1784_Unger_Julchen.html




        
                            Friederike Helene Unger
                                Julchen Grüntal
                                   Erster Teil
                An den Herrn Hofrat und Doctor Heim in Berlin
                         Mein innigst verehrter Freund
Dass ich lebe und Kraft und Mut zur Arbeit habe dank ich Ihnen mein ewig
werter Freund Sie retteten erst mir und dann meinem Gatten das Leben und Ihr
erheiternder FreundesZuspruch wirkte auf uns wieder Auflebende wie die
Frühlingssonne auf Siechende Schon dazumal sann ich auf ein Denkmal meiner
Verehrung und tief empfundnen Dankbarkeit das dauernder wäre als verhallende
Worte Und nun wage ichs Ihnen dies Buch zu widmen mit welchem ich deutscher
Biederkeit ein Ehrendenkmal zu setzen gedenke Es ist Ihrer nicht würdig aber
nehmen Sies dennoch mit der freundlichen Nachsicht auf an welche Sie mich
gewöhnt haben und erlauben mir mit dem altdeutschen Reime zu sagen
Die Gab ist klein Dein Verdienst sind groß
Das Meer empfängt auch Bäch in seinem Schoss
Kurz und ohne künstliche Wendung nenn ich mich Ihre mit inniger wahrer
Verehrung
                                                               ergebene Freundin
                                                                Die Verfasserin
 
                                   Vorbericht
Die günstige Aufnahme welche der erste Teil von Julchen Grüntal gefunden hat
musste für die Verfasserin ein lebhafter Antrieb sein nicht nur das angefangene
Werkchen fortzusetzen und zu vollenden sondern auch das was davon schon
herausgegeben war so sehr als möglich zu verbessern Der Umstand dass es einer
fremden ihr ganz unbekannten Hand gefallen hatte einen zweiten Teil zu
schreiben und drucken zu lassen bestätigte sie noch in ihrem Vorsatz
    Sie hat jetzt ihren Entschluss ausgeführt und überreicht denen die sich für
Julchens Schicksal schon interessiert haben oder noch interessieren wollen eine
völlige Umarbeitung des ersten Teils und einen ganz neuen zweiten und letzten
Teil worin die Ereignisse der Familie Grüntal so weit erzählt werden als sie
ihr bekannt geworden sind
    Sie bittet nun für das Ganze um dieselbe Nachsicht welche man schon der
ersten Hälfte desselben in einer unvollkommnern Gestalt geschenkt hat Sie hofft
diese Nachsicht zuversichtlich bei jedem zu finden der sich den wahren
Gesichtspunkt der Beurteilung nicht verschieben und sich erinnern will dass sie
nicht für Gelehrte sondern zunächst für ihr eigenes Geschlecht für ihre
Mitbürgerinnen schrieb zu deren Veredlung mitwirken zu können der
angelegentlichste Wunsch ihres Herzens ist
Berlin im September 1797
 
                                Julchen Grüntal
Nur mutig durchgesetzt lieber Seelmann Ihres Kindes Wohlfahrt hängt davon ab
sagte der Amtmann indem er seine Pfeife an seinem Absatz ausklopfte und so
hastig aufsprang dass Sultan knurrend gegen die Türe fuhr  Sie sind böse
Frau Predigerin das sehe ich an den Falten ihres kleinen Mündchens aber Sie
werden mir wieder gut sein das weiß ich wenn Sie überlegt haben dass ich aus
dem Antriebe wahrer Freundschaft Ihren Plan bestreite setzte Grüntal ruhiger
hinzu und stopfte ein neues Pfeifchen Aber du lieber Himmel sagte die Frau
Predigerin mit süsssaurer Miene warum sollte denn Lottchen nicht in einer
Pension erzogen werden Können wir doch Gottlob etwas an unser einziges Kind
wenden  Wie sollte Lottchen nicht unter Ihrer eignen Aufsicht gut werden
wenn sie Ihrem Beispiele folgt Ist sie nicht was sie werden muss wenn sie eine
fleißige fromme Gattin und Hausmutter ist Und sollte sie denn das bei einer
sorgfältigern Verstandesausbildung die sie in Berlin erhalten würde nicht auch
werden können  Da hört man es dass Sie Berlin und die belobten und
ausposaunten Pensionsanstalten darin und umher noch nicht kennen Nicht einmal
als Freund sondern nur als gewöhnlich ehrlicher Mann gesprochen rate ich
Ihnen Ihr unschuldiges harmloses Dorflämmchen bei sich zu behalten Hätte ich
mein armes armes Mädchen nicht dahin leider wohl recht dahin gegeben er
sagte dies mit schwer zurückgehaltnen Tränen so wär auch ich noch ein
glücklicher Gatte und Vater Das liebe Mädchen da die Lotte zu retten werde
ich mich entschließen müssen Ihnen meine ganze traurige Geschichte zu erzählen
    Der Prediger und dessen Frau äußerten ein großes Verlangen sie zu hören
Dunkel haben wir davon gehört sagte Madame Seelmann aber Sie werden sich uns
verbinden wenn Sie uns die wahren Umstände derselben mitteilen
    Wenn Sie Mut haben sich der Geschwätzigkeit eines Alten der mitunter gern
von sich selbst spricht auszusetzen so bin ich von Herzen dazu bereit Wir
erinnern uns so gern der Freuden die wir in unsrer gegenwärtigen Lage
vermissen  Grüntal setzte sich in dem großen ledernen Backenstuhl zurecht
und begann also
    Ich habe in Halle Jura studiert und gedachte raschen Schrittes auf den
Geheimenrat und wenns Glück gut wäre auf den Präsidenten los zu gehen aber
ein paar blaue klare Augen verrückten mir den ganzen eitlen Plan In meinem
vierundzwanzigsten Jahre ward ich Justiziarius in H Der dortige Amtmann Burg
nahm mich beinahe väterlich in seinem Hause auf auch nannte er mich Sohn An
einem schönen Morgen fiel es mir mit einemmal auf dass seine einzige Tochter
schöne blaue Augen frische rosigte Wangen und ein gutes liebes Herz hatte und
es schoss mir aufs Herz dass ich durch dieses wackre Mädchen wohl im Ernst sein
Sohn werden könne Je öfter ich ihr in die dunkelblauen Augen kuckte je
wahrscheinlicher wurde es mir Ich fing an mich mit Lieschen in mancherlei
rührende Situationen des Hausstandes zu versetzen bei diesen Träumereien wurde
mir das Mädchen immer lieber und endlich so lieb dass ich nicht mehr ohne sie
leben konnte Eines Abends in der Heuerndte kam ich in süßen Liebesträumen
vertieft die Wiese her geschlendert dachte mir dies und das wenn es so oder
so wäre darüber wurde es spät die Sonne war unter der Mond aufgegangen Die
trauliche Dämmerung wirkte allmächtig auf mein empfängliches Herz die Natur war
in ihrer lieblichsten Gestalt um mich her Wiesenduft der Mond ruhte über
krausen Silberwölkchen und im Westen dämmerte noch das letzte erlöschende
Purpurrot Mein Herz ward ungewöhnlich weich Soll ich denn die liebliche Milde
von alle dem allein und immer nur allein genießen jeden großen herzerhebenden
Gedanken in mich verschließen Soll nie eine verwandte Seele den Schöpfer der
Natur mit mir feiern Lieschen ja gewiss das liebe Lieschen ist diese verwandte
Seele Guter Gott gib mir dieses fromme Mädchen zu meiner Gefährtinn durch
dies Leben Und der Entschluss ernstlich um sie zu werben stand fest und
deutlich vor mir Ich eilte in den Amtsgarten und fand sie da in den
Erbsenbeeten mit einem Körbchen am Arm Lieschen lassen Sie alles stehen hub
ich an und kommen Sie mit mir Sie sah mich verwundernd an setzte ihr Körbchen
mit Schooten nieder trocknete die Hände an ihrer Schürze und folgte mir Ich
führte sie in eine Laube aus der man ins freie Feld sehen konnte Sehen Sie
doch meine Liebe wie herrlich das alles um uns her ist  Ja wohl aber  das
wusste ich schon längst sagte sie lächelnd und forschte in meinem Auge 
Lachen Sie nicht Lieschen ich wollte Ihnen sagen dass ich das nicht mehr
länger allein genießen kann  Erst sagen Sie mir aufrichtig haben Sie mich
lieb  Sie wurde hochrot und sagte dann stockend und angenehm verschämt
Warum sollte ich Sie nicht lieb haben Sie sind ja ein recht guter Mann  Nun
Lieschen und wollten Sie wohl dem guten Mann Ihr liebes frommes Herz schenken
Sehen Sie das wars was ich Ihnen zu sagen hatte  Sie wand blöde ihre Hand aus
der meinigen
    »Sprechen Sie mit meinem Vater er will ich soll keinen andern als einen
Landwirt nehmen«  Wenn ich nun einer würde nähmen Sie mich dann gern  Ich
habe Sie immer herzlich lieb gehabt sagte sie mit gesenktem Blick in welchem
Tränen glänzten und werde nie einen Menschen so lieb haben als Sie 
Lieschen wenn das nicht Ihr Ernst ist und ich fasse Sie beim Wort  O ja
Herr Grüntal der liebe Gott weiß es dass ich Ihnen gleich gut ward als Sie zu
uns kamen und wenn mein Vater einwilligt so habe ich was ich mir längst im
Stillen gewünscht habe setzte sie jungfräulich blöde hinzu Ich war wie im
Himmel als sie diese Worte sprach und mir erlaubte den ersten ehrfurchtsvollen
Kuss von ihren Lippen zu nehmen Ehrfurchtsvoll war er gewiss denn ich hatte
tiefen Respekt für die helle Unschuld dieses hübschen Mädchens die sich
übrigens nicht auf Einfalt gründete ob sie schon nur ein schlichtes Landmädchen
war
    Von ihr eilte ich zu dem Vater Wie ich einlenken sollte um die Heirat
aufs Tapet zu bringen hatte ich nicht überlegt der Alte brachte mich aber
zufällig selbst ins rechte Geleis Ich stockte und stammelte darauf alles hin
was er wissen sollte Er hörte freundlich zu nickte manchmal bedeutend
dazwischen endlich sagte er gutmütig lächelnd und wovon will denn der junge
Herr das Mädchen ernähren denn auf Grasung kann er doch Weib und Kind nicht
schicken Da saß ich spielte verlegen an den Bändern seines vor mir liegenden
Tobaksbeutels und schwieg mäuschenstill  Ja so sind wir jungen Brausköpfe
in den Romanen geht das alles da regnets Gold und Erbschaften Aber in der
wirklichen Welt ja da haperts Weib und Kind wollen essen und gekleidet sein
Er weidete sich eine Weile an meiner Verlegenheit endlich aber rückte er mit
seiner Meinung heraus und es wurde bald alles richtig Er trat mir einige
Vorwerke ab ich sollte unter seiner Aufsicht die Landwirtschaft gründlich
lernen Ich war mit Allem himmelhoch zufrieden und so gab ich jeden lüsternen
Blick auf Geheimenrat und Präsident willig auf für die frohe Aussicht auf
harmloses häusliches Glück das in einer wonnigen Zukunft so reizend vor mir
lag
    Nach sechs Wochen waren wir Mann und Weib Die Flitterzeit war ein Himmel
Ich war so ganz nach meiner eignen Art glücklich Wir blüheten auf und
breiteten uns aus wie ein Baum an den Wasserbächen beteten und arbeiteten und
der gute Gott gab das Gedeihen Im ersten Jahr schenkte mir Lieschen einen Sohn
im zweiten noch einen zwei Jahre nachher eine Tochter und damit wars Basta
Bald darauf starb mein Schwiegervater ich übernahm nun das ganze Amt Zwar nahm
nun die Wirtschaft den größten Teil meiner Zeit weg doch strengte ich alle
meine Kräfte an auch etwas für die Bildung meiner Kinder zu tun Als die
Knaben der weiblichen Pflege entwuchsen nahm ich einen gescheuten Hofmeister
an den ich freilich etwas ansehnlicher als den Grossknecht bezahlte dafür aber
hatte ich an ihm einen Freund der grade in meine Absichten mit den Kindern
eintrat und mein angefangnes Werk weder verächtlich tadelte noch ganz andere
Wege mit ihnen einschlug Der älteste äußerte früh einen entschiednen Hang zur
Landökonomie und Fritz das liebe Johannesgesicht war von der Mutter zum
geistlichen Stande bestimmt Die Tochter Julchen  o lieber Freunde wenn je
ein Vater mit einigem Rechte auf sein Kind sich etwas zu gute tun konnte war
ich es Ihre schöne Natur bedurfte nur einer liebreichen Hilfe sich zu
entwickeln jede weibliche Tugend lag im zarten Keime vor mir und brach an dem
warmen Vaterherzen zur lieblichsten Blüte auf Sie wissen lieben Freunde wie
glücklich uns Eltern das macht wenn die Natur uns wohlwollend den Weg
vorzeichnet Bis in ihr zehntes Jahr war ich ihr einziger Lehrer gewesen denn
mir war bange so vernünftig der Hofmeister auch war er möchte mir in ihre
junge Seele allerlei hineinkünsteln was nicht hineingehörte und allerlei
Erziehungsmetoden an ihr versuchen wie das jungen Gelehrten so an der Art ist
auch war es mir schon dazumal sehr einleuchtend dass es um die Bildung welche
junge Männer den Mädchen geben so eine ganz eigne Sache sei Wenn sie so ein
liebes zartes Knöspchen vor sich haben geraten sie gewöhnlich in gar poetische
Stimmung idealisiren träumen von Einfachheit der guten alten Vorwelt und
zuletzt kommt aus ihrer bildenden Hand das Mädchen entweder als burschikoser
Wildfang oder als ein idealisirendes excentrisches nervenschwaches Wesen
Überdem lasse ich es mir nicht ausreden dass unter der Leitung eines jungen
Mannes der ohne es selbst zu ahnen dem Mädchen zu gefallen sucht  denn so
will es die Naturder Instinkt  lassen Sie mich das so nennen was der
Sprachgebrauch mit einem deutlichern Namen bezeichnet  das Mädchen zu früh
erwärmt und entwickelt wird Belege zu meiner Behauptung gibt das Buch da 
Grüntal zeigte auf Ewalds Rosenmunde die im Strickkörbchen der Frau Pastorin
lagen  Diese lachte warf das Köpfchen in die Höhe unterbrach aber Grüntal
nicht und er fuhr fort
    Vielleicht irre ich in meiner Überzeugung allein der systematische
Unterricht in Wissenschaften bei dem andern und schwächern Geschlecht hat mir
nie zu Sinne gewollt der anmassende Ton der von ihrer Überlegenheit träumenden
Weiber ekelt jeden der Gefühl für prunklose weibliche Würde hat von Herzen an
Es mag denn auch wohl Weiber geben denen Vielwissen und Gelehrtsein frommt 
nun meinetwegen Ich denke mir immer unter tausend Weiberköpfen gibts kaum
einen der fest genug organisirt ist um die Schätze tieferes Wissens
aufzufassen Genug ich hatte mir meiner Tochter wahrscheinlichste künftige
Bestimmung zum Ziel gestellt Zu dieser sie zu bilden war mir ein gar liebes
Geschäft denn ich dachte mir sie wäre was sie sein müsse wenn sie eine kluge
fromme Hausfrau würde der es nicht an Verstand und Bildung fehlte einem
gescheuten Manne das Leben zu versüßen und in ihren Kindern dem Staate
nützliche Bürger zu erziehen Ich ließ mich allenthalben wo es nur tunlich
war von dem lieben Kinde begleiten erklärte ihr auf eine ungelehrte Weise was
uns Bemerkenswertes auf unsern kleinen Wanderungen aufstiess machte ihr junges
Gemüt sehr früh auf die Wunder der Natur aufmerksam und zögerte nicht ihre
Seele empfänglich für die erhabenen Begriffe von dem Urheber der sie umgebenden
Schönheiten zu machen Noch ehe sie die Worte deutlich aussprechen konnte
lehrte ich sie so zu ihrem Schöpfer sprechen wie sie zu mir sprach ich flößte
ihrer jungen Seele Liebe und Vertrauen ein und war bemüht diese Richtung des
Herzens zu dem Geber alles Guten bei ihr zur Fertigkeit zu erheben damit es ihr
einst kein vereinzelter Begriff sein sollte Ich ließ sie auch was die neuere
Pädagogik immer dagegen einwenden mag sich früh mit einigen herzlichen Sprüchen
der Bibel bekannt machen Freilich gab ich ihr eben nicht die Geschichte von der
keuschen Susanne und das hohe Lied zuerst in die Hände aber die Geschichte der
Schöpfung gab ich ihr so wie die alte ehrwürdige Urkunde sie uns gibt denn
was sollte ich ihr sagen wenn sie nun darauf bestand zu erfahren wie der
schöne Wald die Wiese wo sie ihre Blümchen pflückte und die Vögel die ihr so
viel Freude ins Herz sangen  wie dies alles entstanden sei Sollte ich ihr nun
Büffons oder Lamettries System oder Silberschlags Geogonie vorsagen Moses
Erzählung passt so sehr für das Kindesalter des einzelnen Menschen wie sie für
die Begriffe des Kindesalters der Welt überhaupt erfunden zu sein scheint Wäre
meine arme unglückliche Tochter nicht nachher unter Menschen geraten die ihre
Begriffe verwirrten und sie ihr lächerlich machten so wäre diese meine erste
Bildung ihrer Religiosität ihren künftigen Fortschritten in vernünftiger
Berichtigung ihrer Begriffe wahrlich kein Hindernis gewesen
    In meinen geschäftslosen Stunden brachte ich ihr gesprächsweise
vaterländische und fremde Geschichte bei und sie begriff bald den Zusammenhang
des Ganzen Die Karte von Deutschland war ihr so geläufig dass sie mir zu meiner
innigsten Freude sogleich von der Lage jedes Ortes und Landes Rechenschaft geben
konnte Schreiben und Rechnen lehrte sie der Hofmeister In den übrigen Stunden
beschäftigte die Mutter sie mit kleinen häuslichen ihren Kräften angemessnen
Geschäften und ich war sehr froh darüber denn diesen schönen Ordnungsgeist
diese uns Männern so gesegnete Gabe der lieben Weiber in Kleinigkeiten zu leben
und zu weben diese leichte Empfänglichkeit mit dem Kleinen und Geringen froh
und zufrieden zu sein lernen Töchter nur von guten Müttern Wenn ich ein
schlottriges Mädchen oder Weib sehe die es zu klein dünkt ihre hohen
Geistesgaben im Kleinen zu üben oder anzuwenden so denk ich mir immer ein Mann
oder Bruder hat sie erzogen
    Indes war es meiner lieben guten Frau immer ein Dorn im Herzen dass ein so
reizendes Mädchen wie unsre Tochter war nur ländlich erzogen würde nicht
Tanzen nicht Musik nicht Französisch lernen sollte Von dem letztern hatte sie
zwar mit ihren Brüdern genug gelernt um ein leichtes Buch verstehen zu können
Das war aber meinem armen Weibe nicht genug die es sich selbst zu einem großen
Mangel anzurechnen pflegte dass sie diese Sprache nur verstand nicht sprach
obschon in ihrem ganzen unschuldigen Leben kein einziger Fall eingetreten ist
wo sie sich durch dieses Nichtkönnen gedrückt gefühlt hätte Julchen sollte
ihrem Wunsche nach französisch plaudern können wie eine galante Stadtjungfer
Auf dem Klavier ließ ich sie durch einen geschickten Organisten unterrichten
sie war nicht ohne Talent dazu und sang mit süßer schmeichelnder Stimme meine
und der Mutter Lieblingsstückchen wenn ich auf meinen alten verstimmten Klavier
trommelte Eine Hauptsängerinn braucht sie eben nicht zu werden sagte ich auch
liegt in ihrer Haltung und dem regelmäßig schönen Körperbau eine natürliche
Grazie die mir kein Tanzmeister zur Unnatur umschaffen soll Sehr gern hätte
meine Frau eine Französinn ins Haus genommen aber bei diesem Anliegen blieb ich
taub Wie dafür dass ich irgend ein armes Waisenmädchen von der Zucht ihrer
Aufseherinnen oder aus sonst einer Not errettet und sie in das Wohlsein
meines Hausstandes als Mitgenossinn aufgenommen hätte sollte ich mich einen sot
allemand nennen lassen wie diese Dinger wenn sie sich anfangen zu fühlen wohl
zu tun pflegen Und dann so soll mir mein Julchen das ehrliche deutsche Blut
durchaus keine schwadronirende Deutschfranzösinn diese niedrigste aller
niedrigen Abarten werden So dachte ich damals Wollte Gott ich hätte Mut zum
Durchsetzen bewiesen
    Mein Mädchen war nun dreizehn Jahr geworden und so gut und lieblich dass
ihr Anblick uns Eltern recht im Herzen wohl tat Ich habe von je her das
Erndtefest zu einem allgemeinen Freudentage für meine Dorfgenossen bestimmt und
ihnen jede frohe Unterhaltung gestattet wozu ich nach allen Kräften beitrug
Woran ließ ich aber stets ein frommes Dankfest gehen dessen Einrichtung Sie
mein lieber Pastor selbst gebilligt haben Julchen als ein herangewachsenes
Mädchen war diesmal die Königin des Tages und brachte den Kranz Von einem
Hügel sahen meine Frau und ich den frohen Zug ankommen Julchen ging zwischen
ihren Brüdern ebenfalls ein paar frische blauäugige rotwangige deutsche
Jungen Julchens schneeweisses Kleid prangte mit hellgrünen Bändern und Kopf und
Brust mit Blumen wie der einfache Landgarten sie gab Ihre langen blonden
Locken spielten im Winde Nie nie sah ich ein holderes Geschöpf Auf ihrer
blendenden Stirn und in dem dunkelblauen Auge saß Verstand und in dem
liebreizenden Munde Wohlwollen und Herzensgüte Mein inniges Wohlgefallen an
meinen schönen guten Kindern zerfloss in heißes Dankgebet Tränen strömten über
meine Backen und nie wurde wohl das kräftige Lied Nun danket alle Gott mit
herzerhebenderm Gefühle gesungen Mein Weib stand an meine Schulter gelehnt
auch sie war sanft gerührt O mein Weib sagt ich und drückte sie innigst an
mein Herz sieh unsre Kinder Danke mit mir Gott für diesen reichen Segen »Ja
bester Mann sagte sie mich küssend ist es nicht Jammer  ja nun muss es
heraus  ist es nicht Jammer und Schade dass dieser Engel von Tochter hier auf
dem Dorfe vergraben bleiben soll«  Wasser dämpft nicht schneller Glut als
jetzt meine Freude durch die unvorsichtige Äußerung meiner Frau gedämpft wurde
Warum Jammer und Schade sagte ich wehmütig und ließ kalt mein Weib aus meinen
Armen gleiten Dies Gespräch wurde durch die Annäherung von Landleuten
unterbrochen und  mit meinem Vergnügen war es aus Ich sah mein Julchen so
traurig an als ob sie mir gewaltsam entrissen werden könnte Meiner Frau konnte
ich in einigen Wochen des einfältigen Jammer und Schade wegen nicht recht
freundlich ins Gesicht sehen
    Und dennoch wäre alles gut geblieben hätte uns nicht ein feindseliger Dämon
einen neuen Forstmeister ins Dorf gebracht Er war ein Edelmann und hatte eine
gnädige Frau und gnädige Fräulein Töchter Diese waren in Berlin in einer
französischen Pensionsschule verbildet worden schämten sich nun ihrer
deutschpommerschen Namen und nannten sich ma soeur Julie und ma soeur Adelaide
 den derbdeutschen Vater der kaum ahnte dass es noch andre Franzosen in der
Welt gäbe als die er als Kornet bei Rosbach hatte schlagen helfen mon cher
père sie sangen Liederchen aus den Etiennes aux Dames putzten und zupften sich
den ganzen Tag vor dem Spiegel und behohnlächelten jedesmal in der Kirche den
ländlichen Aufzug meiner Frau und Tochter die dann ganz trostlos zu Hause zu
kommen pflegte obschon sie ihre Jahre hindurch geschonten Kleider alle nach
der Reihe vorführte die dann wohl freilich durch ihre Eingezogenheit nicht an
Eleganz gewonnen hatten und also dem Endzwecke meiner guten Frau sich ein
wenig sehen zu lassen schlecht entsprachen Es half alles nichts jedes Stück
wurde belacht und bekrittelt Endlich erhielten wir den hochadlichen Besuch in
unsrer Wohnung als die Familie mit allen Adlichen fünf Meilen im Umkreise
fertig war Die unbehülfliche gnädige Frau fand in der Gegend alles
insupportable brachte allerlei kleine nippes zum Vorschein die sie von ihrer
Mutter hatte welche Hofdame an einem kleinen Hofe und respektive intime
Freundin Sr Durchlaucht des Fürsten gewesen war sprach von großen
Gesellschaften in welchen sie zu Berlin hatte sein müssen die so
unverantwortlich gemischt gewesen wären dass sie den plattitudes der krassen
Bürgerlichen beständig ausgesetzt gewesen sei es wär entsetzlich wie sich
dort der Adel im bürgerlichen Umgange herabsetze daher denn diese rohe Race
sich anfange einzubilden sie könne es endlich durch die Erziehung dem Adel wohl
gleich tun Man könne wohl populär sein aber sich doch mit dem Bürger nicht
gemein machen Meiner Frau Zupfen und Fusstreten unterm Tisch und ihr bittendes
Gesicht bändigte einigermaßen den Geist der aus mir reden wollte doch
entfuhren mir einige Kernsprüche die ich der albernen adlichen Frau scharf ans
Herz legte Diese taten gut die Dame lenkte ein und verfiel nun auf das
Kapitel der Moden Zu meinem Schrecken und Ärger verleideten sie nun meiner Frau
jedes ihrer Kleidungsstücke so dass meine armen Frauenzimmer ganz beschämt da
saßen als wären sie nur im Kostüme der alten Mutter Eva gewesen »Sie können
sich ja dergleichen Kleinigkeiten leicht aus Berlin kommen lassen« O freilich
fiel ich etwas derb in den Text der Verwalter kann wenn ich ihn mit Wolle oder
Korn hinschicke das Korn gleich gegen Hüte und Kopfputz und die Wolle gegen
Kleiderflor umsetzen Das geht recht gut Und kommt denn der Pachttermin je nun
Lieschen so bieten wir der Kammer  je was denn  alten Flor  an Meiner
Frau der das plötzlich einleuchtete trat eine Träne ins Auge der ich leider
nie zu wiederstehen vermochte und ich verließ das Zimmer
    Seit dem Tage ging mein Elend eigentlich an Meine Frau sah beständig
missmütig auf mich Meine herzlichste Liebkosung erwiderte sie verdrossen
oder durch ein geh nur du böser Mann du hast mich doch nicht lieb würdest
du sonst nicht mehr für deine Kinder tun  Die Natur hat Julchen mit allem
was ein Mädchen zur lieblichsten Blume macht reichlich ausgestattet Wir haben
getan was uns oblag wir haben nichts von dem was sie gegeben hat verkünstelt
sagt ich dann wohl  Freilich ist Julchen von Natur sehr angenehm aber sie hat
doch kein Air wie die Forstmeisterinn sagte wendete mir dann mein Lieschen
ein »Du bist wunderlich Liese hat unsre Tochter nicht Verstand und ein gutes
Herz«  Antwortete ich härter so fiel sie mir weinend um den Hals nur auf
zwei zwei kurze Jahre sollt ich Julchen nach Berlin lassen Noch wollte ich
nicht darauf hören endlich kam es gar heraus dass die gnädige Frau deshalb
schon nach Berlin an eine sogenannte Erzieherinn geschrieben hätte Ich
ergrimmte schalt und  ward wieder gut des ewigen Streitens und Ankämpfens
gegen die Lieblingsideen geliebter Personen wird das Herz bald müde Ohnedem
sind die Weiber mit ihrer Erlaubnis Frau Pastorinn schwach wie die neugebornen
Kinder wenn sie gegen irgend eine ihrer Neigungen kämpfen sollen aber gilts
eine Lieblingsidee durchzusetzen o dann ist keine Löwinn beherzter und keine
Amazoninn unternehmender
    Ich nahm Julchen bei Seite um ihre eignen Wünsche über diese Angelegenheit
auszuforschen Sie äußerte zwar viel Gehorsam gegen mich aber ich sah leicht
dass die Mutter ihrem biegsamen Herzen schon die ihr selbst gefällige Richtung
gegeben hatte Ihrem jungen unerfahrnen Sinne war Berlin in die glänzendsten
Perspektive gestellt sie selbst sah sich schon dort im Geist als eine
vielgeltende Erscheinung das hatte der Fräulein frivoles Geschwätz bewirkt
Überdem fand ich dass meine Frau der verächtlichen Begegnung dieser gnädigen
Gänselein zu viel Gewicht bei ihr gegeben hatte Dies beugte vollends meinen
Mut »Auch du wieder mich meine Tochter«  Kurz nach einigen Wochen die
unter häuslichem Zwist verflossen waren kam die Nachricht dass Madame la Porte
sich gefallen ließe gegen ein Kostgeld von 200 Rtl die Maitres ungerechnet
meine Tochter in ihre Pension aufzunehmen wo sie zugestutzt und zu einem Kaquet
abgerichtet werden sollte dass sie hoffentlich in ihrem Leben nicht weiter
gebraucht haben würde Mein Weib hatte das alles um sichrer zu gehen durch
ihre adlichen Gönnerinn in der Stille betrieben »Also willst du denn doch
deine Tochter Preis geben« sagt ich zu ihr als sie mir diese Nachricht
freilich etwas schüchtern überbrachte weil sie einem Sturm entgegen sah Wie
Preis geben sagte sie sehr weise wobei ihr gutmütiges Gesicht sich zwang
schlau auszusehen ich liebe Julchen wie mein Leben aber ich sehe weiter als du
mein Kind Es würde dir denn doch wohl recht lieb sein wenn ich eine bessere
Erziehung gehabt hätte  Nie nie wärst du mein Weib geworden wärest du
gewesen was man aus Julchen machen wird  Du erschreckst mich was werden sie
denn aus ihr machen  Eine Närrinn die weder für die Stadt noch für das Land
wo sie mit ihrer sanften Einfalt hingehört mehr taugt  und du wirst es zu
verantworten haben Mein armes Weib weinte bitter so stark hatte ich noch nicht
geredet und der alte Narr Grüntal ließ sich durch diese Tränen weich
machen gab wieder nach ward aufs neue mit Vorstellungen bestürmt überstimmt
und  Gott weiß wie unwillkürlich fortgerissen so dass ich endlich wie ein
müdegejagter Hirsch kraftloss mich zum Ziel legte
    Den bitteren Unmut meines Herzens zu zerstreuen eilte ich zu unserm
Pfarrer er war noch ein junger Mann aber ganz nach meinem Herzen  deutsch
und bieder ohne jene anstössige Roheit wodurch unsre jungen Schriftsteller und
manche Teaterdichter den ehrlichen Deutschen zu bezeichnen denken Er war mir
gut und darum klagt ich ihm mein Leid Und muss es denn nun eben eine
französische Kostschule sein sagte er freundlich muss es Berlin und ein fremdes
Haus sein das ihrer liebenswürdigen Tochter Bildung vollenden soll so gibt es
ja deutsche Erziehungsanstalten jeglicher Art worin alles und mehr noch als in
den französischen gelehrt wird Sehen sie hier die öffentlichen Ankündigungen
sie haben die Wahl Wollen sie so schreib ich an einen Freund auf den ich mich
verlassen kann
    Ich willigte ein und betrieb nun ebenfalls meine Sache im stillen bis die
Antworten gekommen und wieder geschrieben und wieder gekommen waren dann erst
offenbarte ich den neuen weisen Plan meiner Frau die dies und das daran zu
erinnern hatte unter andern dass ihre ganze Freude mit dem Französischen nun
vorbei sei dass Julchen es künftig dem albernen schnipschen Fräulein gleich tun
könne nun würde doch wieder nur etwas ganz gewöhnlich Bürgerliches
herauskommen Ich unterdrückte die Antwort die mir schon auf den Lippen
schwebte und wollte mich meines Sieges über die französische Jugendbildnerinn
nicht zu sehr überheben
    Von nun an wurden die Anstalten zu Julchens Abreise eifrig betrieben Bei
jedem Stück dass mit auf Reisen ging ward die Gnädige zu Rate gezogen nach
deren Angabe die Sonntagskleider in Hauskleider verwandelt wurden Die rechten
Siegs und Triumphröcke sollten in Berlin von feinem Modezeug nach neuesten
Schnitt gemacht werden dagegen konnte ich vernünftiger Weise nichts einwenden
denn es ist Pedanterie gegen Mode und Geschlechtsgebrauch zu Felde zu ziehen
sobald beides nur nicht die Sittlichkeit den Vermögenszustand und den Rang den
die Person in der Gesellschaft hat überschreitet Auch weiß ich dass man dem
Geiste der Zeit etwas nachsehen muss Die siechen versessenen Fräulein rümpften
die Nasen dass Julchen zu einer Deutschen ins Haus sollte doch würde auch diese
eine horrible Arbeit haben Julchen zu degourdiren ein Ausdruck dessen sich
wahrscheinlich die Französinn bediente als sie diese im Grunde nicht üblen
Mädchen entpommerte
    Ich sah dem Unwesen still wehmütig zu Der erste Julius der zur Abreise
bestimmte Tag rückte immer näher und unsre kleinen sonst so frohen
Mahlzeiten wurden immer düstrer und früher abgebrochen Sah Julchen meine
mühsam zurückgehaltnen Tränen so sank sie auf meine Hände und zerfloss in
Traurigkeit »Mein lieber lieber Vater wie soll ich ohne sie leben Was kann
mir einen solchen Vater ersetzen Ich werde es nicht ertragen«  rief sie dann
von Schluchzen unterbrochen aus »Behalte Gott im Herzen mein ewig teures
Kind und sein Segen begleitet dich überall«
    Doch ich eile zu dem letzten traurigen Abend vor ihrer Abreise Tröstend war
mir die Bemerkung dass sie den Tag nicht in kindischer Unbehaglichkeit sondern
vernünftig gerührt zubrachte Wie mein Herz unter der Last seines Grames
arbeitete und meiner Frau erkünstelte Standhaftigkeit wie Wachs zusammen
schmolz werden Sie sich leicht vorstellen Indes die Mutter noch mancherlei im
Hause besorgte ging ich mit Julchen aufs Feld Eine Zeitlang schlenderten wir
schweigend neben einander sie sah mit auffallender Rührung alle sie umgebenden
Gegenstände an um sie gleichsam ihrem Andenken auf ewig einzuprägen Ihre
Tränen flossen nun unverhalten ich aber hütete mich diesen heilsamen Strom
überfliessenden Gefühls zu hemmen So erreichten wir grade die Anhöhe von der
wir Julchen als Kranzträgerinn am Erndtefest hatten ankommen sehen Eben sank
die Sonne hinter den gegenüberliegenden Wald Gott wenn ach wenn wird mir die
Sonne hier wieder untergehen schluchzte sie indem sie sich kindlich an mich
schmiegte Liebes Kind  erwiderte ich indem ich sie zärtlich an mein
bekümmertes Herz drückte  liebes Kind die Trennung soll nur kurz sein du
hast sie zwar selbst gewollt arme Tochter ich weiß es ich hoffe du wirst dich
bald aus der erstickenden Stadtluft hinwegsehnen Denke dir indes lebendig
Gottes Auge über dir und deines Vaters Herz bei dir Morgen um diese Zeit bist
du dorthin schon weit weit von uns weg Dann gedenke wenn die Sonne
untergeht deines betrübten Vaters dessen Sonne nun vielleicht auf immer
untergegangen sein wird  O wolle doch das Gott nicht mein teurer ehrwürdiger
Vater Was kann ich tun diese Liebe zu vergelten rief sie tief erschüttert 
Ich fuhr wehmütig fort Hier auf diesem Hügel werd ich stehen und für meine
entfernte Tochter beten und du meine fromme Tochter bete für deinen einsam
zurückgelassnen Vater Ich habe deinem Herzen so viel in meinen Kräften stand
fromme Gesinnungen und Redlichkeit gegeben diese lass dich vor der herzlosen
Frivolität der Stadtfrauen bewahren Überlass dich nicht dem Müssiggange der
Grossstädterinnen er gereicht ihnen zum Fall und gebiert jene unleidliche
Rastlosigkeit der nirgend wohl ist Als ein vorzüglich gutes Stärkungsmittel
empfehl ich dir alle deine Gedanken und Empfindungen über die dir auffallenden
Gegenstände in ein Tagbuch aufzufassen Solltest du gleich dadurch in
Ängstlichkeit und Peinlichkeit verfallen so ist dies deiner Moralität
heilbringender als gedankenleere Sorglosigkeit Ein solches Tagebuch wird dir
die Stelle eines Freundes wenn ich sagen darf eines personificirten Gewissens
vertreten Und dann gewähre mir zuweilen den Trost der Mitteilung dieses
Tagebuchs Fürchte nicht den Richter in mir zu finden mein Herz vertritt das
deinige zu nachdrücklich als dass du zu fürchten hättest
    Im Angesicht des allgegenwärtigen Vaters der Menschen gelobte sie mir Treue
und Gehorsam ich segnete die liebe mit überströmenden Vaterherzen Ihr Blick
durchlief noch einmal die Gegend die sich allmählich im Schatten verlor und
wir kehrten still und ernst zu unsrer Wohnung zurück
    Meine gute Frau erzwang eine Heiterkeit die nicht aus ihrem Herzen kam und
sah nach den überstandenen Schmerzen der Trennung in eine freudige Zukunft
ihre Augen strahlten wirklich von Vergnügen wenn sie sich unsre Tochter mit
allen Kolifichets der Stadt umgeben dachte eine Vorstellung bei der mir die
Tränen in die Augen traten weil sie mir den Gesichtspunkt verrückte aus
welchem ich mit so viel Wohlgefallen auf mein Kind sah
    Es war ausgemacht dass meine Frau Julchen nach Berlin begleiten sollte um
sie der Erzieherinn selbst zu treuen Händen zu übergeben und zugleich meinen
Fritz auf ein dortiges Gymnasium zu bringen Sich von zwei so lieben Kindern
zugleich trennen zu müssen tut dem Vaterherzen weh Der Abschiedsmorgen war
schwer meine Kinder hingen weinend an mir und als der Knecht vorfuhr schrie
Julchen laut auf Ich küsste sie und meinen guten Jungen schweigend und dann
trug die Mutter sie halb ohnmächtig in den Wagen »Bleibt fromm und haltet euch
recht liebste Kinder Leb wohl Weib mags dich nie gereuen Julchen von mir
gerissen zu haben« sagte ich warf mich auf mein Pferd das schon gesattelt da
stand sah noch den Wagen worin alles saß was mir auf Erden lieb war den Hügel
herabrollen und ließ dann mein Pferd den Weg einschlagen den es nehmen wollte
denn begleiten mocht ich sie nicht das macht den Abschied zwiefach schwer
    Grüntal fand jetzt als er nach der Uhr sah dass er schon einen Teil der
Nacht verplaudert hatte wünschte dem geistlichen Ehepaar eine gute Nacht und
versprach die Fortsetzung seiner Erzählung auf den Freitag  Sie werden denk
ich den Zweck Ihrer Erzählung wohl bei mir wenigstens erreichen lieber
Amtmann sagte Seelmann denn ich habe mich sehr lebhaft in die Trennungsstunde
von einem lieben Kinde versetzt und möchte diese meinem Herzen schwerlich
zumuten Nein Lottchen bleibt bei uns Gut gut sagte die Frau Pastorinn als
hätte sie damit gemeint kommt Zeit kommt Rat Erst aber untersuchen wir die
Richtigkeit der Vorurteile unsers Freundes  Vorurteile Wollte Gott es wäre
weiter nichts gewesen Nun Sie werden ja hören erwiderte der Amtmann empfahl
sich und rollte mit seinem Kaleschchen dahin
Grüntal ließ sich an dem dazu festgesetzten Abend nicht lange erwarten Er kam
noch vor Abend zu seinen Freunden und versprach dass wenn er heut mit seiner
Erzählung nicht fertig würde er künftig alles was ihm noch auf den Herzen
bliebe aufschreiben wolle um es seinen Freunden so mitzuteilen Der Pastor
besorgte das gesellige Pfeifchen die Pastorinn nahm das Strickzeug zur Hand
und Grüntal setzte sich als er endlich sein Auditorium in Ruhe sah in den
beliebten Armstuhl und begann seine Erzählung von neuem
    Meine Kinder sind nun abgereist das wissen Sie Mein Haus war mir seitdem
wie ein Grab alles öde und überall bei jedem Tritte hohltönender Nachhall Kein
Essen schmeckte mir ich vermisste meinen ehemaligen glücklichen Hausstand aller
Orten Indes meine Frau in Berlin war brachte ich meine unbesetzten Stunden
mehrenteils bei Eichen unserm Prediger zu Diesem jungen würdigen Manne durfte
ich zu ganzen Stunden von meinen Kindern vorschwatzen ohne zu besorgen dass er
es lästig finden würde Wenn ich trauerte tröstete er mich damit dass die
Anstalt worin Julchen getan würde einen entschiednen guten Ruf habe dass
Männer von Gewicht sie öffentlich empfohlen hätten Den meisten Nachdruck seiner
Beruhigungsgründe legte er darauf dass zu meiner Tochter Bildung ein so fester
Grund gelegt sei und die Eindrücke der ersten Kinderjahre nie ganz ausgelöscht
werden könnten
    Nach vierzehn ewig langen Tagen kam endlich meine Frau wieder Mir blutete
von neuem das Herz als ich sie ohne unsre Kinder sah sie aber war fröhlich und
guter Dinge und voll von dem Glanze der Residenz deren Anblick sie sich schon
längst im Stillen gewünscht hatte Sie hörte nicht auf von den prächtigen
Equipagen von dem Hofe den sie nicht gesehen von Soupees denen sie nicht
beigewohnt hatte zu erzählen ihr armes Köpfchen das auf ihrem Dorfe
dergleichen Herrlichkeiten auch nicht einmal geahnt hatte war durch die
Überraschung ganz davon eingenommen Darüber aber hatte das arme gute Weib was
uns näher anging nur beiläufig bemerkt So viel wusste sie wohl dass über die
Artigkeit der Frau Rätin Brennfeld das ist die Frau Erzieherinn in der Welt
nichts ging Überhaupt meinte sie sei es nicht so ordinair wie sie es sich
vorgestellt hatte da sie hörte dass es nur eine Deutsche wäre Das sprach der
Geist der Gnädigen im Dorfe aus ihr Denn wahr und gewiss liebes Männchen
sagte sie lobpreisend es sind Fräulein ja sogar eine Komtesse dort in der
Pension die sich gegen unser Julchen gar nicht hochmütig betrugen  Desto
schlimmer desto schlimmer sagte ich den Kopf schüttelnd  Du glaubst mir nur
nicht lieber Mann weil du dagegen eingenommen bist fuhr meine Frau sehr
freundlich fort da lies Julchens Brief den sie mir an dich mitgegeben hat 
Rasch erbrach ich ihn er enthielt Zusicherungen der heiligsten Kindesliebe Zu
der Madame aber hieß es darin könne sie freilich noch kein Herz fassen das
werde sich aber wohl geben
    Mir schien das alles nun freilich nicht so lieb und gut wie meinem armen
Weibe dem nur die sauber lakirte und polirte Außenseite ins Auge stach Zu
allem Unglück hatte Mad Brennfeld es höflich gefunden sich dem Vater ihrer
neuen Zöglingin schriftlich zu empfehlen und zwar in einem Briefe den meine
Frau gradezu für entsetzlich schön und gelehrt erklärte weil sie ihn durchaus
nicht verstand Das lag aber nicht an dem recht guten schlichten Verstande
meiner Frau sondern an dem ungereimtesten Galimatias der nur je aus der Feder
einer Pretiösen geflossen war Sie wollte sich einst  so hieß es unter andern
darin  noch mündlich mit mir über die Grundsätze besprechen nach welchen
Mamsell Grüntal erzogen werden sollte Rousseaus Methode habe zwar einiges
Gute dann aber müssten freilich die Kinder noch nicht verbildet sein Mein
Julchen das ganz schlichte Kind verbildet Allein es sei wohl besser wir
gingen das ganze Revisionswerk durch das sei wie eine Musterkarte zu
betrachten wo man für alle Naturen das Aussuchen habe usw
    Nun flog mir so eine Ahnung von einer femme savante durch die Seele dass mir
ordentlich die Haut griselte Gott im Himmel wenn die grade Seele meiner
Tochter so verschroben werden sollte Wenn sie gegen die Früchte meiner
sorgsamen Aufsicht kauderwelsches Geschwätz eintauschte sinnleere Phrasen
auskramen und mit hoch tönendem Schall um sich werfen lernte Wenn sie mir dort
ihren gesunden Verstand und guten Urteilsvermögen verkrüppeln Nein nein kein
Jahr soll Julchen dort zubringen vielleicht rette ich sie dann noch Weil sie
nun doch einmal da ist soll sie von einem anerkannt würdigen Geistlichen der
das glaubt und tut was er lehrt Religionsunterricht bekommen obschon ich
dazu keinen würdigern als unsern Eiche wüsste und danach soll mich auf Erden
nichts abhalten sie mir wieder zu holen Meine Frau ließ mich reden wie das so
eine Kriegslist der Weiber ist wenn sie ihre Zeit abzusehen im Schilde führen
O die Weiber die Weiber  Sie hat mich gegen meine bessere Überzeugung von
meinem Vorhaben abzulenken gewusst
    Nach acht Tagen kamen Briefe von meinen Kindern Mein Sohn war das sah ich
zweckmäßige in einer respektablen öffentlichen Lehranstalt untergebracht und
wohnte bei einem seiner sehr vernünftigen Lehrer Sein Brief gereichte zu meiner
großen Beruhigung denn das ich die Söhne nicht bis ins reife Alter unter meinem
schützenden Fittig haben würde hatte ich mir längst gesagt Aber Julchens Brief
 hier ist er ich habe ihn zu mir gesteckt  Der Amtmann faltete einen Brief
auseinander worauf noch Spuren von Tränen sichtbar waren Er las
»Ach meine geliebten Eltern Ich werde die Trennung von Ihnen wohl nie ertragen
lernen denn noch sind meine Augen immer nass Es wird mir denk ich gar nicht
möglich sein ohne Sie zu leben So lange die liebe Mutter noch hier war ging
alles gut nun sie aber fort ist weiß ich gar nicht an wen ich mich halten
soll  Die Leute sind hier gar nicht so treuherzig wie bei uns  Als ich den
ersten Morgen hier erwachte war mir als hätte mir das alles nur geträumt und
ich wusste nicht gleich wo ich war Es war erst vier Uhr als ich erwachte ganz
so wie ich in Lindenau gewohnt war hier im Hause war aber noch alles wie im
ersten Schlafe und ich hatte nicht das Herz mich zu bewegen Ganz leise
schlich ich ans Fenster das geht aber auf ein schmutziges Dach und ich konnte
nur die Sonne sehen wie sie oben die Schornsteine auf dem engen Hofraume
beschien mehr konnte ich von dem schönen Morgen nicht genießen Lieber Gott
wie werde ich mich je an diese traurige Einschränkung gewöhnen können Alle
meine Stubengefährtinnen schliefen noch sehr fest Ich kniete hin und wollte
beten aber mein liebster Vater es wollten keine Worte kommen mein Herz war
zu voll ich konnte nichts als heftig weinen und da wurde es kein rechtes
Gebet Dann schlug es fünf da dacht ich daran wie ich noch vor kurzem meinem
lieben Vater den Tee und das Wachslicht hinein trug wie er mich dann segnete
und ich ihm die Hand küsste wenn er mich sein liebstes Kind hieß Ach jetzt
denkt er gewiss an seine arme abwesende  bald hätt ich gesagt verstossne 
Tochter In trübe Gedanken vertiefte ich mich bis sieben Uhr und noch regte
sich keine Seele Endlich wagte ich es und wollte mich ankleiden denn ich
schämte mich vor diesen fremden Leuten unangekleidet zu erscheinen Bei der
Bewegung die ich machte stieß ich unglücklicherweise an einen Tisch über das
Geräusch erwachten sie und waren sehr böse dass ich sie gestört hatte Aber
sagte ich es ist ja schon über sieben Auf ihrem Dorfe mag das freilich schon
horribel spät sein sagte die eine und die Komtesse brummte etwas wovon ich
nichts verstand als das Wort gemeines Volk
    Jetzt kam ein recht freches Stubenmädchen herein und sagte Monsieur Magot
ist da er hat nicht lange Zeit Ich erschrack und dachte nicht anders als dass
schon so früh ein Besuch käme aber aus den Antworten der Fräulein merkte ich
wohl dass es der Haarkräuseler sein müsste Drauf fuhren die Langschläferinnen in
die Kleider und dabei musst ich wieder an Sie meine liebe Mutter denken denn
ich sah wie unglücklich die Fräulein waren keine liebe Mütter zu haben in der
Eil mit der sie die Kleider überwarfen rissen sie Bänder und Schleifen ab
steckten die Röcke mit Stecknadeln zu zogen Strümpfe mit großen Löcher an die
dann ein seidner bebänderter Schuh zudecken musste Als sie kaum kaum bedeckt
waren trat Monsieur Magot herein Ich schämte mich weil ich noch nicht ganz
angekleidet war und zog mich in den finstersten Winkel des Zimmers zurück Aber
meine Gefährtinnen waren durch die Gewohnheit schon dreister als ich denn sie
saßen mit ganz bloßer Brust und ließ sich das nicht anfechten Magot sah
nicht aus wie ein Mensch der andre bedient ich habe eine so schöne Mannsperson
noch gar nicht gesehen Er wusste den Fräulein viel Höfliches und dabei auch
Spasshaftes vorzusagen und da eben die andren nicht hinsahn warf er der die
er grade frisirte einen Brief in den offenen Busen so dass mir das Gesicht vor
Schaam ordentlich brannte Von meinem Vetter sagte sie ganz gelassen als sie
bemerkte dass ich es gesehen hatte Das sind doch gewiss alles recht sonderbare
Gewohnheiten hier zu Lande Mir gefallen unsre aber doch besser  Nachher
wurden wir zum Frühstück gerufen Ma chere Madame stellte sich in den Kreis den
wir um sie schlossen und die sousgouvernante die ganz taub ist und der
Schwäche wegen sitzen musste las einige französische Gebete die aber da sie
zahnlos ist ganz unvernehmlich waren Sie unterbrach sich oft um durch Mienen
anzuzeigen welche Eleve sich grade halten sollte Die Grössern lachten und
gaben sich allerlei schalkhafte Winke Ich aber musste wieder weinen denn mir
fielen unsre lindenauischen Morgenandachten ein wie fromm unser treuherziges
Gesinde um Sie herumstand und auf Ihre rührenden Worte so merkte als wollten
sie sie auswendig lernen dabei war mir immer so als ob ich dem lieben Gott das
alles selbst sagte und ihm so herzlich für Alles dankte wie Ihnen  Während
des Gebets hatte Madame mich einigemal sehr scharf angesehen Mir klopfte das
Herz vor Bangigkeit was es doch nur sein würde denn in Wahrheit ich fürchte
mich noch vor all diesen fremden Leuten Kaum hatte Madame Poulet so heißt die
französische Lehrerinn ainsi soit il Amen gesagt denn so enden alle diese
Gebete so fragte sie mich ob ich so wie ich da wäre in die Kirche zu gehen
gedächte Ich wurde rot und sagte Das wäre mein bestes Kleid Sie meinte an
sich wär es eben so übel nicht es wäre nur die Frage ob die Fräulein so mit
mir gehen würden Und dann die Haare das ist doch gar zu dorfmässig Magot mag
sie ihr verschneiden und auflocken sagte Mad Brennfeld nachlässig das wird
ihren Vater jährlich etwa 20 Rtl mehr kosten Erwähnen sies wenn sie an ihn
schreiben Für heut mags einmal gut sein Nun nahmen wir das Frühstück ein
wobei Madame still für sich las Ist das Tee oder Kaffee fragte ich die
Pensionairinn neben mir Wie boshaft sagte diese leise Kaffee ists ich
versichre sie recht guter Kaffee sie werden ihn noch anders zu trinken
bekommen Ach meine gute nahrhafte Milchsuppe in Lindenau dacht ich wieder
    Um neun Uhr wurden wir in die Kirche geführt und zwar durch die
Untergouvernante in eine französische zur Übung der Sprache O mein Gott wie
fremd blieb das alles meinen Herzen Wenn ich in unsre kleine reinliche
Dorfkirche trat und die lieben Landleute stimmten so ein herzliches Lied an
überlief michs recht wie ein heiliger Schauder In diesem französischen
Gesinge war gar nichts dem Ähnliches Eine schleppende Melodie die aus einer
Strophe in die andre hinein durch fatale Nasentöne gezogen wurde Dann der
Inhalt der ein Psalm war in welchem David über Dog den Edomiten klagt und um
Sieg bittet da er von Saul verfolgt wird Ich wusste mir davon nichts auf meinen
Zustand anzuwenden und sang nicht mit denn ich weiß ja von keiner Verfolgung
 sie müsste denn noch etwa kommen Ich las während dessen in meinem Gesangbuche
das Sie lieber Vater mir zu Weihnachten geschenkt haben Mad Poulet ließ mir
aber durch eine unsrer Kleinen zuflüstern das sei indecent und ich sah nun
meiner Nachbarinn ins Buch aber gesungen habe ich nicht Als der Prediger auf
die Kanzel trat ja Väterchen das war nun wohl nicht recht aber  da kam mir
das Lachen an Er schien mir nicht viel älter als Bruder Fritz und sah grade so
aus als wenn der sich der lieben Mutter schwarze Schürze umhing und uns
vorpredigte Ich habe gar nicht gewusst dass man auch so junge Prediger hat 
Und wenn ich auch recht ordentlich französisch verstünde hätte ich von diesem
doch kein Wort verstanden so unerhört geschwind sprach er und gebehrdete sich
dabei so als ob er mit jemand zankte Er hatte ein weißes Schnupftuch das
breitete er über die Kanzel hinaus als ob er an seinem Schreibtische allein
wäre und wenn er sich verschnaufte welches ihm bei seinen heftigen Gebehrden
wohl Not tun mochte nahm er Tabak wie bei Freunden Das mag aber wohl nur
mir die an den Ernst  man nennt das ja wohl Würde lieber Vater mit der ich
immer predigen hörte gewöhnt ist  so sonderbar vorkommen denn es schien
sonst Niemanden aufzufallen es waren sogar einige gerührt Ich begreife gar
nicht wie einen das Französische rühren kann es kommt mir nur immer wie Spaß
vor Nun mit einemmal wars Amen und aus Dann wieder ein Dankpsalm für erhaltnen
Sieg und nun froh und freudig auf den Kirchhof geeilt wo der Prediger der ein
Neveu der Gouvernante ist schon unserer wartete Eine der größeren Fräulein
nekte ihn mit seiner Predigt aber er war der erste der sich darüber lustig
machte überhaupt war er ganz so schäkernd und spaßhaft wie der Friseur Das
ging den ganzen Weg so fort denn er ging mit dem ganzen Zuge junger Mädchen zu
Hause Mit den Vornehmsten unter uns tat er sehr schön küsste ihnen auch
mitunter die Hände mir aber begegnete er wie einem kleinen Kinde obgleich er
doch wohl selbst kaum aus den Kinderjahren ist Nachher bat ich Madame
Brennfeld mich in eine deutsche Kirche gehen zu lassen damit ich alles was
vorkäme verstehen könnte sie schlug es mir aber ab und sagte ich würde es
schon verstehen lernen ich müsste mich in der Sprache vervollkommnen und dazu
würde das Hören französischer Predigten viel beitragen
    Den Mittag und Nachmittag fuhren die jungen Damen eine hier die andre
dorthin sie waren so schön und so geputzt als ich in meinem Leben noch niemand
gesehen habe Ich und die andern welche zu Hause geblieben waren wurden von der
alten Französinn auf die Promenade geführt Das ist aber ein erbärmliches
Vergnügen liebe Eltern darum nennen sies auch wohl eine Promenade damit man
sich bei dem Worte Spatziergang nicht etwa betrüge und Vergnügen erwarte Wir
wurden in einer staubigen Allee auf und abgetrieben Keine darf stillstehen
oder sich umsehen denn das ist wider den Wohlstand Da ist an kein Vergnügen zu
denken und es vergeht einem auch wohl wenn man in seinem besten Staate der
recht geschont und vor Flecken bewahrt werden soll eine halbe Meile auf dem
Steinpflaster gegangen ist ehe man aus der ungeheuren großen Stadt hinaus
kommt Einige von uns drückten die neuen Schuhe so dass sie fast ohnmächtig
wurden dabei liefen die armen Mädchen immer damit ich zurück bleiben sollte
denn sie schämten sich meiner weil ich nicht nach der hiesigen Mode angezogen
war sie jammerten mich recht so trübselig sahen sie aus
    Der Anblick so vieler wohlgekleideten Menschen war mir wohl neu aber ganz
und gar nicht angenehm Wie gern wäre ich dafür auf unsrer schönen Wiese im
Birkengrunde gewesen und hätte in meinem leinenen Röckchen mit meinen Brüdern
und Schulzens Louischen getanzt So aber habe ich meinen armen Fritz noch nicht
einmal gesehen Ach Gott wie das alles so fatal und gezwungen ist Mit seinem
Bruder an einem Orte zu wohnen und ihn nicht einmal zu sehen Nehmen Sie mich
ja recht bald aus dem fatalen Orte weg der mich so missvergnügt macht Liebe
Eltern Sie können mirs glauben ich habe hier noch nicht ein einzigesmal recht
von Herzen gelacht Ich küsse Ihnen kindlich die Hände geliebte Eltern und bin
zeitlebens
                                                                            Ihre
                                                     gehorsame zärtliche Tochter
                                                                       Juliane«
Dieser Brief fuhr Grüntal fort indem er denselben mit sichtlicher Rührung
wieder in seinen Umschlag legte muss Sie überzeugen was für eine liebe zarte
unverdorbene Pflanze ich in dies Berlinische Treibhaus gegeben hatte Freilich
hatte ich das arme kleine Ding nur in der beschränkten Sphäre unsers sehr
einfachen häuslichen Lebens gesehen In unserm Herzen schlummern so lange wir
einsam leben tausend Triebe und Neigungen und erwachen vielleicht nie wenn
das Geräusch der großen Welt oder des vornehmen Lebens sie nicht weckt Der
welcher sich deswegen aus irgend einem abgesonderten Orte ein Weib zur
Gefährtinn seines Lebens holt weil sie still erzogen ward verfehlt gemeinhin
seinen Zweck Ein welterfahrner Mann hat mir gesagt dass es darum in
katholischen Ländern der guten Ehen sehr wenige gebe weil da die meisten
Frauenzimmer in Klöstern erzogen werden Das still erzogne Mädchen musste
eingezogen sein weil es die Eltern dazu zwangen man versetze sie aber nur auf
einen größeren Schauplatz und ihre verborgenen Anlagen werden sich so schnell
entwickeln dass selbst der Kenner sie sehr bald nicht mehr aus der bunten
Maskerade wird heraus finden können Sie missverstehen mich doch nicht lieben
Freunde unterbrach sich Grüntal  ich meine so dass sichs nicht schickt wenn
der Orangebaum ins Kohlbeet und die Kohlpflanze ins künstliche Treibhaus
gebracht wird Jedem ist seine Sphäre bestimmt dem Orangebaum künstliche
Behandlung und der Kohlpflanze Gottes freie Luft
    Und weiter preise ich die Eltern seelig die in mannichfaltigen
Verhältnissen den geheimsten Keim eines Hanges den Seelen ihrer Kinder
entlocken können Im Kreise stiller häuslicher und ländlicher Freuden hätte
meine Tochter ihre Bestimmung sicher nicht verfehlt denn zu diesem ihrem
wahrscheinlichsten Berufe hatte ich sie zu bilden gesucht  Mögen
grossstädtische Eltern ihre Töchter für grossstädtische Verhältnisse bilden 
Einigermassen beruhigte mich ihr Brief allein es blieben noch immer Gründe genug
zu traurigen Besorgnissen und ich fühlte nun die Lücken die ich in ihrer
Ausbildung gelassen hatte sehr schmerzlich
    Meine Frau begriff nicht dass das Mädchen nicht über alles was sie sah und
hörte entzückt war »Sie muss sich das Kritteln über ihre Vorgesetzten
abgewöhnen sagte sie ich werde an sie schreiben« Sie tat es und ich kam
durch den Postschein dahinter dass sie ihr außer den Vorwürfen noch eine nicht
ganz kleine Summe in Golde überschickt hatte »Was soll das mein Kind fragt
ich verdrießlich« Lieber Mann sagte die arme Ertappte werde nur nicht böse
Julchen kann in Berlin doch nicht so einfach wie in Lindenau einhergehen Sie
wird das Geld an hundert Stellen brauchen Es tut einem doch wehe wenn man
hört dass sein Kind zurückgesetzt wird Haben wirs doch Gottlob dazu Du
kannst mir die kleine Tändelei mit dem einzigen Mädchen immer erlauben Diese
kleine Tändelei hatte indes doch die nicht unbedeutende Folge dass die Tochter
im folgenden Brief schon so fest wie ihre arme unerfahrne Mutter überzeugt war
man habe ohne Modezuschnitt jeglicher Art keine recht eigentliche Existenz Sie
schämte sich der sauberen einfachen Kleider die wir ihr mitgegeben hatten weil
keine Stickerei drin war und nannte eine Reihe ausländischer Namen von Zeugen
her worin sie wohl gekleidet sein möchte Mir taten davon die Ohren wehe Der
Mutter aber funkelten die Augen da sie den Brief las bei dem ich in Wehmut
hätte zerfließen mögen So wie auch das chere mère ihr im Herzen wohl tat dass
sie wie ein Kind dabei kicherte Unserm rechtschaffnen Pfarrer Eiche wagte ich
nicht die schnellen Fortschritte des Mädchens mitzuteilen weil ich mir
innerlich vielleicht selbst noch schmeichelte dass ich ihr wohl zu viel tun
möchte und auch gern meiner Frau schonen wollte Also blieb mir nur der Trost
an Julchen diesen Brief zu schreiben
    »Ja mein liebstes Kind noch vermisse ich dich und unsern Fritz
allenthalben Oft denk ich wenn in der Frühe meine Tür aufgeht mein Julchen
bringt den Tee und bietet mir freundlich einen guten Morgen denn du gute
Tochter warst freilich immer freundlich das kann ich sagen Da ich aber selbst
in unsre Trennung gewilligt habe obschon ich jetzt nicht begreife wie das
zugegangen ist muss ich mich wohl beruhigen Ich habe noch kein Tagebuch von dir
erhalten wohl aber Briefe die mich mit recht traurigen Besorgnissen erfüllen
Zwar verarge ich es deiner Jugend und Unerfahrenheit nicht dass du nach der
Mode und deiner gegenwärtigen Lage gemäß gekleidet zu sein wünschest und
deshalb bestätige ich das Geschenk deiner Mutter Wende es immerhin zur Tändelei
an wenn du glaubst dass es recht sei eine Summe zu vergeuden von der eine
arme Familie ein Jahr lang leben könnte Verschleudre es zu Putz in welchem du
dich vielleicht schon künftigen Monat ohne dich lächerlich zu machen nicht
mehr wirst zeigen können  Hüte dich die Schranken deines Vermögens und deiner
wahrscheinlichen Bestimmung zu überschreiten Ich muss dir sagen dass du nicht
reich bist und zur vornehmen Klasse gehört eines Amtmanns Tochter auch nicht
wovon du dich um so mehr überzeugen wirst wenn du dich erinnerst dass sonst
allenthalben ein Amtmann nur der Pachter heißt Das ist aber auch eine von den
Inkonvenienzen der Kostschulen dass die geringere Klasse dort mit der vornehmern
über einen Leisten geschlagen wird und alle mit einem und demselben Firnis
überzogen werden Das wird auch dein Fall sein mein liebes Kind wenn du zu
unbesonnen der Mode fröhnst Sie ist eine nimmersatte Hyäne die besten
Frauenzimmer sind oft ehe sie es glaubten von diesem Ungeheuer ergriffen
worden Meine liebe lies doch das dritte Kapitel der ersten Epistel Petri
beherzige besonders den 3 u 4 Vers Welcher Geschmuck soll nicht auswendig
sein mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleiderumlegen sondern der
verborgne Mensch des Herzens unverrückt mit stillen sanften Geiste das ist
köstlich vor Gott Mein Töchterchen du wirst hoffentlich diese Ermahnung
darum dass ein Apostel sie gibt niemals zu altvätrisch finden sie passt für
jegliches Zeitalter für das jetzige aber ganz besonders
    Auch ist es mir nicht lieb dass du die gute ländliche Sitte des
Frühaufstehens mit dem schädlichen Langschlafen vertauschen musst Du sollst ein
Kämmerchen für dich allein haben und kostete es auch mehr als vier Friseurs
Denke nur mein Julchen wie viel du weniger lebst wenn von jedem Tage drei
Stunden abgehen Fühlst du nicht jetzt schon dass du dich um die Freuden der
Erholungsstunden bringst Denn bei so verkürzten Tagen wirst du schwerlich noch
Stunden zu deiner Erholung aussetzen können Die lange üble Gewohnheit hat die
Stadtdamen freilich dahin gebracht dass sie alle ihre Tage zu Festtagen machen
können ohne die geringste Unruhe im Herzen dabei zu empfinden Du bist
Gottlob so nicht erzogen meine Tochter Du hast früh gelernt dich vor dieser
trostlosen Vergessenheit deiner Bestimmung zu hüten Es ist dir aus
übelverstandner Schamhaftigkeit nicht verschwiegen worden dass auch du zu den
Pflichten der Gattin und Mutter bestimmt bist Sei dessen fleißig eingedenk und
versäume keine Gelegenheit das zu lernen was zu diesem Endzwecke führt Aber
die Vielwisserei du wirst mich verstehen fliehe wie die Unwissenheit Die
kluge Frau von Lambert sagt in dem Rat den sie ihrer Tochter gibt mais
songés que les filles doivent avoir sur les sciences une pudeur presque aussi
tendre que sur les vices
    In allem was die Stadt Plaisirs nennt empfehle ich dir eine besondere
Nüchternheit Du würdest dir durch den Genuss geräuschvoller Vergnügen den
Geschmack an den einfachen Freuden der schönen Natur verderben zu welchen man
doch zu seiner Zeit wieder zurückkehren muss Deinem Geschlecht insonderheit
stehen Jahre bevor wo die Männer von euren Personen sagen sie gefallen uns
nicht und in welchen öffentliche Lustbarkeiten euren schmucklosen Gesichtern
nicht mehr anstehen Dann findet ihr den sichersten Trost in den Armen der
treuen Freundin Natur die eure Eitelkeit durch keinen empfindlichen Kontrast
beleidigt Diese Bemerkung wird dir allerdings im funfzehnten Jahre etwas zu
früh angebracht scheinen Jetzt ahnest du auch jene Zukunft noch nicht aber
Kind du wirst einst dieser Worte gedenken Die goldne Jugend verfliegt
pfeilschnell und wehe dem der nicht zeitig genug an ihre Hinfälligkeit dachte
    Ich bin ernster geworden als ich es wollte Beruhige mich und schicke mir
bald dein versprochenes Tagebuch zu damit ich mich mit meinen Augen überzeuge
dass du meiner Liebe wert bist«
    Mein gutes braves Weib denn das war sie mir doch bei allen ihren kleinen
Fehlern und Vorurteilen meinte ich würde unsere Tochter durch dergleichen
Ermahnungen nur immer schüchterner machen Bei einem jungen Mädchen sei die
Eitelkeit natürlich und gäbe sich von selbst sobald die Veranlassungen dazu
nicht mehr vorhanden wären  Nach einiger Zeit erhielt ich Julchens Tagebuch
Hier ist es unverändert
Den 12 August
    Mein lieber Vater wünscht ich soll frühe aufstehen wie in Lindenau ja
wenn er nur wüsste er würde es selbst sehen dass es hier gar nicht angeht Wir
gehen vor zwölf Uhr nicht zu Bette Gestern Abend zum Beispiel haben wir mit dem
jungen Prediger dem Neveu der Gouvernante allerlei witzige Pfänderspiele
gespielt Erst war ich blöde und wollte mich von keinem Manne küssen lassen
Überdem weiß ich ja wohl was mein Vater von dergleichen hält Die andern aber
sagten das wäre Ziererei ich wäre eine kleine Landpute Das ärgerte mich ich
zwang mich ein wenig und da ging es recht gut Ich war so lustig wie die
andern und wurde ordentlich übermütig wie sie sagten Das brachte mir nun
gleich den Vorteil dass Fräulein Mariane von Lindenfels mich du nannte und
recht familiär mit mir tat nun werdens die andern auch wohl tun denn Mariane
ist die älteste und schon Braut
    Beim Schlafengehen war mir von allem Lachen und Schäkern der Kopf so wüst
und hohl dass ich schlechterdings nichts Ernstaftes denken viel weniger aus
dem Herzen beten konnte ich gestehe dass ich daher nur flüchtig ein Abendgebet
las wobei mich aber die lustigen Mädchen unaufhörlich neckten und dazwischen
trallerten Nachher konnte ich nicht einschlafen mich dünkte ich hätte Böses
getan und mir war wie beklommen ums Herz Noch ängstlicher wurde mir als mir
plötzlich einfiel mein verehrungswürdiger Vater möchte wohl um eben die Zeit
da ich um Pfänder spielte für mich gebetet haben denn das tut der liebe gute
Vater gewiss immer Ich seufzte so dass es Fräulein Mariane hörte und mich
fragte was mir wäre  ich schäme mich zu sagen was sie vermutete warum ich
geseufzt habe sie ist so leichtfertig darauf gestand ichs ihr Ach Närrchen
sagte sie wenn dir sonst nichts ist Desto besser wenn der Vater für dich
betet du wirst hier bei uns so das Beten bald satt kriegen solche Pedantereien
schicken sich nur für das langweilige Dorfleben  Mich schauderte recht bei
solchen Reden Lieber Vater die Stadtleute sehen wohl nur von Außen so hübsch
aus
Heute am 13 erwachte ich so spät und war so dämisch dass ich wieder keinen
Augenblick zu irgend einem ernstaften Gedanken fand Die Maitres kamen und ich
habe die erste Tanzstunde bekommen aber o weh ich dachte immer ich sei gut
genug gewachsen Monsieur Belair schüttelte mich aber so zusammen und riss mir
die Schultern so zurück dass ich vor Schreck und Schmerz laut aufschrie Die
Füße wurden mir dabei in einem sogenannten Fussbrett so auswärts gedreht dass ich
sicher glaubte sie wären mir verrenkt Ach und die Reverenze Denken Sie nur
die Damen machen keine Kniesenkung mehr sondern grade so einen Bückling als
wenn unsers Meiers Christel in die Stube trat den ich immer nachzumachen
pflegte Das erstemal als ich so einen vor dem Tanzmeister übte machte ich in
Gedanken einen Kratzfuss dazu da entstand ein gräulich Gelächter Ach mir
vergeht fast die Geduld ehe ich alle die hiesigen Manieren inne haben werde
    Am Abend tanzten wir erst und dann lass ich Madame Brennfeld etwas aus einem
Buche vor das Lessings Fragmente heißt Ich verstand zwar nicht viel davon
Madame aber ist entsetzlich gelehrt und wie mir Mariane sagt eine Philosophin
Zuweilen soll ihr Vetter ein junger Kandidat herkommen dann disputiren sie
beide über allerlei Materien aus der Religion Das sei aber entsetzlich
ennüyant sagt Mariane Der Kandidat soll übrigens ein hübscher Junge sein wäre
er nur nicht so ein Pedant meint das Fräulein
Den 14
    Ich habe meine Trägheit diesmal glücklich überwunden und bin um fünf Uhr
aufgestanden Ich wusste aber nichts mit mir anzufangen denn hier wo nur alles
mit Zwang geschieht habe ich an nichts eine rechte Freude darum macht mir auch
mein bisschen Klavierspielen kein Vergnügen mehr Da soll ich immer Sonaten und
Bachsche Sachen spielen von denen ich nichts verstehe Zuweilen wenn es
niemand hört spiele ich meine alten Stückchen der lieben Mutter
Lieblingslieder und alles was mein Vater gern zu hören pflegte dann weine ich
dabei bis mir das Herz leicht wird Die Arbeit welche wir machen kommt mir
auch gar nicht wie Arbeit vor Es werden Börsen gestrickt und allerlei
Sächelchen gestickt die man gar nicht braucht Ach wenn die Stunden aus sind
wird uns die Zeit immer entsetzlich lang Madame ist dann immer in ihrem Kabinet
und schreibt oder liest wir sehen denn alle aus den Fenstern ob nichts Neues
auf der Straße ist oder schicken das Hausmädchen nach einem Kuchenladen und
schmausen dann wie auf einer Kindtaufe Das schmeckt uns denn auch weil wir uns
bei Tische von den behenden Gerichtchen selten recht satt essen können und das
Butterbrod Abends gar dünne und mager ist immer vortrefflich Madame Brennfeld
sagt zwar so recht mit Apetit essen sei so animalisch und Bier oder Wein
trinken errege Sinnlichkeit Kann sein aber wenn wir nur einmal über so eine
Lindenauische Schüssel kämen sie sollte unserm schlaffen Magen recht gut tun
 Die Tage kommen mir hier länger vor als auf dem Lande da waren sie mir oft
zu kurz und ich erwartete den folgenden Tag mit Ungeduld um die angefangne
Arbeit vollenden zu können
Den 15
    Ach Gott wie bin ich innerlich beschämt Ich suchte einige Blumen und
Bänder für meine Haare und da fiel mir das neue Testament in die Hände das die
gute Mama hineinlegte und zwar noch ganz so eingewickelt Ich ward so allein
ich war brennend rot im Gesicht dass ich die teure Sorgfalt der guten Mutter
so schlecht belohnt hatte Denn ich darf nicht leugnen dass ich an dies liebe
Buch hier noch gar nicht gedacht habe Nun ich will alles nachholen wenns die
andern nur nicht sehen die necken einen dann besonders Mariane die immer
französische Bücher in ihr Bette versteckt Das mögen freilich wohl die rechten
sein wenn sie so geheim damit tun muss Sie sagt ihr Bruder der ein Kornet
ist gäbe sie ihr
Wie gefällt Ihnen das Pasterchen unterbrach sich der Amtmann und wischte sich
