern Bilde der
erhitzen Phantasie umwandelt stirbt bald die Sinnlichkeit denn was ist ein
solcher Zustand anders ist auf einen so hohen Grad exaltiert dass sie die
wirkliche Welt leer und nüchtern findet je weniger Nahrung sie von außen
erhält je mehr erglüht sie in sich selbst sie erschafft sich neue Welten und
lässt sie wieder untergehn bis endlich der zu sehr gespannte Bogen bricht und
eine völlige Schlaffheit den Geist lähmt und uns für alle Freuden unempfänglich
macht alles verdorrt ein ewiger Winter umgibt uns Welche Gottheit soll dann
den Frühling zurückbringen
Wohl Ihnen dass Sie diesem Zustande entflohen sind Sie wissen es jetzt
welche Forderungen Sie an das Leben zu machen haben Der Schwärmer kennt sich
selbst und seine dunkeln Wünsche nicht er verlangt Genüsse aus einer fremden
Welt Gefühle für die er keine Sinne hat Sonne und Mond sind ihm zu irdisch
wir William wollen hier unten bleiben nicht nach Wolken und Nebeldünsten
haschen Mond und Sterne hoch über uns sollen uns nicht kümmern und so rasch
mit dem Wagen ins Leben hinein fort über die Berge und durch die Täler mit den
unermüdeten Rossen bis wir endlich angehalten werden und aussteigen müssen
Bald bin ich wieder in Rom leben Sie wohl
Rosa
18
Balder an William Lovell
Neapel
Ich versprach mir manche Freuden von dieser Reise und jetzt bin ich verdrießlich
dass ich Rom verlassen habe ja fast bin ich unzufrieden dass ich mich je über
den kleinen unbekannten Winkel meines Vaterlandes hinauswünschte Der Geist
dürstet nach Neuem ein Gegenstand soll den andern drängen wie süß träumt man
sich die Reise durch das schöne Italien ach und was ist es nun am Ende weiter
als das langweilige Wiederholen einer und eben der Sache was war es nun dass
ich zwischen Rom und Neapel Berge Meere und blauen Himmel sah Alles gleitet
vor meiner Seele kalt und freudenleer vorüber
Warum ist doch der Mensch dazu bestimmt keine Ruhe in sich selber zu
finden Itzt denke ich es mir so erquickend in einer kleinen Hütte am Saume
eines einsamen Waldes zu leben die ganze Welt vergessend und auf ewig von ihr
vergessen nur mit der Erde bekannt so weit mein Auge sieht von keinem
Menschen aufgefunden nur vom Morgenwinde und dem Säuseln der Gesträuche begrüßt
eine kleine Herde ein kleines Feld was braucht der Mensch zu seinem Glücke
weiter Und doch wenn mich eine Gottheit nun plötzlich dorthin versetzte
würd ich nicht wieder nach der Ferne jammern Würde sich mein Blick nicht wieder
wie ehemals an des Abends goldenes Gewölk hängen um mit ihm unterzusinken und
zauberreiche mir unbekannte Fluren zu besuchen Würd ich nicht unter der Last
einer dumpfen Einsamkeit erliegen und nach Mitteilung nach Liebe nach dem
Händedruck eines Freundes schmachten Das Leben liegt wie ein langer
verwickelter Faden vor mir den auseinanderzuknüpfen mich ein boshaftes
Schicksal zwingt hundertmal werf ich die lästige Arbeit aus der Hand
hundertmal beginn ich sie von neuem ohne weiterzukommen o wenn mich doch ein
mitleidiger Schlaf überraschte
Ein Fieber hat mir die Reise hieher völlig verdorben Rosa ist mir zur Last
ich selber bin mir unerträglich In der Einsamkeit unter abenteuerlichen
Phantomen schrecklichen Gemälden meiner Phantasie und trübseligen Ideen ist mir
noch am besten aber wenn ich an einen Ort komme wo Menschen stehen und sich
freuen wo vielleicht Musik ist und getanzt wird o William es will mir die
Seele zerschneiden Ich darf nur einen verlorenen Blick unter den jauchzenden
Haufen fallen lassen und er findet in allen sogleich die nackten Gerippe
heraus die Beute der Vernichtung Ich komme mir vor wie ein verlarvtes
Gespenst das ungekannt und düster still und verschlossen durch die Menschen
hingeht sie sind mir ein fremdes Geschlecht
Antworte mir wenn Du mich noch nicht ganz vergessen hast wenn Du nicht zu
jenen Menschen gehörst die sich wie die Schnecke ganz in sich selber
zurückziehn unbekümmert um das Wohl oder Weh ihres Bruders Doch weiß ich
nicht dass ihr alle Egoisten seid und sein müsst
19
William Lovell an Balder
Rom
Der Schluss Deines Briefes zwingt mich zu dieser Antwort ob ich Dir gleich
dadurch unmöglich beweisen kann dass ich nicht zu jenen Egoisten gehöre von
denen Du sprichst Dieser Beweis dürfte bei Dir schwer zu führen sein so wie
der dass Du alles in der Welt aus einem unrichtigen Gesichtspunkte betrachtest
und daher nichts als Elend und Jammer findest Deinetwegen wünscht ich ein
tiefsinniger Philosoph zu sein um Dich zu überzeugen Ich kann Dir freilich
nichts sagen was Du nicht schon ebensogut wüsstest aber lieber Balder lass
doch jene Grübeleien fahren die Deinen Körper und Geist verderben genieße und
sei froh Das heißt wirst Du antworten so viel als wenn Du zum Blinden
sagen wolltest tue die Augen auf und sieh Aber Du hast mich noch nie
überführt dass der Wille über diesen Zustand nicht alles vermöchte ich halte
ihn für keine physische Krankheit allein und selbst diese wäre gewiss zu heilen
Wenn Du aufrichtig sein willst so wirst Du eingestehn dass es jene
unbegreifliche heimliche Wollust ist die Dich unter Schaudern und Grausen so
freundlich grüßt jene wilde Freude jene Entzückungen des Wahnsinns die Dich
in Deinen unterirdischen Wohnungen so fest halten Wenn Du dies zugibst so
sind wir beide wenigstens gleich große Egoisten Aber lass diese Genüsse der
abenteuerlichen Phantasie fahren die Dich zugrunde richten kehre zur Welt und
zu den Menschen zurück vereinige Dich mit dem brüderlichen Kreise und nimm die
Blumen die Dir die mütterliche Natur mit freundlichem Lächeln hinreicht O
könnt ich den bösen Geist beschwören der in Dir wohnt damit nach wenigen
Wochen der glückliche Lovell den glücklichen Balder wieder in seine Arme
schließen könnte
20
Balder an William Lovell
Neapel
Meine Lage hat sich seit meinem neulichen Briefe sehr geändert Mein Fieber
nimmt mit jedem Tage zu so wie mein Widerwille gegen die ganze Welt Unter
allen Menschen die ich bisher habe kennen lernen hat noch keiner meine
Erwartungen befriedigt auch über Dich William kann ich mich mit Recht
beklagen aber doch entsprichst Du noch dem was ich von einem Menschen und
meinem Freunde fordre am meisten darum höre jetzt die Bitte Deines kranken
Freundes und erfülle Dein halb im Scherze gegebenes Versprechen mich hier in
Neapel zu besuchen Auf eine wunderbare Weise fühl ich mich einsam ein
Schatten ein Laut kann mich erschrecken die Fibern meines Körpers erzittern
bei jedem Anstosse auf eine schmerzhafte Art ich weiß nicht welches seltsame
Grausen mich umgibt meine Brust ist beklemmt wie von fremden unsichtbaren
Wesen umgeben fühl ich mich fürchterlich beschränkt komm vielleicht kannst Du
mich trösten Wenn ich nach und nach der Welt wie ein verdorrter Baum
absterbe so möcht ich gern in den Armen eines Freundes verscheiden wenn Du der
bist so lass mich nicht zu lange nach Deiner Gegenwart schmachten
Shakespeares Hamlet ist meine tägliche Lektüre hier finde ich mich wieder
hier ist es gesagt wie nüchtern arm und unerspriesslich das Leben sei wie
Wahnsinn und Vernunft ineinandergehn und sich einander vernichten wie der
nackte Schädel endlich über sich selber grinset und hohnlacht und von aller
Schönheit und Lust von allem Ernst und aller Affektation nichts mehr als diese
weiße widerwärtige Kugel übrigbleibt O meine Phantasie sieht Gestalten
Oder war es mehr als Phantasie was mich in der gestrigen Mitternacht so
sehr erschreckte Wenn es etwas mehr wäre Und doch kann es nicht sein
Doch welcher Sterbliche wagt es die Grenze zu ziehen wo die Wirklichkeit
aufhören soll Wir vertrauen unserm aus Staube gebildeten Gehirne zu viel wenn
wir nach eben den Massen die wir hier unten gebrauchen auch eine Welt messen
wollen die mit der hiesigen keine Ähnlichkeit hat voll Scham über seine
Anmassung sinkt einst der Geist vielleicht zu Boden wenn die körperliche Hülle
von ihm genommen wird
Es war gegen Mitternacht mein Bedienter schlief und das Nachtlicht warf nur
matte Strahlen durch das Zimmer alles war still eine Grille zirpte im Kamine
ihre einförmige Melodie ununterbrochen fort Ein wunderbares Ideenspiel begann
in meinem Kopfe als ich zu lesen anfing
Ich sah die abenteuerliche Nacht den Stern oben der durch den Wipfel eines
Baumes flimmerte große Schatten vom Palaste her und Lichter in der Ferne
Horatio in der Spannung der der seltsamen Erzählung seines Freundes zuhört
und nun tritt plötzlich der Geist auf langsam und leise schwebt er her ein
schwarzer Schatten um den ein bleicher Schimmer fließt matt wie das blaue
Licht einer auslöschenden Lampe Ich fühlte wie mir ein Grauen mit kalter
Hand über den Nacken hinab zum Rücken fuhr die Stille um mich her ward immer
toter ich selber ging immer weiter in meinem Innern zurück und betrachtete in
meiner innersten Phantasie mit grauendem Wohlbehagen die Erscheinung aus der
umgebenden Welt verloren
Plötzlich hört ich einen langen leise gezogenen Schritt durch das Zimmer
ich blickte wieder auf und ein Mann ging hinter mir nach der Tür meines
Schlafzimmers zu sein Auge begegnete mir als ich mich umsah ein
unwillkürlicher Ausruf entfuhr mir er ging unbefangen in mein Schlafzimmer
ich sah ganz deutlich die weißen Haare auf seinem Kopfe der Schatten an der
Wand folgte ihm nach auf eine fürchterliche Art verzogen
Es ist mir selber unbegreiflich warum ich im ganzen so kalt und fast ruhig
blieb da ich doch einen Schauder in meinen innersten Gebeinen fühlte in dem
Entsetzen lag eine Art von wütender Freude ein Genuss der vielleicht außerhalb
den Grenzen des Menschen liegt Ich kann mir nichts Fürchterlicheres denken
als diese Erscheinung zum zweiten Male zu sehen und doch wiederhol ich mir
vorsätzlich den Schreck das starrende Grausen dieses Augenblicks
Ich rief meinen Bedienten er hatte nichts gehört in der Kammer war keine
Spur ich hatte sogar den Schlüssel noch auf dem Tische liegen und sie war
verschlossen Ich ließ Rosa kommen er kannte mich nicht wieder er blieb bei
mir ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen stets sah ich den fremden Mann
mit dem leisen bedächtlichen Schritte durch das Zimmer schleichen
Wenn es nicht Phantasie war und mein Bewusstsein kämpft gegen diese Meinung
was war es denn War dies keine Wirklichkeit so steh ich im Begriffe alle
Erscheinungen der Dinge außer mir für Täuschung meiner Sinne zu erklären und
fällt dann nicht alles zusammen Wunder und Alltäglichkeit und wer bin ich
dann
Dann sitz ich hier in einer weiten milden ausgestorbenen Leere bilde mir
ein einen Brief zu schreiben an ein Wesen das sich nur meine Phantasie
erschaffen hat o ich muss aufhören auf diesem Wege kann man wahnsinnig werden
und wenn ich es würde Vielleicht wäre dann die Schranke durchbrochen die
meinen Geist jetzt noch von allem trennt was ihm unbegreiflich ist
21
William Lovell an Rosa
Rom
Balder hat mir geschrieben und ein merkwürdiges Beispiel gegeben wie weit ein
Mensch sich verirren könne wenn er einer kranken Phantasie die Zügel seiner
selbst überlässt Von Phantomen seiner Einbildungskraft erschreckt von einer
Krankheit gelähmt ist er jetzt im Begriffe an seiner eigenen Existenz zu
zweifeln der sonderbarste und widersinnigste Widerspruch den sich ein
moralisches Wesen nur erlauben darf
Aber ich kenne den Gang den die Phantasie bei Balder genommen hat auch ich
war einst dieser unglückseligen Stimmung nahe Wenn es noch irgend möglich ist
Rosa so suchen Sie ihn zu heilen söhnen Sie ihn mit dem Leben wieder aus und
schieben Sie ihm statt des ernsten Shakespeare den jugendlichen mutwilligen
Boccaz unter die Farben sind von dem Gemälde abgesprungen darum sieht es so
finster und widrig aus machen Sie die Probe neue aufzutragen und es wird so
hell und frisch werden wie ehedem Wenn er erwacht ist wird er die Zeit
bedauern die er so unangenehm verträumt hat
Freilich kann ich mich nicht verbürgen ob die äußern Dinge wirklich so
sind wie sie meinen Augen erscheinen aber genug dass ich selbst bin mag
alles umher dasein auf welche Art es will tausend Schätze sind über die Natur
ausgestreut uns zu vergnügen wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge
erkennen oder könnten wir es so ginge vielleicht das Vergnügen der Sinne
darüber verloren ich gebe also diese Wahrheit auf denn die Täuschung ist mir
erfreulicher Was ich selbst für ein Wesen sei kann und will ich nicht
untersuchen meine Existenz ist die einzige Überzeugung die mir notwendig ist
und diese kann mir durch nichts genommen werden An dies Leben hänge ich alle
meine Freuden und Hoffnungen jenseits mag es sein wie es will ich mag für
keinen Traum gewisse Güter verloren geben
Ihr zärtlicher Freund
22
Rosa an William Lovell
Neapel
Wie sehr haben Sie in Ihrem Briefe aus meinem Herzen gesprochen Ach Freund
wie wenig Menschen verstehen es zu leben sie ziehen an ihrem Dasein wie an einer
Kette und zählen mühsam und gähnend die Ringe bis zum letzten Wir William
wollen an Blumen ziehen und auch noch bei der letzten lächeln und uns von ihrem
Dufte erquicken lassen
Mögen die Dinge außer mir sein wie sie wollen ein buntes Gewühl wird mir
vorübergezogen ich greife mit dreister Hand hinein und behalte mir was mir
gefällt ehe der glückliche Augenblick vorüber ist
Ja Lovell lassen Sie uns das Leben so genießen wie man die letzten
schönen Tage des Herbstes genießt keiner kommt zurück man darf keinem
folgenden vertrauen Ist der nicht ein Tor der in seinem dunkeln Zimmer sitzen
bleibt und Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit berechnet Der Sonnenschein spielt
mutwillig vor seinem Fenster die Lerche singt durch den blauen Himmel aber er
hört nur seine Philosophie er sieht nur die kahlen Wände seiner engen
Behausung
Wer ist die Gestalt die in dem frohen Taumel uns in die Zügel des
fliehenden Rosses fällt die Wahrheit die Tugend ein Schatten ein
Nebelphantom dessen Schimmer mit der Sonne untergehn Aus dem Wege mit dem
jämmerlichen Bilde Es gehört keine Kraft nur ein gesunder Blick gehört dazu
um dieses Märchen zu verachten
Ja Lovell ich folge diesem Gedanken weiter nach Wohin wird er mich
führen Zur größten schönsten Freiheit zur uneingeschränkten Willkür eines
Gottes
Alle unsre Gedanken und Vorstellungen haben einen gemeinschaftlichen Quell
die Erfahrung In den Wahrnehmungen der Sinnenwelt liegen zugleich die Regeln
meines Verstandes und die Gesetze des moralischen Menschen die er sich durch
die Vernunft gibt Alles aber was die Sprache des Menschen Ordnung und
Harmonie den Widerschein des ewigen Geistes nennt alles was sie von der
leblosen Natur auf den geistigen Menschen überträgt was sind diese Worte mehr
als Worte Unser Verstand findet allenthalben in der Natur die Spuren des
göttlichen Fingers allenthalben Ordnung und die Elemente freundlich
nebeneinander er versuche es doch einmal die Unordnung und das Chaos zu
denken oder in der Zerstörung nur den Ruin zu finden Es ist ihm unmöglich
Unser Geist ist an diese Bedingung geknüpft in unserm Gehirne regiert der
Gedanke der Ordnung und wir finden sie auch außer uns allenthalben ein Licht
das durch die Laterne den Kerzenschimmer in die finstere Nacht hineinwirft
Es ist Mitternacht und vom Turme her schlägt es zwölfe Wenn ich mir diese
Uhr beseelt und verständig vorstelle so müsste sie notwendig in der Zeit die
sie nach willkürlichen Abteilungen misst diese Abteilungen wiederfinden und
nicht ahnden dass es ein großer göttlicher ungemessener Strom ist der
vorübersaust kühn und herrlich und auch nicht eine Spur der kläglichen
Einteilung trägt
Willkommen denn wüstes wildes erfreuliches Chaos Du machst mich groß
und frei wenn ich in der geordneten Welt nur als ein Sklave einherschreite
Sie sehen Lovell ich fange an mit Ihnen zu phantasieren ich hoffe aber
nicht dass meine Phantasien so wild und ungeordnet sind dass sie der Freund
nicht verstehen sollte O wenn mich nur Balder verstände oder verstehen
wollte
23
William Lovell an Rosa
Rom
Nein Rosa Ihre Ideen sind dem Freunde nicht unverständlich Ist es nicht
endlich einmal Zeit dass ich Sie und Ihre Meinung ganz fasse
Freilich kann alles was ich außer mir wahrzunehmen glaube nur in mir
selber existieren Meine äußern Sinne modifizieren die Erscheinungen und mein
innerer Sinn ordnet sie und gibt ihnen Zusammenhang Dieser innere Sinn gleicht
einem künstlich geschliffenen Spiegel der zerstreute und unkenntliche Formen in
ein geordnetes Gemälde zusammenzieht
Geh ich nicht wie ein Nachtwandler der mit offenen Augen blind ist durch
dies Leben Alles was mir entgegenkommt ist nur ein Phantom meiner innern
Einbildung meines innersten Geistes der durch undurchdringliche Schranken von
der äußern Welt zurückgehalten wird Wüst und chaotisch liegt alles umher
unkenntlich und ohne Form für ein Wesen dessen Körper und Seele anders als die
meinigen organisiert wären aber mein Verstand dessen erstes Prinzip der
Gedanke von Ordnung Ursach und Wirkung ist findet alles im genausten
Zusammenhange weil er seinem Wesen nach das Chaos nicht bemerken kann Wie mit
einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen
die feindseligen Elemente zusammen alles fließt zu einem hellen Bilde
ineinander er geht hindurch und sein Blick der nicht zurücke kann nimmt
nicht wahr wie sich hinter ihm alles von neuem trennt und auseinanderfliegt
Willkommen erhabenster Gedanke
Der hoch zum Gotte mich erhebt
Es öffnet sich die düstere Schranke
Vom Tod genest der matte Kranke
Und sieht da er zum ersten Male lebt
Was das Gewebe seines Schicksals webt
Die Wesen sind weil wir sie dachten
In trüber Ferne liegt die Welt
Es fällt in ihre dunkeln Schachten
Ein Schimmer den wir mit uns brachten
Warum sie nicht in wilde Trümmer fällt
Wir sind das Schicksal das sie aufrecht hält
Ich komme mir nur selbst entgegen
In einer leeren Wüstenei
Ich lasse Welten sich bewegen
Die Element in Ordnung legen
Der Wechsel kommt auf meinen Ruf herbei
Und wandelt stets die alten Dinge neu
Den bangen Ketten froh entronnen
Geh ich nun kühn durchs Leben hin
Den harten Pflichten abgewonnen
Von feigen Toren nur ersonnen
Die Tugend ist nur weil ich selber bin
Ein Widerschein in meinem innern Sinn
Was kümmern mich Gestalten deren matten
Lichtglanz ich selbst hervorgebracht
Mag Tugend sich und Laster gatten
Sie sind nur Dunst und Nebelschatten
Das Licht aus mir fällt in die finstre Nacht
Die Tugend ist nur weil ich sie gedacht
So beherrscht mein äussrer Sinn die physische mein innerer Sinn die moralische
Welt Alles unterwirft sich meiner Willkür jede Erscheinung jede Handlung kann
ich nennen wie es mir gefällt die lebendige und leblose Welt hängt an den
Ketten die mein Geist regiert mein ganzes Leben ist nur ein Traum dessen
mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen Ich selbst bin das einzige
Gesetz in der ganzen Natur diesem Gesetz gehorcht alles Ich verliere mich in
eine weite unendliche Wüste ich breche ab
24
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom
Du hast lange keinen Brief von mir bekommen lieber Bruder und das macht weil
ich Dir gar nichts zu schreiben hatte Uns allen hier ich meine mir meinem
Herrn und seinen Freunden uns allen geht es hier recht wohl außer dem Herrn
Balder der in Neapel krank liegt weil er einen Anstoß vom Fieber bekommen hat
Man erzählt sich allerhand von ihm so sagt man unter andern er habe in manchen
Stunden den Verstand ganz verloren und sei gar nicht bei sich da rede er denn
wunderlich Zeug durcheinander Wenn ich so etwas höre Thomas so danke ich
Gott oft recht herzinniglich dass mir so etwas noch nicht begegnet ist
vielleicht aber auch Thomas dass um verrückt zu werden mehr Verstand dazu
gehört als wir beide haben ich meine nämlich wenn man nur immer so viel
Versrand hat als man zur höchsten Notdurft braucht so kann man ihn ohne
sonderliche Mühe in Ordnung halten Wer aber zu viel hat dem wird das Regiment
saurer und da geht dann manchmal alles bunt übereck Ich denke es muss
ungefähr so sein wie mit dem Gelde wer seine Einkünfte immer in der Tasche
bei sich trägt ist meistenteils ein guter Wirt wer aber so viel Geld hat dass
er es nicht gleich im Kopfe zusammenrechnen kann der gibt oft so viel aus dass
er noch Schulden obendrein macht
Der Herr Rosa will mir immer noch nicht gefallen Er kommt mir vor wie ein
Religionsspötter von denen ich schon manchmal in unserm Vaterlande habe
erzählen hören solche Leute können kein gutes Herz haben weil sie nicht auf
die Seligkeit hoffen und wer darauf nicht hofft Thomas der hat keinen festen
Grund worauf er seinen Fuß setzen kann und das hiesige Leben kommt mir doch
immer nur als eine Probearbeit vom künftigen vor sie machen also ihre Probe
sehr flüchtig und nachlässig und tun Gott und allen Menschen so vielen
Schabernack als sie nur immer können Ich weiß nicht Thomas wie es diesen
Leuten künftig ergehen wird im Himmel würden sie doch nur die Ruhe und
Einigkeit stören mags sein wie es will ich will nichts mit ihnen zu tun
haben
Aber der Herr William lässt sich jetzt viel mit diesem gefährlichen Menschen
ein Sie sind jetzt recht vertraut und der Herr William kommt mir manchmal ganz
kuriose vor es ist manchmal gar nicht mehr derselbe gute Herr der er wohl vor
Zeiten war Wenn der Italiener ihn nur nicht verführt Ich könnte mich darüber
zu Tode grämen Der ganze Himmel mit aller seiner Seligkeit würde mir künftig
nicht gefallen wenn ich meinen lieben Herrn anderswo Du weißt wohl Thomas wo
ich meine wissen sollte
Du siehst lieber Bruder dass ich jetzt viel an den Tod und über die
Unsterblichkeit der Seele denke das macht weil ich jetzt fast beständig so
betrübte Gedanken habe dass ich mich nicht zu lassen weiß An allem ist mein
Herr William schuld er ist nicht mehr so freundlich gegen mich wie sonst er
bekümmert sich wenig um mich ja Thomas er lacht mich sogar manchmal aus ob
ich doch gleich um viele Jahre älter bin als er Du wirst gewiss nicht sagen
können dass er daran recht tut Neulich kam mir das Weinen in die Augen dass ich
es nicht verstecken konnte und da lachte er noch weit mehr Mag ihm das Gott
vergeben so wie ich es ihm vergeben habe Auch ist hier keine rechte Kirche für
unsereinen das ist schlimm mein Herr geht oft in die Messe doch hoffe ich
immer noch er tut es mehr der Weiber wegen denn wenn er gar Andacht da hätte
und katholisch würde nein Thomas das könnt ich nimmermehr verwinden Und es
ist ein verführerisches Wesen mit dem Singsang und den prächtigen Kleidern ja
lieber Bruder ich habe mich wohl auch hinein verleiten lassen und habe ein
oder zweimal erschrick nur nicht selbst eine Art von Andacht gespürt Das
darf nicht wieder kommen Ei wenn ich meine rechtgläubige englische
Gottesfurcht nicht wieder ganz heil und gesund mit mir zurückbrächte was
würdest Du oder jeder Christ von mir denken müssen
Ich will nur zu schreiben aufhören um Dir nur nicht noch mehr vorzuklagen
Aber ich wünschte ich säße bei Dir in unserm frommen England wenn es anginge
möchte ich wohl zurückreisen wie froh wollt ich Dich in meine alten Arme nehmen
und mit einer Freude wie ein kleines Kind ausrufen Gottlob dass ich wieder da
bin dass ich Dich wiederhabe Nun so lebe wohl gebe der Himmel nur dass wir
uns noch einmal wiedersehen
25
Balder an William Lovell
Neapel
Rosa will nach Rom zurückreisen wenn Du noch einiges Mitleids fähig bist so
leiste mir einige Tage über Gesellschaft Ich bin in einer fürchterlichen Lage
meine Krankheit wenn ich es so nennen kann nimmt mit jedem Tage zu alle
Freuden und Hoffnungen verlassen mich in einem kalten Trübsinne sehe ich der
Leere jedes folgenden Tages entgegen Mein Gehirn ist wüst eine heiße
Trockenheit brennt in meinem Kopfe alles flieht ich kann keinen Gedanken
festhalten alles saust mir vorüber kein Ton dringt mehr in meine Seele
Mir ist zuweilen als stehe ich auf dem Scheidewege um vom Leben Abschied
zu nehmen oft ist mir sogar zumute als wenn schon alles in einer weiten
weiten Ferne läge wie von der Spitze eines Turmes seh ich mit trübem Auge in
die Welt hinunter und vermag keinen Gegenstand deutlich zu unterscheiden
Zuweilen aber werde ich wieder zurückgerissen meine Sinne tun sich den
Eindrücken wieder auf und die Seele kommt zu ihrem Körper zurück Komm doch
zu mir William in Deiner Gegenwart gewinne ich vielleicht eine bestimmtere
Existenz entweder ich komme ganz wieder zu den Menschen hinüber oder ich werde
jenseits in ein dunkles chaotisches Gebiet geschleudert das sich dann
vielleicht meinem Geiste entwickelt dass ich dann mit der Seele einheimisch bin
wohin mir kein Gedanke der übrigen Sterblichen folgt
Ja Lovell ich bin immer noch in Zweifel darüber was aus mir werden würde
wenn die Leute mich wahnsinnig nennen o ich fühle es dass ich in vielen
Augenblicken diesem Zustande so nahe bin dass ich nur noch einen einzigen
kleinen Schritt vorwärts zu tun brauche um nicht wieder zurückzukehren Ich
brüte oft mit anhaltendem Nachdenken über mir selber zuweilen ists als risse
sich eine Spalte auf dass ich mit meinem Blicke in mein innerstes Wesen und in
die Zukunft dringen könnte aber sie fällt wieder zu und alles was ich fesseln
wollte entflieht treulos meinen Händen Als Kind stand ich oft mit Ehrfurcht
und ahnender Seele vor dem Klavier meiner Eltern und betrachtete stumm und
unverwandt den künstlich ausgeschnjetzten Stern des Resonanzbodens ich sah
scheu durch ihn in die Dunkelheit hinein weil ich wähnte dort unten wohne der
Genius des Gesanges der leise mit den Flügeln rausche wenn die Tasten
angeschlagen wurden Ich sah ihn oft in meinen Gedanken emporsteigen wie er
leise schwebend von seinen süßen Tönen getragen wird und immer höher und höher
steigt und ein glänzendes Gewimmel von Harmonieen sich um ihn versammelt dann
wieder still und langsam in seine Tiefe hinabsinkt und schweigend unten wohnt
Als ich älter ward dachte ich oft mit Lächeln an diese seltsame Idee meiner
Kindheit und fühlte mich wunder wie klug Aber verstand ich darum die
Entstehung und seltsame Wirkung der Töne
So kommen mir jetzt mehr Ideen aus meinen frühesten Jahren wieder ich sehe
ein dass ich jetzt ebenso mit ahndender ungewisser Seele vor dem Rätsel meiner
Bestimmung und der Beschaffenheit meines Wesens stehe Vielleicht dass das
Kind das im ersten Augenblicke den Lichtstrahl des Tages erblickte klüger ist
als wir alle Die Seele weiß noch nicht die ihr aufgeladenen Sinne und Organe zu
gebrauchen die Erinnerung ihres vorigen Zustandes steht ihr noch ganz nahe sie
tritt in eine Welt die sie nicht kennt und die ihrer Kenntnis unwürdig ist sie
muss ihren höheren eigentümlichen Verstand vergessen um sich mühsam in vielen
Jahren in die bunte Vermischung von Irrtümern einzulernen die die Menschen
Vernunft nennen Vielleicht dass ich wieder dahin zurückkommen kann wo ich
war als ich geboren ward
Vergib mir mein Geschwätz das Dir vielleicht überdies unverständlich ist
aber komm zu mir komm o lass mich nicht vergebens bitten
Ich habe schreckliche Träume die mir alle Kräfte rauben und fürchterlich
ist es dass ich auch im Wachen träume Heere von Ungeheuern ziehen mir vorüber
und grinsen mich an wie ein heulender Wassersturz fallen Grässlichkeiten auf
mich herab und zermalmen mich Ich schlafe nicht und kann nicht wachen wenn ich
schlafe ängstigt mich meine boshafte Phantasie ich wache dann auf und kann
nicht erwachen sondern setze meine Träume fort Heulende Orkane jagen hinter
mir her und betäuben mich mit ihrem Brausen ich fahre erbleichend zusammen
wenn ich meine Hand aufhebe wer ist der Fremdling frage ich erschrocken der
mir den Arm zum Gruße entgegenstreckt Ich greife ängstlich danach und
ergreife schaudernd meine eigne leichenkalte Hand wie ein fremdartiges Stück
das mir nicht zugehört Phantome jagen sich mir vorüber die all mein Blut in
Eis verwandeln Fürchterliche Gesichter drängen sich aus der Mauer und wenn ich
hinter mich sehe streckt sich mir ein schneebleiches Antlitz entgegen und
begrüßt mich mit wehmütig entsetzlichem Lächeln Komm William und rette mich
je nun so komm komm doch hörst Du nicht das ängstliche Geschrei Deines
armen Freundes Du lachst O wehe Dir und mir wenn Du mich verspottest dann
schicke ich Dir einst alle Gespenster zu dass sie Dir auch den Schlaf und die
Ruhe wegquälen Vergib mir aber komm
Eine blinde Wut könnte mich ergreifen wenn ich das armselige Geschwätz der
Ärzte von Fieberhitze und Paroxysmus höre Die Narren weil ihre Sinnen
erblindet und betäubt sind so halten sie den für töricht der mehr sieht als
sie O ich höre recht gut das leise schauerliche Rauschen von den Flügeln
meines Schutzgeistes ich sehe recht gut die Hand die mich ernst hinüberwinkt
Lebe wohl William Ich folge und werde nie zu Dir zurückkehren
26
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Du klagst darüber dass ich Dir und meinem Vater in so langer Zeit nicht
geschrieben habe Du siehst dass ich in diesem Briefe meinen Fehler wieder
gutzumachen suche besorge die Einlage an meinen Vater
O ja teurer Freund ich fürchte selbst es ist schon lange dass ich Dir
nicht geschrieben habe Alles hier hat mich verwickelt und verstrickt eine
Gesellschaft eine Zerstreuung hat mich der andern aus dem Arme genommen ich
bin in ein Labyrinth hineingeraten in welchem ich mich nur an Deiner Hand
durch Deine Hilfe wieder ans Tageslicht finden kann O mir ist als säss ich in
eisernen Banden und träumte vergebens von Befreiung alles umher was ich
ansehe wird mir zu einem Geheimnisse ganz Italien kommt mir wie ein Kerker
vor in welchem mich ein böser Dämon gefangenhält darum will ich zu Dir zu Dir
und Amalien zurück
Amalie o dass ich diesen süßen Namen wieder nennen kann Wie geht es ihr
Denkt sie noch an mich Erinnerst Du Dich noch so oft wie sonst Deines
Freundes William O ich muss hier auf einen Augenblick die Feder niederlegen
meine Seele ist zu voll meine Hand zittert
Ich fange wieder an zu schreiben nur muss Dir bis hieher dieser Brief wie
ein Rätsel vorkommen Ach Eduard Deiner Freundschaft muss ich von neuem das
Bekenntnis meiner Schwäche ablegen verzeihe mir wiederum denn nach jeder Probe
komme ich mit erneuerter Liebe zu Dir zurück
Seit Mortimers Abreise ward Rosa mein vertrauter Freund diese Freundschaft
wuchs mit jedem Tage Unsre Seelen wurden immer inniger aneinandergefesselt
hundert neue Gedanken und Vorstellungen gingen aus ihm in meinen Geist über in
kurzer Zeit war ich sein Schüler der Schüler einer egoistischen sinnlichen
Philosophie Er war jetzt meine liebste und häufigste Gesellschaft allenthalben
wo ich war traf ich auch ihn und allenthalben wünschte ich ihn zu treffen
Balder war indes in Neapel krank geworden seine Melancholie die durch ein
Fieber verstärkt worden artete zuweilen in völlige Verrückung aus In
dringenden Briefen bat er mich ihn zu besuchen ich reiste endlich ab
Ich fand ihn entstellt bleich mit tiefeingesunkenen Augen einem irren
Blicke und allen Spuren einer gefährlichen Seelenkrankheit Als ich in sein
Zimmer trat war sein Geist abwesend und er erkannte mich nicht er kämpfte mit
Phantomen seiner Einbildungskraft die ihn ängstigten er sah Gespenster um sein
Bette stehen seine scheuen Augen funkelten auf eine entsetzliche Art er sprach
einen zusammenhängenden Unsinn dessen seltsame und fürchterliche Bilder mich
oft erschreckten Eduard er beschrieb in seiner Phantasie einen Alten der
vor seinem Bette stehe und o denke Dir mein Entsetzen seine Beschreibung
passte Zug für Zug auf den fürchterlichen Greis von dem ich Dir neulich erzählt
habe der einem Porträt in unserm Hause so ähnlich ist Ich sah mich ängstlich
im Zimmer um es war niemand zugegen aber er muss ihn kennen Eduard o wer
weiß wie wunderbar sich die Fäden meines Schicksals ineinanderfügen
Lächle nicht über mich Eduard noch ehe Du diesen Brief zu Ende gelesen
hast wirst Du einsehn dass Du keine Ursache hast Du wirst mir recht geben und
das Grauen des Freundes mitempfinden
Balder erregte mein tiefes Mitleid ich betrachtete ihn wie einen der ohne
es zu wissen mit meinen innersten Gedanken zusammenhinge ich konnte in der
Nacht nicht schlafen seine Beschreibung hatte das Bild jenes seltsam
schrecklichen Greises wieder gar zu lebhaft in meiner Phantasie erweckt
Ich fühlte dass Balders Krankheit für mich ansteckend sein könnte ich
reiste also schon gestern nach Rom zurück Es war gegen Abend als ich in die
Nähe der Stadt kam die Sonne ging sehr schön unter und ich ließ den Wagen
fahren um durch einen Umweg nach dem Tore zu kommen Ich gehe seitwärts und
entferne mich immer mehr von der großen Straße plötzlich seh ich in einiger
Entfernung von mir zwei Gestalten in einem tiefen Gespräche vorübergehn o
Eduard und ich wünschte der Boden möchte unter mir brechen es war Rosa Rosa
am Arme jenes fürchterlichen Ungeheuers jenes entsetzlichen Gespenstes das
hohl und leise hinter mir geht und sich der Fäden bemeistert hat an denen es
mein Schicksal lenkt Es ist kein Mensch Eduard denn so hat noch nie ein
Mensen ausgesehn und Rosa Rosa der Vertraute meines Herzens dem ich meine
Seele aufzubewahren gegeben hatte an seinem Arme im vertrauten freundlichen
Gespräche mit ihm Meine Liebe und mein Abscheu gehen mir Arm in Arm vorüber
und die Zukunft öffnet sich mir wie mit einem gewaltigen Risse und ich sehe
tief tief hinunter nichts als Unglück und Grässlichkeiten
O Eduard wer könnte dabei kalt und gelassen bleiben Von diesem Augenblicke
ist mir Rosa ein fremdes Wesen geworden Rom ist mir seitdem verhasst der Himmel
über Italien trübe und verderbenschwanger wie ein verirrtes Kind sehen ich mich
nach meiner Heimat zurück
Ja Eduard nun will ich nun muss ich nach meinem lieben Englande
zurückkehren Ich muss mich von den Fesseln losmachen die man mir anlegte indes
ich schlief O wie schmachte ich nach der Freude des Wiedersehens an Deiner
Brust Eine wehmütige Wonne macht meine Hand erzittern wenn ich an Amalien und
ihre Liebe denke Mit einem frischen Glanze übergossen kommt mir mein künftiges
Leben entgegen ich atme froh und frei und mein Herz fühlt sich leicht bei
dieser Aussicht Schicke die Einlage an meinen Vater und schreibe ihm selbst
einige Worte denn er hat viel Vertrauen zu Dir er muss mir seine Einwilligung
zu meinem Glücke geben er muss Amaliens Hand in die meinige legen ach und er
tut es gewiss Bange seh ich der Antwort entgegen furchtsam schleicht bis dahin
die Zeit öde und finster verworren und lästig ist mir die Gegenwart Wenn
aber jener Sonnenstrahl auf den ich hoffe durch die Verwüstung bricht wenn
ich nun das Siegel von dem erwünschten Briefe löse wenn ich keinen Freund hier
habe dem ich mein Entzücken mitteilen kann o so will ich weinend auf die
Kniee fallen und jenem unbekannten fernen Freunde meine kindische Freude meine
Wonnetränen zum Opfer bringen dass er es verstattet dass ich wieder zu meinen
frühern frommen Empfindungen zurückwandeln darf Beneide mich Freund um
diesen glückseligen Augenblick meines Lebens
Und wenn er nicht kommt Wenn kalte Worte meine Verzweiflung und mein
Entzücken gleich stark zu Boden schlagen Kalte Tränen treten mir bei dem
Gedanken in die Augen Ach Freund es mag immerhin etwas Kindisches sein
manche abenteuerliche Gespenstergeschichten die man mir in meiner Jugend
erzählte fallen mir jetzt täglich ein und ich finde immer Anwendungen darin auf
mich Kennst Du das Märchen in welchem ein Knabe unaufhörlich von einem
grässlichen Unholde verfolgt wird ihm immer entflieht und von neuem in die Arme
läuft
Du hast kein Gefühl dafür wie seltsam mir alles vorkömmt seit gestern
betrachte ich jeden Gegenstand mit starren Augen als wenn ich allenthalben ein
Wunder erwartete mir ist jetzt nichts unwahrscheinlich Ich bin eingeschlossen
um nicht von Rosa überrascht zu werden ich könnte bei seinem Eintritte wie beim
Anblicke eines Basilisken erschrecken
Ich denke jetzt daran wie Ferdinand Rosas Bedienter seit einiger Zeit ein
so geheimnisreiches Wesen hat dass ich schon oft über ihn nachgedacht habe Er
drängt sich bei allen Gelegenheiten an mich es scheint als wollte er mir etwas
eröffnen wobei er doch seinen Herrn fürchte Wohin ich sehe reckt sich mir
aus der Dunkelheit etwas entgegen ich stehe vor einem Rätsel dessen Sinn sich
mir gewiss mit Schrecken auftun wird
Es klopft jemand Es ist gewiss Rosa Ich kann nicht aufmachen ich denke
recht lebhaft an Dich um des Grauens loszuwerden das sich zu mir
hinanschleicht O Freund er ging an seinem Arme
Er ist fortgegangen und ich bin wieder frei O wenn ich doch erst wieder
die Küste meines Vaterlandes begrüßte Ich hoffe bald
27
William Lovell an seinen Vater Einlage des vorigen Briefes
Rom
Das lange Stillschweigen des Sohnes hat dem zärtlichsten Vater Kummer gemacht
das muss nicht öfter kommen Ihr Sohn muss nicht neuen Gram zu jenen Sorgen
hinzufügen von denen Sie gedrückt werden Sie haben gefürchtet ich hätte
irgendein Unglück erlitten O lieber Vater lassen Sie sich von diesem Briefe
beruhigen und beruhigen Sie dafür Ihren Sohn der Ihnen eine Bitte vorzutragen
hat an deren Erfüllung das Glück seines Lebens hängt
Der Gedanke dass mein Wohl Sie unaufhörlich bekümmert macht mich heute zu
einem Geständnisse dreist genug das ich bis jetzt nie gewagt habe aber Ihr
zärtlicher Brief hat mein Herz ganz eröffnet auch keinen Wunsch nicht einen
Gedanken will ich vor Ihnen verborgen halten
Ich wünsche nach England zurückzukommen und Sie wieder in meine Arme zu
schließen ich wünsche meine Reise geendigt von Ihren teuren Lippen wünsche ich
die Einwilligung zu meinem Glücke zu holen
Ich liebe mein Vater O wenn ich es doch vermöchte Ihnen alles das zu
sagen was ich Ihnen sagen müsste um Sie von meiner Liebe zu überzeugen Lassen
Sie Ihr Herz für mich sprechen und ersparen Sie mir Worte die doch nur Dunst
und Nebel gegen das Feuer sind das rein und hell in meiner Seele brennt
Amalie Wilmont heißt meine Geliebte jetzt beruht mein Glück auf dem Ausspruche
Ihres Mundes O lassen Sie mich glücklich werden
Mein Genius ängstigt mich fort aus Italien er treibt mich nach meiner
Heimat zurück o um aller väterlichen Liebe willen nehmen Sie mich gütig auf
Ich weiß alles was Sie gegen diese Verbindung sagen könnten ich habe alles
lange und reiflich überlegt Sie wünschen und suchen vielleicht mein Glück auf
einem andern auf einem glänzenderen Wege aber kehren Sie zurück wenn sie
Ihren einzigen Sohn lieben
O Gott mein Vater welch ein armseliges dürftiges Gewebe ist unser Leben
Grob und ungeschickt sind alle Farben aufgetragen alle Freuden sind nur
Langeweile die etwas weniger drückt alles verrinnt und verfliegt wie Bettler
stehen wir am Ende unsrer Wanderschaft die unterwegs schon alle die dürftigen
Almosen verzehrt haben die sie gesammelt hatten sie sind ebenso arm als indem
sie ihren Weg antraten Ach nur ein Glück geleitet uns über den dürren Pfad
und bestreut ihn mit Blumen alle Erscheinungen die uns entgegenkommen grüßen
uns und gehen flüchtig vorüber nur die Liebe allein ergreift herzlich unsre
Hand und begleitet uns treulich durch das Leben Um dieser Liebe willen um der
Liebe willen mit der Sie einst meine Mutter liebten geben Sie Ihre väterliche
Einwilligung in mein Glück Glauben Sie nicht dass es eine vorübergehende
Torheit ist die mich zu dieser Bitte bewegt an Amaliens Seele ist die Kette
meines Lebens und meiner Tugend befestigt das fühle ich unwidersprechlich im
Innersten meines Herzens wenn Sie uns auseinanderreissen so zerschneiden Sie
mein Glück mein Leben meine Tugend Nur in diesem Kreise sind alle meine
Wünsche und Glückseligkeiten gelagert o mein Vater erwärmen Sie Ihr
väterliches Herz so dass es die Vorteile der Welt und ihre Glücksgüter vergisst
ich beschwöre Sie schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab Könnten Sie sich in
meinen Geist versetzen wahrlich Sie würden mit zitternder Hand eilen den
Brief zu schreiben der mich meiner Seligkeit versichert Sie würden keinen
Augenblick anstehn und sich bedenken denn rasch rennen die Stunden vorüber
die Blüten der Freude verwelken schnell O nein mein Vater ich fürchte Ihre
Antwort nicht ich habe keine Ursache sie zu fürchten Sie sind bekümmert und
haben schlaflose Nächte weil Sie mich krank glauben o Sie werden nicht mit
einem harten Federzuge mein Unglück entscheiden Leben Sie wohl und glücklich
Ich wünsche diesem Briefe Flügel und dem Ihrigen die Schnelligkeit des Windes
28
Walter Lovell an seinen Sohn William
London
Ich habe Deinen Brief William zugleich mit einem andern Deines Freundes Burton
erhalten Ich bin froh darüber dass ich ohne Ursache bekümmert gewesen bin
doch was sag ich ohne Ursach Soll der Leichtsinn eines Sohnes dem Vater nicht
ebensoviel Gram machen als es eine Krankheit tun würde Und Leichtsinn
William war es denn doch wohl was Dich so lange vom Schreiben zurückhielt und
Leichtsinn jugendlicher Leichtsinn was Dich Deinen letzten Brief schreiben
hieß Ich kann mir denken dass Du jetzt den Erstaunten spielst dass Du Dich in
Deiner Leidenschaft so weit vergissest Deinen Vater dessen zärtliche Liebe
gegen Dich ohne Grenzen ist herabzusetzen und seine Liebe Eigennutz zu
schimpfen aber ich vergebe Dir im voraus William eben weil ich Dich liebe
Aber meine Liebe macht mich nicht blind für Dein wahres Glück darum schreib ich
mit väterlichem wohlwollenden Herzen eine abschlägige Antwort nieder
Wenn Du Dir nur nicht anmassen wolltest zu behaupten dass Du alles reiflich
erwogen hast was ich ungefähr gegen Deinen Antrag einzuwenden haben möchte
Dass ihr jungen Leute doch so gar leicht glaubt die Ideen eines alten erfahrnen
Mannes zu erschöpfen ihr seht nur mit einem Blicke der Phantasie in die
Verhältnisse der Welt hinein wenn ihr glaubt mit dem Verstande alles reiflich
und von allen Seiten überlegt zu haben Du weißt nicht was ich für Dich tun
will und zum Teil schon getan habe Du siehst nicht die Umstände die sich
günstig vereinigen um Dir die Bahn zum Glücke zu ebnen was Dein Vater seit
Jahren mühsam zusammenträgt darfst Du nicht wie ein mutwilliger Knabe mit einem
einzigen Steinwurfe vernichten Nein mein Sohn ich kann Dir zu Deiner
vorgeschlagenen Verbindung nie meine Einwilligung geben Glaube nicht durch eine
Menge von Briefen über diesen Gegenstand meine Einwilligung zu erbitten oder zu
ertrotzen ich dürfte hierin mehr Standhaftigkeit besitzen als Du mir
vielleicht zutraust
Führe nicht meine Liebe zu Deiner Mutter an ich liebte nicht töricht wie
Du unsre Familien waren sich gleich an Ansehen und Vermögen mögen diese
Hindernisse Zufall sein meinetwegen aber der weise Mann geht dem
undurchdringlichen Zufalle aus dem Wege da im Gegenteile das Leben des Toren
nichts als ein rastloser ohnmächtiger Kampf gegen Zufall und Notwendigkeit ist
Glaube mir dass ich meine Liebe würde zu bekämpfen gewusst haben wenn sich diese
Schwierigkeiten unsrer Verbindung in den Weg gestellt hätten Darum folge dem
Rate und dem Beispiele Deines Vaters
Es scheint mir überhaupt als dürftest Du etwas die Vergleichung mit mir in
Ansehung unsrer Liebe scheuen Deine Mutter war die verehrungswürdigste Frau
sanft und verständig gefühlvoll ohne Empfindelei ein Herz schlug in ihrer
Brust wie sie nur selten auf dieser Erde gefunden werden und Du wagst es mit
ihr Amalie Wilmont zu vergleichen Ein Wesen dessen Gutmütigkeit und Weichheit
sie vielleicht etwas aus den ganz gewöhnlichen Frauenzimmern herausheben Und
dann liebst Du sie auch nicht einmal wirklich Diese sogenannte Liebe ist eine
leichte Nahrung Deiner Phantasie eine sanfte Empfindsamkeit die sich Deines
Herzens bemeistert hat und deren Ursprung Du nun in einer Liebe gegen dieses
Mädchen suchst Glaubst Du denn wirklich dass Du mit einem Herzen voll Liebe
hättest nach Italien reisen können bis jetzt froh und unbefangen leben und die
Luft da einziehn wo sie nicht atmet Du siehst wenigstens dass ich nicht die
Kälte von Dir verlange die unbesonnene Jünglinge gewöhnlich ihren Vätern
vorwerfen um desto mehr aber überzeuge Dich auch dass ich in diesem
Verhältnisse richtiger und weiter sehe als Du Schon im ersten Monate Eurer
Ehe würdet Ihr Euch beide getäuscht finden man würde erstaunen dass die Wärme
so schnell verflogen wäre es würde eine von den gewöhnlichen Ehen werden deren
trauriges Gemälde ich nur zu oft sehe um zu wünschen dass es durch meinen Sohn
noch einmal wiederholt würde
Willst Du nach England zurückkommen so wirst Du mir viel Freude machen ich
strecke Dir die Arme entgegen meine Kraft nimmt mit jedem Tage ab ich werde
dem Grabe zugebeugt lass mich in Deinen Armen sterben Viele neue Freunde
erwarten Dich sehnsuchtsvoll in London du sollst die Lady Bentink kennenlernen
ein Frauenzimmer deren Vortrefflichkeit allen Foderungen eines Mannes von Kopf
und Herz entspricht in ihrer Gesellschaft wirst Du die Bedeutung des Wortes
Liebe verstehen lernen
Ich traue Deinem guten edlen Herzen zu dass Du dieses Briefes wegen nicht
lange auf Deinen Vater zürnen wirst
29
William Lovell an Amalie Wilmont
Rom
Es ist entschieden und ich kann nun nichts weiter sagen als leben Sie wohl
leben Sie ewig wohl Im Vertrauen zu der Liebe meines Vaters hab ich um seine
Einwilligung gebeten aber o ich möchte seiner scharfsinnigen überweisen
Antwort lachen aber o nicht wahr Sie raten es gewiss schon was er
geantwortet hat O Amalie ich will nicht mehr von meiner Liebe meinen
Hoffnungen mit Ihnen sprechen alle diese Träume sind nun ausgeträumt und
erwacht stehen wir nun da und lächeln über die verflogenen bunten Gemälde
Vergessen Sie mich denn ich selbst arbeite schon daran mich zu vergessen Ich
bin ausgerottet aus der Reihe der Glücklichen aus dem Paradiese mit dem Worte
der Willkür hinausgestossen und nun will ich auch das Maß meines Elendes bis
oben anfüllen Wenn wir dem Verhängnisse zum grausamen Spiele dienen nun so
wollen wir dem Zuchtmeister der uns in das eherne Joch spannt wenigstens ein
verächtliches Lächeln entgegengrinsen Leben Sie wohl
Warum machen wir denn auch die lächerliche Foderung glücklich zu sein
Wunderbar Gähnend durchs Leben hinzuschlendern mit einer Gefährtin deren
Vater genauso viele Goldstücke aufweisen kann als der meinige so recht gleich
und gleich gesellt dem Tode entgegenzukriechen dies ist unsre große
ehrenvolle Bestimmung Sie denken ich bin erhitzt und bitter O ich bin so
kalt dass ich meinem Vater eine Abhandlung schreiben könnte um zu beweisen wie
sehr er recht hat O Amalie Soll ich denn ganz Ihren Namen aus meinem armen
blutenden Herzen reißen Soll ich auch die Wurzel meiner Seligkeit ausrotten
damit mich nie der grüne Schimmer einer jungen Pflanze wieder erquickt Ich
kann es nicht und will es nicht
Über die weite Entfernung hinüber reiche ich Ihnen meine zitternde Hand zum
ewigen schrecklichen Abschiede Mein Vater mag es mir verzeihen o seine
Furcht ist unnütz dass ich ihn mit bettelnden Briefen belagern werde kein Wort
mehr soll er darüber hören wie ein Diener seinem Herrn will ich ihm schreiben
ich schwöre dass er dann meine Briefe vernünftig findet
Rasen möcht ich dann wieder wenn ich mir Ihr Bild recht lebhaft in die
Seele zurückrufe Nun gut gut er mag es haben Schon seh ich die wilden
Pferde die Zügel zerreißen rasselnd springen sie mit dem Wagen den schroffen
Felsenweg hinunter an den Klippen zerschmettert liegt das Fuhrwerk da und er
steht und beweint den Verlust Er hat es gewollt es sei
Lebe wohl teure Seele unsre Wege nehmen von jetzt eine verschiedene
Richtung der meinige in das wildverwachsene Dickicht des Waldes hinein wo der
Wind aus unterirdischen Klüften pfeift und der Deine Ich wünsche Dir Glück
mag er führen wohin er will
30
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London
Mein Schicksal ist entschieden William hat dem Vater seine Liebe entdeckt
und ach Emilie Tränen sind auf diese Stelle hinabgefallen die deutlich
genug sprechen Ein kalter Schauder überfällt mich wenn ich daran denke dass
es nun entschieden ist entschieden was ich immer fürchtete aber das Endurteil
immer noch weit weit von einem Monate zum andern hinausschob Nun ist endlich
so plötzlich die Stunde hereingebrochen die unbarmherzig alles zu Boden schlägt
und auch keiner einzigen Hoffnung Raum zum Wachsen übriglässt Ach Emilie
Freundin Keinen Trost denn ich verstehe ihn nicht da Sie nicht meinen
Schmerz verstehen schenken Sie mir eine Träne und mehr will ich nicht Sehen
Sie dass Sie unrecht taten mir zuweilen meine schwarzen Ahndungen abzuleugnen
O meine Liebe sah über die Zukunft hinweg und zitterte schon im voraus vor dem
fürchterlichen Schlage Mortimer will mich trösten ich sehe sein gutes Herz
und seinen guten Willen aber ich muss doch weinen wenn es mir einfällt dass nun
alles entschieden ist Ich habe die ganze Nacht geweint aber was ist das nun
mehr Fodre ich denn Ihr Mitleid für meine Tränen Ach mein wundes Herz wie es
langsam und krampfhaft emporzuckt wenn ich daran denke Ach was kann mir
Mitleid helfen
31
William Lovell an Rosa
Rom
Ich bin kälter geworden seit einiger Zeit Wahrlich lieber Freund wenn dies
war so war es nur um desto glühender zu Ihnen zurückzukommen Nein Ihre
Freundschaft ist mir noch immer ebenso teuer ja teurer als ehemals lassen Sie
uns nicht den Bund zerreißen den wir geschlossen hatten
Hoch triumphierend steh ich oben über dem Leben und seinen Freuden und
Leiden erhaben ich sehe mit stolzer Verachtung in das Gewühl der Welt hinab
Wer sind jene armseligen Geschöpfe die so schwer und keuchend an den Bürden der
Pflichten und der Tugenden tragen Meine Brüder Nimmermehr Die Willkür
stempelt den freien Menschen von allen Banden losgelassen rausch ich wie ein
Sturmwind dahin Wälder niederreissend und mit lautem und wildem Geheul über die
steilen Gebirge hinfahrend Mags hinter mir stürzen und vor mir wanken was
sind mir die Ruinen die mich in meinem Laufe aufhalten sollten
Fliege mit mir Ikarus durch die Wolken brüderlich wollen wir in die
Zerstörung jauchzen wenn unser Verlangen nach Genuss nur ersättigt wird Wir
sind unsre Gesetzgeber und unsre Untertanen im jugendlichen Rausche wollen wir
der Abendröte entgegentaumeln und in ihrem Schimmer untersinken
32
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Ich muss Dir schreiben Eduard und wär es auch nur der lieben Gewohnheit wegen
Sollte man doch fast schwören das Leben wäre bei den meisten Menschen nichts
weiter als eine Gewohnheit so nüchtern unbefangen so jämmerlich und
phlegmatisch schleppen sie sich durch die spannenlange Zeit die ihnen vom
kargen Verhängnisse gegönnt ist
Dass mein Vater mir meine Bitte abgeschlagen hat wirst Du wissen eine
Sache die mir jetzt ganz gleichgültig ist Es kommt mir manchmal vor als würde
mir überhaupt das sehr gleichgültig werden was man im gemeinen Leben Unglück
nennt Da ich auf dieser Seite nicht mein Glück habe finden können muss ich es
natürlicherweise auf der andern suchen Ich will von Stufe zu Stufe klettern um
die oberste und schönste Spitze der Freude zu finden und hoch herab auf alle
Trübsale und Demütigungen blicken womit die Sterblichen in diesem Leben
verfolgt werden Stürz ich schwindelnd von oben hinunter was ist es denn mehr
Ich stehe jetzt an einem Scheidewege der manches Gehirn zum Schwindeln
bringen könnte aber ich bin fast gleichgültig geblieben Ich fange überhaupt
an wie es mein Vater will kalt und vernünftig zu werden ich hoffe es am Ende
wohl noch dahin zu bringen den Enthusiasmus in meiner Brust auszulöschen den
er und auch Du so oft an mir getadelt habt Doch ich wollte Dir einen
sonderbaren Vorfall erzählen der sich seltsam genug an die übrigen reiht
Vorgestern erhielt ich von einem Unbekannten folgendes Billet
Folgen Sie dem Überbringer wenn Sie etwas erfahren wollen was Ihnen
außerordentlich wichtig sein muss
Ich ging mit dem Unbekannten der mich jenseits Maria Maggiore in die Einsamkeit
nach Santa Cruce zu führte in einem abgelegenen Garten trete ich in ein kleines
Häuschen das an einen alten Tempel gebaut ist alles war still und einsam ich
öffne die Tür eines Zimmers und ein Mädchen kommt mir entgegen Ich dachte ein
lustiges Abenteuer zu finden und erschrak etwas als ich in dem Mädchen den
blonden Ferdinand den Bedienten Rosas erkannte
Wir setzten uns ich war betreten und in Verlegenheit
»Um Gottes willen« fing sie an sehr ängstlich zu sprechen »ich kann es
Ihnen nicht länger bergen es drückt mir sonst das Herz ab seit dem ersten
Tage da ich Sie kennenlernte ward ich unwillkürlich zu Ihnen hingezogen ich
weiß manches was Sie nahe angeht hüten Sie sich vor Rosa«
Sie sagte die letzten Worte mit einer sonderbaren Bedeutung der
fürchterliche Alte ging meiner Seele wieder vorüber ein kalter Schauer schlich
über meinen Rücken hinab In demselben Augenblicke trat Rosa herein der eben
von Neapel kam Er war anfangs verlegen mich hier zu finden und entdeckte mir
endlich das Geheimnis das er mir schon lange habe eröffnen wollen dass nämlich
sein Bedienter Ferdinand ein artiges Mädchen sei das er schon aus Paris
mitgenommen habe
Seitdem habe ich das Mädchen nicht wiedergesehn die Szene hat meiner
Vertraulichkeit gegen ihn Schaden getan und er bemerkt es recht gut Wir
suchen oft beide zu einer Erklärung zu kommen und brechen wieder ab
Hüten Sie sich vor Rosa Was hat man mit mir vor Diese Frage würde
manchen an meiner Stelle sehr beschäftigen Je nun es ist ja das Spielwerk
des Lebens dass sich die Menschen betrügen alles ist maskiert um die übrige
Welt zu hintergehn wer ohne Maske erscheint wird ausgezischt was ist es denn
nun mehr
Viertes Buch
1
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom
Gottes Segen möge zu Dir kommen lieber Bruder so wie er mich nun ganz
verlassen hat Wenn Du in Deinem Herzen noch an den armen Willy denkst so bete
für mich dass ich bald unser gutes englisches Ufer wiedersehe und Dich mitten
drin im schönen gottesfürchtigen Lande wo alle Menschen meinen frommen
einfältigen Glauben haben und die ganze Christenheit einen stillen
einträchtigen Wandel führt Hier scheint zwar die Sonne schöner und wärmer weil
es Gottes gnädiger Wille ist dass sie auch über die Gottlosen scheinen soll
aber nach meiner Einsicht tut er daran gar nicht ganz recht
Du bist noch immer beim alten Herrn Burton nicht wahr Thomas Der Garten
in Bondly ist noch schön und frisch und der Fischer Peter spielt noch jeden
Abend auf der Schalmei Ach mir ist als könnt ich Dich jetzt so mit Deinen
übereinandergeschlagenen krummen Beinen vor dem Tor des Hofes sitzen sehen wo
ich sonst immer ehemals saß und den lustigen Schalmeiklang anhörte der alle
Bauern und selbst das liebe Vieh fröhlich machte wenn es von der Weide
zurückkam hier sitz ich jetzt in meinem kleinen dunkeln Kämmerchen und
weine dass ich nicht bei Dir bin Nun Gott wird alles zum Besten lenken
Du wirst mir abmerken dass ich in der Fremde gar nicht mehr so vergnügt bin
wie ehemals Lachen hat seine Zeit und Weinen hat seine Zeit Freilich wohl
Aber es ist doch nicht recht dass man einen alten Mann so zur Betrübnis zwingt
der sich wegen der Seelen anderer Menschen abhärmt dass ihm kein Bissen Brot und
kein Tropfen Wein mehr schmeckt Wir sind hier jetzt so lustig Bruder dass wir
sogar auf dem Rande von Felsen tanzen und springen ich sah einmal einen
Jungen der aus purem lieben Mutwillen in einen tiefen Brunnen fiel und
elendiglich ersaufen musste Ich kann nicht schwimmen Thomas ich bin zu alt um
jemand wieder aus dem Wasser ans Tageslicht zu ziehen Was Herr William denkt
kann ich nicht wissen aber Gott mag ihm beistehn wenn er ganz verlassen ist
Du wirst aus meinen Jammerliedern nicht recht klug werden können lieber
Bruder Ach wohl dem Manne dem das Elend eine wallisische Mundart spricht
und der nicht sitzet wo die Spötter sitzen noch wandelt den Weg der Gottlosen
den ich jetzt alle Tage mit meinem Herrn gehen muss Er ist nicht mehr derselbe
er ist völlig ausgetauscht er bringt sein Geld durch als wenn er die
Schatzkammer hätte aber das Geld ist doch am Ende immer nur ein irdisches
Gut an dem Gott keinen Wohlgefallen hat aber seine Seele Tom seine Seele
die er von Gott geliehen bekommen hat und die er ihm dereinst wieder bezahlen
sollte verschwendet er auch als wenn Seelen nur so auf allen Jahrmärkten zum
Kaufe ständen Wenn er sich nicht bald wieder ändert wird es mit seiner
Rechnung an dem großen Wechseltage übel aussehen Doch richtet nicht so werdet
ihr auch nicht gerichtet
Ja Bruder unsre Heilige Schrift ist jetzt noch mein einziger Trost in
meinen trüben Jammerstunden Du glaubst gar nicht was für Kraft in dem Buche
steckt Ich packte es so sorgfältig mit in meinen Koffer ein und ich sitze nun
oft ganze Stunden und lese so andächtig als wenn ich bald vor Gott geführt und
ein Engel aus mir gemacht werden sollte Man kann nicht wissen wie schnell sich
manchmal etwas fügt es ist noch nicht aller Tage Abend und sollte ich den
großen Schritt tun müssen so denke ich in meinem Examen nicht ganz schlecht zu
bestehen
Sage mir einmal lieber Bruder warum manche Menschen so dumm und bei allem
ihrem eingebildeten Verstande vor Dummheit ordentlich wie vor den Kopf
geschlagen sind dass sie die große breite Heerstraße des göttlichen Worts
durchaus nicht sehen wollen die ihnen vor den Füßen steht und sich lieber durch
einen dichten wildverwachsenen Wald einen Weg hauen sich immer in dem
Gesträuche reißen und stechen und sich weismachen sie haben die schönste
Chaussee von der Welt vor sich Mein Herr und Herr Rosa bilden sich immer ein
ich verstehe ihre hohen freigeisterischen Reden gar nicht die sie manchmal
führen wenn ich dabei bin Ach ich verstehe alles recht gut wie sie es
gerne meinen wollen wenn man in seinem dummen einfältigen Herzen den Gedanken
an Gott und den Glauben an ihn so recht warm und kräftiglich fühlt so fasst man
auch recht gut den Sinn von all den irdischen Irrlehrern die in der Finsternis
wandeln und da aus den Händen ihre Augen machen müssen Aber wir sind
besser dran Thomas die wir vom Herrn erleuchtet sind wir sehen mit unsern
eigenen Augen wir fühlen mit unserm eigenen Herzen die Gott uns mit auf die
Welt gab und seinen Stempel dreinsetzte sie haben nachgemachte Herzen die im
Sturm und Ungewitter nicht ausdauern die in der Hitze zergehen und in der Kälte
zusammenschrumpfen Gott hat mir einen Glauben gegeben der für alle Tage in der
Woche aushält und des Sonntags schenkt er mir zuweilen noch eine fromme
christliche Erleuchtung dass es mir wie ein Morgenrot durch meine Seele geht
und sie wieder jung und frisch macht nicht solche Erscheinungen Thomas die
bei uns manche närrische Leute haben so eine sanfte stille Wärme wie das erste
Tauwetter im Frühjahr Darum könnt ich mich auch immer noch trösten wenn das
ganze Unglück nicht grade meinen Herrn beträfe den ich so außerordentlich von
ganzer Seele liebhabe dass ich für ihn sterben könnte wenn es sein müsste aber
er macht sich aus dieser Liebe gar nichts mehr ich würde gegen einen Hund der
aus meiner Hand lieber als von einem andern sein Stückchen Brot ässe mehr
Anhänglichkeit haben Die Mädchen und Weiber hier mit ihrem gezierten und
hochfahrenden Wesen sind ihm lieber so ein Herr Rosa der nicht an Gott und
Ewigkeit glaubt ist sein Herzensfreund solche Leute die ihren Verstand für
turmgross halten wenn sie den Himmel mit allen seinen Sternen nicht sehen
wollen und sich einbilden sie könnten dies alles auch so und noch besser
machen wenn sie nur Zeit und Handwerkszeug hätten Gott mag ihnen vergeben und
ein Einsehn in ihre Narrheit haben die Hunde bellen den Mond an und wenn der
Mond so denkt wie ich so nimmt er es ihnen gewiss nicht übel
Ein Traum sagt man freilich wohl ist nur ein Schaum aber ein Schiffer hat
mir doch einmal erzählt dass es auf dem Meere einen gewissen kuriosen Schaum
gebe der ordentlich Sturm und Schiffbruch voraus prophezeie Könnt es denn
nicht auch mit manchen Träumen dieselbe Bewandtnis haben So hatt ich schon in
Frankreich einen gar bedenklichen Traum damals als der gute Herr Mortimer von
uns wieder nach England zurückreiste Wir alle standen nämlich unten an einem
hohen hohen Berge ich mein Herr Herr Mortimer Herr Balder und der Italiener
Rosa oben wollten sie alle gerne hinauf aber Herr Mortimer wurde müde und
setzte sich unten an einer schönen grünen Stelle nieder Mit einem Male war ich
weg und ich konnte gar nicht klug daraus werden wo ich geblieben wäre die drei
übrigen gingen den Berg hinauf und Herr Balder hatte einen sehr wunderlichen
Gang als sie fast oben waren fiel Herr Balder herunter und aus dem Italiener
ward ein ganz fremder unbekannter Mensch Jetzt ging nun ein schwarzer alter
Pudel dicht hinter meinem Herrn hielt immer den Kopf nahe über der Erde und
ging so recht aufmerksam und liebreich Du kennst wohl die närrische Art an den
Pudeln Thomas wenn sie so zutraulich und gesetzt hinter einem hergehen Oben
stand Herr William und sah so recht dreist in den tiefen fürchterlichen Abgrund
hinein als wenn er da in den Steinklippen zu Hause gehörte ich kann es nicht
leiden Thomas wenn ein Mensch so recht oben auf einer Felsenklippe nicht etwas
schwindlicht wird denn es liegt in der Natur und es ist eine Art von Frechheit
sich nicht da oben ein bisschen zu fürchten Nun wie gesagt Herr William tat
das gar nicht sondern grade umgekehrt er bückte sich noch so recht mutwillig
über Der Hund der mein Gemüt haben musste fasste ihn beim Rockschoss um ihn
festzuhalten Herr William sah sich so mit seinen großen Augen um und gab dem
redlichen Pudel einen tüchtigen Stoß mit dem Fuße dass der Hund sich
zusammenkrümmte umkehrte und mit einem recht kläglichen Gewinsel den Berg
hinuntertrabte so langsam als wenn er zur Leiche ginge In der Mitte sah sich
der Hund noch einmal um und so wie ich es vorausgedacht hatte fiel der Herr
William jetzt plötzlich in das Felsental hinunter
Nun Thomas möcht ich wohl ein groß Stück Geld darauf wetten dass niemand
anders als ich der Pudel gewesen ist Herr Mortimer wollte auf diesen Traum
damals gar nicht achten aber er ist mir heute wieder recht lebhaft eingefallen
Wie gesagt ich wollte ich könnte nach England zurückreisen gebe Gott dass
sich bald dazu eine Gelegenheit findet denn es gefällt mir nun in den fremden
Ländern hier gar nicht mehr Vielleicht geht aber noch alles wieder gut lebe
recht wohl lieber Bruder und bleibe Du mein guter Freund ich bin gewiss
zeitlebens
der Deinige
2
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Dein Brief lieber Freund der mich trösten der mir den Zusammenhang der Dinge
im wahren Gesichtspunkte zeigen sollte ist zu spät gekommen Ich war vielleicht
schon ruhig als Du die Feder ansetztest um mich zu beruhigen Es ist so etwas
Jämmerliches in allen Bekümmernissen dieser Sterblichkeit dass der Gram schon
von selbst verschwindet wenn man ihn nur genauer ins Auge fasst Sollt ich
jammern und klagen weil nicht jeder meiner übereilten Wünsche in Erfüllung
geht Da müsst ich mein ganzes Leben verklagen und ich wäre ein Tor Das Flehen
der Sterblichen schlägt gegen die tauben Gewölbe des Himmels weil alles sich in
einem nichtigen schwindelnden Zirkeltanz dreht nach Genüssen greift die nur
der Widerschein von wirklichen Gütern sind und so jeder fühlt wie ihm sein
geträumtes Glück aus den Händen entschwindet Wer aber vorher weiß welche
Gerichte er an dieser Tafel findet der wählt klug aus und kostet von jedem
wenn die Nachbarn hungrig vom Tische gehen indem sie auf eine Lieblingsspeise
warteten die nicht aufgetragen wurde Und ist es nicht so leicht den
Küchenzettel von diesem Leben zu erhalten
Du wirst mir schon nach diesem Tone meines Briefes glauben dass ich völlig
getröstet bin ich glaube jetzt oder bilde mir es ein alle Partien dieses
Lebens überblicken zu können dass mich keine Anlage dieses seltsam geordneten
Parks überrascht dass ich es weiß wenn ich durch krumme Labyrinthe auf meine
Fußstapfen zurückgekehrt bin und den Zaun recht gut bemerke der sich hinter
Gebüsche verstecken soll Ich bin sogar seitdem in eine mutwillige Laune
gefallen in einen gewissen humoristischen Rausch in welchem mir die Freuden
und Leiden dieses Lebens weder wünschenswürdig noch verabscheuungswert
erscheinen es ist alles um mich her ein breiter mühsam erfundener Scherz der
wenn man ihn zu genau beobachtet und anatomiert nüchtern erscheint aber wenn
man sich auf dieser Maskerade dem Lachen und der guten Laune gutwillig hingibt
so verfliegt der Spleen und wir fühlen es dass wir auch im Lachen weise sein
können
Ist denn überhaupt nicht alles auf dieser Erde ein und ebendasselbe Wir
drücken uns selbst die Augen fest zu um nur nicht diese Wahrheit zu bemerken
weil dadurch die Schranken einfallen die Menschen von Menschen trennen Ich
könnte hier viel wiedererzählen was ich vordem meinem guten Mortimer nicht
glauben wollte denn bloß durch diesen Eigensinn unterscheiden sich die
Charaktere der Menschen wir würden alle einen Glauben haben wenn wir uns nicht
von Jugend auf ein Schema machten in das wir uns nach und nach mühsam
hineintragen das Gerüst und Sparrwerk eines Systems und daraus unsere
eingebildete Wahrheit herausschreien und dem Nachbar gegenüber nicht glauben
wollen der in einem andern Käfig steckt und eine andre Lehre predigt Frei
stehe der kühnere Mensch ohne Stangen und Latten die ihn umgeben in der hohen
Natur da aus Baumwipfeln und Morgenrot ziehe er seine Philosophie und schreite
wie ein Riese über die Zwerge hinweg die gleich Ameisen zwischen seinen Füßen
kriechen und sich mit kläglicher Emsigkeit mit Sandkörnern schleppen um den
gewaltigen Bau aufzuführen den ein einziger Fußtritt aus seinen Wurzeln hebt
Was wollt ich nur mit mir selber als ich jene Briefe an Dich und an meinen
Vater schrieb in welchen ich so flehentlich um Amalien bat Bin ich denn in
diesem Namen in diesem Laut eingekerkert dass meine Seele nach ihrem Besitz und
nach Freiheit schmachtet Weiß ich doch nicht ob ich sie durch den Besitz nicht
mehr verloren hätte als jetzt denn meine schönsten Gefühle können sich mit den
Erinnerungen dieses Namens vermählen ewig reich und klar kann sie mir im Herzen
wohnen da ich im Gegenteil oft genug wahrgenommen habe dass die meisten Ehen
nur eine Entweihung der Liebe sind
Freilich ist Wollust das große Geheimnis unsers Wesens freilich will auch
die reinste inbrünstigste Liebe sich in diesem Brunnen kühlen sie soll eben
sterben damit wir fühlen dass wir Menschen sind dass wir von täuschenden
Phantomen erlöst werden die uns als Engelsgestalten besuchen und doch Furien
werden wenn sie das glänzende Gewand fallen lassen Denn schläft nicht die
wildeste Verzweiflung die grässlichste Angst der blutigste Hass Selbstmord und
alle Greuel im Innern dieses Gefühls Erwachen treten sie nicht hervor aus
ihrem Dunkel diese entsetzlichen Gestalten wenn ewig unbefriedigt dieser Trieb
des bewegten Herzens in sich selber kreiset wenn die glutaugige Eifersucht mit
dem Schlangenhaar dazwischenheult Nur Leichtsinn nur das Erkennen der
Täuschung kann uns retten und darum ist mir in diesem Sinne in welchem ich
sonst nach der Geliebten strebte Amalie verlorengegangen seit ich weiß dass
Poesie Kunst und selbst die Andacht nur verkleidete verhüllte Wollust ist
die von innen heraus ihren Glanz ausstrahlt und ungekannt der Menschensinn in
allen seinen Kräften zu sich ruft
Ich muss über mich und meinen Zustand lachen wenn ich länger fortfahre mir
ihn deutlich zu entwickeln Dass wir Sinnlichkeit haben ist keineswegs
verächtlich und kann es nicht sein und doch streben wir unaufhörlich sie uns
selber abzuleugnen und sie mit unserer Vernunft in eins zu schmelzen um nur in
jedem der vorüberfliegenden Gefühle uns selbst achten zu können Denn freilich
ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unserer Maschine sie
wälzt unser Dasein von der Stelle und macht es froh und lebendig ein Hebel
der in uns hineinreicht und mit kleinen Gewichten große Lasten zieht Alles
was wir als schön und edel träumen greift hier hinein Sinnlichkeit und Wollust
sind der Geist der Musik der Malerei und aller Künste alle Wünsche der
Menschen fliegen um diesen Pol wie Mücken um das brennende Licht
Schönheitssinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen sie
bezeichnen nichts weiter als den Trieb des Menschen zur Wollust an jeder
reizenden Form an jedem Bilde des Dichters weidet sich das trunkene Auge die
Gemälde vor denen der Entzückte niederkniet sind nichts als Einleitungen zum
Sinnengenuss jeder Klang jedes schöngeworfene Gewand winkt ihn dorthin daher
sind Boccaz und Ariost die größten Dichter und Tizian und der mutwillige
Korreggio stehen weit über Dominichino und den frommen Raffael
Ich halte selbst die Andacht nur für einen abgeleiteten Kanal des rohen
Sinnentriebes der sich in tausend mannigfaltigen Farben bricht und auf jede
Stunde unsers Lebens einen Funken wirft Da mir die Augen nun darüber geöffnet
sind will ich mich geduldig in mein Schicksal ergeben ich darf kein Engel
sein aber ungestört will ich als Mensch dahinwandeln ich will mich hüten mir
selbst um mein Dasein ängstigende Schranken zu ziehen So ist mir der Name
Amalie fremd geworden war meine hohe taumelnde hingegebene Liebe etwas
anders als das rohe Streben nach ihrem Besitze ein Gefühl das wir uns von
Jugend auf verkünsteln und uns das simple Gemälde unsers Lebens mit unsinnigen
Arabesken verderben Darum eben verachtet der Greis diese jugendlichen
Aufwallungen und wilden Sprünge des Gefühls weil er zu gut erfahren hat wohin
sich alle diese glänzende Meteore am Ende senken sie fallen wieder wie Raketen
zur Erde und verlöschen Aber diese Greise sind zugleich für Künste und
Enthusiasmus tot weil die Blüte der Sinnlichkeit für sie abgeblüht ist die
Seele ist in ihnen ausgeloschen und sie sind nur noch die matte Abbildung eines
Lebendigen
Ich will dem Pfade folgen der sich vor mir ausstreckt die Freuden begegnen
uns solange die Spitzen in unsern Sinnen noch scharf sind Das ganze Leben ist
ein taumelnder Tanz schwenkt wild den Reigen herum und lasst alle Instrumente
noch lauter durcheinanderklingen Lasst das bunte Gewühl nicht ermüden damit uns
nicht die Nüchternheit entgegenkömmt die hinter den Freuden lauert und so
immer wilder und wilder im jauchzenden Schwunge bis uns Sinne und Atem stocken
die Welt sich vor unsern Augen in Millionen flimmernde Regenbogen zerspaltet
und wir wie verbannte Geister auf sie von einem fernen Planeten herunterblicken
Eine hohe bacchantische Wut entzünde den frechen Geist dass er nie wieder in den
Armseligkeiten der gewöhnlichen Welt einheimisch werde
3
William Lovell an Rosa
Rom
Warum schwärmen Sie schon wieder in Neapel herum und verlassen Ihren Freund
Ich mag nicht Ihr Begleiter sein weil ich Baldern fürchte sein Anblick und
seine Art des Wahnsinns schneiden durch mein Herz Ich fühle mich hier in
manchen Stunden außerordentlich einsam ich gehe aus um Sie zu sehen und
vergesse dass Sie nicht in Rom sind Ich habe soeben einen Brief an meinen
Freund Eduard gesiegelt und die Tränen stehen mir noch heiß in den Augen alles
was ich je empfand kam ungestüm wie ein Waldstrom in meine Seele zurück ich
unterdrückte dies Gefühl das immer heftiger in mir emporquoll und schrieb
endlich in einer Angst in der ich mir selber trotzte mich einer blinden Sucht
zu übertreiben ergab musste aber den Brief plötzlich abbrechen weil die Tränen
endlich ihrer Fesseln ledig wurden und ich laut schluchzend und klagend in
meinen Sessel sank Wie aus den Wolken schwindelte ich herunter alles was mich
aufrecht erhielt verließ mich treulos der Mensch ist ein elendes Geschöpf
Ja das Blendwerk der jugendlichen Phantasie ist jetzt von meinen Augen
genommen ich habe mich über meine Empfindungen belehrt und verachte mich jetzt
eben da wo ich mir einst als ein Gott erschien aber ach Rosa ich wünsche
mir jetzt in manchen Stunden dies kindische Blendwerk zurück Was ist aller
Genuss der Welt am Ende und warum wollen wir die Täuschung nicht beibehalten
die uns auf jedem Felsen einen Garten finden lässt
Und ist denn meine jetzige Meinung nicht vielleicht ebensowohl Täuschung
als meine vorhergehende Mir fällt es erst jetzt ein dass beide Ansichten der
Welt und ihrer Schätze einseitig sind und es sein müssen alles liegt dunkel
und rätselhaft vor unsern Füßen wer steht mir dafür ein dass ich nicht einen
weit größeren Irrtum gegen einen kleineren eingetauscht habe
Als ich mich so meiner vorigen Existenz erinnerte als ich alle Szenen die
mich sonst entzückten meinen Augen vorübergehen ließ als ich an die Aussichten
des Lebens dachte wie sie damals vor mir lagen o Rosa wie eine untergehende
Sonne beschien mich der blasse Strahl ohne mich zu erwärmen es fiel eine
seltsame rätselhafte Ahndung meine schwankende Seele an ich kann Ihnen meinen
Zustand unmöglich deutlich machen Mir wars als käme es wie eine göttliche
Offenbarung auf mich herab es gingen die verschlossenen Türen in meinem
Innersten auf und ich schaute in die seltsame verworrene Werkstatt meiner
Seele Wie wüst und ungeordnet lag alles umher was ich so schön und zierlich
aufgepackt glaubte in allen Gedanken fand ich ungeheure Klüfte die ich aus
trunknem Leichtsinn vorher übersehen hatte das ganze Gebäude meiner Ideen fiel
zusammen und ich erschrak vor der leeren Ebene die sich durch mein Gehirn
ausstreckte Nun stiegen alle Erinnerungen noch schöner und goldener in mir auf
die Vergangenheit stand noch frischer und lebendiger vor mir und ich sah nur
wie viel ich verloren hatte und konnte keinen Gewinn entdecken
Ist in jeglichem Lebenslaufe nicht vielleicht eine schöne blumenreiche
Stelle aus der sich ein Bach ergießt und dem Wanderer durch sein ganzes Dasein
frisch und erquickend nachfolgt Hier muss er dann anfangen sein Glück zu
gründen Liebe Freundschaft und Wohlwollen wandeln in dieser schönen Gegend
und warten nur darauf dass er ihre Hand ergreife um ihn zu begleiten Wenn nun
der Mensch hindurchgeht und nicht auf den Gesang der Vögel horcht die ihn
anrufen dass er hier verweilen solle wenn er wie ein nüchterner Träumer einen
öden Pfad sucht und der Quelle vorübergeht wenn ihm Liebe und Freundschaft
alle zarten Empfindungen vergebens nachwinken und er lieber nach dem Gekrächze
des heisern Raben hinhorcht ach so verliert er sich endlich in Wüsten von
Sand in verdorrte Gegenden des Waldes alles hinter ihm ist zugefallen und er
kann den Rückweg nicht entdecken er erwacht endlich und fühlt die Einsamkeit
um sich her
Lieber Rosa was sagen Sie zu diesem Briefe und zu Ihrem Freunde so weit
hatte ich geschrieben als ich unwillig die Feder niederwarf und im roten
Abendschein durch die Straßen ging Bald floss mein Blut schneller durch meine
Adern als mir so manche von den bekannten Gesichtern begegneten als ich unsre
Donna Bianca an ihrem Fenster sah Die Einsamkeit die engen Wände sind es die
uns verdrießlich und melancholisch machen mit der freieren Luft atmet der Mensch
eine freiere Seele ein und fühlt sich wie der Adler der sich mit regerem
Flügelschlag über die finsteren Wolken hinaushebt Ich komme jetzt eben von der
schönen Bianca zurück und mein Brief ist mir unverständlich Ich bin oft darauf
gefallen dass man nur immer suchen sollte recht viele Menschen und ihre
Gemütsart und Ansicht der Dinge kennenzulernen wir verlieren uns sonst gar zu
leicht in klägliche Träumereien aber jedes neue Gesicht und jedes fremde Wort
eröffnet uns die Augen über unsre Irrtümer Ich kann oft einem einfältigen
Menschen wie einem Orakel zuhören weil er mich durch seine Reden in einen ganz
neuen Gesichtspunkt stellt weil ich mich so in ihn hineindenken kann und dabei
zugleich meine eigene Gemütsstimmung vergleiche dass ich selbst in seinem
einfältigsten Geschwätz einen tiefen gedankenreichen Sinn entdecke Bei Weibern
vorzüglich habe ich aus jedem gesprochenen Worte selbst aus dem
unbedeutendsten etwas gelernt
Bianca lässt grüßen sie ist ein liebenswürdiges Geschöpf Wir sprachen heute
lange darüber wie ich sie zuerst durch Sie hätte kennen lernen ich finde sie
jetzt noch schöner als damals ihr großes feuriges Auge hat einen Strahl in
seiner Gewalt der bis ins Innerste des Herzens dringt sie hat alle meine Sinne
in Aufruhr gesetzt und ich habe sie verlassen auf die schönste glücklichste
Art beruhigt
Ich werde von ihr und von Ihnen träumen antworten Sie mir bald
4
Rosa an William Lovell
Neapel
Ihr Brief hat mich sehr amüsiert lieber Freund er macht so ein wahres Gemälde
des Menschen aus dass ich ihn oft gelesen habe Vorzüglich lustig ist die
Schwermut mit der er anhebt und der Übergang aus diesem Adagio in das gesetzte
und feste Andante ist so überraschend und doch so natürlich dass mir alles so
deutlich war als hätte ich es selbst geschrieben Ich denke Sie werden noch
öfter ähnliche Erfahrungen an sich machen und die Klagen werden sich wenn Sie
sonst wollen ebenso kalt und philosophisch schließen wie dieser Brief es tut
Es ist leider ebenso demütigend als wahr dass bei Ihrer Melancholie nicht die
philosophische sondern die medizinische Untersuchung die richtigere war Bianca
hat Sie von einer Krankheit geheilt die kein Weiser kein Dichter kein
Spaziergang kein Gemälde keine Musik heilen konnte
Die klemmende unbekannte Sehnsucht die so oft den Busen des Jünglings und
des aufkeimenden Mädchens zusammenzieht was ist sie anders als das Vorgefühl
der Liebe Und was ist die Liebe mit allen ihren fröhlichen Qualen und ihren
peinigenden Freuden weiter als das Drängen nach dem Genuße dem Ziele nach
welchem jeder rennt ohne es zu glauben Meinen Sie nicht dass wenn man den
Petrarka in seine Muttersprache übersetzte seine langweiligen Gedichte die
lustigste Lektüre von der Welt sein müssten
Grüssen Sie Bianca von mir und weihen Sie ihr eine Ihrer feurigsten Oden
denn sie hat es um Sie verdient Diese Mädchen verdienen nicht nur mit dem
Rosenkranze der Liebe sondern auch mit der eichenlaubigen Bürgerkrone
geschmückt zu werden Dante war gewiss ebenso entaltsam als Sie sonst hätte er
sein finsteres Gedicht nicht geschrieben an dessen Existenz wir nichts gewonnen
haben folgen Sie meinem Rate denn nur der Phlegmatische wird nicht bei einer
ähnlichen Art zu leben düster und melancholisch
Ich sehe die Gegenden um Neapel und die Mädchen der Stadt mehr als den
finsteren Balder der wie eine Mumie in einer Katakombe in seinem Zimmer liegt
und selbst das Licht der Sonne verachtet weil es ihm ein Bild der Fröhlichkeit
ist Ich möchte wenn ich ein Dichter wäre nichts als lachende Satiren
schreiben ohne Bitterkeit und schiefe Spitzen wenn man die Menschen genauer
ansieht so gibt es keinen den man bemitleiden kann sie erschüttern nur das
Zwerchfell und die Tränen sind bei den Menschen nur eine andre Art zu lachen
ebenso wollüstig ohne traurig zu machen Beides Schwäche aber liebenswürdige
Schwäche der Muskeln ein Krampf ohne den die Gesichter ganz ihre
Mannigfaltigkeit verlieren würden Ihr Shakespeare hat nie so etwas Wahres
gesagt als wenn er den Puck zum Oberon sagen lässt
Lord what fools tese mortals be
Lesen Sie die Stelle und den ganzen Zusammenhang im Midsummernights dream sie
ist der beste Kommentar über meine Meinung
5
Balder an William Lovell
Neapel
Ich will Worte schreiben William Worte das was die Menschen sagen und
denken Freundschaft und Hass Unsterblichkeit und Tod sind auch nur Worte
Wir leben jeder einsam für sich und keiner vernimmt den andern antwortet aber
wieder Zeichen aus sich heraus die der Fragende ebensowenig versteht aber so
wie unser ganzes Leben ein unnützes Treiben und Drängen ist das elendeste und
verächtlichste Possenspiel ohne Sinn und Bedeutung so will ich Dir in einer
schwermütig lustigen Stimmung einen Brief schreiben über den Du lachen sollst
Ich weiß selbst nicht warum ich schreibe aber ebensowenig weiß ich warum
ich Atem schöpfe Es ist alles nur um die Zeit auszufüllen und etwas zu tun
die elende Sucht das Leben mit sogenannten Geschäften auszufüllen Länder
erobern Menschen bekehren oder Seifenblasen machen eine Sucht die bei der
Geburt unserer Seele eingeimpft ist denn sonst würde schon der Knabe die Augen
zumachen sich vom langweiligen Schauspiel entfernen und sterben diese Wut also
etwas zu tun macht dass ich Papier und Feder nehme und Gedanken schreiben will
das Unsinnigste was der Mensch sich vorsetzen kann
Ich wette Du lachst schon jetzt so wie ich über den Anfang meines Briefes
gelacht habe dass mich die Brust schmerzt Du liesest den ganzen Brief nämlich
nur aus Dir heraus und ich schreibe Dir im Grunde keinen Buchstaben Aber mags
sein Bin ich doch auch wohl ehedem ein Tor gewesen ganze Bücher mit Vergnügen
durchzulesen und mir einzubilden dass ich den Geist des Verfassers dicht vor
meinen Augen habe Mein Bedienter ist gutwillig genug und so geschäftig mir
Papier Tinte Feder und alles übrige zu besorgen als wenn von diesem meinem
Schreiben das Heil ganzer Länder abhinge Dass es noch Menschen gibt die das
was man Geschäfte nennt ernstaft treiben können ist das Wunderbarste in der
Welt oder ob sie noch gar nicht darauf gefallen sind sich selbst und andre
näher zu betrachten wie lächerlich possenhaft und weinerlich alles alles
selbst Sterben und Verwesen ist
Manche von den Menschen die mich besuchen geben sich viele Mühe sich zu
meinem kranken Verstande herabzulassen wenn sie von ihren wichtigen
Armseligkeiten sprechen Sie glauben ich verstehe sie nicht wenn ich über dem
düstern Abgrunde meiner Seele brüte und setzen mir dann auf eine ekelhafte Art
ihre Zwerggedanken auseinander Ich höre sie in meiner Spannung zuweilen wie aus
einer tiefen Ferne in meine Seele hineinreden wie ein unartikulierter
Wasserfall der gegen die Ufer schlägt ich antworte ihnen mit Worten ohne sie
zu überlegen und sie verlassen mich mit tiefem Bedauern und halten mich für
höchst unglückselig weil ich ihre tiefe Ideen nicht verstehe
Neulich war ich in einer Gesellschaft von einigen Menschen die sich
untereinander Freunde nannten Es waren Künstler und zwei darunter hielten sich
für Dichter Man hatte mich aus Mitleid gebeten um mich zu zerstreuen und
meinen trüben Geist aufzuheitern Ich saß wie eine Statue unter ihnen und hörte
dabei jedes Wort das sie sprachen Man machte sich gegenseitige Komplimente
einer sprach von den ungeheueren Talenten des andern ließ aber dabei doch seinen
Neid ziemlich deutlich hervorblicken Der eine sprach von seinen Idyllen die
einer seiner Feinde in einer gelehrten Schrift heruntergesetzt habe weil er ihm
seinen großen Ruhm beneide er bat den andern Dichter eine Satire auf diese
Zurücksetzung zu schreiben und man sprach mit einem Eifer und Feuer von der
ganzen Kinderei als wenn das Wohl der Welt darauf beruhe Der Dichter sprach
immer langsam und akzentuierte jedes Wort hart und feierlich der andere bildete
sich wieder ein lebhafter zu sein und schrie und sprach schneller jeder hielt
es für notwendig irgend etwas Charakteristisches an sich zu haben damit nicht
die großen Seelen so leicht miteinander verwechselt würden Ach das Brausen von
Mühlrädern ist verständiger und angenehmer als das Klappern der menschlichen
Kinnbacken der Mensch steht unter dem Affen eben deswegen weil er die Sprache
hat denn sie ist die kläglichste und unsinnigste Spielerei mir gingen hundert
wilde Gedanken mit harten Tritten durch den Kopf alle diese Menschen wurden
plötzlich so weit von mir weggerückt dass ich sie nur noch wie Larven in einem
fernen Nebel dämmern sah dass ich ihr Gekreisch wie Sumsen von Grillen hörte
ich stand in einer fernen Welt und gebot herrschend über die niedrigen
Schwatztiere tief unter mir Ich ward begeistert und stand prophetisch auf
und rief den Fleischmassen zu »O ihr Armseligen ihr Verblendeten Merkt
ihr denn nicht auf eure Nichtigkeit und bedenkt nicht was ihr seid Klumpen
von toter Erde die über kurzem wieder in Staub verwehen deren Andenken wie
Schatten von Wolken vorüberfliegen euer Leben fährt wie ein Rauch dahin und
euer Ruhm ist eine halbe Stunde in der ein müßiger Schwätzer von euch spricht
und euch verachtet Und ihr steht als wenn ihr Erde und Himmel beherrschtet du
hältst dich für Gott und betest dich selber an weil du jämmerliche Verse
gezimmert hast Ihr werdet sterben sterben die Verwesung empfängt euch und
fragt nicht nach eurem überirdischen Genie die Hunde wühlen einst eure Gebeine
aus und fragen nicht danach ob das derselbe Kopf war der einst Stanzen
schrieb O Eitelkeit du nichtswürdigster Teil des Menschen Tiere und Bäume
sind in ihrer Unschuld verehrungswürdiger als die verächtliche Sammlung von
Staub die wir Mensch nennen«
Ich kann mich nicht erinnern was ich ungefähr weiter gesagt haben mag
aber ich verachtete sie so tief dass ich sie mit den Füßen hätte zertreten
können dass ich es für eine Wohltat an ihnen selbst hielt sie zu vernichten
Als ich zum gewöhnlichen Leben zurückkehrte fand ich mich von ihren Armen
festgehalten man hatte meine Wut gefürchtet und man schaffte den überlästigen
Redner nach Hause
Könnt ich nur Worte finden um die Verachtung zu bezeichnen in der mir
alles erscheint was Mensch heißt mein Arzt ist sehr für meine Gesundheit
besorgt weil es sein Gewerbe mit sich bringt Wenn ich nicht gern vom Wetter
mit ihm spreche findet er meine Umstände bedenklicher will es mich aber nie
merken lassen dass er mich für wahnsinnig erklärt Er gibt mir viele kühlende
Mittel und behandelt mich wie eine tote Maschine ob er mir gleich selber so
erscheint Er schüttelt zu allen meinen verwirrten Gedanken den Kopf weil er
sie nicht in seinen Büchern gefunden hat und im Grunde bin ich wahnsinnig weil
ich nicht dumm und phlegmatisch bin Dass Gewohnheit und Dummheit die Menschen so
wie ein dicker Nebel umgeben kann aus dem sie nie herauszuschreiten vermögen
Lag es nicht von Jugend auf wie eine Gewitterwolke in mir die ich mir selbst
mit Armseligkeiten verdeckte und mir log ich sei froh Kündigte sich nicht oft
der innerste dunkle Genius durch einen Ton an dem ich eigensinnig mein Ohr
verstopfte Ich verstelle mich nicht mehr und bin wahnsinnig Wie vernünftig
die Menschen doch sind
O ich muss fort fort ich will in wilden Wäldern die Seelen suchen die mich
mehr verstehen ich will Kinder erziehn die mit mir sympatisieren es ist nur
nicht Mode so zu denken wie ich weil es nicht einträglich ist
Ich spiele mit den Menschen die zu mir kommen wie mit bunten Bildern Ich
gab mir neulich die Mühe mich zu dem dummen Geschwätze meines Arztes
herunterzulassen wir sprachen über Stadtneuigkeiten über Anekdoten die er
ungemein lächerlich fand ich lieh ihm meine Zunge zum Dreinklingen und er fand
dass ich mich ungemein bessere Mit Selbstzufriedenheit verließ er mich und ich
konnt es nicht unterlassen ihm nach unsrer feierlichen Unterhaltung ein so
lautes Gelächter nachzuschicken dass er sich erblassend umsah und wieder alle
Hoffnung verloren gab
Ich habe ehedem einen Menschen gekannt der taub stumm und blind war Keine
Seele schien sich in ihm zu offenbaren und er war vielleicht der Weiseste unter
den Sterblichen
Rosa hält sich für sehr klug und sieht mich immer mit Mitleid an und ich
möchte nicht er sein ein Narr den jeder Blick eines Mädchens entzückt der
immer wenn er spricht Epigramme drechselt und seine Worte nur für ein
dankbares Lächeln verkauft dessen Lebenslauf kleine Zirkel sind die er
unaufhörlich von neuem durchläuft Wenn er stirbt wird ihm die Scham gewiss am
meisten weh tun dass er ordentlich verwesen muss
Ich wohne jetzt in einem Garten vor dem Tore Wie auf der See treiben meine
Gedanken ungestüm hin und wider ich fürchte mich vor dem blauen gewölbten
Himmel über mir der dort gebogen wie ein Schild über der Erde steht unter
welchem wir Gewürme wie gefangene Mücken sumsen und nichts sehen und nichts
kennen und fühlen Ich mag auch gar nichts mehr denken und ersinnen Es geht
ein Sturm durch die Wölbung und die fernen Wälder zittern rauschend die See
fürchtet sich und murmelt leise und verdrossen es donnert fernab im Himmel als
wenn ein Gewitter zurechtgelegt wird und der Werkmeister unachtsam den Donner
zu früh aus der Hand fallen lässt
Ich schreibe beim heftigsten Gewitter Es braust mit Hagel und Regengüssen
und der Sturmwind und Donner stimmen sich und einer singt dem andern den
tobenden Wechselgesang nach Wie fliehende Heere jagen Wolken Wolken und die
Sonne flimmert bleich auf fernen Inseln die ganz weit weg wie goldene
Kinderjahre in der Sturmfinsternis dastehen das Meer schlägt hohe Wogen und
donnert in seinem eigentümlichen Ton Ich lache und wünsche das Wetter immer
lauter und lauter und schreie dazwischen und schelte den Donner furchtsam
brause du und stürme wirbelnd und reiße die Erde und ihre Gebilde zusammen
damit ein andres Geschlecht aus ihren Ruinen hervorgehe
Die Alltäglichkeit kommt wieder und das Wetter fliegt weiter Wie eine
reisende Komödiantentruppe spielen die Wolken in einer andern Gegend nun
dasselbe Schauspiel dort zittern andre Menschen jetzt wie vor kurzem hier
viele bebten und alles verfliegt und verschwindet und kehrt wieder ohne
Absicht und Zusammenhang
Ich fürchte mich des Nachts nicht mehr Als ich neulich allein um
Mitternacht in meinem Zimmer stand und aus dem Fenster den Zug der trüben Wolken
sah und mir alles wie Menschengedanken und Empfindungen am Himmel dahinzog als
ich sichtbarlich in Dunstgestalt manche Erinnerung vor mir fliegen sah und ich
zu ruhen und zu sterben wünschte da drehte ich mich plötzlich leise um wie
wenn mich ein Wind anders stellte Und alle meine Vorfahren saßen still und in
Mänteln eingehüllt an meinem Tische sie bemerkten mich nicht und aßen mit den
nackten Gebissen von den Speisen heimlich reckten sie die dürren Totenarme aus
den schwarzen Gewändern hervor um kein Geräusch zu machen und nickten
gegenseitig mit den Schädeln Ich kannte sie alle aber ich weiß nicht woran
Als ich meinen Vater bemerkte und daran dachte wie vielen Kummer wie vielen
Verdruss ich ihm gemacht hätte musste ich weinen dass er jetzt so abgehärmt und
jämmerlich aussah und verschämt das nackte Gerippe mehr verdeckte als die
andern Sie hörten mich schluchzen und gingen still wie mit bösem Gewissen zur
Tür hinaus aber doch so langsam und gesetzt dass sie glauben mussten ich hätte
sie nicht bemerkt Wenn wir ohne Schauder unter unsern Möbeln sitzen warum
wollen wir uns denn vor Totengerippen fürchten Aus den Knochen der Tiere
arbeiten sich die Menschen Putz heraus und entsetzen sich vor den näher
verwandten Gebeinen
Ich durchstrich noch in derselben Mitternacht das tote Gefilde und rief
alle Gespenster herbei und gab ihnen Gewalt über mich Ich rief es in alle
Winde aber ich ward nicht gehört Die Glocken schlugen aus der Ferne und
sprachen so langsam und feierlich wie betende Priester Wälder und Winde sangen
Grabgesang und prophezeiten allem was da lebt den unausbleiblichen Tod aber
alle Geschöpfe schliefen fest und hörten nichts davon der Mond sah weinend in
die verschleierte Welt hinein es gibt nichts mehr das mich entsetzt und das
macht mich betrübt Der menschliche Geist kann alle Ideen sehr schnell
erschöpfen weil er nur wenige fassen kann Er hat wie ein Monochord nur sehr
wenige Töne
Lebe wohl wenn es in dieser Welt möglich ist sei recht glücklich mag ich
nicht hinzufügen weil es kein Glück gibt als zu sterben und ich weiß dass Du
den Tod fürchtest Ich habe schon oft heimliche Verwünschungen ausgestoßen und
grässliche Sprüche versucht um die Gegenstände um mich her in andre zu
verwandeln Aber noch hat sich mir kein Geheimnis enthüllt noch hat die Natur
nicht meinen Bezauberungen geantwortet es ist grässlich nichts mehr zu lernen
und keine neue Erfahrung zu machen ich muss fort in die Wildnisse der
Apenninen und Pyrenäen hinein oder einen noch kürzern Weg in das kalte
würmervolle Grab
6
William Lovell an Rosa
