1791_Knigge_BenjNoldmannsGeschichte.html




        
                           Adolph Freiherr von Knigge
                               Benjamin Noldmanns
                    Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
                                      oder
Nachricht von seinem und seines Herrn Vetters Aufenthalte an dem Hofe des großen
                         Negus oder Priesters Johannes
                                    Vorbericht
Ich überreiche hier dem hochgeneigten Leser  doch sage ich das nicht etwa um
mich zu rühmen  ein äußerst interessantes Werk Ohne die Wahrheit und
Bescheidenheit zu verleugnen von welchen die älteren und neueren Reisebeschreiber
und alle statistischen und politischen Schriftsteller sich so ungern zu
entfernen pflegen kann ich mit Recht behaupten es werde Ihnen ein solches Buch
noch gar nicht vorgekommen sein Sie finden darin nicht etwa Beschreibungen von
längst und oft beschriebnen Städten und Gegenden nicht etwa unterwegens in
Wirtshäusern und andern unbedeutenden Gesellschaften aufgesammelte Anekdoten
nicht etwa ärgerliche Nachrichten und falsche Schilderungen von der sittlichen
und politischen Verfassung gewisser Städte und Länder in dem Umgange mit
unzufriednen unruhigen Köpfen aufgeschnappt und ohne weitre Untersuchung
nacherzählt nicht etwa einseitige Urteile über Menschen und Weltbegebenheiten
nach gewissen Lieblingsideen und herrschenden Vorurteilen gemodelt oder mit den
freien Mahlzeiten in Verhältnis gesetzt die dem Reisebeschreiber in besagten
Städten sind gereicht worden noch verliebte Abenteuer kleine bunte Bilderchen
von empfindsamen Szenen und was dergleichen Materialien mehr sind woraus unsre
lieben Landsleute und Nachbarn ihre Reisebeschreibungen zusammensetzen  nein
ich liefre Ihnen die Beschreibung eines großen wichtigen bis jetzt fast
gänzlich unbekannt gewesenen Reichs in Afrika von welchem diejenigen die bis
auf den heutigen Tag darüber geschrieben wie Sie aus meiner so glaubwürdigen
Erzählung sehen werden ganz falsche Nachrichten gegeben haben zugleich aber
auch enthält mein Buch die Erzählung einer höchst merkwürdigen Revolution
welche in diesem Reiche durch mich und meinen Herrn Vetter den jetzigen Herrn
Notarius Wurmbrand in Bopfingen ist bewirkt worden
    Es wird manchen Leser befremden dass von allen diesen Dingen sowie von dem
großen Zuge den wir mein Herr Vetter und ich mit dem älteren Prinzen des
großen Negus an den deutschen Höfen umher unternommen haben und von welchem
ich in diesem Werke gleichfalls Nachricht gebe noch gar nichts in Zeitungen und
Journalen ist bekanntgemacht worden allein diese Verwundrung wird aufhören
wenn man erstlich bedenkt dass wir die Reise im strengsten Inkognito
vorgenommen und dann am Ende des zweiten Teils die Beschreibung des traurigen
Unfalls lieset durch welchen alle mit uns in Abyssinien gewesenen Europäer
ihren Tod in den Wellen gefunden haben
    Ich zweifle nicht dass mein Buch reißend abgehen wird und dass die Herren
Nachdrucker sich die Mühe nicht werden verdrießen lassen den Debit desselben zu
befördern Es war anfangs meine Absicht es diesen redlichen Männern zu widmen
denn da ich in demselben zugleich eine kurze Erzählung von meinem Aufenthalte in
Fes und Marokko liefre so dachte ich es würde ihnen nicht uninteressant sein
die Nachrichten welche ich von ihren dortigen Mitbrüdern gebe sich von mir
zueignen zu lassen Allein mein Herr Vetter redete mir die Dedikationsgedanken
aus Er berichtete mir man sei jetzt im Begriff der edelen NachdruckerZunft im
Heiligen Römischen Reiche das Handwerk zu legen und da meinte er es könne
meinem Rufe schaden wenn ich mich öffentlich als ein Anhänger derselben zeigte
Da es nun einmal Sitte in der Welt ist seine Freunde wenn sie im Gedränge
sind aus Politik zu verlassen so gab ich denn auch den Vorstellungen des Herrn
Wurmbrand nach Um jedoch in der Stille etwas zum Besten der gelehrten Korsaren
zu tun bat ich meinen Herrn Verleger sich mit keinem andern Privilegio
versehen zu lassen als mit einem abyssinischen Sollte also der gegen den
Nachdruck auszuwirkende Reichsschluss so bald noch nicht zustande kommen so
behalten meine verehrten Freunde in Karlsruhe Reutlingen Wien Frankental
etc noch immer freie Hände dies Werk insofern sie glauben dass dabei etwas zu
gewinnen sein möchte auf ihre Weise umgearbeitet das heißt mit den
gewöhnlichen Kastrationen auf weichem Löschpapiere erscheinen zu lassen Mein
Honorarium habe ich richtig erhalten und mein Herr Verleger mag sehen wie er
zurechtkommt
 
                                  Erster Teil
                                  Erstes Kapitel
       Etwas von der Familie und den übrigen Verhältnissen des Verfassers
Ich weiß wohl dass man es Schriftstellern und besonders einigen neueren
Reisebeschreibern sehr übel auslegt wenn sie in ihren Werken viel von sich
selber ihren Freunden und Verwandten reden und da ich mir fest vorgenommen
habe in diesem Buche einen ganz andern Weg zu gehen als den gewöhnlichen so
sollte ich mich freilich hüten gleichfalls in diesen Fehler zu verfallen
allein ich halte es doch für Pflicht bevor ich zu der Erzählung der
Begebenheiten selber schreite die Leser zuerst genauer mit den Personen bekannt
zu machen von deren Abenteuern und Unternehmungen ich ihnen Rechenschaft geben
will Meine Geschichte gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit und wenn ich mich
kurz fasse so hoffe ich auch Sie sollen meine wertesten Herren und Damen
nicht ungebührlich viel Langeweile dabei haben  Also frisch daran
    Mein Vater seligen Andenkens war ein Bierbrauer in Goslar und verfertigte
die vortreffliche Gose von welcher der große Hübner was ihren Geschmack und
ihre eröffnende Wirkung betrifft rühmlichst Erwähnung tut Wir hielten zugleich
ein Wirtshaus und hatten immer die Stube voll lustiger Gäste Hier fielen dann
sehr angenehme Gespräche besonders über politische Gegenstände Krieg und
Frieden vor reisende Handwerksburschen Soldaten u dgl erzählten von fremden
Ländern und Städten und wenn ich als ein Knabe mit meinen Büchern aus der
Schule kam wo man mir zehn Jahre lang hauptsächlich mit Gesenii
KatechismusLehren und nebenher mit einigen nützlichen weltlichen Kenntnissen
das Gedächtnis schmückte die Bildung des Herzens nebst der Übung des
Scharfsinns und der richtigen Beurteilungskraft aber der Zeit und den Umständen
überließ verweilte ich oft in dem allgemeinen Gastzimmer um jenen Erzählungen
zuzuhören und ließ schon früh die Lust zum Reisen und Wandern in mir erwecken
    Es hatten aber meine Eltern beschlossen mich die Rechte studieren zu lassen
und aus mir einen Advokaten zu machen Von dieser wohltätigen und nützlichen
Menschenklasse befanden sich damals kaum funfzig in Goslar von denen einige
die schon sehr alt waren vermutlich bald aus dieser Welt heraus kontumaziert
werden mussten und so war denn Hoffnung da dass ich nach vollbrachten Studien
in meiner Vaterstadt als Sachwalter Brot finden würde Man schickte mich zu
diesem Endzwecke sobald ich konfirmiert war auf die Schule zu Holzmünden und
dann im zwanzigsten Jahre meines Lebens nach Helmstedt woselbst ich von einem
kleinen Stipendio lebte und in einer großen Fütterungsanstalt für arme
Studierende mit derber Kost versehen wurde die in der Tat wohl passender für
Tagelöhner als für Gelehrte gewesen wäre jedoch meinen Vater der monatlich
ein paarmal bei Trompeten und Paukenschalle beträchtliche Summen im
braunschweigschen Lotto verspielte von der Sorge befreiete sehr viel auf
meinen Unterhalt zu verwenden
    Im Jahre 1764 befahl mir mein Vater nach Goslar zurückzukehren Ich fand
ihn in sehr zerrütteten Gesundheits und Vermögensumständen Es schien als wenn
die ungerechten Flüche derer denen seine Gose zuweilen Leibschmerzen
verursachte alles nur mögliche Ungemach über sein Haupt brächten Außer dem
Verluste den er in der Zahlenlotterie erlitten hatte war er noch auf andre
Weise unglücklich gewesen Die Sache ging also zu Der berühmte Graf St
Germain der bekanntlich ein großer Alchimist und Universalarzt war oder
vielmehr ist denn den Gerüchten als sei er kürzlich in Schleswig gestorben
darf man keinen Glauben beimessen ein solcher Mann stirbt nicht und wäre dem
so und hätte man am Ende entdeckt dass er ein Betrüger gewesen so würden ja
doch die Leute bei denen er zuletzt gelebt es für Pflicht der
Rechtschaffenheit gehalten haben seine Schelmereien zur Warnung des
abergläubischen Publikum öffentlich bekanntzumachen möchte man auch ein
bisschen über ihre Leichtgläubigkeit lächeln oder seufzen dieser Mann nun
bereisete den Harz und hielt sich einige Wochen lang in Goslar auf wo er seinen
herrlichen Tee den er wohltätigerweise das Pfund für einen Karlsdor verkaufen
ließ debitierte Dieser Tee hatte wie man weiß die unvergleichliche Gabe
wenn er lange genug gebraucht wurde von allen Sorgen dieses Lebens zu befreien
und zu einer bessern Welt vorzubereiten Der Graf war damals in seinen besten
Jahren kaum eintausendachtundert Sommer alt Einer seiner Lakaien der noch
nicht viel über fünfhundert Jahre bei ihm diente kam täglich in meiner Eltern
Haus war sehr geschwätzig redete viel von den Arzeneimitteln seines Herrn und
machte endlich meinem Vater begreiflich dass wenn er dem Herrn Grafen einen
großen Vorrat von dem Wundertee auf Spekulation abkaufte und damit den ganzen
Unterharz laxierte er nicht nur an manchen Familien zum Wohltäter werden
sondern auch ein ansehnliches Kapital gewinnen könnte Mein Vater ließ sich
ankörnen erhandelte zweihundert Pfund von der wohltätigen Ware und der
Wundermann reiste weiter Die ersten Proben welche Herr Noldmann mit diesem
Universalmittel machte fielen unglücklich aus die Patienten hatten nicht
Geduld genug so lange zu leben bis die eigentliche Wirkung des Tees erfolgen
konnte und der Stadtphysikus der sein Privilegium für die Bevölkerung des
Paradieses zu sorgen mit niemand teilen wollte verklagte meinen Vater bei dem
Magistrate Der Prozess fiel zum Nachteile des Beklagten aus der Tee wurde
konfisziert von Sachkundigen geprüft und da man ihn aus äußerst gemeinen
wohlfeilen aber bei unvorsichtigem Gebrauche schädlichen Kräutern
zusammengesetzt fand ins Wasser geworfen mein armer Vater aber zu einer großen
Geldstrafe verurteilt Aus Kummer über diesen neuen Unfall und über seine
täglich sich verschlimmernden häuslichen Umstände fiel er in eine gefährliche
Krankheit In dieser Zeit schrieb er mir ich möchte zu ihm kommen indem er
durch meine Praxis sich wieder in eine bessere Lage zu versetzen hoffte Was aber
seine Gesundheit betraf so war er jetzt gegen den Arzt aufgebracht und wollte
sich also seiner Hilfe nicht bedienen noch hatte er ein paar Pfunde von seinem
Tee heimlich gerettet und da sein Glaube an die Wirkung desselben um nichts
schwächer geworden war so trank er selbst fleißig davon Vierzehn Tage nach
meiner Ankunft brachten ihn so weit als die beharrlichsten unter St Germains
Patienten früher oder später zu kommen pflegten er starb in meinen Armen und
hinterließ seiner Familie drückende Sorgen für die Zukunft
    Meine Mutter von der ich noch nichts gesagt habe lebte damals noch mein
Vater hatte für sie in eine auswärtige Witwenkasse gesetzt allein da die
Einrichtung derselben auf unrichtigen Berechnungen beruhete so konnte sie
keinen Bestand haben die Direktion der Kasse hatte daher schon vor einigen
Jahren bekanntgemacht dass sie nicht Wort halten könnte das ganze Institut
zerfiel eine Menge von Familien verloren ihren Unterhalt ihre von der
Landesherrschaft gesicherten Forderungen die armen Weiber ihre Aussichten ihre
Hoffnungen künftig vor Mangel geschützt zu sein und unter diesen war denn auch
meine Mutter
    Da es meinem Vater gefallen hatte aus mir das zu machen was man einen
Gelehrten nennt so schickte es sich nicht für mich als Bierbrauer und
Schenkwirt in seine Fußstapfen zu treten auch fanden sich so viel Schulden dass
wir Haus und Inventarium verkaufen mussten um diese zu tilgen Ich mietete also
ein paar kleine Zimmer tat den sehr unbedeutenden Rest der von unserm Vermögen
übrigblieb auf Zinsen aus und beschloss vorerst davon und dann von meiner
Arbeit als Advokat mich und meine Mutter so gut es gehen wollte zu
unterhalten
 
                                Zweites Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Soviel von meiner eignen werten Person bis zu der Katastrophe die mich bewog
auf Reisen zu gehen Jetzt muss ich von den übrigen Personen meiner Familie
besonders von meinem Herrn Vetter reden dessen Schicksale mit den meinigen
zusammenhängen
    Ich war nicht der einzige Sprössling des Noldmannschen Geschlechts sondern
hatte eine ältere Schwester die als ich noch ein Knabe von sechs Jahren war
mit dem Prediger Wurmbrand im Eisenachschen getraut wurde Dieser Mann war reich
und schon verheiratet gewesen Mit der ersten Frau hatte er zehn Söhne erzeugt
meine Schwester beschenkte ihn mit dem eilften den er indem ihm der Erzvater
Jakob im Kopfe steckte Joseph taufte Die Jungen sollten sämtlich Theologie
studieren das war denn so die geistliche Grille des Herrn Pastors doch wurde
sein Plan vereitelt Zwei von den jungen Herren liefen aus der Schule weg und
ließ sich zu Soldaten anwerben einer wurde blödsinnig und deswegen in ein
Hospital gesteckt der vierte starb auf Universitäten an der zurückgetriebnen
Krätze der fünfte ertrank auf der Reise als er eben nach Ilefeld auf das
Gymnasium ziehen wollte einer wurde Landprediger und lebt noch ein andrer ließ
sich verleiten mit den spanischen Luftspringern in die Welt hinein zu gehen und
die hohen Herrschaften in den Frankfurter Messen durch seine Gaukeleien zu
unterhalten der achte verschwand auf einmal nachdem er sich auf Schulen
allerlei Ausschweifungen ergeben hatte soll gegenwärtig Schauspieler sein und
edle Heldenrollen spielen der neunte welcher Isaschar hieß plagte seine
Eltern so lange bis sie einwilligten dass er Bartscherer und Wundarzt würde
zwei Künste die in Deutschland wie jedermann weiß zur Ehre der gesunden
Vernunft in einem Stande vereinigt sind Sebulon aber als der zehnte Sohn
vollendete seine Studia war ein wenig taub und kurzsichtig wurde daher zum
Informator gut genug befunden in welcher Qualität er sich vielleicht noch jetzt
herumtreibt Der kleine Joseph der wenig Jahre jünger als ich war blieb am
längsten in seines Vaters Hause und wurde also wie sich das versteht von Vater
und Mutter verzogen Gern hätten Seine Hochehrwürden noch einen kleinen Benjamin
geliefert allein so gut wurde es ihnen nicht es blieb also Joseph Wurmbrand
der Liebling der Eltern Er war ein lebhafter Knabe voll Mutwillen und
unruhigen Geistes Da die kleinen Tücken die er ausübte als Zeichen seines
aufgeweckten Temperaments ausgelegt und seine Naturgaben bei jeder Gelegenheit
zur Ungebühr erhoben wurden so gewann der Junge bald eine große Meinung von
seinem eignen Ich Der Vater pflegte ihm oft in der Bilderbibel die Geschichte
von Jakobs Söhnen aufzuschlagen Wenn dann das naseweise Kind auf dem
Holzschnitte den ägyptischen Finanzminister Joseph mit königlichen Kleidern
angetan auf einem großen Stuhle sitzen sah wie er seine Brüder die als
lumpige Juden vor ihm erscheinen und seine Füße küssen von oben herab seiner
Gnade versichert so dachte der kleine Wurmbrand es könne ihm auch wohl noch so
gut werden und dann kam es ihm im Schlafe vor als wenn er dem Oberschenken und
dem Schlosshauptmanne in Weimar ihre Träume ausgelegt hätte und dieser
merkwürdige Umstand der durchlauchtigsten Herzogin Regentin wäre berichtet
worden da er dann einen Ruf bekommen vor Ihrer Durchlaucht zu erscheinen und
der erhabenen Fürstin den Rat gegeben zu rechter Zeit Magazine anzulegen und
wie er darauf stante pede zum Kammerpräsidenten wäre ernannt worden wodurch er
dann Gelegenheit erhalten hätte seine ganze Familie zu hohen Ehren zu bringen
und was dergleichen Torheiten mehr waren
    Indessen ließ sich solche erhabene Gedanken nicht wohl mit seines Vaters
Plane ihn der Gottesgelehrteit zu widmen vereinigen deswegen empfand er denn
auch sehr wenig Neigung diesen Stand zu wählen Wenn der alte Pastor mit seinem
Ideenschwunge nicht weiter hinauf konnte als dass er in Gedanken seinen lieben
Sohn auf dem Konsistorio in Weimar sein examen rigorosum rühmlichst aushalten
sah indes der Alte hinter dem grünen Schirm auf jede Frage und Antwort lauerte
und unter der Hand zu erfahren suchte ob der hoffnungsvolle junge Kandidat bene
oder valde bene zum Urteil erhalten habe so flog Joseph mit seiner Phantasie
viel höher Er erblickte sich als Minister an der herzoglichen Tafel auf dem
großen Schloss dessen prächtige Merkwürdigkeiten sowohl als die schönen
Gärten Lust und Jagdschlösser sich der Herr Pastor nebst seiner Familie bei
einer Reise nach Weimar einmal hatte zeigen lassen sah sich da den herrlichen
Pasteten und Fleischmassen gegenüber woran die herzoglichen Mundköche ihre
Kunst verschwendet hatten und erlauerte den Augenblick da er durch irgendein
Abenteuer in die Residenz geführt dort einer vornehmen Dame Liebe einflößen
von ihr nach vorhergegangener MantelSzene auf die Wartenburg verwiesen werden
und dort durch Traumdeuterei den Grund zu jener glänzenden Laufbahn legen
würde
    Es war aber im Buche des Schicksals anders beschlossen Sein Vater unterwies
ihn selbst bis in das funfzehnte Jahr nach der damals allgemein üblichen alten
Methode und in der Tat war über seinen Fleiß nicht zu klagen Dann wurde er
nach Eisenach auf die Schule geschickt wo er bei seinem Oheim einem Kantor im
Hause wohnte Hier geriet er mit andern wilden jungen Leuten in Verbindung man
wachte nicht sorgfältig genug über seine sittliche Aufführung sein Kopf war
voll von Erwartungen sonderbarer Abenteuer es dauerte ihm zu lange ehe sich
eine Aussicht zeigte die Träumereien seiner Kindheit realisiert zu sehen es
wurde nun immer ernstlicher davon geredet dass er sich den theologischen
Wissenschaften widmen sollte das Ding gefiel ihm nicht er geriet über einige
Reisebeschreibungen die ihm die Lust einflössten fremde Länder zu sehen er
fing an zu glauben Weimar sei wohl nicht der Ort wo er die große JosephsRolle
würde spielen können und da ihn die Abenteuer nicht suchten so beschloss er
sie aufzusuchen In dieser Stimmung wurde er durch einen andern jungen Menschen
bestärkt der ihm den Plan entwerfen half fortzulaufen und mit ihm auf gutes
Glück in die weite Welt zu gehen Hierzu kam dass er ein wenig zu bekannt mit
des Herrn Kantors Tochter geworden woraus Folgen entstanden waren die bald
sichtbar werden mussten und die ihn in große Verlegenheit setzten In diesem
Punkte ahmte er also seinem ägyptischen Helden nicht nach der sich bei Madam
Potiphar ganz anders betragen hatte allein das hielt ihn nicht ab zu glauben
er könne wenigstens im übrigen sein Vorbild erreichen Er ging also fort und um
die Leser nicht mit einer weitläuftigen Beschreibung seiner Wanderschaften zu
ermüden will ich davon nur das Hauptsächlichste erzählen
    Joseph Wurmbrand erlebte was jedem leichtsinnigen Knaben begegnen muss der
ohne zu wissen wohin und ohne alle Erfahrung in die Welt hinein läuft Dass man
wohl tue sich mit Gelde zu versehen und einen bestimmten Plan zu entwerfen
bevor man einen solchen Schritt wagt daran hatte der junge Herr sowenig wie
sein Reisegefährte gedacht Einige Tage lag es ihnen nur am Herzen ihre Tritte
zu beschleunigen weil sie fürchteten man möchte ihnen nachsetzen In dieser
Zeit nun waren sie bis an die preußische Grenze gekommen fühlten sich aber so
ermüdet und da sie indes fast gar nichts genossen hatten einer guten Mahlzeit
so bedürftig dass sie sich entschlossen hier haltzumachen sich mit Speise und
Schlaf zu erquicken und inter pocula miteinander zu beratschlagen wohin nun
eigentlich die Reise gehen sollte Ein einsam liegendes Wirtshaus ladete sie
eines Abends ein hier Quartier zu nehmen Sie fanden darin außer dem dicken
einäugigen Gastwirte und seinem buckligen Weibe noch zwei große starke Kerle
um den Tisch herum sitzen die zuvorkommend freundlich gegen sie waren und mit
denen sie bald in allerlei vertrauliche Gespräche gerieten dabei ließ sie
sich zu essen und zu trinken geben
    Die beiden Fremden nötigten sie ein paar Gläser Wein mit ihnen auszuleeren
wobei unsre jungen Abenteurer treuherzig genug waren ihre Geschichte zu
erzählen nämlich wie sie um sich dem Schulzwange und dem ewigen Einerlei
einer sitzenden Lebensart zu entziehen sich mit der Absicht auf den Weg gemacht
hätten die Welt zu sehen und dass es nun ihr Plan sei nach Holland zu reisen
und dort weil sie doch im Schreiben und andern nützlichen Kenntnissen erfahren
wären sich zu bemühen auf einem Schiffe das zu einer großen Reise bestimmt
wäre als Schreiber oder dergleichen angesetzt zu werden Die übrige
Gesellschaft lobte diesen Entschluss und weil es indes spät geworden war und die
beiden jungen Leute sich ungewöhnlich schläfrig fühlten so wurde Anstalt zu
einer Streue gemacht auf welcher Joseph mit seinem Gefährten und bald nachher
auch ihre neue Bekannte Platz nahmen
    Es war schon heller Tag als mein Herr Vetter von seinem festen Schlafe
erwachte er rief seinem Freunde aber niemand antwortete er stand auf fragte
den Wirt und die Wirtin wo denn die andern wären und bekam zur Antwort dass
sie das nicht wüssten Schon vor Tage habe einer von ihnen die Magd geweckt habe
die Zeche für sie alle bezahlt und sei weitergereiset vermutlich sei der junge
Mensch mit den beiden Männern gegangen Sowenig dies nun mein Herr Vetter
begreifen konnte so blieb ihm doch nichts übrig als sich in Geduld zu fassen
Vergebens wartete er bis zum Mittage auf die Zurückkunft seines Freundes er
erschien nicht und Joseph musste sich entschließen einsam seine Reise
fortzusetzen Er ließ sich den nächsten Weg der auf die holländische Heerstraße
führte beschreiben nahm sein Bündelchen und ging fort
    Unterwegens gesellte sich ein Mann zu ihm mit dem er bald eine Unterredung
anfing und dem er den ihn betroffenen Unfall klagte Der Mann schien großen
Anteil an der Sache zu nehmen und erklärte ihm zugleich wie es damit zugegangen
wäre Er sagte ihm dies Wirtshaus sei eine Herberge für preußische Werber und
die beiden gestrigen Gäste seien dergleichen gewesen er wisse auch recht wohl
wie es diese Herrn machten Sehr wahrscheinlich hätten sie ihm und seinem
Freunde einen Schlaftrunk in den Wein geschüttet dann in der Nacht den jungen
Menschen von der Streue aufgenommen auf einen Wagen gelegt und wären mit ihm
nach Magdeburg gefahren Dies war auch in der Tat also geschehen und was meinen
Vetter von einem gleichen Schicksale gerettet hatte war der Umstand gewesen
dass er nicht sehr ansehnlich von Figur ist dahingegen der andre ein schlanker
hübscher Pursche war Der ehrliche Mann beschloss seine Rede mit der ziemlich
bekannten Anmerkung dass es allerorten böse Leute gebe und dass ein junger Mensch
sich auf Reisen sehr in acht nehmen müsste
    Schon am folgenden Morgen hatte Joseph Gelegenheit die Wahrheit und
Wichtigkeit dieser Bemerkung zu fühlen denn nachdem er mit seinem neuen
Bekannten in einem kleinen Städtchen übernachtet hatte und nun weiter seiner
Straße ziehen wollte fand sichs dass der Fremde vorausgegangen war und teils
um ihn von der Last zu befreien gar zu schwer tragen zu müssen teils um seine
Lehre von der Vorsichtigkeit auf Reisen ihm anschaulicher zu machen sein Bündel
mitgenommen hatte
    Das war denn ein harter Schlag für meinen armen Herrn Vetter denn das
Päcklein enthielt seine besten Sachen an Wäsche silbernen Schnallen und
dergleichen und nun hatte er außer der Kleidung die er auf dem Leibe trug
und einem halben Taler barer Münze nichts im Vermögen das ihm hätte die Mittel
verschaffen können Holland zu erreichen Er schritt also traurig und
unentschlossen was er anfangen wollte weiter Indessen machte er es hier wie
die mehrsten Menschen denn er nahm sich jetzt da es zu spät war und er nichts
mehr zu verlieren hatte vor künftig behutsamer zu sein
    Der halbe Taler der Josephs ganzen Reichtum ausmachte war nun auch bald
ausgegeben und so blieb ihm denn nach einigem Kampfe zwischen seinem hungrigen
Magen und dem Ehrgeize nichts übrig als mitleidige Menschen um einen
Zehrpfennig anzusprechen In dieser Lage wünschte er wohl freilich zuweilen dass
irgendeine reiche Madam Potiphar ihn in Versuchung führen möchte allein so gut
wurde es ihm nicht doch bettelte er sich mit ziemlichem Anstande und Erfolge
noch einige Tage lang weiter
    Ich habe vorhin gesagt dass der jetzige Herr Notarius Wurmbrand von dem
hier die Rede ist keine vorzüglich schöne Leibesgestalt besäße Hierdurch habe
ich aber keineswegs eine nachteilige Schilderung von meinem Herrn Vetter
entwerfen wollen  Im Gegenteil er hat gewiss keine ganz gemeine
Notariatsphysiognomie und was ich jetzt erzählen will wird dies beweisen Als
er nämlich auf dieser Wanderschaft einen westfälischen Edelmann um eine kleine
Gabe ansprach gefiel diesem Herrn seine Gesichtsbildung so vorzüglich dass er
ihm den Antrag tat ihn als Lakaien zu sich zu nehmen Des armen Josephs
Erwartungen von seinem künftigen Schicksale waren nun schon durch die ersten
Widerwärtigkeiten ziemlich herabgespannt und so besann er sich denn nicht
lange ob er ein so gütiges Anerbieten annehmen sollte oder nicht
    Unter den westfälischen Edelleuten sowie überhaupt unter der deutschen auf
ihren Gütern wohnenden Noblesse gibt es wie bekannt ungemein viel feine
gebildete und gelehrte Männer Sie nützen die glückliche Musse des Landlebens zu
Ausbildung ihres Geistes und da sie sehr wohl fühlen dass ein bloßer Stammbaum
noch nicht beweiset dass der Abkömmling von sechzehn adelig geborenen Personen
ein edler Mann und kein Tölpel sei so suchen sie sich wirkliche Vorzüge des
Geistes und Herzens zu erwerben und durch Beförderung einer weisen Aufklärung
und durch väterliche Sorgfalt für die ärmern Landleute ihren Mitmenschen
wahrhaftig nützlich zu werden Ja in der Tat, so sind die deutschen Edelleute
und ich kann es nicht begreifen wie manche Menschen das Gegenteil behaupten
können  Ein solcher Mann war denn auch der Kavalier der meinen Herrn Vetter
zu sich nahm Er besaß eine große Büchersammlung in vergoldetes Leder gebunden
und mit seinem Wappen geziert und da er fand dass Joseph nicht ohne Kenntnisse
und nicht ohne gute Anlagen zu weitrer Ausbildung derselben war so verstattete
er ihm den freien Gebrauch dieser Bibliothek ließ ihn auch nicht lange die
Livree tragen sondern nützte ihn als eine Art von Schreiber zu Führung seines
Briefwechsels und zu andern Geschäften
    Hier lebte Herr Wurmbrand zwei Jahre lang fand Gelegenheit bei dem
Prediger des Orts Unterricht in einigen Sprachen und Wissenschaften zu erlangen
befestigte sich aber besonders durch Lesung vieler Reisebeschreibungen immer
mehr in dem Vorsatze ferne Länder und Völker kennenzulernen
    Einstens erhielt der Edelmann Besuch von einem Professor aus Frankfurt an
der Oder der sehr stark in orientalischen Sprachen war Dieser lernte meinen
Vetter kennen gewann ihn lieb und tat dem gnädigen Herrn den Vorschlag er
möchte ihm den jungen Menschen überlassen indem er für seine weitern Studien
und für sein Fortkommen zu sorgen versprach Der Herr Professor hatte großen
Einfluss an Höfen den er auf edlere Art nützte als wohl mancher andrer Professor
der Philologie den ich kenne Der Edelmann willigte ein und Joseph reiste mit
dem Professor nach Frankfurt
    Drei Jahre brachte Herr Wurmbrand bei diesem Gelehrten hin war sein
Amanuensis schrieb das was dieser drucken ließ ins reine übernahm die
Korrekturen gab sich ein wenig mit Rezensieren ab studierte aber und las dabei
fleißig was nicht jeder Rezensent tut hörte indessen nicht auf seinen
Wohltäter zu bitten er möchte ihn doch irgendeinem vornehmen Herrn der eine
weite Reise vorhätte als Gesellschafter empfehlen wozu man wie billig ist
gern Leute wählt die sich auf orientalische Sprachen gelegt haben
    So standen die Sachen als ein pommerscher Edelmann welcher Deutscher
Ordensritter war sich eine Zeitlang in der dortigen Gegend aufhielt und sich an
verschiedene Personen mit dem Anliegen wendete sie möchten ihm doch einen
geschickten Sekretär verschaffen da dann mein Vetter durch Vorsprache seines
Beschützers diese Stelle erhielt
    Den in diesen Dingen etwa unwissenden Lesern dient zur Nachricht dass der
Deutsche Orden ein für die Menschheit sehr nützliches Institut ist Der
Hauptgegenstand der Bemühungen desselben bleibt seitdem seine Bestimmung am
Heiligen Grabe wegfällt die Ausrottung der Erbfeinde der Christenheit der
vermaledeieten Türken Es wäre wohl zu wünschen dass andre der Welt ebenso
nützliche Unternehmungen zum Beispiel die Erziehung der Jugend die
Beförderung der Wissenschaften die Aufmunterung unterdrückter Talente die
Minderung der Not und Armut der Sturz des Fürstendespotismus und der
Ungerechtigkeit die Beschützung der unterdrückten Hülflosen die Ermunterung
des echten Verdienstes und dergleichen den Hauptzweck ebenso reicher und
mächtiger Gesellschaften ausmachen möchten  doch vielleicht erleben wir auch
das noch Obgleich nun der Deutsche Orden mit der menschenfreundlichen Absicht
die Ungläubigen zu vertilgen in den letztern fünfhundert Jahren nicht sehr weit
fortgerückt ist so muss doch jeder Ritter drei Feldzüge gegen die Türken tun
das heißt er muss drei verschiedene Kampagnen hindurch bei irgendeiner Armee die
gegen den Erbfeind in Bewegung ist sich aufhalten und sichs im Hauptquartiere
wohl sein lassen Der Orden hat auch Priester die aber den Türken keinen
Abbruch tun und nach Priesterweise statt gegen sie zu fechten sie nur
anatematisieren Um Deutscher Ritter zu werden und Anspruch auf reiche
Kommentureien machen zu dürfen muss man das Gelübde der Armut und auch die des
Gehorsams und der Keuschheit welche auf ebensolche Weise in Erfüllung gebracht
werden eidlich ablegen
    Ein strenger Beweis von sechzehn echten Ahnen beurkundet die Würdigkeit in
den Orden aufgenommen zu werden welches mit kirchlichen Zeremonien geschieht
die besonders einem Protestanten gar sonderbar mitzumachen vorkommen müssten
wenn die Menschen nicht einmal daran gewöhnt wären Spielereien Feierlichkeiten
zu nennen und das Alte ehrwürdig zu finden wenn auch gar kein Sinn darin liegt
    Der Ritter welcher den Herrn Wurmbrand zu sich nahm war in der Jugend ein
wenig zu kavaliersmässig erzogen worden man hatte vergessen ihn das Schreiben
und Lesen gehörig zu lehren und mein Herr Vetter war ihm also ein sehr
nützlicher Mann zu Führung seines Briefwechsels Da sich sonst keine Gelegenheit
fand wider die Türken zu Felde zu ziehen so beschloss er nach Malta zu reisen
und mit den Galeeren die jahraus jahrein von dort aus auf die Kinder Muhameds
Jagd machen gegen die Ungläubigen zu kreuzen
    Gleich bei der ersten Expedition dieser Art wenig Wochen nach ihrer Ankunft
auf der Insel mein Vetter wich seinem Herrn nicht von der Seite hatten sie
das Unglück einem barbarischen Seeräuber in die Hände zu fallen der sich ohne
großen Widerstand ihres Fahrzeugs bemächtigte und die ganze Equipage zu
Gafangenen machte Der Ritter schaffte in wenig Monaten ein ansehnliches Lösegeld
herbei und wollte auch seinen Sekretär loskaufen allein der Korsar hatte den
Herrn Wurmbrand so liebgewonnen dass er ihn durchaus nicht wollte fahrenlassen
Hierzu trug nicht wenig meines Herrn Vetters Kenntnis der orientalischen
Sprachen bei Der Seeräuber war übrigens ein Mann von Kopf und von
menschenfreundlichem Herzen Er hielt und behandelte seinen Sklaven so wohl dass
dieser oft in Versuchung geriet zu glauben man könne in der türkischen
Gefangenschaft fast ebensoviel Freiheitsgefühl schmecken als in den Diensten
manches alten Edelmanns in Deutschland Ali Muski so hieß der Korsar war ein
deutscher Renegat der nachdem er in Europa lange genug von kleinen und großen
Despoten Schelmen und Pinseln war herumgehudelt worden sein Glück zur See
versucht hatte Sein Schicksal hatte ihn nach Tripoli geführt er war einem
billigdenkenden Manne in die Hände gefallen hatte den Vorteil gehabt diesem
einst das Leben zu retten wurde aus Erkenntlichkeit in Freiheit gesetzt hielt
es für vernünftig den Gottesdienst des Landes anzunehmen und bekam von seinem
ehemaligen Herrn einen Vorschuss womit er anfing Handel zu treiben und Fahrzeuge
auszurüsten Die Vorsehung begünstigte sein Unternehmen er wurde reich eigne
Erfahrungen hatten ihn Mitleiden mit fremdem Kummer gelehrt er behandelte seine
Sklaven mit Milde und Schonung hatte Sinn für fremden Wert und Dankbarkeit für
erwiesene Dienste
    Ali Muski hatte ein wichtiges Geschäft in Kairo zu besorgen dies trug er
meinem Vetter auf der es zu seiner Zufriedenheit ausrichtete und zum Preise
seiner Bemühung die Freiheit erhielt
    Nun erwachte in Josephs Kopfe der Gedanke in diesen Weltgegenden die Rolle
zu spielen von welcher er in seinen Kinderjahren so schön geträumt hatte Er
fand dass unter den Menschen welche wir Räuber und Barbaren nennen wohl
ebensoviel Treue und Glauben herrschen als in unsern sogenannten verfeinerten
bürgerlichen Verbindungen er beschloss also in Afrika zu bleiben wo man ihn
wenigstens nicht zwang Kandidatus Teologiae zu werden Er kleidete sich nach
Landessitte und was die Religion betraf so war der Renegat billig genug von
ihm nicht zu fordern dass er seinem Beispiele folgen sollte Ali Muski
versicherte ihn dass wenn er sich nur entielte gegen die herrschenden
Meinungen und Gebräuche zu eifern so könnte er ungestört bei seinem Lutertume
bleiben
    Jetzt kam es nur darauf an einen Plan für die Zukunft zu entwerfen Handel
zu treiben wozu ihm Ali Muski gern Geld vorgestreckt haben würde war seine
Sache nicht und der Gedanke in einem von den unzähligen großen afrikanischen
Reichen eine wichtige Rolle zu spielen blieb immer herrschend bei ihm zu
welchem Endzwecke er denn die koptische Sprache und die von Tigre oder Geez und
die amharische fleißig studierte  Im Arabischen war er schon geschickt
    Indessen fügte es sich dass er bald noch eine Reise nach Kairo in
Geschäften seines ehemaligen Gebieters zu machen hatte Er traf dort einige
Abyssinier an die ihm so viel Gutes von ihrem Vaterlande sagten dass er
nachdem er vorher in Tripoli Ali Muski Rechenschaft von seinen Verhandlungen
gegeben hatte sich entschloss nach Gondar zu gehen und dort sein Glück zu
versuchen Da er der Kleidung und Sprache nach völlig wie ein Muselman aussah
so hatte er auf der Reise nichts zu fürchten allein sein Wohltäter erwies ihm
noch die Großmut dafür zu sorgen dass es ihm nicht an Gelde oder vielmehr an
wollnem Zeuge fehlte welches in Abyssinien statt der Silbermünze gebraucht
wird und dass der Bassa von Ägypten ihm eine Bedeckung von Sklaven und so
dringende Empfehlungsschreiben an die Nayben oder Stattalter an der Grenze
mitgab dass mein Herr Vetter in der Tat in jenen unbekannten Ländern allerorten
so freundlich aufgenommen und bewirtet wurde als ein junger Gelehrter in
Deutschland der um die schönen Franzbände der öffentlichen Bibliotheken und
die Studierzimmer der Bücherschreiber zu beäugeln versehen mit einem Firman
oder mit einem Hirtenbriefe von irgendeinem Stimmführer in der Literatur seine
Wanderschaft mit dem Postwagen von Zürch bis Kiel oder von Wien bis Bonn
antritt
    Da indessen die Türken vom festen Lande Abyssiniens vertrieben sind so war
es nötig gleich bei seiner Ankunft in Adova der Hauptstadt von Tigre für
einen koptischen Christen zu gelten Übrigens versah er sich mit einigen
einfachen Arzeneimitteln und gab sich für einen Medikus aus welches so
unwissend er auch in dieser Wissenschaft war in den dortigen Gegenden wo die
Heilkunde eben keine große Fortschritte gemacht hatte durch Hilfe der den
europäischen Scharlatanen abgelernten Windbeuteleien sehr leicht auszuführen
war
    Auf diese Weise kam er glücklich nach Gondar der Residenz des Königs von
Abyssinien wurde dem Monarchen vorgestellt hatte das Glück demselben einige
Würmer abzutreiben und ihn durch Gebrauch einer Merkurialsalbe von dem
Aussatze zu befreien  zwei der gewöhnlichsten Krankheiten in diesen
afrikanischen Ländern die aber unter unsern europäischen Fürsten noch nicht
eingeführt sind  und kam durch diese Kur zu hohen Ehren
    In seinem Glücke nun erinnerte er sich seiner Verwandten in Deutschland und
ich bekam im Jahre 1766 einen Brief von ihm wovon ich im folgenden Kapitel
Rechenschaft geben werde
 
                                Drittes Kapitel
Der Verfasser erlebt unangenehme Schicksale in Goslar und reist zu seinem Herrn
                             Vetter nach Abyssinien
Ich habe vorhin erzählt dass ich nebst meiner Mutter eine kleine Wohnung in
Goslar bezog um dort mit ihr so gut es gehen wollte zu leben allein neue
Widerwärtigkeiten trafen mich ohne Unterlass Im ersten Jahre wollte es mit
meiner Praxis gar nicht fort Bei den kleinen Zwistigkeiten unter den Bürgern
Bauern und Bergleuten war wenig Geld zu verdienen ich verstand die eigentliche
Advokatenkunst nicht klare Sachen dunkel zu machen friedliebende Leute vom
Vergleiche abzuhalten wenig Sachen mit viel Worten zu sagen und dann meine
Schriften nicht nach der Wichtigkeit der Arbeit sondern nach der Anzahl der
unnütz vollgeschriebnen Bogen mir bezahlen zu lassen ich nahm von armen Leuten
kein Geld und reichre wendeten sich nicht an mich sondern an irgendeinen alten
Advokaten der schon durch vieljährigen Besitz sich das Recht erworben hatte
ein Organ der Schikane zu sein und dasjenige in seinen Beutel zu spielen
worüber sich zwei andre Leute zankten Zu Anfange des andern Jahrs geriet
endlich ein etwas wichtigrer Prozess in meine Hände allein ich musste in dieser
Sache nach Wetzlar appellieren  das hieß denn in gewissem Sinne für die
Ewigkeit arbeiten brachte aber kein Geld ein Der Reichskammergerichtsassessor
in dessen Hände die Akten fielen legte sie zu den übrigen hundertundfunfzig
Prozessen aus denen er Relationen schuldig war und jetzt nach fünfundzwanzig
Jahren da ich dieses schreibe werden sie noch wohl an demselben Platze liegen
wenn die Parteien nicht etwa Mittel gefunden haben durch Sollizitieren einige
Beschleunigung auf Unkosten andrer vielleicht noch ängstlicher nach Recht und
Gerechtigkeit Seufzenden zu bewirken
    Es ging also sehr schlecht mit meiner Einnahme und die Ausgaben hingegen
vermehrten sich da meine Mutter erkrankte und nach dreimonatlichem Leiden
starb Ich musste unser kleines Kapitälchen angreifen und war in der Tat in der
traurigsten Lage als ich von meinem Herrn Vetter den obenerwähnten Brief
erhielt dessen Inhalt ungefähr folgender war Er sei nach mancherlei erlebten
Schicksalen nach Abyssinien geraten und habe jetzt die Ehre daselbst erster
Staatsminister des Königs oder großen Negus zu sein den wir irrigerweise den
Priester Johannes nennten Dieser Monarch nun beglücke ihn mit seiner
vorzüglichen Gunst habe auf seinen Rat verschiedene gute Einrichtungen nach dem
Muster der europäischen Staaten in seinem weitläuftigen Reiche gemacht und
wünsche noch mehr Europäer dahin zu ziehen auch Bücher Maschinen und andre
Dinge wovon das Verzeichnis hiebei erfolge aus unserm Vaterlande zu erhalten
Er der Herr Minister habe diese Gelegenheit mich glücklich zu machen nicht
entwischen lassen wollen da ich von den Personen seiner Familie der einzige
Mann sei von dem er glaubte er könne ihn in seinem großen Vorhaben
unterstützen  Mein Herr Vetter bat mich daher mich auf die Reise nach Afrika
zu machen schrieb mir den Weg vor den ich nehmen sollte schickte mir die
nötigen Adressen für die verschiedenen Handlungsplätze nebst den Anweisungen wo
ich das Geld zur Reise und zu Anschaffung der Bücher und andern Sachen die ich
mitbringen sollte heben könnte versicherte mich der besten Aufnahme seiner
hohen Protektion und versprach mir ein glänzendes Glück das meine Erwartungen
weit übertreffen würde Übrigens kam mir die Auswahl der Bücher welche ich
anschaffen sollte sonderbar genug vor ich werde in der Folge wohl noch etwas
darüber zu sagen haben wenn ich von dem Grade der Aufklärung rede zu welchem
ich den Hof des großen Negus durch meines Herrn Vetters Bemühungen erhoben fand
    Der Vorschlag den mir Joseph Wurmbrand tat hatte in meinen dürftigen
Umständen viel Anlockendes Ich bekenne zwar dass es meinen Stolz ein wenig
empörte die bessern Aussichten welche mir derselbe eröffnete weniger meinen
eignen Verdiensten als der Vetterschaft des Herrn Ministers zu danken zu haben
Der Nepotismus war mir stets ein Greuel gewesen allein die Not wurde bei mir
dringender Die Begierde fremde Länder zu sehen war denn auch noch immer bei
mir sehr lebhaft geblieben und obgleich mein Vetter ein wenig aus einem
hochtrabenden Tone von der Wohltat sprach die er mir zu erweisen dachte so war
es doch auch sehr bemerklich dass er meiner zu Ausführung seiner dortigen Plane
bedurfte und es blieb mir ja noch die Erwartung übrig dass ich selbst mich
vielleicht bei dem Könige durch eigne Geschicklichkeit in Gunst setzen könnte
besonders im juristischen Fache wenn es mit der Aufklärung in Abyssinien schon
so weit sollte gekommen sein dass man dort Prozesse führte
    Ich erschien nun in meiner besten Kleidung die im Vorbeigehen zu sagen in
einem leberfarbenen Rocke mit gelben Knöpfen und einer blauen Weste mit Silber
bestand vor dem Magistrate in Goslar und hielt eine lange Rede in welcher ich
feierlich meinem Bürgerrechte entsagte und den hochweisen Herrn anzeigte dass
ich meine Vaterstadt auf immer verlassen würde Der hohe Magistrat schien dies
als eine sehr unwichtige Sache anzusehen und einige von den Gliedern desselben
verwiesen es mir dass ich mit dieser feierlichen Anzeige einer so unbedeutenden
Begebenheit ihre Aufmerksamkeit gespannt und sie von der Mittagstafel abgehalten
hätte »Und wo geht denn die Reise hin« fragte der regierende Bürgermeister Da
erzählte ich denn dass ich von dem Könige in Abyssinien durch seinen Minister
der mein Herr Vetter wäre sei eingeladen worden dorthin zu ziehen und ein
wenig an dem Aufklärungswesen mitzuarbeiten Weil nun die Herren vom Magistrate
nicht sehr erfahren in der Geographie waren und in den Zeitungen nie etwas von
einem solchen Könige gelesen hatten so hielten sie meine Erzählung für eine
Fabel glaubten ich wollte sie zum besten haben oder sei närrisch geworden und
gaben mir deswegen die ernstliche Weisung sie mit meinen Torheiten zu
verschonen Allein nach einem paar Tagen erschienen in Goslar zwei ägyptische
Kaufleute welche meinem Herrn Vetter versprochen hatten mich abzuholen Sie
waren von einigen teils schwarzen teils braungelben Sklaven begleitet und
erregten unter dem Pöbel gewaltigen Auflauf
    Nun sahen die Herren vom Rate wohl dass es mit der Einladung nach Abyssinien
seine gute Richtigkeit hatte und dies versetzte das ganze Publikum in Goslar in
eine sehr verschiedene Stimmung Einige die bisher den armen Advokaten Noldmann
nicht der geringsten Aufmerksamkeit gewürdigt hatten und die zu der Klasse von
Menschen gehörten welche jedes fremde Glück beneiden sie mögen selbst darauf
Anspruch machen wollen oder nicht erlaubten sich hämische und spöttische
Bemerkungen über diesen Vorfall bemüheten sich mich auf alle Weise zu
verkleinern und mein Vorhaben lächerlich zu machen Andre aus denen das
Häuflein der in allen großen und kleinen Staaten zu findenden Unzufriednen
bestand denen die Regierung nichts recht machen kann suchten sowenig sie auch
von mir und meinen Verdiensten wussten diese Gelegenheit zu nützen um laut
darüber zu schreien dass der Magistrat welcher es wie sie sagten zur Schande
der Republik Goslar immer also mache hier nun wiederum einen geschickten und
fähigen Mann den ein großer König mit offenen Armen aufnehme aus dem Lande
gehen ließe Die Andächtigen und Schwachen an Geist von der Geistlichkeit
gestimmt verfehlten nicht bei dieser Veranlassung ihren Eifer für die Religion
zu zeigen indem sie riefen es sei ein Greuel dass ein christlich geborner
Einwohner in Goslar sein Vaterland und die Gemeine verliesse um bei verdammten
Heiden Türken und Mohren zu leben und sein Seelenheil zu verscherzen Der
größte Teil des Magistrats aber wollte gern die Ehre welche mir widerfuhr auf
die Stadt lenken Man beschloss mir aufzutragen dem Könige von Abyssinien im
Namen der Reichsstadt zu danken für die Ehre welche er einem ihrer Bürger
erwiese Seine Majestät um ferneres gutes Vernehmen mit der Republik Goslar und
bei etwa entstehendem Kriege um Schutz und Beistand zu bitten Ich hatte Mühe
zu verhindern dass man mir nicht zum Geschenke für den König einige Krüge des
besten Goslarschen Bieres mitgab und acht Tage nachher las man in der
Braunschweigschen Zeitung einen Artikel des Inhalts Es habe Seine Majestät der
König von Abyssinien die Freie Reichsstadt Goslar durch eine eigne Deputation
ersuchen lassen ihm aus ihren Mitteln einen geschickten Rechtsgelehrten zu
senden der das dortige Justizwesen auf einen soliden Fuß bringen sollte und
habe der hochweise Magistrat um diesem königlichen Verlangen ein Gnüge zu
leisten den Advokaten Herrn Benjamin Noldmann dahin abgehen lassen
    Ich machte mich indessen mit meinen Reisegefährten auf den Weg und will nun
über den Verfolg meiner Begebenheiten in den nachstehenden Kapiteln Bericht
erstatten
 
                                Viertes Kapitel
 Benjamin Noldmanns Abreise von Goslar am Harz um nach Gondar in Abyssinien zu
   gehen nebst den Nachrichten von seiner Audienz bei dem Kaiser von Marokko
Auf meiner Reise zu Lande bis Stade begegnete mir nichts Merkwürdiges als dass
in den Städten und Dörfern zwischen Goslar und jener Stadt Kinder und erwachsene
Leute hinter uns herliefen weil die schwarzen und braunen Gesichter meiner
Begleiter ihnen sehr auffallend waren Von da mussten wir zu Wasser nach Plymout
gehen weil ich dort verschiedene englische Ware einzukaufen hatte Dort wurden
wir bald nachher wieder eingeschifft und erreichten ohne widrige Vorfälle die
Kanarischen Inseln
    Mein Herr Vetter war so sorgsam gewesen mir einen geschickten Sprachmeister
zu senden und ich wendete die ganze Zeit die wir auf der Nordsee auf dem
Atlantischen und nachher auf dem Mittelländischen Meere zubringen mussten dazu
an mir die gehörigen Kenntnisse zu erwerben um wenigstens nicht ganz unwissend
in den Sprachen der Länder zu sein in denen ich nun künftig leben sollte
    In Madeira fand ich das Schiff welches mich nach Marokko führen sollte Dass
wir dazu mit den nötigen Pässen versehen waren versteht sich von selber ich
hatte aber einen wirklichen Auftrag an dem marokkanischen Hofe von dem Könige in
Abyssinien auszurichten Mein Herr Vetter wollte dass ich hier die erste Probe
ablegen sollte ob ich zum Staatsmanne taugte und der Zweck meiner
Gesandtschaft war Seiner Kaiserlichen Majestät ein Bündnis anzubieten und
zugleich mit dem braunen Monarchen einen Handlungstraktat zu schließen
    In dem Schiffe fand ich eine vollständige afrikanische Garderobe für mich
und sobald wir die Kanarischen Inseln aus den Augen verloren hatten vertauschte
ich meinen braunen Rock und die blaue Weste mit einer prächtigen abyssinischen
Kleidung Mein Herr Vetter hatte von mir verlangt dass ich meiner
BierbrauersGenealogie nicht Erwähnung tun sondern mich für einen deutschen
Kavalier von altem Adel ausgeben sollte Es tat mir weh dass ich mir eine solche
Lüge erlauben musste und ich seufzte darüber dass auch in Abyssinien die
Abstammung eines Menschen die doch weder persönlichen Wert gibt noch
persönliche Unvollkommenheiten tilgt für etwas Wesentliches gelten sollte weil
es nun aber einmal erfordert wurde und ich so wohlfeil dazu kommen konnte ohne
die gewöhnlichen Gebühren zu bezahlen so reiste ich als ein Edelmann von
Madeira ab
    Unter den Büchern deren ich im vorigen Kapitel Erwähnung getan habe und die
ich mit nach Gondar bringen sollte hatte mir der Minister von Wurmbrand auch
den Titel des sehr interessanten großen Werks aufgeschrieben welches der
Freiherr von Moser in Quarto herausgegeben hat und das die Beantwortung der
wichtigen Frage enthält ob die Gesandten vom zweiten Range den Titel Exzellenz
fordern dürfen oder nicht Dies schätzbare Buch war so wie noch ähnliche andre
welche Gegenstände des Staatsrechts abhandeln die einen beträchtlichen Einfluss
auf die Wohlfahrt des Heiligen Römischen Reichs haben eigentlich zu meinem
Gebrauche mitgenommen worden indem ich daraus den nötigen Unterricht erhalten
sollte wie ich es anzufangen hätte meiner eignen und des allergnädigsten
Königs Ehre an dem marokkanischen Hofe nichts zu vergeben Sobald ich daher im
Hafen Mazagan angekommen war schickte ich meinen Dolmetscher voraus nach
Marokko um vorläufig jeden kleinen Punkt des Zeremoniells bei meiner
feierlichen Audienz ins reine bringen zu lassen Nun gingen fast täglich Kuriere
hin und her zwischen Mazagan und Marokko die dortigen Zeitungsschreiber
urteilten es müssten am Hofe äußerst wichtige Dinge verhandelt werden um so
mehr da binnen den sechs Wochen die ich im Hafen zubrachte um über jene
Punkte bestimmte Erklärung zu erhalten alle auch die wichtigsten einländischen
Geschäfte im marokkanischen Ministerio liegenblieben Anfangs begnügten sich die
öffentlichen Blätter nur oft wiederholt zu erzählen es sei schon wieder ein
Kurier durchpassiert von dessen Ausrichtung  man nichts wisse Als aber dem
Publiko die Zeit zu lange dauerte und ich die strengste Verschwiegenheit
beobachtete erfanden die Zeitungsschreiber allerlei zuverlässige Nachrichten
von bevorstehenden Kriegen und Ländertausch bis endlich die ganze Sache klar
wurde Man erlaubte sich nämlich am Hofe des Kaisers von Marokko die unerhörte
Anmassung zu fordern der abyssinische Gesandte sollte in des Kaisers Gegenwart
durchaus sich nicht unterstehen zu niesen Nun hatte ich aber nicht nur durch
Verkältung auf der Reise einen ungeheueren Schnupfen bekommen sondern es stand
auch bestimmt in meiner Instruktion dass ich auf diesem höchst wichtigen Punkt
weswegen schon einmal ein zehnjähriger Krieg war geführt worden mit aller
Beharrlichkeit bestehen sollte Es glückte mir endlich durch ernstliche
Bedrohung dass man wieder zu den Waffen greifen würde nicht nur die Freiheit zu
erlangen bei Hofe ungehindert zu niesen sondern auch dass man mich von dem
ärgerlichen Zeremoniell befreiete während der Audienz eine Pomeranze im Munde
zu führen Da indessen mein Katarrh vorübergegangen war und ich mich doch in den
Besitz des Rechts zu niesen setzen wollte so versah ich mich mit dem grünen
Schneeberger Schnupftobake der auch solche Wirkung hervorbrachte dass darüber
ein großer Teil der schönen Reden verlorenging die bei dieser Gelegenheit
gehalten und verdolmetscht wurden
    Ich verschone die Leser mit Beschreibung meines feierlichen Einzugs und
schweige über den übrigens sehr glücklichen Erfolg meiner Verhandlungen am
marokkanischen Hofe als welche wie billig ein Geheimnis bleiben müssen
dagegen aber will ich einiges von der Person des Kaisers von dem Lande selber
und von einem sehr interessanten Gespräche das ich mit Seiner Majestät führte
hier erzählen
    Der damalige Kaiser von Marokko war ein stattlicher korpulenter Herr der
einen vortrefflichen Appetit bei Tafel hatte und die Frauenzimmer ungemein
liebte Die Zeit welche er diesen beiden Gegenständen widmete erlaubte ihm
nicht sich sehr viel um Regierungsgeschäfte zu bekümmern Diese waren deswegen
gänzlich den Händen seines Premierministers überlassen der ein Jude und ein
wenig schmutzig in seinem Äusserlichen war Der Kaiser schien wenn ich die
wenigen Stunden zwischen dem Frühstücke und der Mittagsmahlzeit ausnehme fast
immer schläfrig und abgespannt zu sein und dann begegnete es ihm wohl
Gespräche zu führen die man bei einem Privatmanne äußerst albern finden würde
welches aber bei einem großen Herrn der Fall nie sein kann Mitunter kam
indessen auch wohl einmal etwas in seinen Reden vor das nicht ohne Vernunft
war und dann pflegte er dies einigemal zu wiederholen und zu erwarten dass man
ihm darüber eine Schmeichelei sagte Eines Morgens war ich nebst meinem
Dolmetscher und dem Oberzeremonienmeister bei dem Kaiser allein und da fiel
folgendes Gespräch unter uns vor
    KAISER Das Europa wo du zu Hause bist mein lieber Gesandter mag ein ganz
hübsches Ländchen sein es ist schade dass es nicht einem einzigen Herrn gehört
    OBERZEREMONIENMEISTER Und einem so weisen Monarchen als Euer Majestät
sind
    KAISER Halte jetzt dein Maul Ich rede mit dem Gesandten Wenn ich einmal
des Nachmittags auf dem Ruhebette liege so sollst du mir dergleichen
vorsprechen Also was ich sagen wollte Fürchten sich eure Könige und Fürsten
nicht dass ich sie einmal absetze
    ICH Man kennt die edle Denkungsart Euer Majestät rechnet auf die Verträge
und Friedensschlüsse und dann auch ein wenig auf die weite Entfernung
    KAISER Lass sehen Was sagtest du Es war viel auf einmal aber ich kann es
noch alles zusammenbringen Man rechnet auf die Entfernung Ja man kennt mich
noch nicht wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe so muss das gehen und
wenn es auch noch soviel Schwierigkeiten hat Meine edle Denkungsart  Nun das
ist etwas Ja wenn man mich nicht in Zorn bringt so geht alles gut Aber was
die Verträge betrifft Herr Gesandter so lasse ich mich darauf mit den
europäischen Fürsten nicht ein weil sie unter sich selber auch nicht Wort
halten Wenn meine Schiffe fremden Fahrzeugen begegnen und sie haben Lust dazu
so nehmen sie sie weg und damit Punktum
    ICH Aber allergnädigster Kaiser doch nicht wenn diese fremden Fahrzeuge
solchen Mächten gehören mit denen Euer Majestät Frieden haben
    KAISER Gesandter Du hast den Sinn meiner Worte nicht begriffen Ich
schließe mit keinem europäischen Könige Frieden weil sie ihn doch nicht halten
sobald sie glauben dass sie ungestraft nehmen können Plündern sie sich doch
selber einer den andern und nehmen sich Länder weg die ihnen sowenig zugehören
als mir deine Nase
    ICH Euer Majestät halten zu Gnaden Wenn einer unsrer Könige in die
Notwendigkeit versetzt wird seinem Nachbar den Krieg anzukündigen 
    KAISER Dein Wort in Ehren aber ich sehe es nicht ein wie dabei eine
Notwendigkeit eintreten kann  doch nur weiter
    ICH Dann lässt er durch einen geschickten Rechtsgelehrten eine Deduktion
verfertigen 
    KAISER Was ist das für ein Ding
    ICH Das ist eine Schrift darin bewiesen wird dass dieser König ein Recht
auf diese oder jene Provinz habe
    KAISER Ich möchte bei meiner Seele wohl einmal sehen wie man es anfängt
wenn man beweisen will dass irgendein Mensch oder irgendein Volk auf irgendein
Stück der Welt ein andres Recht habe als das was ihm die Stärke gibt Aber lass
hören Wird nun der andre dadurch überzeugt Und wenn er es nicht wird wer
entscheidet dann Wer ist Richter
    ICH Der Gegenteil schreibt gleichfalls eine Deduktion und dann greifen sie
zu den Waffen
    KAISER Das ist eine dumme Einrichtung Was kann die unnütze Schmiererei
helfen wenn man sich einmal vorgenommen hat seinem Kopfe zu folgen Ist es
nicht viel ehrlicher gehandelt wenn man grade zugreift und hinnimmt ohne den
andern mit Heucheleien zu betriegen Ist es nicht ehrlicher gehandelt gar
keinen Frieden zu versprechen wenn man voraus weiß dass einmal das was du
Notwendigkeit nennst uns bewegen kann über den Nachbar herzufallen Wer hält
da mehr Treue und Glauben ihr oder wir Aber ohne alle diese unnützen
Versicherungen lassen wir unsre Nachbarn in Ruhe und nur die falschen Europäer
glauben wir nicht schonen zu dürfen weil sie unsrer nicht schonen Wenn wir uns
auf ihre Bündnisse und beschwornen Frieden einliessen so würden sie auch bald
gegen uns mit ihren Deduktionen oder wie die Dinger heißen angezogen kommen
Jetzt hält die Furcht sie beständig im Zaume weil sie wissen dass mit uns nicht
zu scherzen ist
    Ich sah wohl dass ich den mohrischen Kaiser nicht überzeugen konnte und
schwieg also da ich ohnehin in Marokko nicht als ein Europäer sondern als
abyssinischer Abgesandter erschien Übrigens gefiel es mir sehr gut an diesem
Hofe und ich kann nicht sagen dass ich während meines zweimonatlichen
Aufenthalts die geringste Ungerechtigkeit ausüben gesehen hätte sowenig gegen
mich als gegen andre Wenn die Seeräuber die Sache mit dem wahren Namen nennen
und kein anders Recht als das des Stärkern respektieren so erkennen sie doch
zugleich die Pflicht des Mächtigern den Schwächern zu schützen und da sie wohl
einsehen welche Verwirrung daraus entstehen würde wenn kein Privatmann sicher
sein könnte die Früchte seines Fleißes einzuernten so ist das wahre selbst
erworbne Eigentum ohne geschriebne Gesetze durch Herkommen heilig und
gesichert außer unter den herumziehenden Horden
    Die Königreiche Fes und Marokko haben einen Überfluss an allem was zur
Annehmlichkeit des Lebens dienen kann sie bestehen aus den schönsten
reizendsten Gegenden in einem milden gemässigten Himmelsstriche gelegen Die
Einwohner haben Verstand Witz und Liebe zu den Wissenschaften  mit einem
Worte ich bin überzeugt dass wenn unsre europäischen Majestäten hoffen
dürften mit einigem Erfolge die Sache betreiben zu können man schon längst
einem Professor aufgetragen haben würde in einer gründlichen Deduktion das
Recht zu beweisen sich in Seiner Marokkanischen Majestät Provinzen zu teilen
    Ich genoss ausgezeichnete Achtung an dem Hofe dieses Kaisers und wurde
reichlich beschenkt Um dafür meine Dankbarkeit zu zeigen und die Ehre des
königlich abyssinischen Gesandten zu behaupten kam ich auf den Gedanken Seiner
Majestät eine vollständige europäische Kleidung zu Füßen zu legen Ich suchte
also meinen leberfarbnen Rock mit der blauen Weste sodann Beinkleider Hut
Schuhe Hemd Schnallen Strümpfe kurz alles was zu einem zierlichen Anzuge
nach unsrer Weise gehört hervor und ließ mir dies aufs Schloss nachtragen Der
Kaiser hatte eine unbeschreibliche Freude bei dem Anblicke aller dieser Stücke
und lachte überlaut über die Menge von Kleinigkeiten mit allen Knöpfen Lappen
Ecken Nähten und dergleichen woraus diese Kleidung bestand von welcher er
behauptete dass sie dem menschlichen Körper ein solches verschobnes
unförmliches Ansehen gäbe dass wer das zum ersten Male sähe kaum wissen würde
was für eine Kreatur in diesem Flickwerke steckte Er lachte so überlaut dass er
fast erstickt wäre und statt dass ich erwartet hatte er würde den europäischen
Geschmack bewundern erlebte ich die Demütigung zu sehen dass Seine Majestät es
gar nicht für möglich hielten dass ein Mensch im Ernst also gekleidet sein
könnte Ja er befahl seinem Hofnarren diesen leberfarbnen Rock nebst Zubehör
jeden Mittag nach Tafel anzuziehen und also vor ihm zu erscheinen damit er ihn
aufs neue in lustige Laune versetzen und dadurch seine Verdauung befördern
möchte Indessen schien er doch großen Wert auf dies Geschenk zu setzen Ich
beurlaubte mich stieg nebst meinem Gefolge in Mazagan in ein Schiff das
ausdrücklich für mich und zwar aufs prächtigste ausgerüstet war Eine Fregatte
diente zu unsrer Bedeckung Wir fuhren vor Gibraltar vorbei hielten uns immer
nahe an der barbarischen Küste und stiegen in Tolomita einem Hafen im
Königreiche Barkan an das Land
 
                                Fünftes Kapitel
 Fortsetzung des vorigen Kurze Schilderung einiger großen afrikanischen Höfe
                die der Verfasser bei seiner Durchreise besuchte
Mein Herr Vetter hatte mir geschrieben ich sollte von Barkan aus an der Grenze
von Ägypten hinauf und dann durch Nubien reisen woselbst ich an den Höfen der
Könige die dem Monarchen von Abyssinien zinsbar sind wichtige Geschäfte zu
besorgen hatte
    Es gehört nicht zu dem Plane meines Werks eine weitläufige Beschreibung
dieser in der Tat sehr beschwerlichen Reise zu liefern ich fand übrigens als
ich nach Tolomita kam dass man dort von Gondar aus alles so eingerichtet hatte
dass ich mir die möglichste Gemächlichkeit und Sicherheit auf meinem Wege
versprechen konnte Jetzt bedurfte ich nun auch kaum noch eines Dolmetschers
und so reiste ich denn mit meinen Leuten getrost längs dem Nil fort der in
einer Entfernung von einigen Meilen mir zur linken Seite hinfloss Ich ritt auf
einem Elefanten hinter mir saß ein schwarzer Sklave der mir sooft mich
dürstete in einem Becher Met oder Hydromel reichte wovon ein großer Vorrat in
Schläuchen auf den Kamelen welche meine Leute ritten mitgeführt wurde  Was
nicht aus einem Menschen werden kann Wer hätte ein paar Jahre vorher denken
sollen dass der Advokat Benjamin Noldmann der in Goslar kaum das liebe Brot
hatte jetzt mit einem glänzenden Gefolge als Gesandter an den afrikanischen
Höfen herumziehen würde
    Obgleich ich mir nun vorgesetzt habe keine ausführliche Schilderung von
diesen Höfen zu liefern so will ich doch im Vorbeigehen über einige derselben
etwas sagen einst aber denke ich geographische politische statistische
kameralistische philosophische teologische physikalische medizinische und
andre Bemerkungen über Nubien und dessen Könige und Fürsten herauszugeben Da
ich ein ganzes Jahr lang an den Höfen in Nubien herumgereiset bin so habe ich
Gelegenheit genug gehabt diese Bemerkungen zu machen
    Der erste König den ich sah war der von Sennar Er ist unumschränkt in
seiner Macht aber ganz blödsinnig Bei der Audienz welche ich bei ihm hatte
war er auf dem Throne festgebunden weil ihn sonst zuweilen in der Narrheit die
Grille anwandelte den Gesandten oder andern Fremden auf die Schultern zu
springen oder mit Gewalt einen Schleifer mit ihnen zu tanzen Wie das Land unter
dem Zepter eines solchen Monarchen regiert wird das kann man sich leicht
einbilden Die Personen seiner Familie und die Großen des Reichs reißen ihm
diesen Zepter wechselsweise aus der Hand suchen einer den andern zu stürzen
oft lässt ihn dieser etwas unterschreiben das dem widerspricht was jener eine
Stunde vorher hat ausfertigen lassen das Glück der Untertanen ist ein Spielwerk
der Kabale Gunst und Gabe und Privatleidenschaften Nepotismus Rachsucht  das
sind die Triebfedern und an ein festes System ist nicht zu denken
    Der König von Dequin war ein großer Liebhaber der Fischerei Zwei seiner
schönsten Provinzen hatte er mit ungeheueren Kosten ausgraben und in Seen
ummodeln lassen ja ein Schmeichler hatte ihm einst den Vorschlag getan das
ganze Reich in ein Meer zu verwandeln auf demselben mit seinem Volke in großen
Schiffen herumzufahren und nur vom Fischfange zu leben folglich ein ganzes
neues schwimmendes Reich zu stiften und sich den Beherrscher aller Gewässer der
Welt und deren Bewohner zu nennen In seinen Schlössern hatte er in allen
Zimmern große und kleine Teiche anlegen lassen Da saß er denn mit seinen
Lieblingen und Weibern die Angelrute in der Hand indes die Stattalter und
Minister das Volk plünderten Wollte dieses mit seinen Klagen bis zum Könige
dringen so gebot man ihm unter fürchterlichen Drohungen Stillschweigen weil
durch lautes Reden die Fische verscheucht wurden und nicht anbissen Jedermann
wurde daher vom Schloss entfernt gehalten Alles ging in demselben in größter
Stille zu außer bei den Mahlzeiten wo jedoch nichts als Fische gespeist
wurden Ich erreichte den Zweck meiner Sendung dadurch dass ich Seiner Majestät
durch Seine Exzellenz den Geheimen HofFischer eine neue Art von Köder oder
Lockspeise für die kleineren Fische überreichen ließ durch dessen Hilfe ich in
meinen Knabenjahren manche Forelle aus den Harzbächen gestohlen hatte Dies
gefiel dem Monarchen ungemein und er unterschrieb auf der Stelle den
Handlungstraktat mit Abyssinien ohne ihn gelesen zu haben
    Den König von Bugia fand ich beschäftigt Zahnstocher aus Sandelholz zu
schnitzeln Dies war seine einzige Beschäftigung vom Morgen bis zum Abend Er
hatte einem benachbarten Volke kürzlich zweiundzwanzig einträgliche Ämter gegen
einen kleinen Wald von Sandelbäumen abgetreten denn schon fing es an ihm an
Materialien zu Zahnstochern zu fehlen Er beschenkte jedermann mit diesen
Kostbarkeiten Die Beamten mussten die Untertanen zwingen Sandelbäume zu
pflanzen und unter diesem Vorwande wurden sie denn schrecklich gedrückt denn
wenn unter andern ein solcher Geld brauchte so befahl er dem Bauer seine
besten Felder in einen Wald zu verwandeln und dann war kein andres Mittel da
als sich mit einer Summe Geldes den kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen
    Als ich nach Fungia kam war der Monarch dieses Volks in einen blutigen
Krieg mit seinen Nachbarn den Barbirini verwickelt Der Gegenstand dieses
Kriegs war die Auslieferung der heiligen Knochen eines Priesters der am
Aussatze gestorben war Der König war nämlich im höchsten Grade andächtig und
abergläubisch Er war von Pfaffen erzogen worden die ihn in der äußersten
Dummheit erhalten hatten damit sie desto despotischer das Land regieren
könnten Die Hälfte aller Güter im Lande gehörte den Priestern und bei diesem
Kriege war es eigentlich auf nichts angelegt als gewisse hell sehende Köpfe zu
denen der König einige Zuneigung gefasst hatte und die sich listig und um sicher
zu sein in das Gewand der Religiosität gehüllt hatten dadurch zu entfernen
dass man sie mit der Armee fortschickte Meine Unterhandlung an diesem Hofe ging
dadurch gut vonstatten dass ich dem Könige drei ganze Körper von
Einsiedlermönchen aus den Gebirgen Waldubba in Abyssinien versprach Solche
Mönche werden für Wundertäter und Heilige gehalten und pflegen ein hohes Alter
zu erreichen wenn sie nicht von venerischen Krankheiten aufgerieben werden
welches sehr oft der Fall ist. Schwerlich würden indessen diese Gebeine mein
Wort geredet haben wenn ich nicht dem Oberpriester ein großes Geschenk an
abyssinischem Golde versprochen hätte
    Der König von Tasi war ein warmer Freund der Beredsamkeit Den sehr
gedrückten Untertanen die um Brot baten pflegte er lange Reden zu halten
worin er ihnen bewies dass es unpatriotisch sei soviel Hunger zu haben Bei
meiner ersten Audienz erinnerte ich mich der Aktus denen ich in meiner Jugend
auf der Schule in Holzmünden beigewohnt hatte Es ging ungefähr ebenso dabei
her und wurden im großen Rittersaale sieben Reden gehalten auch wurde da viel
unnütze Feierlichkeit angestellt Den Allianztraktat unterschrieb man unter
Absingung von Hymnen doch baueten sie in Abyssinien nicht viel auf die Treue
des Königs von Tasi und der Erfolg rechtfertigte dies Misstraun Beim Abschiede
beschenkte ich den König mit neun Bänden von FreimaurerReden die ich ins
Arabische hatte übersetzen lassen und die sehr gnädig aufgenommen wurden
    In Ilab musste alles durch Weiber durchgesetzt werden Der Monarch war mit
neun wirklichen Gemahlinnen und fünfunddreissig Kebsweibern versehen deren jede
ihren Anhang ihre Kreaturen ihre Grillen und ihr Privatinteresse auf Kosten
der andern gelten machen wollte Der entnervte Wollüstling war das Spielwerk
aller dieser Parteien Sie verleiteten ihn zu tausend Torheiten und
Ungehörigkeiten und das ehemals so mächtige Reich war seinem Sturze nahe als
gleich nach meiner Abreise von dort der schwache Regent starb und sein Sohn zur
Regierung kam von welchem man wie von allen Tronfolgern in der Welt die
besten Hoffnungen hatte
    In Omazib einem der größten Reiche in Nubien und in welches vor mir und
vielleicht auch bis jetzt noch kein andrer Europäer gekommen ist regierte ein
König oder wurde vielmehr ein König von seiner Gemahlin regiert deren Herz über
alle Massen an Glanz Pracht an der Bewunderung des Pöbels und an Feierlichkeiten
hing Statt für den innern Flor des Landes zu sorgen machte man mit ungeheurem
Kostenaufwande ohne Unterlass Plane zu Eroberung fremder Provinzen nicht
sowohl um dadurch wahre Vorteile für die übrigen eignen Länder zu ziehen als
vielmehr um das Vergnügen zu haben große Huldigungsfeste zu feiern den
königlichen Titel um einige Zeilen zu verlängern und in den Jahrbüchern von
kurzsichtigen und knechtischen Geschichtschreibern unter die mächtigen Eroberer
gezählt zu werden Die unnützen Kriege und die Summen welche man der weibischen
Eitelkeit opferte erschöpften die Kassen der Staat wurde mit großen Schulden
belastet und den armen Bedienten blieb man den Gehalt schuldig
    In Agazan herrschte ein Monarch der allen guten Willen hatte sein Land
glücklich zu machen verjährte Vorurteile auszurotten und eine vernünftige
Gleichheit unter allen nützlichen Ständen in seinem Reiche einzuführen allein
der Ungestüm mit dem er das alles trieb Mangel an weiser nüchterner
Übersicht an Überlegungen und Festigkeit verdarben auch seine edelsten
Absichten Er musste oft Schritte zurückgehen die er übereilt getan oft
widerrufen was er befohlen hatte weil es nicht ausführbar war dabei
respektierte er zuwenig die Freiheit der Menschen und ihr Eigentum rechnete
zuwenig auf ihre verschiedenen Stimmungen und Vorstellungen von Glückseligkeit
denen der Weise zur rechten Zeit in Kleinigkeiten nachgibt um größere Zwecke zu
erreichen Er wollte alles gewaltsam nach Willkür mit der eisernen Hand des
Despotismus durchsetzen und so erbitterte er denn die Gemüter des Volks so wie
er von einer andern Seite die Großen durch zuviel Popularität vor den Kopf stieß
und demütigte die Andächtler gegen sich aufbrachte und die strengen Moralisten
durch seine unreinen Sitten empörte Er war krank als ich ihm vorgestellt
wurde aber ich konnte mich nicht enthalten Interesse für ihn zu empfinden und
wenn er länger in der Welt lebt und nicht durch seinen Ungestüm mehr verdirbt
als wiedergutzumachen möglich ist so kann noch einst sein Reich sehr glücklich
unter seiner Leitung werden
    Der König von Nemas hatte keinen Sinn für andre Freuden als für die elenden
Freuden der Jagd Das Land wimmelte von Löwen und Hyänen welche ungeheure
Verwüstungen anrichteten aber nicht geschossen werden durften damit der
Monarch seine rasende Mordlust befriedigen konnte sooft er wollte das heißt
täglich vom Morgen bis zum Abend Er sah sein ganzes Land nur als einen großen
Park an der ihm zum Vergnügen vom Schöpfer angelegt wäre Seine Untertanen
nebst ihrem Viehe und ihren Früchten betrachtete er als das bestimmte Futter
für die Tiere unter denen er sein Wesen trieb Was aber die Löwen und Hyänen
nicht frassen das nahmen die Beamten und Stattalter weg Die Klagen der Bauern
über Not Druck und Armut zu hören dazu hatte er weder Musse noch Lust Es fand
sich kein Augenblick wo man ihm eine Bittschrift überreichen konnte als wenn
er durch die Galerie ging um sein Jagdpferd zu besteigen dann nahm er kalt und
unteilnehmend die Papiere an achtete der Tränen nicht lachte über die
komischen Figuren welche die um Hilfe Flehenden machten wenn sie vor ihm
niederfielen und seine Knie umfassen wollten oder befahl den Leuten wenn er
einmal recht gnädig war aufzustehen indem er hinzufügte er sei ja nicht der
liebe Gott welches sie nun freilich wohl merkten übrigens wolle er die Sache
seinen Räten empfehlen Und dabei blieb es Die Bittschriften wurden an die
verschiedenen Departements abgeliefert  und wehe dem der darin über
Ungerechtigkeit und Bedrückung geklaget hatte Ihm wussten es die Bassen
einzudrängen Wurde aber einer dem man es recht arg gemacht und der nun nichts
mehr zu verlieren nichts mehr zu fürchten hatte gar zu laut ging hin zu dem
Könige und wusste sich Gehör zu verschaffen so dass Seine Majestät etwa einmal
aus ihrem Seelenschlafe erwachten und ernstlich befohlen dem Armen zu helfen
dann verbanden alle sich gegen ihn er wurde dem Monarchen als ein Querulant
als ein unruhiger Kopf geschildert der nie zufrieden wäre den man gar nicht
anhören müsste Zugleich machte man ihn dem Volke verdächtig brachte allerhand
böse Gerüchte von ihm in Umlauf als sei er ein gefährlicher boshafter Mann
und so fand denn der Unglückliche weder Gehör noch Glauben noch Beistand
    Der König von Orawad schien eine unförmliche Fleischmasse ohne Geist und
Leben zu sein unfähig an irgendeiner Sache wahres Vergnügen zu finden für
irgendeinen Gegenstand Interesse zu fassen irgendein paar Begriffe zu verbinden
und zu ordnen war er nicht nur weit entfernt seine Regentenpflichten erfüllen
zu können sondern auch ungeschickt mitten in dem Schlaraffenleben das er
führte einen Augenblick von Genuss zu haben und eine leidlich anständige
ernsthafte Miene anzunehmen wenn seine Hinterviertel den Thron seiner Väter
ausfüllten Echte Stupidität und Langeweile dehnten sich auf seiner Stirne und
wenn er den Mund öffnete so geschah es um eine Albernheit zur Welt zu bringen
Unter seinen Weibern das wollüstigste und ränkevollste beherrschte ihn und das
auf eine so verächtliche erniedrigende Weise dass sie ihn bei jeder Gelegenheit
öffentlich zu einem Gegenstande des Spottes machte So unersättlich wie ihre
körperlichen Begierden so grenzenlos war ihr Hang zur Pracht und Verschwendung
Da war keine Art von Auflage zu erdenken womit man nicht das arme Land
heimsuchte um den unvernünftigen Aufwand der Königin zu bestreiten und ihre
niederträchtigen Sklaven Lieblinge und Buhler zu bereichern Der höchste Grad
von Verderbnis der Sitten herrschte in allen Ständen und verhinderte das an
Leib Seele und Vermögen zugrunde gerichtete Volk sich dem abscheulichen
Despotismus entgegenzustemmen womit es geschunden wurde Ein zweideutiges Wort
ja nur ein lauter Seufzer war hinlänglich den welchem dies Wort oder dieser
Seufzer entfahren war auf seine Lebenszeit im Kerker schmachten zu lassen
Verhaftbefehle und Todesurteile wurden unter mutwilligen Scherzen in der
Garderobe und im wollüstigen Taumel ausgefertigt indes man dem seelenlosen
Monarchen in dessen Namen man dies Unwesen trieb kleine Nüsse hinwarf womit
er spielen musste und ihn mit Hohn in die Schranken seiner Dummheit zurückwies
wenn er es einmal wagte nach etwas zu fragen Ein glücklicher Leichtsinn und
die Gabe mit Lebhaftigkeit die kleinen guten Seiten an jedem Dinge zu entdecken
und die Augenblicke von frohem Genuss zu erhaschen hatte denn auch die Nation
bis jetzt abgehalten ernstaft über ihren traurigen Zustand nachzudenken und
kräftige Mittel zu wählen ihre schimpflichen Fesseln abzuschütteln allein ich
sah doch feste edle Männer mit finsterem Blicke umherschleichen sich zuweilen
verstohlen die brüderliche Hand drücken und sich mit dem großen wohltätigen
Plane beschäftigen der auch nachher ist ausgeführet worden
    Von dem Könige von Tafak habe ich wenig zu sagen Er ist den Türken zinsbar
welche ihm die Krone auf den Kopf gesetzt haben die auf diesem leeren Haupte
nur so lange festsjetzt als er der demütige Diener der Pforte bleibt Er ist
aber von dieser gekrönten Sklavenrolle sehr zufrieden insofern ihn seine
Königsbedienung nur in den Stand setzt ungestört in Völlerei und Wollust zu
leben
 