den Angstschweiß ab Es ist lange her aber Gott weiß das Herz im Leibe wendet
sich mir bei solchen Schlechtigkeiten um  Nun weiter
Nachmittags sind wir in Charlottenburger Garten gewesen Hätten doch meine
lieben Eltern das gesehen so schön so prächtig Ach was war da Amtmanns
Julchen für ein armes kleines Licht Es tut doch dem Herzen weh überall und
überall die Geringste zu sein Davon habe ich in Lindenau nichts erfahren
Freilich war ich da immer unter meines Gleichen oder Geringern Mein Bruder ist
mir auch mit einem seiner Lehrer begegnet Ach wie der arme Fritz so steif
gegen die andern aussah Meine Gefährtinnen lachten über ihn da habe ich recht
weinen müssen Wenn es ihm der liebe Vater doch schriebe dass er sich ein wenig
mehr nach seinen Mitschülern richtete den Zopf nicht so dicht an dem Kopfe und
die Locken nicht so geklebt trüge Freilich ists mir manchmal ordentlich als ob
er so ehrlicher aussähe als die andern
    Zuletzt als wir uns ganz müde gesehen und gelaufen hatten fuhren wir auf
Bauernwagen zurück Mir hüpfte recht das Herz vor Freude als ich den Korbwagen
bestieg Wenn es so nach Lindenau ginge dacht ich und doch wars auch als wäre
mir bei der Vorstellung ein wenig bange Vom Tor an gingen wir durch die
Lindenallee zu Hause Da stand ein Mann mit einem Raritätenkasten der Kaiser
und Könige auf seine eigne Art reden ließ Mit einemmal aber hieß es »da werden
sie sehen den Herrn Christum am Kreuz« und alles lachte und belustigte sich
daran Mein Gott ich habe das schon so oft bemerkt dass sich die Leute hier
nicht so recht viel aus dem Herrn Christus machen Das sagen auch meine
Mitschülerinnen sogar unser Hausgesinde wenn sie unter einander sprechen und
bei diesen Spöttersinn erlaubt man auch noch dass diese heilige Geschichte so
öffentlich prostituirt wird Mir traten Tränen in die Augen und ich ließ
meinen Unwillen darüber merken da wurde ich ausgelacht und selbst Madame
Brennfeld sagte es wäre recht gut für mich ich sollte nur bei meinen
ländlichen Ideen bleiben Wenn meine Vernunft mehr Fortschritte gemacht haben
würde wäre mir das Weiterforschen unverwehrt Mir wird ganz bange lieber
Vater Bei solchen Reden scheine ich mir so einsam als wäre ich unter einer
fremden Nation oder unter Juden die meines Glaubens nur spotteten
Den 16ten
    Ach ich bin recht entsetzlich erschrokken Ich und alle Pensionnairen sind
zu einem Ball bei dem Vater der Fräulein Lindenfels eingeladen er will ihren
Geburtstag feiern Ein Ball in meinem Leben habe ich nicht geglaubt auf einen
Ball zu kammen Es muss etwas erstaunlich Schönes sein denn sie sind Alle ganz
außer sich Ich würde mich auch noch mehr darüber freuen wenn ich gewiss wüsste
dass mein lieber Vater es gern sähe Wenn er doch recht ausdrücklich beföhle wie
ich mich in gewissen Fällen verhalten soll Ich vermag es nicht zu leugnen dass
ich den morgenden Tag kaum erwarten kann und die Ungewissheit ob ich recht tue
mich zu freuen ist mir ordentlich zur Last so dass ich die Andern beneide wie
die sich so ungestört ihrem Entzücken überlassen Mit den Lehrstunden sieht es
heute schlimm aus keine hat Gedanken dazu Wir wollen früh zu Bette gehen
damit es bald wieder Tag wird
Den 19ten
    Drei Tage habe ich Dich nicht angesehen Du mein ehrliches Tagebuch Jetzt
will ich alles nachholen und so tun als ob ich meinen lieben Eltern selbst
erzählte wie mir auf dem Balle zu Mute gewesen ist Von meinen Gedanken und
Empfindungen werde ich aber wenig Rechenschaft ablegen können denn in meinem
Kopfe ging alles bunt durch einander So viel erinnre ich mich wohl dass bei dem
Schönen auch viel Nichtschönes ist was man von fern nicht entdeckt Erst hatte
ich mich gefreut wie ich geputzt sein und mir das so hübsch lassen werde aber
als ich neben den andern stand kam ich mir ganz schlecht vor besonders als
Madame sagte mir würde immer ein je ne scais quoi fehlen das ich doch für mein
Leben gern hätte wenn ich nur erst recht wüsste was es wäre Wenn ich also das
je ne scais quoi nicht ertappe hilft mir alle die Marter im Fussbrett alle das
Schmerzliche Auseinanderrecken in der Tanzstunde nichts Ich fühlte mich so
gedemütigt und niedergeschlagen dass ich nun schon lieber zu Hause geblieben
wäre um so mehr da die adelichen Mitschülerinnen heute ganz fremd gegen mich
taten und sich unter einander schon immer im Voraus ma chère fröle und mich
Mamsell Grüntal nannten
    Meine lieben Eltern haben mich gelehrt ich solle mich allenthalben mit
anständiger Freimütigkeit betragen ein tugendhaftes Gemüt scheue nur Gott
Das sagte ich mir oft vor mich dreist zu machen aber als ich in die große
vornehme Gesellschaft trat war Mut und alles hin ich wünschte mich weit weg
Die Kniee wollten unter mir einsinken und darum war es mir auch schon ganz
recht dass Madame Brennfeld dem alten Baron Lindenfels nur ihre adlichen
Kostgängerinnen vorstellte und ihm die Titel ihrer Eltern hernannte mich aber
gar nicht bemerken ließ »Und wer ist denn dies schöne Kind« fragte der Baron
indem er mit dickgeschwollenen Beinen durch ein großes Augenglas mich
bekuckend an mich heranrutschte Ich schlug die Augen nieder als Madame mit
einem recht widrigen Tone sagte »Es ist eines gewissen Amtmanns Tochter aus
Lindenau ihr Vater ist sehr reich und hat mich inständigst gebeten sie unter
meine Zöglinge aufzunehmen« »Also ein Töchterchen vom Lande« sagte der alte
Herr recht hässlich grinsend wobei er mich immer noch durch seine Gläser
anschielte dabei sah er recht gräulich aus und wollte sogar mich in die Backen
kneipen Ich trat zurück und dachte so was leide ich von einem Fürsten nicht
»Kleiner schüchterner Narr« fletschte darauf der Alte und fragte »Sie ist
wohl noch nicht lange hier«  Ach ich war so verdrießlich dass Madame mir leise
sagte »Mon dieu quel visage Prenez garde à ce que vous faites Julie«
    Des Fräuleins Tante eine bejahrte aber sehr munter gekleidete Dame machte
die Wirtin Es ist vielleicht nicht ganz recht dass ich Anmerkungen zu machen
mir herausnehme allein ich kann mich nicht enthalten einer Sache zu erwähnen
wogegen mein ganzes Herz sich empört wie Madame immer zu sagen pflegt Einst
sprach mein lieber Vater über weibliche Kleinheiten und rügte die Bitterkeit
mit der die Frauenzimmer oft Abwesende behandeln Da meinte meine sanfte immer
gütige Mutter so hässliche Gemüter gebe es schwerlich wie der Verfasser aus
dem der Vater uns vorlas sie schilderte Hier ist was ich selbst mit angehört
habe Die Tante sagte als alle im Kreise um sie sassten und sie den Tee
machte auf eine lustigseinsollende Art aber sie sah recht garstig dazu aus
wir werden heut etwas von der komischen Art haben eine Repräsentation in aller
Form Meines Bruders Agent der Rat M wird heut seine junge Gemahlin auf
dieses Wort legte sie einen besonderen Nachdruck vorstellen  »So« sagten
verschiedene alte Damen zugleich »und wer ist sie wenn man fragen darf« 
Eines ehrbaren Handwerkers Tochter ich glaube Steinmetz oder Kupferstecher war
der Vater Er hat bei dem Bau im neuen Schloss viel verdient Sie nannte ihn
ich habe aber den Namen nicht behalten Darauf sagte eine angenehme Dame von
mittleren Jahren »O das ist ja der berühmte Bildhauer Da freue ich mich
dessen Tochter zu sehen« aber die vornehme Erzählerin bemerkte es kaum und
fragte ist Bildhauer und Steinmetz nicht einerlei Handwerk  dann fuhr sie
fort »sie soll eben nicht hässlich aussehen hat sich auch als Frau Rätin schön
herausstaffirt Nun der Rat musste wohl aufs Geld sehen er war ein armer
Schlucker und wenn mein Bruder ihm nicht fortgeholfen hätte«   »Ich erinnere
mich  fiel hier eine ganz alte verzerrte Oberstin ein  wenn ich nicht irre
ist bei dem Mädchen mal so etwas passiert so etwas Kleines von einem Offizier
  Ja wenn die Bürgermädchen ein bisschen gut aussehen so wird so viel
Aufsehens gemacht indes manches Fräulein aus dem besten Hause sizzen bleibt« 
Mariane winkte mir boshaft zu und blickte auf ihre Tante ich fand das alles
nicht hübsch und sah wo anders hin  »Neveu fuhr die Tante fort indem sie
einem jungen Offizier eine Tasse reichte ich dächte Sie gäben uns die Farce
den jungen Ehemann ein wenig eifersüchtig zu machen« Ehe der Neveu antworten
konnte flog die Tür auf und der Rat trat mit einem wirklich schönen jungen
Frauenzimmer herein So eben sprachen wir von Ihnen meine charmante Rätin
schrie das alte Fräulein und ihre Augen funkelten so als wenn unser schwarzer
Mausekater im Dunkeln sitzt dabei eilte sie ihr mit offenen Armen entgegen Wie
konnten diese guten Leute es sich wohl träumen lassen dass sie einen Augenblick
vorher so jämmerlich waren zerrissen worden »Ich achte es für ein Glück dass
es mir vergönnt ist der Gesellschaft ein so würdiges Paar vorzustellen« Die
alte Dame die von dem Kleinen gesagt hatte musste sich doch noch schämen
können denn sie sah aus wie das böse Gewissen und als die Reihe an sie kam
die junge Frau zu küssen blickte sie seitwärts  Gewiss die junge Frau betrug
sich weder lächerlich noch auf irgend eine Art unschicklich auch war sie bei
weitem die Schönste und am besten Gebildetste in der ganzen Gesellschaft
    Bald nachher fingen sie an zu tanzen Menuets tanzten nur einige bejahrte
Herren und Damen und die jungen Tänzer standen schon Paarweise bereit ihre
munteren Tänze anzufangen Diese begannen denn auch so rasch dass sie bald wie
die Bindermädchen hinter den Mähern glühten Einige Stundenlang tanzten die
Adlichen erst nur unter sich mir fing an die Zeit lang zu werden obschon ich
im Grunde froh war dass man mich vergaß Mir fiel ein was mein Vater einst zur
Mutter sagte als die Forstmeisterin sich so impertinent in unserm eigenen Hause
aufführte »Bleib bei Deinen Genossen so wirst Du nicht verstoßen« Das hat
glaub ich Luther einmal gesagt
    Als ich mich des Tanzens schon begeben hatte die Fräulein aber nicht mehr
recht fort konnten kam Marianens Bruder und zog mich aus meinem Winkel hervor
Die junge Rätin hatte es abgeschlagen weil sie heute gar nicht tanzen würde
Jetzt verging mir vor Blödigkeit beinahe Hören und Sehen Ich habe noch nie
anders als einige Menuets auf meiner Kousine Hochzeit getanzt und dazu
munterte mich mein lieber Vater selbst auf Die starr auf mich gerichteten
Blicke meines Mittänzers brachten mich vollends aus der Fassung und ich wusste
nicht wohin mit meinen Augen Fräulein Mariane lachte mich entsetzlich aus
sieh meinem Bruder nur immer ins Auge sagte sie er ist ein guter lieber
Junge nicht wahr Louis Der Kornet küsste ihr und mir die Hand mit recht
ungezwungener Art und sagte mir auch viel Schönes wie gut ich es gemacht
hätte Da ward ich etwas dreister und nachdem mir Mariane warmen Punsch zu
trinken gegeben hatte verlor sich meine Schüchternheit ganz so dass ich es
sogar wagte mich in eine Quadrille einzulassen Hier glaube ich etwas von der
Ursache bemerkt zu haben weshalb mein lieber Vater oft sagte er möchte mich
lieber auf dem Krankenbette als in dem Taumel eines wilden Tanzes sehen Es ist
ganz unmöglich bei der betäubenden Bewegung durch welche man schwindlich wird
genau auf sich Acht zu haben und sich der Dreistigkeit mancher zudringlichen
Mannspersonen zu entziehen Ich schämte mich recht über die vertrauten
Stellungen die man gegen seinen Mittänzer annehmen muss unglücklicher Weise
fiel mir gerade in dem Augenblicke ein als ich vor den jungen Offizier hintrat
recht keck balanzirte und mich ein wenig zu zieren bemühte »wie wenn jetzt
Dein guter Vater und der sittsamste aller Männer unser Pfarrer Eiche
hereinträten wie würd ich ihnen wohl in der Stellung erscheinen« Ich sah in
dem Augenblicke als ich so dachte gewiss recht einfältig und weinerlich aus
als ich darauf meinem Moitie in die Arme eilte und dahinschwebte indem er mich
im betäubenden Kreisel wie davon trug Ich machte mir allerlei ängstliche
Vorstellungen Der Zustand kann nicht beschrieben werden es war mir wohl und
wehe und ich fand mich so erhitzt dass ich wohl nicht bei vollem deutlichen
Bewusstsein war als ich mich ohne es selbst gleich zu merken an meinen Tänzer
schmiegte Dieser Rausch denn so war es würde vielleicht länger angehalten
haben wäre der Kornet nicht so dreist geworden unter dem Vorwande an meine
Blumen zu riechen einen Kuss auf meine Brust zu drücken Ich war höchst
beleidigt und sprach in einem recht aufgebrachten Tone was alles weiß ich
nicht mehr Da kam Madame Brennfeld dazu und fragte was es gäbe Der Kornet
erzählte den Vorgang auf eine lustige Weise und Madame statt es ihm zu
verweisen sagte zu mir »Mon dieu Julie que cela sent le village
Napprendrez vous donc jamais ce que cest quun badinage« Wär ich doch nur
zu Hause bei der tauben Französin geblieben sie ist wenigstens gutmütig und
beschämt einen nicht vor den Leuten Der ganze Ball war so einen Verdruss nicht
wert Das soll mir nicht wieder begegnen
    Das hieß doch aber im Ernst seine Zeit verschleudert einen Tag um die
Anstalten zum Ball Haarkräuseln und hundert Kleinigkeiten zu machen dann der
Ball selbst und den dritten Tag das Dämischsein Aber so ermüdet ich war
schwebte mir doch ich möchte sagen um so lebhafter die Musik und das ganze
bunte Gewirr vor und wie mich dünkt in weit schönerer Gestalt als es
wirklich gewesen war Selbst wenn ich mich zwang etwas vorzunehmen kamen diese
Vorstellungen immer so zu sagen von selbst wieder und so warm dass mir das
Herz recht davon wallte Einigemal fiel mir s ein ob unsere kleinen
Familienfeste die wir manchmal mit unsern Nachbarn feierten mir auch wohl
solche Bewegungen zurückgelassen hätten An meine guten Eltern dacht ich zwar
wohl mit Liebe aber   ich habe es ja dem guten Vater versprochen immer alles
aufrichtig zu sagen und da darf ich es nicht leugnen dass wenn ich mir das
Landleben gegen diese Stadtvergnügen dachte sie mir einförmig ja ich möchte
beinahe sagen recht armselig vorkamen Das jammerte mich dann wieder und ich
bat es den guten Landleuten ab Ich hoffe ein Brief von meinen Eltern wird mich
beruhigen und diese gar zu lebhaften Eindrücke wieder verwischen
Den 21sten
    Das geht Aus einer Lust in die andre An dieser Freude wird mein Vater
gewiss nichts auszusetzen haben er der selbst Musik über alles liebt Ich bin
in einem Konzert gewesen Madame Brennfeld erwartete eine gelehrte Gesellschaft
die sie gern ungestört genießen wollte darum erlaubte sie uns allen einigen
hier andern dort hinzugehen Ich fuhr zu meinem unaussprechlichen Vergnügen
mit Fräulein Mariane und ihrem Vater dem alten Baron ins Konzert Sie gaben
Erwin und Elmire da hätte mein Vater die Arie »Ihr verblühtet süße Rosen
etc« von der Mama einmal beruhigt wurde als sie ein starkes Fieber hatte
hören sollen Wenn es wahr ist dass die Seligen musiziren so muss es gewiss in
solchen Tönen sein und ich möchte für mein Leben gern einen Mann sehen der
sich solche himmlische Melodien ausdenken kann Ich war ganz außer mir und
wusste gar nicht mehr wo ich noch mit wem ich war Alles andere kam mir so
recht schaal vor Mich dünkt Musik macht ordentlich fromm und andächtig Mein
Herz war so weich wie Wachs und es gingen schnell allerlei rührende
Vorstellungen durch meine Seele die zwar keinen recht bestimmten Gegenstand
hatten aber ich war doch gewiss zu allem Guten aufgelegt
    Allein auch dieses Vergnügen ging nicht ohne alle Unannehmlichkeit ab
Unterweges als wir hinfuhren war das Fräulein sehr freundlich gegen mich auch
der alte Herr fragte mich so gutmütig nach allerlei Dingen von Lindenau von
meinen Eltern etc und schien mit meinen Kenntnissen recht zufrieden zu sein
Sobald wir in den Konzertsaal getreten waren sah sich Vater und Tochter aber
gar nicht mehr nach mir um und ich war in Todesängsten dass ich sie in dem
Gedränge verlieren würde denn mich an den alten Herrn zu halten hatte ich
nicht das Herz Endlich erreichte ich sie doch als sie sich eben in der
vordersten Reihe gesetzt hatten und setzte mich neben Marianen Mir war es so
recht Bedürfnis mit jemanden mein Vergnügen zu teilen aber wenn ich sie
anredete sah sie gerade immer wo anders hin oder rief einen von den vor uns
stehenden Herren heran Ein ältlicher Mann der wohl sehr vornehm sein musste
denn er trug ein Ordensband fragte sie wer das schöne Mädchen neben ihr sei
ob es zu ihrer Gesellschaft gehöre Ich weiß nicht wer sie ist antwortete sie
ohne Anstoß Da dacht ich er könne mich auch wohl nicht gemeint haben und ich
schämte mich dass ich das Wort schön auf mich gezogen hatte Allein nach dem
Konzert da sie der alte Herr den sie Excellenz nannte herausführte ließ sie
mich auf gut Glück zurück ohne sich nur ein einzigesmal nach mir umzusehen Ich
drängte mich in der Angst mit Gewalt durch kam aber doch zu spät denn eben
rollte der Wagen fort Da stand ich nun weinend in Angst und Verwirrung als
plötzlich wie ein Engel mir Marianens Bruder erschien und mich dadurch dass
er mich zu Hause führte aus der größten Verlegenheit riss in der ich in meinem
Leben gewesen bin Mariane war schon lange vor mir angekommen und hatte es der
Madame geklagt dass ich mich gar nicht zu ihr gehalten hätte sie hätte sich
Mühe genug um mich gegeben aber mit solchen kleinen Landputen sei nichts
anzufangen Madame schalt mich in Ausdrücken die ich nie von ihr zu hören
vermutet hätte ja ich möchte sagen sie habe mich geschimpft denn dummes
Tier kann doch wohl gewiss für geschimpft gelten Ich sei der Ehre nicht wert
sagte sie die mir ein Fräulein von solchem Stande erwiesen habe Zuletzt kam es
noch darauf hinaus dass ich förmlich abbitten musste O wie wehe tat mir diese
schreiende Ungerechtigkeit eine solche Behandlung habe ich noch nie erfahren
Ich litt alles ganz still hielt es aber als wir allein waren Marianen vor
Sie umarmte mich weinte und bat ich solle es ihr nur diesmal verzeihen sie
würde mir gelegentlich sagen warum sie so habe handeln müssen Die Madame könne
ich bald versöhnen sie sei entsetzlich geizig und wenn ich ein Stück Zeug zum
Geschenk für sie hätte habe ich alle Freiheit zu tun was ich wolle Ich
erschrak und sagte dass ich es nimmermehr wagen würde ihr etwas anzubieten 
Ach warum nicht antwortete das Fräulein lachend an die zierlichen Sentenzen
womit sie um sich wirft muss man sich nicht kehren es ist eine ganz gemeine
Seele Gib den schwarzen Taffet her den Dir die Mutter geschenkt hat er ist
zum Mantel Sie riss ihn mir weg und fort war sie damit Sie hatte ihn ihr
wirklich in meinem Namen gebracht dafür nannte sie mich ein gutes liebes Kind
    Nun muss ich schließen Morgen gehst du ehrliches Päckchen nach dem lieben
Lindenau Ach tausend Grüße für die besten Eltern Mein Bruder wird mit dieser
Gelegenheit auch schreiben er hat mich besuchen wollen als ich eben im Konzert
war Ich küsse meinen lieben Eltern die teuren Hände usw
Lieber Amtmann begann in der Pause die jetzt Grüntal machte die Frau
Pastorin ich gestehe Ihnen gern dass in dem allen viel Abschreckendes für
Eltern liegt die ihre Kinder außer dem Hause wollen erziehen lassen Aber sagen
Sie nur wie sollen die Kinder Französisch und was sonst noch zur feinen
Ausbildung gehört lernen denn heutiges Tages gehört doch das Französische zu
den ganz unentbehrlichen Dingen Unentbehrlich rief der Amtmann nennen Sie mir
unter hundert Frauenzimmern drei denen es unentbehrlich wäre Sie verstehen es
aber wozu ich will nicht ehrlich sein wo sie seit dem Pensionsleben fünf Worte
in dieser Sprache von sich gegeben haben Der Bücher des Lesens wegen Haben
wir denn etwa der deutschen Bücher und der gewiss guten Übersetzungen nicht
genug Als ich noch Student war kam ich einst zu einer Frau Professorin die im
Rufe der Gelehrsamkeit stand Sie las in einer englischen Ausgabe von Tomsons
Jahrszeiten ich gab zu erkennen dass ich es nicht im Original gelesen hätte
so sagte sie also hat man das auch deutsch Wer hier die Pedanterie nicht mit
Händen greift muss Handschuhe von englischen Sohlleder tragen
    Gesetzt nun die französische Sprache wäre wie Sie glauben unentbehrlich
gibt es denn gar keine Mittel diesen Talisman an sich zu bringen als das
unseligste die Töchter deshalb auf Jahre die gerade die gefahrvollsten sind
der mütterlichen Aufsicht zu entziehen Und sollen denn die Töchter ihre
vielleicht ganz alltäglichen Gedanken durchaus in einer andern als der lieben
Muttersprache auszudrücken wissen so setze man gewisse leere Stunden dazu aus
und nehme einen rechtschaffenen Lehrer an der ihnen dann in einem halben Jahre
das beibringt was sie sonst oft mit Aufopferung ihres ganzen moralischen
Karakters in vielen Jahren entweder gar nicht oder doch sehr unvollkommen
lernen Überdem wie lernen sie es in den kostspieligen Instituten Ich weiß der
Beispiele genug wo nach den eigentlichen Lehrjahren doch durch einen
Sprachlehrer nachgeholfen werden musste Hierzu kommt dass wo ein Frauenzimmer
die Sprache lehrt dieses nur immer unvollständig geschehen kann denn welche
spricht ihre Sprache nach Regeln  Den französischen Sprachlehrer lasse ich
indes nur für große Städte zu wo diese Sprache oft ein Mittel werden kann
ehrlich durch die Welt zu kommen Schickt aber ein Mann vom Lande oder aus einer
kleinen Provinzstadt seine Mädchen nach der Residenz und opfert seinen besten
Erwerb auf um sich ein Zierpüppchen zurechtdrechseln zu lassen das in seinem
Haushalte nachher zu nichts taugt als die Köpfe zu verwirren so ist er was ich
war  wozu ich mich beschwatzen ließ  ein Narr  Und wenn nun auch unter
hunderten Drei vernünftig bleiben und einen zweckmässigen Gebrauch von dem
Erlernten zu machen wissen sollen denn um der drei willen sieben und neunzig
verdorben werden Überdem was erwächst nicht für Nachteil aus der unseligen
Vermischung der Stände in den Pensionen Es liegt in der Natur der Sache dass
der Geringere sich nach dem den er für vornehmer hält bildet  Dies tun
Erwachsene wie sollten es Kinder nicht tun Gehen sie in die erste die beste
französische Schule oder in das französirte Institut einer deutschen
Erzieherin da finden sie Gräfinnen Fräulein Geheimeratstöchter und so
hinunter und herauf durch alle Klassen des bürgerlichen Lebens Die Tochter des
Handwerksmannes wird eben so gemodelt wie das Fräulein Für diese Klasse mag
das schon gut sein allein was fängt die Handwerkerstochter nun mit dem Zeuge
an Bei ihres Gleichen findet sie keinen Mann von ähnlichem Modeschnitt sie
sieht sich unter den Söhnen des Landes um ob ihr einer anstehe Ist sie reich
so findet sie einen so brüstet sie sich mit dem Titel desselben staffirt sich
modisch heraus und bringt nun in ihren Kotterieen alles an was sie noch von
der französischen Schule wie am Schnürchen hat sie erzieht Kinder denen sie
den verstimmten Ton von Jugend an vorsingt und so gehts aus Generation in
Generation wenn nicht ein Trübsalswind die bösen Dünste vertreibt und das kann
bei der üppigen Lebensweise kaum fehlen Muss eine solche verbildete
Bürgerstochter sich ihrer Glücksumstände wegen mit einem Handwerker wie ihr
Vater war begnügen so verbittert sie ihm das Leben oder achtet auf die
Schmeicheleien eines Galans der sich ihres ehelichen Missverhältnisses bedient
sie zu verführen
    Grüntal sprach so eifrig dass er nicht merkte wie schläfrig seine Zuhörer
waren bis die Pastorin das Signal zum Aufbruch durch ein unverhaltenes Gähnen
gab Grüntal verstand es und ging war aber so voll von seinem Gegenstande
dass er sich zu Hause noch hinsetzte und seine Geschichte schriftlich
fortzusetzen anfing
Ich erhielt Julchens Tagebuch oder wie ich es sonst nennen soll da meine Frau
sich eben nicht zu Hause befand Wie mir dabei zu Mut war kann sich nur der
vorstellen dessen liebste Hoffnungen schon getäuscht wurden Kaum ein
Vierteljahr aus dem väterlichen Hause und schon mehr als die ersten Spuren
offenbarer Verirrung O der armen zerbrechlichen Menschheit Mein gutes Weib
kam und ich musste wohl sehr wild aussehen denn sie erblasste und fragte
zitternd was mir widerfahren sei Da lies nur sagt ich hier ist was von
Julchen  Doch nichts Schlimmes Nicht viel besser als schlimm antwortete ich
indem ich ihr den Brief hinreichte  Sie las und warf sich da sie gelesen
hatte mir um den Hals Bester Mann sagte sie sanft weinend mache mir keine
Vorwürfe ich habe es weiß Gott herzlich gut gemeint Sieh nur Männchen wir
müssen der Madame schreiben dass sie Julchen besser in Acht nehmen soll  Das
kann keine Fremde das kannst Du nur und ich wir die ihr junges Herz geformt
haben und es wie unser eigenes kennen  rief ich so angegriffen dass meine
Frau für nötig fand mir zur Beruhigung wie sie glaubte zu sagen ich solle
doch auch billig sein und bemerken wie tugendhaft unser Kind sei wie böse sie
geworden da der Kornet zu dreist wurde Was kannst Du  sagte sie  von so
einem rechtschaffenen Gemüte besorgen  Sie soll mir aber mit keinem Kornet
tanzen rief ich so aufgebracht dass mein Weib leichenblass ward  Und
überhaupt da kennst Du Dein Geschlecht sehr wenig wenn Du nicht voraussetzest
dass dieser Tanz und diese Stellungen und das ganze süße Geschwätz des jungen
Menschen ihr nicht ganz vorzüglich wieder einfallen werden Das sind eben die
Szenen die sich ihrer Einbildungskraft immer verschönert wieder darstellen das
sind die Vergnügen gegen welche ihr das Landleben armselig erscheint Ein
großer Kenner des menschlichen Herzens Cervantes setzte ich hinzu lässt den
Sancho sagen »Wenn ein Jüngling einem Mädchen nur ein einzigmal sagt ich liebe
Dich so flüstert der Teufel es ihr wohl hundertmal ins Ohr bis sie über und
über in Liebe auflodert«
    »Großer Gott« seufzte meine Frau erschrocken und faltete ihre Hände
Hinterher sagte sie ganz sanft »Nun wohl Männchen wenn das Jahr aus ist
nehmen wir sie wieder in das Haus Gesetzt nun aber sie machte in der Stadt ihr
Glück« Liebe Frau davon träume nicht unter den Adlichen die das arme Mädchen
verächtlich behandeln Denkst Du denn überhaupt dass die jungen Mädchen die von
einer Lustpartie zur andern forttaumeln je ein vernünftiges Glück machen
können und dass ein gescheuter Mann sich seine Gefährtin auf dem Ball aus dem
leichtfüssigen Haufen wählen wird  Tanzen ist doch aber an sich eine recht
unschuldige Sache sagte meine Frau in einem so friedlichen Tone dass sie mir
ihre ganze unschuldig verbrachte Jugend darlegte An sich da hast Du recht
mein liebes gutes Lieschen und wie Du getanzt hast Das geschah bei sittlichen
Familienfesten da tanztest Du eine ehrbare Menuet und wenns rasch ging wars
ein feierlicher Polonoisengang bei welchem Deine Lebensgeister in ihren stillen
Pulsen blieben So musst Du Dir aber die Pickeniks in den Städten nicht
vorstellen da ist ein zusammengeraffter Haufen oft sehr leichtsinniger Männer
von denen der beste oft nicht wert ist den Handschuh eines rechtlichen
Frauenzimmers zu berühren Hier aber hat er sich für sein Geld das Recht
erkauft sich so lustig zu machen als es die Umstände nur immer zulassen und
die Mädchen welche sich zu dieser Lustbarkeit einfanden nach Belieben wacker
herumzuschwenken Da werden rasche wilde ja tolle Tänze getanzt welche die
Sinnlichkeit unfehlbar aufregen Wie steht es da um die jungfräuliche Würde mit
der ein Mädchen die Zudringlichkeit dreister Männer zurückweisen soll und hat
sich das Mädchen nicht schon zum Teil ihres Rechts sie einzuschränken dadurch
begeben dass sie sich in eine solche Versammlung wagt  Du wirst vielleicht
denken sind doch Mütter und Aufseher dabei Mein liebes Kind die Mütter gingen
der lHombrepartie wegen die sie dort finden mit und wenn sie solotout und
sechs Matador in der Hand haben so mag indes die Tochter sich dem Ersten dem
Besten überlassen  Von solchen Tänzen sagte meine Frau habe ich freilich
keinen Begriff ich gab ihn ihr so gut sich das tun ließ und zeigte ihr den
Takt und die Stellungen die in den neuesten Tänzen vorkommen Das mochte sich
nun freilich in meinem nicht ganz makellosen Schlafrocke und mit der großen
Troddelmütze ganz wunderlich ausnehmen denn sie geriet in ein so unmässiges
Gelächter dass es schlechterdings untunlich war wieder auf etwas Ernstaftes
einzulenken
    Bald darauf beantwortete ich meiner Tochter Tagebuch nach dem vollen
Eindruck meiner Missbilligung Ich machte den Leichtsinn verächtlich mit dem sie
alle die bessern Eindrücke der Erziehung die sie im elterlichen Hause
empfangen von den glänzenden Marionettenspiel der vornehmen Welt bei sich
verdrängen ließ warnte sie nachdrücklich vor den vornehmen Freundschaften über
deren Unzuverlässigkeit sie nun schon einige bedeutende Erfahrungen gemacht
hatte denn es ist immer Hundert gegen Eins zu wetten dass es für bürgerliche
Personen in adlichen Gesellschaften selten ohne Demütigung abgeht ob ich
schon zur Steuer der Wahrheit hinzusetzen muss dass sich der Brandenburgische
Adel durch Humanität auszeichnet weil er für ächte Geistesbildung Sinn und das
trefliche Beispiel der ersten Personen im Lande vor Augen hat Allein nach
meinen Begriffen ist die Gleichheit in mehr als einer Rücksicht Erfordernis
zur Freundschaft der adeliche Freund kann Jahre lang den freundlichsten Umgang
mit mir pflegen plötzlich tritt ein Vornehmerer dazwischen und der bürgerliche
Freund wird verläugnet
    Zugleich schrieb ich an die philosophische Bonne ersuchte sie in den
höflichsten Ausdrücken meine Tochter die nie auf Reichtum zu rechnen habe
nur bürgerlich leben zu lassen und sie so viel möglich für diese ehrenvolle
Klasse zu bilden Ich hätte freilich so meine ganz eigenen Grundsätze in
Ansehung öffentlicher Lustbarkeiten und fügte schließlich zur Unterstützung
meiner ganz gehorsamen Bitte ein Fässchen Butter und was sich sonst noch so an
Küchenpräsenten transportiren ließ dem Briefe bei
    Dies tat seine gehörige Wirkung ich erhielt bald darauf die verbindlichste
Antwort dass sie sich meine Absichten ganz gern gefallen ließe Übrigens sei es
aber grundschade Julchen wäre für eine höhere Sphäre geschaffen viele ihrer
Anlagen hätten sich zum Erstaunen schnell entwickelt ich würde sie kaum wieder
kennen  Zuletzt denn noch ein künstlich gedrechselter Dank für die excellente
Butter und eine verblümte Aufforderung bei so guten Dispositionen zu
verharren welches sich meine gutmütige Frau nicht umsonst gesagt sein ließ
Fragte ich nach diesem und jenem so lautete die Antwort »Liebes Männchen das
habe ich Julchens Madame geschickt« Dafür wurde denn die treuherzige Mutter
immer mit einem Lobspruche auf das gute Betragen der Tochter erquickt Auch
hatte das Mädchen wirklich so erstaunlich profitirt dass ich sie hin und wieder
schon auf mancher kleinen Unaufrichtigkeit ertappte Nach und nach bekam sie
eine ordentliche Fertigkeit  ich will nicht sagen zu lügen  aber dem was ich
nicht wissen sollte auszuweichen Dies betrübte mich recht herzlich und ich
war entschlossen sie trotz alles Widerspruchs auf Ostern nach Hause zu
nehmen So lange ich lebe ists mir aber so gut noch nicht geworden die Umstände
regieren zu können sie haben mich immer ohne mein Zutun da und dorthin
geschoben So ging mirs denn auch hier
    Einst an einem schönen Morgen kam unser Pastor Eiche zu mir Ich sah es
seinem offenen Gesichte bald an dass er etwas auf dem Herzen hatte es wollte
sich irgend eine wichtige Mitteilung davon losarbeiten Fürs erste kam es
heraus dass er ganz ohne sein Mitwirken einen Ruf nach Berlin bekommen hatte
Zweitens erfuhr ich denn auch noch das lange so sorgfältig verschlossene
Geheimnis dass er Julchen liebe und sie zu heiraten wünsche wenn sie alt
genug sein würde und wenn sie wie sich das von selbst verstände ihm nicht
abgeneigt wäre Das wird sie nicht rief ich freudig ihn an mein Herz drückend
wenn sie nicht ganz zur Törin wird kann sie das nicht Aber wie holen wir das
Mädchen gleich her  Ich würde dann leider der Freude sie zu sehen bald
verlustig werden denn ich trete bald an es ist kein Wittwenjahr zu bestehen
antwortete er über meinen Eifer lächelnd  Nun Pastor da ist was zu lachen
Meines Bedünkens wäre dies das Natürlichste  Mein lieber Freund ich erwarte
von Ihrer gesunden Überlegung dass Sie keinen raschen Schritt in Ansehung des
liebenswürdigen Mädchens tun werden deren Herzen meine Sache ganz zu eigener
Entscheidung überlassen werden muss Sie muss von unserm Plane auch nicht die
fernste Ahnung haben es würde ihrem jugendlichen Sinne einen harten Zwang
auflegen sie würde sich in den Willen eines so guten Vaters aus Gehorsam fügen
und  halten Sie mir diese kleine Eitelkeit zu gute  ich möchte gern mit
Zustimmung ihres eigenen Gefühls gewählt werden ihre Liebe und Achtung mir
verdienen wenn ihre Vernunft Reife genug wird erhalten haben um auch ein Wort
zu meinem Besten mitzureden Wie so manches gute Mädchen warf sich einem Manne
den es nicht liebte in die Arme weil es keinen andern kannte und lernte dann
zu spät den kennen dem es mit ganzer Seele angehangen haben würde  Wenn nun
aber das Mädchen in der Stadt eitel wird und ihr Herz verplempert rief ich
ungeduldig denn die Wahrheit zu sagen auf solche Subtilitäten habe ich mich
niemals eingelassen  wie meine eigne Heiratsgeschichte das bezeugt  So
verliere ich ein Gut worauf ich mein wahrscheinliches künftiges Glück berechnet
habe wenn Julchen aber mit einem Andern so recht nach ihrem Herzen glücklich
wäre würde ich wie das Pflicht und Notwendigkeit ist zu resigniren wissen 
Beinahe wäre ich böse auf ihn geworden weil mir das zu vernünftig vorkam und
ich hätte gewiss etwas Übereiltes gesagt hätte er nicht mit dem sanftesten Ton
der je aus einem männlichen Munde kam hinzugesetzt »Lassen Sie in Berlin sich
ihre Talente ausbilden sie wird eine desto liebenswürdigere Gesellschafterin
für den Glücklichen den sie einst wählt In drei Monaten reise ich ja selbst
hinüber und ich verspreche mir viel von dem Vergnügen ihr Zutrauen zu
gewinnen und dadurch in den Stand gesetzt zu werden über ihre Bildung mit zu
wachen«
    Jetzt leuchtete es mir plötzlich ein weshalb er es gern sah dass das
Mädchen in der Stadt bliebe Die Freude und der frohe Blick in die Zukunft die
in meinen Augen alles wieder gut machte hatte die üblen Eindrücke gegen die
Pension bei mir verwischt denn ich muss es nur gestehen wenn es meine Freunde
noch nicht selbst bemerkt haben sollten dass ich mich wie alle Schwächlinge
leicht von plötzlichen und augenblicklichen Eindrücken lenken lasse dabei kam
es mir auch selbst beinahe so vor als ob zur Bildung einer Stadtpfarrerin noch
dazu in dem superfeinen Berlin etwas mehr gehöre als ich meiner Tochter auf
dem Lande zu verschaffen im Stande wäre worin ich aber ganz Unrecht hatte denn
ich habe nachher wohl eingesehen dass mein armes Kind mit dem was es bei mir
gelernt hatte gewiss nicht unvorteilhaft gegen viele andre würde abgestochen
haben
    Indes nahm ich mir vor ihre Neigungen auszuforschen Ich schrieb deshalb an
Madame Brennfeld ob sie mir meine Tochter zu Weihnachten wohl zukommen lassen
wolle Wie mich das verdross dass ich mich in die Notwendigkeit gesetzt hatte
von einer Fremden Vaterfreuden zu erbetteln Ich erhielt bald eine bejahende
Antwort dass nicht allein Julchen sondern auch die Frau Erzieherin selbst
nebst einem Schwarm kleiner gnädigen Gänselein entschlossen wären während des
Festes meine arme Landhütte mit ihrer hohen Gegenwart zu beehren
    Das war mir nun äußerst fatal denn ich wollte meinen Fritz auch holen
lassen und einmal wieder ein Weihnachtsfest nach der alten Weise feiern Ich
musste indes süß dazu aussehen so sauer mirs auch ankam und war im Grunde doch
seelenvergnügt weil ich gewiss hoffte Eiche würde mein Schwiegersohn werden
»Ei Mann so lustig habe ich Dich ja in mancher Zeit nicht gesehen was gibts
denn« fragte mein Weib  Lieschen studiere Du nur fleißig in Deinem
Kochbuche aufs Fest bekommen wir vornehme Gäste  Nachdem ich sie eine Weile
hatte herumraten lassen überraschte ich sie mit der Nachricht Julchen käme
herunter Die ehrliche Seele weinte laut vor Vergnügen und küsste mich wohl
hundertmal in der Freude ihres Herzens Bei der Gelegenheit musste ich mir alle
Gewalt antun dass ich nicht mit meinem Geheimnis nämlich Eichens Absichten auf
Julchen herausplatzte so sehr war mein Herz im Zuge sich zu ergießen Noch
zur rechten Zeit besann ich mich denn was die Mutter wusste wurde der Tochter
immer warm mitgeteilt und dies würde meinen Lieblingsplan zerstört haben Die
jungen Äffchen pflegen zuweilen in ihrem jugendlichen Übermute einen ehrlichen
Mann wohl vor den Kopf zu stoßen weil diese und jene von den hundert meine
Lieben sie damit aufzieht
    Je näher Weihnachten heranrückte je lustiger wurden wir und waren am
letzten Advent beinahe ausgelassen Meine Frau war bei ihren Zurüstungen so
flink und munter wie ein Mädchen das sich vor seinem Liebhaber sehen lässt Ich
pfiff oder trallerte wo ich ging und stand Eiche nahm stillschweigend Teil an
unserer frohen Erwartung und es müsste einem Dritten einen sonderbaren Anblick
gewährt haben zu sehen wie wir alten Narren uns gebehrdeten Endlich erlebten
wir die erwünschte Woche ich ließ meine große Reisekalesche vom Hühnermist
säubern und meinen Gürgen sich recht stattlich ausputzen damit die feinen
Stadtdamen an dem ländlichen Aufzuge nicht zu viel Ärgerniss nehmen möchten gab
ein Reitpferd für meinen Fritz mit und predigte es dem ehrlichen Dorfkutscher
hundertmal ein er solle ja hübsch behutsam fahren Meine Frau gab ihm so viel
Pelze und Fusskörbe mit als ob die Reise nach NovaZembla ginge
    Mein Fritz kam einen Tag früher als die Frauenzimmer an Der Junge war in
dem halben Jahre beinahe einen Kopf gewachsen seine Seele war tadellos wie ich
ihn von mir gelassen hatte aber er hatte sich bei einer Schrittschuhpartie
eine Heiserkeit zugezogen die von Folgen zu sein drohte wie einige
einsichtsvolle Ärzte geurteilt hatten und es war zweifelhaft ob er je wieder
Stimme bekommen würde  Das war ein herber Schlag für die Mutter die ihren
süßen Jungen schon im Geist die Lindenauische Kanzel besteigen sah und das
Kanzellied zur Antrittspredigt bereits ausgesucht hatte Über alle Beschreibung
aber entsetzte sie sich als der junge Mensch mich ganz pathetisch anredete
»Lieber Vater die Güte mit der Sie eingewilligt haben mich nach meiner
Neigung studieren zu lassen lässt mich der festen Zuversicht sein dass Sie es
ebenfalls billigen werden wenn ich bei dem Voraussehn dass ich nun bei dem
Verlust meiner Stimme weder zum Prediger noch zum Schulmanne tauge eine andere
Laufbahn einschlage auf der ich ebenfalls ein nützlicher Mensch werden kann
Ich hätte große Lust irgend ein Handwerk zu erlernen ich habe viele Gewerbe
kennen gelernt allen aber ziehe ich das Tischlerhandwerk vor und dies um so
mehr weil ich es schon so ziemlich weit im Zeichnen gebracht habe«  Ich
kriegte den braven Jungen beim Kopf und herzte und küsste ihn denn er hatte mir
wie aus der Seele gesprochen »Von ganzem Herzen meinen Segen dazu werde ein so
wackerer Mann als Dein Großvater war der eben dies Gewerbe mit Ehren trieb« 
Dass die Mutter so ganz still dazu schwieg wunderte mich aber nun war das
Entsetzen an mir als ich sie todtenblass und alle Gesichtszüge starr da sitzen
sah »Um Gotteswillen Mutterchen was ist Dir«  »Ach Gott« stammelte sie
»ich  kann  mich  ja nicht  so geschwind  fa  fassen der
Schlag hat mich überwältigt Das war meine liebste Hoffnung«  »Liebes
Herzensweib der redliche fleißige Handwerker ernährt sich und noch viele
Andre indes der Pfarrer sich von Andern muss ernähren lassen Der fleißige
Professionist ist ein glücklicher unabhängiger Mann Vielleicht wenn der alte
Amtmann längst zu seinen Vätern versammelt ist pflegt dieser Meister Tischler
Deines Alters«  Fritz stürzte gerührt auf ihre Hände »Mutter ja liebste
Mutter Sie sollen gewiss Freude an mir erleben alles was ich erwerbe soll
Ihnen gehören und  ich will gewiss kein Stümper werden«  Ihr quält mich
grausam sagte das beinahe überwältigte Mutterherz das im Begriff war sich den
Tränen ihres Herzblattes zu ergeben aber doch noch zum letzten Versuch
fragte ob er denn nicht glaubte predigen zu können wenn die Kirche recht
klein zB wie unsere Lindenauische wäre wo ihn die Leute von Kindheit an
gekannt hätten  »Nein liebste Mutter auch selbst in dem kleinsten Saale
würde mir die Anstrengung Lungengeschwüre zuziehen versicherte mir einer der
geschicktesten Ärzte«  Wäre der junge Mensch listig gewesen er hätte nicht
vernünftiger einlenken und mehr zum Vorteil seiner Sache sagen können denn
dem widerstand ihre Zärtlichkeit nicht Nun denn in Gottes Namen wenn Du
meinst dass es zu Deinem Glücke ist  hieß es  Recht so Mutterchen
Konsistorialrat wird nun wohl Dein Fritz nicht aber gewiss ein so ehrenvoller
Bürger als einer in Deutschland  Sie bat wir möchten ihr nur Zeit lassen
sich von der ersten Bestürzung zu erholen dann würde sie sich wohl allmählig
ganz mit der Vorstellung aussöhnen und das war denn auch nicht mehr als billig
    Nun hielt ich mich aber nicht länger ich musste dem Bruder nach seiner
Schwester fragen »O Vater die ist noch mehr gewachsen als ich und Sie finden
sie nicht mehr aus dem Stadtmädchen heraus Ich bin einigemal dort gewesen aber
die schnippischen Mädchen neckten mich immer und ein junger Prediger der unter
ihnen herumschäkerte versuchte beständig seinen Witz an mir darum bin ich
nicht wieder hingegangen«  Braver Junge sagt ich Du denkst wie Dein Vater
was er aber von Julchen gesagt hatte ging mir doch im Kopfe herum Bei jedem
Wagen den ich in der Ferne entdeckte schlug mir hörbar das Herz Gegen Abend
endlich wehete mir ein Luftstoss ein verworrnes Getöse von pfeifenden Stimmen zu
Das waren sie denn und bald nachher kam auch der Wagen zum Vorschein
    Sobald mich Julchen ansichtig wurde riss sie hastig den Schlag auf sprang
herab und schweigend stürzte sie in meine Arme Wer vermag Empfindungen zu
beschreiben Also nur so viel ich drückte mein innigst geliebtes Kind an mein
Herz und kehrte mich an die ganze Welt nicht Die Duenna und den mitgekommenen
Schwarm bewillkommte ich erst in meiner Wohnung unterdes Julchen der Mutter am
Herzen lag Diesen ersten Abend war mein Herz so froh und so sorgenfrei dass ich
an keine Bemerkung noch an irgend etwas wodurch meine Freude hätte gestört
werden können dachte Sogar das gelbe hagere naseweise Gesicht der Frau
Erzieherin schien mir ganz hübsch und sie selbst ein liebes gutes Weib zu sein
dem man nicht Liebe und Ehre genug erweisen könne Fräulein Lindenfels war
mitgekommen ihre Kousine die Forstmeisterin zu besuchen und hatte sich
gleich dahin begeben Die drei andern waren kleine sieche Stadtmädchen die von
der schweren Reise wie kranke Vögel dasassen und nickten und pipten bis meine
Frau einer jeden ihr Kämmerlein anwies
    Nun erst als wir mit unserer Tochter allein gelassen waren bemerkt ich
dass sie nicht mehr so offen und zwanglos mit uns umging wie ehedem Es verdross
mich dass sie sich nicht wie ichs erwartet hatte nach allen alten Bekannten
auf dem Lande bis auf Hund und Katze erkundigte sondern vollgepfropft von
Stadtneuigkeiten mich mit lauter fremden und vornehmen Namen unterhielt Da war
alles so excellent  wir hatten ganz und gar keine Idee wie herrlich oder
göttlich diese oder jene Lapperci war Ihre Beschreibungen übertrieben in Allem
wenn ihr der Zwirn riss so machte sie das ganz erstaunend unglücklich fiel eine
Masche so verzweifelte sie ganz und gar Mögen doch die lebhaftern Franzosen
toutàfait désolé sein wo wir uns höchstens nur ein wenig ärgern oder
désespéré werden wo wir kaum trübe blicken Uns kältere Deutsche kleidet der
pretiöse Ton nicht er liegt nicht in unserm Charakter nicht im Genius unsrer
energischen Sprache Ich unterdrückte jedoch jeden Tadel der mir oft entwischen
wollte teils um der entzückten Mutter die Freude nicht zu verderben die mit
einer Art von Ehrfurcht die Tochter betrachtete teils auch um Julchen nicht
zurückhaltend zu machen wodurch ich meine Hauptabsicht verfehlt haben würde So
oft aber ein solcher mir in der Seele widerstehender Ausdruck vorkam blieb
mirs gleichsam in der Kehle stecken ich hustete oder räusperte
    Spät erst führte die Mutter Julchen in ihre ehemalige Schlafkammer Ich
eilte zu Bette und stellte mich da meine Frau wiederkam als schliefe ich
schon um ihrem Sagen und Fragen was ich von der Tochter hielte auszuweichen
Sie versuchte mit Husten  »Männchen schläfst Du schon«  ob ich schliefe ich
hielt mich aber ganz still und so schloss sich der erste Abend
    Hier sei meinen Freunden ein Ruhepunkt vergönnt ist ihnen die Fortsetzung
nicht zu langweilig so wird sie nächstens erscheinen
am folgenden Morgen stand ich und meine Frau wie gewöhnlich sehr früh auf
aber bei unsern Stadtdamen war noch tiefe Nacht Ich hustete ein paarmal scharf
genug vor Julchens Tür  alles mäuschenstill Endlich wurde mir die Zeit zu
lang ich steckte den Kopf hinein und fragte »Mein Kind willst Du denn noch
nicht aufstehen«  »Ist es denn schon so sehr spät«  rief sie wie aus dem
ersten Schlafe aufgeschreckt  »So spät dass Deine gute Mutter schon seit drei
Stunden auf den Beinen ist«  »Ach sie stehen auch hier gewaltig früh auf« 
rief sie gähnend und streckte träge die Hand nach ihren Kleidern aus  Mein
Gott brummte ich für mich indem ich mich entfernte Sonst hatte ich immer die
Freude besonders an den Festtagen dass meine Kinder mir wenn ich aufstand
schon schmuck und festlich angezogen entgegeneilten wie ist das alles nun so
anders Das Frühstück stand da Julchen ließ sich ein paarmal rufen ehe sie
erschien Fritz der diesen Auftrag auszurichten hatte kam ganz
niedergeschlagen zurück sie hatte den armen Jungen angefahren als er zum
zweitenmal sie erinnerte und gemeint wenn man sich so ohne Friseur quälen
müsse ginge das nicht schneller Endlich erschien das Püppchen in einem
zierlichen und gezierten Morgenanzug ganz die ungekünstelte Kunst die unsre
Damen mit dem so beliebten einfach zu bezeichnen pflegen Bald nach ihr
erschienen nun auch die andern alle sehr nachlässig und einige sogar  locker
Ich halte es für Pedanterie an allem was Mode und Zeitgebrauch heischt tadeln
zu wollen besonders wenn sie so wie jetzt sich immer mehr und mehr einem
bessern Ideale nähern aber tadelswert hat mich jederzeit das leichtsinnige
Wechseln derselben gedünkt dieses allein hat schon manchen ehrlichen Mann um
Haus und Hof und um Ehre obendrein gebracht Ich verbiss meinen Unwillen wenn
ich auf meine Frage nach diesem oder jenem Kleidungsstücke meiner Tochter zur
Antwort erhielt »Das war ja schon aus der Mode« Ich scheute mich nun nach
meiner Tochter Frömmigkeit und Sittsamkeit zu fragen vielleicht hätte die
Antwort auch gelautet »Mein Herr die sind ja längst aus der Mode«  Nach dem
Frühstück beschäftigten sich meine Damen mit dem was man in der Kunstsprache
Toilette machen heißt Ich dachte in allem Ernst Julchen hätte sich wieder ins
Bett gelegt weil sie gar nicht wieder zum Vorschein kam Freilich mochte sie
bei der kopfbrechenden Arbeit mein wiederholter starker Stiefelgang vor ihrer
Tür vorbei in Angst gesetzt haben Sie erschien endlich ganz erhitzt und in so
feinen durchsichtigen Kleidern dass ich eine Wielandsche Grazie vor mir zu sehen
glaubte Ich leugne nicht dass der griechische Schnitt des Rocks des Mädchens
Gestalt ungemein verschönerte nur Schade Schade dass unser so ganz
ungriechisches Klima diese an sich so schöne Tracht wieder zum Unsinn macht und
nichts als Gicht und Rheuma nach sich ziehen kann
    Es war nicht ganz Scherz als ich Julchen gar zierlich ihre Hand auf meinen
Rockzipfel gelegt zum Kanapee führte Ihre Schönheit und Grazie hatten mich
dummen Dorfkerl seltsam überrascht ich neigte mich beinahe unwillkürlich vor
meinem eigenen Fleisch und Blut Das arme Kind aber nahms für Satyre und die
Tränen traten ihr bei meiner Galanterie in die Augen Ich fand nicht für gut
ihr ihren Irrtum zu benehmen allein die Mutter der die Augen vor Entzücken
funkelten war weniger zurückhaltend und drückte ihr Wohlgefallen in den
stärksten Worten aus Da gab sich mein armes Putchen ein Ansehen und nannte der
Mutter so viel Moden und Modenamen her sprach so kunstfertig vom Journal des
Luxus und der Moden dass meine Frau vor höchster Bewunderung gar nicht wieder
zur Sprache kam Dagegen nahm ich das Wort und schüttete aus was mir so lange
schon gegen dieses unvaterländische Buch ich meine dieses Luxusjournal auf dem
Herzen liegt Dass es so lange besteht und länger als so manche würdige
Zeitschriften ist zwar allerdings ein Zeichen dass es seinen Saamen in sehr
empfänglichen Boden ausstreut welches besonders an solchen Orten der Fall ist,
wo die erforderlichen Nippes und Zeuge gleich bei der Hand sind Ich kann es auf
Ehre beteuern dass ich in Leipzig besonders Väter und Männer bittere
Beschwerden über dieses Buch habe führen hören Sobald es in dem Buchladen
angekommen ist sieht man die Schneider mit dem magischen Büchelchen unter m
Arm wie wild hin und her laufen Kleider die kaum acht Tage seit ihrer letzten
monatlichen Umschaffung im Schrank hingen werden aufs neue geändert wenn man
nun den beständigen Arbeitslohn für alle Kleider neben der Gabe der Schneider
aus Vielem wenig zu machen in Rechnung bringt so muss ein Hausvater ja wohl den
pommeranzenfarbenen Hausfeind mit Schrecken ankommen sehen
    Nach und nach hatten nun auch die andern Damen ihre Toilettengeschäfte
beendigt Die Erzieherin erschien völlig so jugendlich angetan wie ihre
Zöglinge Hier gab es ekelerregende Nuditäten wie sie die ländliche
Sittsamkeit selbst bei säugenden Müttern unserm Blicke vorentält Fräulein
Mariane bezeichnete durch ihren Anzug die verwegenste Üppigkeit ganz wie sie
sich zu ihrem kühnen Blicke und ihrer festen unweiblichen Stimme schickte Ich
zitterte wenn dieses kühne Geschöpf meiner Tochter mit der in ihrem
Verhältnisse liegenden Vertraulichkeit begegnete und mit Schrecken bemerkte
ich dass Julchen eben an diesem verführerischen Mädchen vorzugsweise hing
Madame Brennfeld nahm bald Gelegenheit mich zu fragen ob und wo ich studiert
habe Als ich Halle nannte fragte sie mich mit großer Geläufigkeit nach allen
durch philosophische Schriften bekannten Professoren gab Beifall tadelte hieß
diesen tief jenen seicht mit einer Anmassung wie sie mir noch nie bei einem
Weibe vorgekommen war Wenig gewohnt mit Weibern der Art mich zu unterhalten
hätte ich mich beinahe durch die pomphaften Ausdrücke und scientifischen Worte
verblüffen lassen wäre es mir nicht durch einige ihrer Urteile die mir noch
aus einer gewissen gelehrten Zeitung ganz frisch im Gedächtnisse hafteten
einleuchtend geworden wo der Weisheitsquell aus welchem diese Dame schöpfte
anzutreffen sei Bei näherer Untersuchung war es mir auch nicht schwer zu
entdecken dass sie nie selbst urteilte sondern bei ihrem guten Gedächtnisse
bloß buchstäblich nachbetete und wo die gelehrte Zeitung ihre Urteilskraft im
Stiche ließ hatte sie gewiss ihr Vetter der Kandidat inspirirt So seicht
indes dieser Weiberkopf auch war schien es ihr doch Herabwürdigung für sie zu
sein dass sie sich mit einem simpeln Landmanne über litterarische Gegenstände
unterhielt und auf meine gute Frau sah sie nun vollends wie auf ein tief unter
ihr stehendes Wesen herab Sobald ich dies merkte brach ich ab und brachte sie
auf die mir bei weitem wichtigere Materie von meiner Tochter Ausbildung Ja
es ist wahr Herr Amtmann  sagte sie sich gewaltig hebend  ich habe es
Ihnen ja versprochen wegen des Plans zu Julchens Erziehung mit Ihnen zu Rate
zu gehen  Ach werte Madame fiel ich ihr ins Wort zu einem Erziehungsplan
ist es bei Julchen in der Tat zu spät ihre eigentliche Erziehung ist
vollbracht Das Gebäude war aufgeführt ehe ich sie Ihren Händen übergab meine
Frau wünschte nur noch einigen Putz und Stukkatur daran zu sehen   Gut gut
Herr Amtmann darauf verstehen wir uns besser als sonst irgend jemand Ich
werde für alles was ihre Verfeinerung befördert sorgen  Ich wollte Sie
sagten Veredlung Madame Nur dass die feine Politur nicht ganz das
Originalgepräge mit fortnehme Dieses habe ich immer sorgfältig bei einem jeden
meiner Kinder sichtbar zu erhalten gesucht ich habe sie so früh es nur anging
selbstständige Wesen sein lassen habe sie nie gezwungen ja zu sagen wo ihr
Herz nein sagte habe ihnen Widerspruch gegen die elterlichen Meinungen erlaubt
denn ich habe mir nie eingebildet dass sich die väterliche Autorität über den
Geist meiner Kinder erstreckte und immer fest an dem Glauben gehangen dass es
in England deshalb so viel Originalität der Karaktere gebe weil die Kinder früh
wie Menschen behandelt und nicht alle auf einer Drehbank zu gleichförmigen
Marionetten gedrechselt werden  Wir müssen uns indes doch nach den einmal
eingeführten Gebräuchen richten wenn wir uns nicht lächerlich machen wollen
entgegnete die Madame  In so fern sie vernunftmässig und dem Bedürfnisse jedes
Individuums angemessen sind  Aber wir entfernen uns zu sehr von unserm Zwecke
ich war willens mit Ihnen über den Religionsunterricht meiner Tochter zu
sprechen  Wohl Herr Amtmann Wenn es denn nun einmal so sein muss dass der
große Haufen eine positive Religion hat so wünschte ich wohl dass die Mamsell
Tochter   »Bei den einfachen Begriffen bliebe die ich ihr beigebracht habe«
fiel ich ihr hastig ins Wort Ich habe sie die Religion Jesu früh an sich selbst
und ihrem Nebenmenschen durch Liebe und Tat ausüben lassen sie weiß bereits
dass es Dogmen und Unterscheidungslehren ihrer Konfession gibt sie soll sie
erfahren und wenn ihr Verstand reifer wird mag sie darüber nachdenken und
weiter forschen Sollte sie aber nie den hierzu erforderlichen Grad der
Gesetzteit erreichen je nun so wandle sie schlicht und einfach ihren Weg und
tue nach dem Glauben den sie von ihren Vätern empfangen hat Was vor ihr
Millionen Trost gewährte wird auch diese zarte weibliche Natur nicht im Stiche
lassen Diese Religion die in unsern Tagen so undankbar verlästert wird hat
sich so entschieden in den Schwachen mächtig bewiesen dass ich meiner Tochter
keine kräftigere Stütze anraten kann als die Ehrfurcht für sie Ich vermag
nicht ächte Weiblichkeit von Frömmigkeit zu trennen und ich gestehe Ihnen dass
der empörende dreiste Blick der jetzigen jungen Mädchen mir immer ein Herz zu
bezeichnen scheint das sich keine Fertigkeit erworben hat sich dem höchsten
Wesen im Gebete zu nahen kurz ein vermessenes Geschöpf das sich nie vor
seinem Schöpfer gedemütigt hat
    Madame hatte mich nur so lange sprechen lassen um eine Rede zu komponiren
worin sie mir bewies dass ich von dem allen nichts verstände dass ich als ein
Landwirt dem es mehr obläge guten Dünger zu machen als Erziehungsplane zu
erdenken nichts davon verstehen könne sie dürfe als die Tochter eines
Gelehrten schon ein wenig mitreden sie habe Rousseau gelesen und wie sie
sich schmeichle den Kant nicht fruchtlos studiert Nun kamen die großen Worte
»MoralPrinzip Kritik der Vernunft« usw wie am Schnürchen bei der
Gelegenheit nannte sie sich selbst einigemal eine Freidenkerin und dankte dem
Himmel dass sie sich von allem religiösen System losgerissen habe und nun wie
ein ausgescheuertes Gefäß sei  Sie brachte dies alles in einem so
hochfahrenden Tone vor dass ich sehr froh war als die jungen Mädchen sie um
Erlaubnis baten der Frau Amtmannin die letzte Komödie die sie aufgeführt zu
rezitiren »Gott behüte« entfuhr mirs »auch Komödie wird gespielt  Spielt
denn meine arme Tochter da auch mit«  »Noch ist Mamsell Julchen nicht so
weit« sagte eine Kleine sehr geziert
    »Gebe Gott dass sie nie so weit komme« erwiderte ich mit einem
Stossseufzer  Was könnten Sie gegen kleine teatralische Übungen einzuwenden
haben Herr Amtmann  fragte Madame sehr suffisant  Durch nichts erwerben
junge Damen mehr Grazie und Anstand sich zu präsentiren
    Den jungen Berlinerinnen die sich unaufhörlich und überall präsentiren mag
es Bedürfnis geworden sein es mit Anstand und Grazie zu tun damit diese
Alltagsvögel deren Gesichter durch das stete Präsentiren allen Reiz der Neuheit
verlieren doch etwas zum Ersatz auszubieten haben Aber für was tauschen diese
Komödienspielerinnen diesen Anstand wohl ein Zu einer Zeit wo sie einen
Vorrat von Begriffen und Kenntnissen einsammeln sollten in einem Alter wo
jede Minute kostbar ist lernen sie Rollen auswendig und verderben sich den
Geschmack an jedem ernstafteren Geschäft Sie üben sich Karaktere
darzustellen die nicht ihre eigenen sind sie regen ihre Phantasie unnatürlich
auf und erfüllen sie mit Bildern einer idealischen Welt wogegen die wirkliche
in die sie nun bald eintreten sollen nicht immer zu ihrem Vorteile erscheint
Endlich noch werden sie unausstehlich eitel und pretiös Die Schauspielkunst ist
ein Bedürfnis unserer Zeit und Sitten geworden Auch ich verehre hier in meinem
Lindenau die ausübende Kunst und den talentvollen Künstler von ganzem Herzen
ohne eben zu wünschen dass meine Tochter ein Talent erwerbe von dem sie nie
Gebrauch machen wird oder soll Julchen  indem ich meine Tochter bei der Hand
nahm  versprich mir dass Du nie eine Rolle übernehmen dass Du Deine Veredlung
auf andern Wegen suchen wirst Das liebe Kind wurde ganz weich und sagte
»gewiss lieber Vater ich will alles was Sie gern sehen« und die andern
Mädchen sahen mich an als dächten sie »das ist ein harter tyrannischer
Vater« Auch hatte Mariane es nicht hehl wofür sie mich ansah Ich ließ das gut
sein brach das Gespräch ab und lief mit meinem Sohne in der Gegend umher für
die wie ich leider bemerkte mein Julchen keinen Sinn mehr hatte
    Bei meiner Zurückkunft sah ich sogleich dass Julchen geweint hatte Wie
Tränen im väterlichen Hause Tränen statt der Freude des Wiedersehens  Ich
forschte was es war und es kam heraus die Mutter hatte der Tochter das Leid
geklagt dass Fritz ein ordinärer Spiessbürger werden wollte »Das werden Sie denn
doch in Ewigkeit nicht zugeben« sagte die Tochter gar altklug Ich schalt
nicht gab mir auch nicht große Mühe das eitle Ding zu belehren sondern sagte
kalt Dein Großvater war eben ein solcher Spiessbürger ein Tischler Dein
Eltervater ein Bäcker und viele Deiner Verwandten sind ehrenvolle und
geachtete Bürger Dein Vetter der Geheimerat in W  sitzt auf der Festung
Der Grossonkel Kapitän ist wegen falschen Spiels kassirt Der Vetter
Superintendent wurde eines hässlichen Verbrechens halber abgesetzt Seine Kinder
bettelten und stahlen Fritz wird ein Tischler wird recht tun und niemand
scheuen richte Dich so ein dass er sich seiner Schwester nicht zu schämen
braucht Julchen erschrak über meinen Ernst küsste mir schmeichelnd die Hand
und wollte noch etwas sagen indem ging die Tür auf und die Gäste die zu
Mittag geladen waren erschienen
    Dies waren nun keine andern als meine adlichen Dorfgenossen und mein lieber
Pastor Eiche Sobald die Duenna einen Gelehrten witterte nahm sie weiter keine
Notiz von mir armen Laien sondern bestürmte den guten Mann mit Fragen ob er
dieses oder jenes neue Buch gelesen habe brach die Gelegenheit vom Zaun eine
Abhandlung über die Juden zu halten und ob diese im Staate zu dulden seien bei
welcher Gelegenheit sie mit ihrer Aufklärung und Toleranz zu prunken gedachte
Sie wurde äußerst entrüstet als ich plumperweise äußerte die Modewelt beweise
ihre Toleranz vorzüglich darin dass sie sich den gutgarnirten Tisch und Keller
der reichen jüdischen Häuser gefallen ließe und der jüngere und galante Teil
suche den Umgang romanhafter und excentrischer Israelitinnen teils aus
Finanzspekulation teils um ohne Kopfanstrengung Beweise seiner hellen Denkart
zu geben Der Forstmeister der keinen andern Juden kannte als den der ihn zur
Zeit seiner Fähndrichswürde geprellt hatte wurde höchst erbittert und geriet
mit der gelehrten Duenna in einen Streit der weder von seiner feinen Lebensart
noch von ihrer Sanftmut Beweise gab
    Indes dieses Paar wütend auf einander losging und dabei des Weines nicht
schonte suchte Fräulein von Lindenfels den rühmlichen Entwurf auszuführen sich
mit den sanften sittsamen Eiche eine Lust zu machen die darin bestand dass sie
ihm eine ganze Armade ihrer Reize entgegenstellte und ihr Netz auswarf um wie
Julchen es nachher berichtete die platte Landpartie dadurch einigermaßen
pikant zu machen Dieses Fräulein war der Liebling der Erzieherin weil sie zu
den geforderten Geschenken das meiste Vermögen hatte bei der gewöhnlichen
AbendWhistpartie ihr Nadelgeld ohne scheel zu sehen an die Madame verlor
nicht bemerkte wenn Madame ihren Eleven bei dem starken Kostgelde elenden
Kaffee gab und um die Triebräder der Maschine nicht in zu schnellen Umlauf zu
setzen ihnen Bier und ein Glas Wein versagte womit sie den animalischen Teil
ihres Menschseins aber in ihrem Boudoir pünktlich zu stärken pflegte Die
Heuchlerin Mariane war ein vorzüglich schönes Mädchen lebhaft und witzig ihre
schönen schwarzen Augen wusste sie mit fürchterlicher Bedeutung zu gebrauchen
Ihr Witz war boshaft ihr Verstand auf Kleinigkeiten und Modelektüre geschärft
ihr Anzug und ganzer Anstand üppig und dreist Der arme Eiche der ihr
gegenübersass wusste nicht wohin mit seinem bescheidenen Blicke wenn sie mit
ihm sprach fasste sie ihn mit ihren brennenden Augen so sank das seinige
beschämt und fuhr wieder erschrocken von ihrem frech entblößten Busen zurück
den auch nicht die dünnste Hülle einschränkte
    Was lässt wohl ein Mädchen von sich denken dessen unsittlicher Anzug selbst
Männern eine Schamröte abnötigt das Stirn genug hat die Blicke dreister
Jünglinge nicht etwa bloß zu ertragen sondern durch Stellung und Blick zu noch
größeren Frechheiten zu reizen Mariane tat alles was grobe Sinnlichkeit
erregen aber rechtschaffne Männerherzen gegen sie empören musste Eiche wendete
sich verächtlich von ihr indes sie ihn als einen unempfindlichen Pedanten
fahren ließ und nun auch aus Rache derb auf das insipide Landleben schmähte
Sie wiegte sich nachlässig mit ihrem Stuhl unsrer gar nicht achtend und fragte
wohl zehnmal die Madame »machen wir nicht bald unsre Partie«  Gleich nach
Tische rasteten die Damen auch nicht bis sie die Karten in den Händen hatten
Ich war neugierig was meine Tochter machen würde und da entging es meiner
Beobachtung nicht dass die Mutter den Geldschrank aufschloss und der Tochter
Dukaten aufzählte Wozu das Mutterchen Julchen kann unmöglich schon all das
Geld das Du ihr schicktest ausgegeben haben Oder hast Du Kind  Julchen
errötete und es kam heraus dass sie es im Spiel an Madame und ihre
Mitschülerinnen verloren hatte  »Julchen Geld wovon mein Meyer und jeder
der hier im Schweiß seines Angesichts sein Brod isst mit Weib und Kind ein
Jahrlang sich reichlich ernährt haben könnten O hat er auch Dich schon
ergriffen der Herz und Geist tödtende Spieldämon Nun dann fahre wohl
sittliches Gefühl und alles was das Weib zum Weibe stempelt Diese Gier
dieses Erpichtsein aufs Spiel macht die Weiber unausstehlich und richtet die
Familien zu Grunde Die Immoralität weiblicher Spielsucht springt so stark in
die Augen dass ich kein Wort darüber zu verlieren nötig habe«  Julchen
wendete ein sie spiele nur der Madame zu Liebe und diese habe es überhaupt für
nötig erachtet sie mit den gangbaren Spielen bekannt zu machen weil man ohne
diese jetzt eine Null in Gesellschaften sei Ich ließ das hingehen weil ich
nicht gern mit meiner Herzenstochter von der ich noch viel Freude erwartete
zürnte Auch die Mutter redete für das Beste ihres Kindes und entfernte sich
bald darauf mit demselben in ein andres Zimmer
    Indes nahm ich Eichen auf die Seite und fragte ihn um seine offenherzige
Meinung von Julchen Er sah sie schon halb mit Bräutigamsaugen das heißt er
bemerkte nur die rosenfarbene Seite Überall Vollkommenheit sich entfaltende
Geistesblüten liebenswürdige Offenheit und noch gar schöne Dinge die ihn zum
glücklichsten Manne machen würden So verschönernd war zwar meine Brille nicht
allein es tat mir doch im Herzen wohl Julchen loben zu hören und ich fing an
mich selbst für zu strenge und parteiisch zu halten Nun fragte ich ihn ob es
nicht besser sei dem jungen Dinge etwas von seinen Absichten merken zu lassen
er aber bestand darauf ihr Herz müsse sich noch einige Jahre überlassen
bleiben indes wolle er sie nach und nach daran gewöhnen ihn als ihren treusten
Freund anzusehen Denn  setzte er hinzu  er wolle die teure Gefährtin seines
Lebens keiner Überraschung des Herzens auch keinem flüchtigen Eindrucke der
Einbildungskraft zu danken haben  Alles schön und gut Freund sagte ich wenn
nun aber die Mädchen nicht so vernünftig behandelt sein wollen Lässt man ihnen
Zeit zu überlegen so  kurz sie überlegen eigentlich nichts sondern handeln
nach momentanen Eindrückken die sie uns als Früchte ihrer Vernunft verkaufen
und wenn der Reiz des Neuen und Ungewohnten für sie dahin ist so   genug
mich ahnts das Mädchen wird uns Sprünge machen Sie wird Romane und Gedichte
lesen Komödien sehen von ewiger glühender Liebe von interessanten
Verwicklungen und Hindernissen die den Genuss würzen und von dergleichen
schwatzen hören wird bunte geschniegelte Herrchen kennen lernen und dann
fürcht ich wird der schlichte schwarze Rock der verzeihen Sies ohnedem
nicht mehr sonderlich hoch im Kours steht mit der schlichten vernünftigen
Liebe die sogleich vom heiraten spricht den gewünschten Eindruck nicht
machen  »Lieber Grüntal« sagte er mir freundlich die Hand drückend »wollen
Sie mir denn in nichts meinen Willen lassen Ich werde in Berlin über Julchens
ferneren Unterricht selbst mit wachen können sie wird mir auf väterliche
Empfehlung ihr Zutrauen schenken ich werde ihr ein treuer Bruder sein Sollte
ich denn nicht ihre Liebe verdienen können« Er machte mir nun seinen Entwurf so
anschaulich dass ich selbst glaubte meine Tochter könne für unsre Absicht
nirgends besser als in Berlin sobald er nur da sein würde aufgehoben sein als
ob das alles so am Schnürchen ginge als ob die Mädchen immer gutem Rate
folgten zumal wenn er grade ihre Lieblingsideen bestreitet Es wurde nun auch
noch verabredet dass ich an meine Nichte Karoline Falk schreiben und sie
recht herzlich bitten sollte die Mitaufsicht über meine Tochter zu übernehmen
Diese Nichte war in Berlin an einen Mann der in einer guten Bedienung stand
verheiratet Ihn kannte ich wenig sie aber als eine Person die ihrem
