Johann Wolfgang Goethe
Die Leiden des jungen Werter
Was ich von der Geschichte des armen Werter nur habe auffinden können habe ich
mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor und weiß dass ihr mirs danken
werdet Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe
seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen
Und du gute Seele die du eben den Drang fühlst wie er schöpfe Trost aus
seinem Leiden und lass das Büchlein deinen Freund sein wenn du aus Geschick
oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst
Erstes Buch
Am 4 Mai 1771
Wie froh bin ich dass ich weg bin Bester Freund was ist das Herz des Menschen
Dich zu verlassen den ich so liebe von dem ich unzertrennlich war und froh zu
sein Ich weiß du verzeihst mirs Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht
ausgesucht vom Schicksal um ein Herz wie das meine zu ängstigen Die arme
Leonore Und doch war ich unschuldig Konnt ich dafür dass während die
eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung
verschaften dass eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete Und doch
bin ich ganz unschuldig Hab ich nicht ihre Empfindungen genährt hab ich mich
nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur die uns so oft zu lachen machten
so wenig lächerlich sie waren selbst ergetzt hab ich nicht O was ist der
Mensch dass er über sich klagen darf Ich will lieber Freund ich verspreche
dirs ich will mich bessern will nicht mehr ein bisschen Übel das uns das
Schicksal vorlegt wiederkäuen wie ichs immer getan habe ich will das
Gegenwärtige genießen und das Vergangene soll mir vergangen sein Gewiss du
hast recht Bester der Schmerzen wären minder unter den Menschen wenn sie
nicht Gott weiß warum sie so gemacht sind mit so viel Emsigkeit der
Einbildungskraft sich beschäftigten die Erinnerungen des vergangenen Übels
zurückzurufen eher als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen
Du bist so gut meiner Mutter zu sagen dass ich ihr Geschäft bestens
betreiben und ihr ehstens Nachricht davon geben werde Ich habe meine Tante
gesprochen und bei weitem das böse Weib nicht gefunden das man bei uns aus ihr
macht Sie ist eine muntere heftige Frau von dem besten Herzen Ich erklärte
ihr meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen Erbschaftsanteil sie
sagte mir ihre Gründe Ursachen und die Bedingungen unter welchen sie bereit
wäre alles herauszugeben und mehr als wir verlangten Kurz ich mag jetzt
nichts davon schreiben sage meiner Mutter es werde alles gut gehen Und ich
habe mein Lieber wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden dass
Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als
List und Bosheit Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener
Übrigens befinde ich mich hier gar wohl Die Einsamkeit ist meinem Herzen
köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend und diese Jahreszeit der
Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz Jeder Baum jede Hecke
ist ein Strauss von Blüten und man möchte zum Maienkäfer werden um in dem Meer
von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können
Die Stadt selbst ist unangenehm dagegen rings umher eine unaussprechliche
Schönheit der Natur Das bewog den verstorbenen Grafen von M einen Garten auf
einem der Hügel anzulegen die mit der schönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen
und die lieblichsten Täler bilden Der Garten ist einfach und man fühlt gleich
bei dem Eintritte dass nicht ein wissenschaftlicher Gärtner sondern ein
fühlendes Herz den Plan gezeichnet das seiner selbst hier genießen wollte
Schon manche Träne hab ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen
geweint das sein Lieblingsplätzchen war und auch meines ist Bald werde ich
Herr vom Garten sein der Gärtner ist mir zugetan nur seit den paar Tagen und
er wird sich nicht übel dabei befinden
Am 10 Mai
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen gleich den süßen
Frühlingsmorgen die ich mit ganzem Herzen genieße Ich bin allein und freue
mich meines Lebens in dieser Gegend die für solche Seelen geschaffen ist wie
die meine Ich bin so glücklich mein Bester so ganz in dem Gefühle von ruhigem
Dasein versunken dass meine Kunst darunter leidet Ich könnte jetzt nicht
zeichnen nicht einen Strich und bin nie ein größerer Maler gewesen als in
diesen Augenblicken Wenn das liebe Tal um mich dampft und die hohe Sonne an
der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht und nur
einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen ich dann im hohen Grase
am fallenden Bache liege und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen
mir merkwürdig werden wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen
die unzähligen unergründlichen Gestalten der Würmchen der Mückchen näher an
meinem Herzen fühle und fühle die Gegenwart des Allmächtigen der uns nach
seinem Bilde schuf das Wehen des Alliebenden der uns in ewiger Wonne schwebend
trägt und erhält mein Freund wenns dann um meine Augen dämmert und die Welt
um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhen wie die Gestalt einer
Geliebten dann sehne ich mich oft und denke Ach könntest du das wieder
ausdrücken könntest du dem Papiere das einhauchen was so voll so warm in dir
lebt dass es würde der Spiegel deiner Seele wie deine Seele ist der Spiegel des
unendlichen Gottes Mein Freund Aber ich gehe darüber zugrunde ich erliege
unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen
Am 12 Mai
Ich weiß nicht ob täuschende Geister um diese Gegend schweben oder ob die
warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist die mir alles rings umher so
paradiesisch macht Da ist gleich vor dem Orte ein Brunnen ein Brunnen an den
ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern Du gehst einen kleinen
Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe da wohl zwanzig Stufen
hinabgehen wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt Die kleine
Mauer die oben umher die Einfassung macht die hohen Bäume die den Platz rings
umher bedecken die Kühle des Orts das hat alles so was Anzügliches was
Schauerliches Es vergeht kein Tag dass ich nicht eine Stunde da sitze Da
kommen dann die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser das harmloseste Geschäft
und das nötigste das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten Wenn
ich da sitze so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich wie sie
alle die Altväter am Brunnen Bekanntschaft machen und freien und wie um die
Brunnen und Quellen wohltätige Geister schweben O der muss nie nach einer
schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben der das
nicht mitempfinden kann
Am 13 Mai
Du fragst ob du mir meine Bücher schicken sollst Lieber ich bitte dich um
Gottes willen lass mir sie vom Halse Ich will nicht mehr geleitet ermuntert
angefeuert sein braust dieses Herz doch genug aus sich selbst ich brauche
Wiegengesang und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer Wie oft
lull ich mein empörtes Blut zur Ruhe denn so ungleich so unstet hast du
nichts gesehen als dieses Herz Lieber brauch ich dir das zu sagen der du so
oft die Last getragen hast mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süßer
Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehen Auch halte ich
mein Herzchen wie ein krankes Kind jeder Wille wird ihm gestattet Sage das
nicht weiter es gibt Leute die mir es verübeln würden
Am 15 Mai
Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich besonders die
Kinder Eine traurige Bemerkung hab ich gemacht Wie ich im Anfange mich zu
ihnen gesellte sie freundschaftlich fragte über dies und das glaubten einige
ich wollte ihrer spotten und fertigten mich wohl gar grob ab Ich ließ mich das
nicht verdrießen nur fühlte ich was ich schon oft bemerkt habe auf das
lebhafteste Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom
gemeinen Volke halten als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren und dann
gibts Flüchtlinge und üble Spassvögel die sich herabzulassen scheinen um ihren
Übermut dem armen Volke desto empfindlicher zu machen
Ich weiß wohl dass wir nicht gleich sind noch sein können aber ich halte
dafür dass der der nötig zu haben glaubt vom so genannten Pöbel sich zu
entfernen um den Respekt zu erhalten ebenso tadelhaft ist als ein Feiger der
sich vor seinem Feinde verbirgt weil er zu unterliegen fürchtet
Letztin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen das ihr
Gefäß auf die unterste Treppe gesetzt hatte und sich umsah ob keine Kamerädin
kommen wollte ihr es auf den Kopf zu helfen Ich stieg hinunter und sah sie an
»Soll ich Ihr helfen Jungfer« sagte ich Sie ward rot über und über »O
nein Herr« sagte sie »Ohne Umstände« Sie legte ihren Kringen zurecht
und ich half ihr Sie dankte und stieg hinauf
Den 17 Mai
Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht Gesellschaft habe ich noch keine
gefunden Ich weiß nicht was ich Anzügliches für die Menschen haben muss es
mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich und da tut mirs weh wenn
unser Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht Wenn du fragst wie die
Leute hier sind muss ich dir sagen wie überall Es ist ein einförmiges Ding um
das Menschengeschlecht Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit um zu
leben und das bisschen das ihnen von Freiheit übrig bleibt ängstigt sie so
dass sie alle Mittel aufsuchen um es los zu werden O Bestimmung des Menschen
Aber eine recht gute Art Volks Wenn ich mich manchmal vergesse manchmal
mit ihnen die Freuden genieße die den Menschen noch gewährt sind an einem
artig besetzten Tisch mit aller Offen und Treuherzigkeit sich herumzuspassen
eine Spazierfahrt einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen und dergleichen das
tut eine ganz gute Wirkung auf mich nur muss mir nicht einfallen dass noch so
viele andere Kräfte in mir ruhen die alle ungenutzt vermodern und die ich
sorgfältig verbergen muss Ach das engt das ganze Herz so ein Und doch
missverstanden zu werden ist das Schicksal von unsereinem
Ach dass die Freundin meiner Jugend dahin ist ach dass ich sie je gekannt
habe Ich würde sagen Du bist ein Tor du suchst was hienieden nicht zu
finden ist Aber ich habe sie gehabt ich habe das Herz gefühlt die große
Seele in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein als ich war weil ich
alles war was ich sein konnte Guter Gott blieb da eine einzige Kraft meiner
Seele ungenutzt Konnt ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl
entwickeln mit dem mein Herz die Natur umfasst War unser Umgang nicht ein
ewiges Weben von der feinsten Empfindung dem schärfsten Witze dessen
Modifikationen bis zur Unart alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren
Und nun Ach ihre Jahre die sie voraus hatte führten sie früher ans Grab als
mich Nie werde ich sie vergessen nie ihren festen Sinn und ihre göttliche
Duldung
Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V an einen offenen Jungen mit einer
gar glücklichen Gesichtsbildung Er kommt erst von Akademien dünkt sich eben
nicht weise aber glaubt doch er wisse mehr als andere Auch war er fleißig
wie ich an allerlei spüre kurz er hat hübsche Kenntnisse Da er hörte dass ich
viel zeichnete und Griechisch könnte zwei Meteore hierzulande wandte er sich
an mich und kramte viel Wissens aus von Batteux bis zu Wood von de Piles zu
Winckelmann und versicherte mich er habe Sulzers Theorie den ersten Teil
ganz durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heinen über das Studium der
Antike Ich ließ das gut sein
Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen den fürstlichen Amtmann
einen offenen treuherzigen Menschen Man sagt es soll eine Seelenfreude sein
ihn unter seinen Kindern zu sehen deren er neun hat besonders macht man viel
Wesens von seiner ältesten Tochter Er hat mich zu sich gebeten und ich will
ihn ehster Tage besuchen Er wohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe anderthalb
Stunden von hier wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis
erhielt da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amtause zu weh tat
Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen an denen
alles unausstehlich ist am unerträglichsten ihre Freundschaftsbezeigungen
Leb wohl der Brief wird dir recht sein er ist ganz historisch
Am 22 Mai
Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei ist manchem schon so vorgekommen
und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum Wenn ich die Einschränkung
ansehe in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt
sind wenn ich sehe wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft sich die Befriedigung
von Bedürfnissen zu verschaffen die wieder keinen Zweck haben als unsere arme
Existenz zu verlängern und dann dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des
Nachforschens nur eine träumende Resignation ist da man sich die Wände
zwischen denen man gefangen sitzt mit bunten Gestalten und lichten Aussichten
bemalt Das alles Wilhelm macht mich stumm Ich kehre in mich selbst zurück
und finde eine Welt Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung
und lebendiger Kraft Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen und ich lächle
dann so träumend weiter in die Welt
Dass die Kinder nicht wissen warum sie wollen darin sind alle hochgelahrten
Schul und Hofmeister einig dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem
Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen woher sie kommen und wohin sie
gehen ebensowenig nach wahren Zwecken handeln ebenso durch Biskuit und Kuchen
und Birkenreiser regiert werden das will niemand gern glauben und mich dünkt
man kann es mit Händen greifen
Ich gestehe dir gern denn ich weiß was du mir hierauf sagen möchtest dass
diejenigen die Glücklichsten sind die gleich den Kindern in den Tag hinein
leben ihre Puppen herumschleppen aus und anziehen und mit großem Respekt um
die Schublade umherschleichen wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat
und wenn sie das gewünschte endlich erhaschen es mit vollen Backen verzehren
und rufen »Mehr« Das sind glückliche Geschöpfe Auch denen ists wohl die
ihren Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel
geben und sie dem Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und
Wohlfahrt anschreiben Wohl dem der so sein kann Wer aber in seiner Demut
erkennt wo das alles hinausläuft wer da sieht wie artig jeder Bürger dem es
wohl ist sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiß und wie unverdrossen
auch der Unglückliche unter der Bürde seinen Weg fortkeucht und alle gleich
interessiert sind das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zu sehen ja
der ist still und bildet auch seine Welt aus sich selbst und ist auch glücklich
weil er ein Mensch ist Und dann so eingeschränkt er ist hält er doch immer im
Herzen das süße Gefühl der Freiheit und dass er diesen Kerker verlassen kann
wann er will
Am 26 Mai
Du kennst von alters her meine Art mich anzubauen mir irgend an einem
vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen und da mit aller Einschränkung zu
herbergen Auch hier habe ich wieder ein Plätzchen angetroffen das mich
angezogen hat
Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort den sie Wahlheim1 nennen
Die Lage an einem Hügel ist sehr interessant und wenn man oben auf dem Fusspfade
zum Dorf herausgeht übersieht man auf einmal das ganze Tal Eine gute Wirtin
die gefällig und munter in ihrem Alter ist schenkt Wein Bier Kaffee und was
über alles geht sind zwei Linden die mit ihren ausgebreiteten Ästen den
kleinen Platz vor der Kirche bedecken der ringsum mit Bauerhäusern Scheuern
und Höfen eingeschlossen ist So vertraulich so heimlich hab ich nicht leicht
ein Plätzchen gefunden und dahin lass ich mein Tischchen aus dem Wirtshause
bringen und meinen Stuhl trinke meinen Kaffee da und lese meinen Homer Das
erstemal als ich durch einen Zufall an einem schönen Nachmittage unter die
Linden kam fand ich das Plätzchen so einsam Es war alles im Felde nur ein
Knabe von ungefähr vier Jahren saß an der Erde und hielt ein anderes etwa
halbjähriges vor ihm zwischen seinen Füßen sitzendes Kind mit beiden Armen
wider seine Brust so dass er ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet
der Munterkeit womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute ganz ruhig
saß Mich vergnügte der Anblick ich setzte mich auf einen Pflug der gegenüber
stand und zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergetzen Ich fügte den
nächsten Zaun ein Scheunentor und einige gebrochene Wagenräder bei alles wie
es hinter einander stand und fand nach Verlauf einer Stunde dass ich eine
wohlgeordnete sehr interessante Zeichnung verfertigt hatte ohne das mindeste
von dem Meinen hinzuzutun Das bestärkte mich in meinem Vorsatze mich künftig
allein an die Natur zu halten Sie allein ist unendlich reich und sie allein
bildet den großen Künstler Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen
ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann Ein Mensch
der sich nach ihnen bildet wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes
hervorbringen wie einer der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lässt nie
ein unerträglicher Nachbar nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann dagegen
wird aber auch alle Regel man rede was man wolle das wahre Gefühl von Natur
und den wahren Ausdruck derselben zerstören Sag du Das ist zu hart sie
schränkt nur ein beschneidet die geilen Reben etc Guter Freund soll ich dir
ein Gleichnis geben Es ist damit wie mit der Liebe Ein junges Herz hängt ganz
an einem Mädchen bringt alle Stunden seines Tages bei ihr zu verschwendet alle
seine Kräfte all sein Vermögen um ihr jeden Augenblick auszudrücken dass er
sich ganz ihr hingibt Und da käme ein Philister ein Mann der in einem
öffentlichen Amte steht und sagte zu ihm Feiner junger Herr Lieben ist
menschlich nur müsst Ihr menschlich lieben Teilet Eure Stunden ein die einen
zur Arbeit und die Erholungsstunden widmet Eurem Mädchen Berechnet Euer
Vermögen und was Euch von Eurer Notdurft übrig bleibt davon verwehr ich Euch
nicht ihr ein Geschenk nur nicht zu oft zu machen etwa zu ihrem Geburts
und Namenstage etc Folgt der Mensch so gibts einen brauchbaren jungen
Menschen und ich will selbst jedem Fürsten raten ihn in ein Kollegium zu
setzen nur mit seiner Liebe ists am Ende und wenn er ein Künstler ist mit
seiner Kunst O meine Freunde warum der Strom des Genies so selten ausbricht
so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele erschüttert
Liebe Freunde da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers
denen ihre Gartenhäuschen Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden
die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr
abzuwehren wissen
Am 27 Mai
Ich bin wie ich sehe in Verzückung Gleichnisse und Deklamation verfallen und
habe darüber vergessen dir auszuerzählen was mit den Kindern weiter geworden
ist Ich saß ganz in malerische Empfindung vertieft die dir mein gestriges
Blatt sehr zerstückt darlegt auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden Da kommt
gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los die sich indes nicht gerührt
hatten mit einem Körbchen am Arm und ruft von weitem »Philipps du bist recht
brav« Sie grüßte mich ich dankte ihr stand auf trat näher hin und fragte
sie ob sie Mutter von den Kindern wäre Sie bejahte es und indem sie dem
ältesten einen halben Weck gab nahm sie das kleine auf und küsste es mit aller
mütterlichen Liebe »Ich habe« sagte sie »meinem Philipps das Kleine zu
halten gegeben und bin mit meinem Ältesten in die Stadt gegangen um weiß Brot
zu holen und Zucker und ein irden Breipfännchen« Ich sah das alles in dem
Korbe dessen Deckel abgefallen war »Ich will meinem Hans das war der Name
des Jüngsten ein Süppchen kochen zum Abende der lose Vogel der Große hat mir
gestern das Pfännchen zerbrochen als er sich mit Philippsen um die Scharre des
Breis zankte« Ich fragte nach dem Ältesten und sie hatte mir kaum gesagt
dass er sich auf der Wiese mit ein paar Gänsen herumjage als er gesprungen kam
und dem Zweiten eine Haselgerte mitbrachte Ich unterhielt mich weiter mit dem
Weibe und erfuhr dass sie des Schulmeisters Tochter sei und dass ihr Mann eine
Reise in die Schweiz gemacht habe um die Erbschaft eines Vetters zu holen
»Sie haben ihn drum betriegen wollen« sagte sie »und ihm auf seine Briefe
nicht geantwortet da ist er selbst hineingegangen Wenn ihm nur kein Unglück
widerfahren ist ich höre nichts von ihm« Es ward mir schwer mich von dem
Weibe los zu machen gab jedem der Kinder einen Kreuzer und auch fürs jüngste
gab ich ihr einen ihm einen Weck zur Suppe mitzubringen wenn sie in die Stadt
ginge und so schieden wir von einander
Ich sage dir mein Schatz wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen so
lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschöpfs das in glücklicher
Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht von einem Tage zum andern
sich durchhilft die Blätter abfallen sieht und nichts dabei denkt als dass der
Winter kommt
Seit der Zeit bin ich oft draußen Die Kinder sind ganz an mich gewöhnt sie
kriegen Zucker wenn ich Kaffee trinke und teilen das Butterbrot und die saure
Milch mit mir des Abends Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie und wenn ich
nicht nach der Betstunde da bin so hat die Wirtin Ordre ihn auszuzahlen
Sie sind vertraut erzählen mir allerhand und besonders ergetze ich mich an
ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüchen des Begehrens wenn mehr Kinder aus
dem Dorfe sich versammeln
Viel Mühe hat michs gekostet der Mutter ihre Besorgnis zu nehmen sie
möchten den Herrn inkommodieren
Am 30 Mai
Was ich dir neulich von der Malerei sagte gilt gewiss auch von der Dichtkunst
es ist nur dass man das Vortreffliche erkenne und es auszusprechen wage und das
ist freilich mit wenigem viel gesagt Ich habe heute eine Szene gehabt die
rein abgeschrieben die schönste Idylle von der Welt gäbe doch was soll
Dichtung Szene und Idylle muss es denn immer gebosselt sein wenn wir teil an
einer Naturerscheinung nehmen sollen
Wenn du auf diesen Eingang viel Hohes und Vornehmes erwartest so bist du
wieder übel betrogen es ist nichts als ein Bauerbursch der mich zu dieser
lebhaften Teilnehmung hingerissen hat Ich werde wie gewöhnlich schlecht
erzählen und du wirst mich wie gewöhnlich denk ich übertrieben finden es
ist wieder Wahlheim und immer Wahlheim das diese Seltenheiten hervorbringt
Es war eine Gesellschaft draußen unter den Linden Kaffee zu trinken Weil
sie mir nicht ganz anstand so blieb ich unter einem Vorwande zurück
Ein Bauerbursch kam aus einem benachbarten Hause und beschäftigte sich an
dem Pfluge den ich neulich gezeichnet hatte etwas zurecht zu machen Da mir
sein Wesen gefiel redete ich ihn an fragte nach seinen Umständen wir waren
bald bekannt und wie mirs gewöhnlich mit dieser Art Leuten geht bald
vertraut Er erzählte mir dass er bei einer Witwe in Diensten sei und von ihr
gar wohl gehalten werde Er sprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt
dass ich bald merken konnte er sei ihr mit Leib und Seele zugetan Sie sei nicht
mehr jung sagte er sie sei von ihrem ersten Mann übel gehalten worden wolle
nicht mehr heiraten und aus seiner Erzählung leuchtete so merklich hervor wie
schön wie reizend sie für ihn sei wie sehr er wünsche dass sie ihn wählen
möchte um das Andenken der Fehler ihres ersten Mannes auszulöschen dass ich
Wort für Wort wiederholen müsste um dir die reine Neigung die Liebe und Treue
dieses Menschen anschaulich zu machen Ja ich müsste die Gabe des größten
Dichters besitzen um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebärden die Harmonie
seiner Stimme das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können
Nein es sprechen keine Worte die Zartheit aus die in seinem ganzen Wesen und
Ausdruck war es ist alles nur plump was ich wieder vorbringen könnte
Besonders rührte mich wie er fürchtete ich möchte über sein Verhältnis zu ihr
ungleich denken und an ihrer guten Aufführung zweifeln Wie reizend es war wenn
er von ihrer Gestalt von ihrem Körper sprach der ihn ohne jugendliche Reize
gewaltsam an sich zog und fesselte kann ich mir nur in meiner innersten Seele
wiederholen Ich hab in meinem Leben die dringende Begierde und das heiße
sehnliche Verlangen nicht in dieser Reinheit gesehen ja wohl kann ich sagen in
dieser Reinheit nicht gedacht und geträumt Schelte mich nicht wenn ich dir
sage dass bei der Erinnerung dieser Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele
glüht und dass mich das Bild dieser Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt und
dass ich wie selbst davon entzündet lechze und schmachte
Ich will nun suchen auch sie ehstens zu sehen oder vielmehr wenn ichs
recht bedenke ich wills vermeiden Es ist besser ich sehe sie durch die Augen
ihres Liebhabers vielleicht erscheint sie mir vor meinen eigenen Augen nicht
so wie sie jetzt vor mir steht und warum soll ich mir das schöne Bild
verderben
Am 16 Junius
Warum ich dir nicht schreibe Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten
einer Du solltest raten dass ich mich wohl befinde und zwar Kurz und gut
ich habe eine Bekanntschaft gemacht die mein Herz näher angeht Ich habe ich
weiß nicht
Dir in der Ordnung zu erzählen wies zugegangen ist dass ich eins der
liebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen wird schwer halten Ich bin
vergnügt und glücklich und also kein guter Historienschreiber
Einen Engel Pfui das sagt jeder von der Seinigen nicht wahr Und doch
bin ich nicht imstande dir zu sagen wie sie vollkommen ist warum sie
vollkommen ist genug sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen
So viel Einfalt bei so viel Verstand so viel Güte bei so viel Festigkeit
und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Tätigkeit
Das ist alles garstiges Gewäsch was ich da von ihr sage leidige
Abstraktionen die nicht einen Zug ihres Selbst ausdrücken Ein andermal nein
nicht ein andermal jetzt gleich will ich dirs erzählen Tu ichs jetzt nicht
so geschäh es niemals Denn unter uns seit ich angefangen habe zu schreiben
war ich schon dreimal im Begriffe die Feder niederzulegen mein Pferd satteln
zu lassen und hinauszureiten Und doch schwur ich mir heute früh nicht
hinauszureiten und gehe doch alle Augenblick ans Fenster zu sehen wie hoch
die Sonne noch steht
Ich habs nicht überwinden können ich musste zu ihr hinaus Da bin ich
wieder Wilhelm will mein Butterbrot zu Nacht essen und dir schreiben Welch
eine Wonne das für meine Seele ist sie in dem Kreise der lieben munteren
Kinder ihrer acht Geschwister zu sehen
Wenn ich so fortfahre wirst du am Ende so klug sein wie am Anfange Höre
denn ich will mich zwingen ins Detail zu gehen
Ich schrieb dir neulich wie ich den Amtmann S habe kennen lernen und wie
er mich gebeten habe ihn bald in seiner Einsiedelei oder vielmehr seinem
kleinen Königreiche zu besuchen Ich vernachlässigte das und wäre vielleicht
nie hingekommen hätte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt der in der
stillen Gegend verborgen liegt
Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt zu dem ich
mich denn auch willig finden ließ Ich bot einem hiesigen guten schönen
übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand und es wurde ausgemacht dass ich eine
Kutsche nehmen mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit
hinausfahren und auf dem Wege Charlotten S mitnehmen sollte »Sie werden ein
schönes Frauenzimmer kennenlernen« sagte meine Gesellschafterin da wir durch
den weiten ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren »Nehmen Sie sich in
acht« versetzte die Base »dass Sie sich nicht verlieben« »Wieso« sagte ich
»Sie ist schon vergeben« antwortete jene »an einen sehr braven Mann der
weggereist ist seine Sachen in Ordnung zu bringen weil sein Vater gestorben
ist und sich um eine ansehnliche Versorgung zu bewerben« Die Nachricht war
mir ziemlich gleichgültig
Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge als wir vor dem Hoftore
anfuhren Es war sehr schwül und die Frauenzimmer äußerten ihre Besorgnis wegen
eines Gewitters das sich in weissgrauen dumpfichten Wölkchen rings am Horizonte
zusammenzuziehen schien Ich täuschte ihre Furcht mit anmasslicher Wetterkunde
ob mir gleich selbst zu ahnen anfing unsere Lustbarkeit werde einen Stoß
leiden
Ich war ausgestiegen und eine Magd die ans Tor kam bat uns einen
Augenblick zu verziehen Mamsell Lottchen würde gleich kommen Ich ging durch
den Hof nach dem wohlgebauten Hause und da ich die vorliegenden Treppen
hinaufgestiegen war und in die Tür trat fiel mir das reizendste Schauspiel in
die Augen das ich je gesehen habe In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von
elf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt mittlerer Größe die ein
simples weißes Kleid mit blassroten Schleifen an Arm und Brust anhatte Sie
hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück
nach Proportion ihres Alters und Appetits ab gabs jedem mit solcher
Freundlichkeit und jedes rief so ungekünstelt sein »Danke« indem es mit den
kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte ehe es noch abgeschnitten
war und nun mit seinem Abendbrote vergnügt entweder wegsprang oder nach seinem
stillern Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu um die Fremden und
die Kutsche zu sehen darin ihre Lotte wegfahren sollte »Ich bitte um
Vergebung« sagte sie »dass ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten
lasse Über dem Anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner
Abwesenheit habe ich vergessen meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben und sie
wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir« Ich machte ihr ein
unbedeutendes Kompliment meine ganze Seele ruhte auf der Gestalt dem Tone dem
Betragen und ich hatte eben Zeit mich von der Überraschung zu erholen als sie
in die Stube lief ihre Handschuhe und den Fächer zu holen Die Kleinen sahen
mich in einiger Entfernung so von der Seite an und ich ging auf das jüngste
los das ein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung war Es zog sich zurück
als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte »Louis gib dem Herrn Vetter eine
Hand« Das tat der Knabe sehr freimütig und ich konnte mich nicht enthalten
ihn ungeachtet seines kleinen Rotznäschens herzlich zu küssen »Vetter«
sagte ich indem ich ihr die Hand reichte »glauben Sie dass ich des Glücks wert
sei mit Ihnen verwandt zu sein« »O« sagte sie mit einem leichtfertigen
Lächeln »unsere Vetterschaft ist sehr weitläufig und es wäre mir leid wenn
Sie der schlimmste drunter sein sollten« Im Gehen gab sie Sophien der
ältesten Schwester nach ihr einem Mädchen von ungefähr elf Jahren den
Auftrag wohl auf die Kinder acht zu haben und den Papa zu grüßen wenn er vom
Spazierritte nach Hause käme Den Kleinen sagte sie sie sollten ihrer Schwester
Sophie folgen als wenn sies selber wäre das denn auch einige ausdrücklich
versprachen Eine kleine naseweise Blondine aber von ungefähr sechs Jahren
sagte »Du bists doch nicht Lottchen wir haben dich doch lieber« Die zwei
ältesten Knaben waren hinten auf die Kutsche geklettert und auf mein Vorbitten
erlaubte sie ihnen bis vor den Wald mitzufahren wenn sie versprächen sich
nicht zu necken und sich recht fest zu halten
Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt die Frauenzimmer sich bewillkommt
wechselsweise über den Anzug vorzüglich über die Hüte ihre Anmerkungen gemacht
und die Gesellschaft die man erwartete gehörig durchgezogen als Lotte den
Kutscher halten und ihre Brüder herabsteigen ließ die noch einmal ihre Hand zu
küssen begehrten das denn der älteste mit aller Zärtlichkeit die dem Alter von
fünfzehn Jahren eigen sein kann der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn
tat Sie ließ die Kleinen noch einmal grüßen und wir fuhren weiter
Die Base fragte ob sie mit dem Buche fertig wäre das sie ihr neulich
geschickt hätte »Nein« sagte Lotte »es gefällt mir nicht Sie könnens
wiederhaben Das vorige war auch nicht besser« Ich erstaunte als ich fragte
was es für Bücher wären und sie mir antwortete2 Ich fand so viel Charakter
in allem was sie sagte ich sah mit jedem Wort neue Reize neue Strahlen des
Geistes aus ihren Gesichtszügen hervorbrechen die sich nach und nach vergnügt
zu entfalten schienen weil sie an mir fühlte dass ich sie verstand
»Wie ich jünger war« sagte sie »liebte ich nichts so sehr als Romane Weiß
Gott wie wohl mirs war wenn ich mich Sonntags in so ein Eckchen setzen und
mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einer Miss Jenny teilnehmen konnte
Ich leugne auch nicht dass die Art noch einige Reize für mich hat Doch da ich
so selten an ein Buch komme so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein
Und der Autor ist mir der liebste in dem ich meine Welt wiederfinde bei dem es
zugeht wie um mich und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich
wird als mein eigen häuslich Leben das freilich kein Paradies aber doch im
ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist«
Ich bemühte mich meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen Das ging
freilich nicht weit denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehen vom
Landpriester von Wakefield vom 3 reden hörte kam ich ganz außer mich sagte
ihr alles was ich musste und bemerkte erst nach einiger Zeit da Lotte das
Gespräch an die anderen wendete dass diese die Zeit über mit offenen Augen als
säßen sie nicht da dagesessen hatten Die Base sah mich mehr als einmal mit
einem spöttischen Näschen an daran mir aber nichts gelegen war
Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze »Wenn diese Leidenschaft ein
Fehler ist« sagte Lotte »so gestehe ich Ihnen gern ich weiß mir nichts übers
Tanzen Und wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier
einen Kontretanz vortrommle so ist alles wieder gut«
Wie ich mich unter dem Gespräche in den schwarzen Augen weidete wie die
lebendigen Lippen und die frischen munteren Wangen meine ganze Seele anzogen
wie ich in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken oft gar die Worte
nicht hörte mit denen sie sich ausdrückte davon hast du eine Vorstellung
weil du mich kennst Kurz ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender als wir
vor dem Lustause stille hielten und war so in Träumen rings in der dämmernden
Welt verloren dass ich auf die Musik kaum achtete die uns von dem erleuchteten
Saal herunter entgegenschallte
Die zwei Herren Audran und ein gewisser N N wer behält alle die Namen
die der Base und Lottens Tänzer waren empfingen uns am Schlage bemächtigten
sich ihrer Frauenzimmer und ich führte das meinige hinauf
Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum ich forderte ein
Frauenzimmer nach dem andern auf und just die unleidlichsten konnten nicht dazu
kommen einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen Lotte und ihr Tänzer
fingen einen Englischen an und wie wohl mirs war als sie auch in der Reihe
die Figur mit uns anfing magst du fühlen Tanzen muss man sie sehen Siehst du
sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei ihr ganzer Körper eine
Harmonie so sorglos so unbefangen als wenn das eigentlich alles wäre als
wenn sie sonst nichts dächte nichts empfände und in dem Augenblicke gewiss
schwindet alles andere vor ihr
Ich bat sie um den zweiten Kontretanz sie sagte mir den dritten zu und mit
der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versicherte sie mir dass sie
herzlich gern deutsch tanze »Es ist hier so Mode« fuhr sie fort »dass jedes
Paar das zusammen gehört beim Deutschen zusammenbleibt und mein Chapeau walzt
schlecht und dankt mirs wenn ich ihm die Arbeit erlasse Ihr Frauenzimmer
kanns auch nicht und mag nicht und ich habe im Englischen gesehen dass Sie gut
walzen wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche so gehen Sie und bitten
sichs von meinem Herrn aus und ich will zu Ihrer Dame gehen« Ich gab ihr
die Hand darauf und wir machten aus dass ihr Tänzer inzwischen meine Tänzerin
unterhalten sollte
Nun gings an und wir ergetzten uns eine Weile an mannigfaltigen
Schlingungen der Arme Mit welchem Reize mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie
sich und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander
herumrollten gings freilich anfangs weils die wenigsten können ein bisschen
bunt durcheinander Wir waren klug und ließ sie austoben und als die
Ungeschicktesten den Plan geräumt hatten fielen wir ein und hielten mit noch
einem Paare mit Audran und seiner Tänzerin wacker aus Nie ist mirs so leicht
vom Flecke gegangen Ich war kein Mensch mehr Das liebenswürdigste Geschöpf in
den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter dass alles rings umher
verging und Wilhelm um ehrlich zu sein tat ich aber doch den Schwur dass
ein Mädchen das ich liebte auf das ich Ansprüche hätte mir nie mit einem
andern walzen sollte als mit mir und wenn ich drüber zugrunde gehen müsste Du
verstehst mich
Wir machten einige Touren gehend im Saale um zu verschnaufen Dann setzte
sie sich und die Orangen die ich beiseite gebracht hatte die nun die einzigen
noch übrigen waren taten vortreffliche Wirkung nur dass mir mit jedem
Schnittchen das sie einer unbescheidenen Nachbarin ehrenhalben zuteilte ein
Stich durchs Herz ging
Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar Wie wir die Reihe
durchtanzten und ich weiß Gott mit wieviel Wonne an ihrem Arm und Auge hing
das voll vom wahrsten Ausdruck des offensten reinsten Vergnügens war kommen
wir an eine Frau die mir wegen ihrer liebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr
ganz jungen Gesichte merkwürdig gewesen war Sie sieht Lotten lächelnd an hebt
einen drohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal im Vorbeifliegen
mit viel Bedeutung
»Wer ist Albert« sagte ich zu Lotten »wenns nicht Vermessenheit ist zu
fragen« Sie war im Begriff zu antworten als wir uns scheiden mussten um die
große Achte zu machen und mich dünkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirn zu
sehen als wir so vor einander vorbeikreuzten »Was soll ichs Ihnen leugnen«
sagte sie indem sie mir die Hand zur Promenade bot »Albert ist ein braver
Mensch dem ich so gut als verlobt bin« Nun war mir das nichts Neues denn
die Mädchen hatten mirs auf dem Wege gesagt und war mir doch so ganz neu weil
ich es noch nicht im Verhältnis auf sie die mir in so wenig Augenblicken so
wert geworden war gedacht hatte Genug ich verwirrte mich vergaß mich und kam
zwischen das unrechte Paar hinein dass alles drunter und drüber ging und Lottens
ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen nötig war um es schnell wieder in Ordnung
zu bringen
Der Tanz war noch nicht zu Ende als die Blitze die wir schon lange am
Horizonte leuchten gesehen und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte
viel stärker zu werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte Drei
Frauenzimmer liefen aus der Reihe denen ihre Herren folgten die Unordnung
wurde allgemein und die Musik hörte auf Es ist natürlich wenn uns ein Unglück
oder etwas Schreckliches im Vergnügen überrascht dass es stärkere Eindrücke auf
uns macht als sonst teils wegen des Gegensatzes der sich so lebhaft empfinden
lässt teils und noch mehr weil unsere Sinne einmal der Fühlbarkeit geöffnet
sind und also desto schneller einen Eindruck annehmen Diesen Ursachen muss ich
die wunderbaren Grimassen zuschreiben in die ich mehrere Frauenzimmer
ausbrechen sah Die klügste setzte sich in eine Ecke mit dem Rücken gegen das
Fenster und hielt die Ohren zu Eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg
den Kopf in der ersten Schoss Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und
umfasste ihre Schwesterchen mit tausend Tränen Einige wollten nach Hause
andere die noch weniger wussten was sie taten hatten nicht so viel
Besinnungskraft den Keckheiten unserer jungen Schlucker zu steuern die sehr
beschäftigt zu sein schienen alle die ängstlichen Gebete die dem Himmel
bestimmt waren von den Lippen der schönen Bedrängten wegzufangen Einige
unserer Herren hatten sich hinabbegeben um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen
und die übrige Gesellschaft schlug es nicht aus als die Wirtin auf den klugen
Einfall kam uns ein Zimmer anzuweisen das Läden und Vorhänge hätte Kaum waren
wir da angelangt als Lotte beschäftigt war einen Kreis von Stühlen zu stellen
und als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte gesetzt hatte den Vortrag zu
einem Spiele zu tun
Ich sah manchen der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchen
spitzte und seine Glieder reckte »Wir spielen Zählens« sagte sie »Nun gebt
acht Ich geh im Kreise herum von der Rechten zur Linken und so zählt ihr auch
rings herum jeder die Zahl die an ihn kommt und das muss gehen wie ein
Lauffeuer und wer stockt oder sich irrt kriegt eine Ohrfeige und so bis
tausend« Nun war das lustig anzusehen Sie ging mit ausgestrecktem Arm im
Kreise herum »Eins« fing der erste an der Nachbar »zwei« »drei« der
folgende und so fort Dann fing sie an geschwinder zu gehen immer
geschwinder da versahs einer Patsch eine Ohrfeige und über das Gelächter
der folgende auch Patsch Und immer geschwinder Ich selbst kriegte zwei
Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken dass sie stärker
seien als sie den übrigen zuzumessen pflegte Ein allgemeines Gelächter und
Geschwärm endigte das Spiel ehe noch das Tausend ausgezählt war Die
Vertrautesten zogen einander beiseite das Gewitter war vorüber und ich folgte
Lotten in den Saal Unterwegs sagte sie Ȇber die Ohrfeigen haben sie Wetter
und alles vergessen« Ich konnte ihr nichts antworten »Ich war« fuhr sie
fort »eine der Furchtsamsten und indem ich mich herzhaft stellte um den
andern Mut zu geben bin ich mutig geworden« Wir traten ans Fenster Es
donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land und der
erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf Sie
stand auf ihren Ellenbogen gestützt ihr Blick durchdrang die Gegend sie sah
gen Himmel und auf mich ich sah ihr Auge tränenvoll sie legte ihre Hand auf
die meinige und sagte »Klopstock« Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen
Ode die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strome von Empfindungen den
sie in dieser Losung über mich ausgoss Ich ertrugs nicht neigte mich auf ihre
Hand und küsste sie unter den wonnevollsten Tränen Und sah nach ihrem Auge
wieder Edler hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen und
möcht ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören
Am 19 Junius
Wo ich neulich mit meiner Erzählung geblieben bin weiß ich nicht mehr das weiß
ich dass es zwei Uhr des Nachts war als ich zu Bette kam und dass wenn ich dir
hätte vorschwatzen können statt zu schreiben ich dich vielleicht bis an den
Morgen aufgehalten hätte
Was auf unserer Hereinfahrt vom Balle geschehen ist habe ich noch nicht
erzählt habe auch heute keinen Tag dazu
Es war der herrlichste Sonnenaufgang Der tröpfelnde Wald und das erfrischte
Feld umher Unsere Gesellschafterinnen nickten ein Sie fragte mich ob ich
nicht auch von der Partie sein wollte ihrentwegen sollt ich unbekümmert sein
»So lange ich diese Augen offen sehe« sagte ich und sah sie fest an »so
lange hats keine Gefahr« Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor da
ihr die Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte dass Vater und
Kleine wohl seien und alle noch schliefen Da verließ ich sie mit der Bitte sie
selbigen Tags noch sehen zu dürfen sie gestand mirs zu und ich bin gekommen
und seit der Zeit können Sonne Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschaft treiben
ich weiß weder dass Tag noch dass Nacht ist und die ganze Welt verliert sich um
mich her
Am 21 Junius
Ich lebe so glückliche Tage wie sie Gott seinen Heiligen aufspart und mit mir
mag werden was will so darf ich nicht sagen dass ich die Freuden die reinsten
Freuden des Lebens nicht genossen habe Du kennst mein Wahlheim dort bin ich
völlig etabliert von da habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten dort fühl
ich mich selbst und alles Glück das dem Menschen gegeben ist
Hätt ich gedacht als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergänge
wählte dass es so nahe am Himmel läge Wie oft habe ich das Jagdhaus das nun
alle meine Wünsche einschliesst auf meinen weiten Wanderungen bald vom Berge
bald von der Ebne über den Fluss gesehen
Lieber Wilhelm ich habe allerlei nachgedacht über die Begier im Menschen
sich auszubreiten neue Entdeckungen zu machen herumzuschweifen und dann
wieder über den inneren Trieb sich der Einschränkung willig zu ergeben in dem
Gleise der Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu
bekümmern
Es ist wunderbar wie ich hierher kam und vom Hügel in das schöne Tal
schaute wie es mich rings umher anzog Dort das Wäldchen Ach könntest du
dich in seine Schatten mischen Dort die Spitze des Berges Ach könntest du
von da die weite Gegend überschauen Die in einander geketteten Hügel und
vertraulichen Täler O könnte ich mich in ihnen verlieren Ich eilte hin
und kehrte zurück und hatte nicht gefunden was ich hoffte O es ist mit der
Ferne wie mit der Zukunft Ein großes dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele
unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge und wir sehnen uns ach
unser ganzes Wesen hinzugeben uns mit aller Wonne eines einzigen großen
herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen Und ach wenn wir hinzueilen wenn das
Dort nun Hier wird ist alles vor wie nach und wir stehen in unserer Armut in
unserer Eingeschränkteit und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale
So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterlande
und findet in seiner Hütte an der Brust seiner Gattin in dem Kreise seiner
Kinder in den Geschäften zu ihrer Erhaltung die Wonne die er in der weiten
Welt vergebens suchte
Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und
dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke mich hinsetze sie
abfädne und dazwischen in meinem Homer lese wenn ich in der kleinen Küche mir
einen Topf wähle mir Butter aussteche Schoten ans Feuer stelle zudecke und
mich dazusetze sie manchmal umzuschütteln da fühl ich so lebhaft wie die
übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten zerlegen und
braten Es ist nichts das mich so mit einer stillen wahren Empfindung
ausfüllte als die Züge patriarchalischen Lebens die ich Gott sei Dank ohne
Affektation in meine Lebensart verweben kann
Wie wohl ist mirs dass mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen
fühlen kann der ein Krautaupt auf seinen Tisch bringt das er selbst gezogen
und nun nicht den Kohl allein sondern all die guten Tage den schönen Morgen
da er ihn pflanzte die lieblichen Abende da er ihn begoss und da er an dem
fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte alle in einem Augenblicke wieder
mitgeniesst
Am 29 Junius
Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich
auf der Erde unter Lottens Kindern wie einige auf mir herumkrabbelten andere
mich neckten und wie ich sie kitzelte und ein großes Geschrei mit ihnen
erregte Der Doktor der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist unterm Reden
seine Manschetten in Falten legt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft fand
dieses unter der Würde eines gescheiten Menschen das merkte ich an seiner Nase
Ich ließ mich aber in nichts stören ließ ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln
und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder die sie zerschlagen hatten Auch
ging er darauf in der Stadt herum und beklagte des Amtmanns Kinder wären so
schon ungezogen genug der Werter verderbe sie nun völlig
Ja lieber Wilhelm meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde
Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden aller
Kräfte sehe die sie einmal so nötig brauchen werden wenn ich in dem Eigensinne
künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters in dem Mutwillen guten
Humor und Leichtigkeit über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen erblicke
alles so unverdorben so ganz immer immer wiederhole ich dann die goldenen
Worte des Lehrers der Menschen »Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen«
Und nun mein Bester sie die unseresgleichen sind die wir als unsere Muster
ansehen sollten behandeln wir als Untertanen Sie sollen keinen Willen haben
Haben wir denn keinen und wo liegt das Vorrecht Weil wir älter sind und
gescheiter Guter Gott von deinem Himmel alte Kinder siehst du und junge
Kinder und nichts weiter und an welchen du mehr Freude hast das hat dein Sohn
schon lange verkündigt Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht das ist
auch was Altes und bilden ihre Kinder nach sich und Adieu Wilhelm Ich mag
darüber nicht weiter radotieren
Am 1 Julius
Was Lotte einem Kranken sein muss fühl ich an meinem eigenen armen Herzen das
übler dran ist als manches das auf dem Siechbette verschmachtet Sie wird
einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frau zubringen die sich nach
der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht und in diesen letzten Augenblicken Lotten
um sich haben will Ich war vorige Woche mit ihr den Pfarrer von St zu
besuchen ein Örtchen das eine Stunde seitwärts im Gebirge liegt Wir kamen
gegen vier dahin Lotte hatte ihre zweite Schwester mitgenommen Als wir in den
mit zwei hohen Nussbäumen überschatteten Pfarrhof traten saß der gute alte Mann
auf einer Bank vor der Haustür und da er Lotten sah ward er wie neu belebt
vergaß seinen Knotenstock und wagte sich auf ihr entgegen Sie lief hin zu ihm
nötigte ihn sich niederzulassen indem sie sich zu ihm setzte brachte viele
Grüße von ihrem Vater herzte seinen garstigen schmutzigen jüngsten Buben das
Quakelchen seines Alters Du hättest sie sehen sollen wie sie den Alten
beschäftigte wie sie ihre Stimme erhob um seinen halb tauben Ohren vernehmlich
zu werden wie sie ihm von jungen robusten Leuten erzählte die unvermutet
gestorben wären von der Vortrefflichkeit des Karlsbades und wie sie seinen
Entschluss lobte künftigen Sommer hinzugehen wie sie fand dass er viel besser
aussähe viel munterer sei als das letztemal da sie ihn gesehen Ich hatte
indes der Frau Pfarrerin meine Höflichkeiten gemacht Der Alte wurde ganz
munter und da ich nicht umhin konnte die schönen Nussbäume zu loben die uns so
lieblich beschatteten fing er an uns wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit
die Geschichte davon zu geben »Den alten« sagte er »wissen wir nicht wer
den gepflanzt hat einige sagen dieser andere jener Pfarrer Der jüngere aber
dort hinten ist so alt als meine Frau im Oktober funfzig Jahr Ihr Vater
pflanzte ihn des Morgens als sie gegen Abend geboren wurde Er war mein Vorfahr
im Amt und wie lieb ihm der Baum war ist nicht zu sagen mir ist ers gewiss
nicht weniger Meine Frau saß darunter auf einem Balken und strickte da ich vor
siebenundzwanzig Jahren als ein armer Student zum erstenmale hier in den Hof
kam« Lotte fragte nach seiner Tochter es hieß sie sei mit Herrn Schmidt auf
die Wiese hinaus zu den Arbeitern und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort
wie sein Vorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu und wie er erst sein
Vikar und dann sein Nachfolger geworden Die Geschichte war nicht lange zu Ende
als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten Herrn Schmidt durch den Garten
herkam sie bewillkommte Lotten mit herzlicher Wärme und ich muss sagen sie
gefiel mir nicht übel eine rasche wohlgewachsene Brünette die einen die kurze
Zeit über auf dem Lande wohl unterhalten hätte Ihr Liebhaber denn als solchen
stellte sich Herr Schmidt gleich dar ein feiner doch stiller Mensch der sich
nicht in unsere Gespräche mischen wollte ob ihn gleich Lotte immer hereinzog
Was mich am meisten betrübte war dass ich an seinen Gesichtszügen zu bemerken
schien es sei mehr Eigensinn und übler Humor als Eingeschränkteit des
Verstandes der ihn sich mitzuteilen hinderte In der Folge ward dies leider nur
zu deutlich denn als Friederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich
auch mit mir ging wurde des Herrn Angesicht das ohnedies einer bräunlichen
Farbe war so sichtlich verdunkelt dass es Zeit war dass Lotte mich beim Ärmel
zupfte und mir zu verstehen gab dass ich mit Friederiken zu artig getan Nun
verdriesst mich nichts mehr als wenn die Menschen einander plagen am meisten
wenn junge Leute in der Blüte des Lebens da sie am offensten für alle Freuden
sein könnten einander die paar guten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu
spät das Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen Mich wurmte das und ich
konnte nicht umhin da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurückkehrten und an
einem Tische Milch aßen und das Gespräch auf Freude und Leid der Welt sich
wendete den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen die üble Laune zu
reden »Wir Menschen beklagen uns oft« fing ich an »dass der guten Tage so
wenig sind und der schlimmen so viel und wie mich dünkt meist mit Unrecht
Wenn wir immer ein offenes Herz hätten das Gute zu genießen das uns Gott für
jeden Tag bereitet wir würden alsdann auch Kraft genug haben das Übel zu
tragen wenn es kommt« »Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt«
versetzte die Pfarrerin »wie viel hängt vom Körper ab Wenn einem nicht wohl
ist ists einem überall nicht recht« Ich gestand ihr das ein »Wir wollen
es also« fuhr ich fort »als eine Krankheit ansehen und fragen ob dafür kein
Mittel ist« »Das lässt sich hören« sagte Lotte »ich glaube wenigstens dass
viel von uns abhängt Ich weiß es an mir Wenn mich etwas neckt und mich
verdrießlich machen will spring ich auf und sing ein paar Kontretänze den
Garten auf und ab gleich ists weg« »Das wars was ich sagen wollte«
versetzte ich »es ist mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit denn es
ist eine Art von Trägheit Unsere Natur hängt sehr dahin und doch wenn wir nur
einmal die Kraft haben uns zu ermannen geht uns die Arbeit frisch von der
Hand und wir finden in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen« Friederike war
sehr aufmerksam und der junge Mensch wandte mir ein dass man nicht Herr über
sich selbst sei und am wenigsten über seine Empfindungen gebieten könne »Es
ist hier die Frage von einer unangenehmen Empfindung« versetzte ich »die doch
jedermann gerne los ist und niemand weiß wie weit seine Kräfte gehen bis er
sie versucht hat Gewiss wer krank ist wird bei allen Ärzten herumfragen und
die größten Resignationen die bittersten Arzeneien wird er nicht abweisen um
seine gewünschte Gesundheit zu erhalten« Ich bemerkte dass der ehrliche Alte
sein Gehör anstrengte um an unserm Diskurse teilzunehmen ich erhob die Stimme
indem ich die Rede gegen ihn wandte »Man predigt gegen so viele Laster« sagte
ich »ich habe noch nie gehört dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhle
gearbeitet hätte«4 »Das müssten die Stadtpfarrer tun« sagte er »die Bauern
haben keinen bösen Humor doch könnte es auch zuweilen nicht schaden es wäre
eine Lektion für seine Frau wenigstens und für den Herrn Amtmann« Die
Gesellschaft lachte und er herzlich mit bis er in einen Husten verfiel der
unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach darauf denn der junge Mensch wieder das
Wort nahm »Sie nannten den bösen Humor ein Laster mich deucht das ist
übertrieben« »Mit nichten« gab ich zur Antwort »wenn das womit man sich
selbst und seinem Nächsten schadet diesen Namen verdient Ist es nicht genug
dass wir einander nicht glücklich machen können müssen wir auch noch einander
das Vergnügen rauben das jedes Herz sich noch manchmal selbst gewähren kann
Und nennen Sie mir den Menschen der übler Laune ist und so brav dabei sie zu
verbergen sie allein zu tragen ohne die Freude um sich her zu zerstören Oder
ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut über unsere eigene Unwürdigkeit ein
Missfallen an uns selbst das immer mit einem Neide verknüpft ist der durch eine
törichte Eitelkeit aufgehetzt wird Wir sehen glückliche Menschen die wir nicht
glücklich machen und das ist unerträglich« Lotte lächelte mich an da sie
die Bewegung sah mit der ich redete und eine Träne in Friederikens Auge
spornte mich fortzufahren »Wehe denen« sagte ich »die sich der Gewalt
bedienen die sie über ein Herz haben um ihm die einfachen Freuden zu rauben
die aus ihm selbst hervorkeimen Alle Geschenke alle Gefälligkeiten der Welt
ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eine neidische
Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat«
Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke die Erinnerung so manches
Vergangenen drängte sich an meine Seele und die Tränen kamen mir in die Augen
»Wer sich das nur täglich sagte« rief ich aus »du vermagst nichts auf
deine Freunde als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zu vermehren
indem du es mit ihnen geniessest Vermagst du wenn ihre innere Seele von einer
ängstigenden Leidenschaft gequält vom Kummer zerrüttet ist ihnen einen Tropfen
Linderung zu geben
Und wenn die letzte bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt das
du in blühenden Tagen untergraben hast und sie nun daliegt in dem
erbärmlichsten Ermatten das Auge gefühllos gen Himmel sieht der Todesschweiss
auf der blassen Stirne abwechselt und du vor dem Bette stehst wie ein
Verdammter in dem innigsten Gefühl dass du nichts vermagst mit deinem ganzen
Vermögen und die Angst dich inwendig krampft dass du alles hingeben möchtest
dem untergehenden Geschöpfe einen Tropfen Stärkung einen Funken Mut einflößen
zu können«
Die Erinnerung einer solchen Szene wobei ich gegenwärtig war fiel mit
ganzer Gewalt bei diesen Worten über mich Ich nahm das Schnupftuch vor die
Augen und verließ die Gesellschaft und nur Lottens Stimme die mir rief wir
wollten fort brachte mich zu mir selbst Und wie sie mich auf dem Wege schalt
über den zu warmen Anteil an allem und dass ich drüber zugrunde gehen würde dass
ich mich schonen sollte O der Engel Um deinetwillen muss ich leben
Am 6 Julius
Sie ist immer um ihre sterbende Freundin und ist immer dieselbe immer das
gegenwärtige holde Geschöpf das wo sie hinsieht Schmerzen lindert und
Glückliche macht Sie ging gestern abend mit Marianen und dem kleinen Malchen
spazieren ich wusste es und traf sie an und wir gingen zusammen Nach einem
Wege von anderthalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zurück an den Brunnen
der mir so wert und nun tausendmal werter ist Lotte setzte sich aufs Mäuerchen
wir standen vor ihr Ich sah umher ach und die Zeit da mein Herz so allein
war lebte wieder vor mir auf »Lieber Brunnen« sagte ich »seither hab ich
nicht mehr an deiner Kühle geruht hab in eilendem Vorübergehn dich manchmal
nicht angesehen« Ich blickte hinab und sah dass Malchen mit einem Glase Wasser
sehr beschäftigt heraufstieg Ich sah Lotten an und fühlte alles was ich an
ihr habe Indem kommt Malchen mit einem Glase Mariane wollt es ihr abnehmen
»Nein« rief das Kind mit dem süßesten Ausdrucke »nein Lottchen du sollst
zuerst trinken« Ich ward über die Wahrheit über die Güte womit sie das
ausrief so entzückt dass ich meine Empfindung mit nichts ausdrücken konnte als
ich nahm das Kind von der Erde und küsste es lebhaft das sogleich zu schreien
