1785-90_Moritz_AntonReiser.html




        
                              Karl Philipp Moritz
                                  Anton Reiser
                           Ein psychologischer Roman
                                   Erster Teil
                                     Vorrede
                                     1785
Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt
werden weil die Beobachtungen grösstenteils aaus dem wirklichen Leben genommen
sind  Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt und weiß wie dasjenige oft im
Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann was anfänglich klein und
unbedeutend schien der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher
Umstände die hier erzählt werden nicht stoßen Auch wird man in einem Buche
welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll keine
große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten denn es soll die vorstellende
Kraft nicht verteilen sondern sie zusammendrängen und den Blick der Seele in
sich selber schärfen  Freilich ist dies nun keine so leichte Sache dass gerade
jeder Versuch darin glücken muss  aber wenigstens wird doch vorzüglich in
pädagogischer Rücksicht das Bestreben nie ganz unnütz sein die Aufmerksamkeit
des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles
Dasein wichtiger zu machen
In Pyrmont einem Orte der wegen seines Gesundbrunnens berühmt ist lebte noch
im Jahre 1756 ein Edelmann auf seinem Gute der das Haupt einer Sekte in
Deutschland war die unter dem Namen der Quietisten oder Separatisten bekannt
ist und deren Lehren vorzüglich in den Schriften der Mad Guion einer
bekannten Schwärmerin enthalten sind die zu Fénelons Zeiten mit dem sie auch
Umgang hatte in Frankreich lebte
    Der Herr von Fleischbein so hieß dieser Edelmann wohnte hier von allen
übrigen Einwohnern des Orts und ihrer Religion Sitten und Gebräuchen ebenso
abgesondert wie sein Haus von den ihrigen durch eine hohe Mauer geschieden war
die es von allen Seiten umgab
    Dies Haus nun machte für sich eine kleine Republik aus worin gewiss eine
ganz andre Verfassung als rund umher im ganzen Lande herrschte Das ganze
Hauswesen bis auf den geringsten Dienstboten bestand aus lauter solchen
Personen deren Bestreben nur dahin ging oder zu gehen schien in ihr Nichts
wie es die Mad Guion nennt wieder einzugehen alle Leidenschaften zu ertöten
und alle Eigenheit auszurotten
    Alle diese Personen mussten sich täglich einmal in einem großen Zimmer des
Hauses zu einer Art von Gottesdienst versammlen den der Herr von Fleischbein
selbst eingerichtet hatte und welcher darin bestand dass sie sich alle um einen
Tisch setzten und mit zugeschlossnen Augen den Kopf auf den Tisch gelegt eine
halbe Stunde warteten ob sie etwa die Stimme Gottes oder das innere Wort in sich
vernehmen würden Wer dann etwas vernahm der machte es den übrigen bekannt
    Der Herr von Fleischbein bestimmte auch die Lektüre seiner Leute und wer
von den Knechten oder Mägden eine müßige Viertelstunde hatte den sah man nicht
anders als mit einer von der Mad Guion Schriften vom innern Gebet oder
dergleichen in der Hand in einer nachdenkenden Stellung sitzen und lesen
    Alles bis auf die kleinsten häuslichen Beschäftigungen hatte in diesem Hause
ein ernstes strenges und feierliches Ansehen In allen Mienen glaubte man
Ertötung und Verleugnung und in allen Handlungen Ausgehen aus sich selbst und
Eingehen ins Nichts zu lesen
    Der Herr von Fleischbein hatte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin
nicht wieder verheiratet sondern lebte mit seiner Schwester der Frau von
Prüschenk in dieser Eingezogenheit um sich dem großen Geschäfte die Lehren
der Mad Guion auszubreiten ganz und ungestört widmen zu können
    Ein Verwalter namens H und eine Haushälterin mit ihrer Tochter machten
gleichsam den mittleren Stand des Hauses aus und dann folgte das niedrige
Gesinde  Diese Leute schlossen sich wirklich fest aneinander und alles hatte
eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen den Herrn von Fleischbein der wirklich einen
unsträflichen Lebenswandel führte obgleich die Einwohner des Orts sich mit den
ärgerlichsten Geschichten von ihm trugen
    Er stand jede Nacht dreimal zu bestimmten Stunden auf um zu beten und bei
Tage brachte er seine meiste Zeit damit zu dass er die Schriften der Mad Guion
deren eine große Anzahl von Bänden ist aus dem Französischen übersetzte die er
denn auf seine Kosten drucken ließ und sie umsonst unter seine Anhänger
austeilte
    Die Lehren welche in diesen Schriften enthalten sind betreffen
größtenteils jenes schon erwähnte völlige Ausgehen aus sich selbst und Eingehen
in ein seliges Nichts jene gänzliche Ertötung aller sogenannten Eigenheit oder
Eigenliebe und eine völlig uninteressierte Liebe zu Gott worin sich auch kein
Fünkchen Selbstliebe mehr mischen darf wenn sie rein sein soll woraus denn am
Ende eine vollkommne selige Ruhe entsteht die das höchste Ziel aller dieser
Bestrebungen ist
    Weil nun die Mad Guion sich fast ihr ganzes Leben hindurch mit nichts als
mit Bücherschreiben beschäftigt hat so sind ihrer Schriften eine so
erstaunliche Menge dass selbst Martin Luther schwerlich mehr geschrieben haben
kann Unter andern macht allein eine mystische Erklärung der ganzen Bibel wohl
an zwanzig Bände aus
    Diese Mad Guion musste viel Verfolgung leiden und wurde endlich weil man
ihre Lehrsätze für gefährlich hielt in die Bastille gesetzt wo sie nach einer
zehnjährigen Gefangenschaft starb Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete
fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet Sie wird übrigens noch jetzt von
ihren Anhängern als eine Heilige der ersten Größe beinahe göttlich verehrt und
ihre Aussprüche werden den Aussprüchen der Bibel gleich geschätzt weil man
annimmt dass sie durch gänzliche Ertötung aller Eigenheit so gewiss mit Gott sei
vereinigt worden dass alle ihre Gedanken auch notwendig göttliche Gedanken
werden mussten
    Der Herr von Fleischbein hatte die Schriften der Mad Guion auf seinen
Reisen in Frankreich kennen gelernt und die trockne metaphysische Schwärmerei
welche darin herrscht hatte für seine Gemütsbeschaffenheit so viel Anziehendes
dass er sich ihr mit eben dem Eifer ergab womit er sich wahrscheinlich unter
andern Umständen dem höchsten Stoizismus würde ergeben haben womit die Lehren
der Mad Guion in Ansehung der gänzlichen Ertötung aller Begierden usw oft eine
auffallende Ähnlichkeit haben
    Er wurde nun auch von seinen Anhängern ebenfalls wie ein Heiliger verehrt
und ihm wirklich zugetrauet dass er beim ersten Anblick das Innerste der Seele
eines Menschen durchschauen könne
    Zu seinem Hause geschahen Wallfahrten von allen Seiten und unter denen die
jährlich wenigstens einmal dieses Haus besuchten war auch Antons Vater
    Dieser ohne eigentliche Erziehung aufgewachsen hatte seine erste Frau sehr
früh geheiratet immer ein ziemlich wildes herumirrendes Leben geführt wohl
zuweilen einige fromme Rührungen gehabt aber nicht viel darauf geachtet Bis er
nach dem Tode seiner ersten Frau plötzlich in sich geht auf einmal tiefsinnig
und wie man sagt ein ganz andrer Mensch wird und bei seinem Aufenthalt in
Pyrmont zufälligerweise erstlich den Verwalter des Herrn von Fleischbein und
nachher durch diesen den Herrn von Fleischbein selber kennen lernte
    Dieser gibt ihm denn nach und nach die Guionschen Schriften zu lesen er
findet Geschmack daran und wird bald ein erklärter Anhänger des Herrn von
Fleischbein
    Demohngeachtet fiel es ihm ein wieder zu heiraten und er machte mit Antons
Mutter Bekanntschaft welche bald in die Heirat willigte das sie nie würde
getan haben hätte sie die Hölle von Elend vorausgesehen die ihr im Ehestande
drohte Sie versprach sich von ihrem Manne noch mehr Liebe und Achtung als sie
vorher bei ihren Anverwandten genossen hatte aber wie entsetzlich fand sie sich
betrogen
    So sehr die Lehre der Mad Guion von der gänzlichen Ertötung und Vernichtung
aller auch der sanften und zärtlichen Leidenschaften mit der harten und
unempfindlichen Seele ihres Mannes übereinstimmte so wenig war es ihr möglich
sich jemals mit diesen Ideen zu verständigen wogegen sich ihr Herz auflehnte
    Dies war der erste Keim zu aller nachherigen ehelichen Zwietracht
    Ihr Mann fing an ihre Einsichten zu verachten weil sie die hohen
Geheimnisse nicht fassen wollte die die Mad Guion lehrte
    Diese Verachtung erstreckte sich nachher auch auf ihre übrigen Einsichten
und je mehr sie dies empfand je stärker musste notwendig die eheliche Liebe sich
vermindern und das wechselseitige Missvergnügen aneinander mit jedem Tage
zunehmen
    Antons Mutter hatte eine starke Belesenheit in der Bibel und eine ziemlich
deutliche Erkenntnis von ihrem Religionssystem sie wusste zE sehr erbaulich
davon zu reden dass der Glaube ohne Werke tot sei usw
    In der Bibel las sie wirklich zu ganzen Stunden mit innigem Vergnügen aber
sobald ihr Mann es versuchte ihr aus den Guionschen Schriften vorzulesen so
empfand sie eine Art von Bangigkeit die vermutlich aus der Vorstellung
entstand sie werde dadurch in dem rechten Glauben irregemacht werden
    Sie suchte sich alsdann auf alle Weise loszumachen  Hiezu kam nun noch
dass sie vieles von der Kälte und dem lieblosen Wesen ihres Mannes auf Rechnung
der Guionschen Lehre schrieb die sie nun in ihrem Herzen immer mehr zu
verwünschen anfing und bei dem völligen Ausbruch der ehelichen Zwietracht sie
laut verwünschte
    So wurde der häusliche Friede und die Ruhe und Wohlfahrt einer Familie
jahrelang durch diese unglücklichen Bücher gestört die wahrscheinlich einer so
wenig wie der andere verstehen mochte
    Unter diesen Umständen wurde Anton geboren und von ihm kann man mit
Wahrheit sagen dass er von der Wiege an unterdrückt ward
    Die ersten Töne die sein Ohr vernahm und sein aufdämmernder Verstand
begriff waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich
geknüpften Ehebandes
    Ob er gleich Vater und Mutter hatte so war er doch in seiner frühesten
Jugend schon von Vater und Mutter verlassen denn er wusste nicht an wen er sich
anschließen an wen er sich halten sollte da sich beide hassten und ihm doch
einer so nahe wie der andre war
    In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern
geschmeckt nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln
    Wenn er in das Haus seiner Eltern trat so trat er in ein Haus der
Unzufriedenheit des Zorns der Tränen und der Klagen
    Diese ersten Eindrücke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt
worden und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht die
er durch keine Philosophie verdrängen konnte
    Da sein Vater im Siebenjährigen Kriege mit zu Felde war zog seine Mutter
zwei Jahre lang mit ihm auf ein kleines Dorf
    Hier hatte er ziemliche Freiheit und einige Entschädigung für die Leiden
seiner Kindheit
    Die Vorstellungen von den ersten Wiesen die er sah von dem Kornfelde das
sich einen sanften Hügel hinanerstreckte und oben mit grünem Gebüsch umkränzt
war von dem blauen Berge und den einzelnen Gebüschen und Bäumen die am Fuß
desselben auf das grüne Gras ihren Schatten warfen und immer dichter und dichter
wurden je höher man hinaufstieg mischen sich noch immer unter seine
angenehmsten Gedanken und machen gleichsam die Grundlage aller der täuschenden
Bilder aus die oft seine Phantasie sich vormalt
    Aber wie bald waren diese beiden glücklichen Jahre entflohen
    Es ward Friede und Antons Mutter zog mit ihm in die Stadt zu ihrem Manne
    Die lange Trennung von ihm verursachte ein kurzes Blendwerk ehelicher
Eintracht aber bald folgte auf die betrügliche Windstille ein desto
schrecklicherer Sturm
    Antons Herz zerfloss in Wehmut wenn er einem von seinen Eltern unrecht geben
sollte und doch schien es ihm sehr oft als wenn sein Vater den er bloß
fürchtete mehr recht habe als seine Mutter die er liebte
    So schwankte seine junge Seele beständig zwischen Hass und Liebe zwischen
Furcht und Zutrauen zu seinen Eltern hin und her
    Da er noch nicht acht Jahr alt war gebar seine Mutter einen zweiten Sohn
auf den nun vollends die wenigen Überreste väterlicher und mütterlicher Liebe
fielen so dass er nun fast ganz vernachlässiget wurde und sich sooft man von
ihm sprach mit einer Art von Geringschätzung und Verachtung nennen hörte die
ihm durch die Seele ging
    Woher mochte wohl dies sehnliche Verlangen nach einer liebreichen Behandlung
bei ihm entstehen da er doch derselben nie gewohnt gewesen war und also kaum
einige Begriffe davon haben konnte
    Am Ende freilich ward dies Gefühl ziemlich bei ihm abgestumpft es war ihm
beinahe als müsse er beständig gescholten sein und ein freundlicher Blick den
er einmal erhielt war ihm ganz etwas Sonderbares das nicht recht zu seinen
übrigen Vorstellungen passen wollte
    Er fühlte auf das innigste das Bedürfnis der Freundschaft von
seinesgleichen und oft wenn er einen Knaben von seinem Alter sah hing seine
ganze Seele an ihm und er hätte alles drum gegeben sein Freund zu werden
allein das niederschlagende Gefühl der Verachtung die er von seinen Eltern
erlitten und die Scham wegen seiner armseligen schmutzigen und zerrissnen
Kleidung hielten ihn zurück dass er es nicht wagte einen glücklichern Knaben
anzureden
    So ging er fast immer traurig und einsam umher weil die meisten Knaben in
der Nachbarschaft ordentlicher reinlicher und besser wie er gekleidet waren und
nicht mit ihm umgehen wollten und die es nicht waren mit denen mochte er
wieder wegen ihrer Liederlichkeit und auch vielleicht aus einem gewissen Stolz
keinen Umgang haben
    So hatte er keinen zu dem er sich gesellen konnte keinen Gespielen seiner
Kindheit keinen Freund unter Großen noch Kleinen
    Im achten Jahre fing denn doch sein Vater an ihn selber etwas lesen zu
lehren und kaufte ihm zu dem Ende zwei kleine Bücher wovon das eine eine
Anweisung zum Buchstabieren und das andre eine Abhandlung gegen das
Buchstabieren enthielt
    In dem ersten musste Anton größtenteils schwere biblische Namen als
Nebukadnezar Abednego usw bei denen er auch keinen Schatten einer Vorstellung
haben konnte buchstabieren Dies ging daher etwas langsam
    Allein sobald er merkte dass wirklich vernünftige Ideen durch die
zusammengesetzten Buchstaben ausgedrückt waren so wurde seine Begierde lesen
zu lernen von Tage zu Tage stärker
    Sein Vater hatte ihm kaum einige Stunden Anweisung gegeben und er lernte es
nun zur Verwunderung aller seiner Angehörigen in wenig Wochen von selber
    Mit innigem Vergnügen erinnert er sich noch jetzt an die lebhafte Freude die
er damals genoss als er zuerst einige Zeilen bei denen er sich etwas denken
konnte durch vieles Buchstabieren mit Mühe herausbrachte
    Nun aber konnte er nicht begreifen wie es möglich sei dass andre Leute so
geschwind lesen konnten wie sie sprachen er verzweifelte damals gänzlich an
der Möglichkeit es je so weit zu bringen
    Um desto größer war nun seine Verwunderung und Freude da er auch dies nach
einigen Wochen konnte
    Auch schien ihn dieses bei seinen Eltern noch mehr aber bei seinen
Anverwandten in einige Achtung zu setzen welches von ihm zwar nicht unbemerkt
blieb aber doch nie die eigentliche Ursach ward die ihn zum Fleiß anspornete
    Seine Begierde zu lesen war nun unersättlich Zum Glücke standen in dem
Buchstabierbuche außer den biblischen Sprüchen auch einige Erzählungen von
frommen Kindern die mehr wie hundertmal von ihm durchgelesen wurden ob sie
gleich nicht viel Anziehendes hatten
    Die eine handelte von einem sechsjährigen Knaben der zur Zeit der
Verfolgung die christliche Religion nicht verleugnen wollte sondern sich lieber
auf das entsetzlichste peinigen und nebst seiner Mutter als ein Märtyrer für die
Religion sein Leben ließ die andre von einem bösen Buben der sich im
zwanzigsten Jahre seines Lebens bekehrte und bald darauf starb
    Nun kam auch das andre kleine Buch an die Reihe worin die Abhandlung gegen
das Buchstabieren stand und er zu seiner großen Verwunderung las dass es
schädlich ja seelenverderblich sei die Kinder durch Buchstabieren lesen zu
lehren
    In diesem Buche fand er auch eine Anweisung für Lehrer die Kinder lesen zu
lehren und eine Abhandlung über die Hervorbringung der einzelnen Laute durch
die Sprachwerkzeuge so trocken ihm dieses schien so las er es doch aus Mangel
an etwas Besserm mit der größten Standhaftigkeit nach der Reihe durch
    Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet in deren
Genuss er sich für alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen
entschädigen konnte Wenn nun rund um ihn her nichts als Lärmen und Schelten und
häusliche Zwietracht herrschte oder er sich vergeblich nach einem Gespielen
umsah so eilte er hin zu seinem Buche
    So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche
idealistische Welt verdrängt wo sein Geist für tausend Freuden des Lebens
verstimmt wurde die andre mit voller Seele genießen können
    Schon im achten Jahre bekam er eine Art von auszehrender Krankheit Man gab
ihn völlig auf und er hörte beständig von sich wie von einem der schon wie ein
Toter beobachtet wird reden Dies war ihm immer lächerlich oder vielmehr war
ihm das Sterben selbst wie er sich damals vorstellte mehr etwas Lächerliches
als etwas Ernstaftes Seine Base der er doch etwas lieber wie seinen Eltern zu
sein schien ging endlich mit ihm zu einem Arzt und eine Kur von einigen
Monaten stellte ihn wieder her
    Kaum war er einige Wochen gesund als ihn gerade bei einem Spaziergange mit
seinen Eltern auf das Feld der ihm sehr etwas Seltnes und eben daher desto
reizender war der linke Fuß an zu schmerzen fing Dies war nach überstandner
Krankheit sein erster und sollte auf lange Zeit sein letzter Spaziergang sein
    Am dritten Tage war die Geschwulst und Entzündung am Fuße schon so
gefährlich geworden dass man am vierten zur Amputation schreiten wollte Antons
Mutter saß und weinte und sein Vater gab ihm zwei Pfennige Dies waren die
ersten Äußerungen des Mitleids gegen ihn deren er sich von seinen Eltern
erinnert und die wegen der Seltenheit einen desto stärkeren Eindruck auf ihn
machten
    An dem Tage vor der beschlossnen Amputation kam ein mitleidiger Schuster zu
Antons Mutter und brachte ihr eine Salbe durch deren Gebrauch sich die
Geschwulst und Entzündung im Fuße während wenigen Stunden legte Zum Fussabnehmen
kam es nun nicht aber der Schaden dauerte demohngeachtet vier Jahre lang ehe
er geheilt werden konnte in welcher Zeit unser Anton wiederum unter oft
unsäglichen Schmerzen alle Freuden der Kindheit entbehren musste
    Bei diesem Schaden konnte er zuweilen ein ganzes Vierteljahr nicht aus dem
Hause gehen nachdem er eine Weile zuheilte und immer wieder aufbrach
    Oft musste er ganze Nächte hindurch wimmern und klagen und die
abscheulichsten Schmerzen fast alle Tage beim Verbinden erdulden Dies entfernte
ihn natürlicherweise noch mehr aus der Welt und von dem Umgange mit
seinesgleichen und fesselte ihn immer mehr an das Lesen und an die Bücher Am
häufigsten las er wenn er seinen jüngeren Bruder wiegte und wann es ihm damals
an einem Buche fehlte so war es als wenn es ihm jetzt an einem Freunde fehlt
denn das Buch musste ihm Freund und Tröster und alles sein
    Im neunten Jahre las er alles was Geschichte in der Bibel ist vom Anfange
bis zu Ende durch und wenn einer von den Hauptpersonen als Moses Samuel oder
David gestorben war so konnte er sich tagelang darüber betrüben und es war
ihm dabei zumute als sei ihm ein Freund abgestorben so lieb wurden ihm immer
die Personen die viel in der Welt getan und sich einen Namen gemacht hatten
    So war Joab sein Held und es schmerzte ihn sooft er schlecht von ihm
denken musste Insbesondre haben ihn oft die Züge der Großmut in Davids
Geschichte wenn er seines ärgsten Feindes schonte da er ihn doch in seiner
Gewalt hatte bis zu Tränen gerührt
    Nun fiel ihm das Leben der Altväter in die Hände welches sein Vater sehr
hochschätzte und diese Altväter bei jeder Gelegenheit als Autoritäten anführte
So fingen sich gemeiniglich seine moralischen Reden an die Madam Guion spricht
oder der heilige Makarius oder Antonius sagt usw
    Die Altväter so abgeschmackt und abenteuerlich oft ihre Geschichte sein
mochte waren für Anton die würdigsten Muster zur Nachahmung und er kannte eine
Zeitlang keinen höheren Wunsch als seinem großen Namensgenossen dem heiligen
Antonius ähnlich zu werden und wie dieser Vater und Mutter zu verlassen und in
eine Wüste zu fliehen die er nicht weit vom Tore zu finden hoffte und wohin er
einmal wirklich eine Reise antrat indem er sich über hundert Schritte weit von
der Wohnung seiner Eltern entfernte und vielleicht noch weiter gegangen wäre
wenn die Schmerzen an seinem Fuße ihn nicht genötigt hätten wieder
zurückzukehren Auch fing er wirklich zuweilen an sich mit Nadeln zu pricken
und sonst zu peinigen um dadurch den heiligen Altvätern einigermaßen ähnlich zu
werden da es ihm doch ohnedem an Schmerzen nicht fehlte
    Während dieser Lektüre ward ihm ein kleines Buch geschenkt dessen
eigentlichen Titel er sich nicht erinnert das aber von einer frühen
Gottesfurcht handelte und Anweisung gab wie man schon vom sechsten bis zum
vierzehnten Jahre in der Frömmigkeit wachsen könne Die Abhandlungen in diesem
Büchelchen hießen also Für Kinder von sechs Jahren Für Kinder von sieben
Jahren usw Anton las also den Abschnitt Für Kinder von neun Jahren und fand
dass es noch Zeit sei ein frommer Mensch zu werden dass er aber schon drei Jahre
versäumt habe
    Dies erschütterte seine ganze Seele und er fasste einen so festen Vorsatz
sich zu bekehren wie ihn wohl selten Erwachsene fassen mögen Von der Stunde an
befolgte er alles was von Gebet Gehorsam Geduld Ordnung usw in dem Buche
stand auf das pünktlichste und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen
Schritt zur Sünde Wie weit dachte er werde ich nun nicht schon in fünf Jahren
sein wenn ich hierbei bleibe Denn in dem kleinen Buche war das Fortrücken in
der Frömmigkeit gleichsam zu einer Sache des Ehrgeizes gemacht wie man etwa
sich freut aus einer Klasse in die andere immer höher gestiegen zu sein
    Wenn er wie natürlich sich zuweilen vergaß und einmal wenn er Linderung
an seinem Fuße fühlte umhersprang oder lief so fühlte er darüber die
heftigsten Gewissensbisse und es war ihm immer als sei er nun schon einige
Stufen wieder zurückgekommen
    Dieses kleine Buch hatte lange einen starken Einfluss auf seine Handlungen
und Gesinnungen denn was er las das suchte er auch gleich auszuüben Daher las
er auf jeden Tag in der Woche sehr gewissenhaft den Abend und Morgensegen weil
im Katechismus stand man müsse ihn lesen auch vergaß er nicht das Kreuz dabei
zu machen und das walte zu sagen wie es im Katechismus befohlen war
    Sonst sah er nicht viel von Frömmigkeit ob er gleich immer viel davon
reden hörte und seine Mutter ihn alle Abende einsegnete und niemals vergaß ehe
er einschlief das Zeichen des Kreuzes über ihn zu machen
    Der Herr von Fleischbein hatte unter andern die geistlichen Lieder der Madam
Guion ins Deutsche übersetzt und Antons Vater der musikalisch war passte ihnen
Melodien an die größtenteils einen raschen fröhlichen Gang hatten
    Wenn es sich nun fügte dass er etwa einmal nach einer langen Trennung wieder
zu Hause kam so ließ sich denn doch die Ehegattin überreden einige dieser
Lieder mitzusingen wozu er die Zither spielte Dies geschahe gemeiniglich kurz
nach der ersten Freude des Wiedersehens und diese Stunden mochten wohl noch die
glücklichsten in ihrem Ehestande sein
    Anton war dann am frohesten und stimmte oft so gut er konnte in diese
Lieder ein die ein Zeichen der so seltenen wechselseitigen Harmonie und
Übereinstimmung bei seinen Eltern waren
    Diese Lieder gab ihm nun sein Vater da er ihn für reif genug zu dieser
Lektüre hielt in die Hände und ließ sie ihn zum Teil auswendig lernen
    Wirklich hatten diese Gesänge ungeachtet der steifen Übersetzung immer
noch so viel Seelenschmelzendes eine so unnachahmliche Zärtlichkeit im
Ausdrucke solch ein sanftes Helldunkel in der Darstellung und so viel
unwiderstehlich Anziehendes für eine weiche Seele dass der Eindruck den sie auf
Antons Herz machten bei ihm unauslöschlich geblieben ist
    Oft tröstete er sich in einsamen Stunden wo er sich von aller Welt
verlassen glaubte durch ein solches Lied vom seligen Ausgehen aus sich selber
und der süßen Vernichtung vor dem Urquelle des Daseins
    So gewährten ihm schon damals seine kindischen Vorstellungen oft eine Art
von himmlischer Beruhigung
    Einmal waren seine Eltern bei dem Wirt des Hauses wo sie wohnten des
Abends zu einem kleinen Familienfeste gebeten Anton musste es aus dem Fenster
mit ansehen wie die Kinder der Nachbarn schön geputzt zu diesem Feste kamen
indes er allein auf der Stube zurückbleiben musste weil seine Eltern sich seines
schlechten Aufzuges schämten Es wurde Abend und ihn fing an zu hungern und
nicht einmal ein Stückchen Brot hatten ihm seine Eltern zurückgelassen
    Indes er oben einsam saß und weinte schallte das fröhliche Getümmel von
unten zu ihm herauf  Verlassen von allem fühlte er erst eine Art von bitterer
Verachtung gegen sich selbst die sich aber plötzlich in eine unaussprechliche
Wehmut verwandelte da er zufälligerweise die Lieder der Madam Guion aufschlug
und eins fand das gerade auf seinen Zustand zu passen schien  Eine solche
Vernichtung wie er in diesem Augenblick fühlte musste nach dem Liede der Madam
Guion vorhergehen um sich in dem Abgrunde der ewigen Liebe wie ein Tropfen im
Ozean zu verlieren   Allein da nun der Hunger anfing ihm unausstehlich zu
werden so wollten auch die Tröstungen der Madam Guion nichts mehr helfen und
er wagte es hinunterzugehen wo seine Eltern in großer Gesellschaft
schmauseten öffnete ein klein wenig die Türe und bat seine Mutter um den
Schlüssel zum Speiseschranke und um die Erlaubnis sich ein wenig Brot nehmen zu
dürfen weil ihn sehr hungere
    Dies erweckte erst das Gelächter und nachher das Mitleid der Gesellschaft
nebst einigen Unwillen gegen seine Eltern
    Er ward mit an den Tisch gezogen und ihm von dem Besten vorgelegt welches
ihm denn freilich eine ganz andre Art von Freude als vorher die Guionschen
Trostlieder gewährte
    Allein auch jene schwermutsvolle tränenreiche Freude behielt immer etwas
Anziehendes für ihn und er überließ sich ihr indem er die Guionschen Lieder
las sooft ihm ein Wunsch fehlgeschlagen war oder ihm etwas Trauriges
bevorstand als wenn er zB vorher wusste dass sein Fuß verbunden und die Wunde
mit Höllenstein bestrichen werden sollte
    Das zweite Buch was ihn sein Vater nebst den Guionschen Liedern lesen ließ
war eine Anweisung zum innern Gebet von eben dieser Verfasserin
    Hierin ward gezeigt wie man nach und nach dahin kommen könne sich im
eigentlichen Verstande mit Gott zu unterreden und seine Stimme im Herzen oder
das eigentliche innere Wort deutlich zu vernehmen indem man sich nämlich zuerst
soviel wie möglich von den Sinnen loszumachen und sich mit sich selbst und
seinen eignen Gedanken zu beschäftigen suchte oder meditieren lernte welches
aber auch erst aufhören und man sich selbst sogar erst vergessen müsse ehe man
fähig sei die Stimme Gottes in sich zu vernehmen
    Dies ward von Anton mit dem größten Eifer befolgt weil er wirklich begierig
war so etwas Wunderbares als die Stimme Gottes in sich zu hören
    Er saß daher halbe Stunden lang mit verschlossnen Augen um sich von der
Sinnlichkeit abzuziehen Sein Vater tat dieses zum größten Leidwesen seiner
Mutter ebenfalls Auf Anton aber achtete sie nicht weil sie ihn zu keiner
Absicht fähig hielt die er dabei haben könne
    Anton kam bald so weit dass er glaubte von den Sinnen ziemlich abgezogen zu
sein und nun fing er an sich wirklich mit Gott zu unterreden mit dem er bald
auf einen ziemlich vertraulichen Fuß umging Den ganzen Tag über bei seinen
einsamen Spaziergängen bei seinen Arbeiten und sogar bei seinem Spiele sprach
er mit Gott zwar immer mit einer Art von Liebe und Zutrauen aber doch so wie
man ungefähr mit einem seinesgleichen spricht mit dem man eben nicht viel
Umstände macht und ihm war es denn wirklich immer als ob Gott dieses oder
jenes antwortete
    Freilich ging es nicht so ab dass es nicht zuweilen einige Unzufriedenheit
sollte gesetzt haben wenn etwa ein unschuldiges Spielwerk oder sonst ein Wunsch
vereitelt ward Dann hieß es oft aber mir auch diese Kleinigkeit nicht einmal
zu gewähren oder das hättest du doch wohl können geschehen lassen wenns
irgend möglich gewesen wäre und so nahm es sich denn Anton nicht übel zuweilen
ein wenig mit Gott nach seiner Art böse zu tun denn obgleich davon nichts in
der Madam Guion Schriften stand so glaubte er doch es gehöre mit zum
vertraulichen Umgange
    Alle diese Veränderungen gingen mit ihm vom neunten bis zum zehnten Jahre
vor Während dieser Zeit nahm ihn auch sein Vater wegen des Schadens am Fuße mit
nach dem Gesundbrunnen in Pyrmont Wie freute er sich nun den Herrn von
Fleischbein persönlich kennen zu lernen von dem sein Vater beständig mit
solcher Ehrfurcht wie von einem übermenschlichen Wesen geredet hatte und wie
freute er sich dort von seinen großen Fortschritten in der innern Gottseligkeit
Rechenschaft ablegen zu können seine Einbildungskraft malte ihm dort eine Art
von Tempel worin er auch als Priester eingeweiht und als ein solcher zur
Verwunderung aller die ihn kannten zurückkehren würde
    Er machte nun mit seinem Vater die erste Reise und während derselben war
dieser auch etwas gütiger gegen ihn und gab sich mehr mit ihm ab als zu Hause
Anton sah hier die Natur in unaussprechlicher Schönheit Die Berge rund umher
in der Ferne und in der Nähe und die lieblichen Täler entzückten seine Seele und
schmolzen sie in Wehmut die teils aus der Erwartung der großen Dinge entstand
die hier mit ihm vorgehen sollten
    Der erste Gang mit seinem Vater war in das Haus des Herrn von Fleischbein
wo dieser den Verwalter Herrn H zuerst sprach ihn umarmte und küsste und auf
das freundschaftlichste von ihm bewillkommt wurde
    Ohngeachtet der großen Schmerzen die Anton durch die Reise an seinem Fuße
empfand war er doch beim Eintritt in das Haus des Herrn von Fleischbein vor
Freuden außer sich Anton blieb diesen Tag in der Stube des Herrn H mit dem er
künftig alle Abend speisen musste Übrigens bekümmerte man sich doch im Hause
lange nicht so viel um ihn wie er erwartet hatte
    Seine Übungen im innern Gebet setzte er nun sehr fleißig fort allein es
konnte denn freilich nicht fehlen dass sie nicht zuweilen eine sehr kindische
Wendung nehmen mussten Hinter dem Hause wo sein Vater in Pyrmont logierte war
ein großer Baumgarten hier fand er zufälligerweise einen Schiebkarren und
machte sich das Vergnügen damit im ganzen Garten herumzuschieben
    Um dies nun aber zu rechtfertigen weil er anfing es für Sünde zu halten
bildete er sich eine ganz sonderbare Grille Er hatte nämlich in den Guionschen
Schriften und anderwärts viel von dem Jesulein gelesen von welchem gesagt
wurde dass es allenthalben sei und man beständig und an allen Orten mit ihm
umgehen könne
    Das Diminutivum machte dass er sich einen Knaben noch etwas kleiner wie er
darunter vorstellte und da er nun mit Gott selber schon so vertraut umging
warum nicht noch viel mehr mit diesem seinen Sohne dem er zutraute dass er sich
nicht weigern werde mit ihm zu spielen und also auch nichts dawider haben
werde wenn er ihn ein wenig auf den Schiebkarren herumfahren wollte
    Nun schätzte er es sich aber doch für ein sehr großes Glück eine so hohe
Person auf den Schiebkarren herumfahren zu können und ihr dadurch ein Vergnügen
zu machen und da diese Person nun ein Geschöpf seiner Einbildungskraft war so
machte er auch mit ihr was er wollte und ließ sie oft kürzer oft länger an
dem Fahren Gefallen finden sagte auch wohl zuweilen mit der größten
Ehrerbietigkeit wenn er vom Fahren müde war so gern ich wollte ist es mir
doch jetzt unmöglich dich noch länger zu fahren
    So sah er dies am Ende für eine Art von Gottesdienst an und hielt es nun
für keine Sünde mehr wenn er sich auch halbe Tage mit dem Schiebkarren
beschäftigte
    Nun aber bekam er selbst mit Bewilligung des Herrn von Fleischbein ein Buch
in die Hand das ihn wieder in eine ganz andre und neue Welt führte Es war die
Acerra philologika Hier las er nun die Geschichte von Troja vom Ulysses von
der Circe vom Tartarus und Elysium und war sehr bald mit allen Göttern und
Göttinnen des Heidentums bekannt Bald darauf gab man ihm auch den Telemach
ebenfalls mit Bewilligung des Herrn von Fleischbein zu lesen vielleicht weil
der Verfasser desselben Herr von Fénelon mit der Madam Guion Umgang hatte
    Die Acerra philologika war ihm zur Lektüre des Telemach eine schöne
Vorbereitung gewesen weil er dadurch mit der Götterlehre ziemlich bekannt
geworden war und sich schon für die meisten Helden interessierte die er im
Telemach wiederfand
    Diese Bücher wurden verschiedene Male nacheinander mit der größten Begierde
und mit wahrem Entzücken von ihm durchgelesen insbesondere der Telemach worin
er zum ersten Male die Reize einer schönen zusammenhängenden Erzählung
schmeckte
    Die Stelle welche ihn im ganzen Telemach am lebhaftesten gerührt hat war
die rührende Anrede des alten Mentors an den jungen Telemach als dieser auf der
Insel Cypern die Tugend mit dem Laster zu vertauschen im Begriff war und ihm
nun sein getreuer lange von ihm für verloren gehaltener Mentor plötzlich wieder
erschien dessen traurender Anblick ihn bis in das Innerste seiner Seele
erschütterte
    Dies hatte nun freilich für Antons Seele weit mehr Anziehendes als die
biblische Geschichte und alles was er vorher in dem Leben der Altväter oder in
den Guionschen Schriften gelesen hatte und da ihm nie eigentlich gesagt worden
war dass jenes wahr und dieses falsch sei so fand er sich gar nicht ungeneigt
die heidnische Göttergeschichte mit allem was da hineinschlug wirklich zu
glauben
    Ebensowenig konnte er aber auch was in der Bibel stand verwerfen um
soviel mehr da dies die ersten Eindrücke auf seine Seele gewesen waren Er
suchte also welches ihm allein übrigblieb die verschiedenen Systeme so gut er
konnte in seinem Kopfe zu vereinigen und auf diese Weise die Bibel mit dem
Telemach das Leben der Altväter mit der Acerra philologika und die heidnische
Welt mit der christlichen zusammenzuschmelzen
    Die erste Person in der Gottheit und Jupiter Kalypso und die Madam Guion
der Himmel und Elysium die Hölle und der Tartarus Pluto und der Teufel machten
bei ihm die sonderbarste Ideenkombination die wohl je in einem menschlichen
Gehirn mag existiert haben
    Dies machte einen so starken Eindruck auf sein Gemüt dass er noch lange
nachher eine gewisse Ehrfurcht gegen die heidnischen Gotteiten behalten hat
    Von dem Hause wo Antons Vater logierte bis nach dem Gesundbrunnen und der
Allee dabei war ein ziemlich weiter Weg Anton schleppte sich demohngeachtet mit
seinem schmerzenden Fuße das Buch unterm Arm hinaus und setzte sich auf eine
Bank in der Allee wo er im Lesen nach und nach seinen Schmerz vergaß und bald
nicht nur auf der Bank in Pyrmont sondern auf irgendeiner Insel mit hohen
Schlössern und Türmen oder mitten im wilden Kriegsgetümmel sich befand
    Mit einer Art von wehmütiger Freude las er nun wenn Helden fielen es
schmerzte ihn zwar aber doch deuchte ihn sie mussten fallen
    Dies mochte auch wohl einen großen Einfluss auf seine kindischen Spiele
haben Ein Fleck voll hochgewachsener Nesseln oder Disteln waren ihm so viele
feindliche Köpfe unter denen er manchmal grausam wütete und sie mit seinem
Stabe einen nach dem andern herunterhieb
    Wenn er auf der Wiese ging so machte er eine Scheidung und ließ in seinen
Gedanken zwei Heere gelber oder weißer Blumen gegeneinander anrücken Den
größten unter ihnen gab er Namen von seinen Helden und eine benannte er auch
wohl von sich selber Dann stellte er eine Art von blinden Fatum vor und mit
zugemachten Augen hieb er mit seinem Stabe wohin er traf
    Wenn er dann seine Augen wieder eröffnete so sah er die schreckliche
Zerstörung hier lag ein Held und dort einer auf den Boden hingestreckt und oft
erblickte er mit einer sonderbaren wehmütigen und doch angenehmen Empfindung
sich selbst unter den Gefallenen
    Er betrauerte dann eine Weile seine Helden und verließ das fürchterliche
Schlachtfeld Zu Hause nicht weit von der Wohnung seiner Eltern war ein
Kirchhof auf welchem er eine ganze Generation von Blumen und Pflanzen mit
eisernem Zepter beherrschte und keinen Tag hingehen ließ wo er nicht mit ihnen
eine Art von Musterung hielt
    Als er von Pyrmont wieder nach Hause gereist war schnitzte er sich alle
Helden aus dem Telemach von Papier bemalte sie nach den Kupferstichen mit Helm
und Panzer und ließ sie einige Tage lang in Schlachtordnung stehen bis er
endlich ihr Schicksal entschied und mit grausamen Messerhieben unter ihnen
wütete diesem den Helm jenem den Schädel zerspaltete und rund um sich her
nichts als Tod und Verderben sah
    So liefen alle seine Spiele auch mit Kirsch und Pflaumkernen auf
Verderben und Zerstörung hinaus Auch über diese musste ein blindes Schicksal
walten indem er zwei verschiedene Arten als Heere gegeneinander anrücken und nun
mit zugemachten Augen den eisernen Hammer auf sie herabfallen ließ und wen es
traf den trafs
    Wenn er Fliegen mit der Klappe totschlug so tat er dieses mit einer Art von
Feierlichkeit indem er einer jeden mit einem Stücke Messing das er in der Hand
hatte vorher die Totenglocke läutete Das allergrösste Vergnügen machte es ihm
wenn er eine aus kleinen papiernen Häusern erbauete Stadt verbrennen und dann
nachher mit feierlichem Ernst und Wehmut den zurückgebliebenen Aschenhaufen
betrachten konnte
    Ja als in der Stadt wo seine Eltern wohnten einmal wirklich in der Nacht
ein Haus abbrannte so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimen
Wunsche dass das Feuer nicht so bald gelöscht werden möchte
    Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde sondern
entstand aus einer dunklen Ahndung von großen Veränderungen Auswanderungen und
Revolutionen wo alle Dinge eine ganz andre Gestalt bekommen und die bisherige
Einförmigkeit aufhören würde
    Selbst der Gedanke an seine eigne Zerstörung war ihm nicht nur angenehm
sondern verursachte ihm sogar eine Art von wollüstiger Empfindung wenn er oft
des Abends ehe er einschlief sich die Auflösung und das Auseinanderfallen
seines Körpers lebhaft dachte
    Antons dreimonatlicher Aufenthalt in Pyrmont war ihm in vieler Rücksicht
sehr vorteilhaft weil er fast immer sich selbst überlassen war und das Glück
hatte diese kurze Zeit wieder von seinen Eltern entfernt zu sein indem seine
Mutter zu Hause geblieben war und sein Vater andre Geschäfte in Pyrmont hatte
und sich nicht viel um ihn bekümmerte doch aber sich hier wenn er ihn zuweilen
sah weit gütiger als zu Hause gegen ihn betrug
    Auch logierte mit Antons Vater in demselben Hause ein Engländer der gut
Deutsch sprach und sich mit Anton mehr abgab wie irgendeiner vor ihm getan
hatte indem er anfing ihn durch bloßes Sprechen Englisch zu lehren und sich
über seine Progressen freute Er unterredete sich mit ihm ging mit ihm
spazieren und konnte am Ende fast gar nicht mehr ohne ihn sein
    Dies war der erste Freund den Anton auf Erden fand mit Wehmut nahm er von
ihm Abschied Der Engländer drückte ihm bei seiner Abreise ein silbern
Schaustück in die Hand das sollte er ihm zum Andenken aufbewahren bis er
einmal nach England käme wo ihm sein Haus offen stände nach fünfzehn Jahren
kam Anton wirklich nach England und hatte noch sein Schaustück bei sich aber
der erste Freund seiner Jugend war tot
    Anton sollte einmal diesen Engländer gegen einen Fremden der ihn besuchen
wollte verleugnen und sagen er sei nicht zu Hause Man konnte ihn auf keine
Weise dazu bringen weil er keine Lüge begehen wollte
    Dies wurde ihm damals sehr hoch angerechnet und war just einer der Fälle wo
er tugendhafter scheinen wollte als er wirklich war denn er hatte sich sonst
eben aus einer Notlüge nicht so sehr viel gemacht aber seinen wahren innern
Kampf wo er oft seine unschuldigsten Wünsche einem eingebildeten Missfallen des
göttlichen Wesens aufopferte bemerkte niemand
    Indes war ihm das liebreiche Betragen das man in Pyrmont gegen ihn bewies
sehr aufmunternd und erhob seinen niedergedrückten Geist ein wenig Wegen seiner
Schmerzen am Fuße bezeugte man ihm Mitleid im von Fleischbeinschen Hause
begegnete man ihm leutselig und der Herr von Fleischbein küsste ihn auf die
Stirne sooft er ihm auf der Straße begegnete Dergleichen Begegnungen waren ihm
ganz etwas Ungewohntes und Rührendes das seine Stirne wieder freier sein Auge
offener und seine Seele heiterer machte
    Er fing nun auch an sich auf die Poesie zu legen und besang was er sah
und hörte Er hatte zwei Stiefbrüder die beide in Pyrmont das Schneiderhandwerk
lernten und deren Meister ebenfalls Anhänger der Lehre des Herrn von
Fleischbein waren Von diesen nahm er in Versen die er selbst gemacht und
auswendig gelernt hatte sehr rührend Abschied sowie auch von dem von
Fleischbeinschen Hause
    Freilich kehrte er nun nicht so wieder von Pyrmont zu Hause wie er erwartet
hatte aber doch war er in dieser kurzen Zeit ein ganz andrer Mensch geworden
und seine Ideenwelt um ein Großes bereichert
    Allein zu Hause wurden durch die erneuerte Zwietracht seiner Eltern wozu
vermutlich die Ankunft seiner beiden Stiefbrüder vieles beitrug und durch das
unaufhörliche Schelten und Toben seiner Mutter die guten Eindrücke die er in
Pyrmont und besonders in dem von Fleischbeinschen Hause erhalten hatte bald
wieder ausgelöscht und er befand sich aufs neue in seiner vorigen gehässigen
Lage wodurch seine Seele ebenfalls finster und menschenfeindlich gemacht wurde
    Da Antons beide Stiefbrüder bald abreiseten um ihre Wanderschaft
anzutreten so war auch der häusliche Friede eine Zeitlang wiederhergestellt
und Antons Vater las nun zuweilen selber anstatt aus der Madam Guion Schriften
etwas aus dem Telemach vor oder erzählte ein Stück aus der älteren oder neueren
Geschichte worin er wirklich ziemlich bewandert war denn neben seiner Musik
worin er es im Praktischen weit gebracht hatte machte er beständig aus dem
Lesen nützlicher Bücher ein eigenes Studium bis endlich die Guionschen Schriften
alles übrige verdrängten
    Er redete daher auch eine Art von Büchersprache und Anton erinnert sich
noch sehr genau wie er im siebenten oder achten Jahre oft sehr aufmerksam
zuhörte wann sein Vater sprach und sich wunderte dass er von allen den
Wörtern die sich auf heit und keit und ung endigten keine Silbe verstand da
er doch sonst was gesprochen wurde verstehen konnte
    Auch war Antons Vater außer dem Hause ein sehr umgänglicher Mann und konnte
sich mit allerlei Leuten über allerlei Materien angenehm unterhalten Vielleicht
wäre auch alles im Ehestande besser gegangen wenn Antons Mutter nicht das
Unglück gehabt hätte sich oft für beleidigt und gern für beleidigt zu halten
auch wo sie es wirklich nicht war um nur Ursach zu haben sich zu kränken und
zu betrüben und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden worin sie
eine Art von Vergnügen fand
    Leider scheint sich diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben der
jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat
    Schon als Kind wenn alle etwas bekamen und ihm sein Anteil hingelegt wurde
ohne dabei zu sagen es sei der seinige so ließ er ihn lieber liegen ob er
gleich wusste dass er für ihn bestimmt war um nur die Süßigkeit des
Unrechtleidens zu empfinden und sagen zu können alle andren haben etwas und ich
nichts bekommen
    Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand um so viel stärker musste
er das wirkliche empfinden Und gewiss ist wohl bei niemanden die Empfindung des
Unrechts stärker als bei Kindern und niemanden kann auch leichter unrecht
geschehen ein Satz den alle Pädagogen täglich und stündlich beherzigen
sollten
    Oft konnte Anton stundenlag nachdenken und Gründe gegen Gründe auf das
genaueste abwägen ob eine Züchtigung von seinem Vater recht oder unrecht sei
    Jetzt genoss er in seinem elften Jahre zum ersten Male das unaussprechliche
Vergnügen verbotner Lektüre
    Sein Vater war ein abgesagter Feind von allen Romanen und drohte ein
solches Buch sogleich mit Feuer zu verbrennen wenn er es in seinem Hause fände
Demohngeachtet bekam Anton durch seine Base die schöne Banise die Tausend und
eine Nacht und die Insel Felsenburg in die Hände die er nun heimlich und
verstohlen obgleich mit Bewusstsein seiner Mutter in der Kammer las und
gleichsam mit unersättlicher Begierde verschlang
    Dies waren einige der süßesten Stunden in seinem Leben Sooft seine Mutter
hereintrat drohte sie ihm bloß mit der Ankunft seines Vaters ohne ihm selber
das Lesen in diesen Büchern zu verbieten worin sie ehemals ein ebenso
entzückendes Vergnügen gefunden hatte
    Die Erzählung von der Insel Felsenburg tat auf Anton eine sehr starke
Wirkung denn nun gingen eine Zeitlang seine Ideen auf nichts Geringers als
einmal eine große Rolle in der Welt zu spielen und erst einen kleinen denn
immer größeren Zirkel von Menschen um sich her zu ziehen von welchen er der
Mittelpunkt wäre dies erstreckte sich immer weiter und seine ausschweifende
Einbildungskraft ließ ihn endlich sogar Tiere Pflanzen und leblose Kreaturen
kurz alles was ihn umgab mit in die Sphäre seines Daseins hineinziehen und
alles musste sich um ihn als den einzigen Mittelpunkt umher bewegen bis ihm
schwindelte
    Dieses Spiel seiner Einbildungskraft machte ihm damals oft wonnevollre
Stunden als er je nachher wieder genossen hat
    So machte seine Einbildungskraft die meisten Leiden und Freuden seiner
Kindheit Wie oft wenn er an einem trüben Tage bis zum Überdruss und Ekel in der
Stube eingesperrt war und etwa ein Sonnenstrahl durch eine Fensterscheibe fiel
erwachten auf einmal in ihm Vorstellungen vom Paradiese vom Elysium oder von
der Insel der Kalypso die ihn ganze Stunden lang entzückten
    Aber von seinem zweiten und dritten Jahre an erinnert er sich auch der
höllischen Qualen die ihm die Märchen seiner Mutter und seiner Base im Wachen
und im Schlafe machten wenn er bald im Traume lauter Bekannte um sich her sah
die ihn plötzlich mit scheusslich verwandelten Gesichtern anbleckten bald eine
hohe düstere Stiege hinaufstieg und eine grauenvolle Gestalt ihm die Rückkehr
verwehrte oder gar der Teufel bald wie ein fleckigtes Huhn bald wie ein
schwarzes Tuch an der Wand ihm erschien
    Als seine Mutter noch mit ihm auf dem Dorfe wohnte jagte ihm jede alte Frau
Furcht und Entsetzen ein so viel hörte er beständig von Hexen und Zaubereien
und wenn der Wind oft mit sonderbarem Getön durch die Hütte pfiff so nannte
seine Mutter dies im allegorischen Sinn den handlosen Mann ohne weiter etwas
dabei zu denken
    Allein sie würde es nicht getan haben hätte sie gewusst wie manche
grauenvolle Stunde und wie manche schlaflose Nacht dieser handlose Mann ihrem
Sohne noch lange nachher gemacht hat
    Insbesondre waren immer die letzten vier Wochen vor Weihnachten für Anton
ein Fegefeuer wogegen er gerne den mit Wachslichtern besteckten und mit
übersilberten Äpfeln und Nüssen behängten Tannenbaum entbehrt hätte
    Da ging kein Tag hin wo sich nicht ein sonderbares Getöse wie von Glocken
oder ein Scharren vor der Türe oder eine dumpfte Stimme hätte hören lassen die
den sogenannten Ruprecht oder Vorgänger des heiligen Christs anzeigte den Anton
denn im ganzen Ernst für einen Geist oder ein übermenschliches Wesen hielt und
so ging auch diese ganze Zeit über keine Nacht hin wo er nicht mit Schrecken
und Angstschweiß vor der Stirne aus dem Schlaf erwachte
    
    Dies währte bis in sein achtes Jahr wo erst sein Glaube an die Wirklichkeit
des Ruprechts sowohl als des heiligen Christs an zu wanken fing
    So teilte ihm seine Mutter auch eine kindische Furcht vor dem Gewitter mit
Seine einzige Zuflucht war alsdann dass er so fest er konnte die Hände
zusammenfaltete und sie nicht wieder auseinanderliess bis das Gewitter vorüber
war dies nebst dem über sich geschlagenen Kreuze war auch seine Zuflucht und
gleichsam eine feste Stütze sooft er alleine schlief weil er dann glaubte es
könne ihm weder Teufel noch Gespenster etwas anhaben
    Seine Mutter hatte einen sonderbaren Ausdruck dass einem der vor einem
Gespenste fliehen will die Fersen lang werden dies fühlte er im eigentlichen
Verstande sooft er im Dunkeln etwas Gespensterähnliches zu sehen glaubte Auch
pflegte sie von einem Sterbenden zu sagen dass ihm der Tod schon auf der Zunge
sitze dies nahm Anton ebenfalls im eigentlichen Verstande und als der Mann
seiner Base starb stand er neben dem Bette und sah ihm sehr scharf in den
Mund um den Tod auf der Zunge desselben etwa wie eine kleine schwarze Gestalt
zu entdecken
    Die erste Vorstellung über seinen kindischen Gesichtskreis hinaus bekam er
ungefähr im fünften Jahre als seine Mutter noch mit ihm in dem Dorfe wohnte
und eines Abends mit einer alten Nachbarin ihm und seinen Stiefbrüdern allein
in der Stube saß
    Das Gespräch fiel auf Antons kleine Schwester die vor kurzem in ihrem
zweiten Jahre gestorben war und worüber seine Mutter beinahe ein Jahr lang
untröstlich blieb
    Wo wohl jetzt Julchen sein mag sagte sie nach einer langen Pause und
schwieg wieder Anton blickte nach dem Fenster hin wo durch die düstere Nacht
kein Lichtstrahl schimmerte und fühlte zum ersten Male die wunderbare
Einschränkung die seine damalige Existenz von der gegenwärtigen beinahe so
verschieden machte wie das Dasein vom Nichtsein
    Wo mag jetzt wohl Julchen sein dachte er seiner Mutter nach und Nähe und
Ferne Enge und Weite Gegenwart und Zukunft blitzte durch seine Seele Seine
Empfindung dabei malt kein Federzug tausendmal ist sie wieder in seiner Seele
aber nie mit der ersten Stärke erwacht
    Wie groß ist die Seligkeit der Einschränkung die wir doch aus allen Kräften
zu fliehen suchen Sie ist wie ein kleines glückliches Eiland in einem
stürmischen Meere wohl dem der in ihrem Schoße sicher schlummern kann ihn
weckt keine Gefahr ihm drohen keine Stürme Aber wehe dem der von
unglücklicher Neugier getrieben sich über dies dämmernde Gebirge hinauswagt
das wohltätig seinen Horizont umschränkt
    Er wird auf einer wilden stürmischen See von Unruh und Zweifel hin und her
getrieben sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne und sein kleines Eiland
auf dem er so sicher wohnte hat alle seine Reize für ihn verloren
    Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner
Kindheit ist als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt durch Sturm und
Regen trug Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schön aber hinter dem blauen
Berge nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte warteten schon die Leiden
auf ihn die die Jahre seiner Kindheit vergällen sollten
    Da ich einmal in meiner Geschichte zurückgegangen bin um Antons erste
Empfindungen und Vorstellungen von der Welt nachzuholen so muss ich hier noch
zwei seiner frühesten Erinnerungen anführen die seine Empfindung des Unrechts
betreffen
    Er ist sich deutlich bewusst wie er im zweiten Jahre da seine Mutter noch
nicht mit ihm auf dem Dorfe wohnte von seinem Hause nach dem gegenüberstehenden
über die Straße hin und wieder lief und einem wohlgekleideten Manne in den Weg
rannte gegen den er heftig mit den Händen ausschlug weil er sich selbst und
andre zu überreden suchte dass ihm Unrecht geschehen sei ob er gleich innerlich
fühlte dass er der beleidigende Teil war
    Diese Erinnerung ist wegen ihrer Seltenheit und Deutlichkeit merkwürdig
auch ist sie echt weil der Umstand an sich zu geringfügig war als dass ihm
nachher jemand davon hätte erzählen sollen
    Die zweite Erinnerung ist aus dem vierten Jahre wo seine Mutter ihn wegen
einer wirklichen Unart schalt indem er sich nun gerade auszog fügte es sich
dass eines seiner Kleidungsstücke mit einigem Geräusch auf den Stuhl fiel seine
Mutter glaubte er habe es aus Trotz hingeworfen und züchtigte ihn hart
    Dies war das erste wirkliche Unrecht was er tief empfand und was ihm nie
aus dem Sinne gekommen ist seit der Zeit hielt er auch seine Mutter für
ungerecht und bei jeder neuen Züchtigung fiel ihm dieser Umstand ein
    Ich habe schon erwähnt wie ihm der Tod in seiner Kindheit vorgekommen sei
Dies dauerte bis in sein zehntes Jahr als einmal eine Nachbarin seine Eltern
besuchte und erzählte wie ihr Vetter der ein Bergmann war von der Leiter
hinunter in die Grube gefallen sei und sich den Kopf zerschmettert habe
    Anton hörte aufmerksam zu und bei dieser Kopfzerschmetterung dachte er sich
auf einmal ein gänzliches Aufhören von Denken und Empfinden und eine Art von
Vernichtung und Ermangelung seiner selbst die ihn mit Grauen und Entsetzen
erfüllte sooft er wieder lebhaft daran dachte Seit der Zeit hatte er auch eine
starke Furcht vor dem Tode die ihm manche traurige Stunde machte
    Noch muss ich etwas von seinen ersten Vorstellungen die er sich ebenfalls
ungefähr im zehnten Jahre von Gott und der Welt machte sagen
    Wenn oft der Himmel umwölkt und der Horizont kleiner war fühlte er eine Art
von Bangigkeit dass die ganze Welt wiederum mit ebenso einer Decke umschlossen
sei wie die Stube worin er wohnte und wenn er dann mit seinen Gedanken über
diese gewölbte Decke hinausging so kam ihm diese Welt an sich viel zu klein
vor und es deuchte ihm als müsse sie wiederum in einer andern eingeschlossen
sein und das immer so fort
    Ebenso ging es ihm mit seiner Vorstellung von Gott wenn er sich denselben
als das höchste Wesen denken wollte
    Er saß einmal in der Dämmerung an einem trüben Abend allein vor seiner
Haustüre und dachte hierüber nach indem er oft gen Himmel blickte und dann
wieder die Erde ansah und bemerkte wie sie selbst gegen den trüben Himmel so
schwarz und dunkel war
    Über den Himmel dachte er sich Gott aber jeder auch der höchste Gott den
sich seine Gedanken schufen war ihm zu klein und musste immer wieder noch einen
höheren über sich haben gegen den er ganz verschwand und das so ins Unendliche
fort
    Doch hatte er hierüber nie etwas gelesen noch gehört Was am sonderbarsten
war so geriet er durch sein beständiges Nachdenken und Insichgekehrtsein sogar
auf den Egoismus der ihn beinahe hätte verrückt machen können
    Weil nämlich seine Träume größtenteils sehr lebhaft waren und beinahe an die
Wirklichkeit zu grenzen schienen so fiel es ihm ein dass er auch wohl am hellen
Tage träume und die Leute um ihn her nebst allem was er sah Geschöpfe seiner
Einbildungskraft sein könnten
    Dies war ihm ein erschrecklicher Gedanke und er fürchtete sich vor sich
selber sooft er ihm einfiel auch suchte er sich dann wirklich durch
Zerstreuung von diesen Gedanken loszumachen
    Nach dieser Ausschweifung wollen wir der Zeitfolge gemäß in Antons
Geschichte wieder fortfahren den wir elf Jahre alt bei der Lektüre der schönen
Banise und der Insel Felsenburg verlassen haben Er bekam nun auch Fénelons
Totengespräche nebst dessen Erzählungen zu lesen und sein Schreibmeister fing
an ihn eigne Briefe und Ausarbeitungen machen zu lassen
    Dies war für Anton eine noch nie empfundene Freude Er fing nun an seine
Lektüre zu nutzen und hie und da Nachahmungen von dem Gelesenen anzubringen
wodurch er sich den Beifall und die Achtung seines Lehrers erwarb
    Sein Vater musizierte mit in einem Konzert wo Ramlers Tod Jesu aufgeführt
wurde und brachte einen gedruckten Text davon mit zu Hause Dieser hatte für
Anton so viel Anziehendes und übertraf alles Poetische was er bisher gelesen
hatte so weit dass er ihn so oft und mit solchem Entzücken las bis er ihn
beinahe auswendig wusste
    Durch diese einzige so oft wiederholte zufällige Lektüre bekam sein
Geschmack in der Poesie eine gewisse Bildung und Festigkeit die er seit der
Zeit nicht wieder verloren hat so wie in der Prose durch den Telemach denn er
fühlte bei der schönen Banise und Insel Felsenburg ungeachtet des Vergnügens
das er darin fand doch sehr lebhaft das Abstechende und Unedlere in der
Schreibart
    Von poetischer Prose fiel ihm Karl von Mosers Daniel in der Löwengrube in
die Hände den er verschiedene Male durchlas und woraus auch sein Vater zuweilen
vorzulesen pflegte
    Die Brunnenzeit kam wieder heran und Antons Vater beschloss ihn wieder mit
nach Pyrmont zu nehmen allein diesmal sollte Anton nicht so viel Freude als im
vorigen Jahre dort genießen denn seine Mutter reiste mit
    Ihr unaufhörliches Verbieten von Kleinigkeiten und beständiges Schelten und
Strafen zu unrechter Zeit verleidete ihm alle edleren Empfindungen die er hier
vor einem Jahr gehabt hatte sein Gefühl für Lob und Beifall ward dadurch so
sehr unterdrückt dass er zuletzt beinahe seiner Natur zuwider eine Art von
Vergnügen darin fand sich mit den schmutzigsten Gassenbuben abzugeben und mit
ihnen gemeine Sache zu machen bloß weil er verzweifelte sich je die Liebe und
Achtung in Pyrmont wieder zu erwerben die er durch seine Mutter einmal verloren
hatte welche nicht nur gegen seinen Vater sooft er zu Hause kam sondern auch
gegen ganz fremde Leute beständig von nichts als von seiner schlechten
Aufführung sprach wodurch dieselbe denn wirklich anfing schlecht zu werden und
sein Herz sich zu verschlimmern schien Er kam auch nun seltener in das von
Fleischbeinsche Haus und die Zeit seines diesmaligen Aufenthalts in Pyrmont
strich für ihn höchst unangenehm und traurig vorüber so dass er sich oft noch
mit Wehmut an die Freuden des vorigen Jahres zurückerinnerte ob er gleich
diesmal nicht so viel Schmerzen an seinem Fuß auszustehn hatte der nun nachdem
der schadhafte Knochen herausgenommen war wieder an zu heilen fing
    Bald nach der Zurückkunft seiner Eltern in Hannover trat Anton in sein
zwölftes Jahr worin ihm wiederum sehr viele Veränderungen bevorstanden denn
noch in diesem Jahre sollte er von seinen Eltern getrennt werden Fürs erste
stand ihm eine große Freude bevor
    Antons Vater ließ ihn auf Zureden einiger Bekannten in der öffentlichen
Stadtschule eine lateinische Privatstunde besuchen damit er wenigstens auf alle
Fälle wie es hieß einen Kasum solle setzen lernen In die übrigen Stunden der
öffentlichen Schule aber worin Religionsunterricht die Hauptsache war wollte
ihn sein Vater zum größten Leidwesen seiner Mutter und Anverwandten
schlechterdings nicht schicken
    Nun war doch einer von Antons eifrigsten Wünschen einmal in eine
öffentliche Stadtschule gehen zu dürfen zum Teil erfüllt
    Beim ersten Eintritt waren ihm schon die dicken Mauern dunklen gewölbten
Gemächer hundertjährigen Bänke und vom Wurm durchlöcherten Katheder nichts wie
Heiligtümer die seine Seele mit Ehrfurcht erfüllten
    Der Konrektor ein kleines muntres Männchen flößte ihm ungeachtet seiner
nicht sehr gravitätischen Miene dennoch durch seinen schwarzen Rock und
Stutzperücke einen tiefen Respekt ein
    Dieser Mann ging auch auf einen ziemlich freundschaftlichen Fuß mit seinen
Schülern um gewöhnlich nannte er zwar einen jeden Ihr aber die vier öbersten
welche er auch im Scherz Veteraner hieß wurden vorzugsweise Er genannt
    Ob er dabei gleich sehr strenge war hat doch Anton niemals einen Vorwurf
noch weniger einen Schlag von ihm bekommen er glaubte daher auch in der Schule
immer mehr Gerechtigkeit als bei seinen Eltern zu finden
    Er musste nun anfangen den Donat auswendig zu lernen allein freilich hatte
er einen wunderbaren Akzent der sich bald zeigte da er gleich in der zweiten
Stunde sein Mensa auswendig hersagen musste und indem er Singulariter und
Pluraliter sagte immer den Ton auf die vorletzte Silbe legte weil er sich beim
Auswendiglernen dieses Pensums wegen der Ähnlichkeit dieser Wörter mit Amoriter
Jebusiter usw fest einbildete die Singulariter wären ein besonderes Volk das
Mensa und die Pluraliter ein andres Volk das Mensä gesagt hätte
    Wie oft mögen ähnliche Missverständnisse veranlasst werden wenn der Lehrer
sich mit den ersten Worten des Lehrlings begnügen lässt ohne in den Begriff
desselben einzudringen
    Nun ging es an das Auswendiglernen Das amo amem amas ames ward bald nach
dem Takte hergebetet und in den ersten sechs Wochen wusste er schon sein oportet
auf den Fingern herzusagen dabei wurden täglich Vokabeln auswendig gelernt und
weil ihm niemals eine fehlte so schwang er sich in kurzer Zeit von einer Stufe
zur andern empor und rückte immer näher an die Veteraner heran
    Welch eine glückliche Lage welch eine herrliche Laufbahn für Anton der nun
zum ersten Male in seinem Leben einen Pfad des Ruhms vor sich eröffnet sah was
er so lange vergeblich gewünscht hatte
    Auch zu Hause brachte er diese kurze Zeit ziemlich vergnügt zu indem er
alle Morgen während dass seine Eltern Kaffee tranken ihnen aus dem Thomas von
Kempis von der Nachfolge Christi vorlesen musste welches er sehr gern tat
    Es ward alsdann darüber gesprochen und er durfte auch zuweilen sein Wort
dazugeben Übrigens genoss er das Glück nicht viel zu Hause zu sein weil er
noch die Stunden seines alten Schreibmeisters zu gleicher Zeit besuchte den er
ungeachtet mancher Kopfstösse die er von ihm bekommen hatte so aufrichtig
liebte dass er alles für ihn aufgeopfert hätte
    Denn dieser Mann unterhielt sich mit ihm und seinen Mitschülern oft in
freundschaftlichen und nützlichen Gesprächen und weil er sonst von Natur ein
ziemlich harter Mann zu sein schien so hatte seine Freundlichkeit und Güte
desto mehr Rührendes das ihm die Herzen gewann
    So war nun Anton einmal auf einige Wochen in einer doppelten Lage glücklich
aber wie bald wurde diese Glückseligkeit zerstört Damit er sich seines Glücks
nicht überheben sollte waren ihm fürs erste schon starke Demütigungen
zubereitet
    Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitteter Kinder unterrichtet ward
so ließ ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten
    Er musste Wasser tragen Butter und Käse aus den Kramläden holen und wie ein
Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen um Esswaren einzukaufen
    Wie innig es ihn kränken musste wenn alsdann einer seiner glücklichern
Mitschüler hämisch lächelnd vor ihm vorbeiging darf ich nicht erst sagen
    Doch dies verschmerzte er noch gerne gegen das Glück in eine lateinische
Schule gehen zu dürfen wo er nach zwei Monaten so weit gestiegen war dass er
nun an den Beschäftigungen des öbersten Tisches oder der sogenannten vier
Veteraner mit teilnehmen konnte
    Um diese Zeit führte ihn auch sein Vater zum erstenmale zu einem äußerst
merkwürdigen Manne in Hannover der schon lange der Gegenstand seiner Gespräche
gewesen war Dieser Mann hieß Tischer und war hundertundfünf Jahre alt
    Er hatte Theologie studiert und war zuletzt Informator bei den Kindern eines
reichen Kaufmanns in Hannover gewesen in dessen Hause er noch lebte und von dem
gegenwärtigen Besitzer desselben der sein Eleve gewesen und jetzt selber schon
beinahe ein Greis geworden war seinen Unterhalt bekam
    Seit seinem funfzigsten Jahre war er taub und wer mit ihm sprechen wollte
musste beständig Tinte und Feder bei der Hand haben und ihm seine Gedanken
schriftlich aufsetzen die er denn sehr vernehmlich und deutlich mündlich
beantwortete
    dabei konnte er noch im hundertundfünften Jahre sein kleingedrucktes
griechisches Testament ohne Brille lesen und redete beständig sehr wahr und
zusammenhängend obgleich oft etwas leiser oder lauter als nötig war weil er
sich selber nicht hören konnte
    Im Hause war er nicht anders als unter dem Namen der alte Mann bekannt Man
brachte ihm sein Essen und sonstige Bequemlichkeiten übrigens bekümmerte man
sich nicht viel um ihn
    Eines Abends also als Anton gerade bei seinem Donat saß nahm ihn sein
Vater bei der Hand und sagte »Komm jetzt will ich dich zu einem Manne führen
in dem du den heiligen Antonius den heiligen Paulus und den Erzvater Abraham
wiedererblicken wirst«
    Und indem sie hingingen bereitete ihn sein Vater immer noch auf das was er
nun bald sehen würde vor
    Sie traten ins Haus Antons Herz pochte
    Sie gingen über einen langen Hof hinaus und stiegen eine kleine Windeltreppe
hinauf die sie in einen langen dunklen Gang führte worauf sie wieder eine
andre Treppe hinauf und dann wieder einige Stufen hinabstiegen dies schienen
Anton labyrintische Gänge zu sein
    Endlich öffnete sich linker Hand eine kleine Aussicht wo das Licht durch
einige Fensterscheiben erst von einem andern Fenster hineinfiel
    Es war schon im Winter und die Türe auswendig mit Tuch behangen Antons
Vater eröffnete sie es war in der Dämmerung das Zimmer weitläufig und groß
mit dunkeln Tapeten ausgeziert und in der Mitte an einem Tische worauf Bücher
hin und her zerstreut lagen saß der Greis auf einem Lehnsessel
    Er kam ihnen mit entblösstem Haupt entgegen
    Das Alter hatte ihn nicht daniedergebückt er war ein langer Mann und sein
Ansehen war groß und majestätisch Die schneeweißen Locken zierten seine Schläfe
und aus seinen Augen blickte eine unnennbare sanfte Freundlichkeit hervor Sie
setzten sich
    Antons Vater schrieb ihm einiges auf »Wir wollen beten« fing der Greis
nach einer Pause an »und meinen kleinen Freund mit einschliessen«
    Darauf entblößte er sein Haupt und kniete nieder Antons Vater neben ihm zur
rechten und Anton zur linken Seite
    Freilich fand dieser nun alles was ihm sein Vater gesagt hatte mehr als zu
wahr Er glaubte wirklich neben einem der Apostel Christi zu knien und sein
Herz erhob sich zu einer hohen Andacht als der Greis seine Hände ausbreitete
und mit wahrer Inbrunst sein Gebet anhub das er bald mit lauter bald mit
leiserer Stimme fortsetzte
    Seine Worte waren wie eines der schon mit allen seinen Gedanken und
Wünschen jenseits des Grabes ist und den nur noch ein Zufall etwas länger als
er glaubte diesseits verweilen lässt
    So waren auch alle seine Gedanken aus jenem Leben gleichsam herübergeholt
und so wie er betete schien sich sein Auge und seine Stirne zu verklären
    Sie standen vom Gebet auf und Anton betrachtete nun den alten Mann in
seinem Herzen beinahe schon wie ein höheres übermenschliches Wesen
    Und als er den Abend zu Hause kam wollte er schlechterdings mit einigen
seiner Mitschüler sich nicht auf einen kleinen Schlitten im Schnee herumfahren
weil ihm dies nun viel zu unheilig vorkam und er den Tag dadurch zu entweihen
glaubte
    Sein Vater ließ ihn nun öfters zu diesem alten Manne gehen und er brachte
fast die ganze Zeit des Tages bei ihm zu die er nicht in der Schule war
    Alsdann bediente er sich dessen Bibliothek die größtenteils aus mystischen
Büchern bestand und las viele davon von Anfang bis zu Ende durch Auch gab er
dem alten Manne oft Rechenschaft von seinen Progressen im Lateinischen und von
den Ausarbeitungen bei seinem Schreibmeister So brachte Anton ein paar Monate
ganz ungewöhnlich glücklich zu
    Aber welch ein Donnerschlag war es für Anton als ihm beinahe zu gleicher
Zeit die schreckliche Ankündigung geschahe dass noch mit diesem Monate seine
lateinische Privatstunde aufhören und er zugleich in eine andre Schreibschule
geschickt werden sollte
    Tränen und Bitten halfen nichts der Ausspruch war getan Vierzehn Tage
wusste es Anton vorher dass er die lateinische Schule verlassen sollte und je
höher er nun rückte desto größer ward sein Schmerz
    Er griff also zu einem Mittel sich den Abschied aus dieser Schule leichter
zu machen das man einem Knaben von seinem Alter kaum hätte zutrauen sollen
Anstatt dass er sich bemühete weiter heraufzukommen tat er das Gegenteil und
sagte entweder mit Fleiß nicht was er doch wusste oder legte es auf andre Weise
darauf an täglich eine Stufe herunterzukommen welches sich der Konrektor und
seine Mitschüler nicht erklären konnten und ihm oft ihre Verwunderung darüber
bezeugten
    Anton allein wusste die Ursache davon und trug seinen geheimen Kummer mit
nach Hause und in die Schule Jede Stufe die er auf die Art freiwillig
herunterstieg kostete ihm tausend Tränen die er heimlich zu Hause vergoss aber
so bitter diese Arznei war die er sich selbst verschrieb so tat sie doch ihre
Wirkung
    Er hatte es selber so veranstaltet dass er gerade am letzten Tage der
Unterste werden musste Allein dies war ihm zu hart Die Tränen standen ihm in
den Augen und er bat man möchte ihn nur noch heute an seinem Orte sitzen
lassen morgen wolle er gern den untersten Platz einnehmen
    Jeder hatte Mitleiden mit ihm und man ließ ihn sitzen Den andern Tag war
der Monat aus und er kam nicht wieder
    Wie viel ihm diese freiwillige Aufopferung gekostet habe lässt sich aus dem
Eifer und der Mühe schließen wodurch er sich jeden höheren Platz zu erwerben
gesucht hatte
    Oft wenn der Konrektor in seinem Schlafrocke aus dem Fenster sah und er
vor ihm vorbeiging dachte er o könntest du doch dein Herz gegen diesen Mann
ausschütten Aber dazu schien doch die Entfernung zwischen ihm und seinem Lehrer
noch viel zu groß zu sein
    Bald darauf wurde er auch ungeachtet alles seines Flehens und Bittens von
seinem geliebten Schreibmeister getrennt
    Dieser hatte freilich einige Nachlässigkeit in Antons Schreib und
Rechenbuche passieren lassen worüber sein Vater aufgebracht war
    Anton nahm mit dem größten Eifer alle Schuld auf sich und versprach und
gelobte was nur in seinen Kräften stand aber alles half nichts er musste
seinen alten treuen Lehrer verlassen und zu Ende des Monats anfangen in der
öffentlichen Stadtschule schreiben zu lernen
    Diese beiden Schläge auf einmal waren für Anton zu hart
    Er wollte sich noch an die letzte Stütze halten und sich von seinen
ehemaligen Mitschülern jedes aufgegebene Pensum sagen lassen um es zu Hause zu
lernen und auf diese Weise mit ihnen fortzurücken als aber auch dies nicht
gehen wollte so erlag seine bisherige Tugend und Frömmigkeit und er ward
wirklich eine Zeitlang aus einer Art von Missmut und Verzweiflung was man einen
bösen Buben nennen kann
    Er zog sich mutwilligerweise in der Schule Schläge zu und hielt sie alsdann
mit Trotz und Standhaftigkeit aus ohne eine Miene zu verziehen und dies machte
ihm dazu ein Vergnügen das ihm noch lange in der Erinnerung angenehm war
    Er schlug und balgte sich mit Strassenbuben versäumte die Lehrstunden in der
Schule und quälte einen Hund den seine Eltern hatten wie und wo er nur konnte
    In der Kirche wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war plauderte er
mit seinesgleichen den ganzen Gottesdienst über
    Oft fiel es ihm ein dass er auf einem bösen Wege begriffen sei er erinnerte
sich mit Wehmut an seine vormaligen Bestrebungen ein frommer Mensch zu werden
allein sooft er im Begriff war umzukehren schlug eine gewisse Verachtung seiner
selbst und ein nagender Missmut seine besten Vorsätze nieder und machte dass er
sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte
    Der Gedanke dass ihm seine liebsten Wünsche und Hoffnungen fehlgeschlagen
und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war nagte ihn
unaufhörlich ohne dass er sich dessen immer deutlich bewusst war und trieb ihn
zu allen Ausschweifungen
    Er ward ein Heuchler gegen Gott gegen andre und gegen sich selbst
    Sein Morgen und Abendgebet las er pünktlich wie vormals aber ohne alle
Empfindung
    Wenn er zu dem alten Manne kam tat er alles was er sonst mit aufrichtigem
Herzen getan hatte aus Verstellung und heuchelte in frommen Mienen und
aufgeschriebnen Worten worin er fälschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht
nach Gott vorgab um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten
    Ja zuweilen konnte er heimlich lachen indes der alte Mann sein
Geschriebnes las
    So fing er auch an seinen Vater zu betrügen Dieser ließ sich einmal gegen
ihn verlauten damals vor drei Jahren sei er noch ein ganz andrer Knabe gewesen
als er in Pyrmont sich weigerte eine Notlüge zu tun indem er den Engländer
verleugnen sollte
    Weil sich nun Anton bewusst war dass gerade dies damals mehr aus einer Art
von Affektation als würklichem Abscheu gegen die Lüge geschehen sei so dachte
er bei sich selber wenn sonst nichts verlangt wird um mich beliebt zu machen
das soll mir wenig Mühe kosten Und nun wusste er es in kurzer Zeit durch eine
Art von bloßer Heuchelei die er doch aber vor sich selber als Heuchelei zu
verbergen suchte so weit zu bringen dass sein Vater über ihn mit dem Herrn von
Fleischbein korrespondierte und demselben von Antons Seelenzustande Nachricht
gab um seinen Rat darüber einzuholen
    Indes wie Anton sah dass die Sache so ernstaft wurde ward er auch
ernsthafter dabei und entschloss sich zuweilen sich nun im Ernst von seinem
bösen Leben zu bekehren weil er die bisherige Heuchelei nicht länger mehr vor
sich selbst verdecken konnte
    Allein nun fielen ihm die Jahre ein die er von der Zeit seiner vormaligen
wirklichen Bekehrung an versäumt hatte und wie weit er nun schon sein könnte
wenn er das nicht getan hätte Dies machte ihn äußerst missvergnügt und traurig
    Überdem las er bei dem alten Manne ein Buch worin der Prozess der ganzen
Heilsordnung durch Busse Glauben und gottselig Leben mit allen Zeichen und
Symptomen ausführlich beschrieben war
    Bei der Busse mussten Tränen Reue Traurigkeit und Missvergnügen sein dies
alles war bei ihm da
    Bei dem Glauben musste eine ungewohnte Heiterkeit und Zuversicht zu Gott in
der Seele sein dies kam auch
    Und nun musste sich drittens das gottselige Leben von selber finden aber
dies fand sich nicht so leicht
    Anton glaubte wenn man einmal fromm und gottselig leben wolle so müsse man
es auch beständig und in jedem Augenblicke in allen seinen Mienen und
Bewegungen ja sogar in seinen Gedanken sein auch müsse man keinen Augenblick
lang vergessen dass man fromm sein wolle
    Nun vergaß er es aber natürlicherweise sehr oft seine Miene blieb nicht
ernstaft sein Gang nicht ehrbar und seine Gedanken schweiften in irdischen
weltlichen Dingen aus
    Nun glaubte er sei alles vorbei er habe noch so viel wie nichts getan und
müsse wieder von vorn anfangen
    So ging es oft verschiedene Male in einer Stunde und dies war für Anton ein
höchst peinlicher und ängstlicher Zustand
    Er überließ sich wieder aber beständig mit Angst und klopfendem Herzen
seinen vorigen Zerstreuungen
    Dann fing er das Werk seiner Bekehrung einmal von vorn wieder an und so
schwankte er beständig hin und her und fand nirgends Ruhe und Zufriedenheit
indem er sich vergeblich die unschuldigsten Freuden seiner Jugend verbitterte
und es doch in dem andern nie weit brachte
    Dies beständige Hin und Herschwanken ist zugleich ein Bild von dem ganzen
Lebenslaufe seines Vaters dem es im funfzigsten Jahre seines Lebens noch nicht
besser ging und der doch immer noch das Rechte zu finden hoffte wonach er so
lange vergeblich gestrebt hatte
    Mit Anton war es anfänglich ziemlich gut gegangen allein seitdem er kein
Latein mehr lernen sollte litte seine Frömmigkeit einen großen Stoß sie war
nichts als ein ängstliches gezwungenes Wesen und es wollte nie recht mit ihm
fort
    Er las darauf irgendwo wie unnütz und schädlich das Selbstbessern sei und
dass man sich bloß leidend verhalten und die göttliche Gnade in sich würken
lassen müsse er betete daher oft sehr aufrichtig Herr bekehre du mich so
werde ich bekehret Aber alles war vergeblich
    Sein Vater reiste diesen Sommer wieder nach Pyrmont und Anton schrieb ihm
wie schlecht es mit dem Selbstbessern vorwärts ginge und dass er sich wohl darin
geirrt habe weil die göttliche Gnade doch alles tun müsse
    Seine Mutter hielt diesen ganzen Brief für Heuchelei wie er denn wirklich
nicht ganz davon frei sein mochte und schrieb eigenhändig darunter Anton führt
sich auf wie alle gottlose Buben
    Nun war er sich doch eines wirklichen Kampfes mit sich selbst bewusst und es
musste also äußerst kränkend für ihn sein dass er mit allen gottlosen Buben in
eine Klasse geworfen wurde
    Dies schlug ihn so sehr nieder dass er nun wirklich eine Zeitlang wieder
ausschweifte und sich mutwillig mit wilden Buben abgab worin er denn durch das
Schelten und sogenannte Predigen seiner Mutter noch immer mehr bestärkt wurde
denn dies schlug ihn immer noch tiefer nieder so dass er sich oft am Ende selbst
für nichts mehr als einen gemeinen Gassenbuben hielt und nun um desto eher
wieder Gemeinschaft mit ihnen machte
    Dies dauerte bis sein Vater von Pyrmont wieder zurückkam Nun eröffneten
sich für Anton auf einmal ganz neue Aussichten
    Schon zu Anfange des Jahres war seine Mutter mit Zwillingen niedergekommen
wovon nur der eine leben blieb zu welchen ein Hutmacher in Braunschweig namens
Lobenstein Gevatter geworden war
    Dieser war einer von den Anhängern des Herrn von Fleischbein wodurch ihn
Antons Vater schon seit ein paar Jahren kannte
    Da nun Anton doch einmal bei einem Meister sollte untergebracht werden denn
seine beiden Stiefbrüder hatten nun schon ausgelernt und jeder war mit seinem
Handwerke unzufrieden wozu er von seinem Vater mit Gewalt gezwungen war und
da der Hutmacher Lobenstein gerade einen Burschen haben wollte der ihm fürs
erste nur zur Hand wäre welch eine herrliche Türe öffnete sich nun nach seines
Vaters Meinung für Anton dass er ebenso wie seine beiden Stiefbrüder bei einem
so frommen Manne der dazu ein eifriger Anhänger des Herrn von Fleischbein war
schon so früh könne untergebracht und von demselben zur wahren Gottseligkeit und
Frömmigkeit angehalten werden
    Dies mochte schon länger im Werk gewesen sein und war vermutlich die Ursach
warum Antons Vater ihn aus der lateinischen Schule genommen hatte
    Nun aber hatte Anton seitdem er Latein gerlernt sich auch das Studieren
fest in den Kopf gesetzt denn er hatte eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles
was studiert hatte und einen schwarzen Rock trug so dass er diese Leute beinahe
für eine Art übermenschlicher Wesen hielt
    Was war natürlicher als dass er nach dem strebte was ihm auf der Welt das
Wünschenswerteste zu sein schien
    Nun hieß es der Hutmacher Lobenstein in Braunschweig wolle sich Antons wie
ein Freund annehmen er solle bei ihm wie ein Kind gehalten sein und nur leichte
und anständige Arbeiten als etwa Rechnungen schreiben Bestellungen ausrichten
und dergleichen übernehmen alsdann solle er auch noch zwei Jahre in die Schule
gehen bis er konfirmiert wäre und sich dann zu etwas entschließen könnte
    Dies klang in Antons Ohren äußerst angenehm insbesondere der letzte Punkt
von der Schule denn wenn er diesen Zweck nur erst erreicht hätte glaubte er
würde es ihm nicht fehlen sich so vorzüglich auszuzeichnen dass sich ihm zum
Studieren von selber schon Mittel und Wege eröffnen müssten
    Er schrieb selber zugleich mit seinem Vater an den Hutmacher Lobenstein den
er schon im voraus innig liebte und sich auf die herrlichen Tage freute die er
bei ihm zubringen würde
    Und welche Reize hatte die Veränderung des Orts für ihn
    Der Aufenthalt in Hannover und der ewige einförmige Anblick eben derselben
Straßen und Häuser ward ihm nun unerträglich neue Türme Tore Wälle und
Schlösser stiegen beständig in seiner Seele auf und ein Bild verdrängte das
andre
    Er war unruhig und zählte Stunden und Minuten bis zu seiner Abreise
    Der erwünschte Tag war endlich da Anton nahm von seiner Mutter und von
seinen beiden Brüdern Abschied wovon der ältere Christian fünf Jahr und der
jüngere Simon der nach dem Hutmacher Lobenstein genannt war kaum ein Jahr alt
sein mochte
    Sein Vater reiste mit ihm und es ging nun halb zu Fuße halb zu Wagen mit
einer wohlfeilen Gelegenheit fort
    Anton genoss jetzt zum ersten Male in seinem Leben das Vergnügen zu wandern
welches ihm in der Zukunft mehr wie zu häufig aufgespart war
    Je mehr sie sich Braunschweig näherten je mehr war Antons Herz voll
Erwartung Der Andreasturm ragte mit seiner roten Kuppel majestätisch hervor
    Es war gegen Abend Anton sah in der Ferne die Schildwache auf dem hohen
Walle hin und her gehen
    Tausend Vorstellungen wie sein künftiger Wohltäter aussehen wie sein
Alter sein Gang seine Mienen sein würden stiegen in ihm auf und verschwanden
wieder
    Er setzte endlich von demselben ein so schönes Bild zusammen dass er ihn
schon im voraus liebte
    Überhaupt pflegte Anton in seiner Kindheit durch den Klang der eignen Namen
von Personen oder Städten zu sonderbaren Bildern und Vorstellungen von den
dadurch bezeichneten Gegenständen veranlasst zu werden
    Die Höhe oder Tiefe der Vokale in einem solchen Namen trug zur Bestimmung
des Bildes das meiste bei
    So klang der Name Hannover beständig prächtig in seinem Ohre und ehe er es
sah war es ihm ein Ort mit hohen Häusern und Türmen und von einem hellen und
lichten Ansehen
    Braunschweig schien ihm länglicht von dunklerm Ansehen und größer zu sein
und Paris stellte er sich nach eben einem solchen dunklen Gefühle bei dem Namen
vorzüglich voll heller weisslichter Häuser vor
    Es ist dieses auch sehr natürlich denn von einem Dinge wovon man nichts
wie den Namen weiß arbeitet die Seele sich auch vermittelst der entferntesten
Ähnlichkeiten ein Bild zu entwerfen und in Ermangelung aller andern
Vergleichungen muss sie zu dem willkürlichen Namen des Dinges ihre Zuflucht
nehmen wo sie auf die hart oder weich voll oder schwach hoch oder tief
dunkel oder hell klingenden Töne merkt und zwischen denselben und dem sichtbaren
Gegenstande eine Art von Vergleichung anstellt die manchmal zufälligerweise
eintrifft
    Bei dem Namen Lobenstein dachte sich Anton ungefähr einen etwas langen
Mann deutsch und bieder mit einer freien offenen Stirne usw
    Allein diesmal täuschte ihn seine Namendeutung sehr
    Es fing schon an dunkel zu werden als Anton mit seinem Vater über die
großen Zugbrücken und durch die gewölbten Tore in die Stadt Braunschweig
einwanderte
    Sie kamen durch viele enge Gassen vor dem Schloss vorbei und endlich über
eine lange Brücke in eine etwas dunkle Straße wo der Hutmacher Lobenstein einem
langen öffentlichen Gebäude gegenüber wohnte
    Nun standen sie vor dem Hause Es hatte eine schwärzliche Außenseite und
eine große schwarze Tür die mit vielen eingeschlagenen Nägeln versehen war
    Oben hing ein Schild mit einem Hute heraus woran der Name Lobenstein zu
lesen war
    Ein altes Mütterchen die Ausgeberin vom Hause eröffnete ihnen die Tür und
führte sie zur rechten Hand in eine große Stube die mit dunkelbraun
angestrichnen Brettern getäfelt war worauf man noch mit genauer Not eine halb
verwischte Schilderung von den fünf Sinnen entdecken konnte
    Hier empfing sie denn der Herr des Hauses Ein Mann von mittleren Jahren
mehr klein als groß mit einem noch ziemlich jugendlichen aber dabei blassen
und melancholischen Gesichte das sich selten in ein andres als eine Art von
bittersüssen Lächeln verzog dabei schwarzes Haar ein ziemlich schwärmerisches
Auge etwas Feines und Delikates in seinen Reden Bewegungen und Manieren das
man sonst bei Handwerksleuten nicht findet und eine reine aber äußerst
langsame träge und schleppende Sprache die die Worte wer weiß wie lang zog
besonders wenn das Gespräch auf andächtige Materien fiel auch hatte er einen
unerträglich intoleranten Blick wenn sich seine schwarzen Augenbrauen über die
Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkinder und insbesondere seiner Nachbarn
oder seiner eignen Leute zusammenzogen
    Anton erblickte ihn zuerst in einer grünen Pelzmütze blauem Brusttuch und
braunen Kamisol drüber nebst einer schwarzen Schürze seiner gewöhnlichen
Hauskleidung und es war ihm beim ersten Blick als ob er in ihm einen strengen
Herrn und Meister statt eines künftigen Freundes und Wohltäters gefunden hätte
    Seine vorgefasste innige Liebe erlosch als wenn Wasser auf einen Funken
geschüttet wäre da ihn die erste kalte trockne gebieterische Miene seines
vermeinten Wohltäters ahnden ließ dass er nichts weiter wie sein Lehrjunge sein
werde
    Die wenigen Tage über dass sein Vater da blieb wurde noch einige Schonung
gegen ihn beobachtet allein sobald dieser abgereist war musste er ebenso wie
der andre Lehrbursch in der Werkstatt arbeiten
    Er wurde zu den niedrigsten Beschäftigungen gebraucht er musste Holz
spalten Wasser tragen und die Werkstatt auskehren
    So sehr dies gegen seine Erwartungen abstach wurde ihm doch das Unangenehme
einigermaßen durch den Reiz der Neuheit ersetzt Und er fand wirklich eine Art
von Vergnügen selbst beim Auskehren Holzspalten und Wassertragen
    Seine Phantasie aber womit er sich alles dies ausmalte kam ihm auch sehr
dabei zustatten  Oft war ihm die geräumige Werkstatt mit ihren schwarzen
Wänden und dem schauerlichen Dunkel das des Abends und Morgens nur durch den
Schimmer einiger Lampen erhellt wurde ein Tempel worin er diente
    Des Morgens zündete er unter den großen Kesseln das heilige belebende Feuer
an wodurch nun den Tag über alles in Arbeit und Tätigkeit erhalten und so
vieler Hände beschäftigt wurden
    Er betrachtete dann dies Geschäft wie eine Art von Amt dem er in seinen
Augen eine gewisse Würde erteilte
    Gleich hinter der Werkstatt floss die Oker auf welcher eine Fülle oder
Vorsprung von Brettern zum Wasserschöpfen hinausgebaut war
    Er betrachtete dies alles gewissermaßen als sein Gebiet  und zuweilen wenn
er die Werkstatt gereinigt die großen eingemauerten Kessel gefüllt und das
Feuer unter denselben angezündet hatte konnte er sich ordentlich über sein Werk
freuen  als ob er nun einem jeden sein Recht getan hätte  seine immer
geschäftige Einbildungskraft belebte das Leblose um ihn her und machte es zu
wirklichen Wesen mit denen er umging und sprach
    Überdem machte ihm der ordentliche Gang der Geschäfte den er hier bemerkte
eine Art von angenehmer Empfindung dass er gern ein Rad in dieser Maschine mit
war die sich so ordentlich bewegte denn zu Hause hatte er nichts dergleichen
gekannt
    Der Hutmacher Lobenstein hielt wirklich sehr auf Ordnung in seinem Hause
und alles ging hier auf den Glockenschlag Arbeiten Essen und Schlafen
    Wenn ja eine Ausnahme gemacht wurde so war es in Ansehung des Schlafs der
freilich ausfallen musste wenn des Nachts gearbeitet wurde welches denn
wöchentlich wenigstens einmal geschahe
    Sonst war das Mittagessen immer auf den Schlag zwölf das Frühstück morgens
und das Abendbrot abends um acht Uhr pünktlich da
    Dies war es denn auch worauf bei der Arbeit immer gerechnet wurde so
verfloss damals Antons Leben des Morgens von sechs Uhr an rechnete er bei seiner
Arbeit aufs Frühstück das er immer schon in der Vorstellung schmeckte und wenn
er es erhielt mit dem gesundesten Appetit verzehrte den ein Mensch nur haben
kann ob es gleich in weiter nichts als dem Bodensatz vom Kaffee mit etwas Milch
und einem Zweipfennigbrote bestand
    Dann ging es wieder frisch an die Arbeit und die Hoffnung aufs Mittagessen
brachte wiederum neues Interesse in die Morgenstunden wenn die Einförmigkeit
der Arbeit zu ermüdend wurde
    Des Abends wurde Jahr aus Jahr ein eine Kalteschale von starkem Biere
gegeben Reiz genug um die Nachmittagsarbeiten zu versüßen
    Und dann vom Abendessen an bis zum Schlafengehen war es der Gedanke an die
bald bevorstehende sehnlichgewünschte Ruhe der nun über das Unangenehme und
Mühsame der Arbeit wieder seinen tröstlichen Schimmer verbreitete
    Freilich wusste man dass den folgenden Tag der Kreislauf des Lebens so von
vorn wieder anfing Aber auch diese zuletzt ermüdende Einförmigkeit im Leben
wurde durch die Hoffnung auf den Sonntag wieder auf eine angenehme Art
unterbrochen
    Wenn der Reiz des Frühstücks und des Mittagsund Abendessens nicht mehr
hinlänglich war die Lebens und Arbeitslust zu erhalten dann zählte man wie
lange es noch bis auf den Sonntag war wo man einen ganzen Tag von der Arbeit
feiern und einmal aus der dunklen Werkstatt vors Tor hinaus in das freie Feld
gehen und des Anblicks der freien offenen Natur genießen konnte
    O welche Reize hat der Sonntag für den Handwerksmann die den höheren
Klassen von Menschen unbekannt ist welche von ihren Geschäften ausruhen können
wenn sie wollen  Dass deiner Magd Sohn sich erfreue  Nur der Handwerksmann
kann es ganz fühlen was für ein großer herrlicher menschenfreundlicher Sinn
in diesem Gesetze liegt 
    Wenn man nun auf einem Tag Ruhe von der Arbeit schon sechs Tage lang
rechnete so fand man es wohl der Mühe wert auf drei oder gar vier Feiertage
nacheinander ein Dritteil des Jahres zu rechnen
    Wenn selbst der Gedanke an den Sonntag oft nicht mehr fähig war den
Überdruss an dem Einförmigen zu verhindern so wurde durch die Nähe von Ostern
Pfingsten oder Weihnachten der Lebensreiz wieder aufgefrischt
    Und wenn dies alles zu schwach war so kam die süße Hoffnung an die
Vollendung der Lehrjahre an das Gesellenwerden hinzu welches alles andre
überstieg und eine neue große Epoche ins Leben brachte
    Weiter ging nun aber auch der Gesichtskreis bei Antons Mitlehrburschen nicht
 und sein Zustand war dadurch gewiss um nichts verschlimmert
    Nach einer allgütigen und weisen Einrichtung der Dinge hat auch das
mühevolle einförmige Leben des Handwerksmannes seine Einschnitte und Perioden
wodurch ein gewisser Takt und Harmonie hereingebracht wird welcher macht dass
es unbemerkt abläuft ohne seinem Besitzer eben Langeweile gemacht zu haben
    Aber Antons Seele war durch seine romanhaften Ideen einmal zu diesem Takt
verstimmt
    Dem Hause des Hutmachers grade gegenüber war eine lateinische Schule die
Anton zu besuchen vergeblich gehofft hatte  so oft er die Schüler herausund
hineingehen sah dachte er mit Wehmut an die lateinische Schule und an den
Konrektor in Hannover zurück  und wenn er gar etwa vor der großen Martinsschule
vorbeiging und die erwachsenen Schüler herauskommen sah so hätte er alles
darum gegeben dies Heiligtum nur einmal inwendig betrachten zu können
    Einmal eine solche Schule besuchen zu dürfen hielt er zwar bei seinem
jetzigen Zustande beinahe für unmöglich demohngeachtet aber konnte er sich
einen schwachen Schimmer von Hoffnung dazu nicht ganz versagen
    Selbst die Chorschüler schienen ihm Wesen aus einer höheren Sphäre zu sein
und wenn er sie auf der Straße singen hörte konnte er sich nicht enthalten
ihnen nachzugehen sich an ihrem Anblick zu ergötzen und ihr glänzendes
Schicksal zu beneiden
    Wenn er mit seinem Mitlehrburschen in der Werkstatt alleine war suchte er
ihm alle die kleinen Kenntnisse mitzuteilen welche er sich teils durch eigenes
Lesen und teils durch den Unterricht den er genossen erworben hatte
    Er erzählte ihm vom Jupiter und der Juno und suchte ihm den Unterschied
zwischen Adjektivum und Substantivum deutlich zu machen um ihn zu lehren wo er
einen großen Buchstaben oder einen kleinen setzen müsse
    Dieser hörte ihm denn aufmerksam zu und zwischen ihnen wurden oft
moralische und religiöse Gegenstände abgehandelt Antons Mitlehrbursche war bei
diesen Gelegenheiten vorzüglich stark in Erfindung neuer Wörter wodurch er
seine Begriffe bezeichnete So nannte er zB die Befolgung der göttlichen
Befehle die Erfülligkeit Gottes  Und indem er vorzüglich die religiösen
Ausdrücke des Herrn Lobenstein von Ertötung usw nachzunahmen suchte geriet er
oft in ein sonderbares Galimatias
    Mit vorzüglichem Nachdruck wusste er sich einiger Stellen aus den Psalmen
Davids worin eben keine sanftmütigen Gesinnungen gegen die Feinde geäußert
werden zu bedienen wenn er glaubte durch die Haushälterin oder jemand anders
angeschwärzt und verleumdet zu sein
    So waren fast alle Hausgenossen mehr oder weniger von den religiösen
Schwärmereien des Herrn Lobenstein angesteckt ausgenommen der Geselle dieser
warf ihm wenn er ihm manchmal zuviel von Ertötung und Vernichtung schwatzte
einen solchen tötenden und vernichtenden Blick zu dass Herr Lobenstein sich mit
Abscheu wegwandte und stillschwieg
    Sonst konnte Herr Lobenstein zuweilen stundenlange Strafpredigten gegen das
ganze menschliche Geschlecht halten Mit einer sanften Bewegung der rechten Hand
teilte er dann Segen und Verdammnis aus Seine Miene sollte dabei mitleidsvoll
sein aber die Intoleranz und der Menschenhass hatten sich zwischen seinen
schwarzen Augenbrauen gelagert
    Die Nutzanwendung lief denn immer politisch genug darauf hinaus dass er
seine Leute zum Eifer und zur Treue  in seinem Dienste ermahnte wenn sie nicht
ewig im höllischen Feuer brennen wollten
    Seine Leute konnten ihm nie genug arbeiten  und er machte ein Kreuz über
das Brot und die Butter wenn er ausging
    Dem Anton der ihm vielleicht nicht genug arbeiten konnte verbitterte er
sein Mittagessen durch tausend wiederholte Lehren die er ihm gab wie er das
Messer und die Gabel halten und die Speise zum Munde führen sollte dass diesem
oft alle Lust zum Essen verging bis sich der Geselle einmal nachdrücklich
seiner annahm und Anton doch nun in Frieden essen konnte 
    Übrigens aber durfte er es auch nicht wagen nur einen Laut von sich zu
geben denn an allem was er sagte an seinen Mienen an seinen kleinsten
Bewegungen fand Lobenstein immer etwas auszusetzen nichts konnte ihm Anton zu
Danke machen welcher sich endlich beinahe in seiner Gegenwart zu gehen
fürchtete weil er an jedem Tritt etwas zu tadeln fand  Seine Intoleranz
erstreckte sich bis auf jedes Lächeln und jeden unschuldigen Ausbruch des
Vergnügens der sich in Antons Mienen oder Bewegungen zeigte denn hier konnte
er sie einmal recht nach Gefallen auslassen weil er wusste dass ihm nicht
widersprochen werden durfte
    Während der Zeit wurden die ganz verblichnen fünf Sinne an dem schwarzen
Getäfel der Wand wieder neu überfirnisst  die Erinnerung an den Geruch davon
welcher einige Wochen dauerte war bei Anton nachher beständig mit der Idee von
seinem damaligen Zustande vergesellschaftet So oft er einen Firnisgeruch
empfand stiegen unwillkürlich alle die unangenehmen Bilder aus jener Zeit in
seiner Seele auf und umgekehrt wenn er zuweilen in eine Lage kam die mit
jener einige zufällige Ähnlichkeiten hatte glaubte er auch einen Firnisgeruch
zu empfinden
    Ein Zufall verbesserte Antons Lage in etwas
    Der Hutmacher Lobenstein war ein äußerst hypochondrischer Schwärmer er
glaubte an Ahndungen und hatte Visionen die ihm oft Furcht und Grauen
erweckten Eine alte Frau die zur Miete im Hause gewohnt hatte starb und
erschien ihm bei nächtlicher Weile im Traume dass er oft mit Schaudern und
Entsetzen erwachte und weil er dann wachend noch fortträumte auch ihren
Schatten in irgendeiner Ecke seiner Kammer noch zu sehen glaubte Anton musste
ihm von nun an zur Gesellschaft sein und in einem Bette neben ihm schlafen
Dadurch wurde er ihm gewissermaßen zum Bedürfnis und er wurde etwas gütiger
gegen ihn gesinnt  Er ließ sich oft mit ihm in Unterredungen ein fragte ihn
wie er in seinem Herzen mit Gott stehe und lehrte ihn dass er sich Gott nur
ganz hingeben solle wenn er dann zu dem Glück der Kinder Gottes auserwählt
wäre so würde Gott selbst das Werk der Bekehrung in ihm anfangen und vollenden
usw  Des Abends musste Anton ehe er zu Bette ging für sich stehend leise
beten und das Gebet durfte auch nicht allzu kurz sein  sonst fragte Lobenstein
wohl ob er denn schon fertig sei und Gott nichts mehr zu sagen habe  Dies war
für Anton eine neue Veranlassung zur Heuchelei und Verstellung die sonst seiner
Natur ganz entgegen war  Ob er gleich leise betete so suchte er doch seine
Worte so vernehmlich auszusprechen dass er von Lobenstein recht gut verstanden
werden konnte  und nun herrschte durch sein ganzes Gebet nicht sowohl der
Gedanke an Gott als vielmehr wie er sich durch irgendeinen Ausdruck von Reue
Zerknirschung Sehnsucht nach Gott und dergleichen wohl am besten in die Gunst
des Herrn Lobenstein einschmeicheln könnte  Das war der herrliche Nutzen den
dies erzwungne Gebet auf Antons Herz und Charakter hatte
    Doch aber fand Anton auch zuweilen im einsamen Gebete noch eine Art von
heimlichen Vergnügen wenn er in irgendeinem Winkel der Werkstatt kniete und
Gott bat dass er doch eine einzige von den großen Veränderungen in seiner Seele
hervorbringen möchte wovon er seit seiner Kindheit schon so viel gelesen und
gehört hatte Und so weit ging die Täuschung seiner Einbildungskraft dass es ihm
zuweilen wirklich war als ginge etwas ganz Besonders im Innersten seiner Seele
vor und sogleich war auch der Gedanke da wie er nun diesen seinen
Seelenzustand etwa in einem Briefe an seinen Vater oder den Herrn von
Fleischbein einkleiden oder ihn Herrn Lobenstein erzählen wollte Es waren also
dergleichen eingebildete innere Gefühle immer eine süße Nahrung seiner
Eitelkeit und das innige Vergnügen was er darüber empfand wurde vorzüglich
durch den Gedanken erweckt dass er doch nun sagen könnte er habe ein solches
göttliches himmlisches Vergnügen in seiner Seele empfunden   es schmeichelte
ihn immer sehr wenn erwachsene und bejahrte Leute seinen Seelenzustand für so
wichtig hielten dass sie sich darum bekümmerten Das war der Grund dass er sich
so oft einen abwechselnden Seelenzustand zu haben einbildete um dann etwa dem
Herrn Lobenstein klagen zu können dass er sich in einem Zustande der Leere der
Trockenheit befinde dass er keine rechte Sehnsucht nach Gott bei sich verspüre
usw und sich alsdann den Rat des Herrn Lobenstein über diesen seinen
Seelenzustand ausbitten zu können der ihm denn auch immer mit vieler für ihn
schmeichelhaften Wichtigkeit erteilt ward
    Ja es kam gar einmal so weit dass über seinen Seelenzustand mit dem Herrn
von Fleischbein korrespondiert und ihm eine Stelle in dem Briefe des Herrn von
Fleischbein die sich auf ihn bezog gezeigt wurde Was Wunder dass er auf die
Weise veranlasst wurde sich durch allerlei eingebildete Veränderungen seines
Seelenzustandes in seinen eignen Augen sowohl als in den Augen andrer bei dieser
Wichtigkeit zu erhalten da er als ein Wesen betrachtet wurde bei dem sich eine
ganz eigne besondere Führung Gottes offenbarte
    Er bekam nun auch eine schwarze Schürze wie der andre Lehrbursche und
anstatt dass ihn dieser Umstand hätte niederschlagen sollen trug er vielmehr
vieles zu seiner Zufriedenheit bei Er betrachtete sich nun als einen Menschen
der schon anfing einen gewissen Stand zu bekleiden Die Schürze brachte ihn
gleichsam in Reihe und Glied mit andern seinesgleichen da er vorher einzeln und
verlassen dastand  er vergaß über die Schürze eine Zeitlang seinen Hang zum
Studieren und fing an auch an den übrigen Handwerksgebräuchen eine Art von
Gefallen zu finden der ihn nichts eifriger wünschen ließ als dieselben einmal
mitmachen zu können  Er freute sich innerlich so oft er den Gruß eines
einwandernden Gesellen hörte der das gewöhnliche Geschenk zu fordern kam und
keine größere Glückseligkeit konnte er sich denken als wenn er auch einmal als
Geselle so einwandern und dann nach Handwerksgebrauch den Gruß mit den
vorgeschriebenen Worten hersagen würde 
    So hängt das jugendliche Gemüt immer mehr an den Zeichen als an der Sache
und es lässt sich von den frühen Äußerungen bei Kindern in Ansehung der Wahl
ihres künftigen Berufes wenig oder gar nichts schließen  Sobald Anton lesen
gelernt hatte fand er ein unbeschreibliches Vergnügen darin in die Kirche zu
gehen seine Mutter und seine Base konnten sich nicht genug darüber freuen Was
ihn aber in die Kirche trieb war der Triumph den er allemal genoss wenn er
nach dem schwarzen Brette wo die Nummern der Gesänge angeschrieben waren
hinsehen und etwa einem erwachsenen Menschen der neben ihm stand sagen konnte
was es für eine Nummer sei und wenn er denn ebenso und oft noch geschwinder als
die erwachsenen Leute diese Nummer in seinem Gesangbuche aufschlagen und nun
mitsingen konnte 
    Die Zuneigung des Herrn Lobenstein gegen Anton schien jetzt immer größer zu
werden je mehr dieser nach seiner geistlichen Führung ein Verlangen bezeigte 
Er ließ ihn oft bis um Mitternacht an den Gesprächen mit seinen vertrautesten
Freunden teilnehmen mit denen er sich gemeiniglich über seine und anderer
Erscheinungen zu unterhalten pflegte welche zuweilen so schaudervoll waren dass
Anton mit berganstehendem Haare zuhorchte Gemeiniglich wurde erst spät zu Bett
gegangen Und wenn der Abend mit solchen Gesprächen zugebracht war so pflegte
Lobenstein am folgenden Morgen beim Aufstehen wohl zu fragen ob Anton die Nacht
nichts vernommen nichts in der Kammer gehen gehört habe
    Manchmal unterhielt sich auch Lobenstein des Abends mit Anton allein und
sie lasen dann zusammen etwa in den Schriften des Taulerus Johannes vom Kreutz
und ähnlichen Büchern  Es schien als ob zwischen ihnen eine dauerhafte
Freundschaft entstehen würde Anton fasste auch wirklich eine Art von Liebe gegen
Lobenstein aber diese Empfindung war immer mit etwas Herben untermischt mit
einem gewissen Gefühl von Ertötung und Vernichtung welches durch Lobensteins
bittersüsses Lächeln erzeugt wurde
    Indes blieb Anton jetzt von harten und niedrigen Arbeiten mehr wie sonst
verschont Lobenstein ging zuweilen mit ihm spazieren ja er nahm ihm sogar
einen Klaviermeister an  Anton war entzückt über seinen Zustand und schrieb
einen Brief an seinen Vater worin er demselben auf das lebhafteste seine
Zufriedenheit bezeigte
    Nun hatte aber auch Antons Glück im Lobensteinschen Hause den höchsten
Gipfel erreicht und sein Fall war nahe Alles sah ihn mit neidischen Augen an
seitdem ihm der Klaviermeister gehalten wurde Es wurden hier Kabalen wie an
einem kleinen Hofe gespielt man verleumdete ihn man suchte ihn zu stürzen
    So lange Lobenstein gegen Anton hart und unbillig verfahren war genoss er
des Mitleids und der Freundschaft aller übrigen Hausgenossen sobald es aber
schien als ob dieser ihm seine Freundschaft und Vertrauen zuwenden würde nahm
in eben dem Masse ihre Feindschaft und Misstrauen gegen ihn zu Und sobald es
ihnen nur gelungen war ihn wieder zu sich herunterzubringen und man es so weit
gebracht hatte dass der Klaviermeister wieder abgedankt war hatte man auch
weiter nichts mehr gegen Anton man war sein Freund wie zuvor
    Nun hielt es aber nicht schwer ihn der Gewogenheit eines so argwöhnischen
und misstrauischen Mannes wie Lobenstein war zu berauben man durfte nur einige
lebhafte Äußerungen von ihm erzählen man durfte Herrn Lobenstein nur auf
verschiedene wirkliche Fehler der Nachlässigkeit und Unordnung die Anton an sich
hatte bei jeder Gelegenheit aufmerksam machen um seinen Gesinnungen bald eine
andre Richtung zu geben Dies wurde denn von der Haushälterin und den übrigen
Untergebenen sehr gewissenhaft getan  Indes dauerte es doch noch einige
Monate ehe man völlig seinen Zweck erreichte Während welcher Zeit Lobenstein
sogar Antons Klaviermeister zu bekehren sich Mühe gab welcher ein sehr
rechtschaffner und frommer Mann war aber Herrn Lobensteins Meinung nach sich
Gott noch nicht ganz hingegeben hatte und sich nicht leidend genug gegen ihn
verhielt
    Dieser Mann musste denn auch oft bei Herrn Lobenstein speisen verdarb es
aber am Ende dadurch dass er sich zu viel Butter auf das Brot schmierte Auf
diesen Umstand machte die Haushälterin Herrn Lobenstein aufmerksam um dadurch
ihren Zweck zu erreichen dem Klavierspielen Antons ein Ende zu machen damit er
nicht mehr über die andern Hausgenossen erhoben wäre
    Anton hatte überdem nicht viel Genie zur Musik und lernte folglich nicht
viel in seinen Stunden Ein paar Arien und Choräle waren alles was er mit
vieler Mühe fassen konnte Und die Klavierstunde war ihm immer eine sehr
unangenehme Stunde Auch wurde ihm die Applikatur sehr schwer und Lobenstein
fand immer an der Figur seiner weit ausgespreiteten Finger etwas auszusetzen
    Indes gelang es ihm doch einmal wie dem David beim Saul den bösen Geist
des Herrn Lobenstein durch die Kraft der Musik zu vertreiben Er hatte ein
kleines Versehen begangen und weil die Neigung des Herrn Lobenstein gegen ihn
schon anfing sich in Hass zu verwandeln so hatte dieser ihm des Abends vor dem
Schlafengehen eine harte Züchtigung dafür zugedacht Anton merkte dies an allem
wohl Und als die Stunde heranzunahen schien fasste er den Mut einen Choral
den ersten den er gelernt hatte auf dem Klavier zu spielen und dazu zu singen
Dies überraschte Herrn Lobenstein er gestand ihm dass grade diese Stunde zu
einer nachdrücklichen Bestrafung bestimmt gewesen wäre die er ihm nun schenkte
    Anton erdreistete sich nun sogar ihm einige Vorstellungen wegen der
anscheinenden Abnahme seiner Freundschaft und Liebe gegen ihn zu tun worauf
Lobenstein ihm gestand dass seine Zuneigung gegen ihn freilich so stark nicht
mehr sei und dass dieses notwendig an Antons verschlimmertem Seelenzustande
liegen müsse wodurch gleichsam eine Scheidewand zwischen ihm und seiner
ehemaligen Liebe gezogen wäre Er habe die Sache Gott im Gebet vorgetragen und
diesen Aufschluss darüber erhalten
    Dies war nun sehr traurig für Anton und er fragte wie er es denn
anzufangen habe um seinen verschlimmerten Seelenzustand wieder zu verbessern 
Seinen Weg in Einfalt zu wandeln und sich ganz Gott zu überlassen war die
Antwort sei das einzige Mittel seine Seele zu retten  Weiter wurden keine
nähern Anweisungen erteilt Herr Lobenstein hielt es nicht für gut Gott
gleichsam vorzugreifen der sich selber von Anton abgezogen zu haben schien 
Die nachdrücklich ausgesprochnen Worte aber seinen Weg in Einfalt zu wandeln
hatten darauf Bezug dass ihm Anton seit einiger Zeit zu klug zu werden anfing
zu viel sprach und vernünftelte und überhaupt wegen der Zufriedenheit mit seinem
Zustande zu lebhaft wurde  Diese Lebhaftigkeit war ihm der gerade Weg zu
Antons Verderben der nach dieser Heiterkeit in seinem Gesichte notwendig ein
ruchloser weltlichgesinnter Mensch werden musste von dem nichts anders zu
vermuten stand als dass ihn Gott selbst in seinen Sünden dahingeben würde 
    Hätte Anton seinen Vorteil besser verstanden so hätte er jetzt durch ein
niedergeschlagenes misantropisches Wesen vorgegebene Beängstigungen und
Beklemmungen seiner Seele noch alles wieder gutmachen können Denn nun würde
Lobenstein geglaubt haben Gott sei im Begriff die verirrte Seele wieder zu
sich zu ziehen 
    Aber weil Lobenstein den Grundsatz hatte dass derjenige welchen Gott
bekehren wolle auch ohne sein Zutun bekehrt werde und dass Gott erwählet
welchen er will und verwirft und verstocket welchen er will um seine
Herrlichkeit zu offenbaren  so schien es ihm gleichsam gefährlich sich in die
Sache Gottes zu mischen wenn es etwa den Anschein hatte als ob einer wirklich
von Gott verworfen wäre
    Mit Anton hatte es nun seinen lebhaften und weltlich gesinnten Mienen nach
bei dem Herrn Lobenstein wirklich beinahe diesen Anschein  Die Sache war ihm
so wichtig gewesen dass er darüber mit dem Herrn von Fleischbein korrespondiert
hatte  Und nun zeigte er Anton wiederum in dem Briefe des Herrn von
Fleischbein eine Stelle die ihn betraf und worin der Herr von Fleischbein
versicherte allen Kennzeichen nach habe der Satan seinen Tempel in Antons
Herzen schon so weit aufgebauet dass er schwerlich wieder zerstört werden könne