                                Sechstes Kapitel
                                  Fortsetzung
                                        
                     Beschreibung der kleineren Höfe Nubiens
Die kleineren Fürsten Nubiens deren Höfe ich im Vorbeigehen besuchte waren
nicht weniger originell in ihrer Art als jene großen nur fehlte es ihnen an
Macht ihre Torheiten und Untugenden mit soviel Aufwande zu offenbaren
Grösstenteils erregten sie bei mir nur Mitleid und Lächeln Wo sie aber konnten
und durften da übten sie eine Tyrannei aus die wenigstens für einzelne
Untertanen ebenso fürchterlich als die des größten Despoten war
    Am auffallendsten war mirs dass ich nicht einen dieser unbedeutenden
Menschen sah der nicht in seiner Residenz von zwanzig Häusern in seinem
Ländchen das auf der Landkarte gänzlich bedeckt ist wenn sich eine große
Fliege daraufsetzt sich so erhaben so wichtig vorgekommen wäre als der Kaiser
von China Je kleiner ein solcher Gesalbter war einen desto längeren Titel gab
er sich ja zwei von ihnen führten seit drei Jahren einen fürchterlichen Krieg
miteinander weil der eine sich unterfangen hatte den Titel Herr des
Sonnenscheins seinem durchlauchtigen Namen hinzuzufügen da hingegen der andre
behauptete dies sei ein ausschliessliches Recht seines Hauses
    Indessen hindert doch dieser Hochmut nicht dass einer in des andern Dienste
tritt und sich dafür jährlich eine Kleinigkeit bezahlen lässt dass er die Farbe
trägt worin der Nachbar seine Sklaven kleidet oder dass er eine goldene Kette
umhängt die ihm ein Fürst der einige Hufen Landes mehr als er besitzt
geschenkt hat und worauf eingegraben steht dass dies ein Zeichen von Verdienst
sein solle
    An jedem dieser kleinen Höfe herrschten ein andrer Ton andre Grillen andre
Liebhabereien und das alles leider auf Unkosten der armen Untertanen Der
Fürst von Schankala hatte einen übertriebnen Sammlungsgeist Ich musste seine
Kabinette besehen An Messern und Scheren von aller Art an Schuhen Pantoffeln
Sandalen und dergleichen und wie nur die Fussbekleidung heißen mag die
irgendein Volk des Erdbodens trägt an Haarkämmen Bürsten und andern ähnlichen
Kleinigkeiten besaß er einen solchen Schatz dass er zu Herbeischaffung dieser
Dinge aus allen Teilen der Welt sein Land mit ungeheuren Schulden belastet
hatte
    Der Fürst von Goyam fand ein großes Vergnügen an chirurgischen Versuchen und
ließ wöchentlich zweimal an einem seiner Untertanen eine Operation vornehmen
zum Beispiel ihm die Leber zur Hälfte aus dem Leibe schneiden um zu sehen wie
lange man ohne Leber noch atmen könne Dies war in der Tat sehr unterrichtend
für junge Wundärzte dabei war er so billig wenn ein Mensch in einer solchen
bei lebendigem Leibe vorgenommnen Sektion nicht starb ihm ein kleines Jahrgeld
auszusetzen welches denn auch wenn die Kassen nicht erschöpft waren zuweilen
wirklich ausgezahlt wurde
    In Gonga habe ich die prächtigsten Pferde Kamele und Elefanten gesehen die
in Afrika gefunden werden können Es ist wahr dass diese Tiere so viel frassen
dass darüber jährlich tausend Untertanen verhungern mussten allein dagegen konnte
sich auch kein Kaiser rühmen einen solchen Schatz zu besitzen und mehr Löwen
Hyänen Affen aller Gattungen Ratzen Ibis und dergleichen sind nirgends
anzutreffen als in der Menagerie zu Gonga Ein Spottvogel sagte einst der Hof
von Gonga sei ein Hof voll Vieh und das sei doch ein angenehmer Anblick
    Der Fürst von Enam war ein großer Beförderer der schönen Künste Alle
Suppliken welche ihm eingereicht wurden mussten in Versen verfasst sein nicht
anders als singend durfte ihm referiert werden Sein oberster Paukenschläger und
der Geheime Posaunenbläser welche beide zugleich Sitz und Stimme im Ministerio
hatten bekamen jeder doppelt soviel Gehalt als der Justiz und der
Finanzminister
    Der unumschränkte Beherrscher des kleinen Landes Ghedm ließ prächtige
Paläste errichten und herrliche Gärten anlegen Seine Schlösser mit allen ihren
Nebengebäuden hatten einen solchen Umfang dass seine sämtlichen Untertanen
darin hätten wohnen können Es wäre fast zu wünschen gewesen dass er sie dazu
hätte einrichten lassen denn die armen Leute konnten es doch in ihren
verfallnen Hütten nicht aushalten sondern wanderten haufenweise aus um sich
den herumziehenden Nomaden zuzugesellen
    In Damot war die Gelehrsamkeit zu Hause der Fürst beschäftigte sich mit
spekulativen Wissenschaften Für diesen Herrn war es wirklich schade dass ihm
seine Studien nicht Musse ließ sich der Landesregierung anzunehmen es fehlte
ihm gar nicht an Fähigkeiten dazu Nun aber war alles in den Händen seines
GeneralOberLandundFeldSonnenschirmTrägers der sein Liebling war und von
dem man nun freilich nicht ohne Grund behauptete dass ihm nicht anders als durch
Bestechung beizukommen wäre
    Da das Ländchen Kontisch durch seine Armut und seine Lage gegen alle
feindliche Angriffe gesichert ist und der Landesherr doch wünschte seine
Untertanen möchten einige Kenntnis vom Kriegswesen erlangen wozu ihm schon in
seiner Kindheit sein Hofmeister der man weiß nicht recht warum ein alter
Soldat aus Abyssinien war große Neigung erweckt hatte so teilte er seine
sämtlichen Untertanen in Regimenter ein belegte alle übrige Stände mit einer
Art von Schimpfe und wird dadurch den Zweck erreichen dass wenn nun bald
niemand mehr im Lande die Felder bauet er ein wohlgeübtes Heer hat an dessen
Spitze er die blühenden Fluren seiner Nachbaren erobern kann
    Das ist eine treue Schilderung der Höfe die ich in Nubien als Gesandter
des Königs von Abyssinien besucht habe Doch muss man keineswegs glauben es
herrschten in dem großen zum Teil noch gänzlich unbekannten Afrika nicht auch
edle weise Könige und Königinnen Fürsten und Fürstinnen vielmehr habe ich
deren besonders in dem mittägigen Teile einige in der Nähe und Entfernung zu
bewundern Gelegenheit gehabt die von ihren Völkern verehrt geliebt und deren
Namen wie die Namen Adolph August Karl Katarina Christian Ernst Franz
Franziske Friedrich Georg Gustav Joseph Leopold Ludwig Maximilian Peter
Stanislaus Victor Wilhelm Wolfgang und andre uns in Europa so teure heilige
Namen mit Segen genannt werden allein es liegt außer meinem Gesichtskreise von
diesen hier zu reden und sie sind über das Lob eines armen unbedeutenden
Schriftstellers wie ich bin erhaben  Wahre Größe kann nur im stillen
bewundert angestaunt mit warmen Herzen gefühlt aber sie muss und will nicht
gelobt werden
    Es gibt auch kleine Freistaaten in Nubien allein sie sind es mehrenteils
nur dem Namen nach sind OligarchenRegierungen wo man statt eines Tyrannen
deren zehne hat von denen sowie von ihren Weibern Kindern und Kreaturen man
abhängen kriechen schmeicheln und sich krümmen muss wenn man sein Glück machen
will insofern man nicht zu den herrschenden Pinselfamilien gehört  Tyrannen
ohne Erziehung ohne Ehrgefühl die nur darauf denken sich und ihre Vettern zu
bereichern die nicht wie in Monarchien durch irgendeinen äußern Sporn zu
großen Taten getrieben werden weder durch die Stimme des Rufs noch durch die
Feder des Geschichtschreibers sondern die ohne Verantwortung und Scheu alles
Böse tun können weil man voraussetzen darf es sei durch die Mehrheit der
Stimmen also entschieden und die selten Reiz haben etwas Gutes zu bewirken
weil sie die Ehre doch teilen müssen die wenn sie auch dies Gute ernstlich und
uneigennützig wünschen unendliche Schwierigkeiten finden es durchzusetzen
weil die Zahl der Edlern immer die kleinere Zahl ist der größere Haufen aber
teils aus Schelmen teils aus unbedeutenden Menschen besteht die nicht zu
erwärmen sind und sich leichter von Schurken und Schleichern als von graden
edlen Männern stimmen lassen Da lässt man denn kein eminentes Genie emporkommen
sondern macht es dem Volke verdächtig da heißt Eifer für das Gute 
Empörungsgeist Bekämpfung schädlicher Missbräuche und Vorurteile 
Neuerungssucht und Ketzerei da heißt der Mann der die Schliche der
heuchlerischen Bosheit aufdeckt und der ernstaften Dummheit die Larve abreisst 
ein Satiriker ein gefährlicher Friedensstörer  Oh wer würde nicht lieber
einem gekrönten Pinsel gehorchen der doch nicht unsterblich ist und endlich
einmal einem bessern Menschen Platz macht als das Joch von unzähligen solchen
Geschöpfen tragen die nie aussterben
    Und nun liebe Leser muss ich Sie ehe ich dies Kapitel schließe fragen ob
Sie bei der Schilderung des Despotismus in Nubien nicht mit mir Ihr Schicksal
gesegnet haben das Sie in Europa hat geboren werden lassen wo wir dergleichen
Tyranneien nicht kennen wo die Rechte der Menschheit heiliggehalten werden und
die echte Philosophie Regenten und Volk über ihre gegenseitigen Pflichten
aufgeklärt hat Aber auch in Nubien wird es einst dahin kommen dass man diese
Rechte und Pflichten näher beleuchtet Dann wird man es laut und kühn sagen es
ist gegen die Ordnung der Natur dass Millionen bessere Menschen ohne Wahl ohne
Übereinstimmung grade dem Schwächsten dem Elendesten unter ihnen gehorchen
gegen die Ordnung der Natur dass nicht das Gesetz sondern die Willkür eines
einzigen Tod und Leben Eigentum Ehre und Schande frei und gleich geborner
Menschen bestimmen soll dass ein Knabe ein Blödsinniger ein Bösewicht an der
Spitze großer edler gesunder und weiser Männer stehen und diese zum Spielwerke
seiner Grillen und Torheiten machen soll gegen die Ordnung der Natur dass es
vom blinden Ungefähr abhängen soll ob der welcher in ein Hospital oder
Waisenhaus gehörte auf einem Fürstentrone sitzen und mit Ländern und Völkern
Possen treiben soll gegen die Ordnung der Natur dass man Menschen und Provinzen
und Recht über Leben und Tod erben kann Wir wollen gern gehorchen aber nur den
Gesetzen denen wir uns freiwillig unterworfen haben nicht der Willkür und
einer soll an unsrer Spitze stehen und über Haltung der Gesetze wachen aber
dieser eine soll ein weiser und guter Mann und wäre er auch nicht der Beste und
Weiseste unter uns wenigstens nicht der allgemein anerkannt Schwächste und
Schlechteste sein Unsre Fürsten sollen es erfahren dass alles was sie besitzen
und verwalten unser Eigentum ist dass ihr Amt ihr Stand nur von unsrer
Übereinkunft und Beistimmung abhängt dass erst der geringste arbeitsame Bürger
unter uns Brot haben muss ehe an den Hofschranzen und Tagedieb die Reihe kommt
ehe aus dem öffentlichen Schatze dem Müßiggänger Pasteten und Braten gekauft und
Geiger und Pfeifer und Buhlerinnen besoldet werden Und wenn das unsre Fürsten
einsehen anerkennen und danach handeln dann wollen wir sie in Ehren halten
und nicht absetzen wollen ihnen ihr Leben süß und leicht machen wollen ihnen
für ihre Arbeit und Sorgfalt Gemächlichkeit und erlaubte Freuden des Lebens und
Wohlstand zusichern und dafür sorgen dass ihre Kinder nach diesen Grundsätzen
erzogen und würdig werden nach ihnen an unsrer Spitze zu stehen Und wenn sie
tot sind wollen wir das Andenken des guten tätigen väterlichen Wohltäters
segnen der für viele gelebt und seine Kräfte dem allgemeinen Besten gewidmet
hat
    Ich hoffe dass man bald aus diesem Tone auch in Nubien reden wird und welch
ein glückliches Reich glücklich wie unser Europa wird dann Nubien werden
    Nach dieser Ausschweifung kehre ich zu der Geschichte meiner Reise zurück
womit ich ein neues Kapitel anfangen will
 
                               Siebentes Kapitel
  Ankunft in Gondar Empfang und andre Nachrichten das Land den Hof und die
                                Stadt betreffend
Es war nun im Jahre 1768 als ich Nubien verließ wo ich nicht nur die mir
aufgetragnen Verhandlungen vollkommen nach Wunsche ausgerichtet hatte sondern
auch an allen Höfen mit ausgezeichneter Achtung war behandelt worden Die Hitze
war groß am Tage und in der Nacht dagegen die Kälte fast unerträglich mein
Vetter der Minister hatte aber dafür gesorgt dass ich mich gegen beides
verwahren konnte
    Die Reise ging immer längs den Ufern des Nils hinauf Mit wahrem Entzücken
erblickte ich hier das schönste Land das ich noch je gesehen hatte ganze
Wälder von Akazienbäumen eine angenehme Abwechselung von Bergen und Tälern das
schönste Obst und allerorten die Spuren des Fleißes der Einwohner den
herrlichsten Weizen großes fettes Vieh  kurz ich durchreisete Provinzen die
mir dem mittägigen Teile von Frankreich nichts nachzugeben schienen nämlich der
Beschreibung nach die ich davon gelesen hatte denn ich kannte damals von
Europa noch nichts als die Gegenden von Goslar Holzmünden Helmstedt und den
Strich von meiner Vaterstadt an bis Stade Die Fruchtbarkeit in manchen
Provinzen von Abyssinien zum Beispiel um Selechleche her und in der Provinz
Waggora ist so groß dass die Einwohner dreimal im Jahre ernten
    Manche von den abyssinischen Völkern die ich sah waren schwarz andre
braun und noch andre olivenfarbig
    Schon einige Meilen von Gondar welches eine große prächtige schön gebaute
Stadt ist erblickte ich vortreffliche Anlagen Lustschlösser Gärten Alleen
Strassendämme Wasserkünste  alles nach europäischem Fuße Wenn dies sämtlich
meines Herrn Vetters Werk ist sagte ich zu mir selber so hat er wahrlich große
Verdienste um dies Königreich Ich wollte dass seine Eltern die Freude erlebt
hätten das altes so zu sehen wie ich es jetzt sehe
    Ungefähr eine halbe Meile von der Residenz kam mir der Minister mit einem
zahlreichen Gefolge entgegen Er ließ sich langsam von seinem prächtig
geschmückten Elefanten herunterheben ich sprang so gut ich konnte von dem
meinigen und ging auf ihn zu Herr Wurmbrand umarmte mich freilich nicht so
herzlich als ein weniger vornehmer Herr seinen Vetter würde umarmt haben aber
doch mit viel Anstande und freundlicher Herablassung Es war Harmonie in meinen
Ohren zum erstenmal wieder seit zwei Jahren meine Muttersprache reden zu hören
und ich konnte mich nicht enthalten ihm meine Freude darüber zu bezeugen »Dies
Vergnügen« antwortete mir Joseph »könnt Ihr mein lieber Vetter hier oft
genießen denn des Königs Majestät reden selbst Deutsch worin ich die Ehre
gehabt Ihnen Unterricht zu geben und haben diese Sprache zur Hofsprache
erhoben Jetzt ist bis auf die Küchenjungen hinunter kein rechtlicher Mensch
in Gondar der so elend und fehlerhaft er auch das Deutsche redet nicht sich
schämen würde sich seiner Muttersprache anders als im Gebete zu bedienen« 
»Euer Exzellenz haben hier große Dinge bewirkt« erwiderte ich »Sie haben sich
unsterblich gemacht«  Mein Herr Vetter lächelte bescheiden und nickte gnädig
mit dem Kopfe »Wer hätte das denken sollen« fuhr ich fort »als Euer Exzellenz
aus des Kantors Hause in Eisenach«  der Minister zog seine Stirn in ernsthafte
Falten ich brach das Gespräch ab
    Wir setzten uns nun zusammen in eine Art von Sänfte einander gegenüber und
so ging denn der Zug langsam bis zur Residenz wo alle Wachen vor uns ins Gewehr
traten unterwegens aber bereitete mich Joseph zu demjenigen vor was meiner
wartete und unterrichtete mich von dem was ich zu beobachten hätte wenn ich
morgen dem Könige vorgestellt würde
    Jetzt kamen wir zu dem Palaste des Ministers über dessen Pracht der Menge
von Sklaven und der Ordnung und Zierlichkeit welche darin herrschten ich die
Augen gewaltig aufriß Da ich indessen sehr müde von der Reise war so wurde
ich nach einer leichten Abendmahlzeit die ich allein mit dem Minister einnahm
in meine Wohnung geführt wozu ich den einen Flügel seines Palais aufs beste
eingerichtet und mehr als zwölf Sklaven fand die auf meine Befehle warteten In
Goslar wo ein Stiefelknecht meine einzige Bedienung und ein schwarzer Pudel das
einzige Geschöpf war das auf meinen Wink herbeieilte würde ich mich freilich
bei einer so schleunigen Veränderung ein wenig links genommen ja ich würde es
unbequem gefunden haben einen Haufen müßiger gaffender Menschen ohne Unterlass
um mich zu sehen und über das was ich ganz bequem selbst tun konnte erst Worte
und Zeit zu verlieren bis ein andrer seinen Arm dazu ausstreckte allein man
nimmt nichts leichter an als die vornehmen Manieren und so viel hatte ich schon
auf meinem Gesandtschaftszuge gelernt dass ich jetzt meinen Advokatenanstand
gänzlich abgelegt hatte und die Rolle eines deutschen Edelmanns in welcher mein
Herr Vetter mich auftreten ließ vielleicht mit mehr Würde spielte als mancher
Landjunker der durch ähnliche Protektion und Familienverbindung in einen
solchen Posten hinaufgerückt ist
    Am folgenden Tage nun wurde ich dem Monarchen vorgestellt Meine Augen
wurden fast verblendet von dem Glanze den ich auf dem Schloss erblickte aber
auch das hatte ich schon gelernt dass vornehme Leute immer das Ansehen haben
müssen als fänden sie alles gemein und höchst alltäglich was ihnen auch noch
so fremd ist Ich schritt zuversichtlich und selbstgenügsam durch die Reihe der
Hofschranzen und Großen des Reichs hindurch und hielt nachdem ich mich der
dortigen Sitte gemäß zur Erde geworfen hatte wobei meine Nase einen derben
Stoß bekam an Seine Majestät in deutscher Sprache meine Anrede in welcher
ich nicht nur mein Dankgefühl auszudrücken suchte sondern auch nebst
Überreichung der Schreiben von den verschiedenen nubisschen Höfen einen kurzen
Bericht von meinen glücklichen Verrichtungen erstattete
    Der König oder große Negus hatte einen kleinen Schaden am Gehör und daher
war es Mode dass alle Hofleute ein wenig taub zu sein affektierten Kaum hatte
ich daher meine Rede begonnen so zog als wie auf einen Wink der ganze hier
versammelte Zirkel seine tubos acusticos oder Hörtrompeten aus den Taschen
hielt dieselben vor die Ohren und machte ohne übrigens wirklich auf das
achtzugeben was ich sagte die Pantomime des Wohlgefallens die man
schicklicherweise machen muss wenn ein Mann von Gewicht redet
    Seine Majestät ein Herr von vierundfunfzig Jahren waren äußerst prächtig
gekleidet der hohe Turban war mit so viel Juwelen geziert dass man damit hätte
das ganze deutsche Grafenkollegium auskaufen können auch waren Sie dabei
gewaltig parfümiert und schön frisiert
    Als dieser feierliche Aktus vollendet war bezeugte mir der Monarch seine
gnädige Zufriedenheit und fragte nach allerlei gleichgültigen Dingen zB ob
ich böse Wege angetroffen hätte wo sich jetzt der Fürst von AnhaltZerbst
aufhielte ob es wahr sei dass die Jesuiten die er aus Abyssinien vertrieben
hätte Gold machen und Geister sehen könnten ob in Hanau noch so gute Pasteten
verfertigt würden ob man an den deutschen Höfen noch immer französisch redete
u dgl m Dann winkte der König dem Obermarschalle dass er sich nähern sollte
und sagte ihm etwas in das Ohr worauf dieser dem Hofe mit lauter Stimme
verkündigte Seine Majestät hätten den anwesenden deutschen Kavalier mich
nämlich zu Ihrem Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre und Obersten der
Leibgarde ernannt Hierauf küsste ich mit der demütigsten Dankbarkeit Seiner
Majestät die Füße empfing die heuchlerischen Glückwünsche der neidischen
Hofleute der König erhob sich vom Throne ging in sein Kabinett und wir nach
Hause
    »Aber um Gottes willen verehrungswürdigster Herr Vetter« rief ich sobald
ich mit Joseph allein war »was fange ich nun an Ich verstehe nichts weder vom
Hof noch vom Kavalleriedienste bin außer auf den Philisterpferden in
Helmstedt nie zeit meines Lebens auf ein Pferd gekommen«  »Seid unbekümmert«
erwiderte er »um Kammerjunker zu sein braucht man gar nichts zu wissen und
bei der Garde du Korps obgleich sie nur aus einer Schwadron besteht sind
außer Euch noch sechs Obersten die den Dienst für Euch tun können Ihr seid zu
größeren Dingen bestimmt dies ist nur der Anfang um Euch einen Rang und
Besoldung zu geben Vorerst wird Euer Geschäfte sein Seiner Majestät wenn Sie
einschlafen wollen aus den Büchern die ich Euch namhaft machen werde etwas
vorzulesen mit Ihnen über die Verfassung der europäischen Staaten zu reden und
Sie unvermerkt zu demjenigen zu stimmen was ich durchzusetzen mir vorgenommen
habe Wenn Ihr dabei leidlich grade auf dem Pferde hängen könnt ich will Euch
schon eine geduldige Mähre geben lassen sooft die Garde gemustert wird und
bei Tafel guten Appetit habt so wird der Himmel schon weiter sorgen bis der
Zeitpunkt da ist wo ich Euch in Eurem Fache ansetzen kann«  »Aber« sagte ich
ängstlich »mein Hauptfach sind die Pandekten und was soll ich damit hier« 
»Noch einmal« sprach mein Vetter mit Ungeduld »verlasset Euch nur auf mich und
räsonieret nicht«
 
                                 Achtes Kapitel
                Fragmente aus der älteren Geschichte Abyssiniens
Das vorige Kapitel ist besonders für solche Leser geschrieben denen
Gesandteneinzüge Hoffeierlichkeiten Fürstengespräche Audienzen und
dergleichen interessante Dinge sind Diese Personen muss ich dann um Verzeihung
bitten dass ich jetzt solche Sächelchen linker Hand liegenlasse und einen andern
Gegenstand abhandle der ihnen trocken vorkommen wird von dem ich aber
notwendig eine kurze Übersicht geben muss wenn mein Werk so verständlich und
nützlich werden soll als ich es von Herzen wünsche
    Um nämlich zu zeigen wie mein Herr Vetter es angreifen musste sein
Aufklärungsgeschäft in Abyssinien mit Erfolge zu treiben wie weit es dort mit
der Kultur und gewissen andern politischen und moralischen Umständen damals
gekommen war die Einfluss auf die Stimmung des Geistes und Herzens eines Volks
haben und welche Ressorts also vor und gegen seine Bemühungen wirkten sehe ich
mich gezwungen einen Blick in die ältere und mittlere Geschichte dieses Reichs
zu werfen
    Ich würde dabei in große Verlegenheit geraten sein besonders was die Zeiten
des grauen Altertums betrifft weil diese in den Jahrbüchern aller Völker in
Fabeln gehüllt sind welche die Unwissenheit bei dem Mangel zuverlässiger
Urkunden aus verstümmelten mündlichen Überlieferungen zusammenbuchstabiert und
nachher mehrenteils der Betrug in ein gewisses System gebracht zu haben pflegt
welches System dann wenn es zu einem Glaubensartikel geworden dem Forscher den
Weg versperrt der Wahrheit auf den Grund zu kommen oder wenigstens seine
Entdeckungen bekanntzumachen  Ich würde sage ich in große Verlegenheit
geraten sein wenn nicht ein weiser menschenliebender und von Vorurteilen
freier Mann in Abyssinien von dem ich in der Folge noch öfter zu reden
Gelegenheit haben werde und der als ein Verwiesener in den Gebirgen von Waldubba
lebte mir sehr schätzbare Beiträge zu dieser alten Geschichte geliefert hätte
 Rücken wir der Sache näher
    Die Geschichte aller Völker stößt zuletzt auf eine Hauptrevolution der
Natur die wie es scheint nach einem Zwischenraume von vieltausend Jahren
periodisch dem Erdboden eine andre Gestalt gibt Ohne zu entscheiden ob diese
Revolution jedesmal mit einer großen Überschwemmung sogenannten Sündflut oder
mit einer andern großen Naturbegebenheit als Erdbeben und Brand ihren Anfang
nimmt ohne zu entscheiden ob diese Umkehrung des Erdbodens nach gewissen
Gesetzen in gewissen Zeiträumen erfolgen muss oder durch zufällige Umstände
herbeigeführt bald früher bald später eintritt so scheint doch aus den
Beobachtungen der Naturkündiger Astronomen und Philosophen folgendes als
ungezweifelt angenommen werden zu können
    Nach Verlauf einer Reihe von Jahrtausenden wird ein großer Teil der
bewohnten Erde durch eine Empörung der Elemente gänzlich umgeschaffen Land in
See See in Land verwandelt Berge werden umgewälzt Täler emporgehoben die
Bewohner dieses Teils des Erdbodens kommen um und mit ihnen gehen ihre
Kunstwerke ihre Anlagen die Monumente und Resultate ihres Fleißes und ihrer
Nachforschungen verloren blühende Staaten werden vernichtet und vor der
Aussicht in die Geheimnisse der Weisheit in welche man schon im Begriff war mit
kühnem Schritte zu dringen fällt nun wieder ein Vorhang
    Das allsehende Auge der Vorsehung scheint diese Katastrophe immer dann
herbeizuführen wenn die menschlichen Erkenntnisse und Erfahrungen grade das
Ziel erreicht haben über welches sie nicht hinausgehen sollen wenn Kultur im
Intellektuellen und Moralischen alle Stufen hinaufgelaufen ist die zu ersteigen
möglich nützlich ja zur Erziehung dieser Generationen für eine höhere Sphäre
nötig war  nötig war um die Triebfedern des Strebens des Forschens und
Wirkens die der Zweck des Erdenlebens sind aufs neue anzuspannen weil nun
einmal unter dem Monde über einen gewissen Punkt des Wissens und Wollens nicht
hinauszukommen und Ruhe Untätigkeit klares unvermischtes Anschauen und
Durchschauen nicht die Bestimmung des ungeläuterten Geistes ist solange er in
Menschenformen sichtbar wirken muss bis alles auch der gröbeste Stoff
bearbeitet und veredelt worden und alle Form aufhört
    Allgemein über den ganzen Erdboden verbreitet kann eine solche Revolution
nie sich erstrecken hat nie sich so weit erstreckt darf das auch nicht  das
haben alle verständige Naturkündiger und Philosophen eingesehen
    Je nachdem nun entweder kein einziger von denen welche dies zerstörte Stück
des Erdbodens bewohnt haben sich rettet und also die neue Bevölkerung aus
andern benachbarten oder entfernten zivilisierten oder barbarischen Ländern her
unternommen wird oder je nachdem die welche dem Sturme entkommen viele oder
wenige an der Zahl alte oder junge kultivierte oder unwissende Menschen sind
je nachdem fängt denn auch die neue Generation den Zirkel der Kultur ganz von
vorn oder in der Mitte wieder an Immer aber folgt unvermeidlich dass die
Nachrichten welche die Personen uns von jener wichtigen Katastrophe geben
können weil sie in ihrem hülflosen Zustande nötigere Dinge zu tun haben als
Anstalt zu Verfertigung von Geschichtbüchern zu machen durch die mündlichen
Überlieferungen äußerst unzuverlässig werden müssen Ebenso unvermeidlich folgt
dass der Zustand der neuen Bevölkerer dieses wüsten Erdstrichs wären sie auch
noch so kultivierte Menschen sich doch sehr dem ersten rohen Zustande der
Natur nähern muss teils weil es ihnen an allen Hülfsmitteln Werkzeugen
Veranlassungen fehlt an etwas anders als die nötigsten Bedürfnisse zu denken
und der verwilderte Boden sich weigert das Erforderliche zu den
Gemächlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens herzugeben teils weil eine
Menge konventioneller Begriffe die im geselligen und bürgerlichen Leben
unendliche Mannigfaltigkeiten Gesetze Wünsche Freuden Pflichten Unruhen
Unternehmungen etc erzeugen  hier gänzlich wegfallen
    Die älteste Geschichte jedes Volks ist daher kleine Modifikationen
abgerechnet die Geschichte fast aller Völker  Das ist nicht auffallend aber
auffallender ist es wohl und doch nicht weniger wahr dass auch die nachfolgenden
Veränderungen die mit der Kultur und allen moralischen und politischen
Umschaffungen vorgehen in allen Reichen wenn man die Geschichte derselben von
ihrem Schmucke und von den Episoden entblößt und über das langsamere und
geschwindre Fortrücken hinausgeht in allen Teilen der Welt nach einem und
demselben Systeme herbeigeführt werden
    Indem ich nun eine Skizze von der Geschichte des Königreichs Abyssinien
entwerfe wünsche ich dass die Leser bemerken mögen dass dies zugleich die
Geschichte des Despotismus überhaupt in seiner Entstehung seinem Wachstume und
seinen Folgen ist die ihm früh oder spät das Grab bereiten Fangen wir jetzt
ohne weitere Ausschweifung an
    In Abyssinien kannte man in den ältesten Zeiten wie in allen Ländern nur
das Familienregiment Jeder Hausvater der mit seiner Familie das Stückchen
Landes bauete das ihn sein Weib und seine Kinder ernähren sollte wies jedem
seiner Hausgenossen seine Arbeit an Es fand kein geteiltes Interesse statt
jeder wirkte zum Wohl der ganzen Familie jeder war arbeitsam weil Menschen
ohne andre Zerstreuungen und Bedürfnisse folglich auch ohne kränkliche Launen
und Leidenschaften nichts kannten als die Sorgfalt ihr kleines Tagewerk zu
vollenden und dann zu ruhen Der Begattungstrieb paarte die Kinder des
Patriarchen Solange die Familie nicht zu groß wurde blieb sie beisammen
Konnte das Fleckchen Erde das sie umzäunt hatten sie nicht mehr ernähren so
teilte sie sich ab und so entstanden mehr Familien die weiter miteinander in
keiner Verbindung standen sondern ungestört sich ihren Wirkungskreis schufen
weil Raum genug für sie da war und sie nichts bedurften als was sie sich
selbst ohne fremde Hilfe verschaffen konnten Hier entstand also Eigentum
nicht eines einzelnen Menschen sondern einer ganzen Familie Sie glaubten mit
Recht dass das Land ihnen zugehörte welches ihr Fleiß bebauet hatte und starb
ein Glied aus dieser Familie so blieben die übrigen im Besitze
    Indessen traten Fälle ein wo eine Familie der andern beistehen musste Die
eine hatte etwas mehr Vorrat von Lebensmitteln gewonnen als sie grade zu
verzehren vermochte die andre hatte durch einen unfreundlichen Sturm durch den
Einbruch wilder Tiere oder irgendeine andre kleine irdische Widerwärtigkeit
etwas eingebüßt  und die benachbarte Bruderfamilie half aus Der Tod raffte
dagegen in dieser einen nützlichen Arbeiter weg  ein Mitglied aus jener
ersetzte auf eine Zeitlang freundschaftlich den Platz Durch Heiraten verbanden
sich denn auch manche Familien miteinander  und so wurde das erste
zusammengesetztere Gesellschaftsband geknüpft
    In dieser Periode darf man nicht erwarten andre Künste erfunden zu sehen
als die welche den unmittelbarsten leicht zu übersehenden Nutzen auf das
häusliche Leben und die Befriedigung der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse zum
Gegenstande hatten
    Sobald aber in den Geschäften der Familienglieder eben durch die
Vervielfältigung der Arten von Arbeit eine Verschiedenheit eintrat war der
Anteil den jeder an dem Unterhalte der ganzen Gesellschaft nahm nicht mehr so
leicht zu übersehen und indem jeder einzelne die Verwendung seiner Kräfte nach
seiner Art taxierte hatte er nicht mehr die Aufmunterung einen Strich von
Tätigkeit mit den übrigen zu halten die Verschiedenheit der Temperamente wirkte
dabei mit und so gab es nun bald faulere und fleissigere Menschen
    War das Haupt einer Familie ein weniger tätiger weniger fleißiger Mann so
ging es auch in seinem Hauswesen schläfriger her Die nötigen Bedürfnisse für
jedes Jahr wurden nicht gewonnen am wenigsten Vorrat auf das folgende
gesammelt indes sein arbeitsamerer Nachbar zurücklegte oder seine Besitzungen
erweiterte unbebauetes Land urbar machte kurz anfing mehr zu haben als er
brauchte  Was folgte hieraus Nicht nur die Entstehung des Unterschieds
zwischen Armen und Reichen sondern auch des Unterschieds zwischen Herrn und
Knecht Denn wenn jemand fortgesetzt faul war folglich gänzlich verarmte und
Mangel litt so blieb ihm um nicht zu verhungern nichts anders übrig als den
Nachbar um Hilfe zu bitten und wenn dieser nicht geneigt war ihn unentgeltlich
zu füttern so wurde eine Art von Vertrag unter ihnen geschlossen zum Beispiel
dass die Familie A der Familie B das von ihr urbar gemachte aber seit einiger
Zeit vernachlässigte Gut abtrat welches vielleicht ein erwachsener Sohn aus der
Familie B anfing zu bauen wogegen aber die Familie A auf gewisse Zeit von
der andern musste ernährt werden oder ein einzelner Mensch der nicht gern
arbeitete und dadurch zurückgekommen war verdung sich endlich aus Not einer
andern Familie für ein bisschen Kost und Kleidung als Handlanger Es lässt sich
begreifen dass ein solcher durch Faulheit verarmter Mensch in keiner großen
Achtung stand dass er in der Familie welcher er diente zurückgesetzt dass ihm
nicht eben die fettesten Brocken gereicht wurden Dieser erste Unterschied der
Stände nämlich der zwischen Herrn und Diener wirkte also auch schon auf die
äußere Begegnung der Menschen untereinander
    Hierbei aber sind zwei Dinge wohl zu bemerken nämlich dass also der erste
Anspruch auf das Recht andrer Menschen Herr zu sein und von ihnen mit
ausgezeichneter Achtung behandelt zu werden in Abyssinien so wie in allen
Ländern nur dadurch gewonnen wurde dass man arbeitsamer wie sie war und es ist
wahrlich zu verwundern wie jetzt in manchen Ländern der Welt diese
ursprüngliche Entstehung der Herrschersrechte so sehr in Vergessenheit gekommen
ist dass grade der welcher Millionen Menschen despotisch beherrscht einen
Freibrief zu haben glaubt der Faulste und Untätigste unter ihnen allen zu sein
Ferner ist zu bemerken dass natürlicherweise von s des Knechts der Vertrag
der Abhängigkeit und Dienstbarkeit jeden Augenblick aufgehoben werden konnte
sobald der Knecht Mittel fand und Lust hatte sich selbst zu ernähren und für
sich zu arbeiten
    Bis dahin war alles was Recht und Unrecht heißen konnte so leicht zu
übersehen so keinem Zweifel unterworfen dass es weder eines Gesetzes noch eines
Richters bedurfte Nun aber traten einige sonderbare Fälle ein eine Familie
starb aus und hinterließ ein schönes wohlangebautes Gütchen es entstand die
Frage wer nun die Früchte des Fleißes dieser Familie genießen mit andern
Worten wer das Gut erben sollte denn von der albernen Idee dass ein Mensch
bestimmen was nach seinem Tode geschehen soll oder das was man ein Testament
nennt machen könne war man damals noch weit entfernt Verschiedne machten
Anspruch darauf wer sollte entscheiden Ferner man musste sich gegen die
Überschwemmungen des Nils sichern dies erforderte gemeinschaftliche Mitwirkung
mehrerer einzelner Familien Vereinigung zu einem Zwecke Man war nicht einig
über die Art das Werk zu betreiben wer sollte die Oberaufsicht führen
Endlich ein unruhiger Kopf der sich auf die Stärke seiner Arme verlassen
konnte fand es bequemer seinem schwächern Nachbarn die Früchte wegzunehmen
als selbst zu arbeiten Dem Schwächern kamen andre zu Hilfe es entstand Streit
vielleicht gar Mord und Totschlag wie war es anzufangen Ruhe und Frieden zu
erhalten und da nun einmal das Recht des Stärkern anerkannt werden muss durch
Vereinbarung gegen den welcher Missbrauch von diesem Rechte machen wollte ein
gewisses Gleichgewicht herzustellen Auch entstand wohl Zwist über den Besitz
der Weiber über Grenzen Verwüstungen welche des Nachbars Haustiere
angerichtet hatten und dergleichen mehr  Dies alles brachte denn die
sämtlichen Familien auf den Gedanken sich ein gemeinschaftliches Oberhaupt des
ganzen Stammes zu wählen der ihr Schiedsrichter Ratgeber und Anführer wäre
    Auf wen nun sollte diese Wahl fallen Natürlicherweise auf den Ältesten
denn wo alle zusammengesetztere Bedürfnisse Kenntnisse und Wissenschaften
wegfallen da ist Weisheit Erfahrung und um diese zu erlangen war ein langes
Leben hinlänglich Der Älteste wurde also zum Fürsten gewählt und wenn er
starb folgte ihm in seinem Platze der welcher nach ihm der Älteste war Hier
nun haben wir die erste Entstehung eines kleinen Staats in Abyssinien Da dies
Oberhaupt nach Verhältnis wie die Bevölkerung zunahm sehr viel zu tun
bekommen musste indem jeder seine Zuflucht zu ihm nahm so blieb ihm keine Musse
übrig sein Feld zu bauen Dies war nun freilich bei denen welche sich andern
Geschäften als dem Ackerbaue widmeten auch der Fall doch konnten diese das
was sie produzierten unmittelbar gegen Nahrungsmittel umsetzen Der welcher
Körbe flocht konnte dem Nachbar seinen Korb gegen ein Lamm umtauschen der
Jäger lieferte dem Schneider einen Braten in die Küche und erhielt dafür ein
Gewand zu Bedeckung seiner Blöße Allein das Oberhaupt der kleinen Republik
hätte verhungern und nackt einhergehen müssen wenn nicht alle Familien
zusammengetreten wären und ihm dafür dass er jedem mit Rat und Tat diente
seinen Unterhalt gereicht hätten Der Fürst wurde also vom Staate ernährt
allein nie kam ihm der tolle Gedanke ein dass er deswegen der Eigentümer des
ganzen Landes wäre weil das ganze Land seine nötigen Bedürfnisse befriedigte
ihm auch wohl ein wenig bessere Kost Wohnung und Kleidung reichte weil man
ihm seiner Weisheit seines Alters und seines allgemeinern Einflusses wegen
mehr Achtung bewies Übrigens war er ein Mitglied des Ganzen wie die andern und
Oberhaupt und Richter zu sein oder Jäger zu sein oder Korbmacher oder Hirte oder
Ackermann zu sein das hieß einen von den im Staate gleich nützlichen Ständen
gewählt haben ohne sich deswegen besser halten zu dürfen als die welche andre
Geschäfte nach ihrer Neigung treiben Es war aber der Familie des Fürsten und
ihm selber unverwehrt nebenher noch ein andres Geschäft zu treiben folglich
auch Güterbesitzer zu sein das nennen wir in Europa Domänen haben und als ein
solcher genoss er nicht mehr und nicht weniger Vorrechte als jeder andre
Eigentümer von Grundstücken
 
                                Neuntes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Je mehr die Bevölkerung in Abyssinien zunahm desto mannigfaltiger wurden die
Fälle in denen man des Rats und der Entscheidung des Oberhaupts bedurfte Um
nun nicht über jeden kleinen streitigen oder schwierigen Punkt seine Zuflucht zu
diesem nehmen zu müssen und um zu verhindern dass nicht zuweilen eine Partei
sich durch den Ausspruch des Fürsten gekränkt glaubte oder ihn im Verdacht einer
Parteilichkeit hätte traten alle Häupter der Familien zusammen und setzten über
oft vorkommende Fälle gewisse Regeln fest wonach diese entschieden werden
sollten Dies waren die ersten Gesetze Bei so einfachen Verhältnissen bedurfte
es keiner großen Menge solcher Gesetze Der Fürst hatte nun eine Richtschnur
welche alle Willkür hinderte einen Kodex nach welchem er richten musste Nur in
außerordentlichen noch nie vorgekommenen oder nicht klar determinierten Fällen
überließ man es seiner Klugheit ein billiges Urteil zu sprechen
    Unter diesen Gesetzen war auch eines die Erbschaften betreffend Darin
wurde unter andern ausgemacht dass wenn eine Familie ausstürbe ihre
Besitzungen dem ganzen Staate anheimfallen sollten und da es nicht gut möglich
war diese in unendlich kleine Stücke unter alle übrigen Familien zu verteilen
so räumte man dem jedesmaligen Fürsten das Recht ein sie im Namen des Staats
nach bestem Wissen und Gewissen vorzüglich würdigen fleißigen oder durch
Unglücksfälle verarmten Familien zu schenken  Als dies Gesetz gemacht wurde
schüttelten einige weise in die Zukunft voraussehende Männer bedenklich die
Köpfe allein es ging durch Mehrheit der Stimmen durch
    Auf große Tafeln wurden nun die neuen Gesetze gegraben und da wo die
Sammelplätze der verschiedenen Stämme waren aufgehängt Sie kamen also zu
jedermanns Wissenschaft und waren auf Kinder und Kindeskinder verbindlich weil
das Korps der Familienhäupter dazu eingewilligt hatte Doch verstand sichs von
selber dass es jeder einzelne die Freiheit behielt ihre Gültigkeit nicht
anzuerkennen folglich auf seine Gefahr dagegen zu handeln oder das Land zu
verlassen
    Was die Strafen betrifft so waren sie äußerst einfach Wo Ersatz möglich
war Ersatz in einzelnen Fällen Einkerkerung auf einige Zeit oder wenn die
Sicherheit des Staats es erforderte doch äußerst selten auf immer vielmehr
statt dieses letzten heftigen Mittels die Landesverweisung mit der Bedrohung
einer ewigen Einkerkerung wenn der Verbrecher sich wieder unter den Abyssiniern
sehen ließe An Todesstrafen war auf keine Weise zu denken Dieser abscheuliche
Gedanke kam nicht in die Seele der guten Gesetzgeber Wie sollte es ihnen
eingefallen sein sich das Recht anzumassen einem ihrer Brüder eine Existenz zu
rauben die sie ihm weder geben noch zusichern konnten worauf er ein Recht
gehabt hatte ehe an ihre Gesetze gedacht war und dies deswegen weil er andre
Begriffe von Recht und Unrecht hatte als sie Wie konnte es ihnen einfallen
selbst zu Bestrafung des Totschlags noch einen Totschlag zu begehen ohne
Zweck ohne das geschehene Übel dadurch gutzumachen ohne den Verbrecher zu
bessern ohne hoffen zu dürfen dass durch diese unbefugte Gewalttätigkeit andre
Rasende abgehalten werden würden in der Wut der Leidenschaften ähnliche
Verbrechen zu begehen
    Von diesen Strafen nun wurden nie Ausnahmen gemacht am wenigsten stand dem
Fürsten die Befugnis zu sie zu mildern oder zu erschweren denn noch war der
Begriff dass der Fürst in Staatsangelegenheiten nach seinem Willen handeln sich
an die Stelle des Staats setzen Rache ausüben willkürlich verdammen und
lossprechen Gesetze aufheben aus eigener Macht Verordnungen geben Gnade für
Recht ergehen lassen und überhaupt Gnaden erteilen könnte nie in eines
Abyssiniers Kopf gekommen Gerechtigkeit üben das war seine Pflicht Gesetze
gesunde Vernunft und Billigkeit seine Richtschnur er ein Verwalter des Staats
seine Verrichtungen ein übertragnes Amt wofür er ernährt versorgt und geehrt
wurde
    So standen die Sachen und ich meine sie standen so übel nicht als einige
Stämme in Nubien welches von Ägypten aus durch raue wilde Menschen war
bevölkert worden die mit den Abyssiniern in keiner Verbindung lebten auf den
unglücklichen Einfall gerieten mit bewaffneter Hand in dies schöne friedliche
Land einzubrechen und unserm guten Völkchen seine fruchtbaren Besitzungen
streitig zu machen Dies war der erste Krieg den die Abyssinier führten sie
waren aber nicht ungeübt in Waffen gegen Löwen und Hyänen hatten sie sich
verteidigen gelernt nur gegen ihre Brüder das Schwert zu ziehen das war ihnen
neu Aber hier galt es Rettung des Eigentums des Lebens der Freiheit und sie
waren an Leib und Seele gesund nervig stark Der Zorn der mutwillig gereizten
Sanftmütigen ist fürchterlicher als das Toben des unruhigen Zänkers Unsre
Abyssinier empfingen schlugen und verfolgten siegreich die Nubier auf eine
Weise die diesen auf lange Zeit die Lust benahm sich wieder an ihnen zu
vergreifen Hierdurch entwickelte sich bei dem Volke ein bisher unbekannt
gewesenes schlafen gelegenes Ressort die Tapferkeit aber mit ihr zugleich
spross auch der Keim der Ehr und Ruhmsucht hervor und in denen welche in der
Schlacht sich vorzüglich ausgezeichnet hatten war ein Toben ein Streben
entstanden das ihnen nachher die stillen häuslichen und ländlichen Geschäfte
unschmackhaft machte Man focht Mann gegen Mann die Niederlage der Nubier war
groß viele von ihnen wurden gefangen keiner von abyssinischer Seite Noch
kannte man die Spekulation nicht Menschen gegen Geld und Ware umzusetzen also
nahm jeder seinen Gefangenen mit sich nach Haus und betrachtete ihn als seinen
Knecht Die Erbitterung aber gegen sie war so groß dass man diese Gafangenen
nicht wie andre Knechte die wie vorhin ist gesagt worden immer wieder frei
werden konnten behandelte sondern ihnen die schwerste Arbeit aufbürdete ihnen
schlechtere Kost und Kleidung gab und ihnen nicht das Recht zugestand sich frei
zu machen in ihr Vaterland zurückzukehren oder sich in Abyssinien festzusetzen
Das war denn die Entstehung des unnatürlichen Sklavenstandes Wie man sich
indessen an alles gewöhnt so hörten diese Sklaven zuletzt auf den Verlust
ihrer Freiheit zu fühlen besonders wenn sie das Glück gehabt hatten an gute
Herren zu geraten und weil sie denn doch ohne häusliche Sorgen lebten indem
die Herren ihnen alle Bedürfnisse des Lebens reichen mussten Ja da es hübsche
Männer unter ihnen gab so geschah es zuweilen dass die Liebe die keinen
Unterschied der Stände kennt zwischen ihnen und den Töchtern des Landes
Ehebündnisse zustande brachte Nun wurde durch ein Gesetz verordnet dass auch
die Weiber Kinder und deren Abkömmlinge Sklaven sein sollten  also
Sklavenfamilien Dass durch diese Einrichtung wieder ein großer Unterschied in
den Vermögensumständen der Eingebornen entstand ist sehr natürlich denn wer
viel Sklaven hatte konnte nicht nur größere Anlagen machen von denen er den
ganzen Vorteil zog sondern man kam auch bald auf die Finanzoperation seine
Sklaven zu vermieten
    Jedermann hatte freie Macht mit seinem Vermögen also auch mit seinen
Sklaven nach Gutdünken zu schalten und zu walten Hatte nun ein gutmütiger Herr
einen seiner Sklaven liebgewonnen oder dieser hatte des Herrn Tochter zum Weibe
gemacht oder der Herr hatte nicht Arbeit genug für ihn so schenkte er ihm und
seiner Familie die Freiheit Diese Freigelassnen genossen dann alle Rechte der
Einheimischen und da jeder freie Mann in Abyssinien sich niederlassen und
anbauen konnte wo er wollte so entstanden nach und nach Familien die von
Fremden abstammten und die hernach hie und da auch wohl andre in das Land
lockten wodurch zugleich fremde Sitten Gebräuche und Bedürfnisse nach
Abyssinien verpflanzt wurden
    Die Nubier waren durch den ersten unglücklichen Erfolg ihrer Waffen noch
nicht vom Kriege abgeschreckt worden sondern erneuerten ihre Anfälle in
Abyssinien Dies setzte die Einwohner in die Notwendigkeit sich stets zur
Verteidigung bereit zu halten Das Oberhaupt der Fürst war immer wie wir
gehört haben ein alter Mann folglich weniger geschickt die Beschwerlichkeiten
der Feldzüge auszuhalten in denen er sein Volk das jetzt kriegerisch geworden
war anführte Dies lehrte die Abyssinier dass es nun besser sei bei
entstehendem Todesfalle ihres Oberhaupts einen jüngeren Mann an seiner Stelle zu
wählen Natürlicherweise traf die Wahl den welcher in den Feldzügen die größten
Beweise von Mut gegeben hatte Nun also wurde statt dass vorher bloß Weisheit
Alter Erfahrung ein Recht zum Throne gegeben hatten noch persönliche
Tapferkeit ein Erfordernis um Fürst zu sein
    Persönliche Tapferkeit hat zum Teil ihren Grund in Organisation des Körpers
zum Teil wird sie durch einen Enthusiasmus durch ein Ehrgefühl erzeugt und
beides pflegt in gewissen Familien fortgepflanzt zu werden Der tapfre nervige
Sohn des tapfern nervigen Fürsten focht an der Seite seines Vaters wurde
angefeuert durch das Beispiel seines Muts und zu Hause durch kühne große
Grundsätze emporgehoben Die Achtung Furcht und Ehrerbietung welche man für
den Fürsten empfand fing bald an sich auch auf ihre Familien zu erstrecken Bei
einer neuen Fürstenwahl glaubte man dem tapfern Oberhaupte keinen bessern
Nachfolger geben zu können als seinen tapfern Sohn Nach Verlauf eines halben
Jahrhunderts wurde es zu einer Art von Observanz die Fürsten aus einer Familie
zu wählen um so mehr da diese früh zu Regenten auferzogen wurden und keine
andre Hantierung trieben Endlich wurde ein Recht daraus und das Reich wurde
ein Erbreich
    Zwei Umstände trugen hierzu noch sehr viel bei Nämlich erstlich da jeder
Bürger im Staate der das männliche Alter erreicht hatte mitwählte und das Volk
nun auf einen kriegerischen Ton gestimmt war so hatte der tapfre Fürstensohn
immer die Stimmen derer auf seiner Seite unter deren Augen er bei der Armee
gefochten hatte indes die kleinere Anzahl der weisern Alten die nicht mit im
Felde gewesen waren wohl freilich lieber für einen Mann stimmten der mehr
durch Einsicht Kaltblütigkeit und Erfahrung als durch Kühnheit und Mut des
Trones würdig schien Zweitens der Tapferste gewann im Kriege die mehrsten
Gafangenen erhielt folglich die mehrsten Sklaven konnte folglich reicher und
mächtiger werden als die andern und Reichtum verblendet ja das Volk und gibt
Zuversicht konnte endlich mehr Sklaven freilassen die dann Bürger wurden
aber ihm aus Dankbarkeit verpflichtet blieben und seinem Sohne ihre Stimme nicht
versagten vielleicht gar nur unter dieser Bedingung die Freiheit erhielten
Hier haben wir eine Entstehung der Hofkreaturen und den schwachen Anfang des dem
Despotismus so vorteilhaften Lehnsystems in Abyssinien
    Auf stürmische Zeiten folgten ruhigere der Krieg den die Nubier angefangen
hatten war hauptsächlich darauf abgezielt gewesen sich in den Besitz einer
Provinz von Abyssinien zu setzen aus welcher ein Produkt gezogen werden konnte
an welchem es in Nubien fehlte Dagegen gab es aber in diesem Lande wieder
Produkte welche man in Abyssinien nicht hatte Kältere Überlegung unterrichtete
beide Parteien von der Möglichkeit durch Tausch ihre gegenseitigen Wünsche zu
befriedigen man schloss einen Vergleich  Dies war die Entstehung des Handels
mit welcher wiederum die abyssinische Kultur Stimmung und Verfassung eine andre
Gestalt und Wendung bekamen wovon es der Mühe wert ist etwas weitläufiger zu
reden und das soll im folgenden Kapitel geschehen
 
                                Zehntes Kapitel
              Fragmente aus der mittleren Geschichte von Abyssinien
Wie groß der Einfluss ist den der Handel auf die Kultur der Völker auf ihren
Geist und auf ihre Moralität hat das erfährt jeder der die Geschichte mit
einiger Aufmerksamkeit studiert auch das Königreich Abyssinien fühlte bald
diesen Einfluss wie wir jetzt sehen werden Vorher aber müssen wir noch
zergliedern welche Art von Revolution die Einführung des Geldes und die
Entdeckung der Bergwerke bewirkten
    Da der Tauschhandel große Ungemächlichkeiten hatte so wünschte man längst
eine Ware zu finden die immer gleichen Wert behielte die jedermann brauchen
leicht herbeischaffen leicht in Verhältnis mit allen seinen Bedürfnissen
setzen die der allgemeine Maßstab des Werts aller Landesprodukte werden könnte
 mit einem Worte die ihnen das würde was wir Geld nennen Ein Ausländer
geriet nach Abyssinien und lehrte den Fürsten den Wert kennen den andre Völker
auf die edelen Metalle und auf Juwelen setzen und den Gebrauch welchen sie
davon machen Abyssinien ist reich an Gold Silber Eisen Kupfer Edelsteinen
aller Art hat Salz Marmor und dabei einen solchen Überfluss von Früchten Korn
und andern Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens dass es dem Fremden
nicht schwer hielt dem Fürsten zu beweisen wie groß der Vorteil des Handels
auf s der Abyssinier sein würde wenn man die Bergwerke fleißig betriebe
Gold und Silber zum Maßstabe der größeren Waren machte zu kleineren Summen aber
statt der Scheidemünze sich des blauen wollnen Zeugs bediente welches im Lande
verfertigt wurde
    Nun war nur die Frage wer den Nutzen von den Bergwerken ziehen sollte
Erlaubte man jedem Eigentümer eines Bodens alles was dieser Boden entielte
auszugraben und als sein Eigentum zu betrachten so konnte das ungefähr den
Besitzer eines kleinen Stückchen Landes unermesslich reich machen indes der
Eigentümer einer zehenmal so großen Besitzung arm blieb welches eine
unnatürliche Verteilung des Vermögens zu sein schien Noch fand man dass
Bergwerke viel Hände erfordern folglich mancher unterirdische Schatz aus
Unvermögen des Grundeigentümers ihn aus der Erde zu fördern vergraben
geblieben sein würde Das Natürlichste war also die Bergwerke auf Kosten und
zum Vorteile des ganzen Staats zu betreiben den Besitzern des Bodens aber
welchen man umwühlte den dadurch verursachten Schaden zu ersetzen Was sollte
aber nun mit dem Schatze angefangen werden den der Staat auf diese Weise
gewann Billig wäre es gewesen ihn unter alle Familien zu verteilen  Aber
welche Weitläufigkeit Hierzu kam dass man anfing den Nutzen einer öffentlichen
Staatskasse einzusehen Wenn Heerstrassen Wasserdämme Wasserleitungen anzulegen
und dergleichen dem ganzen Lande vorteilhafte Einrichtungen zu machen waren so
wurde es schwer die entfernt wohnenden Familien an der gemeinschaftlichen
öffentlichen Arbeit ohne große Versäumnis ihrer eignen Geschäfte ebensoviel
Anteil nehmen zu lassen als die benachbarten Einwohner Hatte man aber eine
öffentliche Kasse in welche die Einkünfte des Staats flossen so wurden auch
die öffentlichen Ausgaben daraus bestritten und hatte man Geld so konnte man
die welche an solchen Werken arbeiteten daraus bezahlen und das Geld welches
die Arbeiter gewannen war hinreichend sie dafür zu entschädigen dass sie indes
für sich nicht tätig sein konnten denn für dies Geld vermochten sie alle
Bedürfnisse des Lebens von denen welche indes ihre Geschäfte trieben
einzuhandeln Also wurde Geld eingeführt eine öffentliche Kasse errichtet und
die Bergwerke gehörten dem Staate Weil aber der Staat nur eine metaphysische
Person ist so glaubte der Vorsteher des Staats der Fürst sich an die Stelle
desselben setzen zu dürfen Als ich in Holzmünden auf der Schule war nannte
unser Rektor diese oratorische Figur eine Metonymia praesidis pro re cui
praesidet  ich glaubte niemals dass diese Pedanterei in der Anwendung so
ernsthafte wichtige Resultate liefern könnte Also noch einmal Hier setzte
sich der Fürst zuerst an die Stelle des Staats wurde der Verwalter der
öffentlichen Kasse und der Inhaber der Bergwerke
    Allein es verstand sich doch von selber dass der Fürst nicht willkürlich mit
dem Staatsschatze wirtschaften durfte sondern dass er zu gewissen Zeiten den
Häuptern der einzelnen Stämme Rechnung von seinem Haushalte ablegen musste Da
sich nun überhaupt die Geschäfte sehr vervielfältigten und er nicht allem allein
vorstehen konnte so beschloss man Kollegia das heißt Ausschüsse verständiger
alter Männer aus dem Volke zu errichten welche unter Anführung des
Oberhaupts sich in die Geschäfte teilen mussten Die Subjekte dazu oder die
Repräsentanten der Nation wählte teils das Volk teils ernannte sie der Fürst
weil es ihm doch nicht einerlei war mit wem er gemeinschaftlich arbeiten
sollte Diese Männer aber mussten nun freilich ihre häuslichen Geschäfte
aufgeben man suchte sie dafür zu entschädigen und wies ihnen Besoldungen aus
der öffentlichen Kasse an
    Die wohlverdiente Verehrung welche man gegen das gewählte Oberhaupt des
Reichs hatte entfernte alles Misstrauen Man dachte nicht daran ihn so sehr
einzuschränken dass man verlangt hätte er sollte zu jedem Schritte erst die
Beistimmung der Kollegien zu erlangen suchen Der Fürst fing daher nach und nach
an nach Gutdünken die Besoldungen auszuteilen und die erledigten Bedienungen zu
besetzen und dies tat er damals sehr gewissenhaft weil er für sich nichts
durchzusetzen kein andres Interesse hatte als das allgemeine weil ihm nichts
zu wünschen übrig blieb als dass die Geschäfte ordentlich getrieben würden
    Das Ruder war also ganz in des Fürsten Händen das Staatsvermögen unter
seiner Aufsicht und die Staatsbediente standen unter ihm allein man setzte
doch fest dass große wichtige Nationalangelegenheiten der Entscheidung
gewählter Repräsentanten aus allen Stämmen die sich sooft es nötig wäre
versammeln würden überlassen werden sollten
    Der Umlauf des Geldes machte bald eine gänzliche Veränderung in den
Vermögensumständen der Einwohner Da man sah dass man für einen Haufen von
dieser kleinen Ware alles erlangen konnte was man brauchte und wünschte ohne
selbst graben säen spinnen zu dürfen so bemühete sich nun jeder teils durch
vorteilhaften Handel teils dadurch dass er sich für seine weniger mühsamen
Dienste so teuer als möglich bezahlen ließ soviel Geld als zu gewinnen war zu
gewinnen
    Die Folgen davon auf die Moralität und auf die Industrie sind leicht zu
überdenken Der esprit public wurde lauer man dachte bei jedem Schritte an das
Privatinteresse Der kriegerische Geist ließ nach eine Gefahr die dem Staate
im allgemeinen drohte schreckte den einzelnen nicht so sehr insofern er nur
hoffen konnte für sich und die Seinigen ruhig zu bleiben Durch Errichtung der
Staatskasse war das Privateigentum von dem allgemeinen getrennt man hielt den
Staat für sehr reich und machte unaufhörlich Jagd auf Besoldungen und
Vergütungen Da diese von dem Fürsten abhingen so fing man an ihm zu
schmeicheln sich ihm gefällig zu machen um für kleine unwichtige Dienste
große Bezahlung zu erhalten Der herrschende Gedanke nun alles Arbeit Mühe
Verwendung zum Besten des Staats nach barem Gelde taxieren zu können
erniedrigte die Seelen der Menschen Großmut Aufopferung Uneigennützigkeit
wurden seltener Man hielt keine Art von Geschäfte mehr für unedel sobald es nur
Geld einbrachte Die Notwendigkeit sich einzuschmeicheln um sich Gönner oder
Käufer zu verschaffen benahm dem Charakter Eigenheit und Energie erzeugte
Falschheit Verstellung Höflichkeit und feine Lebensart und da man den Handel
als einen freiwilligen Kontrakt ansah so nahm man sichs nicht übel wenn der
andre den Wert der Ware nicht verstand ihn zu überlisten zu betrügen  Treue
und Wahrheit verschwanden
    Die Begierde Geld zu erwerben gab indessen doch auch Gelegenheit zu
Erfindung mancher nützlichen Künste
    Die täglich zunehmende Vervielfältigung der Verhältnisse erforderte eine
Menge neuer Gesetze Je größer die Zahl derselben wurde desto mehr verloren sie
von ihrer Ehrwürdigkeit und Heiligkeit Bald machte man sich kein Verbrechen
mehr daraus sie heimlich zu übertreten wenn man seinen Vorteil dabei fand
    Der Fürst der nun immer mehr anfing sich an die Stelle des ganzen Staats
zu setzen wagte es zuerst unwichtige und nachher wichtigere Gesetze aus eigener
Macht zu geben Man ließ ihn wirken die mehrsten dachten an ihren Privatnutzen
und ließ im Staate alles geschehen insofern sie nicht unmittelbar dabei
verloren viele traueten dem Fürsten auch hatte er ja noch kein Interesse
dabei schlecht zu handeln allein die Sache war wichtig der Folgen wegen Seine
Macht wurde durch Indolenz der Nation immer größer man hätte ihn im Zaume
halten sollen aber die Kollegien bestanden aus seinen Kreaturen die Zahl der
hungrigen Schmeichler nahm täglich zu erfüllte ihn mit törichter Eitelkeit und
verschrob ihm seinen Weibern und seinen Kindern Kopf und Herz
    Auf einer großen Versammlung der Nationaldeputierten wurde nun aufs neue die
Frage wegen der Erbschaften aufgeworfen Man wollte es unbillig finden dass
einem Menschen der keine Familie hinterließ nicht das Recht zustehen sollte
das liebe schöne Geld welches er gesammelt hatte nach seinem Tode einem
Freunde zuzusichern sondern dass diese Reichtümer in den öffentlichen Schatz
kommen sollten Diese Motion bewies genug wie sehr man jetzt das
Privatinteresse vom allgemeinen trennte Wirklich wurden die Erlaubnis zu
testieren und die Rechte der Seitenverwandten auf den Nachlass eines Menschen
der ohne Testament starb festgesetzt und dies öffnete dann den Weg durch
Schmeichelei Erbschaften zu erschleichen gab reichen Leuten Gelegenheit ihre
ärmern Verwandten zu tyrannisieren brachte Eigennutz in die ehlichen Bündnisse
machte dass die Leute anfingen sich in ihrer Verwandten häusliche Geschäfte und
Ehestandssachen zu mischen und da der Staat nun nicht mehr Gelegenheit hatte
durch Verschenkung solcher heimgefallenen Güter an Ärmere eine gewisse
Gleichheit der Vermögensumstände herzustellen so wurden einige Stämme durch
Erbschaften ungebührlich reich
    Das waren die ersten und natürlichsten Folgen welche die Schätze die man
der Erde entlockt hatte sodann der Geldumlauf der inländische Handel und die
dadurch entstandne große Verschiedenheit unter den Vermögensumständen in
Abyssinien nach sich zogen Der ausländische Handel aber bewirkte außer allen
diesen noch weit wichtigere Revolutionen wovon ich jetzt reden will
    Der Verkehr mit den benachbarten Nationen erzeugte den Luxus machte die
Abyssinier mit Annehmlichkeiten und Gemächlichkeiten des Lebens bekannt die
ihnen bis dahin fremd gewesen waren und die nachdem sie dieselben einmal
geschmeckt hatten ihnen bald zum Bedürfnisse wurden Sie lernten die
Zubereitung betäubender starker Getränke den Gebrauch langsam vergiftender
Gewürze nervenkitzelnder Opiate des Tobaks des Rauchwerks und balsamischer
Wohlgerüche Die durch den Handel reich gewordnen Leute fingen an einen
asiatischen Aufwand in ihrem Hausrate in ihrer Kleidung zu machen schliefen
des Nachts auf weichen Betten wälzten sich bei Tage auf seidenen Polstern Die
starken Körper wurden entnervt da erwachte eine Menge unmässiger Begierden
heftiger Leidenschaften  Grillen Launen Kränklichkeit kurz Verderbnis der
Sitten Herabwürdigung an Leib und Seele waren die sichern Wirkungen dieser
weichlichen wollüstigen Lebensart Hohe Tugenden schliefen der Nerv zu großen
Taten wurde gelähmt Einfalt häusliche Glückseligkeit unschuldige Freuden
Kindersinn Treue herzliche Hingebung und froher reiner Genuss verschwanden
    Da die Bedürfnisse immer mannigfaltiger wurden und die Preise der
Lebensmittel stiegen so bedurfte nun jedermann mehr als bisher reich zu sein
wurde also täglich wichtiger nötiger denn einfach mäßig und weise sein hieß
nun schon sich etwas versagen arm zu sein kein Geld zu haben war eine Art von
Schimpf der Wohlhabende wurde geschmeichelt geehrt um von ihm zu ziehen der
Dürftige zurückgesetzt verachtet persönliches Verdienst kam nicht mehr in
Anschlag Eigennutz war die große Triebfeder und man erlaubte sich um reich zu
werden alle auch die niedrigsten schiefsten Mittel und Wege
    Der Reiche wollte nun nicht mehr arbeiten hatte für nichts Sinn als für
Genuss Um sich her versammelte er einen Haufen bezahlter Schmeichler und
Gaukler die ihm die Zeit vertreiben halfen Der Müßiggang erzeugte teils neue
Laster und Torheiten teils gab er Gelegenheit zu Erfindung und Vervollkommnung
der schönen Künste Der Missbrauch derselben machte nun vollends weibisch
erhitzte die Phantasie erregte die Begierden Bald war der Geist der ganzen
Nation nur für Kleinigkeiten Torheiten Spielwerke empfänglich Witz galt mehr
als gesunde Vernunft Bombast in Worten mehr als nüchterne Weisheit Die Sinne
wollten ohne Unterlass gekitzelt sein Man entfernte von sich alles was
Anstrengung Ernst Ausdauer erforderte und sehnte sich nur nach dem Genuss des
Augenblicks floh alles was unangenehme Eindrücke machte lebte und webte in
immerwährendem sinnlichem Taumel und haschte nach Idealen
    Jetzt entstanden eine große Menge neuer Verhältnisse Konventionen
Umgangsregeln leere Komplimente wobei man nichts dachte unnütze Geschäfte um
die Zeit zu töten gesellschaftliche Vergnügungen von alberner Art und je mehr
man darauf studierte seinen Genuss zu vervielfältigen um desto weiter floh die
wahre reine Freude und Langeweile die man ehemals nie gekannt hatte nagte an
den friedenlosen von tausend unbestimmten törichten Wünschen und Unruhen in
Tumult gebrachten Herzen
    Der Reiche missbrauchte das Übergewicht welches er über den Armen hatte den
er nur geschaffen glaubte um seinen Lüsten und Phantasien zu fronen und
dieser der auch korrumpiert war und tausend Bedürfnisse hatte die ihn von
jenem abhängig machten trug sklavisch sein Joch und beschäftigte sich nur mit
listigen Planen auf den Geldbeutel des dümmern Reichen
    Wer hatte aber ein größeres Recht über alle als der Fürst Er hatte die
Mittel in Händen reicher als jemand im Lande zu werden er wurde also auch
üppiger und wollüstiger als einer er wurde mehr als einer durch Schmeichelei
verderbt Er in dessen Händen die Staatskasse war hatte mehr als einer die
Macht die Ärmern zu drücken die Lebensmittel zu verteuern und auf alle
wirkliche und eingebildete Bedürfnisse seine schwere Hand zu legen Auch tat er
das und die Menschen die sich zu Sklaven ihrer Begierden gemacht hatten
mussten nun wohl die Sklaven dessen werden der Gewalt hatte diese törichten
Begierden zu befriedigen oder nicht Der genügsame mäßige gesunde Mann findet
allerorten Freiheit und Vaterland der schwache Wollüstling lebt in ewiger
Knechtschaft von innen und außen Luxus und Korruption wurden die ersten
Grundpfeiler des Despotismus Das entnervte Volk fühlte nicht nur die Fesseln
nicht die es sich geschmiedet hatte sondern da es auch durch den Handel mit
Völkern in Verbindung gekommen war bei denen der Despotismus schon größere
Fortschritte gemacht hatte so veränderten sich auch nach und nach ihre Ideen
von den Verhältnissen zwischen Fürsten und Nation so sehr dass sie sichs für
eine Ehre hielten einen ebenso unumschränkten in eitler Pracht glänzenden
Monarchen auf ihrem Nacken sitzen zu haben als ihre Nachbarn die Völker
Nubiens In dieser Periode nahm denn auch das Oberhaupt der Abyssinier den
königlichen Titel an oder den Titel des großen Negus
 
                                Elftes Kapitel
               Bruchstücke aus der neueren Geschichte Abyssiniens
Wir haben gesehen wie nach und nach sich das Familienregiment an der Hand der
Zeit durch natürliche Revolutionen in eine republikanische dann in eine
monarchische Form ummodelte und endlich in unbegrenzten Despotismus ausartete
Allein bis jetzt wurde von s des Königs dabei nicht eigentlich planmässig zu
Werke gegangen doch bald kam es auch dahin dass der Despotismus in ein System
gebracht wurde Aus dem vorhin Erzählten lässt sich leicht schließen dass die
Menschen welche der König um sich her versammelte eine Rotte nichtswürdiger
sklavischer Schmeichler ausmachten denn die deren Herz und Sitten noch
unverderbt waren flohen den Hof welcher der Sitz der Schwelgerei der
Üppigkeit und des Müssiggangs geworden war Jene aber verführten den Despoten zu
immer größeren Ausschweifungen Inkonsequenzen Torheiten und zu dem Missbrauche
seiner Gewalt Die Schlauesten unter ihnen wurden seine Lieblinge gaben ihm
Anschläge wie er es anfangen müsste der Nation noch den letzten Schatten von
Freiheit zu rauben und indem sie ihm behilflich waren die unumschränkteste
Gewalt in seine Hände zu legen regierten sie den Despoten und suchten sich auf
Kosten des Staats zu bereichern
    Nun wurden alle Bedienungen mit den Kreaturen der Lieblinge besetzt
Besoldungen und Jahrgelder an Unwissende und Bösewichte ausgeteilt
Parteilichkeit Ungerechtigkeit und Bestechung herrschten in allen Departements
Man gab willkürlich Verordnungen und Gesetze deren eines dem andern
widersprach verhing gegen die Übertreter derselben Strafen die nicht im
Verhältnisse mit den Verbrechen standen und die man nach Gutdünken erschwerte
minderte oder nachließ Freigeborne Menschen wurden wie Sklaven am Leibe
bestraft ja endlich sogar am Leben
    In den Befehlen welche der König gab las man nun die Ausdrücke Gnade
untertänigste Befolgung und mehr solcher empörenden Phrasen Man sprach von der
Heiligkeit der Person des Monarchen von Majestät und dem Verbrechen der
beleidigten Majestät
    Rechte die jedem freien Manne zukommen zum Beispiel die wilden Tiere auf
dem Felde die Vögel in der Luft zu schießen und die Fische im Wasser zu fangen
erklärte man für Regalien oder beschenkte nichtswürdige Günstlinge mit diesen
Befugnissen
    Auch Handel und Gewerbe blieben nicht frei Man erteilte Privilegien
Monopolia Exemtionen von gewissen Verordnungen an einzelne Personen und hielt
es nicht für Pflicht noch der Mühe wert der Nation andre Ursachen für dies
alles anzugeben als dass es Seiner Majestät gnädig gefallen habe es also zu
verordnen
    Um jedoch irgendeinen Schein anzunehmen als wenn diese abscheulichen
Eingriffe in die Rechte der Menschheit und der gesunden Vernunft mit Beistimmung
des Volks geschähen versammelte man noch einmal die Repräsentanten der ganzen
Nation allein man wusste durch Bestechungen Verheißungen und Drohungen die Wahl
dieser Repräsentanten so zu lenken dass nur sklavische und unwissende Menschen
sich dort versammelten und alles billigten was der Despot vorschlug
    Der König bauete sich eine große prächtige Stadt die Axum hieß jetzt aber
nicht mehr die Residenz ist seitdem Gondar gebaut worden Dort lebte er in
asiatischem Puppenglanze von seinen Sklaven umgeben Man veranstaltete daselbst
das ganze Jahr hindurch Feste Schauspiele und Feierlichkeiten welche die Augen
des Volks blendeten die Sinne reizten die Vernunft übertäubten und von
ernstaften Betrachtungen ableiteten Da tanzte und spielte man die Grillen weg
und umwand sich die Sklavenketten mit Rosen
    Allein noch gab es eine Anzahl fester von der allgemeinen Korruption
weniger angesteckten Männer die endlich des Unwesens müde wurden sich laut und
kräftig den Tyranneien und Bedrückungen widersetzten und sich weigerten
willkürliche törichte und verderbliche Verordnungen zu befolgen Die Besitzer
nämlich der größeren Güter die Häupter der Stämme die des Hofs nicht bedurften
nach keinen Pensionen angelten keine Bedienungen suchten sondern fern von der
Residenz auf dem Lande lebten und sich wie billig als Mitregenten und
Stellvertreter ihrer ärmern Nachbarn ansahen hielten lange Zeit dem Despotismus
die Stange Dies war der eigentliche Adel des Reichs Es war eine mächtige
Partei die man schonen musste und wirklich sah sich der Despot gezwungen
einige seiner Verordnungen zurückzunehmen um einem allgemeinen Aufruhr
vorzubeugen Freilich wurden viele von ihnen auch nach und nach des ewigen
Protestierens müde liebten die Ruhe und ließ manches geschehen was grade
nicht unmittelbar sie und ihre Untertanen traf doch blieb diese Partei noch
immer mächtig genug um den Despoten in die Notwendigkeit zu setzen auf andre
Mittel zu denken sich auch diesen Stand unterwürfig zu machen Hierzu nun
bediente man sich schlauer Kunstgriffe Man erteilte einigen von ihnen wichtige
Bedienungen lockte sie in die Residenz verführte ihre Kinder erweckte in
ihnen den Hang zur Pracht zu eitelen Vergnügungen zum Flitterstaate Da ließ
sie nun ihre Besitzungen in den Händen eigennütziger Verwalter und Pächter
verzehrten was ihnen diese gaben in der Stadt richteten sich durch unnützen
Aufwand zugrunde und verarmten Als man viele so weit gebracht hatte schoss man
einigen Geld vor und machte sie dadurch abhängig vom Hofe Andern tat man den
Vorschlag gegen gewisse Summen die man ihnen schenkte ihre Güter für ein
Eigentum des Königs zu erklären und sie von ihm zu Lehn zu nehmen Wenn die
Familien ausstarben erteilte man diese Lehne an Kreaturen des Hofs Man reizte
die Eitelkeit von andern erfand unnütze Hofbedienungen Titel und dergleichen
die man ausschließlich dem Adel zusicherte masste sich das Recht an diesen Adel
zu erteilen und erblich werden zu lassen Man gewöhnte die Menschen Wert auf
kleine elende äußere Auszeichnungen zu legen auf Bänder und Ketten die man
ihnen umhing auf gewisse Kleidungen die man ihnen zu tragen erlaubte auf
Stellen die einen gewissen Rang gaben Da rissen sich dann die Leute um die
Ehre dem Könige den Sonnenschirm nachtragen zu dürfen oder den Schlüssel zu
seinem heimlichen Gemache in Verwahrung zu haben ihm die Braten zu zerlegen
seine Livree zu tragen ihm die Schuhe küssen und dann wieder seine eignen
Knechte zu ähnlichen niederträchtigen Diensten zwingen zu dürfen Diese
Vorrechte aber wurden nur dem Adel erteilt und die Idee dass hierin wirklich
wahrer Wert beruhe ging unmerklich in alle Stände über jeder rang danach ein
Ämtchen wobei er müssiggehen konnte ein Titelchen einen Adelsbrief oder
dergleichen zu erhaschen Nun fehlte es dem Despoten nicht an Mitteln das Volk
zu fesseln und der Adel welcher ehemals eine Vormauer gegen die Eingriffe des
Tyrannen gewesen war wurde nun das Werkzeug zu gänzlicher Unterjochung der
Nation
    Seitdem der König sich das Recht zu verschaffen gewusst hatte nach Belieben
seine Einkünfte zu vermehren die Staatskassen als die seinigen anzusehen Lehne
einzuziehen Regalien zu erfinden etc war er freilich sehr reich geworden
allein der ungeheure Luxus welcher am Hofe herrschte die Verschwendung aller
Art und dabei die unordentliche und betriegerische Verwaltung der
Staatseinkünfte erschöpfte doch die Kassen Davon war nun gar nicht mehr die
Rede dass man dem Volke Rechnung von Verwendung der Gelder tun müsse Dem Könige
war jedermann Rechenschaft schuldig er niemand Allerlei neue Regalien die man
erfand Handlungsoperationen neue Anlagen von Bergwerken Marmorgruben Zölle
Geldstrafen und viel andre Mittel hatte man schon versucht doch war man noch
nicht so kühn gewesen das bestimmte Privatvermögen der Untertanen unmittelbar
anzugreifen und sie mit Auflagen zu belästigen jetzt kam auch daran die Reihe
Man forderte Abgaben Steuern um aber gegen alle Widersetzung sicher zu sein
befreiete man den Adel und andre Stände die Einfluss auf das Volk hatten von
diesen Steuern und wälzte die ganze Last derselben auf den ärmern Teil der
Nation der nun um das Geld herbeizuschaffen wovon Müßiggänger Hofschranzen
Geiger Pfeifer und Huren besoldet wurden vom frühen Morgen bis spät in die
Nacht im Schweiße seines Angesichts arbeiten musste Da verlor dann der
niedergebeugte Untertan allen Mut allen Lebensgenuss alle Hoffnung ein wenig
wohlhabender zu werden für seine Kinder etwas zu sammeln  Ja man fing an
genau zu berechnen wieviel man dem Bauer erlauben dürfe zu besitzen wieviel
man ihm jährlich von seinem eignen selbst erworbnen Vermögen lassen dürfe ohne
dass er übermütig würde das heißt ohne dass er fühlte dass er ein Mensch wäre
und damit er doch auch nicht verhungerte auch Kräfte genug behielte um wieder
so viel herbeizuarbeiten als man ihm im folgenden Jahre nehmen wollte
    dabei herrschte in der Residenz und in den übrigen Städten das allgemeinste
Verderbnis der Sitten Die unnatürlichsten unmenschlichsten Laster wurden
öffentlich getrieben man rühmte sich seiner Verbrechen die abscheulichsten
Ausschweifungen zu begehen das gehörte zu dem Ton der großen Welt Von den
schändlichsten Krankheiten wurden ganze Familien angegriffen Man erreichte
nicht mehr die Hälfte des ehemals gewöhnlichen Menschenalters häusliche
Glückseligkeit Treue und Glauben Menschenliebe und Gesundheit fand man nur in
den Hütten der Armen
    Die Vornehmen hielten sich berechtigt nicht unter dem Zwange der Gesetze zu
stehen und konnten sie sich ihnen auch nicht ganz entziehen so war doch mit
einer Handvoll Geld alles wieder gutzumachen und es gab andre Strafen für den
Reichen als für den Armen andre für den Edelmann als für den Bauer Wenn dieser
ein Jagdtier schoss so wurde er lebendig gespiesst wenn jener einen Knecht
tötete so wurde er zu einer mäßigen Geldbusse verurteilt  Ein Gesetz aber dem
der König unterworfen gewesen wäre gab es gar nicht
    Nun wirkten in allen Ständen nur drei Triebfedern zu allen Handlungen
Eitelkeit sinnlicher Genuss und Geldgier Um Gewinst war es dem Richter bei
Verwaltung der Justiz zu tun Gerechtigkeit wurde eine Wissenschaft die Menge
der unbestimmten schwankenden sich widersprechenden Gesetze erforderte bei
jedem einzelnen Falle eine besondere Auslegung Man stellte Sachwalter an
welche die Kunst diese Gesetze auf allerlei Seiten zu drehen zu einem eignen
Studium machten Gesunde Vernunft und klare kurze mündliche Darstellung wurden
aus den Gerichtshöfen verbannt Die einfachsten Prozesse wurden jahrelang
herumgezerrt bis beide Parteien soviel an Gerichtsgebühren und Prozesskosten
ausgegeben hatten als der ganze Gegenstand des Streits wert war Falsche
Beredsamkeit Bestechung Gunst und Schikane lenkten das Urteil zu ihrem
Vorteile
    Der für die Menschheit so wohltätige Stand eines Arztes verlor nicht weniger
als der des Richters von seiner Würde Zu ihm durfte nicht mehr der Arme seine
Zuflucht nehmen wenn der Tod drohte sechs unmündige Kinder zu Waisen zu
machen die sobald sie ihrer einzigen Stütze ihres Vaters beraubt wurden von
dessen Erwerbe sie lebten betteln mussten sondern der Arzt war nun nur für
reiche Kranke sichtbar Wie sollte er es anfangen wenn er mit seiner Familie
leben und was man nennt anständig leben wollte Und anständig das heißt mit
einigem Aufwande musste er leben wenn es ihm um Praxis zu tun war denn sonst
nannte man ihn den Betteldoktor und niemand vertrauete sich ihm an denn wenn
der Kerl etwas verstünde sprach man so würde er nicht so armselig leben
müssen Der Staat besoldete ihn nicht also musste er sich bei den Großen und
Reichen einzuschmeicheln suchen des Morgens seine teure Zeit bei ihnen
verlieren um ihre Klagen über eingebildete oder solche Übel anzuhören die sie
sich selber durch Unmässigkeit zugezogen hatten Aber er musste auch dabei ein
Schmeichler ein angenehmer Gesellschafter sein musste Stadtanekdoten zu
erzählen wissen Seine Arzeneien sollten leicht und angenehm zu nehmen durften
nicht zu wohlfeil sein und da man immer nach neuen unerhörten Dingen haschte
so mussten seine Metoden auch neu sein oder wenigstens neue Namen haben Er
durfte keine strenge Diät vorschreiben und das Publikum musste einige glückliche
Hauptkuren von ihm zu erzählen wissen Da war denn keine Art von Scharlatanerie
zu welcher sich die Söhne Äskulaps nicht herabliessen um Geld in ihren Beutel zu
spielen ihre Amtsbrüder herabzuwürdigen und sich zu erheben Bei den
unbedeutendsten Übeln schüttelten sie bedächtlich den Kopf um nachher ihre Mühe
und ihr Verdienst desto teurer anrechnen zu können gegen eine Unpässlichkeit
die durch das einfachste Mittel vielleicht nur durch Lebensordnung zu
überwinden war zogen sie mit ganzen Heeren von Quacksalbereien zu Felde Sie
suchten einer den andern zu verleumden und zu verfolgen statt brüderlich in
Gemeinschaft zu arbeiten um ihre Kunst auf feste Grundsätze zu bringen Sie
verkauften Arkana Wunderessenzen von deren Nichtigkeit sie selbst überzeugt
waren sie machten an armen Leuten allerlei Proben von Kurarten und erhoben die
an welchen die wenigsten Schlachtopfer starben als neu erfundne unfehlbare
Heilungsmittel Da herrschten dann allerlei Moden in der Arzeneikunst und was
man in diesem Jahre in einer Krankheit für Gift hielt wurde im folgenden als
ein unfehlbares Mittel in derselben Krankheit angepriesen
    So wie mit der Heilkunde so ging es auch mit den übrigen Wissenschaften
Die Begierde zu allem was unbekannt wunderbar unerhört war brachte eine
Frivolität Bizarrerie und Neuerungssucht in alle Fächer die der wahren
Gelehrsamkeit unendlichen Schaden taten und da ernsthaftes Nachdenken über
denselben Gegenstand Langeweile machte so wurde alles nur oberflächlich
behandelt von der lustigen Seite angesehen  Witz und Persiflage spielten den
Meister über gründliche Darstellung man bezahlte sich mit wohlklingenden
Worten ohne Sinn und ernsthaftes Studium Bestimmtheit in Begriffen und
Ausdrücken hieß Pedanterei Jedermann wollte alles wissen um von allem reden
über alles lachen zu können ein Mann der nur in einem Fache groß war galt für
einen beschränkten Kopf Der Stutzer plauderte über Staatswirtschaft in dem
Zirkel um den Nachtstuhl einer Dame her wurden philosophische Probleme
aufgelöset Komische Gegenstände wurden metaphysisch wichtige der ganzen
Menschheit interessante Materien in Marionettenspielen abgehandelt Man prägte
neue Worte für Dinge womit man gar keinen Begriff verband man appellierte an
das Gefühl wo die Vernunft zu ungeschmeidig war sich von der Phantasie nicht
wie ein Freudenmädchen wollte behandeln lassen Man schwätzte wo man wirken
sollte man spannte ohne Unterlass die Einbildungskraft an interessierte sich
für eine Ideenwelt indes man in der wirklichen alles gehen ließ wie es ging
Man fand Genuss Wonne darin nie aus einem fieberhaften Zustande zu kommen und
machte sich eine Ehre daraus an Leib und Seele kränklich zu scheinen
Männliche ernste Beredsamkeit verwandelte sich in zierlichen schallenden
Wortprunk die schönen Künste arbeiteten nur zu dem Zwecke die Nerven zu
kitzeln die Dichter feuerten nicht mehr durch erhabene geistreiche Gesänge zu
großen Taten an sondern sangen im Posaunenton das Lob der Großen und Reichen
beleierten unwichtige kleine Gegenstände oder erhitzen durch üppige Bilder die
Einbildungskraft feuriger Jünglinge und geiler Schwelger und als auch dies
Gewürz den Gaumen nicht mehr kitzelte suchte man durch Darstellung
riesenmässiger Zauberszenen und schändlicher Greuel die verwöhnten immer nach
unerwarteten Eindrücken schnappenden Herzen aufzurühren Eine natürliche
gesangvolle Melodie ermüdete die Ohren man forderte ein Gewühl von Tönen Ein
einfacher Plan kunstlos mit Wahrheit und Würde ausgeführt machte Langeweile
man forderte Verwicklung Überspannung buntes Guckkastenspiel
 