und zu weinen anfing »Sie haben übel getan« sagte Lotte Ich war
betroffen »Komm Malchen« fuhr sie fort indem sie es bei der Hand nahm und
die Stufen hinabführte »da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind
geschwind da tuts nichts« Wie ich so dastand und zusah mit welcher
Emsigkeit das Kleine mit seinen nassen Händchen die Backen rieb mit welchem
Glauben dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült und die
Schmach abgetan würde einen hässlichen Bart zu kriegen wie Lotte sagte »Es ist
genug« und das Kind doch immer eifrig fortwusch als wenn Viel mehr täte als
Wenig ich sage dir Wilhelm ich habe mit mehr Respekt nie einer Taufhandlung
beigewohnt und als Lotte heraufkam hätte ich mich gern vor ihr niedergeworfen
wie vor einem Propheten der die Schulden einer Nation weggeweiht hat
Des Abends konnte ich nicht umhin in der Freude meines Herzens den Vorfall
einem Manne zu erzählen dem ich Menschensinn zutraute weil er Verstand hat
aber wie kam ich an Er sagte das sei sehr übel von Lotten gewesen man solle
den Kindern nichts weis machen dergleichen gebe zu unzähligen Irrtümern und
Aberglauben Anlass wovor man die Kinder frühzeitig bewahren müsse Nun fiel
mir ein dass der Mann vor acht Tagen hatte taufen lassen drum ließ ichs
vorbeigehen und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu Wir sollen es mit
den Kindern machen wie Gott mit uns der uns am glücklichsten macht wenn er uns
in freundlichem Wahne so hintaumeln lässt
Am 8 Julius
Was man ein Kind ist Was man nach so einem Blicke geizt Was man ein Kind ist
Wir waren nach Wahlheim gegangen Die Frauenzimmer fuhren hinaus und während
unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottens schwarzen Augen ich bin ein Tor
verzeih mirs du solltest sie sehen diese Augen Dass ich kurz bin denn die
Augen fallen mir zu vor Schlaf siehe die Frauenzimmer stiegen ein da standen
um die Kutsche der junge W Selstadt und Audran und ich Da ward aus dem
Schlage geplaudert mit den Kerlchen die freilich leicht und lüftig genug waren
Ich suchte Lottens Augen ach sie gingen von einem zum andern Aber auf mich
mich mich der ganz allein auf sie resigniert dastand fielen sie nicht Mein
Herz sagte ihr tausend Adieu Und sie sah mich nicht Die Kutsche fuhr vorbei
und eine Träne stand mir im Auge Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz sich
zum Schlage herauslehnen und sie wandte sich um zu sehen ach nach mir
Lieber In dieser Ungewissheit schwebe ich das ist mein Trost vielleicht hat
sie sich nach mir umgesehen Vielleicht Gute Nacht O was ich ein Kind bin
Am 10 Julius
Die alberne Figur die ich mache wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen wird
solltest du sehen Wenn man mich nun gar fragt wie sie mir gefällt Gefällt
das Wort hasse ich auf den Tod Was muss das für ein Mensch sein dem Lotte
gefällt dem sie nicht alle Sinne alle Empfindungen ausfüllt Gefällt Neulich
fragte mich einer wie mir Ossian gefiele
Am 11 Julius
Frau M ist sehr schlecht ich bete für ihr Leben weil ich mit Lotten dulde
Ich sehe sie selten bei einer Freundin und heute hat sie mir einen wunderbaren
Vorfall erzählt Der alte M ist ein geiziger rangiger Filz der seine Frau
im Leben was Rechts geplagt und eingeschränkt hat doch hat sich die Frau immer
durchzuhelfen gewusst Vor wenigen Tagen als der Arzt ihr das Leben abgesprochen
hatte ließ sie ihren Mann kommen Lotte war im Zimmer und redete ihn also an
»Ich muss dir eine Sache gestehen die nach meinem Tode Verwirrung und Verdruss
machen könnte Ich habe bisher die Haushaltung geführt so ordentlich und
sparsam als möglich allein du wirst mir verzeihen dass ich dich diese dreißig
Jahre her hintergangen habe Du bestimmtest im Anfange unserer Heirat ein
Geringes für die Bestreitung der Küche und anderer häuslichen Ausgaben Als
unsere Haushaltung stärker wurde unser Gewerbe größer warst du nicht zu
bewegen mein Wochengeld nach dem Verhältnisse zu vermehren kurz du weißt dass
du in den Zeiten da sie am größten war verlangtest ich solle mit sieben
Gulden die Woche auskommen Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir
den Überschuss wöchentlich aus der Losung geholt da niemand vermutete dass die
Frau die Kasse bestehlen würde Ich habe nichts verschwendet und wäre auch ohne
es zu bekennen getrost der Ewigkeit entgegengegangen wenn nicht diejenige die
nach mir das Hauswesen zu führen hat sich nicht zu helfen wissen würde und du
doch immer darauf bestehen könntest deine erste Frau sei damit ausgekommen«
Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung des Menschensinns
dass einer nicht argwohnen soll dahinter müsse was anders stecken wenn eins mit
sieben Gulden hinreicht wo man den Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht
Aber ich habe selbst Leute gekannt die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne
Verwunderung in ihrem Hause angenommen hätten
Am 13 Julius
Nein ich betriege mich nicht Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre
Teilnehmung an mir und meinem Schicksal Ja ich fühle und darin darf ich meinem
Herzen trauen dass sie o darf ich kann ich den Himmel in diesen Worten
aussprechen dass sie mich liebt
Mich liebt Und wie wert ich mir selbst werde wie ich dir darf ichs
wohl sagen du hast Sinn für so etwas wie ich mich selbst anbete seitdem sie
mich liebt
Ob das Vermessenheit ist oder Gefühl des wahren Verhältnisses Ich kenne
den Menschen nicht von dem ich etwas in Lottens Herzen fürchtete Und doch
wenn sie von ihrem Bräutigam spricht mit solcher Wärme solcher Liebe von ihm
spricht da ist mirs wie einem der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und
dem der Degen genommen wird
Am 16 Julius
Ach wie mir das durch alle Adern läuft wenn mein Finger unversehens den ihrigen
berührt wenn unsere Füße sich unter dem Tische begegnen Ich ziehe zurück wie
vom Feuer und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts mir wirds so
schwindelig vor allen Sinnen O und ihre Unschuld ihre unbefangne Seele
fühlt nicht wie sehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen Wenn sie gar
im Gespräch ihre Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung
näher zu mir rückt dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen
kann ich glaube zu versinken wie vom Wetter gerührt Und Wilhelm wenn
ich mich jemals unterstehe diesen Himmel dieses Vertrauen Du verstehst
mich Nein mein Herz ist so verderbt nicht Schwach schwach genug Und ist
das nicht Verderben
Sie ist mir heilig Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart Ich weiß nie
wie mir ist wenn ich bei ihr bin es ist als wenn die Seele sich mir in allen
Nerven umkehrte Sie hat eine Melodie die sie auf dem Klaviere spielet mit
der Kraft eines Engels so simpel und so geistvoll Es ist ihr Leiblied und
mich stellt es von aller Pein Verwirrung und Grillen her wenn sie nur die
erste Note davon greift
Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich Wie
mich der einfache Gesang angreift Und wie sie ihn anzubringen weiß oft zur
Zeit wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schießen möchte Die Irrung und
Finsternis meiner Seele zerstreut sich und ich atme wieder freier
Am 18 Julius
Wilhelm was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe Was eine Zauberlaterne ist
ohne Licht Kaum bringst du das Lämpchen hinein so scheinen dir die buntesten
Bilder an deine weiße Wand Und wenns nichts wäre als das als vorübergehende
Phantome so machts doch immer unser Glück wenn wir wie frische Jungen davor
stehen und uns über die Wundererscheinungen entzücken Heute konnte ich nicht zu
Lotten eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab Was war zu tun Ich
schickte meinen Diener hinaus nur um einen Menschen um mich zu haben der ihr
heute nahe gekommen wäre Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete mit welcher
Freude ich ihn wiedersah Ich hätte ihn gern beim Kopfe genommen und geküsst
wenn ich mich nicht geschämt hätte
Man erzählt von dem Bononischen Steine dass er wenn man ihn in die Sonne
legt ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet So war mirs mit
dem Burschen Das Gefühl dass ihre Augen auf seinem Gesichte seinen Backen
seinen Rockknöpfen und dem Kragen am Surtout geruht hatten machte mir das alles
so heilig so wert Ich hätte in dem Augenblick den Jungen nicht um tausend
Taler gegeben Es war mir so wohl in seiner Gegenwart Bewahre dich Gott dass
du darüber lachest Wilhelm sind das Phantome wenn es uns wohl ist
Den 19 Julius
»Ich werde sie sehen« ruf ich morgens aus wenn ich mich ermuntere und mit
aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegenblicke »ich werde sie sehen« Und da
habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter Alles alles verschlingt sich
in dieser Aussicht
Den 20 Julius
Eure Idee will noch nicht die meinige werden dass ich mit dem Gesandten nach
gehen soll Ich liebe die Subordination nicht sehr und wir wissen alle dass der
Mann noch dazu ein widriger Mensch ist Meine Mutter möchte mich gern in
Aktivität haben sagst du das hat mich zu lachen gemacht Bin ich jetzt nicht
auch aktiv und ists im Grunde nicht einerlei ob ich Erbsen zähle oder Linsen
Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus und ein Mensch der um
anderer willen ohne dass es seine eigene Leidenschaft sein eigenes Bedürfnis
ist sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet ist immer ein Tor
Am 24 Julius
Da dir so sehr daran gelegen ist dass ich mein Zeichnen nicht vernachlässige
möchte ich lieber die ganze Sache übergehen als dir sagen dass zeiter wenig
getan wird
Noch nie war ich glücklicher noch nie war meine Empfindung an der Natur
bis aufs Steinchen aufs Gräschen herunter voller und inniger und doch Ich
weiß nicht wie ich mich ausdrücken soll meine vorstellende Kraft ist so
schwach alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele dass ich keinen Umriss
packen kann aber ich bilde mir ein wenn ich Ton hätte oder Wachs so wollte
ichs wohl herausbilden Ich werde auch Ton nehmen wenns länger währt und
kneten und solltens Kuchen werden
Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen und habe mich dreimal
prostituiert das mich um so mehr verdriesst weil ich vor einiger Zeit sehr
glücklich im Treffen war Darauf habe ich denn ihren Schattenriss gemacht und
damit soll mir gnügen
Am 26 Julius
Ja liebe Lotte ich will alles besorgen und bestellen geben Sie mir nur mehr
Aufträge nur recht oft Um eins bitte ich Sie keinen Sand mehr auf die
Zettelchen die Sie mir schreiben Heute führte ich es schnell nach der Lippe
und die Zähne knisterten mir
Am 26 Julius
Ich habe mir schon manchmal vorgenommen sie nicht so oft zu sehen Ja wer das
halten könnte Alle Tage unterlieg ich der Versuchung und verspreche mir
heilig morgen willst du einmal wegbleiben Und wenn der Morgen kommt finde ich
doch wieder eine unwiderstehliche Ursache und ehe ich michs versehe bin ich
bei ihr Entweder sie hat des Abends gesagt »Sie kommen doch morgen« Wer
könnte da wegbleiben Oder sie gibt mir einen Auftrag und ich finde schicklich
ihr selbst die Antwort zu bringen oder der Tag ist gar zu schön ich gehe nach
Wahlheim und wenn ich nun da bin ists nur noch eine halbe Stunde zu ihr
Ich bin zu nah in der Atmosphäre Zuck so bin ich dort Meine Großmutter hatte
ein Märchen vom Magnetenberg die Schiffe die zu nahe kamen wurden auf einmal
alles Eisenwerks beraubt die Nägel flogen dem Berge zu und die armen Elenden
scheiterten zwischen den übereinanderstürzenden Brettern
Am 30 Julius
Albert ist angekommen und ich werde gehen und wenn er der beste der edelste
Mensch wäre unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre so
wärs unerträglich ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler
Vollkommenheiten zu sehen Besitz Genug Wilhelm der Bräutigam ist da Ein
braver lieber Mann dem man gut sein muss Glücklicherweise war ich nicht beim
Empfange Das hätte mir das Herz zerrissen Auch ist er so ehrlich und hat
Lotten in meiner Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküsst Das lohn ihm Gott
Um des Respekts willen den er vor dem Mädchen hat muss ich ihn lieben Er will
mir wohl und ich vermute das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen
Empfindung denn darin sind die Weiber fein und haben recht wenn sie zwei
Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können ist der Vorteil immer
ihr so selten es auch angeht
Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen Seine gelassene
Außenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab die sich
nicht verbergen lässt Er hat viel Gefühl und weiß was er an Lotten hat Er
scheint wenig üble Laune zu haben und du weißt das ist die Sünde die ich
ärger hasse am Menschen als alle andre
Er hält mich für einen Menschen von Sinn und meine Anhänglichkeit zu
Lotten meine warme Freude die ich an allen ihren Handlungen habe vermehrt
seinen Triumph und er liebt sie nur desto mehr Ob er sie nicht manchmal mit
kleiner Eifersüchtelei peinigt das lasse ich dahingestellt sein wenigstens
würd ich an seinem Platze nicht ganz sicher vor diesem Teufel bleiben
Dem sei nun wie ihm wolle meine Freude bei Lotten zu sein ist hin Soll
ich das Torheit nennen oder Verblendung Was brauchts Namen erzählt die
Sache an sich Ich wusste alles was ich jetzt weiß ehe Albert kam ich wusste
dass ich keine Prätension an sie zu machen hatte machte auch keine das heißt
insofern es möglich ist bei so viel Liebenswürdigkeit nicht zu begehren Und
jetzt macht der Fratze große Augen da der andere nun wirklich kommt und ihm das
Mädchen wegnimmt
Ich beisse die Zähne auf einander und spotte über mein Elend und spottete
derer doppelt und dreifach die sagen könnten ich sollte mich resignieren und
weil es nun einmal nicht anders sein könnte schafft mir diese Strohmänner vom
Halse Ich laufe in den Wäldern herum und wenn ich zu Lotten komme und
Albert bei ihr sitzt im Gärtchen unter der Laube und ich nicht weiter kann so
bin ich ausgelassen närrisch und fange viel Possen viel verwirrtes Zeug an
»Um Gottes willen« sagte mir Lotte heut »ich bitte Sie keine Szene wie die
von gestern abend Sie sind fürchterlich wenn Sie so lustig sind« Unter uns
ich passe die Zeit ab wenn er zu tun hat wutsch bin ich drauss und da ist
mirs immer wohl wenn ich sie allein finde
Am 8 August
Ich bitte dich lieber Wilhelm es war gewiss nicht auf dich geredet wenn ich
die Menschen unerträglich schalt die von uns Ergebung in unvermeidliche
Schicksale fordern Ich dachte wahrlich nicht daran dass du von ähnlicher
Meinung sein könntest Und im Grunde hast du recht Nur eins mein Bester In
der Welt ist es sehr selten mit dem Entweder Oder getan die Empfindungen und
Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig als Abfälle zwischen einer
Habichts und Stumpfnase sind
Du wirst mir also nicht übelnehmen wenn ich dir dein ganzes Argument
einräume und mich doch zwischen dem Entweder Oder durchzustehlen suche
Entweder sagst du hast du Hoffnung auf Lotten oder du hast keine Gut im
ersten Fall suche sie durchzutreiben suche die Erfüllung deiner Wünsche zu
umfassen im anderen Fall ermanne dich und suche einer elenden Empfindung los zu
werden die alle deine Kräfte verzehren muss Bester das ist wohl gesagt und
bald gesagt
Und kannst du von dem Unglücklichen dessen Leben unter einer schleichenden
Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt kannst du von ihm verlangen er
solle durch einen Dolchstoss der Qual auf einmal ein Ende machen Und raubt das
Übel das ihm die Kräfte verzehrt ihm nicht auch zugleich den Mut sich davon
zu befreien Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten
Wer ließe sich nicht lieber den Arm abnehmen als dass er durch Zaudern und Zagen
sein Leben aufs Spiel setzte Ich weiß nicht und wir wollen uns nicht in
Gleichnissen herumbeissen Genug Ja Wilhelm ich habe manchmal so einen
Augenblick aufspringenden abschüttelnden Muts und da wenn ich nur wüsste
wohin ich ginge wohl
Abends
Mein Tagebuch das ich seit einiger Zeit vernachlässiget fiel mir heut wieder
in die Hände und ich bin erstaunt wie ich so wissentlich in das alles Schritt
vor Schritt hineingegangen bin Wie ich über meinen Zustand immer so klar
gesehen und doch gehandelt habe wie ein Kind jetzt noch so klar sehe und es
noch keinen Anschein zur Besserung hat
Am 10 August
Ich könnte das beste glücklichste Leben führen wenn ich nicht ein Tor wäre So
schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht eines Menschen Seele zu ergetzen
als die sind in denen ich mich jetzt befinde Ach so gewiss ists dass unser
Herz allein sein Glück macht Ein Glied der liebenswürdigen Familie zu sein
von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn von den Kleinen wie ein Vater und
von Lotten dann der ehrliche Albert der durch keine launische Unart mein
Glück stört der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst dem ich nach Lotten
das Liebste auf der Welt bin Wilhelm es ist eine Freude uns zu hören wenn
wir spazierengehen und uns einander von Lotten unterhalten es ist in der Welt
nichts Lächerrlichers erfunden worden als dieses Verhältnis und doch kommen mir
oft darüber die Tränen in die Augen
Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt wie sie auf ihrem
Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben und ihm Lotten anbefohlen
habe wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist Lotten belebt habe wie sie in
der Sorge für ihre Wirtschaft und in dem Ernste eine wahre Mutter geworden wie
kein Augenblick ihrer Zeit ohne tätige Liebe ohne Arbeit verstrichen und
dennoch ihre Munterkeit ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe Ich
gehe so neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege füge sie sehr sorgfältig in
einen Strauss und werfe sie in den vorüberfliessenden Strom und sehe ihnen nach
wie sie leise hinunterwallen Ich weiß nicht ob ich dir geschrieben habe dass
Albert hier bleiben und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hofe erhalten
wird wo er sehr beliebt ist In Ordnung und Emsigkeit in Geschäften habe ich
wenig seinesgleichen gesehen
Am 12 August
Gewiss Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel Ich habe gestern eine
wunderbare Szene mit ihm gehabt Ich kam zu ihm um Abschied von ihm zu nehmen
denn mich wandelte die Lust an ins Gebirge zu reiten von woher ich dir auch
jetzt schreibe und wie ich in der Stube auf und ab gehe fallen mir seine
Pistolen in die Augen »Borge mir die Pistolen« sagte ich »zu meiner Reise«
»Meinetwegen« sagte er »wenn du dir die Mühe nehmen willst sie zu laden
bei mir hängen sie nur pro forma« Ich nahm eine herunter und er fuhr fort
»Seit mir meine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat mag ich mit
dem Zeuge nichts mehr zu tun haben« Ich war neugierig die Geschichte zu
wissen »Ich hielt mich« erzählte er »wohl ein Vierteljahr auf dem Lande bei
einem Freunde auf hatte ein paar Terzerolen ungeladen und schlief ruhig Einmal
an einem regnichten Nachmittage da ich müßig sitze weiß ich nicht wie mir
einfällt wir könnten überfallen werden wir könnten die Terzerolen nötig haben
und könnten du weißt ja wie das ist Ich gab sie dem Bedienten sie zu
putzen und zu laden und der dahlt mit den Mädchen will sie erschrecken und
Gott weiß wie das Gewehr geht los da der Ladstock noch drin steckt und
schießt den Ladstock einem Mädchen zur Maus herein an der rechten Hand und
zerschlägt ihr den Daumen Da hatte ich das Lamentieren und die Kur zu bezahlen
obendrein und seit der Zeit lass ich alles Gewehr ungeladen Lieber Schatz
was ist Vorsicht die Gefahr lässt sich nicht auslernen Zwar « Nun weißt
du dass ich den Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar denn versteht sichs
nicht von selbst dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet Aber so
rechtfertig ist der Mensch wenn er glaubt etwas Übereiltes Allgemeines
Halbwahres gesagt zu haben so hört er dir nicht auf zu limitieren zu
modifizieren und ab und zuzutun bis zuletzt gar nichts mehr an der Sache ist
Und bei diesem Anlass kam er sehr tief in Text ich hörte endlich gar nicht
weiter auf ihn verfiel in Grillen und mit einer auffahrenden Gebärde drückte
ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug an die Stirn »Pfui« sagte
Albert indem er mir die Pistole herabzog »was soll das« »Sie ist nicht
geladen« sagte ich »Und auch so was solls« versetzte er ungeduldig »Ich
kann mir nicht vorstellen wie ein Mensch so töricht sein kann sich zu
erschießen der bloße Gedanke erregt mir Widerwillen«
»Dass ihr Menschen« rief ich aus »um von einer Sache zu reden gleich
sprechen müsst das ist töricht das ist klug das ist gut das ist bös Und was
will das alles heißen Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung
erforscht Wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln warum sie
geschah warum sie geschehen musste Hättet ihr das ihr würdet nicht so
eilfertig mit euren Urteilen sein«
»Du wirst mir zugeben« sagte Albert »dass gewisse Handlungen lasterhaft
bleiben sie mögen geschehen aus welchem Beweggrunde sie wollen«
Ich zuckte die Achseln und gabs ihm zu »Doch mein Lieber« fuhr ich
fort »finden sich auch hier einige Ausnahmen Es ist wahr der Diebstahl ist
ein Laster aber der Mensch der um sich und die Seinigen vom gegenwärtigen
Hungertode zu erretten auf Raub ausgeht verdient der Mitleiden oder Strafe
Wer hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann der im gerechten Zorne sein
untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert Gegen das Mädchen
das in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe
verliert Unsere Gesetze selbst diese kaltblütigen Pedanten lassen sich rühren
und halten ihre Strafe zurück«
»Das ist ganz was anders« versetzte Albert »weil ein Mensch den seine
Leidenschaften hinreißen alle Besinnungskraft verliert und als ein Trunkener
als ein Wahnsinniger angesehen wird«
»Ach ihr vernünftigen Leute« rief ich lächelnd aus »Leidenschaft
Trunkenheit Wahnsinn Ihr steht so gelassen so ohne Teilnehmung da ihr
sittlichen Menschen scheltet den Trinker verabscheut den Unsinnigen geht
vorbei wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisäer dass er euch nicht
gemacht hat wie einen von diesen Ich bin mehr als einmal trunken gewesen meine
Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn und beides reut mich nicht denn ich
habe in meinem Masse begreifen lernen wie man alle außerordentlichen Menschen
die etwas Großes etwas Unmöglichscheinendes wirkten von jeher für Trunkene und
Wahnsinnige ausschreien musste
Aber auch im gemeinen Leben ists unerträglich fast einem jeden bei halbweg
einer freien edlen unerwarteten Tat nachrufen zu hören Der Mensch ist
trunken der ist närrisch Schämt euch ihr Nüchternen Schämt euch ihr
Weisen«
»Das sind nun wieder von deinen Grillen« sagte Albert »du überspannst
alles und hast wenigstens hier gewiss unrecht dass du den Selbstmord wovon jetzt
die Rede ist mit großen Handlungen vergleichst da man es doch für nichts
anders als eine Schwäche halten kann Denn freilich ist es leichter zu sterben
als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen«
Ich war im Begriff abzubrechen denn kein Argument bringt mich so aus der
Fassung als wenn einer mit einem unbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt
wenn ich aus ganzem Herzen rede Doch fasste ich mich weil ichs schon oft
gehört und mich öfter darüber geärgert hatte und versetzte ihm mit einiger
Lebhaftigkeit »Du nennst das so Schwäche Ich bitte dich lass dich vom
Anscheine nicht verführen Ein Volk das unter dem unerträglichen Joch eines
Tyrannen seufzt darfst du das schwach heißen wenn es endlich aufgärt und seine
Ketten zerreißt Ein Mensch der über dem Schrecken dass Feuer sein Haus
ergriffen hat alle Kräfte gespannt fühlt und mit Leichtigkeit Lasten wegträgt
die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen kann einer der in der Wut der
Beleidigung es mit sechsen aufnimmt und sie überwältigt sind die schwach zu
nennen Und mein Guter wenn Anstrengung Stärke ist warum soll die
Überspannung das Gegenteil sein« Albert sah mich an und sagte »Nimm mirs
nicht übel die Beispiele die du da gibst scheinen hieher gar nicht zu
gehören« »Es mag sein« sagte ich »man hat mir schon öfters vorgeworfen dass
meine Kombinationsart manchmal an Radotage grenze Lasst uns denn sehen ob wir
uns auf eine andere Weise vorstellen können wie dem Menschen zu Mute sein mag
der sich entschließt die sonst angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen Denn nur
insofern wir mitempfinden haben wir Ehre von einer Sache zu reden
Die menschliche Natur« fuhr ich fort »hat ihre Grenzen sie kann Freude
Leid Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde sobald
der überstiegen ist Hier ist also nicht die Frage ob einer schwach oder stark
ist sondern ob er das Maß seines Leidens ausdauern kann es mag nun moralisch
oder körperlich sein Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen der Mensch ist
feige der sich das Leben nimmt als es ungehörig wäre den einen Feigen zu
nennen der an einem bösartigen Fieber stirbt«
»Paradox sehr paradox« rief Albert aus »Nicht so sehr als du denkst«
versetzte ich »Du gibst mir zu wir nennen das eine Krankheit zum Tode wodurch
die Natur so angegriffen wird dass teils ihre Kräfte verzehrt teils so außer
Wirkung gesetzt werden dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen durch keine
glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen
fähig ist
Nun mein Lieber lass uns das auf den Geist anwenden Sieh den Menschen an
in seiner Eingeschränkteit wie Eindrücke auf ihn wirken Ideen sich bei ihm
festsetzen bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhigen
Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet
Vergebens dass der gelassene vernünftige Mensch den Zustand des
Unglücklichen übersieht vergebens dass er ihm zuredet Ebenso wie ein Gesunder
der am Bette des Kranken steht ihm von seinen Kräften nicht das geringste
einflößen kann«
Alberten war das zu allgemein gesprochen Ich erinnerte ihn an ein Mädchen
das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden und wiederholte ihm ihre
Geschichte »Ein gutes junges Geschöpf das in dem engen Kreise häuslicher
Beschäftigungen wöchentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war das weiter
keine Aussicht von Vergnügen kannte als etwa Sonntags in einem nach und nach
zusammengeschaften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen
vielleicht alle hohen Feste einmal zu tanzen und übrigens mit aller
Lebhaftigkeit des herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlass eines
Gezänkes einer übelen Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern deren
feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürfnisse die durch die
Schmeicheleien der Männer vermehrt werden ihre vorigen Freuden werden ihr nach
und nach unschmackhaft bis sie endlich einen Menschen antrifft zu dem ein
unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreisst auf den sie nun alle ihre
Hoffnungen wirft die Welt rings um sich vergisst nichts hört nichts sieht
nichts fühlt als ihn den Einzigen sich nur sehnt nach ihm dem Einzigen Durch
die leeren Vergnügungen einer unbeständigen Eitelkeit nicht verdorben zieht ihr
Verlangen gerade nach dem Zweck sie will die Seinige werden sie will in ewiger
Verbindung all das Glück antreffen das ihr mangelt die Vereinigung aller
Freuden genießen nach denen sie sich sehnte Wiederholtes Versprechen das ihr
die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt kühne Liebkosungen die ihre
Begierden vermehren umfangen ganz ihre Seele sie schwebt in einem dumpfen
Bewusstsein in einem Vorgefühl aller Freuden sie ist bis auf den höchsten Grad
gespannt sie streckt endlich ihre Arme aus all ihre Wünsche zu umfassen und
ihr Geliebter verlässt sie Erstarrt ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde
alles ist Finsternis um sie her keine Aussicht kein Trost keine Ahnung denn
der hat sie verlassen indem sie allein ihr Dasein fühlte Sie sieht nicht die
weite Welt die vor ihr liegt nicht die vielen die ihr den Verlust ersetzen
könnten sie fühlt sich allein verlassen von aller Welt und blind in die
Enge gepresst von der entsetzlichen Not ihres Herzens stürzt sie sich hinunter
um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken Sieh
Albert das ist die Geschichte so manches Menschen und sag ist das nicht der
Fall der Krankheit Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der
verworrenen und widersprechenden Kräfte und der Mensch muss sterben
Wehe dem der zusehen und sagen könnte Die Törin Hätte sie gewartet hätte
sie die Zeit wirken lassen die Verzweifelung würde sich schon gelegt es würde
sich schon ein anderer sie zu trösten vorgefunden haben Das ist eben als
wenn einer sagte Der Tor stirbt am Fieber Hätte er gewartet bis seine Kräfte
sich erholt seine Säfte sich verbessert der Tumult seines Blutes sich gelegt
hätten alles wäre gut gegangen und er lebte bis auf den heutigen Tag«
Albert dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war wandte noch einiges
ein und unter andern ich hätte nur von einem einfältigen Mädchen gesprochen
wie aber ein Mensch von Verstande der nicht so eingeschränkt sei der mehr
Verhältnisse übersehe zu entschuldigen sein möchte könne er nicht begreifen
»Mein Freund« rief ich aus »der Mensch ist Mensch und das bisschen Verstand
das einer haben mag kommt wenig oder nicht in Anschlag wenn Leidenschaft wütet
und die Grenzen der Menschheit einen drängen Vielmehr Ein andermal davon«
sagte ich und griff nach meinem Hute O mir war das Herz so voll Und wir
gingen auseinander ohne einander verstanden zu haben Wie denn auf dieser Welt
keiner leicht den andern versteht
Am 15 August
Es ist doch gewiss dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die