    Das war wirklich ein Donnerschlag für Anton  aber er prüfte sich und
verglich seinen jetzigen Zustand mit dem vorhergehenden und es war ihm
unmöglich irgendeinen Unterschied dazwischen zu entdecken er hatte noch ebenso
oft eingebildete göttliche Rührungen und Empfindungen wie sonst er konnte sich
nicht überzeugen dass er ganz aus der Gnade gefallen und von Gott verworfen sein
sollte Er fing an der Wahrheit des Orakelspruchs von dem Herrn von Fleischbein
an zu zweifeln
    Dadurch verlor sich seine Niedergeschlagenheit wieder die ihm sonst
vielleicht aufs neue den Weg zu der Gunst des Herrn Lobenstein würde gebahnt
haben dessen Freundschaft er nun durch seine fortgesetzten vergnügten Mienen
vollends verscherzte
    Die erste Folge davon war dass ihn Lobenstein aus seiner Kammer entfernte
und er wieder bei dem andern Lehrburschen schlafen musste der nun anfing wieder
sein Freund zu werden weil er ihn nicht mehr beneidete die andre dass er
wieder anfangen musste mehr wie jemals die schwersten und niedrigsten Arbeiten
zu verrichten wobei er immer in der Werkstatt bleiben musste und nur selten zu
Herrn Lobenstein in die Stube kommen durfte Der Klaviermeister wurde nur noch
deswegen beibehalten weil Lobenstein das angefangne Werk der Bekehrung in ihm
vollenden und also statt einer verlorenen Seele Gott wieder eine andre zuführen
wollte
    Der Winter kam heran und jetzt fing Antons Zustand wirklich an hart zu
werden er musste Arbeiten verrichten die seine Jahre und Kräfte weit
überstiegen Lobenstein schien zu glauben da nun mit Antons Seele doch weiter
nichts anzufangen sei so müsse man wenigstens von seinem Körper allen möglichen
Gebrauch machen Er schien ihn jetzt wie ein Werkzeug zu betrachten das man
wegwirft wenn man es gebraucht hat
    Bald wurden Antons Hände durch den Frost und die Arbeit zum Klavierspielen
gänzlich untauglich gemacht  Er musste fast alle Woche ein paarmal des Nachts
mit dem andern Lehrburschen aufbleiben um die geschwärzten Hüte aus dem
siedenden Färbekessel herauszuholen und sie dann unmittelbar darauf in der
vorbeifliessenden Oker zu waschen wo zu dem Ende erst eine Öffnung in das Eis
musste gehauen werden Dieser oft wiederholte Übergang von der Hitze zum Frost
machte dass Anton beide Hände aufsprangen und das Blut ihm heraussprützte
    Allein statt dieses ihn hätte niederschlagen sollen erhob es vielmehr
seinen Mut Er blickte mit einer Art von Stolz auf seine Hände und betrachtete
die blutigen Merkmale daran als so viel Ehrenzeichen von seiner Arbeit und
solange diese harten Arbeiten noch für ihn den Reiz der Neuheit hatten machten
sie ihm ein gewisses Vergnügen das vorzüglich im Gefühl seiner körperlichen
Kräfte bestand zugleich gewährten sie ihm eine Art von süßem Freiheitsgefühl
das er bisher noch nicht gekannt hatte
    Es war ihm als wenn er nun auch sich selbst etwas mehr nachsehen könne
nachdem er ebenso wie die andern gearbeitet und des Tages Last und Hitze wie sie
getragen hatte Unter den beschwerlichsten Arbeiten empfand er eine Art von
innerer Wertschätzung die ihm die Anstrengung seiner Kräfte verschafte und
oft würde er diesen Zustand kaum gegen die peinliche Lage wieder vertauscht
haben worin er sich beim Genuss der strengen und alle Freiheit vernichtenden
Freundschaft Lobensteins befand
    Dieser aber fing jetzt an ihn immer härter zu drücken oft musste er in der
bittersten Kälte den ganzen Tag über in einer ungeheizten Stube Wolle kratzen
Dies war ein klüglich ausgesonnenes Mittel des Herrn Lobenstein um Antons
Arbeitsamkeit zu vermehren denn wenn er nicht vor Kälte umkommen wollte so
musste er sich rühren soviel nur in seinen Kräften stand dass ihm Abends oft
beide Arme wie gelähmt und doch Hände und Füße erfroren waren
    Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einförmigkeit sein Los am
bittersten Besonders wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in Gang kommen
wollte war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in
Bewegung geraten so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt vorüber
Er verlor sich oft in entzückenden Aussichten Zuweilen sang er seine
Empfindungen in Rezitativen von seiner eignen Melodie Und wenn er sich
besonders von der Arbeit ermüdet seine Kräfte erschöpft und von seiner Lage
gedrückt fühlte mochte er sich am liebsten in religiösen Schwärmereien von
Aufopferung gänzlicher Hingebung usw verlieren und der Ausdruck Opfersaltar
war ihm vorzüglich rührend so dass er diesen in alle die kleinen Lieder und
Rezitative von seiner Erfindung mit einwebte
    Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen dieser hieß August fingen
nun wieder an einen neuen Reiz für ihn zu bekommen und ihre Gespräche wurden
vertraulich da sie nun einander wieder gleich waren Die Nächte welche sie oft
zusammen durchwachen mussten machten ihre Freunschaft noch inniger
    Am allervertraulichsten wurden sie aber wenn sie zusammen in der
sogenannten Trockenstube saßen Dieses war ein in die Erde gemauertes oben mit
Backsteinen zugewölbtes Loch worin gerade ein Mensch aufrecht stehen und
ungefähr zwei Menschen sitzen konnten In dieses Loch wurde ein großes
Kohlenbecken gesetzt und an den Wänden umher die mit Scheidewasser bestrichnen
Hasenfelle aufgehangen deren Haar hier weichgebeizt wurde um nachher zu den
feinern Hüten als Zutat gebraucht zu werden
    Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise saßen Anton und August in
dem halbunterirdischen Loche in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen
musste und fühlten sich durch die Enge des Orts der nur durch die Glut der
Kohlen schwach erleuchtet wurde und durch das Abgesonderte Stille und
Schauerliche dieses dunklen Gewölbes so fest zusammengeschlossen dass ihre
Herzen oft in wechselseitigen Ergiessungen der Freundschaft überströmten Hier
entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele hier brachten sie die
seligsten Stunden zu
    Lobenstein war wie der Herr von Fleischbein und alle seine Anhänger ein
Separatist der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt Solange also die
Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte war dieser fast gar in keine
Kirche in Braunschweig gekommen Jetzt nahm ihn August des Sonntags mit in die
Kirche und sie gingen immer in andre weil Anton ein Vergnügen daran fand die
verschiedenen Prediger nacheinander zu hören 
    Nun saßen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der
Trockenstube und sprachen über verschiedene Prediger die sie gehört hatten als
der letztre dem Anton versprach ihn künftigen Sonntag mit in die Brüdernkirche
zu nehmen wo er einen Prediger hören würde der alles überträfe was er sich
denken und vorstellen könnte Dieser Prediger hieß Paulmann und August konnte
nicht aufhören zu erzählen wie er oft durch die Predigten dieses Mannes
erschüttert und bewegt sei Nichts war für Anton reizender als der Anblick
eines öffentlichen Redners der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat Er
hörte aufmerksam auf das was August ihm erzählte Er sah schon im Geist den
Pastor Paulmann auf der Kanzel er hörte ihn schon predigen Sein einziger
Wunsch war dass es nur erst möchte Sonntag sein
    Der Sonntag kam heran Anton stand früher wie gewöhnlich auf verrichtete
seine Geschäfte und kleidete sich an Als geläutet wurde hatte er schon eine
Art von angenehmen Vorgefühl dessen was er nun bald hören werde Man ging zur
Kirche Die Straßen welche nach der Brüdernkirche führten waren voller
Menschen die stromweise hinzueilten  Der Pastor Paulmann war eine Zeitlang
krank gewesen und predigte nun zum ersten Male wieder das war auch die Ursach
warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war
    Als sie hereinkamen konnten sie kaum noch ein Plätzchen der Kanzel
gegenüber finden Alle Bänke die Gänge und Chöre waren voller Menschen welche
alle einer über den andern wegzusehen strebten Die Kirche war ein altes
gotisches Gebäude mit dicken Pfeilern die das hohe Gewölbe unterstützten und
ungeheuren langen bogigten Fenstern deren Scheiben so bemalt waren dass sie nur
ein schwaches Licht durchschimmern ließ
    So war die Kirche schon von Menschen erfüllt ehe der Gottesdienst noch
begann Es herrschte eine feierliche Stille Auf einmal ertönte die vollstimmige
Orgel und der ausbrechende Lobgesang einer solchen Menge von Menschen schien
das Gewölbe zu erschüttern Als der letzte Gesang zu Ende ging waren aller
Augen auf die Kanzel geheftet und man bezeigte nicht minder Begierde diesen
fast angebeteten Prediger zu sehen als zu hören
    Endlich trat er hervor und kniete auf den untersten Stufen der Kanzel ehe
er hinaufstieg Dann erhob er sich wieder und nun stand er da vor dem
versammleten Volke Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahre  sein
Antlitz war bleich sein Mund schien sich in ein sanftes Lächeln zu verziehen
seine Augen glänzten himmlische Andacht  er predigte schon wie er da stand
mit seinen Mienen mit seinen stillgefaltenen Händen
    Und nun als er anhub welche Stimme welch ein Ausdruck  Erst langsam und
feierlich und dann immer schneller und fortströmender so wie er inniger in
seine Materie eindrang so fing das Feuer der Beredsamkeit in seinen Augen an zu
blitzen aus seiner Brust an zu atmen und bis in seine äußersten Fingerspitzen
Funken zu sprühen Alles war an ihm in Bewegung sein Ausdruck durch Mienen
Stellung und Gebärden überschritt alle Regeln der Kunst und war doch natürlich
schön und unwiderstehlich mit sich fortreissend
    Da war kein Aufenthalt in dem mächtigen Erguss seiner Empfindungen und
Gedanken das künftige Wort war immer schon im Begriff hervorzubrechen ehe das
vorhergehende noch völlig ausgesprochen war wie eine Welle die andere in der
strömenden Flut verschlingt so verlor sich jede neue Empfindung sogleich in der
folgenden und doch war diese immer nur eine lebhaftre Vergegenwärtigung der
vorhergegangnen
    Seine Stimme war ein heller Tenor der bei seiner Höhe eine ungewöhnliche
Fülle hatte es war der Klang eines reinen Metalls welcher durch alle Nerven
vibriert Er sprach nach Anleitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und
Unterdrückung gegen Üppigkeit und Verschwendung und im höchsten Feuer der
Begeisterung redete er zuletzt die üppige und schwelgerische Stadt deren
Einwohner größtenteils in dieser Kirche versammelt waren mit Namen an deckte
ihre Sünden und Verbrechen auf erinnerte sie an die Zeiten des Krieges an die
Belagerung der Stadt an die allgemeine Gefahr zurück wo die Not alle
gleichmachte und brüderliche Eintracht herrschte wo den üppigen Einwohnern
statt ihrer jetzo unter der Last der Schüsseln seufzenden Tische Hunger und
Teurung statt ihrer Armbänder und Geschmeide Fesseln drohten  Anton glaubte
einen der Propheten zu hören der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte und
die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt 
    Anton ging aus der Kirche nach Hause und sagte zu August kein Wort aber er
dachte von nun an wo er ging und stund nichts als den Pastor Paulmann Von
diesem träumete er des Nachts und sprach von ihm bei Tage sein Bild seine
Miene und jede seiner Bewegungen hatten sich tief in Antons Seele eingeprägt 
Beim Wollekratzen in der Werkstatt und beim Hütewaschen beschäftigte er sich die
ganze Woche über mit den entzückenden Gedanken an die Predigt des Pastor
Paulmann und wiederholte sich jeden Ausdruck der ihn erschüttert oder zu Tränen
gerührt hatte zu unzähligen Malen Seine Einbildungskraft schuf sich dann die
alte majestätische Kirche und die lauschende Menge und die Stimme des Predigers
hinzu welche jetzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang  er zählte
Stunden und Minuten bis zum nächsten Sonntage
    Dieser kam und ist je ein unauslöschlicher Eindruck auf Antons Seele
gemacht worden so war es die Predigt die er an dem Tage hörte  Die Anzahl
von Menschen war womöglich noch größer als am vorigen Sonntage  Vor der Predigt
wurde ein kurzes Lied gesungen worin die Worte des Psalms vorkommen Herr wer
wird wohnen in deiner Hütte wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge
    Wer ohne Wandel einhergehet und recht tut und redet die Wahrheit von Herzen
    Wer mit seiner Zungen nicht verleumdet und seinem Nächsten kein Arges tut
und seinen Nächsten nicht schmähet
    Wer die Gottlosen nichts achtet und ehret die Gottesfürchtigen Wer seinem
Nächsten schwöret und hälts
    Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nimmt nicht Geschenk über den
Unschuldigen Wer das tut der wird wohl bleiben
    Durch dies kurze und erschütternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung
dessen was da kommen sollte Das Herz war zu großen und erhabenen Eindrücken
vorbereitet als der Pastor Paulmann mit feierlichem Ernst in seiner Miene wie
ganz in sich versenkt auftrat und ohne Gebet und Eingang mit ausgestrecktem Arm
zu reden anhub und sprach
    »Wer nicht Witwen und Waisen drückt wer nicht heimlicher Verbrechen sich
bewusst ist wer seinen Nächsten nicht mit Wucher übervorteilet wem kein Meineid
die Seele belastet der hebe voll Zutrauen seine Hände mit mir zu Gott empor und
bete Vater unser usw«
    Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Täufer wo dieser
gefragt wird ob er Christus sei Und er bekannte und leugnete nicht und er
bekannte ich bin nicht Christus Von diesen Worten nahm er Gelegenheit vom
Meineide zu predigen und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas
gedämpften feierlichern Stimme gelesen hatte hub er nach einer Pause an
Weh dir der du gewissenlos
Gott deinen Herrn verleugnet
Was trägst du deine Stirne bloß
Die schwarzer Meineid zeichnet 
Mit dieser Stirne logst du Gott
Sein heilger Name war dir Spott
Wie tief bist du gefallen
Weh dir vor Gottes Angesicht
Trittst du  er kennet deiner nicht 
Unglücklicher von allen
Die einer Mutter Brust gesäugt 
Verzweifle nicht  vielleicht vielleicht
Dass einst nach deiner Tränen Menge
Die Flamm in deinem Busen löscht
Und Reue mit der Jahre Länge
Die Schuld von deiner Seele wäscht
Der du die Freveltat begannst
O gib wenn du noch weinen kannst
Die Hoffnung nicht verloren 
Gott wendet noch sein Angesicht
Er will den Tod des Sünders nicht
Sein Mund hat es geschworen 
Diese Worte mit öfteren Pausen und dem erhabensten Patos gesprochen taten eine
unglaubliche Wirkung  Man atmete da sie geendigt waren tiefer herauf man
wischte sich den Schweiß von der Stirn  Und nun wurde die Natur des Meineides
untersucht seine Folgen in ein schreckliches und immer schrecklicher Licht
gestellt Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab das Verderben
nahte sich ihm wie ein gewappneter Mann der Sünder erbebte in den innersten
Tiefen seiner Seele  er rief »Ihr Berge fallet über mich und ihr Hügel
bedecket mich«  Der Meineidige erhielt keine Gnade er wurde vor dem Zorn des
Ewigen vernichtet 
    Hier schwieg er wie erschöpft  ein panisches Schrecken bemächtigte sich
aller Zuhörer  Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Lebens hindurch ob
er sich nicht etwa eines Meineids schuldig gemacht habe
    Aber nun begann der Zuspruch  dem Verzweifelnden wurde Gnade und Verzeihung
angekündigt  wenn er zehnfach büsste was er Witwen und Waisen entrissen wenn
er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Tränen der Reue und guten Werken
wieder abzuwaschen suchte
    Die Gnade wurde dem Verbrecher nicht so leicht gemacht sie musste durch
Gebet und Tränen errungen werden Und jetzt war es als wolle er sie durch sein
eigenes Gebet und Tränen vor allem Volke vor Gott erringen indem er sich selbst
an die Stelle des seelenzerknirschten Sünders setzte 
    Dem Verzeifelnden wurde zugerufen knie nieder in Staub und Asche bis deine
Knie wund sind und sprich ich habe gesündigt im Himmel und vor dir  und so
fing sich ein jeder Periode an mit ich habe gesündigt im Himmel und vor dir
und dann folgte nach der Reihe das Bekenntnis Witwen und Waisen hab ich
unterdrückt dem Schwachen hab ich seine einzige Stütze dem Hungrigen sein Brot
genommen  so ging es durch das ganze Register der Freveltaten  Und jeder
Periode schloss sich dann Herr ist es möglich dass ich noch Gnade finde 
    Alles zerschmolz nun in Wehmut und Tränen  Der Refrain bei jedem Perioden
tat eine unglaubliche Wirkung  es war als wenn jedesmal die Empfindung einen
neuen elektrischen Schlag erhielt wodurch sie bis zum höchsten Grade verstärkt
wurde  Selbst die zuletzt erfolgende Erschöpfung die Heiserkeit des Redners
es war als schrie er zu Gott für die Sünden des Volks trug zu der allgemeinen
um sich greifenden Rührung bei die diese Predigt verursachte da war kein Kind
das nicht sympatetisch mitgeseufzt und mitgeweint hätte
    Drittehalb Stunden waren schon wie Minuten verflossen  plötzlich hielt er
inne und schloss nach einer Pause mit denselben Versen womit er begann  Mit
erschöpfter gedämpfter Stimme las er nun die öffentliche Beichte das
Sündenbekenntnis und die darauf erfolgende angekündigte Vergebung ab darauf
betete er für diejenigen welche zum Abendmahl gehen wollten worin er sich mit
einschloss und dann sprach er mit aufgehobenen Händen den Segen  Der Abfall
der Stimme bei diesem allen gegen den Ton welcher in der Predigt herrschte
hatte viel Feierliches und Rührendes
    Anton ging nun nicht aus der Kirche er musste erst den Pastor Paulmann zum
Abendmahl gehen sehen  Alle Schritte desselben waren ihm nun heilig Mit einer
Art von Ehrfurcht trat er auf den Fleck wo er wusste dass der Pastor Paulmann
gegangen war  Was hätte er jetzt darum gegeben dass er schon zum Abendmahl
hätte mitgehen dürfen Er sah nun den Pastor Paulmann zu Hause gehen dessen
Sohn ein Knabe von neun Jahren nebenherging  Seine ganze Existenz hätte
Anton darum gegeben um dieser glückliche Sohn zu sein  Wenn er nun den Pastor
Paulmann sah wie er mit der Gemeine die ihn von allen Seiten umwallte über
die Straße ging und immer von beiden Seiten denen die ihn grüßten freundlich
dankte so war es als ob er um sein Haupt einen gewissen Schimmer erblickte und
unter den übrigen Sterblichen ein übermenschliches Wesen dahin wandeln sah 
sein höchster Wunsch war durch sein Hutabnehmen nur einen seiner Blicke auf
sich zu ziehen  und als ihm das gelungen war eilte er schnell nach Hause um
diesen Blick gleichsam in seinem Herzen zu bewahren
    Den folgenden Sonntag predigte der Pastor Paulmann des Mittags von der Liebe
gegen die Brüder und so seelenerschütternd seine Predigt wider den Meineid
gewesen war so sanftrührend war diese die Worte flossen nun wie Honig von
seinen Lippen jede seiner Bewegungen war anders sein ganzes Wesen schien sich
nach dem Stoff wovon er predigte verändert zu haben Und doch war hierbei
nicht die mindeste Affektation Es war ihm natürlich sich mit allen seinen
Gedanken und Empfindungen die der Stoff seiner Rede veranlasste zu verweben
    Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaunlich langer Weile dem andern
Prediger dieser Kirche zugehört  er geriet ein paarmal in eine Art von Wut
gegen ihn da sich alles anliess als ob er jetzt Amen sagen würde und er dann
von neuem in dem alten Tone wieder anfing Jetzt war es mehr wie jemals Antons
größte Qual einer solchen langweiligen Predigt zuzuhören da er sich nicht
enthalten konnte beständig Vergleichungen anzustellen nachdem er sich einmal
die Predigt des Pastor Paulmann als das höchste Ideal gedacht hatte welches ihm
von jedem andern unerreichbar schien
    Als die Vormittagspredigt vorbei war so war die Reihe an dem Pastor
Paulmann die Einsegnung beim Abendmahl zu verrichten welche Anton nun zum
erstenmal von ihm hörte  Und nun in welcher ehrwürdigen Gestalt erschien er
ihm jetzt Er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare und sang die
Worte Danket dem Herrn denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich
 mit einer so himmelerhebenden Stimme und einem so mächtigen Ausdruck dass
Anton sich in dem Augenblick in höhere Regionen verzückt glaubte  auch war ihm
dies alles wie etwas das hinter einem Vorhange im Allerheiligsten geschahe
wozu sich sein Fuß nicht nahen durfte  wie beneidete er einen jeden der zum
Altar hinzutreten und aus den Händen des Pastor Paulmann das Abendmahl empfangen
durfte  Ein sehr junges Frauenzimmer die schwarz gekleidet mit blassen
Wangen und einer Miene voll himmlischer Andacht zum Altar hinzutrat machte
zuerst auf Antons Herz einen Eindruck den er bisher noch nicht gekannt hatte
Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen aber ihr Bild ist nie in
seiner Seele verloschen
    Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel  Die Idee vom Abendmahl war
jetzt diejenige womit er zu Bette ging und aufstund und womit er sich den
ganzen Tag über wenn er bei seiner Arbeit allein war beschäftigte dabei
schwebte ihm immer der Pastor Paulmann im Sinne mit seiner sanften schwellenden
Stimme und seinem gen Himmel gehobnen Auge das von mehr als irdischer Andacht
erleuchtet schien Zuweilen drängte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild
des schwarz gekleideten jungen Frauenzimmers mit der blassen Farbe und
andachtsvollen Miene wieder vor
    Durch dies alles wurde seine Einbildungskraft so begeistert dass er sich
jetzt für den glücklichsten Menschen unter der Sonne würde gehalten haben wenn
er den künftigen Sonntag hätte zum Abendmahl gehen dürfen Er versprach sich
eine so überirdische himmlische Tröstung beim Genuss des Abendmahls dass er schon
im voraus Freudentränen darüber vergoss wobei er zugleich ein gewisses sanftes
beruhigendes Mitleid mit sich selber empfand das ihm nun alles Bittre und
Unangenehme seiner Lage versüsste wenn er bedachte dass ihn doch als
Hutmacherbursche einmal niemand dieses Trostes würde berauben können Alle
vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor zum Abendmahl zu gehen wenn er
erst so weit wäre  und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die
Hoffnung mit ein dass durch dies öftere Zumabendmahlgehen der Pastor Paulmann
ihn vielleicht am Ende bemerken würde und dieser Gedanke war es wohl
vorzüglich welcher bei ihm die unaussprechliche Süßigkeit in diese
Vorstellungen brachte So lag auch hier die Eitelkeit im Hinterhalt verborgen
wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermutet hätte
    Das war ihm unmöglich zu glauben dass er immer so wie jetzt würde verkannt
und vernachlässiget werden Gewissen romanhaften Ideen nach die er sich in den
Kopf gesetzt hatte musste es sich etwa einmal fügen dass ein edler Mann der auf
der Straße ihm begegnete etwas Auffallendes an ihm bemerkte und sich dann
seiner annehme  Eine gewisse schwermütige melancholische Miene die er zu dem
Ende annahm glaubte er würde am ersten diese Aufmerksamkeit erregen  Darum
affektierte er sie nun oft noch in höherm Grade als sie ihm natürlich war 
Ja oft war er schon beinahe im Begriff wenn ihm die Physiognomie irgendeines
vornehmen Mannes Zutrauen einflößte ihn geradezu anzureden und ihm seine
Umstände zu entdecken  Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zurück dass
ihn dieser vornehme Mann vielleicht für närrisch halten möchte
    Zuweilen sang er auch wenn er auf der Straße ging mit einer gewissen
klagenden Stimme einige von den Liedern der Madam Guion die er auswendig
gelernt hatte und worin er Anspielungen auf sein Schicksal zu finden glaubte
und dann dachte er weil zuweilen in den Romanen durch ein solches klagendes
Lied das einer singt Wunderdinge gewürkt werden würde es auch ihm vielleicht
gelingen dadurch dass er die Aufmerksamkeit irgendeines Menschenfreundes auf
sich zöge seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben
    Für den Pastor Paulmann ging seine Ehrfurcht viel zu weit als dass er es je
hätte wagen sollen ihn anzureden  Wenn er nahe bei ihm stand so überfiel ihn
ein Schauder als ob er sich in der Nähe eines Engels befände  Er konnte es
sich entweder gar nicht denken oder suchte den Gedanken mit Fleiß zu vermeiden
dass dieser Pastor Paulmann wie andre Menschen aufstände und zu Bette ginge und
alle natürliche Handlungen wie sie verrichtete Sich ihn im Schlafrock und der
Nachtmütze vorzustellen war ihm ganz unmöglich  oder er flohe vielmehr vor
diesem Gedanken als wenn dadurch eine Lücke in seiner Seele wäre hervorgebracht
worden Besonders war ihm das Bild von der Nachtmütze ganz etwas
Unausstehliches sooft es ihm bei dem Pastor Paulmann einfiel es war als ob
dadurch eine Disharmonie in alle seine übrigen Vorstellungen käme
    Nun fügte es sich aber einmal dass Anton gerade in der Kirchtüre stand als
der Pastor Paulmann hereintrat und in plattdeutscher Sprache zu dem Küster
sagte dass sie nachher noch ein Kind zu taufen hätten
    Würkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele so war es dieser  den
Mann welchen er sich nie anders als mit jenem feierlichen herzerschütternden
Tone zu dem versammelten Volke redend gedacht hatte zuerst plattdeutsch wie der
simpelste Handwerksmann mit dem Küster über eine so feierliche Sache als die
Taufe war sprechen zu hören und das in einem Tone der nichts weniger als
feierlich war und womit man einem sagen würde er solle ja nicht vergessen das
Waschbecken zu bringen
    Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgötterei gegen den Pastor
Paulmann einigermaßen herabgestimmt Er betete ihn etwas weniger an und liebte
ihn desto mehr
    Indes hatte er sich sein Ideal von Glückseligkeit völlig von dem Pastor
Paulmann abstrahiert  Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken
als wie der Pastor Paulmann öffentlich vor dem Volke reden zu dürfen und
alsdann so wie er manchmal gar die Stadt mit Namen anzureden  Dies letzte
hatte insbesondre für ihn etwas Großes und Patetisches  so dass er sich oft
ganze Tage über in seinen Gedanken beständig mit dieser Anrede beschäftigte 
und sogar wann er etwa um Bier zu holen über die Straßen ging und ein paar
Jungen sich balgen sah nicht unterlassen konnte im Geiste die Worte des
Pastor Paulmann zu wiederholen und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu
warnen wobei er zugleich den Arm drohend in die Höhe hob  Wo er ging und
stand harangierte er in Gedanken für sich selber und wenn er dann in recht
heftigen Affekt geriet so hielt er die Predigt gegen den Meineid
    So schwebte er eine Zeitlang in diesen angenehmen Phantasien hin die ihn
das Wollekratzen in der kalten Stube das Hütewaschen im Eise und den Mangel des
Schlafs wenn er oft mehrere Nächte hindurch wachen musste fast ganz vergessen
ließ  Die Stunden entflohen ihm zuweilen während der Arbeit wie Minutenwenn
es ihm gelangsich in den Charakter eines öffentlichen Redners hinein zu
phantasieren
    Allein sei es nun dass diese unnatürliche Überspannung seiner Seelenkräfte
oder die für seine Jahre zu große Anstrengung seines Körpers zur Arbeit ihn
zuletzt niederwerfen musste  er ward gefährlich krank Seine Pflege war nicht
die beste Er phantasierte im Fieber und lag oft ganze Tage lang allein ohne
dass sich jemand um ihn bekümmerte
    Endlich arbeitete doch seine gute Natur sich durch er ward
wiederhergestellt  Eine gewisse Trägheit und Niedergeschlagenheit blieb aber
demohngeachtet von dieser Krankheit zurück  und der menschenfreundliche Herr
Lobenstein hätte ihm beinahe durch eine seiner sanften Ermahnungen ein tödliches
Rezidiv verursacht
    Es war eines Abends in der Dämmerung da Lobenstein in einem dunklen
abgelegenen Gemache sich eines warmen Kräuterbades bediente wobei ihm Anton zur
Hand sein musste Da er nun in diesem Bade schwitzte und große Angst ausstund so
sagte er zu Anton mit einer Stimme die ihm durch Mark und Beine drang Anton
Anton hüte dich vor der Hölle  und dabei sah er starr in eine Ecke hin 
    Anton zitterte bei diesen Worten ein plötzlicher Schauder lief ihm durch
den ganzen Körper Alle Schrecken des Todes überfielen ihn  denn er zweifelte
nicht im geringsten dass Lobenstein in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt
habe wodurch ihm Antons Tod angedeutet sei und das habe ihn zu dem
fürchterlichen Ausruf Hüte ach hüte dich vor der Hölle bewogen
    Lobenstein stieg nach diesem Ausruf plötzlich aus dem Bade und Anton musste
ihn zu seiner Kammer leuchten Mit bebenden Knien ging er vor ihm her und
Lobenstein schien ihm blasser als der Tod auszusehen da er von ihm wegging
    Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftigkeit zu Gott gebetet worden so
geschahe es jetzt von Anton sobald er allein war er warf sich in einem
Verschlag bei der Werkstätte nicht auf die Knie sondern aufs Angesicht nieder
und flehte zu Gott und bat ihn wie ein Missetäter über den schon der Stab
gebrochen ist um sein Leben  nur um eine Frist zur Bekehrung wenn er ja
sterben solle  denn ihm fiel ein dass er mehr als zwanzigmal auf der Straße
gelaufen gesprungen und mutwillig gelacht hatte  und nun lagen alle die Qualen
der Hölle auf ihm welche er dafür ewig würde erdulden müssen  Hüte ach hüte
dich vor der Hölle gellte noch immer in seinen Ohren als ob ein Geist aus dem
Grabe ihm diese Worte zugerufen hätte  und er fuhr fort eine volle Stunde
nacheinander zu beten und würde die ganze Nacht nicht aufgehört haben wenn er
keine Linderung seiner Angst verspürt hätte  aber so wie seine Brust einen
ängstlichen Seufzer nach dem andern außstieß und endlich seine Tränen flossen
schien es ihm als sei ihm von Gott Erhörung seiner Bitte gewährt  der nun
lieber wie dort bei den Niniviten einen Propheten wolle zuschanden werden
lassen als dass er eine Seele verderben ließe  Anton hatte sein Fieber
weggebetet worin er wahrscheinlich wieder zurückgefallen sein würde wenn seine
empörten Geister nicht diesen Ausweg gefunden hätten  So heilt oft eine
Schwärmerei eine Tollheit die andere  die Teufel werden ausgetrieben durch
Beelzebub
    Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt und
stand am andern Morgen wieder gesund auf  aber der Gedanke an den Tod erwachte
wieder mit ihm  höchstens glaubte er sei ihm eine kleine Frist zur Bekehrung
gegeben und nun müsse er sehr eilen wenn er noch seine Seele retten wolle
    Das tat er denn auch so sehr er konnte er betete des Tages unzähligemal in
einem Winkel auf seinen Knien und erträumete sich zuletzt dadurch eine feste
Überzeugung von der göttlichen Gnade und eine solche Heiterkeit der Seele dass
er sich oft schon im Himmel glaubte und sich nun manchmal den Tod wünschte ehe
er wieder von diesem guten Wege abkommen möchte
    Aber es konnte nicht fehlen dass bei allen diesen Ausschweifungen seiner
Phantasie die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm wo sie wieder zurückkehrte  und
dann die natürliche Liebe zum Leben um des Lebens willen in Antons Seele wieder
erwachte  Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr
etwas Trauriges und Unangenehmes und er betrachtete diese Augenblicke als
solche wo er wieder aus der göttlichen Gnade gefallen sei und geriet darüber
in neue Angst weil es ihm nicht möglich war die Stimme der Natur in sich zu
unterdrücken
    Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens der ihm
von seiner frühesten Kindheit an eingeflösset war  seine Leiden konnte man im
eigentlichen Verstande die Leiden der Einbildungskraft nennen  sie waren für
ihn doch würkliche Leiden sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend 
    Von seiner Mutter wusste er es sei ein sicheres Zeichen des nahen Todes
wenn einem beim Waschen die Hände nicht mehr rauchen  nun sah er sich sterben
so oft er sich die Hände wusch 
    Er hatte gehört wenn ein Hund im Hause mit der Schnauze zur Erde gekehrt
heule so wittre er den Tod eines Menschen  nun prophezeite ihm jedes
Hundegeheul seinen Tod  Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn krähete so war das
ein untrügliches Zeichen dass bald jemand im Hause sterben würde  und nun ging
hier gerade ein solches unglückweissagendes Huhn auf dem Hofe herum welches
beständig auf eine unnatürliche Weise wie ein Hahn krähte  Für Anton klang
keine Totenglocke so fürchterlich als dieses Krähen und dieses Huhn hat ihm
mehr trübe Stunden in seinem Leben gemacht als irgendeine Widerwärtigkeit die
er sonst erlitten hat
    Oft schöpfte er wieder Trost und Hoffnung zum Leben wenn das Huhn einige
Tage schwieg  sobald es sich dann wieder hören ließ waren alle seine schönen
Hoffnungen und Entwürfe plötzlich gescheitert
    Da er nun so schon mit lauter Todesgedanken umging fügte es sich dass er
das erstemal nach seiner Krankheit wieder zu dem Pastor Paulmann in die Kirche
kam Dieser stand schon auf der Kanzel und predigte über  den Tod
    Das war für Anton ein Donnerschlag denn da er nun einmal gerlernt hatte
nach dem was ihm von einer besonderen göttlichen Führung in den Kopf gesetzt
war alles auf sich zu beziehen  wem anders als ihm sollte nun wohl die Predigt
vom Tode gehalten werden  Mit nicht mehr Herzensangst kann ein Missetäter sein
Todesurteil anhören als Anton diese Predigt  Der Pastor Paulmann fügte zwar
Trostgründe genug gegen die Schrecken des Todes hinzu aber was verschlug das
alles gegen die natürliche Liebe zum Leben die trotz aller Schwärmereien wovon
Anton den Kopf vollgepropft hatte dennoch bei ihm die Oberhand behielt
    Niedergeschlagnes und betrübtes Herzens ging er zu Hause und vierzehn Tage
lang machte ihn diese Predigt melancholisch die der Pastor Paulmann wenn er
gewusst hätte dass sie noch auf zwei Menschen solche Wirkung wie auf Anton tun
würde wahrscheinlich nicht würde gehalten haben
    So war Anton nun in seinem dreizehnten Jahre durch die besondere Führung die
ihm die göttliche Gnade durch ihre auserwählten Werkzeuge hatte angedeihen
lassen ein völliger Hypochondrist geworden von dem man im eigentlichen
Verstande sagen konnte dass er in jedem Augenblick lebend starb  Der um den
Genuss seiner Jugend schändlich betrogen wurde  dem die zuvorkommende Gnade den
Kopf verrückte 
    Aber der Frühling kam wieder heran und die Natur die alles heilet fing
auch hier allmählich an wieder gutzumachen was die Gnade verdorben hatte
    Anton fühlte neue Lebenskraft in sich er wusch sich und seine Hände
rauchten wieder  es heulten keine Hunde mehr  das Huhn hörte auf zu krähen 
und der Pastor Paulmann hielt keine Todespredigten mehr  Anton fing wieder an
des Sonntags für sich allein spazieren zu gehen und einmal fügte es sich dass
er ohne es erst selbst zu wissen gerade an das Tor kam wo er vor ungefähr
anderthalb Jahren mit seinem Vater zuerst von Hannover eingewandert war Er
konnte sich nicht enthalten hinauszugehn und die mit Weiden bepflanzte breite
Heerstraße zu verfolgen die er damals gekommen war Sonderbare Empfindungen
entwickelten sich dabei in seiner Seele  Sein ganzes Leben von jener Zeit an 
da er zuerst die Schildwache auf dem hohen Walle hin und her gehend erblickte
und sich allerlei Vorstellungen machte wie nun wohl die Stadt inwendig aussehen
und wie das Lobensteinsche Haus beschaffen sein würde  stand jetzt auf einmal
in seiner Erinnerung da  Es war ihm als ob er aus einem Traume erwachte  und
nun wieder auf dem Flecke wäre wo der Traum anhub  alle die abwechselnden
Szenen seines Lebens die er diese anderthalb Jahre hindurch in Braunschweig
gehabt hatte drängten sich dicht ineinander und die einzelnen Bilder schienen
sich nach einem größeren Maßstabe den seine Seele auf einmal erhielt zu
verkleinern 
    So mächtig wirkt die Vorstellung des Orts woran wir alle unsre übrige
Vorstellungen knüpfen  Die einzelnen Straßen und Häuser die Anton täglich
wieder sah waren das Bleibende in seinen Vorstellungen woran sich das immer
Abwechselnde in seinem Leben anschloss wodurch es Zusammenhang und Wahrheit
erhielt wodurch er das Wachen vom Träumen unterschied 
    In der Kindheit ist es insbesondre nötig dass alle übrigen Ideen sich an die
Ideen des Orts anschließen weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsistenz
haben und sich an sich selber noch nicht festhalten können
    Es fällt daher auch wirklich in der Kindheit oft schwer das Wachen vom
Traume zu unterscheiden und ich erinnere mich dass einer unserer größten
jetztlebenden Philosophen mir in dieser Rücksicht eine sehr merkwürdige
Beobachtung aus den Jahren seiner Kindheit erzählt hat
    Er war wegen einer gewissen bösen Angewohnheit die bei Kindern sehr
gewöhnlich ist oft mit der Rute gezüchtigt worden Es hatte ihn aber wie es
auch gewöhnlich ist immer sehr lebhaft geträumet er habe sich an die Wand
gestellt und  Wenn er sich nun manchmal bei Tage zu dem Ende wirklich an die
Wand gestellt hatte so fiel ihm die harte Züchtigung ein die er so oft
erlitten hatte  und er stand oft lange an ehe er es wagte einem dringenden
Bedürfnis der Natur ein Gnüge zu tun weil er befürchtete es möchte wieder ein
Traum sein für den er wieder eine scharfe Züchtigung erwarten müsste  bis er
sich erst allenthalben umgesehen und dann auch in Ansehung der Zeit
zurückgerechnet hatte ehe er sich völlig überzeugen konnte dass er nicht
träume
    Auch pflegt man des Morgens beim Erwachen oft noch halb zu träumen und der
Übergang zum Wachen wird allmählich dadurch gemacht dass man erst anfängt sich
zu orientieren und wenn man denn nur erst einmal den hellen Schein des Fensters
gefasst hat so ordnet sich nach und nach alles übrige von selber
    Daher war es sehr natürlich dass Anton nachdem er schon einige Wochen in
Braunschweig im Lobensteinschen Hause war des Morgens noch immer glaubte er
träume wenn er schon wirklich wachte weil der Stift woran er sonst immer des
Morgens beim Erwachen die Ideen vom vorigen Tage sowohl als von seinem vorigen
Leben anknüpfte und wodurch sie erst Zusammenhang und Wahrheit erhielten nun
gleichsam verrückt war weil die Idee des Orts nicht mehr dieselbe war
    Ist es also wohl zu verwundern wenn die Veränderung des Orts oft so vieles
beiträgt uns dasjenige was wir uns nicht gern als wirklich denken wie einen
Traum vergessen zu machen
    In späteren Jahren und insbesondre wenn man viel gereist ist verliert sich
dies Anschliessen der Ideen an den Ort in etwas Wo man hinkömmt sieht man
entweder Dächer Fenster Türen Steinpflaster Kirchen und Türme oder man
sieht Wiese Wald Acker oder Heide  Die auffallenden Unterschiede
verschwinden die Erde wird sich überall gleich 
    Wenn Anton in Braunschweig auf der Straße ging so war es ihm besonders des
Abends im Anfange der Dämmerung manchmal plötzlich wie im Traume  Auch pflegte
sich dies bei ihm zu ereignen wenn er in irgendeine Straße ging die ihm eine
entfernte Ähnlichkeit mit einer Straße in Hannover zu haben schien  Dann
deuchte ihm einige Augenblicke sein Zustand in Hannover wieder gegenwärtig die
Szenen seines Lebens verwirreten sich untereinander
    Bei seinen Spaziergängen fand er nun immer einen besonderen Reiz darin
Gegenden in der Stadt aufzusuchen wo er noch gar nicht gewesen war Seine Seele
erweiterte sich dann immer es war ihm als ob er aus dem engen Kreise seines
Daseins einen Sprung gewagt hätte die alltäglichen Ideen verloren sich und
große angenehme Aussichten Labyrinthe der Zukunft eröffneten sich vor ihm
    Allein es war ihm noch nie gelungen sein ganzes Leben in Braunschweig mit
allen seinen mannigfaltigen Veränderungen in einen einzigen vollen Blick
zusammenzufassen Der Ort wo er sich jedesmal befand erinnerte ihn immer zu
stark an irgendeinen einzelnen Teil desselben als dass noch für das Ganze in
seiner Denkkraft Platz gewesen wäre er drehete sich mit seinen Vorstellungen
immer in einem engen Zirkel seines Daseins herum
    Um von dem Ganzen seines hiesigen Lebens ein anschauliches Bild zu haben
war es nötig dass gleichsam alle die Fäden abgeschnitten wurden die seine
Aufmerksamkeit immer an das Momentane Alltägliche und Zerstückte desselben
hefteten und dass er zugleich in den Standpunkt wieder versetzt wurde aus
welchem er sein Leben in Braunschweig betrachtete ehe er es anfing da es noch
wie eine dämmernde Zukunft vor ihm lag
    In diesen Standpunkt wurde er nun gerade versetzt da er zufälligerweise aus
dem Tore ging durch welches er vor ungefähr anderthalb Jahren auf der breiten
mit Weiden bepflanzten Heerstraße hereingekommen war und die Schildwache auf dem
hohen Walle hatte hin und her gehen sehen
    Dieser Ort musste es gerade sein der ihn durch die plötzliche Erinnerung an
tausend Kleinigkeiten gerade in den Zustand wieder zu versetzen schien worin er
sich unmittelbar vor dem Anfange seines hiesigen Lebens befand  Alles was
dazwischen lag musste sich nun in seiner Einbildungskraft zusammendrängen wie
Schatten ineinandergehen einem Traum ähnlich werden Denn sein jetziges
Dastehen auf der Brücke und den HohenWallhinaufsehen wo die Schildwache
stand schloss sich dicht an sein Dastehen und den HohenWallhinaufsehen vor
anderthalb Jahren an Die Vergangenheit alle die Szenen des Lebens das Anton
in Braunschweig geführet hatte stellte er sich jetzt wieder vor wie er sie
sich damals vor anderthalb Jahren noch als zukünftig gedacht hatte und die zu
lebhafte Vorstellung und Wiedererinnerung des Orts machte dass die Erinnerung an
den Zwischenraum der Zeit welche unterdes verflossen war verlosch oder
schwächer wurde  anders wenigstens lässt sich wohl schwerlich das Phänomen jener
sonderbaren Empfindung erklären die Anton damals hatte und die ein jeder
wenigstens einige Male in seinem Leben gehabt zu haben sich erinnern wird
    Mehr als zehnmal stand Anton auf dem Punkte nicht wieder in die Stadt
zurückzukehren sondern gerade den Weg vor sich hin wieder nach Hannover zu
gehen wenn ihn nicht der Gedanke an Hunger und Kälte wieder zurückgeschreckt
hätte
    Aber von dem Tage an blieb der Vorsatz fest bei ihm im Lobensteinschen
Hause nicht länger mehr zu bleiben es koste auch was es wolle Er wurde daher
auch gegen alles gleichgültiger weil er sich vorstellte dass es nun nicht lange
mehr so dauern würde Lobenstein selbst fing nun an seiner so überdrüssig zu
werden dass er endlich nach Hannover an Antons Vater schrieb dieser möchte
seinen Sohn mit dem nichts anzufangen wäre nur immer wieder abholen
    Nichts hätte für Anton erwünschter sein können als die Nachricht dass sein
Vater ihn nun mit nächsten wieder zu Hause holen würde  In eine Schule schloss
er müsse er doch in Hannover auf alle Fälle geschickt werden ehe er zum
Abendmahl zugelassen würde und dann wollte er sich schon so auszeichnen dass
man aufmerksam auf ihn werden solle So sehr er vorher nach Braunschweig zu
kommen gestrebt hatte so sehr verlangte ihn jetzt nach Hannover wieder zurück
und er wiegte sich nun aufs neue in angenehmen Träumen von der Zukunft ein
    Ohngeachtet seiner harten Lage aber waren ihm dennoch viele Dinge in
Braunschweig sehr lieb geworden so dass sich in seine angenehmen Hoffnungen oft
eine Wehmut mischte die ihn in eine sanfte Melancholie versetzte  Oft stand
er einsam an der Oker und sah irgendeinem vorbeifahrenden kleinen Kahne nach
soweit er ihn mit den Augen verfolgen konnte  dann war es ihm oft plötzlich
als habe er einen Blick in die dunkle Zukunft getan aber wenn er eben das
angenehme Blendwerk festzuhalten glaubte so war es auf einmal verschwunden
    Er suchte sich nun an allen Gegenden der Stadt die er bisher auf seinen
Spaziergängen des Sonntags besucht hatte gleichsam noch einmal zu letzen und
nahm von einer nach der andern wehmütig Abschied so wie er sie nie wieder zu
sehen hoffte
    Er hörte von dem Pastor Paulmann noch verschiedene Predigten worin manche
einzelne Stellen nie aus seinem Gedächtnis gekommen sind 
    Ganz außerordentlich rührte ihn in einer Predigt vom Leiden Jesu der
immersteigende Affekt womit der Pastor Paulmann die Worte sagte mitleidsvoll
sieht er auf seine Mörder herab und betet und betet und betet  Vater vergib
ihnen denn sie wissen nicht was sie tun
    Und in einer Predigt über die Beichte welche über das Evangelium vom
Aussätzigen gehalten wurde der sich dem Priester zeigen sollte die Anrede an
die Heuchler die alle äußere Gebräuche der Religion gewissenhaft beobachten und
doch ein feindseliges Herz im Busen tragen und wo sich jeder Periode anfing
mit ihr kommt in den Beichtstuhl ihr zeigt euch dem Priester aber er kann in
euer Herz nicht schauen usw  Dann wurde in dieser Predigt auch oft ein
Ausdruck wiederholt der für Anton außerordentlich rührend war dieser klang ihm
als »ihr kommt in den Heben«  Das letzte Wort nämlich was immer verschlungen
wurde so dass er es nicht recht verstehen konnte klang ihm wie Heben und dies
Wort oder dieser Laut rührte ihn bis zu Tränen so oft er wieder daran dachte
    Ebenso reizend klang ihm der Ausdruck der sehr oft in den Predigten des
Pastor Paulmann vorkam Die Höhen der Vernunft  dies hatte aber seine besonderen
Ursachen deren Entwickelung nicht unnütz sein wird Das Chor in der Kirche wo
die Orgel war und die Schüler sangen schien ihm immer etwas für ihn
Unerreichbares zu sein sehnsuchtsvoll blickte er oft dahin auf und wünschte
sich keine größere Glückseligkeit als nur einmal den wunderbaren Bau der Orgel
und was sonst da war in der Nähe betrachten zu können da er dies alles jetzt
nur in der Ferne anstaunen durfte  Diese Phantasie war mit einer andern
verwandt die er noch aus Hannover mitgebracht hatte  schon dort war ein
gewisser Turm für ihn immer ein äußerst reizender Gegenstand gewesen er
betrachtete ihn mit Entzücken und beneidete oft die Stadtmusikanten die oben
auf der Galerie standen um des Morgens und Abends hinunter zu blasen
    Stundenlang konnte er diese Galerie betrachten die ihm von unten so klein
schien dass sie ihm nicht bis an die Knie reichen würde und über welche doch
kaum die Köpfe der blasenden Stadtmusikanten hervorragten und vollends das
Zifferblatt welches nach der Versicherung verschiedner Leute die oben gewesen
waren so groß sein sollte wie ein Wagenrad und ihm doch unten nicht größer als
irgendein Rad in einem Schiebkarren vorkam  Dies alles erregte seine Neugierde
im höchsten Grade so dass er oft ganze Tage lang mit nichts als dem Gedanken und
dem Wunsch umging diese Galerie und dies Zifferblatt einmal in der Nähe
betrachten zu können
    Nun konnte man auf dem Turme in Hannover durch die Schallöcher welche über
der Galerie offen standen auch die Glocken treten sehen und Anton verschlang
beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel da er die große
metallne Maschine die den alles erschütternden Klang verursachte unter den
Füßen der ganz klein scheinenden Leute die in dieser Höhe standen und auf die
Balken traten wechselsweise in die Höhe steigen sah
    Es war ihm als habe er in das innerste Eingeweide des Turms geblickt und
als habe sich ihm das geheimnisvolle Triebwerk des wunderbaren Schalles den er
so oft mit Rührung vernommen hatte nun in der Ferne enthüllt  Allein seine
Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt statt befriedigt zu werden  er
hatte nur die eine Hälfte der Glocke die sich mit ihrer ungeheuren Wölbung
emporhub und nicht ihren ganzen Umfang gesehen  von der Größe dieser Glocke
hatte er von Kindheit an gehört und seine Einbildungskraft vergrößerte das Bild
in seiner Seele noch zu unzähligen Malen so dass er sich davon die
romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte
    Bei seinen Schmerzen nun die er am Fuße erduldete bei aller Bedrückung von
seinen Eltern worunter er seufzte was war sein Trost was war der angenehmste
Traum seiner Kindheit was sein sehnlichster Wunsch über den er oft alles
vergaß   Was anders als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie
am neustädtischen Turme in Hannover und der Glocken die darin hingen
    Länger als ein Jahr hindurch versüsste ihm dies Spiel seiner Phantasie die
trübsten Stunden seines Lebens  aber ach er musste Hannover verlassen ohne
seines sehnlichsten Wunsches gewährt zu werden  Doch das Bild vom
neustädtischen Turme wich nie aus seinen Gedanken es verfolgte ihn nach
Braunschweig und schwebte ihm dort oft in nächtlichen Träumen auf hohen Treppen
in tausend labyrintischen Krümmungen vor wo er den Turm hinaufstieg auf der
Galerie stand und mit unaussprechlichem Vergnügen das Zifferblatt am Turme
betastete und dann inwendig nicht nur die große Glocke sondern noch unzählige
andre kleinere nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sah bis er etwa
mit dem Kopfe an den unübersehbaren Rand der großen Glocke stieß und erwachte
    So oft nun der Pastor Paulmann von den Höhen der Vernunft sprach so dachte
Anton mit Entzücken an die Höhen seines geliebten Turms an die Glocke darin und
an das Zifferblatt  und dann auch an das hohe Chor worauf die Orgel in der
Brüdernkirche stand  dann erwachte auf einmal alle seine Sehnsucht wieder und
der Ausdruck die Höhen der Vernunft presste ihm Tränen der Wehmut aus den Augen
    Der eigentliche abhandelnde Teil von den Predigten des Pastor Paulmann wo
derselbe mit erstaunlicher Geschwindigkeit sprach war für Anton freilich
verloren weil er ihm mit seinen Gedanken unmöglich folgen konnte In der
Hoffnung aber auf den ermahnenden Teil hörte er ihn dennoch mit Vergnügen an 
es war ihm dann als wenn sich nun erst die Wolken zusammenzögen die bald in
ein wohltätiges Gewitter oder einen sanften Regen ausbrechen würden
    Nun ging er aber einmal mit dem Gedanken in die Kirche die Predigt des
Pastor Paulmann zu Hause aufzuschreiben und auf einmal war es als ob es indem
er zuhörte in seiner Seele licht wurde seine Aufmerksamkeit hatte eine neue
Richtung erhalten  vorher hatte er mit dem Herzen zugehört jetzt hörte er zum
ersten Male mit dem Verstande zu  er wollte nicht nur durch einzelne Stellen
erschüttert werden sondern das Ganze der Predigt fassen und nun fing er an
den abhandelnden Teil ebenso interessant als den ermahnenden Teil zu finden 
Die Predigt handelte von der Nächstenliebe wie glücklich die Menschen sein
würden wenn jeder das Wohl aller übrigen und alle übrige das Wohl jedes
einzelnen zu befördern suchten  Nie ist ihm diese Predigt mit allen ihren
Abteilungen und Unterabteilungen aus dem Gedächtnis gekommen die er mit dem
Vorsatz hörte um sie aufzuschreiben welches er tat sobald er zu Hause kam und
den August dem er es nun vorlas sehr dadurch in Verwunderung setzte
    Das Aufschreiben dieser Predigt hatte gleichsam eine neue Entwickelung
seiner Verstandeskräfte bewirkt  Denn von der Zeit fingen seine Ideen an sich
allmählich untereinander zu ordnen  er lernte selbst für sich über einen
Gegenstand nachdenken  er suchte die Reihe seiner Gedanken wieder außer sich
darzustellen und weil er sie niemanden sagen konnte so machte er schriftliche
Aufsätze die denn freilich oft sonderbar genug waren  Denn hatte er vorher
mit Gott mündlich gesprochen so fing er nun an mit ihm zu korrespondieren und
schrieb lange Gebete an ihn worin er ihm seinen Zustand schilderte
    Er fühlte sich jetzt um so mehr zu schriftlichen Aufsätzen gedrungen weil
es ihm gänzlich an aller Lektüre fehlte  denn Lobenstein hatte ihm schon lange
kein Buch mehr in die Hände gegeben ausgenommen Engelbrechts eines
Tuchmachergesellen zu Winsen an der Aller Beschreibung von dem Himmel und der
Hölle welches er ihm geschenkt hatte 
    Einen ärgern Aufschneider kann es nun wohl in der Welt nicht mehr geben als
dieser Engelbrecht gewesen sein muss von dem man geglaubt hatte dass er wirklich
tot wäre und der nun nachdem er sich wieder erholt hatte seiner alten
Großmutter weismachte er sei wirklich im Himmel und in der Hölle gewesen diese
hatte es dann weiter erzählt und so war dies köstliche Buch entstanden
    Der Kerl entblödete sich nicht zu behaupten er sei mit Christo und den
Engeln Gottes bis dicht unter dem Himmel geschwebt und habe da die Sonne in die
eine und den Mond in die andre Hand genommen und am Himmel die Sterne gezählt
    Demohngeachtet waren seine Vergleichungen zuweilen ziemlich naiv  so
verglich er zB den Himmel mit einer köstlichen Weinsuppe wovon man auf Erden
nur wenige Tropfen gekostet hat und die man alsdenn mit Löffeln essen könne 
und die himmlische Musik war ebenso weit über die irdische Musik erhaben als ein
schönes Konzert über das Geleier eines Dudelsacks oder über das Tüten eines
Nachtwächterhorns
    Und was ihm für Ehre im Himmel widerfahren war davon konnte er nicht genug
rühmen
    In Ermangelung besserer Nahrung musste sich nun Antons Seele mit dieser losen
Speise begnügen und wenigstens wurde doch seine Einbildungskraft dadurch
beschäftigt  sein Verstand blieb gleichsam neutral dabei  er glaubte es
weder noch zweifelte er daran er stellte sich das alles bloß lebhaft vor
    Indes ging jetzt Lobensteins Unwillen und Hass gegen ihn häufig bis zu
Scheltworten und Schlägen er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste
Weise er ließ ihn die niedrigensten und demütigendsten Arbeiten tun  Nichts
aber war für Anton kränkender als wie er zum ersten Male in seinem Leben eine
Last auf dem Rücken und zwar einen Tragkorb mit Hüten bepackt über die
öffentliche Straße tragen musste indem Lobenstein vor ihm herging  es war ihm
als ob alle Menschen auf der Straße ihn ansähen
    Jede Last die er vor sich oder unter dem Arme oder an den Händen tragen
konnte schien ihm vielmehr ehrenvoll zu sein als dass er glaubte sie mache ihm
Schande  Nur dass er jetzt gebückt gehen seinen Nacken unter das Joch beugen
musste wie ein Lasttier indes sein stolzer Gebieter vor ihm herging das beugte
zugleich seinen ganzen Mut darnieder und erschwerte ihm die Last tausendmal Er
glaubte sowohl vor Müdigkeit als vor Scham in die Erde sinken zu müssen ehe er
mit seiner Bürde an den bestimmten Ort kam
    Dieser bestimmte Ort war das Zeughaus wo die Hüte welche Kommissarbeit
waren abgeliefert wurden  Nicht sehnlicher hatte sich Anton gewünscht die
Glocken und das Zifferblatt auf dem neustädtischen Turm in Hannover als dies
Zeughaus inwendig zu sehen vor welchem er so oft ohne seinen Wunsch
befriedigen zu können vorbeigegangen war Aber wie sehr wurde ihm jetzt dies
Vergnügen versalzen da er es in solchem Zustande zu sehen bekam
    Dies Tragen auf dem Rücken schwächte seinen Mut mehr als irgendeine
Demütigung die er noch erlitten hatte und mehr als Lobensteins Scheltworte und
Schläge Es war ihm als ob er nun nicht tiefer sinken könne er betrachtete
sich beinahe selbst als ein verächtliches weggeworfenes Geschöpf Es war dies
eine der grausamsten Situationen in seinem ganzen Leben an die er sich nachher
so oft er ein Zeughaus sah lebhaft wieder erinnerte und deren Bild wieder in
ihm aufstieg sooft er das Wort Unterjochung hörte
    Wenn ihm so etwas begegnet war so suchte er sich vor allen Menschen zu
verbergen jeder Laut der Freude war ihm zuwider er eilte auf das Plätzchen
hinter dem Hause an die Oker hin und blickte oft stundenlang sehnsuchtsvoll in
die Flut hinab  Verfolgte ihn dann selbst da irgendeine menschliche Stimme aus
einem der benachbarten Häuser oder hörte er singen lachen oder sprechen so
deuchte es ihm als treibe die Welt ihr Hohngelächter über ihn so verachtet so
vernichtet glaubte er sich seitdem er seinen Nacken unter das Joch eines
Tragkorbes gebeugt hatte
    Es war ihm denn eine Art von Wonne selbst in das Hohngelächter mit
einzustimmen das er seiner schwarzen Phantasie nach über sich erschallen hörte
 in einer dieser fürchterlichen Stunden wo er über sich selbst in ein
verzweiflungsvolles Hohngelächter ausbrach war der Lebensüberdruss bei ihm zu
mächtig er fing auf dem schwachen Brette worauf er stand an zu zittern und zu
wanken  Seine Knie hielten ihn nicht mehr empor er stürzte in die Flut 
August war sein Schutzengel er hatte schon eine Weile unbemerkt hinter ihm
gestanden und zog ihn beim Arm wieder heraus  es waren demohngeachtet mehr
Leute dazu gekommen  das ganze Haus lief zusammen und Anton wurde von dem
Augenblick an als ein gefährlicher Mensch betrachtet den man so bald wie
möglich aus dem Hause fortschaffen müsse  Lobenstein schrieb den Vorfall
sogleich an Antons Vater und dieser kam vierzehn Tage darauf mit unmutsvoller
Seele nach Braunschweig um seinen missratenen Sohn in dessen Herzen sich nach
dem Urteil des Herrn von Fleischbein der Satan einen unzerstörbaren Tempel
aufgebauet hatte nach Hannover wieder abzuholen
    Er hielt sich noch ein paar Tage bei dem Hutmacher Lobenstein auf während
welcher Zeit Anton noch mit verdoppeltem Eifer in Gegenwart seines Vaters alle
seine Geschäfte verrichtete und eine Beruhigung darin suchte noch zuletzt alles
zu tun was in seinen Kräften stand Von der Werkstatt von der Trockenstube
vom Holzboden und von der Brüdernkirche nahm er nun in Gedanken Abschied  und
seine allerangenehmste Vorstellung wenn er wieder nach Hannover kommen würde
war dass er dann seiner Mutter von dem Pastor Paulmann würde erzählen können
    Je näher die Abschiedsstunde herannahte desto leichter wurde ihm ums Herz
 Er sollte nun bald aus seiner engen drückenden Lage herauskommen   Die
weite Welt eröffnete sich wieder vor ihm
    Von August war der Abschied zärtlich von Lobenstein kalt wie Eis  es war
an einem Sonntagnachmittage bei trübem Himmel da Anton mit seinem Vater wieder
aus dem Lobensteinschen Hause ging  er blickte die schwarze Türe mit den großen
eingeschlagenen Nägeln noch einmal an und wandte ihr getrost den Rücken um
wieder aus dem Tore zu wandern vor welchem er vor kurzem noch einen so
interessanten Spaziergang gemacht hatte  Die hohen Wälle der Stadt und der
Andreasturm waren bald aus seinem Gesicht verschwunden und er sah nur noch den
Brocken in der Ferne mit Schnee bedeckt in trüber Dämmerung sich in den dicht
aufliegenden Wolken verlieren
    Das Herz seines Vaters war gegen ihn kalt und verschlossen denn dieser
betrachtete ihn völlig mit den Augen des Hutmacher Lobenstein und des Herrn von
Fleischbein als einen in dessen Herzen der Satan einmal seinen Tempel
errichtet habe  es wurde unterwegs wenig gesprochen sondern sie wanderten
immer stillschweigend fort und Anton bemerkte kaum die Länge des Weges auf
eine so angenehme Art unterhielt er sich mit seinen Gedanken  wenn er nun
seine Mutter und seine Brüder wiedersehen und ihnen seine Schicksale würde
erzählen können
    Die vier schönen Türme von Hannover ragten endlich wieder hervor  und wie
einen Freund den man nach langer Trennung wieder sieht betrachtete Anton den
neustädtischen Turm und seine Glockenliebe erwachte auf einmal wieder 
    Er sah sich nun wieder in den Mauern von Hannover und alles war ihm neu 
seine Eltern hatten eine andre kleinere und dunklere Wohnung auf einer
abgelegenen Straße bezogen  das war ihm alles so fremd indem er die Treppen
hinaufstieg als ob er da unmöglich zu Hause gehören könne  Allein so kalt und
abschreckend das Betragen seines Vaters gegen ihn gewesen war so laut und
ausbrechend war jetzt die Freude womit ihm seine Mutter und Brüder entgegen
eilten die seine von Frost aufgesprungenen Hände besahen und von denen er nun
zum erstenmal wieder bedauert wurde
    Als er am andern Tage ausging besuchte er alle die bekannten Plätze wo er
sonst gespielt hatte  es war ihm als sei er während der Zeit alt geworden und
als wollte er sich nun an die Jahre seiner Jugend zurück erinnern  ihm
begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mitschüler und Spielkameraden die ihm
alle die Hände drückten und sich über seine Wiederkunft freueten
    Und sobald er nur mit seiner Mutter allein war was konnte er wohl anders
tun als ihr von dem Pastor Paulmann erzählen  Sie hatte ohnedem eine
unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche und konnte mit Anton recht gut
in seinen Gefühlen für den Pastor Paulmann sympatisieren  O welche selige
Stunden waren das da Anton so sein Herz ausschütten und stundenlang von dem
Manne sprechen konnte gegen den er unter allen Menschen auf Erden die meiste
Liebe und Achtung hatte
    Er hörte nun die hannoverschen Prediger aber welch ein Abstand Unter allen
fand er keinen Paulmann einen ausgenommen namens N  der wenn er im
heftigen Affekt sprach einige Ähnlichkeit mit ihm hatte 
    Kein Prediger konnte bei Anton Beifall finden wenn er nicht wenigstens so
geschwind wie der Pastor Paulmann sprach  und ich weiß nicht wenn der
Prediger als Redner betrachtet wird ob er denn so ganz unrecht hatte  Der
Lehrer muss langsam der Redner muss geschwind sprechen  Der Lehrer soll
allmählich den Verstand erleuchten der Redner unwiderstehlich in das Herz
eindringen  mit dem Verstande muss man langsam mit dem Herzen schnell zu Werke
gehen wenn man seines Zweckes nicht verfehlen will  freilich wird der immer
ein schlechter Lehrer sein der nicht zuweilen Redner wird und der ein
schlechter Redner der nicht zuweilen Lehrer wird  aber wenn Fox im englischen
Parlamente spricht so geschieht es mit einer Geschwindigkeit die ihresgleichen
nicht hat und in diesem brausenden Strome reißt er alles mit sich fort und
erschüttert die Seelen seiner Zuhörer wie es der Pastor Paulmann durch seine
Meineidspredigt tat
    Einen Prediger namens Marquard an der Garnisonkirche in Hannover hörte Anton
eines Sonntags mit dem größten Widerwillen predigen weil derselbe auch nicht
die mindeste Ähnlichkeit mit dem Pastor Paulmann hatte sondern in Ansehung
seiner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegenteil von ihm
war Anton konnte sich nicht enthalten da er zu Hause kam gegen seine Mutter
eine Art von Hass zu äußern den er auf diesen Prediger geworfen hatte  aber wie
erstaunte er als diese ihm sagte dass er bei eben diesen Prediger würde zum
Religionsunterricht und Beichte und Abendmahl gehen müssen weil er ihr
Beichtvater wäre und sie zu seiner Gemeine gehörte
    Wem hätte es Anton geglaubt dass er diesen Mann gegen den er damals eine
unwiderstehliche Abneigung empfand einmal würde lieben können dass dieser
einmal sein Freund sein Wohltäter werden würde
    Indes ereignete sich ein Vorfall der Antons Seele die schon zur Schwermut
geneigt war in eine noch traurigere Stimmung versetzte seine Mutter wurde
tödlich krank und schwebte vierzehn Tage lang in Lebensgefahr  Was Anton dabei
empfand lässt sich nicht beschreiben  Es war ihm als ob er in seiner Mutter
sich selbst absterben würde so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt 
Ganze Nächte durch weinte er oft wenn er gehört hatte dass der Arzt die
Hoffnung zur Genesung aufgab  Es war ihm als sei es schlechterdings nicht
möglich dass er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können  Was war
natürlicher da er von aller Welt verlassen war und sich nur noch in ihrer Liebe
und in ihrem Zutrauen wieder fand
    Der Pastor Marquard kam und reichte Antons Mutter das Abendmahl  nun
glaubte er sei keine Hoffnung mehr und war untröstlich  er flehte zu Gott um
das Leben seiner Mutter und ihm fiel der König Hiskias ein der ein Zeichen von
Gott erhielt dass seine Bitte erhört und ihm sein Leben gefristet sei
    Nach einem solchen Zeichen sah sich jetzt auch Anton um ob nicht etwa der
Schatten an der Mauer im Garten zurückgehen wollte Und der Schatten schien ihm
endlich zurückzugehen  denn eine dünne Wolke hatte sich vor der Sonne
hingezogen  oder seine Phantasie hatte diesen Schatten zurückgedrängt  aber
von dem Augenblick an fasste er neue Hoffnung und seine Mutter fing wirklich
wieder an zu genesen Er lebte nun auch von neuem wieder auf  und tat alles um
sich bei seinen Eltern beliebt zu machen Allein bei seinem Vater gelang es ihm
nicht dieser hatte seitdem er ihn aus Braunschweig wieder abgeholt einen
bitteren unversöhnlichen Hass auf ihn geworfen den er ihn bei jeder Gelegenheit
empfinden ließ  jede Mahlzeit wurde ihm zugezählt und Anton musste oft im
eigentlichen Verstande sein Brot mit Tränen essen
    Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergänge mit
seinen beiden kleineren Brüdern mit denen er ordentliche Wanderungen auf den
Wällen der Stadt anstellte indem er sich immer ein Ziel setzte nach welchem er
mit ihnen gleichsam eine Reise tat 
    Dies war seine liebste Beschäftigung von seiner frühesten Kindheit an und
als er noch kaum gehen konnte setzte er sich schon ein solches Ziel an einer
Ecke der Straße wo seine Eltern wohnten welches die Grenze seiner kleinen
Wanderungen war
    Er schuf sich nun den Wall welchen er hinaufstieg in einen Berg das
Gesträuch durch welches er sich durcharbeitete in einen Wald und einen
kleinen Erdhügel im Stadtgraben in eine Insel um und so stellte er mit seinen
Brüdern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten oft viele meilenweite
Reisen an  er verlor sich und verirrte sich mit ihnen in Wäldern erstieg hohe
Klippen und kam auf unbewohnte Inseln  kurz er realisierte sich mit ihnen
seine ganze idealische Romanenwelt so gut er konnte 
    Zu Hause stellte er allerlei Spiele mit ihnen an wobei es oft scharf zuging
 er belagerte Städte eroberte Festungen von den Büchern der Madam Guion
zusammengebaut mit wilden Kastanien die er wie Bomben darauf abschoss 
Zuweilen predigte er auch und seine Brüder mussten ihm zuhören  Das erstemal
hatte er sich denn eine Kanzel von Stühlen zusammengebaut und seine Brüder
saßen vor ihm auf Fussschemeln er geriet in heftigen Affekt  die Kanzel stürzte
ein er fiel herunter und zerschlug mit dem Stuhle worauf er stand seinen
Brüdern die Köpfe  Das Geschrei und die Verwirrung war allgemein  indem trat
sein Vater herein und fing an ihn für die gehaltne Predigt ziemlich derbe zu
belohnen  Antons Mutter kam dazu und wollte ihn den Händen seines Vaters
entreißen da sie das nicht konnte so nahm ihr Zorn eine ganz entgegengesetzte
Richtung und sie fing nun auch aus allen Kräften an auf Anton zuzuschlagen
dem alle sein Flehen und Bitten nichts half  Nie ist wohl eine Predigt
unglücklicher abgelaufen als diese erste Predigt welche Anton in seinem Leben
hielt  Das Andenken an diesen Vorfall hat ihn oft noch im Traume erschreckt
    Indes wurde er dadurch nicht abgeschreckt noch öfter wieder seine Kanzel zu
besteigen und ganze geschriebne Predigten mit Evangelium Thema und Einteilung
abzulesen  Denn seitdem er angefangen hatte zum erstenmal die Predigt des
Pastors Paulmann nachzuschreiben war es ihm auch leichter seine Gedanken zu
ordnen und sie in eine Art von Verbindung miteinander zu bringen
    Kein Sonntag ging hin wo er jetzt nicht eine Predigt nachschrieb und er
bekam dadurch bald eine solche Fertigkeit dass er das Fehlende dazwischen durch
sein Gedächtnis ergänzen und eine Predigt die er gehört und die Hauptsachen
nachgeschrieben hatte zu Hause beinahe vollständig wieder zu Papier bringen
konnte
    Anton war nun über vierzehn Jahre alt und es war nötig dass er um
konfirmiert oder in den Schoss der christlichen Kirche aufgenommen zu werden
einige Zeit vorher in irgendeine Schule gehen musste wo Religionsunterricht
erteilt wurde
    Nun war in Hannover ein Institut in welchem junge Leute zu künftigen
Dorfschulmeistern gebildet wurden und womit zu gleich eine Freischule verknüpft
war welche den angehenden Lehrern zur Übung im Unterricht diente Diese Schule
war also eigentlich mehr der Lehrer wegen als dass die Lehrer gerade dieser
Schule wegen dagewesen wären   weil aber die Schüler nichts bezahlen durften
so war diese Anstalt eine Zuflucht für die Armen welche dort ihre Kinder ganz
unentgeltlich konnten unterrichten lassen und weil Antons Vater eben nicht
gesonnen war viel an seinen so ganz aus der Art geschlagenen und aus der
göttlichen Gnade gefallenen Sohn zu wenden so brachte er ihn denn endlich in
diese Schule wo derselbe nun auf einmal wieder eine ganz neue Laufbahn vor sich
eröffnet sah
    Es war für Anton ein feierlicher Anblick da er gleich in der ersten Stunde
des Morgens alle die künftigen Lehrer mit den Schülern und Schülerinnen in einer
Klasse versammelt sah  Der Inspektor dieser Anstalt der ein Geistlicher war
hielt alle Morgen mit den Schülern eine Katechisation welche den Lehrern zum
Muster dienen sollte  Diese saßen alle an Tischen um die Fragen und Antworten
nachzuschreiben während dass der Inspektor auf und nieder ging und fragte In
einer Nachmittagsstunde musste denn irgendeiner von den Lehrern in Gegenwart des
Inspektors die Katechisation mit den Schülern wiederholen welche derselbe am
Morgen gehalten hatte
    Nun war das Nachschreiben für Anton schon eine sehr leichte Sache geworden
und als der Lehrer den Nachmittag die Vormittagslektion wiederholte so hatte
sie Anton weit besser als der Lehrer stehend in seiner Schreibtafel
nachgeschrieben und konnte also freilich mehr antworten als jener fragte
welches bei dem Inspektor einige Aufmerksamkeit zu erregen schien die äußerst
schmeichelhaft für ihn war
    Allein damit er sich nun nicht seines Glücks überheben sollte stand ihm am
andern Tage eine Demütigung bevor die beinahe jene in Braunschweig noch
übertraf da er zum ersten Mal mit dem Tragkorbe auf dem Rücken gehen musste
    Es wurde nämlich in der zweiten Stunde den folgenden Morgen eine
Buchstabierübung angestellt wo einer der Knaben immer eine Silbe erst allein
buchstabieren und vorschreien und dann die andern alle wie aus einem Munde
nachschreien mussten  Dies Geschrei wovon einem die Ohren gellten und diese
ganze Übung kam Anton wie toll und rasend vor und er schämte sich nicht wenig
da er sich schmeichelte schon mit Ausdruck lesen zu können dass er hier erst
wieder anfangen sollte buchstabieren zu lernen  aber die Reihe
vorzuschreien kam bald an ihn denn dies ging wie ein Lauffeuer herum und nun
saß er und stockte und die ganze schöne Musik geriet auf einmal aus dem Takt 
»Nun fort« sagte der Inspektor und als es nicht ging sah er ihn mit einem
Blick der äußersten Verachtung an und sagte »Dummer Knabe« und ließ den
folgenden weiter buchstabieren  Anton glaubte in dem Augenblick vernichtet zu
sein da er sich plötzlich in der Meinung eines Menschen auf dessen Beifall er
schon so viel gerechnet hatte so tief herabgesunken sah dass dieser ihm nicht
einmal mehr zutrauete dass er buchstabieren könne
    War ehemals in Braunschweig sein Körper durch die Bürde die er trug
unterjocht worden so wurde es jetzt noch weit mehr sein Geist der unter der
Last erlag mit welcher die Wortedummer Knabe von dem Inspektor auf ihn fielen
    Allein diesmal galt bei ihm was vom Temistokles erzählt wird da dieser
auch einmal in seiner Jugend einen öffentlichen Schimpf erlitt non fregit eum
sed erexit  Er strengte sich seit dem Tage an welchem er diese Demütigung
erlitt noch zehnmal mehr als vorher an sich bei seinen Lehrern in Achtung zu
setzen um den Inspektor der ihn so verkannt hatte gleichsam einst zu
beschämen und ihm über das Unrecht das er von ihm erlitten hatte Reue zu
erwecken
    Der Inspektor trug alle Morgen in den Frühstunden den Lehrbegriff der
lutherischen Kirche ganz dogmatisch mit allen Widerlegungen der Papisten sowohl
als der Reformierten vor und legte Gesenii Auslegung von Luthers kleinem
Katechismus dabei zum Grunde  Antons Kopf wurde dadurch freilich mit vielem
unnützem Zeuge angefüllt aber er lernte doch Hauptabteilungen und
Unterabteilungen machen er lernte systematisch zu Werke gehen
    Seine nachgeschriebenen Hefte wuchsen immer stärker an und in weniger als
einem Jahre besaß er eine vollständige Dogmatik mit allen Beweisstellen aus der
Bibel und einer vollständigen Polemik gegen Heiden Türken Juden Griechen
Papisten und Reformierten verknüpft  er wusste von der Transsubstantiation im
Abendmahl von den fünf Stufen der Erhöhung und Erniedrigung Christi von den
Hauptlehren des Alkorans und den vorzüglichsten Beweisen der Existenz Gottes
gegen die Freigeister wie ein Buch zu reden
    Und er redete nun auch wirklich wie ein Buch von allen diesen Sachen Er
hatte nun reichen Stoff zu predigen und seine Brüder bekamen alle die
nachgeschriebenen Hefte von der halsbrechenden Kanzel in der Stube wieder von
ihm zu hören
    Zuweilen wurde er des Sonntags zu einem Vetter eingeladen bei welchem eine
Versammlung von Handwerksburschen war hier musste er sich vor den Tisch stellen
und in dieser Versammlung eine förmliche Predigt mit Text Thema und Einteilung
halten wo er denn gemeiniglich die Lehre der Papisten von der
Transsubstantiation oder die Gottesleugner widerlegte mit vielem Patos die
Beweise für das Dasein Gottes nacheinander aufzählte und die Lehre vom Ohngefähr
in ihrer ganzen Blöße darstellte
    Nun war die Einrichtung in dem Institut wo Anton unterrichtet wurde dass
die erwachsenen Leute welche zu Schulmeistern gebildet wurden sich des
Sonntags in alle Kirchen verteilen und die Predigten nachschreiben mussten die
sie dann dem Inspektor zur Durchsicht brachten  Anton fand also jetzt noch
einmal so viel Vergnügen am Predigtnachschreiben da er sah dass er auf die Art
mit seinen Lehrern einerlei Beschäftigung trieb und diese denen er nun die
Predigten zeigte bewiesen ihm immer mehr Achtung und begegneten ihm beinahe wie
ihresgleichen
    Er bekam am Ende einen dicken Band nachgeschriebener Predigten zusammen die
er nun als einen großen Schatz betrachtete und worunter ihm insbesondre zwei
wahre Kleinodien zu sein schienen die eine war von dem Pastor Uhle der mit dem
Pastor Paulmann wegen der Geschwindigkeit im Sprechen die meiste Ähnlichkeit
hatte in der Ägidienkirche gehalten und handelte vom jüngsten Gericht  Mit
wahrem Entzücken harangierte Anton diese Predigt oft seiner Mutter wieder vor
worin die Zerstörung der Elemente das Krachen des Weltbaues das Zittern und
Zagen des Sünders das fröhliche Erwachen der Frommen in einem Kontrast
dargestellt wurde der die Phantasie bis auf den höchsten Grad erhitzte  und
dies war eben Antons Sache Er liebte die kalten Vernunftpredigten nicht Die
zweite Predigt welche er unter allen vorzüglich schätzte war eine
Abschiedspredigt des Pastors Lesemann die er in der Kreuzkirche hielt und
worin derselbe fast vom Anfange bis zu Ende durch Tränen und Schluchzen
unterbrochen wurde so beliebt war er bei seiner Gemeine Das rührende Patos
womit diese Rede wirklich gehalten wurde machte auf Antons Herz einen
unauslöschlichen Eindruck und er wünschte sich keine größere Glückseligkeit als
einmal auch vor einer solchen Menge von Menschen die alle mit ihm weinten eine
solche Abschiedsrede halten zu können
    Bei so etwas war er in seinem Elemente und fand ein unaussprechliches
Vergnügen an der wehmütigen Empfindung worin er dadurch versetzt wurde Niemand
hat wohl mehr die Wonne der Tränen the joy of grief empfunden als er bei
solchen Gelegenheiten Eine solche Erschütterung der Seele durch eine solche
Predigt war ihm mehr wert als aller andre Lebensgenuss er hätte Schlaf und
Nahrung darum gegeben
    Auch das Gefühl für die Freundschaft erhielt jetzt bei ihm neue Nahrung Er
liebte einige von seinen Lehrern im eigentlichen Verstande und empfand eine
Sehnsucht nach ihrem Umgange  insbesondre äußerte sich seine Freundschaft gegen
einen derselben namens R  der dem äußern Anschein nach ein sehr harter und
rauer Mann war in der Tat aber das edelste Herz besaß was nur bei einem
künftigen Dorfschulmeister gefunden werden kann
    Bei diesem hatte Anton doch eine Privatstunde im Rechnen und Schreiben
welche sein Vater für ihn bezahlte  denn Rechnen und Schreiben war noch das
einzige welches dieser für Anton zu lernen der Mühe wert hielt  R  ließ
ihn denn bald weil er schon ortographisch schrieb eigne Ausarbeitungen
machen die seinen Beifall erhielten welcher für Anton so schmeichelhaft war
dass er sich endlich erkühnte diesem Lehrer sein Herz zu entdecken und so
offenherzig und freimütig mit ihm zu sprechen wie er lange mit niemandem hatte
sprechen dürfen
    Er entdeckte ihm also seine unüberwindliche Neigung zum Studieren und die
Härte seines Vaters der ihn davon abhielte und der ihn nichts als ein Handwerk
wolle lernen lassen Der raue R  schien über dies Zutrauen gerührt zu sein
und sprach Anton Mut ein sich dem Inspektor zu entdecken der ihm vielleicht
noch eher zu seinem Endzweck würde behilflich sein können Das war nun eben der
Inspektor welcher zu Anton da er beim Buchstabieren nicht vorschreien wollte
mit der verächtlichsten Miene »dummer Knabe« gesagt hatte welches er noch
nicht vergessen konnte und also noch lange Bedenken trug einem solchen Manne
seine Neigung zum Studieren zu entdecken der gezweifelt hatte ob er auch
buchstabieren könne
    Indes nahm die Achtung worin sich Anton in dieser Schule setzte von Tage
zu Tage zu und er erreichte seinen Wunsch hier der erste zu sein und die
meiste Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu sehen Dies war freilich eine solche
Nahrung für seine Eitelkeit dass er sich oft schon im Geist als Prediger
erblickte insbesondere wenn er schwarze Unterkleider trug  dann trat er mit
einem gravitätischen Schritt und ernsthafter als sonst einher 
    Am Ende der Woche des Sonnabends wurde immer nachdem vorher das Lied Bis
hieher hat mich Gott gebracht gesungen war von einem der Schüler ein langes
Gebet gelesen  wenn dies an Anton kam so war das ein wahres Fest für ihn  er
dachte sich auf der Kanzel wo er noch während der letzten Verse des Gesanges
seine Gedanken sammelte und nun auf einmal wie der Pastor Paulmann mit aller
Fülle der Beredsamkeit in ein brünstiges Gebet ausbrach  Seine Deklamation
bekam also für einen Schulknaben freilich zu viel Patos als dass dieses nicht
hätte auffallend sein sollen Der Lehrer ließ ihn also nur selten das Gebet
lesen 
    Ja es entstand zuletzt sogar eine Art von Neid gegen ihn bei den Lehrern 
Einer derselben stellte eine Übung an wo eine von Hübners biblischen Historien
von den Schülern mit eignen Worten musste wiedererzählt werden Anton schmückte
diese Historie mit aller seiner Phantasie auf eine poetische Art aus und trug
sie mit einer Art von rednerischem Schmuck wieder vor  das beleidigte den
Lehrer der am Ende die Bemerkung machte Anton solle kürzer erzählen Das
künftigemal fasste er also die ganze Erzählung in ein paar Worte zusammen und war
in zwei Minuten damit fertig  Das war dem Lehrer wieder zu kurz und brachte
ihn aufs neue auf  endlich ließ er ihn gar keine Historien mit eignen Worten
mehr erzählen  Des Nachmittags fürchteten sich die Lehrer welche die
Katechisation wiederholten ihn zu fragen weil er immer mehr als sie
nachgeschrieben hatte  er konnte also gar nicht einmal mehr dazu kommen seine
Fähigkeiten zu zeigen welches doch sein höchster Wunsch war um Aufmerksamkeit
auf sich zu erregen
    Voller Unwillen darüber dass er immer ungefragt und stumm dasitzen musste
ging er endlich einmal mit tränenden Augen zum Inspektor der ihn in den
Morgenstunden nun auch öfter gefragt hatte und sein Urteil über ihn geändert zu
haben schien  dieser fragte ihn was ihm fehle ob ihm etwa von einem seiner
Mitschüler Unrecht geschehen sei und Anton antwortete nicht von seinen
Mitschülern sondern von seinen Lehrern sei ihm Unrecht geschehen diese
vernachlässigten ihn und niemand fragte ihn mehr wenn er gleich die Sache
besser als andre wüsste Hierin möchte man ihm doch Recht verschaffen
    Der Inspektor suchte ihm das auszureden und entschuldigte die Lehrer mit der
Menge der Schüler von der Zeit an aber fing er an selbst aufmerksamer auf ihn
zu werden und fragte ihn des Morgens in der Frühstunde öfter als sonst
    In einer Stunde wöchentlich wurde eine Übung mit den Psalmen angestellt wo
ein jeder der Schüler sich Lehren herausziehn musste diese wurden auf ein Blatt
Papier oder eine Rechentafel geschrieben und dann abgelesen wobei mancher stark
zu schwitzen pflegte  Der Inspektor war dabei Anton schrieb nichts auf Als
aber die Reihe an ihn kam ging er den ganzen Psalm durch und hielt eine
ordentliche Abhandlung oder Predigt darüber die fast eine halbe Stunde dauerte
so dass der Inspektor selbst am Ende sagte es sei nun genug  er solle den
Psalm nicht eigentlich erklären sondern nur einige moralische Lehren
herausziehen
    Auf die Weise ging beinahe ein Jahr hin wo Anton so außerordentliche
Fortschritte in seinem Fleiß tat und sich so untadelhaft betrug dass er seinen
Zweck Aufmerksamkeit auf sich zu erregen im höchsten Grade erreichte indem er
sich sogar den Neid seiner Lehrer zuzog
    Nun stand er aber auch auf dem entscheidenden Punkte wo er irgendeine
Lebensart wählen sollte und die Härte seines Vaters der nun daran arbeitete
ihn bald loszuwerden nahm von Tage zu Tage gegen ihn zu so dass die Schule
gleichsam ein sichrer Zufluchtsort für ihn vor der Bedrückung und Verfolgung zu
Hause war
    Sein geliebter Lehrer R  wurde indes zu einem Dorfschulmeister befördert
und nun hatte er keinen eigentlichen Freund mehr unter seinen Lehrern  Dieser
riet ihm bei seinem Abschiede noch einmal sich geradezu an den Inspektor zu
wenden  und weil es nun ohnedem die höchste Zeit war irgendeinen Entschluss zu
fassen so wagte er es eines Tages mit klopfendem Herzen den Inspektor um Gehör
zu bitten weil er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe  Dieser nahm ihn mit auf
seine Stube und hier wurde Anton freimütiger erzählte ihm seine Schicksale und
entdeckte ihm sein ganzes Herz  Der Inspektor schilderte ihm die
Schwierigkeiten die Kosten des Studierens benahm ihm aber demohngeachtet nicht
alle Hoffnung sondern versprach sich wo möglich für ihn zu verwenden dass er
unentgeltlich eine lateinische Schule besuchen könnte  indes war das alles sehr
weit aussehend weil er von seinen Eltern zu seiner Unterstützung gar nichts
nicht einmal Wohnung und Nahrung hoffen durfte indem sein Vater noch sechs
Meilen hinter Hannover eine kleine Bedienung erhalten hatte und also in kurzem
ganz aus Hannover wegziehen musste
    Indessen hatte der Inspektor mit dem Konsistorialrat Götten unter dessen
Direktion das Schulmeisterinstitut stand Antons wegen geredet und dieser ließ
ihn zu sich kommen  Der Anblick dieses ehrwürdigen Greises schlug zuerst
Antons Mut darnieder und seine Knie bebten da er vor ihm stand  als ihn aber
der Greis leutselig bei der Hand fasste und mit sanfter Stimme anredete fing er
an freimütig zu sprechen und seine Neigung zum Studieren zu entdecken  Der
Konsistorialrat Götten ließ ihn darauf eine von Gellerts geistlichen Oden laut
lesen um zu hören wie seine Ausrede und Stimme beschaffen sei wenn er sich
dereinst dem Predigtamt widmen wollte  Darauf versprach er ihm freien
Unterricht zu verschaffen und ihn mit Büchern zu unterstützen das sei aber auch
alles was er für ihn tun könne  Anton war so voller Freuden über dieses
Anerbieten dass seine Dankbarkeit gar keine Grenzen hatte und er nun alle Berge
auf einmal überstiegen zu haben glaubte Denn dass er außer freiem Unterricht und
Büchern auch noch Nahrung Wohnung und Kleider brauche fiel ihm gar nicht ein
    Triumphierend eilte er nach Haus und verkündigte seinen Eltern sein Glück 
Aber wie sehr wurde seine Freude niedergeschlagen da sein Vater ihm ganz
kaltblütig sagte er dürfe wenn er studieren wolle auf keinen Heller von ihm
rechnen  wenn er sich also selbst Brot und Kleider zu verschaffen imstande sei
so habe er gegen sein Studieren weiter nichts einzuwenden  In einigen Wochen
würde er von Hannover wegreisen und wenn Anton alsdann noch bei keinem Meister
wäre so möchte er sehen wo er unterkäme und nach Gefallen abwarten ob einer
von den Leuten die ihm das Studieren so eifrig anrieten auch für seinen
Lebensunterhalt sorgen würde
    Traurig und tiefsinnig ging Anton jetzt umher und dachte seinem Schicksal
nach  Der Gedanke zu studieren war fest in seiner Seele und sollten sich ihm
auch noch weit mehr Schwierigkeiten in den Weg setzen  mancherlei Projekte
durchkreuzten sich in seinem Kopfe  Er erinnerte sich gelesen zu haben dass
es einst in Griechenland einen lehrbegierigen Jüngling gab der für seinen
Unterhalt Holz haute und Wasser trug um die Zeit die ihm noch übrig blieb dem
Studieren widmen zu können  Diesem Beispiele wollte er folgen und war oft
schon willens sich als Tagelöhner auf gewisse Stunden zu verdingen um die
übrige Zeit zu seinem freien Gebrauch zu haben  dann konnte er aber wieder die
Schulstunden nicht ordentlich abwarten  so machte ihn alle sein Nachdenken und
Überlegung immer nur noch tiefsinniger und unentschlossner Indes rückte der
entscheidende Zeitpunkt immer näher heran wo er einen Entschluss fassen musste 
Er sollte nun die Schule die er bisher besucht hatte verlassen um noch eine
Zeitlang in die Garnisonschule zu gehen weil er von dem Garnisonprediger
Marquard konfirmiert werden sollte dessen Vorbereitungs und
Katechisationsstunden er jetzt schon zu besuchen anfing und der wegen seiner
Antworten aufmerksam auf ihn geworden war Allein er würde es von selbst nie
gewagt haben diesem Mann zu welchem er zuerst gar kein Zutrauen fassen konnte
den Kummer seiner Seele zu entdecken
    Da sich nun für Anton keine solide Aussicht zum Studieren eröffnen wollte
so würde er doch am Ende wahrscheinlich den Entschluss haben fassen müssen
irgendein Handwerk zu lernen wenn nicht wider Vermuten ein sehr geringfügig
scheinender Umstand seinem Schicksal in seinem ganzen künftigen Leben eine andre
Wendung gegeben hätte 
 
                                  Zweiter Teil
                                     Vorrede
                                     1786
Um ferneren schiefen Urteilen wie schon einige über dies Buch gefällt sind
vorzubeugen sehe ich mich genötigt zu erklären dass dasjenige was ich aus
Ursachen die ich für leicht zu erraten hielt einen psychologischen Roman
genannt habe im eigentlichsten Verstande Biographie und zwar eine so wahre und
getreue Darstellung eines Menschenlebens bis auf seine kleinste Nüancen ist als
es vielleicht nur irgendeine geben kann 
    Wem nun an einer solchen getreuen Darstellung etwas gelegen ist der wird
sich an das anfänglich Unbedeutende und unwichtig Scheinende nicht stoßen
sondern in Erwägung ziehen dass dies künstlich verflochtne Gewebe eines
Menschenlebens aus einer unendlichen Menge von Kleinigkeiten besteht die alle
in dieser Verflechtung äußerst wichtig werden so unbedeutend sie an sich
scheinen 
    Wer auf sein vergangnes Leben aufmerksam wird der glaubt zuerst oft nichts
als Zwecklosigkeit abgerissne Fäden Verwirrung Nacht und Dunkelheit zu sehen
je mehr sich aber sein Blick darauf heftet desto mehr verschwindet die
Dunkelheit die Zwecklosigkeit verliert sich allmählich die abgerissnen Fäden
knüpfen sich wieder an das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich 
und das Misstönende löset sich unvermerkt in Harmonie und Wohlklang auf 
 