Rom
Die kleinen Bitterkeiten in Ihrem Briefe habe ich recht gut verstanden und ich
gebe zu dass Sie im ganzen recht haben mögen Der Scherz eines Freundes kann auf
keine Weise beleidigen
Balder hat mitten in den Ausbrüchen seines Wahnsinns einen Brief an mich
geschrieben in dem mir manche Ideen dunkel sind er ist entweder seiner Heilung
nahe oder gefährlicher krank als je Was ich in seinem Briefe verstanden habe
hat mich betrübt Lassen Sie doch ja etwas Acht auf ihn geben er scheint die
Idee zu haben sich von Neapel zu entfernen Er gewinnt freilich wenig wenn man
ihm das Leben erhält aber es sollte mir leid um ihn tun wenn er ganz zugrunde
ginge
7
Rosa an William Lovell
Neapel
Balder ist fort niemand weiß wohin Ob er entflohen ist ob er sich ermordet
hat alles ist ungewiss Er ist in den letzten Tagen zuweilen bis auf die
höchste Stufe der Raserei gekommen in einer Gesellschaft von Fremden hat er
neulich alle mit den verächtlichsten Reden beschimpft geschmäht und endlich
bewusstlos mit dem Messer nach ihnen gestochen Er ist zu beklagen sein Tod
wäre Gewinn für ihn Grüssen Sie Bianca und Ihre übrigen schönen Freundinnen
von mir nur keine von den spröden Tugendhaften die uns so oft zur Last
gefallen sind Leben Sie recht wohl und suchen Sie den Unglücklichen zu
vergessen
8
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly
Du wunderst Dich gewiss über diesen Brief besonders wenn Du bemerkst von wo er
datiert ist Wundre ich mich doch selbst darüber ich kann es Dir also nicht
übelnehmen Du hast mich nun gewiss spätestens in diesen Tagen in London
vermutet auch ich selbst war fest überzeugt dass ich morgen dort sein würde
und nun sitz ich plötzlich hier auf Burtons Gut und fange einen Brief an Dich
an der eine Entschuldigung Erzählung wie es gekommen und das Versprechen
dass Du mich nun ehestens sehen wirst enthalten soll
Die Entschuldigung Mortimer magst Du mir erlassen In Glasgow saß ich
wochenlang in dem Hause eines alten Onkels ohne zu wissen wie ich die Zeit
hinbringen sollte Wie wir uns verändert haben Ich dachte unaufhörlich an
Emilien und an die Zukunft Man wollte mich gern lustig haben aber ich hatte
alle Elektrizität verloren und war dumm und gefühllos selbst der Wein konnte
nur auf einzelne Minuten meine frohe Laune zurückbringen
Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle denn bis jetzt habe ich keine
größere kennengelernt die Schmerzen des Körpers und der Seele beschäftigen doch
den Geist der Unglückliche bringt doch die Zeit mit Klagen hinweg und unter
dem Gewühl stürmender Ideen verfliegen die Stunden schnell und unbemerkt aber
so wie ich dasitzen und die Nägel betrachten im Zimmer auf und nieder gehen um
sich wieder hinzusetzen die Augenbraunen reiben um sich auf irgend etwas zu
besinnen man weiß selbst nicht worauf dann wieder einmal aus dem Fenster zu
sehen um sich nachher zur Abwechselung aufs Sofa werfen zu können ach
Mortimer nenne mir eine Pein die diesem Krebse gleichkäme der nach und nach
die Zeit verzehrt und wo man Minute vor Minute misst wo die Tage so lang und
der Stunden so viel sind und man dann noch nach einem Monate überrascht
ausruft »Mein Gott wie flüchtig ist die Zeit Wo sind denn diese vier Wochen
geblieben«
Oft ärgerte ich mich dass ich noch in Schottland war und machte doch nicht
die kleinsten Anstalten zur Abreise ich führte mit meinen Verwandten das
elendeste und platteste Leben von der Welt ein Viehverkäufer genießt es auf
eine gesundere Art ja ein Mensch der mit einem armseligen Schattenspiel von
einem Dorfe zum andern wandert und in jedem seine elenden Späße wiederholt
beschäftigt sich geistreicher als ich in dieser ganzen unermesslich langen Zeit
getan habe Mein Blut war so träge und phlegmatisch dass ich manchmal meine
Finger gegen die Tischecke schlug um mir nur Schmerz zu machen mich zu ärgern
und zu erhitzen denn nichts ist widriger als wenn in der Sanduhr unsers
Körpers so recht gemach ein Tropfen nach dem andern langsam und zögernd unser
Leben abmisst je mehr die Ströme des Bluts durcheinanderrauschen und freilich
die Maschine etwas mehr abnutzen um so heller und deutlicher lebt der Mensch
Ich wünschte oft in Glasgow mit Sehnsucht dass ein Gezänk oder Schlägerei auf
der Gasse vorfallen möchte damit ich nur etwas hätte wofür ich mich
interessieren könnte es ward mir am Ende wichtig wenn der dicke Mann im
benachbarten Hause einen andern Rock als gewöhnlich trug Ich schäme mich noch
jetzt dieses Lebens so qualvoll und langsam so schleichend und doch so ohne
Ruhe wie eine Schnecke leben muss die bei ihren Wanderungen ihr Schalenhaus
verloren hat und es im heißen Sonnenschein wieder sucht
Endlich dacht ich an Dich und an London an die Zerstreuungen dort an alle
die philosophischen Gespräche die wir miteinander führen könnten ich
unterdrückte es gewaltsam wenn mir auch diese Aussicht manchmal langweilig
vorkommen wollte Ich entschloss mich kurz nahm von allen meinen Freunden und
Bekannten zärtlichen Abschied setzte mich zu Pferde und ritt mit frischem
Leben erfüllt davon
Mein Herz schlug immer gewaltiger je mehr Meilen ich auf englischem Boden
zurücklegte Ei dacht ich ein paar Tage mehr oder weniger und beschloss dicht
vor Bondly vorüberzureiten aber ja niemand da zu besuchen es könne doch von
ungefähr sein dass ich Emilien durch das Gartentor erblickte Ich machte gar
keinen Plan wie ich mich nehmen würde wenn dies der Fall sein sollte denn ich
handle sehr gern aus dem Stegreif und habe mich von jeher besser dabei
befunden denn meine dümmsten Streiche waren immer die die aus einem
weitläuftigen recht vernünftigen Plan entstanden
Ich ritt so in Gedanken vertieft hin und näherte mich dem Landhause Burtons
früher als ich geglaubt hatte Ein junger Mensch zu Fuß fragt mich plötzlich wo
der Weg nach Bondly gehe er sei bis zur nächsten Stadt gefahren und habe sich
nun verirrt Ich führte ihn auf den Weg und ritt gedankenvoll neben ihm hin
Warum sollt ich nicht den jungen Burton auf einen halben Tag besuchen dürfen
sagt ich zu mir selbst Am Ende sieht mich selbst der Vater gern Und könnte
mich nicht jemand von ungefähr durch das Dorf reiten sehen Emilie es erfahren
und für die größte Gleichgültigkeit auslegen Ich könnte überdies zum Alten
sagen dass ich deswegen einen kleinen Umweg genommen hätte um den Boten der
ihn sprechen wollte gewiss und sicher nach Bondly zu bringen Ach ich hatte
noch hundert andre Vorstellungen tausend Stimmen in mir die alle laut riefen
ich solle und müsse im Schloss absteigen Ich gehorchte denn was tut man
nicht alles um nur eines solchen Lärmens loszuwerden
Ich sprach den jungen Burton den Vater und Emilien Sie ist doch sehr
schön und so gut so liebenswürdig Ist es hier Sünde wenn man wünscht Alle
Federn meines Wesens haben neue Spannkraft erhalten ich denke mit Schrecken an
meinen Aufenthalt in Schottland Hier leb ich doch noch hab ich nicht ein
einzigmal gegähnt die Stunden verfliegen mir wie Minuten und ich erobre ein
Lächeln einen freundlichen Blick nach dem andern von Emilien Eduard hat mir
seltsame Sachen von Lovell erzählt er muss sich sehr geändert haben indes ich
gebe auf diese Änderungen nicht viel je mehr er auf der andern Seite
übertreibt um so eher kann er zu seiner vorigen Torheit zurückkommen Und ist
er denn überhaupt ein Tor gewesen Damals glaubt ich es jetzt glaub ich dass
ich ihn verkannt habe
Emilie scheint sehr auf sich achtzugeben ich kann manchmal nicht klug
daraus werden ob diese Kälte und Zurückgezogenheit erzwungen oder natürlich
ist
Schreibe mir ja denn sonst habe ich noch einen Vorwand länger
hierzubleiben als ich sollte weil ich dann noch auf Deinen Brief warten würde
Eduard lässt Dich grüßen er ist ein vortrefflicher herzensguter Mensch und
der Vater ist wieder ganz freundlich gegen mich aber dann wieder plötzlich
fremde abwechselnd wie Herbstwetter ich habe schon diese Gesichter bei
mehreren reichen Leuten gefunden sie setzen mich leicht in Verlegenheit Lebe
wohl und antworte bald
9
Mortimer an Karl Wilmont
London
Wenn Du noch nicht bald des seltsamen Herumtreibens überdrüssig bist so weiß
ich nicht was ich von Dir denken soll
Manches stimmt mich melancholisch der alte Melun ist in Paris an einer
Auszehrung gestorben die Komtesse mit ihrem Liebhaber entlaufen niemand weiß
wohin Dass so viele von den Leuten die ich gekannt habe schon begraben sind
dass sich schon so manche dem Verderben in die Arme geworfen haben
Was ist es überhaupt für ein armseliges Ding um das was man gewöhnlich
Ausbildung nennt In den meisten Fällen ist es nur Veränderung Wie weise habe
ich mich so oft in meinem zwanzigsten Jahre gefühlt dass ich mich über manche
Narrheiten des Menschengeschlechts erhaben fühlte und jetzt rücken mir manche
der Torheiten so nahe dass sie sich wenn das Verhältnis so fortschreitet bald
mit meinem innersten Selbst vereinigen werden
Du wirst bemerken dass ich hier vorzüglich von meiner Liebe zu Amalien
spreche Eine Liebe die vielleicht noch glühender ist als die mit der Lovell
sie einst beglückte Er hat sie vergessen und fühlt sich größer ich habe meine
Unempfindlichkeit abgelegt und fühle mich edler Sie ist mir weit ergebener als
ehemals aber es tut mir sehr leid dass sie für meinen Verstand Achtung eine
viel zu übertriebene Achtung empfindet Alle Gefühle die ich ihr zeige hält
sie nur für Spiele meines Witzes und sie behält sich daher beständig in ihrer
Gewalt Auch sie hat den leichtsinnigen William etwas mehr vergessen nur seh
ich wie zuweilen die alten Erinnerungen in ihrer Seele wieder aufwachen und
sie dann meinen Umgang plötzlich fade und abgeschmackt findet
Die Seelen sind viel wert die sich noch nicht ganz der Mode und der
sogenannten Lebensart zum Opfer gebracht haben Sie sind sehr selten und man
sollte sie darum köstlich achten
Grüße Eduard Burton und komme bald nach London
10
Der Baron Burton an den Advokaten Jackson
Bondly
Ich bin Ew Wohledlen für die Nachrichten die mir Dieselben durch den jungen
Fenton haben zukommen lassen außerordentlich verbunden Ich freue mich sehr
über den Eifer und über die Tätigkeit womit Sie unaufhörlich zu meinem Besten
beschäftigt sind ich gebe Ihnen von neuem die Versicherung meiner ewigen
unveränderlichen Dankbarkeit Ich bin überzeugt dass Ihre Bemühungen nun bald
sichtbarere Folgen haben werden die bis jetzt ein ungünstiger Zufall immer noch
zurückgehalten hat Eilen Sie aber damit meine Hoffnungen nicht immer nur
Hoffnungen bleiben damit ich endlich aufhöre mit jedem Tage wieder meinen
Genuss auf viele Tage aufzuschieben Ich bin alt und nicht mehr so für
Hoffnungen gemacht wie der jüngere Mann die Unentschiedenheit ängstigt mich
und je gewisser ich meiner Sache zu sein glaube um so mehr Einwürfe und Zweifel
fallen mir wieder ein alles dies beschäftigt meine Seele zu sehr und macht sie
unruhig Das Alter kann diese Wogen nicht so leicht in Ruhe legen als der
Jüngling Vor zwanzig Jahren würde mich dieser Prozess beschäftigt und zugleich
unterhalten haben aber jetzt kann ich nur in dem entscheidenden Moment einen
freudigen Moment erblicken Sie sehen wie fest ich darauf vertraue dass sich
alles zu meinem Vorteile entscheiden wird aber Sie sehen auch zugleich wie
nötig es ist dass Sie meinen Besorgnissen so früh als möglich ein Ziel setzen
Denn ich finde es sehr natürlich und billig dass Sie in Ihrer Lage durch
Aufschub und Verlängerung meine Dankbarkeit verlängern und meine Verbindlichkeit
vermehren wollen Sie glauben dass ich jetzt in einer gewissen Abhängigkeit von
Ihnen existiere bei der Sie unvermerkt einen Teil meiner Schwächen nach dem
andern für sich erobern können Ich finde an dieser Klugheit nichts zu tadeln
sondern sie ist lobenswürdig und der ist ein Tor der in dem verworrenen
Wechsel des Lebens nicht die wiederkehrende Flut geschickt benutzt um sein
Fahrzeug flottzumachen Sie sehen wie sehr ich Ihren Verstand schätze nur muss
ich Ihnen sagen dass Ihre Klugheit bei mir unnütz ist der ich mich Ihnen
außerordentlich verbunden erkenne wenn der Prozess auch morgen geendigt ist und
der ich Sie grade ebenso belohnen würde als wenn das Endurteil noch einige
Jahre hindurch von einem Tage zum andern aufgeschoben würde Sie können auf die
Art alle Interessen die Sie gewinnen wollen auf eine weit schnellere und
entschiedenere Art zusammenziehn als wenn Sie auf ein langweiliges Sparen
ausgingen das am Ende denn doch ungewiss sein dürfte Für Ihre Sorgfalt mir den
jungen Fenton zu schicken muss ich Ihnen Dank sagen nur gestehe ich Ihnen
zugleich dass ich die Notwendigkeit dieser Abgesandtschaft nicht eingesehen
habe Durften Sie alle diese nicht außerordentlich bedeutenden Nachrichten
keiner Post vertrauen In diesem Falle treiben Sie die Besorglichkeit zu weit
und kein Mann handelt gut und richtig wenn er ängstlich handelt Sie dürfen
also nur künftig dreister verfahren und nicht einen Mitwisser unsers
Geheimnisses erschaffen der uns beiden auf jeden Fall zur Last fällt
Wenigstens kommt es meinem Verstande so vor und ich denke auch Sie werden mir
darin vollkommen recht geben denn jeder andre als ich würde dadurch in Ihrer
Hand stehen und einem so billigen Manne wie Sie muss es weh tun wenn man auch
nur auf einen Augenblick einen solchen Gedanken von ihm hegen könnte Ich würde
mich aber auf keinen Fall abhalten lassen so zu handeln wie ich mir zu handeln
vorgesetzt habe Ich habe schon oft mit meinen Freunden über den Satz
gestritten dass es so gut wie unmöglich sei einem Manne dem seine Plane ernst
sind das Kleinste oder das Größte in den Weg zu legen das er nicht wieder
fortschaffen oder selbst zu seinem Vorteile brauchen könnte Ich habe schon
manchen meiner Verfolger mit seinen eigenen Waffen geschlagen denn nichts ist
dem Manne von Kopf unerträglicher als zu sehen wie jeder nach den Fäden greifen
will an denen er regiert wird ich halte es nicht für unmöglich sie alle
durchzuschneiden so dass dann der Mensch frei und ungehindert seinen Weg
fortgeht Ew Wohledlen sind mir auch noch den letzten meiner Briefe schuldig
den Sie mir nach unserm Übereinkommen sogleich hätten zurückschicken sollen Sie
verzeihen dass ich Sie an diese Zerstreuung erinnert habe ebenso dass ich Ihnen
mit einem so weitläuftigen Briefe zur Last gefallen bin Die Zeit eines jeden
Geschäftsmannes ist edel und fast unbezahlbar ich bitte um Vergebung wenn ich
Ihre bessere Gedanken mit meinen schlechten unterbrochen habe sollte ich aber
so glücklich gewesen sein Ihren Eifer von neuem zur Beschleunigung des
Prozesses etwas anzufeuren so haben wir beide bei diesem kleinen Stillstande
gewonnen und in dieser Hoffnung bin ich
Ihr Gönner und Freund Burton
11
Rosa an Andrea Kosimo
Rom
Deine Meinung ist auch vollkommen die meinige Ich finde es so wahr was Du in
Deinem neulichen Briefe sagst es ist so schwer und wieder so leicht die Seelen
der Menschen zu beherrschen wenn man nur etwas die Fähigkeit besitzt sich in
die Gesinnungen anderer zu versetzen ihre Verschiedenheiten zu bemerken und
dann Fassung und Gleichmütigkeit genug zu behalten um in keinem Augenblicke
ihnen sein eigenes Selbst darzustellen So wie die Sprache nur in konventionellen
Zeichen besteht und jedermann doch mit dem andern spricht ob er gleich recht
gut weiß dass jener durch seine Worte vielleicht keinen Begriff so bekommt wie
er es wünscht ebenso sollte aller unser Umgang beschaffen sein Ich spreche mit
dem Franzosen französisch und mit dem Italiener seine Muttersprache ebenso rede
ich mit jedermann nur die Meinungen die er versteht das heißt die ich ihm
zutraue ich suche mich selbst ihm niemals aufzudrängen sondern ich locke seine
Seele allgemach über seine Lippen und gebe ihm seine eigne Worte anders gewandt
ins Ohr zurück Welche Gesinnungen stehen dann in uns so fest und hell um sie
fremden Gemütern aufzudrängen Und wenn es der Fall sein könnte wo finde ich
Brücken um sie nach fremden Ufern hinüberzuschlagen
So ging ich lange Zeit mit Lovell um ich sprach mich ganz in ihn hinüber
und er erstaunte nicht wenig über die Sympatie unsrer Seelen und traute mir
nun jeden seiner flüchtigsten Gedanken jede seiner seltsamen Empfindungen zu
Diejenigen die er nicht bei mir wahrzunehmen glaubte hielt er bald von selbst
für unreif und töricht dagegen fing er emsig einen hingeworfenen Wink von mir
auf und dachte lange über den darin liegenden Sinn In kurzer Zeit täuschte er
sich selbst so dass er unsre Seelen für verschwistert hielt nur dass ihm die
meinige einige Jahre voraus sei
Nichts ist dem Menschen so natürlich als Nachahmungssucht Lovell ward in
einigen Monaten eine bloße Kopie nach mir Jeder Ausspruch jedes Wort das wir
für klug nehmen rückt an der Form unsrer Seele Er verachtet jetzt tief alle
Meinungen die seinen jetzigen widersprechen
Die Eitelkeit ist gewiss das Seil an welchem die Menschen am leichtesten zu
regieren sind sobald man es nur dahin bringen kann dass sie sich ihrer
gestrigen Empfindung schämen handeln sie morgen gewiss anders ein Freund oder
Bekannter darf ihnen nur zu verstehen geben was er für groß hält und morgen
suchen sie sich ihm in dieser Größe unvermerkt zu präsentieren Die Sucht sich
auszubilden ist im Grunde nur die Sucht zu gefallen und zuerst denen die uns
umgeben so formt sich der Mensch wider seinen Willen und steht am Ende seiner
Wanderschaft schwer behangen mit einem Trödelkram erlogner Meinungen und
Gefühle
Ich habe Dir meine Auslegung über Deine Ideen zu geben gesucht und
überreiche Dir errötend meine Übung eine Verbesserung von Dir wird mehr wert
sein als mein ganzer Brief nur lass mich es wissen wo ich Dich vielleicht
missverstanden habe
12
Andrea Kosimo an Rosa
Neapel
Dein Brief hat mir gefallen weiter kann ich Dir nichts sagen Nicht eben
deswegen weil ich so ganz Deiner Meinung beiträte oder weil ich glaubte dass
Du alles was ich Dir neulich schrieb ganz so wie ich es wünschte gefasst
habest sondern weil ich in diesem Briefe Dich so ganz wiederfinde O ihr
Menschenkenner die ihr aus der Seele der Menschen ein Exempel macht und dann
mit euren armseligen fünf Spezien hineinaddiert und dividiert Ihr wollt einen
Aufriss von einem Gebäude machen das ihr nicht kennt Ich habe von je die freche
Hand bewundert die mit dem Rätselhaftesten und Unbegreiflichsten gewöhnlich so
umgeht wie ein Bildhauer mit seinem Marmor er wird geschlagen und geschliffen
als wenn alle die heruntergerissenen Stücke nun wirklich von dem Wesen getrennt
wären und am Ende ein Bild daraus entstünde wie man es zu seinem Wohlgefallen
oder zu seiner Bequemlichkeit haben wollte Wenn nun plötzlich eine lange
zurückgehaltene Empfindung wie ein Waldstrom in die Seele zurückschiesst O biete
denn einmal im Moment der Überraschung deine Rednerkünste auf suche die
Schleuse die ihn wieder zurückdrängt Dankt Gott dass der Mensch die
Konsequenz nicht hat auf die ihr eure Berechnungen gründet denn dadurch allein
trifft er oft zufälligerweise mit euren Exempeln zusammen
Du sprichst über die Eitelkeit gut und richtig weil Du über Dich selbst
sprichst Es ist gar nicht nötig dass die Menschen aufrichtig sind man findet
ihre Meinung doch unter dem Wust von Lügen heraus Aber glaube mir dass bei Dir
nur ein paar Zufälle nötig wären um Dich aus Deiner Philosophie oder
Überzeugung oder Stimmung nenn es wie Du willst herauszuwerfen Die meisten
Menschen gehören gern zu irgendeiner Schule alle Vorzüge und Vortrefflichkeiten
ihrer Vorgänger ziehen sie dann stillschweigend auf sich weil sie den Namen
ihrer Anhänger tragen sie haben es gern wenn sie alle Meinungen und
Empfindungen wie in einem Schema vor Augen haben dass sie in vorkommenden Fällen
nur unter den gemachten Linien und Einteilungen nachsuchen dürfen um nicht im
Zweifel zu bleiben daher sind sie aber auch meistenteils so leicht aus ihren
Überzeugungen herauszuschrecken
Bei Lovell magst Du übrigens im ganzen recht haben aber er ist auch unter
den Menschen einer von denen die ich die Scheidemünze nennen möchte Er gehört
nicht zu den freien Geistern die jede Einschränkung der Seele verachten er
verachtet nur die die ihm grade unbequem ist und seine Verachtung ist dann
Hass Er findet sich und alles was er denkt viel zu wichtig als dass es nicht
sehr leicht sein sollte auch seine innersten Gedanken von ihrem Throne zu
stoßen Wenn er die Menschen aber wie vorübergehende Bilder und ihre
Gesinnungen wie das zufällige Kolorit ansähe dann sollte es Dir gewiss
unmöglich werden irgend etwas auf ihn zu wirken
Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere nur will dies keiner
von ihnen glauben Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern und so
entsteht die seltsame Maschinerie die wir das menschliche Leben nennen
Verachtung und Verehrung Stolz und Eitelkeit Demut und Eigensinn alles eine
blinde von Notwendigkeiten umgetriebene Mühle deren Gesause in der Ferne wie
artikulierte Töne klingt Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben alles aus
dem wahren Standpunkte zu betrachten weil er selbst irgendwo als umgetriebenes
und treibendes Rad steckt
13
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London
Liebe Freundin wenn ich doch bei Ihnen wäre oder Sie bei mir sein könnten Das
ist die wiederholte Klage in allen meinen Briefen ich sehne mich wenn ich
allein bin mit einem unbeschreiblichen Gefühle nach Ihrem Garten hin ich gehe
in Gedanken durch alle Gänge spazieren und höre Ihr angenehmes und
unterrichtendes Gespräch Ach in Ihrer Gesellschaft würde ich gewiss fröhlicher
sein denn Sie würden mir zeigen wie ungereimt mein Schmerz ist es würde mir
manches gleichgültiger werden was mir jetzt so außerordentlich wichtig
vorkömmt An Ihrer Seite habe ich im vorigen Jahre so viel gelernt ich würde
gewiss ruhig werden und Sie würden viele meiner Zweifel auflösen die mich jetzt
ängstigen
Lovell hat mich vergessen ich muss es mit jedem Tage mehr glauben und alle
Nachrichten von ihm bestätigen es Und es ist auch recht gut dass ich nicht eine
Ursache mehr werde seinem kranken Vater Kummer zu machen Er kommt mir jetzt
nur vor wie ein Bild aus einem Traume der Kindheit schön und glänzend aber
entfernt und unkenntlich
Mortimer spricht oft über alle diese Gegenstände sehr klug und überredet
mich manchmal auf ganze Tage nur sagt er denn zuweilen wieder etwas das meiner
Seele ganz fremd und zuwider ist In den recht verständigen Menschen liegt
zuweilen eine zurückstossende Kälte Man schämt sich oft etwas zu sagen was man
für wahr hält weil man nicht gleich die passendsten Worte dazu findet Ich
glaube dass Mortimer mir nur in manchen Sachen recht gibt um mir nicht zu
widersprechen weil er mich für zu einfältig hält ihn ganz zu verstehen Sein
Herz ist nicht warm genug er hat zu sehr die Welt und die Menschen
kennengelernet Und doch fühl ich mich ihm zuweilen so geneigt dass ich meine
ich habe ihm mit diesem Gedanken das größte Unrecht getan Wenn mir nur nicht
immer wieder so manches von meinen vorigen Empfindungen zurückkäme dann ist
mir wie wenn man von großen Schätzen träumt und plötzlich in der stillen
dürftigen Nacht aufwacht man sucht mit den Händen nach den Perlen und
Diamanten und stößt sich an der harten Wand
Bin ich nicht töricht Was sagen Sie dazu liebe nachsichtige Freundin Ich
bin ein Kind nicht wahr das ist Ihre ganze Meinung
14
William Lovell an Rosa
Rom
Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern ohne Ruhepunkt oder
Stillstand fort Mein Gemüt ist in einer ewigen Empörung und alles vor meinen
Augen hat eine tanzende Bewegung Man urteilt nur dann über das Leben am
richtigsten wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt nicht nur den
Becher einer jeden Freude kostet sondern ihn bis auf die Hefen leert und so
durch alle Empfindungen geht deren der Mensch fähig ist Mein Blut fließt
unbegreiflich leicht und meine Imagination ist frischer
Mit der ersten Gelegenheit denke ich meinen Willy nach England
zurückzuschicken mit seinem altväterschen Wesen und seiner gutgemeinten
Überklugheit fällt er mir zur Last Er will mit aller Gewalt mein Freund sein
und es möchte hingehn wenn er nur nicht den Bedienten ganz darüber vergässe Als
ich neulich spät in der Nacht oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem
fröhlichsten Rausche nach Hause kam hielt er mir eine patetische Rede und
verdarb mir meine Laune Er will gern fort und sein Wille soll geschehen
Sie munterten mich ehedem auf das Leben zu genießen und jetzt sind Sie
zurückgezogener als ich Kommen Sie her damit ich den verworrenen Rausch in
Ihrer Gesellschaft genieße und meine Sinne noch trunkener werden Ich bin eben
bei unsrer Signora Bianca gewesen die das Muster der Zärtlichkeit ist sie kann
den teuren Rosa immer noch nicht vergessen und spricht mit Enthusiasmus von
ihm Sie tun unrecht das zärtliche Geschöpf so ganz zu vernachlässigen ich
habe noch viele andre Grüße zu bestellen die Sie mir erlassen mögen genug Sie
stehen bei allen unsern schönen Bekanntschaften im besten Angedenken Ich bin auf
heut abend zur schwarzäugigen Laura hinbestellt die jetzt schon meine ganze
Phantasie beschäftigt
Wer kann die unbegreiflichen Launen zählen und beschreiben die im Menschen
wohnen Die seit einigen Wochen in mir erwacht sind und aus meinem Leben das
bunteste und wunderlichste Gemälde bilden Frohsinn und Melancholie seltsame
Ideen in der ungeheuersten Verbindung schweben und gaukeln vor meinen Augen
ohne sich meinem Kopfe oder Herzen zu nähern Man nenne doch die schöne
Erweckung der innersten Gefühle nicht Rausch man sehe nicht mit Verachtung auf
den Menschen hinab dem sich plötzlich in der glücklichsten Erhitzung neue Tore
der Erfahrungen auftun dem neue Gedanken und Gefühle wie schiessende Sterne
durch die Seele fliegen und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machen
O Wein du herrliche Gabe des Himmels fließt nicht mit dir ein Göttergefühl
durch alle unsre Adern Flieht nicht dann alles zurück was uns in so manchen
unsrer kalten Stunden demütigt Nie stehen wir in uns selbst auf einer so hoch
erhabenen Stufe als wenn die Augen wie Sterne funkeln und der Geist wie eine
Mänade wild durch alle Regionen der frechsten und wildesten Gedanken schwärmt
Dann pochen wir auf unsre Größe und sind unserer Seele und Unsterblichkeit
gewiss kein lahmkriechender Zweifel holt den fliegenden Geist ein wir
durchschauen wie mit Seherblicken die Welt wir bemerken die Klüfte in unsern
Gedanken und Meinungen und fühlen mit lachendem Wohlbehagen wie Denken und
Fühlen Träumen und Philosophieren wie alle unsre Kräfte und Neigungen alle
Triebe Wünsche und Genüsse nur eine eine glänzende Sonne ausmachen die nur in
uns selbst zuweilen so tief hinuntersinkt dass wir ihre verschiedene
Strahlenbrechung für unterschiedene getrennte Wesen halten
Spotten Sie nicht Rosa wenn ich Ihnen sage dass jetzt eben diese Glut des
Weins aus mir spricht oder spotten Sie vielmehr so viel Sie wollen denn auch
das gehört zu den Vortrefflichkeiten des Menschen
Ha welche Wesen sind es die das Tor
Der dunkeln Ahndungen entriegeln
Was hebt den Geist auf goldbeschwingten Flügeln
Zum sternbesäten Himmelsplan empor
Es schlägt der schwarze Vorhang sich zurücke
Und wundervolle Szenen tun sich auf
Seltsame Gruppen meinem starren Blicke
Gleich Traumerinnerung mit frischem Glücke
Beginn ich froh den neuen Lebenslauf
Ich fühle mich von jeder Schmach entbunden
Die uns vom schönen Taumel rückwärts hält
Die jämmerlichen Ketten sind verschwunden
Mit Freudejauchzen stürzen goldne Stunden
Rasch auf mich ein und ziehen mich tanzend durch die Welt
Es sammlen sich aus den verborgenen Klüften
Die Freuden wie Mänaden um mich her
Es klingen ungesehne Lieder in den Lüften
Es wogt um mich ein ungestümes Meer
Und Töne Jauchzen Wonne schwebt auf Blumendüften
Und alles stürmt um mich ein wildes Heer
Ich steh im glanzgewebten Feenlande
Und sehe nicht zur dürren Welt zurück
Es fesseln mich nicht irdischschwere Bande
Entsprungen bin ich kühn dem meisternden Verstande
Und taumelnd von dem neugefundnen Glück
Hinweg mit allen leeren Idealen
Mit Kunstgefühl und Schönheitssinn
Die Stümper quälen sich zumalen
Und nagen an den dürren Schalen
Und stolpern über alle Freuden hin
Hinweg mit Kunstgeschwätz und allen Musen
Mit Bilderwerk leblosem Puppentand
Hinweg ich greife nach der warmen Lebenshand
Mich labt der schön geformt lebendge Busen
Ach alles flieht wie trübe Nebelschatten
Was ihr mit kargem Sinne schenken wollt
Nur der besucht Elysiums schöne Matten
Nur dem ist jede Gottheit hold
Der keinem Sinnentrug sein Leben zollt
Der nicht in Lustgefilden schweift
Und sich an Dunstphantomen weidet
Durch kranke Wehmut und Begeisterung streift
Nein der die schlanke Nymphe rasch ergreift
Die sich zum kühlen Bad entkleidet
Ihm ists vergönnt zum Himmel sich zu schwingen
Es sinkt auf ihn der Götter Flammenschein
Er hört das Chor von tausend Sphären klingen
Er wagt es zum Olymp hinaufzudringen
Und wagt es nur ein Mensch zu sein
Sie haben schon oft über meine Verse gespottet und hier gebe ich Ihnen eine
neue und noch bessere Gelegenheit denn ich habe die Silben und ihre Längen und
Kürzen nicht nachzählen mögen ein so korrekter Kritiker wie Sie findet also
für seine Bemerkungen Stoff genug
Ich durchschweife oft in meinen abenteuerlichen Stimmungen die Stadt und
labe mich in der magischen Nacht an den wunderbaren und rätselhaften Bildern der
äußern Gegenstände Oft schwebt die Welt mit ihren Menschen und Zufälligkeiten
wie ein bestandloses Schattenspiel vor meinen Augen Oft erschein ich mir dann
selbst wie ein mitspielender Schatten der kommt und geht und sich wunderlich
gebärdet ohne zu wissen warum Die Straßen kommen mir dann nur vor wie Reihen
von nachgemachten Häusern mit ihren närrischen Bewohnern die Menschen
vorstellen und der Mondschein der sich mit seinem wehmütigen Schimmer über die
Gassen ausstreckt ist wie ein Licht das für andere Gegenstände glänzt und
durch einen Zufall auch in diese elende lächerliche Welt hineinfällt
Dann schweif ich im wundervollsten Genuss der Phantasie auf den freien
Plätzen und zwischen den Ruinen umher und ergötze mich an den Gestalten die
vorübergehn und mein Gefühl nicht kennen und von mir nichts wissen Am
liebsten aber begleite ich irgendeines der vorüberstreifenden Mädchen oder
besuchte eine meiner Bekanntinnen und träume mir wenn mich ihre wollüstigen
Arme umfangen ich liege und schweige an Amaliens Busen Nichts macht mir dann
meine eingebildete alte schwärmerische Liebe so abgeschmackt und lächerlich
als dieser vorsätzliche Betrug
Wie seltsam wird mir oft wenn ich einem Mädchen nachfolge die mich in ihre
finstre enge Wohnung führt wo ein Kruzifix über dem Bette hängt und die Bilder
der Madonne und von Märtyrern neben Schminktöpfen und schmutzigen Gläsern mit
Schönheitswassern oder wenn ich im Gedränge von Lazzaronis und Handarbeitern in
einer Herberge hinter einer andern stehe und mit ebenso vieler Andacht den
pöbelhaften Spässen eines Pulicinello zuhöre mit der ich ehedem den Shakespeare
sah Das Leben ist nichts wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art
genießt der Widerschein der Wollust fällt auf alle Gegenstände und färbt auch
die uninteressantesten mit einem goldenen Schimmer Amalie ist auch nur einer
von den wandelnden Schatten die Zeit ergreift sie ebenso wie mich und wirft
das abgenutzte veraltete Bild in ihre dunkeln Tiefen in die kein Auge dringt
und wo die Marionetten von tausend Jahrhunderten in bunter Vermischung
aufgehäuft übereinanderliegen
Leben Sie wohl und kommen Sie nach Rom es ist endlich Zeit kommen Sie
gleich nach Empfang dieses Briefes ein wiederkehrender Freund erregt eben die
Empfindung in uns wie dem Kinde der wiederkehrende Frühling
15
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom
Jetzt muss ich fort Thomas ich muss nach England oder der Gram macht dass ich
mich hier in dem fremden fatalen Lande muss begraben lassen Ach wer hätte das
wohl noch vor einem Jahre gedacht Wer mir es gesagt hätte den hätte ich für
einen Lügner gescholten oder ihn wohl gar geschlagen wenn es sich sonst hätte
tun lassen Aber kein Mensch kann auf solche Sachen fallen das ist gewiss weil
bei der ganzen Geschichte der böse Feind sein Spiel haben muss das glaube ich
nunmehr gewiss und ganz festiglich Ach Thomas wenn man jetzt noch nach Dir
schlagen und stoßen wollte Leute die Du hast groß werden sehen es würde mir
wie kalt Wasser durch die ganze Seele gehen ja und so muss Dir nun auch als
einem redlichen Bruder zumute werden wenn Du so was von mir hörst da ich noch
älter bin als Du bist Mein Herr denke Dir letzt kam er ganz betrunken
nach Hause wie er fast alle Tage oder Nächte tut und ich hatte die ganze lange
kalte Nacht auf ihn warten müssen ich dachte an seinen alten kranken Vater und
die Tränen kamen mir darüber in meine beiden Augen Ich stellte ihm also seinen
ganzen Lebenswandel vor und dass er sich bessern und ändern solle ich sagte ihm
so alles recht aus meinem alten ehrlichen Herzen heraus und da Thomas lachte
er mich aus wie ein wahrer Heide Da wurde ich denn auch hitzig denn ich bin
auch nur ein Mensch lieber Bruder und jetzt schon alt und schwächlich
gebrechlich und baufällig ich fuhr mit so etlichen gottselichen Redensarten und
Kernsprüchen heraus und da lieber Bruder seit der Zeit ist mir wie einem
armen Sünder zumute da schlug er mit dem kleinen Stocke nach mir den er noch
aus unserm lieben England mitgenommen hat mit demselben Stocke den ich ihm
noch in London gekauft habe hätt ich das wohl damals denken können
Nun lässt es mir hier keine Ruhe mehr ich habe viel geweint denn ich bin
einmal etwas weibisch ich kann es immer nicht vergessen und der junge Lovell
kommt mir nun ganz anders vor ich kann ihn nicht mehr mit derselben Liebe
ansehen ich bin so kleinmütig und so gedemütigt als wenn ich jemand ermordet
hätte welches Gott zeit meines Lebens verhüten möge
Und sollt ich zu Fuß nach England gehen so muss ich jetzt fort und sollt ich
heimlich wie ein Schelm fortlaufen so kann ich nicht hierbleiben Ach Bruder
stirb mir ja nicht vorher denn sonst hätt ich gar keine Freunde auf dieser Erde
mehr sondern lebe im Gegenteil recht wohl bis Dich mündlich wiedersieht
Dein armer Bruder Willy
16
Eduard Burton an William Lovell
Bondly
Deine Briefe so wie der Gedanke an Dich betrüben mich seit einiger Zeit
außerordentlich Ach William ich möchte Dir alles schicken was Du mir ehemals
geschrieben hast dann solltest Du Dich selbst wie in einem Gemälde betrachten
und Dich fragen Bin ich diesem Bilde noch ähnlich Aber ich fürchte Du wirfst
alles ungelesen ins Feuer obgleich die Tat wahrlich ein Mord an der Liebe zu
nennen wäre
Durch Deine Abtrünnigkeit von unserm Bunde bin ich gedemütigt ich fühle
mich verstoßen und enterbt und seh indem ich schreibe über die Wiese nach der
mittägigen fernen Gegend als wenn Du dort vom Hügel herunterkommen müsstest als
wenn dann die ganze ehemalige Zeit wieder da wäre
Sollten wir denn aber wirklich ganz voneinandergerissen sein Ach ja es
ist denn ich erkenne in Deinem Briefe den Lovell nicht wieder den ich ehemals
liebte Damals war Dein Leben und Deine Art zu fühlen wie ein sanfter Bach den
meine Wellen mit einer stillern und unmusikalischern Melodie begleiteten jetzt
erscheinst Du wie ein Wassersturz dem ich erschrocken aus dem Wege trete
Eine schwarze Ahndung geht mir durch die Seele dass Du vielleicht den
altväterischen lahmen Ton in meinem Briefe belachst und mir mit einer neuen
noch frechern Dityrambe antwortest Aber wenn Du es nun deutlich bemerkt hast
wie vieles was man wahr und groß nennt in sich selbst zusammenfällt wenn man
den Grund des Gebäudes untersuchen will so wage es nun auch Dich selbst wie
ein Mann anzurühren und den Stoff Deiner eigenen Gedanken näher zu betrachten
Sei aufrichtig gegen Dich selbst und Du findest dann vielleicht dass Du in
denselben Fehler gefallen bist den Du so hitzig vermeiden wolltest dass Du ein
eifriger Systematiker bist indem Du auf alle Systeme schmälst
Hast Du wohl den wahren Gesichtspunkt wenn Du jetzt mit so vielem
Mutwillen mit solcher verachtenden Ereiferung über Dein voriges Leben sprichst
Wir sollten doch immer daran denken dass jede unsrer jetzigen Meinungen mit
einer früheren zusammenhängen muss dass die vorhergehende die spätere erzeugt
und dass aus unsern jetzigen Ideen wieder neue hervorgehen werden und müssen und
dass wir uns so durch unmerkliche Abstufungen endlich wieder einer längst
veralteten Vorstellungsart nähern können alles dies sollte uns bewegen nicht
immer aus den vorigen Wohnungen unsrer Seelen Ruinen zu schlagen um aus dem
jetzigen Palaste mit lachendem Spotte auf sie hindeuten zu können Wie den
Aufenthalt meiner Kindheit wie meine alten Bilderbücher liebe ich alles was
ich einst dachte und empfand und oft drängt sich eine Vorstellung aus den
frühsten Knabenjahren auf mich ein und belehrt mich über meine jetzigen Ideen
Der Mensch ist so stolz sich für vollendet zu halten wenn er sein ganzes
voriges Leben für verworfen ansieht und wie unglückselig müsste der sein der
nicht mit jedem Tage etwas Neues an sich auszubessern fände der das schönste
und interessanteste Kunstwerk gänzlich aufgeben müsste mit dem sich die
menschliche Seele nur immer beschäftigen kann die allmählige höchstmögliche
Vollendung ihrer selbst
Was soll ich Dir sagen William Ich fühl es dass alle Worte vergebens sind
wenn sich der Gegner einer eigensinnigen rechtaberischen Sophisterei ergeben
hat die doch nur einseitig ist Diese mit der Leidenschaft verbunden ist der
Sirenengesang dem vielleicht kein Sterblicher widerstehen kann wenn er nicht
wie der griechische Held von der Unmöglichkeit zurückgehalten wird Und es kann
sein dass auch dann die giftigen Töne durch das ganze Leben nachklingen dass die
Seele beständig wie eine versengte Ähre selbst im Wachstume die Spur davon
behält Dein Vater ist sehr krank und ich fühle dass ich es auch werden kann
wenn ich recht lebhaft an Dich denke wir gewöhnen uns so leicht daran das
Unglück das wir nicht wirklich vor uns sehen als eine poetische Fiktion zu
betrachten dass alle Jammertöne gleichsam unbefiedert in uns anschlagen Aber
wenn ich mich dann zu Dir hinversetze wenn mir die Bücher in die Hand fallen
die wir ehemals zusammen lasen und ich noch einzelne Papierzeichen finde oder
angestrichne Stellen von Dir entdecke O komm zurück komm zurück William
Gedenke der süßen Harmonieen die Dich sonst umschwebten ein frommer kindlicher
Sinn wohnte Dir im Busen Du machtest Dir das Kleinste groß und vergassest
darüber das Große ach vergib dass ich Dich damals so oft dieses zarten
Kunstsinns wegen schalt ich sehe jetzt mit Bedauern ein dass die Seelen feinere
Fühlfäden haben die sich um Tautropfen und Lilien mit Wohlbehagen legen als
die sich an Felsen ansaugen müssen um mit einer ungeheuren Masse ein Wesen zu
werden damit sie sich selber interessieren Ich dachte Dich dahin zu lenken wo
ich zu stehen glaubte und Du bist nun wie mit zu stark gewachsenen Flügeln
unwissend über das Ziel hinausgeflogen das ich Dir setzen wollte
Wenn Dir jetzt Deine ehemalige Liebe so abgeschmackt erscheint in welchem
Lichte muss dann unsre Freundschaft vor Dir stehen War sie nicht auch ein Werk
jugendlicher Begeisterung das Bedürfnis einer schönen Eingeschränkteit des
Gemütes War ich nicht etwas eifersüchtig als ich zuerst Deine Neigung zu
Amalien bemerkte Ach Lieber untersuche doch ums Himmels willen nicht die
kleinen Widersprüche die so oft in unsern edelsten Neigungen und Gefühlen
liegen Es ist der grüne duftlose Stengel der Blume aber beide können nur
zusammen existieren Was ist der Mensch nach Deinen Ideen die sich doch in
sich selber widersprechen Die nichtswürdigste Verbindung seelenloser Glieder
was gibt Dir denn nun diesen feurigen Enthusiasmus für Deine Meinung wenn Du
nichts mehr als diese verworfene Maschine bist Und könntest Du ihn ohne jene
edlere Gefühle haben so wärst Du eben durch diese trunkene Schwärmerei das
verächtlichste unter allen denkbaren Wesen
Überlege dass das Leben eines so reizbaren Geistes als der Deinige ist nur
einer magischen Laterne gleicht die an der Wand die bunten Gegenstände
abspiegelt die ihr vorgehalten werden dass es nur Sinnenreiz ist was aus Dir
spricht nicht die innere durch Gefühl und Nachdenken gereifte Überzeugung Gib
mir wenigstens zu dass dies möglich sein kann und untersuche Dich genauer und
kehre zurück wenn Du es so findest Ach es sind vielleicht nur die
wiederholten Sprüche eines kalten verschlossenen Freundes der mich aus Deinem
Herzen verdrängt hat dessen Philosophie nichts als ein blendendes Feuerwerk
sein soll das seine Eitelkeit seinen Freunden gibt und die Du törichter
Jüngling aus übelverstandener Anhänglichkeit in Dein Herz aufnimmst Oh
vergib mir William es ist wahrlich nicht Härte die aus mir spricht nur mein
herzliches Gefühl das ich mir und Dir unmöglich verbergen kann
Gib Deiner Seele einmal das traurige Fest lass die wehmütigen tragischen
Empfindungen ungehindert zu Dir kommen und denke recht lebhaft mich Deinen
Vater und Amalien denke sie mit der Frühlingsempfindung wieder wenn Du jemals
für sie empfunden hast und Deine ganze Liebe nicht Affektation war Mir schien
es als würde Dir in einem Deiner letzten Briefe die Entsagung Amaliens gar zu
leicht weil Du nun um so erlaubter Deine neue Lebensbahn antreten konntest
Wie komme ich zu diesem Argwohn gegen meinen William Ja in manchen
Augenblicken tritt es wie der böse Feind zwischen uns und will mein Herz ganz
dem Deinigen abwendig machen aber es soll gewiss nicht geschehen
Wärest Du mir nicht zu wichtig so könnte ich Dir noch von meinem und Deinem
Vater manche Umstände schreiben Dich auf manches vorbereiten Dir zeigen wie
oft mit dem Unglücke das Glück des Menschen zusammenhängen könne aber ich will
lieber schließen Findest Du noch einiges Interesse für Deine ehemaligen
Wünsche so soll Dich der nächste Brief von mir weitläuftig darüber
unterrichten
Lebe wohl lebe wohl teurer William antworte mir bald und zeige mir dass
Du noch etwas von Deinem ehemaligen Gefühle für Deinen Eduard übrig hast Es
ist mir ängstlich den Brief zu schließen weil ich nicht weiß ob ich Dich im
mindesten überzeugt habe aber ich kann kein Wort mehr hinzusetzen In manchen
Rechtshändeln des Lebens kann nur das Gefühl allein das Wort führen ein
Händedruck eine Träne ersetzt eine ganze Abhandlung ach und meine Tränen
kannst Du ja nicht sehen die Seufzer hab ich nicht niedergeschrieben
17
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Ja Freund Geliebter Einziger ich will ich muss Dir antworten Welchen
Eindruck hat Dein Brief auf mich gemacht O wie ein Gewitter ist jedes Wort
durch meinen Busen gegangen und die Frühlingssonne ist auf einzelne Momente
zwischen den Regenschauern zurückgekehrt Ich wollte Dir so vieles sagen und
weiß nun keine Worte zu finden Ich bin beklemmt die Angst drängt mein Blut
nach der Kehle ach ein Blutsturz würde mir Linderung schaffen und meinem
Herzen ein Labsal sein Und doch könnt ich nicht froh sein ich möchte mein
ganzes Dasein in stürzenden Tränengüssen dahinweinen um nur der drückenden
Bürde des Lebens loszuwerden Wenn ich an mein voriges Glück denke und der
gestrige Taumel noch wie ein Dampf voll ungeheurer Gestalten vor meinen trüben
Augen zittert Du hast gewaltig an die Kette gerissen die unsre Seelen
aneinanderbindet die Wunde die sich gespaltet hat ist schmerzhafter als
jene die Du hast heilen wollen
Ach Eduard wenn ich nicht meinen Vater fürchtete so flög ich jetzt nach
England zurück und stürzte als reuiger und beschämter Sünder vor Amaliens Füßen
nieder dass sie mir vergäbe oder ich den Tod von ihrer Hand empfinge
Es ist wie Wetterleuchten am Horizont meines Lebens wie Glocken die aus
der Ferne den Gotteslästerer zur Kirche und zur Strafe rufen Vergib Du mir
zuerst mein Eduard ach weiß ich denn nicht dass wenn mein Schicksal in
Deiner Hand stände ich der Glücklichste der Menschen wäre
Möcht ich wenigstens nicht wieder von diesem Taumel der Angst erwachen die
mich allmächtig ergriffen hat ach ich fühle schon jetzt die düstere
entsetzliche Leere die ihr folgen wird Lebe wohl Teurester meiner Seele
und erquicke mich durch Deine Briefe so wie Du mir durch diesen den letzten Mut
entrissen hast
Ich kann nicht weiter
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Der Advokat Jackson an den Baron Burton
London
Hochwohlgeborner Herr
Ich bin den Befehlen die mir Ew Gnaden neulich zukommen ließ auf das
treulichste gefolgt Soviel es von mir abhängen konnte habe ich den Gang des
Prozesses beschleunigt und ich bin fest überzeugt dass ich jetzt so viel getan
habe als nur in meinen Kräften stand Dieselben werden auch Ihre neulichen
Briefe allbereits zurückerhalten haben so dass ich den Befehlen die Sie mir
erteilten die genauste Folge geleistet habe
Jetzt hat sich nun ein Vorfall ereignet der den ganzen Prozess in kurzer
Zeit völlig beendigen könnte aber leider zu Ew Gnaden Nachteil Neulich saß
ich noch spät in der Nacht in einem Zimmer auf dem Lovellschen Landgute das mir
der Besitzer eingeräumt hat um dort zu arbeiten Man hat mir die Erlaubnis
gegeben alles zu durchsuchen wo ich irgend nur Belege und Papiere zur
Aufklärung der Sache zu finden hoffte Ich hatte schon ganz so wie mein Patron
die Hoffnung aufgegeben die bewussten Dokumente die die Bescheinigung der
Bezahlung enthalten jemals aufzufinden ich hatte schon alles durchforscht was
mir zu meinem Endzwecke nur irgend merkwürdig schien Jetzt geriet ich in der
Nacht über eine Schublade die ich schon oft aufgezogen habe und entdecke in
dieser einen verborgenen Kasten ich öffne ihn mit zitternder Hand und finde
dass mich meine Ahndung nicht betrogen hatte Die bewussten wichtigen Dokumente
sind nunmehr in meiner Hand
Ich würde es für Ungerechtigkeit halten wenn ich nunmehr sogleich den
Prozess zu Lovells Vorteil beendigte wie es jetzt allerdings nur eine
Kleinigkeit wäre Ich glaubte ich sei es Ew Hochwohlgeboren schuldig
Denenselben zuvor wenigstens von dieser Begebenheit Nachricht zu erteilen um zu
erfahren ob Sie nicht noch vielleicht neue und wichtige Gründe vorzubringen
hätten die nachher etwas von ihrer Kraft verlieren möchten oder ob Dieselben
nicht überhaupt zuvor die Dokumente in Augenschein nehmen wollten um ihre
Rechtmässigkeit zu prüfen Ich darf sie aber auf keinen Fall der Post
anvertrauen und Ew Gnaden haben mir einen Boten zu senden ausdrücklich
untersagt es bleibt mir also kein andrer Weg übrig als Ew Gnaden zu ersuchen
die Reise hieher selber zu machen oder mich nach Bondly kommen zu lassen oder
ich könnte Ihnen auch auf dem halben Wege bis Nottingham entgegenkommen Ganz
wie Sie es befehlen
Bis ich das Glück gehabt habe Ew Gnaden persönlich zu sprechen bleibt
dieser ganze Vorfall übrigens ein Geheimnis
Dass ich es nicht am Diensteifer habe fehlen lassen wird ein so
scharfsichtiger Beobachter als Ew Gnaden sind gewiss nicht zu bemerken
unterlassen haben wie sehr ihn Dieselben werden zu schätzen wissen dies zu
erfahren hängt von der ersten mündlichen Unterredung ab der ich mit großen
Erwartungen entgegensehe In der tiefsten Verehrung habe ich die Ehre mich zu
nennen
Ew Gnaden treuergebenster Diener
Jackson
19
William Lovell an Rosa
Rom
Sie fragten mich gestern was mir fehle Was hilft es mir wenn ich nicht ganz
aufrichtig bin Ich will es Ihnen gestehen dass ein Brief des jungen Burton
mir allen Mut und alle Laune genommen hatte Die Vergangenheit kam so freundlich
auf mich zu und war so glänzend wie mit einem Heiligenschein umgeben Sie
werden sagen Das ist sie immer und zwar aus keinem andern Grunde als weil sie
Vergangenheit ist Aber nein es lag noch etwas anders darin ein Etwas das ich
nicht beschreiben kann und das ich um alles nicht noch einmal fühlen möchte
Sie werden vielleicht die Erfahrung an sich gemacht haben dass nichts uns so
sehr demütigt als wenn uns plötzlich über irgendeine Sache oder Person die
Augen aufgetan werden die wir bis dahin mit Enthusiasmus verehrt ja fast
angebetet haben Der nüchterne Schwindel der dann durch unsern Kopf fährt die
Nichtswürdigkeit in der wir uns selbst erscheinen alles dies und Reue und
Missbehagen alle üble Launen in einem trüben Strome alles stürzte auf mich zu
und ergriff mich und riss mich mit sich fort Alles was ich empfunden und
gedacht hatte ging wie in einem alles verschlingenden Chaos unter alle
Kennzeichen an denen ich mich unter den gewöhnlichen Menschen heraushob gingen
wie Lichter aus und plötzlich verarmt plötzlich zur Selbstverachtung
hinabgesunken war ich mir selbst zur Last und Himmel und Erde lagen wie die
Mauern eines engen Gefängnisses um mich
Ich erinnerte mich jetzt der trübseligen Augenblicke die mich so oft im
heftigsten Taumel der Sinne ergriffen hatten der widrigen Empfindungen die so
oft schon mein Herz zusammenzogen so vieler Vorstellungen die mich unablässig
wie Gespenster verfolgt hatten Wozu bin ich so umständlich Bloß um Ihnen zu
zeigen wie aufrichtig ich bin ich weiß Sie werden meine Schwäche verachten
aber dem Freunde muss man keine Torheit verbergen Heilen Sie mich von meinen
Albernheiten und beweisen Sie dadurch dass ich Ihnen nicht gleichgültig bin
Doch ich eile zu einer Begebenheit die wichtiger ist und die mich im
Grunde schon alles hat vergessen lassen Ich durchstreifte in der Dämmerung die
Stadt mir fiel ein wie sehr ich mich in meiner Kindheit und Jugend
hiehergesehnt hatte mit diesen Empfindungen begrüßte ich die Kirchen und
Plätze und verlor mich aus der belebten Stadt in die einsamen unangebauten
Gegenden So ging ich durch die stille Flur und geriet endlich an die Porta
Kapena oder Sebastiana Ich ging hindurch
Träumend verfolgte ich meinen Weg Da stand ich vor dem runden Grabmal der
Cäcilia Metella das schauerlich im Dunkel leuchtete dahinter die vielfachen
Ruinen wie eine zerstörte Stadt wo durch die Sträucher die zwischen Fenster
und Türen gewachsen waren Wolken von Feuerwürmchen schwärmten Hinter Hügeln
versteckt lag eine kleine Hütte in welcher die Fenster hell und freundlich
brannten Ich hatte einen unwiderstehlichen Trieb nach diesem Hause hin und
fand einen kleinen Fußsteig Die Töne einer Laute kamen mir silbern durch die
stille Nacht entgegen und ich wagte nicht den Fuß hörbar aufzusetzen Bäume
flüsterten geheimnisvoll dazwischen und vor dem Hause goss sich ein goldner
Lichtstreif durch das kleine Fenster auf den grünen Rasen Jetzt stand ich dicht
vor dem Fenster und sah in eine kleine nett aufgeputzte Stube hinein Eine
alte Frau saß in einem abgenutzten Lehnstuhle und schien zu schlummern ihr
Kopf mit einem reinen weißen Tuche umwickelt nickte von einer Seite zur
andern Auf einem niedrigen Fussschemmel saß ein Mädchen mit einer Laute ich
konnte nur das freundliche Gesicht sehen die kastanienbraunen Locken die unter
einer Kopfbinde zurückgepresst waren die freundlichen hellen Augen die frische
Röte der Lippen
Ich stand wie bezaubert und vergaß ganz wo ich war Mein Ohr folgte den
Tönen und mein Auge jeder Bewegung des Mädchens Ich sah wie in eine neue Welt
hinein und alles kam mir so schön und reizend vor es schien mir das höchste
Glück in dieser Hütte zu leben und dem Saitenspiele des Mädchens zuzuhören dem
Geschwätze der Alten und den kleinen Grillen in den Wänden Das Mädchen stand
auf das Licht zu putzen das heruntergebrannt war und ich ging scheu zurück
denn sie trat dicht ans Fenster Der schlankeste Wuchs die Umrisse wie von
dem Busen der Grazien entlehnt sogar den weissesten Arm konnte ich noch auf
meinem schnellen Rückzuge bemerken Ich wagte es nicht näher zu kommen und
sah nur Schatten hin und her fahren und über den Rasen hinzittern
Die Lautentöne waren jetzt verstummt und als ich endlich wieder näher trat
sah ich eben die Alte durch eine kleine Tür in die angrenzende Kammer wanken
Das Mädchen stand mit herabrollenden Locken in der Mitte des Zimmers und löste
halbschläfrig das Busentuch auf O Rosa ich habe bis jetzt noch gar kein Weib
gesehen ich habe nicht gewusst was Schönheit ist gehen Sie mit Ihren Antiken
und Gemälden diese lebendigen schöngeschlungenen zarten Umrisse hat noch kein
Maler darzustellen gewagt Plötzlich sah sie auf wie aus einer Zerstreuung
erwachend und trat ans Fenster In demselben Augenblicke taten sich
Fensterladen vor und das Licht und die herrliche Szene die es beleuchtet
hatte verschwand
Ich fuhr wie aus einem Traume auf wie man im Bette nach dem Gegenstande
fasst von dem man geträumet hat so sah ich mich betäubt nach allen Seiten um
sie zu entdecken Ich taumelte in die Stadt zurück und träumte die ganze
Nacht nur von dem schönen unbekannten Mädchen
Heute am Morgen war mein erster Weg durch die Porta Kapena Es war mir
schwer die Häuser zu entdecken so in Träumen verloren war ich gestern Endlich
fand ich sie auf Aber es war mir doch alles anders Ein kleiner Garten fast
nicht größer als mein Zimmer ist neben dem Hause mit einem bäuerischen Staket
umgeben darin stand das Mädchen ich kannte sie gleich wieder und mein Herz
schlug schon noch ehe sie mein Auge sah Aber aller Verstand und alle
Überlegung verließ mich ich wagte es kaum das göttliche Geschöpf zu grüßen
sie dankte fremd warum lächelte sie mich nicht an Ihr Lächeln muss wohltun
wie die Frühlingssonne Sie war fort als ich wieder umkehrte Ich habe
keine Ruhe ich werde heut am Abend wieder dort sein wenn ich in der Gegend
stehe ist mir zumut wie in meiner Kindheit wenn ich die schönen und
abenteuerlichen Märchen hörte die die jugendliche Phantasie gänzlich aus dieser
Welt entrücken
20
Emilie Burton an Amalie Wilmont
Bondly
Meine Meinung geliebte Freundin meinen Rat wollen Sie haben Wissen Sie auch
welche gefährliche Rolle Sie mir da zuteilen Denn ohne Zweifel ist es
gefährlich beim wichtigsten Schritt des Lebens den Ratgeber spielen zu wollen
und wenn ich recht aus dem Herzen Ihnen schreiben soll wie ich denke so muss
ich fürchten Ihnen Schmerz zu erregen Aber wahre Freunde sollen nur einen
Busen und ein Herz haben und darum will ich es wagen zu Ihnen ganz wie zu mir
selbst zu sprechen
Liebste ich habe längst für Sie dem Himmel im stillen gedankt dass der
charakterlose Lovell sich von Ihnen zurückgezogen dass er Sie vergessen hat
Ihre Jugend Ihre Unerfahrenheit und Wohlwollen hat Sie über ihn und Ihre
Empfindungen getäuscht Er ist ein Elender der keine Liebe verdient am
wenigsten meiner Freundin zartes und treues Herz Ja Geliebte sehen Sie Ihre
Verblendung für ihn als Krankheit an und tun Sie zu Ihrer willigen Genesung die
letzten Schritte wenn auch Ihr Herz noch etwas dabei leiden sollte Mortimer
ist gewiss ein edler Mann der Sie wahrhaft liebt Gehen Sie dreist einem sichern
ruhigen Glück entgegen und nach einiger Zeit werden Sie sich wundern dass Sie
jetzt nur irgend zweifeln konnten Sehen wir doch auf das Spielzeug unserer
Kindheit mit Lächeln hinab Ja Geliebte nicht Ihre Empfindungen aber den
Gegenstand Ihrer Empfindungen werden Sie verachten lernen wenigstens weiß ich
gewiss dass ich in Ihrer Lage so fühlen und handeln würde Nun vergeben Sie mir
aber auch aus vollem Herzen wenn ich Sie irgend kränke so wie ich aus vollem
Herzen gesprochen habe
21
Mortimer an Karl Wilmont
London
Mit Erstaunen hab ich von Deiner Schwester gehört dass Du schon wieder und zwar
von neuem nach Bondly gereist bist O Du unsteter Landstreicher Möchtest Du
doch auch erst einen Ort gefunden haben wo Du Lust bekämest Dich anzusiedeln
So bist Du mir nun schon wieder entlaufen ehe ich noch angefangen habe Dich
recht zu genießen
Wünsche mir Glück Karl denn alles was ich wünschte ist nun in Erfüllung
gegangen Deine Schwester hat sich plötzlich entschlossen sie will die Meinige
werden Ich danke Gott dass es endlich so weit gekommen ist Die Verlobung ist
bei Deinen Eltern gestern gefeiert und in einem Monate ungefähr zieh ich nach
dem kleinen Landgute in der Nähe von Soutampton und feire dann meine Hochzeit
mit Amalien Ich versetze mich schon ganz in die stillen häuslichen Szenen
und erträume mir nicht das Glück aus einem Feenlande sondern rechne nur auf ein
kleines irdisches Glück und das wird mir nun gewiss nicht fehlen
Mein Landhaus liegt angenehm und hat umher die reizendsten Spaziergänge
ich will nun dort nach meinem Herumstreifen den ländlichen Freuden leben
Was Deine Schwester so plötzlich bestimmt hat weiß ich nicht Meine
ausdauernde Liebe mein Gefühl das sich immer gleich blieb scheint sie endlich
überzeugt zu haben dass nur dies die wahre Liebe sei Ich habe Dir heute
nichts mehr zu sagen Lebe wohl
22
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly
Ja wohl bin ich wieder Dir und der Stadt entlaufen Aber ich verdiente auch
wahrhaftig nicht den unbedeutendsten Blick von Emilien wenn ich eine so schöne
Gelegenheit ungenutzt gelassen hätte Du weißt dass der alte Burton seines
Prozesses wegen in London war da er gerade einige Häuser in der Nachbarschaft
besuchte kam er auch zu uns Er war außerordentlich vergnügt und dann sind die
Menschen gewöhnlich höflich und freundlich er ließ sich mit mir in ein
weitläuftiges Gespräch ein und da ich ihm unter andern erzählte ich hätte
schon längst die schönen Seen in Nortumberland besuchen wollen so schlug er
mir vor es jetzt beim schönsten Frühlingswetter zu tun und ihn bis Bondly zu
begleiten Ich versprach es ohne mich zu bedenken und musste Wort halten und
so rollte ich schon am folgenden Morgen mit leichtem Herzen durch die Vorstadt
von London
Und wie vergnügt bin ich darüber dass ich nicht ein so großer Narr gewesen
bin zurückzubleiben Emilie freute sich sehr als sie mich so unerwartet
wiedersah Wir haben viel miteinander gesprochen wir sind sehr zärtlich
gewesen und es kommt mir nun ganz närrisch vor dass ich ordentlich wieder
abreisen soll Indessen darf ich doch nicht zu lange hierbleiben um mir kein
Dementi zu geben ich muss sogar nach Nortumberland reisen um dem Vater und
allen Menschen nicht wie ein Narr vorzukommen
Wie manches in der Welt muss man nicht bloß andern Leuten zu Gefallen tun
Indes mag auch dies unangenehme Geschäft noch vorübergehn wie so viele andere
es ist hier schön ich will die paar Tage die ich hier zubringe recht geizig
genießen und für die Zukunft den Himmel sorgen lassen Denn wie es am Ende noch
mit meiner Liebschaft ablaufen soll kann ich wahrhaftig nicht einsehn
Wer weiß aber wie wunderbar sich manchmal alles fügt Ich habe Leute
gekannt die auf einen Gewinst den sie im Lotto hofften Schulden machten sie
waren weise und ich will ihnen nachahmen Und Du bist also mit meiner Schwester
jetzt wirklich verheiratet Ich wünsche Dir Glück aus vollem Herzen und werde
Euch nächstens auf Eurem angenehmen Landhause besuchen Lebe wohl Du gesetzter
Mann aus den Bergen in Nortumberland erhältst Du wieder einen Brief von mir
23
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London
Ich bin Ihrem Rate gefolgt liebste Freundin um nur endlich der marternden
Unruhe loszuwerden Ich bin mit Mortimer verlobt und fühle mich recht froh und
leicht Sie haben recht es sind meistenteils nur kränkliche Einbildungen mit
denen wir uns ängstigen Sorgen deren zehnter Teil nur aus Wirklichkeit
besteht das übrige ist Traumgestalt Ich denke mir jetzt mein zukünftiges Leben
recht schön und froh Mortimer ist weit herzlicher als ich je von ihm geglaubt
hätte denn er freute sich über meine Einwilligung so sehr dass es mich bei
einem so gescheiten Manne ordentlich überraschte Er findet mich gewiss viel zu
gut und verständig ich weiß es zu gut dass ich kindisch und voller Torheiten
bin ach wenn er sich nur nicht so mit mir betrogen findet wie ich mich an
Lovell geirrt habe
Wir werden beide künftig recht einsam wohnen in keiner großen Stadt selbst
von einer großen Heerstraße abgelegen Ach so wird ja nun endlich doch mein
Lieblingswunsch erfüllt in der freien Natur zu leben Ich bedarf um froh zu
sein keiner Zerstreuung und keiner großen Gesellschaften ich wünsche dass uns
niemand besuche als gute Freunde so wie Sie und Ihr Bruder dann wollten wir
dort einmal das schöne Leben von neuem führen das ich bei Ihnen im vorigen
Frühjahre genoss als ich zuerst Lovell kennenlernte
Doch ich wollte ja nicht mehr an ihn denken Ich soll mich ja mehr in
meiner Gewalt haben wie Sie mir selbst geraten haben Ich finde auch dass ich
es so ziemlich gelernt habe nur manchmal widerstreben mir törichte
Erinnerungen O ich werde gewiss auch wenn ich zuweilen an Lovell denke an
Mortimers Seite glücklich sein Er kommt mir jetzt immer vor wie ein
gestorbener Bruder und ich muss noch manchmal weinen aber es sind nicht mehr
die brennenden Tränen die ich ehemals vergoss
Sie sehen dass ich immer bleibe wie ich war Ich habe Sie schon oft um
diesen schönen graden Sinn beneidet den ich nie erlangen werde
Mein Bruder hat Ihren Vater nach Bondly begleitet und mich dünkt ich habe
die Ursache erraten Sind Sie gar nicht begierig sie zu wissen Doch still
ich darf wohl über meine aber nicht über die Geheimnisse andrer Leute
schwatzen Das letztere ist unerlaubt wenn das erste nur kindisch ist
24
Rosa an William Lovell
Tivoli
Sie dauern mich mit Ihrer neuen Liebschaft Rosaline mag nach Ihrer Beschreibung
ein ganz hübsches Mädchen sein aber Sie sind und bleiben doch wahrhaftig ein
Schwärmer Und die Not bekannt mit ihr und von ihr erhört zu werden
Lieber Lovell haben Sie denn Ihren ganzen Cursum mit so geringem Nutzen
gemacht Es ist höchst unrecht dass Sie noch von irgendeinem Mädchen können in
Verlegenheit gesetzt werden
Wenn Sie einmal so sehr von ihr entzückt sind so müssen Sie alles
versuchen ihr näherzukommen Es gibt nichts Verdriesslichers als Leute zu sehen
die ein Gut über alles wünschen und nicht die kleinsten Mittel anwenden seiner
habhaft zu werden Ich wollte ich könnte Pandarus sein um meinen armen Troclus
zu beruhigen Wenn gar nichts helfen sollte woran ich zweifle müssen Sie ihr
die Ehe versprechen am dritten Tage glaubt sie das Märchen und am vierten ist
sie die Ihrige Am zehnten spätestens wird sie Ihnen denn doch nicht mehr wie
eine Gottheit erscheinen
Nehmen Sie meinen Brief nicht übel ich bin hier durch einen Zufall in eine
Stimmung versetzt in welcher mir Ihre Anbetung eines kleinen unbedeutenden
Mädchens notwendig kindisch erscheinen muss
Wenn mancher von unsern armseligen Bekannten dies Billet sähe würde er mich
mit hochweiser Miene Ihren Verführer nennen und wunder meinen wie viel er
dabei dächte Ich höre von so manchen Menschen dies unschuldige Wort auf so
unschuldige Leute anwenden dass ich jetzt immer darüber lachen muss Es gibt
keinen größeren Unsinn als zu glauben dass der Verstand auf unsre Gefühle und
Handlungen Einfluss habe und nun gar dass eine fremde Idee jemals die meinige
werden könne wenn ich sie nicht schon vorher gehabt habe
Leben Sie wohl und geben Sie mir von Ihren Progressen Nachricht Ich werde
dieses Abenteuer als den guten oder schlechten Plan einer Komödie ansehen zeigen
Sie sich daher im dramatischen Fache wenigstens als ein ebenso guter wo
möglich noch besserer Dichter als Sie bis jetzt im Lyrischen getan haben
25
William Lovell an Rosa
Rom
Es ist alles vergebens Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so einfältig
vorgekommen als seit einigen Tagen Oder sollte das seltsame Ding was in
einem Lande Schande im andern Ehre bringt woran keiner glaubt und wogegen die
ganze Natur sich empört sollte die sogenannte weibliche Tugend hier wirklich
einmal kein Vorurteil sein Und doch ist es nicht möglich mein Benehmen ist nur
linkisch und ungeschickt Das Mädchen mit diesen glänzenden Augen muss
Temperament haben nur versteh ich nicht die Kunst Sinnlichkeit Eigenliebe und
Eigennutz bei ihr auf die wahre Art in Bewegung zu setzen
Spotten Sie übrigens wie Sie wollen es ist gewiss ein himmlisches Geschöpf
26
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Ich bin Dir noch die Nachricht schuldig dass ich mich jetzt besser befinde und
dass ich nunmehr bei kälterem Blute Deinen Brief gründlicher zu verstehen glaube
Was Du gegen meine Ideen sagst ist sehr wahr und gegründet allein jeder Mensch
hat seine eigene Philosophie und die langsamere oder schnellere Zirkulation des
Blutes macht im Grunde die Verschiedenheit in den Gesinnungen der Menschen aus
Daher hast Du in Deiner Person völlig recht und ich in der meinigen nicht
unrecht Das ist eben das Hohe in der menschlichen Seele dass sich ihr einfacher
Strahl in so unendlich mannigfaltige Farben brechen kann ich gebe Dir zu dass
keine von allen die wahre sei aber ebensowenig kannst Du behaupten jene ist
ganz verwerflich weil jedes Auge jede Farbe anders sieht und Du das vielleicht
blau nennst was mir als rot erscheint
Doch wir wollen darüber nicht weiter disputieren Du irrst aber darin
völlig wenn Du meinst dass meine Gedanken nur Wiederholungen von fremden sind
Von Jugend auf habe ich die Menschen gehasst und verachtet die nur das Echo
andrer sind denn ihnen fehlt das Kennzeichen der Menschen in die Klasse dieser
kläglichen Geschöpfe wirst Du mich hoffentlich niemals geworfen haben und dann
ließe sich wohl immer noch die Frage aufwerfen ob es bei einem Menschen von
einigem Verstande möglich sei ihn zu einer andern Denkungs oder Handelsweise
zu verleiten bei der seine sogenannte Moralität litte
Schilt mich nicht wieder einen Sophisten denn ich will nun einmal recht
kalt und gemässigt sprechen Denke Dir den Fall dass man einen guten
unbefangenen Menschen nach und nach so betäubt dass er unvermerkt in irgendeine
Handlung hineintaumelt die unsere strengere Moral nicht guteissen kann bei
diesem Umstande ist nur zweierlei möglich Entweder er ist nach begangener Tat
ebenso unschuldig als vorher er hat sie ohne den Vorsatz Böses tun zu wollen
ausgeführt nun so ist er zwar im Angesichte des buchstäblichen Gesetzes
schuldig aber wahrlich nicht in den Augen der Vernunft die nicht bloß die
grobe äußere meistenteils nur zufällige Erscheinung sondern den innern
boshaften Sinn bestraft selbst wenn dieser keine Handlungen hervorbringt Der
zweite Fall ist also nun dieser dass schändliche Handlungen aus einem
schändlichen Vorhaben entstehen Wie kann aber meine Seele fremde Überzeugung
wirklich als die ihrige annehmen Wo willst Du den Punkt den Moment auffinden
in welchem eine reine Seele zu einer schlechten wird Geschieht es durch einen
Zufall wie ist es möglich dass sich dadurch ein Flecken im Geiste erzeugt da
er nur immer gute Gedanken und Vorsätze fassen kann Durch die Meinung eines
andern Er wird mit reinem Sinne den fremden nicht begreifen und wenn er ihn
begreift so setzt dies schon voraus dass er selbst verdorben sei Du wirst
Dich aus diesem Labyrinthe von Widersprüchen nicht herausfinden können nimm
also meine Meinung an und gib mir zu dass Deine Furcht gänzlich ungegründet
ist
Aber unmöglich kann mein verständiger Eduard zu den Toren gehören die nur
ihresgleichen lieben können ich weiß wie entfernt er von diesem
Sektierergeiste ist daher brauch ich nicht zu heucheln wenn ich von seiner
Meinung abweiche um nur seine Freundschaft nicht zu verlieren Ich darf mich
daher ebenso dreist wie sonst unterschreiben meines geliebten
Freundes zärtlicher Freund William Lovell
27
Walter Lovell an seinen Sohn
London
Lieber Sohn
Ich weiß nicht ob Du noch immer auf Deinen unglücklichen Vater zürnest
Deine sparsamen und wortkargen Briefe lassen es mich befürchten Ich habe Dir
bis jetzt unausgesetzt das verlangte Geld geschickt ohne bisher ein Wort
darüber zu verlieren ob Du gleich in jedem Vierteljahre mehr als im vorigen
gebraucht hast Du findest hierbei auch den Wechsel den Du so ungestüm
gefordert hast nur zwingen mich diesmal die äußern Umstände einige Worte
hinzuzufügen die Dir und mir gleich unangenehm sein müssen
Ich habe seit mehreren Jahren nur in Dir und in der Aussicht einer schönen
Zukunft gelebt aber seit einem halben Jahre hat sich Dein Herz von Deinem Vater
abgewandt ich wüsste kaum dass Du noch lebtest wenn Deine Briefe in denen Du
mich wie ein ungestümer Gläubiger um Geld mahnest mich nicht mittelbar davon
benachrichtigt hätten Ich gab Dir alles gern denn ich habe mein Vermögen von
je als ein Mittel angesehen Dich glücklich zu machen ich war dabei überzeugt
dass sich das Herz meines William wieder erweichen würde und so ließ ich Deinen
Torheiten freien Lauf
Wenn Du aus diesem Briefe schließt dass ich wieder krank bin so irrst Du
nicht ich bin es und vielleicht gefährlicher als je Ich fühle die
Lebenskraft gleichsam nur noch tropfenweise durch meinen Körper rinnen darum
kehre bald nach England zurück teurer Sohn damit ich Dich noch wiedersehe und
mir wenigstens noch ein Glück auf dieser Erde übrigbleibt
Ich kann nicht umhin meine anfängliche Drohung zu erfüllen denn Du musst ja
doch einmal alles erfahren Meine schöne erträumte Zukunft der Glanz unsers
Hauses Deine Größe alle meine Hoffnungen sind dahin und auf ewig zernichtet
Ich habe meinen Prozess verloren und Burton ist jetzt Herr meiner Ländereien
Wie es möglich geworden auf welchen Wegen er dahin gekommen ist das alles kann
ich nicht begreifen aber genug dass es geschehen ist Mir bleibt nun nichts
weiter übrig als die kleinen beiden Güter in Hampshire wo ich in dem alten
verfallenen Hause freilich noch zum Sterben Raum genug finde Ich sehe es
schon voraus wie sich alle meine Bekannten die mir bisher schmeichelten
zurückziehen werden Man kümmert sich so wenig um den Unglücklichen der sich
aus der großen Welt verliert alles ist kalt und empfindungslos wie die Lichter
am Firmamente wenn ein Stern heruntersinkt Dies ist das passendste Bild meines
Unglücks
Burton besuchte mich schadenfroh einige Tage vorher ehe das Urteil meines
Prozesses gesprochen ward Er war ungewöhnlich freundlich er betrachtete das
Haus und den Garten aufmerksam schon als sein Eigentum und ich will ihm auch
mein hiesiges Gut verkaufen um nicht in der Nähe von London zu leben
Tröste Dich mein Sohn und wenn Du vielleicht von diesem Schlage weniger
getroffen sein solltest als ich so versuche Deinen Vater zu trösten Ich ziehe
in zwei Wochen von hier fort Du weißt also wohin Du Deinen Brief zu
adressieren hast
Dass Du jetzt weniger Aufwand machen musst dass es das letztemal ist dass ich
Dir einen so ansehnlichen Wechsel schicke brauche ich wohl nicht erst
hinzuzufügen Ach mein Sohn stände Dein Glück in meiner Hand Doch ich
will abbrechen Lebe wohl
28
William Lovell an Rosa
Rom
Ich habe mancherlei Nachrichten aus England die mich interessieren sollten
allein ich kann einzig an die schöne Rosaline denken Himmel welch ein Mädchen
Ich sehe unaufhörlich die hellen braunen Augen vor mir ich kann nichts anders
denken als ihren Gang und ihren schlanken Wuchs Ich habe sie seitdem mehr als
einmal gesprochen aber alles ist vergebens Sie hat eine Menschenscheu die
unüberwindlich ist sie geht mir aus dem Wege und wenn ich vor ihr stehe
schlägt sie die Augen zur Erde und sieht mich nicht einmal an Es ist als
wenn ich zu dem Mädchen hingezaubert wäre ich habe noch nie ein Geschöpf mit
dieser Heftigkeit ich möchte sagen mit diesem Wahnsinne geliebt Sowie ich nur
die Augen schließe steht sie vor mir ich bin seit einigen Tagen wie verrückt
Ich mag weder Bianca noch Laura sehen jedes andre Mädchen erscheint mir
langweilig und abgeschmackt Ach Rosaline Ich möchte nach ihrem Hause
hinüberfliegen oder unsichtbar neben ihr sein Sie spotten bloß weil Sie
kälteres Blut haben weil Sie sie nicht kennen
O wie lebt man anders wenn man ein Wesen kennt für das man lebt Alles
steht mir in Bezug mit Rosalinen Die menschliche Seele ist doch ein kleines
armseliges Ding denn ganz dasselbe sagt der Dichter und der religiöse Schwärmer
auch von seiner Kunst Der Philosoph findet allenthalben seine Systeme wieder
der Gelehrte zieht alles nach seinem Mittelpunkte Oh so will ich denn einzig
für sie leben Sie soll die Sonne sein um die wie Planeten meine Gedanken und
Gefühle laufen
29
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom
Ich bin jetzt hier Thomas so Gott will etwas besser dran darum werde ich
auch wohl noch eine Zeitlang hierbleiben Mit meinem Herrn steh ich wieder auf
einem recht guten Fuß er hat mir alles ganz ordentlich abgebeten und er ist
seit etlichen Tagen weit freundlicher mit mir als er zeit seines Lebens gewesen
ist Es ist gar nicht möglich Thomas dass man auf ihn recht böse sein kann ich
habe sogleich alles vergessen und vergeben Mir ist wieder ganz wohl und
leicht aber doch gar nicht so wie im vorigen Jahre ich reise doch sobald als
möglich fort ich kann nicht hierbleiben
Sieh Thomas die ganze Geschichte hat so wie man zu sagen pflegt ihren
Haken Mein Herr ist da vor dem Tore einem Mädchen gut da wohn ich jetzt ach
nein Thomas glaube nichts Böses von mir Ich kann wahrhaftig nicht dafür dass
ich es meinem Herrn versprochen habe dass ich mich so sehr weit eingelassen
habe Ich stellte ihm alles ganz ordentlich und christlich vor aber da half
kein Reden und Ermahnen er wusste mir auf alle meine Worte sehr schön Bescheid
zu geben so dass ich am Ende gar nicht mehr wusste was ich sagen sollte und wie
ein alter Narre vor ihm stand so weichherzig hatte er mich gemacht Er sagte
dass er dem Mädchen so ganz wunderer gut sei dass er sterben würde wenn ich ihm
nicht den Gefallen täte und da konnt ichs denn nicht übers Herz bringen Nun
war mir die Freude auch noch etwas Neues dass ich wieder gut Freund mit ihm war
das hat denn auch viel dabei getan
Nun wohn ich hier vor dem einen Tore recht hübsch aber zwischen lauter
eingefallenen Häusern und alten Steindenkmalen da hat man die vergängliche
menschliche Eitelkeit und die Nichtigkeit aller Dinge recht vor Augen und kann
so ernsthafte Betrachtungen wie auf einem Kirchhofe anstellen Aber ich weiß
doch auch recht gut dass es nicht ganz recht ist und ich gräme mich in manchen
Stunden recht sehr darüber dass ich den Schritt getan habe aber der Mensch ist
doch ein gar zu schwaches Geschöpf und denn bin ich meinem Herrn Lovell gar zu
gut als dass ich ihm was abschlagen könnte wenn er mich so recht herzbrechend
darum bittet Je nun Gott muss ja bei so vielen Sachen ein wenig durch die
Finger sehen so mag er mir denn auch einmal von seiner Gnade etwas zukommen
lassen
Lebe wohl lieber Bruder Du hast mir lange nicht geschrieben tu es doch
nächstens einmal wieder und sage mir Deine Bedenklichkeiten darüber und wie
man es ändern müsste Bis dahin lebe wohl
30
William Lovell an Rosa
Rom
Ich habe Ihnen seit einigen Tagen keine Nachrichten gegeben weil ich so
vielerlei einzurichten und zu besorgen hatte dass mir wirklich keine Zeit
übrigblieb
Ich habe nach vielen Umständen meinen alten Willy beredet in die
benachbarte leerstehende Hütte neben Rosalinen einzuziehen dort gilt er für
meinen Vater einen alten Venezianer der hiehergekommen ist um in Rom sein
dürftiges Auskommen zu finden Ich heiße Antonio Ich bin nun den größten Teil
des Tages in einer gemeinen Tracht die mich recht gut verstellt bei Willy Wir
haben schon mit unsern Nachbarinnen Bekanntschaft gemacht die gegen Leute die
so arm wie sie scheinen außerordentlich zuvorkommend sind So ist alles im
schönsten Zuge und ich verspreche mir den glücklichsten Fortgang
Was das Mädchen närrisch ist Sie hat nun schon viel mit mir gesprochen und
ist außerordentlich zutraulich und redselig Sie ist von einer bezaubernden
lebhaften Laune und bat mich wenn ich nicht sehr irre gern Doch ich zweifle
noch denn in nichts in der Welt irrt man so leicht
Wenn ich ein Maler wäre schickt ich Ihnen ihr Bild und Sie sollten dann
selbst entscheiden ob ich wohl zu viel von ihr spreche Wie versteinert
betracht ich oft die reizendste Form die je aus den Händen der schaffenden
Natur ging den sanften zartgewölbten Busen der sich manchmal bei einer
häuslichen Beschäftigung halb enthüllt den schönsten kleinen Fuß der kaum im
Gange die Erde berührt
So leb ich denn hier zwischen den Ruinen entfernt von der Stadt und allen
Menschen ein sonderbares traumähnliches Leben Einen großen Teil des Tages bin
ich in der Hütte und sehe Rosalinen im kleinen Garten arbeiten ich sehe in der
Ferne Leute die stolz vorüberfahren und reiten und ich bedaure sie denn sie
kennen Rosalinen nicht sie jagen mühsam nach Vergnügen und denken nicht daran
dass die höchste Seligkeit hier in einer seitwärts gelegenen Hütte wohnt Mittags
und abends ess ich bei Rosalinen das haben wir gleich am zweiten Tage
miteinander richtig gemacht wir sparen wie die Alte bemerkte beide dabei
Ach Rosa wie wenig braucht der Mensch um glücklich zu sein Ich gebe seitdem
ich hier wohne nicht den hundertsten Teil von meinem Gelde aus und bin froh
Daran denkt man so selten in jenem Taumel aber wie viel gehört auch wieder
zum Glücke Würd ich diese dumpfe Eingeschränkteit ertragen wenn mir
Rosaline nicht diese Hütte zum Palaste machte O jetzt versteh ich erst diesen
so oft gebrauchten und gemissbrauchten Ausdruck
Es tut mir leid wenn ich fortgehen muss um zu tun als wenn ich irgendwo
arbeitete Einmal habe ich schon auf den einsamen Spaziergängen die ich dann
mache die Alte getroffen die in einem Korbe dürre Reiser sammelte Ich muss
mich also in acht nehmen und ich kleide mich daher oft bei Willy um und
schleiche nach der Stadt
Warum liebt sie mich nicht so wie ich sie anbete Mein Leben ist ein
rastloses Treiben ungestümer Wünsche wie ein Wasserrad vom heftigen Strome
umgewälzt jetzt ist das unten was eben noch oben war und der Schaum der Wogen
rauscht und wirbelt durcheinander und macht den Blick des Betrachtenden
schwindlicht
31
Rosa an William Lovell
Tivoli
Sie fangen an mit Ihrer Geschichte recht amüsant zu werden Es ist ja alles so
schön wie man es nur im besten Romane verlangen kann Ich wünsche Ihnen Glück
denn es ist gewiss dass nichts uns unser trocknes prosaisches Leben so poetisch
macht als irgendeine seltsame Situation in die wir uns selber versetzen Im
Grunde besteht unser ganzes Leben nur aus solchen Situationen und ich tadle Sie
daher gar nicht wenn Sie sich Ihre Empfindungen so lebhaft als möglich machen
Fahren Sie nur fort ebenso aufrichtig gegen mich zu sein als bisher so werden
mir Ihre Nachrichten viel Vergnügen machen Sein Sie aber auch wenn es irgend
möglich ist aufrichtig gegen sich selbst denn sonst entsteht am Ende eine
gewisse fade Leere die man sich mit Enthusiasmus auszufüllen zwingt dies sind
die widrigsten Epochen des Lebens Man quält sich dann das Interesse noch an
denselben Gegenständen zu finden weil es uns scheint als machten sie unsern
Wert aus Jede Illusion aber die kein Vergnügen macht muss man emsig vermeiden
Man sollte sich überhaupt von Jugend auf daran gewöhnen die äußern Gegenstände
um sich nur als Spiegel zu betrachten in denen man sich selber wahrnimmt um in
keinem Augenblicke des Lebens von ihnen abzuhängen Je mehr alles um uns her von
uns abhängt um so sklavischer es uns gehorcht um so höher steht unser
Verstand Denn darin kann die Vernunft des Menschen unmöglich bestehen seltsame
Dinge zu erfinden oder zu begreifen sondern damit er durch sie ihm
gleichgeschaffne Wesen nach seiner Willkür lenke Auf die Art kann der kluge
Mensch allen gebieten mit denen er nahe oder fern in Verbindung steht Die
Herrschaft des Verstandes ist die unumschränkteste und Rosaline wird gewiss bald
unter dem Gebote meines verständigen Freundes stehen wenn er sich nicht von ihr
beherrschen lässt und selbst seine Vernunft unterdrückt Ich wünsche Ihnen
Glück um nie in diesen Fall zu kommen
32
William Lovell an Rosa
Rom
Es ist gewiss dass man unter unschuldigen Menschen selbst wieder unschuldig wird
Jetzt kommen mir manche meiner Ideen zu gewagt vor die mir sonst so natürlich
schienen ich bin hier in der kleinen Hütte demütiger ja ich fühl es dass ich
ganz einer von den Menschen werden könnte die ich mir bisher gar nicht deutlich
denken konnte die in einer engen dunkeln Stube geboren nur so weit ihre
Wünsche richten als sie um sich sehen können die mit einem Gebete erwachen und
schlafen gehen Märchen hören und im stillen überdenken mit einem dumpfen
langsamen Fleiße eine Handarbeit lernen und nichts so sehnlich als den Abend
und die Schlafstunde erwarten O Rosa wenn man dies Leben näher kennenlernt so
verliert es sehr viel von seiner drückenden Beklemmung Wir machen aus unserm
Leben so gern ein ununterbrochnes Vergnügen und suchen Unannehmlichkeiten
mühsam auf um die Freude durch den Kontrast zu würzen bei diesen Menschen aber
ist jedes unerwartete Vergnügen ein Weihnachtsfest wie ein plötzlicher
Sonnenblick an einem kalten Regentage scheint es hell und frisch in ihre Seele
hinein Ich werde mich künftig hüten die Menschen mit dumpferem Sinne so sehr
zu verachten
Wenn ich in meinem kleinen Besitztum jetzt auf und ab gehe über das Feld
und nach der Stadt hinübersehe Rosalinens Stimme von nebenan höre und ich mich
so recht ruhig und glücklich fühle der Tag ohne Verdruss und Widerwillen sich
schließt so komme ich manchmal auf den Gedanken in dieser Lage zu bleiben
hier ein Bauer zu werden und das reinste frischeste Glück des Lebens zu
genießen Vielleicht bliebe ich hier immer froh und zufrieden vielleicht
ach die Wünsche die Neigungen des Menschen Welcher böse Genius hat diesem
Bilde als es vollendet war so viel der widersprechenden Triebe beigemischt
Doch hinweg davon O Rosa nennen Sie mir ein Schauspiel das dem an Reiz
gleichkäme wenn sich eine schöne unbefangne Seele mit jeder Stunde mehr
entwickelt Wir sind jetzt bekannter miteinander ich und Rosaline ich habe sie
täglich gesehen und gesprochen mein anscheinendes Unglück hat sie gerührt Sie
ist so das reine Bild einer Mädchenseele ohne die feinere Ausbildung die die
Erscheinung zugleich verschönert und entstellt Da uns die Verschiedenheit des
Standes kein Hindernis in den Weg gelegt hat so sind wir auf einem recht
vertrauten Fuße miteinander Wir sitzen oft im finsteren Winkel und sprechen
über unser Schicksal sie erzählt mir Familiengeschichten oder wunderbare
Märchen die sie mit außerordentlicher Lebhaftigkeit vorträgt dann singt sie
wieder ein kleines Volkslied und begleitet es mit den Tönen der Laute Es
gibt keine Musik weiter als diese kleinen tändelnden fast kindischen Lieder
die so gleichsam im simpeln Gang des Gesanges das Herz auf der Zunge tragen und
wo nicht Töne wie ungeheure Wogen steigen und fallen und sich in einen wilden
Zug mischen der kreischend sich durch alle Tonarten schleppt und dann in ein
Chor aller stürmenden Instrumente versinkt Das Herz bleibt um so leerer je
voller das Ohr ist die Seele kann nur diesen stillen Gesang so recht aus dem
Grunde genießen hier schwimmt sie mit dem silbernen Strome in ferne dunkle
Gegenden hinunter die leisesten Ahndungen erwachen in den Winkeln und gehen
still durch das Herz und Rückerinnerung eines früheren Daseins wunderbares
Vorgefühl der Unsterblichkeit rührt die Seele an
Wenn ich ihr gegenübersitze o wie Feuer weht mich ihr Atem an Ich habe
ihr schon an den Busen stürzen wollen und diese Reize mit unzähligen Küssen
bedecken ich träume oft so lebhaft vor mir hin dass ich nachher ungewiss bin ob
ich es nicht schon getan habe Es reißt mich eine unbekannte Kraft zu ihr
hinüber die Töne ihrer Laute klingen mir oft schmerzhaft im Kopfe nach und
bald bald muss es sich ändern oder ich verliere den Verstand
Als ihre Mutter neulich schlafen gegangen war und ich mit ihr vor der Türe
saß entdeckt ich ihr meine Liebe Sie war gerührt und zärtlich und sagte mir
sehr naiv dass sie schon einen Bräutigam habe und mich daher nicht lieben
dürfe wenn sie auch herzlich gern wolle Es ist ein armer Fischer der jetzt
einer kleinen Erbschaft wegen zu Fuße nach Kalabrien gegangen ist sie beschrieb
ihn mir sogleich und gestand mir ganz unverhohlen dass er so hübsch nicht sei
als ich
Sie rührte mich als sie mir die Einrichtung ihrer künftigen kleinen
Wirtschaft beschrieb Wie beschränkt sind die Wünsche dieser Menschen Wenn ich
an meine Verschwendung denke wie ein weggeworfner oder verspielter Teil meines
Vermögens dies herrliche Geschöpf glücklich machen würde Ich lerne viel in
diesen Hütten Rosa ich glaube ich lerne hier mehr ein Mensch sein und mich
für das Unglück der Menschen interessieren Und sie sollte hier für einen
armseligen Schiffer aufgeblüht sein Für einen Verworfenen der sich vielleicht
glücklich schätzen würde wenn er mein Bedienter werden könnte Nimmermehr
Dagegen muss ich Vorkehrungen treffen und ich denke das Beste ist schon
geschehen Wir nennen uns du Gestern saß sie auf einem niedrigen Schemel und
schaukelte sich während dem Erzählen plötzlich wollte sie fallen ich fing sie
auf und fühlte die schöne Last in meinen Armen Ich drückte sie an mich und sie
wand sich verlegen und errötend von meinem ungestümen Busen
Sie ist sich mit ihren dunkeln Trieben selbst ein Rätsel sie kommt mir in
manchen Augenblicken mit ihrer Unschuld wie eine heilige Priesterin oder wie
eine unverletzliche Gottheit vor und dann wieder die feurigen Augen Der
mutwillige Zug um den Mund
Ich habe neulich in der Ferne für mich ein paar schalkhafte italienische
Liedchen gesungen und ich ertappte sie gestern wie sie eben wie
unwillkürlich die ersten Takte griff und den Anfang sang Plötzlich hielt
sie inne ward ohne zu lachen rot und legte die Laute fort gleichsam wie eine
gefährliche nicht genug verschwiegene Freundin Ich kenne nichts Schöners
als diese ungeschminkte Natur zu studieren o sie wird sie muss die Meinige
werden Stammelnd hab ich ihr die Ehe versprochen und das weiß Gott
wenigstens halb im Ernst
Soeben seh ich sie vor die Türe treten ich gehe zu ihr leben Sie wohl
33
Rosaline an Antonio
Du bist schon wieder fort Lieber und ich glaubte Dich so gewiss zu treffen Ich
ließ Dich gestern gern die Laute mitnehmen und tat als merkt ich es nicht
weil ich sie heut wieder abholen wollte Du böser Mensch mich vergebens
kommen zu lassen Dein Vater sieht immer so verdrießlich aus ich glaube es
will ihm noch gar nicht bei uns gefallen ich scheue mich vor ihm weil er mich
immer so ernstaft ansieht Komm doch ja heut abend ich will Dir ein neues
Lied spielen das ganz wie auf Dich gemacht ist Komm ja und bleib hübsch lange
Die Abende sind jetzt so schön und wir wollen denn noch miteinander singen
Aber Du musst nicht wieder böse werden ich will ja auch kein Wort wieder vom
armen Pietro sprechen
34
Antonio an Rosaline
Nein Liebe sprich nicht wieder von ihm denn sein Name geht mir immer wie ein
Dolchstoss durchs Herz Ich hoffe immer noch dass er nie wieder zurückkommen
wird wer weiß was ihm begegnet ist da er gar keine Nachrichten von sich gibt
Tut es mir nicht selber weh dass ich so oft von Deiner Seite muss Du hättest
mich aber gewiss getroffen wenn ich daran gedacht hätte dass Du kommen könntest
O Rosaline lass die Gesänge die den kranken Rest meines Herzens
zerschmelzen und meine Seele ganz mit sich nehmen Leb ich nicht schon ganz bei
Dir nur allein in Deiner Gegenwart Keine Arbeit will mir jetzt von der Hand
gehen da ich immer nach der Gegend hinsehe in welcher Dein Haus steht Ach
wenn Du mich doch so lieben könntest wie ich Dich liebe o Rosaline welche
Aussicht würde sich mir eröffnen O ja ja singe das Liedchen wenn es so wie
auf mich gemacht ist und wenn von einem weichherzigen Mädchen und einem
erhörten Liebhaber darin die Rede ist o so lass es auch denn noch auf mich
passend werden Ich sehe Dich gewiss heut abend ich bleibe mit Dir vor der Türe
sitzen ach könnt ich zeitlebens nur um Dich sein könnt ich ewig den süßen
Ton Deiner Stimme hören Alles was ich vernehme klingt mir wie Dein Gesang so
tief bin ich in Träume versunken ich fahre auf wenn man meinen Namen nennt
wenn jemand mich ruft O glaub es glaub es teures Mädchen dass ich nie ohne
Dich würde leben können dass ich für Dich alles selbst das Gewagteste und
Schrecklichste ausführen könnte
35
Rosaline an Antonio
Und warum wurdest Du denn nun doch so verdrießlich als ich gestern das Liedchen
sang Was willst Du von mir Seh ich Dich nicht gern kommen und ungern
fortgehen Denk ich nicht fleißig an Dich Hab ich nicht gestern die
versprochenen Küsse gewissenhaft abbezahlt und sogar noch einige ich weiß
nicht wie viel mehr gegeben Was kannst Du denn noch verlangen Aber Du
machst mich immer mit traurig und ich weiß gar nicht was ich Dir zu Gefallen
tun kann Dir ist nichts recht und Du weißt gewiss selbst nicht was Du willst
Siehst Du ich kann auch einmal böse werden aber gewiss nur jetzt nicht wenn
ich Dich vor mir sehe dann hab ich alles vergessen worüber ich klagen könnte
Meine Mutter hat heute schon ein ernsthaftes Gespräch mit mir gehabt ich
soll nicht so viel bei Dir sein hat sie gesagt Ich seh aber nicht warum Sie
ist alt und ein wenig eigensinnig fast so ein Gemüt wie Dein Vater Du
gefällst ihr nicht recht denn Du bist ihr etwas zu leichtsinnig Du musst
darüber nicht böse werden sie ist schon alt und das macht es denn wer möchte
Dich wohl sonst nicht gern leiden Jeder Mensch der Dich sieht muss Dein Freund
sein Nur das ernsthafte finstre Wesen kleidet Dich gar nicht das kann ich
Dich versichern Du kommst mir dann mit einemmal ganz fremd vor schaff es ab
Auch mit Deinem Vater bist Du nicht recht gut der meint es mit seinen
Ermahnungen doch gewiss sehr rechtschaffen Mach es wie ich ich lasse meine
Mutter oft lange reden und tu als hör ich ihr zu und denke unterdessen an
Dich
Aber wie viel hab ich nun an Dir getadelt Ach glaube nur nichts davon das
ist grade so als wenn ich ein Lied von bösen Menschen singe ich kann immer
nicht daran glauben Ich habe meine Altklugheit nur vom Hörensagen Noch eins
sei heut abend etwas artiger als gestern denn sonst werd ich noch den Hund
abrichten dass er Dich beißen soll Adieu und komm hübsch früh Wie schön
dass kluge Menschen die Erfindung gemacht haben dass Du durch ein stummes Papier
mit mir reden kannst dass ich Dir kann Antwort geben O ja ein liebendes Herz
ist der Zauberkunst nahe
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William Lovell an Rosa
Rom
O Rosa warum bin ich nicht zufrieden und glücklich Warum bleibt ein Wunsch nur
so lange Wunsch bis er erfüllt ist Hab ich nicht alles was ich verlangte und
dennoch werd ich immer weiter vorgedrängt und auch im höchsten Genuße lauert
gewiss schon eine neue Begierde die sich selbst nicht kennt Welcher böse Geist
ist es der uns so durch alle Freuden anwinkt Er lockt uns von einem Tage zum
andern hinüber wir folgen betäubt ohne zu wissen wohin wir treten und sinken
so in einer verächtlichen Trunkenheit in unser Grab Ich schwöre Ihnen dass mir
in manchen Momenten aller Genuss der Sinne verabscheuungswürdig erscheint dass
ich mich vor mir selber schäme wenn ich diese holden Züge betrachte diese
Unschuld die sich auf der weißen reinen Stirn abspiegelt es ist mir manchmal
als wenn mich eine Gottheit durch ihre hellen Augen anschaute und ich erröte
dann wie ein Knabe
Gestern war ich in der höchsten Verwirrung sie wollte mir ein Lied singen
das wie sie sagte auf mich recht passend sei Fühlen Sie wie mir zumute ward
wie gedemütigt Es war wirklich das Lied welches mich zuerst auf die Idee
meiner Verkleidung führte und aus dem ich sogar meinen Namen Antonio entlehnt
habe Kann die bitterste Satire mich tiefer erniedrigen als dieses kindliche
fromme unschuldige Wesen Nie hab ich vor einem Menschen so in aller Nacktheit
gestanden nie bin ich so durch und durch beschämt worden Bei jedem andern
Mädchen würd ich überzeugt sein sie habe mich vollkommen erraten allein ich
schwöre Ihnen dass es hier nicht der Fall ist.