Liebe Ich fühls an Lotten dass sie mich ungern verlöre und die Kinder haben
keinen andern Begriff als dass ich immer morgen wiederkommen würde Heute war
ich hinausgegangen Lottens Klavier zu stimmen ich konnte aber nicht dazu
kommen denn die Kleinen verfolgten mich um ein Märchen und Lotte sagte selbst
ich sollte ihnen den Willen tun Ich schnitt ihnen das Abendbrot das sie nun
fast so gern von mir als von Lotten annehmen und erzählte ihnen das
Hauptstückchen von der Prinzessin die von Händen bedient wird Ich lerne viel
dabei das versichre ich dich und ich bin erstaunt was es auf sie für
Eindrücke macht Weil ich manchmal einen Inzidentpunkt erfinden muss den ich
beim zweitenmal vergesse sagen sie gleich das vorigemal wär es anders
gewesen so dass ich mich jetzt übe sie unveränderlich in einem singenden
Silbenfall an einem Schnürchen weg zu rezitieren Ich habe daraus gelernt wie
ein Autor durch eine zweite veränderte Ausgabe seiner Geschichte und wenn sie
poetisch noch so besser geworden wäre notwendig seinem Buche schaden muss Der
erste Eindruck findet uns willig und der Mensch ist gemacht dass man ihn das
Abenteuerlichste überreden kann das haftet aber auch gleich so fest und wehe
dem der es wieder auskratzen und austilgen will
Am 18 August
Musste denn das so sein dass das was des Menschen Glückseligkeit macht wieder
die Quelle seines Elendes würde
Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur das mich mit
so vieler Wonne überströmte das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese
schuf wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger zu einem quälenden
Geist der mich auf allen Wegen verfolgt Wenn ich sonst vom Felsen über den
Fluss bis zu jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute und alles um mich her
keimen und quellen sah wenn ich jene Berge vom Fuße bis auf zum Gipfel mit
hohen dichten Bäumen bekleidet jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen
von den lieblichsten Wäldern beschattet sah und der sanfte Fluss zwischen den
lispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte die der
sanfte Abendwind am Himmel herüberwiegte wenn ich dann die Vögel um mich den
Wald beleben hörte und die Millionen Mückenschwärme im letzten roten Strahle
der Sonne mutig tanzten und ihr letzter zuckender Blick den summenden Käfer aus
seinem Grase befreite und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den
Boden aufmerksam machte und das Moos das meinem harten Felsen seine Nahrung
abzwingt und das Geniste das den dürren Sandhügel hinunter wächst mir das
innere glühende heilige Leben der Natur eröffnete wie fasste ich das alles in
mein warmes Herz fühlte mich in der überfliessenden Fülle wie vergöttert und
die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich allbelebend in
meiner Seele Ungeheure Berge umgaben mich Abgründe lagen vor mir und
Wetterbäche stürzten herunter die Flüsse strömten unter mir und Wald und
Gebirg erklang und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der
Erde alle die unergründlichen Kräfte und nun über der Erde und unter dem
Himmel wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe Alles alles
bevölkert mit tausendfachen Gestalten und die Menschen dann sich in Häuslein
zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem Sinne über die weite
Welt Armer Tor der du alles so gering achtest weil du so klein bist Vom
unzugänglichen Gebirge über die Einöde die kein Fuß betrat bis ans Ende des
unbekannten Ozeans weht der Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes
Staubes der ihn vernimmt und lebt Ach damals wie oft habe ich mich mit
Fittichen eines Kranichs der über mich hin flog zu dem Ufer des ungemessenen
Meeres gesehnt aus dem schäumenden Becher des Unendlichen jene schwellende
Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in der eingeschränkten Kraft
meines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen das alles in
sich und durch sich hervorbringt
Bruder nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl Selbst diese
Anstrengung jene unsäglichen Gefühle zurückzurufen wieder auszusprechen hebt
meine Seele über sich selbst und lässt mich dann das Bange des Zustandes doppelt
empfinden der mich jetzt umgibt
Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen und der Schauplatz
des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen
Grabes Kannst du sagen Das ist da alles vorübergeht da alles mit der
Wetterschnelle vorüberrollt so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert
ach in den Strom fortgerissen untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird
Da ist kein Augenblick der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her
kein Augenblick da du nicht ein Zerstörer bist sein musst der harmloseste
Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben es zerrüttet ein Fußtritt
die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein
schmähliches Grab Ha nicht die große seltene Not der Welt diese Fluten die
eure Dörfer wegspülen diese Erdbeben die eure Städte verschlingen rühren
mich mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft die in dem All der Natur
verborgen liegt die nichts gebildet hat das nicht seinen Nachbar nicht sich
selbst zerstörte Und so taumle ich beängstigt Himmel und Erde und ihre
webenden Kräfte um mich her ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes ewig
wiederkäuendes Ungeheuer
Am 21 August
Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus morgens wenn ich von schweren
Träumen aufdämmere vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette wenn mich
ein glücklicher unschuldiger Traum getäuscht hat als säss ich neben ihr auf
der Wiese und hielt ihre Hand und deckte sie mit tausend Küssen Ach wenn ich
dann noch halb im Taumel des Schlafes nach ihr tappe und drüber mich ermuntere
ein Strom von Tränen bricht aus meinem gepressten Herzen und ich weine trostlos
einer finsteren Zukunft entgegen
Am 22 August
Es ist ein Unglück Wilhelm meine tätigen Kräfte sind zu einer unruhigen
Lässigkeit verstimmt ich kann nicht müßig sein und kann doch auch nichts tun
Ich habe keine Vorstellungskraft kein Gefühl an der Natur und die Bücher ekeln
mich an Wenn wir uns selbst fehlen fehlt uns doch alles Ich schwöre dir
manchmal wünschte ich ein Tagelöhner zu sein um nur des Morgens beim Erwachen
eine Aussicht auf den künftigen Tag einen Drang eine Hoffnung zu haben Oft
beneide ich Alberten den ich über die Ohren in Akten begraben sehe und bilde
mir ein mir wäre wohl wenn ich an seiner Stelle wäre Schon etlichemal ist
mirs so aufgefahren ich wollte dir schreiben und dem Minister um die Stelle
bei der Gesandtschaft anzuhalten die wie du versicherst mir nicht versagt
werden würde Ich glaube es selbst Der Minister liebt mich seit langer Zeit
hatte lange mir angelegen ich sollte mich irgendeinem Geschäfte widmen und
eine Stunde ist mirs auch wohl drum zu tun Hernach wenn ich wieder dran denke
und mir die Fabel vom Pferde einfällt das seiner Freiheit ungeduldig sich
Sattel und Zeug auflegen lässt und zuschanden geritten wird ich weiß nicht was
ich soll Und mein Lieber ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach
Veränderung des Zustands eine innere unbehagliche Ungeduld die mich überallhin
verfolgen wird
Am 28 August
Es ist wahr wenn meine Krankheit zu heilen wäre so würden diese Menschen es
tun Heute ist mein Geburtstag und in aller Frühe empfange ich ein Päckchen von
Alberten Mir fällt beim Eröffnen sogleich eine der blassroten Schleifen in die
Augen die Lotte vor hatte als ich sie kennen lernte und um die ich sie
seither etlichemal gebeten hatte Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei der
kleine Wetsteinische Homer eine Ausgabe nach der ich so oft verlangt um mich
auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen Sieh so kommen
sie meinen Wünschen zuvor so suchen sie alle die kleinen Gefälligkeiten der
Freundschaft auf die tausendmal werter sind als jene blendenden Geschenke
wodurch uns die Eitelkeit des Gebers erniedrigt Ich küsse diese Schleife
tausendmal und mit jedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten
ein mit denen mich jene wenigen glücklichen unwiederbringlichen Tage
überfüllten Wilhelm es ist so und ich murre nicht die Blüten des Lebens sind
nur Erscheinungen Wie viele gehen vorüber ohne eine Spur hinter sich zu lassen
wie wenige setzen Frucht an und wie wenige dieser Früchte werden reif Und doch
sind deren noch genug da und doch O mein Bruder können wir gereifte
Früchte vernachlässigen verachten ungenossen verfaulen lassen
Lebe wohl Es ist ein herrlicher Sommer ich sitze oft auf den Obstbäumen in
Lottens Baumstück mit dem Obstbrecher der langen Stange und hole die Birnen
aus dem Gipfel Sie steht unten und nimmt sie ab wenn ich sie ihr
herunterlasse
Am 30 August
Unglücklicher Bist du nicht ein Tor Betriegst du dich nicht selbst Was soll
diese tobende endlose Leidenschaft Ich habe kein Gebet mehr als an sie meiner
Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige und alles in der
Welt um mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr Und das macht mir denn so
manche glückliche Stunde bis ich mich wieder von ihr losreißen muss Ach
Wilhelm wozu mich mein Herz oft drängt Wenn ich bei ihr gesessen bin zwei
drei Stunden und mich an ihrer Gestalt an ihrem Betragen an dem himmlischen
Ausdruck ihrer Worte geweidet habe und nun nach und nach alle meine Sinne
aufgespannt werden mir es düster vor den Augen wird ich kaum noch höre und es
mich an die Gurgel fasst wie ein Meuchelmörder dann mein Herz in wilden Schlägen
den bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt
Wilhelm ich weiß oft nicht ob ich auf der Welt bin Und wenn nicht manchmal
die Wehmut das Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt auf
ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen so muss ich fort muss hinaus und
schweife dann weit im Felde umher einen jähen Berg zu klettern ist dann meine
Freude durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durch zuarbeiten durch die
Hecken die mich verletzen durch die Dornen die mich zerreißen Da wird mirs
etwas besser Etwas Und wenn ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs
liegen bleibe manchmal in der tiefen Nacht wenn der hohe Vollmond über mir
steht im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze um meinen
verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen und dann in einer
ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein hinschlummre O Wilhelm die einsame
Wohnung einer Zelle das härene Gewand und der Stachelgürtel wären Labsale nach
denen meine Seele schmachtet Adieu Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das
Grab
Am 3 September
Ich muss fort Ich danke dir Wilhelm dass du meinen wankenden Entschluss bestimmt
hast Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem Gedanken um sie zu verlassen Ich
muss fort Sie ist wieder in der Stadt bei einer Freundin Und Albert und ich
muss fort
Am 10 September
Das war eine Nacht Wilhelm nun überstehe ich alles Ich werde sie nicht
wiedersehen O dass ich nicht an deinen Hals fliegen dir mit tausend Tränen und
Entzückungen ausdrücken kann mein Bester die Empfindungen die mein Herz
bestürmen Hier sitze ich und schnappe nach Luft suche mich zu beruhigen
erwarte den Morgen und mit Sonnenaufgang sind die Pferde bestellt
Ach sie schläft ruhig und denkt nicht dass sie mich nie wieder sehen wird
Ich habe mich losgerissen bin stark genug gewesen in einem Gespräch von zwei
Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten Und Gott welch ein Gespräch
Albert hatte mir versprochen gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im
Garten zu sein Ich stand auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und
sah der Sonne nach die mir nun zum letztenmale über dem lieblichen Tale über
dem sanften Fluss unterging So oft hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem
herrlichen Schauspiele zugesehen und nun Ich ging in der Allee auf und ab
die mir so lieb war ein geheimer sympatetischer Zug hatte mich hier so oft
gehalten ehe ich noch Lotten kannte und wie freuten wir uns als wir im Anfang
unserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchen entdeckten
das wahrhaftig eins von den romantischsten ist die ich von der Kunst
hervorgebracht gesehen habe
Erst hast du zwischen den Kastanienbäumen die weite Aussicht ach ich
erinnere mich ich habe dir denk ich schon viel davon geschrieben wie hohe
Buchenwände einen endlich einschliessen und durch ein daranstossendes Boskett die
Allee immer düsterer wird bis zuletzt alles sich in ein geschlossenes Plätzchen
endigt das alle Schauer der Einsamkeit umschweben Ich fühle es noch wie
heimlich mirs ward als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat
ich ahnte ganz leise was für ein Schauplatz das noch werden sollte von
Seligkeit und Schmerz
Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden süßen Gedanken
des Abscheidens des Wiedersehens geweidet als ich sie die Terrasse
heraufsteigen hörte Ich lief ihnen entgegen mit einem Schauer fasste ich ihre
Hand und küsste sie Wir waren eben heraufgetreten als der Mond hinter dem
buschigen Hügel aufging wir redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düstern
Kabinette näher Lotte trat hinein und setzte sich Albert neben sie ich auch
doch meine Unruhe ließ mich nicht lange sitzen ich stand auf trat vor sie
ging auf und ab setzte mich wieder es war ein ängstlicher Zustand Sie machte
uns aufmerksam auf die schöne Wirkung des Mondenlichtes das am Ende der
Buchenwände die ganze Terrasse vor uns erleuchtete ein herrlicher Anblick der
um so viel frappanter war weil uns rings eine tiefe Dämmerung einschloss Wir
waren still und sie fing nach einer Weile an »Niemals gehe ich im Mondenlichte
spazieren niemals dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete
dass nicht das Gefühl von Tod von Zukunft über mich käme Wir werden sein« fuhr
sie mit der Stimme des herrlichsten Gefühls fort »aber Werter sollen wir uns
wieder finden wieder erkennen Was ahnen Sie Was sagen Sie«
»Lotte« sagte ich indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll
Tränen wurden »wir werden uns wiedersehen Hier und dort wiedersehen « Ich
konnte nicht weiterreden Wilhelm musste sie mich das fragen da ich diesen
ängstlichen Abschied im Herzen hatte
»Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen« fuhr sie fort »ob sie
fühlen wanns uns wohl geht dass wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern O
die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich wenn ich am stillen Abend unter
ihren Kindern unter meinen Kindern sitze und sie um mich versammelt sind wie
sie um sie versammelt waren Wenn ich dann mit einer sehnenden Träne gen Himmel
sehe und wünsche dass sie hereinschauen könnte einen Augenblick wie ich mein
Wort halte das ich ihr in der Stunde des Todes gab die Mutter ihrer Kinder zu
sein Mit welcher Empfindung rufe ich aus Verzeihe mirs Teuerste wenn ich
ihnen nicht bin was du ihnen warst Ach tue ich doch alles was ich kann sind
sie doch gekleidet genährt ach und was mehr ist als das alles gepflegt und
geliebt Könntest du unsere Eintracht sehen liebe Heilige du würdest mit dem
heißesten Danke den Gott verherrlichen den du mit den letzten bittersten
Tränen um die Wohlfahrt deiner Kinder batest«
Sie sagte das o Wilhelm wer kann wiederholen was sie sagte Wie kann der
kalte tote Buchstabe diese himmlische Blüte des Geistes darstellen Albert fiel
ihr sanft in die Rede »Es greift Sie zu stark an liebe Lotte ich weiß Ihre
Seele hängt sehr nach diesen Ideen aber ich bitte Sie« »O Albert« sagte
sie »ich weiß du vergissest nicht die Abende da wir zusammensassen an dem
kleinen runden Tischchen wenn der Papa verreist war und wir die Kleinen
schlafen geschickt hatten Du hattest oft ein gutes Buch und kamst so selten
dazu etwas zu lesen War der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als
alles Die schöne sanfte muntere und immer tätige Frau Gott kennt meine
Tränen mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf er möchte mich
ihr gleich machen«
»Lotte« rief ich aus indem ich mich vor sie hinwarf ihre Hand nahm und
mit tausend Tränen netzte »Lotte der Segen Gottes ruht über dir und der Geist
deiner Mutter« »Wenn Sie sie gekannt hätten« sagte sie indem sie mir die
Hand drückte »sie war wert von Ihnen gekannt zu sein« Ich glaubte zu
vergehen Nie war ein größeres stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden
und sie fuhr fort »Und diese Frau musste in der Blüte ihrer Jahre dahin da ihr
jüngster Sohn nicht sechs Monate alt war Ihre Krankheit dauerte nicht lange
sie war ruhig hingegeben nur ihre Kinder taten ihr weh besonders das kleine
Wie es gegen das Ende ging und sie zu mir sagte Bringe mir sie herauf und wie
ich sie hereinführte die kleinen die nicht wussten und die ältesten die ohne
Sinne waren wie sie ums Bette standen und wie sie die Hände aufhob und über
sie betete und sie küsste nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte
Sei ihre Mutter Ich gab ihr die Hand drauf Du versprichst viel meine
Tochter sagte sie das Herz einer Mutter und das Aug einer Mutter Ich habe
oft an deinen dankbaren Tränen gesehen dass du fühlst was das sei Habe es für
deine Geschwister und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau
Du wirst ihn trösten Sie fragte nach ihm er war ausgegangen um uns den
unerträglichen Kummer zu verbergen den er fühlte der Mann war ganz zerrissen
Albert du warst im Zimmer Sie hörte jemand gehen und fragte und forderte
dich zu sich und wie sie dich ansah und mich mit dem getrösteten ruhigen
Blicke dass wir glücklich sein zusammen glücklich sein würden« Albert fiel
ihr um den Hals und küsste sie und rief »Wir sind es wir werden es sein« Der
ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung und ich wusste nichts von mir selber
»Werter« fing sie an »und diese Frau sollte dahin sein Gott wenn ich
manchmal denke wie man das Liebste seines Lebens wegtragen lässt und niemand
als die Kinder das so scharf fühlt die sich noch lange beklagten die schwarzen
Männer hätten die Mama weggetragen«
Sie stand auf und ich ward erweckt und erschüttert blieb sitzen und hielt
ihre Hand »Wir wollen fort« sagte sie »es wird Zeit« Sie wollte ihre
Hand zurückziehen und ich hielt sie fester »Wir werden uns wieder sehen«
rief ich »wir werden uns finden unter allen Gestalten werden wir uns erkennen
Ich gehe« fuhr ich fort »ich gehe willig und doch wenn ich sagen sollte auf
ewig ich würde es nicht aushalten Leb wohl Lotte Leb wohl Albert Wir
sehen uns wieder« »Morgen denke ich« versetzte sie scherzend Ich fühlte
das Morgen Ach sie wusste nicht als sie ihre Hand aus der meinen zog Sie
gingen die Allee hinaus ich stand sah ihnen nach im Mondscheine und warf mich
an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse hervor
und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach
der Gartentür schimmern ich streckte meine Arme aus und es verschwand
Zweites Buch
Am 20 Oktober 1771
Gestern sind wir hier angelangt Der Gesandte ist unpass und wird sich also
einige Tage einhalten Wenn er nur nicht so unhold wäre wär alles gut Ich
merke ich merke das Schicksal hat mir harte Prüfungen zugedacht Doch gutes
Muts Ein leichter Sinn trägt alles Ein leichter Sinn Das macht mich zu
lachen wie das Wort in meine Feder kommt O ein bisschen leichteres Blut würde
mich zum Glücklichsten unter der Sonne machen Was da wo andere mit ihrem
bisschen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbstgefälligkeit
herumschwadronieren verzweifle ich an meiner Kraft an meinen Gaben Guter
Gott der du mir das alles schenktest warum hieltest du nicht die Hälfte zurück
und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit
Geduld Geduld es wird besser werden Denn ich sage dir Lieber du hast
recht Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und sehe was sie
tun und wie sies treiben stehe ich viel besser mit mir selbst Gewiss weil wir
doch einmal so gemacht sind dass wir alles mit uns und uns mit allem
vergleichen so liegt Glück oder Elend in den Gegenständen womit wir uns
zusammenhalten und da ist nichts gefährlicher als die Einsamkeit Unsere
Einbildungskraft durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben durch die
phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt bildet sich eine Reihe Wesen
hinauf wo wir das unterste sind und alles außer uns herrlicher erscheint jeder
andere vollkommener ist Und das geht ganz natürlich zu Wir fühlen so oft dass
uns manches mangelt und eben was uns fehlt scheint uns oft ein anderer zu
besitzen dem wir denn auch alles dazu geben was wir haben und noch eine
gewisse idealische Behaglichkeit dazu Und so ist der Glückliche vollkommen
fertig das Geschöpf unserer selbst
Dagegen wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade
fortarbeiten so finden wir gar oft dass wir mit unserem Schlendern und Lavieren
es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln und Rudern und das ist doch
ein wahres Gefühl seiner selbst wenn man andern gleich oder gar vorläuft
Am 26 November 1771
Ich fange an mich insofern ganz leidlich hier zu befinden Das beste ist dass
es zu tun genug gibt und dann die vielerlei Menschen die allerlei neuen
Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele Ich habe den Grafen
C kennen lernen einen Mann den ich jeden Tag mehr verehren muss einen
weiten großen Kopf und der deswegen nicht kalt ist weil er viel übersieht
aus dessen Umgange so viel Empfindung für Freundschaft und Liebe hervorleuchtet
Er nahm teil an mir als ich einen Geschäftsauftrag an ihn ausrichtete und er
bei den ersten Worten merkte dass wir uns verstanden dass er mit mir reden
konnte wie nicht mit jedem Auch kann ich sein offenes Betragen gegen mich nicht
genug rühmen So eine wahre warme Freude ist nicht in der Welt als eine große
Seele zu sehen die sich gegen einen öffnet
Am 24 Dezember 1771
Der Gesandte macht mir viel Verdruss ich habe es vorausgesehn Er ist der
pünktlichste Narr den es nur geben kann Schritt vor Schritt und umständlich
wie eine Base ein Mensch der nie mit sich selbst zufrieden ist und dem es
daher niemand zu Danke machen kann Ich arbeite gern leicht weg und wie es
steht so steht es da ist er imstande mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu
sagen »Er ist gut aber sehen Sie ihn durch man findet immer ein besseres
Wort eine reinere Partikel« Da möchte ich des Teufels werden Kein Und kein
Bindewörtchen darf aussenbleiben und von allen Inversionen die mir manchmal
entfahren ist er ein Todfeind wenn man seinen Period nicht nach der
hergebrachten Melodie heraborgelt so versteht er gar nichts drin Das ist ein
Leiden mit so einem Menschen zu tun zu haben
Das Vertrauen des Grafen von C ist noch das einzige was mich schadlos
hält Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig wie unzufrieden er mit der
Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei »Die Leute erschweren es
sich und andern Doch« sagte er »man muss sich darein resignieren wie ein
Reisender der über einen Berg muss freilich wäre der Berg nicht da so wäre
der Weg viel bequemer und kürzer er ist nun aber da und man soll hinüber«
Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug den mir der Graf vor ihm gibt und
das ärgert ihn und er ergreift jede Gelegenheit Übels gegen mich vom Grafen zu
reden ich halte wie natürlich Widerpart und dadurch wird die Sache nur
schlimmer Gestern gar brachte er mich auf denn ich war mit gemeint zu so
Weltgeschäften sei der Graf ganz gut er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten und
führe eine gute Feder doch an gründlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen
Belletristen Dazu machte er eine Miene als ob er sagen wollte »Fühlst du den
Stich« Aber es tat bei mir nicht die Wirkung ich verachtete den Menschen der
so denken und sich so betragen konnte Ich hielt ihm stand und focht mit
ziemlicher Heftigkeit Ich sagte der Graf sei ein Mann vor dem man Achtung
haben müsse wegen seines Charakters sowohl als wegen seiner Kenntnisse »Ich
habe« sagt ich »niemand gekannt dem es so geglückt wäre seinen Geist zu
erweitern ihn über unzählige Gegenstände zu verbreiten und doch diese Tätigkeit
fürs gemeine Leben zu behalten« Das waren dem Gehirne spanische Dörfer und
ich empfahl mich um nicht über ein weiteres Deraisonnement noch mehr Galle zu
schlucken
Und daran seid ihr alle schuld die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir
so viel von Aktivität vorgesungen habt Aktivität Wenn nicht der mehr tut der
Kartoffeln legt und in die Stadt reitet sein Korn zu verkaufen als ich so
will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten auf der ich nun
angeschmiedet bin
Und das glänzende Elend die Langeweile unter dem garstigen Volke das sich
hier neben einander sieht die Rangsucht unter ihnen wie sie nur wachen und
aufpassen einander ein Schrittchen abzugewinnen die elendesten erbärmlichsten
Leidenschaften ganz ohne Röckchen Da ist ein Weib zum Exempel die jedermann
von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält so dass jeder Fremde denken muss Das
ist eine Närrin die sich auf das bisschen Adel und auf den Ruf ihres Landes
Wunderstreiche einbildet Aber es ist noch viel ärger eben das Weib ist hier
aus der Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter Sieh ich kann das
Menschengeschlecht nicht begreifen das so wenig Sinn hat um sich so platt zu
prostituieren
Zwar ich merke täglich mehr mein Lieber wie töricht man ist andere nach
sich zu berechnen Und weil ich so viel mit mir selbst zu tun habe und dieses
Herz so stürmisch ist ach ich lasse gern die andern ihres Pfades gehen wenn
sie mich auch nur könnten gehen lassen
Was mich am meisten neckt sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse Zwar
weiß ich so gut als einer wie nötig der Unterschied der Stände ist wie viel
Vorteile er mir selbst verschafft nur soll er mir nicht eben gerade im Wege
stehen wo ich noch ein wenig Freude einen Schimmer von Glück auf dieser Erde
genießen könnte Ich lernte neulich auf dem Spaziergange ein Fräulein von B
kennen ein liebenswürdiges Geschöpf das sehr viele Natur mitten in dem steifen
Leben erhalten hat Wir gefielen uns in unserem Gespräche und da wir schieden
bat ich sie um Erlaubnis sie bei sich sehen zu dürfen Sie gestattete mir das
mit so vieler Freimütigkeit dass ich den schicklichen Augenblick kaum erwarten
konnte zu ihr zu gehen Sie ist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im
Hause Die Physiognomie der Alten gefiel mir nicht Ich bezeigte ihr viel
Aufmerksamkeit mein Gespräch war meist an sie gewandt und in minder als einer
halben Stunde hatte ich so ziemlich weg was mir das Fräulein nachher selbst
gestand dass die liebe Tante in ihrem Alter Mangel von allem kein anständiges
Vermögen keinen Geist und keine Stütze hat als die Reihe ihrer Vorfahren
keinen Schirm als den Stand in den sie sich verpalisadiert und kein Ergetzen
als von ihrem Stockwerk herab über die bürgerlichen Häupter wegzusehen In ihrer
Jugend soll sie schön gewesen sein und ihr Leben weggegaukelt erst mit ihrem
Eigensinne manchen armen Jungen gequält und in den reifern Jahren sich unter
den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben der gegen diesen Preis und
einen leidlichen Unterhalt das eherne Jahrhundert mit ihr zubrachte und starb
Nun sieht sie im eisernen sich allein und würde nicht angesehen wär ihre Nichte
nicht so liebenswürdig
Den 8 Januar 1772
Was das für Menschen sind deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht deren
Dichten und Trachten jahrelang dahin geht wie sie um einen Stuhl weiter hinauf
bei Tische sich einschieben wollen Und nicht dass sie sonst keine Angelegenheit
hätten nein vielmehr häufen sich die Arbeiten eben weil man über den kleinen
Verdrießlichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird Vorige
Woche gab es bei der Schlittenfahrt Händel und der ganze Spaß wurde verdorben
Die Toren die nicht sehen dass es eigentlich auf den Platz gar nicht
ankommt und dass der der den ersten hat so selten die erste Rolle spielt Wie
mancher König wird durch seinen Minister wie mancher Minister durch seinen
Sekretär regiert Und wer ist dann der Erste Der dünkt mich der die andern
übersieht und so viel Gewalt oder List hat ihre Kräfte und Leidenschaften zu
Ausführung seiner Plane anzuspannen
Am 20 Januar
Ich muss Ihnen schreiben liebe Lotte hier in der Stube einer geringen
Bauernherberge in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet habe
Solange ich in dem traurigen Nest D unter dem fremden meinem Herzen ganz
fremden Volke herumziehe habe ich keinen Augenblick gehabt keinen an dem mein
Herz mich geheißen hätte Ihnen zu schreiben und jetzt in dieser Hütte in
dieser Einsamkeit in dieser Einschränkung da Schnee und check wider mein
Fensterchen wüten hier waren Sie mein erster Gedanke Wie ich hereintrat
überfiel mich Ihre Gestalt Ihr Andenken o Lotte so heilig so warm Guter
Gott der erste glückliche Augenblick wieder
Wenn Sie mich sähen meine Beste in dem Schwall von Zerstreuung Wie
ausgetrocknet meine Sinne werden Nicht einen Augenblick der Fülle des Herzens
nicht eine selige Stunde nichts nichts Ich stehe wie vor einem
Raritätenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken und
frage mich oft ob es nicht optischer Betrug ist Ich spiele mit vielmehr ich
werde gespielt wie eine Marionette und fasse manchmal meinen Nachbar an der
hölzernen Hand und schaudere zurück Des Abends nehme ich mir vor den
Sonnenaufgang zu genießen und komme nicht aus dem Bette am Tage hoffe ich
mich des Mondscheins zu erfreuen und bleibe in meiner Stube Ich weiß nicht
recht warum ich aufstehe warum ich schlafen gehe