Der Umstand wodurch Anton Reisers Schicksal unvermutet eine glücklichere
Wendung nahm war dass er sich auf der Straße mit ein Paar Jungen balgte die
mit ihm aus der Schule kamen und ihn unterwegs geneckt hatten welches er nicht
länger leiden wollte indem er sich nun mit ihnen bei den Haaren herumzauste
kam auf einmal der Pastor Marquard dahergegangen  und wie groß war nun Reisers
Beschämung und Verwirrung da ihn die beiden Jungen selbst zuerst aufmerksam
darauf machten und ihm mit einer Art von Schadenfreude den Zorn vorstellten den
nun der Pastor Marquard auf ihn werfen würde
    Was  ich will einst selbst solch ein ehrwürdiger Mann werden wie
daherkömmt  wünsche dass mir das jetzt schon ein jeder ansehen soll damit sich
irgendeiner findet der sich meiner annimmt und mich aus dem Staube hervorzieht
und muss nun in der Stellung von diesem Manne überrascht werden bei dem ich
konfirmiert werden soll wo ich Gelegenheit hätte mich in meinem besten Lichte
zu zeigen  Dieser Mann was wird er nun von mir denken wofür wird er mich
halten
    Diese Gedanken gingen Reisern durch den Kopf und bestürmten ihn auf einmal
so sehr mit Scham Verwirrung und Verachtung seiner selbst dass er glaubte in
die Erde sinken zu müssen  Aber er ermannte sich das Selbstzutrauen arbeitete
sich unter der erstickenden Scham wieder hervor und flößte ihm zugleich Mut und
Zutrauen gegen den Pastor Marquard ein  er fasste schnell ein Herz ging
geradesweges auf den Pastor Marquard zu und redete ihn auf öffentlicher Straße
an indem er zu ihm sagte er sei einer von den Knaben die bei ihm zur
Kinderlehre gingen und der Pastor Marquard möchte doch deswegen keinen Zorn auf
ihn werfen dass er sich eben jetzt mit den beiden Jungen dort geschlagen hätte
dies wäre sonst gar seine Art nicht die Jungen hätten ihn nicht zufrieden
gelassen und es sollte nie wieder geschehen 
    Dem Pastor Marquard war es sehr auffallend sich auf der Straße von einem
Knaben auf die Weise angeredet zu sehen der sich eben mit ein paar andern Buben
herumgebalgt hatte  Nach einer kleinen Pause antwortete er es sei freilich
sehr unrecht und unschicklich sich zu balgen indes hätte das weiter nichts zu
sagen wenn er es künftig unterliesse darauf erkundigte er sich auch nach seinem
Namen und Eltern fragte ihn wo er bis jetzt in die Schule gegangen wäre usw
und entließ ihn sehr gütig  Wer war aber froher als Reiser und wie leicht war
ihm ums Herz da er sich nun wieder aus dieser gefährlichen Situation
herausgewickelt glaubte
    Und wie viel froher würde er noch gewesen sein hätte er gewusst dass dieser
ohngefähre Zufall allen seinen ängstlichen Besorgnissen ein Ende machen und die
erste Grundlage seines künftigen Glücks sein würde  Denn von dem Augenblick an
hatte der Pastor Marquard den Gedanken gefasst sich näher nach diesem jungen
Menschen zu erkundigen und sich seiner tätig anzunehmen weil er nicht ohne
Grund vermutete dass sobald des jungen Reisers Betragen gegen ihn nicht
Verstellung war es keine gemeine Denkungsart bei einem Knaben von dem Alter
voraussetzte  und dass es nicht Verstellung war dafür schien ihm seine Miene zu
bürgen
    Den Sonntag darauf fragte ihn der Pastor Marquard des Nachmittags in der
Kinderlehre öfter wie sonst und Reiser hatte nun schon gewissermaßen einen
seiner Wünsche erreicht in der Kirche vor dem versammelten Volke wenigstens auf
irgendeine Art öffentlich reden zu können indem er die Katechismusfragen des
Pastors mit lauter und vernehmlicher Stimme beantwortete wobei er sich denn
sehr von den übrigen unterschied indem er richtig akzentuierte da jene ihre
Antworten in dem gewöhnlichen singenden Ton der Schulknaben herbeteten
    Nach geendigter Kinderlehre winkte ihn der Pastor Marquard beiseite und
entbot ihn auf den andern Morgen zu sich  welch eine freudige Unruhe
bemächtigte sich nun auf einmal seiner Gedanken da es schien als ob sich
irgendein Mensch einmal näher um ihn bekümmern wollte  denn damit schmeichelte
er sich nun freilich dass der Pastor Marquard durch seine Antworten aufmerksam
auf ihn geworden sei und er nahm sich nun auch vor Zutrauen zu diesem Manne zu
fassen und ihm alle seine Wünsche zu entdecken
    Als er nach einer fast schlaflosen Nacht den andern Morgen zu dem Pastor
Marquard kam fragte ihn dieser zuerst was für einer Lebensart er sich zu
widmen dächte und bahnte ihm also den Weg zu dem was er schon selbst
vorzubringen im Sinn hatte Reiser entdeckte ihm sein Vorhaben  Der Pastor
Marquard stellte ihm die Schwierigkeiten vor sprach ihm aber doch auch zugleich
wieder Mut ein und machte den Anfang zur tätigen Ermunterung damit dass er
versprach ihn durch seinen einzigen Sohn der die erste Klasse des Lyzeums in
Hannover besuchte in der lateinischen Sprache unterrichten zu lassen womit
auch noch in derselben Woche der Anfang gemacht wurde
    Bei dem allen glaubte Reiser in den Mienen und dem Betragen des Pastor
Marquard zu lesen dass er noch irgend etwas Wichtiges zurückbehielte welches er
ihm zu seiner Zeit sagen würde in dieser Vermutung wurde er noch mehr durch die
geheimnisvollen Ausdrücke des Garnisonküsters bestärkt dessen Lehrstunden er
noch besuchte und der ihm immer einen Stuhl setzte wenn er kam indes die
andern auf Bänken saßen  Dieser pflegte denn wohl wenn die Stunde aus war zu
ihm zu sagen Sein Sie ja recht auf Ihrer Hut und denken Sie dass man genau auf
Sie achtgibt  Es sind große Dinge mit Ihnen im Werke und dergleichen mehr
wodurch nun Reiser freilich anfing sich eine wichtigere Person als bisher zu
glauben und seine kleine Eitelkeit mehr wie zu viel Nahrung erhielt die sich
denn oft töricht genug in seinem Gange und in seinen Mienen äußerte indem er
manchmal in seinen Gedanken mit allem Ernst und der Würde eines Lehrers des
Volks auf der Straße einhertrat wie er dies schon in Braunschweig getan hatte
besonders wenn er schwarze Weste und Beinkleider trug Bei seinem Gange hatte er
sich den Gang eines jungen Geistlichen der damals Lazarettprediger in Hannover
und zugleich Konrektor am Lyzeum war zum Muster genommen weil dieser in der
Art sein Kinn zu tragen etwas hatte das Reisern ganz besonders gefiel
    Nie kann wohl jemand in irgendeinem Genuss glücklicher gewesen sein als es
Reiser damals in der Erwartung der großen Dinge war die mit ihm vorgehen
sollten  Dies erhitzte seine Einbildungskraft bis auf einen hohen Grad Und da
nun der Zeitpunkt immer näher heranrückte wo er zum Abendmahl sollte gelassen
werden so erwachten auch alle die schwärmerischen Ideen wieder die er sich
schon in Braunschweig von dieser Sache in den Kopf gesetzt hatte wozu noch die
Lehrstunden des Garnisonküsters kamen der denjenigen die er zum Abendmahl
vorbereiten half dabei Himmel und Hölle auf eine so fürchterliche Art
vorstellte dass seinen Zuhörern oft Schrecken und Entsetzen ankam welches aber
doch mit einer angenehmen Empfindung verknüpft war womit man das Schreckliche
und Fürchterliche gemeiniglich anzuhören pflegt und er empfand dann wieder das
Vergnügen seine Zuhörer so erschüttert zu haben welches ihm wonnevolle Tränen
auspresste die den ganzen Auftritt wenn er so des Abends in der erleuchteten
Schulstube zwischen ihnen stand noch feierlicher machten
    Auch der Pastor Marquard hielt wöchentlich einige Stunden worin er
diejenigen die zum Abendmahl gehen sollten vorbereitete aber das was er
sagte kam lange nicht gegen die herzerschütternden Anreden seines Küsters ob
es Reisern gleich zusammenhängender und besser gesagt zu sein schien  Nichts
war für Anton schmeichelhafter als da der Pastor Marquard einmal den Begriff
dass die Gläubigen Kinder Gottes sind durch das Beispiel erklärte wenn er mit
irgendeinem aus der Zahl seiner jungen Zuhörer genauer umginge ihn besonders zu
sich kommen ließe und sich mit ihm unterredete dieser ihm denn auch näher als
die übrigen wäre und so wären die Kinder Gottes ihm auch näher als die übrigen
Menschen Nun glaubte Reiser unter der Zahl seiner Mitschüler der einzige
gewesen zu sein auf den der Pastor Marquard aufmerksamer als auf alle übrigen
wäre  allein so schmeichelhaft auch dies für seine Eitelkeit war so erfüllte
es ihn doch bald nachher wieder mit einer unbeschreiblichen Wehmut dass nun alle
die übrigen an diesem Glück was ihm allein geworden war nicht teilnehmen
sollten und von dem nähern Umgange mit dem Pastor Marquard gleichsam auf immer
ausgeschlossen sein sollten  Eine Wehmut die er sich schon in seinen
frühesten Kinderjahren einmal empfunden zu haben erinnert da ihm seine Base in
einem Laden ein Spielzeug gekauft hatte das er in Händen trug als er aus dem
Hause ging und vor der Haustüre saß ein Mädchen in zerlumpten Kleidern
ungefähr in seinem Alter das voll Verwunderung über das schöne Stück Spielzeug
ausrief Ach Herr Gott wie schön  Reiser mochte etwa damals sechs bis sieben
Jahre alt sein  der Ton des geduldigen Entbehrens ungeachtet der höchsten
Bewunderung womit das zerlumpte Mädchen die Worte sagte Ach Herr Gott wie
schön drang ihm durch die Seele  Das arme Mädchen musste alle diese
Schönheiten so vor sich vorbeitragen sehen und durfte nicht einmal einen
Gedanken daran haben irgendein Stück davon zu besitzen Es war von dem Genuss
dieser köstlichen Dinge gleichsam auf immer ausgeschlossen und doch so nahe
dabei  wie gern wäre er zurückgegangen und hätte dem zerlumpten Mädchen das
kostbare Spielzeug geschenkt wenn es seine Base gelitten hätte  So oft er
nachher daran dachte empfand er eine bittere Reue dass er es dem Mädchen nicht
gleich auf der Stelle gegeben hatte Eine solche Art von mitleidsvoller Wehmut
war es auch die Reiser empfand da er sich ausschliessungsweise mit den Vorzügen
in der Gunst des Pastor Marquard beehrt glaubte wodurch seine Mitschüler ohne
dass sie es verdient hatten so weit unter ihn herabgesetzt wurden
    Grade diese Empfindung ist nachher wieder in seiner Seele erwacht so oft er
in der ersten von Virgils Eklogen an die Worte kam nec invideo usw Indem er
sich in die Stelle des glücklichen Hirten versetzte der ruhig im Schatten
seines Baums sitzen kann indes der andere sein Haus und Feld mit dem Rücken
ansehen muss war ihm bei dem nec invideo des letzern immer gerade so zumute als
da das zerlumpte Mädchen sagte »Ach Herr Gott wie schön ist das«
    Ich habe hier notwendig in Reisers Leben etwas nahholen und etwas
vorweggreifen müssen wenn ich zusammenstellen wollte was nach meiner Absicht
zusammengehört Ich werde dies noch öfter tun und wer meine Absicht eingesehen
hat bei dem darf ich wohl nicht erst dieser anscheinenden Absprünge wegen um
Entschuldigung bitten
    Man sieht leicht dass Anton Reisers Eitelkeit durch die Umstände welche
sich jetzt vereinigten um ihm seine eigne Person wichtig zu machen mehr als zu
viel Nahrung erhielt Es bedurfte wieder einer kleinen Demütigung für ihn und
die blieb nicht aus Er schmeichelte sich nicht ohne Grund unter allen die bei
dem Pastor Marquard konfirmiert wurden der erste zu sein Er saß auch oben an
und war gewiss dass ihm keiner diesen Platz streitig machen würde Als auf einmal
ein junger wohlgekleideter Mensch in seinem Alter und von feiner Erziehung die
Lehrstunden des Pastor Marquard mit besuchte der ihn durch sein feines äußeres
Betragen sowohl als durch die vorzügliche Achtung womit ihm der Pastor Marquard
begegnete ganz in Dunkel setzte und dem auch sogleich über ihm der erste Platz
angewiesen ward
    Reisers süßer Traum der erste unter seinen Mitschülern zu sein war nun
plötzlich verschwunden Er fühlte sich erniedrigt herabgesetzt mit den übrigen
allen in eine Klasse geworfen  Er erkundigte sich bei dem Bedienten des Pastor
Marquard nach seinem fürchterlichen Nebenbuhler und erfuhr dass er eines
Amtmanns Sohn und bei dem Pastor Marquard in Pension sei auch mit den übrigen
zugleich konfirmiert werden würde Der schwärzeste Neid nahm auf eine Zeitlang
in Antons Seele Platz der blaue Rock mit dem samtnen Kragen den der
Amtmannssohn trug sein feines Betragen seine hübsche Frisur schlug ihn nieder
und machte ihn missvergnügt mit sich selbst aber doch schärfte sich bald wieder
das Gefühl bei ihm dass dies unrecht sei und er wurde nun noch missvergnügter
über sein Missvergnügen Ach er hätte nicht nötig gehabt den armen Knaben zu
beneiden dessen Glückssonne bald ausgeschienen hatte Binnen vierzehn Tagen kam
die Nachricht dass sein Vater wegen Untreue seines Dienstes entsetzt sei Für
den jungen Menschen konnte also auch die Pension nicht länger bezahlt werden
der Pastor Marquard schickte ihn seinen Anverwandten wieder und Reiser behielt
seinen ersten Platz Er konnte seine Freude wegen der Folgen die dieser Vorfall
für ihn hatte nicht unterdrücken und doch machte er sich selber Vorwürfe wegen
seiner Freude  er suchte sich zum Mitleid zu zwingen weil er es für recht
hielt  und die Freude zu unterdrücken weil er sie für unrecht hielt sie hatte
aber demohngeachtet die Oberhand und er half sich denn am Ende damit dass er
doch nicht wider das Schicksal könne welches nun den jungen Menschen einmal
habe unglücklich machen wollen Hier ist die Frage wenn das Schicksal des
jungen Menschen sich plötzlich wieder geändert hätte würde ihn Reiser aus
erster Bewegung freiwillig mit lächelnder teilnehmender Miene wieder haben über
sich stehen lassen oder hätte er sich erst mit einer Art von Anstrengung in
diese Empfindung versetzen müssen weil er sie für recht und edel gehalten
hätte  Der Zusammenhang seiner Geschichte mag in der Folge diese Frage
entscheiden
    Alle Abend hatte nun Reiser eine lateinische Stunde bei dem Sohn des Pastor
Marquard und kam wirklich so weit dass er binnen vier Wochen ziemlich den
Kornelius Nepos exponieren lernte Welche Wonne war ihm das wenn denn etwa der
Garnisonküster dazu kam und fragte was die beiden Herren Studenten machten 
und als der Pastor Marquard damals gerade seine älteste Tochter an einen jungen
Prediger verheiratete der eines Sonntags nachmittags für ihn die Kinderlehre
hielt und dieser auf Reisern immer aufmerksamer zu werden schien je öfter er
ihn antworten hörte welch ein entzückender Augenblick für Reisern da derselbe
nun nach geendigtem Gottesdienst zum Pastor Marquard kam und der Schwiegersohn
des Pastors ihn nun mit der größten Achtung anredete und sagte es sei ihm
gleich in der Kirche da Reiser ihm zuerst geantwortet aufgefallen ob das wohl
der junge Mensch sein möchte von dem ihm sein Schwiegervater so viel Gutes
gesagt und es freue ihn dass er sich nicht geirrt habe
    In seinem Leben hatte Anton keine solche Empfindung gehabt als ihm diese
achtungsvolle Begegnung verursachte  Da er nun die Sprache der feinen
Lebensart nicht gelernt hatte und sich doch auch nicht gemein ausdrücken wollte
so bediente er sich bei solchen Gelegenheiten der Büchersprache die bei ihm aus
dem Telemach der Bibel und dem Katechismus zusammengesetzt war welches seinen
Antworten oft einen sonderbaren Anstrich von Originalität gab indem er zB bei
solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte er habe den Trieb zum Studieren der ihn
unaufhaltsam mit sich fortgerissen nicht überwältigen können und wolle sich nun
der Wohltaten die man ihm erzeige auf alle Weise würdig zu machen und in aller
Gottseligkeit und Ehrbarkeit sein Leben bis an sein Ende zu führen suchen
    Indes hatte der Konsistorialrat Götten an den sich Reiser schon vorher
gewandt hatte für ihn ausgemacht dass er die sogenannte Neustädter Schule
unentgeltlich besuchen könnte  Allein der Pastor Marquard sagte das dürfe nun
nicht geschehen er solle bis er konfirmiert würde noch von seinem Sohne
unterrichtet werden damit er alsdann sogleich die höhere Schule auf der
Altstadt besuchen könne wo der Direktor sich seiner annehmen wolle und wegen
der Eifersucht die zwischen den beiden Schulen zu herrschen pflegte würde er
besser tun wenn er jene nicht zuerst besuchte  Dies musste Reiser dem
Konsistorialrat Götten selber sagen um den freien Unterricht welchen er ihm
verschafft hatte abzulehnen worüber denn derselbe sehr empfindlich wurde und
Reisern sehr hart anredete ihn aber doch zuletzt wieder mit der Aufmunterung
entließ dass er sich auf andre Weise dennoch seiner annehmen wolle
    So schien nun an Reisers Schicksale um den sich vorher niemand bekümmert
hatte auf einmal alles teilzunehmen  Er hörte von Eifersucht der Schulen
seinetwegen sprechen  Der Konsistorialrat Götten und der Pastor Marquard
schienen sich gleichsam um ihn zu streiten wer sich am meisten seiner annehmen
wollte Der Pastor Marquard bediente sich des Ausdrucks er solle nur dem
Konsistorialrat Götten sagen es wären seinetwegen schon Anstalten getroffen
worden und würden noch Anstalten getroffen werden dass er zu der höheren Schule
auf der Altstadt hinlänglich vorbereitet würde ohne vorher die niedere Schule
auf der Neustadt zu besuchen  Also Anstalten sollten nun seinetwegen getroffen
werden wegen eines Knaben den seine eigenen Eltern nicht einmal ihrer
Aufmerksamkeit wert gehalten hatten
    Mit welchen glänzenden Träumen und Aussichten in die Zukunft dies Reisers
Phantasie erfüllt habe darf ich wohl nicht erst sagen Insbesondre da nun noch
immer die geheimnisvollen Winke bei dem Garnisonküster und die Zurückhaltung des
Pastor Marquard fortdauerte womit er Reisern etwas Wichtiges zu verschweigen
schien 
    Endlich kam es denn heraus dass der Prinz Karl auf Empfehlung des Pastor
Marquard sich des jungen Reisers annehmen und ihm monatlich  Rtlr zu seinem
Unterhalt aussetzen wolle  Also war nun Reiser auf einmal allen seinen
Besorgnissen wegen der Zukunft entrissen das süße Traumbild eines sehnlich
gewünschten aber nie gehofften Glückes war ehe er es sich versehn wirklich
geworden und er konnte nun seinen angenehmsten Phantasien nachhängen ohne zu
fürchten dass er durch Mangel und Armut darin gestört werden würde 
    Sein Herz ergoss sich wirklich in Dank gegen die Vorsehung  Kein Abend ging
hin wo er nicht den Prinzen und den Pastor Marquard in sein Abendgebet mit
eingeschlossen hätte  und oft vergoss er im stillen Tränen der Freude und des
Danks wenn er diese glückliche Wendung seines Schicksals überdachte
    Reisers Vater hatte nun auch nichts weiter gegen sein Studieren einzuwenden
sobald er hörte dass es ihm nichts kosten sollte Überdem kam die Zeit nun
heran wo er seine kleine Bedienung an einem Ort sechs Meilen von Hannover
antreten musste und sein Sohn konnte ihm also auf keine Weise mehr zur Last
fallen  Allein nun war die Frage bei wem Reiser nach der Abreise seiner
Eltern wohnen und essen sollte Der Pastor Marquard schien nicht geneigt zu
sein ihn ganz zu sich ins Haus zu nehmen Es musste also drauf gedacht werden
ihn irgendwo bei ordentlichen Leuten unterzubringen Und ein Hoboist namens
Filter vom Regiment des Prinzen Karl erbot sich von freien Stücken dazu
Reisern unentgeltlich bei sich wohnen zu lassen Ein Schuster bei dem seine
Eltern einmal im Hause gewohnt hatten noch ein Hoboist ein Hofmusikus ein
Garkoch und ein Seidensticker erboten sich jeder ihm wöchentlich einen
Freitisch zu geben
    Dies verringerte Reisers Freude in etwas wieder welcher glaubte dass das
was der Prinz für ihn hergab zu seinem Unterhalt zureichen würde ohne dass er
an fremden Tischen sein Brot essen dürfte Auch verringerte dies seine Freude
nicht ohne Ursach denn es setzte ihn in der Folge oft in eine höchst peinliche
und ängstliche Lage so dass er oft im eigentlichen Verstande sein Brot mit
Tränen essen musste  Denn alles beeiferte sich zwar auf die Weise ihm
Wohltaten zu erzeigen aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht erworben zu
haben über seine Aufführung zu wachen und ihm in Ansehung seines Betragens Rat
zu erteilen der dann immer ganz blindlings sollte angenommen werden wenn er
seine Wohltäter nicht erzürnen wollte Nun war Reiser gerade von so viel Leuten
von ganz verschiedener Denkungsart abhängig als ihm Freitische gaben wo jeder
drohte seine Hand von ihm abzuziehen sobald er seinem Rat nicht folgte der
oft dem Rat eines andern Wohltäters geradezu widersprach Dem einen trug er sein
Haar zu gut dem andern zu schlecht frisiert dem einen ging er zu schlecht dem
andern für einen Knaben der von Wohltaten leben müsse noch zu geputzt einher
 und dergleichen unzählige Demütigungen und Herabwürdigungen gab es mehr denen
Reiser durch den Genuss der Freitische ausgesetzt war und denen gewiss ein jeder
junger Mensch mehr oder weniger ausgesetzt ist der das Unglück hat auf Schulen
durch Freitische seinen Unterhalt zu suchen und die Woche hindurch von einem zum
andern herumessen zu müssen
    Dies alles ahndete Reisern dunkel als die Freitische insgesamt für ihn
angenommen und keine Wohltat verschmäht wurde die ihm nur irgend jemand
erweisen wollte  An dem guten Willen aber pflegt es nie zu fehlen wenn Leute
einem jungen Menschen zum Studieren beförderlich sein zu können glauben  dies
erweckt einen ganz besonderen Eifer  jeder denkt sich dunkel wenn dieser Mann
einmal auf der Kanzel steht dann wird das auch mein Werk mit sein  Es
entstand ein ordentlicher Wetteifer um Reisern und jeder auch der Ärmste
wollte nun auf einmal zum Wohltäter an ihm werden wie denn ein armer Schuster
sich erbot ihm alle Sonntagabend einmal zu essen zu geben  dies alles wurde
mit Freuden für ihn angenommen und von seinen Eltern mit dem Hoboisten und
dessen Frau überrechnet wie glücklich er nun sei dass er alle Tage in der Woche
zu essen habe und wie man nun von dem Gelde das der Prinz hergebe für ihn
sparen könne
    Ach die glänzenden Aussichten die sich Reiser von dem Glück das auf ihn
wartete gemacht hatte verdunkelten sich nachher sehr wieder Indes dauerte
doch der erste angenehme Taumel in welchen ihn die tätige Vorsorge und die
Teilnehmung so vieler Menschen an seinem Schicksale versetzt hatte noch eine
Weile fort 
    Das große Feld der Wissenschaften lag vor ihm  sein künftiger Fleiß die
nützlichste Anwendung jeder Stunde bei seinem künftigen Studieren war den ganzen
Tag über sein einziger Gedanke und die Wonne die er darin finden und die
erstaunlichen Fortschritte die er nun tun und sich Ruhm und Beifall dadurch
erwerben würde mit diesen süßen Vorstellungen stand er auf und ging damit zu
Bette  aber er wusste nicht dass ihm das Drückende und Erniedrigende seiner
äußern Lage dies Vergnügen so sehr verbittern würde Anständig genährt und
gekleidet zu sein gehört schlechterdings dazu wenn ein junger Mensch zum Fleiß
im Studieren Mut behalten soll Beides war bei Reisern der Fall nicht Man
wollte für ihn sparen und ließ ihn während der Zeit wirklich darben
    Seine Eltern reisten nun auch weg und er zog mit seinen wenigen
Habseligkeiten bei dem Hoboisten Filter ein dessen Frau insbesondre sich schon
von seiner Kindheit an seiner mit angenommen hatte  Es herrschte bei diesen
Leuten die keine Kinder hatten die größte Ordnung in der Einrichtung ihrer
Lebensart welche vielleicht nur irgendwo stattfinden kann Da war nichts keine
Bürste und keine Schere was nicht seit Jahren seinen bestimmten angewiesenen
Platz gehabt hätte Da war kein Morgen der anbrach wo nicht um acht Uhr Kaffee
getrunken und um neun Uhr der Morgensegen gelesen worden wäre welches allemal
kniend geschahe indes die Frau Filter aus dem Benjamin Schmolke vorlas wobei
denn Reiser auch mit knien musste Des Abends nach neun Uhr wurde auf eben die
Art indem jeder vor seinem Stuhle kniete auch der Abendsegen aus dem Schmolke
gelesen und dann zu Bette gegangen Dies war die unverbrüchliche Ordnung welche
von diesen Leuten schon seit beinahe zwanzig Jahren wo sie auch beständig auf
derselben Stube gewohnt hatten war beobachtet worden Und sie waren gewiss dabei
sehr glücklich aber sie durften auch schlechterdings durch nichts darin gestört
werden wenn nicht zugleich ihre innere Zufriedenheit die größtenteils auf diese
unverbrüchliche Ordnung gebaut war mit darunter leiden sollte Dies hatten sie
nicht recht erwogen da sie sich entschlossen ihre Stubengesellschaft mit
jemanden zu vermehren der sich unmöglich auf einmal in ihre seit zwanzig Jahren
etablierte Ordnung die ihnen schon zur andern Natur geworden war gänzlich
fügen konnte
    Es konnte also nicht fehlen dass es ihnen bald zu gereuen anfing dass sie
sich selbst eine Last aufgebürdet hatten die ihnen schwerer wurde als sie
glaubten Weil sie nur eine Stube und eine Kammer hatten so musste Reiser in der
Wohnstube schlafen welches ihnen nun alle Morgen sooft sie hereintraten einen
unvermuteten Anblick von Unordnung machte dessen sie nicht gewohnt waren und
der sie wirklich in ihrer Zufriedenheit störte  Anton merkte dies bald und
der Gedanke lästig zu sein war ihm so ängstigend und peinlich dass er sich oft
kaum zu husten getrauete wenn er an den Blicken seiner Wohltäter sah dass er
ihnen im Grunde zur Last war  Denn er musste doch seine wenigen Sachen nun
irgendwo hinlegen und wo er sie hinlegte da störten sie gewissermaßen die
Ordnung weil jeder Fleck hier nun schon einmal bestimmt war  Und doch war es
ihm nun unmöglich sich aus dieser peinlichen Lage wieder herauszuwickeln 
Dies alles zusammengenommen versetzte ihn oft stundenlang in eine
unbeschreibliche Wehmut die er sich damals selber nicht zu erklären wusste und
sie anfänglich bloß der Ungewohnheit seines neuen Aufenthaltes zuschrieb
    Allein es war nichts als der demütigende Gedanke des Lästigseins der ihn so
danieder druckte Hatte er gleich bei seinen Eltern und bei dem Hutmacher
Lobenstein auch nicht viel Freude gehabt so hatte er doch ein gewisses Recht da
zu sein Bei jenen weil es seine Eltern waren und bei diesem weil er
arbeitete  Hier aber war der Stuhl worauf er saß eine Wohltat  Möchten
dies doch alle diejenigen erwägen welche irgend jemanden Wohltaten erzeigen
wollen und sich vorher recht prüfen ob sie sich auch so dabei nehmen werden
dass ihre gutgemeinte Entschließung dem Bedürftigen nie zur Qual gereiche
    Das Jahr welches Reiser in dieser Lage zubrachte war obgleich jeder ihn
glücklich pries in einzelnen Stunden und Augenblicken eines der qualvollsten
seines Lebens
    Reiser hätte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen können hätte
er das nur gehabt was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen
nennt Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehört ein gewisses
Selbstzutrauen das ihm von Kindheit auf war benommen worden um sich gefällig
zu machen muss man vorher den Gedanken haben dass man auch gefallen könne 
Reisers Selbstzutrauen musste erst durch zuvorkommende Güte geweckt werden ehe
er es wagte sich beliebt zu machen  Und wo er nur einen Schein von
Unzufriedenheit andrer mit ihm bemerkte da war er sehr geneigt an der
Möglichkeit zu verzweifeln jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung
zu werden Darum gehörte gewiss ein großer Grad von Anstrengung bei ihm dazu
sich selber Personen als einen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit vorzustellen von
denen er noch nicht wusste wie sie seine Zudringlichkeit aufnehmen würden
    Seine Base prophezeite ihm sehr oft wie ihm der Mangel jenes insinuanten
Wesens an seinem Fortkommen in der Welt schaden würde Sie lehrte ihn wie er
mit der Frau Filter sprechen und ihr sagen solle »Liebe Frau Filter sein Sie
nun meine Mutter da ich ohne Vater und Mutter bin ich will Sie auch so lieb
haben wie eine Mutter«  Allein wenn Reiser dergleichen sagen wollte so wars
als ob ihm die Worte im Munde erstarben es würde höchst ungeschickt
herausgekommen sein wenn er so etwas hätte sagen wollen  Dergleichen
zärtliche Ausdrücke waren nie durch zuvorkommendes gütiges Betragen irgendeines
Menschen gegen ihn aus seinem Munde hervorgelockt worden seine Zunge hatte
keine Geschmeidigkeit dazu  Er konnte den Rat seiner Base unmöglich befolgen
Wenn sein Herz voll war so suchte er schon Ausdrücke wo er sie auch fand Aber
die Sprache der feinen Lebensart hatte er freilich nie reden gerlernt  Was man
insinuantes Wesen nennt wäre auch bei ihm die kriechendste Schmeichelei
gewesen
    Indes war nun die Zeit herangekommen wo Reiser konfirmiert werden und in
der Kirche öffentlich sein Glaubensbekenntnis ablegen sollte  eine große
Nahrung für seine Eitelkeit  er dachte sich die versammelten Menschen sich als
den ersten unter seinen Mitschülern der alle Aufmerksamkeit bei seinen
Antworten vorzüglich auf sich ziehen würde durch Stimme Bewegung und Miene 
Der Tag erschien und Reiser erwachte wie ein römischer Feldherr erwacht sein
mag dem an dem Tage ein Triumph bevorstand  Er wurde bei seinem Vetter dem
Perückenmacher hoch frisiert und trug einen bläulichen Rock und schwarze
Unterkleider eine Tracht die der geistlichen gewissermaßen sich schon am
meisten näherte
    Aber so wie der Triumph des größten Feldherrn zuweilen durch unerwartete
Demütigungen verbittert wurde dass er ihn nur halb genießen konnte so ging es
auch Reisern an diesem Tage seines Ruhms und seines Glanzes  Seine Freitische
nahmen mit diesem Tage ihren Anfang  Er hatte den ersten des Mittags bei dem
Garnisonküster und den andern des Abends bei dem armen Schuster  und obgleich
der Garnisonküster ein Mann war der das grossmütigste Herz besaß und Reisern
seinen Lebenslauf erzählte wie er auch erst als ein armer Schüler ins Chor
gegangen sei aber schon in seinem siebzehnten Jahre den blauen Mantel mit dem
schwarzen vertauscht habe  so war doch die Frau desselben der Neid und die
Missgunst selber und jeder ihrer Blicke vergiftete Reisern den Bissen den er in
den Mund steckte Sie ließ es sich zwar am ersten Tag nicht so sehr wie nachher
aber doch stark genug merken dass Reiser niedergeschlagenen Herzens ohne selbst
recht zu wissen worüber zur Kirche ging und die Freude die er sich an diesem
sehnlich gewünschten Tage versprochen hatte nur halb empfand  Er sollte nun
hingehn um sein Glaubensbekenntnis auf gewisse Weise zu beschwören 
    Dies dachte er sich und ihm fiel dabei ein dass sein Vater vor einiger Zeit
zu Hause erzählt hatte wie er wegen seines Dienstes vereidet worden war dass er
nichts weniger als gleichgültig dabei gewesen sei  und Reiser schien sich da
er zur Kirche ging gegen den Eid den er ablegen sollte gleichgültig zu sein
 Aus dem Unterricht den er in der Religion bekommen hatte er sehr hohe
Begriffe vom Eide und hielt diese Gleichgültigkeit an sich für höchst strafbar
Er zwang sich also nicht gleichgültig sondern gerührt und ernstaft zu sein
bei diesem wichtigen Schritte und war mit sich selber unzufrieden dass er nicht
noch weit gerührter war aber die Blicke der Frau des Garnisonküsters waren es
welche alle sanfte und angenehme Empfindungen aus seinem Herzen weggescheucht
hatten
    Er konnte sich doch nicht recht freuen weil niemand war der an seiner
Freude recht nahen Anteil nahm weil er dachte dass er auch selbst an diesem
Tage an fremden Tischen essen musste Da er indes in die Kirche kam und nun vor
den Altar trat und obenan in der Reihe stand so erwärmete das alles zwar wieder
seine Phantasie  aber es war doch lange das nicht was er sich versprochen
hatte  Und gerade das Wichtigste und Feierlichste die Ablegung des
Glaubensbekenntnisses welches einer im Namen der übrigen tun musste kam nicht
an ihn und er hatte sich doch schon viele Tage vorher auf Miene Bewegung und
Ton geübt womit er es ablegen wollte
    Er dachte der Pastor Marquard würde ihn etwa den Nachmittag zu sich kommen
lassen aber er ließ ihn nicht zu sich kommen  und während dass seine Mitschüler
nun zu Hause gingen und der zärtlichen Bewillkommnung ihrer Eltern entgegen
sahen ging Reiser einsam und verlassen auf der Straße umher wo ihm der
Direktor des Lyzeums begegnete der ihn anredete und fragte ob er nicht
Reiserus hieße  und als Reiser mit Ja antwortete ihm freundlich die Hand
druckte und sagte er habe schon durch den Pastor Marquard viel Gutes von ihm
gehört und würde bald näher mit ihm bekannt werden
    Welche unerwartete Aufmunterung für ihn dass dieser Mann den er schon oft
mit tiefer Ehrfurcht betrachtet hatte ihn auf der Straße anzureden würdigte und
ihn Reiserus nannte
    Der Direktor Ballhorn war wirklich ein Mann welcher einem jeden der ihn
sah Ehrfurcht und Liebe einzuflößen imstande war Er kleidete sich zierlich
und doch anständig trug sich edel war wohlgebildet hatte die heiterste Miene
worin ihm sooft er wollte der strengste Ernst zu Gebote stand Er war ein
Schulmann gerade wie er sein sollte um von diesem Stande die Verachtung der
feinen Welt womit die gewöhnliche Pedanterie desselben belegt ist abzuwälzen
    Wie es nun kam dass er Reisern Reiserus nannte mag der Himmel wissen genug
er nannte ihn so und es schmeichelte Reisern nicht wenig auf die Weise seinen
Namen zum erstenmal in us umgetauft zu sehen  Da er mit dieser Endigung der
Namen immer die Idee von Würde und einer erstaunenswürdigen Gelehrsamkeit
verknüpft hatte und sich nun schon im Geiste den gelehrten und berühmten
Reiserus nennen hörte
    Diese Benennung womit er so zufälligerweise von dem Direktor Ballhorn
beehrt wurde ist ihm nachher auch oft wieder eingefallen und manchmal mit ein
Sporn zum Fleiße gewesen denn mit dem us an seinem Namen erwachte auf einmal
die ganze Reihe von Vorstellungen einmal ein berühmter Gelehrter zu werden wie
Erasmus Roterodamus und andere deren Lebensbeschreibungen er zum Teil gelesen
und ihre Bildnisse in Kupfer gestochen gesehen hatte
    Am Abend ging er nun zu dem armen Schuster und wurde wenigstens mit
freundlichern Blicken als von der Frau des Garnisonküsters empfangen Der
Schuster Heidorn so hieß sein Wohltäter hatte die Schriften des Taulerus und
andre dergleichen gelesen und redete daher eine Art von Büchersprache wobei er
manchmal einen gewissen predigenden Ton annahm Gemeiniglich zitierte er einen
gewissen Periander wenn er etwas behauptete als Der Mensch muss sich nur Gott
hingeben sagt Periander  und so sagte alles was der Schuster Heidorn sagte
auch dieser Periander der im Grunde nichts als eine allegorische Person war
die in Bunians Christenreise oder sonst irgendwo vorkommt Aber Reisern klang
der Name Periander so süß in seinen Ohren  Er dachte sich dabei etwas
Erhabenes Geheimnisvolles und hörte den Schuster Heidorn immer gern von
Periander sprechen
    Der gute Heidorn hatte ihn aber etwas zu spät aufgehalten und als er zu
Hause kam hatten sein Wirt und seine Wirtin schon ihren Abendsegen gelesen und
nicht unmittelbar darauf zu Bette gehen können welches seit Jahren nicht
geschehen sein mochte Dies war denn Ursach dass Reiser ziemlich kalt und
finster empfangen wurde und sich an diesem Tage dem er so lange voll sehnlicher
Erwartung entgegengesehen hatte mit traurigem Herzen niederlegen musste
    Diese Woche musste er nun zum ersten Male herumessen und machte am Montage
bei dem Garkoch den Anfang wo er sein Essen unter den übrigen Leuten die
bezahlten bekam und man sich weiter nicht um ihn bekümmerte  Dies war was
er wünschte und er ging immer mit leichterem Herze hieher
    Den Dienstag Mittag ging er zu dem Schuster Schantz wo seine Eltern im
Hause gewohnt hatten und wurde auf das liebreichste und freundlichste
empfangen Die guten Leute hatten ihn als ein kleines Kind gekannt und die alte
Mutter des Schusters Schantz hatte immer gesagt aus dem Jungen wird noch einmal
etwas  und nun freute sie sich dass ihre Prophezeiung einzutreffen schien Und
wenn es Reiser je nicht fühlte dass er fremdes Brot aß so war es an diesem
gastfreundlichen Tische wo er oft nachher seines Kummers vergessen hat und mit
heiterer Miene wieder wegging wenn er traurig hingegangen war Denn mit dem
Schuster Schantz vertiefte er sich immer in philosophischen Gesprächen bis die
alte Mutter sagte Nun Kinder so hört doch einmal auf und lasst das liebe Essen
nicht kalt werden O was war der Schuster Schantz für ein Mann Von ihm konnte
man mit Wahrheit sagen dass er vom Lehrstuhle die Köpfe der Leute hätte bilden
sollen denen er Schuh machte  Er und Reiser kamen oft in ihren Gesprächen
ohne alle Anleitung auf Dinge die Reiser nachher als die tiefste Weisheit in
den Vorlesungen über die Metaphysik wiederhörte und er hatte oft schon
stundenlang mit dem Schuster Schantz darüber gesprochen  Denn sie waren ganz
von selbst auf die Entwickelung der Begriffe von Raum und Zeit, von
subjektivischer und objektivischer Welt usw gekommen ohne die
Schulterminologie zu wissen sie halfen sich dann mit der Sprache des gemeinen
Lebens so gut sie konnten welches oft sonderbar genug herauskam  kurz bei
dem Schuster Schantz vergaß Reiser alles Unangenehme seines Zustandes er fühlte
sich hier gleichsam in die höhere Geisterwelt versetzt und sein Wesen wieder
veredelt weil er jemanden fand mit dem er sich verstehen und Gedanken gegen
Gedanken wechseln konnte Die Stunden welche er hier bei den Freunden seiner
Kindheit und seiner Jugend zubrachte waren gewiss damals die angenehmsten seines
Lebens Hier war es allein wo er sich mit völligem Zutrauen gewissermaßen wie
zu Hause fühlte
    Am Mittwoch aß er denn bei seinem Wirt wo das wenige was er genoss so gut
es auch diese Leute übrigens mit ihm meinen mochten ihm doch fast jedesmal so
verbittert wurde dass er sich vor diesem Tage fast mehr wie vor allen andern
fürchtete Denn an diesem Mittage pflegte seine Wohltäterin die Frau Filter
immer nicht geradezu sondern nur in gewissen Anspielungen indem sie zu ihrem
Manne sprach Reisers Betragen durchzugehen ihm die Dankbarkeit gegen seine
Wohltäter einzuschärfen und etwas von Leuten mit einfliessen zu lassen die sich
angewöhnt hätten sehr viel zu essen und am Ende gar nicht mehr zu sättigen
gewesen wären  Reiser hatte damals da er in seinem vollen Wachstum war
wirklich sehr guten Appetit allein mit Zittern steckte er jeden Bissen in den
Mund wenn er dergleichen Anspielungen hörte Bei der Frau Filter geschahe es
nun wirklich nicht sowohl aus Geiz oder Neid dass sie dergleichen Anspielungen
machte sondern aus dem feinen Gefühl von Ordnung welches dadurch beleidigt
wurde wenn jemand ihrer Meinung nach zu viel aß  Sie pflegte denn auch wohl
von Gnadenbrünnlein und Gnadenquellen zu reden die sich verstopften wenn man
nicht mit Mäßigkeit daraus schöpfte
    Die Frau des Hofmusikus welche ihm am Donnerstag zu essen gab war zwar
dabei etwas rau in ihrem Betragen quälte ihn aber doch dadurch lange nicht so
als die Frau Filter mit aller ihrer Feinheit  Am Freitage aber hatte er wieder
einen sehr schlimmen Tag indem er bei Leuten aß die es ihn nicht durch
Anspielungen sondern auf eine ziemlich grobe Art fühlen ließ dass sie seine
Wohltäter waren Sie hatten ihn auch noch als Kind gekannt und nannten ihn nicht
auf eine zärtliche sondern verächtliche Weise bei seinem Vornamen Anton da er
doch anfing sich unter die erwachsenen Leute zu zählen Kurz diese Leute
behandelten ihn so dass er den ganzen Freitag über missmütig und traurig zu sein
pflegte und zu nichts recht Lust hatte ohne oft zu wissen worüber Es war aber
darüber dass er den Mittag der erniedrigenden Begegnung dieser Leute ausgesetzt
war deren Wohltat er sich doch notwendig wieder gefallen lassen musste wenn es
ihm nicht als der unverzeihlichste Stolz sollte ausgelegt werden  Am Sonnabend
aß er denn bei seinem Vetter dem Perückenmacher wo er eine Kleinigkeit
bezahlte und mit frohem Herzen aß und den Sonntag wieder bei dem
Garnisonküster
    Dies Verzeichnis von Reisers Freitischen und den Personen die sie ihm
gaben ist gewiss nicht so unwichtig wie es manchem vielleicht beim ersten
Anblick scheinen mag  dergleichen kleinscheinende Umstände sind es eben die
das Leben ausmachen und auf die Gemütsbeschaffenheit eines Menschen den
stärksten Einfluss haben  Es kam bei Reisers Fleiß und seinen Fortschritten
die er an irgendeinem Tage tun sollte sehr viel darauf an was er für eine
Aussicht auf den folgenden Tag hatte ob er gerade bei dem Schuster Schantz oder
bei der Frau Filter oder dem Garnisonküster essen musste Aus dieser seiner
täglichen Situation nun wird sich größtenteils sein nachheriges Betragen
erklären lassen welches sonst sehr oft mit seinem Charakter widersprechend
scheinen würde
    Ein großer Vorteil würde es für Reisern gewesen sein wenn ihn der Pastor
Marquard wöchentlich einmal hätte bei sich essen lassen Aber dieser gab ihm
statt dessen einen sogenannten Geldtisch so wie auch der Seidensticker von
diesen wenigen Groschen nun musste Reiser wöchentlich sein Frühstück und
Abendbrot bestreiten So hatte die Frau Filter es angeordnet Denn was der Prinz
hergab sollte alles für ihn gespart werden Sein Frühstück bestand also in ein
wenig Tee und einem Stück Brot und sein Abendessen in ein wenig Brot und Butter
und Salz Dann sagte die Frau Filter er müsse sich ans Mittagessen halten doch
aber gab sie ihm zu verstehen dass er sich ja hüten müsse sich zu überessen
    So war nun Reisers Ökonomie eingerichtet was seinen Unterhalt anbetraf
Aber auch zu seiner Kleidung wurde nicht einmal von dem Gelde was der Prinz für
ihn hergab etwas genommen sondern ein alter grober roter Soldatenrock für
ihn gekauft der ihm zurechtgemacht wurde und womit er nun die öffentliche
Schule besuchen sollte in welcher nun auch der Allerärmste besser als er
gekleidet war ein Umstand der nicht wenig dazu beitrug gleich anfänglich
seinen Mut in etwas niederzuschlagen
    Dazu kam nun noch dass er das Kommissbrot welches der Hoboist Filter
empfing holen und unter den Armen durch die Stadt tragen musste welches er
zwar wenn es irgend möglich war in der Dämmerung tat aber es sich doch auf
keine Weise durfte merken lassen dass er sich dies zu tun schäme wenn es ihm
nicht ebenfalls als ein unverzeihlicher Stolz sollte ausgelegt werden denn von
diesem Brote wurde ihm selbst wöchentlich eins für ein geringes Geld überlassen
wovon er denn sein Frühstück und seinen Abendtisch bestreiten musste
    Gegen dies alles durfte er sich nun nicht im mindesten auflehnen weil der
Pastor Marquard in die Einsichten der Frau Filter was Reisers Erziehung und die
Einrichtung seiner Lebensart anbetraf ein unbegrenztes Zutrauen setzte In
derselben Woche machte er auch noch seinen Besuch bei diesen Leuten und dankte
ihnen dass sie die nähere Aufsicht über Reisern hätten übernehmen wollen den er
nun völlig ihrer Sorgfalt anvertraute Reiser saß dabei halbtraurig am Ofen ob
er gleich nicht gerne undankbar für die Vorsorge des Pastor Marquard sein
wollte Aber er hing nun von diesem Augenblick an ganz und gar von Leuten ab
bei denen er die wenigen Tage schon in einem so peinlichen Zustande zugebracht
hatte Bei aller dieser anscheinenden Güte die ihm erwiesen wurde konnte er
sich nie recht freuen sondern war immer ängstlich und verlegen weil ihm jede
auch die kleinste Unzufriedenheit die man ihm merken ließ doppelt kränkend
war sobald er bedachte dass selbst der eigentliche Fleck seines Daseins das
Obdach dessen er sich erfreute bloß von der Güte so sehr empfindlicher und
leicht zu beleidigender Personen abhing als Filter und noch weit mehr seine
Frau war
    Bei dem allen war ihm nun doch der Gedanke aufmunternd dass er in der
künftigen Woche die sogenannte hohe Schule zu besuchen anfangen sollte Das war
so lange sein sehnlichster Wunsch gewesen Wie oft hatte er mit Ehrfurcht das
große Schulgebäude mit der hohen steinernen Treppe vor demselben angestaunt
wenn er über den Marktkirchhof ging  Stundenlang stand er oft ob er etwa
durch die Fenster etwas von dem was inwendig vorging erblicken könnte Nun
schimmerte von dem großen Katheder in Prima zufälligerweise ein Teil durch das
Fenster  wie malte sich seine Phantasie das aus Wie oft träumte ihm des Nachts
von diesem Katheder und von langen Reihen von Bänken wo die glücklichen Schüler
der Weisheit saßen in deren Gesellschaft er nun bald sollte aufgenommen werden
    So bestanden von seiner Kindheit auf seine eigentlichen Vergnügungen
größtenteils in der Einbildungskraft und er wurde dadurch einigermaßen für den
Mangel der wirklichen Jugendfreuden die andre in vollem Masse genießen schadlos
gehalten  Dicht neben der Schule führten zwei lange Gänge nach den
nebeneinander gebauten Priesterhäusern Die machten ihm einen so ehrwürdigen
Prospekt dass das Bild davon nebst dem Schulgebäude Tag und Nacht das
herrschende in seiner Seele war  und denn die Benennung hohe Schule welche
unter gemeinen Leuten im Gebrauch war und der Ausdruck hohe Schüler welchen er
ebenfalls oft gehört hatte machten dass ihm seine Bestimmung diese Schule zu
besuchen immer wichtiger und größer vorkam
    Der Zeitpunkt wo dies geschehen sollte war nun da und mit klopfendem
Herzen erwartete er den Augenblick wo ihn der Direktor Ballhorn in einen dieser
Hörsäle der Weisheit führen würde Er wurde von dem Direktor geprüft und tüchtig
befunden in die zweite Klasse gesetzt zu werden Die mit einer natürlichen
Würde verknüpfte Freundlichkeit womit ihn dieser Mann zuerst mein lieber Reiser
nannte ging ihm durch die Seele und flößte ihm das innigste Zutrauen verbunden
mit einer unbegrenzten Ehrfurcht gegen den Direktor ein O was vermag ein
Schulmann über die Herzen junger Leute wenn er gerade so wie der Direktor
Ballhorn den rechten Ton einer durch Leutseligkeit gemilderten Würde in seinem
Betragen zu treffen weiß
    Den Sonntag nach der Konfirmation ging nun Reiser zuerst zum Abendmahl und
suchte nun aufs gewissenhafteste die Lehren in Ausübung zu bringen welche er
sich darüber aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte als die vorhergehende
Prüfung nach dem Buss und Sündenspiegel und dann das Hinzutreten zum Altar mit
einem freudigen Zittern  Er suchte sich auf alle Weise in eine solche Art von
freudigen Zittern zu versetzen es wollte ihm aber nicht gelingen und er machte
sich selbst die bittersten Vorwürfe darüber dass sein Herz so verhärtet war
Endlich fing er vor Kälte an zu zittern und dies beruhigte ihn einigermaßen
    Allein die himmlische Empfindung und das selige Gefühl das ihm nun diese
Seelenspeise gewähren sollte alles das empfand er nicht  er schrieb aber die
Schuld davon bloß seinem eigenen verstockten Herzen zu und quälte sich selbst
über den Zustand der Gleichgültigkeit worin er sich fühlte
    Am meisten schmerzte es ihn dass er nicht recht zur Erkenntnis seines
Sündenelendes kommen konnte welches doch zur Heilsordnung nötig war Auch hatte
er den Tag vorher in einer auswendig gelernten Beichte im Beichtstuhl bekennen
müssen dass er leider viel und mannigfaltig gesündigt mit Gedanken Worten und
Werken mit Unterlassung des Guten und Begehung des Bösen
    Die Sünden nun deren er sich schuldig glaubte waren vorzüglich
Unterlassungssünden Er betete nicht andächtig genug liebte Gott nicht eifrig
genug fühlte nicht Dankbarkeit genug gegen seine Wohltäter und empfand kein
freudiges Zittern da er zum Abendmahle ging  Dies alles ging ihm nun nahe
aber er konnte es doch mit Zwang nicht abhelfen darum war es ihm insofern recht
lieb dass ihm für diese Vergehungen von dem Pastor Marquard die Absolution
erteilet wurde
    dabei blieb er aber doch immer mit sich selber unzufrieden denn zu der
Gottseligkeit und Frömmigkeit rechnete er vorzüglich die Aufmerksamkeit auf
jeden seiner Schritte und Tritte auf jedes Lächeln und auf jede Miene auf
jedes Wort das er sprach und auf jeden Gedanken den er dachte  Diese
Aufmerksamkeit musste nun natürlicherweise sehr oft unterbrochen werden und
konnte nicht wohl über eine Stunde in einem fortdauern  sobald nun Reiser seine
Zerstreuung merkte ward er unzufrieden mit sich selbst und hielt es am Ende
beinahe für unmöglich ein ordentlich gottseliges und frommes Leben zu führen
    Die Frau Filter hielt ihm an dem Tage da er zum Abendmahl ging eine lange
Predigt über die bösen Lüste und Begierden die in diesem Alter zu erwachen
pflegten und wogegen er nun kämpfen müsse Zum Glück verstand Reiser nicht was
sie eigentlich damit meinte und wagte es auch nicht sich genauer danach zu
erkundigen sondern nahm sich nur fest vor wenn böse Lüste in ihm erwachen
sollten sie möchten auch sein von welcher Art sie wollten ritterlich dagegen
anzukämpfen
    Er hatte bei seinem Religionsunterricht auf dem Seminarium zwar schon von
allerlei Sünden gehört wovon er sich nie einen rechten Begriff machen konnte
als von Sodomiterei stummen Sünden und dem Laster der Selbstbefleckung welche
alle bei der Erklärung des sechsten Gebots genannt wurden und die er sich sogar
aufgeschrieben hatte Aber die Namen waren auch alles was er davon wusste denn
zum Glück hatte der Inspektor diese Sünden mit so fürchterlichen Farben gemalt
dass sich Reiser schon vor der Vorstellung von diesen ungeheuren Sünden selbst
fürchtete und mit seinen Gedanken in das Dunkel welches sie umhüllte nicht
tiefer einzudringen wagte  Überhaupt waren seine Begriffe von dem Ursprung des
Menschen noch sehr dunkel und verworren ob er gleich nicht mehr glaubte dass
der Storch die Kinder bringe  Seine Gedanken waren gewiss damals rein denn ein
gewisses Gefühl von Scham das ihm natürlich zu sein schien war Ursach dass er
weder mit seinen Gedanken über dergleichen Gegenständen verweilte noch sich mit
seinen Mitschülern und Bekannten darüber zu unterreden wagte Auch kamen ihm
seine religiösen Begriffe von Sünde wohl hiebei zustatten  Es war ihm
fürchterlich genug dass es wirklich dergleichen Laster die er nur den Namen
nach kannte in der Welt gab geschweige denn dass er nur einen Gedanken hätte
haben sollen sie näher kennen zu lernen
    Am Montag morgen introduzierte ihn nun der Direktor Ballhorn in die zweite
Klasse des Lyzeums wo der Konrektor und der Kantor unterrichteten  Der
Konrektor war zugleich Prediger und Reiser hatte ihn oft predigen hören  Er
war es eben dessen Art sich in seinem Priesterornat zu tragen Reisern
besonders gefiel so dass er dieselbe mit einem gewissen Aufund Niederbewegen
des Kinns zuweilen nachzuahmen suchte Auch war der Pastor Grupen so hieß er
noch ein sehr junger der Kantor hingegen war ein alter und etwas
hypochondrischer Mann
    In der zweiten Klasse waren schon ziemlich erwachsene junge Leute und
Reiser bildete sich nicht wenig darauf ein nun ein Sekundaner zu sein
    Die Lehrstunden nahmen ihren Anfang der Konrektor lehrte die Theologie die
Geschichte den lateinischen Stil und das griechische Neue Testament  Der
Kantor den Katechismus die Geographie und die lateinische Grammatik Des
Morgens um sieben Uhr fingen die Stunden an und dauerten bis zehn und des
Nachmittags um ein Uhr fingen sie wieder an und dauerten bis um vier Uhr  Hier
musste nun also Reiser nebst zwanzig bis dreißig andern jungen Leuten einen
großen Teil seines damaligen Lebens zubringen Es war also gewiss kein
unwichtiger Umstand wie diese Lehrstunden eingerichtet waren
    Alle Morgen früh wurde nach der vorgeschriebenen Ordnung zuerst ein Kapitel
aus der Bibel gelesen wie es jedesmal in der Reihe folgte es mochte nun so
lang oder kurz sein wie es wollte Darauf wurde denn nach einer gewissen
Heilsordnung zweimal die Woche eine Art von Theologie doziert worin zB die
opera ad extra und die opera ad intra vorkamen die vorzüglich eingeprägt
wurden Unter den ersteren wurden nämlich die Werke verstanden woran alle drei
Personen in der Gottheit teilnahmen als die Schöpfung Erlösung usw ob sie
gleich einer Person vorzüglich zugeschrieben werden und unter den letztern
wurde das verstanden wodurch sich eine Person von der andern unterschied und
was ihr nur ganz allein zukommt als die Zeugung des Sohnes vom Vater das
Ausgehen des heiligen Geistes vom Vater und Sohn usw Reiser hatte diese
Unterschiede zwar schon auf dem Seminarium gerlernt aber es freute ihn doch
sehr dass er sie nun auch lateinisch zu benennen wusste Die opera ad extra und
die opera ad intra prägten sich ihm von dem theologischen Unterricht am tiefsten
ein
    Zwei Stunden in der Woche trug der Konrektor eine Art von
Universalgeschichte nach dem Holberg vor und der Kantor lehrte die Geographie
nach dem Hübner Das war der ganze wissenschaftliche Unterricht Alle übrige
Zeit wurde auf die Erlernung der lateinischen Sprache verwandt Diese war es
denn auch allein worin sich jemand Ruhm und Beifall erwerben konnte Denn die
Ordnung der Plätze richtete sich nur nach der Geschicklichkeit im Lateinischen
    Der Kantor hatte nun die Methode dass er über eine Anzahl von Regeln aus der
großen Märkischen Grammatik wöchentlich einen kleinen Aufsatz diktierte der ins
Lateinische übersetzt werden musste und wo die Ausdrücke so gewählt waren dass
immer gerade die jedesmaligen grammatikalischen Regeln darauf konnten angewandt
werden Wer nun auf die Erklärung derselben am besten achtgegeben hatte der
konnte auch sein sogenanntes Exerzitium am besten machen und sich dadurch zu
einem höheren Platze hinaufarbeiten
    So sonderbar nun auch die um des Lateinischen willen zusammengelesenen
deutschen Ausdrücke zuweilen klangen so nützlich war doch im Grunde diese
Übung und solch einen Wetteifer erregte sie  Denn binnen einem Jahre kam
Reiser dadurch so weit dass er ohne einen einzigen grammatikalischen Fehler
Latein schrieb und sich also in dieser Sprache richtiger als in der deutschen
ausdrückte Denn im Lateinischen wusste er wo er den Akkusativ und den Dativ
setzen musste Im Deutschen aber hatte er nie daran gedacht dass mich zB der
Akkusativ und mir der Dativ sei und dass man seine Muttersprache ebenso wie das
Lateinische auch deklinieren und konjugieren müsse  Indes fasste er doch
unvermerkt einige allgemeine Begriffe die er nachher auf seine Muttersprache
anwenden konnte  Er fing allmählich an sich deutliche Begriffe von dem zu
machen was man Substantivum und Verbum nannte welche er sonst noch oft
verwechselte wo sie aneinander grenzten als zB gehen und das Gehen Weil aber
dergleichen Irrtümer in der lateinischen Ausarbeitung immer einen Fehler zu
veranlassen pflegten so wurde er beständig aufmerksamer darauf und lernte auch
die feinern Unterschiede zwischen den Redeteilen und ihren Abänderungen
unvermerkt einsehen so dass er sich nach einiger Zeit zuweilen selbst
verwunderte wie er vor kurzem noch solche auffallende Fehler habe machen
können
    Der Kantor pflegte unter jede lateinische Ausarbeitung nachdem er an den
Seiten mit roten Strichen die Anzahl der Fehler bemerkt hatte sein vidi ich
habe es durchgesehen zu setzen Da nun Reiser dies vidi unter seinem ersten
Exerzitium sah so glaubte er es sei dies ein Wort das er selbst immer ans
Ende der Ausarbeitung schreiben müsse und dessen Auslassung ihm der Kantor mit
als einen Fehler angerechnet habe Er schrieb also mit eigener Hand unter sein
zweites Exerzitium vidi worüber der Kantor und sein Sohn der dabei war laut
auflachten und ihm erklärten was es hieße  Auf einmal sah nun Reiser seinen
Irrtum und konnte nicht begreifen wie er nicht selbst auf die richtige
Erklärung des vidi gefallen sei da er doch sonst wohl wusste was vidi hieß
    Es war ihm als ob er mit Beschämung aus einer Art von Dummheit erwachte
die ihm angewandelt hatte Und er wurde auf einige Augenblicke fast ebenso
niedergeschlagen darüber als da der Inspektor auf dem Seminarium einst zu ihm
sagte dummer Knabe indem er glaubte dass er nicht einmal buchstabieren könne
Eine solche Art von wirklicher oder anscheinender Dummheit bei gewissen
Vorfällen rührte zum Teil aus einem Mangel an Gegenwart des Geistes zum Teil
aus einer gewissen Ängstlichkeit oder auch Trägheit her wodurch die natürliche
Kraft des Denkens auf eine Zeitlang an ihrer freien Wirksamkeit gehindert wurde
    Noch eine Hauptlektion waren die Lebensbeschreibungen der griechischen
Feldherrn vom Kornelius Nepos wovon wöchentlich ein Kapitel aus der
Lebensbeschreibung irgendeines Feldherrn auswendig musste hergesagt werden Diese
Gedächtnisübungen wurden Reisern sehr leicht weil er nicht sowohl die Worte als
die Sachen sich einzuprägen suchte welches er allemal des Abends vor dem
Schlafengehen tat und des Morgens wenn er aufwachte die Ideen weit heller und
besser geordnet als den Abend vorher in seinem Gedächtnis wiederfand gleichsam
als ob die Seele während dem Schlafen fortgearbeitet und das was sie einmal
angefangen nun während der gänzlichen Ruhe des Körpers mit Musse vollendet
hätte
    Alles was Reiser dem Gedächtnis anvertraute pflegte er auf die Weise
auswendig zu lernen
    Er fing nun auch an sich mit der Poesie zu beschäftigen welches er schon
in seiner Kindheit getan hatte wo denn seine Verse immer die schöne Natur das
Landleben und dergleichen zum Gegenstand zu haben pflegten Denn seine einsamen
Spaziergänge und der Anblick der grünen Wiesen wenn er etwa einmal vor das Tor
kam war wirklich das einzige was ihn in seiner Lage in eine poetische
Begeisterung versetzen konnte
    Als ein Knabe von zehn Jahren verfertigte er ein paar Strophen die sich
anfingen
In den schön beblümten Auen
Kann man Gottes Güte schauen usw
welche sein Vater in Musik setzte Und das Gedicht das er jetzt hervorbrachte
war eine Einladung auf das Land worin wenigstens die Worte nicht übel gewählt
waren  Dies kleine Gedicht gab er dem jungen Marquard durch welchen es in die
Hände des Pastor Marquard und des Direktors kam die ihren Beifall darüber
bezeigten so dass Reiser beinahe angefangen hätte sich für einen Dichter zu
halten Aber der Kantor benahm ihm fürs erste diesen Irrtum indem er sein
Gedicht Zeile vor Zeile mit ihm durchging und ihn sowohl auf die Fehler gegen
das Metrum als auf den fehlerhaften Ausdruck und den Mangel des Zusammenhangs
der Gedanken aufmerksam machte
    Diese scharfe Kritik des Kantors war für Reisern eine wahre Wohltat die er
ihm nie genug verdanken kann Der Beifall den dies erste Produkt seiner Muse so
unverdienterweise erhielt hätte ihm sonst vielleicht auf sein ganzes Leben
geschadet
    Demohngeachtet wandelte ihm der furor poeticus noch manchmal an und weil
ihn jetzt wirklich das Vergnügen dem Studieren obzuliegen am meisten
begeisterte so wagte er sich an ein neues Gedicht zum Lobe der Wissenschaften
welches sich komisch genug anhob
An euch ihr schönen Wissenschaften
An euch soll meine Seele haften usw
Der Kantor lehrte auch lateinische Verse machen trug die Regeln der Prosodie
vor die er nachher auf Katonis disticha beim Skandieren derselben anwenden
ließ Reiser fand hieran sehr großes Vergnügen weil es ihm so gelehrt klang
lateinische Verse skandieren zu können und zu wissen warum die eine Silbe lang
und die andere kurz ausgesprochen werden musste der Kantor schlug mit den Händen
den Takt beim Skandieren Das anzusehen und mitmachen zu können war ihm denn
eine wahre Seelenfreude  Und als nun gar der Kantor zuletzt eine Anzahl
durcheinandergeworfener lateinischer Wörter welches Verse gewesen waren
diktierte damit sie wieder in metrische Ordnung gebracht werden sollten welch
ein Vergnügen für Reisern da er nun mit wenigen Fehlern ein paar ordentliche
Hexameter wieder herausbrachte und von dem Kantor einen alten Kurtius zum
Prämium erhielt
    Hier herrschte nun gewiss der sogenannte alte Schulschlendrian und Reiser
kam demohngeachtet in einem Jahre so weit dass er ohne einen grammatikalischen
Fehler Latein schreiben und einen lateinischen Vers richtig skandieren konnte 
Das ganz einfache Mittel hierzu war  die öftere Wiederholung des Alten mit dem
Neuen welches doch die Pädagogen der neueren Zeiten ja in Erwägung ziehen
sollten Eine Sache mag noch so schön vorgetragen sein sobald sie nicht öfter
wiederholt wird haftet sie schlechterdings nicht in dem jugendlichen Gemüte
Die Alten haben gewiss nicht in den Wind geredet wenn sie sagten dass die
Wiederholung die Mutter des Studierens sei
    Von zehn bis elf Uhr gab der Konrektor noch eine Privatstunde im deutschen
Deklamieren und im deutschen Stil worauf sich Reiser immer am meisten freute
weil er Gelegenheit hatte sich durch Ausarbeitungen hervorzutun und sich
zugleich vom Katheder öffentlich konnte hören lassen welches einige Ähnlichkeit
mit dem Predigen hatte das immer der höchste Gegenstand aller seiner Wünsche
war
    Außer ihm war nun noch einer namens Iffland der an dieser Übung im
Deklamieren ein ebenso großes Vergnügen fand Dieser Iffland ist nachher einer
unsrer ersten Schauspieler und beliebtesten dramatischen Schriftsteller
geworden und Reisers Schicksal hat mit dem seinigen bis auf einen gewissen
Zeitpunkt viel Ähnliches gehabt  Iffland und Reiser zeichneten sich immer in
der Deklamationsübung am meisten aus  Iffland übertraf Reisern weit an
lebhaftem Ausdruck der Empfindung  Reiser aber empfand tiefer  Iffland dachte
weit schneller und hatte daher Witz und Gegenwart des Geistes aber keine
Geduld lange über einem Gegenstande auszuhalten  Reiser schwang sich daher
auch in allen übrigen bald über ihn hinauf  Er verlor allemal gegen Iffland
sobald es auf Witz und Lebhaftigkeit ankam aber er gewann immer gegen ihn
sobald es darauf ankam die eigentliche Kraft des Denkens an irgendeinem
Gegenstande zu üben  Iffland konnte sehr lebhaft durch etwas gerührt werden
aber es machte bei ihm keinen so dauernden Eindruck Er konnte sehr leicht und
wie im Fluge etwas fassen aber es entwischte ihm gemeiniglich ebenso schnell
wieder  Iffland war zum Schauspieler geboren Er hatte schon als ein Knabe von
zwölf Jahren alle seine Mienen und Bewegungen in seiner Gewalt  und konnte alle
Arten von Lächerrlichkeiten in der vollkommensten Nachahmung darstellen Da war
kein Prediger in Hannover dem er nicht auf das natürlichste nachgepredigt
hatte Dazu wurde denn gemeiniglich die Zwischenzeit ehe der Konrektor zur
Privatstunde kam angewandt Jedermann fürchtete sich daher vor Iffland weil er
jedermann sobald er nur wollte lächerlich zu machen wusste  Reiser liebte ihn
dennoch und hätte schon damals gern nähern Umgang mit ihm gehabt wenn die
Verschiedenheit der Glücksumstände es nicht verhindert hätte Ifflands Eltern
waren reich und angesehen und Reiser war ein armer Knabe der von Wohltaten
lebte demohngeachtet aber den Gedanken bis in den Tod hasste sich auf
irgendeine Weise Reichen aufzudringen  Indes genoss er von seinen reichern und
besser gekleideten Mitschülern weit mehr Achtung als er erwartet hatte welches
zum Teil wohl mit daher kommen mochte weil man wusste dass ihn der Prinz
studieren ließe und ihn daher schon in einem etwas höheren Lichte betrachtete
als man sonst würde getan haben  Dies brachte ihm auch von seinen Lehrern
etwas mehr Aufmerksamkeit und Achtung zuwege
    Ob nun gleich zum Teil schon erwachsene Leute von siebzehn bis achtzehn
Jahren in dieser Klasse saßen so herrschten doch darin noch sehr erniedrigende
Strafen Der Konrektor sowohl als der Kantor teilten Ohrfeigen aus und bedienten
sich zu schärfern Züchtigungen der Peitsche welche beständig auf dem Katheder
lag auch mussten diejenigen welche etwas verbrochen hatten manchmal zur Strafe
am Katheder knien
    Reisern war der Gedanke schon unerträglich sich jemals eine solche Strafe
von Männern zuzuziehen welche er als seine Lehrer im hohen Grade liebte und
ehrte und nichts eifriger wünschte als sich wiederum ihre Liebe und Achtung zu
erwerben Welch eine Wirkung musste es also auf ihn tun da er einmal ehe er
sichs versah und ganz ohne seine Schuld das Schicksal einiger seiner
Mitschüler welche wegen eines vorgefallenen Lärms vom Konrektor mit der
Peitsche bestraft wurden teilen musste Gleiche Brüder gleiche Kappen sagte
der Konrektor da er an ihn kam und hörte auf keine Entschuldigungen drohte
auch noch dazu ihn bei dem Pastor Marquard zu verklagen Das Gefühl seiner
Unschuld beseelte Reisern mit einem edlen Trotze und er drohte wieder den
Konrektor bei dem Pastor Marquard zu verklagen dass er ihn unschuldigerweise auf
eine so erniedrigende Art behandelte
    Reiser sagte dies mit der Stimme der unterdrückten Unschuld und der
Konrektor antwortete ihm kein Wort Aber von der Zeit an war auch alles Gefühl
von Achtung und Liebe für den Konrektor wie aus seinem Herzen weggeblasen Und
da der Konrektor nun einmal in seinen Strafen weiter keinen Unterschied machte
so achtete Reiser eine Ohrfeige oder einen Peitschenschlag von ihm ebenso wenig
als ob irgendein unvernünftiges Tier an ihn angerannt wäre Und weil er nun
sah dass es gleichviel war ob er sich die Achtung dieses Lehrers zu erwerben
suchte oder nicht so hing er auch nun seiner Neigung nach und war nicht mehr
aus Pflicht sondern bloß wenn ihn die Sache interessierte aufmerksam Er
pflegte denn oft stundenlang mit seinem Freunde Iffland zu plaudern mit dem er
denn zuweilen gesellschaftlich am Katheder knien musste Iffland fand auch hierin
Stoff seinen Witz zu üben indem er das Katheder worauf sich der Konrektor mit
den Ellenbogen gestützt hatte mit dem mecklenburgischen Wappen und sich und
Reisern mit den beiden Schildhaltern verglich  Ifflands Schalkhaftigkeit war
durch keine Strafen zu unterdrücken ausgenommen durch eine wo er einmal eine
ganze Stunde lang mit dem Gesicht gegen den Ofen gekehrt stehen musste und also
seinen Witz nicht spielen lassen oder gegen jemand irgendeine Pantomime machen
konnte  Diese Strafe presste ihm zum erstenmal Tränen aus und er legte sich im
Ernst aufs Bitten welches er sonst nie tat  So war die Disziplin des
Konrektors beschaffen  Es hatte einmal einer aus Versehen seine Nachtmütze
statt des Buchs in die Tasche gesteckt und er ließ ihn mit der Nachtmütze auf
dem Kopfe eine Stunde lang vor der ganzen Klasse knien worüber denn Iffland
seinen tausend Spaß hatte und seinen Nachbarn die sich über seine Pantomime und
seine drollichten Einfälle zuweilen des Lachens nicht enthalten konnten manche
Ohrfeige zuzog
    Was nun diese Disziplin des Konrektors auf das Gemüt und den Charakter
seiner Untergebenen für eine Wirkung getan was für ein rühmliches Andenken er
sich dadurch in den Herzen seiner Schüler gestiftet habe und was für einen
Kranz er sich dadurch erworben habe mag seinem eigenen Gewissen anheimgestellt
sein  Wenn er sich denn oft so recht als ein Held gezeigt hatte so pflegte er
wohl zu sagen Ich bin keine Schlafmütze wie andre und deutete damit dass es
jedermann merken konnte auf seinen Kollegen den Kantor der ungeachtet
seiner hypochondrischen Laune und einiger ihm anklebenden Pedanterie ein weit
besserer Mann war als der Konrektor
    Nie hat Reiser von diesem einen Schlag bekommen ob derselbe gleich sonst
eben nicht karg mit Ohrfeigen und ziemlich freigebig mit der Peitsche war Aber
er sah doch ein dass es Reisern im Ernst darum zu tun war Strafe zu vermeiden
und nun schlug er doch nicht blindlings zu Bei ihm lernte auch Reiser weit mehr
als bei dem Konrektor weil er aus Pflicht aufmerksam war wenn ihn gleich die
Sache nicht interessierte  Und da es ihm gelang sich durch die lateinischen
Ausarbeitungen bis zum ersten Platze hinaufzuarbeiten wie aufmunternd war ihm
nun das Lob des Kantors und wie eindringend der Zuspruch desselben dass er sich
nun auf diesem Platze solle zu behaupten suchen  Nun erteilte der Kantor immer
dem Ersten in der Klasse das Amt eines Zensors oder Aufsehers über das Betragen
der übrigen und da nun Reiser sich immer auf seinem ersten Platze behauptete
so gab ihm der Kantor den ehrenvollen Titel eines censor perpetuus oder
immerwährenden Aufsehers Er verwaltete dies Amt mit der größten
Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit und sah es oft mit Wehmut an wie die
Buben den guten Kantor der freilich auch nicht immer den rechten Weg der
Disziplin einschlug ärgerten und ihm das Leben sauer machten so dass derselbe
oft in der Betrübnis seines Herzens ausrief Quem Dii odere paedagogum fecere
wen die Götter hassten den machten sie zum Schulmann  Für den Kantor hätte
Reiser alles aufgeopfert weil er nie ungerecht gegen ihn gewesen war obgleich
das Betragen desselben sonst auch nicht immer das freundlichste war  Wie
rührend war es Reisern oft wenn in der Katechismusstunde alles um ihn her
lärmte und tobte und der Kantor denn mit Gewalt aufs Buch schlug und sagte Ich
habe Gottes Wort an euch  Nur schade dass der gute Mann dergleichen Ausdrücke
die zu rechter Zeit angebracht ihre Wirkung nicht verfehlen zu oft anbrachte
und gewisse Gemeinplätze als Torheit steckt dem Knaben im Herzen und
dergleichen alle Augenblicke im Munde führte wodurch man sich denn am Ende so
sehr daran gewöhnte dass niemand mehr darauf achtete und eben daher entstand
die ewige Unruhe in den Lehrstunden des Kantors  Der Konrektor sprach weniger
bei seinen Züchtigungen darum bewirkten sie mehr Stille und Ordnung
    Da nun Reiser auf eine kurze Zeit die Schule besucht hatte so kam er auf
den Einfall ins Chor zu gehen nicht sowohl um Geld zu verdienen als vielmehr
in einen neuen ehrenvollen Stand zu treten wovon er sich schon als
Hutmacherbursche in Braunschweig immer so große Begriffe gemacht hatte 
    Seine Phantasie hatte hier wieder Spielraum  Das war ihm alles so
himmlisch so feierlich in die Lobgesänge zur Ehre Gottes öffentlich mit
einzustimmen  Der Name »Chor« tönte ihm so angenehm  Das Lob Gottes in
»vollen Chören« zu singen war ein Ausdruck der ihm immer im Sinn schallte  Er
konnte die Zeit kaum abwarten wo er in diese glänzende Versammlung würde
aufgenommen werden
    Einer seiner Mitschüler der schon lange im Chor gesungen hatte versicherte
ihm zwar er sei es so satt und überdrüssig dass er lieber heute als morgen
davon frei sein möchte  Reiser konnte sich das unmöglich einbilden Er
besuchte mit großem Eifer die Lehrstunde wo der Kantor Unterricht im Singen
erteilte und beneidete nun jeden der eine bessere Stimme besaß als er
    Nicht weit von Hannover ist ein Wasserfall wo er auf Anraten des Kantors
oft stundenlang hinging um sich recht auszuschreien und seine Stimme zu üben 
Allein es wollte mit dem Singen nie recht fort Denn es fehlte ihm zugleich an
dem was man musikalisches Gehör nennt Aber das Teoretische was der Kantor
bei seinem Unterricht mit einfliessen ließ war ihm desto willkommner und er
machte dem Kantor durch seine Aufmerksamkeit viel Vergnügen
    Reiser empfand nun wirkliche Liebe gegen den Kantor und machte allenthalben
sehr viel Rühmens von ihm so wie dieser ihn wieder bei den Leuten lobte  Da
fügte es sich einmal dass Reiser dem Kantor für das gute Zeugnis dankte das ihm
derselbe bei einem seiner Gönner gegeben hatte und der Kantor erwiderte Reiser
habe ihm ja auch ein gutes Zeugnis gegeben denn es war ihm wieder zu Ohren
gekommen wie gut Reiser allenthalben von ihm sprach
    Die Freude dieses Augenblicks hätte Reiser um vieles in der Welt nicht
gegeben so angenehm war es ihm dass sein Lehrer es nun selber wusste wie sehr
er ihn liebte  Wer ihm das beim ersten Anblick gesagt hätte dem würde er es
nicht geglaubt haben dass der Kantor einmal so sehr sein Freund sein würde Denn
der Konrektor war erstlich sein Mann dessen lächelnde freundliche Miene und
glatte Stirne nahmen ihn ein indes die finstere Miene des Kantors und seine
runzelvolle Stirn ihn zurückscheuchten Ach was für ein artiger freundlicher
Mann ist der Konrektor gegen den alten mürrischen Kantor pflegte er im Anfang
oft zu sagen aber bei der genauern Bekanntschaft wandte sich das Blatt gar bald
um
    Reiser suchte sich auch auf alle Weise in der Achtung des Kantors immer
fester zu setzen Dies ging so weit dass er auf einem öffentlichen
Spazierplatze wo der Kantor hinzukommen pflegte mit einem aufgeschlagenen
Buche in der Hand auf und nieder ging um die Blicke seines Lehrers auf sich zu
ziehen der ihn nun für ein Muster des Fleißes halten sollte weil er sogar beim
Spaziergehen studierte  Ob nun Reiser gleich an dem Buche das er las
wirklich Vergnügen fand so war doch das Vergnügen von dem Kantor in dieser
Attitüde bemerkt zu werden noch weit größer und man sieht auch aus diesem
Zuge seinen Hang zur Eitelkeit Es lag ihm mehr an dem Schein als an der Sache
obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war
    Man hatte eine erstaunliche Meinung von seinem Fleiß und pflegte ihm immer
anzuraten dass er seiner Gesundheit schonen sollte Dies war ihm äußerst
schmeichelhaft und er ließ die Leute bei dieser Meinung obgleich sein Fleiß
lange nicht so groß war wie er hätte sein können wenn das Drückende seiner
Lage in Ansehung seiner Nahrung und Wohnung ihn nicht oft träge und missmütig
gemacht hätte
    Denn die unwürdige Behandlung der er zuweilen ausgesetzt war benahm ihm
oft einen großen Teil der Achtung gegen sich selbst welche schlechterdings zum
Fleiß notwendig ist  Oft ging er mit traurigem Herzen zur Schule wenn er aber
denn einmal darin war so vergaß er seines Kummers und die Schulstunden waren
im Grunde noch seine glücklichsten Stunden
    Wenn er aber dann wieder zu Hause kam und sich manchmal verblümterweise
musste zu verstehen geben lassen wie überdrüssig man seiner Gegenwart wäre 
dann saß er stundenlang und getraute sich kaum Atem zu holen  er war dann in
einem entsetzlichen Zustande  und hätte in der Welt nichts arbeiten können
denn sein Herz war ihm durch diese Begegnung zerrissen 
    So konnten auch die Blicke der Frau des Garnisonküsters wenn er dort
gegessen hatte ihn auf einige Tage niederschlagen und ihm den Mut zum Fleiß
benehmen
    Sicher wäre Reiser glücklicher und zufriedener und gewiss auch fleißiger
gewesen als er war hätte man ihn von dem Gelde das der Prinz für ihn hergab
Salz und Brot für sich kaufen lassen als dass man ihn an fremden Tischen sein
Brot essen ließ
    Es war abscheulich in was für eine Lage er einmal geriet da die Frau des
Garnisonküsters über Tische erst anfing von den schlechten Zeiten und von dem
harten Winter und dann von dem Holzmangel zu reden und endlich über die
Besorgnis in Tränen ausbrach wo man noch zuletzt Brot herschaffen solle und da
Reiser in der Verlegenheit über diese Reden unversehns ein Stück Brot an die
Erde fallen ließ ihn mit den Augen einer Furie anblickte ohne doch etwas zu
sagen  Da sich Reiser über diese unwürdige Begegnung der Tränen nicht
enthalten konnte so brach sie gegen ihn los warf ihm mit dürren Worten
Unhöflichkeit und ungeschicktes Betragen vor und gab zu verstehen dass
dergleichen Leute die ihr den Bissen im Munde zu Gift machten an ihrem Tische
nicht willkommen wären  Der gute Garnisonküster der Reisern innig bedauerte
aber das Regiment nicht im Hause führte erbarmte sich seiner und sagte ihm
sogleich den Tisch auf  So beschämt erniedrigt und herabgewürdigt musste nun
Reiser aus diesem Hause gehen und durfte es kaum wagen sich zu Hause davon
etwas merken zu lassen dass er einen Freitisch verloren habe
    Wenn ihm der Garnisonküster nachher zuweilen auf der Straße begegnete
drückte er ihm einen halben Gulden in die Hand um ihn für die Missgunst und den
Geiz seiner Frau schadlos zu halten
    Nun gab es wieder eine Art Leute welche wenn sie Reisern eine Mahlzeit zu
essen gaben alle Augenblick zu sagen pflegten wie gern es ihm gegönnt sei und
dass er sichs nur recht sollte schmecken lassen denn für eine Mahlzeit werde es
ihm nun doch einmal gerechnet und dergleichen mehr welches Reisern nicht
weniger verlegen machte so dass ihm das Essen statt des Vergnügens was man
sonst dabei empfindet gemeiniglich eine wahre Qual war  Wie glücklich fühlte
er sich da er am ersten Sonntage nachdem er den Tisch bei dem Garnisonküster
verloren und es zu Hause noch nicht hatte sagen wollen ein Dreierbrot verzehrte
und dabei einen Spaziergang um den Wall machte
    Es schien als ob sich alles vereinigt habe Reisern in der Demut zu üben
ein Glück dass er nicht niederträchtig darüber wurde dann würde er freilich
zufrieden und vergnügter gewesen sein aber um alle den edlen Stolz der den
Menschen allein über das Tier erhebt das nur seinen Hunger zu stillen sucht
wäre es bei ihm getan gewesen
    Der Stand des geringsten Lehrburschen eines Handwerkers ist ehrenvoller als
der eines jungen Menschen der um studieren zu können von Wohltaten lebt
sobald ihm diese Wohltaten auf eine herabwürdigende Art erzeigt werden Fühlt
sich ein solcher junger Mensch glücklich so ist er in Gefahr niederträchtig zu
werden und hat er nicht die Anlage zur Niederträchtigkeit so wird es ihm wie
Reisern gehen er wird missmütig und menschenfeindlich gesinnt werden wie es
Reiser wirklich wurde denn er fing schon damals an in der Einsamkeit sein
größtes Vergnügen zu finden
    Einmal schickte ihn die Frau Filter sogar mit einem großen Stück Leinwand in
des Prinzen Haus welches dort an die Leute zum Verkauf vorgezeigt werden
sollte  Alles Sträuben dagegen würde nichts geholfen haben  denn der Pastor
Marquard hatte einmal der Frau eine unbeschränkte Gewalt über Reisern erteilet 
und jede Weigerung würde ihm als ein unverzeihlicher Stolz ausgelegt worden
sein  Es würde ihm nicht ins Schild gemalt werden pflegte dann die Frau
Filter wohl zu sagen  Ebenso wenig durfte er sich sträuben das Brot zu holen
welches der Hoboist vom Regiment bekam und ob er dies gleich immer in der
Dämmerung tat und die abgelegensten Straßen wählte damit ihn keiner seiner
Mitschüler sehen möchte so bemerkte ihn doch einmal einer derselben zu seinem
größten Schrecken welcher aber zum Glück so gut gesinnt war dass er ihm
völlige Verschwiegenheit versprach und hielt ihm aber doch wenn sie sich in
der Klasse zuweilen verunwilligten drohte es ruchtbar zu machen
    Endlich wurde ihm denn doch von dem Gelde des Prinzen ein neues Kleid
geschafft weil sein alter roter Soldatenrock gar nicht mehr halten wollte aber
gleichsam als wenn es recht eigentlich auf seine Demütigung abgesehen wäre
wählte man ihm graues Bediententuch zum Kleide  wodurch er wiederum gegen seine
Mitschüler fast ebenso sonderbar als mit dem roten Soldatenrock abstach und das
Kleid durfte er anfänglich doch nur bei feierlichen Gelegenheiten wenn etwa in
der Schule Examen war oder wenn er zum Abendmahl ging anziehen
    Was ihn aber von allen Demütigungen die er erlitt am meisten kränkte und
was er der Frau Filter nie hat vergessen können war eine ungerechte
Beschuldigung die ihn bis in die Seele schmerzte und die er doch durch keine
Beweise von sich ablehnen konnte
    Die Frau Filter hatte ein kleines Mädchen von etwa drei bis vier Jahren von
einer ihrer Anverwandtinnen zu sich genommen Diesem Kinde dachte sie zu
Weihnachten eine überraschende Freude zu machen und hatte zu dem Ende einen Baum
mit Lichtern aufgeputzt und mit Rosinen und Mandeln behangen Reiser blieb
allein in der Stube während die Frau Filter in die Kammer ging um das Kind zu
holen Nun fügte es sich da sie wieder hereinkam dass vermutlich durch die
Bewegung der Türe der Baum mit allen Lichtern umfiel und Reiser in demselben
Augenblick hinzulief um ihn aufrecht zu erhalten da dies aber nicht gehen
wollte sogleich wieder seine Hand davon abzog welches nun gerade so aussah
als ob er sich die ganze Zeit über mit dem Baum beschäftigt habe und nun da die
Frau Filter hereinkam erschrocken sei und folglich den Baum habe fahren lassen
der nun wirklich umfiel In den Gedanken der Frau Filter war es nun ausgemacht
dass er von dem Baum hatte naschen wollen und auf die Weise ihr und dem Kinde
eine unschuldige Freude verdorben habe
    Diesen entehrenden Verdacht gab sie Reisern mit deutlichen Worten zu
verstehen und wie sollte er ihn von sich abwälzen Er hatte keinen Zeugen Und
der Anschein war wider ihn  Schon die Möglichkeit dass man einen solchen
Verdacht gegen ihn hegen konnte erniedrigte ihn bei sich selber er war in
einem solchen Zustande wo man gleichsam zu versinken oder in einem Augenblick
gänzlich vernichtet zu sein wünscht
    Ein Zustand der eine Art von Seelenlähmung hervorzubringen vermag welche
nicht so leicht wieder gehoben werden kann  Man fühlt sich in einem solchen
Augenblick gleichsam wie vernichtet und gäbe sein Leben darum sich vor aller
Welt verbergen zu können  Das Selbstzutrauen welches der moralischen
Tätigkeit so nötig ist als das Atemholen der körperlichen Bewegung erhält einen
so gewaltigen Stoß dass es ihm schwer hält sich wieder zu erholen
    Wenn Reiser nachher irgendwo zugegen war wo man etwa eine Kleinigkeit
suchte von der man glaubte dass sie weggenommen sei so konnte er sich nicht
enthalten rot zu werden und in Verwirrung zu geraten bloß weil er sich die
Möglichkeit lebhaft dachte dass man ihn ohne es sich geradezu merken lassen zu
wollen für den Täter halten könnte  Ein Beweis wie sehr man sich irren kann
wenn man oft die Beschämung und Verwirrung eines Angeklagten als ein
stillschweigendes Geständnis seines Verbrechens auslegt  Durch tausend
unverdiente Demütigungen kann jemand am Ende so weit gebracht werden dass er
sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht und es nicht
mehr wagt die Augen vor jemanden aufzuschlagen  er kann auf die Weise in der
größten Unschuld seines Herzens alle die Kennzeichen eines bösen Gewissens an
sich blicken lassen und wehe ihm dann wenn er einem eingebildeten
Menschenkenner wie es so viele gibt in die Hände fällt der nach dem ersten
Eindruck den seine Miene auf ihn macht sogleich seinen Charakter beurteilt 
    Unter allen Empfindungen ist wohl der höchste Grad der Beschämung worin
jemand versetzt wird eine der peinigendsten
    Mehr als einmal in seinem Leben hat Reiser dies empfunden mehr als einmal
hat er Augenblicke gehabt wo er gleichsam vor sich selber vernichtet wurde 
wenn er zB eine Begrüßung ein Lob eine Einladung oder dergleichen auf sich
gedeutet hatte womit er nicht gemeinet war  Die Beschämung und die
Verwirrung worin ein solcher Missverstand ihn versetzen konnte war
unbeschreiblich 
    Es ist auch ein ganz besonderes Gefühl dabei wenn man aus Missverstand sich
eine Höflichkeit zurechnet die einem andern zugedacht ist Eben der Gedanke
dass man zu sehr von sich eingenommen sein könne ist es der so etwas
außerordentlich Demütigendes hat Dazu kommt das lächerliche Licht in welchem
man zu erscheinen glaubt  Kurz Reiser hat in seinem Leben nichts
Schrecklichers empfunden als diesen Zustand der Beschämung worin ihn oft eine
Kleinigkeit versetzen konnte  Alles andere griff nicht so sein innerstes
Wesen sein eigentliches Selbst an als grade dies In Ansehung dieser Art des
Leidens hat er auch das stärkste Mitleid empfunden Um jemanden eine Beschämung
zu ersparen würde er mehr getan haben als um jemanden aus würklichem Unglück
zu retten denn die Beschämung deuchte ihm das größte Unglück was einem
widerfahren kann
    Er war einmal bei einem Kaufmann in Hannover der gemeiniglich statt der
Person mit der er sprach einen andern anzusehen pflegte Dieser bat indem er
Reisern ansah einen andern der mit in der Stube war zum Essen und da Reiser
die Einladung auf sich deutete und sie höflich ablehnte so sagte der Kaufmann
mit sehr trockner Miene Ich meine Ihn ja nicht  Dies Ich meine Ihn ja nicht
mit der trocknen Miene tat eine solche Wirkung auf Reisern dass er glaubte in
die Erde sinken zu müssen dies Ich meine Ihn ja nicht verfolgte ihn nachher
wo er ging und stund und machte seine Stimme gebrochen und zitternd wenn er
mit Vornehmern reden sollte sein Stolz konnte dies nie wieder ganz verwinden
    »Wie kann Er glauben dass man Ihn zum Essen bitten sollte« So legte Reiser
das Ich meine Ihn ja nicht aus und er kam sich in dem Augenblick so
unbedeutend so weggeworfen so nichts vor dass ihm sein Gesicht seine Hände
sein ganzes Wesen zur Last war und er nun die dümmste und albernste Figur
machte so wie er dastand und zugleich dies Alberne und Dumme in seinem
Betragen lebhafter und stärker als irgend jemand außer ihm empfand 
    Hätte Reiser irgend jemanden gehabt der an seinem Schicksal wahren Anteil
genommen hätte so würden ihm dergleichen Begegnungen vielleicht nicht so
kränkend gewesen sein Aber so war sein Schicksal an die eigentliche Teilnehmung
anderer Menschen nur mit so schwachen Fäden geknüpft dass die anscheinende
Ablösung irgendeines solchen Fadens ihn plötzlich das Zerreissen aller übrigen
befürchten ließ und er sich dann in einem Zustand sah wo er keines Menschen
Aufmerksamkeit auf sich mehr erregte sondern sich für ein Wesen hielt auf das
weiter gar keine Rücksicht genommen wurde  Die Scham ist ein so heftiger
Affekt wie irgendeiner und es ist zu verwundern dass die Folgen desselben nicht
zuweilen tödlich sind
    Die Furcht in einem lächerlichen Lichte zu erscheinen war bei Reisern
zuweilen so entsetzlich dass er alles selbst sein Leben würde aufgeopfert
haben um dies zu vermeiden  Niemand hat das
    Infelix paupertas quia ridiculos miseros facit
    Traurig ist das Los der Armut weil sie die Unglücklichen lächerlich macht
wohl stärker empfunden als er dem lächerlich zu werden das größte Unglück auf
der Welt dünkte  Es gibt eine Art des Lächerlichen welche ihm noch am
erträglichsten war  wenn nämlich Leute bloß der Sonderbarkeit wegen über etwas
lachen das sie sich selbst nicht nachzutun getrauen ohne es deswegen in einem
verächtlichen Lichte zu betrachten
    Wenn er zB etwa von sich sagen hörte Der Reiser ist doch ein sonderbarer
Mensch er geht des Abends ganz im Finsteren dreimal um den Wall und spricht mit
niemand als mit sich selbst indem er sich die Lektion des Tages wiederholt
usw  so war ihm das gar nicht unangenehm zu hören es hatte vielmehr etwas
Schmeichelhaftes für ihn auf die Weise in einem gewissen sonderbaren Lichte zu
erscheinen  Aber als Iffland seinen Vers
An euch ihr schönen Wissenschaften
An euch soll meine Seele haften
lächerlich machte das war für ihn sehr kränkend und beschämend und er hätte
viel darum gegeben dass er diesen Vers nicht gemacht hätte
    Nachdem Reiser ein Vierteljahr lang die Singstunden des Kantors besucht
hatte erreichte er nun auch das so sehnlich gewünschte Glück ins Chor zu
gehen wo er die Altstimme sang 
    Die Freude über seinen neuen Stand eines Chorschülers dauerte einige Wochen
solange es nämlich gut Wetter blieb Er fand ein gar großes Vergnügen an den
Arien und Motetten die er singen hörte und an den freundschaftlichen
Unterredungen mit seinen Mitschülern während dass sie von einem Hause und einer
Straße zur andern gingen
    Ein solches Chor hat viel Ähnliches mit einer herumwandernden Truppe
Schauspieler in der man auch Freude und Leid gutes und schlechtes Wetter usw
auf gewisse Weise miteinander teilt welches immer ein festeres
Aneinanderschliessen zu bewirken pflegt
    Am meisten hatte sich Reiser auf den blauen Mantel gefreut der ins künftige
seine Zierde sein würde  Denn dieser Mantel näherte sich doch schon etwas der
priesterlichen Kleidung  Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn sehr denn die
Frau Filter ließ um für ihn zu sparen aus ein paar alten blauen Schürzen einen
Mantel für ihn zusammennähen womit er unter den übrigen Chorschülern eben keine
glänzende Figur machte
    Nun bemerkte Reiser gleich am ersten Tage unter den Chorschülern einen der
sich von den übrigen ganz besonders auszeichnete  Man sah es ihm gleich an
dass er ein Ausländer war wenn man es auch nicht an seiner Sprache gehört hätte
Denn alle seine Mienen und Bewegungen zeigten mehr Lebhaftigkeit und Gewandtheit
als das Äußere der steifen und schwerfälligen Hannoveraner  Reiser konnte sich
immer nicht satt an ihm sehen und da er ihn nun reden hörte so konnte er sich
nicht enthalten seine wohlgesetzten Ausdrücke in dem obersächsischen Dialekt zu
bewundern alles was die Hannoveraner sagten kam ihm dagegen plump und
abgeschmackt vor  Nun war der Präfektus im Chore ein alter versoffener Kerl
mit dem sich dieser Ausländer immer am meisten herumzankte und ihm gemeiniglich
sehr treffende und beissende Antworten zu geben pflegte wenn der Präfektus sich
eine Art von Oberherrschaft über ihn anmassen wollte Und als dieser unter andern
einmal zu ihm sagte er sei schon zu lange Präfektus als dass er sich von so
einem Gelbschnabel dürfe Anzüglichkeiten sagen lassen so antwortete der
Ausländer es bringe ihm freilich eben nicht viel Ehre dass er so ein alter
Knabe und noch immer Präfektus sei  Diese Überlegenheit des Witzes womit der
Ausländer den Präfektus auf einmal niederschlug machte Reisern noch
aufmerksamer auf ihn und da er sich nach dem Namen desselben erkundigte erfuhr
er dass er Reiser hieße und aus Erfurt gebürtig sei
    Nun war es Reisern sehr auffallend dass dieser junge Mensch den er schon so
liebgewonnen hatte gerade mit ihm einerlei Namen führte ungeachtet er wegen
der Entfernung des Geburtsortes schwerlich mit ihm verwandt sein konnte  Er
hätte gern gleich mit ihm Bekanntschaft gemacht aber er wagte es noch nicht
weil sein Namensgenosse ein Primaner und er nur ein Sekundaner war  Auch
fürchtete er sich vor dem Witze desselben dem er sich nicht gewachsen fühlte
wenn er einmal auf ihn sollte gerichtet werden Indes fügte sich ihre
Bekanntschaft von selber indem Philipp Reiser auf Anton Reisers stilles und in
sich gekehrtes Wesen ebenso wie dieser auf das lebhafte Wesen von jenem immer
aufmerksamer wurde und sie sich ungeachtet dieser Verschiedenheit ihrer
Charaktere bald unter der Menge herausfanden und Freunde wurden
    Dieser Philipp Reiser war gewiss ein vortrefflicher Kopf der aber auch durch
die Umstände worin ihn das Schicksal versetzt hat unterdrückt worden ist 
Nebst einer feinen Empfindung besaß er viel Witz und Laune wirkliches
musikalisches Talent und war zugleich ein vorzüglicher mechanischer Kopf  aber
er war arm und dabei im höchsten Grade stolz  ehe er Wohltaten angenommen
hätte würde er Hunger gelitten haben welches er auch wirklich öfters tat 
Hatte er aber Geld so war er freigebig und gastfrei wie ein König  dann
schmeckte ihm wohl was er genoss wenn er reichlich davon mitteilen konnte 
aber er hatte freilich Einnahme und Ausgabe nicht allzu gut berechnen gelernt
und hatte daher sehr oft Gelegenheit sich in der großen Kunst des freiwilligen
Entbehrens von dem was man sonst gern hätte zu üben  Ohne jemals Anweisung
dazu gehabt zu haben verfertigte er sehr gute Klaviere und Fortepianos welches
ihm zuweilen ansehnliche Einnahmen verschafte die ihm aber freilich bei seiner
gar zu großen Freigebigkeit nicht viel halfen  dabei hatte er den Kopf
beständig voll romanhafter Ideen und war immer in irgendein Frauenzimmer
sterblich verliebt wenn er auf diesen Punkt kam so war es immer als hörte man
einen Liebhaber aus den Ritterzeiten  Seine Treue in der Freundschaft seine
Begierde den Notleidenden zu helfen und selbst seine Gastfreiheit kam auf
diesen Schlag heraus und gründete sich zum Teil auf die romanhaften Begriffe
womit seine Phantasie genährt war obgleich sein gutes Herz der eigentliche
Grund davon war  denn nur auf dem Boden eines guten Herzens können dergleichen
Auswüchse von romanhaften Tugenden emporkeimen und Wurzel fassen In einer
eigennützigen Seele und zusammengeschrumpften Herzen wird die häufigste
Romanenlektüre nie dergleichen Wirkungen hervorbringen  Man sieht nun leicht
ein warum Philipp und Anton Reiser sich auf halbem Wege begegneten und bei dem
nähern Umgange füreinander gemacht zu sein schienen Der erstere war beinahe
zwanzig Jahre alt da Reiser ihn kennen lernte die Jahre die er vor ihm voraus
hatte machten ihn also gewissermaßen zu seinem Führer und Ratgeber nur schade
dass in dem Hauptpunkte was die Ordnung des Lebens betraf Reiser keinen bessern
Führer und Ratgeber fand  Indes hatte er doch nun den ersten eigentlichen
Freund seiner Jugend gefunden dessen Umgang und Gespräche ihm die Stunden die
er im Chore zubringen musste noch einigermaßen erträglich machten
    Denn nun war das schöne Wetter vorbei und es stellten sich Regen Schnee
und Kälte ein  demohngeachtet musste das Chor seine gewissen Stunden auf der
Straße singen  O wie zählte Reiser jetzt da er vom Frost erstarret war die
Minuten ehe das lästige Singen vorbei war das ihm sonst eine himmlische Musik
in seinen Ohren dünkte
    Den ganzen Mittwoch  und Sonnabendnachmittag und den ganzen Sonntag nahm
nun allein das Chorsingen weg  denn alle Sonntagmorgen mussten die Chorschüler
in der Kirche sein um vom Chore herunter das Amen zu singen  Auch des
Sonnabendnachmittags bei der Vorbereitung zum Abendmahle mussten die jüngeren
Chorschüler mit dem Kantor ein Lied singen und einer von ihnen einen Psalm oben
von dem hohen Chore herunter lesen welches nun für Reisern wieder ein großer
Fund war  durch eine solche öffentliche und laute Vorlesung eines Psalms hielt
er sich wieder für alle Beschwerlichkeiten des Chorsingens belohnt  Er dünkte
sich nun schon wie der Pastor Paulmann in Braunschweig dazustehen und mit
erschütternder Stimme zu dem versammleten Volke zu reden
    Übrigens aber wurde das Chorsingen für ihn bald die unangenehmste Sache von
der Welt Es raubte ihm alle Erholungsstunden die ihm noch übrig waren und
machte dass er nun keinem einzigen ruhigen Tage in der Woche entgegensehen
konnte Wie verschwanden die goldnen Träume die er sich davon gemacht hatte 
Und wie gern hätte er sich nun aus dieser Sklaverei wieder losgekauft wenn es
noch möglich gewesen wäre  Aber nun war das Chorgeld einmal zu seinen
gewöhnlichen Einkünften mit gerechnet und er durfte gar nicht einmal daran
denken je wieder davon loszukommen
    Den Gefährten seiner Sklaverei ging es größtenteils nicht besser wie ihm
sie waren dieses Lebens ebenso überdrüssig  Und das Leben eines Chorschülers
der sich sein Brot vor den Türen ersingen muss ist auch wirklich ein sehr
trauriges Leben Wenn einer den Mut nicht ganz dabei verliert so ist das gewiss
ein seltener Fall Die meisten werden am Ende niederträchtig gesinnt und
verlieren wenn sie es einmal geworden sind nie ganz die Spur davon
    Einen sonderbaren Eindruck auf Reisern machte das sogenannte Neujahrsingen
welches drei Tage nacheinander dauert und wegen der sehr abwechselnden Szenen
die dabei vorfallen mit einem Zuge auf Abenteuer sehr viel Ähnliches hat  Ein
Häufchen Chorschüler steht in Schnee und Kälte dicht aneinander gedrängt auf der
Straße bis ein Bote der von Zeit zu Zeit abgeschickt wird die Nachricht
bringt dass in irgendeinem Hause soll gesungen werden  Dann geht man in das
Haus hinein und wird gemeiniglich in die Stube genötigt wo denn erst eine Arie
oder Motette die sich auf die Zeit passt gesungen wird  Alsdann pflegt
mancher Hauswirt so höflich zu sein und die Chorschüler mit Wein oder Kaffee und
Kuchen zu bewirten Diese Aufnahme in einer warmen Stube nachdem man oft lange
in der Kälte gestanden hatte und die Erfrischungen die einem gereicht wurden
waren eine solche Erquickung und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände indem
man an einem Tage wohl zwanzig und mehr verschiedene häusliche Einrichtungen und
Familien in ihren Wohnzimmern versammelt sah machte einen so angenehmen
Eindruck auf die Seele dass man diese drei Tage über in einer Art von Entzückung
und beständigen Erwartung neuer Szenen schwebte und sich die Beschwerden der
Witterung gern gefallen ließ  Das Singen dauerte bis fast in die Nacht und
die Erleuchtung des Abends machte dann die Szene noch feierlicher  Unter
andern wurde auch in einem Hospital für alte Frauen zum Neujahr gesungen wo
sich die Chorschüler mit den alten Müttern in einen Kreis zusammensetzen und mit
gefalteten Händen singen mussten Bis hieher hat mich Gott gebracht usw  Bei
diesem Neujahrsingen schien alles freundschaftlicher gegeneinander zu sein Man
sah nicht so sehr auf die Rangordnung die Primaner sprachen mit den
Sekundanern und eine ungewöhnliche Heiterkeit verbreitete sich über die
Gemüter
    An diesem Neujahr überfiel auch Reisern eine erstaunliche Wut Verse zu
machen  Er schrieb Neujahrwünsche in Versen an seine Eltern seinen Bruder
die Frau Filter und wer weiß an wen und sprach darin von Silberbächen die sich
durch Blumen schlängeln und von sanften Zephirs und goldnen Tagen dass es zum
Bewundern war  Sein Vater hatte vorzügliches Vergnügen an dem Silberbach
gefunden seine Mutter aber verwunderte sich dass er seinen Vater bester Vater
nenne da er doch nur einen Vater habe
    Seine poetische Lektion bestand damals fast in nichts als Lessings kleinen
Schriften die ihm Philipp Reiser geliehen hatte und die er fast auswendig
wusste so oft hatte er sie durchgelesen Übrigens sieht man leicht dass er
seitdem er ins Chor ging zu eignen Arbeiten die von ihm abhingen eben nicht
viel Zeit übrig behielt Demohngeachtet hatte er allerlei große Projekte der
Stil im Kornelius Nepos war ihm zE nicht erhaben genug und er nahm sich vor
die Geschichte der Feldherrn ganz anders einzukleiden etwa so wie der Daniel in
der Löwengrube geschrieben war  dies sollte denn auch eine Art von
Heldengedicht werden
    In einer Privatstunde bei dem Konrektor wurden des Terenz Komödien gelesen
und schon der Gedanke dass dieser Autor unter die schweren gezählt wird machte
dass er ihn mit grösserm Eifer als etwa den Phädrus oder Eutropius studierte und
jedes Stück was in der Schule gelesen wurde sogleich zu Hause übersetzte 
    Als er nun auf die Weise wirklich in sehr kurzer Zeit starke Fortschritte
getan hatte besuchte er den alten tauben Mann wieder der nun weit über hundert
Jahre alt und schon eine Zeitlang kindisch gewesen war zu aller Verwunderung
aber noch ein Jahr vor seinem Tode seinen völligen Verstand wieder erhielt 
Reiser wusste seine Stube am Ende des langen finsteren Ganges und ihm wandelte
ein kleiner Schauer an als er von ferne den scharrenden Gang des alten Mannes
hörte der ihn da er hereintrat sehr freundlich willkommen hieß und ihm mit
der Hand winkte dass er ihm etwas aufschreiben solle
    Mit vielem Entzücken schrieb ihm nun Reiser auf dass er jetzt studiere und
schon den Terenz und das griechische Neue Testament übersetze
    Der Greis ließ sich herab an Reisers kindischer Freude teilzunehmen und
wunderte sich darüber dass er bereits den Terenz verstünde wozu doch schon eine
Menge von Wörtern gehöre Am Ende schrieb ihm Reiser um seine Gelehrsamkeit
ganz auszukramen mit griechischen Buchstaben etwas auf  und der alte Mann
ermunterte ihn zum ferneren Fleiß und ermahnte ihn des Gebets nicht zu
vergessen worauf er sich mit ihm auf die Knie niederwarf und gerade so wie vor
fünf Jahren da Reiser ihn zum ersten Male sah wieder mit ihm betete
    Mit gerührtem Herzen ging Reiser zu Hause und nahm sich vor sich ganz
wieder zu Gott zu wenden das hieß bei ihm unaufhörlich an Gott zu denken  er
erinnerte sich mit Wehmut des Zustandes worin er sich als ein Knabe befunden
hatte da er mit Gott Unterredung hielt und immer voll hoher Erwartung war was
nun für große Dinge in ihm vorgehen würden  In diesen Erinnerungen lag eine
unbeschreibliche Süßigkeit denn der Roman den die frömmelnde Phantasie der
gläubigen Seelen mit dem höchsten Wesen spielt von dem sie sich bald verlassen
und bald wieder angenommen glauben bald eine Sehnsucht und einen Hunger nach
ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des
Herzens sind hat wirklich etwas Erhabnes und Großes und erhält die
Lebensgeister in einer immerwährenden Tätigkeit so dass auch die Träume des
Nachts sich mit überirdischen Dingen beschäftigen wie denn Reisern einst
träumte dass er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war die sich in
kristallnen Strömen badeten  Ein Traum der oft wieder seine Einbildungskraft
entzückt hat
    Reiser liehe sich nun von dem alten Tischer die Guionschen Schriften wieder
und erinnerte sich indem er sie las an jene glücklichen Zeiten zurück wo er
seiner Meinung nach auf dem Wege zur Vollkommenheit begriffen war  Wenn er nun
manchmal durch seine äußern Umstände traurig und missmütig gemacht war und ihm
keine Lektüre schmecken wollte so waren die Bibel und die Lieder der Madam
Guion das einzige wozu er wegen des reizenden Dunkels das ihm darin herrschte
seine Zuflucht nahm Ihm schimmerte durch den Schleier des rätselhaften
Ausdrucks ein unbekanntes Licht entgegen das seine erstorbne Phantasie wieder
anfrischte  aber mit dem eigentlichen Frommsein oder dem beständigen Denken an
Gott wollte es demohngeachtet nicht mehr recht fort  In den Verbindungen
worin er jetzt war bekümmerte man sich eben nicht mehr um seinen Seelenzustand
und er hatte in der Schule und im Chore viel zu viel Zerstreuung als dass er
auch nur eine Woche lang seiner Neigung zum ununterbrochnen Insichgekehrtsein
hätte getreu bleiben können
    Indes besuchte er doch den Greis vor seinem Tode noch verschiedene Male bis
er auch einmal zu ihm gehen wollte und erfuhr dass er tot und begraben sei 
Seine letzten Worte waren gewesen Alles alles alles  Diese Worte erinnerte
sich Reiser oft mitten im Gebet oder auch sonst nach einer Pause in einer Art
von Entzückung von ihm gehört zu haben  Es schien dann zuweilen als wollte er
mit diesen Worten seinen zur Ewigkeit reifen Geist aushauchen und in dem
Augenblick seine sterbliche Hülle abstreifen  Darum war es Reisern sehr
auffallend da er hörte dass der alte Mann mit diesen Worten gestorben sei und
doch war es ihm auch als sei er nicht gestorben so sehr schien dieser fromme
Greis immer schon in einer andern Welt zu leben  Tod und Ewigkeit waren die
letzten Male da ihn Reiser sprach fast sein einziger Gedanke  Es war Reisern
diesmal fast nicht anders als ob der alte Mann ausgezogen sei da er ihn habe
besuchen wollen und dies war bei ihm nichts weniger als Gleichgültigkeit
sondern eine innige Vertraulichkeit mit dem Gedanken an den Tod dieses Mannes
    Indes hatte er an dem alten Mann wieder einen Freund seiner Jugend verloren
dessen Teilnehmung an seinem Schicksale ihm oft Freude gemacht hatte Er fühlte
sich in manchen Stunden ohne selbst zu wissen warum verlassner wie sonst  Die
Frau Filter wurde der Last welche ihr sein Aufenthalt bei ihr machte ebenfalls
immer überdrüssiger und sagte ihm endlich nachdem sie dreiviertel Jahre lang
Geduld gehabt hatte die Wohnung auf mit dem wohlgemeinten Rate dass er sich
nun nach einem andern Logis umsehen solle  Indes war der Rektor des Lyzeums
abgegangen und der neue Rektor Sextroh welcher an dessen Stelle gewählt wurde
war ein guter Freund von dem Pastor Marquard der nun darauf dachte Reisern bei
diesem Mann ins Haus zu bringen und ihn im voraus auf die großen Vorteile
aufmerksam machte welche ihm dadurch erwachsen würden wenn er das Glück haben
sollte von diesem Manne in sein Haus aufgenommen zu werden  Also bei dem
Rektor sollte nun Reiser ins Haus ziehen  wie sehr schmeichelte dies seiner
Eitelkeit Denn dachte er sich wenn es ihm glücken sollte sich bei dem Rektor
beliebt zu machen was für eine glänzende Aussicht sich ihm dann eröffnete da
überdem nun der Rektor sein Lehrer wurde indem er nach Endigung seines ersten
Schuljahres gleich nach Prima versetzt werden sollte worin der Direktor und der
Rektor allein Unterricht gaben
    Im Grunde war es ihm äußerst angenehm dass ihm die Frau Filter die Wohnung
aufsagte weil er es nie hätte wagen dürfen nur ein Wort davon zu erwähnen dass
er von ihr wegziehen wolle  Hiezu kam nun noch dass er die große Erwartung
hatte ein Hausgenosse des Rektors seines künftigen Lehrers zu werden Allein
um diese Zeit hatte sich eine neue Grille in seiner Phantasie zu bilden
angefangen welche auf sein ganzes künftiges Leben einen großen Einfluss gehabt
hat
    Ich habe nämlich schon der Deklamationsübungen erwähnt welche in Sekunda
von dem Konrektor veranstaltet wurden Dies hatte für ihn und Iffland einen so
außerordentlichen Reiz dass alles andre sich dagegen verdunkelte und Reiser
nichts mehr wünschte als Gelegenheit zu haben mit mehreren seiner Mitschüler
einmal eine Komödie aufzuführen um sich im Deklamieren hören zu lassen  dies
hatte einen so unendlichen Reiz für ihn dass er eine Zeitlang Tag und Nacht mit
diesem Gedanken umging und selber den Entwurf zu einer Komödie machte wo zwei
Freunde voneinander getrennt werden sollten und darüber untröstlich waren usw 
Auch fand er in Leidings Handbibliotek die ihm jemand geliehen hatte ein
rührendes Drama in Versen Der Einsiedler welches er gern mit Iffland aufführen
wollte Er wünschte sich denn eine recht affektvolle Rolle wo er mit dem
größten Patos reden und sich in eine Reihe von Empfindungen versetzen könnte
die er so gern hatte und sie doch in seiner wirklichen Welt wo alles so kahl
so armselig zuging nicht haben konnte  Dieser Wunsch war bei Reisern sehr
natürlich er hatte Gefühle für Freundschaft für Dankbarkeit für Großmut und
edle Entschlossenheit welche alle ungenutzt in ihm schlummerten denn durch
seine äußere Lage schrumpfte sein Herz zusammen  Was Wunder dass es sich in
einer idealischen Welt wieder zu erweitern und seinen natürlichen Empfindungen
nachzuhängen suchte
    In dem Schauspiel schien er sich gleichsam wiederzufinden nachdem er sich
in seiner wirklichen Welt beinahe verloren hatte  Darum wurde auch in der
Folge seine Freundschaft mit Philipp Reisern beinahe eine teatralische
Freundschaft die oft so weit ging dass einer für den andern zu sterben
entschlossen war  Nun wurde ihm die Teatergrille so wert dass die Sucht zu
predigen beinahe ganz dadurch aus seiner Seele verdrängt wurde  denn hier fand
seine Phantasie einen weit größeren Spielraum weit mehr wirkliches Leben und
Interesse als in dem ewigen Monolog des Predigers  Wenn er die Szenen eines
Dramas das er entweder gelesen oder sich selbst in Gedanken entworfen hatte
durchging so war er das alles nacheinander wirklich was er vorstellte er war
bald großmütig bald dankbar bald gekränkt und duldend bald heftig und jedem
Angriff mutig entgegenkämpfend
    dabei war ihm nun die Aussicht auf Prima äußerst glänzend  denn die
Primaner des Lyzeums in Hannover hatten wirklich so viele äußere in die Augen
fallende Vorzüge wie in wenigen Schulen stattfinden mögen  Sie hielten alle
Neujahr bei einer großen Menge Zuschauer einen öffentlichen Aufzug mit Musik und
Fackeln indem sie dem Direktor und dem Rektor ein Vivat brachten  Am Abend
darauf überreichten sie das eine Jahr dem Direktor und das andere dem Rektor ein
freiwillig zusammengebrachtes Geschenk das gemeiniglich über hundert Taler
betrug und wobei derjenige der es überreichte eine kurze lateinische Rede
hielt  alsdann wurden sie mit Wein und Kuchen bewirtet und durften sich die
Freiheit herausnehmen ihrem Lehrer in seiner Behausung ein lauterschallendes
Vivat zu rufen
    Fast ein Vierteljahr vorher wurde immer schon von der Anordnung dieses Zuges
gesprochen
    Alle Sommer in den Hundstagen wurde von den Primanern öffentlich Komödie
gespielt wo ihnen die Wahl der Stücke und die Anordnung ebenfalls allein
überlassen war  Dies beschäftigte sie fast den ganzen Sommer über  Dann fiel
im Jenner das Geburtsfest der Königin und im Mai das Geburtsfest des Königs ein
wo allemal mit großer Feierlichkeit ein Redeaktus veranstaltet wurde bei dem
der Prinz die Minister und fast alle Honoratioren der Stadt erschienen Die
Vorbereitung hiezu nahm nun jedesmal sehr viel Zeit weg  Dazu kamen jährlich
noch zwei öffentliche Prüfungen die auch allemal mit Ferien begleitet waren 
Hiedurch ging freilich viel Zeit verloren  Indes waren dies alles doch so
viele glänzende Ziele für einen ehrgeizigen Jüngling welche ihm den Reiz der
Schuljahre immer wieder auffrischten sobald er verlöschen wollte
    Etwa einmal einer der Anführer bei dem Zuge mit Fackeln zu sein oder die
lateinische Rede bei Überreichung des Geschenks zu halten oder eine Hauptrolle
in einem der aufgeführten Stücke zu bekommen oder gar eine Rede an des Königs
oder der Königin Geburtstage zu halten das waren die Wünsche und Aussichten
eines Primaners des Lyzeums in Hannover  Hiezu kam nun noch der elegante
Hörsaal der ersten Klasse mit dem zierlich gebauten doppelten Katheder von
schöngebohnten Nussbaumholz und vor den Fenstern die grünen Vorhänge welches
alles sich vereinigte um Reisers Phantasie aufs neue mit reizenden Bildern von
seinem künftigen Zustande anzufüllen und seine Erwartung von dem was nun mit
ihm vorgehen würde bis auf den höchsten Grad zu spannen Sogleich nach seinem
ersten Schuljahre ein Primaner zu werden das war ein Glück welches er sich
kaum hätte träumen lassen
    Erfüllt von diesen Hoffnungen und Aussichten reiste er nun in der
Ferienwoche vor Ostern mit Fuhrleuten die denselben Weg nahmen zu seinen
Eltern um ihnen sein Glück zu verkündigen  Auf dieser Reise da der Weg
größtenteils durch Wald und Heide ging nahm seine vorher erwärmte Phantasie
einen außerordentlichen Schwung er entwarf Heldengedichte Trauerspiele Romane
und wer weiß was  zuweilen fiel ihm auch der Gedanke ein sein Leben zu
schreiben der Anfang den er sich dachte lief aber immer auf den Schlag der
Robinsons hinaus die er gelesen hatte dass er nämlich in dem und dem Jahre zu
Hannover von armen doch ehrlichen Eltern geboren sei und so sollte es denn
weiter fortgehen
    Sooft er nachher zu seinen Eltern reiste es mochte nun zu Fuß oder zu Wagen
sein war unterwegens seine Einbildungskraft immer am geschäftigsten  ein
ganzer Zeitraum seines verflossnen Lebens stand vor ihm da sobald er die vier
Türme von Hannover aus dem Gesicht verlor  der Gesichtskreis seiner Seele
erweiterte sich denn mit dem Gesichtskreis seiner Augen  Er fühlte sich aus
dem umschränkten Zirkel seines Daseins in die große weite Welt versetzt wo alle
wunderbaren Ereignisse die er je in Romanen gelesen hatte möglich waren  dass
etwa von jenem Hügel plötzlich sein Vater oder seine Mutter wie aus der Ferne
ihm entgegenkommen und wie er denn freudig auf sie zueilen würde  er glaubte
schon den Ton der Stimme seiner Eltern zu hören  und da er nun das erstemal
diese Reise tat so empfand er wirklich das reinste Vergnügen der sehnlichen
Erwartung bei seinen Eltern zu sein denn was hatte er ihnen nicht für große
Dinge zu erzählen
    Da er nun am folgenden Mittag hinkam bewillkommten ihn seine Eltern und
seine beiden Brüder mit herzlicher Freude in ihrer ländlichen Wohnung Sie
hatten einen kleinen Garten hinter dem Hause und waren soweit recht gut
eingerichtet Aber mit dem Hausfrieden stand es leider wie er bald sah noch
nach wie vor Er hörte indes von seinem Vater wieder die Zither spielen und die
Lieder der Madam Guion dazu singen  Sie unterredeten sich nun auch über die
Lehren der Madam Guion und Reiser der sich in seinem Kopfe schon eine Art von
Metaphysik gebildet hatte die nahe an den Spinozismus grenzte traf mit seinem
Vater oft wunderbar zusammen wenn sie von dem All der Gottheit und dem Nichts
der Kreatur das die Madam Guion lehrte sprachen Sie glaubten sich einander zu
verstehen und Reiser empfand ein unendliches Vergnügen in diesen Unterredungen
mit seinem Vater denn es war ihm schmeichelhaft dass sich sein Vater der ihn
sonst nur für einen dummen Jungen zu halten schien nun selbst über dergleichen
erhabene Gegenstände mit ihm unterredete Dann besuchten sie den Prediger und die
Honoratioren des Orts wo Reiser allenthalben mit ins Gespräch gezogen wurde und
sich auch weil ihm diese Behandlung Selbstzutrauen einflößte dabei ganz gut
nahm  Die Nachbaren seiner Eltern und wer sonst hinkam waren alle aufmerksam
auf den Sohn des Lizentschreibers den der Prinz in Hannover studieren ließe 
Die reine ungetrübte Freude die Reiser in diesen wenigen Tagen genoss
verbunden mit den angenehmsten Hoffnungen ersetzte ihm reichlich allen Kummer
und unverdiente Demütigungen die er ein ganzes Jahr hindurch erlitten hatte
    So nahe wie seine Mutter nahm doch niemand in der Welt an seinem Schicksal
teil  sooft er sich des Abends zu Bette legte sprach sie das Gott walte über
ihn und schlug über seine Stirne das Kreuz dazu wie sie ehemals getan hatte
damit er sicher schlafen sollte und kein Abend und kein Morgen verging wo sie
ihn auch in seiner Abwesenheit nicht mit in ihr Gebet einschloss  Mit Wehmut
nahm Reiser Abschied von seinen Eltern und da er die Türme von Hannover
wiedersah so beklemmten traurige Ahndungen sein Herz
    Den andern Tag nach seiner Zurückkunft wurde er von dem Direktor zu der
Klassenversetzung geprüft und da er aus des Cicero Buche von den Pflichten
etwas aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen sollte so fügte es sich dass
er in dem Exemplar das ihm der Direktor gab unglücklicherweise ein Blatt mit
solcher Ungeschicklichkeit umschlug dass er es beinahe zerrissen hätte Durch so
etwas konnte nun die Empfindlichkeit des Direktors der in allem stets die
äußerste Delikatesse suchte gerade am stärksten beleidigt werden  Reiser
verlor unendlich bei ihm durch diesen Zug von anscheinenden Mangel an feiner
Empfindung und feiner Lebensart Der Direktor verwies ihm auf eine sehr bittere
Art seine Ungeschicklichkeit so dass Reisers Zutrauen zu dem Direktor durch die
Beschämung worin er durch diesen bitteren Verweis versetzt wurde ebenfalls
einen gewaltigen Stoß erhielt wovon es sich nie wieder erholen konnte Das
schüchterne Wesen das Reiser auf diese Veranlassung von nun an in der Gegenwart
des Direktors bewies diente dazu ihn bei denselben noch immer mehr
herabzusetzen  Kurz von einem einzigen zu schnell umgeschlagenen Blatte in
dem Exemplar des Direktors von Ciceros Buche von den Pflichten schrieben sich
größtenteils alle die Leiden her die Reisern von nun an in seinen Schuljahren
bevorstanden und welche sich vorzüglich auf den Mangel der Achtung des
Direktors gründeten dessen Beifall woran ihm so viel lag er zuerst durch das
zu schnelle Blattumschlagen verscherzt hatte
    Hiezu kam nun noch dass die Frau Filter ob er gleich von ihr wegzog ihm
doch sein neues Kleid einschloss und er mit einem alten Rock den er noch von dem
Hutmacher Lobenstein hatte Prima besuchen musste wo er neben sich fast lauter
wohlgekleidete junge Leute sah Der Rock gab ihm ein lächerliches Ansehen weil
er ihm zu kurz geworden war Dies fühlte er selbst und der Umstand trug sehr
viel zu der Schüchternheit in seinem Wesen bei das er in Prima mehr wie jemals
äußerte  Auch waren der Kantor und der Konrektor äußerst auf ihn aufgebracht
dass er ihnen von seiner Versetzung nach Prima vorher nichts gesagt und ohne
ihren Rat diesen Schritt getan hätte Er entschuldgte sich so gut er konnte
damit dass er es nicht bedacht hätte Der Kantor verzieh ihm auch bald aber der
Konrektor hat es ihm nie verziehen sondern es ihn noch lange nachher entgelten
lassen Er machte nämlich eine starke Forderung an Reisern für die
Privatstunden die dieser bei ihm gehabt hatte und wovon jedermann glaubte dass
er sie ihm umsonst würde gegeben haben  dies Geld ließ er Reisern einige Jahre
hindurch von seinem Chorgelde abziehen wenn es dieser oft am nötigsten
brauchte  Ein Umstand der ihn ebenfalls sehr niederschlug
    Nun bekam er in dem Hause des Rektors zwar eine Stube und Kammer aber auch
weiter nichts denn der Rektor war selbst noch nicht recht eingerichtet Reiser
hatte noch eine wollene Decke von seinen Eltern dazu mietete man ihm ein
Kopfküssen und Unterbette um ja so viel wie möglich zu sparen wenn es nun des
Nachts kalt war so musste er seine Kleider zu Hilfe nehmen um sich hinlänglich
zu bedecken Ein altes Klavier das er hatte diente ihm statt eines Tisches
dazu hatte er eine kleine Bank aus dem Auditorium des Rektors über dem Bette
ein kleines Bücherbrett an einem Nagel hängend und in der Kammer hatte er einen
alten Koffer mit ein paar abgetragenen Kleidungsstücken stehen  das war seine
ganze häusliche Einrichtung wobei er sich aber doch um ein großes glücklicher
befand als in der Stube der Frau Filter in welcher sonst weit mehr
Bequemlichkeiten waren
    Wenn er nun allein auf seiner Stube war so befand er sich so weit recht
wohl aber zu dem Rektor konnte er noch kein Zutrauen fassen Wenn er ihn gleich
im Schlafrock und in der Nachtmütze sah so schien doch immer ein Nimbus von
Ernst und Würde sich um ihn her zu verbreiten der Reisern in großer Entfernung
von ihm hielt  er musste ihm seine Bibliothek in Ordnung bringen helfen wenn er
denn zuweilen so dicht bei ihm stand indem er ihm Bücher zureichte dass er
seinen Atem hören konnte so fühlte er oft einige anschliessende Kraft in sich 
aber in dem folgenden Augenblick war die Schüchternheit und Verlegenheit wieder
da  Demohngeachtet liebte er den Rektor  und sein mit romanhaften Ideen
angefüllter Kopf ließ ihn manchmal den Wunsch tun dass er doch mit dem Rektor
auf irgendeine unbewohnte Insel versetzt werden möchte wo sie durch das
Schicksal gleichgemacht auf einen freundschaftlichen und vertrauten Fuß umgehen
könnten
    Der Rektor tat alles um Reisern Mut und Zutrauen einzuflößen er ließ ihn
verschiedene Mal mit sich allein an seinem Tische speisen und unterredete sich
mit ihn  Reiser hatte damals schon Schriftstellerprojekte er wollte die alte
Acerra philologika in einen bessern Stil bringen und der Rektor war so gütig
ihn zu ermuntern dass er immer dergleichen Projekte für die Zukunft nähren und
sich mit dergleichen Ausarbeitungen beschäftigen solle
    Wenn nun Reiser über so etwas mit dem Rektor sprach so fehlte es ihm immer
an den rechten Ausdrücken deren er sich bedienen sollte welches seine Perioden
sehr unterbrochen machte  Denn er schwieg lieber ehe er das unrechte Wort zu
dem Gedanken wählte den er ausdrücken wollte  Der Rektor half ihm dann mit
vieler Nachsicht zurecht  Er ließ ihn auch zuweilen des Abends zu sich auf die
Stube kommen und sich von ihm vorlesen
    Reiser erdreistete sich denn auch manchmal Fragen an ihn zu tun in wiefern
zB ein Stuhl ein Individuum zu nennen sei da man ihn doch immer noch wieder
teilen könne welcher Zweifel ihm bei der Logik die er vom Direktor hörte
aufgefallen war  und der Rektor löste ihm sehr herablassend seinen Zweifel auf
und lobte ihn dabei wegen seines Nachdenkens über dergleichen Gegenstände ja
er scherzte zuweilen gar mit ihm und wenn er ihm den Auftrag gab irgendein
Buch oder sonst etwas zu holen so tat er dies nie in einem befehlenden Tone
sondern bittweise  So war nun alles soweit recht gut  aber das
Blattumschlagen schien nun einmal für Reisern eine unglückliche Sache zu sein 
er musste einmal für den Rektor geheftete Bücher aufschneiden und machte das so
ungeschickt dass er mit dem Federmesser tiefe Einschnitte in die Blätter machte
wodurch ein paar Bücher fast ganz verdorben wurden  Der Rektor wurde darüber
sehr böse und machte ihm den bitteren Vorwurf als ob er aus Bosheit die
Einschnitte in die Blätter gemacht habe um von der Arbeit frei zu sein  Das
war nun freilich nicht der Fall  der Vorwurf schmerzte Reisern und trug viel
dazu bei seinen allmählich wachsenden Mut wieder niederzuschlagen
    Indes erholte er sich doch noch einmal wieder da ihn der Rektor auf einer
kleinen Reise nach einer benachbarten katholischen Stadt mitnahm um die Feier
des Fronleichnamsfestes mit anzusehen  Der Rektor der Konrektor der Kantor
und ein paar Kandidaten der Theologie fuhren auf einem Wagen mit Extrapost wo
Reiser auch ein Plätzchen erhielt  Nun hörte er diese ehrwürdigen Männer die
durch das Aneinanderschliessen welches gemeiniglich bei einer kleinen
Reisegesellschaft stattzufinden pflegt vertraulich gemacht waren sehr lebhaft
miteinander scherzen und dies tat eine ganz besondere Wirkung auf Reisern 
Der Nimbus um ihre Köpfe verschwand allmählich und er sah an ihnen zum ersten
Male Menschen wie andre Menschen sind  Denn noch nie hatte er eine
Gesellschaft von Schwarzröcken zusammengesehen die sich ohne Zwang miteinander
besprachen und alle das steife zeremonienmässige Wesen das ihnen sonst von
ihrem Stande anklebt auf eine Zeitlang gegeneinander ablegten Nur der gute
Kantor behielt immer ein gewisses steifes Wesen bei und da unterwegs eine große
Menge Bettler die geistliche Lieder absangen dem Wagen entgegenkamen
schraubte man den Kantor mit diesem Auftritt indem man ihn wegen dieser
schrecklichen Disharmonien wodurch sein Gehör ganz erschüttert wurde herzlich
bedauerte  Es war zum ersten Male dass Reiser sah wie sich solche ehrwürdige
Männer auch ebenso wie andre Leute untereinander schrauben könnten Und diese
Erfahrung die er machte war ihm sehr nützlich indem er nun jeden Priester
den er sonst noch immer gewissermaßen als eine Art von übermenschlichem Wesen
betrachtete sich etwa in den Zirkel einer solchen Reisegesellschaft dachte und
ihn denn in seiner Vorstellung von dem Nimbus der ihn vorher umgab mit
leichter Mühe entblößte
    Allein er fühlte es demohngeachtet wieder lebhaft welch ein unbedeutendes
Wesen er in dieser Gesellschaft war und da man alle Merkwürdigkeiten der
Klöster und andre Sachen in der katholischen Stadt besah wozu noch eine Anzahl
zum Teil auch fremder Personen sich gesellte so fühlte er wie es sich immer
von selbst verstand dass er bei allem der letzte war und dass er dies noch als
eine große Ehre ansehen musste die ihm widerfuhr  dieser Gedanke machte dass er
sich in der Gesellschaft verlegen albern und dumm betrug und dies verlegene
und alberne Betragen fühlte er auch wieder selbst weit stärker als es
vielleicht irgend jemand außer ihm bemerken mochte darum war er die Zeit über
in welcher er so viel Neues zu hören und zu sehen bekam nichts weniger als
glücklich und wünschte sich wieder auf sein einsames Stübchen mit der Bank und
dem alten Klaviere und dem Bücherbrett das über dem Bett am Nagel hing
    Was aber nun vorzüglich anfing ihm sein Schicksal zu verbittern war eine
neue unverdiente Demütigung wozu seine gegenwärtige Lage die er doch wiederum
nicht ändern konnte die Veranlassung gab
    Als er nämlich die ersten Male Prima besuchte so hörte er schon zuweilen
hinter sich zischeln Sieh das ist des Rektors Famulus Eine Benennung mit
welcher Reiser den allerniedrigsten Begriff verband denn er wusste von den
Verhältnissen eines Famulus auf der Universität noch nichts Ihm bezeichnete
Famulus womöglich noch weniger als einen Bedienten der seinem Herren die Schuh
putzt  dabei deuchte es ihm als ob er allgemein von seinen Mitschülern mit
einer Art von Verachtung betrachtet würde  Dann dachte er sich in seinem
kurzen Rocke womit er sich immer selbst in einer lächerlichen Gestalt erschien
 In Sekunda war er ungeachtet seiner schlechten Kleidung von seinen
Mitschülern noch geachtet worden wegen der hohen Meinung die man davon hatte
dass ihn der Prinz studieren ließ In Prima wusste man dies zwar auch zum Teil
aber die Idee dass er beim Rektor Famulus war schien ihn in aller Augen
herabzusetzen  Nun kam in Prima außerordentlich viel auf den Platz an wo man
saß höhere Plätze konnten nur durch langen fortgesetzten Fleiß erlangt werden
Gemeiniglich rückte man alle halbe Jahre nur eine Bank in die Höhe  Die ersten
vier Bänke machten den unteren und die letztern drei den oberen Zötus aus  Wer
nun bei den halbjährigen Versetzungen zurückblieb für den war dies eine der
größten Erniedrigungen
    Nun hatte Reiser gleich am dritten Morgen während dass ein Primaner von dem
unteren Katheder ein geschriebnes Gebet ablas da ihm sein Nachbar etwas sagte
eine lächelnde Miene gemacht und da er sah dass er vom Direktor bemerkt wurde
diese Miene plötzlich in eine ernsthafte zu verwandeln gesucht  Und der
Eindruck welcher noch von dem Blattumschlagen in seiner Seele zurückgeblieben
war machte dass diese plötzliche Veränderung seiner Miene nicht im mindesten
auf eine edle sondern vielmehr höchst misstrauische gemeine und sklavische
Furcht verratende Art geschahe woraus der Direktor mit einem Blick des Zorns
und der Verachtung den er währendem Gebet auf Reisern warf seine niedrige
gemeine Denkungsart zu schließen schien  Ein solcher Blick vom Direktor war
schon etwas das allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen pflegte  Da nun aber das
Gebet vorbei war so sagte er Reisern ein paar Worte über das Niederträchtige in
seiner Miene welche diesen auf einmal der Verachtung der ganzen Klasse
aussetzten der die Aussprüche des Direktors Orakel waren
    Reiser getraute sich von nun an nicht mehr seine Augen zu dem Direktor
aufzuschlagen und musste sich in den Stunden desselben wie ein Wesen betrachten
auf das nicht die mindeste Rücksicht genommen ward denn der Direktor rief ihn
niemals auf  Ein paar junge Leute die nach Reisern in Prima kamen wurden
über ihn gesetzt und er musste verschiedene Monate lang der letzte von allen
bleiben  Der junge Rehberg ein vorzüglicher Kopf der sich nachher als Maler
berühmt gemacht hat saß neben Reisern und schien sich an ihn schließen zu
wollen allein ein Blick des Direktors womit derselbe ihn ansah da er einmal
mit Reisern sprach dämpfte jeden Funken von Achtung den er gegen Reisern zu
haben schien und machte sein Herz von ihm abgewandt  Das Betragen des
Direktors gegen Reisern war eine Folge von dessen schüchternen und misstrauischen
Wesen das eine niedrige Seele zu verraten schien allein der Direktor erwog
nicht dass eben dies schüchterne und misstrauische Wesen wieder eine Folge von
seinem ersten Betragen gegen Reisern war
    Dieser war nun einmal in der Achtung seiner Mitschüler gesunken und jeder
nahm sich jetzt heraus zum Ritter an ihm zu werden jeder wollte seinen Witz an
ihm üben und nahm er es gleich mit einem auf so waren wieder zwanzig andre
die miteinander wetteiferten ihn zum Ziel ihres Spottes zu machen selbst seine
Bravour wenn er sich zuweilen mit denen die es zu arg machten schlug wodurch
jeder andre sich vielleicht wieder in Achtung gesetzt hätte wurde lächerlich
gemacht  Man zischelte sich nicht mehr in die Ohren Seht da des Rektors
Famulus sondern sobald er des Morgens hereintrat hieß es Da kommt der
Famulus und diese Ehrenbenennung schallete ihm aus allen Ecken entgegen Es
war als ob sich alles verschworen hätte sich auf ihn zu setzen und ihn
lächerlich zu machen 
    Dieser Zustand wurde ihm eine Hölle  er heulte tobte und geriet in eine
Art von Raserei darüber und auch dies wurde lächerlich gemacht  Zuletzt trat
denn zuweilen eine Art von Dumpfheit der Empfindung an die Stelle seines bis zur
Wut und Raserei beleidigten Stolzes  er hörte und sah nicht mehr was um ihn
her vorging und ließ alles mit sich machen was man wollte so dass er in dem
Zustande ein würdiger Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein schien
    Was Wunder wenn er am Ende durch diese fortgesetzte Behandlung wirklich
niederträchtig gesinnt geworden wäre  Aber er fühlte noch immer Kraft genug in
sich in gewissen Stunden sich ganz aus seiner wirklichen Welt zu versetzen 
Das war es was ihn aufrecht erhielt  Wenn seine Seele durch tausend
Demütigungen in seiner wirklichen Welt erniedrigt war so übte er sich wieder in
den edlen Gesinnungen der Großmut Entschlossenheit Uneigennützigkeit und
Standhaftigkeit sooft er irgendeinen Roman oder heroisches Drama durchlas oder
durchdachte  Oft träumte er sich auf diese Weise über allen Kummer der Erde
hinaus in heitre Szenen hin wenn er vom Frost erstarrt im Chore sang und
verphantasierte so manche Stunde wo denn gewisse Melodien die er hörte und
mitsang seinen Traum oft fortpflanzen halfen  Nichts klang ihm zB rührender
und erhabener als wenn der Präfektus anhub zu singen
Hylo schöne Sonne
Deiner Strahlen Wonne
In den tiefen Flor 
Das Hylo allein schon versetzte ihn in höhere Regionen und gab seiner
Einbildungskraft allemal einen außerordentlichen Schwung weil er es für
irgendeinen orientalischen Ausdruck hielt den er nicht verstand und eben
deswegen einen so erhabenen Sinn als er nur wollte hineinlegen konnte bis er
einmal den geschriebenen Text unter den Noten sah und fand dass es hieß
Hüll o schöne Sonne usw
Diese Worte sang der Präfektus nach seiner türingischen Mundart immer Hylo
schöne Sonne  Und nun war auf einmal das ganze Zauberwerk verschwunden
welches Reisern so manchen frohen Augenblick gemacht hatte  Ebenso war es ihm
immer sehr rührend wenn gesungen wurde Du verdeckest sie in den Hütten oder
lieg ich nur in deiner Hut o so schlaf ich sanft und gut 
    Er wiegte sich oft so sehr in die süßen Empfindungen von dem Schutz eines
höheren Wesens ein dass er Regen und Frost und Schnee vergaß und sich in der ihn
umgebenden Luft wie in einem Bette sanft zu ruhen schien
    Allein von außen her schien sich alles zu vereinigen um ihn zu demütigen
und niederzubeugen
    Da es Sommer wurde verreiste der Rektor auf einige Wochen und er blieb nun
während der Zeit allein in dessen Hause zurück wo er die Zeit zu Hause ziemlich
vergnügt zubrachte indem er sich aus der Bibliothek des Rektors einiger Bücher
zum Lesen bediente und unter andern auf Moses Mendelsohns Schriften und die
Literaturbriefe verfiel woraus er sich damals zuerst Exzerpte machte 
    Insbesondre zog er sich alles aus was das Theater anging denn diese Idee
war jetzt schon die herrschende in seinem Kopfe und gleichsam schon der Keim zu
allen seinen künftigen Widerwärtigkeiten
    Durch das Deklamieren in Sekunda war sie zuerst lebhaft in ihm erwacht und
hatte die Phantasie des Predigens allmählich aus seinem Kopf verdrängt  der
Dialog auf dem Theater bekam mehr Reize für ihn als der immerwährende Monolog
auf der Kanzel  Und dann konnte er auf dem Theater alles sein wozu er in der
wirklichen Welt nie Gelegenheit hatte  und was er doch so oft zu sein wünschte
 großmütig wohltätig edel standhaft über alles Demütigende und
Erniedrigende erhaben  wie schmachtete er diese Empfindungen die ihm so
natürlich zu sein schienen und die er doch stets entbehren musste nun einmal
durch ein kurzes täuschendes Spiel der Phantasie in sich wirklich zu machen 
    Das war es ungefähr was ihm die Idee vom Theater schon damals so reizend
machte  Er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und
Gesinnungen wieder welche in die wirkliche Welt nicht passten  Das Theater
deuchte ihm eine natürlichere und angemessnere Welt als die wirkliche Welt die
ihn umgab
    Nun kamen die Sommerferien heran und die Primaner führten wie sie alle
Jahr zu tun pflegten öffentlich verschiedene Komödien auf  Reiser konnte bei
der allgemeinen Verachtung der er als ein sogenannter Famulus des Rektors
ausgesetzt war sich nicht die mindeste Hoffnung machen eine Rolle zu erhalten
ja er konnte nicht einmal von irgendeinem der Mitschüler ein Billett erhalten
um zuzusehn Dies schlug ihn mehr als alles Bisherige nieder  bis er auf den
Einfall kam mit zwei bis dreien seiner Mitschüler welche auch keine Rollen
hatten gleichsam eine Partie der Missvergnügten auszumachen und auf deren
Wohnstube bei einer kleinen Anzahl Zuschauer eine Komödie besonders aufzuführen