Und was ist denn nun von einer andern Seite mein ganzes ängstliches Gefühl
Wozu alle diese seltsamen Windungen Ich liebe sie und sie liebt mich
Sie haben nie ein Wesen wie diese Rosaline gekannt und Sie kennen daher
auch die schönste Blüte des Vergnügens nicht Sie sollten sie sehen wie sie mir
entgegenläuft und denn wieder stillesteht und plötzlich tut als habe sie nur
irgendwas gesucht die List die sie bei aller frommen Unschuld hat und die
jedem Mädchen mit auf die Welt gegeben wird und die wenn ich so sagen darf
die Unschuldigen noch unschuldiger macht Die Mutter schlief neulich in ihrem
Lehnstuhle und ich küsste sie indem sie neben mir saß von ungefähr schallte
der Kuss etwas stärker und die Mutter wachte auf in demselben Augenblicke aber
hatte sie ihren kleinen Hund schon ein wenig gezwickt so dass er schreien musste
und die Mutter keinen Argwohn schöpfte
Ja ich mache sie selbst glücklich wenn ich sie über ihr eigenes Wesen
aufkläre sie wird sich selbst im Kelche der Wonne berauschen und mir noch für
mein höchstes Glück Dank sagen
Werden Sie nicht bald nach Rom zurückkehren Ich vermisse täglich Ihre
Gesellschaft vorzüglich wenn ich nicht bei Rosalinen bin In Rom fang ich an
allen Leuten fremd zu werden ich mag niemand besuchen ich mag nichts tun
schon seit lange ängstigt mich ein Brief den ich an meinen Vater schreiben muss
ich kann nichts anders denken und sprechen
37
Walter Lovell an seinen Sohn William
Kensea in Hampshire
Ich bekomme keine Antwort auf meinen Brief und ich werde mit jedem Tage
schwächer Der Arzt findet es jetzt bedenklich und ich fühl es dass die Uhr
meines Lebens zu Ende gelaufen ist Alles wird mir gleichgültig was mir sonst
wichtig war meine ehemaligen Plane habe ich völlig vergessen komm also ohne
alle Scheu nach England zurück lieber Sohn heirate wenn Du durchaus willst
Amalien ich will und kann nichts weiter dagegen einwenden nur brich Dein
Schweigen und komm Ach wenn Du willst muss ich Dich freilich auch noch wegen
einer meiner Briefe um Vergebung bitten ich meinte es gut mit Dir und damals
war auch die Lage der Sachen anders
Wenn der Wind hier durch den Wald bläst und die losgegangenen Tapeten im
Nebenzimmer rauschen und klatschen o dann lieber William fühl ich mich so
einsam so heimatlos Ich sehe trostlos dem trüben Beschluss eines trüben Lebens
entgegen Ich sehe keine Freunde keine andre Gesichter als die meiner
Bedienten alle haben sich von mir zurückgezogen und ich befinde mich wohl
dabei Nur Dich wünsch ich bei Tage und in der Nacht zu mir her ich war ein
Tor dass ich mühsam erst ein Gebäude meines Glückes aufführen wollte und nicht
die Freuden annahm die mir das Schicksal an der Brust meines Sohnes in den
Armen einer guten Tochter vielleicht in einem Zirkel von fröhlichen Enkeln
anbot Jetzt ist mir die Binde gelöst und es ist vielleicht zu spät Doch
nein mein William gibt mir gewiss Freude und Trost zurück wer weiß welche
einsamen Gegenden er schon durcheilt um seinen alten kranken Vater noch
wiederzusehn Wo Du auch seist Gott sei mit Dir
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Rosaline an Antonio
Die ganze ganze lange Nacht hab ich nicht schlafen können Und daran bist bloß
Du schuld Immer war mir als schliefest Du neben mir ich hatte Dich in meinen
Armen und wachte von Deinen Küssen auf Als der Mond durch eine Ritze der
Fensterladen in meine Stube schien und der Strahl sich so über den Boden goss
und an der Decke schimmerte hab ich recht herzlich geweint weil ich mich zum
erstenmal im Leben so einsam fühlte O Du böser Mensch kannst die Not gar nicht
verantworten die Du mir machst Mein Vater ist tot und meine Mutter stirbt auch
vielleicht bald wenn nun Pietro nicht zurückkömmt so bist Du der einzige
Mensch auf der Welt der mir noch beistehn kann Aber wenn Du alle meine Liebe
nicht verdientest Ach Antonio Du hast Dich so oft über meine Lustigkeit
gefreut ich bin nur fröhlich wenn ich Dich sehe Du siehst wie betrübt ich
werde wenn ich allein bin Drum sollten wir uns gar nicht trennen dann würden
wir beide immer recht vergnügt sein
Du bleibst jetzt oft viel länger weg als anfangs Du freust Dich nicht mehr
wie sonst darüber wenn ich Dir einen Kuss gebe sage mir was habe ich Dir
getan Du Unzufriedner Oder ist es die Sitte in eurem Lande dass man immer so
ernst und verdrießlich ist
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Antonio an Rosaline
Was Du mir getan hast liebstes bestes Mädchen Nichts als dass Du mich nicht
ebensosehr liebst wie ich Dich liebe Warum verlässt Du mich oft so plötzlich
Warum darf ich nicht in der Nacht bei Dir bleiben wenn Du Dich ohne mich so
einsam fühlst Die wahre Liebe ist mit diesem Eigensinne unbekannt Wenn Du mich
nur hier sähest wie oft ich in der Nacht nach Deinem Hause hinüberblicke wie
ich nicht schlafen kann und mir schweigend Deine Lieder wiederhole um mich nur
etwas zu beruhigen wie ich Dein Bild tausend und tausendmal küsse das ich
neulich bei Dir zeichnete Das Papier ist von meinen Tränen nass das Haus wird
mir zu enge und ich schweife im trüben Mondlichte dann zwischen den Ruinen
umher und Deine Gestalt begleitet mich allenthalben O Rosaline dieses Zagen
diese Angst kennst Du nicht denn sonst würdest Du meinen Zustand mehr
bemitleiden Nein Harterzige Du kennst die Liebe nicht denn Du verhöhnst
meine Empfindung Undankbare Du weidest Deine Eitelkeit an meinem Gram und
wirst Dich über meine Verzweiflung freuen Stand ich nicht gestern noch eine
Stunde länger vor Deiner Türe und Du kamst nicht wieder wie Du mir versprochen
hattest Spieltest Du nicht um mich zu kränken dies verhasste Lied von dem
Antonio Nein Du betrügst mich nur mit einem Schein von Liebe Du freust Dich
darüber dass Du mich gedemütigt hast und alle Deine Küsse Deine Umarmungen
sind Heuchelei Labe Dich an meinem Anblicke wenn Du mich wahnsinnig gemacht
hast
O vergib mir Teure wenn ich Dir Unrecht tue Betrüben möcht ich Dich
nicht
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Rosaline an Antonio
Du kannst das Lied vom Antonio nicht leiden Mein liebstes Lied weil es Deinen
Namen führt Ach Lieber wie unrecht tust Du mir Dir zum Possen soll ich es
singen und ich will mich dadurch trösten weil ich nicht wieder herausgehen
konnte Die Mutter war böse und hatte mir es streng verboten und ich muss ihr
doch gehorchen Sie will nicht gern dass ich so viel bei Dir bin Nein wenn es
Dir nicht gefällt will ich das Lied nie mehr spielen sosehr ich es auch liebe
Ich Dich kränken Ach Antonio wie sollt ich das können Wenn Du da bist
schäm ich mich nur immer zu sagen wie gut ich Dir bin man hat keine Worte
dazu ich müsste neue ausdenken Aber wenn Du so weggegangen bist und ich Dir
nun nachsehe oder wenn ich einen Deiner Briefe lese sieh so kehrt sich mir
das ganze Herz um und ich möchte Dir nachrennen Dich vor der ganzen Welt in
meine Arme drücken Dein liebes Gesicht küssen und in Tränen vergehen und rufen
Ja Menschen seht es Bäume und Berge hört es so so lieb ich ihn was kümmert
ihr mich alle wenn er mir nur der einzig Teure in der Welt übrigbleibt Sieh
wenn Du nichts nach mir fragtest so könnt ich zu Deinen Füßen niederknien und
um Deine Liebe bitten ich könnte meine Religion verlassen und nicht mehr zur
göttlichen Madonne beten wenn Du es wolltest ich könnte mit Dir in fremde
wüste Länder ziehen wo man andre Sprachen spricht wo wie man mir einst erzählt
hat Eis und Winter fast immer die Luft zusammenzieht o ich könnte für Dich
sterben alles alles nur Dich nicht vergessen nur nicht Deinen Tod oder
Deine Verachtung überleben Ach kannst Du mich noch unempfindlich und
undankbar schelten Kannst Du noch auf mein liebes Lied böse sein
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Antonio an Rosaline
Nein ich will Dein Lied nicht mehr schelten liebe Rosaline Ich habe Dir und
ihm Unrecht getan und ich will es ihm abbitten Schicke mir zur Versöhnung die
Abschrift die Du davon hast ich will es zu Deinen Briefen zu Deinem Bilde zu
Deiner Locke legen mehr kann ich ihm zur Ehre doch nicht tun Wie hat mich
Dein lieber Brief gerührt Oh ich habe ihn um Vergebung gebeten und will es
mündlich bei Dir wiederholen Bin ich Dir wirklich so teuer als Du da
schreibst Ich kann es nicht glauben und glaub es doch so gern Deine Stimme
klingt mir wie ein Ton aus einem Traume der mir die Schätze der Erde
verspricht und dem die wirkliche Natur nicht Wort halten kann Ach nein die
Liebe macht das Unmögliche leicht Sie ersetzt uns jedes Glück der Erde
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Rosaline an Antonio
Siehst Du nun wohl dass ich recht habe Dafür will ich Dir nun auch das Lied so
zierlich und schön abschreiben als es mir nur immer möglich ist
Der Arme und die Liebe
Es kam an einem Pilgerstab
Wohl übers graue Meer
Ein Wandersmann ins Tal herab
Von fremden Landen her
Erbarmt euch meiner rief er aus
Ich komm aus fernem Land
Verloren hab ich Gut und Haus
Antonio genannt
Die Eltern starben mir schon lang
Ich war noch schwach und klein
War ohne Gut war ohne Rang
Und niemand dachte mein
Da nahm ich diesen Wanderstab
Und trat die Reise an
Stieg hier ins frische Tal herab
Fleh euer Mitleid an
Da ging er wohl von Tür zu Tür
Ging hier und wieder dort
Ward abgewiesen dort und hier
Und schlich sich weinend fort
»Was suchst du in der Fremde Glück
Wir sind dir nicht verwandt
Geh wo du herkömmst nur zurück
Bist nicht aus unserm Land
Genug der Freunde leiden Not
Der Landsmann sucht hier Trost
Für sie wächst unser schönes Brot
Für sie der süße Most«
Still und beschämt mit Ach und Oh
Schlich er die Straße hin
Da ruft es sanft Antonio
Ein Mädchen winkt ihn hin
O nimm von meiner Armut an
Spricht sie mit frommen Sinn
Ich gebe was ich geben kann
Nimm alles alles hin
Lucindens großes Auge weint
Er dankt mit heißem Kuss
Und sieh die Liebenden vereint
Ein rascher Tränenguss
Ach nein du bist mir nicht verwandt
Dennoch erbarm ich mich
Und bist du gleich aus fremden Land
So lieb ich dennoch dich
Die Liebe kennt nicht Vaterland
Sie macht uns alle gleich
Ein jedes Herz ist ihr verwandt
Sie macht den Bettler reich
Ich habe schon oft versucht statt Lucinde Rosaline zu singen allein es will
nicht in den Takt passen Wir wollen heut abend einmal versuchen ob wir das
Lied nicht noch ein wenig abändern können Du musst mir helfen denn Du weißt ja
damit Bescheid Ich lese Deine Verse alle Tage und versteh sie jedesmal etwas
besser O ich bin in manchen Stunden ordentlich stolz auf Dich und dass Du
unter den tausend tausend Mädchen grade mich nur einzig und allein liebst Und
doch wieder nicht stolz nur so froh dass ich dann dem Himmel mit weinenden
Augen danke dass er es so gelenkt hat dass Du mich aufgefunden hast Warum
meine Mutter nicht ganz so denken will wie ich Ich kann gar nicht begreifen
wie man etwas gegen Dich haben kann Alle Menschen sollten so sein wie Du so
wäre das die schönste Welt Adieu und bleibe ja heut länger
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Antonio an Rosaline
Also heut wirklich nun heut So ist denn doch endlich die zögernde Stunde
herangeschlichen die mich vollkommen glücklich machen soll O wie dank ich
Dir Aber Du wirst doch Wort halten
44
William Lovell an Rosa
Rom
Es ist wunderbar wie lange ich in dem Vorhofe der Seligkeit aufgehalten werde
tausend Zufälle vereinigen sich um mich immer wieder von der höchsten Wonne zu
entfernen Rosaline ist mein unbedingt mein Sie hatte sich neulich für meine
Bitten erweicht und mir versprochen mich in der Nacht heimlich zu sich kommen
zu lassen aber die Mutter wurde krank und sie musste bei ihrem Bette wachen
Welche Nacht hatt ich Die Sehnsucht regte sich mit allen ihren Gefühlen in mir
ich konnte nicht eine Minute schlafen und doch auch nicht wachen Ich lag in
einer Art von Betäubung in der sich Bilder auf Bilder drängten und mein
kleines Zimmer zum Tummelplatze der verworrensten Szenen machten Es war eine
Art von Fieberzustand in welchem mir hundert Sachen einfielen über die ich
noch lange werde denken und träumen können
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William Lovell an Rosa
Rom
Es ist um rasend zu werden Alles ist dahin Alle meine Ruhe alle meine Liebe
ist gänzlich durchaus verloren Ich kenne mich kaum wieder ich verachte und
hasse mich selbst ob ich gleich nur auf den Zufall fluchen sollte Denken Sie
nur selbst alles war bestimmt und fest gemacht Rosaline war so zärtlich gegen
mich wie sie noch nie gewesen ist sie war völlig davon überzeugt dass ich sie
heiraten wollte und bei Gott ich hätt es auch getan sie hatte mir die
gestrige Nacht zugesagt und ich erwartete mit Ungeduld die Abendröte ich
konnte mir meine Phantasien und Hoffnungen gar nicht als wirklich denken o
und sie sind es auch nun nicht geworden Ich stehe hier wie ein Schulknabe der
seinen Lehrer fürchtet ich bin beschämt und verworfen gestern kam noch bei
Tische ein alter Mann als Bote der Pietros des armseligen Fischers des
Bräutigams Zurückkunft ansagte In wenigen Tagen wird er hiersein Ich war wie
vom Schlage getroffen alle meine Sinne waren gelähmt bleich und wie aus der
Ferne hört ich nur die genaueren Nachrichten die der Schurke mitbrachte Schon
das verdammte Gesicht des Kerls als er zur Türe hereintrat kündigte mir nichts
Gutes an Es war eine von den Physiognomieen die dazu gemacht sind
Unglücksbotschaften zu bringen
Und dann die Freude der Mutter Die stille Beschämung Rosalinens die mir
plötzlich durch die bloße Nachricht ganz abgewandt wurde O mich wundert dass
ich nicht den Verstand verloren habe Sie weicht mir seitdem ängstlich aus sie
ist kalt und fremde und ich stehe auf demselben Punkte auf dem ich mich am
ersten Tage unsrer Bekanntschaft befand Ich könnte den Kerl ermorden der
sich so ungerufen zwischen uns drängt und all mein Glück und meine schönen
Träume vernichtet Warum hängen wir so oft von nichtswürdigen Zufälligkeiten
ab Und nun jetzt jetzt da sich soeben alle meine Wünsche krönen wollten
Wenn ich sie sehe mit all ihren Reizen und die Phantasie mir die heiligen von
keinem Blicke entweihten vor die Augen zaubert Wenn ich mir das alles so ganz
hingegeben denke und nun geht sie mir vorüber und kennt mich nicht und heut
abend war das letzte Ziel meines Glücks Ich könnte sie ergreifen und im
Gefühle der Begierde erwürgen und wütend an ihrem Busen sterben Raten Sie
mir Rosa was ist zu tun Ich habe allen Verstand alle Besinnung völlig
verloren
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William Lovell an Rosa
Rom
Ich bin noch wie im Traume es ist Nacht indem ich Ihnen schreibe und ich weiß
noch immer nicht was morgen geschehen wird Seit einer Stunde bin ich von einer
Reise zurückgekommen ich bin müde und kann doch nicht schlafen Die Ankunft
Pietros hatte mir mein Leben geraubt ich wusste den Weg den er kommen und
wann er anlangen würde Ich ritt auf die Straße nach Neapel bei Rosalinen
schützte ich eine notwendige Arbeit vor die ich in der Stadt zu Ende bringen
müsste Hinter Sezza liegt ein einzelnes einsames Haus dort erwartete ich den
Bösewicht den ich schon im innersten Herzen hasste noch ehe ich ihn gesehen
hatte Er wollte gestern abend dort ankommen und kam nicht Endlich tat sich
nach Mitternacht die Tür auf und er trat herein er hatte noch gegenüber ein
kleines Dorf besucht und hatte sich jetzt bei unruhigem Wetter über den Fluss
setzen lassen dadurch war er so lange aufgehalten Nun ich ihn vor mir sah
erwachte mein Hass noch grimmiger Ein ganz gemeiner Mensch der kaum sprechen
kann verdrießlich obendrein und zwar deswegen weil die gehoffte Erbschaft
nicht so ansehnlich ist als er erwartet hatte Das widrigste Gemisch von
bäurischem und schurkischem Wesen schmutzig und gefrässig dieses Tier ging
jetzt dem Besitze der göttlichen Rosaline entgegen von der er in seinem ganzen
Leben nicht die kleinste ihrer Vortrefflichkeiten verstehen wird
Er brach auf weil er gern bald nach Rom wollte es war Mondschein und er
fühlte sich noch frisch Ich ritt dieselbe Straße und stieg vom Pferde um mit
ihm zu sprechen Der Schändliche sprach von Rosalinen wie er von einem
Mittagsessen sprach ohne alle Teilnahme er wolle sie bloß des ganz kleinen
Vermögens wegen heiraten das ihre Mutter besitze Ich fragte ob sie schön sei
und der Niederträchtige dem meine Gesellschaft nicht gelegen sein mochte brach
in die gemeinsten und ekelhaftesten Zweideutigkeiten aus Ich konnte mich nicht
länger halten Er schimpfte in pöbelhaften Ausdrücken und da ich ihm drohte
fühlte ich plötzlich die Faust des Nichtswürdigen an meiner Brust indem er mit
der andern Hand ein Messer zuckte Da bewältigte ich mich nicht mehr ich riss
ihm den Dolch weg verfehlte ihn aber und streifte ihn den Hals damit hinunter
Die Nacht und der heutige Tag sind mir in einem ununterbrochenen Schwindel
verflossen Ich erwarte den Schurken in jeder Minute Ich hätte vielleicht
einen Handel mit ihm treffen können dass er weiter keine Ansprüche auf Rosalinen
machen solle wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre ich weiß nun nicht wie
alles sich endigen wird Warum hab ich den tückischen Bösewicht nicht ermordet
der meinem Leben drohte Ich begreife diese Schwäche nicht und dann ist es mir
wieder lieber dass es nicht geschehen ist
Wäre Pietro nicht dazwischengekommen so hätt ich Rosalinen geheiratet wäre
mit ihr nach England gezogen und hätte ihr und der Natur gelebt
Wenn ich es noch tun könnte Was hindert mich mich der Mutter zu entdecken
Aber der Bräutigam er wird nun vielleicht etwas länger bleiben da ihn die
Wunde wahrscheinlich am Gehen hindert und diese paar Tage will ich noch in
Rosalinens Gesellschaft genießen Ich bin zu müde leben Sie wohl
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William Lovell an Rosa
Rom
Ich habe mehrere Tage hindurch in einer Verworrenheit aller Begriffe und
Empfindungen gelebt ich mochte Ihnen nicht schreiben weil ich zu träge war
Jetzt aber will ich Ihnen den Verfolg meiner Liebe melden und ich bin auf Ihre
Antwort äußerst begierig
Ich habe soeben eine Flasche Cyperwein getrunken und meine Hand zittert
indem ich schreibe ich bin äußerst froh und zufrieden und mir ist so leicht
dass ich bei jedem Absatze aus vollem Halse lachen muss Willy sieht mich von der
Seite mit misstrauischen Augen an und scheint dabei halb eingeschlafen Das
Leben ist das Allerlustigste und Lächerrlichste was man sich denken kann alle
Menschen tummeln sich wie klappernde Marionetten durcheinander und werden an
plumpen Drähten regiert und sprechen von ihrem freien Willen Heut am Morgen
kam die Nachricht von Pietros Tode man hatte den Leichnam an der Landstraße
gefunden und ein Vorübergehender hatte ihn zufälligerweise erkannt Sagen Sie
was Sie wollen es ist nicht möglich dass ich schuld an seinem Tode sein sollte
wenigstens kann ich es nicht glauben An jener unbedeutenden Streifwunde kann
unmöglich ein so rauer eisenfester Mensch verbluten und wenn es der Fall sein
könnte so hatte es der Schurke reichlich an mir verdient
Es war ein groß Geheul im Hause vorzüglich von der Alten Rosaline grämte
sich auch aber ich bemerkte deutlich wie sie sich im stillen von leisen
Gedanken trösten ließ Ich ging fort weil mir die Szene zur Last fiel und fand
Nachmittag Rosalinen allein in Tränen gebadet Die Alte war ausgegangen und kam
vor dem Abende nicht wieder O wie sie schön war als sie auf dem Fussschemel
saß und den Kopf auf den weißen Arm auf dem Sessel stützte Wie sich die
Umrisse aller Glieder aneinanderschmiegten und das reizendste Bild wie
hingegossen dalag Ich vergaß alles und verschlang die vereinigte Schönheit
mit gierigen Blicken Sie sank weinend in meine Arme und ihre Tränen lockten
die meinigen hervor Ich fühlte ihr Herz klopfen ich küsste sie sie war ganz
Schmerz und ließ mich alles tun was ich wollte Meine Augen verschlangen die
Reize und sie sah mich seufzend an O Rosa ich werde von neuem trunken wenn
ich mich nur dieser Szene erinnre Wir sprachen von ihrem Unglücke durch die
Tränen war sie weicher geworden Bald wurden ihr meine Scherze zu dreist sie
stand auf und lief in ihre Kammer ich folgte ihr nach Sie bat sie weinte von
neuem und drückte mich dann heftig in ihre Arme indes ich mich damit
beschäftigte sie auszukleiden Welche himmlische Reize entwickelten sich nach
und nach unter meinen geschäftigen Händen Die letzte Hülle sank und sie stand
nun nackt mit schamhafter Röte und brennendem Auge vor mir in einer grünen
Dämmerung die mediceische Venus indem vor dem Fenster das grüne Weinlaub
zitterte und einen Flimmerschein durch das Gemach warf Wir sanken auf das
Lager und ich war der Glücklichste der Menschen
O mag alles um mich dunkel und ungewiss liegen kein ander Gefühl gibt uns
Befriedigung kein Genuss des Geistes erquickt uns Nur hier hier versammelt
sich alles was durch unser ganzes Leben an Freuden und seligen Empfindungen
zerstreut liegt Nur dies ist der einzige Genuss in welchem wir die kalte wüste
Leere in unserm Innern nicht bemerken wir versinken in Wollust und die hohen
rauschenden Wogen schlagen über uns zusammen dann liegen wir im Abgrunde der
Seligkeit von dieser Welt und von uns selber abgerissen Nein nur für sie
für Rosalinen allein will ich jetzt leben Pietro ist ausgeblieben und ich
nehme sie mit mir ich hab es versprochen nur ihr zu leben und ich will ihr
und mir mein Versprechen halten
Alles dämmert vor meinen Augen und ich sehe sie immer noch vor mir stehen
halb in sich geschmiegt halb an mich gedrückt Nein keine andre Erinnerung
verdient seit diesem Augenblicke einen Platz in meiner Seele ich möchte zu ihr
hinüberstürzen aber die Mutter ist jetzt dort Über die elende Narrheit dass
es unsre sogenannte Tugend unsre Lebensweise mit sich bringt dass wir nicht so
glücklich sein dürfen als wir sein könnten Die Menschen haben ordentlich
darauf studiert alle ihre Freuden schon in der Geburt zu ersticken da muss erst
Hochzeit Trauung gehalten werden tausend unangenehme und widrige Sachen um
sich her versammelt Glückwünsche von alten Narren und Muhmen damit ja das
Allerhöchste der himmlischste Genuss im Menschen zum niedrigsten und
langweiligsten Spasse herabgewürdigt werde damit wir uns ja auf keinen
Augenblick von dieser jämmerlichen Erde entfernen und aus ihrem Dunstkreise von
Armseligkeiten mit den Flügeln der Wonne hinüberheben
Sie hätten sie sehen sollen Rosa wie Scham und Wonne in den hellen Augen
kämpften wie sich mich zurückstossen wollte und doch nur fester an sich
drückte wie sie klagen wollte und doch ihren Mund meinen wollüstigen Küssen
darbot Nein bis jetzt hab ich noch nie diesen Genuss empfunden das Vergnügen
an anderen Weibern ist nur wie ein Vorgefühl eine Ahndung dieser Seligkeit In
den Armen der Blainville fühlt ich nur den Anfang des Rausches und log mir eine
Entzückung der Götter Reue und Überdruss bemeisterten sich meiner sehr bald
Laura Bianca und alle übrigen dieser Zunft sind verworfene Geschöpfe die ihre
Entzückungen heucheln und nach dem Preise erhöhn Rosaline Rosaline ist das
einzige Weib in der Welt die übrigen sind ihr nur gleichsam nachgebildet
Ich fange jetzt wirklich an schläfrig zu werden die Traumbilder die mich
begrüßen wollen tanzen schon jetzt um mich herum und necken mich Alle haben
die entkleidete Rosaline in ihrer Mitte Ich werfe mich aufs Lager Willy seh
ich ist schon zu Bette gegangen in Rom schlägt es drei Uhr Leben Sie recht
wohl lieber Rosa ich beneide jetzt keinen Menschen sondern bedaure sie alle
Noch nie hab ich mich so darüber gefreut dass ich Lovell bin
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Rosaline an Antonio
Ach Antonio Antonio Komm doch so bald als möglich Ich getraue mir gar
nicht meinte Mutter anzusehen alles was ich sonst gern tat ist mir jetzt zur
Last mir ist als gehört ich gar nicht mehr in dieses Haus Ich möchte einsam
und unbemerkt im Winkel sitzen und den ganzen Tag über weinen Ach Antonio
was hast Du aus mir gemacht Ich lebte so still vor mich hin und war mit
allem zufrieden und jetzt ist mir das ganze Haus zu enge ich denke
unaufhörlich an Dich und an gestern und mit einer quälenden Unruhe mein Herz
schlägt schwer und gewaltsam O komm heut recht früh damit ich nur wieder ein
Paar Augen finde die ich ansehen darf und die ich ach so gern betrachte
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Rosaline an Antonio
Ach Antonio Du geisst es war zu gut dass ich Dir nichts abschlagen kann und
das macht Dich so stark und dreist weil ich nur zu schwach bin Aber habe
Mitleid mit mir Ach was kann mir nun alles noch helfen Meine Laute macht
mir keine Freude mehr meine Mutter ist mir oft in der Seele zuwider und doch
möcht ich ihr manchmal um den Hals fallen und ihr alles alles sagen Aber es
hält mir die Zunge fest es drängt mir in der Kehle dass mir die Sprache
versagt Ich weine viel und sie meint es sei um den armen Pietro Ach
Antonio halte nur Dein Versprechen ich beschwöre Dich bei der Muttergottes
denn sonst bin ich gänzlich verloren
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William Lovell an Rosa
Rom
Wenn man recht froh und zufrieden lebt in einer schönen Einförmigkeit den
einen Tag so wie den andern so schreibt man ungern weil man nichts zu
schreiben hat Ich habe mich mit Rosalinen nun ganz gut eingerichtet und ich
fühle nach langer Zeit die schöne Behaglichkeit wieder die Erfüllung aller
Wünsche zu sehen ohne jenen Sturm des Bluts ohne jenes ängstliche Herzklopfen
das aus unserm Leben unangenehme Abschnitte macht Ich wäre ganz glücklich wenn
mich der Eigensinn und die Launen Rosalinens nicht zuweilen störten Dass sich
doch keine von den Schwachheiten ihres Geschlechtes losmachen kann Sie ist
unzufrieden mit der Art mit der ich Willy behandle täglich wird sie
dringender dass ich sie heiraten soll und was das Traurigste ist alle ihre
Munterkeit ihre Laune ist hin und mit ihr jener unaussprechliche Zauberreiz
Soll ich es mir gestehen dass sie mich nicht liebt Denn sonst könnte sie das
nicht beweinen was mich glücklich gemacht hat
Willy hätte jetzt Gelegenheit nach England zu reisen wenn es nur nicht
mein Verhältnis mit Rosalinen störte
51
Rosa an William Lovell
Tivoli
Ja ich will nur endlich kommen denn es scheint mir selbst als wenn Sie meiner
bedürften Lieber Freund Sie sind in Ihren Briefen nicht mehr so aufrichtig
als Sie es anfangs waren Sie fangen an sich zu maskieren aber ich sehe gar
nicht warum Schämen Sie sich zu gestehen dass Ihre Leidenschaft nun nach dem
Genuße nicht mehr jenes stürmende drängende Gefühl ist voller Ahndung und
Ungewissheit Sagen Sie es nur dreist heraus denn die Schuld davon liegt nicht
an Ihnen sondern an der Einrichtung unsrer Natur der wir uns unbedingt
unterwerfen müssen Erinnern Sie sich was ich Ihnen mit prophetischem Geiste
schon in einem meiner frühern Briefe sagte dass man sich nie zwingen müsse mit
Enthusiasmus die Leere auszufüllen die sich oft plötzlich in alle unsre Gefühle
reißt denn dies ist die höchste Qual des Lebens die wahre Tortur der Seele
Geben Sie sich und Ihren Empfindungen nach denn alle Ihre Schwüre alle Ihre
poetischen Beteuerungen haben Sie im Grunde gar nicht getan sondern es sind nur
notwendige Äußerungen des Gefühls das Sie damals hatten Sie haben nicht
gesprochen sondern Ihre Leidenschaft diese ist jetzt fort und mit ihr das
Wesen das Sie so sprechen ließ Doch mündlich ein mehreres In wenigen Tagen
bin ich selbst in Rom dann will ich doch auch Ihre Gottheit sehen und sprechen
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Willy an seinen Bruder Thomas
Rom
Gottlob Bruder der Tag der Erlösung ist nun endlich da Ach mir ist recht
froh und leicht fast so wie wenn ich manchmal von einem recht schlimmen Traume
aufwache und mich im warmen sichern Bette wiederfinde ich kann nun doch
endlich nach England zurückreisen Ein Franzose ein Bekannter meines Herrn
auch so einer von den Herzensfreunden reist nach England je nun er ist immer
noch gut genug dass ich mit ihm reisen kann und doch nun meinen lieben Bruder
wiedersehe Ich hätte auch hier das gotteslästerliche Leben nicht mehr aushalten
können das kannst Du mir glauben lieber Thomas ich war hier ganz wie unter
Heiden und Türken geraten und hatte keinen einzigen frohen Augenblick Mein
Herr ist verloren der böse Feind hat ihn gänzlich und ganz und gar eingenommen
lauter Unglück hat er angestiftet Da ist hier ein armes blutarmes und
unschuldiges Kind ein hübsches Mädchen das hat er verführt das merk ich so
aus ihrem stillen jammernden Wesen Ich mag Dir nur nicht alles schreiben wie
ich es denke und es ist unrecht von mir dass ich so denke aber ich kann nicht
dafür lieber Bruder die Gedanken kann man sich nicht geben und nicht nehmen
sie kommen ganz ungerufen und quälen uns oft ebenso wie Mücken und
Stechfliegen Die sind hier sehr häufig und auch so bei mir die schlimmen
Gedanken Nun ich denke Gott wird mich schon wieder zurechtbringen sobald
ich nur wieder auf unserm frommen väterlichen Boden stehe O wie freue ich
mich Dich und meinen alten Herrn den guten Herrn Lovell wiederzusehn Grade
wie sich ein Kind auf den Heiligen Christ freut so ist mir zumute Lebe wohl
bis dahin bester Bruder
53
Rosaline an Antonio
Wo bleibst Du doch Antonio dass ich Dich gestern gar nicht gesehen habe Willst
Du mich denn ganz allein lassen Ach ich habe viel zu Gott und seinen Engeln
gebetet aber mir ist keine Erhörung geworden recht ohne Trost bin ich vom
Himmel wie eine Sünderin abgewiesen Die Saiten auf meiner Laute sind
gesprungen und ich mag keine neue aufziehn meine Laute die ich von Kindheit
auf kenne die ich sonst so innig liebte Siehst Du so weit ist es schon mit
mir gekommen Die Tränen sind eine Gabe des Himmels ich kann manchmal
ordentlich gar nicht weinen wenn ich es auch so gerne möchte O komm komm
Antonio ich bin sonst wie ein Kind das sich im Walde verirrt hat Alles
erschreckt mich aber wenn Du da bist ist es wieder wie ein Frühlingsschein um
mich her Wenn ich Dich heut nicht sehe kann ich wieder die ganze Nacht nicht
schlafen mir fällt so mancherlei ein wovor mir graut Ach wohl dem armen
Pietro dass er tot ist
54
Rosaline an Antonio
Ja wohl möcht ich sterben sterben Antonio Du kommst also nicht und siehst
nach der kranken Rosaline der Du sonst so viel von Deiner innigen Liebe
vorgesprochen hast Ach bleib noch ein paar Tage länger und Du kommst dann
vergebens um sie zu suchen Wer ist nun treulos Hab ich es nicht immer
gefürchtet dass Du so sein würdest Wenn ich erst tot bin so will ich Dir
erscheinen Dich gewiss auffinden und Deine Seele martern Dein Vater ist auch
fort Gott wie mag das alles zusammenhängen Ich will den Brief zu Dir
hinübertragen ich weiß nicht ob Du ihn erhalten wirst Ach was kann es mir
auch helfen Mein Bild das Du gezeichnet hattest lag bei Dir auf dem Boden
man hatte schon daraufgetreten es war ganz unkenntlich ach und es sieht mir
jetzt gewiss sehr ähnlich Siehst Du so ist Deine Liebe Ach Antonio wenn
Du schon so bist welche Ungeheuer müssen dann die übrigen Männer sein Ich
habe Dein Halstuch mitgenommen und bewahr es wie ein Heiligtum Ach Du
geliebter Bösewicht wohl versteh ich es jetzt was ich sonst nicht begreifen
konnte wenn Menschen sich vom Bösen versuchen ließ Deine Gestalt Dein Wesen
hat er dann angenommen Ich kann nicht weiter ich muss laut schluchzen sollt
ich Dich denn auch heut nicht wiedersehen
55
Rosaline an William Lovell
Ja ja nun ist mein Unglück gewiss Gott ich werd es nicht überleben
Welche Ostern hab ich gefeiert es sind die letzten das fühl ich Du bist
also nicht der für den Du Dich ausgibst O Himmel Mein Antonio ist ein
Betrüger Mein Antonio Nein Du bist nicht mein Du bist mir fremd Du bist
vornehm Du kannst nie der meinige werden Und jetzt könnt ich Dich auch nicht
mehr lieben Ach wo ist alles alles so plötzlich hingekommen was ich für
Dich empfand Hast Du mich denn wirklich nicht auf dem Platze der Peterskirche
gesehen O gewiss denn Deine Augen waren immer nach mir hingerichtet Aber Du
schämst Dich jetzt meiner Du ich sollte Dich nicht so nennen denn Du bist
nicht meinesgleichen Du liebst mich nicht Mein Herz klopfte ängstlich ich
kannte Dich gleich am Ziehen der rechten Augenbraune an der Art zu lächeln an
dem kleinen Flecke am Munde ich wollte mich zu Dir drängen ich konnte nicht
ich dachte in Ohnmacht zu sinken Ich konnte nicht den Heiligen Vater ansehen
als er den Segen sprach denn ich sah nur Dich Dich einzig und allein in der
ungeheuren Volksversammlung meine Mutter stand hinter mir und blieb zurück
als ich mich vordrängte Ach wohin wollt ich mich drängen Lebe wohl ich
sterbe bald der Segen des Heiligen Vaters ist meine Einsegnung zum Grabe
gewesen Und Du warst so froh ach Antonio vergib dass ich Dich immer noch
bei diesem schönen Namen nenne Antonio o was kann ich sagen Mein Kopf
schwindelt Soeben sang meine Mutter still vor sich hin eins von unsern alten
Liedern Ach diese Lieder kennen mich nicht mehr sie wollen mich nicht mehr
trösten Nein ich will auch nicht getröstet sein ich will verzweifeln ich
will wahnsinnig werden und so zu Dir rennen so Dir mit fliegenden Haaren wild
vor die Augen treten und Dich verlachen wenn Du mich dann nicht mehr kennst
Ich glaube mir ist im Kopfe eine Ader gesprungen ich blute heftig und bin wie
betäubt O Ungetreuer mit diesem Blatte empfängst Du zugleich meine
Blutstropfen bald soll man meine Leiche vor Dir vorübertragen freue Dich dann
Deines Werks
56
Rosaline an William Lovell
Verwünschungen Flüche hinter Dir her Sie werden Dich ereilen und ergreifen
Nein ich kann nicht länger im Hause bei meiner Mutter bleiben ich kann nicht
länger in dieser Welt bleiben wo jeder Baum jeder Grashalm mich an Dich
erinnert Mir ist seltsam ich will durch die Welt wandern und Dich suchen
und wenn ich sterbe sieh dann treff ich Dich doch jenseits denn Du musst auch
sterben da kannst Du meinen Vorwürfen nicht entlaufen O weh Dir Antonio
dass Du sterben musst dann wird Dir das Verzeichnis Deiner Sünden aller von der
kleinsten bis zur größten verlesen Mir ist der Tod ein Trost Dir wird er
wehe tun Ich hab es schon lange heimlich geglaubt aber keinem Menschen und
auch Dir nicht sagen mögen dass Du an Pietros Tode schuld bist O wehe Dir
wenn es so ist Ich werde hingejagt vom unbekannten Geiste in Tod und Grab es
brennt in meinen Eingeweiden und die Fluten der Tiber sollen diese Flammen
löschen Aber ich muss Dich noch sehen vorher ich will Dir Deine Briefe
zurückbringen ich will ach ich weiß selbst nicht was ich will sterben
gewiss
57
Leonore Silva an William Lovell
Ach gnädiger Herr Sie verzeihen es wohl einer alten Frau wenn sie sich
untersteht Ihnen zur Last zu fallen Meine Tochter die letzte Stütze meines
Alters ist tot Gott mag ihrer Seele gnädig sein Sie ist in die Tiber
gesprungen gestern am Abend vorher ist sie die ganze Stadt durchlaufen und
hat immer nach Ihnen gefragt Dann haben sie einzelne Leute in den Gärten vor
der Porta St Angelo gesehen sie hatte die Haare los und schrie und sang man
hielt sie für verrückt konnte sie aber nicht einholen Mit der Dämmerung und
dem aufgehenden Monde ist sie in die Stadt zurückgekommen Auf der Brücke St
Angelo stand sie endlich still und sah ins Wasser sie deutete auf den
Mondschein und sagte sie wolle jetzt in das goldene Paradies ein Mann der
dort stand hat es ganz deutlich gehört so stürzte sie sich vom Geländer
hinunter Man zog sie tot ans Land Ach lieber gnädiger Herr nun bin ich
ganz verlassen erzeigen Sie mir doch die Ehre mich noch einmal zu besuchen
und eine arme alte verlassne Frau etwas zu unterstützen Gott sei Rosalinens
Seele gnädig ich bete fleißig einen Rosenkranz zu ihrem Heil und auch für Sie
dem Gott gnädig sein wolle wenn Sie mir gnädig sind Helfen Sie mir die wenigen
traurigen Tage leben Meinen Gram meine Klagen will ich Ihnen nicht
vorschwatzen Gott ist über uns alle
Fünftes Buch
1
William Lovell an Rosa
Rom
Wenn man sich noch einige Zeit nach dem geendigten Schauspiele verweilt dann
der Vorhang wieder in die Höhe geht und einzelne Stücke von Dekorationen an den
kahlen Wänden hängen Waffen und Rüstungen zerstreut auf dem Boden liegen die
emsigen Aufseher die Lichter auslöschen und sammeln hin und wieder ein
schlechter Schauspieler noch mit tragischem Schritte auf und nieder geht und
seine Rolle nicht vergessen kann so Rosa in diesem armseligen Lichte
erscheint mir jetzt das Leben Die Menschen sind mir nichts als schlechte
Komödianten Tugendhelden oder witzige Köpfe Liebhaber oder zärtliche Väter
nachdem es ihre Rolle mit sich bringt die sie so schlecht wie es nur immer
eine wandernde Truppe tun kann zu Ende spielen Auch ich bin unter dem Haufen
einer der Mitspieler und so wie ich die andern verachte werde ich wieder von
ihnen verachtet
Warum schlagen so oft die höchsten Wogen in unsrer Seele und dann so
plötzlich ein träger dumpfer Stillstand So wie das moosige schlammige Gestade
bei der Ebbe O ich möchte mir wieder Stürme in diese träge Blutmasse
wünschen Gefühle die die Tränen aus ihren tiefen Kerkern reißen Seufzer und
Schmerz Qual und Wollust um wieder in den Kreis der übrigen Menschen zu
treten den ich jetzt aus der Ferne anschaue und verachte
Willy und sein altes gutmütiges Gesicht fehlt mir in jeder Stunde er war
sehr froh dass er sein Vaterland wiedersehen sollte Wie gern sich der Mensch
doch an Erinnerungen und leblose Gegenstände fesselt und jeden Berg und
einheimischen Baum für einen Freund und Wohltäter ansieht
Rosalinens Mutter ist befriedigt und alles mit ihr abgetan ich glaube sie
wird nicht lange leben und also auch meiner Unterstützung nicht auf lange
bedürfen sie war sehr schwach als ich sie sah Wie die Fäden eines
Weberstuhls flimmert und zittert das menschliche Leben vor meinen Augen ein
ewiges Wechseln und Durcheinanderschiessen und dabei doch das langweilige ewige
Einerlei
2
Eduard Burton an William Lovell
Bondly
Mein geliebter Freund noch immer muss ich Dich so nennen sosehr Du Dich auch
von mir wendest Ich kann mein früheres Leben nicht so wie Du aufgeben um ein
neues in der Wüste zu suchen ich bin nur Mann weil ich Kind war und alle
meine Erinnerungen und Gemütsstimmungen wie ein Ganzes zusammengehören O
William kehre zu uns zurück sei wieder kindlich heiter und unschuldig wirf
jene glänzenden Sophismen von Dir die nur Deine Ketten verkleiden
Ach ich sollte in einem ernstern Tone mit tiefer Trauer sprechen denn
welche Nachricht hab ich Dir zu hinterbringen Dein Vater ist nicht mehr Gram
und Krankheit haben endlich seinem mürben Leben ein Ende gemacht das gleichsam
nur noch an einem Faden hing Ach William ich kann Dir unmöglich alles
sagen was ich denke Mit weinenden Augen habe ich die Papiere gesiegelt die
ich Dir hierbei überschicke halte sie in Ehren denn es sind die letzten
Federzüge Deines Vaters er muss oft in seinen einsamen Stunden nach Dir
hinübergedacht nach Dir sich hingesehnt haben Auch mein Vater ist jetzt
krank und ich habe viel mit seiner Pflege zu tun o Freund wenn man fürchtet
dass jemand den wir so wohl kannten nun von uns scheiden will nach einem
unbekannten Lande hin und er selbst uns dann fremde wird o dann verdoppeln
wir unsre Liebe und Sorgfalt wir vergessen uns selbst und eben deswegen
vieles was wir ehedem an ihm tadelten
Amalie Wilmont ist mit Deinem Freunde Mortimer verheiratet Ich weiß nicht
wie Du diese Nachricht aufnehmen wirst mir ist oft wie einem melancholischen
Zuschauer zumute der im Schauspiele mit Widerwillen den Schluss des Stücks
herannahen sieht wie sich alles verläuft die Hauptpersonen ausbleiben die
munteren Scherze schon erstorben sind endlich fällt der Vorhang und unsre
Freuden unsre Teilnahme unser Leben alles was wir hatten ist dahin
3
Einlage des vorigen Briefes
Die größte Schwachheit des Menschen ist Plane für die Zukunft zu machen und
doch besteht darin das Leben auf nichts sollte man vertrauen denn nie
entspricht die Zukunft unsern Erwartungen wenn sie zur Gegenwart wird und wir
selbst und unsre innersten Empfindungen sind ebensogut dem Wechsel unterworfen
wie alles was uns umgibt Reut mich nicht jetzt was mir vordem Freude machte
Ach mein Sohn könnt ich Dich nur in meine Arme schließen wie froh wollt ich
sein dass ich von meinem Traume erwacht bin
Wie alles von mir zurückweicht was mich sonst aufrecht erhielt Meine Hände
zittern mein Gedächtnis wird schwach und alle schönen Vorstellungen
verfliegen wie die Dünste eines Rausches Mein ganzes Leben liegt wie ein
dunkler Abgrund da in den ich hineintaumelte ohne Besinnung dalag und mich
jetzt mühsam an den feuchten Wänden zum Lichte emporarbeite
Nein ich kann den Tod nicht fürchten der mir in jeder Stunde näher tritt ich
sehe ihm mit festen Augen ja mit einer Art von Sehnsucht entgegen Jeder Klang
ist versunken nur eine innige Wehmut schlägt unermüdet ihre Töne in mir an so
wie sich jedes fröhliche Geräusch in den ziehenden ernsten Kirchengesang
verliert Alle Gedanken sind nach dem Grabe hingerichtet Sonnenaufgang und
Untergang alle Erscheinungen der Natur sind mir Boten die mich dorthin rufen
Ich begreife die Veränderung nicht die in mir vorgegangen ist vieles steht
verjüngt wie in der Kindheit vor mir ja ich bin wieder zum Kinde geworden und
gehe nun durch dasselbe rosenrote Tor wieder aus dem Leben hinaus durch welches
ich eintrat So ist mein ganzer Lebenslauf nur ein Kreis gewesen indem ich
immer glaubte in grader Richtung fortzugehen Die Welt mit allen Freuden und
Leiden liegt hinter mir wie ein weites Gebirge das der Nebel unkenntlich
macht nur das Tal in welchem ich Ruhe finden soll seh ich deutlich vor mir
Schwarze im Winde flatternde Totengewänder mit tiefen steifen Falten Gräber
und Totengerippe stehen vor meinen Augen ohne dass ich mich wie sonst davor
entsetze ist nicht alles um uns her Tand und Spiel womit wir uns so ernstaft
beschäftigen Wie wir die Trümmer alter Paläste besuchen und ausmessen so
sollten wir mit Künstleraugen das Knochengebäude des Menschen betrachten und
das erhabene Kunstwerk bewundern von dem uns dort in nackter Entblössung
gleichsam die Latten und Grundlinien hingelegt sind wie die Kontoure einer
Zeichnung neben dem Menschen dem vollendeten Gemälde Wie ein veraltetes Kleid
legen wir den Körper ab Blumen Gräser und Insekten nähren sich von unserm
Stoff so wie wir von der Pflanzennatur unser Dasein erbetteln aber der Geist
schwingt sich aufwärts und sieht mit Ruhe auf die Verwesung seines Körpers
hinab
O könnt ich den raschen Jüngling könnt ich Dich lieber Sohn nur einen Blick
so in die Welt und ihren durchheinandergezogenen verwirrten Wirbel hineinwerfen
lassen wie ich jetzt alles sehe Der Künstler wirft oft eine wunderbare
Erleuchtung in unsre Seele indem er längst bekannte und oft gesehene
Gegenstände in seinem Gemälde so ordnet und zusammenstellt ein eigenes Kolorit
und seltsame Zufälligkeiten hinzufügt dass seine Darstellung eine neue und
wundersame Bedeutung erhält Aber für meine Gefühle und Ideen hat die
gewöhnliche Sprache das fühl ich keine Worte ich müsste eine Art von Gedicht
schreiben um Dich etwas näher in meine Atmosphäre zu ziehen so wie vielleicht
alles recht Gute und Verständige immer ein Gedicht sein müsste weil das was den
Menschen ganz befriedigen soll sein Gefühl und seinen Verstand zugleich
ausfüllen muss Reine Sätze der Vernunft auf die gründlichste Weise
hintereinandergestellt lassen die größere Hälfte im Menschen leer und noch
niemand ist auf diese Weise geändert oder gebessert worden Könnt ich Dir doch
wie durch tausend Hohlspiegel das Bild so zuwerfen wie ich es vor mir sehe o
William Du würdest es nicht der Mühe wert finden zu leben alles das tief
verachten was die gewöhnlichen Menschen Fröhlichkeit und Lebensgenuss nennen
Nichts macht mich ernsthafter als ein lachendes Gesicht als jene hohe Festtage
im menschlichen Leben wo man recht darauf sinnt und sich zwingt alles
Gewöhnliche abzulegen aber die neuen Kleider veralten ebenfalls und werden
verächtlich in einen Winkel hingeworfen Die Zeit rinnt Tropfen für Tropfen
unmerklich und unaufhaltsam fort und alles ist dann leer und vorüber in den
Wind zerstreut und verflogen dass der Mensch sich wie berauscht umsieht und
nicht begreifen kann wo alles ihm unter den Händen fortgekommen ist was er
innig an sein Herz geheftet glaubte Ein Bauer hat heute hier in meinem Dorfe
Hochzeit gemacht der Zug ging vor meinem Hause vorüber und ich musste ihnen aus
dem Fenster Glück wünschen ja die freudetrunkenen Menschen ließ mir nicht
eher Ruhe bis ich mich in ihre Wohnung tragen ließ um an dem Getümmel an den
Anstalten die schon seit Wochen gemacht waren und nun endlich endlich
gebraucht und verbraucht wurden teilzunehmen Für die beiden Neuvermählten war
dieser Tag nun der wichtigste seit die Welt steht sie meinen dass von diesem
Tage ein Abschnitt durch die Zeit in ganz Europa gehe dass alles um ihre
Hochzeit wisse und jede Seele sie beneide sie geben sich der stürmenden Freude
und dem lauten Lachen preis ach und bedenken nicht dass sich alle
Empfindungen frohe und traurige in uns nur wie in einem Behältnisse sammeln
dass dies Vermögen ihrer Fröhlichkeit in einigen Stunden verschwendet wird und
dass sie dann in einer nüchternen Leerheit darben und fröhliche Minuten
erbetteln die sie jetzt wegwerfen Wenn ihr bei der Feldarbeit schwitzt und
unter dem Joche der Dürftigkeit seufzt ach so werdet ihr sehr bald den heutigen
Tag vergessen eure Kinder werden euch nicht so entzücken als an dem Tage ihrer
Geburt wenn sich nach und nach die Leiden entwickeln die ihr um ihrentwillen
duldet die seidenen schöngeschürzten Quäste auf eurem Bette werden alt und
unkenntlich und den Kindern zum Spiele heruntergerissen werden die die Braut
gestern mit so emsiger Zierlichkeit aufsteckte die neugeweisste Stube wird von
der Lampe und vom Feuer schwarzgeräuchert eure glatten Gesichter legen sich in
Falten Zwietracht und Zank Krankheit und Gram hemmen den Strom eures Lebens
der euch jetzt so eben und glänzend erscheint Ach William ich dachte an den
frohen Tag zurück der mich mit Deiner Mutter verband wie alles sich verwandelt
hat und nichts in mir dem Lovell ähnlich sieht der ich an jenem Tage war Ein
rauer Wind bläst über den Wald her die halb abgelösten Tapeten rauschen und
klatschen im Nebenzimmer der Regen schlägt gegen die Fenster Und doch
William wenn ich Dir nur die Anstalten zu Deiner Hochzeit hätte besorgen
helfen ach ich wäre gewiss schwach genug gewesen alles zu vergessen und in der
Einfalt des menschlichen Herzens zu glauben die Natur schließe uns von ihren
harten Gesetzen aus und alles werde so golden und freundlich bleiben Und ist
dies auf der andern Seite nicht vielleicht die höchste Weisheit des Menschen
Muss ich nicht alle Zirkel um mich her aus meinem Mittelpunkte ziehen
Ich will immer anfangen einen Brief an Dich zu schreiben und nehme die Feder
und schreibe mancherlei nieder und vergesse Dich dabei Dann fällst Du mir
plötzlich wieder ein und der ganze Brief wird dann durch einen Zufall
abgebrochen und es ist mir unmöglich den Faden wiederzufinden So habe ich
schon einige Blätter vollgeschrieben aber ich habe sie vergebens gesucht
Wenn ich die Augen zumache unterrede ich mich mit Dir und trage Dir allen Gram
und alle Sorgen vor Ich finde dabei nichts zu lachen denn was tun unsre Briefe
denn anders Vielleicht dass sich in einem andern Leben die entfernten Gedanken
schneller und edler zusammenfinden als durch Sprache und tote Zeichen
vielleicht dass wir dann erst besitzen was wir jetzt nur zum Lehn erhalten
haben vielleicht tut sich uns dann das Verständnis auf dass alle alle Menschen
das Gute wollten und hatten aber dass die grobe unbeholfene Außenseite nicht
gelenk genug war und so finde ich denn William dass Du mir auch jetzt nicht
entfremdet bist Der Gedanke beruhigt mich und macht mich heiter
Keine Antwort von Dir Kein Laut aus der fernen Gegend herüber Wie ich mich
hinsehne wie sich oft mein Geist in mir ausstreckt als wenn er zu Dir
hinüberreichen wollte Ich erinnre mich mancher Kindermärchen und kann
stundenlang an das Wünschhütchen denken das einen plötzlich von einem Orte zum
andern versetzt dann könnt ich Dich sehen und an Deinen Hals fliegen Aber es
ist unrecht dass Du mir nicht schreibst wodurch hab ich das um Dich verdient
Kannst Du noch immer jenes Briefes wegen auf Deinen Vater zürnen Ich habe
Dich schon um Verzeihung gebeten und will es noch einmal tun
Mir sind die Schilderungen der Schlachten nicht fürchterlich die sonst so
leicht unsre Phantasie erschrecken Hier fällt ein Mann zur Rechten dort zur
Linken streifende Kugeln quetschen ganze Glieder nieder Köpfe und
blutbesprützte Arme liegen umher und der Soldat marschiert mit geradem Sinn den
Gefahren entgegen sieht nicht nach seinem Kameraden links nicht nach seinem
gefallenen Bruder zur Rechten tritt auf den Leichnam der vor ihm liegt Ich
kann diesen Mut nicht bewundern denn tun wir alle etwas anders im gewöhnlichen
Leben Freunde sterben zur Rechten und zur Linken und wir gehen dreist und grade
fort als würde uns der Tod niemals ereilen wir erschrecken nicht vor dem
Gifte das diesen und jenen wohl von uns Gekannten hinrichtete Wir haben nur
unsre Plane und Entwürfe im Auge ach und bemerken es nicht dass die Zeit hinter
uns schleicht und uns unvermerkt in Staub und Asche verwandelt O wehe der
menschlichen Eitelkeit Wohl dem der sich aus dem Strudel rettet der uns alle
mit sich fortwälzt Die höchste einzige Weisheit des Menschen ist nicht
diesem elenden Götzen zu opfern dem wie dem Moloch alle unsre Kinder in die
glühenden Arme gelegt werden Ach William es gibt kein einziges ernsthaftes
Geschäft in dieser Zeitlichkeit als zu sterben
Ach ja wohl könnte der Mensch viel besser sein wenn er immer in sich den kurzen
Raum des Lebens bedächte Wie würden wir alles mit Liebe umfangen wie warm
jedem Gegenstande dem wir nahe sind die Hand drücken wenn wir immer
bedächten Ach auch dieses Gebild zerfällt in kurzem und du weißt dann nicht
wohin es gekommen ist es sehnt sich nach deiner Liebe o gib sie ihm solange
du es noch vor dir siehst Mein Vater steht jetzt vor mir und mahnt mich an
allen Gram den ich ihm so oft ohne Ursache machte wie wenig ihm mein Herz in so
manchen Stunden entgegenkam Auf seinem Sarge und jetzt hab ich es recht lebhaft
gefühlt wie viel ich ihm hätte sein können Auch Du William wirst einst
nach mir in den Wind seufzen und meinen Grabhügel fragen ob ich Dir denn auch
ganz und aus vollem Herzen vergeben habe ja ja geliebter Sohn lass keinen
Seufzer der Reue dann in Deinem Busen aufsteigen ach freilich habe ich in
manchen Stunden sehr auf Dich gezürnt aber alles alles ist jetzt fort und
mein Herz ist nur mit reiner Liebe angefüllt
Ich habe einen Blick hinab ins Tal des Todes getan und nun taumeln alle Wesen
dieser Welt nüchtern und leer meinen Augen vorüber Alles sind nur Larven die
sich einander selbst nicht kennen wo einer dem andern vorübergeht und ihm ein
hohles Wort gibt das jener durch ein unverständliches Zeichen beantwortet
Wie wüst ist mir seitdem und wie alles durcheinander verworren alles wie trübe
und unkenntliche Schatten eines veralteten Gemäldes Ich weiß mich kaum noch
des gestrigen Tages zu erinnern in der Zukunft wandelt mein Geist wie einen
Fremden betrachte ich mich selbst und wünsche den Augenblick meines Todes
Nur Dich William vermiss ich noch sonst nichts in der Welt ich übersehe mein
Leben und alle meine Erfahrungen gleichsam in einem Register Unsre heftigen
Begierden unsre Entzückung und Verzweiflung entsteht nur daher weil wir uns
selbst und den kleinen Punkt unsers Lebens auf dem wir grade stehen zu sehr
vor Augen haben über unser kleines Unglück denken wir nicht daran dass in
demselben Momente viele Tausende unendlich elender sind als wir dass sich der
Nachbar indessen freut und in dieser Fröhlichkeit vielleicht schon unbemerkt
die Quelle künftiger Trübsale sprudelt Alles ist mir jetzt gleich nur nach
Dir sehnt sich noch mein schwaches väterliches Herz Du bist krank mein Sohn
es leidet keinen Zweifel sonst würdest Du schon vor mir stehen
Mein Herz arbeitet schwer in mir nur unwillig tut es die letzten mühseligen
Schläge der Tod hat es mit seiner kalten Hand berührt und die Lebenskraft
hinweggenommen das Licht des Tages flieht Lebe wohl
4
William Lovell an Eduard Burton
Rom
Ja wohl verfliegt alles und geht hinweg und ich bin der betrübte Zuschauer des
Possenspiels Mein Vater ist also tot und Amalie verheiratet O möge es
beiden gut gehen das ist alles was ich zu dieser Nachricht sagen kann Was
ist es denn nun mehr Ist es nicht so und muss es nicht so sein Der Toren
die sich die Haare ausraufen wenn ein Vorfall eintrifft der notwendig ist und
der in der Natur der Dinge gegründet liegt Tod könnte nicht ohne Leben und
Leben nicht ohne Tod sein Mag es dahingehn was mir einst so wert und teuer
war denn was können wir in dieser Welt unsern Besitz nennen
O ihr Menschen mit euren gepriesenen Grundsätzen den Pfeilern an denen ihr
euch lehnt und die sogenannten schwächeren Menschen um euch her verachtet
Was ist denn diese eure gepriesene Vernunft Diese Seelenstärke mit der ihr
euch brüstet Alles ist nur Feigheit weil ihr euch selbst und euren Gefühlen
nicht vertraut oder vielmehr ihr habt kein Gefühl aller menschliche Instinkt
ist in euch untergegangen und ihr behelft euch nun mit elenden Formeln die ihr
mühsam erfunden habt um eure Blöße zu decken
Welcher Mensch ist denn der edlere derjenige der stets nach dem Gefühle
handelt das ihn gerade in diesem Momente beseelt und ergreift das ihn wie ein
Gott im Busen vorwärts treibt und er nun geht ohne mit feiger Ängstlichkeit
hinter sich zu blicken Oder der der nur als ein Sklave nach einem Gesetze
sucht nach dem er handeln müsse weil es ihm lästig fällt frei zu sein und er
also auch die Freiheit nicht verdient Der Mensch ist nur denn geadelt wenn er
aus stillen unbewussten Gefühlen auf die Art gut ist wie das Tier durch
Instinkt Nahrung und Gesundheit erwirbt wie die Pflanze von innen
herauswächst ohne ihren Willen
Die Grundsätze werden von den Menschen nur erfunden um in einer trägen
Bequemlichkeit ihr Leben so vor sich hin zu treiben und in jedem Moment das
Ganze übersehn zu können Sie haben es in irgendeinem Augenblicke ihres Daseins
recht lebendig gefühlt dass kein Gedanke und keine Vorstellung fest und
unerschütterlich in uns stehen dass eine strömende Empfindung die oft plötzlich
hereinbricht das niederreisst und hinwegführt was oft seit Jahren mühsam
aufgebaut wurde darum haben sie etwas ersinnen wollen was die Gefühle wie mit
eisernen Klammern aneinanderhält sie haben die meisten Saiten der Laute
zerrissen um alle Töne im Gedächtnisse zu behalten und sich durch keinen Klang
überraschen und verwirren zu lassen Aber wohl dem Menschen der diese dürre
Bahn verlässt auf der er sich erniedrigt fühlen muss der sich vor keinem Gefühl
und Gedanken in sich selber entsetzt der alle Segel seines Geistes anspannt
und alle Flaggen im Winde fliegen lässt ihm allein ist es vergönnt sich selber
und seine geheimen Wunder in der Brust kennenzulernen er findet tausend
Widersprüche in sich selber alle Töne schlagen in ihm an und er bildet aus
allen eine reiche Harmonie die freilich dem gröberen Ohre unverständlich ist
er sammlet alle die Tausend der seltsamen Erfahrungen um sich endlich über sein
eigenes Wesen zu beruhigen
Ich habe mit Andacht die Blätter von der Hand meines Vaters gelesen seine
Stimme tönt wie die Stimme eines unsichtbaren Geistes jenseit eines breiten
Stromes zu mir herüber er sagt in seiner Verklärung mit andern Worten eben das
was ich soeben behauptet habe
Ihr Edlen und Vollendeten die ihr aus dem verklärten Himmel mit Hohn auf
die Welt hinunterseht und doch so sehr den gefallenen Engeln ähnlich seid
Warum hast Du mir keine Silbe von dem verlorenen Prozesse meines Vaters
geschrieben Er ist verloren und mein Vater und Amalie sind mir auch
verloren Du konntest es aber nicht unterlassen mir die Krankheit Deines
Vaters zu melden weil Dir die Hoffnung Deiner baldigen unumschränkten Freiheit
zu sehr im Sinne lag eine heimliche Freude führte bei dieser Stelle Deine
Feder das wirst Du mir nie ableugnen können wenn Du aufrichtig bist Um Dich
aber vor Dir selbst zu rechtfertigen gebieten Dir Deine Grundsätze die Wartung
des Kranken die Liebe eines Sohnes für ihn o mehr kannst Du ja gar nicht tun
Du beweinst dann noch seinen Tod und welch ein vortrefflicher Mensch bist Du
O hinweg mit diesen Grundsätzen mit allem ähnlich klingenden Galimatias
Larven die den Eigennutz verbergen sollen die der Dünkel erfunden hat um sich
zu verschönern O glaube mir man kennt die Menschen wenn man sich selbst
kennt Und ich kann Dir auch diesen Eigennutz diese heimliche Freude nicht
verübeln nur bin ich verdrießlich dass Du alles so absichtlich zu verstecken
suchst und mit glänzendem Firnis anzustreichen Du ziehst Dich von mir zurück
seit unsre Meinungen sich getrennt haben und Deine Freundschaft für mich
entstand vielleicht bloß weil ich Deine Eitelkeit nährte
Ach wenn ich den trüben Strom meiner Erfahrungen hinuntergehe und daran
denke aus wie seltsamen Vorfällen sich so oft mein Leben zusammenfügte Wie
gedemütigt stehe ich dann an denselben Plätzen an denen ich mich ehemals so
groß und edel fühlte bloß weil ich mir selber meine innern Empfindungen
abstritt Eitelkeit sagt ich verband uns vielleicht und ich möchte jetzt
hinzusetzen dass ich nicht mehr daran zweifle
Erinnerst Du Dich noch des Tages an welchem zuerst aus einer Bekanntschaft
unsre sogenannte Freundschaft entstand Wir waren auf einem Spaziergange es
war ein schöner Tag und wir bestiegen den Berg auf welchem schauerlich und
wild die Ruinen eines alten Schlosses liegen Du klettertest mir mit
jugendlichem Mute voran um mich in der Kühnheit zu übertreffen und mein
Wetteifer vermehrte sich mit Deiner Geschicklichkeit Wir standen oben und
sahen mit Entzücken in die romantische Gegend hinab ich hatte Dich bewundert
aber Dir war es noch nicht genug Du stelltest Dir jetzt auf den äußersten Punkt
eines hervorragenden zerbröckelten Gesteins so dass mir hinter Dir schwindelte
Ich sah Dich frei in der Luft schweben und eine unbegreifliche Lust ergriff
mich Dich von der Spitze des Felsen in die Tiefe hinunterzustossen je mehr ich
mich dieser Begierde erwehren wollte desto heftiger ward sie in mir endlich um
mich selbst zu überwältigen riss ich Dich mit gewaltigen Armen zurück und
schloss Dich an meine Brust und weinte laut Du weintest mit mir denn Du
glaubtest meine Tränen wären nur Zeugen meiner Liebe meiner Besorglichkeit für
Dich und so band Dich ein bloßer schrecklicher Irrtum an mich Hätte ich Dir
mein Gefühl gestanden so hättest Du mich mit Abscheu zurückgestoßen und einen
verworfenen Menschen genannt Du wärest von dem Augenblicke an mein Feind
geworden Aber jetzt gesteh ich Dir dies Gefühl weil Du doch immer so strenge
Wahrheit verlangst Wie sich dieser ganze Brief in dem verkleinernden Glase
Deiner Seele abspiegeln wird kann ich nicht berechnen Wer sich selbst etwas
näher kennt wird die Menschen für Ungeheuer halten
5
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place in Hampshire
Ich vereinige meine mit Amaliens Bitten um Sie zu bewegen uns mit Ihrer
Schwester hier auf einige Tage zu besuchen Ich finde mich hier außerordentlich
glücklich und froh Ach lieber Freund folgen Sie meinem Beispiele verlieben
Sie sich und heiraten Sie dann dies ist die schönste Epoche das fühl ich
jetzt innig die der Mensch erleben kann Mag man doch vom Genuße der
Philosophie und von den wunderbaren Empfindungen die uns das Studium der
schönen Wissenschaften gewähren soll sprechen was man will es gibt immer
Augenblicke im Leben in denen der Mensch die Leere fühlt die ihn dabei umgibt
wie wenig alle seine Beschäftigungen mit ihm selbst zusammenhängen Aber wenn
zwei Seelen miteinander verbunden sind und der eine den andern mit jedem Tage
mehr versteht und sich ihr Band immer fester schlingt wenn man selbst neue
Schwachheiten entdeckt und dabei doch sieht wie innig diese mit den
Vortrefflichkeiten zusammenhängen o so fühlt man sich fest an diese Erde
gekettet auf der man vorher nur Gast und Fremdling war Der Baum der schon
verdorren will und den der Gärtner nun plötzlich in andere fruchtbare Erde
setzt so dass sich seine Wurzeln mit neuer Kraft ausstrecken und durch den Boden
schlagen diesem Baume muss ungefähr so zumute sein wie mir jetzt gegen ehedem
in meinem freien Stande war als ich mich noch für nichts als für mich selbst
interessierte
Lächeln Sie immerhin über mich was tut es mir Nennen Sie mich einen
Schwärmer und ich will Ihnen danken Zeigen Sie mir den Menschen der im Grunde
nicht schwärmt wenn er sich froh und glücklich fühlt
Ich weiß es selbst recht gut dass sowenig ich auch eigentlicher
entusiastischer Verliebter bin ich doch selbst nach einigen Monaten noch etwas
kälter sprechen werde als jetzt aber wahrlich bloß darum weil ich mich dann an
mein Glück schon etwas gewöhnt habe nicht weil ich es weniger innig fühlen
werde Ach wir wollen lieber die ganze Untersuchung fahrenlassen sosehr der
Mensch auch dahin neigt alle seine Empfindungen zu zergliedern ob sie es
gleich nicht vertragen wollen
Dass die meisten Leute in einem bejammernswürdigen Irrtume ihre Sinnlichkeit
für rohe Liebe und für das Ebenbild der Gottheit halten ist gewiss und hat mir
selbst ehedem zu manchen witzigen Einfällen Gelegenheit gegeben aber die Zeit
ist jetzt vorüber wo mir der höhere Mensch nicht denkbar war der beide
Empfindungen in eine verbindet und eben dadurch beide veredelt Wenn der Mensch
sich in keiner Stunde durch diese Verbindung gestört fühlt dann glaub ich hat
er seine schönste Vollendung als Mann erhalten er ist über niedriger Wollust
und über schaler fein ausgesponnener und langweiliger Zärtlichkeit gleich weit
erhaben
Mein Landsitz begrüßte uns mit einem der schönsten Tage als wir
hieherzogen und das Wetter ist sich seitdem fast gleichgeblieben Ich lerne
mich jetzt in die Reize des Landlebens und einer schönen Einförmigkeit ein die
in der Ferne oft so langweilig aussieht aber nur deswegen weil sie nicht wie
eine Weihnachtspyramide mit Freuden ausgeputzt ist die ins Auge fallen aber
der stille leise Genuss der unser Herz ausfüllt ohne dass es selbst der
Gegenstand unserer Liebe weiß dies ist eigentlich die reinste Freude dieser
Erde durch keine Worte und durch kein Klapperwerk entweiht Kandaules fühlte
sich gewiss nicht glücklich als er durchaus einen Zeugen seines Glückes haben
wollte in den meisten Fällen ist eine solche stürmende Prunkglückseligkeit nur
Eitelkeit wir sind nur glücklich damit uns andere beneiden sollen Hinweg
damit und hinweg mit aller Deklamation darüber
Kommen Sie und sehen Sie mich selbst und mein kleines Paradies um mich her
Neid mehr zu besitzen Widerstreben gegen eine Eingeschränkteit die uns doch
so wohltätig und nötig ist diese Laster sind es die jeden Menschen aus seinem
Paradiese vertreiben das er sonst ungestört genießen könnte ach und wer
einmal über die glückliche Grenze gekommen ist dem stellt sich auch ein Engel
mit einem feurigen Schwerte entgegen dass er nicht zurückkann Unsere vorige
Seligkeit sieht dann in der Ferne so dürftig aus wie mit entblätterten Bäumen
und verdorrten Gebüschen Leben Sie wohl Sie sehen schon dass ich zum Poeten
geworden bin
6
Amalie Wilmont an Emilie Burton
Roger Place
Teure Freundin ich bin hier außerordentlich froh und gesund ich wünsche dass
Sie uns hier besuchten und mit uns die frische Luft und angenehme Gegend
genössen Kommen Sie sobald Sie können Ich bin in große Versuchung gekommen
Ihnen meinen hiesigen Aufenthalt zu beschreiben weil ich gern schwatze wenn
ich mich so recht glücklich fühle
Vor unserm Hause ist eine große Allee von schönen Bäumen die weit hinunter
gehen bis sie sich in ein angenehmes Wäldchen verlieren unter den Bäumen
trinken wir des Morgens Tee und gehen dann spazieren Auf der andern Seite des
Hauses hat man eine schöne weite Aussicht über Wiesen und Ebenen die alle so
frisch wie hingegossen daliegen ich kenne schon alle Dörfer in der Nähe und
so weit mein Auge sieht bin ich wie zu Hause Bei unsrer Wohnung ist zugleich
ein sehr schöner Garten mit Teichen und niedlichen Brücken alles so hübsch hell
und natürlich nicht mit Felsen vollgepackt oder voll ängstlicher dunkler
Alleen bergauf und ab die einen nur ermüden und ängstigen und aus denen man
sich oft gar nicht wieder herausfinden kann nein dieser Garten sieht recht aus
wie das Leben eines glücklichen Menschen dunkle Alleen mit hohen Bäumen die
sich oben wie das Dach einer Kirche wölben die wie seine ernsten schönen Tage
dastehn in denen er sich und die Zukunft jenseits des Grabes denkt
Blumenstücke in denen sich die Winde jagen und blaue und rote Schmetterlinge
mit ihren breiten Flügeln sich herumtreiben das Bild seiner launigen Stunden
in denen ohne Zusammenhang eine frohe Empfindung die andre drängt kleine
Gebüsche die zerstreut wie die heitern Tage umher stehen wo man sich schon im
voraus auf einen andern freut der so nahe ist dass man ihn und viele andre
bequem mit den Augen abreichen kann
Und dann die Menschen hier Ich gehe sonntags mit großer Andacht in die
Kirche was ich in der dumpfen Stadt niemals konnte Dort war mir als wenn ich
von einem Gefängnisse in das andre wanderte Aber hier ist alles selbst die
Art wie man zu Gott betet und ihm dankt weit natürlicher man kann sich hier
die alten Erzählungen von der großen Frömmigkeit von der hohen Liebe der
Menschen zu Gott und untereinander recht lebhaft denken O liebe Freundin ich
fühle dass ich hier nach und nach weit besser werde als ich sonst war ich
lerne die Menschen mehr kennen und liebe sie mehr In den ersten Tagen war mir
alles hier freilich so einsam von Eltern und vom Bruder entfernt alles kam
mir wie eine Wildnis vor Mortimer der viel gereist ist und sich nicht mehr
erinnern kann wie lieb man das Haus hat wo man geboren ist lächelte über
mich und dies trübselige Gefühl verlor sich auch sehr bald
Was mich am meisten froh macht ist dass ich nun doch oft Gelegenheit habe
manchen Armen zu trösten und auf Tage glücklich zu machen Ach wie viel hab
ich oft in London gelitten wenn ich aus dem Fenster aus dem warmen Zimmer das
Elend der Menschen sah und gern helfen wollte und nicht konnte Ich verschenkte
oft alles was ich hatte und schämte mich innerlich wenn ich berechnete wie
viel mir mein unnützer Putz Tapeten Spitzen und dergleichen Kindereien
kosteten die ich noch alle hätte entbehren können Ich weinte oft wenn ich
nichts mehr wegzugeben hatte und gelobte kindisch wie viel ich einst tun
wollte wenn ich einmal durch einen Zufall reicher würde Jetzt sind mir die
Gemälde des Jammers aus den Augen gerückt und ich bilde mir ein dass plötzlich
alle getröstet sind und im Überflusse leben weil ich sie nicht mehr vor mir
sehe Hier hab ich freiere Hand weil ich mehr dazu anwenden darf und weniger
Gegenstände meines Mitleids finde Es ist das schönste Gefühl einen Armen
wieder auf einen Tag beruhigt zu haben der wie eine lange Wüste vor ihm lag
durch die er noch wandern musste Die Männer sind doch seltsame Wesen Mein
Mortimer gehört nicht zu den härtesten und doch scheint er in manchen Stunden
für dergleichen ganz gefühllos Ich hatte neulich einen ordentlichen Streit mit
ihm Schon seit einigen Wochen trieb sich hier eine arme Französin herum sie
schien aus einem guten bürgerlichen Hause und erzählte viel von ihren Eltern
die ihr früh in der Jugend gestorben waren und von mancherlei Unglücksfällen
die sie seitdem erduldet hatte Ich will gerne glauben dass manches davon
erdichtet war aber verdient ein Unglücklicher darum weniger unser Mitleid weil
er es nicht jedem Fremden vertrauen will durch welche Schwächen er so
unglücklich ward Ich dachte mich in die Lage der Frau hinein und wollte sie in
meine Dienste nehmen aber Mortimer setzte sich dagegen und zwar aus keinem
bessern Grunde als weil sie ausgezeichnet hässlich und dabei einäugig sei er
sagte dass er einem solchen Wesen nie trauen könne Bedenken Sie liebe
Emilie bloß weil sie hässlich war Aber ich gab mich nicht eher zufrieden bis
mein kleiner Eigensinn die Oberhand behalten hatte und so ist jetzt die Düpüis
oder Charlotte wie wir sie auch nennen Aufwärterin in meinem Hause Wollten
wir alle Physiognomien die uns nicht anziehen als fremde widerwärtige Wesen
betrachten wie oft würden wir ungerecht sein Aber ich muss aufhören zu
schwatzen leben Sie wohl teure Freundin
7
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Ich beneide Ihnen Ihr ruhiges anspruchloses Glück und wünschte ich könnte ein
Zeuge davon sein aber die Krankheit meines Vaters die mit jedem Tage
bedenklicher wird vernichtet alle ähnliche Pläne und Entwürfe Sein mürrisches
Wesen mit seiner Schwachheit verbunden der Groll den er auf die ganze Welt
geworfen hat verderben mir alle Laune indessen trag ich diese Schwäche des
Alters gern und sehe alles nur als eine notwendige Äußerung seiner Krankheit
an Aber dann hat mir noch ein Brief von Lovell so alle Munterkeit alle
Energie des Herzens genommen dass ich mich recht innig bedrängt fühle von
tausend Empfindungen angefallen die ich bisher gar nicht kannte Ich bemerke
jetzt zuerst einen ungeheuren Irrtum der mich durch mein ganzes Leben begleitet
hat der jetzt zum ersten Male in seiner ganzen Grässlichkeit auf mich zutritt
ich fühle es dass ich bisher einsam gelebt habe und meinen Schatten für meinen
Freund hielt und ihn liebte sind wir denn alle nicht vor dieser
Selbsttäuschung gesichert dass wir unsere Empfindungen in andre übertragen und
so uns nur selbst aus ihnen herauslesen Ich lege Ihnen Lovells Brief bei bis
jetzt konnte ich mir ihn bei jedem Briefe recht lebhaft vorstellen ich sah im
Geiste alle den jugendlichen Leichtsinn gepaart mit der Reue und einer innern
Langeweile wie er dann von neuem noch lauter in seine Harfe schlug und mir
noch poetischer schrieb um sich selbst zu betäuben ich sah jede Miene und
Gebärde und nahm darum nicht alles ganz so ernstaft wie es auf dem Papiere
stand Aber plötzlich ist mir Lovell ganz fremd geworden er hat gleichsam die
ganze Larve abgenommen und erscheint nun in seiner natürlichen Gestalt dieser
Menschenhass diese Verachtung seiner selbst o sagen Sie würden Sie zu einem
solchen Menschen je einen freundschaftlichen Zug empfinden können Diesen Brief
kann ich unmöglich beantworten und wozu auch die Antwort da ich es innig
fühle dass er mich ganz und auf ewig von William getrennt hat Eine Frau die
ihren Mann geliebt hat kann den Scheidebrief nicht mit einer tieferen Rührung
betrachten als mit der ich diesen Brief ansehe Ich bin voller Schmerzen und
Unruhe leben Sie recht wohl den besten Gruß an Ihre Gattin
8
William Lovell an Rosa
Rom
Sie haben recht Rosa dass uns das Ungewöhnliche und Seltsame sehr oft näher
liegt als wir gemeiniglich glauben ja dass es oft mit dem Gewöhnlichen ganz
dasselbe ist nur dass es sich hier in einer andern Beziehung zeigt als dort
Ich habe soeben den Brief Balders vor mir und vergleiche ihn mit einigen Ideen
meines Vaters die er kurz vor seinem Tode niederschrieb und ich finde dass
beide dasselbe nur mit andern Worten sagen dass ich alles selbst schon
außerordentlich oft gedacht nur niemals ausgedrückt habe Die
verschiedenartigsten Meinungen der Menschen zwischen denen ungeheure Klüfte
befestigt scheinen vereinigen sich wieder im Gefühle die Worte die äußern
Kleider der Seele sind es nur die sie verschieden erscheinen lassen Unsre
kühnsten Gedanken unsre frechsten Zweifel die alles vertilgen und gleichsam
durch eine ungeheure Leere streifen durch ein Land das sie selbst entvölkert
haben beugen sich wieder unter einem Gefühle das die verlassne Wüste anbaut
Die verschiedenen Gedankensysteme der Menschen sind nur zufällige Kunstwerke
die jeder sich so oder so aufbaut und mit diesen oder jenen Zieraten aufputzt
je nachdem es ihm gutdünkt So wie dieser die Tragödie jener die Komödie liebt
ein andrer das lyrische ein andrer das didaktische Gedicht so macht sich der
eine die stoische der andre die epikurische Philosophie zu eigen aber alles
sind nur die Aussenwerke des Menschen das Gefühl ist er selbst das Gefühl ist
die Seele der Geist die Philosophie der Buchstabe dieses Geistes tote
Zeichenschrift wenn der Mensch sich nicht am Ende über alle Philosophie und
Systeme selbst über das System der Systemlosigkeit erhebt Dieses Gefühl stößt
so Zweifel als Gewissheit um es sucht und bedarf keiner Worte sondern
befriedigt sich in sich selbst und der Mensch der auf diesen Punkt gekommen
ist kehrt zu irgendeinem Glauben zurück denn Glaube und Gefühl ist eins so
wird selbst der wildeste Freigeist am Ende religiös ja er kann selbst das
werden was die Menschen gewöhnlich einen Schwärmer nennen und wobei sich die
meisten die das Wort aussprechen nichts denken Irgendein Glaube drängt sich
der Seele auf bei allen Menschen ein und ebenderselbe nur erscheint er
verschieden weil ihn die grobe unbeholfene Sprache entstellt Und wenn es
kein Gefühl in uns geben kann das uns nicht auf Wirklichkeit hinweist das
nicht mit dem wirklichen Dinge gleichsam korrespondiert so lässt sich aus dem
Hange zum Wunderbaren gewiss weit mehr folgern als man bisher getan hat Das
Bewusstsein unsrer Seele und der tiefe innige Wunsch nach Unsterblichkeit das
Gefühl das uns in ferne unbekannte Regionen hinüberdrängt so dass wir uns eine
Nichtexistenz gar nicht denken können diese Gefühle sprechen am lautesten und
innigsten für das Dasein der Seele so wie für ihre Fortdauer Aber wenn ich
nun diesen überzeugendsten von allen Beweisen auch auf die Existenz der
Gespenster auf das Dasein von ungeheuren Wundern und Schrecklichkeiten anwenden
wollte Und lasse ich ihn hier fallen so fällt er dort von selbst Und was
nennen wir denn Wunder Die Menschen bezeichnen damit bloß das Ungewöhnliche
nicht das an sich Wunderbare denn in manchen Stunden könnt ich mich vor einem
Baume einem Tiere ja vor mir selbst innerlich entsetzen Wer sind die
fremden Gestalten die mich umgeben und so bekannt mit mir tun Mein Auge hat
sich von meiner Kindheit an sie gewöhnt und mein Sinn sich vertraulich an ihre
Formen geschmiegt aber wenn ich diese Bekanntschaft aufhebe und sie mir als
neu und zum ersten Male gefunden vorstelle O und wer bin ich selbst Wer
ist das Wesen das aus mir heraus spricht Wer das Unbegreifliche das die
Glieder meines Körpers regiert Oft kommt mir mein Arm wie der eines Fremden
entgegen ich erschrak neulich heftig als ich über eine Sache denken wollte
und plötzlich meine kalte Hand an meiner heißen Stirn fühlte Ich erinnre mich
aus meiner Kindheit dass uns die weite Natur mit ihren Bergen in der Ferne mit
dem hohen gewölbten blauen Himmel mit den tausend belebten Gegenständen wie mit
einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann dann streift der Geist der Natur
unserm Geiste vorüber und rührt ihn mit seltsamen Gefühlen an die wankenden
Bäume sprechen in verständlichen Tönen zu uns und es ist als wollte sich das
ganze Gemälde plötzlich zusammenrollen und das Wesen unverkleidet hervortreten
und sich zeigen das unter der Masse liegt und sie belebt wir wagen es nicht
den großen Moment abzuwarten sondern entfliehn ohne hinter uns zu sehen und
halten uns an einer von den tausend Kindereien fest die uns in den gewöhnlichen
Stunden interessieren Oft ist mir jetzt als wollte das Gewand der
Gegenstände entfliehen wie von einem Sturmwinde ergriffen und ohnmächtig fällt
mein Geist zu Boden und die Gewöhnlichkeit kehrt an ihre Stelle zurück In uns
selber sind wir gefangen und mit Ketten zurückgehalten der Tod zerreißt
vielleicht die Fesseln und die Seele des Menschen wird geboren
Aber sagen Sie mir Rosa warum mir sonst diese Gedanken fernblieben ob sie
gleich in mir lagen Warum ich Balders Worte damals nicht verstand ob sie ihm
gleich im stillen mein Geist nachsprach so wie er sie schon lange vor ihm so
gesprochen hatte Warum sind wir uns selbst oft so fremd und das Nächste in uns
so fern Wir sehen oft in uns hinein wie durch ein künstlich verkleinerndes
Glas das die Hand die ich mir vorhalte tausendmal kleiner macht und wie auf
hundert Fuß von mir entrückt
9
Rosa an William Lovell
Rom
Ich kann Ihre Frage nicht so beantworten lieber Freund dass Sie mit meiner
Antwort zufrieden sein werden Die Gedanken und Empfindungen drehen sich im
Menschen wie zwei Zirkel herum die sich in einem Punkte berühren an diesem
wissen wir nicht zu unterscheiden was Idee und Gefühl ist und wir halten uns
dann für vollendet Die Zirkel drehn sich weiter und wir glauben uns dann
wieder verständiger weil wir beides zu sondern wissen Der Mensch ist sich
selbst so rätselhaft dass er entweder gar nicht über sich nachdenken oder aus
diesem Nachdenken sein Hauptstudium machen muss wer in der Mitte stehenbleibt
fühlt sich unbefriedigt und unglücklich Ich sinne oft dem Gange meiner Ideen
nach und verwickele mich nur um so tiefer in diese Labyrinthe je mehr ich
nachsinne So viel ist gewiss dass wir gewöhnlich viel zu sehr den gegenwärtigen
Moment vor Augen haben und darüber unser ganzes voriges Leben außer acht
lassen die gegenwärtige Empfindung verschlingt alle früheren und die jetzige
Idee macht dass uns alle vorhergehenden nicht mehr als Ideen sondern als
kindische ungeschickt entworfene Skizzen erscheinen Daher leugnen wir uns so
oft unsre innerste Überzeugung ab und so wie der Mörder den noch halbbelebten
Leichnam ängstlich mit Erde bedeckt so verscharren wir mutwillig Empfindungen
die sich in uns zum Bewusstsein emporarbeiten wollen Oh wenn wir doch
Teleskope erfinden könnten um in das tiefe Firmament unsrer Seele zu schauen
die Milchstrasse der Ahndungen zu beobachten die nie unserm eigentlichen Geiste
näherrücken sondern wie Nebelflor die Sonne in uns verdunkeln ohne dass man
sagen kann jetzt geschieht es
Die Träume sind vielleicht unsre höchste Philosophie die Schlüsse der
Schwärmer sind für uns deswegen vielleicht unverständlich und lückenvoll weil
wir es nicht begreifen wie in ihnen Vernunft und Gefühl vereinigt ist So kommt
mir das jetzt ehrwürdig vor was ich noch vor einem halben Jahre belachte und
ich möchte jetzt manchmal über das lächeln was mir damals so wichtig erschien
Es ist nichts in uns Festes lieber William mit unsrer veränderten Nahrung
werden wir andere Menschen je nachdem unser Blut schnell oder langsam fließt
sind wir ernstaft oder lustig sollten alle diese Erscheinungen von gar keinem
Gesetze in oder außer uns abhängen wie wenig Wert hätten dann die jedesmaligen
Resultate Doch oft scheint das äußerlich Zufall was eine lange berechnete
innerliche Notwendigkeit war und so gleicht der Mensch vielleicht den
Trauerspielen Ihres Shakespeare wo wie Sie mir selber gesagt haben der Schluss
so oft von einem plötzlich eintretenden Vorfalle abzuhängen scheint da er doch
schon in den ersten Versen des Stücks in allen Kombinationen gegründet liegt
und daher notwendig war
Wir übersehn immer nur die Stelle unsers Lebens auf der wir stehen und alle
unsre Gedanken Empfindungen und Handlungen sind nur auf dieser Stelle
einheimisch jeder steht anders alle Gesinnungen brechen sich in verschiedenen
Richtungen und laufen nur für den geradeaus in dem sie sind daher wollen wir
wenn wir nichts anders sein können nachsichtig sein und nicht den Nachbar
beurteilen und tadeln der uns von unserm Standpunkte vielleicht in einer
seltsamen Verkürzung erscheint
10
William Lovell an Rosa
Rom
Es müsste nichts Schöners sein als sich selbst recht genau kennenzulernen und
lieber Freund wenn man sich recht fleißig beobachtet warum sollte es der
Mensch nicht auch hierin zu einer gewissen mechanischen Fertigkeit bringen
können wie in so manchen andern Sachen die uns doch so durchaus geistig
vorkommen so dass wir am Ende eine Festigkeit des Blickes erhalten der die
ungewissen flatternden Gestalten fest und stehend werden lässt Mir sind
wenigstens seit einiger Zeit tausend Sachen aus den fernsten Jahren aus den
verworrensten Gemütsstimmungen eingefallen an die ich bisher entweder gar nicht
dachte oder sie mir doch nicht so deutlich auseinandersetzen konnte Man steigt
vielleicht immer höher alles erscheint dann immer mehr als Zufälligkeit was
wir jetzt als unser Wesen betrachten bis wir uns unserm eigentlichen Selbst
immer mehr nähern je mehr wir unser jetziges Selbst aus den Augen verlieren
Wenn ich manchmal in der Abenddämmerung sitze und sinne da ist es manchmal als
schwingt sich mir etwas im Herzen empor ein Gefühl das mich überrascht und
erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt ich greife dann mit dem
Gedächtnis wie mit einer Hand danach um es mir selber aufzubewahren Aber
sonderbar Rosa es ist in mir und verschwindet mir dann doch gänzlich wieder
so dass ich seiner nicht habhaft werden kann Alle meine Gedanken stehen mir zu
Gebot alle meine Erinnerungen und Anschauungen aber dies ist ein Gefühl das
feiner und geistiger ist als alles übrige aber was ist es und woher kommt es
und wohin geht es wenn es nicht mehr in mir bleibt Sollten diese Zustände
vielleicht ebenso in uns sein wie das Sonnenlicht in einer gläsernen Flasche
das kommt und geht so wie die Wolken ziehen
Wie mag es überhaupt wohl um unsre Willkür stehen Wer weiß was es ist was
uns regelt und regiert welcher Geist der außer uns wohnt und nur allmächtig
und unwiderstehlich in uns hineingreift Aus meinen Kinderjahren fallen mir
manche Tage ein wo ich unaufhörlich etwas Greuliches und Entsetzliches denken
musste wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den grässlichsten Flüchen
lästerte und darüber weinte und es doch nicht unterlassen konnte wo es mich
unwiderstehlich drängte meine Gespielen zu ermorden und ich mich oft schlafen
legte bloß um es nicht zu tun nun Rosa damals war ich gewiss unschuldig und
unverdorben und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch was war es
denn nun das mich trieb und mit grässlicher Hand in meinem Herzen wühlte
Mein Wille und meine Empfindung sträubten sich dagegen und doch gewährte mir
dieser Zustand wieder innige Wollust
O wir sollten überhaupt zu unsern Kinderjahren in die Schule gehen und das
lernen was wir so gern verlernen und es dann mit nichtiger Eitelkeit die
Ausbildung unserer Seele nennen Es ist als wenn noch ein flüchtiger Schein
einer früheren Existenz in die zarten Kinderjahre hineinspiegelte wie der
Widerschein eines Glanzes bedeutend und doch rätselhaft wie Töne klingt es
herüber durch die der Wind fährt die einzeln schallen und in denen man doch
Zusammenhang wahrnimmt
Als Kind träumt ich einst die ganze Welt ginge unter und aus allen den
ungeheuren Massen schmolzen einzelne Töne heraus die sich nun durch den leeren
Raum spielend bewegten und umeinandergaukelten und sich verschlangen und bunt
durcheinanderwühlten Bald versank der helle Ton in den tieferen und dann
erklang ein wunderbares Gemisch bald spaltete sich ein dumpfer tiefer Klang
wie ein Farbenstrahl in viele helle Streifen die wie Sonnenblitze hochklingend
ausfuhren und wieder in den mütterlichen Ton zurückfielen Ich hörte das
wunderbarste Konzert das mich in der ungeheuren Leere mit Schwindel erfüllte
so dass ich bald nichts mehr hörte und in einen tiefen bewusstlosen Schlaf
versank
Ich weiß dass dies für die meisten Menschen Unsinn ist aber vielleicht
ließe sich in dieser Ahndung der Wahrheit denn das sind gewiss immer diese
Spiele der Phantasie ein sehr tiefer Sinn erforschen wenn meine Beobachtung
ebenso fein wäre als der Sinn der diese Erscheinung hervorbrachte wenn ich
nicht von den Armen des Irdischen zu fest gehalten würde und sich immer wieder
neue Bilder zwischen mein Auge und den beobachtenden Gegenstand schöben kurz
wenn ich mich in einer ebenso glücklichen Himmelsverklärung in einem ähnlichen
Traume kommentieren könnte
11
Karl Wilmont an Emilie Burton
Roger Place
Erschrecken Sie nicht ums Himmels willen nicht teuerste Freundin wenn Sie
diesen Brief eröffnen und die Unterschrift gewahr werden lesen Sie ihn lieber
zu Ende und tun Sie als wüssten Sie nicht von wem er käme o erstaunen Sie
wenigstens so sehr dass Sie in Gedanken immer weiterlesen und sich nur beim
Schluße von Ihrer Verwunderung erholen können Hören Sie mich wider Ihren
Willen so wie ich wider meinen Willen unaufhörlich an Sie denken muss Und
doch was werde ich Ihnen nun sagen Meine Feder und mein Kopf stockt ich
hatte keine Ruhe ich wurde hin und hergetrieben und eine unbekannte Gewalt
mahnte mich an Sie zu schreiben nun gut und hier sitze ich und weiß
wahrhaftig nicht eine Silbe nachdem ich den Anfang niedergeschrieben habe
Meine Gedanken wandern von Osten nach Westen und von Süden nach Norden und
gehen nach allen Richtungen und kommen aus allen Richtungen wie die Ameisen in
den Stock meines Kopfes zurück und alle schleppen so schwer und mühsam ich
denke wunder welche neue Systeme und Erfindungen welche unendliche Rechnungen
und Auflösungen von algebraischen Rätseln sie mit sich führen und wenn ich sie
nun am Eingange mustere so schleppt sich dieser mit Ihrem Bilde dieser mit
einem lahmen Sonette jener mit einem künstlichen Seufzer dieser mit einer
Anekdote die Sie irgendeinmal erzählt haben ach und können Sie mir etwas
Schöners bringen Ich lege alles auf den Winter und die teure Zeit hin und
denke mich in der Einsamkeit daran zu erquicken Ach eine bittersüsse
Erquickung
Ich möchte manchmal alle Leute die das Unglück und unsre verdammten
Verhältnisse erfunden haben zum Henker wünschen Müssen wir denn in dieser öden
lumpigen Welt noch so tun als wenn wir wunder wie viel gewonnen hätten wenn
man uns die schwarzen Brandstellen zeigt an denen vorher so herrliche Bäume
standen Es ist jetzt in der ganzen Welt ein unglückliches Jahr ein Misswachs an
Glück das Unkraut das zwar auch Blüten hat hat den Weizen verdrängt und
keiner von den Arbeitern will es merken und wenn einer hie und da über die
herrliche Ernte die Achseln zuckt so wird er noch obendrein für einen Felddieb
erklärt und mit Hunden gehetzt und mit Verwünschungen verfolgt
Ich reiste von London hieher um ruhiger zu werden und ich bin nun
unzufriedener als je O Emilie verzeihen Sie den rauen Ton meines Briefes
verzeihen Sie den ganzen Brief ach verzeihen Sie mir dass ich so
unbeschreiblich an Ihnen hange
Wir sprechen täglich von Ihnen und von Ihrem lieben Bruder wir ersetzen uns
durch häufige Erzählungen von Ihnen Ihre Gegenwart so gut wir es können aber
ich denke leider nur desto öfter an Sie je mehr von Ihnen gesprochen wird um
so mehr fühl ich Ihre Entfernung
Wir pflanzen und säen im Garten und haben alle eine glückliche Hand Meine
Schwester wird hier ganz zur Bäuerin und lebt in ihren Stauden und Blumen und
pflegt jede mit einer mütterlichen Sorgfalt ich suche indes von einem Ende des
Gartens zum andern im Felde und im benachbarten Walde ein Etwas das ich selbst
nicht kenne ich strebe Sie zu vergessen und mich Ihrer recht lebhaft zu
erinnern
Es wird Abend und mein Trübsinn nimmt zu je mehr die Sonne hinuntergeht o
noch eine Bitte teuerste Freundin wenn Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben
so würdigen Sie mich einer kleinen Antwort wenn es auch nur einige Worte sind
die Sie meiner Schwester einlegen damit ich doch so stolz sein kann dass ich
etwas von Ihrer Hand besitze das einzig und allein an mich gerichtet ist
Ich siegle schnell und schicke den Brief fort
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Emilie Burton an Karl Wilmont
Bondly
Ich fühle es zwar recht gut dass ich nicht schreiben sollte allein es ist
derselbe Fall wie mit Ihnen ich tu es wider meinen Willen Lieber seltsamer
Freund warum machen Sie sich mutwillig Ihr Leben so unruhig und freudenleer
Wenn ich Sie überführen könnte dass Sie unrecht haben so sollte mich ein sehr
langer Brief gar nicht gereuen aber ich glaube dass Sie sich selbst alles
ebenso gut und noch besser sagen was ich Ihnen sagen könnte daher ist meine
Weisheit überflüssig Es ist zwar schon eine alte Bemerkung dass die Menschen
nie so sind wie sie sein sollten und könnten allein versuchen Sie es einmal
diese Bemerkung durch Ihre Handlungen zu widerlegen und Sie werden finden dass
es weit leichter ist als man gemeiniglich glaubt Wenn ich mündlich mit ihnen
sprach waren Sie oft gutmütig genug mir recht zu geben und zu tun als hielten
Sie sich für überzeugt aber ich wette dass Sie jetzt indem ich Sie nicht sehe
die Achseln über mich zucken So sind die Männer ihre Freundschaft ist
Galanterie und diese Galanterie verbietet ihnen offenherzig zu sein weil sie
uns für so töricht und schwach halten dass wir nur Schmeicheleien und
Komplimente ertragen können
Mein Vater ist sehr schwach und ich bin sehr um ihn besorgt dieser Kummer
hat mir alle gute Laune geraubt
Sehen Sie wie freigebig ich bin Sie verlangten nur einige Worte und ich
schicke Ihnen einen ganzen Brief der noch überdies moralischen Inhalts ist
Grüssen Sie Ihre liebe Schwester und leben Sie recht wohl
13
Willy an seinen Bruder Thomas
Paris
Lieber Bruder mir kommt nun unser liebes England schon ganz nahe vor so weit
es mir auch bei meiner ersten Reise war Ich bin jetzt schon wieder in Paris
und meine übrige Reise ist mir nur noch wie ein Traum Ach lieber Bruder es
war mir alles recht sonderbar als ich wieder durch dieselben Gegenden und
Steingebirge reiste durch die ich mit meinem Herrn Lovell gefahren bin oft war
ich so in Gedanken dass ich meinte ich reise noch mit ihm und dann war ich so
zutraulich und behende mit dem Franzosen wie mit meinesgleichen Ich wurde
recht betrübt wenn ich dann beim hellen Scheine der Lichter das fremde Gesicht
sah und ich hatte dann ein ordentliches Heimweh nach meinem Herrn wenn er mich
auch nicht mehr liebt
Sei nicht böse über mich lieber Bruder wenn ich mich so gar sehr darauf
freue Dich wiederzusehn ich kann es ebensowenig leiden wie Du wenn alte
Leute sich wie die Kinder gebärden es ist auch gar nicht mein Fall und ich
mache immer nur so viel unnützes Geschwätz weil ich zu dem Rechten was ich Dir
sagen will die Worte nicht finden kann Es ist doch mit dem Menschen eine
kuriose Einrichtung Ich kann überhaupt mit dem Sprechen und Schreiben noch
immer nicht recht ins reine kommen es laufen mir immer tausend Worte aus dem
Munde heraus die ich nicht haben wollte und das sind die unnützen Worte die
ich so wenig wie ein andrer Mensch gebrauchen kann die echten und gediegenen
aber sitzen mir inwendig fest und wollen sich nicht losarbeiten Noch
närrischer ist es dass ich manchmal wohl auch so einen recht vernünftigen
Brocken herausbringen könnte aber dann ist mir als wenn ich mich ordentlich
schämte so gescheit wie andre Menschen zu sein und ich rede denn lieber dumm
um nur die Last wieder loszuwerden Ich glaube Thomas es gibt mehr solche
Leute wie ich bin und die Anzahl der Dummen ist nicht so groß als man
gewöhnlich glaubt drum hab ich auch immer einen ordentlichen Respekt vor jedem
einfältigen Menschen weil ich immer meine er trägt unter seinem schlechten
Überrocke ein kostbares Unterfutter
Wenn ich erst zu Hause bin und Dich besuche will ich Dir sehr viel von
meiner Reise erzählen Das ist denn doch am Ende meine ganze Freude die ich in
der langen Zeit gehabt habe
Hier in Paris bin ich ordentlich wie zu Hause so bekannt ist mir noch
alles und alles ist noch gerade so wie damals als ich hier war Es ist eine
närrische Gotteswelt in der wir leben und sie könnte gewiss besser sein wenn
alle Menschen sich nur für Arbeiter in dem Weinberge hielten aber alle wollen
essen und viele tun doch gar nichts sondern verderben noch im Gegenteile die
Reben und stören andre Menschen in der Arbeit und das soll denn heißen dass
sie den ganzen Weinberg regieren und in Ordnung halten
Je mehr die Menschen nach obenhin klettern je mehr vergessen sie dass sie
auch nur Menschen sind sie kennen dann ihre armen Brüder nicht mehr und Gott
nicht mehr Die Gottesfurcht wohnt überhaupt nur bei den armen und geringen
Leuten die haben sie als ein ordentliches Privilegium und wie ein
Schmerzengeld weil sie viel irdische Übel zu leiden haben sie dürfen sich auch
in ihrem Stande der Furcht des Herrn nicht schämen sie ist ihr einziger Hausrat
und bestes Einkommen Ich denke an alle die Sachen weil ich Dir schon damals
schrieb lieber Bruder dass es mir hier nicht gefalle Jetzt geh ich nun in
keine Komödie aber es tut mir auch gar nicht leid Wenn die Leute die da so
mit Bequemlichkeit über eine Prinzessin weinen die ihren Galan nicht heiraten
soll nur wüssten wie viel und größeres Elend es in der Welt gibt Aber darum
wollen sie sich nicht bekümmern und es rührt keinen weil die armen Menschen
nicht so geputzt sind und sich nicht mit so schönen Reden aussteuern können
Gott segne Dich und erhalte Dich gesund denn in einigen Wochen bin ich bei
Dir
Willy Dein Bruder
Sechstes Buch
1
William Lovell an Rosa
Rom
Ich war durch unser gestriges Gespräch außerordentlich erhitzt und ging wie
berauscht nach Hause Es waren so viele der fernsten Erinnerungen in mir
geweckt die noch immer in wiederholten Gängen durch meinen Busen zogen Es ist
manchmal als wollte sich das Rätsel in uns selber aufschließen als sollten wir
plötzlich die Anwendung aller unsrer Empfindungen und seltsamen Erfahrungen
kennenlernen Die Nacht umgab mich mit hundertfachen Schauern der monderhellte
durchsichtige Himmel wölbte sich wie ein Kristall über mir und spiegelte die