Der Sauerteig der mein Leben in Bewegung setzte fehlt der Reiz der mich
in tiefen Nächten munter erhielt ist hin der mich des Morgens aus dem Schlafe
weckte ist weg
Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden eine Fräulein von
B sie gleicht Ihnen liebe Lotte wenn man Ihnen gleichen kann »Ei« werden
Sie sagen »der Mensch legt sich auf niedliche Komplimente« Ganz unwahr ist es
nicht Seit einiger Zeit bin ich sehr artig weil ich doch nicht anders sein
kann habe viel Witz und die Frauenzimmer sagen es wüsste niemand so fein zu
loben als ich und zu lügen setzen Sie hinzu denn ohne das geht es nicht ab
verstehen Sie Ich wollte von Fräulein B reden Sie hat viel Seele die voll
aus ihren blauen Augen hervorblickt Ihr Stand ist ihr zur Last der keinen der
Wünsche ihres Herzens befriedigt Sie sehnt sich aus dem Getümmel und wir
verphantasieren manche Stunde in ländlichen Szenen von ungemischter
Glückseligkeit ach und von Ihnen Wie oft muss sie Ihnen huldigen muss nicht
tut es freiwillig hört so gern von Ihnen liebt Sie
O säss ich zu Ihren Füßen in dem lieben vertraulichen Zimmerchen und
unsere kleinen Lieben wälzten sich mit einander um mich herum und wenn sie
Ihnen zu laut würden wollte ich sie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur
Ruhe versammeln
Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend der Sturm
ist hinüber gezogen und ich muss mich wieder in meinen Käfig sperren Adieu
Ist Albert bei Ihnen Und wie Gott verzeihe mir diese Frage
Den 8 Februar
Wir haben seit acht Tagen das abscheulichste Wetter und mir ist es wohltätig
Denn so lang ich hier bin ist mir noch kein schöner Tag am Himmel erschienen
den mir nicht jemand verdorben oder verleidet hätte Wenns nun recht regnet und
stöbert und fröstelt und taut Ha denk ich kanns doch zu Hause nicht
schlimmer werden als es draußen ist oder umgekehrt und so ists gut Geht die
Sonne des Morgens auf und verspricht einen feinen Tag erwehr ich mir niemals
auszurufen Da haben sie doch wieder ein himmlisches Gut worum sie einander
bringen können Es ist nichts worum sie einander nicht bringen Gesundheit
guter Name Freudigkeit Erholung Und meist aus Albernheit Unbegriff und Enge
und wenn man sie anhört mit der besten Meinung Manchmal möcht ich sie auf
den Knieen bitten nicht so rasend in ihre eigenen Eingeweide zu wüten
Am 17 Februar
Ich fürchte mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr lange aus Der
Mann ist ganz und gar unerträglich Seine Art zu arbeiten und Geschäfte zu
treiben ist so lächerlich dass ich mich nicht enthalten kann ihm zu
widersprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen das
ihm denn wie natürlich niemals recht ist Darüber hat er mich neulich bei Hofe
verklagt und der Minister gab mir einen zwar sanften Verweis aber es war doch
ein Verweis und ich stand im Begriffe meinen Abschied zu begehren als ich
einen Privatbrief5 von ihm erhielt einen Brief vor dem ich niedergekniet und
den hohen edlen weisen Sinn angebetet habe Wie er meine allzu große
Empfindlichkeit zurechtweiset wie er meine überspannten Ideen von Wirksamkeit
von Einfluss auf andere von Durchdringen in Geschäften als jugendlichen guten
Mut zwar ehrt sie nicht auszurotten nur zu mildern und dahin zu leiten sucht
wo sie ihr wahres Spiel haben ihre kräftige Wirkung tun können Auch bin ich
auf acht Tage gestärkt und in mir selbst einig geworden Die Ruhe der Seele ist
ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst. Lieber Freund wenn nur das
Kleinod nicht eben so zerbrechlich wäre als es schön und kostbar ist
Am 20 Februar
Gott segne euch meine Lieben geb euch alle die guten Tage die er mir
abzieht
Ich danke dir Albert dass du mich betrogen hast ich wartete auf Nachricht
wann euer Hochzeittag sein würde und hatte mir vorgenommen feierlichst an
demselben Lottens Schattenriss von der Wand zu nehmen und ihn unter andere
Papiere zu begraben Nun seid ihr ein Paar und ihr Bild ist noch hier Nun so
soll es bleiben Und warum nicht Ich weiß ich bin ja auch bei euch bin dir
unbeschadet in Lottens Herzen habe ja ich habe den zweiten Platz darin und
will und muss ihn behalten O ich würde rasend werden wenn sie vergessen könnte
Albert in dem Gedanken liegt eine Hölle Albert leb wohl Leb wohl Engel
des Himmelst Leb wohl Lotte
Den 15 März
Ich habe einen Verdruss gehabt der mich von hier wegtreiben wird Ich knirsche
mit den Zähnen Teufel er ist nicht zu ersetzen und ihr seid doch allein
schuld daran die ihr mich sporntet und triebt und quältet mich in einen Posten
zu begeben der nicht nach meinem Sinne war Nun habe ichs nun habt ihrs Und
dass du nicht wieder sagst meine überspannten Ideen verdürben alles so hast du
hier lieber Herr eine Erzählung plan und nett wie ein Chronikenschreiber das
aufzeichnen würde
Der Graf von C liebt mich distinguiert mich das ist bekannt das habe
ich dir schon hundertmal gesagt Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel eben an
dem Tage da abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm
zusammenkommt an die ich nie gedacht habe auch mir nie aufgefallen ist dass
wir Subalternen nicht hineingehören Gut Ich speise bei dem Grafen und nach
Tische gehen wir in dem großen Saal auf und ab ich rede mit ihm mit dem
Obristen B der dazu kommt und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran
Ich denke Gott weiß an nichts Da tritt herein die übergnädige Dame von S
mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit der flachen
Brust und niedlichem Schnürleibe machen en passant ihre hergebrachten
hochadeligen Augen und Naslöcher und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist
wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur bis der Graf vom garstigen
Gewäsche frei wäre als meine Fräulein B hereintrat Da mir das Herz immer ein
bisschen aufgeht wenn ich sie sehe blieb ich eben stellte mich hinter ihren
Stuhl und bemerkte erst nach einiger Zeit dass sie mit weniger Offenheit als
sonst mit einiger Verlegenheit mit mir redete Das fiel mir auf Ist sie auch
wie all das Volk dacht ich und war angestochen und wollte gehen und doch
blieb ich weil ich sie gerne entschuldigt hätte und es nicht glaubte und noch
ein gut Wort von ihr hoffte und was du willst Unterdessen füllt sich die
Gesellschaft Der Baron F mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten
Franz des Ersten her der Hofrat R hier aber in qualitate Herr von R
genannt mit seiner tauben Frau etc den übel fournierten J nicht zu
vergessen der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen
Lappen ausflickt das kommt zu Hauf und ich rede mit einigen meiner
Bekanntschaft die alle sehr lakonisch sind Ich dachte und gab nur auf meine
B acht Ich merkte nicht dass die Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren
flüsterten dass es auf die Männer zirkulierte dass Frau von S mit dem Grafen
redete das alles hat mir Fräulein B nachher erzählt bis endlich der Graf
auf mich losging und mich in ein Fenster nahm »Sie wissen« sagt er »unsere
wunderbaren Verhältnisse die Gesellschaft ist unzufrieden merke ich Sie hier
zu sehen Ich wollte nicht um alles« »Ihr Exzellenz« fiel ich ein »ich bitte
tausendmal um Verzeihung ich hätte eher dran denken sollen und ich weiß Sie
vergeben mir diese Inkonsequenz ich wollte schon vorhin mich empfehlen Ein
böser Genius hat mich zurückgehalten« setzte ich lächelnd hinzu indem ich mich
neigte Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung die alles sagte
Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft ging setzte mich in ein
Kabriolett und fuhr nach M dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und
dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen wie Ulyss von dem
trefflichen Schweinhirten bewirtet wird Das war alles gut
Des Abends komm ich zurück zu Tische es waren noch wenige in der
Gaststube die würfelten auf einer Ecke hatten das Tischtuch zurückgeschlagen
Da kommt der ehrliche Adelin hinein legt seinen Hut nieder indem er mich
ansieht tritt zu mir und sagt leise »Du hast Verdruss gehabt« »Ich« sagt
ich »Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen« »Hol sie der
Teufel« sagt ich »mir wars lieb dass ich in die freie Luft kam« »Gut«
sagt er »dass dus auf die leichte Achsel nimmst Nur verdriesst michs es ist
schon überall herum« Da fing mich das Ding erst an zu wurmen Alle die zu
Tisch kamen und mich ansahen dachte ich die sehen dich darum an Das gab böses
Blut
Und da man nun heute gar wo ich hintrete mich bedauert da ich höre dass
meine Neider nun triumphieren und sagen da sähe mans wo es mit den
Übermütigen hinausginge die sich ihres bisschen Kopfs überhöben und glaubten
sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen und was des
Hundegeschwätzes mehr ist da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren denn
man rede von Selbständigkeit was man will den will ich sehen der dulden kann
dass Schurken über ihn reden wenn sie einen Vorteil über ihn haben wenn ihr
Geschwätze leer ist ach da kann man sie leicht lassen
Am 16 März
Es hetzt mich alles Heut treff ich die Fräulein B in der Allee ich konnte
mich nicht enthalten sie anzureden und ihr sobald wir etwas entfernt von der
Gesellschaft waren meine Empfindlichkeit über ihr neuliches Betragen zu zeigen
»O Werter« sagte sie mit einem innigen Tone »konnten Sie meine Verwirrung
so auslegen da Sie mein Herz kennen Was ich gelitten habe um Ihrentwillen von
dem Augenblicke an da ich in den Saal trat Ich sah alles voraus hundertmal
saß mirs auf der Zunge es Ihnen zu sagen Ich wusste dass die von S und T
mit ihren Männern eher aufbrechen würden als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben
ich wusste dass der Graf es mit ihnen nicht verderben darf und jetzt der
Lärm« »Wie Fräulein« sagt ich und verbarg meinen Schrecken denn alles
was Adelin mir ehegestern gesagt hatte lief mir wie siedend Wasser durch die
Adern in diesem Augenblicke »Was hat mich es schon gekostet« sagte das süße
Geschöpf indem ihr die Tränen in den Augen standen Ich war nicht Herr mehr
von mir selbst war im Begriffe mich ihr zu Füßen zu werfen »Erklären Sie
sich« rief ich Die Tränen liefen ihr die Wangen herunter Ich war außer mir
Sie trocknete sie ab ohne sie verbergen zu wollen »Meine Tante kennen Sie«
fing sie an »sie war gegenwärtig und hat o mit was für Augen hat sie das
angesehen Werter ich habe gestern nacht ausgestanden und heute früh eine
Predigt über meinen Umgang mit Ihnen und ich habe müssen zuhören Sie
herabsetzen erniedrigen und konnte und durfte Sie nur halb verteidigen«
Jedes Wort das sie sprach ging mir wie ein Schwert durchs Herz Sie fühlte
nicht welche Barmherzigkeit es gewesen wäre mir das alles zu verschweigen und
nun fügte sie noch hinzu was weiter würde geträtscht werden was eine Art
Menschen darüber triumphieren würde Wie man sich nunmehr über die Strafe meines
Übermuts und meiner Geringschätzung anderer die sie mir schon lange vorwerfen
kitzeln und freuen würde Das alles Wilhelm von ihr zu hören mit der Stimme
der wahrsten Teilnehmung ich war zerstört und bin noch wütend in mir Ich
wollte dass sich einer unterstünde mirs vorzuwerfen dass ich ihm den Degen
durch den Leib stoßen könnte wenn ich Blut sähe würde mirs besser werden
Ach ich hab hundertmal ein Messer ergriffen um diesem gedrängten Herzen Luft
zu machen Man erzählt von einer edlen Art Pferde die wenn sie schrecklich
erhitzt und aufgejagt sind sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeissen um
sich zum Atem zu helfen So ist mirs oft ich möchte mir eine Ader öffnen die
mir die ewige Freiheit schaffte
Am 24 März
Ich habe meine Entlassung vom Hofe verlangt und werde sie hoffe ich erhalten
und ihr werdet mir verzeihen dass ich nicht erst Erlaubnis dazu bei euch geholt
habe Ich musste nun einmal fort und was ihr zu sagen hattet um mir das Bleiben
einzureden weiß ich alles und also Bringe das meiner Mutter in einem
Säftchen bei ich kann mir selbst nicht helfen und sie mag sich gefallen
lassen wenn ich ihr auch nicht helfen kann Freilich muss es ihr wehe tun Den
schönen Lauf den ihr Sohn gerade zum Geheimenrat und Gesandten ansetzte so auf
einmal Halte zu sehen und rückwärts mit dem Tierchen in den Stall Macht nun
daraus was ihr wollt und kombiniert die möglichen Fälle unter denen ich hätte
bleiben können und sollen genug ich gehe und damit ihr wisst wo ich hinkomme
so ist hier der Fürst der vielen Geschmack an meiner Gesellschaft findet
der hat mich gebeten da er von meiner Absicht hörte mit ihm auf seine Güter zu
gehen und den schönen Frühling da zuzubringen Ich soll ganz mir selbst gelassen
sein hat er mir versprochen und da wir uns zusammen bis auf einen gewissen
Punkt verstehen so will ich es denn auf gut Glück wagen und mit ihm gehen
Zur Nachricht
Am 19 April
Danke für deine beiden Briefe Ich antwortete nicht weil ich dieses Blatt
liegen ließ bis mein Abschied vom Hofe da wäre ich fürchtete meine Mutter
möchte sich an den Minister wenden und mir mein Vorhaben erschweren Nun aber
ist es geschehen mein Abschied ist da Ich mag euch nicht sagen wie ungern man
mir ihn gegeben hat und was mir der Minister schreibt ihr würdet in neue
Lamentationen ausbrechen Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünfundzwanzig
Dukaten geschickt mit einem Wort das mich bis zu Tränen gerührt hat also
brauche ich von der Mutter das Geld nicht um das ich neulich schrieb
Am 5 Mai
Morgen gehe ich von hier ab und weil mein Geburtsort nur sechs Meilen vom Wege
liegt so will ich den auch wiedersehen will mich der alten glücklich
verträumten Tage erinnern Zu eben dem Tore will ich hinein gehen aus dem meine
Mutter mit mir heraus fuhr als sie nach dem Tode meines Vaters den lieben
vertraulichen Ort verließ um sich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren
Adieu Wilhelm du sollst von meinem Zuge hören
Am 9 Mai
Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines Pilgrims
vollendet und manche unerwarteten Gefühle haben mich ergriffen An der großen
Linde die eine Viertelstunde vor der Stadt nach S zu steht ließ ich halten
stieg aus und hieß den Postillon fortfahren um zu Fuße jede Erinnerung ganz
neu lebhaft nach meinem Herzen zu kosten Da stand ich nun unter der Linde
die ehedem als Knabe das Ziel und die Grenze meiner Spaziergänge gewesen Wie
anders Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus in die
unbekannte Welt wo ich für mein Herz so viele Nahrung so vielen Genuss hoffte
meinen strebenden sehnenden Busen auszufüllen und zu befriedigen Jetzt komme
ich zurück aus der weiten Welt o mein Freund mit wie viel fehlgeschlagenen
Hoffnungen mit wie viel zerstörten Planen Ich sah das Gebirge vor mir
liegen das tausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen war Stundenlang
konnt ich hier sitzen und mich hinüber sehnen mit inniger Seele mich in den
Wäldern den Tälern verlieren die sich meinen Augen so freundlichdämmernd
darstellten und wenn ich dann um die bestimmte Zeit wieder zurück musste mit
welchem Widerwillen verließ ich nicht den lieben Platz Ich kam der Stadt
näher alle die alten bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt die
neuen waren mir zuwider so auch alle Veränderungen die man sonst vorgenommen
hatte Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder
Lieber ich mag nicht ins Detail gehen so reizend als es mir war so einförmig
würde es in der Erzählung werden Ich hatte beschlossen auf dem Markte zu
wohnen gleich neben unserem alten Hause Im Hingehen bemerkte ich dass die
Schulstube wo ein ehrliches altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte
in einen Kramladen verwandelt war Ich erinnerte mich der Unruhe der Tränen
der Dumpfheit des Sinnes der Herzensangst die ich in dem Loche ausgestanden
hatte Ich tat keinen Schritt der nicht merkwürdig war Ein Pilger im
heiligen Lande trifft nicht so viele Stätten religiöser Erinnerungen an und
seine Seele ist schwerlich so voll heiliger Bewegung Noch eins für tausend
Ich ging den Fluss hinab bis an einen gewissen Hof das war sonst auch mein Weg
und die Plätzchen wo wir Knaben uns übten die meisten Sprünge der flachen
Steine im Wasser hervorzubringen Ich erinnerte mich so lebhaft wenn ich
manchmal stand und dem Wasser nachsah mit wie wunderbaren Ahnungen ich es
verfolgte wie abenteuerlich ich mir die Gegenden vorstellte wo es nun
hinflösse und wie ich da so bald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand und
doch musste das weiter gehen immer weiter bis ich mich ganz in dem Anschauen
einer unsichtbaren Ferne verlor Sieh mein Lieber so beschränkt und so
glücklich waren die herrlichen Altväter so kindlich ihr Gefühl ihre Dichtung
Wenn Ulyss von dem ungemessnen Meer und von der unendlichen Erde spricht das ist
so wahr menschlich innig eng und geheimnisvoll Was hilft michs dass ich
jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann dass sie rund sei Der Mensch braucht
nur wenige Erdschollen um drauf zu genießen weniger um drunter zu ruhen
Nun bin ich hier auf dem fürstlichen Jagdschloss Es lässt sich noch ganz
wohl mit dem Herrn leben er ist wahr und einfach Wunderliche Menschen sind um
ihn herum die ich gar nicht begreife Sie scheinen keine Schelmen und haben
doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten Manchmal kommen sie mir
ehrlich vor und ich kann ihnen doch nicht trauen Was mir noch leid tut ist
dass er oft von Sachen redet die er nur gehört und gelesen hat und zwar aus
eben dem Gesichtspunkte wie sie ihm der andere vorstellen mochte
Auch schätzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz das
doch mein einziger Stolz ist das ganz allein die Quelle von allem ist aller
Kraft aller Seligkeit und alles Elendes Ach was ich weiß kann jeder wissen
mein Herz habe ich allein
Am 25 Mai
Ich hatte etwas im Kopfe davon ich euch nichts sagen wollte bis es ausgeführt
wäre jetzt da nichts draus wird ist es ebenso gut Ich wollte in den Krieg
das hat mir lange am Herzen gelegen Vornehmlich darum bin ich dem Fürsten
hierher gefolgt der General in schen Diensten ist Auf einem Spaziergang
entdeckte ich ihm mein Vorhaben er widerriet mir es und es müsste bei mir mehr
Leidenschaft als Grille gewesen sein wenn ich seinen Gründen nicht hätte Gehör
geben wollen
Am 11 Junius
Sage was du willst ich kann nicht länger bleiben Was soll ich hier die Zeit
wird mir lang Der Fürst hält mich so gut man nur kann und doch bin ich nicht
in meiner Lage Wir haben im Grunde nichts gemein mit einander Er ist ein Mann
von Verstande aber von ganz gemeinem Verstande sein Umgang unterhält mich
nicht mehr als wenn ich ein wohl geschriebenes Buch lese Noch acht Tage bleibe
ich und dann ziehe ich wieder in der Irre herum Das Beste was ich hier getan
habe ist mein Zeichnen Der Fürst fühlt in der Kunst und würde noch stärker
fühlen wenn er nicht durch das garstige wissenschaftliche Wesen und durch die
gewöhnliche Terminologie eingeschränkt wäre Manchmal knirsche ich mit den
Zähnen wenn ich ihn mit warmer Imagination an Natur und Kunst herumführe und er
es auf einmal recht gut zu machen denkt wenn er mit einem gestempelten
Kunstworte dreinstolpert
Am 16 Junius
Ja wohl bin ich nur ein Wandrer ein Waller auf der Erde Seid ihr denn mehr
Am 18 Junius
Wo ich hin will Das lass dir im Vertrauen eröffnen Vierzehn Tage muss ich doch
noch hier bleiben und dann habe ich mir weisgemacht dass ich die Bergwerke im
schen besuchen wollte ist aber im Grunde nichts dran ich will nur Lotten
wieder näher das ist alles Und ich lache über mein eigenes Herz und tu ihm
seinen Willen
Am 29 Julius
Nein es ist gut es ist alles gut Ich ihr Mann O Gott der du mich
machtest wenn du mir diese Seligkeit bereitet hättest mein ganzes Leben sollte
ein anhaltendes Gebet sein Ich will nicht rechten und verzeihe mir diese
Tränen verzeihe mir meine vergeblichen Wünsche Sie meine Frau Wenn ich das
liebste Geschöpf unter der Sonne in meine Arme geschlossen hätte Es geht mir
ein Schauder durch den ganzen Körper Wilhelm wenn Albert sie um den schlanken
Leib fasst
Und darf ich es sagen Warum nicht Wilhelm Sie wäre mit mir glücklicher
geworden als mit ihm O er ist nicht der Mensch die Wünsche dieses Herzens alle
zu füllen Ein gewisser Mangel an Fühlbarkeit ein Mangel nimm es wie du
willst dass sein Herz nicht sympatetisch schlägt bei o bei der Stelle
eines lieben Buches wo mein Herz und Lottens in einem zusammentreffen in
hundert andern Vorfällen wenn es kommt dass unsere Empfindungen über eine
Handlung eines Dritten laut werden Lieber Wilhelm Zwar er liebt sie von
ganzer Seele und so eine Liebe was verdient die nicht
Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen Meine Tränen sind
getrocknet Ich bin zerstreut Adieu Lieber
Am 4 August
Es geht mir nicht allein so Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht
in ihren Erwartungen betrogen Ich besuchte mein gutes Weib unter der Linde Der
älteste Junge lief mir entgegen sein Freudengeschrei führte die Mutter herbei
die sehr niedergeschlagen aussah Ihr erstes Wort war »Guter Herr ach mein
Hans ist mir gestorben« Es war der jüngste ihrer Knaben Ich war stille
»Und mein Mann« sagte sie »ist aus der Schweiz zurück und hat nichts
mitgebracht und ohne gute Leute hätte er sich heraus betteln müssen er hatte
das Fieber unterwegs gekriegt« Ich konnte ihr nichts sagen und schenkte dem
Kleinen was sie bat mich einige Äpfel anzunehmen das ich tat und den Ort des
traurigen Andenkens verließ
Am 21 August
Wie man eine Hand umwendet ist es anders mit mir Manchmal will wohl ein
freudiger Blick des Lebens wieder aufdämmern ach nur für einen Augenblick
Wenn ich mich so in Träumen verliere kann ich mich des Gedankens nicht
erwehren wie wenn Albert stürbe Du würdest ja sie würde und dann laufe
ich dem Hirngespinste nach bis es mich an Abgründe führt vor denen ich
zurückbebe
Wenn ich zum Tor hinausgehe den Weg den ich zum erstenmal fuhr Lotten zum
Tanze zu holen wie war das so ganz anders Alles alles ist vorübergegangen
Kein Wink der vorigen Welt kein Pulsschlag meines damaligen Gefühles Mir ist
es wie es einem Geiste sein müsste der in das ausgebrannte zerstörte Schloss
zurückkehrte das er als blühender Fürst einst gebaut und mit allen Gaben der
Herrlichkeit ausgestattet sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvoll
hinterlassen hätte
Am 3 September
Ich begreife manchmal nicht wie sie ein anderer lieb haben kann lieb haben
darf da ich sie so ganz allein so innig so voll liebe nichts anders kenne
noch weiß noch habe als sie
Am 4 September
Ja es ist so Wie die Natur sich zum Herbste neigt wird es Herbst in mir und
um mich her Meine Blätter werden gelb und schon sind die Blätter der
benachbarten Bäume abgefallen Hab ich dir nicht einmal von einem Bauerburschen
geschrieben gleich da ich herkam Jetzt erkundigte ich mich wieder nach ihm in
Wahlheim es hieß er sei aus dem Dienste gejagt worden und niemand wollte was
weiter von ihm wissen Gestern traf ich ihn von ungefähr auf dem Wege nach einem
andern Dorfe ich redete ihn an und er erzählte mir seine Geschichte die mich
doppelt und dreifach gerührt hat wie du leicht begreifen wirst wenn ich dir
sie wiedererzähle Doch wozu das alles warum behalt ich nicht für mich was
mich ängstigt und kränkt warum betrüb ich noch dich warum geb ich dir immer
Gelegenheit mich zu bedauern und mich zu schelten Seis denn auch das mag zu
meinem Schicksal gehören
Mit einer stillen Traurigkeit in der ich ein wenig scheues Wesen zu
bemerken schien antwortete der Mensch mir erst auf meine Fragen aber gar bald
offener als wenn er sich und mich auf einmal wiedererkennte gestand er mir
seine Fehler klagte er mir sein Unglück Könnt ich dir mein Freund jedes
seiner Worte vor Gericht stellen Er bekannte ja er erzählte mit einer Art von
Genuss und Glück der Wiedererinnerung dass die Leidenschaft zu seiner Hausfrau
sich in ihm tagtäglich vermehrt dass er zuletzt nicht gewusst habe was er tue
nicht wie er sich ausdrückte wo er mit dem Kopfe hingesollt Er habe weder
essen noch trinken noch schlafen können es habe ihm an der Kehle gestockt er
habe getan was er nicht tun sollen was ihm aufgetragen worden hab er
vergessen er sei als wie von einem bösen Geist verfolgt gewesen bis er eines
Tages als er sie in einer oberen Kammer gewusst ihr nachgegangen ja vielmehr
ihr nachgezogen worden sei da sie seinen Bitten kein Gehör gegeben hab er
sich ihrer mit Gewalt bemächtigen wollen er wisse nicht wie ihm geschehen sei
und nehme Gott zum Zeugen dass seine Absichten gegen sie immer redlich gewesen
und dass er nichts sehnlicher gewünscht als dass sie ihn heiraten dass sie mit
ihm ihr Leben zubringen möchte Da er eine Zeitlang geredet hatte fing er an zu
stocken wie einer der noch etwas zu sagen hat und sich es nicht herauszusagen
getraut endlich gestand er mir auch mit Schüchternheit was sie ihm für kleine
Vertraulichkeiten erlaubt und welche Nähe sie ihm vergönnet Er brach zwei
dreimal ab und wiederholte die lebhaftesten Protestationen dass er das nicht
sage um sie schlecht zu machen wie er sich ausdrückte dass er sie liebe und
schätze wie vorher dass so etwas nicht über seinen Mund gekommen sei und dass er
es mir nur sage um mich zu überzeugen dass er kein ganz verkehrter und
unsinniger Mensch sei Und hier mein Bester fang ich mein altes Lied wieder
an das ich ewig anstimmen werde Könnt ich dir den Menschen vorstellen wie er
vor mir stand wie er noch vor mir steht Könnt ich dir alles recht sagen
damit du fühltest wie ich an seinem Schicksale teilnehme teilnehmen muss Doch
genug da du auch mein Schicksal kennst auch mich kennst so weißt du nur zu
wohl was mich zu allen Unglücklichen was mich besonders zu diesem
Unglücklichen hinzieht
Da ich das Blatt wieder durchlese seh ich dass ich das Ende der Geschichte
zu erzählen vergessen habe das sich aber leicht hinzudenken lässt Sie erwehrte
sich sein ihr Bruder kam dazu der ihn schon lange gehasst der ihn schon lange
aus dem Hause gewünscht hatte weil er fürchtet durch eine neue Heirat der
Schwester werde seinen Kindern die Erbschaft entgehn die ihnen jetzt da sie
kinderlos ist schöne Hoffnungen gibt dieser habe ihn gleich zum Hause
hinausgestossen und einen solchen Lärm von der Sache gemacht dass die Frau auch
selbst wenn sie gewollt ihn nicht wieder hätte aufnehmen können Jetzt habe sie
wieder einen andern Knecht genommen auch über den sage man sei sie mit dem
Bruder zerfallen und man behaupte für gewiss sie werde ihn heiraten aber er
sei fest entschlossen das nicht zu erleben
Was ich dir erzähle ist nicht übertrieben nichts verzärtelt ja ich darf
wohl sagen schwach schwach hab ichs erzählt und vergröbert hab ichs
indem ichs mit unsern hergebrachten sittlichen Worten vorgetragen habe
Diese Liebe diese Treue diese Leidenschaft ist also keine dichterische
Erfindung Sie lebt sie ist in ihrer größten Reinheit unter der Klasse von
Menschen die wir ungebildet die wir roh nennen Wir Gebildeten zu Nichts
Verbildeten Lies die Geschichte mit Andacht ich bitte dich Ich bin heute
still indem ich das hinschreibe du siehst an meiner Hand dass ich nicht so
strudele und sudele wie sonst Lies mein Geliebter und denke dabei dass es
auch die Geschichte deines Freundes ist Ja so ist mirs gegangen so wird mirs
gehen und ich bin nicht halb so brav nicht halb so entschlossen als der arme
Unglückliche mit dem ich mich zu vergleichen mich fast nicht getraue
Am 5 September
Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann aufs Land geschrieben wo er sich
Geschäfte wegen aufhielt Es fing an »Bester Liebster komme sobald du
kannst ich erwarte dich mit tausend Freuden« Ein Freund der hereinkam
brachte Nachricht dass er wegen gewisser Umstände so bald noch nicht
zurückkehren würde Das Billett blieb liegen und fiel mir abends in die Hände
Ich las es und lächelte sie fragte worüber »Was die Einbildungskraft für ein
göttliches Geschenk ist« rief ich aus »ich konnte mir einen Augenblick
vorspiegeln als wäre es an mich geschrieben« Sie brach ab es schien ihr zu
missfallen und ich schwieg
Am 6 September
Es hat schwer gehalten bis ich mich entschloss meinen blauen einfachen Frack
in dem ich mit Lotten zum erstenmale tanzte abzulegen er ward aber zuletzt gar
unscheinbar Auch habe ich mir einen machen lassen ganz wie den vorigen Kragen
und Aufschlag und auch wieder so gelbe Weste und Beinkleider dazu
Ganz will es doch die Wirkung nicht tun Ich weiß nicht Ich denke mit
der Zeit soll mir der auch lieber werden
Am 12 September
Sie war einige Tage verreist Alberten abzuholen Heute trat ich in ihre Stube
sie kam mir entgegen und ich küsste ihre Hand mit tausend Freuden
Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter »Einen neuen
Freund« sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand »er ist meinen Kleinen
zugedacht Er tut gar zu lieb Sehen Sie ihn Wenn ich ihm Brot gebe flattert
er mit den Flügeln und pickt so artig Er küsst mich auch sehen Sie«
Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt drückte es sich so lieblich in die
süßen Lippen als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können die es genoss
»Er soll Sie auch küssen« sagte sie und reichte den Vogel herüber Das
Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen und die pickende
Berührung war wie ein Hauch eine Ahnung liebevollen Genusses
»Sein Kuss« sagte ich »ist nicht ganz ohne Begierde er sucht Nahrung und
kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück«
»Er isst mir auch aus dem Munde« sagte sie Sie reichte ihm einige
Brosamen mit ihren Lippen aus denen die Freuden unschuldig teilnehmender Liebe
in aller Wonne lächelten
Ich kehrte das Gesicht weg Sie sollte es nicht tun sollte nicht meine
Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und Seligkeit reizen
und mein Herz aus dem Schlafe in den es manchmal die Gleichgültigkeit des
Lebens wiegt nicht wecken Und warum nicht Sie traut mir so sie weiß wie