    Hiezu wurde denn Philotas gewählt wo Reiser einem andren der die Rolle des
Philotas schlecht machte sie mit Geld abkaufte und also nun den Philotas
spielte
    Nun war er in seinem Elemente  Er konnte einen ganzen Abend lang
großmütig standhaft und edel sein  die Stunden wo er sich zu dieser Rolle
übte und der Abend wo er sie spielte waren von den seligsten seines Lebens 
obgleich das Theater nur ein schlechtes Zimmer mit weißen Wänden und das
Parterre eine Kammer war die daran stieß und wo man statt der ausgehobenen
Türe eine wollene Decke angebracht hatte die zum Vorhang dienen musste und
obgleich das ganze Auditorium nur aus dem Wirt des Hauses der ein Töpfer war
nebst dessen Frau und seinen Gesellen bestand und die ganze Erleuchtung nur mit
Pfenniglichtern bewerkstelligt wurde die auf kleinen an die Wand geklebten
Stücken von nassen Leimen brannten 
    Zum Nachspiel wurde aus Millers historischmoralischen Schilderungen der
sterbende Sokrates gegeben worin Reiser nur einen Freund des Sokrates und der
eine von seinen Mitschülern namens G  den sterbenden Sokrates selbst
machte welcher denn ordentlich den Giftbecher leerte und zuletzt unter
Zuckungen auf einem Bette das in die Stube gesetzt war verschied
    Dies letzte Nachspiel war es nun was Reisern nachher fast seine ganzen
Schuljahre verbittert hat 
    Die andern Primaner hatten nämlich erfahren dass außer der ihrigen von
denen welchen sie keine Rollen gegeben hatten noch besonders eine Komödie
aufgeführt worden sei  sie sahen dies als einen Eingriff in ihre Rechte an und
als ob es gleichsam aus Trotz und Verachtung geschehen sei 
    Sie suchten sich für diese unverzeihliche Beleidigung wofür sie es hielten
auf alle Weise zu rächen und von der Zeit an durfte von den vieren welche den
Philotas und den sterbenden Sokrates aufgeführt hatten keiner des Abends sicher
auf der Straße gehen  Diese viere waren von der Zeit an ein Gegenstand des
Hasses der Verachtung und des Spottes welcher Reisern gerade am meisten traf
denn die andern besuchten die Schulstunden selten  Gegen Reisern hatte man
schon vorher nichts als Verachtung bezeigt die außer einer Art von
unerklärbarer allgemeiner Antipathie gegen ihn ihren Grund vorzüglich in seiner
erniedrigenden oder wenigstens für erniedrigend gehaltenen Situation seiner
blöden Miene und seinem kurzen Rock haben mochte zu dieser Verachtung gesellte
sich nun jetzt noch eine allgemeine Erbitterung gegen ihn welche den Spott
womit man ihn überhäufte so beissend wie möglich zu machen suchte 
    Und ob nun gleich nicht er sondern G  die Rolle des sterbenden Sokrates
in dem Nachspiel gemacht hatte so hieß er doch von nun an mit einem allgemeinen
Spottnamen »der sterbende Sokrates« und verlor diesen beinahe nicht eher bis
diese ganze Generation nach und nach die Schule verlassen hatte noch ein Jahr
vorher ehe er selbst die Schule verließ war er eine lange Zeit kränklich
gewesen und gar nicht aus dem Hause gekommen als er nun wieder einer Komödie
zusehen wollte welche die Primaner damals aufführten ließ man ihn zwar herein
aber man sah ihn mit einem verächtlichen höhnischen Blick an und sagte Da ist
der sterbende Sokrates so dass Reiser gleich umkehrte und traurig wieder zu
Hause ging 
    Sonst pflegt doch immer bei den Menschen eine gewisse Gutmütigkeit zu
herrschen dass sie nur denjenigen zum Gegenstande ihres Spottes machen der
gewissermaßen unempfindlich dagegen ist sehen sie hingegen dass einer durch den
Spott wirklich beleidigt und gekränkt wird so treiben sies wenigstens nicht
unaufhörlich sondern das Mitleid gewinnt doch endlich über die Spottsucht die
Oberhand
    Aber das war bei Reisern der Fall nicht  seine Gestalt verfiel von Tage zu
Tage er wankte nur noch wie ein Schatten umher es war ihm beinahe alles
gleichgültig sein Mut war gelähmt  wo er konnte suchte er die Einsamkeit 
aber das alles erweckte auch kein Fünkchen Mitleid gegen ihn  So sehr waren
aller Gemüter mit Hass und Verachtung gegen ihn erfüllt 
    Außer ihm war noch ein gewisser T  ein Gegenstand des Spottes der zum
Teil durch seine stotternde Sprache Veranlassung dazu gab  Dieser aber
schüttete den Spott ab wie das Tier mit der unempfindlichen Haut die Schläge 
Indem man seiner spottete so rechtfertigte man sich selbst damit dass ihn der
Spott nicht kränkte  Bei Reisern nahm man darauf keine Rücksicht Dies
erbitterte endlich sein Herz und machte ihn zum offenbaren Menschenfeinde
    Wo sollte nun wohl bei ihm ein rühmlicher Wetteifer Fleiß und Lust zum
eigentlichen Studieren herkommen  Er wurde ja ganz aus der Reihe
herausgedrängt  er stand einsam und verlassen da und suchte nur das wodurch er
sich immer noch mehr absondern und in sich selbst zurückziehen konnte alles
was er für sich allein auf der Stube arbeitete las und dachte machte ihm
Vergnügen aber zu allem was er in den Schulstunden mit andern gemeinschaftlich
arbeiten sollte war er träge und verdrossen es war ihm immer als ob er gar
nicht dazu gehörte 
    Das war nun die schöne Erfüllung seiner Träume von langen Reihen von Bänken
auf denen die Schüler der Weisheit saßen unter deren Zahl er sich mit Entzücken
dachte und mit denen er einst um den Preis zu wetteifern hoffte 
    Der Rektor bei dem er wohnte kam nun auch von seiner Reise wieder zurück
und hatte seine Mutter mitgebracht die seine Wirtschaft auf das genaueste
einzurichten suchte  Es wurde Winter und man dachte nicht daran Reisers
Stube zu heizen  er stand erst die bitterste Kälte aus und glaubte man würde
doch endlich auch an ihn denken  bis er hörte dass er sich bei Tage in der
Gesindestube mit aufhalten sollte 
    Nun fing er an sich um seine äußern Verhältnisse gar nicht mehr zu
bekümmern  Von seinen Lehrern sowohl als von seinen Mitschülern verachtet und
hintangesetzt  und wegen seines immerwährenden Missmuts und menschenscheuen
Wesens bei niemand beliebt gab er sich gleichsam selber in Rücksicht der
menschlichen Gesellschaft auf  und suchte sich nun vollends ganz in sich
zurückzuziehen
    Er ging zu einem Antiquarius und holte sich einen Roman eine Komödie nach
der andern und fing nun mit einer Art von Wut an zu lesen  Alles Geld was er
sich vom Munde absparen konnte wandte er an um Bücher zum Lesen dafür zu
leihen und da nach einiger Zeit der Antiquarius ihn kennen lernte und ihm ohne
jedesmalige bare Bezahlung Bücher zum Lesen liehe so hatte sich Reiser ehe er
es merkte tief in Schulden hineingelesen die so klein sie sein mochten
damals für ihn unerschwinglich waren
    Er suchte diese Schuld zum Teil durch den Verkauf seiner angeschaften
Schulbücher zu tilgen die ihm der Antiquarius für ein Spottgeld abnahm  und
ihm dafür aufs neue Bücher zum Lesen lieh bis er wieder in neue Schulden geriet
und denn wieder ängstlich auf Tilgung derselben denken musste
    Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden wie es den
Morgenländern das Opium sein mag wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme
Betäubung bringen  Wenn es ihm an einem Buche fehlte so hätte er seinen Rock
gegen den Kittel eines Bettlers vertauscht um nur eins zu bekommen  Diese
Begierde wusste der Antiquarius wohl zu nutzen der ihm nach und nach alle seine
Bücher ablockte und sie oft in seiner Gegenwart sechsmal so teuer wieder
verkaufte als er sie ihm abgekauft hatte
    Es war unter diesen Umständen keinem zu verdenken der Reisern für einen
lüderlichen aus der Art geschlagnen jungen Menschen hielt welcher seine
Schulbücher verkaufte statt seine Kenntnisse zu vermehren und den Unterricht
seiner Lehrer zu nutzen nichts als Romane und Komödien las  und dabei sein
Äußeres ganz vernachlässigte denn es war sehr natürlich dass Reiser keine Lust
zu seinem Körper hatte da er doch niemanden in der Welt gefiel  und dann wurde
auch alle das Geld was die Wäscherin und der Schneider hätten bekommen sollen
dem Bücherantiquarius hingebracht  denn das Bedürfnis zu lesen ging bei ihm
Essen und Trinken und Kleidung vor wie er denn wirklich eines Abends den
Ugolino las nachdem er den ganzen Tag nicht das mindeste genossen hatte denn
seinen Freitisch hatte er über dem Lesen versäumt und für das Geld was zum
Abendbrot bestimmt war hatte er sich den Ugolino geliehen und ein Licht
gekauft bei welchem er in seiner kalten Stube in eine wollene Decke eingehüllt
die halbe Nacht aufsass und die Hungerszenen recht lebhaft mitempfinden konnte
    Indes waren diese Stunden noch die glücklichsten welche er gleichsam aus
dem Gewirre der übrigen herausriss  seine Denkkraft war vollkommen wie berauscht
 er vergaß sich und die Welt 
    Er las auf die Weise nach der Reihe die zwölf oder vierzehn Bände durch
welche damals vom deutschen Theater heraus waren und weil er Yoriks empfindsame
Reisen mit großem Vergnügen zwei bis dreimal durchgelesen hatte so lieh er
sich auch von dem Antiquarius die empfindsamen Reisen durch Deutschland von
Schummel
    Nun hatte er damals schon angefangen sich die Titel der Bücher welche er
gelesen hatte in einem dazu bestimmten Buche niederzuschreiben und sein Urteil
dabei zu setzen das mehrmalen ziemlich richtig ausfiel wie er denn zB bei
die empfindsamen Reisen durch Deutschland von Schummel das Urteil schrieb ein
exercitium extemporaneum weil der Verfasser selbst gestand dass er alle die
verschiedenen Sachen in diesem dicken Buche bloß zusammengeschrieben habe damit
man urteilen solle zu welchem Fach in der Schriftstellerei er sich wohl am
besten schicken würde  Der Verfasser dieser empfindsamen Reisen hat nachher
dies exercitium extemporaneum durch seinen Spitzbart hinlänglich wieder
gutgemacht
    Aber nicht leicht hat Reisern bei irgendeinem Buche die Zeit welche er auf
das Lesen desselben gewandt hatte mehr gereut als bei diesen empfindsamen
Reisen 
    So lernte er nun von selbst allmählich das Mittelmässige und Schlechte von
dem Guten immer besser unterscheiden 
    Bei allem aber was er las war und blieb nun die Idee vom Theater immer bei
ihm die herrschende  in der dramatischen Welt lebte und webte er  da vergoss er
oft Tränen indem er las und ließ sich wechselsweise bald in heftige tobende
Leidenschaft des Zorns der Wut und der Rache und bald wieder in die sanften
Empfindungen des großmütigen Verzeihens des obsiegenden Wohlwollens und des
überströmenden Mitleids versetzen 
    Seine ganze äußere Lage und seine Verhältnisse in der wirklichen Welt waren
ihm so verhasst dass er die Augen davor zuzuschliessen suchte  Der Rektor rief
ihn im Hause bei seinem Namen wie man einen Bedienten ruft und einmal musste er
einen seiner Mitschüler der ein Sohn eines Freundes vom Rektor war bei
demselben zum Essen bitten und während dass dieser des Abends bei dem Rektor
speiste musste Reiser Wein holen und in der Gesindestube sein die gleich neben
der Stube war wo gespeist wurde und wo er hören konnte wie sein Mitschüler
sich mit dem Rektor unterhielt während dass er bei der Magd in der Stube saß
    Der Rektor gab verschiedene Privatstunden  wenn er nun etwa eine davon
nicht halten konnte so musste Reiser bei seinen Mitschülern mit denen er doch
auch an diesem Unterricht teilnahm herumgehen und ihnen die Privatstunde
absagen welches den Übermut derselben gegen ihn noch vermehrte
    Diese Zurücksetzung hatte ihren guten Grund in seinem Betragen  er war
unteilnehmend an allem was außer ihm vorging und zu jedem Geschäft was ihn
aus seiner Ideenwelt herauszog träge und verdrossen  Was Wunder da er an
nichts teilnahm dass man auch wieder an ihm nicht teilnahm sondern ihn
verachtete hintansetzte und vergaß
    Allein man erwog nicht dass eben dies Betragen weswegen man ihn
zurücksetzte selbst eine Folge von vorhergegangner Zurücksetzung war  Diese
Zurücksetzung welche in einer Reihe von zufälligen Umständen gegründet war
hatte den Anfang zu seinem Betragen und nicht sein Betragen wie man glaubte
den Anfang zur Zurücksetzung gemacht
    Möchte dies alle Lehrer und Pädagogen aufmerksamer und in ihren Urteilen
über die Entwicklung der Charaktere junger Leute behutsamer machen dass sie die
Einwirkung unzähliger zufälliger Umstände mit in Anschlag brächten und von
diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten ehe sie es wagten
durch ihr Urteil über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden bei dem es
vielleicht nur eines aufmunternden Blicks bedurfte um ihn plötzlich
umzuschaffen weil nicht die Grundlage seines Charakters sondern eine
sonderbare Verkettung von Umständen an seinem schlecht in die Augen fallenden
Betragen schuld war
    Anton Reisers Schicksal schien es nun einmal zu sein Wohltaten zu seiner
Qual zu empfangen  Es war Wohltat dass er ein Jahr lang bei der Frau Filter im
Hause war und in welcher peinlichen und drückenden Lage brachte er dieses Jahr
zu  Es war Wohltat dass er bei dem Rektor im Hause war nur was für unzählige
Demütigungen und Verachtung von seinen Mitschülern zog ihm dieser ihm so reizend
geschilderte Aufenthalt zu
    Dem äußern Anschein nach konnte nun auch von Reisern niemand als schlecht
urteilen  und der Rektor sagte selbst zum Pastor Marquard es würde höchstens
einmal ein Dorfschulmeister aus ihm werden  Dies hielt der Pastor Marquard
nachher Reisern wieder vor und sein Mut wurde durch dies Urteil des Rektors
über ihn dem er damals noch nicht viel Selbstgefühl entgegensetzen konnte noch
mehr niedergeschlagen
    Weil nun der Rektor sicher zu glauben schien dass aus Reisern doch nie etwas
würde so brauchte er ihn indes wozu er noch zu brauchen war nämlich zu
allerlei kleinen Diensten die er ihn in und außer dem Hause verrichten ließ 
und Reiser wurde nun im Grunde völlig wie ein Domestik betrachtet ob er gleich
ein Primaner hieß
    Einmal genoss er denn doch noch die Vorrechte eines Primaners da er von dem
Chorgelde das er erhielt seinen Teil zum Neujahrgeschenke für den Rektor mit
hergab und auch dem Aufzuge mit Fackeln beiwohnte da dem Direktor und dem
Rektor nach hergebrachter Weise zum Neujahr eine Musik gebracht und ein Vivat
gerufen wurde 
    Ob er gleich bei diesem Zuge der letzte oder einer der letzen in der Ordnung
war so erhob es doch seinen Mut außerordentlich wieder da er sich ungeachtet
der vielen Herabwürdigungen und Demütigungen die er erfahren hatte doch hier
gleichsam wieder in Reihe und Glied mit den übrigen stehen sah einen Degen
nebst einer Fackel tragen und das Vivat mit rufen durfte
    Die Musik die Zuschauer die Erleuchtung von den Fackeln die Anführer mit
Federhüten und entbössten Degen  das alles beseelte ihn wieder mit neuem Mut da
er sich in diesem glänzenden Aufzuge mit befand 
    Und da er am andern Tage mit unter der Zahl der Primaner stand und dem
Rektor mit einer lateinischen Anrede an ihn das Neujahrsgeschenk wozu Reiser
doch auch seinen Teil beigetragen hatte auf einem silbernen Teller überreicht
wurde so fühlte er sich einmal mit einigem Wohlgefallen wieder in der
wirklichen Welt  Er sah sich doch hier nicht ganz ausgeschlossen und
verdrängt  Allein wie sehr verbitterte ihm der Hass und Übermut seiner
Mitschüler auch diese kleine Aufmunterung wieder 
    Der Rektor bewirtete die Primaner welche ihm das Geschenk gebracht hatten
mit Wein und Kuchen  Diese tranken zu wiederholten Malen seine Gesundheit
wobei sie denn am Ende da ihnen der Wein in die Köpfe stieg ziemlich laut
wurden  Reiser trank einige Gläser Wein ohne schlimme Folgen zu besorgen
allein die gänzliche Ungewohnheit des Weintrinkens machte dass ihn ein paar
Gläser schon etwas berauschten nun legten es seine edeldenkenden Mitschüler
darauf an ihn gänzlich betrunken zu machen welches ihnen teils durch List und
teils durch Drohungen gelang so dass Reiser allerlei verwirrtes Zeug redete und
am Ende zu Bette gebracht werden musste 
    War nun Reiser vorher schon in dem Zutrauen und der Achtung aller derer die
ihn kannten gesunken so gab dieser Vorfall seinem guten Kredit nun vollends
den letzten Stoß  Vorher war er schon ein träger unordentlicher und
unfleissiger nun war er auch ein unmässiger und schlechter Mensch weil er in dem
Hause seines Lehrers der zugleich sein Wohltäter war durch sein unanständiges
Betragen zugleich das undankbarste Herz verraten hatte
    Alle diese Folgen sah Reiser dunkel voraus da er am andern Morgen
erwachte und indem er sich anzog machte er sich schon auf Bitte und
Entschuldigung bei dem Rektor wegen seines gestrigen Betragens gefasst 
    Er hatte seine Anrede recht gut ausstudiert und versicherte unter andern
dass er diesen Flecken auf alle Weise wieder würde auszutilgen suchen worauf ihm
denn der Rektor eben nicht sehr tröstlich antwortete dass die nachteiligen
Folgen von diesem Vorfall wenn er bekannt würde wohl schwerlich zu verhüten
sein würden
    Der Rektor hatte darin sehr recht  denn der Vorfall wurde bald bekannt und
es hieß nun Wie der junge Mensch lebt von Wohltaten selbst der Prinz wendet
so viel an ihn und da er in dem Hause seines Lehrers seines Wohltäters der
ihm Obdach gibt gastfreundlich bewirtet wird beträgt er sich so  wie
niederträchtig wie undankbar
    Ohngeachtet nun Reisern diese Folgen ahndeten und er höchst traurig darüber
war empfand er doch am andern Tage da er ins Chor kam und seine Mitschüler
über sein blasses und verwirrtes Ansehen das er noch von dem gestrigen Rausche
hatte lachten eine Art von sonderbarem Stolz gleichsam als ob er durch das
gestrige Betrinken eine gewisse Bravour bezeigt hätte dass er sogar affektierte
als ob sein Taumel noch fortdauerte um dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu
erregen 
    Denn die Aufmerksamkeit der übrigen auf ihn die diesmal mehr mit einer
gewissen Art von Beifall als mit Spott verknüpft war schmeichelte ihm  Auch
betrachteten ihn die andern so wie man einen zu betrachten pflegt der in
demselben Fall ist worin man selbst einmal war  denn der Präfektus war fast
immer betrunken  dies geheime Vergnügen welches Reiser empfand da es ihm zu
gelingen schien sich durch das Schlechte bemerkt zu machen ist wohl die
gefährlichste Klippe der Verführung woran die meisten jungen Leute zu scheitern
pflegen
    Indes wurde dieser Übermut bei Reisern sehr bald wieder gedämpft da er die
nachteiligen Folgen welche ihm der Rektor prophezeit hatte nur zu bald
empfand  Allentalben empfing man ihn mit kalten und verächtlichen Blicken 
Er ließ daher die meisten Freitische einen nach dem andern freiwillig fahren und
hungerte lieber oder aß Salz und Brot  ehe er sich diesen Blicken aussetzen
wollte  Bei dem einzigen Schuster Schantz ging er noch immer mit Vergnügen
hin denn hier wurde er nach wie vor mit freundlichen Blicken empfangen und man
ließ ihn hier nicht für sein widriges Schicksal büßen
    Er war damals weit entfernt dass er sich gegen sich selbst hätte
entschuldigen sollen  Vielmehr trauete er dem Urteil so vieler Menschen mehr
als seinem eigenen Urteil über sich selbst zu  er klagte sich oft an und machte
sich die bittersten Vorwürfe über seine Versäumnis im Studieren über sein Lesen
und über sein Schuldenmachen beim Bücherantiquarius  denn er war damals nicht
imstande sich das alles als eine natürliche Folge der engsten Verhältnisse
worin er sich befand zu erklären  In solcher Stimmung der Seele wo er gegen
sich selbst aufgebracht und seine Phantasie noch durch ein Trauerspiel das er
eben gelesen hatte erhitzt war schrieb er einmal einen verzweiflungsvollen
Brief an seinen Vater worin er sich als den größten Verbrecher anklagte und
der mit unzähligen Gedankenstrichen angefüllt war so dass sein Vater nicht
wusste was er aus dem Briefe machen sollte und für den Verstand des Verfassers
im Ernst zu fürchten anfing  Der ganze Brief war im Grunde eine Rolle die
Reiser spielte  Er fand ein Vergnügen daran sich selbst wie es zuweilen die
Helden in den Trauerspielen machen mit den schwärzesten Farben zu schildern und
dann recht tragisch gegen sich selbst zu wüten
    Da er nun niemand auf der Welt und auch sich selbst nicht einmal zum Freunde
hatte was konnte wohl anders sein Bestreben sein als sich so viel und so oft
wie möglich selbst zu vergessen
    Der Bücherantiquarius blieb daher seine immerwährende Zuflucht und ohne
diesen würde er seinen Zustand schwerlich ertragen haben den er sich nun in
manchen Stunden nicht nur erträglich sondern sogar angenehm zu machen wusste
wenn er zB bei seinem Vetter dem Perückenmacher ein kleines freilich eben
nicht glänzendes Auditorium um sich versammlen und dem mit aller Fülle des
Ausdrucks und der Deklamation die ihm nur möglich war irgendeines seiner
Lieblingstrauerspiele als Emilia Galotti Ugolino oder sonst etwas
Tränenvolles wie zB den Tod Abels von Gessner vorlesen konnte wobei er denn
ein unbeschreibliches Entzücken empfand wenn er rund um sich her jedes Auge in
Tränen erblickte und darin den Beweis las dass ihm sein Endzweck durch die
Sache die er vorlas zu rühren gelungen war 
    Überhaupt brachte er die vergnügtesten Stunden seines damaligen Lebens
entweder für sich allein oder in diesem Zirkel bei seinem Vetter dem
Perückenmacher zu wo er gleichsam die Herrschaft über die Geister führen und
sich zum Mittelpunkte ihrer Aufmerksamkeit machen konnte  denn hier wurde er
gehört  hier konnte er vorlesen deklamieren erzählen und lehren  und er ließ
sich wirklich mit den Handwerksgesellen welche dort zusammenkamen zuweilen in
Dispüte über sehr wichtige Materien als über das Wesen der Seele die
Entstehung der Dinge den Weltgeist und dergleichen ein wodurch er die Köpfe
verwirrte indem er die Aufmerksamkeit dieser Leute auf Dinge lenkte an die sie
in ihrem Leben nicht gedacht hatten 
    Mit einem Schneidergesellen insbesondre der anfing an seinen Grübeleien
Gefallen zu finden unterhielt er sich oft stundenlang  über die Möglichkeit
der Entstehung einer Welt aus nichts endlich gerieten sie auf das
Emanationssystem und auf den Spinozismus  Gott und die Welt war eins
    Wenn dergleichen Materien nicht in die Schulterminologie eingehüllt werden
so sind sie für jeden Kopf und sogar Kindern verständlich 
    Bei einem solchen Gespräch pflegte Reiser aller seiner Sorgen und seines
Kummers zu vergessen  das was ihn drückte war denn viel zu klein für ihn um
seine Aufmerksamkeit zu beschäftigen  er fühlte sich aus dem umringenden
Zusammenhange der Dinge worin er sich auf Erden befand auf eine Zeitlang
hinaus versetzt und genoss die Vorrechte der Geisterwelt  wer ihm dann zuerst in
den Wurf kam mit dem suchte er sich in philosophische Gespräche einzulassen und
seine Denkkraft an ihm zu üben 
    Indes wandte er doch seine Schulstunden ungeachtet der wenigen
Aufmunterung die er darin genoss und der vielen Demütigungen die er darin
erduldete nicht ganz unnütz an  Er schrieb bei dem Direktor neue Geschichte
Dogmatik und Logik und bei dem Rektor die Erdbeschreibung und einige
Übersetzungen lateinischer Autoren nach wodurch er denn doch immer neben seiner
Komödien  und Romanlektüre noch einige wissenschaftliche Kenntnisse auffing
und ohne es eigentlich mit Absicht zu treiben auch im Lateinischen noch einige
Fortschritte machte 
    Das war aber alles nur wie zufällig  manche Stunde versäumte er dazwischen
und manche Stunde las er während dass der Livius oder ein andrer lateinischer
Autor gelesen wurde für sich heimlich einen Roman weil er doch einmal wusste
dass der Direktor ihn nicht mehr aufzurufen würdigte  Denn wenn er in den
Schulstunden mitten unter einer Anzahl von sechs bis siebzig Menschen saß von
denen fast kein einziger sein Freund war und denen er fast insgesamt ein
Gegenstand des Spottes und der Verachtung war so musste ihm dies
natürlicherweise beständig eine sehr ängstliche Lage sein wo er sich am meisten
gedrungen fühlte sich in eine andre Welt zu träumen in der er sich besser
befand 
    Aber auch diese Zuflucht missgönnte man ihm  und indem er gerade einmal
noch ehe die Stunde anging in einem Bande vom Theater der Deutschen las so
nahm man während dass der Rektor hereintrat ihm das Buch weg und legte es dem
Rektor aufs Katheder hin dem man nun auf Befragen woher das Buch käme sagte
dass Reiser während den Stunden darin zu lesen pflegte Ein Blick voll
wegwerfender Verachtung auf Reisern war die Antwort des Rektos auf diese
Anklage
    Und dieser Blick kostete Reisern wiederum einen Teil des wenigen
Selbstzutrauens das ihm noch übrig geblieben war denn weit entfernt sich
gegen sich selbst zu entschuldigen glaubte er vielmehr diese Verachtung
wirklich zu verdienen und hielt sich in dem Augenblick ebenso sehr für ein
weggeworfnes verächtliches Wesen als ihn der Rektor nur immer dafür halten
konnte 
    Er sank durch diesen Vorfall noch tiefer als vorher in der Verachtung des
Rektors  sein äussrer Zustand verschlimmerte sich daher von Tage zu Tage und da
er einmal vergessen hatte einen Auftrag den ihm ein Fremder an den Rektor
gegeben hatte auszurichten so bediente sich der Rektor zum ersten Male des
harten Ausdrucks gegen ihn diese Vernachlässigung eines ihm gegebnen Auftrags
sei ja eine wahre Dummheit
    Dieser Ausdruck brachte auf eine lange Zeit eine Art von wirklicher
Seelenlähmung in ihm hervor  Diesen Ausdruck und das »dummer Knabe« vom
Inspektor auf dem Seminarium und das »ich meine Ihn ja nicht« von dem Kaufmann S
 hat er nie vergessen können  sie haben sich in alle seine Gedanken verwebt
und ihm lange nachher oft alle Gegenwart des Geistes in Augenblicken benommen
wo er sie am meisten bedurfte
    Ein Freund des Rektors welcher einige Wochen bei ihm logierte und für den
Reiser auch einige Gänge tun musste gab der Magd und ihm bei seinem Abschiede
ein Trinkgeld  Reiser hatte eine sonderbare Empfindung dabei da er das Geld
nahm es war ihm als ob er einen Stich erhielte wo sich der erste Schmerz
plötzlich wieder verlor  denn er dachte an den Bücherantiquarius und in dem
Augenblick war alles übrige vergessen  für das Geld konnte er mehr als zwanzig
Bücher lesen  sein beleidigter Stolz hatte sich noch zum letztenmal empört und
war nun besiegt  Reiser nahm von diesem Augenblick an keine Rücksicht mehr auf
sich selbst  und warf sich in Ansehung seiner äußern Verhältnisse völlig weg 
    Seine Kleidung die immer schlechter und unordentlicher wurde kümmerte ihn
nicht mehr
    In der Schule im Chore und wenn er auf der Straße ging dachte er sich
mitten unter Menschen wie allein  denn keiner war der sich um ihn bekümmerte
oder an ihm teilnahm  Sein eigenes äussres Schicksal war ihm daher so
verächtlich so niedrig und so unbedeutend geworden dass er aus sich selbst
nichts mehr machte an dem Schicksal einer Miss Sara Sampson einer Julie und
Romeos hingegen konnte er den lebhaftesten Anteil nehmen damit trug er sich oft
den ganzen Tag herum
    Nichts war ihm unausstehlicher als wenn die Lehrstunden geendigt waren
sich beim Herausgehen unter dem Schwarm seiner insgesamt besser gekleideten
munteren und lebhaftern Mitschüler zu befinden von denen ihn keiner mehr an
seiner Seite zu gehen würdigte  wie oft wünschte er sich in solchen
Augenblicken endlich von der Last seines Körpers befreit und durch einen
plötzlichen Tod aus diesem quälenden Zusammenhange gerissen zu werden Wenn er
denn etwa durch ein Gässchen wo niemand neben ihm ging sich den Blicken seiner
Mitschüler entziehen konnte wie froh eilte er dann in die einsamsten und
abgelegensten Gegenden der Stadt um seinen traurenden Gedanken eine Weile
ungestört nachzuhängen
    Der größte Dummkopf unter allen welcher auch allgemein verachtet war 
gesellte sich zuweilen zu ihm und Reiser nahm seine Gesellschaft mit Freuden
an denn es war doch ein Mensch der sich zu ihm gesellte  wenn er dann mit
diesem ging so hörte er oft hie und da einen seiner Mitschüler zu dem andern
sagen Par nobile Fratrum Ein edles Paar Gebrüder Mit diesem wirklichen
Dummkopf wurde er also zugleich in eine Klasse geworfen 
    Da nun der Rektor auch gesagt hatte es würde höchstens ein Dorfschulmeister
aus ihm werden so kam dies alles zusammen um Reisern sein Selbstzutrauen
gänzlich zu rauben so dass er nun fast alles Zutrauen zu seinen eignen
Verstandeskräften fahren ließ und oft im Ernst anfing sich selbst für den
Dummkopf zu halten wofür er so allgemein erkannt wurde  Dieser Gedanke artete
denn aber auch zugleich in eine Art von Bitterkeit gegen den Zusammenhang der
Dinge aus  er verwünschte in den Augenblicken die Welt und sich  weil er sich
als ein höchst verächtliches Wesen zum Spott der Welt geschaffen glaubte 
    Wie weit das Vorurteil seiner Mitschüler gegen ihn und ihre Überzeugung von
seiner angeborenen Dummheit ging davon mag Folgendes zum Beweise dienen
    Der Rektor hatte ihm erlaubt die Privatstunden welche er in seinem Hause
gab mit zu besuchen  Unter andern gab nun der Rektor auch eine englische
Stunde  Reiser hatte das Buch nicht worin gelesen wurde und konnte sich also
zu Hause nicht üben er musste mit einem andern einsehen demohngeachtet begriff
er in ein paar Wochen von bloßem Zuhören die meisten Regeln der englischen
Aussprache und da ihn der Rektor zufälligerweise auch einmal mit zum Lesen
aufrief so las er weit fertiger und besser als alle übrigen die das Buch
gehabt und sich zu Hause geübt hatten 
    Er hörte also einmal in der Nebenstube über sich sprechen der Reiser müsse
doch so dumm nicht sein weil er die schwere englische Aussprache so bald gefasst
hätte um nun diese günstige Meinung von ihm ja nicht aufkommen zu lassen
behauptete sogleich einer geradezu Reisers Vater sei ein geborner Engländer
und er erinnre sich also der englischen Aussprache noch von seiner Kindheit her
die übrigen waren sehr bereit dies zu glauben  und so war denn Reiser aufs
neue zu seiner vorigen Niedrigkeit in den Augen seiner Mitschüler herabgesunken
    Man sieht aus diesem allen dass die Achtung worin ein junger Mensch bei
seinen Mitschülern steht eine äußerst wichtige Sache bei seiner Bildung und
Erziehung ist worauf man bei öffentlichen Erziehungsanstalten bisher noch zu
wenig Aufmerksamkeit gewandt hat 
    Was Reisern damals aus seinem Zustande retten und auf einmal zu einem
fleißigen und ordentlichen jungen Menschen hätte umschaffen können wäre eine
einzige wohlangewandte Bemühung seiner Lehrer gewesen ihn bei seinen
Mitschülern wieder in Achtung zu setzen Und das hätten sie durch eine etwas
nähere Prüfung seiner Fähigkeiten und ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf ihn sehr
leicht bewirken können 
    So verstrich nun dieser Winter für ihn höchst traurig  seine kleine
Ökonomie war gänzlich zerrüttet  er hatte sich in seinem schlechten Aufzuge
nicht getraut sein monatliches Geld von dem Prinzen zu holen  Bei dem
Bücherantiquarius war er für seine Einkünfte tief in Schulden geraten  auch
hatte er seine übrigen notwendigsten Bedürfnisse an Wäsche und Schuhen von den
wenigen Groschen die er wöchentlich einnahm und dem Chorgelde das er erhielt
nicht bestreiten können da er überdem dem Bücherantiquarius alles zubrachte
    Unter diesen Umständen reiste er in den Osterferien zu seinen Eltern wo er
den Degen ansteckte mit dem er sich im Philotas erstochen hatte und nun seinen
Brüdern täglich diese Rolle noch einmal vorspielte sich auch von seinem
verlassenen Zustande und der Verachtung worin er bei seinen Mitschülern stand
hier nicht das mindeste merken ließ sondern vielmehr das Angenehme und
Ehrbringende was er von sich sagen konnte auf alle Weise heraussuchte  dass
ihn nämlich der Rektor auf einer Reise zur Gesellschaft mitgenommen dass er in
einer Privatstunde Englisch bei ihm gelernt habe dass er bei dem Aufzug mit
Fackeln und Musik gewesen und wie es dabei zugegangen sei usw
    Auch für sich selbst suchte er so viel wie möglich alles Unangenehme und
Niederdrückende aus seinen Ideen zu verbannen  denn er wollte hier nun einmal
in einem vorteilhaften ehrenvollen Lichte erscheinen so wenig beneidenswert er
auch war 
    In dieser angenehmen Selbsttäuschung brachte er hier einige Tage sehr
vergnügt zu  allein so leicht wie ihm diesmal geworden war da er aus den Toren
von Hannover gekommen und er die vier Türme der Stadt allmählich aus dem Gesicht
verloren hatte so schwer wurde ihm ums Herz da er sich diesen Toren wieder
näherte und die vier Türme wieder vor ihm dalagen die ihm gleichsam die großen
Stifte schienen welche den Fleck seiner mannigfaltigen Leiden bezeichneten
    Insbesondre war ihm der hohe eckigte und oben nur mit einer kleinen Spitze
versehene Marktturm da er ihn jetzt wieder sah ein fürchterliche Anblick 
dicht neben diesem war die Schule das Spotten Grinsen und Auszischen seiner
Mitschüler stand mit diesem Turm auf einmal wieder vor seiner Seele da  das
große Zifferblatt an diesem Turm war er gewohnt zum Augenmerk zu nehmen sooft
er die Schule besuchte um zu sehen ob er auch zu spät käme  Dieser Turm war
so wie die alte Marktkirche ganz in gotischer Bauart von roten Backsteinen
aufgebaut die vor Alter schon schwärzlich geworden waren 
    In eben dieser Gegend war es wo den Missetätern ihr Todesurteil vorgelesen
wurde  kurz dieser Marktkirchtum brachte alles in Reisers Phantasie zusammen
was nur fähig war ihn plötzlich niederzuschlagen und in eine tiefe Schwermut zu
versetzen 
    Er hätte in der Tat nicht schwermütiger sein können als er es jetzt war
wenn er auch alles das vorausgewusst hätte was ihm von nun an in diesem Orte
seines Aufenthalts noch begegnen sollte  War aber schon vor einem Jahre da er
auch von seinen Eltern nach Hannover wieder zurückkehrte seine Traurigkeit
nicht ohne Grund gewesen so war sie es diesmal noch viel weniger da ihm einer
der schrecklichsten Zeitpunkte in seinem Leben bevorstand 
    Ohne indes eine Ahndungskraft bei ihm vorauszusetzen ließ sich seine
Schwermut sehr natürlich erklären  wenn man erwägt dass seine Einbildungskraft
jeden engsten Kreis seines eigentlichen wirklichen Daseins worin er nun wieder
versetzt werden sollte schnell durchlief die Schule das Chor das Haus des
Rektors  in diesen Kreisen wovon ihn immer einer noch mehr wie der andre
einengte und alle seine Strebekraft hemmte sollte er sich von nun an wieder
drehen   wie gern hätte er in diesem Augenblick seinen ganzen Aufenthalt in
Hannover gegen den dunkelsten Kerker vertauscht der gewiss weit weniger
Fürchterliches und Schreckliches für ihn gehabt haben würde als alle diese
ängstlichen Lagen
    Indem er nun so in schwermütige Gedanken vertieft einherging und schon nahe
am Tore war schoss auf einmal wie ein Blitz ein Gedanke durch seine Seele der
alles aufhellte und wodurch sich ihm alles wieder in einem schöneren Lichte malte
 er erinnerte sich dass er schon zu Hause bei seinen Eltern gehört hatte es
wäre eine Schauspielergesellschaft nach Hannover gekommen die den Sommer über
dort spielen würde  Dies war die damalige Ackermannsche Truppe welche fast
alle die jetzt hin und her zerstreuten Zierden aller Bühnen Deutschlands in sich
vereinigte 
    Mit schnellen Schritten eilte nun Reiser der Stadt zu die ihm vorher so
verhasst und nun plötzlich wieder über alles lieb geworden war  ohne erst zu
Hause zu gehen es war noch Vormittag denn er war die Nacht an einem Orte
unterwegens geblieben von welchem er nur noch ein paar Meilen bis nach Hannover
zu gehen hatte eilte er sogleich nach dem Schloss wo er wusste dass der
Komödienzettel mit dem Personenverzeichnis angeschlagen war und las dass man an
demselben Abend noch Emilia Galotti aufführen würde 
    Sein Herz schlug ihm für Freuden da er dies las gerade dies Stück bei dem
er schon so manche Träne geweint und so oft bis ins Innerste der Seele
erschüttert worden und was bis jetzt nur noch in seiner Phantasie aufgeführt
war nun auf dem Schauplatz mit aller möglichen Täuschung wirklich dargestellt
zu sehen 
    Er wäre den Abend nicht aus der Komödie geblieben hätte es auch kosten
mögen was es gewollt hätte  da er nun zu Hause kam so wurde die Stube worin
er schlief geweisst und etwas darin gebaut wodurch sie ganz unbewohnbar gemacht
wurde  Dieser misströstende Anblick des Orts seines eigentlichsten Aufenthalts
trieb ihn noch mehr aus der wirklichen ihn umgebenden Welt hinaus  er
schmachtete nach der Stunde wann das Schauspiel anheben würde
    Wohin er kam konnte er seine Freude nicht verbergen da er bei der Frau
Filter in die Stube trat war sein erstes Wort die Komödie welches sie ihm
lange nachher vorwarf  und ebenso war es da er zu seinem Vetter dem
Perückenmacher kam wo er nun einige Nächte auf dem Boden schlafen musste
während dass seine Stube in dem Hause des Rektors erst wieder bewohnbar gemacht
wurde 
    Folgende Rollenbesetzung mag ungefähr einen Begriff davon geben was Emilia
Galotti als das erste Schauspiel das er in dieser Stimmung der Seele sah für
eine Wirkung auf ihn müsse gehabt haben
    Die verstorbene Charlotte Ackermann spielte die Emilia ihre Schwester die
Orsina und die Reinecken spielte die Klaudia Borchers den Odoardo Brockmann
den Prinzen Reineck den Appiani und Dauer den Konti  Wo mag Emilia Galotti
wohl je wieder so aufgeführt worden sein
    Wie mächtig musste Reisers Seele hier eingreifen da sie nun die Welt ihrer
Phantasie gewissermaßen wirklich gemacht fand  Er dachte von nun an keinen
andern Gedanken mehr als das Theater und schien nun für alle seine Aussichten
und Hoffnungen im Leben gänzlich verloren zu sein 
    Was er nun irgend an Geld auftreiben konnte das wurde zur Komödie
angewandt aus welcher er nun keinen Abend mehr wegbleiben konnte wenn er es
sich auch am Munde abdarben sollte  Um der Komödie willen aß er oft den ganzen
Tag über nichts als etwas Salz und Brot wenn ihm nicht etwa die alte Mutter des
Rektors Essen auf seine Stube schickte welches sie doch zuweilen aus Mitleid
tat 
    Und weil es nun Sommer war so genoss er auch der Wonne auf seiner Stube
wieder allein sein zu können  welches ihm mehr wert war als die köstlichsten
Speisen die er hätte genießen können  Die Aussicht auf die Komödie am Abend
tröstete ihn wenn er am Morgen zu einem traurigen Tage erwachte wie er denn
nie anders erwachte  Denn die Verachtung und der Spott seiner Mitschüler und
das dadurch erregte Gefühl seiner eignen Unwürdigkeit welches er allenthalben
mit sich umhertrug dauerte noch immer fort und verbitterte ihm sein Leben 
Und alles was er tat um sich hievon loszureißen war im Grunde eine bloße
Betäubung seines innern Schmerzes und keine Heilung desselben sie erwachte mit
jedem Tage wieder und während dass seine Phantasie ihm manche Stunde lang ein
täuschendes Blendwerk vormalte verwünschte er doch im Grunde sein Dasein 
    Die häufigen Tränen welche er oft beim Buche und im Schauspielhause vergoss
flossen im Grunde ebensowohl über sein eigenes Schicksal als über das Schicksal
der Personen an denen er teilnahm er fand sich immer auf eine nähere oder
entferntere Weise in dem unschuldig Unterdrückten in dem Unzufriednen mit sich
und der Welt in dem Schwermutsvollen und dem Selbstasser wieder 
    Die drückende Hitze im Sommer trieb ihn oft aus seiner Stube in die Küche
oder in den Hof hinunter wo er sich auf einen Holzhaufen setzte und las und oft
sein Gesicht verbergen musste wenn etwa jemand hereintrat und er mit
rotgeweinten Augen dasaß 
    Das war wieder the Joy of Grief die Wonne der Tränen die ihm von Kindheit
auf im vollen Masse zuteil ward wenn er auch alle übrigen Freuden des Lebens
entbehren musste
    Dies ging so weit dass er selbst bei komischen Stücken wenn sie nur einige
rührende Szenen enthielten als zB bei der Jagd mehr weinte als lachte  was
aber auch ein solches Stück damals für Wirkung tun musste kann man wieder aus
der Rollenbesetzung schließen indem die Charlotte Ackermann Röschen ihre
Schwester Hannchen die Reinecken die Mutter Schröder den Töffel Reineck den
Vater und Dauer den Christel spielte 
    Wenn irgend äußere Umstände fähig waren jemanden einen entschiednen
Geschmack am Theater beizubringen so war es Reisers Vorliebe und seine
besonderen Verhältnisse abgerechnet der Zufall welcher diese vortrefflichen
Schauspieler damals in eine Truppe zusammenbrachte
    Man kann nun leicht schließen wie Romeo und Julie die Rache von Young die
Oper Klarisse Eugenie welche Stücke auf Reisern den stärksten Eindruck
machten gegeben werden mussten 
    Dies hatte nun auch so sehr alle seine Gedanken eingenommen dass er alle
Morgen den Komödienzettel gleichsam verschlang und alles auch das der Anfang
ist präzise um halb sechs Uhr und der Schauplatz ist auf dem königlichen
Schlossteater gewissenhaft mitlas  und für einen vorzüglichen Schauspieler
den er etwa auf der Straße erblickte fast so viel Ehrfurcht wie ehemals gegen
den Pastor Paulmann in Braunschweig empfand  Alles was zum Theater gehörte
war ihm ehrwürdig und er hätte viel darum gegeben nur mit dem Lichtputzer
Bekanntschaft zu haben
    Vor zwei Jahren hatte er schon den Herkules auf dem Oeta den Grafen von
Olsbach und die Pamela spielen sehen wo Ekhof Böck Günter Hensel Brandes
nebst seiner Frau und die Seilerin die vorzüglichsten Rollen spielten und schon
von jener Zeit her schwebten die rührendsten Szenen aus diesen Stücken noch
seinem Gedächtnis vor worunter Günter als Herkules Böck als Graf von Olsbach
und die Brandes als Pamela fast jeden Tag wechselsweise einmal in seine Gedanken
gekommen waren  und mit diesen Personen hatte er denn auch bis zur Ankunft der
Ackermannschen Truppe die Stücke die er las in seiner Phantasie größtenteils
aufgeführt 
    Es fügte sich also gerade bei ihm dass er wenn jene mit diesen
zusammengenommen wurden nun alle die vorzüglichsten Schauspieler Deutschlands
zu sehen bekommen hatte die jetzt in ganz Deutschland zerstreut sind 
    Dadurch bildete sich ein Ideal von der Schauspielkunst in ihm das nachher
nirgends befriedigt wurde und ihm doch weder Tag und Nacht Ruhe ließ sondern
ihn unaufhörlich umhertrieb und sein Leben unstät und flüchtig machte 
    Weil er ehemals Böck und jetzt Brockmannen die Rollen spielen sah wobei am
meisten geweint wurde so waren diese auch seine Lieblingsakteurs mit denen
sich seine Gedanken immer am meisten beschäftigten 
    Allein bei alle den glänzenden Szenen die aus der Teaterwelt beständig
seiner Phantasie vorschwebten wurden seine äußern Umstände von Tage zu Tage zu
schlechter  Er verlor immer mehr in der Achtung der Menschen geriet immer
tiefer in Unordnung  seine Kleidung und Wäsche wurden immer schlechter so dass
er am Ende Scheu trug sich vor Menschen sehen zu lassen  er versäumte daher
so oft er konnte die Schule und das Chor und hungerte lieber als dass er
irgendeinen seiner noch übrigen Freitische besucht hätte ausgenommen den bei
dem Schuster Schantz wo er auch unter diesen misslichen Umständen noch immer
gastfreundlich empfangen und mit der liebreichsten Art bewirtet wurde 
    Da nun dem Rektor endlich Reisers inkorrigible Unordnung und insbesondere
das immerwährende späte Zuhausekommen aus der Komödie unausstehlich wurde so
sagte er ihm das Logis auf 
    Reiser hörte die Ankündigung des Rektors dass er zu Johanni ausziehen und
sich während der Zeit nach einem andern Logis umsehen sollte mit gänzlicher
Verhärtung und Stillschweigen an und da er wieder allein war vergoss er nicht
einmal eine Träne mehr über sein Schicksal  denn er war sich selbst so
gleichgültig geworden und hatte so wenig Achtung gegen sich und Mitleid mit sich
selber übrig behalten dass wenn seine Achtung und Empfindung des Mitleids und
alle die Leidenschaften wovon sein Herz überströmte nicht auf Personen aus
einer erdichteten Welt gefallen wären sie notwendig sich alle gegen ihn selbst
kehren und sein eigenes Wesen hätten zerstören müssen
    Da ihm der Rektor das Logis aufgesagt hatte so zog er daraus die sichere
Folge dass nun auch der Pastor Marquard sich nicht weiter um ihn bekümmern
würde und so war es nun auf einmal mit allen seinen Aussichten und Hoffnungen
vorbei  Die paar Wochen welche er noch bei dem Rektor blieb brachte er nach
seiner gewöhnlichen Weise zu  dann zog er bei einem Bürstenbinder ins Haus wo
nun das Vierteljahr welches er von Johanni bis zu Michaelis zubrachte das
schrecklichste und fürchterlichste in seinem ganzen Leben war und wo er oft am
Rande der Verzweiflung stand 
    Da er nun hier eingezogen war so fühlte er sich auf einmal aus alle den
Verbindungen die er vormals so ängstlich gesucht hatte herausgesetzt und zwar
wie er selbst glaubte durch seine eigne Schuld herausgesetzt  Der Prinz der
Pastor Marquard der Rektor alle die Personen von denen sein künftiges
Schicksal abhing waren nun nichts mehr für ihn und damit verschwanden zugleich
alle seine Aussichten 
    Was Wunder dass sich durch diese Veranlassung eine neue Phantasie in seiner
Seele bildete in der er von nun an Trost suchte und sie Tag und Nacht mit sich
umhertrug und welche ihn von der gänzlichen Verzweiflung rettete
    Er hatte nämlich damals unter andern die Operette Klarissa oder das
unbekannte Dienstmädchen gesehen und nicht leicht hätte in seiner Lage
irgendein Stück mehr Interesse für ihn haben können als dieses 
    Der vorzüglichste Umstand wodurch dies große Interesse bei ihm bewürkt
wurde war dass ein junger Edelmann sich entschließt ein Bauer zu werden und
auch wirklich seinen Entschluss ausführt  Reiser nahm auf die Veranlassung die
ihn dazu brachte weil er nämlich das unbekannte Dienstmädchen liebte usw gar
keine Rücksicht sondern es war ihm eine so reizende Idee dass ein gebildeter
junger Mensch sich entschließt ein Bauer zu werden und nun ein so feiner
höflicher und gesitteter Bauer ist dass er sich unter allen übrigen auszeichnet

    In dem Stande worin sich Reiser begeben war er nun einmal ganz
zurückgesetzt und es schien ihm unmöglich sich je wieder darin
emporzuarbeiten  Allein für einen Bauer hatte doch sein Geist einmal weit mehr
Bildung erhalten als es sonst zu diesem Stande bedarf  als Bauer war er über
seinen Stand erhoben als ein junger Mensch der sich dem Studieren widmet und
Aussichten haben soll fand er sich weit unter seinen Stand erniedrigt Die
Idee ein Bauer zu werden wurde also nun bei ihm die herrschende und verdrängte
eine Zeitlang alles übrige 
    Nun besuchte damals eines Bauern Sohn namens M  die Schule dem er im
Lateinischen zuweilen einigen Unterricht gegeben hatte  diesem sagte er seinen
Entschluss ein Bauer zu werden worauf ihm dann derselbe eine detaillierte
Schilderung von den eigentlichen Arbeiten eines Bauernknechtes machte die
Reisern seine schönen Träume wohl hätten verderben können wenn seine Phantasie
nicht zu stark dagegen angewürkt und nur immer die angenehmen Bilder mit Gewalt
nebeneinander gestellt hätte 
    Sonst kommt auch selbst in der Operette Klarissa schon eine Stelle vor wo
ein Bauer dem jungen Edelmann der ihm sein Gütchen abkaufen will von seinem
Vorsatz abrät  und am Ende eine sehr ausdrucksvolle Arie singt wie der
Landmann gerade im besten Arbeiten begriffen ist und auf einmal steigt ein
Gewitter auf
Die Blitze schießen
Die Donner rollen
Und der Landmann geht verdrießlich
Verdriesslich zu Hause 
Das verdrießlich insbesondere war durch die Musik so ausgedrückt dass die ganze
Zauberei der Phantasie schon durch dies einzige Wort hätte zerstört werden
können  welches gleichsam das Gegengift aller Empfindsamkeit und hohen
Schwärmerei ist womit das Schmerzhafte das Schreckliche das Niederbeugende
das in Zorn Setzende aber nur das Verdriesslichmachende nicht wohl bestehen
kann
    Aber dies Gegengift half bei Reisern nicht  er ging ganze Tage einsam für
sich umher und dachte darauf wie er es machen wollte ein Bauer zu werden ohne
doch in der Tat einen Schritt dazu zu tun  vielmehr fing er an sich in diesen
süßen Schwärmereien selbst wieder zu gefallen  wenn er sich nun als Bauer
dachte so glaubte er sich doch zu etwas Besserm bestimmt zu sein und empfand
über sein Schicksal wieder eine Art von tröstendem Mitleid mit sich selbst
    Solange ihn nun diese Phantasie noch emporhielt war er nur schwermutsvoll
und traurig aber nicht eigentlich verdrießlich über seinen Zustand  Selbst
seine Entbehrung der notwendigsten Bedürfnisse machte ihm noch eine Art von
Vergnügen indem er nun beinahe glaubte dass er für sein Verschulden doch zu
sehr büßen müsse und also noch die süße Empfindung des Mitleids mit sich selbst
behielt 
    Endlich aber nachdem er zum ersten Male drei Tage ohne zu essen zugebracht
und sich den ganzen Tag über mit Tee hingehalten hatte drang der Hunger mit
Ungestüm auf ihn ein und das ganze schöne Gebäude seiner Phantasie stürzte
fürchterlich zusammen  er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand wütete und tobte
und war der Verzweiflung nahe da sein Freund Philipp Reiser den er so lange
vernachlässigt hatte zu ihm hereintrat und seine Armut die freilich auch nur
in einigen Groschen bestand mit ihm teilte 
    Indes war dies nur ein sehr geringes Palliativ  denn Philipp Reiser befand
sich damals in nicht viel bessern Umständen als Anton Reiser
    Dieser geriet nun wirklich in einen fortdauernden fürchterlichen Zustand
der der Verzweiflung nahe war
    Sowie sein Körper immer weniger Nahrung erhielt verlosch allmählich seine
ihn sonst noch belebende Phantasie und sein Mitleid über sich selbst
verwandelte sich in Hass und Bitterkeit gegen sein eigenes Wesen Ehe er nun einen
Schritt zu der Verbesserung seines Zustandes getan oder sich an irgendeinen
Menschen nur mit dem Schein einer Bitte gewandt hätte unterwarf er sich lieber
freiwillig mit der beispiellosesten Hartnäckigkeit dem schrecklichsten Elende 
    Denn mehrere Wochen hindurch aß er wirklich die Woche eigentlich nur einen
einzigen Tag wenn er zum Schuster Schantz ging und die übrigen Tage fastete er
und hielt mit nichts als Tee oder warmen Wasser das einzige was er noch
umsonst erhalten konnte sein Leben hin  Mit einer Art von schrecklichem
Wohlbehagen sah er seinen Körper eben so gleichgültig wie seine Kleider von
Tage zu Tage abfallen
    Wenn er auf der Straße ging und die Leute mit Fingern auf ihn zeigten und
seine Mitschüler ihn verspotteten und hinter ihm her zischten und Gassenbuben
ihre Anmerkungen über ihn machten  so biss er die Zähne zusammen und stimmte
innerlich in das Hohngelächter mit ein das er hinter sich her erschallen hörte

    Wenn er aber dann wieder zum Schuster Schantz kam so vergaß er doch alles
wieder  Hier fand er Menschen hier wurde auf einige Augenblicke sein Herz
erweicht mit der Sättigung seines Körpers erhielt seine Denkkraft und seine
Phantasie wieder einen neuen Schwung und mit dem Schuster Schantz kam wieder
ein philosophisches Gespräch auf die Bahn welches oft stundenlang dauerte und
wobei Reiser wieder an zu atmen fing und sein Geist wieder Luft schöpfte  dann
sprach er oft in der Hitze des Disputierens über einen Gegenstand so heiter und
unbefangen als ob nichts in der Welt ihn niedergedrückt hätte  Von seinem
Zustande ließ er sich nicht eine Silbe merken 
    Selbst bei seinem Vetter dem Perückenmacher beklagte er sich nie wenn er
zu ihm kam und ging weg sobald er sah dass gegessen werden sollte  aber
eines Kunstgriffes bediente er sich doch wodurch es ihm gelang sich vom
Verhungern zu retten 
    Er bat sich nämlich für einen Hund den er bei sich zu Hause zu haben
vorgab von seinem Vetter die harte Kruste von dem Teig aus worin das Haar zu
den Perücken gebacken wurde und diese Kruste nebst dem Freitische bei dem
Schuster Schantz und dem warmen Wasser das er trank war es nun womit er sich
hinhielt
    Wenn nun sein Körper einige Nahrung erhalten hatte so fühlte er ordentlich
zuweilen wieder etwas Mut in sich  Er hatte noch einen alten Virgil den ihm
der Bücherantiquarius nicht hatte abkaufen wollen in diesem fing er an die
Eklogen zu lesen  Aus einer Wochenschrift die Abendstunden die er sich von
Philipp Reisern geliehen hatte fing er an ein Gedicht der Gottesleugner das
ihm vorzüglich gefiel und einige prosaische Aufsätze auswendig zu lernen 
Aber mit dem bald wieder fühlbaren Mangel an Nahrung erlosch auch dieser
aufglimmende Mut wieder und dann war die Tätigkeit seiner Seele wie gelähmt 
Um sich vor dem Zustande des tödlichen Aufhörens aller Wirksamkeit zu retten
musste er zu kindischen Spielen wieder eine Zuflucht nehmen insodern dieselben
auf Zerstörung hinausliefen
    Er machte sich nämlich eine große Sammlung von Kirsch  und Pflaumenkernen
setzte sich damit auf den Boden und stellte sie in Schlachtordnung gegeneinander
 die schönsten darunter zeichnete er durch Buchstaben und Figuren die er mit
Tinte darauf malte von den übrigen aus und machte sie zu Heerführern  dann
nahm er einen Hammer und stellte mit zugemachten Augen das blinde Verhängnis
vor indem er den Hammer bald hie bald dorthin fallen ließ  wenn er dann die
Augen wieder eröffnete so sah er mit einem geheimen Wohlgefallen die
schreckliche Verwüstung wie hier ein Held und dort einer mitten unter dem
unrühmlichen Haufen gefallen war und zerschmettert dalag  dann wog er das
Schicksal der beiden Heere gegen einander ab und zählte von beiden die
Gebliebenen
    So beschäftigte er sich oft den halben Tag  und seine ohnmächtige kindische
Rache am Schicksal das ihn zerstörte schuf sich auf die Art eine Welt die er
wieder nach Gefallen zerstören konnte  So kindisch und lächerlich dieses Spiel
jedem Zuschauer würde geschienen haben so war es doch im Grunde das
fürchterlichste Resultat der höchsten Verzweiflung die vielleicht nur je durch
die Verkettung der Dinge bei einem Sterblichen bewirkt wurde 
    Man sieht aber auch hieraus wie nahe damals sein Zustand an Raserei grenzte
 und doch war seine Gemütslage wieder erträglich sobald er sich nur erst
wieder für seine Kirsch  und Pflaumensteine interessieren konnte  ehe er aber
auch das konnte wenn er sich hinsetzte und mit der Feder Züge aufs Papier malte
oder mit dem Messer auf den Tisch kritzelte  das waren die schrecklichsten
Momente wo sein Dasein wie eine unerträgliche Last auf ihm lag wo es ihm nicht
Schmerz und Traurigkeit sondern Verdruss verursachte  wo er es oft mit einem
fürchterlichen Schauder der ihn antrat von sich abzuschütteln suchte  Seine
Freundschaft mit Philipp Reisern konnte ihm damals nicht zustatten kommen weil
es jenem nicht viel besser ging  und so wie zwei Wandrer die zusammen in einer
brennenden Wüste in Gefahr vor Durst zu verschmachten sind indem sie forteilen
eben nicht imstande sind viel zu reden und sich wechselsweise Trost
einzusprechen so war dies auch jetzt der Fall zwischen Anton Reisern und
Philipp Reisern
    Allein eben der G  welcher einst den sterbenden Sokrates gespielt hatte
wovon Reiser noch immer den Spottnamen trug entschloss sich bei ihm zu ziehen
und war auch gerade in denselben Umständen wie Reiser nur mit dem Unterschiede
dass er durch wirkliche Liederlichkeit hineingeraten war  an ihm fand also
Reiser nun einen würdigen Stubengesellschafter
    Es dauerte nicht lange so zog auch der Bauernsohn namens M zu diesen
beiden der ebenfalls in keinen bessern Umständen war  Es fand sich also hier
eine Stubengesellschaft von drei der ärmsten Menschen zusammen die vielleicht
nur je zwischen vier Wänden eingeschlossen waren 
    Mancher Tag ging hin wo sie sich alle drei mit nichts als gekochtem Wasser
und etwas Brot hinhielten  Indes hatten G  und M  doch noch einige
Freitische 
    G  war im Grunde ein Mensch von Kopf der sehr gut sprach und gegen den
Reiser sonst immer viel Achtung empfunden hatte
    Einmal bekamen beide auch noch eine Anwandlung von Fleiß und fingen an
Virgils Eklogen zusammen zu lesen wobei sie wirklich das reinste Vergnügen
genossen nachdem sie eine Ekloge mit vieler Mühe für sich selbst herausgebracht
hatten und nun ein jeder eine Übersetzung davon niederschrieb  allein dies
konnte natürlicherweise unter den Umständen nicht lange dauern  sobald ein
jeder seine Lage wieder lebhaft empfand so war aller Mut und Lust zum Studieren
verschwunden 
    In Ansehung der Kleidung war es mit G  und M  ebenso schlecht wie mit
Reisern bestellt  sie machten daher wenn sie ausgingen zusammen einen Aufzug
der das wahre Bild der Liederlichkeit und Unordnung schien so dass man mit
Fingern auf sie wies weswegen sie denn auch immer auf Abwegen und durch enge
Straßen aus der Stadt zu kommen suchten wenn sie spazieren gingen
    Diese drei Leute führten nun auch völlig ein Leben wie es mit ihrem
Zustande übereinstimmte  sie blieben oft den ganzen Tag im Bette liegen  oft
saßen sie alle drei zusammen den Kopf auf die Hand gestützt und dachten über
ihr Schicksal nach oft trennten sie sich und ein jeder ließ für sich seiner
Laune freien Lauf  Reiser ging auf den Boden und musterte seine Kirschkerne  M
 ging bei sein großes Brot das er sorgfältig in einem Koffer verschlossen
hatte  und G  lag auf dem Bette und machte Projekte die denn nicht die
besten waren wie sich bald nachher zeigte  Zwei Bücher las doch Reiser
damals weil er kein anders hatte zu verschiedenen Malen durch indem er auf
dem Boden zwischen seinen Kirschkernen saß  das waren die Werke des Philosophen
von Sanssouci und Popens Werke nach Duschens Übersetzung die er beide von dem
Schuster Schantz geliehen bekommen hatte
    Diese drei Leute gingen nun auch eines Tages zusammen in einer schönen
Gegend von Hannover längs dem Fluss spazieren in welchem sich eine kleine Insel
erhob die ganz voller Kirschbäume stand 
    Für unsre drei Abenteurer waren diese Kirschbäume die alle voll der
schönsten Kirschen saßen ein so einladender Anblick dass sie sich des Wunsches
nicht enthalten konnten auf diese Insel versetzt zu sein um sich an dieser
herrlichen Frucht nach Gefallen sättigen zu können
    Nun fügte es sich gerade dass eine Menge Flossholz den Fluss
hinuntergeschwommen kam welches sich in der Verengung des Flusses zwischen dem
Ufer und der Insel zuweilen stopfte und eine anscheinende Brücke bis zu der
Insel bildete
    Unter G s Anführung der in der Ausführung solcher Projekte schon geübt
zu sein schien wurde nun ein Wagestück unternommen das leicht allen dreien das
Leben hätte kosten können  Sie zogen nämlich da wo das Flossholz sich gestopft
hatte ein Stück nach dem andern aus dem Wasser heraus und trugen es alle auf
einen Fleck wo ihnen die Passage über den Fluss zwischen dem Ufer und der Insel
am engsten zu sein schien und nun bauten sie die Brücke worüber sie gehen
wollten erst vor sich her indem sie ein Stück Holz nach dem andern vor sich
hinwarfen um festen Fuß zu fassen  natürlicherweise musste diese Brücke unter
ihnen zu sinken anfangen und sie kamen sehr tief ins Wasser ehe sie kaum die
Hälfte ihres gefährlichen Weges zurückgelegt hatten  endlich landeten sie denn
doch obgleich mit Lebensgefahr auf der Insel an 
    Und nun bemächtigte sich aller dreier auf einmal ein Geist des Raubes und
der Gier dass ein jeder über einen Kirschbaum herfiel und ihn mit einer Art von
Wut plünderte 
    Es war als hätte man eine Festung mit Sturm erobert man wollte für die
überstandene Gefahr die man sich selbst gemacht hatte Ersatz haben und dafür
belohnt sein
    Da man sich sattgegessen hatte wurden alle Taschen Schnupftücher
Halstücher Hüte und was nur etwas in sich fassen konnte von Kirschen
vollgestopft  und in der Dämmerung wurde der Rückweg über die gefährliche
Brücke wovon indes schon ein Teil weggeschwommen war wieder angetreten und
ungeachtet der Beute womit die Abenteurer belastet waren mehr durch Zufall
als Geschicklichkeit oder Behutsamkeit glücklich geendet
    Reiser fand sich zu dergleichen Expeditionen gar nicht übel aufgelegt  dies
deuchte ihm eigentlich nicht Diebstahl sondern nur gleichsam eine Streiferei in
ein feindliches Gebiet zu sein die wegen des Muts der dabei erfordert wird
immer noch eine ehrenvolle Sache ist 
    Und wer weiß zu welchen Wagestücken von der Art er noch unter G s
Anführung mit geschritten wäre wenn er länger bei diesem gewohnt hätte 
    Allein dieser G  gehörte denn doch im Grunde mehr zu den abgefeimten als
zu den herzhaften Parteigängern  denn er war niederträchtig genug selbst seine
beiden Stubengesellschafter und Gefährten Reisern und M  zu bestehlen
indem er ihnen ein paar Bücher und andre Sachen die sie noch hatten nahm und
heimlich verkaufte wie sich nachher zeigte  Kurz dieser G  mit dem
Reiser so nahe zusammen wohnte war im Grunde ein abgefeimter Spitzbube der
wenn er den ganzen Tag über auf dem Bette lag und nachsann auf nichts als
Bübereien dachte die er ausführen wollte  und der demohngeachtet von Tugend
und Moralität sprechen konnte wie ein Buch wodurch er Reisern zuerst eine
solche Ehrfurcht gegen ihn eingeflößt hatte
    Denn von der Tugend hatte er sich damals ein sonderbares Ideal gemacht
welches seine Phantasie so sehr einnahm dass ihn oft schon der Name Tugend bis
zu Tränen rührte 
    Er dachte sich aber unter diesem Namen etwas viel zu Allgemeines und dachte
dies Allgemeine viel zu dunkel und mit zu weniger Anwendung auf besondere
Vorfälle als dass es ihm je hätte gelingen können auch den aufrichtigsten
Vorsatz tugendhaft zu sein auszuführen  denn er dachte immer nicht daran wo
er nun eigentlich anfangen sollte 
    Einmal kam er an einem schönen Abend von einem einsamen Spaziergang zu
Hause und der Anblick der Natur hatte sein Herz zu sanften Empfindungen
geschmolzen dass er viele Tränen vergoss und sich in der Stille gelobte von nun
an der Tugend ewig getreu zu sein  und da er diesen Vorsatz fest gefasst hatte
so empfand er ein so himmlisches Vergnügen über diesen Entschluss dass es ihm nun
fast unmöglich schien je von diesem beglückenden Vorsatze wieder abzuweichen 
Mit diesen Gedanken schlief er ein  und da er am Morgen erwachte so war es
wieder so leer in seinem Herzen die Aussicht auf den Tag war so trübe und öde
alle seine äußern Verhältnisse waren so unwiederbringlich zerrüttet ein
unüberwindlicher Lebensüberdruss trat an die Stelle der gestrigen Empfindung
womit er einschlief  er suchte sich vor sich selbst zu retten und machte den
Anfang tugendhaft zu sein damit dass er auf den Boden ging und in
Schlachtordnung gestellte Kirschkerne zerschmetterte 
    Dies nun zu unterlassen und statt dessen etwa in dem alten Virgil den er
noch hatte eine Ekloge zu lesen wäre der eigentliche Anfang zur Ausübung der
Tugend gewesen  aber auf diesen zu geringfügig scheinenden Fall hatte er sich
bei seinem heldenmütigen Entschlusse nicht gefasst gemacht
    Wenn man die Begriffe der Menschen von der Tugend prüfen wollte so würden
sie vielleicht bei den meisten auf ebensolche dunkle und verworrene
Vorstellungen hinauslaufen  und man sieht wenigstens hieraus wie unnütz es
ist im allgemeinen und ohne Anwendung auf ganz besondere und oft geringfügig
scheinende Fälle von Tugend zu predigen 
    Reiser wunderte sich damals oft selbst darüber wie seine plötzliche
Anwandlung von Tugendeifer so bald verrauchen und gar keine Spur zurücklassen
konnte  aber er erwog nicht dass Selbstachtung welche sich damals bei ihm nur
noch auf die Achtung anderer Menschen gründen konnte die Basis der Tugend ist 
und dass ohne diese das schönste Gebäude seiner Phantasie sehr bald wieder
zusammenstürzen musste
    Sooft es ihm während dieses Zustandes noch möglich gewesen war einige
Groschen zusammenzubringen so oft hatte er sie auch in die Komödie getragen 
da aber die Schauspielergesellschaft in der Mitte des Sommers wieder wegzog so
war nun eine Wiese vor dem neuen Tore nicht nur das Ziel seiner Spaziergänge
sondern fast sein immerwährender Aufenthalt  er lagerte sich hier zuweilen den
ganzen Tag auf einen Fleck im Sonnenschein hin oder ging längs dem Fluße
spazieren und freute sich vorzüglich wenn er in der heißen Mittagsstunde keinen
Menschen um sich her erblickte 
    Indem er hier ganze Tage lang seinen melancholischen Gedanken nachhing
näherte sich seine Einbildungskraft unvermerkt mit großen Bildern welche sich
erst ein Jahr nachher allmählich zu entwickeln anfingen 
    Sein Lebensüberdruss aber wurde dabei aufs äußerste getrieben oft stand er
bei diesen Spaziergängen am Ufer der Leine lehnte sich in die reissende Flut
hinüber indes die wunderbare Begier zu atmen mit der Verzweiflung kämpfte und
mit schrecklicher Gewalt seinen überhängenden Körper wieder zurückbog 
 
                                  Dritter Teil
                                     Vorrede
                                     1786
Mit dem Schluss dieses Teils heben sich Anton Reisers Wanderungen und mit ihnen
der eigentliche Roman seines Lebens an Das in diesem Teil Entaltne ist eine
getreue Darstellung der Szenen seiner Jünglingsjahre welche andern denen diese
unschätzbare Zeit noch nicht entschlüpft ist vielleicht zur Lehre und Warnung
dienen kann Vielleicht enthält auch diese Darstellung manche nicht ganz unnütze
Winke für Lehrer und Erzieher woher sie Veranlassung nehmen könnten in der
Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer und in ihrem Urteil über dieselben
gerechter und billiger zu sein
 
Auf diese Weise brachte er zwölf schreckliche Wochen seines Lebens zu bis ihn
endlich der Pastor Marquard durch die dritte Hand selbst wissen ließ dass er
sich seiner wieder annehmen wolle sobald er sich zur ernstlichen Abbitte und
Reue über sein Betragen bequemte
    Dies erweichte endlich sein Herz da er überdem seines hartnäckigen Trotzes
und des darauffolgenden langwierigen Elendes müde war Er setzte sich hin und
schrieb einen langen Brief an den Pastor Marquard worin er sich selbst mit der
größten Erbitterung gegen sich herabsetzte  sich als den unwürdigsten Menschen
schilderte den je die Sonne beschienen habe   und sich kein besser Schicksal
prophezeite als dass er dereinst vor Armut und Dürftigkeit unter freiem Himmel
das Ende seines Lebens finden würde   Kurz dieser Brief war in den
überspanntesten Ausdrücken der Selbstverachtung und Selbsterabwürdigung die
man sich nur denken kann abgefasst und war doch nichts weniger als Heuchelei 
    Reiser hielt sich wirklich damals für ein Ungeheuer von Bosheit und
Undankbarkeit und schrieb den ganzen Brief an den Pastor Marquard mit einer
Erbitterung gegen sich selbst nieder wie sie vielleicht nur bei irgendeinem
Menschen möglich ist   er dachte nicht daran sich zu entschuldigen sondern
sich noch immer mehr anzuklagen 
    Indes sah er doch so viel ein dass die Wut Romanen und Komödien zu lesen
und zu sehen die nächste Veranlassung seines gegenwärtigen Zustandes war  aber
wodurch ihm das Lesen von Romanen und Komödien zu einem so notwendigen Bedürfnis
geworden war  alle die Schmach und die Verachtung wodurch er schon von seiner
Kindheit aus der wirklichen in eine idealische Welt verdrängt worden war 
darauf zurückzugehen hatte seine Denkkraft damals noch nicht Stärke genug darum
machte er sich nun selbst unbilligere Vorwürfe als ihm vielleicht irgendein
anderer würde gemacht haben  in manchen Stunden verachtete er sich nicht nur
sondern er hasste und verabscheuete sich 
    Die Beichte welche er daher dem Pastor Marquard in dem an ihn gerichteten
Briefe ablegte war schrecklich und einzig in ihrer Art  so dass der Pastor
Marquard erstaunte da er sie las  denn vielleicht war ihm in seinem Leben nie
so gebeichtet worden 
    Da Reiser diesen Brief abgegeben hatte so wartete er nur darauf wann er
bei dem Pastor Marquard würde vorgelassen werden und es wurde ihm ein Tag
bestimmt welchem er nun mit sonderbaren vermischten Empfindungen von Furcht
und Hoffnung und resignierter Verzweiflung entgegensah 
    Er hatte sich dabei auf eine sehr teatralische Szene gefasst gemacht die
ihm aber gänzlich missling  Er wollte nämlich dem Pastor Marquard zu Füßen
fallen und seinen ganzen Zorn auf sich herab erbitten  Die ganze Anrede an ihn
hatte er sich schon in seinen Gedanken entworfen und nun trug er sich beständig
mit dieser Idee herum wo er ging und stund bis zu dem Tage wo er bei dem
Pastor Marquard sollte vorgelassen werden 
    Allein während der Zeit ereignete sich für ihn ein höchst verdrießlicher
Umstand  Sein Vater hatte von seinem Zustande gehört und war nach Hannover
herübergekommen um Fürbitte für ihn einzulegen welches Reisern deswegen höchst
unangenehm war weil er keiner fremden Fürsprache zu bedürfen glaubte sondern
sich selbst schon für fähig genug hielt durch seine affektvolle Anrede die er
sich erlernt hatte das Herz des Pastor Marquard zu rühren 
    Endlich erwachte er zu dem wichtigen Tage wo er den Pastor Marquard
sprechen sollte   und seine Phantasie ging nun mit lauter großen Dingen
schwanger  wie er voll Reue und Verzweiflung sich dem Pastor Marquard zu Füßen
werfen  und dieser ihn dann gerührt aufheben  und ihm verzeihen würde 
    Und da er nun endlich in das Haus des Pastor Marquard kam und sich diesem so
lange vorbereiteten Auftritte mit schauervoller Sehnsucht näherte indem er
draußen wartete bis man ihn hereinrufen würde kam endlich der Bediente heraus
und sagte ihm er solle nur hereinkommen sein Vater sei schon bei dem Pastor
Marquard
    Diese Nachricht war ein Donnerschlag für ihn  er stand eine Weile wie
betäubt da  in dem Augenblick scheiterte sein ganzer Plan  er wollte den
Pastor Marquard ohne Zeugen sprechen denn nur ohne Zeugen fühlte er sich
imstande die ganze Szene mit dem Niederknieen vor dem Pastor Marquard und der
rührenden und patetischen Anrede an ihn zu spielen  In Gegenwart eines
Dritten und vorzüglich in Gegenwart seines Vaters vor dem Pastor Marquard
niederzuknieen war ihm unmöglich 
    Er schickte den Bedienten wieder herein und ließ sagen er müsste den Pastor
Marquard notwendig allein sprechen  Dies Gespräch wurde ihm abgeschlagen und
statt der glänzenden und rührenden Szene die er zu spielen dachte musste er
nun indem er hereintrat ohne ein einziges Wort von seiner ganzen
längstentworfenen Anrede vorbringen zu können durch die Gegenwart seines Vaters
bis zur Verachtung gedemütigt wie ein Missetäter dastehen 
    Es bemächtigte sich seiner hiebei ein Gefühl das er in seinem Leben noch
nicht gekannt hatte  seinen Vater neben sich in bittender Stellung vor dem
Pastor Marquard stehen zu sehen war ihm unerträglich  alles in der Welt hätte
er darum gegeben dass dieser in dem Augenblick hundert Meilen weit entfernt
gewesen wäre 
    Er fühlte sich in seinem Vater doppelt gedemütigt und beschämt  und dann
kam der Verdruss dazu dass ihm die ganze Fussfallszene misslungen war  alles ging
nun so kalt so gemein so gewöhnlich zu   Reiser stand so unausgezeichnet wie
ein ganz gemeiner alltäglicher Bösewicht da dem man über sein Betragen die
verdienten Vorwürfe macht  und er wollte sich doch selbst als einen recht
großen Bösewicht schildern und selbst die härteste Strafe für sein Verbrechen
nun auf sich herab erbitten 
    Allein kein Zufall in seinem Leben fügte sich vielleicht mehr zu seinem
wahren Vorteil als eben dieser  Wäre es ihm diesmal mit der angelegten Szene
gelungen wer weiß wozu er in der Folge noch geschritten und was für Rollen er
würde gespielt haben Vielleicht war dies eben der entscheidende Augenblick wo
sein Schicksal ob er ein Heuchler und Spitzbube werden oder ein aufrichtiger
und ehrlicher Mensch bleiben sollte auf der Spitze stand 
    Die ganze Fussfallszene wäre doch im Grunde obgleich nicht offenbare
Heuchelei und Verstellung doch wenigstens Affektation gewesen und der Übergang
von der Affektation zur Heuchelei und Verstellung wie leicht ist der 
    Es war gewiss eine wahre Wohltat für Reisern dass der Pastor Marquard alle
die überspannten Ausdrücke in seinem Briefe keiner Aufmerksamkeit würdigte und
statt dadurch gerührt zu sein sie lächerlich fand und sie für die unreife
Geburt einer durch Romanen und Komödienlektüre erhitzen Phantasie erklärte mit
dem Beifügen wenn Reiser wirklich so ein Bösewicht wäre als er sich in dem
Briefe geschildert hätte so würde er sich nicht das mindeste mehr um ihn
bekümmern sondern ihn als ein Ungeheuer verabscheuen 
    Und statt sich nun weiter in Erklärungen einzulassen dass ihm das Vergangene
verziehen sein solle wenn er künftig sich anders betrüge und dergleichen kam
der Pastor Marquard auf eine gar nicht empfindsame Art sogleich auf Reisers
zerrissene Schuhe und Strümpfe und auf die Schulden die er gemacht hatte und
wie diese nun bezahlt und seine zerrissenen Kleidungsstücke wieder hergestellt
wurden sollten  Nicht einmal zu feierlicher Angelobung künftiger Besserung
oder so etwas Rührendem ließ er Reisern kommen  Sein ganzes Benehmen gegen
ihn ob er sich gleich seiner nun wieder annahm war rau und hart  aber eben
dies raue und harte Betragen war es was Reisern aus seinem Schlummer weckte
und ihn aus seiner idealischen Romanen und Komödienwelt wieder in die wirkliche
Welt versetzte insbesondere da ihm sein Roman den er mit dem Pastor Marquard
zu spielen gedachte misslungen war und er doch nun auch wieder aus seinem
schrecklichen Zustande durch keine leere Phantasie ein Bauer zu werden und
dergleichen sondern wirklich herausgerissen werden sollte 
    Unzählige gute Vorsätze und Entschließungen drängten sich nun mit dieser
Wendung seines Schicksals in seiner Seele wieder empor die misslungene
Fussfallszene schmerzte ihn zwar noch immer endlich aber söhnte er sich auch
darüber mit dem Schicksal aus  und so fing nun eine neue Epoche seines Lebens
an 
    Er zog von dem Bürstenbinder aus und wurde bei einem Schneider eingemietet
bei dem er in derselben Stube wohnen und auf dem Boden schlafen musste  Die
Frau Filter und der Hofmusikus welche in demselben Hause wohnten nahmen sich
seiner wieder an indem sie ihm wöchentlich einmal zu essen gaben 
    Die Frau Filter ließ ihn das kleine Mädchen welches sie bei sich hatte im
Schreiben und im Katechismus unterrichten  er besuchte die Schule wieder
regelmäßig man schöpfte wieder neue Hoffnung von ihm  selbst der Prinz ließ
ihn zu sich kommen und sprach ihn in Gegenwart des Pastor Marquard der das Geld
zu seiner Unterstützung vom Prinzen für ihn in Empfang nahm und damit seine
Schulden tilgte
    So ging nun alles wieder so weit gut  und er fing nun an wieder fleißig zu
sein  obgleich seine äußere Situation auch hier seinem Studieren eben nicht zu
günstig war  denn in der Stube des Schneiders hatte er nichts wie sein
angewiesenes Plätzchen wo sein Klavier stand das ihm zugleich zum Tische
diente und unter welchem er zugleich seine ganze Bibliothek in ein kleines
Bücherbrett aufgestellt hatte  Wenn er nun für sich las und arbeitete so
konnte er um sich her nicht Stille gebieten und solange der Winter dauerte war
er doch genötigt in der Stube seines Wirts zu bleiben  im Sommer zog er mit
seinem Klavier und Büchern auf den Boden wo er schlief und einsam und ungestört
war 
    Er war kaum einige Wochen aus seinem vorigen Logis und von seinen vorigen
Stubengesellschaftern G  und M  weggezogen so ereignete sich ein
fürchterlicher Vorfall der ihn die Größe und Nähe der Gefahr in welcher er
geschwebt hatte sehr lebhaft empfinden ließ 
    G  wurde nämlich eines Tages da er im Chore sang auf öffentlicher
Straße in Verhaft genommen und sogleich geschlossen in eines der tiefsten
Gefängnisse auf dem  Tore gebracht welches nur für die ärgsten Missetäter
bestimmt ist 
    Reisern ergriff Beben und Entsetzen da er ihn hinführen sah  und was das
sonderbarste war so machte der Gedanke man möchte ihn etwa für einen
Mitschuldigen des noch unbekannten Verbrechens seines ehemaligen
Stubengesellschafters halten dass sich gerade solche Merkmale der Scham und
Verwirrung bei ihm äußerten als wenn er wirklich ein Mitschuldiger gewesen wäre
so dass seine Angst beinahe so groß wurde als ob er wirklich selbst ein
Verbrechen begangen hätte Dies war eine natürliche Folge seines von Kindheit an
unterdrückten Selbstgefühls das damals nicht stark genug war den Urteilen
anderer von ihm zu widerstehen  hätte ihn jedermann für einen offenbaren
Verbrecher gehalten so würde er sich zuletzt vielleicht auch dafür gehalten
haben 
    Endlich kam es denn heraus dass sein ehemaliger Stubengesellschafter G 
einen Kirchenraub begangen Tressen von Altardecken bei der Nacht entwendet und
um die in den Stühlen verwahrten mit Silber beschlagenen Gesangbücher zu
stehlen sogar Schlösser aufgebrochen hatte
    Das waren denn die Projekte gewesen auf welche er ganze Tage hindurch auf
dem Bette liegend gesonnen und gegrübelt hatte
    Den eigentlichen Kirchenraub aber hatte er erst verübt nachdem Reiser schon
von ihm weggegangen war ob er gleich vorher sich schon verschiedener Diebereien
schuldig gemacht hatte
    Auf sein Verbrechen stand nun eigentlich der Strang  und Reisern wandelte
immer die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal an sooft er dachte wie nahe er
diesem Menschen gewesen war und wie leicht er stufenweise von ihm zu einem
Wagstück nach dem andern hätte verführt werden können da mit der Expedition auf
der Kirscheninsel schon ein so heroischer Anfang gemacht worden war  Reiser
würde in dem nächtlichen Kirchenraube immer auch mehr Heroisches als
Niederträchtiges gefunden haben und es würde G  vielleicht nicht schwerer
geworden sein ihn zur Teilnehmung an einer solchen Expedition als zu der auf
der Kirscheninsel zu bereden
    Wer weiß ob nicht auch diese Reflexion oder dies dunkle Bewusstsein mit zu
Reisers Verwirrung beitrug sooft von G  gesprochen wurde  es deuchte ihm
nur noch ein so kleiner Schritt zwischen ihm und dem Verbrechen zu dem er hätte
verleitet werden können dass es ihm ging wie einem dem vor einem Abgrunde
schwindelt von welchem er noch weit genug entfernt ist um nicht
hereinzustürzen der sich aber dennoch selbst durch seine Furcht unaufhaltsam
hingezogen fühlt und schon in dem Abgrunde zu versinken glaubt 
    Die leichte Möglichkeit an G s Verbrechen teilzunehmen welche Reiser
bei sich empfand erweckte bei ihm fast ein ähnliches Gefühl als ob er wirklich
daran teilgenommen hätte woraus sich also seine Angst und Verwirrung sehr gut
erklären lässt
    Indes kam es mit G  so weit nicht dass er gehangen wurde sondern nachdem
er einige Monate im Gefängnis gesessen hatte ward sein Urteil dahin gemildert
dass er über die Grenze gebracht und des Landes verwiesen wurde  Reiser hat von
seinem Schicksale nachher nichts weiter erfahren können  So endigte es sich
also mit dem eigentlichen sterbenden Sokrates von welchem Reiser so lange den
Spottnamen tragen musste da er doch nicht den sterbenden Sokrates selbst
sondern nur einen unbedeutenden Freund desselben vorgestellt hatte der nicht
viel mehr tat als dass er in einem Winkel stand und weinte indes der sterbende
Sokrates zur Rührung aller Zuschauer den Giftbecher trinken und sich auf dem
Todbette noch in dem glänzendsten Lichte zeigen konnte
    Reiser hatte damals schon seit länger als einem Jahre angefangen sich ein
Tagebuch zu machen worin er alles was ihm begegnete aufschrieb  Dies
Tagebuch geriet denn ziemlich sonderbar weil er keinen einzigen Umstand seines
Lebens und keinen einzigen von den Vorfallenheiten des Tages er mochte so
unbedeutend sein wie er wollte darin ausliess  Da er nun nur lauter wirkliche
Begebenheiten und seine Phantasien die er den Tag über hatte nicht mit
aufschrieb so mussten die Erzählungen von den Begebenheiten des Tages ebenso
kahl und abgeschmackt und ohne alles Interesse sein wie diese Begebenheiten
selbst waren Reiser lebte im Grunde immer ein doppeltes ganz voneinander
verschiedenes inneres und äußeres Leben und sein Tagebuch schilderte gerade den
äußern Teil desselben der gar nicht der Mühe wert war aufgezeichnet zu werden
 Den Einfluss der äußern  würklichen Vorfälle auf den innern Zustand seines
Gemüts zu beobachten verstand Reiser damals noch nicht seine Aufmerksamkeit
auf sich selbst hatte noch nicht die gehörige Richtung erhalten 
    Indes verbesserte sich doch sein Tagebuch mit der Zeit indem er anfing
nicht nur seine Begebenheiten sondern auch seine Vorsätze und Entschließungen
darin aufzuzeichnen um nach einiger Zeit zu sehen was er davon in Erfüllung
gebracht hatte  Er machte sich schon damals selber Gesetze die er in seinem
Tagebuche aufschrieb um sie in Erfüllung zu bringen  Auch tat er sich selbst
zuweilen feierliche Gelübde zB früh aufzustehen den Tag seine Stunden
ordentlich einzuteilen und dergleichen mehr 
    Aber es war sonderbar  gerade die feierlichsten Vorsätze welche er fasste
pflegten gemeiniglich am spätesten und kältesten in Erfüllung zu gehen  wenn es
zur Ausführung im kleinen kam so war das Feuer der Phantasie erloschen womit
er sich die Sache im ganzen und mit allen ihren angenehmen Folgen
zusammengenommen gedacht hatte  wenn er sich hingegen alles schlechtweg und
ohne allen Prunk und Feierlichkeit vornahm so ging die Ausführung oft weit eher
und besser vonstatten 
    An guten Vorsätzen war er unerschöpflich  Dies machte ihn aber auch
beständig mit sich selber unzufrieden weil der guten Vorsätze zu viele waren
als dass er sich selber jemals hätte ein Genüge tun können 
    Drei Tage wo er einmal ununterbrochen mit sich zufrieden gewesen war
zeichnete er als eine große Merkwürdigkeit in seinem Leben auf welche es auch
wirklich für ihn war  denn diese drei Tage waren fast so lange er denken
konnte die einzigen in ihrer Art  Es war aber gerade diese drei Tage über ein
glücklicher Zusammenfluss von Umständen heiteres Wetter gesundes Blut
freundiche Gesichter bei denen Personen zu denen er kam und wer weiß was mehr
wodurch ihm die Ausführung seiner guten Vorsätze nun merklich erleichtert wurde

    Er nahm übrigens zu allerlei Mitteln seine Zuflucht um sich fromm und
tugendhaft zu erhalten  Vorzüglich suchte er alle Morgen edle und gute
Gesinnungen in sich zu erwecken indem er Popens allgemeines Gebet das er sich
englisch aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte hersagte und wirklich
sooft er es sagte dadurch gerührt und zu guten Vorsätzen und Entschließungen
aufs neue belebt wurde  Dann hatte er eine Anzahl Lebensregeln aus einem Buche
ausgeschrieben die er des Tages über zu gewissen bestimmten Zeiten las  und
ein paar Chorarien welche etwas zur Tugend und Frömmigkeit vorzüglich
Aufmunterndes hatten wurden ebenfalls täglich zu bestimmten Stunden sehr
gewissenhaft von ihm gesungen 
    Wären nun hiebei seine äußern Verhältnisse nur etwas günstiger und
aufmunternder geworden so hätte Reiser mit diesen Vorsätzen und Bestrebungen
die doch bei einem jungen Menschen in seinem Alter er war damals etwas über
sechszehn Jahr wohl sehr selten sind ein Muster von Tugend werden müssen
    Aber dies war es was ihn immer wieder niederschlug die Meinung der
Menschen von ihm welche er mit Gewalt nicht umändern konnte und die doch
ohnerachtet aller seiner Bestrebungen ein bessrer Mensch zu werden sich nicht
ganz wieder zu seinem Vorteil lenken wollte  er schien es nun einmal zu sehr
verdorben und zu sehr die Erwartung aller von ihm getäuscht zu haben als dass er
sich je die vorige Achtung und Liebe der Menschen hätte wieder erwerben können

    Insbesondre war ein Verdacht auf ihn gefallen der ihn sehr
unverdienterweise traf  dies war der Verdacht der Lüderlichkeit weil er bei
einem so lüderlichen Menschen wie G  war gewohnt hatte  Reiser war so
weit hievon entfernt dass ihm drei Jahre nachher da er zufälligerweise ein
anatomisches Buch zu sehen bekam über gewisse Dinge ein Licht aufging wovon
damals seine Begriffe noch sehr dunkel und verworren waren
    Sein Lesen aber bei dem Bücherantiquarius und sein Komödiengehn wurde ihm am
schlimmsten ausgeleget und immer noch für ein unverzeihliches Vergehen gehalten