                                Zwölftes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Dahin war es in allen Klassen der Bürger in den Städten gekommen indes das
Landvolk zum Teil noch unverderbt war als ein neuer Einfall der Nubier in das
abyssinische Land den großen Negus zwang in Eil ein Kriegsheer
zusammenzubringen allein jetzt war dies mit mehr Schwierigkeiten verknüpft als
in den goldnen älteren Zeiten wo jeder Abyssinier voll Wärme für das Wohl des
Ganzen und für die Ehre der Nation zu Rettung des Vaterlandes herbeieilte Es
fanden sich soviel Ausflüchte um nicht ins Feld zu gehen notwendige Geschäfte
zu Hause Kränklichkeit des Körpers etc Zu einem üppigen weichlichen Leben
gewöhnt erschütterte der Gedanke an die Beschwerlichkeiten des Kriegs und die
Gefahr des Todes besonders den Adel und die Städtebewohner so sehr dass unter
zehn nicht einer mitwollte  Ja Mord und Totschlag auf dem Theater zu sehen
das ist recht unterhaltend und man meint das zeige Stärke und Mut an den
Anblick solcher fürchterlichen Szenen ertragen zu können aber in natura  nein
das ist nichts
    Nun endlich kam denn eine Art von Armee zustande allein da ging es wieder
an ein Kabalieren um die Anführerstellen Dass die adeligen Herren allein sich in
den Besitz derselben setzen wollten verstand sich von selber aber auch unter
diesen gönnte keiner dem andern die Oberbefehlshaberrolle  Die gesunden
nervigen Landleute verachteten ihre weichlichen feigen Anführer welche ganze
Serails von Metzen ganze Warenlager voll starker Getränke einen unzählbaren
Tross von unnützen Bedienten Fuhrwerken Tragsesseln Lastvieh Küchengeräte
Lebensmittel Garderoben und Toiletten mit sich herumschleppten Man gehorchte
also solchen weibischen Anführern teils gar nicht teils ungern Diese Elenden
hingegen waren immer unter sich durch Neid getrennt wollten keiner dem andern
den Sieg gönnen hatten auch überhaupt nicht viel Lust zu entscheidenden
Schlachten  Aber focht denn nicht der König an ihrer Spitze gab Beispiele von
Mut Entschlossenheit Überwindung aller Gefahren Beschwerden und
Schwierigkeiten  Nein der große Negus besuchte in der Residenz die
Schauspiele ließ sich da Schlachten liefern die kein Blut kosteten schwelgte
mit seinen Weibern und sprach von den prächtigen Triumphen die er halten
wollte wenn sein damaliger Liebling der Oberküchenmeister dem er die Armee
anvertraut hatte die Feinde würde geschlagen haben
    Zum Glücke hatten es die Abyssinier mit einem ebenso verderbten
ausgemergelten Volke zu tun als sie selber waren Da gab es denn ungeheure
Zurüstungen zu kleinen Vorfällen Märsche hin und her Prahlereien von beiden
Seiten wenn ein kleines Korps einmal mit dem andern handgemein geworden war
aber dagegen desto mehr Plünderungen Städte und Länderverwüstungen
Notzüchtigungen Ermordung von Weibern und Kindern  denn wer ist grausamer als
der Feige  Das Ende vom Kriege war ein Frieden in welchem alles auf dem
vorigen Fuß blieb bis auf den Ruin so vieler unschuldigen Familien die das
Unglück gehabt hatten durch diese Helden ihre ehemals so blühenden Fluren in
Einöden verwandelt zu sehen
    Die Beschwerlichkeiten dieses Kriegs nun und die Schwierigkeit ein Heer
dazu zusammenzubringen führte den großen Negus und seine Ratgeber zuerst auf
den Gedanken ein stehendes Heer zu errichten Dies sollte nicht nur immer in
Bereitschaft sein gegen den Feind zu Felde zu ziehen sondern auch rebellische
Untertanen die sich unterstehen würden den allergnädigsten Verordnungen ihre
untertänigste Befolgung zu versagen zu Paaren treiben endlich auch für die
innere Sicherheit des Landes sorgen indem nun bei immer zunehmendem Luxus und
allgemeiner werdenden Korruption Diebstahl Strassenraub und Mord trotz aller
Todesstrafen täglich mehr einrissen Dass übrigens der Bürger und Bauer dafür
dass er bei der Gefahr die dem Vaterlande drohte ruhig zu Hause bleiben
konnte den Soldaten der für ihn in das Feld ging im Kriege und Frieden
bezahlen musste das verstand sich von selber
    Sonderbar war in der Tat der Gedanke auch aus dem Soldaten einen eignen
Stand zu machen gewisse Leute dafür zu bezahlen dass sie sich für die andern
totschiessen lassen und ihr Leben eines Streits wegen aufs Spiel setzen sollten
dessen Gegenstand sie auf keine Weise interessierte Wer diese Einrichtung nicht
schon längst in unserm zivilisierten Europa zur Wirklichkeit gebracht gesehen
hätte der sollte es fast nicht glauben dass es Menschen geben könnte die sich
zu so etwas verleiten ließ ja eine Ehre darin suchten und das Tapferkeit
nennen könnten wenn man da nicht fortläuft wo man  nicht fortlaufen kann
Doch das gehört ja nicht hierher Genug es wurde in Abyssinien ein Heer
errichtet und wir müssen doch hören wie
    Zu Anführern wurden wie man denken kann die Söhne der Vornehmen genommen
und weil diese in der Tat nicht immer die Tapfersten waren und man sie auch
nicht übermäßig für ihre Dienste belohnen konnte so musste man andre Ressorts
erfinden um sie zu bewegen sich durch kühne Taten auszuzeichnen Man fand
diese Ressorts in der törichten Eitelkeit der Menschen in ihren falschen
Begriffen von Ehre von Rang und in ihrer Albernheit auf kleine Auszeichnungen
auf Bänder Kleidung Lob und dergleichen Wert zu setzen Man gab dem ganzen
Heere einerlei Kleidung zu tragen der König selbst erschien in diesem Gewande
und man legte einen hohen Wert darauf im Kriegsrocke einhergehen zu dürfen
diesem Rocke Ehre zu machen und keine Beschimpfung zu ertragen wenn man ihn am
Leibe hatte Der nützlichste Mann im Staate der Handwerker durfte es nicht
wagen sich mit einem Trommelschläger in eine Klasse zu setzen Schimpfwörter
die man in Übereilung gegen jemand auszustossen pflegt durfte der auf innere
wahre Ehre stolze Bürger großmütig verzeihen der Kriegsmann musste sich mit
Blute rächen Der Offizier der in der Schlacht seine Pflicht tat wurde durch
ein Bändchen oder ein andres kleines Angehänge das man ihm zu tragen erlaubte
belohnt Man verzieh dem Soldatenstande leichtsinnige Übereilungen
Unsittlichkeiten Ausschweifungen raues Betragen und Unwissenheit weswegen
Menschen in andern Ständen verachtet und geflohen wurden  Und so hatte denn
der Stand eines Offiziers neben dem Müssiggange in welchem er den größten Teil
seines Lebens zubringen konnte für Leute mancher Art viel Reiz Ein solcher
rückte denn auch nach und nach von Stufe zu Stufe weiter wo er immer etwas
besser besoldet mehr geehrt mehr geschmeichelt wurde und war er alt
kränklich oder im Kriege verstümmelt so konnte er sich mit einer mäßigen
Pension in Ruhe setzen Die Schwierigkeit in andern Ständen sich durch Kabalen
und Hudeleien mancher Art bis zu einer Stelle hindurchzuarbeiten die in diesen
teuren Zeiten eine Familie ernährte bewog denn auch würdige und edle aber arme
Männer Offizier zu werden weil sie doch dadurch eine kleine aber sichre mit
äußerer Ehre verknüpfte Versorgung erhielten und weniger Schikanen ausgesetzt
waren
    Das alles fand aber nur bei den Offizieren statt mit den gemeinen Soldaten
sah es ganz anders aus Schlecht bezahlt dürftig gekleidet mager gespeist
ohne Hoffnung weiter fortzurücken und mit der Aussicht wenn sie einst Krüppel
oder sonst zum Dienste unfähig würden fortgejagt und Bettler oder Räuber zu
werden und dabei in sklavischem Zwange lebend ausserstande sich durch
Tapferkeit Ruhm zu erwerben wollte kein arbeitsamer Mensch gutwillig sich
diesem Stande widmen Es mussten daher andre Mittel gewählt werden die Armee
vollzählig zu machen Taugenichts und Vagabonden die durch den Reiz eines
zügellosen müßigen Lebens herbeigelockt wurden ließ man die Waffen tragen
bessere Menschen wurden teils mit Gewalt teils durch List angeworben Man übte
sie in den Waffen das heißt da man jetzt auf persönliche Tapferkeit im Kriege
nicht mehr rechnen durfte so lehrte man sie gehen und kommen schießen und sich
totschiessen lassen sooft ihnen der Wink dazu gegeben wurde Mit fürchterlichen
Schlägen wurden die Widerspenstigen und Ungeschickten zu diesen mechanischen
Übungen abgerichtet die strengste Unterwürfigkeit der pünktlichste Gehorsam
eingeführt das kleinste Verbrechen das geringste Murren auf die
abschreckendste Weise bestraft jeder Offizier übernahm die Unterjochung einiger
solcher Leute Die Schlechtern unter diesen hatten nicht den Mut sich der
unmenschlichen Tyrannei zu widersetzen die Bessern wurden nach und nach des
Jochs gewöhnt und wussten nicht ob sie sich bei einer Empörung auf die
Mitwirkung ihres Nebenmannes verlassen konnten als Bauern zu Hause war auch
nicht viel Glück und Freiheit für sie  da wurden sie von den Beamten
geschunden und so erhielt und befestigte sich dann  in der Tat ein Wunder der
Menschheit  eine Maschine in welcher vieltausend Unzufriedne und Unglückliche
sich auf den Wink eines einzigen zu Handlungen bestimmen ließ die gänzlich
gegen ihre Neigung gegen Billigkeit gegen Vernunft und Natur waren ohne
jedoch zu murren ohne die Rechte der freien Menschheit zu reklamieren ohne
empört zu werden von dem entehrenden Schauspiele dem wahren Sinnbilde des
Despotismus wenn sich ein ehrwürdiger Greis unter den Schlägen von der Hand
eines Knaben krümmen musste
    Nun wurde die Kunst Menschen von der Erde zu vertilgen in ein System
gebracht und man sah auch in Abyssinien ein dass nicht mehr die Tapferkeit
sondern das was man Kriegskunst nennt das Glück der Feldzüge entscheide Es
kam darauf an die Maschine welche man aus vernünftigen Wesen denen man den
freien Willen geraubt zusammengesetzt hatte mit grössrer Behendigkeit und
Schnelligkeit zu bewegen als der Feind um über diesen den Meister zu spielen
Feuergewehr hatten die Abyssinier schon längst über Arabien her bekommen ein
Jesuit denn jetzt rede ich schon von den neueren Zeiten von der Regierung der
letztern drei Könige lehrte sie den besten schnellsten und gleichförmigsten
Gebrauch von diesen Waffen machen und führte sie selbst im nächsten Kriege an
der entscheidend zum Vorteile der Abyssinier ausfiel und eine Menge nubischer
Könige dem großen Negus zinsbar machte
    Auf diese Zeiten folgte ein langjähriger Frieden während welchem die
Soldaten anfangs untätig in den Städten lagen Viele von ihnen waren eingeborne
mit Gewalt aus dem Schoße ihrer Familie von nützlicher Arbeit weggerissene
Bauern und Bürgersöhne Mit reinen Sitten waren sie zum Teil zum Heere
gekommen jetzt wurden sie von den übrigen zu allen Arten von Lastern verführt
die durch sklavische Behandlung Müßiggang und böses Beispiel erzeugt und
genährt werden Von ihrem geringen Solde konnten sie in der Residenz nicht
leben ein jeder half sich so gut er konnte und trieb nebenher irgendein
mitunter sehr unedles Gewerbe um Brot zu haben Wer Verwandte auf dem Lande
hatte dem brachten diese Nahrungsmittel in die Stadt und nicht genug dass man
den Vater seines Sohnes beraubt hatte der ihm in der Arbeit beistehen konnte
musste er diesem noch obendrein seinen kleinen Vorrat zutragen Die Schwestern
und Geliebten der jungen Krieger kamen bei dieser Gelegenheit häufig in die
Residenz wurden von dem Flitterglanze geblendet verführt und nicht selten von
ihrem eignen Bruder vornehmen Wollüstlingen in die Hände geliefert Andre
Soldaten erhielten die Erlaubnis auf gewisse Zeit bei ihren Verwandten in den
Provinzen sich aufhalten zu dürfen dann brachten sie alle Stadtlaster mit
hinaus auf das Land und so wurde denn durch die stehenden Heere die Korruption
auch in den Strohhütten verbreitet und Einfalt der Sitten und Unschuld
verschwanden aus allen Ständen
    Damals kam ein Negus zur Regierung der sich gern auf wohlfeile Weise einen
großen Namen machen wollte Er bekam Lust ein wenig Krieg zu führen und fremde
Provinzen zu erobern Die Armee war da war einmal bestimmt sich zur
Schlachtbank führen zu lassen wohin man wollte Der oben schon rühmlichst
genannte Jesuite bewies Sr Majestät nicht nur dass die Könige dazu ein Recht
hätten sondern dass es auch höchst nötig sei bei dem Soldaten nicht durch gar
zu langen Frieden die Kriegszucht sinken zu lassen Es wurde also der erste
mutwillige Krieg geführt Hunderttausend vernünftige Wesen wurden von beiden
Seiten ermordet man schloss endlich einen Frieden durch welchen man halb soviel
Land gewann als die Heere verwüstet hatten der Negus hielt ein großes Fest
das den schon verarmten Untertanen den letzten Heller aus dem Beutel lockte und
fand nun Vergnügen daran mehr dergleichen unschuldige Possen zu treiben
    Einem seiner Gesandten wurde an einem Hofe in Nubien eine unbedeutende
Ehrenbezeugung versagt  und man fing einen Krieg an Der Liebling des Negus
hatte einen Privatass gegen den Minister des Königs von Sennar  und man fing
einen Krieg an
    Man würde sich irren wenn man glaubte die Völker Abyssiniens hätten nicht
endlich die Abscheulichkeit dieser Handlungen gefühlt hätten nicht sich dagegen
sträuben wollen mit Gut und Blut der Ball der törichten Leidenschaften und
Grillen ihres Despoten zu sein Wirklich entstand in der Provinz Hangot ein
fürchterlicher Aufruhr allein man schickte einen Teil des Heers dahin und nun
zum erstenmal besudelten die Krieger ihre Hände mit dem Blute ihrer Brüder
halfen Menschen unterjochen und morden von denen sie besoldet ernährt
gepflegt wurden Der Sohn musste gegen den Vater fechten der Freund den Freund
zu Boden strecken Nun erst war der Despotismus fest gegründet das Volk zu
Sklaven gemacht keiner wagte es ferner zu murren der gekrönte Schurke spielte
mit dem Leben mit dem Vermögen mit der ganzen natürlichen bürgerlichen und
moralischen Existenz derer die ihm freiwillig und zutrauvoll ihr zeitliches
Glück in die Hände gegeben hatten Ein einziges freies Wort brachte den
redlichsten weisesten Mann ohne Urteil und Recht ohne Verhör ohne Mitleid
gegen seine trostlose Familie auf das Blutgerüste die bewaffneten Henker rissen
den Edelen der dem Günstlinge nicht zu schmeicheln verstand aus den Armen
seines treuen Weibes schleppten ihn in den Kerker und ließ ihn da
verschmachten
    Doch das war nicht der letzte Missbrauch den der Despot von seinem
Kriegsheere machte man zeigte ihm noch einen Weg Vorteil davon zu ziehen Er
verkaufte nämlich das Leben seiner Untertanen an benachbarte Mächte vermietete
vernünftige Wesen wie man Lasttiere vermietet ließ sich große Summen bezahlen
die in seine Kassen flossen und die er mit seinen Lieblingen und Kebsweibern
verschwelgte  Höher sollte man meinen könne der Despotismus nicht steigen
allein da würde man irren das folgende Kapitel wird dies klarmachen
 
                              Dreizehntes Kapitel
                               Schluss des vorigen
Frei geborene Menschen durch stufenweise verstärkte Eingriffe in ihre Rechte
dann durch immer mehr gewagte Misshandlungen nebenher durch Korruption ihrer
Sitten wodurch Seele und Leib geschwächt zum Widerstande unfähig gemacht
werden endlich durch erschreckliche Strafen sich unterwürfig zu machen das
heißt Meister über alle ihre Handlungen zu werden das ist freilich ein
abscheulicher Despotismus  Aber was bedeutet das gegen die Tyrannei die man
ausübt wenn man auch über ihre Meinungen über ihre Vorstellungen und über
ihren Glauben sich eine Herrschaft anmasst Dennoch kam es auch so weit in
Abyssinien Dass dies das Werk der Priester war versteht sich wohl von selber
    Bis jetzt habe ich von dem Religionswesen in Abyssinien noch gar nichts
gesagt hier ist der Ort dazu In den ältesten Zeiten das heißt in den Zeiten
die unmittelbar auf die große Überschwemmung folgten war der Gottesdienst der
Abyssinier äußerst einfach ihre Religion beruhete auf sehr dunklen Ideen vom
göttlichen Wesen und von Theologie und Priesterstande hatten sie das Glück
nichts zu wissen
    Die Tradition von der Überschwemmung durchkreuzte ihre Traditionen über die
Schöpfung der Welt und über das was bis zu jener Überschwemmung in ihren
Gegenden vorgefallen war Indessen glaubten sie dass die ganze Welt von einem
einzigen unsichtbaren Wesen wäre geschaffen worden und noch im Gange erhalten
werde dass dies Wesen ehemals sich den Menschen sichtbar gezeigt hätte sie
wären ihm aber ungehorsam gewesen und hätten sich der Abgötterei ergeben da
wäre das Wesen erzürnt worden und hätte sie alle vertilgt bis auf eine fromme
Familie durch welche nachher Abyssinien wieder wäre bevölkert worden
    Ihr Gottesdienst bestand nur in Verehrungsbezeugung und Huldigung gegen das
unsichtbare höchste Wesen dem sie ihre Unterwürfigkeit und ihren Gehorsam zu
bezeugen suchten um es zu bewegen nie wieder eine so schreckliche Verwüstung
auf dem Erdboden anzurichten Die wenigen Zeremonien deren sie sich bedienten
trugen noch das Gepräge des Schreckens der durch die Überschwemmung damals in
den Herzen derer die sie erlebt hatten war erzeugt worden Sie gossen an
gewissen Tagen Wasser in die Luft und heulten und klagten dabei sie wuschen und
badeten mit Feierlichkeiten ihre Kinder wenn diese ein gewisses Alter erreicht
hatten sie warfen sich bei Aufgang und Untergange der Sonne zur Erde nieder
stießen Seufzer aus wenn die Nacht heranbrach und Freudentöne wenn sie des
Morgens ohne Unfall zu erleben erwacht waren
    Allen diesen Gebräuchen nun stand jeder Hausvater an der Spitze seiner
Familie vor nur an dem großen Versöhnungstage wenn alle Familien sich
vereinigten um die oben beschriebne Libation vorzunehmen präsidierte der
Älteste unter ihnen oder nachdem sie sich ein Oberhaupt gewählt hatten dieses
bei der großen Feierlichkeit  Also noch einmal sie hatten damals keine
Priester
    Über das Wesen Gottes über seine Ökonomie bei Schöpfung und Erhaltung der
Welt über den Zustand jenseits des Grabes nachzudenken das fiel ihnen
vielleicht nicht einmal ein vielleicht glaubten sie auch dass das Grübeln über
Gegenstände in denen die Vernunft doch nie sich Licht zu verschaffen vermag
Torheit wäre vielleicht endlich ließ ihnen ein tätiges Leben im Schweiße ihres
Angesichts auch nicht die Musse sich mit Spekulationen abzugeben  Also hatten
sie auch keine Theologie und was jeder in müßigen Stunden über solche Dinge
denken und träumen wollte das blieb ihm überlassen
    Indessen kamen lange nachher durch einen Zufall unter den Abyssiniern die
Traditionen in Kurs welche in den Geschichtsbüchern des jüdischen Volks
enthalten sind Dies geschahe in einer Periode wo schon die Kultur weiter um
sich gegriffen hatte und die Neugier zuweilen von den täglichen Bedürfnissen
ab in das Gebiet der Phantasie einen Gang zu wagen Zeit gewann Da fassten dann
die in den Mosaischen Gedichten entaltnen theologischen teosophischen
teokratischen kosmogonetischen und übrigen Begriffe von Gott der Schöpfung
und dem Weltgebäude in Abyssinien Wurzel und es wurden auch einige der
orientalischen Religionsgebräuche unter andern die Beschneidung Opfer und
dergleichen dort eingeführt
    Als sich verschiedene Stände im Lande abzusondern begannen und jeder sich
einer eignen Lebensart widmete sich ein eigenes Gewerbe ausschließlich wählte
und nach und nach auch die Abyssinier an äusserm Prunk und an Feierlichkeiten
Geschmack fanden ordnete man mehr jährliche öffentliche Feste Busstage und
nach dem Beispiele der Israeliten auch einen wöchentlichen dem Gottesdienste
und der Ruhe von Geschäften gewidmeten Sabbat an bauete Tempel und ernannte
einen Stamm der wie der Stamm Levi den religiösen Zeremonien vorstehen dem
Volke vorbeten und die Opfer verrichten sollte Da dieser Stamm wie billig vom
Staate ernährt werden musste so wies man ihm einen Anteil an den Opfern an
verwilligte ihm den Zehnten von gewissen Feldern beschenkte ihn auch wohl mit
heimgefallnen Gütern Zu bereichern suchten sich diese Leviten wie alle
Priester allein sie durften doch ohne Bestimmung des Fürsten nichts an sich
reißen Geherrscht hätten sie gern wie alle Priester aber dazu fand sich noch
keine Gelegenheit Freilich suchten sie sich in den Ruf zu setzen als seien sie
in unmittelbarer Verbindung mit dem höchsten Wesen gaben Wunder und
Weissagungen vor wollten zu Rate gezogen sein wenn etwas Großes in dem Staate
unternommen werden sollte doch war ihr Kredit noch immer sehr eingeschränkt
Auf unnütze Spekulationen fielen sie auch wie alle Müßiggänger sie fingen an
die jüdischen heiligen Bücher auf mannigfaltige Weise zu kommentieren allein
sie zankten sich nur unter sich und die Laien nahmen keinen Anteil an ihren
theologischen Streitigkeiten Da wurde zum Beispiel die große wichtige Frage
unter ihnen aufgeworfen wieviel Sprossen die Himmelsleiter gehabt welche Jakob
im Traume gesehen hätte ob es Engel weiblichen Geschlechts gäbe und dergleichen
mehr aber das Volk ging seinen Nahrungsgeschäften nach und ließ die Priester
das unter sich verfechten
    Da alle diese Mittel sich gelten zu machen nicht anschlagen wollten so
erlauerten sie den Zeitpunkt als grade ein schwacher abergläubischer Fürst auf
dem Throne saß suchten diesem eine große Meinung von der Wirkung ihres Gebets
und von ihrer Gabe Wunder zu tun und zu weissagen beizubringen und erlangten
von ihm das Privilegium Schulen anzulegen und Menschen die zu nützlicher
bürgerlichen Lebensart bestimmt waren und überhaupt ohne Unterschied alle
Bürger mit Gewalt in der Theologie zu unterrichten
    Die Folgen davon sind leicht einzusehen Der Geist des ganzen Volks wurde
von dem graden Wege der gesunden Vernunft die sich berechtigt glaubt nichts
als wahr annehmen zu dürfen als wovon sie den Grund einsieht auf
Spitzfindigkeit Sophismen und Aberglauben von zweckmässiger Tätigkeit auf
unnütze Spekulationen geleitet nicht nach Überzeugung sondern nach Autorität
zu urteilen nach Autorität zu glauben und danach zu handeln das Herz wurde
für warme innige einfältige Gottesverehrung unempfänglich gemacht und an
Formeln kalte Feierlichkeiten und mechanische Andächtelei gewöhnt die
schönsten Jugendjahre wo es Zeit gewesen wäre den Verstand aufzuklären und das
Gedächtnis mit heilsamen Vorkenntnissen auszurüsten wurden mit kaltem Wortkrame
verschleudert die Priester aber machten sich dem Volke wichtig und notwendig
erfüllten die Kinder mit blinder Verehrung des geistlichen Standes schlichen
sich in die Familien ein mischten sich in allerlei Händel und bereicherten
sich
    Als sich endlich die Könige in Abyssinien unabhängig machten waren die
Priester schon ein äußerst bedeutender Stand geworden den man nicht vor den
Kopf stoßen durfte Sie fanden aber ihre Rechnung dabei den Despotismus zu
unterstützen sie bewiesen dem Volke dass der König ein Stattalter Gottes sei
und unbedingten Gehorsam fordern könne Sie erfanden ein Geschlechtsregister für
die Familie des Monarchen der man nun die erbliche Tronfolge zugesichert
hatte und ließ den großen Negus von dem jüdischen Könige Salomon und der
Königin Saba abstammen1 Für diese geistliche Unterstützung aber ließ sie sich
denn auch von dem Despoten wichtige Privilegien einräumen und seit dieser Zeit
hielten sie es immer so dass je nachdem ein verständiger oder schwacher ein
ihnen ergebner oder nicht gut gegen sie gesinnter Regent auf dem Throne war sie
entweder gegen gute Bezahlung sich zu seinen Werkzeugen oder sich ihm furchtbar
entweder gemeinschaftliche Sache mit dem weltlichen Despotismus machten oder
Meuterei erregten  Wie es aber auch kam so war immer das Volk das Opfer
davon
    So stand es als die christliche Religion oder vielmehr ein Mittelding
zwischen ihr und der jüdischen nämlich die koptische Religion in Abyssinien
eingeführt wurde Die einfache so jedermann klare für alle Stände unter den
Menschen so heilsame so verständliche so weise für Kopf und Herz gleich
beruhigende Lehre des Erlösers der Welt fand in ihrer Reinigkeit keinen Eingang
bei Menschen die sich durch jene Albernheiten verschroben und verstimmt hatten
 Wie hätten auch die Priester da ihr Konto finden sollen wo nichts auswendig
zu lernen nichts zu glauben war als dass man um Gott wohlgefällig zu sein ihn
über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben müsse wo keine andre
Beweise für die Echteit der Lehre gefordert wurden als dass man an sich selber
die Probe anstellen sollte ob sie uns besser und ruhiger machte oder nicht
    Die koptische Religion hingegen war eine wahre Pfaffenreligion und
vereinigte dabei alle Gebräuche der jüdischen und christlichen miteinander
Beschneidung und Taufe Abendmahl und Konfirmation und Firmelung und
Priesterweihe und Mönchsstand und Heiligendienst  Und welch eine herrliche
Menge mystischer Lehren die auf die Sittlichkeit und auf die Ruhe im Leben und
im Sterben gar keinen Einfluss hatten worüber sich aber gewaltig disputieren und
schwätzen ließ Nun waren vierzehn Jahre selbst für einen Laien kaum
hinlänglich die Skizze dieses ganzen theologischen Systems in sein Gedächtnis
zu propfen und doch wurde das von jedem Abyssinier gefordert
    Um den Negus ganz für dies System und für den Priesterstand zu
interessieren bewogen ihn die Pfaffen sich zum Diakonus weihen zu lassen Seit
dieser Zeit ist der Beherrscher von Abyssinien immer zugleich Diakonus wird
wenn er die Regierung antritt von jenen Kerln gesalbt und trägt einen
Hauptschmuck der halb Priestermütze halb Krone ist Nun sah er sich auch als
das Oberhaupt der Priesterschaft an jetzt wurden die fruchtbarsten Felder die
fettesten Wiesen ein Eigentum der Pfaffen es wurden Klöster gestiftet und reich
dotiert in welchen ein Haufen erzdummer Schurken sich bei frommen Müssiggange
Schmerbäuche zeugten und dabei in Unzucht und Völlerei lebten Auch Einsiedler
die das Volk für Wundertäter hielt setzten sich in den Gebirgen von Waldubba
fest Alles dies begünstigte und beförderte der große Negus dagegen aber
sprachen ihn denn auch die Priester im Namen Gottes von allen vergangenen
jetzigen und künftigen Sünden los predigten dem Volke unaufhörlich die Lehre
von der Heiligkeit der königlichen Majestät und erhielten es in der Dummheit und
Unwissenheit so dass es nie den Gedanken wagte sich der unmenschlichen Tyrannei
zu widersetzen
    Um ihr Reich noch vollends zu befestigen war es nötig auch dafür zu
sorgen dass kein andrer als ein so frommer Monarch auf den abyssinischen Thron
käme Hierzu war das wirksamste Mittel die Erziehung der Prinzen in ihre Hände
zu spielen welches ihnen auch so wohl gelang dass in den letzten hundert Jahren
nicht nur kein einziger Negus von andern als Pfaffenhänden ist gebildet worden
sondern auch dass ihnen die Wahl überlassen blieb welcher von den Prinzen zur
Regierung kommen sollte und dass die übrigen königlichen Kinder nach Waldubba in
ihre Klöster verwiesen wurden Dieser letzte Umstand war ihnen sehr nützlich
Die Prinzen bürgten ihnen als Geiseln für die beständige Dauer ihres Systems
denn starb die regierende Familie aus so hatten sie im voraus dafür gesorgt
dass der Tronfolger den man aus ihrem Kloster holen musste gewiss wenigstens
ebenso dumm und ein ebenso großer Pfaffenfreund war als der jüngst Verstorbne
und wollte der König zuweilen Miene machen als wenn er ihr Joch abschütteln
möchte so regten sie das Volk gegen ihn auf indem sie dasselbe anhetzten dass
es das Kloster stürmen und einen von den frommen Prinzen zum Könige ausrufen
musste Dann gab der Negus gute Worte bat und flehete dass die Priester den
Aufruhr stillen möchten und räumte ihnen neue Vorteile neue Vorrechte ein
    Die gewaltige Übermacht nun welche die Pfaffen in Abyssinien hatten machte
sie aber auch im höchsten Grade übermütig und schamlos Ihr Hochmut ihr
geistlicher Stolz kannte keine Grenzen mehr und wer sich nicht vor ihnen im
Staube beugte vielleicht gar einem ihrer eigennützigen Plane etwas in den Weg
legte der wurde mit seiner ganzen zeitlichen Glückseligkeit das Opfer davon In
alle Häuser schlichen sie sich als Ratgeber ein verschaften sich das Vorrecht
sich die wichtigsten Geheimnisse anvertrauen lassen und gegen jedermann
verschwiegen folglich auch mit Mädchen und Weibern Gespräche unter vier Augen
halten zu dürfen die weder der Ehemann noch der Vater zu unterbrechen wagte
    Allein das war ihnen noch nicht genug Wer vierzehn Jugendjahre in ihren
Schulen verschleuderte konnte denn doch die übrige Zeit seines Lebens anwenden
die schiefen Begriffe wiederum aus seinem Kopfe herauszuarbeiten die er dort
aufgesammelt hatte und wenn er dann der Klerisei die schuldigen Gebühren
entrichtete und gegen keines ihrer Privilegien Eingriffe wagte so mussten sie
ihn wohl in Ruhe lassen  So blieb es aber nicht es kam darauf an auch ein
Mittel zu finden mit einigem Schein des Rechts offensive gegen ruhige Bürger
verfahren zu können und das Mittel musste den Pfaffen die herrliche Erfindung
der Ortodoxie darreichen
    Die Überzeugung des Verstandes ist wie bekannt ein Ding das durchaus
nicht in unsrer Gewalt steht Sehr unwillkürlich sind die Eindrücke welche die
äußern Gegenstände auf uns machen sehr unwillkürlich die Vorstellungen die in
uns erzeugt werden Selbst bei solchen praktischen Sätzen auf welchen gewisse
Handlungen beruhen ist das höchste was derjenige welcher mir Gesetze
vorschreibt von mir verlangen kann dass ich jene Handlungen so begehe wie er
sie mir vorschreibt Aber noch obendrein zu fordern dass ich den Gründen warum
er sie mir vorschreibt meinen vollkommenen Beifall geben soll das ist
Tyrannei Vollends aber bei bloß teoretischen oder gar spekulativen Sätzen die
gar keinen Einfluss auf Handlungen haben meine Vernunft in einen fremden
Schraubestock zwängen zu sollen wer das fordert der will die Menschen unter
die Tiere erniedrigen das kann  nur ein Priester wollen Und dennoch wagten
die Pfaffen in Abyssinien unter der Regierung eines erzfrommen Negus auch
diesen Eingriff in die Rechte der Menschheit Man machte damit den Anfang zu
befehlen dass da die Sätze der Theologie und dasjenige was in den Schulen von
dem Wesen des unsichtbaren Gottes von Schöpfung der Welt und dergleichen
vorgetragen würde unzählige Menschen überzeugte und glücklich und ruhig machte
so solle sich keiner unterstehen Zweifel gegen diese Lehren vorzutragen
    Schon dies Gesetz empörte die Weisern im Volke Man sagte eine Lehre die
keine Prüfung und Beleuchtung verstatte müsse jedem sehr verdächtig vorkommen
es sei möglich dass jemand der bis dahin bei dem Glauben an diese Lehren ruhig
gewesen sei doch noch ruhiger werden würde wenn er andre Sätze annähme wozu
man ihm nun aber den Weg versperrte die Überzeugung solcher Leute die von
jedem sophistischen Zweifel in ihrem Systeme irregemacht würden sei gar nichts
sei nicht mehr wert als der Unglaube eines solchen und endlich sei es ja doch
möglich dass Menschen irren könnten dass man durch Zweifeln und Streiten auf den
Grund besserer Wahrheiten käme welches offenbarer Gewinst für die Menschheit
sei  Indessen gehorchte man der Verordnung und  schwieg
    Damit aber war den Pfaffen noch immer nicht geholfen Bald fing man an auch
zu befehlen was die Menschen glauben sollten Es wurde ein eigenes Gericht
niedergesetzt welchem sogar der König selbst in Glaubenssachen sich unterwarf
Dies Gericht hatte das Recht jeden vorladen zu lassen und ihn zu befragen ob
er dies oder jenes glaube oder nicht War der Mann kein Heuchler sondern
gestand offenherzig er könne dies oder jenes nicht glauben wolle aber gern
still dazu schweigen so half ihm das nichts sondern er wurde seines
Unglaubens wegen mit willkürlicher ja zuweilen mit Todesstrafe belegt
    Darauf erschien ein Befehl dass auch kein Fremder der im Lande sich
niederlassen wollte oder schon sich niedergelassen hätte darin geduldet werden
sollte er habe denn vorher seine alten Irrtümer abgeschworen und den Glauben
der Abyssinier angenommen Man nannte dies aber die Religion des Landes
annehmen denn nun waren Religion Theologie und Gottesdienst schon
gleichbedeutende Dinge geworden
    Jetzt hatten die Pfaffen freie Hand ihre Privatsache gegen die besten
Menschen auszuüben denn wenn sie gern jemand auf die Seite schaffen wollten
der ihnen im Wege war oder ihnen sein Weib nicht preisgeben mochte so brachten
sie falsche Zeugen gegen ihn auf die aussagen mussten er habe gegen die
Religion oder deren Priester geredet Denn sie machten ihre Sache zur Sache
Gottes Seine Verteidigung ja sein Widerruf half nichts und er wurde auf
grausame Weise hingerichtet
    Jeder Druck jeder Zwang reizt zum Widerstande Vorher war es keinem Laien
eingefallen sehr eigensinnig für oder gegen die Glaubenslehren eingenommen zu
sein jetzt fanden sich eine Menge Irrgläubiger Sektierer Freigeister und von
der andern Seite blinde Fanatiker Die Dogmatik und Ortodoxie also waren es in
Abyssinien wie in allen übrigen Ländern welche Unglauben und Aberglauben
erzeugten Diese verschiedenen Sekten aber hassten und verfolgten sich auf das
schrecklichste im bürgerlichen Leben  Und so wurde denn auch da die heilige
zum Wohl der Welt den Menschen gegebene Frieden und Bruderliebe predigende
Religion die reichste Quelle des Zwistes der Verfolgung und unnennbaren Elends
unter ihnen
    Doch nicht genug daran in ihrem Schoße fand auch der heuchlerische
Bösewicht Mittel alle Bubenstücke zu begehen und dennoch für einen frommen
rechtschaffnen Mann zu gelten Da nun das Wesen der Religion in blindem Glauben
in Werkheiligkeit gottesdienstlichen Gebräuchen Verehrung und Bereicherung der
Priester und Unterwürfigkeit gegen sie beruhete so sahen diese nicht nur dem
Scheinheiligen bei allen seinen heimlichen und öffentlichen Lastern und
Verbrechen durch die Finger sondern der Andächtler wusste sich auch von dem
abergläubischen Volke durch verstellte Demut und Gottesfurcht Ehrerbietung zu
erzwingen Leute hingegen die an den Glaubenslehren zweifelten schüttelten
nicht selten da in dem Religionsunterrichte den sie genossen hatten alle
sittliche Pflichten aus den Glaubenslehren waren herbeigeleitet worden sobald
ihr Glauben an diese wankte zugleich die reine hier auf Erden ewig wahre Moral
von sich  Auf diese Weise untergrub also auch die Theologie die moralische
Glückseligkeit der Menschen
    Die Folgen dieses Priesterunwesens wurden noch abscheulicher als endlich
gar die Pfaffen unter sich selber in Uneinigkeit gerieten Dies geschahe zuerst
bei einer sonderbaren Veranlassung Es hatte nämlich ein Pfaffe in Sire einer
Stadt die noch größer ist als die ehemalige Residenz Axum sich unterstanden
in der Schule die er hielt zu sagen man dürfe die Geschichte von Elias Wagen
nicht wörtlich verstehen jedermann wisse dass es nicht möglich sei mit einem
Wagen durch die Luft zu kutschieren und ein feuriger Wagen sei nun gar etwas
wobei ein ehrlicher Mann der sich daraufsetzte seine fleischernen Hinterteile
in große Gefahr bringen würde die ganze Geschichte sei also so zu verstehen
dass ein starkes Gewitter das Vehikulum gewesen sei dessen sich Gott bedient
habe den Propheten aus der Welt zu nehmen  Kaum war das Gerücht von dieser
fürchterlichen Ketzerei den Mitgliedern des Glaubenskollegium in Axum zu Ohren
gekommen so wurde der irrgläubige Priester vorgeladen verhört und ihm
zugemutet öffentlich zu widerrufen Er war ein Mann von Grundsätzen und 
widerrief nicht Man ließ ihm drei Wochen Zeit die erfordert wurden die
nötigen Anstalten zu seiner feierlichen Exekution zu machen und als er da sein
Wort nicht zurücknahm wurde er mit großer Pracht in Gegenwart des Hofs und
vieler tausend Zuschauer auf dem Markte in Axum am Spieße gebraten
    Ich Benjamin Noldmann muss bei dieser Gelegenheit meine Schwäche bekennen
wenn es anders eine Schwäche ist Ich würde mich eines bloß teoretischen
Satzes wegen gewiss nicht braten lassen sondern augenblicklich widerrufen
glaube auch der Schöpfer welcher mir das Leben gegeben hat womit ich kein
Spielwerk treiben darf würde mirs zur großen Sünde anrechnen wenn ich aus
Eigensinn und um meine Überzeugung öffentlich dartun zu dürfen mir auch nur ein
Glied verstümmeln ließe Durch mich wird daher nie die Feierlichkeit eines
Autodafé vermehrt werden
    Wer hatte bis dahin sich um die Konstruktion jenes Wagens bekümmert Jetzt
wurde des Propheten Kalesche der Gegenstand des allgemeinen Interesse  Eine
Lehre für die ein Mann sein Leben lässt muss doch wohl wahr und von der höchsten
Wichtigkeit sein  Ehe ein Jahr verging war die Sekte derer die öffentlich
erklärten sie könnten und würden nie glauben dass man mit einem feurigen Wagen
zum Himmel fahren könnte zu mehr als tausend angewachsen Man ergriff eine
Menge von ihnen einige widerriefen bei den schrecklichen Martern womit man sie
peinigte die Hartnäckigsten versiegelten ihre Lehre mit dem Märtyrertode aber
je mehr AntiKaleschianer gefoltert gespiesst gebraten gekreuzigt geschunden
gesteinigt und ihrer Augen beraubt wurden2 desto zahlreicher wurde diese Sekte
die endlich anfing sich eine eigne kirchliche Verfassung zu errichten sich
Oberhäupter und eigne Priester zu wählen und sich der Obrigkeit zu widersetzen
die ihre Anführer gefangennehmen wollte
    Nun war es Zeit die Kriegsvölker gegen diese Rotte anrücken zu lassen
allein die Ketzer hatten dies vorausgesehen sich bewaffnet und mit einer der
nubisschen Völkerschaften verbunden Da fing denn ein blutiger Religionskrieg an
und Elias Wagen kostete tausend arbeitsamen Bürgern das Leben
    Mit abwechselndem Glücke wurde dieser einländische Krieg eine lange Reihe
von Jahren hindurch geführt In einem Feldzuge wurde die schöne Stadt Axum von
Grund aus zerstört noch jetzt sieht man nur die Rudera davon der große Negus
musste fliehen und bauete die neue Residenz Gondar Im folgenden Jahre war der
Nachteil auf der Seite der Ketzer und so ging es fort zuweilen siegte die
eine dann die andre Partei Ströme von Blut flossen und die schönsten
Provinzen wurden in Wüsteneien verwandelt Zuweilen schloss man einen Frieden mit
den Ketzern der aber wie sich das von Priestern nicht anders erwarten lässt
jedesmal von s der Ortodoxen treulos gebrochen wurde Das Ende von diesem
allen aber war dass zuletzt der fortdauernden Bedrückungen und Verfolgungen
müde mehr als hunderttausend fleißige und geschickte Untertanen die nicht
glauben konnten dass man in einem Räderfuhrwerke durch die Lüfte fahren könne
zum Lande hinaus wanderten und sich in Nubien festsetzten wo sie geduldet
wurden Handel und Manufakturen in Flor brachten und sich als ruhige Bürger
betrugen
 
                              Vierzehntes Kapitel
Geschichte der letzten Vorfälle in Abyssinien bis zu der Ankunft des Verfassers
Als sich dieser letzte Vorfall zutrug starb grade der damals regierende Negus
der sich den Titel des allerrechtgläubigsten Monarchen hatte erteilen lassen
Sein Nachfolger obgleich auch unter Pfaffenhänden aufgewachsen war durch ein
Ungefähr dergleichen in dieser Welt oft das Schicksal von Ländern und Völkern
entscheidet ein wenig aufgeklärter und verständiger als wohl den geistlichen
Herren lieb sein mochte Er sah bald den Fehler ein den man begangen hatte
die besten Untertanen aus dem Reiche zu jagen und suchte ihn wieder zu
verbessern indem er den sogenannten Ketzern Frieden und die Erlaubnis zu freier
Religionsübung versprach allein sie traueten seinem Worte nicht hatten sich
auch schon in Nubien festgesetzt und so bestand denn alles was der Negus tun
konnte darin dass er in der Folge mehr Duldung in seinen Ländern einführte und
den Priestern ein wenig den Daumen aufs Auge hielt die jetzt nicht mehr so
furchtbar waren und sich sehr verhasst gemacht hatten Nun setzten sich in der
Handelsstadt Gauza Mahometaner und in Adova Juden fest doch blieb der Schaden
den der Fanatismus angestiftet hatte unersetzlich
    Ich habe oben zuweilen eines Jesuiten Erwähnung getan dem die Abyssinier
die Verbesserung ihres Kriegswesens und die Errichtung eines stehenden Heers zu
danken hatten Nach seinem Tode war kein Mitglied dieses Ordens wieder nach
Abyssinien gekommen und in den nachherigen Zeiten von denen ich im vorigen
Kapitel geredet habe wurden ja auch keine Fremde im Reiche geduldet Kaum aber
war es in Kairo bekannt geworden dass der jetzige Negus tolerantere Grundsätze
ausübte so machte die Gesellschaft Jesu die leicht zu wittern pflegt wo für
sie etwas zu tun ist Plan auf ein dauerhaftes Etablissement in diesem Lande
das so schönes Gold und Silber und Herrlichkeiten aller Art hervorbringt Sie
schickte daher eine Mission nach Gondar ein paar verschmitzte Jesuiten die
alle Gestalten anzunehmen wussten schmeichelten sich bei dem Monarchen ein
dessen Steckenpferd nun einmal Toleranz war und erlangten von ihm die
Erlaubnis den christkatolischen Glauben predigen und in Freniona ein
Jesuitenkollegium stiften zu dürfen Hierdurch nisteten sich denn diese schlauen
Herren bald so gut ein dass nach und nach besonders in der Provinz Tigre eine
Menge katholischer Kirchen und Klöster gebaut wurde
    Dies ging eine Zeitlang ganz gut vonstatten und die verschiedenen Sekten
lebten miteinander in Frieden Allein das System der Römischen Kirche und
Hierarchie verträgt wie jedermann weiß keine Unterwürfigkeit unter den
weltlichen Arm und so tolerant auch der Negus war so schien er doch gar nicht
geneigt seine Pfaffen zu unterdrücken um sich unter das Joch von andern noch
herrschsüchtigern Pfaffen zu begeben Als daher die Herren Jesuiten anfingen
das Bekehrungswesen ein wenig grob zu treiben gab man ihnen den Wink sie
möchten es damit leise angehen lassen Zwei von ihnen drängten sich ohne
Unterlass dem Monarchen auf und sprachen von Träumen worin ihnen Gott offenbart
hätte es würden S Majestät mit ihrem ganzen Hofe sich in den Schoss der
Römischen Kirche werfen  Am Hofe herrschten damals freigeisterische
Grundsätze man spottete der Träumer Sie versicherten den König er könne nach
den Grundsätzen ihrer Religion unendlich mehr Sünden begehen als nach koptischen
Grundsätzen  Er antwortete diese Freiheit nähme er sich ohne ihre Erlaubnis
Sie bestachen ein paar Lieblinge und sogar die Iteghe oder Königin unter den
Weibern des Negus  Diese waren sämtlich so ehrlich das Geld zu nehmen es
aber dem Monarchen anzuzeigen und mit ihm über die feinen Herren zu lachen
    Indessen gestattete man den Jesuiten dass sie ihren Glauben predigen
Gemeinen stiften viel Kirchen und Klöster bauen und endlich gar einen Bischof
weihen durften der Hof sah dieser Feierlichkeit zu und fand sie recht artig
übrigens erlaubte man den Katholiken den Bischof aus ihrem Beutel zu bezahlen
Allein nun kamen sie auf einmal mit einem Heere von päpstlichen Rechten
Exemtionen von weltlicher Gerichtsbarkeit Gebühren und Abgaben für
Dispensationen und dergleichen die man nach Rom schicken sollte angezogen das
gefiel denn dem Negus nicht er ließ also den Bischof zu sich rufen und fragte
ihn ganz trocken »Wer ist der Kerl in Rom der in meinem Lande Befehle geben
und Geld heben will« Der Bischof suchte die Sache in das beste Licht zu setzen
aber seine Beredsamkeit fruchtete nichts »Ihr Schlingel sämtlich« sprach der
König »sollt unter der weltlichen Obrigkeit stehen den alten
Glaubensgerichtshof der monatlich einige gute Leute braten ließ habe ich
abgeschafft meint  ihr ich wollte nun gar von solchem Gesindel als ihr seid
meine Untertanen hudeln lassen  Das sollt ihr meiner Seele wohl bleiben
lassen und der erste von euch der mir wieder den alten Pfaffen in Rom nennt
den lasse ich bei den Beinen aufknüpfen«
    Die Jesuiten und ihre Anhänger gehorchten nicht sie fuhren fort in ihrem
hierarchischen Eifer predigten laut das Papsttum die Rechte der
alleinseligmachenden Kirche Verdammung der Ungläubigen Intoleranz und
erweckten den Geist des Zwiespalts Der große Negus ließ einen von diesen
unverschämten Predigern fangen und ihm vorerst nur den Staupbesen zur Warnung
der übrigen geben Nun kannte die Wut der Jesuiten die nicht die Kunst
verstehen sich im Zorne zu mäßigen keine Grenzen mehr Sie erregten insgeheim
Aufruhr und Empörung und wurden endlich über einem Komplott gegen das Leben des
Monarchen ertappt Da verging dem guten Herrn die Geduld die Rädelsführer
wurden gespiesst alle römischen Priester auf ewig des Landes verwiesen das
Jesuitenkollegium in Freniona wurde zerstört und den Katholiken kein
öffentlicher Gottesdienst mehr verstattet Einige Jesuiten kamen als ägyptische
Kaufleute verkleidet wieder nach Abyssinien richteten aber nicht viel aus
    Kurz nach diesen Vorfällen starb der Negus und an seine Stelle kam der
Prinz zur Regierung dessen Baalomaal und Oberster der Leibgarde zu sein ich die
unverdiente Ehre gehabt habe Er war nicht im Kloster erzogen worden sondern am
Hofe seines Vaters wo er sehr viel von Aufklärung hatte reden gehört und wo ein
bisschen schöne Künste Wissenschaften und Deismus getrieben wurde Seine
teoretische und praktische Moral war nicht die strengste ein großer Geist war
er übrigens auch nicht wenigstens nicht halb sosehr als er glaubte und die
Schmeichler ihm sagten dass er es sei sich aber einen Namen unter den Monarchen
zu machen das steckte ihm sehr im Kopfe und diese Stimmung nützte mein Herr
Vetter Joseph Wurmbrand um ihn zu bewegen das Aufklärungswesen in Abyssinien
mit großem Eifer nach europäischer Weise zu treiben
    »Die Pfaffen sowohl die unsrigen als die katholischen haben meine
Untertanen in der Dummheit erhalten« sagte der große Negus zu meinem Herrn
Vetter »Freilich sehe ich wohl ein« fuhr er fort »dass es zuviel verlangt
wäre wenn ich fordern wollte dass jemand in meinem Reiche so weise sein sollte
als ich allein es macht doch einen Staat blühend und eine Regierung berühmt
wenn Wissenschaften und Künste im Lande getrieben werden Die Abyssinier aber
die wenigen ausgenommen die sich an meinem Hofe gebildet haben sind noch sehr
weit zurück Es ist mir daher sehr lieb dass du gekommen bist du scheinst ein
Mann zu sein den ich brauchen kann Du sollst mir helfen hier alles auf
europäischen Fuß setzen Schaffe mir Leute die dich in diesem Geschäfte
unterstützen können Bücher Maschinen und dergleichen aus deinem Vaterlande
Zugleich wollen wir neue Verbindungen mit andern Nationen knüpfen und die alten
erneuern Ich erwarte über dies ganze Werk deinen Plan den ich prüfen und
berichtigen will«
    Diesen Plan nun arbeitete Herr Wurmband aus mein Ruf nach Abyssinien zu
kommen und was ich mit dahin bringen musste und meine Gesandtschaft in Nubien
das alles war mit in diesem gnädigst approbierten Plan enthalten indes aber war
auch mein Herr Vetter nicht untätig gewesen und als ich nach Gondar kam fand
ich wie schon gesagt sehr vieles nach europäischer Manier eingerichtet
 
                              Funfzehntes Kapitel
        Des Herrn Wurmbrands erste Anstalten zur Aufklärung Abyssiniens
Als mein Herr Vetter seinen Aufklärungsplan ausgearbeitet hatte überreichte er
ihn Sr Majestät die ihn sich vorlesen ließ und dann über die einzelnen Teile
desselben mit dem Verfasser redeten
    Mit einer prächtigen Lobrede auf die Aufklärung hatte Herr Wurmbrand
angefangen »Derjenige Monarch« hieß es darin »ist der größte und mächtigste
welcher den weisesten Menschen Gesetze vorschreibt nur ein Tyrann kann
wünschen über eine Horde unwissender Menschen zu herrschen aber auch der
Tyrann bedarf da er doch nicht hundert Augen Ohren Hände und Köpfe hat
wenigstens einiger vernünftigen gebildeten Menschen durch deren Hilfe er den
großen Haufen in Ordnung hält und wie will er zu diesem Zwecke die besten Köpfe
aus seinem Volke auslesen können wenn er nicht durch Beförderung allgemeiner
Aufklärung den Funken erweckt der außer dem verborgen liegenbliebe«  Nun
waren denn eine Menge Gemeinsprüche über den herrlichen Einfluss der Wissenschaft
und Künste auf den Charakter und die Glückseligkeit eines Volks gesagt und wie
Weisheit und Geschicklichkeit die Griechen und Römer zu Herren über alle übrige
Nationen erhoben hätten und aus diesem allen war der Schluss gezogen dass der
große Negus mit aller Gewalt sein Volk aufklären müsste
    »Das ist« sprach der König »dasselbe nur mit andern Worten gesagt was du
neulich von mir gehört und es freut mich dass du den Sinn meiner Reden so gut
gefasst hast allein ich wollte du könntest mir auch recht gründlich einen
Zweifel heben der oft in mir erwacht nämlich ob mir die Leute auch wohl noch
gehorchen werden wenn ich sie gar zu klug mache Du weißt dass ich die Pfaffen
nicht leiden kann aber darin hatten sie meiner Seele recht dass sie immer
sagten man müsse die Menschen in der Dummheit erhalten sonst glaubten sie
sich selbst regieren zu können Und was die Dummheit angeht Herr Minister so
meine ich das verstünden doch die Priester wie man damit umgehen müsse« 
»Oh was das betrifft« erwiderte mein Herr Vetter »so brauchen Euer Majestät
sich vor dem Räsonieren nicht zu fürchten solange Sie hunderttausend Soldaten
auf den Beinen haben«  »Aber wenn nun der Teufel der Aufklärung auch in diese
fährt und auch sie nicht mehr auf jeden Wink zu Gebote stehen wollen«  »Dafür
ist der Stock gut«  »Und wenn nun die vielen nicht länger von einem sich
wollen prügeln lassen«  »Das hat nichts zu bedeuten keiner trauet auf des
andern Mitülfe die erste schiefe Miene muss wie offenbare Meuterei bestraft
werden
    Nach und nach gewöhnt sich dann der Mensch daran nicht selbst denken und
handeln zu dürfen und wer wenig im Magen und Beutel hat ohne Unterlass
beschäftigt und beobachtet wird dem vergehen die aufrührischen Gedanken« 
»Das ist gut geantwortet« sprach der Negus »ich habe das auch gedacht und
wollte nur sehen ob du die Sache aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtetest«
    Das erste was nun der neue Minister zu tun für nötig hielt war
Buchdruckereien anzulegen wobei er in einer langen Deklamation zeigte welche
große Summe neuer Wahrheiten durch diese herrliche Erfindung in der Welt wäre
verbreitet worden Der König machte den Einwurf ob durch diese Leichtigkeit
seine Ideen allgemein zu machen wohl nicht ebensoviel und mehr schiefe Begriffe
und Irrtümer wären in Umlauf gekommen Wurmbrand gab dies zu behauptete aber
selbst diese Albernheiten hätten wiederum auf die Spur von neuen Wahrheiten
geführt Der Hofnarr des Königs der gegenwärtig war meinte nach diesem
Grundsatze müsse man auch die Ansteckung epidemischer Krankheiten zu erleichtern
suchen damit hierdurch die Arzeneikunst auf die Erfindung neuer Heilmetoden
geleitet würde  Der Hofnarr wurde aus dem Zimmer gejagt und Anstalt zu
Errichtung der Buchdruckereien gemacht »Damit aber« sprach mein Herr Vetter
»niemand sichs einfallen lasse gefährliche Grundsätze zu verbreiten die das
Volk gegen die weisen Regierungsmaximen Euer Majestät und gegen die herrschende
Religion misstrauisch machen könnten so wird es gut sein zu befehlen dass
nichts dürfe gedruckt werden als was vorher einem eignen Kollegio sei vorgelegt
worden« Der Hofnarr hatte vor der Tür gehorcht bei diesem Gespräche steckte er
den Kopf wieder herein und sagte »Das macht ihr gut da werden die Menschen in
allen Dingen klug werden und ihre Ideen berichtigen außer in dem was ihnen auf
der Welt am wichtigsten ist Und wenn ihr euch auf eure Weisheit und auf eure
hunderttausend Puppen verlassen dürft so dächte ich ihr könntet auch die Leute
immer reden und schreiben lassen was sie wollten«  Der Hofnarr bekam zwanzig
Prügel auf die Hinterteile und das Zensurkollegium wurde errichtet
    Nächst Anlegung der Buchdruckereien empfahl mein Herr Vetter dem Könige
vorzüglich die Beförderung des Studiums fremder Sprachen Neue Wörter
Redensarten und Wendungen wären meinte er das wenigste was man dadurch
lernte aber man gewänne auch neue Ideen die unmerklich mit den fremden
Redensarten zugleich zu uns übergingen Es wäre zum Beispiel wohl der Mühe
wert mit philosophischem Scharfsinne genauer nachzuspüren wie der Charakter
der Deutschen und ihre Sitten von mancher Seite eine andre Richtung bekommen
hätten seitdem in unserm Vaterlande die französische Sprache nach und nach
allgemeiner geworden wäre Hierauf machte dann Herr Wurmbrand den Negus mit
einigen ausländischen Wörtern bekannt die teils übersetzt teils in unsre
Sprache aufgenommen eine Revolution in unsrer Art zu denken und zu handeln
gemacht hätten Dahin gehörten meinte er die Worte Delikatesse Diskretion
kompromittieren Sentiment empfindsam konventionell und dergleichen mehr »Wie
undelikat« rief mein Herr Vetter aus »war nicht der alte raue grade biedre
Deutsche Wie wenig diskret Wie leicht kompromittierte er durch seine
Freimütigkeit Die feinern Sentiments rührten nie seine starke Seele zur
Empfindsamkeit und er hielt alles für eine Art unnützen Zwanges oder gar für
Betrug was bloß auf konventionellen nicht natürlichen Pflichten beruhete bis
er durch jene fremden Wörter aufmerksam auf alle diese herrlichen Dinge gemacht
wurde«  »Wenn die fremden Ideen gut und klar sind« fiel ihm der König in die
Rede »und man dadurch nicht zuletzt so viel neue Seiten bekommt dass man nicht
mehr recht weiß welche die rechte und eigne Seite ist so lasse ich das Ding
gelten Doch das ist zu weitläufig   Ich will es versuchen will meinen
Untertanen ein Beispiel geben will selbst Deutsch lernen Aber mit den Sprachen
ist es so eine Sache Selbst unsereiner kann doch diese nicht so ohne alle
Anweisung studieren wenigstens ist das mühsamer Du sollst also die Ehre haben
mir Unterweisung zu geben aber ich verbitte mir dass du dich dessen nicht etwa
rühmest« Mein Vetter lehrte also den Negus die deutsche Sprache er wählte
dabei die Methode welche unsre neueren Pädagogen so sehr anpreisen und wodurch
man die Sprachen freilich weniger gründlich lernt aber desto geschwinder und
ohne Anstrengung einige Fertigkeit darin erlangt nämlich durch beständiges
Plaudern und bald wurde wie ich schon oben erzählt habe die deutsche Sprache
die Hofsprache in Gondar
    Zu dem Aufklärungsplane des Herrn Wurmbrand gehörte ferner mit dass er dem
Monarchen vorschlug Fremde in das Land zu locken und diese vorzüglich
auszuzeichnen »Das mag geschehen« sagte der Negus »aber notiere dabei dass es
Fremde sein müssen die rechtliche Kerl und geschickter und arbeitsamer als
meine Untertanen sind sonst fressen mir die Tagediebe das Fett des Landes und
verderben noch wohl obendrein die Einheimischen« Bei dieser Gelegenheit nun
wagte es mein Herr Vetter zuerst meiner geringen Person als eines sehr
nützlichen Subjekts Erwähnung zu tun und es wurde festgesetzt dass vorerst
niemand als ich aus Deutschland verschrieben werden sollte
    »Euer Majestät« hieß es ferner in dem Aufsatze »klagen darüber dass
Allerhöchst Dero Untertanen in sich selber nicht Trieb genug fühlten in
Weisheit Tugend und Aufklärung zu wachsen Diese schlafende Kräfte nun zu
ermuntern weiß ich keine diensamern Mittel als gewisse Preise auf vorzüglich
edle Handlungen auf Proben von beharrlichem Fleiße und auf neue Entdeckungen zu
setzen  Und nun kamen Vorschläge von Rosenfesten von Geldverwilligungen für
nützliche Erfindungen von Titeln für Gelehrte etc  »Diesmal« rief der Negus
indem er meinem Vetter abermals in die Rede fiel »bist du auf einem Holzwege
das lass dir von mir gesagt sein Wenn du nichts Bessres weißt um die Abyssinier
klüger und tugendhafter zu machen so streiche nur die ganze Stelle aus Meinst
du ich wollte aus der Tugend und Weisheit Metzen machen die sich bezahlen
ließ Ich sollte meine Untertanen daran gewöhnen zu glauben dass man seine
und seiner Nebenmenschen Köpfe und Herzen vervollkommnen müsse um Geld damit zu
verdienen Meinst du ein wahres Genie ließe sich deswegen in seinem Schwunge
aufhalten weil ich ihm noch nicht den Titel als Baalomaal gegeben hätte Meinst
du die Keuschheit sei etwas wert die nur nach einem elenden Rosenkranze und
einer Aussteuer gerungen hätte  Wenn ihr in Europa keine bessere Antriebe
habt vollkommener zu werden so sind die Abyssinier meiner Seele nicht weiter
zurück als ihr«  Der Punkt mit den Rosenfesten Prämien und Titeln ging also
nicht durch
    Mit dem darauffolgenden Vorschlage ging es nicht viel besser Mein Vetter
wünschte nämlich der König möchte jährlich gewisse Summen aussetzen die
angewendet werden sollten armer Leute Kinder studieren zu lassen »Du willst«
wendete dagegen der Negus ein »dass armer Eltern Kinder Gelehrte werden sollen
und ich möchte dass mehr reicher Leute Söhne Bauern würden Wer wird zuletzt das
Feld umgraben wollen wenn wir diese Menschenklasse als einen unglücklichen
Stand betrachten aus welchem man die Menschen erlösen muss Ich möchte auch
gern dass ein Mann der Wissenschaften triebe zugleich eine feine Erziehung
hätte Ihr mögt wohl ungeschliffene Gelehrte in Deutschland haben wenn jeder
Bauerbengel der bis in die Jahre wo er Lust zeigt zu studieren auf dem Miste
herumgelaufen ist die Ochsenpeitsche mit der Schreibfeder vertauschen darf 
Doch das magst du hinschreiben dass wenn sich einmal ein ganz
außerordentliches Genie unter den Kindern eines armen Mannes findet ich dem
Vater Geld geben will damit der Sohn in irgendeinem Fache etwas Tüchtiges
lernen könne aber das braucht nicht grade als Gelehrter zu sein Wenn es Genies
unter den Bauern und Handwerkern gibt so ist das auch gut für den Landbau und
für die Manufakturen Wer übrigens sich zu etwas Höherm berufen fühlt der
arbeitet sich durch Armut und andre Schwierigkeiten hindurch Man muss den Leuten
nicht alles so leicht machen Durch Überwindung von Hindernissen wird das Genie
verstärkt wie eine gespannte Feder«  Was der König da sagte schien meinem
Herrn Vetter so vernünftig dass er fast nicht glauben konnte es käme aus Sr
Majestät Gehirne auch war das richtig geurteilt Diese ganze Stelle war aus
einem ägyptischen Manuskripte entlehnt und hatte dem Negus deswegen so gut
gefallen weil er darin eine Entschuldigung fand kein Geld herzugeben und er
die allgemeine Aufklärung in seinem Reiche gern so wohlfeil als möglich
betreiben wollte
    Gegen den Vorschlag der hierauf folgte Künstler in fremden Ländern reisen
zu lassen fand sich weniger einzuwenden und es wurden Gelder dazu verwilligt
doch mit der Bedingung dass diese Leute nach ihrer Zurückkunft einige Jahre
hindurch für den Hof umsonst arbeiten sollten
    Hierauf wurde festgesetzt in Adova der Hauptstadt von Tigre eine
Universität in einigen andern Städten aber Gymnasien und Schulen anzulegen
worauf denn auch endlich der König den Vorschlag billigte sich zu bemühen nach
und nach deutsche Gelehrte nach Abyssinien zu ziehen
    Um diesen letztern Punkt in Ordnung zu bringen und überhaupt dem Werke die
Krone aufzusetzen wagte mein Vetter den Antrag den Erbprinzen von Abyssinien
auf Reisen zu schicken Viel Widerstand fand er anfangs bei Durchsetzung dieser
Sache  Scheuete der große Negus die Kosten oder fürchtete er wie es zuweilen
der Fall bei den Fürsten sein soll dass sein Sohn durch eine bessere Erziehung
und Bildung als er selbst genossen auch klüger als er werden möchte  Genug
er sträubte sich ein wenig dazu einzuwilligen gab aber doch nach und
folgender Plan wurde gnädigst approbiert
    Der König hatte nämlich zwei Söhne Der Älteste welcher einst dem Vater in
der Regierung folgen sollte war ein Jüngling von sechzehn Jahren sehr von sich
eingenommen durch Hofschmeichelei verderbt kalt eingebildet von seinem
Fürstenstande hatte dabei viel Hang zur Sinnlichkeit zum Geize wenig Genie
gar keine Kenntnisse und keinen Trieb dergleichen zu erlangen Der Jüngste
hingegen war sanft bescheiden wohlwollend aufmerksam auf alles was ihn
belehren konnte nicht eben von durchdringendem Geiste aber von gutem graden
Hausverstande und unschuldig von s der Sitten Jener war von Jugend auf in
den Händen eines eigennützigen unwissenden Hofpedanten gewesen dieser aber
einem guten alten Manne anvertraut worden der nicht ohne Mühe von dem
Monarchen die Erlaubnis erlangte seinen Zögling fern vom Residenzgetümmel auf
dem Lande zu erziehen Wir werden künftig sehen mit welchem Erfolge dieser
Erziehungsplan gekrönt wurde Jetzt will ich nur noch sagen dass jener alte Mann
derselbe war dem ich die oben mitgeteilten Bruchstücke aus der Geschichte
Abyssiniens zu danken habe  Wenden wir uns wieder zu dem älteren Fürstenknaben
Herr Wurmbrand hatte seinem Monarchen so viel von Peter des Großen in Russland
kühnem Unternehmen als Privatmann zu reisen alle Verhältnisse des Lebens
kennenzulernen und als Soldat und Schiffmann und Handwerker von unten auf zu
dienen erzählt dass als er der Negus seinen Plan zur Reise des Kronprinzen
billigte um doch auch etwas von eignen hohen Einfällen hinzuzutun zugleich
erklärte sein Sohn sollte wie Peter von Russland in Deutschland als gemeiner
Soldat dienen und nach und nach alle Stufen bis zum Throne ersteigen Es wurde
vorläufig beschlossen dass ich den man damals in Abyssinien erwartete wenn ich
anders dem Könige zu gefallen das Glück hätte den Prinzen nebst einem
zahlreichen Gefolge auf Reisen führen und bei unsrer Zurückkunft einige Fuder
deutscher Gelehrten und Künstler mit nach Abyssinien bringen sollte Da ich
diese Reise im zweiten Teile meines Buchs beschreiben werde so sage ich hier
nichts mehr davon und eile zu dem letzten Punkte der in meines Herrn Vetters
Aufklärungsplane weitläufig auseinandergesetzt war
    Dieser Punkt betraf den Luxus Herr Wurmbrand gab sich Mühe zu beweisen dass
dieser einem Lande gar nicht schädlich wäre dass man ihm manche neue Erfindungen
zu danken hätte dass er das Geld in gehörigen Umlauf brächte und Tätigkeit und
Industrie ermunterte endlich dass er das Volk beschäftigte und von Meutereien
gegen den Alleinherrscher abhielte und zugleich indem er tausend neue
Bedürfnisse erzeugte die Untertanen von dem Monarchen abhängiger machte Bei
dieser Gelegenheit war denn auch von den glänzenden Vergnügungen in der
Residenz von Pracht und zuletzt von Schauspielen die Rede »Es ist ein eitler
Einwurf« schrieb mein Herr Vetter »wenn man sagt, diejenigen welche bloß für
das frivole Vergnügen der Bürger sorgten bereicherten sich auf Unkosten der
nützlichern arbeitsamern Klassen Ich will hier nicht einmal von dem Nutzen der
Schauspiele auf Bildung des Kopfs und Herzens reden sondern nur das bemerklich
machen dass solche Künstler und muntere Gesellen selten Reichtümer sammeln
sondern das Geld was sie heute verdienen morgen wieder verzehren«  »Das mag
sein« erwiderte der Negus »aber die Gastwirte Modehändler und andre an
welche das Geld aus diesen leichtfertigen Händen kommt sind ein ebenso böses
Volk das es gleichfalls nicht zu besitzen verdient Die arbeitende Klasse also
trägt es hin um es durch Hände von Verschwendern an Müßiggänger zu bringen die
sich damit bereichern«  »Und das finden Euer Majestät nicht gut« fragte
Wurmbrand »grade das passt in das System einer unumschränkten Regierung Was
würde aus den Monarchien werden wenn man darin frugale und fleißige Menschen
reich werden ließe Um über diese Herr zu bleiben dürfen sie sich nie im
Wohlstande fühlen indes die andern sammelten sie auch noch soviel Schätze
immer durch ihre Torheiten abhängig immer Sklaven von innen und außen bleiben«
 »Du hast zu meiner Zufriedenheit geantwortet« sprach der König »Ich machte
dir nur den Einwurf um zu sehen ob du die Sache gehörig durchdacht hättest
Ich erwarte von dir einen Entwurf zu einem neuen SchauspielEtat Lass mir auch
die ägyptischen Luftspringer wieder kommen die im vorigen Jahre hier waren Und
wenn dein Vetter der Herr von Noldmann aus Deutschland kommt soll er
directeur des plaisirs werden«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Der Verfasser tritt seine Bedienungen an und unterredet sich mit dem Negus über
                            verschiedene Gegenstände
Am zweiten Tage nachdem ich von des Negus Majestät zum Baalomaal oder
Kammerjunker und Leibgardeobersten war ernannt worden kündigte mir mein Herr
Vetter an dass es nun Zeit wäre Besitz von den mir gnädigst anvertraueten
Stellen zu nehmen Ich musste daher erst des Morgens den Waffenübungen der Garde
du Korps beiwohnen zu welchem Endzwecke mir von besagtem meinem Vetter ein
schöner Gaul der auf drei von seinen Beinen noch so ziemlich flink war zum
Geschenke gemacht wurde Wem Gott ein Amt gibt dem gibt er auch Verstand dazu
Es ging mit der Reuterei besser als ich gedacht hatte und was die Manoeuvres
betraf so verstanden die andern Offiziers nicht mehr davon als ich Der König
war selbst gegenwärtig unter seinen Augen machten wir allerlei hübsche
Angriffe hätte ein Feind da gestanden wo wir einhaueten so würden wir ihn
garstig zugerichtet haben Jetzt ging alles ohne Unglück ab außer dass wir ein
altes Weib und zwei Kinder die im Wege standen und sich nicht so schnell retten
konnten töteten indem wir sie überritten weil wir wie sich das versteht
dieser Kleinigkeit wegen nicht unsre Glieder trennen durften
    »Herr Vetter« sprach ich als ich zu Hause kam »ich habe mir mit
Erlaubnis zu sagen einen Wolf geritten«  »Das tut nichts« antwortete er »in
des Königs Dienste muss man Leib und Leben für nichts achten Indessen sollt Ihr
Euch noch heute in einer andern Amtsverrichtung zeigen zu welcher Ihr dieser
beschädigten Teile die Ihr einstweilen mit Kamelsfett schmieren möget gar
nicht bedürft S Majestät befehlen nämlich dass Ihr Allerhöchst Denenselben
heute zum erstenmal vorlesen sollt also haltet Euch nach der Mittagstafel
bereit dazu«
    Indes wir noch also sprachen wurde der Minister abgerufen ehe er mir
genauere Anweisung geben konnte aus welchem Buche der König sich wollte
vorlesen lassen Darüber kam die bestimmte Zeit heran und ich steckte ein paar
Bände zu mir die mir grade in die Hände fielen Unglücklicherweise waren es
französische Bücher und zwar ein Teil von Rousseaus Werken worin sein »Kontrat
social« stand und der erste Teil von Montesquieu »Esprit des loix« In diesen
Werken steht nun freilich wohl nichts womit man einen Despoten in den Schlaf
lesen kann aber ich hatte nun einmal kein anderes doch fragte ich zum
Überflusse in welcher Sprache Ihr Majestät beföhlen sich vorlesen zu lassen
 »Das ist mir einerlei« erwiderte der Monarch »lies du nur her was du hast«
Also fing ich an laut und vernehmlich doch mit sanfter Stimme das erste
Kapitel aus Montesquieu herzudeklamieren Der König nickte von Zeit zu Zeit mit
dem Kopfe als wollte er mir seinen Beifall zu erkennen geben und endlich
verwandelte sich dies Nicken in einen sanften Schlummer worauf ich meiner
Instruktion gemäß das Buch beisteckte und davonschleichen wollte allein der
Negus erwachte in demselben Augenblicke und winkte mir wiederzukommen »Nein
nein« rief er »gehe nicht fort Mein Schlaf ist schon vorüber Es hat recht
hübsch geklungen was du gelesen hast ich bin zufrieden doch magst du ein
andermal deutsche Bücher mitbringen Jetzt will ich mit dir über verschiedene
Gegenstände reden« 
    Nun begann unter uns ein Gespräch das ich hier insofern ich mich dessen
noch erinnre mitteilen will
    NEGUS Da ich dir nun die Direktion der Schauspiele übertragen habe so musst
du auch ein wachsames Auge auf die Musik halten Die Kerl spielen mir da nicht
immer alle mit es sind faule Schlingel darunter die zuweilen mitten im Stücke
aufhören und die andern fortspielen lassen Sie meinen ich merkte das nicht
aber ich sehe alles und will dass du sie anhaltest fleißiger zu sein
    ICH Allergnädigster Herr Es findet sich oft dass einzelne Stimmen
pausieren müssen
    NEGUS Was pausieren In meinem Dienste leide ich keine Pausen das lass dir
gesagt sein Und was die Regimentsmusik bei meiner Garde betrifft so sollst du
mir die Grössten von den Spielleuten auf die beiden Flügel stellen und diese
sollen mir die Posaunen von Jericho blasen Ich kann es nicht leiden wenn ein
kleiner Knirps sich pechbraun an einem Instrumente drückt das noch einmal so
lang als er selbst ist
    ICH Aber Euer Majestät geruhen zu überlegen dass doch nicht jedermann sich
auf alle Instrumente gelegt hat Wenn nun ein solcher Mann grade die Posaunen
von Jericho zu spielen nicht gelernt hätte
    NEGUS Darauf nehme ich keine Entschuldigung an er muss so lange geprügelt
werden bis er bläst Oh ich sehe wohl du kennst die Subordination noch nicht
die ich eingeführt habe Aber weil wir doch von Schauspielen reden damit muss
mirs auch auf einen andern Fuß kommen Ich weiß nicht was die abyssinischen
Teaterdichter dabei haben dass sie dem Volke lauter jämmerliche infame
Mordgeschichten darstellen dass sie nichts als Schurken Stocknarren
Karikaturen und Nickel und solches Lumpengesindel zu Helden und Heldinnen ihrer
Trauerspiele und Lustspiele wählen dass bei dem Plane ihrer Stücke oft eine
Begebenheit zum Grunde liegt die entweder höchst unwahrscheinlich ist in
hundert Jahren nicht einmal im menschlichen Leben vorfällt oder die aus einer so
höchst elenden Verkettung unglaublich unglücklicher Zufälle die sich gegen die
besten Menschen verschworen zu haben scheinen zusammengesetzt ist dass man bei
meiner Seele nichts dabei empfinden kann als Ekel vor diesen Greueln und
Unwillen gegen Gott der wenn man solchen Unglücksmalern glauben soll auch
dann seine Geschöpfe peinigt und mit Gewalt in den Abgrund zieht wenn sie
nichts verschuldet haben Nein ich mag wohl dass der Zuschauer seine Torheiten
und Laster in Beispielen geschildert sehe aber es müssen keine
Tollhaustorheiten und keine Strassenräuberslaster sein damit der Zuschauer sich
selber in seinen Augen nicht als ein Engel von Tugend und Weisheit in
Vergleichung mit jenen Kreaturen erscheine Ich mag wohl dass auf dem Theater
anschaulich gezeigt werde in welches Labyrinth von Elend der schwache Mensch
durch einen einzigen schiefen Bockssprung geraten kann aber bloß eine Galerie
von Jammer und Not zu eröffnen um zu zeigen dass man die elende Kunst versteht
uns zu erschüttern den Mann der in das Schauspiel geht um sich auf
anständige und vernünftige Weise von seinen häuslichen und bürgerlichen
Geschäften zu erholen seine Sorgen und Leiden zu vergessen und sein Gemüt durch
Lächeln aufzuheitern oder durch sanfte Rührung in süße Schwermut einzuwiegen und
dadurch den Sturm wilder Leidenschaften zu dämpfen einen solchen Mann
dergestalt zu handhaben dass ihm die Haare zu Berge stehen müssen ihm gleichsam
zu sagen Siehst du Kerl alles Unglück was du zu Hause und auswärts gesehen
und erlebt hast ist gar nichts gegen das was dir noch jeden Augenblick
begegnen kann wärst du auch der edelste und klügste Mann auf der Welt damit er
dann trauriger mutloser und verzweiflungsvoller als je nach Hause gehe  mich
dünkt das ist ein unedler Zweck dessen sich die Schauspielkunst schämen
sollte Und wenn denn die Bösewichte in solcher Herrlichkeit und Kraft
dargestellt werden dass man über ihre Größe die Abscheulichkeit und Gefahr ihrer
Grundsätze vergisst oder so liebenswürdig dass wir uns hingezogen fühlen zu
ihnen und dass leise der Gedanke in uns erwacht für ein so eminentes Genie gäbe
es keine Gesetze keine Moral und dass der feurige Jüngling leicht versucht
wird sich für ein solches privilegiertes Wesen zu halten und wenn nun neben
diesen Riesen von abscheulicher Erhabenheit die kalten Tugendbilder wie
geschmacklose Zwergfiguren aussehen endlich wenn man uns statt natürlicher
menschlicher Szenen und interessanter Begebenheiten höchst verwickelte sich
durchkreuzende immer unerwartet sich auflösende Geschichten darstellt so dass
man zuletzt keinen Sinn mehr für das Einfache hat und uns alles in der
wirklichen Welt langweilig und zu alltäglich vorkömmt weil man unsre Phantasie
ohne Unterlass reizt mit uns in idealischen Sphären herumzusegeln  was für
Nutzen hat dann das Schauspiel für Kopf und Herz Nein Du sollst mir das
Teaterwesen auf andern Fuß bringen so wie es in Deutschland ist denn ich
hoffe da wird es ja besser sein
    ICH Allergnädigster König Ich bewundre in tiefster Demut Euer Majestät
hohe Einsichten und werde diese gnädigsten Befehle zu meiner Richtschnur nehmen
Was aber unsern Geschmack in diesem Fache in Deutschland betrifft so geht es
leider dort ebenso damit wie hier und in allen übrigen Ländern Der Trieb nach
Neuheit jagt die Menschen ohne Unterlass weiter von dem gebahnten Wege ab und
nachher wenn die Einbildungskraft erst an das Herumschwärmen gewöhnt ist dann
hält es schwer sie wieder zurückzuführen Auf einmal wird sich das auch hier
wohl nicht tun lassen allein ich denke nach und nach wird man der
Hirngespinste müde und sehnt sich wieder nach Einfalt und Wahrheit
    NEGUS Nun nun wir wollen schon sehen wie sich das Ding treiben lässt
Seitdem ich Buchdruckereien habe anlegen lassen schreiben die abyssinischen
Gelehrten ziemlich fleißig noch ist zwar nicht viel kluges Zeug erschienen
aber ich denke wenn sie erst ein wenig in Übung kommen so soll es schon besser
gehen In Deutschland kommen wohl recht viel Bücher heraus
    ICH Viel tausend jährlich
    NEGUS Gott bewahre Da sind wir noch weit zurück Aber da können doch
unmöglich in jedem Buche neue Sachen stehen
    ICH Nichts weniger Einer schreibt den andern aus was schon
hunderttausendmal gesagt ist und täglich am Tische und auf der Gasse im Wachen
und Traume gesagt wird das lässt man auf unzählige Art anders eingekleidet
drucken
    NEGUS Das halte ich aber wahrlich für den elendesten Zeitverlust woran die
Leichtigkeit solches dummes Zeug durch Buchdruckereien in die Welt schicken zu
können schuld ist
    ICH Ich halte es auch für Zeitverlust aber was ist dagegen zu machen Kein
Buch ist so schlecht dass es nicht Leser finden sollte Bei täglich wachsendem
Luxus Reichtume und Müssiggange steigt auch das Bedürfnis sich die Zeit durch
Lesen zu vertreiben Eine Menge Leute die weder Lust noch Geschicklichkeit
haben nützliche Arbeiten im Staate zu treiben leben davon dass sie Bücher
machen Das erste was ihnen grade in den Kopf kommt werfen sie auf das Papier
Am mehrsten Unfug wird mit den sogenannten schönen Wissenschaften getrieben sie
sollten der Gelehrsamkeit eigentlich nur das sein was bei den Armeen die
leichten Truppen sind So wie man diesen wohl erlauben darf auch zuweilen in
Reihen und Gliedern zu fechten sie aber ohne von einem regulären Korps
unterstützt zu werden doch nichts ausrichten können so sollten die soliden
Wissenschaften auch die eigentliche Stärke der gelehrten Hauptarmee ausmachen
Nun aber bleibt es immer bei der Spiegelfechterei und die literarischen Husaren
verstehen nichts Gründliches vom Dienste Weil sie nicht Lust haben die Regeln
zu lernen die doch aus der Natur geschöpft sind und ohne welche man des sichern
Erfolgs nie gewiss ist sich auch leicht zu weit verirrt so stellen sie sich
als verachteten sie alle Regeln als wären diese völlig überflüssig Selbst gute
Köpfe werden von diesem so bequemen Vorurteile angesteckt und leisten nicht was
sie leisten könnten Es erscheint jetzt in Deutschland unter dem Namen von
Gedichten Schauspielen und Romanen ein solcher Wust von geschmacklosem Zeuge
dass wir uns dessen vor unsern Nachbarn schämen müssten wenn es nicht leider in
allen Ländern ebenso herginge An fleißige Ausfeilung seiner Werke denkt
niemand In einer müßigen Stunde oder wenn der Autor Geld bedarf bei guter
oder schlechter Laune heiterem oder umwölktem Kopfe ohne seinen Gegenstand im
ganzen durchgedacht zu haben schreibt er den Bogen voll und schickt ihn vor
Abend in die Druckerei Er muss auch eilen denn eine Messe später und die Form
seiner Werke worauf es mehr als auf den Inhalt ankömmt und die Sprache darin
er schreibt sind nicht mehr in der Mode  Niemand würde das Buch lesen und
entielte es auch eine Quintessenz von Weisheit Da er bei dieser
Veränderlichkeit des Geschmacks gewiss weiß dass sein Buch spätstens nach zehn
Jahren Makulatur sein wird so spornt ihn kein Ringen nach Unsterblichkeit an
er sucht also bei seinen Lebzeiten noch einigen Vorteil von seinen Talenten zu
ziehen ein eitles Lob einzuernten etwas Geld zu gewinnen Dieser letzte Punkt
hängt von der Gefälligkeit des Verlegers ab den er durch Nachgiebigkeit gegen
den verderbten Modegeschmack durch auffallende Titel durch bizarre
Einkleidungen und durch allerlei andre unwürdige Künste zu gewinnen schadlos zu
halten und gegen die Räubereien der Nachdrucker zu sichern suchen muss Aus
diesem allem erfolgt nun dass der Geschmack an gründlichen Wissenschaften die
Lust ernsthafte Werke zu lesen und zu schreiben immer geringer wird dass das
Publikum den Sinn für Wohlklang Numerus Würde und Eleganz im Ausdrucke
Sprachrichtigkeit und Ordnung in Gedanken und Einkleidung verliert dass jeder
schiefe Kopf oder Tagedieb der keinen Trieb hat etwas Gründliches zu lernen
keine Geduld eine nützliche Hantierung im Staate zu treiben Schriftsteller
wird dass hierdurch der Stand eines Schriftstellers tief herabsinkt und mancher
gute Kopf deswegen nicht schreibt weil er sich schämt mit jenen in eine Klasse
geworfen und von einem unwissenden undankbaren verschrobnen Publikum beurteilt
zu werden
    NEGUS Ich erstaune dein Vetter hat mir Wunderdinge von eurer Literatur
erzählt wenn ich wüsste dass er mich zum Narren gehabt hätte so ließe ich ihn
spiessen Wenn die Buchdruckerei solches Unwesen stiftet so wäre es ja fast
besser man erschwerte die Mittel schlechte Einfälle allgemein auszubreiten
    ICH Euer Majestät halten zu Gnaden Der Erfindung der Buchdruckerei haben
wir unendlich mehr Gutes zu danken als sie Verwirrung angerichtet hat Ich habe
auch keineswegs sagen wollen dass es uns an guten Büchern in Deutschland fehlt
aber es könnte besser mit unsrer Literatur aussehen wenn 
    NEGUS Wenn wenn  vollkommen ist nichts in der Welt  Wir wollen das
Wesen mit den Buchdruckereien ein wenig ablauern Wenn mir die Kerl denn gar zu
dummes Zeug schreiben so will ich einmal an einem ein Exempel geben das die
andern abschrecken soll Aber dein Vetter spricht mir ja immer soviel von der
Kritik in Deutschland und dass gewisse Leute sichs zum Geschäfte machten alle
neue Schriften öffentlich zu beurteilen und vor schlechten Büchern zu warnen
hilft denn das nicht
    ICH Allergnädigster Herr Mit der Kritik sieht es bei uns nicht besser aus
Von Obrigkeits wegen kann man doch keine Leute ansetzen die in Werken des
Geschmacks Urteile sprechen sollen also wirft sich jeder zum Kunstrichter auf
der Beruf dazu fühlt beurteilt ohne seinen Namen zu nennen folglich ohne dass
man weiß ob die Machtsprüche von einem Manne herrühren der in dem Fache
erfahren ist Bücher die er nicht versteht oft nicht einmal durchgelesen hat
posaunt die Schriften seiner Freunde aus schimpft aus Neid und Parteilichkeit
die größten Männer mischt persönliche Angriffe auf den Charakter der
Schriftsteller mit in die Rezensionen  und so ist man denn auch dahin gekommen
auf die Kritik gar nicht mehr zu achten  ja man hält sichs fast für einen
Schimpf sein Werk in manchen gelehrten Zeitungen und Journalen gelobt zu sehen
    NEGUS Das ist eine tolle Einrichtung Indessen muss man dem Dinge hier den
Lauf lassen Ich möchte doch gar zu gern dass Abyssinien auch durch Aufblühen
der Wissenschaften und Künste berühmt würde  Aber es ist schon spät es wird
wohl Zeit sein in das Schauspiel zu gehen Was wird heute gegeben
    ICH Das Trauerspiel »Der Levit vom Stamme Ephraim«
    NEGUS Ha das ist die Geschichte aus dem Buche der Richter Da wird die
Frau des armen Leviten genotzüchtigt bis sie stirbt und dann gevierteilt Das
ist ganz lustig anzusehen Komm mit mir Und morgen nach der Tafel sollst du mir
aus einem deutschen Buche vorlesen
 