ich sie liebe
Am 15 September
Man möchte rasend werden Wilhelm dass es Menschen geben soll ohne Sinn und
Gefühl an dem wenigen was auf Erden noch einen Wert hat Du kennst die
Nussbäume unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St mit Lotten gesessen
die herrlichen Nussbäume die mich Gott weiß immer mit dem größten
Seelenvergnügen füllten Wie vertraulich sie den Pfarrhof machten wie kühl und
wie herrlich die Äste waren Und die Erinnerung bis zu den ehrlichen
Geistlichen die sie vor vielen Jahren pflanzten Der Schulmeister hat uns den
einen Namen oft genannt den er von seinem Großvater gehört hatte und so ein
braver Mann soll er gewesen sein und sein Andenken war immer heilig unter den
Bäumen Ich sage dir dem Schulmeister standen die Tränen in den Augen da wir
gestern davon redeten dass sie abgehauen worden abgehauen Ich möchte toll
werden ich könnte den Hund ermorden der den ersten Hieb dran tat Ich der ich
mich vertrauern könnte wenn so ein paar Bäume in meinem Hofe stünden und einer
davon stürbe vor Alter ab ich muss zusehen Lieber Schatz eins ist doch dabei
Was Menschengefühl ist Das ganze Dorf murrt und ich hoffe die Frau Pfarrerin
soll es an Butter und Eiern und übrigem Zutrauen spüren was für eine Wunde sie
ihrem Orte gegeben hat Denn sie ist es die Frau des neuen Pfarrers unser
alter ist auch gestorben ein hageres kränkliches Geschöpf das sehr Ursache
hat an der Welt keinen Anteil zu nehmen denn niemand nimmt Anteil an ihr Eine
Närrin die sich abgibt gelehrt zu sein sich in die Untersuchung des Kanons
meliert gar viel an der neumodischen moralisch kritischen Reformation des
Christentumes arbeitet und über Lavaters Schwärmereien die Achseln zuckt eine
ganz zerrüttete Gesundheit hat und deswegen auf Gottes Erdboden keine Freude So
einer Kreatur war es auch allein möglich meine Nussbäume abzuhauen Siehst du
ich komme nicht zu mir Stelle dir vor die abfallenden Blätter machen ihr den
Hof unrein und dumpfig die Bäume nehmen ihr das Tageslicht und wenn die Nüsse
reif sind so werfen die Knaben mit Steinen danach und das fällt ihr auf die
Nerven das stört sie in ihren tiefen Überlegungen wenn sie Kennikot Semler
und Michaelis gegen einander abwiegt Da ich die Leute im Dorfe besonders die
alten so unzufrieden sah sagte ich »Warum habt ihr es gelitten« »Wenn der
Schulze will hier zu Lande« sagten sie »was kann man machen« Aber eins ist
recht geschehen Der Schulze und der Pfarrer der doch auch von seiner Frauen
Grillen die ihm ohnedies die Suppen nicht fett machen was haben wollte
dachten es mit einander zu teilen da erfuhr es die Kammer und sagte »Hier
herein« Denn sie hatte noch alte Prätensionen an den Teil des Pfarrhofes wo
die Bäume standen und verkaufte sie an den Meistbietenden Sie liegen O wenn
ich Fürst wäre Ich wollte die Pfarrerin den Schulzen und die Kammer Fürst
Ja wenn ich Fürst wäre was kümmerten mich die Bäume in meinem Lande
Am 10 Oktober
Wenn ich nur ihre schwarzen Augen sehe ist mir es schon wohl Sieh und was
mich verdriesst ist dass Albert nicht so beglückt zu sein scheint als er
hoffte als ich zu sein glaubte wenn Ich mache nicht gern
Gedankenstriche aber hier kann ich mich nicht anders ausdrücken und mich
dünkt deutlich genug
Am 12 Oktober
Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt Welch eine Welt in die der
Herrliche mich führt Zu wandern über die Heide umsaust vom Sturmwinde der in
dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden Lichte des Mondes
hinführt Zu hören vom Gebirge her im Gebrülle des Waldstroms halb verwehtes
Ächzen der Geister aus ihren Höhlen und die Wehklagen des zu Tode sich
jammernden Mädchens um die vier moosbedeckten grasbewachsenen Steine des
Edelgefallnen ihres Geliebten Wenn ich ihn dann finde den wandelnden grauen
Barden der auf der weiten Heide die Fußstapfen seiner Väter sucht und ach
ihre Grabsteine findet und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends
hinblickt der sich ins rollende Meer verbirgt und die Zeiten der Vergangenheit
in des Helden Seele lebendig werden da noch der freundliche Strahl den Gefahren
der Tapferen leuchtete und der Mond ihr bekränztes siegrückkehrendes Schiff
beschien Wenn ich den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese den letzten
verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken sehe wie er immer
neue schmerzlich glühende Freuden in der kraftlosen Gegenwart der Schatten
seiner Abgeschiedenen einsaugt und nach der kalten Erde dem hohen wehenden
Grase niedersieht und ausruft »Der Wanderer wird kommen kommen der mich
kannte in meiner Schönheit und fragen Wo ist der Sänger Fingals trefflicher
Sohn Sein Fußtritt geht über mein Grab hin und er fragt vergebens nach mir auf
der Erde« O Freund ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das Schwert
ziehen meinen Fürsten von der zückenden Qual des langsam absterbenden Lebens
auf einmal befreien und dem befreiten Halbgott meine Seele nachsenden
Am 19 Oktober
Ach diese Lücke diese entsetzliche Lücke die ich hier in meinem Busen fühle
Ich denke oft wenn du sie nur einmal nur einmal an dieses Herz drücken
könntest diese ganze Lücke würde ausgefüllt sein
Am 26 Oktober
Ja es wird mir gewiss Lieber gewiss und immer gewisser dass an dem Dasein eines
Geschöpfes wenig gelegen ist ganz wenig Es kam eine Freundin zu Lotten und
ich ging herein ins Nebenzimmer ein Buch zu nehmen und konnte nicht lesen und
dann nahm ich eine Feder zu schreiben Ich hörte sie leise reden sie erzählten
einander unbedeutende Sachen Stadtneuigkeiten Wie diese heiratet wie jene
krank sehr krank ist »Sie hat einen trocknen Husten die Knochen stehen ihr
zum Gesichte heraus und kriegt Ohnmachten ich gebe keinen Kreuzer für ihr
Leben« sagte die eine »Der N N ist auch so übel dran« sagte Lotte »Er
ist schon geschwollen« sagte die andere Und meine lebhafte Einbildungskraft
versetzte mich ans Bett dieser Armen ich sah sie mit welchem Widerwillen sie
dem Leben den Rücken wandten wie sie Wilhelm und meine Weibchen redeten
davon wie man eben davon redet dass ein Fremder stirbt Und wenn ich mich
umsehe und sehe das Zimmer an und rings um mich Lottens Kleider und Alberts
Skripturen und diese Möbeln denen ich nun so befreundet bin sogar diesem
Tintenfass und denke Siehe was du nun diesem Hause bist Alles in allem Deine
Freunde ehren dich Du machst oft ihre Freude und deinem Herzen scheint es als
wenn es ohne sie nicht sein könnte und doch wenn du nun gingst wenn du aus
diesem Kreise schiedest würden sie wie lange würden sie die Lücke fühlen die
dein Verlust in ihr Schicksal reißt wie lange O so vergänglich ist der
Mensch dass er auch da wo er seines Daseins eigentliche Gewissheit hat da wo
er den einzigen wahren Eindruck seiner Gegenwart macht in dem Andenken in der
Seele seiner Lieben dass er auch da verlöschen verschwinden muss und das so
bald
Am 27 Oktober
Ich möchte mir oft die Brust zerreißen und das Gehirn einstossen dass man
einander so wenig sein kann Ach die Liebe Freude Wärme und Wonne die ich
nicht hinzubringe wird mir der andere nicht geben und mit einem ganzen Herzen
voll Seligkeit werde ich den andern nicht beglücken der kalt und kraftlos vor
mir steht
Am 27 Oktober abends
Ich habe so viel und die Empfindung an ihr verschlingt alles ich habe so viel
und ohne sie wird mir alles zu Nichts
Am 30 Oktober
Wenn ich nicht schon hundertmal auf dem Punkte gestanden bin ihr um den Hals zu
fallen Weiß der große Gott wie einem das tut so viele Liebenswürdigkeit vor
einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu dürfen und das Zugreifen ist
doch der natürlichste Trieb der Menschheit Greifen die Kinder nicht nach allem
was ihnen in den Sinn fällt Und ich
Am 3 November
Weiß Gott ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche ja manchmal mit der
Hoffnung nicht wieder zu erwachen und morgens schlage ich die Augen auf sehe
die Sonne wieder und bin elend O dass ich launisch sein könnte könnte die
Schuld aufs Wetter auf einen Dritten auf eine fehlgeschlagene Unternehmung
schieben so würde die unerträgliche Last des Unwillens doch nur halb auf mir
ruhen Wehe mir ich fühle zu wahr dass an mir allein alle Schuld liegt nicht
Schuld Genug dass in mir die Quelle alles Elendes verborgen ist wie ehemals
die Quelle aller Seligkeiten Bin ich nicht noch ebenderselbe der ehemals in
aller Fülle der Empfindung herumschwebte dem auf jedem Tritte ein Paradies
folgte der ein Herz hatte eine ganze Welt liebevoll zu umfassen Und dies Herz
ist jetzt tot aus ihm fließen keine Entzückungen mehr meine Augen sind
trocken und meine Sinne die nicht mehr von erquickenden Tränen gelabt werden
ziehen ängstlich meine Stirn zusammen Ich leide viel denn ich habe verloren
was meines Lebens einzige Wonne war die heilige belebende Kraft mit der ich
Welten um mich schuf sie ist dahin Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den
fernen Hügel sehe wie die Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und
den stillen Wiesengrund bescheint und der sanfte Fluss zwischen seinen
entblätterten Weiden zu mir herschlängelt o wenn da diese herrliche Natur so
starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen und alle die Wonne keinen
Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann und der
ganze Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein versiegter Brunnen wie ein
verlechter Eimer Ich habe mich oft auf den Boden geworfen und Gott um Tränen
gebeten wie ein Ackersmann um Regen wenn der Himmel ehern über ihm ist und um
ihn die Erde verdürstet
Aber ach ich fühle es Gott gibt Regen und Sonnenschein nicht unserm
ungestümen Bitten und jene Zeiten deren Andenken mich quält warum waren sie
so selig als weil ich mit Geduld seinen Geist erwartete und die Wonne die er
über mich ausgoss mit ganzem innig dankbarem Herzen aufnahm
Am 8 November
Sie hat mir meine Exzesse vorgeworfen Ach mit so viel Liebenswürdigkeit Meine
Exzesse dass ich mich manchmal von einem Glase Wein verleiten lasse eine
Bouteille zu trinken »Tun Sie es nicht« sagte sie »denken Sie an Lotten«
»Denken« sagte ich »brauchen Sie mir das zu heißen Ich denke ich denke
nicht Sie sind immer vor meiner Seele Heute saß ich an dem Flecke wo Sie
neulich aus der Kutsche stiegen« Sie redete was anders um mich nicht
tiefer in den Text kommen zu lassen Bester ich bin dahin sie kann mit mir
machen was sie will
Am 15 November
Ich danke dir Wilhelm für deinen herzlichen Anteil für deinen wohlmeinenden
Rat und bitte dich ruhig zu sein Lass mich ausdulden ich habe bei aller meiner
Müdseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen Ich ehre die Religion das weißt
du ich fühle dass sie manchem Ermatteten Stab manchem Verschmachtenden
Erquickung ist Nur kann sie denn muss sie denn das einem jeden sein Wenn du
die große Welt ansiehst so siehst du Tausende denen sie es nicht war
Tausende denen sie es nicht sein wird gepredigt oder ungepredigt und muss sie
mir es denn sein Sagt nicht selbst der Sohn Gottes dass die um ihn sein würden
die ihm der Vater gegeben hat Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin Wenn mich nun
der Vater für sich behalten will wie mir mein Herz sagt Ich bitte dich lege
das nicht falsch aus sieh nicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten es
ist meine ganze Seele die ich dir vorlege sonst wollte ich lieber ich hätte
geschwiegen wie ich denn über alles das wovon jedermann so wenig weiß als ich
nicht gern ein Wort verliere Was ist es anders als Menschenschicksal sein Maß
auszuleiden seinen Becher auszutrinken Und ward der Kelch dem Gott vom
Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter warum soll ich grosstun und mich
stellen als schmeckte er mir süß Und warum sollte ich mich schämen in dem
schrecklichen Augenblick da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein
zittert da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finsteren Abgrunde der
Zukunft leuchtet und alles um mich her versinkt und mit mir die Welt untergeht
Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten sich selbst ermangelnden
und unaufhaltsam hinabstürzenden Kreatur in den innern Tiefen ihrer vergebens
aufarbeitenden Kräfte zu knirschen »Mein Gott mein Gott warum hast du mich
verlassen« Und sollt ich mich des Ausdruckes schämen sollte mir es vor dem
Augenblicke bange sein da ihm der nicht entging der die Himmel zusammenrollt
wie ein Tuch
Am 21 November
Sie sieht nicht sie fühlt nicht dass sie ein Gift bereitet das mich und sie
zugrunde richten wird und ich mit voller Wollust schlürfe den Becher aus den
sie mir zu meinem Verderben reicht Was soll der gütige Blick mit dem sie mich
oft oft nein nicht oft aber doch manchmal ansieht die Gefälligkeit
womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt das Mitleiden
mit meiner Duldung das sich auf ihrer Stirne zeichnet
Gestern als ich wegging reichte sie mir die Hand und sagte »Adieu lieber
Werter« Lieber Werter Es war das erstemal dass sie mich Lieber hieß und
es ging mir durch Mark und Bein Ich habe es mir hundertmal wiederholt und
gestern nacht da ich zu Bette gehen wollte und mit mir selbst allerlei
schwatzte sagte ich so auf einmal »Gute Nacht lieber Werter« und musste
hernach selbst über mich lachen
Am 22 November
Ich kann nicht beten »Lass mir sie« und doch kommt sie mir oft als die Meine
vor Ich kann nicht beten »Gib mir sie« Denn sie ist eines andern Ich witzle
mich mit meinen Schmerzen herum wenn ich mirs nachliesse es gäbe eine ganze
Litanei von Antitesen
Am 24 November
Sie fühlt was ich dulde Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen
Ich fand sie allein ich sagte nichts und sie sah mich an Und ich sah nicht
mehr in ihr die liebliche Schönheit nicht mehr das Leuchten des trefflichen
Geistes das war alles vor meinen Augen verschwunden Ein weit herrlicherer
Blick wirkte auf mich voll Ausdruck des innigsten Anteils des süßesten
Mitleidens Warum durft ich mich nicht ihr zu Füßen werfen warum durft ich
nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen antworten Sie nahm ihre Zuflucht zum
Klavier und hauchte mit süßer leiser Stimme harmonische Laute zu ihrem Spiele
Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehen es war als wenn sie sich lechzend
öffneten jene süßen Töne in sich zu schlürfen die aus dem Instrument
hervorquollen und nur der heimliche Widerschall aus dem reinen Munde
zurückklänge Ja wenn ich dir das so sagen könnte Ich widerstand nicht
länger neigte mich und schwur Nie will ich es wagen einen Kuss euch
aufzudrücken Lippen auf denen die Geister des Himmels schweben Und doch
ich will Ha siehst du das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seele
diese Seligkeit und dann untergegangen diese Sünde abzubüssen Sünde
Am 26 November
Manchmal sag ich mir Dein Schicksal ist einzig preise die übrigen glücklich
so ist noch keiner gequält worden Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit
und es ist mir als säh ich in mein eigenes Herz Ich habe so viel auszustehen
Ach sind denn Menschen vor mir schon so elend gewesen
Am 30 November
Ich soll ich soll nicht zu mir selbst kommen Wo ich hintrete begegnet mir
eine Erscheinung die mich aus aller Fassung bringt Heute o Schicksal o
Menschheit
Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde ich hatte keine Lust zu
essen Alles war öde ein nasskalter Abendwind blies vom Berge und die grauen
Regenwolken zogen das Tal hinein Von fern seh ich einen Menschen in einem
grünen schlechten Rocke der zwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu
suchen schien Als ich näher zu ihm kam und er sich auf das Geräusch das ich
machte herumdrehte sah ich eine gar interessante Physiognomie darin eine
stille Trauer den Hauptzug machte die aber sonst nichts als einen geraden guten
Sinn ausdrückte seine schwarzen Haare waren mit Nadeln in zwei Rollen gesteckt
und die übrigen in einen starken Zopf geflochten der ihm den Rücken herunter
hing Da mir seine Kleidung einen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen
schien glaubte ich er würde es nicht übelnehmen wenn ich auf seine
Beschäftigung aufmerksam wäre und daher fragte ich ihn was er suchte »Ich
suche« antwortete er mit einem tiefen Seufzer »Blumen und finde keine«
»Das ist auch die Jahreszeit nicht« sagte ich lächelnd »Es gibt so viele
Blumen« sagte er indem er zu mir herunterkam »In meinem Garten sind Rosen und
Jelängerjelieber zweierlei Sorten eine hat mir mein Vater gegeben sie wachsen
wie Unkraut ich suche schon zwei Tage danach und kann sie nicht finden Da
haussen sind auch immer Blumen gelbe und blaue und rote und das
Tausendgüldenkraut hat ein schönes Blümchen Keines kann ich finden« Ich
merkte was Unheimliches und drum fragte ich durch einen Umweg »Was will Er
denn mit den Blumen« Ein wunderbares zuckendes Lächeln verzog sein Gesicht
»Wenn Er mich nicht verraten will« sagte er indem er den Finger auf den Mund
drückte »ich habe meinem Schatz einen Strauss versprochen« »Das ist brav«
sagte ich »O« sagte er »sie hat viel andere Sachen sie ist reich« »Und
doch hat sie Seinen Strauss lieb« versetzte ich »O« fuhr er fort »sie hat
Juwelen und eine Krone« »Wie heißt sie denn« »Wenn mich die Generalstaaten
bezahlen wollten« versetzte er »ich wär ein anderer Mensch Ja es war einmal
eine Zeit da mir es so wohl war Jetzt ist es aus mit mir Ich bin nun « Ein
nasser Blick zum Himmel drückte alles aus »Er war also glücklich« fragte
ich »Ach ich wollte ich wäre wieder so« sagte er »Da war mir es so wohl
so lustig so leicht wie einem Fisch im Wasser« »Heinrich« rief eine alte
Frau die den Weg herkam »Heinrich wo steckst du Wir haben dich überall
gesucht komm zum Essen« »Ist das Euer Sohn« fragt ich zu ihr tretend
»Wohl mein armer Sohn« versetzte sie »Gott hat mir ein schweres Kreuz
aufgelegt« »Wie lange ist er so« fragte ich »So stille« sagte sie »ist
er nun ein halbes Jahr Gott sei Dank dass er nur so weit ist vorher war er ein
ganzes Jahr rasend da hat er an Ketten im Tollhause gelegen Jetzt tut er
niemand nichts nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen Er war ein
so guter stiller Mensch der mich ernähren half seine schöne Hand schrieb und
auf einmal wird er tiefsinnig fällt in ein hitziges Fieber daraus in Raserei
und nun ist er wie Sie ihn sehen Wenn ich Ihnen erzählen sollte Herr «
Ich unterbrach den Strom ihrer Worte mit der Frage »Was war denn das für eine
Zeit von der er rühmt dass er so glücklich so wohl darin gewesen sei« »Der
törichte Mensch« rief sie mit mitleidigem Lächeln »da meint er die Zeit da er
von sich war das rühmt er immer das ist die Zeit da er im Tollhause war wo
er nichts von sich wusste« Das fiel mir auf wie ein Donnerschlag ich drückte
ihr ein Stück Geld in die Hand und verließ sie eilend
Da du glücklich warst rief ich aus schnell vor mich hin nach der Stadt zu
gehend da dir es wohl war wie einem Fisch im Wasser Gott im Himmel hast du
das zum Schicksale der Menschen gemacht dass sie nicht glücklich sind als ehe
sie zu ihrem Verstande kommen und wenn sie ihn wieder verlieren Elender und
auch wie beneide ich deinen Trübsinn die Verwirrung deiner Sinne in der du
verschmachtest Du gehst hoffnungsvoll aus deiner Königin Blumen zu pflücken
im Winter und trauerst da du keine findest und begreifst nicht warum du
keine finden kannst Und ich und ich gehe ohne Hoffnung ohne Zweck heraus und
kehre wieder heim wie ich gekommen bin Du wähnst welcher Mensch du sein
würdest wenn die Generalstaaten dich bezahlten Seliges Geschöpf das den
Mangel seiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann Du
fühlst nicht du fühlst nicht dass in deinem zerstörten Herzen in deinem
zerrütteten Gehirne dein Elend liegt wovon alle Könige der Erde dir nicht
helfen können
Müsse der trostlos umkommen der eines Kranken spottet der nach der
entferntesten Quelle reist die seine Krankheit vermehren sein Ausleben
schmerzhafter machen wird der sich über das bedrängte Herz erhebt das um
seine Gewissensbisse loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun eine
Pilgrimschaft nach dem heiligen Grabe tut Jeder Fußtritt der seine Sohlen auf
ungebahntem Wege durchschneidet ist ein Linderungstropfen der geängsteten
Seele und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich das Herz um viele
Bedrängnisse leichter nieder Und dürft ihr das Wahn nennen ihr Wortkrämer
auf euren Polstern Wahn O Gott du siehst meine Tränen Musstest du der du
den Menschen arm genug erschufst ihm auch Brüder zugeben die ihm das bisschen
Armut das bisschen Vertrauen noch raubten das er auf dich hat auf dich du All
liebender Denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel zu den Tränen des
Weinstockes was ist es als Vertrauen zu dir dass du in alles was uns umgibt
Heil und Linderungskraft gelegt hast der wir so stündlich bedürfen Vater
den ich nicht kenne Vater der sonst meine ganze Seele füllte und nun sein
Angesicht von mir gewendet hat rufe mich zu dir Schweige nicht länger Dein
Schweigen wird diese dürstende Seele nicht aufhalten Und würde ein Mensch ein
Vater zürnen können dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Hals fiele
und riefe »Ich bin wieder da mein Vater Zürne nicht dass ich die Wanderschaft
abbreche die ich nach deinem Willen länger aushalten sollte Die Welt ist
überall einerlei auf Mühe und Arbeit Lohn und Freude aber was soll mir das
mir ist nur wohl wo du bist und vor deinem Angesichte will ich leiden und
genießen« Und du lieber himmlischer Vater solltest ihn von dir weisen
Am 1 Dezember
Wilhelm Der Mensch von dem ich dir schrieb der glückliche Unglückliche war
Schreiber bei Lottens Vater und eine Leidenschaft zu ihr die er nährte
verbarg entdeckte und worüber er aus dem Dienst geschickt wurde hat ihn rasend
gemacht Fühle bei diesen trocknen Worten mit welchem Unsinne mich die
Geschichte ergriffen hat da mir sie Albert ebenso gelassen erzählte als du sie
vielleicht liesest
Am 4 Dezember
Ich bitte dich Siehst du mit mir ists aus ich trag es nicht länger Heute
saß ich bei ihr saß sie spielte auf ihrem Klavier mannigfaltige Melodien
und all den Ausdruck all all Was willst du Ihr Schwesterchen putzte
ihre Puppe auf meinem Knie Mir kamen die Tränen in die Augen Ich neigte mich
und ihr Trauring fiel mir ins Gesicht meine Tränen flossen Und auf einmal
fiel sie in die alte himmelsüsse Melodie ein so auf einmal und mir durch die
Seele gehen ein Trostgefühl und eine Erinnerung des Vergangenen der Zeiten da
ich das Lied gehört der düstern Zwischenräume des Verdrusses der
fehlgeschlagenen Hoffnungen und dann Ich ging in der Stube auf und nieder
mein Herz erstickte unter dem Zudringen »Um Gottes willen« sagte ich mit
einem heftigen Ausbruch hin gegen sie fahrend »um Gottes willen hören Sie
auf« Sie hielt und sah mich starr an »Werter« sagte sie mit einem Lächeln
das mir durch die Seele ging »Werter Sie sind sehr krank Ihre
Lieblingsgerichte widerstehen Ihnen Gehen Sie Ich bitte Sie beruhigen Sie
sich« Ich riss mich von ihr weg und Gott du siehst mein Elend und wirst es
enden
Am 6 Dezember
Wie mich die Gestalt verfolgt Wachend und träumend füllt sie meine ganze Seele
Hier wenn ich die Augen schließe hier in meiner Stirne wo die innere Sehkraft
sich vereinigt stehen ihre schwarzen Augen Hier ich kann dir es nicht
ausdrücken Mache ich meine Augen zu so sind sie da wie ein Meer wie ein
Abgrund ruhen sie vor mir in mir füllen die Sinne meiner Stirn
Was ist der Mensch der gepriesene Halbgott Ermangeln ihm nicht eben da die
Kräfte wo er sie am nötigsten braucht Und wenn er in Freude sich aufschwingt
oder im Leiden versinkt wird er nicht in beiden eben da aufgehalten eben da zu
dem stumpfen kalten Bewusstsein wieder zurückgebracht da er sich in der Fülle
des Unendlichen zu verlieren sehnte
Der Herausgeber an den Leser
Wie sehr wünscht ich dass uns von den letzten merkwürdigen Tagen unsers
Freundes so viel eigenhändige Zeugnisse übrig geblieben wären dass ich nicht
nötig hätte die Folge seiner hinterlassnen Briefe durch Erzählung zu
unterbrechen
Ich habe mir angelegen sein lassen genaue Nachrichten aus dem Munde derer
zu sammeln die von seiner Geschichte wohl unterrichtet sein konnten sie ist
einfach und es kommen alle Erzählungen davon bis auf wenige Kleinigkeiten
miteinander überein nur über die Sinnesarten der handelnden Personen sind die
Meinungen verschieden und die Urteile geteilt
Was bleibt uns übrig als dasjenige was wir mit wiederholter Mühe erfahren
können gewissenhaft zu erzählen die von dem Abscheidenden hinterlassnen Briefe
einzuschalten und das kleinste aufgefundene Blättchen nicht gering zu achten
zumal da es so schwer ist die eigensten wahren Triebfedern auch nur einer
einzelnen Handlung zu entdecken wenn sie unter Menschen vorgeht die nicht
gemeiner Art sind
Unmut und Unlust hatten in Werters Seele immer tiefer Wurzel geschlagen
sich fester untereinander verschlungen und sein ganzes Wesen nach und nach
eingenommen Die Harmonie seines Geistes war völlig zerstört eine innerliche
Hitze und Heftigkeit die alle Kräfte seiner Natur durcheinanderarbeitete
brachte die widrigsten Wirkungen hervor und ließ ihm zuletzt nur eine Ermattung
übrig aus der er noch ängstlicher empor strebte als er mit allen Übeln bisher
gekämpft hatte Die Beängstigung seines Herzens zehrte die übrigen Kräfte seines
Geistes seine Lebhaftigkeit seinen Scharfsinn auf er ward ein trauriger
Gesellschafter immer unglücklicher und immer ungerechter je unglücklicher er
ward Wenigstens sagen dies Alberts Freunde sie behaupten dass Werter einen
reinen ruhigen Mann der nun eines lang gewünschten Glückes teilhaftig
geworden und sein Betragen sich dieses Glück auch auf die Zukunft zu erhalten
nicht habe beurteilen können er der gleichsam mit jedem Tage sein ganzes
Vermögen verzehrte um an dem Abend zu leiden und zu darben Albert sagen sie
hatte sich in so kurzer Zeit nicht verändert er war noch immer derselbige den
Werter so vom Anfang her kannte so sehr schätzte und ehrte Er liebte Lotten
über alles er war stolz auf sie und wünschte sie auch von jedermann als das
herrlichste Geschöpf anerkannt zu wissen War es ihm daher zu verdenken wenn er
auch jeden Schein des Verdachtes abzuwenden wünschte wenn er in dem Augenblicke
mit niemand diesen köstlichen Besitz auch auf die unschuldigste Weise zu teilen
Lust hatte Sie gestehen ein dass Albert oft das Zimmer seiner Frau verlassen
wenn Werter bei ihr war aber nicht aus Hass noch Abneigung gegen seinen Freund
sondern nur weil er gefühlt habe dass dieser von seiner Gegenwart gedrückt sei
Lottens Vater war von einem Übel befallen worden das ihn in der Stube
hielt er schickte ihr seinen Wagen und sie fuhr hinaus Es war ein schöner
Wintertag der erste Schnee war stark gefallen und deckte die ganze Gegend
Werter ging ihr den andern Morgen nach um wenn Albert Sie nicht abzuholen
käme sie hereinzubegleiten
Das klare Wetter konnte wenig auf sein trübes Gemüt wirken ein dumpfer
Druck lag auf seiner Seele die traurigen Bilder hatten sich bei ihm
festgesetzt und sein Gemüt kannte keine Bewegung als von einem schmerzlichen
Gedanken zum andern
Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte schien ihm auch der Zustand
andrer nur bedenklicher und verworrner er glaubte das schöne Verhältnis
zwischen Albert und seiner Gattin gestört zu haben er machte sich Vorwürfe
darüber in die sich ein heimlicher Unwille gegen den Gatten mischte
Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand »Ja ja« sagte
er zu sich selbst mit heimlichem Zähneknirschen »das ist der vertraute
freundliche zärtliche an allem teilnehmende Umgang die ruhige dauernde
Treue Sattigkeit ists und Gleichgültigkeit Zieht ihn nicht jedes elende
Geschäft mehr an als die teure köstliche Frau Weiß er sein Glück zu schätzen
Weiß er sie zu achten wie sie es verdient Er hat sie nun gut er hat sie
Ich weiß das wie ich was anders auch weiß ich glaube an den Gedanken gewöhnt
zu sein er wird mich noch rasend machen er wird mich noch umbringen Und hat
denn die Freundschaft zu mir Stich gehalten Sieht er nicht in meiner
Anhänglichkeit an Lotten schon einen Eingriff in seine Rechte in meiner
Aufmerksamkeit für sie einen stillen Vorwurf Ich weiß es wohl ich fühl es er
sieht mich ungern er wünscht meine Entfernung meine Gegenwart ist ihm
beschwerlich«
Oft hielt er seinen raschen Schritt an oft stand er stille und schien
umkehren zu wollen allein er richtete seinen Gang immer wieder vorwärts und war
mit diesen Gedanken und Selbstgesprächen endlich gleichsam wider Willen bei dem
Jagdhause angekommen
Er trat in die Tür fragte nach dem Alten und nach Lotten er fand das Haus
in einiger Bewegung Der älteste Knabe sagte ihm es sei drüben in Wahlheim ein
Unglück geschehen es sei ein Bauer erschlagen worden Es machte das weiter
keinen Eindruck auf ihn Er trat in die Stube und fand Lotten beschäftigt dem
Alten zuzureden der ungeachtet seiner Krankheit hinüber wollte um an Ort und
Stelle die Tat zu untersuchen Der Täter war noch unbekannt man hatte den
Erschlagenen des Morgens vor der Haustür gefunden man hatte Mutmaßungen der
Entleibte war Knecht einer Witwe die vorher einen andern im Dienste gehabt der
mit Unfrieden aus dem Hause gekommen war
Da Werter dieses hörte fuhr er mit Heftigkeit auf »Ists möglich« rief
er aus »ich muss hinüber ich kann nicht einen Augenblick ruhen« Er eilte nach
Wahlheim zu jede Erinnerung ward ihm lebendig und er zweifelte nicht einen
Augenblick dass jener Mensch die Tat begangen den er so manchmal gesprochen
der ihm so wert geworden war
Da er durch die Linden musste um nach der Schenke zu kommen wo sie den
Körper hingelegt hatten entsetzt er sich vor dem sonst so geliebten Platze
Jene Schwelle worauf die Nachbarskinder so oft gespielt hatten war mit Blut
besudelt Liebe und Treue die schönsten menschlichen Empfindungen hatten sich