    Nun fügte es sich gerade dass eine Gesellschaft Luftspringer nach Hannover
kam und weil ein Platz nur eine Kleinigkeit kostete so ging er einen einzigen
Abend hin um diese halsbrechenden Künste mit anzusehen  man hatte ihn erblickt
 und weil dies nun auch eine Art von Komödie war so hieß es sein alter Hang
sei nun wieder erwacht und es gehe kein Abend hin dass er nicht den Schauplatz
bei den Luftspringern besuchte da trüge er nun wieder sein Geld hin  man sehe
hieraus schon dass doch nun nichts aus ihm werden würde 
    Seine Stimme war viel zu ohnmächtig um sich gegen die Aussage derer zu
erheben die ihn alle Abend bei den Luftspringern wollten gesehen haben  kurz
der einzige Abend an welchem er hierher ging brachte ihn wieder weiter in der
Meinung der Menschen zurück als ihn sein ganzer bisheriger Fleiß und
regelmässiges Betragen darin hatte vorwärts bringen können 
    Hiezu kamen nun noch einige Sachen die ihn sehr niederschlugen Das Neujahr
kam wieder heran und er freute sich schon darauf dass er nun bei dem Aufzug mit
Fackeln und Musik doch wieder die Vorrechte seines Standes genießen in Reihe
und Glied mit den übrigen gehen und auch nun nicht mehr wie das vorigemal
einer der letzten in der Ordnung sein würde 
    Um nun aber die Fackel und seinen Anteil zur Musik und sonstigen Kosten
bezahlen zu können wartete er nur auf die Austeilung des Chorgeldes das er
sich mit saurer Mühe im Frost und Regen hatte ersingen müssen und indem er nun
zum Direktor kam um es in Empfang zu nehmen war es dem Konrektor eingefallen
für die Privatstunden die Reiser in Sekunda bei ihm gehabt und nicht bezahlt
hatte Beschlag darauf zu legen  Reiser ging zu dem Konrektor hin und bat ihn
flehentlich ihm nur die Hälfte von dem Chorgelde zu lassen allein dieser war
unerbittlich und da Reiser wieder zum Direktor kam so machte ihm auch der die
bittersten Vorwürfe dass er aufs neue in der Komödie bei den Luftspringern
gewesen wäre und sich sogar auf dem Markte vor der Schule Honig und Brot gekauft
und das auf der Straße gegessen habe  Eine Sache die Reiser für sehr etwas
Unschuldiges und auch nicht für erniedrigend hielt die ihm aber jetzt als die
größte Niederträchtigkeit ausgelegt wurde und worüber ihn der Direktor einen
schlechten Buben schalt der weder Ehre noch Scham hatte und mit dem er sich
nicht weiter befassen wollte 
    Nicht leicht war Reiser wohl in seinem ganzen Leben trauriger und
niedergeschlagener gewesen als da er jetzt vom Direktor zu Hause ging Er
achtete Wind und Schneegestöber nicht sondern irrte wohl anderthalb Stunden auf
dem Wall und in der Stadt umher und überließ sich seinem Gram und seinen lauten
Klagen 
    Denn alles war ihm nun auf einmal fehlgeschlagen sein Bestreben sich bei
dem Direktor durch sein Betragen wieder in Gunst zu setzen seine Hoffnung ein
gutes Chorgeld zu erhalten welches ohnedem zu Neujahr immer am beträchtlichsten
zu sein pflegte und sein sehnlicher Wunsch am morgenden Tage dem Aufzuge mit
Fackeln und Musik beizuwohnen und dort öffentlich mit in Reihe und Gliede zu
gehen 
    Was ihn aber am meisten schmerzte war doch im Grunde das letzte  und dies
war sehr natürlich denn durch seine Teilnehmung an dem Aufzuge fühlte er sich
gleichsam in alle Rechte seine Standes die ihm so sehr verleidet waren wieder
eingesetzt  davon ausgeschlossen zu bleiben deuchte ihm eine der größten
Widerwärtigkeiten die ihm nur begegnen konnte  Das war auch die Ursach
weswegen er den Konrektor um Erlassung der Hälfte von dem Chorgelde so
flehentlich gebeten hatte welches zu tun er sich sonst nie würde erniedrigt
haben
    Alle sein Sinnen und Denken Geld zu bekommen half nichts er konnte sich
keine Fackel kaufen und musste den folgenden Abend während dass alle seine
Mitschüler im glänzenden Pomp unter einer Menge von Zuschauern über die Straße
zogen traurig an seinem Klavier zu Hause sitzen  er suchte sich zu trösten so
gut er konnte aber da er von fern die Musik hörte so tat dies eine sonderbare
Wirkung auf sein Gemüt  er dachte sich lebhaft den Glanz der Fackeln die Menge
der Zuschauer das Getümmel und seine Mitschüler als die Hauptpersonen dieses
prachtvollen Schauspiels  und sich nun ausgeschlossen einsam und von aller
Welt verlassen  dies versetzte ihn in eine Wehmut die derjenigen völlig
ähnlich war da seine Eltern ihn oben auf der Stube allein gelassen hatten
während dass sie unten bei dem Wirt bei einer Gasterei waren von welcher das
frohe Gelächter und Klingen mit den Gläsern zu ihm hinauf erschallte und er
sich da auch so einsam und von aller Welt verlassen fühlte und sich aus den
Liedern der Madam Guion tröstete 
    Dergleichen Vorfälle drängten ihn dann immer wieder aus der Welt in die
Einsamkeit  er war nicht vergnügter als wenn er allein bei seinem Klavier
sitzen und für sich lesen und arbeiten konnte  und wünschte nichts sehnlicher
als dass es bald Sommer sein möchte um auf dem Boden wo sein Bette stand den
ganzen Tag allein zubringen zu können
    Und da nun dieser sehnlich gewünschte Sommer kam so genoss er nun auch
zuallererst die Wonne des einsamen Studierens Er liehe sich seit einiger Zeit
wieder Bücher vom Antiquarius aber sein Geschmack fiel nun auf lauter
wissenschaftliche Bücher  Seine Romanen  und Komödienlektüre hatte seit jener
schrecklichen Epoche seines Lebens gänzlich aufgehört 
    Sobald die Luft nun anfing warm zu werden eilte er auf seinen Boden und
brachte da die vergnügtesten Stunden seines Lebens mit Lesen und Studieren zu 
    Er hatte sich von dem Bücherantiquarius unter andern Gottscheds Philosophie
geliehen und so sehr auch in diesem Buche die Materien durchwässert sind so
gab doch dies seiner Denkkraft gleichsam den ersten Stoß  er bekam dadurch
wenigstens eine leichte Übersicht aller philosophischen Wissenschaften wodurch
sich die Ideen in seinem Kopfe aufräumten 
    Sobald er dies merkte nahm auch sein Eifer die Sache bald zu übersehen
mit jedem Tage zu  Er sah dass das bloße Lesen nichts half  er fing also an
sich auf kleinen Blättchen schriftliche Tabellen zu entwerfen wo er das Detail
immer dem Ganzen gehörig unterordnete und sich auf die Weise einen anschaulichen
Begriff davon zu machen suchte 
    Das simple Abschreiben des Hauptinhalts brachte für ihn schon ein
vorzügliches Interesse in die Sache  denn indem er nun das Blatt auf welches
er die in dem Buche entaltenen Materien niedergeschrieben hatte beim Lesen des
Buches vor sich hinlegte erhielt er dadurch den Vorteil dass er bei dem
Einzelnen nie das Ganze aus den Augen verlor welches doch beim philosophischen
Denken immer ein Haupterfordernis ist und auch die größte Schwierigkeit macht 
    Alles was er noch nicht durchdacht hatte lag auf dieser Karte wie ein
unbekanntes Land vor ihm welches genauer kennen zu lernen er eine ordentliche
Sehnsucht empfand 
    Die Umrisse das Fachwerk war durch die allgemeine Übersicht des Ganzen
einmal in seiner Seele gemacht er strebte nun von den Lücken die er erst jetzt
empfinden konnte eine nach der andern auszufüllen  Und dasjenige was ihm
erst bloße leere Namen gewesen waren wurden nun allmählich vollgefüllte
deutliche Begriffe und wenn er nun eben den Namen wieder las oder wieder dachte
und ihm auf einmal alles so licht und helle wurde was ihm vorher dunkel und
verworren gewesen war so bemächtigte sich seiner ein so angenehmes Gefühl
dabei als er noch nie empfunden hatte  er schmeckte zuerst die Wonne des
Denkens 
    Die immerwährende Begierde das Ganze bald zu überschauen leitete ihn durch
alle Schwierigkeiten des Einzelnen hindurch In seiner Denkkraft ging eine neue
Schöpfung vor  Es war ihm als ob es erst in seinem Verstande dämmerte und nun
allmählich der Tag anbräche und er sich an dem erquickenden Lichte nicht satt
sehen könnte 
    Er vergaß hierüber fast Essen und Trinken und alles was ihn umgab und kam
unter dem Vorwande von Kränklichkeit in einer Zeit von sechs Wochen fast gar
nicht von seinem Boden herunter  in dieser Zeit saß er vom Morgen bis an den
Abend mit der Feder in der Hand bei seinem Buche und ruhte nicht eher bis er
vom Anfang bis zum Ende durch war
    Was hierbei seinen Eifer nie erlöschen ließ war wie schon gesagt das
beständige VorAugenhalten des Hauptinhalts  und das immerwährende Unterordnen
und Klassifizieren der Materien in seinem Kopfe sowohl als auf dem Papiere 
    Er brachte also diesen Sommer ungeachtet seine äußern Verhältnisse sich
eben nicht sehr verbessert hatten doch ziemlich vergnügt zu
    Wenigstens musste er die einsamen Stunden welche er auf dem Boden zubrachte
immer unter die glücklichsten seines Lebens zählen  Auch war er überhaupt von
nun an minder unglücklich weil seine Denkkraft angefangen hatte sich zu
entwickeln 
    Wo er ging und stund da meditierte er jetzt statt dass er vorher bloß
phantasiert hatte  und seine Gedanken beschäftigten sich mit den erhabensten
Gegenständen des Denkens  mit den Vorstellungen von Raum und Zeit, von der
höchsten vorstellenden Kraft usw 
    Allein schon damals war es ihm oft wenn er sich eine Weile im Nachdenken
verloren hatte als ob er plötzlich an etwas stiesse das ihn hemmte und wie eine
bretterne Wand oder eine undurchdringliche Decke auf einmal seine weitere
Aussicht schloss  es war ihm dann als habe er nichts gedacht  als Worte 
    Er stieß hier an die undurchdringliche Scheidewand welche das menschliche
Denken von dem Denken höherer Wesen verschieden macht an das notwendige
Bedürfnis der Sprache ohne welche die menschliche Denkkraft keinen eignen
Schwung nehmen kann  und welche gleichsam nur ein künstlicher Behelf ist
wodurch etwas dem eigentlichen reinen Denken wozu wir dereinst vielleicht
gelangen werden ähnliches hervorgebracht wird
    Die Sprache schien ihm beim Denken im Wege zu stehen und doch konnte er
wieder ohne Sprache nicht denken 
    Manchmal quälte er sich stundenlang zu versuchen ob es möglich sei ohne
Worte zu denken  Und dann stieß ihm der Begriff vom Dasein als die Grenze
alles menschlichen Denkens auf  da wurde ihm alles dunkel und öde  da blickte
er zuweilen auf die kurze Dauer seiner Existenz und der Gedanke oder vielmehr
Ungedanke vom Nichtsein erschütterte seine Seele  es war ihm unerklärlich dass
er jetzt wirklich sei und doch einmal nicht gewesen sein sollte  so irrte er
ohne Stütze und ohne Führer in den Tiefen der Metaphysik umher 
    Manchmal wenn er jetzt im Chore sang und statt dass seine Mitschüler sich
miteinander unterredeten einsam vor sich wegging und diese dann hinter ihm
sagten da geht der Melancholikus so dachte er über die Natur des Schalles nach
und suchte zu erforschen was sich dabei mit Worten nicht ausdrücken ließ 
Dies trat nun in die Stelle seiner vorigen romantischen Träume womit er sich
sonst so manche trübe Stunde verphantasiert hatte wenn er an einem traurigen
Wintertage in Schnee und Regen im Chore sang 
    Er liehe sich nun von dem Bücherantiquarius Wolfs Metaphysik und las auch
die nach der einmal angefangenen Weise durch  und wenn er nun zu dem Schuster
Schantz kam so war der Stoff zu ihren philosophischen Gesprächen weit
reichhaltiger wie vorher   und sie kamen von selbst auf alle die verschiedenen
Systeme welche von den Weltweisen der alten und neueren Zeiten vorgetragen und
immer von einer unzähligen Menge nachgebetet sind
    Während der Zeit war nun auch der Direktor Ballhorn von dessen Freundschaft
Reiser so viel gehofft hatte und so sehr in seiner Hoffnung getäuscht war nach
einer kleinen Stadt nicht weit von Hannover als Superintendent befördert worden
und ein andrer namens Schumann an dessen Stelle gekommen 
    Diese Veränderung interessierte Reisern eben nicht sehr der damals an
nichts als an seine Metaphysik dachte  Der neue Direktor war ein alter Mann
welcher aber Kenntnisse und viel Geschmack besaß und von Pedanterei welches bei
alten Schulmännern ein so seltener Fall ist ziemlich frei war
    Während dieser Veränderung fielen eine große Menge Schulstunden ohnedem aus
 Reisers Versäumnis wurde also eben so merklich nicht  Und wenn nun ja eine
Versäumnis von öffentlichen Schulstunden gut genutzt worden ist so war es die
seinige in welcher er in Zeit von ein paar Monaten mehr tat und sein Verstand
mit weit mehr Begriffen als seine ganzen akademischen Jahre hindurch bereichert
wurde 
    Nie hörte er wenigstens den ganzen Kursus der Philosophie so ausführlich
wieder vortragen als er ihn damals für sich durchdacht hatte  auch die übrigen
Wissenschaften als Dogmatik Geschichte usw hörte er nie auf der Universität
so ausführlich wieder als er sie zum Teil in Hannover auf der Schule gehört
hatte
    Er hatte in seiner Jugend keinen Unterricht als im Rechnen und Schreiben
genossen welcher jetzt fast gänzlich für ihn verloren ging weil er das Rechnen
nicht zu üben Gelegenheit hatte und seine Hand durch das Nachschreiben verdarb
 Nun fügte es sich dass er einige Information im Schreiben bekam die ihm zwar
wenig oder gar nichts einbrachte wobei er aber doch merklich seine Hand übte
da er nun wieder anfing die Schularbeiten mitzumachen und dem Rektor seine
Exerzitien brachte so wunderte sich dieser sehr über die Verbesserung seiner
Hand und gab ihm sogleich etwas abzuschreiben welches aber dort im Hause
geschehen musste so dass er auf diese Weise wieder Zutritt zu dem Rektor erhielt
welches ihn denn auch mit einiger Hoffnung sich wieder in Kredit zu setzen
belebte die aber bald niedergeschlagen wurde da sein Vater einmal nach
Hannover herüberkam und der Pastor Marquard demselben keinen andern Trost gab
als dass sein Sohn ein Schl l sei aus dem nie etwas werden würde 
    Da sein Vater wieder wegreiste begleitete er ihn bis vors Tor hinaus und
hier war es wo ihm derselbe die tröstlichen Worte des Pastor Marquard
hinterbrachte und ihm dabei die bittersten Vorwürfe machte dass er die
Wohltaten welche man ihm erwiesen so schlecht erkennte wobei er ihn zugleich
auf den Rock den er trug verwies und ihm diesen als ein unverdientes Geschenk
von seinen Wohltätern schilderte  Dies letztere brachte Reisern auf denn der
Rock welcher von groben grauen Tuch war das ihm ein völliges Bedientenansehen
gab war ihm immer verhasst gewesen und er ließ sich daher gegen seinen Vater
verlauten dass ein solcher Bedientenrock den er zu seinem Ärger tragen müsse
eben kein großes Gefühl von Dankbarkeit bei ihm erwecken könne 
    Darüber geriet sein Vater dem die Grundsätze von der Demütigung und
Ertötung alles Stolzes und Eigendünkels aus den Schriften der Madam Guion heilig
waren in eine Art von Wut  drehte sich schnell von ihm und gab ihm seinen
Fluch auf den Weg  Reiser wurde ebenfalls hiedurch in einen Zustand versetzt
worin er sich noch nie befunden hatte alles was er bisher von seinem widrigen
Schicksal gelitten und geduldet hatte und dass nun auch sein Vater sogar ihn von
sich stieß und ihm seinen Fluch gab fuhr ihm auf einmal durch die Seele
    Er stieß indem er nach der Stadt zurückging laute Gotteslästerungen aus
und war der Verzweiflung nahe  er wünschte sich wirklich vom Erdboden
verschlungen zu sein  und der Fluch seines Vaters schien ihn im Ernst zu
verfolgen
    Dies hemmte wieder auf eine Weile alle seine guten Vorsätze und seinen
bisher freiwillig ununterbrochenen Fleiß
    Der Sommer ging nun zu Ende  und ein anhaltender körperlicher Schmerz fing
nun öfter wieder an seinen Geist niederzudrücken Er hatte von dieser Zeit an
unaufhörliches Kopfweh welches ein ganzes Jahr anhielt so dass fast kein Tag
und keine Stunde dazwischen ausfiel wo er sich von diesem fortdauernden Schmerz
befreit gefühlt hätte 
    Der Schneider bei dem er nun ein Jahr gewohnt hatte sagte ihm auch das
Logis auf und er zog in einer abgelegenen Straße bei einem Fleischer ins Haus
wo noch einige Schüler nebst ein paar gemeinen Soldaten im Quartier lagen 
    Er musste sich hier auch mit unten in der Stube aufhalten und seine
Einrichtung mit dem Klavier und dem Bücherbrette darunter blieb wie vorher 
statt des Bodens aber erhielt er oben ein kleines Kämmerchen wo er mit noch
einem Chorschüler schlief und im Sommer wenn es warm war jeder für sich
allein sein konnte
    Der Umgang mit seinem Wirt dem Fleischer mit den beiden Soldaten die dort
im Quartier lagen und ein paar lüderlichen Chorschülern die noch nebst ihm da
wohnten konnte zur Bildung und Verfeinerung seiner Sitten eben nicht viel
beitragen 
    Alles versammlete sich im Winter des Abends in der Stube und weil er bei
dem Geräusch und Lärmen doch nicht arbeiten konnte so mischte er sich lieber
mit unter den Haufen und amüsierte sich mit den Leuten die nun einmal den
nächsten Kreis um ihn her ausmachten so gut er konnte
    Ohngeachtet seiner immerwährenden Kopfschmerzen arbeitete er doch auch
sooft er nur ein wenig in Ruhe sein konnte für sich und lernte auf die Weise in
Zeit von einigen Wochen Französisch indem er sich einen lateinischen Terenz mit
der französischen Übersetzung liehe und sich täglich ununterbrochen selbst eine
Lektion gab er kam dadurch wenigstens so weit dass er von der Zeit an jedes
französische Buch ziemlich verstehen konnte
    Da sich indes sein äußerer Zustand nicht verbesserte und überdem noch
körperlicher Schmerz ihn unaufhörlich drückte so versetzte ihn dies in eine
Seelenstimmung wo ihm Youngs Nachtgedanken die er damals zufälligerweise
erhielt eine höchst willkommene Lektüre waren  es deuchte ihm als fände er
hier alle seine vorigen Vorstellungen von der Nichtigkeit des Lebens und der
Eitelkeit aller menschlichen Dinge wieder  Er konnte sich nicht satt in diesem
Buche lesen und lernte die Gedanken und Empfindungen welche darin herrschen
beinahe auswendig
    Die einzige Linderung bei seinen Kopfschmerzen war wenn er ausgestreckt
rücklings auf dem Bette liegen konnte  in dieser Stellung blieb er denn oft
ganze Tage lang und las  dies war der einzige ihm übriggebliebene Genuss des
Lebens an dem er sich noch festhielt da sonst die tötendste Langeweile ihm das
elende Leben was er noch fortschleppte unerträglich gemacht haben würde 
    Um sich nun zuweilen dem Geräusch das ihn umgab zu entziehen scheute er
manchmal weder Regen noch Schnee sondern machte des Abends wenn es dunkel
wurde und er sicher war dass er von niemanden gesehen noch von irgendeinem
Menschen würde angeredet werden einen Spaziergang auf dem Walle um die Stadt
und bei diesen Spaziergängen war es wo sich sein Geist immer etwas wieder
ermannte und ein Funke von Hoffnung sich aus seinem schrecklichen Zustande
herauszuarbeiten in seiner Seele wieder emporglimmte 
    Wenn er dann auf den Straßen die an den Wall grenzten in den Häusern Licht
angesteckt sah und sich nun dachte dass in jeder erleuchteten Stube deren in
einem Hause oft so viele waren eine Familie oder sonst eine Gesellschaft von
Menschen oder ein einzelner Mensch lebte und dass eine solche Stube also in dem
Augenblick die Schicksale und das Leben und die Gedanken eines solchen Menschen
oder einer solchen Gesellschaft von Menschen in sich fasste und dass er auch nun
nach dem vollendeten Spaziergange in eine solche Stube wieder zurückkehren
würde wo er gleichsam hingebannt und wo der eigentliche Fleck seines Daseins
wäre so brachte dies bei ihm zuerst eine sonderbare demütigende Empfindung
hervor als sei nun sein Schicksal unter diesen unendlichen verwirrten Haufen
sich einander durchkreuzender menschlicher Schicksale gleichsam verloren und
werde dadurch klein und unbedeutend gemacht  Dann erhoben aber auch eben diese
Lichter in den einzelnen Stuben in den Häusern am Walle zuweilen seinen Geist
wieder wenn er einen Überblick des Ganzen daraus schöpfte und sich aus seiner
eigenen kleinen einengenden Sphäre wodurch er sich unter allen diesen im Leben
unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mitverlor herausdachte und
sich ein besonderes ausgezeichnetes Schicksal prophezeite wovon die süße
Vorstellung indem er dann mit schnellen Schritten vorwärts ging ihn aufs neue
mit Hoffnung und Mut belebte
    Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause
wo er sich eine Anzahl Familien dachte von deren Leben und Schicksalen er
ebensowenig als sie von den seinigen wusste hat nachher beständig sonderbare
Empfindungen in ihm erweckt  die Eingeschränkteit des einzelnen Menschen ward
ihm anschaulich
    Er fühlte die Wahrheit man ist unter so vielen Tausenden die sind und
gewesen sind nur einer
    Sich in das ganze Sein und Wesen eines andern hineindenken zu können war
oft sein Wunsch  wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz
fremden Menschen herging  so wurde ihm der Gedanke der Fremdheit dieses
Menschen der gänzlichen Unbewussteit des einen von dem Namen und Schicksalen
des andern so lebhaft dass er sich so dicht es der Wohlstand erlaubte an einen
solchen Menschen andrängte um auf einen Augenblick in seine Atmosphäre zu
kommen und zu versuchen ob er die Scheidewand nicht durchdringen könnte welche
die Erinnerungen und Gedanken dieses fremden Menschen von den seinigen trennte
 Noch eine Empfindung aus den Jahren seiner Kindheit ist vielleicht nicht
unschicklich hier herangezogen zu werden  er dachte sich damals zuweilen wenn
er andere Eltern als die seinigen hätte und die seinigen ihn nun nichts
angingen sondern ihm ganz gleichgültig wären   Über den Gedanken vergoss er
oft kindische Tränen  seine Eltern mochten sein wie sie wollten so waren sie
ihm doch die liebsten  und er hätte sie nicht gegen die vornehmsten und
gütigsten vertauscht  Aber zugleich kam ihm auch schon damals das sonderbare
Gefühl von dem Verlieren unter der Menge und dass es noch so unzählig viele
Eltern mit Kindern außer den seinigen gab worunter sich diese wieder verloren 

    Sooft er sich nachher in einem Gedränge von Menschen befunden hat ist eben
dies Gefühl der Kleinheit Einzelnheit und fast dem Nichts gleichen
Unbedeutsamkeit in ihm erwacht   Wieviel ist des mir gleichen Stoffes hier
welch eine Menge von dieser Menschenmasse aus welcher Staaten und Kriegsheere
so wie aus Baumstämmen Häuser und Türme gebaut werden 
    Das waren ungefähr die Gedanken die damals ein dunkles Gefühl in ihm
hervorbrachten weil er sie nicht in Worte einzukleiden und sie sich nicht
deutlich zu machen wusste
    Einmal da vier Missetäter auf dem Rabensteine vor Hannover geköpft wurden
ging er unter der Menge von Menschen mit hinaus und sah nun vier darunter
welche aus der Zahl der übrigen ausgetilget und zerstückt werden sollten  Dies
kam ihm so klein so unbedeutend vor da der ihn umgebenden Menschenmasse noch
so viel war  als ob ein Baum im Walde umgehauen oder ein Ochse gefällt werden
sollte  und da nun die Stücken dieser hingerichteten Menschen auf das Rad
hinaufgewunden wurden und er sich selbst und die um ihn her stehenden Menschen
ebenso zerstückbar dachte  so wurde ihm der Mensch so nichtswert und
unbedeutend dass er sein Schicksal und alles in dem Gedanken von tierischer
Zerstückbarkeit begrub  und sogar mit einem gewissen Vergnügen wieder zu Hause
ging und seinen Haarteig auf dem Wege verzehrte  denn es war damals gerade sein
schreckliches Vierteljahr wo er manche Tage bloß von diesem Teige lebte 
Nahrung und Kleidung war ihm gleichgültig so wie Tod und Leben  ob nun eine
solche bewegliche Fleischmasse deren es eine so ungeheure Anzahl gibt auf der
Welt mehr umhergeht oder nicht  Dann konnte er sich nicht enthalten sich
immer an den Platz der zerstückten und in Stücken auf das Rad gewundenen
hingerichteten Missetäter zu stellen  und dachte dabei was schon Salomo
gedacht hat Der Mensch ist wie das Vieh wie das Vieh stirbt so stirbt er
auch 
    Wenn er von dieser Zeit an ein Tier schlachten sah so hielt er sich immer
in Gedanken damit zusammen  und da er es bei dem Schlächter auch so oft zu
sehen Gelegenheit hatte so ging eine ganze Zeitlang sein bloßes Denken dahin 
den Unterschied zwischen sich und einem solchen Tier das geschlachtet wird
auszumitteln  Er stand oft stundenlang und sah so ein Kalb mit Kopf Augen
Ohren Mund und Nase an und lehnte sich wie er es bei fremden Menschen machte
so dicht wie möglich an dasselbe an oft mit dem törichten Wahn ob es ihm nicht
vielleicht möglich würde sich nach und nach in das Wesen eines solchen Tieres
hineinzudenken  es lag ihm alles daran den Unterschied zwischen sich und dem
Tiere zu wissen  und zuweilen vergaß er sich bei dem anhaltenden Betrachten
desselben so sehr dass er wirklich glaubte auf einen Augenblick die Art des
Daseins eines solchen Wesens empfunden zu haben  Kurz wie ihm sein würde
wenn er zB ein Hund der unter Menschen lebt oder ein anderes Tier wäre  das
beschäftigte von Kindheit auf schon oft seine Gedanken  Und da er sich nun den
Unterschied zwischen Körper und Geist gedacht hatte so war ihm nichts
wichtiger als zugleich irgendeinen wesentlichen Unterschied zwischen sich und
dem Tiere aufzufinden weil er sich sonst nicht überreden konnte dass das Tier
welches ihm in seinem Körperbau so ähnlich war nicht ebenso wie er einen Geist
haben sollte 
    Und wo blieb nun der Geist nach der Zerstörung und Zerstückelung des
Körpers  Alle die Gedanken von so viel tausend Menschen die vorher durch die
Scheidewand des Körpers bei einem jeden voneinander abgesondert waren und nur
durch die Bewegung einiger Teile dieser Scheidewand einander wieder mitgeteilt
wurden schienen ihm nach dem Tode der Menschen in eins zusammenzufliessen  da
war nichts mehr das sie absonderte und voneinander trennte  er dachte sich den
übrig gebliebenen und in der Luft herumfliegenden Verstand eines Menschen der
bald in seiner Vorstellungskraft zerflatterte 
    Und dann schien ihm aus der ungeheuren Menschenmasse wieder eine so
ungeheure unförmliche Seelenmasse zu entstehen wo er immer nicht einsah warum
gerade so viel und nicht mehr und nicht weniger da wären und weil die Zahl ins
Unendliche fortzugehen schien das Einzelne endlich fast so unbedeutend wie
nichts wurde
    Diese Unbedeutsamkeit dies Verlieren unter der Menge war es vorzüglich was
ihm oft sein Dasein lästig machte
    Nun ging er einmal eines Abends traurig und missmutig auf der Straße umher 
es war schon in der Dämmerung aber doch nicht so dunkel dass er nicht von
einigen Leuten hätte gesehen werden können deren Anblick ihm unerträglich war
weil er ihnen ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein glaubte 
    Es war eine nasskalte Luft und regnete und schneiete durcheinander  seine
ganze Kleidung war durchnetzt  plötzlich entstand in ihm das Gefühl dass er
sich selbst nicht entfliehen konnte
    Und mit diesem Gedanken war es als ob ein Berg auf ihm lag  er strebte
sich mit Gewalt darunter emporzuarbeiten aber es war als ob die Last seines
Daseins ihn darnieder drückte
    Dass er einen Tag wie alle Tage mit sich aufstehen mit sich schlafen gehen 
bei jedem Schritte sein verhasstes Selbst mit sich fortschleppen musste 
    Sein Selbstbewusstsein mit dem Gefühl von Verächtlichkeit und Weggeworfenheit
wurde ihm ebenso lästig wie sein Körper mit dem Gefühl von Nässe und Kälte und
er hätte diesen in dem Augenblick ebenso willig und gerne wie seine durchnetzten
Kleider abgelegt  hätte ihm damals ein gewünschter Tod aus irgendeinem Winkel
entgegengelächelt 
    Dass er nun unabänderlich er selbst sein musste und kein anderer sein konnte
dass er in sich selbst eingeengt und eingebannt war  das brachte ihn nach und
nach zu einem Grade der Verzweiflung der ihn an das Ufer des Flusses führte
welcher durch einen Teil der Stadt ging wo dasselbe mit keinem Geländer
versehen war 
    Hier stand er zwischen dem schrecklichsten Lebensüberdruss und der
instinktmässigen unerklärlichen Begierde fortzuatmen kämpfend eine halbe Stunde
lang bis er endlich ermattet auf einem umgehauenen Baumstamm niedersank der
nicht weit vom Ufer lag Hier ließ er sich noch eine Weile gleichsam der Natur
zum Trotz vom Regen durchnetzen bis das Gefühl einer fieberhaften Kälte und das
Klappern seiner Zähne ihn wieder zu sich selbst brachte und ihm zufälligerweise
einfiel dass er den Abend bei seinem Wirt dem Fleischer frische Wurst zu essen
bekommen würde  und dass die Stube sehr warm geheizt sein würde  Diese ganz
sinnlichen und tierischen Vorstellungen frischten die Lebenslust in ihm aufs
neue wieder an  er vergaß sich so wie er sich nach der Hinrichtung der
Missetäter vergessen hatte ganz als Mensch und kehrte in seinen Gesinnungen und
Empfindungen als Tier wieder heim 
    Als Tier wünschte er fortzuleben als Mensch war ihm jeder Augenblick der
Fortdauer seines Daseins unerträglich gewesen
    Allein wie er sich schon so oft aus seiner wirklichen Welt in die Bücherwelt
gerettet hatte wenn es aufs äußerste kam so fügte es sich auch diesmal dass er
sich gerade vom Bücherantiquarius die Wielandsche Übersetzung von Shakespeare
liehe  und welch eine neue Welt eröffnete sich nun auf einmal wieder für seine
Denk  und Empfindugskraft 
    Hier war mehr als alles was er bisher gedacht gelesen und empfunden hatte
 Er las Macbet Hamlet Lear und fühlte seinen Geist unwiderstehlich mit
emporgerissen  jede Stunde seines Lebens wo er den Shakespeare las ward ihm
unschätzbar  Im Shakespeare lebte dachte und träumte er nun wo er ging und
stund  und seine größte Begierde war das alles was er beim Lesen desselben
empfand mitzuteilen  und der nächste dem er es mitteilen konnte und welcher
Gefühl dafür hatte war sein Freund Philipp Reiser der in einer abgelegenen
Gegend der Stadt wohnte wo er sich eine neue Werkstätte angelegt hatte und
Klaviere zimmerte  dabei sang er noch immer im Chore mit aber nicht in dem
worin sich Anton Reiser befand  Sie waren also durch ihre äußern Verhältnisse
eine lange Zeit ungeachtet ihrer ersten vertrauten Freundschaft voneinander
getrennt worden 
    Nun aber da Anton Reiser seinen Shakespeare unmöglich für sich allein
genießen konnte so wusste er zu keinem Bessern damit zu eilen als zu seinem
romantischen Freunde 
    Diesem nun ein ganzes Stück aus dem Shakespeare vorzulesen und auf alle
dessen Empfindungen und Äußerungen dabei mit Wohlgefallen zu merken war die
größte Wonne welche Reiser in seinem Leben genossen hatte 
    Sie widmeten ganze Nächte zu dieser Lektüre wo Philipp Reiser den Wirt
machte um Mitternacht Kaffee kochte und Holz im Ofen nachlegte  dann saßen sie
beide bei einer kleinen Lampe an einem Tischchen  und Philipp Reiser hatte sich
mit langem Halse herübergebeugt sowie Anton Reiser weiter las und die
schwellende Leidenschaft mit dem wachsenden Interesse der Handlung stieg 
    Diese Shakespearenächte gehören zu den angenehmsten Erinnerungen in Reisers
Leben  Aber wenn auch durch irgend etwas sein Geist gebildet wurde so war es
durch diese Lektüre wogegen alles was er sonst Dramatisches gelesen hatte
gänzlich in Schatten gesetzt und verdunkelt wurde Selbst über seine äußern
Verhältnisse lernte er sich auf eine edlere Art hinwegsetzen selbst bei seiner
Melancholie nahm seine Phantasie einen höheren Schwung 
    Durch den Shakespeare war er die Welt der menschlichen Leidenschaften
hindurchgeführt  der enge Kreis seines idealischen Daseins hatte sich erweitert
 er lebte nicht mehr so einzeln und unbedeutend dass er sich unter der Menge
verlor  denn er hatte die Empfindungen Tausender beim Lesen des Shakespeare mit
durchempfunden 
    Nachdem er den Shakespeare und so wie er ihn gelesen hatte war er schon
kein gemeiner und alltäglicher Mensch mehr  es dauerte auch nun nicht lange so
arbeitete sich sein Geist unter allen seinen äußern drückenden Verhältnissen
unter allem Spott und Verachtung worunter er vorher erlag empor  wie der
Verfolg dieser Geschichte zeigen wird
    Die Monologen des Hamlet hefteten sein Augenmerk zuerst auf das Ganze des
menschlichen Lebens  er dachte sich nicht mehr allein wenn er sich gequält
gedrückt und eingeengt fühlte er fing an dies als das allgemeine Los der
Menschheit zu betrachten  
    Daher wurden seine Klagen edler als vorher  die Lektüre von Youngs
Nachtgedanken hatte dies zwar auch schon gewissermaßen bewirkt aber durch den
Shakespeare wurden auch Youngs Nachtgedanken verdrängt  der Shakespeare knüpfte
zwischen Philipp Reisern und Anton Reisern das lose Band der Freundschaft
fester  Anton Reiser bedurfte jemanden an den er alle seine Gedanken und
Empfindungen richten konnte und auf wen sollte wohl eher seine Wahl gefallen
sein als auf denjenigen der einmal seinen angebeteten Shakespeare mit
durchempfunden hatte 
    Das Bedürfnis seine Gedanken und Empfindungen mitzuteilen brachte ihn auf
den Einfall sich wieder eine Art von Tagebuch zu machen worin er aber nicht
sowohl seine äußern geringfügigen Begebenheiten wie ehemals sondern die innere
Geschichte seines Geistes aufzeichnen und das was er aufzeichnete in Form
eines Briefes an seinen Freund richten wollte 
    Dieser sollte denn wiederum an ihn schreiben und dies sollte für beide eine
wechselseitige Übung im Stil werden  Diese Übung bildete Anton Reisern zuerst
zum Schriftsteller er fing an ein unbeschreibliches Vergnügen daran zu
empfinden Gedanken die er für sich gedacht hatte nun in anpassende Worte
einzukleiden um sie seinem Freunde mitteilen zu können  so entstanden ihm
unter den Händen eine Anzahl kleiner Aufsätze deren er sich zum Teil auch in
reifern Jahren nicht hätte schämen dürfen 
    Die Übung war zwar einseitig denn Philipp Reiser blieb mit seinen Aufsätzen
zurück  aber Anton Reiser hatte doch nun jemanden dem er Gefühl und Geschmack
zutrauete dessen Beifall oder Tadel ihm nicht gleichgültig war und an den er
denken konnte sooft er etwas niederschrieb 
    Nun war es sonderbar wenn er im Anfang etwas niederschreiben wollte so
kamen ihm immer die Worte in die Feder »Was ist mein Dasein was mein Leben«
Diese Worte standen daher auch auf mehreren kleinen Stückchen Papiere die er
hatte beschreiben wollen und dann wenn es nicht ging wieder wegwarf 
    Seine dunkle Vorstellung vom Leben und Dasein das wie ein Abgrund vor ihm
lag drängte sich immer zuerst in seiner Seele empor  er fühlte sich gedrungen
erst diesen wichtigsten Punkt seiner Zweifel und Besorgnisse zu berichtigen ehe
er irgend etwas anders zum Gegenstande seines Denkens machte  Es war also sehr
natürlich dass ihm wider seinen Willen diese Worte immer wieder in die Feder
kamen wenn er sich bemühte Gedanken niederzuschreiben 
    Endlich arbeitete sich denn doch der Ausdruck durch die Gedanken durch  und
das erste was ihm in ziemlich passende Worte einzukleiden gelang war etwas
Metaphysisches über Ichheit und Selbstbewusstsein 
    Denn da er nun weiter denken und Gedanken niederschreiben wollte so lag ihm
natürlicherweise nichts näher als dies er wollte erst mit sich selbst gleichsam
in Richtigkeit sein ehe er zu etwas anderm schritte 
    Nun fing er an den Begriff des Individuums zu verfolgen der ihm schon seit
einigen Jahren da er zuerst etwas von Logik gehört hatte vorzüglich wichtig
geworden war  und da er nun endlich auf den höchsten Grad des Bestimmtseins von
allen Seiten und des vollkommen sich selbst Gleichseins stieß  so war es ihm
nach einigem Nachdenken als ob er sich selbst entschwunden wäre  und sich erst
in der Reihe seiner Erinnerungen an das Vergangene wieder suchen müsste  Er
fühlte dass sich das Dasein nur an der Kette dieser ununterbrochenen
Erinnerungen festhielt 
    Die wahre Existenz schien ihm nur auf das eigentliche Individuum begrenzt zu
sein  und außer einem ewig unveränderlichen alles mit einem Blick umfassenden
Wesen konnte er sich kein wahres Individuum denken  Am Ende seiner
Untersuchungen dünkte ihm sein eigenes Dasein eine bloße Täuschung eine
abstrakte Idee  ein Zusammenfassen der Ähnlichkeiten die jeder folgende Moment
in seinem Leben mit dem entschwundenen hatte  Durch diese Begriffe von seiner
eignen Eingeschränkteit veredelten sich seine Begriffe von der Gottheit  er
fing an nun in diesem großen Begriffe sein eigenes Dasein zu fühlen das ihm
ohnedem unter den Händen zu verschwinden ohne Zweck abgerissen und zerstückt
zu sein schien  
    Aus diesen Reflexionen bildete sich der erste schriftliche Aufsatz den er
entwarf und dem er die Form eines Briefes an seinen Freund gab mit welchem er
sich über diese Materie oft zu unterreden pflegte und der ihn wenigstens immer
zu verstehen schien
    dabei dauerten seine Kopfschmerzen immer fort  allein er gewöhnte sich
zuletzt so daran dass ihm sein Zustand ordentlich gefährlich oder unnatürlich
vorkam wenn er einen Tag einmal keine Kopfschmerzen hatte 
    Seine Zusammenkünfte mit Philipp Reisern wurden nun immer häufiger  und er
erhielt unvermuteterweise zu diesem noch einen Freund dies war der Sohn des
Kantors namens Winter einer seiner Mitschüler gegen dessen Miene und
Gesichtsbildung er fast immer eine Art von Antipathie gehegt und sich zugleich
von ihm verachtet geglaubt hatte 
    Dieser wusste von seinem Vater dass Anton Reiser einmal Verse gemacht hatte
und weil er nun selbst für jemanden ein Gedicht auf einen Geburtstag zu machen
versprochen hatte so suchte er Reisern auf und bat ihn um die Verfertigung
dieses Gedichts das er selbst auszuarbeiten nicht Lust oder Zeit hatte  Dies
war für Reisern die erste Veranlassung seine ganz vernachlässigte Poesie wieder
hervorzusuchen  Das kleine Gedicht gelang ihm nicht übel  Winter besuchte
ihn von der Zeit an öfter und versprach ihm einstmals dass er ihm die
Bekanntschaft eines merkwürdigen Mannes verschaffen wolle der übrigens ganz im
Dunkeln lebe und nichts weiter als ein Essigbrauer sei  Reiser war sehr
begierig auf diese Bekanntschaft  es zog sich aber noch eine ganze Weile damit
hin  Durch die Verse welche ihm für Winter gelungen waren war seine
schlummernde Neigung für die Poesie wieder aufgeweckt allein seine Trägheit zog
ihn zu der harmonischen Prosa zurück wozu sich sein Ohr durch die wiederholte
Lektüre der vortrefflichen Ebertschen Übersetzung von Youngs Nachgedanken
gewöhnt hatte  und nun fehlte es nur an einer äußern Veranlassung die seiner
Einbildungskraft einen ungewöhnlichen Schwung zu geben vermochte 
    Diese Veranlassung ereignete sich an einem trüben und regnigten
Sonntagnachmittage  wo er im Chore sang  er hatte erst mit Winter gesprochen
und dieser erkundigte sich unter andern nach seiner Lektüre und wunderte sich
dass er ihn beständig lesend getroffen habe  Reiser antwortete ihm das sei ja
noch das einzige wodurch er sich wegen der Verachtung der er so allgemein in
der Schule und im Chore ausgesetzt wäre einigermaßen schadlos halten könnte 
    Durch dies Gespräch mit Winter da er in kurzem seine Situation überdachte
war sein Herz einmal lebhaften Eindrücken geöffnet worden  und nun fügte es
sich gerade dass eben der Verclas mit dem er einst nebst G  den sterbenden
Sokrates aufgeführt hatte ihn zum Gegenstande seines groben Witzes machte und
durch allerlei Anspielungen ihn bei seinen Mitschülern wieder lächerlich zu
machen suchte die denn auch bald mit einstimmten so dass Reiser fast eine halbe
Stunde lang das Ziel ihrer witzigen Einfälle war 
    Er sagte auf alles dies kein Wort und kränkte sich indem er einsam vor sich
wegging innerlich darüber und ob er sich gleich bemühte seine Kränkung in
Verachtung zu verwandeln so wollte es ihm doch nicht recht damit gelingen bis
er sich endlich unvermerkt in eine bittere menschenfeindliche Laune
hineinphantasierte die durch nichts als das Andenken an seinen Philipp Reiser
wieder gemildert wurde  Da nun auch der Vorsatz seine Empfindungen und
Gedanken an ihn niederzuschreiben herrschend geworden war so behielt derselbe
auch diesmal selbst über seinen Verdruss und seine Kränkung zuletzt die Oberhand
er suchte sich das Kränkende was er empfunden hatte und noch empfand in Worte
einzukleiden um es seiner Einbildungskraft desto lebhafter vorstellen zu
können  Und ehe das Chorsingen noch geendigt war war auch schon der Aufsatz
den er zu Hause niederschreiben wollte unter allen Geräusch und Spott und
Hohngelächter das ihn umgab völlig vollendet  und die Freude darüber erhob
ihn gewissermaßen über sich selbst und seinen eigenen Kummer  Sobald er zu
Hause kam schrieb er mit einer sonderbaren gemischten wehmütigen Empfindung
voll Schmerz über seinen Zustand und voll Freude dass es ihm gelungen war durch
die Sprache ein lebhaftes Bild von seinem Zustande zu entwerfen folgende Worte
nieder
                                   An Reiser
Wie traurig ist doch das Dasein der Menschen  und dieses nichtige Dasein machen
wir uns noch selbst einander unerträglich statt dass wir durch vertrauliche
Geselligkeit uns in dieser Wüste des Lebens einander unsre Last erleichtern
sollten  
    Ist es nicht genug dass wir im beständigen Wahn und Irrtum wie in einem
bezauberten Lande herumirren
    
    Müssen uns auch noch Ungeheuer anschreien  Muss auch noch ein boshafter
Satyr uns mit seinem Hohngelächter die Seele durchbohren 
    Wie öde wie traurig ist hier alles um mich her  Und ich muss verlassen und
einsam hier herumirren  keine Stütze kein Führer 
    Wohl mir einen Haufen erblick ich dort Menschen mir gleich auch diese
Wüste durchirrend 
    »O nehmt mich auf Freunde nehmt mich auf dass ich mit euch diese Wüste
durchziehe und sie wird mir zur grünenden Aue werden«
    Sie nehmen mich auf  wohl mir  
    Weh mir  was seh ich  Sind das noch die Menschen meine Brüder 
    Ach ihre Larve fällt ab  und Teufel sinds  und zur Hölle wird mir nun die
Wüste 
    Ich fliehe und ihr Hohngelächter heulet mir nach  
    So habt ihr mich betrogen menschliche Larven  Ha keine Larve soll mich
wieder betrügen  Nun sei mir willkommen Nacht und du Einsamkeit und du
schwärzeste Melancholei  Alle ihr lachenden Scherze und alle ihr tobenden
Freuden Larven des Todes seid auf ewig von mir verbannt  
    So ging ich und dachte und finsterer Gram erfüllte meine Seele
    Als plötzlich ein Jüngling vor mir stand  den Freund verkündigte sein Blick
 Empfindung sprach sein sanftes Auge  schleunig wollt ich entfliehn  aber er
fasste so vertraulich meine Hand  und ich blieb stehen  er umarmte mich ich ihn
 unsre Seelen flossen zusammen 
    Und um uns wards Elysium 
Reiser hätte wirklich kein wahreres Bild als dieses von seinem damaligen
Zustande entwerfen können  in allem was er sagte war nichts Übertriebenes 
denn die Menschen mit denen er zunächst durchs Leben ging wurden wirklich für
ihn quälende Geister  und zu den anschreienden Ungeheuern gehörte vorzüglich
Verclas dessen grober und doch boshafter Witz Reisern den Sonntagnachmittag bis
tief in die Seele gekränkt hatte da dieser Verclas doch sonst immer von ihm ein
Freund hatte sein wollen  wenigstens war er und der Landesverwiesene G  noch
die einzigen die nach der Aufführung der Komödie mit Reisern umgingen weil sie
mit ihm ein gleiches Schicksal des Hasses und der Verachtung aller ihrer
Mitschüler teilten  und selbst dieser Verclas stellte sich nun mit auf die
Seite derer welchen Reiser ein Gegenstand des Spottes war  und veranlasste
diesen Spott sogar durch seine groben Witzeleien womit er sich auf Reisers
Kosten lustig machte  Dies alles vereinigte sich nun ihn in die
menschenfeindliche Laune zu versetzen worin er den vorhergehenden Aufsatz
entwarf  Durch das Andenken an Philipp Reisern und weil doch auch der Sohn
des Kantors sein ehemaliger Feind anfing sein Freund zu werden milderte dies
schon seine bittere Laune so weit dass er am Schluss seines Aufsatzes einlenkte
und den sanften Empfindungen wieder Gehör gab 
    Auf diese Weise hatte er nun in seinem Tagebuche schon verschiedene kleine
Aufsätze an seinen Freund entworfen als der Frühling wieder herankam und zu
Ostern die gewöhnliche öffentliche Schulprüfung gehalten wurde wobei er denn
auch erschien 
    Aber wie sehr wurde sein Mut niedergeschlagen da er sich gegen die übrigen
betrachtete und sich gerade unter allen am schlechtesten gekleidet sah  er saß
da wie verloren auf ihn wurde gar keine Rücksicht genommen  keine einzige
Frage an ihn getan 
    Den Vormittag hielt er es aus  aber als er den Nachmittag wieder hinging
und sich aufs neue unter dem ihn umgebenden Haufen wie verloren sah  konnte er
es nicht länger aushalten  er ging wieder fort ehe noch die Prüfung anging 
    Und nun eilte er gerade zum Tore hinaus  es war ein trüber neblichter
Himmel  und ging auf ein kleines Wäldchen zu das nicht weit von Hannover
liegt 
    Sobald er aus dem Gewühle der Stadt war und die Türme von Hannover hinter
sich sah bemächtigten sich seiner tausend abwechselnde Empfindungen  Alles
stellte sich ihm auf einmal aus einem andern Gesichtspunkte dar  er fühlte sich
aus alle den kleinlichen Verhältnissen die ihn in jener Stadt mit den vier
Türmen einengten quälten und drückten auf einmal in die große offene Natur
versetzt und atmete wieder freier  sein Stolz und Selbstgefühl strebte empor 
sein Blick schärfte sich auf das was hinter ihm lag und fasste es in einem
kleinen Umfange zusammen 
    Er sah da die Priester mit ihren schwarzen Mänteln und Kragen die Treppe
hinaufsteigen und seine Mitschüler versammelt und Prämien unter sie austeilen
und dann wie ein jeder wieder nach Hause ging und sich alles so im Zirkel drehte
 und in dem Umfange der Stadt die nun hinter ihm lag und von der er sich
immer weiter entfernte alles das sich durckreuzende Gewimmel  Alles schien
ihm da so dicht so klein ineinander zu laufen wie der zusammengedrängte Haufen
Häuser den er noch in der Ferne sah  und nun dachte er sich hier auf dem
freien Felde die Stille und dass ihn niemand bemerkte niemand ihm eine hämische
Miene machte  und dort das lärmende Gewühl das Rasseln der Wagen denen er aus
dem Wege gehen musste die Blicke der Menschen die er scheute  das alles malte
sich in seiner Einbildungskraft im kleinen und erweckte ein wunderbares Gefühl
in ihm wie am Abend der Tag sich von der Dämmerung scheidet und die eine Hälfte
des Himmels noch vom Abendrot erhellt ist indes die andere schon im Dunkel
ruht 
    Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele sich über alles das
hinwegzusetzen was ihn darnieder drückte  denn wie klein war der Umfang der
alle das Gewirre umschloss in welches seine Besorgnisse und Bekümmernisse
verflochten waren und vor ihm lag die große Welt 
    Aber dann kehrte wieder das wehmütige Gefühl zurück wo sollte er nun in
dieser großen öden Welt festen Fuß fassen da er sich aus allen Verhältnissen
herausgedrängt sah  Da wo auf einem kleinen Fleck der Erde die menschlichen
Schicksale zusammenlaufen war es nichts gar nichts 
    Ihm fiel ein dass verdrängt zu werden von Kindheit an sein Schicksal gewesen
war  wenn er bei irgend etwas zusehen wollte wobei es darauf ankam sich
hinzuzudrängen so war jeder andere dreister wie er und drängte sich ihm vor 
er glaubte es sollte etwa einmal eine Lücke entstehen wo er ohne jemanden vor
sich hinwegzudrängen sich in die Reihe mit einfügen könnte  aber es entstand
keine solche Lücke  und er zog sich von selbst zurück und sah nun in der Ferne
dem Gedränge zu indem er einsam dastand 
    Und wenn er nun so einsam dastand so gab ihm der Gedanke dass er dem
Gedränge nun so ruhig zusehen konnte ohne sich selbst hineinzumischen schon
einigen Ersatz für die Entbehrung desjenigen was er nun nicht zu sehen bekam 
allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter als unter jenem Gewimmel
verloren 
    Sein Stolz der sich emporarbeitete siegte über den Verdruss den er zuerst
empfand  dass er an den Haufen sich nicht anschließen konnte drängte ihn in
sich selbst zurück  und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen 
    Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem trüben und
regnigten Nachmittage wo er den hämischen Blicken seiner versammleten
Mitschüler und der gänzlichen Vernachlässigung und dem unerträglichen
Nichtbemerktwerden das ihm bevorstand entfloh indem er aus dem Tore von
Hannover dem einsamen Walde zueilte 
    Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in
seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei  als
alle Schulstunden die er je gehabt hatte zusammengenommen 
    Dieser einsame Spaziergang war es welcher Reisers Selbstgefühl erhöhte
seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche Vorstellung von seinem
eignen wahren isolierten Dasein gab das bei ihm auf eine Zeitlang an keine
Verhältnisse mehr geknüpft war sondern in sich und für sich selbst bestand 
    Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf lernte er
zuerst das Große im Leben von dessen Detail unterscheiden
    Alles was ihn gekränkt hatte schien ihm klein unbedeutend und nicht der
Mühe des Nachdenkens wert 
    Aber nun stiegen andre Zweifel andre Besorgnisse in seiner Seele auf  die
er schon lange bei sich genährt hätte  über den in undurchdringliches Dunkel
gehüllten Ursprung und Zweck Anfang und Ende seines Daseins  über das Woher
und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben  die ihm so schwer gemacht
wurde ohne dass er wusste warum  Und was nun endlich aus dem allen kommen
sollte 
    Dies erregte in ihm eine tiefe Melancholie So wie er mühsam über die dürre
Heide vor dem Walde im gelben Sande fortwanderte umzog sich der Himmel immer
trüber indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte  als er in den
Wald kam schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort  da kam er
an ein Dorf und machte sich eben allerlei süße Vorstellungen von dem stillen
Frieden der in diesen ländlichen Hütten herrschte als er sich in einem der
Häuser ein paar Leute die wahrscheinlich Mann und Frau waren zanken und ein
Kind schreien hörte 
    Also ist überall Unmut und Missvergnügen und Unzufriedenheit wo Menschen
sind dachte er und setzte seinen Stab weiter fort 
    Die einsamste Wüste wurde ihm wünschenswert  und da ihn endlich auch in
dieser die tödliche Langeweile quälte so blieb das Grab sein letzter Wunsch 
und weil er nun nicht einsah warum er sich die Jahre seines Lebens hindurch in
der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken stoßen und wegdrängen lassen so
zweifelte er endlich an einer vernünftigen Ursach seines Daseins  sein Dasein
schien ihm ein Werk des schrecklichen blinden Ohngefährs 
    Es wurde früher wie gewöhnlich Abend weil der Himmel trübe war und es
stärker anfing zu regnen  und da er zu Hause wieder anlangte war es schon
völlig dunkel  er setzte sich bei seiner Lampe nieder und schrieb an Philipp
Reisern
    Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr ich nun zu dir zurück und
wo nicht zu dir  zum Tode  denn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des
Lebens wovon ich keinen Zweck sehe unerträglich  Deine Freundschaft ist die
Stütze an der ich mich noch festalte wenn ich nicht unaufhaltsam in dem
überwiegenden Wunsche der Vernichtung meines Wesens versinken will 
    Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke sich den Beifall seines
Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben  Dies war
gleichsam die neue Stütze woran sich seine Lebenslust wieder festhielt  und da
den Nachmittag alle seine Empfindungen so äußerst stark und lebhaft gewesen
waren so wurde es ihm nicht schwer sie wieder zurückzurufen  Er hub also an
Dir Freund will ich mein Leiden klagen
O könnten dir es Worte sagen
Ich weiß du fühltest meinen Schmerz 
Mich kränkt nicht hoffnungslose Liebe
Nicht kränkten unerfüllte Triebe
Nach Ehr und Gold mein Herz 
Dieser Anfang bezog sich zum Teil auf Philipp Reisers verliebte Launen womit
ihn dieser oft quälte indem er ihm alle die allmählichen Fortschritte erzählte
die er in der Gunst seines Mädchens getan hatte  und seine Hoffnungen und
Aussichten die sich alle auf die Erreichung der Gegengunst seines Mädchens
beschränkten  Wofür nun Anton Reiser gar keinen Sinn hatte dem es nie
eingefallen war sich die Liebe eines Mädchens zu erwerben weil er es für ganz
unmöglich hielt dass ihm bei seiner schlechten Kleidung und bei der allgemeinen
Verachtung der er ausgesetzt war je ein solcher Versuch gelingen würde 
    Denn so wie er die Verachtung welche auf seinen Geist fiel gleichsam mit
zu sich selber rechnete so rechnete er auch die schlechte Kleidung mit zu
seinem Körper der ihm denn ebenso wenig liebenswürdig als sein Verstand
achtungswürdig vorkam  Kurz es war ihm der ungereimteste Gedanke von der
Welt dass er je von einem Frauenzimmer geliebt werden sollte  Denn von den
Helden die in den Romanen und Komödien die er gelesen hatte von Frauenzimmern
geliebt wurden machte er sich ein so hohes Ideal das er nie zu erreichen
imstande zu sein glaubte 
    Die eigentlichen Liebesgeschichten waren ihm daher auch höchst langweilig
und am langweiligsten die Erzählungen von den Liebesabenteuern womit ihn sein
Freund Philipp Reiser unterhielt und die er manche Stunde bloß aus Gefälligkeit
für ihn anhörte
    Übrigens fielen diese Erzählungen seines Freundes immer sehr ins Romanhafte
 Die ganze Prozedur vom ersten freundschaftlichen Händedruck bis zur
eigentlichen wechselseitigen Liebeserklärung mit allen Zweifeln Besorgnissen
und allmählichen Fortschritten die dazwischen liegen ging ihren
vorgeschriebenen Gang wie in den Romanen  und was nun Anton Reiser in den
Romanen gänzlich übergeschlagen oder doch nur flüchtig durchgelesen hatte das
musste er sich jetzt von seinem Freunde der Länge nach erzählen lassen 
    Der Gedanke dass ihn zB nicht hoffnungslose Liebe sondern ganz andre
Dinge kränkten war also der natürlichste Eingang zu dem Gedicht an Philipp
Reisern
    Seine Zweifel und Besorgnisse wegen seines ängstlichen zwecklosen Daseins
waren es die ihn niederdrückten und er fuhr fort
Die Qual die meine Seele fühlet
Die mörderisch im Herzen wühlet
Verbannet jede andre Pein 
Wer gab in Tiefen hinzuschauen
Um selbst mein Elend mir zu bauen
Mir doch den tollen Vorwitz ein
Grundlose Tiefen die den Blicken
Nur Nacht und Graun entgegen schicken
Und lohnen mit Melancholei 
Sie kommt dass auf dem ehrnen Throne
Sie nun in meiner Seele wohne
Und rufet ihr Gefolg herbei 
Nun kam das Gefolge die Sorgen der Gram
Ihm folgt den Tod in ihren Blicken
Verzweiflung ihre Köcher schicken
Die letzten Pfeile auf mich ab 
Nun sank die Melodie der aufeinanderfolgenden Empfindungen wieder in sanftes
Mitleid mit sich selber zurück
Ja jede Lust muss ich nun meiden
Mir blühen nicht des Lenzes Freuden usw
Hievon erhob sich der Gang der Ideen zu allgemeinen Betrachtungen über das
Leben die sich aber zuletzt wieder in eben den schrecklichen Zweifeln endigten
von welchen die Melodie ausgegangen war
Mein Pfad geht über dürre Heide
Hier flieht mich höhnend jede Freude
Und lässt nur Ekel mir zurück
Ich wandre  doch wohin ich reise
Woher  das sage mir der Weise
Der mehr als ich mich selber kennt 
Mein Dasein  das sich kaum entschwinget
Dem Augenblick der es verschlinget
Und bang nach seinem Ziele rennt
Wem soll ich dieses Dasein danken
Wer setzt ihm diese engen Schranken
Aus welchem Chaos stiegs empor
In welche greuelvolle Nächte
Sinkts  wenn des Schicksals ehrne Rechte
Mir winket zu des Todes Tor  
Dies Gedicht floss gleichsam aus seiner Seele  Selbst der Reim und das Versmass
machte ihm nur wenige Schwierigkeit und er schrieb es in weniger als einer
Stunde nieder  Nachher fing er bald an Gedichte zu machen bloß um Gedichte
zu machen und dies gelang ihm nie so gut 
    Aber der Frühling und Sommer des Jahres 1775 verfloss ihm nun ganz poetisch
 Die angenehmen Shakespearenächte welche er im Winter mit Philipp Reisern
zugebracht hatte wurden nun durch noch angenehmere Morgenspaziergänge
verdrängt 
    Nicht weit von Hannover wo der Fluss einen künstlichen Wasserfall bildet
ist ein kleines Gehölz welches man nicht leicht irgendwo angenehmer und
einladender finden kann 
    Hierher wurden Wallfahrten noch vor Sonnenaufgang angestellt  die beiden
Wanderer nahmen sich ihr Frühstück mit und wenn sie nun im Walde angelangt
waren so beraubten sie eine Menge Baumstämme ihres Mooses und bereiteten sich
einen weichen Sitz worauf sie sich lagerten und wenn sie ihr Frühstück
verzehrt hatten sich einander wechselsweise vorlasen  Hierzu wurden besonders
Kleists Gedichte ausgewählt die sie bei dieser Gelegenheit beinahe auswendig
lernten
    Wenn sie dann am andern Tage wieder hinkamen so suchten sie im ganzen
Wäldchen erst ihren gestrigen Platz wieder und fanden sich nun hier wie zu Hause
in der großen freien Natur welches ihnen eine ganz besondere herzerhebende
Empfindung war  Alles in diesem großen Umkreise um sie her gehörte ihren
Augen ihren Ohren und ihrem Gefühl  das junge Grün der Bäume der Gesang der
Vögel und der kühle Morgenduft
    Wenn sie dann wieder heimkehrten so ging Philipp Reiser in seine Werkstatt
und machte Klaviere indes Anton Reiser die Schule besuchte wo nun größtenteils
schon eine ganz andere Generation seiner Mitschüler war so dass er auch hier mit
leichterm Herzen hingehen konnte 
    In manchen Stunden suchte dann Anton Reiser auch seine geliebte Einsamkeit
wieder ob er nun gleich einen Freund hatte  und wenn irgendein schöner
Nachmittag war so hatte er sich auf einer Wiese vor Hannover längst dem Fluße
ein Plätzchen ausgesucht wo ein kleiner klarer Bach über Kiesel rollte der
sich zuletzt in den vorbeigehenden Fluss ergoss  Dies Plätzchen war ihm nun
weil er es immer wieder besuchte auch gleichsam eine Heimat in der großen ihn
umgebenden Natur geworden und er fühlte sich auch wie zu Hause wenn er hier
saß und war doch durch keine Wände und Mauern eingeschränkt sondern hatte den
freien ungehemmten Genuss von allem was ihn umgab Dies Plätzchen besuchte er
nie ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben  Hier las er
Blandusiens Quell und wie die eilende Flut
                        Obliquo laborat trepidare rivo
Von hier sah er die Sonne untergehen und betrachtete die sich verlängernden
Schatten der Bäume  An diesem Bache verträumte er manche glückliche Stunde
seines Lebens  Und hier besuchte ihn auch zuweilen die Muse oder vielmehr er
suchte sie  Denn er bemühte sich jetzt ein großes Gedicht zustande zu
bringen und weil er diesmal bloß dichten wollte um zu dichten so gelang es
ihm nicht wie vorher der Wunsch ein Gedicht zu machen war diesmal eher bei
ihm da als der Gegenstand den er besingen wollte woraus gemeiniglich nicht
viel Gutes zu folgen pflegt  Die Gedanken waren diesmal gesucht oder gemein 
man sah was er schrieb hatte sollen ein Gedicht werden  Indes schimmerte
auch durch diese schlechten Verse allenthalben seine schwermütige Laune durch 
jedes lachende und angenehme Bild war gleichsam mit einem Flor überzogen  Die
Blätter färbten sich nur mit jungem Grün um wieder zu verwelken  Der Himmel
war nur heiter um sich wieder zu trüben 
    Philipp Reiser erteilte diesem Gedichte seinen Beifall nicht und doch hatte
Anton Reiser bei jedem Reime den er mühsam hersetzte darauf gerechnet  Aber
sein Freund war ein strenger und unparteiischer Richter der nicht leicht einen
matten Gedanken einen gesuchten Reim oder ein Flickwort ungeahndet ließ 
Besonders machte er sich über eine Stelle in Anton Reisers Gedicht lustig die
hieß
So wechselt Lust und Schmerz im ganzen Leben ab
Und selbst das Leben sinkt ins stille kühle Grab 
Philipp Reiser konnte nicht aufhören über diese Stelle die er in einem
komischen Tone deklamierte seinen Witz spielen zu lassen  Er nannte seinen
Freund seinen lieben Hans Sachs  und machte ihm mehr dergleichen Lobsprüche
die eben nicht allzu aufmunternd waren  Indes ließ er ihn doch nicht ganz
sinken  sondern hob einige erträgliche Stellen aus dem Gedicht heraus denen er
denn seinen Beifall nicht ganz versagte 
    Durch eine solche wechselseitige Mitteilung und fruchtbare Kritik wurde nun
das Band zwischen diesen beiden Freunden immer fester geknüpft und Anton
Reisers Streben er mochte Verse oder Prosa niederschreiben ging unablässig
dahin sich den Beifall seines Freundes zu erwerben 
    Damals ereignete sich nun ein Vorfall der Anton Reisers Herzen eben nicht
viel Ehre zu machen scheint ob er gleichwohl in der Natur der menschlichen
Seele gegründet ist 
    Der Sohn des Pastor Marquard welcher während der Zeit die Universität
bezogen hatte und von dort schwindsüchtig wieder zurückgekommen war wurde
nachdem man alle möglichen Mittel vergeblich angewandt von den Ärzten
aufgegeben die in diesem Frühjahr seinen Tod als gewiss prophezeiten und
Reisers erste Gedanken da er dies hörte waren wie er auf diesen Vorfall ein
Gedicht machen wollte das ihm Ruhm und Beifall und auch vielleicht die Gunst
des Pastor Marquard wieder zuwege brächte Kurz er hatte das Gedicht schon acht
Tage vorher angefangen ehe der junge Marquard starb 
    Statt nun dass er dies Gedicht hätte machen sollen weil er über diesen
Vorfall betrübt war suchte er sich vielmehr selbst in eine Art von Betrübnis zu
versetzen um auf diesen Vorfall ein Gedicht machen zu können  Die Dichtkunst
machte ihn also diesmal wirklich zum Heuchler 
    Allein der junge Marquard hatte sich auch die letzte Zeit um Reisern eben
nicht viel bekümmert und sich seiner gegen die Spöttereien und Beleidigungen
seiner Mitschüler nicht angenommen  sondern so wie es zuweilen kam wohl
selbst mit eingestimmt 
    Dass Reisern also sein Gedicht auf den jungen Marquard mehr am Herzen lag als
der junge Marquard selbst war wohl sehr natürlich obgleich es wieder nicht zu
billigen war dass er Empfindungen log die er nicht hatte  er war auch dabei
nicht ganz einig mit sich selber sondern sein Gewisse machte ihm häufige
Vorwürfe die er denn dadurch übertäubte dass er sich selbst zu überreden
suchte er empfinde wirklich eine solche Wehmut über den frühen Tod des jungen
Marquard der in der Blüte seiner Jahre allen Hoffnungen und Aussichten auf die
Zukunft dieses Lebens entrissen ward 
    Weil nun dies Gedicht im Grunde Heuchelei war so gelang es ihm auch
wiederum nicht und erhielt auch den Beifall seines Freundes nicht der fast an
jeder Zeile etwas zu tadeln fand  auch der Pastor Marquard dem er das Gedicht
überreichen ließ nahm keine besondere Rücksicht darauf und er erreichte also
seinen Zweck dadurch gar nicht 
    Aber es ereignete sich bald darauf ein Vorfall der ihm Veranlassung gab
sich auf eine weniger affektierte Art in poetische Begeisterung zu versetzen Es
fügte sich nämlich im Anfang des Sommers dass ein junger Mensch von neunzehn
Jahren der ein ansehnliches Vermögen besaß und ein sehr guter Freund von
Philipp Reisern war beim Baden im Fluße ertrank 
    Philipp Reiser trug bei dieser Gelegenheit seinem Freunde auf dass er auf
diesen Vorfall ein Gedicht so gut es nur in seinen Kräften stünde verfertigen
sollte  er wollte es drucken lassen und wenn es auch nicht gedruckt würde so
würde es doch immer wenn es gut geriete als ein Produkt des Geistes schätzbar
sein
    Dieser Auftrag von seinem Freunde machte Anton Reisers ganzen Ehrgeiz rege
er suchte sich den Vorfall so lebhaft wie möglich vors Auge zu bringen und
nachdem er anderthalb Tage lang Ausdruck gegen Ausdruck abgewogen und seine
Seelenkräfte angestrengt hatte um sich den Beifall seines Freundes zu
verdienen waren ihm am Ende folgende Strophen gelungen
Wenn seufzend unterm Druck schwer auf ihn ruhnder Jahre
Ein frommer Greis erblasst wird Wehmut unser Herz
Doch legt ein rascher Tod den Jüngling auf die Bahre
Der kaum zu blühn begann  so wird die Wehmut Schmerz
Der braunen Nacht entstieg der schönste Sommermorgen
Und ruhig atmete noch früh des Jünglings Brust 
Ein sanfter Schlaf verscheucht rund um ihn her die Sorgen
Bis ihn Aurora weckt zu einem Tag voll Lust
Er sah diesen Tag  und tausend frohen Tagen
Sah er entgegen noch voll starker Zuversicht 
Nicht bange Ahndungen die seinen Tod ihm sagen
Beklemmen seine Brust die nur von Freuden spricht 
Am heitern Himmel glänzt die unumwölkte Sonne
Dem Jüngling freundlich zu und winkt ihn auf die Flur 
Da strahlte um ihn her in hoher stiller Wonne
Und ernst in ihrer Pracht die feiernde Natur
Doch welch ein Schatten bebt dort durch den goldnen Schimmer 
Und immer näher bebts  o Jüngling zieh zurück
Den allzukühnen Fuß  zu spät  Welch ein Gewimmer 
Ach Gott  den Jüngling trifft sein trauriges Geschick
Es lauerte der Tod auf ihn in stillen Fluten
Und über seinen Raub rauscht er nun stolz dahin 
Des Jünglings Freunde sehens und ihre Herzen bluten
Sie fühlen den Verlust und klagen laut um ihn
Doch welch ein Wonnetod wo solche Zähren fließen
Wo sanft ein Auge weint aus dem der Himmel lacht 
O selig wenn nun einst sich meine Augen schließen
Wenn dann auch um mich hier die Freundschaft zärtlich klagt
Das letztere bezog sich auf den Umstand dass ein junges schönes Frauenzimmer
die eine nahe Anverwandtin von dem Ertrunkenen war und mit deren Bruder sich
dieser eben gebadet hatte auf die erhaltene Nachricht von dem unglücklichen
Vorfall sogleich aus der Stadt herbeieilte und bei der Menge Menschen die am
Fluße standen ihre Tränen nicht verbarg welches Anton Reiser mit Rührung
bemerkte so dass er den Toten fast beneidet hätte um den solche Tränen flossen

    Reiser war nämlich auch in der Absicht sich zu baden an den Fluss gegangen
und eben da er hinkam war der junge Mensch ertrunken dessen Gefährte sich
noch nicht einmal wieder angekleidet hatte er sah darauf die gleichgültigen
und bei der Sache uninteressierten Zuschauer sich allmählich versammlen sah
den Körper des jungen Menschen den er selbst durch Philipp Reisern sehr gut
gekannt hatte herausziehen und alle Mittel ihn wieder zum Leben zu bringen
vergeblich anwenden  dies alles machte einen so lebhaften Eindruck auf ihn dass
das Gedicht welches er auf diesen Vorfall verfertigte eine gewisse Wahrheit im
Ausdruck erhielt und sich dadurch von dem Gedicht auf den Tod des jungen
Marquard sehr merklich unterschied
    Dies Gedicht fand nun einige Härten ausgenommen Philipp Reisers Beifall
wieder welches für Anton Reisern so aufmunternd war dass er nun auch ohne
Veranlassung durch eigne Aufsätze in Prosa und in Versen sich seines Freundes
Beifall zu erwerben suchte 
    Allein die Aufsätze und Gedichte ohne eigentliche Veranlassung wollten ihm
nie recht gelingen  er quälte sich vierzehn Tage lang mit einem Gegenstande
den er sich zu besingen vorgenommen hatte dies war eine Gegeneinanderstellung
des Weltmanns dessen Hoffnung sich mit diesem Leben endigt und des Christen
der eine frohe Aussicht auf die Zukunft jenseits des Grabes hat 
    Diese Idee war ein Überbleibsel seiner Lektüre von Youngs Nachtgedanken und
da ihm der Gegenstand worüber er Verse machen wollte gleichgültig war indem
er keine besondere Veranlassung zum Dichten als seine Neigung und das Streben
nach dem Beifall seines Freundes hatte so drängte sich ihm das Resultat seiner
Lektüre von Youngs Nachtgedanken am ersten auf dem er noch eine ziemlich
vernünftige Wendung gab indem er seinen Christen alle erlaubten Freuden des
Weltmanns genießen ließ und ihm dennoch den Vorteil einer frohen Aussicht in die
Ewigkeit dazu gab so dass er gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen musste
 Aus dieser zwar richtigen aber zu gesuchten und gekünstelten Idee entstand
denn folgendes zweite Gedicht das wiederum Reisers Beifall nicht erhielt und
womit er auch selbst ungeachtet der Mühe die es ihm gekostet hatte nie
zufrieden war
                          Der Weltmann und der Christ
Einst gingen überen Blumenwiesen
Ein Christ und Weltmann einen Pfad
Hier wo der Freude Bäche fließen
Ward jeder süßer Freuden satt
Der Weltmann nutzte klug sein Leben
Er hielts für seine Ewigkeit 
Nie konnte sich sein Geist erheben
Bis über sich und Welt und Zeit
Mit Klugheit nutzt er jede Freude
Die die Natur umsonst ihm bot
Ihm lacht die Flur im Blumenkleide
Ihm glänzet früh das Morgenrot 
Vor diesen edleren Erdenfreuden
Verschloss auch nicht der Christ die Brust
Und nicht geboren nur zu Leiden
Genoss auch er des Weltmanns Lust
Nur mit dem kleinen Unterscheide
Der Freude Anfang war ihm da
Wo jener seiner kurzen Freude
Furchtbarem End entgegen sah 
Dieser Sommer war also für Anton Reiser ein recht poetischer Sommer  Seine
Lektüre mit dem Eindruck den die schöne Natur damals auf ihn machte
zusammengenommen tat eine wunderbare Wirkung auf seine Seele alles erschien
ihm in einem romantischen bezaubernden Lichte wohin sein Fuß trat 
    Aber ungeachtet seines genauen Umganges mit Reisern liebte er dennoch
vorzüglich die einsamen Spaziergänge  Nun war vor dem neuen Tore in Hannover
der Gang auf der Wiese längst dem Fluße nach dem Wasserfall zu besonders
einladend für seine romantischen Ideen
    Die feierliche Stille welche in der Mittagsstunde auf dieser Wiese
herrschte die einzelnen hie und da zerstreuten hohen Eichbäume welche mitten
im Sonnenschein so wie sie einsam standen ihren Schatten auf das Grüne der
Wiese hinwarfen  ein kleines Gebüsch in welchem man versteckt das Rauschen des
Wasserfalls in der Nähe hörte  am jenseitigen Ufer des Flusses der angenehme
Wald in welchem er mit Reisern des Morgens in der Frühe spazieren gegangen war
 in der Ferne weidende Herden und die Stadt mit ihren vier Türmen und dem
umgebenden mit Bäumen bepflanzten Walle wie ein Bild in einem optischen
Kasten  Dies zusammengenommen versetzte ihn allemal in jene wunderbare
Empfindung die man hat sooft es einem lebhaft wird dass man in diesem
Augenblicke nun gerade an diesem Orte und an keinem andern ist dass dies nun
unsere wirkliche Welt ist an die wir so oft als an eine bloß idealische Sache
denken 
    Es fällt einem ein dass man sich bei der Lektüre von Romanen immer
wunderbarere Vorstellungen von den Gegenden und Örtern gemacht hat je weiter
man sie sich entfernt dachte Und nun denkt man sich mit allen großen und
kleinen Gegenständen die einen jetzt umgeben zB in Vorstellung eines
Einwohners von Peking  dem dies alles nun ebenso fremd so wunderbar deuchten
müsste  und die uns umgebende wirkliche Welt bekommt durch diese Idee einen
ungewohnten Schimmer der sie uns ebenso fremd und wunderbar darstellt als ob
wir in dem Augenblick tausend Meilen gereist wären um diesen Anblick zu haben
 Das Gefühl der Ausdehnung und Einschränkung unsers Wesens drängt sich in einen
Moment zusammen und aus der vermischten Empfindung welche dadurch erzeugt
wird entsteht eben die sonderbare Art von Wehmut die sich unserer in solchen
Augenblicken bemächtigt 
    Reiser fing schon damals an über dergleichen Erscheinungen bei sich selber
nachzudenken und zu untersuchen wie die Gegenstände solche Eindrücke auf ihn
machen könnten  allein die Eindrücke selbst waren noch zu lebhaft als dass er
kaltblütige Reflexionen darüber hätte anstellen können  auch war seine
Denkkraft noch nicht geübt und nicht stark genug sich die aufsteigenden Bilder
der Phantasie gehörig unterzuordnen  dazu kam eine gewisse Trägheit und
Hinsinken in der Behaglichkeit des Genusses wodurch ebenfalls seine Reflexionen
wieder gehemmt wurden 
    Demohngeachtet aber hatte er schon seit dem vorigen Sommer im Sinn gehabt
einen Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften zu schreiben und diesen in das
Hannoversche Magazin einrücken zu lassen  er sammlete hiezu beständig Ideen und
hatte genug Gelegenheit sie zu sammlen weil seine eigene Erfahrung sie ihm
täglich an die Hand gab  Allein mit dem ganzen Aufsatze kam er doch nicht
zustande
    Auch konnte er damals nicht begreifen warum die einzelnen auf der Wiese hin
und her zerstreuten hohen Bäume mit ihrem Schatten in der Mittagssonne einen so
wunderbaren Eindruck auf ihn machten  er fiel nicht darauf dass eben der
einsame Stand derselben in großen und unregelmässigen Zwischenräumen der Gegend
das majestätische feierliche Ansehen gab wodurch sein Herz immer so gerührt
wurde  Diese einsamen Bäume machten ihm seine eigne Einsamkeit indem er unter
ihnen umherwandelte gleichsam heilig und ehrwürdig  sooft er unter diesen
Bäumen ging lenkten sich seine Gedanken auf erhabene Gegenstände seine
Schritte wurden langsamer sein Haupt gesenkt und sein ganzes Wesen ernster und
feierlicher  dann verlor er sich in dem naheliegenden niedrigen Gebüsch und
setzte sich in den Schatten eines Gesträuchs wo er denn beim Geräusch des nahen
Wasserfalls sich entweder in angenehmen Phantasien wiegte oder las
    Es ging auf die Weise fast kein Tag hin wo seine Phantasie nicht mit neuen
Bildern aus der wirklichen sowohl als aus der idealischen Welt genährt worden
wäre 
    Zu diesem allen kam nun noch dass gerade in diesem Jahre die Leiden des
jungen Werters erschienen waren welche nun zum Teil in alle seine damaligen
Ideen und Empfindungen von Einsamkeit Naturgenuss patriarchalischer Lebensart
dass das Leben ein Traum sei usw eingriffen 
    Er bekam sie im Anfange des Sommers durch Philipp Reisern in die Hände und
von der Zeit an blieben sie seine beständige Lektüre und kamen nicht aus seiner
Tasche  Alle die Empfindungen die er an dem trüben Nachmittage auf seinem
einsamen Spaziergange gehabt hatte und welche das Gedicht an Philipp Reisern
veranlassten wurden dadurch wieder lebhaft in seiner Seele  Er fand hier seine
Idee vom Nahen und Fernen wieder die er in seinen Aufsatz über die Liebe zum
Romanhaften bringen wollte  seine Betrachtungen über Leben und Dasein fand er
hier fortgesetzt  155Wer kann sagen das ist da alles mit Wetterschnelle
vorbeiflieht139  Das war eben der Gedanke der ihm schon so lange seine
eigne Existenz wie Täuschung Traum und Blendwerk vorgemalt hatte  Was aber
nun die eigentlichen Leiden Werters anbetraf so hatte er dafür keinen rechten
Sinn  Die Teilnehmung an den Leiden der Liebe kostete ihm einigen Zwang  er
musste sich mit Gewalt in diese Situation zu versetzen suchen wenn sie ihn
rühren sollte  denn ein Mensch der liebte und geliebt ward schien ihm ein
fremdes ganz von ihm verschiedenes Wesen zu sein weil es ihm unmöglich fiel
sich selbst jemals als einen Gegenstand der Liebe von einem Frauenzimmer zu
denken  Wenn Werter von seiner Liebe sprach so war ihm nicht viel anders
dabei als wenn ihn Philipp Reiser von den allmählichen Fortschritten die er in
der Gunst seines Mädchens getan hatte oft stundenlang unterhielt 
    Aber die allgemeinen Betrachtungen über Leben und Dasein über das
Gaukelspiel menschlicher Bestrebungen über das zwecklose Gewühl auf Erden die
dem Papier lebendig eingehauchten echten Schilderungen einzelner Naturszenen und
die Gedanken über Menschenschicksal und Menschenbestimmung waren es welche
vorzüglich Reisers Herz anzogen
     Die Stelle wo Werter das Leben mit einem Marionettenspiel vergleicht wo
die Puppen am Draht gezogen werden und er selbst auf die Art mit spielt oder
vielmehr mit gespielt wird seinen Nachbar bei der hölzernen Hand ergreift und
zurückschaudert  erweckte bei Reisern die Erinnerung an ein ähnliches Gefühl
das er oft gehabt hatte wenn er jemanden die Hand gab Durch die tägliche
Gewohnheit vergisst man am Ende dass man einen Körper hat der ebensowohl allen
Gesetzen der Zerstörung in der Körperwelt unterworfen ist als ein Stück Holz
das wir zersägen oder zerschneiden und dass er sich nach eben den Gesetzen wie
jede andere von Menschen zusammengesetzte körperliche Maschine bewegt  Diese
Zerstörbarkeit und Körperlichkeit unsers Körpers wird uns nur bei gewissen
Anlässen lebhaft  und macht dass wir vor uns selbst erschrecken indem wir
plötzlich fühlen dass wir etwas zu sein glaubten was wir wirklich nicht sind
und statt dessen etwas sind was wir zu sein uns fürchten  Indem man nun einem
andern die Hand gibt und bloß den Körper sieht und berührt indem man von dessen
Gedanken keine Vorstellung hat so wird dadurch die Idee der Körperlichkeit
lebhafter als sie es bei der Betrachtung unseres eignen Körpers wird den wir
nicht so von den Gedanken womit wir ihn uns vorstellen trennen können und ihn
also über diese Gedanken vergessen
    Nichts aber fühlte Reiser lebhafter als wenn Werter erzählt dass sein
kaltes freudenloses Dasein neben Lotten in grässlicher Kälte ihn anpackte  Dies
war gerade was Reiser empfand da er einmal auf der Straße sich selbst zu
entfliehen wünschte und nicht konnte und auf einmal die ganze Last seines
Daseins fühlte mit der man einen und alle Tage aufstehen und sich niederlegen
muss  Der Gedanke wurde ihm damals ebenfalls unerträglich und führte ihn mit
schnellen Schritten an den Fluss wo er die unerträgliche Bürde dieses elenden
Daseins abwerfen wollte  und wo seine Uhr auch noch nicht ausgelaufen war 
    Kurz Reiser glaubte sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen bis auf
den Punkt der Liebe im Werter wieder zu finden  Lass das Büchlein deinen
Freund sein wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nähern finden
kannst  An diese Worte dachte er sooft er das Buch aus der Tasche zog   er
glaubte sie auf sich vorzüglich passend  Denn bei ihm war es wie er glaubte
teils Geschick teils eigne Schuld dass er so verlassen in der Welt war und so
wie mit diesem Buche konnte er sich doch auch selbst mit seinem Freunde nicht
unterhalten 
    Fast alle Tage ging er nun bei heiterem Wetter mit seinem Werter in der
Tasche den Spaziergang auf der Wiese längst dem Fluße wo die einzelnen Bäume
standen nach dem kleinen Gebüsch hin wo er sich wie zu Hause fand und sich
unter ein grünes Gesträuch setzte das über ihm eine Art von Laube bildete 
weil er nun denselben Platz immer wieder besuchte so wurde er ihm fast so lieb
wie das Plätzchen am Bache  und er lebte auf die Weise bei heiterem Wetter mehr
in der offenen Natur als zu Hause indem er zuweilen fast den ganzen Tag so
zubrachte dass er unter dem grünen Gesträuch den Werter und nachher am Bache
den Virgil oder Horaz las 
    Allein die zu oft wiederholte Lektüre des Werters brachte seinen Ausdruck
sowohl als seine Denkkraft um vieles zurück indem ihm die Wendungen und selbst
die Gedanken in diesem Schriftsteller durch die öftere Wiederholung so geläufig
wurden dass er sie oft für seine eigenen hielt und noch verschiedene Jahre
nachher bei den Aufsätzen die er entwarf mit Reminiszenzien aus dem Werter zu
kämpfen hatte welches der Fall bei mehreren jungen Schriftstellern gewesen ist
die sich seit der Zeit gebildet haben  Indes fühlte er sich durch die Lektüre
des Werters ebenso wie durch den Shakespeare sooft er ihn las über alle seine
Verhältnisse erhaben das verstärkte Gefühl seines isolierten Daseins indem er
sich als ein Wesen dachte worin Himmel und Erde sich wie in einem Spiegel
darstellt ließ ihn stolz auf seine Menschheit nicht mehr ein unbedeutendes
weggeworfenes Wesen sein das er sich in den Augen andrer Menschen schien  Was
Wunder also dass seine ganze Seele nach einer Lektüre hing die ihn sooft er
sie kostete sich selber wiedergab 
    Nun fiel auch in diesen Zeitpunkt gerade die neue Dichterepoche wo Bürger
Hölty Voss die Stollberge usw auftraten und ihre Gedichte zuerst in den
Musenalmanachen drucken ließ die damals ihren Anfang genommen hatten  Der
diesjährige Musenalmanach enthielt vorzüglich vortreffliche Gedichte von Bürger
Hölty Voss usw 
    Die beiden Balladen Leonore von Bürger und Adelstan von Hölty lernte Reiser
sogleich auswendig wie er sie las  und diese beiden auswendig gelernten
Balladen sind ihm nachher auf seinen Wanderungen oft sehr zustatten gekommen
Schon damals versammlete er öfters in der Dämmerung des Abends entweder bei
seinem Wirt zu Hause oder bei seinem Vetter dem Perückenmacher einen Zirkel um
sich her und deklamierte Leonore oder Adelstan und Röschen  und teilte auf die
Weise mit den Verfassern das Vergnügen des Genusses von dem Beifall den ihre
Werke erhielten  denn so gut war er gesinnt dass er diesen Beifall immer in
ihrer Seele fühlte und sie sich in denselben Zirkel wünschte  Aber seine
Verehrung gegen die Verfasser solcher Werke wie die Leiden des jungen Werters
und verschiedene Gedichte im Musenalmanach waren fing auch nun an
ausschweifend zu werden  er vergötterte diese Menschen in seinen Gedanken und
würde es schon für eine große Glückseligkeit gehalten haben nur einmal ihres
Anblicks zu genießen  Nun lebte Hölty damals in Hannover und ein Bruder
desselben war Reisers Mitschüler  und hätte ihn leicht mit dem Dichter bekannt
machen können  Aber so weit ging damals noch Reisers Selbstverkennung dass er
es nicht einmal wagte Höltys Bruder diesen Wunsch zu entdecken und sich selbst
mit einer Art von bitterem Trotz dies ihm so naheliegende und so sehr gewünschte
Glück versagte  indes suchte er jede Gelegenheit auf mit Höltys Bruder zu
sprechen und jede Kleinigkeit welche dieser ihm von dem Dichter erzählte war
ihm wichtig  und wie oft beneidete er diesen jungen Menschen dass er der Bruder
desjenigen war welchen Reiser fast unter die Wesen höherer Art zählte dass er
mit ihm vertraulich umgehn ihn sooft er wollte sprechen und ihn du nennen
konnte
    Diese ausschweifende Ehrfurcht gegen Dichter und Schriftsteller nahm nachher
mehr zu als ab er konnte sich kein größeres Glück denken als dereinst einmal
in diesem Zirkel Zutritt zu haben  denn er wagte es nicht sich ein solches
Glück anders als im Traume vorzuspiegeln 
    Seine Spaziergänge wurden ihm nun immer interessanter er ging mit Ideen
die er aus der Lektüre gesammlet hatte hinaus und kehrte mit neuen Ideen die
er aus der Betrachtung der Natur geschöpft hatte wieder herein  Auch machte
er wieder einige Versuche in der Dichtkunst die sich aber immer um allgemeine
Begriffe herumdrehten und sich wieder zu seiner Spekulation hinneigten die doch
immer seine Lieblingsbeschäftigung war 
    So ging er einmal auf der Wiese wo die hin und her zerstreuten hohen Bäume
standen und seine Ideen stiegen auf einer Art von Stufenleiter bis zu dem
Begriff des Unendlichen empor  Dadurch verwandelte sich seine Spekulation in
eine Art von poetischer Begeisterung wozu sich denn die Begierde den Beifall
seines Freundes zu erhalten gesellte  er dachte sich ein Ideal eines Weisen
eines Menschen der so viele Ideen hat als einem Sterblichen nur möglich sind 
und der dennoch immer eine Lücke in sich fühlt die nur durch die Idee vom
Unendlichen ausgefüllt werden kann und so brachte er dann wieder mit einigem
Zwang wegen des Ausdrucks folgendes Gedicht zuwege
                              Die Seele des Weisen
Des Weisen Seel in ihrem Fluge
Erhub sich über Wolken hoch
Und folgte kühn dem innern Zuge
Der mächtig himmelan sie zog 
Sie strebt das Leere auszufüllen
Das sie in sich mit Ekel sieht
Und forscht um die Begier zu stillen
Nach Wahrheit die ihr stets entflieht
Sie türmt Gedanken auf Gedanken
Durchschauet kühn der Himmel Heer
Erschwingt den Weltbau ohne Schranken
Doch der Gedanke lässt sie leer 
Sie wagt es nun sich selbst zu denken
Sich die so oft sich selbst enflieht
Wagts in ihr Sein sich zu versenken
Und sieht dass sie sich selbst nicht gnügt 
Da hub sich hoch mit Adlerschwingen
Des Weisen Seele über sich 
Zu dir den alle Wesen singen
Und dachte Gott Jehova dich
Und nun fühlt sie die weite Leere
In sich erfüllt mit Seligkeit
Und schwimmt in einem Freudenmeere
Weil sie sich ihres Gottes freut
So wie er nun den Begriff von Gott in ein Gedicht gezwängt hatte suchte er auch
den Begriff von der Welt in Verse zu bringen  So lief seine ganze Dichtkunst
auf allgemeine Begriffe hinaus  Das Detail der Natur in und außer dem Menschen
zu schildern dahin zog ihn seine Neigung nie  Seine Einbildungskraft
arbeitete beständig die großen Begriffe von Welt Gott Leben Dasein usw die
er mit seinem Verstande zu umfassen gesucht hatte nun auch in poetische Bilder
zu kleiden  und diese poetischen Bilder selbst waren immer das Große in der
Natur, als Wolken Meer Sonne Gestirne usw
    Das Gedicht über die Welt war weit mehr Spekulation als Gedicht und wurde
daher das Gezwungenste was man sich denken kann es hub sich an
Der Mensch entschwinget sich dem Staube
Und mit ihm seine Welt 
Dem Grabe wird der Mensch zum Raube
Und mit ihm seine Welt 
Philipp Reiser tadelte dies Gedicht durchweg ausgenommen folgenden Vers den er
erträglich fand
Der häuft sich seine Welt mit Schätzen
Und der mit Lorbeern an
Und jeder findet sein Ergötzen
Am Spiel das er ersann 
Reisers Phantasie lag jetzt mit seiner Denkkraft im Kampfe sie wollte bei jeder
Gelegenheit in das Gebiet derselben eingreifen und die allerabstraktesten
Begriffe wieder in Bilder hüllen  Dies war für Reisern oft ein ängstlicher
qualvoller Zustand  und in einem solchen Zustande hatte er das Gedicht über die
Welt hervorgebracht das weder eigentliche Spekulation noch Poesie sondern ein
verunglücktes Mittelding von beiden war
    Da nun eine Zeitlang regnigtes Wetter einfiel so wich Reiser dennoch nicht
von seiner einsamen poetischen Lebensart ab
    Er schloss sich in seine Kammer ein wo er ein altes baufälliges Klavier für
sich selbst so gut er konnte wieder zurecht brachte und es mit vieler Mühe
stimmte  Bei diesem Klaviere saß er nun den ganzen Tag und lernte da er die
Noten kannte fast alle Arien aus der Jagd aus dem Tod Abels usw für sich
selber singen und spielen  dazwischen las er den Tom Jones von Fielding und
Hallers Gedichte verschiedenemal durch und brachte einige Wochen in dieser
Einsamkeit fast ebenso vergnügt zu als die wo er in seinem vorigen Logis auf
dem Boden Philosophie studierte  Hallers Gedichte konnte er beinahe auswendig
    Hier besuchte ihn Philipp Reiser einmal eines Nachmittags und gab ihm den
Auftrag eine Chorarie zu verfertigen die er alsdann in Musik setzen wolle 
Dies war für Anton Reisern ein so ehrenvoller und ermunternder Auftrag dass er
sich sobald er allein war zum Dichten hinsetzte und indem er immer einen
Akkord auf dem Klavier dazwischen anschlug in weniger als einer Stunde folgende
Verse hervorgebracht hatte
Der Herr ist Gott  o falle nieder
Und rausche mächtig hohe Lieder
Dem Ewgen der dich schuf Natur
Rauscht eures Gottes Lob ihr Winde
Verkündigt es ihr stillen Gründe
Ihr Blumen duftets auf der Flur
     
Ihr Wolken donnert ihm zu Ehren
Seid nicht zu seinem Lobe stumm
Ihr Höhlen und ihr Felsengänge
Und widerhallt die Lobgesänge
Zu eures großen Schöpfers Ruhm
Und was nur lebt und denkt auf Erden
Das müsse ganz zum Danke werden
Und loben Gott durch Fröhlichkeit 
So wird dem Schöpfer aller Wesen
Von dem was er zum Sein erlesen
Ein ewigtönend Lied geweiht
Philipp Reiser setzte also diese Verse in Musik und sie wurden nun wirklich im
Chore gesungen ohne dass jemand den Verfasser wusste  Das neue Stück fand viel
Beifall und jedermann war besonders mit dem Text zufrieden  es schmeichelte
auch Anton Reisern nicht wenig da er seine eignen Worte von seinen Mitschülern
die ihn so verachteten singen und sie ihren Beifall darüber bezeigen hörte 
aber er sagte keinem einzigen dass die Verse von ihm wären  sondern genoss
lieber bei sich selbst des stillen Triumphs den ihm dieser ungesuchte Beifall
gewährte 
    Seine Gedanken waren es doch die jetzt zu so oft wiederholten Malen als
das neue Stück gesungen wurde die Aufmerksamkeit einer Anzahl Menschen die
sangen und derer die zuhörten beschäftigten  wenn irgend etwas fähig ist
der Eitelkeit eines Menschen der Verse macht Nahrung zu geben so ist es wenn
man die Gedanken und Ausdrücke desselben für würdig hält in Musik gesetzt zu
werden  Jedes Wort scheint dadurch gleichsam einen höheren Wert zu erhalten 
und die Empfindung welche Anton Reisern darüber anwandelte wenn er seine Arien
singen hörte mag vielleicht bei einem jeden der einmal sein eigenes Singestück
vollstimmig und bei einer beträchtlichen Anzahl Zuschauer aufführen hörte sich
im Innern seiner Seele geregt haben auch hat man lebende Beispiele davon was
dergleichen Triumphe für unerhörte Ausbrüche der Eitelkeit bei gewissen Personen
veranlasst haben 
    Anton Reisers Triumph dauerte nicht lange  denn sobald man erfuhr wer der
Verfasser dieser Verse sei so fand man daran allerlei zu tadeln und einige von
den Chorschülern welche Kleists Gedichte gelesen hatten behaupteten geradezu
dass sie aus dem Kleist ausgeschrieben wären  Nun mochten freilich wohl
Reminiszenzien darin sein aber der letzte Gedanke von dem was Gott zum Sein
erlesen habe drehte sich wieder um Reisers metaphysische Spekulation inwiefern
nur den lebenden und denkenden Geschöpfen eigentliches Dasein zugeschrieben
werden könne  Philipp Reiser war mit diesem Gedichte auch insoweit zufrieden
bis auf die Natur die wie eine Dame vor Gott niederknieen sollte  welches zu
gewagte Bild er tadelte  Während dass Philipp Reiser also Klaviere machte um
zu leben beschäftigte sich Anton Reiser damit Verse zu machen welche jener
ihm kritisieren musste der selbst nie einen Vers zu machen versucht hatte und
also auch nicht eifersüchtig war auf ihn  vielmehr gab er ihm zuweilen selbst
ein Thema zu bearbeiten  wie unter andern einmal dass er Philipp Reisers
Zustand seine verliebten Leiden sein Emporarbeiten und wieder Sinken in dessen
Namen besingen sollte  und ohne dass damals noch an den Mond so viele Seufzer
und verliebte Klagen wie nachher im Siegwart und unzähligen Liedern gerichtet
waren hub Reiser seinen Gesang an
Was blickest du so mitleidsvoll
Vom Himmel stiller Mond mich an
Weißt du vielleicht den Kummer wohl
Den ich nur leise klagen kann usw
Und dann in einem der folgenden Verse in Beziehung auf Reisers Zustand
Oft will ich mich erheben
Und sinke schwer zurück
Und fühle dann mit Beben
Mein trauriges Geschick 
Bei diesem allen versäumte auch Anton Reiser damals seine öffentlichen
Schulstunden nicht wo der neue Direktor der wie schon erwähnt ist bei ein
wenig Pedanterie doch im Grunde ein Mann von Geschmack sowohl als Kenntnissen
war Deklamationsübungen anstellte die Reisers ganzen Ehrgeiz rege machten 
    Allein derjenige welcher nun zum Deklamieren öffentlich auftreten wollte
musste wenigstens ein gutes Kleid haben welches Reisern fehlte der außer seinem
Kleide von bedientenmässigen grauen Tuche nichts als einen alten Überrock hatte
und in keinem von beiden wagte er es aufzutreten  Seine schlechte Kleidung war
es also welche ihm hier aufs neue im Wege stand und seinen Mut niederschlug
    Endlich wurde denn doch auch dies Hindernis gehoben indem der Prinz wieder
so viel für ihn hergab dass ihm ein gutes Kleid konnte geschafft werden 
    Und nun ging alle sein Denken und Trachten dahin wie er ein Gedicht
verfertigen wolle das er für würdig hielt es öffentlich zu deklamieren 
    Nun war es gar nicht gewöhnlich dass irgend jemand ein Gedicht welches er
deklamieren wollte selbst verfertigte sondern ein jeder schrieb sich irgendwo
eins aus und legte beim Deklamieren das Papier vor sich hin oder gab es dem
Direktor welcher nachlas 
    Reiser hatte sich nun aber einmal darauf gesetzt das Gedicht welches er
zuerst deklamieren wollte selbst verfertigt zu haben  er war nun nur noch um
einen würdigen Stoff verlegen vorzüglich wünschte er einen solchen Stoff zu
bearbeiten wobei sich viel Deklamation anbringen ließe 
    Und da er nun einmal an einem schönen Abend bei hellem Mondschein ganz voll
von diesem Gedanken um den Wall spazieren ging so erinnerte er sich an ein
Gedicht gegen die Gottesleugner das er ein paar Jahre vorher wegen des
deklamatorischen Ausdrucks der darin herrschte fast auswendig gelernt hatte
das ihm aber in Ansehung der Gedanken jetzt höchst abgeschmackt vorkam  indes
wurde dieser Gegenstand ihm in dem Augenblick so lebhaft  dass er noch einmal
den Spaziergang um den Wall machte und während dieser Zeit sein Gedicht der
Gottesleugner in seinem Kopfe vollendet hatte 
    Seine Gedanken hatten eine eigne Wendung genommen welche von der
alltäglichen in dem Gedichte das er auswendig wusste ganz verschieden war  Er
dachte sich den Gottesleugner als den Sklaven des Sturmwindes des Donners der
tobenden Elemente der Krankheit und der Verwesung kurz als den Sklaven aller
der unvernünftigen leblosen Wesen die stärker sind als er und die nun seine
Herren geworden sind da er den Geist voll ewger Huld nicht verehren will  Das
Bedürfnis einen Gott zu glauben erwachte bei dieser Gelegenheit da er erst
bloß damit umging ein Gedicht zu verfertigen und zu deklamieren so mächtig in
Reisers Seele dass er gegen den der diesen Trost ihm rauben wolle gleichsam
eine Art von gerechter Erbitterung fühlte und sich in diesem Feuer erhalten
konnte bis sein Gedicht vollendet war das sich mit der frohen Überzeugung von
dem Dasein einer vernünftigen Ursach aller Dinge welche sind und geschehen
anhub und endigte und bei aller Unregelmässigkeit und dem oftmals Gezwungnen im
Ausdruck doch ein Ganzes von Empfindungen ausmachte welches Reisern bis jetzt
hervorzubringen noch nicht gelungen war  Die Mitteilung dieses Gedichts wird
daher in dieser Rücksicht nicht überflüssig sein wenn es gleich um sein selbst
willen keine Aufbewahrung verdiene
                               Der Gottesleugner
Es ist ein Gott  wohl mir Dem Vater meiner Tage
Ihm dank ich mein Geschick  er wog mir jeden Schmerz
Und jede Freude zu  er kennet jede Plage
Die ich hier leiden soll  drum weine nicht mein Herz
Wenn sich der Morgen schön aus brauner Nacht entüllet
So töne froh dein Lied dem Ewgen der ihn schuf
Und wenn sein Donner laut in hohlen Lüften brüllet
So töne froh dein Lied dem Ewgen der ihn schuf
O freue früh und spät dich seiner meine Seele
Lob ihn  denn ein Gedank an ihn ist Seligkeit
Und leben ohne Gott und denken  ist die Hölle
Und jeder Seelenblick ein Quell von ewgem Leid
Du der du zweifelst ob ein Gott im Himmel wohnet
Tor o verbanne schnell den Zweifel aus der Brust 
Der dir mit tausend Qual und mit der Hölle lohnet
Und denke einen Gott  und fühle Himmelslust
Du kannst du willst ihn nicht den guten Gott erkennen
Den Geist voll ewger Huld zum Herren über dir 
Wohl  so erkenne denn die Qualen die dich brennen
Der Elemente Wut zu Herren über dir 
Droht dir am Himmel hoch ein schwarzes Donnerwetter
Braust dort das hohle Meer  ruft hier ein offenes Grab 
Dann Frevler bete an  denn das sind deine Götter
Die dir Vernünftigen dein toller Wahnsinn gab
Und droht die Krankheit dir mit schreckendem Gefieder 
Nagt nun am Herzen dir  und grinset dann der Tod
Des Grabes Schreckenbild dich an  so falle nieder
Vor ihm und bet ihn an  Verwesung ist dein Gott
Dann sinke in dein Grab  vereine mit dem Staube
Die Seele die dein Wahn hier in dir selbst begrub 
Und werde wenn du kannst dem ewgen Nichts zum Raube
Du den zum denkenden Geschöpfe Gott erhub 
Wer seinen Gott verkennt dem wird die Welt zur Hölle 
Er selbst ist nur ein Traum und um ihn her ist Wahn 
Doch denke einen Gott und schnell wirds um dich helle 
Und deine Seele schwingt sich mächtig himmelan 
Durch die Empfindungen welche während der Zeit dass er dies Gedicht
verfertigte in ihm abwechselten war wirklich seine ganze Seele erschüttert 
er bebte vor dem schrecklichen Abgrunde des blinden Ohngefährs an dessen Rande
er schon stand mit Schaudern und Entsetzen zurück und schmiegte sich gleichsam
mit allen seinen Gedanken und Empfindungen in die tröstende Idee von dem Dasein
eines alles regierenden und lenkenden gütigen Wesens hinein 
    Da nun dies Gedicht auch seines Freundes völligen Beifall fand so lernte er
es auswendig und den nächsten Tag in der Woche da Deklamationsübung war nahm
er sich vor es zu deklamieren  Er erschien hierbei mit seinem
neuangeschaften Kleide das sich ziemlich gut ausnahm und das erste feine Kleid
war welches er in seinem Leben trug  das war ein nicht unbedeutender Umstand
bei ihm  Das neue Kleid wodurch er sich nun seinen Mitschülern von denen er
so lange durch seine schlechte Kleidung ausgezeichnet gewesen war wieder
gleichgesetzt sah flößte ihm Mut und Zutrauen zu sich selber ein und was das
Sonderbarste war so schien es ihm auch mehr Achtung bei andern zu erwerben die
nun erst mit ihm sprachen da sie sich vorher gar nicht um ihn bekümmert hatten

    Und da er nun vollends in dem Hörsaale wo er so lange ein Gegenstand der
allgemeinen Verachtung gewesen war auf dem Katheder vor seinen versammleten
Mitschülern öffentlich auftrat um sein von ihm selbst verfertigtes Gedicht zu
deklamieren so erhob sich sein niedergedrückter Geist zum ersten Male wieder
und es erwachten wieder Hoffnungen und Aussichten auf die Zukunft in seiner
Seele 
    Er hatte dem Direktor eine Abschrift von dem Gedichte zum Nachlesen gegeben
die ihm dieser wieder zurückgab ohne dass Reiser in Versuchung geriet ihm zu
sagen dass er das Gedicht selbst verfertigt habe  er war mit dem innern
Bewusstsein davon zufrieden und es war ihm angenehm wenn seine Mitschüler sich
bei ihm erkundigten wo das Gedicht das er deklamiert hätte stünde und er
ihnen dann irgendeinen Dichter nannte woraus er es abgeschrieben habe 
    Reiser bat sich vom Direktor die Erlaubnis aus in der künftigen Woche noch
einmal deklamieren zu dürfen und da er diese erhielt änderte er das Gedicht an
Philipp Reisern
Dir Freund will ich mein Leiden klagen
etwas um und gab ihm die Überschrift Die Melancholie  Er ließ dies Gedicht
nun anfangen
Der Seele Leiden will ich klagen 
Könnt ihr es Worte halb nur sagen
O sagts und lindert meinen Schmerz
Die letzte Strophe
Wem soll ich dieses Dasein danken
Wer setzt ihm diese engen Schranken
Aus welchem Chaos stiegs empor
In welche greuelvolle Nächte
Sinkts wenn des Schicksals ehrne Rechte
Mir winket zu des Todes Tor
deklamierte er mit einem wirklichen Patos das er in Stimme und Bewegung
äußerte und blieb nachdem er schon stillgeschwiegen hatte noch einen
Augenblick mit emporgehobnen Arm stehen der gleichsam ein Bild seines
fortdauernden unaufgelösten schrecklichen Zweifels blieb
    Da er nun von dem Direktor die Abschrift seines Gedichts wieder
zurückerhielt gab ihm dieser seinen Beifall mit seiner Deklamation zu erkennen
und sagte zugleich die beiden Gedichte welche er deklamiert hätte wären sehr
gut ausgewählt 
    Dies war denn doch zu viel für Reisern als dass er länger der Versuchung
hätte widerstehen können den Direktor wissen zu lassen dass die Gedichte von
ihm selber wären und den Beifall der jetzt nur seine Auswahl traf für seine
Arbeit einzuernten
    Indes schwieg er jetzt noch stille und wartete ein paar Tage bis er ohnedem
zu dem Direktor gehen musste um ihm einen lateinischen Aufsatz den er so wie
seine Mitschüler wöchentlich zur Übung im Stil verfertigen musste zur
Durchsicht zu bringen und bei dieser Gelegenheit überreichte er denn dem
Direktor eine Abschrift von den beiden Gedichten die er deklamiert hatte und
sagte ihm dass er selbst der Verfasser davon wäre 
    Des Direktors Mienen der ihn sonst ziemlich gleichgültig angesehen hatte
heiterten sich sichtbar gegen ihn auf da er dies sagte und von dem Augenblick
an schien dieser Mann sein Freund zu werden  er ließ sich mit ihm in ein
Gespräch über die Dichtkunst ein erkundigte sich nach seiner Lektüre und
Reiser ging mit freudenvollen Herzen über die gute Aufnahme seiner Gedichte zu
Hause  Den andern Tag verkündigte er Philipp Reisern sein Glück der sich
aufrichtig mit ihm darüber freute dass man nun einmal aufhören würde ihn zu
verkennen und nun vielleicht glücklichere Tage auf ihn warteten 
    Nun fügte es sich dass Reiser in der folgenden Woche am Montag Morgen etwas
spät in die erste Lehrstunde kam welche der Direktor hielt und in welcher er
die lateinischen Aufsätze ohne Nennung der Namen öffentlich zu beurteilen
pflegte  Und da er nun in den Hörsaal trat hörte er den Anfang seines
Gedichts Der Gottesleugner vom Direktor der auf dem Katheder saß ablesen und
Zeile vor Zeile kritisieren  Reiser konnte erst kaum seinen Ohren trauen da
er dies hörte  sobald er hereintrat waren aller Augen auf ihn gerichtet  denn
diese öffentliche Kritik war die erste in ihrer Art 
    Der Direktor mischte so viel aufmunterndes Lob unter seinen Tadel und
bezeigte über die beiden Gedichte die Reiser deklamiert hatte im Ganzen
genommen so sehr seinen Beifall dass dieser von dem Tage an die Achtung seiner
Mitschüler deren Spott er so lange gewesen war erhielt und auf die Weise eine
neue Epoche seines Lebens anfing 
    Sein poetischer Ruhm breitete sich bald in der Stadt aus  er bekam von
allen Seiten Aufträge Gelegenheitsgedichte zu machen  und seine Mitschüler
wollten alle von ihm in der Poesie unterrichtet sein und das Geheimnis wie man
Verse machen könne von ihm lernen  Auch wurden dem Direktor nun so viele
Verse ins Haus gebracht dass dieser es endlich untersagen musste  auch hat er
nachher nie wieder öffentlich Verse kritisiert 
    Was Reisern am meisten bei der Sache freute war der merkliche Fortschritt
den er seit einem Jahre in Ansehung der Bildung seines Geschmacks getan zu haben
glaubte da ihm vor einem Jahre das Gedicht an die Gottesleugner welches er
jetzt höchst abgeschmackt fand noch so sehr gefallen hatte dass er es der Mühe
wert hielt es auswendig zu lernen  Aber in dies Jahr hatte sich auch die
Lektüre des Shakespeare des Werters und der vielen vorzüglichen Gedichte in
den neuen Musenalmanachen nebst seinem Studium der Wolfischen Philosophie
zusammengedrängt wozu noch die Einsamkeit und der stille ungestörte Naturgenuss
kam wodurch sein Geist zuweilen in einem Tage mehr als vorher in ganzen Jahren
an Kultur gewann  Man fing nun auch an wieder auf ihn aufmerksam zu werden
und diejenigen welche bisher geglaubt hatten dass nichts aus ihm werden würde
fingen nun wieder an zu glauben dass doch noch wohl etwas aus ihm werden könnte