Geschlechte Ehre machte Sie war es auch die Julchens Religionsunterricht bei
einem würdigen Geistlichen besorgte welches mir einen Stein vom väterlichen
Herzen gewälzt hatte
    Diese Unterredung stimmte mich so gut dass ich den übrigen Teil des Abends
mit leidlichem Anstande der faden Unterhaltung beiwohnte Freilich wars kein
Schatten von dem Vergnügen das mir dieser Besuch meiner Tochter eigentlich
gewähren sollte doch genug von diesem Tage Der folgende verstrich eben so
unter seelenlosen Geräusch in des Forstmeisters Hause nur bemerkte ich mehr
noch als vorher dass Julchen mit der mir so fürchterlichen Mariane innigst
vertraut war worüber ich in neue Besorgnisse geriet um so mehr da Mariane
Julchen bedeutend drohte sie wolle es ihrem Bruder dem Kornet sagen wenn
sie so viel nach dem Pedanten das war mit Ehren zu melden mein armer Eiche
hinüberkukte Ich nahm den Abend Julchen ernstaft vor sie entschuldigte sich
aber so kunstlos mit Marianens übergrosser Lustigkeit dass ich mich nur zu leicht
beruhigen ließ
    So verstrichen die Tage auf deren Genuss ich mich so innigst gefreut hatte
in einem ununterbrochenen Wirbel von Faseleien und Kleinigkeiten Er war so
ansteckend dass keiner von uns an ein herzliches Gespräch denken konnte Bald
wollten die Damen Schlitten fahren bald da bald dorthin das war eine
Rastlosigkeit ein beständiges Abwechseln der Zeitvertreibe und dennoch
genossen sie nie des Augenblicks sondern sehnten sich nach dem was erst noch
kommen sollte Bei jedem Schritt den wir taten bekam sowohl die tiefgelahrte
Erzieherin als ihre Untergebnen Anlass ihre grobe Unwissenheit über jeden
Gegenstand des gemeinen Lebens an den Tag zu legen ZB die grosssprechende
Lindenfels hatte in ihrem Leben noch nicht daran gedacht woher die Wolle käme
sie war außer sich vor Verwundrung dass die einfältigen Schafe doch so nützlich
wären  Von der Baumwolle habe ihr maître de géographie ihr gesagt sie wüchse
en Italie an sehr hohen Bäumen Wenn ich dem Äffchen dann erklärte wie es mit
diesem oder jenem zuginge nahm Madame Brennfeld der es ohnedem zu geringfügig
war sich davon zu unterhalten mir die Worte aus dem Munde setzte mit kalten
nachlässigen Tone die Erklärung fort und sagte gewöhnlich das Gegenteil von
dem was ich zu sagen hatte Aber ihre Selbstgenügsamkeit ließ sich nicht irre
machen über den einfachen Mechanismus des Pfluges sprach sie ein Langes und
Breites und als es zur Sache kam hielt sie die Egge für den Pflug 
    Sultan der alte respektable Haushund sprang Julchen freudig entgegen als
er sie ansichtig wurde Er war so zu sagen ihr Milchbruder denn bei ihrer
Geburt hatte er der Mutter den Überfluss an erster Kindesnahrung abgesogen Sie
erwiderte seine Liebkosung wie seine lang bewährte Treue es verdiente »Fi
Julie«  rief Madame indem sie selbst mit allen ihren jungen Gänschen voll
Grausen zurücksprang  »Fi wer wollte sich mit einem Hunde abgeben Überhaupt
finde ich nichts fader als diese abgeschmackte Neigung gegen Tiere Ich
glaube Julie hat ihren Hänfling lieber als uns alle Ich sage ihr so oft« 
sagte sie sich gegen mich wendend  »dass man seine Zeit wohl besser anwenden
könne als sie mit Tieren zu vertändeln«  Ja dacht ich zB man kann in
der Zeit einige Robbers Whist spielen  Laut sagt ich nun das freut mich
doch dass Julchens Sinn für diese kleinen schuldlosen Freuden noch nicht
abgestumpft ist Was das Fade betrifft so kann man Friedrich den Zweiten der
sich viel mit Hunden abgab wohl eben nicht beschuldigen dass er so gar fade
gewesen sei Wenn Julchen nicht so viel Zeit auf Spiel oder zweckloses
Umherstreifen verschwendet wird sie immer Zeit genug behalten dieser kleinen
unschuldigen Neigung nachzuhängen für die ich ihr kleines Mädchenherz recht
geflissentlich gebildet habe damit keine der zarten Neigungen die der Schöpfer
in die Seele des Weibes legte unentwickelt bliebe Und wie so manches holde
Blümchen mehr streut dies auf ihre Pfade hin Wohl meiner Tochter so lange sie
noch mit Vögelchen und Hunden tändelt Leider wird der Aufenthalt in der Stadt
wahrscheinlich die Zeit früher herbeiführen wo sie diese Spielzeuge mit weniger
unschuldigen und kostspieligern vertauschen wird  
    Diese ganze Apostrophe diente zu nichts als die Madame zu überzeugen ich
sei ein einfältiger Landtropf dem es nicht der Mühe wert sei die Schätze
ihres besseren Erkenntnisses zu eröffnen Da es des Tages nur zu viel Auftritte
der Art gab war ich beinahe froh als sich das plappernde hirnlose Völkchen zum
Abschied anschickte Ich ermahnte noch vorher meine Tochter mit väterlichem
Ernst sich fest an das was ich sie gelehrt hatte zu halten und sich nie von
dem Modeton der nach einer gemissbrauchten Jugend ein freudenleeres Alter
gebiert hinreißen zu lassen Lass es sagt ich mich nie bereuen dass ich mir
meine Einwilligung habe abschwatzen lassen Wär es nach mir gegangen wir
verlebten hier noch stille frohe Tage mit einander Julchen war nicht
ungerührt aber doch fühlt es mein auf die Liebe dieser Tochter
eifersüchtiges Herz dass sie uns nicht mehr so ungern verließ Die scharfäugige
Erzieherin hatte sich bei meiner Frau besonders beliebt zu machen und als
wahre schlaue Kennerin ihre Schmeicheleien an dem rechten Orte anzubringen
gewusst Auch hat sicherlich jedes Lob das sie den Talenten der Tochter mit
freigebiger Zunge spendete ihr ein Fässchen Butter ein Stückchen Leinen ein
Dunenbett oder sonst ein Kontingent zur Wirtschaft eingebracht Sie schied mit
übertriebenen Freundschaftsversicherungen Sie war so höchst unglücklich uns
schon verlassen zu müssen und auch wieder so sehr glücklich unsre interessante
Bekanntschaft gemacht zu haben dann machte sie wieder das Abschiednehmen so
unglücklich und bald darauf war sie so glücklich sich mit der Hoffnung uns
bald in der Stadt zu sehen trösten zu können  So ging es in einem Atem fort
Julchen wollte noch einmal kindlich an mein Herz eilen aber ihre Mariane rief
»Komm Liebe was machst Du Dir das Herz schwer« Julchen folgte ihrem Ruf
stieg in den Wagen warf mir noch einen Kuss ganz im neuesten Styl zu und hin
rollte der Wagen Ich sah ihm wehmütig nach raffte mich zusammen und ging an
meine indes ziemlich gehäufte Arbeit ein Rat den ich jedem gebe dem es
Ernst ist sich zusammenzunehmen
    Bis jetzt war die Bildung und Erziehung meiner Kinder meine größte Sorge
und mein Hausstand beinahe ununterbrochen glücklich gewesen unsre stillen
genügsamen Herzen hatten auch den bösen Tag für gut genommen weil der Herr
beide werden lässt Jetzt sollten wir auch Menschentücke erfahren Meine Frau war
von einer ihrer alten Tanten zur Erbin eingesetzt worden ein anderer Verwandter
protestirte dagegen und da mir nun die Erwerbung dieses Vermögens ganz
rechtmäßig schien hielt ichs meiner Kinder wegen für Pflicht mein Recht zu
behaupten Auf diese Art wurde ich in einen weitläuftigen und kostspieligen
Prozess verwickelt Meine gute gar zu empfindliche Frau nahm sich diesen
Vorgang und den Verdruss der mir daraus erwuchs so zu Herzen dass sie in eine
Schwermut fiel die ich weder durch vernünftige Vorstellungen noch durch
Liebkosungen zerstreuen konnte Der Prozess erforderte viel Reisen nach der 
schen Regierung das nahm Zeit weg und meine Wirtschaft litt sichtbar
darunter  Ich sah mich genötigt eine Wirtschafterin ins Haus zu nehmen die
aber höchst unredlich haushielt Sie verführte das Gesinde und das
unbestechbare verläumdete sie Julchen war noch zu jung und ungeübt einer so
schweren Wirtschaft vorzustehen Mein Prozess wurde immer verwickelter und
meine Frau immer kränker Der Arzt den ich kommen ließ schüttelte den Kopf es
war die Auszehrung Ihre Gemütskräfte waren so abgestumpft dass sie auch nicht
einmal nach ihren Kindern verlangte Ich sah die Redliche vergehen und verging
vor Schmerz beinahe mit ihr Mein teilnehmender Freund Eiche war schon seit
Ostern in seine neue Stadtpfarre eingezogen Seine Stelle bei uns war mit einem
jungen Manne besetzt der den Bauern für sein Leben gern Freiheit und Gleichheit
gepredigt und die französische Vernunftreligion gelehrt hätte wäre die liebe
Obrigkeit und der Landrat nur nicht gewesen der die Kantons fleißig bereisete
Marat war sein Heiliger und Robespierre mordete noch nicht genug Oft ging er
bei Wind und Wetter dem Zeitungsboten Meilen Weges entgegen Meinetalben mochte
er wenn er mir nur auch meinen Sinn verstattet hätte aber dieser Enragé schlug
oft in seinem revolutionnairen Eifer mit der Faust auf den Tisch und weckte
meine arme Kranke wenn sie in heissersehnten Schlummer gesunken war Das
schreckte mich von seinem ungelenkigen Umgange so ab dass ich mich verleugnen
ließ wenn er mit neuen Zeitungen angesprengt kam Es fehlte mir also durchaus
an einem teilnehmenden Freunde da mein Leiden zu schwer wurde als dass ichs
allein ertragen konnte Jetzt fühlte ichs wie wohl dem Menschen ist wenn er
sich den Gedanken an Gott nicht zu fremd hat werden lassen wenn Kreuz und Not
hereinbricht ist die ununterstützte Vernunft eine zerbrechliche Stütze Zwar
sang ich keine Danklieder als mein frommes Weib an meinem Herzen verschied
auch vermocht ich nicht so gleich zu sagen was Gott tut das ist wohl
getan aber mein Herz verschloss sich nicht widerspenstig den Tröstungen der
Religion die ich in ihrer ganzen Kraft auf meine Seele wirken ließ
    Meine Freunde werden hier dem schwergebeugten Herzen gern einen Ruhepunkt
verstatten Wer eines solchen Weibes ohne innige Rührung gedenken kann war
nicht wert an ihrer Seite zu leben Ich habe ihrer kleinen Schwächen und
Eitelkeiten erwähnen müssen in so fern sie dem Schicksale meiner Tochter eine
Richtung gaben die nicht diejenige war welche ich ihm zu geben wünschte Aber
sträflich wärs gedächte ich nicht auch ihrer ungeheuchelten Frömmigkeit ihres
reinen unbefleckten Lebens ihrer Treue in Erfüllung aller häuslichen Tugenden
und der unverbrüchlichen zärtlichen Liebe gegen mich In diesem allen konnte
sie ein Vorbild ihres Geschlechts genannt werden Und was war sie mir dennoch
durch ihren hellen Sinn für jede Art von wirtschaftlicher Ordnung In allen
Fächern des Hauswesens hinterließ sie Denkmäler ihres Fleißes und
Ordnungsgeistes Sie verstand in einem hohen Grade Wohltätigkeit mit
vernünftiger Sparsamkeit zu verbinden eine Tugend ich meine diese letzte der
wir Männer nicht immer mit der gehörigen Achtung begegnen weil sie mit unsern
im ehelosen Stande angenommenen Gewohnheiten oft im Widerspruche steht Wir
übersehen im Unmute oft wie viel wir von dem Wohlstande und der
Bequemlichkeit die sie um uns her verbreitet ihr zu verdanken haben Diesen
Vorwurf habe ich freilich nicht auf mich geladen denn ich fühlte in einem hohen
Grade was die Verbindung mit diesem würdigen weiblichen Wesen seit meinem
Justiziariat aus mir gemacht hatte Die Entwicklung so mancher guten mir selbst
unbewussten Anlage den Sinn für häusliche Ordnung und alles das worin uns das
weibliche Geschlecht so weit überlegen ist verdanke ich der treflichen
harmlosen Seele über deren Aschenhügel noch am späten Abend meines Lebens
manche Träne hinfliessen wird
Der Tod meiner Frau gab meiner damaligen Empfindungsart eine ganz
entgegengesetzte Richtung Meine liebsten Zeitvertreibe wurden mir gleichgültig
und selbst das sonst immer rege Gefühl für meiner Kinder Wohl schien darunter zu
leiden In Ansehung meiner Tochter beruhigte ich mich eine Zeitlang gänzlich mit
den Nachrichten die sie mir selber von sich gab und die Eiche mehrenteils
bestätigte Es ging aber dem redlichen Manne wie es vielen jungen und auch wohl
alten Gelehrten geht es fehlte ihm an Weltkenntnis und hinreichenden
Erfahrungen die besonders ein Geistlicher nur selten zu erlangen Gelegenheit
hat Eiche sah und urteilte mit dem parteiischen Blicke der Zuneigung sein
wohlwollendes Herz ließ ihn nur die gute Seite erblicken wie ich schon an ihm
gewohnt war und wodurch er mein strengeres Urteil zur Parteilichkeit
hinneigte Ich nahm mir von Zeit zu Zeit vor nach Berlin zu reisen und selbst
zu sehen es kamen mir aber so mancherlei Hindernisse in den Weg dass gegen
anderthalb Jahr verstrichen ehe ich meinen Vorsatz ausführen konnte In dieser
Zwischenzeit verlor ich meinen Prozess und ließ meinem noch immer wunden Herzen
eine zweite Ehe aufschwatzen Ein reiches Mädchen nahm die Stelle meiner
geliebten Frau zwar nicht in meinem Herzen doch aber in meiner Haushaltung
ein Nur der offenbare Verfall alles dessen was die geliebte Selige durch so
redliche Anstrengung eingerichtet hatte bewog mich zu dem mir selbst so fatalen
Entschlusse meine Kinder Stiefkinder werden zu lassen Meine zweite Frau hatte
die alltäglichsten Vorurteile gegen Stiefkinder und war gegen die ihrigen die
sie noch nicht einmal kannte schon so eingenommen dass ich keines von den
Dreien zur Hochzeit einladen durfte Von Julchen erhielt ich bei dieser
Gelegenheit einen kalten abgezirkelten Brief der mein eingeschlummertes Gefühl
aufs lebhafteste erweckte und mit Bitterkeit erfüllte Von meinem Herzenskinde
vermochte ich das nicht zu ertragen nun wollte und musste ich nach Berlin so
bald die Erndte vorbei sein würde Das stete »Gut und Gut sein lassen« des gar
zu gutmütigen Eiche fing an mir verdächtig zu werden Julchens Briefe bewiesen
mir nur zu sichtlich dass eine bedeutende Veränderung mit ihr vorgegangen sein
musste Ihre einfache ungezwungne Schreibart war so merklich von einer
aufgeregten Phantasie zu den hochfliegenden Ausdruck gewisser Romane
hinaufgeschroben dass ich das Mädchen notwendig für eben so verändert wie ihre
Briefe halten musste Die Fortschritte ihrer sogenannten feinern Ausbildung und
die Wirkung der Pensionserziehung nicht aus den Augen zu verlieren werde ich
alles wo sie selbst spricht wie es der Zeitfolge nach hieher gehört beilegen
    Zuerst die Fragmente ihres Tagebuches wie sie es zu verschiedenen Zeiten
über ihr Herz gehalten hat
Vom März
    Ich nähere mich der heiligsten und ehrwürdigsten Handlung meines Lebens In
kurzem werde ich mein Glaubensbekenntnis ablegen O dass meine immer und immer
gleich geliebte Mutter das nicht erlebt hat Wie würde ihre fromme Seele zu der
meinigen gesprochen haben Sie würde mich sanft über die Leere die ich mit
Schrecken in meiner Seele erblicke getröstet haben So war es sonst nicht Ach
ich lohne die treue Sorgfalt meines rechtschafnen Vaters nicht wie ich sollte
das bekenne ich mir wehmütig Wie innig erhob sich sonst mein Herz wenn ich in
kindlicher Einfalt betete Wie dankte ich Gott für jeden einfachen Genuss meines
stillen harmlosen Lebens Ach nein nein so ist es nicht mehr In dem ewig
umtreibenden Kreise abwechselnder Zeitvertreibe bleibt das Herz fürchterlich
leer Mein verengtes Herz ist ein Tummelplatz kleinlicher Leidenschaften
geworden Es ist mir augenscheinlich gewiss dass das Kartenspiel zur Verunedlung
meines Herzens am stärksten mitgewirkt hat Auch nicht die kleinste Kraft ist
mir geblieben mich zu meinem Schöpfer im Gebet zu erheben Ich sinke gleich
wieder kraftlos und erschlafft zu Boden wenn ich auch auf einen Augenblick Mut
gefasst habe den Versuch zu wagen Dann habe ich mir wohl das Herplappern
einiger Formulare aus welchem unsre sogenannte häusliche Andacht besteht als
Gebete angerechnet Wie kalt blieb das Herz Aber es muss es soll anders werden
und dazu wird die heilige Handlung mich stärken
Am CharfreitagsAbend
    Noch schwimmt meine Seele in den erhabenen seligen Gefühlen von welchen
ich in dem wichtigen Augenblicke da ich das heilige Abendmahl genoss bis zur
Erschöpfung überwältigt wurde Der Himmel ging in meiner Seele auf Gott Gott
sollte ich je aus diesem seligen Zustande wieder in jene trostlose Lauigkeit
zurücksinken können Nein stark und fest ist mein Entschluss nur Gott und das
Gute will ich lieben Sähe mein lieber Vater in mein Herz Freudentränen würde
er weinen Wie entsetzlich leichtsinnig ist doch diese Mariane Wie sie meine
Rührung verspottete Wie unheilig war ihre Neckerei über das was sie Bigotterie
nannte O mein Gott du Heiligster sieh mich vor dir in den Staub geworfen und
nimm das Opfer meines Herzens gnädig an Nie nie soll es sich wieder den
leichten lockenden Tönen meiner Gespielinnen öffnen Nur zu oft ließ es sich
hinreißen Dies Tagebuch das ich schon manchmal auf meines Vaters dringende
Bitte über mich hielt soll mir das heilige Band sein dass mich an meinen jetzt
gefassten Vorsatz und Entschluss knüpft
In diesem Tone der größten Exaltation fuhr sie acht Tage lang fort Die
feierliche Handlung hatte auf ihre Imagination so lebhaft gewirkt dass sie sich
in ihrer Moralität auf welche ihr würdiger Religionslehrer sie aufmerksam
gemacht hatte hinlänglich gegründet zu sein dünkte Sie hielt sich in allem
Ernst über die sie umgebenden Torheiten erhaben Wie es aber den bloßen
Empfindungschristen mehrenteils geht das Köpfchen kühlte sich nach und nach
wieder ab und es erfolgte in dem Tagebuche welches ein heiliges Band zwischen
ihr und ihrem Schöpfer sein sollte eine traurige Lücke Und das musste so sein
wenn ich den Einfluss mit in Anschlag bringe welchen der strafbare Leichtsinn
ihrer Aufseher sowohl als ihrer Gespielinnen auf das junge unerfahrne
Mädchenherz natürlich haben musste Ich erfuhr nachher durch besondere
Veranlassung dass die philosophische Madame Brennfeld nebst ihrem
philosophirenden Vetter dem Kandidaten Julchen zur Gesellschaft mit zum
Abendmahl gegangen sei weil das junge Ding so viel Mutlosigkeit gezeigt hatte
Vor und nachher hatte der Herr Kandidat seine vom Doktor Bahrdt geschöpfte
Weisheit ausgekramt und der lieben Jugend insonderheit die Auferstehungslehre
nach Bahrdtischen Grundsätzen erklärt bei welcher Gelegenheit Madame Brennfeld
ihnen weidlich vom höchsten Moralprinzip und kategorischen Imperativ wovon sie
nicht das geringste verstand vorperorirt hatte Diese schönen gemissbrauchten
Ausdrücke erdachte wohl der edle Weise nicht um sie ateistischen Weibern zur
Losung dienen zu lassen
    Im August schrieb sie wieder an dem Buche
Mein Vater bemerken Sie lieber Seelmann sonst hatte sie mir immer zärtliche
Beinamen gegeben hier hieß es schon schlechtweg »mein Vater« wird mich
vielleicht in diesem Herbste besuchen  Was ist das Was ist denn in der
Vorstellung das mich erbeben macht Freude ist dies nicht denn was weiß Freude
von Furcht  Mein Vater wird kommen und nach dem Zustande meines Herzens
forschen Er sieht so scharf beobachtet so genau wird die unverhaltene
Offenherzigkeit von mir fordern die er sonst an mir zu loben pflegte und diese
verliert sich doch so leicht wenn man sich nicht mehr täglich sicht Zwar tue
ich wohl nichts böses aber der Vater fordert so viel und in meinen Jahren kann
man doch nicht so ernstaft an Gott denken und sich mit diesen erhabenen
Gedanken beschäftigen wie ein Mann in den seinigen In meiner Lage ist es nicht
möglich sich an regelmäßige Andachtsübungen zu binden Der Morgen ist so kurz
dass er kaum zu den Lektionen zureicht und des Abends ist man zu schläfrig oder
von den mancherlei Gegenständen die man um und neben sich hat zu zerstreut um
sich zum ernstaften Nachdenken zu sammeln oder das Herz zum Gebet erheben zu
können Als ich Madame Brennfeld neulich meine Bekümmernisse darüber mitteilte
beruhigte sie mich dadurch dass sie mir aus einem Buche vorlas das Gebet sei
überflüssig es gehe alles seinen einmal von Ewigkeit her bestimmten Gang Gott
verändere unsrer Bitten wegen nichts an seinen weisen Planen Auffallend wars
mir schon immer dass mir ohne Gebet dasselbe Gute widerfährt dessen ich genoss
als ich noch regelmäßig und andächtig betete Doch genoss ich damals ich kanns
nicht leugnen eine Ruhe eine Zuversicht ich war so gut so
menschenfreundlich und ging mirs nicht ganz nach meinem Herzen dann betete
ich und die Zuversicht dass Gott mir helfen werde machte mich immer recht froh
in meinem Gemüt Aber das ist nun freilich leider vorbei Ich wollte doch dass
ich in meinem Leben den hässlichen Kandidaten nicht gesehen hätte So oft ich mich
zu träge zum Gebet fühlte wiederholte ich mir was Madame las doch wollte ich
noch zu meiner bessern Beruhigung mich bei dem Vetter der Madame Rats
erholen Der lachte aber der leichtsinnige Mensch und sagte ein hübsches
Mädchen müsse sich den Kopf nicht mit dergleichen zerbrechen das verderbe den
Teint Seitdem nannte er mich immer seine kleine Philosophin Mein Vater empfahl
mir die Freundschaft des Predigers Eiche Ich gestehe dass ich die
Rechtschaffenheit dieses Mannes verehre und ich würde allerdings mehr Zutrauen
zu ihm gefasst haben hätte mich die liebe lose Mariane nicht mit ihm aufgezogen
Auch scheint mir sein Leben so streng und er ist so ängstlich gewissenhaft dass
ich armes schwaches Mädchen in seinen Augen gar zu fehlerhaft erscheinen würde
Lieber Himmel die Zeit der Jugend ist ohnedies flüchtig genug sollte es denn
so unrecht sein sie zu genießen  
Den 24sten
    Guter Gott Was ich mir auch sagen mag und so gern ich mich betäuben
möchte so fühle ich doch im Innersten ich fühle es recht bitter dass etwas in
mir liegt womit ich nicht werde bestehen können wenn mein Vater mich zur
Rechenschaft auffordert Mein Vater sage ich  Ach wenns der nur wäre aber
eine Stimme tief in meinem Innersten ruft mir zu »Du bist nicht was Du sein
sollst wiege Dich nicht in betäubenden Schlummer ein« Was Madame und ihr
Vetter der Geistliche auch sagen mögen es gibt so eine Stimme Wer sie nur
sein mag Gestern war ich seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit der Kousine
Falk in der deutschen Kirche In der französischen in die uns Madame Poulet zur
Sprachübung hineintreibt bin ich gar nicht andächtig die Sprache kommt mir
nicht so feierlich vor die Gesänge erbauen mich nicht und die geschwind
gesagte Predigt verstehe ich nicht Darüber habe ich mich beinahe schon gewöhnt
die Kirche als einen öffentlichen Ort zu betrachten wo wir unsern Putz
auslegen um ihn sehen zu lassen Wie wurde ich nun durch das schöne Lied von
Gellert plötzlich getroffen »Nach einer Prüfung kurzer Tage« usw und dann
Eichens Predigt über die Rechenschaft die wir von dem Gebrauch unsrer Zeit
werden ablegen müssen Jeder Zug traf besonders mich und es war mir als wäre
allein unter allen Zuhörern ich der ungerechte Haushalter Meine Tränen flossen
reichlich denn ich versetzte mich zurück in die Tage meiner kindlichen
Unbefangenheit wenn Eiche in unsrer Lindenauischen Kirche so sanft und herzlich
wie zu Brüdern und Schwestern sprach Damals war ich eine treue fleißige
Haushälterin unter dem Schutz und Schirm meiner liebenden Eltern  Ich verlor
mich ganz in diesen Betrachtungen Auf einmal wurde ich den Kornet Lindenfels
gewahr er hatte seine Augen starr auf mich geheftet und flüsterte mir im
Vorbeigehen zu »Heilige Juliane bitte für uns« Ich kam aus meiner ernstaften
Fassung es durchlief mich wie ein Feuer meine Gedanken lenkten sich auf so
fremde und entgegengesetzte Gegenstände dass ich nur noch dem Körper nach in der
Kirche blieb und das letzte Lied gedankenlos mitsang
    Nach der Predigt war Eiche bei der Kousine Seine Güte beugte mich diesmal
ich wagte es kaum ihn anzusehen  Er kann Dir in der Seele lesen  dacht
ich und das peinigte mich so dass ich mich nicht lange aufhielt sondern unter
einem Vorwande zu Hause ging Da fand ich den leichtfertigen Kornet der den
ganzen Auftritt schon erzählt hatte Madame Brennfeld lächelte und sagte
»Ihrer Jugend kann man wohl den Irrwahn zu gute halten ihr guter Kopf lässt mich
hoffen dass sie einst selbst denken und etwas mehr als bloß empfinden wird Ihr
Kopf ist noch ganz unphilosophisch dunkel und mit verworrnen Prinzipien
angefüllt« Der Kornet hörte nicht drauf und klimperte auf dem Klavier »Vive
le vin vive lamour« etc Nun ich wieder allein bin fühle ich dass ich nicht
verdiente ausgelacht zu werden Die Leute haben aber so etwas Überredendes
Madame mit ihrer Gelehrsamkeit wohl eben nicht aber Lindenfels mit seinen
brennend schwarzen Augen die einem immer ins Herz blitzen so dass ich oft meine
eignen und gewiss nicht schlechtern Einsichten verleugnen kann
Späterhin bekam ich noch einige Briefe von Julchen über ganz allgemeine
Gegenstände und in einem kalten zurückhaltenden Tone abgefasst Dagegen empörte
sich mein ganzes Vaterherz Der Erwerb in der Wirtschaft durfte mir nicht
wichtiger als die Wohlfahrt meines Kindes sein und ich flog nach Berlin ehe
die brennenden Augen des Kornets mein armes Julchen ganz verzehrten Ich stieg
bei Karolinen ab sie nahm mich kindlich auf ihr Mann war eben nicht zugegen
Nach der ersten Bewillkommung bat ich sie mir jemanden zu geben der mich zu
meiner Tochter führte Sie bestand darauf ich solle Julchen nicht so plötzlich
überraschen sie könnte zu heftig erschrecken  Erschrecken Vor ihrem Vater
sagt ich Hat sie nicht Ursach sich zu freuen so mag sie immerhin erschrecken
 Ich ließ nicht ab bis Karoline mir ihren Bedienten mitgab Nun gings an ein
Traben aus einer Straße in die andre ich dachte der Kerl hätte mich zum
besten wenn er aus einer meilenlangen Straße in eine noch längere einlenkte
Was um und neben mir vorbeirauschte hüpfte und stolperte bemerkte ich nur
flüchtig Mein ganzer Sinn stand auf den Empfang gerichtet den ich zu erwarten
hatte »Hier ist es« sagte jetzt der Bediente und zeigte auf eine schöne
Treppe die wir hinauf mussten Mir schlug bangahnend das Herz So rasch ich
gelaufen war so langsam und bedächtlich stieg ich die Stufen hinan und befand
mich endlich zwischen zwei Stubentüren vor denen ich wie ein furchtsamer
Schulknabe stand unentschlossen an welche ich klopfen sollte Endlich wählte
ich die vor welcher es wie Bisam und Moschus roch Auf mein leises
bescheidenes Klopfen erschien ein keckes freches Hausmädchen sie betrachtete
mich von oben bis unten und fragte trotzig zu wem ich wolle Als ich Mamsell
Grüntal nannte bekam ich zur Antwort »Die ist nicht zu Hause« und husch flog
die Tür wieder ins Schloss Die kecke Berlinische Jungfer stand mir nicht weiter
Rede und ich hätte noch lange warten oder unverrichteter Sache abziehen
müssen wäre nicht ein kleiner leichtfüssiger Hase in einer bunten Jacke vor
mir vorbeigehuscht er trallerte sich aus vollem Halse ein Stückchen holte aus
seiner Tasche einen Drücker schloss auf und schlüpfte in die Tür hinein vor
der ich blöde wie ein Bettler stand Betroffen genug rief ich ihm nach mich
einzulassen »He was sukt her ihr« rief die Fratze zur Tür hinaus ohne mich
anzusehen Dies war der Tanzmeister der die Äffchen mit Grade kokettiren lehrte
Er war indes so höflich mich anzumelden und so wurde ich doch wenigstens in
das Vorzimmer eingelassen Die Frau Prinzipalin sei nicht zu Hause hätte ich
aber etwas zu suchen so könne ich mein Gewerbe bei der Sousgouvernante
anbringen hieß es Mit unsäglicher Mühe bedeutete ich der alten hartörigen
Frau wer ich wäre und was ich wollte Sie verstand zehnmal unrecht und schon
riss das letzte Fädchen meiner Geduld Endlich entschlüpfte ein kleines schlaues
Ding dem Tanzmeister und schrie der alten Frau aus Leibeskräften ins Ohr ich
sei der Monsieur Amtmann Juliettes Papa und wolle diese sprechen solch
buntschäckiges verstümmeltes Französisch ist in diesen Treibhäusern
einheimisch »Juliette«  sagte die Alte betreten  »mais vous savez quelle
ny est pas« Wo ist sie denn schrie ich als stände ich auf dem Wollmarkt
»Sie is gegange sik promenir« antwortete die Alte auf deren grundehrlichem
Gesicht ich die gesagte Unwahrheit sehr deutlich sah  Das ist mir sehr
unangenehm ich werde sie also wohl erwarten müssen  sagt ich verdrießlich
»O da würden Sie lange warten müssen« versetzte die Kleine die schon wieder
vor dem Tanzmeister zappelte »sie wird spät wiederkommen«  Sie wissen also wo
sie ist Fräulein  »Ich weiß es recht gut« sagte das Ding vertraut »sie
haben mir aber verboten es wiederzusagen«  Meine Bestürzung stieg aufs
höchste Endlich drang ich es dem Kätzchen ab dass Julchen von Marianen zu einen
Pickenik abgeholt sei Mariane sei jetzt bei ihrem Vater und würde in der
andern Woche den Herrn von K  heiraten der heutige Pickenik werde in dem
 schen Garten gehalten Kann ich da wohl hingehn  fragte ich das Kind 
»O freilich es kann ja ein jeder hin es ist ein öffentliches Haus«  Schnell
entschloss ich mich hinzugehen und meine leichtsinnige Tochter eine Zeitlang
unbemerkt zu beobachten »Da zeigt Sie jedes Kind hin« sagte die Kleine die
sich ein boshaftes Fest daraus zu machen schien Julchen in Verlegenheit zu
setzen Ich ließ mich nach den  schen Garten hinbringen und folgte meinem
Führer gewiss mit schwerem Herzen Unter dem Gewühl der aus und eingehenden
Bedienten war es leicht mich unbemerkt in den Garten zu schleichen und mich
dem Tanzsaale gegenüber in eine Laube zu setzen Julchen mein stilles sanftes
Julchen hier in einem öffentlichen Hause verstrickt in wilde Tänze  diese
Vorstellung presste mir Tränen ab Wer ist die Gesellschaft die da tanzt
fragte ich einen Marqueur »Das weiß der Himmel«  antwortete der Mensch 
»wie es mit den Pickeniks ist alles bunt durch einander Juden und Christen
wer bezahlen kann und einen guten Rock auf dem Leibe hat« Kennt Er aber gar
keinen von dieser Gesellschaft  »Ein Paar junge Offiziere kenn ich nur zu
gut sonst glaub ich sind kaum sechs dabei die einander kennen mögen« 
Jedes seiner Worte war mir ein Stich ins Herz Wenn ich mir dagegen meine
Tochter in ihrer ehemaligen liebenswürdigen Unschuld dachte  unter diesem
bunten Haufen  Jetzt ging die Tür auf ich verschlang den Anblick so widrig
er mir auch war Es kamen Kerlchen zum Vorschein Kerlchen lieber Seelmann die
kaum noch das Leben zu haben schienen Dieser fatale Saal sah viel eher einem
geöffneten Krankenhause ähnlich aus dem die armen Siechlinge herausschlichen
sich an Gottes Sonne zu wärmen als einem Orte der Freude Es gingen viele aus
und ein alte und junge Knaben geschminkte und fahle Gesichter aber meine
Tochter kam immer noch nicht zum Vorschein Schon glaubte ich die kleine
Pensionsschlange habe mir etwas aufgebunden als plötzlich die Musik aus einem
englischen Tanz in einen wilden Walzer fiel Nun flog Paar für Paar vor der
offenen Tür vorbei Fräulein Lindenfels mit einem kleinen schwarzbraunen
Pigmäen den ich sogleich für einen jungen Juden erkannte dessen sittlicher Ruf
eben nicht fein war hinter ihr tummelte sich  ach Gott es war   es war
wirklich meine Tochter  Ein junger Kavallerieoffizier hatte sie fest
umschlungen und schwenkte sie in kleinen schnellen Kreisen herum Eins
verschlang des andern Blicke Auge an Auge Mund an Mund der junge Lecker musste
die Glut ihrer brennenden Wange fühlen Ich sprang bei dem Anblick wie von
einer Schlange berührt auf wollte sie dem Milchbart aus den Armen reißen und
was weiß ich was ich in der ersten Bestürzung alles wollte Indes ich noch
unschlüssig da stand war der Tanz zu Ende und nun kam Paar für Paar
herausgeschlendert und verteilte sich in die Gänge Meine Tochter kam mit
ihrem Tänzer zuletzt Ich trat in meine Laube zurück die schmerzliche
Beobachtung fortzusetzen und meine Hitze sich abkühlen zu lassen Nachdem sie
die Allee einigemal auf und abgegangen waren führte der Offizier Julchen in
die Laube dicht neben mir »Aber sagen Sie mir englisches Mädchen« so redete
er sie an indem er ihre Hand lange an seine Lippen drückte welches sie nicht
hinderte »warum antworten Sie auf meine Briefe nicht Ich hoffe der
schurkische Magot wird sie doch richtig bestellt haben«  Julchen schwieg
machte ein läppisch Gesicht und sah schweigend auf ihren Fächer  »O so
sprechen Sie doch ein Wort Wenn werden Sie doch endlich diese entstellende
Blödigkeit ablegen«  Gottlob Gottlob mir wälzte sich ein Stein vom Herzen
dass sie noch blöde war Gottlob Gottlob rief ich beinahe unwillkürlich 
»Herr von Lindenfels« stammelte sie endlich »ich schreibe nie an eine
Mannsperson Ihre Briefe habe ich bekommen ich würde sie aber nicht angenommen
haben hätte Magot sie mir nicht in Beisein von Madame gegeben Sie würde sie
gesehen haben wenn irgend ein Wortwechsel dabei vorgefallen wäre«  »Und was
wäre das für ein Unglück gewesen« fragte Marianens Bruder  denn der war er 
»Glauben Sies mir meine Beste ich wäre reich hätte ich so viel hundert
Dukaten als süße Briefchen von Friseurs und Tanzmeistern in Pensionen
praktisirt werden Ich stehe dafür dass ihre weise Duenna wohl selbst zuweilen
ein Auge zudrückt wenn nur die Zufuhr nicht ausbleibt«  »Fi donc wer wird so
arg sprechen« sagte Mamsell Grüntal albern geziert und begleitete diese
Worte mit einem Fächerschlage Der Bube verstand die Aufforderung die das
unerfahrne Mädchen ohne es vielleicht zu wollen in diese Bewegung legte er
wurde dreister und zudringlich  Nun ist es Zeit dacht ich stieß was mir im
Wege stand um riss mich durch das Laub das sie von mir trennte und stand
ohne noch zu wissen was ich sagen oder beginnen würde vor Julchen Dem jungen
Herrn war diese Unterbrechung sehr ungelegen er sprang auf und suchte mich
zurückzudrängen ich aber war angewurzelt wie eine Eiche »Es ist mein Vater«
 schrie meine Tochter die starr und betäubt sitzen blieb dann aber doch in
meine unwillkürlich geöffneten Arme stürzte Ich weinte und schluchzte wie ein
Kind nicht achtend wie das Bürschchen sich so breit machte  »Unglückliches
Kind verdienst Dus dass ich Dich mit dieser Inbrunst an mein Herz drücke« 
Julchen antwortete mit keiner Sylbe und hielt sich beide Hände vor die Augen 
»Gott hat gewollt dass Dein Vater in diesem Augenblicke zu Deiner Rettung
herbeieilte«  Das Mädchen war immer noch einer Ohnmacht nahe Indes hatte der
Herr Kornet sich aus dem Staube gemacht wahrscheinlich um der Gesellschaft von
dieser Wundererscheinung Nachricht zu geben Während der Zeit war ich wieder in
so fern zur Besonnenheit gekommen dass ich überlegte jedes Aufsehn würde dem
guten Namen meiner Tochter nachteilig sein ich tröstete sie also mit
Liebkosungen bis sie sich erholte Aber mir in die Augen zu sehen wagte sie
nicht Nun kam nach und nach die übrige Gesellschaft herbei Mariane überhäufte
mich mit Vorwürfen wobei sie mich ganz vertraulich Du nannte »Bist Du toll
Alter Deine Tochter so auf den Tod zu erschrecken Glaube mir Deine Galanterie
schmeckt nach der Amtsstube Armes armes Julchen Und der Louis ist vor Schreck
wohl gar davon geflogen«  So gings in einem Atem fort indes Julchens
vermeinte Ohnmacht wohl funfzig Riechfläschchen in Bewegung gebracht hatte Sie
stand wie im Platzregen die jungen Herren wollten durchaus das Verdienst ihrer
Herstellung haben Ich stellte mich dabei ganz munter und lustig machte so
tiefe Bücklinge und Kratzfüsse entschuldigte mein unverhofftes Eindringen wider
meine eigene Erwartung so manierlich und kaltblütig dass die Gesellschaft
nachdem einige junge Herren die vielleicht die Unternehmer des Pickeniks sein
mochten die Köpfe zusammengesteckt hatten endlich ganz herablassend beschloss
wahrscheinlich meiner schönen Tochter zu Liebe mich an dem Feste Teil nehmen
zu lassen Ich nahm das Anerbieten an sowohl aus Schonung für meine Tochter
als auch um einen Begriff von dem Tone der Gesellschaft zu bekommen der mich
dann schnell zu der Überzeugung führte dass der ein Narr ist der diesen
sogenannten Lustbarkeiten eine der ächten Freuden des Lebens oder auch nur
seine häusliche Bequemlichkeit aufopfert Es wurde auch kein gescheutes Wort
kein einziger auch nur einigermaßen witziger Einfall vorgebracht gar nichts
das des Belachens wert gewesen wäre Wer einen sogenannten Scherz der nur
Persiflage war vorbrachte musste seinen Einfall auch zuerst belachen dann erst
stimmten wohl einige aus Höflichkeit wenn der Witzling eine betitelte Person
war mit ein Bei den Zweideutigkeiten deren gar viele mit unter liefen waren
es allemal die Damen die durch helles Gelächter ihrem Scharfsinne auf Kosten
ihrer Schamhaftigkeit ein Kompliment machten  Sie erinnern sich der Zeiten
lieber Pastor da die jungen Männer durch Schön und Süsssein durch
verunglücktes Kopiren des Werter und anderer minder treflichen Romane dieser
Periode bei vernünftigen Frauenzimmern Ekel erregten Seit der Zeit ist das
Kind mit dem Bade ausgeschüttet die Ritterromane und Schauspiele haben Ton und
Manier so derb so zufahrend und zurückschrekkend gemacht dass ich die Mädchen
bedauern würde wenn auch sie sich nicht der zarten Weiblichkeit entschlagen
hätten und etwas affektirten das Deutschheit sein soll wie denn leider so
viel Missgriffe in dieser Hinsicht gemacht werden und Rohheit oft für
Deutschheit gelten muss Dass dieser dem Zeitalter gar nicht harmonische Ton noch
gehört wird der schon lange zu unsern Sitten nicht mehr stimmt veranlassen die
Dichter welche die eisernen Männer der vergangenen Jahrhunderte durch ihre
Dichtung so verschönert und oft zwitterartig darstellen welche die Gediegenheit
der vorigen Zeit mit der Kultur und Urbanität der jetzigen gepaart in ein
liebenswürdiges Gemälde bringen das denn freilich Nachbildner reizt Ein
Berlichingen ein Wittelsbach erhebt die Schwingen ihrer Phantasie ein
Richelieu ein Orleans schmeichelt ihrer Sinnlichkeit Und welchem Vorbilde
folgen sie Beiden jenem in der Derbheit diesem in der Sinnlichkeit Wie steht
es da aber um die Weiber die solchen Männern gefallen wollen Lieber Seelmann
ich meine den großen Haufen denn vielleicht gibt es an keinem Orte in der Welt
so viel ehrenvolle Ausnahmen als in Berlin Aber für jemanden der sein Kind
diesem wogenden Meere anvertrauen soll ists denn doch über alles schwer den
Klippen oder Untiefen auszuweichen
    Nach Verlauf einer Stunde hatte ich das alles satt und übersatt Mariane
als sie sah dass ich mich mit Julchen entfernen wollte nahm mich schmeichelnd
bei Seite und strich mir die Backen »Liebes Väterchen Du sagst doch der Frau
Sirach sie meinte die Erzieherin nicht dass Julchen hier mit mir gewesen ist«
 fragte sie sehr naïv Tröstend war mirs zu hören dass Madame Brennfeld an
diesem Unfuge unschuldig und von den Mädchen hintergangen war Mariane hatte
vorgegeben sie führe mit Julchen nach einem nahgelegenen Lustschlosse das war
in so fern unschuldig obgleich Marianens Führung nie unschuldig sein konnte
    Jetzt nahm ich mein Töchterchen unterm Arm und schlich unbemerkt mit ihr
aus dem Garten Draußen stand ein Wagen ich stieg mit ihr hinein und hieß dem
Kutscher zu Falks hinzufahren Wir saßen einander gegenüber und sprachen kein
Wort Mir schwebten Vorwürfe auf den Lippen aber sie jagte sie durch
Tränenströme immer wieder in mich zurück Ihre Seelenangst womit sie offenbar
kämpfte war mir unerträglich ich sah bald zu dem einen bald zu dem andern
Kutschenschlage hinaus und war bemüht mich gegen ihre Tränen zu verhärten
»Liebster Vater« schluchzte sie endlich hervor und griff nach meiner Hand Ich
machte ein strenges Gesicht und verweigerte sie ihr sie zog die ihrige
zitternd zurück wurde blässer und es war wieder still  »Liebster«  begann
sie noch einmal beide Hände ringend Was willst Du Juliane sagte ich mit
fester ernster Stimme »Können Sie mir verzeihen mein Vater Können Sie mich
noch lieb haben«  Wenn Du selbst Dir List und unwürdiges Benehmen verzeihen
wenn Du es vergessen kannst dass Du mich und Deine Aufseherinnen hintergehst so
will ichs zu vergessen suchen dass Du der Liebling meines Herzens gewesen bist
 Während dieses meinem Herzen so schmerzlichen Dialogs waren wir vor
Karolinens Wohnung angekommen  Julchen weinte laut und trostlos ich sprach
ihr einigen Mut ein denn sie jammerte mich innigst und beschloss den Vorgang
niemanden merken zu lassen Karoline bewillkommte uns wie ichs an ihr gewohnt
war mit unendlicher Gutmütigkeit als sie Julchen aber so gebeugt und
niedergeschlagen sah erwähnte sie zu des Mädchens großer Pein dass sie mirs
wohl abgeraten habe Julchen nicht zu überraschen Die große Freude habe auch
ihre Schrecken denn sie glaubte nicht anders als meine Tochter sei vor Freude
und Überraschung so bewegt  Falk Karolinens Mann gefiel mir nur halb er
schien mir auch ein schwankendes karakterloses Wesen zu sein Karoline liebte
ihn zärtlich und ich hätte es keinem geraten gegen ihren Karl etwas
einzuwenden Nun wurde Eiche eingeladen und so blieb Julchens
Niedergeschlagenheit unter dem lauten Jubel des Wiedersehens ziemlich unbemerkt
    Gegen zehn Uhr brachte ich meine Tochter nach Hause Das schon erwähnte
schnippische Hausmädchen kam uns entgegen und entschuldigte Madame Brennfeld
damit dass sie schon schliefe flüsterte aber Julchen laut genug zu dass ichs
hören konnte »der Vetter ist drin und lieset noch« Ich legte meiner Tochter
zur guten Nacht noch Verschiednes ans Herz Tränen waren ihre einzige
Antwort als ob sie jede andere Sprache verlernt hätte Nun ging ich in mein
Nachtquartier zu Falks zurück Dass die Eindrücke des vergangenen Tages jede
Anwandlung von Schlaf fern von mir hielten wird man ohne mein Erwähnen leicht
glauben
    Ein nicht aufzuschiebendes Geschäft fordert meine Gegenwart ich behalte mir
daher die Fortsetzung auf gelegnere Zeit vor
Sie erfolgte diesmal in mündlicher Unterredung in Seelmanns Pfarrhause »Der
Herr Amtmann blieben da wo Sie Ihre Tochter von dem Pickenik holten« fing die
Frau Seelmann das Gespräch an  Ganz recht antwortete Grüntal ich blieb bei
dem   Pickenik Hier entfuhr ihm ein unartiger Fluch den die Frau des Pastors
mit einem eben so nachdrücklichen »Gott behüte uns« erwiderte  Ich habe
Ihnen gesagt dass ich die Nacht über in Falks Hause kein Auge zutat Morgens
war ich der Erste im Hause weckte Karolinen entdeckte ihr beim Frühstück
alles was mir auf dem Herzen lag und verschwieg ihr auch Eichens Absichten auf
Julchen nicht Die ehrliche Seele weinte mit mir verteidigte doch aber Julchen
aus allen Kräften »Der Grund ist noch gut« sagte sie »was Sie beunruhigt
sind üppige Auswüchse durch die Unart ihrer Mitschülerinnen hervorgebracht
Dies ist allenthalben der Fall wo in dergleichen Anstalten viele junge lebhafte
Menschen in enger Verbindung leben« Freilich freilich sitzt da der Knoten
aber was ist zu tun Wie helfen wir dem Übel ab  Falk meinte das Beste sei
der sorglosen Erzieherin den Kopf tüchtig zu waschen und Julchen in eine andere
Pension zu bringen Nein sagte Karoline Julchens guter Name würde darunter
leiden wenn sie so plötzlich wegkäme Und was würde dabei gewonnen werden Die
Mängel welche der Onkel mit so vielem Rechte zu Herzen nimmt sind nicht der
Brennfeldischen Anstalt allein eigen sie liegen in der Sache selbst Mir ist
kein Beispiel bekannt dass ein Frauenzimmer ein solches Institut aus Gefühl
ihres innern Berufs zum Erziehungsgeschäft errichtet hätte es ist bei ihnen nur
Erwerbssache Zwar gibt es hier Anstalten wo beide Absichten so glücklich
verbunden sind dass man versucht wird Liebe zur Sache für die Haupttriebfeder
zu halten diese sind aber leider mehr für das erste Geschlecht als für das
unsre errichtet Und Frauenzimmer welche den ehrwürdigen Namen Erzieherin oder
Institutrize ganz unrechtmässig usurpiren unternehmen es der Jugend etwas geben
zu wollen was ihnen selbst fehlt Bildung und Erziehung Die fehlenden Talente
hoffen sie durch einen Schwarm von Lehrmeistern zu ersetzen unter diesen wählen
sie alsdann die wohlfeilsten wobei denn natürlich die Wahl in Absicht des
moralischen Wertes dieser Menschen nicht sehr strenge sein kann Meine
Schwester wurde nach unsrer Eltern Absterben von dem Vormund in eine Pension
getan wo die Frau Prinzipalin an dem ganzen Erziehungsgeschäft keinen andern
Anteil nahm als dass sie der Jugend einigen Unterricht im Putzmachen gab wobei
sie den armen jungen Mädchen wenn es ihnen nicht geriet manche Ohrfeige
zuteilte Überhaupt stehen die meisten ihrem Berufe mit dem größten Widerwillen
vor er ist nur traurige Notwendigkeit Wehe der Jugend wenn die Erzieherin
eine Kinderfeindin ist und mit Ekel ans Werk geht Bei der immer zunehmenden
Menge der Erziehungsanstalten kann es einige geben die weniger von den
allgemeinen Mängeln haben es können auf den Rat einsichtsvoller Männer
bessere Lehrer gewählt worden sein die Erzieherin selbst kann ein würdiges
Subjekt sein aber wie so selten verstehen Gelehrte den wahren Wert eines
Weibes zu würdigen Wie so oft gilt ihnen Geschwätz für innern Gehalt Worte für
Tat ein wenig Manier für Wesen Lektüre für Selbstdenken Ach und diesen
Irrtum müssen Tausende büßen die einer durch ihre Außenseite gefallenden
Frau in die Hände fallen Wenn die Verfassung der bürgerlichen Gesellschaft es
auch notwendig macht dass die Söhne außer dem elterlichen Hause die Quellen der
Kenntnisse aufsuchen und benutzen müssen so sollten doch die zärteren Blumen
nicht so früh vom mütterlichen Boden hinweg in fremde kalte Erde verpflanzt
werden Wie viel Liebe und Wohltaten fordert ihre Pflege und wer kann Liebe
verkaufen oder mit Gelde bezahlen  Was soll ich aber mit Julchen anfangen
fragt ich Karolinen die von dem Eifer womit sie perorirt hatte recht rot
geworden war denn vieles und langes Reden lag nicht in ihrer sanften stillen
Natur  »Stimmt mein lieber Mann hierin mit mir überein« sagte sie ihrem Karl
zärtlich die Hand drückend »so wohnt Julchen bei mir bis sie heiratet Indes
übt sie sich in der Stadtwirtschaft und kann in Ruhe und Stille ihre
Lehrstunden abwarten Wir wollen ein Herz und eine Seele sein wenn Sie mir nur
das liebe Mädchen anvertrauen lieber Onkel«  »Den Augenblick sollen Sie sie
haben Nichte Ob ich Sie Ihnen anvertraue Ei mit Leib und Seele soll sie
Ihnen gehören« rief ich so freudig dass die Stube wiederhallte denn ich sahs
Falk an den Augen an dass er den Vorschlag genehmigte »Liebes Onkelchen« fiel
mir die altkluge Karoline ins Wort »nicht so rasch Julchen muss ihr volles
Jahr dort bleiben ihr guter Name muss sich jetzt da sie im Begriff ist in die
Welt zu treten zu dem bilden was er bleiben soll«
    In meinem Kopfe gings jetzt herum ob ich nicht besser täte Julchen ohne
alle Umstände nach Lindenau zu nehmen aber ach Gott wie hätte es da um den
lieben Hausfrieden gestanden Meine Frau zitterte vor Ärger wenn sie nur das
Wort Stieftochter hörte Julchen glaubte sie hätte von der Stadt gewiss schon
so viel weg dass sie eine Staatsdame geworden wäre und in unsern Haushalt sich
nicht schicken würde Überdem war meine Frau ihrer Niederkunft nahe und da
machte ich mir ein Gewissen ihr in irgend einer Sache entgegen zu sein In der
Lage musste ich mir allerdings den Vorschlag als den besten gefallen lassen
    Als nun alles dahin Gehörige fein ordentlich verabredet war eilte ich zu
Eichen ihm diesen Plan mitzuteilen Er nahm ihn mit aller Freude eines
vernünftigen Mannes auf der nun der Erfüllung seines Wunsches entgegensieht Um
Julchens Vermögensumstände hatte er mich nie gefragt obobgleich die seinigen
nicht die besten waren und sein Einkommen größtenteils von den guten
Gesinnungen seiner Gemeine abhing Wir rechneten auf die Genügsamkeit meiner
Tochter und Karolinens guten Rat Mit Verabredungen der Art hatten wir eine
gute Stunde hingebracht und ich mich in eine Zukunft versetzt bei der ich mir
Pickenik und alles übrige Herzweh aus dem Sinne schlug Dann umarmte ich meinen
künftigen Schwiegersohn und eilte mit erheitertem Gemüt zu Julchen
    Ich ging da ohne alle Umstände in die Lektionsstube Der Herr Kandidat der
die jungen Damen mit sehr vieler Artigkeit Christentum Geschichte
Naturhistorie Erdbeschreibung Logik Deutsch Anfangsgründe der Geometrie
Briefstyl und beiher auch etwas Englisch lehrte war so eben dabei den Kindern
den eigentlichen Sitz der Denkkraft zu beschreiben Er hatte wies aus den
griechischen und lateinischen Benennungen klar war chirurgische und
medizinische Kollegia gehört und wurde da meine Gegenwart ihn nun noch
aufmunterte so entsetzlich gelehrt nannte jede Puls und jede Schlagader bei
ihrem anatomischen Namen dass die Mädchen ein Schauer überfiel und sie ihn
baten für diesmal lieber ihre Briefe durchzusehn Julchen hatte zum Brieftema
bekommen »Danksagung an eine Fürstin die der Briefschreiberin ein Geschenk
gemacht hatte« Die Briefe waren steif und geziert dennoch fand sie der Herr
Kandidat bis auf die Fehler gegen die Rechtschreibung vortrefflich Mir wurde
siedend heiß als er Julchens Brief zur Durchsicht nahm denn sie schrieb
wahrlich in ihrem zwölften Jahre besser als er je geschrieben hatte Er fand
ihren netten natürlichen Brief trivial aber doch nicht ganz schlecht Nun gab
er den kleinen Mädchen auf wobei achtjährige waren einen Aufsatz über den
Stolz auszuarbeiten Lieber Seelmann kleinen Kindern über den Stolz Denken
Sie doch welchen Nutzen diese sinnleeren Übungen für Kinder haben konnten  
    Nach diesem erschien der Klaviermeister ein kleines luftiges Männchen in
schöngewesenen Kleidern und schmutziger Wäsche Er warf sich nachlässig neben
Julchen auf einen Stuhl vor dem Klaviere ließ sie eine Weile ein schweres
Bachisches Konzert hacken wobei dem armen Mädchen die Schweißtropfen von der
Stirn flossen tändelte indes mit Julchens herabhängenden Locken oder spielte
mit dem kleinen Hunde und sang passagenweise aus voller Kehle mit Durch das
schwere Allegretto musste Julchen sich allein ohne seine Hilfe durchklappern
denn der Musikmeister hatte sich indes in ein weitläuftiges Gespräch mit einem
der jungen Mädchen über das gestrige Konzert eingelassen Julchens stümperhaftes
Spielen tönte ihm wahrscheinlich zu unangenehm in sein musikalisches Gehör er
ließ abbrechen und akkompagnirte dafür eine sehr schwere Bravourarie bei deren
Gesang Julchen eigentlich nur zeigte was sie nicht vermochte und bei der ich
zehnmal dachte schade um ihre schönen natürlichen Anlagen um die Herzlichkeit
die sie schon als erste Anfängerin in kleine Lieder von Reichard zu legen
wusste  Zu meinem Trost war diese Stunde gewiss keine 60 Minuten lang Ich hatte
sie bewundernswürdig schnell überstanden allein das heißt nun Unterricht in der
Musik den wir armen Eltern so teuer bezahlen  Mit der Zeichenstunde hatte
es wie ich nachher erfuhr eben dieselbe Bewandtnis Den Mädchen welche der
junge Zeichner besonders wohl wollte das waren denn immer die hübschesten
mahlte er die Zeichnungen aus und die kleinen Lügnerinnen schickten sie dann
den erstaunten Eltern als eigene Arbeit zum Neujahrsgeschenk So steht es im
Grunde mit allem Unterricht in solchen Schulen und dafür geben und entbehren
alte unbemittelte Eltern alles was sie nur aufbringen können damit ihre
Töchter etwas rechtes lernen sollen
    Seelmann lächelte und sagte indem er seine Frau schalkhaft ansah »Nehmen
Sie sich in Acht lieber Grüntal meine Frau ist zwar nicht in Berlin aber
doch in einer Stadtpension erzogen«  »Ja Herr Amtmann das bin ich« fiel die
Frau Pastorin ihrem Herrn ins Wort  indem sie ihr artiges Köpfchen trotzig in
die Höhe warf  »und ich denke mein Mann hat noch nicht Ursache gehabt auf
die Pensionen zu schmähen Nicht wahr Männchen«  Seelmann war ein höflicher
Mann er wich der Antwort aus auch ließ ihm Grüntal nicht Zeit denn er
antworte hastig »Kann sein kann sein dass nicht alle gleich in die Augen
fallende Ursachen haben so wie ich die Pensionen zur Hölle zu wünschen Aber
die Hand aufs Herz Frauchen wie viel haben Sie noch von den Pensionskünsten
behalten und welche finden Sie auf Ihre häusliche Verfassung als Frau und
Mutter anwendbar Macht es Ihren Mann oder Sie glücklicher dass Sie vordem
einmal kleine Strichelchen mit Bleifeder aufs Papier krizzelten Den ächten
Kunstsinn nehme ich allemal ehrfurchtsvoll aus und dieser wird auch wahrlich
durch alle Schwierigkeiten späterer und häuslicher Verhältnisse sich Bahn
brechen allein diese kleinen Talente die nicht von den Fingerspitzen zu Kopf
und Herzen dringen und bei erster Veranlassung gegen hundert andre kleine
weibliche Eitelkeiten vertauscht werden achte ich für wahren Zeitverlust« 
»Ei Herr Grüntal« sagte die Pastorin innerlich aufgebracht »es scheint als
ob Sie Küche und Kinderstube für die angebohrne Sphäre meines Geschlechts
hielten«  Vielleicht hätte ich darin nicht so ganz unrecht antwortete der
Amtmann in eben dem Tone aber Sie müssen es ja schon aus der Erziehung die ich
meiner Tochter zu geben suchte gesehen haben dass ich ihre Tugend und das
Gefühl ihrer Pflichten nicht auf Unwissenheit gründen wollte Ich erkenne
dankbar die Mühe die Ihr von mir gewiss innigst verehrtes Geschlecht sich
gibt uns durch sittliche Ausbildung und Veredlung die Tage der irdischen
Wohlfahrt mit Rosen zu bekränzen ich verstehe den Wert der Tugend deren Basis
vernünftige Erkenntnis des Schönen und Guten ist und fühle tief den Unterschied
zwischen einer gebildeten Frau und einer gelehrten Pedantin die ich für das
gelbe Fieber weiblicher und männlicher Gesellschaft halte In eben dem Masse
ekelt mich vor Roheit und grober Unwissenheit der Mutter so manches Lasters
und des dümmsten Aberglaubens wo weder gesunde Vernunft die Gefühle des Herzens
veredelt noch sie auf die edleren Gegenstände des Lebens hinlenkt Diese
Ausbildung wird aber nie die Frucht einer Pensionsschule sein und aufrichtig
gesagt ich halte dafür dass je mehr dergleichen Anstalten ausposaunt werden
je mehr Vorwand gibt dies eitlen oder trägen Müttern sich der Erziehung ihrer
Kinder zu entledigen um sie mit schweren Kosten einer Fremden aufzutragen die
es wenig oder gar nicht interessiert ob die Kinder einschlagen oder nicht wenn
nur übrigens so lange sie unter ihrer Aufsicht sind nichts Lautbares vorfällt
das ihrer schönen lebendigen Nahrung schaden könnte Unglücklicher Weise gibt
es Fälle in welchen die Pension das kleinere Übel ist und wo eine wohlmeinende
Erzieherin weniger Schaden stiftet als eine schlechte Mutter die ihren Kindern
ein böses Beispiel gibt Auch für Waisen ist die Pension oft der geringere
Nachteil Diese einzelnen Fälle wiegen aber den Schaden bei weitem nicht auf
den die Pensionsanstalten im Ganzen stiften Wenn Sie mir erlauben meine
Erzählung fortzuführen werden Sie Ursache finden die Bitterkeit zu
entschuldigen die vielleicht wider Willen mit einfliesst
    Ich wohnte wie ich schon erwähnt habe einigen Lehrstunden bei Es fiel mir
besonders auf dass keine von den Gouvernantinnen deren doch drei waren
wenigstens der Form wegen zugegen war Es ist wahr von Zeit zu Zeit ging die
alte taube Französin die den Kleinern das Buchstabiren beibrachte durch das
Zimmer das trug aber mehr zur Störung als zur Ordnung bei Bei dem
Klaviermeister insonderheit schien ein wenig mehr Aufsicht nötig zu sein er
schielte mehr auf das Gesicht seiner Schülerinnen als auf ihre Finger Julchen
gestand dass er zuweilen so freche Histörchen vorbringe dass sie die Stunden
abbrechen müsse
    Die drei Gouvernantinnen hatten die Geschäfte auf folgende Art unter sich
verteilt Madame Brennfeld  als Prinzipalin  hatte Einnahme und Ausgabe
teilte den Unterricht und die Lehrstunden nach ihrer Bequemlichkeit ein spürte
allenthalben nach den wohlfeilsten Lehrern umher denen sie monatlich für alle
Schülerinnen nur so viel bezahlte als etwa zwei oder drei derselben dazu
beitragen mussten Sie besorgte ferner die Berechnung mit den Eltern der
Zöglinge sammelte die Geschenke ein und teilte was ihr davon nicht anstand
ihren Mitarbeiterinnen zu Sie selbst gab den Zöglingen einige Stunden in den
kleinen Gesellschaftsunterhaltungen welche sie Lebensphilosophie zu nennen
beliebte Ob sie die Kunst Whist und lHombre zu spielen mit dahin rechnete
weiß ich nicht gewiss Auch ließ sie die größeren Mädchen zuweilen aus
französischen Büchern übersetzen wozu sie mit einer besonderen ihr eigenen Gabe
stets die unzweckmässigsten wählte Endlich wenn sie nicht notwendig mit dem
Vetter Kandidat zu lesen und zu disputiren hatte übernahm sie auch wohl die
Mühe Morgens und Abends mit den jungen Damen zu beten Da sie aber von dieser
geistlichen Übung nicht viel hielt so ersparte sie sich die Ennuy dabei und
überließ sie gewöhnlich der dritten Aufseherin die ich bald werde auftreten
lassen Wohnte sie zuweilen Anstandes wegen diesen sogenannten Morgen und
Abendandachten bei so musterte sie indes die Kleidungen und Haltung der
Schülerinnen legte dieser die Locken anders kämmte jener das Haar mehr in die
Stirn hier war der einen der Unterleib hereinzudrücken dort einer andern die
Schultern zurückzuziehen Zur Erhaltung guter Andacht und Ordnung wurde unter
den kleineren hier und da eine Ohrfeige oder ein Stoß in den Rücken und eine
große bête unter die bürgerlichen größeren Mädchen ausgeteilt denn die
Adlichen hatten auch hier ihr Privilegium ungeahndet arrogant zu sein nicht
umsonst
    Die erste Untergouvernante war eine geborene Pariserin stocktaub und sprach
nur einige Worte gebrochnes Deutsch Ihr Amt war die Kleinen französisch
buchstabiren und lesen zu lehren sie zog sie aus und an war ihrer schadhaften
Füße und ihrer unscheinbaren Kleidung wegen der beständige Haushüter wenn alles
ausflog und die arme Lastträgerin auf welche alles geworfen wurde wenn es
etwas zu verantworten gab
    Die dritte Figur war nur eine Art von Kammerjungfer spielte aber doch bei
der Bildung der Jugend eine wichtige Rolle sie lehrte sie Putzmachen oder
vielmehr die Kunst sich zu putzen Überdies musste sie geschickt oder
ungeschickt dazu die Arbeiten übernehmen die Madame Brennfeld nicht anrühren
mochte Sie war geschmeidig wie dergleichen Personen welche sich durch die
Vertraulichkeit Vornehmerer ernähren immer zu sein pflegen Sie ließ sich von
den jungen Damen zu allerlei Dienstleistungen gebrauchen sagte ihnen
Schmeicheleien vor und versicherte dieser oder jener vornehme Herr habe sich
fast die Augen nach ihnen ausgesehen usw
    Noch hundert Kleinigkeiten der Art könnte ich Ihnen zu Rechtfertigung meiner
Abneigung erzählen besorgte ich nicht Ihnen durch diese Weitläuftigkeit
Langeweile zu machen Also zu meinem Geschäft bei Madame Brennfeld Ich sagte
ihr dass ich gesonnen wäre nach einem halben Jahre meine Tochter nach Hause zu
nehmen auch bat ich sie nicht zuviel ausgehn zu lassen weil ich darin meine
eignen Grillen hätte Übrigens würde ich für die Mühe die sie sich mit der
Bildung meiner Tochter gegeben hätte ewig dankbar sein Ihr Gesicht hatte sich
zu Anfang meiner Anrede in hundert grämliche Falten gezogen und ich war auf
eine vulkanische Eruption gefasst aber bei dem Worte dankbar sein ging mir
plötzlich das helle Sonnenlicht ihrer zwei fahlbraunen kleinen Augen auf »Meine
Tochter« sagte sie »wäre ein bezauberndes Mädchen  in kurzem würde sie die
Krone ihrer Eleven geworden sein  es sei ihr leid sehr leid  und wieder
nicht leid wenn sie bedächte«   und was der Alltagssprüche mehr waren
    Nach diesem ging ich mit Julchen in ein besonderes Zimmer und kündigte ihr
meine Absicht mit ihr an doch ohne ein Wort von Eichen zu sagen Sie wurde blass
und zitterte dass sie sich nicht aufrecht halten konnte dann sagte sie mit
gedämpfter Stimme etwas von Gehorsam und Folgsamkeit her wobei ihr die
heißesten Tränen über die Wangen liefen  Was ist das Mädchen fragt ich
weißt Du noch wie Du mich batest Dich recht bald von diesem hässlichen
zwangvollen Orte wegzunehmen O Du bist ein verwahrlosetes Geschöpf  Geh
ich liebe Dich nicht mehr  »Mein Vater erbarmen Sie sich Um Gotteswillen
nicht diese Härte sie streckte weinend ihre Hände nach mir hin Ich will tun
was Sie mir befehlen aber ich muss Zeit haben mich zu fassen Mein Herz ist ein
so wunderliches weiches Ding ich gewöhne mich so leicht an etwas«   Du
hängst Dich auch leicht an etwas nicht wahr  Zeige mir doch wenn Du noch
nicht alle Zucht aufgegeben hast die Briefe die der Friseur Dir heimlich
zusteckt  Nun wechselte auf ihrem Gesicht Todtenblässe mit dem höchsten Karmin
ab sie war unschlüssig ob sie leugnen oder bekennen sollte Mein Herz litt bei
dieser Strenge kaum weniger als das ihrige Liebe war in meinen Augen nie
Verbrechen aber hier war doch die Operation notwendig so schmerzvoll sie dem
guten Kinde auch war Als sie immer noch anstand sagte ich ganz erweicht
»Liebes Julchen gib sie mir« Diesem Tone widerstand sie nicht sie holte ein
über und über mit Vergissmeinnicht und Silhouetten verziertes Taschenbuch
hervor und übergab es mir mit einer Bewegung die ganz unzweideutig den
tiefsten Schmerz ausdrückte  »Hm in so zierlichem Gewahrsam Ein so
ansehnliches Paquet«  Ich schlug es aus einander sah flüchtig hinein und
dann wieder auf das tief beschämte Mädchen Und hier sage ich wehe dem Herzen
das mit Wohlgefallen auf die Demütigung eines armen schwachen Mädchens
blicken und sich seiner ruhigern Stellung überheben kann Wehe dem Vater oder
der Mutter die in solchen Momenten nur ihre Rechte fühlen deren Gefühl kein
Wörtchen für die arme Menschennatur spricht Das gute Julchen hielt meine gewiss
nicht strengen Blicke nicht aus sie sank auf einen Stuhl und verbarg das
Gesicht mit beiden Händen Die Briefe waren so dumm und voll der fadesten
Schmeicheleien dass ich nur darüber erstaunte wie das sonst so kluge Mädchen
sie der geringsten Aufmerksamkeit gewürdigt hatte aber die armen schwachen
Geschöpfe sind so eitel hören sich so gern schön nennen dass sie einen
achtjährigen Knaben liebgewinnen würden der ihnen das vorsagte Nachdem ich
mich von dem Inhalte der Briefe hinreichend überzeugt hatte gab ich sie ihr
zurück neugierig was sie damit machen würde denn es war mir aus allem
deutlich genug geworden dass der Bube ihr Herz gefangen hatte Jetzt aber  o
Gott es war wohl zum letztenmale  siegte noch der gute Grund den ihre erste
Erziehung in sie gelegt hatte sie stürzte in meine Arme und  ach wer
vermags auszusprechen wenn nach herben Leiden Vaterfreude ihn erquickt  ihre
und meine Tränen vermischten sich ich drückte sie innigst an mein Herz und 
verzieh
    Gestimmt zu den süßesten Regungen gingen wir nun beide zur Nichte wo wir
den Tag in stiller Heiterkeit zubrachten Nachher stellte auch Eiche sich ein
mein volles Herz trieb mich unzählich oft an seine und meiner Tochter Hände in
einander zu legen aber Eiche selber hielt mich durch die ehrerbietige
Entfernung in der er von dem Mädchen blieb davon zurück
    Jetzt nahm ich auch gelegentlich eine Musterung mit meiner Tochter
Kenntnissen vor die mir den Aufwand in Kleidern ungerechnet 800 Taler
kosteten aber ich bemerkte bald dass sie in mancher Rücksicht wirklich
zurückgegangen war In ihrem Kopfe war ein Chaos von gar mancherlei die
Begriffe schwankten und schwammen durch einander ein Gegenstand des Wissens
verdrängte den andern Die Kaiser und Könige spukten ohne Zweck und Ordnung in
ihrem Kopfe herum mit der Naturgeschichte war es eben so man hatte sie in den
Stunden überladen und sie litt offenbar an Indigestion Dazu kamen noch die
harten Brokken die Madame Brennfeld ihr von ihren philosophischen Lesereien mit
dem Vetter zugeworfen hatte und die bei ihr eine völlige Zerrüttung aller
gesunden Kräfte droheten Das musste nun alles erst wieder fort ehe ihre
moralische Genesung gewiss werden konnte und dieses Stück Arbeit hatte ich schon
in meinem Sinne ihrem künftigen Gatten zugeteilt Mit ihrem Klavierspielen
wollte es auch nicht fort Die kleineren Sachen wodurch so oft unsre häusliche
Freude war erhöhet worden hatte sie wegwerfen müssen und nun spielte sie
stümperhaft Sonaten und Konzerte dass einem die Ohren weh taten Mit ihrem
Gesang hielt sie hinterm Berge weils nicht virtuosenmässig wäre Gott wie so
oft waren wir überirdisch froh bei unserm und ihrem einfachen ländlichen
Gezwitscher gewesen
    Gegen Abend da wir recht lustig zu werden begannen kam ein Bote von Hause
mit der Nachricht dass meine Frau von einem toten Sohn entbunden sei Sie
vermisse mich sehr zur Unzeit im Hause ließ sie mir sagen ich musste mich also
geschwind aufmachen Meiner Tochter hinterließ ich meinen herzlichsten Segen
übergab sie im Voraus der Falkschen Familie zur künftigen Hausgenossenschaft
führte sie auch Eichen zu der ihr mit einem herzlichen Handschlag zusagte als
ihr bester Freund für ihre Zufriedenheit sorgen zu helfen »Du lieber guter
Mann« dacht ich »Dein Wille ist unverbesserlich aber Dein Herz voll
parteiischer Liebe und Deine arglose kein Übel ahnende Seele sind nicht zu
Wächtern gemacht«  wie denn auch die Erfahrung bewiesen hat Darauf warf ich
mich mit nicht ganz leichtem Herzen in den Wagen und rollte meinem Dorfe zu
    Jetzt knallte grade Gürge mit der Peitsche vor dem Pfarrhause und erinnerte
Grüntalen dass es jetzt auch Zeit sei der Heimat zuzueilen Der Amtmann brach
für diesmal ab und wünschte seinen Freunden eine gute Nacht
Nun erhielten Seelmanns von Grüntal zur Ergänzung der Begebenheiten die
Briefe nach ihrer Zeitfolge
                     Ein Billet von Marianen an Julchen
»Ganz etwas Neues mein Liebchen Ich heirate  es ist unique  aber nicht
den Herrn Bräutigam den Du die Ehre hast zu kennen dem hab ich in Gnaden
seinen Abschied erteilt Denk Dir den Biedermann von dreihundert Jahren her
der sich einfallen ließ von Einschränkungen neuerfundener Bedürfnisse von
süßem Genuss häuslicher Glückseligkeit wie er die Monotonie des Ehestandes zu
nennen beliebt und dergleichen altfränkischen Jargon mehr mir vorzureden Auf
Ehre der Mensch kann kein Edelmann sein  Sein Vater war sicher ein
Gewürzkrämer oder irgend ein Federkäuer  Nein mein häuslicher Herr Baron
ich bin des Zwanges herzlich müde den mir mein übel disponirter Papa und seine
fette Dulzinne in Geldangelegenheiten auflegen Chaquun à son tour
    Doch zum neuangeworbenen Promis Du wirst Dich zu Tode lachen denn es ist
kein andrer als der ich denke sechszigjährige Herr von K  über dessen
Gurkengesicht und Spindelbeine wir so oft unser Spässchen hatten Der Herr hat
gütigst bemerkt dass Fräulein Mariane schön und witzig ist dass ein junges
galantes Weib seinem baufälligen Ansehen ein Rélief geben würde und darauf war
denn Fräulein Mariane so großmütig sich seine wirklich fürstlichen Geschenke
gefallen zu lassen aber Juliette der Ring war auch dabei Der Ring  Bei
allem Mute seufzt ich doch Wie wenn das verwünschte Rund ewig hieße wenn
die baufällige alte Burg auf festerem Grunde stände als unser eins ihr zutraut
 Gut gut auch dann gibts Mittel Hör Mädchen heut muss ich Dich sprechen
Du musst wissen wie ich den ersten Seladon losgeworden bin Das Ding war
komisch und man wusste es einzukleiden dass bei dem alten Papa alle Schuld auf
ihn fällt Julie Du musst kommen Louis ist hier der rotäugigen Schulmeisterin