seltsamsten Empfindungen wie Schatten in diese Welt hinein Rosalinens
wehmütige Gestalt war mit unter den bunten Schatten sie ging neben mir und
verlor sich im krausen Dunkel jedes Baums und stand im hellen Mondscheine
wieder da wie Tapeten voll seltsamer Geschichten gewirkt hing die ganze Natur
um mich her Vergangenheit und Zukunft waren auf eine wunderbare Weise
dargestellt ich ahndete eine Menge von trüben und fröhlichen Empfindungen
gleichsam im voraus
Es fällt mir oft ein warum ich gerade so und nicht anders empfinde und
warum ich vorzüglich auf diese Frage geführt bin die mir gewiss in keiner andern
Seelenstimmung beifallen würde Die Vorstellung unserer Individualität ist die
seltsamste die uns überraschen kann
Ich bin äußerst begierig um endlich den wunderbaren Mann kennenzulernen
von dem wir fast täglich gesprochen haben Ich kann mir sehr gut einen Menschen
vorstellen der eine unumschränkte Gewalt über alle Gemüter hat die ihn
umgeben aber es muss das interessanteste Studium sein einen solchen näher
kennenzulernen selbst zu fühlen auf welche Art er an unsern Ideen und Gefühlen
reißt und sich so gleichsam zu ihm hinaufzuheben indem wir lernen wie er auf
uns wirkt und er begreift wie er auf uns wirken kann Ich wünsche seine
Bekanntschaft und fürchte mich doch vor unsrer ersten Unterredung Sie haben
gewiss viel zu freundschaftlich das Wort geführt und er findet mich vielleicht
einfältig und abgeschmackt denn sosehr ich auch eine Zeitlang die höhere
Achtung vor allen Menschen hatte so war es mir doch leichter mit ihnen
umzugehn und mein Benehmen freier als jetzt da ich die meisten verachte Wenn
ich einen Mann von Verstand zum ersten Male sehe bin ich leicht in
Verlegenheit ich fühle mich so entfernt von ihm die fremde Art dieselben
Gedanken die ich habe zwar auch zu denken aber in seinen Begriffen anders zu
ordnen macht mich verwirrt und durch die Bemühung mich ihm recht verständlich
zu machen und näherzubringen werd ich immer weiter von ihm entfernt vorzüglich
aber wenn ich noch obenein bemerke dass er sich nach mir bequemen will Ich
wollte man könnte sich immer erst nach einigen Vorreden kennenlernen so wie
man manche Schriftsteller nur nach einigen vorausgeschickten allgemeinen Ideen
verstehen kann
2
Rosa an William Lovell
Ihre Besorgnisse lieber Freund sind ungegründet der Mann von dem wir
gesprochen haben gehört nicht zu jenen verständigen Leuten die mit dem
Fragmente ihrer Vernunft so ungeschickt umgehn es so linkisch handhaben und
widerwärtig regieren dass man von ihrer Aufklärung keinen Genuss empfängt
sondern nur Verworrenheit der Begriffe und Resultate die fremd und unpassend
unter den eigenen Mobilien unsers Gehirnes stehen Diesem Manne wird es leicht
sich alle Gedanken selbst die entferntesten zu vergegenwärtigen und sie zu
seinen eigenen zu machen für ihn gibt es keine fremde Seele und darum
behandelt er keine mit der Verachtung die wir so oft an andern sogenannten
verständigen Menschen mit so tiefem innerlichen Widerstreben gewahr werden
Wenn ich Ihnen sage dass er Sie vielleicht schon besser kennt als Sie glauben
so ist dadurch wahrscheinlich alle Ihre Furcht gehoben und damit Ihre
Bekanntschaft nicht beim ersten Male jene steife widerwärtige Art erhalte mit
der man nach hergebrachten Formeln wie in einem Spiele sich seltsam genug die
gegenseitige Vertraulichkeit abgewinnen will so sollen Sie ihn auf einem
Spaziergange treffen wenn Sie heut abend nach Sonnenuntergange die Ruinen vor
dem Kapenischen Tore besuchen
3
William Lovell an Rosa
O Freund welche seltsame Nacht hab ich gehabt Wie verhüllte Spiegel hing es
in meinem Innern heut ist der Vorhang hinuntergezogen und ich erblicke mich
selbst in veränderter Gestalt und tausend sonderbare Gegenstände um mich her
Ich kann immer noch nicht zur Ruhe und zur Besinnung kommen ich weiß noch
immer nicht was ich denke oder schreibe ich liege noch wie in einem Traume
und hefte mein Auge auf das Papier und die hingeschriebenen Worte um zu
erwachen
Ein andermal morgen will ich Ihnen erzählen wenn ich etwas beruhigter
bin Ich werfe mich ins Bette um mich vor dem Grauen zu verbergen das mir
nachschleicht
4
William Lovell an Rosa
Rom
Ich habe zu Ihnen geschickt und vom Boten leider vernehmen müssen dass Sie
schon wieder nach Tivoli abgereist sind ich hätte Sie so gern gesprochen und
Ihren Rat und Beistand erbeten
Ich habe in dieser Nacht nur wenig geschlafen und bin im Schlafe von
unangenehmen Träumen verfolgt Ach Freund ich kann Ihnen unmöglich sagen was
ich alles empfunden und gelitten habe mir ist als wenn sich vom gestrigen
Abende eine Epoche durch mein ganzes künftiges Leben ausstrecken würde viele
Ahndungen sind mir nähergetreten und tausend ungewisse Zweifel haben sich
inniger mit meiner Natur verbunden
Ich ging vor das Kapenische Tor Der letzte Schimmer der Abendröte glänzte
in dem durchsichtigen Moose das zwischen den Gebäuden hängt alles umher
vereinigte sich zu großen Massen und die Schatten kamen immer größer von Osten
her ich wandelte mit stillem Erstaunen und vorbereitender Furcht unter den
Ruinen und dachte an meinen Vater und Rosalinen und an jene Zeit als diese
Trümmern hier stattliche Landhäuser waren O ich bin heut ruhig genug um
Ihnen alles weitläuftig zu beschreiben das helle Morgenlicht glänzt über mein
Papier und ich schildere Ihnen meine gestrige Empfindung nur wie eine poetische
Fiktion
Ach ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht was vergangen ist Die
Gegenwart ist nur ein Traum die Vergangenheit dunkle Erinnerungen aus dem
Traume die Zukunft eine Schattenwelt deren wir uns einst auch nur mit Mühe
erinnern werden
In Rosalinens Fenstern brannte kein Licht keine Lautentöne erklangen durch
die Nacht keine Schatten bewegten sich auf dem grünen Rasen Ich konnte es
nicht unterlassen dicht zum verlassenen Hause hinzugehn und meine Arme wie in
Gedanken nach dem verödeten Gebäude auszustrecken ich konnte es nicht
begreifen warum die Hütte jetzt unbewohnt war alles in meinen Erinnerungen war
so ungewiss und doch so quälend ich trat schnell vom Hause hinweg und die Welt
lag so dürr und ausgestorben da ich hörte Menschenschritte die dumpf und
unerquicklich in der Einsamkeit widerhallten Vögel mit ziehenden Gesängen und
rauschende Bäume alles alles umher wie mühsam zusammengebracht um die
Totenstille zu unterbrechen Jeder Ton hatte seinen Klang verloren der uns
entzückt und begeistert jeder Gegenstand die Bedeutung die ihm unsre erhitzte
Phantasie beilegt Die Berge standen fern hinauf wie Totenhügel das ganze
Menschengeschlecht kam mir arm und bejammernswürdig vor wie sie alle mit den
Füßen schon in ihren Gräbern wandeln und immer tiefer und tiefer untersinken
nach Hilfe schreien und kläglich die Hände ausstrecken aber kein
Vorübergehender sie hört und keiner sich der armen Verlassenen erbarmt Keine
Dämmerung und Morgenröte wollte sich an meinem Horizonte emporringen unermüdet
lag die melancholische Nacht mit ihren Flügeln über mir ach und ich konnte
nicht weinen und schluchzen ich konnte meinen heißen dürren Jammer nicht in
Tränen und Töne auflösen kein Mitleid mit mir selbst stieg wie eine Blume in
meinem Herzen auf um mich mit ihrem poetischen Dufte zu laben keine goldene
Täuschung kam meinen müden Sinnen zu Hilfe ich fühlte mich wie in einem
Gefängnisse unter Millionen Elenden verriegelt dürr und kalt die Mauern um uns
her ach ich glaubte nicht der einzig Verstossene zu sein und konnte mich darum
nicht trösten
Ich hatte vergessen wen ich erwartete als mir eine schreckliche ach nur
zu bekannte Gestalt näher trat Die Furchtbarkeit meiner Empfindung kam in
sichtbarer Bildung auf mich zu und ich entsetzte mich innig Was soll ich
hier von kindischen Träumereien reden an die ich selbst nicht glauben kann
warum soll ich mich wie ein Knabe gebärden wenn mich ein seltsamer oder auch
nicht seltsamer Zufall überrascht Aber es mag sein mir ist als habe mein
Vater schon diesen wundervollen Andrea gekannt den ich nun zum dritten Male mit
innigem Entsetzen und in immer nähern Beziehungen auf mich gesehen habe
Ich weiß nicht was ich gesprochen haben mag ich weiß ebensowenig was
jener sagte und was mich umgab Wie wenn alle meine seltsamsten Träume wirklich
würden wie wenn ich jetzt zum eigentlichsten Leben erwachen wollte wie wenn
die ganze Natur mich plötzlich festielte und jeder Baum und jeder Stern mit
geheimnisvollen Winken auf mich hindeutete wie wenn sich jedes Rätsel von der
Kette die es lange zurückhielt losreißen wollte so Rosa o ich habe keine
Worte für dies Gefühl so wie einem Verbrecher der sich plötzlich in seinen
widersprechenden Lügen gefangen fühlt und dem nun das Wort im Munde erstarrt
so war mir in meinem Innern
Im innersten Grausen sprach ich beherzt ja frech so wie im Rausche der
Alte schien verwundert Ich sagte tausend Dinge die ich nie gedacht habe und
die ich auch nur in diesen Augenblicken zur Hälfte dachte ich war mir meiner
selbst nur dunkel und ungewiss bewusst und es stand kein fremder Mann vor mir
ich sprach nur zu mir selber und wie Wolken Lichter und Schatten flatterten
Gedanken durch meinen Kopf wie wunderbare Töne von fremden ziehenden Vögeln
erscholl es in meinem Innern wie Mondschein mit dem der Glanz der Morgenröte
kämpft und beide ihre strahlenden Gewebe durcheinanderspinnen so seltsam
erleuchtet war mein Gemüt
Wir gingen auf und ab und ich hörte ihn sprechen wie einen fernen
Wasserfall wie rätselhafte Donner die beim Sonnenschein aus der Ferne den
gewölbten Himmel hinaufklimmen Wir verließen die Ruinen und ich folgte ihm
schweigend nach seiner Wohnung
Ein blasses Licht erhellte sein altes abgezehrtes Gesicht in dem jede
Falte und jeder Zug eine andere Sprache redeten Wie wenn sich plötzlich der
wohlbekannte Bruder an der Seite des Bruders in einen alten Mann umwandelt so
müsste jener die Empfindungen haben die mich peinigten Er ward mir so bekannt
und blieb mir doch so fremd ich musste ihn lieben und hassen o ich hätt ihn
erwürgen mögen um nur des Kampfes um nur der Zweifel loszuwerden Und ich
kannte ihn dennoch und sein Bild war von Jugend auf tief meiner Phantasie
eingeprägt
Es ist ein mühsames Geschäft zu leben unaufhörliche Zweifel und Furcht
Pein und Angst das ganze Heer der Erinnerungen alle jagen uns durch furchtbare
Waldlabyrinte wo wir in jedem dunklen Gange in jeder neuen Krümmung ein
seltsames und grauenvolles Unding erwarten wir haben nicht Zeit zu überlegen
nicht Zeit vor uns zu sehen nicht Atem um zu klagen bis wir niederstürzen
und alle Furchtbarkeiten zugleich über uns herfallen und das ereilte Wild
zerfleischen Bis man erwacht heißen unsre Phantasien Träume bis dahin unser
Dasein Leben
Ich trat ans Fenster Ein kleiner Rasenplatz und Rosalinens Hütte gerade vor
mir ich sah in dem kleinen Garten deutlich die wankenden Malven stehen und der
Mond stieg jetzt dunkelrot herauf und sah zuerst in ihr Fenster hinein und
fand sie nicht Der Alte muss mich hier oft gesehen haben wie ein Geist hat er
mich umgeben ich schämte mich nicht vor ihm sondern sah ihm nur um so
unbefangener ins Auge Dann flog ich mit meinen Gedanken zu Rosalinen hinüber
und ich sah sie sitzen und stumm und zwecklos in die Saiten der Laute schlagen
ich tröstete sie über ihren Tod und sah ein bitteres Lächeln auf ihrem
Gesichte dann hört ich mich von meinem Vater rufen mit denselben Tönen mit
denen er mich in der Kindheit zu sich lockte ich hörte den großen Hund den
treusten Freund meiner Knabenjahre bellen und alles verschwand dann und ich
saß dem alten freundlich melancholischen Andrea und seinem grübelnden Auge
gegenüber
Und jetzt sitz ich hier und bin einsam und sehe ihn doch im nebenstehenden
Stuhle sitzen Ich werde ihn wiedersehen und werde anders fühlen und er wird
vergehen so wie ich und keiner wird unsrer denken
5
Bianca an Lovell
Rom
Ist es Dir denn möglich mich so ganz zu vergessen Unsere munteren
Gesellschaften haben an Dir ihre Seele verloren und jede Freude ist stumm und
sitzt verlassen im Winkel Denkst Du gar nicht mehr an unsere heiligen
Bacchanale zurück und an die stürmende Fröhlichkeit die uns so wild und
göttergleich begeistert Sind Dir Deine schwermütige Träumereien und Dein leeres
Nachsinnen lieber als das Mädchen das Dich so innig liebt Schenke uns
wenigstens den heutigen Abend den wir allen Scherzen gewidmet haben und lass
mich durch ein paar Worte die Du mit dem Boten zurückschicken kannst Deinen
Entschluss erfahren
Bianca
Ich komme
W Lovell
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Rosa an Andrea Kosimo
Tivoli
Dass meine Reise hieher eine Art von Verbannung ist fällt mir immer schwerer auf
das Herz je mehrere Tage ich von Rom entfernt bin Dass ich gerade in diesem
Zeitpunkte Deinen Umgang entbehren muss Zu einer Zeit wo ich mich immer mehr zu
Dir hingedrängt fühle wo sich gleichsam die Flügel meiner Seele
voneinanderfalten um mich desto inniger an Dein Herz zu schließen Du hast mich
seit einiger Zeit mit neuen Ideen und Gefühlen überschüttet und eine neue Welt
hat sich in mir eröffnet eine Schaubühne die unaufhörlich mit den
wunderbarsten Szenen wechselt Ich betrachtete mein Leben seit jenem
merkwürdigen Abende als ein neues es hat sich mir ein Weg zu Deiner Seele
gebahnt den ich weiter zu verfolgen brenne Aber warum verwirfst Du mich und
würdigst mich nicht Deines ferneren Vertrauens Darf ich den Argwohn schöpfen
dass Du Dich dem jugendlichen Lovell inniger hingibst Was kannst Du jetzt noch
ferner mit ihm wollen da sein Vater tot ist Ist es mir überhaupt erlaubt
zuweilen über Deine Plane im stillen nachzugrübeln und manchmal einen
wirklichen Eigensinn und weitläuftige mir unnütz scheinende Maschinerie
anzutreffen Doch ich will schweigen um mir nicht Dein Missfallen zuzuziehn
7
Andrea Kosimo an Rosa
Rom
Es kann und soll nicht anders sein als es ist überlass es mir meine Plane zu
ersinnen und zu regieren wenn sie Dir gleich noch wunderlicher erscheinen
sollten Was kümmert es Dich wenn ich mir ein seltsames Spielwerk erlese das
mir die Zeit ausfüllt und auf meine eigene Art meinen Geist beschäftigt Wenn
ich bemerke auf welche sonderbare Art die eine Seele auf die andere wirken
kann Du hast wohl mehrere Nächte unter Karten und Würfeln hingebracht so
vergönne mir dass ich mir aus Menschen ein Glücksspiel und ernstaft
lächerliches Lotto bilde dass ich ihre Seelen gleichsam entkörpert vor mir
spielen lasse und ihre Vernunft und ihr Gefühl wie Affen an Ketten hinter mir
führe und danke dann mir dass ich Dich als Freund und nicht als Spielzeug
gebrauche
8
William Lovell an Rosa
Rom
Sie fragen mich wie ich lebe Ich bin seit langer Zeit in einer Verfassung dass
ich nicht ohne Sie leben kann Ich habe Sie immer nötig um jeden Gedanken und
jedes Gefühl in Ihren Busen auszuschütten Mir ist jetzt oft zumute als wären
Flügel an meine Brust gewachsen die mich immer höher und höher heben und durch
die ich bald die Erde mit ihren Armseligkeiten aus den Augen verlieren werde
Ich sehe jetzt den alten Andrea täglich ich habe noch nie einen Menschen
mit dieser hohen Bewunderung betrachtet ich habe aber auch noch nie eine Seele
angetroffen die alles was sonst schon einzeln die Menschen vortrefflich macht
so in sich vereinigte Die Erinnerung macht mir jetzt eine seltsame Empfindung
dass ich ehedem vor seiner Gestalt zurückschauderte und doch will sich noch
zuweilen ein quälendes dunkles Andenken in mir emporarbeiten O Rosa könnte
man sich doch in manchen Stunden vor sich selber verbergen Ach was kann uns
nicht betrüben und uns mit scharfen Empfindungen anfallen da wir alle so nackt
und wehrlos sind Je mehr man die Menschen lieben möchte um so mehr wird man
misstrauisch sein ob sie es auch verdienen keiner kennt den andern jede
Gesinnung geht verlarvt durch unsern eigenen Busen wer vermag es das Edle vom
Unedlen zu sondern
Schon seit lange hatte mir Andrea versprochen mich in eine Gesellschaft von
Männern zu führen die sich um ihn wie um einen Mittelpunkt versammelt haben
und so gleichsam eine Schule bilden ich brannte um sie kennenzulernen Gestern
wurde ich dort eingeführt
Mir war während der Zeit manches durch den Sinn gegangen der Argwohn als
wenn Andrea das Haupt irgendeiner geheimen Gesellschaft sei da man sagt dass
unser Zeitalter von der Wut besessen sei auf diese Art seltsam und
geheimnisvoll zu wirken Ich hatte so manches von abenteuerlichen und unsinnigen
Zeremonien sogar in Büchern gelesen und alles war mir immer als äußerst
abgeschmackt erschienen ich machte mich daher gegen Gebräuche und
Einweihungsfeierlichkeiten gleichsam fest und als ich Andrea hinbegleitete war
mir das Gefühl sehr gegenwärtig dass nichts auf mich wirken würde was sonst
unsre Phantasie so leicht in Aufruhr setzt Ich erstaunte und schämte mich zu
gleicher Zeit als ich ohne weitere Umstände in ein Haus und dann in einen
geräumigen Saal geführt ward in welchem sich die Gesellschaft schon versammelt
hatte Ich hatte mich gegen Abenteuerlichkeiten gewaffnet und doch überlief mich
nun ein feierliches Grauen als mir jeder von ihnen auf eine einfache Art die
Hand gab und mich als Freund und Bruder begrüßte Ich stand versteinert unter
ihnen wie damals als ich das erste große Raffaelsche Gemälde betrachtete denn
noch nie habe ich so viele charaktervolle Köpfe nebeneinander gesehen noch nie
hab ich in einer großen Gesellschaft ein so ruhiges und gedankenreiches Gespräch
gehört
Als ich mich etwas genauer umsah entdeckte ich bald mehrere Bekannte die
mit mir Nächte durchschwärmt oder beim Spiele durchwacht hatten Sie kennen ja
auch den launigen Francesco der uns mit seinen Einfällen so oft unterhalten
hat aber in dieser Gesellschaft war es mir nicht möglich über ihn zu lachen
oder einen Spaß von ihm zu fordern so ernst und ehrwürdig saß er unter den
übrigen von denen manche ihm aufmerksam zuhörten Adriano an dessen Einfalt
wir uns so oft belustigt haben hatte einen großen Zirkel um sich her versammelt
und sprach mit großem Enthusiasmus und ebenso vielem Verstande ich konnte nicht
müde werden ihn anzuhören und mich über meinen bisherigen Irrtum zu verwundern
Es war mir als wäre ich plötzlich in die Gesellschaft von abgeschiedenen
Geistern entrückt die im Tode alles Irdische von sich werfen und selbst ihren
Brüdern unkenntlich sind Alle begegneten dem alten Andrea mit der
ausgezeichnetsten Achtung alle beugten sich vor ihm wie vor einem höheren
Wesen und meine Ehrfurcht vor meinem alten Freunde ward dadurch nur um so
größer
Es ist als wenn uns in der stillen Nacht tiefere Gedanken und ernstere
Betrachtungen begrüßten denn mit jeder Stunde ward die Gesellschaft
feierlicher der Gegenstand ihres Gesprächs erhabener Ich habe nie mit dieser
Andacht in einem Tempel gestanden noch in keinem Buche habe ich diese Gedanken
gefunden die mich hier durchdrangen In solchen Stunden vergisst man seine
vorige Existenz gänzlich und nur die Gegenwart ist deutlich in unserer Seele
Ich werde diese Nacht nie vergessen
Wir gingen erst am Morgen auseinander Ein glühendes Rot streckte sich am
Horizont empor und färbte Dächer und Baumwipfel die freie Morgenluft und der
helle Himmel kontrastierten seltsam mit dem dunklen nächtlichen Zimmer Scharen
von Vögeln durchflatterten die Luft mit munteren Tönen die Bewohner der Stadt
schliefen fast noch alle und unsre Schritte hallten die Straßen hinab Der
frische Morgen ist mir immer das Bild eines frohen und tätigen Lebens die Luft
ist gestärkt und teilt uns ihre Stärke mit das wunderbare Morgenrot strömt eine
Erinnerung der frühesten Kindheit herauf und fällt in unser Leben und unsere
gewöhnlichen Empfindungen hinein wie wenn ein roter Strahl an den eisernen
Stäben eines Kerkers zittert in dem ein Gefangener nach Freiheit seufzt
9
William Lovell an Rosa
Rom
Wenn ich Andrea oft betrachte und mich stumm in Gedanken verliere so möcht ich
ihn in manchen Stunden für ein fremdes übermenschliches Wesen halten ich habe
mir im stillen manche wunderbare Träume ausgesponnen die ich mich schämen
würde Ihnen mit so kaltem Blute niederzuschreiben sosehr sie auch meine
Phantasie gefangenhalten Er begegnet oft auf eine unbegreifliche Weise meinen
Schwärmereien mit einem einzigen Worte das sie mir deutlicher macht und in ein
helleres Licht stellt
Neulich war ich durch seine Reden in eine ungewöhnlich feierliche Stimmung
versetzt er sprach von meinem gestorbenen Vater und schilderte ihn genau nach
seiner Gesichtsbildung und Sprache Ich war gerührt und er fuhr fort ja er
sprach endlich ganz mit seinem Tone und sagte einige Worte die sich mein Vater
angewöhnt hatte und die ich unendlich oft von ihm gehört habe Ich fuhr auf
weil ich dachte mein Vater sei wirklich zugegen ich fragte ihn ob er ihn
gekannt habe und er beteuerte das Gegenteil ich war in die Jahre meiner
Kindheit entrückt und sah starr auf die Wand um nicht in meiner Täuschung
gestört zu werden Plötzlich fuhr wie ein Blitz ein Schatten über die Wand
hinweg der ganz die Bildung meines Vaters hatte ich erkannte ihn und er war
verschwunden seltsame Töne wie ich sie nie gehört habe klangen ihm nach das
ganze Gemach ward finster und der alte Andrea saß gleichgültig neben mir als
wenn er nichts bemerkt hätte
Ein gewaltiger Schauder zog meine Seele heftig zusammen alle meine Nerven
zuckten mächtig und mein ganzes Wesen krümmte sich erschrocken als wenn ich
unvorsichtig an die Tore einer fremden Welt geklopft hätte und sich zu meiner
Vernichtung die Flügel öffneten und tausend Gefühle auf mich einstürzten die
der gewöhnliche Mensch zu tragen zu schwach ist Andrea erscheint mir jetzt
als ein Türhüter zu jenem unbekannten Hause als ein Übergang alles
Begreiflichen zum Unbegreiflichen Vielleicht löst ein Aufschluss alle Rätsel in
und außer uns unser Gefühl und unsre Phantasie reichen vielleicht mit
unendlichen Hebeln da hinein wo unsre Vernunft scheu zurückzittert am Ende
verschwindet alle Täuschung wenn wir auf einen Gipfel gelangen der der übrigen
Welt die höchste und unsinnigste Täuschung scheint Balder kommt mit seinen
Erscheinungen in meine Seele zurück o Rosa was ist Unsinn und was Vernunft
Alles Sichtbare hängt wie Teppiche mit gaukelnden Farben und nachgeahmten
Figuren um uns her was dahinter liegt wissen wir nicht und wir nennen den
Raum den wir für leer halten das Gebiet der Träume und der Schwärmerei keiner
wagt den dreisten Schritt näher um die Tapeten wegzuheben hinter die Kulissen
zu blicken und das Kunstwerk der äußern Sinne so zu zerstören aber wenn o
Rosa nein ich schwindele es ist mir innerlich alles so deutlich und ich kann
keine Worte finden aber ich mag sie auch nicht suchen Sie werden ebenfalls
diese Gefühle kennen und mir alles übrige erlassen
10
Rosa an William Lovell
Tivoli
Manche Ihrer Gedanken über Andrea sind mir aus der Seele geschrieben in seiner
Gegenwart fühle ich mich immer wie in der Nähe eines Überirdischen Auch manches
ist mir begegnet was ich mir auf keine Art zu erklären weiß Als ich neulich
mit ihm hier in Tivoli war waren wir fast täglich zusammen und unser Gespräch
fiel vorzüglich auf den Aberglauben und die wunderbare Welt vor der unser Geist
so oft steht und dringend Einlass begehrt Meine Phantasie ward mit jedem Tage
mehr erhitzt alle meine bisherigen Zweifel verloren immer mehr von ihrem
Gewicht Sie können sich vorstellen welchen seltsamen Eindruck Ihre Briefe
damals auf mich machen mussten in denen Sie immer mit so vielem Eifer von
Rosalinen sprachen An einem schönen Abende schweiften wir vor den Toren umher
unsre Gespräche wurden immer ernsthafter und ich vergaß es darüber ganz zur
engen unangenehmen Stadt zurückzukehren Es war indes dunkle Nacht geworden und
wir trennten uns Alle meine Begriffe waren verwirrt die Finsternis ward noch
dichter und ich näherte mich wie es schien immer noch nicht der Stadt Ich
versuchte einen neuen Weg weil ich glaubte ich habe mich verirrt und so ward
ich immer ungewisser Die Einsamkeit und die Totenstille umher erregte mir eine
gewisse Bangigkeit ich strengte mein Auge noch mehr an um ein Licht von der
Stadt her zu entdecken aber vergebens Endlich bemerkt ich dass ich einen Hügel
hinanstiege und nach einiger Zeit befand ich mich oben neben der Kirche des
heiligen Georgs Der Wind zitterte in den Fenstern und pfiff durch die
gegenüberliegenden Ruinen ich glaubte in der Kirche gehen zu hören und ich irrte
mich nicht mit hallenden Tritten kamen zwei unbekannte Männer aus dem Gewölbe
und fragten mich was ich suche Ihre unbekannte Gestalt der feierliche Ton
ihrer Stimme und eine kleine Blendlaterne die nur mich und den einen von ihnen
beleuchtete machte mich schaudern Ich fragte furchtsam nach dem Wege zur
Stadt und der eine von ihnen erbot sich mich bis an das Tor zu bringen der
andere versprach so lange bei der Kirche zu warten
Die kleine Laterne erhellte sparsam unsern Weg und Bäume und Stauden glitten
uns mit einem durchsichtigen Grün bekleidet vorüber mein Begleiter war stumm
und ich ging wie im Traume hinter ihm Jetzt waren wir nahe am Tore und der Mann
mit der Laterne stand still wir nahmen mit wenigen Worten Abschied und ein
breiter Schimmer fiel auf sein Gesicht Ich fuhr zusammen denn es war ganz das
bleiche Antlitz einer Leiche die Augen waren wie weit hervorgetrieben die
Lippen blass und wie in einem Totenkrampfe verzerrt ich glaubte ein Gespenst zu
sehen und erschrak nur noch inniger als ich nach einigen Augenblicken die Züge
Andreas erkannte Jetzt wandte er sich um und ging zurück ich stand noch wie
versteinert und rief endlich laut und halb wahnsinnig »Andrea« In demselben
Augenblicke verschwand die Gestalt und das Licht und betäubt und zitternd ging
ich in die Stadt
Aber wie fuhr ich zusammen als mir Andrea vor meiner Wohnung entgegentrat
und mich fragte wo ich so lange geblieben sei Ich konnte ihm nur wenige Worte
sagen und die ganze Nacht hindurch lag ich in einem abwechselnden Fieber
Und war es nicht eben die Gestalt unsers Andrea mit Schrecken denke ich
daran die der unglückliche Balder so oft in den Exaltationen seiner Phantasie
beschrieb Und doch hatte er ihn niemals gesehen Wer weiß ob er mich nicht
jetzt umgibt indem ich diesen Brief schrieb und jeden Gedanken kennt den ich
denke
11
William Lovell an Rosa
Rom
Mein Herz ist die Höhle des Aeolus geworden in dem alle Stürme
durcheinandermurren und sich mit wildem Grimme von ihren Ketten losreißen
wollen Oh lassen Sie mich diesen Andrea begreifen und ich will mich
zufriedengeben und ich will alles übrige vergessen
Ist die Welt nicht ein großes Gefängnis in dem wir alle wie elende
Missetäter sitzen und ängstlich auf unser Todesurteil warten O wohl den
Verworfenen die bei Karten oder Wein bei einer Dirne oder einem langweiligen
Buche sich und ihr Schicksal vergessen können
Doch der schwarze Tag bricht endlich endlich herein Er kann nicht
ausbleiben Alle vorhergehenden Tage waren nur Vorbereitungen zum letzten
schrecklichen Die finstre Parze findet endlich die Stelle wo sie den Faden
zerreißt O wehe uns Rosa dass wir geboren wurden
O des klagenden Toren mit ohnmächtiger Kraft sperrt sich das arme Tier in
den Stall zu gehen wo das schlachtende Messer seiner wartet Die Zeit dieser
unbarmherzige Henkersknecht schleppt dich hinein das Tor schlägt hinter dir zu
und du stehst einsam unter deinen Mördern
Was kann der Mensch wollen und vollbringen Was ist sein Tun und Streben
O dass wir wandern könnten in ein fremdes andres Land ausziehn aus der
Knechtschaft in der uns unsre Menschheit gefangenhält
Grässlich werden wir zurückgehalten und die Kette wird immer kürzer und
kürzer Alle täuschenden Freuden schlagen rauschend die Flügel auseinander und
sind im Umsehn entflogen Der Putz des Lebens veraltet und zerfällt in Lumpen
alle Gebrechen werden sichtbar
Einsam steh ich mir selbst meine Qual und mein Henker in der Ferne hör ich
die Ketten der andern rasseln Schauder stehen vor unserm Gefängnisse zur
Wacht Da lässt sich keiner bestechen eisenfest und unwandelbar stehen sie da
Ich habe den Ruf vom jenseitigen Ufer gehört ich habe den seltsamen Wink
verstanden und das Boot eilt schon herüber mich abzuholen ich trage meine
Sünden in meiner Hand und gebe sie als Fährgeld ab Die Wogen rauschen es
schwankt das Boot das Steuer ächzt und bald tret ich an das düstere fremde
Gestade und in doppelter Vereinigung kommen mir alle meine Schmerzen entgegen
Gestern war ich bei Andrea und seiner Gesellschaft Sie sprachen viel
durcheinander und saßen in Reihen hinab wie gefüllte Bilder aus Erde Alle
waren mir fremd und armselig mit allen selbst mit dem wunderbaren Andrea hatt
ich ein inniges Mitleiden Sie waren ernst und feierlich und mir war als müsst
ich lachen Dass Gedanken und Vorstellungen den sogenannten Frohsinn aus unserm
Gesichte verjagen können ist bejammernswürdig
Ich streckte meine Hand aus und berührte den Nächstsitzenden und wie ins
Reich der Vernichtung griff ich hinein und war ein Glied der zerbröckelnden
Kette Ich gehörte nun mit zum Haufen und war mir selber fremd und armselig so
wie die übrigen
Aller Augen waren starr auf die Wand geheftet in allen spiegelte sich der
Widerschein des Todes Die Kerzen brannten dunkler die Vorhänge rauschten
geheimnisvoll das Blut in meinen Adern wollte aufsieden und erstarrte
Töne schlugen das Ohr mit seltsamer Bedeutung wie Arabeskengebilde fuhr es
durch meinen Sinn ich erwartete etwas Fremdgestaltetes und lechzte nach etwas
Ungeheuerm Und ich vergaß hinter mir zu sehen und stand unter meinen Freunden
einsam wie in einem Walde von verdorrten Bäumen
Schatten fielen von oben herunter und sanken in den Boden Dämpfe standen
wie Säulen im Gemache Dämmerung wankte hin und wider wie ein Vorhang Die Seele
vergaß sich selbst und ward ein Bild von dem was sie umgab
Es kreiste und wogte gewaltig durcheinander wie ein Unding das zum
Entstehen reif wird so kämpfte die Masse gegen sich selbst Es schritt näher
und glich einer Nebelgestalt vor mir vorüber wie ein pfeifender Wind und oh
Rosaline
Sie war es ganz wie sie lebte Sie warf einen Blick auf mich und wie ein
Messer traf er meine Augen wie ein Berg mein Herz Ich sträubte mich gegen
meine innerliche Empfindung und es zog mich ihr nach ich stürzte laut
schreiend nach ihrem Gewande und stieß mit dem Kopfe an die Mauer
Ich erschrak nicht verwunderte mich nicht und erwachte auch nicht Wie
andre Elemente umgab mich alles ich sah die Freunde wieder ich hörte wieder
die Bäume und Wasser die ganze Mühle der gewöhnlichen Welt mit allen ihren
Gängen
Andrea und die übrigen waren stumm und kalt aber sie standen fern fern von
mir hinunter ich kannte sie alle und verstand sie nicht ich kam zurück und war
nicht unter ihnen
Man öffnete die Fenster die Morgenluft brach herein der Himmel war wie
eine Platte buntgestreifter Marmor die Wände der Welt waren wie immer mit ihren
seltsamen Gewächsen ausgelegt und wie ein wildes Tier so fiel eine nüchterne
Empfindung mein Herz an
Wo steht die letzte Empfindung dass ich zu ihr gehe Wo wandeln die
seltsamsten Gefühle dass ich mich unter sie mische Dass ich von diesem Traume
erwache und einen andern noch fester träume
Wolken fliehn und kommen wieder das seltsamste Morgenrot wird Tagesschein
So wird es mit diesem Herzen gehen Leider dass ich das schon jetzt empfinde
12
William Lovell an Rosa
Rom
Wie alles mich immer bestimmter zu jenen Schrecken hinwinkt denen ich
entfliehen wollte Wie es mich verfolgt und drängt und doch die grässliche Leere
in mir nicht ausfüllt Wie in einem Ozean schwimm ich mit unnützer Anstrengung
umher kein Schiff kein Gestade so weit das Auge reicht unerbittlich streckt
sich das wilde Meer vor mir aus und Nebel streichen verspottend wie Ufer herum
und verschwinden
Nebelbänke sind unser Wissen und alles was unsere Seele zu besitzen glaubt
der Zweifel rauft das Unkraut zusamt dem Getreide aus und in der leeren Wüste
schießen andre Pflanzen mit frischer Kraft hervor deren Farben noch schöner und
glänzender spielen Der Mensch muss denken und eben darum glauben schlafen und
also träumen
Der Wechsel der Jahreszeiten zerstört die Berge und Felsen die ewigen
Pfeiler der Erde zerbröckeln sich durch Regengüsse der Mensch durch den Lauf
seines Bluts ein Totenwurm in ihm der ihn von innen heraus zernagt Jedes Ding
ist Bild und Gegenbild zugleich es erklärt sich selbst und man sollte nie
fragen Wie hängt diese Erscheinung mit jener zusammen Der Geist des
Forschens ist die Erbsünde die uns von unsern ersten gefallenen Eltern
angestammt ist
Alles was ich sonst meine Gefühle nannte liegt tot und geschlachtet um
mich her zerpflücktes Spielzeug meiner unreifen Jugend die zerschlagene
magische Laterne mit der ich meine Zeit vertändelte
Ich nenne mir manchmal den Namen Amalie oder Rosaline um alles wie mit
einem Zauberspruche wieder zum Leben zu erwecken aber auch die Erinnerung ist
abgeblüht und wenn ich mein ganzes Leben hinuntersehe so ist mir als wenn ich
über ein abgemähtes Stoppelfeld blicke ein trüber Herbst wandelt näher der
Nebel wird dichter und der letzte Sonnenschein erlischt auf den fernen Bergen
Ich möchte in manchen Stunden von hier reisen und eine seltsame Natur mit
ihren Wundern aufsuchen steile Felsen erklettern und in schwindelnde Abgründe
hinunterkriechen mich in Höhlen verirren und das dumpfe Rauschen
unterirdischer Wasser vernehmen ich möchte Indiens seltsame Gesträuche besehen
und aus den Flüssen Wasser schöpfen deren Name mich schon in den Kindermärchen
erquickte Stürme möcht ich auf dem Meere erleben und die ägyptischen Pyramiden
besuchen o Rosa wohin mit dieser Ungenügsamkeit und würde sie mir nicht
selbst zum Orkus und in Elysium folgen
Und lern und erfahr ich denn nicht hier in Rom genug Genügt mir nicht dies
tiefe wunderbare Leben in dem die Wunder mit den Stunden wechseln Wohin von
hier Das Gewand der ganzen Erde ist kahl und dürftig o Balder ich möchte
Dich in den tiefen Gebirgen aufsuchen um von Dir zu lernen und mit Dir zu
leben
Mein Geist knüpfet sich immer vertrauter an Andrea ich verstehe ihn soviel
sich zwei Menschen verstehen können die immer das nämliche meinen und ganz
etwas anders sprechen in jedem Körper liegt die Seele wie ein armer Gequälter
in dem Stiere des Phalaris sie will ihren Jammer und ihre Schmerzen ausdrücken
und die Töne verwandeln sich und dienen zur Belustigung der umgebenden Menge
Doch ich vergesse ganz was ich erzählen wollte Man vergisst über Worte sich
und alles übrige wir sprechen selten von uns selbst sondern meist nur darüber
wie wir von uns sprechen könnten jeder Brief ist eine Abhandlung voll erlogener
Sätze mit einem falschen Titel überschrieben und so möcht ich denn gern
fortfahren zu schwatzen wenn mich mein Gefühl nicht zu sehr ängstigte und zur
Erzählung einer seltsamen Begebenheit hinrisse
Es war vorgestern als ich mich im Korso unter dem Gedränge des Karnevals
umtrieb das Geräusch der Menschen und Wagen das Geschrei die tausendfältigen
Verunstaltungen des menschlichen Körpers und endlich der Glanz der Lichter
versetzten mich in einen angenehmen Rausch am Abend fuhr ich nach dem Festino
in welchem viele der Masken mit neuen vermehrt sich wiederfanden
Eine weibliche Gestalt strich zu wiederholten Malen bei mir vorüber Ich
hatte schon oft das Rauschen ihres seidenen Gewandes gehört und ward jetzt erst
aufmerksamer Mir war als wenn sie mich recht geflissentlich vor allen übrigen
Masken auszeichnete und eine Bekanntschaft mit mir suchte Wir näherten uns mit
den gewöhnlichen Formeln und mir ward es wunderbar leicht recht abgeschmackt
zu sein es sammleten sich daher bald mehrere Karikaturmasken die mich ungemein
witzig fanden
Ich verfolgte die unbekannte Maske bald durch das dickste Gedränge ich
begleitete sie als sie in eins der Zimmer ging um sich mit Gefrornem zu
erquicken
Hier sah ich den schönen Wuchs genauer und die zarten Arme ich bat und
flehte aber sie wollte um keinen Preis die Maske abnehmen
Ich verlor sie im Saale wieder aus den Augen dessen Getön und Gebrause mir
jetzt nach der augenblicklichen Ruhe nach der stillen Erleuchtung des Zimmers
innig zuwider war Ich ging daher fort um in meinen Wagen zu steigen Zu meinem
Erstaunen finde ich dieselbe Maske vor der Tür sie vermisst ihren Wagen ich
biete ihr den meinigen an und sie schlägt das Anerbieten nicht aus
Nun waren wir allein im Wagen und ich wandte alle meine Beredsamkeit an um
sie zu bewegen die entstellende Maske abzunehmen Sie tut es endlich mit einer
kaltblütigen Bewegung und oh die Haare richten sich mir noch empor
Rosaline sitzt neben mir
Sie warf mir einen drohenden Blick zu und wie ein lauter Donnerschlag warf
es sich in den Wagen hinein Nun hört ich bloß das Rasseln der Räder wie eine
ferne Kaskade ich fand mich am Morgen in meinem Zimmer wieder
Meine Hände zittern noch wenn ich daran denke und doch ist es vorüber und
ich zweifle jetzt selbst daran dass es war Weiß ich doch kaum was ich jetzt
tue und denke
13
Andrea Kosimo an William Lovell
Rom
Freilich lieber William täuscht uns alles in und außer uns aber eben deswegen
sollte uns auch nichts hintergehen können Wo sind denn nun die Qualen von
denen ich so oft muss reden hören die unsre Irrtümer unsre Zweifelsucht der
erste Sonnenstrahl unserer Vernunft uns erschaffen Es ist die Zeit die auf
ihrem Wege durch die große weite Welt auch durch unser Inneres zieht und dort
alles auf eine wunderbare Weise verändert Veränderung ist die einzige Art wie
wir die Zeit bemerken und weil wir die Fähigkeit haben zu denken haben wir
auch zugleich die Fertigkeit verschiedenartige Gedanken hervorzubringen Weil
eine Gedankenfolge uns ermüdet und am Ende nicht mehr beschäftigt so macht eben
dies eine andere notwendig und dies nennen die Menschen gewöhnlich eine
Veränderung ihres Charakters und ihrer Seele weil sie sich immer viel zu
wichtig finden und sich gern über und über so mit Lichtern bestecken möchten
dass man sie aus dem Glanze nicht herausfinden kann Kann sich denn aber das
Wesen verändern das wir unsere Seele nennen Hat es Teile die von ihm
losgerissen oder die ihm angesetzt werden Wechselt es sich mit einem andern
aus O Freund wir wechseln mit den Federn mit denen wir schreiben die Seele
mit ihrem Spielzeuge den Gedanken die von ihr selbst ganz unabhängig und nur
ein feineres Spiel der Sinne sind
Alles was wir in uns kennen ist Sinnlichkeit dorthin führen alle
Fußstapfen die wir in der einsamen Wüste entdecken zu dieser einzigen Höhle
werden wir immer wieder zurückgeführt so seltsam sich der Weg auch krümmen mag
Nur in der Sinnlichkeit können wir uns begreifen und sie regiert und ordnet das
Gewebe das wir immer von unserm Geiste getrieben glauben Bloß hierauf können
sich alle Plane und Entwürfe Wünsche und stille Ahndungen gründen in dieser
Körperwelt bin ich mir selbst nur mein erstes und letztes Ziel denn der Körper
ordnet alles nur für seinen Körper an er findet bloß Körper in seinem Wege und
eine Verbindung zwischen ihm und dem Geiste ist für unser Fassungsvermögen
unbegreiflich Die Seele steht tief hinab in einem dunkeln Hintergrunde und
lebt im weiten Gebäude für sich wie ein eingekerkerter Engel sie hängt mit dem
Körper und seinen vielfachen Teilen ebensowenig zusammen wie der Verbrecher mit
der Stadt in der er gefangen sitzt wie man ebensowenig glauben würde dass alle
Straßen mit den Toren und Türmen umher bloß für den Gefangenen angelegt wären
Was kann ich also für meine Seele tun die wie ein unaufgelöstes Rätsel in
mir wohnt die dem sichtbaren Menschen die größte Willkür lässt weil sie ihn auf
keine Weise beherrschen kann Er ist das ist sein Verbrechen und seine
Tugend sein Dasein ist seine Strafe und seine Wohltat und wer hat dies nicht
schon in sich selber empfunden Ich mag keinen verdammen und keinen vergöttern
es ist alles ein Gefolge in dieselben Gewänder eingehüllt mir alle gleich
unkenntlich und gleich gut ein Trauerzug der auf Bergeswegen dahin geht und
hinter einem dunkeln Walde verschwindet
Damit die verächtlichen Maschinen sich brüsten können haben sie Namen und
Unterschiede wie bunte klägliche Ordenszeichen erfunden nur der Pöbel hat die
tiefe Achtung vor diesen
Was bleibt uns übrig William wenn wir alle leere Namen verbannen wollen
Freilich nichts zu philosophieren und mit Enthusiasmus für die Tugend und gegen
das Laster zu reden kein Stolz kein Gepränge mit Redensarten aber immer noch
eben so viel Raum um zu leben
Die Empfindung geht daher einen kürzern und richtigern Weg als der
grübelnde Verstand denn das Gefühl ist der Haushofmeister unserer Maschine der
erste Oberaufseher der dem alten pedantischen Verstande alles überliefert der
es weitläuftig und auf seine ihm eigene Art bearbeitet Gefühl und Verstand sind
zwei nebeneinanderlaufende Seiltänzer die sich ewig ihre Kunststücke nachahmen
einer verachtet den andern und will ihn übertreffen
Wenn wir nicht bloße Maschinen sind so reißt sich die Seele einst gewiss von
allem los was sie so lästig gefangenhält sie wird nicht schließen und
unterscheiden nicht ahnden und glauben sondern im raschen reißenden Fluge
nach ihrem ungekannten Vaterlande eilen wo sie wirken und ungefesselt dauern
kann
Wenigen wundervollen Menschen war es vielleicht gegönnt sich schon hier
von den Gauklern ihren Sinnen noch umgeben kennenzulernen und in ihre
innerste verborgenste Tiefe zu schauen Aber die Natur widerstrebt mit allen
ihren Kräften sie sind seltsame Wunderdinge die sich vor sich selber
entsetzen die Fugen sind gerissen der Geist sieht unmittelbar ohne Sinne und
ohne das Mittelglas des Verstandes in das Dasein und die Gegenstände hinein
und der Körper schaudert unter heftigen Zuckungen
14
Balder an William Lovell
Heut scheint die Sonne freundlich und ich denke an Deinen Namen denn er ist wie
blauer Himmel Da war mir als hört ich Deinen Gang hinter mir in den Gebüschen
und ich sah mich um Aber der Wind kletterte nur in den Bäumen umher und
pflückte einige reife Blätter die er der Erde seiner Mutter zum Verzehren
hinlegte Nun hab ich noch in meiner Schreibtafel ein Blatt Papier und ich will
es nehmen und jetzt mit Dir sprechen vielleicht findet sich einst ein Mann
der es zu Dir hinüberträgt
Wechselnd gehen des Baches Wogen
Und er fliesset immerzu
Ohne Rast und ohne Ruh
Fühlt er sich hinabgezogen
Seinem dunkeln Abgrund zu
Also auch des Menschen Leben
Liebe Tanz und Saft der Reben
Sind die Wellenmelodie
Sie verstummt spät oder früh
Ewig gehen die Sterne unter
Ewig geht die Sonne auf
Taucht sich rot ins Meer herunter
Rot beginnt ihr Tageslauf
Nicht also des Menschen Leben
Seine Freuden bleiben aus
Denn dem Tode übergeben
Bleibt er dort im dunkeln Haus
So werd ich jetzt gezwungen nach einem gewissen Klange zu reden der wie ein
Wasserfall in meiner Seele auf und niedersteigt Mich besuchen oft Leute in
meiner einsamen Waldwohnung und sagen es ganz laut so dass ich es höre ich sei
ein Prophet von Gott gesandt Die guten Leute meinen es aber in ihrem Sinne
recht gut nur schieben sie das meiste auf meinen Bart der mir wider meinen
Willen so lang gewachsen ist
Die Sonne spielt fröhlich zwischen den dunkelgrünen Zweigen herab und ich
sehe wie jedes Tier sich in ihr goldnes Netz so gern und willig fängt Die
ganze Natur ist begeistert und die Waldvögel singen lange und schöne Lieder und
die Bäume stimmen drein mit lautem ehrwürdigem Rauschen und wie Harfensaiten
zittert und klingt alles um mich her und ich singe innerlich Gesänge ohne dass
ich es weiß
Alte graue Helden treten
So vertraulich zu mir her
Ehrfurchtsvolle Priester beten
Und es rauscht das griechsche Meer
Circes Weberstühle sausen
Die Charybdis strudelt wild
Pan erwacht die Wälder brausen
Jäger fliehn zusamt dem Wild
Lanzenkämpfer tummeln rüstig
Sich auf Rossen hin und her
Und Ariost ersinnet listig
Seine wundervolle Mär
Singt Orland und Rodomant
Wie er sich in Liedern sonnt
Bricht verstummend plötzlich ab
Ihn verschlingt das offene Grab
Ach und keine Reime sprechen
Sanften Trost dem Armen zu
Alle Harfensaiten brechen
Um ihn furchtbar dumpfe Ruh
Ich denke noch daran dass wir oft über alles sprachen was ich jetzt immer
wirklich vor mir sehe
Alle diese Leute sind nicht tot sondern nur verdunkelt sie kommen wenn
ich sie rufe und vertragen sich brüderlich mit mir
Denkst Du noch zuweilen an mich wie ich an Dich und Deine Torheiten denke
Es ist mir jetzt ein neues ruhiges Leben aufgegangen ich weiß es nicht zu
sagen wie sehr ich innerlich froh bin Eine andere stillere Seele ist in mich
eingezogen und die hat über mich eine bessere Herrschaft gewonnen
Ich weiß nicht in welchem Waldgebirge ich wohne denn ich erkundige mich
nie mehr nach Namen Es sieht um meine Wohnung wunderlich und doch schön aus
Felsen stehen hoch und ernstaft da und Ulmen und Pappeln und an den
senkrechten Wänden hängt der Efeu dick wie Riesenlocken herunter Es ist alles
hier um mich lebendig und voll Freundschaft die Bäume grüßen mich wenn ich
aufwache der Himmel zieht purpurrot über meinen Kopf weg und seine bunten
Lichter spielen um mich herum und necken mich Ach Freund wenn man die Blumen
und Pflanzen näher kennenlernt was sie dann anders sind als man gewöhnlich
glaubt sie sind klüger als die Leute denken und haben auch mehr Gewalt als
man meint Die Menschenwissenschaft kennt nur einen Teil ihrer geheimen Kraft
Blumen sind uns nah befreundet
Pflanzen unserm Blut verwandt
Und sie werden angefeindet
Und wir tun so unbekannt
Unser Kopf lenkt sich zum Denken
Und die Blume nach dem Licht
Und wenn Nacht und Tau einbricht
Sieht man sich die Blätter senken
Wie der Mensch zum Schlaf einnickt
Schlummert sie in sich gebückt
Schmetterlinge fahren nieder
Summen hier und summen dort
Summen ihre träge Lieder
Kommen her und schwirren fort
Und wenn Morgenrot den Himmel säumt
Wacht die Blum und sagt sie hat geträumt
Weiß es nicht dass voll von Schmetterlingen
Alle Blätter ihres Kopfes hingen
O was würden die Menschen in der Nacht erblicken wenn sie plötzlich in ihren
Träumen aufwachen könnten Der Traum steht vor ihnen und weiß wenn der Mensch
nicht mehr schläft der gewöhnliche Betrug gibt auf den ersten Wink acht und
rennt wieder an seine Stelle Aber ich war einmal krank und sah alles mit
Augen und griff es mit diesen Händen mit denen ich jetzt schreibe ich weiß
selbst nicht warum da hielt ein jedes Wunder ordentlich stand und ich lachte
über die andern Menschen
Auch die Vögel und die Tiere die Berge und die Felsen sind anders als die
Menschen sich einbilden wollen es zu wissen Es ist nur zu weitläuftig sonst
könnt ich hier viel davon schreiben und es würde doch weder Dir noch einem
andern Menschen nützen denn wers nicht schon vorher weiß kann mich doch nicht
verstehen So geht es mit allem Guten
Da hab ich hier in einem Felsen einen Menschen gefunden der alles so sehen
kann wie ich Dass sich die Klugen doch so gern aus der Welt zurückziehn Aber
in der Einsamkeit denkt und fühlt die Seele anders sie wird nicht durch das
unordentliche Gezwitscher und Gepolter unterbrochen In der freien Natur ist
alles mit der Seele verwandt und auf einen Ton gestimmt in jedes Lied stimmt
sie freiwillig ein und ist das Echo und ebensooft der Vorsänger von allem was
ich denke ein kleiner Vogel kann mir vielen Verstand in meinen Kopf
hereinlocken Der Mensch ist taub und kann mich nicht reden hören aber wozu
brauchen Menschen die Sprache Sie ist unnütz und eine seltsame Erfindung Sie
ist erfunden um zu lügen nicht um die Wahrheit zu reden denn sonst wäre sie
besser und verständlicher ein boshafter Lügner weiß alles damit zu machen dem
Verständigen fällt sie zur Last
Wir leben wie Brüder beieinander und er hat gar kluge Einfälle Uns beiden
kommt die Welt anders vor wie den übrigen Leuten und doch ist die Kunst nur so
klein und einfach
Ich halte mir auch Tauben die ganz zahm geworden sind und doch ihren
natürlichen Mut und Verstand behalten haben Ich habe sehr viel von ihnen
gelernt wenn sie manchmal so unter sich mit dem Kopfe nickten und girrten und
sich ihre Zeichen machten mit denen sie manchmal über den Menschen spotten
Diese und die Lämmer die mit mir essen sind die unschuldigsten und besten
Geschöpfe von der Welt und wenn sie Dich kennten würden sie Dich grüßen
lassen Es ist nur um die Reise zu tun so könntest Du hier mit mir leben
Von den großen Dingen die ich weiß kann und darf ich Dir nichts schreiben
Es ist bloß darum ein Geheimnis weil Du es nicht verstehen würdest
Den Namen Gottes denen nennen
Die ihn nicht mit dem Herzen kennen
Ist Missetat
Es hängen um mich Geisterchöre
Und sprechen laut dass ich es höre
Sie halten Rat
»Lass Mensch jetzt deine Zunge schweigen
Bis sich die runden Jahre neigen«
So tönts herab
»Was willst du vor der Zeit enthüllen
Den Durst nach dieser Weisheit stillen
Ja Tod und Grab«
Und so will ich denn lieber enden um mir kein Missfallen zuzuziehn
Lebe wohl William so schreibe ich hier in meinen Bergen Die Stauden
winken mir zu ihnen zu kommen und ein Wort mit ihnen zu sprechen denn sie
halten alle viel von mir meinen Rosen muss ich noch Wasser zu trinken geben und
dann muss ich die kranke Pappel besuchen die der Wind eingeknickt hat Es ist
ganz mein freier Wille aber ich habe es mir selbst zum Gesetze gemacht ich
helfe ihnen in vielen Sachen und die Blumen und Bäume hier würden sich sehr
grämen wenn ich einmal fortzöge
Die Lämmer wundern sich weil ich schreibe was sie von mir noch nicht gesehen
haben Die unschuldigen Tiere können nur auf ihre Art sprechen und es ist auch
eben so gut
Lebe recht wohl ich will das Blatt einem fremden Manne geben
15
William Lovell an Rosa
Rom
Wohin soll ich mich mit meinen Gedanken und Empfindungen wenden Überall bin ich
mir fremd und überall find ich mit meinen Ideen einen wundervollen
Zusammenhang Der höchste Klang des Schmerzes und der Qual fließt wieder in den
sanften Wohllaut der Freude ein das Verächtliche steht erhaben und die
Erhabenheit fällt zu Boden wie im Abgrunde der See Geschmeide und Kostbarkeiten
unter Schlamm und neben verweseten Gerippen glänzen
Es funkelt Gold in wilden Trümmern
Tief im verborgenen Gestein
Ich sehe ferne Schätze schimmern
Mich lockt der rätselhafte Schein
Und hinter mir fällt es zusammen
Ha um mich her ein enges Grab
Die Welt der Tag entflieht die Flammen
Der Kerzen sinken sterben ab
Die Hand klopft zitternd an die Wände
Der unterirdsche Wandrer schaut
Nach Licht und Rettung ohne Ende
Das Dunkel Ihn erquickt kein Laut
Er hämmert in den Felsgemächern
Mit einer dumpfen Lebensgier
Gefangen von den dunkeln Rächern
Zur Strafe seiner Wissbegier
Da äugelt aus der fernsten Ritze
Ein blaues Lichtchen nach mir hin
Ich krieche zu der schroffen Spitze
Und taste mit entzücktem Sinn
Und ach es ist das Goldgestein
Das mich zuerst hieher versucht
Nun labt mich nicht der Flimmerschein
Der boshaft mich zuerst versucht
Es sehnt der Geist sich nach dem Bande
Das ihn mit zarter Fessel hielt
Als er sich wie im Vaterlande
In seiner stillen Brust gefühlt
Fern liegt das heimische Gestade
Am wilden Taurien verirrt
Kniet er umsonst und flehet Gnade
Das blutge Opfermesser klirrt
Doch Blumen blühn in diesem Schrecken
Die hell mit rotem Purpur glühn
Die Todesschatten die ihn decken
Sie lassen prächtge Funken sprühn
Liegt alles nur im Sinnenglücke
Vereint sich jeder Ton zum Chor
Für tausend Ströme eine Brücke
Gehen alle Pilger durch dies Tor
So öffnet mir die dunkeln Reiche
Dass ich ein Wandrer drinnen geh
Dass ich nur einst das Ziel erreiche
Und jedes Wunder schnell versteh
Eröffnet mir die finsteren Pforten
An denen schwarze Wächter stehen
Lasst alle grässlichen Kohorten
Mit mir durch jene Pfade gehen
Je wildre Schrecken mich ergreifen
Je höher mich der Wahnsinn hebt
So lauter alle Stürme pfeifen
Je ängstlicher mein Busen bebt
So inniger heiß ich willkommen
Was grässlich sich mir näher schleift
Dem irdschen Leben abgenommen
Zum Geisterumgang nun gereift
Alles Wilde was ich je gedacht
Alle Schrecken die ich je empfunden
Rückerinnrung aus der trübsten Nacht
Grauen meiner schwärzsten Stunden
O vereinigt euch mit meinen Freuden
Stürmet alle um mich her
Schlinget euch an alle meine Leiden
Flutet um mich gleich dem wilden Meer
Dass das Morgenrot sich in dem Abgrund spiegle
Graun und Schrecken meine Heimat sei
Dass der Wahnsinn immer rascher mich beflügle
Und zum dunkeln Tor der Hölle zügle
Nur Erinnyen gebt mich von den Zweifeln frei
Lesen Sie doch aufmerksam Balders wunderbaren Brief der wie der Gesang eines
fremden verirrten Vogels zu uns herübertönt
16
Willy an seinen Bruder Thomas
Kensea
Lieber Bruder
Ich habe Dich also doch nun wirklich endlich gesehen und ich bin nun wieder
umgekehrt und sitze und denke hier in Kensea wieder an Dich wo ich nach dem
Willen meines lieben verstorbenen Herrn als ein Verwalter bleiben soll bis mein
Herr William aus Italien zurückkömmt Wie ist die Zeit und das menschliche Leben
doch so gar flüchtig Es ist nicht anders als wenn wir nur solche Bilder wären
die auf den Schiessplätzen den Schützen oft vorbeigezogen werden man sieht sie
kaum so sind sie auch schon wieder weg
Hier leb ich nun recht ruhig und von der ganzen Welt abgesondert Ich denke
oft an den guten alten Herrn Lovell der nun auch gestorben ist und an alles
was ich so zeit meines Lebens erfahren habe Ich bin innerlich recht zur Ruhe
gekommen und es ist mir als wenn ich mich immerfort im stillen grämte Das ist
nun hier dasselbe Haus in das ich als ein junger Bursche so munter und flink
eintrat und mir alles in der Welt so herrlich und wie angeputzt vorkamich
dachte immer Ei Willy Du bist jung wie vieles Glück kann Dir noch begegnen
nur frisch und munter Ich schrieb Dir damals auch einen langen und recht
übermütigen Brief denn ich bildete mir auf die blanken Tressen auf meinem Rocke
nicht wenig ein es war mir mein Blut so warm dass ich ordentlich glaubte die
ganze Welt sei nur mir zu Gefallen erschaffen Und nun lieber Bruder wenn
ich daran denke wie manche schwere Krankheit ich seitdem überstanden habe wie
oft es Dir so recht schlecht gegangen ist dass ich herzlich weinen musste was
alles der gute Herr Lovell gelitten hat wie wir uns beide nur im Grunde wenig
gesehen haben wie ich mit der Herrschaft bald hier und bald da gewohnt habe und
wie ich nun als ein alter abgelebter Mann wieder über dieselbe Schwelle schritt
über die ich als ein junger Bursche sprang o lieber Bruder so kann ich Dir
gar nicht sagen wie seltsam mir dabei zumute wird Ich möchte sagen ich hätte
mich damals bloß in einen jungen Menschen verkleidet oder mich nur jung
angestellt so unnatürlich kommt es mir von damals vor Herr Mortimer und seine
Frau ist einmal hier durchgefahren und er hat mich bei der Gelegenheit besucht
Er ist munter und gesund und dabei recht freundlich gegen mich
Ich gehe fleißig in die Kirche und halte mich jetzt mit meinen Gedanken mehr
zu Gott als jemals Alles übrige ist doch nur eitel und vergänglich
Der Garten hier ist gegen ehemals recht verwildert und ich kann ihn mit dem
Gärtner unmöglich wieder recht in Ordnung bringen das liebe Unkraut hat sich
allenthalben eingeschlichen und tiefe Wurzel gefasst wir tun beide was wir
können aber es will immer nichts fruchten
Bleib ja gesund lieber Bruder dass wir uns vor unserm Tode noch einmal sehen
können endlich muss es doch ans Sterben gehen da hilft kein Widerstreben und
dann wollen wir sanft und geruhig in dem Herrn entschlafen
17
Thomas an seinen Bruder Willy
Bondly
Deine Briefe lieber Willy sind mir jetzt immer gar zu fromm Es ist freilich
wohl wahr dass man sich in Deinem Alter von dem Irdischen etwas abziehen kann
und man tut ganz recht und wohl daran aber alles Ding Willy hat auch sein Maß
und Ziel Wir sind in der Welt um zu arbeiten und etwas zu tun und dazu
möchte man alle Kourage verlieren wenn man immer nur an die Vergänglichkeit der
Dinge denken wollte darum bilde ich mir manchmal ein dass manches was ich tue
und verfertige ewig dauern würde und mir ist ganz wohl dabei zumute
Was Du mir von Deinem Garten schreibst will ich gar gern glauben weil Du
und der Gärtner vielleicht nicht mit dem Dinge umzugehen wissen Auch gehören zu
solchem Werke viele Arbeiter und Gartenknechte wie Du wohl auch hier an meinem
Garten in Bondly wirst gesehen haben die Natur hängt einmal nach dem Verwildern
hin und darum muss man Tag und Nacht dagegen arbeiten
Der alte Herr Burton ist recht gefährlich krank und ich glaube dass er schon
zum Grabe reif ist Die Untertanen sind alle vergnügt und seine Kinder sind die
einzigen die ich weinen sehe Es ist ihre Pflicht als Kinder sonst hat er von
den andern nicht leicht eine Träne verdient er bekehrt sich vielleicht noch in
seinen letzten Stunden welches ich von Herzen wünschen will Auf den Sohn
hoffen wir aber alle recht mit Sehnsucht und ich denke es soll denn auch mit
meinem Garten hier ein ander Ansehen gewinnen Ich habe mit allen meinen
Herrschaften bisher immer Unglück gehabt die alte Dame in Waterhall ließ den
Garten fast ganz verwildern und der alte Herr Burton hat gar keinen recht guten
Geschmack und man darf ihm nichts einmal dagegen sagen sonst wird er noch
obendrein böse So alt ich bin so höre ich es doch gerne wenn fremde
Herrschaften den Garten und den Fleiß des Gärtners loben und der Sohn der
junge Herr hat auch schon manchmal mit mir darüber gesprochen Man soll den
hiesigen Garten gewiss weit und breit loben die Leute sollen weit hieher reisen
um ihn zu sehen Siehst Du Willy noch in meinen alten Tagen denke ich Ehre
einzulegen ich tue nicht so verzagt wie Du Lebe wohl und bleibe nur gesund
18
Andrea Kosimo an William Lovell
Rom
Ist denn Dein umherschweifendes unruhiges Gemüt nun endlich zur Ruhe gebracht
Deine wilden Zweifel sind aufgelöst und Du wirst Dich und die Welt wieder
unbefangener betrachten können Ich habe alles für Dich getan was ich tun
konnte
19
William Lovell an Andrea Kosimo
Ich danke Dir dass Du mich endlich aus den verworrenen Labyrinten wieder zum
Lichte des Tages geführt hast denn meine Seele erlag Aber jetzt ordnet sich
alles Unstete und Umherschweifende in meinem Gemüte wie an Fäden die alle in
einem Mittelpunkte zusammentreffen Du hast mich von der Wirklichkeit einer
wunderbaren Welt überzeugt und alles hat sich in mir zufriedengegeben alle
Ideen und Empfindungen nehmen wieder ihre natürliche Stelle ein und die Harmonie
mit mir selbst ist hergestellt
20
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Ich habe seit lange teurer Freund keine Nachrichten von Ihnen erhalten und
ich gerate fast in die Besorgnis dass Sie ebenfalls krank sind Mit Ihrem Vater
hat es sich wahrscheinlich nicht gebessert denn sonst würden Sie mir wohl
einige Nachricht davon gegeben haben
Ich fühle mich in der Einförmigkeit des Landlebens noch immer sehr
glücklich es scheinen mir lauter Missverständnisse zu sein wenn die Menschen so
emsig nach ihrem Glücke suchen selten denkt man sich bei dem Worte Glück etwas
Deutliches und die Wandrer gehen nun oft auf wunderbaren Wegen um das Ziel
herum Amalia ist ebenso froh und gesund als ich bin und ich möchte sagen dass
sie mit jedem Tage heiterer wird
Ich habe mich jetzt daran gewöhnt eine eigene Haushaltung zu führen und
ich und meine Frau haben uns noch nie gestritten ein paar recht
freundschaftliche Zänkereien abgerechnet die über ein hässliches Weib
entstanden die Amalia aus zu großer Gutherzigkeit in ihre Dienste genommen hat
Dies Wesen hat ganz das Ansehen einer verzauberten Fee wenigstens habe ich noch
in keinem Märchen eine Beschreibung von einer hässlichern gefunden ihre
Physiognomie ist mir im höchsten Grade zuwider es ist nicht meine Schuld wenn
ich sie zugleich für boshaft halten muss
Leben Sie recht wohl und antworten Sie mir bald
21
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Ich konnte Ihnen bisher nicht schreiben teurer Freund weil die Krankheit
meines Vaters die mit jedem Tage zunahm mich zu sehr beschäftigte und
zerstreute Sie ahnden es vielleicht aus diesem Anfange dass er nicht mehr ist
und diese Nachricht war es die der Inhalt meines Briefes werden sollte Ja
Mortimer er hat endlich alle Schmerzen die ihn folterten überstanden und
auch ich bin nun ruhiger Seine Seele schied schwer von ihrem Körper der sie
doch nicht mehr zurückhalten konnte ich kann es nicht unterlassen ihn stets
von neuem zu beweinen wenn es mir wieder lebhaft einfällt dass er nicht mehr
ist Er war in seinen letzten Stunden sehr freundlich und zärtlich gegen mich
er hätte sich mit der ganzen Welt so gern versöhnt und sprach oft mit vieler
Rührung von Lovell seinem gestorbenen Feinde Vor seinem Tode hat er noch
viele Papiere verbrannt die er mit nassen Augen betrachtete
Leben Sie recht wohl und glücklich ich werde Sie auf einige Tage besuchen
um mich zu zerstreuen Morgen ist das Begräbnis
Siebentes Buch
1
Karl Wilmont an Mortimer
London
Du vermutest mich vielleicht noch in Bondly und wunderst Dich den Brief von
London datiert zu sehen Nein Mortimer ich wünschte nicht dass Du lange in
Deinem Erstaunen bleiben mögest denn ich fühle es dass ich hiersein muss
Ich habe vier glückliche Tage in Bondly an Emiliens Seite verlebt und bei
Gott es hat mich noch nicht einen Augenblick gereuet dass ich wieder so schnell
abgereist bin Ich sollte unwürdig genug sein sie sogleich mit ihrer reichen
Aussteuer zu heiraten und dann gemächlich von ihrem Vermögen zu leben Es kam
bloß auf mich an aber bei der ersten Nachricht von Burtons Tode ging mir der
Gedanke durch den Kopf dass ich ein unwürdiger Mensch wäre wenn ich es täte Du
weißt dass ich mehrere gute Empfehlungen an den Minister hatte und er nahm mich
freundlicher auf als ich erwarten konnte bei ihm arbeite ich jetzt Ich teilte
Emilien sogleich als ich in Bondly ankam meinen Plan mit und sie konnte ihn
auf keine Weise missbilligen Das Bewusstsein ihrer Liebe begleitet mich an meinen
Arbeitstisch und die schwersten Geschäfte lächeln mich an wir sind beide jung
und so mag unsere Vereinigung noch immer ein Jahr oder etwas länger aufgeschoben
bleiben in dieser Zeit denke ich befördert zu werden und ihr dann doch mit
einem kleinen Glücke entgegenzukommen
Ich lächle über mich selber wie ich bisher alles ernstere festere Leben
verabsäumt habe sie nur so oft als möglich zu sehen suchte und dass ich jetzt
hier sitze freiwillig von ihr verbannt und mir noch aus meinem kältern Sinn ein
großes Verdienst mache Aber bisher war sie mir ungewiss
Zuweilen mache ich mir Vorwürfe darüber dass ich innerlich so froh bin Die
Menschen und ich mit eingerechnet sind ausgemachte Narren Einen trüben
verkehrten Sinn in dem sich alle Gegenstände dunkel und unkenntlich abspiegeln
halten sie viel leichter für den Rahmen der Tugend als die frohe
Gemütsstimmung Ich freue mich ja nicht über Burtons Tod nicht dass er mir aus
dem Wege gegangen ist o nein nur über die Ebene die plötzlich ohne mein
Zutun vor meinen Füßen liegt Die Menschen sind darin ganz gute Geschöpfe und
wohl mir dass auch ich mir jetzt so recht wichtig und bedeutend vorkomme dass
ich alle Vorstellungen auf mich und mein künftiges Glück beziehe Man lasse doch
alle große kosmopolitische Plane allen Kummer über Weltbegebenheiten fahren
und liebe sich und die Menschen recht innig die der gütige Himmel dicht um uns
angepflanzt hat Dieser Empfindung diesem Vorsatze will ich folgen und Du
mein lieber Mortimer bist mit unter meine Geliebten eingeschlossen aber auch
meine Schwester die Du grüßen sollst und jeden der sonst im Hause nach mir
frägt selbst die hässliche Charlotte nicht abgerechnet die Dir so zuwider ist
2
Mortimer an Karl Wilmont
Roger Place
Deinen Gruß an Charlotten magst Du bei der ersten Gelegenheit selbst bestellen
denn ich spreche nur ungern mit ihr die übrigen sind besorgt und alle sagen von
Herzen Dank dass Du Dich ihrer mit einem so fröhlichen Wohlwollen erinnerst
Dein Brief Karl hat mir sehr gefallen denn eine liebenswürdige Menschlichkeit
führt darin das Wort wir sollten alle so empfinden und die Menschen würden
sich aus dieser dürren Erde einen Garten machen
Nein Du brauchst Dir keine Vorwürfe zu machen lieber unbefangener Mensch
Liegt es denn nicht in unserer Natur dass wir das Glück willkommen heißen wo
wir es finden Deine Seele hat ihre Unschuld behalten und Du wirst nie schlecht
empfinden und wenn auch bei der Betrübnis andrer Dein Mund sich zum frohsten
Lachen zieht
Mit Deinem Plane bin ich ebenfalls sehr zufrieden die Tätigkeit wird Dich
zum Manne machen denn das ist der große Vorteil der Beschäftigung dass sie
unsern Geist reift wenn sie gleich in sich selbst oft keinen großen Wert hat
Die meisten Menschen wissen immer nicht was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen
wenn sie nicht von einer geordneten Tätigkeit mitgenommen werden sie werden
dann nur gar zu leicht auch im Geiste müßig und faul und sind nachher für jede
Arbeit unbrauchbar wenn sie auch gerne arbeiten wollten ihr Dasein wird dann
durch ewige unbedeutende Zerstreuungen zerschnitten und sie werden sich selbst
zur Last Du wirst bald fühlen wie Dein Geist durch eine nicht übertriebene und
verworrene Tätigkeit elastischer wird und Emilie wird mehr als einen Gewinn
davon haben
Alle Deine Wünsche mögen in Erfüllung gehen nur erliege nicht unter Deinen
Vorsätzen
3
Bianca an William Lovell
Rom
Ich sehe Dich jetzt nur so selten Du eigensinniger Träumer und dann nur auf
einzelne flüchtige Augenblicke Umsonst werden alle Scherze und jeder Mutwille
wach wenn Du bei mir bist Du bleibst in Deiner Verschlossenheit und lächelst
nur zuweilen halb mitleidig halb erzwungen um mich nur nicht rasend zu machen
Ist das derselbe Lovell den sich vor einem Jahre mein lüsternes Auge
wünschte
Laura ist bei mir und wir haben eben von Deiner unerträglichen Laune
gesprochen Dass wir uns so an Dich gewöhnt haben ja dass wir Dich so lieben ist
um zu verzweifeln Es fehlt nicht viel dass wir Sonette auf Dich machten aber
nimm Dich in acht dass es nicht Satiren werden
O ihr Männer seid ihr nicht unbegreifliche Toren dass ihr erst mit so
vielen Erniedrigungen um unsre Gunst bettelt und sie verachtet wenn ihr
endlich erhört seid Müsstest Du Dich nicht hoch glücklich schätzen dass zwei
römische Mädchen ich und meine Freundin Dich so lieben nicht für Dein Geld
sondern weil Du Lovell bist Aber Du bist ein kalter nördlicher Teufel der
mich martert und mich mit meiner innigen Liebe verächtlich stehnlässt und
vorübergeht Ich will auch nicht mehr an Dich denken
Hast Du Verdruss Händel und Prozesse vielleicht in Deinem Vaterlande O
lass alles fahren und freue Dich des Lebens und der Liebe Was ist alles übrige
Nicht der Mühe wert um davon zu reden O das habe ich Dich so oft an meinem
Busen beschwören hören Du Ungetreuer Komm und sei jetzt nicht meineidig
sondern wiederhole Deinen Schwur
Sehr närrisch macht sich die Feder in meinen zum Schreiben ungelenken
Fingern aber möchten die ungeschickten verwirrten Striche doch Zaubercharaktere
sein die Dich unaufhaltsam herbannten
4
Francesco an William Lovell
Rom
Sie waren gestern ganz ohne Zweifel böse auf mich weil ich Sie mit Adriano bei
Ihrer Bianca störte aber ich hoffe ich habe mich doch schnell genug wieder
entfernt dass Sie nicht unversöhnlich sein werden Ich reiche Ihnen mit aller
meiner Gutmütigkeit die Hand zum Frieden denn es wäre unverzeihlich wenn wir
beide noch vor Ihrer Abreise Feinde werden sollten
Wenn ich nicht etwas zu fett wäre so würde ich Sie begleiten und bei der
Gelegenheit auch einmal andre Länder als Italien zu sehen bekommen aber so bin
ich in mir selber gefangen denn das Reisen bekommt mir nie Sonderbar dass wenn
man es sich gut schmecken lässt man es nachher mühsam findet einen Berg zu
erklettern Indessen es lassen sich nicht alle Genüsse und alle
Vortrefflichkeiten verbinden
Wenn ich mir meine neugierige Seele denke die so in schweren unbeholfenen
Fesseln sitzt und doch gern manches Neue lernen und erfahren möchte so bekomme
ich ein wahres Mitleiden mit mir selber Als ich noch zuweilen weit zu Fuße
ging nahm ich mir vor den größten Teil der Welt recht genau zu betrachten und
jetzt habe ich nun alles im verjüngten Maßstabe in Kupferstichen vor mir und
muss mich daran begnügen Doch was hat man von einer ganzen Reise wenn man
wiederkömmt
Trinken Sie ja nicht gleich kalt Wasser wenn Sie aus dem Wagen oder vom
Pferde steigen denn ich habe es aus eigener Erfahrung dass das sehr schädlich
ist
Bleiben Sie einem Frauenzimmer zu Gefallen nie einen Tag länger an einem
Orte man hat nur Undank davon
Lassen Sie fleißig nachsehn ob keine Linse am Wagen fehlt damit Ihnen
nicht plötzlich ein Rad abläuft und Sie einen gewaltigen Stoß bekommen
Nehmen Sie auf jeden Fall einige Flaschen vorzüglich guten Wein mit man
weiß sonst manchmal nicht was man in den schlechten Wirtshäusern anfangen soll
wo man oft in den miserabelsten Speisen die Zähne bewegt um nur mit dem Wirte
keine Händel zu bekommen
Die Postillione sind am besten wenn sie halb betrunken sind
Wenn Sie Ihren Freunden Naturseltenheiten mitbringen sollen so ist es am
bequemsten dass Sie diese auf der letzten Station kaufen und dann schwören Sie
hätten sie mit eigenen Händen aus dem oder dem Berge gebrochen man kann manchen
Leuten damit eine sehr fröhliche Stunde machen
Nehmen Sie sich besonders vor dem Morgentau in acht es ist widerwärtig auf
einer Reise krank zu werden
Unterlassen Sie es nie an die Aufwärterinnen einige Liebkosungen
wegzuwerfen Sie bekommen durch dieses Hausmittel allenthalben weit bessere
Suppen
Die Rechnungen der Wirte braucht man nie zu überrechnen denn richtig
addiert werden sie selbst vom Einfältigsten man spart beim Einsteigen in den
Wagen damit einige Zeit
Ihren Bedienten behandeln Sie ja recht schlecht sonst ist er auf der Reise
Ihr Herr In einem fremden Lande können Sie ihm am meisten bieten weil er schon
Gott dafür danken wird wenn Sie ihn nur wieder zurückbringen
Ich halte Sie für meinen wahren Freund denn ich bin wenigstens der Ihrige
und darum habe ich Ihnen einige Kenntnisse mitgeteilt die ich mir ehemals auf
meinen Reisen abstrahiert habe Der ganze Brief macht wenigstens dass Sie auf
der Reise vielleicht an mich zuweilen denken damit habe ich schon genug und
übergenug gewonnen und gegen unsern Andrea will ich recht damit prahlen dass
ich Ihnen manchen vortrefflichen Rat auf den Weg gegeben habe
Besuchen Sie mich aber noch morgen abend Sie werden eine Gesellschaft von
lustigen Freunden finden
5
William Lovell an Rosa
Chambery
Ich habe mich nirgend aufgehalten und darum haben Sie bis jetzt noch keinen
Brief von mir erhalten hier aber will ich einige Tage von den
Beschwerlichkeiten der Reise ruhen
Ich hätte nicht noch jenen lustigen Abend bei unserm Francesco genießen
sollen denn die Einsamkeit die Entfernung von Ihnen und allen unsern Freunden
drückt mich nun um so schmerzhafter Schon unter der Munterkeit unter dem
lauten Lachen sah ich in Gedanken meinen einsamen Wagen zwischen düstern Bergen
fahren und nun sitz ich hier in einer fremden Stadt so ganz abgesondert tief
in Betrachtungen und Erinnerungen mancherlei Art versenkt
Nichts ist für mich widriger und betrübter als jeder Abend vor einer
Abreise man ist ermüdet und verwirrt vom Einpacken und Anordnen wobei endlich
die Finsternis hereinbricht und man mit dem Lichte bald in dieses bald in
jenes Zimmer wandert um nur nichts zu vergessen Koffer und Mantelsäcke werden
dann zugeschlossen und wir werden so recht darauf aufmerksam gemacht wie unser
ganzes Leben aus so elenden Bedürfnissen zusammengeflickt ist wie wir mit einem
Prass von unnützen Notwendigkeiten beladen wie wir an uns selbst so wenig ja
fast nichts sind Das ängstliche Herumtreiben der Aufwärter die größere Leere
der Zimmer der Gedanke der Reise alles gibt dann eine dunkle Allegorie von
der widrigen Maschinerie des menschlichen Lebens wo alle Räder und alle
Getriebe so kreischend hervorschrein wo das Bedürfnis die erste bewegende Kraft
ist Dann gehen Berge und Täler wie Schatten meinem Sinn vorüber ich erwarte den
Anbruch des Tages mit einer Ängstlichkeit als wenn ich sterben sollte
Mit dem ersten Ruck des Wagens hören gewöhnlich meine Beklemmungen auf ich
vergesse dann dass ich den Ort den ich verlasse vielleicht nie oder mit ganz
umgeänderten Gefühlen wiedersehe
In den wildesten Gegenden der Piemontesischen Gebirge fühlte ich mich oft
auf eine seltsame Art glücklich ich dachte an den Vorfall mit den Räubern der
mir vor mehr als zwei Jahren hier begegnete Ich glaubte oft dass Balder jetzt
aus einem dunkeln Gebirgpfad heraustreten müsste oder dass niemand anders als
Amalie in der Kutsche vor mir fahren könne oft hatten auch die Gesichter denen
ich begegnete eine auffallende Ähnlichkeit mit jenen die ich suchte
Mit trübem Auge
In finstrer Nacht
Geht durch das Leben
Das Kind geleitet
Vom ernsten Führer
Den es nicht kennt
Im Tal am lauten Wasserfall
Stehn beide Wandrer still
Der Führer spricht zum Horchenden
Sieh hier blühen alle Blumen
Alle Wünsche alle Freuden
Pflücke denn wie fliessend Wasser
Rauscht das Leben dir vorüber
Fort weicht die Gestalt
Und tiefbekümmert
Sieht ihr mit langem Blicke
Der einsam Verlassene schmachtend nach
Wind säuselt in den Blumen
Wellen murmeln wie zum fröhlichen Tanz
Da beugt sich der Fremdling
Und mäht mit raschen zitternden Händen
Die kleine Stelle
Auf der er steht
Und Blumen und Gräser
Und giftiges Unkraut
Und stachlicht Gewürme
Fühlt zitternd die Hand
Und halb erschrocken
Und halb entschlossen
Wirft Gräser und Unkraut
Gewürme und Blumen
Das Kind mit Gewinsel
In die Fluten des lauten abrollenden Stroms
»Wo sind die Freuden
Wo sind meine Wünsche
Du hast mich betrogen
Und einsam verlassen
Zittr ich noch einmal
Die Hand nach den täuschenden Blumen zu strecken«
Da fließt des Mondes goldnes Licht
Durch Tal und Wies und über den Strom
Und rätselhaft steht rings die Gegend
Im Glanz des Abends
»Wo find ich die Heimat
Wo find ich Gefährten
Ich sehe nur Schatten
Die dunkel und dunkler
Vom Strom herüber
Bald hierhin bald dorthin
Wie Wolken gehen
Liegt alles jenseits
Was ich mir wünsche
Und herzlich suche
Ich höre Töne
Sinds ferne Wasser
Sinds tönende Wälder
Sinds Menschenstimmen
So fremd und vertraulich
So ernst und so freundlich
Klingts fern herüber
Ach wie trotzig braust der Strom sein Lied fort
Ziehende Vögel spotten meiner in der Ferne
Wolken sammeln sich um den Mond und nehmen ihn mit sich
Ach kein Wesen das meiner sich erbarmte«
»Ist dies das Leben
Voll Lieb und Freude
Wo find ich die schöne
Verlassene Heimat«
Wie mag sich in meinem Vaterlande jetzt alles verändert haben Wie habe ich
mich selbst verändert
Das Wetter ist sehr trübe und ich will mich niederlegen um zu schlafen
6
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Ich schicke Ihnen hier einige Papiere die Sie wie ich glaube mit Interesse
lesen werden Unsre neulichen herzlichen Gespräche geben mir ein Recht nicht
geheimnisvoll gegen Sie zu sein ob ich Sie gleich ersuche diese Blätter in
keine andre Hände zu geben denn sie sind von meinem Vater
Vorn habe ich mehrere Bogen weggeschnitten die wie es scheint zu
Exerzitien in der Sprache gedient haben zufällig hat er in diesem Buche dann
für sich weitergeschrieben und so sind diese Geständnisse entstanden
Auch in seiner Krankheit hat er noch daran geschrieben er suchte das Buch
selbst und ließ es sehr emsig suchen weil er mir es geben wollte aber es war
nirgends zu finden Jetzt hab ich es bei dem Aufräumen der Zimmer von ungefähr
unter dem Bette entdeckt in welchem er starb
Schicken Sie es mir zurück sobald Sie es geendigt haben
7
Einlage des vorigen Briefes
In meinem sechszehnten Jahre geschrieben
Ja ja Herr Wilkens ich habe Ihre Regeln recht gut verstanden und vielleicht
besser als Sie es glauben Ihr ganzer Unterricht bezieht sich am Ende dahin dass
ich die Sprache zu meinem Nutzen gebrauchen lerne und dann ist der Mensch
gebildet Habe ich mich nicht noch gestern an einem schwierigen Briefe üben
müssen in welchem eine gut angebrachte captatio benevolentiae gleich im Anfange
mein Hauptaugenmerk sein musste
Ich bin seit gestern gegen jedermann besonders gegen die Bedienten sehr auf
meiner Hut denn ich sehe in jedem freundlichen Gesichte in jedem ehrerbietigen
Gruß nur eine captatio benevolentiae und gegen meinen Vater habe ich sie selbst
auf die glücklichste Art benutzt denn ich habe nun endlich die schöne goldene
Uhr nach der so lange mein Sinn trachtete Nur muss ich dafür sorgen dass
niemanden diese Betrachtungen über meine Lehrstunden in die Hände fallen
Es ist aber als wenn der Unterricht aller meiner Lehrer ja selbst meines
Vaters nur dahin ginge dass ich lügen und mit den Worten spielen lernte
wenigstens ist die kluge Schmeichelei gewiss die Poesie die am unmittelbarsten
auf die Seele wirkt Ich glaube alle Komplimente die meinem Vater gemacht
werden und die er zurückgibt sind nur Repetitionen aus einem früheren
Unterrichte
Ich muss selbst die Probe an den Menschen machen die mich umgeben
vorzüglich am Koch und am Gärtner Wenn der Satz richtig ist so hat vielleicht
jedermann eine schwache Seite die man ihm abgewinnen muss um ihn nach Gefallen
zu benutzen Das wäre wenigstens ein sehr lustiges Leben wenn mir plötzlich
alle Trauben des Gartens alle Leckerbissen der Küche ja selbst alle Goldstücke
meines Vaters zu Gebote ständen
Der Schlüssel zur ganzen Welt könnte wohl gar nichts anders als die
gepriesene captatio benevolentiae sein
Es muss aber doch Menschen geben die auf dieselben Gedanken gefallen sind
und ich fürchte mein Vater und die mehresten alten Herren die ihn besuchen
gehören zu diesen Gegen diese müsste man denn wie gegen einen ausgelernten
Schachspieler sein Spiel maskieren sich als unbefangen und dumm gutmütig
ankündigen und so ihre Aufmerksamkeit einschläfern Ich will wenigstens gegen
meinen Vater sehr auf meiner Hut sein denn wenn man einmal die Spur eines
Menschen entdeckt hat so muss es leicht sein ihm zu seinem versteckten Lager zu
folgen
Wenn Herr Wilkens nur nicht wieder darauf fällt dass ich Verse machen soll
eine andre Art Lügen zu bauen die ich verabscheue weil sie zu gar nichts
führt Man sage mir doch ja nicht vor dass Empfindungen diese trostlosen
abgezirkelten Zeilen hervorbringen ich habe schon manchen weinen sehen aber
nie auf eine ähnliche Art sprechen gehört Ich begreife auch nicht wie ich oder
irgend jemand durch ein fingiertes Trauerspiel gerührt werden kann
Diejenigen die Tränen vergießen können sind wohl wieder eine andere Art von
Lügnern vor sich selber so wie jene die die herzbrechenden Verse
niederschreiben konnten So leben wir vielleicht auf einer unterhaltenden
abwechselnden Maskerade auf der sich der am besten gefällt der am
unkenntlichsten bleibt und lustig ist es wenn selbst die Maskenhändler unsere
Geistlichen und unsere Lehrer von ihren eigenen Larven hintergangen werden
Zwei Jahre nachher
Gottlob dass ich endlich von meinen lästigen Lehrern befreit bin Nichts als
Worte und Phrasen Ich habe bei diesem Unterricht nur die Menschen
kennengelernt die ihn mir erteilten die so schwach und blöde waren dass sie es
gar nicht bemerkten wie sie von mir und meinem Eigensinne abhingen
Nichts kann mich so sehr aufbringen als die Unbeholfenheit im Menschen jene
Blindheit in der sie nicht sehen welche Talente zu ihrem Gebote stehen und
wie Fremde ihnen plötzlich Zügel und Gebiss anlegen und aus einem freien Tiere
ein dienstbares machen Durch ein paar unbesonnene Streiche ist der Kammerdiener
meines Vaters der sonst ein gescheiter Mensch ist so in mein Interesse
verwickelt dass er es jetzt gar nicht wagt ehrlich oder gegen mich zu handeln
Der Verwalter ist der guterzigste Narr von der Welt aber er hält mich für
einen noch größeren und dadurch habe ich sein unbedingtes Zutrauen gewonnen
In der Sprache muss man sich gewisse Worte und Redensarten merken die wie
Zaubergesänge dazu dienen eine gewisse Gattung von Leuten einzuschläfern Auf
jeden Menschen wirken Worte nur muss man ihn etwas kennen damit man die rechten
nimmt um sein Ohr zu bezaubern Der Verwalter hört gern von Ehrlichkeit der
Menschen reden er liebt es wenn man auf die Niederträchtigen schimpft wenn
ich dies tue und die Worte mit einer gewissen Hitze ausspreche so weiß er sich
vor Freuden nicht zu lassen und drückt mir in seinem Entzücken die Hände Auf
diese Art muss man den Schatz unserer Sprache studieren um die wahre Art zu
sprechen zu finden Es fällt mir immer ein dass die Menschen offenbar Narren
sind die so reden wollen wie sie denken die ganze Welt dadurch beleidigen
und sich nur Schaden stiften Ich denke für mich und spreche für die andern
folglich muss ich nur sagen was diese gern hören Es wird auch niemand erwarten
dass ich die sogenannte Wahrheit rede so wenig wie ich es von einem andern
fordere denn sonst müsste ich nie jemanden etwas Schmeichelhaftes sagen so
wenig wie ich von irgendeinem ein Kompliment bekommen würde Die Sprache ist nur
dazu erfunden um etwas zu sagen was man nicht denkt und wie selten denkt man
selbst ohne zu lügen
Die sogenannten Wahrheitsfreunde sind daher Menschen die ausgemachte Toren
sind die selbst nicht wissen was sie wollen oder sie sind eine andere Art von
Lügnern Sie haben sich in den Kopf gesetzt dass in ihrer Wahrheitssagerei ihr
Charakter bestehet und sie sagen daher von sich und andern Leuten eine Menge
Sachen die sie wirklich nicht denken sie wollen sich nur auf diese Art
auszeichnen und sich freiwillig verhasst machen Sie sehen nicht ein dass unsere
ganze Sprache schon für die Begriffe und Dinge die sie bezeichnen soll äußerst
unpassend ist dass schon diese die Unwahrheit sagt und dass es daher unsere
Pflicht ist ihr nachzuhelfen
Der Grund von allen unsern Künsten von allen unsern Vergnügungen von
allem was wir denken und träumen was ist er anders als Unwahrheit Plane
und Entwürfe Tragödien und Lustspiele Liebe und Hass alles alles ist nur eine
Täuschung die wir in uns selber erzeugen unsere Sinne und unsere Phantasie
hintergehen uns unsere Vernunft muss daher falsche Schlüsse machen alle Bücher
die geschrieben sind sind nur Lügen wovon die letzteren die ersteren in ihrer
Blöße darstellen sollen und doch soll ich den kleinen Teil meines Körpers die
Zunge der Wahrheit widmen Und wenn ich es wollte wie kann ich es
Ein Jahr nachher
Mein Vater ist gestorben und die ganze Welt wünscht mir Glück mit Worten die
wie Kondolenzen gestellt sind Viele suchen sich mir zu empfehlen und manche
darunter meine schwache Seite ausfindig zu machen Die Menschen die meinem
Vater viel zu danken haben ziehen sich ganz zurück und tun als wenn er nie
auf der Erde gewesen wäre Alle Weiber die mich als Kind manchmal auf ihren
Schoss genommen haben präsentieren mir ihre Töchter die sich mit allen Reizen
aussteuern Die Bedienten haben Pensionen und sind froh selbst der Verwalter
dem etwas an seinem Gehalte zugelegt ist Wo sind denn nun die Menschen die
so viel fühlen wollten Wer kann denn nun noch mit seinen Empfindungen prahlen
Ein Bettler geht unten vorbei den ich weinen sehe weil mein Vater ihm
wöchentlich etwas gab Er weint weil er fürchtet dass er jetzt sein Einkommen
einbüßen wird Ich habe ihm etwas heruntergeschickt und er geht mit einem
frohen Gesichte fort er weinte vielleicht bloß um mein Mitleiden zu erregen
Die Menschen sind gewiss nicht wert dass man sie achtet aber doch muss man
sich die Mühe geben mit ihnen zu leben Ich will sie kennenlernen um nicht von
ihnen betrogen zu werden denn wie kann ich dafür stehen dass nicht irgendeinmal
meine Eitelkeit oder eine andre meiner Schwächen meine Vernunft verblendet
Alles schmeichelt mir jetzt selbst die Menschen von denen ich weiß dass
sie mich nicht leiden können und mich verachten Alle denken wenn sie mich
erblicken an mein Vermögen und alle Bücklinge und Erniedrigungen gelten diesem
Begriff der nur auf eine zufällige Weise mit mir selber zusammengefallen ist
Diese Vorstellung von meinem Reichtum beherrscht alle die Menschen die in meine
Atmosphäre geraten und wohin ich trete folgt mir diese Vortrefflichkeit nach
Ich kann es also niemand verargen wenn er sein Vermögen und seine Herrschaft
über die Gemüter zu vergrößern sucht denn dadurch wird er im eigentlichsten
Verstande Regent der Welt Ein goldner Zauberstab bewaffnet seine Hand der
allen gebeut Dies ist das einzige was noch mehr wirkt als alle möglichen
Kaptationes benevolentiae
Solange man bei recht vielen Leuten den Gedanken erzeugen kann dass man
ihnen wohl nützlich sein könnte hat man viele Freunde Alle sprechen von
Aufopferung und hohen Tugenden bloß um uns in eine solche heroische Stimmung zu
versetzen Diese Situation aber gibt zugleich Gelegenheit sie auf mancherlei
Art zu nutzen und sie so zu verwickeln dass sie am Ende schon froh sind wenn
sie nur aus den Netzen freigelassen werden
Man lebt in der Gesellschaft wie ein Fremdling der an eine wilde
barbarische Küste verschlagen ist er muss seine ganze Bedachtsamkeit alle seine
List zusammennehmen um nicht der Rotte zu erliegen die ihn mit tausendfachen
Künsten bestürmt Wenn man es vermeiden kann dass das Leben ein Hasardspiel
wird so hat man schon gewonnen Seltsam dass alle zu gewinnen trachten und
manche doch die Karten nicht zu ihrem Vorteile mischen wollen Für den Klügern
muss es keinen Zufall geben
Im zwanzigsten Jahre
Der junge Lovell ist ein Narr recht so wie man sie immer in den Büchern
findet Ich habe das wunderbare Glück gehabt ihn zu meinem Freunde zu machen
Er spricht gerade so wie die Dichter die er sehr fleißig liest und ich möchte
wetten er macht selber Verse Er hat mir schon in den ersten Tagen alles
anvertraut und es ist schade dass seine Geheimnisse so unbedeutend und kindisch
sind Sein Vater ist ebenfalls ein einfältiger Mensch aber er scheint mir doch
nicht ganz zu trauen es mag wohl irgend etwas in meinen Mienen oder Gebärden
liegen was ich noch wegzuschaffen suchen muss Unser Körper soll in allen unsern
Wendungen mit unserer Sprache korrespondieren und das ist dann die eigentliche
Lebensart
Freundschaft ist eines von den Worten die im Leben am häufigsten genannt
werden und man muss ebensowohl Freunde als Kleider haben und von ebenso
verschiedener Art Freunde die mit uns spazierengehn und uns Neuigkeiten
erzählen Freunde die uns mit Leuten bekannt machen mit denen wir gern in
Konnexion kommen möchten Freunde die uns gegen andere loben und uns Zutrauen
erwerben andere Freunde von denen wir im gesellschaftlichen Gespräche manches
lernen was zu wissen nicht unnütz ist Freunde die für uns schwören Freunde
die wenn wir es so weit bringen können und die Gelegenheit es erfordert sich
für uns totschlagen lassen Aus dem Lovell könnte vielleicht einer von den
letzten gemacht werden denn er gibt mir selbst freiwillig alle die Fäden in die
Hand an denen er gelenkt werden kann Ich halte es für eine Notwendigkeit dass
ich mich hüte mich irgendeinem Menschen zu vertrauen weil er in demselben
Augenblicke über mir steht
Lovell ist etwas jünger als ich und er macht vielleicht noch dieselben
Erfahrungen die ich schon jetzt gesammelt habe Das Alter ist bei gleich jungen
Menschen oft sehr verschieden und ich bin mir durch einen Zufall vielleicht
selbst um viele Jahre vorausgeeilt ich fühle wenigstens von dem Jugendlichen
und Kindischen nichts in mir das ich an den meisten Jünglingen und an Lovell so
vorzüglich bemerke Mich verleitet die Hitze nie mich selbst zu vergessen ich
werde durch keine Erzählung in einen Enthusiasmus versetzt der mir schaden
könnte Mein Blick richtet sich immer auf das große Gemälde des verworrenen
menschlichen Lebens und ich fühle dass ich mich selbst zum Mittelpunkte machen
dass ich das Auge wieder auf mich selbst zurückwenden muss um nicht zu
schwindeln
Jeder redet im Grunde eine Sprache die von der des andern völlig
verschieden ist Ich kann also mich meine Lage und meinen Vorteil nur zur
Regel meiner Denk und Handelsweise machen und alle Menschen treffen zusammen
und gehen einen Weg weil alle von demselben Grundsatze ausgehn Ein buntes
Gewebe ist ausgespannt an dem ein jeder nach seinen Kräften und Einsichten
arbeitet ein jeder hält das was er darin tut für das Notwendigste und doch
wäre der eine ohne den andern unnütz Inwiefern mein Nachbar wirkt kann ich nur
erraten und ich muss daher auf meine eigene Beschäftigung achtgeben
Viele Menschen wissen gar nicht was sie von den übrigen fordern sollen und
zu diesen gehört Lovell In Gedanken macht er sehr große Prätensionen an meine
Freundschaft Ich fordre von den Menschen nicht mehr als was sie mir leisten
und dies vorher zu wissen ist der Kalkül meines Umgangs je gewisser ich diesen
rechne je mehr kenne ich die Menschen und das ganze übrige Wesen von Zuneigung
und Wohlwollen uneigennütziger Freundschaft und reiner Liebe ist nichts als
poetische Fiktion die mir gerade so vorkömmt wie die Gedichte an die Diana und
den Apollo in unsern Dichtern Wer sich daran erlustigen kann dem gönne ich
es recht gern aber allen diesen Menschen die im Ernste davon sprechen können
ist die Binde der Kindheit noch nicht von den Augen genommen Diese sind
nützliche Mobilien für den älteren und klügern der sie auf eine gute Art
anzustellen weiß
Bald nachher geschrieben
Immer ist es mir zuwider gewesen wenn ich den Namen Cromwell nennen höre oder
ihn lese um das Muster eines schlechten und ausgearteten Menschen aufzustellen
denn es wird mir fast bei keinem Charakter so leicht und natürlich mich in ihn
hineinzudenken und so für mich alle seine seltsamen Widersprüche aufzulösen
Alle die Laster die man ihm gewöhnlich vorwirft sind es nur deswegen weil die
Menschen nicht die Fähigkeit besitzen ihre Seele in Gedanken mit einem andern
Charakter zu bekleiden sie sind zu sehr in sich selbst eingesperrt und dies
macht ihren Blick beschränkt Vielleicht dass die Unterschiede überhaupt
aufhörten wenn sich die Menschen die Mühe gäben den Erscheinungen
näherzutreten die ihnen in der Ferne ganz anders geformt zu sein scheinen
Cromwell war vielleicht der reinste und eifrigste Schwärmer als er sich im
Anfange zur Partei der Puritaner schlug Wider sein Erwarten fand er dass es
leichter sei die Menschen unter seinen Geist zu beugen als er im Anfange
gedacht hatte Er durchdrang mit seinem scharfen Blicke die Gemüter aller derer
die ihn umgaben er bemerkte es auf welchen Armseligkeiten meistenteils das
Ansehen beruhte das er unter seinen Freunden hatte und er schämte sich vor
sich selber und verachtete die Menschen Seine Schwärmerei und sein
Enthusiasmus waren es vorzüglich die die Menge an ihn band denn der Schwärmer
zieht einen weiten Feuerkreis um sich her und selbst in die kälteren Menschen
gehen Funken über dass sie sich unwillkürlich mit Liebe und Wohlwollen zu ihrem
Anführer drängen Er sah ein dass er in einzelnen Stunden wenn ihn jener
glückliche Enthusiasmus verließ diesen auf eine erzwungene und halb gewaltsame
Art ersetzen müsse und er erstaunte da er fand dass die Begeisterung sich auf
die Art sogar wider ihren Willen vom Himmel ziehen lasse Denn im Menschen
liegt ein seltsamer und fast unbegreiflicher Vorrat von Gefühlen dicht neben
der Ahndung liegt die Empfindung und die Idee die wir ahndeten der Lügner kann
auf seine eigene Erfindungen schwören ohne einen Meineid zu tun denn er kann
in diesem Augenblicke völlig davon überzeugt sein Die wunderbarste
Geistererscheinung kann vor mir stehen und doch nur von meiner Phantasie
hervorgebracht sein Auf die Art musste der große Mann bald zweifelhaft werden
was in ihm wahr was falsch was Erdichtung was Überzeugung sei er musste sich
in manchen Stunden für nichts als einen gemeinen Betrüger in andern wieder für
ein auserwähltes Rüstzeug des Himmels halten Wie durcheinander musste sich bei
ihm alles das verwirren was die gewöhnlichen Menschen ihre Moralität nennen
Kann man nun wohl dieselben Forderungen an ihn machen die man an jene tut
Das Glück folgte ihm auf seinen Fußstapfen und welcher Sterbliche kann sich
wohl von der Schwachheit losreißen den glücklichsten Erfolg seiner kühnsten
Plane nicht für den wahren Orakelspruch der Natur und der Gottheit zu halten
Fast jeder Unglückliche zweifelt an seinem Werte er hält nur gar zu oft sein
Unglück für seine Strafe So glaubt der Sieger im Glück seinen Lohn zu finden
seine Bestätigung von oben her Vom Erfolge begünstiget schrieb er neue Zirkel
in seine Plane und alles erfüllte sich immer auf die wunderbarste Weise Durch
ein unruhiges tatenreiches und glückgekröntes Leben sah er sich plötzlich wie
durch einen munteren Traum an die Spitze des Staats gestellt und sein ganzes
voriges Leben war nur Zubereitung und Gerüst zu diesem großen Momente
An ihm war die Wohlfahrt seiner Partei gekettet und was war natürlicher und
einem Menschen verzeihlicher als dass er jetzt seine Persönlichkeit mit seiner
Sache verwechselte Er glaubte für seine Partei zu kämpfen wenn er nur noch für
seine eigene Sicherheit stritt und aus dem Wege räumte was ihn in seinem Gange
hindern könnte Er musste sich gleich groß und gleich wunderbar vorkommen er
mochte sich nun als einen Liebling des Himmels betrachten oder als einen
Helden der alles durch seine eigene Kraft gewonnen und in Besitz genommen
hatte ja diese beiden Gedanken mussten sich in seinem Kopfe beinahe begegnen
Er vertraute sich jetzt mehr als jemals und trauete den Menschen die ihn
umgaben noch weniger als vordem Fortuna hatte ihre volle Urne gleichsam in
seinen Schoss geschüttet und er glaubte nun das Glück selbst zu sein sein Stolz
und seine Eigenliebe die Bewunderung seiner selbst ist daher ebenso denkbar als
verzeihlich
Er konnte gegen seine Freunde nicht dankbar sein denn er glaubte durch