    Bei dieser bessern Wendung seines Schicksals behielt Reiser demohngeachtet
noch immer seine schwermütige Laune bei woran er nun einmal ein besonderes
Behagen fand und selbst an dem Tage da ihm die unerwartete Ehre der
öffentlichen Kritik seiner Gedichte widerfahren war ging er den Nachmittag
einsam und schwermütig bei dem trüben und regnigten Wetter in der Stadt umher 
und wollte am Abend zu Philipp Reisern gehen um diesem sein Glück zu sagen 
Da er nun hinkam fand er ihn nicht zu Hause und alles war ihm nun so tot so
öde  er konnte sich seines Glücks die Achtung der Menschen die ihn zunächst
umgaben in gewissem Masse gewonnen zu haben nicht recht freuen weil er es
seinem Freunde nun nicht hatte erzählen können 
    Und da er nun traurig vor sich hin wieder nach Hause kehrte verfolgte er
die Idee des Nichtzuhausefindens des Rückkehrens mit kummerbeladenem Herzen
wenn er seinem Freunde ein Leiden hätte klagen wollen bis zu dem fürchterlichen
Gedanken dass er ihn tot gefunden habe und nun verzweiflungsvoll selbst sein
Glück verwünschte weil er das größte Glück des Lebens einen treuen Freund
verloren hatte  Daraus bildeten sich denn wieder folgende Verse die er
aufschrieb als er zu Hause kam 
Ich suchte meinen Freund
Wollt ihm sagen meine Leiden
Und fand ihn nicht  
Da ging ich bekümmert
Mit schwerem Herzen
In meine Hütte zurück  
Ich suchte meinen Freund
Wollt ihm sagen meine Freuden
Und fand ihn nicht  
Da ward ich so traurig
Als freudig ich vor war
Und ging und schwieg 
Ich suchte meinen Freund
Wollt ihm sagen mein Glück
Und fand ihn tot  
Da verflucht ich mein Glück
Und tat einen Schwur
So lange mein Auge noch Tränen weint
Zu trauren um diesen einen Freund
Denn diesen einen Freund hatt ich nur 
Um diese Zeit machte er nun auch durch den Sohn des Kantors Winter eine sehr
interessante Bekanntschaft mit dem philosophischen Essigbrauer womit ihn dieser
schon vor einem halben Jahre hatte bekannt machen wollen und immer nicht dazu
gekommen war 
    Winter holte ihn also eines Abends ab und Reiser war voller Erwartung 
unterwegs unterrichtete ihn Winter wie er sich bei dem Essigbrauer nehmen dass
er nicht guten Abend und wenn er wegginge nicht gute Nacht sagen solle  Dann
kamen sie auf der langen Osterstrasse die voller altfränkischen Häuser ist
durch den großen Torweg über einen langen Hof in das Brauhaus wo der
Essigbrauer hinten hinaus sein abgesondertes Revier hatte in welchem die Fässer
in einem großen Verschlage wo beständig eingeheizt ist reihenweise
nebeneinander standen so dass sie eine Art von langen Gängen bildeten in
welchen man sich verlieren konnte  Wenn man hier sprach so schallte es dumpf
wieder  Da nun hier niemand zu sehen war so fing Winter an zu rufen ubi 
und eine Stimme in der Ferne antwortete hic  sie gingen darauf in das
eigentliche Brauhaus dicht neben dem Revier wo die Fässer standen und der
Essigbrauer in seinem weißen Kamisol und blauen Schürze mit aufgestreiften Armen
stand am Fenster und schrieb  er wäre gleich fertig sagte er darauf gab er an
Winter ein Papier worauf einige lateinische Verse standen die er soeben für
ihn verfertigt hatte 
    Der Essigbrauer schien Reisern ein Mann von ungefähr dreißig Jahren zu sein
 in jeder Bewegung seiner Muskeln in dem zuckenden Blick seiner Augen schien
sich in sich selbst zurückgedrängte Kraft zu äußern  Gleich der erste Anblick
des Essigbrauers flößte Reisern Ehrfurcht ein  dieser aber schien sich erst gar
nicht um ihn zu bekümmern sondern sprach mit Winter über einige neue Musikalien
und andere Sachen wobei er kein Wort anders als plattdeutsch sprach und sich
doch dabei so richtig und edel ausdrückte dass selbst das gröbste Plattdeutsch
in seinem Munde einen gewissen Reiz gewann der verursachte dass man mit
Vergnügen und Bewunderung wenn er sprach an seinen Lippen hing wie Reiser
nachher oft erfahren hat wenn dieser Essigbrauer zwischen seinen Fässern
Weisheit lehrte 
    Weil es schon ein ziemlich kalter Herbstabend war so führte der Essigbrauer
seine beiden Gäste in seinen geheizten Prunksaal wo die langen Reihen Fässer
standen und wo er ihnen eine Art von süßem sehr wohlschmeckenden Bier
vorsetzte wobei denn das Gespräch allgemein wurde und da die Rede auf einen
gemeinschaftlichen Bekannten einen alten Mann fiel der sehr viel Drollichtes
und Sonderbares an sich hatte fing der Essigbrauer an den ganzen Charakter
dieses Mannes mit Sternischer Laune bis auf das kleinste Detail zu schildern 
Hernach las er etwas aus dem Tom Jones mit solchem Ausdruck und einer so wahren
und richtigen Deklamation vor dass Reiser nicht leicht irgendwo eine bessere
Unterhaltung gefunden hatte und dem jungen Winter beim Weggehen sein Vergnügen
über diese Bekanntschaft nicht genug beschreiben konnte 
    Er besuchte von nun an entweder in Winters Gesellschaft oder allein den
Essigbrauer fast alle Abend und fand sich hier wenn sie bei der hangenden Lampe
zwischen den Fässern am warmen Ofen auf ihren hölzernen Schemeln saßen und im
Tom Jones lasen oder Charakterschilderungen machten so glücklich und vergnügt
als er noch nie ausgenommen mit Philipp Reisern gewesen war  allein in dem
Umgange mit dem Essigbrauer fühlte er sich allemal erhoben und gestärkt sooft
er bei sich erwog dass ein Mann von solchen Kenntnissen und Fähigkeiten sich mit
solcher Geduld und Standhaftigkeit der Seele seinem Schicksale unterwarf
welches ihn von allem Umgange mit der feinern Welt und von aller Nahrung des
Geistes die ihm daraus hätte zuströmen können gänzlich ausschloss  Und eben
der Gedanke dass ein solcher Mann so versteckt und in der Dunkelheit lebte
machte Reisern den Wert desselben noch auffallender  so wie ein Licht in der
Dunkelheit stärker zu leuchten scheint als wenn sein Glanz sich unter der Menge
andrer Lichter verliert 
    Als Essigbrauer war K  so hieß er wirklich ein großer Mann das er
vielleicht auch als Gelehrter nur nicht in dem Maß gewesen wäre  weil ohne
diesen Kampf mit seinem Schicksale die erhabene duldende Kraft seiner Seele
nicht so hätte geübt werden können  Es mochte wohl keine menschenfreundliche
Tugend geben welche ihm in seiner Lage auszuüben möglich war und die er nicht
ausgeübt hätte 
    Von seinem sauer erworbenen Verdienst ersparte er immer so viel dass er
einige junge Leute zu deren Bildung beizutragen die Freude seines Lebens
machte zuweilen des Abends an seinem Tische bewirten und auch wohl manchmal
einen Spaziergang mit ihnen machen konnte wobei er sich allemal das Vergnügen
machte zu bezahlen was sie verzehrten  Auch unterstützte er noch überdem
eine arme Familie täglich mit einem Groschen den er sich von seinem geringen
Verdienst abzog  denn er war eigentlich nur Knecht in dieser Brauerei worin
sein Vetter ein alter abgelebter Greis für den er die Arbeit mit verrichtete
Meister war 
    Winter und Philipp Reiser und der Essigbrauer waren jetzt Reisers
vorzüglichster Umgang wozu noch ein junger Mensch kam der durch Reisers
Beispiel aufgemuntert ungeachtet der Armut seiner Eltern auch den Entschluss
gefasst hatte zu studieren  Auch diesen suchte der Essigbrauer durch Winter an
sich zu ziehen um zu der Bildung seines Geistes beizutragen  Seine
Unterredungen waren größtenteils wahre sokratische Gespräche die er oft mit dem
feinsten Spott über die kindische Torheit oder Eitelkeit seiner jungen
Gesellschafter würzte 
    Da nun der Winter herankam widerfuhr Reisern eine Aufmunterung die noch
mehr als alles Vorhergehende wieder seinen Mut belebte  Er erhielt nämlich vom
Direktor den ehrenvollen Auftrag auf den Geburtstag der Königin von England
welcher im Januar eintraf eine deutsche Rede zu verfertigen die er bei dieser
Feierlichkeit halten sollte
    Dies war nun das höchste und glänzendste Ziel wonach ein Zögling dieser
Schule nur streben konnte und wozu nur sehr wenige gelangten denn gemeiniglich
wurden sonst die Reden an des Königes und der Königin Geburtstage nur von jungen
Edelleuten gehalten  Bei dieser Feierlichkeit pflegten der Prinz und die
Minister nebst allen übrigen Honoratioren der Stadt zugegen zu sein  welche
einem solchen jungen Menschen der nun als die Hoffnung des Staats betrachtet
wurde nach geendiger Rede ordentlich Glück wünschten  ein Anblick der Reisern
oft niederschlug wenn er dachte dass er zu so etwas Glänzendem nie in seinem
Leben gelangen würde 
    Und nun fügte es sich so plötzlich da er noch im Anfange desselben Jahres
allgemein verachtet und hintangesetzt war dass ihm ohne sein Zutun ein so
ermunternder Auftrag geschahe zu dessen Ausführung er nun auch gleich mit dem
größten Eifer schritte
    Er nahm sich vor seine deutsche Rede in Hexametern zu verfertigen nun
hatte ihm der Direktor die Literaturbriefe geliehen und sie ihm zur
sorgfältigsten Lektüre empfohlen  da stieß er denn auch unter andern auf die
Rezension wo Zacheriäs Übersetzung von Miltons verlornem Paradiese wegen der
schlechten Hexameter getadelt und zugleich über den Bau des Hexameters seine
Einschnitte usw viel Vortreffliches gesagt wird  Dies fasste Reiser auf und
suchte nun seinen Hexameter mit der größten Sorgfalt auszufeilen  Manchen Tag
kam er kaum mit drei bis vier Versen zustande  jeden Abend ging er dann zu
Philipp Reisern und ließ seine Verse noch einmal dessen Kritik passieren wobei
sie denn zusammen alle Bände der Literaturbriefe miteinander durchlasen und auch
in diesem Winter ihre Shakespearenächte wieder erneuerten 
    Im November war Reiser ungefähr mit der Hälfte seiner Rede fertig und ging
damit zum Direktor um sie ihm zur Kritik zu zeigen  Dieser bezeigte ihm
seinen großen Beifall über seine Arbeit kündigte ihm aber zugleich an dass er
die Rede nicht öffentlich würde halten können weil dies verschiedene Kosten
erforderte die Reiser wohl nicht würde aufbringen können   Kein Donnerschlag
hätte Reisern mehr zu Boden schlagen können als diese Nachricht  alle seine
glänzenden Aussichten womit er sich während der Verfertigung seiner Rede
geschmeichelt hatte waren auf einmal wieder verschwunden und er fiel wieder in
sein voriges Nichts zurück  Der Direktor suchte ihn hierüber zu trösten  aber
er ging mit schwerem Herzen und melancholischen Gedanken dass er zur ewigen
Dunkelheit bestimmt sei von dem Direktor weg und nun fielen ihm die Verse ein
die er für Philipp Reisern gemacht hatte und die sich jetzt auf seinen Zustand
passten
Oft will ich mich erheben
Und sinke schwer zurück
Und fühle dann mit Beben
Mein trauriges Geschick 
Und als an einem andern Tage im Chore unter andern in einer Arie die Worte
gesungen wurden
Du strebst um glücklicher zu werden
Und siehst dass du vergebens strebst 
so deutete er dies ebenfalls auf sich und kam sich auf einmal wieder so
verlassen so verächtlich so unbedeutend vor dass er selbst Philipp Reisern
nicht einmal von seinem neuen Kummer etwas sagen mochte und lieber nicht zu ihm
ging um nicht von seinem Schicksal mit ihm reden zu dürfen das nun anfing ihm
wieder verhasst zu werden und der Mühe des Nachdenkens nicht mehr wert zu
scheinen 
    Da er sich indes hierüber endlich satt gequält hatte so dachte er auf ein
Mittel wie er doch noch seinen Zweck erreichen könnte  und dies bot sich ihm
da er nur erst darüber nachdachte sehr bald dar  er durfte nur zu dem Pastor
Marquard gehen welcher doch wieder Hoffnung von ihm zu schöpfen angefangen
hatte und durfte diesen nur bitten ihm bei dem Prinz so viel als zur
Anschaffung eines guten Kleides und übrigens zur Bestreitung der Kosten bei
Haltung der Rede erfordert wurde auszuwirken worin auch der Pastor Marquard
sogleich willigte und Reisern schon im voraus einen guten Erfolg versprach 
Reisers Besorgnisse waren also nun auf einmal wieder gehoben und er konnte nun
die angefangene Rede mit frohem Herzen vollenden um sie am Geburtstage der
Königin zu halten  Da es nun aber wieder anfing zu frieren so konnte er oben
auf seiner Kammer nicht mehr allein sein sondern musste wieder des Abends unten
bei den Wirtsleuten in der Stube sitzen wo die einquartierten Soldaten nebst
dem Wirt ihn mit zu ihren Spielen nötigten mit denen sie sich die langen
Winterabende vertrieben  Hier verfertigte er nun größtenteils des Nachmittags
und des Abends in der Dämmerung indem er sich mit dem Kopf an den Ofen legte
seine Rede  Und nun hatte er auch ein schönes Mittel gegen seine schwermütige
Laune gefunden sooft er nämlich merkte dass sie anfing seiner Herr zu werden
ging er im größten Regen und Schnee des Abends wenn es schon dunkel war aus
und einmal um den Wall spazieren und es fehlte ihm niemals dass sich nicht
sowie er mit schnellen Schritten vorwärtsging neue Aussichten und Hoffnungen
unvermerkt in seiner Seele entwickelt hätten von welchen freilich die
glänzendste ihm am nächsten lag  Bei diesen Spaziergängen um den Wall gelangen
ihm auch die besten Stellen in seiner Rede und Schwierigkeiten in Ansehung des
Versbaues die ihm oft wenn er sich mit dem Kopf am Ofen gelehnt hatte
unüberwindlich schienen hoben sich hier wie von selbst 
    Der Wall um Hannover war von seiner Kindheit an der vorzüglichste Schauplatz
seiner angenehmsten Phantasie und romanhaftesten Ideen gewesen  denn er sah
hier die dichtineinandergebaute Stadt und die ländliche offene Natur mit Gärten
Äckern und Wiesen so nahe aneinandergrenzend und doch so außerordentlich
verschieden dass dieser Kontrast einer lebhaften Wirkung auf seine Phantasie nie
verfehlen konnte  Dann drängten sich auch in die Umgebung des Ortes der seine
meisten Schicksale gleichsam in seinen Umfang einschloss immer tausend dunkle
Erinnerungen an die Vergangenheit in seiner Seele empor welche mit seiner
gegenwärtigen Lage zusammengehalten gleichsam mehr Interesse in sein Leben
brachten  und vorzüglich des Abends machte der Anblick von den auf den Zimmern
hin und her zerstreuten Lichtern in den dicht an den Wall grenzenden Häusern
allemal die schon vorher beschriebene Wirkung auf ihn 
    Seitdem er nun die Verse deklamiert hatte wurde er fast von allen seinen
Mitschülern geachtet  Das war ihm ganz etwas Ungewohntes  er hatte in seinem
Leben so etwas noch nicht erfahren  ja er glaubte kaum dass es möglich sei
dass man ihn noch achten könne  nach allen den bisherigen Erfahrungen bildete er
sich ein es müsse wohl etwas in seiner Person oder seinen Mienen liegen
wodurch er vielleicht so lange er lebte lächerlich und ein Gegenstand des
Spottes sein würde  Diese Empfindung der Achtung erhöhte sein Selbstbewusstsein
und schuf ihn zu einem andern Wesen um  sein Blick seine Miene verwandelte
sich  sein Auge wurde kühner  und er konnte wenn jemand seiner spotten
wollte ihm jetzt so lange gerade ins Auge sehen bis er ihn aus der Fassung
brachte 
    Seine ganze äußere Lage änderte sich auch nun auf einmal 
    Durch die Verwendung des Rektors und des Pastor Marquard die nun beide
wieder die beste Hoffnung von ihm geschöpft hatten bekam er bald so viele
Unterrichtsstunden dass ihm eine für seine damaligen Bedürfnisse ziemlich
beträchtliche monatliche Einnahme daraus erwuchs welche ihm denn freilich auch
eine ganz ungewohnte Sache war womit er nicht gehörig umzugehen wusste  Keiner
seiner reichen und angesehenen Mitschüler schämte sich nun mehr mit ihm
umzugehen und ihn in seiner schlechten Wohnung zu besuchen  Er sah sich auch
noch in diesem Jahre gedruckt indem er verschiedene kleine Neujahrwünsche in
Versen für einen Buchdrucker verfertigte welcher dergleichen gedruckte Wünsche
verkaufte  ob nun gleich sein Name nicht hiebei bemerkt war und niemand wusste
dass die Verse von ihm waren so machte ihm doch der Anblick dieser ersten
gedruckten Zeilen von seiner Hand ein unbeschreibliches Vergnügen sooft er sie
ansah  Und als nun gar einige Tage vorher ehe die Rede gehalten wurde auf
einem lateinischen Anschlagbogen sein Name nebst den Namen noch zweier seiner
Mitschüler von den angesehensten Eltern öffentlich gedruckt stand und er nun
auf diesem Anschlagbogen wirklich Reiserus hieß wie ihn der vorige Direktor
einst genannt hatte und die Zwischenzeit zwischen jener mündlichen und dieser
gedruckten Benennung Reiserus mit alle dem was er darin verschuldet oder
unverschuldet gelitten hatte sich ihm lebhaft darstellte  so presste ihm dies
Tränen der Freude und der Wehmut aus  denn von dieser plötzlichen Wendung
seines Schicksals hatte er sich vor einem Jahre vor einem halben Jahre noch
nichts träumen lassen  Dieser lateinische Bogen mit seinem Namen war nun am
schwarzen Brette vor der Schule und an den Kirchtüren öffentlich angeschlagen
so dass Leute die vorbeigingen still standen um ihn zu lesen 
    Nun war es üblich dass die jungen Leute welche bei dergleichen Vorfällen
Reden hielten die Honoratiores der Stadt selbst einige Tage vorher dazu
einladen mussten  Welch eine Veränderung da Reiser den sonst wegen seiner
schlechten Kleider selbst seine Mitschüler nicht einmal auf der Straße anzureden
oder mit ihm zu gehen würdigten  nun mit dem Hut unterm Arm und den Degen an
der Seite ordentlich seine Kour bei dem Prinz machte und ihn zu der Feier des
Geburtsfestes seiner Schwester der Königin von England einlud  und wie er nun
bei diesem Einladungsgeschäft sich den vornehmsten Einwohnern der Stadt zeigen
konnte und von allen mit den aufmunterndsten Höflichkeitsbezeugungen aufgenommen
ward  Er hatte also ehe er sichs versah und da er schon gänzlich Verzicht
darauf getan hatte das ehrenvollste Ziel erreicht nach welchem ein Primaner in
Hannover nur streben konnte und welches nur von wenigen erreicht wurde 
    Diese den jungen Leuten selbst übertragene Einladungen haben wirklich etwas
sehr Aufmunterndes und sind in mancher Absicht zur Nachahmung zu empfehlen  
Reiser ward durch diese Einladungen während einer Zeit von wenigen Tagen in eine
Welt geführt die ihm bisher ganz unbekannt gewesen war  er unterhielt sich mit
Ministern Räten Predigern Gelehrten kurz mit Personen aus allerlei Ständen
die er bisher nur in der Entfernung angestaunt hatte Mund gegen Mund und alle
diese Personen ließ sich mit Höflichkeitsbezeugungen zu ihm herab und sagten
ihm etwas Angenehmes und Aufmunterndes so dass Reisers Selbstgefühl in diesen
wenigen Tagen mehr als vorher in Jahren gewann  Er lud auch den Dichter Hölty
ein den er aber bei dieser Gelegenheit nur wenig kennen lernte denn Reisers
Schüchternheit konnte nur durch eine gewisse Zutraulichkeit die man ihm bewies
gehoben werden und diese war Höltys Sache nicht der bei der ersten Unterredung
mit einem Unbekannten allemal etwas verlegen war  Reiser nahm diese
Verlegenheit für Verachtung die ihn desto mehr kränkte je größer seine Achtung
für Hölty war und so wagte er es nicht ihn wieder zu besuchen 
    Wenn er nun den Tag über seine glänzende Rolle ausgespielt hatte so ging er
des Abends zu seinem Essigbrauer wo denn auch Philipp Reiser und Winter und der
andre junge Mensch den sein Beispiel zum Studieren aufgemuntert hatte waren
die ihn mit offenen Armen empfingen  und denen er von seinen Besuchen und den
Personen die er kennen gelernt hatte erzählte  und auf die Weise die Freude
über seinen Zustand mit ihnen teilte 
    Die Frau Filter und sein Vetter der Perückenmacher und alle die Leute
welche ihm Freitische gegeben hatten bewetteiferten sich nun ihm ihre Freude
und Teilnehmung zu bezeigen  Seine Eltern die lange nichts von ihm gehört und
ihre Hoffnung auf ihn schon längst aufgegeben hatten waren ganz erfreut da sie
diese plötzliche günstige Wendung seines Schicksals vernahmen und den
lateinischen Anschlagbogen erhielten worauf der Name ihres Sohnes mit großen
Buchstaben gedruckt stand 
    Bei allen diesem äußern Glanz blieb nun Reiser immer noch in seiner alten
Wohnung wo sein Wirt der Fleischer dessen Frau und Magd und ein paar
Soldaten die dort im Quartier lagen seine Stubengesellschaft ausmachten 
    Wenn ihn nun ungeachtet dieser schlechten Wohnung einer von seinen
reichen und angesehenen Mitschülern besuchte so machte ihm dies ein geheimes
Vergnügen  dass er auch ohne ein einladendes Logis oder sonst äußere Vorzüge zu
haben bloß um sein selbst willen gesucht würde  Dies machte dass er zuweilen
auf seine schlechte Wohnung ordentlich stolz war 
    Endlich kam nun der Tag seines Triumphes heran wo er auf die auffallendste
Art die nur in seiner Lage möglich war öffentlich Ehre und Beifall einernten
sollte  aber eben dies erweckte bei ihm eine ganz besondere schwermütige
Empfindung  auf diesen Punkt war nun bisher alle sein Wünschen und Trachten
gespannt gewesen  bis auf diesen Punkt heftete sich die Aufmerksamkeit eines
großen Teils von Menschen auf ihn  und wenn nun dies vorbei wäre so sollte das
alles nachlassen und die ganz alltäglichen Szenen des Lebens sollten dann
wiederkommen  Dieser Gedanke erweckte in Reisern sehr oft den sonderbaren im
Ernst gemeinten Wunsch dass er am Ende seiner Rede hinfallen und sterben möchte
 Nun fügte es sich dass gerade an dem Tage da die Rede gehalten wurde eine
außerordentliche Kälte einfiel wodurch mancher zurückgehalten wurde so dass die
Anzahl der Zuhörer etwas kleiner wie gewöhnlich aber die Versammlung doch immer
noch glänzend genug war  Indes kam Reisern an diesem Tage alles so tot so öde
vor die Phantasie musste zurücktreten  das Wirkliche war nun da  und eben dass
nun dies wovon er so lange geträumt hatte schon wirklich und nichts weiter als
dies war machte ihn nachdenkend und traurig  denn nach diesem Maßstabe maß er
nun die ganze Zukunft des Lebens ab  alles war ihm hier wie im Traume wie in
dunkler Entfernung  er konnte es sich nicht recht vors Auge bringen  mit
melancholischen Gedanken bestieg er den Katheder  und während dass die Musik
ertönte ehe er noch anfing zu reden dachte er an ganz etwas anders als an
seinen gegenwärtigen Triumph  er dachte und fühlte die Nichtigkeit des Lebens 
die angenehme Vorstellung seines gegenwärtigen wirklichen Zustandes schimmerte
nur wie durch einen trüben Flor durch 
    Um die Fortschritte welche er damals in Ansehung des Ausdrucks seiner
Gedanken gemacht hatte zu bezeichnen ist es vielleicht nicht unzweckmässig aus
der Rede die er hielt einige Stellen herauszuheben Sie hub an
Welch ein Weihrauch steigt so sanft von Wonnegefilden
Durch den Äther hinauf bis hin zum Throne der Gottheit 
O sie sinds  die Gebete glücklicher Völker  sie wallen
Für Charlotten so sanft hinauf zum Ewgen  und flammen usw
  Georg  rauscht
Harfen tönet Jubelgesang von ganzen beglückten
Nationen laut  Und verstumme mein Lied Denn vergebens
Wagst dus sein Lob Georgens Lob zu erschwingen  so wagts oft
Kühn des Adlers Flug bis zur Sonne sich zu erheben
Schwingt sich hoch über Felsen und Berg und Wolken empor dünkt
Nun sich ihr näher und merkt nicht dass sein Schneckenflug immer
Doch auf der Erde verweilt die ihm schon entschwand  welche Töne
Klängen stark und harmonisch genug Georgens erhabner
Tugend göttliche Harmonie nur schwach nachzubilden  usw
  Und Georg hebt sich nun auf den Gipfel
Seiner Gröss empor  denkt ernst an das Wohl seiner Völker
Denkt es  und schafft es  Und unerschüttert vom Donner
Steht er nun da  wie die Zeder Gottes  mit ihrem wohltätgen
Schatten schützt sie Gevögel und Wild  und der Sturmwind verschwendet
An ihren Blättern sein Toben und kräuselt ihr laubigtes Haar  So
Sicher in den Stürmen die seine Scheitel umdonnern
Steht Georg  Wenn Völker toben  Doch du getreues
Volk deinem König verhülle nur dein Antlitz und weine
Siehe nicht wie dein Bruder im fernen Lande sich auflehnt
Gegen seinen König   usw
Jedes fühlende Herz wallt heute Charlotten entgegen
Und verzeihts dem schwächern Jüngling  der es auch wagte
Und Charlotten sang  doch still mein Lied denn von fern rauscht
Schon des Volks Frohlocken das seiner Königin heute
Seinen Weihrauch streut  und laut es lebe Charlotte
Ruft dass Wald und Gebürg es widerhallen sie lebe
Reiser hatte sich bei Verfertigung dieser Rede ein Ideal in seinem Kopfe
gebildet das ihn wirklich begeisterte  wozu denn das kam dass er von diesen
Gegenständen öffentlich reden sollte 
    Der Gedanke füllte gleichsam die Lücken aus wo seine Begeisterung aufhörte
oder ermattete 
    Da er aber nun freilich von seinem Gegenstande wenig oder gar nichts wusste
so bemühte er sich eine Anzahl Lobreden die auf den König und die Königin
schon gehalten waren in die Hände zu bekommen diese las er durch und
abstrahierte sich daraus sein Ideal ohne sonst aus einer einzigen sich auch nur
eines Ausdrucks zu bedienen  dies vermied er so sorgfältig als er nur immer
konnte denn vor dem Plagiat hatte er die entsetzlichste Scheu  so dass er sich
sogar des Ausdrucks am Schluss seiner Rede dass Wald und Gebürg es widerhallen
schämte weil einmal in Werters Leiden der Ausdruck steht dass Wald und Gebürg
erklang  ihm entschlüpften zwar oft Reminiszenzien aber er schämte sich ihrer
sobald er sie bemerkte 
    An dem Tage nun da er die Rede gehalten hatte war er wie ich schon
bemerkt niedergeschlagener wie jemals  denn alles war ihm doch so tot so leer
 und es war nun vorbei  womit seine Einbildungskraft sich so lange beschäftigt
hatte 
    Den Nachmittag wurde er nebst den andern beiden die Reden gehalten hatten
bei dem ersten Bürgermeister der zugleich Scholarch war zum Kaffee gebeten
dies war ihm eine ganz ungewohnte Ehre  er wusste sich nicht recht dabei zu
nehmen  und wurde nicht eher wieder heiter als bis er sein schönes Kleid
ausgezogen hatte und des Abends wieder zu seinem Essigbrauer kam wo Winter und
S  und Philipp Reiser auch schon waren die sich seines Glücks nun wirklich
freuten und deren Teilnehmung ihm mehr wert war als alle das Glänzende dieses
Tages 
    Reiser erhielt nun noch mehr Unterrichtsstunden wodurch sich seine Einnahme
so verbesserte dass er sich ein bessres Logie mieten zuweilen einige seiner
Mitschüler zum Kaffee bitten und für einen Primaner auf einen ganz ansehnlichen
Fuß leben konnte  nun aber deuchte ihm das Geld was er einnahm gegen seine
sonstigen Einkünfte und Bedürfnisse gehalten so viel dass ihm die Kostbarkeit
desselben und die Notwendigkeit des Zusammenhaltens auch nicht im mindesten
einleuchtete  er wurde auf die Weise durch seine stärkere Einnahme ärmer als
er vorher war und eben das was eine Wirkung seines günstigen Glücks war wurde
in der Folge wieder die Quelle seines Unglücks 
    Da er nun aber die Achtung aller derer die ihn kannten und derer von
welchen sein Glück abhing so plötzlich und so unerwartet wiedergewonnen hatte
so machte dies natürlicherweise einen Eindruck auf sein Gemüt der ihn zu einem
edlen Bestreben anspornte diese Achtung immer mehr zu verdienen  er fing an
die Stunden des öffentlichen Unterrichts sorgfältiger wie jemals zu nutzen und
vorzüglich durch Aufschreiben sich soviel er nur konnte davon zu eigen zu
machen 
    Die Übungen im Deklamieren währten fort  und Reiser verfertigte zu diesem
Endzweck noch ein Gedicht über die Mängel der Vernunft  ein Thema das der
Direktor zur Ausarbeitung aufgegeben hatte  Reiser brachte hier alle seine
Zweifel hinein die er schon so lange mit sich herumgetragen hatte  Die
Begriffe Alles und Sein als die höchsten Begriffe des menschlichen Verstandes
gnügten ihm nicht  sie schienen ihm eine enge und ängstliche Einschränkung zu
sein  dass nun damit alles menschliche Denken aufhören sollte  ihm fielen die
Worte des sterbenden alten Tischers ein  alles alles alles  dass er
gleichsam da wo sich ein neues Dasein von dem alten scheidet diesen höchsten
Grenzbegriff so oft wiederholte  die Scheidewand sollte gleichsam
durchgebrochen werden  Alles und Dasein mussten wieder untergeordnete Begriffe
von einem noch höheren vielumfassendern Begriffe werden  alles was ist  muss
noch etwas neben sich leiden etwas  das zugleich mit allem was ist unter
etwas Höherem etwas Erhabenerem begriffen wird  warum soll unser Denken die
letzte Grenze sein  wenn wir nichts Höheres sagen können als alles was da
ist soll denn eine höhere und die höchste Denkkraft auch nichts Höheres sagen
können  Der sterbende Tischer wollte vielleicht mehr sagen als er sein alles
zweimal wiederholte aber seine Zunge oder seine Gedanken versagten ihm  und er
starb 
    Dies waren die sonderbaren Ideen die Reiser in sein Gedicht über die Mängel
der Vernunft brachte das unter andern die Worte enthielt
Das All das die Vernunft im kühnsten Flug erschwingt
Wie weit ists noch von dem wonach der Seraph ringt 
Zuletzt endigte sich denn das Gedicht auf eine sehr ortodoxe Weise dass man
also doch zu dem Licht der Offenbarung am Ende seine Zuflucht nehmen müsse
Ein Licht das vor uns her durch dunkle Schatten geht
Und unsern Pfad erhellt  weh dem der es verschmäht 
Den Schluss billigte der Direktor sehr das Ganze des Gedichts aber hielt er wie
auch sehr natürlich war für unverständlich 
    Ein andermal arbeitete Reiser wieder ein Gedicht über die Zufriedenheit 
gleichsam zu seiner eignen Belehrung oder zur eignen Richtschnur seines Lebens
aus  nachdem er nun aber alle Beruhigungsgründe bei den Widerwärtigkeiten des
Lebens durchgegangen war und sich gleichsam in eine sanfte Stille eingewiegt
hatte so erwachte doch am Ende wieder seine schwarze Melancholie  und er
beschloss die Reihe der sanften Empfindungen welche in diesem Gedicht
ausgedrückt waren doch am Ende mit folgenden Ausdrücken der Verzweiflung
Doch machen ungemessne Leiden
Dir hier dein Leben selbst zur Qual 
Und findest du dann keinen Retter
Und keinen Endger deiner Not 
Sieh auf  er kommt im Donnerwetter 
O grüße grüße deinen Tod
Indem er einem solchen Gedanken nachhing empfand er oft eine Art von
qualenvoller Wonne wenn es dergleichen geben kann 
    Dies Gedicht war gleichsam ein Gemälde aller seiner Empfindungen die wenn
sie auch sanft und ruhig anhuben sich doch gemeiniglich auf die Weise zu
endigen pflegten  Zu diesem Gange der Empfindungen war nun einmal durch alle
die unzähligen Kränkungen und Demütigungen die er von Jugend auf erlitten
hatte sein Gemüt gestimmt  bei der heitersten lachendsten Aussicht zog sich
das schwarze Melancholische immer wieder wie eine Wolke vor seine Seele 
    Sobald sich auch sein Ausdruck dahin lenkte wurde er natürlich und wahr 
Wie er denn einmal den Auftrag erhielt für jemanden verliebte Klagen zu
dichten  Eine Situation in welche er sich mit aller Anstrengung nicht
versetzen konnte denn weil er gar nicht glaubte dass er von einem Frauenzimmer
je geliebt werden könnte  indem er sein ganzes Äussre einmal für so wenig
empfehlend hielt dass er gänzlich Verzicht darauf getan hatte je zu gefallen
so konnte er sich nie in die Lage eines solchen setzen der darüber klagt dass
er nicht geliebt wird  was er also hievon wusste das dachte er sich bloß ohne
es je empfinden zu können  Demohngeachtet gerieten ihm die verliebten Klagen
die er entwarf nicht ganz übel weil er das kurz darin zusammendrängte was er
aus Romanen und Philipp Reisers Unterredungen wusste
     Zuletzt aber dachte er sich nun den Liebhaber in einem Zustande wo er vom
Überrest seiner Leiden niedergedrückt der Verzweiflung nahe ist und ohne nun
ferner auf die Ursach der Verzweiflung Rücksicht zu nehmen dachte er sich nun
den Verzweiflungsvollen und konnte sich wieder in seine Stelle versetzen  Der
letzte Vers dieser verliebten Klagen schien ihm daher auch unter den Händen zu
geraten 
Im tiefsten schwarzen Hain
Wohin kein Wandrer kam
Wo Todes Vögel schrein 
Am ausgehöhlten Stamm
Der Eiche will ich trostlos weinen
So lange Stern am Himmel scheinen
Bis unter meiner Klagen Laut
Der Morgen taut  
Zuweilen fing ihm nun auch sogar das Zärtliche an zu gelingen wenn es mit einer
gewissen sanften Schwermut vergesellschaftet war  so machte er zB für
jemanden ein Abschiedsgedicht an dessen Geliebte  das sich nach einer bitteren
Klage über die Trennung schloss
Den Abschied  O ich kann nur weinen 
Mein Herz ist schwer und tränenvoll 
Dir müssen heitre Tage scheinen 
Geliebte  o leb wohl leb wohl
Und in seiner Rede an der Königin Geburtstage war folgende Stelle die ich
vorher nicht mit ausgezogen habe eigentlich diejenige wobei er am meisten und
am wahrsten empfunden hatte
  Sie lächelt  und die Fröhlichen jauchzen 
Und die Traurigen trocknen vom nassen Auge die Zähre
Heitern den trüben Blick auf zur Freud und lächeln und segnen
Auch dem Tag entgegen der ihnen Charlotten zum Trost gab 
Auch er rechnete sich in Gedanken mit unter diese Zahl der Traurigen die den
trüben Blick zur Freude aufheitern  Und er fand weit mehr Süßigkeit darin
sich unter der Zahl der Traurigen als unter der Zahl der Fröhlichen zu denken 
Dies war wiederum the Joy of grief die Wonne der Tränen wohin von Kindheit an
sein Herz hing 
    So brachte er nun den Winter ziemlich glücklich zu  aber da nun einmal
seine Phantasie so lebhaft angeregt und sein Gemüt durch so viele sich
durchkreuzende Wünsche und Hoffnungen bis auf den stärksten Grad in Bewegung
gesetzt war so musste er notwendig anfangen das Einförmige in seiner Lage zu
empfinden  Er war in seinem neunzehnten Jahre  fünf Jahre hatte er schon die
Schule besucht und wusste noch nicht wann er die Universität würde beziehen
können  Es fing an ihm wieder so enge in Hannover zu werden beinahe wie
damals da ihm die Reise nach Braunschweig zu dem Hutmacher bevorstand  Alle
seine Gedanken fingen allmählich an ins Weite zu gehen  er träumte sich in eine
romanhafte Zukunft hin 
    Und da nun der Frühling herankam so erwachte auf einmal eine sonderbare
Begierde zum Reisen in ihm die er bis dahin noch nie in dem Grade empfunden
hatte 
    Bremen liegt zwölf Meilen von Hannover und bis an den Ort wo Reisers
Eltern wohnten war grade die Hälfte Weges bis nach Bremen  und nun von Bremen
die Weser hinunter bis nach der See zu fahren  das war das große Projekt womit
sich Reiser schon seit einigen Wochen trug  und seine Einbildungskraft
spiegelte ihm Wunderdinge von dieser Reise vor 
    Der Anblick der Weser  der Schiffe  einer Handelsstadt  beschäftigten
seine Seele im Wachen und im Traume  Er ließ sich von einem seiner Mitschüler
an dessen Bruder welcher in Bremen ein Kaufmannsdiener war einen Brief
mitgeben und trat nun mit einem Dukaten in der Tasche seine Reise zu Fuße an 
    Dies war nun die erste sonderbare romanhafte Reise welche Anton Raiser tat
und von der Zeit fing er eigentlich an seinen Namen mit der Tat zu führen 
    Er hatte sich zu dieser Reise mit einer Spezialkarte von Niedersachsen 
einem tragbaren Tintenfass  und einem kleinen Buche von weißem Papier versehen
um über seine Reise unterwegs ein ordentliches Journal führen zu können 
    Mit jedem Schritte den er tat nachdem er aus den Toren von Hannover war
wuchs gleichsam seine Erwartung und sein Mut  und er war von seiner Reise so
begeistert dass er schon ein paar Meilen von Hannover sich auf einem Hügel an
der Landstraße setzte sein Tintenfass das mit einem Stachel versehen war vor
sich in die Erde pflanzte und auf diese Weise halbliegend anfing in seinem
Journal zu schreiben  es fuhren unten einige Kutschen vorbei und die Leute
denen ein schreibender Mensch auf einem Hügel an der Landstraße freilich ein
sonderbarer Anblick sein musste lehnten sich weit aus dem Schlage um ihn zu
betrachten  dies beschämte ihn etwas  aber er erholte sich bald wieder von der
unangenehmen Wirkung die dies neugierige Angaffen zuerst auf ihn tat indem er
sich in Ansehung dieser Menschen die ihn nicht kannten seine Existenz
hinwegdachte  er war für diese Menschen gleichsam tot  darum schloss er auch
den Aufsatz welchen er auf dem Hügel an der Landstraße in sein Taschenbuch
schrieb mit den Worten
Was kümmert mich der Leute Tun
Wenn ich im Grabe bin
Und nun setzte er seinen Stab weiter fort kam am Abend in der Dämmerung vor dem
Dorfe wo seine Eltern wohnten dicht vorbei erkundigte sich nach dem nächsten
Dorfe das auf dem Wege nach Bremen zu lag und da es nur noch eine Viertelmeile
weit war so ging er bis dahin und übernachtete in diesem Dorfe  Den andern
Tag wanderte er denn über die öde dürre Heide fort und erfragte sich den Weg von
einem Dorfe zum andern  konnte aber Bremen nicht erreichen  sondern musste noch
einmal in einem Dorfe welches das letzte von Bremen war übernachten   und
den dritten Tag erreichte er denn seinen sehnlichsten Wunsch  er erblickte die
Türme von Bremen  sah nun das wirklich vor sich womit seine Phantasie sich
schon so lange beschäftigt hatte  Er hatte außer Hannover und Braunschweig
noch keine beträchtliche Stadt gesehen  und Bremen war ihm schon durch den
Klang des Namens so merkwürdig geworden  seine Phantasie hatte der Stadt ein
graues schwärzliches Ansehen gegeben  er war nun äußerst begierig die Stadt
inwendig zu betrachten  und wagte es ohne Pass ins Tor zu gehen indem er sich
auf Befragen wer er wäre für einen Einwohner der Stadt und da man noch
genauer fragte für einen von den Leuten des Prinzipals von dem Kaufmannsdiener
ausgab an den er einen Brief abzugeben hatte worauf man ihn denn passieren
ließ 
    Sobald er nun in der Stadt war durchwanderte er erst ein paarmal die
Straßen und dann war sein erstes dass er sich erkundigte ob nicht etwa einer
von den großen Kähnen die auf der Weser lagen nach der Mündung schiffen würde
wo noch zu Bremerlehe die hessischen Truppen lagen die nach Amerika bestimmt
waren und damals gerade absegeln sollten 
    Es fügte sich dass gerade einer von den Kähnen abging und Reiser begab sich
nun zum ersten Male in seinem Leben zu Schiffe  und fuhr noch an demselben Tage
bis sechs Meilen jenseit Bremen wo angelegt und in einem Dorfe übernachtet
wurde 
    Diese Schiffahrt ob es gleich stürmisches und regnigtes Wetter war machte
Reisern unendliches Vergnügen indem er mit seiner Landkarte in der Hand auf dem
Verdeck stand und die Örter an beiden Ufern deren Namen er nun wusste die
Musterung vor sich vorbeipassieren ließ  er aß und trank mit den Schiffern und
kehrte am Abend mit ihnen in die Herberge ein 
    Von da wollte er den andern Morgen mit einem andern Schiffe weiter bis an
die Seeküste fahren er sah schon in Gedanken die ungeheuren Wasserfluten vor
sich und seine Einbildungskraft war gerade bis auf den höchsten Grad gespannt
da ihm plötzlich eine Sache einfiel die er die ganze Reise über noch nicht
reiflich erwogen hatte ob nämlich auch seine Börse zureichen würde  und wie
erschrak er da er sich von dem Schiffer seine Rechnung machen ließ und nachdem
er sie bezahlt hatte nur noch wenige Groschen übrig behielt 
    Er getraute sich nun den Abend nicht zu essen sondern gab Kopfweh vor und
ließ sich sogleich sein Bette zeigen  hier machte er fast die halbe Nacht
Entwürfe wie er nun mit Ehren aus diesem Gasthofe kommen sollte wenn etwa
seine Zeche mehr betrüge als die wenigen Groschen die er noch übrig hatte 
    Da er sich nun am andern Morgen erkundigte wieviel er bezahlen müsse so
langten zufälligerweise die wenigen Groschen die er noch hatte gerade zu aber
er behielt auch nicht einen Heller übrig und befand sich nun achtzehn Meilen von
Hannover zwölf Meilen von dem Ort wo seine Eltern wohnten und sechs Meilen
von Bremen  Er gab vor dass er nun nicht nach der Seeküste mitfahren könne
weil er überlegt habe dass es ihn doch zu lange aufhalten würde und so wanderte
er nun froh dass er noch so mit Ehren davongekommen war aus seiner nächtlichen
Herberge den geraden Weg wieder auf Bremen zu 
    Sein Brief an den Kaufmannsdiener in Bremen war nun noch seine einzige
Hoffnung  ohne diesen war er zwölf Meilen weit bis zu dem Wohnorte seiner
Eltern von aller Welt verlassen 
    Er war noch nüchtern wie er seine Reise antrat und musste sich nun darauf
gefasst machen den ganzen Tag so zu bleiben  Der Weg welcher anfangs längst
dem Ufer der Weser hinging war sandigt und ermüdend  demohngeachtet aber ging
er gutes Muts fort bis er gegen Mittag kam und die Sonnenhitze brennend wurde

    Hunger Durst und Müdigkeit überfielen ihn zugleich mit dem Gedanken dass er
hier auf dem öden Felde fremd ohne Geld und gleichsam von aller Welt verlassen
war  er suchte sich einige Brotkrumen aus der Tasche zusammen  und fand bei
dieser Gelegenheit noch zwei sogenannte Bremergroten wovon jeder ungefähr vier
Pfennige beträgt 
    Dies war ihm unter allen Umständen so lieb als hätte er einen Schatz
gefunden er raffte alle seine übrigen Kräfte zusammen um bald nach dem
nächsten Dorfe zu kommen wo er sich für den einen Groschen ein wenig Bier geben
ließ das ihm nun eine ganz ungehoffte Erquickung war denn er hatte sich einmal
darauf gefasst gemacht die sechs Meilen bis Bremen nüchtern zurückzulegen 
    Der Trunk Bier flößte ihm wieder neuen Mut ein sowie das Vierpfennigstück
das er doch nun noch in der Tasche hatte 
    Freilich stellte sich auch der Hunger wieder ein aber er suchte ihn zu
überwinden und blieb resigniert  Ein armer Handwerksbursch gesellte sich
unterwegens zu ihm der in dem Dorfe einkehrte und sich etwas zusammenbettelte
 Und Reisern machte das sonderbare Verhältnis eine Art von Vergnügen dass
dieser arme Handwerksbursch der ihn vielleicht als einen wohlgekleideten
Menschen beneiden mochte doch jetzt im Grunde reicher war als er 
    Den Nachmittag erreichte er Vegesack und betrachtete hier mit hungrigem
Magen was er noch nie gesehen hatte eine Anzahl dreimastiger Schiffe die in
dem kleinen Hafen lagen  Dieser Anblick ergötzte ihn ungeachtet des misslichen
Zustandes worin er sich befand unbeschreiblich  und weil er an diesem
Zustande durch seine Unbesonnenheit selber schuld war so wollte er es sich
gleichsam gegen sich selber nicht einmal merken lassen dass er nun damit
unzufrieden sei 
    Gegen Abend erreichte er Bremen aber ehe er an die Stadt kam musste er sich
erst an das jenseitige Ufer der Weser übersetzen lassen wofür gerade eine
Bremergrote bezahlt werden musste  dass er nun diesen gerade noch gespart hatte
deuchte ihm wiederum ein ordentlicher Glücksfall weil er sonst die Stadt nicht
mehr würde erreicht haben woran ihm jetzt doch alles lag 
    Mit Sonnenuntergang kam er denn endlich noch an das Stadttor und weil er
ordentlich gekleidet war und das ganze Wesen eines Spazierengehenden annahm der
zuweilen still steht und sich nach etwas umsieht und dann wieder ein paar
Schritte weitergeht  so ließ man ihn ungehindert durchpassieren 
    Er fand sich also auf einmal wieder in dem Bezirk einer volkreichen Stadt
wo ihn aber niemand kannte und er so verlassen und allein indem er traurig über
das Geländer in die Weser hinabsah auf der Straße dastand als wenn er auf
einer unbewohnten wüsten Insel gewesen wäre 
    Eine Weile gefiel er sich gewissermaßen in diesem verlassenen Zustande der
doch so etwas Sonderbares Romanhaftes hatte  Da aber das vernünftige
Nachdenken über die Phantasie wieder den Sieg erhielt so war freilich seine
erste Sorge von seinem Briefe an den Kaufmannsdiener Gebrauch zu machen 
    Wie groß war aber sein Erschrecken da er sich in der Wohnung desselben nach
ihm erkundigte und erfuhr dass er erst den Abend spät zu Hause kommen würde 
Er blieb auf der Straße nicht weit von dem Hause stehen  die Dunkelheit der
Nacht brach herein  in einen Gasthof getraute er sich ohne Geld nicht zu gehen
 alle seine romanhaften Ideen die ihm vorher diesen Zustand noch erleichtert
hatten waren verschwunden er empfand nichts als die grausame Notwendigkeit
diese Nacht von Hunger und Müdigkeit gequält mitten in einer volkreichen Stadt
unter freiem Himmel zubringen zu müssen 
    Indem er nun melancholisch dastand und sich verlegen nach allen Seiten
umsah kam ein wohlgekleideter Mann dahergegangen der ihn genau betrachtete und
ihn mit mitleidiger Miene fragte ob er etwa hier fremd sei  allein er konnte
sich nicht überwinden diesem Manne seinen Zustand zu entdecken  sondern war
entschlossen lieber auf alle Fälle die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen
welches er auch würde getan haben wenn nach so vielen Widerwärtigkeiten sich
jetzt nicht wiederum ein glücklicher Umstand für ihn ereignet hätte  Der
Kaufmannsdiener hatte sich nämlich aus der Gesellschaft worin er sich befand
losgerissen um zu Hause etwas Notwendiges zu besorgen und da er hörte dass
jemand einen Brief von seinem Bruder an ihn habe abgeben wollen der nachher in
der Nähe am Wasser spazieren gegangen wäre so eilte er gleich um den
Überbringer des Briefes dessen Anschein man ihm beschrieben hatte womöglich
aufzusuchen und traf auch Reisern den er gleich erkannte wirklich an da
dieser schon alle Hoffnung aufgegeben hatte die Nacht ein Obdach zu finden 
    Sobald der junge Kaufmann nur die Handschrift seines Bruders erblickte war
er gegen Reisern äußerst freundschaftlich und gefällig und erbot sich sogleich
ihn in einen Gasthof zu führen  Reiser entdeckte ihm denn seinen wahren
Zustand freilich mit einigen Erdichtungen  er sei nämlich wider seine
Gewohnheit zum Spiel verleitet worden und habe alle seine Barschaft verloren 
denn dass er sich mit zu wenigem Gelde zu dieser Reise versehen habe schämte er
sich zu sagen weil er dadurch noch mehr in der Meinung des jungen Menschen von
dem er jetzt allein Hilfe erwarten konnte zu verlieren glaubte 
    Aber nun änderte sich auf einmal sein widriges Schicksal  der Kaufmann
erbot sich sogleich ihm so viel vorzustrecken dass es ihm an nichts fehlen
sollte  er führte ihn in einen angesehenen Gasthof wo Reiser auf seine
Empfehlung auf das beste bewirtet wurde und nun den Abend so vergnügt zubrachte
dass ihm alle Beschwerden des Tages vielfältig ersetzt wurden 
    Einige Gläser Wein die er noch in Gesellschaft des Kaufmannsdieners trank
taten nach der Ermüdung und Entkräftung eines ganzen Tages eine so
außerordentliche Wirkung auf seine Lebensgeister dass er fast die ganze
Gesellschaft die sich alle Abend hier zu versammlen pflegte mit Anekdoten von
Hannover und lustigen Einfällen die ihm sonst gar nicht gewöhnlich waren
unterhielt und sich den Beifall aller der Personen in diesem kleinen Zirkel
erwarb worunter sich auch derjenige mit befand der ihn den Abend traurig und
verlassen auf der Straße stehen sah und unter allen den vorübergehenden Leuten
der einzige gewesen war dem ein ganz fremder Mensch welcher traurig und
verlassen dastand wichtig genug schien dass er sich um ihn bekümmerte und ihn
anredete  Reiser gewann dadurch eine außerordentliche Zuneigung zu diesem
Manne denn ein solches Anreden und Besorgtsein um den Zustand eines ganz
fremden Menschen der wie verlassen und hülfebedürftig zu sein scheint ist doch
eigentlich die allgemeine Menschenliebe woran man den frommen Samariter von dem
vorübergehenden Priester und Leviten unterscheiden kann 
    Reiser hatte nicht leicht in seinem Leben einen Abend vergnügter zugebracht
als diesen wo er sich in einer fremden Stadt in einem ganz fremden Zirkel von
Menschen geachtet sah ins Gespräch gezogen und mit aufmunterndem Beifall
angehört wurde 
    Der Kaufmannsdiener nötigte ihn nun selbst sich noch einige Tage in Bremen
aufzuhalten zeigte ihm die Merkwürdigkeiten der Stadt und Reiser fand nun an
eben dem Orte wo er erst fremd von keinem Menschen bemerkt einsam und
verlassen auf der Straße stand so viele Menschen die sich für ihn
interessierten mit ihm sich unterredeten und mit ihm ausgingen dass er an diese
Personen die ihm so viele zuvorkommende gutmütige Höflichkeit und
Freundschaftsbezeigungen erwiesen eine Art von Anhänglichkeit bekam welche es
ihm schwer machte sich nach einer so kurzen Zeit schon wieder auf immer von
ihnen zu trennen
    Er speiste des Mittags in einer ansehnlichen Tischgesellschaft wo ihm als
einem Fremden immer mit ausgezeichneter Höflichkeit begegnet wurde  eine
Behandlung die er bis jetzt noch eben nicht gewohnt gewesen war  Der
Kaufmannsdiener streckte ihm so viel vor dass er nicht nur seine Rechnung im
Gasthofe bezahlen sondern auch mit Bequemlichkeit wieder nach Hannover
zurückreisen konnte welches er nun freilich zu Fuße tat 
    Und da ihm nun diesmal sein unbesonnener Anschlag so gut gelang so bildete
sich zuerst unvermerkt der Keim zu dem Gedanken in ihm sein Glück nicht länger
in seiner bisherigen eingeschränkten Lage abzuwarten sondern es in der weiten
Welt die ihm offen stand selbst aufzusuchen 
    Er hatte in einer fremden Stadt eine ganze Anzahl Menschen gefunden die
sich um ihn bekümmerten teil an ihm nahmen und ihm seinen Aufenthalt angenehm
machten lauter Sachen die er in Hannover nie gewohnt gewesen war  Er hatte
Abenteuer überstanden und in einem kurzen Zeitraum den schnellsten Glückswechsel
erfahren  indem er kaum eine Stunde vorher noch von aller Welt verlassen und
unmittelbar darauf sich in einem Zirkel von Menschen befand die alle auf ihn
aufmerksam waren und ihn in ihre Gespräche zogen 
    Was Wunder dass nun dadurch der Gedanke bei ihm rege wurde die traurige
Einförmigkeit seines bisherigen Aufenthalts und seiner bisherigen Verhältnisse
mit dergleichen Abwechselungen zu vertauschen  wodurch er ungeachtet aller
Beschwerlichkeiten die er darüber erdulden musste doch seine Seele auf eine
angenehme vorher noch nie empfundene Art erschüttert fühlte 
    Selbst die Wehmut die er empfand da ihm nun die Tore der Stadt in welcher
er noch gestern mit einer Anzahl ihm wohlwollender Menschen vertraulich an einem
Tische gesessen hatte aus den Augen schwanden und er also nun sogar die letzten
hervorragenden Spuren dieses ihm in der kurzen Zeit so liebgewordenen Ortes aus
seinem Gesichtskreise verloren hatte  selbst diese Wehmut hatte einen
nieempfundenen Reiz für ihn  er kam sich selber größer vor weil er
eigenmächtig ganz ohne irgendeinen äußern Antrieb  nun zum ersten Male eine
Reise nach einer ganz fremden Stadt getan hatte in der er binnen ein paar Tagen
mehr Menschen fand die ihm wohlwollten als er in Hannover ganze Jahre hindurch
nicht hatte finden können 
    Das Wandern fing ihm an so lieb zu werden  er phantasierte sich durch
tausend angenehme Vorstellungen die Ermüdung hinweg  wenn es dunkel wurde so
betrachtete er den vor ihm sich hinschlängelnden Weg auf den er beständig sein
Augenmerk heften musste gleichsam wie einen treuen Freund der ihn leitete 
Dies wurde ihm denn zuletzt eine dichterische Idee  es wurde Bild
Vergleichung woran er tausend Dinge kettete  Wie sich ein Wandrer an seinen
Weg hält so getreu wie der Weg dem Wandrer  so  und so   Dies Ideenspiel
verfolgte er im Gehen  und das Einförmige der Gegend bei der umgebenden
Dunkelheit und des immerwährenden Fussaufhebens verschwand ihm unmerklich und
machte ihn nicht verdrießlich 
    Es war schon ganz dunkel da er zu seinen Eltern kam die sich freilich
wunderten dass er dicht vor ihnen vorbeigegangen erst nach Bremen gereist und
dann zu ihnen gekommen war  Demohngeachtet aber nahmen ihn seine Eltern wegen
der vielen angenehmen Nachrichten die sie von ihm erhalten hatten diesmal mit
Freuden auf 
    Und Reiser hatte nun so viel Stoff zu mystischen Unterredungen mit seinem
Vater gesammlet dass sie diesmal sich oft bis in die Nacht unterhielten 
Reiser suchte nämlich alle die mystischen Ideen seines Vaters die er aus den
Schriften der Madam Guion geschöpft hatte von Alles und Eins vom Vollenden in
Eins usw metaphysisch zu erklären welches ihm sehr leicht wurde  indem die
Mystik und Metaphysik wirklich insofern zusammentreffen als jene oft eben das
vermittelst der Einbildungskraft zufälligerweise herausgebracht hat was in
dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist  Reisers Vater der dies nie in
seinem Sohne gesucht hatte schien nun auch eine hohe Idee von ihm zu bekommen
und ordentlich eine Art von Achtung gegen ihn zu hegen 
    Die Neigung zur Schwermut aber behielt auch hier beständig bei Reisern das
Übergewicht  Er stand mit seiner Mutter an der Türe da das Kind eines
Nachbars begraben wurde und der Vater in tiefer Trauer mit hangendem Haar und
nassem Auge folgte   Wenn sie mich nur auch erst so hintrügen sagte Reisers
Mutter die freilich im Leben nicht viel Freude gehabt hatte und Reiser der
sich doch noch viel Freude versprechen konnte stimmte innerlich so herzlich in
diesem Wunsch mit ein als ob ihm das größte Herzeleid widerfahren wäre 
    Er nahm diesmal bei seiner Abreise von seiner Mutter und seinen Brüdern mit
mehrerer Rührung wie gewöhnlich Abschied  und wanderte zu Fuß wieder nach
Hannover  Da er nun die vier Türme wieder erblickte die er schon unter so
mancherlei verschiedenen Verhältnissen wiedergesehen hatte so wandelte ihm
diesmal aufs neue ein ängstliches Gefühl an da er aus der weiten Welt nun
wieder in diesen kleinen Umkreis aller seiner Verhältnisse und Verbindungen
zurückkehren sollte das Allzubekannte dort deuchte ihm so fade  Aber auf
einmal erheiterte sich seine Seele wieder da er ins Tor getreten war und gleich
an einer Ecke einen Komödienzettel angeschlagen fand  Dies überraschte ihn auf
die angenehmste Weise  sein erster Gang war wie vor drei Jahren nach dem
Schloss wo das Theater war und wo der Hauptzettel mit dem Verzeichnis der
Personen angeschlagen stand  man spielte den Klavigo Brockmann den
Beaumarchais Reinecke den Klavigo die älteste Dem Ackermann die jüngere war
damals schon gestorben spielte die Maria Schröder den Don Karlos die
Reinecken die Schwester der Maria Schütz den Buenco und Böheim den Freund des
Beaumarchais 
    So vortrefflich war die Rollenbesetzung in diesem Stück bis auf die
unbedeutendsten Nebenrollen  Reiser kannte alle diese vortrefflichen
Schauspieler  war es wohl zu verwundern dass seine Erwartung auf das höchste
gespannt wurde aufs neue die Vorstellung eines Stücks von ihnen zu sehen das
er zwar noch nicht gelesen hatte wovon er aber wusste dass es von dem Verfasser
der Leiden des jungen Werters war 
    Durch diesen zufälligen Umstand vergesellschaftet mit der Rückerinnerung an
die Abenteuer die er auf seiner Reise gehabt hatte bildete sich eine
sonderbare romantische Idee in seinem Kopfe die nun wieder auf einige Jahre
seines künftigen Lebens einen sehr großen Einfluss hatte  Theater  und Reisen
 wurden unvermerkt die beiden herrschenden Vorstellungen in seiner
Einbildungskraft woraus sich denn auch sein nachheriger Entschluss erklärt 
    Er versäumte nun wieder nicht leicht einen Abend die Komödie  dadurch aber
wurde sein Kopf wieder so voll von theatralischen Ideen dass ihm seine
eigentlichen Geschäfte des beständigen Lernens und Lehrens  denn er hatte fast
den ganzen Tag mit Unterrichtsstunden besetzt  schon zuweilen nicht recht mehr
zu schmecken anfingen und er sich dann kein Bedenken machte dann und wann eine
der Stunden wo er lehrte oder lernte zu versäumen indem er dann jedesmal
rechnete dass es doch nur eine Stunde sei 
    Nun wurden damals die Zwillinge von Klinger zuerst aufs Theater gebracht und
freilich mit aller möglichen Kunst dargestellt indem Brockmann den Guelfo
Reinecke den alten Guelfo die Reinecken die Mutter die Ackermann die Kamilla
Schröder den Grimaldi und Lambrecht den Bruder des Guelfo spielte 
    Dies schreckliche Stück machte eine außerordentliche Wirkung auf Reisern 
es griff gleichsam in alle seine Empfindungen ein  Guelfo glaubte sich von der
Wiege an unterdrückt  das glaubte er von sich auch  ihm fielen dabei alle die
Demütigungen und Kränkungen ein denen er von seiner frühesten Kindheit an fast
so lange er denken konnte beständig ausgesetzt worden war  Er vergaß den
Fürstensohn und alle die Verhältnisse eines Fürstensohnes und fand nur sich in
dem unterdrückten Guelfo wieder  Die bittere Lache die Guelfo in der
Verzweiflung über sich selbst aufschlug griff in Reisers innerste Empfindungen
ein  er erinnerte sich dabei aller der fürchterlichen Augenblicke wo er
wirklich am Rande der Verzweiflung stand und eben eine solche Lache über sich
aufschlug  indem es sein eigenes Wesen mit Verachtung und Abscheu betrachtete
und oft mit schrecklicher Wonne in ein lautschallendes Hohngelächter ausbrach 
    Der Abscheu vor sich selber den Guelfo empfand indem er den Spiegel
entzweischlägt worin er sich nach der Mordtat erblickt  und dass er nun nichts
wünscht als zu schlafen  zu schlafen  das alles schien Reisern so wahr so
aus seiner eignen Seele die beständig mit dergleichen schwarzen Phantasien
schwanger ging gehoben zu sein dass er sich ganz in die Rolle des Guelfo
hineindachte und eine zeitlang mit allen seinen Gedanken und Empfindungen darin
lebte 
    Während dass also nun auf dem Königlichen Opernteater von der Schröderschen
Gesellschaft Komödie gespielt wurde kam auch die Zeit der Sommerferien heran
wo die Primaner jährlich öffentlich eine Komödie aufzuführen pflegten 
    Reiser zweifelte nicht dass man ihm diesmal eine Rolle antragen würde da er
doch nun seitdem er die Rede auf der Königin Geburtstag gehalten hatte einer
der angesehensten unter seinen Mitschülern war und daher auch gar nicht glaubte
dass man ohne ihn die Sache anfangen würde 
    Wie sehr erstaunte er also da er vernahm dass man die Sache dennoch ohne
ihn angefangen und sogar schon die aufzuführenden Stücke bestimmt und ihm nicht
einmal eine Rolle darin zugeteilt hatte  Da er jetzt wirklich viele Freunde
und vielen Anhang unter seinen Mitschülern hatte so konnte er sich diese
Zurückstellung erst gar nicht erklären bis er denn freilich merkte dass hier
ein solcher Rollenneid und ein so ängstliches Bemühen einander den Rang
abzulaufen stattfand dass ein jeder genug für sich zu sorgen hatte und wer
sich nicht mit Gewalt hinzudrängte auch nicht gerufen wurde 
    Reiser hat sich nachher oft an diesen Auftritt in seinem Leben
zurückerinnert und Betrachtungen darüber angestellt wie in diesen kindischen
Bestrebungen nach einer so unbedeutenden Sache als eine Rolle in einem Stücke
war das von den Primanern in Hannover aufgeführt wurde sich doch das ganze
Spiel der menschlichen Leidenschaften ebenso vollständig entwickelte als ob es
die allerwichtigste Angelegenheit betroffen hätte und wie das Streben
gegeneinander dies Verdrängen und wieder Verdrängtwerden ein so getreues Bild
des menschlichen Lebens im kleinen war dass Reiser alle seine künftigen
Erfahrungen hierdurch schon gleichsam vorbereitet sah 
    Dies kam nun freilich wohl mit daher weil den Primanern die Anordnung der
Schauspiele und die Besetzung der Rollen aus ihrem Mittel gänzlich überlassen
war  Der Geist wurde dadurch gleichsam republikanisch  es konnten sich
mehrere Kräfte entwickeln  List und Verschlagenheit gebraucht und Kabalen
geschmiedet werden wie es nur irgend bei der Wahl eines Parlamentsgliedes
geschieht  denn es wurden über dergleichen öffentliche Angelegenheiten auch
wenn zB ein Aufzug mit Musik und Fackeln sollte veranstaltet werden
ordentlich Stimmen gesammlet wodurch einer zum Anführer bei dem Zuge oder zu
sonst etwas Öffentlichem gewählt wurde 
    Reiser sah sich also nun auf einmal wieder da er es am wenigsten
vermutete von demjenigen ausgeschlossen woran sein ganzes Herz jetzt mehr wie
jemals hing und weswegen er vordem schon so viel erduldet hatte  Er suchte
sich zwar mit dem Gedanken zu trösten dass man ihn verkenne dass ihm von seinen
Mitschülern Unrecht geschehen sei  aber dies wollte doch auf die Länge nicht
zureichen  vorzüglich kränkte es ihn dass sein Freund Winter ihm nichts davon
gesagt hatte der mit von der Gesellschaft der Spielenden war und der es wusste
wie sehr sein Herz an dieser Sache hing 
    Aber dieser glaubte selbst in einem zu unvorteilhaften Lichte zu erscheinen
wenn er denjenigen als ein Mitglied in Vorschlag brächte auf den die
Aufmerksamkeit keines einzigen außer ihm gefallen war  Winter meinte es
deswegen übrigens noch gar nicht böse mit Reisern sondern war nach wie vor sein
Freund nur bis auf diesen Punkt nicht  Eine Erfahrung die mancher vielleicht
in seinem Leben öfter zu machen Gelegenheit gehabt hat  Es hält schwer in der
Freundschaft standzuhalten wenn sich alles wider jemanden erklärt  man fängt
an seinem eignen Urteil nicht recht mehr zu trauen das immer noch einer Stütze
außer sich zu bedürfen scheint sei sie auch so klein sie wolle  wenn die Sache
nur noch von einem einzigen in Regung gebracht wird so will man gern der zweite
sein der einstimmt nur der erste scheut sich ein jeder zu sein  und die
Freundschaft muss schon einen sehr hohen Grad erreicht haben wenn sie hier der
entgegenstrebenden Politik nicht unterliegen soll 
    Winter war sonst ein sehr aufrichtiger Mensch  und da Reiser ihn fragte
was unter ihm und einer Anzahl seiner Mitschüler die immer zusammenkämen im
Werke sei so gab ihm Winter erst ohne Umschweife zu verstehen er wolle es ihm
nicht sagen  bis Reiser weiter in ihn drang und dann doch die ganze Sache
erfuhr  wo dann jener sich damit aus der Verlegenheit zog dass er die ganze
Sache als unbedeutend vorstellte und als etwas das doch wohl schwerlich
zustande kommen würde usw
    Diese Erfahrung die Reiser damals zuerst an seinem Freunde Winter machte
hat er nachher nur zu oft in seinem Leben wieder bestätigt gefunden 
    Außer Reisern war nun Iffland von dem ich schon erwähnt habe dass er
nachher einer der beliebtesten dramatischen Schriftsteller geworden ist
derjenige welcher sich unter der damaligen Generation der Primaner in Hannover
in Ansehung seines Kopfes am mehrsten auszeichnete  und an den sich Reiser
schon vor einigen Jahren anzuschließen gesucht hatte  Allein die
Verschiedenheit ihrer Glücksumstände hatte dieses Aneinanderschliessen damals
gehindert 
    Da nun aber Reiser angefangen hatte sich auszuzeichnen so fing Iffland von
selber an sich an ihn zu schließen  und sie unterredeten sich oft bei ihren
einsamen Spaziergängen über ihre künftige Bestimmung in der Welt  Iffland
lebte auch ganz in der Phantasienwelt und hatte sich damals gerade ein sehr
reizendes Bild von der angenehmen Lage eines Landpredigers entworfen  er war
also entschlossen Theologie zu studieren und unterhielt Reisern fast beständig
mit der Schilderung jener stillen häuslichen Glückseligkeit die er dann im
Schoss einer kleinen Gemeinde die ihn liebte in seinem Dörfchen genießen würde
 Reiser welcher dergleichen Spiele der Phantasie aus eigener Erfahrung kannte
prophezeite ihm im voraus dass er diesen Entschluss zu seinem eignen Besten wohl
nie in Erfüllung bringen würde denn wenn er Prediger würde so würde er
wahrscheinlich ein großer Heuchler werden  er würde mit der größten Hitze des
Affekts und mit aller Stärke der Deklamation doch immer nur eine Rolle spielen
 Ein geheimes Gefühl sagte Reisern dass dies bei ihm selber wohl der Fall sein
würde darum konnte er jenem so gut den Text lesen 
    Iffland ist nun freilich nicht Prediger geworden  aber es ist doch
sonderbar jene Ideen von häuslicher stiller Glückseligkeit die er damals so
oft gegen Reisern geäußert hat sind doch nicht verloren gegangen sondern fast
in allen seinen dramatischen Arbeiten realisiert da er sie in seinem Leben
nicht hat realisieren können 
    Da nun aber die Schauspieler wieder nach Hannover kamen so wurden bei
Iffland alle jene reizenden Phantasien von stiller Glückseligkeit auf einem
Dorfe sehr bald verdrängt und die herrschende Idee war nun bei ihm sowie bei
Reisern wieder das Theater 
    Iffland war nun einer der vorzüglichsten Mitglieder der Gesellschaft die
sich zum Aufführen der Komödie verbunden hatten aber hier hatte er dennoch
seinen Freund Reiser auch vergessen  Diese Vernachlässigung von denen die er
noch für seine besten Freunde hielt bei einer Sache die ihm so sehr am Herzen
lag wie diese war ihm äußerst kränkend  Er sprach mit Iffland darüber der
sich damit entschuldigte er habe nicht geglaubt dass Reiser zu der Sache noch
Lust habe  Und was Reisern am meisten kränkte war als er hörte dass er bei
der Rollenausteilung nicht etwa Feinde unter der Gesellschaft gehabt die ihn
hätten ausschließen wollen sondern dass man gar nicht einmal an ihn gedacht
seiner nicht einmal erwähnt hatte 
    Da er sich nun indes erklärte dass er an der Gesellschaft teilnehmen wolle
so war man ihm nicht zuwider wenn er mit einer von den Rollen die noch übrig
waren vorliebnehmen wollte  Er musste sich denn hiezu entschließen und erhielt
in dem ersten Stück das aufgeführt wurde in dem Deserteur aus Kindesliebe
noch die Rolle des Peter welche ihm freilich nicht die angenehmste war die er
doch aber lieber als gar keine nahm 
    Man wird die Erzählung dieser anscheinenden Kleinigkeiten nicht unwichtig
finden wenn man in der Folge sehen wird dass sie auf sein künftiges Leben einen
großen Einfluss hatten und dass die Rollenausteilung bei den Komödien die er mit
seinen Mitschülern aufführte gleichsam ein Bild von einem Teile seines
künftigen Lebens war 
    Er wollte sich nicht zudrängen und war doch wieder nicht stark genug es zu
ertragen wenn man ihn vernachlässigte 
    Da er nun ein Mitglied der theatralischen Gesellschaft geworden war so
verleitete ihn dies zu vielen Ausgaben die seine Einkünfte überstiegen  und zu
vielen Versäumnissen die seine Einkünfte verminderten  Er musste die
Gesellschaft zuweilen zu sich bitten wie es ein jeder tat  und der öfteren
Proben wegen die angestellt wurden manche seiner Unterrichtsstunden die er
gab versäumen  Überdem war sein Kopf nun wieder beständig mit Phantasien
erfüllt  er war zu keinem anhaltenden und ernstaften Nachdenken zu keinem
Fleiß im Studieren mehr aufgelegt 
    Es bildeten sich nun schon Schriftstellerprojekte in seinem Kopfe  er
wollte ein Trauerspiel der Meineid schreiben  Er sah schon den Komödienzettel
angeschlagen worauf sein Name stand  seine ganze Seele war voll von dieser
Idee  und er ging oft wie ein Rasender in seiner Stube wütend auf und nieder
indem er alle die grässlichen und fürchterlichen Szenen seines Trauerspiels
durchdachte und durchempfand  Der Meineid gereute den Meineidigen zu spät und
Mord und Blutschande war schon die Folge davon gewesen als er eben im Begriff
war von unaufhörlicher Gewissensangst getrieben den Meineid durch Aufopferung
seines ganzen Vermögens das er dadurch gewonnen hatte wieder gutzumachen  und
der schmeichelhafteste Gedanke für Reisern war wenn er dies Stück noch in
seinem jetzigen Stande noch als Schüler vollenden würde was man denn für
Erwartungen von ihm schöpfen  wie es dann noch weit mehr ihm zum Ruhm gereichen
müsste 
    Schon in seinem neunten Jahre da er in die Schreibschule ging hatte er
sich mit einem seiner Mitschüler vorgenommen dass sie zusammen ein Buch
schreiben wollten  und beide schmeichelten sich schon damals mit der Idee wie
ihnen dies zum ewigen Ruhme gereichen würde  Der Knabe welcher damals den
Entwurf zu dem Buche mit ihm machte das ihre beiderseitigen Lebensgeschichten
enthalten sollte war ein sehr guter Kopf der sich aber nachher durch einen
übertriebenen Fleiß zugrunde richtete und im siebzehnten Jahre starb 
    Mit diesem spielte er auch schon damals zuweilen ehe die Stunde anging und
wenn der Lehrer noch nicht da war Komödie und fand immer in dieser Art von
Belustigung ein unbeschreibliches Vergnügen  ob er gleich damals noch gar keine
Komödie gesehen sondern nur aus Erzählungen andrer einen ganz dunklen Begriff
davon hatte  Was aber die Verfertigung des Buchs anbetraf so war ihm das
damals schon eine so erhabene Idee  ein Buch war ihm eine so heilige und
wichtige Sache deren Hervorbringung er kaum einem Sterblichen wenigstens
keinem noch lebenden Sterblichen zutrauete 
    Überhaupt war es ihm noch lange nachher immer eine sonderbare Idee wenn er
hörte dass die Personen die irgendein berühmtes Werk geschrieben hatten noch
lebten und also aßen tranken und schliefen wie er  Da er in seinem
sechzehnten Jahre zum ersten Male Moses Mendelssohns Schriften las so kam der
Name der alte Homerskopf auf dem Titel alles zusammen um eine sonderbare
Täuschung bei ihm hervorzubringen als ob dieser Moses Mendelssohn irgendein
alter Weiser sei der vor Jahrhunderten gelebt hätte und dessen Schriften nun
etwa ins Deutsche übersetzt wären  er trug sich lange mit diesem Wahn herum
bis er einmal zufälligerweise von seinem Vater hörte dass dieser Mendelssohn
noch lebe dass er ein Jude sei auf den die ganze jüdische Nation sehr stolz
wäre und dass Reisers Vater ihn selbst in Pyrmont gesehen habe und wie er
aussähe usw Dies brachte in Reisers Ideenzustande auf einmal eine große
Veränderung hervor  seine Vorstellungen vom Alten und Neuen Gegenwärtigen und
Vergangnen mischten sich sonderbar durcheinander  Er konnte sich nur mit Mühe
zu dem Gedanken gewöhnen sich einen Mann als noch lebend vorzustellen den
seine Einbildungskraft so lange in die vergangenen Jahrhunderte zurückversetzt
hatte  Er dachte sich einen solchen Mann wie eine unter den Menschen wandelnde
Gottheit  und solche Menschen einst von Angesicht zu Angesicht zu sehen mit
ihnen sich zu unterreden das war der höchste seiner Wünsche 
    Und nun hatte er sich doch im Ausdruck seiner Gedanken auf verschiedene Art
versucht er fing an zu hoffen dass ihm vielleicht einmal ein Werk des Geistes
gelingen würde wodurch er sich den Weg in jenen glänzenden Zirkel bahnte und
sich das Recht erwürbe mit Wesen umzugehen die er bis jetzt noch so weit über
sich erhaben glaubte  Daher schrieb sich vorzüglich mit die
Schriftstellersucht welche schon damals anfing ihn Tag und Nacht zu quälen 
    Ruhm und Beifall sich zu erwerben das war von jeher sein höchster Wunsch
gewesen  aber der Beifall musste ihm damals nicht zu weit liegen  er wollte
ihn gleichsam aus der ersten Hand haben und wollte gern wie es der natürliche
Hang zur Trägheit mit sich bringt ernten ohne zu säen  Und so griff nun
freilich das Theater am stärksten in seinen Wunsch ein  Nirgends war jener
Beifall aus der ersten Hand so wie hier zu erwarten  Er betrachtete einen
Brockmann einen Reineck immer mit einer Art von Ehrfurcht wenn er sie auf der
Straße gehen sah und und was konnte er mehr wünschen als in den Köpfen
anderer Menschen einst ebenso zu existieren wie diese in seinem Kopfe
existierten  So wie jene Leute vor einer so großen Anzahl von Menschen als
sonst nur selten oder nie versammelt sind alle die erschütternden Empfindungen
der Wut der Rache der Großmut nacheinander durchzugehen und sich gleichsam
jeder Nerve des Zuschauers mitzuteilen  das deuchte ihm ein Wirkungskreis der
in Ansehung der Lebhaftigkeit in der Welt nicht seinesgleichen hat 
    Allein er war nun freilich zu spät zu der theatralischen Gesellschaft
getreten um eine Rolle wie er sie sich wünschte zu erhalten welches ihn
außerordentlich kränkte  Indes freute es ihn doch wieder dass er nur noch eine
Rolle bekam da er den Ersatz erhielt dass ihm die Verfertigung eines Prologs zu
dem Deserteur aus Kindesliebe aufgetragen wurde welcher nebst dem
Personenverzeichnis gedruckt werden sollte 
    Nun wartete man nur darauf bis die ordentlichen Schauspieler wieder
wegreisen würden um alsdann ebenfalls auf dem großen Königlichen Opernteater
zu spielen wozu sich die Primaner selbst die Erlaubnis erbeten hatten  so dass
diesmal diese dramatischen Übungen so glänzend wurden wie sie noch niemals
gewesen waren  Die ganze Einrichtung war dabei den jungen Leuten selbst
überlassen  und da nun Reiser mit von der Gesellschaft war so nahm er doch
auch an allen öffentlichen Beratschlagungen und Debatten teil  eine Sache die
er von altersher nie gewohnt gewesen war und die ihm daher fremd vorkam  es
war ihm ordentlich als käme es ihm nicht recht zu wenn man ihn auch mit in
Betrachtung zog 
    Ob er nun gleich eben keine äußere Veranlassung dazu hatte so war ihm doch
die Einsamkeit noch immer lieb  und seine vergnügtesten Stunden waren wenn er
etwa eine Strecke vor das Tor hinaus nach einer Windmühle ging wo ringsumher in
einem kleinen Bezirk eine romantische Abwechselung von Hügeln und Tälern war
und wo er sich im Garten in einer Laube eine Schale Milch geben ließ und dabei
las  oder in seine Schreibtafel schrieb  Dies war schon vor mehreren Jahren
einer seiner liebsten Spaziergänge und er war auch oft mit Philipp Reisern da
gewesen 
    Als Werters Leiden erschienen fiel ihm bei den reizenden Beschreibungen
von Wahlheim sogleich diese Windmühle ein und die manchen süßen Stunden welche
er einsam da genossen hatte
    Dann war vor dem neuen Tore ein künstlich angelegtes ganz kleines Wäldchen
worin so viele Krümmungen und sich durchschlängelnde Pfade angebracht waren dass
man das Wäldchen wenigstens für sechsmal so groß hielt als es war wenn man
darin herumirrte  man hatte ringsumher die Aussicht auf eine grüne Wiese wo in
der Ferne hinter den einzelnen hohen Bäumen unter denen Reiser so gern zu
wandern pflegte und hinter dem kleinen Gebüsch wo er sich so oft gelagert
hatte der Fluss hervorschimmerte mit dessen Ufern er ebenfalls durch seine
öfteren Spaziergänge an demselben unter so manchen verschiedenen Situationen
seines Lebens vertraut geworden war  Oft wenn er am Ende dieses Wäldchens auf
einer Bank saß und in die weite Gegend hinausschaute stiegen alle die
vergangenen Szenen seines Lebens der Kummer und Sorgen die er dort an so
manchem schwülen Sommertage mit sich herumgetragen hatte wieder vor ihm auf
und das Andenken daran versetzte ihn in eine stille Wehmut der er mit Vergnügen
nachhing  Er konnte auch in der Ferne die Brücke sehen die über den Bach ging
an dem er so manche Stunde gesessen und so manches gelesen und gedichtet hatte
 Weil nun das Wäldchen so nahe vor der Stadt war so pflegte er oft des Abends
im Mondschein hinauszugehn und auch wohl mitunter ein wenig zu siegwartisieren
ohne doch den Siegwart gelesen zu haben der erst ein Jahr nachher erschien 
    Hier hatte er in dem vorigen Jahre da er neunzehn Jahr alt war an einem
rauen Septemberabend seinen Geburtstag gefeiert  und sich selber die
heiligsten Gelübde getan sein künftiges Leben besser als das vergangne zu
nutzen 
    Auf diesen einsamen Spaziergängen verfertigte er denn auch seinen Prolog
der sich wie seine Rede mit welch ein anfing denn in das sanft klingende welch
ein hatte er sich ordentlich verliebt es schien gleich eine solche Fülle von
Ideen zu fassen und alles Folgende hineinzufügen  er konnte sich keinen
vollklingendern Anfang denken und hub daher denn auch seinen Prolog an
Welch eine Göttin geusst Entzücken
Ins Herz des Fühlenden
Lässt mitleidsvoll vor seinen Blicken
Oft Szenen sanfter Freud entstehn
Und bildet ihre Haine schön
Sanfttraurender Melancholie
Sie ists des Himmels Phantasie 
Oft wandelt sie auf Blumenwegen
Mit ihm ins stille Tal hinab
Zeigt ihm die Unschuld da in Hütten
Und Freuden welche Gott ihr gab usw
Dieser Prolog wurde nun nebst dem Personenverzeichnis wie ein kleines Buch
gedruckt und auf dem Titel stand verfasst von Reiser gesprochen von Iffland 
Reiser sah sich also aufs neue gedruckt und was noch mehr war so erhielt er
von seinen Mitschülern den Auftrag den Prinzen selbst zu der Komödie
einzuladen welches er denn mit dem Degen an der Seite und in seinem Galakleide
worin er die Rede gehalten hatte tat 
    Die Noblesse und Honoratioren der Stadt wurden nun auch von den jungen
Leuten selbst eingeladen und Reiser erhielt hier wiederum Gelegenheit so wie
damals da er die Rede gehalten hatte einen Teil der großen Welt in der Nähe zu
sehen den er vorher nur noch aus einer großen Entfernung angestaunt hatte  er
sah dass die Minister Grafen und Edelleute mit denen er nun Gesicht gegen
Gesicht sprach nicht so erstaunlich von ihm verschiedene Wesen waren sondern
dass sie in ihren Äußerungen ebenso wie die gemeinsten Leute manchmal etwas
Sonderbares und Komisches hatten wodurch der Nimbus um sie verschwand sobald
man sie nur reden hörte und sich in der Nähe mit ihnen unterhielt  So glänzend
nun Reisers Zustand schien wenn er so über die Straße paradierte und in den
ersten Häusern seine Kour machte so war dieser Zustand doch im eigentlichen
Verstande ein glänzendes Elend zu nennen  denn durch das schlechte Verhältnis
seiner Ausgaben gegen seine Einkünfte wurden seine Umstände immer misslicher
seine Lage immer ängstlicher  Überdem drückte ihn das Einförmige seiner Lage
und dass er noch keine Aussicht vor sich sah die Universität mit Anstand zu
beziehen  auch war ihm nun jener Beifall aus der ersten Hand den ein
Schauspieler einernten kann so wichtig und so lieb geworden dass sein Hang
immer mehr nach dem Theater als nach der Universität war 
    Es war wirklich damals gerade die glänzendste Schauspielerepoche in
Deutschland und es war kein Wunder dass die Idee sich in eine so glänzende
Laufbahn wie die teatralische war zu begeben in den Köpfen mehrerer jungen
Leute Funken schlug und ihre Phantasie erhitzte  das war denn damals auch der
Fall bei der dramatischen Gesellschaft in Hannover  sie hatte gerade die
vortrefflichsten Muster einen Brockmann Reineck Schröder zu einem Zweck der
Kunst vereinigt täglich Lorbeern einernten sehen und es war wirklich kein
unrühmlicher Gedanke solchen Mustern nachzueifern 
    Und um nun diesen Endzweck zu erreichen brauchte man nicht erst drei Jahre
auf der Universität studiert zu haben  Dann kam bei Reisern die
unwiderstehliche Begierde zum Reisen hinzu welche sich seit der abenteuerlichen
Wallfahrt nach Bremen seiner bemächtigt hatte  und der Gedanke sich aus allen
seinen bisherigen Verhältnissen wo selbst das Beste ihm doch immer nur halb
geglückt war hinauszuversetzen und sein Glück in der weiten Welt zu suchen
fing allmählich an bei ihm der herrschende zu werden  es war aber nur noch ein
bloßes Spiel seiner Phantasie er war noch nicht eigentlich entschlossen die
Sache selbst ins Werk zu richten 
    Während dieser Zeit besuchte ihn nun sein Vater in Hannover den er jetzt
zum ersten Male in seiner Stube die mit sehr guten Möbeln versehen und schön
austapeziert war bewirten konnte  Seinem Vater suchte er nun seine Lage von
der angenehmsten und vorteilhaftesten Seite zu schildern und stellte ihm das
Aufführen der Komödie als eine Sache vor wodurch er nun sowohl wegen des
gedruckten Prologs als auch weil er den Prinz selbst dazu eingeladen hätte
wieder neue Aufmerksamkeit auf sich errege und sich ebenso wie durch die Rede an
der Königin Geburtstage im auffallenden Lichte wieder zeigen könnte 
    Reisers Vater äußerte bei dieser Gelegenheit einen sehr wichtigen und wahren
Gedanken dass solche Vorfälle wo einer sich öffentlich zu seinem Vorteil zu
zeigen Gelegenheit hat wie zB bei der Rede an der Königin Geburtstage
gleichsam wie ein Sieg zu betrachten wären den man verfolgen müsse weil
dergleichen im Leben sich nur selten ereigne 
    Reiser begleitete seinen Vater bei dessen Rückreise eine Stunde vor das Tor
hinaus und da sie nun an eben den Fleck kamen wo ihm derselbe einst seinen
Fluch gegeben hatte so standen sie zufälligerweise still  es fiel Reisern
nachher erst ein dass dies derselbe Fleck war  sie hatten sich bis dahin über
die wichtigsten und erhabensten Gegenstände worin die Mystik und die Metaphysik
zusammentreffen unterredet und nun schloss Reisers Vater einen Bund mit seinem
Sohne dass sie von nun an gemeinschaftlich jenem großen Ziele der Vereinigung
mit dem höchsten denkenden Wesen näher zu kommen streben wollten worauf er ihm
denn auf eben dem Fleck durch Auflegung der Hand seinen Segen erteilte wo er
ihm ehemals seinen Fluch gab 
    Reiser kehrte also nun in einer sehr guten Stimmung wieder zu Hause  und
blieb darin bis nun wieder eine neue Rollenbesetzung von den Stücken die außer
dem Deserteur aus Kindesliebe noch aufgeführt werden sollten seine Phantasie
erregte und seine durch vernünftiges Nachdenken eingewiegten romanhaften Ideen
wieder erweckte 
    Die Stücke die noch aufgeführt wurden waren Klavigo der Mann nach der Uhr
und der Edelknabe  Er hatte im Deserteur aus Kindesliebe mit einer
unbedeutenden Nebenrolle vorlieb genommen und rechnete nun darauf wenigstens
die Rolle des Klavigo zu erhalten  so wie nun alle Wünsche seines Herzens sich
auf das Theater hefteten so waren sie insbesondre auf diese Rolle gleichsam
gespannt  und man teilte sie nicht ihm sondern einem andern zu der sie
offenbar schlechter spielte wie Reiser sie gespielt haben würde 
    Reisers Kränkung hierüber war so groß dass ihn dieser Vorfall in eine Art
von wirklicher Melancholie stürzte  Wem dies unwahrscheinlich oder unnatürlich
vorkommt der erwäge dass sein ganzer Wunsch den er schon jahrelang bei sich
genährt hatte jetzt gerade auf der Spitze der Erfüllung oder Nichterfüllung
stand öffentlich vor den versammleten Einwohnern seiner Vaterstadt seine
Talente zu entwickeln und zeigen zu können wie tief er empfand was er sagte
und wie mächtig er wieder das durch Stimme und Ausdruck zu sagen imstande wäre
was er so tief empfand  solche erschütternde Empfindungen wieder bei Tausenden
zu erregen wie Reineck der den Klavigo spielte in ihm erregt hatte das war
für ihn ein so großer stolzer und die Seele erhebender Gedanke wie vielleicht
nie für irgendeinen Sterblichen eine Rolle in einem Trauerspiel gewesen sein
mag  Hier wäre nun alles das weit über seine Erwartung erfüllt worden was er
sich schon vor mehr als fünf Jahren gewünscht hatte  Denn das Auditorium war
hier so glänzend und zahlreich wie es vielleicht nie gewesen sein mochte  Das
Schauspielhaus welches einige tausend Personen fasste war so voll dass niemand
mehr Platz darin fand und unter den Zuschauern befand sich der Prinz nebst dem
ganzen Adel die Geistlichkeit und die Gelehrten und Künstler der Stadt  Vor
einem solchen Auditorium und dazu in einer Stadt die beinahe seine Vaterstadt
war worin er erzogen und so mancherlei widerwärtige Schicksale erlebt hatte
sich mit aller der Stärke der Empfindungen und des Ausdrucks die er bis jetzt
nur für sich allein hatte entwickeln können öffentlich zu zeigen  konnte in
seiner Lage wohl etwas Wünschenswerteres für ihn sein 
    Aber vom sterbenden Sokrates an schien der Genius der Schauspielkunst auf
ihn zu zürnen
    Er suchte sich die Rolle des Klavigo zu erbitten und zu ertrotzen aber
beides half nichts sein Nebenbuhler siegte  Dies griff ihn auf seiner
verwundbarsten Seite auf dem zärtlichsten Fleck seines Lebens an  alles übrige
wurde ihm nun dadurch verbittert  Keiner unter allen der ihm die Rolle des
Klavigo abgetreten hätte würde so viel darunter verloren haben als er dass er
sie nicht erhielt  Da sein eigentlicher gegenwärtiger Lebensfleck ihm so
verdunkelt war so zog es sich auch wieder über sein ganzes übriges Leben wie
ein Flor alles hüllte sich ihm in melancholische Trauer  er suchte die
Einsamkeit wieder wo er nur konnte und fing an sich in seinem Äußeren zu
vernachlässigen 
    Philipp Reiser machte indes auf seiner Stube Klaviere und nahm an allen
diesen Possen keinen Teil  Anton Reiser war seit seiner Verbindung mit der
dramatischen Gesellschaft selten zu ihm gekommen  jetzt da es ihm so wenig
nach Wunsch ging besuchte er ihn wieder öfter hing bei ihm seiner Schwermut
nach ohne ihm doch den eigentlichen Grund davon zu sagen  denn er wollte sich
gegen sich selbst nicht einmal recht merken lassen dass seine Schwermut bloß
davon herrührte weil er die Rolle des Klavigo nicht erhalten hatte sondern er
wollte sich lieber überreden dass dieselbe eine Folge von seiner Betrachtung des
menschlichen Lebens überhaupt sei 
    Indes wurde ihm von der Zeit an dass er die Rolle des Klavigo nicht erhielt
sein Aufenthalt in Hannover lästig er fing von der Zeit an unstet und flüchtig
zu werden  Sein jahrelanger sehnlichster Wunsch musste in Erfüllung gebracht
werden mochte es nun auch sein wo es wollte  er musste irgendwo alles das
wirklich machen was bis jetzt durch eine so lang anhaltende Komödienlektüre und
seinen schon so lange fortdauernden Hang zum Theater in seiner Phantasie reif
geworden war 
    Als der Klavigo probiert wurde hatte er sich in eine der Logen versteckt 
und während dass Iffland als Beaumarchais auf dem Theater wütete wütete Reiser
der in der Loge ausgestreckt am Boden lag gegen sich selber und seine Raserei
ging so weit dass er sich das Gesicht mit Glasscherben die am Boden lagen
zerschnitt und sich die Haare raufte  Denn die Erleuchtung die Blicke
unzähliger Zuschauer alle auf ihn allein hingeheftet und sich vor allen diesen
forschenden Blicken seine innersten Seelenkräfte äussernd durch die
Erschütterung seiner Nerven auf jede Nerve der Zuschauer wirkend  das alles
wurde ihm in dem Augenblick gegenwärtig  und nun sollte er nichts wie unter der
Menge verloren ein bloßer Zuschauer sein wie er jetzt war während dass ein
Dummkopf der den Klavigo spielte alle die Aufmerksamkeit auf sich zog die
ihm dem stärker Empfindenden gebührt hätte 
    Nach alle den vorhergehenden Situationen worin er sich seit Jahren befunden
hatte war ihm nun die Rolle des Klavigo gleichsam Zweck seines Lebens geworden
das durch tausend drückende Lagen einmal ganz unter die Herrschaft der Phantasie
zurückgedrängt war die nun über dasselbe ihre Rechte ausüben wollte  
    Die Saite war bis zur höchsten Spannung hinaufgewunden und nun sprang sie

    Als diese schreckliche Probe vorbei war so fand sich Reiser wieder ganz
allein ohne einen Freund ohne einen der sich seiner annahm  Er wollte doch
jemanden seinen Kummer klagen und ging zu Iffland der sich von dem Augenblick
fester wie jemals an ihn schloss weil gerade dasselbe Bedürfnis bei ihm war was
Reisern zu ihm trieb 
    Ifflands Phantasie war ebenfalls bis auf den höchsten Grad gespannt und
sein Hang zum Theater überwiegend geworden er bedurfte einen dem er seine
geheimsten Wünsche und seinen Kummer entdecken konnte 
    Nun hatten sein Vater und sein älterer Bruder nicht ohne Grund befürchtet
dass der Hang zum Theater durch den großen Beifall den er sich durch sein Spiel
erwarb zu sehr genährt und am Ende überwiegend werden möchte und ihm daher
untersagt an den dramatischen Übungen ferner teilzunehmen wogegen er nun
freilich alle möglichen Einwendungen machte und eben jetzt noch deswegen mit
seinem Vater in Unterhandlung stand  Er machte nun Reisern zum Vertrauten von
seinem Vorsatz sich ganz dem Theater zu widmen so wie er ehmals mit ihm über
seinen Entschluss ein Dorfprediger zu werden gesprochen hatte 
    Die Rolle welche Iffland schon gespielt hatte war der Deserteur im
Deserteur aus Kindesliebe und der Jude im Diamant der als Nachspiel zum
Deserteur gegeben wurde  Den Juden hatte er so meisterhaft gespielt dass er
nachher mit ebendieser Rolle unter Ekhofs Augen debütierte und seine
teatralische Laufbahn eröffnete  so wie er sich nun durch den Juden im
höchsten Komischen gezeigt hatte so zeigte er sich durch den Beaumarchais im
höchsten Tragischen und sein Spiel war wirklich in dieser letztern Rolle so
hinreißend dass man Brockmann selbst zu hören und zu sehen glaubte und das
Vergnügen sich in dieser Rolle öffentlich zu zeigen sollte ihm nun verleidet
werden  Er nötigte Reisern die Nacht bei ihm auf seiner Stube zu bleiben wo
sie sich denn in reizenden Träumen von der Glückseligkeit die der Stand eines
Schauspielers gewährte verloren bis sie beide darüber einschliefen 
    Jetzt waren sie beide fast unzertrennlich und Tag und Nacht beisammen  Und
einst da sie an einem warmen aber trüben Morgen vors Tor hinausgingen sagte
Iffland dies wäre gutes Wetter davonzugehen  und das Wetter schien auch so
reisemässig der Himmel so dicht auf der Erde liegend die Gegenstände umher so
dunkel gleichsam als sollte die Aufmerksamkeit nur auf die Straße die man
wandern wollte hingeheftet werden  Die Idee wurde in beider Köpfen so rege
dass nicht viel fehlte sie hätten sie gleich ins Werk gerichtet  indes wollte
doch Iffland womöglich in Hannover noch seinen Beaumarchais spielen  sie
kehrten also nach der Stadt wieder um  so sehr sich nun auch Iffland für
Reisern mit bewarb so war es doch unmöglich dass dieser die Rolle des Klavigo
erhalten konnte  statt dessen trat ihm endlich der welcher den Klavigo
spielte den Fürsten im Edelknaben ab  und in dem Manne nach der Uhr erhielt
Reiser die Rolle des Magister Blasius 
    Reiser war nun darüber melancholisch dass er den Klavigo nicht spielen
sollte und Iffland dass er überhaupt nicht mehr mit Komödie spielen sollte 
beide aber suchten sich zu überreden dass sie des Lebens um sein selbst willen
überdrüssig wären und luden sich einmal des Nachts zwei Pistolen womit sie
fast die ganze Nacht hindurch Kurzweil trieben indem sie sein oder nicht sein
hertragierten  Bei Reisern ging indes der Lebensüberdruss in der Tat so weit
dass er nicht aus der Stelle wich wenn Iffland die geladene Pistole auf ihn
hielt und den Finger anlegte um sie abzudrücken indes Reiser ebendasselbe
wieder gegen ihn tat 
    Am andern Tage aber hatte er einen etwas ernstaftern Auftritt mit Philipp
Reisern den er besuchte  Er hatte die Nacht nicht geschlafen eine dumme
Trägheit blickte aus seinen hohlen Augen hervor der Lebensüberdruss saß auf
seiner Stirne alle Spannkraft seiner Seele war dahin  er sagte zu Philipp
Reisern guten Tag  und dann stand er da wie ein Stock 
    Philipp Reiser der ihn schon öfter aber noch nie in dem Grade in einem
solchen Zustand der Erschlaffung gesehen hatte und der nun zu fürchten anfing
dass es wohl gänzlich mit ihm vorbei sein möchte  tat ihm im ganzen Ernst den
Vorschlag dass er ihn totschiessen wollte ehe ein verworfner und schlechter
Mensch aus ihm würde wie jetzt der Fall wäre  Mit Philipp Reisern dessen
Begriffe ebenfalls romanhaft und überspannt waren war in solchen Fällen nicht
zu spassen  Anton Reiser verbat sich also diese Kur noch für jetzt und
versicherte dass er sich wohl noch einmal von seiner jetzigen Erschlaffung
wieder erholen würde 
    Indes fing nun seine Lage an immer misslicher zu werden  durch die
Ausgaben welche sein Teilnehmen an der Aufführung der Komödien erforderte die
seine Einkünfte weit überstiegen und durch die Versäumnis der Lehrstunden
welche er gab stürzte er sich immer tiefer in Schulden und fing bald an den
notwendigsten Bedürfnissen des Lebens wieder an Mangel zu leiden weil er nicht
die Kunst gelernt hatte auf Kredit zu leben 
    Seine Garderobe als Fürst im Edelknaben die er sich so wie jeder die
seinige selbst anschaffen musste kostete ihm allein so viel als wovon er einen
Monat lang alle seine Ausgaben hätte bestreiten können  und für dies alles
erreichte er doch nicht einmal seinen Zweck sich in einer auffallenden
tragischen Rolle zeigen zu können welches doch eigentlich von jeher sein Wunsch
gewesen war 
    Von den drei Stücken die an einem Abend nacheinander aufgeführt wurden war
Klavigo das erste der Mann nach der Uhr das zweite und der Edelknabe blieb bis
zuletzt 
    Während dass nun der Klavigo aufgeführt wurde suchte Reiser in der
Anziehstube dicht bei dem Theater so viel wie möglich seine Sinne zu betäuben
und sich die Ohren zu verstopfen  jeder Laut den er vom Theater hörte war ihm
ein Stich durch die Seele  denn hier war es wo nun eben das schönste Gebäude
seiner Phantasie woran jahrelang gebaut worden war wirklich scheiterte und er
musste es selbst mit ansehen ohne es im mindesten verhindern zu können  er
suchte sich mit den beiden Rollen die er noch zu spielen hatte zu trösten und
alle seine Aufmerksamkeit darauf zu heften aber es war vergeblich  während dass
die Rolle des Klavigo nun von einem andern vor einer solchen Menge von
Zuschauern wirklich gespielt wurde war ihm zumute wie einem der alle sein Hab
und Gut ohne Rettung in den Flammen aufgehen sieht  noch bis zum letzten Tage
hatte er immer gehofft diese Rolle es koste auch was es wolle zu erhalten 
nun aber war alles vorbei 
    Und da nun wirklich alles vorbei und Klavigo zu Ende gespielt war so wurde
ihm wieder etwas leichter  Aber ein Stachel blieb doch immer in seiner Brust
zurück  Er spielte nun im Mann nach der Uhr worin Iffland den Mann nach der
Uhr machte die Rolle des Magister Blasius mit allem Beifall  Aber dies war
nicht der rechte Beifall den er sich gewünscht hatte  Er wollte nicht zum
Lachen reizen sondern durch sein Spiel die Seele erschüttern  Der Fürst im
Edelknaben war nun zwar eine edle aber doch eine zu sanfte Rolle für ihn  und
überdem misslang es gewissermaßen mit der ganzen Aufführung des Stücks  denn da
der Klavigo und der Mann nach der Uhr zu Ende waren so gingen die meisten
Zuschauer weg weil es schon sehr spät war und es blieb nicht der dritte Teil
da welche den Edelknaben noch abwarteten  dies und der quälende Gedanke an den
Klavigo den er immer noch nicht unterdrücken konnte war Ursach dass Reiser den
Fürsten im Edelknaben sehr nachlässig und weit schlechter spielte als er ihn
hätte spielen können  und da nun alles geendigt war missvergnügt und traurig
nach Hause ging  Er dachte aber dabei doch noch dereinst seine Lust zu büßen
sich auf dem Theater in einer heftigen und erschütternden Rolle zu zeigen
möchte es auch kosten was es wolle  Dass ihm zum ersten Male dieser Genuss
versagt war reizte seine Begierde danach nur noch stärker und wie konnte er
sicherer die Erfüllung seines höchsten Wunsches hoffen als wenn er das zum
eigentlichen Geschäft seines Lebens machte woran ohnedem schon sein ganzes Herz
hing  Der Gedanke sich dem Theater zu widmen bekam daher statt
niedergedrückt zu werden noch immer mehr Gewalt über ihn 
    Allein so wie man immer zu dem was man zu tun wünscht sich selbst die
dringendsten Bewegungsgründe zu schaffen sucht um sein Betragen gleichsam gegen
sich selbst zu rechtfertigen  so suchte sich auch Reiser die Bezahlung der
kleinen Schulden die er zu machen verleitet war als eine so unmögliche Sache
und die Entdeckung derselben als etwas so Missliches vorzustellen dass er schon
dieserwegen sich aus Hannover entfernen zu müssen glaubte  Aber seine
eigentlichen Bewegungsgründe waren der unwiderstehliche Trieb nach Veränderung
seiner Lage und die Begierde sich auf irgendeine Weise so bald wie möglich
öffentlich zu zeigen um Ruhm und Beifall einzuernten wozu ihm nun freilich
nichts bequemer als das Theater scheinen musste wo es einem nicht einmal darf
zur Eitelkeit angerechnet werden dass er sich so oft wie möglich zu seinem
Vorteil zeigen will sondern wo die Sucht nach Beifall gleichsam privilegiert
ist 
    Indes finden seine kleinen Schulden freilich auch an ihn zu drücken wozu
noch ein paar Demütigungen kamen die ihm vollends seinen längeren Aufenthalt in
Hannover zum Ekel machten 
    Die eine bestand darin dass ein junger Edelmann den er unterrichtete und
mit dem er sich auf der Stube desselben manchmal noch ein wenig zu unterhalten
pflegte zu ihm sagte er habe die Ehre sich ihm zu empfehlen ehe sich Reiser
selbst noch empfohlen hatte  Es war sehr wahrscheinlich dass jener wirklich
geglaubt hatte Reiser mache Miene zum Weggehen und also mit dem
Abschiedskomplimente ein wenig zuvorkommend gewesen war  aber eben dies
Zuvorkommende war für Reisern so erschrecklich auffallend und drückte auf einmal
so sehr sein ganzes Wesen darnieder dass er da er schon hinaus war noch eine
Weile still stand und ihm die Arme am Körper niedersanken  dies zuvorkommende
ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen gesellte sich plötzlich in seiner Idee
zu dem dummer Knabe des Inspektors auf dem Seminarium zu dem ich meine Ihn ja
nicht des Kaufmanns zu dem par nobile Fratrum der Primaner und zu dem das ist
ja eine wahre Dummheit des Rektors  Er fühlte sich auf einige Augenblicke wie
vernichtet alle seine Seelenkräfte waren gelähmt  Der Gedanke des auch nur
einen Augenblick Lästiggewesenseins fiel wie ein Berg auf ihn  er hätte in
dem Moment dies irgendeinem Geschöpf außer ihm so lästige Dasein abschütteln
mögen 
    Dann ging er aus dem Tore nach dem Kirchhofe wo der Sohn des Pastor
Marquard begraben lag und weinte bei dessen Grabe die bittersten Tränen des
Unmuts und Lebensüberdrusses  Alles erschien ihm auf einmal in einem traurigen
melancholischen Lichte  die ganze Zukunft seines Lebens war düster  er
wünschte mit dem Staube vermischt zu sein den sein Fuß betrat und dies alles
noch wegen des zuvorkommenden ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen  Diese
Worte ließ einen Stachel in seiner Seele zurück den er vergeblich wieder
herauszuziehen suchte  ob er dies gleich sich selber nicht eigentlich gestand
sondern seinen Unmut und Lebensüberdruss aus allgemeinen Betrachtungen über die
Nichtigkeit des menschlichen Lebens und die Eitelkeit der Dinge herzuleiten
suchte  freilich fanden sich denn auch diese allgemeinen Betrachtungen ein die
aber ohne jene herrschende Idee nur seinen Verstand beschäftigt nicht aber sein
Herz in Bewegung gesetzt haben würden  Im Grunde war es das Gefühl der durch
bürgerliche Verhältnisse unterdrückten Menschheit das sich seiner hiebei
bemächtigte und ihm das Leben verhasst machte  er musste einen jungen Edelmann
unterrichten der ihn dafür bezahlte und ihm nach geendigter Stunde auf eine
höfliche Art die Türe weisen konnte wenn es ihm beliebte  was hatte er vor
seiner Geburt verbrochen dass er nicht auch ein Mensch geworden war um den sich
eine Anzahl anderer Menschen bekümmern und um ihn bemüht sein müssen  warum
erhielt er gerade die Rolle des Arbeitenden und ein andrer des Bezahlenden 
Hätten ihn seine Verhältnisse in der Welt glücklich und zufrieden gemacht so
würde er allenthalben Zweck und Ordnung gesehen haben jetzt aber schien ihm
alles Widerspruch Unordnung und Verwirrung 
    Da er nun zu Hause ging so wurde er auf der Straße erstlich von einem
seiner Gläubiger gemahnet  und da er mit gesenktem Haupte melancholisch vor
sich hinging so hörte er hinter sich einen Jungen zum andern sagen da geht der
Magister Blasius  Dies brachte ihn so auf dass er dem Jungen auf der Straße
ein paar Ohrfeigen gab welcher nun hinter ihm herschimpfte bis Reiser seine
Wohnung erreichte 
    Von dem Tage an war Reisern der Anblick von den Straßen in Hannover ein
Greuel  und vor allem war die Straße wo der Junge hinter ihm hergeschimpft
hatte ihm am verabscheuungswürdigsten er vermied es wo er konnte durch
dieselbe zu gehen und wenn er doch durchgehen musste so war es ihm als ob die
Häuser auf ihn fallen wollten  wohin er trat glaubte er hinter sich den
spottenden Pöbel oder einen ungeduldigen Gläubiger zu hören 
    Diese Demütigungen waren zu schnell nacheinander gekommen als dass er sich
unter dem Druck welcher ihm von nun an den Ort seines Aufenthalts verhasst
machte noch einmal hätte wieder emporarbeiten können  Der Gedanke Hannover
zu verlassen und sein Glück in der weiten Welt zu suchen wurde von nun an
fester Entschluss den er aber doch niemanden als Philipp Reisern entdeckte 
dieser war damals sehr mit sich selber beschäftigt weil er wieder einen
verliebten Roman spielte und alle seine Aufmerksamkeit darauf wandte wie er
seinem Mädchen gefallen wollte  Anton Reisers Schicksal war ihm daher etwas
weniger wichtig als es ihm zu einer andern Zeit würde gewesen sein 
    Ohngeachtet Anton Reiser vielleicht in wenigen Tagen Hannover auf immer zu
verlassen im Begriff war so unterhielt ihn sein Freund dennoch mit dem ganzen
Detail seiner Liebschaft als wenn jener den Erfolg von dem allen hätte abwarten
können  Dies ärgerte ihn denn zuweilen wohl  aber Philipp Reiser war doch
einmal sein nächster Vertrauter  und er hatte niemanden außer ihm dem er sich
hätte entdecken mögen 
    Weil er doch aber nun um sein Glück in der weiten Welt zu suchen sich
irgendeinen Ort in der weiten Welt zum Ziel seiner Wanderung machen musste so
wählte er Weimar hierzu wo sich damals die Seilersche Truppe über welche Ekhof
die Direktion führte aufhalten sollte  Hier wollte er seinen Entschluss sich
dem Theater zu widmen ins Werk zu richten suchen 
    Während nun dass er mit diesem Gedanken umging erlitt er noch eine
Demütigung die ihn vollends in seinem Entschluss bestärkte 
    Er ging nämlich eines Nachmittags mit einer Anzahl seiner Mitschüler die
von der dramatischen Gesellschaft waren in einem öffentlichen Garten vor der
Stadt spazieren  Nun mochten ihm wohl die Gedanken womit er umging ein
sonderbares zerstreutes Aussehen geben wodurch er sich vor seiner Gesellschaft
eben nicht zu seinem Vorteil auszeichnete  und seine Mitschüler fielen ehe er
sichs versah auf einmal wieder mit einem solchen Spott über ihn her dass es
ihm auch nicht möglich war gegen alles was sie sagten nur ein Wort
vorzubringen  Da nun ihr Witz freien Spielraum fand so war des Witzelns kein
Ende  und da nun überdem ein paar Offiziere in der Nähe standen die dem
Gespräch zuhörten so konnte Reiser nicht länger ausdauern  er schlich sich vom
Tische weg bezahlte dem Wirt was er für seinen Teil schuldig war  und eilte
so schnell er konnte fort  und so bald er nun allein war brach er aufs neue
in laute Verwünschungen über sich und sein Schicksal aus  Er spottete über
sich selbst weil er sich zum Spott und zur Verachtung geboren glaubte 
    Woher kam es denn auch dass er zum Spott der Welt gleichsam an der Stirne
gebrandmarkt war  was haftete denn für ein Mal des Lächerlichen an ihm das
durch nichts konnte ausgelöscht werden  das ihn jetzt da er doch von seinen
Mitschülern geachtet war aufs neue wieder in einer bösen Stunde ihrem Gelächter
preisgab 
    Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen
seiner eignen Eltern gegen ihn die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte
wieder vermindern können  Es war ihm unmöglich geworden jemanden außer sich
wie seinesgleichen zu betrachten  jeder schien ihm auf irgendeine Art
wichtiger bedeutender in der Welt als er zu sein  daher deuchten ihm
Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung 
weil er nun glaubte verachtet werden zu können so wurde er wirklich verachtet
 und ihm schien oft das schon Verachtung was ein anderer mit mehr Selbstgefühl
nie würde dafür genommen haben  Und so scheint nun einmal das Verhältnis der
Geisteskräfte gegeneinander zu sein wo eine Kraft keine entgegengesetzte Kraft
vor sich findet da reißt sie ein und zerstört wie der Fluss wenn der Damm vor
ihm weicht  Das stärkere Selbstgefühl verschlingt das schwächere unaufhaltsam
in sich  durch den Spott durch die Verachtung durch die Brandmarkung des
Gegenstandes zum Lächerlichen  Das Lächerrlichwerden ist eine Art von
Vernichtung und das Lächerrlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls die
nicht ihresgleichen hat  Von allen außer sich gehasst zu werden ist dagegen
wünschens und begehrenswert  Dieser allgemeine Hass würde das Selbstgefühl
nicht töten sondern es mit einem Trotz beseelen wovon es auf Jahrtausende
leben und gegen diese hassende Welt Wut knirschen könnte  Aber keinen Freund
und nicht einmal einen Feind zu haben  das ist die wahre Hölle die alle Qualen
der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich fasst  Und diese
Höllenqual war es welche Reiser empfand sooft er sich aus Mangel an
Selbstgefühl für einen würdigen Gegenstand des Spottes und der Verachtung hielt
 seine einzige Wonne war dann wenn er für sich allein war in lautes
Hohngelächter über sich selber auszubrechen und das nun selber gleichsam an sich
zu vollenden was die Wesen außer ihm angefangen hatten 
Wenn diese Wesen mich verspotten und zerstören
Die stärker und vollkommener sind als ich
Warum soll ich des Mitleids Stimme hören
Und weinen schändlich über mich  
Da er nun also dem hohnlachenden Zirkel seiner Mitschüler entflohen war  so
schweifte er in der einsamen Gegend umher und entfernte sich immer weiter von
der Stadt ohne ein Ziel zu haben wohin er seine Schritte richtete  Er ging
immer querfeldein bis es dunkel wurde  da kam er an einen breiten Weg der zu
einem Dorfe führte das er vor sich liegen sah  der Himmel fing an sich immer
düstrer zu umziehn und drohte Regenwetter  die Raben fingen an zu krächzen
und zwei die immer über seinem Kopfe hinflogen schienen ihm das Geleite zu
geben  bis er an den kleinen engen Kirchhof des Dörfchens kam welcher gleich
vornean lag und mit unordentlich übereinandergelegten Steinen eingefasst war die
eine Art von Mauer vorstellen sollten  Die Kirche mit dem kleinen spitzen
Turme der mit Schindeln gedeckt war in der dicken Mauer nach jeder Seite zu
nur ein einziges Fensterchen durch welches das Licht schräg hereinfallen konnte
 die Türe wie halb in die Erde versunken und so niedrig dass es schien man
könne nicht anders als gebückt hineingehen  Und ebenso klein und unansehnlich
wie die Kirche war so enge und klein war auch der Kirchhof wo die
aufsteigenden Grabhügel dicht aneinander gedrängt und mit hohen Nesseln
bewachsen waren  Der Horizont war schon verdunkelt der Himmel schien in der
trüben Dämmerung allenthalben dicht aufzuliegen das Gesicht wurde auf den
kleinen Fleck Erde den man um sich her sah begrenzt  das Winzige und Kleine
des Dorfes des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reisern eine sonderbare
Wirkung  das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine Spitze hinauszulaufen 
der enge dumpfe Sarg war das letzte  hierhinter war nun nichts weiter  hier
war die zugenagelte Bretterwand  die jedem Sterblichen den ferneren Blick
versagt  Das Bild erfüllte Reisern mit Ekel  der Gedanke an dies Auslaufen in
einer solchen Spitze dies Aufhören ins Enge und noch Engere und immer Engere 
wohinter nun nichts weiter mehr lag  trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem
winzigen Kirchhofe weg und jagte ihn vor sich her in der dunklen Nacht als ob
er dem Sarge der ihn einzuschliessen drohte hätte entfliehen wollen  Das Dorf
mit dem Kirchhofe war ihm ein Anblick des Schreckens solange er es noch hinter
sich sah  auf dem Kirchhofe war ihm ein sonderbarer Schrecken angewandelt 
was er so oft gewünscht hatte schien ihm gewährt zu werden das Grab schien
seine Beute zu fordern und noch stets sowie er flohe hinter ihm seinen Schlund
zu eröffnen  erst da er ein andres Dorf erreichte war er wieder ruhiger 
    Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte
war die Vorstellung des Kleinen die sowie sie herrschend wurde in seiner
Seele eine fürchterliche Leere hervorbrachte welche ihm zuletzt unerträglich
war  Das Kleine nahet sich dem Hinschwinden der Vernichtung  die Idee des
Kleinen ist es welche Leiden Leerheit und Traurigkeit hervorbringt  das Grab
ist das enge Haus der Sarg ist eine Wohnung still kühl und klein  Kleinheit
erweckt Leerheit Leerheit erweckt Traurigkeit  Traurigkeit ist der Vernichtung
Anfang  unendliche Leere ist Vernichtung  Reiser empfand auf dem kleinen
Kirchhofe die Schrecken der Vernichtung  der Übergang vom Dasein zum Nichtsein
stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Stärke und Gewissheit dar dass
seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing der jeden Augenblick zu
zerreißen drohte 
    Nun war also auf einmal aller Lebensüberdruss bei ihm verschwunden  er
suchte in seiner Seele wieder eine gewisse Ideenfülle hervorzubringen um sich
gleichsam nur vor der gänzlichen Vernichtung zu retten  und da er von ungefähr
auf die Heerstraße nach Erichshagen geriet wo seine Eltern wohnten und ihm nun
auf einmal diese ganze Gegend bekannt war  so nahm er sich erst vor die ganze
Nacht durch zu gehen und seine Eltern noch einmal mit einem unvermuteten Besuch
zu überraschen  Eine Meile war er schon von Hannover und hatte also ungefähr
noch fünf Meilen zurückzulegen 
    Allein der Gedanke dass er seinen Eltern nichts von seinem Entschluss hätte
entdecken dürfen und doch mit schwerem Herzen von ihnen hätte Abschied nehmen
müssen verleidete ihm diesen Vorsatz wieder da es überdem gegen Mitternacht
stark zu regnen anfing  Er ging also aufs neue mitten im Regen und Dunkel
durch das hohe Korn querfeldein nach der Stadt zu  es war eine warme
Sommernacht und der Regen und die Dunkelheit waren ihm bei dieser
menschenfeindlichen nächtlichen Wanderung die angenehmsten Gesellschafter  er
fühlte sich groß und frei in der ihn umgebenden Natur  nichts drückte ihn
nichts engte ihn ein  er war hier auf jedem Fleck zu Hause wo er sich
niederlegen wollte und dem Anblick keines Sterblichen ausgesetzt  Er fand
zuletzt eine ordentliche Wonne darin durch das hohe Korn hinzugehen ohne Weg
und Steg  durch nichts nicht einmal durch ein eigentliches Ziel gebunden nach
welchem er seine Schritte hätte richten müssen Er fühlte sich in dieser Stille
der Mitternacht frei wie das Wild in der Wüste  die weite Erde war sein Bette 
die ganze Natur sein Gebiet 
    So wanderte er die ganze Nacht hindurch bis der Tag anbrach  und als er
die Gegenstände allmählich wieder unterscheiden konnte so deuchte es ihm nach
der Gegend als ob er ungefähr noch eine halbe Meile von Hannover wäre  auf
einmal aber befand er sich ehe er sichs versah dicht an einer großen
Kirchhofsmauer die er sonst nie in dieser Gegend bemerkt hatte  er nahm alle
seine Nachdenken zusammen und suchte sich zu orientieren aber es war vergeblich
 er konnte die lange Kirchhofsmauer aus dem Zusammenhange der übrigen
Gegenstände nicht erklären sie war und blieb ihm eine Erscheinung welche ihn
eine Zeitlang wirklich zweifeln ließ ob er wache oder träume  er rieb sich die
Augen  aber die lange Kirchhofsmauer blieb immer da  überdem war auch durch
sein sonderbares Nachtwandern und durch das Wegfallen der gewohnten Pause
wodurch die Vorstellungen des Tages der Natur gemäß unterbrochen werden seine
Phantasie zerrüttet  er fing selbst an für seinen Verstand zu fürchten und
war vielleicht wirklich dem Wahnwitz nahe als er endlich die vier Türme von
Hannover wieder durch den Nebel sah und nun wusste wo er war  Die
Morgendämmerung hatte ihn getäuscht dass er die Gegend für eine andre hielt die
noch eine halbe Meile von Hannover lag und mit dieser die dicht vor der Stadt
war sehr viel Ähnlichkeit hatte  Der große Kirchhof in dessen Mitte eine
kleine Kapelle stand war der ordentliche Kirchhof dicht vor Hannover und
Reisern war nun auf einmal die ganze Gegend wieder bekannt  er erwachte
wirklich wie aus einem Traume 
    Aber wenn irgend etwas fähig ist jemanden dem Wahnwitz nahe zu bringen so
sind es wohl vorzüglich die verrückten Orts und Zeitideen woran sich alle
unsre übrigen Begriffe festhalten müssen  Dieser neue Tag war für Reisern wie
kein neuer Tag weil zwischen diesem und dem vorhergehenden Tage keine
Unterbrechung der Wirkungen seiner vorstellenden Kraft stattgefunden hatte  Er
ging in die Stadt es war noch frühmorgens und auf den Straßen herrschte eine
Totenstille  Das Haus die Stube worin er wohnte alles kam ihm anders fremd
und sonderbar vor  Diese Nachtwanderung hatte eine Veränderung in seinem
ganzen Gedankensystem hervorgebracht  er fühlte sich in seiner Wohnung von nun
an nicht mehr zu Hause  die Ortsideen schwankten in seinem Kopfe hin und her 
er war den ganzen Tag über wie ein Träumender  bei dem allen aber war ihm die
Erinnerung an die Nachtwanderung angenehm  Das Krächzen der beiden Raben die
über seinem Kopfe hinflogen der kleine Dorfkirchhof die durchwanderten
Kornfelder alles drängte sich nun in seiner Einbildungskraft zusammen und
machte zusammen eine dunkle Gruppe ein schönes Nachtstück aus woran sich seine
Phantasie noch oft nachher in einsamen Stunden ergötzt hat 
    Allein sein Aufenthalt in Hannover wurde ihm von nun an womöglich noch
verhasster  und der Wandergeist hatte sich seiner nun ganz bemächtigt  dies war
aber auch der Fall bei mehreren von den jungen Leuten welche mit Komödie
gespielt hatten  Einer namens Timäus der vorher ein äußerst stiller
fleißiger und ordentlicher Mensch war entdeckte Reisern im Vertrauen seine
Unzufriedenheit mit seinem künftigen Stande eines Theologen wozu er bestimmt
war und unterredete sich mit ihm über die Glückseligkeit welche der
Schauspielerstand gewährte wobei er gegen die Vorurteile deklamierte die
diesen ehrenvollen Stand noch immer unverdienterweise herabsetzten 
    Dies Gespräch hielten beide auf einem Spaziergange nach einem kleinen Dorfe
vor Hannover und sie hatten sich so in ihrer Unterredung vertieft dass sie von
der Nacht überfallen und in dem Dorfe zu bleiben genötigt wurden  Dies
ungewöhnliche Übernachten an einem fremden Orte setzte beiden noch mehr
romanhafte Ideen in den Kopf  es deuchte ihnen schon als ob sie auf Abenteuer
ausgingen und Glück und Unglück miteinander teilten  Der kühne Vorsatz dieser
beiden Abenteurer sich über alle Vorurteile der Welt hinwegzusetzen und ihrer
Neigung oder ihrem Beruf wie sie es nannten zu folgen blieb denn auch nicht
unausgeführt  Reiser machte den Anfang und Timäus folgte ihm bald wurde aber
noch glücklich wieder zurückgebracht 
    Reiser machte indes ehe er seinen Vorsatz ausführte noch eine nächtliche
Wanderung mit Iffland der ihn des Abends um elf Uhr mit noch einem von der
dramatischen Gesellschaft besuchte und ihn zu einem Spaziergange nach dem
Deister einem Berge der drei Meilen von Hannover entfernt ist einlud 
Reiser dem dergleichen nächtliche Wanderungen nun schon anfingen eine gewohnte
Sache zu werden war sogleich entschlossen  es war eine warme mondhelle
Sommernacht  Die Unterhaltung unterwegens war ganz poetisch zuweilen etwas
affektiert und dann wieder wahr nachdem es fiel  Wo sie durch ein Dorf kamen
duftete ihnen der frische Heugeruch entgegen  Und diese Nachtwanderung war
wirklich eine der angenehmsten die man sich nur denken kann so dass sie recht
vom Zufall veranstaltet zu sein schien um Reisers Phantasie noch mehr zu
erhitzen und seiner einmal angefachten Lust zum Wandern das völlige Übergewicht
über die Vernunft zu geben 
    Die drei Abenteurer erreichten noch vor Tagesanbruch ein Dorf das dicht am
Fuß des Berges lag wo sie einkehrten und noch einige Stunden schliefen  Da
sie aber am andern Morgen früh aufstanden so waren alle die schönen Bilderchen
aus der Zauberlaterne verschwunden die kahle Wirklichkeit mit allen ihren
unvermeidlichen Unannehmlichkeiten stand wieder vor ihrer Seele da  sie saßen
über eine Stunde einander gegenüber und jähnten sich an  Wenn irgendetwas
Reisern von seiner Phantasie noch hätte heilen können so wäre es dieser Morgen
nach solch einer Nacht gewesen  es war ihnen nun leid geworden den Berg zu
besteigen sie fühlten sich müde und matt und nahmen den nächsten Weg wieder
nach der Stadt zurück der ihnen wegen der brennenden Sonnenhitze ziemlich
beschwerlich wurde  allein sie fingen unterwegs an Reime zu extemporieren
womit sie sich die Einförmigkeit des Gehens einigermaßen erleichterten 
    Reiser blieb demohngeachtet völlig entschlossen zu wandern möchte auch sein
Schicksal sein was da wollte  er zog alles was ihm begegnen konnte dennoch
der traurigen Einförmigkeit und dem nicht halb und nicht ganz glücklich sein in
Hannover vor 
    Alle seine Gedanken gingen nun einmal ins Weite  Er sah überdem kein
Mittel vor sich seine Schulden zu tilgen ohne sie dem Pastor Marquard aufs
neue zu entdecken dessen Achtung und Freundschaft er dann völlig zu verlieren
gewärtigen musste  Auch die verschiedenen Demütigungen die er seit kurzem
wieder hatte ertragen müssen waren ihm noch im frischen Andenken und machten
ihm den Aufenthalt in Hannover sowohl als die Gegenden umher verhasst 
    Er wusste seinem einzigen Vertrauten Philipp Reisern seine Lage auch so
misslich vorzustellen dass dieser endlich selbst seinen Entschluss Hannover zu
verlassen billigte und ihm die Reiseroute nach Erfurt so wie er den Weg selbst
von dorther bis Hannover zu Fuße gemacht hatte vorschrieb  Von da wollte denn
Anton Reiser nach Weimar gehen um bei der Seilerschen oder vielmehr Ekhofischen
Schauspielergesellschaft als Mitglied angenommen zu werden  und von da aus
wollte er denn wenn ihm dies gelänge seine Schulden in Hannover bezahlen und
seinen guten Ruf wieder herzustellen suchen indem er dort gleichsam wieder
aufstände nachdem er hier bürgerlich gestorben wäre  Dies letzte war ihm
insbesondre eine der angenehmsten Vorstellungen womit er sich trug 
    Er brachte nun Philipp Reisern seine wenigen Bücher und Papiere und gab sie
ihm in Verwahrung  seine Kleider hatte er zum Teil versetzt um die Kosten zur
Komödie zu bestreiten  und seine übrigen wenigen Sachen ließ er seinem Wirt zur
Schadloshaltung für die Miete  Diesem sagte er dass sein Vater sehr krank
geworden sei und dass er um diesen zu besuchen auf eine Woche verreisen würde
wenn etwa jemand nach ihm fragen sollte 
    Und nun war er so weit in Richtigkeit bis auf die Barschaft womit er eine
Reise von mehr als vierzig Meilen antreten sollte  Diese bestand denn nach
allem was er hatte auftreiben können aus einem einzigen Dukaten womit er Mut
genug hatte sich auf den Weg zu machen ungeachtet Philipp Reiser ihm die
Unbesonnenheit dieses Unternehmens genug vorstellte  Aber mit Gelde konnte ihn
dieser aus dem sehr wichtigen Grunde nicht unterstützen weil es ihm selbst
gemeiniglich und gerade jetzt gänzlich daran fehlte 
    Anton Reiser konnte also nun im eigentlichen Verstande von sich sagen dass
er alle das Seinige mit sich trug  Das gute Kleid worin er die Rede auf der
Königin Geburtstag gehalten hatte nebst einem Überrock war seine ganze
Garderobe  dabei trug er einen vergoldeten Galanteriedegen an der Seite und
Schuh und seidene Strümpfe  Ein reines Oberhemde nebst noch ein paar seidenen
Strümpfen Homers Odyssee in Duodez mit der lateinischen Version und der
lateinische Anschlagbogen von der Redeübung an der Königin Geburtstage worauf
sein Name gedruckt stand war alles was er in der Tasche bei sich trug 
    Es war in der Mitte des Winters an einem Sonntagmorgen den er noch bei
Philipp Reisern zubrachte wo er sich völlig reisefertig machte um den
Nachmittag seine Wanderschaft anzutreten und weil die Tage schon lang waren
noch drei Meilen bis zu der nächsten Stadt auf seiner Tour zurückzulegen 
    Es war heiterer Sonnenschein  die Leute gingen in ihrem Sonntagsschmuck auf
der Straße und zum Teil vor das Tor spazieren um am Abend in ihre Häuser wieder
zurückzukehren und Reiser sollte nun an diesem Tage auf immer aus Hannover
scheiden  dies machte ihm eine sonderbare Empfindung die weder Schmerz noch
Wehmut sondern mehr eine Art von Betäubung war  Der Abschied aus Hannover
presste ihm keine Träne aus sondern er war dabei fast so kalt und unbewegt als
ob er durch eine fremde Stadt gereist wäre der er nun wieder den Rücken
zukehren musste um weiterzugehen  Selbst der Abschied von Philipp Reisern war
mehr kalt als zärtlich  Philipp Reiser machte sich viel mit einer neuen
Kokarde an seinem Hute zu schaffen und unterhielt dabei seinen scheidenden
Freund noch in der letzten Stunde die sie zusammen zubrachten von seinem
verliebten Romane den er damals gerade spielte gleichsam als wenn Anton
Reiser den Verfolg davon hätte abwarten können   Kurz die ganze Unterhaltung
war so als ob sie am andern Tage wieder zusammenkommen und alles denn nach der
alten Weise fortgehen würde  Was aber Anton Reisern am meisten ärgerte war
das Putzen der Hutkokarde womit sich sein einziger Freund in der letzten
Abschiedsstunde noch so eifrig beschäftigen konnte  Diese Hutkokarde schwebte
ihm noch lange nachher vor Augen und machte ihm allemal eine verdrießliche
Rückerinnerung sooft er daran dachte  Auch wurde ihm der Abschied aus
Hannover von seinem einzigen Freunde durch dies Putzen der Hutkokarde sehr
erleichtert  Philipp Reiser meinte es aber demohngeachtet gut mit ihm nur
hatte diesmal seine kleine Eitelkeit und seine verliebten Schwärmereien über die
freundschaftliche Teilnehmung die Oberhand behalten und seine Hutkokarde worin
er vielleicht seiner Schönen gefallen wollte war ihm auch ein sehr wichtiger
Gegenstand geworden wofür nun Anton Reiser freilich keinen Sinn hatte 
     So kalt so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen
    Diese Worte aus Werters Leiden hatten Anton Reisern diesen ganzen Morgen im
Sinne gelegen und da ihm Philipp Reiser den großen Torweg öffnen wollte durch
den nun doch der eigentliche Trennungspunkt bewirkt wurde weil Philipp Reiser
um nicht Verdacht zu erwecken als ob derselbe um seine Abreise wüsste ihn mit
Fleiß nicht begleiten sollte so blieb er noch eine Weile inwendig stehen sah
Philipp Reisern starr an und in dem Augenblick war es ihm als klopfte er so
kalt und starr an der ehernen Pforte des Todes an  Er gab Philipp Reisern der
ihm kein Wort sagen konnte die Hand zog darauf den Torweg hinter sich zu und
eilte um die nächste Ecke zu kommen damit sein nun von ihm geschiedener Freund
ihm nicht etwa nachsehen möchte 
    Darauf ging er schnell über den Wall nach dem ÄgidienTore zu und sah noch
einmal seitwärts nach seiner ehemaligen Wohnung im Hause des Rektors die er vom
Walle aus bemerken konnte  Es war des Nachmittags um zwei Uhr und man läutete
zur Kirche  er verdoppelte seine Schritte je näher er dem Tore kam  Es war
ihm als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen Schlund eröffnete  Da er
aber nun die Stadt mit ihren grünbepflanzten Wällen im Rücken hatte und die
Häuser wie er zurückblickte sich immer dichter zusammendrängten so wurde ihm
leichter und immer leichter bis endlich die vier Türme welche den bisherigen
Schauplatz aller seiner Kränkungen und Bekümmernisse bezeichneten ihm aus dem
Gesichte schwanden 
 