                             Siebenzehntes Kapitel
          Des Verfassers zweite Unterredung mit dem großen Negus über
                             Staatsangelegenheiten
Mit der Ängstlichkeit die einen Minister zu befallen pflegt wenn er eine
seiner Kreaturen in den Dienst seines Despoten gebracht hat und er nun noch in
der Ungewissheit schwebt ob der gnädigste Herr auch zufrieden mit seiner Wahl
ist oder ob nicht vielleicht diese Empfehlung ihm dem Minister selber schaden
seinen Kredit schwächen könnte  mit dieser Ängstlichkeit zog mich mein Herr
Vetter sobald er im Schauspiele sich mir nähern konnte auf die Seite und
fragte mich wie meine erste Amtsverwaltung bei dem Monarchen abgelaufen wäre
»Ihr seid wie ich höre sehr lange bei Seiner Majestät gewesen« sagte er »ich
hoffe Ihr werdet mit Vorsicht und nichts geredet haben was uns schaden könnte
Ihr seid mit Fürsten und Höfen noch nicht sehr bekannt Jedes Wort muss man hier
auf die Waagschale legen Die großen Herrn sind denn auch misstrauisch und
verschweigen können sie gar nichts von dem was man ihnen im Vertrauen sagt«
    Ich bat den Herrn Minister nur ruhig zu sein und erzählte ihm alles was
zwischen dem Könige und mir vorgefallen war »Aber« rief mein Vetter aus »seid
Ihr denn toll Seiner Majestät aus einem Buche vorzulesen das in einer Sprache
geschrieben ist wovon er nicht eine Silbe versteht«  »Konnte ich das wissen«
erwiderte ich »warum sagte er mirs nicht dass er kein Französisch gelernt
hätte«  »Als wenn es sich für einen König schickte zu bekennen dass er in
irgendeiner Sache unerfahren wäre die einer seiner Untertanen weiß Ich hoffe
Ihr habt es ihm nicht merken lassen dass Ihr dies nur einmal ahnden könntet« 
»Nichts weniger Aber ich gestehe Euch auch der Herr sprach so verständig über
manche Gegenstände dass ich versucht war ihm alle mögliche Gelehrsamkeit
zuzutrauen Unter andern fällte er über die Schauspielkunst sehr treffende
Urteile«  »Oh bleibt mir damit vom Leibe diese lange Deklamation habe ich
schon so oft von ihm gehört die hat er in einem deutschen Manuskripte gelesen
das ich ihm geliehen habe hat sie auswendig gelernt und prahlt nun damit doch
das bleibt unter uns Diese Gabe haben alle Fürsten mit fremden Kenntnissen zu
prangen und Ihr werdet sehen dass wenn Ihr ihm heute etwas Gutes gesagt habt
er nach einigen Tagen vergessen haben wird dass das von Euch kam und dass er Euch
dann vielleicht Eure eigne Ware wieder verkaufen wird Übrigens wünschte ich
Ihr möchtet suchen künftig die Gespräche unvermerkt auf politische Gegenstände
zu lenken und ihm ein wenig von den herrlichen Einrichtungen unsrer deutschen
Staaten erzählen denn von dieser Seite habe ich meine Last mit ihm er will in
allem seinem Kopfe folgen und hat so despotische Grundsätze dass ich selbst oft
für meine und Eure Sicherheit bange bin Hier ist der Ort nicht davon zu reden
Kommt morgen früh in mein Kabinett da will ich Euch weitläufig instruieren«
    Ich ermangelte nicht diesen Befehl des Herrn Ministers zu vollziehen und
ging des andern Tages nach der Tafel vollkommen vorbereitet zu meinem
allergnädigsten Negus
    Die Leser werden es mir wie ich hoffe nicht zur Eitelkeit auslegen wie
einige von ihnen es einem großen deutschen Schriftsteller bei einem ähnlichen
Falle dafür ausgelegt haben wenn ich ihnen noch ein paar von meinen Gesprächen
mit dem Monarchen Abyssiniens erzähle Es ist notwendig dass ich berichte wie
der Negus über manche Gegenstände welche auf die Aufklärung seines Landes Bezug
haben konnten dachte wenn ich von meinen und meines Herrn Vetters Bemühungen
dort alles auf europäischen Fuß zu setzen Rechenschaft geben will  Also ohne
Umschweife
    Ich las heute dem Negus aus Wielands »Geschichte der Abderiten« vor wobei
Seine Majestät herzlich lachten als wir durch einen großen Lärm der draußen
vor den Fenstern des Schlosses entstand unterbrochen wurden Ich erschrak und
fürchtete einen Auflauf des Volks allein der König beruhigte mich und erklärte
mir den Vorfall Es war nämlich von undenklichen Zeiten her in Abyssinien
eingeführt dass täglich um eine gewisse Stunde eine Anzahl Menschen vor die
Fenster der königlichen Zimmer treten und mit großem Geschreie Gerechtigkeit und
Hilfe erflehen und fordern mussten3 Der Zweck dieser Zeremonie war den
Monarchen mitten in seinen Freuden und Wollüsten aus dem Schlummer der
Sinnlichkeit zu erwecken und ihn daran zu erinnern dass tausend Menschen jeden
Augenblick auf seine Tätigkeit und Wachsamkeit Anspruch zu machen ein Recht
hätten
    Diesen Gebrauch lobte ich und fügte hinzu ich wünschte es möchte etwas
Ähnliches bei uns in Deutschland eingeführt werden
    »Ich hoffe« sprach der Negus »eure Könige und Fürsten werden solcher
Erinnerungen so wenig als ich bedürfen«  »Wenigstens« erwiderte ich ganz
freimütig »kann es wohl nicht schaden wenn man es ihnen zuweilen an das Herz
legt dass sie Menschen sind wie wir alle Auf dem Throne umringt von
Schmeichlern die jedes halbkluge Wort das aus ihrem Munde geht wie einen
Orakelspruch bewundern jede menschliche Handlung deren ein guter Privatmann
nach Verhältnis seines Vermögens ohne einmal zu ahnden dass er etwas anders als
seine Pflicht getan hat unzählige begeht in Zeitungen und Gedichten
ausposaunen angebetet von Sklavenseelen die sie ohne Unterlass in dem Wahne
erhalten als sei jeder Fürst ein Stattalter Gottes folglich alles Gute was
er seinen Untertanen erwiese und alle Sorgfalt welche er ihnen widmete und
wofür er doch ernährt gepflegt und geehrt wird eine Gnade als sei das Geld
welches er ausspendet das Almosen welches er gibt die Besoldung womit er den
Fleiß belohnt aus seinem Schatze hergegeben da es doch nur das Eigentum des
Landes ist welches er verwaltet in eitlen Freuden Zerstreuungen und Lüsten
herumtaumelnd vergessen die Großen der Erde wenn sie nicht so erhaben so edel
wie Euer Majestät denken gar zu leicht dass indes Millionen Menschen nach Brot
und nach Sicherheit gegen Unrecht und Bedrückungen seufzen Man entfernt von
ihnen den Anblick des Elendes damit sie nicht auf die Spur kommen woher dies
Elend rührt nicht erfahren dass die kleinen Untertyrannen es sind die das Volk
so unglücklich machen damit sie nicht böser Laune werden noch verstimmt seien
wenn irgendein Liebling für sich oder seine Kreaturen eine neue Gunst auf
Unkosten andrer erbetteln will Da würde es denn ganz heilsam sein wenn man sie
zuweilen durch die laute Volksstimme daran erinnerte dass dies Volk ein Recht
hat sie zu ihrer Pflicht aufzufordern und dass wenn sie auch vor dieser lauten
Stimme ihre Ohren verschlössen jeder dieser schreienden Mäuler auch zwei Arme
hat womit man Felsen sprengen also auch Throne umstürzen kann«
    NEGUS Darfst du das in Deutschland laut sagen was du dich unterstehst
hier vor mir zu reden
    ICH Allergnädigster König Ein großer edler Regent fürchtet die Stimme der
Wahrheit nicht und hasst nicht den welcher die Stimme führt und die kleinen
niedrigen Despoten scheuet man jetzt nicht mehr Man schreibt und redet schon
ziemlich laut über Menschenrechte und Regentenpflichten und wird bald noch
lauter darüber reden Nur ist es zu bedauern dass solche Wahrheiten selten zu
den Ohren unsrer Fürsten kommen Die Wesirs und Muftis die mehr als die Sultane
dabei interessiert sind dass alles auf dem alten Fuße bleibe verstopfen ihren
Herrn die Ohren und verbinden ihnen die Augen Unsre Fürsten sind zum Teil
gutgeartete Menschen wenn man ihnen an das Herz redete so würden wohl viele
von ihnen auf bessere Wege zu lenken sein ja sie würden die Notwendigkeit
einsehen ihr System zu ändern  Denn das lässt sich doch begreifen dass früh
oder spät das gemisshandelte Volk die Last der unnatürlichen Ketten fühlen und
sich wundern wird wie es wohl kommt dass es erst jetzt einsieht es liege nur
an ihm diese Fesseln abzuschütteln Und dann möchte vielleicht eine ärgre
Revolution erfolgen als gegenwärtig zu befürchten wäre wenn die Despoten
gutwillig sich den ersten heiligsten Gesetzen den Gesetzen der Menschheit
unterwürfen
    NEGUS Aber wenn eure Fürsten das was gegen die Missbräuche ihrer Gewalt
geschrieben und gesprochen wird nicht erfahren so stiftet ja das ganze
Geschrei darüber keinen Nutzen wohl aber den Nachteil dass das Volk zum
Aufruhr auch gegen gute Regenten zur Unzufriedenheit auch über die besten
Einrichtungen angereizt werden kann
    ICH Nein mein gnädigster König Das Volk im ganzen ist nie zum Aufruhre
geneigt und einzelne unruhige Köpfe würden es vergebens versuchen Menschen zur
Meuterei zu verführen die sich unter einer väterlichen Regierung glücklich
fühlen Menschen die Freude und Wonne und Sicherheit und Wohlstand in ihren
stillen friedlichen Hütten schmecken die nach öffentlich bekannten Grundsätzen
regiert nicht im Blinden geführt nach Gerechtigkeit und Verordnungen nicht
nach Willkür gerichtet werden Einzelnes Klagen und Murren wird dann freilich
wohl dennoch gehört werden nicht jeden wird man zufriedenstellen können auch
werden einzelne Unvollkommenheiten mit unterlaufen aber allgemeine Meuterei
wird nie Wurzel fassen und schrieben die Bösgesinnten auch noch so arge
Libelle Also schaden dergleichen freie Reden und Schriften nicht  Aber sie
stiften auch Nutzen Lieset und hört sie der Fürst nicht so lesen und hören sie
doch zuweilen seine Verführer zittern bei dem Gedanken dass ihr Reich sich
seinem Ende nahen könne und verlieren den Mut Der Gedrückte Gebeugte Scheue
Furchtsame aber wird belebt wagt es einmal bei einer entscheidenden
Gelegenheit wo er aufs äußerste gebracht ist den Götzen die Kniebeugung zu
versagen und der Schwache der im Begriff war sich zum Werkzeuge der
Unterdrückung missbrauchen zu lassen schämt sich und tritt zurück tritt auf die
Seite der Bessern wenn jene Wahrheiten in allgemeinen Umlauf kommen und
niedrige Sklavenseelen der öffentlichen Verachtung preisgegeben sind
    NEGUS Du redest kühn aber ich mag dergleichen wohl hören und werfe darum
keine Ungnade auf dich Komm morgen wieder Für heute habe ich genug Nur bitte
ich wenn du nicht Lust hast gekreuzigt zu werden dass du über dergleichen
Gegenstände nur mit mir und außerdem höchstens noch mit deinem Vetter sonst
aber mit niemand redest
    Ehrerbietig verbeugte ich mich nun zur Erde und ging von dannen aber ich
gestehe es ich war sehr zufrieden von meiner Wenigkeit an diesem Tage
 
                              Achtzehntes Kapitel
          Drittes Gespräch mit dem Negus über die deutsche Verfassung
Ich konnte unmöglich meinem Herrn Vetter die Behaglichkeit verbergen die mir
das Bewusstsein als ein redlicher freimütiger Mann geredet zu haben gab
sobald ich daher mit ihm allein war erzählte ich ihm haarklein jedes Wort das
zwischen dem Negus und mir gewechselt worden war »So habt Ihr es denn« rief
der Herr Minister aus »recht darauf angelegt mich und Euch durch Eure
Unvorsichtigkeit ins Verderben zu stürzen Solche Dinge einem Monarchen zu
sagen  Hat man je so etwas gehört Mich wundert dass er Euch nicht auf der
Stelle hat spiessen lassen Nun gottlob dass es so abgelaufen ist Aber ich rate
es Euch vorsichtiger zu werden sonst werde ich der erste sein der seine Hand
von Euch abzieht«
    Als mein Vetter also sprach glaubte ich es sei grade Zeit mich ein für
allemal bei ihm in Ansehen zu setzen ich ging also ernstaft auf ihn zu
runzelte ein wenig die Stirn und sprach mit Nachdruck folgendes zu ihm »Herr
Minister ich muss es Euch gradeheraus sagen dass mir dieser Protektorston gar
nicht gefällt Wer immer grade und redlich handelt bedarf keines Schutzes und
wer nicht eher redet als bis er gefragt wird und dann wenn es Pflicht ist so
redet wie es Rechtschaffenheit und Wahrheit fordern der hat nicht Ursache
irgend jemand zu fürchten Drohen aber lasse ich mir nun vollends von niemand
auf der Welt Wenn Ihr geglaubt habt Ihr würdet aus mir hier einen Sklaven
machen der kein andres Wort über seine Lippen brächte als was Ihr ihm
vorschriebet und was in Euren Plan passte so hättet Ihr mich lieber in Goslar in
meiner Armut lassen sollen Ich mag keines sterblichen Menschen Maschine sein
Hoferfahrungen habe ich freilich wenig aber das finde ich doch auch hier
bestätigt was ich immer geglaubt habe dass die Fürsten selbst nicht so schlimm
sind als die welche sie umgeben Ihr seid es welche diese Menschen verderben
indem Ihr aus knechtischer Furcht sie in ihren schädlichen Grillen durch
untertänigen Beifall bestärkt oder gar aus niedrigen Nebenabsichten ihnen
gefährliche Grundsätze in den Kopf jagt Ihr seht es Herr Vetter der Negus
hat die Dinge welche ich ihm gesagt habe geduldig angehört und hat mich nicht
spiessen lassen und Ihr die Ihr Euch freuen solltet dass Ihr einmal einen
ehrlichen Mann in den Dienst gebracht habt Ihr wollt mir das Maul stopfen
Nein ich werde reden solange ich meine Stelle behalte ich fühle es der König
ist kein schlimmer Mann er verdient es dass man ihm die Wahrheit nicht
verhehle Glaubt Ihr ich werde mich deswegen je zu der Rolle eines schändlichen
Schmeichlers erniedrigen weil ich hier umsonst Pasteten bei Hofe fresse oder
ich ließe mich besolden um den Negus mit verderben zu helfen so irrt Ihr Euch
gewaltig Dient das nicht in Euren Kram bedürft Ihr eines Menschen der anders
denkt so schickt mich wieder zurück nach meinem schmutzigen Goslar  und damit
Gott befohlen«
    Leichenblass wurde mein Herr Vetter bei dieser Erklärung er versuchte es
verschiedene Mal mich zu unterbrechen und mich durch ungnädige Mienen in Furcht
zu setzen aber vergebens Ich fuhr ernstaft fort und als ich fertig war
wollte ich ihn verlassen Nun spannte er andre Saiten auf lobte meine
Redlichkeit versprach mich zu unterstützen und bat mich nur nicht gar zu
unvorsichtig zu Werke zu gehen Das verhieß ich ihm denn sehr gern und wir
schieden als Freunde auseinander
    Gegen Abend fand ich mich wieder bei meinem Monarchen ein der mich mit
heiterem Gesichte empfing »Heute« sprach er »sollst du mir etwas von der
Verfassung eurer deutschen Höfe erzählen Ich denke das wird ganz lustig
anzuhören sein und ich erlaube dir von nun an immer ebenso offenherzig wie
gestern mit mir zu reden Fange nur gleich an« Das tat ich denn und machte ihm
ungefähr nachstehende Schilderung
    
    »Unsre größeren deutschen Staaten werden mehrenteils nach menschlichen und
gerechten Grundsätzen regiert ein mächtigrer Fürst fühlt lebhafter die
Wichtigkeit seines Berufs weiß dass so viel Augen auf ihn gerichtet sind dass
er einst in der Geschichte seines Zeitalters auftreten muss er wird sorgsamer
erzogen seine Verbindung mit andern Reichen leidet nicht dass er willkürlich
sein Regierungssystem ändern könne und fremde Mächte wachen über ihn und sein
Land als einen wichtigen Teil des Ganzen Große allgemeine Gebrechen worüber
ganz Europa seufzt drücken freilich diese mächtigern Staaten auch die täglich
anwachsenden ungeheuren stehenden Heere die der Bevölkerung und der Industrie
schaden und müßige Menschen auf Kosten der arbeitsamen ernähren schädliche
Vergrößerung der Residenzen wohin aller Reichtum aus den öden Provinzen fließt
unnützer Aufwand Sittenlosigkeit Liebe zur Pracht Üppigkeit und Wollust die
von daher sich in alle Klassen verbreiten  das alles sind freilich schwere
Landplagen aber sie werden von dem unaufhaltsamen Strome der Kultur
herbeigeführt und es steht fast nicht in der Macht des Landesherrn diesen Lauf
zu hemmen  Im ganzen herrscht denn doch in diesen beträchtlichern deutschen
Staaten eine gewisse wenigstens nicht ganz unsystematisch verteilte Summe von
Wohlstand und Zufriedenheit unter allen Klassen der Bürger und wenngleich die
albernen Grundsätze von Fürstenrechten die nun einmal allgemein angenommen
sind echte der freien Menschheit zukommende Behaglichkeit verdrängen so tritt
doch an deren Stelle eine Art konventioneller Glückseligkeit und alles ist so
kalkuliert dass wenigstens jeder Stand diejenige kleine Portion von Lebensgenuss
schmeckt die man ihm nach jenen Grundsätzen gestatten kann Die Völker
beruhigen sich dabei wenn es nicht zu arg wird und man sie nicht zur
Verzweiflung bringt und vielleicht würde es noch schlimmer werden wenn sie auf
einmal dies System über den Haufen werfen wollten
    Ganz anders aber sieht es mit den kleineren Fürsten aus Diese könnten nach
Verhältnis sehr viel glücklicher sein und sehr viel mehr Gutes verbreiten als
die mächtigern Auch sind unter ihnen edle vortreffliche Männer die ihre
Untertanen wie ihre Kinder betrachten und behandeln und von ihnen wie Väter
geliebt werden Ein kleinerer Zirkel ist leichter zu übersehen es ist leichter
da zu helfen wo es fehlt wenn das ganze Ländchen gleichsam nur eine ruhige
Familie ausmacht Sie bedürfen des ungeheuren Aufwandes von Kriegsheeren Hof
und Staatsbedienten Tafeln Festen Gesandten und dergleichen nicht  Und ist
es nicht rühmlicher erhabner größer in der Stille tausend Menschen an Leib
und Seele glücklich frei und froh zu machen von ihnen gesegnet und zärtlich
geliebt zu werden als Millionen Sklaven mit eisernen Ketten an ein Joch zu
schmieden damit die Nachwelt den Mann der nicht einen Freund je gehabt für
den nicht eines Menschen Herz je geschlagen hat als einen  merkwürdigen
Beherrscher bewundre
    Und diese Wonne könnten alle unsre kleinen Fürsten schmecken allein dafür
haben nur wenige unter ihnen Sinn Die rasende Begierde es den größten
Monarchen gleichzutun sich bemerken zu machen von sich reden zu lassen
verleitet sie zu hundert Torheiten und bösen Streichen Der Fürst will einen
kurfürstlichen Hofstaat haben der Graf kauft sich den Fürstentitel Die
kleinen von arbeitsamen Menschen leeren hölzernen Residenzen wimmeln von
müßigen liederlichen hungrigen bunten Soldaten und von hirnlosen
niederträchtigen bettelarmen Hofschranzen die sich untereinander hassen
verleumden verfolgen und durch die schändlichste Schmeichelei und durch die
Bereitwilligkeit sich zu den entehrendsten Diensten brauchen zu lassen den
schwachen Fürsten noch täglich mehr verderben Feile menschenscheue
Schriftsteller und erkaufte Zeitungsschreiber posaunen dann Handlungen von
diesen durchlauchtigen Sündern aus um welche gelobt zu werden ein Privatmann
sich schämen würde und beschreiben ihre geschmacklosen Feste Noch geht es
leidlich wenn die Potentaten ihr Unwesen nur zu Hause treiben und das was der
arme Untertan im Schweiße seines Angesichts aufbringt wenigstens im Lande
wieder verzehren allein da kutschieren manche von ihnen alle Jahre nach
Frankreich Italien oder England oder figurieren im Dienste größerer Herren und
wenn sie denn einmal nach Hause kommen so wissen sie nichts zu treiben als vor
Langeweile die Torheiten nachzuahmen die sie auswärts gesehen haben Dazu
bringen sie auch noch wohl einen Schwarm fremder Windbeutel und Schelme mit die
dann an die Spitze der Geschäfte gestellt werden verdienstvolle Einheimische
verdrängen und die größte Verwirrung in einem Lande anrichten von dessen
Verfassung sie nichts verstehen Diese Fremde setzen dem Fürsten nun vollends
allerlei kostbare Spielereien in den Kopf Da wird das ganze Land zu einem
Jagdpark umgeschaffen oder es werden prächtige Theater erbauet indes das alte
Schloss den Einsturz droht Schauspieler und Tänzer reichlich besoldet indes die
Räte nicht das liebe Brot haben oder Tonnen Goldes an Kutsch und Reitpferden
verschwendet indes der arme Bauer keine Mähre hat die seinen Pflug zieht
    Zu diesem allen muss das unglückliche Ländchen das Geld aufbringen und da
gibt es denn keine Art von Finanzoperation zu welcher man nicht seine Zuflucht
nähme um dem unglücklichen Bauer den letzten Heller aus dem Beutel zu locken
Ist bis auf die freie Luft nach alles was sich taxieren lässt mit Auflagen
beschwert so legt man Lotterien und Lotto an Da holt der arme Dienstbote der
sich einen sauer erworbnen Notpfennig zur Sicherheit gegen Alter und Krankheit
zurückgelegt hatte getäuscht durch die eitle Vorspieglung des zu hoffenden
Gewinstes seine Sparbüchse hervor und verliert seinen einzigen Trost im Spiele
gegen seinen durchlauchtigsten Landesvater Und sind alle Mittel Geld zu
erhaschen durchprobiert so nimmt man noch zu dem letzten und abscheulichsten
seine Zuflucht  man verkauft das Leben seiner Untertanen fremden Potentaten
    So wie das ganze Augenmerk solcher Fürsten nur dahin geht aus dem Lande
soviel Geld als möglich zu ziehen um den unnützen Aufwand zu bestreiten so
studieren denn auch die Räte und Diener allein darauf sich zu bereichern und
ihnen wird durch die Finger gesehen insofern sie nur neue Plünderungsmittel
erfinden helfen  ja es gibt Länder wo die Besoldungen ausdrücklich darum so
geringe sind weil man darauf rechnet dass das übrige durch Betrug und
Bestechung herbeigeschaft wird Es gibt besonders einen Staat in Deutschland
wo dieser Unfug aufs höchste getrieben wird wo öffentlich unter des Ministers
Schutze und mit Vorwissen des Fürsten ein Jude die Bedienungen dem
Meistbietenden verkauft wo dieser Handel schamlos in des Ministers Vorzimmer
getrieben wird wo die Beamten Recht und Gerechtigkeit um Geld feilhaben und
das alles vor den Augen des ganzen deutschen Publikum dem man diese
Abscheulichkeiten schon oft in Journalen und andern Büchern gedruckt vor Augen
gelegt hat worüber aber die unverschämten Schelme nur lachen und ihr Wesen
forttreiben«
    NEGUS Es ist kaum möglich dass du deine Schilderung nicht übertreiben
solltest Was würden eure Landstände zu solchen Abscheulichkeiten sagen
    ICH Dass es Gott erbarme Was sind denn unsre Landstände Gewählte
Repräsentanten aus solchen Volksklassen die bei diesen Bedrückungen am
wenigsten leiden zuweilen sogar ihren Vorteil dabei finden folglich auf
Unkosten des Standes der alles tragen muss und nicht mitsprechen darf
verwilligen was der Despot fordert Mit den Wahlen geht es denn auch so her
dass es ein Jammer ist
    Unwissende Menschen ohne Kenntnis des Landes ja nicht selten ohne gesunde
Vernunft Leute die vom Hofe abhängen Bedienungen haben oder dergleichen für
sich und die Ihrigen suchen versammeln sich da Der Bevollmächtigte des Fürsten
hält da eine Rede worin er landesväterliche Grundsätze auskramt fordert dann
neue Abgaben und die Deputierten  verwilligen Die Versammlungen werden in die
Länge gezogen damit man mehr Diäten gewinne und die Bürden die das Land
drücken werden von Jahr zu Jahr größer
    NEGUS Das ist freilich traurig aber am Ende bleibt doch dem welchen man
gar zu arg misshandelt der Weg der Justiz übrig die wie mich dein Vetter
versichert in Deutschland sogar gegen den Fürsten selber unparteiisch
durchgreift
    ICH Das ist wahr allein dem sei der Himmel gnädig der in Deutschland
einen Prozess zu führen hat Kostbarer und weitläufiger kann wohl in keinem Lande
die Justiz verwaltet werden als bei uns Unsre Streitigkeiten werden nach den
Sammlungen der alten römischen Gesetze entschieden diese Gesetze sind voll von
Albernheiten und Spitzfindigkeiten passen nicht auf unsre Zeiten auf unsre
Verfassung und lassen sich auf zehnfache Weise auslegen Es gibt eine eigne
Klasse von Menschen die bloß davon leben dass sie die Prozesse in die Länge
ziehen und die Gesetze verdrehen Niemand darf mündlich und klar seine Sachen
vortragen sondern alles muss schriftlich durch die Hände der Advokaten
verhandelt werden Über die Beendigung der einfachsten Streitigkeiten welche
die gesunde Vernunft in zwei Minuten entscheiden könnte verstreicht eine ganze
Lebenszeit und wenn unzählige Riese Papier sind verschrieben worden so haben
beide Parteien mehr an Gerichtsgebühren und Prozesskosten bezahlt als der ganze
Gegenstand des Streits vielleicht mehr als ihre Habe und Gut wert ist Zu
dieser Menge unnützer römischer Gesetze kommen denn noch in jedem Staate
ungeheuer viel besondere Landesverordnungen die niemand im Gedächtnisse behalten
kann und deren eine die andre aufhebt Noch sind die Parteien glücklich und
können wenigstens hoffen dass endlich einmal ihr Rechtshandel entschieden werden
wird wenn sie in einem Lande wohnen wo die Appellationen nicht nach Wetzlar
gehen denn wer das Elend erlebt bei dem Reichskammergerichte einen Prozess
anhängig zu haben der ist sehr zu beklagen Dort bleiben jährlich viel hundert
Sachen liegen wovon die zeitliche Glückseligkeit so mancher Familie abhängt
Und das kann bei dem besten Willen der dortigen Richter der einmal
eingeführten Form nach gar nicht anders sein Nun setzen Euer Majestät den Fall
dass einem von den unzähligen Herren über Leben und Tod die in Deutschland ihr
Wesen treiben dass es einem von den kleinen Fürsten einfällt aus meiner Haut
Riemen zu seinen ParforcePeitschen schneiden zu lassen wie sie denn zuweilen
gar sonderbare Grillen haben und ich sterbe nun an einer solchen Operation so
hat denn freilich meine arme Witwe das Recht den Tyrannen in Wetzlar zu
belangen Sie erlebt es nicht meine Kinder und Kindeskinder erleben es nicht
dass das Urteil gesprochen wird Zu Bettlern wird die ganze Generation  Endlich
erscheint der längst erseufzte Spruch der Fürst wird verurteilt  Geld zu
bezahlen In das Leben zurückrufen kann er den Ermordeten nicht die
durchweinten durchjammerten Nächte sind nicht zurückzurufen doch Geld soll er
bezahlen oder vielmehr sein unschuldiges Land  aber er bezahlt nicht einem
benachbarten Fürsten wird die Exekution aufgetragen  aber sie erfolgt nicht
tausend Schikanen hindern die Vollziehung des Urteils
    NEGUS Schweig so geht es ja in Marokko nicht her Du selbst sagst dass
unter den Fürsten in Deutschland soviel edle Männer sind würden diese wenn es
also wäre wie du es beschreibst nicht längst zusammengetreten sein nicht
längst in Regensburg oder wie das Nest heißt wo der große Divan gehalten wird
die Missbräuche ihrer Verfassung in Überlegung genommen und abgestellt haben
    ICH Ja wenn das eine so leichte Unternehmung wäre Vorgekommen sind diese
Gegenstände oft genug und laut genug geschrien wird auch darüber allein in
Deutschland erfordert so etwas Zeit und Förmlichkeiten und darüber zerschlägt
sich das Ganze Über unnützes Zeremoniell werden unendliche Verhandlungen
gepflogen und wie manche große wichtige Unternehmung hat sich nachdem sie
schon einen Aufwand von Millionen gekostet hatte bloß darum zerschlagen weil
man nicht darüber einig werden konnte ob alle Gesandten oder nur einige von
ihnen in Armsesseln sitzen dürften
    NEGUS Nein Da lobe ich mir doch unsre Einrichtung aber mehr Aufklärung
ist in deinem Vaterlande als bei uns das muss man gestehen Übrigens bleibt es
dabei dass du mit dem Kronprinzen nach Deutschland reisest und das bald Er
soll das Gute und Böse dort kennenlernen in vier Wochen sollt ihr fort
    Und so schloss sich denn mein heutiges Gespräch mit dem Negus
 
                              Neunzehntes Kapitel
  Noch ein Gespräch mit dem großen Negus moralischen und vermischten Inhalts
Manche Leser mögen mir vielleicht schuld geben ich hätte das Gemälde welches
ich dem großen Negus von unsern deutschen Höfen entwarf mit zu starken Farben
aufgetragen Wer das Glück hat in dem nördlichen Teile von Deutschland unter
einer milden Regierung und umringt von zufriednen nicht gedrückten Menschen zu
leben dem kommt das unglaublich vor was in den südlichen Gegenden täglich
vorgeht und was der warme Freund der Menschheit nicht ohne Unwillen und
Zähneknirschen sehen und hören kann Allein es ist nun einmal so und da es
öffentlich vorgeht so muss es auch öffentlich erzählt werden dürfen Doch hatte
ich noch einen andern Grund warum ich dem Könige dies Unwesen so fürchterlich
schilderte einige der Gebrechen die ich hier als meinem Vaterlande eigen
angab waren wie man sich aus meinen Fragmenten der abyssinischen Geschichte
erinnern wird hier nicht weniger eingerissen Es war ein delikater Punkt dies
gegen den Monarchen zu rügen indem ich aber die Szene nach Deutschland hin
verlegete und dennoch der Wahrheit treu blieb gab ich ihm Gelegenheit die Übel
mit allen ihren Folgen kaltblütig zu überschauen
    Ich hielt dies um so mehr für Pflicht da ich sah wie mein Vetter nicht
eigentlich aus bösem Herzen aber aus einer unverzeihlichen Schwäche und aus
Furcht Gunst und Ehrenstellen zu verlieren dem Negus auf unendliche Weise
schmeichelte sein Steckenpferd die Aufklärung zu verbreiten und von sich als
einem Beförderer der Wissenschaften und Künste reden zu machen streichelte und
wie mit der europäischen sogenannten Aufklärung alle unsre schädliche Torheiten
und Ungehörigkeiten mit nach Abyssinien zogen Hindern konnte ich das nicht
aber ich wollte wenigstens nichts dazu beitragen Benjamin Noldmann ist weit
davon entfernt sich denen zum Muster aufdringen zu wollen die Einfluss auf
Potentaten haben aber das kann er doch nicht verhehlen dass er die Erfahrung
gemacht hat dass man mehr als bloß die innere Beruhigung die Pflicht der
Rechtschaffenheit erfüllt zu haben dabei gewinnt wenn man freimütig die Partei
der Wahrheit Gerechtigkeit und Menschlichkeit nimmt Die Fürsten verachten doch
im Grunde den sklavischen Schmeichler und schonen und ehren den unbestechbar
redlichen Mann Und ist es nicht das feinste Lob das man einem Fürsten zu geben
vermag wenn man in seiner Gegenwart andre seinesgleichen tadelt Heißt das
nicht soviel gesagt als dass man ihn unfähig hält in ähnliche Fehler zu
verfallen Geschieht dies ohne Bitterkeit und Leidenschaft so kann es auch
wirklich insofern es oft wiederholt wird eine Sinnesänderung bei ihm bewirken
und ihn wenigstens von manchem raschen Schritte abhalten wenn er sieht dass
auch er der öffentlichen Prüfung unterworfen ist
    Diesem Systeme bin ich immer treu geblieben solange ich in Gondar war Ich
hatte einige Belesenheit in der Geschichte der europäischen Staaten und das gab
mir Gelegenheit was ich vorzubringen hatte zuweilen von daher zu entlehnen
Wir redeten von Ludwig dem Vierzehnten den die Schmeichler einst den Großen
genannt haben und ich machte ihm bemerklich welch ein elender kleiner eitler
Kerl dieser große König gewesen wäre wie er die Menschen als das Vieh
betrachtet hätte erzählte ihm unter andern wieviel Tausende er in seinen
unnützen Kriegen aufgeopfert wie er an armen Leuten Proben mit Arzeneien und
gefährlichen Fistelkuren hätte vornehmen lassen um zu sehen ob sie daran
stürben oder ob er seinen gesalbten Körper einer gleichen Behandlung unterwerfen
dürfte Ich hätte ihm einen ähnlichen Zug von einem deutschen Fürsten erzählen
können unterließ das auch nicht etwa aus Menschenfurcht  denn an den Ufern des
Nils pflegt man sich nicht viel um einen Despoten zu bekümmern der an den Ufern
des Rheins hauset  aber ich erlangte ja denselben Zweck durch das Beispiel
eines verstorbnen Königs Ich zeigte ihm wie bis dahin unsre mehrsten
historischen Werke nicht etwa die Geschichten der Völker sondern das
Inventarium der Torheiten der Großen enthielten und machte ihn unter andern
aufmerksam auf die Reihe von Oktavbänden »La vie privée de Louis XV« in
welchen mit großer Wichtigkeit Armseligkeiten erzählt sind worüber die Nachwelt
nur spotten kann
    Ich erzählte ihm wie tyrannisch einige deutsche Fürsten mit ihren Dienern
umgehen und bestritt das Recht des Landesherrn seine Räte willkürlich zu
verabschieden die ebensowohl als er selbst in Diensten des Staats stehen
dessen oberster Aufseher er ist und die wenn sie ihre Pflicht erfüllen nicht
nach Gutdünken abgeschafft werden können  Ein Satz den der Freiherr von Moser
in einer eignen sehr lesenswerten Schrift mit den wichtigsten Gründen
unterstützt hat
    Einst hatte ein abyssinischer Schriftsteller sehr frei über die
Landesverfassung geschrieben und den persönlichen Charakter des Negus
angegriffen Die Zensurkommission verbot nicht nur die öffentliche
Bekanntmachung dieses Buchs sondern trug auch darauf an den Verfasser für
seine Kühnheit zu bestrafen Seine Majestät verzieh ihm und bildete sich sehr
viel auf diese gnädige Nachsicht ein Ich schwieg aber einige Tage nachher nahm
ich Gelegenheit dem Könige einen Aufsatz über Scheintugenden vorzulesen er war
von mir ich gab aber vor er stehe in einem gedruckten Werke Folgende Stelle
sollte auf jenen Vorfall zielen es hieß da »Man nennt das Großmut wenn der
vornehme Beleidigte dem geringeren Beleidiger verzeiht wenn man sich im Glücke
nicht an dem rächt der uns im Unglücke gekränkt hat Begreift man denn nicht
dass es kein Verdienst sein kann wenn angenehme Verhältnisse uns in eine heitre
Laune setzen sich nicht durch das unangenehme Gefühl der Rache wieder zu
verstimmen dass stolze Verachtung nicht Großmut ist dass der Reiz des Ehrgeizes
deswegen gelobt zu werden weit größer geworden sein kann als das Gefühl der
alten Wunde dass der Mann uns vielleicht nicht wichtig genug ist endlich dass
uns daran gelegen sein muss eben ihn um so mehr zu unserm Anhänger zu machen je
furchtbarer er als Feind gewesen ist«
    Ich sah mit Vergnügen dass solche hingeworfne Ideen nicht ohne gute Wirkung
blieben und hätte mein Vetter und das Heer der Hofleute mit mir
gemeinschaftliche Sache gemacht so zweifle ich nicht daran dass wir noch etwas
Gutes aus unserm alten Negus würden haben ziehen können
    Da nun die Zeit unsrer Abreise immer näher heranrückte so bat ich um
Erlaubnis noch vorher eine kleine Reise in einige Provinzen von Abyssinien
machen zu dürfen die ich auch erhielt Hauptsächlich aber war mirs darum zu
tun den merkwürdigen Mann kennenzulernen von dem ich nun schon ein paarmal
Erwähnung getan habe ich meine den Erzieher des jüngeren königlichen Prinzen
Mit wahrer Traurigkeit bemerkte ich auf dieser Reise das abscheuliche Verderbnis
der Sitten in allen Ständen das leider mit den Graden der Kultur in gleichem
Verhältnisse stand und ich rief oft missmütig aus »Müssen denn die Menschen um
so lasterhafter werden je mehr sie ihre intellektuellen Anlagen ausbilden oder
ist dies alles nur Folge der halben Aufklärung werden nicht endlich diese
Nebenwege diese Abwege dennoch zu dem letzten großen Ziele zu dem Triumphe der
Aufklärung zu der auf Erfahrung gestützten Wahrheit hinführen dass der höchste
Grad von Weisheit in dem höchsten Grade von Tugend beruhe und dass nur der
mäßige nüchterne von unruhigen Leidenschaften freie Mensch den großen Genuss
des Lebens aller geistigen und körperlichen Kräfte häuslicher Glückseligkeit
und bürgerlicher Vorteile schmecken könne«
    Die Weiber in Abyssinien besonders die in Tabelaque sind im höchsten Grade
frech und verbuhlt4 sie spotten öffentlich der Pflicht und der Tugend die
Priester und Mönche sind allen Ausschweifungen ergeben und dabei die ärgsten
Diebe  Und dennoch hält man strenge auf Beobachtung der religiösen Zeremonien
betet sehr viel und besucht fleißig die zahlreichen Kirchen
    Über alle diese Gegenstände und hauptsächlich über die Kraft des Einflusses
der Religion auf die Sittlichkeit hatte ich nach meiner Zurückkunft sehr
weitläuftige Gespräche mit dem großen Negus Eines Tags fragte mich der König
ob es wahr sei dass in Deutschland jeder Mann sich mit einer Frau jede Frau
sich mit einem Manne begnügte
    ICH Das nun eben nicht aber gesetzmässig sind doch die Vielweiberei und
Vielmännerei verboten
    NEGUS In der Bibel steht nichts von dem Verbote der Vielweiberei Was die
Vielmännerei betrifft so sagt uns schon die gesunde Vernunft dass unter
Menschen die nicht wie das Vieh leben wollen eine Frau nicht mehr als einen
Mann haben dürfe der ihr Herr ihr Ernährer und der Vater ihrer Kinder sei
aber das sehe ich nicht ein warum eure bürgerlichen Gesetze dem Manne nicht
erlauben soviel Weiber zu nehmen als er ernähren kann
    ICH Weil in Europa die Gattin zugleich des Mannes treue Gefährtin seine
teilnehmende Freundin im Glück und Unglücke die sorgsame Mutter und
Miterzieherin seiner Kinder sein soll  Bande die nur durch gegenseitiges
Zutrauen durch gegenseitige Hochachtung durch gegenseitige ausschliessliche
Hingebung und durch die Überzeugung fester geknüpft werden können dass auch
außer den Augenblicken der Befriedigung sinnlicher Begierden und auch dann wenn
Schönheit und Jugend von ihr weichen die Frau dem Manne noch etwas sein werde
 Und wo findet man das in einem orientalischen Harem
    NEGUS Das Ding klingt ganz hübsch aber wenn nun der Mann sich bei der Wahl
seines Weibes übereilt hat so hat er dann ein solches Geschöpf seine ganze
Lebenszeit hindurch auf dem Halse und darf sich für dies Ungemach nicht an der
Seite eines liebenswürdigern Gegenstandes entschädigen
    ICH Das ist freilich ein großes Leiden allein dem sind ja beide Teile
ausgesetzt und muss nicht jedermann die Folgen seiner Übereilungen tragen
    NEGUS Nein das steht mir nicht an und das Gesetz soll in Abyssinien nie
eingeführt werden Aber du sagtest vorhin man begnügte sich auch in Deutschland
damit nicht
    ICH Ei nun Die Verfeinerung der Sitten die Galanterie worin uns zuerst
unsre Nachbaren die Franzosen unterrichtet haben hat meine verheirateten
Landsleute gelehrt jenes beschwerliche Gesetz von beiden Seiten durch
Konvention aufzuheben Die Dame hat einen Freund der zugleich sich des Herrn
Gemahls Zutrauen und Zuneigung zu erwerben weiß folglich kann die Welt nichts
darüber sagen wenn er Tag und Nacht im Hause freien Zutritt hat insofern der
Ehemann nichts dagegen zu erinnern findet Und dieser ist sehr zufrieden mit der
Einrichtung wenn man ihm nur unterdessen die Freiheit erlaubt bei seinem
verheirateten Nachbar gleichfalls den Hausfreund zu spielen So bleibt das
Äußere der bürgerlichen Verfassung immer in seinen Würden und der Teufel
verliert doch nichts dabei
    NEGUS Ihr seid wie ich sehe in Deutschland gewaltig anhänglich an Formen
Um die Sachen selbst bekümmert ihr euch wenig wenn ihr nur den Schein davon
seht und dann räsoniert ihr mächtig viel über eure vortrefflichen
Einrichtungen indes es im Innern bei euch hergeht wie bei uns und allerorten
    ICH Freilich gibt es überall auf der Erde menschliche Unvollkommenheiten
aber sehr kultivierte Staaten haben denn doch das zum voraus dass sie durch
diese Anhänglichkeit an äußere Formen dem allgemeinen Einreissen mancher
Verderbnisse steuern Sehr unweise handeln daher solche Fürsten die öffentlich
das Beispiel von Hinwegsetzung über dergleichen Konventionen geben die vor den
Augen ihres Volks einer feilen Buhlerin alle Ehre und Rechte einer Gattin
einräumen Hat Politik oder ein unglückliches Geschick einen solchen Fürsten an
ein Geschöpf gekettet das seiner unwert das unfähig ist durch angenehmen
Umgang die Sorgen seines wichtigen und schweren Berufs zu erleichtern so
erlaube man ihm denn in der Stille an der Seite eines liebenswürdigern Wesens
seine Sorgen zu vergessen und das Glück der Liebe und Freundschaft wie ein
Privatmann zu schmecken Aber er und zwar er mehr als irgendein andrer
respektiere die äußern Formen welche die Gesetze vorschreiben solange nun
einmal die Menschen nicht nach natürlichen sondern nach konventionellen
Vorschriften handeln sollen Und das nicht etwa bloß weil aller Augen auf ihn
gerichtet sind weil er schuldig ist dem Volke aller Klassen Beispiel zu geben
sondern auch seines eignen Vorteils wegen Denn wenn er den Untertanen zeigt
dass derjenige den Gesetzen nicht zu gehorchen braucht der mächtig genug ist
sich Impunität zu verschaffen so gibt er ihnen den Wink dass auch jeder den
Pflichten gegen ihn und dem ihm schuldigen Gehorsame sich entziehen dürfe der
nur die Mittel ausfindig machen könne dies heimlich oder ungestraft zu tun
    NEGUS Das lässt sich hören aber wenn ihr mit den Pflichten des Ehestandes
soviel Zwang verbindet so hoffe ich eure Gesetze schränken desto weniger die
freie Wahl der Leute ein die sich nun einander heiraten und ihr ganzes Leben
ausschließlich miteinander hinbringen wollen
    ICH Euer Majestät wissen dass die Grade der Blutsverwandtschaft wenigstens
einige Einschränkung in diese Freiheit legen
    NEGUS Warum denn das
    ICH Ei schon in den Mosaischen Gesetzen 
    NEGUS Das ist ein albernes Geschwätz Was kümmern euch die Gesetze die man
einem Volke in Palästina gegeben hat und die nach dem Klima und nach den
Bedürfnissen der Juden eingerichtet waren Ich sehe gar nicht ein warum bei
euch nicht der Bruder seine Schwester heiraten soll wenn sie ihm gefällt um so
mehr da er diese besser als andre Mädchen kennt und also weiß ob ihre
Gemütsart sich zu der seinigen schickt
    ICH Wenn aber das Vorurteil von Blutschande ausgerottet würde sollten dann
nicht die frühern Ausschweifungen unter jungen Leuten beiderlei Geschlechts die
uneingeschränkt in den Häusern der Eltern miteinander umgehen allgemeiner
werden
    NEGUS Gar nicht Der Reiz der Neuheit und die Überwindung der
Schwierigkeiten  das ist es grade was verbotene Begierden erweckt und
Menschen die sich täglich sehen und mit allen ihren Unvollkommenheiten
kennenlernen werden nie lüstern nacheinander werden und wenn sie dennoch Liebe
zueinander fassen so wird das eine vernünftige Liebe sein bei welcher die
Sinne nur die Nebenrolle spielen und der man keine Hindernisse in den Weg legen
sollte Allein von den Schwierigkeiten die das Vorurteil der Verwandtschaft der
freien Wahl bei den Heiraten in den Weg legt redete ich nicht sondern das
wollte ich von dir hören ob du ein so schweres Monopolium nicht unbillig
fändest da auch die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens es euren Jünglingen
unmöglich machen bei der Wahl ihrer Gattinnen gänzlich ihrer Neigung zu folgen
Du siehst dass ich nicht ohne Kenntnis der Sache rede ich lese deutsche Bücher
Alle eure Schriftsteller klagen über den steigenden Luxus der es zur
Notwendigkeit macht bei den Heiraten vorzüglich auf die Vermögensumstände
Rücksicht zu nehmen
    ICH Und dennoch halte ich diese Klagen für ungegründet Aufwand in Kleidern
hat zugenommen aber dagegen kostet auch jetzt ein seidnes Gewand weniger als
ehemals eines von Leinen oder Wolle Man besetzt die Tafeln mit mehr Speisen und
trinkt mehrere Arten von Wein aber dagegen werden auch jährlich mehr Gärten und
Weinberge angebaut mehr Bäume gepflanzt mehr Wüsten urbar gemacht Die kleinen
Bedürfnisse des Lebens vervielfältigen sich aber mit ihnen zugleich die
Anstalten sie in grössrer Zahl und zu wohlfeilern Preisen zu liefern Seiden
Porzellanund andre Fabriken werden allerorten angelegt und indes alle Preise
steigen vermehrt sich auch die Summe des Geldes durch die ungeheure Menge des
Metalls das jährlich der Erde entlockt wird Jetzt sind also hundert Taler
grade das was ehemals zehn Taler waren Gehalt Gagen Lohn und Tagelohn
steigen in demselben Verhältnisse der Arbeitsmann nimmt mehr für seine Waren
und so wird in allen Ständen das Gleichgewicht wiederhergestellt außer dass der
Verschwender jetzt mehr Anlockung hat sein Eigentum zu verprassen aber wessen
Schuld ist das anders als seine eigne
    NEGUS Der Unterschied der Stände legt denn auch den Heiraten nach bloßer
Neigung Hindernisse in den Weg
    ICH Für Leute die nicht den Mut haben sich über Vorurteile
hinauszusetzen
    NEGUS Und der Unterschied der Religion
    ICH Bei der jetzt immer allgemeiner werdenden Toleranz 
    NEGUS Ihr mögt mir ja tolerant sein In Worten seid ihr es aber in der Tat
nichts weniger als das In allen euren Journalen lese ich Klagen darüber In
einer deutschen Stadt kann niemand zum Bürger aufgenommen werden als der die
Prädestination glaubt in der andern darf niemand gute Schuhe machen als der
den heiligen Kerl in Rom für unfehlbar hält in der dritten hilft dem Manne die
größte Geschicklichkeit nicht er kann keinen Torschreiberdienst erlangen wenn
er nicht Martin Luthers Begriffe vom Abendmahle hat  Das ist mir eine schöne
Toleranz Und wie zanken sich nicht eure Gelehrte und zwar solche die gar
keine Pfaffen sind schimpfen wie die Bettelbuben aufeinander und suchen einer
den andern auf die abscheulichste Weise verhasst und verdächtig zu machen wenn
einer der bis jetzt für einen Kalvinisten gegolten sich einmal hat merken
lassen dass es doch wohl möglich wäre dass der liebe Gott die Menschen nach dem
richten würde was sie getan und nicht nach dem was sie geglaubt hätten 
Nein so etwas musst du mir nicht aufhängen wollen Ich weiß wohl was ihr in
Deutschland Gutes und Böses habt aufgeklärter seid ihr im ganzen als wir das
muss wahr sein aber toleranter mitnichten
    Im Grunde konnte ich hierauf wenig antworten der Negus hatte nicht so
durchaus unrecht Zur Ehre meines Vaterlandes hätte ich wohl wünschen mögen dass
er weniger belesen in deutschen Büchern gewesen wäre in welchen wir ewig über
die Gebrechen unsrer Verfassung schreien ohne dass die welche ihnen abhelfen
könnten desfalls mehr oder weniger tun Von einer andern Seite aber war mirs
doch lieb dass diese Klagen Eindruck auf ihn gemacht hatten weil ich hoffte er
würde dadurch aufmerksam auf die Mängel in seinen eignen Staaten werden
    Ich gab sogar hierzu nähere Gelegenheit indem ich ihm bemerklich machte
wie sehr es noch in allen europäischen Ländern an Gesetzen fehlte welche die
moralische Verbesserung der Menschen zum Gegenstande hätten »Dafür« sagte ich
»wird so ziemlich gesorgt dass das Eigentum und das Leben der Bürger gesichert
sei aber in welchem Lande ist eine Strafe auf heimliche Verleumdung auf Lügen
auf falsche Beteuerungen auf offenbar verwahrlosete Kindererziehung auf Betrug
und unvernünftiges Überfordern im Handel und Wandel auf Verspottung des
Schwachen Verkleinerung des Rufs des Edelen auf Einmischung in fremde Geschäfte
gesetzt Ja wir haben einige Gesetze und bürgerliche Einrichtungen die
offenbar die heimlichen Übertretungen der Pflichten begünstigen Ein armes
Mädchen welches das Unglück gehabt hat einen einzigen Fehltritt zu begehen und
schwanger zu werden wird wirklich härter bestraft als eine offenbare
Gassenhure die man ertappt und die dasselbe Verbrechen täglich begeht Durch
diese Härte gegen verunglückte Mädchen und durch den Schimpf womit sie und ihre
uneheliche Kinder belegt sind befördern wir den Kindermord und bestrafen dann
diesen auf die grausamste Art Das Zeugnis eines Menschen der das schändliche
Handwerk eines Kupplers treibt oder von dem sich beweisen lässt dass er ein
Lügner oder sonst ein sittenloser seinen Pflichten untreuer Mensch ist gilt
wenn er einen Eid ablegt vor Gericht ebensoviel als das Wort des Mannes von
unbescholtnen Sitten
    Und bei allen diesen Gebrechen unsrer Staatsverfassungen legt man noch in
manchen Ländern den Leuten den Zwang auf nicht auswandern zu dürfen Es scheint
so billig als möglich dass man sich entweder den Verordnungen eines Landes
unterwerfen oder dasselbe verlassen muss grausam aber ist es die Menschen
zwingen zu wollen da zu leben wo sie nicht leben mögen und sich Gesetzen zu
unterwerfen zu deren Bestimmung sie ihre Einwilligung nicht gegeben haben«
    Dem Könige mochte es wohl gefallen dass ich unparteiischer als mein Herr
Vetter das Gute und Mangelhafte in meinem Vaterlande mit gleicher Freimütigkeit
bekannte endlich aber schien ihm doch mein Gespräch über diese ernsthafte
Gegenstände Langeweile zu machen  Und gestehen Sie es liebe Leser es geht
Ihnen auch so  Er beurlaubte mich also für heute und da meine Unterredungen
mit ihm in den folgenden Tagen nur den Plan zu meiner bevorstehenden Reise
betrafen so will ich Sie mit Erzählungen dieser unwichtigen Dinge nicht ferner
ermüden
 
                              Zwanzigstes Kapitel
  Zurüstungen zu der Reise des Kronprinzen Abreise des Verfassers mit ihm von
                                     Gondar
Nun rückte denn die Zeit immer näher heran wo ich den großen Beruf erfüllen
sollte den Kronerben von Abyssinien auf Reisen zu führen Da der Zar Peter der
Große von Russland unser Vorbild bei diesem Zuge war so wurde alles was
Voltaire und andre glaubwürdige Männer davon erzählt hatten fleißig gelesen und
danach unser Plan eingerichtet Die Schätze des Reichs wurden nicht geschont
ein Überfluss an Gold und Juwelen war da man machte Geschäfte mit ägyptischen
Kaufleuten die uns mit Wechsel und Kreditbriefen auf alle die Hauptstädte
versahen durch welche wir reisen würden und so wurde dieser ökonomische Punkt
geschwinder aufs reine gebracht als es wohl bei ähnlichen Reisen andrer
Potentaten geschehen ist es kam nun nur noch auf die übrigen Einrichtungen an
    Mein Herr Vetter zeigte sich dabei als ein wahrer Minister Sorgenvoll und
zerstreuet ging er umher während dies große Geschäft schwer auf ihm lag und
die Konferenzen sowohl mit Seiner Majestät als den übrigen Staatsräten nahmen
gar kein Ende Die Zeitungsschreiber redeten von nichts anderm mehr so
uninteressant und langweilig dies auch auswärts zu lesen war die abyssinischen
Poeten sangen sich heiser und beeiferten sich die frommen Wünsche der
Untertanen in Reime zu bringen die Hofleute aber kabalierten und schmiedeten
Ränke um einer vor dem andern zum voraus die Ehre zu erlangen mit von der
Reisegesellschaft zu sein und die übrigen davon zu verdrängen
    Was die Wahl dieser Reisegesellschaft betraf so ernannte sie der Negus
teils aus eigener Bewegung teils auf den Vorschlag meines Herrn Vetters Mich
bat niemand als der alte ehrliche Hofnarr ein Vorwort für ihn einzulegen damit
er mitgehen dürfte ich verwendete mich zu seinem Besten und der König willigte
ein Ich fand in der Folge keine Ursache mich das reuen zu lassen denn er war
in der Tat der Klügste von der ganzen Gesellschaft der Hofmarschall übernahm
es unterdessen sein Amt in Gondar zu verwalten Er schickte sich dazu recht gut
und arbeitete nur in einer andern Manier als der eigentliche Hofnarr indem
dieser andre Leute zum besten zu haben pflegte der Hofmarschall hingegen
dadurch belustigte dass er sich zum besten haben ließ
    Als nun die ganze Liste der Begleitenden aufgesetzt war fand sichs dass
sie mehr als sechzig Personen ausmachten Unter diesen waren außer mir nur noch
sechs Weiße die übrigen waren teils so wie der Prinz selbst schwarz teils
olivenfarbig und so wie ihr Äusserliches so waren auch ihre Gemütsarten sehr
verschieden Manche von ihnen an den Ufern des Nigers geboren waren schön von
Gestalt und sanft von Sitten andre die von der Zahnküste abstammten hässlich
wild und grausam Ich wurde mit Vollmachten Instruktionen und mit
uneingeschränkter Gewalt über alle diese Leute versehen die wie die sämtlichen
Untertanen des Königs Sklaven waren Was man mir übrigens in Ansehung des
Zwecks und der Einrichtung unsrer Reise der Art den Prinzen zu behandeln und
seine Schritte und Beobachtungen zu leiten vorschrieb war nicht in allen
Stücken nach meinem Geschmacke allein so geht es ja immer denen die
Fürstensöhne führen ich nahm mir also vor soviel möglich diesen Anweisungen zu
folgen
    Sodann war mir verordnet wieviel Stück deutscher Gelehrten Philosophen
Pädagogen Fabrikanten Dichter Maler Bildhauer Tonkünstler usf ich bei
unsrer Zurückkunft mitbringen sollte
    Nach dem Muster der Reise des Zar Peters wurde ich als abyssinischer
Gesandter an alle Höfe und Republiken die wir besuchen würden bevollmächtigt
der Kronprinz aber sollte sich inkognito in meinem Gefolge befinden
    Wie denn bei Höfen alle wichtige Schritte die vorgehen sollen oder
vorgegangen sind sich mit Festen Schmausereien und Farcen anfangen und
endigen so gab es denn auch in der Residenz und im ganzen Lande bei dieser
Gelegenheit sehr viel Schauspiele Bälle Erleuchtungen Galatage und
Kirchengebete
    Endlich erschien der Tag des Aufbruchs der Zug war prächtig anzusehen ich
habe eine weitläuftige Beschreibung davon aufgesetzt aber mein Herr Verleger
weigerte sich sie hier mit abdrucken zu lassen Der Mann nimmt es ein bisschen
genau mit seinem Honorario und weiß nicht wieviel vernünftige Leute an der
Schildrung solcher Feierlichkeiten Vergnügen finden Des alten Negus Majestät
begleiteten uns nebst zahlreicher Suite bis an die Grenze den 1 Mai 1772
reisten wir aus Gondar ab  Das Weitre ist im zweiten Teile dieses Buchs zu
lesen
 
                                  Zweiter Teil
                                  Erstes Kapitel
              Vermischte Reisenachrichten Ankunft in Deutschland
Da ich den ersten Teil dieses Buchs mit der Nachricht von meiner Abreise aus
Gondar beschlossen habe so werden nun wohl die Leser sich zum voraus vor einer
weitläuftigen Reisebeschreibung fürchten oder wie denn der Geschmack sehr
verschieden ist sich zum Teil darauf freuen Soviel möglich möchte ich gern
beiden Parteien gefallen ich will daher zwar einige Nachrichten von demjenigen
was uns bis zu unsrer Ankunft in Hessen begegnet ist aus meinem Tagebuche
auszeichnen sie aber mit einer ausführlichen Reisebeschreibung verschonen
    Der Weg welchen ich mit dem Kronprinzen und unserm ganzen Gefolge machen
sollte war mir folgendermaßen vorgeschrieben Wir reisten zu Lande durch einen
großen Teil des abyssinischen Reichs um den Tronfolger den getreuen Untertanen
zur Schau auszustellen Da wurden dann in Städten und Dörfern Ehrenpforten ohne
Zahl errichtet und Reden gehalten und Gedichte überreicht der arme
Handwerksmann holte seinen kleinen Geldbeutel hervor gab die Hälfte daraus dem
drohenden Kontributionseinnehmer hin und kaufte für die andre Hälfte ein paar
Lichter womit er seine Fenster erleuchtete hinter welchen er mit hungrigem
Magen stand und sich die Tränen trocknete als wir in einem prächtigen Zuge auf
Elefanten und Kamelen durch die Gassen zogen
    Wir hatten auf der Reise gewaltig viel von der Hitze auszustehen besonders
unter der Linie Gegen Ende des Maimonats erreichten wir die Grenze von
UnterGuinea Man hat in diesen Gegenden vom April an bis zum September in
welchem der Sommer eintritt fast immer Regenwetter das verleidete uns ein
wenig das Vergnügen der Reise doch da es unsre Absicht war die Könige dieses
Landes zu besuchen so hatten wir Gelegenheit uns von Zeit zu Zeit von den
Beschwerlichkeiten des Wegs auszuruhen und an den Höfen findet man ja stets
dasselbe Wetter
    Wir hielten uns einige Tage in der Residenz des Monarchen von Loango auf Er
war aber ein gar wunderlicher Herr der uns wenig Gastfreundschaft erzeigte
Nach den Landesgesetzen darf bei Todesstrafe niemand ihn speisen sehen wir
wurden also an besonderen Tafeln und zwar ziemlich mager bewirtet Bei den
Audienzen redete der König nicht ein einziges Wort weswegen ihn dann das Volk
für einen sehr weisen Herrn hielt und ihm göttliche Verehrung bezeugte Man
wollte uns zumuten die Füße dieses gekrönten Sterblichen zu küssen Da hiervon
nichts in meiner Instruktion stand und ich es abgeschmackt fand diese ekelhafte
und lächerliche Unterwürfigkeit einem Erdensohne zu beweisen so vergingen vier
Tage mit Forderungen von seiner und Protestationen von unsrer Seite Unser
Hofnarr war der einzige der sich aus Scherz entschloss dem Könige einmal den
Fuß zu küssen da er dann zu einer Audienz zugelassen und mit einem Ordensbande
beschenkt wurde Übrigens reisten wir ziemlich unzufrieden und ohne Abschied zu
nehmen von dannen
    Den Hof in Kongo fanden wir viel glänzender und geselliger Der König und
die ersten Kronbedienten Edelleute und Ritter waren prächtig in Gold und Seide
gekleidet trugen weiße Halbstiefel und große Mützen Man bewies uns
ausgezeichnete Höflichkeit die uns viel Langeweile machte und uns prächtige
Geschenke an die hungrigen schlecht besoldeten Hofleute kostete Die Einwohner
in Kongo waren indessen sehr artig und gesittet wir fanden viel katholische
Christen unter ihnen sogar der ganze Hof war der römischen Kirche zugetan Bei
Gelegenheit da wir einige in diesem Reiche von den Portugiesen angelegte
Festungen besahen hatte ich viel Mühe dem Prinzen das Recht zu beweisen das
die Europäer hätten in allen Gegenden des Erdbodens ohne gutwillige Erlaubnis
der Einwohner sich niederzulassen Besitz von Grundstücken zu nehmen und mit
den Produkten des Landes zu ihrem Vorteile zu wuchern
    In Angola gefielen mir die OrangUtan vorzüglich wohl Man konnte sie kaum
von den übrigen Hofleuten unterscheiden denn auch das in der Naturgeschichte
angegebne Kennzeichen dass sie keine Waden und keine Hinterbacken haben passte
ebensowohl auf die dortigen Kammerjunker Es ist aber jene Affenart mehr in
Kongo als in Angola einheimisch
    Übrigens ist ganz UnterGuinea ein fruchtbares reiches und angenehmes Land
    Bei der Insel Loanda bestiegen wir ein portugiesisches Schiff und fuhren
damit ohne große Widerwärtigkeiten nachdem wir zum zweitenmal den Äquator
durchschnitten hatten Kabo Verde vorbei bis Lissabon Da es nun unser Zweck
nicht war uns in andern europäischen Reichen lange aufzuhalten so suchte ich
sogleich ein Schiff auf das nach Deutschland segeln wollte verdung uns
sämtlich mit unsern Päckereien darauf und kam nach einer ziemlich
beschwerlichen Reise in Hamburg im Hafen an
 
                                Zweites Kapitel
   Reise des Kronprinzen von Abyssinien und seines Gefolges durch Deutschland
Eine so volkreiche und in allem Betrachte so interessante Handelsstadt wie
Hamburg verdiente wohl dass wir uns eine Zeitlang hier aufhielten ich nahm also
auf vierzehn Tage Quartiere für unsre ganze Suite in zwei großen Gastöfen am
Jungfernstiege und führte meinen Prinzen in Begleitung seiner Kavaliers und
meines Freundes des Hofnarren und Ritters in der Stadt herum
    Es war eine unbeschreiblich angenehme Empfindung für mich als wir in
Hamburg an das Land stiegen nach so langer Zeit den vaterländischen Boden
wieder zu betreten und dies Gefühl wurde verstärkt durch die Überlegung dass es
grade der erste freie von Despotismus aller Art unentweihte Staat war den ich
dem Kronprinzen von Abyssinien zeigen konnte »Hier mein Prinz« sagte ich als
er beim Blockhause wo man nach unserm Namen fragte auf den albernen Einfall
geriet sich für einen Grafen oder dergleichen ausgeben zu wollen »hier bedarf
es keines Inkognito hier sind wir alle gleich und niemand bekümmert sich um
Ihren Fürstenstand Kaum wird Ihr schwarzes Gesicht in einer Stadt Aufsehen
erregen wo man gewöhnt ist allerlei Arten von Figuren zu sehen wo jedermann
unbesorgt um fremde Händel sich nur um seine eignen Geschäfte bekümmert wo
kein Haufen müßiger Tagediebe und besoldeter Ausspäher den Schritten der Fremden
auflauert um dem neugierigen Fürsten oder seinem misstrauischen Minister
Nachricht davon zu geben sobald ein fremdes Gesicht sich in der Stadt blicken
lässt«
    Ich nahm überhaupt Gelegenheit dem Prinzen richtige Begriffe von der
Glückseligkeit einer nicht dem Namen nach sondern in der Tat republikanischen
Verfassung beizubringen Gewiss kann der kleine Staat von Hamburg den übrigen
deutschen reichsstädtischen Gebieten zum Muster dienen Unsre deutschen
Schriftsteller deklamieren zum Teil so gewaltig zum Vorteile der Monarchien und
behaupten früh oder spät arte doch ein Freistaat in eine Oligarchie aus und
dann sei man schlimmer daran als unter der unumschränkten Herrschaft eines
einzigen Wenn doch die guten Leute nur einen Blick auf die Regierungsform in
Hamburg werfen und sagen wollten ob es möglich ist bei der größten Ordnung und
strenger Aufrechterhaltung der Gesetze freier ungekränkter zu leben als dort
Und diese Verfassung hat nun unverändert so manches Menschenalter hindurch
also fortgedauert Man hört von keinen Klagen von keinen Bedrückungen man hat
keine stolze Patrizierfamilien die wie in andern Reichsstädten den Ton
angeben die kleinen Fürsten spielen und vor deren unmündigen Knaben der bessere
Bürger sklavisch den Hut abzieht Man würde in Hamburg kaum wissen dass es einen
Adel in Deutschland gibt wenn nicht einige Menschen dieser Art dort wohnten
die auf ihre Kutschen allerlei bunte Bestien gemalt haben wodurch sie ihre
Abstammung beweisen Man lässt diesen Leuten ihren Wert sind sie übrigens
verständige Menschen so wird ihnen mit Achtung begegnet ohne dass man ihnen den
elenden Vorzug einer adligen Geburt beneidet Ich habe nie gehört dass sich ein
hamburgischer Bürger einen Adelsbrief gekauft hätte  und dennoch bemerkt man
einen feinen Ton in allen Gesellschaften und dennoch gehen alle Geschäfte ihren
ordentlichen Gang es herrscht keine Anarchie die kleine Republik steht bei
auswärtigen Mächten in hohem »Ansehen Kaiser und Könige schicken ihre
Gesandten und sie bleibt ungekränkt von ihren eifersüchtigen Nachbarn  Warum
sollte es unmöglich sein dass diese wohltätige Verfassung in allen deutschen
Staaten nach und nach wenigstens in den Reichsstädten allgemein eingeführt
würde
    Wir sahen des Abends die Bürgerwache aufziehen die des Nachts zu Bewachung
der Stadt die Lohnsoldaten ablöset Mein junger Prinz erlaubte sich einige
mutwillige Scherze über die Verschiedenheit der Kleidung und Bewaffnung dieser
guten Leute ich hielt es für Pflicht ihm hierüber einen kleinen Wink zu geben
»Diese Menschen« sprach ich »scheinen mir tausendmal ehrwürdiger als die
bezahlten Krieger in den einförmigen Sklavenröcken mit ihren mechanischen
Uhrwerksbewegungen Jene bewachen ihr und ihrer Brüder Eigentum und ihre Rechte
und es ist ziemlich einerlei in welchem Rocke sie das tun es ist wahrlich ein
närrisches Vorurteil dass man denjenigen höher achtet der ernährt und gekleidet
wird als denjenigen welcher ihn ernährt und kleidet allein ich begreife wohl
dass es zum Systeme des Despotismus gehört da man nun einmal dieser künstlichen
Werkzeuge so notwendig bedarf einen hohen äußern Wert darauf zu legen um
durch den Reiz der Ehre freie Menschen anzulocken sich für wenig Geld zu
Unterjochung ihrer Brüder missbrauchen zu lassen Der von Vorurteilen freie Mann
nennt die Sache bei ihrem rechten Namen er verlangt nicht umzustürzen was auf
einmal nicht zerstört werden kann aber er will dass man das notwendige Übel
wenn es denn wirklich notwendig ist nicht höher schätze als das ursprüngliche
Gute dass man nicht hochmütig mit seinen Ketten prahle und nicht diejenigen
höhne die so glücklich sind dieses traurigen Schmucks nicht zu bedürfen«
    Ich merkte wohl dass außer Soban so hieß der Hofnarr und mir nur wenige
von unsrer Gesellschaft Sinn für solche Wahrheiten hatten und dass die
Hofschranzen mächtig die Nase rümpften aber ich hielt es für Pflicht so zu
reden und werde es immer für Pflicht halten Man bekehrt die Despoten und ihre
Kinder nicht aber man erweckt doch ernsthafte Gedanken in ihnen dass sie sich
vielleicht scheuen noch weiter zu greifen indem sie ahnden es könne einmal
dem ganzen Volke einfallen ihre Rechte und Pflichten ein wenig näher zu
beleuchten Erlangt man das so hat man doch wahrhaftig schon viel gewonnen es
wird dann wenigstens nicht ärger als es jetzt ist und am Ende muss man doch
auch dafür sorgen dass gewisse natürliche Begriffe unter dem Haufen von
konventionellen nicht gänzlich verlorengehen
    Ich habe oben gesagt dass wenige von unserer Gesellschaft Sinn für kühne
unverstellte Wahrheit hatten Ich muss doch aber hiervon den geheimen Sekretär
des Kronprinzen ausnehmen der Manim hieß ein sehr verständiger Mann und
richtiger Beobachter war Er fing in Hamburg ein Tagebuch an in welchem er
alles aufzeichnen wollte was ihm in Deutschland im Guten und Bösen merkwürdig
vorkommen würde und ich werde zuweilen etwas daraus anführen
    Dem Plane gemäß den ich zu unsrer Reise entworfen hatte wollten wir von
Hamburg über Braunschweig und Berlin durch einen Teil von Sachsen nach Frankfurt
am Main dann in den Rheingegenden umher hierauf nach Bayern und Österreich
reisen und zuletzt zurück bis Kassel wo der Kronprinz in Kriegsdienste treten
und zwar nach Peter des Großen Beispiele von unten auf dienen sollte Da ich
indessen Vollmacht hatte diesen Plan nach Gutdünken zu verändern so beschloss
ich die Reise zu teilen gleich von Berlin aus nach Kassel zu gehen und dort
den Prinzen in Tätigkeit zu bringen Ich hatte oft gehört welche klägliche
Rolle zuweilen die Fürstensöhne spielen wenn sie unmittelbar aus der
väterlichen Residenz in die große Welt kommen und sich an fremden Höfen zeigen
welche lächerliche Prätensionen sie dann mit sich herumtragen und wie wenig
Nutzen sie von ihren Reisen ziehen Da ich doch gern einige Ehre mit meinem
Prinzen einlegen wollte so hielt ich es für besser dass er erst im Dienste ein
bisschen geschmeidig gemacht mit verschiedenen menschlichen Verhältnissen bekannt
und an militärische Subordination gewöhnt würde Wenn die Leser sich zu erinnern
belieben welche Schilderung ich im fünfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses
Buchs von Seiner Hoheit gemacht habe so werden sie meinen Entschluss nicht
anders als billigen können Wir besuchten auch desfalls auf dieser Reise gar
keine Höfe sondern besahen nur andre Merkwürdigkeiten Hospitäler
Philantropine Werk und Spinnhäuser und dergleichen in den Städten durch
welche wir reisten
    Nicht weit von Dresden stießen wir auf einen Haufen großer und kleiner
Knaben begleitet von einigen erwachsenen Leuten alle zu Fuße und sämtlich
einförmig gekleidet Sie schienen sehr munter zu sein und machten allerlei
Bockssprünge weswegen wir sie denn für eine Gesellschaft von Seiltänzern oder
etwas Ähnliches hielten die einen Jahrmarkt besuchen wollten Indessen erfuhren
wir bei genauer Erkundigung dass es die Zöglinge eines Erziehungsinstituts nebst
ihren Lehrern waren die jetzt eine Lustreise von zwanzig Meilen unternommen
hatten um sich in Sachsen umzusehen Das Wetter war angenehm und ich schlug
meinem schwarzen Prinzen mit welchem ich in einer zweisitzigen Kutsche allein
saß vor auszusteigen den Rest des Wegs bis Dresden in Gesellschaft dieses
fröhlichen Haufens zu machen und indes das Gefolge vorauszuschicken Er willigte
ein und wir sahen uns bald umgeben von diesen artigen Kindern die sich an
unsern ausländischen Figuren nicht genug ergetzen konnten und nachdem wir uns
mit ihnen in Gespräche eingelassen hatten uns tausend neugierige doch
bescheidne Fragen vorlegten deren Beantwortung einige von ihnen auf der Stelle
in ihre Tagebücher aufzeichneten
    Da ich so lange Zeit aus Deutschland entfernt gewesen war und sich
unterdessen der Ton in den öffentlichen Erziehungsanstalten und überhaupt die
Grundsätze der Pädagogen sehr verändert hatten so war mir alles was ich sah
und hörte neu Ich gesellte mich zu einem der Lehrer und erkundigte mich genau
nach der Art wie jetzt die Jugend in solchen Philantropinen der Name gefiel
mir ungemein gebildet und unterrichtet würde Die Erläuterungen die er mir
darüber gab setzten mich wirklich in einige Verwunderung weil sie sich gar
nicht zu meinen altväterischen Begriffen von Erziehung passen wollten doch da
ich ohne mich zu rühmen wohl behaupten kann dass ich nicht eigensinnig auf
meiner Meinung bestehe sondern mich gern eines Bessern belehren und von
Vorurteilen zurückbringen lasse so wagte ich nur behutsam einige Einwürfe und
ließ mir die Zurechtweisung des Pädagogen wohl gefallen
    Ich meinte nämlich diese Art von Erziehung passe nicht so recht eigentlich
zu unsern übrigen bürgerlichen Verfassungen es könne doch wohl nicht schaden
wenn man die Jugend an ein wenig mehr Zwang und Pedanterie gewöhnte da sie in
der Folge in allen Verhältnissen sich dergleichen gefallen lassen müsste
    Ich hörte ferner mit Verwunderung dass es den stärkeren Knaben erlaubt sei
die schwächern zu Leistung der niedrigsten Dienste zu zwingen dass die welche
mehr Taschengeld als andre bekämen die ärmern als Lakaien besoldeten denn
wirklich sah ich einen armen kleinen Grafen der dem baumstarken Sohne eines
Bierbrauers ein schweres Bündel nachtragen musste dass weil man also durch Geld
sich große Gemächlichkeiten oder nach den Umständen Befreiung von
Misshandlungen erkaufen konnte die jungen Leute unter sich einen Handel trieben
wobei nicht selten einer den andern übervorteilte Die Lehrer machten mir aber
begreiflich wie nützlich es wäre dass die Kinder mit diesen Verderbnissen die
im großen in der Welt wo doch Reichtum und Stärke die Haupttriebräder wären
allerorten herrschten früh bekannt würden
    Von einer andern Seite fürchtete ich der Freiheitssinn den ich an ihnen
wahrnahm und die Hinwegsetzung über allen Zwang den Konventionen Stand und
eine gewisse im Leben nötige Geschmeidigkeit auflegen möchten die Knaben in
eine solche Stimmung setzen dass sie hernach im Zwange des bürgerlichen Lebens
sich sehr unbehaglich und unglücklich fühlten
    Ich fand es zwar sehr gut dass die Kinder nicht verzärtelt sondern an Wind
und Wetter gewöhnt auch zu mäßigen Bewegungen und nützlichen körperlichen
Übungen angehalten werden aber das konnte ich nicht fassen warum man Menschen
die sich den Wissenschaften widmen und einen großen Teil ihres Lebens am
Schreibpulte hinbringen sollen mit soviel Sorgfalt in den brotlosen Künsten des
Schwimmens Springens Ringens und Kletterns unterrichtet wodurch ihnen eine
sitzende Lebensart verhasst gemacht wird und wovon sie in unsern Tagen nie
Gebrauch machen können auch wohl wenn der Fall der Not eintritt mehrenteils
von ihrer Geschicklichkeit verlassen werden
    Ich erfuhr mit Missvergnügen aus einzelnen Gesprächen der Knaben
untereinander die sich von mir nicht beobachtet glaubten dass ungeachtet der
strengen Aufsicht im Erziehungshause welche der Herr Pädagoge so hoch pries
die Kinder zuweilen Gelegenheit fänden des Nachts hinauszuschleichen die
Garten oder Hofmauern zu ersteigen um wenn sie nicht noch etwas Ärgers
treiben wenigstens  Obst zu stehlen
    Ich warf die Frage auf ob es nicht gut sein würde wenn man das Gedächtnis
der Kinder ein wenig mehr als jetzt üblich sei mit einigem mechanischen
Auswendiglernen schärfte und wenigstens eine Sprache zur Grundlage der übrigen
nach Regeln lernte
    Überhaupt kam es mir vor als wenn das Studium der toten Sprachen bei diesem
Manne in keinem so großen Ansehen stünde als ich wünschte und aus eigener
Erfahrung heilsam gefunden hatte
    Der Pädagoge machte mich auch mit einer neuen von einem gewissen Herrn
Basedow erfundnen Methode die Kinder das Lesen zu lehren bekannt die ich
anfangs für Scherz oder unwürdige Spielerei hielt nachher aber den großen
Nutzen davon einsah Herr Basedow hatte nämlich Brezel backen lassen welche die
Figur von Buchstaben hatten An diesen den Kindern so interessanten Gegenständen
nun zeigte er ihnen aus welchen Zügen ein A ein B etc besteht und wie man zum
Beispiel aus einem lateinischen W sogleich ein V machen kann wenn man die
Hälfte davon herunterbeisst Dies ist in der Tat recht artig und wurde von mir in
mein Tagebuch notiert Übrigens aber waren wir doch darin einig dass es besser
ist wenn man die Kinder gewöhnt ernsthafte Sachen ernstaft zu treiben
Vergnügen an Überwindung von Schwierigkeiten zu finden und nicht an allen Dingen
die leichtesten Seiten aufzusuchen
    Was nun das Reisen des ganzen Instituts betrifft so fürchtete ich es
könnten manche Leute glauben die Lehrer hätten mehr Vergnügen und Nutzen davon
als die Zöglinge die Eltern kostete das unnützes Geld die Knaben wären in dem
Alter doch noch nicht imstande zweckmässige Beobachtungen zu machen auf der
Reise sei es unmöglich die jungen Leute so genau zu bewachen sie könnten also
in den Wirtshäusern und sonst manches sehen und hören das sie besser nicht
hören und nicht sehen sollten
    Überhaupt aber glaubte ich zu finden dass die Erziehung in solchen
Philantropinen zuviel Kostenaufwand erforderte folglich dachte ich käme
diese Wohltat ärmern Eltern nicht zustatten und die reichen täten besser ihre
Kinder unter ihren Augen erziehen zu lassen
    Alle diese Zweifel nun hob mir der Lehrer mit Höflichkeit Gründlichkeit und
Bescheidenheit drei Eigenschaften die man nebst der Uneigennützigkeit wie
ich höre jedoch vermutlich mit Unrecht einigen neueren Pädagogen zuweilen hat
streitig machen wollen
    Im ganzen waren wir beide doch der Meinung dass nicht alles Neue gut und
nicht alles Alte zu verachten sei dass die Menschen in Deutschland wie
allerorten sehr geneigt seien von einer Übertreibung in die andre zu fallen
dass in der Erziehung durchaus keine allgemeine Vorschriften Platz haben können
dass also die Pädagogik nie eine positive Wissenschaft werden könne dass es
jedermann freistehen müsse über dies Geschäft über diese allgemeine
Menschenangelegenheit seine Meinung zu sagen dass die Metoden in solchen
Instituten immer höchst mangelhaft bleiben werden solange die Aufseher
derselben entweder sich dadurch bereichern wollten diese Unternehmung als eine
Finanzoperation ansähen oder aus Mangel an Fonds gezwungen wären nach einer
großen Anzahl Zöglinge deren Eltern reich wären zu streben ihre Einrichtungen
anzupreisen auszuposaunen die Fehler derselben zu bemänteln und denen mit
Grobheiten das Maul zu stopfen die mit Recht oder Unrecht etwas daran tadelten
endlich dass die alte Erziehung doch auch sehr viel große Männer gebildet hätte
und dass wir beiden selbst die wir davon redeten Ursache hätten die Metoden
unsrer ehmaligen Lehrer nicht zu verachten dass man übrigens was die neuere
Erziehung geleistet hätte erst gegen Ende dieses Jahrhunderts nach dem Erfolge
würde beurteilen können
    Ich gestehe dass ich mich freundschaftlich hingezogen fühlte zu dem wackeren
Erzieher und da ich von meinem allergnädigsten Könige Auftrag hatte auch ein
Paar Pädagogen mit dem nächsten Transporte nach Abyssinien zu schicken so tat
ich meinem neuen Freunde den Antrag einer von diesen zu sein und überließ ihm
die Wahl des andern Allein er schlug mein Anerbieten aus so verführerisch es
auch wie er sagte für ihn war Dagegen aber empfohl er mir zwei andre Männer
wovon der eine kürzlich sich mit dem Direktor eines solchen Instituts
verunwilligt hatte wobei es zu einigen Schlägen gekommen war der zweite aber
das Unglück gehabt hatte zu bekannt mit einem Fräulein zu werden in deren
Elternhause er Erzieher gewesen war weswegen er denn hatte flüchten müssen Da
mein Freund beiden Männern übrigens ein sehr gutes Zeugnis gab so nahm ich
keinen Anstand ihm die Bedingungen mitzuteilen unter denen ich sie annehmen
dürfte und wir verabredeten dass sie sich binnen vier Wochen in Kassel bei mir
einfinden sollten
    Indes wir nun also miteinander plauderten hatten sich die Knaben mit meinem
Prinzen unterredet Dieser war wie man weiß über siebenzehn Jahre alt aber
sehr verzärtelt und schwach an Kräften Er hatte wie es schien bei den jungen
Leuten seinen Fürstenstand gelten machen wollen sie aber waren nicht gewöhnt
darauf etwas gutzutun auf einige Stichelreden die man desfalls gegen ihn
vorgebracht hatte war er grob geworden ein nervichter Junge nahm dies krumm
und ehe ich es hindern konnte sah ich den Prinzen von seinem Gegner zur Erde
gestreckt Ich sprang herzu und erlösete ihn dem diese Lektion sehr missbehagte
und hielt mit Mühe ein paar herbeieilende Bediente des Prinzen ab sich in das
Spiel zu mischen Da übrigens hier an keine Bestrafung des Verbrechens der
beleidigten Majestät zu denken war so blieb uns nichts übrig als in den Wagen
zu steigen und von dannen zu fahren und so kamen wir in einer Stunde in Dresden
an
 