eigne Kraft alles errungen zu haben er konnte sie nicht achten da er sie nicht
kannte Ihre Verehrung seiner aber so wenig Autorität sie auch für ihn hätte
haben sollen trug er doch gern und ganz zu seinen Verdiensten über denn denen
Menschen die uns loben übertragen wir gern die Beurteilung unsers Werts ja
wir glauben oft dass diejenigen ihn am besten zu schätzen wissen die selbst am
meisten ohne Verdienste sind Die größte Inkonsequenz der Menschen die Gegend
in der vielleicht in jeder Seele die meisten Verächtlichkeiten liegen ist das
Gebiet der Eitelkeit Jede andre Schwäche ist unzugänglich oder man muss
wenigstens fein und behutsam die Brücke hinüberschlagen um das Ufer nicht
selbst einzureissen aber die Eitelkeit verträgt selbst die Behandlung der
rauhesten Hände
Ich will mir heute ernstaft vornehmen nie daran zu glauben wenn man
meinen Gang meine Häuser meinen Scharfsinn oder meine Gesichtsbildung lobt
und wer weiß ob ich nicht darauf falle mir einzubilden dass in meinem Garten
die besten Blumen stehen und dass hier dann ein elender Schmeichler seine volle
Ernte findet Der Himmel ist vielleicht so grausam mir in den Kopf zu setzen
ich hätte mehr Geschmack als andere Menschen Oh statt memento mori sollte
man in seine Taschenuhr setzen lassen Hüte dich vor der Eitelkeit
Cromwell war so glücklich viele wirkliche Freunde zu finden ob er gleich
keinen liebte er konnte sie zu Aufopferungen auffordern und keiner wagte es
ihn um ähnliche Opfer zu mahnen da ihn keiner in seiner Gewalt hatte Alle
fürchteten ihn und er wusste wie weit er jene nicht zu fürchten hatte er war
daher nicht tollkühn Er hatte es empfunden wie fein die Grenzen im Menschen
zwischen Empfindungen sind die wir Extreme nennen weil wir sie uns wie den
Nord und Südpol gegenüber denken aber zwischen gut und böse zwischen Freund
und Feind dem Pietisten und Gotteslästerer dem Patrioten und dem
Landesverräter liegt nur eine Sekunde Cromwell wusste dies und setzte seine
Freunde daher in keine Spannung gegen sich
Je mehr ich seinen Charakter überdenke je menschlicher finde ich ihn nur
dass er ein großer Mensch ein leuchtendes Meteor war Wer ihn ein Ungeheuer
nennt hat nie über ihn oder über sich selber nachgedacht
Er hatte das Unglück einen einfältigen Sohn zu haben
Drei Jahre nachher
Die Menschen sind Narren denn obgleich einer den andern betrügt so nehmen sie
doch nichts so sehr übel als dass sie betrogen werden besonders wenn man sie
auf eine andre Art hintergeht als sie die übrigen Menschen täuschen Lovell ist
mein unversöhnlicher Feind wenn er erfährt dass ich mit daran arbeiten half ihm
seine zärtliche Braut zu entführen und er würde es nie zur Entschuldigung
dienen lassen dass Waterloo auch mein Freund und sogar mein Oheim sei Aber da
der ganze Plan doch verunglückt ist so denke ich mich auf jeden Fall wieder mit
ihm zu versöhnen
Aber Waterloo ob er gleich mein Oheim ist ob er gleich älter ist als
vierzig Jahre ob er gleich schon große Reisen gemacht hat ist dennoch ein weit
größerer Narr als der jugendliche Lovell Er glaubt alles zu haben indem er
Witz hat er meint die Menschen genug zu kennen wenn er nur weiß wodurch er
sie zum Lachen bewegen kann er wäre vielleicht ein guter Komödiendichter
geworden aber zum Umgange mit Menschen ist er verdorben Er beklagt sich über
mich dass ich ihn hintergangen habe ob ich gleich mit ihm an demselben Plane
gearbeitet habe Aber die besten und amüsantesten Koups müssten offenbar ganz
unterbleiben wenn es nicht erlaubt sein sollte dass ein Schelm den andern
hintergeht Er macht mir Vorwürfe dass ich nun der einzige bin der bei dem
ganzen Handel etwas gewonnen hat aber das war ja eben der Bewegungsgrund warum
ich mich einmengte weil ich die Gewissheit hatte dass ich auf jeden Fall
gewinnen müsse Wenn ich hintergangen wäre ich würde mich nie beklagen
sondern mich nur zu rächen suchen
Waterloo ist abgereist und wie ich eben höre gestorben Er ist vielleicht
töricht genug gewesen sich selbst umzubringen
In meinem vierundzwanzigsten Jahre
Ich hoffe es soll mir gelingen die Tochter der reichen Lady Sackville zur Frau
zu bekommen Die Mutter spielt die Aufgeklärte und die Tochter ist ziemlich
empfindsam und pietistisch Die Mutter spottet über die Tochter die Tochter
zuckt die Achseln über ihre irreligiöse Mutter Beiden muss ich beitreten um ihr
Vertrauen zu gewinnen
Wie platt sind doch alle die Komödien in denen eine ähnliche Situation
dargestellt wird Eine Karikatur treibt sich zwischen allen mit schlecht
erfundenen Lügen herum um am Ende an allen seinen Spöttern zu scheitern Ich
finde es ebenso leicht als sicher sich als Mittelsperson zwischen
widersprechende Charaktere einzuschieben denn man muss sich jedem nur unter
gewissen Bedingungen nähern die so gestellt sind dass jener glaubt es komme
nur auf eine nähere Bekanntschaft auf ein vertraulicheres Gespräch an um auch
diese Bedingungen wegzuschaffen Die Mutter glaubt ich spiele nur aus Liebe zu
ihrer Tochter den Religiösen und um diese nachher von ihren Irrtümern
zurückzubringen die Tochter ist überzeugt nur aus großer Liebe zu ihr finde
ich die Mutter erträglich Man darf nur ernstaft vor sich selber heucheln so
ist die Heuchelei das leichteste Handwerk auf der Erde Alle unsere Gespräche in
der Welt unser Umgang unsre Freundschaftsbezeugungen unsre Vergnügungen
alles ist nur Heuchelei folglich kommt es mir als gar nichts Schwieriges ja
nicht einmal als etwas Neues vor hier eine Art von Rolle zu spielen um eine
reiche Frau zu bekommen
Ich bin schon so glücklich gewesen einige Liebhaber zu verdrängen und wenn
ich an den Tod oder an andere betrübte Gegenstände in der Gesellschaft meiner
Geliebten denke so wird es mir ganz leicht eine melancholische Miene zu
machen und empfindsame Sachen zu sagen Oft verschiebe ich viele ernsthafte
Betrachtungen die sich mir aufdrängen bis ich dorthin komme und Tochter und
Mutter sind immer mit mir zufrieden und ich kann auf die Art noch Zeit in
meinen Geschäften sparen Diese Sparsamkeit kommt mir jetzt selber lächerlich
vor aber genug dass es mir bequem ist
Ich will dieses Buch aufbewahren um mir im Alter das Vergnügen zu machen
es wieder durchzulesen Man kann dann nur eine richtige Vorstellung von sich
selber haben wenn man solche Proben von den ehemaligen Kleidern zurückbehält
Aus diesem Grunde würde ich fast in jeder Woche etwas niederschreiben wenn ich
nicht zu träge wäre
Warum sollt ich nicht auf eine recht gute Art den empfindsamen Verliebten
spielen können da es viele Dichter gibt die sich poetisch irgendeine
Liebschaft ersinnen um poetische und herzrührende Verse darüber zu machen
Meine Rolle ist bei weitem leichter da ich doch einen wirklichen Gegenstand
und noch überdies mit einem reichen Vermögen ausgestattet vor mir habe
In meinem fünfundvierzigsten Jahre geschrieben
Eine sonderbare Empfindung befällt mich da ich dies alte staubige Buch wieder
in die Hände nehme und durchblättere Ich kehre aus der Welt und zur Ruhe
zurück und finde hier die skizzierte Geschichte meiner Jugendideen Manches
finde ich noch wahr und ohne dass ich es wusste habe ich mir während meines
geschäftigen Lebens den hier beschriebenen Charakter Cromwells zum Muster
gewählt Gefiel mir dieser Charakter weil verwandte Züge in mir lagen oder
entwickelten sich diese weil ich das Bildnis dieses Menschen immer mit
Wohlgefallen betrachtet hatte Doch diese Spitzfindigkeit zerfällt in sich
selber
In der Welt hat mir der Zufall den verhassten Lovell stets gegenübergestellt
er kreuzte durch alle meine Plane und unaufhörlich musst ich mit ihm kämpfen Er
war gleichsam das aufgestellte Ziel an dem ich meinen Verstand und Scharfsinn
üben musste
Meine Gemahlin ist tot und nur in den letzten Jahren war ich so glücklich
einen Sohn und eine Tochter von ihr zu bekommen Ihr ist jetzt wohl denn sie
fühlte sich immer unglücklich Sie gehörte zu den Menschen die sich durch
abgeschmackte Erwartungen den Genuss ihres Lebens selber verbittern Man sollte
es schon in den Schulen lernen was man von der Welt und den Menschen fordern
kann um sich und andre nachher nicht zu peinigen Ich war keiner von den
Menschen wie sie ihr einige Dichter geschildert hatten diese luftigen
bestandlosen Wesen hatte sie ihrer Phantasie fest imprimiert und an diese
Schimären maß sie alle wirkliche Menschen die ihr aufstiessen Dass sich die
Menschen aus diesem wirklichen prosaischen Leben so gern einen bunten schön
illuminierten Traum machen wollen und sich dann wundern wenn es unter den
Rosen Dornen gibt wenn die Gebilde umher ihnen nicht so antworten wie sie es
mit ihrem träumenden Sinne vermutet hatten Wer kann es mit diesen Narren
aushalten
Man gebe mir den abgefeimtesten Schurken den Menschen der in einem Atem
zehn Lügen sagt den Eiteln der hoch von seinem eigenen Werte aufgeblasen ist
den rohen ungebildeten Menschen dem die gemeinste Lebensart fehlt und ich
will mit allen fertig werden nur nicht mit dem der allenthalben die reine
Bruderliebe erwartet der mit den Menschen wie mit Blumen oder Nachtigallen
umgehen will
Nach einem Jahre
Mein Sohn Eduard fängt an mir in einem hohen Grade zu missfallen Er wird
altklug ehe er noch Verstand genug hat um listig zu sein Solche frühreife
Tugend ist gewöhnlich nichts als ein Gefühl des Unvermögens eine
Empfindsamkeit die späterhin zur völligen Schwachheit wird
Emilie ist halb das Bild ihrer Mutter und halb eine Kopie nach ihrem
Bruder Ich hoffe beide werden noch richtigere Ideen über das Leben gewinnen
Stolz darf man nicht auf sich sein denn das erzeugt eine Menge empfindsamer
Torheiten aber man muss sich schätzen um sich nicht unter die übrigen Menschen
zu erniedrigen um ihnen nicht dadurch unmittelbar Gelegenheit zu geben dass sie
Vorteile über uns gewinnen
Nach mehreren Jahren
Mein Sohn wird mit jedem Tage ein größerer Tor und er lässt es mich sogar merken
dass er mich und meine Grundsätze nicht achtet Er schließt sich mit Innigkeit an
jedes übertriebene und unnatürliche Gefühl Es schmerzt ihn nicht dass er sich
dadurch von meinem Herzen entfernt denn er ist unter Luftgestalten einheimisch
Die Erfahrungen die mir aus dem Gewühle der Welt hiehergefolgt sind haben
mich nun völlig beruhigt Ich habe es deutlich erfahren in wie hohem Grade die
Menschen verächtlich sind Alle meine jugendlichen Vermutungen haben sich
erfüllt und es war heilsam dass ich so ausgerüstet unter die boshafte Schar
trat Argwohn ist die Wünschelrute die allenthalben richtig zeigt man irrt
sich in keinem Menschen wenn man gegen jeden misstrauisch ist denn selbst die
Einfältigsten haben Minuten der Erleuchtung in denen sie uns Schaden zufügen
Wenn man mit Leuten umgeht die aus Unwissenheit oder weil sie selbst
keinen Grund davon anzugeben wissen rechtschaffen sind so muss man ihre Tugend
nie auf die Probe stellen wenn sie uns dadurch nützlich bleiben sollen denn in
dem Augenblicke in welchem sie darüber nachdenken werden sie verwandelt und
wenn sie auch ihre Ehrlichkeit noch aus dem gegenwärtigen Gedränge bringen so
kann man sich im nächstfolgenden zweifelhaften Falle niemals auf sie verlassen
Wie viel ist aber die Ehrlichkeit wert wenn sie nur darin besteht dass der
Mensch gar nicht weiß dass man ihm diesen Vorzug beilegt Selbst der Pöbel hat
diese Armseligkeit der Tugend bemerkt und ein Sprichwort darüber gemacht dass
der ein Dieb bleibt der nur einmal gestohlen hat Scheint es nicht als wenn
es völlig etwas Physisches wäre was wir im Menschen immer zum Geistigen erheben
wollen dass sich die Erscheinung durch eine einzige Umwälzung in einem einzigen
Momente verlieren kann
Ich bin darum nur wenig hintergangen weil ich den Betrug immer als möglich
voraussetzte
Ich fühle mich sehr matt und meine Gedanken werden schwach und unstet Dies
unnütze Buch ist mit mir alt geworden es läuft zu Ende so wie vielleicht mein
Leben Alles hat für mich heut dunkle und melancholische Umrisse Lovell ist vor
einem Monate gestorben und ich bin nicht viel älter als er
Ich habe nur schlecht geschlafen und ihn bleich und abgefallen beständig in
meinen abgerissenen Träumen gesehen Sein Andenken verfolgt mich noch nach seinem
Tode und mattet meine Kräfte ab
Ich bin wieder gesund gewesen und dachte es würde nun jahrelang so bleiben und
doch bin ich von neuem krank geworden Eine seltsame Wehmütigkeit hat mich
ergriffen Der Mensch hängt mit allen seinen Empfindungen bloß von seinem Körper
ab
Sollte ich Dir doch vielleicht Unrecht getan haben alter Lovell Warum
richtet sich mein Gedanke so unaufhörlich nach Dir hin wie die Magnetnadel nach
Norden Ich habe Dir vergeben vergib Du mir auch unsre Spiele und Kämpfe
sind jetzt geendigt
Ich fühle mich freundlicher nach meinem Sohne und nach allen Menschen
hingezogen Wer weiß in welchem gesundern Teile meines Körpers meine vorige
Empfindung lag wer weiß aus welchem umgeänderten meine jetzige entspringt
Das Leben und alles darin ist nichts alles ist verächtlich und selbst dass man
die Verächtlichkeit bemerkt
8
William Lovell an Rosa
Paris
Ich bin nun wieder in Paris das zuerst die Bühne meiner Irrtümer war
Ob Amalie noch lebt und wie sie leben mag Mir kommt alles frisch und neu
in die Erinnerung was ich ehemals für sie empfand
Die Blainville ist mit einem Chevalier de Valois von hier fortgegangen der
sich nach einigen Erzählungen in England erschossen hat Was aus ihr geworden
ist weiß man nicht
In wenigen Tagen reise ich von hier ab Alle Straßen und alle
Gesellschaften sind mir zuwider
Ich wünsche und fürchte das englische Ufer Doch kalt und phlegmatisch
dehnt sich die Zeit weiter und kümmert sich nicht um unser geängstigtes
pochendes Herz es muss doch endlich alles und selbst das Leben vorüber sein
9
Willy an seinen Bruder Thomas
Kensea
Lieber Bruder ich schreibe Dir heute einen Brief und in wenigen Tagen mache ich
mich auf um zu Dir zu kommen denn ich habe keine Ruhe ich habe keine Rast es
treibt mich weg und ruft mir in die Ohren dass ich Dich vor meinem Tode noch
einmal sehen soll dass ich unter Deinen Augen sterben soll
Schon seit einigen Tagen ist mir so gar heimlich und einsam zumute die
Fahne des Kirchturms knarrt so betrübt und wenn ich am Abend am Fenster stehe
ist es als wenn ich auf dem Kirchhofe schwarze Männer stehen sehe die mit den
Fingern nach mir hinweisen Ich habe im stillen geweint und gebetet und bin mir
dabei hier so verlassen vorgekommen und so auch alle Menschen um mich her sie
waren mir alle fremd Der Tod treibt sich hier im Hause herum das ist nicht
anders lieber Bruder und nach mir sucht er das ist gewiss und darum will ich
fort von hier und zu Dir hin
Sieh ich habe so an Dein altes freundliches Gesicht gedacht und an Deine
Art zu reden und an alles was Du an Dir hast und was mir immer so gefällt und
das Dein Name Thomas so recht ausdrückt und beschreibt Und da hab ich geweint
und mir die weite Reise von neuem vorgenommen Diese Nacht ist es aber erst
recht gewiss geworden
Sieh mir träumte als stünde ich in einer wüsten schwarzen Gegend rund
mit Bergen eingefasst Und oben von den Bergen guckte ein Kopf herüber und das
war mein Herr Lovell ich kannte gleich das alte blasse Gesicht Da fing ich
vor Freude laut an zu schreien und ich glaubte mir hätte nur immer geträumt
dass er gestorben sei und jetzt käme es nun heraus dass es nur eine Einbildung
von mir wäre Er sagte ganz freundlich Guten Tag lieber Willy Ich wollte
gleich munter die Berge hinaufklettern und ich nahm mir vor mich nicht zu
schämen sondern ihm dreist um den Hals zu fallen Er musste es merken denn er
sagte Bleib nur Willy wir sehen uns bald Und in demselben Augenblicke wurde
sein Gesicht ganz jämmerlich noch eingefallener und beinahe wie ein Totenkopf
Ich fing an zu weinen als ich das sah und streckte die Arme nach ihm aus aber
er schüttelte stillschweigend mit dem Kopfe und es war nun als würd er
ordentlich recht mit Gewalt heruntergezogen Da konnt ichs nicht lassen
sondern ich wollte nachsehn was aus ihm geworden wäre ich fing an zu laufen
um die Berge hinaufzuklettern aber sieh da liefen sie vor mir weg und ich
wurde ungeduldig und rannte immer schneller und die Berge fuhren weg vor mir
geschwinder wie das beste Pferd im Wettrennen Jetzt standen sie ganz weit weg
so dass sie nur noch so groß aussahen wie Kinderköpfe das war mir bedenklich
ich kehrte mich um und hinter mir waren die übrigen Berge ebenso weit
weggelaufen Es war alles um mich her so weit eben und schwarz wie die See
Da kam mir ein großer Schwindel in den Kopf und ein schreckliches Grausen auf
den ganzen Körper denn ich merkte nun dass ich den Herrn Lovell als einen Geist
gesehen hatte Es war mir immer als wollte ein schwarzes Ungeheuer aus dem
Himmel herunterschiessen um mich zu verschlingen oder als wenn der Himmel
selber brechen wollte Ich vergaß alles Vorhergehende beinahe und fürchtete mich
doch noch immer fort meine ganze unsterbliche Seele krümmte sich in mir
zusammen und ich rief den allmächtigen Gott um Hilfe an
Da wacht ich mitten in der dunkeln Nacht müde und ermattet auf und es war
mir noch immer als stünde ich noch in der schwarzen Wüste
Siehst Du Bruder der verstorbene Herr hat mich gerufen ich muss kommen und
nun will ich nur noch von Dir Abschied nehmen Es ist ja so nur noch so wenige
Zeit übrig in der wir uns lieben und gut sein können wir wollen also das
wenige noch mitnehmen
Gott segne meinen Herrn William ich wünschte ich könnte auch von dem noch
Abschied nehmen und dass er mir noch zur völligen Versöhnung die Hand drückte
dass ich doch ganz als ein guter Freund von ihm zu seinem Herrn Vater in den
Himmel ankommen könnte und einen Gruß von ihm bestellen
Wie gesagt in etlichen Tagen bin ich bei Dir und wenn Du mich auch wieder
für etwas närrisch hältst lieber Bruder so mache mir doch ein freundliches
Gesicht wenn ich komme
Achtes Buch
1
William Lovell an Rosa
Dover
Es ist nicht anders ich stehe wirklich hier und sehe nach den weißen
schroffen Klippen hinauf Ich bin endlich wieder zurückgekommen und alles
vorige liegt hinter mir es ist nicht anders und konnte vielleicht nicht anders
werden
Ich danke dem Andrea unaufhörlich dass ich jetzt in den widerwärtigsten
Situationen mit einer großen Kälte in das Leben sehen kann Die Verächtlichkeit
der Welt liegt in ihrer größten Betrübnis vor mir ich stoße sie nur um so
geringschätzender von mir je wunderbarer ich mir selbst erscheine Durch meine
Ahndungen und seltsamen Gefühle hat er mich vom Dasein einer fremden
Geisterwelt überzeugt ich habe eigenmächtig meinen Zweifeln ein Ziel gesetzt
und ich freue mich jetzt innig dass ich auf irgendeine Art mit unbegreiflichen
Wesen zusammenhänge und künftig mit ihnen in eine noch vertrautere
Bekanntschaft treten werde Unaufhörlich begleitet mich diese Überzeugung und
alle Gegenstände umher erscheinen mir nur als leere Formen als wesenlose Dinge
Ich errege oft jene geheimen unbegreiflichen Gefühle in mir in der Nacht oder
in der Einsamkeit jene seltsamen schauernden Ahndungen die uns unwiderstehlich
wunderbaren Mächten entgegendrängen
Alle betrübten Stunden die ich hier in England erleben werde stehen
gleichsam noch hinter den Kulissen und warten nur auf ihr Stichwort um schnell
hervorzutreten ich muss in meiner Rolle fortfahren und vor keinem plötzlichen
Auftritt erschrecken
Der nördliche Himmel hier mit seinen großen und tiefhängenden Wolken macht
einen seltsamen Eindruck auf mich nachdem ich mich in so langer Zeit in Italien
verwöhnt habe Die Umrisse der Berge und Wälder bilden sich so hart und widrig
in dieser rauen Luft ich fühle schon jetzt ein Heimweh nach Italiens lauem
Himmel nach Ihnen und Andrea und meinen übrigen Freunden
2
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Wir haben nun endlich unser gewöhnliches Leben wieder angefangen nachdem wir
von Ihrem schönen Landsitze zurückgekehrt sind und die Zeit fließt uns eben und
ohne widrige Abschnitte vorüber Viele Menschen irren darinnen sehr wenn sie
streben recht viele frohe und glänzende Epochen in ihren Lebenslauf zu bringen
denn jede dieser Epochen zieht mehrere Tage nach sich die durch ihre
Nüchternheit unsere Seele leer und melancholisch machen je einförmiger und
ruhiger die Zeit vorüberfliesst um so mehr genießt man seines Lebens Wir beide
lieber Freund haben uns in diesen Genuss eingelernt und ich hasse jetzt das
Planmachen wodurch man immer in einer fernen Zukunft lebt unsinnigerweise die
Gegenwart verschleudert und sich im Leben gleichsam übereilt um nur desto
früher zu jenem Ziele zu kommen das man sich aufgesteckt hat
Gestern kam der alte Willy matt und atemlos hier an um seinen Bruder Thomas
zu besuchen Er war die letzten Meilen so alt er auch ist zu Fuß gelaufen um
seinen Bruder nur desto früher zu sehen Der alte Mann hat sich eingebildet er
müsse jetzt sterben und darum will er noch vorher von Thomas Abschied nehmen
Die Ermüdung so wie sein Aberglaube haben es wirklich dahin gebracht dass er
krank geworden ist Er hat mich innig durch seine Liebe gegen seinen Bruder
gerührt den seine eingebildete Klugheit hindert dieselbe Liebe zurückzugeben
Willy spricht viel vom Lovell und mit einer außerordentlichen Inbrunst mir
standen die Tränen in den Augen als ich ihm zuhörte Meine ganze Seele streckt
sich in mir aus sooft ich diesen Namen nennen höre es ist jedesmal als wollte
man mir einen Vorwurf damit machen weil er nicht mehr mein Freund ist Und
konnt ich anders handeln Tat ich nicht alles um mir seine Liebe
aufzubewahren Aber er hat sein Herz verspielt und kann mich nicht mehr
lieben
Leben Sie wohl und ersetzen Sie mir durch Ihre Freundschaft den Verlust der
seinigen
3
Thomas an den Herrn Fenton Gärtner in Kensea
Bondly
Sie werden es verzeihen wertgeschätzter Herr und Kollege wenn mein Bruder
vielleicht einige Tage länger ausbleibt als er sich anfangs vorgesetzt hatte
und Sie indessen die Aufsicht des ganzen Gutes besorgen müssen denn er ist hier
krank geworden so dass er wohl so bald noch nicht wird zurückreisen können Er
ist ein klein wenig närrisch der alte Mann und das werden Sie ebensogut wissen
als ich Alte Leute haben wie man zu sagen pflegt ihre wunderlichen Launen
und mein Bruder hat sie gewissermaßen im vollsten Grade
Er hat mir viel von Ihrem Garten erzählt und es tut mir recht sehr leid
dass Sie mit dem wilden Werke so viele Mühwaltung vorzunehmen haben Ich habe
jetzt Gottlob einen Gönner an meinem Herrn der die Kunst schätzt und viel an
die Vortrefflichkeit des Gartens wendet Ein solcher Gönner fehlt Ihnen
freilich und doch ist er gewissermaßen unentbehrlich um etwas Großes zustande
zu bringen denn ohne Geld und ohne die nötigen Arbeiten lässt sich in dieser
Welt nur wenig ausrichten
Mein Bruder glaubt dass er hier wird sterben müssen denn er ist noch so
sehr von der alten Welt und wenn ihm etwas träumt so glaubt er auch immer dass
es eintreffen muss was denn die vernünftigen Leute mit Recht einen Aberglauben
nennen können denn er weiß wirklich nicht viel von einer bessern Aufklärung
wie man zu sagen pflegt Ich denke aber wohl dass er in einigen Tagen sowohl
gesunder als auch vernünftiger werden wird Gott gebe seinen Segen dazu damit
er bald wieder an seine Geschäfte gehen könne
Verzeihen Sie übrigens wertgeschätzter Herr und Kollege dass ich mir die
Freiheit genommen habe Ihnen mit meinem schlechten Briefe beschwerlich zu
fallen da aber mein Bruder noch bis dato die Feder nicht führen kann so habe
ich solches für meine Pflicht gehalten Ich wünsche eine fortdauernde
Gesundheit und langes Leben und nenne mich
Ihr wertschätzender Freund Thomas Gärtner in Bondly
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William Lovell an Rosa
London
Ich treibe mich jetzt wie ein abgerissener Zweig in den Fluten und Wirbeln des
wühlenden Lebens auf und ab Ohne Ruhe bin ich bald hier bald dort bald in
einem gemeinen Wirtshause unter den niedrigsten aber originellsten Menschen
bald in einer Gesellschaft von Spielern bald auf den öffentlichen
Spaziergängen bald in den vollgedrängten Teatern
In manchen Stunden verlier ich mich selber Sagen Sie mir Rosa ob meine
innere Ahndungen recht haben Mein Vater Pietro und Rosaline starben durch
mich Amalie ist durch mich vielleicht unglücklich geworden wer weiß wie
manches Auge meinetwegen nass ist von dem ich nichts weiß und dem ich mittelbar
und unbekannt Schmerzen übersendet habe Ich kann manchmal alles vergessen
was ich vormals darüber dachte und eine heiße Röte breitet sich dann von innen
heraus über meine Wangen Und doch wie wenig sind alle diese Menschen wert
Wen unter ihnen kann man bedauern Von wem sollen wir uns in unserm Wege
zurückhalten lassen Ich richte mich durch jene hohe Ahndungen und wunderbaren
Gefühle wieder auf deren die übrigen Menschen entbehren müssen
So wenige Menschen mich hier auch kennen so hüte ich mich doch sehr
erkannt zu werden Neulich sprach ich einen Bekannten des jungen Valois der mit
der Blainville hierhergereist war dieser Valois hat sich erschossen aber von
der Komtesse wusste er mir keine Nachricht zu geben
Manche Straßen hier reden mich mit einer wunderbaren Sprache an vorzüglich
die in denen Amalie wohnt Ich bin schon mehrmals ihrem Hause vorübergegangen
aber weder am Fenster noch auf irgendeiner Promenade habe ich sie gesehen Auch
noch keine Nachrichten habe ich von ihr erhalten können aber sie muss hier in
London sein Gestern war ich im Theater Es wurde Macbet gegeben und ich war
mit einer echten Jugendempfindung in die Darstellung vertieft Im letzten Akte
zog ein Gesicht in einer Loge meine ganze Aufmerksamkeit auf sich denn es glich
Amalien vollkommen Ich vergaß das Stück und suchte mir nur die Erinnerung
ihrer recht gegenwärtig zu machen um sie mit diesem Bilde zu vergleichen
Ich war noch immer verwirrt und in tiefen Gedanken als das Stück schon
geschlossen war Ich drängte mich mit den andern hinaus und erwartete an der
Treppe die Herunterkommenden Viele Gesichter liefen durcheinander und meine
Augen wurden müde sie zu bemerken um dasjenige was ich erwartete
herauszufinden Endlich erschien die Dame die ich für Amalien hielt und in
einem Augenblicke schoss mir die Überzeugung durch den Kopf dass sie es auch
wirklich sei Und bei Gott sie war es Hundert Menschen liefen mir vor und
wieder zurück es war mir unmöglich näher zu kommen Man stieß und drängte
mich und ich stieß und drängte ebenfalls und die Gestalt war verschwunden
Meine Augen fanden sie nachher nicht wieder
Es muss Amalia gewesen sein es ist nicht anders möglich Ihre Schleppe und
der Saum ihres Kleides war mir in dem Momente heilig als ich ihm nachzufolgen
strebte Ich hasste die Menschen recht innig die mich durch ihr wildes widriges
Gedränge hinderten ihr zu folgen
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William Lovell an Rosa
Bondly
So bin ich denn endlich wieder hier hier wo der Frühling meines Lebens zu
blühen anfing Jede Hecke und jeder Teich erinnert mich an meine damaligen
Empfindungen
Hier wars wo Melodieen aus jedem Baumwipfel sumseten hier hing der
Morgenhimmel voll goldener Hoffnungen jeder Ton in der Natur klang mir Gesang
und ich ging unter einem ewigen lautrauschenden Konzerte Und was ist nun aus
allem dem geworden Und was war es auch das ich hoffte Jugendlich und
unbesonnen kannt ich mich selbst nicht und wusste nicht was ich von mir und der
Welt verlangte
Ich saß wieder in demselben Zimmer des Wirtshauses in dem ich damals einen
traurigen Brief an Eduard Burton schrieb wohl gar wenn ich nicht irre Verse
machte Es ist eine niedrige unangenehme Stube und mir würde jetzt kein
poetischer Gedanke dort einfallen Die Gegend umher die mir im Mondschein
damals so romantisch vorkam ist nichts als ein weiter grüner Heideplatz mit
einigen Bäumen in der Ferne sieht man Wald
Auch die Stelle im Walde habe ich wiedergekannt auf der ich damals von
Amalien Abschied nahm als sie von Bondly nach London reiste Alle diese Plätze
sind stumm geworden ich finde sie widerwärtig und armselig da sie mir damals
so teuer so überaus teuer waren Manchmal ist es als liefe noch durch die
Gebüsche säuselnd eine der lieblichen Erinnerungen aber sie können nicht zu
mir sie treten scheu vor mir zurück
Verkleidet bin ich schon einigemal im Garten hier in Bondly auf und ab
gegangen Hier hatten alle Empfindungen alle Erinnerungen in den grünen Lauben
auf den schönen Rasenstellen unter den dichten Zweigen der Alleen geschlafen
sie wachten auf als mein Fuß den Garten betrat und kamen mir alle stürmend
entgegen Alle haben mich begrüßt und jeder Baum scheint mich zu fragen wo ich
so lange geblieben sei Ach Rosa die Tränen stiegen mir in die Augen und ich
konnte keine Antwort geben
Ach ich bin ein Träumer ich möchte sagen Die leblose Natur hat inniger
an mir gehangen als je die Menschen
Lange stand ich vor der Linde still in der ich meinen und Amaliens Namen
eingrub Nur wenig haben sich die Züge durch den Wachstum des Baumes verändert
Wie vieles nahm ich mir damals vor als ich diese Züge langsam und bedächtlich
dem Baume einschnitt
Vieles im Garten ist geändert und seit dem Tode des alten Burton mit
mehrerem Geschmacke angelegt Aber alle Veränderungen hier haben mir wehe
getan Ich wollte manche der alten Anlagen besuchen und fand eine neuere
bessere Der Gärtner ist ein Bruder von meinem Willy
Willy selbst ist hier zum Besuche und ich erschrak als ich ihm gestern
plötzlich begegnete aber er hat mich nicht erkannt
Ich habe mich nach allen Sachen genau erkundiget und darauf einen Plan
gegründet um in das Haus zu kommen Dass ich nicht erkannt werde dafür will ich
schon sorgen und diese Schwierigkeit ist im Grunde die unbedeutendste
Wie schwach ist der Mensch Seit wie lange glaubte ich nun schon über
alle diese Eindrücke erhaben zu sein und doch haben sie mich nun mit neuer
Gewalt angefallen und dann lach ich wieder über mich und finde mich selbst
kindisch
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Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Ich schicke Ihnen hier das Manuskript Ihres Vaters zurück das ich mit großer
Aufmerksamkeit gelesen habe Wie viele Wege gibt es in unserm Verstande die den
Menschen so leicht auf eine falsche Bahn bringen können Die Sucht über uns
selbst zu grübeln liegt in uns und doch lernen wir beim aufmerksamsten Studium
nichts und alles Einfache und Gute verliert sich aus uns bei diesen
Betrachtungen Der Mensch gewöhnt sich dabei gar zu leicht sich nur als ein
spekulierendes Wesen anzusehen und mit eben den Augen die übrigen Geschöpfe zu
betrachten Ich sage Ihnen für Ihr Zutrauen vielen Dank solche Aufsätze sind
Wegweiser und Leuchttürme für andere Menschen
In mir ist wieder die Sucht aufgewacht eine kleine Reise zu machen und
wenn ich durch nichts gehindert werde will ich auch diese Neigung nächstens
befriedigen Dann besuche ich zugleich Sie und Ihre liebenswürdige Schwester
Amalia ist auf ein paar Tage in der Stadt gewesen um ihre Eltern und ihren
fleißigen Bruder zu besuchen In einigen Monaten hoffe ich Vater zu sein und
ich bin neugierig wie mich diese neue Würde kleiden wird
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Emilie Burton an Amalie
Bondly
Liebe Freundin ich fühle mich zum Schreibtische ordentlich mit Gewalt
hingezogen um mich mit Ihnen zu unterhalten Sie haben so oft Ihren Kummer in
Briefen gegen mich ausgeschüttet und ich denke eben darüber nach ob jetzt
vielleicht an mich die Reihe ist Ich habe oft von Rührung reden hören und
selbst gesprochen aber bis jetzt ist es nur ein Wort für mich gewesen dessen
eigentliche Bedeutung ich erst heute habe kennen lernen
Schon seit einigen Tagen hält sich ein kranker armer Mensch in unserm Hause
auf dem mein Bruder aus Mitleid ein kleines Zimmer hat einräumen lassen weil
der Gärtner für ihn bat Die Bedienten haben ihn bis jetzt verpflegt und wir
bekamen ihn fast gar nicht zu sehen denn er hielt sich immer außerordentlich
still und eingezogen und jedermann im Hause glaubte dass seine Krankheit
vorzüglich in einer tiefen Melancholie bestehe
Mein Bruder war gestern ausgeritten und ich saß allein im Garten Sie kennen
die Laube in der ich am liebsten bin wo man nur den einen schmalen Gang
hinuntersehn kann und allenthalben von dichten Hecken eingeschlossen ist Ich
las und arbeitete und bemerkte nach einiger Zeit den Kranken der tiefsinnig im
Gange auf und ab ging bald mit verschränkten Armen stille stand und den Blick
starr auf den Boden heftete bald Blumen abriss und sie mit seinen Tränen
benetzte Ich war auf alle seine Bewegungen aufmerksam denn aus jeder schien
ein tiefer Kummer zu sprechen Ich weiß selbst nicht auf welche wunderbare
Weise mein Herz in mir bewegt ward es war mir ganz wie bei einer guten Tragödie
zumute wo ein unbekannter Elender unsre ganze Teilnahme an sich reißt
Ich konnte es nicht unterlassen ich musste aufstehn und ihm näher treten Er
schien bewegt und erschreckt als er mich erblickte er wusste nicht ob er gehen
sollte oder bleiben Ich redete ihn freundlich an um ihn über seinen Kummer zu
trösten Er antwortete und jedes Wort war ein tiefes Gefühl seines Unglücks mit
jeder Antwort ward meine Rührung größer und ich konnte am Ende meine Tränen
nicht verbergen
Was ist es doch was unser Herz oft so gewaltsam zusammenzieht Wer kann
jene Gefühle beschreiben die wir Rührung nennen und wer kann ihre Entstehung
begreifen Wenn das Mitleid in unser Herz eintritt o Freundin dann breitet
es sich gewaltsam wie mit Engelschwingen darin aus dass unser armes irdisches
Herz erzittert und sich zu klein für den göttlichen Fremdling fühlt dann
möchten wir in diesem schönen Augenblicke sterben weil wir empfinden dass unser
voriges Leben kalt und dürr dagegen war weil wir es wissen dass die Zukunft
nach diesem schönen Augenblicke nur leer und nüchtern sein wird wir möchten
ganz in wollüstigen Tränen zerfließen wir können uns nicht darüber
zufriedengeben dass wir nach dieser Seligkeit noch leben sollen Das Herz
begehrt zu brechen und die Seele den Flug aufwärts zu nehmen nein ich kann
keine Worte für diese Gefühle finden ob mir gleich auch jetzt die Augen voll
von großen Tränen sind Kann es denn wirklich Menschen geben die nie das
Mitleid empfunden haben die nie Tränen vergossen O denen sei es erlaubt die
Unsterblichkeit ihrer Seele zu bezweifeln ihnen sei es vergönnt die Menschen
zu hassen denn sie müssen es nicht begreifen können warum man sie liebt
Ich kann nicht dafür liebe Freundin dass ich hier deklamiert habe denn
meine ganze Seele hat sich in mir aufgetan Sie kennen ja auch diese zarten
Regungen des Herzens Sie werden mich verstehen und mich keine Schwärmerin
nennen Mit Männern kann man überhaupt nicht so sprechen sie sind viel zu sehr
in die Geschäfte des Lebens verwickelt um ihre Gefühle rein und hell in ihrem
Busen zu behalten sie handeln und denken und eben dadurch wird alles übrige in
ihnen verdunkelt Nur der Mann von dem ich Ihnen erzählen wollte nur er
vielleicht unter seinem Geschlechte der einzige ist fähig mich ganz zu
verstehen aber er kommt aus der Schule des Unglücks und der Leiden die dem
Herzen die verlorne Menschlichkeit wiedergeben
Zeigen Sie niemanden diesen Brief liebste Freundin denn er ist nur für Sie
allein geschrieben jedes andre Auge würde ihn entweihen und nur über meine
Schwachheit spotten So wenige Menschen verstehen es fröhlich zu sein und noch
weit wenigere zu trauern der Schmerz redet sie in einer himmlischen Sprache an
und sie können nur mit ihren unbeholfenen irdischen Tönen antworten Wer sich
freuen oder wer weinen will ziehe sich ja zu Blumen und zu Bäumen zurück
Der Unbekannte redete sehr herzlich und bald schien mir seine Sprache so
bekannt Es kamen wunderbare Erinnerungen in meine Seele ich betrachtete ihn
genauer und auch seine Gesichtszüge schienen mir nun nicht mehr fremd O
Amalie welche Empfindung ergriff mich als ich in dem armen Verstossenen in dem
kranken Bettler einen alten wohlbekannten Freund von mir entdeckte und wie er
sich mir nun selbst zu erkennen gab und viel von den Menschen und ihrer
Grausamkeit sprach wie Tränengüsse aus seinen Augen stürzten und er zu meinen
Füßen sank und um Vergebung flehte o Freundin ich wusste nicht ob ich lebte
oder tot sei ob ich mich nicht plötzlich im Lande der wunderbarsten Träume
befände ach ich kann immer noch nicht zu mir selber kommen
Seinen Namen darf ich Ihnen noch nicht nennen so wie er auch unserm ganzen
Hause ein Geheimnis ist aber bald bald will ich Ihnen alles auflösen und Sie
werden ebensosehr erstaunen Alle Gegenstände flimmern mir seit diesem
Augenblicke vor den Augen ich kann nichts recht fest angreifen und mein Gemüt
ist zu den seltsamsten Vorfällen und Verwandlungen vorbereitet Meine Augen
wollen unaufhörlich weinen und jeder freundlich lachende Mund rührt mich innig
eine große Wehmut hat mir alle Gegenstände der Welt in die Ferne gerückt und der
Schreck beim Erkennen zittert immer noch in mir fort
Wunderbar gehen die Schicksale und Leiden der Welt und noch nie ist mir
dieser fürchterliche Gang so deutlich vor die Augen getreten Ich habe noch
wenig gelitten und ich möchte nun fürchten dass ich noch viel zu leiden habe
Sehen Sie liebe Amalia so melancholisch hat jener Unglückliche Ihre
Freundin gemacht der ganze Brief ist ein Beweis von der Spannung meiner
Phantasie Leben Sie recht wohl und glücklich
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Karl Wilmont an Mortimer
London
Ich habe doch hier bei aller meiner Philosophie manche ungeduldige Stunde und
ich glaube ich habe so gut wie jeder andre Verliebte ein Recht dazu
In den ersten Tagen kam es mir so außerordentlich leicht vor von Emilien
entfernt zu sein dass ich wohl gar im stillen wünschte man möchte mir eine
schwerere Probe auflegen Es ging mir grade wie dem Kranken der eine
gefährliche Krisis überstanden hat sich in den ersten Tagen nach dieser schon
für genesen hält und sich nicht genug darüber wundern kann wie ihn die übrigen
Menschen noch bedauern aber bald fühlt er die Krankheit und Mattigkeit in allen
seinen Gliedern von neuem er wird von neuem ungeduldig und vergisst die
schmerzhaften Tage gänzlich die jetzt hinter ihm liegen Du wirst mir
wenigstens zugeben dass der Mensch immer bei dieser kuriosen Einrichtung seiner
Natur die herrlichsten Ursachen hat unzufrieden zu sein
Wie unermesslich lang kommt mir jetzt oft bei meinen Arbeiten ein Bogen vor
den ich vollschreiben soll da er mir in den ersten Tagen nur wie ein
Spaziergang war Alle dummen und klugen Streiche laufen in der Welt doch
wahrhaftig auf eins hinaus Du nennst es nun selbst einen vernünftigen Plan dass
ich beim Minister angestellt bin und wie wenig hab ich daran gedacht als ich
mich anstellen ließ Wahrlich ich ließ mich eben mit der phlegmatischen
Unbefangenheit zu ihm schleppen als wäre die Reise nach einem Weinhause
gegangen meine allerdummsten Streiche haben mir weit mehr Kopfbrechens
gekostet Ich glaube ich könnte der edelste und tugendhafteste Mann von der
Welt werden ohne dass ich ein Wörtchen davon wüsste Lieber Mortimer wenn das
irgendeinmal der Fall sein sollte so mache mich doch um des Himmels willen
aufmerksam darauf damit ich nicht so in meiner Dummheit hin außerordentlich
edel bin und selbst gar keine Freude daran habe
Du bist mir zum ersten Male in Deinem Leben mit Deinem neulichen so überaus
ernstaften Briefe ein wenig närrisch vorgekommen Seit Du ein Ehemann bist
führst Du einen gewissen altklugen Ton und übst Dich an mir zum künftigen
Erzieher Deiner Kinder Du bist bei weitem nicht mehr so launicht als ehedem
ich wette dass Du jetzt nie einen Perioden anfängst ohne zu wissen wie Du ihn
endigen willst und doch gefiel mir eben das sonst so sehr an Dir dass Du selbst
einen weisen Spruch zuweilen anhubst ohne zu wissen wie er schließen solle Du
verlierst vielleicht nach und nach das wahre Leben und wirst am Ende nur eine
Ruine vom ehemaligen Mortimer Wenn ich Dich denn besuche und Du hinter Deinem
Tische mit dem ernstaften Gesichte sitzest so muss ich in Gedanken alle Deine
ehemaligen Vortrefflichkeiten in Dich hineinlegen um nicht auf die Meinung zu
geraten dass ich den leibhaftigen Grandison vor mir sehe
Aber lass uns einmal ernstaft sprechen Dein neulicher Brief kann Dir
unmöglich ganz Ernst gewesen sein denn was Du da von den Geschäften und der
Elastizität sagst ist so altfränkisch so philosophisch und so unwahr dass ich
beinahe Lust hätte Dir alle meine Geschäfte zu übertragen damit Du es selber
mit Händen griffest wie sehr Du gelogen hast Du hast in Deiner ländlichen Ruhe
gut sprechen aber wenn Du nur die langweiligsten unbedeutendsten Sachen mit
einer Emsigkeit und Genauigkeit abschreiben müsstest als wenn daran die
Seligkeit von zehn Märtyrern hinge wenn Du es nur selber fühltest wie bei
einer solchen Arbeit die Wände umher immer enger zusammenrücken und das Herz
ängstlich klopft und Du nach dem letzten Worte mit der fliegenden Feder
hinrennst als wenn das Haus einfallen wollte ei wie anders sprächest Du Dann
holt man Atem um es von neuem durchzulesen und kaum ist man eine halbe Stunde
ausgegangen so findest Du schon neue Stöße die auf Deine Abfertigung warten
Wo da die Elastizität herkommen soll kann ich gar nicht einsehn Die Gedanken
im Kopfe werden immer dünner und gehen am Ende gar aus statt dass ich sonst
Stellen aus dem Tristram Shandy auswendig wusste übe ich meine Memoire jetzt an
den mancherlei Titulaturen
Ich bin mir in manchen Stunden schon ungemein abgeschmackt vorgekommen dass
ich mir so viele edelmütige Bedenklichkeiten ausgedacht und Emilien nicht auf
der Stelle geheiratet habe Glück ist das nicht das höchste Wort im Leben
unsre erste Pflicht ein Wort gegen das jede Delikatesse albern erscheint Doch
ich bin einmal eingespannt und so werde ich denn auch wohl aushalten müssen
9
Emilie Burton an Amalie
Bondly
Ich bin auf Ihre Antwort begierig da Ihr Herz mit dem meinigen immer
sympatisiert hat Ach liebe Freundin ich kann Ihnen nicht alles so sagen wie
ich es gern möchte ich spare dies Vertrauen noch für eine andre Zeit auf
Welch ein Mensch ist jener Unbekannte von dem ich Ihnen neulich schrieb Er
ist ganz über das kleinliche Leben hinüber in dem sich die gewöhnlichen
Menschen so ängstlich abarbeiten Sein Geist ist durch und durch geläutert und
gereinigt und er gehört nicht mehr der Erde an Ich kann es nicht unterlassen
ihn zu bewundern sooft ich ihn sehe oder spreche er hat eine andre als die
gewöhnliche Menschensprache Wenn ich an ihn denke geht eine innige Rührung
durch meine Brust ich möchte beständig in seiner Gesellschaft sein sein tiefes
Urteil über das und über jenes hören und ihm mit meinem Troste den Gram etwas
aus seinem düstern Angesichte schmeicheln
Niemand kennt ihn hier und niemand weiß dass ich ihn kenne ich muss Ihnen
seinen Namen auch noch verhehlen weil es sein Wille so ist und weil er
gegründete Ursache dazu hat
Es ist so etwas Wunderbares um ihn her dass man sich in seiner Gegenwart wie
in eine andre Welt entrückt fühlt Alle selbst die alltäglichsten Sachen
erhebt er zur höchsten Poesie so dass er wie ein fremder Geist auf dieser Erde
wandelt Wenn ich dabei an sein Unglück denke so kann ich nicht müde werden
von ihm zu sprechen mich freut es dass er mich seine Freundin nennt da ihn
kein Wesen auf dieser Erde weiter liebt Denken Sie sich den schrecklichen
Gedanken ich bin das einzige Geschöpf das sich für ihn interessiert
Wozu sind die Millionen Menschen auf dieser Erde da so wenige nur einen
finden der sie liebt Ach sie kommt mir wüst und entvölkert vor sie ist nur
eine große Masse voller stummen Leichen die in und auf ihr sind Sind sich
alle die Armseligen selber genug Haben Sie kein Bedürfnis nach Liebe und
Mitempfindung Sie sterben alle ohne gelebt zu haben sie sind Leichen die
sich bewegen und denn auch diese Fähigkeit an die Natur abgeben und sich
hinlegen und verwesen
Nennen Sie mich nicht trübsinnig liebe Amalie denn es ist so Der ganze
Lebenslauf des Unbekannten enthält nur diese Wahrheit
10
William Lovell an Emilie Burton
Hier sitz ich nun teureste Emilie in meinem engen einsamen Zimmer und denke
und träume nur Sie Mein Fenster stößt auf den Gang in welchem ich schon damals
mit Amalien so oft an Ihrer Seite saß Amalie die mich vergessen die mich
niemals geliebt hat Ach Unglücklicher und du darfst noch klagen Hat sich der
huldreichste Engel nicht deiner mit einem himmlischen Mitleid angenommen Kannst
du von dieser irdischen Erde noch mehr Glück noch eine höhere Wonne erwarten
Ach Emilie immer immer möcht ich bei Ihnen sein und den süßen Ton Ihrer
tröstenden Stimme hören immer den sanften Augen begegnen die dem Verstossenen
dem Elenden so kostbare Tränen schenkten Die ganze Welt verkennt und verlässt
mich Ihr harter Bruder hat mir seine Freundschaft aufgekündigt Oh mag er
sie zurücknehmen wenn ich nur das Herz seiner göttlichen Schwester behalte
Was kümmern mich die Augen der übrigen Welt wenn mich nur die Ihrigen bemerken
und nicht zürnend auf mich blicken
Sie kennen Sie dulden und lieben den Menschen o das hab ich daran
erfahren dass Sie mich nicht verstiessen als ich die freche Erklärung wagte als
ich Ihnen entdeckte warum ich verkleidet dieses Haus betreten habe Was kann
ich denn auch für die heißen Empfindungen meines Herzens Ist es ein Verbrechen
Sie zu lieben O ja so bin ich ein Verbrecher verachten und hassen Sie mich
und mit dem Ende dieses unerträglich schweren Lebens ist meine Sünde abgebüsst
Aber nein Sie haben mir verziehen Sie haben sich meines Elendes mit der
Gütigkeit eines Engels erbarmt Sie wollen mich gegen meine wilde Verzweiflung
schützen Sie haben es mir zugesagt warum bin ich denn nicht froh und
glücklich Weil ich immer noch an diesem Glücke zweifle weil ich in diesem
Leben gelernt habe dass uns alle Hoffnungen hintergehn weil ich es nur für eine
schuldlose Verstellung halte um mich auf einige Tage zu trösten O Emilie
bedenken Sie wie ich denn zu meinem gewöhnlichen Leben wieder erwachen werde
Warum sollte aber nicht ein Unglücklicher in seinem dürren Lebenslaufe
unter den unzähligen leeren Larven die ihm begegnen auch einmal einen Boten
des Himmels antreffen der ihm von oben her Frieden verkündigt Ach mein ganzes
verschlossenes verwelktes Herz würde sich wieder wie eine Blume aufrichten die
ein warmer Frühlingsregen trifft Ein schöner Regenbogen würde den Horizont
meines dunklen Daseins umarmen und Hoffnung Liebe Glück und Seligkeit würde
aus jedem Sterne der Nacht wie aus einem goldnen Auge auf mich
herniederblicken
Wenn ich leben soll so müssen Sie mir diese Hoffnung nicht nehmen wenn ich
lächeln soll o so müssen Sie sie erfüllen
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Emilie Burton an William Lovell
Ich halte es für meine Pflicht Sie zu beruhigen doch nein das Wort ist zu
kalt und ängstlich Ich bin es meinem klopfenden Herzen schuldig ich kann
nicht anders wenn ich auch wollte Aber ich will nun so und nicht anders
Können Sie einen größeren Beweis fordern als dass ich Ihnen schreibe dass ich Ihr
Geheimnis verschweige dass ich gern und geheim mit Ihnen spreche Ach könnten
Sie alle die Tränen sehen die ich Ihrentwillen vergiesse Sie würden nicht länger
zweifeln
Und darf ich denn mehr tun Hab ich nicht schon zu viel getan O
unglücklicher Lovell Sie haben Ihre Emilie vielleicht mit unglücklich gemacht
Sie haben vielleicht den schwarzen Samen in diesem friedlichen Hause ausgestreut
und dann was soll ich dann tun Was soll ich dann sagen
O beruhigen Sie sich und lesen Sie nicht alle Worte zu ernstaft und
aufmerksam Mir ist als wenn mein Herz in mir springen wollte ich kann kaum
mehr Atem schöpfen
12
William Lovell an Emilie Burton
Und ich soll nicht seufzen und klagen Nicht trauern und verzweifeln Mehr hat
Emilie getan als sie durfte O dann wird es sie auch gereuen dann o dreimal
unglücklicher Lovell dann ist auch kein Herz auf der weiten Erde das für dich
schlüge Ach nein denn das einzige das übrig war bereut es dass es gewagt
hat dich zu bemitleiden
13
Emilie Burton an William Lovell
Ich fürchtete Ihre Klagen und Ihren betränten Blick das wars warum ich Sie
heute gern vermeiden wollte Gott Und nun Ihr Gespräch im Garten O ich fühle
noch das Erstarren in allen meinen Adern O Lovell Sie haben mich heut viel
dulden lassen ich sagte es Sie machen mich zur Gefährtin Ihres Unglücks
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William Lovell an Emilie Burton
O würden Sie die Gefährtin meines Unglücks Wie schnell würde der arme Lovell
der frohste und glücklichste unter den Menschen werden Aber nein Sie haben
sich ganz deutlich von mir zurückgezogen o warum hofft ich denn auch noch auf
Freuden Bin ich nicht langsam zum höchsten Elende gereift und nun sollte
sich plötzlich alles umwandeln Nein ich will fort fort ohne Trost und
Abschied über niemand soll mein Elend kommen besser dass ich vergehe
O dass ich nie hiehergekommen wäre Dass ich nie die letzte Blume gefunden
hätte die ein höhnischer Fuß zertritt Leben Sie wohl Wohin soll ich mich
wenden Wohin Der Tod wohnt in allen Weltgegenden für ein Grab ist die
Erde noch allenthalben gut genug
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William Lovell an Rosa
Bondly
O Rosa was was sind die Menschen Eduard besitzt ganz ruhig meine Güter
ohne dass ihm sein zartes Gewissen einen Vorwurf darüber macht Hat er sie doch
in einem rechtmäßigen Prozesse gewonnen Um diese Menschen sollte man sich
härmen Man sollte fürchten ihnen Unrecht zu tun
Doch ich wollte Ihnen meine Lage schildern ich wollte Ihnen von Emilien
erzählen
Ich stellte mich als ein verarmter Kranker der Gärtner sprach von mir mit
Burton und dieser ließ mich in das Schloss bringen mir ein Zimmer anweisen und
mich mit Essen und Trinken versorgen Emilie kannte ich schon etwas aus vorigen
Zeiten und ich beschloss mit ihr einen Versuch zu machen Ich konnte darauf
rechnen dass sie vorzüglich neugierig war wer ich sein möchte ich suchte daher
ihre Aufmerksamkeit noch mehr auf mein stilles melancholisches Wesen zu
richten Es gelang mir Ihr Bruder war an einem Tage abwesend und ich sehe sie
allein nach dem Garten gehen und sich in ihre Lieblingslaube setzen Sie hat
sich wirklich sehr verschönert seitdem ich sie nicht gesehen habe ihr Wuchs
ist sehr graziös und ihr Auge klug und sanft
Sie hat einen gewissen Verstand den sie besonders an sich schätzt sie hat
viele Bücher gelesen und manches darüber gedacht daher ist sie im Leben ihrer
Sache immer sehr gewiss sie meint dass es keine kritische Fälle gebe in denen
man zweifeln könne wie man sich zu betragen habe Ich brauche Ihnen Rosa wohl
nicht zu sagen dass diese Geschöpfe grade am leichtesten zu gewinnen sind dass
sie selber jedem Plane entgegenlaufen und eben durch ihre Weisheit einfältiger
sind als die Dümmeren
Ich ging trübsinnig in dem Gange auf und ab der an ihre Laube stieß und
sie bemerkte mich sehr bald Sie konnte ihre Neugierde nicht unterdrücken
sondern stand auf und trat mir näher Unser Gespräch nahm eine sehr schwermütige
Wendung und ich sagte vieles über die Welt und über die Menschen was ich
wirklich so meinte meine Rolle ward mir also dadurch um vieles leichter Ich
bemerkte dass sie weinen musste und als sie auf die stärkste Art gerührt war
entdeckte ich ihr wer ich sei
Ich konnte auf ihrem Gesichte bemerken dass die wunderbarsten Empfindungen
schnell in ihrem Innern wechselten Sie war auf eine solche Überraschung auf
den Schmerz der darin lag nicht vorbereitet um sie völlig zu verwirren
suchte ich sie daher noch einmal und am kräftigsten zu überraschen
Ich warf mich plötzlich zu ihren Füßen nieder und gestand ihr dass zu
dieser Verkleidung zu meinem Aufenthalt im Schloss mich allein eine heftige
Liebe zu ihr vermocht habe dies solle mein letzter Versuch sein ob es
irgendein menschliches Herz gebe das sich meiner noch annehme um mich mit dem
Leben und dem Schicksale wieder auszusöhnen Sie war schön und wie in einem
Schauspiele spielte ich meine Rolle auf eine wunderbare Weise begeistert fort
es gelang mir alles was ich sagte ich sprach mit Feuer und doch ohne
Affektation Sie stand unbeweglich vor mir und wusste immer noch nicht wie
sie alles in ihrem Kopfe reimen sollte
Haben Sie mich nicht gehört schönste Emilie rief ich aus
Sie fuhr auf und gab eine unverständliche Antwort ich erhob mich und
setzte meine Klagen fort Sie erweichte sich sehr für mich und mein Unglück traf
ihr Herz Ich klagte über Amalien und ihren Bruder über die ganze Welt die
mich von sich gestoßen habe ich nahm meine Zuflucht zu ihrem weichen und
zärtlichen Herzen und schwur dass sie mich nicht verwerfen könne sondern dass
sie mitleidiger sein würde als die übrige Welt
Nie Rosa habe ich so gut gesprochen und nie so tief empfunden Es war als
wenn sich mein ganzes Herz in mir eröffnete und ich musste über mich selbst
erstaunen Ach was ist Wahrheit und Überzeugung im Menschen Ich war jetzt von
allem überzeugt was ich da sagte ich war schwermütig und in sie verliebt ich
hätte mich wirklich in diesem Augenblicke ermorden können Oh man rede mir doch
künftig nicht von Menschen die sich verstellen Was ist die Aufrichtigkeit in
uns
Emiliens Rührung ward immer heftiger und sie legte am Ende ihre Hand in die
meinige sie hatte meinen Worten geglaubt und ihr Herz neigte sich mir
unwiderstehlich entgegen Sie sagte mir dass sie mich trösten wolle wenn sie
mich trösten könne dass sie mich gern für mein Unglück entschädigen wolle wenn
es in ihrer Gewalt stehe Die ganze Szene schloss sich in der Manier wie sie
angefangen hatte
Jetzt suchte ich sie nun immer mit den Augen wenn es möglich war sprach
ich sie allein im Garten da wir aber oft gehindert wurden suchte ich ihr ein
kleines Billet zuzustecken Es ward beantwortet wie ich gar nicht gehofft
hatte nun hatte ich die deutlichsten Proben ihrer Liebe Das Briefschreiben
ging fort und meine Schwermut machte dass ich ihr nie weniger interessant
erschien
Gestern war sie ganz allein im Garten ihr Bruder war ausgeritten um jemand
in der Nachbarschaft zu besuchen Es war gegen Abend und ich suchte sie auf
Wir gingen auf und ab und unser Gespräch ward immer hitziger und verwickelter
wir kamen zur Laube zurück der Mond schien und wir setzten uns auf die
Rasenbank nieder
Sie war sehr weich gestimmt und ich bemerkte die Tränen deutlich die
heimlich aus ihren Augen tröpfelten rasch umarmte ich sie und küsste ihre
Tränen weg dann fielen meine Lippen auf ihren zarten Mund Sie wusste nicht was
sie antworten sollte sie war völlig in meiner Gewalt davon war ich innig
überzeugt Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter und fing laut an zu weinen
dann umarmte sie mich freiwillig und drückte einen herzlichen Kuss auf meine
Lippen Ich liebte sie heftig in dieser Minute ich drückte sie an meine
Brust und unsere Seufzer begegneten sich Ungewiss war alles umher und in mir
ich wusste nicht ob ich Amalien oder sie oder Rosalinen in den Armen hielt
der ganze Sturm meiner Sinnlichkeit wachte in mir auf und entzündete sie
zugleich
Als sie wieder ihrer Sinne mächtig wurde wusste sie nicht ob sie mir
Vorwürfe machen oder ob sie weinen sollte Ich tröstete sie durch Küsse wir
gingen stumm Hand in Hand aus dem Garten am Eingange küsste ich sie noch einmal
dann ging sie fort
Ich ging im Mondlicht durch die dichtbelaubten Gänge jetzt fiel mir ein
dass sie mit dem jungen Wilmont so gut wie verlobt sei Ich wusste nicht sollte
ich lachen oder heiße brennende Tränen vergießen mein Mund zog sich zum
höhnischen Lächeln und große Tränen fielen aus meinen Augen
Ist das der Mensch und der edlere Mensch Was mag sie jetzt denken wenn
sie überlegt wohin sie von ihrer regen Empfindsamkeit geführt ist
Ich könnte meine Eitelkeit sehr nähren und mir einbilden sie liebe mich
ganz unbeschreiblich und nur diese grenzenlose Liebe habe den Fall ihrer Tugend
verursacht Aber die Schwäche des Menschen allein hat sie dorthin getrieben Und
wenn sie mich auch liebte wie könnt ich eitel darauf werden Denn was ist
Liebe Ein vorübergehendes dunkles Gefühl und ein Wort Sie liebt
vielleicht auf einige Tage den Begriff des Unglücklichen in mir und hasst mich
wenn sie mich näher kennenlernt
Burton bringt mich auf sooft ich ihn nur sehe schon mehr als einmal war
ich im Begriffe mich ihm zu entdecken um meiner Hitze nur freien Lauf zu
lassen aber bald bald muss ich ihn für das strafen was er gegen mich
verbrochen hat
Leben Sie wohl Da ich diesen Brief jetzt nicht gut fortschicken kann so
will ich ihn so lange liegen lassen bis Sie ihn zugleich mit einem zweiten
erhalten
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Wie soll ich diesen Brief anfangen mein Freund wie soll ich ihn endigen Noch
nie bin ich auf diese Art erschüttert gewesen noch nie so sehr aller meiner
Besinnung beraubt Ich sitze hier einsam auf meinem Zimmer und weine und bin
noch immer erstarrt Dass ich das erleben musste Haben Sie Geduld mit mir
ich kann mich noch immer nicht trösten
Seit einigen Tagen hatte ich einen armen Kranken in meinem Hause
aufgenommen der mich durch einen meiner Leute um eine Freistätte auf einige
Tage bitten ließ Man beschrieb ihn mir als so schwermütig und unglücklich dass
ich mich lebhaft für ihn interessierte
Ich ließ mir heute am Morgen wie gewöhnlich ein Glas Wein vom Bedienten
bringen er stellte es hin und ich wollte eben zu frühstücken anfangen als der
alte Willy plötzlich bleich und mit weinenden Augen hereinstürzte und mich
beschwur den Wein nicht anzurühren ich wusste nicht was ich sagen sollte und
Willy stand immer noch wie in einer Begeisterung vor mir
Ich fragte ihn endlich was ihm fehle ich glaubte er sei wahnsinnig
geworden er wollte nicht bestimmter antworten er zitterte am ganzen Körper er
stammelte und vermochte nicht ein Wort deutlich hervorzubringen In den Wein
ist etwas hineingeschüttet rief er endlich laut Ich weiß selbst nicht wie
mich die Verwirrung darauf brachte dass ich ihn fragte ob er es getan habe
Aber sein Zittern seine Angst seine bleiche Gestalt schienen mir ein solches
Geständnis vorzubereiten Da weinte der alte Mann und schluchzte laut sein
Gemüt ward durch diesen Argwohn noch verwirrter ehe ich es bemerkte fasste er
zitternd das Glas und trank es aus
Seine Kräfte verließen ihn er sank in einen Stuhl ich rief um Hilfe und
es währte nicht lange so offenbarten sich die Wirkungen des Giftes Er war fast
ohne Besinnung und wollte doch noch immer nicht sprechen sein Bruder warf sich
auf ihn und bedeckte ihn mit Tränen und Küssen alle weinten und drangen in
ihn dass er reden sollte Ich konnte bei diesem Anblicke meine Tränen nicht
zurückhalten ich konnte nicht begreifen wie sich das Rätsel auflösen würde
Wie von einer hohen Angst gedrückt rief er nun plötzlich den Namen Lovell aus
Ach und der Ton schnitt durch mein Herz er sagte seinem Bruder ein paar Worte
heimlich alle erstarrten jener fremde verstellte Kranke niemand anders als
Lovell war es er hatte den Wein vergiftet
Was ich in dieser Minute empfand kann ich nicht beschreiben Wie dürftig
ich mich plötzlich fühlte dass ich ein Mensch war Ach Mortimer es gibt
Stunden im Leben deren Hefen selbst das höchste Glück nicht aus dem Herzen
wieder wegspülen kann das fühle ich jetzt innig Mein ganzes künftiges Leben
ist durch diesen Augenblick krank geworden ein Pfeil ist in meine Brust
gedrungen den ich nicht wieder werde herausziehen können ohne zu verbluten
Es war schrecklich wie dem alten Willy jetzt seine zu rasche Tat gereute
wie er dann weinte und schluchzte weil er den Namen seines Herrn genannt hatte
und wie er wieder nicht leben wollte wie er sich freute dass er sterben müsste
weil sein Lovell die Bahn der Tugend so ganz verlassen habe Dann phantasierte
er wieder und war mit seinen Gedanken weit weg und kam nur wieder zu sich um
über Lovell von neuem zu weinen
Wie wenn ich aus einem Traume erwacht wäre so stand ich unter ihnen ich
konnte jetzt nicht an die Menschheit nicht an die Freundschaft glauben Ach
und mein Kopf schwindelt noch jetzt
Endlich verlangte der sterbende Willy seinen Herrn noch einmal zu sprechen
Man holte ihn Alles im Zimmer ging mit mir herum Ich sah wie Willy niedersank
sich auf seine Hand beugte und sie küsste er war es ich erkannte ihn und
taumelte aus dem Zimmer
Wie schwer mein Herz in mir pochte Mir ward leichter als die Tränen
endlich ausbrachen Aber ganz leicht wird mir nie wieder werden
Willy ist gestorben
Ich habe die Vorhänge heruntergelassen denn das Licht beleidigt meine
Augen Mein Kopf schmerzt heftig Ich fühle ein inniges Mitleiden mit mir
selber und doch möchte ich mich hassen und verabscheuen
Ist es denn möglich dass dies aus dem Menschen werden kann O Freund ich
möchte sterben In einzelnen Sekunden fühle ich eine selige Ruhe durch mein Herz
gehen und dies habe ich schon einigemal für den Anfang des Todesschlafes
gehalten
Aber ich muss mich ermannen Ich muss den ganzen Vorfall meiner schwachen
reizbaren Schwester zu verbergen suchen ich muss für Lovells Sicherheit bedacht
sein Wo werde ich den Mut hernehmen nur die Augen aufzuschlagen Aber es
muss sein
Leben Sie recht wohl lieber Freund Was ist so plötzlich aus mir und
meinem Hause geworden
Ach die arme Amalia Es ist wohl am besten Sie verschweigen ihr alles
wie soll ihr Herz das ertragen da schon das meinige bricht
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Mein Brief hat Sie gewiss recht sehr erschreckt auch Sie müssen trübe und
melancholisch sein da auch Sie sein Freund waren Jetzt bin ich etwas mehr
gesammelt ich habe ihn gesprochen und ich zwinge mich ruhiger zu sein
Ich ging auf sein Zimmer er war finster und in sich verschlossen er wollte
mich nicht ansehen So musst ich ihn nach so langer Zeit wiederfinden
Lovell rief ich unwillkürlich aus
Was verlangen Sie sagte er schwer und mit einem unterdrückten Tone
Es fiel eine dichte Scheidemauer zwischen uns Ich hatte ihn nicht so
erwartet Er war mir plötzlich ganz fremd geworden und ich konnte unmöglich
darauf kommen ihn um seine Absichten zu fragen und um die Gründe seiner
Verkleidung oder Niederträchtigkeit
Dies ist also der Mensch in welchem mein Geist den Bruder ehemals zu
entdecken glaubte diesem wollt ich mein ganzes Leben widmen
Er hat sich außerordentlich verändert er ist bleich und entstellt sein
Auge unruhig sein Blick starr ganz das Bild eines Menschen der mit sich
selber zerfallen ist
Willys Tod ist ruchtbar geworden und ich muss ihn noch in dieser Nacht
fortzuschaffen suchen um ihn den Gerichten und dem Gefängnisse zu entziehen
Wär es zu verwundern wenn ich in dieser Situation alle Besinnung verlöre
Ach ich sagte Ihnen ich wäre ruhiger ich bin bloß noch verwirrter und das
hat meinen scharfen Schmerz etwas abgestumpft
So ist meine Jugend wiedergekehrt so sind meine Träume in Erfüllung
gegangen Er sollte hier nahe bei mir in Waterhall wohnen wir wollten uns
täglich sehen wir wollten nur ein Leben genießen und gleichsam mit einer Seele
haushalten und nun Warum hat das Schicksal alles so umgeändert und mir
nichts gar nichts übriggelassen Wenn meine Augen noch weinen könnten würd
ich unaufhörlich weinen
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Er ist fort es ist Nacht und ich will Ihnen noch schreiben weil ich doch
nicht schlafen kann
Die Erde kommt mir vor wie ein dunkles Reich von Schatten wie ein
Traumland worin nichts wesentlich nichts beständig ist der Schein des Tages
ist ein betrügerisches Licht nur das Dunkel der Nacht ist die wahre Farbe
dieser düstern Kugel Wir sehen dunkle Schatten in der Ferne stehen und
nennen sie Freundschaft und Liebe als Fremdlinge ziehen sie vorüber und ein
schwärzeres Dunkel folgt ihnen nach Die Menschen sehen in dieser schwarzen
Nacht nur aus wie eine dichtere Finsternis kein Strahl in ihrem Herzen ach
kein Funke in ihrer Brust Dies Gefühl das mich jetzt durchdringt hatten gewiss
die Einsiedler die sich in schwarzen einsamen Wäldern anbauten und mit Felsen
und Bäumen die Gesellschaft der Menschen vertauschten Die stillste Einsamkeit
ist mir jetzt erwünscht der ferne Gesang der Nachtigall stört mein Gemüt das
Rauschen der Bäume tönt mir zu froh und heiter Ich glaube nicht dass ich ihn
wiedersehe und wenn ich seine Briefe noch einmal überlese so scheint es wie
ein goldener Traum in meine Seele hinein Alles Schöne und Poetische in der
Natur ist plötzlich für mich untergesunken ich sehe nur Tod und Verwesung ich
kann an keinen Edelsinn mehr glauben ja ich kann meinem eigenen Herzen nicht
vertrauen Die Blumen und Kräuter die Pflanzen von denen sich der Mensch
nährt kommen mir vor wie verführerische Winke wie bunte Nichtswürdigkeiten
die aus der finsteren kalten Erde ein boshafter Dämon emporstreckt um uns wie
Kinder zutraulich zu machen wir folgen nach argwöhnen nichts und werden so in
unser schwarzes enges Grab gelockt
Um Mitternacht eröffnete ich Lovells verschlossenes Zimmer Es war alles
still im Hause die Bedienten schliefen ich hatte die Schlüssel zu mir
gesteckt und eine Laterne angezündet Ich sagte ihm er solle mir folgen weil
er in meinem Hause nicht mehr sicher sei Er antwortete nichts sondern
betrachtete mich mit einem düstern Blicke und stand auf
Wir gingen über die schallenden Gänge und ich sah mich zuweilen nach ihm
um ein bleicher Schein meines Lichtes fiel auf sein Gesicht und entstellte es
auf eine wunderbare Weise Ich schloss das Haus auf und wieder hinter mir zu
Der Himmel war dick und schwarz rundumher bezogen
Wie im Traume ging ich mit ihm fort keiner von uns ließ einen Laut
vernehmen wie zwei Gespenster schlichen wir durch den Garten Es war mir
wunderbar als wir den Lauben und den Bänken vorübergingen wo ich so oft mit
ihm gesessen hatte die Bäume neigten sich wehmütig als wir unter ihren Wipfeln
hinweggingen Arm in Arm war ich sonst hier mit Lovell auf und ab gegangen
hier hatte sich uns mit Entzücken die Welt Shakespeares aufgeschlossen hier
hatte ich ihn am Morgen zuerst gesucht und noch der Abend traf uns in diesen
Gebüschen wenn die übrigen schon längst zu den Zimmern zurückgekehrt waren
hier hatte er mir sein ganzes Herz enthüllt und ich ihm das meinige oh und
nun gingen wir mit dicht verschleierten Seelen nebeneinander kein Mund öffnete
sich keine Hand streckte sich nach einem Drucke aus
Wir kamen an das Gartentor und ich benutzte diesen Stillstand um ihm
einige Wechsel in die Hand zu geben Ich hatte zum Glück eine große Summe in
meinem Besitz ich hoffe sie beträgt mehr als der Wert seiner Güter Er sagte
nichts sondern steckte die Brieftasche mechanisch ein Stillschweigend gingen
wir nun wieder den Fußsteig im Walde hinab die Laterne schoss nur einzelne
bleiche Strahlen durch die schwarze Nacht des Forstes alle Bäume sahen seltsam
aus In einzelnen Momenten grauste mir vor der Einsamkeit mein Herz zitterte
wenn ich mir wiederholte dass die Gestalt die neben mir gehe Lovell sei
So waren wir an die Grenze von Bondly gekommen Ich stand still er
ebenfalls Ich konnte ihn nicht ansehen und nicht sprechen und doch schien er
es zu erwarten dass ich ihm etwas sagen sollte Im Herzen arbeiteten tausend
Empfindungen durcheinander und ich wartete nur auf einen Laut von ihm ach um
ihm um den Hals zu fallen um zu weinen und ihm alles zu vergeben Aber er
blieb stumm und jedes Wort blieb in meiner Brust zurückgedrängt Wir standen
immer noch still und die Zeit schien mit uns stillzustehen und nur auf den
ersten Ausbruch der Angst zu warten um alles in einem rascheren Laufe wieder
einzuholen
Hier muss ich zurückgehen sagte ich endlich mit schwacher Stimme und wandte
mich um Es war als wenn sich die ganze Welt und mein eigenes Herz von mir
abwendete und ich stand wieder und sah nach dem stummen tief in sich
versunkenen Lovell hin Der Bruder des Missetäters kann in der Stunde der
Hinrichtung nicht mehr empfinden als ich jetzt fühlte
Er redete immer nicht und es ging plötzlich wie ein eiskalter Wind durch
das Innerste meines Herzens ich hasste ihn jetzt nicht aber ich wendete mich
gleichgültig um und ging einige Schritte in den Wald zurück Das Licht war
heruntergebrannt und die Laterne erlosch ich hörte seinen Fußtritt der sich
von mir entfernte Dickes Dunkel war umher und der glimmende Docht beleuchtete
nur auf einen Augenblick noch eine kleine grüne Stelle auf dem Boden
Oh jetzt hätt ich ihn gegenüber haben mögen ich hätte ihn mit Tränen und
Küssen erstickt Sein Schritt tönte schon viel schwächer ach ich sehe ihn
nicht wieder sagte ich zu mir selber und die Tränen rannen heiß und
dichtgedrängt über meine Wangen Ich sehe ihn nicht wieder und es ist Lovell
Ich wollte ihm nach und stieß an einen Baum ich sank zur Erde und rief so
laut als ich konnte von gewaltigem Schluchzen unterbrochen Lebe wohl recht
wohl Ich weiß nicht ob er mich gehört ob er es verstanden hat
Ich lag auf der feuchten Erde und streckte mich ganz aus ich verbarg mein
heißes Gesicht in dem nassen Grase
Kalt und ohne Besinnung suchte ich dann den Rückweg Wie ein großes eisernes
Gefängnis hing der dunkle Himmel um mich her
In meinem Zimmer sitze ich nun hier und die Morgenröte bricht schon hervor
Lovell sieht sie jetzt auch und unsere trüben Gedanken begegnen sich
vielleicht
Ach Freund mich quält eine gewaltige Unruhe habe ich nicht dem Armen zu
viel getan Bin ich nicht verführt worden schon seinen letzten Brief an mich
zu ernstaft zu nehmen Warum habe ich ihn nicht so wie die vorigen
beantwortet Alles wäre dann vielleicht anders geworden Oh es war unrecht
es war schlecht Mortimer wenn Sie aufrichtig sind Ich bin nun schuld an
Lovells Verzweiflung und an seinem Unglücke ich verdiene seinen Hass und seine
Verachtung und das war es auch warum er nicht mit mir sprechen wollte Oh
wenn ich nur einen Händedruck von ihm mitgenommen hätte so könnte ich mich doch
zufriedengeben
Jetzt geht er nun einsam auf dem kalten Felde und weicht den
Menschengesichtern aus und ich bin die Ursache dass er sich vor ihnen fürchtet
Sein Eduard der Freund seiner Kindheit ist von ihm abgefallen jedes
Menschen Auge kündiget ihm nun Krieg an Wohin soll ich mich vor mir selbst
verbergen
Wenn er nur gesagt hätte Eduard lebe wohl oh so hätt ich doch die
Hoffnung dass er mir vielleicht vergeben habe Aber ich scheuchte ihn mit
meiner Harterzigkeit zurück
Wie soll ich künftig einem fühlenden Menschen unter die Augen treten Ach
wie sehr bin ich in mir selber gedemütigt Ich kann nicht weiter mein Körper
zittert ich will mich schlafen legen Leben Sie recht wohl lieber Mortimer
verachten Sie mich nicht und stoßen Sie mich nicht zurück ich will besser
werden ich verspreche es Ihnen
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Sie werden von meinen Briefen bestürmt lieber Mortimer Man weckt mich eben
mit einer schrecklichen Nachricht auf Emilie wird vermisst
Ein Schlag trifft nach dem andern mein Herz Wo kann sie sein Sie wird
allenthalben gesucht und ich sitze hier und zittre in banger Erwartung
Noch keine Nachricht noch keine Spur Man geht auf dem Gange Nein Sie ist
es nicht Gott wo kann sie sein Sie kann nicht fort sein und doch ist sie
nicht da und es ist schon spät nach Mittag
Ich will sie selbst suchen Aber vielleicht ist sie nur im Garten
spazierengegangen vielleicht hat sie im Dorfe eine arme Familie besucht
Willy wird soeben begraben wenn sie nur von dem ganzen Vorfalle nichts
erfahren hat
Wie mein Herz klopft Mein Blut drängt sich gewaltig nach meinen Augen
Noch keine Nachricht Sie ist nicht im Garten sie ist nicht im Dorfe
Ich bin auf ihrem Zimmer gewesen und das Rätsel hat sich nun auf eine
schreckliche Art aufgelöst In eben dieser Nacht in der ich um Lovell klagte
ist sie entflohn und mit ihm entflohn Können Sie es glauben können Sies nur
denken Alle Begriffe in meinem Kopfe verwirren sich Beide waren
einverstanden O Lovell Nun hast du meinem Herzen den letzten Stoß gegeben
Ich lege Ihnen den unvollendeten Brief bei den sie an ihre Freundin
geschrieben hat Sie tun wohl am besten ihn Ihrer Gattin nicht in die Hände
zu geben Hätt ich ihn selber nicht gelesen
Oh ich beschwöre Sie eilen Sie wenn sie irgend etwas von meiner
unglücklichen Schwester hören eilen Sie sie zu retten
Nun bin ich ganz einsam nun ist mir nichts übriggeblieben und ich habe nun
wenigstens den Trost dass ich nichts mehr verlieren kann
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Einlage des vorigen Briefes Emilie Burton an Amalie
Bondly
Endlich endlich muss ich es Ihnen bekennen dass jener Unbekannte von dem ich
sprach Lovell ist Sie werden erschrecken Sie werden bei dem Namen zittern
Oh Amalie Sie haben ihn nie gekannt Sie haben sein Herz nie genug gewürdiget
Wie wäre es möglich gewesen dass ich seinen Tränen seinen Klagen hätte
widerstehen können Sein Jammer hat mein Herz getroffen und nein Amalie ich
kann mir keine Vorwürfe darüber machen
Ach der Arme er ist von der ganzen Welt verstoßen und höhnisch von jedem
Herzen zurückgewiesen er sieht sich um ob sich nicht noch irgendwo ihm eine
Seele wohlwollend entgegenneigt und nirgends nirgends Ohne Freunde ohne
Liebe muss er seinen Kummer tragen ja ich habe mein Glück dem seinigen
aufgeopfert ich will ihm folgen und seine harten Schicksale mit ihm teilen
Mein Bruder hat kein Herz da er ihn so unbarmherzig verstoßen kann ich bin die
einzige in der Welt die ihn liebt die einzige die ihn wieder mit der Welt und
den Menschen versöhnen wird Ist mein ganzes Leben nicht verdienstlich genug
wenn ich diese eine Seele von der Verzweiflung gerettet habe
In dieser Nacht fliehe ich mit ihm fort ich folge ihm wohin er mich führt
Der Wagen hält eine Meile von hier im Walde um ein Uhr bin ich dort Ich kann
von meinem Bruder nicht Abschied nehmen
Meinetwegen war er hier in Bondly ungekannt gleich am zweiten Tage
entdeckte er sich mir Er gehört mir nur einzig an und niemand weiter in der
Welt so wie ich allein die Seinige bin
Und wenn ich ihn auch nicht liebte so würd ich ihm doch folgen so innig
hat er mich erschüttert so sehr bin ich von seinen schweren Leiden
durchdrungen Ich würde ihm meine Gegenliebe heucheln bloß um ihn wieder zu
trösten mit Freuden würde ich mein eigenes Herz aufopfern bloß um das seinige
zu retten
Sie werden mich eine Schwärmerin nennen aber glauben Sie mir ich kann
nicht anders Wenn er fort ist was sollt ich dann noch hier bei meinem Bruder
im einsamen Schloss Nein ich muss ihm folgen auch wenn ich nicht wollte
Grüssen Sie Ihren Bruder Ich weiß nicht was er sagen wird aber ich kann
meinem Schicksale nicht entgegenhandeln Jeder muss nach seiner Überzeugung
leben und ich fühle in mir dass ich recht tue Ich fürchte Karls Hitze
suchen Sie ihn daher zu beruhigen wenn es irgend möglich ist Er hat mich nie
recht herzlich geliebt das habe ich immer sehr deutlich empfunden so wenig wie
ich ihn lieben konnte
Wie in der Zukunft alles werden wird kann ich jetzt nicht wissen aber in
diesem Augenblicke kümmert es mich wenig
Ich hätte Ihnen noch mehr zu sagen aber die Zeit wird zu kurz grüßen Sie
Mortimer entschuldigen Sie mich bei den harten Menschen die mich verdammen
und bleiben Sie immer meine Freundin
Ihrem Bruder sagen Sie er soll mich vergessen und es wird auch geschehen
Sie selbst liebste Freundin
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William Lovell an Rosa
Nottingham
Wie mögen Sie in Rom und Tivoli leben Ich denke kaum noch an meine Existenz so
bunt und verworren wirft sich alles übereinander Ich fange Zufälle und
Begebenheiten auf ohne zu wissen was ich mit ihnen tun soll
Wenn ich aus meinem Herzen nur den innigen Widerwillen fortschaffen könnte
mit dem ich jede menschliche Gestalt betrachte wenn ich den Neid unterdrücken
könnte gegen jedermann der lächelt und froh ist Warum müssen sich Tausende
unter den nichtswürdigen Menschen glücklich fühlen und nur ich allein bin in
mir selbst zu Boden getreten
Sie sehen aus der Überschrift dass ich nicht mehr in Bondly bin alles ist
misslungen ich bin in Verzweiflung Eduard hat triumphiert und ich bin besiegt
Doch nein ich habe mich wenigstens an ihm gerächt
Als ich in Bondly war erwachte alles in mir wie er die Güter meines Vaters
gewiss auf eine unrechtmässige Weise besitze wie mir nun nichts übrig sei als
das unbedeutende Waterhall und das armselige Kensea Der Hass stand verdoppelt in
meiner Brust auf wenn ich bedachte dass dies derselbe Mensch sei der immer so
viel über Edelmut und Tugend geschwatzt habe Es kam mir von neuem in den Sinn
wie mir von je alle Plane misslangen wie der heimtückische Mortimer mir nun
Amalien entrissen hat wie sie selbst mich so schnell vergessen konnte der
Eigensinn meines Vaters die Niederträchtigkeit des alten Burton o alles kam
so frisch und neu in meine Seele dass ich mit den Zähnen knirschte dass ich
wütend daran dachte wie armselig es um mein eigenes Herz aussehe dass ich mir
zürnend vornahm mich endlich zu rächen Bosheit gegen Bosheit zu setzen und
durch einen großen Streich dem Kriege ein Ende zu machen Wir können nichts
anders tun als siegen oder besiegt werden die sogenannte Tugend ist nur
Geschwätz und besteht meistenteils in Trägheit oder Einfalt bei den andern ist
sie erzwungen oder hängt mit ihrem Vorteile zusammen sie ist ebensogut ein
Gewerbe wie irgendein anderes
Meine Liebschaft mit der abgeschmackten Emilie ging indessen immer ihren
Gang fort Durch meine zerstörte Zufriedenheit bin ich nun wenigstens manchem
aberwitzigen Mädchen interessant wahrlich bei jedem Verlust ist doch immer
noch irgendein Gewinn
Nach jenem Abend von dem ich Ihnen neulich erzählte wusste sie nicht recht
wie sie sich mit mir nehmen solle ihre Empfindsamkeit war etwas gestört und
ihr eigentliches Gefühl mehr in Bewegung gebracht Aber sie empfand es jetzt
dass sie mir einzig angehöre sie war leicht dahin zu bereden dass sie mit mir
entfliehen wolle ja sie war auf dem Wege es mir selber anzutragen wenn ich es
nicht getan hätte Tag und Stunde ward festgesetzt und sie war mit ihrem Plane
und ihrer hohen Aufopferung außerordentlich zufrieden
Ich glaubte schon in jeder Rücksicht sicher zu sein und dennoch hatte mich
ein Mensch im Schloss erkannt mein alter Bedienter Willy Ohne dass ich es
merkte war er auf alle meine Bewegungen sehr aufmerksam er beobachtete mich
beständig und seine Blicke waren mir oft ängstlich Die Liebe dieses Menschen
hat mich von je verfolgt und jetzt hat sie mich elend ja unsinnig gemacht Ich
hasste Eduard aus dem tiefsten Herzen und dachte dabei unaufhörlich an meine
Aufträge unbemerkt wie ich glaubte schüttete ich an einem Morgen ein feines
Gift in ein Glas mit Wein um mich so zu rächen und alles wieder gutzumachen
Bald darauf entsteht ein gewaltig Gelaufe im Hause Türen werden
zugeschlagen man schreit laut nach Hilfe ich werde endlich mit Gewalt von
meinem Zimmer heruntergeschleppt und Willy hat mich bemerkt Eduard gewarnt
und endlich in einer Art von Verrückung und um zu beweisen dass er recht habe
selbst den Wein getrunken Er war schon halb ohne Bewusstsein das Gift wirkte
auf den alten schwachen Körper unmittelbar das in dem stärkeren jugendlichern
erst nach einigen Wochen seine Folgen gezeigt hätte Willy küsste meine Hände
weinte und klagte ich war völlig betäubt Er sank zu meinen Füßen nieder und
beschwur mich auf meine Seligkeit bedacht zu sein Ich wusste nicht was ich
sagen sollte und ward endlich gerührt Ich weinte laut und mir war zumute wie
einem Kinde Willys Bruder konnte sich über dessen Tod gar nicht
zufriedengeben er heulte laut und die Bedienten weinten mit ihm Das ganze
Zimmer ertönte vom Klaggeschrei Eduard war nicht zugegen
Aber bald versiegten meine Tränen ein kalter Hass ging durch mein Herz und
durch meine ganze Brust ich sah mich mit gleichgültigem Auge um ob nicht in
jedem Winkel eine Furie stände mit Schlangen in den Haaren Ich wünschte sie
alle herbei und ich hätte mich vor keiner entsetzt Ich berechnete jetzt wie
lange der Schmerz wohl noch in allen diesen Menschen kämpfen würde und es war
interessant zu beobachten wie nach und nach die gewöhnliche Trägheit zu jedem
zurückkehrte Sie erschienen mir nun wie unbeholfene Maschinen die an groben
Fäden bewegt werden sie drehen die verschiedenen Gliedmaßen nach
vorgeschriebenen Regeln und setzen sich dann wieder in Ruhe Keiner schien mir
lebendig und ich ging kalt auf mein Zimmer zurück und konnte mich gar nicht
davon überzeugen dass Willy gestorben sei
Und was ist denn das Leben und was ist es denn mehr wenn einer von ihnen
sich um einige Tage früher in die Erde legt Rafft Krieg und Pest nicht Tausende
hinweg Werden nicht Tausende Schlachtopfer ihrer Leidenschaften Und wenn ich
unversehends die Hand ausstrecke und plötzlich einer zu Boden stürzt das sollte
mich kümmern und mir Ruhe und Schlaf rauben Man sollte gar nichts in der Welt
ernstaft nehmen Eine schreckliche Seuche kommt mir vor wie ein ungeschickter
Spieler der unter dem Spiele die Schachfiguren mit dem Ärmel
durcheinanderwirft Man kann nur darüber lachen
Am andern Tage kam Eduard auf mein Zimmer O wie verhasst war mir seine
kalte philosophische Miene der mitleidige Blick mit dem er mich von oben
herab betrachtete Wie zerreißen die Menschen unser Herz die sich für edel und
vollendet halten und nie etwas erfahren und gelitten haben die in ihrer sichern
Landheimat von den Wogen und Stürmen des Meers von Schiffbruch und
schrecklichen Gefahren wie von Fabeln reden hören und lächelnd den Kopf
schütteln Welche Geduld ist hier eisern genug um nicht zu brechen Man
möchte bei einem solchen Anblicke rasend werden
O ihr Sichern und Überzeugten ihr richtet und wisst nicht was ihr tut
Ihr würfelt mit plumpen Händen darum was ihr gut und was ihr böse nennen wollt
ihr seid kalte und alberne Zuschauer die eine Tragödie in einer Sprache spielen
sehen die sie nicht verstehen und die sich nur zunicken und bedeutende Winke
geben um einer vor dem andern seine Unwissenheit zu verbergen
Eduard sprach nur wenig mit mir er spielte den gnädigen Herrn es war mir
lieb dass er bald ging Er verdiente nicht dass ich ihm antwortete und er
bemerkte es recht gut wie sehr ich ihn verachtete
Es nahte sich die Nacht in der ich mit Emilien entfliehen wollte Ich war
eben im Begriffe aus dem Fenster zu klettern als sich die Türe eröffnete und
Burton mit einer kleinen Laterne hereintrat Er sagte mir ich solle ihm folgen
weil ich in seinem Hause nicht mehr sicher sei Wir gingen stillschweigend durch
den Garten und er gab mir Papiere die wie ich nachher gesehen habe viele sehr
ansehnliche Wechsel waren Hinter dem Garten liegt ein Wald und wir gingen auf
einem schmalen gewundenen Fusssteige Ich wartete immer darauf dass Burton
sprechen solle aber er war heimtückisch und still In meinem Innern war ich
dürr und ausgestorben und aus einer gewissen Furcht hätt ich ein paarmal die
Stille beinahe durch ein lautes Gelächter unterbrochen
Wir standen endlich still Wir schwiegen und wie drückende Gewitterluft
ängstigten mich diese Minuten Ich suchte nach Gedanken um das Grässliche das
darin lag zu verscheuchen ich wollte fort und verzögerte dann gern wieder
den Moment der Trennung es war eine von jenen seltsamen Pausen in denen die
Seele unschlüssig ist ob sie über den Körper gebieten soll in denen sie an
ihrem Willen zweifelt und sich an der trägen Maschine nicht auf eine bedenkliche
Probe stellen will
Durch ein paar Worte unterbrach Eduard das Stillschweigen und ging zurück
er kehrte wieder um als wenn er etwas vergessen hätte dann ging er wieder und
eine große Träne presste sich in mein Auge eine Angst drängte fürchterlich aus
der Brust zur Kehle hinauf mir war als wenn ich ersticken sollte Ich ging
einige Schritte und suchte durch meinen lauten Gang mein Schluchzen zu
übertönen Ich sah zurück er hatte die Laterne schon ausgelöscht damit ich
ihn nur desto früher aus dem Gesichte verlieren möchte
Was empfand ich in diesem Augenblicke Rosa Sie können es nicht
begreifen Ich habe ihn noch vor einigen Jahren so innig geliebt ich glaubte
damals dass es ihm eine Kleinigkeit sei sein Leben für mich zu versprützen
und jetzt in dieser Stunde meines Lebens in der er wusste dass er mich nie
wiedersehen würde jetzt ließ er mich gehen ohne ein Wort zum Abschiede zu
sagen ohne meine Hand zu nehmen ohne ein Lebewohl Ich habe ihm so oft die
Hand gedrückt ohne dass er es verdiente er hätte es ja wohl auch jetzt tun
können und wenn es auch nur Verstellung gewesen wäre
Doch besser dass es nicht geschehen ist Ich war zu weich hätt er nur ein
gutes Wort gesagt so wär ich ihm an die Brust gestürzt und hätte ihm alles
bekannt ich wäre wieder in meine Kindheit zurückgesunken ich hätte alle meine
Erfahrungen abgeschworen ich hätte ihm die Flucht Emiliens und alles entdeckt
ich wäre in der gewaltigen Rührung vielleicht zugrunde gegangen Er verdiente es
nicht wie sehr ich ihn liebte alles kam mir zurück was er mir einst gewesen
war und was ich von ihm gehofft hatte es war mir als wenn er mich riefe und
ich stand stille und wollte umkehren aber es war nur der Schall des Windes im
Forste
Ich wusste immer noch nicht ob ich nicht dennoch zurückgehen sollte je
weiter ich fortschritt je ängstlicher klopfte mein Herz ach und er hat sich
nicht nach mir umgesehen er hat nicht weiter an mich gedacht
Ich war zweifelhaft ob ich nach dem Orte hingehen sollte wo Emilie auf
mich wartete Alles war mir jetzt zuwider Ich hätte mich niederwerfen mögen
und weinen und sterben Aber mein Hass kehrte endlich zurück Sonderbar dass er
mich selbst auf den Weg nach Emilien hatte bringen müssen den ich ohne ihn in
der finsteren Nacht vielleicht verfehlt hätte Sie hatte schon seit einer
halben Stunde ängstlich auf mich gewartet ich setzte mich in den Wagen und wir
fuhren davon
Emilie hielt mich fest in ihren Armen der Wind ging scharf und ein feiner
Regen trieb in den halboffenen Wagen hinein Meine Lebensgeister waren
erschöpft ich schlief ein und erwachte nur als sich ein blasses Morgenrot am
Himmel heraufzog
Wie nüchtern kam mir die ganze Welt mit ihren Bergen Wäldern und Menschen
entgegen Ich hatte angenehm geträumt und die wirkliche Natur stand schroff und
unbeholfen vor mir da Emilie neben mir mit ihrer affektierten hochbetrübten
Miene Wie ein bettelhaftes Winkelteater kam mir die ganze Welt vor oh ich
hätte aus ihr entlaufen mögen Und was würde mich noch auf dieser trüben
Dunstkugel zurückhalten wenn es nicht die Hoffnung wäre Sie Andrea und meine
übrigen Freunde bald wiederzusehen mich der unbekannten geheimnisvollen Welt
noch mehr zu nähern und als der Schüler einer höheren Weisheit mit Recht jede
irdische verachten zu können
Ich bin mit Burtons Schwester unter fremden Namen hiehergereiset und ich
merke es sehr deutlich dass sie es sich selber nicht gestehen will dass sie sich
nicht mehr so sehr für mich interessieret Natürlicherweise weil es
wahrscheinlich ja gewiss ist dass ich gegen sie kälter geworden bin
Leben Sie wohl Sie werden diesen Brief mit einem frühern zu gleicher Zeit
erhalten
22
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Wie ich mich jetzt hier einsam fühle lieber Mortimer kann ich Ihnen nicht
beschreiben Ich gehe oft noch in Gedanken nach dem Zimmer meiner Schwester um
sie dort anzutreffen ich suche sie im Garten auf und weine Ich fühle jetzt
nicht mehr recht deutlich warum ich lebe denn alle Wesen die mit mir in so
naher Beziehung standen sind mir entrissen Sollte ich auch meine Schwester
niemals wiedersehen Wenn ich nur wüsste wo ich sie suchen sollte wenn nur
nicht ein Fieber meinen Körper erschöpft hätte Und dann ist es ja ihr Wille
gewesen mich zu verlassen
Oh wie vielen Menschen habe ich Unrecht getan War ich durch ein
kränkendes menschenfeindliches Misstrauen nicht Ursache dass der arme
geängstete Willy nach dem Gifte griff um mich von seiner Unschuld zu
überzeugen Ich habe seitdem oft an den alten frommen Mann gedacht und ich kann
mich recht in seine Seele versetzen halb wahnsinnig aus Gram über Lovell den
er so innig liebte in der schrecklichsten Verlegenheit mich zu warnen und
doch seinen Herrn nicht zu verraten überrascht und erschreckt durch meinen
Argwohn von allen Seiten gedrängt greift er zerstreut und unwillkürlich nach
dem Tode um nur seinem Leben ein Ende und seine Unschuld deutlich zu machen
Hätt ich ihm nicht mit Liebe entgegengehen sollen um seinen Jammer zu lindern
Ach Mortimer ich war es der ihm die schrecklichste Minute seines Daseins
erleben ließ ich war schuld an seinem Tode
Hab ich nicht durch eigne Schuld Lovells Seele verloren Konnt ich ihn nicht
vielleicht mir und sich selber wiedergeben Ich war gespannt und mein Schmerz
hatte mich so weit überwältigt dass ich unmenschlich war Durch meine Kälte habe
ich meine Schwester von hier vertrieben kein Mensch liebt mich keiner fragt
nach mir alle fliehen weit von mir weg um mich nur aus dem Gesichte zu
verlieren
Nein Mortimer ich will mich nie wieder so überraschen lassen Ich will
alle Menschen ohne irgendeine Ausnahme lieben und mir so ihre Gegenliebe
verdienen Ach wenn auch Schwächen und Gebrechen an ihnen sichtbar sind sie
sollen mich dadurch nicht wieder zurückstossen denn eben das sind ihre
Kennzeichen dass sie Menschen und meine Brüder sind Warum wollen wir denn auch
immer die Bessern und die Schlechtern voneinander sondern Können wir es mit
diesen schwachen irdischen Augen Wenn wir sie alle lieben so tun wir keinem
Unrecht Müssen sie nicht alle in einer kurzen Zeit sterben und in Staub
zerfallen Wir sollten uns beständig in acht nehmen keines dieser gebrechlichen
Gebilde zu verletzen Mögen sie doch lachen und uns hassen und verfolgen oh
ich will lieber von Tausenden betrogen werden als einem Unrecht tun
Könnt ich nur alles wieder gutmachen Aber Lovell ist fort und es ist zu
spät Wir können unsere Übereilungen gewöhnlich nur bereuen und eben das
sollte uns bewegen uns mehr vor ihnen in acht zu nehmen
23
William Lovell an Rosa
London
Ich bin wieder hier auf dem großen Tummelplatze einer dichtgedrängten
geräuschvollen Welt Ich konnte unmöglich länger in Emiliens Gesellschaft
bleiben die mir mit ihrer aufdringlichen Liebe alle Laune verdarb Sie ist
noch in Nottingham und ich habe bei ihr eine notwendige Reise nach einer der
nächsten Städte vorgegeben Wenn sie erfährt dass ich nicht dort bin mag sie zu
ihrem Bruder zurückkehren
Der Hass und die Liebe der Menschen ist mir jetzt in einem gleich hohen Grade
zuwider es soll sich keiner um mich kümmern so wie ich nach keinem zurücksehe
um ihn mit einem freundlichen oder verdrießlichen Gesichte zu betrachten Für
mich gibt es nichts Widrigers als das Aufdringen der Menschen um mir ihre
Freundschaft ihre Liebe zu schenken es sind Narren die nicht wissen was sie
mit sich selber machen sollen und daher andere Narren nötig haben um mit ihnen
aus Langeweile zu sympatisieren Wie verächtlich ist die kindische
Empfindsamkeit einer Emilie die gleichsam seit Jahren darauf gewartet hat um
ihre tragische Aufopferung an den Mann zu bringen Sollte ich nun ein so großer
Tor sein und ihre teatralische Affektation für Ernst nehmen und mich wunder
wie sehr gerührt fühlen Man kann wirklich etwas Besseres tun als jede
Narrheit der Menschen mitmachen und der ist der verächtlichste Tor der diese
Narrheiten abgeschmackt findet und sich dennoch scheut sie als Kindereien zu
behandeln Sie weint jetzt vielleicht und bald trocknet sie aus Langeweile ihre
Tränen dann ist sie böse auf mich dann schämt sie sich vor sich selber und
dann hat sie mich vergessen
Dass sie sich selbst auf einige Zeit ihr häusliches Glück zerstört hat ist
ihre eigene Schuld dass sie sich nach dem Übereinkommen jetzt vor manchen
Menschen schämen muss kann mir zu keinem Vorwurfe gereichen Ich übte eine Rolle
an ihr und sie kam mir mit einer andern entgegen wir spielten mit vielem
Ernste die Komposition eines schlechten Dichters und jetzt tut es uns wieder
leid dass wir die Zeit so verdorben haben
Ich bin indessen durch Kensea gereist den Ort wo ich jetzt eigentlich
wohnen sollte Ein altes gotisches Gebäude steht hier in einer wüsten waldigen
Gegend der Garten ist verwildert alle Bedienten sehen aus wie Barbaren das
ganze Haus hat ein kaltes unbequemes Ansehen viele Fenster sind zerschlagen
die eine Mauer hat Risse Oh mit welchem Widerwillen habe ich alles
betrachtet Hier sollt ich leben in einer dunkeln langweiligen drückenden
Einsamkeit Von der ganzen Welt abgerissen wie ein vertriebener Bettler
einer scheuen Eule gleich die vor dem lästigen Tageslichte endlich einen
düstern Schlupfwinkel findet Nein die ganze weite Welt steht mir freundlich
offen und ich kehre dem einsiedlerischen Schloss verächtlich den Rücken So
wie ich hier leben würde kann ich es allenthalben und in einem fremden Lande
unter einem andern Klima würde mich selbst Sklaverei so hart nicht drücken als
das Leben hier
Ich bin hier in London unter dem bunten Gewühle ich spiele und mache
ansehnliche Gewinste Dies rasche und doch ungewisse Leben in dem die
Leidenschaften unaufhörlich in Bewegung gesetzt sind hat einen großen Reiz für
mich Und welche lehrreiche Schule um hier die Menschen erst völlig verachten
zu lernen Wie der niedrigste Eigennutz die kleinsten Begierden sich in den
Gesichtern so hart und widrig abspiegeln Wie jeder nur alles für sich hinraffen
möchte und dem Verlust und der Verzweiflung seines Nachbars gelassen zusieht
Ich bin schon einigemal schwach genug gewesen meinen Gewinst wieder
zurückzugeben um nur die Mienen der Niederträchtigen die mir so unausstehlich
waren wieder aufzuheitern Dann nennt man mich großmütig und edel Oh es ist