                                  Vierter Teil
                                     Vorrede
                                     1790
Dieser vierte Teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt so wie die vorigen
eigentlich die wichtige Frage ab inwiefern ein junger Mensch sich selber seinen
Beruf zu wählen imstande sei
    Er enthält eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von
Selbsttäuschungen wozu ein missverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst
den Unerfahrnen verleitet hat
    Dieser Teil enthält auch einige vielleicht nicht unnütze und nicht
unbedeutende Winke für Lehrer und Erzieher sowohl als für junge Leute die
ernstaft genug sind um sich selbst zu prüfen durch welche Merkzeichen
vorzüglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet
    Man sieht aus dieser Geschichte dass ein missverstandener Kunsttrieb der
bloß die Neigung ohne den Beruf voraussetzt ebenso mächtig werden und eben die
Erscheinungen hervorbringen kann welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich
äußern welches auch das Äußerste erduldet und alles aufopfert um nur seinen
Endzweck zu erreichen
    Aus den vorigen Teilen dieser Geschichte erhellet deutlich dass Reisers
unwiderstehliche Leidenschaft für das Theater eigentlich ein Resultat seines
Lebens und seiner Schicksale war wodurch er von Kindheit auf aus der wirklichen
Welt verdrängt wurde und da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war
mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit lebte  das Theater als die
eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese
Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein  Hier allein glaubte er freier zu
atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden
    Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefühl von den reellen Dingen in der
Welt die ihn umgaben und worauf er auch ungern ganz Verzicht tun wollte da er
doch einmal so gut wie die andern Menschen Leben und Dasein fühlte
    Dies machte dass er mit sich selbst im immerwährenden Kampfe war Er dachte
nicht leichtsinnig genug um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen und
dabei mit sich selber zufrieden zu sein und wiederum hatte er nicht Festigkeit
genug um irgendeinen reellen Plan der sich mit seiner schwärmerischen
Vorstellungsart durchkreuzte standhaft zu verfolgen
    Eigentlich kämpften in ihm so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem
Blendwerk der Traum mit der Wirklichkeit und es blieb unentschieden welches
von beiden obsiegen würde woraus sich die sonderbaren Seelenzustände in die er
geriet zur Genüge erklären lassen
    Widerspruch von außen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben 
    Es kommt darauf an wie diese Widersprücke sich lösen werden
 
Sowie nun Reiser die Türme von Hannover aus dem Gesicht verloren hatte und mit
schnellen Schritten vorwärts ging atmete er freier seine Brust erweiterte sich
 die ganze Welt lag vor ihm  und tausend Aussichten eröffneten sich vor seiner
Seele
    Er dachte sich den Faden seines bisherigen Lebens gleichsam wie
abgeschnitten  er war nun aus allen Verwickelungen auf einmal befreit  denn
hätte er auch die Universität in Göttingen bezogen so hätte ihn auch dort sein
Schicksal hin verfolgt die ganze Zeitgenossenschaft seiner Jugend hätte auch
dort wieder auf ihn gedrückt und sein Mut hätte ganz erliegen müssen
    Denn so lange wie er in jenen Kreis hingebannt war konnte er kein Zutrauen
zu sich selber fassen  und wenn sein Mut sich erholen sollte so musste er so
bald die Menschen nicht wieder sehen die vielleicht unvorsetzlich ihm die Tage
seiner Jugend verbittert hatten
    Nun war er aus diesem Kreise ganz geschieden  Der Schauplatz seiner
Leiden die Welt worin er die Schicksale seiner Jugend durchlebt hatte lag
hinter ihm  er entfernte sich mit jedem Schritt von ihr und konnte so wie er
sich eingerichtet hatte acht Tage wandern ohne dass ihn ein Mensch vermisste
    Nun fand er eine unbeschreibliche Süßigkeit in dem Gedanken dass außer
Philipp Reiser niemand um sein Schicksal und um den Ort seines Aufenthalts
wusste dass selbst dieser einzige Freund sich bei seinem Abschiede nicht sehr
bekümmert hatte dass er nun außer allen Verhältnissen und allen Menschen zu
denen er kam völlig gleichgültig war
    Wenn das gänzliche Hinscheiden aus dem Leben durch irgendeinen Zustand kann
vorgebildet werden so muss es dieser sein 
    Sowie nun die Hitze des Tages sich legte die Sonne sich neigte und die
Schatten der Bäume länger wurden verdoppelte er seine Schritte und machte
denselben Nachmittag die drei Meilen bis Hildesheim ununterbrochen wie einen
Spaziergang auch betrachtete er es völlig wie einen Spaziergang denn er war
nun in Hildesheim so gut wie in Hannover zu Hause
    Als er an das Stadttor kam schlug er sich vorher den Staub von den Schuhen
brachte sein Haar in Ordnung nahm eine kleine Gerte in die Hand mit der er im
Gehen spielte und schlenderte auf die Weise langsam über die Brücke auf der er
zuweilen stehen blieb als ob er jemanden erwartete oder nach etwas sich umsah
 Und da er überdem in seidenen Strümpfen ging so hielt ihn niemand in diesem
Aufzuge für einen Reisenden der über vierzig Meilen zu Fuß zu wandern im
Begriff ist
    Keine Schildwache fragte ihn und er wanderte mit den Einwohnern der Stadt
die auch von ihren Spaziergängen zurückkehrten in die Tore von Hildesheim 
Und der Gedanke war ihm wiederum äußerst beruhigend und angenehm dass er diesen
Leuten gar nicht als fremd auffiel niemand nach ihm sich umsah sondern dass er
gleichsam zu ihnen mitgerechnet wurde ohne doch zu ihnen zu gehören 
    Da ihn nun niemand von allen diesen Menschen kannte und niemand sich um ihn
bekümmerte so verglich er sich auch mit keinem mehr er war wie von sich selbst
geschieden seine Individualität die ihn so oft gequält und gedrückt hatte
hörte auf ihm lästig zu sein und er hätte sein ganzes Leben auf die Weise
ungekannt und ungesehen unter den Menschen herumwandeln mögen 
    Als er nicht weit vom Tore einen Gasthof suchte kam ihm die Straße bekannt
vor und er erinnerte sich wieder an die Zeit als er vor vier Jahren mit dem
Rektor bei dem er wohnte am Fronleichnamsfeste hier war und an die ängstliche
und peinliche Lage in der er sich damals befand weil er von der Gesellschaft
mit der er ging weder ausgeschlossen war noch eigentlich dazugehörte  Es
wälzte sich ihm wie ein Stein vom Herzen weg da er sich das alles nun als
gänzlich vergangen dachte
    In dem Gasthofe worin er nun einkehrte empfing und bewirtete man ihn nach
seiner Kleidung und er hatte nicht den Mut es von sich abzulehnen sondern
ließ es sich gefallen dass man ihm ein Abendessen zubereitete ein Bette zum
Schlafen anwies und ihm am andern Morgen seinen Kaffee brachte  Den trank er
noch in Ruhe und las im Homer dazu als er auf einmal wie aus einer Art von
Betäubung erwachte da er sich lebhaft vorstellte dass er mit seiner Barschaft
die aus einem einzigen Dukaten bestand nicht nur über vierzig Meilen weit
reisen sondern notwendig an Ort und Stelle noch etwas davon übrig haben müsste
    Er bezahlte schnell seine Zeche die ihn um nicht weniger als den sechsten
Teil seines ganzen Vermögens ärmer machte erkundigte sich nach der Straße die
auf Seesen führte und wanderte mit sorgenvollen Gedanken und schwerem Herzen
aus dem Tore von Hildesheim
    Es war noch früh am Tage  der Weg führte ihn durch eine angenehme Gegend
wo Wald und Flur miteinander abwechselten und der Gesang der Vögel ihm
entgegentönte indes die Morgensonne auf die grünen Wipfel der Bäume schien 
    Sowie er nun schneller vorwärts ging fühlte er auch nach und nach wieder
sein Gemüt erleichtert heitere Gedanken reizende Aussichten und kühne
Hoffnungen stiegen allmählich wieder in seiner Seele auf und nun entstand in
ihm ein Vorsatz der ihn auf einmal über alle Sorgen hinwegsetzte und der ihn
auf seiner ganzen Wanderung reich und unabhängig machte
    Er durfte nur seine ganze Nahrung auf Brot und Bier einschränken auf der
Streu schlafen und niemals wieder in einer Stadt übernachten um seinen
Unterhalt während der Reise mit wenig mehr als einem Groschen täglich zu
bestreiten Auf die Weise konnte er länger als einen Monat unterwegens sein und
war am Ende der Reise doch noch nicht ganz entblößt
    Sobald er diesen Vorsatz den er von dem Tage an standhaft ausführte gefasst
hatte fühlte er sich wieder frei und glücklich wie ein König  selbst diese
freiwillige Entsagung aller Bequemlichkeiten und diese Einschränkung auf die
allernötigsten Bedürfnisse  gab ihm eine Empfindung ohnegleichen er fühlte
sich nun beinahe wie ein Wesen das über alle irdische Sorgen hinweggerückt ist
und lebte deswegen auch ungestört in seiner Ideen und Phantasiewelt so dass
dieser Zeitpunkt bei allem anscheinenden Ungemach einer der glücklichsten Träume
seines Lebens war
    Unmerklich aber schlich sich denn doch ein Gedanke mit unter der sein
gegenwärtiges Dasein damit es nicht ganz zum Traume würde wieder an das vorige
knüpfte Er stellte sich vor wie schön es sein würde wenn er nach einigen
Jahren in dem Andenken der Menschen worin er nun gleichsam gestorben war
wieder aufleben in einer edleren Gestalt vor ihnen erscheinen und der düstere
Zeitraum seiner Jugend alsdann vor der Morgenröte eines bessern Tages
verschwinden würde
    Diese Vorstellung blieb immer fest bei ihm  sie lag auf dem Grunde seiner
Seele und er hätte sie um alles in der Welt nicht aufgeben können alle seine
übrigen Träume und Phantasien hielten sich daran und bekamen dadurch ihren
höchsten Reiz  Der einzige Gedanke dass er dieselben Menschen die ihn bis
jetzt gekannt hätten niemals wiedersehen würde hätte damals alles Interesse
aus seinem Leben hinweggenommen und ihm die süßesten Hoffnungen geraubt
    Als nun der Mittag herannahte so kehrte er in einem Dorfe in einem geringen
Wirtshause ein wo er ohnedem außer Bier und Brot auch für Geld nichts hätte
haben können und also der Fall nicht eintrat dass man ihm eine bessere Bewirtung
angeboten und er sie hätte ablehnen müssen
    Es machte ihm nun unbeschreiblich Vergnügen dass er für wenige Pfennige ein
so großes Stück schwarzes Brot erhielt welches ihn den ganzen Tag gegen den
Hunger sicherstellte Er brockte sich einen Teil davon ins Bier und hielt auf
die Weise das erste Mittagsmahl nach seinen eigenen strengen Gesetzen von
welchen er von nun an während der Reise nicht abging
    Er eilte denn aber dass er schnell wieder aus der dumpfigen Gaststube ins
Freie kam wo er unter einem schattigten Baum sich niedersetzte und zur
Mittagserholung in Homers Odyssee las  Mochte nun dies Lesen im Homer eine
zurückgebliebene Idee aus Werters Leiden sein oder nicht so war es doch bei
Reisern gewiss nicht Affektation sondern machte ihm würkliches und reines
Vergnügen  denn kein Buch passte ja so sehr auf seinen Zustand als grade dieses
welches in allen Zeilen den vielgewanderten Mann schildert der viele Menschen
Städte und Sitten gesehen hat und endlich nach langen Jahren wieder in seiner
Heimat anlangt und dieselben Menschen die er dort verlassen hat und nimmer
wiederzusehen glaubte auch endlich noch wieder findet
    Der Weg ging nun immer bergauf bergab  Die Hitze war ziemlich groß und
Reiser löschte seinen Durst sooft er einen klaren Bach antraf aus welchem ihm
umsonst zu schöpfen freistand
    In dem Dorfe wo er die erste Nacht blieb war die Gaststube voller Bauern
die einen großen Lärm machten so dass es ihm nicht möglich war zu lesen er
beschäftigte sich also mit seinen Gedanken und eine steinalte Frau die im
Lehnstuhle saß und mit dem Kopfe bebte zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich

    Diese Frau war hier erzogen hier geboren hier alt geworden hatte immer
die Wände dieser Stube den großen Ofen die Tische die Bänke gesehen  nun
dachte er sich nach und nach in die Vorstellungen und Gedanken dieser alten Frau
so sehr hinein dass er sich selbst darüber vergaß und wie in eine Art von
wachenden Traum geriet als ob er auch hier bleiben müsste und nicht aus der
Stelle könne  Ein solcher Traum war bei der plötzlichen Veränderung die sein
Zustand gelitten hatte sehr natürlich  und als seine Gedanken sich sammleten
fühlte er das Vergnügen der Abwechselung der Ausdehnung der unbegrenzten
Freiheit doppelt wieder  er war wie von Fesseln entbunden und die alte Frau
mit bebendem Haupte war ihm wieder ein gleichgültiger Gegenstand
    Diese Art aber sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken
und sich selbst darüber zu vergessen klebte ihm von Kindheit an  es war einer
seiner kindischen Wünsche dass er nur einen Augenblick aus den Augen eines
andern Menschen den er vor sich sah möchte heraussehen und wissen können wie
dem die umstehenden Sachen vorkämen
    Zum ersten Male legte er mit weit aussehenden Gedanken auf die Streu sich
nieder seinen Degen legte er neben sich und deckte sich mit seinen Kleidern zu
 Seine Gedanken aber ließ ihm keine Ruh die Zukunft wurde immer glänzender
und schimmernder vor seinen Blicken die Lampen waren schon angezündet der
Vorhang aufgezogen und alles voll Erwartung der entscheidende Moment war da 
    Darüber kam bis nach Mitternacht kein Schlaf in seine Augen und als er am
Morgen erwachte war auf einmal der Schauplatz ganz verändert die öde
Gaststube die Bierkrüge das schwarze Brot und erschlaffende Müdigkeit  hier
rächten sich seine reizenden Phantasien an ihm mit schrecklichem Unmut und
Lebensüberdruss der über eine Stunde währte
    Er legte sich mit dem Kopf auf den Tisch und suchte vergeblich wieder
einzuschlummern bis die ermunternden Strahlen der Sonne die ins Fenster
schienen ihn wieder zum Leben weckten und sobald er sich nur erst auf den Weg
gemacht hatte und aus der dumpfigen Gaststube war verschwand auch schnell sein
Unmut wieder und das reizende Ideenspiel begann von neuem
    Er lebte auf die Weise gleichsam ein doppeltes Leben eins in der Einbildung
und eins in der Wirklichkeit Das Wirkliche blieb schön und harmonierte mit dem
Eingebildeten bis auf die Gaststube das Gelärm der Bauern und die Streu  dies
aber wollte sich nicht recht dazu reimen  denn es war auf die unbegrenzte
Freiheit am Tage eine zu große Beschränkung am Abend weil er doch nun bis zum
andern Morgen in keiner andern Umgebung sein konnte als in dieser
    Freilich hatten die äußern Gegenstände einen immerwährenden Einfluss auf die
inneren Gedankenreihen mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich
seine Vorstellungen und an die Aussicht in eine neue Gegend knüpfte sich immer
gern eine neue Aussicht in das Leben
    Einmal war er lange mühsam bergan gestiegen als auf einmal eine weite Ebene
vor ihm dalag und er in der Ferne ein Städtchen an einem See erblickte  dieser
Anblick frischte auf einmal alle seine Gedanken und Hoffnungen wieder auf  Er
konnte seine Augen von dem Gewässer in der Ferne nicht verwenden das ihn mit
neuem Mut beseelte die Ferne aufzusuchen 
    Seine Reiseroute von Hildesheim ging nämlich über Salzdetfurt Brockenem
und Seesen auf Duderstadt von wo er denn über Mühlhausen geradezu nach Erfuhrt
und von dort auf Weimar gehen wollte welches das Ziel seiner Wünsche war
    Dort glaubte er nämlich die Ekhofsche Schauspielergesellschaft vorzufinden
und seine Schauspielerlaufbahn sollte dort beginnen  Nun spielte er
unterwegens auf seinen Wanderungen alle die Rollen in Gedanken durch die ihn
dereinst mit Ruhm und Beifall krönen und seinen mannigfaltigen Kummer belohnen
sollten 
    Er glaubte es könne ihm nicht fehlschlagen weil er jede Rolle tief empfand
und sie in seiner eigenen Seele vollkommen darzustellen und auszuführen wusste 
er konnte nicht unterscheiden dass dies alles nur in ihm vorging und dass es an
äußerer Darstellungskraft ihm fehlte  Ihm deuchte die Stärke womit er seine
Rolle empfand müsse alles mit sich fortreißen und ihn seiner selbst vergessen
machen 
    Dies geschahe auch wirklich denn während dem Gehen seine Einbildungskraft
immer erhitzer wurde  und er denn endlich auf dem Felde wo er sich ganz allein
glaubte mit Beaumarchais laut zu toben mit Guelfo zu rasen anfing
    Dieser Guelfo aus Klingers Zwillingen war vor seiner Abreise aus Hannover
eine seiner Lieblingsrollen geworden denn er fand sein Hohngelächter über sich
selber seinen Selbstass seine Selbstverachtung und Selbstvernichtungssucht
dennoch mit Kraft vereint in dem Guelfo wieder Und der Akt wo Guelfo nach dem
Brudermord den Spiegel in welchem er sich sieht zerschmettert war Reisern ein
wahres Fest  Alle dies überspannte Schreckliche hatte ihn gleichsam berauscht
 er taumelte in dieser Trunkenheit über Berg und Tal  und wo er ging da war
sein Schauplatz unbegrenzt 
    Klavigo der ihm so viel Tränen gekostet hatte war ihm nun zu kalt und
Beaumarchais trat an seine Stelle  Dann kamen Hamlet Lear Otello an die
Reihe die damals noch auf keiner deutschen Bühne vorgestellt wurden und die er
seinem Philipp Reiser ganz allein in schauervollen Nächten vorgelesen und alle
diese Rollen selbst durchgespielt selbst durchempfunden hatte
    Nun gesellte sich hierzu die Dichtkunst so sanft und melodisch floss sein
Vers dahin und so bescheiden und doch voll edlen Stolzes war seine Muse dass
sie die Zuneigung aller Herzen ihm sicher gewinnen musste  Er wusste zwar noch
nicht eigentlich was dies nun für ein Gedicht sein sollte aber im ganzen war
es das schönste und harmonischste was er sich denken konnte weil es getreuer
Abdruck seiner vollen Empfindungen war
    Mitten in einem solchen lyrischen Schwunge seiner Gedanken war es als er
dicht bei Seesen einen Fußpfad ging der ihn von der Straße ab über eine Wiese
führte wo gerade ein Scheibenschiessen war das allen seinen schimmernden
Aussichten in die Zukunft beinahe ein plötzliches Ende gemacht hätte denn eine
Flintenkugel sauste ihm dicht vor dem Kopfe vorbei während dass alles ihm
zuschrie er solle von dort weggehen  er eilte schnell durch Seesen durch und
wanderte ruhig weiter bis er in einem kleinen Dorfe wieder übernachtete
    Am zweiten Tage seiner Wanderung kam nun Reiser über einen Teil des
Harzgebürges und es war noch früh am Tage als er zur Rechten an der Heerstraße
die Mauren einer zerstörten Burg auf einer Anhöhe liegen sah er konnte sich
nicht enthalten hier hinaufzusteigen und als er oben war verzehrte er sein
Stück schwarzes Brot das er sich zum Frühstücke mitgenommen in den Ruinen
dieses alten Rittersitzes und sah dabei auf die Heerstraße durch den Wald
hinunter 
    Dass er nun als ein Wanderer in diesem alten zerstörten Gemäuer wieder sein
Morgenbrot verzehrte und an die Zeiten dachte wo hier noch Menschen wohnten
die auch auf diese Heerstraße durch den Wald hinuntersahn  dies machte ihm
einen der glücklichsten Momente  es schallte ihm immer wie eine Prophezeiung
aus jenen Zeiten dass diese Mauren einst öde stehen dass der Wanderer sich dabei
ausruhen und an die Tage der Vorzeit sich erinnern würde
    Sein Stück schwarzes Brot war ihm hier oben eine festliche Mahlzeit  er
stieg gestärkt wieder hinunter und wanderte frohen Mutes seine Straße fort
indem er die höheren Harzgebürge linker Hand liegen ließ
    Das Wandern ward ihm nun so leicht dass der Boden unter ihm eine Welle
schien auf der er sich hob und sank und dass er so von einem Horizont zum
andern sich fortgetragen fühlte  er verhielt sich bloß leidend und immer stieg
eine neue Szene vor seinem Blick empor
    Die Mittagseinkehr in der unangenehmen Gaststube war bald vorüber und er
befand sich wieder in der freien offenen Natur  Diese Einkehr aber war ihm
doch beschwerlich und er dachte schon darauf sich auch von dieser zu befreien
als er einmal über ein Kornfeld ging und ihm die Jünger Christi einfielen
welche am Sonntage Ähren aßen
    Er machte sogleich den Versuch eine Handvoll Körner aus den Ähren
herauszustreifen aus welchen Körnern er das Mehl sog und die Hülsen ausspuckte
Indes aber bleib das Nahrungsmittel doch immer mehr ein Zeitvertreib als dass es
ihm eigentlich das Einkehren hätte ersparen sollen  Das Angenehme dieses
Nahrungsmittels lag vorzüglich in der Idee davon welche den Begriff von
Freiheit und Unabhängigkeit noch vermehrte
    Da er nun wieder eine Tagereise vollendet hatte kehrte er ohnweit
Duderstadt in einem kleinen Dorfe ein wo in dem Wirtshause niemand zu Hause
war
    Es war noch vor der Dämmerung  der Torweg zum Hofe bei dem Wirtshause stand
offen  und auf dem Hofe war eine Laube in welcher ein Tisch aber weder Stuhl
noch Bank stand 
    Reiser um sich auszuruhen legte sich also auf den Tisch und weil er zum
Lesen noch sehen konnte so las er in der Odyssee die Stelle von den
Menschenfressern die in dem ruhigen Hafen die Schiffe des Ulysses zerschmettern
und seine Gefährten ergreifen und verzehren 
    Auf einmal war der Wirt zu Hause gekommen und sah da es schon anfing
dunkel zu werden einen Menschen in seinem Hofe in der Laube auf dem Tische
liegen und in einem Buche lesen
    Er redete Reisern erst ziemlich unsanft an da dieser sich aber aufrichtete
und der Wirt in ihm einen wohlgekleideten Menschen sah so fragte er ihn
sogleich ob er ein Jurist sei welches in diesen Gegenden die gewöhnliche
Benennung für einen Studenten ist weil die Theologen größtenteils in Klöstern
studieren und schon als Geistliche betrachtet werden
    Dem Wirt war seine Frau gestorben und außer ihm war niemand im ganzen
Hause Der Mann war aber gesprächig und Reiser hielt seine Abendmahlzeit die
wie gewöhnlich aus Bier und Brot bestand in seiner Gesellschaft
    Der Mann erzählte ihm von vielen sogenannten Juristen die bei ihm logiert
hätten und Reiser ließ ihn dabei dass er auch im Begriff sei nach Erfurt zu
gehen um dort zu studieren
    Alle dergleichen Unterredungen die an sich unbedeutend gewesen wären
erhielten in Reisers Idee einen poetischen Anstrich durch das Bild von dem
homerischen Wanderer welches ihm immer vor der Seele schwebte und selbst die
Unwahrheiten in seinen Reden hatten etwas Übereinstimmendes mit seinem
poetischen Vorbilde dem Minerva zur Seite steht und wegen seiner
wohlüberdachten Lüge ihm Beifall zulächelt
    Reiser dachte sich seinen Wirt nicht bloß als den Wirt einer Dorfschenke
sondern als einen Menschen den er nie gekannt nie gesehen hatte und nun auf
eine Stunde lang mit ihm zusammentraf an einem Tische mit ihm saß und Worte mit
ihm wechselte
    Dasjenige was durch die menschlichen Einrichtungen und Verbindungen
gleichsam aus dem Gebiete der Aufmerksamkeit herausgedrängt gemein und
unbedeutend geworden ist trat durch die Macht der Poesie wieder in seine
Rechte wurde wieder menschlich und erhielt wieder seine ursprüngliche
Erhabenheit und Würde
    Der Mann war nicht einmal eingerichtet eine Streu zu machen weil selten
jemand hier übernachtete und Reiser schlief auf dem Heuboden der ihm ein
angenehmes Lager gewährte
    Am andern Morgen früh setzte er seine Reise weiter fort und der Aufenthalt
in diesem Hause mit dem Wirt ganz allein blieb ihm eine seiner angenehmsten
Erinnerungen
    An diesem Tage ging es in seiner innern Gedankenwelt besonders lebhaft zu 
Er hatte sich nun um ein Merkliches seinem Ziele genähert und die Besorgnis
trat doch nun bei ihm ein was er auf den Fall tun würde wenn seine Aussichten
zu unmittelbarem Ruhm und Beifall ihm misslingen und die Entwürfe zu seiner
theatralischen Laufbahn gänzlich scheitern sollten
    Nun traten auf einmal die Extreme auf ein Bauer oder Soldat zu werden und
auf einmal war das Poetische und Teatralische wieder da denn seine Ideen vom
Bauer und Soldat wurden wieder zu einer theatralischen Rolle die er in seinen
Gedanken spielte
    Als Bauer entwickelte er nach und nach seine höheren Begriffe und gab sich
gleichsam zu erkennen die Bauern horchten ihm aufmerksam zu die Sitten
verfeinerten sich allmählich die Menschen um ihn her wurden gebildet
    Als Soldat fesselte er die Gemüter seiner Schicksalsgenossen allmählich
durch reizende Erzählungen die rohen Soldaten fingen an auf seine Lehren zu
horchen das Gefühl der höheren Menschheit entwickelte sich bei ihnen die
Wachtstube ward zum Hörsaale der Weisheit
    Indem er also glaubte dass er gerade auf das Entgegengesetzte vom Theater
sich gefasst gemacht habe war er erst recht in vollkommen teatralische
Aussichten und Träume wieder hineingeraten
    Es lag aber für ihn eine unbeschreibliche Süßigkeit in dem Gedanken wenn er
Bauer oder Soldat werden müsste weil er in einem solchen Zustande weit weniger
zu scheinen glaubte als er wirklich wäre
    Während er sich mit diesen Gedanken beschäftigte kam er durch Stadt Worbes
wo ihm einige Franziskanermönche aus dem dasigen Kloster begegneten die ihn
freundlich grüßten
    Als er vor dem Kloster vorbeiging hörte er inwendig den Gesang der Mönche
die da nun von der Welt abgeschieden ohne Sorgen Pläne und Aussichten lebten
und alles das was sie sein wollten auf einmal waren
    Dies machte zwar einigen Eindruck auf sein Gemüt aber lange nicht so stark
als nachher der erste Anblick eines Kartäuserklosters dessen Einwohner durch
ihre Mauern gänzlich von der Welt geschieden auch nie mit einem Fuße den
Schauplatz wieder betreten den sie einmal verlassen haben
    Durch die wandernden Franziskanermönche aber wurde die Idee von
Abgeschiedenheit kleinlicht und abgeschmackt  Der schnelle Gang vertrug sich
nicht mit dem Ordenskleide und das Ganze hatte auch nicht einmal poetische
Würde
    Übrigens tönte die hochdeutsche Sprache der Leute in diesen Gegenden immer
angenehm in Reisers Ohren weil dadurch die Idee seiner nunmehrigen Entfernung
von dem plattdeutschen Lande immer lebhaft wieder in ihm erweckt wurde
    Nun war diesen Tag auch sehr schönes Wetter gewesen und Reiser kehrte den
Abend in einem Dorfe namens Orschla ein um den andern Morgen von dort aus nach
der Reichsstadt Mühlhausen seinen Weg fortzusetzen
    Das Dort ist katholisch und als er an den Gasthof kam stand eine Menge
Leute vor der Türe unter denen sich der Schulmeister des Orts befand welcher
ihn mit den Worten anredete esne litteratus ob er nicht ein Gelehrter wäre
    Reiser bejahte dies wieder in lateinischer Sprache und auf Befragen wohin
er ginge sagte er wieder er ginge nach Erfurt um dort die Theologie zu
studieren denn dies schien ihm immer das Sicherste zu sein
    Während der Zeit standen die Bauern umher und horchten zu wie ihr
Schulmeister mit dem fremden Studenten lateinisch sprach Der Sohn des
Schulmeisters kam auch dazu der in Hildesheim studiert hatte und jetzt seinem
Vater adjungiert war
    Reiser ging nun in die Stube und legte zu noch mehrerem Beweise dass er ein
Literatus sei seinen Homer auf den Tisch welchen denn auch der Schulmeister
gleich kannte und den Bauern auf deutsch sagte dass das der Homer wäre
    Mit Reisern aber fuhr er immer fort Latein zu sprechen so gut es gehen
wollte wobei denn viel Komisches mit unterlief da er sehr viel von seinem
gelehrten Unterricht sprach so fragte ihn Reiser ob er auch mit seinen
Schülern die Kirchenväter läse worüber er erst ein wenig in Verlegenheit
geriet sich aber doch bald wieder fasste und sagte alternatim
    Er nahm nun Abschied von Reisern der den andern Morgen früh schon weiter
gehen wollte und warnte ihn sich vor den kaiserlichen und preußischen Werbern
in diesen Gegenden in acht zu nehmen und sich durch keine Drohung schrecken zu
lassen wenn sie etwa äußerten dass sie ihn mit Gewalt nehmen wollten
    Reiser lege sich auf seine Streu ruhig schlafen  als er aber am andern
Morgen erwachte regnete es so stark dass er in seiner Kleidung mit Schuhen und
seidenen Strümpfen nicht aus dem Hause gehen viel weniger seine Reise
fortsetzen konnte da überdem hier ein leimigter Boden ist der bei jeder Nässe
das Gehen auf der Landstraße ganz außerordentlich beschwerlich macht
    Dies war nun freilich etwas Unvermutetes für Reisern  er hatte dem Wetter
in dieser Jahreszeit zuviel zugetrauet und war auf diesen Fall nicht
vorbereitet da er weder mit Stiefeln noch sonst mit Kleidung zum Regenwetter
versehen war und sein beständiger Anzug auch seinen ganzen Kleidervorrat
ausmachte
    Hier war also nichts zu tun als auszuharren bis der Himmel sich wieder
aufklären und das Erdreich sich wieder trocknen würde  Es hörte aber diesen
und den folgenden Tag nicht auf zu regnen 
    Nun kam schon in aller Frühe ein kaiserlicher Unteroffizier in die
Gaststube der in diesem Orte auf Werbung lag sich mit seinem Krug Bier ganz
vertraulich neben Reisern an den Tisch setzte und vom Soldatenleben erst von
weitem mit ihm zu sprechen anfing bis er nach und nach immer zudringlicher
wurde und ihm endlich geradezu versicherte dass er doch vor den preußischen und
kaiserlichen Werbern nicht über Mühlhausen kommen würde und sich also lieber nur
gleich von ihm für sieben Gulden Handgeld anwerben lassen möchte  so dass es den
Anschein hatte als wenn nun der Soldat in Reisers Phantasie ehe als er gedacht
hatte realisiert werden könnte
    Als der Soldat hinausgegangen war trat der Schulmeister wieder herein der
Reisern einen guten Morgen bot und ihn heimlich warnte sich vor dem Werber in
acht zu nehmen ob er gleich selbst das Soldatenleben für so schlimm nicht
hielte denn sein Sohn sei auch zwei Jahr in Mainzischen Diensten gewesen und
wer keinen Pass habe könne hier schwerlich durchkommen
    Reiser versicherte ihm dass er alles Nötige um sich zu legitimieren bei
sich habe Dies war nämlich der lateinische Anschlagbogen von dem Schulaktus in
Hannover da er am Geburtstage der Königin von England eine Rede hielt und
worauf sein Name nicht Reiser sondern Reiserus gedruckt stand Und außerdem noch
den gedruckten Prolog zu dem Deserteur aus Kindesliebe worauf sein Name als
Verfertiger stand nebst einem Gedicht auf die Einführung eines Lehrers wo sein
Name unter den übrigen Primanern gedruckt mit aufgeführt war
    Er wollte diese sonderbaren Dokumente zuerst nicht gerne vorzeigen bis es
ihm äußerst nahegelegt wurde und man ihm nicht undeutlich merken ließ dass man
ihn für einen Landstreicher hielte
    Nun brachte er seine gedruckten Zeugnisse zum Vorschein die eine bessere
Wirkung taten als er anfänglich geglaubt hatte weil er sie nach und nach
vorlegte
    Zuerst legte er den großen lateinischen Anschlagbogen auseinander und zeigte
auf seinen Namen Reiserus  Der Schulmeister hatte hier wieder Gelegenheit
seine Stärke in der Latinität zu zeigen indem er den Anschlagbogen ins Deutsche
übersetzte und so hatte Reiser schon viel bei ihm gewonnen
    Darauf zog er den Prolog hervor und wies die Anwesenden auf seinen deutsch
gedruckten Namen dies stimmte also überein und der Schulmeister erzählte bei
der Gelegenheit dass er auch auf der Jesuitenschule mit Komödie gespielt und
sein Name gedruckt worden sei
    Zuletzt legte Reiser noch das Gedicht vor wo sein Name aufs neue in der
Liste aller seiner Mitschüler gedruckt erschien und nun vollends aller Zweifel
verschwand dass er der nicht wirklich wäre der seinen Namen so oft und auf so
verschiedene Weise gedruckt aufzeigen konnte Der Werber selbst wurde stille und
schien vor Reisern einigen Respekt zu bekommen
    Dies verschafte ihm Ruhe Er ließ sich Feder und Papier geben und fing an
eine von den Hymnen des Homers in deutsche Hexameter zu übersetzen Den Abend
kam der Schulmeister wieder und unterhielt sich mit ihm so ging dieser Tag
vorüber und Reiser legte sich ruhig schlafen
    Als er aber am andern Morgen erwachte den Himmel wieder ebenso trübe wie
gestern sah und den Regen ans Fenster schlagen hörte fing ihm an der Mut zu
sinken  Er stand von seiner Spreu auf und setzte sich traurig an den Tisch es
wollte mit den homerischen Hymnen nicht vorwärtsgehen  er stellte sich ans
Fenster und sah zu ob der Himmel sich noch nicht ein wenig aufklären wollte
als der Soldat schon wieder hereintrat um ihm seine Morgenvisite zu machen
    Da nun Reiser sich ankleidete und sein Haar in einen Zopf flochte fing der
Kriegsmann wieder an ihm über seine Größe und über die Länge seines Haars sehr
viele Komplimente zu machen und wie schade es um ihn sei dass er nicht in den
Kriegsstand treten wolle
    Der Schulmeister kam nun auch dazu sie hatten seit gestern überlegt dass
alle die vorgezeigten Dokumente kein Siegel gehabt hatten und brachten nun
diesen Umstand gegen Reisern vorzüglich in Anregung dass er doch vor den Werbern
nicht durchkommen würde und dass er sich also lieber dem gönnen sollte der doch
die ersten Ansprüche auf ihn hätte
    So dauerte es nun den ganzen Tag über welcher für Reisern der nicht fort
konnte einer der traurigsten war bis es gegen Abend sich aufklärte und auf
einmal sein Mut wieder erwachte
    Er nahm alle seine Überredungskraft zusammen um die Leute durch die
nachdrücklichsten Vorstellungen zu überzeugen dass es wirklich sein Vorsatz sei
in Erfurt zu studieren wovon ihn nichts in der Welt abbringen könne dass diese
ihm endlich zu glauben schienen
    Der Schulmeister sagte ihm auf lateinisch wenn er morgen früh auf
Mühlhausen zureiste so würde ihm der Wirt von diesem Gasthofe begegnen der
auch lateinisch spräche und verreist gewesen sei um die Seinigen suos zu
holen
    Der Soldat aber versprach Reisern zu seinem Schrecken ihn den andern Morgen
zu begleiten und ihn durch ein Gehölz auf den Weg zu bringen
    Den andern Morgen in aller Frühe war der Soldat schon wieder da um ihn zu
begleiten und wollte im Gasthofe Reisers Zeche bezahlen welches dieser aber
mit Gewalt nicht zugab
    Sie gingen nun aus dem Dorfe Orschla auf Hähnichen zu eine Anhöhe herauf
der Soldat sprach kein Wort und da sie durch ein Gehölz kamen so erwartete nun
Reiser jeden Augenblick die Entscheidung seines Schicksals dem er doch nicht
entgehen könnte
    Auf einmal stand der Soldat still und hielt Reisern eine ordentlich
patetische Anrede er sollte sich noch einmal prüfen ob er sich wirklich
getraute nicht in die Hände anderer Werber zu fallen denn das einzige würde
ihn nur ärgern wenn er hörte dass Reiser doch Soldat geworden wäre und ihn also
gleichsam betrogen hätte wenn es aber sein wirklicher Vorsatz sei zu studieren
und nicht Soldat zu werden so wünsche er ihm Glück zu seinem Vorhaben und eine
glückliche Reise
    Hiermit ging er fort und Reiser traute immer noch nicht recht bis er erst
eine ganze Strecke gegangen war und ihm nichts Auffallendes begegnete außer
einem pucklichten Mann der zwei Schweine vor sich hertrieb und ihn lateinisch
anredete weil er ihn für einen Studenten hielt
    Dies war der Gastwirt aus Orschla wovon der Schulmeister gesagt hatte dass
er suos die Seinigen holte welcher aber sues Schweine geholt hatte die der
Schulmeister in Orschla nach der zweiten Deklination dekliniert und sie dadurch
zu den Seinigen erhoben hatte
    Sobald sich nun Reiser wieder im Freien sah und niemand gewahr wurde der
ihm aufgelauert hätte so war ihm dies ein unerwartetes Glück  die Gefahr aber
welcher er entronnen war machte doch dass er im Gehen sehr ernstaft über sein
künftiges Leben nachdachte
    Er erwog dass es ihm bei allen Leuten ein ehrliches Ansehen gab wenn er
sagte dass er auf die Universität gehen und studieren wolle Die Idee war ihm
auch selber nicht zuwider dies dauerte aber nur so lange bis die Kulissen mit
den Lichtern in seiner Einbildungskraft wieder hervortraten und alle andern
Aussichten weichen mussten
    Er wanderte bis gegen Mittag auf eine ziemlich unbequeme Weise weil der
Boden noch nicht trocken war wobei nun zu seinem Schrecken seine Schuh zu
leiden anfingen die unter seinen Umständen gewissermaßen einen unersetzlichen
Teil seines Selbst ausmachten
    Er fühlte den drohenden Verlust mit jedem Schritte den er tat als um die
Mittagsstunde der Himmel sich wieder mit Wolken umzog die einen neuen Regenguss
prophezeieten welcher sich auch sehr bald einstellte und Reisers Wanderschaft
zum zweitenmal unterbrach
    