                                Drittes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Wir hielten uns nicht lange in Dresden auf es war die Zeit der Leipziger
Buchhändlermesse und ich hatte eine doppelte Ursache gern alsdann dort sein zu
wollen Ich war nämlich durch meine Abwesenheit ein wenig verhindert worden
in der Kenntnis der deutschen Literatur mit fortzurücken hier wo einige
hundert Buchhändler alle neueren Produkte vaterländischer Gelehrsamkeit und des
Geschmacks gegeneinander austauschen konnte ich hoffen in wenig Tagen
deutlichere Begriffe von dem gegenwärtigen Zustande der Kultur und dem
literarischen Tone in Deutschland zu bekommen als andrerorten in langen Monaten
Da ich ferner den Auftrag Gelehrte und Schriftsteller aller Art für Abyssinien
anzuwerben nie aus den Augen verlor so dachte ich Leipzig sei zur Zeit der
Messe grade der Ort wo ich teils einige derselben persönlich kennenlernen
teils von den Buchhändlern erfahren könnte welche unter ihnen in vorzüglich
großem Rufe stünden Die jungen reisenden Prinzen müssen wie bekannt daran
Geschmack finden was ihre Hofmeister wählen also war auch mein schwarzer Prinz
sogleich bereit meinem Plane zu folgen
    Wir kamen gegen Abend an und traten in einem großen Gasthofe ab Indes die
Tafeln für Seine Hoheit und uns alle bereitet wurden ging ich hinunter in das
allgemeine Gastzimmer und unterhielt mich ein wenig mit den dort sitzenden
Gästen Es waren auch wie ich bald merkte Gelehrte und Buchhändler darunter
Einer von ihnen zeigte mir den großen Messkatalogus  Mein Gott wie erschrak
ich Gegen ein Werk von nützlichem Inhalte zehn dickleibichte Romane deren
Titel nicht einmal von Sprachfehlern und Albernheiten frei waren ebensoviel in
acht Tagen verfertigte Lust und Trauerspiele ebensoviel Werke über
Freimaurerei Taschenspielerkünste Geistersehen und Goldmachen ebensoviel
Schmähschriften gegen den persönlichen Charakter solcher Männer die man bei
ihrer ersten Erscheinung in der gelehrten Welt zur Ungebühr ausposaunt hatte
an denen man nun seine eigne Blödsinnigkeit bestrafte alles wirklich Gute an
ihnen mit Füßen trat und auf die unwürdigste Weise kleine Anekdoten aus ihrem
Privatleben die niemand nichts angingen hervorsuchte um den Mann öffentlich
zu beschimpfen und preiszumachen der im Grunde nichts weiter versehen als dass
er das Unglück gehabt einst mehr als er gefordert hatte hoch gepriesen zu
werden ebensoviel Märchensammlungen in welchen Geschichtchen die schon
hundertmal gedruckt waren ja deren einige in aller Ammen Munde waren neu
aufgestutzt erschienen  Und endlich Musenalmanache Blumenlesen  Einer von
den Gästen holte ein solches Büchelchen aus der Tasche hervor ich blätterte
darin und erstaunte »O Himmel« rief ich »sind das Verse Ist es genug dass
man seinen Unsinn in kurzen langen und mittelmäßig langen Zeilen absetze um
das ein Gedicht zu nennen So kann ja jeder Knabe seine Schulexercitia wenn er
sie auf diese Weise schreibt zu Versen erheben Wo man verlegen ist eine lange
Silbe zu finden da nimmt man statt dessen fünf kurze oder macht auch nach
Belieben zu kurzen Silben solche in denen sechs raue Konsonanten zwei
doppelte M und dergleichen vorkommen Was in aller Welt« fragte ich indem ich
weiter blätterte »will dieser Barde aus Wien mit seinem holprichten reimlosen
Gewäsche voll Provinzialismen Kann etwas als Gedicht wohlklingen was schon als
Prosa das Ohr beleidigen würde Und welch eine unwürdige Veranlassung zu diesem
kleinen Liede Kann man in Dichterfeuer gesetzt werden von einem Gegenstande
der der Aufmerksamkeit jedes verständigen Mannes unwert ist Und dies platte
Sinngedicht Ist ein Einfall dessen sich ein Knabe von einigen Anlagen schämen
sollte wert in der erhabenen Sprache der Begeisterung vorgetragen zu werden
Und diese Kleinigkeit von dem edelen Gleim Kann der würdige Sänger der
Kriegslieder sich aus Gefälligkeit gegen ein entnervtes Publikum zu solchen
wässrichten Spielereien herablassen Lieset denn niemand mehr unsre alten Lehrer
Hagedorn Gerstenberg Lessing Kleist Utz Gellert Ramler Wieland Klopstock
und andre um zu lernen was Versbau Wohlklang Erhabenheit heißt Und was
sagen unsre Kritiker dazu« Als ich der Kritiker Erwähnung tat sah ich wie
ein paar von den Buchhändlern schelmisch einander anlächelten Ich bat sie mich
zurechtzuweisen wenn ich etwas Albernes sollte gesagt haben »Nein« antwortete
der eine der ein stattlicher Mann aus Hamburg war »Sie würden vollkommen recht
haben von der Kritik zu verlangen dass sie Schriftsteller und Dichter vor
Vernachlässigung weiser Regeln warnte wenn unsre Kunstrichter bekannte Männer
von Kenntnissen und Ruf wären Wenn aber jeder unbärtige Knabe der ein wenig
Lectur hat sich mit einer Gesellschaft von Halbgelehrten seinesgleichen
vereinigt und dann hinter der Maske der Anonymität die Werke der größten Männer
von entschiednem Rufe mit Machtsprüchen für lose Ware erklärt seiner
unbedeutenden Freunde unreife Geburten hingegen als Meisterstücke ausposaunt
oder wenn ein elender Zeitungsschreiber seinen interessanten Nachrichten von den
geschmacklosen Festen welche die Fürsten und Gesandten gegeben haben von
Universalarzeneien und von Kuriern deren Depeschen noch niemand gelesen hat
größeren Gewinstes wegen auch einen sogenannten gelehrten Artikel anhängt das
heißt ein leeres Blatt bestimmt um darauf gegen gute Bezahlung die
Lobeserhebungen abzudrucken welche wir Verleger oder die Schriftsteller selbst
von ihren eignen Büchern ihnen einschicken oder wenn ein Dutzend junger Leute
unter der Firma eines Mannes von einigem Rufe in der gelehrten Welt in einem
kritischen Journale statt unparteiisch die herauskommenden Werke nach dem
innern Gehalte zu beurteilen den darin herrschenden bestimmten Begriffen
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen die schwankenden hingegen zu widerlegen
wenn sie sage ich statt dessen die Lieblingsmeinungen ihres Anführers
allgemein zu machen suchen und jedes Buch tadeln müssen in welchem gegenteilige
Sätze vorgetragen werden oder wenn nun gar unter dem Namen von gelehrter
Kritik der persönliche Charakter der Schriftsteller hämischerweise angegriffen
wird wenn man ehrliche harmlose Leute dem Publico verdächtig zu machen sucht
Szenen aus ihrem Privatleben die niemand nichts angehen auf die gehässigste
Art hervorzieht um dem Manne dessen literarische Verdienste man vielleicht
beneidet die öffentliche Achtung zu rauben von welcher sein bürgerliches Glück
abhängt  sagen Sie mir mein Herr ob dann noch die Kritik bei uns in Ansehen
stehen kann und ob nicht die Rezensionen auch der unparteiischsten
kenntnisvollsten Journalisten verdächtig werden müssen«
    Diese Schilderung gefiel mir nicht ich fasste aber Zutrauen zu dem Manne
welcher sie mir entwarf und eröffnete ihm meinen Vorsatz in Leipzig einige
Gelehrte Künstler und einen Buchhändler anzuwerben die sich entschließen
könnten nach Abyssinien zu reisen wobei ich ihm dann die vorteilhaften
Bedingungen bekanntmachte unter denen sie sich in Adova niederlassen könnten
Der redliche Buchhändler sagte mir gradeheraus dass schwerlich Männer von
einigem Rufe und die in Deutschland ihr Auskommen hätten sich zu dieser weiten
Reise verstehen würden doch versprach er die Sache in Leipzig bekanntzumachen
    Am folgenden Tage nun hatte ich einen großen Überlauf von Leuten aller Art
die sich für Dichter Philosophen Tonkünstler Maler und dergleichen ausgaben
und mir zum Beweise ihrer Geschicklichkeit ihre Werke überreichten Von
Buchhändlern meldete sich niemand als Herr Schulz aus Hanau Dieser schien ein
ganz guter Mann zu sein und wir wären gewiss unsers Handels einig geworden wenn
er nicht noch an demselben Tage die Nachricht bekommen hätte dass man einen
BuchhändlerUmschlag in Hanau anlegen wollte bei welchem für ihn viel zu
gewinnen sein würde er zog also sein Wort zurück Dagegen wollte mir Herr
Schmieder aus Karlsruhe einen seiner Freunde empfehlen allein man warnte mich
mich mit diesem nicht einzulassen »Sie werden sich« sagte man mir
»unangenehmen Vorfällen aussetzen wenn anders Polizei in Abyssinien ist denn
diese Leute so wackre Männer sie auch sonst sind können das vermaledeite
Nachdrucken nicht lassen und dagegen hat man nun einmal das Vorurteil es für
Dieberei zu halten« Endlich wurde ich mit einem jungen Manne aus Berlin einig
der einen Buchladen in Adova anzulegen versprach
    Ich wollte nun auch gleich ein großes Sortiment von deutschen Büchern mit
nach Abyssinien schicken und ging desfalls mit dem redlichen hamburgischen
Buchhändler wegen der Wahl dieser Schriften zu Rate Er stellte mir folgendes
vor »Ich weiß nicht« sprach er »ob in Abyssinien wie etwa in England ein
bestimmter fester Geschmack herrscht oder ob wie bei uns eine Modeseuche von
der andern verdrängt wird In Deutschland machen zum Beispiel jetzt alle
Schriften über Freimaurerei und Jesuiten ihr Glück in den folgenden Messe kauft
diese Ware kein Mensch mehr weil die Periode von Empfindelei eingetreten ist
welche Herr Miller in Ulm mit seinen Romanen voll Mondenschein angegeben hat
ein halbes Jahr nachher muss Sturm und Drang aus allen Produkten der neuesten
Literatur hervorbrausen die Leute müssen dann alle reden als wenn sie im
Fieberparoxysmus lägen dieser Geschmack wird wieder von einem andern
überwältigt und wenn grade gar keine solche Torheit herrschend ist schreibt
man über Pädagogik Auf allen Fall werden Sie indessen am besten tun wenn Sie
von jedem Sortimente einige Zentner mitschicken Als Ballast können Sie die
größte Anzahl Artikel brauchen die bei den Gebrüdern Korn in Breslau
herauskommen Wo am mehrsten von den Schiffsmäusen zu besorgen ist dahin legen
Sie die Erziehungsschriften und die Anekdoten und Märchensammlungen Wenn auch
einige Alphabete davon weggefressen werden so schadet das nichts weil das
mehrste von dem was darin steht doch schon oft anderwärts gedruckt ist Die
Musenalmanache und dergleichen müssen Sie vor der Nässe bewahren sonst
verderben die Bilder und die sind das Beste darin Die Romanen die ein
gewisser geistlicher Herr herausgibt bedürfen weniger Sorgfalt sie sind
ziemlich weitschweifig geschrieben so dass ohne Nachteil aus jedem zwanzig Bogen
ausfallen können und zudem wiederholt er sich ja in jedem seiner neuen
Produkte folglich kann nicht leicht etwas von dem was er je gesagt hat
verlorengehen Die theologischen Schriften würde ich sorgfältig von andern
verständigen Werken absondern es gibt sonst Streit Die juristischen können Sie
statt der Matratzen in die Hängematten legen es schläft sich gut darauf In die
Journale mögen Sie die übrigen Waren einwickeln Wollen Sie Übersetzungen
mitschicken so müssen Sie zwei Schiffe ausrüsten Die wenigen guten
Geschichtsbücher die wir seit kurzer Zeit gewonnen haben einige
philosophische matematische und kameralistische Aufsätze und die Schriften
unsrer geschicktesten Ärzte und Naturkündiger will ich Ihnen aufzeichnen diese
bitte ich in Ehren zu halten sie haben alle in der Kajüte Platz Meines lieben
Bürgers Gesänge und drei unsrer andern neueren Dichter will ich Ihnen nebst
Wielands Meisterstücken in Franzband einbinden lassen damit Ihre Leute
unterwegens darin lesen und darüber die Beschwerlichkeiten der Reise vergessen
mögen«
    Ich dankte dem ehrlichen Buchhändler für diesen Unterricht und folgte
pünktlich seinem Rate Was aber die Gelehrten und Künstler betraf die ich in
Leipzig in Sold nehmen wollte so war ich doch in einiger Verlegenheit über die
Wahl welche ich unter der Menge derer die sich gemeldet hatten treffen
möchte In meiner Instruktion stand dass ich durchaus zwei Philosophen vom
Handwerke liefern sollte dies schien mir aber leichter zu befehlen als
auszuführen »Wer wahrhaftig den Namen eines Philosophen verdient« sagte ich
als ich mit Manim dem geheimen Sekretär darüber sprach »der wird da wo er
lebt zufrieden sein und sich nicht durch den Wink eines Fürsten verleiten
lassen nach Abyssinien zu wandern Indes nennt sich heutzutage jeder Mensch
der ein bisschen querfeldein räsoniert einen Philosophen aber mit solchen
sogenannten Philosophen würde ich wenig Ehre einlegen« Zwei Männer hatten sich
bei mir unter diesem Titel gemeldet der eine schien ein etwas ungeschliffener
Geselle zu sein der allem widersprach was man in seiner Gegenwart vorbrachte
übrigens aber beinahe so vernünftig redete wie ein Mensch der kein Philosoph
ist Das einzige was mir an ihm missfiel war dass er auf alle solche Dinge
schimpfte zu deren Besitz er entweder seinen bürgerlichen Verhältnissen nach
nicht gelangen konnte zum Beispiel Rang und Ehrenstellen oder wozu er keine
Neigung in sich empfand und dass er sich über alle Konventionen der
gesellschaftlichen Verbindung hinaussetzte von welcher er doch nicht gänzlich
unabhängig leben konnte auch die Vorteile vorlieb nahm die ihm ihre
Einrichtungen gewährten Übrigens hatte er einen Widerwillen gegen den Wein und
empfohl daher die goldne Mäßigkeit Die Philosophie des andern Mannes der sich
bei mir angab war in ein lächelndes Gewand gehüllt seine Weisheit bestand
eigentlich darin alles von der lustigen Seite anzusehen er genoss wo er
Gelegenheit hatte und Trieb dazu fühlte er spottete über das was er nicht
verstand floh alle beschwerliche Arbeit und Anstrengung und war kein Feind von
einer wohlbesetzten Tafel Ich war lange Zeit unschlüssig ob ich diese beiden
Philosophen nach Abyssinien schicken sollte oder nicht endlich aber und da mir
ohnehin keine Wahl übrig blieb bestimmte ich mich dazu und gab ihnen die
Anweisung zu eben der Zeit wie die von mir in Sold genommnen Pädagogen und der
Buchhändler nach Kassel zu kommen
    Was die Dichter betraf so hatte ich unter einhundertunddreiundvierzig
Poeten die sich bei mir meldeten die Wahl Dies waren insgesamt junge Leute
an welche die Eltern zum Teil den Rest ihres Vermögens gewendet hatten um sie
in Leipzig Brotstudien lernen zu lassen damit sie einst die Stützen ihrer
Familien und nützliche Bürger im Staate werden sollten Weil sich aber Neigungen
nicht zwingen lassen so waren die Söhne ihrem Hange zu dem bequemern Studium
der schönen Wissenschaften und Künste gefolgt und hatten sich vorzüglich auf das
Versemachen gelegt Ich hielt es vier Tage lang mit aller möglichen Geduld aus
mir von ihnen Produkte in aller Art Poesie vorlesen zu lassen und die
Manuskripte welche sie mir zur Probe ihrer Geschicklichkeit überreichten
durchzublättern endlich aber wurde mirs zuviel ich musste mich wohl für zwei
unter ihnen entscheiden Einen jungen Menschen welcher Hexameter machte und ein
Heldengedicht betitelt »Herkulesarbeiten« in zwölf Gesängen verfertigt und
einen andern der mir funfzehnhundert Sinngedichte einen dicken Stoß
Trinklieder und ein Trauerspiel »Achab und Jesebell« in Alexandrinern überreicht
hatte diese beiden nahm ich an Die übrigen verdross der Vorzug den ich diesen
gab sie machten Pasquillen auf mich und den abyssinischen Hof den sie nicht
kannten besangen die Freiheit des Dichterlebens und die Schande von den Großen
der Erde Pensionen anzunehmen und einer von ihnen warf mir gar in der Nacht die
Fenster ein
    Ich wollte Leipzig nicht verlassen ohne einen Mann kennenzulernen der
damals dort war und der mir ebenso merkwürdig wegen seines edelen Herzens als
wegen der unverkennbaren großen Verdienste um die deutsche Literatur schien
Auch ein Buchhändler aber nicht von gemeinem Schlage ein Mann der Studium
Geschmack echte Philosophie und unbestechbaren Eifer für Wahrheit in gleich
hohem Grade besitzt ich meine Nicolai der nun seit einer langen Reihe von
Jahren mit den besten Köpfen Deutschlands in Verbindung vernünftige und
gründliche Kritik in ihrer Würde zu erhalten sucht und den falschen Geschmack
und die jedesmaligen Torheiten des Zeitalters mutig bekämpft Ich hatte das
Glück mich ein paar Stunden lang mit ihm zu meiner Belehrung zu unterhalten
Wirklich bedurfte ich dieser Belehrung denn ich war gar nicht mehr zu Hause in
der deutschen Literatur Als ich mein Vaterland verlassen hatte warf man unsern
Gelehrten mit Recht Pedanterei vor jetzt hatte man Ursache gegen den allgemein
einreissenden Mangel an Gründlichkeit und Anordnung in Gedanken und Vortrag zu
eifern
    Um den ersten Transport von Gelehrten und Künstlern die ich nach Abyssinien
schicken sollte vollständig zu machen fehlten mir noch einige Tonkünstler
auch hierzu hoffte ich in Leipzig Gelegenheit zu finden Es gaben sich viel
Leute bei mir an aber soll ich meinen altväterischen verdorbnen Geschmack
anklagen oder waren die Künstler daran schuld Genug keiner von diesen Herren
wirkte mit seiner Musik auf mein Herz Derjenige welcher als Kapellmeister
angenommen zu werden verlangte spielte mir auf dem Klavier etwas von seiner
eignen Komposition vor und phantasierte nachher noch ein Stündchen allein ich
hörte nichts als ein verwirrtes Gewühl von Tönen untereinander  das war keine
Sprache menschlicher Empfindung menschlicher Leidenschaft Ausweichungen in
entfernte Tonarten durch Verwandlungen von  in b die nur dazu dienen konnten
die Ohren für den feinen Unterschied zwischen Dis und Es Cis und Des usf
stumpf zu machen und Verhältnisse unter Harmonien zu finden die nichts
miteinander gemein haben ungeheuer schwere Passagen und Fingerkunststückchen
die lustiger anzusehen als ihre Wirkungen reizend zu hören waren Mit dem allem
aber hatte der Mann sich doch einen gewissen Namen gemacht und man würde meiner
gespottet haben wenn ich ihn nicht angenommen hätte
    Der zweite Tonkünstler den ich für die Kapelle meines gnädigsten Königs
anwarb war ein Violinist der eine bewunderungswürdige Fertigkeit in seiner
linken Hand hatte Er fuhr damit jeden Augenblick bis an den Steg hinauf ich
kann nicht sagen dass er immer ganz rein intoniert hätte allein das bemerkt man
auch bei diesen schnellen Spässen und Sprüngen nicht und empfinden konnte man
nun freilich nicht mehr dabei als bei dem Anblicke eines Seiltänzers immer aber
war seine Kunst merkwürdig zu sehen Ich brachte eine kleine musikalische
Gesellschaft zusammen unser Virtuose spielte ein Violinkonzert Das erste
Allegro war erhaben und schön fast im hohen tragischen Stile geschrieben ein
bisschen verdarb er es durch die letzte Kadenz in welcher er das Katzengeschrei
obgleich sehr natürlich nachahmte Dann kam ein Adagio dessen langsame
melodische Fortschreitung er durch eine Menge unnützer Läufe und Schnörkel dem
Gange eines Hundes gleich machte der denselben Weg zehnmal hin und herläuft
Zuletzt folgte ein artiges Rondo wovon das Thema die Melodie des Liedes war
»Meine Mutter die hat Gänse fünf graue sechs blaue sind das nicht Gänse«
Alle Zuhörer mich ausgenommen bewunderten dies allerliebste Stück ich konnte
es nicht fassen wie man Vergnügen daran finden könnte ein elendes Gassenlied
das schon Ekel erweckt wenn es einmal geleiert wird auf vielfache Art mit
allerlei armseligen Veränderungen wiederholen zu hören Indessen erschallte
sooft der Virtuose durch ein paar Semitone wieder in das Thema fiel und wieder
anhub die Melodie »Meine Mutter die hat« etc ein lautes Bravo Bravissimo
Er zeigte mir auch die Partitur eines von ihm komponierten musikalischen
Hochamts Die Ouvertüre war im Dreivierteltakte geschrieben ein bisschen
geschwinder gespielt so würde man sie für eine von den wienerischen
Wirtshausminuetten gehalten haben womit der große Haydn leider seine
erhabensten Werke buntscheckicht macht Alle übrigen Teile der Messe waren im
galanten Teaterstil geschrieben und das Agnus Dei war eine Art von Pastorale
Ich hatte von jeher ganz andre Begriffe von der Würde der gottesdienstlichen
Musik gehabt als dass ich hätte glauben können dass dergleichen Spielereien
darin angebracht werden dürften und ich erinnerte mich noch recht wohl wie
herzlich ich einmal in meiner Jugend lachte als ich in Goslar von dem Kantor
unsrer Schule der im Vorbeigehen gesagt da es ihm an Sängern fehlte zwei
Stimmen zu übernehmen pflegte indem er bald einen fürchterlichen Bierbass bald
eine unangenehme fistula ani sang als ich von diesem Kantor des guten
Schwindels Oratorio »Die Hirten bei der Krippe in Bethlehem« aufführen hörte In
dieser Kantate ließ er es im Stalle wo die Muttergottes doch wohl keine
englische Wanduhr stehen gehabt hat zwölf schlagen und jeden Glockenschlag
beantworteten die Violinen mit einem Akkord Das war nun wohl auch Spielerei
gewesen allein im ganzen hatte doch vor zehn Jahren mehr Ernst im Kirchenstil
geherrscht als ich jetzt fand Ich äußerte meine Verwunderung darüber man
versicherte mich aber das sei jetzt der neueste Geschmack und man fände
besonders in katholischen Kirchenmusiken nicht nur äußerst selten einfachen
edelen Gesang ohne melismatische Verzierungen sondern es wäre auch nichts
Ungewöhnliches den Organisten während der Wandlung das Thema eines Liedchens
aus einer Opera buffa leiern zu hören überhaupt forderte man jetzt von der
Musik nichts als dass sie das Ohr kitzeln und von dem Spieler und Komponisten
nichts als dass sie überraschen sich durch irgendeine Bizarrerie auszeichnen
sollten Die Italiener fingen schon wieder an die Rezitative dem Namen und
Zwecke dieser Gattung gänzlich entgegen statt eines einfachen der gewöhnlichen
Sprache bis auf die stärkere Akzentuierung nach so nahe als möglich kommenden
Vortrags mit Manieren Läufen und Passagen zu überladen Kürzlich wäre eine
vortreffliche Sängerin die aber zu reine Begriffe von ihrer Kunst gehabt hätte
um jenen verdorbnen Geschmack anzunehmen in einer großen Residenz angekommen
man hätte es ihr aber unmöglich gemacht sich soviel Zuhörer zu verschaffen als
zu Bestreitung der Unkosten eines Konzerts erforderlich gewesen wären Bald
nachher hätte ein reisender Scharlatan angekündigt er wolle sich auf der
Maultrommel öffentlich hören lassen und da hätte nicht nur die Polizei den Kerl
nicht zur Stadt hinausgejagt sondern er wäre mit einem bespickten Beutel
weitergereist
    Am mehrsten Beifall fand damals wie ich merkte die Musik der italienischen
Opere buffe Deutsche Männer die Talente zu bessern Dingen gehabt hätten
fingen an diese elenden geschmack und sittenlosen Farcen zu übersetzen der
italienischen Komposition ohne Rücksicht auf Vernunft Wohlklang und echte
Deklamation holprichte deutsche Worte unterzulegen und das Publikum tötete in
diesem abscheulichen Schauspiele seine besten Stunden hörte nur auf das Geleier
und übersah den Unsinn  als wenn es unmöglich wäre Vernunft und Geschmack zu
vereinigen  Die welschen Possenspieler hatten Zulauf in Menge und unsre
einländischen Meisterstücke wurden vor leeren Bänken aufgeführt
    Da es denn nun einmal mit der Tonkunst in Deutschland nicht anders aussah
und ich doch deutsche Tonkünstler anwerben sollte so schloss ich mit dem
Kapellmeister und dem Violinisten meinen Kontrakt und nahm noch einen Virtuosen
auf einem ganz neuen Instrumente an welches man das BassetHorn nannte und das
viel Ähnlichkeit mit dem Geschrei einer wilden Gans hatte
    Auf diese Weise waren nun meine Geschäfte in Leipzig beendigt und ich
reiste mit meinem Prinzen und seinem Gefolge weiter
 
                                Viertes Kapitel
  Ankunft in Kassel Transport der Gelehrten und Künstler nach Abyssinien Der
                         Kronprinz tritt in den Dienst
Es würde die Leser ermüden wenn ich ihnen eine längere Beschreibung von
demjenigen liefern wollte was wir auf dieser ersten Reise bis zu unsrer Ankunft
in Kassel sahen und beobachteten deswegen will ich meine Erzählung nun von
unserm Einzuge in diese letztere Stadt wieder anfangen
    Hier war es wo mein Prinz in Kriegsdienste treten und zwar von unten auf
anfangen und so von Stufe zu Stufe bis zu den höchsten militärischen
Ehrenstellen fortrücken sollte welches wie bekannt ist bei Fürstensöhnen
ihrer angeborenen Verdienste wegen ziemlich schnell zu gehen pflegt
    Ich glaubte nicht dass man diesem Plane das geringste Hindernis in den Weg
legen würde denn er war ja wahrlich so gut Prinz als einer und wollte nur der
Ehre wegen dienen allein es fiel sehr gegen meine Erwartung aus Des Königs von
Abyssinien Majestät hatten mich als Gesandten an dem Hofe des damals regierenden
Landgrafen akkreditiert und Seine Hoheit der Tronerbe befand sich in meiner
Suite inkognito Unser Gefolge war prächtig und ich zweifelte keinesweges
daran dass man uns mit ausgezeichneter Ehre am Hofe empfangen würde Um desto
größer war mein Befremden als man uns für Abenteurer hielt gar nichts von
einem Königreiche Abyssinien wissen wollte und mich den Gesandten eines großen
Monarchen lächerlich zu machen suchte Der damalige Bibliotekar in Kassel ein
Franzose bekam Auftrag in Reisebeschreibungen nachzusehen ob und wo in der
Welt das Königreich Abyssinien gelegen sei Ich war zuweilen bei seinen mühsamen
Nachforschungen gegenwärtig und fand zu meiner Verwunderung »Sophiens Reisen
von Memel nach Sachsen« mit unter die Reisebeschreibungen gestellt War nun der
Umstand daran schuld dass der gute Mann kein Deutsch verstand oder wusste man
wirklich in Kassel nichts von Abyssinien und hatte auch keine Bücher darüber 
genug das Resultat blieb dass man mir ankündigte man wollte uns zwar erlauben
in der Residenz als Fremde unser Geld zu verzehren könne mich aber keinesweges
als den Gesandten eines fremden Hofes anerkennen und den Prinzen schon deswegen
nicht in Kriegsdiensten ansetzen weil sein schwarzes Gesicht gar zu sehr gegen
die Physiognomien der schönen jungen Leute woraus des Landgrafen Armee bestand
abstechen würde Indessen fand sich ein Mittel diesen letzten Einwurf zu heben
es hatte nämlich der Landgraf beschlossen bei seiner ersten Garde Mohren zu
Trommelschlägern anzunehmen da nun mein Prinz wie Peter der Große von unten
auf dienen sollte und Trommelschläger zu werden in der Tat von unten auf dienen
heißt so tat man mir den Vorschlag den Tronerben von Abyssinien das Kalbfell
schlagen zu lassen Ein gewisser italienischer Graf Bollo galt damals sehr viel
am Hofe ein würdiger Mann der einst in Polen eine wichtige Rolle gespielt
einer kleinen kühnen Unternehmung wegen aber die in dem kalten Polen für nicht
so unbedeutend angesehen wird als in dem wärmern Italien aus dem Lande gejagt
worden war Dieser riet mir den Antrag vorerst anzunehmen indes aber nach
Abyssinien zu schreiben mir Verhaltungsbefehle und wichtigre Dokumente zu
meiner Beglaubigung schicken zu lassen wobei er mir dann Hoffnung machte dass
in der Folge mein Prinz doch noch wohl trotz seines schwarzen Antlitzes zu den
höchsten kriegerischen Ehrenstellen gelangen könnte Ich ließ also Seine Hoheit
Tambour werden und mietete für mich und unser Gefolge ein großes Haus Hier
lebten wir als reiche Privatleute gaben oft große Schmausereien und hatten das
Glück unsre Tafel immer von Gästen besonders von Fremden deren eine Menge
dort wohnten umringt zu sehen unter welchen sich vorzüglich einige
französische Marquis zum Beispiel der Chevalier de Batincourt der mit den
ersten Häusern in Frankreich in Verhältnissen stand fleißig einfanden
    Während dieser Zeit nun kamen die von mir in Sold genommenen Gelehrten und
Künstler der Verabredung gemäß an Ich beschloss sie begleitet von einigen
unsrer Leute zu Schiffe auf der Fulda bis Münden dann auf der Weser bis Bremen
und von da zur See weiter spedieren zu lassen Mein lustiger Freund der
päpstliche Ritter und Hofnarr Soban gab ihnen als sie abreiseten einen
komischen Frachtbrief mit der in dem gewöhnlichen Kaufmannsstil verfasst an
den Minister Wurmbrand adressiert war und sich anfing »Unter Geleite Gottes und
durch den Schiffer N N liefern wir Euer Edelen zehn Stück deutscher Gelehrter
und Kunststückmacher welche wir hier für Seine Majestät eingekauft haben und
zwar No 1 et 2 ein Paar Poeten wovon der eine Lieder und Reime der andre ganz
ungereimte Verse macht No 3 et 4 zwei wohlkonditionierte Menschenerzieher«
usf
    Nachdem ich diesen meinen Auftrag nach bestem Vermögen ausgerichtet hatte
war nun meine ganze Sorgfalt auf den mir anvertraueten Kronerben gerichtet
allein da erlebte ich bald die unangenehmsten Vorfälle die im folgenden Kapitel
erzählt werden sollen Der Prinz war wie alle Fürstenkinder mit hohen
Begriffen von seinem Stande auferzogen worden Subordination war schon an sich
ein Ding woran er gar nicht gewöhnt war und nun vollends einer so strengen
Zucht sich zu unterwerfen als unter welcher ein Trommelschläger bei der
hessischen Garde zu stehen pflegt das war etwas Unleidliches für Seine Hoheit
doch ging es ein ganzes Jahr hindurch ziemlich gut Zwar wollte man von seinem
Fürstenstande nichts wissen weil die Mohren gewöhnlich da wo man ihre
Genealogie nicht untersuchen kann sich für Prinzen auszugeben pflegen die man
in ihrer Jugend ihren durchlauchtigen Eltern geraubt hätte allein man
behandelte ihn doch ziemlich freundlich die jungen Offizier scherzten mit ihm
der Dienst war nicht schwer und man erlaubte ihm wenn er nicht auf der Wache
war in unserm Hause zu leben wo er seinen Hofstaat bereit fand alles zu
seinem Vergnügen und zur Entschädigung für die ertragnen Ungemächlichkeiten
beizutragen Ja was sonst unerhört von ihm aber in seiner Kapitulation
ausbedungen war man gab ihm während der Landgraf sich in Paris aufhielt die
Erlaubnis mit mir eine Reise zu machen Wir gingen zur Messe nach Frankfurt
sahen noch andre merkwürdige Städte besuchten einige Bäder und blieben vier
Monate lang aus
    Diese Reise hatte auf die Sitten des Prinzen keine so vorteilhaften
Einflüsse als ich gewünscht hätte Durch die freien zum Teil zügellosen Reden
die der junge Herr in der Wachtstube in Kassel gehört und durch mutwillige
Scherze die man dort mit ihm getrieben hatte war der Keim zu allerlei
unregelmässigen Begierden in ihm rege und sein Sinn für Trunk Spiel und Weiber
erweckt worden Seine Hofleute hatten bald gemerkt zu welchem Grade von
Aufklärung der Prinz gekommen war und hatten um sich ihm gefällig zu machen
ihm heimlich Gelegenheit verschafft auszuschweifen Mein ehrlicher Manim machte
mich aufmerksam darauf aber was sollte ich tun Der Prinz war kein Kind mehr
es war mir unmöglich ihn so ängstlich zu bewachen auch hatte ich manche andre
Geschäfte Jetzt auf dieser Reise fanden sich der Gelegenheiten irrezugehen
noch weit mehr Er kam in Frankfurt ein paarmal betrunken zu Hause ich machte
sanfte und ernste Vorstellungen man antwortete leichtsinnig und spöttisch In
Mainz hatten sich ein paar junge Domherren ein Fest daraus gemacht ihn in ein
berüchtigtes Haus zu führen wo er sich eine ekelhafte Krankheit holte Ich
ahndete dies bald an seiner Gesichtsfarbe ließ einen Arzt rufen und hoffte
dieser Unfall sollte ihn von Ausschweifungen zurückbringen allein kaum war er
hergestellt so ging wieder das vorige Leben an Nun hatte ich freilich
unumschränkte Gewalt über die Personen seines Hofstaats und hätte seine
Hauptverführer fortjagen können aber ich gestehe es dazu hatte ich den Mut
nicht Was hätten diese verstossnen Elenden mitten in Deutschland anfangen
wollen Wer weiß ferner ob ich nicht ihre heimliche Rache hätte fürchten
müssen Bei einem einmal an Zügellosigkeit gewöhnten Prinzen würden auch bald
andere ihre Plätze eingenommen haben Und wer kann sagen was endlich meiner
erwarten was Verleumdung und Ahndung von s des Kronprinzen selbst mir
zubereiten konnte wenn wir nach Abyssinien zurückkamen Also ich bekenne es zu
meiner Schande sah ich durch die Finger und ihr die ihr oft die armen
Prinzenhofmeister tadelt wiegt ein wenig diese Gründe ab und setzt euch in
unsre Stelle
    Bei einem Orte dessen Bäder und Brunnenquellen eine Menge Leidende
hinziehen denkt man sich einen ruhigen friedevollen Aufenthalt wo die armen
Kranken neben dem Gebrauche der Heilmittel Leib und Seele durch zwanglose
Geselligkeit und durch Entfernung von allen häuslichen Sorgen von tobendem
Geräusche und leidenschaftlichem Tumulte zu stärken und zu erheitern suchen Um
desto auffallender musste den Bessern unter unsern abyssinischen Reisegefährten
die mit den europäischen Sitten noch nicht völlig bekannt waren der Anblick der
Lebensart in den Bädern sein die wir besuchten Pracht Aufwand Residenzton
Hofetikette Schmausereien Üppigkeit Bacchantenunfug bis in die späte Nacht
hinein die heftigsten Ausbrüche der Liebe des Zorns der Rache der
Eifersucht Intrigen Kabalen hohes Spiel das so manchen um seine und der
Seinigen ganze zeitliche Glückseligkeit und um seine Gemütsruhe brachte
Völlerei Wollust  und kurz alles was Leidenschaften und Begierden im Tumult
erhalten kann das fand man hier  »Und hierher reist man seiner Gesundheit
wegen« rief Manim aus »Und was treibt man an jenem grünen Tische den Leute
mit Sternen und Ordensbändern nun schon seit sechs Stunden umringen Auf den
Gesichtern der Umstehenden lese ich abwechselnd ängstliche Erwartung
Schadenfreude Verzweiflung Wut  Hier müssen wichtige Sachen verhandelt
werden denn ich sehe da Männer von Jahren und Erfahrung ja Regenten sitzen
die gewiss ihre Zeit nicht mit Kleinigkeiten oder gar mit schädlichen Dingen
verderben werden Sehen Sie nur an jetzt führt man auch unsern Prinzen hin
Nun das ist doch einmal gut dass er sich auch den bessern Leuten zugesellt« 
O Himmel wie sehr irrte Manim Es war ein PharaoTisch Man hatte Seine Hoheit
verleitet sich an dies abscheuliche Spiel zu geben er spielte wie jeder reiche
Neuling und dabei machte man seinen Ehrgeiz rege Ein Fürst hieß es müsse
großmütig spielen  Großmut und Spiel  wie herrlich die beiden Dinge zusammen
passen  Das Ende vom Liede war dass ich am folgenden Tage eine ungeheure Summe
bezahlen musste »Pfui« rief ich aus »freilich macht Sie dieser Verlust nicht
arm aber können Sie ohne zu erröten hier in fremden Ländern Tausende auf
eine Karte setzen indes Sie in Ihren Staaten mit der Hälfte der Summe zehn
Familien vom Untergange erretten könnten Und vergessen Sie denn dass dies Geld
welches Sie hier vergaunern gar nicht Ihr sondern der guten Abyssinier
Eigentum ist die es im Schweiß ihres Angesichts erworben haben«
    »Hier scheint alles recht lustig herzugehen« sprach Soban als wir einst
dem Tanze in einem großen Saale zusahn »aber woher kommt es dass diese
Menschen mitten in den Freuden des Tanzes so gezwungen so ernstaft aussehen
als wenn sie ein verdriessliches wichtiges Geschäfte trieben Heißt das Tanzen
Woher kommt es überhaupt dass hier in Deutschland die Jünglinge wenigstens in
den Städten und in den Zirkeln der höheren Stände so feierlich so kalt so
kränklich so gelehrt so erfahren so unteilnehmend so verschlossen scheinen«
 »Ach« erwiderte ich »daran ist leider die Erziehung schuld Sie werden zu
früh mit der Welt und ihren Verderbnissen bekannt werden zu früh klug lesen
zuviel Romane und Bücher zu Beförderung der Menschenkenntnis Und wenn sie nun
in die wirkliche große Welt treten dann bringen sie schon Widerwillen Ekel und
überspannte Forderungen mit Alles ist ihnen zu alltäglich sie kennen alles
schon aus Büchern es ekelt sie an Vererbte Krankheiten nagen am Körper der
einfache Genuss hat keinen Reiz der Neuheit für sie sie jagen also dem
erkünstelten nach Ausschweifungen aller Art erschlaffen die Nerven in den
Jahren schon wo die Natur ihre Kräfte zum Wachstume braucht Kränklichkeit und
böse Launen folgen ihnen dann ohne Unterlass sie machen sich und andern das
Leben sauer  Lassen Sie mich dies Bild nicht weiter ausmalen Wo ist jetzt
noch ein Platz auf dem Erdboden der nicht die Originale zu diesem Gemälde bei
Tausenden liefert«
    Die Zeit unsers Urlaubs war nun bald verstrichen und wir reisten nach
Kassel zurück Wir hatten große Summen verschwendet  mit wieviel Nutzen das
können sich die Leser selbst sagen Der Kronprinz war nicht mehr der blühende
starke Jüngling und seine Launen wurden mir oft unerträglich Er war
auffahrend ungestüm dann einmal ausgelassen munter und offenherzig und gleich
nachher herabgespannt misstrauisch bitter heimtückisch
    Was dabei noch meinen Verdruss vermehrte war ein Brief von meinem Herrn
Vetter aus Abyssinien den ich in Kassel fand und aus welchem ich hier einige
Auszüge liefern will
    »Was zum Henker« schrieb er mir »was für Kerl hat mir der Herr Vetter da
aus Deutschland geschickt Wenn ich nicht glaubte dass sie alle toll geworden
indem sie die Linie passiert sind so würde ich nicht wissen was ich zu des
Herrn Vetters Auswahl sagen sollte Die beiden Philosophen haben sich schon
unterwegens auf dem Schiffe gewaltig prostituiert Der eine war fast immer
besoffen und da der andre sehr jähzornig ist so gab es zuweilen fürchterliche
Auftritte Einst gerieten sie über die echte Toleranz in Streit und da jener
behauptete dass man jedem seine Privatmeinungen lassen müsse dieser hingegen
für das Gegenteil eiferte wurde der Zwist so lebhaft dass der Duldungsprediger
als er seinen Gegner gar nicht überzeugen konnte ihn bei den Ohren fasste da
kam es dann zu einer solchen Prügelei dass sie mit verbundnen Köpfen hier
ankamen Die Pädagogen sind noch ärger Herr Ilsenbert läuft allen Mädchen und
Knaben nach und der Magister Löffler schreibt statt sich um das
Erziehungswesen zu bekümmern über Politik Er hat kürzlich ein Werk
herausgegeben in welchem er gegen alle Regenten eifert ungeachtet er doch von
dem unsrigen die schöne Pension einstreicht er nennt die Fürsten gesalbte
Henker und ermuntert das Volk zum Aufruhre und zu Gründung einer freien
Republik Von den beiden Dichtern malt der eine die Freuden der Wollust mit den
reizendsten Farben und der andre singt in rauen Bardengesängen die
aufrührerischen Grundsätze die der politische Pädagoge in Prosa ausbreitet Der
Buchhändler verlegt und empfiehlt allen diesen gefährlichen Unsinn und hat
heimlich eine Menge irreligiöser und unsittlicher Bücher mitgebracht Die
unschädlichsten Narren sind Eure drei Musiker aber die Kerl machen ein solches
Geleier dass der alte Obermarschall neulich im Hofkonzerte die Strangurie davon
bekommen hat Seine Majestät waren im Begriffe sehr ungnädig auf Euch zu
werden ich habe alle Mühe gehabt Sie zu überzeugen dass alles dies zur
Aufklärung gehörte dass die Männer welche Ihr uns geschickt hättet im Grunde
sehr geschickte Leute wären denen man aber nach den Regeln der Toleranz Denk
und Pressfreiheit ihre kleinen Eigenheiten übersehen müsste Indessen bitte ich
doch den Herrn Vetter bei dem nächsten Transporte recht vorsichtig in der Wahl
der Subjekte zu Werke zu gehen und vor allen Dingen die Speditionen über das
Mittelländische Meer her zu machen damit sie nicht die Linie zu passieren
brauchen denn ich merke wohl das verträgt kein deutscher Gelehrter Übrigens
rückt es nun mit der Universität in Adova ziemlich gut fort Die beiden Erzieher
sind auch dahin geschickt worden haben ein Institut angelegt und schon ziemlich
viel Zöglinge Bezahlen lassen sie sich nicht schlecht geben sich aber auch
viel Mühe mit den Kindern lehren sie unter andern allerlei Sprünge und baden
sie täglich in dem Fluße Rieberaini«
    Dies war der Hauptinhalt des Briefes der mir einige Unruhe verursachte und
mich zu dem Entschlusse bewog künftig vorsichtiger in der Wahl der Leute zu
sein die ich nach Abyssinien senden würde
 
                                Fünftes Kapitel
   Der Kronprinz erlebt einen verdrießlichen Vorfall verlässt die hessischen
                       Dienste und geht wieder auf Reisen
Ich habe vorhin gesagt dass unsre letztre Reise keine lobenswerte Veränderung in
der Gemütsart und in den Sitten des Kronprinzen von Abyssinien bewirkt hatte und
dass dies unangenehme Vorfälle nach sich zog jetzt komme ich zu der Erzählung
dieses Umstandes
    Die Ausschweifungen denen sich Seine Hoheit ergab hatten seine Natur
geschwächt Er war nicht mehr so leicht aus dem Schlafe zu wecken als ehemals
und mehrenteils übler Laune wenn er aus dem Bette aufstand Eines Tages da
sein Kammerdiener vergebens sich bemüht hatte ihn zu gehöriger Zeit auf die
Beine zu bringen erschien er vor seines Hauptmanns Hause als die Kompanie
schon nach dem Paradeplatze marschiert war Der Kapitän ein Herr von Natsmer
der überhaupt den Ruf hatte ein wenig strenge im Dienste zu sein fragte den
Prinzen als er sich endlich bei der Kolonnade am Schloss einfand warum er so
spät käme Seine Hoheit nahmen dies sehr ungnädig antworteten etwas naseweis
und wurden es tut mir leid dass ich es erzählen muss nachdem man Ihnen erst
zwanzig derbe Stockprügel hatte zumessen lassen verurteilt einige Stunden
krummgeschlossen zu werden
    Sobald ich Nachricht von dieser unehrerbierigen Behandlung erfuhr begab ich
mich zu dem Herrn General Kommandanten und Obersten der ersten Garde bat
versprach drohte sogar mit der strengsten Ahndung von s Seiner
abyssinischen Majestät musste aber die Demütigung erleben dass auf dies alles
nicht geachtet und mir sogar bedeutet wurde ich sollte mich bescheidner
ausdrücken wenn ich nicht Lust hätte an mir selber eine kleine Exekution
vollziehen zu lassen Was war also zu tun Der Prinz musste seine Strafe
aushalten
    Wütend kamen Seine Hoheit aus der Wachtstube in Ihr Hotel zurück ich tat
alles um den Prinzen zu trösten »Man muss« sagte ich »aus jedem widrigen
Vorfalle im menschlichen Leben nützliche Lehren zu ziehen suchen Unsers
allergnädigsten Königs Majestät haben gewünscht dass Sie mit der militärischen
Subordination bekannt werden möchten und Sie haben diese Bekanntschaft
obgleich freilich auf schmerzliche Art gemacht Wer einst befehlen will muss
gehorchen lernen auch diese Lektion haben Euer Hoheit heute erhalten Endlich
aber kann Sie dieser Vorfall noch auf wichtige Betrachtungen leiten Sie sind
von königlichem Stamme in ganz Afrika macht man Ihnen das nicht streitig hier
hingegen will niemand Sie für einen Prinzen anerkennen man behandelt Sie bloß
als einen Menschen in den Verhältnissen von Unterwürfigkeit gegen stärkere
Menschen Dies denke ich müsste Euer Hoheit auf den Gedanken führen dass es
doch wohl nicht eigentlich ein allgemeines Naturgesetz ist was gewisse
Sterbliche zu Fürsten macht sondern dass man die Rücksicht auf den Unterschied
der Stände nur der Übereinkunft zu danken hat dass die Menschen was in ihrer
Macht steht zu geben und einzuräumen auch wieder nehmen können dass es also
höchst wichtig und nötig ist sich Eigenschaften zu erwerben die nicht von der
willkürlichen Bestimmung des größeren Haufens abhängen sondern deren Wert von
jedem Erdensohne anerkannt werden muss Setzen Euer Hoheit nun den Fall dass so
wie man hier nichts von Ihrer königlichen Abstammung wissen will auch die
Völker in Afrika plötzlich auf den Einfall kämen Sie nicht mehr für vornehmer
halten zu wollen als jeden andern Bürger im Staate dann gnädigster Herr
würden Sie doch wirklich aufhören Fürst zu sein weil Sie nur dadurch Fürst
sind dass man Sie dafür anerkennt weil nicht die Natur sondern die Konvention
Fürsten schafft  Was würde Ihnen dann übrigbleiben womit Sie sich Unterhalt
Schutz und Achtung erwerben könnten wenn Sie nicht dafür gesorgt hätten sich
zu einem bessern Menschen zu bilden Sie sehen hier dass man in der Welt Schläge
austeilt und Schläge bekommt je nachdem die äußern Umstände es mit sich
bringen und dass die Natur es nicht ist die manche Menschengattungen geboren
werden lässt um ewig geprügelt zu werden und andre um immer zu prügeln«
    Sehr kräftige dauernde Eindrücke machte diese meine Predigt nun wohl nicht
auf den Prinzen aber ich tröstete mich damit meine Pflicht erfüllt zu haben
übrigens war doch auch mir dieser Vorfall sehr ärgerlich und da ohnehin nie zu
erwarten war dass Seine Hoheit in Deutschland zu höheren militärischen
Ehrenstellen hinaufrücken würden so glaubte ich es verantworten zu können dass
ich den Prinzen seinen Abschied fordern ließ welcher ihm seiner Kapitulation
gemäß nicht verweigert werden durfte Die Begebenheit selber aber berichtete
ich mit einiger Vorsicht nach Abyssinien und meldete dem Könige dass wir nun
unsre Reise durch Deutschland fortsetzen und auch die Höfe besuchen würden
    Von dieser Reise werde ich wie von der vorigen keine weitläuftige
Beschreibung liefern sondern wiederum nur einzelne Bemerkungen mitteilen die
meine Abyssinier über die Sitten und Einrichtungen in Deutschland machten und
hie und da irgendeinen Vorfall erzählen der uns begegnete Wir durchstreiften
übrigens diesmal den größten Teil der westlichen und südlichen Provinzen meines
Vaterlandes und nahmen dann wie man hören wird den Rückweg durch die
preußischen Staaten
    Äusserst auffallend war meinen Reisegefährten die Menge und Mannigfaltigkeit
der Gesetze die Verschiedenheit des Münzfusses des Masses des Gewichts der
Regierungsform der Lebensart und der Gebräuche Sie meinten auf unsern
Reichstagen wo doch wohl manche wichtige Dinge verhandelt würden möchte es der
Mühe wert sein diese Buntscheckigkeit endlich abzuschaffen »Für Fremde und
Einheimische ist das alles gleich unbequem« sagte Manim »in manchem deutschen
Staate der kaum drei Quadratmeilen groß ist gibt es mehr zum Teil sich
widersprechende Verordnungen als ein Mensch erreichte er auch Metusalems
Alter im Gedächtnisse fassen kann Jeder Stand jeder Ort hat seine eignen
Sitten und mit der feinen Lebensart mit welcher man in einer Gesellschaft
allgemein gefällt gilt man in der andern für einen abgeschmackten Menschen Die
Verschiedenheit des Masses Gewichtes und Münzfusses macht unbeschreibliche
Verwirrung und Erschwerung im Handel Ihr rechnet nach Geldsorten die gar nicht
existieren Der Kaufmann der sein Hauptbuch schließen will muss sich den Kopf
zerbrechen um die Prozente mit kurrenten mit den Species mit den
BancoTalern leichten und schwerern Gulden Kreuzern Stübern guten Groschen
Mariengroschen Albus Dreiern Batzen Pfennigen Hellern lübisschen
dänischen flämischen Schillingen und Groten Petermännchen und Gott weiß mit
welchem Zeuge zu vergleichen seine AgioRechnung und seinen Abschluss zu machen
Postanstalten Meilenberechnung Wege Zölle alles ist unendlich verschieden
Man verliert Geduld Zeit und Geld dabei«
    Was die Post betrifft so hatten wir damit einen sonderbaren Vorfall Einer
unsrer Bedienten hatte ich weiß nicht mehr wo der öffentlichen fahrenden Post
einen Koffer worin seine sämtliche Wäsche war weil kein Raum mehr dafür auf
unserm Bagagewagen gewesen anvertraut Der Adresse nach sollten wir ihn in
Frankfurt finden allein es kam die Nachricht der Koffer sei vom Wagen
gestohlen worden und man könne ihm nichts dafür vergüten weil in dem Lande wo
er ihn auf die Post gegeben eine Verordnung stattabe nach welcher man nur
dann den Wert der von dem Postwagen gestohlnen Sachen ersetzte wenn dieser Wert
von dem Eigentümer vorher wäre angegeben worden Wir stellten dagegen vor es
sei albern von einem Fremden zu verlangen dass er jede Verordnung eines Landes
kennen sollte besonders solche Verordnungen die gegen alle Begriffe von
Billigkeit und Recht stritten Ein Landesherr sollte überhaupt soviel er kann
für die Sicherheit der Heerstrassen einstehen und selbst dann wenn die Post mit
Gewalt angefallen und bestohlen würde den Schaden ersetzen weil die Post ihm
eine Revenue gewährte weil man teures Porto bezahlen müsste weil es einem
Reisenden in diesem Lande nicht einmal freigestellt sei ob er mit der Post oder
mit anderm Fuhrwerke reisen wollte allein diesmal sei gar nicht der Fall einer
gewaltsamen Beraubung gewesen sondern man hätte denen Leuten den Koffer unter
den Händen weggestohlen welchen er an vertrauet gewesen Die Postdirektion sei
doch also wenigstens gewiss als ein negotiorum gestor anzusehen und müsse für
dasjenige haften was durch Vernachlässigung ihrer Leute verlorenginge Die
Verordnung dass der Wert der Sachen vorher angegeben werden müsste sei dem
Fremden bei Ablieferung des Koffers nicht bekanntgemacht worden woher sollte
er sie also wissen Man könne sich leicht einbilden dass wenn er sie gewusst
hätte er da es nicht wohl möglich sei seine Wäsche u dgl genau zu taxieren
den Wert zehnmal höher würde angegeben haben da dies doch nichts mehr kostete
und wäre das geschehen so müsste sie nun mehr bezahlen als gerecht wäre Diese
ebenso unbillige als zwecklose Verordnung könne also nur dazu dienen die
Postknechte zu verleiten dass sie unerfahrne Reisende bestöhlen und Fremde zu
bestimmen ein Land zu fliehen wo man seines Eigentums nicht sicher sei wenn
man nicht zehntausend Verordnungen in der kurzen Zeit seines Aufenthalts
durchstudieren könne  Alle diese Vorstellungen halfen nichts und der arme
Bediente erhielt keine Vergütung für seinen Verlust
    In einer Stadt die ich nicht nennen will waren wir Zeugen einer Szene die
mich innigst rührte weil sie mir bewies dass noch nicht alle Stände in
Deutschland den Sinn für Tugend und Keuschheit verloren hatten Dem regierenden
Fürsten daselbst der ein sehr ausschweifendes sittenloses Leben führte war
einst die Tochter eines Bürgers begegnet sie hatte ihm gefallen und er hatte
ihr den Antrag tun lassen seine Buhlerin zu werden Das Mädchen verwarf mit
Würde diesen entehrenden Antrag und der Vater ein nervichter Bierbrauer warf
den Unterhändler zur Tür hinaus Kurz darauf starb das ehrliche Mädchen und nun
beeiferte sich jedermann ihren Sarg mit atlassnen Kissen mit Kronen und Blumen
zu schmücken und vor des Fürsten Schloss vorbei führte man den Leichenzug dem
unzählige gutgesinnte Einwohner aus allen Ständen folgten Wir hatten das Glück
grade um diese Zeit in der Stadt zu sein und ich nützte die Gelegenheit um
meinem Prinzen eine kleine Lektion zu geben die aber leider auf seinem
polierten Fürstenherzen abgleitete
    Auf der benachbarten Universität hielten wir uns einige Tage auf und
besuchten da einige berühmte Männer von denen ich hier keine Schilderung
entwerfe weil ich es für unverschämt halte dem Beispiele unserer neueren
Reisenden zu folgen die sich in die Studierzimmer der Gelehrten eindrängen
ihnen da eine Menge platter Schmeicheleien vorsagen und wenn dann die
gutmütigen Männer das für bares Geld annehmen in froher Herzensergiessung
irgendein nicht ganz weises Wort fallenlassen oder in Augenblicken der
Zerstreuung und Überraschung ein wenig unzusammenhängend reden oder das Unglück
haben nicht grade so zu sein und auszusehen wie es den Reisenden gefallen hat
sich den Mann zu denken das Unglück erleben müssen eine schiefe Schilderung
von sich oder eine wörtliche Wiederholung ihrer vertraulichen Gespräche in
irgendeinem Journale gedruckt zu lesen
    Man behandelte uns sehr ehrenvoll auf dieser Universität und ich beschloss
mit meinem Prinzen sechs Wochen dazubleiben und einigen Vorlesungen beizuwohnen
    Einst hatte ich mit einem Professor der Statistik ein Gespräch über die
Sitten einiger wilden Völker Ich wagte es zu behaupten dass nicht eigentlich
die Natur sondern nur gewisse durch Vorurteil erzeugte Begriffe uns einen so
großen Abscheu gegen das Essen des Menschenfleisches einflössten Ob
Menschenfleisch ein appetitlicher Bissen sei sagte ich das wüsste ich nicht
aber das glaubte ich nicht dass ein allgemeiner Instinkt in uns einen größeren
Ekel gegen das Fleisch eines frisch getöteten Menschen erzeugte als gegen das
Fleisch irgendeines andern Tiers Dies war eine Hypothese die ich nur so
hinwarf aber ich war nicht wenig verwundert als ich kurz nachher in einer
historischen Zeitschrift die dieser Professor herausgab die Nachricht las dass
die Abyssinier Menschenfresser wären
    Man tat kurz vor unsrer Abreise von da dem Kronprinzen den Antrag die
Doktorwürde in der Rechtsgelehrsamkeit anzunehmen Ich hatte Mühe Seiner Hoheit
begreiflich zu machen wozu eigentlich diese pedantische Posse dienen könnte
und als es ihm deutlich wurde da konnte ich doch weder ihn noch einen von
seinen Hofleuten bewegen diese Farce mit sich spielen zu lassen welche sie
wirklich als ein Überbleibsel der Barbarei und als eine Satire auf die wahre
Gelehrsamkeit ansahen Der einzige Soban entschloss sich endlich diese Mummerei
mit sich vornehmen zu lassen Zu diesem Endzwecke schrieb ich ihm eine sehr
gelehrte Dissertation Ich wählte einen Gegenstand aus der Lehre von den
Testamenten und bewies wie philosophisch billig und vernünftig das Gesetz in
Ansehung der Quadrigae wäre Dies Gesetz nämlich welches vielleicht manchen
meiner Leser unbekannt ist verordnet dass wenn jemand in seinem Testamente
einem Freunde einen Zug von vier Pferden vermacht und indes eines von den vier
Pferden stirbt der Freund  gar nichts bekommt weil der Erblasser ihm nicht
drei sondern vier Pferde habe schenken wollen In der Tat kann man nichts
Weiseres ersinnen als dies Gesetz auch fand meine Disputation allgemeinen
Beifall der Ritter und Hofnarr Soban wurde Doktor juris darüber las Reden und
Antworten her die ich ihm aufgesetzt hatte ich und der Reisestallmeister
opponierten und alles ging vortrefflich vonstatten denn bei dem Examen wurde
alter Rheinwein herumgereicht Zwei Tage nach dieser Feierlichkeit reisten wir
weiter
 
                                Sechstes Kapitel
                        Fortsetzung der Reisenachrichten
Sobald wir über den oberrheinischen Kreis hinauskamen beschloss ich meinen
Prinzen an die zahlreichen großen und kleinen Höfe in dortiger Gegend zu führen
Sie sind wirklich jeder in seiner Art sehr merkwürdig zu sehen dennoch aber
übergehe ich um nicht zu weitläuftig zu werden die Schilderung derselben mit
Stillschweigen Nur so viel muss ich aus Dankbarkeit erwähnen dass man uns
allerorten äußerst höflich und artig behandelte sobald man erfuhr dass Seine
Hoheit ein Königssohn wir andern abyssinische echte Edelleute und dabei
überflüssig mit Gelde versehen wären Übrigens mussten wir immer gewaltig viel
von Afrika erzählen und wurden besonders von den Prinzessinnen und Hofdamen
reichlicher gefragt als gespeist
    In Mannheim konnte Soban der Versuchung nicht widerstehen sich einen
GeheimenratsTitel zu kaufen Er wurde um neunhundert Gulden einig konnte aber
nicht die Erlaubnis erlangen diesen Titel auf seinen siebenjährigen Sohn der
in Gondar geblieben war vererben zu dürfen indem in der Pfalz nur die
wirklichen Bedienungen nicht aber die Titel auch Kindern versichert und gegeben
werden
    In derselben Stadt warb ich auch zwei Maler einen Bildhauer einen
Baumeister und noch einen Tonkünstler für Abyssinien an Mit Vergnügen sah ich
in welchem blühenden Zustande hier die schönen Künste waren Vor zwanzig Jahren
schien man in Deutschland so sorglos über diesen Punkt und überlegte nicht
welchen Einfluss der beständige Anblick von falschen Schnörkeln überladnen
Zieraten zwecklosen Kleinigkeiten und die Gewohnheit Misstöne zu hören und
verzeichnete Karikaturen und bunten Popanz zu sehen auf den Geschmack auf die
Denkungsart und auf die Einfalt des Charakters haben schöne Formen und
allgemein herrschende Harmonie hingegen Kopf Herz und Sinn veredeln Die
Entdeckung der Monumente des schöneren Altertums in Italien hat einigen
wohltätigen Einfluss auf den Geschmack und das Gefühl der Deutschen gehabt
Leider aber reißt jetzt da ich dies schreibe wieder die elende Augenlust an
bunten Arabesken und kindischem Firlfanz bei uns ein und so werden wir denn
wohl bald wieder in die Zeiten der gotischen Barbarei zurücksinken
    Die Menge der Bettler die uns in manchen Städten besonders in solchen wo
katholische geistliche Fürsten regierten haufenweise anfielen und auf allen
Spaziergängen das unschuldige Vergnügen des Genusses der schönen Natur durch den
Anblick des Elendes verbitterten gaben meinen Reisegefährten sehr üble Begriffe
von der Polizei in Deutschland und von der Menschenliebe der Regierungen
Niemand ging in seinem Tadel unbilligerweise weiter als der Geheimerat Ritter
Doktor und Hofnarr Soban Einst sah ich ein Heft von seinem Reisejournale
liegen blätterte darin und fand folgende bittere Stelle
    »Die Schauspiele und andre öffentliche Vergnügungen sind in manchen
deutschen Städten sehr prächtig die Hospitäler Waisen und Findelhäuser
hingegen elend und jämmerlich In großen Residenzen geht man unentgeltlich in
die Oper muss aber seinen Platz in der Kirche und alle gottesdienstlichen
Handlungen Trauung Taufe Beichte etc bezahlen Ein Tänzer oder ein
verschnittner welscher Sänger bekommt jährlich funfzigmal mehr Gehalt als ein
Volkslehrer und Kindererzieher Jener wird bei den Großen des Reichs zur Tafel
gebeten wenn sie sich selber ehren für Kenner der Kunst gelten wollen diesen
hingegen bittet höchstens dann ein Minister einmal zum Essen pflanzt ihn neben
der Tür hin und redet kein Wort mit ihm wenn er außer seinen Kindern und dem
Informator grade niemand an der Tafel hat als etwa seinen Advokaten und den
Gerichtshalter von seinem Gute Sammle in einer Gesellschaft von reichen Leuten
zu einer Summe wofür Philadelphia oder irgendein andrer Gaukler seine unnütze
Künste zeigen soll  und es wird Dukaten in deinen Hut regnen sammle ein
Almosen für eine fleißige in Dürftigkeit geratne Familie  und man wird mit
Verdruss Groschen hineinwerfen Die müßigen Hofschranzen fahren in vergoldeten
Kutschen der nützliche Handwerker und Künstler muss zu Fuße umherschleichen um
vergebens die Rechnungen in die Paläste zu tragen die ihm jene Windbeutel zu
bezahlen schuldig sind Er wird von groben Lakaien zurückgewiesen die in
Kleidern stecken welche bei ihm auf Kredit ausgenommen sind Die Fürsten lassen
in die Zeitungen und Journale einrücken wie sehr sie einländische Fabriken und
Manufakturen unterstützten und tragen nichts an ihrem Leibe was nicht außer
Landes gekauft und verfertigt ist Die Not des armen Landmannes rührt nicht die
harterzigen Minister sie lesen französische Romane und werfen die Suppliken
der jammernden Untertanen in die Ecke Es bekümmert sie wenig ob das Volk sie
segne oder ihnen fluche aber ein erkauftes oder erbetteltes Ordensband von
einem fremden Könige der nie ihren Namen gehört hat halten sie für den wahren
Stempel ihres Verdienstes und wenn sie ihr kaltes Herz mit einem silbernen
Stern beklebt haben so sehen sie voll Zuversicht und Unverschämtheit auf bessere
Menschen herab Willst du dass der Präsident wenn er um zehn Uhr des Morgens
sich aus dem Bette erhebt beim Frühstücke unter der Menge von Briefen die
unerbrochen daliegen deiner Klage einige Aufmerksamkeit widmen soll so fange
deine Bittschrift mit den Worten an Durch den Fuhrmann N N schicke Euer etc
ein Fässchen mit Austern und du wirst sehen wie sich sein Gesicht erheitert
Schwätzer Windbeutel und unverschämte Ignoranten machen ihr Glück das
bescheidne Verdienst wird übersehen Verwandtschaft niedrige Schmeichelei und
gewissenlose Gefälligkeit sind die Mittel sich emporzuschwingen Wenn der ohne
seine Schuld Arme einige Taler stiehlt so wird er gesetzmässig aufgeknüpft wer
aber im Handel und Wandel überfordert schlechte Ware für teures Geld liefert
den nennt man einen schlauen Mann Der Richter der Sachwalter und der
Deputierte dürfen ihre Geschäfte unnützerweise in die Länge ziehen um desto
mehr Gebühren und Diäten zu bekommen der Tagelöhner darf faulenzen sobald der
Aufseher die Augen wegwendet verdungne Arbeit darf liederlich von der Hand
geschlagen werden der Schneider darf doppelt soviel Zeug zum Kleide berechnen
als er gebraucht hat zu seiner Rechtfertigung ist es genug dass es alle übrige
Schneider auch so machen«
    »Nein das ist zu arg« rief ich aus als ich dies las »gibt es nicht edle
Fürsten sorgsame Landesväter wohltätige aufmerksame Regierungen in
Deutschland«
    
    SOBAN Nun ja diese sind also Ausnahme aber ist darum jenes weniger wahr
Soll man darum von den Gebrechen schweigen weil sie nicht ganz durchaus
allgemein sind
    ICH Allein das sind ja Gebrechen die man in allen Staaten in allen
bürgerlichen Einrichtungen des Erdbodens antrifft
    SOBAN Vielleicht doch sind sie darum nicht notwendig nicht unvermeidlich
Man rede um desto öfter und lauter davon um zu bewirken dass endlich zu ihrer
Abstellung Anstalten getroffen werden
    ICH Was hat dir denn das arme Deutschland getan dass du das Original zu
diesem abscheulichen Gemälde grade daher entlehnst
    SOBAN Närrischer Kerl ich schreibe ja ein Journal von meiner Reise durch
Deutschland und nicht durch Spanien oder Marokko Bist du doch wie die mehrsten
Menschen die es übelnehmen wenn man die Wahrheit sagt und wenn sie die
Tatsachen nicht leugnen können mit der elenden Ausflucht gegen uns zu Felde
ziehen dass es andrerorten nicht besser hergeht
    Ich sah wohl dass Soban nicht zu bekehren war und dass man Ritter Doktor und
Rat sein und dennoch übereilt und unbillig von den Sitten die in Ländern und
Städten herrschen urteilen kann
    Da ich immer fortfuhr zu dem zweiten Transporte der Gelehrten und Künstler
welche ich nach Abyssinien schicken sollte Subjekte aufzusuchen und anzuwerben
so hatte ich auch in Regensburg einen Mann bewogen diese weite Reise zu machen
der mir als ein großer Chymiker gerühmt wurde Er trieb hauptsächlich den
pharmazeutischen Teil der Scheidekunst und bewies mir durch Zeugnisse und
Dokumente dass er mit gewissen Wundertropfen alle Krankheiten zu heilen imstande
wäre Sosehr auch der Vorfall den mein Vater mit dem Grafen St Germain erlebt
hatte und dessen sich die Leser noch aus dem ersten Teile dieses Buchs erinnern
werden mich hätte von meinem Glauben an Universalarzeneien ablenken können so
gestehe ich doch dass ich nicht imstande war der einleuchtenden und
überzeugenden Beredsamkeit dieses Mannes zu widerstehen Ich hielt es vielmehr
für ein großes Glück ihn mit nach Abyssinien spedieren zu können wo es doch
wirklich noch in dem Fache der höheren geheimen Naturwissenschaften sehr dunkel
aussah Wir nahmen diesen Mann mit uns da wir grade noch einen Platz in der
dritten Kutsche übrig hatten allein der arme Schelm war so schwächlich dass wir
ihn in München zurücklassen mussten wo er auch vier Wochen nachher starb
 
                               Siebentes Kapitel
 Ein neuer Transport von Gelehrten wird nach Abyssinien geschickt Unerwartete
                       Nachrichten nötigen zur Rückreise
Bis jetzt waren wir alle die wir aus Abyssinien gereist waren immer gesund
und munter gewesen den Kronprinzen ausgenommen der sich wie ich oben erzählt
habe durch seine Ausschweifungen allerlei Übel zuzog dennoch aber führten wir
zwei Ärzte in unseren Gefolge nicht sowohl um uns ihrer Hilfe unterwegens zu
bedienen als vielmehr weil ich den Auftrag hatte ein paar tüchtige Männer in
diesem Fache nach Abyssinien zu schicken und ich doch diesmal gern die
Subjekte die ich nach Afrika überschiffen ließ erst genauer kennenlernen
wollte Ich weiß wohl dass man einem gewissen großen Manne vorwirft er habe
bei einem ähnlichen Auftrage nicht so gewissenhaft in Rücksicht auf ein fremdes
Reich gehandelt sondern dahin ein solches Sortiment von elenden Ärzten
spediert dass seit dieser Zeit die Sterblichkeit in Deutschland bei weitem nicht
so groß gewesen als vorher Dem sei wie ihm wolle ich tat das Meinige nahm
jene beiden Männer auf dringende Empfehlung einer ganzen Fakultät an und suchte
auf der Reise durch Gespräche mit ihnen insofern ein Laie dazu imstande ist
mich von ihren Talenten und Kenntnissen zu überzeugen Jetzt indessen fand sich
auf einmal eine Gelegenheit wo sie ihre Geschicklichkeit praktisch zeigen
konnten
    Wir wurden nämlich in Wien zu so viel herrlichen Gastereien eingeladen und
dann mit einer solchen Menge von nahrhaften Speisen versehen dass Manims des
geheimen Sekretärs afrikanische Konstitution dies Übermaß des Guten nicht zu
ertragen vermochte wenigstens schoben wir nachher die Schuld auf die in Wien
geführte Lebensart als er in Prag von einem heftigen Fieber befallen wurde das
anfangs die Wirkung aller Arzneimittel welche ihm unsre Ärzte reichten
vereitelte Endlich wurde er hergestellt und dies gab mir da ich meinen Freund
schon für verloren gehalten hatte in der Tat sehr große Begriffe von der
Geschicklichkeit der beiden Äskulapen Soban der ein Erzspötter war dachte
ganz anders darüber Er hatte schon vorher seinen Hohn über die unter Ärzten
übliche Terminologie gehabt Er fand es lächerlich dass sie etwas mit dem Namen
der ersten Wege belegten was seiner Meinung nach offenbar die letzten Wege
wären und dass sie von zwölf außerordentlichen Dingen redeten um die
allernatürlichsten Dinge von der Welt auszudrücken Als aber der gute Manim
hergestellt wurde da erzählte Soban noch auf Unkosten der beiden Ärzte ein
Märchen dem ich aber keinen Glauben beimessen mochte Er behauptete nämlich er
hätte zu Anfange der Krankheit einmal die beiden Herren belauscht als sie sich
beinahe bis zum Schlagen über den Sitz des Übels gezankt hätten Der eine hätte
behauptet es stecke in der Leber der andre in der Lunge Nun hätten sie
gegenseitig gedroht einander als Ignoranten der Welt bekannt zu machen endlich
aber um die Hoffnung auf die schönen Pensionen in Abyssinien nicht zu
verlieren sich dahin verglichen dass sie den Kranken auf ein Magenfieber
folglich auf eine Krankheit von der sie beide glaubten dass er sie nicht hätte
kurieren wollten  und siehe da das Glück habe ihre Unwissenheit begünstigt und
Manim sei gerettet worden
    Noch einmal ich hielt dies für einen mutwilligen Scherz glaubte dankbar an
die Geschicklichkeit der beiden Ärzte und als im nächsten Frühjahre der zweite
Transport von Gelehrten und Künstlern abging schickte ich sie nebst den Malern
Bildhauern Baumeistern einem Apotheker zwei Wundärzten noch einigen
Tonkünstlern und verschiedenen Fabrikanten und Manufakturisten nach Italien
woselbst sie eingeschifft wurden glücklich nach Kairo und von da zu Lande
weiter nach Abyssinien kamen
    Das Heer der Mönche die wir in den katholischen Gegenden durch welche wir
reisten antrafen fiel unsern Abyssiniern sehr auf Sie wünschten alle man
möchte diese völlig unnütze Menschenklasse gänzlich aussterben lassen Ich
konnte nicht anders als diesen Wunsch billigen nur fügte ich die Bemerkung
hinzu es möchte wenn es einmal dahin kommen sollte die unnützen Stände ganz
oder zum Teil aufzuheben doch auch die Reihe solche treffen die wenigstens
ebenso unnütz und vielleicht viel schädlicher wären und da dachte ich denn
freilich obgleich ich selbst einst Sachwalter gewesen war an das ungeheure
Heer der Advokaten und an manche andre Menschenklassen die ihren Unterhalt von
den Torheiten und Verderbnissen der Leute ziehen
    Die Menge religiöser Gebräuche und der zum Teil geschmacklose kleinliche
Prunk welcher in den katholischen Kirchen herrscht war gleichfalls ein Stein
des Anstoßes für meine Reisegefährten die an keinen andern Gottesdienst als an
kurze feierliche Gebete gewöhnt waren Nicht besser aber waren sie von den
protestantischen Kirchengebräuchen zufrieden »Etwas für die Sinne muss jedoch
der äußere Gottesdienst haben« sagte Manim »eben weil es äußerer Gottesdienst
ist und die Menschen sinnlich durch sinnliche Mittel zu rühren sind und für
höhere Eindrücke empfänglicher gemacht werden Eine bloße Verstandesreligion
bei welcher gar nicht auf das Gefühl Rücksicht genommen wäre würde daher aller
äußern Feierlichkeiten entbehren können Sollen aber gottesdienstliche Gebräuche
stattfinden zu welchen sich Menschen aus allen Volksklassen versammeln so
müssen diese Gebräuche nicht kindisch aber auch nicht langweilig sein Eine
Predigt das heißt eine Rede über irgendeinen religiösen Gegenstand ist eine
gute Sache aber sie kann nicht als ein gottesdienstlicher Gebrauch angesehen
werden und wirkt nur bei denen welche ihrer Gemütsstimmung nach grade zu der
Zeit an dem verhandelten Gegenstande teilnehmen können und nur bei denen
welchen der Vortrag gut und geschmackvoll vorkömmt also bei einer sehr kleinen
Anzahl von Zuhörern einige Rührung wirkt durch den Verstand auf das Herz
statt dass das Wesen des äußern Gottesdienstes gewiss darin bestehn soll durch
das Gefühl durch das Herz durch die Sinne auf den Verstand auf den Willen zu
wirken Sollte nun aber ein kalter Räsoneur oder sogenannter Philosoph alle
äußern sinnlichen Mittel nämlich Feierlichkeit einfache Pracht Zauber der
Musik der Baukunst und der Malerei für unwürdige Mittel halten das Herz zur
Gottesverehrung zu stimmen so wird er doch zugeben müssen dass es noch viel
unverständiger und unwürdiger sei Eindrücke von ganz entgegengesetzter Art zu
bewirken und solche gottesdienstliche Gebräuche einzuführen die jeden Mann von
edelm Geschmack von feinem Gefühle und von gesunder Vernunft empören ihm
Langeweile machen und dem höchsten Wesen wenn es sich herabliesse dies Unwesen
zu beschauen äußerst missfällig sein müssten Nun besuche man aber einmal eure
protestantischen Kirchen besonders auf dem Lande und erstaune über die
Verkehrtheit der Menschen In dem geschmacklosesten feuchtesten kältesten und
schmutzigsten Gebäude des ganzen Städtchens oder Dorfs versammelt sich das Volk
beiderlei Geschlechts und setzt sich teils wie in den Schulen auf Bänken teils
in kleinen hölzernen Kasten den Tollhauskojen gleich teils auf andern
erkauften oder nicht erkauften Plätzen in groteskem Anputze hin Dann beginnt
ein Gesang dessen Poesie oft platt und komisch die Musik abscheulich und die
Begleitung einer verstimmten Orgel unerträglich ist Ein Schulmeister gibt mit
grässlich verzerrtem Gesichte die Melodie an und wiederholt durch die Nase die
letzten Worte jedes Verses Einige hundert unmusikalische Menschen brüllen aus
Leibeskräften mit Und solcher Gesänge muss man vielleicht sechs in einer Sitzung
hören Wollt ihr durchaus Musik geben so gebet gute Musik Soll gesungen
werden so lasset doch Menschen singen die singen können Zwischendurch werden
von einem Manne in einer großen Perücke in heulendem Tone Stellen aus der
Bibel verlesen es werden Gebete gesprochen die jedermann auswendig weiß Dann
tritt der Geistliche in einen kleinen erhaben gestellten Kasten und hält eine
Rede die nur auf den Gemütszustand weniger Zuhörer passt Hierauf geht das
Gebrülle noch einmal an und am Ende spielt der Organist ein lustiges Stückchen
worauf die Versammlung wovon die Hälfte geschlafen hat im Winter durch und
durch gefroren im Sommer von den Dünsten fast erstickt ist auseinandergeht 
Und das soll ein dem erhabensten Wesen gefälliger zu wahrer Andacht erweckender
Gottesdienst sein Versammelt euch doch lieber in einfach verzierten reinlichen
Gebäuden wo gesunde gemässigte Luft herrscht Lasst vier Menschen die gute
Stimmen haben und musikalisch sind kurze erhabene Hymnen singen Euer Priester
trete in einem anständigen und geschmackvollen Gewände auf und bete aus der
Seele Fallet auf eure Knie und betet ihm in der Stille nach Lasst ihn eine
kurze Rede in kunstloser aber warmer Herzenssprache über die Schönheiten der
Natur und die Herrlichkeiten der Schöpfung halten Das Ganze daure nicht zu
lange und komme nicht zu oft damit ihr mit Vergnügen und Wonne die Tempel
besuchet und in froher heiterer Stimmung wieder herausgehet«
    Ich glaubte dass Manim recht hatte aber was ist zu tun Einzelne Fürsten
besonders die Regenten kleinerer Staaten könnten freilich nach und nach mit
Vorsicht und ohne das gegen jede Neuerung eingenommene Volk zu empören
zweckmässige Verbesserungen in der Liturgie einführen und so würde der Nachbar
dem Beispiele folgen eine allgemeine Veranstaltung dieser Art von s aller
protestantischen Fürsten hingegen ist wohl weder zu erwarten noch auszuführen
allein das ist gewiss dass die täglich mehr einreissende Gleichgültigkeit gegen
Religion größtenteils mit von der geschmacklosen Einrichtung unsers äußern
Gottesdienstes herrührt und dass man es wahrlich bei immer mehr zunehmender
Aufklärung und Ausbreitung eines eklern Geschmacks in allen Ständen einem
Manne der kein Heuchler ist und nicht etwa seiner bürgerlichen Lage nach
andern ein Beispiel geben muss nicht übel deuten kann wenn er selten die
Kirchen besucht wo er nicht nur weniger als zu Hause zur Andacht gestimmt wird
sondern auch tötende Langeweile und Empörung seines Sinnes für alles was schön
und groß ist seiner wartet
    In einem sächsischen Dorfe sahen wir auf dem Gute des Edelmanns einen
Auflauf von Menschen wir fragten nach der Ursache und erfuhren dass der
Besitzer dieses Guts kürzlich gestorben war der welchen jedermann für den
rechtmäßigen Erben hielt befand sich außer Landes Nun nützte ein andrer der
Ansprüche auf die Verlassenschaft machte diesen Augenblick um sich vorerst in
den Besitz zu setzen  »Und wie fängt der Mann das an« fragte Manim »Er
lässt« antwortete man ihm »von einem Notarius und Zeugen einen Splitter aus der
Haustür schneiden Feuer auf dem Herde anzünden den Schafen ein bisschen Wolle
abschneiden und nun erlangt er dadurch den Vorteil dass er in Possession des
Guts bleibt seine Ansprüche mögen auch noch so ungegründet sein dass sein
Gegner klagen muss und vielleicht das Ende des Streits nicht erlebt«  »Aber«
rief Manim und wendete sich gegen mich »ist dieser Gebrauch allgemein in
Deutschland eingeführt«  »Nichts weniger« sprach ich »und ich denke er
sollte nirgends Platz finden wo man Billigkeit und gesunde Vernunft
respektiert allein« fügte ich hinzu »es gäbe noch wohl wichtigre Missbräuche
in der Justizverfassung einzelner deutscher Staaten abzuschaffen wenn sich das
ebenso leicht tun ließe als man darüber räsoniert Glaubst du zum Beispiel
wohl dass es bei uns Länder gibt in welchen die Tortur das Monument der
grausamsten Barbarei noch jetzt im Gange bleibt«
    MANIM Tortur Was ist das
    ICH Eine Reihe von körperlichen Peinigungen durch welche man dem
Verbrecher das Geständnis seiner verübten Schandtaten zu entlocken sucht
    MANIM Aber wenn nun der Bösewicht so starke Nerven hat dass er die Martern
aushält und dennoch nicht bekennt oder wenn der unschuldig Angeklagte von der
Grausamkeit der Schmerzen überwältigt Verbrechen gesteht die er nie begangen
hat
    ICH Von dem letztern Falle hat man wenigstens in Deutschland nur sehr
seltene Beispiele
    MANIM Ich dächte eines wäre genug um diesen schändlichen Gebrauch
abzuschaffen
    ICH Es wird aber auch nicht eher jemand zur Tortur verurteilt als bis er
schon des Verbrechens überwiesen ist Bekennt er dann nicht so wird er doch
nicht freigelassen Höchstens kann er der Todesstrafe entgehen ein
lebenslängliches Gefängnis erwartet nichtdestoweniger seiner
    MANIM Nun so dächte ich doch es sei hundertmal menschlicher einen
Bösewicht mit einer geringeren Strafe davonkommen zu lassen als ein einzig Mal
sich dem erschrecklichen Falle auszusetzen einen Mitbürger unverdienterweise zu
peinigen
    ICH Die Gesetze fordern das eigne Geständnis
    MANIM Das ist töricht wenn man die Sache schon gewiss weiß
    ICH Und der Verbrecher soll die Mitschuldigen angeben
    MANIM Meine gesunde Vernunft getrauet sich zu beweisen dass dies die
höchste Grausamkeit ist Der Staat kann den Bürger welcher in diesem Staate
leben will zwingen nach den moralischen Grundsätzen zu handeln die der
größere Teil des Volks als richtig und heilsam erkannt und ihnen gesetzliche
Kraft gegeben hat Er kann den welcher dagegen handelt bestrafen ausstoßen
einsperren er kann offenbar gewordne Handlungen richten nie aber kann er ohne
die höchste Tyrannei das Bekenntnis verborgen gebliebner Übertretungen durch
grausame Martern erzwingen
    ICH Ich sehe du bist kein Jurist
    MANIM Nein ich bin ein Mann der gesunde Vernunft und Freiheit und
Menschenwürde respektiert Reden wir nicht mehr davon
    Allein ich will auch die Leser nicht länger mehr mit den Bemerkungen meiner
abyssinischen Reisegefährten über solche Dinge welche ihnen in Deutschland
auffielen ermüden was ich davon erzählt habe das sollte ihnen nur zeigen aus
welchen sonderbaren Gesichtspunkten zuweilen die Leute denen europäische
Verfassungen fremd sind dergleichen Gegenstände ansehen Dass es übrigens
unbillig sein würde wenn man ihre verkehrten Meinungen auf meine Rechnung
schreiben wollte das versteht sich wie ich glaube von selber Kürzer aber
habe ich mich unmöglich fassen können Ich bin in sieben Kapiteln einen Zeitraum
von mehr als fünf Jahren durchlaufen denn so lange waren wir jetzt aus
Abyssinien abwesend gewesen und nun bin ich schon im Begriffe von unsrer
Rückreise zu reden
    Im August des Jahrs 1777 nämlich bekam ich eben als ich mit dem Kronprinzen
und seinem Gefolge in Berlin war einen Brief von meinem Herrn Vetter dem
Minister von Wurmbrand Dieser Brief enthielt den Befehl gleich nach Empfang
desselben Anstalt zu unsrer Rückkehr nach Abyssinien zu machen so schnell als
möglich zu reisen und den kürzesten Weg zu nehmen »Seine Majestät der König«
schrieb mir mein Vetter »befinden sich in sehr bedenklichen
Gesundheitsumständen und wünschen den Tronerben hier zu sehen Ihr müsst also die
Rückreise Seiner Hoheit soviel sichs nur irgend tun lässt beschleunigen
Allein der Weg ist weit und ich zweifle sehr dass der Prinz seinen Herrn Vater
noch lebendig antreffen wird Indessen hoffe ich mein lieber Vetter es wird
sich unser künftiger Monarch unter Eurer Anleitung so gebildet haben dass die
Länder welche nun unter seinem Zepter stehen werden sich blühende glückliche
Zeiten versprechen können Ich darf dabei Eurer Klugheit und Redlichkeit
zutrauen dass Ihr nichts werdet versäumt haben nicht nur Euch Seiner Hoheit
Gunst Gnade und Vertrauen zu erwerben sondern auch bei schicklichen
Gelegenheiten dem Prinzen meine eifrigen und treuen Dienste von einer solchen
Seite zu schildern dass ich ruhig und ohne Besorgnis der nahe bevorstehenden
Regierungsveränderung entgegensehen könne«
    Sobald ich diesen Brief erhielt machte ich dem Kronprinzen den Hauptinhalt
desselben bekannt und zwei Tage nachher befanden wir uns schon auf der
Rückreise nach Abyssinien
 