sag Du gingest zur Muhme Sainte Beate die Falk meine ich Mein Spindelfüsschen
wird Dir sein Kompliment machen Wenn der Geck nur nicht so verliebt täte Das
verwünschte Deutschschreiben wird mir blutsauer  A dieu chère amie Komm
hübsch bei Zeiten zu Deiner
                                                                 Mariane v L«
                              Julchens Antwort
»Wie glücklich sind Sie Mariane Ihre muntere Laune verlässt Sie auch bei den
ernstaftesten Gelegenheiten nicht Sie Sie werden glücklich sein aber ich
ach ich werde es nie werden Der arme Baron Seine Leiden gehen mir zu Herzen
Er hat Sie redlich geliebt  Spotten Sie meiner Kousine nicht wollte Gott ich
wäre eine Betschwester wie sie es ist Sonst war ich auch wohl fromm aber
jetzt  Wenn Sie wüssten wenn ich Ihnen sagen dürfte   doch ich komme immer
wieder auf den Baron Er dauert mich von Herzen Kein Leiden geht über gekränkte
Zärtlichkeit Leben Sie wohl mein Fräulein Ich bin so ganz verstimmt dass ich
besser tue ich breche ab
                                                                Julie Grüntal«
Mariane beantwortete diesen Brief in dem mutwilligsten Tone Julie glaubte
sie hätte wahrscheinlich in einer alten Postille oder noch ärger wohl gar in
der Bibel gelesen dass ihr so weinerlich geworden sei Es sei mehr als Narrheit
die besten Jahre mit Skrupeln zu verderben Auch sie habe sich sonst wohl mit
Grillen geplagt und am kränkelnden Gewissen gelitten sie habe sich aber
nachher eines Bessern bedacht und den alten Wust und Tand der ihr noch von den
Katechismusjahren angeklebt hätte ausgefegt Man müsse nichts halb sein
entweder voller Genuss oder gar keiner »Sei ganz gut oder ganz  böse  nein
nur leichtsinnig« hieß es Überhaupt bestehe der Unterschied zwischen gut und
böse nur in einem mehr oder weniger lebhaften Temperamente das man sich am Ende
doch nicht selbst gegeben habe Zum Beschluss schickte sie noch eine
nachdrückliche Ermahnung die altväterischen von der elterlichen Erziehung sich
herschreibenden Grillen aufzugeben der Jugend zu genießen und ihr die
Angelegenheiten ihres Herzens zu entdecken die sie aber vielleicht schon recht
gut wüsste Julchens Antwort bezeichnet merkwürdige Fortschritte auf der Bahn des
Leichtsinns wie Sie selbst bemerken werden
    »Sie haben wohl recht meine Beste Ich quäle mich selbst und ändre nichts
damit Mein Herz geht seinen Weg unaufhaltsam fort wenn gleich die Vorurteile
meiner ersten Erziehung mir zuweilen wie Gespenster erscheinen und meine Seele
mit Schrecken erfüllen Sollte das Sünde sein was der Schöpfer selbst mit
glühenden Buchstaben in unsre weiblichen Herzen schrieb War es denn Sünde dass
mein Vater meine Mutter liebte ehe sie die Seinige wurde Er ward glücklich
sollte denn ich es nicht auch werden können   Warum hat er mir doch so
ängstliche Grundsätze beigebracht sie martern mich und stören mich in den
süßesten Gefühlen meines Jugendlebens Hätte ich immer die Einsichten gehabt
die ich jetzt erlangt habe wie viel bittere Stunden zählt ich weniger«
    Zur Erlangung dieser Einsichten war ihr nicht sowohl Fräulein Mariane als
die alte unwissende taube Französin behilflich gewesen denn da Madame Brennfeld
es zu sehr unter ihrer philosophischen Würde hielt sich mit solchen
Kleinigkeiten zu befassen als die Zeitverkürzungen junger Mädchen sind hatte
die alte Frau sich gern ihrer Jugend erinnert indem sie mit ihren Untergebenen
ihre Lieblingslesereien wieder einmal aus dem alten morschen Koffer der alles
war was sie auf dieser Welt besaß hervorholte Diese bestanden nun in nichts
anderm als der Prinzessin von Kleve dem glücklich gewordenen Bauer von
Mariveaux den Denkwürdigkeiten eines Mannes von Stande Crebillons Schriften
und mehr dergleichen feuergebenden Romanen welche die geheimsten Tiefen ihrer
Empfindung durchwühlten und in gährender Hitze zum Aufbrausen brachten
Julchen fährt fort
    »Und doch Mariane wäre es vielleicht besser ich wüsste von dem allen
nichts Mich grauet wenn ich mir die einfachen herzlosen Auftritte des
häuslichen Lebens denke wenn ich mir die niedrigen elenden Geschäfte einer
bürgerlichen Wirtschaft vorstelle zu welchen ich wahrscheinlich bestimmt bin
Ich weiß nicht gewiss was für Absichten mein Vater mit mir hat aber etwas ahne
ich davon und ich wollte lieber sterben als es eingehen  Mariane ich stehe
an Ihnen mein Herz zu entdecken aber es geht in sich selbst zu Grunde wenn es
sich nicht einer treuen Freundin mitteilt Unterstützen Sie mich mit Ihren
Einsichten Hier haben Sie was mich quält«  
    Nun folgt eine unendlich lange Zergliederung der süßen namenlosen Gefühle
welche ihr Herz durchschauert als sie Marianens Bruder zuerst gesehen Als sie
auf dem ersten Balle den Walzer mit ihm getanzt habe unnennbare Wonne durch ihr
ganzes Wesen gezuckt Sie schildert mit vieler Lebhaftigkeit und sehr romanhaft
alle die Kämpfe die es ihr gekostet die sie nämlich hätte bestehen sollen
aber mit keinem Gedanken bestanden hat Erst war sie zu schüchtern gewesen
seine ihr durch den Friseur zugestellten Briefe anzunehmen dann wenn sie
wieder bedacht hätte dass Andre die besser geachtet würden als sie nicht so
viel Umstände machten hätte sie einen raschen Entschluss gefasst und einen in
der Eile angenommen und zu sich gesteckt Dann sei es ihr doch vorgekommen als
wäre das nicht recht und sie habe ihn uneröffnet zurückgeben wollen Hundertmal
habe sie ihn besehen ach und jeden Buchstaben den die teure Hand
aufgezeichnet und jedesmal habe ihr armes Herzchen stärker geschlagen Endlich
in einem fatalen Augenblicke da sie sich den dachte gegen den ihr Herz sie so
unwillkürlich fortriss ihn sich mit aller der Liebe in all seinen Reizen
dachte da tausend Vorstellungen dieser Art sich allmächtig vor ihrer Seele
drängten in einem solchen Moment zerknickte das Siegel ganz von ungefähr wie
sie beteuerte  vermutlich haben die Küsse es zerschmolzen und nun tränkte
sie ihr Herz tropfenweise mit allen den Süßigkeiten mit welchen der
verführerische Bube ihre müßige weichliche und durch fade Romane empfänglich
gewordene Seele vergiftete  Sie ward von unwiderstehlicher Wonne berauscht
und wiederholte sich hundertmal die Worte die ihrem Gefühle die
schmeichelhaftesten waren Von da an versank sie nun völlig in Untätigkeit sie
fühlte sich zu jedem ernstaften Geschäfte so wenig es auch deren in solchen
Schulen gibt unaufgelegt Dem ungeachtet antwortete sie ihm zu der Zeit noch
nicht und sie hatte sogar noch so viel Gewalt über sich erhalten dass sie den
Herzgeliebten wie wir bei der Pickeniksszene gehört haben bat sie ferner
nicht so zu plagen Meine Dazwischenkunft hatte den Strom ihrer Leidenschaft
der sie unaufhaltsam forttrieb einigermaßen gehemmt in meiner Gegenwart hatte
sie kaum das Herz gehabt ihrer Lieblingsidee nachzuhängen so stark war die
väterliche Gewalt  sie fürchtete ich könne in ihrer Seele lesen Als sie mir
die Briefe herausgeben müssen sei ihr gewesen als trennte ich ihr Leib und
Seele In der ersten Angst habe sie alles gesagt was ich von ihr zu wissen
verlangt hätte sobald ich aber Abschied von ihr genommen und sie sich von den
ersten Schmerzen der Trennung erholt gehabt sei ihr Herz mit verdoppeltem Feuer
zu seinen unterdrückten Gefühlen zurückgekehrt und sie habe nicht ohne
Schrecken bemerkt dass des Vaters Entfernung ihrem Herzen Wohltat gewesen sei
Louis ward wieder ohne Rückhalt ihr Taggedanke und ihr Traum bei Nacht sie
spürte in dem Gesichte der Schwester jeden Zug der dem Bruder gehörte und
konnte dann Stundenlang ihr Auge von Marianen nicht wegwenden verlor sich in
süßen Schwärmereien  und was des verliebten Mädchengeschwätzes noch mehr war
    Nun kam es aber zur Hauptsache bei der sie nicht recht mit der Sprache
herauswollte Sie ging ganz kunstreich nach Mädchenmanier um den Berg herum
schickte eine feine Schutzschrift aller verliebten Torheiten voran und dann
hinkte sie mit der Tatsache hinten nach
    »Am Montage war ich bei Falks gewesen Bei dem rührenden Anblick des
Glücks das Karoline in ihrer Liebe zu ihrem Karl findet wurde mein Herz
ungewöhnlich erweicht Voll dieser Empfindungen kam ich nach Hause und begab
mich in das Kabinet neben der Lektionsstube Der Mond dämmerte durch die
Weinreben am Fenster Ich warf mich auf einen Stuhl Mein Herz war voll und
gepresst Ich dachte nichts Bestimmtes ein dunkles Sehnen stimmte mich zur
Wehmut Tränen brachen unwillkürlich heroor ich erschrak über meinen
Zustand und die Tränen flossen noch häufiger Sonst lenkte sich mein Herz in
dem Zustande der Erweichung wie von selbst zum Urquell der Liebe es erhob sich
im Anschauen der Natur Mein kleiner Gram oder meine kindischen Freuden ergossen
sich so in Gebet als ob ich an meiner Mutter Busen geschmiegt mit ihr spräche
O Mariane gewiss das war doch auch Glück Reiner unzuverkümmernder Genuss
Diesmal fiel mir kein Gedanke von dem allen ein Ich faltete mechanisch die
Hände dachte wie gern ich nur einen Blick der vorigen Zeit zurückrufen möchte
aber das war denn auch alles Mein Herz strebte hinaus aber nicht hinauf Indes
wurde ich gerufen Madame hatte ein neues Buch bekommen ich sollte laut lesen
sagte sie der Vetter könnte diesmal nicht kommen Es war mir ärgerlich Aber
Mariane welch ein Buch war das Vermutlich kennen Sie es wenn gleich ich
Neuling es nicht kenne es heißt die neue Heloise Jedes Wort war mir aus der
Seele geschrieben jedes schrieb sich glühend in mein Herz Sogar Übereinkunft
der Namen Julie  Die Stimme versagte mir zuweilen wenn ich ihn aussprechen
sollte  Es war als hört ich ihn jemand anders rufen Ich versetzte mich
leicht in Juliens Lage und gewiss ich glühte über und über Wir lasen bis zwölf
Uhr und ich hätte ohne müde zu werden wieder bis zwölf Uhr gelesen Jetzt zu
Bette zu gehen war mir unmöglich Meine Seele war wie aufgelöset tausend
Bilder umschwammen mich Ich war Julie und  o Mariane haben Sie Mitleiden mit
mir ich darf Ihnen nie wieder ins Gesicht sehen  meine Einbildungskraft war
aufs höchste gespannt Ich setzte mich hin und ergoss in einem Briefe an Ihren
Bruder meinen angebeteten ewig geliebten Louis mein glühendes so mühsam
verhaltenes Gefühl Meine arme Vernunft trat auch nicht ein mal zu dem
schwächsten Kampfe hervor Fragen Sie nicht was ich schrieb Es war alles Herz
alles Feuer und Seele was ich in vollen Strömen auf das Blatt vor mir goss und
nun ging ich wie entledigt drükkender Bande zu Bett Meine Phantasie war aufs
lieblichste angeregt Ein sanfter Rosenschimmer umfloss mich Nachtigallen sangen
ein himmlisches Chor und feierten die erste Liebe meines jungfräulichen
Herzens Ich schwärmte mit meiner Phantasie in der Laube in welcher Julie ihrem
St Preux feierlich den ersten Kuss gab ich war   o Mariane hätte mein Vater
hätte Gott vor mir gestanden das zauberische Gewebe würde mich nicht weniger
verstrickt haben Ermattet von dem Feuer meiner Vorstellungen senkte sich ein
leiser Schlummer auf meine Augenlieder O diese Träume Mariane nie nie kann
die Wirklichkeit bezauberndere Momente herbeiführen Unwillkührlich streckte ich
meine Arme nach der geliebten Erscheinung aus Nie wird eine solche Nacht mein
sterbliches Dasein wieder beglücken Beim Erwachen standen die lieblichen Bilder
noch ganz frisch vor meiner Seele doch leugne ich nicht ich erschrak als ich
den Brief fand den ich geschrieben hatte er sollte ihn lesen O Gott  Indem
trat Magot ins Zimmer Mein Mut der schon im Sinken war verließ mich nun
vollends nie werd ich mich diesem fremden Menschen anvertrauen können dacht
ich Magot stand im Begriff zu gehen noch war der Brief in meiner Hand die
Tür ging auf jemand aus dem Hause trat ins Zimmer und rasch entschlossen flog
der Brief in Magots Hut Er gab ein Zeichen dass er mich verstehe Ich schämte
mich und wandte mich schnell um meine Röte zu verbergen 
    Nun hat Louis den Brief er und Sie werden mich verachten und ich werde das
elendeste Geschöpf auf Gottes Erde sein
    Diesen Brief wird Ihnen Monsieur Belair zustellen Lassen Sie mir ein paar
Zeilen Antwort zukommen O wie beb ich sie zu erhalten Mir wird das Gesicht
vergehen finde ich den Namen Louis und finde ich ihn wieder nicht so   o
ich Ärmste mir ist nicht zu helfen Heute soll ich an meinen Vater schreiben
Gott weiß wie ich das machen soll Es ist als ob sich mein Herz vor ihm
zurückzöge seitdem er wieder verheiratet ist usw«
    Sie sehen lieber Seelmann wie mein armes Mädchen sich selbst täuschte und
ihre traurige Entfernung von dem Vaterherzen nicht in sich sondern in meiner
zweiten Heirat zu finden meinte Ich erstaune wo ich den Mut hernehme Ihnen
alle diese Umstände die mein Herz so ganz zerbrochen haben zu wiederholen
Marianens Antwort war völlig so wie sie sich von einem so verzerrten Charakter
erwarten lässt Julchen  schrieb sie  würde sich durch ihre alberne
Bedenklichkeiten noch völlig unglücklich machen das wären die tristen
traurigen Früchte der pedantischen Erziehung die ihr Vater ihr zu ihrem
Unglück gegeben hätte Die würden ihr wenn die feinste Berlinische Welt noch
hundert Jahre an ihr bildete und deniaisirte immer noch ankleben Was es denn
nun für ein wundergrosses Unglück sei einem hübschen Jungen gut zu sein Sie
wollte wohl schwören dies sei Julchens erste Liebe so vieles Aufsehn mache sie
davon und so arkadisch drücke sie sich aus So viel sie sich erinnre sei sie
schon in ihrem dreizehnten Jahre eperdüment in einen allerliebsten Fähndrich
verliebt gewesen dessen Schwester auch bei Madame Brennfeld in Pension getan
war Damals wären viel junge Herren aus und eingegangen ein böser Dämon hätte
aber einst den alten Eisenfresser den Obristen von  hingeführt dessen
Tochter auch der Erzieherin anvertraut gewesen Dieser Grobian habe einen so
gewaltigen Lärmen über die Besuche der jungen Herren angefangen dass die Madame
aus Furcht vor mehreren dergleichen Auftritten sich auf einmal in die
Philosophie geworfen habe Sonst sei sie eben keine Prüde gewesen und der Herr
Vetter wäre noch so ein Andenken der lieben vorigen Zeit Julchen möchte mit den
patriarchalischen langweiligen Begriffen von ehelicher Zärtlichkeit zu Hause
bleiben Karoline sei ihr deshalb entsetzlich zuwider Heirat und Liebe reime
sich grade wie Eis und Sommerhitze  und was der verderblichen Grundsätze mehr
waren Zuletzt lud sie Julchen dringend ein zu ihr zu kommen Sie solle ihren
Schäfer in der blühendsten Laube finden und die Nachtigallen sollten ihre
Schüchternheit in Liebe auflösen wenn sie mit dem ersten heiligen Kuss feierlich
ihm den Sold der Minne geben würde
    Julchen hatte nun den ersten viel kostenden Schritt getan der zweite
den sie zu ihrem Verderben tat war der Besuch welchen sie bei Marianen
abstattete und wozu sie von ihrer sogenannten Aufseherin um so leichter
Erlaubnis erhielt da diese es kurz vor der nahen Verheiratung ihrer Lieblingin
nicht noch am Ende mit ihr verderben wollte Überdem erfuhr ja der grillenhafte
alte Spiessbürger der Amtmann nichts davon wenn man nur in Worten fein strenge
war und die Wörter Moral und Moralität fleißig im Munde führte Bei diesem
unseligen Besuche wurde das arme verblendete Mädchen ganz zu den elenden
Grundsätzen des Bruders und der Schwester hingerissen Sie kamen über den Ort
ihrer Zusammenkunft überein verabredeten alle die Ränke durch welche die
Aufseherin und der arme leichtgläubige Vater hintergangen werden sollten und
wenn der Pfaffe Eiche sich drinn zu mischen gedächte so sollten junge
Offiziere des Kornets Spiessgesellen dies durch irgend eine öffentliche
Beleidigung rächen So war denn alles Freude und Lachen Zu Hause nährte die
arme Betrogne ihre Leidenschaft durch die fortgesetzte Lektüre des Rousseauschen
Romans vor welchem er junge Mädchen selbst warnt Ich erhielt nur selten Briefe
von ihr und diese waren steif und kalt Es fehlte nur noch dass sie mich Herr
Vater genannt hätte  Mir wurde aufs neue bange um mein Julchen denn ich
konnte es mir ungefähr vorstellen wie lange die Grundsätze eines weichen
Mädchenherzens gegen das unablässige Untergraben eines verführerischen geliebten
Buben Stich halten würden Ich teilte meiner Nichte meine Besorgnisse mit Sie
stillte sie wohl einigermaßen mit der Nachricht dass meine Tochter wenig
ausginge und den Sonntag bei ihr zubrächte wobei denn gemeiniglich auch Herr
Eiche sei sie wollte aber bemerkt haben dass Julchen diesem absichtlich mit der
äußersten Kälte begegne wodurch der bescheidene Mann nur noch schüchterner in
seinem Umgange mit ihr gemacht wäre Fräulein Lindenfels sei jetzt schrieb sie
auf einem der Güter ihres Bräutigams wo sie mit ihm getraut werden sollte
Überdem rücke ja die Zeit immer näher da Julchen ihre Hausgenossin würde  Das
war nun gut genug und ich hätte mich auch vielleicht beruhigt wäre nicht am
darauf folgenden Posttage ein Brief von Madame Brennfeld eingelaufen worin sie
mir vorschlug ihr Julchen ganz zu überlassen Dieses talentvolle Mädchen hieß
es wolle sich gern dem Erziehungsfache widmen und sich unter ihrer Anweisung
dazu bilden Ihr Glück würde dadurch für die Zukunft gegründet Mamsell Juliette
sei ungemein liebenswürdig geworden Sie habe ihr nicht so viel Empfänglichkeit
für die feinern Sitten zugetraut auch habe sie sich die Achtung aller ihrer
adlichen Zöglinge erworben Ich warf höchst aufgebracht den närrischen Brief
auf die Seite und nahm ihn nur wieder um noch stärker dagegen zu streiten
Julchens Brief war ein bloßes Nachbeten des einfältigen Zeuges sie war aber
doch nicht schlau genug die Gründe gehörig zu bemänteln um welcher willen sie
den Vorschlag der chère madame so annehmlich fand Ich setzte mich aber in der
ersten Hitze hin schlug beiden alles ab und das in Ausdrükken wie meine
Missbilligung sie mir eingab wobei ich mich gern jeder Gefahr aussetzte was die
beleidigte Philosophin mir dagegen für Ehrentitel würde geben wollen Meiner
Tochter antwortete ich mit ungewohnter Strenge so dass sie mich gewiss einen
grausamen Vater genannt haben wird Ich schrieb ihr sie sollte keine Stunde
über das bestimmte Vierteljahr in dem verwünschten Hause bleiben das mir so
viel Herzleid gemacht hätte Hierauf hat sie ihrer Herzensfreundin folgenden
Brief geschrieben
    »Was soll aus mir werden Mariane Mein Vater begegnet mir grausam unsern
Plan verwirft er gänzlich Mit ganzer Seele würde ich mir den unangenehmen Beruf
einer Unterhofmeisterin haben gefallen lassen weil der Lohn so unaussprechlich
süß gewesen sein würde Wenn ich nun aber bei Falks bin ach dann ist es
beinahe ganz unmöglich dass ich meinen Geliebten sprechen kann Karoline ist so
strenge ihr werde ich mein Herz nie entdecken können mir bleibt denn nur die
Kirche übrig und auch dahin wird die ehrliche Plagerin mit mir gehen Ich hasse
schon in Voraus alles was mir im Wege steht Zuweilen werde ich zu Madame
Brennfeld gehen Sie wird ihm gewiss erlauben sie zu besuchen er ist ja Ihr
Bruder und dann weiß sie ja auch das zehntemal nicht wer bei ihren
Kostgängerinnen ist wenn sie sich in die spekulativen Wissenschaften wie sie
sie nennt vertieft hat  Aber Mariane er wird mich vergessen wenn er mich so
selten sieht Schwierigkeiten werden ihn abschrecken er wird seine Julie
verlassen  
    Ihnen Mariane darf ich es wohl gestehen dass ich oft mitten im höchsten
Rausch der Liebe innerlich leide Marternde Erinnrungen o wie verbittern sie
mir jugendlichen Genuss Sie werden darüber spötteln Mariane allein im Herzen
sind Sie mir doch gewogen und verstatten mir um mein selbst willen die
Erleichtrung des Mitteilens
    Gestern suchte ich etwas unter meinen Papieren Sie raten wohl was Da fiel
mir ein Brief meiner lieben seligen Mutter in die Hand unwillkürlich drückte
ich das teure Andenken an meine Lippen und widerstand nicht dem Drange es zu
lesen so sehr michs ahnte das es mich angreifen würde Wir wenden alles an
Dich mein bestes Kind heißt es darin damit Du uns einst Ehre und Freude
machen sollst Bleib ja fromm und rechtschaffen behalt Gott im Herzen wie Du
es uns so heilig versprochen hast Es würde mein Tod sein wenn Dein Vater mir
mit Recht Vorwürfe machen könnte dass ich an Deinen Aufenthalt in Berlin Schuld
bin Ach Gott wer so wie ich den sanften herzeindringenden Ton ihrer Bitten
kannte O ich kann ich kann diese so einfachen rührenden Worte nicht wieder
loswerden Und dann noch die entsetzliche Vorstellung dass ich ihr die Leiden
ihrer letzten Tage vielleicht noch erschwert dass ich ihre segnende Hand nicht
an meinem Herzen gefühlt habe o Mariane sie starb mit einem kummerbeschwerten
Herzen wozu ich Unglückliche vielleicht auch beigetragen hatte
    In eben dem Kästchen worin der teure Brief lag fand ich auch den Anfang
eines Tagebuchs das ich in verschiedenen Absäzzen auf Anraten meines Vaters
über mein Herz hielt Mariane es war nichts geringeres als ein feierlicher
Bund den ich nach Anleitung des frommen Doddridge mit Gott errichtet hatte
Ich habe eine feierliche Zusage immer fromm und rechtschaffen zu sein
aufgesetzt und eben gestern war es ein Jahr dass ich diese Zusage tat Ach
guter Gott ich habe seitdem mit keiner Sylbe wieder daran gedacht Meine
Andachtsbücher mein Zollikofer Hermes Handbuch der Religion etc alles liegt
bestäubt da mein Herz ist von allen frommen Empfindungen durchaus gesichtet
selbst kein äußeres Hilfsmittel verschafft mir auch nur eine Minute andächtiger
Rührung Mein Herz ist wie versteinert Beunruhigt über den peinlichen Zustand
meines Innern setzt ich mich ans Klavier und prüfte mein Herz mit dem Liede
aus Rollens Liedersammlung Wie ist mein Herz so fern von Dir etc da kamen
Tränen mein Herz öffnete sich und ich weinte bitterlich Vorsätze dämmerten
in meiner Seele auf aber die Dämmrung wurde nicht Licht eine trübe Wolke
düstern Unmuts umhüllte sie es folgte bald ein Zustand der Erschöpfung und
ich verfiel in Gedankenlosigkeit und Zerstreuung Im Nebenzimmer wurde
gesprochen ich trocknete meine Tränen verschloss die Briefe versteckte das
andächtige Notenbuch und begab mich zur munteren Gesellschaft Unter dem frohen
Geräusch der mutwilligen Scherze trat auch allmählig wieder das Bild des
Geliebten in meiner Seele hervor Die Gesellschaft ging erst spät aus einander
in meinem Kabinet erwarteten mich die schwermütigen Vorstellungen denen ich
vorher entgangen war Sie zu zerstreuen wollte ich an meinen geliebten Louis
schreiben aber es gelang mir durchaus nichts Da ward ich unmutig und die
ganze Welt war mir zuwider Mein Vater hätte mich nicht hierher schicken oder
mich nicht mit strengen Begriffen von Eingezogenheit und dergleichen plagen
sollen das passt zu meiner Lage gar nicht Ach Mariane Sie mögen wohl recht
haben entweder ganz gut oder ganz dem Leichtsinne gelebt O diese Rückfälle
sie sind tötlich Noch wenige Jahre und die Rosenzeit ist dahin Jahre ach
Gott eine Krankheit ein bleichender Kummer und dahin ist sie Mariane
schelten Sie nicht wenn ich Ihre frohen Augenblicke trübe ich werde mich
bemühen heiterer zu schreiben Für diesmal meinen Gruß und Kuss«
    Bald nachher schrieb sie wieder
    »Noch immer keine Sylbe von meiner neu vermählten Freundin Haben Sie mich
vergessen Mariane verdrängen interessantere neuere Bekanntschaften die arme
Julie  Ihr Bruder ist auch noch nicht von seinem Urlaub zurück Liebte er wie
mein Herz ihn liebt würde er dann so lange säumen O trösten trösten Sie
mich Sie seine Schwester sein schönes Ebenbild Sie meine Mariane  ich
darf Sie doch noch mit diesem vertraulichen Namen nennen  Ach ich leide viel
Meine Lage in diesem Hause wird immer unleidlicher seitdem Madame den
abschläglichen unfreundlichen Brief von meinem Vater erhalten hat lässt sie es
mich entgelten Ja Mariane nur Ihnen sag ichs sie hat mich mit den
niedrigsten Namen geschimpft  sie hat mich geschlagen als ich mich sehr sanft
wegen eines mir angedichteten Fehlers rechtfertigen wollte Das Hausmädchen
versichert mir Madame sei eifersüchtig auf mich weil der Vetter mir einige
Artigkeiten gesagt hat Fast sollte ich glauben die Dörte habe recht Er lobte
die blendende Weiße meiner Haut und nannte mich ein reines Maienblümchen Bald
nachher schimpfte die Madame auf meinen faden weißen Teint und riet mir die
ungeheure Menge blonder Mähnen wie sie mein Haar nannte mir aus der Stirn zu
schneiden ich sähe einem Löwenpudel gleich besonders mit meinen seelenlosen
blauen Augen  Dann lobte sie ihre Augen Mariane ihre pikante Physiognomie
und setzte hinzu es sei ihr lieb dass sie braune Augen habe und kein schaales
Blondinengesicht wäre 
    Auch fordert sie jetzt beinahe niedrige Dienstleistungen von mir und gibt
mir Tagaufgaben die ich schlechterdings nicht bestehen kann Mir einige
Erleichterung zu verschaffen schenkte ich ihr das Tischgedeck was mir meine
liebe selige Mutter zuletzt schickte aber wenn ich dergleichen Liebesproben
nicht alle Tage geben kann bin ich wenig gebessert Unter dem Vorwande mich in
Wirtschaftsgeschäften zu üben schafft sie eine Arbeiterin nach der andern ab
und lässt mich deren Stelle vertreten In Gesellschaft demütigt sie mich damit
dass sie sagt sie wolle sich nie wieder mit plumpen Landvolke abgeben wenn man
sich die undankbare Mühe gegeben hätte ihre Kinder abzuhobeln wären sie
hinterdrein noch grob Was der Amtmann für ein erzgemeiner Mensch sei sähe man
daraus dass er seinen jüngsten Sohn bei einem Tischler in die Lehre gegeben
hätte sie schäme sich recht wenn der Hobeljunker zu seiner Schwester käme 
Freilich sei der Junge wohl simpel und tauge zu nichts Besserm aber ihrem
Hause solle man nicht zumuten solche Leute die von allem Gefühl für feine
Schicklichkeit entblößt seien aufzunehmen Ach Mariane wie mir zu Mut wurde
als diese Person die mich eine Stunde vorher mit niedrigen Schimpfnamen belegt
hatte von Gefühl für Schicklichkeit deklamirte   Ach ich sehne mich mit
ganzer Seele aus dieser Hölle in der man noch obendrein mit Hunger und Durst
geplagt wird Wohin ich aber möchte weiß ich wahrlich nicht  Seis wohin es
wolle nur wünschte ich nicht in einer traurigen Entfernung von allem was mir
auf Erden teuer ist schmachten zu müssen«
    Endlich antwortete Mariane
    »Um des Himmels willen Liebe quäle nicht auch mich noch mit Deinen
trübseligen schwärmerischen Grillen Findest Du Dein Glück in dem andächtigen
Gewinsel gut so winsele Du aber mich verschone damit Warum sollte man sich
wenn die Rosenzeit wie Du sie nennst da ist und der Himmel schöne
gedeihliche Frühlingstage gibt sie mit Vorstellungen und Besorgnissen von
Herbst und Winterstürmen verderben Bist Du unzufrieden mit Deinen Herzensbuben
Lass ihn laufen es gibt der Töffel mehr die besser sind als et Legt die
insolente Schulmeisterin Dir ihre üble Laune in den Weg so lache sie aus und
wirf ihr Deine Geschenke vor Dass sie eifersüchtig über Dein wunderschönes
Lärvchen ist habe ich längst bemerkt Du hast so ein süßes Idyllengesichtchen
das besonders den jungen gefühlvollen Theologen zuzusagen pflegt und bei welchem
sie in eine elegischpoetische Stimmung geraten aber dergleichen verzeihen
diese Sentenzenkrämerinnen nicht Sie wird Dich mit ihren Orakelsprüchen bas
plagen doch hör nicht drauf sondern singe Dir eins und kucke aus dem
Fenster Besser kann ich Dir nicht raten Mir geht es auch nicht nach Wunsch
aber so bald lasse ich die Flügel nicht hängen Doch eins muss ich Dir
umständlich erzählen
    Als ich aus dem lustigen Stadtgewühl plötzlich in diese ländliche Einöde
versetzt ward wurde mir bei aller meiner Keckheit doch ein wenig bange ums
Herz denn was die Dichter auch über das Landleben so blumenreich phantasiren
mir ist ein Baum ein Baum und die Strohhütte das traurigste Asyl auf Erden
Üble Laune ergriff mich wider meinen Willen und der Herr von L wurde mir mit
seiner bräutigamsmässigen Zudringlichkeit unsäglich zuwider Ich musste meine
ganze Politesse zusammennehmen um ihn nicht bei jedem Worte bei jeder
Schmeichelei womit er mich peinigte anzufahren In der Stadt wo man von
ganzen Schwärmen lieber Jungen umflattert wird merkt man nicht so ganz die
Lästigkeit eines solchen Amanten aber mein Schatz im einsamen Landschlosse
da  Doch weiter Der Hochzeittag kam immer näher heran ich schwärmte ganze
Tage mit meinem Kammerkätzchen und dem närrischen Franzmann dem Friseur herum
Dieser drollige Mensch vertrieb den Dämon übler Laune durch seine munteren
Einfälle so ziemlich Herr von L beklagte sich über meine Abwesenheit Warum
gehen Sie nicht auf die Jagd sagt ich ich kann mich nicht einsperren lassen
das wussten Sie ja Er küsste mit reumütig die Hand und bat um Erlaubnis mich
auf meinen kleinen Wanderungen begleiten zu dürfen Das schlug ich gleich mit
einem wir müssen einander nicht geniren ab und der Mann war Narr genug mit
ekelhaft verliebten Gesten seine Beistimmung zu allem was mir gefiele zu
geben  Nun kamen nach und nach die Hochzeitgäste Zuerst mein schwerfälliger
Herr Papa der mir mit Moralen und Sittensprüchen entgegenkam womit ich so frei
war ein wenig munter umzuspringen Aber er ist doch gut denn er nahms von der
besten Seite und nannte mich so wie er pflegt wenn er mir wohl will une folle

    Und drauf der Hochzeittag mein Kind Meine Kleider hast Du gesehen Ohne
Eitelkeit ich gefiel mir Rosen und Myrtenfestons im silberglänzenden Flor
Leicht schwebte der Myrtenkranz auf meinem braunen lockigen Haar Alles schön
nur der Bräutigam nicht sein Haar dünn und beinahe schon ehrwürdig sein Teint
gelb und Oliven doch Du kennst ihn ja Wie viel Paar Strümpfe er mochte
angezogen haben um nur eine Art von Verhältnis zwischen Bein und Körper
herauszubringen kann ich nicht sagen Ein Hochzeitgast war des Bräutigams
jüngster Bruder ein schöner blonder Junge einer von unsern Elegants Hätte der
bei der Trauung nicht mein visàvis gemacht und mich durch sein possenhaftes
Mienenspiel aufgemuntert ich glaube mir wäre übel geworden denn es ist bei
dem allen doch ein fürchterlicher Auftritt Die Fête nahm sich für eine Dorfgala
nicht übel aus  Nun hör was weiter geschah Kein Mensch außer meiner Nanette
wusste um mein Vorhaben Als man uns mit den gewöhnlichen steifen Zeremonien in
die Brautkammer geführt hatte ließ ich meinen alten Geck seine veraltete
Zärtlichkeit herperoriren dann trat ich mit schalkhaftem Lachen vor ihm hin
machte ihm meinen besten Kniks und sagte mein Herr von L wenn Sie geglaubt
haben sich eine nächtliche Gesellschafterin an mir zu erheiraten so
verstanden Sie mich entweder unrecht oder  ich habe mich sehr undeutlich
erklärt Dies Schlafzimmer ist das Ihrige das meinige ist dort nur eine Mauer
trennt uns Ich wünsche Ihnen angenehme Träume von Ihrer schönen Braut Ich
öffnete das Nebenzimmer und ließ ihm mein Bette meinen Nachttisch und was
sonst noch zum Schlafzimmer gehört sehen Ich ging und warf meine Tür ins
Schloss Er verhielt sich ganz stille Ich plauderte noch mit meiner Jungfer und
bald nachher als ich sie entlassen hatte dünkte es mich als hörte ich ihre
Stimme in dem Zimmer meines Gemahls es war mir sogar als ob ich sie lachen und
meinen Namen nennen hörte  Zur Gewissheit habe ich indes diesen Argwohn nicht
gebracht ich möchte die Närrin nicht gern erzürnen
    Die Folgen dieses Einfalles hatte ich nicht genau berechnet ich sah bloß
das Ridiküle das auf den jungen sechszigjährigen Ehemann fallen würde aber der
Schalk hatte seine Partie sogleich ergriffen Des Morgens beim Frühstück
erzählte er der Gesellschaft den Vorgang und so eingekleidet dass er die Lacher
auf seine Seite zog Verlegner als ich war noch niemand gewesen Diesen Abend
wünschte er mir zuerst eine gute Nacht und ging ganz freundlich in sein
Schlafzimmer  Der hämische Kerl wie gleichgültig er meine Verachtung ertrug
 Schon gut dacht ich es wird denn doch etwas zu erfinden sein das Dich
verdriesst Ich tat schön mit seinen hübschen Bruder aber auch das verschlug
ihm nichts So verhetzten wir uns acht Tage lang gegen einander bis die
Gesellschaft sich nach und nach verlor und ich mit meinen zärtlichen Gatten
allein blieb Nun wurde mir bange das Heimweh stellte sich ein Werden wir
nicht auch in die Stadt zurückkehren Herr von L fragte ich ganz freundlich
Ja antwortete er eben so morgen gedenk ich abzugehen Ich rüste mich also in
möglichster Eile zur Abfahrt Den Morgen beim Erwachen überreicht mir Nanette
einen Brief vom heimtückischen Menschen er war fort und hatte mich
zurückgelassen Sein Brief enthielt folgendes Da ich die Einsamkeit zu lieben
schiene so wolle er meinem Hange nicht entgegen sein Sein Landhaus stände mir
zu Befehl aber in seiner Stadtwohnung müsse er für jetzt meine Gegenwart
verbitten seine Umstände erlaubten nicht dass ich ihm im ersten halben Jahre
dahin folgen könne  Ich rasete als ich dies schändliche Komplot entdeckte
Allein auf einem einsamen Dorfe keine andre Gesellschaft als den Pfarrer
einen alten traurigen Mann und seine alte knurrige Hälfte Meine Nanette ist
noch das einzige menschliche Wesen das mich versteht sie hat Welt ist in
Wien Leipzig und Gott weiß wo herum gewesen aber mein Friseur Monsieur
Leopold ist auch in alle Welt gegangen und hat den witzigen Einfall gehabt
meine Uhr und goldne Dose mitzunehmen  Mag er der luftige Franzose
Dergleichen Leute sind schwatzhaft und sagen vielerlei wenn ihnen zugesetzt
wird
    Was fange ich nun an mein Schatz Setzt mir Herr von L ein gutes Jahrgeld
aus so ist meine Absicht erreicht Ich habe an meinen gewesenen Bräutigam
geschrieben und ihm alles vergeben kannst Du mir nicht sagen Julchen was er
getan hat Ich habe ihn ersucht herzukommen vielleicht kommt er Lieber tot
als so ohne Unterhaltung  Ich nehme zehnmal ein Buch in die Hand ich werfe
mich zehnmal an den Flügel hin aber das sind gar leidige Tröster Die Tage
kriechen wie Jahre Von Louis seh und hör ich nichts sein Urlaub ist zu Ende
Lebe wohl gutes Kind Ist Dir wohl so heirate in Deinem Leben nicht Schreib
mir fleißig ich verschlinge was mir aus der Stadt zukommt A dieu cher coeur
                                                                        Mariane
    N S Schick mir doch die hochgepriesene Heloise Bis jetzt habe ich mich
nie an ein Buch gewagt das mehr als fingerdick war Schick mir auch von den
neuesten Hüten Und Du Kind hüte Dich vor den andächtigen Rückfällen Du
ververbitterst Dir Dein Leben Nenne mich doch Du Schönheit adelt und macht
alles gleich sagt ein alter Franzose A dieu à dieu die Langeweile macht mich
zur Briefstellerin Je tembrasse de tout mon coeur«
    Julchen fand das Benehmen ihrer Freundin gegen ihren Mann höchst witzig und
lose In allen Gesellschaften sagte sie würde davon als von einer bonne
plaisanterie gesprochen Madame Brennfeld gedenke nie ohne Lachen des Auftritts
in der Brautkammer Mariane sei schon immer ein loser Schelm gewesen Von Louis
schrieb sie ihr sei noch keine Nachricht da Der Urlaub sei seit drei Wochen
verflossen Es sei schon vom Regimente an den Grossonkel wo er sich aufhalten
solle geschrieben Da wäre er gar nicht gewesen Sie habe auch nun vor Unruhe
und Besorgnis gar keine bleibende Stelle mehr sie wanke rastlos umher In
vierzehn Tagen ziehe sie zur Kousine Es wäre ihr als ob sie in den Tod sollte
im Grunde sei ihr aber nirgends wohl Was die andächtigen Rückfälle beträfe so
habe Mariane nicht unrecht »Ich martere mich damit ab«  schrieb sie  »und
kann mich doch wenn mirs auch das Leben kostete den Begriffen meiner ersten
Erziehung nicht wieder anpassen Erinnerungen ja dieser werde ich mich wohl
lebenslang nicht ganz entschlagen können Szenen aus dem frühen Jugendleben
bleiben fürs ganze Leben teure Andenken Vorige Woche fuhr ich mit Falks auf
das Land Eiche war in der Gesellschaft Das Dorf war freundlich und gut wie
mein Geburtsort Wie frisch lebten da alle meine ersten Jugendgefühle in mir
auf wie gern hätte ich mich so meines Lebens wie damals erfreut aber Gott weiß
es was für ein banges drückendes Gefühl sich den helleren Vorstellungen
entgegensetzte Die lieblichste Erinnerung löste sich in Seufzer auf Ein
Hügel von dem man eine weite Aussicht hat erinnerte mich besonders an die
Stelle auf der ich den letzten Abend vor meiner Abreise mit meinem Vater stand
Er segnete mich der gute Vater und ich weinte an seinem Herzen Wie so gar
anders ist es nun Karolinens sanftes gefälliges Wesen erinnerte mich an die
zärtlichste der Mütter Ich würde mich in Vorstellungen der Art ganz verloren
haben hätte nicht Falk welcher der angenehmste Mann von der Welt ist den
munteren Ton unter uns zu erhalten gesucht Ich glaube sein guter Humor wird
viel zu meiner Zufriedenheit in seinem Hause beitragen Eiche ist ein sehr
rechtschaffner Mann und ich glaube er ist auch schön wenn man keinen andern
kennt Er ist aber so sehr zurückhaltend dass ich nie ein Herz zu ihm fassen
kann Er hat sicher noch keinem Mädchen die Hand geküsst  Mit Andern
verglichen kommt er mir entsetzlich steif und trübsinnig vor Mich wundert dass
er hier nicht ein wenig mehr Welt annimmt Auch unter seinem Stande gibt es
allerliebste lustige Männer Freilich vergleiche ich alle mit einem mir teuren
Ideal und da verlieren selbst die besten Das Kolorit der Liebe wohnt sonst
nirgends in der Natur, und die Kunst erreicht es vollends nicht  Indes habe
ich eine sonderbare Szene mit Eichen gehabt Der Abend war so schön die Lüfte
weheten so lau dass wir uns entschlossen den Weg zurück zu gehen und die Wagen
nachfahren ließ Der Mond schien auf einer düstern Tauwolke zu ruhen Der
ganze Himmel war mit falben krausen Wölkchen überstreut zwischendurch
flimmernde Sterne Unser Weg führte uns längs einer Wiese laue Abendlüfte
weheten uns den Duft des frisch gemäheten Grases zu an der andern Seite war ein
lichtgrünes sanftwallendes Kornfeld Die Stille war feierlich nur eine Wachtel
schlug von fern und am Wege hier und da ein Heimchen Mariane öffnete Ihr Herz
sich je dem Einflusse der lieblichen Abenddämmerung  Mein Herz erlag unter der
Herrlichkeit dieser Erscheinungen Fromm und unheilig zugleich betete ich Ja
ich betete Nur einen solchen Abend o Gott gib mir am Arme des Geliebten Ich
versank in die Fülle meiner Empfindungen dachte mir meinen schönen heitern
Jüngling wie auch er vielleicht jetzt in den Mond sieht und sich seine Julie
denkt Kaum bemerkt ich meine Gesellschaft noch Auch Eiche schien besonderen
Vorstellungen nachzuhängen das ist indes bei ihm nichts ungewöhnliches aber
ich schauerte zusammen als er meine Hand fasste und sie leise aber innigst
drückte  Der Mond schien ihm ins Gesicht da sah ich eine Träne in seinem
Auge zittern und auch mir traten Tränen in die Augen Er ergriff von neuem
meine nicht widerstrebende Hand und schien sie an sein Herz drükken zu wollen
Lachen Sie nicht über mich Mariane ich vergaß die Welt dachte mir in einem
süßen täuschenden Moment den Geliebten und erwiderte den Druck der Hand mit
Wärme und Innigkeit Nun fiel mein Irrtum mir aufs Herz da mir der Mann mit
unbeschreiblichem Ausdrucke ins Auge blickte Ich zog meine Hand lebhaft zurück
und mochte wohl verstört ausgesehn haben denn der Mann seufzte kläglich aus der
Tiefe der Brust Ich schwieg unmutig wendete mich von ihm und erwartete
Karolinen die etwas zurückgeblieben war Die Unterhaltung ward wieder
allgemeiner und der Abend wurde noch ganz leidlich beschlossen
    Zu Hause ward ich sehr unfreundlich empfangen Madame Brennfeld sagte das
späte Ausbleiben schicke sich nicht es war noch nicht zehn Uhr so genau pflegt
sie es sonst nicht zu nehmen Ich antwortete nicht und dachte die kurze Zeit
will ich still sein und dulden Ich habe doch in ihrem Hause manche Freude
genossen ihr habe ich Sie zu verdanken Ihnen den Geliebten Sie hat Gefühle
die verworren in mir lagen entwickeln helfen sie hat mir Schätze des
herrlichsten Geistesgenusses geöffnet die ich in dem einförmigen Kreise der
häuslichen Geschäfte und des trocknen Umganges mit meinen Verwandten nie kennen
gelernt hätte Wie hätte ich auf dem Lande von dieser feinen Geistesbildung
etwas ahnen können  Sie haben ja meinen Vater gesehen Ich unterstehe mich
nicht ihn zu tadeln aber was ist er doch bei all seiner Rechtschaffenheit
für ein rüder Mann  Nie ists mir so einleuchtend gewesen als da ich ihn
zuletzt sah Gott wie unempfänglich jedem sanftern Eindruck Ich war halb
ohnmächtig wenn er in so wenig gewählten Ausdrücken alle Einrichtungen unseres
Instituts tadelte und sie Wind und zwecklose Zeitverschleuderung nannte In
seinen Augen geht nun einmal nichts über eine gute Wirtin und Kindermutter 
Lieber Gott ich denke das ist alles recht gut und schön zu seiner Zeit aber da
wäre unserm Geschlechte ein recht elendes Loos zu Teil geworden wenn es bloß
dem Manne Essen und Wäsche besorgen sollte und sich mit den Kindern zu quälen
hätte Gott weiß wie mir in der Rücksicht vor dem Aufenthalte bei Falks
graut Ich werde das visàvis zweier Eheleute sein welche sich die
interessanten Ereignisse ihrer häuslichen Einrichtung mitteilen um wieviel
Zeit die Köchin vom Markte gekommen ist und ob die bunte oder die schwarze
Henne legt Karoline ist ein braves Weib aber für eine so junge Frau ungemein
ernstaft und wenn sie lieset sind es ernste Bücher die ein Kirchenrat lesen
könnte und die sie wie ein Magister beurteilt Künftig werde ich dabei sitzen
und wehmütig in die frohe Zeit zurückblicken die ich in dem bunten Kreise
junger munterer Leute in stets abwechselnder Unterhaltung verlebte in die
Wonnezeit da ich täglich einen süßen Beweis der Zärtlichkeit von dem
Geliebtesten unter allen Menschen an meine Lippen drückte usw«
    Wie gefällt Ihnen nun das Mädchen lieber Seelmann das sonst keinen bessern
Mann kannte als ihren nur zu schwachen zärtlichen Vater den sie nun einen
rüden Menschen schilt weil er sich einer sie verderbenden Neigung
entgegensetzte Ists Ihnen jetzt anschaulich Frau Nachbarin dass der
Pensionenwind die Köpfe schwindeln macht Sie haben es gesehen mein Mädchen war
brav und gut als ich sie der verwünschten Residenzbildung übergab ich war
selbst schwachköpfig genug dem Grunde zu trauen der durch ihre erste Erziehung
in ihr gelegt war Julchen war kein kleines Kind mehr als ich sie in die
Windmühle brachte die Landmädchen in Stadtdamen metamorphosiren soll auch hat
sie sich etwas länger gehalten als manche andere und doch zuweilen durch einen
flüchtigen Rückblick vor dem gänzlichen Verflattern bewahrt Die erste gute
Erziehung hielt die Wage noch eine Zeit herunter bis die unselige Bekanntschaft
mit dem Kornet und verführerische Sinnlichkeit erregende Bücher ihr einen so
mächtigen Stoß gaben dass sie gewaltsam in die Höhe schnellte Die Bemerkung
wird Ihnen meine Freunde nicht entgangen sein wie geschwind des Mädchens Styl
sich gebildet hatte Das tat nun wahrscheinlich die Liebe die so oft aus Affen
Menschen und Menschen zu Affen macht  Dieses hätte aber eben so gut im Dorfe
als in der Stadt eintreten können Setzen Sie indes einmal den Fall dass ein
Mädchen welches die allerersten Eindrücke außerhalb dem elterlichen Hause
erhalten und beinahe schon mit der Milch die Maximen der sogenannten
verfeinerten Lebensart eingezogen hat das man ehe seine Begriffe sich noch
entwickelten seine wahren Empfindungen unter einen Schwall ungefühlter
Komplimente verstecken lehrte und welches dann in eine solche halb oder ganz
französische Schulanstalt kam und zeigen Sie mir unter hundert so erzogenen
Mädchen nur eines ja nur eines das eine gute Gattin und Mutter geworden wäre
so will ich sagen geben Sie Ihre Tochter hin vielleicht tut Gott ein Wunder
und bewahrt ihr Herz vor Eitelkeit Denken Sie sich nur dass die armen jungen
Geschöpfe sich nie unterstehen dürfen nach ihrem eigenen Gefühl zu sprechen
dass die Aufseherinnen nie einen eigenen Gedanken bei dem Kinde aufkommen lassen
dass die Gouvernante wenn man ihren Zögling um etwas fragt sogleich ins Wort
fällt ihren eigenen Witz anbringt und ein Kompliment herleiert welches das
arme kleine Ding oft mit weinerlicher Stimme nachbetet  Müssen dadurch nicht
falsche Menschen gebildet werden und ging nicht auf diesem Wege die belobte
deutsche Treuherzigkeit verloren 
    Aber wo gerate ich hin Doch Wahrheit steht immer am rechten Orte und weil
ich einmal dabei bin Seitensprünge zu machen so erlauben Sie mir noch einen
Missbrauch zu rügen der  mit Erlaubnis Frau Pastorin  ihrem ganzen
Geschlechte als Erbübel eigen ist ich meine die Schwachheit einen
ausgezeichneten Wert auf körperliche Vorzüge zu legen In einem gesunden Leibe
kann eine gesunde Seele wohnen Sie tuts nicht überall und jederzeit aber der
Satz ist richtig und daher ist alle Pflege die auf Gesundheit des Körpers
abzweckt höchst vernünftig Die weibliche Aufsicht geht indes gemeinhin nur auf
Schönheit aus und das ist nicht recht Schon in meinem Knabenalter fiel mirs
besonders auf dass die lieben Weiberchen sobald dies oder jenes Frauenzimmer
genannt wurde gleich mit der Frage drüber herfielen »Ist sie hübsch Ist sie
gut gewachsen« Ich habe nachher in allen Frauengesellschaften die nämliche
Bemerkung zu machen Gelegenheit gehabt Nie wird gefragt ist sie sittsam ist
sie häuslich hat sie weibliche Geschicklichkeiten etc  Ihr glaubts nicht
liebe Weiberchen welchen Eindruck das auf Eure Töchter von früher Jugend an
macht Natürlich denken sie Schönheit und alles was diese geltend macht sei
des höchsten Bestrebens wert um so mehr wenn sie bemerken dass gute liebe
Mädchen welche die Natur nicht begünstigte oft sogar von ihren Eltern
zurückgesetzt werden Die Schönheit ist ein dankenswertes Geschenk der Natur
doch aber nicht das erste und vorzüglichste wozu sie freilich dann erhoben
wird wenn die Menschen zu roh sind moralischen Wert zu fühlen  »Der Amtmann
ist ein Schwätzer« rief die Pastorin lachend »die Schönheit wird doch ihren
Wert behalten«  Ganz gewiss liebe Nachbarin entgegnete Grüntal ihren
Wert aber nicht den Preis und damit sei es für heute genug
Ich hatte in langer Zeit nur drei oder vier Briefe von Julchen bekommen Es war
mir nicht möglich ihr keine Vorwürfe deshalb zu machen wobei mir Anspielungen
auf den wahren Zustand ihres Herzens entfallen sein mochten Sie beantwortete
dies in einem beleidigten Tone der mich das sanfte folgsame Mädchen gar nicht
wieder erkennen ließ dabei entschuldigte sie sich mit mancherlei Abhaltungen
sie verfertige zB allerlei kleine Andenken für ihre Hausgenossen usw
kurz der Vater musste gegen diese zurückstehen Indes hatte sie folgenden Brief
von ihrer leichtsinnigen Freundin erhalten
    »Dein Brief liebe Juliette hat mich ungemein amüsirt Hab ichs Dir nicht
schon lange gesagt der Pfaffe hat ein Auge auf Dich Um alles in der Welt mein
Schatz werd mir keine Priesterfrau Hörst Du werds ja nicht Das sind die
Unausstehlichsten aller Unausstehlichen  Du schickst Dich nicht dazu denn Du
bist in allem Ernst demütig und bescheiden verstehst Dich schlecht auf
Geträtsche und bist bei weitem nicht eitel und abgeschmackt genug Dir auf
fremdes Verdienst etwas zu gute zu tun Ich habe einen wahren Gräuel an dem
niedrigen Stolze dieser Gattung Das erlaube ich Dir allenfalls Deinen Spaß mit
dem frommen schüchternen Amanten zu haben Wie erbärmlich nicht einmal einen
Handkuss bei seiner taubenartigen Schönen zu riskiren Es versteht sich dass Du
mir nicht verschweigen musst wie weit er sich mit seinem gottseligen Herzchen
hervor wagt ich will Dir dann schon sagen wie Du Dich zu benehmen hast Gönne
Dir immerhin die Lust denn mit meinem Bruder mags so nicht so ganz richtig
sein Deine romanhafte Anhänglichkeit fällt ohnedem  nimm mirs nicht übel
Kind  ein wenig ins Schäferliche mit einem Worte ins Ridiküle Bei mehrerer
Erfahrung wirst Du finden dass in der Abwechslung der wahre Lebensgenuss liegt 
Cest un mariage que de nen aimer quun
    Denk doch Der insolente Baron mein verabschiedeter Bräutigam beantwortet
meine Einladung ganz kalt und wünscht mir Glück zur neuen Verbindung Der
Unverschämte meiner Rache entgeht er nicht  Wäre ich so grillenhaft wie sonst
jemand so hätte ich nun schönen Stoff in empfindsame Tränen auszubrechen 
Im Vertrauen Julie ich bin schon mehr als halb getröstet über den Unfall der
mir den Genuss der Stadt versagt es gibt hier herum ganz hübsche Leute man muss
sich nur orientiren Sag das aber nicht weiter damit es meiner dürren Hälfte
nicht zu Ohren kommt die ich posttäglich mit Klageliedern heimsuche Schon hat
er mir den Streich gespielt mir unter einem elenden Vorwande den Postzug
wegführen zu lassen Nun fahre ich in meinem Whisky oder lasse mich bei üblem
Wetter in des Pfarrers alter Kalesche mit ledernen Vorhängen herumrütteln
    Deine Heloise ist unleidlich Tugend und Liebe und Liebe und Tugend das
einem die Ohren weh tun Hier ist sie zurück Schick mir Komödien von der
sauersüssen Gattung hörst Du Was doch in aller Welt mit dem Louis sein mag A
dieu portez vous bien
                                                                       Mariane«
                             Julchen an Marianen
    »Ich bin verloren Mariane Unglücklicher ist noch kein Mädchen in der Welt
gewesen Ihr Bruder ist fort Man hat Nachricht dass er sich unter fremden
Namen in Hamburg aufhält und dass er da mit den dänischen Werbern umgeht O es
kommen entsetzliche Dinge heraus Ich wage es kaum seinen Namen zu nennen und
doch müssen Sie alles erfahren Seit vorgestern da ich die unglückliche
Nachricht erhielt habe ich so viel geweint dass mein Kopf ganz ausgetrocknet
ist Ich schreibe dies mit trocknen Augen die Tränen sind versiegt
    Schon seit einiger Zeit fuhr ich immer zusammen wenn ich Magot kommen sah
Es fehlte mir an Mut ihn nach  o wie nenn ich ihn jetzt  zu fragen und
doch wenn der Mensch fort war und nichts von ihm gesagt hatte war ich den
ganzen Tag wehmütig So hofft ich von einem Morgen zum andern Vorgestern
bemerkte ich dass Magot mit der Madame angelegentlich sprach Ich hörte
einigemal den Kornet nennen und sah dass sich Madame entsetzte Ich zitterte am
ganzen Leibe Beim Herausgehn nahm Magot seine Zeit so gut wahr dass er mir
einen Brief oder vielmehr ein Paquet in die Hände spielte Der Atem verging
mir vor Schreck In einer ganzen Stunde hatte ich keine Gelegenheit es zu
erbrechen Erst während der Klavierstunde schlich ich mich ins Kabinet O mein
Gott welch ein Unglück  ein Brief von einer fremden Hand  alle meine
Briefe an ihn  ein Schattenriss  eine rabenschwarze Locke die doch von mir
blondem Mädchen nicht sein kann   Lesen Sie doch den beleidigenden Brief
                           An Mademoiselle Grüntal
    Liebenswürdigstes Mädchen Der Mensch den Sie mit Ihrer Liebe beglückten
ist derselben wie er selbst gesteht nie wert gewesen Seine
verzweiflungsvolle Lage hat ihn genötigt sich vom Regimente zu entfernen Die
ungeheure Verschwendung seiner Mätresse der Figurantin Annette wogegen ihn die
Freigebigkeit des reichen Judenmädchens nicht schadlos halten konnte hat ihn
bewogen einen falschen Wechsel auf seinen Schwager v L zu machen Er würde
der Festung schwerlich entgangen sein hätte er nicht das Weite gesucht Ich
habe die Ehre Ihnen Ihre so angenehmen Briefe wieder zuzustellen der Auditeur
hat sie mir ungern ausgeliefert Wenn ein treuerer Liebhaber Sie über den
Verlust eines leichtsinnigen trösten kann so schlage ich mich Ihnen vor Schon
lange war ich ein aufrichtiger Verehrer Ihrer Schönheit
                                                   Der Lieutenant Graf von 
    N S Magot wird mich Ihnen näher bekannt machen englisches Mädchen
    Fühlen Sie die entehrende Demütigung Mariane Ich bin tief tief an meiner
Ehre gekränkt Wie verabscheue ich ihn ihn mich und alle alle die dazu
beitrugen mich elend zu machen Gott wäre ich nur schon aus diesem Hause Der
Fußboden brennt unter mir Könnt ich mich in die Erde verkriechen O und habe
ich ihn nicht so treu so einzig geliebt Mehr als mein Leben hätt ich für ihn
hingegeben und er eine liederliche Tänzerin ein wollüstiges Judenmädchen
neben mir  Ein armes unerfahrnes liebevolles Mädchen so zu hintergehen 
Ich werde sterben Mariane Wünschen Sie mirs Ich verachte ihn und kann ihn
doch nicht hassen Arme Schwester ich bedaure Sie Gott beruhige Ihr Herz«
                              Mariane an Julchen
»Das ist bei dem allen ein böser Streich von Louis Wo es mich nicht geahnt
hat Hätte er nur auf v L keine Schulden gemacht Dieser Unhold wirds mich
nun entgelten lassen Es ist schlecht von meinem Bruder das gesteh ich Sonst
wundre ich mich liebes Kind dass Du wegen der kleinen Seitensprünge des losen
Vogels so außer Dir bist In der Tat, ich glaubte Du wüsstest das alles Du hast
sie auf den Pickenik gesehen von welchen Dein Vater Dich heimholte So auch sein
Rachelchen von der vermutlich die rabenschwarze Locke ist die  ich muss
wahrhaftig lachen ich kann mir nicht helfen  drollig genug grade in Deine
Hände geraten musste Ich rate Dir nimm es heut zu Tage mit den Männern so
genau nicht Wir lassen sie machen und Du weißt eine Höflichkeit ist der
andern wert Einmal mein Schatz musste das Ding doch ein Ende nehmen Bedenke
selbst was sollte was konnte daraus werden Du bist zwar ein sehr schönes
Mädchen aber ich brauche Dir nicht erst zu sagen was makelloser Adel sagen
will Ich muss zwar selbst gestehen dass der Louis ein arger Libertin ist aber er
bleibt dabei doch immer ein Edelmann aus einem der ältesten Häuser die sich
nie mit Bürgerblut vermengt haben Rein haben wirs erhalten rein wollen wirs
unsern Nachkommen übergeben Sprechen die Leute über Dich  Lass sie sie können
doch nicht sagen Du habest Dich gemein gemacht es war doch immer ein Mann von
Stande Und dann so lass Dir zum Trost sagen in Berlin genießen Mädchen und
Weiber immer erst eines gewissen Respekts wenn sie ein paar Aufsehen erregende
Abenteuer bestanden haben Es ist wahrhaftig eine ordentliche Demütigung wenn
gar nicht von einem gesprochen wird Du kannst die Wahrheit meiner Behauptung
darin bestätigt finden dass der Graf von  Dir Anträge macht Was wüsste der
von Julchen aus Lindenau hätte mein Bruder Dich nicht en vogue gebracht
Übrigens sterben wirst und musst Du nicht O weh wie viele Leichen würde es
geben wenn man von fehlgeschlagenen Liebeleien stürbe  Übel disponirt hat
mich indes das Geschichtchen doch Schreib mir bald ob der Graf Dich getröstet
hat Adieu armes Mädchen leidende Schöne Wie interessant Du sein wirst Geh
ich beneide Dich bin aber doch Deine Freundin
                                                                       Mariane«
Nach diesem Vorfalle blieb meine Tochter noch ungefähr acht Tage in der
Pension und zog dann unter tausend Tränen und krank an Leib und Seele zu
meiner Verwandtin Karoline hatte ein Herz das ganz zum Trost des ihrigen
geschaffen zu sein schien Sie hatte zu Julchens Aufnahme alles mit der
zärtlichsten Freundschaft und Aufmerksamkeit veranstaltet Obgleich Julchen ihre
sorgsame Liebe nicht mit der Offenherzigkeit lohnte welche eine so
rechtschaffene Freundin verdiente so behandelte diese doch das herzkranke
Mädchen mit aller der Schonung und Feinheit welche ihr jetziger Gemütszustand
erforderlich machte denn sie erriet nur zu gut die Ursache der tiefen
Schwermut welche ihre Kousine mit zu ihr brachte obgleich Julchen alles auf
die lange zur Anhänglichkeit gewordene Gewöhnung an das Haus der Erzieherin
schob Ihrer Empfindlichkeit zu schonen verhütete Karoline sogar dass sie in
den ersten vierzehn Tagen Eichen zu sehen bekam Sie war unablässig geschäftig
Zeitvertreibe und Zerstreuungen für sie zu erfinden suchte sie nebenher in
häusliche Arbeiten zu ziehen und bei ihr den Geschmack an den Geschäften des
häuslichen Lebens wieder zu wecken Sie gab wider ihre Gewohnheit Besuche
veranstaltete kleine Lustbarkeiten und Fahrten aufs Land und ließ sich durch
die kalte beinahe unfreundliche Art mit der das Mädchen ihre Liebe aufnahm im
geringsten nicht abschrecken in ihrem edlen Eifer fortzufahren Sie erreichte
aber ihre Absicht so wenig dass das undankbare Mädchen vielmehr verdrießlich
darüber folgendes an Marianen schrieb
    »Wenn ichs den Leuten nur sagen dürfte wie sehr mich ihre Zudringlichkeit
wartert Es liegt ein recht peinigendes Gefühl darin dass ich ihre Freundschaft
nicht erwidern kann Sie stellen meinetwegen allerlei sogenannte Lustbarkeiten
an aber o wie steif und seelenleer Mein Herz wird sich nie an den ungeheuren
Abstand zwischen diesen Gesellschaften und jenen munteren ungezwungenen gewöhnen
können deren Seele eine Mariane war und ein  ach dass er so liebenswürdig
sein musste  Da kommen denn die förmlichen deutschen Degenknöpfe mit ihren
Frau Gemahlinnen am Arm und unterhalten die Damen mit Politik oder den
Ereignissen bei der letzten lHombrepartie Noch nie befand ich mich in einer
so unangenehmen Lage Es ist mir alles verdrießlich es ekelt mich alles an es
kostet mir Überwindung den Leuten auch nur höflich zu begegnen Und wenn ich
zuweilen ein einsames Stündchen erhasche so kommt die dienstfertige Karoline
und zeigt mir die Herrlichkeiten welche sie in ihrem Hauswesen vornimmt oder
verlangt gar ich soll ihr helfen In der Tat, eine interessante Partie Ich
möchte vergehen Ihre Wirtlichkeit ist mir zuwider ihr Hauswesen geht mich
nichts an Was will denn die Frau Wäre sie doch lieber mürrisch ihre
immerwährende Heiterkeit ist mir ein wahres Hauskreuz Die träge stumpfe Seele
    Es sollte mir sehr leid tun meine Beste wenn Sie meine Unbehaglichkeit
einem Rückfalle von Liebe zuschrieben Ich verachte sein Andenken aber er
füllte meine Seele so ganz er war mir ein langer zusammenhängender Gedanke ein
Begriff auf den ich alles bezog Und nun plötzlich so schmerzhaft abgerissen
Es ist als hätte ich aufgehört zu leben ein Stillstand aller meiner Kräfte
eine entsetzliche Lücke eine düstere Todtenstille herrscht in meiner Seele
Sein Bild war in meinem Herzen so lebendig so feurig er war mein zweites
inneres Leben Nun bin ich mir allein nicht mehr zum Leben genug Wohl Ihnen
Mariane dass Sie so leichtes Blut haben und so frohen Herzens sind Ich irre
unstät umher und suche ängstlich etwas das die Gefühle der Vergangenheit in
meiner Seele erneuen soll Es wäre mir alles willkommen wenn nur diese Stille
diese Öde nicht wäre Einmal bin ich bei Madame Brennfeld gewesen aber auch
dort befriedigt mich nichts mehr Ich bin aus dem liebenswürdigen Kranze
hinweggepflückt und habe aufgehört dort einheimisch zu sein ach in dem Hause
das mir so lieb wie das väterliche ja noch lieber geworden war«
    Dies sind die merkwürdigsten Stellen ihres Briefes die den unlustigen
widrigen Zustand der Leere am deutlichsten bezeichnen welcher auf die
Erschütterung aller heftigen Leidenschaften zu folgen pflegt Das übrige
enthielt einige gelinde Vorwürfe über die Art wie Mariane sie lehrte ihren
Verlust zu ertragen Mir meldete sie in ganz allgemeinen Ausdrücken dass sie zu
ihrer Kousine hingezogen und sehr gütig aufgenommen wäre sich aber noch immer
nicht an ihren jetzigen Aufenthalt gewöhnen könne  Zuletzt empfahl sie sich
unbekannter Weise ihrer Frau Stiefmutter und verblieb meine gehorsame Tochter
    Ich hoffte indes alles von Karolinens Verstande und trefflichem Herzen auch
von Eichens naher Bewerbung um Julchen Ich dachte wenn er ihrer Zuneigung
gewiss ist soll in anderthalb Jahren die Hochzeit sein Gern hätte ich die
Heirat früher vollzogen gesehen ich konnte es aber nicht über mein Herz
bringen einem Manne den ich ehrte und liebte ein Mädchen das vielleicht noch
unter dem Einflusse einer unwürdigen Leidenschaft stand zur Gattin und Mutter
seiner Kinder zu geben Überhaupt trug ich als ein ehrlicher Mann Bedenken
diese Heirat unter solchen Umständen befördern zu helfen aber dann mahnte mich
der Vater die Tochter je eher je lieber der Gefahr zu entreißen Karoline der
ichs zur heiligsten Pflicht gemacht hatte mir stets ganz offenherzig
Nachrichten von meiner Tochter zu geben schrieb mir sie müsse gestehen dass es
schwer sei Julchens Herzen bei ihrer geflissentlichen Zurückhaltung
beizukommen Ehedem habe es wohl geschienen als ob sie Eichen mit vorzüglicher
Achtung begegne jetzt aber betrage sie sich sehr sonderbar gegen ihn nehme ihn
auf einen gewissen leichten Fuß und beantworte seine zärtliche Aufmerksamkeit
mit einer lustigen nicht achtenden Art die den trefflichen Mann wie sie gewiss
wüsste in der Seele kränkte Der gute Eiche selbst bestätigte Karolinens
Nachricht obgleich in den schonendsten zärtlichsten Ausdrücken Er beklagte
sich sehr rührend dass er ihr Vertrauen nicht gewinnen könne und gedachte des
Abends dessen Julchen gegen Marianen erwähnt wo sie ihm bei der Rückkehr vom
Dorfe einen anscheinenden Beweis von Zuneigung gegeben hätte Sein Herz habe aus
diesem Augenblicke dem ersten in welchem er gewagt seine herzliche Neigung
sprechen zu lassen die süßeste Beruhigung geschöpft jetzt meide sie ihn
augenscheinlich und es tue ihm weh dass sie seine unverkennbare Zärtlichkeit
mit leichtsinnigem Scherze und in einem Tone den er nicht zu verdienen glaube
erwiedre Ich dachte das Mädchen ist albern Die jungen Dinger bilden sich
zuweilen ein es kleide ihnen gut wenn sie einen rechtschaffnen Mann quälen
und dadurch dass sie ihre Liebhaber bei der Nase herumziehen ihrer kleinen
Person eine besondere Bedeutsamkeit geben Möchten doch Erzieherinnen die bei
der Bildung ihrer Zöglinge ihre Zuflucht zu Romanen nehmen ihnen den Charakter
des Fräulein Biron zu beherzigen geben damit sie sähen welcher redlichen
Offenheit sich dieser weibliche Engel befliss Aber der Grandison wird jetzt
verlacht weil ihn niemand mehr kennt einer betet dem andern mechanisch nach
und spottet eines Werkes das ihm kaum durch Hörensagen bekannt ward 
Grandison wird verspottet weil einige Narren ihn missverstanden und
missbrauchten Die hohen Urbilder haben des Kontrastes wegen den sie so grell
bemerkbar machen alle einerlei Schicksal das Ehrwürdigste in der Wirklichkeit
wie das Idealische in der Dichtung  Die Kunstrichter mögen Recht haben wenn
sie als solche sich gegen die Darstellung unerreichbarer Ideale der Tugend
erklären aber dem Menschenfreunde der die Tugend gern so allgemein und so groß
geehrt und geübt sähe als möglich müssen sie ehrwürdig sein Jene wollen
Künstler bilden dieser Menschen zur Tugend und Glückseligkeit führen und 
glauben Sie mir  die Menschen bleiben immer unter dem Vorbilde dem sie
nachstreben und ahmen an dem ehrwürdigen oft nur die Schwächen nach die doch
außer der Verbindung mit solchen Vorzügen nicht zu dulden wären  Halten Sie
mir doch diese gelegentliche Herzensergiessung zu gute ich bin bereit wieder
einzulenken
    Ich antwortete Eichen er müsse sich nicht abschrecken lassen und  was ich
mir heute noch nicht verzeihn kann  das Mädchen sei ihm gut ich wisse es
Diese Versicherung vom Vater gab ihm Mut seine Bewerbung um sie ernstlicher zu
betreiben Indes wurde das Mädchen durch den Beifall den ihre Schönheit in
allen Gesellschaften erhielt noch eitler und aufgeblasener und begegnete ihrem
würdigen Verehrer bald mit jugendlichem Übermute bald mit kalter Sprödigkeit
Dies schrieb mir von Zeit zu Zeit Karoline gegen welche sie eine fortwährende
Zurückhaltung beobachtete indes freute sich das gute arglose Weib dass Julchen
in ihren Mann viel Vertrauen zu setzen schiene »Er hätte«  schrieb sie  »sich
alle Mühe gegeben sie aufzuheitern und ihr den Aufenthalt in ihrem Hause
angenehm zu machen es wäre ihm auch so ziemlich gelungen und sie wäre gegen
ihn weniger kalt und zurückhaltend« Die gute Seele setzte ein unbegränztes
Vertrauen in alle die denen sie gut war und es hielt schwer sie von den
Fehlern solcher Personen zu überzeugen Ihren Karl vergötterte sie beinahe und
ich hätte es keinem raten wollen auch nur den Schatten eines Fehlers an ihm zu
entdecken Sie hatte einen weit richtigern Verstand und bessres Urteilsvermögen
als er aber ihre Bescheidenheit ging so weit dass sie sich ohne Widerrede
seinen Aussprüchen unterwarf Bei dieser Stimmung hatte sie auch natürlich
nichts dagegen dass Falk es sich angelegen sein ließ der jungen Hausgenossin
die Zeit zu vertreiben Er führte sie beinahe täglich ins Schauspiel denn wo
auch nur eine Geige gestrichen wurde da war er abonnirt Er veranstaltete
Lustbarkeiten und führte Julchen in Gesellschaften ein die keinen andern Zweck
des Lebens keine andre Bestimmung kennen als das Vergnügen es sei von welcher
Gattung es wolle Durch Falk wurde die Gedankenlose mit allen
Gesellschaftsspielen bekannt und so nicht aus Geldgeiz sondern aus Eitelkeit
eine leidenschaftliche Spielerin die keinen Tag ohne Karten hinbringen konnte
Blieben sie einmal zu Hause so lasen sie mit einander Gedichte Romane und
manches andere was die Seele zur Üppigkeit hinneigt Zur Abwechslung musicirten
sie sangen zärtliche Duetten und die Lücken füllte eine Piketpartie Dadurch
gewöhnte sich das Mädchen ihre redliche Freundin von all ihren Planen
auszuschliessen und sie für entbehrlich zu halten Der Mann der Freundin war ihr
zum angenehmen Lebensgenuss ja ganz allein notwendig
    Karoline konnte unmöglich mit dieser Einrichtung zufrieden sein Sie äußerte
ihre Missbilligung auf die sanfteste Art stellte ihrem Manne vor dass er der
jungen Person vollends alle ernsthafte und ihrer Bestimmung entsprechende
Tätigkeit verleide und durch die unaufhörlichen Zerstreuungen Eichens
Absichten auf Julchen Hindernisse in den Weg legte Zuweilen wurde sie auch wohl
böse wenn Falk ihr im scheinbar scherzhaften Tone antwortete was der Pedant
mit dem hübschen Mädchen solle die sei für ihn zu gut Es fiel der ehrlichen
Seele der Karoline wohl zu spät auf dass es für eine Frau immer eine missliche
Lage ist wenn der Mann stündlich Gelegenheit hat neben ihr ein schönes Mädchen
zu sehen  ihre bloß häusliche Nettigkeit mit der raffinirten Zierlichkeit zu
vergleichen in der das junge Äffchen täglich erscheint weil es kein
wichtigeres Geschäft kennt als auf neuen Putz zu sinnen Karoline setzte ein
unbeschränktes Vertrauen in ihren Mann das er keinesweges verdiente und mir
bei einer übrigens so einsichtsvollen Frau unbegreiflich ist Mir gefiel der
Mensch nicht mein Gefühl war gegen ihn ob ich gleich aus Gründen nichts gegen
ihn einwenden konnte Er war nach dem allgemeinen Begriff eine schöne
Mannsperson von vollem gesunden Wuchs und stach gegen seine galanten Mitbrüder