in Gewalt und Mord verwandelt Die starken Bäume standen ohne Laub und bereift
die schönen Hecken die sich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten waren
entblättert und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt durch die Lücken
hervor
Als er sich der Schenke näherte vor welcher das ganze Dorf versammelt war
entstand auf einmal ein Geschrei Man erblickte von fern einen Trupp bewaffneter
Männer und ein jeder rief dass man den Täter herbeiführe Werter sah hin und
blieb nicht lange zweifelhaft Ja es war der Knecht der jene Witwe so sehr
liebte den er vor einiger Zeit mit dem stillen Grimme mit der heimlichen
Verzweiflung umhergehend angetroffen hatte
»Was hast du begangen Unglücklicher« rief Werter aus indem er auf den
Gafangenen losging Dieser sah ihn still an schwieg und versetzte endlich ganz
gelassen »Keiner wird sie haben sie wird keinen haben« Man brachte den
Gafangenen in die Schenke und Werter eilte fort
Durch die entsetzliche gewaltige Berührung war alles was in seinem Wesen
lag durcheinandergeschüttelt worden Aus seiner Trauer seinem Missmut seiner
gleichgültigen Hingegebenheit wurde er auf einen Augenblick herausgerissen
unüberwindlich bemächtigte sich die Teilnehmung seiner und es ergriff ihn eine
unsägliche Begierde den Menschen zu retten Er fühlte ihn so unglücklich er
fand ihn als Verbrecher selbst so schuldlos er setzte sich so tief in seine
Lage dass er gewiss glaubte auch andere davon zu überzeugen Schon wünschte er
für ihn sprechen zu können schon drängte sich der lebhafteste Vortrag nach
seinen Lippen er eilte nach dem Jagdhause und konnte sich unterwegs nicht
enthalten alles das was er dem Amtmann vorstellen wollte schon halblaut
auszusprechen
Als er in die Stube trat fand er Alberten gegenwärtig dies verstimmte ihn
einen Augenblick doch fasste er sich bald wieder und trug dem Amtmann feurig
seine Gesinnungen vor Dieser schüttelte einigemal den Kopf und obgleich
Werter mit der größten Lebhaftigkeit Leidenschaft und Wahrheit alles
vorbrachte was ein Mensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann so war
doch wie sichs leicht denken lässt der Amtmann dadurch nicht gerührt Er ließ
vielmehr unsern Freund nicht ausreden widersprach ihm eifrig und tadelte ihn
dass er einen Meuchelmörder in Schutz nehme er zeigte ihm dass auf diese Weise
jedes Gesetz aufgehoben alle Sicherheit des Staats zugrund gerichtet werde
auch setzte er hinzu dass er in einer solchen Sache nichts tun könne ohne sich
die größte Verantwortung aufzuladen es müsse alles in der Ordnung in dem
vorgeschriebenen Gang gehen
Werter ergab sich noch nicht sondern bat nur der Amtmann möchte durch die
Finger sehen wenn man dem Menschen zur Flucht behilflich wäre Auch damit wies
ihn der Amtmann ab Albert der sich endlich ins Gespräch mischte trat auch auf
des Alten Seite Werter wurde überstimmt und mit einem entsetzlichen Leiden
machte er sich auf den Weg nachdem ihm der Amtmann einigemal gesagt hatte
»Nein er ist nicht zu retten«
Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein müssen sehen wir aus einem
Zettelchen das sich unter seinen Papieren fand und das gewiss an dem nämlichen
Tage geschrieben worden
»Du bist nicht zu retten Unglücklicher ich sehe wohl dass wir nicht zu retten
sind«
Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart des Amtmanns
gesprochen war Wertern höchst zuwider gewesen er glaubte einige
Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben und wenn gleich bei mehrerem
Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging dass beide Männer recht haben
möchten so war es ihm doch als ob er seinem innersten Dasein entsagen müsste
wenn er es gestehen wenn er es zugeben sollte
Ein Blättchen das sich darauf bezieht das vielleicht sein ganzes
Verhältnis zu Albert ausdrückt finden wir unter seinen Papieren
»Was hilft es dass ich mirs sage und wieder sage er ist brav und gut aber es
zerreißt mir mein inneres Eingeweide ich kann nicht gerecht sein«
Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing sich zum Tauen zu neigen
ging Lotte mit Alberten zu Fuße zurück Unterwegs sah sie sich hier und da um
eben als wenn sie Werters Begleitung vermisste Albert fing von ihm an zu reden
er tadelte ihn indem er ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ Er berührte seine
unglückliche Leidenschaft und wünschte dass es möglich sein möchte ihn zu
entfernen »Ich wünsch es auch um unsertwillen« sagt er »und ich bitte
dich« fuhr er fort »siehe zu seinem Betragen gegen dich eine andere Richtung
zu geben seine öfteren Besuche zu vermindern Die Leute werden aufmerksam und
ich weiß dass man hier und da drüber gesprochen hat« Lotte schwieg und
Albert schien ihr Schweigen empfunden zu haben wenigstens seit der Zeit
erwähnte er Werters nicht mehr gegen sie und wenn sie seiner erwähnte ließ er
das Gespräch fallen oder lenkte es woanders hin
Der vergebliche Versuch den Werter zur Rettung des Unglücklichen gemacht
hatte war das letzte Auflodern der Flamme eines verlöschenden Lichtes er
versank nur desto tiefer in Schmerz und Untätigkeit besonders kam er fast außer
sich als er hörte dass man ihn vielleicht gar zum Zeugen gegen den Menschen
der sich nun aufs Leugnen legte auffordern könnte
Alles was ihm Unangenehmes jemals in seinem wirksamen Leben begegnet war
der Verdruss bei der Gesandtschaft alles was ihm sonst misslungen war was ihn je
gekränkt hatte ging in seiner Seele auf und nieder Er fand sich durch alles
dieses wie zur Untätigkeit berechtigt er fand sich abgeschnitten von aller
Aussicht unfähig irgendeine Handhabe zu ergreifen mit denen man die Geschäfte
des gemeinen Lebens anfasst und so rückte er endlich ganz seiner wunderbaren
Empfindung Denkart und einer endlosen Leidenschaft hingegeben in dem ewigen
Einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswürdigen und geliebten
Geschöpfe dessen Ruhe er störte in seine Kräfte stürmend sie ohne Zweck und
Aussicht abarbeitend immer einem traurigen Ende näher
Von seiner Verworrenheit Leidenschaft von seinem rastlosen Treiben und
Streben von seiner Lebensmüde sind einige hinterlassne Briefe die stärksten
Zeugnisse die wir hier einrücken wollen
»Am 12 Dezember
Lieber Wilhelm ich bin in einem Zustande in dem jene Unglücklichen gewesen
sein müssen von denen man glaubte sie würden von einem bösen Geiste
umhergetrieben Manchmal ergreift michs es ist nicht Angst nicht Begier es
ist ein inneres unbekanntes Toben das meine Brust zu zerreißen droht das mir
die Gurgel zupresst Wehe wehe und dann schweife ich umher in den furchtbaren
nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit
Gestern abend musste ich hinaus Es war plötzlich Tauwetter eingefallen ich
hatte gehört der Fluss sei übergetreten alle Bäche geschwollen und von Wahlheim
herunter mein liebes Tal überschwemmt Nachts nach eilfe rannte ich hinaus Ein
fürchterliches Schauspiel vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem
Mondlichte wirbeln zu sehen über Äcker und Wiesen und Hecken und alles und das
weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes Und wenn
dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte und vor mir
hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang da
überfiel mich ein Schauer und wieder ein Sehnen Ach mit offenen Armen stand
ich gegen den Abgrund und atmete hinab hinab und verlor mich in der Wonne
meine Qualen meine Leiden da hinabzustürmen dahinzubrausen wie die Wellen O
und den Fuß vom Boden zu heben vermochtest du nicht und alle Qualen zu enden
Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen ich fühle es O Wilhelm wie gern hätte
ich mein Menschsein drum gegeben mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreißen
die Fluten zu fassen Ha und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal
diese Wonne zuteil
Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen wo ich mit Lotten unter
einer Weide geruht auf einem heißen Spaziergange das war auch überschwemmt
und kaum dass ich die Weide erkannte Wilhelm Und ihre Wiesen dachte ich die
Gegend um ihr Jagdhaus wie verstört jetzt vom reißenden Strome unsere Laube
dacht ich Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein wie einem
Gefangenen ein Traum von Herden Wiesen und Ehrenämtern Ich stand Ich
schelte mich nicht denn ich habe Mut zu sterben Ich hätte Nun sitze ich
hier wie ein altes Weib das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihr Brot an den
Türen um ihr hinsterbendes freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu
verlängern und zu erleichtern«
»Am 14 Dezember
Was ist das mein Lieber Ich erschrecke vor mir selbst Ist nicht meine Liebe
zu ihr die heiligste reinste brüderlichste Liebe Habe ich jemals einen
strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt Ich will nicht beteuern Und nun
Träume O wie wahr fühlten die Menschen die so widersprechende Wirkungen
fremden Mächten zuschrieben Diese Nacht ich zittere es zu sagen hielt ich
sie in meinen Armen fest an meinen Busen gedrückt und deckte ihren
liebelispelnden Mund mit unendlichen Küssen mein Auge schwamm in der
Trunkenheit des ihrigen Gott bin ich strafbar dass ich auch jetzt noch eine
Seligkeit fühle mir diese glühenden Freuden mit voller Innigkeit zurückzurufen
Lotte Lotte Und mit mir ist es aus Meine Sinne verwirren sich schon acht
Tage habe ich keine Besinnungskraft mehr meine Augen sind voll Tränen Ich bin
nirgend wohl und überall wohl Ich wünsche nichts verlange nichts Mir wäre
besser ich ginge«
Der Entschluss die Welt zu verlassen hatte in dieser Zeit unter solchen
Umständen in Werters Seele immer mehr Kraft gewonnen Seit der Rückkehr zu
Lotten war es immer seine letzte Aussicht und Hoffnung gewesen doch hatte er
sich gesagt es solle keine übereilte keine rasche Tat sein er wolle mit der
besten Überzeugung mit der möglichst ruhigen Entschlossenheit diesen Schritt
tun
Seine Zweifel sein Streit mit sich selbst blicken aus einem Zettelchen
hervor das wahrscheinlich ein angefangener Brief an Wilhelm ist und ohne Datum
unter seinen Papieren gefunden worden
»Ihre Gegenwart ihr Schicksal ihre Teilnehmung an dem meinigen presst noch die
letzten Tränen aus meinem versengten Gehirne
Den Vorhang aufzuheben und dahinter zu treten das ist alles Und warum das
Zaudern und Zagen Weil man nicht weiß wie es dahinten aussieht und man nicht
wiederkehrt Und dass das nun die Eigenschaft unseres Geistes ist da Verwirrung
und Finsternis zu ahnen wovon wir nichts Bestimmtes wissen«
Endlich ward er mit dem traurigen Gedanken immer mehr verwandt und befreundet
und sein Vorsatz fest und unwiderruflich wovon folgender zweideutige Brief den
er an seinen Freund schrieb ein Zeugnis abgibt
»Am 20 Dezember
Ich danke deiner Liebe Wilhelm dass du das Wort so aufgefangen hast Ja du
hast recht mir wäre besser ich ginge Der Vorschlag den du zu einer Rückkehr
zu euch tust gefällt mir nicht ganz wenigstens möchte ich noch gern einen
Umweg machen besonders da wir anhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben
Auch ist mir es sehr lieb dass du kommen willst mich abzuholen verziehe nur
noch vierzehn Tage und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren Es
ist nötig dass nichts gepflückt werde ehe es reif ist Und vierzehn Tage auf
oder ab tun viel Meiner Mutter sollst du sagen dass sie für ihren Sohn beten
soll und dass ich sie um Vergebung bitte wegen alles Verdrusses den ich ihr
gemacht habe Das war nun mein Schicksal die zu betrüben denen ich Freude
schuldig war Leb wohl mein Teuerster Allen Segen des Himmels über dich Leb
wohl«
Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging wie ihre Gesinnungen gegen ihren
Mann gegen ihren unglücklichen Freund gewesen getrauen wir uns kaum mit Worten
auszudrücken ob wir uns gleich davon nach der Kenntnis ihres Charakters wohl
einen stillen Begriff machen können und eine schöne weibliche Seele sich in die
ihrige denken und mit ihr empfinden kann
So viel ist gewiss sie war fest bei sich entschlossen alles zu tun um
Wertern zu entfernen und wenn sie zauderte so war es eine herzliche
freundschaftliche Schonung weil sie wusste wie viel es ihm kosten ja dass es
ihm beinahe unmöglich sein würde Doch ward sie in dieser Zeit mehr gedrängt
Ernst zu machen es schwieg ihr Mann ganz über dies Verhältnis wie sie auch
immer darüber geschwiegen hatte und um so mehr war ihr angelegen ihm durch die
Tat zu beweisen wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien
An demselben Tage als Werter den zuletzt eingeschalteten Brief an seinen
Freund geschrieben es war der Sonntag vor Weihnachten kam er abends zu Lotten
und fand sie allein Sie beschäftigte sich einige Spielwerke in Ordnung zu
bringen die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht
hatte Er redete von dem Vergnügen das die Kleinen haben würden und von den
Zeiten da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines
aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische
Entzückung setzte »Sie sollen« sagte Lotte indem sie ihre Verlegenheit
unter ein liebes Lächeln verbarg »Sie sollen auch beschert kriegen wenn Sie
recht geschickt sind ein Wachsstöckchen und noch was« »Und was heißen Sie
geschickt sein« rief er aus »wie soll ich sein wie kann ich sein beste
Lotte« »Donnerstag abend« sagte sie »ist Weihnachtsabend da kommen die
Kinder mein Vater auch da kriegt jedes das Seinige da kommen Sie auch aber
nicht eher« Werter stutzte »Ich bitte Sie« fuhr sie fort »es ist nun
einmal so ich bitte Sie um meiner Ruhe willen es kann nicht es kann nicht so
bleiben« Er wendete seine Augen von ihr und ging in der Stube auf und ab und
murmelte das »Es kann nicht so bleiben« zwischen den Zähnen Lotte die den
schrecklichen Zustand fühlte worein ihn diese Worte versetzt hatten suchte
durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken aber vergebens »Nein
Lotte« rief er aus »ich werde Sie nicht wiedersehen« »Warum das« versetzte
sie »Werter Sie können Sie müssen uns wiedersehen nur mäßigen Sie sich O
warum mussten Sie mit dieser Heftigkeit dieser unbezwinglich haftenden
Leidenschaft für alles was Sie einmal anfassen geboren werden Ich bitte Sie«
fuhr sie fort indem sie ihn bei der Hand nahm »mäßigen Sie sich Ihr Geist
Ihre Wissenschaften Ihre Talente was bieten die Ihnen für mannigfaltige
Ergetzungen dar Sein Sie ein Mann wenden Sie diese traurige Anhänglichkeit von
einem Geschöpf das nichts tun kann als Sie bedauern« Er knirrte mit den
Zähnen und sah sie düster an Sie hielt seine Hand »Nur einen Augenblick
ruhigen Sinn Werter« sagte sie »Fühlen Sie nicht dass Sie sich betriegen
sich mit Willen zugrunde richten Warum denn mich Werter just mich das
Eigentum eines andern just das Ich fürchte ich fürchte es ist nur die
Unmöglichkeit mich zu besitzen die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht« Er
zog seine Hand aus der ihrigen indem er sie mit einem starren unwilligen Blick
ansah »Weise« rief er »sehr weise hat vielleicht Albert diese Anmerkung
gemacht Politisch sehr politisch« »Es kann sie jeder machen« versetzte sie
drauf »Und sollte denn in der weiten Welt kein Mädchen sein das die Wünsche
Ihres Herzens erfüllte Gewinnen Sies über sich suchen Sie danach und ich
schwöre Ihnen Sie werden sie finden denn schon lange ängstigt mich für Sie
und uns die Einschränkung in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt haben
Gewinnen Sie es über sich eine Reise wird Sie muss Sie zerstreuen Suchen Sie
finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe und kehren Sie zurück und
lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft genießen«
»Das könnte man« sagte er mit einem kalten Lachen »drucken lassen und
allen Hofmeistern empfehlen Liebe Lotte lassen Sie mir noch ein klein wenig
Ruh es wird alles werden« »Nur das Werter dass Sie nicht eher kommen als
Weihnachtsabend« Er wollte antworten und Albert trat in die Stube Man bot
sich einen frostigen Guten Abend und ging verlegen im Zimmer neben einander auf
und nieder Werter fing einen unbedeutenden Diskurs an der bald aus war
Albert desgleichen der sodann seine Frau nach gewissen Aufträgen fragte und
als er hörte sie seien noch nicht ausgerichtet ihr einige Worte sagte die
Wertern kalt ja gar hart vorkamen Er wollte gehen er konnte nicht und
zauderte bis acht da sich denn sein Unmut und Unwillen immer vermehrte bis der
Tisch gedeckt wurde und er Hut und Stock nahm Albert lud ihn zu bleiben er
aber der nur ein unbedeutendes Kompliment zu hören glaubte dankte kalt dagegen
und ging weg
Er kam nach Hause nahm seinem Burschen der ihm leuchten wollte das Licht
aus der Hand und ging allein in sein Zimmer weinte laut redete aufgebracht mit
sich selbst ging heftig die Stube auf und ab und warf sich endlich in seinen
Kleidern aufs Bette wo ihn der Bediente fand der es gegen eilfe wagte
hineinzugehn um zu fragen ob er dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte das
er denn zuließ und dem Bedienten verbot den andern Morgen ins Zimmer zu kommen
bis er ihm rufen würde
Montags früh den einundzwanzigsten Dezember schrieb er folgenden Brief an
Lotten den man nach seinem Tode versiegelt auf seinem Schreibtische gefunden
und ihr überbracht hat und den ich absatzweise hier einrücken will so wie aus
den Umständen erhellet dass er ihn geschrieben habe
»Es ist beschlossen Lotte ich will sterben und das schreibe ich dir ohne
romantische Überspannung gelassen an dem Morgen des Tages an dem ich dich zum
letzten Male sehen werde Wenn du dieses liesest meine Beste deckt schon das
kühle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen Unglücklichen der für die
letzten Augenblicke seines Lebens keine größere Süßigkeit weiß als sich mit dir
zu unterhalten Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt und ach eine
wohltätige Nacht Sie ist es die meinen Entschluss befestiget bestimmt hat ich
will sterben Wie ich mich gestern von dir riss in der fürchterlichen Empörung
meiner Sinne wie sich alles das nach meinem Herzen drängte und mein
hoffnungsloses freudeloses Dasein neben dir in grässlicher Kälte mich anpackte
ich erreichte kaum mein Zimmer ich warf mich außer mir auf meine Knie und o
Gott du gewährtest mir das letzte Labsal der bittersten Tränen Tausend
Anschläge tausend Aussichten wüteten durch meine Seele und zuletzt stand er
da fest ganz der letzte einzige Gedanke ich will sterben Ich legte mich
nieder und morgens in der Ruhe des Erwachens steht er noch fest noch ganz
stark in meinem Herzen ich will sterben Es ist nicht Verzweiflung es ist
Gewissheit dass ich ausgetragen habe und dass ich mich opfere für dich Ja
Lotte warum sollte ich es verschweigen Eins von uns dreien muss hinweg und das
will ich sein O meine Beste in diesem zerrissenen Herzen ist es wütend
herumgeschlichen oft deinen Mann zu ermorden dich mich So sei es
denn Wenn du hinaufsteigst auf den Berg an einem schönen Sommerabende dann
erinnere dich meiner wie ich so oft das Tal heraufkam und dann blicke nach dem
Kirchhofe hinüber nach meinem Grabe wie der Wind das hohe Gras im Scheine der
sinkenden Sonne hin und her wiegt Ich war ruhig da ich anfing nun nun
weine ich wie ein Kind da alles das so lebhaft um mich wird «
Gegen zehn Uhr rief Werter seinem Bedienten und unter dem Anziehen sagte er
ihm wie er in einigen Tagen verreisen würde er solle daher die Kleider
auskehren und alles zum Einpacken zurecht machen auch gab er ihm Befehl
überall Kontos zu fordern einige ausgeliehene Bücher abzuholen und einigen
Armen denen er wöchentlich etwas zu geben gewohnt war ihr Zugeteiltes auf zwei
Monate voraus zu bezahlen
Er ließ sich das Essen auf die Stube bringen und nach Tische ritt er hinaus
zum Amtmanne den er nicht zu Hause antraf Er ging tiefsinnig im Garten auf und
ab und schien noch zuletzt alle Schwermut der Erinnerung auf sich häufen zu
wollen
Die Kleinen ließ ihn nicht lange in Ruhe sie verfolgten ihn sprangen an
ihm hinauf erzählen ihm dass wenn morgen und wieder morgen und noch ein Tag
wäre sie die Christgeschenke bei Lotten holten und erzählten ihm Wunder die
sich ihre kleine Einbildungskraft versprach »Morgen« rief er aus »und
wieder morgen und noch ein Tag« und küsste sie alle herzlich und wollte sie
verlassen als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte Der verriet
ihm die großen Brüder hätten schöne Neujahrswünsche geschrieben so groß und
einen für den Papa für Albert und Lotten einen und auch einen für Herrn
Werter die wollten sie am Neujahrstage früh überreichen Das übermannte ihn
er schenkte jedem etwas setzte sich zu Pferde ließ den Alten grüßen und ritt
mit Tränen in den Augen davon
Gegen fünf kam er nach Hause befahl der Magd nach dem Feuer zu sehen und
es bis in die Nacht zu unterhalten Den Bedienten hieß er Bücher und Wäsche
unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen Darauf schrieb er
wahrscheinlich folgenden Absatz seines letzten Briefes an Lotten
»Du erwartest mich nicht du glaubst ich würde gehorchen und erst
Weihnachtsabend dich wieder sehen O Lotte heut oder nie mehr Weihnachtsabend
hältst du dieses Papier in deiner Hand zitterst und benetzest es mit deinen
lieben Tränen Ich will ich muss O wie wohl ist es mir dass ich entschlossen
bin«
Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten Nach der letzten
Unterredung mit Wertern hatte sie empfunden wie schwer es ihr fallen werde
sich von ihm zu trennen was er leiden würde wenn er sich von ihr entfernen
sollte
Es war wie im Vorübergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden dass Werter
vor Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde und Albert war zu einem Beamten
in der Nachbarschaft geritten mit dem er Geschäfte abzutun hatte und wo er
über Nacht ausbleiben musste
Sie saß nun allein keins von ihren Geschwistern war um sie sie überließ
sich ihren Gedanken die stille über ihren Verhältnissen herumschweiften Sie
sah sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden dessen Liebe und Treue sie kannte
dem sie von Herzen zugetan war dessen Ruhe dessen Zuverlässigkeit recht vom
Himmel dazu bestimmt zu sein schien dass eine wackere Frau das Glück ihres
Lebens darauf gründen sollte sie fühlte was er ihr und ihren Kindern auf immer
sein würde Auf der andern Seite war ihr Werter so teuer geworden gleich von
dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an hatte sich die Übereinstimmung
ihrer Gemüter so schön gezeigt der lange dauernde Umgang mit ihm so manche
durchlebte Situationen hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz
gemacht Alles was sie Interessantes fühlte und dachte war sie gewohnt mit ihm
zu teilen und seine Entfernung drohte in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu
reißen die nicht wieder ausgefüllt werden konnte O hätte sie ihn in dem
Augenblick zum Bruder umwandeln können wie glücklich wäre sie gewesen Hätte
sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen hätte sie hoffen können
auch sein Verhältnis gegen Albert ganz wieder herzustellen
Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand bei einer
jeglichen etwas auszusetzen fand keine der sie ihn gegönnt hätte
Über allen diesen Betrachtungen fühlte sie erst tief ohne sich es deutlich
zu machen dass ihr herzliches heimliches Verlangen sei ihn für sich zu
behalten und sagte sich daneben dass sie ihn nicht behalten könne behalten
dürfe ihr reines schönes sonst so leichtes und leicht sich helfendes Gemüt
empfand den Druck einer Schwermut dem die Aussicht zum Glück verschlossen ist
Ihr Herz war gepresst und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge
So war es halb sieben geworden als sie Wertern die Treppe heraufkommen
hörte und seinen Tritt seine Stimme die nach ihr fragte bald erkannte Wie
schlug ihr Herz und wir dürfen fast sagen zum erstenmal bei seiner Ankunft
Sie hätte sich gern vor ihm verleugnen lassen und als er hereintrat rief sie
ihm mit einer Art von leidenschaftlicher Verwirrung entgegen »Sie haben nicht
Wort gehalten« »Ich habe nichts versprochen« war seine Antwort »So hätten
Sie wenigstens meiner Bitte stattgeben sollen« versetzte sie »ich bat Sie um
unser beider Ruhe«
Sie wusste nicht recht was sie sagte ebensowenig was sie tat als sie nach
einigen Freundinnen schickte um nicht mit Wertern allein zu sein Er legte
einige Bücher hin die er gebracht hatte fragte nach andern und sie wünschte
bald dass ihre Freundinnen kommen bald dass sie wegbleiben möchten Das Mädchen
kam zurück und brachte die Nachricht dass sich beide entschuldigen ließ
Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzen lassen
dann besann sie sich wieder anders Werter ging in der Stube auf und ab sie
trat ans Klavier und fing eine Menuett an sie wollte nicht fließen Sie nahm
sich zusammen und setzte sich gelassen zu Wertern der seinen gewöhnlichen
Platz auf dem Kanapee eingenommen hatte
»Haben Sie nichts zu lesen« sagte sie Er hatte nichts »Da drin in
meiner Schublade« fing sie an »liegt Ihre Übersetzung einiger Gesänge Ossians
ich habe sie noch nicht gelesen denn ich hoffte immer sie von Ihnen zu hören
aber zeiter hat sichs nicht finden nicht machen wollen« Er lächelte holte
die Lieder ein Schauer überfiel ihn als er sie in die Hände nahm und die
Augen standen ihm voll Tränen als er hineinsah Er setzte sich nieder und las
»Stern der dämmernden Nacht schön funkelst du in Westen hebst dein strahlend
Haupt aus deiner Wolke wandelst stattlich deinen Hügel hin Wornach blickst du
auf die Heide Die stürmenden Winde haben sich gelegt von ferne kommt des
Giessbachs Murmeln rauschende Wellen spielen am Felsen ferne das Gesumme der
Abendfliegen schwärmet übers Feld Wornach siehst du schönes Licht Aber du
lächelst und gehst freudig umgeben dich die Wellen und baden dein liebliches
Haar Lebe wohl ruhiger Strahl Erscheine du herrliches Licht von Ossians
Seele
Und es erscheint in seiner Kraft Ich sehe meine geschiedenen Freunde sie
sammeln sich auf Lora wie in den Tagen die vorüber sind Fingal kommt wie
eine feuchte Nebelsäule um ihn sind seine Helden und siehe die Barden des
Gesanges Grauer Ullin stattlicher Ryno Alpin lieblicher Sänger und du
sanft klagende Minona Wie verändert seid ihr meine Freunde seit den
festlichen Tagen auf Selma da wir buhlten um die Ehre des Gesanges wie
Frühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelnde Gras
Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit mit niedergeschlagenem Blick und
tränenvollem Auge schwer floss ihr Haar im unsteten Winde der von dem Hügel
herstiess Düster wards in der Seele der Helden als sie die liebliche Stimme
erhob denn oft hatten sie das Grab Salgars gesehen oft die finstere Wohnung
der weißen Kolma Kolma verlassen auf dem Hügel mit der harmonischen Stimme
Salgar versprach zu kommen aber ringsum zog sich die Nacht Hört Kolmas
Stimme da sie auf dem Hügel allein saß
Kolma
Es ist Nacht Ich bin allein verloren auf dem stürmischen Hügel Der Wind
saust im Gebirge Der Strom heult den Felsen hinab Keine Hütte schützt mich vor
Regen mich Verlassne auf dem stürmischen Hügel
Tritt o Mond aus deinen Wolken erscheinet Sterne der Nacht Leite mich
irgend ein Strahl zu dem Orte wo meine Liebe ruht von den Beschwerden der Jagd
sein Bogen neben ihm abgespannt seine Hunde schnobend um ihn Aber hier muss ich
sitzen allein auf dem Felsen des verwachsenen Stroms Der Strom und der Sturm
saust ich höre nicht die Stimme meines Geliebten
Warum zaudert mein Salgar Hat er sein Wort vergessen Da ist der Fels und
der Baum und hier der rauschende Strom Mit einbrechender Nacht versprachst du
hier zu sein ach wohin hat sich mein Salgar verirrt Mit dir wollt ich
fliehen verlassen Vater und Bruder die stolzen Lange sind unsere Geschlechter
Feinde aber wir sind keine Feinde o Salgar
Schweig eine Weile o Wind still eine kleine Weile o Strom dass meine
Stimme klinge durchs Tal dass mein Wanderer mich höre Salgar ich bins die
ruft Hier ist der Baum und der Fels Salgar mein Lieber hier bin ich warum
zauderst du zu kommen
Sieh der Mond erscheint die Flut glänzt im Tale die Felsen stehen grau
den Hügel hinauf aber ich seh ihn nicht auf der Höhe seine Hunde vor ihm her
verkündigen nicht seine Ankunft Hier muss ich sitzen allein
Aber wer sind die dort unten liegen auf der Heide Mein Geliebter Mein
Bruder Redet o meine Freunde Sie antworten nicht Wie geängstet ist meine
Seele Ach sie sind tot Ihre Schwerter rot vom Gefechte O mein Bruder mein
Bruder warum hast du meinen Salgar erschlagen O mein Salgar warum hast du
meinen Bruder erschlagen Ihr wart mir beide so lieb O du warst schön an dem
Hügel unter Tausenden Es war schrecklich in der Schlacht Antwortet mir hört
meine Stimme meine Geliebten Aber ach sie sind stumm stumm auf ewig Kalt
wie die Erde ist ihr Busen
O von dem Felsen des Hügels von dem Gipfel des stürmenden Berges redet
Geister der Toten redet mir soll es nicht grausen Wohin seid ihr zur Ruhe
gegangen In welcher Gruft des Gebirges soll ich euch finden Keine schwache
Stimme vernehme ich im Winde keine wehende Antwort im Sturme des Hügels
Ich sitze in meinem Jammer ich harre auf den Morgen in meinen Tränen
Wühlet das Grab ihr Freunde der Toten aber schließt es nicht bis ich komme
Mein Leben schwindet wie ein Traum wie sollt ich zurückbleiben Hier will ich
wohnen mit meinen Freunden an dem Strome des klingenden Felsens Wenns Nacht
wird auf dem Hügel und Wind kommt über die Heide soll mein Geist im Winde
stehen und trauern den Tod meiner Freunde Der Jäger hört mich aus seiner Laube
fürchtet meine Stimme und liebt sie denn süß soll meine Stimme sein um meine
Freunde sie waren mir beide so lieb
Das war dein Gesang o Minona Tormans sanft errötende Tochter Unsere Tränen
flossen um Kolma und unsere Seele ward düster
Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang Alpins Stimme war
freundlich Rynos Seele ein Feuerstrahl Aber schon ruhten sie im engen Hause