um toll zu werden
Lange werde ich es unter diesen Menschen nicht mehr aushalten ich muss zu
Ihnen zurück Ich sehe Italien jetzt als mein Vaterland an denn Andrea ist
dort Ich erstaune oft mich hier unter diesen gemeinen Menschen zu finden wenn
ich an die wunderbare Welt denke mit der er mich vertraut machte Ich kann
Ihnen die Empfindung nicht beschreiben die mich zuweilen schon mitten in einem
Gespräche befallen hat wenn ich plötzlich daran dachte dass ich sonst mit
Andrea gesprochen hatte In diesen Augenblicken fühle ich mich hier ganz am
unrechten Orte ich fühle eine Sehnsucht fortzugehn dass ich mich dann nicht zu
lassen weiß Ich möchte oft alle wunderbaren Phantome herbeirufen die mir dort
vorübergingen ich möchte mich in die grauenvolle Nacht hinuntertauchen aus der
die Schauder emporsteigen die so gewaltig das schwache menschliche Herz
ergreifen und es beinahe zerdrücken Oh wenn doch die Zeit erst wieder da wäre
in der meine ungeduldige Brust völlig mit Wundern gesättiget würde in der ich
völlig die Erde und ihre Menschen und auch mich selbst vergessen könnte
24
Emilie Burton an William Lovell
Nottingham
Lieber Lovell Sie halten nicht Wort Sie sind nun schon sechs Tage länger
ausgeblieben als Sie mir bei Ihrer Abreise versprochen hatten O sechs ewig
lange Tage und heute ist es schon der siebente Gott wenn Sie nicht gezählt
hätten wenn Ihnen die Tage nicht so lang wie mir erschienen wären
Ach nein William so lang können sie Ihnen nicht geworden sein aber das
kann und will ich auch nicht verlangen denn mir war als wenn die Zeit indessen
stillstände und mir langsam und bedächtig einen Tropfen ihres Schmerzes nach dem
andern auf das Herz fallen ließe Ich habe viel unterdes gelitten und ich
fürchte dass ich krank werde Mein Kopf ist in Verwirrung und alle meine Glieder
zittern
Ach Lovell kehre schnell schnell zurück Ich weiß mich in der Einsamkeit
nicht zu lassen ach ich bedarf Deiner Hilfe in mehr als einer Rücksicht Du
weißt dass ich kein Vermögen mitnehmen konnte und das wenige das ich hatte
ist fort Was soll ich anfangen wenn Du noch länger ausbleibst Aber nein Du
kommst Du bist nicht grausam Du bist nicht leichtsinnig und beides müsstest Du
sein wenn Dich meine Bitte nicht rührte
Ich werde hier auf das benachbarte Dorf ziehen das uns beiden auf der Reise
hieher so sehr gefiel dort wirst Du mich antreffen
Mein Brief wird Dich doch finden Es wäre ein Unglück wenn Du nicht grade
da wärest und er müsste einen Tag oder noch länger liegenbleiben Lovell ich
würde untröstlich sein
Ich habe schlimm geträumet denn es war mir im Schlafe als habest Du mich
verlassen und ich hörte Dich ganz deutlich über meine Schwäche und meine Liebe
lachen Da tat sich die ganze Welt wie ein Gefängnis eng und immer enger über
mir zusammen alles Helle wurde dunkel die ganze Zukunft war schwarz und ohne
Morgenrot Aber nein Du liebst mich nicht wahr Lovell Oh die Träume
werden uns nur geschickt um unser armes Leben zu ängstigen schon von Kindheit
auf haben sie mich dadurch gequält dass sie mir alles als nichtig und
verächtlich zeigten was ich so innig liebte Ich will mich dadurch nicht
irremachen lassen
Aber warum bist Du noch nicht gekommen O Lovell wenn Dir meine Liebe zur
Last gefallen wäre Mir fällt jetzt so manches ein was ich wohl ehedem in
Büchern gelesen und nachher wieder vergessen habe Oh es wäre schrecklich
Aber wie könnte Liebe und Wohlwollen Dich ängstigen wie könntest Du es
vergessen dass ich Dir alles aufgeopfert habe Ach nein wär es möglich o so
würd ich wünschen dass ich dann auch alles vergessen könnte
Du siehst wie schwermütig ich geworden bin das macht bloß die Einsamkeit
und weil ich Dich nicht sprechen höre Du hast mir Deine Liebe aufgedrungen und
jetzt solltest Du mich vergessen Ich habe um Dich Tage und Nächte hindurch
geweint und Du solltest jetzt nicht kommen um meine Tränen zu trocknen
Nein es ist nicht möglich wenn ich daran glauben könnte o so wäre mir besser
ich wäre nie geboren worden
Meine Schwachheit nimmt zu ich fühle mich sehr krank glaube ja nicht
William dass ich übertreibe komm ja sogleich und findest Du mich denn
vielleicht etwas besser als Du glaubtest so sei nur ohne dass ich es sage
überzeugt dass mich die Hoffnung Dich wiederzusehn stärker machte
25
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly
Himmel was habe ich hier erfahren müssen Unbefangen reist ich von London
hieher weil es mir dort keine Ruhe mehr ließ und nun bin ich hier o Mortimer
nicht wie im Traum und doch nicht wie wachend mit kochendem Herzen und ohne
Besinnung entschlossen etwas zu tun und doch nicht wissend was O der
schönen Reise meiner Aussichten meines Glücks
Kann ich Worte finden um Dir zu sagen was ich denke und fühle Ich bin
bis jetzt wie ein Kind durch die Welt gegangen und ich nehme nun mit Entsetzen
wahr dass sie weit seltsamer weit abgeschmackter und weit unglückseliger ist
als ich geglaubt hatte O ich möchte mir den Kopf an einen Baum zerstossen ich
möchte mich selbst zerreißen dass es so und nicht anders ist Wer konnte nun
diesen Schlag erwarten Hab ich hierbei irgend etwas verschuldet Eine
unsichtbare Gewalt greift nach meinem Herzen und zerquetscht es und ich kann
nichts weiter tun als an der Wunde sterben
Mit meinen Geschäften hat es nun von selbst ein Ende mit meinem Glücke
vielleicht mit meinem Leben Emilie hat mich also nie geliebt Oh was ist
doch der Mensch Wer kann ihn verstehen wer darf über ihn urteilen Und ich
hätte sie nicht geliebt Das ist eine schreckliche Lüge Ich konnte nicht weinen
und ich schämte mich die Empfindungen meines heißen Herzens bei jeder
Gelegenheit zu äußern o ich war zu gut um Emilien zu gefallen ich putzte
meine Empfindungen zu wenig auf ich konnte nicht lügen so wie der
niederträchtige Lovell o Emilie so warst Du denn auch nur eins der
gewöhnlichen Weiber die es nicht unterlassen können sogar ihre Empfindungen zu
schminken die die natürlichen guten Menschen verachten und ihre Zuneigung den
Elenden schenken die sie durch Grimassen und studierte Seufzer durch
teatralische Stellungen und auswendig gelernte Worte unterhalten
Nie hab ich einen Menschen so wie diesen Lovell gehasst Sein Name brennt
schmerzhaft in meiner Brust wenn ich ihn nur nennen höre Es flimmert mir alles
vor den Augen wenn ich an ihn denke ich könnte ihn mit den Zähnen zerreißen
den nichtswürdigen Komödianten Aber ich werde ihn irgendeinmal finden und
dann soll er mir standhalten und Rechenschaft ablegen dann soll er mir nicht
entfliehen und er soll mir alles doppelt bezahlen
Dass uns der Gedanke der Rache im Unglücke nicht erquicken kann O ich Tor
dass ich in London saß und mit dem Fleiße einer Ameise arbeitete Dies ist mein
Lohn Sie hat mich nie geliebt o wenn ich mich nur davon überzeugen könnte
Aber ich werde von meinen unsteten Gedanken hiehin und dorthin geworfen kein
Gedanke wird in meinem Kopfe einheimisch Ach Emilie Wo bist Du jetzt
vielleicht und sprichst reuig meinen Namen aus Könnt ich Dich finden und dann
mich rächen
Ich möchte so lange Wein trinken bis ich alle Besinnung verlöre und mich
dann zum festen Schlafe hinwerfen denn mir ist wie einem Mörder der von allen
Seiten verfolgt wird Ich kann mir selber nicht entfliehn
Ich muss sie suchen ich muss ihn finden ich will das ganze Land nach ihnen
durchstreichen irgendwo müssen sie sein Lebe wohl bis ich Dich selbst auf
meinem Zuge besuche
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William Lovell an Rosa
Roger Place
Ich habe ansehnliche Summen gewonnen und ich denke bald damit England zu
verlassen Es ist nichts leichter als eine Rolle in der Welt zu spielen und es
gibt tausend Arten sich interessant zu machen Man riss sich nach mir weil ich
mir in London einen sonderbaren italienischen Namen gegeben hatte und immer
viele Seltsamkeiten von mir vermuten ließ ich erzählte zuweilen einigen
Freunden abenteuerliche Bruchstücke aus einer erdichteten Geschichte die es
dann nicht unterliessen sie andern wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit
anzuvertrauen Man war in allen Familien neugierig mich kennenzulernen in
vielen Gesellschaften gab ich den Ton an und entschied wenn streitige Fälle
vorkamen Man fand mich ungemein klug weil ich ein paarmal etwas gesagt hatte
was ich selbst nicht verstand man dachte darüber nach und es gab mir selbst
Stoff zum Spekulieren Es lässt sich für und gegen jede Idee in der Welt
sprechen und es ist daher gar keine Kunst mit jedermann zu streiten und da
ich nach meiner Überzeugung immer der Skeptiker sein muss und ihn manchmal noch
mehr spiele als ich es bin so wird es mir leicht selbst den Gescheitesten
scheinbar zu besiegen Frauenzimmern besonders gefiel ich ungemein erstlich
weil ich blass und krank aussah dann weil sie mich für einen Fremden und für
eine Art von Ateisten hielten Sie mögen nichts in der Welt so gern bewundern
als wovor sie sich fürchten ja Furcht und Bewunderung ist bei ihnen einerlei
Sie boten immer ihren ganzen Verstand auf um eben die Gedanken zu äußern die
ich meinte und stets trafen sie auf ganz verschiedene Ihr Verstand besteht
überhaupt mehr in Schlauheit als Überlegung sie überlegen nachdem sie einen
Schluss gemacht haben und ihre Philosophie ist aus Eigensinn entstanden und
wird daher immer mit Hartnäckigkeit verteidigt Sie kennen die Menschen nie die
sie lieben weil sie sich keine der Bemerkungen die sie über diese gemacht
haben eingestehn und kein Wesen ist daher so leicht zu hintergehn als ein
verliebtes Weib Wen sie hassen kennen sie bis auf seine verstecktesten Züge
ja sie kennen ihn besser als er sich selbst sie finden seine vorzüglichsten
Schwachheiten heraus und beweisen daraus augenscheinlich dass aus ihnen zugleich
das fliesse was die übrigen Menschen an einem solchen gut und lobenswürdig
nennen Wenn sie neue Gedanken in ihren Kopf aufnehmen so besteht ihr Denken
darin dass sie selbst ihre vorigen Gedanken überlisten und sie dann despotisch
vertreiben ohne sie nachher auch nur der Mühe wert zu halten darüber zu
sprechen und wer das Unglück hat diese Ideen grade zu äußern den halten sie
unter allen Einfältigen für den Einfältigsten In jedem Lustrum wechseln sie mit
einigen Hauptgedanken die sich ganz verschieden organisieren je nachdem sie
heiraten oder ledig bleiben je älter sie werden je mehr beleidigt man sie
durch Nachlässigkeiten und um so weniger durch wirkliche Beleidigungen aber
selbst in der höchsten Vertraulichkeit selbst in der aufrichtigsten Stimmung
kann man es nie dahin bringen dass ein Weib gegen einen Mann ganz aufrichtig
sei denn das Gefühl verlässt sie nie dass die Männer ein fremdartiges
Tiergeschlecht sind und diese verletzen durch ihre Unbeholfenheit ihren feinern
Sinn auch unaufhörlich Wer bis in sein zwanzigstes Jahr nur unteren Weibern
lebte müsste nachher alle Männer betrügen können
Wie komme ich aber zu dieser weitläuftigen Charakteristik Nichts kam mir
in den Gesellschaften so abgeschmackt vor als das Drängen der jungen und alten
Männer um bei Tische neben irgendeinem weiblichen Geschöpfe zu sitzen wie sie
sich dann glücklich priesen und affektierten als wenn dies ihnen mehr als alles
gälte Wenn man dies Geschlecht erst gekannt und genossen hat so kann man durch
diese Ziererei ganz schwermütig werden Aber unser Leben läuft in einer ewigen
Affektation fort und wer sie nicht mitmacht den nennen die übrigen einen
affektierten Narren
Manche unter den vorzüglichsten Schönheiten hätten mich vielleicht gar
geheiratet wenn ich hätte darauf schwören wollen dass ich entweder bald sterben
oder zeitlebens so närrisch bleiben würde Keins von beiden war mein Wille und
ich ließ mich daher gar nicht in nähere Traktaten ein
Ich war endlich des Gewühls müde und reiste ab Ich konnte es nicht
unterlassen Roger Place zu besuchen den Ort wo Mortimer mit Amalien wohnt
von hier erhalten Sie diesen Brief Es trieb mich fast wider meinen Willen
hieher und nun will ich Amalien noch einigemal sehen und dann abreisen
Sie geht alle Morgen mit Mortimer spazieren denn es ist eine angenehme
Allee vor ihrem Hause die sich in einen schönen Wald verliert dann trinken sie
Tee Amalie ist recht heiter und Mortimer hat sich ganz umgeändert er kommt mir
weit menschlicher oder vielmehr weiblicher vor Amalie sieht älter und
verständiger aus Ich habe einigemal des Abends unter den rauschenden Bäumen
gelegen und nach ihren Fenstern hinaufgesehn Ich war gestern in Versuchung
hineinzusteigen Mein Herz kocht Hass und Wut gegen Mortimer und doch wüsst ich
jetzt grade nicht warum Aber ich hatte Amalien nicht vergessen ich log es nur
mir und andern und Mortimer der meine Liebe gegen sie so tief verachtete
hätte sie mir nicht entreißen sollen O und was ist es denn mehr Würde ich
ihrer nicht ebenso wie Emiliens überdrüssig werden Doch nein denn diese habe
ich nie geliebt
Es ist eine sehr hässliche Aufwärterin im Hause diese will ich zu sprechen
suchen es müsste sonderbar kommen wenn ich sie nicht auf meine Seite brächte
Wenn ich erst die genauern Umstände weiß so lässt sich auf diese vielleicht ein
kluger Plan gründen
Ob Amalie auch zu den Weibern gehört von denen ich vorher sprach Ich habe
sie damals zu sehr geliebt um sie zu beobachten und damals hasst und liebt ich
die Menschen überhaupt noch ohne sie vorher zu kennen Jeder Mensch hat eine
Periode im Leben in der Liebe und Freundschaft mit der Selbstliebe
zusammenfallen von beiden weiß er sich dann keine Gründe anzugeben
Leben Sie wohl und grüßen Sie Andrea
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William Lovell an Rosa
Roger Place
Es gibt Stunden im Leben Rosa in denen Zufälle zusammentreten so kindisch
wunderbar aneinandergereiht dass wir die Welt umher auf einzelne Augenblicke für
ein Hirngespinst halten müssen Ich bin noch immer in dieser Stimmung wenn ich
an alles zurückdenke es kommt mir oft in der Welt nichts so seltsam vor als
dass irgendein Zufall mit einem früheren zusammenhängt so dass wir oft wirklich
auf die Idee von dem geführt werden was die Menschen gewöhnlich Schicksal
nennen
Ich habe nämlich in jener hässlichen Aufwärterin von der ich Ihnen sagte
eine alte Bekannte wiedergefunden Ich suchte sie auf und wir waren bald
miteinander vertraut sie nannte meinen wahren Namen und ich erschrak Es war
als wenn ein böser Genius aus ihr sprach der mich nun meinen Feinden verraten
würde Ich betrachtete sie genauer und konnte mich doch durchaus nicht
erinnern sie irgendwo gesehen zu haben Endlich entdeckte sie sich mir und o
Himmel es war niemand anders als die Komtesse Blainville
Lange wollte ich es nicht glauben Die Blainville jenes junge lebhafte
reizende Weib und hier stand ein Ungeheuer vor mir von Pockengruben
entstellt einäugig mit allen möglichen Widrigkeiten reichlich ausgestattet
und dennoch war sie es selbst unter der groben Hülle lagen einige ihrer
ehemaligen Züge wie fern verborgen
Ihre Geschichte kann ich Ihnen mit wenigen Worten sagen Der Graf Melun
starb bald nachdem er sie geheiratet hatte sie ließ sich durch ihren
Liebhaber den Chevalier Valois zu jeder Verschwendung verleiten sie verließ
mit ihm Paris und ging nach England ihr Vermögen war bald vom Valois verspielt
sie ward krank denn die Blattern offenbarten sich an ihr der Chevalier erschoss
sich sie genas aber ihre Schönheit ihre Jugend war jetzt zugleich mit ihrem
Vermögen dahin Sie suchte Hilfe bei den Menschen weil sie diese nicht kannte
und diese stießen sie verächtlich von sich wie sie es auch in ihrer Stelle
getan haben würde zur drückendsten Armut erniedrigt suchte sie endlich
Dienste und Amalie hier in Roger Place nahm sich ihrer an Und hier muss ich
sie nun treffen meine beiden Geliebten in einem seltsamen Kontraste
nebeneinander
Ich habe ihr das strengste Stillschweigen gelobt so wie sie mir Mortimer
der sie einst so schön fand weiß es nun nicht dass sie in seinem Hause wohnt
Es ist schauderhaft wenn ich überlege dass dies Ungeheuer doch schon damals
verlarvt in dem schönen Weibe lag das ich umarmte bei jedem Weibe und Mädchen
fällt mir jetzt der Gedanke ein Die Alte die mit grauen Haaren abgefallen
mit roten Augen und auf einer Krücke vorüberhinkt war auch einmal jung und
hatte ihre Anbeter sie dachte damals nicht daran dass sie sich ändern könne
ihrem begeisterten Liebhaber fiel es nicht ein über sich selbst zu lachen denn
er kannte die Gestalt nicht gegen die er seine Deklamationen richtete O
hinweg davon Aber was sind alle Freuden dieser Welt Es ist mir ein
widriger Anblick wenn ich ein Paar gehen sehe das zärtlich gegeneinander tut
In der Kindheit wünschen wir uns Glasperlen dann Liebe dann Reichtum dann
Gesundheit dann nur noch das Leben auf jeder Station glauben wir
weitergekommen zu sein und fahren doch im Kreise herum so dass wir nie sagen
können jene Gegend liegt jetzt fern von mir
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William Lovell an Rosa
Soutampton
Ich muss zurückkehren denn ich weiß mich hier in England nicht mehr zu lassen
O es gibt Menschen die noch unendlich tiefer stehen als ich die Schandtaten
mit einer Kälte begehn als wenn sie gar nicht anders könnten und müssten
Ich zittre noch wenn ich daran denke wie tief ich hätte sinken können wie
nahe ich dem Versuche war der mich ganz aus der Reihe der Menschen ausgerottet
hätte Ich fühle es dass ich bisher in meiner Frechheit zu weit ging ich war
meiner selbst zu sehr versichert und dachte nicht daran wie nahe jedes
Verbrechen wie dicht es mir vor den Füßen lag Meine Empfindung verabscheut das
Laster ob mir gleich die Sophismen des Verstandes beweisen wollen dass es kein
Laster gibt und auch Sie Rosa und auch Andrea es ist unmöglich Sie können
nicht davon überzeugt sein
Ich will England verlassen um wieder zu mir selbst zu kommen Oh lieber
Rosa ertragen Sie heute noch einmal meine Stimmung so wie Sie es schon so oft
getan haben ich fühle mich heute ganz von dem Mute verlassen der gewöhnlich
aus mir spricht Alles ist noch die Folge einer Begebenheit die mich in Roger
Place zu Boden geworfen hat
Ich kann Ihnen die Empfindungen nicht beschreiben mit denen ich dort
umherging bald im Hass gegen Mortimer der mir unauslöschlich schien und doch
bald wieder von einer tiefen Selbstverachtung verdrängt ward dann war mir alles
gleichgültig und ich stand wie ein müßiger Zuschauer in der Welt da der an
ihren mannigfaltigen Rollen keinen Anteil bekommen hatte Wenn ich denn Amalien
wieder sah o so ergriff mich eine so heiße so inbrünstige Sehnsucht sie in
meine Arme zu schließen an meinen Mund an mein schlagendes Herz zu drücken
sie nur in einem armseligen Augenblicke mein nennen zu können dass mich ein
Zittern und eine Fieberhitze ergriff Es war als gehörte es zu meinem Leben
als sei es der letzte und einzige Zweck weswegen ich bisher gelebt hätte ihr
nur noch einmal zu sagen dass ich noch lebe dass ich sie noch wie ehemals
liebe Ich glaubte dass ich nach diesem Augenblicke ruhig und zufrieden sein
würde dass ich dann Tod und Leben mit gleich festem Auge betrachten könnte Alle
Empfindungen meiner früheren Jugend kamen zurück ich wünschte im Momente der
Erkennung an ihrem Halse zu sterben kein Gefühl und keinen Gedanken weiter nach
diesem Stillstande meiner Seele zu erleben O wär ich wär ich gestorben Tod
und Grab sind das einzige Asyl der verfolgten Elenden Dürft ich diese Wohnung
der Ruhe besuchen losgeschüttelt vom wilden Getümmel der lebendigen Welt aber
alles worauf ich mich freute kommt mir kalt und freudenleer näher und geht so
vorüber ich bleibe einsam zurück und sehe dem Zuge nach der sich nicht weiter
um mich kümmert Ich will auch auf keine Freude weiter hoffen ich will die
kalte Luft als meinen Freund umfangen ich will tot sein in der toten Masse
die mich umgibt kein Gefühl soll mir nähertreten ich will alle Sehnsucht
alles Schmachten nach Liebe in diesem Busen vertilgen und mir wie ein frecher
hohnsprechender Bettler selber genügen ach meine Sehnsucht ist jetzt nach der
Verwesung hingerichtet nach der kalten Erde die endlich dies klopfende Herz
zur Ruhe bringen wird Mir ist als sollt ich mit dem Messer dem siedenden Blute
einen freien Ausweg machen das in meinem Hals drängt und nach dem Gehirne
strömt
Was werden Sie zur Blainville sagen Was empfinden wenn Sie es hören wie
tief der Mensch sinken kann Seit sie mich erkannt hatte verfolgte sie mich
unaufhörlich mit ihren freundschaftlichen Liebkosungen sie erinnerte mich an
unsere Vertraulichkeit in Paris und auf welche Art sie mich damals hintergangen
habe ich spottete über mich selbst und wünschte doch innerlich die Unschuld
und Unbefangenheit jener Zeit zurück Ich entdeckte ihr meinen Wunsch Amalien
nur einmal zu sehen und zu sprechen und sie versprach mir ein Mittel
auszufinden wenn ich mich dazu verstehen wollte ihr eine Nacht hindurch
Gesellschaft zu leisten O Freund wie kamen mir in dieser Nacht Liebe Wollust
und alle Freuden dieser Welt vor
»Ein ungesäuberter Garten wo alles in Samen schießt und mit Unkraut und
Disteln überwachsen ist o pfui pfui der Welt«
Ich erröte noch jetzt wenn ich daran zurückdenke es ist als wenn ich von
je alle Gelegenheiten begierig ergriffen hätte um mich selbst zu erniedrigen
In dieser Nacht versprach mir die Blainville eine Gelegenheit zu verschaffen
Amalien im Garten hinter dem Hause allein zu sprechen Mortimer reise am
folgenden Morgen fort und sie wolle dann auf den Abend einen gewaltigen Rauch
und ein unschädliches Feuer erregen ein lautes Geschrei erheben alle Bedienten
würden mit den Anstalten beschäftigt sein und Amalie würde sich auf ihren Rat
nach dem Garten retten dann wolle sie mir das Haus eröffnen und mich zu Amalien
führen
Schon früh am Morgen sah ich Mortimer zu Pferde steigen und wegreiten Mit
welcher Unruhe erwartete ich den Untergang der Sonne Amalie ließ sich nicht
blicken und ich konnte auch die Blainville nicht wieder sprechen Endlich ward
es Abend ich ging in der Allee vor dem Hause auf und ab die Bäume rauschten
gewaltig und verkündigten ein herannäherndes Gewitter ich sah ein Licht in
Amaliens Zimmer brennen und mein Herz klopfte ängstlich und ungestüm Die letzte
Blume meines Glücks sollte jetzt gewaltsam hervorgetrieben werden und meine
ganze Seele war nach diesem Augenblicke hingespannt
Der Himmel war dunkler der Wind sauste stärker und ich sah bange und
unverwandt nach dem Hause hin Kein Laut von innen vom Dorfe aus der Ferne hört
ich den Nachtwächter und das Bellen der Hunde
Endlich sah ich einen starken Rauch aus dem Fenster von der Seite dringen
Es blieb noch immer ruhig O wie beklommen ward mir als jetzt eine Nachtigall
über mir in den Bäumen laut zu schlagen anfing Sie können es nicht fassen und
nicht begreifen Rosa kein Mensch kann mir dies Gefühl nachempfinden
Die Bedienten mussten schon schlafen gegangen sein denn es regte sich nichts
im ganzen Hause und doch stieg schon eine helle Flamme aus dem Fenster zum Dache
hinauf der Rauch stieg in größeren Wolken zum Himmel und wälzte sich nach der
Vorderseite hin Es entstand noch immer kein Geschrei die Blainville eröffnete
mir auch nicht die Tür das Licht in Amaliens Zimmer blieb ruhig an seiner
Stelle Ich zitterte vor Ungeduld vor Angst und Vergnügen Wie man im Traume
zuweilen auf einer schwindelnden Höhe steht sich vor dem Abgrunde entsetzt und
dennoch weiß dass man hinunterstürzen wird wie man denn in unbeschreiblicher
Angst den Augenblick des Hinabfallens wünscht so grade so kamen mir diese
Sekunden vor Ich konnte nicht begreifen wo die Blainville so lange zögerte
ich ging heftig auf und ab und stand dann wieder still ich traute meinen Augen
und meinen Ohren nicht dass alles gegen die Abrede noch still blieb und sich
die Tür noch immer nicht eröffnete und dennoch rückte die Zeit unaufhaltsam und
fürchterlich weiter Die Flammen brannten hell zum Dache hinauf Ziegel stürzten
herunter der Widerschein zitterte in den grünen Bäumen das ganze Haus war mit
Rauch umgeben und jetzt glaubte ich eine schwache Stimme zu hören die nach
Hilfe rief Als ich noch ungewiss war was ich tun sollte eröffnete sich
Amaliens Fenster sie sah heraus und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens wieder
zurück lauter und geängstigter rief sie dann um Hilfe das Zimmer war voller
Rauch ich sah es deutlich Da fiel mir plötzlich eine Stelle aus einem ihrer
Briefe ein den sie mir Unwürdigen noch nach Paris schickte und in dem sie mit
liebenswürdiger Besorglichkeit schrieb weil sie seit lange keine Nachrichten
von mir erhalten hatte
Ich sehe Sie ohnmächtig gegen die Wellen kämpfen oder in einem brennenden
Hause vergebens nach Rettung rufen
Das schrieb sie mir damals als ich sie über die elende Blainville vergessen
hatte dieselbe Blainville die jetzt die verzehrenden Flammen gegen ihre
Wohltäterin ausschickte Wie ein Wirbelwind fasste es mich nun an es war das
Schicksal selbst das mich allmächtig ergriff ich nahm eine große Leiter und
legte sie an das Fenster ich wusste nicht was ich tat Ich stand in Amaliens
Zimmer sie lag ohne Besinnung auf einem Sofa Ich drückte sie an meine Brust
meine Arme umschlossen ihren zarten Körper und so trug ich sie die Leiter hinab
und legte sie auf eine Rasenstelle unter den Bäumen nieder Sie sah mich mit
einem matten Blicke an ich kniete neben ihr nieder Alle meine Sinne wandten
sich um ich dachte nichts und sah sie nur vor mir liegen und die holden
blauen Augen und den sanften menschenfreundlichen Mund der sonst meinen Namen
so oft getönt hatte Sie zitterte und ich stammelte einige Worte ich weiß
selbst nicht was dann drückt ich mein Gesicht an ihren Busen ich wünschte zu
sterben meine heiße Wange ruhte dann an der ihrigen und sie war kalt ich
hielt sie für tot und umarmte sie noch einmal ein verworrenes Getümmel umgab
das brennende Haus dann stand ich auf und eilte fort sie rief mir etwas
nach ich habe es nicht verstanden Ich wollte umkehren aber mir selbst zum
Trotze ging ich weiter
Im Walde sank ich unter einem alten Baume nieder Ich hörte ein Geschrei
aus der Ferne und große Funken stiegen zum Himmel und erloschen dann ich sah
ihnen kalt nach und weinte endlich laut und heftig Die Winde rauschten durch
den Wald und wie Millionen scheltender und verhöhnender Zungen bewegten sich die
Blätter tönend umher Verlassen von allem was lebt verlassen von der leblosen
Natur stieß ich meinen Kopf verzweifelnd gegen den Stamm des Baumes eine wüste
Dunkelheit erfüllte mein Inneres ich war von mir selbst abgetrennt und
betrachtete und bemitleidete mich als ein fremdartiges Wesen O ich hätte nur
einen Hund haben mögen der sich winselnd an mich gedrückt hätte er hätte mich
getröstet ich hätte ihn für meinen Freund gehalten
Das Gewitter brach jetzt herein Laute Donnerschläge hallten den Wald hinab
und Regengüsse rauschten durch die Bäume Die ganze Natur schien zu erwachen und
sich zu entsetzen Blitze flogen durch das Dunkel und schienen mich zu suchen
Tiere winselten aus der Ferne Eulen flogen scheu umher und die großen Wolken
arbeiteten sich mühsam durch den Himmel Vom Regen durchnässt schlief ich
endlich ein als sich das Getöse vermindert hatte
Der Morgen grauete als ich erwachte der Traum verflog und übergab mich
meiner eigenen Existenz wieder Ich wandte keinen Blick zurück sondern ging
in gerader Richtung fort jedem Menschen ging ich aus dem Wege ich schlich um
die Dörfer herum
Ich freue mich jetzt darüber dass ich Amalien gerettet habe aber für
Mortimer Doch ich will fort sie soll mich weiter nicht kümmern ich will sie
und alles vergessen
Sie sehen mich bald wieder
29
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Ich schreibe um Ihnen einen sonderbaren Vorfall zu melden Ich bin innig
erschüttert und ich wünsche nur dass diese Begebenheit für Amalien keine üblen
Folgen haben möge
Vorgestern ritt ich nach einem Dorfe ungefähr dreißig Meilen von hier
weil ich gehört hatte dass sich dort seit einiger Zeit ein Frauenzimmer
aufhalte von der man nicht genau wisse wer sie sei Manches in der
Beschreibung passte auf Ihre unglückliche Schwester so dass ich sogleich
hineilte sie selbst zu sehen Es war aber die Tochter eines armen Edelmanns
die sich nach vielen erlittenen Unglücksfällen mit ihrem armen Vater in das Dorf
niedergelassen hatte Ich war von ihrer Erzählung gerührt und kehrte schon
gestern wieder zurück Wie erstaunt ich aber als ich näher kam und mein
Wohnhaus so ganz verwüstet fand Allentalben die deutlichsten Spuren eines
Brandes und ein Nebengebäude rauchte noch Amalie war krank
Ich erfuhr dass an dem Abend meiner Abwesenheit wirklich Feuer ausgekommen
das aber bald durch die Anstalten und durch einen einfallenden Regenguss gelöscht
worden sei Amalie war als noch niemand weiter das Feuer bemerkt hatte von
einem Fremden gerettet den niemand weiter nachher gesehen hatte
Das Ganze erhielt aber noch ein weit abenteuerlicheres Ansehen als man jetzt
die erstickte Charlotte fand die sich in der Angst aus einer verschlossenen
Türe nicht hatte retten können ob sie gleich den Schlüssel in der Tasche hatte
Man fand zugleich eine Brieftasche bei ihr die ich untersuchte und zu meinem
Erstaunen aus einigen Papieren sah dass eben diese hässliche Charlotte die
Komtesse Blainville war die ich in Paris gekannt hatte Seit dieser
Entdeckung habe ich allerhand seltsame Vermutungen die auf der einen Seite aber
so unwahrscheinlich sind dass ich sie Ihnen nicht einmal mitteilen mag Ich
danke Gott dass der Vorfall sich noch so glücklich geendigt hat
Amalie weiß noch immer nicht das unglückliche Schicksal Ihrer Schwester sie
will daher durchaus einen Brief an diese einlegen ich kann ihr ihr Verlangen
nicht abschlagen ohne Verdacht bei ihr zu erregen ihr aber noch weniger die
Geschichte ihrer Freundin entdecken weil es sie jetzt zu sehr erschüttern
würde Sie erhalten also in diesem Briefe zugleich einen andern an Ihre
Schwester
30
Einlage des vorigen Briefes Amalie an Emilie Burton
Roger Place
Schon seit lange liebe Emilie habe ich auf Briefe von Ihnen gehofft ich
wollte Ihnen nicht eher antworten bis Sie mir Ihrem Versprechen gemäß den Namen
des interessanten Unbekannten genannt hätten Ihr Stillschweigen aber und ein
Vorfall den Sie schon durch Mortimers Brief werden erfahren haben macht dass
ich Ihnen früher schreibe Ach Emilie ich habe die Furcht des Todes auf eine
recht fürchterliche Art empfunden Ich las am Abend weil ich allein und
Mortimer auf einige Tage verreist war ich war müde und wollte schon schlafen
gehen als ich in meinem Zimmer einen Rauch bemerkte Ich konnte nicht
begreifen wo er herkomme ich ging umher der Dampf verstärkte sich ich musste
husten in einem Augenblicke aber ward er so stark dass ich zu ersticken
fürchtete ich wollte das Zimmer verlassen allein ich hatte die Tür schon
verschlossen und konnte jetzt in der Dunkelheit in der Verwirrung den
Schlüssel nirgends finden Das Atmen ward mir schwer und ich fühlte es wie
mich mein Bewusstsein nach und nach verließ Ich rief nach Hilfe aber meine
Stimme war nur schwach In der größten Angst öffnete ich endlich das Fenster und
Dampf und Feuerflammen fuhren mir entgegen Niemand war in der Nähe ich sah
einen unvermeidlichen furchtbaren Tod vor und neben mir ich sank ohnmächtig
nieder Wie in einem Wagen fühlte ich mich nun fortgeführt eine kalte Luft
wehte mich an ich erwachte und lag unter den Bäumen vor meinem Hause Es war
finster die Flammen erhellten die Nacht Getümmel von Bedienten in der Ferne
und ein Unbekannter kniete neben mir Ich wusste nicht ob ich träumte oder
wachte der Fremde der mich gerettet hatte schloss mich in seine Arme ich bin
Lovell keuchte er mir mit erstickter Stimme entgegen Mein Bewusstsein verließ
mich wieder die seltsamsten Bilder die fernsten Erinnerungen gingen durch
meinen Kopf o Lovell Unglücklicher lieber Lovell rief ich ihm laut nach
denn er war schon davongeeilt
O was empfand ich nun liebste Emilie Ich habe so oft gewünscht ihn nur
noch einmal zu sehen und nun kommt er und verschwindet in demselben Augenblicke
wieder Warum hab ich ihm nicht manches sagen können was ich schon seit so
langer Zeit auf dem Herzen habe Warum ist er hiehergekommen und durch
welchen Zufall muss er es gerade sein der mich rettet Ich habe ihm nicht
einmal danken können ach ich habe viel deswegen geweint dass ich ihn nicht
gesprochen habe
Die Bedienten trugen mich ins Gartenhaus ein schreckliches Gewitter tobte
jetzt in der Luft alles vereinigte sich mich zu betrüben
Die arme Charlotte hat man in einem Zimmer tot gefunden o wie bemitleide
ich sie da ich selbst das Schreckliche ihrer Lage empfunden habe Sie hat
sich gewiss nicht retten können auch darüber habe ich geweint Ach wie viel
Unglück liebe Freundin gibt es im menschlichen Leben
31
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Wie hat mich die Einlage Ihres Briefes von neuem gerührt Es ist keine Emilie
mehr hier an die ich sie wie wohl sonst geschah hätte abgeben können Und
noch immer keine Nachrichten von meiner Schwester Wilmont ist umhergestrichen
und wiedergekommen er hat nichts von ihr erfahren können Er will jetzt von
neuem umherreisen ich fürchte für seine Gesundheit Sie haben eine
Unglückliche getroffen die Sie anfangs für meine Schwester gehalten haben und
auch Wilmont hat mir von mehreren erzählt die ihn oft auf die Vermutung
brachten dass es wohl die arme Emilie sein könnte Sehen Sie Mortimer wie viele
Menschen noch außer uns leiden Wenn ich doch nur in diesem Gedanken einigen
Trost finden könnte
Das Gefühl der Einsamkeit quält mich fast zu Tode alle Zimmer sind mir zu
eng die Luft im Garten ist mir nicht frei genug Unaufhörlich träume ich von
Emilien es gibt nichts Schrecklichers als geliebte Menschen unglücklich zu
wissen der Zweifel nur ist vielleicht noch schrecklicher ob sie gut sind Mich
vernichtet dies doppelte Gefühl
Ich wünsche es oft innig krank zu werden und so zu sterben denn es ist ja
doch niemand der über mich weinen würde Ich suche den Armen wohlzutun aber
was ist das dagegen wenn ich Emilien wohltun wenn ich den unglücklichen Lovell
wieder zu meinem Freunde machen könnte Jedes Almosen das ich gebe jede
Linderung die ich verschaffe ist nur ein kleiner Abtrag von meiner großen
Schuld
Ich war vor einiger Zeit schwach genug dass ich Emilien und Lovelln an
dunkeln Stellen meines Gartens Denkmäler errichten wollte ich vergaß über diese
kindische Spielerei meinen Schmerz während eines halben Tages aber da ich
wieder einige ihrer Kleidungsstücke sah da ich meinen Schreibtisch öffnete und
mir etwas Geschriebenes von ihr in die Hände fiel o da kam der Jammer von neuem
über meine Seele und ich empfand es dass mein armes zerrissenes Herz keiner
Denkmäler brauche um zu trauern Es ist betrübt dass wir alles gern putzen und
verschönern mögen und oft über den Putz und die Zufälligkeiten die Sache selbst
vergessen Dein bloßer Name Emilie ruft alles in meine Seele zurück alle
Erinnerungen ehemaliger Freude jede Liebkosung von Dir jeden Scherz die
Spiele der Kinderjahre ach Mortimer ich möchte manchmal verzweifeln wenn es
mir so ganz frisch wieder einfällt dass alles nun wirklich vorüber ist dass es
nicht ängstliche Einbildung von mir sondern dass es wirklich ist O ich
glaube dass ich nicht genug leiden dass ich nicht laut genug klagen kann
Könnt ich doch die Vergangenheit zurückrufen O ihre zärtlichste Liebe
sollte mir nun gewiss nicht entgehen sie sollte jetzt gewiss nicht vor mir
fliehen Aus übelverstandener Männlichkeit mit einem schlecht angebrachten
Ernste war ich von je zu kalt gegen sie ich fühlte oft die schönste brüderliche
Liebe die wärmste Zuneigung gegen sie dass ich hätte an ihre Brust sinken mögen
und sie umarmen und küssen als wäre sie eben von einer schweren Krankheit
genesen oder als wäre sie von einer langen Reise zurückgekommen Aber dann
überraschte mich wieder die kleinliche Furcht für affektiert oder sonderbar zu
gelten und ich blieb in dem gewöhnlichen Tone des Umgangs ich war oft gegen
ihre herzlichen Äußerungen zurückstossend und das hat sie mir am Ende fremd
gemacht sie hat mir ihre Gefühle nicht zugetraut und aus Verdruss und Schmerz
hat sie ein näher verwandtes Herz suchen wollen Auch gegen Lovell war ich
immer zu kalt ich fühlte seine Übertreibung in der Freundschaft und um nicht
in denselben Fehler zu fallen war ich frostig O die Menschen wissen es gar
nicht sie können es nicht wissen wie sehr ich sie liebe und darum möcht ich
sie wieder hier haben um ihnen alles zu sagen und mich zu erkennen zu geben um
wie ein Verirrter die Heimat wiederzufinden Aber ach der Rückweg ist mir
verschlossen ich bin in meinen gegenwärtigen Gefühlen eingekerkert und sie
werden meine Heimat bleiben
32
William Lovell an Rosa
Soutampton
Sie erhalten jetzt aus England meinen letzten Brief denn in einigen Tagen will
ich abreisen Ich habe meinen Mut wieder den ich neulich ganz verloren hatte
ich bin wandelbarer wie Proteus oder ein Chamäleon das gebe ich Ihnen gern zu
Die Nichtswürdigkeit des ganzen Menschengeschlechts hat mich von neuem
getröstet ich gebe mich über mich selbst zufrieden weil ich so sein muss und
nicht anders sein kann
Die Betrübnis ist so gut eine Trunkenheit wie die Freude beide verfliegen
und um so früher je heftiger sie sind im Augenblicke des Affekts aber will man
nur schwer daran glauben und dies ist auch sehr gut denn sonst würden wir nur
immer ein träges phlegmatisches Dasein schleppen das nicht aus der Stelle will
alle Leidenschaften werden wie muntere Pferde angespannt um die schwerfällige
Masse über Hügel und Berge durch Täler und Ströme immerzu und unaufhaltsam
fortzureissen wohin daran denkt man nur wenn man wieder Schritt vor Schritt
weiterschleicht
Ich sehne mich jetzt oft nach der Einsamkeit denn ich bin mit den Menschen
zu bekannt als dass sie noch Interesse für mich haben könnten Sie täuschen mich
nicht mehr und alles Vergnügen an diesem Schauspiele ist dahin es erscheint
mir fade und abgeschmackt Die Menschen sind weit besser dran die sich und ihre
sogenannten Brüder noch gar nicht kennen denn ihnen sieht das Leben bunt und
angenehm aus sie trauen jedem und werden von jedem betrogen eine Überraschung
folgt dicht auf die andere und sie bleiben in einer beständigen Verwickelung
in einem unaufhörlichen Erstaunen Aber jetzt lächle ich und drücke die Hand
ich mache Gebärden wie man es verlangt und sammle andre von andern ein und
doch bin ich dabei nicht beschäftigt Ich schwöre wie die übrigen auf tausend
Sachen und weiß nicht wovon die Rede ist ich bejahe und verneine und bin
dieser und dann wieder jener eine Kugel die sich nach allen Seiten wenden kann
aber wie langweilig wie zuwider ist mir nun auch jedes Gesicht Keiner
erreget meine Aufmerksamkeit weil ich ihn bis auf seinen kleinsten Gedanken
auswendig weiß
Ich sprach in einem meiner Briefe über die Weiber aber o Himmel was
sind denn die Männer Wenn ich die Menschen achten müsste so würde ich mir
doch nur die Weiber auswählen denn dies unbeholfene linkische aufgeblasene
und kriechende Tier das wir Mann nennen o ich kenne nichts Verächtlichers
als diese widersprechende Mischung von Verstand und Narrheit Festigkeit und
veränderlichem Wesen In der Jugend hängen die Männer von den Blicken von dem
Lächeln der Weiber ab sie suchen zu gefallen und formen sich nach hingeworfenen
Winken sie halten sich für die Herren der Welt und lassen sich einer
Nichtswürdigkeit wegen tyrannisieren Ihre kühnsten Wünsche ihre frechsten
Plane sind nur Lakaien und nachtretendes Gefolge der sinnlichen Begierde Der
stupide Bauer schätzt sich glücklich wenn der vorbeifahrende Minister seinem
Gruße dankt er glaubt einfältig es sei ihm nur allein geschehen und er
unterlässt nicht es der ganzen Dorfschaft zu erzählen und der Minister sieht
dreimal öfter in den Spiegel wenn ihn ein Mädchen angelächelt hat das ihn bis
dahin kalt betrachtete Nach jedem Betruge glaubt der Mann das sei nun auch
das letzte Weib das ihn hintergangen habe er hält am folgenden Tage eine
andere für vollständig tugendhaft er schwört darauf alle übrigen wären nichts
wert gewesen aber diese nur diese sei ordentlich für ihn geboren dann ist er
auf jeden Blick eifersüchtig dann fängt er jedes ausgesprochene Wort auf damit
es ja kein anders Ohr als das seinige beglücke Ein ewiger rastloser Kampf
beständige Disharmonie alle Kräfte und Anlagen widersprechen sich er will
herrschen und ist Sklave er will lieben und hasst Blicke lenken ihn gegen
seinen Willen er verachtet die Eitelkeit und ist selbst eitel er o er
verdient wahrlich am Ende nicht dass man sich die Mühe gibt über ihn zu
sprechen
Wenn nun das Blut langsamer durch die Adern fließt dann treten die
Leidenschaften nach und nach in den Hintergrund zurück Das Hirngespinst des
Stolzes besetzt den Thron allein Vorher konnte der Mann nur von Weibern regiert
werden jetzt aber von jedermann Kinder haben ihn in den Händen und werfen sich
ihn abwechselnd wie ein Spielzeug zu Wer ihm schmeichelt ist sein Freund
und selbst wenn er das Grobe das Unzusammenhängende in der Schmeichelei
bemerkt so beleidigt sie ihn doch nicht er lässt sich freiwillig fangen er
glaubt selbst an alle Vortrefflichkeiten die ihm der unverschämteste Poet in
einem Geburtstagsgedichte beilegt Er ist eine Blume die von allen Insekten
ausgesogen wird er denkt über sich selbst nie mehr nach sondern hat sich
völlig unter fremden Urteilen gebeugt er kennt sich selbst nur vom Hörensagen
und meint andre Leute hätten für unsre Vorzüge und Fehler ein schärferes Auge
als wir selbst Der größte Dummkopf kann dann diese Maschine zu seinem Vorteile
regieren und der klügere Mensch wird die ganze Welt nur für eine große Fabrik
ansehen in der diese Maschinen hingestellt sind und die er zu seinem Vorteile
in den Gang bringen muss
Ich will fort und zu Ihnen zurückkehren ich brenne vor Begierde von
Andrea mehr zu erfahren und zu lernen je mehr ich diese Welt hasse und
verachte je mehr fühle ich mich zu jener überirdischen hingezogen die mir
Andrea aufschließen will Diese Bekanntschaft ist die letzte frohe Aussicht die
ich habe
33
Emilie Burton an Mortimer
C bei Nottingham
Sie werden erstaunen indem Sie diesen Brief eröffnen Sie werden vielleicht
unwillig wenn Sie die Unterschrift sehen aber der Freundschaft wegen die Sie
für meinen Bruder haben würdigen Sie mich meine Worte anzuhören Mein
unglücklicher Irrtum wird Ihnen schon bekannt sein verschonen Sie mich mit der
Erzählung wie ich elend ward O teurer Freund wenn ich Sie so nennen darf
wüssten Sie wieviel ich gelitten habe Sie würden mir gern vergeben
Ich scheue mich an meinen Bruder zu schreiben ich schäme und fürchte mich
ihn zu sehen ich habe ihn zu sehr beleidigt Seine Liebe würde mir weh tun Ich
verließ ihn in einer Trunkenheit in einer Raserei ich wusste nicht was ich
tat Ich folgte einem Unwürdigen dem ich mein ganzes Herz gegeben hatte Ich
bildete mir mancherlei ein ach schon auf dem Wege schon eine Stunde nachher
als ich das Haus verlassen hatte erwacht ich der glänzende Irrtum die
Täuschung die Eigenliebe alles verschwand ich sah ein dass Lovell mich nicht
liebte ach und ich entdeckte in meinem eigenen Herzen dass es ihn nie geliebt
hatte Ich sah meine Verächtlichkeit ein die erzwungene Spannung einer
hochfliegenden Phantasie die Sucht etwas Eigenes und Besonderes zu empfinden
oh wie ich mich seit der Zeit verachtet und gehasst habe Aber ich habe
hinlänglich dafür gelitten O teureste teureste Amalie vergib mir dass ich
mich immer über Dich erhaben fühlte dass ich Dein Betragen und Deine Gefühle
unaufhörlich meisterte O Gott wie groß wie heilig erscheinst Du mir jetzt
in Deinem einfältigen Wandel
Ich kann die Feder kaum halten ich fühle mich sehr schwach Er hat mich
verlassen unter fremden Menschen lieg ich hier ohne Hilfe krank auf dem
Totenbette das fühl ich der Gram die Verzweiflung sie haben die Kraft meines
Lebens hinweggenommen Oh er hätte mich doch nicht so verlassen sollen das
hatt ich doch nicht um ihn verdient
Warum verließ ich jenes ruhige schöne Glück das bei mir wohnte Liebe und
Wohlwollen die mich von allen Seiten umgaben Ach mein Bruder wenn er mir
nur vergeben hat wenn er nur keine Träne um seine unwürdige Schwester vergisst
Doch wünscht ich ihn zu sehen ihn um Vergebung zu bitten ach ich würde
seinen Anblick nicht aushalten können
Erbarmen Sie sich meiner und besuchen Sie mich helfen Sie mir vergelten
Sie den armen Leuten hier was sie an mir getan haben
O Amalie liebste Freundin wenn ich Ihr Angesicht noch einmal sehen
könnte
Ich kann nicht weiter
34
Mortimer an Eduard Burton
Nottingham
O Freund sein Sie ein Mann bezähmen Sie Ihren Gram Ihre Schwester ist nicht
mehr Ich fand sie bloß um sie sterben zu sehen
Meine Augen sind noch immer von Tränen nass ob ich gleich fast nie geweint
habe aber diese Szenen haben mich durch und durch erschüttert und alle
Standhaftigkeit in mir umgeworfen Sie nannte Ihren Namen oft sie wünschte Sie
herbei sie lässt Sie durch mich um Verzeihung bitten Wilmont war gerade bei
mir als der Brief ankam er ritt mit mir hieher Als sie ihn sah wandte sie
mit der größten Betrübnis ihr Gesicht abwärts Karl sah fürchterlich aus Er
starrte mit seinen Augen immer gerade vorwärts sie schluchzte ein großer
Krampf drückte an ihrem matten Herzen
Trösten Sie sich und doch kann ich Ihnen nichts zu Ihrem Troste sagen ich
bedarf selbst eines tröstenden Freundes
O Lovell wie viele Seufzer und Tränen brennen auf Deiner Seele
Leben Sie wohl ich kann nichts weiter hinzufügen
35
Karl Wilmont an Eduard Burton
Nottingham
So ist es denn aus völlig aus Alle Hoffnungen sind tot Ach Emilie
Emilie O könnt ich Dir folgen Aber bald erst muss ich aber den
Niederträchtigen aufsuchen und strafen Er kann nicht mehr in England sein ich
will fort und ihn finden Dann Emilie sehen wir uns wieder Sie nannte
seinen Namen noch ehe sie starb es war ein Feldgeschrei zur Rache
Leben Sie wohl Freund Trösten Sie sich ich will nicht getröstet sein
Mortimer nannte meinen neulichen Brief unmenschlich und er hat recht ich bin
kein Mensch mehr ich mag es nicht sein ein Dämon der Rache bin ich der jetzt
durch die Welt zieht die Strafe die den Verbrecher aufsucht
36
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Ich kann mich kaum überwinden Ihnen einige Worte zu schreiben Meine Hände
zittern Tränengüsse haben meine Augen verdunkelt O Gott ich habe sie nicht
noch einmal gesehen Sie hat sich in der Stunde des Todes nicht an mich
gewandt Siehst du Eduard so wirst du geliebt Ach was kann ich sagen
Ich kann nur schluchzen und jammern Musste es so mit Emilien endigen Und
durch Lovell durch Lovell musste mir dieser Jammer zubereitet werden O
Emilie hättest Du mir vertraut früher vertraut so hätte ja noch alles können
gut werden Aber nun wüst und tot ist alles keine Aussicht keine Hoffnung
Der Kirchhof sieht mir so schön und freundlich aus ich wünschte dort zu
ruhen
Ach Willy Du tatest recht dass Du starbest Was gibt es hier für Freuden
Neuntes Buch
1
Adriano an Francesco
Florenz
Schon seit ich von Rom entfernt bin wollte ich Ihnen schreiben ja ich wollte
Sie schon vor meiner Abreise einmal mündlich sprechen allein eine gewisse
Blödigkeit hielt mich immer davon zurück Ich bin wirklich darin unglücklich
dass ich meinem Verstande den übrigen Menschen gegenüber zu wenig zutraue ich
muss erst in einen gewissen Enthusiasmus gebracht werden und dann traue ich
meinen Überzeugungen vielleicht wieder zu viel wenn ich also bis jetzt gegen
Sie zurückhaltend war so schieben Sie es allein auf diese Unentschlossenheit
auf kein Misstrauen das ich wahrlich gegen Sie am wenigsten kenne
Andrea hat mir geschrieben und sein Brief ist ein Beweis seines Unwillens
darüber dass ich Rom verlassen habe und dennoch was kann ihm an mir liegen da
er andre Freunde hat mit denen er öfter und lieber umgeht
Seit einem Jahre kenne ich Sie und Andrea und ich hielt im Anfange Andreas
Bekanntschaft für das höchste Glück meines Lebens Er gab meinem Geiste eine
gewisse entusiastische Richtung die ich bis dahin noch nicht gekannt hatte
Meine Seele ward durch ihn für mündig erklärt und sie erschrak im ersten
Augenblicke über das große Vermögen das ihr jetzt plötzlich zu Gebote stand
und eben dieses Erschrecken war die Ursache dass ich es viel zu hoch anschlug
ich hatte viel gewonnen aber doch noch nicht die Kunst mich selbst zu
beobachten und richtig zu schätzen Andrea nahm mir Vorurteile und Irrtümer ich
hatte vieles bis dahin angenommen ohne je darüber gedacht zu haben meine
eigene Seele war mir gleichsam fremd geblieben ich hatte das große Feld des
Denkens nicht gekannt und auch keine Sehnsucht nach dieser Bekanntschaft
gefühlt Andrea lehrte mich die große Kunst alles auf mich selbst zu beziehn
und so die ganze Natur meinem Innern näherzurücken Wie hab ich diesen Mann
damals verehrt mit welcher Liebe habe ich in der ersten Zeit an ihm gehangen
Nicht dass ich ihn nicht noch jetzt achtete aber meine ehemalige Liebe hat
er verloren Er hat oft über mich gespottet dass ich mit meinem Verstande immer
nur gradeaus will und alle Gedanken rechts und links am Wege liegenlasse er
hat mir immer eine gewisse Einfalt zugesprochen und ich weiß dass mich sein
Scherz nie erbittert hat denn er hatte vollkommen recht es fehlt meinem Geiste
jene Fähigkeit gänzlich durch das ganze Gebiet verwandter Gedanken zu streifen
eine Überzeugung zu finden und gegenüber den Zweifel dazu zu suchen alle
Kombinationen zu ahnden und sie dann mit dem Scharfsinne wirklich zu entdecken
mit den Analogien zu spielen und die entfernteste kühn mit der ersten zu
verbinden mein Blick ist beschränkt die Natur hat mir wie einem Zugpferde die
Augen zu beiden Seiten bedeckt und ich kann immer nur die gebahnte Straße vor
mir sehen Dränge mein Blick in die ungeheuren Abgründe der Zweifelsucht die
neben meinem Wege liegen und sähe er seitwärts die unübersteiglichen Gebirge
so würde ich vielleicht scheu werden und mein wilder Geist über unebene Wege
mit mir davonrennen um sich in die Abgründe zu stürzen
Ich fand daher die Zweifelsucht als die erste Veranlassung des Denkens sehr
ehrwürdig aber ich erschrak vor dem Gedanken immer nur zweifeln zu können
keine Wahrheit keine Überzeugung aus dem großen Chaos der kämpfenden Gedanken
zu erringen Wenn der Geist zweifeln muss und sich auf dieses Bedürfnis die wahre
Verehrung des Skeptizismus gründet so verlangt eben dieser Geist auch endlich
einen Ruhepunkt eine Überzeugung und ich kann also darauf auch die
Notwendigkeit der Überzeugungen gründen
Sollten wir denn auch die trostvolle Aussicht haben unser Leben hindurch zu
denken Gedanken gegen Gedanken und Zweifel gegen Zweifel unaufhörlich
abzuwägen indes die Waage ewig in einem ermüdenden Gleichgewichte steht Sollte
unser Geist nur immer die Reihe von Gedanken wie bunte Bilder mustern ohne sich
selbst in einem einzigen zu erkennen
Als die Zeit vorüber war in der mich meine Eitelkeit vorzüglich an Andrea
knüpfte glaubte ich doch in ihm selbst eine gewisse Unvollendung zu entdecken
die Sucht mehr durch seine Gedanken zu glänzen und zu erschrecken als die
Wahrheit und das letzte Bedürfnis der Seele zu suchen Er verachtet die übrigen
Menschen so wie sich selbst ihm ist daher nichts in seinem Innern ehrwürdig er
spielt mit den Menschen nur so wie mit seinen Gedanken er ist nichts als ein
gefährlicher philosophischer Scharlatan bei dem ein witziger Einfall und ein
scharfsinniger und großer Gedanke einerlei ist der sich selbst bis auf den
Grund zu kennen glaubt indem er nur seine Fähigkeiten und Anlagen bemerkt hat
Er ist wenn ich mich so ausdrücken darf die Skizze zu einer kolossalischen
Figur aber die Vollendung die Verteilung des Lichtes und Schattens fehlt ihm
gänzlich
Ich glaube dass Sie mich kennen und dass Sie es mir zutrauen wie gern ich
mich unter den größeren Fähigkeiten einer höheren Seele beuge ich werde mich nie
darüber wundern wenn ein Freund eine Gefälligkeit von mir und Nachsicht gegen
seine Meinungen verlangt denn es werden sich Gelegenheiten finden wo ich von
ihm dasselbe fordre aber welcher Freund wird den andern tyrannisieren wollen
wie es Andrea unaufhörlich tat Hielt er uns nicht alle wie ein Heer von
Dienern die auf alles schwören mussten was er sagte die bestimmt waren ihm in
den wunderlichsten und seltsamsten Grillen nachzugeben Ja ist es Ihnen nie
eingefallen dass er uns nicht vielleicht zu noch schlimmeren Absichten
gemissbraucht hat O gewiss nur waren Sie zu gutmütig den Argwohn in sich
deutlich werden zu lassen und meine Zurückhaltung veranlasste die Ihrige
Wozu waren jene seltsamen nächtlichen Versammlungen in denen er uns in eine
gewaltsame Spannung zu versetzen suchte Ich war Tor genug einigemal dort mit
Heftigkeit zu deklamieren um von einer Schar von Dummköpfen bewundert zu
werden die bei Andrea in der verächtlichsten Knechtschaft stehen Aus welchen
Ursachen kettete Andrea den jungen Lovell so fest an sich Wozu jene Gaukeleien
und Erscheinungen von denen Sie doch so wenig wie ich werden hintergangen sein
und die den jungen Engländer fast wahnsinnig machten Ich stand seitwärts und
zum ersten Male schlich ein verachtender Widerwille gegen Andrea in mein Herz
Wozu Lovells geheimnisvolle Abreise Was will er mit diesem jungen Menschen
und warum muss er uns als mittelbare Maschinen brauchen seine Plane seien sie
auch welche sie wollen durchzusetzen
Alle diese Gedanken fielen mir schon seit lange ein aber ich traute mir
selber nicht Ich hatte Andrea sonst so sehr verehrt dass ich es für
wahrscheinlicher hielt dass ich seine Größe nicht begreifen könne als dass er
nicht ganz groß sein sollte aber seit ich hier in einem ruhigern Leben und
unter einfachern und einfältigern Menschen bin kommt mir alles von Rom aus so
seltsam wie ein Traum vor Andrea erscheint mir in einem andern Lichte und
alles was sonst in mir nur ferne leise Ahndung war ist nun zur Gewissheit
geworden Aus diesem Grunde werde ich nicht nach Rom zurückkehren um mich nach
und nach dem Andrea und seinen Gesellschaftern fremd zu machen denn mögen Sie
es Einfalt nennen oder wie Sie wollen ich habe jetzt vor ihm und seinen
Meinungen eine gewisse Scheu ich möchte mein Herz und meinen Verstand
beruhigen und er würde alles anwenden um beides zu zerstören Ich könnte
leicht durch neue Wendungen zu einer vielleicht noch schlimmern Verehrung
hingerissen werden wer weiß welche Schwächen er noch in mir entdeckte die er
zu seinem Vorteile nützen könnte Freilich ist es etwas Törichtes sich vor
sich selber und vor etwas das man noch nicht kennt zu fürchten aber vieles
Törichte ist sehr menschlich das fühl ich und vielleicht eben darum gut und
deswegen will ich nach diesem Gefühle handeln Ich bin nicht leichtsinnig genug
um ein Rosa und nicht Entusiast genug um ein Lovell zu werden und beide sind
vielleicht schon sehr unglücklich
Sagen Sie mir über meinen Brief Ihre aufrichtige Meinung
2
Francesco an Adriano
Rom
Mich freut das Zutrauen das Sie in Ihrem Briefe zeigen ich kann Ihnen nichts
weiter darauf antworten als dass ich glaube Sie haben recht und dass ich sogar
darauf schwören wollte dass Sie recht haben Sie kennen mich sehr gut wenn
Sie meinen dass ich im stillen ebenso wie Sie über Andrea gedacht habe aber ich
gestand mir selbst nicht wie ich dachte es war mir grade so wie einem der
sich selbst gern eine Krankheit ableugnen möchte um sich nur eine langweilige
mühselige Kur zu ersparen Nun ich aber die erste Medizin genommen habe kann
ich unmöglich wieder zurücktreten ohne alles zu verderben
So wie man sich an alles in der Welt gewöhnt so hatte ich mich auch daran
gewöhnt unsern Andrea zu bewundern ich schob dabei immer die Schuld auf mich
wenn mir mancherlei an ihm seltsam und abenteuerlich vorkam Man kann wirklich
annehmen dass wir so wie Andrea und alle Menschen in einem gewissen Grade
wahnsinnig oder toll sind wir glauben es aber nur von denen bei denen diese
Tollheit eine solche Konsistenz erhalten hat dass sie zur sichtbaren Einheit
wird und dass man sie als ein seltsames Kunstwerk betrachten kann Aber jedermann
hat irgend etwas an sich das wahrhaftig nicht im mindesten mit seinem
ordinären sogenannten Verstande zusammenhängt Ich habe Leute gesehen die
Geschmack hatten und die abgeschmacktesten verschimmelten Scharteken mit einem
solchen Eifer zusammenkauften als wenn es ihre Lieblingsschriftsteller gewesen
wären andere die philosophische Schriften über alles rühmten und von einigen
behaupteten dass man sie nicht oft genug lesen könne die sie aber nie lasen
Freigeister gibt es die vor ihrem Schatten zittern Abergläubische die so
handeln als wenn kein Gott wäre Es ist als wenn dieser Kampf von
ungleichartigem Wesen in uns das hervorbrächte was wir einen gewöhnlichen
Menschen nennen wer von dieser Komposition abweicht auf der einen oder andern
Seite ausschweift und alle Tollheit oder allen Verstand in sich erstickt der
ist einer von jenen ungewöhnlichen Menschen die wir wohl anstaunen aber nicht
begreifen können einer von jenen schrecklichen Magiern die wir in
Felsenschlüften oder in Tollhäusern besuchen wir übrigen stehen am Kreuzwege
zwischen einem Heiligen und einem Wahnsinnigen So macht ich mir im Andrea
jenes Närrische zum Menschlichen und fand ihn darum nur um so liebenswürdiger
es war das was seine Glorie verdunkelte die wahre Narrenkappe an der man den
Menschen von den Tieren und den Engeln unterscheiden kann
Andrea gab dem kalten einfachen Menschen sehr viele Blössen Er geht mit
seinen sogenannten Freunden auf eine seltsame Art um er scheint selbst
mutwillig das von sich zu entfernen was man Zutrauen und Wohlwollen nennt um
es dann doch auf einem andern mühseligern Wege wiederzusuchen er ließ uns in
Zweifel ob wir seine Geistererscheinungen für Spaß oder Ernst nehmen sollten
aber alles dies schrieb ich auf die Rechnung der schon oft erwähnten Tollheit
die mich nach und nach ansteckte so dass sie mir am Ende gar nicht mehr seltsam
vorkam sosehr sie mir auch im Anfange aufgefallen war Jetzt aber bin ich
ganz und gar Ihrer Meinung ich ahnde Plane und Maschinerien und dies wird mich
bewegen mich ebenfalls von Andrea zurückzuziehn Wenn es nur möglich ist Ich
bin zu bequem um große Schritte zu tun und die kleinen dienen bei einem solchen
Menschen nur dazu uns ihm wieder näherzubringen Wir sollten an Rosa
schreiben vielleicht dass er uns die besten Winke geben könnte da er immer mit
Andrea am vertrautesten gewesen ist
Lovell ist mir immer als ein Narr vorgekommen aber seine Narrheit ist eine
tragische und das tut mir um so mehr leid da ich ihm gut bin
3
Francesco an Adriano
Rom
Ich bin Ihrem Rate gefolgt und ich finde dass selbst Unbequemlichkeiten bei
weitem nicht so unbequem sind als man sich im Anfange vorstellt Andrea hat
mein verändertes Betragen bemerkt aber er scheint keine besondere Teilnahme
darüber zu äußern Es ist wirklich gut dass Sie mich in Ihrem neulichen Briefe
auf alles aufmerksam gemacht haben Warum sollen wir denn nicht auf unsre eigne
Hand vernünftig sein dürfen und immer nur auf die Bestätigung dieses Andrea
warten Darf er denn nur unserm Kopfe das Privilegium erteilen zu denken Ich
könnte es niemals übers Herz bringen irgendeinen Menschen auf eine ähnliche Art
zu beherrschen ich würde mich vor mir selber schämen
Hat denn nicht jede Schule und jede Sekte etwas sehr Verächtliches Muss
jeder Stifter und jedes Oberhaupt einem Bärenführer gleichen der seine
Untergebenen zu gewissen Künsten abrichtet die sie nach seinem Belieben
wiederholen Warum soll ich nun nicht so denken dürfen wie mir der Kopf
gewachsen ist
Ich habe an Rosa geschrieben und ich bin auf die Antwort begierig
4
Rosa an Francesco
Tivoli
Sie haben mir durch Ihren Brief sehr weh getan lieber Francesco Soll ich Ihnen
sagen dass Sie recht haben soll ich den Versuch machen Ihnen das Gegenteil zu
beweisen Beides wag ich nicht Schon seit lange bin ich von allen Seiten mit
Irrtümern und Zweifeln umgeben ich kann keinen Schritt vor und keinen zurück
tun ohne zu straucheln Wie glücklich sind Sie und Adriano da Sie sich so
ungebunden fühlen da Sie überzeugt zu sein glauben
Sie können sich meine Lage vielleicht gar nicht vorstellen In einer
Ungewissheit dass ich darüber würfeln möchte wie ich von Andrea denken soll
bald zu einer tiefen Verehrung hingerissen bald von einem niedrigen Argwohn
angelockt mir bewusst wie sehr ich gegen mich selbst geheuchelt und wie viel
ich ihm zu danken habe o Francesco es wäre um wahnsinnig zu werden wenn man
diesen Gedanken nachhängen wollte Was habe ich je gedacht was nicht
ursprünglich aus Andreas Kopfe gekommen wäre Ich fühle und bekenne meine
Schwäche Sollte ich ihn aufgeben so würde ich mit ihm alles dahingeben was
mich zusammenhält ich habe so vieles getan um ihm nahezukommen und alles
sollte nun vergeblich sein
Und dann ist es unmöglich Ich kann Ihnen nicht sagen warum aber glauben
Sie mir es ist unmöglich Wenn der Mensch wüsste zu welchen Folgen ihn ein ganz
gleichgültig scheinender Schritt führen könnte er würde es nicht wagen den Fuß
aus der Stelle zu setzen
Am wenigsten kann ich mir jene Lügen vergeben die ich mir selber vorsagte
in einer gewissen Spannung sucht man das Wunderbare und stellt selbst das
Gewöhnliche auf eine seltsame Weise Diese Übertreibung drückt mein Herz schwer
nieder ob ich gleich nicht ganz Ihrer Meinung sein kann dass Andrea nicht in
einem hohen Grade Verehrung verdiene wenn wir ihn auch nicht begreifen können
so berechtigt uns das noch gar nicht ihn gänzlich zu verwerfen
Ich habe oft abgesetzt und war sehr oft ungewiss ob ich den Brief abschicken
sollte Mögen Sie ihn indes nehmen wie Sie wollen bei einem billigdenkenden
Manne wird er mich entschuldigen
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William Lovell an Rosa
Paris
Ich bin auf der Rückreise nach Italien ich schreibe Ihnen diesen Brief aus
Paris Hier befinde ich mich besser als auf der Reise hieher wenn man die
Menschen in einem dicht gedrängten Gewühle sieht so sind sie weit erträglicher
Man sieht sie dann so einzeln und abgerissen und jede Armseligkeit an ihnen
erscheint dann vergrößert Wie sie alles nur auf sich einzig auf sich beziehn
Wie der armseligste Bauer meint dass man ihm sein Haus und seinen wüsten Garten
beneide wie jeder von der Narrheit und von den Schwächen des andern spricht
ihn mustert und sich so unendlich über ihn erhaben fühlt Wie keiner daran
denkt dass er einst mit den Würmern und den wilden Blumen des Kirchhofs verwandt
werden wird ach wie sie den ekelhaften Körper jeglicher auf seine eigene
Art ausputzen und verherrlichen
Hier in den betäubenden Zirkeln in denen sich alle Maschinen auf die
lebendigste Weise bewegen und jeder den andern durch witzige Einfälle oder
durch Reichtum oder Glück oder Schönheit verdrängt hier in diesen bunten
abwechselnden Szenen ist mir um vieles besser Man rührt sich mit unter den
beweglichen Puppen man lacht trinkt und spielt und vergisst dabei dass man ein
Mensch ist eben je mehr man unter ihnen ist je mehr vergisst man dass man zu
ihnen gehört
Ich spiele viel und ich habe bei weitem nicht so viel Glück als in England
Tadeln Sie mich nicht denn ist nicht alles was wir Genuss der Seele nennen
etwas das darauf hinausläuft Ob ich mit Worten oder Karten Definitionen
Würfeln oder Versen spiele gilt das nicht alles gleich An die Karten und
ihre wunderbaren unerwarteten Abwechselungen kann man alle Empfindungen
knüpfen das Glück steigt und fällt wie Ebbe und Flut mit jedem Spiele beginnt
ein neues Schicksal und unser Inneres bewegt sich harmonisch mit den
Abwechselungen der bunten Bilder Die Seele interessiert sich für diese
gefärbten Zeichen und wird vertraut mit ihnen und das Leben bleibt in einem
unaufhörlichen munteren Schwunge die Leidenschaften sinken nie unter Freude und
Schreck wechseln und jagen immer schneller und schneller das Blut durch die
Adern was kommt gegen diese Empfindungen das unbeholfene Geld in Rechnung
Jeder Mensch braucht eine Erschütterung der eine sucht sie im Theater der
andere in irgendeinem Steckenpferde dem er sich mit der innigsten Liebe
hingibt ein andrer macht Plane ein vierter ist verliebt das Spiel ersetzt
mir alles es entfernt mich vom Bewusstsein meiner selbst und taucht mich in
dunkle Gefühle und wunderbare Träumereien unter Es ist oft als käme man dem
eigensinnigen Gange des Zufalls auf die Spur als ahndete man die Regel nach
der sich die durcheinandergezogenen Kreise bewegen
Auf der Fahrt von Soutampton nach Guernsei hatten wir einen heftigen Sturm
Der Blitz zersplitterte den einen Mast und die Wogen donnerten und brausten
fürchterlich Wir alle kämpften mit der Furcht des Todes und dicke Nacht lag um
uns her Die Winde strichen pfeifend über das empörte einsame Meer hin und beim
Leuchten des Blitzes sahen wir den Aufruhr der Flut das Geschrei der Matrosen
dazwischen das Wehklagen der Geängstigten es waren fürchterliche Stunden Nie
hab ich mich so verlassen gefühlt und dem blinden Ohngefähr so gänzlich
preisgegeben Mit der Kälte der Verzweiflung erwartete ich riesengrosse Wogen
die das Schiff verschlängen krachende Blitze die es zerschmetterten den
Orkan der es auf eine Klippe schleuderte Eine fremde bis dahin unbekannte
Gewalt die Liebe zum Leben der Instinkt alles Lebendigen stand in meiner Brust
auf und beherrschte mich und mein Bewusstsein Ich lernte zum ersten Male die
Furcht die Angst vor dem Tode kennen ich klammerte mich an den Mast so fest
als wenn ich das Schiff durch meine eigne Kraft über den Fluten emporhalten
wollte Ich wünschte nur zu leben und vergaß jedes andere Glück und Elend der
Erde der Tod war mir jetzt ein grässliches riesenmässiges Ungeheuer das seine
Hand kalt und unerbittlich nach mir ausstreckte von allen Seiten hatten mich
seine Wächter eingesperrt und das Entrinnen war unmöglich Wie lieb gewann ich
in diesen Augenblicken den Arm der mich an den gefühllosen Mast kettete wie
sehr liebt ich mich selbst
Das Wetter ward endlich ruhiger und alle erwachten wie aus einem schweren
Träume das Land das wir erreichten kam uns so neu und doch wie ein alter
Freund vor
Ich mag nicht noch eine solche Stunde erleben und wie leicht ist es
möglich dass sie mich plötzlich überrascht Ach noch weit entsetzlicher ist
das einsame Krankenbette in das der Tod nach und nach mit hineinkriecht sich
mit uns unter einer Decke verbirgt und so vertraulich tut Ich entsetze mich
in manchen Stunden davor dass ich irgendeinmal sterben muss man denkt daran nur
so selten ernstaft und doch ist es wahr Wie zittert der Sünder vor dem Tage
seiner Hinrichtung und kann einer von uns diesem Schicksale entgehn Ach
das Leben ist verächtlich und fürchterlich aber der Tod ist entsetzlich und
abscheulich der arme geängstigte Mensch steht in der Mitte und weiß nicht
wonach er greifen soll Wie kaltblütig uns die Dichter immer Sterbliche
anreden und wie wenig wir selbst meistenteils dabei empfinden
6
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Wie geht es Ihnen lieber Mortimer Ich habe lange keine Nachrichten von Ihnen
bekommen Der alte Sir Ralph mit seiner Tochter von denen Sie mir neulich
schrieben in der Sie Emilien zu finden hofften wohnt jetzt in meiner Gegend
und er scheint sich in seinem einsamen Hause recht wohlzubefinden Es ist eine
Erquickung meines Herzens es ist eine Schuld die ich abbezahle wenn ich
diesen Leuten wohltue Ich besuche sie oft und ich muss Ihnen gestehen dass ihr
Umgang mich fast am meisten getröstet hat
Der alte Mann der gut erzogen war und nun am Rande des Grabes in die
schrecklichste Armut versinkt halb blind mit allen Bequemlichkeiten des Lebens
vertraut und nun plötzlich von allem entblößt der gern ein Stoiker sein
möchte wenn er nur könnte der sein Elend so innig fühlt und sich doch sosehr
er Hilfe wünscht davon zu sprechen schämt er ist mir nach und nach so
interessant geworden dass es mir vorkömmt als fehle mir irgend etwas wenn ich
ihn an einem Tage nicht gesehen habe
Seine Tochter ist ein reizendes Bild der Unschuld ohne alle Prätension Sie
wundert sich über Glück und Unglück gleich wenig in der Welt und nicht aus
Standhaftigkeit sondern weil sie so unbefangen ist dass sie glaubt es muss so
sein Sie ist ein erwachsenes Kind das mit allen Gegenständen spielt die es
erreichen kann O wohl dir glückliches Wesen Wie bunt und lustig sieht dir
selbst in deinem Elende die Welt aus du gehst mit neugierigem Auge hindurch
und betrachtest eifrig jede Nichtswürdigkeit als etwas sehr Merkwürdiges Sie
genießt das Leben wie man sonst nur ein Kunstwerk genießt es ist ihr ein
großer Jahrmarkt mit nett ausgeputzten Seltenheiten
Ach ich denke an Emilien zurück Alle meine Sorgen alle schlaflosen Nächte
fallen mir ein wenn ich ein liebenswürdiges Gesicht sehe Wo ich mich freuen
will tritt mir eine schwarze Erinnerung entgegen und wenn ich mich zuweilen
vergesse so mache ich mir nachher über meinen Leichtsinn nur desto
schmerzhaftere Vorwürfe Als nun ihr Rausch nach und nach entfloh was muss sie
gelitten haben als sie sich die Entdeckungen in dem Innern ihrer Seele gestand
und alles wie nichtiges schales Spielzeug dalag das sie in der Entfernung mit
so vieler Ehrerbietung betrachtet hatte Ihre hohe Empfindung hatte sie für
etwas Einziges gehalten sie hatte unvollendete schöne Eigenschaften darin
geahndet und sich selbst als ein Wesen betrachtet das mit seinen großen und
mannigfaltigen Fähigkeiten unbekannt sei Dies ist der gefährlichste Stolz im
Menschen er macht ihn frech und zuversichtlich auf Gaben die er nicht besitzt
und unglücklich wenn die Seele endlich selbst jene eingebildeten Schwingen
versuchen will Wenn das Sterben ein Erwachen vom Leben ist so war sie schon
vor dem Tode auf eine ähnliche Art erwacht das beweiset ihr letzter Brief Sie
muss es innig gefühlt haben dass sie nur geträumt und nicht gelebt habe wie muss
sie erschrocken gewesen sein als sie sich beim Erwachen an einem so fernen und
fremden Orte wiederfand
Ach Emilie Dein Name tönt in meinen Ohren so süß meine ganze Kindheit
liegt in dem Laute Ich schwärme oft und bilde mir ein dass sie mich hört dass
sie es sieht wenn ich ihre Papiere küsse und mit meinen Tränen benetze Ich
habe aus dem Gedächtnis ihr Bildnis gezeichnet und es ist nach meiner Meinung
sehr ähnlich bei jedem Zuge der mir gelang entstürzten Tränenströme meinen
Augen es war als wenn sie selbst plötzlich wieder aus dem Papiere hervorbrechen
würde und mir sagen alles alles sei nur eine unnütze Angst gewesen dass sie
mir dann wie in der Kindheit den Kopf herumdrehen würde und ich über den
grausamen Schelmstreich lachen müsste
Was mich in meinen Schmerzen am meisten niederschlug war dass die Natur und
alle Gegenstände umher so kalt und empfindungslos schienen In mir selbst war
der Mittelpunkt aller Empfindungen und je mehr ich aus mir hinausging je
weiter lagen die Empfindungen auseinander die in meinem Herzen dicht
nebeneinander wohnten Aus dieser Ursache fühlt sich der Unglückliche in der
Welt unter allen Geschöpfen so fremd denn man nimmt auf seinen Schmerz nie
Rücksicht genug man achtet ihn nie so wie er es wünscht Die Menschen die
mich umgaben trockneten bald ihre Augen andre hatten nie geweint noch
entferntere Emilien nie gekannt Ich schalt auf alle und war ungerecht Dieses
mannigfaltige und widersprechende Interesse der großen Menschheit sollte uns im
Gegenteile im Unglücke trösten
7
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Es ist im Leben nicht anders es wechselt alles wie Sonne und Mond wie Licht
und Finsternis Hoffnung und Furcht ist die Lebenskraft die unser Herz in
Bewegung erhält und in jedem Moment der Leidenschaft sollten wir schon auf diese
Abwechslung rechnen Das Leben ist nichts weiter als ein ewiges Lavieren
zwischen Klippen und Sandbänken die Freude verdirbt unser Herz ebensosehr als
die Qual und eine feste Ruhe und gleichförmige Heiterkeit ist unmöglich
Unglück macht menschenfeindlich misstrauisch verschlossen der Mensch wird
dadurch ein finstrer Egoist und indem er auf alles resigniert hat er den Stolz
sich selbst zu genügen Das Glück ist die Mutter der Eitelkeit selbst der
Vernünftigste wird sich im stillen für wichtiger halten als er ist Eitelkeit
und Selbstsucht lassen den Menschen vielleicht nie ganz los im ewigen Kampfe
mit ihnen besteht am Ende sein Verdienst
Ich spreche aus dem Herzen lieber Burton Ich bin noch einer von den
kältern Menschen und doch bin ich immer mit Wogen gestiegen und gesunken
Wenn ich einmal melancholisch würde so könnte ich mit Hamlet sagen
»Ich bin noch keiner der Schlimmsten und doch könnt ich mich solcher
Verbrechen anklagen dass es besser wäre man hätte mich nicht geboren«
Im Glücke war ich stolz und eigensinnig beim kleinsten Unglücke glaubt ich
dass dergleichen mir nur allein begegne jedermann hatt ich dann im Verdachte
dass er mich verfolge und hasse ich hielt die Menschen sogleich für viel besser
und schlechter als ich war ich übertrieb alles auf eine kindische Art um mir
nur recht unglücklich zuweilen um mir selbst nur recht schlecht vorzukommen
Ich unterschied mich von andern nur dadurch dass ich weniger sprach und mich
mehr verstellte dass ich einige Philosopheme hersagte die mir immer zu Gebote
standen und die die Augen der Menschen verblendeten Wahrlich wir sind am
Ende alle Brüder einer Mutter
Trauen Sie es mir wohl zu dass ich lange für mich glaubte Lovell habe mein
Haus angezündet weil er mir meinen Frieden beneide Ich hatte eben keine Gründe
zu diesem Argwohne als mein misstrauisches Herz Aber ich habe es ihm auch mit
diesem Herzen wieder abgebeten
Ach ich muss die Feder niederlegen denn ist nicht auch das dass ich so über
mich spreche vielleicht wieder Eitelkeit Es gibt gewisse Gedanken die man
zu den Kuriositäten der Seele rechnen sollte
Ich bete alle Nächte für Amaliens Niederkunft und ist es nicht wieder die
Hoffnung die mir diese Laune gibt die vielleicht unbarmherzig genug gegen Ihre
Melancholie anrennt Aber verzeihen Sie mir und dem Menschen und leben Sie
wohl
8
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Ihr Brief hat mich nicht beleidigt sondern getröstet Warum verstand ich jenen
der mich zuerst gegen Lovell aufbrachte nicht ebenso gut Bin ich denn nicht
aller derselben Schwächen schuldig ach und noch vieler andern Eben unser
Herz das uns von innen veredelt und bessert indem Empfindungen auf und
niedersteigen um es zu erwärmen und zu reinigen eben dies bewegt uns am Ende
wieder diese Empfindungen für ganz etwas Einziges zu halten sie viel zu hoch
uns selber anzurechnen und dadurch eine Scheidemauer zwischen uns und den
übrigen Menschen zu ziehen In Lovells Bekenntnissen finde ich jetzt mich selbst
wieder nur dass er übertreibt wie denn alles übertrieben ist was man
absondert um es einzeln hinzustellen damit es andre fassen und begreifen
Unser Sprechen besteht darin dass wir ganze Massen von Gedanken und Bildern als
einen Begriff hinstellen wir nehmen die Phantasie zu Hilfe um der fremden
Seele zu erläutern was uns selbst nur halb deutlich ist und auf diese Art
entstehn Gemälde die dem kälteren Geiste der nicht gespannt ist Missgeburten
scheinen Es ist ein Fluch der auf der Sprache des Menschen liegt dass keiner
den andern verstehen kann und dies ist die Quelle alles Haders und aller
Verfolgung die Sprache ist ein tödliches Werkzeug das uns wie unvorsichtigen
Kindern gegeben ist um einer den andern zu verletzen Ach habe ich nicht
dadurch Lovell und Emilien verloren
Ich sehe Ralph und seine Tochter täglich Sie ist in ihrer Unschuld
verehrungswürdig und diese Menschen söhnen mich nach und nach mit der Welt und
ihren Bewohnern wieder aus Ich wünsche Sie bald als einen glücklichen Vater
begrüßen zu können Es ist doch recht erfreulich wenn jeder die kleine Stelle
auf der er steht für die vornehmste auf der Erde hält
9
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Es ist endlich entschieden lieber Freund Amalie ist außer Gefahr und ich bin
der Vater eines jungen hoffnungsvollen Sohnes Man kann nicht in die Zukunft
sehen sonst würde ich mich vielleicht noch mehr freuen als es geschieht Amalie
ist sehr glücklich
Ob denn auch bei mir jene Eitelkeit eintreten wird die mir an andern Vätern
oft so sehr missfallen hat Man kann freilich für nichts stehen am wenigsten für
irgendeine menschliche Schwäche allein ich glaube es doch nicht Ich habe schon
sehr genau auf mich achtgegeben aber ich muss Ihnen gestehen dass mir das
Schreien meines Kindes ebenso unharmonisch vorkömmt als das aller übrigen dass
ich es nicht schön finde so wie es bis jetzt ist dass ich auch noch keinen
Funken von Verstand oder Genie an ihm entdeckt habe ich habe Väter gekannt die
darin unendlich scharfsichtiger waren die es übelnahmen wenn sich jemand beim
Gekreisch ihres Sohnes die Ohren zuhielt oder meinte dass er die Fragen die
man an ihn tat wohl noch nicht verstehen möchte
Ich bin nicht so lustig als es neue Väter gewöhnlich zu sein pflegen der
Anblick des Kindes macht mich sehr ernstaft Kann ich wissen von welchen
Zufälligkeiten die schon jetzt eintreten und die ich nicht einmal bemerke sein
künftiges Schicksal abhängt Die ganze unendliche Schar der Gefühle und
Erfahrungen wartet auf ihn um ihn nach und nach in Empfang zu nehmen Glück und
Unglück wechselt er wird in alle Torheiten eingeweiht und glaubt sich in jeder
verständig So treibt er den Strom des Lebens hinunter um endlich wieder wie
wir alle unterzugehn
Nein das Leben kann nicht das Letzte und Höchste sein da wir so oft das
Leere und Unzusammenhängende darin empfinden Jedesmal wenn wir ernstaft
werden ohne zu wissen warum erinnern wir uns vielleicht dunkel eines besseren
ehemaligen Zustandes Dem Schwärmer ist es vielleicht gegönnt diese flüchtigen
Erinnerungen festzuhalten und er entfernt sich daher mit jedem Tage mehr vom
gewöhnlichen Leben
Auf diesem Wege könnte man aber auf eine recht vernünftige Art verrückt
werden und dieser Zustand mag nun in sich selbst so vortrefflich sein als er
will so sieht er doch in der Entfernung zu abschreckend aus als dass ich ihm
sollte näherkommen wollen
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Adriano an Rosa
Florenz
Sie irren Rosa wenn Sie vielleicht glaubten dass Ihre Spötterei mich
aufbringen würde noch mehr aber wenn Sie der Meinung waren mich dadurch zu
überzeugen Ich mag und kann Ihnen hier meine Gründe nicht weitläuftig
auseinandersetzen warum ich jetzt noch nicht nach Rom zurückkehren werde Ich
wünschte durch mein ganzes Leben einen geraden Weg vor mir zu haben den ich
übersehn kann von dem ich weiß wohin er mich führt Ich mag lieber nicht weit
kommen als mich aufs Ungewisse einem unbekannten Fusssteige vertrauen
Das Gleichnis wird Ihnen vielleicht lächerlich dünken aber mags Es ist
vielleicht notwendig dass manche Menschen uns verachten damit uns andre wieder
schätzen Ich besitze freilich nicht jene Fähigkeit jede Meinung sogleich zu
verstehen und in ihr zu Hause zu sein ich bin ungelenk genug manches für Unsinn
zu halten weil ich es nicht begreifen kann aber verzeihen Sie mir meine
Schwäche so wie ich Ihre Größe bewundre Ich spotte jetzt nicht Rosa sondern
es ist mein völliger Ernst ich habe über mich selbst nachgedacht und gefunden
dass alle meine Schwächen mit meinen bessern Seiten zusammenhängen wie es
vielleicht bei jedem Menschen ist die gewaltsamen Änderungen sind auf jeden
Fall immer ein sehr missliches Unternehmen es gibt keine so geschickte Hand die
mit dem Unkraute nicht zugleich die guten Pflanzen ausraufte Lassen Sie mich
darum lieber so wie ich bin Sie mochten mich sonst ganz verderben
Auch dass ich dies fürchte ist eins von den Vorurteilen die Sie verlachen
Aber lieber Freund entkleiden Sie den Menschen von allen Vorurteilen und sehen
Sie dann was Ihnen übrigbleibt Die Sucht ganz als freier Mensch zu handeln
führt am Ende wieder den schlimmsten Vorurteilen oder dem Wahnsinne entgegen
Ich will lieber manches glauben um nur mit mir selbst zur Ruhe zu kommen Sagen
Sie mir aufrichtig ob es auf Ihrem Wege möglich ist
Doch lassen Sie mich lieber die ganze Untersuchung abbrechen denn sie führt
doch zu nichts
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Bianca an Laura
Rom
Besuchen Sie mich doch liebste Freundin ich habe den ganzen Tag geweint Der
Arzt hat mir heute morgen endlich angekündigt dass ich die Schwindsucht habe
Ich weiß vor Betrübnis nicht zu bleiben Ich habe gebeichtet allein ich bin
nur wenig getröstet kommen Sie und heitern Sie mich durch einige lustige
Erzählungen auf
Wen haben Sie denn jetzt zum erklärten Liebhaber O erzählen Sie mir doch
von ihm recht viele Torheiten damit mir die Welt nur wieder etwas lustig
vorkömmt Ob denn die Schwindsucht immer so gefährlich sein mag als man sagt
Ach liebe Freundin der Gedanke an den Tod ist sehr bitter Wenn Sie nicht
kommen weiß ich nicht wie ich den Abend zubringen soll Ich werde dann wieder
weinen und beten Aber kommen Sie ja ich beschwöre Sie
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Laura an Bianca
Ich kann Sie heute unmöglich besuchen aber morgen Alle unsre Bekanntschaften
haben mich verlassen und ich habe eine Zeitlang recht einsam gelebt aber seit
gestern habe ich wieder einen guten Freund angetroffen Mit Ihrer Krankheit
wird es mit der Zeit wohl besser werden Sie müssen nur nicht die Hoffnung
verlieren denn die Hoffnung ist die beste Arznei Wenn Sie aber wirklich die
Schwindsucht hätten so könnte diese Krankheit für andre leicht ansteckend sein
wenigstens sagt man es so Aber ich will doch morgen zu Ihnen kommen nur müssen
Sie auch hübsch heiter und lustig sein denn wenn ich jemand sehe der weint so
werde ich gleich mit betrübt und nichts in der Welt fällt mir so zur Last als
die Betrübnis Man sollte nie betrübt sein wenn man es möglich machen könnte
es ist so nicht viel an dieser Welt und wir müssen sie uns also nicht noch
mutwillig verbittern Der junge Lovell hat mir sonst mit seinem sauren Gesichte
manche böse Stunde gemacht und ich weiß nicht warum mir an einem Manne die
Ernsthaftigkeit noch fataler ist als an einem Frauenzimmer Schicken Sie mir
doch etwas von Ihrer Schminke die meinige ist zu Ende und ich kann noch keine
neue bekommen Es ist doch wirklich unangenehm dass die Haut davon so gelb wird
ich bemerke das seit drei Wochen auf jedem Topfe steht dass die Schminke
unschädlich sei und doch ist es dann nicht wahr wenn man es untersucht Was
haben Sie für einen Arzt Armes Kind ich kann mir Ihre Betrübnis recht denken
und Sie haben auch Ursache dazu aber Sie müssen sich dennoch trösten denn das
Klagen und Weinen macht es nur schlimmer Wenn Sie ausgehn dürfen so kommen Sie
heute vor abends zu mir
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William Lovell an Rosa
Paris
Ich weiß nicht warum ich immer noch hier bin Ich sollte endlich zurückkehren
Es ist unbegreifliche Trägheit von mir dass ich noch nicht in Rom bin Wie kann
man so ganz von aller Kraft von aller innern Stärke verlassen sein
Mein Glück im Spiele hat aufgehört und doch bin ich an den Tisch wie
festgezaubert Wenn ich Karten sehe läuft mein Blut lebendiger und ich träume
nur von glücklichen oder unglücklichen Spielen Ich verstehe jetzt was man
unter der Leidenschaft des Spiels sagen will Ich habe schon ansehnlich
verloren das Geld was ich aus England mitbrachte und einen großen Teil von
Burtons Wechseln ich ärgre mich darüber nicht aber über die platte Freude der
jämmerlichen Menschen die von mir gewinnen Sie halten das blinde Glück für
einen Vorzug der ihnen eigentümlich ist sie verachten mich indem ich
verliere Ich lerne jetzt zuerst den Wert des Geldes empfinden und kann doch
nicht zurück wenn ich die verdammten Bilder sehe Raten Sie mir was ich tun
soll Und weiß ich nicht alles im voraus was Sie sagen werden Oh es ist um
toll zu werden dass man so närrisch ist
Der Begriff von Zeit ist mir jetzt fürchterlich Wenn ich einen Tag vor mir
habe ohne zu wissen was ich mit ihm anfangen soll oh und dann den Blick
über die leere Wüste von langweiligen Wochen hinaus Und wieder eine Stunde nach
der andern von der Zeit zu betteln sich vor dem Gedanken des Todes zu
entsetzen Wie elend ist der Mensch dass er sterben muss und wie höchst
unglückselig müsste er sein wenn er ewig lebte Wie toll und unsinnig ist unser
Leben durch diese unaufhörlichen Widersprüche
Wie verächtlich ist alles um mich her durch unsre Sinnlichkeit die uns
unerbittlich an Nichtswürdigkeiten fesselt Alles was Freude Schönheit Genuss
und Witz heißt bezieht sich unmittelbar auf die gröbste Sinnlichkeit das
Menschengeschlecht ermüdet nicht bei denselben frostigen Spässen die Phantasie
bekommt keinen Ekel vor sich selber Oh mir zittert oft das Herz wenn ich die
Menschen um mich her lachen sehe wenn ich junge Leute betrachte die sich in
ihrer Verächtlichkeit so glücklich fühlen Kein Gedanke hebt dies Geschlecht
über seine jämmerliche Eingeschränkteit hinaus Ach wenn ich dann aus ihrer
Gesellschaft unter den freien Himmel trete und die ewige Schar der unendlichen
Welten über meinem Haupte funkeln wenn ich mich mit Schwindeln in die Millionen
dieser Erden verliere und andre und noch höhere ahnde wenn ich den Mond
betrachte und Städte Berge und Wälder auf seiner Scheibe entdecken möchte und
ich komme dann zu mir und zur gewöhnlichen Heimat meiner Gedanken zurück
Karten Würfel und unzüchtige Gespräche Die Seele leugnet sich selbst ihre
Schwingen ab und wohnt mit Wohlbehagen in einem schmutzigen Kerker weil der
Äther und die Sonne und jede freie und glänzende Bahn eine strenge Rechenschaft
von ihr fordert
O Rosa Wie oft erwachen jetzt kindliche Gefühle in meiner Brust die wie
unvermutete längstvergessene Freunde bei mir einkehren und den Hauch des
ehemaligen Frühlings mit sich bringen Bilder von Gegenden die mich sonst
schwermütig entzückten kommen in mein Gemüt und machen mich von neuem
melancholisch es reichen süße Stimmen über alle Abgründe zu mir herüber und
nennen sehnsuchtsvoll und anlockend meinen Namen Ach wie unaussprechlich
unglücklich macht mich alles Und dann kehre ich zu den Karten und zu meinen
gemeinen Gesellschaftern zurück
Oft wenn ich mich in wüste Träume verliere und die Erde mit allen ihren
Schätzen wie ausgebrannte Schlacken vor mir lieget geht Amaliens Name wie die
erste Blume nach dem Winter in meinem Herzen auf Wie von vorüberfliegenden
Engeln werd ich dann begrüßt wie Morgenrot umgibt es mich das mühsam nach mir
hinüberklimmt Dann möcht ich die unendlichen Gefilde des Himmels vergessen und
zur Erde wie zu einer lieben Hütte zurückkehren Ach meine Träume sind mehr
wert als die Wirklichkeit Und musst ich erst die Wirklichkeit so kennenlernen
um auf diese Art träumen zu können
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Karl Wilmont an Mortimer
Paris
Ich habe keine Ruhe und kann ihn auch nicht finden Es ist mir oft als triebe
es mich in ein Haus hinein dass er dort sein müsse und wenn ich hineintrete
ist er doch nicht da Eine unbeschreibliche Ungeduld quält mich Tag und Nacht
ich träume nur von ihm und oft glaub ich am Morgen dass er zu mir in das Zimmer
trete Ich laufe an öffentlichen Örtern herum ohne zu sehen und zu hören Dann
empört sich meine Wut in mir von neuem und eine gänzliche Erschlaffung aller
Kräfte folgt dieser Anspannung
Ach wie kommt mir das Leben vor Von Torheiten wird es zusammengehalten
damit es nicht zerfällt je älter und schwächer der Mensch wird je mehrere
dieser Narrheiten fallen ihm aus und der Tod besteht am Ende darin dass die
letzte Torheit aus dem Menschen springt und so dem Geiste Platz macht und so
sterbe ich vielleicht wenn ich meine Rache ganz aufgebe Denn was will ich denn
damit oder was kann sie mir helfen Man möchte zuweilen alles nur für Scherz
halten
Ich verzweifle an mir selber ich wünschte dies klägliche Leben wäre erst
zu Ende damit mir besser und ruhiger würde Und doch muss ich ihn suchen und
finden dann werde ich sterben
15
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Was sagen Sie lieber Freund wenn ich ganz offenherzig gegen Sie werde Doch
weiß ich nicht schon Ihre Meinung im voraus Und es kann sein dass eben dies die
Ursache ist warum ich noch frage
Ich sehe den alten Ralph und seine Tochter täglich Betty hat sich meines
Herzens bemächtigt ich kann es mir selber nicht ableugnen mein Blut fließt
wieder froher durch die Adern die Welt und das Leben sind mir wieder lieb Wenn
ich ihr nun meine Hand gebe und ich dann ein stilles und glückliches Leben mit
ihr führe kann ich mehr und anders wünschen Das Bild Ihres häuslichen Glücks
hat mich zuerst auf diesen Wunsch geführt Ich mag nichts weiter hinzusetzen
leben Sie wohl
16
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Was kann ich Ihnen sagen Erwarten Sie keine langweiligen Späße von mir denn
ich betrachte jetzt manche Dinge in der Welt recht ernstaft ich ließ es mir
wohl ehedem zuschulden kommen über manche Arten des menschlichen Glücks zu
spotten aber die Zeiten sind jetzt vorüber Heiraten Sie das Mädchen und
kümmern Sie sich um die ganze übrige Welt nicht so lautet mein Rat Es freut
mich dass die Menschen dadurch glücklich werden die ich damals so innig
bemitleidete als ich sie zum ersten Male sah
Mein kleiner Georg ist frisch und gesund Amalie lässt grüßen
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Ralph Blackstone an Eduard Burton
Paris
Dieselben haben mir gestern Ihre gütige Meinung eröffnet und ich will nun nach
der bewilligten Bedenkzeit meine Antwort auf Dero gütigen Antrag sagen Sie
erhalten sie hiemit schriftlich wie wir ausgemacht hatten Ich kann über die
Ehre und über den gütigen Vorschlag nichts sagen ich kann nichts dagegen
einwenden mein Herr Baron als dass wir es nicht verdienen Doch das Glück
verdient der Mensch nie und habe ich doch auch mein bisheriges Unglück nicht
verdient Ich bin indem ich schreibe gerührt bis zu Tränen meine Augen tun
mir weh und das Schreiben wird mir ungemein sauer denn ich habe seit lange
keine Feder in die Hand genommen Mag es denn also geschehen wie der Himmel will
meine Tochter betet Sie an noch aber weiß sie keine Silbe von dem Plane Sie
wird vor Freude aus den Wolken fallen sie wird sich in ihrem Glücke nicht zu
finden wissen Doch das lernt sich bald leichter als Elend die menschliche
Natur neigt mehr zum Glücke hin und das ist auch natürlich Ich bin aber selbst
wie im Traume denn ich flehte freilich wohl oft zu Gott um Lindrung meines
Elends aber doch nicht um so viel Freude und Ehre dergleichen freche Gedanken
sind mir nie in den Sinn gekommen Ich glaube dass manche Menschen schon auf
dieser Welt zu Engeln werden und zu solchen Menschen gehören Sie ganz gewiss und
ohne Zweifel solche Menschen muss es geben damit man an Gott und an seine
Barmherzigkeit glaubt Nehmen Sie meine Schreiberei nicht übel mein Herr in
der Jugend wusste ich eine Büchse gut loszuschiessen aber mich nicht in Worten
gut auszudrücken und Sie wissen wie es geht im Alter holt man so etwas nur
selten nach aber Sie nehmen wohl den guten Willen für die Tat und ich wünschte
wirklich von Herzen es stünde hier eine recht feine und zierliche Antwort die
Hand und Fuß hätte wie man zu sagen pflegt und Lebensart verriete und in
lauter ehrerbietigen Ausdrücken abgefasst wäre Es ist mir aber nicht gegeben
und ich nenne mich auf meine einfältige Art
Ihren ergebensten Freund und Diener Ralph Blackstone
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William Lovell an Rosa
Paris
Und sollt ich den letzten Pfennig wagen und verlieren so muss ich weiterspielen
und entweder nichts übrigbehalten oder meinen Verlust wiedergewinnen Rund ist
das Rad der Glücksgöttin und sie ist blind Ich will es mit dem Zufalle und mit
allen Teufeln aufnehmen bleiben Sie mir doch bleibt mir doch Andrea übrig Was
ist Furcht und Vorsicht Schwache Stützen des Schwachen Ich kann auch ohne
ihre Hilfe auskommen und es ist bis jetzt geschehen Trinken trinken will ich
bis sich alle Zufälle nach meinem tollen Willen bequemen und wenn alles
schiefgeht je nun so darf ich ja nur an Sie schreiben und die Summen Goldes
kommen auf meinen Wink zu mir herübergeflogen Nicht wahr da kann ich der
übrigen jämmerlichen Menschen lachen
Tod und Hölle Ich habe von je im stillen vermutet dass Andrea große Schätze
besitzt und ich bin ja doch wie Sie wissen werden sein bester Freund Mir
wird ers ja nicht fehlen lassen wenn es so weit kommen sollte oder ich würde
ihn öffentlich für einen Schurken erklären Öffentlich verstehen Sie mich wohl
das will viel sagen
Ich bin schon darauf aus gewesen die dunkeln heimlichen Regeln in den
Hasardspielen ausfindig zu machen es liegt gewiss alles nur an Kleinigkeiten
allein ich kann es nicht deutlich herauskriegen Je nun mags laufen Ich will
einmal mit Andrea darüber sprechen
Ich freue mich darauf dass ich ihn wiedersehe Er soll mir Geister zitieren
bis mir der Verstand vergeht das soll ein lustiges Leben werden Mit einer
Wette habe ich zwei Bouteillen Champagner gewonnen und die sind nun fast leer
ich muss jetzt so armselig wetten sehen Sie weil ich unter uns gesagt nicht
mehr viel Geld übrighabe So gehts in der Welt
Was machen Sie jetzt Ich habe seit lange nichts von Ihnen gehört Wie kommt
das Sie sind im Briefschreiben noch saumseliger als ich das ist ein großer
Fehler von einem Menschen der ein guter Freund sein will Apropos von guten
Freunden Ich glaube ich habe keinen einzigen mehr in Paris seit die Leute
merken dass ich kein Geld mehr habe das ist eine magnetische Kraft des Metalls