wenigstens so ab wie der Vollmond gegen das letzte Viertel  Denn lieber
Seelmann sähen Sie die armen Knochenmännerchen wie matt und kraftlos die
meisten von ihnen umherschleichen es würde Ihnen weniger auffallen wenn uns
die Zeitungen verkündigen dieses oder jenes nützliche Staatsmitglied sei noch
vor dem vierzigsten Jahre an Entkräftung gestorben  Sie wissen wie viel
Gelächter dies in den Provinzen erregt wo noch deutsche Kraft wohnt
    Ehe ich Julchens Brief anführe der die Spuren trauriger Selbstvergessenheit
immer deutlicher an sich trägt muss ich ein Wort von Eichen sagen um die
törigte Blindheit des irregeführten Mädchens in ein noch helleres Licht zu
setzen
    Weil jedem Mädchen die Außenseite das wichtigste ist so will ich bei dieser
anfangen Als der Rechtschaffene um Julchen warb war er zwei und dreißig Jahr
alt Seine Größe übertraf etwas die gewöhnliche Mannslänge sein Wuchs war
schlank und zierlich er trug seinen wohlgebildeten Körper wie ein feiner
Weltmann doch ohne in gesuchte Manieren zu fallen Sein Gesicht war regelmäßig
sein Auge schön und seelenvoll Bei ruhiger affektloser Stimmung war heiterer
Ernst darin ausgedrückt lächelte er so wars das Lächeln der Vernunft und
eines wohlwollenden Herzens zuweilen mischten sich Strahlen des feinsten Witzes
ein der aber nie in beissende verwundende Laune ausartete Nur seine
Herzensfreunde kannten diese Seite an ihm Er besaß mehr als einseitige
Gelehrsamkeit allein in Gesellschaften vermied er den wissenschaftlichen und
noch mehr den lehrenden Ton Gegen Frauenzimmer war er zurückhaltend und bis zur
Ängstlichkeit behutsam Ich gestehe dass dies wenig zur Annehmlichkeit des
geselligen Vergnügens beitrug da es aber aus seiner Gewissenhaftigkeit
entsprang so wage ich nicht es zu tadeln Sein Herz war bis zur Weichheit
empfindlich aber nie sprach er von Gefühl noch weniger prunkte er mit dem was
ihm ganz von Natur dem bessern Menschen angeeignet dünkte Sie mit seinem vollen
moralischen Wert bekannt zu machen wäre zu weitläuftig Nur noch dies lieber
Seelmann er war einer Ihrer würdigsten Amtsbrüder und seiner ihn liebenden
Gemeinde was mein lieber Seelmann der seinigen ist
    So gut und edel war der Mann den meine arme unbesonnene Tochter in ihrem
jugendlichen Übermute abwies Auf meine ihm gegebene Versicherung das Mädchen
sei ihm gut war er wie ich schon gesagt habe in seiner Bewerbung um sie
ernstlicher geworden der Wunsch über eine Sache die ihm so sehr am Herzen
lag Gewissheit zu haben war sehr natürlich Er schrieb also mit dem vollsten
Ausdruck der Liebe an meine Tochter und trug es Karolinen auf Julchen den
Brief zu übergeben Sie tat es und das arme verlorne Mädchen drückt sich im
folgenden Briefe an Marianen höchst lieblos darüber aus
    »Ich würde glauben Sie wären gestorben meine beste gnädige Frau hätte ich
nicht den Maskenhabit gesehen welchen Ihnen Madame Douillet überschicken soll
Sie leben also noch und sind fürs erste auch noch nicht Willens an den Tod zu
denken Auch Ihr Gemahl scheint sich noch lange seines Lebens freuen zu wollen
er hat Annetten bei deren Namen mich noch schaudert eine schöne Equipage
geschenkt und wohnt mit ihr in einem Garten Vielleicht ist Ihnen diese
Nachricht nicht ganz angenehm denn Sie werden nun wahrscheinlich wenig von der
Stadt genießen Ihr Herr Vater verhält sich sehr ruhig weil das Podagra ihn an
seinen Lehnstuhl fesselt usw
    Das sind freilich trübselige Dinge aber dafür nun auch etwas Lustiges Was
Sie weissagten ist erfüllt Seine Hochehrwürden Herr Eiche haben sich ganz
förmlich als meinen  Liebhaber o nein dazu sind wir zu fromm  als meinen
Freier erklärt Karoline hat mir einen Brief von ihm gegeben der ein wahres
Original in seiner Art ist Er tat mit zu wissen dass er von meinem Herrn
Vater aufgemuntert ich dächte doch man fragte erst die Tochter ob auch sie
aufmuntern will es wage um meine Freundschaft  nur Freundschaft wie
genügsam  und  um meine Hand zu bitten  Sie sehen die Heiligen machen
nicht viele Umstände  Dann folgt eine weitläuftige Berechnung aller Freuden
die unser Hausstand gewähren würde  die mir Blödsichtigen aber gar nicht
einleuchten  Endlich  im Ernst er ist bei allem dem entsetzlich kühn 
erklärt er mit dürren Worten wie ich mich als Frau eines Geistlichen und als
seine geliebte Hälfte  oho so weit sind wir dem Himmel sei Dank noch nicht
 zu betragen hätte Er liebe nämlich die Eingezogenheit  gut dass ers vorher
sagt ich liebe sie eben nicht  und er gestehe offenherzig seine Umstände
erforderten Häuslichkeit  so heirate der Mann lieber nicht  und verlangten
eine billige Einschränkung eingebildeter Bedürfnisse Doch  fügt er recht
priestermässig galant hinzu  dies würde er in jeder Rücksicht meinen
Einsichten überlassen  Aber was plage ich mich hier ist die lesenswerte
Pièce selbst allein ich erbitte sie mir zurück mein Vater möchte sie sehen
wollen
    Falk wie er nun so ein drolliger allerliebster Mann ist rät mir ich soll
Eichen einige Zeit in Ungewissheit hinhalten das will ich auch der komischen
Auftritte wegen die das geben muss Karoline behandelt die Sache so ernstaft
als wäre von ihr selbst die Rede Als sie mir den Brief gab machte sie ein
erstaunlich feierliches Gesicht Zum Vorspiel umarmte sie mich so oft weinte
und sah mir so fest in die Augen dass ich wirklich zitterte und glaubte mein
Vater sei etwa tot und das würde mir denn doch recht nahe gehen Als ich mich
nur erst überzeugt hatte was es war fing ich laut an zu lachen  Liebes
Julchen  sagte sie mit kläglichem Gesicht  der Mann liebt Sie so innig und
redlich er verdient dass Sie seinen ehrenvollen Antrag ernsthafter aufnehmen
Desto schlimmer für ihn wenn er mich liebt  antwortete ich und lachte noch
ausgelassener Ihr Vater  fuhr sie fort  hat sein ganzes Herz auf diese
Heirat gesetzt Das hätte er nicht tun sollen  fiel ich ihr noch immer
schäkernd ins Wort  Julchen Julchen sehen Sie doch den redlichsten der
Männer Eichen nicht so an wie die jungen Gecken die in Gesellschaften Sie
umflattern  Ich glaubte sie hätte im Sinn mir Vorwürfe zu machen und das
bewog mich ihr in einem beleidigten Ton zu sagen es tue mir leid wenn mein
Vater sein Herz auf eine Sache gerichtet hätte die mich notwendig unglücklich
machen müsste  Unglücklich Kousine Sie bedenken nicht was Sie sagen Wird es
Sie nie gereuen  Da kam mir der lose Einfall dass man den steifen Freier wohl
für seine kecke Anmassung ein wenig züchtigen könne Ich zwang mich in einen
recht treuherzigen Ton hinein und bat Karolinen man möchte mir Bedenkzeit
verstatten Karoline dankte mir so ehrlich dass es mich beinahe gejammert hätte
Sie umarmte mich und so endigte dieser feierliche Anwerbungsaktus wie er
begonnen hatte  mit einer Umarmung
    Im Vertrauen kann ichs Ihnen wohl sagen meine Liebe ich glaube die Frau
wäre mich gern los Ich habe schon bemerkt dass sie still wird wenn der Konsin
viel und freundlich mit mir spricht Neulich sang ich mit ihm das göttliche
Duett Selmar ich liebe Dich etc von der Gewalt der Worte und der Musik
ergriffen verhallte unser Gesang und löste sich in ein leises Lispeln auf
seine Wange ruhte an meiner Wange wir weinten die wonnigsten Tränen und ohne
dass wir es selbst wussten hatte sich seine Hand um meinen Leib geschlungen In
diesem Moment der wunderbarsten Trunkenheit war unbemerkt Karoline
hereingekommen Falk sprang betroffen vom Stuhle auf und ich sah glaub ich
entsetzlich einfältig vor mir auf die Noten hin  Wie Du einen erschreckst
sagte Falk Du schleichst so leise Er küsste ihr dabei flüchtig die Hand
Allerdings hätte er etwas klügeres sagen können aber woher Geistesgegenwart
nehmen wenn man wie vom Traum erwacht Ich bin gar nicht hereingeschlichen
sagte sie mit bebender Stimme und sah leichenblass aus dann fiel sie ihm mit
einer konvulsivischen Bewegung um den Hals und entfernte sich schnell Karl und
ich blieben stumm und verwirrt zurück und standen wie Adam und Eva nach dem
Sündenfalle mögen da gestanden haben Endlich erholte sich Karl und sagte zu
mir ich möchte seiner Frau doch nachgehen sie sei so grillenhaft dass sie sich
wohl gar einbilden könne uns liege daran allein zu sein Ich tat es Sie
hatte die Tür ihres Kabinets hinter sich verriegelt aber durch den Vorhang der
Glastür den der Zugwind verschoben hatte sah ich dass sie vor einen Stuhl
kniete und betend die Hände rang  Ihr gutmütiges Auge schwamm in Tränen
Dieser Anblick durchschauerte mein ganzes Wesen Ich wünschte mich tausend
Meilen weit entfernt mein Herz zerfloss in Mitleid Weinend eilte ich in mein
Zimmer Schrecklich war mir nachher der Augenblick unsrer Wiederzusammenkunft
ich bebte wie eine arme Sünderin hatte den ganzen Abend hindurch nicht das
Herz die Augen aufzuschlagen und so brachten wir alle drei einen höchst
peinlichen Abend zu Karoline bemühte sich heiter zu scheinen es gelang ihr
aber schlecht denn es brachen oft mitten in ihrem Gespräche Tränen aus ihren
Augen Nun scheute ich nichts so sehr als mich allein mit ihr zu befinden und
doch war es unvermeidlich Am folgenden Morgen als Karl ausgegangen war und
wir mit unsrer Näharbeit neben einandersassen sah ich ihr es an dass etwas in
ihr arbeitete was sie gern los sein wollte wozu sie aber den Anfang nicht
finden konnte Endlich brach es mit einen Tränenstrom los Sie weinte lange an
meinem Busen ehe sie ein vernehmliches Wort vorzubringen im Stande war
Kousine  schluchzte sie endlich hervor  ich wollte Sie nicht kränken aber
ich bin ein armes schwaches Weib ich kann es nicht zurückhalten   Ich wollte
in der ersten Verwirrung mich befremdet stellen  Julchen liebes Julchen fuhr
sie fort Sie verstehen mich ganz sicher Ich gestehe es ist unverzeihliche
Schwachheit und billig hätte ich es Ihnen längst schon sagen sollen dass ich
einen Hang zur Eifersucht habe  Sie sind so schön mein Kind wirklich so
ungemein schön und ich habe nur meine Liebe und Treue dagegen aufzuweisen Wenn
Ihnen meine Ruhe nicht ganz gleichgültig ist so vermeiden Sie doch meinen Mann
so oft er allein ist  Auftritte wie der gestrige  Gott weiß wie weit ich
entfernt bin Ihnen Vorwürfe zu machen denn die Schuld muss wohl in mir selbst
liegen  aber solche Auftritte müssen unsre allerseitige Ruhe untergraben
    Ich verstummte und wusste nichts dagegen zu sagen nahm mir aber heilig vor
Karln in Zukunft aus dem Wege zu gehen Karoline jammerte mich sehr denn ich
fühlte dass Karl mich ihr vorziehn muss als aber der erste lebendige Eindruck
dieser Unterredung allmählig schwächer wurde konnte ichs wieder nicht über
mich gewinnen ihm wehe zu tun Soll er denn gestraft werden wenn sein Herz
unwillkührlichen Eindrücken die zu nichts Bösem führen nachgibt Schon
einigemal hat er mich recht wehmütig gefragt was er mir zu Leide getan hätte
Wenn er wüsste dass seine Frau an meiner Zurückhaltung Schuld sei würde er es
sie schon fühlen lassen  Diese Lage der Sachen ist äußerst marternd Sagen Sie
mir Mariane was ich tun soll«
    Es ist beinahe unglaublich dass mein armes Mädchen so schnell jede Stufe
moralischer Verwilderung erreicht haben konnte Bei einer erwachsenen und
vollendeten Person würde es indes mehr Ursache zum Erstaunen geben als bei
einer jungen empfänglichen Seele deren Erwartungen besonders waren erregt
worden die in einer ihr unbekannten Zone vom Glanze des Neuen und Ungewohnten
geblendet wurde Und wäre dies alles nicht so konnten Weichlichkeit und
Müßiggang ohnmöglich ihres Zwecks verfehlen denn dem an wahre Tätigkeit
gewöhnten Mädchen mussten die kleinen Spielereien der Mode gar nicht als Arbeit
vorkommen wie sie das auch zu Anfang selbst geäußert hatte Daneben der Umgang
mit schon verderbten Gespielen das Lesen so manches wollustatmenden Buchs und
mehr als dies alles die alle Moral und religiöse Grundsätze zerstörenden
Mitteilungen ihrer freigeisterischen Lehrerin und ihres Vetters Man denke sich
ein zartes Gemüt in dem der Keim einer biederen Gesinnung lag welches eine
Fertigkeit gewonnen hatte all sein Tun und Lassen an religiöse Gedanken zu
knüpfen ein Herz das immer in Hinsicht auf seinen Schöpfer und
allgegenwärtigen Wohltäter empfand und handelte gerät nun mit einemmal unter
Menschen von welchen es ganz das Gegenteil hört Menschen die unter dem
Schein und mit den Floskeln höherer Geistesbildung ihre dorfmässige
Gewissenhaftigkeit lächerlich machen ihr eine Seelenstärke vorspiegeln die das
Gute aus reiner Liebe zum Guten ohne Hinsicht künftiger Belohnung wolle ihre
Eitelkeit erregen und ihr von selbstständigem Sein vorschwatzen Und das möchte
noch hingehn wenn sich nicht eine überwiegende Sinnlichkeit eine Leidenschaft
dazwischen gestellt hätte welcher denn allerdings kein Begriff willkommner war
als der von selbstständiger Unabhängigkeit der die altväterische Frömmigkeit im
Wege stand und die alles hinwegräumte was ihren Ausbrüchen hinderlich sein
konnte Wie so einfach und ruhig wäre des Mädchens Leben im väterlichen Hause
dahin geflossen Rein und voll Unschuld hätte ich sie der Liebe eines braven
Mannes hingegeben und meine gut erzogenen Enkel hätten meinen Grabhügel mit
Rosen umpflanzt Jetzt   Grüntal verbarg sein Gesicht und vermochte lange
nicht weiter zu sprechen Seelmann und seine Frau waren gerührt und wagten es
nicht seinen Schmerz zu unterbrechen Nach langem Schweigen gewann endlich der
unglückliche Vater so viel über sich dass er seine Erzählung wieder fortsetzen
konnte
    Julchen bildete sich wirklich ein es sei Herabwürdigung ihrer Reize wenn
ein Mann wie Eiche dem blendendes Glück und volltönende Titel fehlten der
nicht in poetischen Phrasen sprach sich einfallen ließe sein Auge zu ihr zu
erheben In Gesellschaften war ihr mancher Unsinn vorgesagt worden der ihrer
Eitelkeit so wohl tat und das Mädchen welches bis ins funfzehnte Jahr die
Ehrlichkeit selbst war hatte eine Fertigkeit erlangt ihre wahre Herzensmeinung
hinter leere Worte zu verstecken und in ihren Antworten so vielseitig zu sein
dass sie auf mehr als eine Art verstanden werden konnten Eine solche erhielt
auch Eiche und der ehrliche Mann war so wenig mit den Ränken kleiner weiblichen
Seelen bekannt dass er was sie ihm sagte oder geschrieben hatte ganz
treuherzig für eine Einwilligung hielt die sie sittsam verschleiert ihm zu
verstehen gebe Diesem zu Folge betrug er sich wie ein Liebhaber der nun bald in
die Rechte des Bräutigams treten wird Sie hatte ihm ihr Stammbuch gegeben 
eine Mode welche eben zu der Zeit Ton unter den jungen Mädchen war  er gab es
ihr bei dieser Gelegenheit zurück und statt sich durch ein Reimlein ihren
albernen Freunden zuzugesellen hatte er ein schönes feurigzärtliches Gedicht
hineingelegt Das gefiel dem eitlen Dinge denn von ihren hirnlosen Verehrern
konnte sie dergleichen nicht erwarten Sie dankte ihm sogar schriftlich in
Ausdrücken die ihm im gegenwärtigen Verhältnisse und bei seiner gänzlichen
Unerfahrenheit in den krausbunten Mädchenlaunen für Beweise ihrer Zuneigung
galten
    Indes vertraute sie es großen Kotterieen junger Mädchen dass Eiche ihr einen
Heiratsantrag gemacht hätte Falk erzählte es dem Departement bei welchem er
angestellt war und Eichens Gedicht lief in Abschrift umher ehe noch der
redliche arglose Mann eine bestimmte Antwort erhalten hatte Endlich bat er in
den feinsten Ausdrücken um eine solche Dies bewog Julchen der Sache früher
als es ihr Wille war ein Ende zu machen Karoline bat sie aufs rührendste
nicht übereilt zu handeln ich drang mit größter Zärtlichkeit darauf dass sie
uns alle durch einen vernünftigen Entschluss glücklich machen möchte aber
vergebens  Sie gab Eichen einen förmlichen Korb versicherte wie die Mädchen
denn immer wortreich sind wenn sie einen dummen Streich beschönigen wollen sie
schätze ihn ungemein hoch sie würde untröstlich sein wenn er aufhörte sie mit
seiner Freundschaft zu beglücken aber in ein näheres Verhältnis mit ihm zu
treten sei ihr schlechterdings unmöglich Warum könne sie nicht sagen 
Wahrscheinlich weil sie es selbst nicht wusste Mit diesem Gänsegeschnatter wurde
einer der würdigsten Männer abgefertigt Was die eitle Törin und ihr elender
Ratgeber gehofft hatten geschah nicht Sie glaubten er solle nun noch lange
winseln flehen und so des übermütigen Geschöpfes Triumph recht vollständig
machen allein acht Tage nachher schrieb er mir mit einer Ruhe die seiner
würdig war die liebliche Täuschung sei vorüber  Julchen liebe ihn nicht 
die so lange freundlich genährte Hoffnung sei dahin  sein Herz fühle die
Lücke aber ihr Glück läge ihm mehr als sein eigenes auf der Seele doch besorge
er sie sei nicht auf dem rechten Wege es dauerhaft zu gründen Jetzt wäre es
ihm Pflicht das teure Bild aus seinen Herzen zu verwischen Heiraten würde er
nun vielleicht nie Diesen Entschluss müsse er um so eher fassen da er durch
einen Todesfall in seiner Familie zu Pflichten der Mitteilung aufgefordert
würde Er bat mich ihn mit meiner Freundschaft zu trösten und zu unterstützen
wenn ich je Rückfälle einer unglücklichen Neigung bei ihm bemerken sollte
usw
    Jede Zeile dieses Briefes grub sich in mein blutendes Herz wie mit
Dolchstichen Ich ärgerte mich dass er die Sache so gleich aufgab und
beschuldigte ihn der Fühllosigkeit Dann konnte ich ihn auch wieder meine
Hochachtung nicht versagen dass er sich nicht wegwarf nicht den verliebten
Seufzer machte und sich einen zweiten Korb holte aber auf das Mädchen fiel
mein ganzer Unwillen Wohl ihr dass ich sie nicht bei mir hatte  Ich wollte
sie mir holen wollte sie mit Gewalt ihrem verführerischen Umgange entreißen
und sie durch anhaltende Tätigkeit zahm machen möchte sie auch dabei zu Grunde
gehen In meinem Unwillen wünschte ich sogar dass ihr sie zur Närrin machendes
Gesicht durch irgend einen Unfall entstellt werden möchte Unglücklicher Weise
ließ ich gegen meine Frau etwas von Zuhausenehmung der Tochter fliegen das zog
mir ein anderes Ungewitter über den Hals und ich dessen Gefühl man schon so
mürbe gemacht hatte war endlich noch froh dass nur alles beim alten blieb und
meine Frau wieder besänftigt wurde
    Die junge Dame in der Stadt bekam einen derben Verweis denn den musste sie
wenigstens haben da sie mir einen Plan vereitelte auf den die Freuden meiner
alten Tage berechnet waren Nun hielt sies für nötig ihr törichtes Benehmen
in dieser Sache allenthalben wo sie hinkam zu beschönigen und in
Teegesellschaften rechtfertigen zu lassen Hin und wieder fanden sich
vernünftige Frauen welche wenigstens die Art ihres Benehmens tadelswert
fanden aber die Mädchen selbst die jüngsten Gelbschnabel hatten insgesamt
Ursachen zur Verteidigung ihres Mitgänschens anzuführen »Er soll immer nach
Taback aus dem Munde riechen« sagte eine »Er hat ihr im Leben noch nicht die
Hand geküsst« eine andere »Ich weiß es aus zuverlässigen Nachrichten dass sie
neulich in einer Gesellschaft ihr Strickknäuel fallen ließ wo er dabei saß und
sie sich selbst danach bücken musste« erzählte eine dritte »Sie tanzt gern und
gut das müsste sie als Predigerfrau auch aufgeben« lispelte eine vierte hinzu
Madame Brennfeld war der unmassgeblichen Meinung das Mädchen habe ganz recht
Eiche sei ein trübseliger Teologe der über und über nach alter Ortodoxie
rieche Julchen habe doch nun schon hellere Begriffe bekommen und könne daher
mit ihm auf keine zufriedene Ehe rechnen
    Der armen Karoline widerfuhr die Kränkung dass der Tadel den das Mädchen
verdiente zum Teil mit auf sie fiel denn ihre Gutmütigkeit duldete keine
nachteilige Urteile über Julchen so sehr sie selbst mit ihrem Betragen
unzufrieden war und so viel Achtung sie für Eichen hatte Die Welt glaubte in
ihr Julchens Ratgeberin und Vertraute zu sehen und tadelte sie mit Bitterkeit
selbst diejenigen die den Leichtsinn meiner Tochter witzig fanden So
parteiisch und inkonsequent urteilt meistens der große Haufen dessen Meinung
wir oft die Ruhe unsres Lebens aufopfern
    In der ersten Aufwallung war ich selbst unbillig genug ihr Vorwürfe zu
machen Sie beantwortete sie sanft und sagte sie leide selbst viel dabei und
habe nun den Verdruss dass Eiche ihr Haus meide um Julchen nicht zu sehen Über
Julchen schrieb sie mir sie wage es kaum etwas Entscheidendes über ihren
Charakter zu sagen sie besorge aber in der Tat, dass sie nur durch herbe
Prüfungen von der Bahn des Leichtsinnes und der Zerstreuung zurückgebracht
werden könne Doch Sie hören vielleicht lieber Karolinens eigene Worte hier ist
ihr Brief
    »Ich bin noch zu jung und zu weich von Natur als dass ich mir ein
zurechtweisendes Ansehen geben könnte wenn ich vergebens bitte und rate
Julchen will ihre natürlichen und erworbenen Talente nicht gern in der
Abgezogenheit vergraben Mein Mann führt sie in Konzerte und andre öffentliche
Lustbarkeiten und sie knüpft Bekanntschaften mancher Art bei welchen sie nur
auf die Stimme des Vergnügens horcht Darunter sind einige junge Frauen die
sich schämen würden wenn sie im Verdacht ehelicher Treue ständen und um sich
recht fest in ihrem Rufe zu setzen sich allenthalben mit den Männern andrer
Frauen zeigen  Gegenwärtig ist Julchen dabei eine Rolle zu einem Schauspiel
auf einem Privatteater zu lernen Ich habe es ihr auszureden gesucht indem ich
Ihre Missbilligung lieber Onkel ihr zu beherzigen gab Sie sagte es sei zu
spät zurückzutreten ich möchte Ihnen nichts davon schreiben künftig solle es
nicht wieder gegeschehn So ganz darf ich es ihr nicht verargen wenn sie nicht
so eingezogen wie ich zu leben wünscht denn ich fühle mich nicht stark genug
mit dem großen Strome zu schwimmen und darf und will andern meinen Sinn nicht
aufdringen Indes wäre zu wünschen dass Julchen ihre Gesellschaften wenigstens
mit mehr Auswahl aufsuchte Mein Mann ist denk ich in der Tat darin ein
wenig wunderlich und will sich nichts einreden lassen Sonst war er gern zu
Hause und wir verlebten manchen schönen Abend bei einem guten Buche oder bei
traulichen Gesprächen jetzt hat er sich aber dadurch dass Julchen Unterhaltung
finden soll so in Gesellschaften verwickelt dass ich ihn wenig mehr sehe viel
weniger zum Gespräch mit ihm komme Wäre unsre Ehe nur mit einer einzigen süßen
Hoffnung gesegnet so würde diese das Band zwischen mir und meinem Karl fester
knüpfen«  
    Was das gute Weib mir nur wie durch einen Nebel zeigte verstand ich erst
da die unselige Entwicklung nicht mehr zu hintertreiben war was ich aber davon
fassen konnte brachte mich so außer Fassung dass ich mich auf der Stelle
entschloss meine Tochter aus der Stadt zu holen und sie bei meinen
Schwiegereltern unterzubringen weil meine Frau sie durchaus nicht um sich haben
wollte Die Anstalten zu meiner Abreise betrieb ich mit großem Eifer ob ich
mich gleich sehr krank fühlte und Fieber und Krampf durch meine Nerven wühlten
Meine Frau widerriet mir die Reise sie sah mit Schrecken wie bleich und
schwankend ich umherging aber ich dachte es durchzusetzen Als ich den Wagen
bestieg fiel ich in Ohnmacht und als ich wieder daraus erwachte rasete ich
und kannte keinen der Umstehenden Die Krankheit nahm bald überhand und dauerte
bei zwei verschiedenen Rückfällen gegen vier Monate Meine Söhne warteten und
pflegten mich Fritz der ehrliche Tischler wollte seine Schwester holen wenn
man aber das Mädchen nur nannte wurde mein Zustand so heftig dass es keiner
wagte mich sie sehen zu lassen Gleich zu Anfange meiner Krankheit hatte sie
folgenden Brief an Marianen geschrieben
    »Sie antworten mir nicht beste Mariane Was ist das  Haben Sie mich
vergessen so muss ich Sie wohl an Ihre Juliette erinnern und Ihnen einiges von
ihrer gegenwärtigen Lage mitteilen
    Den verdrießlichen Freier habe ich geschwinder abfertigen müssen als ich
wollte Darüber ist mir mein Vater entsetzlich hart begegnet so dass ich wenn
ich die Eingebungen der Stiefmutter dazu nehme glauben muss er hasst mich Diese
Vorstellung hat für mein Herz eine wirklich versteinernde Kraft Indes würde ich
mir doch in einem andern Falle Gewalt angetan haben mich seinem Willen
aufzuopfern aber hier  Lieber mag er mein Leben fordern als diesen Beweis
meines Gehorsams Mein Herz ist in Ansehung dieses Mannes statt und kalt er ist
nicht der der meine ganze Seele füllen kann Seine Begriffe vom Einklange der
Herzen und inniger Seelensympatie schmecken nach Theologie Anwerben und
hinterdrein gleich heiraten  Das ist ordentlich fürchterlich Obendrein ist
er so jämmerlich bescheiden dass er blutrot werden konnte wenn ihn von
ungefähr auch nur mein Handschuh berührte  Unserm Geschlecht kann diese
strenge Sittsamkeit zuweilen zur Verschönerung dienen aber einem Manne steht
sie in meinen Augen gar nicht an und setzt ihn herab Nicht wahr Liebe
    Ich wüsste wohl einen den mein Herz mit innigster Liebe umfassen könnte der
meine ganze Seele füllen würde hielten nicht unselige Bande   Wie grausam das
Geschick Seelen trennt die es doch für einander geschaffen hat sagte Falk
gestern bei einer gewissen Veranlassung  Der Schöpfer sollte nicht hart und
ungütig sein wenn er anders sich überhaupt um uns bekümmert  Karoline ist
eine fromme andächtige Seele gleich fährt ihr Herz ängstlich zurück wenn sie
Religionsspott ahnt was sie nämlich so dafür hält Falk ist nun einmal ein
loser lieber Mann Er zog sie letzthin mit ihrem frommen Eifer auf und war so
witzig dass ich wider Willen mitlachte Da machte die Frau ein jämmerliches
Gesicht über das andre und rief mit einer an ihr ungewöhnlichen Stärke Auch
diese Gattung von Leichtsinn schon aufgenommen O Julchen möchte doch Gott Ihr
Herz in seine Hand nehmen Sie sind auf bösem bösem Wege Sie Arme  Ich kann
nicht leugnen dass mir ihr andringender Ton auffiel und ich ihr vielleicht
etwas trotzig zur Antwort gab Das Kousine überlassen Sie nur getrost meinem
eignen Gewissen denn vermutlich werde ich für mich selbst Rechenschaft geben
müssen Ich schämte mich ein wenig als sie mir darauf die Hand freundlich mit
den Worten darreichte Nicht böse liebes Mädchen ich hatte nichts Arges im
Sinn Das hat die gute Seele freilich niemals aber dem ungeachtet stehen wir
seit der Zeit auf einem feierlichen Fuße mit einander und was mir sehr lästig
ist sie sieht mich zuweilen mit Tränen im Auge an Dann zieht sich mein Herz
wider Willen ängstlich zusammen und es jammert mich die arme Frau Das muss doch
Hypochondrie sein Denken Sie nur Mariane des Morgens betet sie oder ist doch
zu andächtigen Betrachtungen eine halbe Stunde für sich Um dies zu können
steht sie von allen im Hause am frühesten auf Nach Tische läuft sie wieder in
ihr Kabinet und bleibt einige Minuten still für sich Anfangs als ich noch
vertrauter mit ihr war fragte ich sie was sie nach Tische immer allein täte
Sie gestand dass sie sich einige Minuten sammle und Gott um Mut und Kraft zur
Erfüllung auch der schwersten Pflichten zu welchen sie etwa aufgefordert werden
könnte bäte Wird Ihnen Ihre Bitte gewährt fragt ich Die Vorstellung dass
der Urheber meines Daseins um mich weiß dass ich ihm mein Anliegen vortragen
kann gibt mir ein Bewusstsein das mir zum großen Segen wird Ich weiß nicht
wie mein schwaches weibliches Herz manchen Kummer tragen würde wenn mich der
Gedanke an einen allsehenden Wohltäter meiner armen Menschennatur nich stärkte
 Sie riet mir mein Herz dem Gedanken an Gott ja nicht entfremden zu lassen
Die Religion zu der wir uns bekennen  fuhr sie fort  ist ein fester
Pfeiler da hingegen die Philosophie wie unsre Modedamen sie treiben nur ein
Spazierstöckchen ist Bei guten weit umfassenden Köpfen mag sie eine innere
Kraft sein die ein wohltätiges Licht auf dem Lebenswege verbreitet aber bei
mittelmäßigen und Weiberköpfen ist sie nur Behelf sich den nähern Pflichten
einer positiven Religion zu entziehen  Sagen Sie selbst Mariane kann ein
junger munterer Mann wie Karl mit einer solchen Andächtlerin einer so
ernstaften Person glücklich sein 
    Meine Brüder melden mir dass mein Vater krank ist Gern wäre ich bei ihm
aber die ewigen Vorwürfe schrecken mich ab Er mag wohl sagen es ist alles
eitel er hat von allem gekostet Und doch würde ich mich über seine Strenge
wegsetzen wenn meine Stiefmutter sich artiger gegen mich betrüge Unmöglich
kann ich ihr den ersten Besuch geben Ich bin kein Kind mehr und es ist wohl an
ihr mich aufzusuchen
    Mir fällt zuweilen ein Sie könnten wohl krank sein und dann schaudre ich
vor Schreck zusammen Ich wäre untröstlich auf den Flügeln der heißesten Liebe
würde ich zu meiner innigstgeliebten Mariane eilen Reissen Sie mich doch je eher
je lieber aus der Angst usw«
    Hören Sie wohl lieben Freunde wie Julchen sich über ihren todtkranken
Vater ausdrückt Wie sie die Abneigung gegen seine Warnungen und gegen ihre
Pflicht mit einem kindischpreciösen Wesen entschuldigt wie sie ihr Herz
geflissentlich gegen ihn verhärtet wie warm hingegen und mit welcher
Herzlichkeit sie über Marianens mutmassliche Krankheit spricht Ein eigener
karakteristischer Zug unsrer Zeit die nahe liegenden Pflichten mit Füßen zu
treten und sich entferntere selbst zu schaffen bei deren Erfüllung der
Eitelkeit geschmeichelt wird seine Freunde in Europa zu verstoßen um in
Amerika zum Wohl der Menschheit mitzuwirken  Freilich muss man an diese heißen
Freundschaften nicht immer glauben die aufgenommene Kraftsprache drückt sich
oft etwas zu genialisch aus Einige Dichter wollten es so und die prosaische
Welt findet sich im Nachlallen schön und schmuck Aber es tut doch weh  Auf
der einen Seite ein todtkranker so herzlicher liebevoller Vater auf der
andern eine neugeknüpfte Bekanntschaft Und welche Bekanntschaft Guter Gott
ich dachte ich hätte es vergessen 
    Grüntal seufzte tief und ließ seinen Kopf schwermütig in seine Hand
sinken  Nach einer Weile sagte er matt hier ist Marianens Antwort
»Ja Juliette ich bin krank und zwar sehr ernstlich Dieser Zustand ist mir
äußerst neu Mich wundert dass Sie es nicht wissen ich habe doch einen Arzt aus
der Stadt holen lassen Freilich für die Stadt bin ich längst tot sie ist
eine leichtsinnige undankbare Freundin im Wohlstande lächelt sie ihrem Anbeter
zu und bei Schmerz und Krankheit zieht sie sich zurück
    Das Schreiben fällt mir sehr schwer auch hat der Arzt es mir verboten aber
es wäre schon ein herber Vorschmack des Todes wenn ich mich nicht mehr mit der
einzigen Freundin gegen die ich mein Herz darf reden lassen unterhalten
sollte Julchen liebstes Julchen Krankheit ist ein sehr nachdrücklicher
Lehrer Ich habe diesen so oft wiederholten Gemeinspruch nie recht verstanden
jetzt wird er mir in seiner ganzen fürchterlichen Bedeutung erklärt Julchen
wenn ich dürfte wenn es mich grade nicht zu schlecht kleidete ich würd Ihnen
sagen lassen Sie sich durch mein Beispiel warnen Ach ich achte der Lehre zu
spät
    Dieser ernste Ton der für diesmal nicht Persiflage ist muss Sie
erschrecken  Ach Julchen in dieser Stunde in der sich mein ganzer
trostleerer Zustand fürchterlich deutlich mir vor die Seele drängt kann ich
nicht mehr Ich sein Wenn in einzelnen Minuten die Phantasie mir ihre bunten
Bilder einer hellen Zukunft vorzaubert dann spott ich des Grabes und versetze
mich aufs neue in jene frohen Szenen welchen ich meine Gesundheit aufopferte
Meine Lage ist sonderbar schwankend
Nachmittag um 4 Uhr
    Was ich diesen Vormittag geschrieben habe ist alles närrisches
melancholisches Zeug Ich war so engbrüstig und hutte viel Blut ausgeworfen da
wähnt ich mich schon an der schwarzen Pforte des Todes Noch dazu war ich drei
Tage hindurch ganz allein gewesen und hatte niemanden gesehen als den alten
Pfarrer der wohl glauben muss es gehe mit mir zu Ende Jetzt habe ich lieben
Besuch aus der Nachbarschaft gehabt  Ich ließ mir einen Spiegel geben Gott
behüte wie seh ich blass und verfallen aus Ist das die Schönheit die uns so
viel Wert geben soll  Schick mir geschwind ein Bonnet eins das verdeckt
ohne zu vergrässlichen Hörst Du Mit den Koeffüren will es nicht recht fort
    Nun wirst Du allerdings auch wissen wollen was es mit mir gegeben hat und
wie ich in einen so ungewohnten Zustand geraten bin Hör an und merke Dirs
Das Maskenkleid hast Du gesehen und wirst also erraten haben dass es in meiner
Nachbarschaft einen Ball geben sollte Du hast keine Idee welchen trefflichen
Effekt meine Figur in dieser Kleidung machte Ich gefiel mir und gewiss auch
andern Es war ungemein viel Gesellschaft da Ich nahm mir vor ohne Rückhalt zu
wirken alle die Landschönen weit hinter mir zu lassen und es gelang mir auch
über Erwartung Du kennst mich wenn ich einmal ans Tanzen komme Sie mussten mir
alle weichen und vergingen vor Neid denn wie die Sonne zog ich alles an mich
Die übrigen saßen da wie abgelebte Jungfern Verzweiflung in Haltung und Miene
Sie hätten mich jammern können die armen Geschöpfe wären sie nicht auch zu
ihrer Zeit wenn sie ihrer Meinung nach Geringere vor sich haben unverschämt
und arrogant
    Als eine Pause ich weiß nicht wodurch eintrat sprang ich auf mit dem
Wesen das Du kennst riss ich mir einen aus dem Kreise meiner Bewunderer heraus
und kreiselte mit ihm im raschen Walzer bis die Wände um mich her tanzten und
das Bewusstsein mir verging Ich stürzte ohnmächtig hin und erholte mich erst
als ein gewaltiger Blutsturz mir Luft machte Es war ein grausenvoller
Augenblick Julchen grässlich grässlich Tod und Verzweiflung schwebte vor mir
kalter Schweiß floss von der Stirn die Augen dunkel Gesaus und Geläut vor den
Ohren in der Seele Schrecken des Todes   Ach Julchen das kecke das
mutwillige Herz war ganz gebrochen Fürchterlich sich ans Grab hingetanzt zu
haben hier alles zurückzulassen und nichts zu besitzen was man dorthin
mitnähme O Julchen Julchen ich muss es aus dem Sinne haben oder ich winsele
wieder wie heut früh Doch dringt der Wunsch sich mir wider meinen Willen auf
wär ich doch was ich bei Dir wegspöttelte Liebes Julchen Sie waren ein
frommes gutes Mädchen als Sie zuerst zu uns kamen Sie könnten es noch sein
wenn Sie bei den Ihrigen geblieben wären Ich habe leider nie Eltern gekannt
sie übergaben mich von der Geburt an fremden gedungenen Händen durch welche
meine beiden ersten Lebensjahre verwahrloset wurden Damals herrschte unter dem
Adel mehr als jetzt die unselige französische Sitte die Kinder außer dem Hause
säugen zu lassen Ich hatte meine Mutter kaum kennen gelernt als sie mich
wieder von sich stieß und mich einer französischen Pension übergab Man
bemerkte bald dass Unreinlichkeit und Hunger meiner physischen Ausbildung
hinderlich wären und nahm eine Französin ins Haus Sie war ein hübsches
leichtsinniges Mädchen meine Mutter glaubte Ursache zur Eifersucht zu haben
und hieß sie wandern Ich blieb dann eine Zeitlang den Domestiken überlassen
spielte mit den Knaben die zu meinem Bruder kamen und gab früh genug
Gelegenheit zu Bemerkungen welche den Vorsatz mich in strengere Zucht zu
geben beschleunigten Ach Julchen zum erstenmale in meinem Leben dünkt mich
ich sollte besser sein die Leere in Kopf und Herzen ist fürchterlich Wenn man
nun so da liegt und sich auf sich selbst verlassen soll Ach mein Julchen
komme ich wieder auf und ich habe mich mit meinen Gemahl ausgesöhnt  denn das
habe ich dem Himmel angelobt  so will ich gewiss selbst Mutter sein wenn ich
Kinder habe Da kommt der Arzt ihn darf ich nicht sehen lassen dass ich
schreibe«
Der Prediger des Orts fügte diesem ununvollendeten Briefe folgendes Blatt bei
    »Frau von L ist durch einen abermaligen heftigen Blutsturz außer Stand
gesetzt worden Ihnen meine werte Demoiselle den Brief von ihr selbst
beendigt zu überschicken Sie hat es mir aufgetragen Ich soll Sie zugleich
ersuchen ihr in ihrem wahrhaft trostlosen Zustande beizustehen Ich trete
dieser Bitte von ganzem Herzen bei Ein unvorsichtiger Dienstfertiger hat ihr
die Nachricht hinterbracht dass sich ihr Bruder in H erschossen habe als er
der Obrigkeit in die Hände fiel weil er einen beleidigten Ehemann dessen Frau
er verführt im Duell getötet hatte und sich vor Schulden nicht mehr zu retten
wusste  Seit dieser Nachricht hat der Arzt alle Hoffnung zum Aufkommen der
gnädigen Frau aufgegeben Gott erbarme sich der armen Dame Sie ringt nach
Trost den ich ihr vergebens darreiche Wie könnte sie sich auch die frohen
Hoffnungen einer Religion zueignen die sie ihr ganzes Leben hindurch verlacht
hat Ihre Seele ist für kein frommes Gefühl empfänglich Bei der sichtbaren
Auflösung ihrer Kräfte schaudert sie trostlos in martervoller Ungewissheit
zurück Sie betet und ängstigt sich dann dass sie mit den Worten die ich ihr
vorsage keinen Sinn verbinden kann Nie nie habe ich einem traurigeren
Krankenlager beigewohnt Mein Herz blutet in mir Herr geh nicht ins Gericht
mit ihr Wer wird bestehn wenn Du willst Sünde zurechnen 
    Vor einer Stunde rief sie mich an ihr Bette Sie lag mit gefalteten Händen
Ich musste mich zu ihr hinabneigen denn ihre Stimme ist schwach und gebrochen
Lieber guter Mann  sagte sie  ich glaube Ihnen ich habe es sonst schon
gehört dass die Religion kein leeres Wortgepränge ist Dass ein Gott sei glaubte
ich immer aber ich dachte ungern an ihn und wenn es flüchtig geschah so war
es unter seltsamen verworrnen Begriffen Ach ich glaubte es sei noch Zeit
genug an ihn zu denken wenn ich aufhörte jung zu sein wenn die Welt mich
verliesse Jetzt jetzt lieber Mann denke ich an Gott aber seine Schrecken
haben meine Seele ergriffen Er wird mich verstoßen Sagen Sie sagen Sie 
rief sie fast brüllend  wird er Ich sagte ihr was ich unter solchen
Umständen für das Schicklichste hielt Mein Herz war durch ihren dringenden Ton
in welchem wilde Verzweiflung lag im Innersten zerrissen Sie wagen es nicht
mir Gnade zu versprechen  fing sie erschöpft an  sagen Sie sagen Sies nur
ich bin verworfen Sie weinte händeringend und versank dann in stilles
Nachdenken Bald nachher begann sie in einem Selbstgespräch mit erschöpfter
Stimme ach dass ich von dem ärmsten Bauer geboren wäre jetzt wäre ich gesund
und litte nicht diese Höllenqualen Arme Grüntal auch Dich zog ich mir nach
Die schreckliche entscheidende Stunde ist da  rief sie nach einer Weile
richtete sich im Bette auf und sah fürchterlich wild um sich  betet betet
alle alle alle  Ich rief den Arzt dem es gelang sie zu beruhigen und bald
verlangte sie nach Ihnen und ihrem Gemahl Von ihrem Vater will sie nicht hören
er hat ihrer Aussage nach an ihrem Elende Schuld Jetzt hat sie Kaffee
verlangt und  ach dass ichs sagen muss  sie spottet des Todes und
verbietet mir den Zutritt weil wie sie sagt meine traurige Gegenwart sie auf
Schreckbilder führt und ihre Phantasie verwildert Sie würden sehr wohl tun
liebe Demoiselle wenn Sie Ihre sterbende Freundin besuchten Das Sterbebette
derselben wird gewiss einen recht gesegneten Einfluss auf die Festigkeit Ihrer
christlichen Gesinnungen haben usw«
    Julchen flog auf den ersten Wink zu ihr Kaum nahm sie von Karolinen
Abschied Für mich hinterließ sie einen trockenen Zettel der mir übergeben
werden sollte wenn ich anfinge mich zu bessern Er enthielt nur Worte und
Komplimente die das Vaterherz von einer nur zu geliebten Tochter zu tief
verwundeten als dass ich sie wiederholen könnte Herr von L weigerte sich
standhaft Marianen noch einmal zu sehen Er würde sich vielleicht entschlossen
haben ihrer Bitte zu willfahren  denn hassen konnte er so wenig als lieben
dazu sind diese Weltmenschen meist zu karakterlos  aber es wäre eine
Unterbrechung seiner Freuden gewesen hätte ihn vielleicht traurig machen und
einen störenden Rückblick auf sich selbst veranlassen können Auf Erden war ihm
nichts verhasster als Traurigkeit und so versagte er der Person die er so sehr
geliebt hatte den Trost den er ihr schlechterdings schuldig war Sie starb
ohne ein Wort der Versöhnung von ihm zu hören
    Nach einigen Monaten wich die Krankheit von mir aber meine Nerven waren so
geschwächt dass ich nur wenige Personen um mich leiden konnte Der leiseste
Fußtritt schien mir zu hart die bedächtlichste Bewegung zu jähe Alle
Vorstellungen der letzten Ereignisse vor meiner Krankheit waren wie weggewischt
aus meiner Seele Mit desto frischeren Farben mahlte dagegen meine Imagination
die Bilder meines vormaligen glücklichern Zustandes mir vor besonders die Jähre
meiner ersten Ehe Mit kindischem Behagen hing ich an Kleinigkeiten welche mir
damals wert gewesen waren ich konnte ein Glas eine Tasse stundenlang
betrachten und eben so war auch das Bild meiner ehedem so guten und
unschuldigen Tochter in mir aufgelebt Ich führte mir selbst Veranlassungen
herbei wodurch ich Gelegenheit bekam ihren Namen recht oft zu nennen
Schlummernd streckte ich meine Hände nach ihr aus und fuhr auf wenn ein Wagen
kam weil ich mir vorstellte sie würde mich liebevoll überraschen wollen In
jedem Gesicht suchte ich Nachricht von ihr und zürnte wie ein Kind wenn ich
mich getäuscht fand Sehnsuchtsvoll war mein Auge unablässig auf die Tür
gerichtet wo ein Brief hereingebracht werden konnte Endlich sagte meine Frau
es wäre gleich zu Anfange meiner Krankheit einer von ihr angekommen Es war der
eiskalte dessen ich schon erwähnt habe Wie unbefriedigend für so heiße
Erwartung wie kalt und unkindlich sie über meinen Zustand spricht wie
gezirkelt und geziert  Voll Widerwillen warf ich den Brief auf die Seite nahm
ihn hundertmal wieder vor und suchte endlich im Umschlage ob ich da nicht noch
ein tröstlicher Wort fände Mir entfuhren Klagen darüber in Gegenwart meiner
Frau so behutsam ich sonst auch darin gewesen war »Es ist noch ein anderer
Brief da« sagte sie unbesonnen herausfahrend »den soll ich Dir aber erst
geben wenn Du völlig genesen sein wirst« Von Julchen rief ich hastig gegen
sie hinfahrend »Ihre Hand ist es nicht« sagte sie »Du musst Dich aber
gedulden denn es steht ausdrücklich auf dem Umschlage dass Du den Inhalt nicht
eher wissen darfst bis Du völlig wieder hergestellt bist« Der Brief war auch
wirklich in einen Umschlag an Fritz und enthielt diese Weisung Nun stellen Sie
sich leicht vor dass ich nicht eher Ruhe hatte bis ich den traurigen Brief halb
erbettelt und halb erscholten hatte Ich erkannte sogleich Karolinens Hand Mein
Herz klopfte als wollte es aus seiner Höhle und meine Hände zitterten so dass
ich das Siegel kaum erbrechen konnte Hier ist er seiner ganzen Länge nach
    »Bester Onkel Sie werden hoffentlich weder den Entschluss von dem ich Ihnen
jetzt Nachricht geben will noch die Empfindungen die ihn veranlassten
überspannt finden wenn ich Ihnen eine treue Darstellung meiner oder besser
unsrer Lage werde vorgelegt haben Da Sie selbst mich sonst schon die Besonnene
zu nennen pflegten so werden Sie es jetzt meinen reifern Jahren nicht
zutrauen dass ich mich durch einen raschen Entschluss um diesen Namen sollte
bringen wollen Doch Ihre Erwartung muss nun aufs höchste gespannt sein ich
verschone Sie mit einer umständlichern Einleitung und beginne mit der
Geschichte der letzten Monate die ich Ihnen  vielleicht aus strafbarer
Weichlichkeit  verschwieg welches ich mir aber aus Selbstgefälligkeit als
kluge Schonung anrechnete Ich hoffte durch eine lange Unterdrückung meines
leidenden Gefühls das alte schicklichere Verhältnis wieder herzustellen duldete
und schwieg da wurden aber meine Leiden größer als meine Kräfte Ich kämpfte
manchen bitteren Kampf und warf mich endlich in meiner Not dem allgütigen
Tröster in die Arme Die Überlegung dass diese Leiden gewiss zu meiner Erziehung
für einen vollkommnern Zustand nötig seien beruhigte mich nach und nach und
das Ende aller meiner heimlichen Kämpfe und Gott gebe auch meiner Leiden war
der Entschluss der jetzt fest und unbeweglich vor meiner Seele steht meine nun
fürs ganze Leben gekränkten Rechte einer Geliebtern abzutreten«
    Sie können sich vorstellen lieben Freunde unterbrach sich hier Grüntal
dass diese Vorrede die mich auf etwas Außerordentliches und Unerwartetes
vorbereiten sollte mich fast vernichtete Doch schlüpft ich leise darüber weg
um nur das Wesentliche zu erfahren
    »Ich gestehe« fährt Karoline fort »dass mir als ich meiner Kousine mein
Haus anbot kein Schatten von einigem Misstrauen gegen ihr Betragen und meines
Mannes Grundsätze in die Seele kam Ich glaubte an seine Liebe weil ich die
meinige zu ihm kannte Vielleicht wäre ich auch nie aus dem süßen Traume geweckt
worden hätte nicht mein Karl Gelegenheit gehabt das was er für mich fühlte
was er wohl selbst für Liebe hielt mit der Leidenschaft zu vergleichen die ihm
der stündliche Anblick und Umgang mit einer jungen vollkommen schönen Person
einflößte Und diese junge Person mein Onkel wollte gefallen«
    Hier schildert nun meine Nichte die Fortschritte der gegenseitigen
Leidenschaft bei Beiden wie sie solche hat bemerken können  Der Brief ist
lang ich übergehe was dir zum Teil schon selbst haben bemerken können und
einige lebhafte Auftritte welche das Verhältnis anschaulich machen die Sie in
Julchens Briefe an Marianen gelesen haben
    »Gott weiß es«  schreibt nun die Nichte weiter  »dass mir nicht ein
Wörtchen nicht eine Klage die Unmut oder Bitterkeit verriet entfuhr Ich
duldete und schwieg Wenn etwas einem Vorwurfe ähnliches geschah so war es
lediglich meine sich immer gleichbleibende Liebe und Gefälligkeit im Umgange
Ich suchte keinen Vertrauten meines Kummers Sie wissen lieber Onkel dass man
dann sein Herz mit um so vollerm Vertrauen dem hingibt der allein aus der
Angst erretten kann Ihm übertrug ich meine Angelegenheit ich wage nicht zu
sagen mit Ergebung denn wenn mein Mund dies Wort aussprach widersprach mein
empörtes Herz und schauerte erschrocken bei der Vorstellung zurück dass
vielleicht mein ewiges Loos an der Trennung von dem Manne hängen könnte den ich
noch immer über alles liebte  Ich gestehe dass Julchen wirklich zurückhaltender
gegen meinen Mann schien als ich sie einst mit tausend Tränen gebeten hatte
dem unsäglich Schwachen auszuweichen Meine Lage wurde nur noch peinlicher denn
nun ließ er mich Julchens scheinbare Zurückhaltung entgelten und war herrisch
und auffahrend Sie vermochte nicht seinen Trübblick aufzuheitern sie näherten
sich einander noch mehr und von nun an wurde ihr Umgang von Tage zu Tage
inniger Mir begegneten sie mit kalter erkünstelter Höflichkeit die mir in die
Seele schnitt Doch blieb ich unerschüttert fest dem Vorsatze treu meines
Mannes Herz durch keinen Vorwurf von mir zu entfernen oder ihm durch mürrisches
Wesen einen Vorwand wider mich zu geben Ich weiß dass meine arme Mutter durch
sanfte Nachgiebigkeit und Geduld meines Vaters Herz sich wieder gewonnen hatte
Bei dem allen war ich mir und uns allen vor den Augen unsrer Bedienten die für
die Geheimnisse und Fehler ihrer Herrschaft nur zu scharfe Augen haben eine
Schonung und Behutsamkeit schuldig die meine Lage mir unendlich erschwerte
Dieser Zustand dauerte bald trüber bald erheiterter bis zu Julchens Abreise
zur sterbenden Mariane Den Abend vorher verschafte mir ein unvergesslicher
Auftritt jene traurige Aufklärung über die Gesinnungen auf die ich von Seiten
meines Mannes jetzt nur noch zu rechnen hatte
    Ich war mit Anstalten zu Julchens Reise beschäftigt denn ich nahm ihr immer
gern ab was sie ungern selbst tat Als ich damit fertig war suchte ich sie
wegen noch einiger Verabredungen in ihrem Zimmer auf Ich fand sie nicht Mein
Hausmädchen sagte mit schlauem bedeutendem Blicke Mamsell Grüntal ist bei dem
Herrn sie lesen wieder mit einander Ich unterdrückte den Unwillen der in mir
aufstieg und ging so gefasst als es mir nur möglich war dahin In meines
Mannes Arbeitszimmer waren sie nicht aber in dem anstoßenden Kabinette hörte
ich ihre Stimmen und  ja ich muss nur gestehen dass ich es tat  ich blieb
vor der Tür stehen Sie lasen wirklich Karl deklamirte ihr mit dem feurigsten
Ausdrucke in einer der Sache anpassenden Stellung eine Szene aus Götes
Stella vor Sie kennen den verführerischen Reiz des Ausdrucks in diesem Stücke
 Wechselsweise las Karl und Julchen Ich hatte vorher noch nie ihren Ton sich
so bis zur höchsten Leidenschaft erheben hören Sie saßen auf einem der Tür
gegenüberstehenden Sopha sich fest umschlingend  O mein Gott wie wankte
ich zurück wie weh tat dieser Anblick meinem armen Herzen das den
Leichtsinnigen nicht fassen konnte Sollte ich nun hineindringen die Falschen
beschämen oder den Ausgang dieses gefährlichen Auftritts abwarten Ich
entschloss mich zum letztern Wenn Karoline sagte der Liebhaber eines solchen
Opfers fähig wäre  Ach seufzte das liebetrunkene Mädchen lispelnd das kann
sie nicht wo schlägt ein Herz das sich zu einer solchen Selbstverläugnung groß
genug fühlte  Sie schmiegte sich enger an ihn ich sahs in einem
verräterischen Spiegel und nun eine Stille in der für mich Todesqual lag
Wenn ich nun Karolinen meine ganze Kälte meine Abneigung mit ihr zu leben
meine glühende Liebe für mein göttliches Mädchen etc blicken ließe auch dann
sollte sie mich nicht loslassen können glauben Sie es nicht Liebste  Nein
nein sie wird sie kann es nicht  O glauben Sie mir Teuerste das gute
Weib liebt mich zu innig als dass sie sich meinem wahren Glücke in den Weg
stellen sollte Ihre Begriffe von Edelmut und Heldentugend sind zu romantisch
gespannt als dass sie sich nicht zu dieser Höhe sollte erheben können  Ja
besonders wenn sie erst ein paarmal Betstunde gehalten hat sagte Julchen höchst
bitter  O wahrlich dies dies verdiente ich nicht um sie mein Onkel dies
verwundete mein Herz in seinem edelsten Teile Ich erlag fast und wie in
weiter Ferne tönten mir die Versicherungen ihrer strafbaren Liebe ins Ohr Ich
vergoss die bittersten Tränen die ich in meinem Leben geweint habe
    Es wird Sie in Erstaunen setzen lieber Onkel dass ich Mut genug hatte
einen solchen Auftritt auszuhalten  Ungewöhnliche Vorfälle geben der Seele
ungewöhnliche Kräfte so wie auch die physischen Kräfte bei gewaltsamen
Zumutungen des Schicksals sich auf einen wirkenden Punkt konzentriren und oft
wundervolle Stärke äußern Ich würde aber schwerlich im Stande sein Ihnen die
wild durch einanderlaufenden Vorstellungen und Entschlüsse dieses Momentes
auseinanderzusetzen Leidenschaften stark wie ich sie zuvor nie in mir bemerkt
hatte erhoben sich in meinem Innersten und wurden von ganz entgegengesetzten
verdrängt Jetzt da ich die ganze schmerzliche Szene noch einmal durchempfunden
habe fühl ich hell und bestimmt was zu der Zeit dunkel in mir aufstieg dass
ich mir weiter kein Glück in der Verbindung mit einem Manne versprechen dürfe
dessen Herz mich entschieden aufgegeben habe und für eine Andere schlüge
Überraschung der Sinnlichkeit hätte ich der schwachen Menschlichkeit verziehen
aber einen durchdachten Plan Ich sah eine Zukunft voll der bittersten Leiden
und anhaltender Kämpfe voraus wenn ich mich seinen Absichten widersetzte also
ein Kampf für tausend die ich vielleicht in der Folge nicht immer bestehn
würde Oder sollt ich ruhig seiner Wiederkehr warten zufrieden sein mit dem
Teile seines Herzens welcher der Hausfrau bliebe wenn irgend Krankheit oder
Unfall ihn der Geliebten gleichgültig gemacht hätte  Sein Glück ist mir
teurer als mein eigenes ich will ihm das Opfer ruhig und freiwillig bringen Er
gehöre der Geliebteren Ich wagte aber nicht den im Tumulte so mannichfacher
Leidenschaften gefassten Entschluss auszuführen bis er durch öfteres Beschauen
und kaltes Betrachten zu besserer Reife gediehen war Doch er siegte in allen
Prüfungen und jetzt erwartete ich nur eine schickliche Gelegenheit um ihn den
Hauptpersonen mitzuteilen Sie ereignete sich einige Wochen nach Julchens
Abreise
    Mein Mann war nicht zu Hause als ein Brief von Julchen an ihn ankam Ich
unterlag der Versuchung ihn zu lesen nicht denn nun stand es deutlich vor
mir dass ich ihn zur Ausführung des Plans nützen könne der bis zum Erkranken
meiner physischen Kräfte in mir arbeitete Nach Tische pflegte mein Mann in
seinem Zimmer zu arbeiten ich ging zu ihm gab ihm den Brief und beobachtete
ihn dabei so ruhig als möglich Er ward über und über rot es versetzte ihm den
Atem er zitterte besah das Siegel und legte ihn hin Nun es ist schon gut
Frauchen sagte er und tat als wolle er fortarbeiten  Ich ging zur Tür und
blieb stehen Er sah sich gebückt wie er saß nach mir um und sagte etwas
ungeduldig Nun Ich sagte in einem vielleicht wankenden Tone  denn seine
Betroffenheit richtete meinen sinkenden Mut auf  ich dachte der Brief sei
von Julchen und da wüsst ich doch gern wies ihr geht Von Julchen sollt er
sein sagt er den Kopf schüttelnd als hätt ers nicht gleich gesehen hm  
Erbrich ihn doch lieber Karl er ist gewiss von ihr  Nun musst er wohl aber
nur mit flüchtigen Blicken durchlief er ihn ich bin gewiss er fasste kein Wort
von dem Inhalte Die Hände zitterten ihm er erblasste Weiter wollt ich die
Rache nicht treiben ich trat vor ihn hin und da ich meiner Stimme Festigkeit
genug zutraute nahm ich seine Hand mit der wahrsten Gutmütigkeit und sah ihm
mitleidig ins Auge denn sein Zustand in welchen ich mich ganz versetzte ging
mir tief zu Herzen Dann sagt ich lieber lieber Mann glaubst Du dass ich
Dich mehr wie mein Leben mehr wie mein irdisches Glück liebe Ich schlang
meinen Arm um ihn Er sah mich verwundert an die Frage was das werden sollte
schwebte auf seinen Lippen doch fragte nur sein Auge Jetzt legte ich ihm unser
verstimmtes Verhältnis rein und deutlich vor er unterbrach mich nur selten
bewunderte zwischendurch was er meine Großmut nannte verteidigte sich nur
schwach wenn ich seiner Leidenschaft erwähnte und widersprach meinem
Entschlusse ihn der geliebtern Juliane abzutreten grade nur so viel dass er
dann um so schicklicher zu einer Lobeserhebung meiner Seelengrösse und zu einem
Dank worin sich die glühendste Leidenschaft für meine Nebenbuhlerin ergoss
übergehen konnte Ich leugne nicht dass ich betroffen und höchst bewegt wurde
da er anfing die Trennung von der juristischen Seite zu betrachten und unter
einigen Punkten welche sie erleichtern würden auch den meiner schwächlichen
Gesundheit anführte die mich zur Bestimmung des Weibes im weitern Umfange
unfähig machte aber diese Bemerkung diente zugleich mich in meinem Entschlusse
zu bestärken da ich wohl einsah dass ich jetzt noch freiwillig geben konnte
was man mir in der Folge herrisch abgefordert haben würde Ich sah nur zu klar
dass ihm die Vorstellung der Trennung nicht mehr neu war ich war ihm bloß
zuvorgekommen Ich überließ ihm der Geliebtern das Resultat dieser peinlichen
Unterredung zu melden und übernahm es sie zu ihrer Einwilligung zu bewegen Da
Ihre Liebe zu mir mein Onkel derselben im Wege stehen könnte so beteuere ich
Ihnen heiligst dass ich auf keinen möglichen Fall bei ihm bleiben werde Auf
Glück und häusliche Freuden müsste ich bei meiner Art zu empfinden für immer
Verzicht tun Meine Vermögensumstände lassen es ebenfalls zu Ich will nicht
unnütz in der Welt sein eine kleine Stadt in Ihrem Kreise soll mich aufnehmen
und ich will junge Mädchen lehren gute Frauen und Mütter zu werden Ich will
erziehen und bilden
    Unschicklich wärs auf jeden Fall wenn Julchen jetzt in unserm Hause lebte
darum ist beschlossen dass sie sich bis zur Entscheidung bei ihrer Madame
Brennfeld aufhalten soll Wenn Sie bedenken dass sie nun mit einemmal den
Gefahren entrissen wird so muss das einen Stein von Ihrem Herzen wälzen Der
arme Eiche wie wird sein ehrliches Herz von neuem bluten  Man wird freilich
in Gesellschaften diesen seltenen Fall beträtschen aber irgend ein Wochenbett
oder neues Schauspiel wird auch diese neue Mähr verdrängen Ich füge noch hinzu
 denn erfahren müssen Sies doch  mein Mann hat geeilt die Sache
unwiderruflich zu machen Die Scheidepunkte sind schon eingegeben Gott stärke
uns alle etc«
    Es fällt mir schwer ja fast unmöglich Ihnen den Eindruck zu schildern den
diese höchst unerwarteten Nachrichten und Äußerungen meiner Nichte auf mich
machten Gänzliche Betäubung Stillstand Hemmung aller meiner Seelenkräfte
könnte ich meinen damaligen Zustand am füglichsten nennen Diesem und der vom
hitzigen Fieber zurückgelassenen Abspannung meiner Nerven muss ich es wohl
zuschreiben dass ich an Falken an Karolinen und meine Tochter in unbestimmten
der Stärke meiner Missbilligung wenig entsprechenden Ausdrücken schrieb und
mich leidend verhielt weil ich nichts mehr abwenden zu können glaubte Mein in
gesunden Tagen nicht unwirksamer Geist war ohne Spannkraft und ich gab es auf
dem immer zunehmenden Leichtsinne meiner Tochter entgegenzustreben Sie hat Ehr
und Tugend aufgegeben was wird ihr ferner Kindespflicht sein  Ich gab
stillschweigend zu was ich nicht hindern konnte und was sie ohne mich zu
fragen getan haben würden Mein Unvermögen über die verhasste Sache mich
deutlich auszulassen war so groß dass ich mich in meiner Antwort an Karolinen
sogar ganz kurz fasste und mich in nichts Bestimmtes einließ Meine sonstige
Empfindlichkeit war bis zum Stumpfsinn verhärtet Das liebende Paar hatte sich
auf gewaltigen Sturm meiner Seits gefasst gehalten nun gerieten beide in
unnennbares Entzücken da sie mich wider Erwarten so bereitwillig fanden ihre
feurigsten Wünsche zu befriedigen So drückten sie sich in ihren Briefen an mich
aus Julchen hatte im Herzen immer nicht gezweifelt dass ich aufrichtig ihr
Glück wolle Sie zierte sich unausstehlich sprach vom unwiderstehlichen Drange
gleichgestimmter Seelen von erstaunlichem Kummer vielleicht betrüben zu müssen
 und von der höchst traurigen Notwendigkeit der besten edelsten Frau einen
geliebten Mann zu rauben  Meine Freunde erlassen Sie mir eine zergliederte
Erzählung meines Jammers Ich eile über diesen Zeitpunkt leise hinweg es ist
der schmerzlichste Teil meiner Wunde Diese meinen Abscheu erregenden Briefe
beantwortete ich gar nicht Die Scheidung ging bei Zustimmung der Parteien
leicht vor sich Indes war Julchen von Marianen zurückgekommen Das arme von
Grund aus verwahrlosete Geschöpf war den jammervollen Tod gestorben der die
unausbleibliche Folge schwankender Begriffe über die Zukunft und eines tief
verletzten Gewissens ist In den Augenblicken wo sie sich mit der Rückkehr ins
Leben geschmeichelt hatte waren ihre guten Entschlüsse und ihre Reue über die
Torheiten ihres Lebens wieder in phantastische Träume eines bunten Welttaumels
übergegangen worauf sie noch rechnete Der redliche Prediger ihr Beistand
wurde hart angelassen weil seine Gegenwart sie an den Tod erinnerte Als sie
aber fühlte dass ihr Herz brechen würde rief sie ihn mit aller Kraft deren sie
noch fähig war und umklammerte seine Hände als ob er sie retten und für sie
sprechen sollte So starb die Unglückliche mit Verzweiflung ringend und
Julchen hatte von diesem warnenden Sterbeauftritte weiter keinen Nutzen als dass
sie ihre Briefe an die Verstorbene zurückerhielt eine Woche weinte und dann
wieder abreisete um sich bei Madame Brennfeld so lange aufzuhalten bis der
Wohlstand verstatten würde die unselige Verbindung zu vollziehen
    Madame Brennfeld nahm ihre ehemalige Untergebene triumphierend und mit offenen
Armen auf Falk hatte sie schon von der anstössigen Geschichte unterrichtet und
sie hatte sich selbst erboten die Demoiselle aufzunehmen damit die Dehors
gerettet würden denn im Grunde glaubte sie käme doch alles nur auf die
Meinung der Welt an und ständen wir bei dieser gut so sei unsre Wohlfahrt fest
genug gegründet Übrigens könne man es einem so liebenswürdigen Manne nicht
verdenken wenn er sich von der Himmelsstürmerin Karolinen lossagte Diese
Heiligen die bei jedem Schritte zusähen ob sie auch nicht fallen würden wären
ihr in der Seele zuwider Julchen habe außerordentliche Fortschritte in dem
Gebrauch ihrer Vernunft gemacht und sie sei doch nun endlich ein
selbstständiges Wesen geworden das die traurige Anhänglichkeit an verjährte
Vorurteile glücklich abgeschüttelt habe  So ungefähr urteilten auch die
feinen Gesellschaften und Kliken In andern tadelte man Karolinens
Nachgiebigkeit als strafwürdige Schwäche die ein böses Beispiel gäbe Nur der
würdige Eiche und einige ganz vertraute Freunde bewunderten die Größe ihres
Entschlusses und ihre edle Beharrlichkeit die um so rühmlicher war da sie
ihres Mannes und ihrer Nebenbuhlerin zu schonen alle diese schiefen Urteile
hinnahm ohne ein Wort zu ihrer Rechtfertigung zu verlieren In dieser
unglücklichen Zeit erhielt ich viele Briefe von Eichen in welchen er bei dem
redlichen Bestreben mich zu trösten mit großer Delikatesse über die traurige
Angelegenheit sprach die er freilich ohne Affektation nicht ganz mit
Stillschweigen übergehn konnte aber aus der Heiterkeit die er vorgab und mir
mitzuteilen suchte blickte ein tief angegriffenes Herz hervor Ich fühlte es
immer schmerzlicher dass dieser Vortreffliche nicht mein Schwiegersohn geworden
war
    Die Heirat die ich mehr als den Tod verabscheute ward durch einen Vorfall
beschleunigt Madame Brennfeld hatte in einem schwachen Augenblicke vergessen
dass ihr an der Meinung der Welt alles liegen müsse Jetzt wurde sie von einem
Vorfalle überrascht der so klein er war doch gewaltig viel Lärmen machte 
Unverblümt  sie genas eines kleinen Weltbürgers den sie zufolge ihres hellen
vorurteilfreien Geistes der sich über die Fesseln hergebrachter Konvenienzen
zu erheben wusste mit herzlicher Freude aufnahm  Nur der Umstand störte ihre
Mutterfreude dass der Ritter sich durchaus nicht zur Vaterschaft verstand
sondern sie einem jungen Israeliten zuschob welcher der Dame Logik und
Anfangsgründe der Mathematik beigebracht hatte Doch auch über diese
Verlegenheit schwang ihr fesselfreier Geist sich hinweg war die Vaterschaft
streitig so war doch ihre Mutterschaft keinem Zweifel unterworfen Sie freute
sich der Frucht ihrer gelehrten Vorlesungen erzog sie selbst ganz öffentlich
und ließ das Problem unaufgelöset
    Indes war die Welt weniger tolerant als die Dame vermutet hatte Sie die
für jedes Laster jede Abweichung von dem Wege des Guten einen toleranten Spruch
hatte wurde jetzt mit unerbittlicher Härte verdammt und die Eltern nahmen in
möglichster Eile ihre Kinder zurück Auch Falk diesem tugendhaften Manne gab
dies einen erwünschten Vorwand er eilte sein Julchen zu holen und um den
Wohlstand zu retten ließ er sich in Gegenwart einiger Zeugen sogleich mit ihr
trauen welches ihm gegen Erlegung einer namhaften Summe nicht verweigert wurde
Nun sollte ich hinterher meinen väterlichen Segen schicken  Ach Gott durft
ich ihnen denn fluchen  Karoline hatte mit einer ehrwürdigen Seelengrösse ihren
Vorsatz ausgeführt sie kam aber nicht zu mir aus Besorgnis dies würde nur
unsern gemeinschaftlichen Gram nähren Ich selbst wurde ungeachtet des innern
Kummers den ich in keiner Stunde meines Lebens ganz vergaß nach und nach
wieder hergestellt Meine Söhne die trefflichen Jungen taten alles um mir
Ersatz für die verwahrlosete Tochter zu sein auch nahm ich mir ganz im Ernste
vor nun weiter nicht eigensinnig auf Freuden von der Seite her zu bestehen
sondern meine Söhne desto inniger an mich zu schließen In meiner häuslichen
Verfassung fanden sich auch mancherlei Zerstreuungen Eine von der Regierung
niedergesetzte Kommission die Ämter und Pachtungen zu untersuchen nahm mir
viel Zeit weg Es vergingen anderthalb Jahre in welchen ich bloß durch einen
seltenen Briefwechsel Nachricht von den Turteltäubchen aus der Stadt bekam Ein
bei der Kommisson befindlicher Rat hatte mir zwar zu verstehen gegeben dass
Falks Umstände die besten nicht wären   aber der Schlag war mir nichts desto
weniger höchst unerwartet und betäubend da ich das Ehepaar in den öffentlichen
Blättern als Verschwender bekannt gemacht fand Dieser Umstand entflammte meinen
ganzen väterlichen Zorn aufs neue Nun dacht ich wenn ich denn züchtigen
soll so sei es ich will den Elenden sehen und meine Vorwürfe sollen ihn bis
aufs Blut martern Ich warf mich aufs Pferd ohne meiner Frau Bescheid über mein
Vorhaben zu geben Ich trieb mein Tier bis zum Stürzen eilte zur Stadt und
lief dann mit schwankenden Knieen und bebenden Lippen nach Falks Wohnung Auf
dem Wege dahin ordnete ich die Vorwürfe die ich dem schändlichen Menschen der
Reihe nach machen wollte Julchens zerstörtes Glück meinen Frieden alles
alles  Ich fand alles verschlossen und versiegelt es war niemand da der mir
Bescheid gegeben hätte Schon wollt ich wieder fort als aus einer Hintertür
eine Matrone hervorkroch und mich bat in ihre Stube einzutreten Ich hütete
mich zu sagen dass ich der Vater wäre und so hörte ich denn Nachrichten die
den Kältesten und Gefühllosesten bis aufs Mark erschüttert haben müssten Von der
Hochzeit an war es ein Jubiliren heute Ball morgen Konzert den dritten Tag
Konversation und die Zwischenzeiten wurden in den Ressourçen vertrödelt Die
junge Madame war immer tiefer in diese Lebensart verwikkelt worden Herr Falk
äußerte Missbilligung und Eifersucht der Hausfriede war gebrochen und das Übel
ärger geworden Darauf habe Herr Falk ein schönes junges Mädchen ins Haus
genommen unter dem Vorwande seine Frau brauche bei ihrer vornehmen Lebensart
eine Kammerjungfer Diese habe er gar prächtig gehalten Dagegen habe Madame um
sich zu rächen Besuche von einen vornehmen Russen angenommen von diesem große
Geschenke erhalten wie denn überhaupt dessen Freigebigkeit die Wirtschaft noch
eine Zeitlang zusammengehalten habe Mit einemmale sei es aber stiller geworden
Falk verbrannte Schriften die Madame hielt sich inne und weinte es habe
verlauten wollen der Herr werde arretirt werden indes sei er in der Nacht mit
der hübschen Kammerjungfer verschwunden Die Madame habe nicht viel Wesens
daraus gemacht Den Abend danach als schon alles versiegelt gewesen und man
stark vermutete die Dame werde mit ihrer Person für den Mann haften müssen
sei sie in einer Reisekutsche mit sechs Extrapostpferden weggefahren Wohin
wisse niemand doch wollten einige Nachbarn den Kammerdiener des Russen im Wagen
gesehen haben
    Nur die Furcht mich zu verraten hielt mich bei Anhörung dieser
zermalmenden Erzählung aufrecht Gott Gott meine arme tief gesunkene Tochter
 O der heillosen Leichtgläubigkeit die sich durch schwache und kurzsichtige
Freunde hinhalten ließ bis das Übel zu dieser fürchterlichen Größe anwuchs
Unerfahrner Eiche Leichtgläubige Karoline Doch Ihr meintet es gut ich ich
allein war der Narr der von seinem Schoosskinde gern das Beste glaubte Aber