                                 Achtes Kapitel
                 Etwas über den Prinzen Rückkunft nach Gondar
Der letzte Teil von meines Herrn Vetters Briefe nämlich was den Kronprinzen und
meinen Einfluss auf denselben betraf machte mir in der Tat unruhige Nächte und
meine Beklemmung nahm zu je mehr ich ihn nachdem er die Nachricht von des
Königs gefährlichen Gesundheitsumständen erhalten hatte auf der Reise
beobachtete Der Minister erwartete wie ich aus seinen Äußerungen sah nun bald
einen durch meine Sorgfalt und durch eigne Erfahrungen gebildeten würdigen
Fürsten auf Abyssiniens Thron zu sehen  und ach wie wenig Ursache hatte ich
seinen Hoffnungen einen guten Erfolg zu versprechen
    Ich habe schon im fünfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses Buchs als ich
den Charakter der beiden königlich abyssinischen Prinzen schilderte ein Bild
von diesem ältesten entworfen das leider zu erkennen gab welche schlimme
Anlagen dieser Königssohn schon in seiner frühen Jugend verriet und was ich von
seiner Aufführung in Kassel und überhaupt auf der Reise erzählt habe passt
vollkommen zu jenen Zügen Dass ich es an Eifer Fleiß und Ermahnungen nicht
mangeln ließ um bessere Gesinnungen und Gefühle in ihm zu erwecken das kann
ich auf meine Ehre versichern aber ich muss es gestehen als ich sah dass alle
meine Vorstellungen vergebens waren dass die Schmeicheleien der Hofschranzen
die man uns mitgegeben hatte nebst den bösen Beispielen die er an den Höfen
und in den Städten welche wir besuchten sah mächtiger auf ihn wirkten als
meine Lehren und oft in einer Stunde alles vereitelten was ich durch
wochenlange Predigten bewirkt zu haben glaubte da verlor ich den Mut und wurde
um mich ihm zuletzt nicht durchaus verhasst zu machen nachsichtiger gegen ihn
und  wenn man glaubt dass es Pflicht sei auch da zu arbeiten wo man gewiss
weiß dass alle Arbeit verloren ist  nachlässiger in Erfüllung meiner Pflichten
    Die kalte unteilnehmende Seele des Prinzen war schlechterdings durch
nichts was gute Menschen interessiert zu rühren Glaubte ich zuweilen
wohlwollende Aufwallungen in ihm zu bemerken so erfuhr ich doch bald nachher
dass diese entweder nur von schwachen Nerven herrührten die manchen
unwillkürlichen Eindrücken nicht zu widerstehen vermochten oder dass er wie das
bei sanguinischen Temperamenten nicht ungewöhnlich ist sich hingab wo diese
Hingebung ihm eignen Genuss gewährte auch keine Art von Aufopferung kostete und
dass er aus Langeweile Freundschaften schloss wobei sein Herz nicht war
    Eitel im höchsten Grade und nur dann herablassend gefällig und höflich
wenn er Schmeichelei und niedrige Gefälligkeit dafür einzuernten hoffen durfte
hatte er keinen Sinn für fremdes Verdienst schätzte niemand betrachtete alle
Menschen als geborene Sklaven und sich von der Natur bestimmt hoch über sie alle
dazustehen und sie zu Werkzeugen seiner törichten Unternehmungen zu machen Er
hielt jedermann für eigennützig glaubte so wenig andre fähig aus Liebe zum
Guten ohne Nebenabsichten zu handeln als er selbst in sich fühlte wie wenig
er imstande war etwas aus edleren Trieben zu unternehmen Der Gedanke dass
jedermann Plane auf seine Schätze machte trieb ihn zu dem schmutzigsten Geize
wo es aber Befriedigung seiner Lüste oder seiner kindischen Eitelkeit galt da
warf er große Summen weg
    Sein Hang zu Ausschweifungen und sinnlichen Vergnügungen aller Art nahm mit
jedem Jahre zu und bald wurde ihm eine ununterbrochne Reihe von wollüstigen und
betäubenden Freuden zum Bedürfnisse
    Nicht eine Spur von wahrhafter Festigkeit war in seinem Charakter momentane
Eindrücke Launen und Grillen bestimmten ihn aber in dem Augenblicke dass er
etwas wollte durfte nichts der Erfüllung seiner Wünsche im Wege stehen allein
er hob die Schwierigkeiten nicht sondern ertrotzte es von andern dass diese sie
aus dem Wege schaffen mussten
    Ich sah bald dass dieser Jünglingscharakter einen Mann ankündigte der einst
als kalter Tyrann und schwacher Wollüstling vieltausend Menschen elend machen
würde und mit traurigem Herzen wurde ich gewahr dass er aus jeder fremden
Stadt die wir besuchten neue Laster verstärkte Eindrücke zu Ausbildung seiner
unglücklichen Gemütsart mit sich nahm Wo Verderbnis der Sitten herrschte und
die Gelegenheit zu Ausschweifungen häufig war da ergab er sich blindlings
seinem Hange zur Wollust und Völlerei Wo der Despotismus am höchsten getrieben
wurde da bestärkte er sich in seinen Grundsätzen von unbedingtem Gehorsame den
er forderte Statt in den preußischen Staaten die unermüdete Wachsamkeit und
Tätigkeit des großen unsterblichen Friedrichs zum Wohl seiner glücklichen
Untertanen anzustaunen und zum höchsten Ideale eines Vorbilds für ihn zu machen
freute er sich nur wenn er hörte dass der weise Monarch nicht litte dass man
ihm widerspräche und nahm die Idee aus Berlin mit dass ein König nie irren
könne Er ahmte nicht die Einfalt Gradheit Prunklosigkeit und Popularität des
edelen für die gute Sache so warmen Josephs nach aber er legte die Art zu
handeln des Kaisers nach seiner Weise aus und bildete sich daraus übel
verstandne Grundsätze zu Unterdrückung und Demütigung aller höheren Stände und zu
willkürlicher Anwendung einer unumschränkten Gewalt die keine Gesetze keine
Meinungen kein Eigentum respektiert und statt von Karl Theodor zu lernen wie
ein Fürst Talente Wissenschaften und Künste ermuntern und belohnen soll nährte
er in Mannheim und in München seinen Hang zur Unkeuschheit zur Unmässigkeit und
zur Pracht
    Kurz er kam an Leib und Seele sehr viel verderbter zurück als er
ausgereiset war dennoch aber war es mir gelungen ihm eine gewisse Furcht vor
meinen strengen Grundsätzen einzuflößen insoweit nämlich dass er sich doch
scheuete in meiner Gegenwart sich ganz so zu zeigen wie er war ganz so zu
handeln wie er gern gehandelt hätte Allein auch dieser Überrest von Scham
verschwand als er den Brief gelesen hatte den ich aus Abyssinien erhielt Nun
sah er sich schon in Gedanken auf dem Throne eines großen Reichs über jede
Einschränkung jede Rücksicht hinaus von diesem Augenblick an veränderte sich
sein Gesicht gegen mich und er behandelte mich als wenn ich der geringste
seiner Sklaven gewesen wäre
    Wie wenig er sich nun noch um meinen Beifall und meine Achtung bekümmerte
davon gab er mir als wir uns in Venedig einschifften denn wir nahmen den Weg
durch Tirol dahin eine auffallende Probe Er hatte nämlich in Kassel
Bekanntschaft mit einer verbuhlten und ränkevollen französischen Schauspielerin
gemacht und diese während der ganzen Zeit seines Aufenthalts in dieser Stadt
unterhalten Ich habe oben erzählt dass seine Hofleute sobald sie merkten dass
er sich dergleichen Ausschweifungen ergäbe ihm allen Vorschub dazu leisteten
unter diesen Kupplern und Gelegenheitsmachern war aber keiner so geschäftig als
der erste Kammerjunker Seiner Hoheit welcher Stilky hieß Dieser Mensch machte
mir unerhört viel Kummer er war unerschöpflich an Ränken und
Niederträchtigkeiten und der einzige der sich durch schändliche Gefälligkeit
dem Prinzen notwendig zu machen verstand
    Als wir Kassel verließen hatte Stilky die Veranstaltung getroffen dass die
französische Schauspielerin uns nachreisen musste Es befremdete mich ein wenig
in Frankfurt am Main und nachher in Mannheim im Schauspiele und an andern
öffentlichen Örtern ein Frauenzimmergesicht wahrzunehmen das ich schon öfter
gesehen zu haben glaubte allein ich dachte nicht weiter daran bis ich dieselbe
Person wiederum in München in der Oper und zwar mit Seiner Hoheit im Gespräch
begriffen fand Da merkte ich nun wohl dass dies Zusammentreffen nicht von
ungefähr kam Der Prinz schlich oft gegen Abend allein von Stilky begleitet
aus und kam dann erst gegen die Morgendämmerung wieder zu Hause Es wurden mir
von den Örtern her durch welche wir gereist waren Wechsel die der Prinz
ausgestellt hatte zur Zahlung vorgelegt ohne dass ich deutlich sah wozu er
diese Summen angewendet haben konnte  Das alles war mir sehr unangenehm aber
was sollte ich tun Vorstellungen halfen nicht er war kein Knabe mehr gegen
den ich heftigre Mittel hätte anwenden ihn etwa einsperren können am Ende war
es auch wohl für seine Gesundheit wenigstens besser wenn er doch nun einmal
ausschweifen wollte und musste dass er sich an ein einziges Frauenzimmer hing
als wenn er aus einem berüchtigten Hause in das andere gelaufen wäre Wenn wir
Europa verlassen dachte ich so wird doch die Dame zurückbleiben müssen und
habe ich den Prinzen erst in Gondar abgeliefert dann mögen andre die Sorgen
übernehmen auf seine Schritte achtzugeben
    Allein wie soll ich mein Erstaunen schildern als er in Venedig in mein
Zimmer trat und mit einem hohen befehlenden Ton und Blicke mir ankündigte dass
ich dafür sorgen müsste eine Dame welche ihn nach Abyssinien begleiten würde
nebst ihren Domestiken mit an Bord zu nehmen und ihnen alle Gemächlichkeiten zu
verschaffen Jetzt glaubte ich reden zu müssen und ich tat das mit Nachdruck
Von ernsten Vorstellungen und männlichen Weigerungen ließ ich mich zu den
dringendsten flehentlichsten Bitten herab  alles umsonst Ich mischte Spott
und Satire hinein suchte seine Eitelkeit rege zu machen ihm vorzumalen wie
schimpflich es für einen Fürsten sei sich in den Fesseln einer feilen Dirne zu
schmiegen  alles vergebens Endlich erklärte er mir mit dem frechsten Ungestüm
dass die Zeiten vorüber wären wo ich ihn hätte als ein Kind behandeln dürfen
und dass wenn einer von uns beiden die Französin oder ich in Europa bleiben
müsste die Reihe mich treffen würde
    Nun schwieg ich aber ich warf einen Blick auf ihn der ihn hätte erröten
machen müssen wenn afrikanische Fürsten erröten könnten  Die Buhlerin wurde
nebst zwei Kammermädchen und zwei Livreebedienten eingeschifft und wir
segelten mit günstigem Winde aus dem Golfo di Venezia ab
    Nie ist mir eine Reise unangenehmer langweiliger gewesen als diese Seereise
von Venedig bis Alexandrien Unser Schiff glich einem schwimmenden Bordelle Vom
frühen Morgen bis in die späte Nacht wurden Bacchanale gefeiert und die
zügelloseste Frechheit herrschte in Reden und Handlungen Sobans und Manims
Gesellschaft waren mein einziger Trost Wir saßen sooft wir konnten in einer
kleinen Kajüte oder auf dem Verdecke zusammen suchten zu vergessen von was für
Menschen wir umgeben waren unterredeten uns miteinander oder lasen und hatten
die Ehre spottweise von der ausgelassenen Bande die Philosophen genannt zu
werden
    In Alexandrien fanden wir alles zu der Landreise durch Ägypten und Nubien in
Bereitschaft Mein Herr Vetter hatte dafür gesorgt Kamele und Elefanten nebst
allen Lebensbedürfnissen und einer zahlreichen Bedeckung hatten schon seit zwei
Monaten auf uns gewartet bei Abreise des Zugs hatte der alte Negus noch gelebt
    Hier nun teilte ich mit des Kronprinzen Erlaubnis die Karawane in zwei
Teile Die Wahrheit zu gestehen so schämte ich mich mit dem Gefolge dem Könige
und dem Minister unter die Augen zu treten ich wollte also vorausreisen und sie
erst vorbereiten zu dem was sie sehen würden Mit mir reiste Soban der ein
herzliches Verlangen hatte Weib und Kind wiederzusehen Wir nahmen nur wenig
Leute mit Manim blieb mit dem Reste der Suite bei dem Prinzen und führte den
zweiten Zug Wir kamen zu Anfange des Februars im Jahre 1778 in Gondar an der
Kronprinz hielt zehn Tage später seinen Einzug in der Residenz
 
                                Neuntes Kapitel
  Schilderung des Zustandes in welchem der Verfasser den Hof in Gondar fand
                           Betragen des neuen Königs
Sobald ich die Grenzen des abyssinischen Reichs betrat erfuhr ich dass der gute
alte König vor vier Wochen gestorben wäre Nach allem was ich von dem
Kronprinzen und meinen Verhältnissen mit ihm gesagt habe wird man leicht
begreifen dass diese Nachricht mich recht sehr niedergeschlagen machte Ich trat
in Gondar sogleich in dem Hause meines Herrn Vetters in welchem wie man weiß
auch ich wohnte ab und wurde von ihm der mich längst sehnlich erwartet hatte
liebreich empfangen Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend legte er mir
tausend Fragen über die Erwartungen vor die man von dem neuen Monarchen hegen
dürfte und ich hielt es für Pflicht ihm offenherzig zu gestehen wie wenig
Glück ich dem Lande von dieser Veränderung versprechen könnte
    Ich habe im ersten Teile dieses Buchs den alten Negus so treu als möglich
geschildert Das war freilich nicht das Gemälde eines großen Regenten aber doch
eines Mannes der das Gute mit Wärme zu lieben zu wünschen und zu befördern
imstande war der sich gern unterrichten gern etwas in der Welt ausrichten
wollte das nützlich und lobenswert wäre der dabei obgleich er eine zu hohe
Meinung von sich selber hatte und gern glänzen wollte dennoch auch fremdem
Werte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen guten Rat anzunehmen nützliche
Dienste zu erkennen und zu vergelten wusste endlich der soviel er auch auf
seinen Fürstenstand und auf unumschränkte Gewalt hielt doch kein eigentlicher
Tyrann war
    Wie der Kronprinz von allen diesen Zügen nicht einen einzigen hatte wie er
dagegen alle Fehler seines Vaters in dem höchsten Grade und Übermasse mit
unzähligen Lastern vereinigte wovon in des alten Negus Charakter keine Spur zu
finden war das wissen die Leser nun auch  Meinem Vetter aber entfiel der Mut
als er diese Umstände erfuhr Indessen war es der Klugheit gemäß dies gegen
niemand zu äußern und ruhig abzuwarten welche Wendung das Ganze nehmen und wie
sich der neue König bei seiner Ankunft gegen jedermann betragen würde
    Das Volk in allen Ländern ist wie bekannt nie von der gegenwärtigen
Regierung vollkommen zufrieden verspricht sich unter dem Zepter des
Tronfolgers ein Goldnes Zeitalter und hegt immer von den Kronprinzen gewaltige
Hoffnungen von welchen es dann gewöhnlich nach Jahresfrist wenn der neue Herr
nicht jeden unruhigen Kopf zufriedenstellt tief wieder herabsinkt und den
hochseligen Fürsten wieder aus dem Grabe hervorwünscht So ging es auch hier
Noch ehe der Prinz nach Gondar kam lief schon der Ruf seiner großen Tugenden
seiner Menschenliebe Huld Weisheit und Gerechtigkeit vor ihm her und die
Zeitungen waren voll Anekdoten von edlen Zügen und Proben der liebenswürdigsten
erhabensten Denkungsart die er auf seiner Reise hätte blicken lassen und wovon
ich freilich nichts gesehen hatte Als er nun aber vollends seinen feierlichen
Einzug in der Residenz hielt schön geschmückt auf einem Elefanten saß und von
beiden Seiten mit fürstlicher Herablassung und Freundlichkeit den
herzudringenden Haufen anlächelte die Glückwünsche in Prosa und Versen und die
leeren Komplimente so gnädig annahm und so artig beantwortete da erschallten
aus allen Ecken die Ausrufungen Oh der gute Herr der gnädige Herr das ist
ein Herr wie wird nun das Land so glücklich sein
    Es kostet die Fürsten sehr wenig die Herzen des Pöbels zu ihrem Vorteile zu
stimmen das eingewurzelte Vorurteil dass diese Menschenklasse aus Wesen höherer
Art besteht wirkt dass man alles was sie Menschliches tun für Herablassung
erklärt Durch diese sklavische Anbetung hat man wirklich den mehrsten von ihnen
so den Kopf verdreht dass sie glauben was andre ihnen erwiesen das wäre
strenge Pflicht was sie hingegen für andre täten bloße willkürliche Gnade Man
sollte ihnen doch von Jugend auf sagen dass Titus ein eitler Narr war wenn er
ausrief der Tag sei verloren an welchem er nicht eine gute Handlung begangen
eine Wohltat erzeigt hätte Das ist bei allen Menschen in der Welt der Fall dass
die Tage verloren sind an welchen man nichts Gutes tut aber bei Fürsten ist es
keine Kunst Wohltaten zu erzeigen denn sie nehmen die Mittel dazu aus fremden
Geldbeuteln Was sie geben gehört nicht ihnen sondern dem Staate was man von
ihnen erbittet insofern man es mit Gerechtigkeit von ihnen erbitten kann ist
nicht mehr und nicht weniger als was man sich selbst geben oder nehmen würde
wenn man nicht darüber einig geworden wäre einem gemeinschaftlichen Ausspender
und Verwalter sich anzuvertrauen und dieser hat Ursache dem Volke dafür zu
danken dass es ihm erlaubt auf so wohlfeile Art Gutes zu tun und Menschen froh
zu machen ohne dass es ihm etwas kostet  Man verzeihe mir diese Ausschweifung
Das sind Wahrheiten die man nicht oft genug sagen kann  Kehren wir nun zu
unserm neuen Könige zurück
    Jedermann war nun in Erwartung wodurch der junge Negus den Antritt seiner
Regierung bezeichnen würde Die ersten Monate verstrichen mit Feierlichkeiten
Krönungen Huldigungen mit Erteilung von Titeln Orden und Ausspendungen von
Geschenken an allerlei gute schlechte und unbedeutende Menschen Da Seine
Majestät sich nicht gern mit Arbeiten abgaben und mein Herr Vetter als ein
fleißiger der Geschäfte kundiger Mann bekannt war dem Negus auch als
Kronprinzen nie etwas zuleide getan hatte so blieb es anfangs mit ihm beim
alten und er behielt seine Stellen und Würden Was mich betrifft so hätte ich
freilich eine Beförderung zu höheren Ehrenämtern erwarten können denn es hatte
mir der alte Negus dergleichen versprochen wenn ich den Prinzen glücklich
zurückbrächte Allein man weiß ja wie wenig ich mich bei dem jungen Herrn und
seinen Günstlingen eingeschmeichelt hatte ich blieb also was ich war
Baalomaal und konnte froh sein dass ich nicht verabschiedet wurde Einige
schiefe Gesichter die ich zuweilen bekam und je einmal einen matten Spott über
langweilige Philosophen abgerechnet ging mirs also nicht schlimm Manim wurde
Finanzrat Soban aber erhielt eine Pension und die Erlaubnis oder vielmehr den
Wink mit seiner Familie nach Sire zu ziehen woher er gebürtig war Sein
Hofnarrenamt würde ihm den Freibrief gegeben haben ungestraft derbe Wahrheiten
zu sagen und die hatte man nicht Lust zu hören
    Der neue König wurde nun mit Bitten und Klagen aller Art bestürmt wie denn
bei solchen Regierungsveränderungen alles Alte wieder aufgerührt zu werden
pflegt und nun jeder das durchsetzen zu können hofft was ihm bis jetzt nicht
hat glücken wollen Die mehrsten dieser Bittschriften wurden dem Minister zur
Prüfung und um das Nötige zu verfügen von Seiner Majestät übergeben und dies
gab meinem Herrn Vetter wirklich Gelegenheit manche nützliche Abänderung zu
machen wovon der alte Negus aus einem kleinen Eigensinne oder irgendeinem
Vorurteile nichts hatte hören wollen Die Räte in allen Departements suchten
sich angenehm zu machen und kamen mit nützlichen Vorschlägen die zum Teil
ausgeführt wurden Wo irgend in Geschäften Schläfrigkeit eingeschlichen war und
Sachen liegengeblieben waren da trat nun neue Tätigkeit ein  Die Ehre von
diesem allen fiel auf den jungen König und da hieß es wieder Seht das ist
ein Herr der sorgt für sein Land
    Es war unter der vorigen Regierung den Untertanen eine gewisse Auflage
zugemutet worden die ein wenig drückend für einige Klassen der Bürger schien
Die Summen waren zum Teil nicht einzutreiben gewesen aber immer in den
Rechnungen liquidiert worden Man legte dem neuen Könige ein langes Verzeichnis
dieser inexigibeln Posten vor und Seine Majestät hatten die hohe Gnade zu
befehlen dass ein Strich dadurch gemacht werden sollte  Sie schenkten den
Untertanen was doch nie zu erlangen war  und alle Zeitungen posaunten es
habe der huldreiche Monarch dem Lande einen großen Teil der rückständigen
Abgaben erlassen
    Weiter fiel in dem ersten halben Jahre eben nichts Neues vor nun schwiegen
nach und nach die Stimmen der Lobredner mancher hatte auch nicht erlangt was
er gehofft und erbeten hatte da fing man denn an Seine Majestät mit kälterm
Blute in der Nähe zu beobachten und wir werden künftig hören was man bemerkte
 
                                Zehntes Kapitel
   Nachricht von den Fortschritten welche indes die Aufklärung in Abyssinien
                                 gemacht hatte
Es ist Zeit dass wir nun sehen wie weit das edle Aufklärungsgeschäft in
Abyssinien bis zu der Tronbesteigung des neuen Königs vorgerückt war
    Wir haben gehört dass der gute alte Negus sehr ernstlich darauf bedacht war
Wissenschaften und Künste in seinem Lande blühen zu machen dass er dabei dem
Rate meines Herrn Vetters folgte und alles auf europäischen Fuß einzurichten
sich bestrebte Die Universität in Adova kam bald in großen Flor die von mir
nach Abyssinien spedierten Gelehrten und Künstler suchten jeder in seiner Art
sich Ruhm Anhang Schüler und Zöglinge zu verschaffen Wo sie in den niederen
Ständen einen Knaben entdeckten in dem ein Funken eines höheren Genius loderte
da zogen sie wie sie das nannten das verborgne Talent aus dem Staube hervor
der Bauerjunge lief vom Pfluge weg und setzte sich an den Schreibtisch oder
hinter die Staffelei und der Gärtner warf das Grabscheit in die Ecke um die
Geige zur Hand zu nehmen der Schuster machte Verse und beschmutzte seine
Dichterwerkzeuge nicht mehr mit garstigem Pechdrahte Akademien der bildenden
Künste wurden gestiftet Preise ausgeteilt und der alte Negus freute sich
herzlich in Prosa und Versen als ein zweiter August geschildert zu werden und
von einheimischen Künstlern hundertmal sein Antlitz auf Leinwand getragen und in
Marmor gehauen zu sehen
    Die schönen Künste haben etwas sehr Verführerisches bald wurde im ganzen
Reiche in allen Ecken gepinselt gefiddelt geleiert gedichtet und wer auch
über diese angenehmen Zeitvertreibe nicht jede bürgerliche und häusliche
Beschäftigung aufgab der teilte doch seine Zeit zwischen nützlicher Tätigkeit
und dem Umgange mit den gefälligen Musen Man fing an einzusehen dass es zu
einer guten Erziehung gehörte nicht fremd in den schönen Künsten zu sein sich
angenehme Talente zu erwerben die jungen Mädchen ließ die einförmige Spindel
ruhen und sangen und spielten süße abyssinische Lieder
    Man weiß welchen Einfluss Poesie und Musik auf das Herz und die Sitten
haben auch in Abyssinien wurde dieser Einfluss sichtbar Süßes Schmachten und
zärtliche Sehnsucht schwammen nun in den Blicken der kultiviertern
Bürgertöchter nun erst sahen sie welch ein liebliches holdes Gesicht der
bescheidne Mond hätte und wie traulich er auf sie herablächelte wenn sie der
langweiligen Spinnstube entschlichen und Arm in Arm mit den Nachbarssöhnen in
dem stillen Garten umherschlenderten Der kleine lose Liebesgott nützte diese
glücklichen Stimmungen der Schalk war allerorten und ließ den bedächtlichern
Hymen zu Hause Man kam zurück von den altväterischen Begriffen von übertriebner
Sittsamkeit und Keuschheit  Sich des Lebens zu freuen zu genießen hier wo
so reiche Fülle ist die schöne Jugend nicht zu verträumen und eine Handvoll
kurzer Jahre nicht mit ernstaften Grillen zu verderben  das war die bessere
Philosophie welche jetzt die weiser gewordnen aufgeklärten gebildeten
Abyssinier studierten und in Ausübung brachten
    Die Großen des Hofs und überhaupt die Edelleute die Affen des Monarchen
die ehemals sichs fast zu einer Ehre rechneten nicht lesen und schreiben zu
können affektierten nun wie er Beschützer der Gelehrten und Künstler zu sein
Landjunker forderten von einem Manne den sie als Verwalter annehmen wollten
dass er auch ein bisschen Bassgeige spielen musste schickten ein Fuder Korn in die
Stadt und gaben ihrem Advokaten Auftrag für das daraus zu lösende Geld Bücher
für ihre Weiber und Töchter zu kaufen die nun auch anfingen von Wonne und
Lebensgenuss und Mondenschein zu reden Cicisbei zu halten und Romane zu spielen
    Als die Leute merkten dass der Stand eines Gelehrten und Künstlers in
Abyssinien in Ansehen kam und etwas dabei zu gewinnen war da wollte nun
jedermann studieren der Schneider schämte sich seiner Nadel und schickte seinen
Tölpel von Jungen in die Stadtschule um einst die Ehre zu haben ihn einen
Degen tragen zu sehen und der Bauer verkaufte einen Teil seines Erbguts um
seinen Knaben nach Adova zu senden damit dort in den gelehrten Treibhäusern die
Keime des Genius aus seiner bäurischen Natur hervorgejagt würden
    Die Folgen von diesem allgemeinen Drange zur sogenannten Gelehrsamkeit
wurden nach zehn Jahren ja schon als ich nach Abyssinien zurückkam sehr
sichtbar Man wird sich hierüber um so weniger wundern wenn man sich erinnert
dass ich im eilften und zwölften Kapitel des ersten Teils dieses Buchs erzählt
habe wie weit es damit schon gekommen war ehe wir Deutsche in Abyssinien unser
Wesen trieben Die nützlichsten Stände im Staate die erwerbenden Klassen der
Bürger kamen in Verachtung und Abnahme und die glänzendere verzehrende Klasse
in Flor Da jetzt auch sehr viel mittelmäßige und schiefe Köpfe sich in die
Studien warfen so verlor man nach und nach die Idee dass ein Mann der sich
einen Gelehrten nennte gründliche Kenntnisse in seinem Fache haben müsste und
so erntete denn oft der unwissende Schwätzer und Windbeutel den Preis ein zog
die Vorteile die dem wahren Verdienste gebührten Die Menge der jungen
Gelehrten die sich zu den öffentlichen Ämtern drängten war so groß dass um
auf der Versorgungsliste in die Reihe zu kommen man früher anfangen musste als
der Verstand reif war und ein Vater um noch in seinem Alter die Freude zu
erleben seinen Sohn in einer Bedienung zu sehen sich gezwungen sah ihn ohne
Vorkenntnisse auf Universitäten zu schicken und beinahe ebenso unwissend von da
zurück in ein Amt zu rufen Daraus entstand dann eine stillschweigende
Konvention keine gründliche Kenntnis in einzelnen Fächern zu fordern sich mit
oberflächlichem Wortkram zu begnügen aber dagegen auch in allen Zweigen der
Gelehrsamkeit herumzupfuschen  Doch ich habe ja schon den größten Teil dieser
Verkehrteiten beschrieben als ich von dem Zustande der Wissenschaften bei
meiner ersten Ankunft in Gondar redete und füge also nur hinzu dass dies alles
im höchsten Grade zugenommen hatte seitdem die Regierung die sogenannten
Gelehrten und Künstler vorzüglich zu unterstützen Aufklärung zu befördern
Akademien Buchdruckereien und Buchläden anzulegen und Pressfreiheit einzuführen
anfing
    Nun wetteiferten die Bücherschreiber in Abyssinien miteinander um den Preis
wer die größte Menge von Geistesprodukten liefern könnte um die Wut aller
Stände nach täglich neuer Lectur zu stillen Man kann sich wohl einbilden was
für Zeug dann zum Vorschein kam allein die unbeschreibliche Veränderlichkeit
der literarischen Moden die eine sichere Folge des Mangels an gründlichen
Kenntnissen und an echtem Geschmacke ist bewirkte gewisse Perioden wovon ich
doch einige namhaft machen will
    Am fruchtbarsten waren die Romanschreiber Anfangs nannte man einen Roman
ein Buch in welchem die Sitten guter und böser Menschen aus verschiedenen
Ständen so wie sie in der wirklichen Welt beschaffen zu sein pflegen durch
Erzählung und lebhafte Darstellung ihres Betragens in erdichteten aber
wahrscheinlichen doch nicht immer alltäglichen Begebenheiten zum Beispiele zur
Warnung und überhaupt zu Vermehrung der Menschenkenntnis geschildert wurden 
Und so war dann ein Roman ein nützliches Buch für junge Leute die in die große
Welt treten wollten und noch unbekannt waren in dem was die Menschen mit allen
ihren Leidenschaften und Torheiten in derselben treiben wirken wünschen und
begehren Allein bald waren ihnen die gewöhnlichen wirklichen oder möglichen
Begebenheiten zu gemein und die mit Wahrheit dargestellten Menschen zu
alltäglich Da schafften die Herren Romanschreiber für ihr Publikum eine neue
Welt arbeiteten ins Wunderbare hinein stellten Ideale von Menschen dar wie
sie nun freilich der Schöpfer nicht zu liefern imstande ist und ließ ihre
Helden die unerwartetsten unerhörtesten Schicksale Freuden und Leiden erleben
Nun wurde die Phantasie der Jünglinge und Mädchen hoch über die gewöhnliche Welt
hinaus erhoben nun war alles was sie umgab ihnen zuwider alles ekelte sie
an der gemeine Gang der Dinge war nichts für sie Ein Mädchen hielt sich für
verloren wenn sie ohne vorhergegangne Entführung mit Beistimmung ihrer braven
Eltern einem ehrlichen Kerl die Hand als Gattin reichen sollte und ein
Jüngling in dem der Geist der Aventure in Brand geriet lief ohne bestimmte
Ursache in die weite Welt hinein um zu sehen was die wohltätigen Feen da für
ihn tun würden
    Als die Ideale welche auf diese Weise den jungen Leuten in den Kopf gesetzt
waren sich nirgends realisiert finden wollten da ging das Winseln über die
erbärmliche Alltagswelt los  So nannte man die Welt welche der Schöpfer
selbst recht gut fand als er sie fertig hatte Nun schrieben die Herren
Büchermacher nur klägliche rührende Geschichten alles jammerte empfindelte
seufzte Diese empfindsame Periode griff dann die Nerven gewaltig an jedermann
klagte über Kränklichkeit und Vapeurs beschwor einen Freund ihm einen Dolch in
das Herz zu stoßen um dem Leben voll Jammers ein Ende zu machen und beschwor
die Sterne mitleidig auf das Elend dieses Erdenlebens herabzublicken
    Aber bald erwachte der Geist andrer Schriftsteller voll Drang und Kraft
Diese sprachen der Jugend Mut ein ermunterten sie nicht zu verzweifeln
sondern das Übel mit der Wurzel auszureissen Die leidigen Konventionen und
Regeln und Moralien  das waren die Fesseln in denen die freie Menschheit
seufzte und die man brechen musste  Fort also mit dem Zwange den sogenannter
Anstand unnatürliche Gesetze eingebildete Regeln auflegen Dem Herzen der
Natur den innern Trieben gefolgt und umgestürzt was dem Genuße für welchen
wir geschaffen sind und der Entwicklung größerer Kraft entgegen ist  Das war
die Parole mit welcher nun das Reich des Geniewesens anfing Nun trotzte der
Jüngling kühn den langweiligen Vorschriften des Sittenpredigers warf das Joch
des bürgerlichen Zwanges und der feinern Lebensart weg ließ die Haare um den
Kopf hängen nahm seinen Knotenstock in die Hand und ging wohin ihn zu gehen
gelüstete wäre es auch in das Ehebette seines Bruders und Freundes gewesen Er
folgte seinen Trieben und die Schriftsteller bewiesen ihm dass kein Mensch
anders handeln könne als er handelt dass oft der welchen die ganze Welt für
einen Bösewicht Verwüster und Zerstörer der öffentlichen Ruhe gehalten hätte
ein größerer Mann gewesen als der hochgepriesene Wohltäter des
Menschengeschlechts und dass alles gut und groß sei wozu Kraft gehörte
Vergebens suchten einige ernsthafte Männer zu beweisen dass Auflodern nicht
erwärmendes Feuer Stoß nicht Kraft genannt werden dürfe dass wahre Kraft und
Festigkeit und Mut im Ausdauern in konsequentem regelmässigem bestimmtem
Fortrücken zu reinen verständigen Zwecken besteht  Man spottete der Pedanten
und rasete darauflos Auch in den Wissenschaften und Künsten warf man alle
Regeln zur Seite und verschrie die Vorschriften welche aus der Natur geschöpft
waren als schändliche Fesseln des höheren Genies
    Diese Periode erhielt sich bis zu der größeren Revolution wovon ich in der
Folge reden werde und schien auch in der Tat äußerst passend für die
Abyssinier wie sie jetzt waren Weichlichen verzärtelten Menschen mit äußerst
reizbaren Nerven und dabei gewöhnt an Üppigkeit und Wohlleben und sinnlichen
Kitzel deren Phantasie immer mit der gesunden Vernunft davonlief und die dabei
jede dauernde Anstrengung flohen solchen Menschen war freilich ein System
willkommen nach welchem ihre Ausschweifungen gerechtfertigt wurden ihre
Fieberwut für Kraft ihre Unverschämtheit und Regellosigkeit für angeborene
natürliche Freiheit und ihr polyhistorsches Geschwätz für Gelehrsamkeit galt
    Es ist nun Zeit auch zu sagen wie sich die Priester hiebei betrugen Aus
der neueren Geschichte von Abyssinien die ich im ersten Teile dieses Buchs
vorgetragen habe wird man sich noch erinnern dass das Ansehen der Geistlichkeit
und der edelen Ortodoxie unter der Regierung des zuletzt verstorbnen Negus nicht
eben sehr groß war Als nun die Aufklärung so mächtige Fortschritte machte man
allen Zwang abschüttelte und eine gewisse Kühnheit in Grundsätzen und Handlungen
allgemein wurde da kam denn auch die Reihe an das Kirchensystem Die Zeiten
waren vorbei wo man sich mit unnützen Grübeleien über Glaubenslehren abgab
aber auch die Zeiten waren vorbei wo man sich von dem Priesterstande
vorschreiben ließ was man glauben und denken sollte Jetzt da es auf alle
Weise wegen des unangenehmen Gedränges in welches zuweilen die jetzige
Moralität mit dem Religionssysteme kam bequemer war auch dieses wegzuwerfen
machte man dazu Anstalt Allein es war dem Genius des Zeitalters zuwider dies
mit einigem Forschungsgeiste zu unternehmen leichter war es auch in diesem
Fache wie in allen übrigen mit Spott und Persiflage das anzugreifen was zu
mühsam mit Gründen zu bekämpfen war und da der alte Negus die Pfaffen nicht
schätzte und selbst immer aufgeklärter und toleranter wurde so mussten die
geistlichen Herren dies wohl geschehen lassen Um jedoch nicht allen Einfluss zu
verlieren dreheten die Feinsten unter ihnen den Mantel nach dem Winde fingen
selbst an Duldung zu predigen und die Glaubenslehre nach Zeit und Umständen zu
modifizieren   Wie konsequent dies gehandelt war und ob nicht die wenigen
eifrigen Zeloten weiser handelten die auch nicht ein Tittelchen ausgelöscht
haben wollten und in Erwartung besserer Zeiten nicht aufhörten die Kanzel zu
pauken den Unglauben zu anatematisieren Verderben und Untergang zu
prophezeien und mit Feuer vom Himmel zu drohen  das überlasse ich dem geneigten
Leser zu entscheiden
 
                                Elftes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Ich habe eben gesagt dass der alte Negus täglich toleranter und aufgeklärter
geworden wäre doch darf ich nicht behaupten diese Vervollkommnung sei das Werk
eines tiefen reiflichen Nachdenkens über dergleichen Gegenstände gewesen
vielmehr riss ihn der allgemeine Strom des Lichts unmerklich mit sich fort Wir
haben gehört dass er eine Bücherzensur errichtet hatte diese wurde freilich
nicht aufgehoben aber das konnte er doch nicht ändern dass die Zensoren selbst
allmählich anfingen die Grundsätze ihres Zeitalters anzunehmen Nach und nach
starben denn auch die alten ungeschmeidigen Männer und junge freier denkende
kamen in diesem Departement an das Ruder Man wird immer weniger empört durch
kühne Sätze je öfter man sie hört und zuletzt kommen sie in allgemeinen Kurs
und erhalten durch vieljährigen Besitz die Rechte der Wahrheit Dies haben
diejenigen wohl gewusst welche den Menschen Torheiten und Irrtümer aufheften
wollten Sie haben so lange dieselben Fratzen gepredigt gesungen geschrieben
gemalt bis zuletzt kein Mensch mehr das Herz hatte sich selber zu fragen ob
auch wohl ein gesunder Begriff in dem allen liege und beobachten wir mit
philosophischem Auge auf welche Weise mitten in aufgeklärten Zeiten gewisse
Betrüger sich großen Anhang zu verschaffen wissen so werden wir finden worauf
die Kunst dieser Leute beruht sie wissen dass wenn sie nur nicht müde werden
den Unsinn zu behaupten der anfangs verlacht nachher übersehen dann geduldet
hierauf verteidigt wird und endlich Märtyrer findet sie doch zuletzt ihren
Zweck erreichen und dass wenn es erst soweit ist dann wenig Leute den Mut
haben sich allgemeinen Meinungen zu widersetzen Diese Bemerkung könnten sich
wie ich glaube diejenigen zu Nutzen machen welchen es darum zu tun ist edle
große und nützliche Wahrheiten auszubreiten Noch einmal Das ganze Geheimnis
um alles in der Welt durchzusetzen beruht in diesen vier Worten nicht müde zu
werden
    Bei dieser kleinen Ausschweifung habe ich nur die Absicht gehabt
begreiflich zu machen wie es zuging dass die Aufklärung in Abyssinien so
schnelle Fortschritte machte In der Tat brachte man kurz vor dem Tode des alten
Negus in öffentlichen gemischten Gesellschaften an Tafel und sonst
gesprächsweise Sätze vor die man zehn Jahre früher kaum würde zu denken gewagt
haben und die Großen des Hofs ja der Monarch selbst glaubten jetzt schon den
Ruf vorurteilfreier Beförderer der Aufklärung auf das Spiel zu setzen wenn sie
so ungern sie auch manches hörten die natürliche Befugnis der Leute über alles
ihre Meinung zu sagen einschränkten Es schlich sich also unvermerkt eine
gänzliche Denk und Pressfreiheit ein von welcher denn auch wie von allen guten
Dingen in der Welt vielfältig Missbrauch gemacht und weder die häusliche Ruhe
der Bürger noch die wohltätigen Vorurteile der Schwächern noch der Ruf der
Edlern noch das Vertrauen der Freundschaft noch das Familiengeheimnis  kurz
nichts geschont sondern alles an das Tageslicht gezogen beurteilt verdächtig
gemacht angegriffen verspottet und ohne Ersatz vertilgt wurde
    Unmittelbar aber traf diese Folge auch den ersten Beförderer der Aufklärung
den König selber Das Licht welches er angezündet hatte leuchtete weiter als
seine Absicht gewesen war Nachdem man lange genug frei und kühn über Moral
Religion und Privatverhältnisse geredet und geschrieben hatte fing man auch an
ebenso ungezwungen über Menschen und Völkerrechte über Fürstenansprüche und
befugnisse über Sklaverei und Freiheit zu räsonieren
    So standen die Sachen als meine deutschen Philosophen und Pädagogen nach
Abyssinien kamen Diese besonders die letztern hätten nun viel dazu beitragen
können alles in ein vernünftiges Geleise zu bringen Unglücklicherweise aber
taten sie das Gegenteil Ich habe immer geglaubt dass sich über Erziehung keine
allgemeine Regeln geben ließ sondern dass sich diese nach Zeit und Umständen
richten müssten weil doch ihr Hauptzweck ist Menschen zu bilden die in ihr
Zeitalter passen und als nützliche Bürger zu ihrer und ihrer Mitbürger
Vervollkommnung und Glückseligkeit alles mögliche beitragen sollen In einer
Periode also in welcher die Abyssinier ausschweifende Begriffe von Freiheit und
Zwanglosigkeit hatten jede ernsthafte Anstrengung scheueten sehr vorlaut und
egoistisch waren alle Konventionen und alle Rücksichten auf Stand Alter und
Erfahrung verachteten und über ihren Gesichtskreis hinaus über alles im Himmel
und auf Erden räsonierten schien es der Klugheit gemäß die Jugend an mehr
Ordnung Pünktlichkeit Gehorsam Bescheidenheit Misstrauen in eigne
Fähigkeiten emsigen Fleiß Überwindung von Schwierigkeiten und Aufopferung zum
allgemeinen Besten zu gewöhnen allein daran dachten leider meine Pädagogen
nicht Sie ermunterten vielmehr in den Knaben den übel verstandnen
Freiheitssinn deklamierten gegen Pedanterie Autorität Sklaverei und
Despotismus und erzogen die jungen Leute so dass sie sich hernach durchaus nicht
in den Zwang des bürgerlichen Lebens fügen wollten und die frohen im Spielen
hingetändelten Stunden welche sie in den Erziehungsinstituten genossen nachher
durch manche unbehagliche bittere büßen mussten folglich die Summe der
unzufriednen unruhigen Bürger vermehrten
    Noch etwas verstärkte diese allgemeine Gärung und das waren die geheimen
Verbindungen wovon ich doch auch noch ein Wort sagen muss Nachdem die
Abyssinier in allen Gebieten wissenschaftlicher Kenntnisse herumgeirrt waren und
über alles nachgedacht zu haben glaubten was den Menschen wichtig sein kann
fanden sie was man auf der letzten Seite jedes Systems findet dass unser Wissen
und Wollen und Wirken Stückwerk unvollkommen und dunkel bleibt In diesen
Grenzen irdischer Weisheit und Tätigkeit aber sich einpfählen zu lassen das
dünkte Menschen von so reizbaren Nerven schwärmender Phantasie und unruhigem
Tätigkeitstriebe zu gemein weil indessen ihre Begriffe nicht gehörig geordnet
sondern verwirrt und schwankend waren so nährten sie unaufhörlich heimliche
Wünsche und dunkle Ahndungen Hie und da teilten sich Menschen in denen dies
kochte und wurmte solche Empfindungen mit und freueten sich wenn sie sahen
dass sie einander verstanden oder zu verstehen glauben durften obgleich sie
nicht imstande waren mit Worten deutlich zu machen was sie eigentlich wollten
und suchten Sie wurden aber über gewissen Hieroglyphen Zeichen und Phrasen
einig wodurch sie ineinander ihre dunkle Ideen wieder erwecken konnten und der
Gedanke dass dies nun eine Sprache war die nicht jeder verstand hatte etwas
Angenehmes Kitzelndes Bald hielten sie diese neue Typen für wirkliche neue
Sachen für neu erfundene Wahrheiten täuschten sich selbst sprachen von ihren
geheimen Kenntnissen nahmen andre in diesen Bund auf welche auch diese Bilder
lernten einen Sinn damit zu verbinden glaubten aber eigentlich nichts
Bestimmtes darüber zu sagen wussten als dass sich so etwas mit gemeinen Worten
gar nicht ausdrücken ließe Der gemeinschaftliche Besitz eines Geheimnisses
bindet die Bewahrer desselben enge zusammen und in einem Zeitalter wo alle
natürliche Bande locker geworden sind und den Menschen zu alltäglich und
langweilig vorkommen erweckte eine neue Art von Verhältnis das gar nicht auf
den gewöhnlichen Konventionen beruht den doch zur Geselligkeit geschaffenen
Menschen zu neuer Wärme für seine Nebenmenschen Er vergisst dann dass er dies
Glück auf eine viel natürlichere Weise finden könnte schimpft auf die Mängel
der bürgerlichen Einrichtungen ohne Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu tun
und schafft sich neue Verbindungen die noch größere Mängel aber den Reiz der
Neuheit und das Verdienst haben dass er selbst ihr Schöpfer ist Dies alles
wohlüberlegt so darf man sich darüber nicht wundern dass in kurzer Zeit die Wut
zu geheimen Bündnissen in Abyssinien sehr hoch stieg und dass deren eine Menge
von allerlei Art errichtet wurde
    Solange die ersten Stifter noch lebten verband man doch einigen dunkeln
Sinn mit der Bildersprache und den mystischen Gebräuchen dieser Gesellschaften
nachher fing man an sich nicht viel um die Deutung zu bekümmern sondern hielt
sich an die geselligen Zwecke als aber die Gärung in den Köpfen und Gemütern
der Abyssinier unter allen Ständen so allgemein wurde und Aufklärer
Reformatoren und Aufrührer von vielfacher Art im Volke hervortraten und sich
Parteien zu machen suchten da nützten diese Menschen zu guten und bösen
Zwecken den Schleier und das Vehikulum geheimer Verbindungen und weil die
Hieroglyphen und Gebräuche alle mögliche Auslegungen litten so war dies ein
herrliches Mittel jedes System darauf zu bauen Noch konnten solche
Verbindungen an Ehrwürdigkeit viel gewinnen wenn man ihnen ein hohes Altertum
andichtete zum Glück war auch dazu Rat zu schaffen Man untersuchte die
Pyramiden und Obelisken in Ägypten die im Vorbeigehen zu sagen der übrigens
gelehrte Herr Professor Witte kürzlich für vulkanische Produkte und die innere
Einrichtung der Zimmer etc für Arbeiten gewisser Schnecken erklärt hat und
fand mit Freuden dass darauf so wie auf den Ruinen der Stadt Axum Figuren
eingegraben waren die mit den Hieroglyphen der geheimen Verbindungen sehr viel
Ähnlichkeiten hatten und da war denn bald eine zusammenhängende Geschichte der
verborgenen Weisheit herausbuchstabiert die jede Partei zum Vorteile ihrer Lehre
auslegte und die übrigen Praktikanten verketzerte Schwärmer und Betrüger aller
Art Geisterseher Goldmacher Diebe politische Reformatoren Stifter neuer
Religionssekten  alle hingen dies Gewand um und setzten phantastische Menschen
schwache Denker und unruhige Köpfe in Bewegung lockten sie von nützlicher
Tätigkeit ab und erfüllten sie mit Reformationsgeiste  Doch ich habe schon
zuviel von diesen Armseligkeiten gesagt wir werden bald hören was am Ende aus
dieser allgemeinen Gärung entstand
 
                                Zwölftes Kapitel
  Nachricht von dem was in den ersten Regierungsjahren des neuen Landesvaters
                                    vorging
Wir haben am Ende des neunten Kapitels gehört dass die abgöttische Verehrung
welche man in den ersten Monaten der neuen Regierung dem jungen Könige erwiesen
hatte nach und nach der kältern Überlegung wich Und diese kältere Überlegung
lehrte die Abyssinier bald wieviel sie bei der Veränderung gewonnen oder
verloren hatten Kaum war der erste Taumel der Feierlichkeiten vorüber und der
Gang der Geschäfte wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen als der junge
Despot sich durch einige willkürliche Verordnungen ankündigte die jedermann
furchtsam und mutlos machten Er führte das Kniebeugen und das alte sklavische
Zeremoniell wieder ein beschränkte die Freiheit der Presse verstattete nicht
mehr jedem aus dem Volke freien Zutritt zu seiner Person sondern schloss sich
mit seiner französischen Buhlerin und seinen Lieblingen in dem Palaste ein
lebte dort in Völlerei und Untätigkeit erschien dann nur einmal in der Woche
und zwar nach alter abyssinischer Weise verhüllt von Trabanten umgeben in
dem Zirkel seiner verachtungswerten Günstlinge wovon die Niederträchtigsten in
alle Departements eingeschoben den verdienstvollen Männern vor und an die Seite
gesetzt und zu Geschäften gebraucht wurden wovon sie nichts verstanden Diese
machten dann den Negus misstrauisch gegen seine treuesten Diener welche er nicht
mehr hörte nicht mehr um Rat fragte sondern sie kalt und rau behandelte Es
wurden Einrichtungen gemacht die nicht in die Landesverfassung passten alle
natürliche Freiheit einschränkten und sehr drückend für die Untertanen waren Er
nahm keine Gegenvorstellungen an sein Wink war strenger Befehl sein Wille die
Ursache die geringste Weigerung oder auch nur ein bescheidner Einwurf war
hinreichend den würdigsten Mann um Bedienung und Freiheit zu bringen Es
schlichen Ausspäher Auflaurer und Horcher in allen öffentlichen und
Privatäusern herum und sammelten jedes Wort auf das einem Manne in guter oder
böser Laune entwischte Dann wurde auf einmal ein sorgloser unschädlicher Mann
durch Wache des Nachts aus seinem Bette geholt und ohne öffentlichen Prozess
seiner Bedienungen entsetzt oder eingekerkert oder des Landes verwiesen oder
verschwand ohne dass man wusste wohin Zuweilen wurde bei Todesstrafe verboten
von gewissen Dingen oder von gewissen Personen zu reden Gab jemand einmal
seinen Freunden ein fröhliches Mahl oder vergnügte sich in seinem Hause mit
Musik und Tanz oder kaufte sich ein schönes Kamel so wurde dies dem Negus
hinterbracht Es hieß dem Manne sei zu wohl und es wurde ihm ein Teil seines
Gehalts genommen Allgemeine Mutlosigkeit herrschte nun niemand trauete dem
andern Geselligkeit heitre Laune und Gastfreundschaft verschwanden und wer
einen guten Bissen essen wollte verschloss sich in sein Kabinett
    Desto üppiger und wollüstiger aber lebte das Kebsweib des Negus mit seinem
Anhange Paläste und Lustschlösser wurden für diese mit ungeheuren Kosten
erbauet oder gekauft oder den Eigentümern abgenötigt und nichts glich der
Pracht die in ihrem Putze und Hausrate herrschte Unersättlich waren die
Begierden des abscheulichen Weibes in dessen räuberischen Händen Glück und
Unglück von Millionen edler Menschen lag Nun gab es kein andres Mittel als
diesen Götzen anzubeten und ihm Geschenke zu bringen wenn man etwas erlangen
wollte Ihr Vorzimmer wimmelte von den Großen des Reichs denen sie mit Übermut
und Spott begegnete Generale mussten ihr den Fussschemel nachtragen ehrwürdigen
Greisen äffte sie vor dem versammelten Hofe die körperlichen Schwachheiten ihres
Alters nach und machte sie zum Gegenstande des allgemeinen Gelächters Sie
beherrschte despotisch ihren Negus gab ihm nicht die Erlaubnis mehr Weiber zu
nehmen ja nur eine einzige freundlich anzublicken und wenn er mit ihr und
einem paar Günstlingen allein war dann trieb sie mutwillige französische
Scherze mit ihm und nötigte ihn zu kindischen Spielen die sonderbar mit der
Majestät des Trons kontrastierten worauf man so strenge hielt
    Nach dem Beispiele der königlichen Buhlerin waren auch die von ihr
beschützten Lieblinge nicht untätig zu Vermehrung ihrer Gewalt und ihres
Vermögens Auch sie ließ sich Güter schenken welche andern gehörten auch sie
ließ sich bestechen um durch ihr Vorwort einen Schurken auf einen Platz zu
stellen auf welchen ein redlicher Mann Recht hatte Ansprüche zu machen Justiz
wurde verkauft ja man musste dafür bezahlen dass man von seinen Nachbarn in
Ruhe gelassen würde
    Bei dieser abscheulichen Wirtschaft konnte es freilich mit den Finanzen
nicht besser aussehen als mit der Moralität Die ungeheure Verschwendung die am
Hofe herrschte erschöpfte die Kassen man nahm seine Zuflucht zu allen Mitteln
welche in solchen Fällen angewendet zu werden pflegen man forderte Abgaben von
allen auch von den nötigsten Bedürfnissen des Lebens man erfand Auflagen
wovon in Abyssinien noch kein Beispiel war und trieb diese mit einer grausamen
Strenge ein die die Menschheit empörte
    So standen die Sachen als ein verderblicher Krieg mit dem Könige von Nemas
das Werk die abyssinischen Untertanen zugrunde zu richten vollendete Dieser
Krieg hatte einer elenden Grenzstreitigkeit wegen seinen Anfang genommen beide
Monarchen wurden von schelmischen Lieblingen regiert die voraussahn dass sie
dabei im trüben fischen könnten und daher das Feuer anbliesen das außer dem
leicht zu dämpfen gewesen wäre Man verwarf also von beiden Seiten alle
Vergleichsvorschläge und rüstete sich zum Feldzuge Die beiden Könige brauchten
ja nicht mitzugehen sondern konnten sichs bei Weibern und Flaschen wohl sein
lassen indes ihre Untertanen die Ehre hatten sich die Hälse zu brechen
    Nun wurde durch ganz Abyssinien eine gewaltsame Werbung vorgenommen einzige
Söhne die Stützen ihrer Familien Greise und Knaben mussten mit in den Krieg An
die Spitzen der Regimenter und des ganzen Heers aber wurden die Günstlinge der
Buhlerin gestellt die weder militärische Kenntnisse noch Mut besaßen aber
desto besser die Kunst verstanden sich zu bereichern Der Ausgang dieses Kriegs
war leicht vorauszusehen Die Soldaten stritten mit Unlust liebten ihre
Anführer nicht wurden schlecht behandelt dabei betrogen und durch die
Unwissenheit der Generale aufgeopfert am Ende des dritten Feldzugs erfolgte ein
für Abyssinien sehr nachteiliger Frieden durch welchen ohne die ungeheuren
Summen zu rechnen die der Krieg gekostet hatte mehr verlorenging als vor
demselben der König von Nemas je in Anspruch genommen hatte
    Allein wie verhielten sich denn der Herr Minister Joseph von Wurmbrand und
der Baalomaal Benjamin Noldmann bei diesem allen  Das werden wir im nächsten
Kapitel erfahren
 
                              Dreizehntes Kapitel
               Wie es dem Verfasser und seinem Herrn Vetter geht
Ich habe bis jetzt die Fehler nicht verschwiegen welche man meinem Herrn
Vetter als Staatsmann betrachtet vorwerfen könnte Einer der hauptsächlichsten
war gewiss der dass er den alten Negus in despotischen Grundsätzen bestärkte oder
vielmehr durch Verpflanzung der europäischen Einrichtungen nach Abyssinien die
Ausübung des dortigen Despotismus erleichterte und in ein zusammenhängendes
System brachte ohne dennoch ernstlich genug auf Einführung weiser Grundsätze zu
denken nach welchen man despotisch regieren wollte Was mich selber betrifft
so habe ich gleichfalls nicht verhehlt dass ich mir einige Unvorsichtigkeiten in
der Wahl der nach Abyssinien geschickten Gelehrten und Künstler und einigen
Mangel an Festigkeit bei Leitung des Kronprinzen habe zuschulden kommen
lassen allein mit eben dieser Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe darf ich doch
auch behaupten dass wir beide uns als unter der neuen Regierung nur Schelme und
Schmeichler auf Unkosten der Bessern ihr Glück machen konnten gewiss so
betragen haben wie es redliche Männer ziemt  Auch wird man mir das glauben
wenn ich nun erzähle dass wir das Opfer davon wurden
    Solange die Einrichtungen welche der neue Monarch machte und seine raschen
Schritte nur Unkunde jugendliche Übereilung und Schwäche verrieten hoffte der
Minister immer noch Zeit Erfahrung und sanfte Vorstellungen würden in der
Folge das Ihrige tun Er verbarg oft seinen Unwillen ertrug manche Demütigung
beruhigte sich wenn er nach Gewissen geredet hatte und ließ dem Dinge seinen
Lauf Als aber endlich der Haufen der niederträchtigen Kreaturen in allen ihm
anvertraueten Fächern nach Willkür schaltete und waltete man dann von ihm
verlangte dass er Befehle unterschreiben und ausfertigen lassen sollte die
tyrannisch und unvernünftig waren da wagte er endlich einen Schritt wovon er
voraussah dass er ihm teuer zu stehen kommen würde den er aber sich selber der
Redlichkeit und seinem Rufe schuldig zu sein glaubte Er weigerte sich
gradeswegs die Hände zu solchen Grausamkeiten zu bieten und forderte dass man
ihm folgen oder ihm den Abschied geben sollte Hierauf hatte man gelauert das
hatte man gehofft und vorausgesehen Er bekam nicht nur den Abschied sondern
auch Befehl ein kleines Jahrgeld welches man ihm aussetzte in den Gebirgen
von Waldubba zu verzehren Sein Sturz wenn man den Triumph der
Rechtschaffenheit also nennen muss zog den meinigen nach sich mein Urteil war
dem seinigen gleich und Stilky der bekannte Liebling und Kuppler des Negus
wurde erster Minister
    Ich meine gesagt zu haben dass die Dörfer welche in den Gebirgen von
Waldubba liegen woselbst auch viel Einsiedlermönche wohnen wie das russische
Sibirien zu einem Exil für die in Ungnade gefallnen Staatsbedienten bestimmt
sind dass man ferner die jüngeren Prinzen welche nicht auf den Thron kommen
sollen dahin zu senden pflegt und dass also auch der jüngere Bruder des neuen
Negus mit seinem Hofmeister den ich als einen edelen und weisen Mann beschrieben
habe dort lebte Die Einrichtung die jüngeren königlichen Kinder auf diese
Weise aus aller Verbindung mit dem Hofe und dem Volke zu setzen rührte aber
eigentlich aus älteren Zeiten her und war das Werk herrschsüchtiger Minister die
auf diese Weise unter den Prinzen den schwächsten zum Tronerben auswählen und
die übrigen in Dunkelheit vergraben konnten Als nun mein Herr Vetter an das
Ruder der Geschäfte trat und dieser in der Tat die besten uneigennützigsten
Absichten hatte wenngleich er nicht immer glücklich in der Wahl der Mittel war
bat er den alten Negus jene grausame Gewohnheit die Prinzen als Gefangne zu
behandeln und in Unwissenheit zu erhalten abzuschaffen Er erhielt ohne Mühe
von dem gutmütigen Könige zugleich mit dem Befehle den Kronprinzen unter meiner
Führung auf Reisen zu schicken auch für den andern Negussohn die Erlaubnis
nebst seinem einsichtsvollen Mentor den Aufenthalt in Waldubba mit Adova zu
vertauschen wo nun die neue Universität gegründet und der Umgang mit Gelehrten
fähig war seinen Geist vollends auszubilden und ihn sein Leben angenehm
hinbringen zu machen Seit fünf Jahren wohnte also der junge Herr nebst seinem
kleinen Hofstaate in Adova
    Als nun meinem Herrn Vetter und mir angekündigt wurde dass wir jene raue
und zugleich ungesunde Gegend zu unserm künftigen Aufenthalte wählen sollten da
wurde uns in der Tat das Herz schwer Unser Umgang würde sich haben auf die dort
wohnenden heuchlerischen und ausschweifenden Mönche einschränken müssen  und
welch ein elendes Leben war das Nach Europa zurückzureisen daran war jetzt
nicht zu denken Die Jahreszeit schien dazu nicht günstig man würde uns nicht
erlaubt haben etwas von dem Vermögen welches wir uns gesammelt hatten
mitzunehmen und als Bettler in unser Vaterland wiederzukommen nach der Rolle
die wir gespielt hatten  das war ein bitterer Gedanke Hierzu kam noch dass
ohne besondere Empfehlung und Sorgfalt der abyssinischen Regierung worauf wir
doch jetzt nicht rechnen durften diese weite Reise für uns gefährlich ja
unmöglich wurde
    In dieser Verlegenheit hielten wir es für Pflicht gegen uns selber den
Umständen nachzugeben und uns zu guten Worten herabzulassen Wir demütigten uns
also und baten dass man uns gestatten möchte ruhig in Adova uns niederzulassen
wo jetzt eine große Anzahl unsrer Landsleute wohnte an denen wir in unsern
glänzenden Tagen soviel auszusetzen gefunden hatten und nach deren Umgang wir
uns nun innigst sehnten Nicht ohne Schwierigkeit erlangten wir diese
Vergünstigung doch gab man endlich nach und wir zogen im Anfange des Jahres
1781 nach Adova
    Undankbar müsste ich gegen das Schicksal sein wenn ich nicht laut bekennen
wollte dass die sechs Jahre welche ich dort im Exil zugebracht habe mit zu den
glücklichsten meines Lebens gehört haben Wir kauften mein Vetter und ich ein
kleines artiges Häuschen nebst Hof und Garten richteten uns nicht prächtig
aber gemächlich ein schlossen uns auf gewisse Weise an den kleinen Hof des
liebenswürdigen Prinzen an von welchem ich in der Folge noch soviel werde sagen
müssen und genossen den lehrreichen Umgang seines mir unvergesslichen Führers
Alwo Wie kommt es dass ich den Namen dieses vortrefflichen Mannes noch nicht
genannt habe Aber auch die Gesellschaft der deutschen Gelehrten und Künstler
die dort wohnten gewährte uns manche angenehme Unterhaltung Es waren darunter
doch gute Köpfe wenn auch hie und da ein wenig Verschraubteit mit unterlief 
Unser Leben war den Wissenschaften der Gemütsruhe und geselligen Freuden
gewidmet die Ausbildung meines Geistes und Herzens habe ich dieser
sechsjährigen Periode zu danken
    Was nachher in Abyssinien vorging und ich in den folgenden Kapiteln erzählen
werde das habe ich größtenteils in der Entfernung mit kaltem Blute ohne
tätige Teilnahme beobachtet und um desto unparteiischer wird nun der Rest
meiner Geschichte ausfallen
 
                              Vierzehntes Kapitel
            Aufruhr in Nubien Wirkung davon im abyssinischen Reiche
Obgleich die willkürlichste höchst tyrannische und drückendste Regierung in
Abyssinien herrschte und allgemeines Verderbnis der Sitten täglich mehr
überhandnahm so war es dem Negus doch unmöglich den einmal angezündeten Funken
von Freiheit im Denken und Reden gänzlich auszulöschen So allgemein war denn
auch wirklich die Korruption nicht dass nicht besonders in den Mittelständen
und unter solchen Leuten die bei Hofe nichts zu suchen hatten noch Tugend
Weisheit und Gradheit geherrscht hätten Brachte die übereilte Aufklärung in
schiefen und aufbrausenden Köpfen verkehrte Wirkungen hervor so gab sie doch
auch in den besser organisierten Anlass zu einer nützlichen Gärung regte manche
schlafende Kraft auf und erweckte auch wohl den echten Sinn für Wahrheit und
Freiheit Ich möchte wünschen dass diejenigen welche so geneigt sind wegen des
Missbrauchs einer Sache die Sache selbst zu verwerfen und die daher auch jetzt
jede Anstalt zur Aufklärung verdächtig zu machen suchen weil das Wort
Aufklärung so oft missverstanden wird und zur Firma schädlicher Zwecke dient ich
möchte doch wünschen dass diese Leute recht wohl kalkulierten ob es besser
getan sei bei ausgemacht tödlichen und ansteckenden Krankheiten der Natur alles
zu überlassen oder Mittel zu wählen unter denen wenn sie auch ein wenig gewagt
sind doch wohl eines anschlagen kann und woran wenigstens kein einziger stirbt
der nicht ohne dasselbe auch gestorben wäre oder einen siechen Körper behalten
hätte
    Je strenger der Negus jedes kühne Wort das gegen ihn ausgestoßen und ihm
hinterbracht wurde bestrafte um desto größer wie immer das Verbotene süßer
schmeckt wurde der Reiz heimlich über die neue Regierung zu räsonieren Aber
es war nicht bloß vom Räsonieren die Rede sondern das Elend die Armut der
Jammer der Völker rührten jedes gefühlvollen Mannes Herz und erzeugten den
leisen Wunsch in ihm möchte doch die Vorsehung Hilfe schicken Er suchte dann
unter dem Haufen einen Freund dem er sich vertrauen konnte dem wie ihm die
allgemeine Not des Landes die Seele erschütterte und er fand bald einen
solchen da nach einem paar Jahren schon außer dem glänzenden Pöbel der in den
Ringmauern des Palastes sein Wesen trieb kein Mensch mit zufriedner heiterer
froher und freier Miene umherwandelte Wenn dann zwei solcher Unzufriednen sich
gegeneinander aufschlossen dann stieß auch wohl einer von ihnen das Wort
heraus »Nein Das kann so nicht bleiben es muss anders werden«
    Die geheimen Verbindungen welche seit einiger Zeit jeder Anführer einer
Partei jeder Erfinder eines Systems jeder Reformator zu seinen Zwecken nützte
waren auch bei dieser Gelegenheit nicht untätig Man stiftete dergleichen in
welchen unter dem Siegel der Verschwiegenheit kühne politische Grundsätze
gepredigt und die Mitglieder mit Wärme und Enthusiasmus für Freiheit erfüllt
wurden
    Der allgemeine Hass der in allen Klassen der Bürger gegen den korrumpierten
Hof herrschte erweckte einen sehr wohltätigen Widerwillen gegen verderbte
Sitten und dieselben Menschen welche bis dahin sich von dem allgemeinen Strome
zu einem üppigen wollüstigen und müßigen Leben hatten hinreißen lassen suchten
nun eine Ehre darin eine Lebensart zu führen die von jener abstach Man sah
nun wieder wenigstens äußerlich Eifer für Keuschheit Mäßigkeit Simplizität
und für alle geselligen Tugenden erwachen
    Bittre Spötter die ohne wahre Wärme für das Gute nur jede Gelegenheit
etwas Witziges und Beissendes zu sagen begierig ergriffen schrieben Satiren auf
den König auf das Kebsweib und die Günstlinge Man hört auf zu fürchten was
man einmal gewagt hat in verächtlichem burleskem Lichte anzusehen Diese
Spöttereien liefen abschriftlich aus Hand in Hand und wurden endlich gar
heimlich gedruckt Einländische und auswärtige Dichter Blätterschreiber Maler
und Kupferstecher wählten den abyssinischen Hof zum Gegenstande ihres Witzes
Bald zirkulierte eine ungeheure Menge solcher Pamphlete Nun wollte die
Regierung größeren Ernst brauchen Untersuchungen anstellen ließ einen armen
Pasquillanten einkerkern  das sicherste Mittel das Übel ärger zu machen Wer
bis dahin noch nicht frei geschrieben gelesen geredet hatte fing jetzt erst
an und unter Menschen die außerdem vielleicht geschworne Feinde waren
entstand eine stillschweigende Verabredung sich einander nicht zu verraten die
Buchhändler aber wurden reich dabei und sorgten für geheime Austeilung aller
sogenannten rebellischen Schriften Das Volk wurde immer kühner der Minister
Stilky fand auf seinem Schreibtische unter den Suppliken Schandschriften und
Drohungen gegen ihn und des Morgens prangten an den Torpfeilern des Schlosshofs
Pasquillen auf Seine Majestät
    Vielleicht hätte dennoch diese allgemeine Gärung weiter keine entscheidende
Folgen gehabt wenn nicht auf einmal die große Revolution welche in Nubien
anfing und vielleicht noch jetzt nicht gänzlich zustande gekommen ist in
Abyssinien eine Hauptkatastrophe herbeigeführt hätte Man wird sich erinnern
welche Schilderung ich im fünften und sechsten Kapitel des ersten Teils dieses
Buchs von dem Despotismus in Nubien entworfen habe die Völker seufzten dort
alle unter dem abscheulichsten Drucke aber noch war die Unzufriedenheit zu
keinem tätlichen Ausbruche gekommen Ein kleiner Umstand dergleichen
mehrenteils in dieser Welt die größeren Begebenheiten zu erzeugen pflegt reizte
die Untertanen des blödsinnigen Königs von Sennar zu einem Aufruhre gegen seine
Stattalter Man wählte verkehrte Mittel um die Unruhen zu dämpfen die dann
bald weiter um sich griffen und sich den mehrsten nubisschen monarchischen und
republikanischen Staaten mitteilten Der Pöbel der keine Grenzen kennt wenn er
einmal die erste Linie überschritten hat wurde nun in allen Reichen unbändig
Könige und Fürsten wurden aus ihren Ländern vertrieben die Volksunterdrücker
ermordet Gefängnisse erbrochen Paläste geschleift Magazine geplündert ganze
Städte verwüstet  Freilich gingen dabei fürchterliche Grausamkeiten und
Ungerechtigkeiten vor aber an wem liegt denn die Schuld wenn abscheuliche
Missbräuche verzweiflungsvolle Mittel unvermeidlich machen
    Die abyssinischen Zeitungen waren voll von den Erzählungen dieser Empörungen
in Nubien und so vorsichtig sie auch waren dergleichen Unfug als verderblich
unglücklich und unerlaubt darzustellen so machten doch diese Erzählungen dem
abyssinischen Volke die Wahrheit einleuchtend dass tausend vereinigte Menschen
stärker sind als ein einziger und dass jene sich nur so lange von diesem
misshandeln zu lassen brauchen als es ihnen beliebt Diese an sich sehr einfache
Wahrheit wurde jetzt laut und öffentlich gesagt und geschrieben
    Noch war der Zeitpunkt da wo der Negus alles hätte gutmachen können wenn
er weise und redliche Ratgeber gehabt hätte und sollten je ähnliche Szenen in
einem europäischen Staate vorfallen5 so möchte ich wünschen dass die
benachbarten Fürsten sich an diesen afrikanischen Begebenheiten spiegeln
möchten um bessere Maßregeln zu nehmen als damals der Negus nahm Ein ganzes
Volk ist nicht so leicht zum Aufruhre geneigt als man gewöhnlich glaubt Jeder
einzelne liebt seine Ruhe bauet bei Revolutionen nicht so ganz fest auf den
Beistand des Nachbars hofft noch immer auf bessere Zeiten Viele sind dann auch
durch Privatinteressen an die jetzige Regierungsform geknüpft sieht die Nation
nur guten Willen von s des Hofs und darf sich nur vergleichungsweise
weniger gedrückt halten als das benachbarte Volk so trägt sie mit Geduld das
Joch wenn dies Joch irgend ein wenig ausgefüttert ausgepolstert ist Nur dann
wenn die Untertanen fast aller Klassen durch Tyrannei aller Art so aufs
äußerste gebracht sind dass sie deren Leben Freiheit und Eigentum ja ohnehin
jeden Augenblick von der Willkür ihres Despoten abhängen bei dem Aufruhre
nichts mehr verlieren und alles gewinnen können nur dann greifen sie zu diesem
verzweifelten Mittel
    Hätte daher der Negus Deputierte aus allen Ständen versammelt und ohne von
seiner wahren Würde etwas zu vergeben noch kindische Furcht oder böses Gewissen
zu verraten ihnen vorgestellt sie sähen welche schreckliche Unruhen in den
benachbarten Ländern herrschten und wie nichts weniger als bessere Ordnung
sondern allgemeine Anarchie die Folgen der willkürlichen gewaltsamen Schritte
des großen Haufens wären es sei aber billig dass das Volk mit seinen Klagen
über die Regierung gehört werde und dass man ihm Rechenschaft von der
Staatsverwaltung ablege der Fürst sei doch eigentlich nur der Vorsteher des
Staats es sei dies ein beschwerliches gewiss weder angenehmes noch leicht zu
verwaltendes Amt Auch er der Negus könnte vielleicht manches darin versehen
gern wollte er einem Würdigern den Platz auf dem Throne überlassen auf welchem
sichs wahrlich nicht so weich und ruhig sitzen ließe als wohl mancher glaubte
Wollten sie aber fernerhin Zutrauen zu ihm fassen so sei er bereit allen
billigen Beschwerden abzuhelfen und gemeinschaftlich mit den Repräsentanten
Grundsätze zu bestimmen nach welchen dann unabänderlich verfahren werden sollte
usw  ich sage hätte er das getan so wäre alles gut gegangen
    Wenn doch nur die Fürsten weise genug sein wollten einzusehen dass sie
sichrer und unumschränkter ein Volk regieren können das sich für frei hält
sich selber zu regieren glaubt als einen Haufen immer unzufriedner immer
murrender Sklaven denen man nie Rechenschaft gibt sie nicht einmal dann wenn
man ihnen Gutes erweiset genug würdigt um ihnen die Ursache zu sagen warum
man es ihnen erweiset Ein guter Fürst kann doch nur die Absicht haben sein
Volk glücklich zu sehen von den weisesten treuesten und besten Menschen
umgeben und geliebt zu sein und für sich und die Seinigen eine frohe bequeme
auch wohl ein wenig glänzende Existenz zu haben Das alles kann er ja erlangen
wie es der gute Vater Georg erlangt und dennoch selbst den Gesetzen unterworfen
sein Wo diese Gesetze regieren diese Gesetze von der Nation selbst gegründet
sind der König aber nur die ausübende Macht hat alles Gute und nichts Böses
tun kann da darf sich niemand an ihn halten wenn nicht alles geht wie es
gehen sollte und man wälzt nicht wie in unumschränkten Regierungen die Schuld
von allem was Schicksal Zeit und Umstände herbeiführen auf den welcher sich
als allmächtig ankündigt Allein die kleinen Untertyrannen die sind es welche
den Fürsten solche verkehrte Begriffe einprägen Sie fürchten ihren Einfluss zu
verlieren und von bessern Menschen aus dem Sattel gehoben zu werden wenn ihr
Herr einmal zu der Erkenntnis käme dass sein und des Landes Interesse ein
einziges und dasselbe ist
    Unser alberner Negus hatte für diese Wahrheiten keinen Sinn auch sagte sie
ihm niemand Wie er sich betrug davon will ich in den nächsten Blättern Bericht
erstatten
 
                              Funfzehntes Kapitel
 Fortsetzung des vorigen Großer Sturm in Abyssinien Des Negus Flucht und Tod
Als zuerst die Untertanen des Königs von Sennar die Waffen gegen ihre Tyrannen
ergriffen und man sich gezwungen sah die benachbarten Könige um Hülfsvölker
anzusprechen da schrieb mir Manim man affektiere am Hofe zu Gondar von diesem
Aufruhre gar nicht zu reden so sehr wolle man das Ansehen haben dies als eine
Kleinigkeit zu verachten Allein die Gärung breitete sich bald weiter aus in
Dequin Bugia und in einigen kleineren nubisschen Staaten griff das Feuer der
Empörung gleichfalls um sich und nun wurde auch unser Negus gebeten eine Armee
zu Hilfe zu schicken Er war sogleich dazu bereit zog die Achseln über die
Schwäche seiner nachbarlichen Könige weil sie das rebellische Lumpengesindel
so nannte man die Leute welche ihre Menschenrechte gegen schändliche
Unterdrücker verteidigten und Macht durch Macht vertilgten noch nicht zu
Paaren getrieben hätten und so ließ er denn ein Heer ausrüsten das einer von
des würdigen Stilkys Brüdern anführte der übrigens kein ganz schlimmer Mensch
war
    Anfangs schrieben die Offizier von der Armee sie hofften bald wieder nach
Gondar zu kommen die Rebellen wären nur zusämmengelaufner buntscheckiger
Pöbel ohne Disziplin und Waffenübung man hätte kaum Ehre davon gegen solches
Pack zu streiten sie liefen in die Wälder sobald sich nur ein tapfrer
Abyssinier sehen ließe
    Ganz anders lauteten die Briefe im folgenden Jahre Da bekamen die tapfern
Abyssinier wo sie sich zeigten von jenem sogenannten Pack derbe Schläge ganze
Korps wurden gefangengenommen und da verwandelte sich dann des Negus Verachtung
in bitteren Grimm vermischt vielleicht mit einer kleinen Ahndung dass der Geist
des Aufruhrs wohl über die Grenze nach Abyssinien hereinschleichen könnte In
der Tat hatte es auch dazu allen Anschein kühne Unternehmungen besonders wenn
sie vom Schicksale begünstigt werden erwecken immer Bewunderung man sprach
jetzt in Gondar selbst laut mit Interesse und Wärme zum Lobe der Tapferkeit
jener braven Nubier die mit kleinen Haufen ungeübter Leute ganze Armeen
erfahrner Krieger in die Flucht schlügen Es fanden sich Dichter die dreist
genug waren diese Taten zu besingen man las mit Eifer die neuen Zeitungen von
daher und murrte unter der Hand darüber dass der Negus mit Aufopferung so
vieler wackeren Abyssinier sich in Händel mischte die ihn nichts angingen
    Ich merkte in Adova wo ich dies alles in der Entfernung beobachtete dass
meinen deutschen Gelehrten besonders den republikanisch gesinnten Pädagogen
die Finger juckten etwas Kühnes über diesen Gegenstand schreiben zu können
allein ich suchte dies zu verhindern zeigte ihnen die Unzweckmässigkeit und
Gefahr eines solchen Unternehmens »Man muss« sagte ich »der wohltätigen Hand
der Zeit die Sorge überlassen dergleichen Revolutionen zur Reife zu bringen
vielleicht kommt der Augenblick wo Sie wenn das Feuer auch hier ausgebrochen
ist Ihre schriftstellerische Talente auf eine würdigere Art anwenden können
zur allgemeinen Ruhe etwas beizutragen und mit philosophischem Geiste Volk und
Monarchen über ihre gegenseitigen Pflichten aufzuklären Und denken Sie denn
nicht daran welcher Gefahr Sie sich selber den edelen Prinzen und uns alle
aussetzen würden wenn der Negus glauben müsste dass von Adova aus der Geist
des Aufruhrs vielleicht aus Privatrache von mir und meinem Vetter angereizt in
Abyssinien erweckt würde«  Meine Vorstellungen bewirkten was ich gehofft
hatte und nirgends vielleicht im ganzen Reiche wurde mit soviel Mäßigung und
Nüchternheit von diesen Angelegenheiten geredet als grade da wo ein kleiner
Haufen von Menschen lebte die sich nicht wenig über den Monarchen zu beklagen
hatten und deren Einfluss nicht geringe gewesen sein würde wenn sie ihn hätten
anwenden wollen
    Bald nachher erschienen von s des Hofs die strengsten Verordnungen
über den Aufruhr in Nubien nicht zu reden nebst einem Verbote aller Schriften
welche davon handelten und aller ausländischen Zeitungen  Wie wenig diese
Befehle fruchteten das wird man leicht begreifen man sah nun dass sich der
Negus fürchtete und das verschlimmerte das Übel
    Das nächste Frühjahr kam heran und es sollte eine große Rekrutenausnahme
für die Armee in Nubien vorgenommen werden aber da weigerten sich als sei
deswegen eine allgemeine Verabredung getroffen worden die sämtlichen
Dorfschaften ihre junge Mannschaft auf die Schlachtbank zu schicken Man ließ
Regimenter gegen die widerspenstigen Bauern anrücken  aber die Soldaten wurden
zurückgeschlagen
    In dieser Not rief man das ziemlich geschmolzene Heer aus Nubien zurück Es
kam aber Anführer und gemeine Soldaten hatten dort Freiheit und Menschenwürde
respektieren gelernt alle weigerten sich einstimmig gegen ihre Mitbürger die
Waffen zu führen und der armselige Negus stand nebst dem Haufen seiner
Lieblinge in vernichteter Majestät verlassen da
    Nun wollte er anfangen mit dem Volke zu kapitulieren allein es war zu
spät die Partei war jetzt zu ungleich Ein zahlreiches Heer hatte sich unter
Anführung eines vom Könige übel behandelten zurückgesetzten und beschimpften
alten Generals zusammengezogen wurde täglich durch neuen Zulauf verstärkt und
rückte schnell gegen Gondar an
    Was war zu tun Seine Majestät lagen damals an einer Entkräftung krank die
Sie sich durch allerhöchstdero viehische Ausschweifungen zugezogen hatten
Schreck und Ärgernis vermehrten das Übel und doch musste eilig ein Entschluss
gefasst werden Der Haufen der Hofschranzen selbst fing nun an da die Altäre der
Götzen wankten dem Negus und seinem Kebsweibe nicht mehr mit jener sklavischen
Ehrerbietung zu begegnen sie wären gern alle davongelaufen wenn sie nicht
geahndet hätten dass sie bei der Armee mit dem Staupbesen würden empfangen
werden
    In diesen Augenblicken von Verzweiflung hatte mein Herr Vetter der
Exminister den Triumph einen Kurier vom Könige in Adova ankommen zu sehen
welcher ihm einen Brief von dem Monarchen brachte der ihn in den
herablassendsten Ausdrücken bat alles Vergangne zu vergessen und ihn beschwor
sich sogleich zum Kriegsheere zu begeben und alles anzuwenden das unruhige Volk
zufriedenzustellen indem er die Bedingungen gänzlich seiner Klugheit und
Großmut überließ Der König selbst hatte sich indes nebst seinem Hofstaate nach
einer Festung führen lassen wo er wenigstens vor den kleinen wilden Haufen die
jetzt ohne Zucht und Ordnung durch das ganze Reich rennten sicher sein konnte
    Mein Vetter genoss diesen Triumph wie es einem verständigen und redlichen
Manne zukömmt er vergaß den alten Groll und begab sich begleitet von meiner
Wenigkeit unverzüglich in das Lager der Insurgenten
    Allein die Zeiten Vergleichsvorschläge anzunehmen waren vorbei Wir
wendeten unsre ganze Beredsamkeit vergebens an die Nation drang auf gänzliche
Abschaffung der monarchischen Regierung auf Vernichtung des Adels auf
Abdankung des stehenden Heers auf Auslieferung der Volksunterdrücker um sie
gebührend zu bestrafen verlangte endlich dass der Negus selbst den Thron
verlassen und in den Stand eines Privatmannes zurücktreten sollte
    Das waren nun harte Bedingungen weil wir aber keine Hoffnung vor uns sahen
dies Nationalurteil zu mildern so wollten wir wenigstens den unglücklichen
König nicht verlassen Der jüngre Prinz war großmütig genug seines Bruders
Schicksal mit ihm teilen zu wollen und so zogen wir denn der gute Prinz sein
vortrefflicher Lehrer mein Herr Vetter und ich im Frühjahre 1787 zu dem Negus
in die kleine Festung um dort den Ausgang der Sache zu erwarten
    Als wir dahin kamen fanden wir seinen Gesundheitszustand so sehr
verschlimmert dass wir bald sahen er würde den Schimpf welcher ihm bevorstand
nicht erleben Wirklich starb er wenige Tage nachher wie solche unbedeutende
Menschen zu sterben pflegen und wir ließ ihn in der Stille begraben
    Jetzt harrte freilich der Buhlerin und des ganzen Anhangs ein sehr trauriges
Los Der Pöbel welcher bei solchen Revolutionen sich nie in den Schranken der
Gerechtigkeit und Mäßigung hält hatte schon in Städten und Dörfern alle
diejenigen auf die grausamste Weise ermordet welche er für Kreaturen des Hofs
hielt was für ein Schicksal die Hauptgegenstände des allgemeinen Hasses zu
erwarten hatten das ließ sich leicht voraussehen Wir wollten doch gern soviel
an uns lag allem ferneren Blutvergießen steuren und so sorgten wir dafür dass
dieser ganze Haufen in der Nacht verkleidet die Festung verließ und durch
unbekannte Wege in das Königreich Kongo flüchtete da wir dann weiter nichts
mehr von diesen unwürdigen Menschen gehört haben
 