die man bis jetzt noch nicht bemerkt hat die Naturgeschichte könnte dadurch
eine große Verbesserung erleiden Denn was die Leute oft Liebe Instinkt
Sympatie häusliches Glück nennen was ist es oft anders als die Attraktion
des gemünzten Metalles
Ich muss fort Man wartet beim Spieltische auf mich Es wäre doch viel wenn
man das Glück nicht zwingen könnte Sterben will ich eher als verlieren die
Leute nennen es Aberglauben wenn man manches beim Spiele beobachtet aber ich
habe mir eine Menge von Sachen ausgedacht die gewiss helfen und die kein
Aberglaube sind Was nennen wir denn Aberglauben Haben wir eine andre
Weisheit Eine ohne Aberglauben Am Ende ist es ein Aberglaube dass ich
existiere ein Satz den ich so auf gut Glück annehme weil es mir so vorkömmt
Aber wer ist jenes Ich dem es so vorkömmt Die Frage kann mir keiner
beantworten und das wäre doch wahrhaftig äußerst notwendig
Leben Sie wohl Rosa und schicken Sie mir bei Gelegenheit etwas Geld denn
wenn ich auch gewinne es kann nie schaden wenn man Geld hat das werden Sie
hoffentlich auch zugeben Was machen unsre übrigen Freunde Ich kann mir
denken wie sich Andrea nach mir sehnt trösten Sie ihn denn ich werde bald
zurückkommen
19
Betty an Amalie
Bondly
O liebste liebste Freundin Ich kann Ihnen noch immer nicht beschreiben wie
mir zumute ist Wir haben Sie recht hieher gewünscht und Ihre Kränklichkeit
recht bedauert bei der Hochzeit nämlich Mein Vater hat mir freilich wohl
gesagt ich soll mich in meinem Glücke nicht übernehmen aber das lässt sich
leicht sagen und schwer tun Ich weiß immer noch nicht wie mir zumute ist ich
ziehe mich manchmal am Arme um zu erwachen Wenn ich im Garten oder im Dorfe
spazierengehe so grüßen mich alle Leute sehr freundlich und betrachten mich
als ihre Herrschaft Eduard darf ich bei seinem Vornamen und ihn Du nennen
denselben Menschen den ich bis jetzt nur aus der Ferne wie eine Gottheit
angebetet habe Mein Vater ist fröhlich und hat einigemal vor Rührung geweint
mit seinen schwachen Augen kannte er mich gestern in den neuen Kleidern selbst
nicht ach liebste Freundin kann man wohl dem Himmel für eine solche
Veränderung genug danken Gewiss nicht Wenn doch meine Mutter noch lebte und
alle diese Herrlichkeiten sähe Die ist nun im Kummer und Elend gestorben und
jetzt könnte ich sie so schön trösten Aber es hat nicht sein sollen und es
ist so wie es ist schon Glück genug Wer hätte das damals gedacht als Sie
mich und meinen Vater mit so himmlischer Güte in unsrer Armut unterstützten Oh
und Eduard ist ein himmlischer Mensch er lässt es mich gar nicht fühlen dass ich
ohne ihn nichts war er spricht mit mir als wenn ich sein Glück gemacht hätte
So gute Menschen wie ihn gibt es gewiss nicht viele Sie hätten nur hier den
Aufwand bei der Hochzeit sehen sollen nun Herr Mortimer kann Ihnen ja
erzählen ob es nicht kostbar war Besuchen Sie uns doch sobald Sie können
20
Betty an Amalie
Bondly
Wie freue ich mich Sie wiederzusehn und Ihnen hier alles zu zeigen Ich getraue
mich oft noch gar nicht zu tun als wenn ich hier zu Hause wäre Geben Sie mir
einen Rat wie ich mir immer die Liebe Eduards erhalten kann auf welche Art ich
sein Wohlwollen und seine Zuneigung verdienen soll Er tut mir alles zu
Gefallen wenn er nur irgend glaubt dass es mir Vergnügen machen könnte er ist
so gut dass ich mich immer schäme dass ich nicht besser bin aber ich will das
zusammengezogen von ihm lernen Mein Vater lässt sich Ihnen recht sehr empfehlen
der alte Mann beschäftigt sich jetzt vorzüglich mit dem Gartenbau und mit der
Jagd die Jagd ist ihm etwas recht Neues und er trifft ordentlich noch so
schwach auch seine Augen sind Es wird jetzt überhaupt vielleicht mit seinen
Augen besser da er fröhlicher lebt und sich nicht mehr so zu grämen braucht
wie sonst Leben Sie wohl liebste Freundin und spotten Sie nicht über meine
Briefe
21
William Lovell an Rosa
Paris
Lieber Rosa ich habe nun mein Vermögen völlig durchaus verloren Ich erinnere
mich dunkel meines neulichen Briefes und seines Inhalts verzeihen Sie mir er
mag enthalten was er will denn ich schrieb ihn in einer Stimmung in der ich
mich selbst nicht kannte Es geschieht zuweilen dass wir gegen unsern Willen
etwas sagen oder tun was der Freund immer als völlig ungeschehen ansehen muss
Ich weiß nicht wie ich zu Ihnen nach Italien kommen soll ich bereue jetzt
meinen Wahnsinn und verachte mich eben dieser Reue wegen Hätt ich jetzt nur
die Hälfte nur das Viertel von jenen Summen zurück die ich in England als
Dummkopf an Dummköpfe verschenkte Gegen mich ist keiner so großmütig gewesen
die übrigen Menschen sind klüger und halten ihren Gewinst für ihr förmliches
Eigentum Oh in welcher Welt ist man gezwungen zu leben Alles zieht sich von
mir zurück meine vertrautesten Freunde kennen mich nicht mehr wenn sie mir auf
der Straße begegnen und noch vor kurzem waren sie lauter Höflichkeit lauter
Demut Im Grunde ist das menschliche Geschlecht und vor allem der kultivierte
Teil desselben eine große Herde von Kannibalen Im gewöhnlichen Umgange sieht
man Verbeugungen gegeneinander die höchste Aufmerksamkeit dass keiner den
andern verletze oder auf irgendeine Art beleidige man tut als würde man durch
Hochachtung durch Blicke und Komplimente beglückt oh und wenn diese Menschen
dadurch reich werden könnten sie zerrissen denselben Gegenstand lebendig mit
den Händen ja mit den Zähnen Es hat hier Kerls gegeben die mir eine
entfallene Feder eine kleine Münze mit der größten Ehrerbietung wieder
reichten zehn beeiferten sich um die Wette mir den Dienst zu tun und jetzt
würden alle zehn mir keinen Taler geben und wenn sie mich dadurch von dem
Verhungern retten könnten Noch nie als jetzt habe ich den Druck der Armut
gefühlt und ihre Leiden sind fürchterlich man kann leicht die Menschen
verachten wenn sie sich mit ihrer Verehrung zu uns drängen aber jetzt wird es
mir schwer Ich wage es kaum den Reichen ins Gesicht zu sehen ich habe eine
sklavische Ehrfurcht vor den Vornehmen und es ist mir als gehörte ich gar
nicht in die Welt hinein als wäre es nur eine vergönnte Gnade dass ich die Luft
einatme und lebe ich fühle mich in der niedrigsten Abhängigkeit Dulden Sie
es nicht lieber Rosa dass Ihr Freund auf diese Art leidet machen Sie es mir
möglich dass ich Sie und Italien wiedersehe Sollte es nötig sein so entdecken
Sie Andrea meine Lage und er wird keinen Augenblick zaudern oder sich bedenken
Sollt ich hier noch länger bleiben müssen Schon leb ich unter den niederen
Volksklassen und esse in den Wirtshäusern in der Gesellschaft von gemeinen
Leuten die jetzt auf ihre Art ebenso höflich gegen mich sind wie noch vor
kurzem die Reichen wenn ich nun auch das wenige Geld ausgegeben habe so werden
sie mich ebenfalls verachten und laufen lassen Jede Bezeugung der Höflichkeit
kränkt mich jetzt innig weil sie mich an meine Lage erinnert Retten Sie
mich Freund und ohne Zögern ich beschwöre Sie Sie haben von meiner
Verlegenheit keinen Begriff Jene Summen die wir ehedem der armseligen Bianca
und Laura gaben wären jetzt große Schätze für mich ich beneide manchem Bettler
das was ich ihm in bessern Zeiten gab ich habe noch nie eine solche Ehrfurcht
vor dem Gelde empfunden Denken Sie sich das hinzu was Ihnen ein Freund sagen
könnte um Sie zu bewegen doch ich vergesse mit wem ich spreche ich weiß
ja dass ich zu Rosa rede alle meine Besorgnisse sind unnütz die gemeinen
Menschen leben nur hier Es reut mich jetzt lebhaft dass ich nicht schon
früher abgereist bin allein bin ich darum um so besser dran Leben Sie wohl
ich sehe mit Sehnsucht einer Antwort entgegen
22
Rosa an William Lovell
Rom
Ihre Briefe lieber William haben die lebhafteste Teilnahme bei mir erregt Ich
halte es für den betrübtesten Anblick wenn ein Freund der unser Herz so nahe
angeht sich und seine Vorsätze so sehr aus den Augen verliert Ihre Briefe sind
alle ein Beweis eines gewissen zerrütteten Zustandes der Sie verhindert sich
selbst in Ihrer Gewalt zu haben Mit Freuden würde ich Sie aus Ihrer
unangenehmen Lage ziehen wenn es auf irgendeine Art in meiner Gewalt stände
aber ich weiß nicht ob Sie es nie bemerkt haben als Sie hier waren wenn es
nicht ist so muss ich es Ihnen jetzt offenherzig gestehen dass ich in der
allergrössten Abhängigkeit von Andrea lebe Er sucht mich selbst immer in einer
gewissen Verlegenheit zu erhalten aus Ursachen die ich freilich nicht
begreifen kann Er ist eigensinnig sosehr er mir auch meistenteils gewogen
scheint und ich darf nicht leicht irgend etwas Wichtiges oder nur Auffallendes
gegen seine Einwilligung tun Ich habe ihn seit lange nicht gesehen sosehr ich
ihn auch seit einiger Zeit aufgesucht habe es war mir daher unmöglich ihm Ihre
Lage zu entdecken und ich kann mich auch nicht verbürgen ob er etwas oder viel
für Sie zu tun imstande wäre da ich ihm schon zur Last falle da er Sie immer
für reich gehalten hat und da es vielleicht der Fall ist, dass Sie seine
Aufträge nicht auf die glücklichste Art ausgerichtet haben Doch wie ich Ihnen
sage alles dies kann ich nicht beurteilen und ich hoffe dass er sich ganz zu
Ihrem Besten erklären wird sobald ich ihn spreche
Mich wundert nur und es ist mir unbegreiflich wie Sie so gänzlich
unvorsichtig handeln konnten Die Art Ihrer Verschwendung scheint Sie gar nicht
belustigt zu haben und dennoch konnten Sie diesem Hange nicht widerstehn Sie
verachten die Menschen und dennoch haben Sie recht danach gestrebt sich von
ihnen abhängig zu machen weil Sie das Drückende der Abhängigkeit noch nie
empfunden haben Warum rissen Sie sich nicht aus Ihren langweiligen Zirkeln los
und kamen früher zurück Sie hätten mir Ihrem Freunde dadurch die
Unannehmlichkeit erspart Ihnen eine so dringende Bitte abschlagen zu müssen
Überhaupt um aufrichtig zu reden wie konnte der verständige Lovell in den
Irrtum jener gemeinen Menschen verfallen die morgen auf mein Eigentum Anspruch
machen weil ich gestern mit ihnen in Gesellschaft lustig gewesen bin Das ist
eben das Kennzeichen der rohern Menschen die nicht eine Stunde vertraulich sein
können ohne auf den Gedanken zu kommen zu borgen sie setzen dadurch sich und
den andern in eine fatale Situation Die feinern Menschen werden immer suchen
nebeneinander statt einer durch den andern zu leben sie werden jeden andern
Dienst eher als die Unterstützung durch das Eigentum verlangen denn auf jeden
Fall muss der andre sich derangieren er muss sich Bequemlichkeiten versagen die
ihm vielleicht zu Bedürfnissen geworden sind Doch alles das lieber Lovell
sagt ich nicht im Bezuge auf Sie denn könnt ich Ihnen helfen so würde ich es
sogleich ohne weitere Einleitung tun denn es ist mir eben ein Beweis von der
Größe Ihrer Verlegenheit dass Sie alle diese Vorstellungen beiseite gesetzt
haben aber um so mehr bedaure ich es auch dass ich nicht imstande bin Ihnen zu
helfen Leben Sie recht wohl indes und suchen Sie bald zu uns zu kommen ich
will mit
Andrea Ihretwegen sprechen sobald ich ihn finde
23
William Lovell an Rosa
Paris
Es ist gut Rosa alles was Sie mir da schreiben und doch auch wieder nicht
gut Sie haben recht und doch kann ich es nicht glauben am Ende ist alles
einerlei Nur Vorwürfe hätten Sie mir nicht machen sollen In der Gesellschaft
muss man vergessen dass man unter Menschen lebt und ich will es auch vergessen
O der schönen der teuren Freundschaft Doch lassen Sie es gut sein Rosa ich
will nicht weiter daran denken Ich war ein Tor auf Hilfe zu hoffen das sehe
ich jetzt sehr deutlich ein vergessen Sie es auch und rechnen Sie es zu meinen
übrigen Torheiten die Sie so oft bemitleidet haben
Und was will ich denn auch mehr Lebe ich nicht hier noch ebenso wie sonst
Was kann man mehr verlangen als zu leben Ich bin jetzt mit dem Elende der
unglücklichsten Geschöpfe vertraut keine Menschenklasse ist mir nun mehr fremd
ich habe viel erfahren und gelernt Ich wohne jetzt unter Bettlern und lebe in
ihrer Gesellschaft ich sehe es wie sich die Menschheit im niedrigsten Auswurfe
zeigt wie alle Anlagen alle Niederträchtigkeiten hier in ihrer schönsten Blüte
prangen es zerreißt mir oft das Herz wenn ich den Anblick des Jammers genau
betrachte wie sie von allen Bedürfnissen entblößt sind und ihre Sinnlichkeit
sie beherrscht wie sie gierig verschlingen was sie zusammengebettelt haben
und ohne Tränen für ihr eigenes Elend sind wie sie sich verleumden und
gegenseitig verachten wie es unter ihnen selbst Prahler und Verschwender gibt
Neulich lag ich im Sonnenschein in der Ecke eines freien Platzes Ein altes
zerlumptes Weib kam und führte ihren blinden Sohn an der Hand sie setzten sich
nicht weit von mir nieder Mutter fing der Blinde an es brennt mir so auf
den Augen die Sonne scheint gewiss wie du immer sagst Ja sagte die Mutter
liebes Kind setze dich hier nieder und ruhe aus Er hob langsam den Kopf in
die Höhe als wenn er den Himmel und seinen Sonnenschein suchen wollte
Die Alte kramte nun jetzt ihre Beute aus Brot mit Stücken rohen Fleisches
einige kleine Würste Kuchen alles lag vermischt in einem schmutzigen leinenen
Sacke sie biss oft von den einzelnen Stücken mit großer Gier etwas ab dann gab
sie dem Sohne einen Kuchen und befahl ihm hierzubleiben und ihre Rückkehr
abzuwarten
Der Junge betastete den Kuchen mit allen Zeichen der Freude und des
Wohlbehagens er drehte den Kopf oft nach der Sonne als wenn er sich gewaltig
anstrengte um endlich einmal zu sehen Ein anderer Bettelbube schlich sich
indessen näher hob plötzlich den Kuchen von der Erde auf und lief schnell
davon Der Blinde suchte nun seine Nahrung auf die er sich gefreuet hatte und
fand sie nicht schwermütig senkte er den Kopf nieder und wie an alle Leiden
gewöhnt und auf alle mögliche Unglücksfälle vorbereitet legte er sich hin und
schlief ein Sein Schlaf war wie ein Ausruhn in einer bessern Welt Ich
schlich mich davon um nicht wenn die Mutter zurückkäme für den Dieb angesehen
zu werden
Dies ist das Bild der Menschheit Oh wie ist meine Phantasie mit Schmutz
und ekelhaften Bildern angefüllt Wie oft leid ich hier in der größten
Versammlung der Menschen heimlichen Hunger und keiner weiß es und keiner fragt
danach O Amalie wenn Du es wüsstest gewiss Du würdest mir helfen Doch
nein nein auch Du gehörst den Menschen an Du würdest Dir eine Bequemlichkeit
versagen müssen die Dir vielleicht zum Bedürfnisse geworden ist Ich würde
Dich nicht darum bitten wenn ich Dich auch vor dem Lager meines Elends
vorübergehen sähe Es soll aber anders werden Es muss sich ändern Es gibt
keine Liebe und ich kann bei dieser keine Hilfe suchen ich muss mir durch mich
selber helfen Ist es nicht schändlich dass ich hier liege und in meiner
Trägheit jede Gelegenheit vorbeischlüpfen lasse Es ist endlich Zeit dass ich
mich zusammenraffe Sie werden mich nicht tadeln Rosa und Sie haben auch kein
Recht dazu Leben Sie wohl bis Sie einen bessern Brief von mir erhalten
24
William Lovell an Rosa
Chambery
Es ist gelungen Rosa es ist gelungen und ich bin wieder mutiger Ich Tor dass
ich nun schon seit lange die Menschen kenne und diese Kenntnis doch noch nicht
benutzte Nein ich will nicht mehr ruhig neben ihnen sondern durch sie leben
Sie haben unrecht Rosa offenbar unrecht denn unser Verstand die
Notwendigkeit alles fordert uns dazu auf Sie haben mir müssen standhalten das
Glück hat mir gehorchen müssen und alles ist nun wieder gut
Schon seit lange waren mir durch eine zufällige Bekanntschaft einige
Spielerkniffe geläufig geworden die ich albern genug war niemals anzuwenden
Ich Narr saß immer mit meinen ehrlichen Händen da und hob tölpisch und
unbeholfen die Karten ab indes mein Geld und mit ihm die Achtung der Menschen
aller Lebensgenuss jede Freude von meiner Seite schwanden Wenn ich mir jetzt
nicht als der größte Dummkopf vorkomme Rosa so sollen Sie mich nie wieder
Ihren Freund nennen ich tat in meiner Einfalt mehr als je die berühmtesten
Philosophen zusammengenommen getan haben ich war ehrlich in der schlimmsten
Situation meines Lebens ich verschenkte mein Geld wenn ich gewonnen hatte und
war die Großmut selbst ich übte die größte Selbstverleugnung aus indem ich
beim verdrüsslichsten Verluste der mich elend machte kalt blieb und ganz
vergaß dass ich ein Betrüger sein konnte O der dummen ungehirnten Ehrlichkeit
Nachher lag ich mit meiner Ehrlichkeit auf den Marktplätzen und bettelte statt
zu morden ich flehte das Wohlwollen der Menschen an statt ihnen ihr Eigentum
mit Gewalt zu entreißen o Himmel es waren oft dieselben Menschen die durch
mich waren reich geworden und die nun so kalt und mit so vieler Verachtung an
mir vorübergingen als wenn ich der unbekannteste und verworfenste Gegenstand
wäre Und doch hatten sie mich wahrscheinlich ja gewiss um mein Geld betrogen
und sie fuhren jetzt durch ihren Diebstahl in Kutschen und ich lag mit meiner
Ehrlichkeit am Wege und bettelte Das empört jeden Menschen und auch mein
Blut ward endlich erhitzt Ich schwur mir selbst dass es anders werden sollte
und wahrhaftig es ist nun auch anders geworden Ich tat nichts weiter als dass
auch ich meinen Beitrag zum allgemeinen Betruge lieferte dass ich die Künste
spielen ließ die in meiner Gewalt waren Warum gab es Narren die sich mit
mir einliessen Sie haben mir nur meine verlorne Zeit und die Niederträchtigkeit
ihrer Brüder bezahlt jetzt ist nun alles wieder von allen Seiten richtig ich
bin sogar mit den Menschen auf eine gewisse Art wieder ausgesöhnt soviel man
sich mit ihnen wieder aussöhnen kann wenn man sie einmal gekannt hat und wär
es auch nur in dem kleinen Raume einer Stunde
Ich spielte anfangs nur niedrig und nach und nach höher und immer höher
Sie hätten sehen sollen Rosa wie alle die Menschen sich wieder um mich
versammelten und mir schmeichelten und herzlich gegen mich waren die mich
noch vor wenigen Tagen auf der Straße hatten liegen und hungern lassen Ihrer
aller Leben aller Vermögen stand mir zu Gebote man bewunderte die seltsame
Laune des kühnen Engländers der sich so gut habe verstellen können um sich auf
einige Zeit mit dem Elende der menschlichen Natur recht bekannt zu machen Ich
hätte jedem ein Pistol vor den Kopf schießen mögen wenn ich nicht gehofft
hätte von ihnen zu gewinnen und mich so zu rächen Es geschah mein eigenes
schönes Geld floss in meine Börse zurück und je reicher ich wurde je mehr
Freunde bekam ich wieder Die ganze Welt mit allen ihren Freuden war mir nun
wieder aufgeschlossen O Gold allmächtiges Gold Ich will deinen Besitz
künftig nicht wieder so gutmütig fahrenlassen ich habe dich nun erst kennen und
schätzen gelernt ich verehre deine Allmacht
Ich möchte in manchen Stunden anfangen meine eigne Geschichte und meine
Empfindungen über mich und die Menschen niederzuschreiben Wenn ich mich so
mancher Bücher erinnere die ich ehedem gelesen habe und in denen uns die
tugendhaften Menschen so viele Langeweile machen indes die Lasterhaften wie
Vogelscheuchen dastehn um die Leser scharenweise wie Sperlinge von der Bahn
des Bösen zurückzuschrecken und mir dann einfällt dass irgendein eingebildeter
Dummkopf sich hinsetzen könnte um meine Geschichte die er stückweise durch die
dritte oder vierte Hand erfahren hat bedächtig aufzuschreiben so möchte ich
lachen und selbst die Feder nehmen nicht zu meiner Rechtfertigung denn diese
brauche ich nicht sondern bloß um zu zeigen wie ich bin und wie ich denke
Meilenweit stehen jene Armseligen die in drei Büchern die Menschen studiert
haben und die sie nun schildern wollen von der Menschheit zurück Sie haben
nichts erfahren und nichts geduldet sie sind nur von den kleinlichsten
Leidenschaften gestreift kein Sturm ist an ihrem Herzen vorübergefahren und
voll Vertrauen setzen sie sich nieder und maßen sich an die Herzen der Menschen
zu richten und ihre Gefühle darzustellen Wie jämmerlich würde ich mich in einem
solchen Buche ausnehmen Wie würde der Verfasser unaufhörlich meine guten
Anlagen bedauern und über die Verderbteit meiner Natur jammern und gar nicht
ahnden dass alles ein und eben dasselbe ist dass ich von je so war wie ich bin
dass von je alles berechnet war dass ich so sein musste
Jetzt will und kann ich zu Ihnen zurückkehren ich bin schon auf dem Wege
Ich habe alles vergessen Rosa und Sie dürfen mir ohne Scheu oder Zurückhaltung
näherkommen ich hoffe auch Sie haben alles das von mir vergessen was mich in
Ihrer Gesellschaft in Verlegenheit setzen könnte für vernünftige Menschen muss
nie eine Verlegenheit entstehen können denn das Höchste was sie tun können
ist dass sie gestehen dass sie irgendeinmal Narren waren und das versteht sich
ja immer von selbst und sie sind von neuem Narren indem sie es gestehen Also
können wir beide darüber ganz ruhig sein Grüssen Sie vor allen Dingen Andrea
er wird doch nicht krank sein da Sie ihn damals so lange nicht gesehen hatten
Leben Sie wohl bald seh ich Sie wieder
25
Ralph Blackstone an Mortimer
Bondly
Wie befinden Sie sich lieber Freund wenn ich Sie so nennen darf Doch warum
sollte ich es nicht dürfen Sie sind ja mein bester und mein aufrichtiger
Freund ohne Ihre Hilfe wäre ich ja damals schon mit meiner Tochter Todes
verblichen Ach ich glaubte damals nicht unter den Menschen noch Hilfe und
Erbarmen anzutreffen und da kamen Sie gerade und fanden mich durch einen
glücklichen Zufall Was wäre aus mir geworden wenn Sie mich nicht angetroffen
hätten Ich kann es immer noch nicht vergessen Manche Menschen wissen gar
nicht was Elend heißt sie können sich daher die große menschliche Not aber
auch die menschliche Dankbarkeit nicht vorstellen und es ist ihnen nicht zu
verargen wenn sie glauben es gäbe gar keine dankbare Menschen Es gibt auch
viele undankbare Leute in der Welt aber ich denke dass ich nicht zu diesen
gehöre nachher gibt es solche die wenn sie aus der Armut in einen gewissen
Wohlstand versetzt sind sich nachher ihrer ehemaligen Armut schämen und
wünschen dass alle Menschen die Wohltaten und Unterstützungen vergessen möchten
die sie ihnen in schlimmern Zeiten erwiesen haben ja sie suchen sie sogar
selbst zu vergessen und daraus entsteht wieder eine andre Art von
Undankbarkeit die aus einer falschen Scham herrührt man kann nicht sagen dass
die Ursache ganz schlecht sei aber der Erfolg davon wird oft recht
niederträchtig Ich glaube dass der Mensch auf recht verschiedenen Wegen schlimm
werden kann aber dafür hat der Mensch auch seinen Verstand um sich vor solchen
Abwegen zu hüten Nehmen Sie mir mein weitläuftiges Geschwätz nicht übel denn
es kommt wirklich aus dem Herzen Ich lebe hier sehr froh und vergnügt wie
ein Vogel in den Lüften und in den grünen Baumzweigen Ich suche soviel es mir
in meinem Alter noch möglich ist meinem Schwiegersohne auf irgendeine Art
nützlich zu sein ich führe daher eine fleißige Aufsicht über den Garten und
mit meinen Augen bessert es sich täglich und zusehends so dass ich diesem
Geschäfte mit Bequemlichkeit vorstehen kann Mit dem Gärtner der ein etwas
eigensinniger aber sonst ganz guter Mann ist habe ich manchen Streit er
bildet sich ein einen gewissen guten Geschmack zu haben und will mir den
Garten immer viel zu künstlich machen Man muss aber bei einem Manne eine
Schwäche übersehn wenn er sonst gute und lobenswürdige Eigenschaften hat und
die kann man wirklich dem alten Thomas nicht so ganz und geradezu abstreiten
nur hat er ein Unglück welches vielen älteren Leuten begegnet dass er sich für
klüger hält als er wirklich ist er macht mir daher oft mit seinen langwierigen
Gesprächen eine ziemliche Langeweile Er wurde neulich sehr böse als er
manches was er eingerichtet hatte wieder einreissen musste aber die Ordnung
machte es nötig Die Jagd hatte mein Schwiegersohn und sein seliger Vater fast
ganz eingehn lassen aber ich denke sie noch mit Gottes Hilfe wieder in Flor zu
bringen Es wäre sonst wirklich um das schöne und herrliche Revier schade
Meine Tochter ist immer munter und vergnügt dabei ist sie außerordentlich
gesund und liebt ihren Mann ungemein und wie sollte es auch möglich sein dass
sie ihn nicht liebte Jedes Kind muss ihm gut sein und ich habe hier auch noch
keinen Menschen getroffen der ihn nicht leiden möchte selbst die schlechten
Menschen mögen ihn gern Nur von einem gewissen Lovell habe ich hier unter der
Hand manches gehört der sein unversöhnlicher Feind sein soll dieser muss dann
gewiss ein äußerst schlechter Mensch sein Er ist aus Italien hiehergekommen und
hat hier die italienische Mode mit Vergiften einführen wollen aber das geht in
unserm England nicht so wie er vielleicht gedacht hat und darum hat er auch
heimlich wieder abreisen müssen Man sagt er sei in der Fremde gestorben und
ein solcher Mensch verdient auch nicht dass er lebt denn er wendet sein Leben
nur zum Schaden und zur Ärgernis seiner Nebenchristen an und das ist auf keinen
Fall recht und löblich Ich habe diesen ganzen Brief meiner Tochter diktiert
weil sie schneller und fertiger schreibt als ich Leben Sie recht wohl und
glücklich ich nenne mich
Ihren aufrichtigen Freund Ralph Blackstone
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Betty an Amalie
Bondly
Wie befinden Sie sich teuerste Amalie Wenn Sie ebensoviel an mich denken wie
ich an Sie so denken Sie recht oft an mich doch das darf ich nicht hoffen Sie
sind immer so gut und Ihre Briefe sind so gut dass ich glaube ich könnte auf
Erden keine bessere Freundin finden Nach Eduard liebe ich Sie und meinen alten
lieben Vater am meisten der zwar zuweilen etwas viel spricht es aber doch
immer herzlich gut meint Manche Leute haben ihm daraus zuweilen einen Vorwurf
gemacht aber man lasse doch den alten Mann wenn es ihm nur Vergnügen macht
Sehen Sie in seinem Elende konnte er sich manchmal recht gut trösten wenn er
selbst lange Reden über das Unglück oder über seine Standhaftigkeit hielt er
sagte selbst dass im Sprechen eine große Erleichterung stecke Freilich wird
mein Vater keinem andern Menschen so liebenswürdig vorkommen wie ich ihn sehe
indessen wird ihn doch gewiss jeder für einen guten und rechtschaffenen Mann
halten und das ist für mich weit mehr als die Liebenswürdigkeit Mich freut es
immer von neuem dass er sich jetzt so glücklich fühlt da er wieder Bedienten
befehlen und ausreiten und Anordnungen über die Jagd treffen kann und Eduard
tut ihm alles Ersinnliche zu Gefallen
Mir ist oft recht sonderbar zumute wenn ich jetzt unter Eduards Büchern
manche wiederfinde die ich in meiner unglücklichen Lage las und die mich oft
trösteten ich habe sie von neuem und mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht
durchgelesen sie haben mich wieder gerührt und ich halte sie in großen Ehren
Von je hab ich unsern armen Otway recht innig bemitleidet der so großen Mangel
litt um den sich niemand kümmerte und aus dem doch so oft ein recht
himmlischer Engel schreibt wie konnten die Menschen so wenig für ihn sorgen
Sie verdienen es gar nicht dass sie ihn lesen dürfen Ich möchte alle jene
Bücher wieder zurückhaben mit denen ich im trüben Wetter so vertraut ward die
ich mit verweinten Augen und mit einem mattklopfenden Herzen las ich kann mich
in manchen Stunden so in jene Zeit zurückfühlen dass ich noch jetzt über manche
Vorfälle von neuem weinen muss und wenn ich dann meine Tränen auf den Wangen
fühle so ist mir oft plötzlich als wäre alles noch ebenso als wären alle
bisherigen Freuden nur ein leichter Schlummer gewesen Wenn man erst über das
Unglück hinüber ist so erinnert man sich seiner mit einer gewissen stillen und
unbeschreiblichen Freude
27
William Lovell an Rosa
Aus den piemontesischen Bergen
»Ich bin wohl recht der Narr des Schicksals« Hierhin und dorthin werd ich
gestoßen wie eine wunderbare Seltenheit gehe ich durch alle Hände Ich weiß
noch nicht wie Sie diesen Brief erhalten werden aber ich muss mich zerstreuen
ich muss mich beschäftigen und darum schreibe ich Ihnen Ich bin nun hier in
einer ganz neuen Situation ich kann nicht fort und möchte doch nicht gerne
bleiben doch ich will Ihnen ruhig erzählen wie ich hiehergekommen bin
Ich reiste mit meinem neuerworbenen Gelde von Chambery aus mein Herz war
ziemlich leicht mein Gemüt zuweilen heiter gestimmt die ganze Welt kam mir vor
wie eine große Räuberhöhle in der alles gemeinschaftliches Gut ist und wo
jedermann so viel an sich reißt als er bekommen kann kaum besitzt er es so
wird es ihm von neuem entrissen um auch dem neuen Eroberer nicht zum Genuße zu
dienen Ich vergab Burton ich vergab mir selbst denn jedermann tut nur was er
vermöge seiner Bestimmung tun muss wir sind von Natur eigennützig und durch
diese Einrichtung der Natur Räuber die sich dessen wonach sie gelüstet mit
Gewalt oder mit Schlauheit zu bemächtigen suchen Dies ist der Grundsatz der
Politik im Großen und Kleinen es gibt keine andre Philosophie wie diese und es
kann keine andre geben denn jedes System nähert sich dieser Klugheit mehr oder
weniger sie ist mehr oder weniger darin versteckt alle Spitzfindigkeiten des
Verstandes ruhen am Ende auf dem Egoismus Warum sollen wir also nicht gleich
lieber den einfachen Satz annehmen vor dem jedermann zurückzuschrecken
affektiert und an den doch jeder glaubt
Ich bin seit kurzer Zeit mehr mit mir einig geworden das heißt eigentlich
ich betrachte die Ideen kälter die ich bis jetzt nur ahndete und deren dunkles
Vorgefühl mich in eine Art von Erschütterung setzte Ich habe jene Gutmütigkeit
abgelegt die mich vor andern oft so lächerlich und mich selbst so unruhig
machte Ich ertrug sonst die Affektation der Menschen mit einer unglaublichen
Geduld Stundenlang konnte ich einem zuhören der sich für einen unglücklichen
oder verfolgten Tugendhaften hielt ohne eine Miene zu verziehen Welche
Unverschämtheit besitzen diese Menschen alle ihre Lehrsätze alle ihre niedrige
Heuchelei einem Wesen vorzutragen das vor ihnen steht und an dem sie doch einen
Kopf gewahr werden Kann man sie besser bestrafen als wenn man ihnen zeigt wie
sehr man sie verachtet wenn man sie dadurch bewegt sich selbst auf eine Stunde
zu verachten Ich tat es jetzt und ward in der ganzen Welt als ein Boshafter
verschrieen jene jämmerlichen Wesen sprachen mir das menschliche Gefühl ab
weil ich mit ihren kläglichen zusammengeflickten Leiden nicht sympatisieren
wollte Bosheit ist nichts als ein Wort es gibt keine Bosheit diesen Satz
will ich gegen die ganze Welt verteidigen
Aber ich wollte Ihnen ja meine Geschichte erzählen Von Chambery machte ich
die Reise zu Pferde Es war ein wunderbarer Weg und ich verirrte mich ich
hatte die große Straße ganz verlassen und befand mich nun auf Nebenwegen die
bald ausgingen bald dahin zurückzukehren schienen woher ich kam Ich fand nur
einzelne Hütten in denen ich einkehren konnte und die Kohlenbrenner oder
Holzhauer die ich dort traf wussten den Weg selber nicht den ich suchte An
einem Morgen als ich einen steilen Hügel hinaufritt befiel mich eine seltsame
Beklemmung so gewaltig als wenn sie mein Herz zerdrücken wollte alles um mich
her war mir plötzlich so bekannt keine dunkle sondern eine ganz deutliche
Erinnerung trat mir entgegen dass ich an diesem Platze schon gewesen sei Ein
wüster Rauch lag auf den fernen Bergen und eine grauenvolle Dämmerung machte
die tiefen Abgründe noch furchtbarer Mit gewaltigem Schrecken ergriff mich das
Gefühl der Einsamkeit es war als wenn mich die Gebirge umher mit entsetzlichen
Tönen anredeten ich ward scheu als ich die großen und wilden Wolkenmassen so
frech am Himmel über mir hängen sah Ich hielt mein Pferd an um über meinen
eigenen Zustand nachzusinnen jetzt brach ein Sonnenstrahl herein und ich
erkannte plötzlich mich und die Gegend Es war dieselbe Rosa Sie werden sich
ihrer noch erinnern in der ich von Räubern angefallen wurde als ich mit Ihnen
zuerst nach Italien reiste es war derselbe Ort an welchem mich Ihre
verkleidete Geliebte so tapfer verteidigte Die Spitzen der fernen Bergen hoben
sich wieder wie damals golden aus dem Nebel heraus das tiefe Tal flimmerte in
tausend bunten Sonnenstreifen ein Wagen fuhr den großen Weg mühsam den Berg
herauf Ich bildete mir ein dass Sie mit Balder darin säßen Willy vorne auf
dem Bock ich sah genauer hin und es war mir sogar als könnte ich die
Gesichtszüge des alten Willy erkennen Ich folgte dem Wagen mit den Augen und
konnte mich immer noch nicht von meinen Träumereien losreißen als ein Schuss
der mein Pferd zu Boden streckte mich aus meiner Betäubung aufriß Vier
Menschen stürzten aus dem Gebüsche auf mich zu alles war mir wie ein
wiederholtes Possenspiel und ich sah mich kalt nach dem blonden Ferdinand um
dass er mir mit seinem Hirschfänger zu Hilfe eilen solle Aber er kam nicht er
war nicht da und ich gab mich ohne Gegenwehr gefangen ich übergab den Räubern
selbst alles Geld das ich bei mir hatte sie schienen über meine Kaltblütigkeit
erstaunt Man schleppte mich auf geheimen Wegen zu ihrer Wohnung Ich wusste
immer noch nichts von mir selbst nicht aus Verzweiflung sondern weil ich
ungewiss war ob ich schliefe oder wachte ich glaubte ich dürfte mir nur recht
ernstaft Mühe geben aufzuwachen und es würde auch geschehen das heißt ich
würde sterben
Als ich einige Stunden so zugebracht hatte schlug mir ein ansehnlicher Mann
vor ein Mitglied ihrer Gesellschaft zu werden Sie erraten es vielleicht Rosa
dass ich ohne alles Bedenken diesen Vorschlag annahm Dieser lächerlich
wunderbare Umstand fehlte meinem Leben noch bis jetzt er schloss sich so
herrlich an alles Vorhergehende er bestärkte mich so in meinem Traume ich war
so überzeugt dass ich hier sein müsse und nicht anderswo sein könne dass ich den
Räubern als sie mich kaum gefragt hatten schon mein Jawort gab Und sagen
Sie selbst was kann unser Leben anders sein als ein leeres groteskes
Traumbild Wir halten es immer für etwas so Ernstaftes und es ist eine plumpe
unzusammenhängende Farce der nüchterne verdorbene Abhub einer alten bessern
Existenz eine Kinderkomödie ex tempore eine schlechte Nachäffung eines
eigentlichen Lebens
Jetzt sitze ich nun hier in einer tiefen Einsamkeit denn alle meine
Gefährten sind ausgegangen Der Wind pfeift durch die gewundenen Felsen die
Zweige knarren laut und die tote Stille wiederholt jeden Schall Nichts als
Felsen Bäume und ferne Gebirge sieht mein Auge das Geschrei des Wildes tönt
durch die feierliche Ruhe Einzelne Wolken ziehen schwer durch die Gebirge der
Sonnenschein geht und kommt wieder Warum sitz ich nun hier und denke und
schreibe an Sie Was soll ich hier Und doch kann ich nicht fort die Räuber
haben aus meinem Äußeren geschlossen ich könnte ein tüchtiges Mitglied ihrer
Bande werden und darum wollen sie mich behalten Aus einem verdorbenen Menschen
wird vielleicht noch ein ganz guter Räuber Zum Menschen bin ich verdorben das
heißt dass ich für einen Menschen jetzt viel zu gut bin man muss seinen Verstand
und seine Gefühle nur bis auf einen gewissen Punkt aufklären tausend Dinge muss
man blindlings und auf gut Glück annehmen um ein Mensch zu bleiben Leben Sie
wohl ich will in diesem Briefe bei Gelegenheit fortfahren ob ich gleich noch
nicht einsehe auf welche Art Sie ihn bekommen sollen
Es ist Nacht und ich muss jetzt schreiben weil ich meine Gesellschafter nicht
gerne diesen Brief sehen lassen möchte Ich habe eigentlich nichts zu schreiben
aber ich bin nicht ruhig genug um einzuschlafen Es liegen einige erbeutete
französische Tragödien da die mich aber anekeln ich ärgre mich dass ich nichts
von Shakespeare hier habe der mein Gefühl vielleicht noch mehr empörte um es
zu beruhigen
Ich komme mir hier in der dunkeln einsamen Hütte wie ein vertriebener Weiser
vor der die Welt und ihre Albernheiten verlassen hat Wenn ich mir einen
solchen Eremiten recht lebendig vorstelle so wird mir gleich recht verständig
zumute Balder sollte jetzt mit mir diese Wüste bewohnen ich würde jetzt recht
leicht mit ihm sympatisieren
Ich möchte scherzen um die Schauer von mir zu entfernen die mich umgeben
Der Wind rauscht einsam über die Wälder daher und die Sterne stehen wehmütig
über Bäumen und Felsen Mondschein schimmert herüber und dichte Schatten fallen
von den Bergen herunter Ich strecke in Gedanken die Hand aus um der Hand eines
Freundes zu begegnen vorzüglich sehen ich mich nach dem alten ehrlichen Willy
ich bilde mir ein er sitzt neben mir und ich führe ein tiefsinniges Gespräch
mit ihm Es ist als wollten wohlbekannte Stimmen aus der Wand herausreden und
ich entsetze mich vor jedem Schalle Wirft das Licht nicht seltsame Schatten
gegen die Mauer Wer kann wissen was ein Schatten ist und was er zu bedeuten
hat Schläfrige Nachtschmetterlinge sind zum offenen Fenster hereingeschlüpft
und wüst und träge summen sie jetzt durch das Gemach in immer engeren Kreisen
treiben sie sich um die Flamme des Lichtes um sich zu versengen und zu sterben
Ein Zweig des Baumes klatscht gegen mein Fenster er fährt auf und nieder und
verdeckt mir bald die Sterne bald zeigt er sie mir im bläulicht grünen
Luftraume Ich weiß nicht warum mich alles erschreckt warum der Himmel mit
seinen Sternen so wehmütig über mir steht In der Einsamkeit liegt eine
Bangigkeit die unsre ganze Seele zusammenzieht wir entsetzen uns vor der
großen ungeheuren Natur wenn kein Sonnenschein die große Szene beleuchtet und
unsern Blick und unsre Aufmerksamkeit auf die einzelnen Partien richtet sondern
die Finsternis alles zu einem unübersehlichen Chaos vereinigt Dann gehen wir
völlig im wilden ungeheueren Meere unter wo Wogen sich auf Wogen wälzen und
alles gestaltlos und ohne Regel durcheinanderflutet Nirgends kann man sich
festhalten unsre Welt sieht dann aus wie eine ehemalige Erde die soeben in der
Zertrümmerung begriffen ist und wir werden unbemerkt mit verschlungen
Ich wünsche in Rom zu sein und Andrea zu sehen und zu sprechen Das Leben
hier missfällt mir seiner Einförmigkeit wegen mein Geist muss jetzt einen andern
Schwung nehmen oder ich gebe mich selbst verloren Eine größere Seele muss mich
jetzt beschützen oder ein Elend wie es vielleicht noch keinem Menschen zuteil
ward ist mein Los
Wer ist das der unter unsern Wipfeln hinweggeht so scheinen mir die Bäume
nachzurufen jede Wolke und jeder Berg macht eine drohende Gebärde ach und
die Menschen um mich her sie demütigen mich am meisten Auf eine betrübte Art
sind sie sich selbst genug ihre Trägheit und einen jämmerlichen Leichtsinn
halten sie für Stärke der Seele sie bemerken die Leere in ihrem Geiste nicht
die Anlage im Verstande die ohne die mindeste Vollendung liegenblieb Sie sind
nichts als redende Bilder die den Menschen und mich verachten weil sie sich
selbst nicht achten können
Sie sprechen oft viel von einem Rudolpho und Pietro die sich immer durch
ihre Bravheit ausgezeichnet hätten und die bei einem Überfalle umgekommen
wären Sie wissen es nicht Rosa dass sie durch mich und durch Ihren Ferdinand
umkamen sie würden mich sogleich ermorden wenn ich es ihnen entdeckte Ich
habe ihre Leichensteine besuchen müssen die ihnen die ganze Gesellschaft
gesetzt hat sie dienen diesen Menschen zur Kirche
Warum könnt ich nicht nächstens Rosalinen oder meinen Vater wiederfinden
In dieser seltsamen Welt ist nichts unmöglich
Der Morgen bricht an der Mondschein wird bleicher ich will mich
niederlegen um noch einige Stunden zu schlafen Jetzt habe ich vor dem
Schaudern Ruhe die Gespensterzeit ist vorüber Sie lachen vielleicht Rosa
leben Sie wohl
Ich durchsuche heute meine Brieftasche und finde noch ein altes uraltes
Blatt darin es ist ein Gedicht das ich einst auf Amaliens Geburtstag machte
Das Papier ist schon gelb und abgerieben die Worte kaum noch zu lesen darin
lag ihre Silhouette die ich im Garten in Bondly an einem schönen Nachmittage
schnitt Mein ganzes Herz hat sich bei diesen Entdeckungen umgewandt Alles
Ehemalige Längstverflossene und Längstvergessene kommt mir zurück ich sehe sie
vor mir stehen ich höre die Bäume im Garten von Bondly rauschen die ganze
Landschaft zaubert sich vor meine Augen hin Ich will Ihnen die Phantasie
hiehersetzen die mich so innig gerührt hat
Erster Genius
Wo find ich wohl den Bruder
Schwärmt er im Regenbogen
Schwebt er auf jener Wolke
Bald müssen wir uns finden
Die Sonne sinkt schon unter
Zweiter Genius
Hier bring ich Tau von Blumen
Den Duft von jungen Rosen
Und aus der Abendröte
Die kleinen goldnen Punkte
Nun lass uns fürder eilen
Und holden Abendschimmer
Ihr auf die Wangen streuen
Den Mund ihr röter färben
Mit lichter Äterbläue
Die sanften Augen tränken
Und in die blonden Locken
Die goldnen Lichter streuen
Die wir vom Regenbogen
Vom Abendschein erbeutet
Beide
Wir schweben auf Blumen
Wir tanzen auf Wolken
Vorüber dem Mond
Es leuchten uns freundlich
Zum nächtlichen Tanze
Die Stern und der Mond
Dann sammeln wir Blumen
Dann suchen wir Kräuter
Von uns nur gekannt
Und kehren zum Schutze
Der glücklichsten Menschen
Vom Wandern zurück
Der Dichter
Schützende Genien wenn ihr zu ihr flieget
Und die Schönste mit neuer Schönheit schmücket
O so hört noch hört die fromme Bitte
Nehmet die Seufzer nehmt die schönsten Tränen
Tragt das treueste Herz als Gabe zu ihr
Dann ach wird sie meiner gewiss gedenken
Diese Verse sind schlecht und die ganze Idee ist gesucht aber ich schrieb es
damals mit der wärmsten Empfindung nieder meine Spannung erlaubte mir es nicht
mich in die Schranken einer natürlichen und einfachen Empfindung zu halten
Jedes Wort dieses Gedichts bringt mir tausend süße und schmerzliche Erinnerungen
zurück die Vergangenheit zieht mir schadenfroh durch das Herz noch schöner
vielleicht als sie damals war
Seid mir gegrüßt ihr frohen goldnen Jahre
Sosehr ihr auch mein Herz mit Wehmut füllt
Ach damals damals immer strebt mein Geist zurück
In jenes schöne Land das einst die Heimat war
Das goldne tiefgesenkte Abendrot
Des Mondes zarter Schimmer der Gesang
Der Nachtigallen jede Schönheit gab
Mir freundlich stillen Gruß es labte sich
Mein Geist an allen wechselnden Gestalten
Und sah im Spiegel frischer Phantasie
Die Schönheit schöner Willig fand die Anmut
Zum Ungeheuren sich und alles band sich stets
In reine Harmonie zusammen Doch
Entschwunden ist die Zeit das ehrne Alter
Des Mannes trat in alle seine Rechte
Mich kennt kein zartes kindliches Gefühl
Zerrissen alle Harmonie das Chaos
Verwirrter Zweifel streckt sich vor mir aus
Von jäher Felsenspitze schau ich schwindelnd
In schwarze wüste wildzerrissne Klüfte
Ein wilder Reigen dreht sich grässlich unten
Ein freches Hohngelächter schallt herauf
Und bleiche Fackeln zittern hin und her
Dämonen fürchterliche Larven feiern
Mit raschem Schwung ein nächtlich Lustgelage
Wer ist der schwarze Riese unter ihnen
Er nennt sich Tod und streckt den bleichen Arm
Nach mir herauf Hinweg du Grässlicher
Was rührt sich in den Bäumen Ists mein Vater
Er will zu mir er kommt mit Rosalinen
Und langsam geht Pietro hinter ihm
Auch Willys Kopf streckt sich aus feuchtem Grabe
Hinweg ich kenn euch nicht zur Höll hinab
Doch laut und immer lauter rauscht die Waldung
Es braust das Meer und schilt mit allen Wogen
Und in mir klopft ein ängstlich feiges Herz
Ihr alle richtet mich verdammt mich alle
Du selbst bist gegen dich O Tor lass ja
Den Geist in dir den frechen Dämon nie
Gebändigt werden Lass das Schicksal zürnen
Lass Lieb und Freundschaft zu Verrätern werden
Lass alles treulos von dir fallen ha was kümmern
Dich Luftgestalten sei dir selbst genug
Was meinen Sie Wenn ich über mich selbst ein Trauerspiel machte müsste sich
da diese Tirade nicht am Schluße des vierten Akts ganz gut ausnehmen
Die Räuber verachten mich von Herzen weil sie sehen dass ich zu ihrem
Gewerbe ganz unbrauchbar bin Sie gehen aus und lassen mich meistenteils zurück
um die Wohnungen zu bewachen
Einer von ihnen ist erschossen Ich bin zuweilen der Zeuge der
niederschlagendsten Szenen ich möchte mir oft selber entfliehen Ich bin
wieder allein und schwarze Gewitterwolken bedecken den ganzen Horizont Wie
wüste und verlassen ist alles um mich her Der Blitz zuckt durch den schwarzen
Wolkenvorhang und ein Donnerschlag läuft krachend durch die Gebirge Ein wildes
Gebrause von Regen und Hagel stürzt herab alle Bäume wanken bis in ihre Wurzeln
Ich erinnere mich meines Aufenthaltes in Paris Wie ist es möglich dass
manche Menschen die ich dort kannte noch den Wunsch nach dem Leben haben
können Von allem was das Leben teuer und angenehm macht waren sie entblößt
sie mussten sich unter Schimpf und Verfolgung von einem Tage zum andern
hinüberbetteln sie wurden von Not und Mangel erdrückt und dennoch sahen sie
dem näherschreitenden Tode mit einer bleichen Wange entgegen Ich kann es
nicht begreifen und würde es in einer Erzählung nicht glauben
Nein ich muss mir vor mir selber endlich Ruhe schaffen Soll mir alles nur
dräuen und kein Wesen liebevoll die Hand nach mir ausstrecken Ist für mich der
Name Freundschaft und Wohlwollen tot Und wenn der Himmel noch lauter zürnte
so will ich mich dennoch nicht entsetzen In einer noch höheren Wildheit im
stürmendsten Wahnsinne will ich einen Zufluchtsort suchen und mich dort gegen
alles verschanzen Ich will so lange trinken bis mir Sinne Atem und Bewusstsein
entgehn und so als ein taumelnder Schatten zum Orkus wandern damit mir dort
alles noch seltsamer und unbegreiflicher erscheine
Hoch möcht ich mit den Stürmen durch des Himmels Wölbung fahren mich in das
schäumende Meer werfen und gegen die donnernden Wogen kämpfen mit den
Abgründen mit den tiefen undurchdringlichen Schachten der Erde will ich mich
vertraut machen und endlich endlich irgendwo die Ruhe entdecken
Und warum will ich ruhig sein Warum dies lächerliche Streben nach einer
Empfindung die an sich nichts ist die nur aus einer Abwesenheit von Gefühlen
entsteht Nein ich will anfangen in den Folterschmerzen im Kampfe des
Gewissens meine Freuden zu finden Alle Verbrecher alle Bösewichter sollen
leben Der Tugend der Gottheit zum Trotz sollen sie sich nicht elend fühlen
ich will es so und ich hab es mir selber zugeschworen
Mit meinen jämmerlichen Gesellen ist nichts anzufangen sie trinken und
spielen nicht Raub und Mord und Mord und Raub ist ihr einziges Beginnen und
wenn sie spielen ist man in Gefahr von ihnen umgebracht zu werden
Wie mir der Kopf wie mir alle Sinne schwindeln Es gibt nichts Höheres im
Menschen als den Zustand der Bewusstlosigkeit dann ist er glücklich dann kann
er sagen er sei zufrieden Und so wird er im Tode sein Dumpfe Nacht liegt dann
über mir kein Stern leuchtet zu mir in den finsteren Abgrund hinein kein Schall
aus der Oberwelt findet den Weg dahin unauflöslich an gänzliche Vergessenheit
gebunden lieg ich dann da und bin nicht mehr ich selbst ich kenne mich nicht
mehr und die Steine umher sind meine Brüder nun warum sollt ich mich denn
also vor dem Tode fürchten Er ist nichts er hebt die Furcht auf er ist die
letzte Spitze in der alle menschliche Gefühle und Besorgnisse zusammenlaufen
und in nichts zerschmelzen
Wohl mir wenn der Tod erst mein Gehirn und Herz zertreten hat wenn Steine
über mir liegen und Gewürme von meinem Leichname zehren
Der Mensch ist nichts als ein alberner Possenreisser der den Kopf
hervorsteckt um Fratzen zu ziehen dann drückt er sich wieder zurück in eine
schwarze Öffnung der Erde und man hört nichts weiter von ihm
Mein Blut läuft schmerzhaft schnell durch meine Adern Aber es wird einst
stillestehn kein Wein wird es dann schneller herumtreiben und nach dem Gehirne
jagen es wird stehen und verwesen
Wo die Menschen bleiben Wenigstens mag ich noch jetzt nicht allein sein
dazu habe ich im Tode noch Zeit genug
Reisen Sie ja nicht hieher Rosa glauben Sie mir wir würden Sie ohne alle
Barmherzigkeit rechtschaffen plündern denn hier gilt keine Freundschaft keine
Ausnahme der Person Ja wir schonen nicht einmal andrer Diebe so strenge
halten wir auf Gerechtigkeit
O Freund was kann der Mensch denken und niederschreiben wenn er ohne
Besinnung ist Jetzt da ich nüchtern bin schäme ich mich vor mir selber ich
wache in mir selbst auf und alles wird zunichte was schon in sich selbst so
nichtig war Seit ich hier bin ist mein Herz mehr zerrissen als je ich habe
mich nie vorher mit diesen Augen betrachtet In der düstern Einsamkeit reißen
sich alle Sophismen alle Truggestalten mit Gewalt von mir los ich fühle mich
von allen jenen Kräften verlassen die mir sonst so willig zu Gebote standen
Eine schreckliche Nüchternheit befällt mich wenn ich an mich selbst denke ich
fühle meine ganze Nichtswürdigkeit wie jetzt nichts in mir zusammenhängt wie
ich so gar nichts bin nichts wenn ich aufrichtig mit mir verfahre O es ist
schrecklich Rosa sich selbst in seinem Innern nicht beherbergen zu können
leer an jenen Stellen auf denen man sonst mit vorzüglicher Liebe verweilte
alles wüst durcheinandergeworfen was ich sonst nach einer schönen und
zwanglosen Regel dachte und empfand von den niedrigsten Leidenschaften
hingerissen die ich verachte und die mich dennoch auf ewig zu ihrem Sklaven
gemacht haben Ohne Genuss umhergetrieben rastlos von diesem Gegenstand zu jenem
geworfen in einer unaufhörlichen Spannung stets ohne Befriedigung lüstern mit
einer verdorbenen in sich selbst verwesten Phantasie ohne frische Lebenskraft
von einem zerstörten Körper zu einer drückenden Melancholie gezwungen die mir
unaufhörlich die große Rechnung meiner Sünden vorhält nein Rosa ich kann
mich selber nicht mehr ertragen Wäre Andrea nicht so würde ich wünschen ewig
ein Kind geblieben zu sein der Dümmste zu sein den Sie nicht eines Wortes
nicht Ihres Anblicks würdigen ach ich wäre zufrieden auch mit Ihrer
Verachtung ich würde von keiner andern Heimat wissen und mich in der dunkeln
beschränkten Hütte glücklich fühlen Aber ich weiß dass noch nicht alles
verloren ist die größere und bessere Hälfte meines Lebens ist noch zurück
Andrea hat den Schlüssel zu meiner Existenz und er wird mir wieder ein freieres
Dasein aufschließen er wird mich in eine höhere Welt hinüberziehn und ich werde
dann die Harmonie in meinem Innern wieder antreffen So muss es sein oder es
gibt für mich keinen Trost auf dieser weiten Erde keinen Trost im Grabe
vielleicht keinen Trost in einer Unsterblichkeit Glauben Sie nicht Rosa dass
ich in einer trüben Laune übertreibe dass ich mich mit Beschuldigungen überlade
um mir nur die Entschuldigung wieder desto leichter zu machen nein ich habe
dies in allen Stimmungen empfunden selbst im Wahnsinne der Trunkenheit schwebte
diese Überzeugung fürchterlich deutlich vor meinen Augen nur habe ich sie mir
selber abgeleugnet ich kann jetzt mit diesen Lügen nicht weiterkommen ein
unbestechlicher unsichtbarer Genius verdammt mich von innen heraus und was
mich am meisten zu Boden wirft ist dass ich mir nicht als ein Ungeheuer
sondern als ein verächtlicher gemeiner Mensch erscheine Wäre das erstere der
Fall so läge in der Vorstellung selbst ein Stolz und also auch ein Trost Oh
Sie glauben es nicht wie abgeschmackt ich mir vorkomme wenn ich irgendeinen
Schluss machen oder etwas Gescheites sagen will alles erscheint mir dann so
ohne Zusammenhang mit mir selber so aus der Luft gerissen so im Widerspruche
mit dem jämmerlichen Lovell dass ich wie ein Schulknabe erröten möchte
Sie sehen Rosa ich muss zurück und Andrea muss mich von mir selbst erlösen
28
Ralph Blackstone an Mortimer
Bondly
Es geht alles glücklich und über die Massen wohl mit den Verbesserungen ich
halte es für meine Schuldigkeit Ihnen einige summarische Nachrichten davon zu
geben weil Sie sich für den hiesigen Garten vorzüglich interessierten Die
alten Linden die vertrocknet waren sind abgehauen und ausgegraben es fand
sich der Name Ihrer Gemahlin in der einen neben ihr stand Lovell
eingeschnitten man hat junge Birken dort gesetzt der Teich ist ausgetrocknet
weil der Garten doch an Wasser Überfluss hat einiges Nadelholz am Abhange des
Berges ist fortgeschaft weil es oben die schöne herrliche Aussicht
einschränkte Manche kleine Verbesserungen werden Sie noch antreffen wenn Sie
sich wieder selbst einmal herbemühen wollen der Garten kann sich nun bald vor
jedem Kenner sehen lassen manches freilich könnte besser sein aber man muss
nicht alles in der Welt auf die beste Art haben wollen sonst bleibt es am Ende
ganz schlecht An mir liegt freilich nicht die Schuld sondern immer nur an dem
Gärtner Thomas von dem ich Ihnen schon neulich schrieb dass ich vielen Streit
mit ihm hätte ein Mensch der seinen wahren und echten Geschmack gar nicht
ausgebildet hat und der nun doch immer in allen Sachen recht haben will Nun
ist das eine sehr große und fast unausstehliche Prätension selbst von einem
sehr gescheiten Menschen und nun vollends von einem Manne der nicht drei
vernünftige Gärten zeit seines ganzen Lebens gesehen hat Aber es ist ein
schlimmer Umstand bei diesem Manne er wird sehr gekränkt wenn man ihm zu sehr
widerspricht oder ganz gegen seinen Willen handelt er hat eine Art von
empfindsamem Eigensinn den man gar nicht brechen kann ohne ihm selber das Herz
zu brechen Er war neulich heftig gerührt als ich ein Blumenbeet angebracht
hatte von dem er nichts wusste Er hielt mir das Unrecht das ich ihm als einem
so alten Manne tue dass ich seinen Respekt bei den Gartenknechten vermindre
recht beweglich vor und ich alter Narr ließ mich übertölpeln und wurde
ordentlich mit gerührt Seit der Zeit sind wir nun sehr gute Freunde ich tue
ihm sehr vieles zu Gefallen und er tut mir auch dagegen manches zu Gefallen ich
habe es mir überlegt dass ich lieber den Garten und den guten Geschmack als
einen lebendigen Menschen etwas kränken will und darum sehe ich jetzt durch die
Finger und lasse manchmal fünfe gerade sein
Von der Jagd sind Sie ebensowenig wie mein Schwiegersohn ein großer
Liebhaber und darum will ich Ihnen von ihren Fortschritten lieber nichts
erzählen Mein Schwiegersohn ist willens das benachbarte Gut Waterhall zu
kaufen und ich glaube dass er vernünftig daran tut denn es ist zu einem sehr
billigen Preise zu haben Ich empfehle mich Ihrer ferneren Gewogenheit und
nenne mich
Ihren ergebensten Freund Ralph Blackstone
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William Lovell an Rosa
Nizza
Wohin soll ich mich wenden Ein entsetzlicher Schreck hat mich bis hieher
gejagt und nun weiß ich nicht ob ich hierbleiben ob ich rückwärts oder
vorwärts gehen soll
Die Räuber waren endlich meines müßigen Lebens überdrüssig sie forderten
dass auch ich ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden sollte Man gab mir
ein Pferd und ich musste an einem Morgen mit zwei andern ausreiten
Wir lagen noch nicht lange am Wege als ein Reiter in großer Eile
vorübertrabte wir lenkten auf einen verborgenen Fusssteg ein so dass wir ihm
entgegenkamen Er schien uns nicht zu fürchten denn er suchte nicht
auszuweichen wir stießen aufeinander und o Himmel nie werd ich diesen
Augenblick vergessen Karl Wilmonts Gesicht stand vor mir bleich und
entstellt Kaum erkannte er mich als in seinen Augen ein höheres Feuer
aufloderte Ich sah es wie er nach meinem Blute lechzte er sprach den Namen
Emilie aus und stürzte wie ein wildes Tier auf mich ein Ich konnte seinen Blick
nicht aushalten er zwang mich unwiderstehlich zu entfliehn ich hörte ihn
hinter mir indem er grässliche Flüche außstieß mein Haar stand empor das Pferd
lief mir immer noch nicht schnell genug eine unbeschreibliche Angst drängte
mich vorwärts Meine beiden Gefährten waren weit zurück und als ich mich
nachher noch einmal umsah war auch Wilmont verschwunden
Wo ist er geblieben Soll ich nun nach Rom kommen soll ich nach
Frankreich zurückkehren Wo bin ich vor diesem Verzweifelten sicher Aller Mut
der mir sonst zu Gebote steht verlässt mich wenn ich an ihn denke Er kommt um
mich zu suchen und wenn er mich findet Wie vermag ichs ihm
standzuhalten
30
Karl Wilmont an Mortimer
Pisa
Ich hatte ihn bei meiner Seele ich hatte ihn schon Aber er ist mir wieder
entkommen der schändliche Bösewicht Von Räubern ward ich in den
piemontesischen Alpen angefallen und denke Dir Mortimer er war unter ihnen
Ich erkannte ihn sogleich und er erkannte mich und flohe Mein lahmer Gaul
kam nicht nach Schon gegen mir über dass ich ihn erreichen konnte hatt ich ihn
gehabt Mein Pferd stürzte an einem hervorragenden Stein und brach den Schenkel
ich lag eine Weile ohne Besinnung als ich wieder zu mir selbst kam sah ich ihn
nirgend Aber ich muss ihn finden Wüsst ich nur wohin ich mich wenden
sollte In welchen Schlupfwinkel hat sich der Elende jetzt vor meiner Wut
verkrochen Aber darüber bin ich unbesorgt endlich muss ich ihn treffen
Emiliens Geist wird meine ungewissen Schritte leiten fand ich ihn doch da wo
ich ihn am wenigsten vermutet hatte
Zehntes Buch
1
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
In einigen Wochen komme ich zu Ihnen und dann will ich mit eigenen Augen die
Verwandlungen in Bondly betrachten die ich bis jetzt nur aus Beschreibungen
kenne Ihr Schwiegervater hat mir in mehreren Briefen davon geschrieben und
alles hat meine Neugierde äußerst rege gemacht Durch gewisse Torheiten kann
mich ein Mensch sehr zu seinem Vorteile einnehmen Ich mag die Eitelkeit nicht
so grimmig anfeinden die den Menschen oft aufrecht hält wenn ihn alles übrige
verlässt sie ist eine gutmütige Torheit die ihn über alle seine übrigen
Torheiten tröstet sie ist der Wundarzt in der Welt des Menschen und der Mensch
leidet gewiss am meisten wenn dieser sein Chirurgus krank darniederliegt wenn
ihn die Eitelkeit verlässt oder er seine Eitelkeit verachtet so durchlebt er
die unglücklichsten Stunden seiner Existenz Wenn sich nun ein Mann irgendein
Spielzeug aussucht und sehr ernstaft damit umgeht soll man ihn denn deswegen
tadeln Im Grunde sind überhaupt die Menschen gut man sollte sich nicht
anmassen über die feinen Nuancen und Schattierungen ein Urteil zu sprechen denn
indem mir die eine Torheit anklebt muss ich notwendig eine andre falsch
beurteilen und durch Torheit sind doch Menschen den Menschen verwandt man
sollte daher nicht immer selbst so viel von den Familienfehlern sprechen
2
Thomas an den Herrn Ralph Blackstone
Waterhall
Wohlgeborner Herr
Ich habe die Ehre Ihnen zu melden dass ich mit den Einrichtungen des hiesigen
Gartens so zu sagen über Hals und Kopf beschäftigt bin Es bringt mir viele
Mühe aber ich denke immer es soll mir auch einige Ehre bringen und damit gebe
ich mich denn über die Mühe zufrieden Dieselben werden wissen dass wir in
dieser Welt fast gar nichts ohne Mühe haben und obgleich die gemeinen Leute
immer zu behaupten pflegen umsonst sei der Tod so müssen sich doch die meisten
ganz außerordentlich bemühen ja fast quälen ehe sie nur ans eigentliche
Sterben kommen ich meine nämlich die letzten Züge in denen man immer zu liegen
pflegt mit dem letzten Atemholen müssen wir das bequeme Luftolen für unser
ganzes Leben bezahlen
Der Garten hier ist in einige Unordnung geraten ich muss Ew Wohlgeboren die
Ehre haben zu versichern dass ich hier sonst schon einmal Gärtner gewesen bin
und noch jeden Busch und jeden Steg kenne aber damals hatte ich keine freie
Hand denn die gnädige Besitzerin hatte wenn ich der Wahrheit die Ehre geben
soll nicht sehr viel Geschmack es war ihr nur darum zu tun dass der Garten
grün sei und damit war dann alles gut und fertig Dieselben aber werden wohl
einsehn dass das noch lange keinen Garten ausmacht und wir beide wissen es am
besten was wir in Bondly für Arbeit gehabt haben und gewiss noch haben werden
Seit unsere Eltern aus dem Paradiese getrieben sind und auf die Erde ein Fluch
gelegt wurde hängt sie ganz außerordentlich nach dem Verwildern hin nun muss
der Mensch immer dagegen streiten und arbeiten um nur alles in der gehörigen
Ordnung zu halten und so sind die Gärten entstanden Die Gartenkunst ist gewiss
eine große Kunst und ich höre dass man jetzt auch ordentliche gedruckte Bücher
darüber hat und das verdient sie auch ganz ohne Zweifel Ew Gnaden schätzen
auch die Kunst nach ihren Würden und lassen sich sogar selbst mit der Arbeit
ein das muntert denn unsereinen auf alle seine Kräfte daran zu wagen Ich
wünschte nur ich wäre erst hier mit allem fertig um nach unserm Bondly
zurückkommen zu können Ich empfehle mich Ihrer ferneren gnädigen Freundschaft
und habe die Ehre mich zu nennen
Ew Wohlgeboren ergebenster Freund und Diener Thomas
3
Bianca an Laura
Es wird mit jedem Tage schlimmer liebe Laura es will mir nichts mehr einen
rechten Zeitvertreib machen sondern alles kommt mir ganz gemein und verächtlich
vor Ist es nicht genug dass ich krank bin Muss mir auch das noch zustossen Und
kein Mensch bekümmert sich um mich ich bin mir selber ganz überlassen wär es
ein Wunder wenn ich jetzt melancholisch würde Sie besuchen mich auch fast
gar nicht ist Ihre Freundschaft nur für die frohen und gesunden Tage Ach wenn
sie mich erst werden begraben haben werden Sie es gewiss bereuen und dann ist
es zu spät bedenken Sie das liebe Laura Sie sind freilich jetzt gesund und
noch ziemlich jung aber die Zeit wird auch vorübergehn und dann werden Sie
sich ebenso wie ich nach einer Freundin umsehn Glauben Sie mir liebes Kind
die Einsamkeit ist unsereinem fürchterlich man erinnert sich an tausend Sachen
die man schon längst vergessen zu haben glaubte Genau genommen Laura haben
wir nicht recht gelebt doch das steht nun nicht mehr zu ändern
4
Laura an Bianca
Wie ich es gleich befürchtete liebste Freundin Sie sind viel zu ängstlich das
verdirbt jedermann die Laune der Sie besucht und ich muss Ihnen aufrichtig
gestehen dass man Sie eben darum ungern besucht denn die menschliche Natur hat
einen Widerwillen gegen alle Traurigkeit und Finsternis alles in der Welt kommt
einem dann gleich so klein und unbedeutend vor und auf diese Art nutzt sich am
Ende das Leben so wie ein Kleid ab Sie nehmen auch alles gar zu genau liebe
Bianca wer wollte es im Leben genau nehmen Sind nicht Priester und Prälaten
bei uns gewesen und haben sich mit uns gefreut Auf sie fällt größere Schuld
als auf uns selbst denn sie haben uns in unserm Lebenswandel bestärkt Beichten
Sie liebste Freundin und sein Sie dann außer Sorgen gegen alles ist Hilfe
nur nicht gegen den Tod und diesen werden Sie durch Ihre Traurigkeit
beschleunigen Wenn ich Sie öfter besuchen soll müssen Sie durchaus lustig
sein Sie sagen mir ich werde alt werden Ich fange wirklich selbst an so
etwas zu merken Es ist eine schlimme Sache mit der Zeit die immer so
unmerklich weiterrückt und die wenn man sich dann umsieht einen ungeheueren
Weg zurückgelegt hat Man muss aber an so etwas gar nicht denken das ist mein
Grundsatz Bianca es gibt ja noch tausend andre Dinge in der Welt die unsern
Verstand und unsre Phantasie beschäftigen können Leben Sie recht wohl und
vergessen Sie nicht wieder was ich Ihnen gesagt habe
5
William Lovell an Rosa
Padua
Ich komme bald Rosa sehr bald ich brauche nur noch eine kleine Frist um auf
dem Wege manches zu erfahren was ich schon seit lange gerne wissen möchte Ich
sagte es schon neulich dass es nichts Wunderbares gibt und dass sich alles um
mich her vereinigt um mich an Seltsamkeiten zu gewöhnen
Ich streifte gestern abends durch die Gassen der Stadt der Mondschein und
die kühle Luft lockten mich heraus Ich wollte mich einmal wieder im Taumel der
Phantasie vergessen wie ich mich denn jetzt zuweilen mit Vorsatz in einen
gewissen poetischen Rausch versetze um alle Gegenstände anders zu sehen und zu
fühlen Einzelne Mädchen streiften in den einsamen Gassen umher und es währte
nicht lange so folgte ich einer nach ihrer abgelegenen Wohnung Warum mich
diese gerade und keine andre anzog weiß ich nicht zu sagen
Als in der Stube ein Licht angezündet war sah ich ein entstelltes
schmutziges Geschöpf vor mir mit triefenden Augen von mittlerer Größe und
wie alle ihres Gelichters mit einem schamlosen Betragen Als wir uns genauer
betrachteten schrie sie laut auf und ich erinnerte mich ihrer Züge dunkel Sie
befreite mich bald von meiner Ungewissheit und nannte mir ihren Namen Denken Sie
sich mein Erstaunen als ich erfuhr dass es niemand anders als die kleine
Blondine war die Sie von Paris mitgenommen hatten die unter dem Namen
Ferdinand Sie begleitete
Sie wusste jetzt nicht recht wie sie sich mit mir nehmen sollte sie fing
an auf die unverschämteste Weise in der Stube umherzuschwärmen freche Lieder
zu singen und mich dann in ihre Arme zu schließen ich blieb ernstaft und
plötzlich brachen ihre Tränen wie ein lange zurückgehaltener Strom hervor sie
warf sich in einer Ecke des Zimmers auf den Boden und schluchzte laut Ich war
ungewiss ob ich bleiben sollte ihre Stellung rührte mich sie hatte das Gesicht
mit den Händen verdeckt es schien als wollte sie sich aus Scham in die Mauern
hineindrängen Ich ging endlich zu ihr und richtete sie auf sie wandte ihr
Gesicht ab sie konnte vor Zittern und heftigem Weinen sich nicht aufrecht
erhalten und sank in einen kleinen Sessel Wie von gewaltigen Krämpfen ward sie
hin und her geworfen nach diesem heftigen Sturme erlebte sie endlich einen
Stillstand aller Empfindungen und sie sah mich nun mit einem unbeschreiblich
beruhigten Gesichte an
Ich musste weinen alle Erinnerungen alle Empfindungen drangen so lange auf
mich ein bis ich meiner Schwäche freien Lauf ließ Dadurch schien sie getröstet
und aufgerichtet zu werden Wir sprachen nun miteinander die Erhitzung hatte
ihr Gesicht angenehmer gemacht sie sah nicht mehr so verzerrt aus
Ich glaube ich habe Ihnen schon ehemals erzählt dass sie mich einst in Rom
in einem Billette vor Ihrer Gesellschaft gewarnt habe sie sagte mir jetzt die
Ursache davon sie habe einst durch einen Zufall gehört dass Sie irgendeinen
Plan auf mich hätten der mir schädlich sein könnte Doch diese Kinderei ist
längst vergessen und ich hörte kaum danach hin als sie mir von neuem davon
erzählte Es kommt mir jetzt lächerlich vor dass mich jenes kleine Billett und
jener Argwohn damals so sehr erschreckten Es ist im Laufe des Lebens etwas
Läppisches sich immer für verfolgt zu halten die Menschen nicht zu verstehen
und sich auch keine Mühe zu geben sie kennenzulernen sondern statt dessen sie
bloß zu fürchten Sie hatten den Plan mich klüger zu machen und es ist nachher
auch geschehen freilich mag das wohl etwas Unerlaubtes sein etwas das die
meisten Menschen fürchten und dem sie aus dem Wege gehen Klüger zu werden ist
das größte Verbrechen das man sich in der Welt nur immer erlauben kann dadurch
empört man alle Menschen gegen sich es heißt die Ordnung der Dinge umstossen und
sich gegen die Gesetze der Natur auflehnen nach denen der Mensch mit jedem
Jahre mehr zusammenschrumpfen und in eine immer engere Einfalt hineinkriechen
muss Die sich von dieser Notwendigkeit losmachen werden daher von allen übrigen
Bürgern dieser Erde verfolgt die auf Recht und Ordnung halten
Als wir uns beide etwas getröstet und beruhigt hatten fragte ich sie um
ihre Geschichte die mir in diesem Augenblick unendlich interessant war Es
waren ihr aus einem ehemaligen Leben so viele schöne Fragmente von Unschuld
übriggeblieben dass ich mich innig sehnte zu hören wie sie gerade so tief und
immer tiefer gesunken sei Sie sah mich lange mit einem aufmerksamen Blicke an
dann sagte sie dass sie meine Neugier befriedigen wolle
Ich bin noch jetzt gerührt und ich will versuchen Ihnen die eigenen Worte
des Mädchens herzusetzen soviel ich mich noch ihrer erinnern kann
Ich bin fing sie an in einer Vorstadt von Paris geboren Das erste was
ich von der menschlichen Sprache verstand war dass ich keine Mutter mehr hatte
die erste Empfindung die ich kennenlernte war der Hunger Mein alter Vater
saß das ist meine frühste Erinnerung vor meinem Bette und weinte indem er
eine Laute in den Händen hielt auf der er ein wunderbares Lied spielte Als ich
nur sprechen konnte suchte er mich mit diesem Instrumente bekannt zu machen und
mir die Kunst es zu spielen und mit Gesang zu begleiten beizubringen soviel
es in seiner Gewalt stand Alle meine Erinnerungen aus der Kindheit ruhen auf
Lautentönen aus alle meine Empfindungen mein ganzes Leben ist aus diesen Tönen
herausgeflossen sie umschließen wie ein unübersehliches melodisches Meer die
Grenze meiner Erinnerung und meiner Kindheit Fromme Ahndungen und Gefühle
schweben leise von dort herüber und ziehen langsam meinem Herzen vorbei es ist
als wenn mich einer ruft dessen Stimme ich nicht kenne den ich nicht verstehe
Ach wenn ich jetzt manchmal in der tiefen einsamen Nacht Lautentöne höre
zuweilen dieselben Lieder die ich sonst spielte o Lovell mein Herz wollen
diese Töne aus mir herausreissen
Als ich etwas größer geworden war musste ich meinen Vater auf seinen
Wanderungen durch die Stadt und in den nahgelegenen Gärten begleiten Noch oft
spät in der Nacht zogen wir durch die Straßen indem mein Vater die Laute
spielte und ich dazu sang und bei manchen Stellen eine kleine Handpauke schlug
Wir erhielten auf die Art ein mageres Almosen das wir am folgenden Tage
verzehrten Mein Vater fürchtete sich vor Gespenstern und sah oft in den Ecken
etwas stehen vor dem er sich innig entsetzte er teilte mir diese unbekannte und
unbegreifliche Furcht mit Bei Tage saßen wir oft unter einer großen und
lärmenden Gesellschaft von gemeinen Leuten und ließ unsre Lieder hören das
Getümmel die Verschwendung Unmässigkeit und die wenige Aufmerksamkeit auf uns
rührte mich außerordentlich mein Vater tröstete mich dann und sagte mir dass
dies so die Weise der Menschen sei dass daraus das menschliche Leben bestehe
O wie lebhaft und schmerzlich fällt mir heute alles alles wieder ein was ich
immer zu vergessen suchte
Ein paar arme Mädchen gesellten sich zu mir und manchmal waren wir
jugendlich lustig und es kam mir dann ordentlich vor als gehörte ich auch mit
zur Welt ich war dann in mir selber dreister Wenn ich aber wieder unter die
andern Menschen trat so schlug mich jeder gute Anzug nieder jede
vorbeifahrende Kutsche beschämte mich und ich verachtete mich selbst ebenso
wie mich alle übrigen Menschen verachteten Die mutwilligen Gespräche der
Mädchen versetzten mich dann wieder in einen gewissen Rausch den ich selbst in
der Freude nur als eine Trunkenheit ansah und in denselben Augenblicken recht
gut wusste dass ich zu einer nüchternen Selbstverachtung zu einer elenden
kriechenden Geistesdemütigung wieder erwachen würde Ich verachtete aber meine
Freundinnen ganz von Herzen ja ich weinte über sie als ich bald nachher von
meinem Vater hörte dass sie sich in ein schlechtes Haus als gemeine Dirnen
hingegeben hätten Wer hätte mir damals sagen können oh und doch ist es gar
nicht wunderbar es ist so begreiflich ach Lovell der Mensch ist in sich
nichts wert
Unser Unglück wurde noch vergrößert von innigem Grame von vielen
vergossenen Tränen ward mein Vater blind Ich war ihm jetzt ganz unentbehrlich
ich war jetzt sein einziger Trost Ich tat ihm alle Dienste gern und willig ich
liebte ihn nur um so mehr je unglücklicher er war Meine Phantasie hatte jetzt
bei der gänzlichen Unterdrückung von außen einen hohen Schwung genommen ich
war innerlich zufrieden und ersetzte mir durch erhabene Träume den Verlust der
wirklichen Welt
Spät in der Nacht las ich oft noch die Schilderung großer Menschen in den
Erzählungen von Richardson mich erquickte die Welt voll erhabener Geister die
mich dann umgab und ich war überzeugt dass die Menschen mich nur nicht genug
kennten um sich mit mir auszusöhnen Dann war ich über alles Ungemach
getröstet dann war ich über alle Leiden beruhigt die mich einst noch treffen
könnten Welchen Eindruck machten aber dann wieder die gemeinen Gesichter auf
mich von denen ich durch meinen Gesang ein Almosen erbetteln musste ihre
plumpen Späße ihre groben Zweideutigkeiten die ich ertragen musste Ich war
gezwungen einer kleinen Münze wegen jede Demütigung zu erleiden
Ach Lovell was mögen Sie von mir denken dass ich jetzt noch so sprechen
kann Nicht wahr Sie möchten lächeln Die Zeit geht grausam mit dem armen
Menschen um erst stellt sie ihn als ein schönes und liebenswürdiges Kunstwerk
hin und dann arbeitet sie so lange an ihm bis er endlich selbst eine Satire
auf seinen ehemaligen Zustand wird
Jetzt kam eine Zeit die ich nie vergessen werde die mir immer ein Rätsel
bleiben wird So widrig mir anfangs die elenden Witzeleien die unausstehlichen
Liebkosungen dieser gemeinen Menschen gewesen waren so gewöhnte ich mich doch
am Ende daran ja sie gefielen mir sogar Ich horchte während dem Singen auf
ihren unzüchtigen Witz und wiederholte mir in Gedanken die Einfälle die ich
gehört hatte Mein Blut war in einer beständigen Erhitzung ich lebte wie in
einer unaufhörlichen Trunkenheit Meine Bücher waren mir jetzt zuwider sie
kamen mir lächerlich vor die schöne Natur zog meine Blicke und meine
Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich sie kam mir vor wie eine strenge
langweilige Sittenpredigerin Meine Phantasie ward in gemeinen und unangenehmen
Bildern einheimisch alle meine ehemaligen Vorstellungen erschienen mir albern
und unwürdig Zuweilen war es dann wieder als wenn ich aus meinem Schlafe
erwachte dann erinnerte ich mich meiner vorigen schönen Empfindungen ich bekam
dann einen Abscheu vor mir selber mein Leben kam mir in diesen Augenblicken
wüste und dunkel vor ich beschloss mich zu meinem sonstigen Zustande
zurückzuretten aber dann trat es mir wieder wie ein steiler Berg entgegen
mein gemeiner Sinn ergötzte sich wider meinen Willen an schändlichen
Vorstellungen und das schöne Land der kindlichen Unschuld lag wieder weit
zurück und wie von einem schwarzen Nebel verfinstert Um diese Zeit sah mich
Rosa ich gefiel ihm er kam mir entgegen und ich machte die andre Hälfte des
Weges er lehrte mich das Laster kennen und ohne Besinnung ohne einen Gedanken
verließ ich meinen armen unglücklichen blinden Vater und folgte ihm Ach
er wird nun wohl schon gestorben sein aber ich bin bestraft sein Fluch ist mir
nachgefolgt
Sie hielt hier ein und weinte von neuem Ich erinnerte mich jetzt eines
alten blinden Bettlers den ich in Paris gekannt und der mir selbst einmal von
einer undankbaren entlaufenen Tochter erzählt hatte Er ist ganz ohne Zweifel
derselbe An manchen Tagen war er wahnsinnig und sang wilde und prophetische
Lieder indem er dazu auf seiner Laute phantasierte dann liefen ihm die Jungen
in den Gassen nach um ihn zu verspotten
Sie hatte sich jetzt wieder erholt und fuhr in ihrer Erzählung fort
Es erwachte jetzt ein ganz neues Leben in mir ich sah mich zum ersten Male
geschätzt und geliebt in guten Kleidern vertraut mit einem Menschen den ich
noch vor wenigen Tagen als ein fremdartiges Wesen als einen Gott verehrt hatte
Ich kaufte jetzt alle Zuversicht allen Genuss zurück die ich bis dahin entbehrt
hatte Meine Munterkeit wurde zur Frechheit denn ich hielt mich für eines der
vorzüglichsten Geschöpfe in der Welt ich hatte den Unterschied unter den
Menschen nie gelernt ich kannte jetzt nur die reichern und ärmern mir fehlte
jetzt zu einem angenehmen Leben nichts und ich verachtete alle Menschen die
nicht so gut leben konnten wie ich In diesem Zustande sah ich Sie Lovell
und ein Gefühl wie ich noch nie gekannt hatte bemächtigte sich meiner Es war
die Liebe die mir bis dahin fremd geblieben war Ohne zu wissen was ich tat
rettete ich Ihr Leben bei jenem Überfalle der Räuber Meine Zuneigung wuchs mit
jedem Tage aber ich bemerkte dass Rosa eifersüchtig wurde Von jetzt lebt ich
ein schweres Leben denn alle meine Empfindungen lagen im Kampfe miteinander
meine Gefühle waren so rein und schön und eben durch sie erhielt ich einen
Aufschluss über meine eigene Verächtlichkeit Sie wissen wie ich Sie bat zu
mir zu kommen Rosa überraschte uns Seit der Zeit war ich ihm zuwider ja er
hasste mich endlich und überließ mich meinem Schicksale Ich konnte von Ihnen
damals nichts weiter erfahren als dass Sie mit einer gewissen Rosaline lebten
als ich dies hörte wagte ich es nicht zu Ihnen zu kommen ich fürchtete mich
auch vor Rosa Es fanden sich einige Menschen die mich einer nach dem andern
unterhielten denn ich war einmal an diese Lebensart gewöhnt und hatte viele
Bedürfnisse Ich sank immer tiefer ich verließ Rom und zog von einer Stadt
zur andern und nun Lovell Reue im Herzen ohne Geld mit den gemeinsten
Geschöpfen verschwistert krank
Sie konnte nicht weitersprechen Ich war erschüttert ich gab ihr alles
Geld das ich bei mir hatte und verließ sie Ich will sie heute besuchen und
sie mit mehrerem Gelde versorgen damit sie wenigstens ihre Gesundheit
wiederherstellen kann
Sie hätten sie nicht so ganz verlassen sollen Sie haben nicht recht getan
Doch habe ich an Rosalinen nicht noch schlimmer gefrevelt
6
Ralph Blackstone an Thomas
Bondly
Es ist hier noch immer alles beim alten mein lieber Thomas außer dass im Garten
wieder manche kleine Veränderungen vorgefallen sind Ich finde doch dass Er bei
allen den Anlagen unentbehrlich ist denn die übrigen Menschen sind dumm und es
ist nichts mit ihnen anzufangen Ich habe noch allerhand neue Projekte im Kopfe
die sich vielleicht mit der Zeit ausführen lassen Er muss nur den Garten in
Waterhall bald zustande zu bringen suchen denn im Grunde gehören wir beide
zusammen wenn wir uns auch manchmal ein wenig gestritten haben Vier Augen sehen
immer weiter als zwei das ist mein Wahlspruch und ich finde es immer
bestätigt dass ich daran nicht unrecht habe Man muss nur immer suchen in der
Welt irgend etwas zustande zu bringen es mag auch dann sein was es will es
ist zwar nichts Merkwürdiges eben wenn wir den hiesigen Garten beide
verschönern es wird immer noch keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben
aber es ist doch immer sehr angenehm und sehr löblich Wenn man im Kleinen etwas
Gutes tut so kann man es doch berechnen wie weit es sich erstreckt und das
ist sehr viel wert von dem Guten aber das im Großen geschieht oder geschehen
soll kann man nie wissen wie weit es gehen wird es geht oft gar zu weit und
ist nachher nicht mehr zu ändern eben weil es gleich in der Anlage zu groß war
Er tut mir daher einen sehr großen Gefallen lieber Thomas wenn Er so bald als
möglich wieder zurückkommt mit Ihm kann man reden und Er ist ein Mann der den
Verstand da hat wo er hingehört das kann man nicht von allen Leuten sagen
Thomas denn manche haben ihn in den Fusssohlen andre im Rücken andre auf der
Zunge das sind solche Leute die man zu gar nichts brauchen kann Er sieht wie
hoch ich Ihn schätze und Er wird darum machen dass Er bald zurückkömmt Ich
nenne mich
Seinen Freund Ralph Blackstone
7
William Lovell an Rosa
Florenz
Es neigt sich alles zum Ende mein Leben kommt mir vor wie eine Tragödie von
der der fünfte Akt schon seinen Anfang genommen hat Alle Personen treten nach
und nach von der Bühne und ich bleibe allein übrig
Ich besuchte in Padua das Mädchen am folgenden Morgen wieder Meine Rührung
hatte den ganzen Tag über fortgedauert ich stellte mir recht lebhaft vor wie
sehr sie mir danken würde und als ich nun hinkam fand ich sie im hitzigen
Fieber so dass sie mich nicht wiedererkannte Ich ließ das Geschenk zurück das
ich für sie bestimmt hatte Ich reiste ab und ein Zufall oder eine seltsame
Laune verschlug mich nach Genua
Ich labte mich hier am Anblicke des großen allmächtigen Meeres Mein Geist
ward in mir größer und ich fühlte mich einmal wieder über die Menschen und über
die Natur hinausragen Die unübersehliche Fläche redete mich erhaben an und ich
antwortete ihr innerlich mit bestimmter Kühnheit Alle meine Sorgen die mich
sonst so schwer drückten waren hinweggeflogen und ich war frei und
unbeängstigt Aber Wolken stiegen am fernen Horizonte auf und mit ihnen trübe
Zweifel in meiner Seele alles stand wieder still die Uhr zeigte wieder jene
traurige schwarze Stunde ich ward mir selbst wie ein entsprungener Gefangener
zurückgegeben O über den verhassten Wechsel in unserm Innern
Ich ging an einem Morgen durch eine einsame Straße und hinter einem
vergitterten Fenster glaubte ich Balders Gesicht zu sehen Ich erstaunte ich
erkundigte mich unten im Hause nach ihm man bestätigte dass er dort wohne und
wies mir mit einem Lächeln das ich nicht verstand die Treppe nach seinem
Zimmer Ich trat hinein er war es wirklich er erkannte mich sogleich und
umarmte mich mit großer Herzlichkeit Er war gut gekleidet seine Miene war ganz
geändert sein Auge schien heiter und ungetrübt Er war ganz zu den gewöhnlichen
Menschen wieder zurückgekehrt er war froher und menschlicher als er selbst
damals war als ich ihn in Paris zuerst kennenlernte Mein Erstaunen war ohne
Grenzen und ich konnte mich immer noch nicht überzeugen dass jener unglückliche
wahnsinnige Balder wirklich vor mir stehe
Wir frühstückten miteinander und ich konnte nicht müde werden ihn
aufmerksam zu betrachten Sein Gesicht war voller und gesunder in seinen
tiefliegenden Augen waren einige Spuren des Wahnsinns zurückgeblieben ob sie
gleich ziemlich hell und lebhaft waren Alle seine Bewegungen waren lebendiger
er war durchaus körperlicher geworden und deswegen kam er mir in einzelnen
Momenten ganz fremd vor Das Zimmer war ordentlich und aufgeräumt nur an der
hinteren Wand lag ein großer roter Mantel über den Boden und über Stühlen
ausgebreitet
Balder war sehr gesprächig und wir unterhielten uns von manchen Vorfällen
aus der Vergangenheit Ich bat ihn endlich mir zu erzählen durch welche
Zufälle er sich plötzlich so sehr verändert habe sein Gesicht ward trauriger
indem er darüber zu reden anfing ich will es versuchen Rosa Ihnen seine
eigenen Worte niederzuschreiben
Du wirst vielleicht fing er an meinen seltsamen Brief aus den Apenninen
erhalten haben denn dass ich dort gewohnt hatte erfuhr ich nachher Ich kann
mich jenes Zustandes nur noch dunkel und mit Mühe erinnern Ich weiß dass mich
ein unaufhörlicher wunderbarer Traum umgab Mein Bewusstsein lag gleichsam
fernab in mir verborgen die äußere Natur schimmerte nur dunkel in mich hinein
mein Auge starrte vorwärts und die Gegenstände veränderten sich dem stieren
angestrengten Blicke Zu allen meinen Empfindungen und Ideen führten gleichsam
keine Tasten mehr die sie anschlagen konnten sondern eine unbekannte Hand fuhr
über den Resonanzboden auf den gespannten Saiten umher und gab nur dunkle
verworrene und einsilbige Töne an Wie in Bergwerken eine Leuchte oft hin und
wider geht und das Licht an den Quarzwänden und dem nassen Gestein wundersam
zurückschimmert so erschien mir der Gang meiner Vorstellungen in mir selber
Plötzlich ergriff mich wieder so wie in meinen gesunden Tagen das Gefühl
einer heftigen Unruhe ich fand mich in mir selber unzufrieden Das fernstehende
prosaische Leben kam wieder näher auf mich zu und eine unbeschreibliche
Sehnsucht zog mich nach sich Ich kam zu mir selbst zurück und fand mich wie
sonst eingeengt und gepresst ich wünschte und wusste nicht was in der Ferne in
einer andern Heimat schien alles zu liegen und ich verließ endlich den Ort wo
ich so lange gewohnt hatte
Andre Gegenden begrüßten mich wieder mit denselben Empfindungen die ich
sonst gehabt hatte die Zirkel und das Getümmel des menschlichen Lebens
ergriffen mich von neuem ich legte meine seltsame Kleidung ab und beschloss nach
Deutschland nach meiner Heimat zurückzureisen Es war als wenn sich die
verschlungenen Gegenstände mehr voneinander absonderten was zusammengehörte
flog zusammen und ich stand in der Mitte der Natur Die Postörner nahmen nun
wieder über Berge und Seen nach fernen Gegenden meine Seele mit sich der Trieb
zur Tätigkeit erwachte wieder und das dumpfe unverständliche Geräusch das mich
bisher innerlich betäubt hatte verlor sich immer ferner und ferner
Ich hatte noch einiges Geld übrigbehalten und mit diesem kam ich in Genua
an O Freund ich wusste nicht dass ich hier meine frühste Jugend wiederfinden
sollte ein neues Leben um es nachher noch einmal zu verlieren Ich lernte
hier ein Mädchen kennen o Lovell du lächelst und verachtest mich nein ich
kann dir nicht sagen wer sie war du kannst es nicht begreifen Ich hatte schon
einst vor langer Zeit meine Henriette begraben ich hatte viel auf ihrem Grabe
geweint und hier fand ich sie nun ganz und gar wieder und sie hieß Leonore
Ach wie glücklich war ich als sie mich wiederliebte als sie meine Göttin
ward
Ich weiß nicht wie es geschah aber jetzt verließ mich alle meine
Schwermut ich konnte selbst nicht mehr an meinen ehemaligen Zustand glauben
Mein Leben war ein glückliches gewöhnliches Menschenleben und keiner meiner
Gedanken verlor sich auf jener wüsten Heide auf der bis dahin meine Seele
rastlos umhergestreift war Ich ließ mir mein Vermögen aus Deutschland
überschicken die Familie meiner Gattin war reich es fehlte meinem Glücke
nichts weiter als dass mich das Schicksal in Ruhe ließ
Er hielt hier ein und fing an zu weinen Ist dies derselbe Mensch sagte ich
zu mir der sonst das Leben mit allen seinen Menschen so innig verachtete der
von jeder Menschenfreude auf ewig losgerissen war Ein Weib also konnte jene
entsetzlichen Phantasien verscheuchen die ihn belagert hielten dabei
ergriff mich ein Schauder dass eben der Balder den ich im heftigsten Wahnsinne
gesehen hatte jetzt als ein ganz gewöhnlicher Mensch vor mir stand
Er fiel in meine Arme und fing von neuem an zu sprechen Ach Lovell rief
er aus auch diese hat mir der Tod entrissen Und ich darf den Kirchhof ich
darf ihr Grab nicht besuchen Wie sehen ich mich oft nach meiner einsamen Wohnung
in den Apenninen zurück
Ich wollte ihn trösten ich ließ einige Worte über den gewöhnlichen Gang des
menschlichen Lebens fallen
Recht rief er mit großer Bitterkeit das Leben würde kein Leben sein wenn
es nicht nach dieser tyrannischen Vorschrift geführt würde Wir sind nur darum
auf kleine armselige Augenblicke glücklich um unser Unglück nachher desto
schärfer zu fühlen Es ist der alte Fluch Glück muss mit Unglück wechseln und
eben darin besteht unser Leben und unser Elend
Er war heftig erschüttert und ich ging im Zimmer auf und ab ich näherte
mich dem Mantel und wollte ihn in Gedanken aufheben Halt rief mir Balder
plötzlich zu um Gottes willen halt ein Seine Stimme war ganz unkenntlich
ich stand erschrocken still und sah ihn befremdet an Da unten sagte er mit
zitterndem Tone liegen die Denkmäler die man Henrietten gesetzt hat
Neugierig hob ich den Mantel auf und wie entsetzte ich mich als ich einen
dicken Pfahl und starke Ketten erblickte Einige Glieder der Kette fielen
rasselnd herunter und Balder tobte nun wie ein wildes Gespenst im Zimmer auf und
ab er rannte mit dem Kopfe gegen die Wände er schrie und zerfleischte sich das
Gesicht er warf sich laut lachend auf den Boden nieder
Bösewichter schrie er mit einer grässlichen Stimme so geht ihr mit mir um
Das ist also der Mensch Gebt sie mir zurück und nehmt diese Ketten wieder
Die Raserei erstickte bald seine Sprache Sein Gesicht war jetzt blau und
aufgetrieben alle Glieder seines Körpers bewegten sich mit einer unglaublichen
Schnelligkeit in seinen grässlichen Bewegungen lag etwas Niedriges und
Komisches das mein Entsetzen noch vermehrte Jetzt sprang er auf mich zu und
warf mich mit einem gewaltigen Stosse gegen die Wand er grinste mich mit einem
höhnischen Lächeln an und drückte seine Faust gegen meine Brust es war mir
unmöglich mich von ihm loszumachen Noch nie hab ich ein so inniges Entsetzen
gefühlt als in diesem Augenblicke ich wusste nicht mehr welche verzerrte
Gestalt vor mir stand ich war in Versuchung laut aufzuschreien und zu singen
und aus einem fast unwiderstehlichen Triebe Balders grässliche Possen
nachzuahmen Schon fühlt ich wie mir Sinne und Bewusstsein vergingen ich musste
mich ganz sammeln um imstande zu sein nach Hilfe zu rufen
Mehrere Menschen mit großen Ruten und Knütteln traten herein Balder ließ
von mir ab Man schleppte ihn nach dem Winkel des Zimmers und schloss ihn an den
Block Er ließ alles ruhig geschehen und lächelte nur dazu als er sich aber
festgeschlossen fühlte brach seine Wut von neuem aus er schleuderte sich wie
ein wildes Tier in den Ketten hin und wider alle seine Sehnen waren angespannt
sein Gesicht glühte seine Augen waren keine menschlichen Er stemmte sich mit
den Ketten um sich vom Blocke loszureißen so dass die Ringe laut erklangen
seine Wärter schlugen jetzt ohne Erbarmen auf ihn zu aber er schien keine
Empfindung zu haben Unter der Anstrengung aller Kräfte schien er größer zu
werden sein Gesicht war rund und glühend wie der Vollmond ich konnte den
Anblick nicht länger aushalten ich verließ schnell das Zimmer Noch unten noch
auf der Straße hört ich ihn schreien Tränen kamen in meine Augen
So hab ich ihn wiedergefunden doch beruhigen Sie sich Rosa er ist schon
nach zweien Tagen in dieser Raserei gestorben Alles was er mir erzählt hatte
ist wahr gleich nach dem Tode seiner Frau ist er wieder rasend geworden in
Zwischenzeiten kalt und vernünftig gewesen Die Verwandten seiner Frau haben für
seinen Unterhalt gesorgt
Scheint diesem Unglücklichen der Wahnsinn nicht von der Geburt an schon
mitgegeben zu sein Zuerst ging er langsam alle Grade desselben durch bis er
durch eine neue Liebe schneller und rascher zum letzten Extreme hingetrieben
ward In einigen Tagen sehen Sie mich in Rom
8
Adriano an Francesco
Florenz
Je länger ich über Andrea nachdenke je seltsamer ich möchte sagen je alberner
kommt er mir vor Es fügen sich in meinem Gedächtnisse erst jetzt so manche Züge
zusammen die mir bedeutender als damals erscheinen Ich kann es nicht
unterlassen die Menschen jetzt zu verachten die sich so ernstaft in die Mitte
der Welt hinstellen jeder simple Bauer der auf dem Felde arbeitet und nachher
ein Weib nimmt ist mir bei weitem ehrwürdiger Muss denn alles am Menschen
schwülstig und aufgedunsen sein Will keiner den Weg zu jener Simplizität gehen
die den Menschen zum wahren Menschen macht und zwar aus keiner andern Ursache
als weil uns dieser Weg zu sehr vor den Füßen liegt Es ist sehr schlimm dass
der feinere Verstand gewöhnlich nur dazu dient die Einfalt zu verachten statt
dass wir lieber den Versuch machen sollten ob wir nicht auf einem bessern Wege
zu denselben Resultaten kommen könnten Es ist ein ewiger Streit im ganzen
menschlichen Geschlechte und keiner weiß genau was er von dem andern verlangt
die Menschen stehen sich wie zwei gedungene Heere gegenüber die sich einander
bekämpfen ohne dass einer den andern kennt Mag mein Leben doch recht prosaisch
weiterlaufen dieser Zweifel soll mich nun nicht mehr kümmern denn ich werde es
dann nur um so höher achten mein Vater wünscht dass ich heirate damit er noch
Enkel sieht und ich will das auch bei der ersten Gelegenheit tun Jene
seltsamen Stimmungen jene sonderbaren Exaltationen mit denen uns Andrea
bekannt machen wollte sind der verbotene Baum im Garten des menschlichen
Lebens Was meinen Sie Francesco wollen wir uns nicht unter jene verachteten
Spiessbürger einschreiben lassen Wir laufen wenigstens mit der Menge und können
uns darum um so sicherer halten
9
Francesco an Adriano
Rom
Recht so Adriano Sie glauben nicht in welche lustige Stimmung mich Ihr Brief
versetzt hat Es ist als seh ich uns beide schon verheiratet die
Bräutigamswochen überstanden und dann als gesetzte und wohlkonditionierte
Ehemänner Wir schließen den Roman unsers Lebens mit dieser alltäglichen aber
stets interessanten Entwickelung Ich glaube Sie haben bei Ihrem Briefe eine
Ahndung von meinem Zustande gehabt Ich habe hier nämlich ein Frauenzimmer
kennengelernt ein Frauenzimmer verlangen Sie keine Beschreibung von mir
denn die ist mir viel zu umständlich aber wenn ich Ihnen sage dass ich sie
interessant finde so hoffe ich ich habe Ihnen damit alles gesagt Man kann mir
von einem Frauenzimmer alles mögliche erzählen ein guter Freund kann mir ihre
Schönheit ihren Verstand ihren Witz ja sogar ihren Reichtum loben ohne dass
ich auf den Gedanken fallen werde der gute Freund möchte sich vielleicht
verheiraten sobald er mir aber von einem Frauenzimmer sagt es sei interessant
so fass ich ihn genauer ins Auge ich betrachte alle seine Züge um zu bemerken
in welcher Rücksicht er sich nachher als Ehemann verändern wird
Hab ich mir nun nicht schon seit meinem sechszehnten Jahre eine Menge von
vortrefflichen Bemerkungen über die Frauenzimmer gemacht Ich versichre Sie
wenn ich in irgendeiner Sache scharfsinnig bin so ist es in den Beobachtungen
die ich Ihnen über die Weiber mitteilen könnte Wenn ich manchmal alles für mich
allein überlegte so war ich hinlänglich überzeugt nicht nur dass mich keine
mehr hintergehn würde sondern dass auch nie irgendein weibliches Geschöpf eine
große Gewalt über mich haben könnte Die Probe nachher hat aber nie mit dem
ausgerechneten Exempel zusammenstimmen wollen Ich habe schon tausend Ausnahmen
von meinen Regeln gemacht ja mehr Ausnahmen als Regeln gefunden und nachher
wieder eingesehn dass meine Regel doch dauerhafter sei als ich vermutet hatte
Lieber Adriano ich habe wunderbare Erfahrungen über meine Erfahrungen gemacht
ich habe endlich nach einem mühseligen Studium eingesehn dass ich ein Narr bin
Das Wort ist leicht ausgesprochen aber Sie werden es nicht glauben wollen wenn
ich Ihnen sage dass ich zwanzig Jahre daran studiert habe um die ganze tiefe
Bedeutung dieses kleinen einsilbigen Wortes einzusehn
10
William Lovell an Rosa
Rom
So bin ich denn wieder in Rom Es ist Nacht mit dem Untergange der Sonne kam
ich an Ich stieg die breite Treppe hinauf und sah noch in der letzten Glut
die Peterskirche und das Vatikan brennen dann war unter mir in der Straße Dampf
und Nebel Schatten wandelnd und wüstes Getöse Ich konnte es nicht unterlassen
ich ging hinab zu den mir so bekannten Plätzen über die Strada de Kondotti zum
Korso Da kamen mir die alten Gesichter entgegen dieselben Bettler dasselbe
Geschrei So näherte ich mich durch die Kreuzstrassen dem Panteon Auch hier das