und ihre Stimme war verhallet in Selma Einst kehrte Ullin zurück von der Jagd
ehe die Helden noch fielen Er hörte ihren Wettegesang auf dem Hügel Ihr Lied
war sanft aber traurig Sie klagten Morars Fall des ersten der Helden Seine
Seele war wie Fingals Seele sein Schwert wie das Schwert Oskars Aber er fiel
und sein Vater jammerte und seiner Schwester Augen waren voll Tränen Minonas
Augen waren voll Tränen der Schwester des herrlichen Morars Sie trat zurück
vor Ullins Gesang wie der Mond in Westen der den Sturmregen voraussieht und
sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt Ich schlug die Harfe mit Ullin zum
Gesange des Jammers
Ryno
Vorbei sind Wind und Regen der Mittag ist so heiter die Wolken teilen sich
Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne Rötlich fließt der Strom
des Bergs im Tale hin Süss ist dein Murmeln Strom doch süßer die Stimme die
ich höre Es ist Alpins Stimme er bejammert den Toten Sein Haupt ist vor Alter
gebeugt und rot sein tränendes Auge Alpin trefflicher Sänger warum allein auf
dem schweigenden Hügel Warum jammerst du wie ein Windstoß im Walde wie eine
Welle am fernen Gestade
Alpin
Meine Tränen Ryno sind für den Toten meine Stimme für die Bewohner des Grabs
Schlank bist du auf dem Hügel schön unter den Söhnen der Heide Aber du wirst
fallen wie Morar und auf deinem Grabe wird der Trauernde sitzen Die Hügel
werden dich vergessen dein Bogen in der Halle liegen ungespannt
Du warst schnell o Morar wie ein Reh auf dem Hügel schrecklich wie die
Nachtfeuer am Himmel Dein Grimm war ein Sturm dein Schwert in der Schlacht wie
Wetterleuchten über der Heide Deine Stimme glich dem Waldstrome nach dem Regen
dem Donner auf fernen Hügeln Manche fielen von deinem Arm die Flamme deines
Grimmes verzehrte sie Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege wie friedlich war
deine Stirne dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter gleich dem
Monde in der schweigenden Nacht ruhig deine Brust wie der See wenn sich des
Windes Brausen gelegt hat
Eng ist nun deine Wohnung finster deine Stätte Mit drei Schritten mess
ich dein Grab o du der du ehe so groß warst Vier Steine mit moosigen Häuptern
sind dein einziges Gedächtnis ein entblätterter Baum langes Gras das im Winde
wispelt deutet dem Auge des Jägers das Grab des mächtigen Morars Keine Mutter
hast du dich zu beweinen kein Mädchen mit Tränen der Liebe Tot ist die dich
gebar gefallen die Tochter von Morglan
Wer auf seinem Stabe ist das Wer ist es dessen Haupt weiß ist vor Alter
dessen Augen rot sind von Tränen Es ist dein Vater o Morar der Vater keines
Sohnes außer dir Er hörte von deinem Ruf in der Schlacht er hörte von
zerstobenen Feinden er hörte Morars Ruhm Ach nichts von seiner Wunde Weine
Vater Morars weine Aber dein Sohn hört dich nicht Tief ist der Schlaf der
Toten niedrig ihr Kissen von Staube Nimmer achtet er auf die Stimme nie
erwacht er auf deinen Ruf O wann wird es Morgen im Grabe zu bieten dem
Schlummerer Erwache
Lebe wohl edelster der Menschen du Eroberer im Felde Aber nimmer wird
dich das Feld sehen nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls
Du hinterliessest keinen Sohn aber der Gesang soll deinen Namen erhalten
künftige Zeiten sollen von dir hören hören von dem gefallenen Morar
Laut war die Trauer der Helden am lautesten Armins berstender Seufzer Ihn
erinnerte es an den Tod seines Sohnes er fiel in den Tagen der Jugend Karmor
saß nah bei dem Helden der Fürst des hallenden Galmal Warum schluchzet der
Seufzer Armins sprach er was ist hier zu weinen Klingt nicht Lied und Gesang
die Seele zu schmelzen und zu ergetzen sie sind wie sanfter Nebel der steigend
vom See aufs Tal sprüht und die blühenden Blumen füllet das Nass aber die Sonne
kommt wieder in ihrer Kraft und der Nebel ist gegangen Warum bist du so
jammervoll Armin Herrscher des seeumflossenen Gorma
Jammervoll Wohl das bin ich und nicht gering die Ursache meines Wehs
Karmor du verlorst keinen Sohn verlorst keine blühende Tochter Kolgar der
Tapfere lebt und Annira die schönste der Mädchen Die Zweige deines Hauses
blühen o Karmor aber Armin ist der Letzte seines Stammes Finster ist dein
Bett o Daura dumpf ist dein Schlaf in dem Grabe Wann erwachst du mit deinen
Gesängen mit deiner melodischen Stimme Auf ihr Winde des Herbstes auf
stürmt über die finstere Heide Waldströme braust Heult Stürme im Gipfel der
Eichen Wandle durch gebrochene Wolken o Mond zeige wechselnd dein bleiches
Gesicht Erinnre mich der schrecklichen Nacht da meine Kinder umkamen da
Arindal der Mächtige fiel Daura die Liebe verging
Daura meine Tochter du warst schön schön wie der Mond auf den Hügeln von
Fura weiß wie der gefallene Schnee süß wie die atmende Luft Arindal dein
Bogen war stark dein Speer schnell auf dem Felde dein Blick wie Nebel auf der
Welle dein Schild eine Feuerwolke im Sturme
Armar berühmt im Kriege kam und warb um Dauras Liebe sie widerstand nicht
lange Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde
Erat der Sohn Odgals grollte denn sein Bruder lag erschlagen von Armar
Er kam in einen Schiffer verkleidet Schön war sein Nachen auf der Welle weiß
seine Locken vor Alter ruhig sein ernstes Gesicht Schönste der Mädchen sagte
er liebliche Tochter von Armin dort am Felsen nicht fern in der See wo die
rote Frucht vom Baume herblinkt dort wartet Armar auf Daura ich komme seine
Liebe zu führen über die rollende See
Sie folgt ihm und rief nach Armar nichts antwortete als die Stimme des
Felsens Armar mein Lieber mein Lieber warum ängstest du mich so Höre Sohn
Arnarts höre Daura ists die dich ruft
Erat der Verräter floh lachend zum Lande Sie erhob ihre Stimme rief
nach ihrem Vater und Bruder Arindal Armin Ist keiner seine Daura zu retten
Ihre Stimme kam über die See Arindal mein Sohn stieg vom Hügel herab
rau in der Beute der Jagd seine Pfeile rasselten an seiner Seite seinen Bogen
trug er in der Hand fünf schwarzgraue Doggen waren um ihn Er sah den kühnen
Erat am Ufer fasst und band ihn an die Eiche fest umflocht er seine Hüften
der Gefesselte füllte mit Ächzen die Winde
Arindal betritt die Wellen in seinem Boote Daura herüber zu bringen Armar
kam in seinem Grimme drückt ab den grau befiederten Pfeil er klang er sank
in dein Herz o Arindal mein Sohn Statt Erats des Verräters kamst du um
das Boot erreichte den Felsen er sank dran nieder und starb Zu deinen Füßen
floss deines Bruders Blut welch war dein Jammer o Daura
Die Wellen zerschmettern das Boot Armar stürzt sich in die See seine Daura
zu retten oder zu sterben Schnell stürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen er
sank und hob sich nicht wieder
Allein auf dem seebespülten Felsen hört ich die Klagen meiner Tochter Viel
und laut war ihr Schreien doch konnt sie ihr Vater nicht retten Die ganze
Nacht stand ich am Ufer ich sah sie im schwachen Strahle des Mondes die ganze
Nacht hört ich ihr Schreien laut war der Wind und der Regen schlug scharf
nach der Seite des Berges Ihre Stimme ward schwach ehe der Morgen erschien
sie starb weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen Beladen mit
Jammer starb sie und ließ Armin allein Dahin ist meine Stärke im Kriege
gefallen mein Stolz unter den Mädchen
Wenn die Stürme des Berges kommen wenn der Nord die Wellen hochhebt sitz
ich am schallenden Ufer schaue nach dem schrecklichen Felsen Oft im sinkenden
Monde seh ich die Geister meiner Kinder halb dämmernd wandeln sie zusammen in
trauriger Eintracht«
Ein Strom von Tränen der aus Lottens Augen brach und ihrem gepressten Herzen
Luft machte hemmte Werters Gesang Er warf das Papier hin fasste ihre Hand und
weinte die bittersten Tränen Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen
ins Schnupftuch Die Bewegung beider war fürchterlich Sie fühlten ihr eigenes
Elend in dem Schicksale der Edlen fühlten es zusammen und ihre Tränen
vereinigten sich Die Lippen und Augen Werters glühten an Lottens Arme ein
Schauer überfiel sie sie wollte sich entfernen und Schmerz und Anteil lagen
betäubend wie Blei auf ihr Sie atmete sich zu erholen und bat ihn schluchzend
fortzufahren bat mit der ganzen Stimme des Himmels Werter zitterte sein Herz
wollte bersten er hob das Blatt auf und las halb gebrochen
»Warum weckst du mich Frühlingsluft Du buhlst und sprichst Ich betaue mit
Tropfen des Himmels Aber die Zeit meines Welkens ist nahe nahe der Sturm der
meine Blätter herabstört Morgen wird der Wanderer kommen kommen der mich sah
in meiner Schönheit ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich
nicht finden «
Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen Er warf sich vor
Lotten nieder in der vollen Verzweifelung fasste ihre Hände drückte sie in
seine Augen wider seine Stirn und ihr schien eine Ahnung seines schrecklichen
Vorhabens durch die Seele zu fliegen Ihre Sinne verwirrten sich sie drückte
seine Hände drückte sie wider ihre Brust neigte sich mit einer wehmütigen
Bewegung zu ihm und ihre glühenden Wangen berührten sich Die Welt verging
ihnen Er schlang seine Arme um sie her presste sie an seine Brust und deckte
ihre zitternden stammelnden Lippen mit wütenden Küssen »Werter« rief sie
mit erstickter Stimme sich abwendend »Werter« und drückte mit schwacher
Hand seine Brust von der ihrigen »Werter« rief sie mit dem gefassten Tone des
edelsten Gefühles Er widerstand nicht ließ sie aus seinen Armen und warf
sich unsinnig vor sie hin Sie riss sich auf und in ängstlicher Verwirrung
bebend zwischen Liebe und Zorn sagte sie »Das ist das letzte Mal Werter Sie
sehen mich nicht wieder« Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden
eilte sie ins Nebenzimmer und schloss hinter sich zu Werter streckte ihr die
Arme nach getraute sich nicht sie zu halten Er lag an der Erde den Kopf auf
dem Kanapee und in dieser Stellung blieb er über eine halbe Stunde bis ihn ein
Geräusch zu sich selbst rief Es war das Mädchen das den Tisch decken wollte
Er ging im Zimmer auf und ab und da er sich wieder allein sah ging er zur Türe
des Kabinetts und rief mit leiser Stimme »Lotte Lotte nur noch ein Wort Ein
Lebewohl« Sie schwieg Er harrte und bat und harrte dann riss er sich weg
und rief »Lebe wohl Lotte Auf ewig lebe wohl«
Er kam ans Stadttor Die Wächter die ihn schon gewohnt waren ließ ihn
stillschweigend hinaus Es stiebte zwischen Regen und Schnee und erst gegen
eilfe klopfte er wieder Sein Diener bemerkte als Werter nach Hause kam dass
seinem Herrn der Hut fehlte Er getraute sich nicht etwas zu sagen entkleidete
ihn alles war nass Man hat nachher den Hut auf einem Felsen der an dem Abhange
des Hügels ins Tal sieht gefunden und es ist unbegreiflich wie er ihn in
einer finsteren feuchten Nacht ohne zu stürzen erstiegen hat
Er legte sich zu Bette und schlief lange Der Bediente fand ihn schreibend
als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee brachte Er schrieb
folgendes am Briefe an Lotten
»Zum letztenmale denn zum letztenmale schlage ich diese Augen auf Sie sollen
ach die Sonne nicht mehr sehen ein trüber neblichter Tag hält sie bedeckt So
traure denn Natur dein Sohn dein Freund dein Geliebter naht sich seinem
Ende Lotte das ist ein Gefühl ohnegleichen und doch kommt es dem dämmernden
Traum am nächsten zu sich zu sagen das ist der letzte Morgen Der letzte
Lotte ich habe keinen Sinn für das Wort der letzte Stehe ich nicht da in
meiner ganzen Kraft und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff am Boden
Sterben was heißt das
Siehe wir träumen wenn wir vom Tode reden Ich habe manchen sterben sehen
aber so eingeschränkt ist die Menschheit dass sie für ihres Daseins Anfang und
Ende keinen Sinn hat Jetzt noch mein dein dein o Geliebte Und einen
Augenblick getrennt geschieden vielleicht auf ewig Nein Lotte nein
Wie kann ich vergehen wie kannst du vergehen Wir sind ja Vergehen Was
heißt das Das ist wieder ein Wort ein leerer Schall ohne Gefühl für mein
Herz Tot Lotte eingescharrt der kalten Erde so eng so finster Ich
hatte eine Freundin die mein alles war meiner hülflosen Jugend sie starb und
ich folgte ihrer Leiche und stand an dem Grabe wie sie den Sarg hinunterliessen
und die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten dann die
erste Schaufel hinunterschollerte und die ängstliche Lade einen dumpfen Ton
wiedergab und dumpfer und immer dumpfer und endlich bedeckt war Ich stürzte
neben das Grab hin ergriffen erschüttert geängstet zerrissen mein
Innerstes aber ich wusste nicht wie mir geschah wie mir geschehen wird
Sterben Grab ich verstehe die Worte nicht
O vergib mir vergib mir Gestern Es hätte der letzte Augenblick meines
Lebens sein sollen O du Engel Zum ersten Male zum ersten Male ganz ohne
Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte mich das Wonnegefühl Sie liebt
mich Sie liebt mich Es brennt noch auf meinen Lippen das heilige Feuer das
von den deinigen strömte neue warme Wonne ist in meinem Herzen Vergib mir
vergib mir
Ach ich wusste dass du mich liebtest wusste es an den ersten seelenvollen
Blicken an dem ersten Händedruck und doch wenn ich wieder weg war wenn ich
Alberten an deiner Seite sah verzagte ich wieder in fieberhaften Zweifeln
Erinnerst du dich der Blumen die du mir schicktest als du in jener fatalen
Gesellschaft mir kein Wort sagen keine Hand reichen konntest o ich habe die
halbe Nacht davor gekniet und sie versiegelten mir deine Liebe Aber ach diese
Eindrücke gingen vorüber wie das Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich
wieder aus der Seele des Gläubigen weicht die ihm mit ganzer Himmelsfülle in
heiligen sichtbaren Zeichen gereicht ward
Alles das ist vergänglich aber keine Ewigkeit soll das glühende Leben
auslöschen das ich gestern auf deinen Lippen genoss das ich in mir fühle Sie
liebt mich Dieser Arm hat sie umfasst diese Lippen haben auf ihren Lippen
gezittert dieser Mund hat an dem ihrigen gestammelt Sie ist mein du bist
mein ja Lotte auf ewig
Und was ist das dass Albert dein Mann ist Mann Das wäre denn für diese
Welt und für diese Welt Sünde dass ich dich liebe dass ich dich aus seinen
Armen in die meinigen reißen möchte Sünde Gut und ich strafe mich dafür ich
habe sie in ihrer ganzen Himmelswonne geschmeckt diese Sünde habe Lebensbalsam
und Kraft in mein Herz gesaugt Du bist von diesem Augenblicke mein mein o
Lotte Ich gehe voran gehe zu meinem Vater zu deinem Vater Dem will ichs
klagen und er wird mich trösten bis du kommst und ich fliege dir entgegen und
fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen
Umarmungen
Ich träume nicht ich wähne nicht Nahe am Grabe wird mir es heller Wir
werden sein wir werden uns wieder sehen Deine Mutter sehen ich werde sie
sehen werde sie finden ach und vor ihr mein ganzes Herz ausschütten Deine
Mutter dein Ebenbild«
Gegen eilfe fragte Werter seinen Bedienten ob wohl Albert zurückgekommen
sei Der Bediente sagte ja er habe dessen Pferd dahinführen sehen Darauf gibt
ihm der Herr ein offenes Zettelchen des Inhalts
»Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen Leben Sie
recht wohl«
Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen was sie gefürchtet
hatte war entschieden auf eine Weise entschieden die sie weder ahnen noch
fürchten konnte Ihr sonst so rein und leicht fliessendes Blut war in einer
fieberhaften Empörung tausenderlei Empfindungen zerrütteten das schöne Herz
War es das Feuer von Werters Umarmungen das sie in ihrem Busen fühlte War es
Unwille über seine Verwegenheit War es eine unmutige Vergleichung ihres
gegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener freier Unschuld und
sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sie ihrem Manne entgegengehen
wie ihm eine Szene bekennen die sie so gut gestehen durfte und die sie sich
doch zu gestehen nicht getraute Sie hatten so lange gegen einander geschwiegen
und sollte sie die erste sein die das Stillschweigen bräche und eben zur
unrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte Schon
fürchtete sie die bloße Nachricht von Werters Besuch werde ihm einen
unangenehmen Eindruck machen und nun gar diese unerwartete Katastrophe Konnte
sie wohl hoffen dass ihr Mann sie ganz im rechten Lichte sehen ganz ohne
Vorurteil aufnehmen würde Und konnte sie wünschen dass er in ihrer Seele lesen
möchte Und doch wieder konnte sie sich verstellen gegen den Mann vor dem sie
immer wie ein kristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine
ihrer Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können Eins und das
andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit und immer kehrten ihre
Gedanken wieder zu Wertern der für sie verloren war den sie nicht lassen
konnte den sie leider sich selbst überlassen musste und dem wenn er sie
verloren hatte nichts mehr übrig blieb
Wie schwer lag jetzt was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich machen
konnte die Stockung auf ihr die sich unter ihnen festgesetzt hatte So
verständige so gute Menschen fingen wegen gewisser heimlicher Verschiedenheiten
unter einander zu schweigen an jedes dachte seinem Recht und dem Unrechte des
andern nach und die Verhältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt
dass es unmöglich ward den Knoten eben in dem kritischen Momente von dem alles
abhing zu lösen Hätte eine glückliche Vertraulichkeit sie früher wieder
einander näher gebracht wäre Liebe und Nachsicht wechselsweise unter ihnen
lebendig worden und hätte ihre Herzen aufgeschlossen vielleicht wäre unser
Freund noch zu retten gewesen
Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu Werter hatte wie wir aus seinen
Briefen wissen nie ein Geheimnis daraus gemacht dass er sich diese Welt zu
verlassen sehnte Albert hatte ihn oft bestritten auch war zwischen Lotten und
ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen Dieser wie er einen entschiedenen
Widerwillen gegen die Tat empfand hatte auch gar oft mit einer Art von
Empfindlichkeit die sonst ganz außer seinem Charakter lag zu erkennen gegeben
dass er an dem Ernst eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach finde er
hatte sich sogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lotten
mitgeteilt Dies beruhigte sie zwar von einer Seite wenn ihre Gedanken ihr das
traurige Bild vorführten von der andern aber fühlte sie sich auch dadurch
gehindert ihrem Manne die Besorgnisse mitzuteilen die sie in dem Augenblicke
quälten
Albert kam zurück und Lotte ging ihm mit einer verlegenen Hastigkeit
entgegen er war nicht heiter sein Geschäft war nicht vollbracht er hatte an
dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen kleinsinnigen Menschen gefunden
Der üble Weg auch hatte ihn verdrießlich gemacht
Er fragte ob nichts vorgefallen sei und sie antwortete mit Übereilung
Werter sei gestern abends dagewesen Er fragte ob Briefe gekommen und er
erhielt zur Antwort dass ein Brief und Pakete auf seiner Stube lägen Er ging
hinüber und Lotte blieb allein Die Gegenwart des Mannes den sie liebte und
ehrte hatte einen neuen Eindruck in ihr Herz gemacht Das Andenken seines
Edelmuts seiner Liebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt sie fühlte einen
heimlichen Zug ihm zu folgen sie nahm ihre Arbeit und ging auf sein Zimmer
wie sie mehr zu tun pflegte Sie fand ihn beschäftigt die Pakete zu erbrechen
und zu lesen Einige schienen nicht das Angenehmste zu enthalten Sie tat einige
Fragen an ihn die er kurz beantwortete und sich an den Pult stellte zu
schreiben
Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen und es ward
immer dunkler in Lottens Gemüt Sie fühlte wie schwer es ihr werden würde
ihrem Mann auch wenn er bei dem besten Humor wäre das zu entdecken was ihr
auf dem Herzen lag sie verfiel in eine Wehmut die ihr um desto ängstlicher
ward als sie solche zu verbergen und ihre Tränen zu verschlucken suchte
Die Erscheinung von Werters Knaben setzte sie in die größte Verlegenheit
er überreichte Alberten das Zettelchen der sich gelassen nach seiner Frau
wendete und sagte »Gib ihm die Pistolen« »Ich lasse ihm glückliche Reise
wünschen« sagte er zum Jungen Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag sie
schwankte aufzustehen sie wusste nicht wie ihr geschah Langsam ging sie nach
der Wand zitternd nahm sie das Gewehr herunter putzte den Staub ab und
zauderte und hätte noch lange gezögert wenn nicht Albert durch einen fragenden
Blick sie gedrängt hätte Sie gab das unglückliche Werkzeug dem Knaben ohne ein
Wort vorbringen zu können und als der zum Hause hinaus war machte sie ihre
Arbeit zusammen ging in ihr Zimmer in dem Zustande der unaussprechlichsten
Ungewissheit Ihr Herz weissagte ihr alle Schrecknisse Bald war sie im Begriffe
sich zu den Füßen ihres Mannes zu werfen ihm alles zu entdecken die Geschichte
des gestrigen Abends ihre Schuld und ihre Ahnungen Dann sah sie wieder keinen
Ausgang des Unternehmens am wenigsten konnte sie hoffen ihren Mann zu einem
Gange nach Wertern zu bereden Der Tisch ward gedeckt und eine gute Freundin
die nur etwas zu fragen kam gleich gehen wollte und blieb machte die
Unterhaltung bei Tische erträglich man zwang sich man redete man erzählte
man vergaß sich
Der Knabe kam mit den Pistolen zu Wertern der sie ihm mit Entzücken
abnahm als er hörte Lotte habe sie ihm gegeben Er ließ sich Brot und Wein
bringen hieß den Knaben zu Tische gehen und setzte sich nieder zu schreiben
»Sie sind durch deine Hände gegangen du hast den Staub davon geputzt ich küsse
sie tausendmal du hast sie berührt Und du Geist des Himmels begünstigst
meinen Entschluss und du Lotte reichst mir das Werkzeug du von deren Händen
ich den Tod zu empfangen wünschte und ach nun empfange O ich habe meinen
Jungen ausgefragt Du zittertest als du sie ihm reichtest du sagtest kein
Lebewohl Wehe wehe kein Lebewohl Solltest du dein Herz für mich
verschlossen haben um des Augenblicks willen der mich ewig an dich befestigte
Lotte kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen und ich fühle es du
kannst den nicht hassen der so für dich glüht«
Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken zerriss viele Papiere
ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung Er kam wieder nach Hause
ging wieder aus vors Tor ungeachtet des Regens in den gräflichen Garten
schweifte weiter in der Gegend umher und kam mit anbrechender Nacht zurück und
schrieb
»Wilhelm ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel gesehen Leb
wohl auch du Liebe Mutter verzeiht mir Tröste sie Wilhelm Gott segne euch
Meine Sachen sind alle in Ordnung Lebt wohl wir sehen uns wieder und
freudiger«
»Ich habe dir übel gelohnt Albert und du vergibst mir Ich habe den Frieden
deines Hauses gestört ich habe Misstrauen zwischen euch gebracht Lebe wohl ich
will es enden O dass ihr glücklich wäret durch meinen Tod Albert Albert mache
den Engel glücklich Und so wohne Gottes Segen über dir«
Er kramte den Abend noch viel in seinen Papieren zerriss vieles und warf es
in den Ofen versiegelte einige Päcke mit den Adressen an Wilhelm Sie
enthielten kleine Aufsätze abgerissene Gedanken deren ich verschiedene gesehen
habe und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte nachlegen und sich eine Flasche
Wein geben lassen schickte er den Bedienten dessen Kammer wie auch die
Schlafzimmer der Hausleute weit hinten hinaus waren zu Bette der sich dann in
seinen Kleidern niederlegte um frühe bei der Hand zu sein denn sein Herr hatte
gesagt die Postpferde würden vor sechse vors Haus kommen
»Nach eilfe
Alles ist so still um mich her und so ruhig meine Seele Ich danke dir Gott
der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme diese Kraft schenkest
Ich trete an das Fenster meine Beste und sehe und sehe noch durch die
stürmenden vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewigen Himmels Nein
ihr werdet nicht fallen der Ewige trägt euch an seinem Herzen und mich Ich
sehe die Deichselsterne des Wagens des liebsten unter allen Gestirnen Wenn ich
nachts von dir ging wie ich aus deinem Tore trat stand er gegen mir über Mit
welcher Trunkenheit habe ich ihn oft angesehen oft mit aufgehabenen Händen ihn
zum Zeichen zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigen Seligkeit gemacht und
noch O Lotte was erinnert mich nicht an dich umgibst du mich nicht und habe
ich nicht gleich einem Kinde ungenügsam allerlei Kleinigkeiten zu mir
gerissen die du Heilige berührt hattest
Liebes Schattenbild Ich vermache dir es zurück Lotte und bitte dich es
zu ehren Tausend tausend Küsse habe ich darauf gedrückt tausend Grüße ihm
zugewinkt wenn ich ausging oder nach Hause kam
Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten meine Leiche zu schützen
Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume hinten in der Ecke nach dem Felde zu
dort wünsche ich zu ruhen Er kann er wird das für seinen Freund tun Bitte ihn
auch Ich will frommen Christen nicht zumuten ihren Körper neben einen armen
Unglücklichen zu legen Ach ich wollte ihr begrübt mich am Wege oder im
einsamen Tale dass Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich segnend
vorübergingen und der Samariter eine Träne weinte
Hier Lotte Ich schaudre nicht den kalten schrecklichen Kelch zu fassen
aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll Du reichtest mir ihn und ich
zage nicht All all So sind alle die Wünsche und Hoffnungen meines Lebens
erfüllt So kalt so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen
Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können für dich zu sterben
Lotte für dich mich hinzugeben Ich wollte mutig ich wollte freudig sterben
wenn ich dir die Ruhe die Wonne deines Lebens wiederschaffen könnte Aber ach
das ward nur wenigen Edelen gegeben ihr Blut für die Ihrigen zu vergießen und
durch ihren Tod ein neues hundertfältiges Leben ihren Freunden anzufachen
In diesen Kleidern Lotte will ich begraben sein du hast sie berührt
geheiligt ich habe auch deinen Vater darum gebeten Meine Seele schwebt über
dem Sarge Man soll meine Taschen nicht aussuchen Diese blassrote Schleife die
du am Busen hattest als ich dich zum ersten Male unter deinen Kindern fand O
küsse sie tausendmal und erzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen
Freundes Die Lieben sie wimmeln um mich Ach wie ich mich an dich schloss seit
dem ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte Diese Schleife soll mit mir
begraben werden An meinem Geburtstage schenktest du sie mir Wie ich das alles
verschlang Ach ich dachte nicht dass mich der Weg hierher führen sollte
Sei ruhig ich bitte dich sei ruhig
Sie sind geladen Es schlägt zwölfe So sei es denn Lotte Lotte lebe
wohl lebe wohl«
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuss fallen da aber alles
stille blieb achtete er nicht weiter drauf
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte Er findet seinen
Herrn an der Erde die Pistole und Blut Er ruft er fasst ihn an keine Antwort
er röchelt nur noch Er läuft nach den Ärzten nach Alberten Lotte hört die
Schelle ziehen ein Zittern ergreift alle ihre Glieder Sie weckt ihren Mann
sie stehen auf der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht Lotte
sinkt ohnmächtig vor Alberten nieder
Als der Medikus zu dem Unglücklichen kam fand er ihn an der Erde ohne
Rettung der Puls schlug die Glieder waren alle gelähmt Über dem rechten Auge
hatte er sich durch den Kopf geschossen das Gehirn war herausgetrieben Man
ließ ihm zum Überfluss eine Ader am Arme das Blut lief er holte noch immer
Atem
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen er habe sitzend
vor dem Schreibtische die Tat vollbracht dann ist er heruntergesunken hat sich
konvulsivisch um den Stuhl herumgewälzt Er lag gegen das Fenster entkräftet auf
dem Rücken war in völliger Kleidung gestiefelt im blauen Frack mit gelber
Weste
Das Haus die Nachbarschaft die Stadt kam in Aufruhr Albert trat herein
Wertern hatte man auf das Bett gelegt die Stirn verbunden sein Gesicht schon
wie eines Toten er rührte kein Glied Die Lunge röchelte noch fürchterlich
bald schwach bald stärker man erwartete sein Ende
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken »Emilia Galotti« lag auf dem
Pulte aufgeschlagen
Von Alberts Bestürzung von Lottens Jammer lasst mich nichts sagen
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt er küsste den
Sterbenden unter den heißesten Tränen Seine ältesten Söhne kamen bald nach ihm
zu Fuße sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbändigsten
Schmerzens küssten ihm die Hände und den Mund und der älteste den er immer am
meisten geliebt hing an seinen Lippen bis er verschieden war und man den
Knaben mit Gewalt wegriss Um zwölfe mittags starb er Die Gegenwart des
Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf Nachts gegen eilfe ließ er
ihn an die Stätte begraben die er sich erwählt hatte Der Alte folgte der
Leiche und die Söhne Albert vermochts nicht Man fürchtete für Lottens Leben
Handwerker trugen ihn Kein Geistlicher hat ihn begleitet
Fußnoten
1 Der Leser wird sich keine Mühe geben die hier genannten Orte zu suchen man
hat sich genötigt gesehen die im Originale befindlichen wahren Namen zu
verändern
2 Man sieht sich genötigt diese Stelle des Briefes zu unterdrücken um niemand
Gelegenheit zu einiger Beschwerde zu geben Obgleich im Grunde jedem Autor wenig
an dem Urteile eines einzelnen Mädchens und eines jungen unsteten Menschen
gelegen sein kann
3 Man hat auch hier die Namen einiger vaterländischen Autoren weggelassen Wer
teil an Lottens Beifalle hat wird es gewiss an seinem Herzen fühlen wenn er
diese Stelle lesen sollte und sonst braucht es ja niemand zu wissen
4 Wir haben nun von Lavatern eine treffliche Predigt hierüber unter denen über
das Buch Jonas
5 Man hat aus Ehrfurcht für diesen trefflichen Herrn gedachten Brief und einen
andern dessen weiter hinten erwähnt wird dieser Sammlung entzogen weil man
nicht glaubte eine solche Kühnheit durch den wärmsten Dank des Publikums
entschuldigen zu können