                              Sechzehntes Kapitel
  Erste Anstalten zu Gründung einer neuen Regierungsform Nationalversammlung
Als die Nachricht von des Negus Tode und der Entweichung seiner Lieblinge im
Lande bekannt wurde war die Volksarmee nur noch wenig Meilen von der Festung
entfernt in welcher wir uns mit dem Prinzen befanden Eine unbeschreibliche
Freude bemeisterte sich der Gemüter allein zugleich schien auch der Pöbel zu
glauben mit der Vernichtung der Tyrannei sei aller Zwang der Gesetze
aufgehoben Allgemeine Unordnung herrschte besonders auf dem platten Lande der
Stärkere griff zu um seine Habsucht schlug zu um seine Rachsucht zu
befriedigen Gewalttätigkeiten aller Art und Sittenlosigkeit nahmen die
Oberhand es war Zeit schleunige Mittel zu wählen um diesem Unwesen Einhalt zu
tun allein wer sollte hierzu Anstalt treffen da kein Oberhaupt an der Spitze
stand und die Menschen besserer Art selbst unter sich uneinig waren welche
Gattung von Regierungsform sie künftig wählen und gründen sollten Das
abyssinische Reich ist groß wie in den entfernten Provinzen die Gemüter
gestimmt waren und ob dort das gebilligt werden würde was man nun in Gondar
vornahm das konnte man nicht wissen Hier wo man die liebenswürdigen
Eigenschaften des jüngeren Prinzen kannte schien der größte Teil des Volks
geneigt diesem die Regierung zu übertragen misstrauischere vorsichtigere und
sehr republikanisch gesinnte Leute hingegen wollten dies teils nur unter
gewissen Einschränkungen zugeben teils durchaus nichts von Herrschaft eines
einzigen hören Indessen war die Armee groß und es ließ sich voraussetzen dass
wenn diese sich einstimmig für ein System erklären würde es nicht schwerhalten
könnte dasselbe durchzusetzen
    In dieser Lage baten wir alle inständigst den Prinzen sich an die Spitze
des Heers zu stellen davon der größte Teil ihm schon ergeben war und wovon er
den Rest leicht durch seine Leutseligkeit und edle Beredsamkeit gewinnen würde
allein er wollte sich durchaus nicht dazu entschließen bis endlich die Generale
zu ihm gekommen waren und ihn im Namen aller Korps angefleht hatten sie nicht
zu verlassen sondern durch seine Gegenwart den Gewalttätigkeiten im Lande zu
steuren und Ruhe und Ordnung wiederherzustellen Da machte sich denn der Prinz
begleitet von seinem ehrwürdigen Mentor und uns andern auf und begab sich in
das Lager woselbst er mit lautem Jauchzen empfangen wurde
    Sobald wir bei der Armee angekommen waren ließ der Prinz allen Truppen
ankündigen dass er ihnen etwas vorzutragen hätte weswegen er sie ersuchte von
jedem Regimente oder da das Heer zum Teil nur aus zusammengelaufenen Haufen
bestand je aus tausend Mann zwei auszuwählen die man ihm als Abgeordnete
schicken möchte damit er diesen seine Absichten und Plane eröffnen könnte Dies
geschahe mit aller Ordnung und Bereitwilligkeit worauf er denn den Deputierten
eine Rede hielt die sowenig sie studiert war für ein Meisterstück männlicher
einfacher und erhabner Beredsamkeit gelten konnte  Ich will nur etwas von dem
Hauptinhalte derselben hier herschreiben es hieß darin ihn blende nicht der
Glanz der Krone er habe gelernt die Süßigkeit eines den Wissenschaften und der
nützlichen Tätigkeit in kleineren Kreisen gewidmeten Lebens zu schmecken Er habe
oft gefühlt und fühle noch wie schwer es sei sich selber ohne den Rat eines
weisen Freundes zu regieren  welche Torheit also Millionen Menschen nach den
Einsichten seines eignen beschränkten Kopfs und nach den Gefühlen seines leicht
irrezuführenden Herzens lenken und ohne fremden Beirat unumschränkt
beherrschen zu wollen  Ihm sei daher schon der Gedanke einer willkürlichen
Alleinherrschaft unerträglich Nur nach bestimmten mit reifer Überlegung
verfassten Gesetzen müssten vernünftige Wesen ihre Handlungen einrichten nicht
nach den Winken eines einzigen unter ihnen Indessen sei jetzt ein so
stürmischer Zeitpunkt wo es nicht möglich sei über Gründung dieser Gesetze
sogleich einig zu werden Er wollte also doch nur auf ein Jahr das Ruder des
Staats in seine Hände nehmen nicht als sein Eigentum sondern als ein ihm
anvertrautes Pfand bis er es würdigern Händen übergeben könne Es sei hier
nötig rasche entschlossene Schritte zu tun um der Anarchie zu steuern und
Anstalt zu einer festen Konstitution zu machen Wenn die Abgeordneten der Armee
dies billigten so sollten diese dann sogleich sich an die Spitze einzelner
Korps stellen mit diesen in alle Provinzen des Reichs marschieren und dort mit
vollem Ernst einer militärischen Strenge die Ordnung und Ruhe herstellen Sie
sollten hierauf Sorge tragen dass jedes Dorf und jede Stadt einen oder nach
Verhältnis der Größe mehr Deputierte zu welchem die Gemeinen oder Kirchspiele
das größte Zutrauen hätten ohne allen Unterschied der Stände wählten solche
Deputierten aus allen den Örtern welche zu einem Amte gehörten sollten
wiederum unter sich zwei Männer auszeichnen zu deren Vorteil sich das Urteil
der mehrsten unter ihnen vereinigte mehrere Ämter aus welchen eine Provinz
bestehe sollten nach eben diesem Maßstabe verfahren und so würde denn aus
zwölf Provinzen eine Anzahl von vierundzwanzig Menschen zusammenkommen  grade
nicht zuviel um wichtige Gegenstände mit Ordnung und Ruhe verhandeln zu können
und nicht zuwenig um doch die Verschiedenheit der Meinungen und Einsichten zu
nützen Diese vierundzwanzig Personen sollten sich in Gondar versammeln und ein
Nationalkollegium ausmachen dessen Präsident er der Prinz vorerst zu sein
sich verbindlich mache Der Zweck dieser Versammlung müsste sein eine auf
bestimmte Gesetze gegründete Staatsverfassung zustande zu bringen Einen Plan
hierzu hätte der Prinz unter Anführung seines weisen Lehrers schon seit
einigen Jahren fertig liegen gehabt  nicht in der stolzen Absicht je der
Gesetzgeber seines Volks zu werden sondern um seine Gedanken über Gegenstände
zu berichtigen die der ganzen Menschheit so wichtig wären und weil er bei der
fürchterlichen Regierungsverfassung der letztern Zeiten vorausgesehen hätte
dass er vielleicht einst seinen lieben Mitbürgern durch guten Rat nützlich werden
könnte Diesen Plan nun sollte die Nationalversammlung durchgehen prüfen die
einzelnen Teile desselben ausarbeiten und dann ihre Gedanken darüber ihren
Kommittenten mitteilen Dort würden diese Gesetze abermals geprüft berichtigt
und noch weiter hinunter an die größeren Ausschüsse geschickt und endlich jedem
einzelnen vorgelegt durch eben diesen Weg kämen sie wieder verbessert oder
bestätigt bis an die Quelle an den Nationalkongress zurück welcher die
Resultate davon nach der Mehrheit der Stimmen als Grundgesetz niederschriebe
Auf diese Weise würde die neue Konstitution durch die Mehrheit der Stimmen aller
Hausväter aus allen Ständen im ganzen Reiche gegründet werden und nach
Jahresfrist könne alles in Ordnung sein Bis dahin wolle er der Prinz obgleich
sehr gegen seine Neigung sich als den König des Landes betrachten weil das
Nationalkollegium nicht Zeit haben würde neben der Gesetzgebung sich noch mit
Regierungsangelegenheiten zu befassen Er wolle dafür sorgen dass die Geschäfte
einen ordentlichen Gang gingen nach der Weise wie es unter seines Vaters
Regierung gewesen sei Man möge nur nicht den Einwurf machen ein Jahr sei nicht
hinreichend ein so großes Werk zustande zu bringen sobald man über Grundsätze
einig geworden wäre und das hoffte er bald zu bewirken würde die weitre
Ausarbeitung nicht viel Zeit wegnehmen denn die Menge der Gesetze mache ein
Land nicht glücklich sondern ihre Einfalt Bestimmtheit und pünktliche
Befolgung Auch dürfe man nicht einwenden dass die Prüfung und Beistimmung
aller auch der wenigen kultivierten Stände weder nützlich noch erforderlich zu
diesem Geschäfte wären Jeder volljährige Mensch sei kultiviert genug um über
das zu urteilen was er tun oder lassen müsse oder vielmehr es sei ungerecht
verlangen zu wollen dass ein Mann etwas leisten oder unterlassen sollte wenn
man ihm nicht einmal soviel Verstand zutrauete einzusehen warum man dies von
ihm forderte Menschen im Staate seien ja keine Kinder welche im Blinden zu
leiten und gegen ihren Willen ihre Handlungen zu lenken andre gewisse Menschen
und noch obendrein die wenigsten an Menge das Privilegium haben könnten Wenn
also der mögliche Fall angenommen werden könnte dass die größere Anzahl der
Bürger in einem Staate Toren wären so würde es sehr viel natürlicher sein
dort mit Einwilligung aller törichte Gesetze zu geben als einigen Klügern
oder sich klüger Dünkenden zu gestatten jenen mit Gewalt ihre Weisheit
aufzudringen
    Diese Vorschläge fanden allgemeinen Beifall wurden niedergeschrieben und
von den sämtlichen Deputierten der Armee welche mit ihren Korps in alle
Gegenden des Reichs zogen im Lande bekanntgemacht Hierauf schritt man sogleich
zu den Wahlen und binnen wenig Wochen waren die vierundzwanzig
Nationaldeputierten in Gondar versammelt Der Prinz aber übernahm unter dem
Titel eines Regenten die Interimsregierung schaffte vorerst die drückendsten
Missbräuche ab machte aber übrigens keine wichtige eigenmächtige Veränderungen
    Da ich hoffe dass es den Lesern nicht unangenehm sein wird wenn ich sie mit
seinen Regierungsbegriffen bekannt mache so will ich in den folgenden Kapiteln
den ganzen Plan welchen er der ehrwürdigen Versammlung von Deputierten aus
allen Ständen vorlegte stückweise abschreiben
 
                             Siebenzehntes Kapitel
      Entwurf der neuen Staatsverfassung Richtige allgemeine Begriffe von
                     bürgerlicher Freiheit und Gesetzgebung
Der Mensch in dieser Welt sucht Glückseligkeit sucht sie vorzüglich wenn er
mit andern Menschen in Verbindung tritt allein fühlt er sich hilflos und
unbehaglich um die Summe seiner Glückseligkeit zu vermehren schließt er sich
an seinesgleichen an
    Glückseligkeit ist Lebensgenuss und um des Lebens genießen zu können muss
man frei sein Lebt man aber in Verbindung mit andern Menschen so kann nicht
jeder einzelne verlangen alles zu genießen er muss auch den übrigen erlauben
ihren Anteil Genuss von den allgemeinen Lebensgütern und Vorteilen zu schmecken
er muss also seiner Freiheit gewisse Grenzen setzen doch nur solche Grenzen in
welchen er mit der allgemeinen Glückseligkeit seine eigne durch einzelne
Aufopferungen befördert denn sind die Grenzen der Freiheit zu enge gezogen die
Aufopferungen zu groß so fühlt sich der Mensch in Verbindung unglücklicher als
im isolierten Zustande und so fällt also die Ursache weg weswegen er sich an
andre angeschlossen hat Jedermann wünscht daher auch als Staatsbürger noch
immer soviel von der natürlichen Freiheit zu behalten als mit der Wohlfahrt des
Ganzen bestehen kann Es kommt desfalls darauf an richtige Begriffe von der
bürgerlichen Freiheit festzusetzen damit wir die wir das Joch der Tyrannei
abgeschüttelt haben um freie Bürger zu werden uns untereinander verstehen und
wissen mögen was wir suchen und was wir erlangen können
    Die Systeme des Natur und Völkerrechts die bei den europäischen Nationen
im Gange sind und die ich studiert habe finde ich voll verdrehter
konventioneller Ideen die nichts weniger als aus der Natur entlehnt nicht von
der nüchternen vorurteilsfreien Vernunft eingegeben sind ich finde künstliche
ja sogar religiose Begriffe mit eingemischt die gar nicht dahin gehören wovon
der Mensch im Stande der Natur nichts wissen kann
    Die Freiheit des Menschen im natürlichen rohen wilden Zustande besteht
darin dass jeder einzelne alle seine Handlungen willkürlich einrichten tun
darf was ihm beliebt und wozu er Kräfte hat und nehmen was ihn gelüstet und
was er bekommen kann
    Der Mensch im geselligen Zustande unterlässt manche willkürliche Handlung
versagt sich manchen Besitz und Genuss um andern dergleichen zu überlassen in
der Absicht dass diese ein Gleiches in Rücksicht seiner tun werden oder er gibt
etwas hin um wieder zu erhalten und desto sichrer das übrige zu besitzen
allein diese Aufopferungen sind willkürlich sind das Werk wohlwollender
Empfindungen oder Spekulation des Eigennutzes
    Die Menschen im bürgerlichen Leben bringen diese Regeln der Geselligkeit und
gegenseitigen Aufopferung in gewisse Systeme setzen mit Übereinstimmung aller
Vorschriften darüber fest die man Gesetze nennt nach welchen dann jeder
handeln muss zu deren Befolgung man jeden zwingen kann der im Staate geduldet
sein will Nun fallen alle willkürliche Handlungen weg weil keine Handlung
erdacht werden mag die nicht Einfluss auf die Wohlfahrt des Ganzen haben könnte
Wollte man wie es von vielen geschieht gewisse Handlungen davon ausnehmen und
diese der freien Willkür der einzelnen überlassen so würden sich bald Ursachen
und Vorwände für jede Handlung finden Dies nun nämlich dass jede Handlung des
Bürgers vom Staate eingeschränkt werden darf ein Gegenstand der Gesetzgebung
werden kann klingt sehr despotisch doch wird das wegfallen wenn ich mich
deutlicher erkläre Despotismus besteht in der Befugnis die einem oder mehreren
verstattet von einem oder mehreren genommen wird andern willkürlich
vorzuschreiben was sie in einzelnen Fällen tun oder unterlassen sollen die
Gewalt einer vernünftigen Staatsverfassung hingegen beruht auf der Befugnis des
ganzen Korps der Bürger unter sich durch Mehrheit der Stimmen Regeln
festzusetzen nach welchen jeder einzelne Bürger seine Handlungen einrichten
soll solange er im Lande leben will und in der Befugnis der Vorsteher des
Staats mit aller Strenge auf Befolgung dieser Regeln oder Gesetze zu dringen
und zu halten
    Nach diesen allgemeinen Begriffen bestimme ich folgende besondere Sätze
    1 Alle Handlungen eines Bürgers im Staate können ein Gegenstand der
Gesetzgebung sein weil sie alle Einfluss auf das Ganze haben können eine andre
Frage aber ist ob es gut sei über alle Handlungen Vorschriften zu geben Es
ist also keinem Zweifel unterworfen dass der Staat sich zum Beispiel in das
Erziehungswesen mischen und darüber Gesetze geben dürfe weil es ihm nicht
einerlei sein kann was für Bürger ihm die folgende Generation liefert allein
es ist noch nicht ausgemacht ob es zweckmäßige und vorteilhaft sei oder nicht
sich in das Geschäft der Privaterziehung zu mischen Ganz gleichgültige
Handlungen einzuschränken wäre nun vollends Torheit
    2 Neue Gesetze aber welche die Freiheit gewisser Handlungen einschränken
können nur mit Wissen und Willen aller erwachsenen Bürger im Staate gegeben
werden
    3 Da nicht zu erwarten steht dass Tausende leicht einerlei Meinung sein
werden so muss bei einer solchen Gesetzgebung die Mehrheit der Stimmen
entscheiden Die weiseste Meinung ist nun aber freilich nicht immer die Meinung
des größeren Haufens allein jeder kann sich für den Weisesten halten und wer
darf dann entscheiden Es bleibt daher kein anderes Mittel übrig als die
Meinung der mehrsten für die beste Meinung zu halten und am Ende muss es ja auch
von dem größten Haufen abhängen unweise Gesetze zu geben wenn er nun einmal
keine andre haben will weil der größere Haufen der stärkste Teil ist und das
Recht der Stärkern in der ganzen Natur die Oberhand hat
    4 Es muss jedermann erlaubt sein wenn ihm diese Gesetze nicht gefallen das
Land zu verlassen in welchem man gezwungen wird nach denselben zu handeln Ein
Gesetz also welches den Bürgern im Staate das Auswandern verbietet ist ein
tyrannisches Gesetz denn die bürgerliche Einrichtung soll eine Wohltat für
einzelne Menschen sein und man darf niemand zwingen wider seinen Willen
Wohltaten anzunehmen
    5 Durch das Recht des Stärkern folglich auch durch Vereinigung der größeren
Anzahl gegen die kleinere folglich auch durch Entscheidung der Mehrheit der
Stimmen könnten ungerechte Befehle gegeben werden die bloße Freiheit aber
sich diesen Ungerechtigkeiten durch Auswanderung aus dem Lande zu entziehen
scheint manchen guten und nützlichen Bürger in die Verlegenheit stürzen zu
können des Eigensinns vieler schiefen Köpfe wegen mit seinem gradern Kopfe das
Land zu verlassen und die Früchte seines Fleißes darin mit dem Rücken anzusehen
ein Land in welchem er manche andre Gemächlichkeit fand und auf vielfache Weise
Gutes stiften konnte Um auch diesen Nachteil vom Staate abzuwälzen muss man
jedem erlauben die Gemüter der größeren Anzahl zum Vorteile seiner Meinung zu
lenken Da doch am Ende alles auf dem Recht des Stärkern beruht so darf man
auch niemand die Mittel benehmen durch Stärke des Geistes durch die Übermacht
welche höhere Verstandeskräfte gewähren der andern Macht das Gleichgewicht zu
halten Es muss daher jedem unverwehrt bleiben frei über zu machende und zu
verändernde Gesetze seine Meinung zu sagen und zu schreiben und alle Künste der
Überredung und jedes andre Mittel anzuwenden um den großen Haufen welcher
entscheidet auf seine Seite zu bringen Wendete er unedle Mittel an und ließ
seine Mitbürger sich durch unedle oder sophistische Gründe lenken so wäre das
ein Zeichen dass die mehrsten dieser Leute schlechte unvernünftige Menschen
wären und da würde dann erfolgen was sie verdienten und der Ordnung der Dinge
angemessen ist  sie würden eine schlechte Staatsverfassung bekommen Dies wird
aber schwerlich je der Fall sein und wenn man nur zwanglos der Ordnung der
Natur den freien Lauf lässt so wird auf die Länge immer die Sache der gesunden
Vernunft die Oberhand behalten
    6 Ist ein Gesetz einmal gegründet so muss freilich die heranwachsende
Generation sich demselben unterwerfen obgleich sie nicht ihre Stimme dazu
gegeben hat denn sie hat ja keinen neuen Staat zu errichten sondern der Staat
ist schon gegründet in welchem zu leben die Neuhinzukommenden entweder die
Freiheit behalten und sich dann den Vorschriften unterwerfen müssen oder aber
auswandern mögen Allein auch dies könnte zu einer Art von Ungerechtigkeit
werden nach Verlauf eines Jahrhunderts lebt ja keiner von den Gesetzgebern
mehr auch verändern sich die Zeiten und Umstände da ist es dann unbillig dass
Menschen ihren freien Willen nach Vorschriften einschränken sollen die in alten
Zeiten Personen gegeben haben welche gar keine Gewalt über die Handlungen
solcher Menschen haben konnten die damals noch nicht existierten Um auch
diesen abzuhelfen muss jedem Bürger im Staate freistehen nicht nur über zu
gebende Verordnungen ungestört seine Meinungen zu sagen und sie auf alle Art
gelten zu machen sondern diese Freiheit muss sich auch auf sein Urteil über
schon existierende Gesetze und Einrichtungen erstrecken die er abgeschafft zu
sehen wünscht  Frei und ungehindert muss also jeder Bürger über Regierung und
Staatsverwaltung reden und schreiben dürfen
    7 Da der Ton des Zeitalters da Lebensart und Sitten Verhältnisse der
Einwohner gegen einander und gegen Fremde das Land selbst kurz alles in einem
Zeitraume von einem Menschenleben sich verändert so werden manche heute
gegebene Gesetze nach funfzig Jahren unnütz und zwecklos sein Es ist daher der
Klugheit gemäß dass die Volksversammlung nach Ablauf einer gewissen zu
bestimmenden Zeit die sämtlichen Landesverordnungen aufs neue durchgehe
untersuche Einwendungen dagegen und nützliche Vorschläge zu Abänderungen und
Neuerungen von jedem Bürger im Staate sich vorlegen lasse und danach ein neues
Gesetzbuch verfertige
    8 So gewiss jede Handlung eines Bürgers durch Gesetze bestimmt oder
eingeschränkt werden darf wie ich das schon bewiesen habe so sehr befördert es
die allgemeine und die Privatglückseligkeit dass man bei der Gesetzgebung darauf
Rücksicht nehme sowenig als möglich die natürliche Freiheit einzuschränken
sich untereinander keinen unnützen oder gar schädlich werdenden Zwang
aufzulegen Es werden daher bei unsrer Legislation eine Menge kleiner
Verordnungen wegfallen die bei andern Völkern ganze Bände füllen
    9 Da die Gewalt der Gesetzgebung sich nur auf Handlungen erstreckt so
können Gedanken und Meinungen gar nicht offenbare Absichten sehr selten ein
Gegenstand derselben sein
    10 Was der Mensch besaß ehe er in die bürgerliche Verbindung trat was er
ohne sie besitzen kann was er ihr nicht zu verdanken von ihr nicht zu erwarten
hat wovon sie ihm den Besitz nicht zuzusichern vermag endlich was er ihr nicht
aufopfern kann weil er selbst nicht Herr darüber ist das darf ebensowenig ein
Gegenstand der Gesetzgebung werden
    11 Weil es jedermann erlaubt sein muss auch über die wichtigsten Dinge frei
und offenherzig seine Meinung zu sagen und nur Handlungen der Gegenstand der
Gesetzgebung sind so dürfen also gesprochene und geschriebne Worte von welcher
Art sie auch sein mögen nie durch Gesetze eingeschränkt werden
    12 Da auf diese Weise der Staat den Bürgern Gelegenheit gibt öffentlich
alles Gute zu tun und zu reden zum Besten des Ganzen und zu ihrer eignen
Wohlfahrt alle redliche Mittel anzuwenden sie auch gegen Beeinträchtigung
dieser Freiheit kräftig schützt so darf er dagegen desto strenger jede geheime
Machination jede versteckte Meuterei jede im Finsteren schleichende Wirksamkeit
einzelner und verbundner Menschen jede anonyme Verunglimpfung Schmähung und
Anklage verdächtig finden und ahnden denn da wo man der Vernunft der
Ausbreitung nützlicher Kenntnisse und der Ausführung nützlicher Zwecke keinen
Zwang auflegt da kann es keine erlaubte geheime Künste und keine redliche
geheime Plane geben  Soviel von der bürgerlichen Freiheit und den Grenzen der
gesetzgebenden Macht im allgemeinen
 
                              Achtzehntes Kapitel
            Fortsetzung Staatsbediente und Vorsteher Ämter Stände
Ich sehe voraus dass bei den besonderen Vorschlägen die ich nun zu Errichtung
einer neuen Staatsverfassung wagen will von allen Seiten der Einwurf mir
entgegengestellt werden wird solche gegen alle bisher herrschend gewesene Ideen
streitende Einrichtungen ließ sich ohne gänzlichen Umsturz der ganzen
Verfassung und ohne unabsehliche Verwirrung nicht einführen  Ich will dies
zugeben allein meine Absicht ist auch nur meinen Mitbürgern das Ideal einer
vollkommenen Verfassung wie ich sie mir denke hinzustellen Betrachten Sie dies
Ideal genau untersuchen Sie ob es ganz oder zum Teil zu erreichen ist Und
wenn Sie dann auch nur einige meiner Vorschläge nützlich und anwendbar finden
so werde ich meine Mühe nicht verloren zu haben glauben Allein ich muss Sie
zugleich ermuntern sich nicht durch Vorliebe für das Alte nicht durch
Privateigennutz noch durch Schwierigkeiten abschrecken zu lassen das wahrhaftig
Gute dem Ganzen Nützliche mit Hinwegwerfung alles dessen was auch durch
verjährte Vorurteile gleichsam geheiligt scheint mit Wärme und unverdrossen zu
ergreifen Ist man einmal von der Güte eines neuen Systems und von der
Mangelhaftigkeit des bisherigen überzeugt so ist es besser das alte mit Stumpf
und Stiel auszurotten als ewig zu flicken und nie ein vollkommnes Ganzes
zustande zu bringen Was helfen Palliativkuren wenn man voraussieht dass früh
oder spät ohne gewaltsamen Schnitt der Tod unvermeidlich ist  Rücken wir der
Sache näher
    Ohne Haupttriebfeder kann keine Maschine bestehen ohne Oberhaupt keine
Gesellschaft Bestand haben es muss also das Ruder des Staats gewissen Händen
anvertraut werden nur muss dafür gesorgt sein dass der Mechanismus des Ganzen
so geordnet sei dass die dirigierende Kraft darin dem Gange keine willkürliche
Richtung geben nichts mehr tun könne als grade was eine Feder in einem
Uhrwerke bewirkt nämlich alle übrigen nach gewissen Regeln fortlaufenden Räder
und Walzen die erste Bewegung zu geben Je einfacher dies erste Ressort ist
desto weniger Verwirrung wird zu besorgen sein nach dieser Analogie halte ich
es für besser dass eine als dass mehrere Personen die mechanischen Bewegungen des
Staatskörpers dirigieren  Ich rate euch also einen Mann  nennt ihn König
oder wie ihr wollt  zu wählen der für Ausübung eurer Gesetze und
Aufrechtaltung eurer Einrichtungen sorge Man weiß dann an wen man sich zu
halten hat und er fühlt dass Ehre und Schande und Verantwortung auf ihn allein
fällt statt dass da wo mehrere die Hände am Ruder haben Verschiedenheiten in
den Charakteren Zwist Missverständnisse die Einheit des Ganzen stören die
Geschäfte aufhalten und indem einer die Schuld auf den andern schiebt die Last
dem andern aufladet nichts mit Eifer und Ordnung betrieben wird
    Unsern König müssen wir aus dem ganzen Volke wählen und das ganze Volk muss
ihn wählen und zwar einen Mann der schon der Nation bekannt ist folglich
einen unter den Stattaltern von denen ich nachher reden werde Er bekleidet
seine Stelle so wie alle übrige höhere Staatsbediente nur sechs Jahre lang und
tritt dann in den Privatstand zurück wenn man ihn nicht etwa aufs neue wählt
Während seiner Amtsführung kann niemand ihn zur Verantwortung ziehen sobald
seine Zeit verflossen ist kann die Nationalversammlung Rechenschaft von ihm
fordern Eine Art aller mannbaren Bürger Stimmen zu sammeln habe ich
vorgeschlagen als ich den Häuptern des Kriegsheers meinen ersten Entwurf zu
Errichtung einer Nationalversammlung vorlegte
    Der König hat solange seine Regierung dauert unumschränkte Gewalt die
Gesetze der Nation mit aller vorgeschriebenen oder erlaubten Strenge in Ausübung
bringen zu lassen Er wacht über die Ordnung im Ganzen an ihn laufen die
Berichte der Stattalter bei eiligen in den Gesetzen nicht bestimmten Fällen
befiehlt er vorerst was geschehen soll ist die Sache wichtig betrifft sie zum
Beispiel Krieg und Frieden so beruft er die Nationalversammlung oder erbittet
sich schriftlich ihre Stimmen Diese Nationalversammlung kommt ordentlich zwar
nur alle sechs Jahre einmal zusammen weil dann die Mitglieder woraus sie
bestehen soll aus allen Provinzen gewählt werden allein diese sechs Jahre
hindurch bleibt doch jeder von den Nationalräten in dem Verhältnisse dass er
bereit sein muss mit seiner Person oder seinem Gutachten sich einzustellen In
allen Fällen, die einmal in den Landesgesetzen bestimmt sind bedarf es weiter
keiner Anfragen der König darf darin nichts willkürlich tun muss immer
pünktlich auf Befolgung derselben halten darf eigenmächtig keine Strafen
verhängen aber auch keine Strafen erlassen noch mildern
    Im Kriege ist der König kein Heerführer sondern bleibt so wie alle
Staatsbediente im Lande Die Generale werden von der Nationalversammlung
ernannt und mit Instruktionen versehen
    Er ist verpflichtet jeden Morgen drei Stunden lang jedermann der ihn
sprechen will vor sich zu lassen Klagen anzuhören oder schriftliche Aufsätze
darüber zu fordern wenn das nötig ist und dann die Sachen den verschiedenen
Gerichtshöfen zur Besorgung zu übergeben Sechs untergeordnete Staatsräte
arbeiten unter seiner Anweisung in diesen Geschäften
    Mit ihm zugleich wird ein Vizekönig erwählt der aber nicht eher etwas mit
Staatsgeschäften zu tun hat als bis der wirkliche König krank zur Arbeit
unfähig wird oder stirbt
    Die Residenz des Königs und des Staatsrats wird gleichfalls alle sechs
Jahre nach der Reihe aus einer der zwölf Hauptstädte des Landes in die andre
verlegt
    Des Königs Person ist nicht heiliger als die eines jeden andern nützlichen
Bürgers ihm wird keine Art von äußerer sklavischer Verehrung bewiesen er ist
kein Gesalbter und kein Stattalter Gottes er hat keine Leibwachen keine
ausgezeichnete Kleidung seine Kinder und Verwandte sind Privatleute wie wir
alle er ist niemand in Gnaden gewogen und niemand ist ihm untertänig Er
erhält während der sechs Jahre seiner Amtsführung da er nicht Musse übrig hat
durch Betreibung andrer Geschäfte seinen Unterhalt zu gewinnen ein
ansehnliches doch nicht das Einkommen eines reichen Privatmannes
überschreitendes Jahrgeld allein der Staat besoldet ihm keine Hofschranzen
keine Müßiggänger hält ihm keine Spielwerke  Unser König soll ein weiser Mann
sein und ein weiser Mann ist über Flitterstaat unnütze Bedürfnisse und
Torheiten hinaus
    Der König kann keinen auch den geringsten Diener des Staats nicht weder
ernennen befördern noch absetzen Alle werden entweder von ihren Untergebenen
oder von ihresgleichen gewählt oder besonders die welche Besoldung erhalten
von dem Kollegio ihrer Vorgesetzten ernannt Zu allen diesen Ämtern aber die
Subjekte sowie überhaupt alles was der König nötig und nützlich findet in
Vorschlag zu bringen das ist seine Pflicht und seine Mitbürger werden gewiss
gern wenn sie können auf seine Empfehlungen Rücksicht nehmen da seine
Geschäfte ihn in den Stand setzen die Bedürfnisse des Landes und die
Fähigkeiten einzelner Personen genauer kennenzulernen
    Wundert euch nicht meine lieben Mitbürger wenn ich meinem Könige sowenig
willkürliche Macht einräume ihn so gänzlich den Gesetzen und der Nation
unterwerfe Ihr habt es hier gesehen welche schreckliche Dinge der Despotismus
anstellen kann und wenn ihr überleget wie groß der Reiz eines ehrgeizigen
Mannes ist seine Gewalt über andre Menschen immer weiter auszudehnen wenn ihr
einen Blick in die Geschichte werfet und da leset wie die Beherrscher der
Völker in allen Zeitaltern stufenweise weiter gegriffen haben von einer
Gewalttätigkeit zur andern fortgeschritten sind bis zuletzt ganze Völker sich
und Gottes Erdboden den sie bebauet hatten als das Eigentum eines höchst
elenden Menschen ansahen der ihnen nach Belieben Gesetze gab die er selbst
nicht hielt und wenn er einmal einen Überrest von Menschlichkeit und
Pflichterfüllung zeigte dies denen Leuten welche ihn ernährten und
beschützten für überschwengliche Gnade und Huld verkaufte  wenn ihr das alles
überlegt so denke ich ihr werdet die Notwendigkeit einsehen bei Gründung
einer neuen Konstitution auch die entfernteste Möglichkeit wiederum unter das
Joch der Tyrannei zu kommen aus dem Wege zu räumen Wem schaudert nicht die
Haut wenn er lieset wie Philipp der Zweite von Spanien und sein Herzog von
Alba mit der Existenz der Menschen gespielt haben wie gegen Sklaverei
unempfindlich gewordene Menschen den kleinen verachtungswerten Ludwig den
Vierzehnten der seiner niedrigen kindischen Eitelkeit Millionen Leben und den
Flor des Reichs aufopferte  den Großen nannten wie das Oberhaupt eines
Standes der den Eid der Keuschheit schwören muss der Chef einer
Religionspartei die Hurer und Ehebrecher zur Verdammung verurteilt wie der
Papst Alexander der Sechste seine anerkannten Bastarde zu Herzogen erhob und in
öffentlicher Unzucht und Blutschande lebte wie endlich noch jetzt in allen
Ländern Europens große und kleine Fürsten mit Verordnungen und Strafen Unfug
treiben und Todesurteile über Verbrechen unterzeichnen die sie und ihre
Lieblinge täglich begehen  Und diese Beispiele sollten uns nicht die Augen
öffnen  Doch lasset uns jetzt von den übrigen Staatsbedienten reden
    Solange ein Mann Mitglied des Nationalrats oder des höchsten Volkstribunals
ist kann er kein Amt im Staate bekleiden denn er kann nicht zugleich Herr und
Diener sein
    Die Staatsräte des Königs haben keine Stimme sondern besorgen nur unter
seiner Anweisung das Mechanische der Geschäfte Sie sind also eigentlich keine
Staatsbediente obgleich die Nation sie besoldet der König allein wählt sie
sich kann sie nach Willkür annehmen und verabschieden denn er allein hat mit
ihnen zu arbeiten
    Das ganze Reich ist in zwölf Provinzen geteilt jede Provinz hat eine große
Stadt die wie ich schon gesagt habe abwechselnd die Residenz des ganzen
Reichs wird In jeder dieser Städte wohnt ein Stattalter der in seiner Provinz
die Stelle bekleidet welche der König im ganzen Reiche versieht doch also dass
er an den König berichten muss Der Stattalter ist der Präsident des
Provinzialtribunals das außer ihm aus sechs Räten besteht und Justiz
Finanz und alle andre Angelegenheiten der Provinz dirigiert Jeder Rat hat eine
Stimme der Stattalter nur dann wenn die Meinungen geteilt sind Der
Stattalter und diese Räte werden aus den Munizipalmagistraten und von denselben
gewählt und von der Nation besoldet Weiter hinunter muss jeder Staatsbediente
sein Amt unentgeltlich verwalten Nur die unbeträchtlichsten kleinen Stellen
wie zum Beispiele die der Aufseher über Straßen und Dämme Nachtwächter und so
ferner sind mit Gehalt verknüpft Alle wichtige Ämter werden nur sechs Jahre
lang von denselben Personen bekleidet
    Außer der großen Provinzialstadt sind in jeder Provinz nur noch drei
kleinere Landstädte und drei große und neun kleinere Dörfer Es ist
vorgeschrieben aus wieviel Häusern und Familien höchstens diese Städte und
Dörfer bestehen dürfen Dies ist nach der möglichst zu erwartenden Bevölkerung
bestimmt Nimmt irgendwo die Volksmenge über diese Grenze hinaus zu so wird den
übrigen Familien in einer andern Gegend wo die Anzahl noch nicht vollständig
ist ein Aufenthalt angewiesen
    In jeder der kleineren Städte ist ein Munizipalmagistrat der aus einem
Vorsteher und vier Beisitzern besteht diese werden aus und von der Bürgerschaft
gewählt
    Drei kleinere Dörfer stehen unter einem Beamten der zwei Gehülfen hat und
mit diesen in dem größeren Dorfe wohnt Er und sie werden von den Landleuten
gewählt Es müssen aber Männer sein die in dem größeren Dorfe ansässig sind
    Jedes kleinere Dorf hat einen Richter den die Einwohner wählen
    Alle kleinere Stellen werden durch Wahlen in den Stadtquartieren und
Dorfgemeinen alle drei Jahre besetzt Berichte Anfragen und Forderungen gehen
von unten hinauf doch also dass die Dorfangelegenheiten durch die Beamten die
Stadtsachen durch die Magistrate an das Provinzialkollegium gehen Ebenso laufen
die Antworten und Bescheide von oben herunter Was in den Gesetzen klar bestimmt
ist darüber wird nicht angefragt sondern es wird kurz abgetan Die letzte
Instanz für jemand der auf diesem Wege keine Befriedigung findet ist der
König der wenn die Sache wichtig ist sie dem Nationalkollegio vorträgt
    Da die Regierungsgeschäfte auf diese Weise gar nicht verwickelt sein werden
so bedarf es nicht für jeden Zweig derselben eines eignen Kollegiums Die
Hauptregierung die Provinzialdirektionen die Stadtkollegia und die
Dorfobrigkeiten haben zugleich das Justiz Finanz Kriegs und Polizeiwesen
kurz alles zu besorgen
    Jeder Abyssinier in der Stadt und auf dem Lande ist verbunden noch außer
den Jahren da er die Waffen tragen muss wovon in der Folge geredet werden wird
wenigstens drei Jahre seines Lebens hindurch unentgeltlich ein kleineres
bürgerliches Amt zu verwalten  gleichviel welches Er muss es annehmen wenn das
Zutrauen seiner Mitbürger ihn dazu erwählt
    Alle Ämter Stände und Gewerbe im Staate aber sehen wir für gleich wichtig
und vornehm an Das Wort Rang wird bei uns gänzlich unbekannt werden Der Staat
bedarf ebenso notwendig eines Nachtwächters als eines Beamten ebenso notwendig
eines Schusters als eines Gelehrten Wer kann bestimmen wieviel eigenes
Verdienst der Mann und wieviel mehr oder weniger Nutzen das gemeine Wesen davon
zieht dass dieser Mann grade Talente zu dem und nicht zu jenem Geschäfte von der
Natur erhalten oder ausgebauet hat Und welcher Mann verdient wohl mehr Achtung
und Vorzug der welcher mit besondrer Fertigkeit und mit unausgesetztem Fleiße
jahraus jahrein Schwefelhölzer schnitzelt und davon seine Familie ernährt
oder der Bücherschreiber der einmal vortreffliche Dinge hat drucken lassen die
übrige Zeit seines Lebens aber gefaulenzt und bei der Ungewissheit ob er mit
seiner Schriftstellerei wirklich etwas Gutes gestiftet die Gelegenheit und
Pflicht unmittelbar seine Kräfte dem gemeinen Wesen zu widmen verabsäumt hat
Vom Schuster kaufe ich Schuhe weil er das Schuhmachen gelernt hat vom Arzte
eine Vorschrift für meine Gesundheit weil er sich darauf versteht Der eine
kann sich glücklicher fühlen in dem Besitze einer edlen Kunst als der andre mit
seiner bloß mechanischen Geschicklichkeit das ist seine Sache aber ich der
ich beider bedarf warum soll ich weniger tief den Hut abziehen vor dem der
meine Blöße bekleidet damit ich nicht durch Verkältung krank werde als vor
dem der mir wenn ich krank bin zu helfen sucht Mit der innern Ehrerbietung
und Achtung ja da ist es ganz etwas anders wenn wir diese zum Maßstabe unsrer
äußern Behandlung annehmen wollen so bin ich gern zufrieden Da wird man denn
aber auch dem ehrlichen Tagelöhner oft eine tiefe Verbeugung machen müssen
indes der schelmische Minister wie er es verdient über die Schulter angesehen
wird In despotischen Staaten hält sich der geringste Fürstensklave und wäre er
auch nur ein gemeiner Schreiber für ein Wesen besserer Art als der freie
unabhängige Handwerksmann  Fort mit diesen Armseligkeiten Fort mit Rang und
Titeln Die Rücksichten welche man auf höheres Alter auf bessere Erfahrungen
auf Weisheit Güte feinere Sitten und Herzenssympatie nimmt und im äußern
Betragen zeigt die werden nie wegfallen aber vor falschem Glanze und
eingebildeten Vorzügen wollen wir nicht länger die Knie beugen Der redliche und
verständige Bauer stehe in unsrer Achtung hoch über dem nichtswürdigen Sohn des
Staatsrats Der Vorgesetzte im Amte ist nur in Amtsgeschäften vornehmer als sein
Untergeordneter außerdem gilt er nicht mehr als was er als Mensch betrachtet
wert ist Sollten wir Gesandten an fremde Höfe schicken so müssen diese in
Gesellschaft andrer Botschafter allen Rangstreit aufgeben Sie sind nicht
Stellvertreter eines Despoten sondern Geschäftsträger einer Nation und ein
Volk ist nicht vornehmer als das andre
    Noch viel alberner als die Idee von Rang und Titel überhaupt ist der Begriff
von ererbten oder erkauften oder von einem Menschen dem andern verwilligten
Range und Titeln  mit einem Worte der Begriff von erblichem und erteiltem
Adel Wie kann ein Fürst und wäre seine Macht auch unbegrenzt ein ganzes Volk
zwingen einen Menschen für edel zu halten Wie kann er die Nachkommenschaft
dieses Mannes die noch nicht existiert schon zum voraus für edel erklären Wie
kann der welcher Verdienste um sein Vaterland hat die größere Achtung seiner
Mitbürger auf einen andern übertragen der vielleicht gar keine Verdienste hat
gar keine Achtung verdient Wie schreiet man über Ungerechtigkeit wenn in einem
Lande der rechtschaffne Sohn eines schlechten Vaters einen Teil der Verachtung
und Strafe mit tragen muss die sein Erzeuger verwirkt hat  Und dennoch findet
man es billig dass ein verachtungswerter dummer Mensch auf die größte äußere
Ehre auf die höchsten Staatsbedienungen auf Freiheiten Vorrechte Exemtionen
Einkünfte und andre Vorteile Anspruch machen dürfe weil das Ungefähr ihn
mutmasslich hat von einer Familie abstammen lassen von welcher einmal ein Mann
von vorzüglich guten Eigenschaften das Oberhaupt gewesen ist vielleicht auch
nur diese Vorrechte für sich und die Seinigen erkauft oder erschmeichelt hat
    Also kein Adel und keine Titel mehr unter uns Ist es aber nicht grausam und
gewalttätig einer ganzen Klasse von Bürgern Vorrechte zu rauben in deren
langjährigem Besitze sie sind  Nichts weniger denn nach dieser Lehre dürften
ja gar keine verjährte Missbräuche abgeschafft keine durch Usurpation
erschlichene Rechte vernichtet werden Und hätten unsre Vorfahren ihren Tyrannen
und deren Gehülfen jene Privilegien die wir nun aufheben durch die heiligsten
Eide auf ewig zugesichert  was kümmert das uns Durften sie etwas verschenken
was nicht ihr Eigentum war durften sie Gesetze geben die den ersten Gesetzen
der Menschheit widersprechen
    Allein ich sehe auch schon voraus wie wenig Verwirrung diese Abschaffung
der erblichen Vorzüge diese Vernichtung eines falschen Stempels des Verdienstes
stiften wird Die Edelen unter den Edelleuten werden sich nun freuen wenn sie
überzeugt sein können dass sie die Achtung welche ihnen ihre Mitbürger vor wie
nach beweisen werden nun wirklich ihrem wahren Werte und nicht dem Vorurteile
zu danken haben ihre Kinder werden sich bestreben sich zu guten nützlichen
Mitgliedern der Gesellschaft zu bilden um nicht die Demütigung zu erleben
geringere Vorrechte als ihre Eltern zu genießen Nur die sogenannten Parvenus
die so lange nach diesen elenden Vorzügen gekämpft haben und die Unwürdigsten
unter den jetzt lebenden Edelleuten werden murren und schreien besonders die
letztern darüber dass man ihnen das einzige nimmt was sie noch ein wenig
emporheben konnte  aber denen geschieht schon recht
    Dass Sklaverei und Leibeigenschaft von jetzt an auf immer in Abyssinien
aufhören müssen versteht sich wohl von selber Wir sind alle freie Menschen
und wer bei dem andern in Dienste tritt kann sich jeden Augenblick wieder frei
machen sobald er Mittel findet sich häuslich niederzulassen und sein eigener
Herr zu werden
 
                              Neunzehntes Kapitel
             Fortsetzung Ehen Kindererziehung Väterliche Gewalt
Das erste und natürlichste Band unter den Menschen ist das zwischen Mann und
Weib auch diese Verbindung muss die bürgerliche Gesellschaft veredeln fester
knüpfen und durch weise Gesetze den Unordnungen steuern die den Ehestand
verbittern oder trennen könnten ohne ihn jedoch durch drückenden Zwang zu einem
beschwerlichen Joche zu machen
    Im rohen Stande der Natur suchen beide Geschlechter wenn sie sich
verbinden nichts als Befriedigung ihrer körperlichen Triebe im bürgerlichen
Leben soll die Frau des Mannes treue Gefährtin Gehülfin Gesellschafterin
Teilnehmerin an seinen Leiden und Freuden Mitregentin seines Hauswesens und
Mutter und Miterzieherin seiner Kinder sein Vernunft Gefühl und Kenntnis der
menschlichen Natur sagen uns daher sehr laut dass ein Mann nicht zugleich mehr
Weiber ein Weib nicht zugleich mehr Männer haben soll und dass das ehliche
Bündnis nicht willkürlich jeden Augenblick wenn es einem der beiden Teile
gefällt wieder getrennt werden darf Von einer andern Seite aber würde es hart
sein wenn der Staat zwei Menschen die in jugendlicher Übereilung sich
verbindlich gemacht haben miteinander zu leben nachher aber finden dass ihre
Gemütsarten durchaus nicht zueinander passen und daher beiderseits unter sich
darüber einig geworden sind sich wieder zu trennen wenn er diese zwingen
wollte einander zur Qual ein unzertrennliches Paar auszumachen Folgende
Gesetze über den Ehestand wird man daher der Vernunft und Billigkeit gemäß
finden
    Es muss ein dem Klima angemessenes Alter bestimmt werden unter welchem
Jünglinge und Mädchen nicht heiraten dürfen
    Er und sie melden sich bei der Obrigkeit lassen sich als Mann und Weib
einschreiben und geben zugleich an welche Art von Gewerbe oder Beschäftigung
sie künftig treiben wollen
    Es gibt keine Verwandtschaftsgrade die ein ehliches Bündnis unter
Blutsfreunden unerlaubt machten
    Die Eltern der jungen Leute haben nicht das Recht der Wahl ihrer Kinder bei
den Heiraten Zwang aufzulegen
    Werden aus der Verbindung zweier Personen die sich nicht als Mann und Weib
bei der Obrigkeit angekündigt haben Kinder erzeugt so entsteht die Frage ob
der Mann verehlicht oder ledig ist In beiden Fällen trifft das Kind nicht der
geringste Nachteil von dieser Unregelmässigkeit sondern dies erbt den Vater wie
jedes andre ehliche Kind Er muss es in sein Haus aufnehmen und die Obrigkeit
wacht darüber dass er ihm ebensoviel Sorgfalt als den Söhnen und Töchtern widme
die in öffentlicher Ehe erzeugt werden  Der Name Bastard ist also bei uns gar
nicht schimpflich Wo man den zufälligen Umständen der Geburt und Abstammung
keine Vorteile einräumt da muss man ihnen auch keine nachteiligen Einflüsse
gestatten
    Ist nun der Vater des Kindes unverehlicht oder Witwer so werden beide
Eltern vor Gericht gefordert und befragt was sie abgehalten haben kann sich
auf gesetzmässige Weise zu verbinden Zeigen sich ökonomische Hindernisse so
sucht man diese aus dem Wege zu räumen Wollen aber beide Teile oder will einer
von ihnen sich auf keine ehliche Verbindung einlassen so wird der Vater
angehalten sich des Kindes vollkommen so anzunehmen als wenn er es in
rechtmässiger Ehe erzeugt hätte Außerdem legt ihm das Gericht noch eine nach den
Umständen zu bestimmende Strafe auf die wenn der Fall öfter eintritt
verstärkt wird Das Mädchen wird nicht bestraft teils in Rücksicht der Schwäche
des Geschlechts teils um nicht Gelegenheit zu Verheimlichung und Kindermord zu
geben
    Ist der Vater ein Ehemann so muss er das Kind in sein Haus aufnehmen und es
wird ihm eine schwere Strafe auferlegt doch keine Geldbusse weil dadurch sein
Weib und seine andern Kinder am mehrsten gestraft sein würden
    Ehescheidungen können stattaben wenn entweder beide Teile es verlangen
oder wenn nur der eine Teil darum anhält In beiden Fällen wird die Klage nicht
eher angenommen als nachdem Mann und Frau drei Jahre lang miteinander gelebt
haben es müsste dann ein bewiesener Ehebruch oder Lebensgefahr von einer Seite
die Ursache der verlangten Scheidung sein
    Halten Eheleute die nach dreijährigem Ehestande durchaus nicht länger
miteinander leben zu können glauben gemeinschaftlich um die Trennung an so
wird ihnen noch ein halbes Jahr Bedenkzeit gegeben Melden sie sich dann wieder
so werden sie geschieden dürfen wieder heiraten dem Mann liegt die Versorgung
der Kinder ob und die Frau muss sich zu ernähren suchen so gut sie kann
    Bittet einer von den beiden Teilen um die Ehescheidung so kommt es auf die
Ursache an weswegen er die Trennung fordert Bei einem Ehebruche welcher
erwiesen der Frau zur Last fällt darf der Mann sogleich wieder heiraten die
Frau wird auf eine nach den Umständen zu bestimmende Zeit entweder in ein
Strafarbeitshaus oder gar in ein Gefängnis gesetzt und darf nach Verlauf dieser
Zeit wenn sich ein Mann findet der ihrer begehrt wieder heiraten Sie kann
sich gebessert haben und es wäre grausam sie lebenslang den Qualen eines
heftigen Temperaments auszusetzen Die Kinder welche der Mann nicht für die
seinigen erkennen kann nimmt der Staat in die Waisenhäuser auf
    Fordert die Frau die Scheidung wegen eines erwiesenen Ehebruchs von s
des Mannes so muss dieser die Frau lebenslang unterhalten Seine Strafe wird
ebenso bestimmt wie im vorigen Falle
    Ehescheidungsklagen wegen Unfruchtbarkeit werden nicht angenommen
    Unvermögenheit oder solche Kränklichkeit die den vertrautesten Umgang unter
Eheleuten unmöglich oder gefährlich macht muss von Ärzten bestätigt werden Die
Scheidung geschieht dann auf gute Weise beide Teile treten in die Rechte
unverheirateter Personen zurück Sind Kinder da so muss sie der Mann ernähren
Ist die Frau während der Ehe kränklich geworden so muss der Mann für ihren
Unterhalt sorgen
    Eheleute die über sechs Jahre lang ohne gerichtliche Klage gegeneinander
zusammengelebt haben können auf Verlangen des einen Teils nicht so leicht
nach zehnjähriger ruhiger Ehe aber gar nicht geschieden werden es sei denn dass
bewiesener Ehebruch oder Lebensgefahr die Ursache wäre
    Ehescheidungsklagen von einem Teile wegen Verschiedenheit der Gemütsart
oder dergleichen werden nicht angenommen aber gegen Misshandlungen
Verschwendung des Vermögens etc schützen die Gerichte und können wenn gar kein
andres Mittel da ist ex officio scheiden
    Geschiedene Eheleute die sich zum zweiten Male miteinander verheiraten
können nie wieder getrennt werden
    Da bei uns wie man in der Folge sehen wird jeder arbeitsame Mensch mit
Weib und Kindern Unterhalt finden folglich im ganzen Reiche kein Bettler
geduldet werden kann also auch die Schwierigkeit eine Familie zu ernähren
niemand abhalten darf sich zu verheiraten so kann man desto strenger alle
Hurerei bestrafen Deswegen werden Personen beiderlei Geschlechts welche
überwiesen sind dass sie sich einer liederlichen ausschweifenden Lebensart
ergeben haben bei der ersten Ertappung scharf gezüchtigt und wenn sie zum
zweitenmal eines solchen Lebenswandels überwiesen werden sowohl wie Kuppler und
Kupplerinnen nach den Umständen zu kurzer langer oder immerwährender
Gefängnisstrafe oder zur Landesverweisung verurteilt
    Es kann dem Staate nicht gleichgültig sein wie die Kinder der Bürger im
Physischen Intellektuellen und Moralischen erzogen und gebildet werden Ein
großer Teil der Möglichkeit unsre neue Staatsverfassung einzuführen und
dauerhaft zu machen beruht auf der Hoffnung dass die folgende Generation so
geartet sein soll dass gesunde Vernunft gemässigte Begierden veredelte
Leidenschaften und einfache Sitten bei ihnen die Oberhand über Vorurteile
Phantasie Sinnlichkeit Reizbarkeit Kränklichkeit und Korruption aller Art
gewinnen werden so dass es kaum des Zwanges der Gesetze bedürfen wird um sie zu
solchen Handlungen und Unterlassungen zu bewegen die verständiger an Leib und
Seele gesunder Menschen würdig sind Obgleich nun also wirklich der Staat sich
als den gemeinschaftlichen Vater seiner jungen Mitbürger ansehen kann und wenn
es ihm obliegt dafür zu sorgen dass sie nicht Not leiden und dass sie Genuss des
Lebens und der Freiheit haben ihm auch das Recht zugestanden werden muss dafür
zu sorgen dass sie nützliche verständige Menschen werden die diese Sorgfalt
nicht erschweren und vereiteln so ist es doch der Klugheit und Billigkeit
gemäß sich in das Erziehungsgeschäft nur grade soviel zu mischen als
zweckmäßige ist die süßen häuslichen Verhältnisse nicht zu trennen den Eltern
die Freude nicht zu rauben ihre Kinder unter ihren Augen aufwachsen zu sehen
nicht zu veranlassen dass die Eigenheiten kleinen Familiensonderbarkeiten
Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten die dem geselligen Leben soviel Reiz
geben gänzlich ausgelöscht und alle Menschen im Lande pedantisch nach einerlei
Norm und Form gemodelt werden  ohne zu erwähnen dass wirklich eine vernünftige
häusliche Erziehung manche unverkennbare Vorzüge vor der öffentlichen hat Um
hier die Mittelstrasse zu halten schlage ich folgende Einrichtungen vor
    Da wir allen Unterschied der Stände aufheben so muss man dafür sorgen dass
künftig in ganz Abyssinien wenigstens kein eigentlicher Pöbel gefunden werde
dass folglich alle Bürger im Staate zu einem gewissen Grade von Aufklärung
gelangen ohne jedoch die einzelnen zu hindern diesen Grad noch zu erhöhen
Unter dieser Aufklärung verstehe ich eine Sammlung von klaren Begriffen über
Menschenverhältnisse gesellige und bürgerliche Pflichten eine nicht gelehrte
aber richtige Kenntnis von dem Erdboden und besonders von dem Vaterlande
endlich einige Fertigkeit in solchen Dingen die uns bei Erlernung und Ausübung
jeder Kunst Wissenschaft und Hantierung zu Hilfe kommen Deswegen sollen in
allen Städten und Dörfern auf Kosten des Staats öffentliche Schulen angelegt
werden in welchen allen Kindern sie mögen künftig bestimmt sein zu welcher
Lebensart es auch sei unentgeltlich ein gleicher Unterricht im Lesen und
Schreiben der Muttersprache sowie im Rechnen erteilt werde dabei mache man sie
mit einigen Hauptsätzen der Naturlehre und Naturgeschichte des Landbaues und
der Messkunst bekannt lehre sie ein wenig Geschichte und Erdbeschreibung rede
mit ihnen von den verschiedenen Temperamenten der Menschen von den Regeln der
Klugheit und Redlichkeit die man im Umgange mit diesen verschieden gestimmten
Leuten zu beobachten hat von den natürlichen und geselligen Pflichten von den
Mitteln zu Beförderung eigener und fremder innerer und äußerer Glückseligkeit
und lege ihnen endlich einen Auszug aus den wichtigsten Gesetzen des Landes vor
wobei der vernünftige Grund jedes Gesetzes erklärt werden muss Dies sind die
wichtigsten Vorkenntnisse für jeden Bürger eines gut eingerichteten Staats Was
die Religion betrifft so rede man mit Ehrfurcht von dem unbegreiflichen Wesen
Gottes des Schöpfers und Erhalters lehre sie dass treue Berufserfüllung die
beste Weise sei sich seiner Wohltaten wert zu machen verbinde mit dem Studium
der Geschichte eine Nachricht von den verschiedenen Meinungen verschiedner Völker
über das Wesen Gottes und der Art ihm äußere Verehrung zu bezeugen und
überlasse ihnen sich bei reiferm Alter eine von diesen Metoden zu wählen
    Sobald einem Vater ein Kind geboren wird ist er verbunden der Obrigkeit
Anzeige davon zu tun damit das Kind unter dem Namen den ihm der Vater gleich
bei der Geburt gibt in die Listen eingetragen werde
    Bis in das zehnte Jahr bleiben die Kinder der Sorgfalt der Eltern einzig
überlassen und der Staat mischt sich nicht in ihre Erziehung
    Hinterlässt ein Hausvater bei seinem Tode unmündige Kinder so werden
denselben Vormünder gesetzt und zwar jedem Kinde ein eigener Von den Vormündern
hängt es ab ob sie die Kinder in ihre Häuser aufnehmen und mit ihren Söhnen und
Töchtern erziehen oder aber besonders wenn ökonomische Rücksichten dies
notwendig machen sie dem Staate übergeben wollen Im letztern Falle werden die
Kinder welche unter zehn Jahre alt sind dem Waisenhause anvertraut
diejenigen aber welche dies Alter schon erreicht haben bei einem Mitbürger in
die Kost gegeben Der Staat bezahlt eine bestimmte im ganzen Reiche
gleichförmige Summe dafür und die Kinder besuchen die öffentliche Schule des
Orts wovon schon vorhin ist geredet worden und woselbst sie unentgeltlich in
den jedem Bürger nötigen Kenntnissen unterrichtet werden
    Unter einem Waisenhause darf man sich keine solche Anstalt denken darin
armer Leute Kinder dürftig ernährt unterrichtet und zu den niedrigsten
Bestimmungen im Staate zubereitet werden sondern ein öffentliches Gebäude
worin die Kinder aus allen Klassen der Bürger wenn sie früh ihre Eltern
verlieren aufgenommen und nicht weniger sorgsam als alle übrige Kinder gebildet
und gepflegt werden
    Von den Schulanstalten ist noch folgendes zu sagen Sobald ein Kind das
zehnte Jahr erreicht hat so ist der Vater oder Vormund verbunden der Obrigkeit
anzuzeigen ob er demselben häuslichen Privatunterricht geben und geben lassen
oder es in die öffentliche Schule schicken will Im ersten Falle hält die
Obrigkeit ein wachsames Auge darauf dass auch in der Privaterziehung nichts
vernachlässigt werde Zu diesem Endzwecke wird jährlich an gewissen Tagen die
Jugend welche die öffentliche Schule nicht besucht versammelt und in Gegenwart
eines Richters und einiger Zeugen von den öffentlichen Lehrern und Lehrerinnen
geprüft Diese Prüfung erstreckt sich wie sich das versteht nicht eigentlich
auf gelehrte Kenntnisse auch wird dabei Rücksicht auf Fähigkeiten Temperamente
und Umstände genommen Findet sichs aber dass der Vater oder Vormund sich eine
auffallende Nachlässigkeit in der Bildung des Kindes hat zuschulden kommen
lassen so wird er ernstlich zu größerer Sorgsamkeit ermahnt und wenn dann die
nächstjährige Prüfung nicht besser ausfällt gezwungen das Kind in die
öffentlichen Lehrstunden zu schicken Hat der Vater Vermögen oder wenn er nicht
mehr lebt dergleichen hinterlassen so muss er das festgesetzte jährliche
Schulgeld in die Staatskasse bezahlen wo nicht so bleibt es bei der
Einrichtung dass die Kinder unentgeltlich die Wohltat des Unterrichts genießen
    Die Wahl der Lehrer und Lehrerinnen liegt der Obrigkeit ob Es gehören aber
diese Personen zu der geachtetsten Klasse unsrer Mitbürger und wenn wir nicht
alle Rangordnungen abgeschafft hätten so würden sie gewiss zu dem ersten Range
gerechnet werden müssen Sie werden vom Staate so besoldet dass sie gemächlich
und ohne häusliche Sorgen leben können Unverheiratete Personen werden nie zu
öffentlichen Lehrern und Lehrerinnen gewählt wohl aber Witwer und Witwen
    Es versteht sich dass in jedem Dorfe und jeder Stadt wenigstens eine
besondere Schule für Knaben und eine andre für Mädchen errichtet werde In
letztern wird der literarische Unterricht als Nebensache die Anweisung zu aller
Art weiblichen häuslichen Handarbeit als der Hauptgegenstand betrachtet
    Um aber auch in männlichen Schulen die Kinder an Arbeitsamkeit zu gewöhnen
so ist mit denselben eine Industrieschule verknüpft Ein mehrere Stunden lang
fortdauernder trockner Vortrag ermüdet recht bequem kann nebenher und in den
Zwischenfristen eine nützliche Handarbeit getrieben werden und es ist ein
abgeschmacktes Vorurteil dass dergleichen für das männliche Geschlecht
besonders für die welche sich den Wissenschaften widmen unanständig wäre Die
Arbeiten welche hier verfertigt werden liefert der Lehrer in die öffentlichen
Magazine ab und erhält von daher die Materialien und Werkzeuge Was in den
Mädchenschulen gearbeitet wird kommt gleichfalls dahin Man wird in der Folge
hören wozu diese Magazine genützt werden
    Der Unterricht in den öffentlichen allgemeinen Schulen wird vom zehnten bis
zum funfzehnten Lebensjahre der Kinder fortgesetzt Sobald ein Kind dies Alter
erreicht hat so ist der Vater oder Vormund verbunden der Obrigkeit anzuzeigen
zu welcher Lebensart er den jungen Menschen bestimmt Die Mädchen bleiben als
Gehülfinnen bei ihren Müttern oder Verwandten oder andern guten Leuten bis sie
Gelegenheit finden sich zu verheiraten Leiden es die ökonomischen Umstände
so sorgt nun der Vater oder Vormund dafür dass der junge Mensch je nachdem er
aus ihm einen Handwerker Gelehrten Künstler Kaufmann Landmann oder was er
aus ihm machen will auf eigne Kosten seine Lehrjahre in der neuen Laufbahn
antrete wo nicht so übernimmt der Staat diese Sorgfalt dann aber wird der
Knabe erst geprüft und es hängt von der Obrigkeit ab wenn man ihn zu einem
Geschäfte untauglich findet ihm dazu keine Unterstützung zu geben Gezwungen
wird niemand zu irgendeiner Lebensart aber dem Staate kann man auch nicht
zumuten Kosten zu verwenden um Menschen auf Plätze zu stellen auf welchen sie
sich und andern zur Last sind und immer eine schlechte Rolle spielen
    Zwingen darf auch kein Vater den Sohn eine Lebensart zu ergreifen zu
welcher er keine Neigung hat Beklagt sich der Sohn desfalls bei der Obrigkeit
so wird die Sache untersucht und findet man dass er Geschick und Lust zu einem
andern Studium hat als wozu ihn der Vater bestimmt so wird dieser angehalten
soviel herzugeben als er seinem Plane nach verwenden wollte der Sohn folgt
seinem bessern Berufe und der Staat trägt den Rest der Unkosten
    Bis in das funfzehnte Jahr der Kinder leidet die väterliche Gewalt weiter
keine Einschränkung als die von der vorhin in Ansehung des Unterrichts ist
geredet worden es müsste denn sein dass grausame durch Zeugen bewahrheitete
Misshandlungen von s der Eltern die Obrigkeit nötigten sich in ihre
häuslichen Geschäfte zu mischen Nach dem funfzehnten Jahre hingegen gehören die
Kinder schon mehr dem Staate als ihren Eltern können sich gänzlich der
väterlichen Gewalt entziehen und sich in den Schutz des Staats begeben Dann
aber ist der Vater auch nicht mehr verbunden den Sohn zu unterhalten und
dieser muss sichs gefallen lassen welche Art von Laufbahn ihm der Staat
anweisen will damit er nicht dem gemeinen Wesen zur Last falle Ist hingegen
der Vater von dem Sohne unzufrieden so kann er gleichfalls jedoch nicht vor
dem funfzehnten Jahre seine Hand von ihm abziehen Indem er ihn aber dem Staate
übergibt muss er zugleich eine zu bestimmende Summe zu Abkaufung seiner
Verbindlichkeiten in den öffentlichen Schatz erlegen
    Mit dem zwanzigsten Jahre des Jünglings hört alle Gewalt des Vaters über
ihn aber auch alle Verbindlichkeit desselben ihn zu ernähren auf
 