Getöse der Käufer und Verkäufer und im Hintergrund der erhaben ruhige Schatten
die edle Halle Ich trete hinein unter wenige Betende Die Dämmerung des Rundes
die hohe Größe redeten erhabene Sprache Ich weile und der Vollmond tritt über
die Öffnung der Kuppel so wie damals als ich in Rom angekommen war Mein Herz
war voll weinend eile ich zum Koliseum ich werfe mich nieder und versuche zu
beten Umsonst aller Spott voriger Zeit kommt mir aus Altären und Ruinen
entgegen und geht mit dem Schauder Hand in Hand Ja meine Jugend mein Leben
ist verloren Das rief mir auch mit den donnernden Wogen in der Mitternacht die
Fontana Trevi zu So möcht ich mich in Tränen ergießen können wie diese Brunnen
weinen und schluchzen Ich möchte fast noch Andrea besuchen Wie harr ich auf
den ersten Klang seiner Worte wie wohl wird sein ernstes Gesicht meinem wunden
Herzen tun O Andrea er kann es nicht wissen wie sehr ich ihn liebe er
würde mirs nicht glauben wenn ichs ihm sagte In ihm liegt jetzt alles
versammelt was mir sonst teuer und schätzenswürdig war Wie ungeduldig werd
ich den morgenden Tag erwarten Kommen Sie Rosa eilen Sie ich beschwöre
Sie noch nie hat ein Freund den Freund mit der Ungeduld erwartet mit der ich
Sie hieherwünsche
11
William Lovell an Rosa
Rom
Ich weiß nicht was ich denken ich weiß nicht was ich sagen soll Sie kommen
nicht Rosa und seit drei Tagen wünsch ich Andrea zu sprechen und er lässt mich
immer zurückweisen Er sei krank lässt er mir sagen Was soll ich beginnen Oh
schreckliche Gedanken vernichtende Gedanken steigen in meiner Seele auf Warum
muss er mich zurückweisen
Bianca habe ich gesehen sie ist bleich und abgefallen die Schwindsucht
nimmt ihre Kräfte hinweg Ihr Anblick hat mich erschreckt denn er brachte ein
sonderbares Bild in meinen Kopf ich kann mich aber nicht erinnern welches
Francesco ist kalt und zurückgezogen Alle übrigen die ich sonst häufig bei
Andrea sah tun als kennten sie mich nicht O Himmel welche Ursache kann es
geben dass Andrea mich nicht sprechen will Soll dies der Schlussstein meines
trüben Lebens werden So schal und nüchtern sollte sich nun alles endigen O
nein es ist nicht möglich er wird mich endlich vor sich lassen und geschähe
es auch nur um meines Andringens loszuwerden Ich weiß jetzt keinen meiner
Sinne recht zu gebrauchen fast ohne Bewusstsein geh ich umher Erbarmen Sie
sich Rosa und kommen Sie zu mir nach Rom dann wird alles gut werden dann
wollen wir beide Andrea mit Bitten bestürmen kommen Sie ja
12
William Lovell an Rosa
Rom
Ich kann Ihnen kaum schreiben Warum sind Sie nicht gekommen oder warum haben
Sie mir wenigstens nicht geantwortet Ach wozu diese Fragen
Ich habe Andrea gesprochen Mit Zittern ging ich gestern wieder hin man
sagte mir ich könne hineintreten Nur in wenigen Momenten meines Lebens bin ich
von einer Freude so ganz und gar durchdrungen gewesen so sehr durch ein
plötzliches unerwartetes Entzücken überrascht O wie teuer wie
unaussprechlich teuer hab ich die kurze Freude bezahlen müssen
Ich trat in Andreas Zimmer Er lag auf einem Ruhebette und schrieb er hob
die Augen bei meinem Eintritte nicht empor Er war sehr eingefallen sein ganzes
Gesicht war nur ein Skelett von seinem ehemaligen die Augen brannten heftiger
als je Ich wagte es nicht mich zu regen ich vergaß dass ich sonst vertraut
mit ihm gewesen war ich stand in ehrerbietiger Entfernung Endlich bemerkte er
mich oder er hörte vielmehr nur auf zu schreiben O Rosa mit welchem Blicke
durchbohrte er mich Es war als wenn sich meine Seele in mir furchtsam
zusammenkrümmte so entsetzlich ward ich von diesem durchschneidenden Blicke
getroffen
»Nun Lovell« fragte er mit einer matten Stimme
Ich wusste nichts zu antworten ich fing an zu zittern Alles was ich je
gedacht hatte ging in raschen verwirrten Zügen durch meinen Kopf Ich wusste
mich nicht zu fassen
»Was willst du« fragte er mit einer eisigen Winterkälte mit einem
verdammlichen schändlichen Tone als wenn er mich necken und unsrer ehemaligen
Vertraulichkeit spotten wollte
Ich konnte mich nicht länger halten ich musste laut weinen »Andrea« rief
ich aber er konnte nur mein Schluchzen hören so sehr erstickte der Ton in sich
selber
»Du weinst« fragte er lächelnd
»Soll ich das nicht« rief ich aus »bin ich nicht ganz elend«
»Elend« Und o Rosa hören Sies fühlen Sies wenn es eine andre
Menschenbrust so wie ich fühlen kann o Rosa nun fing er an so laut und so
grässlich zu lachen dass es mir durch Mark und Bein drang dass sich mir die Haare
aufrichteten Hab ich mich wohl schon je in der Welt so fremd gefühlt als in
diesem Augenblicke Ich wusste nicht ob ich rasete ob Andrea wahnsinnig sei er
lachte noch immer fort und so eifrig als wenn er mit diesem Lachen der
Menschheit den Kauf aufkündigen wollte Mein Entsetzen war ihm ein Spaß meine
tödliche Todesblässe ein lustiges Spiel
Wie ich zur Türe wieder hinausgekommen bin weiß ich jetzt nicht aber ich
stand plötzlich draußen dann war ich auf der Straße und fremde
Menschengesichter rannten vor mir vorüber und alle waren mir lieber und
verwandter als Andreas Blick
Wo ist nun alles hin was ich hoffte und wünschte Zukunft und Vergangenheit
sind erloschen und die Spuren von beiden gleich unsichtbar Kann ich jetzt
etwas anders tun als sterben Doch auch dazu gehört Ruhe
13
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Dass Sie glücklich dass Sie zufrieden sind erfahre ich aus jedem Ihrer Briefe
dasselbe muss ich Ihnen antworten wenn ich aufrichtig sein will und dass nur der
glücklich sein kann der vom Leben nicht zu große Erwartungen hegt und in
seinen Forderungen davon und in seinen Vorstellungen von sich bescheiden ist
Dies letztere werden Sie mir vielleicht nur zum Teil zugeben wollen aber wer
hat doch schon etwas Rechtes gefunden der recht weit ausholte Nur der arme
Sünder soll recht in sich gehen um sich zu bessern der Stolze auf sein Genie
Vermessene der sich recht in sein Gemüt vertiefen will um die Größe seiner
Schätze kennenzulernen kommt immer verunglückt und bettelarm zurück Also mein
Freund bekenne ich mich hiermit zu dem großen vielfach verachteten Orden der
Mittelmässigen der Ruhigen der Dürftigen Im Mässigsein im Resignieren liegt
jenes was die Entusiasten nicht Glück nennen wollen und dem ich doch keinen
andern Namen zu geben weiß Das Schwelgen an den Kräften des Gemütes ist die
unerlaubteste aller Verschwendungen die schlimmste aller Verderbteiten
Freilich wohl ist nun alles was ich erlebt und erfahren habe ein Negatives und
wenn ich mich manchmal vor den Spiegel stelle und zu mir sage da siehst du nun
den vortrefflichen Herrn Mortimer der so viele Länder gesehen und Menschen
gekannt der so manches Kluge gedacht und gelernt hat so muss ich über mein
Bild im Spiegel und über mich selber lachen Ich erinnere mich dann der
unzählichen Entwürfe und Vorsätze der so schön berechneten Plane für mein
Leben der mannigfachen Bemerkungen die ich über den Menschen in meiner Seele
niedergeschrieben und wieder ausgestrichen habe Unser Leben ist nichts als ein
ewiger Kampf der neuen Eindrücke mit der eigentümlichen Bildung unsers Geistes
wir glauben oft dass unser Charakter auf immer eine neue Wendung nimmt und
plötzlich sind wir dann wieder ebenso wie wir ehedem waren Ich habe mich über
alle Heiraten lustig gemacht bis ich selbst heiratete nun glaubte ich gäbe es
nichts Ernstafteres in der Welt und jetzt wäre es mir doch wieder möglich in
die unschuldigen Scherze mit einzustimmen Es gibt eine Urverfassung in uns
selbst die nichts zerstören kann sie wird plötzlich wieder dasein ohne dass
wir es selbst begreifen können wie wir uns so schnell in einen alten fast
vergessenen Menschen wieder haben umändern können Dass wir aber mit einem
gewissen neuen und bessern Verstande zu dieser alten Verfassung zurückkehren
glaube ich selbst denn sonst müsste man bei diesem zirkelmässigen Leben in
Verzweiflung fallen aber so liegt in diesem Wiederkehren ein großer Trost der
dass wir uns innerlich nie aus den Augen verlieren können soviel wir uns auch
manchmal äußerlich bemühen es zu tun
14
William Lovell an Rosa
Rom
So ist es denn nun aus völlig aus Ich weiß mich noch immer nicht zu fassen
Ich möchte laut schreien und klagen ich möchte es in die ganze weite Natur
hineinheulen wie elend ich bin O wie unbeschreiblich nüchtern und armselig
endigt sich alles was mich einst in so hohe Begeisterung setzte was mir eine
so selige Zukunft aufschloss O eine wilde blinde Wut ergreift mich wenn ich
daran denke wenn ich mir alles und jeden Umstand von neuem in die Seele
zurückrufe eine Raserei erschöpft nicht alles was ich fühle es gibt keine
Äußerung dafür die menschliche Natur könnte sie nicht aushalten so wie ich
meinen Schmerz und Verlust darstellen müsste
Und warum das werden Sie fragen Ach Rosa bei Ihnen ist es bloße
Neugier die so fragt Sie sind ein glücklicher Mensch Ich kann mein Unglück
an den Gefühlen keines andern Wesens ermessen So hören Sie dann Andrea ist
tot
Ich sah ihn sterben Nie habe ich einen Menschen in seiner letzten Stunde
so gesehen Er lachte und verwünschte dann sich und die Welt er schien selbst
den Tod und seine Zuckungen als ein lächerliches Possenspiel anzusehen das keine
Aufmerksamkeit verdiente er verbarg und unterdrückte sein Zittern er schien
die Angst des Todes zu besiegen Über mein zerrissnes Herz über meine
zermalmte Glückseligkeit lachte er immer wieder von neuem und sagte das alles
käme mir nur so vor weil ich ein Narr sei Dann stöhnte er wieder dazwischen
und nannte den Namen Gottes mit bebenden Lippen und schlug dann wieder ein
helles Gelächter auf Ich konnte mich am Ende nicht mehr finden wo ich war in
einem Wahnsinnstaumel war ich von der Erde und aus mir selber hinausgerückt ich
konnte zuletzt mit kaltem starrem Auge die Todeszuckungen Andreas betrachten
sein pochendes Herz seine schwer arbeitende Brust Als wenn ein fremdes
unbekanntes Wesen in ihm hämmerte und zum Tageslichte herauswollte so lag er
mit seinen Krämpfen vor mir da und ich lachte am Ende selbst über die seltsamen
Verzerrungen seines alten Gesichts Und nun war er tot Kein Atemzug kein
Pulsschlag mehr in ihm es graute mir nicht ich entsetzte mich nicht vor dem
Leichnam und doch stürzte ich mit bebendem Knie zum Zimmer hinaus
Und nun fühlte ichs mit aller Gewalt des ganzen schrecklichen Gefühls dass
nun alles aus sei keine Wiederkehr einer Empfindung kein Zittern und Zagen
sondern alles eine dumpfe nüchterne Gewissheit alles in ein jämmerliches Grab
hineingesunken was einst mein war und mein werden sollte Fühlen Sies Rosa
Nein es ist nicht möglich
O ich könnte ach was wahnsinnig werden sterben sonst seh ich
nichts Ich drohe mir selber um vor mir selber zu zittern ich fühle mich bis
in mein innerstes Wesen hinein vernichtet bis in die letzte Tiefe meiner
Gedanken zerstört
Wollen Sie mich besuchen Sie werden es nicht tun weil ich Sie nicht
unterhalten kann Ich weiß nicht mehr was ich empfinden soll alles in der
Welt kommt mir gleich armselig vor und so ist es auch Aber warum es gerade so
kommen musste So wie ich es am wenigsten erwartete
O Rosa wie herzerhebend müsste jetzt das Gefühl sein sich als einen recht
großen Bösewicht zu kennen sich selbst zu fürchten und zu achten dies Glück
war mir nicht gegönnt
Wollen wir in Gesellschaft sterben
15
Eduard Burton an Mortimer
Bondly
Meine Betty hat mir eine Tochter geboren die wir Amalie genannt haben Das
Leben tut sich bei mir immer enger zusammen ich habe alle Reisen und alle meine
jugendlichen Plane aufgegeben jedem glänzenden Glücke entsagt aber eben
dadurch eröffnet sich mir eine immer hellere Ebene die Aussicht der Zukunft
wird lichter und erfreulicher Unglück und Schmerz sind wie ein heftiger Regen
der zwar die Pflanzen niederschlägt sie aber nachher nur desto frischer wieder
aufrichtet so ist es auch vielleicht mit mir und mit meinen Empfindungen
gewesen Lovells Schicksal wird mir immer wie ein Gewicht in meiner Seele liegen
und so die Spannung derselben erhalten Ich habe von ihm viel gelernt ich habe
gesehen wie leicht bloßer Eigensinn und die Sucht etwas Besonderes zu sein den
Menschen viel weiter locken können als er anfangs gedacht hat ich bin dadurch
gegen die Unglücklichen toleranter geworden die wir oft zu schnell und zu
strenge Bösewichter nennen da wir ihnen nur den Namen der Toren beilegen
sollten
Wir müssen irgendein Mittel ausfinden lieber Mortimer um uns öfter zu
sehen wie wär es wenn Sie das nahgelegene Waterhall von mir zu einem billigen
Preise kauften und Ihr Roger Place einem andern überließen Dann wären wir ganz
nahe Nachbarn dann könnte ich Sie recht genießen Je mehr ich darüber
nachdenke je fester wird der Gedanke bei mir so dass es mir sehr wehe tun
würde wenn er Ihnen missfiele Ich habe das Gut in einen bessern Stand setzen
lassen der Garten der sonst ganz verwildert war ist wieder eingerichtet die
Gegend um Waterhall ist bei weitem schöner und interessanter als die um Roger
Place kurz Sie sehen wohl ein ich möchte Sie gerne überreden Antworten Sie
lieber Freund was Sie über meinen Vorschlag denken
16
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place
Ich wünsche Ihnen Glück und zwar recht von Herzen Wir können jetzt ein recht
schönes Parallelleben führen und so langsam und unvermerkt in das Alter
hineinkriechen Es gibt eine Periode im Leben in der der Mensch plötzlich alt
und reif wird bei manchen Menschen bleibt diese Periode freilich ganz aus sie
bleiben immer nur Subalternen in der großen Armee ihnen ist es nie vergönnt
den Plan und die Absicht des Ganzen zu übersehn sondern sie müssen sich unter
elenden Mutmaßungen und lächerlichen Hypotesen abquälen sie werden immer
fortgetrieben ohne dass sie wissen wohin sie kommen ich glaube dass wir beide
uns freier umsehn können und jetzt in den Zufällen selbst das Notwendige
entdecken die Rechenschaft von ihnen zu fordern verstehen warum sie so und
nicht anders eintreten Insofern die Kunst glücklich zu sein die Kunst ist zu
leben insofern besitzen wir diese Kunst
Sie haben doch auch den Vorsatz sich bei Ihrem Kinde nicht auf eine
sogenannte gute oder feine Erziehung einzulassen keine von den jetzigen Moden
mitzumachen die schon die Kinderseelen im achten Jahre mit Eitelkeit füllen und
sie durch diese verderben Ich habe beschlossen meinen Georg ganz einfach
aufwachsen zu lassen ich hoffe er soll auf die Art am ersten ein guter und
einfacher Mensch werden Kinder merken nichts leichter als wenn sie mit einer
gewissen Wichtigkeit behandelt werden dies ist die Ursache warum viele sich
schon früh selbst sehr wichtig vorkommen jede Art von Affektation wird dadurch
bei ihnen erzeugt sie halten sich für Genies und außerordentliche Menschen und
denken nie daran sich und der Welt Beweise davon zu geben Ich bin überzeugt
dass Lovell von seinem Vater mit zu vieler Sorgfalt erzogen wurde und dass dies
die erste Quelle seiner Torheit und seines Unglücks war Die Liebe der Eltern
artet gar zu leicht in etwas aus das keine Liebe mehr ist sondern an
lächerliche Ziererei und Weichlichkeit grenzt besonders wenn sie nur ein
einziges Kind haben dies soll dann mit allen Vortrefflichkeiten überladen
werden es darf sich nicht der kleinsten Zugluft des gemeineren Lebens
aussetzen die doch so oft dazu dient unsern Geist abzuhärten und ihn männlich
zu machen und daher kommt es denn dass wir an diesen Sonntagsgeschöpfen
meistenteils so wenig Energie und Kraft bemerken ein Mensch der Geschwister
hat ist schon deswegen glücklicher Ich wurde offenbar nur deswegen besser als
meine gestorbenen Brüder weil mich meine Eltern vernachlässigten ja fast
verachteten sie glaubten ihre Sorgfalt sei an mir doch verloren und daher
gaben sie mir die Erlaubnis mich selbst erziehn zu dürfen ich erzog mich
freilich durch Ungezogenheiten aber immer noch besser als ganz verzogen zu
werden Ich ward häufiger gedemütigt als meine Brüder und eben dadurch
stolzer ein gewisser Stolz ist die Feder die den Menschen in den Gang bringt
die den Wunsch in ihm erzeugt von keinen fremden Meinungen und Gesichtern
abzuhängen und die ihm die Kraft gibt diesen Wunsch sich selber zu erfüllen
Wenn wir nun alt sind erleben wir vielleicht die Freude dass unsre Kinder
sich verheiraten Doch ich will mir das nicht in den Kopf setzen wenn diese
Kinder nicht selbst auf den Gedanken kommen sollten wenn sie nämlich die Zeit
erleben in der der Mensch sich verlieben muss Man sollte überhaupt keine Plane
für die Zukunft machen am wenigsten solche deren Ausführung nicht von uns
selber abhängt Ich bemerke aber dass ich seit ich Vater geworden bin
unaufhörlich in Sentenzen spreche eine Sache die ich sonst nie an einem andern
Menschen leiden konnte denn es ist im Grunde nichts weiter als die Sucht sich
selbst immer in kleine Stücke zu zersägen und beständig Proben von unsrer
Vortrefflichkeit herumzureichen unsern Geist in vielen Silhouetten abzuzeichnen
und diese dann aus dem Fenster an die Vorübergehenden auszuteilen Dies ist die
Schwäche wodurch manche Menschen so unausstehlich werden als ein moralischer
Schriftsteller im Umgange nur sein kann der uns immer seine längstvergessenen
Bücher repetiert
Jetzt will ich auf Ihren Vorschlag kommen Der Gedanke ist mir gewiss ebenso
erfreulich als er Ihnen nur immer sein kann denn ich wäre beinahe schon bei
dem Verkaufe von Waterhall so unverschämt gewesen Sie zu überbieten doch es
ist besser dass es nicht geschehen ist denn ich kann es jetzt auf eine
ehrlichere Art bekommen Roger Place kann ich gerade jetzt unter sehr
vorteilhaften Bedingungen verkaufen und alles vereinigt sich um mich zu
bewegen nach Waterhall zu ziehen Amalie hat sich zwar an den hiesigen
Aufenthalt sehr gewöhnt und sie liebt ihn gewiss außerordentlich indessen hat
sie mir doch schon ihre Einwilligung gegeben sie freut sich ebenfalls sehr
Ihrer liebenswürdigen Gattin näher zu kommen Kurz ich reise morgen ab um
Sie zu besuchen Waterhall zu sehen und mich mit Ihnen über die Bedingungen zu
vereinigen ich denke aber daran dass ich eben deswegen diesen Brief hier
abbrechen kann
17
Thomas an den Herrn Ralph Blackstone
Waterhall
Gnädiger Herr
Der Garten wäre nun hier in so weit fertig und es fehlt im Grunde nichts weiter
als dass ich noch auf den Befehl warte nach Bondly zurückzureisen Ich hätte
selbst im Anfange nicht gedacht dass man aus der hiesigen Wildnis noch so viel
zu machen imstande sei doch Gottes Segen und fleißige Arbeit kann beinahe
Wunderwerke hervorbringen das bin ich hier gewahr geworden Wie würde sich die
alte gnädige verstorbene Frau wundern wenn sie jetzt wieder aus dem Grabe
auferstehn sollte Sie würde gar nicht glauben wollen dass es dasselbe Gut sei
und sie würde es sogar schlechter finden als vorher denn darin kenne ich sie
sie war wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll ein wenig eigensinnig wie
es denn im Grunde alle alten Frauen sind besonders aber die vornehmen sie
haben dann nur noch an dem Befehlen in der Welt ihre Freude
Ich bin ordentlich neugierig Ew Gnaden und den Garten in Bondly
wiederzusehn Es mag sich unterdessen manches auf Ew Gnaden Befehl verändert
haben Das Erdreich hier in Waterhall ist beinahe besser als auf unserm Gute
weil es tiefer liegt das Wasser in der Nähe macht es frischer Das Obst das
hier gezogen wird ist offenbar schöner als das unsrige ich habe es selber
gegessen und kann daher recht gut darüber urteilen Ich empfehle mich Ihnen
gnädiger Herr mit der ergebensten Bitte mich nun bald nach Hause kommen zu
lassen
Thomas
18
Ralph Blackstone an Thomas
Bondly
Es ist mir sehr lieb zu hören lieber Thomas dass Er in Waterhall fertig ist Er
kann sich also aus diesem Grunde zur Abreise nur immer fertigmachen Hier hat
sich indessen mancherlei zugetragen was wohl große und beträchtliche
Veränderungen nach sich ziehen dürfte Vor allen Dingen muss ich Ihm nur melden
dass ich jetzt Großvater bin und mein Kopf mit allerhand wichtigen Gedanken
angefüllt ist Es ist eine junge Tochter die meine Betty zur Welt gebracht hat
und ich überlege eben jetzt immer wie man sie wohl am besten erziehn könnte
Das wendet meine Gedanken nun von dem Garten und von den Baumschulen gänzlich
ab denn eine junge menschliche Seele ist ein zarterer und besserer Baum der
den Menschen näher angeht Ich habe meine Tochter wie die ganze Welt sagt sehr
gut erzogen ich werde daher auch wohl noch imstande sein einen kleinen Enkel
zu erziehn Alles dies hat mich bewogen einen Entschluss zu fassen der Ihm
Thomas gewiss sehr lieb sein wird ich will Ihm nämlich künftig ganz allein die
Einrichtung und Bearbeitung des Gartens überlassen ich behalte mir nur die Jagd
vor um dort so zu schalten und zu walten so wie es mir gutdünkt Auch habe ich
noch einen andern Plan entworfen nämlich den die hiesigen Fischteiche zu
verbessern wir müssen oft Fische aus fernen Gegenden kommen lassen und das ist
sehr unangenehm sie haben dann bei weitem nicht ihren guten und natürlichen
Geschmack dem Übel muss auf irgendeine Art abgeholfen werden und ich weiß es
auch schon wie ich mich dazu anstellen will Vielleicht weiß Er mir einen
tüchtigen Mann vorzuschlagen der unter meiner Aufsicht die Besorgung über sich
nehmen könnte Komm Er jetzt übrigens nur nach Bondly oder vielmehr bleibe Er
nur da bis wir Ihn abholen denn wir alle werden hinreisen und Herr Mortimer
noch obendrein mit uns denn unter uns gesagt ich habe ein Vögelchen singen
hören dass Herr Mortimer das ganze Gut Waterhall gekauft hat doch das bleibt
in den ersten drei Tagen noch unter uns bis es ihm abgetreten wird welches
sehr bald geschehen soll Es ist uns um eine gute Gesellschaft in der Nähe zu
tun und dazu ist Herr Mortimer ganz ohne Zweifel ein sehr tüchtiger Mann
Wegen Seiner Verdienste lieber Thomas soll Er auch Zulage bekommen und wenn
Er es wünscht eine ganze stille und ruhige Pension genießen denn Er ist schon
alt muss Er wissen und wenn Ihm der Garten nicht gar zu sehr am Herzen liegt
so mag Er nun nur die ganze Arbeit wegwerfen Lebe Er recht wohl bis wir
uns persönlich wiedersehen mein Schwiegersohn lässt grüßen
19
William Lovell an Rosa
Rom
Nun ist es entschieden Es fehlt nichts weiter Ich kann mich nun hinlegen
und sterben denn alles alles ist vorüber Lesen Sie das beigelegte Paket es
ist von Andrea es ist sein Testament in dem er mich unbarmherzig verstösst in
dem er nichts von mir wissen will Es ist wahrscheinlich dasselbe woran er
noch in seiner Krankheit schrieb als ich ihn besuchte
Kann ich noch etwas sagen oder auch nur denken O Gott ich bin aus dem
Reiche der Schöpfung hinausgeworfen Lesen Sie und fühlen Sie dann wenn es
möglich ist wie jedes Wort mich zermalmt hat Ach Rosa Es ist als wenn
ich zuweilen über mich selber lachen und spotten könnte Weinen kann ich
nicht und doch würde es mir wohltun ach jetzt ist alles einerlei
20
Einlage des vorigen Briefes
Ich erwarte Deine Zurückkunft Lovell und bis dahin will ich für Dich diese
Aufsätze schreiben damit Du endlich die so sehnlich gewünschte Erklärung
erhältst Du hast recht wenn Du glaubst dass es nicht möglich sei immer unter
Träumen umherzugehn dass der Geist endlich nach einer trocknen Überzeugung
schmachtet und diese soll Dir auch jetzt werden Ich habe alle Deine Briefe
an Rosa gelesen und alles hat mich in meiner Meinung von Dir bestätigt ich habe
Dich jetzt kennen lernen und Du sollst nun auch erfahren soviel es möglich ist
wie ich beschaffen bin
Du wirst aber alle meine Gedanken vielleicht zu ernstaft nehmen und sie
eben darum weniger verstehen es ist sehr Deine Sache aus allzugrosser Heftigkeit
in einem Gedanken etwas ganz anders zu finden als der andere gemeint hat Du
gehörst zu jenen Lesern die in allen Büchern nur sich selber suchen und nicht
die Fähigkeit besitzen sich in fremde Wesen hineinzudenken Ich hoffe Du
sollst durch einige Nachrichten erschüttert durch manche Gedanken sollst Du
klüger werden und wenn beides geschieht will ich meine Zeit und Mühe nicht
bereuen Meine Krankheit zwingt mich zu irgendeiner Beschäftigung ich will
Dir also diese Papiere als ein Denkmal von mir zurücklassen als ein Testament
als die Erbschaft selbst die Du von mir erwarten kannst
Meine Jugend
So wisse denn dass ich Waterloo heiße und ein Engländer bin Ich bin mit Deinem
Freunde Burton nahe verwandt denn ich bin der Oheim seines Vaters Du kennst
durch Deinen Vater vielleicht schon meinen Namen ja Du musst sogar oft mein
Gemälde gesehen haben welches in einem von euren Zimmern hängt
Ich habe schon seit lange darauf gedacht meine Geschichte kurz
niederzuschreiben nur habe ich noch nie eine gelegene Zeit dazu finden können
jetzt da ich nichts zu tun habe da alle meine Bekannten mich verlassen will
ich mir die Vergangenheit zurückrufen um mit ihr und mit mir selber zu tändeln
so wie ich bisher mit den Menschen spielte
Mein Vater war ein rauer und strenger Mann ich war sein einziges Kind Er
hatte sein Vermögen in der englischen Revolution verloren er lebte daher auf
dem Lande äußerst sparsam und eingezogen die Eitelkeit und die Pracht der Welt
kannte ich nur vom Hörensagen In einem einsamen Tale wuchs ich auf und fast
immer mir selbst überlassen entwickelten sich in meiner Seele wunderbare
Träume die ich für die Wirklichkeit ansah Frömmigkeit erfüllte mein Herz ich
war in einem beständigen andächtigen Taumel es verging alles vor meinen Sinnen
und Gedanken wenn ich mir Gott und die Unsterblichkeit vorzustellen suchte
Heilige Stimmen liefen oft durch den Wald wenn ich allein dort lag alle Wipfel
vereinigten sich dann zu einem leise brausenden Chor und der Gesang der Vögel
erschallte munter dazwischen wie ein Weltgesang der weltlichen Freuden mit dem
Segen des Himmels Ich schlummerte oft ein und fasste dann die größten und
frömmsten Entschließungen dann hob ich meine Hände kindlich zum Himmel empor
und alle Gefühle zerrannen in meinem Herzen und vereinigten sich in einen Punkt
Tränen stürzten dann aus meinen Augen und endigten so meinen hohen Taumel Ich
hatte von der großen Liebe Gottes zu den Menschen gehört und dies Gefühl hielt
ich für diese Liebe denn es war als wenn mein Herz ein magnetischer
Mittelpunkt wäre der vom Himmel unwiderstehlich angezogen würde und den die
körperliche Hülle kaum noch auf der Erde zurückhielte Mein Vater war selbst im
Alter fromm geworden und seine Gespräche dienten sehr dazu meine Phantasie
noch mehr zu erhitzen Ich kann sagen dass ich in den überirdischen Regionen so
einheimisch wurde wie in unserm Garten dass mir die seltsamsten Träumereien so
geläufig wurden wie meine Kinderspiele und dass ich mich mit der ruhigsten
Sicherheit für die frömmste und auserwählte Seele hielt die dem höchsten Engel
nur die Hand bieten durfte um gleich mit ihm in Brüderschaft zu treten
Enthusiasmus
Ich hielt mich in meinem Sinne wenn ich die Geschichte oder andre Bücher über
Menschen las für einen ganz vorzüglichen Geist Ich traute keiner andern Brust
die Empfindungen zu die wie eine sanftwechselnde Musik in meinem Herzen auf
und niederstiegen Diese Vorstellungen hoben mich über die ganze Welt hinaus
ich vergaß alle Dürftigkeiten des Lebens und war nur in reinen Strahlen
einheimisch
Fast jeden Menschen beherrscht in der Zeit wenn er vom Kinde zum Jünglinge
übergeht ein hoher Enthusiasmus der ist glücklich der sehr schnell den Zirkel
aller täuschenden Empfindungen durchläuft um endlich wenn er die Runde gemacht
hat sich selber anzutreffen Die hohe Reizbarkeit dient dazu uns in tausend
Torheiten zu verwickeln aber auch uns über diese Torheiten zu belehren je
feinere Sinnlichkeit ein Mensch besitzt um so eher ist es ihm möglich recht
früh klug zu werden
Ich möchte den jugendlichen Enthusiasmus so wie manches andre im Menschen
nichts als eine Anlage nennen die sich zur Geschicklichkeit ausbilden lässt Es
ist eine Kunst die man sich durch Übung erwirbt keine von den Armseligkeiten
zu erblicken die uns in der späteren Zeit oft zurück und auf der Erde
festhalten wenn uns eben ein fliegender Taumel ergreifen will wir stellen in
der Jugend alles in einen dunkeln Hintergrund was vor uns hin die schöne
Aussicht verdecken könnte Man nimmt sich nur vor ein großer Mensch zu werden
solange man die Menschen und sich selber nicht kennt es ist ein Spiel das uns
erhaben vorkömmt weil wir uns so lange zwingen bis wir es so finden Dem
kälteren Menschen erscheint der Enthusiasmus gerade so wie derjenige der kein
Spiel versteht denen zusieht die sich mit vieler Aufmerksamkeit mit einem
scharfsinnigen Kartenspiele beschäftigen
Der Entusiast meint die ganze Welt sei nur darum da um seine Entwürfe
darin auszuführen die Welt sei nur darum so sonderbar aus Übeln und
Vortrefflichkeiten zusammengesetzt damit er durch die Überwindung der
Schwierigkeiten ein desto größeres Verdienst erringe Er würde nicht mehr gut
sein wollen wenn es leicht wäre gut zu sein und wenn es alle Menschen mit ihm
zugleich wären
Liebe
Bei den meisten Menschen ist der Enthusiasmus für das Große und die Tugend nur
eine Vorbereitung zur Liebe es ist derselbe Trieb der sich in die
Allgemeinheit verliert und Ideen sucht weil er keinen Gegenstand vor sich hat
die Liebe verarbeitet die Menschen eine Zeitlang und führt sie nachher zur
Sinnlichkeit einem Wege auf dem sie verständiger aber auch weit größere Toren
als vorher werden können Es ist der Kreuzweg auf dem die meisten sich in
verwickelten Irrgängen verlieren und umzukehren glauben wenn sie immer tiefer
in die Wildnis hineinrennen
Mein Vater starb als ich sechszehn Jahr alt war ein tauber Schmerz
erdrückte und verfinsterte meinen Geist ich glaubte alles verloren zu haben
ein Irrtum den jeder Mensch beim ersten Verluste begeht weil er noch nicht in
den Wechsel des Lebens eingelernt ist Ich trieb mich lange in der Einsamkeit
herum um meinem Schmerze nachzuhängen und aus ihm nach der ersten Betäubung
eine Art von Kunstwerk zu bilden in welchem ich mir wieder gefiel Ich zog nach
und nach meine vorigen Ideen in meinen jetzigen Zustand hinein und so war es
als wenn sich ein sanfter Mondschimmer über mir bildete in dessen
melancholischer Dämmerung ich gerne wandelte
Ich lernte eine Familie in der Nachbarschaft kennen oder vielmehr ich
besuchte sie nur fleißig weil mein Vormund mich dort eingeführt hatte Antonie
die einzige Tochter des Hauses lenkte nach kurzer Zeit alle meine
Aufmerksamkeit auf sich die Dämmerung um mich her ward immer traulicher und
ich hatte am Ende meinen Schmerz vergessen indem ich immer noch sehr
unglücklich zu sein glaubte
Mein ganzes Leben bekam einen neuen Schwung und es ward mir auf eine andere
Art lieb Alle meine großen Entwürfe fielen zusammen meine große heroische
Biographie kroch in einen Seufzer ein ein einziger holdseliger Blick erfüllte
alle meine Wünsche
In dieser Zeit ist man von allen Frauenzimmern gern gesehen weil man sie
verehrt und für göttliche Wesen hält sie sind immer in der Gesellschaft eines
jungen unerfahrnen Menschen glücklich und unbefangen je blöder je verlegener
er sich nimmt je lieber ist er ihnen wenn sie ihn öffentlich auch noch so sehr
verspotten Als ich in mehreren Familien bekannt ward war ich bei allen
Frauenzimmern eine ordentliche Modeware alle bildeten sich ein dass sie mich
erziehn wollten um mich zu einem ganz vorzüglichen Menschen zu machen jede
entdeckte in mir Talente die sich unter ihrem hohen Schutze gewiss vortrefflich
in mir entwickeln würden Es ward nun an mir so fein erzogen dass ich es sogar
in meiner damaligen Verstandesblödigkeit bemerkte man wandte alles an um mich
eitel und verkehrt zu machen meine Erzieher arbeiteten recht mühsam dahin dass
ich sie verachten musste weil sie eine noch höhere Verehrung von mir erzwingen
wollten
Antonie war das einzige Mädchen das sich nicht um mich zu kümmern schien
Ich hörte so oft mit Verachtung von ihr sprechen dass ich mir selbst am Ende
einbildete sie wäre mir verächtlich man sagte von ihr dass sie keinen Verstand
besitze und so schien es auch denn sie sprach nur selten und sehr furchtsam
mit wenn die übrigen ihre feinen Gedanken auf eine glänzende Art entwickelten
Wenn ich allein bei ihr war fühlte ich mich aber auf eine unbegreifliche Art zu
ihr hingezogen im einfältigen fast kindischen Gespräche wurde mir dann der
Verstand aller übrigen weit zurückgerückt sie interessierten mich dann nicht
ich konnte sie selbst in der Erinnerung nicht achten Ich wunderte mich oft über
diese seltsamen Widersprüche ich überlegte in der Einsamkeit wodurch ich so
wunderbar gestimmt werden könne dass ich immer die entgegengesetzte Seite fände
und sie jedesmal für die wahre hielte In kurzer Zeit ward dieser Widerspruch in
mir gehoben denn ich gab mich gegen meine Überzeugung Antonien ganz hin die
Gesellschaft aller übrigen Menschen war mir schal und ermüdend ich lebte nur
für sie ich dachte nur sie ich träumte nur von ihr Selbst jetzt in der
Erinnerung könnt ich mir ein achtzigjähriger Greis jene schöne Zeit
zurückwünschen
Meinem Ohre gab die ganze Natur jetzt nur einen einzigen Ton an es war als
wenn die Poesie mit himmelbreiten Flügeln über die Welt hinrauschte und Sonne
Mond und Sterne anrührte dass sie tönten alles Volk stand unten und staunte
aufwärts vom neuen Glanz von der nie gehörten Harmonie betäubt und verzaubert
Ohne dass ich oft vernahm was sie sagte konnte mich der bloße Ton ihrer
Stimme in Entzücken versetzen alle meine Gedanken schliefen gleichsam in Blumen
und in süßen Tönen meine Seele ruhte in der ihrigen aus und in einem Elemente
das für den Menschen zu fein ist schwamm und spielte ich umher
Meine übrigen Freundinnen sahen nun mit Hohngelächter auf mich hinab sie
gaben mich verloren und meinten ich werde nun ebenso einfältig bleiben als es
meine Geliebte sei
Ich wünschte tausendmal für Antonien sterben zu können für sie irgendein
Verdienst zu erringen Ich wünschte sie arm und in Unglück um sie zu retten in
Todesgefahr ich flehte dass wenn sie mich nicht lieben könne so wie ich sie
liebte der Himmel sie möchte sterben lassen damit ich dann Ruhe hätte damit
ich auf ihrem Grabhügel so lange weinen könnte bis ich ihr nachstürbe Der
Mensch kann nie in irgend etwas groß sein ohne zugleich ein Tor zu sein
Ich bemerkte nur zu bald dass sie mich nicht liebte sie war zwar immer
freundlich gegen mich und mehr wie gegen manchen andern allein sie war mit mir
nie in Verlegenheit sie erriet mich und doch kam sie mir nicht entgegen in
jedem Worte das sie sprach fühlte ich es innig dass sie mich nicht liebe Alle
meine Empfindungen peinigten mich mit Folterschmerzen ich wusste nicht was ich
wollte ich begriff nicht was ich dachte alles war im Widerspruche mit sich
selber die Natur umher ward wieder stumm die dürre Wirklichkeit kroch wieder
langsam und träge aus ihrem Winkel hervor in den sie sich versteckt hatte es
war als würde das Instrument mit allen seinen klingenden Saiten in tausend
Stücken geschlagen
In einer recht vertraulichen Stunde gestand sie mir nun selbst dass sie mich
nicht lieben könne weil sie schon an einen reichen jungen Menschen versprochen
sei dem sie ihr ganzes Herz hingegeben habe
Alles in mir löste sich auf Ein tauber Schmerz saß in meinem Herzen und
dehnte sich immer weiter und weiter aus als wenn er das Herz und die Brust
zersprengen wollte und doch kam ich mir zugleich albern und abgeschmackt vor
Ich verachtete meine Tränen und Seufzer ich hielt alles in mir für Affektation
alle lebendige Poesie flog weit von mir weg alle Empfindungen zogen vorüber wie
etwas Fremdes das mir nicht zugehörte
Der Liebhaber kam um sie abzuholen Sie reiste ab und dachte nicht daran
in welcher Einsamkeit sie mich zurückließ ich hatte ihr noch selber alles zur
Reise einpacken helfen Die Zimmer waren ausgeleert und in der
Mitternachtstunde ging ich dem öden Hause vorüber und hörte nur noch drinnen
eine Wanduhr die ewig und langweilig ihre wiederkehrenden Schwingungen abmass
Es war mir als hörte ich den Takt der kalt und empfindungslos das menschliche
Leben abmisst ich ahndete im voraus den Gang der Zeit und alle die trüben
Veränderungen die sich träge in der Einförmigkeit ablösen und gähnend
wiederkehren
Melancholie
Es ist als wenn die Liebe wie ein Frühlingsschein in den Vorhof unsers Lebens
hingelegt wäre damit wir diese schöne Empfindung in uns recht lange nähren und
fortsetzen damit uns der schönste Genuss der Seele durch unser ganzes Leben
begleite und durch die bloße Erinnerung uns dies Leben teuer mache Wenige nur
wagen es nachdem sie durch dies goldene Tor gegangen sind das Leben und seine
Freuden zu verachten Begrüsste uns nicht die Liebe am Eingange des Lebens so
würden sich alle Menschen ohne Mühe von ihren Vorurteilen losmachen können
keiner würde sich um die Tugend kümmern und keiner über den Verlust seiner
jugendlichen Gefühle Reue empfinden Aber so wird uns ein Talisman mitgegeben
der uns beherrscht ohne dass wir es wissen
Ich fühlte mich jetzt von der ganzen Welt losgerissen ohne allen
Zusammenhang mit irgend etwas das in ihr war Oft lag ich ganze Tage hindurch
im Walde und weinte mit unsichtbaren Wesen führte ich Gespräche und klagte
ihnen mein Leid Oft war es als wenn die Natur und die rauschenden Bäume meinem
Herzen plötzlich näherrückten und ich streckte dann meine Arme aus um sie mit
einer unnennbaren Liebe zu umfangen aber dann fiel es wieder vor meine Seele
nieder ich war in meinem Schmerze mit mir selber nicht befreundet und alles
übrige erschien mir kalt und ohne Interesse Menschen die dann in der Ferne
vorübergingen beneidete ich indem ich sie verachtete ein verworrenes Gewühl
von tausend Gestalten lag drückend in meiner Phantasie keine konnte sich
losarbeiten um als ein einzelnes anschauliches Bild dazustehn Dies sind die
Empfindungen eines jungen unentwickelten Menschen der nach etwas greift das er
selbst nicht kennt
Das hohe Ideal der Tugend und der Vortrefflichkeit des Menschen kam jetzt in
meine Seele zurück Ich nahm mir vor alle meine Gefühle in dieser Vorstellung
zu verbinden ich sah jetzt meine unglückliche Liebe als ein Opfer an das ich
der Tugend und der Notwendigkeit gebracht hatte Ich fand in vielen Stunden
Trost in diesem Gedanken und ich nahm mir von neuem vor ein recht edler und
vollendeter Mensch zu werden alle die gewöhnlichen Armseligkeiten wegzuwerfen
und mich ganz der hohen Vorstellung zu weihen die mein Herz erweiterte Dieser
Vorsatz ist es eigentlich nur der den Menschen so oft über diese Welt
hinüberhebt denn in der langsamen und weitschweifigen Ausübung geht bald aller
Enthusiasmus verloren Mir ging es aber bei weitem übler Die Menschen witterten
etwas von meinen Ideen die sie Schwärmerei nannten um mich zu bessern
verfolgten sie mich mit falschem Witze auf die gemeinste Weise Alles was ich
tat und sagte war ihnen nicht recht und zu jugendlich sie ließ mir nicht die
Zeit selbst Erfahrungen zu machen um meine Torheiten einzusehn sondern ich
sollte in einem Treibhause klüger werden
Es ist gewiss leicht ein großer Mensch zu werden und zu bleiben wenn sich
uns sogleich große Unglückfälle in den Weg werfen die die Bahn zu versperren
drohen Dann nimmt der Mann alle seine Kräfte zusammen um keinen Schritt
zurückzutun Gefängnis und Ketten Todesgefahr und allgemeiner Hass sind nur
Mittel die seine Seele stärken und verhärten er lebt in einem ewigen Kampfe
gegen die wilden Massen die ihn umgeben und dieser Kampf erhält ihn munter und
lebendig Eigensinn wird endlich seine Haupttugend werden an dem sich seine
übrigen Tugenden nur lehnen er wird sich selbst verachten wenn er fühlt dass
er innerlich nachzugeben im Begriff ist und auf die Art wird die Spannung
seiner Seele niemals nachlassen Das Bild eines solchen Mannes ist groß wenn
man will aber noch größer wäre der der seinen Vorsatz durchführt wenn er
gleich nicht bemerkt wird dem nichts Großes entgegengeht sondern der in einer
schalen Unbedeutenheit lebt und von allen verachtet wird vor dem der eine Tag
so wie der andere vorüberzieht und um den sich die Zeit und das Unglück gar
nicht zu kümmern scheint Ein solcher Mensch wird seinen Wert bald aufgeben
alles wird ihm nur ein Hirngespinst scheinen und er wird entweder zu den ganz
gewöhnlichen Menschen hinabsinken oder sich an diesen zu rächen suchen
Wie oft ward mein guter Wille verkannt und das Beste in mir verhöhnt wem
ich mit meiner Freundschaft entgegenging der wies mich kalt zurück meine
jugendliche Empfindung nannte man sich gemein machen Alle Menschen waren
klüger verständiger und besser als ich und ich glaubte es am Ende selbst ich
verachtete mich jetzt ohne Grund so wie ich mich vorher ohne alle Ursache
verehrt hatte ich hielt es am Ende nicht der Mühe wert an mich selbst zu
denken es war mir lächerlich dass ich mich verbessern wollte die Welt und ich
selber ward mir gleichgültig und so schlief ich von einem Tage zum andern
hinüber ohne Wünsche und ohne Reue in mir selber ausgestorben und ohne
Lebenskraft neue Blüten zu treiben
Denn Blüten sind gewöhnlich nur das was wir schon Früchte nennen und die
Früchte selbst sind für uns nur deswegen ein Bild der Vollendung weil sie
unsern Bedürfnissen zustatten kommen in ihnen liegt der Stamm der in der
Zukunft wieder Blüten und Früchte bringen würde
Plötzlich erwachten in mir ganz alte und vergessene Träume Bilder von
Ländern Landkarten die ich in meiner Kindheit betrachtet hatte gingen meiner
Phantasie vorüber ich hörte entfernte Ströme rauschen und sah einen fremden
Himmel über mir Eine unbeschreibliche Lust die Menschen und die wohlbekannten
Gegenden zu verlassen ergriff mich ich ahndete so viel Neues und in dem Neuen
so viel Mannigfaltigkeit dass ich plötzlich mein Vermögen zusammenraffte und in
der größten Eile England verließ
Sinnlichkeit
Es war alles nicht so wie ich es mir gedacht hatte Ich traf allenthalben
dieselben Menschen wieder an eben das flache abgegriffene Gepräge das mich in
meiner Heimat innerlich so oft empört hatte Ich glaubte endlich es sei
Narrheit anders sein zu wollen ich zwang mich in diese Form hinein und nun
war ich allen lieb
Schon vorher hatte ich von einigen sogenannten Vertrauten gehört dass in
meinem Gesichte etwas liege das die Menschen im Anfange von mir zurückstosse
eine verborgene Widrigkeit die man nicht genau zu beschreiben wisse die mich
aber bald lächerlich bald wieder zu einem Gegenstande der Furcht mache Nun
wußt ich doch warum die Menschen mich hassten und verfolgten weil meine Nase
etwas anders stand als sie es wünschten fanden sie mich verwerflich
Ich überließ mich jetzt dem frohern Genuss des Lebens alle meine dunkeln
Empfindungen lösten sich in Sinnlichkeit auf ich glaubte alles frühere sei nur
ein Weg hierher gewesen eine Vorbereitung zu dieser Vollkommenheit
Ich verachtete jetzt alles in mir selbst was mir als groß und erhaben
erschienen war mir selbst zum Trotz zeichnete ich mir meine Liebe als das
Lächerrlichste vor ich machte mich mit den widrigsten Vorstellungen vertraut
und galt nun bald allenthalben für einen witzigen Kopf weil ich im Grunde den
Verstand verloren hatte
So durchschwärmte ich ohne Genuss Italien und Frankreich Man sah mich
allenthalben gern und allenthalben war ich mir selbst zur Last ich bemerkte
endlich mit Schrecken dass mein kleines Vermögen fast gänzlich verloren sei ich
war meinem Vaterlande ganz fremd geworden weil ich schon sechszehn Jahre
entfernt gewesen war ein Zeitraum der mich jetzt außerordentlich kurz dünkte
Mit dem Gelde das mir übrigblieb beschloss ich nach England zurückzukehren
weil mir indes das Alte etwas Neues geworden war Ich betrat das englische
Ufer um hier neue Erfahrungen zu machen
Klugheit
Ich kam mit der festen Überzeugung zurück die Menschen zu kennen Ich hatte im
Laufe meines wilden Lebens nicht unterlassen sie zu beobachten aber ich war
mir dieser Beobachtungen viel zu sehr bewusst als dass sie hätten richtig sein
können Es ist schwer die Menschen in der Gegenwart zu kennen weit richtiger
beurteilt man sie in der Entfernung wenn wir nach und nach die wahrgenommenen
Merkmale sammeln Über meine Freunde in Italien fing ich daher an ganz richtig
zu denken und doch brachten mich die Menschen die ich in England traf von
neuem in Verwirrung ich suchte mich in jede Gestalt die mir aufstiess
hineinzustudieren und darüber geschah es denn unvermerkt dass ich selbst
manches von dem Menschen annahm den ich mir nur verständlich machen wollte es
ist dieselbe Erfahrung die jeder Übersetzer macht der während der Arbeit sein
Original zu hoch anschlägt
Meine ehemalige Geliebte traf ich als eine zänkische eigensinnige Hausfrau
wieder selbst in ihrer Gestalt waren nur wenige Spuren ihrer sonstigen
Liebenswürdigkeit zurückgeblieben Wir gingen miteinander um wie alle übrigen
Menschen miteinander sprachen und alle meine jugendlichen Empfindungen für sie
erschienen mir schal und abgestanden alle Festtage waren für mich im
menschlichen Leben ausgestrichen und mein Blick verlor sich in der
unabsehlichen Folge der alltäglichen Stunden und Vorfälle von keinem Gefühle
aufgeputzt von keiner Schwärmerei beglänzt Wie albern erschien mir jetzt die
Erinnerung meines ehemaligen Lebens und meiner jugendlichen Gefühle Ich trat
unter den Haufen der Menschen und betrachtete jedes Gesicht mit einem kalten
Blicke keiner ging mein Herz näher an als der andre
Ich erhielt bald in vielen Häusern Zutritt weil ich ich weiß nicht durch
welchen Zufall den Namen eines witzigen Kopfes bekommen hatte Man ist sehr oft
in der Welt witzig wenn man auf eine gewisse Art einfältig ist wenn man jeden
Einfall und Gedanken wagt ohne an alle die Rücksichten zu denken die der
klügere Mensch nie aus den Augen verlieren wird Ich sprach alles was mir in
den Sinn kam und machte mich besonders durch abgeschmackte Anekdoten sehr
beliebt der wahre Witz wird in Gesellschaften selten geachtet und verstanden
die meisten Leute haben immer nur die Vorstädte des Verstandes und des Witzes
kennengelernt sie behalten daher zeitlebens ihre kleinstädtischen entfernten
Begriffe von diesen Vortrefflichkeiten Durch den allgemeinen Beifall dessen
ich genoss ließ ich mich verleiten immer witziger zu werden ich fand Behagen
an mir selbst und setzte am Ende in meine Armseligkeiten einen ebenso hohen
Wert als es die übrigen Menschen taten Man wird meistenteils durch den Umgang
einfältiger und eitler selten klüger und besser Ich hatte damals überhaupt
gerade so viel Verstand und Erfahrung um mich sehr dumm zu betragen der ganz
Einfältige geht einen weit bessern und sicherern Weg als der Mensch dessen
Klugheit im Wachstume ist die einzig schädliche Dummheit ist jene halbe
Klugheit die sich allenthalben zurechtfinden will alles zu ihrem Vorteile
benutzen das Widerspenstige auf eine sinnige Art verbinden und so durch einen
feinen unbemerkten Despotismus die ganze Welt regieren Diese Klugheit war eben
bei mir grün in die Höhe geschossen so dass ich sie zwar bemerken aber noch
keine Früchte davon einernten konnte diese unreife Klugheit kann höchstens
einem Schriftsteller zugute kommen der in seinen Büchern mit den Menschen
machen kann was er will ohne dass sie sich eben zu sehr widersetzen aber in
der wirklichen Welt ist sie eben der Angelhaken mit dem diese Goldfische von
klügern Fischern gefangen werden Man sollte daher entweder zeitlebens einfältig
bleiben oder schnell jene gefährliche Periode der Entwickelung zu überstehen
suchen
Damals lernte ich einen jungen Menschen Deinen Vater kennen Er stand noch
in der empfindenden Periode und ich war ihm mit meiner Ausbildung so sehr
gewachsen dass er mich bald für das Muster eines Mannes hielt Er wünschte
nichts so sehr als meine Freundschaft und es traf sich dass wir in kurzer Zeit
recht vertraut miteinander wurden Er entdeckte mir seine Liebe zur Lady
Milford und bat mich um meine Vermittlung weil ich in ihrem Hause oft war
und viel beim Vater galt Ich nahm mich seiner redlich an und es kam so weit
dass die Verlobung in kurzem gefeiert werden sollte Marie Milford war ein
treffliches Mädchen die mir mit jedem Tage mehr gefiel ohne dass ich sagen
könnte wie es geschah war ich selbst in sie verliebt noch ehe ich glaubte
dass es möglich wäre Ich dachte jetzt darauf Lovell von ihr zu entfernen ich
tat vieles ohne genau zu überlegen was und wie es sei und so gelang es mir am
Ende wirklich dass ihm der Vater das Haus verbot Der junge Burton der Lovells
Freund war ward jetzt heimlich mein Vertrauter wir errichteten einen
ordentlichen Vertrag So jung dieser Mensch damals auch war so war er mir
dennoch überlegen ob ich gleich sein Oheim war so konnte ich es doch nicht
unterlassen im stillen eine große Achtung vor ihm zu empfinden Es zeigte sich
auch in der Folge dass ich hierin recht hatte ob ich mich gleich im ganzen in
ihm irrte
Marie war unglücklich und alle meine Bemühungen ihr Wohlwollen auf mich zu
lenken waren vergebens Je mehr sie mir widerstand um so heftiger wurde meine
Begierde Ich glaubte daher dass diese Liebe noch stärker sei als meine erste
jugendliche zu Antonien Der Vater ward immer mehr für mich eingenommen und er
wünschte nichts so sehnlich als mich zum Schwiegersohne zu bekommen
Ich hatte Lovell nach und nach und mit einigem Scharfsinne beim Vater
verleumdet ich hatte allen meinen Aussagen den Anstrich der Wahrheit zu geben
gewusst aber doch war die ganze Intrige ohne einen eigentlichen Plan angelegt
ich verließ mich mehr auf den Zufall und auf die Leichtgläubigkeit der Menschen
als auf mich selbst Ich dachte eigentlich nur selten an den Erfolg sondern
ließ sich die Maschine selber umtreiben so wie es die meisten Menschen machen
die wahrlich mehr ihre Plane ausbessern und den üblen Folgen derselben aus dem
Wege treten als dass sie diese Plane selbst durchsetzen Diese Schläfrigkeit in
der Bosheit macht dass die Menschen noch so ziemlich miteinander fertig werden
dass es dem einen nicht sauer wird den andern zu überlisten und dass dieser sich
wieder nicht sehr widerspenstig erzeigt überlistet zu werden
Die Tochter schien mir immer abgeneigter zu werden aber sie war bei Tage
und in der Nacht mein einziger Gedanke Ich gab mein ganzes voriges Leben
verloren und beschloss durch ihren Besitz gleichsam von neuem geboren zu
werden mich und mein Glück in jeder Stunde recht bedächtlich zu genießen und
mit mir selber ernsthafter umzugehen Es schien mir jetzt als habe ich alle
meine Jahre in einem wilden drückenden Rausche verschleudert ich erschrak vor
dem Gedanken leer durch das Leben zu gehen und dann so hinzusterben Und doch
überfiel mich oft die Überzeugung dass es so kommen würde und müsse denn ich
fühlte es in allen Stunden innig dass sich Mariens Seele gänzlich von mir
zurückneigte wie eine Blume von dem kalten Schatten Ich war verzweifelt Ich
gewann mir selber die Überzeugung ab dass jetzt die Täuschungen aller Art im
Begriff seien von mir abzufallen mein Herz erwachte aus seinem Taumel was in
meiner Jugend Traum war wollte sich jetzt zur Wahrheit emporarbeiten und ich
fühlte durch mein ganzes Wesen den Glanz der Liebe schlagen die sich mir jetzt
in allen ihren Kräften offenbaren wollte O welche selige Wirklichkeit konnte
die Stelle früherer glänzender Phantome einnehmen Marie ward in einer Stunde
offenherzig und gestand mir ihr Gefühl wie alles sie von mir zurückstosse mein
Wesen ein Etwas das sie nicht beschreiben könne das ihr aber in manchen
Stunden sogar fürchterlich sei In demselben Augenblicke zog ein grimmiger ein
entsetzlicher Hass durch meine Brust ein Hass gegen die ganze Welt und gegen mich
selbst Alle Blüten meines Geistes alle Selbstachtung jede Heiligkeit
erstarben in meinem Innern Aber ich nahm mir nun um so fester vor sie unter
jeder Bedingung zu besitzen ihr und mir zum Trotze sie von Lovell loszureißen
war jetzt schon meine Glückseligkeit
Der bestimmte Tag an dem ich mit ihr verheiratet werden sollte nahte sich
wirklich alle Gäste waren zugegen Musik ertönte Marie war traurig und der
Vater froh als Lovell plötzlich hineinstürzte der bis dahin in London gewesen
war und nun sich alles zu meinem Schimpfe entwickelte indes ich kaum ein
einziges Wort erwidern konnte
Alles verließ mich ich musste Burton nach meinem Versprechen einige hundert
Pfund geben die gerade den Rest meines Vermögens ausmachten er hatte mich
wider meinen Willen in seiner Gewalt
Hass
Ich stand einsam da Ich hatte nur eine Empfindung in meiner Brust die mein
Herz zu zerreißen drohte ein tiefer unversöhnlicher brennender Hass gegen
Lovell Mein ganzes Leben hätte ich daransetzen mögen um das seinige zu
verbittern Ich konnte nicht an seinen Namen denken ohne vor Wut zu zittern
mein Inneres bewegte sich auf die gewaltsamste Weise wenn ich an alle Vorfälle
dachte und ich dann sein Vorhaben gekrönt ihn glücklich sah Ich schwur es
mir ihn ewig nicht zu vergessen mich nie im Herzen mit ihm auszusöhnen Mein
Leben hatte nun einen Faden gefunden an dem es sich hinunterspinnen konnte
Ich wusste es zu bewerkstelligen dass er Gift bekam allein er wurde
wiederhergestellt Ich erstaunte als ich inneward dass mein Hass einen noch
höheren Grad erreichen könne Marie starb im ersten Wochenbette und nun fühlte
ich erst ganz wie ich sie geliebt hatte wie ich sie hätte lieben können Ihr
Kind an welchem der Vater sich freute war mir der Mörder alles meines Glückes
mein Herz brannte an diesem Rache zu nehmen In diesem Gefühl zehrte ich fort
es erhielt mich alle mein Sinnen war darauf gerichtet diese Rache einmal zu
schmecken mich in ihr zu sättigen
Elend
Es war jetzt die Zeit gekommen dass ich die Menschen wirklich sollte
kennenlernen Der Mensch ist nichts wenn ihm seine Nebengeschöpfe fremd
bleiben und indem er sie kennenlernt verliert er alles was ihm Wert gab es
ist ein klägliches und wieder lächerliches Rätsel
Alle Menschen entfernten sich nun von mir ich war von allen Gesellschaften
ausgeschlossen ich suchte Hilfe oder nur Mitleid aber ich ward kalt und
höhnisch zurückgewiesen Man hatte mich gesucht und an sich gezogen und jetzt
verachtete mich jeder Dummkopf ohne dass er sich einen auch nur halbklugen Grund
anzugeben wusste Ich ärgerte mich innig über diese Menschen die mich vorher
ohne alle Ursache geschätzt hatten und mich nun so plötzlich fallenliessen und
sich dabei so hoch über mir erhaben dünkten Ich war gebrandmarkt und jedermann
vermied mich als einen Angesteckten sie hatten sonst einmal etwas von Tugend
und Rechtschaffenheit gehört und nun meinten sie die Leute könnten wohl gar
denken sie hielten nicht viel von diesen hohen Dingen wenn sie sich mit mir
abgäben Es waren Menschen darunter die nicht ihre einfältigsten Gedanken mit
der Sprache von sich zu geben wussten
Die weite Welt lag jetzt vor mir aber ich begriff nicht wie ich darin
leben wollte Mein ganzes Vermögen war verloren ich hatte keine Freunde und
keine Aussichten keinen Mut mir selber zu vertrauen um das Verlorne
wiederzugewinnen Ich hätte in London eine Zeitlang bleiben können aber ich war
es müde Anekdoten zu erzählen oder hin und her zu schwatzen und mich
abzuquälen um einen witzigen Einfall zusammenzubringen Die Menschen hatten mir
selbst den Mut genommen zu schmeicheln um damit ein kümmerliches Dasein
durchzuschleppen
So tief war ich gesunken Ich sah zurück wer ich war wer ich in Mariens
Armen geworden wäre Besser zurückgekehrt zu allem Hohen mein Herz wäre dann
aufgeblüht mein Geist erschlossen Ewig hinter mir war dies Paradies
verriegelt und mir selber und der leeren Welt preisgegeben ich sah einem
ewigen Schmachten einer unendlichen Dürre entgegen in der der einzige arme
Trost keimte dass ich mich vielleicht zerstreuen mich vergessen mich mir
selbst entfremden könne
Ich reiste wieder nach Frankreich und vermied die Gesellschaft der Menschen
soviel als möglich Im Schatten von rauschenden Wäldern überlas ich oft alle die
Erfahrungen die ich in meinem Gedächtnisse aufbewahrt hatte es taten sich
viele Lichter da hervor wo bis jetzt in meiner Seele dickes Dunkel oder
verworrene Dämmerung geherrscht hatte Nichts lehrt uns so sehr die Menschen
verachten als die Einsamkeit jede Armseligkeit dieses Geschlechts erscheint
noch ärmer wenn man sich im einsamen Forste ihrer erinnert indem ein Gewitter
rabenschwarze Schatten hinunterwirft und der Donner ungewiss über die zitternden
Baumwipfel geht
Ich suchte endlich Hilfe bei Menschen die sonst meine vertrauten Freunde
gewesen waren und denen ich aus schlecht angebrachter Gutherzigkeit sonst
tausend Dienste selbst mit meinem Schaden geleistet hatte Keiner kannte mich
wieder einige wurden sogar auf meine Unkosten witzig ich sah jetzt ein dass
Achtung und Freundschaft nur so lange dauern können als jeder der sogenannten
Freunde ungefähr gleich viel Geld in der Tasche hat sie verhalten sich wie
Waageschalen die nur im Gleichgewichte stehen wenn in jeder ein gleiches
Gewicht liegt
Eine Krankheit überfiel mich Ich musste zum Schmählichsten meine Zuflucht
nehmen auf mein inständiges wiederholtes Bitten nahm man mich in einem
Hospitale auf Ich kann nicht sagen dass man für mich sorgte denn selbst der
trägste Gärtner behandelt die Blumen die schon verwelken wollen liebreicher
und mit mehr Aufmerksamkeit als hier die kranken mit dem Tode ringenden
Menschen gehandhabt wurden Manche werden dennoch wieder gesund und zu diesen
gehörte auch ich Man entließ mich ein Geistlicher gab mir sogar fromme Wünsche
mit und die Sonne schien mir nun wieder auf der freien Straße entgegen Ich war
noch sehr schwach abgefallen und bleich aber dennoch ward niemand zum
Mitleiden bewegt Es gibt gar zu viele Elende rief man mir von allen Seiten
entgegen weil selten ein Mensch so gewissenhaft ist es aufrichtig zu gestehen
dass er sich nicht berufen fühle die Not der Menschen zu erleichtern Ich
bettelte gleich dem Verworfensten aber mein Anzug war noch zu gut um das
flüchtige Mitleid gefangenzunehmen wer mir einen Sous gab hielt sich zugleich
für berufen mir tausend Bitterkeiten zu sagen die mich noch mehr schmerzten
als Hunger und Krankheit ja manche taten es gewiss nur um eine Gelegenheit zu
haben ihre guten Lehren an den Mann zu bringen
Ich ward meines Lebens überdrüssig das wie eine Kette um mich lag Ich saß
auf Pont neuf und hatte schon seit Sonnenaufgang das Mitleid der
Vorübergehenden angefleht Hunger und Durst zehrten mich auf ich erinnerte mich
der Märchen von wohltätigen Zauberern und Kobolden und sah jedem
Vorübergehenden ins Gesicht aber alle sahen zu sehr den Menschen ähnlich als
dass ich etwas hätte hoffen können Die Sonne ging unter und die roten Wellen
winkten mir der Fluss schien mir ein goldenes Bette in dem ich endlich alle
Sorgen und allen Verdruss verschlafen könne Immer gingen noch Menschen vorüber
und keiner von allen warf mir nur auch die kleinste Münze zu Ich beschloss noch
zwölf Vorübergehende abzuwarten und mich dann wenn mir von diesen keiner etwas
mitteile in den Strom zu stürzen
Da es schon spät war gingen die Leute schon seltener ich verdoppelte mein
Flehn aber man hörte nun in der Dämmerung noch weniger auf mich Schon waren
elf Unbarmherzige vorübergegangen und auch der zwölfte kam und sah sich nicht
nach meinen Bitten um schon war ich aufgestanden um mich köpflings über das
Geländer der Brücke zu stürzen als ich einen singenden Menschen hörte der sich
näherte Ich hielt ein um auch noch mit diesem einen Versuch zu machen von dem
ich schon im voraus überzeugt war dass er vergeblich sein würde denn der
Spaziergänger war froh und guter Dinge Er kam näher Es war ein Trunkener der
sich kaum mehr aufrecht zu erhalten wusste sein Bewusstsein hatte ihn fast
gänzlich verlassen und er brummte ein unverständliches Lied zwischen den
Zähnen Es kam mir vor wie eine Satire auf mich selbst und auf die Menschheit
als ich mit demütigen Bitten sein Wohlwollen und sein christliches Herz in
Anspruch nahm Er stand still betrachtete mich und lachte dann über mein
kümmerliches Aussehen aus vollem Halse Ich hätte beinahe mit eingestimmt Mit
einem widrigen Gesichte griff er jetzt in die Tasche und zog gähnend eine
schwere Börse hervor er machte sie auf und gab mir ein Goldstück ich dankte
und er ging fort Kaum war er einige Schritte gegangen als er aus
Nachlässigkeit die Börse verlor und es nicht bemerkte So schnell ich konnte
lief ich hinzu und hob sie auf neben ihr lag ein Taschenbuch das er ebenfalls
verloren hatte er hatte mich nicht gesehen und ich war schon jenseits der
Brücke als er hinter mir drein keuchte und mich fragte ob ich seine Börse
nicht gesehen habe Ich verneinte es fest und er fing nun an zu suchen er kroch
die Brücke auf und ab und ich musste ihm helfen wobei ich sein Unglück sehr
beklagte Er bog sich endlich über das Geländer stieg hinüber um auch dort
nachzusehn er kam aus dem Gleichgewichte und stürzte in das Wasser Da ich ihn
nicht schreien hörte ging auch ich stillschweigends fort Ich weiß nicht ob
man ihn wieder ans Land gezogen hat
Das Geld machte mich bald wieder angesehen außerdem fand ich noch
bedeutende Banknoten und Wechsel in dem Taschenbuch ich verließ die Stadt und
setzte bei der ersten günstigen Gelegenheit alles in bares Geld um mit einem
nicht unbeträchtlichen Vermögen ging ich unter einem erborgten Namen nach
Italien
Verstand
Ich kam nun mit dem festen Vorsatze aus der Schule besonnener zu leben Ich
verglich mich mit den übrigen Menschen und fand dass sie häufig ja
meistenteils einfältiger waren als ich es gereute mich doppelt dass ich mich
so von ihnen hatte beherrschen lassen Ich sah ein dass wenn ich versteckter und
feiner handelte als sie ich sie alle um desto eher würde beherrschen können
Denn soviel ist gewiss dass man die Gesellschaft entweder verlassen oder sich
zum Beherrscher aufwerfen oder sich beherrschen lassen muss
Ich hatte es an allen Menschen mit so vielem Unwillen bemerkt dass sie sich
zuweilen recht kluge Regeln aus ihren Lebenserfahrungen abstrahiert hatten dass
diese ihnen aber immer nur dazu dienten in Gesellschaften angenehm und
sinnreich zu sprechen sie dachten alle nur um über ihr Denken zu reden nicht
aber um ihre Resultate in Ausübung zu bringen Daher kommt es denn auch dass sie
im Denken so wie in einem Hasardspiele wagen dass sie oft ohne alle
Überzeugung überzeugt tun damit sie nur Gelegenheit finden scharfsinnig zu
sein Diese kläglichste von allen Schwächen hatte ich schon seit lange
verachtet ich nahm mir vor jeden Gedanken über die Welt und den Menschen recht
genau zu nehmen ihn treu aufzubewahren damit er mir nützen könne So legte ich
es freilich wenig darauf an über Menschen gut zu sprechen aber desto mehr sie
von ihrer wahren Seite zu begreifen
Jeder Mensch sucht aus seinem Leben etwas recht Bedeutendes zu machen und
jeder glaubt er sei der Mittelpunkt des großen Zirkels Keiner lebt im
Allgemeinen keiner kümmert sich um das große Intresse des Ganzen sondern jeder
weiß in diesem unendlichen Stücke nur seine kleine armselige Rolle auswendig
die oft nur so wenig zum Ganzen beiträgt Man kann sich daher nicht besser gegen
die verächtlichen Schwächen der Menschen gegen blinde Eitelkeit und
kurzsichtigen Stolz waffnen als wenn man sich das bunte Leben immer unter dem
Bilde eines Schauspiels vorstellt es ist ein wirkliches Drama weil jedermann
es dazu zu machen strebt denn keiner kommt auf den Gedanken so in den Tag
oder ins Blaue hineinzuleben sondern selbst zum kürzesten Auftritte bürstet ein
unbemerkter Bediente seinen Hut ab und will durch die Tressen auf dem Rocke
blenden Nie muss man sich ganz in einzelne Menschen verlieren sondern immer
daran denken dass diese von andern wieder anders betrachtet werden als wir sie
betrachten denn sobald jemand Einfluss auf uns hat so ist unser Blick auch
schon bestochen
Vorsätze
Wie jedermann Vorsätze fasst wär es auch nur am Geburts oder Neujahrstage so
fasste ich auch die meinigen Wer nicht konsequent handeln kann sollte lieber
gleich unbesehen alle Handlungen aufgeben weil er sich sonst beständig selber
etwas in den Weg legen wird und zwar eben durch den Versuch sich manches aus
dem Wege zu räumen Ich hatte nun einmal eine gewisse Art zu leben und zu denken
angenommen und ich musste so fortfahren oder von neuem ins Hospital oder
Narrenhaus geschickt werden Ich überlegte aber was man mir entgegensetzen
könne und fand es alles abgeschmackt Dass die Welt nicht bestehen könne wenn
alle Menschen so dächten und handelten dieser Gedanke ist es ja eben der
einzelne Köpfe aufrufen muss von der gewöhnlichen Art abzuweichen weil sie
durch die Gewöhnlichkeit der andern Menschen imstande sind ihr falsches Geld
für echtes auszugeben Sie sind in dem wilden Kampfe des menschlichen Lebens die
Heerführer die es wissen wovon die Rede ist die übrigen sind ihre
Untergebenen und die echt Tugendhaften die ewige schöne Ursache dass dieser
Krieg nie zu Ende kommt sie gießen die Kugeln und teilen sie gratis beiden
Parteien aus Der wichtigste Einwurf ist nun dass etwas in uns wohne das in
uns schlägt und zittert wenn wir von dem Wege abweichen von dem man sagt dass
ihn die Natur vorgezeichnet habe Aber eben von diesem unsichtbaren Dinge oder
sogenanntem Gewissen konnt ich mich nie überzeugen Es gibt mehrere dergleichen
fabelhafte Traditionen beim Menschengeschlechte wodurch der größte Teil
desselben wirklich in einer gewissen Furcht gehalten wird die manchen in
müßigen Stunden wenn er nicht zu sehr gedrängt und getrieben wird tugendhaft
machen es sind die philosophischen Nebenstunden auf Schreibpapier gedruckt und
mit Vignetten verziert Ich beschloss es mit dieser unsichtbaren Gewalt
aufzunehmen und ihr nicht minder als dem gewöhnlichen Gerede das man unter
dem Namen Grundsätze so oft ablesen hört Trotz zu bieten und bis jetzt habe
ich keinen Anstoß keinen innern Ruf bemerkt ob ich gleich jeden Fehler der
mir im Wege lag mitnahm es sind mannigfaltige Sünden von mir begangen worden
aber bis jetzt bin ich immer noch ruhig geblieben So hatte sich nach und nach
das Ideal eines Menschen verändert das ich mit ungeübtem Finger in der Kindheit
entworfen hatte Ich habe oft jene bekannten tugendhaften Bücher gelesen um mir
die Sache recht nahezubringen aber weder Poesie noch Prosa haben in mir etwas
angeschlagen ob ich mir gleich jene armseligen gequälten Menschen ziemlich
deutlich vorstellen kann
Doch ich werde zu weitläuftig und Du verstehst mich doch nicht ganz ich
will daher hier mehrere Jahre übergehen um mich dem Schluße meiner Erzählung
zu nähern
Geheime Gesellschaft
Als ich etwas älter geworden war fand ich mich damit nicht beruhigt dass mich
die Menschen nicht betrügen konnten Jeder Mensch hat irgendein Spielwerk ein
Steckenpferd dem er sich mit ganzer Seele hingibt und da jetzt bei mir der
Trieb zur Tätigkeit erwachte so wünschte ich mir auch irgend etwas
einzurichten worin ich mit Vergnügen arbeiten könnte Ich hatte von je einen
großen Hang zu Seltsamkeiten in mir verspürt und so war es auch jetzt die Idee
eines geheimen Ordens die mich vorzüglich anlockte Man hatte mir so viel davon
erzählt ich hatte so oft behaupten hören dass es ein außerordentlicher Mann
sein müsse der an der Spitze einer solchen Gesellschaft stehe dass ich den
Wunsch nicht unterdrücken konnte mich selbst zu einem ähnlichen Oberhaupte
aufzuwerfen Die Menschen erschienen mir in einem so verächtlichen Lichte dass
ich es für die leichteste Sache von der Welt hielt sie zu beherrschen kurz
ich nahm mir vor den Versuch anzustellen möchte er gleich ausfallen wie er
wollte
Ich hielt mich in Rom auf und man hielt mich für einen eingebornen
Italiener Mein seltsames eingezogenes Wesen hatte schon die Aufmerksamkeit
mancher Leute auf sich gezogen man konnte aus mir nicht recht klug werden und
es geschah daher sehr bald dass ich für einen interessanten ja für einen
äußerst interessanten Menschen ausgeschrien wurde im Grunde nur weil man nicht
ausfindig machen konnte in welcher Gegend ich geboren war und wovon ich lebte
Ich ward nach und nach mit manchen jüngeren und älteren Leuten bekannter und es
ward mir nicht schwer sie um mich zu versammeln Ich sah jetzt erst ein wie
leicht man die Menschen in einer gewissen Ehrfurcht erhalten könne alles was
sie nicht recht verstehen halten sie für etwas ganz Außerordentliches eben
deswegen weil selbst sie es nicht begreifen können
Ich ließ nur einige die ich für die Klügeren hielt mit mir vertrauter
werden die übrigen blieben stets in einer demütigen Abhängigkeit Unsere
Gesellschaft breitete sich bald in mehreren Städten aus und bekam entfernte
Mitglieder und jetzt war es die Zeit etwas durchzusetzen denn sonst wäre sie
immer nur ein albernes Possenspiel geblieben Es war mein Zweck das Vermögen
andrer Leute auf ein oder die andre Art in den Schatz der Gesellschaft zu
leiten und es glückte mir mit manchem Derjenige der mehrere Grade bekommen
und viel zum Vorteile der Gesellschaft gewirkt hatte konnte dann auf die
Teilnahme an dieser allgemeinen Kasse Ansprüche machen So wurden alle mit
Hoffnungen hingehalten und jeder einzelne war zufrieden nur wenige wussten um
den Zweck des Meisters und selbst diese durften nur mehr ahnden als sie
überzeugt sein konnten
Ich fürchtete anfangs dass klügere Menschen meinem Plane auf den Grund sehen
möchten allein diese Besorgnis fand ich in der Folge sehr ungegründet Sobald
man sich nur selbst für gescheiter hält als die übrigen Menschen sind diese
auch derselben Meinung Man muss sich nur nicht hingeben sondern sich kostbar
machen nie ganz vertraut werden sondern immer noch mit tausend Gedanken
zurückzuhalten scheinen so gerät jeder Beobachter in eine gewisse Verwirrung
sein Urteil ist wenigstens nicht sicher und damit ist schon alles gewonnen
Jeder wird suchen einem solchen wunderbaren Menschen näherzukommen und um ihn
zu studieren wird man es unterlassen ihn zu beobachten selbst der
scharfsinnigste Kopf wird besorgt sein dass jener schon alle seine Ideen habe
und jede Widerlegung bei ihm in Bereitschaft stehe Alle werden auf die Art die
Eigenschaften zu besitzen streben die sie jenem zutrauen und so werden sie am
Ende selbst die Fähigkeiten verlieren eine vernünftige Beobachtung anzustellen
Den meisten Menschen tut es ordentlich wohl wenn man ihnen imponiert und sie
kommen selbst auf dem halben Wege entgegen Es waren auch gar nicht die
scharfsinnigen Köpfe die mir auf die Spur kamen sie bemerkten die Blössen gar
nicht die ich gab als ich mich etwas zu sehr gehnliess als mich Dein
einfältiges Benehmen in England aufbrachte und eine Krankheit mich verdrießlich
machte sondern die Einfältigsten reichten mit ihrem kurzen Sinne gerade so
weit um auf meine Schwäche zu treffen
Hang zum Wunderbaren
Dieser war es vorzüglich der die Menschen an mich fesselte weil alle etwas
Außerordentliches von mir erwarteten Die meisten Leute glauben über den
Aberglauben erhaben zu sein und doch ist nichts leichter als sie von neuem
darein zu verwickeln Es liegt etwas Dunkles in jeder Brust eine Ahndung die
das Herz nach fremden unbekannten Regionen hinzieht Diesen Instinkt darf man
nur benutzen um den Menschen aus sich selbst und über diese Erde zu entrücken
Ich fand dass ich gar nicht nötig hatte feine Sophistereien oder seltsam
schwärmerische und doch vernünftig scheinende Ideen zu gebrauchen die den
gesunderen Verstand nach und nach untergrüben der Sprung den diese Menschen
immer zu tun scheinen ist wirklich nur scheinbar Deswegen weil nichts die
Unmöglichkeit der Wunder beweisen kann glaubt jedes Herz in manchen Stunden
fest an diese Wunder
So ist dieses seltsame Gefühl eine Handhabe bei der man bequem die Menschen
ergreifen kann Ich habe dadurch mehr wirken können als durch das klügste
Betragen Es war mein Grundsatz dass wenn man die Menschen betrügen wolle man
ja nicht darauf ausgehn müsse sie recht fein zu betrügen Viel Feinheit würde
voraussetzen dass die andern auch einen feinen Sinn haben dann wäre sie
angewandt aber eben darum verderben recht viele gute Plane weil sie viel zu
sehr kalkuliert waren die nahe unbeholfene Einfalt tritt dazwischen und
zerreißt alle Fäden die zum leisen Gefangennehmen dienen sollten Wer recht
vorsichtig und vernünftig ist dem wird auch bei der feinsten Machination der
Gedanke naheliegen dass man wohl darauf ausgehn könne ihn zu täuschen und so
ist diese Feinheit in jedem Falle verlorne Mühe Das Unwahrscheinliche und Grobe
glauben die Menschen eben darum am ersten weil es unwahrscheinlich ist sie
meinen es müsse denn doch wohl irgend etwas Wahres dahinterstecken weil sich
ja sonst kein Kind dadurch würde hintergehn lassen
Haben die Menschen in die Wissenschaft des Glaubens erst einen Schritt
hineingetan so ist nachher kein Aufhalten mehr sie fühlen sich nun über die
aufgeklärten Menschen erhaben sie glauben über den Verstand hinweggekommen zu
sein und jedes Kindermärchen jede tolle Fiktion hat sie jetzt in der Gewalt
Rosa
Schon früh suchte ich einen Schildknappen zu bekommen der mir meine Waffen
nachtrüge damit ich es um so bequemer hätte Jedermann wird wenn er sich
einige Mühe gibt einen Menschen antreffen der es über sich nimmt auf die
Worte seines Meisters zu schwören ihm jeden Gedanken auf seine eigene Weise
nachzudenken diese dann wie Scheidemünze auszugeben und so den Ruf seines
Herrn mit seinem eigenen zugleich zu verherrlichen Man trifft allenthalben
Menschen die nichts so gern tun als sich an einen andern hängen den sie für
klüger halten Ich fand bald einen jungen Menschen der bei seinen armen
Eltern in einer sehr drückenden Lage lebte er schien nicht ohne Kopf er konnte
schnell etwas auffassen dachte aber nie weiter als es ihm vorgeschrieben war
Diese schnelle Langsamkeit schien mir gerade zu meinem Endzwecke am
dienlichsten Ich nahm ihn zu mir und lehrte ihn den Genuss eines freieren
Lebens kennen er ward nach und nach meine hauptsächlichste Maschine denn man
darf solchen leichtsinnigen lebhaften Menschen nur die Aussicht auf ein
angenehmes untätiges Leben geben so kann man sie zu allem bewegen Rosa ist
ein ganz erträglicher Mensch sein größter Fehler ist dass er seinen Leichtsinn
für Verstand hält er hat gerade so viel Scharfsinn um einzusehn dass er eine
Stütze bedarf an der er sich festhalten kann Ich konnte ihn recht gut
gebrauchen nur war er töricht genug dass er zuweilen seine Aufträge zu gut
besorgen wollte So hatte er den Gedanken den jungen Valois in unsre
Gesellschaft zu ziehen um das Vermögen der Blainville hieherzubekommen er hatte
sich mit einem Narren eingelassen der mit sich selbst nicht fertig werden
konnte noch weniger mit der Welt und der sich am Ende erschießen musste um nur
irgendeinen Schluss eine Art von vollendeter Handlung in seinen Lebenslauf zu
bringen
Das Gefühl hat dieser Rosa nie gekannt ebensowenig die eigentliche
Denkkraft er hat immer nur gesprochen und sich dabei ganz wohl befunden Für
seine treuen Dienste habe ich ihm das Gut in Tivoli geschenkt Ich hätte ihn
leicht betrügen können aber irgendeinem Menschen muss ich ja doch mein Vermögen
hinterlassen ich hoffe immer noch er soll es sehr bald verschwenden
Balder
Mit Dir kam dieses seltsame Geschöpf nach Italien an das Du anfangs sehr
attachiert warst Er war mir wegen seiner Originalität interessant Es war eine
schöne Anlage zur Verrückteit in ihm um die es sehr schade gewesen wäre wenn
sie sich nicht entwickelt hätte Da aber die meisten Menschen selber nicht
wissen was in ihnen steckt so nahm ich mir vor den Funken aus diesem
seltsamen Steine herauszuschlagen So unterhielt es mich denn dass ich ein
paarmal als ein Gespenst durch seine Stube ging und er nachher nicht begreifen
konnte wo ich geblieben sei Ich habe ihn nachher fleißig beobachtet und ich
fand zugleich dass diese Vorfälle meine künftige Bekanntschaft mit Dir sehr gut
präparierten Nachher wurde mir dieser Mensch gleichgültig und langweilig weil
er sich immer zu ähnlich blieb und er tat recht wohl daran fortzulaufen
Herr William Lovell
Ich muss fast lachen indem ich Deinen Namen niederschreibe und nun von Dir die
Rede sein soll Soll ich weitläuftig von Dir sprechen der Du fast nichts bist
Ich hatte Nachrichten von Dir und wusste um Deine Reise nach Italien Rosa
kam Dir bis Paris entgegen Mein alter Hass gegen Deinen Vater gegen Dich eine
Erinnerung an Marie eine Wut die sich immer gleichgeblieben wachte jetzt
gewaltig in mir auf ich glaubte jetzt die beste Gelegenheit gefunden zu haben
mich an ihm und an Dir zu rächen Dich selbst wollt ich gegen den Vater empören
Du solltest von ihm und von Dir selber abfallen dann wollt ich Dich
zurückschicken So ließ ich Dich durch alle Grade gehen um Dich zu einer
seltsamen Missgeburt umzuschaffen Du kränktest Deinen Vater und er starb nun
weit früher als ich es geglaubt hatte Ich fuhr indessen mit meinen Künsten
fort weil die Maschinen einmal in den Gang gebracht waren und ich mich daran
gewöhnt hatte Dich als mein gehegtes Wild zu betrachten Du wirst hier nicht
von mir verlangen dass ich Dir weitläuftig auseinandersetze auf welche plumpe
Art Du Dich hintergehen ließest es würde Deiner Eitelkeit nur zu wehe tun Es
gelang mir Dich immer in Spannung zu erhalten ein Zustand der am leichtesten
die Vernunft verdunkelt Jetzt hörte ich dass der alte Burton gestorben sei und
ich schickte Dich mit Aufträgen nach England die Du so ungeschickt wie ein
unwissender Knabe ausrichtetest Wenn Eduard nicht mehr lebte und seine
Schwester auch aus dem Wege geschafft war so hatte ich die nächsten Ansprüche
auf das ansehnliche Vermögen dieser Familie Du hättest dann Deine verlorenen
Güter wieder zurückbekommen und alles wäre in einem ganz guten Zustande
gewesen Weil ich Dir aber damals noch nicht sagen mochte dass ich Waterloo sei
so hast Du Dich wie ein wilder unsinniger Mensch in Frankreich und England
herumgetrieben hast da manches fühlen und seltsame Dinge denken wollen die für
Dich gar nicht gehören Nun wirst Du zurückkommen und Dich selbst darüber
wundern dass es nicht so gegangen ist wie Du es Dir vorgenommen hattest
Du hast Dich bis jetzt überhaupt für ein äußerst wunderbares und seltenes
Wesen gehalten und bist doch nichts weniger Du verachtest jetzt die Menschen
mit einer gewissen Grosssprecherei die Dich sehr schlecht kleidet weil Du nie
imstande sein wirst sie zu kennen und wenn Du sie auch kennst sie zu
beurteilen und in das wahre Verhältnis gegen Dich selbst zu stellen Du hast Dir
seit lange eine unbeschreibliche Mühe gegeben Dich zu ändern und Du bildest
Dir auch ein gewaltsame Revolutionen in Deinem Innern erlitten zu haben und
doch ist dies alles nur Einbildung Du bist immer noch derselbe Mensch der Du
warst Du hast gar nicht die Fähigkeit Dich zu verändern sondern Du hast aus
Trägheit Eitelkeit und Nachahmungssucht manches getan und gesagt was Dir nicht
aus dem Herzen kam Deine Philosophie war Eigensinn alle Deine Gefühle nichts
weiter als ein ewiger Kampf mit Dir selber Du hättest ein recht ordentlicher
gewöhnlicher einfältiger Mensch werden können auf einem Kupferstich in einer
Waldgegend neben einer jungen Frau sitzend würdest Du Dich ganz gut
ausgenommen haben aber nun hast Du alles darangewandt um ein
unzusammenhängender philosophischer Narr zu werden Ich bin neugierig Dich zu
sehen und so magst Du denn hereinkommen Wahrhaftig ich kann aufhören Dich
zu beschreiben denn da stehst Du ja nun leibhaftig vor mir
Zum Schluss
Einige Worte über mich selbst
Und wer bin ich denn Wer ist das Wesen das hier so ernstaft die Feder hält
und nicht müde werden kann Worte niederzuschreiben Bin ich denn ein so großer
Tor dass ich alles für wahr halte was ich gesagt habe Ich kann es von mir
selbst nicht glauben Ich setze mich hin Wahrheit zu predigen und weiß am
Ende auch nicht was ich tue Ich habe mich auch in manchen Stunden für etwas
recht Besonderes gehalten und was bin ich denn wirklich War es nicht sehr
närrisch mich unaufhörlich mit abenteuerlichen Spielwerken zu beschäftigen
indes ich in guter Ruhe hätte essen und trinken können Ich freute mich sehr
das Haupt einer geheimen unsichtbaren Räuberbande zu sein ein Gespenst zu
spielen und andre Gespenster herbeizurufen die ganze Welt zum Narren zu haben
und jetzt fällt mir die Frage ein ob ich mich bei dieser Bemühung nicht selber
zum größten Narren gemacht habe Ich bin vielleicht jetzt ernsthafter als je
und doch möchte ich über mich selber lachen
Und dass ich mit solcher Gutmütigkeit hier sitze und noch kurz vor meinem
Tode mich mit Schreiben abquäle um eine jämmerliche Eitelkeit zu befriedigen
ist gar unbegreiflich und unglaublich Wer ist das seltsame Ich das sich so
mit mir selber herumzankt Oh ich will die Feder niederlegen und bei
Gelegenheit sterben
21
William Lovell an Rosa
Rom
Was sagen Sie nun zu Andreas grausamen Erklärungen Ich kann manche Stellen gar
nicht aus dem Gedächtnisse verlieren Wie freute ich mich als mir eine Woche
nach seinem Tode diese Papiere überreicht wurden Ich hoffte nun noch eine Art
von Beruhigung zu finden und eben nun war alles vorüber
Hab ich mein ganzes Leben nicht verschleudert um diesem entsetzlichen
Menschen zu gefallen um ihm näherzukommen War sein Umgang die Hoffnung auf
seinen Betrug nicht die letzte meines Lebens Doch das habe ich Ihnen ja oft
genug in meinen Briefen gesagt
Ich mag gar nicht mehr klagen denn selbst dazu ist die Kraft in mir
erloschen Bianca ist gestorben ich besuchte sie einige Tage vor ihrem Tode
Sie gestand mir dass sie schon seit lange etwas auf dem Herzen habe das sie mir
entdecken müsse Sie sagte mir dass sie durch Andrea oder eigentlich Waterloo
bewegt worden sei auf einer Maskerade mich zu erschrecken und die Rolle der
Rosaline zu spielen Ich betrachtete sie genauer und erschrak als ich wirklich
eine auffallende Ähnlichkeit entdeckte ich konnte es aber immer noch nicht
begreifen dass ich mich so hätte können hintergehen lassen um mich völlig zu
überzeugen schminkte sie sich daher etwas färbte die Augenbraunen dunkler
kämmte die Haare in die Stirn hinein und schlug um den Kopf ein lockeres
seidnes Tuch Ich schrie laut auf als sie so wieder zu mir hineintrat geradeso
trug sich Rosaline und ich weiß jetzt warum ich mich neulich so innerlich
entsetzte als ich Bianca besuchte Biancas matter Blick machte dass ich sie in
einzelnen Sekunden für Rosalinens Geist hielt in der Finsternis und im Wagen
war mein Erschrecken damals noch viel heftiger weil mich die Gestalt noch mehr
überraschte Bianca sagte mir nun dass sie mich schon vor meiner Abreise aus
Italien gern gesprochen hätte aber ich sei auf ihre dringende Bitte nicht zu
ihr gekommen sonst hätte sie mir wahrscheinlich schon damals den ganzen Vorfall
erzählt An manchen Zufälligkeiten hängt oft ein wichtiger Teil unsers Lebens
Ich erinnere mich jetzt dieses Billetts und auch dass ich aus Trägheit nicht zu
ihr ging
Ich habe mir oft im stillen eingebildet dass Rosaline noch lebe und dass ich
sie gewiss einmal wiedersehen würde Dieser Gedanke so seltsam es auch klingen
mag hat mich heimlich in manchen Stunden beruhigt ich glaubte selbst dass das
Wesen das im Wagen neben mir gesessen hatte die wirkliche Rosaline gewesen sei
und nun ist mir auch diese Hoffnung genommen
Ich darf wohl kaum noch fragen wie es denn eigentlich mit der Erscheinung
zusammenhängt von der Sie mir einmal schrieben
Bianca wird heute begraben Ich habe sie gesehen Laura hat sie mit Blumen
aufgeputzt und die Leiche sieht wieder Rosalinen so ähnlich dass mir ein
Schauder durch alle Gebeine ging Ich habe schon oft in den Kirchen vor den mit
Gold Blumen und Bändern geschmückten Reliquien gezittert die Skelette mit den
Kränzen und ihren entblößten Schädeln das flimmernde Gold und die einzelnen
Blumen die um die leeren Augenhöhlen wanken der gläserne Schrank alles schien
mir dann so seltsam und rätselhaft zusammengestellt mich erschreckte hernach
auch in den vollen blonden Locken der Blumenkranz Und so lag Bianca vor mir
Laura saß daneben und weinte Sie nennt die Gestorbene unaufhörlich ein
gutes liebes Mädchen und putzt sich so ihren Schmerz auf und idealisiert sich
selbst und ihren Zustand Es ist gut wenn es die Menschen noch können denn es
ist nötig sich selber etwas vorzulügen in mir ist die Kraft und der Wille dazu
erloschen
22
Rosa an William Lovell
Tivoli
Lieber Freund Andreas Papiere haben mich vielleicht ebenso gedemütigt wie Sie
dadurch niedergeschlagen sind Ich kann mir Ihren Zustand denken ich fühle mit
Ihnen
Sie sollten mich nicht an jenen Brief erinnern in dem ich Ihnen von Andreas
wunderbaren Doppelheit sagte ich schäme mich sooft ich daran denke Nicht dass
die ganze Sache eine zu Andreas Besten erfundene Lüge gewesen wäre sondern weil
ich mich damals von diesem Menschen ganz wie ein Kind behandeln ließ so dass ich
mir gleichsam auf seinen Befehl tausend Dinge einbildete und sie fest glaubte
Er fand es für gut mich noch früher als Sie zu verblenden weil er allen
Menschen nur bis auf einen gewissen Punkt traute er wollte mich nicht ganz zu
seinem eigentlichen Vertrauten machen weil es denn doch immer in meiner Willkür
stand ihn zu verraten dies machte er mir unmöglich denn es war ihm nicht
genug dass ich ihm verbunden war Ich war zwar über seinen Charakter ungewiss er
kam mir aber doch nie so nahe dass ich irgendeine bestimmte Idee über ihn hätte
bekommen können seine Klugheit bestand hauptsächlich darin dass er alle
Gelegenheiten vermied um näher gekannt zu werden er verlor sich darum so gern
in allgemeine Gedanken und große Tiraden um die Aufmerksamkeit zuweilen von
sich selber abzulenken
Er erhielt mich hier in Tivoli als er mich besuchte in einer steten
Spannung alle unsre Gespräche drehten sich um die wunderbare Welt und es
kostete ihm wenig meine Phantasie zu erhitzen denn Sie wissen es selbst in
welchem hohen Grade er die Gabe der Darstellung besaß Ich konnte den Wunsch in
mir nicht unterdrücken recht wunderbare Erfahrungen zu machen und wenn man
diesen Wunsch lebhaft hat so kommt man in Gefahr diese seltsamen Erfahrungen
auch wirklich anzutreffen Die Phantasie ist für jeden Eindruck empfänglicher
und der Verstand ist bereit sich unterdrücken zu lassen Das Schlimmste dabei
aber ist eine gewisse dunkle gefährliche Eitelkeit die uns mit der Phantasie
im Bunde leicht für das Gewöhnliche etwas Abenteuerliches unterschiebt damit
wir nur nicht vergebens hoffen dürfen So erging es mir in jener Nacht Andrea
ging zur Stadt zurück und ich war immer noch voll von den seltsamen Geschichten
und Gedanken die er mir mitgeteilt hatte ich verirrte mich und meine
Bangigkeit nahm mit der Finsternis zu Endlich traf ich auf jene Menschen Der
eine der mich bis ans Tor brachte hatte ein etwas seltsames Gesicht allein
erst nachher als ich Andrea schon wiedergefunden hatte fiel es mir ein dass
jener ihm entfernt ähnlich sehe ja vielleicht dacht ich nur dass es interessant
wäre wenn er ihm ähnlich gesehen hätte So stellte meine Phantasie das Bild
zusammen und nach einer halben Stunde glaubte ich es selbst und entsetzte mich
davor Auf die Art entstand jener Brief und ich war dabei selbst von allem
überzeugt was ich niederschrieb Die Phantasie hintergeht uns im gewöhnlichen
Leben oft auf eine ähnliche Art indem sie uns ihre Gedichte für Wahrheit
unterschiebt am ersten aber dann wenn wir in einer wunderbaren Spannung leben
Die Lügen die wir uns selbst vorsagen sind ebenso unverzeihlich als die
womit wir andre hintergehen
23
William Lovell an Rosa
Rom
Wie wahr ist Ihr Brief und wie schlimm ists dass es mit dem Menschen so
bestellt ist dass er wahr ist O wenn ich doch meine verlorenen Jahre von der
Zeit zurückkaufen könnte Ich sehe jetzt erst ein was ich bin und was ich sein
könnte Seit langer Zeit hab ich mich bestrebt das Fremdartige Fernliegende zu
meinem Eigentume zu machen und über dieser Bemühung habe ich mich selbst
verloren Es war nicht meine Bestimmung die Menschen kennenzulernen und sie zu
meistern ich ging über ein Studium zugrunde das die höheren Geister nur noch
mehr erhebt Ich hätte mich daran gewöhnen sollen auch in Torheiten und
Albernheiten das Gute zu finden nicht scharf zu tadeln und zu verachten
sondern mich selbst zu bessern
War es mir wohl in meiner Verworfenheit vergönnt so über die Menschen zu
sprechen O Amalie dein heiliger Name macht dass ich Tränen vergiesse Hätte
mich Dein schützender Genius nie verlassen Wie glücklich hätt ich werden
können
Was ist alles Grübeln und Träumen was alle Freigeisterei Luxus und
Verschwendung bei denen der arme menschliche Geist am Ende darben muss Ich
könnte jetzt in ein Kloster gehen ich könnte mich in eine Einsiedelei vergraben
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Rosa an William Lovell
Tivoli
Lieber Lovell Sie sollen einsehn dass sowohl Andrea als Sie sich in mir geirrt
haben Ich denke mein Vermögen nicht zu verschwenden sondern auf eine angenehme
Weise zu genießen und zwar in Ihrer Gesellschaft Sie stehen jetzt einsam und
verlassen in der Welt kommen Sie zu mir nach Tivoli hier ist Raum für uns
beide und in einer schönen Einsamkeit wird Ihr kranker Geist vielleicht etwas
wiederhergestellt Denken Sie nicht mehr an meinen unmenschlichen Brief den Sie
in Paris erhielten damals war ich gezwungen so zu schreiben weil Andrea noch
lebte jetzt aber kann ich nach meinem eignen bessern Willen handeln
Wir sind durch Andrea klüger gemacht und so mag denn seine trübe
hyperphysische Weisheit fahren Wir wollen das Leben sanft genießen Ich habe
eine rechte Sehnsucht nach Ihnen kommen Sie ja recht bald Ich habe hier schon
alles für Ihren Aufenthalt eingerichtet Sie sollen jetzt erfahren wie sehr ich
Ihr Freund gewesen bin seit ich Sie kenne und wie sehr mich oft die Rolle
gedemütigt hat die ich an Ihrer Seite spielen musste
25
William Lovell an Rosa
Rom
Ja Rosa ich nehme Ihren Vorschlag an ich komme zu Ihnen aber nicht um von
neuem ein wildes und unstetes Leben zu beginnen sondern mich ganz einer
dunkeln träumevollen Einsamkeit zu überlassen Was ich an den Menschen
verbrochen habe will ich durch Sorgfalt an Blumen und Bäumen wieder abbüssen
Wie ein schwacher Regenbogen in Gewitterwolken so steigt die Aussicht meines
künftigen Lebens empor ich glaube ich könnte dort manches vergessen und in
einem tieferen Traume meine vorigen unruhigen Träume begraben Es ist mir als
könnte ich mich freuen als würde ich wieder wohl und gesund werden
Ja ich komme bald zu Dir lieber Rosa Warum sollt es nicht möglich sein
dass die quälenden Geister endlich wieder von mir wichen und ich freier atmete
Mein ganzes Leben habe ich wie einen Toten zur Erde bestattet und auf dem
Grabmal will ich meine heißesten Tränen meine innigste Reue eine süße und
schmerzliche Busse zum Opfer bringen Schwer hab ich mich an Lieb und
Freundschaft versündigt in der Erinnerung in der Sühne in der Vergangenheit
will ich leben und so geht vielleicht in meinem Herzen ein wehmütiger
Nachsommer mit scheinender Freundlichkeit auf Fühl ich es ja doch dass ich noch
lieben kann mein erstorbenes Innre beherbergt noch Strahlen der Ewigkeit die
wieder durchbrechen wollen so will ich mich aus der Ferne mit Eduard mit
Amalien Rosalinen und mir selbst zu versöhnen suchen Bin ich reiner geworden
darf ich auch zum Ewigen selbst zur unvergänglichen Liebe meine Hoffnung wieder
erheben Stiesse er mich in den tiefsten Abgrund so soll doch mein Sehnen mein
Liebeverlangen zu ihm hinaufreichen diese Wurzel meiner Seele kann und wird er
mir nicht nehmen und so werden meine Schmerzen selber einen Blumenkelch von
Glück ausblühen So will ich sterben und Du auch wirst mich lieben und ich
werde Dein Freund sein Gebessert geweiht gereinigt treten wir dann vor den
Thron des Richters
O ich muss eilen zu Ihnen zu kommen sonst ist alles vergebens Karl Wilmont
ist hier in Rom ich glaube er hat mich gesehen Ich komme so schnell als
möglich
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Karl Wilmont an Mortimer
Neapel
Es ist geschehen wir sind beide zur Ruhe er und ich Von Lovell ist die Rede
Ich fand ihn in Rom er erschrak als er mich erblickte und suchte sich seit
der Zeit vor mir zu verbergen Ich gab acht auf ihn und traf ihn am folgenden
Morgen ganz früh auf der Straße Er konnte mir nun nicht entrinnen er musste mir
folgen
Ich hatte zwei Pistolen bei mir er war still und in sich verschlossen Wir
gingen durch die Porta Kapena und von da durch die Ruinen Er schien fast außer
sich zu sein denn er sprach für sich verwirrte Reden Wir kamen vor einem
kleinen Hause vorbei er stand lange still und sah in das Fenster hinein bis
ich ungeduldig wurde und ihn weitertrieb Er sah auf brach aus einem kleinen
nebenliegenden Garten eine Malve ab und rief mit Verwunderung aus die Malven
blühen schon wieder Dann heftete er die Blume auf seine Brust und sagte dass
ich nun sein Herz nicht verfehlen könne
Wir waren jetzt von der Landstraße entfernt genug Wir maßen unsre Plätze
er nahm ein Pistol Nachdem er sich noch einigemal umgesehen hatte drückte er
los und verfehlte mich ich schoss und die Blume und seine Brust waren
zerschmettert Ich eilte nach Neapel
Und jetzt bin ich mit mir unzufrieden Es ist mir unbegreiflich wie das
rohe Gefühl der Rache mich so bezaubern konnte dass er mich nicht rührte Konnt
ich ihm nicht dies ärmliche Leben lassen da er außer diesem vielleicht nichts
besessen hat Was ist mir und Emilien damit geholfen dass er die Luft nicht
mehr einatmet
Adieu Ich fahre von hier nach Amerika Der Krieg lockt mich dahin es
wird in der englischen Armee wohl eine Stelle für einen Lebenssatten übrig sein
der sich dann wenigstens noch einbilden kann zum Besten seines Vaterlandes zu
sterben Grüße meine Schwester und Eduard