diese fürchterliche diese alle meine Kräfte übersteigende Strafe verdiente der
arme schwache und liebevolle Vater doch nicht O mein Herz mein Herz  
    Aus der Alten die mir diese Nachrichten mitteilte brachte ich noch Tag
und Stunde ihrer Abfahrt heraus Ich lief ich flog auf die Post und erfuhr
dass um die bezeichnete Stunde der russische Fürst  abgereiset war Ich ging
nicht lange mit mir zu Rate schrieb meiner Frau kurz weg meine
Angelegenheiten erforderten eine weite Reise dann aber nahm ich Extrapost und
verfolgte ihre Spur bis in Liefland Der Fürst hatte sich einige Tage bei einem
Verwandten aufgehalten und in Riga war ich ihnen schon nahe auf der Ferse
Durch einen zurückgelassnen Jäger hatten sie erfahren dass ihnen jemand
nachsetze und aus der Beschreibung die der Mensch von mir machte musste meine
Tochter mich erkannt haben In Riga ward mir im Postause folgender Brief
eingehändigt  doch lesen Sie ihn selbst lieber Seelmann er bricht mir immer
noch das Herz
    Seelmann und seine Frau lasen den Brief stillschweigend Grüntal verbarg
indes sein Gesicht und schluchzte laut
    »Ich weiß dass mein Vater mich einzuholen sucht Was soll ihm eine Tochter
die seine Tochter nicht mehr sein kann da sie so entstellt ist  Dem mit Recht
erzürnten Vater auszuweichen würde ich bis ans Ende der Welt flüchten Tief im
entferntesten Russland werde ich meine Schande vergraben  Des Vaters Strafe und
seine Güte würden mich in gleichem Grade elend machen  Ich bin ja nicht mehr
wert von Vateraugen gesehen zu werden Schande Elend und Gewissenspein werden
die Beleidigung aussöhnen für mich ist auf ewig alles alles verloren  Ich
wollte lieber sterben als je wieder in dem ehemaligen Zirkel meines bessern und
schuldlosern Lebens der Demütigung und Verachtung preisgegeben sein O
Lindenau O du Grab meiner Mutter   Für mich ist alles dahin  Dies ist das
letzte Lebewohl das die zerdrückte vernichtete Tochter dem  ach dem
unaussprechlich unglücklichen Vater zuruft
                                                                       Juliane«
    Nach langer ängstlicher Pause brach Grüntal als er sprechen wollte
wieder in einen Strom von Tränen aus Ich fand ihre Spur nicht wieder ich habe
nie erfahren   sprach er aus tief beklommener Brust Leben Sie wohl meine
Freunde  Er sprang ungestüm auf und stürzte durch die Tür Seelmann wollte
ihm nach aber er war schon zum Hofe hinaus und sein Fußtritt schallte ihnen
nur noch aus der Ferne zu Er eilte in einer finsteren regnigten Nacht allein und
zu Fuß nach Hause
 
                                 Zweiter Teil
Minna und ihre Freundin genossen nach einem schwülen Tage die Kühle des Abends
unter der Linde vor dem angenehmen Landhause welches die Freundin bewohnte und
in dessen Nähe Minna ein mässiges Gütchen besaß Schweigend sahen beide in den
Mond der freundlich durch die schöne Akazie blickte die ihnen gegenüber
rauschte Es wetterleuchtete in fernen grauen Streifwolken Sie lauschten ob
ein Donner ihnen ein gefürchtetes Gewitter drohe als plötzlich Minnas
Löwenhündchen von ihrem Schoss stürzte und bellend in die Nachtviolenhecke
fuhr  Eine männliche Gestalt näherte sich und sagte den beiden Erschreckten
mit bescheidner Stimme »meine gütigen Damen könnte wohl ein wandernder
Handwerker hier ein Obdach gegen das heraufziehende Gewitter finden Die Hitze
des Tages hat mich ungewöhnlich ermattet ich erreiche vor Mitternacht nicht
mehr das nächste Städtchen und das Wetter würde mich in dem Walde überfallen«
Die Stimme des Bittenden nahm für ihn ein und beide Frauen waren geneigt den
Müden zu erquicken Minna antwortete zuerst meine Freundin ist hier selbst ein
Gast aber meine eigne Wohnung ist nicht fern diese hat Obdach und bequeme
Ruhestätte für jeden Rechtschaffnen Gehe er dort links mein Freund sage er
ich schicke ihn mein Mann wird ihn gewiss gastfreundlich aufnehmen
Der Wanderer war indes ihnen näher getreten und der Mond schien ihm eben
silberhell ins Gesicht Ida Minnas Freundin sah ihn an und fuhr wie vor
Entsetzen von ihrem Sitz auf Minna erschrak fasste ihre Hand und fand sie kalt
und zitternd  »Ida um Gottes Willen Ida was ist Ihnen« Nichts gar nichts
 sie fasste nach dem vor ihr stehenden Glase voll Wasser  Mir ist schon wieder
wohl  eine entfernte Ähnlichkeit dieses Mannes hat mich erschreckt weil 
weil sie mich erinnerte   »Woran Liebe woran«  rief die lebhafte Minna  O
fragen Sie nicht Teure es ist vorüber es war nichts ein Schattenbild das
mich erschreckte  Der Reisende stand betroffen und in flehender Stellung da
es tat ihm wehe die Frauen erschreckt zu haben Er sagte nichts bis Ida ihn
fast blöde fragte ich bitte lieber Fremdling wer ist er  Hat er noch
Eltern  Ich bin wie ich schon gesagt habe ein reisender Professionist Mein
Leben und meine Schicksale haben nichts besonders Von meinen Eltern lebt nur
noch mein alter Vater den der Gram um eine pflichtvergessne Tochter vor der Zeit
zum stumpfen Greise machte Jetzt will ich heim gehen sein Alter zu trösten Ida
war in stumme Wehmut versunken Minna lobte sein Vorhaben und gab ihm
Anweisung wie er sich in ihre Wohnung einführen sollte wohin sie bald folgen
werde Er ging und jetzt erst bemerkte sie wie ihre Freundin bleich und in
Tränen gebadet neben ihr saß Auf ihre zärtliche Frage erhielt sie bloß zur
Antwort Erinnerungen Liebe Erinnerungen  sie fielen schwer auf mein Herz
als ich die Bildung dieses Menschen sah der Ton seiner Stimme durchdrang mich
Aber nun fragen Sie nicht weiter ich will verschmerzen und vergessen 
Schlafen Sie wohl Teure fuhr sie fort indem sie aufstand morgen sehen wir
uns wieder  Nein nicht so meine Ida so lasse ich Sie nicht Ihr Herz drückt
ein ungewöhnlicher Kummer es ist mir nicht entgangen wie oft eine Träne
unwillkürlich diese schönen Wangen hinabschleicht verschließen Sie Ihr Herz
nicht gönnen Sie sich den Trost der Teilnahme nirgends finden Sie sie wärmer
als in dem Busen Ihrer Minna Leiden Sie nicht so allein schöne Seele  Schöne
Seele wiederholte Ida schmerzlich ach ich hätte es sein können ich  ich
würde sprechen wenn mir Mut gemacht würde  Würde es Ihnen Mut geben wenn
ich zuerst spräche antwortete Minna schmeichelnd War Ihre frühere Jugend
vielleicht nicht ganz tadelfrei drücken Erinnerungen an die Vergangenheit dies
arme Herz so will ich mit Offenheit vorangehen Sie sollen mich kennen lernen
damit auch Ihr Herz sich öfne wir werden ein froheres Dasein neben einander
haben wenn wir jede Falte unsrer Karaktere kennen Morgen Abend beginnt meine
einfache aber in ihren Folgen für mich sehr bedeutende Geschichte Für heute
leben Sie wohl Ihr angegrifnes Herz bedarf der Ruhe  Sie schieden
voneinander und gingen eine jede ihrer Wohnung zu
Als am folgenden Tage die Sonne hinter den Wald gesunken war und die Dämmerung
eintrat fanden sich unsre Freundinnen wieder unter der freundlichen wirtbaren
Linde ein Ida fragte sogleich mit sichtlicher Bewegung was aus den Wanderer
geworden wäre Gern hätte sie ihn noch einmal gesehen  Er zog heut früh mit
der Sonne seine Straße nachdem wir ihm gütlich getan Ihre Ursachen mögen
sein welche sie wollen meine Ida der junge Mann war interessant Ja ich möchte
sagen ich hätte Züge an ihm entdeckt in Auge und Mund   Doch still still
ihr Gesicht zeigt Besorgnis kein Wort mehr davon  Lassen Sie uns davon
abbrechen Minna Sie bemerken richtig dies Gespräch quält mich Halten Sie
lieber Ihr Versprechen denn noch frag ich mich oft wer ist sie warum ruht
auf dem lieben Gesicht so oft ein Zug stiller Trauer warum ist wenn stiller
Gram bei mir sich in unwillkührliche Tränen auflöst die sympatetische Träne
sogleich bereit aus ihrem klaren Auge hervorzuquellen Minna länger dulde ich
Ihr Schweigen nicht denn auch ich suche ein Herz in welchem ich meinen Kummer
niederlegen kann Minna wurde unruhig schweigend drückte sie der Freundin Hand
Jetzt nicht jetzt nicht Liebe was ich zu sagen habe verträgt nicht dieses
Licht Wenn die grauere Dämmerung mich schützt dann   Ida lenkte klug das
Gespräch auf die große Heerstraße des Alltagslebens hin und erst als der Mond
an den Gipfeln der Bäume dämmerte begann Minna mit einem aus beklommener Brust
hervorbrechenden Seufzer
    »Der liebenswürdige Sonderling von Genf schrieb seine Konfessions vermochte
aber nicht ihre Bekanntwerdung bei seinem Leben zu ertragen Ich stehe im Begrif
weit beschämendere Bekenntnisse abzulegen zwar nicht vor dem Publikum aber die
Beichte ist demohnerachtet immer ein Punkt der große Überwindung kostet Wo
werd ich Stimme wo Kraft hernehmen sie selbst gegen eine liebende Freundin
auszusprechen wo die Ehrlichkeit da ohne Schminke zu erscheinen wo die scheue
Weiblichkeit sich gern in sich selbst zurückschmiegt Aber in einer heiligen
einsamen Stunde habe ich es mir zur Pflicht gemacht Ihnen mein Herz mit allen
seinen Verirrungen darzulegen Wie stark muss Ihre Liebe sein wenn sie mich dann
noch ferner erträgt
    Sie wird ja sie ist entschlossen zur entschiedensten Nachsicht Ach wem
sollt ich nicht nachsehen müssen seufzte Ida gerührt und legte ihre Hand auf
Minnas gefaltete Hände Diese trocknete einige Tränen und begann
    Ich bin die Tochter des Bürgermeister Rosenau in der angenehmen
Provinzstadt A Mein Vater war ein Mann von Kopf und Herz und seine
Berufsgeschäfte ließ ihn Musse genug sich oft Tage hindurch seinem
Lieblingsstudium der Geschichte und den alten Klassikern vorzüglich aber der
neuen schönen Literatur zu widmen Diese stand damals in ihrer schönsten
Blüte und wenn ich so sagen darf im reinsten schäferlichen Schmucke die
Lesewelt war noch nicht so ekel aus Übersättigung und das Rezensionswesen
machte noch nicht ein eigenes so überflüssig angebauetes Feld deutscher
Schriftstellerei aus Mein Vater sah mich gern meine Feierstunden mit Gesners
Hirten vertändeln und freute sich wenn er mich mit Zacharias Tageszeiten in
die Gartenlaube eilen sah Auch meine Mutter die von ihrem Vater dem Rektor B
in S eine Art von gelehrter Erziehung nach damaliger Weise erhalten hatte
teilte meines Vaters Hang zu den Wissenschaften und war innig froh wenn er
ihr nach vollendetem Tagwerke vorlas wobei ich arbeitend zugegen war Dadurch
gewann ich unvermerkt an Geistesbildung und zeichnete mich vor den andern
jungen Mädchen des Orts aus Diese geistigen Unterhaltungen entzogen mich aber
auf keine Weise unsrer stillen Häuslichkeit ich arbeitete so jung ich war
spann nähere und strickte für meine Eltern und jüngere Geschwister mit so
innigem Behagen als obs kein Buch in der Welt gegeben hätte sah wenn der
Winter vorüber war mit Verlangen nach den ersten Schwalben aus weil dann die
Gartenarbeiten anfingen denen ich vorstehen sollte wenn ich würde größer sein
Und über den Spaß in der Erndte ging mir nichts wenn der mit blanken Bändern
und Blumen geputzte Schnitter ins Haus trat und nach Ortssitte von den Mägden
mit Wasser überschüttet wurde  
    Hieraus können Sie schließen dass die Lebensweise im älterlichen Hause
höchst einfach und patriarchalisch war  und noch blicke ich mit herzlichem
Wohlgefallen in diesen meinen ungetrübten Lebensfrühling zurück Diese
Einförmigkeit ist wohltätig für junge unverwöhnte Herzen sie bildet zum
ausharrenden Wohlgefallen an den stillen Freuden des künftigen Hausstandes Bei
uns herrschte sie unverrückt und nur an den Vorabenden solcher Tage an welchen
etwa der General des dort in Garnison stehenden Regimentes den Geburtstag des
Königes oder seiner Gemahlin feierte fand eine Ausnahme statt  Er pflegte
die Notablen des Orts einzuladen Das Vorlesen Strikken und Spinnen fiel dann
aus und statt dessen kräuselte Mütterchen sich und ihrem ältesten Mädchen die
Haare schwefelte Flor färbte alte Bänder wusch seidene Strümpfe lüftete die
seidenen Kleider oder stickte der Tochter ihres an wenn sie herausgewachsen
war So gings in allen Häusern wo junge Mädchen waren denn an einem solchen
Tage von dem das ganze Jahr hindurch gesprochen wurde da galts Wir wähnten
uns in unserm zusammengestoppelten Staate sehr geputzt besonders wenns uns
gelungen war irgend einen Modeschnitt zu erhaschen Das Fest selbst regte
trotz der großen Zurüstungen nur die kleinlichsten Leidenschaften der
Eifersucht und des Kleiderneides auf Man erboste man hasste und verfolgte sich
Jahre lang wenn der General beim Auffordern zur ersten Menuet nicht die
strengste Rangordnung beobachtet hatte die Vorgezogne brüstete sich so
kindisch als die Zurückgesetzte sich gedemütigt fühlte 
    Eine solche Stimmung der Gemüter machte sie schon ihrer Natur nach für
die Eindrücke zärtlicher Gefühle unempfänglich Ob schon eine Menge junger
Personen beiderlei Geschlechts zusammen kamen hatte doch nie die Liebe sich ins
Spiel gemischt Wort und Sache standen unter dem strengsten Bannfluch denn die
jungen Männer waren Edelleute und die Mütter führten ihre Töchter mit der
strengsten Warnung dahin um die Welt mit Keinem sich auch nur ins Gespräch
einzulassen Wie stumm wie steif und kalt diese Lustbarkeiten ausfielen wie
scharf die Abstandslinie zwischen Adlichen und Bürgerlichen gezogen war können
sich nur die vorstellen welche die Anmassungen des Provinzadels und die elende
Kriecherei der Kleinstädter mit Augen gesehen haben Die adlichen Herren
Lieutenants und Fähndriche hielten sich in großer Ferne und ließ sich nur
dann erst herab uns bürgerliche Töchter zum Tanz zu fordern wenn auch das
adliche Mädchen im Schnürkleidchen nicht mehr tanzen mochte
    Mich verdross und störte das weiter nicht in meiner überirdischen Freude an
diesen Festen ich nahm ohne sie zu bemerken jede Demütigung des aroganten
Dorf und Regimentsadels unbekümmert hin Wenn ich nur Gelegenheit hatte meine
Anzahl Menuets und Polonoisen abzutanzen so war ich übrigens ganz unbekümmert
wie und mit wem dies geschah
    Den Genuss meiner jugendlichen Freuden unterbrach aber der Tod meines
vortrefflichen Vaters Ich fühlte diesen Verlust so tief als man so etwas im
eilften Jahre zu fühlen im Stande ist das heißt ich weinte ungestüm und wurde
im Herzen halb getröstet wenn ich mir die prunkenden Trauerkleider die mich
zur erwachsenen Person in meinen Augen erhoben recht lebhaft dachte Dann
weinte ich wieder wenn die gute Mutter weinte und rührend über ihren Wittwen
und unsern Waisenstand sprach Wenn ich aber hörte dass wir nun unser Haus und
unsre Gärten Felder und Wiesen verlieren würden heulte ich und war nur durch
hartes Zureden zu beruhigen
    Aber es kam gar anders diese schönen Dinge an denen mein Herz hing wurden
nicht verkauft Es ereignete sich etwas das wie ich es damals verstand
besser in der Tat aber schlimmer war als Gartenund Feldverlust  ich bekam
einen Stiefvater der an Witz und übler Laune seines gleichen suchte Doch das
muss ich in der Ordnung erzählen
    Herr Moorheim ein Rechtsgelehrter folgte meinem Vater in der
Justizbürgermeisterstelle Er war ein treflicher Kopf aber sein Herz  nicht
ein Schatten von dem Herzen meines Vaters So bald er von Berlin im Städtchen
angekommen war erschien er bei uns Meine Mutter war immer noch eine Frau die
gefallen konnte in ihrem lieblichen Gesichte wohnte ein Geist der nicht
veraltern lässt und Friede und Wohlwollen auf der weißen ebnen Stirn Sie gefiel
ihm er war galant und hatte in der feinern Welt gelebt er machte ihr förmlich
den Hof sie gab seiner Anwerbung Gehör und anderthalb Jahr nach meines armen
Vaters Tode wurde Moorheim mein Stiefvater
    Es fehlte wenig dass mein Herz sich nicht von meiner Mutter abgewandt hätte
Ich war in meines Vaters Seele eifersüchtig aber ich tat ihr Unrecht Sie
hatte ihren Gatten nicht vergessen es fehlte ihrem ruhigen Sinne nur an dem
Grad von Wärme und lebhafter Vorstellungsgabe die uns auch für nicht mehr
anwesende Gegenstände befeuern Sie war an einen gewissen
Wirtschaftsschlendrian gewöhnt in welchen sie weil sie nun Leere fühlte
wieder einzutreten wünschte Doch wer fragt denn nach Gründen zu der
alltäglichsten Sache von der Welt Warum sollten die Wittwen sich ewigem Harm
weihen wenn die Wittwer schon in der tiefen Trauer den zweiten Bräutigams Ring
tragen
    Da ich mir aber vorstellte dass es meiner Mutter im Herzen bald gereuen
würde so söhnte ich mich wieder mit ihr aus und mein Mitleid sowohl als
gemeinschaftliche Leiden gaben meiner Liebe zu ihr neue Schwingen Ach Ida
was erfuhren wir von diesem herrischen Manne diesem Hausdespoten Es hieß bald
an allen Orten Herr Moorheim sei sehr hypochondrisch Dies pflegt eine Rubrik
zu sein die jede Ungezogenheit jede Verwahrlosung des Herzens jede Grobheit
aufnehmen muss Hat einer sich gewöhnt den Eindrücken übler Laune nachzugeben
plagt er seine Hausgenossen bis aufs Blut so heist er hypochondrisch Ist er
übel gelaunt und schämt sich die unbedeutende Ursach dazu anzugeben so sagt
er ach ich bin heut so hypochondrisch  So mein Stiefvater der im Hause nie
mit einem Zutrauen erweckenden Nahmen genannt wurde sondern immer der Herr
hieß Nie ist der süße Vaternahmen gegen ihn über meine Lippen gekommen wie
denn auch er mich gegen meine Mutter nie anders als Deine Tochter zu nennen
pflegte
    Ein übellauniger Hausgenosse gehört wahrlich zu den größeren Trübsalen des
Hausstandes Wenn ihm aber noch der beissendste Witz zu Gebote steht so ist
kein Hauskreuz diesem zu vergleichen Mein Stiefvater hatte Verstand wie ein
Engel und dieser gab ihm die Gewalt alle Herzen zu gewinnen Aber er handelte
unwandelbar nach dem Despoten Grundsatz die Untergebnen müssen nie wissen wie
sie mit ihrem Oberherrn daran sind Diesem zu Folge war kein Wetterhahn
veränderlicher als er in seinem Betragen gegen uns Abends scherzte er und man
widerstand der Annehmlichkeit seines Umganges mit Mühe Am folgenden Morgen
erschien er steif feierlich auffahrend bei Kleinigkeiten alles an ihm
verkündigte einen nahen Orkan Zu Mittage schlich jedes still und ängstlich zu
Tische und stand ehrerbietig bis der Herr uns mit kalter Höflichkeit gegrüßt
hatte Herr Moorheim schnitt Brodt das Messer glitt von der harten Rinde ab 
Wo hat der Schurke Johann das Brodt geholt Immer lässt sich der Tölpel
altgebacknes in die Hand stecken  Keiner wagte zu äußern dass das Brodt nicht
alt sei Warum tut denn Niemand den Mund auf zu sagen dass es nicht alt ist 
Ich glaube das große Mädchen da verstehts nicht einmal Es ist zu hart
gebacken und es zu zerarbeiten gehört ein Hundsgebiss dazu  Indes war die
Suppe herumgegeben  Immer und ewig Rindssuppe weißt du denn gar nichts anders
anzugeben Louischen  Ich meinte Sie ässen sie am liebsten entgegnete meine
sanftmütige Mutter  Nun schlang er die Suppe kochend herunter Die Suppe ist
versalzen oder nein  indem er sie aus dem Munde auf den Teller
zurücksprudelte  sie ist nicht genug gesalzen Der Teufel wo so eine große
Tochter im Hause ist sollte dergleichen nicht vorkommen  Erlauben Sie meine
liebe Mutter hat selbst   Husch schüttete er das Wasser aus seinem Glase über
den Tisch weg mir ins Gesicht Da saß ich wie eine Flussgöttin mit
herabströmender der Flut von Kopf und Brust Meine arme Mutter saß daneben
blass und zitternd und wagte es nicht ein Wort für mich einzulegen und doch
entging sie nicht dem Vorwurfe Das arme Töchterchen jammert Dich wohl
    Ausbrüche so pöbelhafter Laune entwischten dem sonst klugen Manne sehr oft
und wurden oft noch acht Tage nachher durchgeknetet bis ich nich mit
verbissnem Ingrimm herabliess wie er es verlangte mich zu demütigen und kniend
Abbitte zu tun Dies gab dann meiner armen Mutter den Frieden wieder wenn es
dem Haustyrannen nicht gefiel mich zu verstoßen und kniend liegen zu lassen
Aber ich wende mich von den empörenden Szenen hinweg deren ich auch im Greisen
Alter nie ruhig werde gedenken können
    Was in dem durchaus versäumten Charakter dieses Mannes Andacht und Religion
war kann man sich leicht vorstellen Als mein Vater sie uns durch sein
Beispiel nicht in Worten sondern im Wesen lehrte war die Gottesverehrung in
unserm Hause eine erweckende freudenvolle Sache woran jeder gern Teil nahm
weil er sich durch sie froher und glücklicher fühlte und einer noch froheren
Zukunft entgegen zu leben glaubte Auch meiner Mutter Gottesfurcht war heiter
und unsern kindischen Begriffen mit großer Klugheit angepasst So aber nicht mein
Stiefvater Sein Frommsein mussten alle Hausgenossen entgelten denn sie
solltens nach seiner überspannten Weise sein Am liebsten schreckte er uns mit
dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs der die Missetat der Väter an den Kindern
bis ins vierte Glied heimsucht Diese altjüdischen Begriffe waren wie für das
Schreckenssystem womit er über uns herrschte ausdrücklich ausgesprochen Eben
so die schwermütige Vorstellungsart der alten Theologie von der Busse Bei
jeder Kommunionsfeier sollte Reue Wehklagen und Zerknirschung über unsre Sünden
auf jedem Gesicht bemerkbar sein Bei meiner ersten Kommunion sollte ich mich
aller im alten Kommunionbuche hergerechneten Sünden anklagen von welchen ich
dazumal kaum den Sinn erriet Sonntags las er viele Predigten wenn wir vorher
höchst misstönig und verstimmt Lieder gesungen hatten wobei jeder Vers neu
intonirt werden musste weil wir wenigstens um eine Quinte tiefer fielen und uns
zuletzt in den tiefsten Bass verloren Die Predigten wurden zwar aus den neueren
berühmten Rednern ausgesucht allein unser häusliche Gottesdienst begann erst
wenn längst der öffentliche vorbei war und jedermann schon zu seiner
Sonntagserholung eilte Wir jüngeren Zuhörer hatten dann wenig Ohr und Herz
dafür wenn alles im Ort fröhlich umherschwirrte wir noch immer leise
umhertrippelten und verdrossen den Augenblick erwarteten wo es dem Herrn
gefallen würde seine profane Lektüre abzubrechen
    Durch diese Behandlung war es ihm gelungen die Religion welche bis dahin
die freundliche Führerin meiner Kindheit und ersten Jugend gewesen war in das
traurigste und peinigendste Ding das dem Menschen zu seiner Qual gegeben ist
zu verwandeln Der Gott den ich wenn gleich unter höchst verworrenen
Begriffen als meinen eigentlichen Vater geehrt und geliebt hatte war mir jetzt
ein immer strenger und zürnender Herrscher der ganz menschlicher Weise immer
im Zorn aufzulodern pflegte und nur dann vom Schelten abliess wenn das arme
ohnmächtige Geschöpf tief zerknirscht und gedemütigt vor ihm im Staube kroch
Diesen Jehovah wie mein Stiefvater ihn am liebsten nannte fürchtete ich so
sehr dass ich gewiss nichts versäumte was die Menschen sehr menschlicher Weise
seinen Dienst nennen Sonntags wagte ich nicht eher ein profanes Buch in die
Hand zu nehmen bis ich das mürrische zänkische Wesen welches ich Gott nannte
durch das Lesen einer Predigt oder mit sonst etwas Geistlichem abgefunden
hatte
    Wer darf sich wundern wenn eine solche Religion dem Menschen etwas ganz von
ihm isolirtes ist Denn wo ist eine Freude ein Genuss der sich mit dem Begrif
eines immer finsteren und scheltenden Wesens vereinigen ließ eines Wesens das
im seinem Grimm endlich nur durch Blut zu besänftigen war Es ist schrecklich
dem Menschen zu verbittern was ihn beglücken soll  O ich wurde so fromm
wahrlich aus Angst so fromm dass ich beinahe den Teufel mit angebetet hätte
Ich quälte mich ganz matt wenn an Kommuniontagen mein jugendliches Herz nichts
von jener geforderten Zerknirschung empfand von jener Scheu und dem Zittern
womit man sich dem Heiligtum nahen soll Wie ich in Tränen zerfloss und nur
mit an mir selbst verzweifelnder Demut die Hand nach den äußern Zeichen
ausstreckte  weil ich mich mit allen hererzählten Lastern behaftet glaubte
und mir die Verdammnis zuzuziehen fürchtete wenn ich unwürdig genösse
    Glücklicher Weise waren diese Begriffe von der Art dass man sie gar nicht
aufs gewöhnliche Menschenleben übertragen konnte Wenn dergleichen feierliche
Handlungen überstanden waren legte ich das Ganze wie eine drückende Last bei
Seite und dachte nicht daran bis etwa eine nahe Veranlassung sie mir wieder zu
meinem Schrecken ins Gedächtnis brachte Den Herrn Christum hatte ich lieb weil
ich in ihm einen Unglücksgefährten sah der so wie ich unter dem Zorn des
Vaters stand Den heiligen Geist begriff ich nicht doch kam er mir
untergeordnet vor und er war mir unter dem Bilde der Taube sehr lieb
    Die Lebensweise in unserm Hause war seit meines Vaters Tode gar nicht mehr
dieselbe Unsere Lesereien hatten eine andere Wendung bekommen Herr Moorheim
zwang uns seinen Geschmack auf daher denn ein jeder gern für sich las Mir
waren bei der Gelegenheit dass meines Vaters Bibliothek geordnet wurde einige
Bücher in die Hände geraten die der sorgsame Vater weislich versteckt gehalten
hatte Freilich sollte niemand Gift in seine Vorratskammer legen  es war aber
nun einmal da und ich sog es mit langsamen Zügen ein Ich erinnere mich nicht
der Titel es waren aber üppige französische Romane die auf eine unglaubliche
Art auf mich wirkten  Mein Herz  meine Sinnlichkeit entwikkelte sich mit
Schnellkraft Noch lange ich behaupte es hätte bei meiner nüchternen
arbeitsamen Lebensart jeder Trieb mich unter den Söhnen des Landes umzusehn
ohne die Dazwischenkunft jener Bücher in mir geschlummert Ich sah mich um aber
da war keiner dem ich es zutrauen konnte die Hauptrolle eines Romans zu
übernehmen Die Bürgersöhne waren schlichte biedere Menschen still ihrem
Berufe nachgehend Die Offiziere der Garnison standen unter dem mütterlichen
Bannstrahl Es war Todsünde von einem gegrüßt zu werden und nur hinter den
rohrnen Fensterkörben wagten es die Töchter sie mit verstohlnen Blicken zu
mustern
    Als ein blühendes schnell herangereiftes Mädchen stand ich nun auf dem
schlüpfrigen Scheidewege und man fing an mich zu bemerken Der uns gegenüber
wohnende Lieutenant von Sonnenstern fing an sein Auge auf mich zu richten und
ließ sich herab um die Langeweile der Garnison zu verkürzen einen Entwurf zu
einem Roman mit des Bürgermeisters Minna zu machen der mit beständigem
Herübersehen und Komplimentiren hinterm Rücken der Mutter begann Bei dem
ersten bedeutenden Blicke flog ich scheu zurück glühte vor Scham vielleicht
auch vor Freude die ich mir selbst noch nicht gestand wie eine Purpurrose und
wagte es nicht der Mutter ins Auge zu blicken wenn ich zitternd vor Schrecken
und mit verhaltenem Atem vor sie hintrat  Der erfahrne Paladin hatte des
Mädchens Zurückziehen sehr richtig zu deuten verstanden denn auch er spielte
nun den scheuen Betroffnen ließ sich seltener sehen und bliess zärtliche Lieder
auf der Flöte wenn ich des Abends mit meinen jüngeren Geschwistern vor der Tür
saß Welch ein süßes Spiel war dies für meine nun schon aufs höchste gereizte
Phantasie Auch das liebste Buch fesselte mich nicht mehr mit dem letzten
Bissen bei dem unfreundlichsten Wetter stand ich zur bestimmten Stunde auf
meinem Posten oft nur um bei Licht in seinem Zimmer seinen Schatten hin und
herwanken zu sehen Ich erstaune dass diese Rastlosigkeit meinen Eltern entging
Mir ist sie bei jedem jungen Mädchen oder Weibe ein untrügliches Merkmal
erregter Leidenschaft oder doch irgend einer leidenschaftlichen Erwartung
    Der junge Nachbar verstand sich auch sehr gut auf diese Kennzeichen Noch
glüht meine Wange bei der Erinnerung an diese jugendliche Unbesonnenheit Als
ich eines Abends mit einem unsrer Dienstmädchen eine häusliche Besorgung hatte
steckte sie mir einen Brief in die Hand  Vom hübschen Nachbar  sagte sie
Noch wachte der Keuschheitswächter jungfräulicher Stolz über mein Herz Ich
fuhr das Mädchen an und wies den Brief zurück Indem ließ sich die Mutter
hören und die erfahrne Magd ließ den Brief schnell in mein Busentuch schlüpfen
    Im Herzen war ich froh denn ich glaubte dass der Brief nun ohne mein Zutun
mein geworden war Ihn zu lesen fand ich den ganzen Abend keinen Augenblick
Aber wie nenn ich das Gemisch von Empfindungen die mich bald froh bald bang
durchschauerten mein Gesicht bald brennend rot bald todtenblass meinen Gang
schwankend und meine Glieder wie von Fieberfrost durchschüttert machten 
Meine Mutter fragte ob ich krank wäre Ach nein Krankheit war es nicht es war
der laute Puls der Liebe der durch alle meine Nerven zuckte
    Die ersehnte Schlafstunde half mir nichts denn ich schlief mit meinen
Geschwistern zusammen Ich legte den Brief als ich schlafen ging an mein
lautklopfendes Herz Die innere Unruhe verstattete mir keine Minute Schlaf Mit
der frühesten Morgendämmerung schlug ich leise leise den Brief auseinander den
ich bei ruhigerer uneingenommener Stimmung ganz unausstehlich schlecht gefunden
haben würde so aber überlas ich unzählichemal den unortographischen
gekleksten und schwülstigen Unsinn ohne mich an die unschickliche Form des
Äußeren das grobe unbeschnittene Papier die blasse ausgelaufne Tinte so
wenig als an die Überschrift schönster Engel zu stoßen  Nichts nichts von
diesem allen vermochte meine Freude an dem einzigen nie wiederkehrenden Moment
meiner Rosenzeit zu schwächen Verargen Sie mirs nicht meine Ida dass ich bei
aller Missbilligung der Sache an sich jetzt noch mit frohklopfendem Herzen auf
diesen Punkt meiner Existenz sehe wo eine süße ahnungsvolle Dämmerung die Seele
umfliesst wo rosige Gemälde lächelnd im Hintergrunde stehen und zu
hochgestimmten Phantasien bezaubern Gott welche Seligkeit wenn das junge
weibliche Herz sein Dasein zu ahnen beginnt und sich jungfräulich verschämt
vor sich selbst verbirgt 
    Dieser extasirte Zustand dauerte nicht länger als bis ich eine
Zusammenkunft mit meinem Amoroso gehabt hatte Diese war Abends vor der Tür
Ich wusste sie nicht einzuleiten und benahm mich so linkisch dabei dass es ein
Wunder war wenn mein Roman nicht das Märchen der Stadt wurde
    Die Zusammenkunft war dem poetischen Schwunge meiner Imagination sehr
ungünstig denn es gab wahrlich in der ganzen Provinz keinen prosaischern
Junker als den Lieutenant von Sonnenstern Der einzige Brief den ich ihm
geschrieben hatte wimmelte von Amorn und Zephyretten die damals nach der
Lektüre von Gleims und Jakobis Briefen in meinem Gehirn noch obenauf
schwammen Sein herber bäurischer Styl stach seltsam dagegen ab Die erste
Anrede geschah mit mein Engel sie wurde von einem schallenden Kusse den er
sich unterstand meinen Lippen aufzudrücken und von einem quetschenden
Händedrucke begleitet Mein zartes Gefühl empörte sich dies war keins von den
Idealen Gessners die sich meinem Herzen eingeprägt hatten Ich brachte die Nacht
schlaflos und mit Tränen zu Durch ernsthafte Überlegungen stärkte ich mich in
dem Entschlusse diesen herabwürdigenden Handel abzubrechen und mich meiner
Mutter zu entdecken
    Zu eben der Zeit wurde ich in der Religion unterrichtet Zufällig  nein
wohl nicht bloß zufällig  sprach der Geistliche in einer bald darauf folgenden
Stunde über Reinheit des Herzens und Sinnes und der bestimmte Ausdruck selig
sind die reines Herzens sind ergriff mich Ich las damals gerade die Schriften
der Frau le Prince de Beaumont die bei allen ihren papistischen Grundsätzen
dennoch unendlich schätzbar sind Sie bestärkten mich in dem Vorsatze
rechtschaffen zu sein Tiefer als alles Vorhergegangene beugte mich ein
unverdienter Lobspruch welchen meine nichts argwöhnende Mutter meiner
jungfräulichen Sittsamkeit gab Bei mehr Verhärtung im Unrecht hätte er mir wohl
getan so aber fiel er mir die ich nur Neulingin war mit zermalmender Gewalt
aufs Herz Meine redliche Mutter sah mich leidend hielt es für körperliche
Unbehaglichkeit redete mir freundlich zu und schenkte mir zur Erheiterung eine
ihrer Stickereien Diese Güte brach mir das Herz und ich klagte mich als die
undankbarste aller Töchter an Dieser Gemütszustand lastete so entsetzlich auf
mir dass ich trotz der Furcht vor dem Stiefvater dennoch beschloss mein Elend
von mir zu werfen und meiner Mutter alles zu entdecken
    Sie erschrak zum Hinsinken als ich verstört und laut schluchzend zu ihr
kam und erblasste als ich die Tür abschloss  Zu ihren Füßen legte ich das
demütigende Bekenntnis ab Noch seh ich die Treffliche Himmlischsanfte ihre
Hände die ich küssen wollte zurückziehn dann sie mir wieder entgegenreichen
und auf meine Schultern stüzzen Ihre Tränen flossen über meine Stirn Sie
vergab mir die Unvergessliche Vielleicht hatte sie ein noch entehrenderes
Bekenntnis gefürchtet  Wie konnte meine gute Tochter sagte sie meine Minna
sich so vergessen wie wird Herr Moorfeld erschrecken wie soll ichs ihm nur
vorbringen  Ach freilich war das schrecklich deutlich hatte ich mir die
Folgen meines Geständnisses nicht gedacht  und an den Stiefvater eigentlich
gar nicht  Jetzt schauderte ich und fast reuete mich der Schritt Aber die
gute Mutter wollte ja alles auf sich nehmen alles ebnen und wieder gut machen
Sie befahl mir mich ruhig zu verhalten und den andern Morgen nicht eher zu
erscheinen bis sie ihren Gatten vorbereitet haben würde Voll dieser bängsten
aller Erwartungen schickte sie mich zu Bette Im Herzen war ich leichter durch
das offene freiwillige Geständnis hatte ich mich wieder bei mir selbst in
einige Achtung gesetzt Nun war ich mutig entschlossen alles still
hinzunehmen wie auch immer der Ausgang sein möchte Diese Art meinen Fehler zu
büßen schien mir Größe zu sein Meine Eitelkeit mischte sich ins Spiel
    Doch wars ein saurer Gang als mich am folgenden Morgen meine Mutter nach
stundenlangem Harren abrief Gütig und Trost einsprechend unterstützte mich die
fromme vor innerer Angst und Beklemmung schwankende Mutter Als die Tür zu
meines Stiefvaters Studierzimmer aufging war ich ohne Atem Ich sah sein
strenges strafendes Gesicht Von Scham unwillkürlich getrieben floh ich hinter
einen Vorhang und verdeckte das Gesicht Minna  sagte er mit leidlich
gemilderter Stimme  Sie haben sich schwer vergangen aber ich verzeihe Ihnen
Sie haben mit der Ehre Ihrer Familie ein schändliches Spiel getrieben aber
Ihrem Unverstande verzeihe ich es Wenn Sie schon jetzt so beschämt vor uns sich
zeigen wie werden Sie einst vor dem Richterstuhle des Weltrichters in Ihrer
Armut und Schande da stehen Wie werden Sie zittern wenn es heißen wird Gehet
hin zu meiner Linken  Statt dass Sie sollten schaffen selig zu werden mit
Furcht und Zittern bereiten Sie sich ihre eigene Hölle Tun Sie Busse und
legen Sie Ihr böses Wesen von sich  Ich kniete in der Angst mechanisch vor
ihm hin während er in demselben Tone fortfuhr Endlich sagte er Steh auf
meine Tochter Deine Sünden sind Dir vergeben  So pflegte er in alles was er
sprach und tat Schriftstellen einzumischen und unschicklicher Weise seine
widrige Person an die Stelle des höchsten Lehrers der Menschen zu setzen
    Als er dies gesagt hatte glaubt ich mich absolvirt aber nein er hatte
nur diese ihm passend scheinende Stelle anbringen wollen denn nun wendete er
sich zur Mutter und sagte Was meinst Du Louischen das wir tun Sie stand
verlegen da und ließ es auf ihn ankommen Andere Eltern  fuhr er in einem
rauen Tone fort  würden so ein ungeratnes Kind verstoßen aber ich bin
entschlossen sie nach Berlin zu meiner Schwester der Rätin Brennfeld zu
geben« »Brennfeld« unterbrach Ida ihre Freundin »Brennfeld doch nicht die
Erzieherin«  »Eben die das ist sie aber erst geworden als ihr Mann sich von
ihr schied« Minna bemerkte nicht wie sehr Ida bei diesem Namen erblasste und
fuhr in ihrer Erzählung fort
    »Wie mein Lieber«  sagte meine kluge Mutter  »Sie werden doch meine
arme Minna nicht aus dem Hause stoßen und Gelegenheit zu allerlei Gerüchten
geben«  »Nennst Du das verstoßen Louischen wenn sie die Ehre hat
Gesellschafterin meiner Schwester zu sein die ein treffliches und geehrtes Weib
ist«  »Das bestreite ich nicht lieber Moorheim«  erwiderte meine Mutter
mit ihrer süßen reinen Stimme  »aber ich dächte Minna verdiente jetzt auf
ihr freiwilliges edles Geständnis den Lohn des unbedingten Zutrauens Von jetzt
an stehe ich für meine Tochter und nun kein Wort mehr von ängstlicher
Beschränkung Das väterliche Haus sei ihr kein Jungfernzwinger Zwang gebiert
List Ihr Herz mag wählen Wir halten nach alter Art die Töchter als würden sie
zum strengsten Köbat erzogen Weiß ich doch aus eigener Erfahrung was Liebe zu
einem edlen Manne der Moralität des Mädchens ist Die Stunde in der Minnas
Herz sich einem würdigen Gatten ergibt soll mir gesegnet sein«  »Du siehst
sehr weit Louischen indes bin ich in so fern Deiner Meinung dass es zur
Erleichterung ihrer Wahl gut sein wird wenn sie in meiner Schwester Hause
mehrere Männer sieht Wen soll sie hier im Städtchen wählen Den Meister
Böttcher oder den Meister Fleischer Es geht nicht das siehst Du selbst
Überdem möchte ich einen zweiten Anfall verliebter Laune den das Mädchen etwa
haben könnte nicht so geduldig hinnehmen Minna Sie bereiten sich zur Reise
in acht Tagen bring ich Sie hin«
    Was er in diesem Tone sprach war unwiderruflich Das wusste meine Mutter so
gut als ich Tränen drängten sich aus den Augen der Schweigenden und sie
winkte mir zu nicht weiter mit fruchtlosen Bitten in ihn zu dringen Es wäre
auch vergeblich gewesen denn er entließ uns um auf der Stelle an seine
Schwester zu schreiben
    Von diesem Augenblicke an war der Frohsinn meines Jugendlebens dahin selbst
in Gegenwart meiner so geliebten Mutter fühlte ich mich gedrückt Zufälliger
Ernst schien mir Strenge und die sanfteste Zurechtweisung ein Vorwurf Ich
versagte mir jeden Genuss um ihr Misstrauen nicht zu erregen O Bewusstsein wie
unläugbar bist Du der Tod aller Lebensfreude  »Minna« rief hier Ida »Minna
wozu diese Bemerkung Sie machen mich elend ohne es zu ahnen«  Fällt meine
Erzählung Ihnen schmerzlich meine Ida so breche ich ab ich werde sie nicht
unaufgefordert fortsetzen Wohl wohl für heute denn gute Nacht  Die
Freundinnen trennten sich und gönnten einander die Ruhe die auch dem Leser
hier vielleicht nicht unwillkommen sein wird
Ida war am folgenden Abend heiter genug ihre Freundin mit dem Scherz zur
Fortsetzung ihrer Erzählung aufzufordern dass sie dieselbe ihre Scheherazade
nannte Minna wusste genau wo sie abgebrochen hatte und fing folgendermaßen an
 Die auserlesenste Güte meiner Mutter vermochte nichts über meinen Trübsinn
denn nach meines Stiefvaters schwermütiger Vorstellungsart war die Unschuld und
Reinheit meines Herzens unwiederbringlich verloren Ich war jeder Wohltat des
Christentums unwert nur durch eine Zerknirschung die ich immer nicht
hinreichend für die Größe meines Fehlers hielt sollte ich können gereinigt
werden Mein Sinnen wie ich diese hervorbringen wollte gränzte nahe an
Verstandeszerrüttung Auch meine arme Mutter litt viel Ihre stille harmlose
Seele erlag unter der Qual meines innern Gemütszustandes der ihr nicht
entging Der heftige excentrische Moorfeld haranguirte bei allen Gelegenheiten
mit einer an Verzückung gränzenden Spannung Sie war von Herzen fromm aber ihre
feine liebende Seele schätzte und verehrte Tugend und Rechtschaffenheit ohne
das Laster mit Leidenschaft hassen zu können Ihr Herz fasste keinen Hass und
ihre Religion war das Einfachste und Zweckmässigste was je eine menschliche
Seele zur strengen Erfüllung aller Pflichten antrieb Sie litt sichtlich wenn
ihr Gatte mit erschütternder Stimme und Gebehrde über religiöse Gegenstände
sprach und als er uns einst in dieser Manier eine Passionspredigt vom seligen
Kramer vorgelesen hatte klagte sie über Schwindel und Nervenschwäche
    Jetzt traf diese Heftigkeit ein geliebtes Kind den lebendigen Abdruck
eines in ihrem stillen Herzen noch lebenden geliebten Gatten Unser Verhältnis
wurde mit jedem Tage gespannter so dass es uns allen Wohltat war als ein
Brief von der Rätin Brennfeld ankam der mir Aufnahme in ihrem Hause
zusicherte
    Meine kleine Reiseequipage war bald zusammengebracht Die gute Mutter
besorgte alles ich war ganz untätig und wie betäubt Noch einmal wagte die
Arme mir das Wort zu reden indem sie ihrem Gatten vorstellte dass durch mein
Verschwinden der Verleumdung freies Spiel gegeben würde Dadurch erhielt sie so
viel dass er dem jungen Nachbar Lieutenant der an dem ganzen Unwesen Schuld
war einen Besuch abstattete ihm meine edle Offenheit rühmte des Herrn
Lieutenants Edelmut ebenfalls in Anspruch nahm und sich die Briefe ausbat die
er von mir erhalten hatte Es war nur ein einziger mit Lalage unterschrieben
Mein Stiefvater war redlich genug ihn ungelesen ins Feuer zu werfen im Herzen
wünschte meine Eitelkeit aber er möchte ihn lesen denn ich war überzeugt er
würde über das Talent der Briefstellerin in Bewunderung ausbrechen
    Ich war ohne Fassung als die Stunde der Abreise schlug Wer es kennt was
es heißt sich von geliebten Personen von lieben Gewohnheiten loszureißen 
»Ach wohl kenne ich das O es ist das Schmerzlichste unbeschreiblich
schmerzlich Ja Minna ich kenne es und denke mit zerrissnem Herzen zurück« 
sagte Ida mit nassen Augen Es war ein schöner Maitag  fuhr Minna fort Als
ich zögerte und zitterte und immer nicht vermochte gab mir ein Blick meines
Stiefvaters der zu fragen schien was daraus werden sollte Kraft mich
loszureißen Er setzte sich zu mir in den Wagen und entriss mich einem
Städtchen das der Reisende kalt betritt und verlässt mir aber eine Welt voll
Seligkeit gewesen war
    Der Frühling hatte sich eben in seiner ganzen verherrlichten Gestalt
entfaltet Über die Fluren wallte ein mildes Grün an allen Wegen war
Blütenduft und Vogelgesang Meinem armen fast gebrochnen Herzen wäre eine
freudenleere Einöde lieber gewesen denn die mich umgebenden Schönheiten ließ
mich eiskalt Mein herrschendes Gefühl war Trennung von der Mutter und Abscheu
gegen den Ort meines künftigen Anfentaltes Mein Stiefvater fühlte menschlich
genug um mich einige Stunden mir selbst zu überlassen sobald er aber bemerkte
dass die äußern Gegenstände wieder bei mir Eingang fanden fing er ein Gespräch
an worin er mir hunderterlei Erinnerungen gab wie ich mich nun in Zukunft zu
betragen hätte wie sehr meine kleinstädtischen Sitten abstechen würden wie
erbärmlich wenig ich gelernt hätte  mein bisschen Musik wäre dort kaum
Geklimper meinem Französisch fehle es an der rechten Aussprache welche
ungemeine Ehre es für mich sei in den Kreis seiner Familie versetzt zu werden
wie tiefe Ehrfurcht ich seiner Schwester die eine vornehme und geehrte Person
sei erweisen müsse wobei der Handkuss nicht vergessen wurde Durch alle diese
Vorspiegelungen suchte er in mir das demütige Gefühl meiner Unbedeutsamkeit zu
erwecken und es gelang ihm nur zu gut  Mein kleiner Ehrgeiz war empört ich
hasste im Voraus die Menschen die mich so zu nichts machen würden und
verwünschte von ganzer Seele meinen künftigen Wohnort als er sich mir
unerwartet von einer Anhöhe darstellte So nahe waren wir ihm schon
    Da lag nun vor mir von der Abendsonne übergoldet die schöne Königsstadt
mit ihren hohen Türmen und vielen tausend pralenden Dächern Ich brach in einen
Strom von Tränen aus und machte meinem Herzen durch Äußerungen des heftigsten
Widerwillens Luft die mein Reisegefährte mit leidlicher Geduld anhörte und mit
nur die Weisung gab meine unverschämte Meinung für mich zu behalten und ihm
nicht den Genuss des ersten Wiedersehens der herrlichen Stadt zu verkümmern Ich
wurde stille und darüber verwandelte sich selbst mein Unmut in bange
Erwartung aber das ungewohnte Gewühl missfiel mir ich hatte damals noch keinen
Sinn Freude an dem Erwerbgeiste dem Bestreben und der Indüstrie der Einwohner
zu finden An allen Ecken versperrten prächtige Equipagen unserm
kleinstädtischen Fuhrwerk den Weg denn unsre drei mit weissleinenen Decken
behangenen Landtraber gingen gar breit auseinander Hier gerieten sie zwischen
Mehlfuhren dort zwischen Holzhauer dann fuhren sie nahe an Hökerbuden so dass
unser arme Christoph beinahe den Kopf verlor und nun ganz toll und blind
hineinsprengte so schnell die müden Klepper nur vermochten So kamen wir
endlich nach manchem Zwiste mit Kutschern und Trägern in der Abenddämmrung vor
dem Hause des Rat Brennfeld an
    Mit lautem Herzklopfen betrat ich dieses Haus im bangen Vorgefühl alles
Ungemachs das mich hier erwartete Ein junges geschniegeltes Hausmädchen
empfing uns und berichtete mit affektirtem Schnarren die Frau Rätin seien
nicht zu Hause würden aber unfehlbar zum Abendessen erwartet »Meine Schwester
vermutete unsere Ankunft doch«  fragte mein Stiefvater »Ja aber die Frau
Rätin sind schon seit vierzehn Tagen beständig engagirt gewesen Heute ist Tee
dansant bei   ich weiß nicht mehr wem Sie konnten es nicht abschlagen«
    Das schnippische Mädchen musterte mich von oben bis unten indem sie sprach
und als wir die Treppe hinaufgingen hört ich sie laut lachen und der Köchin
zurufen »Die sieht verzweifelt kleinstädtisch aus«  Dieser Pöbelwitz den ich
zu jeder andern Zeit nicht bemerkt haben würde schlug mein gepresstes Herz
vollends nieder und kindisch genug drückte ich mein kleines Hündchen an mich
indem ich ausrief »Ach arme Kolombine wie wirds uns hier gehen«
    Das Wohnzimmer der Dame in welches man uns eintreten ließ war kalt und
unfreundlich und noch nass vom Scheuern weshalb uns auch das Mädchen die
Weisung gab uns ja auf den von Leinwand gelegten Fusssteigen zu halten In
diesem unwirtbaren Zimmer sah man keine Spur einer weiblichen Niederlassung
außer einem mit Büchern bepackten Sopha und einem mit Visitenkarten eingefassten
Spiegel
    Mein Stiefvater schien über den seltsamen Empfang betroffen zu sein In der
Tat machten wir jeder auf seinem Leinwandstreifen dem andern gegenüberstehend
eine possierliche Gruppe er auf den Fußtritt seiner Schwester lauschend ich
in mich gekehrt meine Kolombine im Arm den Blick vom gegenüberhängenden
Spiegel abwendend aus Furcht die Figur zu erblicken die im Hause schon Lachen
erregt hatte
    Nach einer halben Stunde erschien zuerst Herr Brennfeld ein Mann von
mittleren Alter dem Frieden und Vollgenuss im angenehmen Gesicht saß Er hieß uns
liebreich willkommen und entschuldigte die Abwesenheit seiner Frau so gut es
anging Der Ton seiner Unterhaltung war ungekünstelt treuherzig und Zutrauen
einflössend ich glaubte meinen seligen Vater zu hören Der gütige Mann gab mir
Gelegenheit zu sprechen und hob dadurch ein Gewicht von meinem Herzen welches
in seiner stummen Verschlossenheit zum Zersprengen voll war
    Um Sie durch Weitläuftigkeiten nicht zu ermüden eile ich zur Zuhausekunft
der Frau Nätin die erst nach einer guten Stunde erfolgte Mir schlug das Herz
als ich auf der Treppe eine hohltönende weibliche Stimme fragen oder vielmehr
schreien hörte »Wo ist mein Bruder wo ist er« Die Tür flog auf und eine
hagre Gestalt stürzte mit teatralischem Anstande dem Bruder in die Arme Statt
der Rührung empfand ich Widerwillen gegen diese Art Freude auszudrücken denn
der Ton ihrer Stimme war nicht der Ton der Freude und schwesterlichen Liebe er
war rau und unbiegsam und es schien mir eine Lieblingsmelodie der ein
fremdartiger heterogener würde Madame Brennfeld sagen Text untergelegt wird
Nach dieser geräuschvollen Bewillkommung eilte sie mit offenen Armen auf mich zu
»Tochter meines Bruders  schrie sie  mein Herz heißt Dich willkommen« Sie
sagte noch mehr was herzlich sein sollte an meinem Herzen aber eiskalt
hinstreifte denn ich hatte diese Wendungen erst ganz kürzlich irgendwo gelesen
Meine Antwort bestand in einigen unvernehmlichen Worten und wohl einem Dutzend
blöder Knikse die ich in ehrerbietiger Ferne rasch hinter einander machte und
die zu nichts dienten als meine Verlegenheit anzudeuten welche durch den
entsetzlichsten Verstoss meiner Kolombine gegen alle Lebensart aufs höchste
getrieben wurde Sie hatte sich den Bewillkommungstumult zu Nutzen gemacht und
trotz des frischgescheuerten Fussbodens getan als ob sie zu Hause wäre Ich war
erstarrt vor Schrecken und kam aus aller Fassung als die Dame mit
fürchterlichem Kreischen schrie »O pfui was ist das für ein Hund«  Sie
erklärte kurz und rund heraus Hunde dulde sie in ihrem Hause nicht öffnete die
Tür und scheuchte die widerbellende Kolombine mit dem Schnupftuche hinaus Ich
stammelte etwas zur Entschuldigung aber kein Mensch verstand es Der gütige
Hausherr bemitleidete meine Verlegenheit öffnete leise die Tür das kleine
Tier schlüpfte ungesehn herein und schmiegte sich reumütig an meine Füße
    Mein Stiefvater hatte versichert dass seine Schwester das unnütze Geschöpf
loswerden solle weil er mir befehlen würde es sogleich abzuschaffen Ich
seufzte tief So unbedeutend an sich dieser Vorfall ist so war er mir ein
klarer Beweis wie wenig Nachsicht und Schonung die kleinen unschuldigen
Neigungen meines Herzens in dieser Familie zu erwarten hatten
    Madame Brennfeld war hagerer Gestalt mit schlangenartiger Biegsamkeit
begabt in der Sprache der feinen Welt nannte man sie degagirt In ihrem damals
noch jugendlichen Gesichte lag eine Härte die mir gleich gar nicht zusagte Sie
galt im Ganzen für hübsch bei genauerer Untersuchung fand man aber dass es der
feine überlegt gewählte Putz war der jeden Teil des Gesichts und der Gestalt
in sein vorteilhaftestes Licht setzte Ich habe dagegen nichts einzuwenden
auch nicht gegen das wenige Rot welches sie auflegte die bleichste
Gesichtsfarbe zu heben denn in meinen Augen hat Rotauflegen und Puder in die
Haare streuen eine Absicht und beides ist als Verschönerungsmittel
gleichgültig in so fern die Gesundheit nicht darunter leidet In ihrer
Unterhaltung zeigte sie bald die Gelehrte durch hochtönende Worte sowohl als
durch Citate von Autoren aus allen ihr bekannten Sprachen der französischen
englischen und italienischen Bei dem allen machte sie ihrem Bruder doch viel
Herzleid der gegen grammatikalische Unrichtigkeiten ein so empfindliches Ohr
hatte wie der Tonkünstler gegen falsche Töne Er unterbrach sie bei jeder
Phrase mit Bemerkungen dass hier der Dativ und dort der Genitiv stehen müsse So
pries er auch ein Frauenzimmer als ganz trefflich weil er sie noch nie auf
einem Sprachfehler ertappt hatte
    Die Frau Rätin hätte sich gewiss weder ihres Bruders noch viel weniger
meinetwegen in Kosten der Unterhaltung gesetzt denn ihr Bruder schien ihr in
der kleinen Stadt verspiessbürgert und mir traute sie nicht einmal zu dass ich
Notiz von mehr als meiner Muttersprache haben könne  Ihr Aufwand von Redekunst
und gelehrtem Prunk wurde eines jungen Herrn wegen gemacht den sie aus der
Teegesellschaft mitgebracht hatte Sie stellte ihn ihrem Mann als den Baron von
Löwenberg den Neffen der Frau Ministerin vor Der Rat schien an dergleichen
Vorstellungen gewöhnt zu sein und fand es nicht unbequem wenn seine wortreiche
Gattin die ganze Unterhaltung allein bestritt
    Der junge Mann war nicht uneben jagte nach Witz den er oft glücklich genug
erhaschte und da die Frau Rätin sich trefflich auf Eitelkeit verstand so
schmeichelte sie der seinigen sehr angenehm damit dass sie ihn bat von seinen
Gedichten vorzulesen Er hatte ein ganzes Volumen davon bei sich und deklamirte
sehr niedliche Sächelchen die selbst mein Stiefvater kein übler Kenner bis
auf grammatikalische Richtigkeit recht hübsch fand Madame aber rief einmal über
das andere »Gott Gott wie schön o excellent exrellent o das müssen Sie
mir geben Baron ich will es an J für sein Journal schicken« Oder sind Sie
Mitarbeiter einer Zeitschrift  »Nein« sagte der ganz Bescheidene »mein
Talent ist noch zu roh und ich kann nicht leugnen dass eine Rezension in dem
jetzt üblichen Tone mir weher tun würde als der Beifall mir wohl tun könnte«
 »O nicht doch Baron« fuhr die Rätin fort »Ihre Bescheidenheit geht zu
weit Geben Sie mirs geben Sie mirs Morgen schreib ich an J kein
Rezensent soll Sie packen ich steh Ihnen dafür Es kommt ja alles auf
Konnexion und Anhang an und diese kann ich Ihnen verschaffen«  Sie
bemächtigte sich seiner Papiere und legte sie in die Rücklehne ihres Sophas
    Bald trat noch ein junger Geistlicher ein der sich ebenfalls als ein
demütiger Verehrer der Dame zeigte Seine überschwengliche Redseligkeit schien
ihr indes wenig zu gefallen Er sprach in zehn Minuten gewiss über dreißig
verschiedene Materien knisterte auch mit einem Manuskript welches aber nicht
Eingang fand sondern auf die nächste gelehrte Zusammenkunft ausgesetzt wurde
Der junge Geistliche war auch ein Dichter da ihn jedoch die Rezensenten erst
kürzlich jämmerlich zerfleischt hatten so mochte er vielleicht die wunden
Stellen neuer Berührung nicht blossstellen wollen In diesem Fache überließ er
dem Baron das Feld
    Zu meinem Troste erschien der Bediente der uns zu Tische rief Noch gedenke
ich mit Widerwillen jener Abendmahlzeit als der drückendsten der ich je
beiwohnte Ich fühlte dass ich in dieser Familie nie einheimisch werden könne
der Ton derselben war mir durchaus fremd und missfällig An altdeutsche Fülle und
Überfluss gewöhnt bemerkt ich allenthalben den kargen Zuschnitt nebst dem
lächerlichen Bestreben es größeren Häusern gleich zu tun Der immer auf meine
Bedürfnisse aufmerksame Rat Brennfeld bemerkte dass ich meinem armen kleinen
Tiere ein wenig Brod hinreichte er schnitt sogleich Braten für dasselbe ab
welches aber Madame mit einem »Fi donc mon cher Sie werden doch nicht«  
missfällig bemerkte
    Gegen Mitternacht hatte ein jeder die Freiheit sich in sein Zimmer zu
begeben Auch der Raum wohin man mich wies hieß hier ein Zimmer Wie ich
überhaupt schon bemerkt hatte dass es hier zum Tone gehörte die gemeinsten
Dinge mit schönen Namen zu putzen so nannte man bei Tische zähes Schmoorfleisch
»à la daube« gemein gekochte Krebse »à la dauphine« einen an der Treppe
stehenden baufälligen Kleiderschrank »eine Garderobe« usw Dieses Zimmer
denn also welches mir zur Wohnung angewiesen wurde war ein Gegenstück zu den
Zimmern in der Bastille und an der Beschaffenheit des darin befindlichen
Mobiliars merkte ich bald was ich in dieser Familie sein würde
    Statt mich niederzulegen setzte ich mich auf den einzigen alten Stuhl der
vorhanden war und weinte bitterlich In einem Nebenzimmer hörte ich meinen
Stiefvater auf und abgehend mit lauter Stimme ein Abendlied singen Diese
bekannten Töne die ich so oft in Gegenwart meiner guten Mutter gehört hatte
durchdrangen mein Innerstes aufs schärfste So saß ich traurend bald mich
selbst bald mein Hündchen beklagend bis das kurze Stümpfchen Licht welches
mir gegeben ward ausgebrannt war und ich im Finsteren nach dem Bette tappte
    Und das wollen wir jetzt auch tun Sie husten meine Ida Die Nacht ist
kalt Bis auf frohes Wiedersehen
Der folgende Abend brachte die Freundinnen wieder zusammen und Minna setzte
ihre Erzählung also fort
    Die Frau Rätin die ich am folgenden Tage sah als sie um zehn Uhr
aufgestanden war schien mir eine ganz andre zu sein als die der ich Abends
zuvor eine gute Nacht gewünscht hätte Sie zankte mit ihren Mägden und als eine
arme Frau ihr Handbesen verkaufte drückte diese elegante Dame das arme Weib um
zwei Pfennige weniger zu geben bis aufs Mark In Putz und Spiel schien sie
nicht so karg zu sein wie ich häufig genug bemerkt habe
    Ich übergehe die unlustigen anderthalb Jahre die ich in diesem Hause der
Zwietracht und der Widerwärtigkeit verlebt habe und erwähne nur noch einer
Szene wodurch Madame bis zu Tränen gedemütigt wurde und die mir unvergesslich
geblieben ist Zu den Abendessen welche sie ihre gelehrten Donnerstage hieß
fanden sich immer viele junge Herren die Schöngeisterei trieben ein Ihr
Liebling und erklärter Verehrer war ein junger Edelmann aus der Provinz den sie
so verstrickt hatte dass er seinem Berufe nicht mehr oblag und seine mehrste
Zeit in behaglichem Müssiggange zubrachte An einem schönen Donnerstage  Madame
war so besonders guter Laune dass sie sogar mich der armen Lastträgerin eine
Stelle in der gelehrten Zusammenkunft anwies und mich das Fortepiano spielen
ließ  blieb der erwähnte junge Herr aus schickte aber an Madame einen Brief
von seiner Mutter an sie der ihm als Einlage zugeschickt war Das war ein Fund
für die Übermütige  »Ha« rief sie »ein Brief von einer Landedelfrau Das
wird sehr amüsant sein ich versichere Sie Lesen Sie Baron meine Augen sind
mir zu lieb« indem sie einem jungen Herrn den Brief zureichte Der Baron
erbrach und las
    »Wohlgebohrne Frau wahrhaftig eine vielversprechende Überschrift Meine
Verwandte die mit Ihnen an einem Orte sich befinden haben mir einen hohen
Begriff von Ihrem Verstande o sehr gütig aber zugleich auch von Ihrem
Talente junge Männer   des Barons Stimme stockte die Rätin rief so lesen
Sie doch junge Männer von ihrer eigentlichen Bestimmung abzuziehen
beigebracht« Was will die Frau damit sagen »Sie haben meinem Sohne einen
Ekel vor jeder ernstaften Amtsbeschäftigung durch Tändelei und jede Modelektüre
eingeflößt« Wie ist sie toll ist sie toll Der Baron las unbarmherzig mit
schallender Stimme weiter denn er beeifersüchtelte den Abwesenden um ihre
Gunst »Bedienen Sie sich doch der Gewalt die Ihnen seine Weichlichkeit über
ihn eingeräumt hat und geben Sie ihn mir geben Sie ihn seinen Pflichten
zurück dann können Sie auf den Dank einer Mutter rechnen der es nichts gilt
dass ihr Sohn ein alter Edelmann ist die aber untröstlich sein würde wenn er
uneingedenk seiner Bestimmung als nützlicher Staatsbürger seine kostbare Zeit
vertändelte  Fährt er fort Ihre Ketten zu schleppen so werden seine Vormünder
dafür sorgen dass er weit von Ihnen entfernt in eine andre Laufbahn versetzt
werde Ich bitte dies zu beherzigen und habe die Ehre etc«
    Das ging der Dame bitter ein sie war einer Ohnmacht nahe und hätte
besonders mich gern mit den Augen getötet weil ich mich unterstand zugegen zu
sein Ich saß da wie auf Kohlen und wünschte mich weit weg Mir traten Tränen
in die Augen denn es war wirklich schrecklich diese stolze Frau so aufs Blut
gedemütigt zu sehen Dieser Vorfall  sollten Sies glauben Ida 
verschafte mir die Verehrung eines Mannes der nachher mein Gatte wurde Er
dem es bekannt war wie die Rätin mich zu misshandeln pflegte hatte mich
beobachtet ob ich triumphierend auf sie hinblicken würde als er aber das
Gegenteil sah dachte er gut genug von meinem Herzen um mir das seinige nebst
seiner Hand anzubieten
    Seit diesem unseligen Auftritte ließ es sich die Rätin immer deutlicher
merken wie sehr ich ihr zuwider sei und wie gern sie mich los zu sein wünsche
In dieser Rücksicht beförderte sie die Bewerbung des Rat Talheim aufs
eifrigste Ich hatte nichts entgegenzusetzen als dass mein Herz ihn gar nicht
auszeichnete er war mir wie alle übrigen Männer in der Welt gleichgültig Von
dieser Seite war ich völlig frei und unbefangen Der Wunsch meiner redlichen
Mutter mich versorgt zu sehen wurde durch meine Zustimmung aufs vollständigste
erfüllt denn Herr Talheim hatte nicht nur ein einträgliches Amt sondern auch
eigenes Vermögen und machte einen anständigen Aufwand Seine Person war nicht
übel sie streifte an die damalige Art von Eleganz für die ich einen ungemeinen
Respekt hegte Sein Verstand gefiel mir Er war von der heitern Art liebte
Scherze und witzige Einfälle brachte selbst welche vor die immer zu gefallen
pflegten und was das Beste und Liebste war er hatte Geschmack genug gehabt
mich zu bemerken und mich aus dem Druck und Hungerelende meiner höchst
untergeordneten Lage im Hause der Madame Brennfeld hervorzuziehen
    Sobald ich die Einwilligung meiner Mutter wusste zögerte ich nicht mein
Jawort zu geben die Anstalten wurden eifrig betrieben und meine gütige Mutter
kam bald mit der schon fertigliegenden Ausstattung an Sie war sehr zufrieden
mit ihrem zukünftigen Schwiegersohne und gab uns ihren Segen als die
priesterliche Hand uns zusammengefügt hatte
    Bis jetzt meine Ida haben Sie mich als ein leidlich gutes Mädchen kennen
gelernt aber der zweite Akt meines Lebens  ach Ida was für eine Erzählung
steht Ihnen bevor   Die jugendliche Liebelei abgerechnet die mir nicht ins
Herz drang war ich wohl ein gutes Mädchen denn mir gefiel zwar die Liebe die
meinem Wesen Bedürfnis des Herzens schien der Geliebte war es jedoch nicht den
ich eigentlich meinte Ein Besserer würde mir besser gefallen haben aber der
an dem ich meine Schwungkraft übte war mir der Nächste und lief mir in den
Weg Ach ich fühlte mich so ganz geschaffen durch Liebe zu beglücken und
beglückt zu sein aber ich sollte auf anderem Wege die Glückssonne finden
welche die zweite Hälfte meines Sommers erwärmt
    »Der zweite Akt liebe Minna der zweite Akt Ich bin begierig die Rätin
Talheim kennen zu lernen«  rief Ida
    Ich zog triumphierend in meines Gatten wohleingerichtetes Haus ein und
brüstete mich ein wenig da verschiedene Domestiken mir als Frau Rätin
huldigten  In meiner bisherigen Unterdrückung war ich außer dem gelehrten
Häuflein bei Madame Brennfeld wenig in fremde Familienzirkel gekommen die
Welt in die mein Mann mich einführte war mir also eine neue Erscheinung so
wie ich es ihr war Ich meinerseits betrat sie mit großen Erwartungen ob sie
sich die Mühe gegeben etwas von mir zu erwarten  das weiß ich nicht
    Ich hatte meine neue Haushaltung mit dem festen Vorsatze betreten im ganzen
Umfange des Worts Hausfrau zu sein Diese Pflicht dacht ich wird ja wohl mit
Weltgenuss nicht unvereinbar sein  Ich will haushälterisch mit meiner Zeit
umgehn und mir nur dann erst Erholung verstatten wenn ich sie mir durch Fleiß
und Häuslichkeit verdient habe Ich ging alles Ernstes daran jedes Fach des
Hauswesens zu ordnen jedem Dienstboten seine Bestimmung und Arbeit anzuweisen
aber ach ich war bei weitem noch nicht mit meinen häuslichen Einrichtungen zu
Stande gekommen als ich dem Gebrauche fröhnen und mich den Forderungen der
Konvenienz hingeben musste Da rollte ich nun Tage lang durch die Straßen und
schickte an Familien die mir sogar dem Namen nach fremd waren Katten mit
meinem ihnen wahrscheinlich sehr gleichgültigen Namen In meinem Zimmer fand
ich ebenfalls den Spiegel mit mehr als hundert unbekannten Namen verbrämt Ich
hatte niemand kennen gelernt und doch hieß das Bekanntschaft machen Dies fand
ich sehr langweilig Durch die Gastgebote die dem jungen Paare zu Ehren
veranstaltet wurden hoffte ich nun meine Erwartungen von den Freuden des
geselligen Lebens erfüllt zu sehen In dieser Hinsicht unterwarf ich mich
geduldig dem entsetzlichen Zwange einer dreistündigen Toilette bei welcher ich
nicht ohne Rührung an die Simplizität meiner Vaterstadt dachte Mein schön
gewählter Putz und mein ins Gehör fallender Titel schienen mich zu einigem
Selbstvertrauen aufzumuntern und ich trat mit einer Zuversicht die mir sonst
gefehlt haben würde in den großen Zirkel ein Allein du stolzer Mut wie tief
sankest Du in Dich selbst zurück Ich fühlte mich in jeder Rücksicht verdunkelt
hier war mehr Eleganz in Kleidern und Putz dort mehr Anstand und Grazie Mehr
als alles aber waren mir die sich so zu sagen überbietenden Titel
verdrießlich Ich fühlte dass man um wirklich etwas zu sein nichts sein müsse
In diesem Augenblicke hätte ich den Titel auf den ich noch eine Stunde vorher
so geprunkt hatte der sich nun unter höherstrotzenden demütig hinwegschlich
um eine Stecknadel hingegeben Doch der längre Weltgebrauch hat mich nachher
gegen diese Torheit durch leeren Schall schimmern zu wollen so abgestumpft
dass ich mich hätte Excellenz betiteln hören können ohne mir etwas dabei zu
denken
    Die ganze Unterhaltung bei Tische lief auf Gemeinplätze hinaus aber der
artige Styl des Vortrags bestach mein Urteil und ich hielt es für ganz hübsch
Indes fühlte ich recht gut dass ich hätte mitsprechen können aber ich wagte
mich nicht hervor Meiner Sprache fehlte die Geläufigkeit des Ausdrucks und der
Wendungen auch entging ihr das Gepränge gewisser Modewörter ohne welche sie
nur falsche oder abgesetzte Münze ist  Nach Tische dacht ich wirds besser
gehen ich werde mich an ein weibliches Wesen anschließen und vielleicht
vielleicht fügts das gütige Verhängnis dass ich eine Freundin finde nach deren
Genuss mein entgegenstrebendes Herz sich längst sehnt denn immer war
Freundschaft der goldene Traum meiner Jugend gewesen Aber im Kaffeezimmer war
ich um nichts gebessert und wäre ich aus Indien gekommen ich hätte ihnen nicht
fremder sein können Sie sammelten sich in Gruppen unterredeten sich von
Lottchen und Kätchen und hatten ihre Lokalspässe ihre Lokalerinnerungen als
wär ich gar nicht da gewesen  Dies Gespräch war mir wie eine Vorlesung aus
der chaldäischen Bibel  Keine nahm Notiz von der Fremden ich strickte dass mir
der Schweiß von der Stirn rann  Eine ältliche Frau schien meine unbehagliche
Lage zu bemerken sie näherte sich mir und tat eine Frage nach meinem
Geburtsort und Eltern wie man sie einem Kinde tut Plötzlich schoss nun das
ganze Geschwader mit Fragen über mich her deren Beantwortung gar kein Interesse
für sie haben konnte und dies dauerte ununterbrochen fort bis die Damen ihre
Partieen machen sahen mich plötzlich plantirten  wie der Franzos es sehr
ausdruckvoll nennt  und nun mit wahres Gier über die Karten herfielen
    Die ältliche Frau welche den Fragern die Bahn gebrochen hatte blieb zu
meiner Gesellschaft allein übrig Sie war noch immer unersättlich in ihrer
Wissbegierde aber leider war jetzt mein Mund wie versiegelt Als dieser Abend
nun auch überstanden war bat ich meinen Mann mich fernerhin nicht mehr so
traurigem Vergnügen auszusetzen Er fragte mich lachend ob mir in meinem
Städtchen Gänsespiel Tipp und Sandhäufchenspiel besser gefallen habe  Wir
lachten wenigstens dabei aus frohem Herzen niemand fühlte sich zurückgesetzt
und Jung und Alt waren froh ohne großen Aufwand antwortete ich  »Wenn Du nur
erst den Ton gefasst haben wirst wird es schon besser gehen«  meinte mein
Mann
    Von dieser Zeit fing ich an auf den Ton auszugehn und alles dafür zu
halten was von dem Gewohnten abstach Das Geräusch der Kokette womit sie Aller
Augen auf sich zu ziehen suchte die Pedanterie der Anspruchvollen die mit
studiertem Ausdruck ihre Belesenheit auskramte jede Besonderheit hielt ich für
das rechte So wurde ich immer ungewisser in dem was ich eigentlich sein müsste
und erst lange nachher als ich zu vergleichen Gelegenheit und Reife genug
hatte fand ich dass ich einem Phantom nachgejagt war dass es in der
karakterlosen Menge keinen bestimmten Ton gibt noch geben kann das alles
Beginnen und Treiben nur Konvenienz und Laune des Augenblicks ist und dass auf