                              Zwanzigstes Kapitel
           Fortsetzung Eigentum Erbschaften Versorgung der Bürger
Beinahe ebenso vernunftwidrig als der Begriff von geerbten Ständen Titeln und
Würden ist die Idee von geerbtem Vermögen Es ist billig dass der welcher durch
seinen Fleiß sich Vermögen erworben hat in dem ruhigen Besitze dieses Vermögens
geschützt werde und solange er lebt frei mit dem Erworbnen schalten und walten
dürfe aber dass er auch nach seinem Tode einen Willen haben und berechtigt sein
soll die Schätze der Erde an wen er will auszuteilen und den Besitz
derselben der nur dem Arbeitsamen zukömmt wenn er nicht mehr lebt auf einen
andern auf einen faulen untätigen Menschen zu übertragen dass dieser anfangen
kann wo jener aufgehört hat dass er ohne Mühe und Arbeit freie Macht erhält
Tausende zu verwenden indes sein würdigrer und fleißiger Nachbar Hunger leidet
endlich dass dieser vom blinden Ungefähr ihm zugeteilte Vorteil ihm in allen
andern Verhältnissen ein Übergewicht über bessere Menschen gibt  das ist doch
wohl höchst widersinnig und ungerecht Liesse sich nicht der mögliche Fall
denken dass auf diese Weise zuletzt aller Reichtum eines Landes und sogar das
Land selbst in die Gewalt eines einzigen schlechten Menschen käme indes alle
Edelen darben oder seine Sklaven werden müssten Freilich sorgt das Schicksal
dafür und auf einen Geizhals folgt in der Familie gewöhnlich ein Verschwender
der den väterlichen Schatz wieder zerstreuet und eine Art von Gleichheit
herstellt allein das ist nur zufällig ist hundertmal auch nicht der Fall und
indessen stiftet doch der unmässige Unterschied zwischen zufällig reich und arm
gewordnen Leuten unendlich viel Unheil Wie schön wäre es daher wenn man eine
neue gleiche Verteilung der Güter vornehmen und dann das Recht sein Vermögen
auf andre zu vererben gänzlich aufheben könnte Der Staat wäre verbunden jeden
seiner Bürger sobald er mündig würde und seinen Haushalt anfangen wollte
auszustatten dagegen fielen ihm auch alle von Verstorbnen besessene Güter
wieder zu Ich weiß wohl welche Einwürfe man dagegen machen kann wer wird Mut
haben zu arbeiten etwas zu erwerben wenn er nicht voraussieht für wen er
arbeitet wenn er vielmehr voraussieht dass seine Kinder sobald er tot ist
sein sauer erworbnes Eigentum mit dem Rücken ansehen müssen Ich halte diesen
Einwurf für sehr unbedeutend denn mancher gute Mann wird viel ruhiger schlafen
wenn er weiß dass seine Kinder dem Staate gehören dass dieser sie versorgen wird
und muss wenn auch Unglücksfälle ihm sein ganzes Vermögen raubten und er wird
doppelt eifrig arbeiten den Schatz des Landes zu vermehren der zu so
wohltätigen Zwecken verwendet wird Der tätige betriebsame Mann wird darum
nicht faul und nachlässig werden denn ihm ist Arbeit ein Bedürfnis Der
Verschwender wird darum nicht mehr verprassen im Gegenteil er weiß ja dass er
auf keine Erbschaft je rechnen darf und dass wenn das väterliche Vermögen
durchgebracht ist der Staat ihn zwingen wird wie das in der Folge gezeigt
werden soll in einem öffentlichen Werkhause zu arbeiten um Brot zu haben
Auch wird niemand seine Verschwendung dadurch begünstigen dass man ihm Geld
liehe und ihm hilfe seine Güter mit Schulden belasten die nachher der Sohn
bezahlen muss Und der Geizhals  der sammelt Geld aus Liebe zum Gelde nicht
aus Sorgfalt für die Erben Er glaubt nie genug zu haben er hofft hundert Jahre
zu leben und zittert nur davor dass es ihm noch einst am Notwendigsten fehlen
könnte Aber der Sohn des reichen Mannes wird nun nicht mehr die Nase so hoch
tragen gegen ärmere bessere Menschen er wird nicht voll Zuversicht auf die zu
erwartende Erbschaft die Gelegenheit verabsäumen Kopf und Herz zu bilden
sondern da er nun weiß dass er wenn zwei Augen sich schließen nichts zu
erwarten hat als was er sich durch Fleiß und Geschicklichkeit erwirbt sich
anstrengen geschickt und gut zu werden Und der reiche Vater der sein Kind
liebt wird weil er doch dem Sohne sonst nichts hinterlassen kann als eine gute
Erziehung einen Teil seiner Schätze anlegen um diesen in allen Wissenschaften
und Künsten geschickt zu machen die ihm einst sichern Unterhalt und Wohlstand
versprechen können Freilich aber würde eine neue gleiche Verteilung der
Glücksgüter in einem schon errichteten Staate schwer zustande zu bringen sein 
ich sage schwer denn unmöglich ist sie ganz gewiss nicht Lasst uns daher eine
Mittelstrasse wählen Jedoch muss ich nochmals erinnern dass alle meine Vorschläge
mehr auf eine gänzlich neu zu gründende als auf eine nur in einzelnen
Nebenteilen zu verbessernde Regierungsverfassung abzielen Ich muss das ganze
Gemälde mit allen Haupt und Nebenfiguren ausmalen von meinen lieben Mitbürgern
hängt es ja ab nur einzelne Gruppen daraus zu kopieren
    Ich teile also die Ländereien aller Provinzen des ganzen Reichs in gleiche
Teile von solchem Umfange dass der Ertrag einer solchen Portion nach einem
Durchschnitte von guten schlechten und mittelmäßigen Jahren grade hinreiche
eine Familie die aus acht Personen besteht bequem zu ernähren Es versteht
sich dass bei dieser Einteilung auf das Verhältnis des bessern gegen den weniger
fruchtbaren Boden Rücksicht genommen werden muss Von diesen Portionen dürfen die
Stadteinwohner keine besitzen ihnen werden nur Gartenplätze verstattet Dörfern
allein kommt es zu die Landwirtschaft zu treiben dagegen wohnen aber auch
feinere Handwerker Künstler Manufakturisten Kaufleute etc nur in den
Städten Jede Familie in den kleinen und großen Dörfern bekommt vom Staate eine
solche Portion nebst dem dazu erforderlichen Viehe dem übrigen Inventarium und
den nötigen Gebäuden in gutem Stande überliefert und muss dann für ihr weitres
Fortkommen sorgen die übrigbleibenden Portionen und die welche dem Staate
durch Aussterben etc heimfallen werden unter Aufsicht des in dem größeren Dorfe
wohnenden Beamten und der in den kleineren Dörfern angesetzten Dorfrichter auf
Rechnung des Staats administriert bei Zunahme der Volksmenge aber oder wenn ein
junges Paar einen Haushalt anfangen will werden diese vakante Portionen wieder
ausgeteilt
    Die Wiesen bleiben ungeteilt dem Dorfe die Waldungen dem Amte
gemeinschaftlich und weiset der Beamte jedem Bauer jährlich eine gleiche Menge
Holz an Steinbrüche und Bergwerke werden zum Vorteile der Staatskasse genützt
Jagd und Fischerei dürfen nur von sachkundigen Personen betrieben werden Jede
Gemeine hat ihren Dorffischer und Dorfjäger von diesen werden Fische und
Wildbret nach einer bestimmten geringen Taxe verkauft und das Geld wird in die
Staatskasse geliefert
    Kein Einwohner in Abyssinien darf mehr als eine solche Landportion besitzen
und nach seinem Tode fällt sie dem Staate wieder anheim der sie aufs neue
austeilt  Kein Grundstück kann also um Geld verkauft noch auf jemand vererbt
werden aber das was man mit seinem Fleiße verdient folglich der Erwerb aus
den verkauften Früchten dieser Ländereien das bare Geld davon erben die Kinder
ihr Teil Es wird daher jeder gute Hausvater sein Land obgleich es nach seinem
Tode an einen fremden Besitzer kommt dennoch möglichst zu verbessern suchen um
durch den Verkauf der Produkte Schätze für seine Nachkommen zu sammeln Es fällt
also nicht aller Unterschied zwischen armen und reichen Leuten weg aber die
Reichen können nun nicht mehr die Gewalt des Geldes zu Unterdrückung ihrer
Mitbürger anwenden viel Grundstücke zusammenkaufen große mächtige Herren im
Lande werden und viel Menschen zu Sklaven und Knechten machen
    Keinem Dorfbewohner wird gestattet auf seine Landportion mehr als einen
Knecht und eine Magd zu halten  Lasst uns aber das Wort Knecht abschaffen und
diese Leute Gehülfen oder Arbeiter nennen Ist seine Familie stark so sind
dagegen die ältesten seiner Kinder auch gewiss schon imstande ihm und der Mutter
in der Landarbeit zu helfen
    Wer sein Gut ansehnlich verbessert oder den Wert des Inventariums und der
Gebäude zweckmäßige erhöht dem oder dessen Erben bezahlt der Staat wenn ihm das
Gut heimfällt eine Vergütung
    Auf kein Grundstück darf Geld geliehen werden
    Wer dem andern Geld leiht darf keine Zinsen nehmen Hierdurch wird allem
Wucher aller Übermacht des Kapitalisten gesteuert und doch behält der reiche
Mann einen Wirkungskreis indem er mit seinem Gelde Handel treiben Manufakturen
anlegen darf usf
    Es ist im vorigen Abschnitte gesagt worden dass die jungen Leute im
funfzehnten Jahre sich zu einer Lebensart bestimmen müssten Wählen sie nun die
Landwirtschaft zu ihrem Fache so haben sie Gelegenheit sich in derselben zu
vervollkommnen indem sie als Gehülfen bei andern Landleuten oder auf den Ämtern
dienen Haben sie aber das zwanzigste Jahr erreicht verheiraten sich und wollen
einen eignen Haushalt anfangen so übergibt ihnen der Staat eine Landportion
und sie können ihre Geschäfte ohne alle häuslichen Sorgen anfangen Durch die
Menge der Kinder wird kein Hausvater zurückkommen weil der Staat auf die bisher
beschriebne Weise für sie sorgt der arbeitsame Mann kann also nie verarmen
Von Erleichterung in Unglücksfällen soll in der Folge geredet werden
    Wie wird es aber mit dem Verschwender Ihm wird niemand Geld leihen weil
bei dem Geldleihen nichts zu gewinnen ist Kömmt er nun sehr zurück lässt sein
Land unbebauet liegen seine Gebäude verfallen und verkauft sein Vieh so greift
endlich der Staat zu nimmt sein Gut in Besitz versorgt seine Kinder und gibt
ihm seine Stelle in einem Werkhause oder bei andern öffentlichen Arbeiten Hier
wird er zur Tätigkeit angehalten aber sein Schicksal ist doch noch immer sehr
milde Seine Frau muss freilich dies Schicksal mit ihm teilen Zeigt er aber
Besserung so wird er aufs neue in den Besitz eines Guts gesetzt oder vorerst
auf den Amtsgütern angestellt
    Nichts von dem was Pachtung heißt findet hier im Lande statt denn wer ein
Gut verwalten kann dem übergibt man es ja gern zum lebenslänglichen Eigentume
    Die Regierung bemüht sich nach und nach alle Gegenden des Reichs urbar
fruchtbar zu machen Holz anzupflanzen und neue Landportionen einzurichten
    Wenn ein Mann zu einem öffentlichen Amte gewählt wird welches ihn
verhindert seinem Gute vorzustehen so lässt der Staat dasselbe verwalten bis
die Jahre seiner Amtsführung vorüber sind
    Die Mädchen in Abyssinien haben gar keinen Anteil weder an den Gütern der
Väter noch an ihrer baren Verlassenschaft also überhaupt kein Vermögen
Indessen ist doch auch für sie gesorgt solange sie Kinder sind leben sie in
den Häusern ihrer Eltern oder Vormünder oder in den Waisenhäusern und werden in
allem freigehalten nach dem funfzehnten Jahre aber haben sie ja Gelegenheit
als Gehülfinnen in einer Privat oder Amtshaushaltung oder in den Städten ihren
Unterhalt zu finden Sobald ein Mädchen dies Alter erreicht hat ist der Staat
verbunden ihm eine Ausstattung an Kleidungsstücken und Wäsche zukommen zu
lassen Diese wird aus den öffentlichen Magazinen genommen und ist für alle
Mädchen in Abyssinien gleich groß
    Man sage nicht dass bei dieser Einrichtung nämlich wenn die Töchter nicht
miterben hässliche Frauenzimmer die außerdem vielleicht des Brautschatzes wegen
aufgesucht werden keine Männer bekommen würden Schönheit ist ein vergänglicher
Vorzug und ist dabei ein sehr relativer Begriff Manchem gefällt ein Gesicht
das der andre unerträglich findet hässliche Personen können etwas sehr
Angenehmes in ihrem Betragen und was noch mehr als das ist sehr schätzbare
Eigenschaften haben die mehr als ein glattes Gesicht das Glück der Ehe
befördern Heiraten die bloß des Reichtums wegen geschlossen werden pflegen ja
ohnehin selten glücklich auszufallen reiche Mädchen sind mehrenteils schlechte
Wirtinnen lieben Aufwand und Putz und verschwenden ihren Brautschatz in den
ersten Jahren der Ehe Ist aber ein Frauenzimmer so äußerst hässlich und
ungestaltet dass sich der Fall gar nicht denken lässt dass man sie ihrer Person
wegen heiraten könnte so scheint eine solche von der Natur zu keiner ehlichen
Verbindung bestimmt Sie tut besser ledig zu bleiben und würde wäre sie auch
noch so reich nicht glücklich als Hausfrau an der Seite eines Mannes sein Sie
kann in einem öffentlichen Arbeitshause ein angenehmes und nützliches Leben
führen Alle Witwen finden in diesen Häusern wovon in der Folge noch mehr
geredet werden soll gleichfalls ihren Unterhalt oder können wenn sie Talente
dazu haben öffentliche Lehrerinnen werden
    Soviel von den Landleuten Was die Einwohner der Städte betrifft so wird
wenn der Knabe welcher das funfzehnte Jahr erlebt hat ein städtisches Gewerbe
zu seiner künftigen Lebensart wählt entweder von dem Vater dem Vormunde oder
dem Staate dafür gesorgt dass er an einen Ort gebracht werde wo er Gelegenheit
hat die zu dem gewählten Fache nötigen Kenntnisse zu erlangen Wird hierzu ein
Kostenaufwand erfordert und es ist kein bares Vermögen da um diesen zu
bestreiten so hilft der Staat Hat der Jüngling das zwanzigste Jahr erreicht
will heiraten oder sonst seinen eignen Stadtaushalt anfangen und sein Gewerbe
treiben so wird ihm ein vakant gewordnes Haus in der Stadt nebst dem
dazugehörigen Garten und Inventarium und je nachdem das Geschäft ist wovon er
sich künftig ernähren will werden ihm auch die nötigsten Geräte und Werkzeuge
unentgeltlich vom Staate überliefert Man überlässt ihm dann für sein weiteres
Fortkommen zu sorgen und wenn er durch schlechte Wirtschaft zurückkommt findet
er wie in demselben Falle der Landmann in den öffentlichen Werkhäusern noch
immer seine Versorgung
    Es bleibt mir nun übrig von dem baren Vermögen der Mitbürger zu reden
Jedermann kann mit dem was er sich erworben hat solange er lebt schalten und
walten wie er will insofern er die vorgeschriebnen Abgaben entrichtet Sobald
ein Hausvater stirbt wird sein Nachlass von der Obrigkeit untersucht der zehnte
Teil fällt dem Staate anheim und das Übrige wird zu gleichen Teilen unter
seinen Söhnen verteilt
    Kein Vater darf einen Sohn enterben noch sonst ein Testament machen dessen
Inhalt dieser Einrichtung widerspräche allein man kann ihm die Freiheit nicht
rauben bei seinen Lebzeiten soviel zu verschenken als er will Bei der
Erziehung die wir unsern Kindern geben und bei der Überzeugung die sie haben
müssen dass die gewählten Obrigkeiten nur für das Beste des Ganzen sorgen lässt
sich der Fall nicht denken dass künftig ein Abyssinier durch betrügerische
Schenkungen bei Lebzeiten dem Staate das entziehen sollte was ihm gebührt und
was er zu Versorgung der Mitbürger anwendet Erwiesene Betrügereien von der Art
würden mit Konfiskation des Vermögens bestraft werden
    Wo kein Sohn ist da fällt die ganze Erbschaft dem Staate anheim Brüder
Eltern Seitenverwandte und andre Personen können nie erben
    Obgleich die Stadtgewerbe manchen Hausvater in die Notwendigkeit setzen
mehr Bediente oder Gehülfen anzunehmen als den Landleuten gestattet sind so
muss doch dafür gesorgt werden dass diese Freiheit nicht in einen unnützen
Aufwand ausarte und nicht jedem eitelen Manne erlaubt sei eine Menge Müßiggänger
zu seiner Bedienung zu unterhalten Man setzt also voraus dass ein gewöhnliches
bürgerliches Gewerbe ungefähr soviel als eine gemeine Landportion eintragen
folglich außer den Personen die zur Familie gehören noch zwei Gehülfen
männlichen oder weiblichen Geschlechts ernähren könne hält nun ein
Stadteinwohner mehr als diese so wird angenommen dass er reicher sei und er
muss von jedem Gehülfen jährlich soviel dem Staate bezahlen als von einer halben
Landportion gesteuert wird
    Es ist noch ein Fall zu bestimmen übrig Wie wenn nun ein Mitbürger seine
Lebensart verändern und aus einem Stadteinwohner ein Landmann werden will oder
umgekehrt  Auch diese Freiheit mag ihm gestattet werden dann aber muss er sich
gefallen lassen dass die Obrigkeit untersuche ob er zu der neuen Lebensart die
nötigen Kenntnisse habe und nicht etwa bloß ein schlechter Wirt sei der
nachdem das womit ihn der Staat ausgestattet hatte verzehrt ist nun aufs neue
darauflos zehren will Ist dies der Fall so kann man ihm darum die Freiheit
nicht rauben seine Lebensart zu verändern aber der Staat vertrauet ihm weder
Grundstücke noch Geld noch Hausrat und Geräte an
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
     Fortsetzung Auflagen Abgaben Staatseinkünfte Öffentliche Anstalten
Man sieht aus dem was bisher ist gesagt worden dass unser Staat große Lasten
übernimmt dass ihm die Ausstattung und Versorgung fast aller seiner Bürger
allein obliegt dass also auch für beträchliche Einnahme gesorgt werden muss wenn
die Verfassung Bestand haben soll Freilich fällt eine Menge unnützer Ausgaben
weg die in andern Ländern erfordert werden als Besoldungen Pracht am Hofe
und dergleichen immer aber bleiben die Bedürfnisse sehr beträchtlich Auf
folgende Weise wird nun dafür gesorgt dass die Kassen imstande seien dies zu
bestreiten und jeder Mitbürger verhältnismäßig dazu beitrage
    Eine Haupteinnahme zieht der Staat wie man weiß aus dem Ertrage der
Amtsländereien und der vakanten Güter Die Früchte werden in den öffentlichen
Magazinen aufbewahrt in wohlfeilen Zeiten aufgehäuft und in teuren zu einem
immer gleichen mäßigen Preise verkauft damit diese nie zu hoch steigen und der
jüdische Wuchrer sich nicht auf Unkosten des ärmern Landmanns bereichern könne
Dagegen kann aber auch jeder Dorfbewohner sein Getreide in diese Magazine
liefern und bares Geld dafür empfangen
    Die Bergwerke Steinbrüche die Münze die Jagden und Fischereien sind
gleichfalls beträchtliche Hülfsquellen für den Staat
    Sodann der zehnte Teil von allen Erbschaften und das Vermögen derer die
keine Söhne hinterlassen
    In die öffentlichen Warenlager werden die Arbeiten aus den Werkhäusern
abgeliefert und dann teils verkauft teils zu Ausstattung der Jünglinge und
Mädchen angewendet
    Manufakturen und Fabriken deren Anlage die Kräfte eines Privatvermögens
übersteigt werden auf öffentliche Kosten betrieben Der Vorteil daraus
besonders durch den ausländischen Handel fließt in die Staatskasse
    Allein dies alles würde zu den Abgaben bei weiten nicht hinreichen es
müssen also auch Auflagen und Abgaben stattfinden und um diese so einfach so
billig als möglich und zugleich so einzurichten dass ihre Hebung nicht
schwerfalle schlage ich folgendes vor
    Von jeder Landportion wird jährlich der zehnte Teil dessen was sie in
mittelmäßig guten Jahren eintragen kann in die Staatskasse geliefert  Das ist
die einzige Abgabe die der Landmann zu bezahlen hat Der Stadtbewohner
entrichtet dieselbe runde Summe jährlich und wie schon erwähnt worden für
jeden Hausgenossen den er über die verwilligte Anzahl hält soviel als wenn er
noch eine halbe Landportion besäße Wenn ein ähnliches Gesetz in Ansehung des
Viehes das jemand halten darf verfasst wird so trägt der Reichere oder der
welcher größeren Aufwand macht als nötig wäre verhältnismäßig mehr als der
Ärmere und niemand wird Ursache zu klagen haben
    Außer diesen Auflagen ist nur noch eine Zollabgabe bestimmt nämlich der
zehnte Teil des Werts von allen ausländischen Waren ohne Unterschied die in das
Reich eingeführt werden von den ausgehenden Waren wird nichts entrichtet
    Die Posten sollen dem Staate keine Einkünfte tragen sondern nur eine
wohltätige Anstalt zur Gemächlichkeit des Publikums sein jedem aber steht frei
sich ihrer auch nicht zu bedienen
    Große Straßen Dämme und dergleichen öffentliche Werke anzulegen dazu
werden die Soldaten in Friedenszeiten genützt und bekommen dafür eine gewisse
Vergütung Da nun jeder Mitbürger eine Zeitlang in der Armee dienen muss so ist
auch keiner von dieser Arbeit befreit  Handarbeit schändet niemand und stärkt
den Körper
    Von den Waisenhäusern ist schon vorhin geredet worden die Kinder werden
darin mit der größten Sorgsamkeit die bei öffentlichen Anstalten irgend möglich
ist erzogen in allerlei Art Arbeit unterrichtet sie besuchen die allgemeinen
Schulen und wenn sie das funfzehnte Jahr erreicht haben wird für sie wie für
alle andre Mitbürger gesorgt
    Die übrigen Arbeitshäuser sind von dreierlei Art In einigen finden einzelne
bejahrte Personen beiderlei Geschlechts und Witwen einen Zufluchtsort und
Gelegenheit ein ihren Kräften und Kenntnissen angemessenes Geschäft oder
Handwerk zu treiben Wer Vermögen hat kauft sich ein und kann sich zugleich
mehr Gemächlichkeit ausbedingen wer kein Vermögen hat wird auf den
gewöhnlichen anständigen reinlichen aber freilich einfachen nicht prächtigen
Fuß behandelt und muss sich gefallen lassen bestimmte Stunden des Tags für die
Manufakturen oder was ihm sonst seinen Talenten gemäß aufgetragen wird zu
arbeiten
    In die zweite Art von Arbeitshäuser werden Menschen aufgenommen die durch
schlechte Wirtschaft zurückgekommen sind Sie genießen hier wie billig nicht
soviel Gemächlichkeit und Freiheit als in den vorhin beschriebnen Werkhäusern
müssen gröbere Arbeit verrichten werden genauer beobachtet aber doch
keineswegs strenger behandelt
    Die Arbeitshäuser der dritten Gattung sind für Verbrecher bestimmt Sie sind
die eigentlichen Gefängnisse Die Art der diesen Leuten obliegenden leichten
oder schweren Arbeit richtet sich nach dem Grade ihrer Vergehungen Viele unter
ihnen werden gefesselt und bewacht auch außer den Gebäuden bei beschwerlichen
und unangenehmen Arbeiten angestellt wozu freie gebildete Menschen sich ungern
brauchen lassen doch wird auf alle Weise auch für ihre Gesundheit gesorgt
    Alle diese öffentlichen Anstalten sind von der Art dass der Staat durch die
darin verfertigten Arbeiten mehr oder wenigstens ebensoviel Vorteil zieht als
die Unterhaltung derselben kostet Hospitäler und Tollhäuser hingegen erfordern
mehr Aufwand doch muss für diejenigen welche Vermögen haben und darin
aufgenommen werden wollen eine bestimmte Summe eins für alles in den
öffentlichen Schatz niedergelegt werden
    Damit der Staat von richtiger Einnahme der festgesetzten Abgaben gewiss sei
und nicht zuweilen Hauptunglücksfälle einzelne Familien oder ganze Gegenden
insolvent machen so sind im ganzen Reiche Assekuranzkassen errichtet durch
welche alle Mitbürger sich einander nicht nur für erlittenen Brandschaden
sondern auch für Misswachs Hagelschlag Viehsterben Verlust von Schiffen und
dergleichen entschädigen
    Auf dem Lande und in den Städten sind Ärzte Wundärzte Apotheker und
Hebammen angestellt denen jede Familie jährlich eine gewisse von der Obrigkeit
einzusammelnde kleine Summe bezahlt wogegen sie aber auch ohne Unterschied
jedermann ohne weitre Forderungen zu machen mit Rat und Tat beistehen müssen
so wie denn auch alle von den besoldeten Ärzten verschriebne Arzneimittel
denenjenigen welche nur einfache Taxen entrichten das heißt soviel als von
einer einzelnen Landportion bezahlt wird unentgeltlich verabfolgt werden
    Obgleich jedem Mitbürger erlaubt ist das Land zu verlassen so fällt doch
wenn er sein bares Vermögen mit aus Abyssinien nehmen will die Hälfte davon der
Staatskasse anheim Dies ist sehr billig dem Ertrage des vaterländischen
Bodens der ihn ernährt hat verdankt er seinen Reichtum dem Staate seine
Bildung und Sicherheit aller Art  Kann er sich beklagen wenn man was sein
eigener Fleiß dabei bewirkt hat auf die Hälfte des Erworbnen anschlägt Es ist
sehr begreiflich dass dies Gesetz leicht zu täuschen sein würde allein sollen
wir denn gar nichts auf den Erfolg der bessern moralischen Bildung unsrer Bürger
und darauf rechnen dass sie nicht geneigt sein werden aus Leichtsinn ein Land
zu verlassen in welchem sie sich freier und glücklicher fühlen als sie in
irgendeinem andern sein können
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
        Fortsetzung Religion Justiz Strafen und Belohnungen Polizei
Die Religion kann eigentlich gar kein Gegenstand der Gesetzgebung sein Die
innere Gottesverehrung und die Begriffe die man sich von dem göttlichen Wesen
und seinen Verhältnissen gegen dasselbe macht richten sich nach den Fähigkeiten
und Empfindungen jedes einzelnen und es kann vom Staate nichts darüber bestimmt
werden weil dieser nur über Handlungen nicht aber über Gedanken und Meinungen
Richter ist Die moralischen Vorschriften zu denen man die Gründe aus
religiosen Sätzen herleitet müssen gleichfalls der innern Überzeugung eines
jeden überlassen bleiben der Staat soll nur dafür sorgen dass keine Handlungen
geduldet werden die solchen moralischen Regeln zuwider sind auf welchen die
Gesetzgebung beruht Ebensowenig darf die Regierung den Mitbürgern verbieten
laut und öffentlich ihre Meinung über diese ihnen wichtige Dinge zu sagen und zu
schreiben weil überhaupt Worte keinem Zwange unterworfen sind Was endlich die
religiosen und gottesdienstlichen Gebräuche betrifft so darf sich der Staat nur
insofern dareinmischen als sie die befohlnen Handlungen hindern und die
verbotnen befördern könnten zum Beispiel wenn sie anstößig unsittlich wären
oder die Bürger von nützlicher Tätigkeit abhielten Übrigens also ist die
spekulative teoretische und praktische Religion keinem Zwange unterworfen wir
wissen nichts von einer Landesreligion jedermann kann glauben was er will und
seinen Gott verehren und ihm dienen wie es ihm beliebt Wollen mehrere Familien
zusammentreten und nach ihrer Weise gottesdienstliche Versammlung halten auch
aus ihrem Vermögen Leute besolden die sie Priester oder Prediger nennen so
steht ihnen auch das frei nur mit der Einschränkung dass zu diesen
Zusammenkünften niemand der Zutritt versagt werden darf weil überhaupt in einem
Lande wo alles Gute und Gleichgültige öffentlich geschehen kann jede geheime
Versammlung jede heimliche Unternehmung unerlaubt ist Auch ist es jeder Sekte
verstattet auf nicht ungestüme aber auf öffentliche Weise Proselyten zu
machen soviel sie will
    Es erkennt aber der Staat die Priester und Prediger die sich übrigens
kleiden mögen wie es ihnen beliebt für gar keinen besonderen Stand nimmt keine
Wissenschaft von ihrem geistlichen Berufe sondern behandelt sie nach der
Rücksicht auf das bürgerliche Gewerbe zu welchem sie sich als Jünglinge haben
einschreiben lassen befreit sie von keinen Abgaben und Diensten weiset ihnen
keine besondere Einkünfte an und entscheidet nie in sogenannten geistlichen
Dingen Die Lehren einer echten göttlichen Religion müssen durch ihre innere
Kraft über Irrtümer siegen und deswegen muss es erlaubt sein diese wie jene
laut zu predigen sie der freien Prüfung zu unterwerfen der Stifter des
erhabenen Christentums legte es nie darauf an seine Religion zu einer
Staatssache zu machen und die ersten Prediger derselben verlangten weder
Exemtionen noch Besoldungen noch Titel noch Pfründen noch die Freiheit
müßige Mitglieder im gemeinen Wesen zu sein
    Um aber das Volk zuweilen zu gemeinschaftlicher Gottesverehrung zu ermuntern
und durch edle religiöse Empfindungen die Herzen zur Liebe Dankbarkeit zum
Wohlwollen und zur brüderlichen Eintracht zu stimmen wird jährlich einmal an
einem festgesetzten Tage in der schönsten Gegend jeder Provinz ein großes
Volksfest veranstaltet woran jeder ungezwungen mit seiner Familie teilnehmen
darf Unter freiem Himmel werden dann herzerhebende schöne Hymnen welche die
Kinder in den Schulen vollstimmig aufführen lernen mit Begleitung musikalischer
Instrumente gesungen Gute Redner denen die Obrigkeit dies Geschäft aufträgt
halten kurze rührende Anreden an das Volk und ermahnen es zu Erfüllung seiner
Pflichten die andre Hälfte des Tages verstreicht unter geselligen
gastfreundschaftlichen und gesitteten Freuden Die Obrigkeit sorgt dabei für
Beobachtung des Anstandes und der Ordnung
    Die Justiz wird in Abyssinien unentgeltlich verwaltet wie die Land und
Stadtobrigkeiten erwählt werden das ist in einem der vorigen Abschnitte gesagt
worden sie bekommen keinen Gehalt und dürfen keine Sporteln nehmen Nebst denen
ihnen obliegenden gewöhnlichen Amtsverrichtungen sind sie auch verbunden jeden
Vormittag gewisse Stunden hindurch jedermann vorzulassen der Klage zu erheben
hat Da wir nicht eine Menge dunkler sich durchkreuzender Gesetze haben und
unsre Staatsverfassung nicht Gelegenheit zu mannigfaltigen verwickelten
Streitfragen und Händeln gibt die Hauptfälle aber sehr klar in den Gesetzen
bestimmt sind so kommt weniger darauf an dass unsre Richter sehr gelehrte
Leute als dass sie verständige hellsehende erfahrne und unverführbar
rechtschaffne Leute seien
    Alle Rechtshändel werden mündlich verhandelt worüber jedoch Protokolle
geführt werden Die Parteien müssen ihre Notdurft nebst den Gründen selbst
einfach vortragen und kein Advokat noch Vorsprecher wird geduldet
    Jeder Prozess muss wenigstens nach Ablauf eines Jahrs beendigt sein
    Wenn zwei Personen miteinander in Streit geraten so muss jeder von ihnen
bevor sie sich bei der Obrigkeit melden dürfen sich einen Schiedsrichter
wählen Diese beiden Schiedsrichter treten zusammen und suchen einen Vergleich
zustande zu bringen Gelingt dieser Vergleich nicht so stellen sich die
Parteien begleitet von ihren Schiedsrichtern vor die Obrigkeit Diese hört
ihre Klagen und Verteidigungen hört wenn es nötig ist die Zeugen ab auf
welche man sich beruft und entscheidet dann nach Gesetz Billigkeit und
gesunder Vernunft und mit Rücksicht auf Umstände und Menschenkenntnis In diesem
Gerichte haben die beiden Schiedsmänner sowohl wie die obrigkeitlichen Personen
Sitz und Stimme
    Nur in wenig Fällen die bestimmt werden müssen findet eine Appellation
Platz Diese geht an den Stattalter und in äußerst wichtigen gleichfalls zu
bestimmenden Fällen noch von da an den König und den Nationalrat
    Alle Eide sind als unnütz abgeschafft Wie falsche Zeugnisse bestraft
werden das wird in der Folge vorkommen
    Es ist oben gesagt worden dass es nicht erlaubt sei Geld auf Zinsen
auszuleihen Jedoch findet davon folgende Ausnahme statt Wenn jemand zu einer
nützlichen Unternehmung wobei etwas zu gewinnen ist mehr Geld braucht als er
vorrätig hat und ein andrer zeigt sich geneigt ihm das Geld vorzuschiessen so
kann nicht verlangt werden dass dieser dies umsonst tue indem er ja selbst
durch Handel oder auf andre Weise mit seiner Barschaft sich erlaubte Vorteile
verschaffen könnte In diesem Falle nun melden sich beide Teile bei der
Obrigkeit und werden über die Bedingungen einig welche der Richter bestätigt
    Nur solche mit Bewilligung der Obrigkeit ausgeliehene Gelder ferner die
bedungne Summe für erhandelte Ware und dergleichen Erbschaftsgelder und endlich
alle Arten von Arbeitstagelohn etc dürfen gerichtlich eingetrieben werden
wegen aller übrigen Schulden wird keine Klage angenommen
    Strafen können nur dreierlei Zweck haben entweder das verübte Unrecht
wieder gutzumachen und den dadurch erlittnen Verlust zu ersetzen oder die
Verbrecher zu bessern oder endlich böse Menschen ausserstand zu setzen die
bürgerliche Ruhe ferner zu stören jedoch nur durch ein solches Mittel das
Gegenstände trifft über welche sich der Staat ein Recht anmassen kann Aus
diesen Voraussetzungen und aus dem was in der Einleitung über die Grenzen der
gesetzgebenden Macht ist gesagt worden folgt natürlich dass weder Tod noch
Verstümmlung der Gliedmaßen eine bürgerliche Strafe sein kann selbst nicht zur
Ahndung eines begangnen Mordes Und dies auch schon darum nicht weil hierdurch
das vollbrachte Unglück nicht ungeschehen gemacht nicht gehoben der Verlust
nicht ersetzt wird weil der Staat nichts nehmen darf was er weder geben noch
zusichern kann weil es andre Mittel gibt einen Verbrecher ausserstand zu
setzen ferner zu schaden endlich weil Strafe nie Rache werden soll alle
übrige Arten der Strafen sind für rechtmäßig zu halten insofern sie mit den
Verbrechen in richtigem Verhältnisse stehen
    Wo Ersatz möglich ist da ist Ersatz des Schadens und der Unkosten nebst
billiger Vergütung für Versäumnis Verdruss Schmerz u dgl die natürlichste
Strafe
    Selbstverteidigung und erwiesene unvermeidliche Notwehr werden nicht
geahndet wohl aber Rache und tätige Erwiderung des Übels
    Tätige Rache für wörtliche Beleidigung wird bestraft
    Blosse Worte selbst wenn es Gotteslästerungen wären können unsern
Hauptgrundsätzen gemäß nicht bestraft werden Nur um Handlungen kann sich der
Staat bekümmern Es ist ein elendes Vorurteil zu glauben dass Schimpfwörter und
Verleumdungen einem wirklich unschuldigen ehrlichen festen Manne je Schaden
tun ihn kränken oder erniedrigen könnten Übrigens steht es in jedermanns
Macht ein von ihm ausgesprengtes nachteiliges Gerücht öffentlich zu widerlegen
und wird dann offenbar dass der welcher ihm eine Schandtat schuld gegeben aus
Bosheit gelogen hat und der Beleidigte beweiset dies und verlangt gerichtlich
seine Genugtuung so wird der Verleumder dadurch bestraft dass er in den
öffentlichen Blättern die unter Aufsicht der Regierung herauskommen dem
Publikum als ein Lügner bekanntgemacht wird Diese Strafe ist unter einem
Volke das nach den Grundsätzen der wahren Ehre und Redlichkeit erzogen wird an
sich schon sehr hart sie hat aber auch noch schlimme Folgen im bürgerlichen
Leben denn ein solcher kann kein öffentliches Amt im Staate verwalten kein
Zeugnis vor Gericht ablegen kein Geld leihen etc
    Dies ist dann auch die Strafe womit erwiesenes falsches Zeugnis geahndet
wird
    Wir sehen aber dieselbe für so hart an dass sie immer nur auf gewisse Jahre
verhängt wird und zwar auf mehr oder weniger Jahre je nachdem die Verleumdung
oder das falsche Zeugnis boshaft oder der Gegenstand von Wichtigkeit war Nach
Verlauf dieser Zeit wird der Bestrafte öffentlich wieder in die Rechte eines
glaubwürdigen Mannes eingesetzt
    Ein Mensch der zum drittenmal diese Strafe verdient wird als ein unnützes
Mitglied in einem Staate dessen Wohlfahrt auf Treue und Glauben beruht des
Landes verwiesen
    Wer den andern mit Schlägen misshandelt der muss ihm nicht nur für
erlittenen Schmerz und Schimpf eine Summe Geldes bezahlen oder wenn er das
nicht kann auf gewisse Zeit im Gefängnisse büßen sondern es wird auch
insofern der gekränkte Teil es verlangt der Täter durch einen Gerichtsdiener
grade ebenso öffentlich als er jene Handlung verübt hat wiederum mit Schlägen
bestraft
    Menschen die gar zu oft die bürgerliche Ruhe stören und die Gesetze des
Staats höhnen in welchem sie dennoch immer fortleben obgleich sie auswandern
könnten werden denn endlich entweder auf viel Jahre oder auf immer
eingesperrt
    Ein Landesverwiesener der sich wieder im abyssinischen Reiche blicken lässt
wird wenn man seiner habhaft geworden auf seine Lebenszeit eingekerkert
    Wer sich unberufen tätig in fremde häusliche oder andre Geschäfte mischt
wird wenn Klage darüber entsteht von der Obrigkeit bestraft
    Da bei Kauf und Verkauf beide Teile ihren freien Willen haben und man von
einem verständigen Manne billigerweise fordern kann dass er sich in keinen
Handel einlasse wenn er nichts von dem Werte der Waren und ihren Preisen
versteht so werden keine Klagen wegen Übervorteilung im Handel angenommen Es
steht indessen dem Betrogenen frei den Betrug zur Warnung andrer öffentlich
bekanntzumachen Wird aber gerichtlich erwiesen dass der Verkäufer seine Ware
selbst für etwas ausgegeben was sie nicht ist oder auf Treue und Glauben ein
falsches Maß oder Gewicht angegeben welches der Käufer auf sein Wort also
angenommen dann wird vorausgesetzt dass dieser mehr auf jenes Redlichkeit als
auf seine eigne Einsicht und Vorsicht gebaut habe und der Betrüger muss dem
Betrognen nicht nur den Schaden ersetzen sondern noch den hundertfältigen Wert
obendrein in die öffentliche Kasse bezahlen
    Totschlag wird mit lebenslänglichem Gefängnisse von der schwersten Art
bestraft ein misslungner Angriff auf das Leben eines Menschen nicht weniger mit
lebenslänglichem doch gelinderm Gefängnisse In sehr seltenen Fällen kann der
Umstand dass der Angriff in der Blindheit des Zorns geschehen einige Milderung
bewirken Wer seine Leidenschaften sowenig im Zügel zu halten vermag der muss
dafür büßen
    Diebstahl wird nach den Umständen strenger oder gelinder bestraft Strenger
ein Hausdiebstahl ein Raub den man an dem Eigentume seines Freundes begeht
eine Vergreifung an anvertrauetem Gute die Beraubung eines Armen ein Diebstahl
aus bloßem Geize ohne den Antrieb der dringenden Not ein solcher wobei Gewalt
angewendet worden usf
    Da bei uns überhaupt kein Unterschied der Stände stattat so ist es fast
überflüssig zu sagen dass auf die Härte und Milde der Strafen der Stand des
Verbrechers gar keinen Einfluss haben kann es darf also bei uns der welcher
einst das höchste Amt im Staate bekleidet hat zu der schimpflichsten Strafe
verurteilt werden wenn er ein schimpfliches Verbrechen begeht Soll man
Rücksicht auf sein feineres Ehrgefühl nehmen so zeige er dies feinere Ehrgefühl
durch bessere Handlungen Übrigens aber bringt eine weise Obrigkeit bei
Bestrafung der Verbrechen Alter Temperament körperliche Konstitution u dgl
mit in Anschlag
    Der Klugheit unsrer Richter bleiben die Arten der zu verhängenden Strafen
sowie ihre Stufen und Dauer nach Massgabe der Größe der Verbrechen und der damit
verbunden gewesenen Umstände überlassen
    Alle Gefängnisse sind zugleich Werkhäuser keiner der Gafangenen ist müßig
sie arbeiten teils im Kerker teils werden sie geschlossen und bewacht auf die
öffentlichen Arbeitsplätze geführt Nach Verhältnis der Größe ihrer Vergehungen
werden ihnen leichtre oder schwerere genehmere oder unangenehmere Arbeiten
auferlegt und nach eben diesem Verhältnisse werden sie auch nachsichtiger oder
strenger bequemer oder weniger gemächlich gehalten besser oder schlechter
gespeist und wird ihnen mehr oder weniger Freiheit gestattet zum Beispiel in
den Erholungsstunden ihre Verwandten zu sehen oder sich andre unschuldige
Vergnügungen zu machen Aber dafür wird bei allen gleich gewissenhaft gesorgt
dass Reinlichkeit und gesunde Luft in den Kerkern herrschen und dass wenn die
Gafangenen erkranken es ihnen nicht an Pflege fehle
    Keine Strafe beschimpft wenn sie überstanden ist
    Soviel von Strafen Belohnungen für gute Handlungen kann der Staat
eigentlich gar nicht austeilen und am wenigstens möchten wir unsre Mitbürger
daran gewöhnen eitles Lob äußere Ehrenzeichen Ordensbänder Monumente oder
andre Narrheiten von der Art für Belohnungen zu halten Jede gute Handlung
belohnt sich selber durch das innere Bewusstsein seine Pflicht erfüllt zu haben
durch die Freude an dem Guten das man gestiftet hat durch den lauten oder
stillen Dank den man einerntet durch den guten Ruf und durch die Achtung und
Liebe edler Menschen die sich ein redlicher nützlicher wohltätiger Mann
sicher erwirbt  Ein Abyssinier bedarf weiter keiner andern Belohnungen allein
dafür muss doch die Regierung sorgen dass große schöne Taten nicht unbekannt
nicht unbemerkt bleiben und dass nicht dem welcher sie ausübt ein Teil jener
natürlichen Belohnungen entzogen werde Desfalls nun werden solche Handlungen in
den Staatszeitungsblättern öffentlich bekahntgemacht Diese Blätter dienen
überhaupt im ganzen Lande zu allgemeiner Verbreitung und Bekanntmachung dessen
was in den einzelnen Provinzen vorgeht und alle Mitbürger interessieren kann
Was sich in unserm Lande zuträgt das ist uns wichtiger als was auswärts
geschieht Wir nehmen wenig teil an fremden politischen Händeln es kümmert uns
sehr wenig in welchem Lustschlosse ein müßiger europäischer Fürst nebst seinem
elenden Hofgesindel seinen Wanst gefüllt hat aber ob Bevölkerung Fleiß
Tugend Einfalt der Sitten bei uns zuoder abgenommen haben das liegt uns sehr
am Herzen zu erfahren und das ist der Inhalt unsrer Landeszeitung Sie kommt in
der Residenz heraus und die Materialien dazu liefern von unten hinauf alle
Obrigkeiten durch monatliche Berichte die Zeitung ist gleichsam der
Hauptbericht an das Volk
    In dieser Zeitung werden auch alle Haupturteilsprüche und verhängte Strafen
bekanntgemacht Auch werden darin nützliche Bemerkungen und neue Entdeckungen
zu Verbesserung des Landbaues zu Erhaltung der Gesundheit etc der Nation
mitgeteilt  Dies alles so kurz und deutlich als möglich
    Die Polizei in den Städten wie in den Dörfern sorgt soviel sie kann für
die Sicherheit Freiheit Ruhe Gesundheit und Gemächlichkeit der Mitbürger Zur
Reinhaltung Sicherheit und Erleuchtung der Straßen Hinwegschaffung der
Unreinigkeiten durch Kanäle Austrocknung stehender Sümpfe Ausbesserung der
Wege Nachtwachen Vorkehrungen gegen Feuersgefahr Löschungsanstalten und was
dahin gehört werden die besten Vorkehrungen getroffen
    In unserm Staate wird niemand geduldet der nicht irgendein bürgerliches
Geschäft treibt und zu treiben versteht womit sich Unterhalt erwerben lässt
eine bloß verzehrende Klasse kennen wir nicht Ob er übrigens in diesem Berufe
sehr fleißig sei oder ob er nicht mehr Zeit auf Nebendinge mit denen er sich
lieber beschäftigt verwendet darum kann sich die Regierung nicht genau
bekümmern auch hieße das zu sehr die natürliche Freiheit einschränken Nur
davon wollen wir gewiss sein dass wenn ein solcher einmal durch seine Faulheit
verarmt und nun von dem Staate Hilfe fordert dieser ihn nicht umsonst zu
füttern brauche sondern ihn bei irgendeiner Arbeit die er versteht anstellen
könne Leute also die ohne andre Geschäfte bloß von ihren Renten leben
werden bei uns nicht geduldet und wollten fremde Müßiggänger von der Art mit
großen Schätzen nach Abyssinien ziehen so würden wir sie nicht aufnehmen es
ist uns weniger daran gelegen sehr reiche als fleißige tätige Mitbürger zu
haben Auch bloß spekulierende Gelehrte dulden wir nicht wir wissen recht gut
dass die höchste Geisteanstrengung und das emsigste Studium sich vortrefflich mit
einiger nützlicher Tätigkeit im bürgerlichen Leben vereinigen lässt Derselbe
Fall ist mit Menschen die sich mit schönen Künsten beschäftigen ein Maler ein
Tonkünstler ein Dichter zu sein das gilt bei uns für keinen Stand Wir glauben
nicht daran dass die Begeisterung welche den Künstler beleben muss durch die
Aufmerksamkeit auf die kleinen Details die bei bürgerlichen Geschäften
vorfallen verscheucht werde
    Wir leiden nicht dass Gaukler Springer und überhaupt Menschen die eine
Kunst üben welche weder der bürgerlichen Gesellschaft nützlich ist noch
wohltätigen Einfluss auf Kopf oder Herz hat bei uns ihr Wesen treiben sie
werden sogleich des Landes verwiesen Dass kein einziger Bettler in einem Reiche
sich blicken lassen dürfe wo jeder arbeitsame Mensch bequem Unterhalt finden
kann das versteht sich wohl von selber
    Es sind bei uns alle Zünfte abgeschafft jedermann kann frei eine
Hantierung ein Gewerbe treiben welches er will und worin er sich geschickt
glaubt und kann seine Arbeit so hoch taxieren als ihm beliebt Es wird sich
bald ausweisen ob er sein Handwerk versteht oder nicht und der Pfuscher wird
gewiss nicht lange dem geschickten Arbeiter das Brot vor dem Munde wegnehmen
Fordert aber jemand zu Betreibung seines Handwerks oder seiner Kunst
Unterstützung vom Staate dann muss er freilich erst Beweise seiner
Geschicklichkeit geben
    Der Lohn für Gesinde für Arbeitsleute Tagelöhner etc ist im ganzen
abyssinischen Reiche bestimmt wer mehr nimmt oder mehr bezahlt wird bestraft
    Aller Aufwand bei Begräbnissen ist verboten Sobald ein Abyssinier stirbt
sind seine Verwandte oder Freunde verbunden es dem vom Staate angesetzten Arzte
anzuzeigen Dieser begibt sich in das Sterbehaus besichtigt den Körper und
stellt wenn er ihn wirklich tot findet darüber ein Zeugnis aus Dies Zeugnis
wird der Obrigkeit vorgezeigt die den Befehl zur Beerdigung nach Verlauf einer
bestimmten Anzahl Tage ausfertigt Länger darf dann auch der Leichnam nicht
liegenbleiben Die allgemeinen Begräbnisplätze sind weit genug von den Wohnungen
der Lebendigen entfernt Der Tote wird unbekleidet in einen Kasten von gemeinem
Holze ohne alle Zieraten gelegt Bevor der Kasten vernagelt wird öffnet man
dem Verstorbenen eine Pulsader der Tote wird in der Stille fortgebracht Es ist
bestimmt wie tief der Kasten in die Erde eingegraben werden muss vor funfzig
Jahren darf kein altes Grab umgegraben werden Die Begräbnisplätze sind daher in
Quartiere eingeteilt deren jedes die Toten aus einem Jahrzehent umfasst
Monumente und dergleichen Spielwerke der Eitelkeit werden nicht geduldet Das
Andenken unsrer edelen Männer verewigt sich in der Wirkung ihrer guten
Handlungen und kein großer Name geht verloren wenn er auch nicht in Marmor
oder Erz eingegraben steht
    Jedermann hat bei uns die Freiheit seine Lebensart seine Kleidung und
dergleichen nach seinem Geschmacke und seiner Phantasie einzurichten es findet
darin durchaus kein Zwang statt Wäre es möglich so wünschten wir dass unsre
ganze Nation darüber einig würde alles was Mode und Konvention heißt
abzuschaffen und dass jeder ohne sich um den andern zu bekümmern täte und
trüge was er wollte Mancher kann vielleicht seiner Gesundheit und seinem
Körperbau eine lange türkische oder eine armenische Kleidung angemessen finden
er kleide sich also türkisch oder armenisch Einen andern behagt mehr eine kurze
spanische oder irgendeine andre von den albernen europäischen Trachten auch
dieser folge seiner Phantasie Gesetze gegen den Luxus haben wir gar nicht
Unsre Mitbürger werden so erzogen dass sie über zwecklose Torheiten und über
Flitterprunk hinaus sein werden und da wir alle gleich sind so fällt die
Hauptursache eines glänzenden Aufwandes nämlich die Absicht für einen
vornehmen Mann angesehen zu werden weg wir haben ja unter uns keine vornehme
Männer
    So wie jeder die Freiheit hat sich zu kleiden wie er will und soviel
Aufwand zu machen als ihm beliebt so bleibt es auch seiner Willkür überlassen
sein Haus so zu bauen und auszuzieren wie es ihn am besten und zierlichsten
dünkt Weil doch aber wirklich der Geschmack in Verzierungen und dergleichen
sehr viel mehr Einfluss auf die Denkungsart der Menschen hat als man glauben
sollte so ist die Obrigkeit jedes Orts bereit jedem Mitbürger der sich an sie
wendet Risse und Zeichnungen nach den edelsten und einfachsten Planen und
Formen zu Gebäuden aller Gattung sowie zu aller Art Hausrat unentgeltlich
mitzuteilen Auch werden solche Aufrisse von Zeit zu Zeit in Kupfer gestochen
und öffentlich angeschlagen Die Baumeister welche der Staat besoldet und die
über die öffentlichen Gebäude die Aufsicht haben sind angewiesen den
Mitbürgern mit Rat und Tat beizustehen und in den öffentlichen Fabriken wird
dafür gesorgt dass nur nach den einfachsten und edelsten Mustern und Formen
gearbeitet werde
    Da uns daran gelegen ist dass unsre Sitten nicht durch Ausländer verderbt
werden dass man uns nicht fremde Torheiten und Laster von außen herein spediere
und dass nicht eine Menge vorwitziger müßiger neugieriger Reisender welche die
Langeweile aus ihrem Vaterlande jagt unter uns herumrenne so sehen wir uns
gezwungen zu fordern dass jeder Fremde der unsre Grenze betritt sich sogleich
erkläre was für ein Geschäft er bei uns habe auch wie lange und in welchen
Gegenden er sich aufzuhalten gedenke Werden seine Verrichtungen erlaubt und
wichtig genug befunden so erhält er von der Obrigkeit einen Pass der nach
diesen Umständen eingerichtet ist Diesen muss er allerorten in Abyssinien wohin
er kommt vorzeigen Ertappt man ihn auf einem Nebenwege oder in einem
Geschäfte das er nicht angezeigt hat oder bleibt er über die bestimmte Zeit
so wird er sogleich über die Grenze gebracht
    Der Polizei liegt auch ob ein wachsames Auge auf die Buchdruckereien zu
halten das heißt dafür zu sorgen dass die Pressfreiheit nicht gemissbraucht
werde Es ist nämlich im Vorhergehenden gesagt worden dass jedermann frei und
offen über alle Gegenstände und über alle Personen seine Meinung sagen und
schreiben dürfe und dass er von der Regierung in dem Besitze dieser Freiheit
geschützt werde dass ihm deswegen von niemand ein Haar gekrümmt werden dürfe
insofern er die Wahrheit gesagt habe und nicht vom beleidigten Teile dargetan
würde dass er ein Verleumder sei  Doch dies alles unter der Bedingung dass der
Name des Schreibers nicht verschwiegen sei Die Polizei nun wacht darüber dass
durchaus keine anonyme Schriftsteller auftreten dürfen und forscht wenn
dergleichen Blätter dennoch zum Vorschein kommen genau nach dem Urheber um
denselben zu bestrafen Doch ist ein Fall ausgenommen wo der Name des
Schreibers nicht erfordert wird nämlich wenn jemand Fakta bekanntmacht die
auf öffentlichen Dokumenten beruhen oder von deren Grund oder Ungrunde sich
jedermann durch den Augenschein oder bei der geringsten Erkundigung überzeugen
kann zum Beispiel wenn er den ungerechten Gang eines Prozesses öffentlich
rügte da dann wenn die Angabe falsch wäre ein von den Richtern
Schiedsrichtern und Zeugen unterschriebner Auszug aus den Akten das Publikum
sogleich von der wahren Lage der Sachen unterrichten könnte
    Wirtshäuser in welchen müßige Leute sich bloß zum Trinken versammeln
werden bei uns gar nicht geduldet den Gastwirten die Fremde beherbergen sind
genaue Taxen vorgeschrieben
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
                             Kriegswesen Handlung
Wir können nie in den Fall kommen einen offensiven Krieg zu führen Zufrieden
mit unserm Zustande wenn Fleiß Industrie Einfalt der Sitten und Frieden bei
uns herrschen bauen wir unsre Felder verarbeiten unsre Produkte und begehren
nichts von dem was fremde Völker besitzen Unser Land ist groß genug um
doppelt soviel arbeitsame Menschen zu ernähren als jetzt darin leben also
suchen wir auch unsre Grenzen nicht zu erweitern Überdies halten wir es für
unnatürlich und den ersten Rechten der Menschheit zuwider dass ein Staat sich
die Befugnis anmasse durch Eroberung Tausch oder Vertrag ein anders Land an
sich zu bringen wenn er nicht weiß ob die Einwohner desselben damit zufrieden
sind dass sie nun von andern Menschen regiert werden sollen Denn wenn nun auch
alte Usurpationen gegen die heiligen Menschenrechte ewig gültig bleiben und
Völker die vor tausend Jahren ihren Nacken unter das Joch eines einzelnen
gekrümmt haben immerfort auch noch den späten Nachkommen dieses einzelnen
sklavisch gehorchen sollen so empört doch das alle gesunde Vernunft dass diese
Herrschersfamilien das Recht haben sollen sich einander Länder und Völker zu
schenken zu verkaufen oder zu rauben wie man Herden Vieh veräussert
    Wir führen also keine offensive Kriege allein wir müssen uns in einem
solchen Stande erhalten dass wir sobald ein unruhiger Nachbar uns angreift
gerüstet seien ihm mit einem starken und geübten Heere die Spitze zu bieten
    Zu diesem Endzwecke bleibt jeder Bürger bis in sein sechzigstes Jahr Soldat
und muss in das Feld sobald die Not es erfordert ist in seinem
Provinzialregimente eingeschrieben hat in seinem Hause eine vollständige
Kriegskleidung und Bewaffnung liegen und wohnt jährlich vierzehn Tage lang wenn
die Waffenübungen vorgenommen werden denselben bei Die übrige Zeit kann er
ruhig zu Hause bleiben
    Drei Jahre seines Lebens hindurch muss aber jeder Abyssinier auch in
Friedenszeiten fortgesetzt als Soldat dienen Diese fangen mit seinem
zwanzigsten Jahre an das heißt bevor er sich häuslich niederlässt Ihm wird
dann vom Staate eine vollständige Kleidung gegeben die er aber hernach auf
seine Kosten unterhalten muss er lernt den Dienst und muss alles tun was einem
Soldaten obliegt der Staat gibt ihm nur Brot allein da er wie man nachher
hören wird in seiner Heimat bleibt und nebenher seinen Unterhalt erwerben kann
man ihn auch für die öffentlichen Arbeiten wozu das Heer gebraucht wird zum
Beispiel Straßen Dämme Wasserleitungen etc anzulegen besonders bezahlt so
kann er keinen Mangel leiden Dieser Dienst ist aber nicht schwer und wird ein
Jüngling dadurch gewiss nicht in der Wissenschaft der Kunst oder dem Handwerke
das er gewählt hat binnen diesen drei Jahren zurückkommen indem ihm Zeit genug
übrigbleibt sehr viel nebenher zu arbeiten Nach Verlauf der drei Jahre geht er
nach Hause und ist außer den jährlichen vierzehn Tagen wo die Waffenübungen
getrieben werden und außer dem Falle wenn Krieg entsteht völlig frei
    Jede Provinz hält in Friedenszeiten nur ein Regiment das aus zwölf
Kompanien drei zu zweihundert und neun zu hundert Mann besteht In jedem der
drei großen und neun kleinen Dörfer liegt eine dieser zwölf Kompanien die aus
den Jünglingen desselben Dorfs zusammengesetzt ist so dass also keiner durch
seinen Soldatendienst sich von seiner Heimat entfernt Dies macht zuerst in den
zwölf Provinzen ein Kriegsheer von achtzehntausend Mann das in Friedenszeiten
auf den Beinen und zur innern Sicherheit und den öffentlichen Arbeiten
hinlänglich ist Sobald eine Armee zur Verteidigung des Reichs zusammentreten
und nun jeder Bürger unter sechzig Jahren die Waffen ergreifen muss werden aus
jedem kleinen Regimente vier stärkere gemacht Dann haben wir ein furchtbares
Heer furchtbarer noch weil es nicht aus Mietlingen und Fremden sondern aus
freien Menschen besteht die für ihr Eigentum und ihre Ruhe fechten
    Die Städte liefern die Artilleristen Ingenieurs Pontoniers und Pioniers
Jeder Stadteinwohner muss sich gleichfalls im zwanzigsten Jahre zu einem von
diesen Korps einschreiben lassen und bekommt während seiner drei Dienstjahre
unentgeltlich Unterricht in den dazu erforderlichen Kenntnissen
    Nur wenn Krieg entsteht schafft der Staat Kamele und Elefanten an und
besetzt diese mit einem Korps von Freiwilligen die bald eine Fertigkeit
erlangen mit diesen Tieren gegen den Feind zu operieren da überhaupt die
Abyssinier zu Leibesübungen sehr geschickt sind Übrigens machen wir weil wir
nur Verteidigungskriege führen wenig Gebrauch von Reiterei
    Das bleibende Heer der Jünglinge übt sich jahraus jahrein täglich eine
Stunde in den Waffen In einer Jahreszeit aber wo der Landmann am wenigsten
Geschäfte hat wird die vorhin erwähnte größere Übung vierzehn Tage hindurch
von allen Mitbürgern unter sechzig Jahren vorgenommen Alsdann zieht sich in dem
Mittelpunkte jeder Provinz das kleine Provinzialkorps welches dann aus vier
Regimentern besteht zusammen zu welchem die Korps aus den vier Städten stoßen
und mit jenen gemeinschaftlich allerlei Kriegsevolutionen machen
    Wir halten es nicht für zweckmäßige in unsern eigentlichen Schulen den
Kindern Anweisung in körperlichen Übungen geben zu lassen Bis zum funfzehnten
Jahre kann man die Stunden besser anwenden und solange der Körper noch im
ersten Wachstume ist können Anstrengungen von der Art gefährlich werden In
jeder Stadt aber unterhält die Obrigkeit ein paar Männer die in einem
öffentlichen Gebäude Unterricht im Ringen und besonders im Reiten und schnellen
Lenken der Kamele geben Hier wird kein Schüler der unter fünfzehn Jahre alt
ist angenommen Wer Vermögen hat muss dafür bezahlen eine gewisse Anzahl
Ärmerer aber wird ein Jahr lang unentgeltlich unterrichtet Auf diese Weise kann
doch nach und nach die sämtliche Jugend in den Städten sich in Leibesübungen
geschickt machen Monatlich an einem gewissen Tage stehen die dazu bestimmten
Gebäude jedermann offen dann können auch die welche grade zu der Zeit keinen
Unterricht mehr genießen den Platz betreten und mit den Schülern wetteifern
Für die Landleute halten wir eine solche Anstalt überflüssig Die
Beschäftigungen die bei dem Ackerbaue vorfallen stärken den Körper
hinlänglich doch ermuntert die Obrigkeit das junge Volk in den Dörfern an den
beiden monatlichen Ruhetagen die künftig statt des ehemaligen wöchentlichen
Sonntags in ganz Abyssinien einzuführen sind sich mit allerlei körperlichen
Übungen im Laufen Springen Ringen NachdemZieleWerfen und dergleichen zu
belustigen und teilt dann Preise an die Geschicktesten aus Was aber jenen
monatlichen Tag in den Städten betrifft so pflegen da viel Zuschauer
gegenwärtig zu sein und reiche Mitbürger machen sich das Verdienst kleine
Preise für diejenigen Jünglinge zusammenzulegen die sich dabei vorzüglich
auszeichnen  Das sind unsre Schauspiele Jährlich aber ist in jeder Stadt ein
Festtag angesetzt an welchem jene Gebäude von innen verziert und dann bei dem
Klange musikalischer Instrumente große Wettübungen vorgenommen werden Hier
bezahlt jeder Zuschauer einen freiwilligen Beitrag und von diesem Gelde werden
denen die an dem Tage besondere Ehre einlegen Geschenke gereicht Auf solche
Weise erlangen wir dass unsre Krieger keine unbehülfliche bloß nach dem Stocke
abgerichtete Maschinen sind sondern dass ihr Körper stark und biegsam wird
    Ich muss nun sagen auf welche Weise wir unsre Offiziersstellen besetzen Da
die älteren Mitbürger binnen den vierzehntägigen jährlichen Waffenübungen
Gelegenheit haben die Fähigkeiten der einzelnen jungen Leute kennenzulernen so
beruft jede Ortsobrigkeit an dem letzten dieser vierzehn Tage die zwölf
Ältesten unter jenen Männern zusammen und lässt durch diese aus der Kompanie des
Orts vier Unteroffizier unter den Jünglingen für das folgende Jahr wählen Es
muss aber ein solcher der Unteroffizier werden soll schon zwei seiner
Dienstjahre zurückgelegt haben Die übrigen Unteroffizier nämlich die welche
wenn die ganze Kompanie von alten und jungen Leuten beisammen ist erforderlich
sind werden gleichfalls auf diese Weise gewählt bekleiden aber lebenslang ihre
Stellen und treten in Verrichtung sobald sich die Kompanie zusammenzieht
    Jede Kompanie des bleibenden Heers der Jünglinge hat einen Hauptmann zwei
Lieutenante und einen Panierträger Diese werden von der Ortsobrigkeit mit
Zuziehung der zwölf Ältesten ernannt und behalten ihre Stellung lebenslänglich
denn auf ihre Erfahrung Übung und Geschicklichkeit muss sich der Staat bei
Bildung der jungen Mannschaft verlassen Sie werden besoldet und avancieren
unter sich bis zum Hauptmanne Zu der größeren Armee werden gleichfalls die
Kompanieoffizier ernannt die auch ihre Stellen lebenslang behalten aber da
sie nur in der Exerzierzeit und im Kriege in Funktion treten nicht besoldet
werden
    Die Stabsoffizier wählt das Provinzialkollegium aus den Hauptleuten der
Provinz Sie bleiben immer in ihren Stellen bekommen aber in Friedenszeiten
keinen Gehalt
    Die Heerführer wählt die Nationalversammlung sobald ein Krieg entsteht
    Jeder Hauptmann erstattet Bericht von dem Zustande seiner Kompanie an die
Obrigkeit des Orts die auch bei den Hauptwaffenübungen gegenwärtig ist Da alle
Abyssinier geübte Soldaten sind so ist nie zu befürchten dass unsre
Magistratspersonen unwissend in diesem Fache sein sollten
    Wenn Krieg entsteht so müssen zwar alle Mitbürger sich fertig halten die
Waffen zu führen allein Städte und Dörfer dürfen deswegen nicht leerstehen die
Felder nicht unbebauet bleiben noch die Geschäfte der Handwerker und Künstler
ruhen Die Obrigkeiten sorgen also dafür dass außer den Fällen der äußersten
Not niemand ins Feld rücke der seinem Hauswesen unentbehrlich ist
    Im Kriege werden alle Soldaten aus der Staatskasse besoldet und wenn diese
den Aufwand nicht bestreiten kann so werden sichs die Mitbürger gefallen
lassen eine außerordentliche Steuer zu bezahlen
    Es ist vorhin von einer Kriegskleidung geredet worden Man muss sich dabei
aber keine europäische bunte Soldatenröckchen denken die dem Auge den
lächerlichen Kontrast zwischen Armseligkeit und Flitterglanz darstellen Unsre
Soldaten sollen nicht glänzen ihre Kleidung ist bequem zweckmäßige dem Klima
angemessen so wohlfeil als jede andre bürgerliche Kleidung und zeichnet sich
nur dadurch aus dass sie gleichförmig ist die Provinzen sich aber durch die
Farben unterscheiden  Dies sei genug von unserm Kriegswesen reden wir nun von
dem Handel
    Wir kennen alle die schönen Floskeln die sich über die Glückseligkeit den
Reichtum und den Wohlstand eines Landes das einen vorteilhaften großen
auswärtigen Handel treibt sagen lassen allein da wir uns fest vorgenommen
haben bei Einrichtung unsrer Staatsverfassung von Grundsätzen auszugehen die
nur auf gesunder Vernunft beruhen und über alle konventionelle Ideen und
verjährte Vorurteile hinausgehen sollen so gestehen wir dass wenn wir so
glücklich sind Abyssinien zu dem innern Flor zu bringen nach welchem wir
ringen wir den Nationen die durch auswärtigen Handel reich werden ihre
Glückseligkeit nicht beneiden Wenn alle unsre Felder bebauet und fruchtbar
sind wenn wir dann Früchte genug ziehen um auch bei zunehmender Bevölkerung
uns reichlich zu sättigen wenn wir alle unsre rohen Produkte selbst bearbeiten
alle unsre Bedürfnisse befriedigen können kurz wenn unser Land wie es denn
wirklich dazu imstande ist uns alles liefert was zur Notdurft und
Annehmlichkeit des Lebens gehört so begnügen wir uns gern mit diesem innern
wahrhaften Reichtume und wollen lieber die echte Arbeitsamkeit unsrer Mitbürger
als ihre Habsucht ermuntern Wir möchten lieber auf die hochgepriesenen
Vorteile die der Handel gewähren soll auf die Vermehrung und Ausbreitung so
mancher nützlichen Kenntnisse Vervollkommnung der Künste und dergleichen
Verzicht tun um nicht zugleich ihr trauriges Gefolge den übertriebnen Luxus
die Entstehung so mancher unnützen Bedürfnisse Unmässigkeit Korruption der
Sitten Verstimmung des Charakters Verlust der Originalität ausländische
Krankheiten und Torheiten Wuchergeist Untreue und unzählige andre Verderbnisse
mit aufnehmen zu müssen Der Staat wird also nie den geringsten Schritt tun um
den Handel der Privatleute in fremde Länder zu befördern doch will er auch
nicht hindern dass unsre Mitbürger ihre überflüssigen Produkte und diejenigen
Waren und Fabrikate deren man im Laufe nicht bedarf an fremde Nationen
verkaufen
    Es steht also jedermann frei einen uneingeschränkten Handel in und außer
Lande zu treiben und jedes Landesprodukt aus dem abyssinischen Reiche
auszuführen
    Von den ausgehenden Gütern wird nicht der geringste Zoll entrichtet
Ausländische Waren hingegen dürfen der Regel nach durchaus nicht in das Land
eingeführt werden bei Strafe der Konfiskation Sollten vorerst bis alle unsre
Fabriken in vollem Gange sind einige Artikel davon ausgenommen werden müssen
so wird von diesen der zehnte Teil des Werts als Zoll abgegeben
    Der Staat selbst aber treibt in und außer Lande einen Handel der für das
Reich höchst vorteilhaft ist Er lässt durch Agenten den Überfluss der in den
öffentlichen Fabriken und Manufakturen verfertigten Waren fremden Nationen für
bares Geld verkaufen Er häuft in den Magazinen Früchte und Waren aller Art auf
und schlägt diese sobald die Wucherer eine Teurung verursachen wollen zu
billigen Preisen los so dass alle Artikel der Notdurft und der Gemächlichkeit
stets in ganz Abyssinien in einem Mittelpreise bleiben In diese Magazine kann
auch jeder seine guten Waren statt sie mit Unkosten auf fremde Märkte zu
bringen jedoch zu einem niedrigern Preise abliefern und empfängt bares Geld
dafür
    Die größten und wichtigsten Magazine dieser Art haben wir an den vornehmsten
Grenzörtern angelegt Dort werden auch zu gewissen Zeiten im Jahre große Märkte
gehalten wodurch wir zu bewirken hoffen dass die Fremden die Kaufmannsgüter
deren sie bedürfen dort abholen und dass nicht unter dem Vorwande des Handels
müßige Ausländer in dem Innern unsers Reichs herumschleichen
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
                           Wissenschaften und Künste
Wieviel Wissenschaften und Künste zur moralischen Bildung einer Nation zu
Beförderung wahrer menschlicher Geselligkeit zu Erweckung wohlwollender
Gesinnungen und überhaupt zu Gründung der bürgerlichen Glückseligkeit beitragen
davon liefert die Geschichte aller Zeitalter die Beweise und es kann keinem
Zweifel unterworfen sein ob es zu den Pflichten einer weisen und sorgsamen
Regierung gehöre Wissenschaften und Künste zu befördern und wahre Gelehrte zu
unterstützen Allein wir machen billigerweise ohne einem einzigen Studium
seinen Wert benehmen zu wollen einen Unterschied unter den verschiedenen
gelehrten und andern Kenntnissen und Talenten Wir halten diejenigen
hauptsächlich unsrer Aufmerksamkeit und Unterstützung würdig die einen
unmittelbar vorteilhaften Einfluss auf das Wohl des Staats und überhaupt der
menschlichen Gesellschaft haben An den Fortschritten der bloß spekulativen
Wissenschaften hingegen und solcher Künste die nur zur angenehmen Unterhaltung
oder Beschäftigung der Phantasie dienen nehmen wir weniger tätigen Anteil
    Es ist vorhin gesagt worden dass wir den Stand eines Gelehrten nicht
eigentlich für einen besonderen Stand im Staate anerkennen sondern dafür halten
dass der welcher sich den Wissenschaften widmet schuldig sei und auch Musse
genug übrigbehalte nebenbei seine Pflichten im geselligen und bürgerlichen
Leben zu erfüllen und irgendein Geschäft zu treiben das ihn in die Reihe der
arbeitenden Mitbürger klassifiziert Wenn indessen ein Mann von großen Gaben
Fähigkeiten und Kenntnissen durch seine Schriften oder durch Unterricht der
Jugend eine lange Reihe von Jahren hindurch vorteilhaft auf sein Zeitalter
gewirkt oder eine Wissenschaft mit neuen Entdeckungen bereichert darneben aber
auch treulich seine Pflichten als Mitbürger erfüllt hat so hält es die
Regierung für gerecht einem solchen ein ruhiges Alter zuzubereiten Zu diesem
Endzwecke sind in drei der größten Städte des Reichs geräumige Häuser erbauet
die teils auf Kosten des Staats teils von den freiwilligen Beiträgen
unterhalten werden welche man an dem jährlichen zur allgemeinen Gottesverehrung
bestimmten Tage unter allen Klassen des Volks einsammelt
    In diese Gebäude werden zuerst überhaupt alle Greise die durch Alter und
Schwachheit ausserstand gesetzt sind ihr Gewerbe ferner zu treiben nebst ihren
Weibern aufgenommen Doch wird ein großer Teil dieser Veteranen auch zu
Aufsehern in den öffentlichen Arbeitshäusern Fabriken und Manufakturen
angestellt Sodann nimmt man darin diejenigen auf die im Kriege verstümmelt
worden Die wirklich Kranken finden in den Hospitälern ihre Verpflegung
Endlich werden jene Häuser wie gesagt worden von Gelehrten bewohnt denen man
in ihrem Alter zum Preise ihrer Verdienste um das Menschengeschlecht eine
glückliche Musse verschaffen will Sie werden an großen Tafeln gespeist haben
in den angrenzenden Gärten Gelegenheit frische Luft einzuatmen und sich eine
gelinde Bewegung zu machen und werden überhaupt bei einem kleinen Jahrgelde
das sie erhalten in Wohnung Kleidung und allem was zu einem von Sorgen
freien angenehmen doch philosophisch mäßigen Leben gehört so gepflegt dass
sie Zufriedenheit und Ruhe genießen können Hat einer von ihnen bares Vermögen
so muss er bei seinem Eintritte eine Summe die sehr geringe angesetzt ist
welche aber zu erhöhen seiner Großmut überlassen bleibt zu dem Fonds dieser
wohltätigen Anstalt zuschiessen
    Ein Teil der Einkünfte dieser Häuser wird verwendet Büchersammlungen
Naturalienkabinette Maschinen Modelle und dergleichen anzuschaffen
    Eine gewisse Anzahl junger Leute die sich den Wissenschaften widmen die
Bibliotheken und den Umgang erfahrner Männer nützen wollen und denen es ein
Ernst ist in ihrem Fache groß zu werden erhalten die Erlaubnis wenn sie
Zeugnisse ihres bisherigen Fleißes beibringen können gegen Erlegung eines
gewissen Kostgeldes drei Jahre lang in diesen Häusern zu wohnen Die Greise sind
nicht verbunden ihnen Unterricht zu geben es müssen aber die Jünglinge durch
bescheidne Bitten und Fragen durch Proben von Lehrbegierde und durch edle
Aufführung zu erlangen suchen dass ihnen die Wohltat eines guten Rats und einer
belehrenden Zurechtweisung nicht versagt werde
    Es ist erwähnt worden dass bei uns alle junge Leute bis in ihr funfzehntes
Jahr in den öffentlichen Schulen eine gleiche Art des Unterrichts genießen
folglich alle gleich vorbereitet sind neben dem Gewerbe dem sie sich alsdann
widmen auch die gelehrte Laufbahn zu betreten Zu Fortsetzung der Studien nun
für diejenigen welche sich den Wissenschaften ergeben wollen ist das
zweckmässigste Mittel dass sie einen Gelehrten zu dessen Kenntnissen in dem
Fache das sie gewählt sie das größte Zutrauen haben bewegen sie als Schüler
anzunehmen denn wir haben keine Universitäten und sowenig als wir
Handwerkszünfte haben sowenig gibt es bei uns Gelehrtenzünfte oder Fakultäten
    Die Ursache weswegen wir keine Fakultäten haben können ist sehr
begreiflich Die Theologie ist in Abyssinien keine positive autorisierte
Wissenschaft die Rechtsgelehrsamkeit ist gleichfalls bei uns kein besondres
Studium da jeder Mitbürger verbunden ist sich mit den sehr einfachen
Landesgesetzen bekannt zu machen wozu er schon in der Schule die erste
Anweisung erhält Eine philosophische Fakultät oder Zunft ist vollends eine
Albernheit da Philosophie auf freiem Nachdenken beruht und jeder verständige
nachdenkende Mann sich sein eigenes besondres philosophisches System wie es für
seinen Kopf und sein Herz passt bauen wird Matematische physikalische und
alle dahin einschlagende Wissenschaften werden täglich durch neue Entdeckungen
bereichert und werden am besten aus den älteren und neueren Schriften verbunden
mit eignen Versuchen erlernt Es bliebe also noch die Arzeneikunst übrig von
der nachher geredet werden soll
    Was nun die Universitäten betrifft so lehrt uns die Erfahrung dass dort die
Jünglinge mit einer Menge unnützer Dinge geplagt werden die sie nachher wieder
vergessen müssen dass der dort herrschende Systemgeist Schlendrian
Autoritätszwang Pedantismus und dergleichen manchen guten Kopf verschraubt und
vom Selbstdenken ableitet
    Es fehlt aber darum dem jungen Gelehrten bei uns nicht an Gelegenheit sich
in seinem Fache zu vervollkommnen Männer die in einer Wissenschaft groß sind
pflegen Freude daran zu finden von dem zu reden womit sie sich immer und gern
beschäftigen pflegen mit Vergnügen ihre Kenntnisse mitzuteilen Ein junger
Mensch also dem es ein Ernst ist mehr zu lernen und dies gründlich zu lernen
wird leicht einen Gelehrten bereit finden ihn als Schüler vielleicht auch als
Kostgänger auf gewisse Jahre anzunehmen Er wird dann gewiss von einem solchen
praktischen Gelehrten mit geringerm Aufwande in kürzerer Zeit weiter geführt
werden als ihn auf einer Universität die Stubengelehrten mit ihren unnützen
Spitzfindigkeiten und ihrem kritischhistorischen Wortkrame leiten können Jener
wird dies alles linker Hand liegenlassen und dem Schüler überlassen einst wenn
er erst in dem Wesentlichen seines Faches fest ist durch Lektüre sich auch
damit bekannt zu machen und ihn indes immer auf die einfachen Grundsätze und das
Praktische der gewählten Wissenschaft lenken
    Dies ist besonders von der Arzneikunst wahr und ein geschickter Arzt und
Wundarzt welcher seinen Zögling mit zu seinen Kranken führt und ihm dann bei
den wirklichen Fällen die Natur dieser und der damit verwandten Krankheiten und
die Wirkung der Arzneimittel erklärt ihm auch darneben zu Hause einigen
teoretischen Unterricht gibt und ihm die besten Bücher empfiehlt wird einen
geschicktern Mann aus ihm bilden als die Universität
    Durch Schriftstellerei kann unendlich viel Gutes bewirkt werden wir ehren
also diejenigen Männer unter uns die durch ihre literarischen Produkte welche
nützliche der menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft interessante
Gegenstände behandeln auf ihre Zeitalter vorteilhaft gewirkt oder große bis
jetzt versteckt oder verdunkelt gewesene Wahrheiten in Kurs gebracht und in ein
helleres Licht gesetzt haben Wir ehren sie aber wir verderben sie nicht durch
Schmeichelei durch übertriebne Lobeserhebungen und setzen nicht den Mann
welchen die Natur mit hinreissender Beredsamkeit lebhafter Einbildungskraft und
einem hellen Blicke ausgerüstet hat so dass er Sätze die in manches Biedermanns
Kopfe und Herzen ruhen klar lichtvoll und rührend vorträgt diesen setzen wir
nicht in unsrer Achtung weit über den hinaus der ein langes Menschenleben
hindurch in der Stille und unbemerkt ohne Bücher geschrieben zu haben immer
gleich edel verständig konsequent und fest gehandelt und durch Rat Tat und
Beispiel viel Gutes um sich her verbreitet hat Endlich da wir allen Prunk
alle Spielerei hassen und uns der Gedanke empört dass man wahre Tugend und
wahres Verdienst belohnen und krönen könne so ist bei uns an keine Preise für
literarische Verdienste und an keine Bildsäulen und dergleichen Torheiten zu
denken Unsre Jünglinge ermuntern wir durch Preise sich in körperlichen Übungen
geschickt zu machen aber Tugend und Weisheit lassen sich nicht taxieren noch
bezahlen Das mittelmäßige Genie wird dadurch nicht groß und das erhabene
bedarf solcher Ermunterungen nicht sondern arbeitet sich sogar durch
Schwierigkeiten und Hindernisse empor
    Über die Grenzen der Pressfreiheit und Publizität ist im vorhergehenden schon
genug gesagt worden
    Dem Buchhandel gestattet die Regierung alle mögliche Freiheit allein aus
Ursachen die hier zu weitläuftig zu entwickeln wären kann sie den Nachdruck
nicht durch ein bestimmtes Gesetz verbieten Sie hält ihn für eine moralische
Untat und alle Nachdrucker für Schelme als bürgerliche Verbrecher aber kann sie
diese Schleichhändler nicht betrachten
    Eine vernünftige Kritik stiftet gewiss für die Gelehrsamkeit großen Nutzen
und eine unvernünftige richtet gar keinen Schaden an Da nun überhaupt jedermann
freisteht über alles seine Meinung zu sagen so muss es auch jedem erlaubt sein
fremde öffentlich gedruckte Geistesprodukte öffentlich zu beurteilen Freilich
wäre zu wünschen dass dies immer in einem bescheidenen höflichen Tone geschähe
allein auch das lässt sich nicht von Obrigkeits wegen befehlen Dafür aber sorgt
die Polizei dass erstlich keine Kritik oder Rezension erscheinen dürfe ohne dass
der Beurteiler seinen Namen nenne und zweitens dass in diese Kritiken auf keine
Weise der geringste Angriff auf den persönlichen Charakter eines Schriftstellers
mit eingemischt werde Beides wird wenn es auskömmt strenge bestraft
    Wir wünschten dass die Herren Gelehrten das Publikum mit ihren oft in
Grobheit ausartenden für den dritten Mann sehr uninteressanten Streitigkeiten
verschonen möchten Jedoch lässt sich auch das durch kein Gesetz bewirken die
Regierung wird aber bei Unterstützung und Versorgung der Gelehrten vorzüglich
auf diejenigen Rücksicht nehmen die sich zugleich als bescheidene sanftmütige
und weltkluge Männer bekannt gemacht haben
    Die schönen Künste verfeinern den Geschmack mildern die Sitten rühren das
Herz machen es zum Wohlwollen geneigt und stimmen es zu allerlei sanften und
edelen Empfindungen allein die Freuden welche sie gewähren müssen keusch und
vorsichtig genossen werden Ihr Missbrauch macht weich weibisch wollüstig
erhitzt die Phantasie bringt die Sinnlichkeit in Aufruhr und lenkt von
ernsthafter Anstrengung ab Deswegen nun machen wir es nicht eben zu einer
Staatsangelegenheit den Flor der schönen Künste tätig zu befördern sondern
überlassen dies der Zeit und der zunehmenden Kultur Dafür aber sucht doch die
Regierung zu sorgen dass ein edler einfacher Geschmack herrschend werde und
weder das Kleinliche Spielende Witzelnde noch das Wilde Unregelmässige
Ungestüme noch das Luxuriose die gröbere Sinnlichkeit Reizende die Oberhand
gewinne Was für Anstalten in Ansehung der Baukunst getroffen sind das ist
vorhin erwähnt worden Für Musik und Poesie ist insofern gesorgt dass man die
Verfertigung der Hymnen welche an großen feierlichen Tagen abgesungen werden
solchen Dichtern und Tonkünstlern aufträgt von deren reinem Geschmacke man
überzeugt ist sie werden für ihre Bemühung belohnt in den Schulen werden wie
schon ist gesagt worden die jungen Leute auch in der Tonkunst unterrichtet und
auch auf diesen Unterricht hat die Regierung ein wachsames Auge Über die
Meisterstücke unsrer besten Dichter werden gleichfalls in den Schulen
Vorlesungen gehalten um den Geschmack der Jugend zu bilden Endlich werden auch
die besten Werke von der Art auf Kosten des Staats gedruckt und eine große
Anzahl Exemplare in allen Gegenden des Reichs unter den Mitbürgern ausgeteilt
    Schauspiele werden bei uns nicht geduldet Wir können uns von ihrem
überwiegenden Nutzen nicht überzeugen sind aber sehr gewiss von dem nachteiligen
Einflusse den ein mittelmässiges Schauspiel und ein solches dessen Inhalt nicht
mit soviel Strenge gesäubert ist als es fast nicht möglich scheint ohne ihm
das Interesse zu benehmen wir sind gewiss von dem nachteiligen Einflusse den
ein solches Schauspiel auf die Jugend haben kann Was die großen
Nationalschauspiele betrifft zu deren Verteidigung man uns soviel von den
Wirkungen der alten griechischen Schauspiele erzählt so verlangen wir gar
nicht so gar gewaltsame Eindrücke auf die Herzen und die Phantasie unsrer
Mitbürger zu machen Sie sollen zu keinen Handlungen angefeuert werden die eine
Art von Berauschung erfordern sondern wir wünschen alle immer recht nüchtern
in der ruhigsten Gemütsstimmung und nach Vernunft handeln zu können und unser
Enthusiasmus soll nie von kochendem Blute und erhitzter Phantasie sondern von
unwiderstehlicher Bewunderung und fester Überzeugung von der Schönheit der
Tugend und Weisheit herrühren
    Dies meine lieben Mitbürger wäre dann die Skizze meines Plans zu einer
neuen Verfassung von Abyssinien Wie manches kleine Detail ich übergangen bin
wie oft meine Einrichtungen sich in unbedeutenden Nebenstücken zu durchkreuzen
zu widersprechen scheinen wie manches wohl vorerst noch ganz unausführbar ist
das wird euch freilich leicht in die Augen fallen Allein lasset euch dadurch
nicht abschrecken den Hauptinhalt meiner Vorschläge zu prüfen Verwerfet
verbessert sichtet aber wenn ihr denn doch gestehen müsst dass die Hauptsätze
meines Systems aus der graden natürlichen gesunden Vernunft entlehnt sind so
lasset euch nicht durch Vorurteile und Schwierigkeiten davon abhalten das Übel
bei der Wurzel anzugreifen und auszurotten Jetzt ist der Zeitpunkt da  so
vorteilhaft kommt er gewiss nie wieder begnügt ihr euch aber jetzt mit halben
Verbesserungen so habt ihr ewiges Flickwerk
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                    Des Verfassers Gespräch mit dem Prinzen
Bevor der edle Prinz diesen Entwurf den versammelten vierundzwanzig Deputierten
der Nation vorlegte war er so gütig ihn meinem Herrn Vetter und mir zum
Durchlesen zu geben Ich war so entzückt über den Inhalt  er war so ganz aus
meiner Seele hingeschrieben  dass ich mich in dem Drange meiner Empfindungen
dem Prinzen zu Füßen warf und ausrief »Erhabenster Monarch Wie ist es möglich
dass ein Fürstensohn so den heiligen Naturgesetzen und Menschenrechten das Wort
reden kann Du allein bist würdig als König und Kaiser über Abyssinien ja
über die ganze Welt zu herrschen Oh erlaube mir dass ich diesen Entwurf in
Deutschland drucken lasse damit meine Landsleute gewahr werden dass noch ein
Platz auf dem Erdboden ist wo die gesunde Vernunft nicht ganz durch die
konventionellen erkünstelten Begriffe ist verdrängt worden Erlaube großer
Monarch dass ich zugleich die Geschichte dieses Reichs und die Erzählung dessen
was ich selbst nebst meinen deutschen Gefährten hier erlebt habe der Welt
mitteile Erlaube endlich dass ich mein Buch unter deinem Schutze mit deinem
Privilegio versehen herausgebe Vielleicht respektieren die räuberischen
Nachdrucker mehr diesen abyssinischen Schutzbrief als die Privilegien welche
unsre Fürsten erteilen gegen die sie sowenig Achtung bezeugen Ich will dies
Werk in einem Lande herausgeben das von einem edeldenkenden großen Könige
regiert wird der Menschenwürde ehrt in dessen Staaten die Rechte des Eigentums
heiliggehalten werden wo persönliche Sicherheit unangetastet bleibt wo auch
der geringste Untertan geschützt vor jeder Gewalttätigkeit selbst gegen die
Landesregierung frei seine Rechte verfechten darf wo Gesetze nicht Willkür
das Schicksal der Untertanen bestimmen wo man der Wahrheit die mit
Bescheidenheit vorgetragen wird kein Stillschweigen auflegt  dort will ich
mein Werk drucken lassen und es wird gewiss Beifall finden«
    PRINZ Stehe auf Noldmann Ich sehe wohl dass du den Europäer nicht ganz
vergessen kannst soviel Sinn du auch für Wahrheit und Freiheit zu haben
scheinst Du glaubst mich zu ehren indem du mich zum Monarchen von Abyssinien
erheben willst und überlegst nicht dass mir dein Lob tausendmal willkommner
sein würde wenn du mir sagtest dass du mich würdig hieltest ein Privatmann in
einem freien Staate zu sein Du glaubst mit der Bekanntmachung meines Entwurfs
in Deutschland große Ehre einzulegen und bedenkst in dem Augenblicke nicht dass
eure schiefköpfigen Rechtsgelehrten ihn um so alberner und phantastischer finden
werden je mehr gesunde Vernunft darin herrscht  Doch führe immerhin deinen
Plan aus aber lass uns jetzt von deiner und deiner Landesleute künftigen
Bestimmung reden Ihr könnt nicht in Abyssinien bleiben ich sehe voraus dass
von allen meinen Vorschlägen der keine Ausländer unter uns zu dulden den
allgemeinsten Beifall finden wird Und wollten wir auch zu eurem Vorteile eine
Ausnahme machen so weiß ich doch gewiss dass ihr bald anfangen würdet euch
unbehaglich zu fühlen Reiset also begleitet von meinen besten Wünschen in
euer Vaterland zurück Noch habe ich aber wie ich hoffe nicht lange mehr
unumschränkte Gewalt in diesem Reiche ich glaube es verantworten zu können dass
ich euch nicht mit leerer Hand von hier ziehen lasse Ich will euch soviel Gold
und Edelgesteine mitgeben dass ihr den Rest eures Lebens bequem und ruhig in
Deutschland sollt hinbringen können Rüstet euch also zur Reise Für eure
Sicherheit und Bequemlichkeit bis an den Hafen von Kairo in Ägypten soll gesorgt
werden dort werdet ihr leicht ein europäisches Schiff finden das euch
aufnehmen kann Es tut mir leid mich von euch trennen zu müssen aber unser
Verhängnis will es so ihr könnt vielleicht eurem Vaterlande noch sehr nützlich
werden es scheint als wenn bald Zeiten kommen würden wo man auch dort des
Rats und der Hilfe verständiger vorurteilsfreier und vorsichtiger Männer
bedürfen wird Dann habt ihr einen großen und würdigen Gesichtskreis vor euch
Lebet also wohl  Doch wir sprechen uns noch vor eurer Abreise
    Mit diesen Worten verließ uns der gute Prinz ohne unsre Antwort zu
erwarten
 
                      Sechsundzwanzigstes letztes Kapitel
                 Abreise der Europäer aus Abyssinien Seesturm
               Nur der Verfasser und sein Herr Vetter retten ihr
                  Leben und lassen sich in Deutschland nieder
                                     Schluss
Ich gestehe dass es meinem Herrn Vetter und mir ein bisschen wehe tat ein Reich
verlassen zu müssen in welchem nachdem wir so manche unangenehme und unruhige
Szenen darin erlebt hatten wir nun erst recht glückliche und heitre Tage zu
sehen hofften doch erwachte auch in unsern Herzen die Vaterlandsliebe und das
großmütige Versprechen des Prinzen uns reichlich zu beschenken eröffnete uns
die frohe Aussicht in Deutschland ohne Nahrungssorgen das Alter herbeikommen zu
sehen Dies Versprechen blieb nicht lange unerfüllt wir bekamen Herr Wurmbrand
und ich jeder an Golde und Diamanten für mehr als dreissigtausend Taler
zugeteilt welches uns in der Tat, nebst dem was wir nun erspart hatten zu
reichen Leuten machte Nach Verhältnis wurden auch unsre übrigen Landsleute sehr
großmütig ausgestattet Die Pädagogen hatten noch außerdem Gelegenheit gefunden
sich hübsche Kapitälchen zu sammeln die Philosophen und Künstler hingegen waren
hie und da besonders in den Wirtshäusern schuldig der Prinz bezahlte aber
auch diese Rückstände der Tag unsrer Abreise wurde angesetzt und kam endlich
herbei
    Mit Tränen in den Augen nahmen wir von unserm edelen Fürstensohne und seinem
vortrefflichen Mentor Abschied und wünschten ihnen tausendfachen Segen zu ihrem
großen Vorhaben dann machten wir uns auf die Reise Unsre Karawane war groß und
ansehnlich wir zogen längs dem Ufer des Nils fort Für unsre Sicherheit und
Gemächlichkeit war so sehr gesorgt dass wir keine Art von Unbequemlichkeit
fühlten und nichts entbehrten was dazu dienen konnte uns die kleinen
unvermeidlichen Beschwerden eines so weiten Weges in diesen zum Teil unbewohnten
Gegenden vergessen zu lassen Übrigens hatten wir alles was das Reisen angenehm
machen kann Gesundheit einen bespickten Beutel und gute Gesellschaft Unsre
Unterhaltung war mannigfaltig bald spielten uns ein Paar Tonkünstler auf ihren
Instrumenten ein schönes Duetto und beseelten von ihren Kamelen herunter das
stille Tal durch ihre Harmonien bald verkürzten uns unsre gelehrten Gefährten
die Zeit durch sokratische Gespräche indes wir um auszuruhen unter Zelten
gelagert die vollen Becher aus Hand in Hand ringsumher gehen ließ Und wenn
einmal eine kurze Frist hindurch alles schwieg dann beschäftigten jeden für
sich angenehme Plane für die Zukunft
    Auf diese Weise kamen wir glücklich in Kairo an und schickten unser Gefolge
mit schriftlichen Zeugnissen unsrer wärmsten Dankbarkeit nach Gondar zurück
    Wir brauchten hier nicht lange auf Gelegenheit zu harren nach Europa zu
kommen Ein genuesischer Schiffer der außer dem fast ganz leer hätte
zurücksegeln müssen nahm uns sämtlich mit unsern sehr geringen Päckereien denn
das mehrste davon bestand in Gold und Juwelen an Bord
    Unsre Fahrt war anfangs sehr glücklich wir hatten das schönste Wetter bis
wir schon von fern die reizenden italienischen Küsten erblicken konnten Da aber
erhob sich ein fürchterlicher Sturm der mit jeder Viertelstunde zunahm Die
Leser erinnern sich vermutlich aus Reisebeschreibungen mancher Schilderung eines
Seesturms ich will sie also mit Ausmalung des unsrigen verschonen Lange hatten
wir in der schrecklichsten Gefahr geschwebt und alle unsre Kräfte erschöpft
zwei Masten waren gekappt die wenigen Kanonen und was noch etwa von schweren
Gütern auf dem Schiffe gewesen war über Bord geworfen worden um die Last zu
erleichtern und zu Verstopfung eines großen Lecks Anstalt machen zu können den
das Schiff durch einen heftigen Stoß an einem Felsen bekommen hatte  als auf
einmal ein klägliches Geschrei es sei Feuer im Raume unser Elend aufs höchste
trieb und einen großen Teil der Equipage zur Verzweiflung brachte Nun rief
jedermann man solle die Schaluppe aussetzen und so gefährlich dies Unternehmen
war so wurde es doch mit Gewalt ins Werk gesetzt Kaum aber war dies geschehen
so drängte sich alles hinzu um in dies kleine Fahrzeug zu springen und sein
Leben zu retten Wir sahen mein Herr Vetter und ich voraus welchen kläglichen
Ausgang dies nehmen würde beschlossen daher das Schiff nicht zu verlassen und
suchten auch unsre Gefährten von ihrem tollen Vorhaben abzuhalten allein
vergebens Niemand verlor früher die Gegenwart des Geistes als unsre beiden
Philosophen und ihrem Beispiele folgten bald alle übrigen Deutschen jeder
ergriff sein Bündel und eilte hinunter in die Schaluppe Allein die stürmische
Bewegung des Meers legte diesem Vorhaben gewaltige Schwierigkeiten in den Weg
Verschiedne von denen die diesen Sprung wagten erreichten das Boot nicht
sondern wurden von den Wellen verschlungen und die übrigen beschwerten das
kleine Fahrzeug so dass es vor unsern Augen untersank  Und so waren denn von
allen nach Abyssinien gereisten Deutschen nur wir beide noch übrig und auch uns
umschwebte fast unvermeidliche Todesgefahr
    Alles kam jetzt auf Gegenwart des Geistes an und diese fehlte dem größten
Teile des Schiffsvolks das noch obendrein betrunken war indem es sich in der
Verzweiflung und allgemeinen Verwirrung der Branntweinsfässer bemächtigt und
diese fast ganz ausgeleert hatte Selbst das Feuer war auf diese Weise
entstanden indem ein Matrose einem noch angefüllten Fasse mit dem Lichte zu
nahe gekommen war und den Branntwein angesteckt hatte Unser Schiffskapitän ein
entschlossner Mann traf die besten Anstalten zum Löschen und war so glücklich
in kurzer Zeit seinen Zweck zu erreichen Indes strengten auch wir unsre letzten
Kräfte an und versammelten bald einige Matrosen um uns denn nun hatte die
dringende Not alle wieder nüchtern gemacht mit denen wir ohne Unterlass
pumpten bis es endlich auch dem Schiffszimmermann gelang den Leck zu finden
und notdürftig zu verstopfen
    Um die Hoffnung zu unsrer Rettung zu erhöhen fing auch der Sturm an sich
allmählich zu legen und bald sahen wir über uns den heitersten Himmel und um
uns her die ruhige Spiegelfläche des besänftigten Meers  ja wir hatten die
Freude durch unsre Gläser von fern die genuesische Küste zu erblicken Diese
glücklichen Umstände belebten eines jeden Mut wieder Man flickte noch einen
kleinen Mast zusammen brachte das Segelwerk ein wenig in Ordnung und so
erreichten wir bald den Hafen Wir dankten gewiss sehr inbrünstig Gott für
unsre Rettung widmeten unsern verlorenen Gefährten eine Träne und eilten unsre
Reise zu Lande fortzusetzen nachdem wir zuvor europäische Kleidung angelegt
hatten
    Unser Plan war durch den oberen Teil von Italien über die Alpen durch
Österreich Bayern Schwaben Franken und Sachsen zu gehen mein Herr Vetter
machte mir einige Hoffnung an meiner Seite den Rest seines Lebens in meiner
lieben Vaterstadt Goslar hinzubringen und so begaben wir uns dann getrost auf
den Weg Was für Empfindungen aber unsre Seelen durchströmten als wir zuerst
den Fuß auf deutschen Boden setzten  oh wer könnte es unternehmen wollen das
zu beschreiben
    Wir waren ohne alle Unfälle bis Bopfingen gekommen als meinen armen
Vetter eine Krankheit befiel die ihn nötigte vier Wochen lang das Bette zu
hüten Gefährlich war diese Krankheit nicht aber beschwerlich und schmerzhaft
denn sie bestand in gichtischen Zufällen Ich wich selten von seinem Bette und
wir verkürzten uns mehrenteils die Zeit durch Rückerinnerungen an die erlebten
außerordentlichen Vorfälle durch Gespräche über Abyssinien und waren oft so
stolz uns zu schmeicheln wir hätten doch auch durch Beförderung der
Aufklärung unser Scherflein zu der erwünschten Revolution beigetragen die
jetzt diesem Reiche bevorstünde
    Wir hatten uns in Bopfingen in einem Gasthofe niedergelassen in welchem die
Wirtin die Witwe eines Notarius und noch in ihren besten Jahren war Die gute
Frau bezeugte meinem Herrn Vetter in seiner Krankheit ungewöhnlich viel
zärtliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit und dies stimmte wie ich bald merkte
sein Herz zum Vorteile der artigen Witwe Eines Morgens nun als ich zu ihm in
das Zimmer trat begann folgendes Gespräch unter uns
    WURMBRAND Sagt mir doch mein lieber Vetter habt Ihr nie Lust gehabt zu
heiraten
    ICH Ei nun mein lieber Vetter Jeder hat seine schwachen Augenblicke und
wenn dann eine gute Mahlzeit und ein Glas voll alten Weins 
    WURMBRAND Ihr versteht mich unrecht ich meine ob Ihr nie daran gedacht
habt zur Pflege in Eurem Alter und überhaupt zur Annehmlichkeit des Lebens
Euch eine Gefährtin zuzugesellen
    ICH Damit ich nachher doppelte Lasten zu tragen hätte Nein dazu habe ich
nie Lust gehabt tadle aber niemand der diesen Schritt tut und auch Euch
nicht mein Bester der Ihr wie ich merke im Begriff seid so ein Stückchen zu
wagen Ich will Euch die Mühe ersparen mir Eure Absichten mit allen den
Bewegungsgründen vorzutragen Mir gefällt die Frau auch hat sie Vermögen Ihr
fügt das Eurige hinzu die Gastwirtschaft wird aufgegeben und Ihr lebt hier als
Privatmann von Euren schönen Renten  Das alles finde ich recht gut und wohl
ausgedacht
    WURMBRAND mich umarmend Nun so hebt Ihr mir doch einen schweren Stein
vom Herzen ich dachte schon Ihr würdet die Sache nicht billigen Aber nun
tritt noch ein gar kurioser Umstand ein die gute Frau will nämlich durchaus
weil ihr erster Mann Notarius gewesen auch jetzt niemand heiraten als einen
solchen der diesen Titel führt Nun wäre der freilich leicht zu erhalten aber
wenn man denn wieder bedenkt in Gondar erster Minister und hier Notarius 
Doch was ist am Ende aller eitler Glanz alle Titelsucht
    ICH So gefallt Ihr mir Herr Vetter Die Hand her Ihr werdet Notarius und
ich der ehemalige Baalomaal ziehe wieder nach Goslar lebe dort als Advokat
und führe nur für Arme und Unterdrückte Prozesse
    WURMBRAND Nein Ihr müsst bei mir bleiben ich kann den Gedanken nicht
ertragen mich wieder von Euch trennen zu sollen
    ICH Das kann nicht geschehen dass ich bei Euch bleibe Meine liebe
Vaterstadt muss ich wiedersehen ich will da begraben werden wo meine Augen zum
erstenmal das Licht des Tages erblickt haben aber was hindert uns uns von Zeit
zu Zeit zu besuchen und Monate miteinander hinzubringen
    Mein Herr Vetter fuhr fort mich zu bitten allein ich weigerte mich
standhaft Am folgenden Tage gingen wir zusammen denn er war nun so weit wieder
hergestellt dass er ausgehen durfte zu meinem Komes Palatinus woselbst er
sich gegen die Gebühr zum Notarius umschaffen ließ und zum Andenken an seine
vorigen Begebenheiten in sein Notariatssiegel einen Afrikaner in abyssinischer
Kleidung stechen ließ mit der Unterschrift Olim meminisse juvabit Hierauf
blieb ich noch vierzehn Tage lang bei ihm binnen welcher Zeit seine Hochzeit
ohne großen Aufwand vollzogen wurde Gleich hernach trennte ich mich von ihm
Seit dieser Zeit sind nun anderthalb Jahre verflossen Wir stehen im
fortgesetzten Briefwechsel miteinander seine Frau hat ihn mit einem jungen
Sohne beschenkt und ich denke ihn im nächsten Frühjahre zu besuchen
    Im Junius 1789 kam ich hierher nach Goslar mein Herz pochte vor Freude als
ich die alten Türme zuerst wieder erblickte Meine Mitbürger und selbst der
hochweise Magistrat nahmen mich sehr liebreich auf besonders als sie hörten
dass ich ein hübsches Vermögen mitgebracht hätte Ich wurde in der ersten Zeit
täglich in irgendein Haus zu Gaste geladen und musste dann gewaltig viel von
Afrika erzählen Die gar zu lästigen Frager verwies ich auf dieses mein Werk an
welchem ich damals schon anfing zu arbeiten
    In der Herbstmesse des vorigen Jahrs reiste ich nach Leipzig und verkaufte
dort ziemlich teuer meine Diamanten an polnische Juden Den größten Teil meines
Vermögens habe ich zu Ankauf meines kleinen Guts eine Meile von hier entlegen
verwendet Dort bringe ich die angenehmsten Monate des Jahrs hin Im Winter
ziehe ich nach Goslar wo ich ein Haus gekauft habe Ich advoziere nicht für
Geld wendet sich aber ein armer Mann an mich so diene ich ihm wie es
Christenpflicht ist
    Dies Büchelchen wird nun in der Ostermesse erscheinen und ich kann wohl
sagen ich freue mich darauf denn ich habe noch nie etwas drucken lassen und
ich meine es stünde doch manches darin was man nicht alle Tage zu hören
bekommt Übrigens empfehle ich mich dem geneigten Leser ergebenst
                     Geschrieben in Goslar im Dezember 1790
 
                                    Fußnoten
1 Man sehe Bruces »Reisen« nach
2 Alle diese Strafen sind noch jetzt in Abyssinien üblich wie uns Bruce
erzählt
3 Siehe Bruces »Reisen«
4 Siehe Bruce
5 Vermutlich hat Herr Noldmann dies vor dem Jahre 1787 geschrieben