    Zum Glück erreichte er bald ein Jägerhaus das mitten auf einem rund umher
mit Wald umgebenen Felde lag und wo er ebenso voller Zutraun einkehrte als er
höflich und gut aufgenommen und bewirtet wurde
    Es war als ob sein Empfang schon vorbereitet wäre so freundschaftlich
nahmen ihn die Leute in dieser einsamen Wohnung auf
    Es war als ob es sich bei diesen Leuten von selbst verstände dass man in
einem solchen Wetter einen Wanderer aufnehmen müsse Es hörte den ganzen Tag
nicht auf zu regnen und die Leute nötigten ihn selber die Nacht zu bleiben
    Als sie ihn nun zum Abendessen nötigten verbat es sich Reiser weil er
nicht hinlänglich mit Gelde versehen sei um diese Bewirtung zu bezahlen indem
er eine weite Reise vor sich habe und sich außerordentlich einschränken müsse
worauf der Jäger aber mit einer Art von Unwillen ihn an den Tisch zog
    Es war für Reisern ein Gefühl ohnegleichen sich von ganz unbekannten
Menschen so wohl aufgenommen zu sehen
    Er fand sich hier wie zu Hause man wies ihm die Nacht ein gutes Bette an
das ihm nun zum ersten Male auf seiner Wanderung wieder geboten wurde
    Am andern Morgen weckte man ihn zum Frühstück und nötigte ihn den ganzen
Tag dazubleiben weil es noch immerfort regnete
    Der Mann ging ins Holz und verwies Reisern auf seine Bibliothek dass er sich
während der Zeit damit unterhalten sollte
    Diese Bibliothek bestand aus einer großen Sammlung von alten Kalendern
Totengesprächen der Geschichte eines göttingschen Studenten und einem
erfurtischen Wochenblatt der Bürger und der Bauer wo der Bauer im türingschen
Dialekt sprach und der Bürger ihm in hochdeutscher Sprache antwortete
    Reiser amüsierte sich herrlich mit diesen Sachen und gab von Zeit zu Zeit
wieder seinen Gedanken Raum denn sein gütiger Wirt und Wirtin waren von wenigen
Worten und nicht im geringsten neugierig sondern fragten ihn nicht einmal
wohin er ginge und woher er käme so dass er also durch nichts in seinen Gedanken
gestört wurde
    Diese gastfreundliche Stube mit dem kleinen Fenster wodurch man weit übers
Feld nach dem Holze sah indes der Regen sich draußen stromweise ergoss blieb
eins der angenehmsten Bilder in Reisers Gedächtnis
    Am dritten Morgen hatte sich der Himmel aufgeklärt und als Reiser nun von
seinen Wohltätern Abschied nahm suchten sie ihm sogar noch den Dank zu
ersparen indem sie eine nicht nennenswerte Kleinigkeit an Gelde als eine
Bezahlung für die dreitägige Bewirtung von ihm annahmen und da er wegging
nicht einmal nach seinem Namen fragten
    Das Andenken an diese Leute machte Reisern während dem Gehen noch manche
frohe Stunde und gab ihm zugleich wieder Mut und Zutrauen zu den Menschen unter
die er sich nun wie in einem Ozean verlor
    Der Weg war zuerst von dem gestrigen Regen noch ziemlich beschwerlich weil
aber die Sonne heiß schien so trocknete der Boden bald wieder und Reiser
erreichte noch gegen Mittag die Reichsstadt Mühlhausen welche nun als ein neuer
ungewohnter Anblick mit ihren Türmen vor ihm lag
    Hier stand ihm nun wie er gewarnt war die meiste Gefahr von den Werbern
bevor  Er gab sich also diesmal alle mögliche Mühe ehe er ins Tor ging
sorgfältig seine Toilette zu machen und die schon einmal versuchte Rolle eines
unbefangnen Spaziergängers gelang ihm auch diesmal wieder ebenso gut wie in
Hildesheim so dass er ohne von einer Schildwache befragt zu werden glücklich
durchs Tor in die Stadt kam
    Durch die Stadt eilte er so schnell wie möglich erkundigte sich nach dem
Tore aus welchem der Weg nach Erfurt geht und verdoppelte seine Schritte
sooft er etwas einer Soldatenkleidung Ähnliches nur von fern erblickte
    Wie froh schüttelte er den Staub von seinen Füßen über diese Stadt als er
den letzten Schlagbaum zurückgelegt hatte und keinen preußischen Werber hinter
noch neben sich sah
    Die grünen Turmspitzen blieben das einzige Bild was er von diesem
Häuserhaufen mit sich nahm alles übrige war verloschen so schnell war seine
Einbildungskraft über die Gegenstände hinweggegleitet
    Er näherte sich nun immer mehr dem Ziele seiner Reise und betrachtete das
Zurückgelegte mit stillem Vergnügen wobei ihm besonders seine Sparsamkeit und
harte Lebensart einen süßen Triumph gewährten da nun die Beschwerlichkeiten
beinahe überstanden waren Demohngeachtet aber fühlte er wiederum eine Art von
Ängstlichkeit je kleiner der Zwischenraum zwischen ihm und seinen ungewissen
Aussichten wurde
    Denn das was in der Einbildungskraft keinen Anstoß gelitten hatte sollte
nun zur Wirklichkeit kommen und mit Hindernissen kämpfen die sich schon im
voraus darstellten Es deuchte Reisern nun viel leichter mit schönen und
angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern als an Ort und Stelle selbst
zu sein und diese Aussichten wahr zu machen
    Drum hätte sich nun Reiser gerne das Ziel noch weiter weggewünscht wenn er
imstande gewesen wäre seine Wanderung weiter fortzusetzen Eine traurige
Bemerkung aber die er an seinen Schuhen machte deren Verlust für ihn in den
Umständen worin er sich befand unersetzlich war hemmte auf einmal alle seine
weiten Aussichten wieder und machte dass er ernstaft über seinen Zustand
nachdachte
    Es ist merkwürdig wie die verächtlichsten wirklichen Dinge auf die Weise in
die glänzendsten Gebäude der Phantasie eingreifen und sie zerstören können und
wie auf eben diesen verächtlichen Dingen eines Menschen Schicksal beruhen kann
    Reisers Glück das er in der Welt machen wollte hing jetzt im eigentlichen
Sinne von seinen Schuhen ab denn von seinen übrigen Kleidungsstücken durfte er
nichts veräussern wenn er mit Anstande erscheinen wollte und doch machten
zerrissene Schuhe die er durch neue nicht ersetzen konnte seinen ganzen
übrigen Anzug unscheinbar und verächtlich
    Dies versetzte ihn indem er auf dem Wege nach Langensalza begriffen war in
traurige und schwermütige Gedanken bis ein Bauer und ein Handwerksbursch die
eben desselben Weges gingen sich zu ihm gesellten und ihn mit Gesprächen
unterhielten
    Der Handwerksbursch erzählte von seinen Reisen in Kursachsen und der Bauer
hatte eine Klagesache die er selbst in Dresden bei dem Kurfürsten anbringen
wollte
    Es war kurz nach Mittag und eine drückende Hitze Dem Handwerksburschen
drückten seine Stiefeln  Reiser sah mit jedem Tritte seine Schuhe sich
verschlimmern und der Bauer klagte über entsetzlichen Durst als sie auf dem
Felde einige Arbeitsleute antrafen die einen Eimer Wasser neben sich stehen
hatten und den drei ermüdeten Wanderern zu trinken gaben
    Eine solche Szene wo unbekannte voneinander entfernte Menschen auf einmal
sich nahe zusammenfinden gemeinschaftliches Bedürfnis und gemeinschaftlichen
Trost und Zuspruch aneinander haben als ob sie nie unbekannt und entfernt
voneinander gewesen wären so etwas hielt Reisern für alles Unangenehme auf
seinen Wanderungen wieder schadlos und er konnte sich mit innigem Vergnügen
daran zurückerinnern
    Seine Gefährten verließen ihn vor der Stadt Langensalza in der er sich
nicht aufhielt sondern noch den nächsten Ort zu erreichen suchte wo er
übernachten wollte
    Er kam spät in dem Gasthofe an wo er nun die letzte Nacht vor seiner
Ankunft in Erfurt zubrachte  Als er am andern Morgen erwachte so war sein
erster Gedanke an einen Schuster und wie groß war nun seine Freude als er an
diesem Orte einen fand der um wenige Groschen während dass er darauf wartete
seine Schuh wieder in dauerhaften Stand setzte und er dadurch auf einmal aus
der größten Verlegenheit befreit war
    Nun ging er also rasch auf Erfurt zu  So wie er gekleidet war durfte er
nun vor jedermann erscheinen und so hatte er wieder Mut und Zutrauen zu sich
selber
    In dem letzten Dorfe vor Erfurt ließ er sich einen Trunk Bier geben  In
dem Gasthofe war es sehr lebhaft Man bemerkte schon die Nähe der Stadt aus
welcher sich viele Einwohner hier befanden unter denen auch ein Gelehrter war
mit dem die andern von seinen Werken sprachen
    Von diesem Dorfe aus bekam denn Reiser endlich die Stadt Erfurt zu Gesichte
mit dem alten Dom den vielen Türmen den hohen Wällen und dem Petersberge 
Das war nun die Vaterstadt seines Freundes Philipp Reisers wovon ihm dieser so
viel erzählt hatte  Auf dem Wege nach der Stadt zu waren Kirschbäume
gepflanzt  Die Hitze der Mittagssonne hatte sich schon gelegt  die Leute
gingen vor dem Tore spazieren  und als Reiser auf diesem Wege an Hannover
zurückdachte so war es ihm auch gerade als habe er von dort bis hieher einen
leichten Spaziergang gemacht so klein deuchte ihm nun der Zwischenraum den er
zurückgelegt hatte
    Eine so große Stadt wie diese hatte er nun noch nicht gesehen der Anblick
war ihm neu und ungewohnt er kam durch die breite und schöne Straße welche der
Anger heißt und konnte sich nicht enthalten noch ein wenig in der Stadt
umherzugehen ehe er seinen Stab weiter setzte denn er wollte noch bis zum
nächsten Dorfe gehen das auf dem Wege nach Weimar liegt
    Bei diesen Wanderungen durch die Straßen von Erfurt kam er in eine der
Vorstädte und kehrte weil es noch nicht spät war in einem Gasthofe ein
    Hier saß der Wirt ein dicker Mann am Fenster und Reiser fragte ihn ob
die Ekhofsche Schauspielergesellschaft noch in Weimar wäre Nichts antwortete
er sie ist in Gota Reiser fragte weiter ob Wieland noch in Erfurt wäre
Nichts antwortete jener wieder er ist in Weimar Das Nichts sprach er
jedesmal mit einer Art von Unwillen aus als ob es ihn verdrösse Nein zu
sagen
    Und dies harte Nichts in der Antwort des dicken Wirtes verrückte auf einmal
Reisers ganzen Plan  Nach Weimar war eigentlich sein Sinn gerichtet  da
glaubte er würden sich unerwartete Kombinationen finden  er würde da den
angebeteten Verfasser von Werters Leiden sehen  Und nun klang auf einmal
Gota statt Weimar in seinen Ohren
    Er ließ sich aber auch dies nicht irren sondern stand eilig auf um sich
noch denselben Abend auf den Weg nach Gota zu begeben und um von seiner
strengen Regel nicht abzuweichen im nächsten Dorfe zu übernachten
    Ehe die Sonne unterging hatte er Erfurt schon wieder im Rücken und ehe es
ganz Nacht wurde erreichte er noch das erste Dorf auf dem Wege nach Gota 
Der Dom und die alten Türme von Erfurt machten nun ein neues Bild in seiner
Seele das er mit sich heraustrug und das ihn zur Wiederkehr in diesen Ort
einzuladen schien
    In dem Dorfe aber wo er einkehrte hatte er noch zu guter Letzt auf seiner
Streu sehr unruhige Nachbaren Dies waren nämlich Fuhrleute die von Zeit zu
Zeit aufstanden und sich in einem sehr groben Dialekt miteinander unterhielten
worin besonders ein Wort vorkam das höchst widrig in Reisers Ohren tönte und
immer mit einer Menge von hässlichen Nebenideen für ihn begleitet war die Bauern
sagten nämlich immer er quam anstatt er kam Dieses quam schien Reisern ihr
ganzes Wesen auszudrücken und alle ihre Grobheit war in diesem quam das sie
immer mit vollen Backen aussprachen gleichsam zusammengedrängt
    Kaum dass Reiser ein wenig eingeschlummert war so weckte ihn dies verhasste
Wort wieder auf so dass diese Nacht eine der traurigsten war die er je auf
einer Streu zugebracht hatte Als der Tag anbrach sah er die schwammigten
aufgedunsenen Gesichter seiner Schlafkameraden welche vollkommen mit dem quam
übereinstimmten das ihm noch in den Ohren gellte als er den Gasthof schon
verlassen hatte und nun am frühen Morgen mit starken Schritten auf Gota
zuwanderte
    Weil er die Nacht wenig geschlafen hatte waren seine Gedanken auf dem Wege
nach Gota eben nicht sehr heiter wozu noch kam dass mit jedem Schritte seine
Aussicht nun enger wurde und seine Phantasie weniger Spielraum hatte
    Es war an einem Sonntage und ein Schuster der die Woche aufs Land gegangen
war um Schulden einzufordern kehrte mit ihm nach Gota und sagte ihm unter
andern dass es dort sehr teuer zu leben sei
    Diese Nachricht war für Reisern sehr bedenklich der nun ungefähr noch
einen Gulden im Vermögen hatte und dessen Schicksal in Gota sich also sehr bald
entscheiden musste 
    Das Gespräch mit dem Schuster der ihm als ein Einwohner von Gota seine Not
klagte war für ihn gar nicht unterhaltend und stimmte seine Ideen sehr herab
da er nun das wirkliche Leben in so einer Stadt sich dachte wo noch kein Mensch
ihn kannte und wo es noch sehr zweifelhaft war ob irgend jemand an seinem
Schicksal teilnehmen und auf seine Wünsche merken würde
    Diese unangenehmen Reflexionen machten dass ihm der Weg noch beschwerlicher
und er mit jedem Schritte müder wurde bis sich die beiden kleinen Türmchen von
Gota zeigten wovon ihm der Schuster sagte dass der eine auf der Kirche und der
andre auf dem Komödienhause stände
    Dieser angenehme Kontrast und lebhafte sinnliche Eindruck machte dass sein
Gemüt sich allmählich wieder erheiterte und er durch verdoppelte Schritte seinen
Gefährten wieder in Atem setzte
    Denn das Türmchen bezeichnete ihm nun deutlich den Fleck wo der
unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wünsche des ruhmbegierigen
Jünglings gekrönt würden
    Dieser Platz behauptete dort seine Rechte neben dem geweihten Tempel und war
selbst ein Tempel der Kunst und den Musen geweihet in welchem das Talent sich
entwickeln und alle und jede Empfindungen des Herzens aus ihren geheimsten
Falten vor einem lauschenden Publikum sich enthüllen konnten 
    Da war nun der Ort wo die erhabene Träne des Mitleids bei dem Fall des
Edlen geweint und lauter Beifall dem Genius zugejauchzt wurde der mit Macht die
Seelen zu täuschen die Herzen zu schmelzen wusste
    Mitleid den Toten und Ehre den Lebenden war hier die schöne Lösung  und
Reiser lebte und webte schon in diesem Elemente wo alles das was die Vorwelt
empfand noch einmal nachempfunden und alle Szenen des Lebens in einem kleinen
Raume wieder durchlebt wurden
    Kurz es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen
Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen das bei dem Anblick des Türmchens
vom Gotaischen Komödienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte und
worin sich die Klagen des Schusters der ihn begleitete und seine eigenen
Sorgen wie in einem Meere verloren 
    Mit seinem einzigen Gulden in der Tasche fühlte sich Reiser beglückt wie ein
König solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte die die Spitze des
Türmchens in Gota umgaukelten und Reisern einen schönen Traum in die Zukunft
aufs neue vorspiegelten
    Da sie nicht mehr weit von der Stadt waren ließ Reiser seinen Gefährten
vorangehen und setzte sich gemächlich unter einen Baum um so gut wie nur irgend
möglich seine Kleider in Ordnung zu bringen und auf eine stattliche Weise in
Gota seinen Einzug zu halten
    Dies gelang ihm so gut dass einige Handwerksleute die eben vor dem Tore vor
Gota spazieren gingen wie vor einem vornehmen Manne den Hut vor ihm abzogen
welches Reisern nicht wenig in Verwunderung setzte der auf seiner ganzen Reise
mit den Fuhrleuten auf der Streu geschlafen und eine gar nicht glänzende Figur
gespielt hatte
    Er kam nun durch das alte Tor von Gota in eine etwas dunkle Straße die er
hinaufging und bald zur rechten Seite den Gasthof zum goldnen Kreuze ansichtig
wurde wo er denn einkehrte weil dieser Gasthof ihm keiner der glänzendsten zu
sein schien
    Als er eben hereintrat fand er gleich vorn in der Gaststube einen Schwarm
von Handwerksburschen die schrien und lärmten und er wollte schon wieder
umkehren als der alte Wirt zu ihm kam der ihn freundlich anredete und fragte
ob er etwa hier logieren wolle Reiser erwiderte dies sei wohl eine Herberge
für Handwerksburschen Das täte nichts sagte der Wirt er solle mit seinem
Logis schon zufrieden sein und hierauf nötigte er Reisern in seine eigene
wohleingerichtete Stube wo ein alter Hauptmann ein Hoflakai und noch einige
andere wohlgekleidete Leute waren in deren Gesellschaft Reiser von dem Wirt
introduzieret und auf das höflichste behandelt wurde Denn man tat keine einzige
unbescheidene oder neugierige Frage an ihn und bewies ihm doch dabei eine
schmeichelnde Aufmerksamkeit
    In diesem Zimmer stand ein Flügel auf welchem ein junger Mann namens
Liebetraut sich hören ließ Dieser Liebetraut war auch erst vor kurzem
zufälligerweise in eben diesen Gasthof eingekehrt und mit den alten Wirtsleuten
bekannt geworden auf deren Zureden weil sie sich gerne in Ruhe setzen wollten
er den Gasthof in Pacht übernommen hatte so dass er also eigentlich der Wirt
war obgleich die Alten ihm noch immer Anweisung geben und sich mit um die
Wirtschaft bekümmern mussten
    Dieser junge Liebetraut ließ sich sehr bald mit Reisern in ein Gespräch über
schöne Wissenschaften und Dichtkunst ein und zeigte sich als ein Mann von feinem
Geschmack und Bildung und was das Sonderbarste war so schien er nicht
undeutlich darauf anzuspielen dass Reiser wohl hierher gekommen sei um sich dem
Theater zu widmen
    Dieser ließ sich für jetzt nicht weiter aus und ihm wurde nun auch eine
Stube angewiesen wo er allein sein konnte Hier sammelten sich nun seine
Gedanken wieder und er machte sich nun einen Plan wie er am andern Tage seinen
Besuch bei dem Schauspieler Ekhof machen und dem sein Anliegen vortragen wollte
    Während er auf seiner Stube allein mit diesen Gedanken beschäftigt war und
am Fenster stand kamen die Chorschüler vor das Haus und sangen eine Motette
die Reiser während seiner Schuljahre in Wind und Regen oft mitgesungen hatte
    Dies erinnerte ihn an jenen ganz trüben Zeitraum seines Lebens wo immer
Missmut Selbstverachtung und äußerer Druck ihm jeden Schimmer von Freude raubte
wo alle seine Wünsche fehlschlugen und ihm nichts als ein schwacher Strahl von
Hoffnung übrig blieb
    Sollte denn nun dachte er nicht endlich einmal die Morgenröte aus jenem
Dunkel hervorbrechen  Und eine trügerische täuschende Hoffnung schien ihm zu
sagen dass er dafür dass er so lange sich selber zur Qual gewesen nun auch
einmal werde Freude an sich selber haben und dass die glückliche Wendung seines
Schicksals nicht weit mehr entfernt sei
    Sein höchstes Glück aber war nun einmal der Schauplatz denn das war der
einzige Ort wo sein ungenügsamer Wunsch alle Szenen des Menschenlebens selbst
zu durchleben befriedigt werden konnte
    Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte so zog ihn
jedes Schicksal das außer ihm war desto stärker an daher schrieb sich ganz
natürlich während seiner Schuljahre die Wut Komödien zu lesen und zu sehen 
Durch jedes fremde Schicksal fühlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und
fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder die in ihm selber durch den
Druck von außen beinahe erloschen war
    Es war also kein echter Beruf kein reiner Darstellungstrieb der ihn anzog
denn ihm lag mehr daran die Szenen des Lebens in sich als außer sich
darzustellen Er wollte für sich das alles haben was die Kunst zum Opfer
fordert
    Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen  sie zogen ihn nur an
weil er sich selbst darin gefiel nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm
alles lag  Er täuschte sich selbst indem er das für echten Kunsttrieb nahm
was bloß in den zufälligen Umständen seines Lebens gegründet war  Und diese
Täuschung wie viele Leiden hat sie ihm verursacht wie viele Freuden ihm
geraubt
    Hätte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewusst dass wer
nicht über der Kunst sich selbst vergisst zum Künstler nicht geboren sei wie
manche vergebene Anstrengung wie manchen verlorenen Kummer hätte ihm dies
erspart
    Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an die Leiden der
Einbildungskraft zu dulden zwischen welcher und seinem würklichen Zustande ein
immerwährender Misslaut herrschte und die sich für jeden schönen Traum nachher
mit bitteren Qualen rächte
    Nach seiner langen Wanderschaft brachte nun Reiser wieder die erste Nacht in
Gota in sanftem Schlummer zu und als er am andern Morgen früh erwachte so war
es als ob aus Lisuart und Dariolette ihm der Schluss aus einer Arie welche die
verwünschte Alte singt entgegentönte
Vielleicht ist dies der Morgen
Der aller meiner Sorgen
Erwünschtes Ende bringt
Während dass diese Zeilen ihm immer in Gedanken schwebten zog er sich an und
erkundigte sich bei seinem jungen Wirt wo Ekhof wohnte dem er nun diesen
Vormittag seinen Besuch machen wollte
    Zu dem Ende hielt er nun seinen gedruckten Prolog in Bereitschaft den er in
Hannover verfertigt und Iffland gesprochen hatte und durch welchen er hier
vorzüglich Eingang zu finden hoffte
    Der junge Gastwirt Liebetraut nötigte ihn noch vorher mit ihm zu frühstücken
und schien an seinem Umgange ein besonderes Vergnügen zu finden indem er
zugleich anfing ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeschichte zu machen welche
darin bestand dass er den Gasthof gepachtet habe um ein junges Frauenzimmer
das er liebte je eher je lieber heiraten zu können
    Reiser ging nun zu Ekhof und auf dem Wege dahin drängten sich alle seine
Entwürfe die er vom Anfang seiner Wanderung an gemacht noch einmal wieder in
seine Seele zusammen da er sich so nahe am Ziel seiner Reise sah die Melodie
und der Vers aus Lisuart und Dariolette tönten noch immer in seine Ohren und
diesmal wenigstens täuschte ihn seine Hoffnung nicht  Ekhof empfing ihn über
Erwartung gut und unterhielt sich beinahe eine Stunde mit ihm
    Reisers jugendlicher Enthusiasmus für die Schauspielkunst schien dem Greise
nicht zu missfallen  er ließ sich mit ihm über Gegenstände der Kunst ein und
missbilligte es gar nicht dass er sich dem Theater widmen wollte wobei er
hinzufügte dass es freilich gerade an solchen Menschen fehlte die aus eigenem
Triebe zur Kunst und nicht durch äußere Umstände bewogen würden sich der
Schaubühne zu widmen
    Was konnte wohl aufmunternder für Reisern sein als diese Bemerkung  er
dachte sich schon im Geist als einen Schüler dieses vortrefflichen Meisters
    Nun zog er auch seinen gedruckten Prolog hervor der Ekhofs vollkommenen
Beifall erhielt und den sich derselbe sogar von ihm ausbat und bemerkte wie
nahe das Talent zum Schauspieler und zum Dichter miteinander verwandt sei und
wie eins gewissermaßen das andere voraussetze
    Reiser fühlte sich in diesem Augenblick so glücklich als sich ein junger
Mensch nur fühlen konnte der vierzig Meilen weit bei trockenem Brote zu Fuße
gereist war um Ekhof zu sehen und zu sprechen und unter seiner Anführung
Schauspieler zu werden
    Was nun sein Engagement anbeträfe sagte Ekhof so müsse er sich deswegen
vorzüglich bei dem Bibliotekarius Reichard melden mit welchem er selbst auch
Reisers wegen sprechen wolle
    Reiser versäumte keinen Augenblick dieser Anweisung zu folgen und ging von
Ekhof der in einem Bäckerhause wohnte nach dem Hause des Bibliotekarius
Reichard der ihn zwar auch höflich empfing aber sich doch nicht so viel wie
Ekhof mit ihm einließ Indes machte er ihm zu einer Debütrolle Hoffnung welches
Reisers höchster Wunsch war denn wenn er nur dazu käme zweifelte er nicht
seinen Endzweck zu erreichen
    Mit Heiterkeit im Gesichte kehrte er nun zu Hause weil er diesen Anfang
seiner Unternehmung für höchst glücklich hielt und unter diesen günstigen
Umständen sich so viel zutraute dass nun sein Wunsch ihm nicht mehr fehlschlagen
könne
    Und ob er sich gleich seinem Wirt nicht ganz entdeckte so schien dieser
doch gar nicht mehr daran zu zweifeln dass er nun in Gota bleiben und seine
teatralische Laufbahn hier antreten würde
    Voller Zutrauen zu sich selbst und seinem Schicksale brachte nun Reiser in
der Gesellschaft des alten Hauptmanns des Hoflakaien und seines Wirts den
Mittag höchst angenehm zu und voll von schimmernden Aussichten worin ihn alles
bestärkte überschritt er durch dies Mittagsessen zum erstenmal im Taumel der
Freude den Bestand seiner Kasse und dünkte sich nun dadurch um desto fester an
diesen Ort und an die hartnäckigste Verfolgung seines Plans gebunden
    Er machte nun fast täglich bei Ekhof seinen Besuch und dieser riet ihm
fürs erste die Proben im Schauspielhause fleißig zu besuchen welches Reiser tat
und den alten Ekhof hier ganz in seinem Elemente sah wie er auf jede
Kleinigkeit aufmerksam war und auch den ersten Schauspielern noch manche
Erinnerung gab Auch wurde Reisern erlaubt die Komödie unentgeltlich zu
besuchen wo das erste Mal ein gewisser Bindrim mit dem Vater in der Zaire
debütierte
    Weil nun dieser keinen besonderen Beifall fand und Reiser in sich fühlte wie
bei den meisten Stellen der Ausdruck hätte ganz anders sein müssen so spornte
ihn dies noch mehr an nun selber so bald wie möglich in einer Debütrolle den
Schauplatz zu betreten und er lag Ekhof dringend an dass in einem der
nächstaufzuführenden Stücke ihm eine Rolle möchte zugeteilt werden
    Und da das nächstemal die Poeten nach der Mode aufgeführt wurden so tat
Reiser den Vorschlag die Rolle des Dunkel zu übernehmen welches ihm aber Ekhof
aus dem Grunde widerriet weil er selbst diese Rolle spiele und es für einen
angehenden Schauspieler nicht ratsam sei sich gerade in einer Rolle zuerst zu
zeigen die man schon von einem alten geübten Schauspieler zu sehen gewohnt
wäre
    So verschob sich nun sein Debüt von einem Spieltage bis zum andern während
dass seine Hoffnung dazu immer genährt wurde und auf dieser Entscheidung nun sein
ganzes Schicksal beruhte
    Bei Ekhof holte sich nun Reiser immer Trost und neue Hoffnung sooft er
anfing verzagt zu werden denn dass dieser sich gerne mit ihm unterhielt flößte
ihm wieder Selbstzutrauen und neuen Mut ein
    Demohngeachtet aber waren auch ein paar Äußerungen von Ekhof äußerst
niederschlagend für ihn denn als einmal von seinem Engagement die Rede war und
Reiser sich auf einen jungen Menschen berief der in den Poeten nach der Mode
die Rolle des Reimreich gespielt hatte so sagte Ekhof man habe diesen
vorzüglich seiner Jugend wegen angenommen und schien dadurch zu verstehen zu
geben dass dieser Beweggrund bei Reisern nicht mehr stattfinde der damals doch
auch erst neunzehn Jahr alt war aber wie es schien von jedermann für weit
älter gehalten wurde so dass bei dem Verlust aller Freuden der Jugend auch nicht
einmal der Anschein der Jugend geblieben war
    Und ein andermal als von Goeten gesprochen wurde sagte Ekhof er sei
ungefähr von Reisers Statur aber gut physiognomiert welches aber allein schon
den Schauspieler in Reisern ganz vernichtet haben würde wenn nicht Ekhof gleich
darauf zufälligerweise ihm wieder etwas Aufmunterndes gesagt hätte indem er ihn
fragte ob er außer dem Prolog sonst nichts gedichtet habe welches Reiser
bejahte und sobald er zu Hause kam seine Verse die er auswendig wusste
niederschrieb um sie Ekhof zu überbringen
    Er brachte wohl ein paar Tage mit dieser Arbeit zu und sein Wirt geriet auf
den Gedanken dass Reiser ein dramatisches Werk für die Schaubühne verfertigte 
Dies ließ er sich auf keine Weise ausreden und wünschte Reisern schon im voraus
Glück zu der glänzenden Laufbahn die er nun betreten würde
    Als Ekhof die Gedichte gelesen hatte bezeigte er Reisern seinen Beifall
darüber und sagte er wolle sie auch dem Bibliotekarius Reichard zu lesen
geben Dies war für Reisern eine Aufmunterung ohnegleichen weil er sich immer
noch an Ekhofs ersten Ausspruch erinnerte wie nahe der Schauspieler und der
Dichter aneinander grenzten
    Er zweifelte nun nicht dass diese Gedichte ihm seinen Weg zum Theater noch
mehr bahnen und ihn bald seinem Ziele näher bringen würden Dazu kam noch dass
der Schauspieler Grossmann welcher sich damals in Gota aufhielt und Reisern
einmal auf der Straße begegnete ihm neuen Mut zusprach indem er den Grund
anführte dass man ihn gewiss nicht würde so lange aufgehalten haben wenn man
nicht gesonnen sei ihn vielleicht ohne Debüt für das Theater zu engagieren
denn es war nun schon in die dritte Woche dass Reiser sich hier aufhielt
    Diese tröstenden Worte und die freundliche Anrede von Grossmann waren damals
ein wahrer Balsam für Reisern der bei dem Schloss wo gebaut wurde einsam
auf und nieder ging und gerade mit finsterem Unmut über sein noch ungewisses
Schicksal nachdachte
    Reiser ging nun mit guter Hoffnung zu Hause und brachte den Tag bei seinem
Wirt noch sehr vergnügt zu
    Am andern Morgen ging er in die Probe und man führte den Tag gerade die
Operette der Deserteur auf worin ein fremder Schauspieler namens Neuhaus den
Deserteur und dessen Frau die Lilla spielte
    Ekhof bewies sich bei der Probe besonders geschäftig und Reiser stand
hinter den Kulissen und sah mit Vergnügen zu wie durch Anstrengung und
Aufmerksamkeit eines jeden einzelnen das schöne Werk entstand das am Abend die
Zuschauer vergnügen sollte
    Er dachte sich lebhaft die Nähe in der er sich nun bei diesen reizenden
Beschäftigungen fand und dass auf eben diesem Schauplatze mit seinem Spiele sich
auch zugleich sein Schicksal entscheiden und seine Existenz auf diesem Flecke
sich entwickeln würde 
    Denn auf diesen engumschränkten Schauplatz waren nun nach der weiten Reise
alle seine Wünsche beschränkt hier sah er sich hier fand er sich wieder 
Hier schloss die Zukunft ihren ganzen reichen Schatz von goldenen Phantasien für
ihn auf und ließ ihn in eine schöne und immer schönere Ferne blicken  
    So hatte er schon oft zwischen den Kulissen in Gedanken vertieft gestanden
und stand auch diesmal wieder so als er auf einmal den Bibliotekarius Reichard
auf sich zukommen sah von dem er schon seit einigen Tagen eine entscheidende
Antwort erwartet hatte
    Die Miene desselben verkündigte schon nichts Gutes und er redete Reisern
mit den trocknen Worten an es täte ihm leid ihm sagen zu müssen dass aus
seinem Engagement beim Theater nichts werden und dass er auch zur Debütrolle
nicht kommen könne  Mit diesen Worten gab er Reisern die geschriebenen
Gedichte zurück indem er gleichsam zum Trost hinzufügte es herrsche eine
leichte Versifikation darin und er solle dies Talent ja nicht vernachlässigen
    Reiser der an Leib und Seele gelähmt war konnte kein Wort hierauf
antworten sondern ging hin wo das Theater mit seinem letzten Vorhange ganz am
Ende an die kahle Mauer grenzt und stützte sich verzweiflungsvoll mit dem Kopfe
an die Wand Denn er war nun wirklich unglücklich und doppelt unglücklich 
    Der eingebildete und der würkliche Mangel traten in fürchterlicher Eintracht
zusammen um sein Gemüt mit Schrecken und Grauen vor der Zukunft zu erfüllen
    Er sah nun keinen Ausweg aus diesem Labyrinthe in welches seine eigene
Torheit ihn geleitet hatte  hier war nun die kahle öde Mauer das täuschende
Schauspiel war zu Ende
    Er eilte vors Tor hinaus und ging in der Allee wo er sich schon oft mit den
angenehmsten Vorstellungen beschäftigt hatte verzweiflungsvoll auf und nieder
die Menschen gingen kalt vor ihm vorbei niemand wusste dass er in diesem
Augenblick die einzige Hoffnung seines Lebens verloren hatte und einer der
verlassensten Menschen war
    Und sonderbar war es dass gerade in diesem allerverlassensten Zustande sich
ein unbekanntes Gefühl von Liebebedürfnis in ihm regte da seine Verzweiflung in
Mitleid mit seinem eigenen Zustande sich verwandelte und ihm nun ein Wesen
fehlte das dieses Mitleid mit ihm haben könnte
    Er getrauete sich den Mittag nicht zu Hause zu gehen sondern aß nicht und
kehrte erst den Nachmittag wieder zurück  und am Abend ging er in die Komödie
wo nun die Operette der Deserteur aufgeführt wurde die ihm den Tod seiner
Hoffnungen bezeichnete
    Nie aber in seinem Leben ist seine Teilnahme an einem fremden Schicksale
stärker gewesen als sie es gerade diesen Abend an dem Schicksale der Liebenden
war welche durch den drohenden Todesstreich getrennt werden sollten Es traf
bei ihm zu was Homer von den Mädchen sagt die um den erschlagenen Patroklius
weinten sie beweinten zugleich ihr eigenes Schicksal
    Selbst die Musik rührte ihn bis zu Tränen und jeder Ausdruck erschütterte
sein Innerstes Am stärksten aber fühlte er sich durch die Szene bewegt wo der
Deserteur der schon sein Todesurteil weiß im Gefängnis an seine Geliebte
schreiben will und sein betrunkener Kamerad ihm keine Ruhe lässt weil er ihn ein
Wort soll buchstabieren lehren
    Reiser fühlte es hier tief wie wenig ein Mensch den andern Menschen ist
wie wenig den andern an seinem Schicksal liegt und sein Freund mit der
Hutkokarde stand wieder vor seiner Seele da Weswegen putzte aber jener seine
Hutkokarde als um seinem Mädchen der einzigen zu gefallen die damals seine
Göttin war in der er sich wiederfinden und wieder von ihr geliebt sein wollte
    Das Schauspiel endigte sich froh die Unglücklichen wurden getröstet das
Weinen verwandelte sich in Lachen das Trauren in Fröhlichkeit  aber betrübt
und mit schwerem Herzen ging Reiser in seine Wohnung  vor ihm war alles dunkel
und er sah nun keinen Strahl von Hoffnung mehr
    Als er zu Hause kam legte er sich sogleich zu Bette  seine Sinne waren
stumpf  seine Gedanken wussten keinen Ausweg mehr zu finden  und der Schlaf war
das einzige was ihm übrig blieb  Es war ihm als ob er aus diesem Schlafe
nicht wieder erwachen würde  denn alle Lebensaussichten waren ihm
abgeschnitten und er hatte keine Hoffnung mehr wozu er erwachen sollte
    Der Gedanke von Auflösung von gänzlichem Vergessen seiner selbst von
Aufhören aller Erinnerung und alles Bewusstseins war ihm so süß dass er diese
Nacht die Wohltat des Schlafes im reichsten Masse genoss  denn kein leiser Wunsch
hemmte mehr die gänzliche Abspannung aller seiner Seelenkräfte kein Traum von
täuschender Hoffnung schwebte ihm mehr vor  alles war nun vorbei und endigte
sich in die ewigstille Nacht des Grabes
    So wohltätig reicht die Natur den Hoffnungslosen auch schon die Schale dar
aus der er Vergessenheit seiner Leiden trinken und alle Erinnerungen an irgend
etwas das er wünschte oder wonach er strebte aus der Seele verwischt werden
sollen
    Als Reiser am andern Morgen spät aus seinem tiefen Schlafe erwachte fühlte
er sich wunderbar an Leib und Seele gestärkt  er fühlte Kraft in sich alles zu
unternehmen um auch selbst unter diesen Umständen noch zum Ziel seiner Wünsche
zu gelangen
    Es stieg ein Gedanke in ihm auf sich hier um Unterrichtsstunden zu
bewerben sich durch seinen eigenen Fleiß zu nähren und auf dem Theater umsonst
zu dienen  Dieser Entschluss wurde immer lebhafter bei ihm und er traute
seinen Kräften alles zu sobald er nur wieder einen Schimmer von Hoffnung vor
sich sah sein Ziel zu erreichen
    Während dieser Gedanken zog er sich an und ging zu Ekhof dem er seinen
Entschluss entdeckte und dessen Rat er sich ausbat indem er versicherte dass er
für sich selbst leben könne ohne doch von der Art wie er zu leben dächte sich
etwas merken zu lassen
    Ekhof lobte und billigte seine Standhaftigkeit und sagte ihm er zweifle
nicht dass dies Anerbieten werde angenommen werden Der Bibliotekarius
Reichard welchem Reiser eben diesen Entschluss bekannt machte versprach ihm den
andern Tag Bescheid darauf zu geben
    Und nun kehrte Reiser voll neuer Hoffnung wieder zu Hause  sein ganzes
Beginnen kam ihm nun selber noch ehrenvoller vor weil er mit der Kunst zugleich
den Fleiß in nützlichen Geschäften und nährendem Erwerb verband  und alle seine
übrigen Stunden der Kunst zum Opfer brachte
    Er aß nun diesen Mittag wieder voll Zutrauen bei seinem Wirt  und fühlte in
sich einen unwiderstehlichen Mut der Kunst zuliebe das Härteste im Leben zu
ertragen sich auf die notwendigsten Bedürfnisse einzuschränken und Tag und
Nacht nicht zu ruhen um sich in der Kunst zu üben und zugleich seine
Unterrichtsstunden gehörig abzuwarten
    Mit diesen Entschlüssen die ihm einen recht heroischen Mut einflössten kam
er am andern Morgen wieder zu Reichard und hörte nun sein Endurteil dass man
sich auch auf sein Anerbieten umsonst auf dem Theater zu dienen nicht
einlassen könne und jetzt schlechterdings kein neues Engagement bei diesem
Theater mehr stattfinden solle  Wenn Reiser einige Wochen eher gekommen wäre
so hätte sich etwas für ihn tun lassen nun aber sei alles vergeblich 
    Diese ganz unerwartete zweite abschlägige Antwort versetzte Reisern in eine
Art von innerer Erbitterung  er fing in diesem Augenblicke ansich selbst zu
hassen und zu verachten und fragte ob er denn nicht etwa Souffleur oder
Rollenschreiber oder Lichtputzer beim Theater werden könne  Reichard
antwortete es täte ihm leid da Reiser so viel Feuer fürs Theater verriete dass
sein Unternehmen ihm hier misslungen wäre indes würde es ihm vielleicht
anderwärts gelingen
    Reiser ging nun in tiefen Gedanken von Reichard weg und ging bei dem Bau am
Schloss auf und nieder wo einige in Schiebkarren Steine zuführten andere sie
ordneten  Er stand wohl an eine Stunde da und sah immer dieser Arbeit zu 
dabei entstand eine sonderbare Begierde in ihm sein gutes Kleid auszuziehen und
mit den übrigen Tagelöhnern auch Steine zu diesem Bau auf den Schiebkarren
herbeizuführen
    Es war schon gegen Mittag und die Sonne schien immer heißer  Die Hände
der Arbeiter wurden lass  sie ruheten sich aus und verzehrten auf der Erde ihr
Mittagsmahl  Reiser gab sich mit dem einen ins Wort und fragte ihn wie viel
sein Tagelohn betrüge Es war eine Anzahl Groschen die Reiser nicht mehr in
seinem Vermögen hatte und das Geld konnte in einem Tage verdient werden
    Der Entschluss um diesen Tagelohn zu arbeiten war in dem Augenblicke bei
Reisern schon so gewiss dass er innerlich lachen musste dass der Arbeiter während
er mit ihm sprach die Mütze vor ihm abnahm und nicht wusste dass sie vielleicht
morgen Kameraden sein würden
    Das einzige was seine Erbitterung und Selbstass und Selbstverachtung
mildern konnte war dieser Entschluss worin er sich selbst wieder ehrte Denn
nun wollte er seinen wahren Zustand seinem Wirt entdecken seinen Degen sein
Kleid ihm für die Bezahlung lassen und dann beim Schlossbau Steine zuführen
    Während nun dies in seinen Gedanken vorging glaubte er selbst es sei sein
wahrer Ernst und wusste nicht dass seine Einbildungskraft ihn wieder täuschte
und dass er schon wieder in Gedanken eine Rolle spielte
    Denn als Handlanger beim Schlossbau war er nun das Niedrigste was er nur
sein konnte diese selbstgewählte freiwillige Niedrigkeit hatte einen
außerordentlichen Reiz für ihn  er lebte nun wie die übrigen von seinem Stande
ging des Sonntags fleißig in die Kirche und war ein stiller religiöser Mensch 
in einsamen Stunden ergötzte er sich denn mit Shakespeare und Homer und hatte
dasjenige reelle Leben in sich was er nicht außer sich haben konnte
    Besonders rührend war ihm bei dergleichen Vorstellungen immer der Gedanke
dass er am Sonntage fleißig in die Kirche gehen und dem Prediger recht aufmerksam
zuhören würde  Denn hierdurch vernichtete er gleichsam sich selbst weil er
alles was auch der schlechteste Prediger ihm sagen würde doch für sich noch
sehr lehrreich hielt und nicht klüger als der einfältigste Mensch sein wollte
    Er dachte sich nun wieder in dem Zustande worin er als Hutmacherbursch
gewesen war wo er den Prediger der ihm gefiel wie ein Wesen höherer Art und
selbst die Chorschüler auf der Straße mit Ehrfurcht betrachtete Vom Theater
durfte er in diesem Zustande kaum einen Begriff haben  und doch war es ihm
wieder als ob eben dieser Zustand auf eine wunderbare Weise ihn seinem ersten
Wunsche vielleicht wieder näher bringen könnte
    Ehe er sich nun aber um die Stelle eines Tagelöhners bei dem Bau am Schloss
wirklich bewarb konnte er doch nicht unterlassen noch einmal zu Ekhof zu
gehen um ihm Lebewohl zu sagen und ihm zugleich zu erzählen dass auch seine
letzte Hoffnung gescheitert sei
    Er konnte diese Erzählung nicht ohne Beklemmung und Rührung vorbringen weil
er sich seinen ganzen nunmehrigen Zustand und also weit mehr dabei dachte als
er sagte 
    Der gute Ekhof redete ihm zu er solle den Mut nicht sinken lassen drei
Meilen von hier in Eisenach sei jetzt die Barzantische Truppe es würde ihm
nicht fehlen bei dieser Truppe angenommen zu werden er solle sich bei
derselben nur erst eine Weile zu üben suchen und dann wieder nach Gota kommen
wo vielleicht günstigere Umstände sich für ihn ereignen und seine Aufnahme desto
leichter sein würde wenn er schon eine zeitlang bei einer Truppe gestanden
hätte  er könne dies ja leicht versuchen und den Weg von Gota bis Eisenach auf
der Chaussee wie einen Spaziergang machen
    Mit dieser Anrede von Ekhof war auf einmal das ganze Projekt mit dem
Steinezuführen und dem Arbeiten ums Tagelohn aus Reisers Gedanken verschwunden
 Denn das Ziel wohin er doch am Ende wollte sah er auf einmal wieder nahe
vor sich und alle Bedenklichkeiten hörten auf da er sich den Weg von Gota
nach Eisenach wie einen Spaziergang dachte wodurch er gar keine Untreue an
seinem Wirt beging dem er von Eisenach als Schauspieler doch eher und leichter
wie von seiner Tagelöhnerarbeit bezahlen konnte
    Er ging also da es hoch Mittag war aus Ekhofs Hause so wie er war und
ohne sich umzusehen gerade auf Eisenach zu Und dieser Weg wurde ihm nun auch
wirklich so leicht wie ein Spaziergang Denn alle die erstorbenen Hoffnungen
waren nun auf einmal in seiner Seele wieder erneuert und machten einen lebhaften
und angenehmen Kontrast gegen die melancholischen Ideen womit er sich an diesem
Vormittage noch zum Tagelöhner hatte verdingen wollen
    Er dachte sich immer nahe bei Gota und wie er am andern Tage zurückkehren
und seinem Wirte eine angenehme Nachricht bringen würde Dies machte dass die
Schönheiten der Natur ihn wieder ergötzten er wandelte mit innigem Vergnügen
durch die romantischen Täler zwischen den Bergen hin und als er die Türme der
alten Wartenburg von der er schon in seiner Kindheit gehört hatte zuerst
erblickte so umfasste sein Gemüt die Gegenstände umher mit einer Wärme und
Anschliessung die ihm alles doppelt schön machte es war ihm als ob er in einem
süßen Traume schwebte worin was er ehmals gedacht hatte eins nach dem andern
sich ihm nun wirklich darstellte
    Es war ihm als ob er allenthalben sein könnte wo er wollte da er sich so
auf einmal in wenigen Stunden von Gota nach Eisenach versetzt sah woran er
den Morgen desselbigen Tages noch gar nicht gedacht hatte
    Seinen Überrock und andre Sachen die er sonst bei sich trug hatte er zu
Hause gelassen und wanderte in seinem besten Anzuge mit dem Degen an der Seite
so wie er bei Reichard und Ekhof seinen Besuch gemacht hatte in Eisenach ein
Zufälligerweise steckten seine geschriebenen Gedichte und der lateinische
Anschlagbogen worauf sein Name stand noch in seiner Rocktasche der Homer aber
und ein Teil der Wäsche die er bei sich trug war samt dem Überrocke
zurückgeblieben
    Als er in die Stadt kam schien ihm alles ein frohes und heiteres Ansehen zu
haben die Menschen schienen gleichsam zur Freude gestimmt zu sein so dass er
mit lauter frohen Ahndungen in den Gasthof trat wo er die Nacht bleiben wollte
und sich nachdem er sich kaum niedergesetzt hatte erkundigte ob diesen Abend
nicht etwa Komödie gespielt würde
    Welch ein Donnerschlag war es für ihn als man ihm antwortete die
Barzantische Schauspielergesellschaft sei gerade diesen Morgen nach Mühlhausen
abgereist  Also war es nun als ob ein feindseliges Schicksal ihm immer auf
dem Fuße nachfolgte und ordentlich wie mit Absicht alle seine Hoffnungen
vereitelte
    Dazu kam nun wieder dass er nicht nur in der Einbildung sondern wirklich
und doppelt unglücklich war weil die einzige Hoffnung seinen Unterhalt zu
finden und zugleich seine Schuld in Gota zu tilgen auf seiner Annahme bei der
Barzantischen Truppe in Eisenach beruhte und diese nun gerade an demselben Tage
ihren Weg ebendahin genommen hatte wo er hergekommen war
    Sein Zustand brachte ihn der Verzweiflung nahe und machte dass er zum
erstenmal sich über sein Schicksal wegsetzte und in eine Art von Vergessenheit
seiner selbst geriet welche ihn dem Anscheine nach froh und aufgeräumt machte
 dabei war es ihm als ob er durch diesen gar zu unerwarteten und hämischen
Streich des Schicksals von allen Verbindungen losgesprochen wäre und sich nun
selbst wie ein vernachlässigtes und verworfenes Wesen ansehen dürfe das in gar
keinen Betracht mehr kommt
    Er hatte den ganzen Tag nichts genossen und ließ sich den Abend Bier und
Brot und auf die Nacht ein Bette geben wo er des sanftesten Schlafes genoss
weil er auf keine Zukunft mehr rechnete und von keinem einzigen Gedanken an die
Zukunft oder an sein eigenes Schicksal mehr gestört wurde denn nun war er mit
seinen Aussichten ganz am Ende
    Am andern Morgen aber fühlte er dass dieser wohltätige Schlaf aufs neue
seine schlummernden Kräfte erweckt hatte  er fühlte wieder statt der Lähmung
einen gewissen Trotz und Erbitterung gegen das Schicksal wodurch er Mut bekam
noch einmal alles zu dulden und alles zu wagen um seinen Endzweck dennoch zu
erreichen er entschloss sich der Barzantischen Schauspielergesellschaft
nachzureisen und von Eisenach bis Mühlhausen denselben Weg den er gekommen war
wieder zurückzugehn
    Nachdem er nun in dem Gasthofe seine Zeche bezahlt hatte so blieben ihm von
seinem ganzen Vermögen noch fünf oder sechs Dreier übrig womit er auf die
Wartenburg stieg und von da die weite und schöne Gegend vor sich übersah
    Der Unteroffizier auf der Wartenburg redete Reisern sehr höflich an und
fragte ihn ob er nicht die Merkwürdigkeiten besehen wollte worauf Reiser
erwiderte er würde den Nachmittag mit einer Gesellschaft wiederkommen jetzt
wolle er sich nur in der Gegend ein wenig umsehen
    Er fühlte sich indem er um sich her blickte auf diesem Standpunkte über
sein Schicksal erhaben denn aller Widerwärtigkeiten ungeachtet war er doch bis
auf diesen Fleck gekommen und diesen schönen Moment einer reizenden Aussicht in
die umgebende Natur konnte ihm doch niemand rauben Er sammlete sich gleichsam
Stärke zu der Mühe und sorgenvollen Wanderschaft die er nun aufs neue wieder
antreten wollte
    Sein Plan den er sich hiezu entworfen hatte bestand in nichts Geringerm
als die wenigen Dreier die ihm noch übrig waren bloß zu Schlafgeld anzuwenden
und bei Tage sich von den Wurzeln auf dem Felde zu nähren denn er hatte es auf
dem Herwege von Gota schon einmal versucht ein paar Wurzeln auf dem Felde
auszuziehen die ihm da er den ganzen Tag nichts genossen hatte eine sehr
angenehme Erquickung gewährten
    Hieran hatte er sich hier gleich den Morgen beim Erwachen erinnert und dies
war es vorzüglich was ihm den Trotz gegen das Schicksal einflößte von dem er
sich nun beinahe ganz unabhängig dachte
    Er fing noch an diesem Tage an seinen Entschluss mit eben dem Selbstgefühl
durchzusetzen womit er auf seiner ersten Wanderung sich auf den bloßen Genuss
von Bier und Brot beschränkte und fühlte sich nun doppelt so unabhängig wie
damals denn während dass der Unteroffizier auf der Wartenburg ihn mit der
Gesellschaft zurückerwarten mochte um ihm die Merkwürdigkeiten des Schlosses zu
zeigen verzehrte Reiser schon auf dem Felde sein Mahl von rohen Wurzeln die er
sich mit einem alten Einlegemesser das er noch von seinem Freunde Philipp
Reisern besaß in Scheiben schnitt und sie mit dem größten Wohlgeschmack
verzehrte
    Nun war er aber weil er sich zu lange auf der Wartenburg aufgehalten hatte
kaum erst eine Meile von Eisenach und ihn überfiel da er seine Wurzeln
verzehrt hatte eine unwiderstehliche Trägheit so dass er mitten auf dem Felde
einschlief und erst am Abend bei Sonnenuntergang wieder erwachte
    Da er nun nach dem nächsten Dorfe zugehen wollte so kam er vom rechten Wege
ab und erreichte erst spät einen Gasthof wo er nichts verzehrte sondern am
andern Morgen bloß die Streu bezahlte
    Von diesem Dorfe aus verirrte er sich am andern Tage wieder zwischen den
Feldern wo er Wurzeln suchte die gestrige Trägheit überfiel ihn wieder die
Hitze war drückend und wo er den Schatten eines Baumes fand da legte er sich
nieder und sogleich überfiel ihn der Schlaf so dass er auf dem Wege von
Eisenach bis Gota den er auf der Hinreise in wenigen Stunden zurückgelegt
hatte beinahe vier Tage zubrachte
    So labyrintisch wie sein Schicksal war wurden auch nun seine Wanderungen
er wusste sich aus beiden nicht mehr herauszufinden vor Gota schien sich seine
Straße zurückzubiegen und er musste doch wieder durch wenn er seinen Weg nach
Mühlhausen fortsetzen wollte und weil er nun die gerade Straße scheute so war
es ihm gewissermaßen lieb wenn er sich verirrte
    Sein lateinischer Anschlagbogen half ihm auf diesem Wege zweimal durch
einmal da man ihn für eine verdächtige Person hielt weil er keinen Pass
vorzeigen könnte und ein andermal da man einen Pass von ihm verlangte dass er
nicht aus einer Gegend käme wo damals die Viehseuche herrschte er zeigte
seinen lateinischen Anschlagbogen vor und fügte hinzu dass er ein Student sei
und deswegen einen lateinischen Pass bei sich führe  Der Dorfrichter oder
Schulze des Orts welcher sich gegen seine Frau und die andern Bauern das
Ansehen geben wollte als ob er Latein verstände las mit einer wichtigen Miene
den Anschlagbogen durch und sagte es sei recht gut
    Während nun Reiser diese Tage in einer Art von Betäubung gleichsam wie in
der Irre umherging herrschte bloß die Imagination in ihm denn da er nun auf
dem Felde lebte so schien er sich an gar nichts mehr gebunden und ließ seiner
Einbildungskraft den Zügel schießen
    Nun war ihm aber sein Schicksal nicht romanhaft genug Dass er hatte
Schauspieler werden wollen und sein Wunsch ihm misslungen war das war eine
abgeschmackte Rolle die er spielte  er musste irgendein Verbrechen begangen
haben das ihn in der Irre umhertrieb ein solches Verbrechen dachte er sich nun
aus er stellte sich vor dass er mit dem jungen Edelmann den er in Hannover
unterrichtete die Universität in Göttingen bezogen und von diesem im Trunk zum
Zweikampf genötigt worden wäre wo er sich bloß verteidigte und jener wütend in
seinen Degen gerannt sei worauf er die Flucht genommen habe ohne zu wissen ob
jener tot oder lebend sei
    Diese von ihm selbst gemachte Erdichtung drängte sich ihm bei seinem
Herumirren im Felde fast wie eine Wahrheit auf er träumte davon wenn er
einschlief er sah seinen Gegner im Blute liegen er deklamierte laut wenn er
erwachte und spielte auf die Weise mit seiner Phantasie mitten auf dem Felde
zwischen Gota und Eisenach die Rollen durch welche man ihm auf dem Theater
verweigert hatte
    Und dies allein war es was ihn von der Verzweiflung rettete denn hätte er
sich seinen Zustand völlig so leer und abgeschmackt gedacht wie er wirklich
war so würde er sich selbst ganz weggeworfen haben und in Schmach versunken
sein
    Nun aber wurde ihm das Bitterste erträglich am zweiten Tage auf seiner
Rückkehr von Eisenach nach Gota war es gerade Sonntag und eine drückende Hitze
Reiser kam vom Felde durch ein Dorf und suchte Schatten den er nicht anders
finden konnte als auf einem grünen mit Bäumen bepflanzten Platze gerade der
Kirche gegenüber Er ließ sich in einem Bauerhause erst ein Glas Wasser geben
dann legte er sich unter den Bäumen nieder während dass in der Kirche gegenüber
gesungen wurde unter dem Singen schlief er ein und wachte nicht eher wieder
auf als bis der Prediger aus der Kirche kam mit dem sein Sohn ging der auch
erst von der Universität zurückgekommen war Beide gingen auf Reisern zu und
fragten ihn woher er käme und wohin er ginge er gab verwirrte Antworten und
gestand endlich dass er wegen eines Duells das er in Göttingen gehabt habe
flüchtig sei Es war ihm selber als ob ihm dies Geständnis äußerst schwer
würde und der Gedanke an die Unwahrheit der Sache fiel ihm fast gar nicht mehr
bei denn da er einmal bloß in der Ideenwelt lebte so war ihm ja alles das
wirklich was sich einmal fest in seine Einbildungskraft eingeprägt hatte ganz
aus allen Verhältnissen mit der wirklichen Welt hinausgedrängt drohte die
Scheidewand zwischen Traum und Wahrheit bei ihm den Einsturz
    Der Prediger nötigte ihn in sein Haus und wollte ihn bewirten  Reiser
aber gleichsam wie von Angst getrieben entfernte sich so bald wie möglich
wieder  Denn er musste in seinem imaginierten Zustande die Gesellschaft der
Menschen fliehen 
    Nahe vor Gota nötigte ihn wiederum ein Prediger in sein Haus der sich wohl
einen halben Tag lang mit ihm unterhielt und ihm erzählte dass vor ein paar
Jahren auch so zu Fuße und wohlgekleidet ein reisender Gelehrter hier
durchgekommen der sich lange mit ihm unterhalten er habe sich den Tag im
Kalender bemerkt und zweifle fast nicht dass es der Doktor Bart gewesen sei
    Nun erzählte dieser Prediger Reisern seine Geschichte wie er sich erst
lange als Hofmeister herumgetrieben und hier nun endlich in dieser alten Pfarre
eine Ruhestätte gefunden habe wo er dem was in der Welt vorginge nur so ganz
von ferne zusähe
    Reiser erzählte nun dem Prediger auch seine eigene imaginierte unglückliche
Geschichte wobei ihm der Prediger in einem Kaffeeschälchen einige Erfrischungen
von eingemachtem Obst vorsetzte und ihm dabei Mut zusprach dass er sein
Verbrechen vielleicht noch wieder gutmachen könne dabei sah er auf die weiße
Scheide von dem Degen welchen Reiser trug und fragte ihn ob eine solche
Degenscheide denn wirklich das Zeichen der Freimäurer und ob Reiser nicht in
diesem Orden sei  Je mehr dieser es verneinte desto fester glaubte der
Prediger demohngeachtet einen Freimaurer vor sich zu sehen der sich ihm nur in
diesem Punkt nicht entdecken wollte
    Dieser Prediger betrachtete Reisern manchmal vom Kopf bis zu Fuß und schien
sich überhaupt sonderbare Vorstellungen von ihm zu machen  Er hielt ihn für
einen Menschen der viel mehr verschwieg als er sagte und mit dem er nicht
recht wusste wie er dran war  Demohngeachtet konnte er nicht unterlassen
immer noch Fragen an ihn zu tun bis Reiser endlich da die Sonne sich schon zum
Untergange neigte von ihm Abschied nahm und der Prediger ihm noch die Ermahnung
mit auf den Weg gab vorzüglich sein Verbrechen durch Reue zu büßen
    Durch die lange Unterhaltung mit dem Prediger und durch dessen Ermahnungen
war Reisers Imagination noch mehr erhitzt  Er kam in der Abenddämmerung in
Gota an und ging in einer Art von hartnäckiger Betäubung und Fühllosigkeit
dicht vor dem goldnen Kreuze vorbei wo er logiert hatte aus dem Tore wieder
heraus in welches er das erstemal nach Gota gekommen war und nahm wieder den
Weg auf Erfurt zu um dann von da nach Mühlhausen zu gehen und endlich die
Barzantische Schauspielergesellschaft zu erreichen
    Denn als er nur erst wieder durch Gota war verschwand auch allmählich die
imaginierte Geschichte die ihn drei Tage vor Gota in der Irre herumgetrieben
hatte die erste Aussicht öffnete sich noch einmal wieder Gota lag wieder
hinter ihm und war wieder der Mittelpunkt seiner Bestrebungen so wie von
Eisenach hoffte er auch von Mühlhausen und zwar mit besserm Glück dorthin
zurückzukehren
    Nun war es aber schon dunkel ehe er ein Dorf erreichen konnte und er
verirrte sich und ging beinahe eine Meile um indes kam er zuletzt doch wieder
auf die rechte Straße und langte in demselben Gasthofe an wo er auf seiner
Hinreise von Erfuhrt nach Gota eine der widerwärtigsten Nächte in der
Gesellschaft von den groben Fuhrleuten zugebracht hatte deren Quam ihm noch in
frischem Andenken war
    In diesem Gasthofe fand er noch alles lebhaft und einen Handwerksburschen
unter den Bauern auf dem Flur sitzend denen er seine Reisen in Kursachsen
erzählte Gerade als Reiser in den Gasthof kam trat der Wirt herzu und gebot
dem Erzähler Stillschweigen weil es schon spät in die Nacht und Zeit sei sich
schlafen zu legen
    Der Handwerksbursch und die Bauern legten sich nun auf die Streu die schon
zubereitet war und worauf auch Reiser Platz nahm  Der Handwerksbursch konnte
sich über die Grobheit des Wirts gar nicht zufrieden geben und gar nicht darüber
einschlafen indem er unzähligemal versicherte dass ihm in ganz Kursachsen noch
keine solche Grobheit von irgendeinem Wirt widerfahren sei
    Als Reiser nun hier am andern Morgen seinen Dreier Schlafgeld bezahlt hatte
war sein Vermögen bis auf neun Pfennige geschmolzen und nun fing er an auf
einmal sich so erschöpft zu fühlen da rohe Wurzeln schon seit mehreren Tagen
seine einzige Kost gewesen waren dass der Gedanke an eine Meile die er gehen
sollte ihn mit Schrecken erfüllte denn er fühlte sich diesen Morgen wie
gelähmt und der Raum zwischen Mühlhausen und hier kam ihm wie eine furchtbare
Wüste vor durch die er ohne einen Labetrunk und ohne Stärkung reisen sollte
    Der Handwerksbursch der den Abend vorher von seinen Reisen in Kursachsen
bis in die späte Nacht erzählt hatte machte sich nun auf den Weg nach Erfurt
und fragte Reisern ob er auch des Weges ginge Dieser bejahte es und sie
wanderten in einem nicht übereilten Schritt miteinander fort
    Der Handwerksbursch welcher ein Buchbindergeselle und schon ziemlich betagt
war fragte Reisern nach seiner Profession und dieser antwortete er sei ein
Schuhknecht und fand ordentlich eine Art von Würde darin indem er sich einen
Schuhknecht nannte denn als ein solcher war er doch etwas als einer der ein
bloßes Blendwerk seiner Phantasie verfolgte war er nichts
    Der Buchbindergeselle schien seiner Erzählung nach schon seit vielen Jahren
aus dem Reisen ein eigenes Geschäft gemacht zu haben und war gegen seinen
Gefährten mit seinen Erfahrungen nicht zurückhaltend indem er ihn
unterrichtete wie man besonders im Sommer und in der Obstzeit mit einem halben
Gulden sehr weiter Touren machen könne ohne doch dabei Not zu leiden
    Obst meinte er würde einem nirgends versagt und Brot auch nicht leicht
auf die Weise brauche man des Tages oft nur wenige Pfennige zu verzehren  So
sei er schon mehrmalen ganz Kursachsen durchgereist und habe sich wohl dabei
befunden kurz er hielt Reisern würdig in seinen Orden initiiert zu werden
dessen Vorzüge und Annehmlichkeiten er ihm auf die reizendste Art beschrieb
weil es ein Leben voll immerwährender Veränderung und Unabhängigkeit war 
    Reiser aber fühlte seine Knie wanken und seine Müdigkeit nahm so sehr bei
jedem Schritte zu dass er in diesem Augenblick das einförmigste und abhängigste
Leben sich gerne hätte gefallen lassen wenn sich ein ruhiger Aufenthalt ihm
dargeboten hätte
    Sein Gefährte schien seinen Kummer zu merken und suchte ihm Trost und Mut
einzusprechen als sie schon nahe vor Erfurt an einen kühlen und klaren Quell
kamen der dem Buchbindergesellen schon bekannt war und wo sie bei der
drückenden Hitze beide ihren Durst löschten
    Nicht leicht kann diese wohltätige Quelle die den Einwohnern von Erfurt
wohlbekannt ist für einen Wanderer erquickender gewesen sein als sie es für
Reisern war der sich ganz erschöpft daran niederwarf und den Labetrunk den er
oft von Menschen kaum zu fordern wagte nun unmittelbar aus dem Schatz der Natur
empfing 
    Und dann erhielt so etwas für Reisern einen doppelten Wert weil er das
Poetische mit hinzutrug das nun bei ihm wirklich wurde und wovon man sagen
könnte dass es die einzige Schadloshaltung für die notwendigen Folgen seiner
Torheit war für die er selbst nicht konnte weil sie nach natürlichen Gesetzen
in sein Schicksal von Kindheit auf sich notwendig einflechten musste
    Als nun die alten Türme von Erfurt wieder aus dem Tale emporstiegen und
Reiser nun hoffnungslos dahin zurückwanderte wo er noch vor kurzem mit dem
jugendlichen Schimmer der ersten Hoffnung ausgereist war so fiel es ihm
sonderbar auf da sein Gefährte der Buchbindergeselle auf einmal zu ihm sagte
er glaube nicht dass Reiser ein Schuhknecht sei sondern hielte ihn für einen
Studenten der auf der Universität in Erfurt studieren wolle
    Reiser der schon wieder bis zum Hinsinken ermattet war fühlte sich durch
diese zufälligen Worte des Buchbindergesellen wie ins Leben zurückgerufen
    Sobald er in dieser Stadt die so nahe vor ihm lag studieren und bleiben
wollte war sie das Ende seiner mühseligen Wanderung sie war der Endzweck das
Ziel seiner Reise das er nun so nahe vor sich sah und wo er noch dazu auf
eine ehrenvolle Weise mit seinem Plane umwechseln konnte Je mehr seine
Müdigkeit zunahm je reizender und wünschenswerter wurde ihm der Gedanke an den
Aufenthalt in dieser weiten Stadt worin doch auch wie er dachte noch wohl ein
Plätzchen für ihn sich finden würde
    Dieser hoffnungslose traurige Zustand des Umherirrens worin er sich nun
schon seit mehreren Tagen befand konnte durch keinen Reiz einer angespannten
erhitzen Einbildungskraft mehr übertragen werden sondern der Gedanke der
gänzlichen Hülflosigkeit ermüdete ihn mit jedem Schritte noch mehr und die
Müdigkeit vermehrte wieder den Gedanken der Hülflosigkeit die vorzüglich aus
dem Sinken seines Mutes und aus der Erschöpfung seiner Kräfte entstand
    Sie kamen nun in die Stadt vor einem Bäckerhause vorbei wo auf dem Laden
eine Menge Brote aufgetürmt lagen Reiser wollte sich eins darunter aussuchen
und als er es kaum berühret hatte schoss beinahe der ganze Haufe von Broten auf
die Straße herunter  Die Leute im Hause fingen einen großen Lärm an und
Reiser musste mit seinem Gefährten sich nur schnell um eine Ecke wenden um den
Schmähungen zu entgehen So verfolgte Reisern sein widriges Geschick bis aufs
äußerste
    Sie kehrten nun in einem Gasthofe ein wo Reiser dem Durst nicht widerstehen
konnte und für die letzten neun Pfennige die er noch übrig hatte sich Bier
geben ließ Für diesen einen Trunk hatte er also sein Schlafgeld auf noch drei
künftige Nächte ausgegeben und ihm blieb nichts weiter übrig als ganz unter
freiem Himmel zu wohnen
    Bei diesem Gedanken war es ihm als ob er nun mit dem Trunk Bier die
Vergessenheit alles Künftigen und Vergangenen trinke und von allem Kummer auf
einmal befreit werden sollte Denn nun gab er sich ganz seinem Schicksale hin
und betrachtete sich wieder wie ein fremdes Wesen für das er nicht mehr denken
könnte weil es unwiederbringlich verloren war so schlummerte er ein und
schlief eine Stunde lang
    Als er erwachte war es noch eine Stunde vor Mittage sein Gefährte war
weggegangen und er saß den Kopf auf die Hand gestützt in stummer Verzweiflung
da als ein Mann der gerade gegen ihm über saß ihn anredete und sich
erkundigte ob er nicht ein fremder Student sei
    Als dies bejahet wurde erzählte der Mann gleichsam als ob er um Reisers
Zustand gewusst hätte dass der jetzige Prorektor der Universität der Abt vom
Benediktinerkloster auf dem Petersberge ein äußerst menschenfreundlicher Mann
sei der erst vor kurzem einem jungen Manne der auch mit Nichts hiehergekommen
sei sogleich Unterstützung verschafft und sich seiner auf das
menschenfreundlichste angenommen habe Wenn Reiser diesen Prälaten besuchen
wollte so solle er nur dreist zu ihm gehen er würde gewiss eine gütige Aufnahme
bei ihm finden Hierauf kamen andere Leute mit denen der Mann sich ins Gespräch
gab
    Reiser aber den die gänzliche Erschlaffung aller seiner Seelen und
Körperkräfte und der wohltätige Schlummer der hievon eine Folge war schon
wieder etwas gestärkt hatten fühlte sich auf einmal wieder mit neuer Hoffnung
und neuem Mut beseelt da er sich den Prälaten im Benediktinerkloster auf dem
Petersberge dachte
    Er machte sich sogleich auf den Weg und erkundigte sich nach dem
Petersberge ein junger Student der ihm begegnete gab ihm nicht nur höflich
Bescheid sondern begleitete ihn sogar eine Strecke um ihn gehörig
zurechtzuweisen Dies war ihm ein gutes Omen Er stieg den befestigten
Petersberg hinauf und die Wachen ließ ihn ungehindert durch 
    Er kam in der Wohnung des Prälaten an dessen Bedienter ihn mit einem
freundlichen Gesicht empfing und sobald er sagte dass er ein Student sei ihn
sogleich bei dem Prälaten zu melden versprach 
    Er ward eine Treppe hoch in einen großen Saal geführt in welchem Gemälde
hingen unter denen das eine den Petrus vorstellte wie er sich in des
Hohenpriesters Hause am Feuer wärmt  Indem Reisers Blicke noch auf dies
Gemälde geheftet waren trat der Prälat in seiner schwarzen Ordenskleidung mit
dem Brevier in der Hand heraus und Reiser richtete eine kurze lateinische
Anrede an ihn die er sich beim Hinaufsteigen auf den Petersberg ausgedacht
hatte und deren Inhalt war dass er vom widrigen Glück umhergetrieben nach
Erfurt gekommen sei und hier einige Unterstützung zu finden hoffte um auf
irgendeine Weise sein angefangenes Studium hier fortzusetzen
    Der Prälat fragte ihn mit großer Leutseligkeit wieder in lateinischer
Sprache ob er katholisch sei oder sich zur Augspurgischen Konfession bekenne
und als Reiser das letztere bejahte so antwortete ihm der Prälat fast mit
seinen eigenen Worten wieder es täte ihm zwar leid dass Reiser vom widrigen
Glück umhergetrieben sei doch sähe er noch kein Mittel wie er gerade auf
dieser Universität Unterstützung finden würde Indes wolle er ihm die Hoffnung
nicht dazu benehmen
    Hierauf fragte er nach Reisers Geburtsort und da dieser Hannover nannte so
fuhr der Prälat fort er gäbe ihm den Rat sich an den Doktor Froriep zu wenden
weil dieser gewissermaßen sein Landsmann sei Bei dem möchte er sich also melden
und dann wieder zu ihm kommen Mit diesen Worten drückte er Reisern ein Stück
Silbergeld in die Hand und fügte hinzu er möchte mit diesem kleinen Mittagsmahl
vorliebnehmen
    Wenn ja etwas den Mut des Zerschlagenen wieder aufrichten und den völlig
Gesunkenen von der Verzweiflung retten kann so ist es die Miene und der Ton
womit der Prälat Günter damals Reisers Bitte beantwortete und ihm seinen Rat
erteilte
    Von dieser Behandlung beinahe bis zu Tränen gerührt eilte Reiser fort und
glaubte zu träumen da er wieder draußen vor der Türe stand sein Stück Geld
besah und sich auf einmal wieder im Besitz von einem halben Gulden sah da es
ihm kurz vorher noch an einem Dreier für ein Nachtlager fehlte  Dieser halbe
Gulden dünkte ihm jetzt ein unschätzbarer Reichtum und war es auch wirklich für
ihn weil er ihm wieder den Mut einflößte woran sein ganzes Schicksal hing
    Er ging nun nach einem Speisehause und genoss zum ersten Male wieder warmes
Essen Gleich nach Tische aber erkundigte er sich nach der Kaufmannskirche bei
welcher der Doktor Froriep wohnte Er traf ihn gerade da er eben um zwei Uhr
des Nachmittags ein Kollegium lesen wollte und redete ihn auf eine ähnliche
Weise wie den Abt Günter lateinisch an
    Da der Doktor Froriep von Reisern hörte dass er aus Hannover sei nahm er
ihn außerordentlich freundlich auf und führte ihn mit sich in seinen Hörsaal wo
die Studenten schon mit den Hüten auf den Köpfen saßen welches für Reisern ein
ganz ungewohnter Anblick war um so viel mehr da er merkte dass man sich über
ihn aufhielt weil er nicht auch bedeckt blieb
    Er sah sich also nun auf einmal in Erfurt in dem Hörsaale eines Professors
mitten unter Studenten sitzen da er am Morgen eben dieses Tages noch weiter
nichts als das offene Feld das er durchwanderte zu seinem Aufenthalt vor sich
sah
    Der Doktor Froriep las Kirchengeschichte wobei auch manche lustige Anekdote
mit unterlief die das Auditorium aufmunterte und von den Musensöhnen oft mit
einem schallenden Gelächter begleitet wurde Dies alles war Reisern noch wie ein
Traum Er erinnerte sich an die Jahre seiner Kindheit wo ihm der Hörsaal der
Schule schon heilig war und jetzt fand er sich auf einmal in einem akademischen
Hörsaale über dem nun nichts Höhers mehr war
    Als das Kollegium zu Ende war nahm der Doktor Froriep Reisern mit sich auf
seine Stube und fragte ihn um seine Geschichte der er nun die neue Wendung gab
dass er sich in Hannover durch eine Schrift die übel ausgedeutet sei den Hass
eines vornehmen Mannes zugezogen und von dort habe weggehen müssen  Da er nun
weiter keine Aussicht gehabt so sei er auf die Gedanken gekommen sich dem
Theater zu widmen nach reiflicher Überlegung aber habe er diesen Entschluss
fahren lassen weil er wohl einsehe dass er sich auf immer für die Zukunft durch
diesen Schritt schaden würde und darum habe er nun gedacht sich in Erfurt aufs
neue dem Studieren zu widmen
    Nun war es merkwürdig wie Reiser diese Lüge die er sich während dem
Kollegium des Doktor Frorieps ausgedacht sich selbst ehe er sie sagte in
Wahrheit zu verwandeln suchte und wie jesuitisch er sich dabei selber täuschte
Er suchte sich nämlich in seinen Gedanken zu überzeugen dass er nun wirklich die
Torheit seines Unternehmens vollkommen einsehe und dass er nun ganz freiwillig
seinen Entschluss geändert habe und fest bei diesem Vorsatz bleiben würde wenn
sich ihm auch gleich jetzt die beste Gelegenheit den Schauplatz zu betreten von
selbst darböte
    Und was die erste Hälfte seiner Lüge anbetraf so suchte er sich
einzubilden dass in seiner Rede die er an der Königin Geburtstage gehalten
wirklich einige verfängliche Stellen wären die wohl jemand zu seinem Nachteil
ausgedeutet haben könnte Ob dies nun wirklich geschehen sei das berührte er
nun nicht weiter sondern beruhigte sich diesmal bei der Möglichkeit weil er
sich nicht anders zu helfen wusste
    Denn er durfte nicht sagen dass er aus Neigung zum Theater aus Hannover
gegangen sei wenn sein Trieb zum Studieren wahrscheinlich bleiben sollte und
die Duellgeschichte passte hier auch nicht her
    Der Doktor Froriep schien ihm zwar nicht recht zu glauben allein er fasste
eine höhere Idee von Reisern als dieser erwarten konnte indem er ihn für einen
Sohn angesehener Eltern hielt mit denen er sich entzweiet habe und deren Namen
er nur verschwiege Reiser fand es für sich schmeichelhaft dass man eine solche
Meinung von ihm hegen konnte die ihm um desto lieber war weil sie auf die
gefälligste Art seine Lüge zudeckte indem der Doktor Froriep die Unwahrheit
welche er selbst nicht glaubte doch am besten entschuldigte
    Und was nun kam war über alle seine Erwartung  Der Doktor Froriep redete
ihm zu er möchte nur gutes Mutes sein er wolle fürs erste Tisch und Wohnung
für ihn besorgen Reiser der am Morgen eben dieses Tages sich noch von aller
Welt verlassen sah trauete den tröstenden Worten kaum die er jetzt vernahm
und glaubte in dem Doktor Froriep in dem Augenblick seinen Schutzengel vor sich
zu sehen 
    Dieser schrieb ihm nun ein paar Zeilen womit er am andern Morgen wieder zu
dem Abt Günter gehen sollte der ihn auf Frorieps Bitte umsonst als Student
immatrikulieren würde
    Ein so glücklicher Wechsel des Schicksals versetzte Reisern in einen
Zustand der ihn aller seiner Widerwärtigkeiten vergessen machte so dass ihn
seine Wanderung auf das Ungewisse gar nicht mehr gereuete da sie ihn einen
solchen Zeitpunkt erleben ließ von dem sich wohl niemand eine vollkommne
Vorstellung machen kann der nicht auch einmal in seinem Leben von aller Hilfe
entblößt und an Körper und Seele gelähmt ohne Aussicht und ohne Hoffnung war
    In der Freude seines Herzens eilte er in den Gasthof wo er die Nacht
bleiben wollte ließ sich Papier holen und fing an seine eigenen Gedichte die
er auswendig wusste nacheinander wieder aufzuschreiben um sie am andern Tage
dem Doktor Froriep zu bringen und sich dadurch einigermaßen seiner
Aufmerksamkeit wert zu zeigen
    Er schrieb bis in die Nacht und wurde mit einigen Heften fertig Am andern
Morgen früh stieg er nun wieder voll ganz anderer Gedanken als gestern den
Petersberg hinauf und der gutmütige Abt Günter freute sich ihn wiederzusehen
gewährte ihm gern seine Bitte und fertigte ihm sogleich die Matrikel aus wobei
er ihm die akademischen Gesetze gedruckt übergab und deren Befolgung durch einen
Handschlag sich angeloben ließ
    Diese Matrikel worauf stand Universitas perantiqua die Gesetzeder
Handschlag waren für Reisern lauter heilige Dinge und er dachte eine Zeitlang
dies wolle doch weit mehr sagen als Schauspieler zu sein Er stand nun wieder
in Reihe und Glied war ein Mitbürger einer Menschenklasse die sich durch einen
höheren Grad von Bildung vor allen übrigen auszuzeichnen streben Durch seine
Matrikel war seine Existenz bestimmt kurz er betrachtete sich als er wieder
vom Petersberge hinunterstieg wie ein anderes Wesen
    Gegen Mittag zeigte er dem Doktor Froriep die erhaltene Matrikel vor und
brachte ihm zugleich seine Gedichte die diesmal weit mehr Glück machten als er
erwartet hatte In Erfurt war nämlich das Studium der schönen Wissenschaften
unter den Studenten noch etwas Seltenes und dem Doktor Froriep war es lieb
einen mehr zu haben der in diesem Fache den andern einigermaßen zum Beispiel
diente
    Diese Gedichte bewürkten also dass Reisers neuer Gönner sich nun noch weit
mehr für ihn interessierte und ihn keine Nacht mehr im Gasthofe ließ sondern
sogleich dem Universitätsquartiermeister der zugleich Fechtmeister war den
Auftrag gab ihm ein Logis zu verschaffen Dieser quartierte ihn dann fürs erste
bei einem alten Studiosus Medicinä ein welcher bei ihm im Hause wohnte und
weil er zugleich die Besorgung des Freitisches für die Studenten hatte so zog
er ihn fürs erste an seinen eigenen Tisch
    Bei diesen glücklichen Umständen wurde nun Reiser wieder auf manche Stunde
lang der unglücklichste Mensch von der Welt weil ihn seine Erziehung und der
Kummer von seinen Schuljahren drückten Die Idee von den Freitischen die er als
Schüler hatte genießen müssen lag wie eine Last auf ihm und er fühlte sich im
Grunde weit unglücklicher wie er nun an den Tisch des Fechtmeisters gehen
sollte als wie er auf dem Felde zwischen Gota und Eisenach rohe Wurzeln aß
    Dies machte dass er bei den Studenten welche auch mit ihm bei dem
Fechtmeister aßen für einen timiden und blöden Menschen gehalten wurde und da
sein Wirt der mit Studenten nach ihrer Art umging auch nicht viel Umstände mit
ihm machte so wurde dadurch sein Zustand noch unerträglicher er schien sich
auf einmal aus der unbegrenzten Freiheit in die niederträchtigste Abhängigkeit
wieder versunken zu sein
    Ohngeachtet seines scheuen Wesens aber war man schonend gegen ihn und dies
hatte er wiederum seinen aufgeschriebenen Gedichten zu danken wovon der Doktor
Froriep zu verschiedenen Leuten gesprochen hatte und die ihm ohne dass er
selbst es wusste unter den Studenten in Erfurt schon einen gewissen Namen
gemacht hatten so dass man nun sein sonderbares Wesen auf Rechnung seiner
Dichtergabe schrieb
    Es fehlte ihm nun gänzlich an Wäsche und hätte er einiges Zutrauen zu den
Menschen gehabt so hätte er auch jetzt diesen Mangel sehr leicht ersetzen
können Allein es war ihm unmöglich diesen Mangel zu gestehen der ihm am
drückendsten war und im Grunde seine meiste Traurigkeit verursachte die er aber
immer selbst auf etwas anders schob worüber er zu trauren gegen sich selbst
affektierte weil ihm der Mangel an Wäsche ein zu kleiner und unpoetischer
Gegenstand schien
    Der Fechtmeister wies ihm nun ein bleibendes Quartier bei einem Studenten
namens R  an bei dem er auch auf der Stube wohnen musste und der sogleich
eine Wochenschrift mit ihm gemeinschaftlich herausgeben wollte weil er sich von
Reisers Dichterund Schriftstellertalent schon große Vorstellungen gemacht
hatte Reiser dachte auch bald einen Plan zu einer Wochenschrift aus welche
sich mit einer Satire auf diese Art Schriften anheben und die letzte
Wochenschrift heißen sollte als aber sein neuer Stubengenosse merkte dass er
kein Geld bei sich führe und auch keine sehr bestimmte Aussicht habe welches zu
erhalten fing er an ziemlich kalt gegen ihn zu werden und riet ihm fürs erste
seinen Degen zu versetzen welches Reiser tat und nun auf einmal wieder
freundlichere Blicke erhielt Denn der Herr R  der ein sehr ordentlicher
Mann war wollte bei ihrer beiderseitigen literarischen Unternehmung nicht gerne
Auslagen machen
    Sie gingen nun beide hin zu einem Buchdrucker in Erfurt namens
Gradelmüller und brachten den Plan ihrer neuen Wochenschrift zum Vorschein
dieser stellte ihnen aber sehr nachdrücklich vor wie misslich ein solches
Unternehmen und wie viel sicherer es sei seine Aufsätze in ein Blatt zu geben
welches schon einmal bekannt und vom Publikum beliebt wäre wie zE die
Wochenschrift der Bürger und der Bauer welche er selbst herausgab und die von
Betteljungen in den Bierhäusern von Erfurt herumgetragen wurde
    Das war also eben der Bürger und Bauer den Reiser auf seiner ersten
Wanderung bei dem Jäger nicht weit von Mühlhausen vorgefunden hatte und zu
dessen Mitarbeiter er nun nebst seinem Stubengenossen von dem Verleger und
Herausgeber erwählt wurde Beide mussten nun den Abend bei dem Buchdrucker
speisen und es wurden Rettig und eine Art sehr harter länglichter kleiner Käse
die in Erfurt gewöhnlich sind aufgetragen wovon die beiden Mitarbeiter
unaufhörlich aßen während dass die Frau des Buchdruckers manchmal darzu sehr
sauer sah
    Der erste Aufsatz den nun der Student R  in die Wochenschrift der Bürger
und der Bauer lieferte war eine prosaische Nachahmung von dem Beatus ille des
Horaz Und der erste Aufsatz von Reiser war sein steifes Gedicht üben die Welt
das er schon in Hannover auf der Schule gemacht hatte
    Da nun aber für diese Aufsätze weiter kein Honorar erfolgte und der Plan
des Studenten R  durch eine Wochenschrift die er mit Reisern herausgeben
wollte ein Ansehnliches zu gewinnen auf die Weise ins Stocken geriet so hatte
auch Reiser weiter kein Interesse mehr für ihn welches ihm nicht zu verdenken
war da Reiser wegen seiner Melancholie die vorzüglich bei ihm aus dem Mangel
an Wäsche und nun auch wieder von dem schlechten Zustande seiner Schuhe
entstand nur ein trauriger Gesellschafter sein konnte
    Der Student R  suchte also Reisern nach Verlauf von acht Tagen die er
bei ihm gewohnt hatte schon wieder in einem andern Logis unterzubringen  Dies
war auf der Kirschlache in der Wohnung eines Brauers wo noch ein Student
logierte und der Sohn im Hause ebenfalls die Schule besuchte
    Hier bekam Reiser nun wiederum kein Zimmer für sich allein sondern musste so
wie der andre Student mit der Familie zusammenwohnen  Das Haus aber hatte eine
angenehme Lage  es stand in einer Reihe kleiner Häuser vor denen ein schmales
Gewässer vorbeifliesst dessen diesseitiges Ufer mit Bäumen bepflanzt ist
    Es war also keine ganz eingeengte Straße sondern das vorüberfliessende
Wasser und selbst die Kleinheit der Häuser trugen dazu bei dieser Gegend der
alten Stadt ein freies ländliches Ansehen zu geben
    Hinter dem Hause war gleich die alte Stadtmauer von welcher man die
Aussicht nach dem Kartäuserkloster hatte Die Mauer war oben zum Teil mit Gras
bewachsen und an verschiedenen Orten halb eingefallen so dass man bequem
hinaufsteigen und alsdann die großen Pläne von Gärten womit Erfurt noch
innerhalb seiner Mauren umgeben ist übersehen konnte
    Während dieser Zeit erhielt nun Reiser auch den ordentlichen Freitisch von
der Universität und die Idee des ruhigen Bleibens behielt nun auf einmal wieder
so sehr bei ihm die Oberhand dass er jetzt da er neunzehn Jahr alt war an
seinen Freund in Hannover schrieb er hoffe und wünsche nunmehr den Rest seiner
Tage in Erfurt zu beschließen
    Seine lernende Laufbahn sollte nämlich hier unmittelbar in die lehrende
übergehn und so sollte das Ziel aller seiner Wünsche und Hoffnungen dann
erreicht sein  Auf alles übrige Glänzende glaubte er nun Verzicht getan zu
haben und alle die schimmernden Teaterphantasien schienen auf eine Zeitlang
aus seinem Kopfe verschwunden zu sein
    Er war nun doch auf einmal in eine neue Welt versetzt und hatte gegen seinen
Aufenthalt in Hannover immer erstaunlich viel gewonnen
    Wenn er auf den Wällen von Erfurt um die Stadt spazieren ging so fühlte er
lebhaft dass er durch eigne Anstrengung sich aus seinem unerträglichen Zustande
gerissen und seinen Standpunkt in der Welt aus eigener Kraft verändert hatte
    Wenn er dann die Glocken von Erfurt läuten hörte so wurden allmählich alle
seine Erinnerungen an das Vergangene rege  der gegenwärtige Moment beschränkte
sein Dasein nicht  sondern er fasste alles das wieder mit was schon
entschwunden war
    Und dies waren die glücklichsten Momente seines Lebens wo sein eigenes
Dasein erst anfing ihn zu interessieren weil er es in einem gewissen
Zusammenhange und nicht einzeln und zerstückt betrachtete
    Das Einzelne Abgerissene und Zerstückte in seinem Dasein war es immer was
ihm Verdruss und Ekel erweckte
    Und dies entstand so oft als unter dem Druck der Umstände seine Gedanken
sich nicht über den gegenwärtigen Moment erheben konnten  Dann war alles so
unbedeutend so leer und trocken und nicht der Mühe des Denkens wert
    Dieser Zustand ließ ihn immer die Ankunft der Nacht einen tiefen Schlummer
ein gänzliches Vergessen seiner selbst wünschen  ihm kroch die Zeit mit
Schneckenschritten fort  und er konnte sich nie erklären warum er in diesem
Augenblicke lebte
    Im Anfange seines Aufenthalts in Erfurt waren dieser Augenblicke nur wenige
 er übersah das Leben immer mehr im ganzen  die Ortsveränderung war noch neu 
seine Einbildungskraft war durch das Immerwiederkehrende noch nicht gefesselt 
    Dies Immerwiederkehrende in den sinnlichen Eindrücken scheint es vorzüglich
zu sein was die Menschen im Zaum hält und sie auf einen kleinen Fleck
beschränkt  Man fühlt sich nach und nach selbst von der Einförmigkeit des
Kreises in welchem man sich umdreht unwiderstehlich angezogen gewinnt das
Alte lieb und flieht das Neue  Es scheint eine Art von Frevel aus dieser
Umgebung hinauszutreten die gleichsam zu einem zweiten Körper von uns geworden
ist in welchen der erstere sich gefügt hat
    Reisers Wohnung auf der Kirschlache schien auch gerade dazu gemacht zu sein
um seine Einbildungskraft aufs neue wieder zu fesseln
    Die Aussicht über die Gärten nach dem Kartäuserkloster hin hatte nämlich so
etwas Romantisches das Reisern unwiderstehlich anzog und seine Blicke auf jenen
stillen Sitz der Einsamkeit heftete nach welcher er eine heimliche Sehnsucht
empfand  Da das Gebäude seiner Phantasie gescheitert war und er die
geräuschvollen Weltszenen weder im wirklichen Leben noch auf dem Theater hatte
durchspielen können so fiel er nun wie es gemeiniglich zu geschehen pflegte
mit seiner ganzen Empfindung auf das andere Extrem
    Ganz von der Welt vergessen von Menschen abgeschieden in der stillen
Einsamkeit seine Tage zu verleben hatte einen unaussprechlichen Reiz für ihn 
und diese Abgeschiedenheit erhielt in seinen Gedanken einen desto höheren Wert
je größer das Opfer war das er brachte  Denn das worauf er Verzicht tat
waren seine liebsten Wünsche die in sein Wesen eingewebt schienen  Die Lampen
und Kulissen das glänzende Amphiteater war verschwunden die einsame Zelle
nahm ihn auf 
    Die hohe Mauer welche das Kartäuserkloster umschließt das Türmchen auf der
Kirche die einzelnen Häuschen die innerhalb der Mauer in einer Reihe
nacheinander stehen und wovon jedes durch eine Mauer vom andern abgesondert ein
eigenes Fleckchen zum Garten hat dies alles macht einen sehr interessanten
Anblick und diese Höhe der Mauer diese einzelnen Häuser und diese Gärtchen
dazwischen bezeichnen sehr auffallend und bedeutend die Einsamkeit und
Abgeschiedenheit der Bewohner dieses Orts
    Sooft die Glocke auf dem Türmchen angezogen wurde tönte sie in Reisers
Ohren wie die Sterbeglocke aller irdischen Wünsche und Aussichten in die Zukunft
dieses Lebens
    Denn hier war nun das Ziel von allem  nie durfte der Fuß des Eingeweihten
wieder aus dem Bezirk dieser Mauren treten  er fand hier seine immerwährende
Wohnung und sein Grab  Das Geläute der Kartäuser wird noch mehr durch die Art
mit der es geschieht und durch seine Langsamkeit traurig und melancholisch 
    Sowie nämlich die Kartäuser sich auf dem Chor versammlen tut jeder nach der
Reihe einen Zug an der Glocke und nimmt darauf seinen Platz ein bis alle vom
Ältesten bis zum Jüngsten hereingetreten sind
    Nun horchte Reiser auf den Schall dieser Glocke zuweilen in der stillen
Mittagsstunde zuweilen um Mitternacht oder bei frühem Morgen und jedesmal
erneuerte sich der Eindruck davon so lebhaft in seinem Gemüte dass immer das
ganze Bild der Einsamkeit und Stille des Grabes mit erwachte 
    Es kam ihm vor als ob diese abgeschiedenen Menschen ihren eigenen Tod
überlebten in ihren Gräbern umherwandelten und sich einander die Hände
reichten 
    Mit dieser Idee wurde er nach und nach so vertraut und sie wurde ihm so
lieb dass er sie manchmal um die angenehmsten Aussichten in das Leben nicht
hätte vertauschen mögen
    Er hatte nun auch wieder einen Brief von Philipp Reiser aus Hannover
erhalten der ebenso wie ehemals die Gespräche desselben statt einer besonderen
Teilnehmung an seines Freundes Schicksale eine etwas weitläuftige Schilderung
seiner damaligen Liebe enthielt und wie weit er nun schon in dieser Liebe
gekommen sei und was ihm noch für Hindernisse im Wege ständen
    Demohngeachtet trug Reiser diesen Brief beständig bei sich und las ihn zum
öfteren durch weil Philipp Reiser doch sein einziger Freund war
    Ohnweit der Kirschlache war ein angenehmer Spaziergang wo zwischen grünem
Gebüsch im Tale sich ein klarer Bach ergoss  Die Aussicht war rundumher
gehemmt und man befand sich in einer reizenden Einsamkeit 
    Hier brachte Reiser manche Stunde auf dem grünen Rasen am Ufer des Baches zu
und dachte über sein Schicksal nach und wenn er zu denken müde war so las er
den Brief seines Freundes durch den er so wenig ihn auch der Inhalt
interessierte am Ende fast auswendig lernte  denn er hatte doch einmal nichts
zu lesen was ihm näher gewesen wäre als dieser Brief
    Dazu kam noch der Umstand dass Philipp Reiser aus Erfurt gebürtig war sie
hatten also beide ihre Vaterstädte vertauscht  und Anton Reiser befand sich nun
auf demselbigen Fleck wo sein Freund die ersten Tage seiner Jugend verlebt und
die ersten Eindrücke von der ihn umgebenden Welt erhalten hatte
    Er durchlebte hier in Gedanken Philipp Reisers Kinderjahre und verdoppelte
sich in ihm wenn er in dem Tal am Bache saß und seinen Brief las der ihm denn
sein ganzes Wesen wieder in Erinnerung brachte
    Darum war ihm unter den Studenten auch Ockord so lieb der Philipp Reisern
in Erfurt noch gekannt hatte und mit dem er sich am öftersten von ihm
unterredete
    Dieser Ockord war damals ein junger liebenswürdiger Schwärmer vor seiner
Phantasie schwebte noch der jugendliche Lebensreiz und ihn beseelten hohe
Freundschaftsgefühle  zuweilen lief ein klein wenig Affektation mit unter im
Grunde aber hatte er wirklich ein gefühlvolles Herz
    An ihm fand Reiser seinen Mann und ruhte nicht eher bis er an einem
Sonntage mit ihm in die Kartäuserkirche ging denn allein hatte er sich weil es
ihm zu auffallend schien noch nicht getraut hereinzugehen
    Sie hatten sich unterwegens von der Nichtigkeit und Kürze des Lebens
unterhalten wobei zu bemerken ist dass Reiser damals neunzehn und Ockord
zwanzig Jahr alt war und wussten nicht was sie mit dem Rest ihrer Tage anfangen
sollten als sie in dem Kloster anlangten und in die Kirche traten welche schon
durch ihre leeren weißen Wände und den einsamen Chor die Stille des Grabes
predigte
    Die Kirche wird nämlich außer den Kartäusern selber fast von niemand
besucht und weil keine Gemeinde dazu gehört so ist hier weder Kanzel noch
Stühle oder Bänke sondern nichts als die leeren Wände und der flache Boden
welches dieser Kirche bei dem dämmernden Lichte das von oben durch die Fenster
fällt ein sehr ernstes und melancholisches Ansehen gibt Ockord und Reiser
knieten ganz allein an einem Pult vor dem Chore als die weissgekleideten Mönche
einer nach dem andern hereintraten und jeder sich bückend seinen Zug an der
Glocke tat
    Sie setzten sich an ihre Pulte auf dem Chor und stimmten ihren Bussgesang in
tiefen traurigen Tönen an  bald standen sie auf und sangen Hymnen die traurig
zurückerschallten dann fielen sie auf ihr Angesicht und flehten in tiefen
klagenden Tönen um Erbarmung  Ganz an dem einen Ende des halben Zirkels stand
ein Jüngling mit blassen Wangen von ausnehmend schöner Bildung  Reiser konnte
seine Augen nicht von den seinigen wenden die er andachtsvoll gen Himmel
schlug  Ockord kannte diesen Unglücklichen der in den Orden der Kartäuser
getreten war weil der Blitz seinen Jugendfreund an seiner Seite erschlagen
hatte  und Reisern schwebte das Bild dieses Jünglings von nun an beständig vor
der Seele 
    Halbe Tage brachte er auf der alten Mauer hinter seiner Wohnung zu und
sehnte sich in den Bezirk jener stillen Mauren hin die seiner Meinung nach eine
ganze Welt mit allen ihren Täuschungen und Blendwerken ausschlossen Mit jenem
Jüngling wollte er dort verblühen und dem Grabe zuwelken  dort wollte er selber
sein einsames Gärtchen bauen  den sanften Strahl der Abendsonne in seiner
Zelle begrüßen   und allen irdischen Wünschen und Hoffnungen entnommen mit
Ruhe und Heiterkeit dem Tode entgegensehen
    In dieser Stimmung machte er nun auf den alten eingefallnen Mauern hinter
seiner Wohnung folgendes Gedicht
Du stille geweihte Behausung des Grabes rührendes Vorbild
Welch eine geheime Empfindung heftet mein Auge voll Tränen
Auf deine einsamen Hütten Ehrwürdger Greis du Bewohner
Des Orts der Stille und der Andacht Heil dir vom leeren Gewimmel
Der gaukelnden Eitelkeit fern und fern vom Geräusche des Stolzes
Kannst du mit eignen Händen dein einsames Gärtchen dir bauen
Und deine Seele die oft mit edlem Unwillen strebet
Aus ihrem Kerker zu fliehen mit jedem kommenden Tage
Dem Himmel würdiger machen  Heil dir genieße die Segen
Der göttlichen Einsamkeit ganz dass dein von Erdegedanken
Schon lang entwöhnter Geist in Engelgefühlen zerfliesse
Und zu seinem ewigen Ursprung sich jauchzend emporschwinge  herrlich
O Greis war so das Los deiner Tage Du aber den Jahre
Voll Kummer des Lebens durchlebt noch nicht die sinkende Scheitel
Bereiften rüstger Mann und du starker blühender Jüngling
Der für die Freuden des Lebens die einsame Zelle sich wählte
O warst du vielleicht das Ziel der Verachtung des höhnenden Stolzes
Betrog dich vielleicht ein falscher Freund oder fühltest du lebhaft
Wie alle die Wünsche der Menschen und ihre Hoffnungen alle
So nichtig und doch so stolz sind Wars verbitternder Ekel
Vor diesen schalen unschmackhaften Freuden des Lebens der dir einst
Den blumigten Schauplatz der Welt zur traurigen Einöde machte
Dann wohl auch dir dass du eine sichere Freistatt vor allen
Den listgen Ränken der Bosheit fandst und vor dem Geräusche
Der Toren und vor der Verführung des schön gleissenden Lasters
Und vor des Lebens betrüglichen Freuden fandst  Doch was seh ich
Im Aug eine stumme Zähre zittert langsam die Wange
Des Jünglings herab der abgehärmt und bleich sein gebrochnes
Hinsterbendes Leben verweinet und wie die lechzende Blume
In schwülen Tagen dahinwelkt  Der du im geheiligten Kerker
Von keinem Strahl erquickt aus Zwang und Unbedacht schmachtest
O weine Jüngling weine Dein Gott vergibt dir die Zähren
Die der unschuldige Wunsch der Natur aus der Seele dir presste
O könnt ich doch meine Tränen mit deinen Tränen vermischen
Und sanften lindernden Trost in deine Seele hinweinen
Sanftlächelnd geht die Sonn am Frühlingsabend dir unter
Noch rötet ihr letzter Strahl mitleidig dein einsames Fenster
Du legst dich hin auf dein Lager und träumst von künftigen Tagen
Voll glänzender Aussichten schwimmst in Wonnegefühlen verlierst dich
In Labyrinten von Freuden erwachst vom glücklichen Schlummer
Und siehst  ach deiner traurigen Zelle öde vier Wänd und
Kein Strahl von Hoffnung lächelt hinein  o säuselt Zephire
Um dieses Jünglings Haus liebkoset und trocknet mitleidig
Vom Aug die Zähr ihm Blühet ihr Blumen in seinem Garten
Und um seine Fenster erschalle dein tröstendes Lied Philomele
Bis der Alliebende einst von des Lebens quälenden Banden
Die leidende Seele befreit dann wirst du voll zärtlicher Wehmut
Noch oft in durchtaueten Nächten um seine Grabstätte klagen
Reiser war wirklich so mit ganzer Seele bei den Kartäusern dass er anfing im
Ernst darauf zu denken wie er auch so abgeschieden von der Welt seine Tage
zubringen könnte und dann von allem was ihn drückte von seinen Wünschen und
Begierden die ihn quälten auf einmal und auf immer befreit sein würde 
    Als er schon einige Tage in diesen Gedanken vertieft gewesen war kam Ockord
zu ihm und sagte dass die Studenten in Erfurt willens wären eine Komödie zu
spielen und dass einige Rollen noch unbesetzt wären  
    Diese Anrede wirkte so mächtig auf Reisers Phantasie dass auf einmal das
Kartäuserkloster mit seinen hohen Mauren tief im Hintergrunde stand und die
Kulissen mit den Lichtern sich plötzlich wieder vordrängten da nun Ockord
überdem noch hinzufügte dass man damit umgehe in dem Stücke das man
aufzuführen willens sei Reisern eine Rolle anzutragen so war vollends jeder
ernste und melancholische Gedanke wie verschwunden
    Das Stück nämlich was die Studenten in Erfurt aufführen wollten hieß Medon
oder die Rache des Weisen und man könnte davon sagen dass es die ganze Moral in
sich enthielt so erstaunlich viel Tugend wurde von allen Personen darin
gepredigt
    In diesem Stücke nun sollte Reiser die Rolle der Klelie der Geliebten des
Medon übernehmen weil sich an seinem Kinne noch die wenigste Spur von einem
Barte zeigte und weil auch seine Länge als Frauenzimmer eben nicht auffiel da
der welcher den Medon spielte von einer fast riesenmässigen Größe war
Ohngeachtet der auffallenden Sonderbarkeit dieser Rolle konnte Reiser dennoch
seinem Hange das Theater auf irgendeine Weise zu betreten nicht widerstehen
um so weniger da sich ihm die Gelegenheit dazu so ganz ungesucht und von selbst
darbot
    Während der Zeit hatte nun der Doktor Froriep nach Hannover geschrieben und
sich wegen Reisers Aufführung bei seinem ehemaligen Lehrer dem Rektor Sextroh
wo er im Hause gewohnt hatte erkundigt und dieser hatte ihm ganz wider Reisers
Vermuten ein Zeugnis gegeben welches ihn bei dem Doktor Froriep noch weit mehr
in Gunst brachte
    Der Rektor Sextroh hatte nämlich geschrieben dass man allerdings von den
Anlagen dieses jungen Menschen sich viel versprochen hätte Und dies war für den
Doktor Froriep genug um das Nachteilige was dies Zeugnis enthielt mit
Schonung und Nachsicht zu betrachten und sich nun Reisers mit verdoppeltem Eifer
anzunehmen um ihm womöglich auch die Gnade des Prinzen wieder zu verschaffen
    Das Zeugnis selbst aber war auch schonend und nachsichtsvoll abgefasst
ausgenommen einen Punkt wo man Reisern wegen seiner nächtlichen Spaziergänge im
Verdacht der Liederlichkeit gehabt hatte und ihn also gerade einer Sache
beschuldigte wovon er am weitesten entfernt war weil er schon durch das
Drückende seines Zustandes durch seine Selbstverachtung und selbst durch seine
Schwärmereien davon abgehalten wurde
    Dann war sein Hang zum Theater dasjenige worauf man nicht ohne Grund seine
übrigen Unregelmässigkeiten schob und wodurch damals so viele junge Leute auf der
Schule in Hannover waren hingerissen worden 
    Und gerade indem nun dieser Brief ankam war Reiser schon wieder im Begriff
mit den Studenten in Erfurt Komödie zu spielen  Der Doktor Froriep widerriet
es ihm zwar da er aber sah wie sehr sein Herz daran hing sah er ihm auch
noch diese Torheit nach und entzog ihm darüber nichts von seiner Gunst
    Die Vorbereitungen zu der Komödie wurden nun gemacht Reiser lernte die
Rolle der Klelie auswendig und nun wurden häufige Proben gehalten wodurch
Reiser mit dem größten Teil der Studenten in Erfurt bekannt wurde die sich alle
gegen ihn sehr höflich betrugen und alle eine vorteilhafte Meinung von ihm
hegten wodurch er sich in eine Welt versetzt fand die von derjenigen ganz
verschieden war worin er von Kindheit auf gelebt hatte
    Zwischen diesen Komödienproben versäumte nun Reiser nicht des Doktor
Frorieps Predigerkollegium fleißig zu besuchen Dies bestand aus einer Anzahl
Studenten die sich in der Kaufmannskirche in Gegenwart des Doktor Froriep und
der übrigen Studenten bei verschlossnen Türen im Predigen übten
    Hier wünschte nun Reiser ebenfalls auftreten zu können um seine Deklamation
hier hören zu lassen und es war ihm immer eine der reizendsten Aussichten wenn
der Doktor Froriep ihm einmal verstatten würde hier die Kanzel zu besteigen
Auch hatte er sich schon ein Thema ausgedacht worin er die Schönheiten der
Natur den Wechsel der Jahreszeiten mit poetischen Farben schildern und mit den
glänzenden und schimmernden Aussichten in die Ewigkeit auf eine patetische
Weise seine Predigt beschließen wollte Allein es kamen immer Hindernisse
dazwischen dass ihm dieser Wunsch in Erfurt nicht gewährt wurde
    So wie man nun an allem zweifelt was man heftig wünscht so zweifelte er
auch immer ob die wirkliche Aufführung der Komödie zustande kommen und er seine
Rolle darin behalten würde Dieser Wunsch wurde ihm dann gewährt Er wurde mit
aller Sorgfalt als Klelie geschmückt Die Lichter wurden angezündet der Vorhang
rauschte empor und er stand nun da vor einem zahlreichen Auditorium und spielte
ganz unbefangen seine lange Rolle durch ohne dass ihm ein einzigesmal das
Unnatürliche davon eingefallen wäre so sehr war er in dem Gedanken vertieft
dass er in einer theatralischen Darstellung nun wirklich mit begriffen und dass
seine Mitwirkung in jedem Augenblick dazu notwendig war 
    Dies Vertiefen in seinen Gegenstand machte dass er sich selbst vergaß und
dass auch die Zuschauer das Unnatürliche der Rolle weniger bemerkten und er über
sein Spiel sogar noch Beifall erhielt Da er also nun den Schauplatz betreten
hatte und doch dabei Student blieb so machte ihm dies doppeltes Vergnügen und
er fühlte sich in der Wiedererinnerung an diesen Abend ein paar Tage über so
glücklich dass ihm alles das was ihm in den wenigen Wochen die er nun in
Erfurt zugebracht hatte schon begegnet war halb wie im Traume vorkam
    Er rückte nun auch in die Wochenschrift der Bürger und der Bauer von Zeit zu
Zeit Gedichte ein wodurch sein Name als Schriftsteller unter den Erfurtischen
Bürgern bekannt wurde dabei besorgte er Korrekturen für den Buchdrucker
Gradelmüller und wurde durch diesen mit einem Gelehrten bekannt den bei den
größten Vorzügen des Geistes und Herzens bis an seinen Tod ein widriges
Schicksal verfolgte weil er durch den langwierigen ununterbrochenen Druck der
Umstände verlernt hatte seinen Wert geltend zu machen und gerade die Kraft
wodurch er in der Welt festen Fuß fassen und seinen Platz behaupten musste bei
ihm gelähmt war
    Dieser Doktor Sauer hatte für den Buchdrucker Gradelmüller eine
Wochenschrift geschrieben unter dem Titel Medon oder die drei Freunde wovon ein
Jahrgang herausgekommen war Man sah auch hieran wie er mit dem Druck der
Umstände hatte kämpfen müssen wie schwer es ihm musste geworden sein eine
Anzahl trivialer Aufsätze niederzuschreiben wobei noch immer die Funken des
unterdrückten Genies hervorsprühten
    So aber musste er schreiben und wöchentlich seinen Bogen liefern um wiederum
ein Jahr lang von seinem mühseligen Leben zu atmen  Da nun die Wochenschrift
aufhörte so war er genötigt wieder von Korrekturen sein Dasein zu erhalten
Und da er selber dramatische Ausarbeitungen von vielem Wert in seinem Pulte
liegen hatte die er nicht wagte zum Vorschein zu bringen musste er für einen
vornehmen Herrn in Erfurt mit aller Sorgfalt und Korrekteit eines Kopisten ein
Trauerspiel für Geld abschreiben um mit dem Abschreiberlohn wiederum einige
Tage lang sein Leben zu fristen
    Als Arzt verdiente er nichts denn er fühlte einen besonderen Hang in sich
gerade den Leuten zu helfen die der Hilfe am meisten bedürfen und denen sie am
wenigsten geleistet wird Und weil dies nun gerade diejenigen sind welche die
Hilfe nicht zu bezahlen vermögen so geriet der Arzt selber in große Gefahr zu
verhungern wenn er nicht Wochenschriften herausgegeben Korrekturen besorgt und
Trauerspiele abgeschrieben hätte
    Kurz er ließ sich für seine Kuren nichts bezahlen und brachte auch dazu den
armen Leuten noch die Arzenei ins Haus die er selbst verfertigte und das
Wenige was ihm übrig oder nicht übrig blieb darauf verwandte Weil er sich nun
dadurch gleichsam weggeworfen hatte so hatten die Leute aus der großen und
vornehmen Welt kein Zutrauen zu ihm niemand zog ihn zu Rate und unter den
meisten war sogar sein Name nicht einmal bekannt ob er sich gleich als Arzt
schon keine geringe Erfahrung und Geschicklichkeit erworben hatte
    Er hatte auch in diesem Fache schon eigene vortreffliche Ausarbeitungen
geliefert die aber das Unglück hatten sich unter der Menge zu verlieren und
ebenso wie ihr Verfasser von den Zeitgenossen nicht bemerkt zu werden Und
während dass er nun seine übrigen medizinischen Ausarbeitungen in seinem Pulte
verschlossen hielt musste er die Schrift eines französischen Arztes der nach
Erfurt kam und besser als der Doktor Sauer sich wusste bemerken zu machen ins
Lateinische übersetzen um von dem Übersetzerlohne zu leben und für seine
hülflosen und armen Kranken neue Arzeneimittel zuzubereiten
    Der müsste ganz abgestumpft sein der diese Unwürdigkeiten und Demütigungen
vom Schicksal nicht fühlen sollte Der Doktor Sauer machte eine lächelnde Miene
dazu allein im Innersten seiner Seele untergrub doch jede dieser Demütigungen
und Herabwürdigungen seine Tatkraft und lähmte seinen Mut Wie konnte er seinem
innern Werte noch trauen da die ganze Welt ihn verkannte
    Wegen der Konnexion mit dem Buchdrucker Gradelmüller für welchen er die
Korrekturen besorgte gab er nun auch zuweilen Aufsätze in die berühmte
Erfurtische Wochenschrift der Bürger und der Bauer und da las Reiser einmal ein
Gedicht von ihm auf die freigewordenen Amerikaner welches wohl verdient hätte
in einer Sammlung von den vorzüglichsten Poesien der Deutschen zu stehen und
nun in einem Blatte sich verlor das in den Bierhäusern von Erfurt feilgeboten
wurde
    Es war als ob in diesem Gedichte sein unterdrückter Geist alle sein
Freiheitsgefühl noch einmal ausgehaucht hätte ein solcher Schwung und feurige
Teilnehmung herrschte in den Gedanken
    Ganz entzückt durch dies Gedicht konnte Reiser nicht ruhen bis er die
Bekanntschaft eines so vorzüglichen Mitarbeiters an der Wochenschrift der Bürger
und der Bauer gemacht hatte Es hielt aber schwer bis er diesen Wunsch
erreichte weil der Doktor Sauer eben keinen großen Hang in sich fühlen konnte
sich noch ferner an irgendeinen aus der Klasse von Wesen anzuschließen die ihn
gleichsam ausgestoßen hatte
    Indes fand sich doch ein Weg dazu weil Reiser sein Studium der englischen
Sprache auch in Erfurt fortgesetzt hatte dass er sich erbot dem Doktor Sauer
Englisch zu lehren weil dieser schon einige Male den Wunsch geäußert hatte mit
dieser Sprache bekannt zu sein Dies Anerbieten wurde dann angenommen und so
erhielt Reiser Gelegenheit wöchentlich wenigstens ein paarmal mit diesem Mann
zusammenzukommen an den er sich nun so nahe wie möglich anzuschließen wünschte
    Bei dieser Gelegenheit wurde er nun immer offener gegen Reisern und erzählte
ihm von den mannigfaltigen Unterdrückungen denen er von seiner Kindheit an von
seinen Anverwandten und von seinen Lehrern ausgesetzt war und nachher alle die
Streiche des Schicksals nacheinander die ihn bis in den Staub darniedergebeugt
hatten so dass Reiser im auffahrenden Unwillen sich nicht enthalten konnte die
Verkettung hämisch zu nennen worin ein denkendes und empfindendes Wesen
gleichsam absichtlich so eingeengt und gequält wird
    Während dass nun Reiser auf diese Art seinen Unwillen äußerte verzog sich
Sauers Mund zu einem sanften Lächeln wodurch er freilich über diesen Unwillen
erhaben aber auch zugleich von den irdischen Banden schon gelöst war und seiner
baldigen vollkommenen Befreiung ahndungsvoll entgegensah  Sein Kampf war
beinahe durchgekämpft er brauchte weiter keine widerstehende Kraft keinen
Trotz gegen das Schicksal
    Demohngeachtet loderte die Lebensflamme noch manchmal wieder in ihm auf Er
hoffte zuweilen noch glückliche Tage zu sehen und hatte einen großen Eifer zur
Erlernung des Englischen weil er sich von diesem seinem Studium viel versprach
um vorzüglich die in der englischen Sprache geschriebenen medizinischen Werke zu
nutzen und dann auch durch Übersetzungen aus dem Englischen Geld zu erwerben
    Dann bot sich ihm auch sogar eine kleine Aussicht zu einer Art von
Versorgung in Erfurt dar  und dies war ihm nun schon eine sehr glückliche
Wendung die er besonders seinem Ausharren zuschrieb Wer in Erfurt zu etwas
kommen wolle pflegte er nun oft zu Reisern zu sagen der müsse nur lange Zeit
ausharren und die Geduld nicht verlieren So bescheiden und mäßig war er in
seinen Wünschen und so sehr war jeder Schimmer eines bessern Glücks ihm schon
aufmunternd
    Er wusste nicht dass alles äußere Glück ihm nicht mehr helfen konnte weil
der Quell des Glücks in ihm selber versiegt und die Blume seines Lebens
zerknickt war so dass ihre Blätter notwendig welken mussten
    Reiser fühlte sich von einer solchen Teilnehmung angezogen als ob das
Schicksal dieses Mannes sein eigenes oder mit dem seinigen doch unzertrennlich
verknüpft gewesen wäre Es war ihm als müsste dieser Mann noch glücklich werden
wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten
    Reisern trog aber diesmal so wie nachher noch oft seine Ahndung und sein
Glaube an eine Entschädigung für erlittenen Kummer die notwendig noch auf Erden
stattfinden müsse  Sauer entschlummerte nach wenigen Jahren ohne bessere Tage
gesehen zu haben Da ihn von außen das Glück ein wenig anlächelte waren seine
innern Kräfte zerstört und er blieb unbemerkt und unbekannt bis an seinen Tod
so dass in der kleinen Gasse wo er wohnte seine nächsten Nachbaren als man den
Sarg hinaustrug fragten wer denn da begraben würde Ein Grad des
Nichtbemerktwerdens der in einer so unbevölkerten Stadt wie Erfurt höchst
auffallend ist
    Die wenigen Tage nun welche Reiser mit dem Doktor Sauer in Erfurt verlebte
waren für ihn höchst wichtig weil sie seiner Seele einen gewissen neuen Anstoß
gaben er raffte sich gegen alle die Unterdrückungen zusammen welche jenen
Geist so sehr hatten lähmen können Und der Unwille den er darüber empfand
flößte ihm einen gewissen Trotz ein auch dem Schwersten nicht zu unterliegen
und das gewissermaßen durch Widerstand zu rächen was jener gelitten hatte
    Sie waren eines Tages nach einem Dorfe vor Erfurt zusammen spazieren
gegangen und Ockord war mit von der Gesellschaft  Als sie gegen Abend
zurückkehrten kamen sie an ein Gewässer das mit dickem Gebüsch umgeben war und
schwarz zwischen seinen Ufern hinkroch Hier blieb Sauer stehen und suchte mit
dem Stocke die Tiefe zu messen die er aber nicht abreichen konnte Er blieb
stehen und sah mit untergeschlagenen Armen in das Wasser und bemerkte die
schwarze Fläche und wie langsam fliessend es dahinkröche  Das Bild wie Sauer
mit blassen Wangen und untergeschlagenen Armen bedeutungsvoll in diesen
Stygischen Fluss herunterblickte kam Reisern lebhaft wieder vor die Seele als
er einige Jahre nachher die Nachricht von seinem Tode vernahm  Denn wenn
irgendein bedeutendes Bild sich formte wo Zeichen und Sache eines wurden so
war es hier
    Für Reisern aber eröffneten sich wieder fröhliche Aussichten denn die
Studenten kamen auf den Einfall noch eine Komödie aufzuführen weil sie an
diesem Vergnügen nun einmal Geschmack bekommen hatten
    Die Stücke welche man wählte waren der Argwöhnische und der Schatz von
Lessing in dem ersten erhielt Reiser wiederum zwei Frauenzimmerrollen die er
mit Umkleidung spielen musste und in dem andern die Rolle des Maskaril und nun
war sein Schauspielerkredit unter den Studenten schon so befestiget dass man es
als eine Gefälligkeit von ihm ansah wenn er diese Rollen übernehmen wollte
und er sich also auf keine Weise dazu drängen durfte
    Während dass nun die Veranstaltungen zu dieser zweiten theatralischen
Vorstellung gemacht wurden fing Reiser zu gleicher Zeit eine Ausarbeitung über
die Empfindsamkeit an womit er zuerst als Schriftsteller auftreten wollte In
dieser Schrift sollte die affektierte Empfindsamkeit lächerlich gemacht und die
wahre Empfindsamkeit in ihr gehöriges Licht gestellt werden
    Die seinsollende Satire gegen die Empfindsamkeit geriet nun freilich
ziemlich grob indem er sie mit einer Seuche verglich vor der man sich zu hüten
habe und jedwedem der aus einer Gegend käme wo die Empfindsamkeit herrschte
den Eingang in Städte und Dörfer versperren müsse
    Dieser Unwille war vorzüglich durch die empfindsamen Reisen die nach und
nach in Deutschland erschienen und durch die vielen affektierten Nachahmungen
von Werters Leiden bei Reisern erweckt worden ob er sich gleich selber auch
heimlich dieser Sünde anklagen musste um desto heftiger suchte er nun auch
zugleich zu seiner eigenen Besserung dagegen zu eifern
    Gerade da er eines Abends an dieser Abhandlung schrieb trat der
Buchdrucker Pockwitz aus Hannover in die Stube und brachte ihm einen Brief von
Philipp Reisern Dies war eben der Buchdrucker für den er in Hannover eine
Anzahl kleiner Neujahrswünsche verfertigt und sich zum erstenmal in denselben
gedruckt gesehen hatte
    Als Reiser den Buchdrucker vor die Türe hinausbegleitete drückte ihm dieser
ein kleines Goldstück in die Hand welches hinlänglich war einen Menschen der
nun seit einigen Wochen schon ganz von Gelde entblößt war und sich doch seinen
Mangel nicht wollte merken lassen auf einmal aus dem Staube zu heben
    Dies unvermutete Geschenk erhielt noch einen größeren Wert durch die Art
womit es gegeben wurde indem der Buchdrucker Pockwitz die Worte hinzufügte es
sei diese Kleinigkeit eine alte Schuld die er abtrüge weil nämlich Reiser
Neujahrwünsche Gedichte usw bloß der Ehre wegen in Hannover für ihn verfertigt
hatte
    In Reisers Umständen hatte ein Goldgulden woraus dies Geschenk bestand für
ihn einen unschätzbaren Wert und riss ihn auf einmal aus einer Menge kleiner
Verlegenheiten die er keinem Menschen hätte sagen dürfen Dies machte dass er
nun in Erfurt wirklich einige glückliche Tage erlebte wo er eben durch nichts
weder von innen noch außen gedrückt wurde und auch in die Zukunft keine trübe
Aussichten hatte
    Der Brief von Philipp Reisern war auch interessanter als der vorhergehende
denn er enthielt die Nachricht dass verschiedene von Reisers Mitschülern welche
mit ihm zugleich in Hannover Komödie gespielt hatten seinem Beispiele gefolgt
und auch zum Teil heimlich fortgegangen wären um sich dem Theater zu widmen
    Darunter war vorzüglich Iffland der im Klavigo den Beaumarchais gespielt
hatte der Sohn des Kantor Winter  der Präfektus aus dem Chore namens
Ohlhorst und ein gewisser Timäus eines Predigers Sohn mit dem Reiser kurz vor
seinem Abschiede noch einige romantische Spaziergänge bei Hannover gemacht
hatte Nun fand Reiser eine sonderbare Art von Stolz darin da er doch von allen
diesen nachgeahmt war dass er zuerst den Mut gehabt hatte einen solchen Schritt
zu tun
    Dann schrieb ihm Reiser in seinem überspannten Stile dass der Dichter Hölty
in Hannover gestorben sei und schloss am Ende mit den Worten freue dich
Dichter weine Mensch  Von dem Fortgange seines Liebesromans enthielt dieser
Brief nur wenig
    Während dass nun Reiser mit den Rollen in der zweiten Komödie beschäftigt
war fand er einen neuen Freund in Erfurt einen Studenten namens Neries aus
Hamburg gebürtig der bei dem Doktor Froriep im Hause wohnte welcher ihm eine
Abschrift von Reisers Gedichte das Kartäuserkloster gezeigt und dadurch dem
Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschafft hatte
    Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art wogegen
Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war
    Der junge Neries hatte wirklich ein gefühlvolles Herz er ließ sich aber
auch durch den Strom hinreißen und spielte bei jeder Gelegenheit den
Empfindsamen ohne es selbst zu wissen denn er eiferte sehr oft mit Reisern
gegen das Lächerliche einer affektierten Empfindsamkeit  weil er aber nicht
bloß vor andern empfindsam zu scheinen sondern es für sich selber wirklich zu
sein suchte so deuchte ihm das keine Affektation mehr sondern er trieb dies
nun als eine ganz ernsthafte Sache die keinen Spott auf sich leidet und zog
Reisern allmählich mit in diesen Wirbel hinüber der die Seele so lange
hinaufschraubt bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerät den man sich
denken kann
    Reisern war es schon aufmunternd dass ungeachtet seiner dürftigen Umstände
sich jemand an ihn schloss dem es nicht an äußern Glücksgütern fehlte  Nach
und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und Anhänglichkeit an
den jungen Neries welche durch dessen wahre Freundschaft für Reisern immer
vermehrt wurde so dass sie sich immer mehr auch in ihren Torheiten einander
näherten und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise
einander mitteilten
    Dies geschahe nun vorzüglich auf ihren einsamen Spaziergängen wo sie nur
gar zu oft zwischen sich und der Natur eine Szene veranstalteten indem sie etwa
bei Sonnenuntergang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem
trüben Tage Zachariäs Schöpfung der Hölle usw
    Vorzüglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes von welchem
man die Stadt Erfurt mit ihren alten Türmen und ihrem ganzen Umfange von Gärten
kann liegen sehen Da hinauf gehen die Einwohner von Erfurt häufig spazieren
machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an und kochen sich den
Kaffee um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern
    Hier saßen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus
irgendeinem Dichter wechselsweise vor welches die meiste Zeit eine wahre Mühe
und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war den sie sich aber einander
nicht gestanden um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen Wir haben am
Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen haben von da in das
anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke
der Dichtkunst genährt
    Wenn man erwägt wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen um das
Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen so kann man sich
denken mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen
empfindsamen Szenen kämpfen mussten wie oft der Boden feucht war die Ameisen an
die Beine krochen der Wind das Blatt verschlug usw
    Neries fand nun einen vorzüglichen Gefallen daran Klopstocks Messiade
Reisern ganz vorzulesen bei der entsetzlichen Langeweile nun die diese
Lektüre beiden verursachte und die sie sich doch einander und jeder sich selber
kaum zu gestehen wagten hatte Neries doch noch den Vorteil des lauten Lesens
womit ihm die Zeit verging Reiser aber war verdammt zu hören und über das
Gehörte entzückt zu sein welches ihm mit die traurigsten Stunden in seinem
Leben gemacht hat deren er sich zu erinnern weiß und welche ihn am meisten
zurückschrecken würden seinen Lebenslauf noch einmal von vorn wieder
durchzugehen Denn keine größere Qual kann es wohl geben als eine gänzliche
Leerheit der Seele welche vergebens strebt sich aus diesem Zustande
herauszuarbeiten und unschuldigerweise sich selber in jedem Augenblicke die
Schuld beimisst und sich selber ihres Stumpfsinns anklagt dass sie von den
erhabenen Tönen die unaufhörlich in ihre Ohren klingen nicht gerührt und
erschüttert wird
    Ob nun gleich Neries und Reiser fast unzertrennlich beisammen waren so
sehnte sich der letztre doch wieder nach einsamen Spaziergängen die ihm immer
das reinste Vergnügen gewähret hatten allein dies hatte er sich nun auch
verleidet denn gemeiniglich versprach er sich von einem solchen Spaziergänge zu
viel und kehrte verdrießlich wieder zu Hause wenn er nicht gefunden hatte was
er suchte sobald das Dort nun Hier wurde hatte es auch alle seinen Reiz
verloren und der Quell der Freude war versiegt 
    Der Verdruss der dann in die Stelle der gereizten Hoffnung trat war von
einer so groben gemeinen und niedrigen Art dass auch nicht der mindeste Grad
von einer sanften Melancholie oder etwas dergleichen damit bestehen konnte Es
war ungefähr die Empfindung eines Menschen der ganz vom Regen durchnässt ist
und indem er vor Frost schaudernd zu Hause kehrt auch noch eine kalte Stube
findet
    Ein solches Leben führte Reiser und schrieb dabei immer an seiner Abhandlung
gegen die falsche Empfindsamkeit fort wobei er denn bei seinen einsamen
Spaziergängen einmal eine sonderbare Äußerung von Empfindsamkeit bei einem
gemeinen Menschen bemerkte bei dem er dieselbe am wenigsten erwartet hätte
    Er ging nämlich zwischen den Gärten von Erfurt spazieren und da es gerade
in der Pflaumenzeit war so konnte er sich nicht enthalten von einem
überhangenden Aste eine schöne reife Pflaume abzupflücken welches der
Eigentümer des Gartens bemerkte der ihn sehr unsanft mit den Worten anfuhr ob
er wohl wisse dass die Pflaume die er da abgepflückt hätte ihm einen Dukaten
kosten würde
    Reiser suchte abzudingen musste aber zugleich gestehen dass er keinen Heller
Geld bei sich habe Um nun aber den Eigentümer des Gartens wegen der geraubten
Pflaume einigermaßen zu befriedigen musste er ihm sein einziges gutes
Schnupftuch aus der Tasche geben dessen Verlust ihm sehr leid tat
    Als er nun traurig wegging sah er nachdem er nur wenige Schritte getan
hatte ein schönes Einlegemesser vor sich auf der Erde liegen er hob es
geschwind auf und rief den Gärtner wieder zurück dem er einen Tausch antrug ob
er nicht für das gefundene Messer ihm sein Schnupftuch zurückgeben wolle
    Wie erstaunte Reiser als nun der Gärtner der vorher so grob gegen ihn
gewesen war ihm auf einmal um den Hals fiel und küsste und sich seine
Freundschaft ausbat weil Reiser notwendig ein Günstling der Vorsehung sein
müsse da sie ihn gerade das Messer habe finden lassen welches niemand anders
als der Gärtner selbst verloren hatte der nun Reisern sein Schnupftuch mit
Freuden wiedergab und ihn zugleich versicherte dass sein Garten ihm zu jeder
Zeit offen stände um so viel Pflaumen wie er wollte zu pflücken und dass er
ihm in jeder Sache dienen würde wo er nur könnte denn ein so außerordentlicher
Fall sei ihm noch nicht vorgekommen
    Als Reiser im Weggehen über diesen sonderbaren Zufall nachdachte fiel er
ihm um so mehr auf weil dies das erstemal in seinem Leben war dass ihm ein
eigentlich glückliches Ereignis begegnete wobei mehrere Umstände sich
vereinigen mussten die sich sonst selten zu vereinigen pflegen
    Sein Glück scheint sich in dieser Kleinigkeit gleichsam ganz erschöpft zu
haben um ihn im Großen wieder desto mehr büßen zu lassen was er auf keine
andre Weise als durch sein Dasein verschuldet hatte
    Es war wie bei dem Landprediger von Wakefield der einen ganz ungewöhnlich
glücklichen Wurf mit den Würfeln tat indem er mit seinem Freunde um wenige
Pfennige spielte kurz vorher ehe er die Nachricht von dem Bankerott des
Kaufmanns erhielt durch welchen er sein ganzes Vermögen verlor
    Noch eine kleine Weile hielt das Schicksal die Demütigungen zurück welche
es Reisern zugedacht hatte und ließ ihn noch ungestört in seinem Vergnügen das
ihm nun die zweite Komödienaufführung gewährte und worin ihm drei Rollen zuteil
geworden waren
    Sein sehnlichster Wunsch war doch also nun einigermaßen erfüllt ob er
gleich in keiner tragischen Rolle hatte glänzen können Und was noch mehr war
so hatte man eine Art von Zutrauen zu seinen theatralischen Einsichten man
fragte ihn um Rat und er wurde nun durch seine Teilnehmung an der Komödie
sowohl als durch seine geschriebenen Gedichte unter den Studenten noch mehr
bekannt die ihm mit Höflichkeit begegneten welches ihm für seine Lage auf der
Schule in Hannover ein angenehmer Ersatz war
    dabei besuchte er nun fleißig die Universitätsbibliotek wo er einen
besonderen Gefallen daran fand des Du Halde Beschreibung von China zu studieren
und sehr viele Zeit damit verschwendete
    Grade damals erschien auch Siegwart eine Klostergeschichte und er las mit
seinem Freunde Neries das Buch zu mehreren Malen durch und beide taten sich bei
der entsetzlichsten Langeweile Zwang an in der einmal angefangenen Rührung
alle drei Bände hindurch zu bleiben
    Am Ende hatte Reiser nichts weniger im Sinne als die ganze Geschichte in
ein historisches Trauerspiel zu bringen wozu er wirklich allerlei Entwürfe
machte und die schöne Zeit damit verschwendete
    Wenn es ihm dann nicht wie er wünschte geraten wollte so hatte er nach
jeder vergebnen Anstrengung dieser Art die trübseligsten und widrigsten Stunden
die man sich nur denken kann Die ganze Natur und alle seine eigenen Gedanken
hatten dann ihren Reiz für ihn verloren jeder Moment war ihm drückend und das
Leben war ihm im eigentlichen Verstande eine Qual
                             Die Leiden der Poesie
können daher wohl in jedem Betracht eine eigene Rubrik in Reisers
Leidensgeschichte ausmachen welche seinen innern und äußern Zustand in allen
Verhältnissen darstellen sollen und wodurch dasjenige gewiss werden soll was bei
vielen Menschen ihr ganzes Leben hindurch ihnen selbst unbewusst und im Dunkeln
verborgen bleibt weil sie Scheu tragen bis auf den Grund und die Quelle ihrer
unangenehmen Empfindungen zurückzugehen
    Diese geheimen Leiden waren es womit Reiser beinahe von seiner Kindheit an
zu kämpfen hatte
    Wenn ihn der Reiz der Dichtkunst unwillkürlich anwandelte so entstand
zuerst eine wehmütige Empfindung in seiner Seele er dachte sich ein Etwas
worin er sich selbst verlor wogegen alles was er je gehört gelesen oder
gedacht hatte sich verlor und dessen Dasein wenn es nun wirklich von ihm
dargestellt wäre ein bisher noch ungefühltes unnennbares Vergnügen verursachen
würde
    Nun war aber noch nicht ausgemacht ob dies ein Trauerspiel oder eine
Romanze oder ein elegisches Gedicht werden sollte genug es musste etwas sein
das wirklich eine solche Empfindung erweckte wovon der Dichter gewissermaßen
schon ein Vorgefühl gehabt hatte
    In den Momenten dieses seligen Vorgefühls konnte die Zunge nur stammelnde
einzelne Laute hervorbringen Etwa wie die in einigen Klopstockschen Oden
zwischen denen die Lücken des Ausdrucks mit Punkten ausgefüllt sind
    Diese einzelnen Laute aber bezeichneten denn immer das Allgemeine von groß
erhaben Wonnetränen und dergleichen  Dies dauerte denn so lange bis die
Empfindung in sich selbst wieder zurücksank ohne auch nur ein paar vernünftige
Zeilen zum Anfange von etwas Bestimmten ausgeboren zu haben
    Nun war also während dieser Krisis nichts Schönes entstanden woran sich die
Seele nachher hätte festhalten können und alles andre was wirklich schon da
war wurde nun keines Blickes mehr gewürdiget Es war als ob die Seele eine
dunkle vorstellung von etwas gehabt hätte was sie selbst nicht sein konnte und
wodurch ihr eigenes Dasein ihr verächtlich wurde
    Es ist wohl ein untrügliches Zeichen dass einer keinen Beruf zum Dichter
habe den bloß eine Empfindung im allgemeinen zum Dichten veranlasst und bei dem
nicht die schon bestimmte Szene die er dichten will noch eher als diese
Empfindung oder wenigstens zugleich mit der Empfindung da ist Kurz wer nicht
während der Empfindung zugleich einen Blick in das ganze Detail der Szene werfen
kann der hat nur Empfindung aber kein Dichtungsvermögen
    Und gewiss ist nichts gefährlicher als einem solchen täuschenden Hange sich
zu überlassen die warnende Stimme kann nicht früh genug dem Jüngling zurufen
sein Innerstes zu prüfen ob nicht der Wunsch bei ihm an die Stelle der Kraft
tritt und weil er diese Stelle nie ausfüllen kann ein ewiges Unbehagen die
Strafe verbotenen Genusses bleibt
    Dies war der Fall bei Reisern der die besten Stunden seines Lebens durch
misslungene Versuche trübete durch unnützes Streben nach einem täuschenden
Blendwerke das immer vor seiner Seele schwebte und wenn er es nun zu umfassen
glaubte plötzlich in Rauch und Nebel verschwand
    Wenn nun je der Reiz des Poetischen bei einem Menschen mit seinem Leben und
seinen Schicksalen kontrastierte so war es bei Reisern der von seiner Kindheit
an in einer Sphäre war die ihn bis zum Staube niederdrückte und wo er bis zum
Poetischen zu gelangen immer erst eine Stufe der Menschenbildung überspringen
musste ohne sich auf der folgenden erhalten zu können
    So ging es ihm nun jetzt wieder in seiner äußerlichen Lage er hatte
eigentlich keine Stube für sich sondern musste da es nun anfing kälter zu
werden mit in der gemeinschaftlichen Stube wohnen deren Einwohner wenn
ausgefegt wurde so lange herausgehen mussten
    In dieser Stube wohnte die ganze Familie nebst Reisern und noch einem
Studenten und jeder nahm seine Besuche von Fremden darin an es wurde darin
erzählt von Kindern gelärmt gesungen gezankt und geschrien und dies war nun
die nächste Umgebung worin Reiser seine philosophische Abhandlung über die
Empfindsamkeit schreiben und seine poetischen Ideale außer sich darstellen
wollte
    Hier sollte also nun das Trauerspiel Siegwart geschrieben werden das sich
mit seiner Einkehr bei dem Einsiedler anhub welches immer Reisers Lieblingsidee
und die Lieblingsidee fast aller jungen Leute zu sein pflegt welche sich
einbilden einen Beruf zur Dichtkunst zu haben
    Dies ist sehr natürlich weil der Zustand eines Einsiedlers gewissermaßen an
sich selber schon Poesie ist und der Dichter seinen Stoff schon beinahe
vorgearbeitet findet
    Wer aber zuerst auf solche Gegenstände fällt bei dem ist es auch fast immer
ein Zeichen dass bei ihm keine echte poetische Ader stattfinde weil er die
Poesie in den Gegenständen sucht die in ihm selber schon liegen müsste um jeden
Gegenstand der sich seiner Einbildungskraft darbietet zu verschönern
    So ist die Wahl des Schrecklichen ebenfalls ein schlimmes Zeichen wenn das
vermeinte poetische Genie gleich zuerst darauf verfällt denn freilich macht
sich hier das Poetische auch schon von selber und die innere Leerheit und
Unfruchtbarkeit soll durch den äußern Stoff ersetzt werden
    Dies war der Fall bei Reisern schon in Hannover auf der Schule wo er
Meineid Blutschande und Vatermord in einem Trauerspiele zusammenzuhäufen
suchte das der Meineid heißen sollte und wobei er sich dann immer die
wirkliche Aufführung des Stücks und zugleich den Effekt dachte den es auf die
Zuschauer machen würde
    Dies zweite Zeichen sollte ebenfalls für jeden der sich wegen seines
poetischen Berufes sorgfältig prüft schon abschreckend sein Denn der wahre
Dichter und Künstler findet und hofft seine Belohnung nicht erst in dem Effekt
den sein Werk machen wird sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnügen und
würde dieselbe nicht für verloren halten wenn sie auch niemanden zu Gesicht
kommen sollte Sein Werk zieht ihn unwillkürlich an sich in ihm selber liegt
die Kraft zu seinen Fortschritten und die Ehre ist nur der Sporn der ihn
antreibt
    Die bloße Ruhmbegier kann wohl die Begier einhauchen ein großes Werk zu
beginnen allein die Kraft dazu kann sie dem nie gewähren der sie nicht schon
besaß ehe er selbst die Ruhmbegier noch kannte
    Noch ein drittes schlimmes Zeichen ist wenn junge Dichter ihren Stoff sehr
gerne aus dem Entfernten und Unbekannten nehmen wenn sie gern morgenländische
Vorstellungsarten und dergleichen bearbeiten wo alles von den Szenen des
gewöhnlichen nächsten Lebens der Menschen ganz verschieden ist und wo also auch
der Stoff schon von selber poetisch wird
    Dies war denn auch der Fall bei Reisern er ging schon lange mit einem
Gedicht über die Schöpfung schwanger wo der Stoff nun freilich der
allerentfernteste war den die Einbildungskraft sich denken konnte und wo er
statt des Detail vor dem er sich scheute lauter große Massen vor sich fand
deren Darstellung man denn für die eigentlich erhabene Poesie hält und wozu die
unberufenen jungen Dichter immer weit mehr Lust haben als zu dem was dem
Menschen naheliegt denn in dies letztere muss freilich ihr Genie die Erhabenheit
erst hereintragen welche sie in jenem schon vor sich zu finden glauben
    Reisers äußere Lage wurde hiebei mit jedem Tage drückender weil die
gehoffte Unterstützung aus Hannover nicht erfolgte und seine Hausleute ihn immer
mehr mit scheelen Blicken ansahen je mehr sie inne wurden dass er weder Geld
besitze noch welches zu hoffen habe Sein Frühstück und Abendbrot was er hier
genoss war er nicht mehr imstande zu bezahlen und man ließ ihm deutlich merken
dass man nicht länger willens sei ihm zu borgen da man also keinen Nutzen von
ihm ziehen konnte und er überdem ein trauriger Gesellschafter war so war es
natürlich dass man seiner los zu sein wünschte und ihm die Wohnung aufkündigte
    So wenig auffallend dies nun an sich war so tragisch nahm es Reiser Der
Gedanke des Lästigseins und dass er von den Leuten unter denen er lebte
gleichsam nur geduldet würde machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhasst
Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drängten sich zusammen Er
häufte selber alle Schmach auf sich und wollte verzweiflungsvoll sich einem
blinden Schicksal aufs neue überlassen
    Er wollte noch an diesem Tage wieder aus Erfurt gehen und tausenderlei
romanhafte Ideen durchkreuzten sich in seinem Kopfe worunter eine ihm besonders
reizend schien dass er in Weimar bei dem Verfasser von Werters Leiden wollte
Bedienter zu werden suchen es sei unter welchen Bedingungen es wolle dass er
auf die Art gleichsam unerkannter Weise so nahe um die Person desjenigen sein
würde der unter allen Menschen auf Erden den stärksten Eindruck auf sein Gemüt
gemacht hatte er ging vors Tor und blickte nach dem Ettersberge hinüber der
wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinen Wünschen lag
    Nun ging er zu Froriep um Abschied von ihm zu nehmen ohne ihm eine
eigentliche Ursache sagen zu können weswegen er Erfurt wieder verlassen wolle
Der Doktor Froriep schob diesen Entschluss auf seine Melancholie redete ihm zu
dass er bleiben solle und entließ ihn nicht eher bis Reiser ihm versprochen
hatte wenigstens heute und morgen noch nicht abzureisen
    Diese Teilnehmung an seinem Schicksale war nun zwar für Reisern wieder sehr
schmeichelhaft sobald er sich aber wieder allein fand verfolgte der Gedanke
des Lästigseins in seiner nächsten Umgebung ihn wie ein quälender Geist er
hatte nirgends Ruhe noch Rast streifte in den einsamsten Gegenden von Erfurt
umher in der Gegend des Kartäuserklosters wohin er sich nun im Ernst wie nach
einem sichern Zufluchtsorte sehnte und wehmütig nach den stillen Mauern
hinüberblickte
    Dann irrte er weiter umher bis es Abend wurde wo der Himmel sich mit
Wolken überzog und ein starker Regen fiel der ihn bald bis auf die Haut
durchnetzte Der Fieberfrost welcher sich nun zu den innern Unruhen seines
Gemüts gesellte trieb ihn in Sturm und Regen umher bei altem Gemäuer und durch
einsame öde Straßen denn in seine bisherige Wohnung zurückzukehren davon
konnte er den Gedanken nicht ertragen
    Er stieg die hohe Treppe zu dem alten Dom hinauf band sich ein Tuch um den
Kopf und suchte sich unter altem Gemäuer eine Weile vor dem Regen zu schützen
Vor Müdigkeit fiel er hier in eine Art von betäubendem Schlummer aus dem er
durch einen neuen Regenguss und durch das Getöse des Windes wieder erweckt wurde
und aufs neue durch die Straßen irrte
    Indem ihm nun der Regen ins Gesicht schlug fiel ihm die Stelle aus dem Lear
ein to shut me out in such a night as tis die Türen vor mir zu
verschließen in einer Nacht wie diese Und nun spielte er die Rolle des Lear
in seiner eigenen Verzweiflung durch und vergaß sich in dem Schicksale Lears
der von seinen eigenen Töchtern verbannt in der stürmischen Nacht umherirrt
und die Elemente auffordert die entsetzliche Beleidigung zu rächen
    Diese Szene hielt ihn hin dass er sich eine Zeitlang den Zustand worin er
war mit einer Art von Wollust dachte bis auch dies Gefühl abgestumpft wurde
und ihm nun am Ende nichts als die leere Wirklichkeit übrig blieb welche ihn in
ein lautes Hohnlächter über sich selbst ausbrechen ließ
    In dieser Stimmung kehrte er wieder zu dem alten Dom zurück der nun schon
eröffnet war und wo die Chorherren sich zur Frühmette bei Licht versammleten
Das alte gotische Gebäude die wenigen Lichter der Widerschein von den hohen
Fenstern machten auf Reisern der die ganze Nacht umhergeirrt war und sich hier
auf eine Bank niedersetzte einen wunderbaren Eindruck Er war wie in einer
Behausung vor dem Regen geschützt und doch war dies keine Wohnung für die
Lebenden Wer vor dem Leben selber eine Freistatt suchte den schien dies dunkle
Gewölbe einzuladen und wer eine Nacht wie Reiser die vergangene durchlebt
hatte konnte wohl geneigt sein diesem Rufe zu folgen Reiser fühlte sich auf
der Bank im Dom in eine Art von Abgeschiedenheit und Stille versetzt die etwas
unbeschreiblich Angenehmes für ihn hatte die ihn auf einmal allen Sorgen und
allem Gram entrückte und ihn das Vergangene vergessen machte Er hatte aus dem
Lete getrunken und fühlte sich in das Land des Friedens sanft
hinüberschlummern dabei heftete sich immer sein Blick auf den blassen
Widerschein von den hohen Fenstern und dieser war es vorzüglich welcher ihn in
eine neue Welt zu versetzen schien es war dies eine majestätische Schlafkammer
in welcher er seine Augen aufschlug nachdem er wild die Nacht durchträumt
hatte
    Denn wie Träume eines Fieberkranken waren freilich solche Zeitpunkte in
Reisers Leben aber sie waren doch einmal darin und hatten ihren Grund in seinen
Schicksalen von seiner Kindheit an Denn war es nicht immer Selbstverachtung
zurückgedrängtes Selbstgefühl wodurch er in einen solchen Zustand versetzt
wurde Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwährenden Druck von
außen bei ihm bewirkt woran freilich mehr der Zufall schuld war als die
Menschen
    Als der Tag angebrochen war kehrte Reiser mit ruhigerm Gemüte aus dem Dom
zurück und begegnete auf der Straße seinem Freunde Neries der schon früh ein
Kollegium besuchte und welcher erschrak da er Reisern ins Gesicht sah so sehr
hatte diese Nacht ihn abgemattet und entstellt
    Neries ruhte nicht eher bis Reiser ihm seinen ganzen Zustand entdeckt
hatte Nach freundschaftlichen Vorwürfen dass Reiser nicht mehr Zutrauen zu ihm
gehabt brachte er ihn wieder nach seiner alten Wohnung suchte ihn dort den
Leuten in einem andern Lichte darzustellen und tilgte die geringe Schuld seines
Freundes
    Diese aufrichtige Teilnehmung seines Freundes stärkte bei Reisern wieder das
erkrankte Selbstgefühl er war gewissermaßen stolz auf seinen Freund und ehrte
sich in ihm
    Nun bedung er sich aus um allein sein zu können einen Verschlag auf dem
Boden des Hauses zu beziehen wohin man ihm auch ein Bette gab und wo er nun
wieder ganz sich selbst gelassen ein paar nicht unangenehme Wochen zubrachte
    Er las und studierte hier oben und würde in dieser Abgezogenheit völlig
glücklich gewesen sein wenn ihn sein Gedicht über die Schöpfung nicht gequält
hätte welches machte dass er oft wieder in eine Art von Verzweiflung geriet
wenn er Dinge ausdrücken wollte die er zu fühlen glaubte und die ihm doch über
allen Ausdruck waren
    Was ihm die meiste Qual machte war die Beschreibung des Chaos welche
beinahe den ganzen ersten Gesang seines Gedichts einnahm und worauf er mit
seiner kranken Einbildungskraft am liebsten verweilen mochte aber immer für
seine ungeheuren und grotesken Vorstellungen keine Ausdrücke finden konnte
    Er dachte sich eine Art von falscher täuschender Bildung in das Chaos
hinein welche im Nu wieder zum Traum und Blendwerk wurde eine Bildung die
weit schöner als die wirkliche aber eben deswegen von keinem Bestand und keiner
Dauer war
    Eine falsche Sonne stieg am Horizont herauf und kündigte einen glänzenden
Tag an  Der bodenlose Morast überzog sich unter ihrem trügerischen Einfluss mit
einer Kruste auf welcher Blumen sprossten Quellen rauschten plötzlich
arbeiteten sich die entgegenstrebenden Kräfte aus der Tiefe empor der Sturm
heulte aus dem Abgrunde die Finsternis brach mit allen ihren Schrecknissen aus
ihrem verborgenen Hinterhalt hervor und verschlang den neugeborenen Tag wieder
in ein furchtbares Grab Die immer in sich selbst zurückgedrängten Kräfte
bearbeiteten sich mit Grimm nach allen Seiten sich auszudehnen und seufzten
unter dem lastenden Widerstande Die Wasserwogen krümmten sich und klagten unter
dem heulenden Windstoß In der Tiefe brüllten die eingeschlossenen Flammen das
Erdreich das sich hob der Felsen der sich gründete versanken mit donnerndem
Getöse wieder in den alles verschlingenden Abgrund 
    Mit dergleichen ungeheuren Bildern zerarbeitete sich Reisers Phantasie in
den Stunden wo sein Inneres selber ein Chaos war in welchem der Strahl des
ruhigen Denkens nicht leuchtete wo die Kräfte der Seele ihr Gleichgewicht
verloren und das Gemüt sich verfinstert hatte wo der Reiz des Wirklichen vor
ihm verschwand und Traum und Wahn ihm lieber war als Ordnung Licht und
Wahrheit
    Und alle diese Erscheinungen gründeten sich gewissermaßen wieder in dem
Idealismus wozu er sich schon natürlich neigte und worin er durch die
philosophischen Systeme die er in Hannover studierte sich noch mehr bestärkt
fand Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz wo sein Fuß ruhen
konnte Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte
    Dies war es was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Böden und
Dachkammern trieb wo er oft in phantastischen Träumen noch seine vergnügtesten
Stunden zubrachte und dies war es was ihm zugleich für das Romantische und
Teatralische den unwiderstehlichen Trieb einflößte
    Durch seinen gegenwärtigen innern und äußern Zustand war er nun wiederum
ganz und gar in der idealischen Welt verloren was Wunder also dass bei der
ersten Veranlassung seine alte Leidenschaft wieder Feuer fing und er wiederum
seine Gedanken auf das Theater heftete welches bei ihm nicht sowohl
Kunstbedürfnis als Lebensbedürfnis war
    Diese Veranlassung ereignete sich sehr bald da die Speichsche
Schauspielertruppe nach Erfurt kam und Erlaubnis erhielt auf dem Ballhause zu
spielen wo auch die Studenten ihre Komödien aufgeführt hatten
    Reiser war hier schon einmal bekannt und hatte sogar einen gewissen Ruf
wegen seiner Schauspielertalente erhalten wodurch er dem Prinzipal dieser
kleinen Truppe sogleich bekannt wurde der ihn engagieren wollte sobald er Lust
hätte Schauspieler zu werden
    Diese Versuchung dass ihm das wonach er mit allen Mühseligkeiten des
Lebens kämpfend vergeblich gestrebt hatte nun auf einmal wie von selbst sich
anbot war für Reisern zu stark Er setzte jede Rücksicht aus den Augen und
lebte und webte nur in der Teaterwelt für die er nun wieder wie in Hannover
bis auf den Komödienzettel entusiastische Verehrung hegte und die Mitglieder
bis auf den Souffleur und Rollenschreiber mit einer Art von Neid betrachtete
    Einer namens Beil der sich damals unter dieser Truppe befand und nachher
ein berühmter Schauspieler geworden ist zog am meisten seine Neugier auf sich
Er zeichnete sich unter den Mitgliedern dieser Truppe am vorzüglichsten aus und
Reiser wünschte nichts sehnlicher als seine Bekanntschaft zu machen welches
ihm auch nicht schwer wurde er diesem Beil seinen Wunsch der ihn denn auch in
seinem Entschluss sich dem Theater zu widmen bestärkte und an welchem Reiser
nun zugleich einen Freund zu finden hoffte
    Er setzte nun jede Rücksicht beiseite suchte den Gedanken an den Doktor
Froriep und an seinen Freund Neries so viel wie möglich vor sich selber zu
verbergen und engagierte sich ohne jemanden etwas davon zu sagen bei dem
Prinzipal der Truppe er hatte den Mut und die Hoffnung in der ersten Rolle
sich so zu zeigen dass jedermann seinen Entschluss billigen würde
    Nun kam es auf die erste Rolle an worin er auftreten sollte und
zufälligerweise traf es sich dass in einigen Tagen die Poeten nach der Mode
gespielt werden sollten worin man ihm eine Rolle antrug
    Er wünschte sich den Dunkel zu spielen und hatte die Rolle schon auswendig
gelernt als sein neuer Freund der Schauspieler Beil ihm davon abriet weil er
selbst immer diese Rolle gespielt habe und sie ihm vorzüglich gut gelungen sei
Reiser möchte also lieber den Reimreich übernehmen weil ein wenig bedeutender
Schauspieler diese Rolle besitze
    Reiser ließ sich auch dies sehr gern gefallen weil er durch den Maskaril
und den Magister Blasius welche Rollen er doch beide mit Beifall gespielt sich
auch einige Stärke im Komischen zutrauete
    Er schrieb sich also seine Rolle auf und lernte sie auswendig Er war
wirklich in der Aussicht auf seine teatralische Laufbahn vollkommen glücklich
als eine Bemerkung die unter diesen Hoffnungen die fürchterlichste für ihn war
ihn mit Angst und Schrecken erfüllte Ihm war es wie einem den des Satans Engel
mit Fäusten schlüge er bemerkte dass ihm der Verlust seines Haars drohte
    Gerade jetzt also da er einen Körper ohne Fehl am notwendigsten brauchte
betraf ihn dieser Zufall der ihn schon im voraus gegen sich selber mit Abscheu
erfüllte
    Er eilte in dieser Not zu seinem treuen Freunde dem Doktor Sauer der ihm
zu der Erhaltung seiner Haare wieder Hoffnung machte und so fand er sich denn
am Abend wo die Poeten nach der Mode aufgeführt werden sollten in der
Garderobe hinter den Kulissen ein und kleidete sich komisch genug um den
Reimreich in seinem lächerlichsten Lichte darzustellen sein Name stand an
diesem Tage schon auf dem Komödienzettel an allen Ecken mit angeschlagen
    Als das Schauspiel bald angehen sollte kam sein Freund Neries auf das
Theater und machte ihm die bittersten Vorwürfe Reiser ließ sich durch nichts in
dem Taumel seiner Leidenschaft stören und war ganz in seine Rolle vertieft
woran sogar sein Freund Neries zuletzt mit teilnahm und über seinen komischen
Anzug lachte als auf einmal ein Bote erschien welcher dem Prinzipal
ankündigte dass der Doktor Froriep sogleich zum Stattalter fahren und
Beschwerde über ihn führen würde wofern er es wagte den Studenten dessen Name
auf dem Komödienzettel gedruckt stände das Theater betreten zu lassen Verlust
seiner Konzession hier zu spielen würde die unausbleibliche Folge davon sein
    Reiser stand wie versteinert da und der Prinzipal wusste in der Angst nicht
wozu er greifen sollte bis sich ein Schauspieler erbot die Rolle des
Reimreich so gut es gehen wollte nach dem Souffleur zu spielen denn man
pochte schon im Parterre dass der Vorhang sollte aufgezogen werden
    Wütend ging Reiser hinter den Kulissen auf und ab und zernagte seine Rolle
die er in der Hand hielt Dann eilte er so schnell wie möglich aus dem
Schauspielhause und durchirrte wieder alle Straßen bei dem stürmischen und
regnigten Wetter bis er gegen Mitternacht auf einer bedeckten Brücke die ihn
vor dem Regen schützte vor Mattigkeit sich niederwarf und eine Weile ausruhte
worauf er wieder umherirrte bis der Tag anbrach
    Diese äußersten Anstrengungen der Natur waren das einzige was ihm das
Verlorne in dem ersten bittersten Schmerz darüber einigermaßen ersetzen konnte
Das fortdauernde Leidenschaftliche dieses Zustandes hatte in sich etwas das
seiner unbefriedigten Sehnsucht wieder neue Nahrung gab Sein ganzes misslungenes
teatralisches Leben drängte sich gleichsam in diese Nacht zusammen wo er alle
die leidenschaftlichen Zustände in sich durchging die er außer sich nicht hatte
darstellen können
    Am andern Tage ließ ihn der Doktor Froriep zu sich kommen und redete ihm wie
ein Vater zu Er bediente sich des schmeichelhaften Ausdrucks dass Reisers
Anlagen ihn zu etwas Besserm als zu einem Schauspieler bestimmten dass er sich
selbst verkennte und seinen eigenen Wert nicht fühlte 
    Da nun Reiser doch die Unmöglichkeit einsah seinen Wunsch in Erfurt zu
befriedigen so täuschte er sich wiederum und überredete sich selber dass er
freiwillig der Idee sich dem Theater zu widmen entsage weil sich alles
gleichsam vereinigte um seinen Entschluss zu hintertreiben und die Art wie der
Doktor Froriep ihn davon abmahnte zugleich so viel Schmeichelhaftes für ihn
hatte
    Kaum aber war er wieder für sich allein so rächte sich seine
Selbsttäuschung durch erneuerten bitteren Unmut Unentschlossenheit und Kampf mit
sich selber bis nach einigen Tagen ihn der härteste Schlag traf den er noch
immer zu vermeiden hoffte er musste sein Haar verlieren
    Der Gedanke nunmehr in einer Perücke welches unter den Erfurter Studenten
ganz etwas Ungewöhnliches war erscheinen zu müssen war ihm unerträglich Mit
dem wenigen Gelde was er noch übrig hatte ging er an das äußerste Ende der
Stadt wo er sich in einem Gasthof einquartierte in welchem er aber nur schlief
und des Abends sich etwas Bier und Brot geben ließ um desto länger mit seinem
Gelde zu reichen
    Bei Tage ging er größtenteils in öden Gegenden umher suchte wenn es
regnete in den Kirchen Schutz und brachte auf die Weise beinahe vierzehn Tage
zu in welcher Zeit niemand wusste wo er geblieben war bis endlich denn doch
einer seiner Freunde ihn ausspähte und er auf einmal von Neries Ockord W 
und noch einigen die sich für ihn interessierten in dem Gasthofe unvermutet
überrascht und über seine Entfernung ihm freundschaftliche Vorwürfe gemacht
wurden
    Er konnte nun sein Haar vor der Stirn über die Perücke schon etwas
überkämmen und wenn er sich dann stark puderte so hatte es einigermaßen den
Anschein als ob er eigenes Haar trüge
    Er entschloss sich also mit den Freunden die ihn abholten wieder in die
menschliche Gesellschaft zu gehen aber er wollte auch so viel wie möglich nur
unter ihnen sein und wünschte auch auf alle Weise entfernt und einsam zu wohnen
    Auch diesen Wunsch suchte man ihm zu gewähren Der gutmütige W  sprach
gleich mit seinem Onkel dem damaligen Regierungsrat und Professor Springer in
Erfurt und stellte ihm Reisers Zustand und sein Bedürfnis einer einsamen
Wohnung lebhaft vor
    Der Regierungsrat Springer ließ Reisern zu sich kommen und wenn dieser
jemals aufmunternd angeredet und mit wahrer Teilnehmung aufgenommen wurde so
war es von diesem Manne gegen welchen Reiser die innigste Zuneigung und
Verehrung fasste
    Er las damals ein statistisches Kollegium welches Reiser ein paarmal mit
anhörte und da ihn die Sache sehr interessierte vom Regierungsrat Springer
aufgefordert wurde sich diesem Fache zu widmen wobei er ihn auf alle mögliche
Weise unterstützen wolle
    Den Anfang dieser Unterstützung machte nun der Regierungsrat Springer
sogleich damit dass er Reisern seinem Wunsche gemäß eine einsame Wohnung gab
indem er ihm sein eigenes Gartenhaus einräumte wozu Reiser den Schlüssel bekam
und wo er aus seinem Fenster die schönste Aussicht über einen Teil der
aneinandergrenzenden Gärten hatte welche ganz Erfurt umgaben
    Reiser genoss auch wieder seinen Freitisch der Doktor Froriep nahm sich
seiner auf das tätigste an und suchte ihm auf alle Weise Unterstützung zu
verschaffen er fing sogar an matematische Kollegia zu hören seine guten
Freunde zogen ihn mit zu allen ihren literarischen Zusammenkünften und lasen ihm
zum Teil ihre Ausarbeitungen vor so dass die Sache nunmehr im besten Gange war
wenn ein neuer unglücklicher Anfall von Poesie nicht alles wieder verdorben
hätte
    Zuerst mochte wohl sein neuer Aufenthalt in der einsamen romantischen
Wohnung nicht wenig dazu beitragen seine Einbildungskraft aufs neue zu
erhitzen Dann kam ein Brief dazu den er an Philipp Reisern in Hannover schrieb
und welcher seinen Rückfall beschleunigte
    Dies Schreiben war denn ganz im Tone der Werterschen Briefe abgefasst Die
patriarchalischen Ideen mussten auch auf alle Weise wieder erweckt werden nur
schade dass es hier nicht wohl ohne Affektation geschehen konnte
    Denn um diesen Brief schreiben zu können schaffte sich Reiser erst einen
Teetopf an und lieh sich eine Tasse und weil er kein Holz im Hause hatte
kaufte er sich Stroh welches man in Erfurt zum Brennen braucht um sich selber
in seinem Stübchen in dem kleinen Öfchen seinen Tee zu kochen womit er endlich
nachdem er vor Rauch beinahe erstickt war zustande kam
    Und als dies nun nur erst einmal geschehen war so schrieb er gleichsam
triumphierend an Philipp Reisern
    Jetzt mein Lieber bin ich in einer Lage welche ich mir nicht reizender
wünschen könnte Ich blicke aus meinem kleinen Fenster über die weite Flur
hinaus sehe ganz in der Ferne eine Reihe Bäumchen auf einem kleinen Hügel
hervorragen und denke an Dich mein Lieber usw Ich habe die Schlüssel dieser
einsamen Wohnung und bin hier Herr im Haus und Garten usw Wenn ich denn
manchmal so dasitze an dem kleinen Öfchen und mir selbst meinen Tee koche usw
    In dem Tone ging es fort und ward ein stattlicher und langer Brief und als
nun Reiser es nicht über das Herz bringen konnte diesen schönen Brief nicht
auch seinem kritischen Freunde dem Doktor Sauer zu zeigen so verdarb dieser
vollends die Sache indem er ihm nach seiner gutmütigen Höflichkeit das
Kompliment machte wenn ihm Reisers Gegenwart nicht selbst zu lieb wäre so
würde er wünschen entfernt zu sein um nur solche Briefe von Reisern zu
erhalten
    Und nun war auf einmal der beinahe zur Ruhe gebrachte Dichtungstrieb bei
Reisern wieder angefacht Er suchte nun zuerst sein Gedicht über die Schöpfung
vollends durch das Chaos durchzuführen und hub mit neuer Qual an in der
Darstellung von grässlichen Widersprüchen und ungeheuren labyrintischen
Verwickelungen der Gedanken sich zu verlieren bis endlich folgende beide
Hexameter die er aus der Bibel nahm ihn aus einer Hölle von Begriffen
erlösten
Auf dem stillen Gewässer rauschte die Stimme des Ewigen
Sanft daher und sprach es werde Licht und es ward Licht
Merkwürdig war es dass ihm nun die Lust verging dies Gedicht weiter
fortzuführen sobald der Stoff nicht fürchterlich mehr war Er suchte also nun
einen Stoff aus der immer fürchterlich bleiben musste und den er in mehreren
Gesängen bearbeiten wollte was konnte dies wohl anders sein als der Tod selber
    dabei war es ihm eine schmeichelhafte Idee dass er als ein Jüngling sich
einen so ernsten Gegenstand zu besingen wählte daher hub er denn auch sein
Gedicht an
Ein Jüngling der schon früh den Kelch der Leiden trank usw
Als er nun aber zum Werke schritt und den ersten Gesang seines Gedichts wovon
er den Titel schon recht schön hingeschrieben hatte wirklich bearbeiten wollte
fand er sich in seiner Hoffnung einen Reichtum von fürchterlichen Bildern vor
sich zu finden auf das bitterste getäuscht
    Die Flügel sanken ihm und er fühlte seine Seele wie gelähmt da er nichts
als eine weite Leere eine schwarze Öde vor sich erblickte wo sich nun nicht
einmal das vergeblich aufarbeitende Leben wie bei der Schilderung des Chaos
anbringen ließ sondern eine ewige Nacht alle Gestalten verdeckte und ein ewiger
Schlaf alle Bewegungen fesselte
    Er strengte mit einer Art von Wut seine Einbildungskraft an in diese
Dunkelheit Bilder hineinzutragen allein sie schwärzten sich wie auf Herkules
Haupte die grünen Blätter seines Pappelkranzes da er sich um den Cerberus zu
fangen dem Hause des Pluto nahte Alles was er niederschreiben wollte löste
sich in Rauch und Nebel auf und das weiße Papier blieb unbeschrieben
    Über diesen immer wiederholten vergeblichen Anstrengungen eines falschen
Dichtungstriebes erlag er endlich und verfiel selbst in eine Art von Letargie
und völligem Lebensüberdruss
    Er warf sich eines Abends mit den Kleidern aufs Bette und blieb die Nacht
und den ganzen folgenden Tag in einer Art von Schlafsucht liegen aus der ihn
erst am Abend des folgenden Tages wo es gerade Weihnachten war ein Bote von
seinem Gönner dem Regierungsrat Springer weckte dessen Frau an Reisern ein
sehr großes Weihnachtsbrot zum Geschenk übersandte
    Dies war nun gerade was ihn in seiner unwiderstehlichen Schlafsucht noch
bestärkte Er schloss sich mit diesem großen Brote ein und lebte vierzehn Tage
davon weil er nur wenig genoss indem er Tag und Nacht wo nicht in einem
immerwährenden Schlafe doch die letzten Tage ausgenommen in einem beständigen
Schlummer im Bette zubrachte Hiezu kam nun freilich der Umstand dass er kein
Holz hatte um einzuheizen er hätte aber auch nur ein Wort sagen dürfen um
dies Bedürfnis zu befriedigen wenn es ihm nicht gewissermaßen selbst lieb
gewesen wäre den Mangel des Holzes als einen Beweggrund zu dieser sonderbaren
Lebensart vorschützen zu können
    Reiser wurde in diesem Zustande auch von seinen Freunden nicht gestört weil
er gegen diese oft den Wunsch geäußert hatte dass er nur einmal ein paar Wochen
lang ganz einsam zu sein wünschte
    Nun hatte aber dieser Zustand eine sonderbare Wirkung auf Reisern die
ersten acht Tage brachte er in einer Art von gänzlicher Abspannung und
Gleichgültigkeit zu wodurch er den Zustand den er vergeblich zu besingen
gestrebt hatte nun gewissermaßen in sich selber darstellte Er schien aus dem
Lete getrunken zu haben und kein Fünkchen von Lebenslust mehr bei ihm übrig zu
sein
    Die letztern acht Tage aber war er in einem Zustande den er wenn er ihn
isoliert betrachtet unter die glücklichsten seines Lebens zählen muss
    Durch die lange fortdauernde Abspannung hatten sich allmählich die
schlafenden Kräfte wieder erholt Sein Schlummer wurde immer sanfter durch
seine Adern schien sich ein neues Leben zu verbreiten seine jugendlichen
Hoffnungen erwachten wieder eine nach der andern Ruhm und Beifall krönten ihn
wieder schöne Träume ließ ihn in eine goldne Zukunft blicken Er war von
diesem langen Schlafe wie berauscht und fühlte sich in einem angenehmen Taumel
sooft er von dem süßen Schlummer ein wenig aufdämmerte Sein Wachen selber war
ein fortgesetzter Traum und er hätte alles darum gegeben in diesem Zustande
ewig bleiben zu dürfen
    Wenn er daher die gefrornen Fenster ansah so war ihm dies der angenehmste
Anblick weil er dadurch genötigt wurde immer noch einen Tag länger im Bette zu
bleiben Sein großes Brot auf dem Tische betrachtete er wie ein Heiligtum das
er so sehr wie möglich schonen musste weil von der Dauer dieses Brots mit die
Dauer seines glücklichen Zustandes abhing
    Nun fühlte er sich aber auch wieder sobald es gelten sollte zu nichts zu
schwach Das Theater stand wieder so glänzend wie jemals vor ihm da alle die
theatralischen Leidenschaften durchstürmten wieder eine nach der andern seine
Seele und die Gemüter der Zuschauer wurden durch sein Spiel erschüttert
    Als nun sein Brot verzehrt war stand er gegen Abend auf ordnete seinen
Anzug so gut wie möglich und sein erster Gang war ins Theater wo er sich in
einen Winkel setzte und erstlich ein Stück namens Inkle und Yariko alsdann
aber die Leiden des jungen Werters aufführen sah Der Verfasser des letztern
hatte fast nichts getan als die Werterschen Briefe in Dialogen und Monologen
verwandelt die denn freilich sehr lang wurden aber doch das Publikum sowohl
als die Schauspieler wegen des rührenden Gegenstandes außerordentlich
interessierten
    Nun ereignete sich aber gerade bei der tragischen Katastrophe des letztern
Stücks ein sehr komischer Zufall Man hatte sich nämlich irgendwo ein paar alte
verrostete Pistolen geliehen und war zu nachlässig gewesen sie vorher zu
probieren
    Der Akteur welcher den Werter spielte nahm sie vom Tische auf und sagte
denn alles wie es im Werter steht buchstäblich dabei »Deine Hände haben sie
berührt du hast selber den Staub davon abgeputzet usw« Dann hatte er sich
auch um alles genau und vollständig darzustellen einen Schoppen Wein und Brot
bingen lassen wozu denn der Aufwärter nicht ermangelte auch ein Brotmesser mit
auf den Tisch zu legen
    Am Ende aber war das Stück so eingerichtet dass Werters Freund Wilhelm
indem er den Schuss fallen hörte hereinstürzen und ausrufen musste »Gott ich
hörte einen Schuss fallen«
    Dies war alles recht schön als aber Werter das unglückliche Pistol
ergriff es an die rechte Stirne hielt und auf sich losdrückte so versagte es
ihm in seiner Hand
    Durch diesen widrigen Zufall noch nicht aus der Fassung gebracht
schleuderte der entschlossene Schauspieler das Pistol weit von sich weg und rief
pathetisch aus »Auch diesen traurigen Dienst willst du mir versagen« Dann
ergriff er plötzlich die andere drückte sie wie die erste los und o Unglück
auch diese versagte ihm
    Nun erstarb ihm das Wort im Munde mit zitternden Händen ergriff er das
Brotmesser das zufälligerweise auf dem Tische lag und durchstach sich damit
zum Schrecken aller Zuschauer Rock und Weste  Indem er nun fiel stürzte sein
Freund Wilhelm herein und rief  »Gott ich hörte einen Schuss fallen«
    Schwerlich kann wohl eine Tragödie sich komischer wie diese schließen 
Dies brachte aber Reisern nicht aus seiner hochschwebenden Phantasie vielmehr
bestärkte es ihn darin weil er so etwas Unvollkommenes vor sich sah das durch
etwas Vollkommenes ersetzt werden musste
    Er hörte dass in acht Tagen die Schauspieler von Erfurt abreisen und nach
Leipzig gehen würden er hörte ferner dass der geschickteste Schauspieler unter
dieser Truppe namens Beil einen Ruf nach Gota erhalten hätte er hatte also
nun keinen Nebenbuhler mehr zu fürchten Leipzig war der Ort um zu glänzen
seine Perücke konnte er sehr geschickt unter den wiedergewachsenen Haaren
verbergen Wie viele neue Gründe um der Leidenschaft die schon vorher da war
und nur eine Weile geschlummert hatte aufs neue über die Vernunft den Sieg zu
geben
    Er machte seinen Freunden sogleich den Entschluss bekannt dass er gesonnen
sei mit der Speichschen Truppe nach Leipzig zu gehen dass er einen
unwiderstehlichen Trieb in sich fühle der ihn unglücklich machen würde wenn er
ihn überwinden wollte und der ihn in allen seinen Unternehmungen doch immerfort
hindern würde
    Er stellte seine Gründe so leidenschaftlich und stark vor dass selbst sein
Freund Neries ihm nichts dagegen sagen konnte der ihm sonst schon die
reizendsten Schilderungen gemacht hatte wie sie im künftigen Frühling wieder
auf dem Steigerwalde den Klopstock lesen würden usw
    Reiser hielt sich nun schon bei den Schauspielern auf und brachte dem
Regierungsrat Springer den Schlüssel zu dem Gartenhause wieder indem er ihm auf
das lebhafteste seinen unglücklichen Zustand schilderte wenn er den Trieb zum
Theater unterdrücken wollte
    Der Regierungsrat Springer behandelte Reisern auch hier noch auf die
toleranteste Art Er riet ihm selber wenn der Trieb bei ihm so unwiderstehlich
sei demselben zu folgen weil dieser Trieb der immer wiedergekehrt war
vielleicht einen wahren Beruf zur Kunst in sich entielte dem er sich alsdann
nicht entziehen solle Wäre aber das Gegenteil und sollte Reiser sich selber
täuschen und in seiner Unternehmung nicht glücklich sein so möchte er sich
unter jeden Umständen und in jeder Lage dreist wieder an ihn wenden und seiner
Hilfe versichert sein
    Reiser nahm mit so gerührtem Herzen Abschied dass er kein Wort vorbringen
konnte so sehr hatte die Großmut und Nachsicht dieses Mannes sein Gemüt bewegt
Er machte sich selber beim Weggehen die bittersten Vorwürfe dass er sich einer
solchen Liebe und Freundschaft jetzt nicht würdiger zeigen konnte
    Als nun Reiser um Abschied zu nehmen zum Doktor Froriep kam welcher
seinen Entschluss durch Neries schon wusste so wurde er von diesem ebenso
nachsichtsvoll wie von seinem andern Gönner behandelt und der Doktor Froriep
erklärte sich dass er seinen Entschluss ihm nicht nur nicht widerraten sondern
ihn vielmehr darin bestärken würde wenn die Schaubühne schon in dem Masse eine
Schule der Sitten wäre als sie es eigentlich sein könnte und sein sollte
    Eine kleine Ironie fügte er denn doch am Ende nicht ohne Grund hinzu indem
er zu seiner kleinen Tochter die er auf dem Arme trug sagte Wenn du groß
bist so wirst du denn auch einmal von dem berühmten Schauspieler Reiser hören
dessen Name in ganz Deutschland berühmt ist Aber auch diese sehr wohlgemeinte
Ironie blieb bei Reisern fruchtlos der sich demohngeachtet mit inniger Rührung
und bitteren Vorwürfen gegen sich selber an alles das erinnerte was der Doktor
Froriep für ihn schon getan hatte und wovon er nun selbst den Endzweck
vereitelte
    Allein es schien ihm nunmehr Pflicht der Selbsterhaltung allen diesen
innern Vorwürfen kein Gehör zu geben weil er sich fest überzeugt glaubte dass
er der unglücklichste Mensch sein würde wenn er seiner Neigung nicht folgte
    Die Speichsche Truppe aber war die letzten Wochen wegen Mangel an Einnahme
in die äußerste Armut geraten Der Direktor Speich reiste mit der Garderobe
allein nach Leipzig voraus und von den übrigen Schauspielern musste ein jeder
selbst zusehen dass er so gut wie möglich den Ort seiner Bestimmung erreichte
einige reisten zu Pferde andere zu Wagen und noch andere zu Fuß nachdem es die
Umstände eines jeden erlaubten denn die gemeinschaftliche Kasse war längst
erschöpft in Leipzig aber hoffte man nun bald sich wieder zu erholen
    Reiser machte sich denn auch denselben Nachmittag wo er Abschied genommen
hatte zu Fuß auf den Weg und sein Freund Neries begleitete ihn zu Pferde bis
nach dem nächsten Dorfe auf dem Wege nach Leipzig wo Neries am künftigen
Sonntage predigen wollte
    Nachdem sie im Gasthofe eingekehrt waren und sich noch einmal aller der
seligen Szenen erinnert hatten die sie genossen haben wollten wenn sie am
Abhange des Steigers Klopstocks Messiade zusammen lasen so machte sich Reiser
wieder auf den Weg und Neries begleitete ihn noch eine ganze Strecke hin bis
es dunkel wurde
    Da umarmten sie sich und nahmen auf die rührendste Weise voneinander
Abschied indem sie sich bei diesem Abschiede zum erstenmal Bruder nannten
Reiser riss sich los und eilte schnell fort indem er seinem Freunde zurief Nun
reit zurück
    Als er aber schon in einiger Entfernung war sah er sich wieder um und rief
noch einmal Gute Nacht Sobald er dies Wort gesagt hatte war es ihm fatal und
er ärgerte sich darüber sooft es ihm wieder einfiel Denn die ganze empfindsame
Szene hatte selbst in der Erinnerung dadurch einen Stoß erlitten weil es
komisch klingt einem dem man auf lange Zeit oder vielleicht auf immer schon
Lebewohl gesagt hat nun noch einmal ordentlich eine gute Nacht zu wünschen
gleichsam als wenn man am andern Morgen wieder einen Besuch bei ihm ablegen
würde 
    Es war eine schneidende Kälte Reiser aber wanderte nun ohne irgendeine
Bürde zu tragen mit reizenden Aussichten auf Ruhm und Beifall seine Straße
fort
    Oft wenn er auf eine Anhöhe kam stand er ein wenig still und übersah die
beschneiten Fluren indem ihm auf einen Augenblick ein sonderbarer Gedanke durch
die Seele schoss als ob er sich wie einen Fremden hier wandeln und sein
Schicksal wie in einer dunkeln Ferne sähe  Diese Täuschung verschwand aber
ebenso bald wie sie entstand und er dachte dann wieder im Gehen vor sich wie
Leipzig aussehen in was für Rollen er auftreten würde usw
    Auf die Weise legte er den Weg von Erfurt nach Leipzig sehr vergnügt zurück
im Gehen aber sprach er häufig den Namen Neries aus den er wirklich liebte und
weinte heftig dabei bis ihm das komische gute Nacht einfiel welches er gar
nicht in den Zusammenhang dieser rührenden Erinnerung mit zu bringen wusste
    In Erfurt hatte man ihm schon gesagt dass er in Leipzig in dem Gasthofe Zum
goldenen Herzen einkehren müsse wo die Schauspieler immer logierten und
gleichsam dort ihre Niederlage hätten
    Als er in die Stube trat fand er denn auch schon eine ziemliche Anzahl von
den Mitgliedern der Speichschen Truppe vor die er als seine künftigen Kollegen
begrüßen wollte indem er an allen eine außerordentliche Niedergeschlagenheit
bemerkte welche sich ihm bald erklärte als man ihm die tröstliche Nachricht
gab dass der würdige Prinzipal dieser Truppe gleich bei seiner Ankunft in
Leipzig die Teatergarderobe verkauft habe und mit dem Gelde davongegangen sei
 Die Speichsche Truppe war also nun eine zerstreuete Herde