schwankendem Grunde nie etwas Festes und Dauerndes aufgeführt werden kann
    Nach langem Umherschwirren und lästigem Selbstbewirten wurden wir endlich
zu einer Gesellschaft solcher Männer eingeladen die ich aus ihren Schriften
gleich unsichtbaren wohltätigen Gotteiten verehrt hatte Bei der Vorstellung
dass ich diese erhabenen Wesen jetzt in der Nähe von Angesicht zu Angesicht sehen
würde ergriff mich ein heiliger Schauer mein Geist neigte sich ehrfurchtsvoll
und ich besorgte mit meinen fünf Sinnen die Weisheit nicht auffassen zu können
die mir zu hören bevorstand Ich ging und hörte an dem Ausdruck »wir
Rezensenten«   sehr bald wer die meisten dieser Herren waren Da gedachte ich
eines französischen Reimleins was mein Vater einst bei einer sehr hämischen
Rezension sagte
»Haine de philosophe est un feu qui devore
Haine de gazettier est mille fois pis encore«
»Ich habe die Vorrede gelesen« sagte einer »das Buch soll nicht sonderlich
sein ich werde es schön kappen«  Dann ein anderer »Haben Sie meine Rezension
von dem   in dem   gelesen Ich habe mir einen Spaß mit dem Verfasser
gemacht Das Ding ist eigentlich ganz gut aber so einer   muss nicht
aufkommen Hat der Mensch sichs nicht beikommen lassen unser Journal zu
bekritteln«  Von einem liebenswürdigen Dichter hieß es »Er hat Verdienste
der Mensch aber wer kennt ihn Er ist ja zu keiner Seele gekommen als er hier
war«
    Die Frauen nahmen auch hier so wie in den andern Gesellschaften keine
Kunde von der Unterhaltung der Männer und flüsterten einander ihre kleinen
Unbedeutsamkeiten zu Ich verließ auch diesen Zirkel unbefriedigt weil ich zu
hohe Anforderungen gemacht hatte aber diese Namen dieser Ruf berechtigten
doch zu etwas mehr als dem Gewöhnlichem Mein Mann nahm mirs übel als ich
meinen Widerwillen gegen den Rezensentenklub zu erkennen gab »Sollte sich denn
nirgends Genuss für meine achtzehnjährige Philosophin finden« sagt er
verdrießlich »Heut führ ich Dich ins Schauspiel und gewährt Dir dieses
nichts so muss ichs wohl aufgeben Dir Freuden außer Deinem Hause zu
verschaffen« Der liebe Mann Er fühlte nicht dass eben darin der Missgriff
geschehen war Wer Glück und Freuden außer seinem Hause zu suchen sich aufmacht
der umreise wie Anson und Kooke die Welt er durchschaue Höfe und Palläste er
findet es nicht denn er ließ es oft in seinen vier Wänden auf einem armen
Plätzchen am Kamin in seinem schlechten Lehnstuhle zurück Sie kennen gewiss die
über alles liebenswürdige Allegorie Batmendi von Florian sie ist ein schöner
Kommentar über das was ich jetzt sagte
    Ich rechne mir es nicht zum Verdienst an dass ich im Schauspiele ein
Vergnügen fand das mich ganz an sich zog Ifflands Jäger fesselten mich durch
ihre Wahrheit und reine Natur die ich kannte Iffland ist der Stolz und die
Ehre der Nation seinen vielfachen Wert nicht fühlen wollen hieße sich selbst
herabsetzen Ich sah alles was von ihm war und von der Zeit an überließ ich
mich diesem Vergnügen mit Leidenschaft Mein Herz öffnete sich wieder sanfteren
Eindrücken die gesellschaftlichen Zerstreuungen die nichtssagenden
Unterhaltungen hatten es wie mit einer Kruste von Eis umgeben Bei manchen
Vorstellungen wurde ich weich ich gedachte des Morgenrots der Liebe die einst
einem so unwürdigen Gegenstande in meinem Herzen aufging Ach mein Herz
bedurfte der Liebe wie die Blume des Taues Wenn mir der Himmel so wie ich es
gegenwärtig einsehe Töchter zu erziehen gegeben hätte ich würde dafür sorgen
sie mit hunderterlei kleinen Spielereien zu der Zeit wenn ihr Herz zu erwachen
anfängt zu umgeben mit Hündchen Hühnerchen Täubchen Blümchen etc Ich
würde ihnen einen Garten einräumen den sie im eigentlichen Verstande bearbeiten
müssten ich würde sie durch kleine Tändeleien die das Herz beschäftigen
hinzuhalten suchen um dem Drange zu lieben den Rang abzulaufen Denn wenn
dieser hervortritt liegt gewiss die Sinnlichkeit im Hinterhalte und springt
gleich einer gereizten Schlange in dem ersten unverhoften Augenblicke hervor
den bei rascher Jugend ein Tanz ein Glas Wein ein von ungefähr ins Ohr
gefallenes schlüpfriges Wort herbeiführen kann Ida ich überhebe mich nicht
weil ich in dem ersten Versuche nicht fiel eine Zusammenkunft unter Gottes
freiem Himmel  ein Liebhaber dessen Plumpheit meinem Gefühle widerstand 
wer weiß was schon damals aus dem unbesonnenen Mädchen geworden wäre wenn die
Missverhältnisse nicht so gar grell ins Auge gefallen wären  Ich war überdem
zur Schamhaftigkeit erzogen und hatte aus Gessners Idyllen mein erstes Ideal von
Liebe geschöpft
    Ich kehre zu meinen Bekenntnissen zurück Das Schauspiel fesselte mich so
dass ich gleichsam in eine idealische Welt versetzt war Meine Phantasie hatte
einen so lebhaften Schwung bekommen dass mir die kältern Verhältnisse meines
Hausstandes zum Ekel wurden Der ruhige bloß freundschaftliche Umgang mit
meinem Manne schien mir träge Abspannung zu sein mich grauete vor aller
häuslichen Beschäftigung ich verrichtete sie obenhin und mit Widerwillen Das
Leben im Hause war mir ein bloßer Mittelstand welchen ich ertrug in so fern et
Zubereitung zu der bessern Existenz im Schauspielhause war
    Anfänglich lächelte mein Mann wenn er meine Extase über alles was auf
Schauspiel Bezug hatte bemerkte Ach möchten ihm doch diese Anzeigen wie
leidenschaftlich ich jede Zerstreuung ergriff für die mein lebhafter Sinn so
empfänglich war nicht entgangen sein Und dennoch drängten sich mir mitten im
Rausch der Freude an meinen Lieblingszeitvertreib unwillkührliche Erinnerungen
an solche Abende stillen häuslichen Glückes auf wo wenn ich fleißig und flink
gearbeitet hatte die Mutter zum Vater sprach »Sieh Väterchen wie unsere
Minna wacker und schmuck ist Sie wird einst eine brave Hausfrau sein Sie macht
uns Freude und soll auch Freude durch uns haben« Diese Erinnerungen peinigten
mich besserten aber nichts Zerstreuung und Zeitvertreib gehörten nun schon zu
meinen Dasein ich wollte nur amüsirt sein Dies war die Losung aller Weiber
meiner Bekanntschaft Ich ließ nicht ab bis die Geburt meines Sohnes mich
zwang meine Residenz im Hause zu nehmen wobei ich zugleich zu einer Tätigkeit
gezwungen war die Bezug auf meinen Zustand hatte
    Ein Gewitter das sich durch schreckliche Blitze verkündigte unterbrach die
Freundinnen sie kamen erst nach vielen Abenden wieder auf ihrem schönen
heimlichen Plätzchen zusammen
»Wir verließen Sie neulich im Kindbett  Wie vermochten Sie damals diese
Einsamkeit zu ertragen«  fragte Ida
    Die Leiden meines neuen Standes  fuhr Minna fort  wirkten allerdings
einige Rückkehr zu mir selbst Nach meinen in dem Städtchen oder vielmehr vom
Stiefvater mir eingebläueten Begriffen nahm ich mir vor den strengen Herrn
wieder gut zu machen und geistliche Bücher zu lesen Deshalb nahm ich meine
Zuflucht zu meines Mannes Bibliothek Was mir geistliche Bücher zu sein
schienen waren grade solche worin eben alles was ich glaubte bestritten
wurde Nie hatte ich auch nur die Möglichkeit geahnt dass gewisse Sätze und
was mir Wahrheit war einigem Zweifel unterworfen sei Und hier waren es nicht
bescheidene Zweifel die der wahrheitsuchende Forscher aufwarf sondern frecher
Spott und beissender Witz Bei dem ersten Blick darauf dachte ich die Erde müsse
mich verschlingen oder Feuerregen auf mich fallen aber die Neugier brannte
lichterloh ich las und nährte mich unglücklicher Weise mit einem Gifte das
nachher meine besten Lebenssäfte aufzehrte Dann bemächtigte ich mich des
Systeme de la nature mein armer schwacher Kopf hatte keine Widerlegung zur
Hand ich nahm blindlings an was ich mit so wahrscheinlichen Gründen behauptet
fand und was man mir als Religion mitgegeben hatte hielt auch nicht einen
Augenblick dagegen Stand Mein Mann schalt als er meine Lesereien untersuchte
aber er tat nichts dem Gifte entgegenzuwirken Und hiermit wars denn
ausgemacht was künftig aus mir werden konnte wie ich immer tiefer sinken
sollte da der Grund untergraben war Zum Unglück war der Arzt der mich
besuchte ein äußerst freidenkender Mann er sah was ich las widerlegte zwar in
einzelnen Stellen das verruchte Natursystem was er aber billigte und noch
hinzusetzte wirkte stärker auf mich als was ich gelesen hatte Den Arzt
verehrte ich gränzenlos seine Äußerungen wurden mir gefährlich  Er der mir
nachher wohl tat ahnte nicht wie viel seine freigeisterischen Meinungen zu
meinem Falle beigetragen hatten
    Als die Wochenstube von überflüssigen Wärterinnen und Besuchen gereiniget
war und ich dem ruhigern Nachdenken überlassen blieb dachte ich ernstlich über
den Beruf nach den mir jetzt die Natur angewiesen hatte Ich sollte ein Wesen
zum Menschen zum nützlichen Mitgliede der Gesellschaft bilden Wie sollt ich
das anfangen  den Weg einschlagen den meine braven Eltern gegangen waren
Ganz gut meine Brüder waren liebe gute und viel versprechende Knaben aber
diese Erziehungsmetode war zu altmodisch ich setzte mich dadurch der Nachrede
und dem Verdachte der Unwissenheit aus also etwas Neues und Auffallendes Ich
durchblätterte alles was ich von pädagogischen Schriften auftreiben konnte und
das System welches ich zuletzt gelesen hatte schien mir immer das anwendbarste
zu sein Mit meinem graden Menschensinn sah ich wohl ein dass die meisten neueren
Pädagogen die Unarten der Kinder in Schutz nehmen dass an die Stelle der alten
Pedanterie Ungezogenheit und Grobheit getreten ist dass bei dem unmerklichsten
Missgriffe die bezweckte Freimütigkeit in Ungebundenheit und Insolenz ausartet
bei der die Mütter unaufhörlich in Verlegenheit geraten dass um die Kinder
früh zu Menschen zu machen sie zu zeitig aufhören das wozu sie ihr physischer
und moralischer Zustand bestimmt Kinder zu bleiben dass die unverständige
Wichtigkeit die jetzt den Kindern gegeben wird eine Generation von
unausstehlichen Egoisten bildet die weil ihre Eltern alles auf sie Beziehung
nehmen ließ sich dann einbilden das Sonnensystem sei ihretwegen da und die
Welt müsse sich nach ihnen bequemen wie Mama und die Kindermuhme taten dass es
unrecht sei den Kindern immer merken zu lassen wie in der Eltern Hause alles
ihretwegen so und nicht anders sei Ihretwegen ja nur ihretwegen wird mancher
Aufwand gemacht ihretwegen werden die Wohnungen so oder anders geordnet ihre
kindischen Reden werden ganzen Gesellschaften wie Orakelsprüche wiederholt und
das alles weil der alte Bürger von Genf einst gesagt hat die Mütter sollen
Mütter sein  Ja hätte er den Müttern seine Hände auflegen und seinen Geist
mitteilen können Was fruchtet es dass die Mütter ihre kleinen Äffchen
unaufhörlich verhätscheln Lieben etwa jetzt Kinder die Eltern mehr als ehedem
Ach die öffentlichen Blätter beweisen es nicht worin oft trostlose Eltern die
ungezähmten entlaufnen Söhne flehentlich einladen nur wiederzukehren und in
rührenden Ausdrücken dem Flüchtlinge die erwartete Nachsicht und Verzeihung
beteuren
    Die Pädagogik machte mich unsinnig denn ich wollte durchaus nicht dem
schlichten graden Menschensinne sondern einem erdachten System folgen Bevor
ich mich aber zu irgend einem bestimmt hatte war auch der Grund zum Verziehen
des Kindes schon unabänderlich gelegt denn statt auszuüben was ich wusste las
ich um zu lernen was ich nicht wusste Fragte ich meinen Mann um Rat so hieß
es »Tu was Du willst« Er gestand seine Unkunde in dem Fache und war mit
meinem guten Willen so befriedigt dass er zu fragen vergaß ob sich meine
Erziehungskunst über die Gränzen des guten Willens erstrecke
    Die ungewohnte Regelmäßigkeit die sich während dieser Ereignisse gleichsam
von selbst im Hauswesen eingefunden hatte machte meinem Manne Langeweile und
scheuchte ihn fort Er besuchte täglich eine Gesellschaft in welcher ihn der l
Hombretisch bis um Mitternacht festhielt So fand ich mich da seine
Gesellschaft mir am unentbehrlichsten war allein gelassen und vernachlässigt
wie ich es nannte »Habe ich das um Dich verdient« sagte ich einst im Unmute
als ich ihn bis gegen den Morgen erwartet hatte »Ich kann mich nicht so
einschränken« antwortete er unwillig »warum gehst Du nicht mit Meinst Du es
sei etwas Verdienstliches ewig im Hause zu hocken oder erwartest Du ich werde
Dir diese Trägheit die hier gern im Gewande der weisen Zurückgezogenheit
erschiene als Tugend anrechnen Du bist eine Grillenfängerin kein Mensch steht
Dir an Wer so delikat sein wollte müsste in eine Einöde fliehen Man erträgt
die Schlechten der Guten wegen und wo lebt der Mensch der nicht eine Seite
hätte von der er missfallen würde wenn man diese zuerst an ihm erblickte
Minna lass uns ertragen damit wir wieder ertragen werden« Diese weisen Sprüche
überzeugten mich in so weit dass ich nur noch einwendete das Kind könne nicht
ohne mich sein »O das dreivierteljährige Kind«  antwortete er  »bedarf
Deiner noch nicht Es ist ein kleines Tier das Deiner nicht achtet wenn ein
Andrer seine physischen Bedürfnisse befriedigt« Er hat recht dacht ich wider
bessres Wissen und Gewissen entwöhnte mein Kind überließ es einem jungen
wollüstigen Kindermädchen und begleitete meinen Mann Tag für Tag in seine
Gesellschaft Anfangs sagte sie mir wenig zu denn da Alle spielten so war ich
ihnen sehr unbedeutend Die Langeweile welche mir das machte brachte mich
dahin dass ich einige der gangbarsten Spiele lernte ich begriff sie leicht und
der lebhafte Geschmack den ich dieser neuerworbenen Geschicklichkeit abgewann
wurde bald zur unbesiegbaren Leidenschaft
    In meinem Hause ging es während dieser täglichen Auswanderungen kraus und
bunt durch einander Die Domestiken welche es sehr gut wussten dass ihre Frau zu
gewissen Stunden abwesend war machten ebenfalls ihre Partieen in und außer dem
Hause spannen Liebeshändel an und belogen und betrogen mich an allen Ecken 
Meinem Kinde wurde ich fremd der Knabe war mir abgeneigt denn wenn das arme
verwahrlosete Geschöpf weinte wurde es mit der Mama bedroht »Sie kommt sie
soll Dich schon strafen« hieß es und dadurch war ihm Mama so sehr zum Popanz
geworden dass es sich ängstlich verbarg sobald es nur meine Stimme hörte
    Das rührte mich aber nicht wie es wohl gesollt hätte Die neue interessante
Leidenschaft besaß mich ganz und es schmeichelte meiner Eitelkeit dass ich nun
mit so leichter Mühe die scharmante Frau aller derer war die so gefällig waren
mir mein Geld abzugewinnen denn vermutlich spielte ich schlecht weil ich
überall wo ich spielte baares Geld war Eine Zeitlang nahm mein Mann dies ganz
gut auf hatte er aber selbst namhafte Summen verloren so hieß es Du solltest
Dich doch etwas mehr in Acht nehmen Ich tat es nicht weil ich dachte er der
größere Summen aufs Spiel setzt sollte sich noch mehr in Acht nehmen Durch
diesen Widerstand wurde meine Spiellust bald Spielwut Mein Nadelgeld wofür
ich mir Putz und Kleider anschaffen sollte reichte nicht mehr aus und ich
borgte von dem zur Haushaltung bestimmten Gelde Anfangs ersetzte ichs
gewissenhaft dann nahm ichs weniger genau ob ich gleich noch vor mir selbst
errötete wenn ich für manchen Einkauf größere Summen in das Wirtschaftsbuch
eintrug als sie gekostet hatten Da aber alle diese geringen Behelfe nicht mehr
hinreichten sprach ich unsern Hausarzt um eine Summe an und gab einen edlen
Gebrauch derselben vor Der Blick mit welchem der edle Mann mir das Geld
hinreichte drang mir tief in die Seele »Er hat in Deinem Herzen gelesen«
sagt ich mir »er kennt Dich sieht Dich so schlecht als Du Dir selbst
erscheinst« So meine Ida lag das bessere Ich mit dem hingerissenen vom
Strudel ergriffenen in stetem erschöpfenden Kampfe Aber das Bessere siegte so
selten dass ich vielmehr immer mutloser zum vergeblich unternommenen Kampf
von einer Stufe der Verderbteit zur andern herabsank Zu den Zügen die mir
noch heiß auf der Seele brennen gehört einer bei dessen Erinnerung ich noch
erschrocken zurückfahre weil er das Verderben eines Menschen nach sich zog
    Das schöne baare blanke Geld welches mir mein Mann gab um den Domestiken
ihren Lohn auszuzahlen jammerte mich und ich hatte von ganz gut renommirten
Frauen gehört dass sie ihren Mädchen statt der versprochnen Münze alte
abgelegte Kleider gaben Das schien mir nachahmungswürdig ich sichtete meinen
Kleidervorrat fand viel Veraltetes legte es in bester Gestalt auf Stühlen
aus machte unmässige Preise und rief meine Mädchen herein Die jüngste ein
eitles törichtes Ding haschte gierig nach dem modischen Plunder ließ sich
jeden Preis gefallen und die Frau Rätin strich richtig die blanken Taler ein
Bald nachher strotzte sie in dem zusammengestoppelten Flitterstaate und ich
beging nun noch die zweite unverzeihliche Schwachheit es ihr nachzugeben dass
sie unter dem Vorwande den Schneiderlohn zu ersparen die Kleider in dem
Schnitte trug wie ich sie getragen hatte Das nicht übel aussehende Mädchen
fing an von den Männern bemerkt zu werden und ein rosaseidenes Jäckchen trug
ihr manches reichliche Trinkgeld und manchen verstohlnen Kuss beim
Hinausleuchten ein So durch Liebkosungen gereizt ergab sie sich bald den
gröbern sinnlichen Ausschweifungen Ich schaffte sie ab ein Bekannter meines
Mannes unterhielt sie aber bald überschritt ihre Lüderlichkeit alle Gränzen
und nach nicht gar langer Zeit beschloss sie ihr Leben im öffentlichen
Krankenhause
    Ein zweites Wochenbett worin ich meine Tochter gebahr war mir eine
unangenehme Unterbrechung meiner Lebensweise Ich nahm eine Amme um geschwinder
loszukommen Diese war von einem heimlichen Übel angegriffen sie teilte es
meinem armen Wurme so sehr mit dass das unschuldige Kind unheilbar schlimme
Augen und einen Fehler am Nasenbeine bekam wodurch es die schnüffelnde widrige
Sprache erhalten hat deren Laute mich oft aus meiner süßesten Ruhe
aufschrecken und mir meine Verbrechen vorrücken
    Noch war es nicht zu spät umzukehren hätte mein Mann nur ein Fünkchen
Glauben an stille häusliche Zufriedenheit gehabt Kam die gewohnte Stunde zur
Abendgesellschaft so wars als würden wir mit einem Schlage beide elektrisirt
War zu dieser Zeit jemand bei uns so wurde es auffallend und lächerlich unsre
Zerstreuung zu bemerken zu sehen wie wir einander winkten und die Sprache nur
dann erst wiederfanden wenn der Gast Miene machte gehen zu wollen
    Wenn Sie meine Ida mich zu fragen scheinen »Wie konnte ein liebendes
herzliches Mädchen so schnell ein kopf und herzloses Weib werden«  so kann
ich Ihnen nur antworten »ich weiß es selbst nicht« Wie wahr ist es doch was
ein bekannter Schriftsteller von uns sagt »Das Mädchen hat keinen Charakter das
Weib entwickelt ihn mit schneller Fertigkeit« Sollte es aber nicht ein Fehler
der gewöhnlichen Mädchenerziehung sein dass man den Begriff von Tugend uns zu
sehr vereinzelt und beinahe die Keuschheit ausschließend darunter versteht
Diese an sich so schöne so göttliche Tugend muss dann oft bei wahren Hausdämonen
für den Mangel aller übrigen schadlos halten Mich dünkt es war Anna von
Bretagne die böse und geizig aber sehr keusch war von welcher ihr Gemahl
sagte »ich wollte sie wäre etwas weniger keusch«
    Und  was soll ichs bergen  mein Ideal von einer glücklichen Ehe war
unerfüllt geblieben Die Basis aller meiner guten Anlagen war immer Liebe
gewesen zwar kindliche aber dennoch immer Liebe Auch meinem Gatten hätte ich
gern aus vollem Herzen Liebe gegeben wäre sie nur seinem Herzen wert gewesen
Ach Liebe will Gegenliebe sie will empfunden gewürdigt erwidert sein Ihm
war aber die Liebe  an welcher sein Herz nicht Teil nahm  zur Gewohnheit
zu einem Zeremoniel geworden wobei er kalt blieb und womit er mein heißes
Gefühl zur kalten Gefühllosigkeit herabstimmte In meinem Herzen blieb eine
Leere welche auszufüllen ich mich dunkel sehnte Noch erlaubte ich mir auch
nicht das fernste Hindrängen zum andern Geschlecht allein Erfahrung hat mich
beinahe überzeugt dass die unzählichen Gelegenheiten des Beieinanderseins beider
Geschlechter und der vertrauliche Ton der daraus entsteht das Band der Ehen
locker machen Auf alle Temperamente wirkt es freilich nicht gleich stark aber
mich dünkt Mann und Weib gewöhnen sich gegenseitig leicht einander als
entbehrlich betrachten Die süße Gewohnheit sich alles zu sein wird
geschwächt der Reiz des häuslichen Lebens verliert unmerklich gegen die
gesellschaftliche Mannichfaltigkeit Warum wäre sonst in den vornehmern Klassen
eine glückliche Ehe eine so seltene Erscheinung Bei dem ganz gemeinen Manne ist
tierische Roheit ein Hindernis
    Allein man sehe nur mit welchen Prätensionen die Modefrauen in
Gesellschaften erscheinen Jede zeigt sich so liebenswürdig so sonntagsmässig
Die schönsten Seiten werden im schönsten Lichte producirt Dagegen erscheint die
Hausfrau mürrisch sie muss sich mit den Leuten ärgern sie lässt waschen oder
die Köchin hat das Essen verdorben oder  noch schlimmer  die Frau fordert
Geld die Kinder brauchen Kleider welches Gesicht wird nun dem Manne besser
behagen das Sonntags oder Alltagsgesicht Eben so die Frau Die fremden Männer
bemerken ihre Schwächen nicht weil sie nicht interessiert sind sie aufzusuchen
Alle Weiber sind ihnen scharmant und keiner wird es je an Eicisbeen fehlen
sobald sie bestimmt merken lässt sie sei nicht abgeneigt Aufwartung anzunehmen
    Aber Ida der Vollmond steht hoch über uns es muss über Mitternacht sein
Ich sehe es ist Ihnen jetzt Bedürfnis zu ruhen und nicht zu hören
Ida hatte sich diesen Abend zuerst unter dem lieben traulichen Baume
eingefunden sie sang zur Mandoline in sanften zärtlichen Accenten das rührende
Matisonsche Lied »Wenn bei des Vollmonds Dämmerlichte« etc Ihr Blick hing
betränt an dem Monde Es war sichtbar dass schwerer Kummer Erinnerung oder
ahnendes Vorgefühl an ihrem Herzen nagten Minna hatte der schönen Stimme
gelauscht küsste dann freundlich die Tränen von ihrer Wange nahm die
Mandoline und sang ihrer Lieben die Abendempfindungen von Schlegel »Hinaus
mein Blick hinaus ins Tal« etc  Ida horchte auf die beruhigenden Töne
ihre Stimmung ging in sanfte Heiterkeit über und die Unterredung wurde bald auf
den eigentlichen Gegenstand ihrer Zusammenkunft geführt
    »Sie haben mir« fing Ida an »etwas zu denken gegeben als Sie sagten die
Folge der häufigen geselligen Zerstreuungen sei Lockerwerden oder vielleicht
gar Auflösung ehelicher Bande Wenn dem so ist so möchte man den Erfinder des
Kartenspiels segnen denn meines Bedünkens trennt es wenigstens die Herzen und
macht sie den zärtlichen Gefühlen unzugänglich Habe ich recht Minna«
    Was soll ich sagen Vielleicht gedeiht ächte hingebende Liebe nie im
Geräusch der großen Welt und eine Liebe wie der Mann und das Weib der
Zerstreuung sie fühlen ist bloßes Bedürfnis der Langeweile Eine solche findet
auch am Spieltische statt Ein von ganzer Seele liebender Mann würde der
jetzigen Mode zu leben ein seltnes Schauspiel gewähren und sich in den Augen
der persiflirenden Menge zum Narrenhause qualificiren kaum duldet man ihn ja
noch in Romanen oder auf der Bühne Gessners Hirtenwelt ist uns vorübergegangen
und die Manier des Empfindens mit der Zeit verschwunden da jeder Jüngling sich
durch einen blauen Frak und gelbe Weste zum Werter zu stempeln glaubte Das
Kind ist mit dem Bade ausgeschüttet Wir Deutschen lieben die grellen Abstiche
    Es wird alles gut gehen sagte Ida sehen Sie nur unverwandt auf die größere
Masse des Guten und Besseren hin Wir sind fortgerückt Ungern ließe ich mir die
herzerhebende Vorstellung von Menschenglück durch fortschreitende
Vervollkommnung rauben  Diese Betrachtungen haben uns aber himmelweit von
Ihrer Erzählung abgebracht ich bitte um die Fortsetzung
    Ich gehe willig Ihren Bemerkungen nach  entgegnete Minna  weil ich Sie
gern so lange als möglich von dem Zeitpunkte meines Lebens zurückhalte der mich
so unaussprechlich erniedrigt darstellt Der Schluss unserer gestrigen
Unterredung hat Sie vermutlich auf das vorbereitet was ich zu sagen habe
    Unsre fortwährende zerstreute Lebensart erforderte einen Aufwand der
vermutlich meines Mannes Einkünfte übersteigen mochte Er fuhr gleichwohl fort
täglich zu spielen und verlor Summen deren Größe ich selten erfuhr Das
veranlasste Einschränkungen im Hauswesen die mir lästig fielen weil sie mich zu
mehrerer Tätigkeit aufforderten Wenn mir mein Mann nach zehnmal vergeblichem
Fordern das Geld seine elend versorgten Kinder zu kleiden mürrisch hinwarf
so mussten mir wohl die schönen Dukaten einfallen die das lHombrehinwegraffte
Wurde ich unmutig genug eine solche Bemerkung laut werden zu lassen so bekam
ich den Vorwurf zehnfach zurück Durch solche Auftritte entstand Kälte dann
Abneigung und zuletzt etwas das dem Hasse ganz nahe kam  Wehe wehe dem
Weibe das Abneigung gegen den Gefährten seines Lebens einzugestehen wagt Sie
hat den ersten Schritt auf dem Irrwege getan
    Jungen Weibern fehlt es nie an spähenden Beobachtern deren Scharfblicke das
eheliche Verhältnis nicht entgeht Sobald Kälte eintritt fangen die galanten
Kaper an zu kreuzen und mehrenteils ist ihnen ein solches Weib eine gute
Prise
    Schon längst war mirs heimlich aufgefallen dass meine sehr artige Figur und
jugendliche Frischheit so wenig Sensation erregte indes Weiber von ganz
gemeinem Ansehen es durch die Kunstgriffe der Toilette dahin brachten für schön
zu gelten und Liebhaber an sich zu ziehen Bei der jetzigen Lage meines Herzens
verdross es mich und ohne dass ich mirs gestand erlaubte ich mir nach und nach
einen freiern ins Auge fallendern Anzug Es wirkte man fand mich anziehend
und wunderte sich es so spät bemerkt zu haben Der gute Erfolg gab mir Mut und
Erfindungskraft meine Außenseite durch alle Modebehelfe zu heben Ich glaubte
indes bloß mein unschuldiges Spiel mit den Männern zu haben aber sie hatten ihr
Spiel mit mir und ich lief ins Netz als ich es noch kaum ahnte
    Ein junger Mann von schönem Äußeren und schwarzer Seele war mir auf allen
meinen Irrwegen unbemerkt nachgeschlichen  Ihm dem Weiberkenner war die
Revolution in meinem Putze nicht entgangen und er hatte ihre Bedeutung richtig
zu entzieffern verstanden Nicht auf einmal sondern wie der Tyger sich seinem
Raube nähert näherte er sich mir Der Listige Zuerst schien er nur aus
Freundschaft für meinen Mann sich für mich mehr als für Andere zu interessieren
Beim Spiel war er immer mit von meiner Partie Er schmeichelte meinem Hunde
und fand die Unarten meiner Kinder allerliebst witzig Durch hundert kleine
Aufmerksamkeiten kam er mir näher und immer näher Im Scherz aber nur ganz im
Scherz gab er mir zu verstehen mein Mann mache einer gewissen Dame die Kour
doch gab er sich das Ansehen es zurücknehmen zu wollen sobald er sah dass ein
Funken Eifersucht in meinem Herzen gefangen hatte Dadurch wäre ihm aber um ein
Haar sein ganzer Plan vereitelt worden denn es schien sich in meinem Herzen die
eingeschläferte Liebe zum Manne wieder zu regen der Wunsch mir aufs neue seine
Zuneigung zu gewinnen glomm noch einmal auf und hätte dieser pflichtvolle
Gedanke gerade einen freundlichen Punkt seines Betragens gegen mich getroffen
so war alles gut und ich gerettet Aber er war unfreundlich ließ mich hart an
und der unselige Gedanke fiel mir aufs Herz »Er entlässt Dich Deiner Pflicht Du
darfst Du musst Dich rächen« Ich machte es mir von nun an zum Geschäft ihn
genau zu beobachten und es schien mir wirklich als ob er einer hübschen Frau
die eben nicht im Rufe der Frömmigkeit stand nicht abgeneigt sei Wenn er sie
anredete hatte sein Ton etwas weiches durchdrungenes welches mir die wahren
Accente der Liebe zu sein schienen in seinen Reden gegen mich war er hart
trocken und herrisch Diese Entdeckung wirkte sehr unglücklich auf mich Ich gab
ihn auf und erniedrigte mich zu der verächtlichen Klasse solcher Weiber die
sich Liebhaber erlauben  Die Rätin Brennfeld hatte einst in einem Anfalle
munterer Laune den Spruch hingeworfen eine Frau könne einen Liebhaber haben
das müssten die Mädchen sich aber nicht herausnehmen wollen  So wenig mir ihre
Sentenzen sonst des Aufbehaltens wert geschienen hatte doch diese wie mit
schwarzer Schrift unvertilgbar in mir gehaftet Es gab noch Augenblicke wo ich
zusammenschreckte wenn ich mirs lebhaft dachte in welchen Orden ich
eingetreten war Mein demütigendes Selbstgefühl wies mir nun einen sehr
niedrigen Platz in der Gesellschaft an und meine stolzen Anmassungen würden in
Selbstverachtung zusammengesunken sein hätte mich nicht unverdiente Achtung
die man mir jetzt eben jetzt bewies ja selbst die tausend kleinen
Aufmerksamkeiten mit denen man mir entgegenkam und die zu sagen schienen
»jetzt ist sie worden wie unser eine« aus meinem Versinken wieder
heraufgezogen Nachher habe ich diese Menschen selbst bitter verachtet und es
für einen Raub an der besseren Menschheit gehalten wenn verächtliche Personen
gleich den achtbaren aufgenommen werden Es ist höchst unrecht zweierlei Genuss
an sich reißen zu wollen die geheime verbotne Frucht und die öffentliche gute
Meinung
    Aber der Zustand der innern Selbstverachtung peinigte mich doch oft aufs
schmerzlichste Ein liebkosendes Wort selbst die Benennung Mutter von meinen
Kindern ein Brief von meiner nun sehr kränklichen Mutter erschütterten mich
gewaltsam Dann hätte ich mich in meines Herzens Beklommenheit gern an ein
höheres Wesen gewendet die brennende Unruhe durch Gebet und Hingebung
gelindert aber der Bösewicht der meine Ehre zu Schanden machte hatte mich
nach und nach durch ateistische Meinungen vollends um allen Glauben und
Hoffnung gebracht Auch der Glaube an mich selbst war dahingegeben die Rückkehr
war mir beinahe moralisch unmöglich gemacht
    Ein schwacher Überrest von Ehrgefühl oder Stolz hatte mich abgehalten meine
Domestiken zu Vertrauten meines Liebeshandels zu machen Der hereinbrechende
Winter erschwerte unsre Zusammenkünfte Mein Verderber gab darüber viel Traurens
vor Als ich in ihn drang mir seine Meinung über unsre Zusammenkunft zu sagen
gab er zu verstehen uns sei geholfen wenn ich ihn hinreichend liebe mich über
einige kleine Vorurteile hinwegzusetzen Ich machte mich anheischig ihn jeden
Beweis meiner Zuneigung zu geben den er nur fordern würde und so geschah es
dass ich mich zu Zusammenkünften in einer abgelegenen Straße bei einem solchem
Unwesen gewidmeten Weibe bereden ließ
    Die Elende die sich für Geld zu einem so niedrigen Gewerbe hergab bediente
ihre Gäste mit teuren Leckerbissen die nicht abgelehnt werden durften wenn
das Siegel ihrer Verschwiegenheit halten sollte Diesen Aufwand zu bestreiten
reichte der Finanzbestand meines  ach dass ich ihn Verführer nennen dürfte 
nicht zu Er ließ es mit gewissen Winken begleitet merken die ich nur zu
geschwind verstand Ach Ida auch hier muss ich es wiederholen der Mensch sinkt
von einer Stufe des Verderbens zur andern sobald er seine Moralität nicht an
ein religiöses Interesse knüpft oder die Ahnung der bürgerlichen Gesetze zu
fürchten hat Die Tugend die sich durch sich selbst belohnt mag starken
denkenden Köpfen oder kalten leidenschaftlosen Temperamenten gelingen aber
den Menschen die so zu Tausenden auf der breiten Heerstraße des Daseins
dahertreten die dem Eindrucke des Augenblicks nachgeben ist sie nicht gewährt
Ich hatte eine lohnende sowohl als eine strafende Zukunft bespötteln und
bezweifeln hören jetzt war mirs bequem sie wenigstens für ungewiss zu halten
Niemand sah mich niemand konnte es erfahren ich wurde  ach Gott erbarme
sich  da ich auf der imfamirenden Bahn nun schon nicht mehr ohne mich der
Schande auszusetzen umkehren konnte eine Diebin ich bestahl meines Mannes
Kasse  Sie werden blass Ida die Dämmrung hindert mich nicht es zu bemerken
 Ida antwortete mit Tränen »Ich bedaure Sie von ganzer Seele Es hat einst
jemand gesagt man erkennt die Geliebte in dem Liebhaber Ein tugendhafter Mann
hätte Sie zum Engel erhoben Wir sind so wachsartig dass wir unvermerkt die
Gestalt des Geliebten annehmen«
    Sie setzen das Unmögliche Ida erwiderte Minna Ein besserer Mann würde
nicht sein strafbares Auge auf seines Freundes Weib geworfen haben Aber lassen
Sie mich leise über diese noch immer schmerzhafte Narbe meines Gewissens
wegeilen  Wir lebten von diesem Blutgelde  es war aus einer Depositenkasse
von Kindergeldern  herrlich aber wahrlich nicht in Freuden denn so oft ich
die unselige Schwelle betrat bemächtigte sich ein entschiedner Trübsinn meiner
Seele der beinahe Verzweiflung wurde als ich einst bemerkte dass ich nicht die
einzige Frauensperson sei welche dieses Haus in verbotener Absicht besuchte
Eine Figur verhüllt in einen Florschleier schlüpfte bei einer Glastür
vorüber Das Kleid die Leibbinde und den farbigen Handschuh hatte ich gestern
noch in einer Gesellschaft gesehen es war die einzige Tochter eines angesehenen
Mannes die hier mit einem Figuranten aus der Oper zusammenkam Tief ungemessen
tief beugte mich die Vorstellung dass ich mich in einem öffentlichen dem Laster
geweiheten Hause befand Aber die schreckliche Entwicklung lag mir nicht mehr
fern
    Einst ging ich um kein Aufsehn zu machen in einem schlichten Anzuge früher
in das unselige Haus Die Domina führte mich in ein unteres mir unbekanntes
Zimmer weil wie es hieß das gewöhnliche vom Reinigen nass sei Mit klopfendem
Herzen ging ich im Vorgefühl der mir bevorstehenden Katastrophe auf und
nieder Ich blieb lange allein bis sich hörbar ein männlicher Tritt der Tür
nahete »Hier in diesem Zimmer find ich sie« hört ich die mir nur zu gut
bekannte Stimme meines Mannes fragen Schrecken Angst und Schaam trieben mich
wie ein Blitz in den entlegensten Winkel der Stube Die Tür flog  wie es mir
vorkam wurde sie wütend aufgerissen  hastig auf und ich hörte meinen Mann das
ihn hereinlassende Mädchen zehnmal in einem Atem fragen »aber wo wo ist sie
denn« Da ich nicht einen Augenblick zweifelte dass ich gemeint sei so stürzte
ich aus dem mich übel verbergenden Winkel hervor stieß ein kläglichwimmerndes
Geschrei aus und fiel über einen mitten im Zimmer stehenden Stuhl mit ihm
zugleich zur Erde Durch das Poltern meines Falles herbeigezogen kam die
Wirtin mit Licht herein Wer vermag wohl den jetzigen Auftritt zu schildern
Bei mehr Besonnenheit oder weniger scheuem Gewissen hätten wir uns gegenseitig
täuschen und vorgeben können einer suche den andern aber so entdeckte sichs
bald dass auch mein Mann in der unrühmlichen Absicht hier war seine Dame zu
sehen dieselbe auf die mein Liebhaber mir Argwohn beigebracht hatte Die
Verwechslung der Zimmer war Zufall und war durch des kleinen Dienstmädchens
Unwissenheit geschehen wodurch ganz natürlich diese Entwicklung herbeigeführt
wurde
    Mein Mann stand vor mir in ungewisser Haltung und mit Verlegenheit im
Gesicht »So ganz ohne Mut Sie sind eine erbärmliche Sünderin Madame« sagte
er bitter »was werden Sie jetzt beschließen«  So übel ihm dem nicht minder
Strafbaren dieser Ton auch anstand drang er doch tief in mein zermalmtes Herz
Weit von allem Trotze entfernt rief ich weinend und vor ihm hinknieend »Ich
beschliesse hier nicht eher aufzustehen bis ich Deine Vergebung erflehet habe
bis Du mein reuiges Herz wieder aufnimmst«  Darauf war er nicht gefasst
gewesen Ich küsste seine mir dargereichten Hände benetzte sie mit Tränen und
rief glaub ich »Verstössest Du mich jetzt nicht so soll mein ganzes
künftiges Leben Dir ein fortwährender Beweis meiner Liebe und Treue sein«  Er
war erschüttert aber nicht erweicht doch sagte er ziemlich milde »Komm Minna
keine Szenen an diesem Orte vor solchen Zeugen müssen wir nicht handeln« Er
sagte der Wirtin einige Worte und schleppte mich mit sich fort denn gehen
konnte ich im buchstäblichen Sinne des Worts nicht
    Dieses Bekenntnis ist mir über alle Beschreibung schwer geworden Ich fühle
mich nicht im Stande heute mehr zu sagen meine Kräfte sind alle von dieser
entsetzlichen Erzählung erschöpft Ach Ida möcht ich jetzt einen Blick in Ihr
Herz wagen dürfen  Musste denn ich ich selbst die schöne Täuschung die Sie an
mich band zerstören
    »Die Minna welche ich liebe ist nicht mehr die Gefallene nein das schöne
Antlitz der edelsten Menschheit ist ganz wieder in ihr hergestellt Diesen
Glauben an Ihre wieder in die alten Rechte eingetretene Würde sollen Sie selbst
mir nicht rauben können« sagte Ida schwärmerisch »Doch kein Wort weiter Sie
bedürfen Schonung und Ruhe«
Das têteà tête  fing Minna am folgenden Abend ihre Erzählung an  welches
mir mit meinem an seiner Ehre gekränkten Manne bevorstand erforderte einen
Mut zu dem meine gebeugten Kräfte sich nicht erheben konnten obgleich seine
eigene unrühmliche Absicht mich hätte aufrecht halten können Als ich in sein
Zimmer trat war ich einer Ohnmacht nahe er aber schien seine Fassung in meiner
Ohnmacht zu finden behandelte mich vor den Domestiken wie eine Kranke ließ
mich auskleiden mir Tee geben und schien so sanft und verzeihend dass mir
endlich wieder ein Fünkchen Mut aufging und ich seine Hand an meine Lippen zu
drücken wagte Er entzog sie mir nicht als ich aber über den bewussten Vorfall
sprechen wollte rief er »Still keine Sylbe vom Vergangenen wir bedürfen
beide besonderer Nachsicht und haben viel sehr viel gut zu machen Verhalt
Dich ruhig die Zeit verwischt viel«
    Das wodurch die brennende Wunde meines Gewissens Linderung erhalten sollte
wäre mir zur andern Zeit ein entsetzliches Übel gewesen Ich verfiel nämlich in
ein hitziges Fieber welches lange anhielt und wogegen meine ganze Jugendkraft
kaum das Gegengewicht halten konnte Ich besserte mich sehr langsam und erst
nach einigen gefährlichen Rückfällen Da wurde ich mit Vergnügen gewahr dass
mein Mann nur dann von meinem Lager wich wenn dringende Geschäfte ihn abriefen
Daher vergaß ich leicht dass auch er gefehlt hatte und nun sah ich nur noch die
Größe meines Vergehens Doch Dank sei es der zerrüttenden Gewalt des Fiebers
es erschien mir jetzt schon mehr in einer matten Dämmrung mein Entschluss war
aber fest und unwandelbar dass sobald meine Kräfte mich hielten ich meinem
Manne die abscheuliche Größe meines Verbrechens ganz gestehen wollte Durch
Worte die mir während der Fieberhitze entfuhren hatte er es schon zum Teil
argwöhnen können An einem heitern Morgen wo ich zuerst außer dem Bette war
nahm er meine Hand und fragte mich in einem gar keine Erwartung erregenden
Tone ob ich wohl je aus Versehn Geld aus seiner Kasse genommen habe er wäre
vielleicht nicht sorgfältig genug gewesen diese Gelder von seiner Privatkasse
abzusondern da sei es möglich dass wenn ich von dem meinigen zu nehmen
geglaubt habe aus Versehn   Ich hüllte voll Entsetzen mein Gesicht in ein
Tuch glühende Scham überzog das kranke bleiche Gesicht »Du weißt es also 
Auch diese Schmach«  Ja ich Elende ja   »Wie viel wie oft« fragte er
Ich nannte die nicht kleine Summe Er entfärbte sich »Großer Gott« seufzte er
»Minna bist Du stark genug es zu hören doch erfahren musst Du es ohnehin
bald Wir haben auch hier beide gesündigt wir haben aus einem unrechtmässigen
Fond den Aufwand unsrer unerlaubten Freuden bestritten Das trügliche Lotto
sollte mich retten hofft ich und es beförderte meinen Sturz Ich gebe mich
ich bin verloren Rette Deine Mitgift«  Keinen Heller nicht einen so weit es
nur immer zum Ersatz zureichen mag rief ich standhaft zusammengenommen In
diesem kritischen Moment zeigte sich mir in der Ferne ein großes Mittel mich
wieder zu einiger Würde und einigem Verdienste um meinen Mann zu erheben ich
fühlte Mut und Entschlossenheit mit zu tragen und mit zu leiden Was steht uns
bevor was müssen wir tun rief ich stark und entschieden  »Dieses Haus
räumen Minna und es mit allem was es enthält den Defekt zu decken hingeben
Mich wird man bis zur ausgemachten Sache festsetzen und kassiren Dann werden
wir uns klein sehr ins Kleine zusammenziehen müssen und ich werde wenn mir
besondere Gnade widerfährt vielleicht einen kleinen Dienst bekommen vielleicht
auch nicht«  Und ich fiel ich ein werde arbeiten und werde Dich den ich zu
Grunde richten half und unsre Kinder nicht im Unglücke vergehen lassen War ich
doch ehe ich Dein Weib wurde der Arbeit gewohnt Es gibt eine Vorsehung Sie
wollte mich mit Milde führen ich achtete ihrer nicht und nun kommen mir die
Heerlinge von denen die Bibel spricht welche mir die Zähne stumpfen werden 
Mein Mann erstaunte über die Kraft die er mir gar nicht zugetraut hatte aber
ich fühlte dass der Beifall meines eignen Herzens mir noch mehr wert war denn
nur ich wusste genau dass ich nicht tatenleere Worte hinprunkte
    Es traf alles genau so ein wie mein Mann gesagt hatte Uns widerfuhr das
strengste Recht Auf Mitleiden durften wir nicht rechnen denn er hatte die
Schwachheit gehabt seine Revisoren und viele Adelige oft zu bewirten Eben
diese waren es die das Schwert mit Schärfe über uns schwangen »Es konnte nicht
anders kommen« hieß es »auf des Mannes Tisch kam Rheinwein wie der König ihn
kaum hat Das Kleine wurde vergrößert und das Mittelmässige zum Übermässigen
erhoben Die Frau war ebenfalls eine Närrin sie trug Federputz und Brillanten
wie eine Adliche Solche krasse Bürgerliche wollen es dadurch der vornehmern
Klasse gleichtun und es hat doch weder Art noch Geschick Es geschieht ihnen
ganz recht«  So sprachen die welche wahrlich nicht scheel sahen als der edle
Rheinwein ihnen in unsern Gläsern zublinkte Wie liebkosend hatten jene Herren
oft die Hand geküsst an welcher der beneidete Brillant einst schimmerte und nun
waren sie emsig die Sinkenden noch tiefer in den Staub zu drücken Doch
glücklicher Weise war unser noch übriggebliebenes Vermögen zur Erstattung
hinreichend mein Mann kam mit Kassation ohne Verhaftung durch Wir lebten nun
in einer Beschränkung die nahe an Dürftigkeit gränzte Er schrieb Noten und
las Korrekturen für einen Buchdrucker Ich nähete wusch Flor Putz und seidene
Strümpfe wobei mir manches Kleid unter die Hände kam das ich ehedem zu
verdunkeln mich bestrebt hatte
    Jetzt wurde ich auch mit Entsetzen gewahr wie sehr meine armen Kinder durch
meinen Leichtsinn verwahrloset waren und dies wars eigentlich was mich bei
unsrer Armut tief in den Staub beugte Die Folgen dieser Verwahrlosung konnte
ich gar nicht berechnen Meinen Sohn hatte ich ehe er noch ein Jahr alt war
einem jungen und wie es sich zeigte liederlichem Mädchen überlassen Dieses
Geschöpf hatte den Hang zum Naschen in ihm erregt um diese Untugend zu ihren
Absichten zu benuzzen sie war auch bald ganz sicher dass Fritz nichts verriet
wenn sie ihn mit einem Törtchen oder Äpfelchen den Mund versiegelt hatte Als er
größer und fähiger wurde gebrauchten ihn die Mägde mich auszuspähen und zu
erfahren wenn ich ausgehen und wie lange ich wegbleiben würde Mein Fritz hatte
das Gewerbe des Spionirens so gut inne dass er mir immer gegen seine
Gönnerinnen welches die Mädchen zu sein schienen mit dem treuherzigsten
Gesicht allerlei vorbrachte um ihnen meine Beschlüsse über sie hinterbringen zu
können Schrecklicher aber noch als diese Falschheit war der Hang zur gröbsten
Sinnlichkeit womit die wollüstigen Dirnen ihn angesteckt hatten Die weibliche
Bescheidenheit verbietet mir umständlicher davon zu sprechen Er wurde
bläulich bleich schwankend Hals und Rücken krümmten sich unangenehm vorwärts
hin die Stimme ward heiser und unrein Ein guter Arzt hielt diesen Zustand für
nicht natürlich er forschte und entdeckte zu spät dass dies Symptome
heimlicher Ausschweifungen waren  Der Knabe wurde schwachsichtig die
Gedächtnisskraft war ganz erloschen er zehrte sich allmählig ab und sein Tod
befreite mich zwar von einem redenden Beweise meiner Strafwürdigkeit allein
hier im Innern ist der Wurm der nicht stirbt und das Feuer das nicht
erlischt
    Nach dem Tode meines unglücklichen Kindes fiel ich in einen Zustand von
Gemütsschwäche die mich für jeden Eindruck äußerst empfänglich machte Unter
so großen Leiden hatte meine Seele eine gewisse Schwungkraft erhalten durch
welche sie über sich selbst erhoben wurde aber sie wollte unter den täglich
sich wiederholenden Neckereien des Schicksals erliegen Was mir sonst Religion
gewesen war das schwankende unzureichende Gefühl das Christentum des weichen
weiblichen Herzens war im Winde des Modelebens zerflattert was ich mir an
dessen Stelle anvernünfteln wollte hatte keine Lebenskraft Ich haschte nach
allem was mir eine Art von Trost gewähren sollte und verfiel oft auf
unwürdige abergläubische Kindereien
    So ließ ich mich einst von dem kleinen Dienstmädchen denn nun hielt ich
keine stattliche Jungfern mehr bereden eine Wahrsagerin kommen zu lassen die
aus Karten und Kaffee die Zukunft in bunten lustigen Bildern zu sehen vorgibt
Das Weib welches ich in meines Mannes Abwesenheit zu mir kommen ließ war eine
der listigsten und gewandtesten ihrer Gattung und ich schämte mich schon
weniger dieser Schwäche als ich hörte dass ich sie mit vielen vornehmen Frauen
gemein hatte welche sie heimlich bei sich einführen ließ Wie sehr irren doch
diejenigen welche über zu viele Aufklärung schreien und immer besorgen sie
werde im großen Haufen zu weit um sich greifen So lange dieser noch so wenig
von den ihn umgebenden Naturkräften kennt kann die abergläubische Trägheit und
Dummheit nur ganz unbekümmert auf ihrem weichen Polster schlummern Mitten in
einer wegen ihrer Aufklärung beinahe berüchtigten Stadt treibt diese
Betrügerin ihr Gewerbe so öffentlich und mit solchem Erfolg dass sie bei
Veränderung ihrer Wohnung ihre Adressen umherschickt In ihrer Wohnung wird sie
so von der leichtgläubigen Dummheit belagert dass sie nur immer sechs Personen
auf einmal vorlassen kann Mir weissagte sie viel Gutes in einer hellen Zukunft
ich glaubte es freilich nicht hörte aber doch gern von einer frohen Aussicht
sprechen und fing an auf diese Phantasien Luftschlösser zu gründen wodurch
ich mir einige trübe Stunden erhellte
    Eines Abends kam mein Mann ungewöhnlich heiter von dem Buchdrucker dem er
Korrekturen gebracht hatte zurück Ich sah ihn forschend an »Liebes Weib« 
rief er mir so munter wie er lange nicht gewesen war zu  »es hat sich ein
helles Wölkchen an unserm Horizonte gezeigt In der Buchdruckerei traf ich den
Sekretär des  von  er sagte mir es sei eine Stelle bei dem  schen
Departemente offen die sein Herr vielleicht nicht abgeneigt sein würde mir zu
geben nur müsste ich schriftlich deswegen einkommen« Dass bei diesen Worten ein
Sonnenblick sich in meine verdüsterte Seele stahl ist begreiflich Dieser Abend
wurde uns ein Fest desgleichen wir lange nicht gehabt hatten und wogegen die
üppigen Freuden unsrer vorigen Lebensweise nur Trauertage waren Ich bereitete
ein Lieblingsessen meines Mannes und er war eben reich genug dem kleinen Mahle
eine Flasche Wein beifügen zu können Der nun schon ungewohnt gewordene Trank
erhöhte unsre Lebensgeister so dass wir ordentlich wetteiferten wer von uns die
beste Zukunft ausmahlen würde Auch gelobten wir uns heilig dass wenn uns
wirklich einst noch das Glück wieder lächeln sollte wir es mäßig und in
nüchterner Häuslichkeit in einem kleinen Kreise geprüfter Freunde genießen
wollten Ach unser geträumtes Glück bestand nur in diesem einzigen frohen
Abend
    In der ersten langentbehrten freudigen Aufwallung unsrer Herzen hatten wir
es freilich nicht bedacht dass dem alles vermögenden großen Manne nur durch
seine rechte Hand den Rat  beizukommen war und dass dessen Vermittlung und
Vorwort nur durch Aufopferungen zu erhalten war zu welchen unsre Armut nichts
herzugeben hatte Sehr niedergeschlagen kam mein Mann von dem Versuche den er
auf des Mannes kieselhartes Herz gemacht hatte zurück »Minna«  sagte er 
»wir werden nicht durchkommen dem Menschen ist nur durch Bestechung
beizukommen so unrühmlich wollen wir den Bissen den wir uns mit unsern Händen
noch erarbeiten können nicht erlangen«  Ich war seiner Meinung so ungern ich
die geliebte Hoffnung aufgab Über die Niederträchtigkeit der Menschen wagte ich
nicht zu klagen weil wir uns unsern Fall wahrlich nicht durch unsre
Rechtlichkeit zugezogen hatten
    Still und bekümmert verstrich uns dieser Tag »Eine mühselige Korrektur« 
seufzte mein Mann einigemale bei seiner Arbeit »Der Nähnadelverdienst ists
nicht minder«  antwortete ich mit ebenfalls beklemmtem Herzen  »Denke
daran dass wir unser Gutes genossen haben Minna«  »Ach freilich freilich
mein Lieber wiewohl nur eine kurze Zeit«  »Wir haben unsren guten Tagen
selbst ein Ende gemacht Minna«  »O das ist die tief einschneidende Seite
meines Grams und dann dass ich ihn nicht mit dem kindlichen hingebenden
Zutrauen auf Vorsicht und Menschheit tragen kann Den Glauben raubte mir frecher
Witz Die spottende leichtsinnige Welt spielte mir tändelnd einen festen
haltbaren Stab aus der Hand und gab mir dagegen ein dünnes zerbrechliches
Röhrchen das nun da die Stürme des Lebens über mich gehen zerknickt Ich
schämte mich meiner Katechismusreligion wie eines kleinstädtischen
Kleidungsstückes wusste aber nichts an ihre Stelle zu setzen denn die kühnen
Äußerungen welchen man in den mehrsten Gesellschaften ausgesetzt ist hatten
zwar bei mir eingerissen aber Bonmots sind kein Ersatz Ich blieb einer
düstern unbestimmten Zweifelsucht preisgegeben die mich in einzelnen
Augenblicken gleich einem plötzlichen Schreck angriff Dies war aber zu
vorübergehend als dass es hätte bis zur Unruhe steigen können Und wie denn bei
dem gewöhnlichen Menschenschlage die Religion ein isolirtes mit dem Tun und
Wesen derselben in keiner Verbindung stehendes Ding ist so kamen auch mir
diese ernstern Stunden so lange wir im Wohlstande waren ziemlich selten aber
da der Sonnenschein der guten Tage vorübergegangen war empfand ich mit
Schrecken wie viel ich an dem eingebüßt hatte was mir in frühern Tagen die
Religion galt«
    Still für mich stellte ich diese Betrachtungen an und brach dann noch
einmal in die Worte aus »O dass ich diese Stadt und diese Menschen nie mit
Augen gesehen hätte«  »Minna« sagte mein Gatte »lass uns nicht ungerecht
sein Lass uns nicht diese gute Stadt anklagen weil wir sie missbrauchten
Vielleicht gibt es wenig große Städte die so viele öffentliche und
Privattugenden aufzuweisen haben aber sie zu finden muss man freilich nicht den
Weg einschlagen den wir wählten Die Trefflichen und Guten lauern nicht am
breiten Wege der üppigen Freuden dass der Vorübertaumelnde sie wild an sich
reiße Im stillen Kreise geräuschloser Freuden wirken sie im Verborgenen und
nehmen den Suchenden mit entgegenkommender Güte auf Wir rangen nach Betäubung
nicht nach Glück Jene wurde uns eine Zeitlang gewährt und dieses  mein Herz
sagt mirs  werden wir noch finden sobald wir ernstlich wollen Mein Rausch
ist auf immer vorüber Die Jahre und die Veranlassung zum ernsten Nachdenken
sind da überlege auch Du meine arme Minna mit Nüchternheit Es wird noch
wieder gut das ahne ich sehr deutlich«  Er legte die Feder hin kleidete sich
an und verließ mich ohne weiter zu sprechen
    Dieser Tag war einer der bittersten meines Lebens Ob schon unsre Lage sich
im Wesentlichen um nichts verschlimmert hatte so war ich doch um eine Hoffnung
ärmer geworden und damit war jede schon mehr als halb verharschte Wunde aufs
schmerzlichste wieder bei mir aufgerissen Ich legte unmutig meine Arbeit zur
Seite die mich ungewöhnlich anekelte und überließ mich einem unmässigen
Schmerze der in Tränenströme überfloss so dass ich ganz in mich versenkt es
kaum bemerkte als mein Dienstmädchen sehr angelegentlich einen Herrn anmeldete
der mich sogleich zu sprechen wünsche Wer er war wusste sie nicht aber ein
recht hübscher und freigebiger Herr wäre es denn er hatte dem jungen Mädchen
einen harten Taler geschenkt dass sie ihn nur recht schnell melden sollte
Unerwarteter als dieser Vorfall konnte mir nichts begegnen denn mit unserm
Wohlstande waren Herren und Damen verschwunden welche ehedem die fröhliche
Lockpfeife der Tischfreuden herbeigeflötet hatte Noch ehe ich Zeit gewann mein
ärmliches Zimmer ein wenig in Ordnung zu bringen trat ein ältlicher
wohlbeleibter Mann in einen Überrock gehüllt zu mir herein Sein hellfarbiges
breites Gesicht verkündigte den Vollgenuss der Tischfreuden die starren
unbiegsamen Gesichtsmuskeln und der offene Mund der nicht mehr in sein
Charnier schließen wollte den häufigen Genuss starker Weine Dieser lebendige
Kommentar zum Begriff von Fleischeslust und hoffärtigem Leben stellte sich mir
als den Rat  vor als den von welchem meines Mannes Anstellung abhing Er
trat so dicht mit etwas mehr als Freundlichkeit an mich heran dass ich einige
Schritte zurücktreten musste und als ich zu einiger Fassung gekommen war nahm
er vertraulich meine Hand und führte mich zu einem Sitz nahm aber den seinigen
so dicht neben mir dass wir unbequem saßen  »Ihr Herr Gemahl ist bei mir
gewesen«  hob er in einem von Fett schnarchenden Tone an  »er bewirbt sich
um einen Posten zu dessen Erteilung ich in der Tat mitwirken kann Jetzt will
ich mich durch diesen Besuch den ich mir die Ehre gebe Ihnen zu machen
überzeugen ob seine Lage in der Tat so dringend ist und ob seine schöne Frau
ihn und sich genug liebt um zu seiner Beförderung mit beitragen zu wollen« Und
wie kann ich das mein Herr Rat fragt ich Ich bin bereit so schwer es
auch sein möchte  »O gar nichts Schweres schönstes Weibchen Es kommt nur
darauf an dass Sie einem Manne auf den Ihre Reize einen unauslöschlichen
Eindruck gemacht haben etwas gütig begegnen«  Mit diesen Worten legte er
beinahe die ganze Last seines Körpers auf meinen Schoss um meine Hand so wie
sie da lag zu küssen Ich sprang unwillig auf Er wollte mich mit Gewalt auf
meinem Sitze festhalten  »Nicht so zornig meine Allerliebste fuhr er fort
Sind Sie nur ein wenig gütig ein wenig ertragend  so erhält Ihr Mann weit
mehr als er zu bitten sich je unterfangen wird«
    Bei einem solchen Vorfalle mich gehörig zu betragen fehlte es mir an
Gegenwart des Geistes Ich drückte mich in aller Stärke meines Verdrusses aus
Zuerst kroch er wie ein gemisshandelter Pudel zuletzt aber wurde auch er
aufgebracht und spielte auf meine unglückliche Begebenheit an die wie er
sagte ihm Mut gemacht hatte auf ähnliche Gefälligkeit gegen ihn zu rechnen
    Diese Äußerung erregte mir den bittersten Schmerz Ich hatte gehofft ich sei
vergessen und jetzt sah ich deutlich dass meine Vergehen noch in regem Andenken
standen O nie nie wird des Guten so lange und lebhaft gedacht  Indes
gelang es mir doch den frechen Menschen durch mein festes Benehmen zu
überzeugen er habe sich in meinem Charakter geirrt Nach langem verdrießlichen
Wortwechsel ließ er sich herab mich um Stillschweigen auch gegen meinen Mann zu
ersuchen er fühlte nicht der Undelikate wie viel mir selbst daran lag dass
mein Mann durch nichts an diese kränkenden Umstände erinnert werden möchte
Zuletzt als er mich einigermaßen gefasst sah ließ er noch verlauten entgegen
wolle er meinem Manne nicht wirken aber der Sekretär bei dem großen Manne auf
den es doch am eigentlichsten ankomme befördere keine Bittschrift die mit
leerer Hand überreicht würde  Ich nahm diese Weisung ziemlich mürrisch an
Nachdem er noch viel Unwesentliches zur Sache gesagt hatte empfahl sich der
Herr Rat der mir von seiner Niedrigkeit so redende Beweise gegeben obschon er
in der Welt unter der allgemeinen Benennung eines rechtschaffenen Mannes bekannt
war
    Bald nachher kam mein Mann in sehr düsterer Stimmung nach Hause Ich sagte
ihm wer bei mir gewesen war und erwähnte als Zweck dieses Besuches der
Nachricht die den Sekretär betraf »Also auch ein Schurke« sagte mein Mann
bitter »Und wir sollen darum dass sies überall sind kummervoll darben Mein
Freund der Buchhändler sagte mir eben nehmen Sie doch als ein erfahrner
Mann die Welt wie sie ist wir werden sie nicht reformiren wohl aber
untergehen wenn wir nicht mit dem Strome schwimmen  So sei es Minna Lass
uns was wir aus dem verschuldeten Schiffbruche retteten was wir für den
Notfall hinlegten lass es uns einpacken Dies sei der Notfall für den wirs
aufbewahrten Der Elende der für Geld hilft mags auf seine Lumpenseele
nehmen«
    Ein Ring eine Dose nebst einigem Silbergeschirr die Patengeschenke
meiner Tochter wurden in eine modische Tabatière mit 30 Dukaten gefüllt
umgeschaffen Meine Hände zitterten beim Einpacken nicht darum weil es das
Allerletzte war was wir aufzubringen vermochten und einem Raube an meiner
Tochter glich sondern weil ich mir dachte das ist Bestechung O pfui des
schändlichen Weges Wie wenn der Mann nicht ganz so schlecht ist und
schleuderts uns verächtlich zurück Ist der nicht auch schlecht der die
Frechheit hat Bestechung anzubieten  Diese meine Besorgnis war vergebens Die
Antwort auf die Bittschrift erfolgte sehr schnell ohne jedoch des beigefügten
Opfers zu erwähnen »Die Sache« hieß es »solle nächstens zum Vortrage kommen
Ihr Excellenz wären ganz geneigt einer würdigen Familie wieder aufzuhelfen«
usw
    Nun wiegten wir uns aufs neue in Träumen süßer Hoffnung die hellere Zukunft
schien uns näher gerückt wir waren wie neu belebt Die Arbeit ging rasch und
flink von statten und wir sprachen viel und oft von dem sehnlichst erwarteten
Ausgange der Bittschrift welcher bald genug erfolgte Mein Mann wurde durch
einige Zeilen zum Sekretär gefordert Lesen ankleiden und wegeilen war das Werk
einiger Minuten Ich blieb bebend vor Furcht und Hoffnung zurück und lief
untätig umher denn um die Welt hätte ich keine Arbeit anrühren können Ich
wankte bald zum Fenster bald zur Treppe dem Manne die Nachricht noch ehe er
spräche aus dem Gesichte zu lesen Er kam und ich las sie wirklich von Weitem
schon auf seinem blassen Unglück weissagenden Gesichte Mit Worten wagte ich es
nicht ihn zu fragen auch hatte meine Brust nicht Atem genug zu reden
Endlich nach bangem minutenlangen Schweigen in welchen er noch immer nach
Fassung strebte fing er mit mattem erschöpften Tone an »Minna nun ist wohl
alles vorbei Der Minister wollte helfen nachdem aber der Rat  eben der
welcher uns diesen Weg angeraten hat bei ihm gewesen war ließ er den Sekretär
hereinrufen und überhäufte ihn mit Vorwürfen dass er ein solches Subjekt zu
empfehlen gewagt habe einen Menschen der Kindergelder angegriffen und sich
durch seine und seines liederlichen Weibes Tollheiten zu Grunde gerichtet habe
Dergleichen unterstehn Sie sich in Zukunft nicht mehr hat er höchst entrüstet
hinzugesetzt Mit diesem Bescheid ist unser Schicksal auf immer entschieden
arme Minna«
    Auch dieses war einer von den entscheidenden Momenten des Lebens wo
zuweilen die Seele durch einen raschen Entschuss sich aus dem Abgrunde
emporschwingt Ich umarmte meinen Mann leidenschaftlich indem ich zu ihm sagte
»Ich folge Dir bis in den Tod Dein Loos sei das meinige  nur lass uns diese
Welt die uns ausstösst nachdem sie unsern Lebenssaft mit aufzehrte lass uns
diese elenden Menschen meiden  Ihre Nähe ist Schmach«  »Aber wohin wohin
wenden wir uns armes Weib das ich mit in mein Schicksal verwickelte«  »Aufs
Land zu einfachen Menschen zur einfachsten Lebensart in ihr liegt ganz gewiss
das Glück welches wir unsinniger Weise im Strudel der Üppigkeit suchten« Ich
gedachte in diesem Augenblicke eines Gartens den ich mit meiner Tochter und
einem Dienstmädchen bearbeiten wollte Es waren wahrscheinlich Ideen meiner
ersten Jugend die in mir auflebten Der Einfall war im Grunde unreif aber die
Stimmung des Augenblicks rechtfertigte ihn Auch das möge ihn entschuldigen dass
mein Mann ohne Bedenken zustimmte und sogleich alle Anstalten machte ihn ins
Werk zu richten
    Allein ein Herzleid sollte uns doch noch widerfahren ehe wir von dannen
schieden Ich war gegen Abend ausgegangen um einige Kleinigkeiten anzuschaffen
und war nicht lange ausgeblieben Bei meiner Zurückkunft fand ich meinen Mann in
ausnehmender Bewegung er fuhr ungestüm auf mich los einen Brief in der Hand
haltend »Weißt Du davon Minna« fragte er »weißt Du um diese Schandtat« 
»Wie was hast Du Ich begreife Dich nicht«  »Nicht so lies«  Er reichte
mir ein Billet hin es war vom Rat  der mir erklärte dass er zu meinem
Besten die Sache wegen meines Mannes Versorgung habe hintertreiben müssen er
könne das nicht der Feder anvertrauen bäte mich aber beikommende Kleinigkeit
als einen geringen Ersatz vor der Hand anzunehmen bis ich ihm erlaube in
wesentlichern Dingen seine achtungsvolle Wertschätzung an den Tag zu legen 
Diese Kleinigkeit waren 50 Dukaten Ich verteidigte mich gar nicht bei meinem
Manne er musste sehen und fühlen dass ich unschuldig war Jetzt gestand ich ihm
auch die Anträge des Rats die ich ihm aus Schonung für uns beide
verschwiegen hatte Allerdings war es unrecht hier zu schweigen denn ich würde
durch die Entdekkung der ehrlosen Absichten jenes Herrn den Versuch verhütet
haben welcher meinem Gatten eine so schimpfliche Zurückweisung zuzog Jetzt
wars offenbar der Rat wollte dass wir das letzte aufopfern sollten um nachher
durch Dürftigkeit gezwungen zu sein seinen beleidigenden Anträgen Gehör zu
geben  Das Päckchen und den Brief hatte er meinem Dienstmädchen selbst
gegeben und diese hatte es aus Bosheit oder Dummheit ich hielts für das
erste meinem Manne eingehändigt
    Da der Mann sich in seinem Billet genannt hatte so schickten wir Brief und
Päckchen mit einem der Sache angemessenen Schreiben an ihn zurück Wir haben
nachher nie wieder seinen Namen gehört als da sein im sechs und vierzigsten
Lebensjahre an Entkräftung erfolgter Tod in den öffentlichen Blättern bekannt
gemacht wurde
    Nun waren wir endlich frei und leicht genug unsern Weg nach der
neuerwählten Heimat anzutreten Unser Gepäck war klein unser Geldvorrat
gering aber freudiger konnten wir uns nicht auf den Weg machen wäre für uns
auch das größte Gut zu erwarten gewesen So wohl tut dem Herzen das
Selbsterwählte Unsre gute Stimmung wankte selbst nicht bei dem
niederschlagenden Anblicke des verfallenen Wohnhäuschens und der schmutzigen
Ärmlichkeit des Ganzen denn die Überzeugung dass hier Zufriedenheit bei uns
wohnen würde war aus uns selbst geschöpft
    Wir legten frisch die Hände ans Werk Ich mietete ein Mädchen aus dem
Dorfe Mein Mann pflückte und schüttelte das Obst ich und meine kleine Tochter
lasen es auf und suchten es aus mein Dienstmädchen trug es zu Markte Dies
wechselte mit Arbeiten die unsrer Weichlichkeit freilich etwas härter fielen
aber der gute Wille half und es ging Jetzt kamen mir meine in der frühen
Jugend erworbenen wirtschaftlichen Geschicklichkeiten zu statten ich war
unermüdet sie auszuüben und das Gedeihen unsres Fleißes war so sichtlich dass
unser Mut dadurch immer mehr wuchs Das harmlose gute Landvolk um uns her
das wie es sich ausdrückt seinem Gotte in der Einfalt seines Herzens dient
belebte die Erinnerung jener Zeit wo auch ich kindlich an meinen Schöpfer
gedacht hatte aufs neue aber aus eignen Kräften vermocht ich nicht mich in
die Gefühle meiner zarten Jugend zurückzusetzen Die Vorsehung wollte indes dass
ich es sollte sie veranstaltete die Dazwischenkunft eines Mannes dessen
Andenken mir ewig gesegnet bleiben wird
    An unsre kleine Besitzung die wir in Pacht genommen hatten gränzte die
eines Mannes eines Weisen für den meine Dankbarkeit noch keine bezeichnende
Benennung gefunden hat Auch er hatte sich von den Stürmen des Lebens aber mit
unverwundetem Gewissen und unvergeudetem Vermögen hieher zurückgezogen Der Tod
seiner eben so trefflichen Gattin hatte ihm die Einsamkeit zum Bedürfnis
gemacht Er durfte sich auf seine eigne Gesellschaft verlassen denn er brachte
einen reichen Schatz in seinem Innern mit Sein gesunder Kopf war mit
Kenntnissen aller Art bereichert Mit seinem schönen Herzen stand er sich eben
so gut Sein Umgang wurde für jeden den er damit beehrte eine Wohltat Die
Landleute die nicht recht wussten wer er war nannten ihn den klugen Herrn die
Frauen aber sagten immer von ihm der gute Herr Die Kinder standen wenn er
sich zeigte ehrfurchtsvoll und nahmen ihre Mützen ab er beschenkte sie und
erlaubte dass sein alter Bedienter Gottfried ihnen etwas erzählen und sie
belehren durfte wobei sie stricken oder spinnen mussten Der Untätige war von
dieser Unterhaltung ausgeschlossen und das achteten sie für eine entsetzliche
Schande Doch ich will ja nur gedenken was der kluge und gute Herr uns wurde
Er hatte von uns gehört unser Entschluss uns auf uns selbst zu verlassen hatte
ihn für uns eingenommen er sah uns wir waren so glücklich ihm zu gefallen
auch unsre Einrichtungen hatten seinen Beifall Er kam nun öfterer zu uns
arbeitete mit uns und nie ging er ohne uns irgend einen guten anwendbaren Rat
oder eine ausführbare Angabe hinterlassen zu haben immer fühlten wir unsern
Mut gestärkt und der Wunsch ihn recht bald wieder zu sehen blieb beständig
bei uns rege
    Sein scharfer Blick hatte leicht meine schwankenden Begriffe von dem was
mir das Wichtigste sein musste erspäht Ich jammerte ihn er gab sich die Mühe
meine Kenntnisse und das zu prüfen was mich hinderte mich einer freudigen
Gottesverehrung hinzugeben Sein Tadel war ohne Bitterkeit und sein Mitleiden
beleidigte nicht Er räumte mit ausharrender Geduld in meinem Kopfe auf fegte
alles hinaus was schlechte Früchte tragen konnte lehrte mich einen Gott
kennen der eben der war den meine frommen Eltern so treu und freudig
verehrten Mit meinem Manne ließ er sich in gelehrte Untersuchungen ein welchen
ich indes auch die Freiheit hatte beizuwohnen Der einfachere Unterricht war für
mich und auch bei meiner Tochter gründete er eine Kenntnis von Gott die
tausendmal mehr als Katechismusunterricht wert war Ich will Sie meine Ida
nicht mit dem Detail seiner Unterredungen ermüden aber das Resultat war dass er
uns zu glücklichen Menschen umbildete die mit heitrem Auge in die Zukunft
blicken durften Auch im Anfange unsrer Haushaltung unterstützte er unsre
Dürftigkeit doch jederzeit so schonend dass wir nur den Wohltäter errieten
und ihm nie mit Worten danken konnten
    Die strenge Arbeitsamkeit zu der unsre Armut uns verpflichtete befestigte
meine Gesundheit Ich blühete so zu sagen von Neuem wieder auf denn das
ewigbewährte Rezept gegen die Üppigkeit Armut hatte auch bei uns seine
Dienste getan Auch mein Mann und meine Tochter genossen einer Stärke der
Gesundheit von der sie bis dahin durch sich selbst keinen Begriff gehabt
hatten In unsern Mussestunden deren wir aber nur wenige hatten lasen wir aus
dem Büchervorrate unseres Freundes da ich mich aber in allem Ernst vor dem
Bücherlesen fürchtete so schränkte ich mich größtenteils auf Spaldings
schätzbare Schriften ein Der sanfte Geist der darin atmet tat meinem Herzen
unendlich wohl Doch las ich auch wirtschaftliche Schriften Naturhistorie
Physik etc und unser Freund brachte mir einige praktische botanische
Kenntnisse bei
    Unser kleines Hauswesen gedieh so gut dass wir uns in kurzer Zeit schon nach
Erweiterung des Raumes den wir inne hatten umsahn Uns war so wohl wir
dachten so wenig an die Welt die wir oder vielmehr die uns verlassen hatte
zurück dass es uns beinahe eine schmerzliche Nachricht war als meines Mannes
Tante starb und uns eine gute Erbschaft hinterließ Die Eingeschränkteit hatte
uns in steter Spannung und Tätigkeit erhalten ich fürchtete jetzt den
Wohlstand wie eine Hyäne Allein wohl mir meines Mannes Gefühl war gereinigt
wie das meinige Er hob die Erbschaft brachte nur so viel Zeit als eben zu
diesem Geschäfte erforderlich war außer dem kleinen Bezirke unsrer
Zufriedenheit zu baute uns nachher unsre Hütte bequemer und anständiger auf
kaufte das Land das wir nur in Pacht gehabt hatten und das ist nun eben das
Häuschen in welchem Sie meine Ida Ihrer Freundin so einfach und so überaus
glücklich ihre Tage verrinnen sehen  Der kluge gute Herr dem wir unsre
bessere Existenz verdanken ruht dort unter den beiden Linden über welchen die
vergoldete Kirchturmfahne hervorragt Ich gehe den Hügel der seine teure
Asche deckt nie vorüber ohne meine Tochter dabei verweilen zu lassen das
Andenken dieses unsres Heiligen zu segnen und mir den Spruch zu wiederholen
den ich oft von seinen werten Lippen gehört habe »Wo Tugend und Arbeitsamkeit
herrschen da wohnt auch das Glück«
Minna schwieg als sie ihre Erzählung geendigt hatte und Ida saß tief in sich
versenkt mit zurückgelehntem Kopfe  Also Armut und strenge Arbeitsamkeit
wurde Ihnen der Weg zum Glücke Gut das braucht man ja nur zu wollen Arbeiten
o ja arbeiten ist sehr gut Nüchternheit reinigt die Seele sagt man  So
redete sie in abgebrochnen Sätzen als wenn sie allein wäre Minna erschrak und
schlug ihren Arm liebend um der Freundin Nacken  Was bewegt Sie so sonderbar
meine Liebe meine Erzählung hat Sie empört Nicht wahr Sie sinnen wie Sie nur
ein Herz von sich entfernen wollen das Ihrer Liebe nicht immer wert war  O
nein nein rief Ida und brach in Tränen aus ich sann ich gestehe es Ihnen
ich sann wie ich dem Versprechen Sie mit mir bekannt zu machen wenigstens
noch auf einige Zeit ausweichen könnte und da erschrak ich dass das Ende Ihrer
Begebenheiten mich ereilt hatte ohne dass ich vorbereitet war Und nun Minna
hat mich der Schluss derselben Ihr Edelmut die Größe Ihrer Beharrlichkeit
Ihre Entschlüsse das alles hat mich vernichtet ich habe Ihnen größere Fehler
und weniger Mut sie gut zu machen mitzuteilen O erlassen Sie mir die
bittere Aufgabe nur noch auf einige Zeit erlassen Sie sie mir Sie sollen alles
hören aber mich sogleich neben Sie die Gute und Edlere zu stellen das vermag
meine Eigenliebe nicht Ich bin klein sehr klein wie Sie sehen aber ich war
nicht immer so arm so mutlos Einst  ach es war eine schöne Zeit  durft
ich mit freiem Blick um mich schauen doch das ist lange her und seitdem   
Hier trat der Verwalter des Edelhofes den Ida seit einiger Zeit bewohnte zu
ihnen Er redete Ida an »Madame es tut mir recht leid dass ich Ihnen etwas
sagen muss das Ihnen unangenehm sein wird Sie sind ohnehin immer so traurig
Ich gehe schon seit gestern mit dem Gedanken um wie ichs Ihnen vorbringen
soll Nun da eben die Madame bei Ihnen ist kann die Sie trösten die ist ja
immer so lustig wie ein Finkenmännchen«  Diese Einleitung machte einen
sichtbar unangenehmen Eindruck auf die Frauen Ida hatte nicht den Mut zu
fragen was das für eine Nachricht sei Minna drängte den Mann dass er damit
herausrücken musste »Ja« fing er langsam stammelnd an »als der gnädige Herr
nach Mecklenburg ging ließ er mich kommen und sagte Hör Er mal Schulz ich
reise zu meinem Bruder der ist krank und werde bis zum Oktober wegbleiben Da
steht nun das Haus und alle die Wirtschaft allein Es ist Schade dass kein
Mensch in der Blumenzeit hier sein soll Findet sich jemand nämlich
ordentliche rechtliche Menschen so kann Er die Zimmer da unten zum
Sommerplaisir vermieten tun und das Geld soll Seine sein Weil Er mir immer
ordentlich gedient hat so ists billig dass ich mich bei allen Gelegenheiten
dankbar gegen Ihn beweisen tue Ich habs Ihm nicht vergessen Alter wie Er
mich bei Torgau aus dem Getümmel trug  Denn sehen Sie nur unser Herr war
damals Kornet und das Pferd wurde ihm unterm Leibe todtgeschossen und er
bekam eine Wunde sehen Sie nur justement hier ging sie ihm vorbei die Kugel«
  Gut gut fiel ihm Minna ungeduldig ins Wort die Nachricht lieber Herr
Schulz die Nachricht  »Ja dass ich Sie nicht zu lange aufhalte Der Abend ist
ein wenig frisch um diese Zeit ist es immer so ich weiß als ich noch ein
kleiner Junge war«   War Er ein lieber munterer Knabe nicht wahr und wurde
leicht ungeduldig nicht wahr  rief Minna noch ungeduldiger  »Herr Jemine
unser einer kann ja nicht so fix mit der Sprache heraus« fuhr der Alte langsam
fort »Nu was ich sagen wollte da sagte ich denn wenn der gnädige Herr es
erlauben tut so wüsst ich wohl jemand dem mit dem Sommerplaisirchen gedient
wäre Da hat mir mein Schwager geschrieben wenn sich hier herum so etwas fände
bei ihm in Orte hielte sich  tat er mir schreiben  eine Dame auf von der
kein Mensch wüsste wo sie her gestoben und geflogen wäre Es müsste wohl so eine
Mätresse sein Er für sein Teil früge nicht danach sie wäre hübsch und fein
und bezahlte auch gut bei ihm lebte sie still und ordentlich nur dass sie
manchmal so rappelköpfisch wäre dass sie stundenlang weinen täte und über
Papieren säße  Weiter mein Freund ich höre er meint mich  sagte Ida 
ja geweint habe ich viel mich drückt ein schwerer Kummer das ist wahr  Na
darum jammerte es mich auch und ich dachte ich wollts Ihnen zuwenden weil
der Schwager doch schrieb Sie bezahlten auch ordentlich Meine Alte brummte
auch wohl und sagte ich würde wohl allerlei ins Haus schleppen ich könne die
alten Soldatenstückchen noch immer nicht vergessen Aber mein Seel noch hats
mich nicht gereut Sie sind eine gute liebe Madame Nur schade dass die Freude
so bald ein Ende nehmen soll da schreibt nun der gnädige Herr  er las den
Brief Mein lieber Schulz wenn das Heu herein ist so sorge er doch  nun das
dient Ihnen nicht zu wissen  Und  ja wo ist es denn nun  Von wegen der
Wohnung sorge er dass sie geräumt wird Es sei denn dass die fremde Dame sich
mit dem kleinen Gartenhause auf dem Berge behelfen wolle Denn ich bringe einen
alten Freund mit den ich in der unteren grünen Stube gern einquartieren möchte
 Da wars heraus Madamchen Nun tun Sie was Sie wollen Morgen oder
Übermorgen kommt die Herrschaft  Das Gartenhäuschen ist wohl hübsch Eine
zwei  ja warten Sie mal ein zwei Stuben und zwei Kammern Der Kamin ist
geräumig genug zum kochen Und ne Aussicht potz tausend man sieht bis in
andrer Herren Land«
    Ida welche etwas schreckliches besorgt hatte sagte mit erleichtertem
Herzen ich nehme es an lieber Schulz mir liegt daran noch eine Weile in
dieser Gegend zu bleiben wo ich eine so liebe Freundin gefunden habe und wo
ich den Ausgang meiner Angelegenheiten abwarten will  Sein Herr ist also wohl
ein recht braver Herr ist er verheiratet  O er ist ein scharmanter lieber
recht gemeiner Herr ob schon ein großer Generals Sohn und so alt von Adel dass
es bald gar nicht mehr wahr istso ist er doch gar nicht großmütig wie die
andern Herren vom Adel die da immer denken unser einer wäre von andern Kot
zusammengesezt Denn sieht er wohl lieber Schulz  sagt er oft  ich bin aus
der Mutter Schoss gekommen wie mein Knecht und muss meine alten Knochen
dahinlegen wie er was sollt ich mich denn überheben wenn meine Vorfahren
brave Kerls waren Und seine Dame ob schon sie nicht von Adel ist so tut sie
auch nicht so dicke tun wie wohl andre die in der Welt zu was kommen Sie ist
eine fromme demütige Dame die nicht hoch raus will und man immer sich mit
der Armut abgeben tut da tut sie die Kinder dies und das lehren o unsre
Mädchen sind auch weit und breit berühmt dass sie sich so gut können mit Kindern
behelfen das lehrt sie alles die gnädige Frau Die Madame Nachbarn wird wohl
schon davon wissen
    Sie hat einen ungemeinen Ruf sagte Minna ich kenne sie selbst noch nicht
aber meine Auguste hat ihre Bekanntschaft schon gemacht und erhebt sie bis in
den Himmel wegen ihrer Güte Allein damit wir doch endlich etwas beschließen
liebe Ida Sie müssen also das grüne Zimmer des alten Hausfreundes wegen der
mit kommt räumen Schade das Zimmer ist so traulich und die Rosen und
Weinreben die ins Fenster kucken  Wollen Sie das Berghäuschen nicht
beziehen so habe ich noch zwei Gaststuben Einen liebern Gast dürften Sie
schwerlich je aufzunehmen haben Nun Ida schlagen Sie ein  Nein Minna das
Berghäuschen solls sein Ich bin Ihnen dann näher ohne Ihnen lästig zu sein
Herr Schulz morgen früh beziehe ich es Dann mag Ihr Herr kommen ich werde
mich freuen den braven Mann kennen zu lernen  Gut sagte Minna mein Mann
verreiset vor Tages Anbruch ich werde bei Ihnen sein und Ihnen beim Umziehen
helfen Die erste Mahlzeit auf dem Berge bereite ich und verzehre sie in ihrer
lieben Gesellschaft Für heute ists Zeit aufzubrechen Herr Schulz Sie bringen
mich durch den Küchen Garten so komme ich um zehn Minuten früher an Auf diese
Weise befreiete sie Ida von dem redseligen Alten Und so schieden sie für
diesesmal
Ida bezog die kleine freundliche Wohnung auf dem Berge und genoss in
Gesellschaft der treuen Freundin der schönen weiten Aussicht als sie eine
Reise Equipage in dem Edelhofe ankommen sahen Ida schauerte zusammen ohne sich
Rechenschaft geben zu können was die ankommende Familie des Herrn von Auerfelde
auf ihr Gefühl zu wirken habe Die Entfernung war zu groß als dass sie etwas
anders als zwei Herren und zwei Frauenzimmer welche ausstiegen hätte bemerken
können Bald erschien einer der Herren im Hofe besah die Wirtschafts Gebäude
und kam den Garten hinab bis auf eine kleine Strecke von dem Orte wo die
Frauen saßen die den Fremden nun ganz deutlich erkannten  Allmächtiger Gott
was ist das rief Ida erblassend und mit den Augen auf die Stelle hinstarrend
wo der Fremde stund der sie aber nicht zu bemerken schien Minna so lebhaft
sie auch der Freundin zu Hilfe eilte kam doch zu spät um sie aufzufassen sie
war schon ohnmächtig von dem Stuhl herabgesunken Indes hatte der Fremde sich
von der andern Seite entfernt und wir eilen die Veranlassung dieses Vorfalles
in einem Briefe mitzuteilen welchen Madame Talheim an ihren abwesenden Mann
schrieb
                                 Liebster Mann
»Du wünschtest ich möchte Dir schreiben Ich würde Dir gar nichts zu sagen
haben als dass die große englische Henne ihre Küchelchen glücklich ausgebracht
und der Wind Deine Nelken abgeschlagen und noch sonst manches das wir mit
eigener Hand zogen verwüstet hat hätten sich hier in Kleedorf auf dem Edelhofe
nicht wunderliche Dinge zugetragen recht so wie in den Romanen oder Komödien
wo die Väter und Onkel eben so zur rechten Zeit aufzutreten pflegen Die Ida
hat  doch ich muss Dir das in der Ordnung erzählen Als Du abgereiset warst
mein Lieber übergab ich Augusten die Aussicht des Hauses und ging zu Ida die
nun nicht Ida mehr ist Ich fand sie schon in ihrer neuen Wohnung eingerichtet
und wir überließen uns dem Vergnügen das jede neue Situation uns Weibern zu
gewähren pflegt Wir schauten in die weite
Aussicht umher und stritten um die Lage der Örter Nein das ist Ruheim nein
das ist nicht Ruheim das ist Vogelfelde usw als eine schnell anfahrende
Reisekutsche unsre Aufmerksamkeit auf sich zog Das ist der Edelmann sagt ich
so zufällig hastig dass Ida zusammenfuhr und die üble Gewohnheit sie durch
meinen vorlauten Ton zu erschrecken schalt Er war wirklich der Gutsherr sie
stiegen im Edelhofe ab der Herr der alte Freund die Dame und ein
untergeordnetes Frauenzimmer wie ich an den schmieg und biegsamen Wesen
bemerkte Das war gut und wir sprachen von etwas anderm Nach einer Weile
erschien im Hofe der Herr der nicht der Gutsherr war er sah und ging und kam
endlich den Gang herunter bis nahe zu uns hin Ich erkannte einen hübsch
aussehenden nicht jungen Mann der mir weiter nicht bemerkenswert schien Aber
Ida sah mehr sie tat einen kläglichen Schrei faltete die Hände vorwärts
hingegestreckt und sank zu Boden Der Vorfall entsetzte mich um so mehr da
Niemand zur Hilfe in der Nähe war und der Fremde der uns gar nicht bemerkt
hatte schon in einen Seitenweg eingelenkt hatte Diesmal tat mir die
Gewohnheit mein Wasserglas überall neben mir zu haben gut ich besprengte die
Ohnmächtige und nach einigen heftigen Zuckungen der Brust erholte sie sich
Ida meine Ida wie war Ihnen Ach ach die Erscheinung dort unten O der
Fremde ach Minna Minna verbergen sie mich Lassen Sie uns von hier eilen er
muss mich jetzt noch nicht sehen  Wer wer soll Sie nicht sehen  Sie bückte
sich an mich heran und sagte mit verstörtem Blick  der Fremde war mein Vater
der Amtmann Grüntal er wars gewiss Kommen sie nur geschwind kommen Sie dass
er mich nicht sieht Sie ergriff mich und schwankte nach dem Hause hin Meine
Bestürzung machte dass ich ihr stillschweigend folgte Sie sank erschöpft in
einen Stuhl und rang nach Luft ich half so gut ich konnte ohne sie mit Fragen
zu quälen so sehr mich selbst die Neugier quälte
    Nachdem wir über eine Stunde so zugebracht hatten erlangte sie etwas mehr
Fassung Ich äußerte sie könne auch wohl irren es gebe täuschende
Ähnlichkeiten O nein nein er ists erwiderte sie ich habe es nicht aus dem
Herzen gelassen das liebe redliche Gesicht das so freundlich war und ach
jetzt mir so schrecklich ist Ich suche ihn aber so plötzlich so überraschend
wollt ich ihn nicht finden Erst wollt ich sein Herz erforschen Ach er wird
es mir auf immer verschlossen haben Und doch war er nicht selbst da noch
Vater als die Unglückliche pflichtvergessene vor ihm floh  Sie erzählte mir
in wenig Worten ihre Geschichte dass sie vom Lande in die Kostschule der Rätin
Brennfeld gekommen dort von einer adlichen Kostgängerin zum Leichtsinn verführt
worden dann vom aufgebrachten Vater zu einer Verwandtin getan deren Mann sie
von derselben abwendig machte so dass er sich von ihr schied und sie
heiratete Drauf sei die romanhafte Liebe bald erkaltet der Mann habe bankrott
gemacht sei mit einem Mädchen durchgegangen und sie die Unglückliche habe der
Schmeichelei eines russischen Fürsten Gehör gegeben und sei diesem nach Russland
gefolgt Nach mancherlei Schicksalen sei sie wieder nach Deutschland
verschlagen und hier in die Gegend gekommen um sich dem Vater nach und nach zu
nähern Aber so schnell so unversöhnt ohne alle Vermittlung wage sie es
nicht vor ihm zu erscheinen
    Was nun erfolgte wirst Du Dir mein Lieber leicht denken Eine Bitte um
meine Vermittlung Nach einigem Bedenken übernahm ichs denn sie jammerte mich
von Herzen und wir mischen uns ja für unser Leben gern in fremde Händel Je
intrikater je lieber
    Das erste was ich in der Sache tat war dass ich mich bei dem Verwalter
erkundigte wer der mitgekommene Fremde sei Es war richtig der Amtmann
Grüntal Nun ging ich einigemal in dem Garten umher mich zu dem nicht leichten
Geschäfte zu sammeln Als ich mich hinlänglich vorbereitet glaubte schickte ich
den alten Freund Schulz ab mich bei Herrn Grüntal zu melden Ich wurde
angenommen und in das untere Zimmer geführt das Ida nun Julchen bis dahin
bewohnt hatte Mir schlug das Herz wie damals als ich vor meinem Stiefvater
nach einer gewissen Begebenheit die ich in meinem Ehrendenkmal nicht angesührt
zu haben wünschte erscheinen musste Herr Grüntal kam mir entgegen freundlich
doch so wie man jemanden aufnimmt von dem man nicht weiß wie er uns stimmen
wird Er ist ein Mann in den ersten der funfzig von gradem deutschen Anstande
mehr hager als fett auf sein regelmässiges Gesicht hat der Gram wie es scheint
tiefe Falten eingefurcht eine ähnliche Bildung habe ich denk ich schon auf
mancher Gemme gesehen Sein Ernst hatte nichts abschreckendes und ich atmete
wieder freier als er mich mit einer reinen Tenor Stimme um mein Gewerbe fragte
Sie sind eine von den Damen des Hügels fragte er freundlich Ich bin keine
Bewohnerin desselben sondern gehöre auf dem nahe Vorwerk zu Hause wo ich
schlechtweg eine Bäurin bin Aber die Bewohnerin des Hügels welche Sie aus
diesem Zimmer vertrieben haben schickt mich an Sie ab  o unterbrach er mich
galant dann ists ja an mir an sie abzuschicken oder wenn sies erlaubt ihr
aufzuwarten dass ich ihr meine Entschuldigung mache  Ach Herr Grüntal was
die Entschuldigungen betrifft so fürcht ich Sie haben viel bei ihr zu
entschuldigen Es ist die Absicht meiner Sendung  Er stuzte Wie käme ich
dazu ich habe nicht die Ehre sie zu kennen  Sie hat Sie ehedem sehr wohl
gekannt Sie haben in zärtlichem Verhältnisse mit ihr gestanden sie hat sich
schwer an Ihnen versündigt und sehnt sich jetzt Ihnen ein reuiges Herz zu Füßen
zu legen  Wie wie stammelte er außer Fassung Versündigt hat sich an mir
Niemand als  o nein nein das ist nicht das kann nicht sein Madame Sie
halten mich auf der Folter wenn Sie nicht meine unglückliche Tochter meinen 
er brach in eine Flut von Tränen aus wenn Sie die nicht meinen so kann Ihr
Gewerbe nicht an mich gerichtet sein  Und wenn sie es nun wäre was dürfte sie
hoffen  O hüten Sie sich Madame in einer so schrecklich angreifenden Sache
meiner zu spotten reden Sie ohne Umstände  Es ist Ihre Tochter  O Gott o
Gott schrie er und stürzte zur Türe wo wo haben Sie sie  Sie ist nicht
hier  aber ganz nahe  Sie müssen Sie mir nicht vorenthalten  rief er indem
er mich ungestüm nach sich zog und an sein Herz drückte dass ich es merklich
fühlte Dann ließ er mich plötzlich los  und sagte  nein nein ich darf sie
nicht sehen Sie würde meiner Schwäche nur spotten Konnte sie doch so manches
Jahr hindurch den Vater trostlos sich härmen lassen was kümmerts sie ob er
verzeiht oder nicht Sie hat ja vornehme Beschützer die ihr den Vater
ersetzen  O Herr Grüntal werden Sie nicht bitter Ihre Tochter ist allein
ist hülf und schutzlos Der Gram die Sehnsucht reibt ihre Lebenskräfte auf
Sie müssen Sie werden verzeihen  Kennen auch Sie mich schon so gut  Hat sie
Ihnen denn schon gesagt  Sie hat mir nichts gesagt als dass sie Ursach hat zu
verzweifeln und doch ohne Sie versöhnt zu haben nicht leben kann  Er stand
still in sich gekehrt unentschlossen und wiederholte für sich nein nein
verzweifeln soll sie nicht Dann war er wieder still  Herr Grüntal fing ich
wieder an was soll ich meiner Freundin für eine Antwort bringen Er schreckte
auf fasste hastig meine Hand und sagte  nun so kommen Sie kommen Sie denn
ich bin von Herzen bereit Doch sollte die Verzeihung suchende nicht zum Vater
kommen  O pfui pfui Herz an Herz und wenns Liebe sein soll dann ohne
Rückhalt Kommen Sie  Er riss mich fort Ich hatte Mühe seinen von der
feurigsten Bewegung angetriebenen Schritten zu folgen
    Er flog voran indem ich mir fast die Lunge zersprengte ihm zuzurufen mit
dieser Hast und diesem Überraschen könne er seiner Tochter den Tod bringen Die
Eil war ohnedem vergeblich denn es hatte sich indes etwas ereignet das uns
beide gleich unvermutet und schreckhaft überraschte  Ida nicht doch 
Julchen hatte von banger Erwartung gefoltert meine Zurückkunft nicht ruhig in
ihrem Zimmer erwarten können Sie war mir gefolgt und hatte mich wahrscheinlich
in einer Laube des Gartens erwarten wollen Dort fanden wir sie zu den Füßen der
Frau von Auerfeld ohnmächtig und diese Frau zitternd und in Tränen gebadet
Ich verzage lieber Wilhelm Dir ein anschauliches Bild von dieser in ihrer
Art einzigen Szene entwerfen zu können Grüntal schoss an mir vorbei indem er
unartikulirte Töne außstieß die mir durch Mark und Bein drangen Mir war um des
Mannes Verstand bange Er riss die ohnmächtige Tochter auf nahm sie wie ein Kind
in den Arm küsste und überströmte sie mit seinen Tränen ohne zu sprechen oder
Notiz von uns Umstehenden zu nehmen Julchen öffnete die Augen schrie auf als
sie sich in ihres Vaters Armen fand und umklammerte ihn konvulsivisch Lieber
Onkel sagte die Frau von Auerfelde mit lieblicher Stimme Sie werden beide der
Gewalt dieser Eindrücke unterliegen Still Karoline weißt Du wie dem Vater
war als er den verlohrnen den reuigen Sohn wieder umarmte  Als nach einer
Weile die Tochter zu sich kam rief sie noch immer den Vater fest umklammernd
Vater Vater auch Karoline nimmt mich wieder an sie vergibt mir  Liebstes
Mühmchen antwortete die herzige Frau lass das Vergangne uns vergangen sein
Mein heissester Wunsch war dich wieder zu finden nur der alten Liebe wollen wir
uns erinnern Julchen riss sich vom Vater los und stürzte zu den Füßen der
liebreichen Frau hin und legte angetrieben man sahs deutlich angetrieben von
tiefer zerknirschender Demut ihr Gesicht in den Staub hin  Frau von Auerfeld
vermochte den Anblick kaum zu ertragen sie winkte dem Vater dass er die Tochter
aufheben möchte der es dann mit einer Bewegung tat die ich nie vergessen
werde Julchen mein Kind mein armes Kind hast Du so vor deinem Schöpfer in
den Staub dich gebückt so ist die Schuld bei dem Barmherzigen getilgt und wir
müssen Dir die Hände zur herzlichen Versöhnung reichen Sieh nur Julchen wie
Du der armen Karoline das Herz brichst Liebe Nichte Ihnen ist ohne dies schon
nicht wohl Schonen Sie sich Lassen Sie mich ja lassen Sie mich die Freude
allein tragen In diesem Augenblick beneide ich jeden mit dem ich Julchen
teilen muss Karoline gehen Sie jetzt zu Ihrem Gemahl und bereiten ihn vor wen
er zu erwarten hat Die arme Karoline war für diese angreifende Szene zu schwach
geworden ihr war so übel dass ich ihr meine Unterstützung anbot sie nach ihrer
Wohnung zu führen Als wir uns entfernten hörte ich dass Julchen wieder Worte
gewann und in liebkosenden Tönen mit dem Vater sprach
    Da mein Brief zu einer solchen Länge herangewachsen ist breche ich hier ab
künftig lernst Du den Gutsherrn kennen  Auguste küsst Dir kindlich die Hände
ich umarme Dich zärtlichst und bin ewig die Deine
                                                                    Wilhelmine«
                             Minna zur Fortsetzung
»Deine Abwesenheit mein Lieber macht mich zur gewaltigen Schreiberin
Verzögert sich Deine Zurückkunft so fürcht ich gar ein Buch zur Welt zu
bringen Ich stelle mir vor dass Dich die Geschichten die hier zu Lande
vorgehen sehr interessieren und da Du Ida immer gern leiden mochtest wirst Du
gern hören was weiter aus ihr wird Ich gehe also frisch ans Werk
    Ich bin wenn Du Dich erinnerst noch mit der Dame auf dem Wege nach ihrer
Wohnung Sie fragte beim Eintritt in das Haus wo ihr Mann wäre Der Herr Oberst
sind in ihrem Zimmer und schreiben sagte der Jäger Sie war so matt dass sie
ein Glas Wasser foderte Sie sehen mich in einiger Verlegenheit fing sie an
als sie sich etwas erholt hatte  mein Mann ist groß und gut aber er hat seine
eigne Arten Von dem armen verirrten Julchen wollt er nie hören weil er meinem
Onkel so sehr gut ist er wird ihr den Kummer schwerlich verzeihen können den
sie seinem Freunde gemacht hat  Ich gestehe dass mir selber bange wurde wie
das gehen würde Jetzt erschien der Oberst ein Baumgrosser Mann von Kraft und
Wesen ein echter alter Deutscher Du willst mich sprechen liebe Frau Er ward
mich gewahr und machte mir als er meinen Namen hörte ein verbindliches
Kompliment Aber  es gibt hier etwas Liebchen Dir ist nicht wohl ich bitte
Madame ich bitte um eine Erklärung  Karoline fasste seine Hände und drückte
sie innig an ihre Brust Lieber lieber Mann jetzt muss ich Deine ganze Liebe und
Nachsicht in Anspruch nehmen  Er umfasste die kleine zart geformte Frau so
kraftvoll dass mir bange wurde Allerliebste Karoline wie kannst Du Nachsicht
brauchen ich will ja was Du willst Bist Du doch die Beste von der Welt Aber 
was ist geschehen  Lieber Mann wir haben einen Gast bekommen  Ist er Dein
Gast Liebe so soll er mir von Herzen lieb sein  Mein Gast eigentlich aber
meines Onkels Besuch  Je nun was des Oheims ist ist unser und unseres ist
des Oheims das ist Eins  Ach lieber Mann was sollen die Umschweife bei einem
Herzen wie das Deinige Des Onkels Tochter die arme Verlohrne ist wieder da 
Was rief er mehr erstaunt als erfreut Die ist es hat der Dame beliebt einmal
wieder aufzutauchen Hm hm  O sprich nicht so lieber Auerfelde Dein Herz sagt
anders  Nein beim Teufel in meinem Herzen steht sie auf dem schwarzen
Register So einem Vater wie der Grüntal ist zu entlaufen Ich vergebs der
Landstreicherin in meinem Leben nicht hol mich der Teufel wo ichs ihr
vergebe  Liebster Mann sagte nun Karoline ihm sanft schmeichelnd der Onkel
hat ihr aber schon verziehen  Hat er die alte Nachtmütze so soll ich auch
wohl nicht wahr  Du würdest mich unaussprechlich glücklich machen Sieh nur
Lieber die Vorsehung hat ja alles so zum Besten gelenkt  Ja da hat die
Vorsehung freilich ein sauber Stück Arbeit gehabt die dummen Streiche wieder
gut zu machen  Lieber Auerfelde ich wäre nicht Deine glückliche Gattin  Ah
Frau Weib willst Du mich so bestechen Darum brauchte sie aber nicht in alle
Welt zu gehen Nein nein mit der Vorsehung die mit zum schlechten gewirkt
haben soll kommt ihr mir nicht durch  So sieh die Arme doch nur erst  Ah
Du denkst das nette Gesichtchen und die Tränen in den blanken Augen werden
bei dem Alten das Beste tun Kann sein Dagegen hats hier er berührte sein
Herz immer nicht so recht Stich gehalten Nun so mag sie kommen  Aber lieber
Mann versprich mir sie gütig aufzunehmen  Ich werde tun was ich kann
heucheln kann ich nicht Schlecht bleibt schlecht und wenns auch in der
Familie geschieht  So sieh Sie doch nur erst  Ach und wenn sie so schön
wäre wie unsere Kronprinzessin und wäre nicht so edel rechtschaffen und
liebenswürdig wie diese so sollt ihr mir nichts einreden 
    Während dieser Debatten hatte Grüntal sich dem Hause mit der Tochter
genähert er stekte den Kopf zur Tür hinein und fragte mit freundlichem
Gesicht welchem etwas eingemischt war was ich Blödigkeit nennen möchte nun
wie stehts darf ich sie Ihnen bringen Neffe Des Obersten Antwort fing mit
einem bedenklichen je nun an welches seine Frau mit einem Kuss und einem ich
bitte mein Lieber unterbrach Indem trat Grüntal mit Julchen ins Zimmer
Ihre Haltung musste durchaus Mitleiden erregen sie stuzte als sie den Obersten
sah dessen kolossalische Gestalt mit beitragen mochte sie in ihrem Zustande
von Schwäche zu erschüttern Als sie einige Schritte im Zimmer gemacht hatte
blieb sie ungewiss stehen in flehender etwas vorwärts geneigter Stellung den
Kopf nach der linken Schulter mit abwärts gewendetem Gesicht gelehnt Das
gewaltsam unterdrückte Weinen brach in lautes Schluchsen aus Die Oberstin eilte
ihr entgegen fasste schmeichelnd ihre Hand und führte sie vor dem Obersten hin
der nun nicht ferner widerstrebend sie umfasste und mit der edelsten
Gutmütigkeit sagte Da widerstehe ein Andrer Von Herzen willkommen in der
Freundschaft Von nun an Vetter und Mühmchen Da Sie von selbst wiederkommen
müssen Sie doch auch gut sein wollen nicht wahr Sie ergrif seine Hand und
wollte sie küssen er aber umarmte sie noch einmal Grüntal sah schweigend dem
Auftritte zu und wischte sich die Augen
    Als die erste lärmende Bewillkommung überstanden war gelangten alle wieder
zu ruhiger Fassung Wir sezten uns im Kreise Grüntal hatte die Hand seiner
Tochter in der Seinigen liegen als ob sie ihn noch einmal wieder genommen
werden könnte Nicht wahr sagte er einmal  heut darf ich nach nichts fragen
Wir sind noch alle zu voll zu froh  Sie sollen alles erfahren liebster
Vater antwortete Julchen so weh es tut sich selbst anzuklagen fügte sie
leise hinzu so haben Sie doch ein zu entschiedenes Recht alles zu wissen 
Einmal entwischte es mir sie Ida zu nennen Wie was war das nicht Julchen
nicht mehr Julchen ach sagte sie errötend als ich unglücklich und weit von
Ihnen war konnte ich die Laute eines Namens nicht ertragen den mein Vater oft
so zärtlich ausgesprochen hatte Ich war eifersüchtig auf den Namen der mich an
glücklichere unschuldsvolle Tage erinnerte Ich legte ihn zurück bis ein Tag
wie dieser ihn mir wiedergeben konnte Grüntal lauschte mit Wohlgefallen auf
Ihre Stimme als ob er den Tönen einer entfernten Musik horchte Der ehrliche
Mann tat so schmuk und festlich als wenn sein Hochzeitstag wäre
    Die Frau von Auerfelde war so erschöpft und angegriffen dass der Oberste auf
frühen Abschied und Trennung drang Uns mit den starken Nerven sagte er
wirds freilich nichts anhaben aber da die Armen mit den zarten seidenen
Fäserchen  entlass sie Grüntal Oheim Ihr übertreibts Die Frauen werden uns
erkranken Sieh nur meine arme Lina sie schwebt nur noch Diese Rede des
biederen Obersten wirkte Eine Stunde nach dem Abendessen begab sich ein jeder
zur Ruh Julchen für diesmal noch nach dem Hügel und ich verlangte nach unsrer
kleinen Heimat entlassen zu werden wo ich jetzt nach Mitternacht noch sitze
Dir diese Ereignisse mitzuteilen Morgen früh bin ich wieder hinbeschieden Da
Auguste sich so tätig der Wirtschaft annimmt so kann ich einige kurze
Abwesenheiten wagen Leb wohl Du Lieber und gedenke Deiner
                                                                  Wilhelmine T«
                                  Fortsetzung
»Wir versammelten uns zum Frühstück in der Jasmin Laube in der ich so manche
glückliche Stunde mit Ida zubrachte Ach wie so lieb und wert die ersten
Eindrücke sind nie nie werd ich den teuren Namen Ida unter welchem sie mir
zuerst bekannt wurde ohne freudige Schauer aussprechen Die Gesellschaft fand
sich bald zusammen Julchen war durch die Ruhe der Nacht zu einer bessern
Fassung gelangt Grüntal sah ihr recht scharf in die Augen und sagte dann mit
dem Finger auf die Augen zeigend Da sizt Gott Lob noch recht viel vom
ehemaligen Julchen aus Lindenau  Die Augen schwollen ihr bei dieser Anrede
sie drückte seine Hand an ihr Herz und antwortete auch hier lieber Vater Ihr
Julchen wird aus dem gereinigten Sinn und Willen wieder hervorgehen Bei dieser
Gelegenheit machte sie eine Bewegung mit der Hand wodurch ihm ein prächtiger
Brilliant in die Augen fiel den sie zu tragen pflegte Sein Blick wurde wie mit
einer düstern Wolke bezogen und mit Unwillen in Ton und Gebärde fragte er
hattest Du das schon als Du noch  als Du noch  er wusste sich nicht
auszudrücken Sie verstand ihn vollkommen und indem sie tief beschämt den Ring
abzog stammelte sie ein Nein Er fasste sich und erwiderte schnell gut das
gehört den armen abgebrannten Nachbarn  Und auch dieses setzte sie hinzu
indem sie noch ein Kleinod welches sie am Halse trug hinzufügte  Julchen
tu mir den Gefallen wenn Du wieder unter uns leben willst  dies sagte er ihr
halb leise  bringe nichts fremdes mit Du verstehst mich Du sollst mit allem
was Dir fehlt reichlich versorgt werden Sie bückte sich auf seine Hand und
küsste sie dankbar
    Mühmchen fing der Oberst an dass wir nicht wieder in den gestrigen Ton
fallen hätte ich große Lust Ihnen zu erzählen wie meine würdige Lina zu dem
alten Degenknopf gekommen ist den sie mit ihrer Hand beehrt hat Lina soll ich
Karoline sagte sie wollten sich in die Erzählung teilen wenns ihm beliebe
Gut  sagte er  so mache ich den Anfang
    Ich war Kommandeur des Regimentes welches in in Garnison liegt Meine
Lebensart war die eines Garçon der gutes Leben und wenig zu tun hat ich
schlief ging auf die Parade nahm einen Schnaps in der Apotheke wenn die
Wachparade abgeführt war ging in mein Quartier blätterte in Büchern und
Landkarten aß mit den Offizieren meiner Eskadron schlief dann wieder ließ den
Braunen satteln ging mit meinem Tiras auf die Jagd aß wieder und ging zu
Bette Diese Lebensweise war bis auf die Exercierzeit die etwas mehr Strapaze
und weniger Schlaf gewährte so unabänderlich einförmig wie der Küchenzettel im
Kloster Man wird derselben so gewohnt dass eine Abänderung zur Anstrengung
ungeübter Kräfte wird denn endlich wird einem der buntgefiederte Hahn des
Nachbars und die weiße Kuh der Frau Gevatterin das was in der großen Welt ein
Stutzer und eine neue Maitresse ist
    Einst erscholl im Örtchen plötzlich die Nachricht es sei eine fremde Dame
angekommen Sie beziehe ein Haus und Garten in der Vorstadt und so reich sie
auch sei würde sie doch aus wohltätigem Hange eine Erziehungsanstalt
errichten Da war nun mit einem Male eine neue Erscheinung auf die nicht nur
alle Augen des Örtchens sondern der umliegenden Gegend gerichtet waren Wer ist
sie von wo ist sie wie sieht sie aus ist sie alt oder jung und die Antworten
lauteten immer nur sie soll so oder so sein denn noch hatte Niemand die liebe
Lina gesehen Als dies so eine Zeitlang gewährt hatte erkaltete die tätige
Neugier und es war nur noch die Rede von ihr wie etwa von der weißen Frau sie
soll umgehen aber keiner hat sie gesehen Indes wirkte die Gute doch schon
wohltätig im Stillen Sie hatte Mädchen das heißt junge Bürgertöchter zu sich
genommen welche sie unentgeldlich in Arbeiten unterrichtete und zu
Kindermädchen bildete Man fand die Sache lächerlich  nimm mirs nicht übel
Lina  sie lachten Dich aus als ob einen das gelehrt zu werden brauchte Zum
Spasse versuchte die Gräfin von P nach einem Jahr ein Mädchen aus dieser
Anstalt zu nehmen und schrie nun über Wunder Das Mädchen hatte die Qualitäten
einer Gouvernante Jetzt wurde übertrieben und alles wollte von diesen Mädchen
haben Indes hatte sich meine gute Lina die Wittwe des Rektors und die
verwittwete Stadtschreiberin beigesellt welche sie so reichlich unterstützte
dass auch diese unentgeltlich mitarbeiteten das heißt dass die Bürgerschaft
nichts bezahlte und nun nahm alt und jung Teil an diesem Unterricht der die
wohltätige Absicht hatte Erzieherinnen für die erste Kindheit zu bilden Die
Sache fing an so viel Aufsehen zu machen dass ein jeder die wundersame Frau
kennen zu lernen wünschte Da sie sehr eingezogen lebte und außer ihren
Zöglingen niemanden sah war es nicht leicht diesen Vorzug zu erlangen der mir
aber einst unverhoft zu Teil wurde Ich kam von der Jagd und eben vor dem
Gartenhause das ich so oft vergebens umgangen und umritten war wurde mein
Pferd vor einem Karren mit Kraut scheu und drängte mich so heftig gegen die
Mauer des Hauses dass ich durch eine starke Quetschung genötigt wurde
abzusitzen und durch meinen Jäger um Erlaubnis bat mich in ein unteres Zimmer
führen lassen zu dürfen bis er mir einen Wagen bringen würde Dies war nicht
abzuschlagen Ich wurde in ein niedlich aufgeputztes Zimmer geführt wo ich eine
junge Frau in das reinste Weiß gekleidet fand die mich mit allem Anstande einer
feinen Weltfrau bewillkommte Die Schmerzen meiner Quetschung hinderten mich
den reinen und unbefangenen Blick aus dem heitersten blauen Auge und den
edlen wohlwollenden Zug des Mundes zu bemerken Das kann die Frau des Hauses
nicht sein dacht ich denn dem Begriffe von Erzieherin hatte sich bei mir
immer eine dunkle Vorstellung von Strenge beigemischt welche ich nicht davon
trennen konnte Ihre Unterhaltung gewährte mir eine Erquikkung bei der ich
völlig vergaß weswegen ich eigentlich herein gekommen war und ich hätte den
Jäger prügeln können der mit dem Wagen so bald ankam Beim Weggehen warf ich
einen Blick in den Garten stellte mich als ob er mir besonders gefiele und
nahm daher Gelegenheit um Erlaubnis zu bitten zuweilen darin ansprechen zu
dürfen Meine gute Lina erlaubte es sehr verbindlich doch mit dem nicht ganz in
mein Krämchen passenden Nachsatz wenn sie gleich nicht immer die Ehre haben
würde mich willkommen zu heißen so stehe doch der Garten zu meinem Befehl
    Mein Kopf und wie mirs beinahe vorkam mein Herz war voll von dem was ich
gesehen und gehört hatte Die fremde Dame schwebte mir unaufhörlich auf der
Zunge aber wenn sie herunter wollte schickte ich sie immer wieder in mein Herz
zurück denn kein Unheiliger kein Adjutant oder Subaltern sollte ihren Namen
hören Am andern Morgen sobald es der Wohlstand erlaubte schickte ich meinen
Jäger mit einem DanksagungsKomplimente an sie ab denn so viel Galanterie
hatte ich noch von meinem Pagenstande ronservirt obschon sie diesesmal grade
aus dem Herzen kam Der Jäger brachte mir mit dem artigsten Gegengruss einen
schönen blühenden Rosenstock mit welchen sie dem Kranken schenkte Seit meinem
Lieutenantsstande war ich nicht eigentlich wieder verliebt gewesen und jetzt
wunderte ich mich nicht wenig dass dem alten Knaben mit einem Mal das Herz
wieder aufging Ich fragte dem Jäger rück und vorwärts ab was er gesehen und
gehört hatte und immer blieb noch ein Umstand den ich nicht recht begreifen
konnte Es kostete mir Zwang abzubrechen aber wie gut ich nun dem Kerl war
kann ich nicht beschreiben auch hatte ich den ganzen Tag seine Dienste nötig
und behielt ihn um mich Ob ich nicht mit dem Rosenstocke geheime Unterredungen
gehalten habe kann ich nicht gewiss sagen Das liebe Geschenk zog ein
Gegengeschenk einen kleinen Rehbock für die Küche nach sich Auf diesen
folgten die ersten grünen Erbsen die eine liebe Hand selbst gelegt hatte und
die dem noch immer Leidenden wohl tun würden Gegen den Balsam der für mich in
diesen Erbsen lag ist Hirschels Wundersalz mit allen Goldtinkturen der
Alchymisten nur Kindertand Die Tischgänger hätte ich erwürgt wenn sies gewagt
hätten nur eine davon anzurühren Das ging volle sechs Wochen so seinen Gang
Unser Regimentschirurgus hatte die glückliche Gabe aus kleinen unbedeutenden
Übeln große zu machen auch bei mir wars ihm gelungen Mein erster Ausgang
verzögerte sich bis zum Herbst Wohin er gerichtet war versteht sich von
selbst Ich ließ mich melden wurde angenommen und fand nun die allerliebste
häusliche Frau in einem leichten weißen Röckchen mit ihren Zöglingen beim
Obsteinsammeln Ich hatte noch von meiner Mutter her eine Freude an häuslichen
besonders an ländlichen Frauen Diese Tugend an der Dame meines Herzens zu
entdecken war eine ungemeine Erhöhung der Achtung die mir ihr gebildeter und
grader Verstand eingeflößt hatte Ihre Kenntnisse ihre solide Belesenheit
waren mir nicht entgangen ich hatte Respekt ohne jene besondere Furcht und
Abneigung die ich immer vor den Drätensionen belesener Weiber empfunden hatte
Dies alles was ich so lange gesucht und noch nie in dem Grade bei einer Person
vereinigt gefunden hatte bei einem allerliebsten guten Gesicht das gerade nach
meinem Geschmack schön war wirkte gar wunderlich auf das alte Soldatenherz Ich
kam und ging kam wieder und dachte doch dabei Du kommst zu oft oder Du gehst
zu bald Das Ding brachte mich aus meiner Tramontane und ich merkte bald dass
es so nicht bleiben konnte Heiraten hm da werden Dich die jungen Lassen die
geschniegelten Offizierchen auslachen  Aber wie denn Abschied nehmen da ist
aber wieder das Vaterland Und kann dem Vaterlande denn nur mit dem Degen in der
Faust gedient werden Ist der Nährstand nicht so wohl und mehr noch Stütze des
Staats als der Wehrstand Habe ich als Gutsbesitzer nicht Pflichten auf mir
Ich werde im Militär vielleicht einem Fähigern Platz machen So lange es einen
so zahlreichen unbegüterten Adel gibt wirds dem Staate nie an Offizieren
fehlen Der Landadel kann vielen und bleibenden Nutzen stiften er kann auf
Generationen wirken Eine Landedelfrau wie meine Herzensdame Ei das geht das
muss gehen Georg meine neue Uniform die neue Feder auf den Hut Der alte
Oberste machte sich blank und schmuck die braune Blesse mit der Revüeschabracke
wurde vorgeführt bestiegen und so im anständigen Schritt in die Vorstadt
Angemeldet Madame sei nicht recht wohl sie bäte sich die Ehre auf ein andermal
aus O weh eine so wohl geordnete Anrede steht einem nicht alle Tage zu Gebote
die soll so für nichts und wieder nichts ausgedacht sein  Noch einmal hinein
Georg nur um fünf Minuten Gehör Es wurde gewährt und nun klopfte dem alten
Narren das Herz Was nun folgt solltest Du liebe Line erzählen wie ich mich
benahm wie ich sprach nur würdest Du zu bescheiden sein und den alten Reuter
zu gut durchkommen lassen
    Kurz die Audienz nahm ihren Anfang mit Komplimenten und endigte mit einer
förmlichen Erklärung  Linchen saß da ganz überrascht aber doch nicht wie
ich gefürchtet hatte unwillig Und nun die Antwort auf meine Anfrage Das zarte
Stimmchen räusperte und stockte fing an und brach ab Ich saß wie am
Bratenfeuer Endlich kam es heraus gegen meine Person und Charakter könne sie
vernünftiger Weise nichts einwenden ich muss hier bemerken dass Karoline sich
unbemerkt entfernt hatte als der Oberste an diese Stelle seiner Erzählung kam
allein mir sei es vielleicht unbekannt dass sie eine geschiedne Frau sei hier
wurde Julchen blass und zitterte Zwar könne diese Scheidung ihren Charakter
nicht beflecken die Welt sei aber immer geneigt geschiedne Frauen ungünstig zu
beurteilen man sah dass Julchen gern entschlüpft wäre und diese Urteile
könnten dem Herrn Obersten nachteilig für die Ehre seines Hauses und die Ruhe
seines Lebens werden Überdem sei die Familie von Auerfelde von altem
stiftsmässigen Adel und sie fühle sich nicht stark genug die Geringschätzung
dieser Familie auszuhalten der sie zuverlässig von irgend einem Teil derselben
ausgesetzt sein würde Sie gestände freimütig sie liebe den Adel nicht und
nach jetzigen Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft halte sie ihn für eine
Herabwürdigung der Menschheit und für einen Eingriff in ihre bessern Rechte
Diese Äußerung meiner Lieben hätte mich schier verdrossen wenn ihre Erklärung
nicht gleich hinterher gefolgt wäre es täte ihr jederzeit in der Seele des
vernünftigen und bessern Edelmannes wehe wenn ihm alle seine natürlichen und
erworbenen Fähigkeitten die Achtung nicht verschaffen könnten in der ihn der
große Haufen wegen der Zufälligkeit der Geburt halte Dem wakkern und klugen
Manne müsse dann sein Adel und die Konvenienzen zur Last fallen Nun fand ich
wieder dass sie recht und ich im Herzen schon lange eben so gedacht hatte nur
dass ichs nicht in so netter Ordnung entwickeln konnte Überlegen Sie Herr
Oberst was ich Ihnen in Absicht meiner Meinung über den Adel gesagt habe und
ich werde es Ihnen gar nicht übel nehmen wenn ich Sie wenigstens in diesem
Gewerbe nicht wiedersehe Ich habe setzte sie noch hinzu Verwandte deren
Urteil mir nicht gleichgültig ist und die hierin völlig meiner Meinung sind
noch mehr ich lasse mein ganzes Schicksal von der Meinung meines Oheims
abhängen Damit meinte sie hier den alten Freund Grüntal Ja Du Alter indem
er ihn beim Kopf nahm und auf altdeutsche Art küsste dass es wiederhallte Du
hast mir schöne Sprünge gemacht Ich muss es nur sagen er hatte eine ganz andre
Mariage für seine Nichte im Kopfe He wars nicht so Sie sollte die Frau eines
Pfarrers werden aber der geistliche Herr laborirte glücklicher Weise noch an
einer fehlgeschlagenen Liebe und hatte noch einen mächtigen Korb zu verdauen
Wars nicht so Alter so rede doch Grüntal sah seine Tochter bekümmert an
und sagte dann ja ja es war so was daran aber erzählen Sie nur fort Neffe
Ich habs wahrhaftig nicht böse gemeint  Nun das weiß ich das weiß ich 
Auf die Einwürfe gegen meinen Adel war ich nicht gefasst gewesen denn ich hatte
es schier vergessen dass mir so etwas anhing Wenn man in der Welt eine Weile
mitgelaufen ist und in allen Ständen so viel Gutes und Edles gewaht wird und
dann auch wieder Edelleute findet die wie das liebe Vieh sind so muss mans ja
wohl endlich vergessen dass es leider solche Unterscheidungsprivilegien gibt
die an einer bloßen Zufälligkeit kleben Indes tat mir das was die liebe Line
gesagt hatte im Herzen weh Ich empfahl mich auf ihr eigenes Begehren für
diesesmal und nahm mir vor die Sache ordentlicher durchzuarbeiten mehr ihret
als meinetwegen Ich leugne nicht dass mir manches aufs Herz fiel unter andern
mein Vetter der verstorbene Minister in Gota der sichs noch auf seinem
Krankenlager berühmte dass in seinem langen Leben kein Bürgerlicher über seine
Schwelle gekommen sei ferner dass es ein Kind aus meiner Familie war welches
einem großen Arzt die Hand zu geben sich weigerte und als der Arzt nach der
Ursache dieses Eigensinns forschte zur Antwort gab Mama hat mirs verboten
ich soll keinem Bürgerlichen die Hand geben vom Arzt aber zur Antwort erhielt
sag Deiner Mutter sie wäre nicht recht klug So rührt leider auch aus meiner
Familie die Anekdote eines Fräulein von B  her die auf einem Ball mit einem
Hrn Schmidt dem Hofmeister des jungen Grafen von L tanzte Mitten im Tanz
fällts ihr ein ihren Mittänzer um Namen und Stand zu fragen Als er sich
nennt lässt sie ihn stehen mit dem Bedeuten sie habe ihrer Mutter versprochen
mit keinem Bürgerlichen zu tanzen Aber mein Kousinchen wurde übel bezahlt
Herr Schmidt der Hofmeister klagt es seinem jungen Grafen der es über sich
nimmt seinen Freund zu rächen Er fordert das Fräulein auf das sich denn neben
der gräflichen Moitie gar gütlich tat Mitten im Tanz fragt der Graf wen er
die Ehre habe zum Tanz aufzuführen Das Putchen nennt sich und wirft sich in
die Brust Ja da muss ich tausendmal um Verzeihung bitten erwidert Graf L
ich habe meinem Vater versprochen mit keiner andern als mit einer Gräfin zu
tanzen und das Fräulein sah sich plantirt wie sie dem Bürgerlichen getan
hatte Endlich so wars ja meine liebe Grosstante die Gräfin S  gewesen
welche als einst einer ihrer Enkel einer Bäurin die ihn bediente mit der
Gabel nach den Augen stach und diese sich zurückzog meinte es sei wenig daran
gelegen ob solch eine Kanaille Augen hätte oder nicht solch Pack müsse es
sich für Ehre halten wenn vornehme Kinder mit ihm scherzten  Diese und noch
mehr ähnliche Züge meiner ahnenstolzen Familie fielen mir schwer aufs Herz da
ich in noch langsamern Schritte als ich gekommen war heimritt Ich kam gar
unfreundlich bei mir an kramte in meinen Papieren fand mein Wappen meinen
Stammbaum besah mir die Quartiere  bei Dir hats ein Ende  dacht ich
Mags es muss doch einmal ein Ende nehmen Und was hilfts allen denen die da
ruhen dass ihre Quartiere voll waren und wenn Du so weit bist wie diese was
wirds dann sein ob neben Dir unterm Leichensteine eine Hochgebohrne
Hochwohl oder Hochedelgebohrne ruht  Ein andres mags gewesen sein zur Zeit
des Faustrechts da es noch keinen gebildeten und wohlhabenden Mittelstand gab
ja da war es vielleicht der Verfassung des Adels angemessen keine Leibeigne
oder auch nur Freigelassne zu heiraten aber wo liegt jetzt etwas Wesentliches
in der Sache seitdem Erziehung die bemittelten Stände gleich gemacht hat  Die
Unterscheidungslinie der beiden Stände liegt jetzt in den Vorurteilen welche
die Abneigung nur unterhalten und fortpflanzen Und bin ich nicht Mannes genug
diesen Vorurteilen Trotz zu bieten Habe ich kein Verdienst um mein Vaterland
als meine Geburt Soll ich diesem Wahne das Glück und die Freude meiner alten
Tage opfern  Nein daraus wird nichts Frau Line muss aber auch nicht
eigensinnig das Glück eines nicht unwürdigen Mannes einer Abneigung aufopfern
die in einzelnen Fällen auch zum Vorurteile herabsinkt Ich schreibe gradezu an
den Onkel wenn er ein Mann ist wird er auch Vorurteile zu besiegen wissen
Onkel sprich wie gefiel Dir mein Brief  Er enthielt Äußerungen eines Mannes
von dem mir mein Herz sagte dass ich ihn sehr lieb gewinnen würde und dass die
Liebe in dem Herzen eines Obersten  die in unserem Dienste keine junge Lecker
zu sein pflegen  kein vorübergehendes Flämmchen sein werde konnte ich mir
auch vernünftiger Weise sagen Und Kinder wars denn nicht für den Charakter
des Mannes ein entschiedner guter Zug dass er so stilles Verdienst aufzufinden
und zu würdigen Sinn und Gefühl genug hatte  Freilich der Adel wollte mir
nicht recht zu Sinn aber wenn der Mann sonst so gut ist wie er zu sein
scheint wer wollte ihm das zurechnen woran er nicht Schuld hat Das schrieb
ich Ihnen Neffe und schriebs auch der Nichte denn mein Projekt sie mit
einem gewissen Eiche zu verplempern war mir schon an des Mannes festem Sinne
gescheitert  Nun denn fuhr der Oberste fort sobald ich des Onkels Brief mit
der Einlage an Linen in Händen hatte zog ich damit triumphierend in die
Vorstadt Die gute liebe Frau wurde gar verlegen und rot als ich ihr mein
Kreditiv überreichte sie hatte nicht bedacht dass ein alter preußischer Soldat
eine Belagerung nicht so leicht aufhebt Sie las und schien ihren Augen kaum zu
trauen als sie des Oheims förmliche Einwilligung oder vielmehr Billigung sah
Das Köpfchen sank in die kleine Patschhand  Lieber Herr Oberst Sie sind nicht
edel wenn Sie mich so in die Enge treiben Ich muss von Herzen mit Ihnen
sprechen ich war verheiratet ich liebte den Mann wie meine Seele und sollte
es nicht in mir gelegen haben dass ich mir seine Liebe nicht erhalten konnte
Wie wenn die Fehler die Schwächen welche damals meinem Glücke im Wege
standen die Sie noch nicht an mir kennen wenn die auch jetzt Ihrem Glücke
Ihrem Charakter und Temperamente entgegenständen Und dann so müsse sie es mir
gestehen dass ihr das Schicksal eines Mannes mit dem sie so lange im
freundlichen Wahn gegenseitiger Liebe gelebt habe nie gleichgültig werden
könne sie würde nie einen Schritt tun ihrem Schicksale eine bestimmte Wendung
zu geben bis sie von seiner gegenwärtigen Lage unterrichtet sei Ich musste
dieses ihr Zartgefühl billigen und die Bürgschaft meines eignen Glücks in
diesen liebenden Eigenschaften ihrer Seele finden  Aber dann wenn ich diesen
Forderungen Ihres schönen Herzens werde Genüge geleistet haben was darf ich
dann hoffen Werden die Jahre die ich vor Ihnen voraus habe kein Hindernis
sein  Lieber Oberst altern denn die Seelen auch Ihr Gleichmut Ihr
fleckenloses Gewissen  gestatten Sie mir den altväterischen Ausdruck  Ihre
feste Gesundheit der Sie nicht durch eine Lebensart Trotz bieten die in Ihrem
Stande keine Seltenheit ist alles dieses lässt mich mit Zuversicht voraussetzen
dass Ihnen kein mürrisches abschrekkendes Alter bevorsteht Ich bin zwar jung
aber durch Schicksale und Beschäftigung vor der Zeit zum Ernst der mittleren
Jahre gediehen Von der Seite hätten sich unsre Karaktere genähert Sie lieben
munteren Scherz ich hasse ihn nicht und wenn mir vielleicht das Talent fehlt
selbst anziehend zu scherzen so bin ich doch gern bei Personen die es
besitzen Es bleibt mir weiter keine Einwendung als Ihre Geburt und Ihre
Familie  Während dieser Unterhaltung hatte sich die Liebe bei aller ihrer
Bedächtlichkeit doch in so fern verschnappt dass sie sich so ein ganz klein
wenig nach meinen Sitten und Charakter erkundigt hatte Das gab mir einen Mut
den alles was sie sagte mir nicht hatte geben können und ich beantwortete
ihre Einwürfe mit einer Forçe und Gründlichkeit die mir wohl der liebe Gott
eingeben musste denn das liebste Weib gab nach und nun blieb nur noch die
Auskunft wegen ihres Ungetreuen Grüntal sah Julchen sehr unruhig werden er
fasste ihre Hand mit Rührung und sagte zum Obersten lieber Neffe diesen Teil
Ihrer Erzählung erlassen wir Ihnen für jetzt sagen Sie uns nur wie es kam als
Sie mit Allem ins Reine waren Der Oberste schlug sich drollig an die Stirn
und rief alter Dummkopf dass Du auch auf nichts merkst Sein Sie außer Sorgen
Mühmchen Julchen errötete dass ihr die Augen übergingen sie neigte sich auf
ihres Vaters Hände und blieb einige Minuten in dieser Stellung  Indes war
auch Karoline wieder hereingekommen Als sie vernahm wie weit ihr Mann in
seiner Erzählung gekommen war sagte sie nun ists an mir Heinrich was jetzt
folgt gehört in mein Departement denn beim Brautwesen und Hochzeitfeiern
gehören wir zu Hause
    Als der liebe Mann hier mich aus allen meinen Verschanzungen herausgetrieben
hatte und seine persönliche Trefflichkeit hier wurde der alte Herr ordentlich
ein wenig rot und verneigte sich recht galant gegen seine Line mich über den
Übelstand ungleicher Heiraten weggehoben hatte willigte ich mit dankbarem
Herzen ein Mein großmütiger Bräutigam überschüttete mich nicht nur mit
Geschenken sondern erlaubte auch dass ich einen beträchtlichen Teil meines
Vermögens der nun ohne mich bestehenden Einrichtung einer Bildungsschule für
Erzieherinnen kleiner Kinder und junger Dienstmädchen geben durfte Überhaupt
gab er mir Anlass seinen Charakter täglich inniger zu schätzen und ich ergreife
gern diese Gelegenheit im Angesicht mehrerer Personen deren Urteil mir etwas
gilt zu erklären dass mein zweiter Brautstand reicher an ächten Freuden war
als der erste Anfänglich dachte ich es nicht ohne Schmerz dass ein wackerer
Krieger meinetwegen eine Laufbahn verließ die er mit Auszeichnung und Ehre
gegangen war aber seine Gründe für das Landleben leuchteten mir ein denn durch
den Tod seines älteren Bruders dessen Güter an ihn gefallen waren hatten die
Pflichten gegen seine neuen Untertanen einen größeren Wirkungskreis erhalten Er
forderte und erhielt einen ehrenvollen Abschied Es hat meinem Glücke keinen
geringen Zusatz gegeben dass sein edler Bruder und seine verdienstvolle
Schwester seine Wahl gebilligt haben  Nun mag die Schwester Else in ihrem
Stifte die Nase rümpfen liebe Line uns tuts nichts nicht wahr«  fiel der
Oberste seiner Gemahlin ins Wort »Es würde mir angenehm gewesen sein
antwortete sie wenn von keinem Mitgliede Missbilligung statt gefunden hätte
Unsre Heirat feierten wir so still als es unsrer beiderseitigen Abneigung
gegen öffentliches Gepränge angemessen war Unsäglich froh machte es uns dass
hier mein lieber guter Oheim Vaterstelle bei mir vertrat und nicht nur
Hochzeitkleider sondern auch Hochzeitlaune mit zu uns brachte  Und ich darf
sagen dass es immer einer der schönsten Tage meines Lebens war als ich diese
zwei edelsten und teuersten Herzen einen schönen dauernden Bund schließen sah
der sich auf Anerkennung ähnlicher Redlichkeit und deutscher Treue gründete
Seitdem ist mein Leben eine Kette von ungestörtem freudigen Lebensgenuss
gewesen der nun durch die Ankunft einer so lieben Verwandtin um ein
Beträchtliches erhöhet ist denn ich setze voraus dass uns von nun an nichts
mehr trennen wird dass der Onkel Julchen und alles was mir wert ist hier die
Dame sie meinte meine Wenigkeit mit eingeschlossen nur eine Familie ausmachen
wird und dass die junge Muhme das Häuschen auf dem Hügel von ihren Verwandten
wird annehmen wollen«  »die sich eine Freude daraus machen es ihr zum
Eigentum auf ewige Zeiten zu überlassen«  fiel der Oberste treuherzig ein
Julchen verneigte sich schweigend und sagte nach einer Weile »über meinem
Verhängnisse ruht noch eine düstere Wolke ich fühle dass ich Ihnen jetzt die
Erzählung meiner Verirrungen schuldig bin Ich habe von Zeit zu Zeit daran
gearbeitet sie schriftlich aufzusetzen um mir auf den heissersehnten Fall der
Wiedervereinigung die Angst des mündlichen Selbstbekenntnisses zu ersparen Sie
sollen es erhalten und es alsdann dieser edlen Freundin meiner Minna der ich
es schuldig bin mitteilen oder wenn Sie wollen mit ihr durchgehen nur
vermag ich nicht zu ertragen dass es in meiner Gegenwart geschehe  Sie wurde
von Allen herzlich umarmt und mit Nachsicht getröstet Lieber Wilhelm wenn
alle Reuigen so aufgenommen würden wäre es ein ordentliches Verdienst um die
Menschen zu fehlen damit ihr Edelmut ans Licht käme Doch ich habe meine
Probe überstanden und ich hoffe auch bestanden Unsre Liebe ist befestigt
meine Auguste wird gut was bleibt mir noch für ein Glück zu wünschen Ich
erwarte jetzt mit Sehnsucht Deine gesunde Rückkehr um Dich in die ehrenwerte
Gesellschaft einzuführen Lebe wohl Ewig Deine
                                                                    Wilhelmine«
                  Der Amtmann Grüntal an den Prediger Eiche
»Ja liebster Freund Sie haben wohl recht wenn Sie voraussetzen dass die
Freude meinem alten von Gram geschwächten Kopfe zu stark sein dürfte Die erste
Freude war groß übergross und ich glaube dass ich mich dabei nicht ganz so
benommen habe wie es ein gescheuter Mann und ein tief gekränkter Vater gesollt
hätte aber es ist mir mein ganzes Leben hindurch nicht gegeben gewesen in
solchen Momenten abzuwägen und meine Empfindungen unter Zucht und Scheere zu
halten Ich habe es freilich der Wiederkehrenden leicht wohl gar zu leicht
gemacht aber die andern habens ja auch um nichts gescheuter angefangen Hat
nicht Karoline die am schwersten beleidigt ist ihr gleich beim ersten Anblick
verziehen und sie geherzt und geküsst als wäre gar nichts von der Art
vorgefallen Der alte Oberste der so streng auf Pflicht und Ehre hält hat er
sie nicht auch wie eine Tochter vom Hause aufgenommen Aber Sie hätten sie auch
sehen sollen Schön wie ein Engel und gebeugt von Reue und Schaam Wie sie ihr
Engelsgesichtchen vor Karolinen in den Staub legte und kein Auge zu ihr
aufzuheben vermochte  Könnten Sie es doch über sich erhalten sie zu sehen 
Was sie zu werden versprach ist nichts gegen das was sie geworden ist Es ist
für mich ein ordentliches Glück dass sie gefallen ist ich würde sonst am Ende
wahrhaftig zu viel Respekt vor ihr haben aber wenn mir denn wieder einfällt
dass ich ihr keinen Namen zu geben weiß o dann dann seh ich sie wehmütig an
und fühle mich geneigt mir allein mir alle Schuld beizumessen Meine schwache
Nachgiebigkeit bereitete ihr den Fall und wenn es mir denn einfällt was jetzt
aus ihr werden soll  wie in diesem irdischen Zustande nun weiter an kein
wahres inneres Glück mehr für sie zu denken ist wie das zerstörende Bewusstsein
sie noch am liebevollen Herzen der Ihrigen verfolgt wie sie im Schoss der
Liebe und Freundschaft selbst am meisten verzagen muss wie jede Liebkosung sie
martert wie jeder noch so unbefangene Rückblick ihrer Lieben ihr Tränen
ablockt  lieber Eiche die Freude des Wiedersehens glauben Sie mir hat alle
Bitterkeit des Kummers wenn nicht etwa Zeit und Gewohnheit ihren wohltätigen
Einfluss auf uns beweisen Wir könnten hier ein paradiesisches Leben führen in
einer solchen Gegend unter diesen Menschen in so günstiger Glückslage 
Karoline ist alles was eine Frau sein muss und es scheint mir oft als habe es
so sein müssen wie alles gewesen ist damit jede ihrer schönen Anlagen sich
entwickeln konnte Der Oberste betet sie ihrer Tugenden wegen an kein
Fürstenstamm sagt er mir oft hätte ihm eine solche Gattin zu geben vermocht
Die Gutsbewohner nennen sie Mutter und sie verdient es Sie hat sich die
Geschichte des Dörfchens Traubenheim zum Muster genommen und führt aus was
hier zu Lande ausführbar und anwendbar ist Wahrlich wen Gott lieb hat dem
gibt er solch ein Weib   Sie schafft mit Kopf und Händen ihr Mann geht ihr
treu zur Seite und spart keinen Aufwand ihre edle Tätigkeit zu unterstützen
Wie der elende Mensch den Falk mein ich wie der dieses Kleinod verkannt hat
Seinen Namen nur zu nennen ist mir fatal und doch muss ich zu der traurigen
Notwendigkeit schreiten ihn in öffentlichen Blättern zitiren zu lassen damit
die Unglückliche an dieser unseligen Fessel nicht durchs ganze Leben zu
schleppen habe Den letztern Nachrichten zufolge ist er von Hamburg wo er eine
Zeitlang auf Kosten eines angesehenen Handelshauses figurirt hat nach
Amerika dem letzten Freihaven aller Taugnichtse gegangen und ist nun
Schulmeister in German Town  Er hat Karolinen in einem zurückgelassnen Briefe
gebeten ihn wie einen Gestorbenen anzusehen Wegen der armen Verirrten sagt er
alle Schuld läge auf ihm er habe sich in sie beim ersten Anblick verliebt
und gleich den Vorsatz gefasst sie zu verstricken sie habe seinen Lockungen
nicht widerstehen können man müsse in der Familie es ihrer Unerfahrenheit nicht
zu hoch anrechnen Was nachher erfolgt sei käme ebenfalls auf Rechnung seines
Leichtsinnes und des bösen Beispieles welches sie an ihm gehabt Er selbst
habe dem Russen Anleitung gegeben sich ihrer Eitelkeit zu ihrem Fall zu
bedienen das habe ihm die Reisekosten und den ersten Aufwand in Hamburg
bestreiten helfen O der Verruchte er hat sein eigenes Weib verkuppelt meine
Tochter und doch bittet er ich solle ihm meinen Fluch nicht übers Meer
nachschikken Ach freilich freilich wärs unrecht und dann so heißt es ja
Vergieb uns unsre Schuld so wie wir vergeben unsern Schuldnern O du
allergesegnetste Religion wie veredelst Du unsre arme gebrechliche
Menschennatur Denn sagen Sie Eiche liegt es nicht klar in unsrer
Menschennatur diesen Menschen zu hassen und bis ans Ende der Welt zu
verfolgen
    Bereiten Sie sich mein Freund nächstens meiner armen Tochter Begebenheiten
und Bekenntnisse zu erhalten Sie hat in verschiedenen Absätzen daran
geschrieben Nahe wird es Ihnen gehen mein Lieber diese Glorie der Unschuld
ihrem Bilde entnommen zu sehen Für diese Welt ist sie dahin aber das Unglück
die Angst der bittersten Reue hat ihren Sinn und Willen gereinigt Sie soll
fortschreiten auf dem Wege der Rechtschaffenheit und so weiß werden wie sie
gewesen ist Ach Lieber sie ist sehr weich und demütig wo man sie nur
anrührt schmerzt es ihr jede Erwähnung einer bessern Tugend als die ihrige
gewesen ist betrübt sie aufs empfindlichste Da werden Sie sich vorstellen dass
an Vorwürfe nicht zu denken ist Ich gedenke mir den Apostel Paulus wie er vor
dem Festus und der Drusilla von der Gerechtigkeit und Keuschheit redete und da
durch schwerer ihre Herzen traf als wenn er gesagt hätte Du bist der
Ungerechte Du bist die Unkeusche Indem er ihr Selbstgefühl beleidigte hätte
er sie aufgebracht aber der kluge Mann sprach von den entgegengesetzten
Tugenden Das soll mir ein Vorbild sein Aber meine arme Juliane ist doch bei
weitem keine Drusilla
    Ich gehe jetzt zu ihr sie wird mir ihre wehmütigen Aufsätze geben und ich
werde in Schmerz versenkt werden Leben Sie wohl und gedenken Ihres jammernden
Freundes
                                                                      Grüntal«
                            Julchen an ihren Vater
»Mein Herz wird schwach und mein Mut verlässt mich wenn ich an diese traurige
Arbeit gehe Wer vermag sein Innerstes mit festem Blick zu beschauen wenn er so
fehlte wie ich Ich schaudre bei jedem neuen Beginnen und verzage an meinen
Kräften Ja wahrlich wenn ichs beschaue so ist meine beste Tugend wie ein
beflecktes Gewand wie die Schrift sich ausdrückt Ich weiß keine Worte für
meine Torheit Torheit o wär es die nur es war gottloser Hochverrat an
meiner bessern Überzeugung Das weiß das fühl ich im Innersten Wenn gleich
selbstgefällige Eigenliebe mir heimlich zuflüsterte Dein Vater legte den Grund
durch seine Nachgiebigkeit Karoline riss Dich durch ihre romanhafte Aufopferung
in den Abgrund  so kann ich es mir doch nicht leugnen dass bei jedem Schritte
denn ich im Labyrinthe meiner Verirrungen forttaumelte eine innere Stimme 
mag sie das Gewissen oder anders heißen  dass diese Stimme mir unablässig
zurief steh still geh nicht weiter auf Deinem Wege lauern Sünde und
Verderben aber die übertäubende Eitelkeit fand den Sieg der Schönheit größer
und lockender als das stille Bewusstsein der Selbstüberwindung Ach Bewusstsein
wie hast Du Dich gerächt wie in jeder Minute mir Trost und Beruhigung geraubt
wie jede erheiternde Aussicht in Dunkel gehüllt wie jede neuaufkeimende Blüte
meines Herzens zerknickt O Du starker Rächer wie hast Du die Quellen auch
meiner besseren Freuden getrübt wenn Du mir den Spiegel vorhieltest und mir
zuriefst Du verdienst das nicht Du bist eine Ehe    O nein mein Vater
wenn Sie je dies Blatt in die teuren Hände nehmen wenn die Flüchtige Sie nicht
mordete so sprechen Sie das harte entehrende Wort nicht aus Karoline die
Sanfte die Fromme die Christin hat mir verziehen ihr holdseliger Mund wird
die Unglückliche nicht mit dieser entsetzlichen Benennung brandmarken Ach und
doch   
    Ich wollte die Begebenheiten der Unglücklichen nicht ihre Gefühle die
Martern ihrer Seele erzählen Diese folgten jenen mit entfetzlicher Eile auf
dem Fuße nach Jene habe ich wie mirs vorkommt nicht erlebt sondern ich bin
von einer fremden unwiderstehlichen Gewalt durch ein Labyrinth durchgerissen
meine Besinnung ist übertäubt ich kann nicht sagen wie mir in jedem einzelnen
Falle zu Mute gewesen ist Von dem Augenblicke an da der unselige Knoten
unwiderruflich zusammengezogen war da ich von dem Herzen des gütigsten Vaters
mich losgerissen hatte ergriff mich ein Taumel dessen Betäubung mir wohl tat
denn die Rückkehr auf mich selbst machte mich halb unsinnig Die romanhafte
idealische Liebe zerflatterte wie sie entstanden war wir sahen uns gegenseitig
in unsrer wahren Gestalt und heimliche Verachtung trat an die Stelle dessen
was wir Liebe genannt hatten Mein innerer Friede war zerstört in meinem Hause
war die Hölle ich floh es und suchte das Glück da wo kein Vernünftiger es
gefunden hat Meine häufigen Abwesenheiten veranlassten dass ich nur spät erst
die Bemerkung machte wie der dessen Namen ich nun führte seine Liebe einer
Nebenbuhlerin zuwandte und dass mein Kammermädchen diese Nebenbuhlerin war 
Ich fühlte mich gedemütigt ohne die Beleidigung so zu empfinden wie ich in
jedem andern Verhältnisse getan haben würde So hatte ich ihn geraubt so wurde
er mir wieder geraubt Nur die Arroganz des Mädchens welches mir vorgezogen
wurde tat mir weh doch wagt ich nicht mich zu beklagen weil ich eine
vorwurfsvolle Antwort besorgte Diesem häuslichen Verdrusse gesellte sich noch
der Geldmangel bei der mich zu Einschränkungen nötigte auf die ich nicht
gerechnet hatte indes Babet so hieß das Mädchen im Überflusse strotzte Ich
machte bald auf Anraten einer meiner Bekanntinnen Versuche meine
Finanzumstände durch das Lotto zu verbessern und geriet dadurch in ein
Labyrinth von Geldverlegenheiten aus welchem mich nur neue Vergehungen erretten
konnten
    In eben diesem für mich so kritischen Zeitpunkte wurde in der Gesellschaft
die ich am häufigsten besuchte weil sie die Wahrheit zu sagen aus jungen
Weibern meines Gelichters bestand ein junger russischer Kavalier der Fürst
Demetrius  eingeführt Er zeichnete mich bald vor den andern aus und es
entstand ein Wettstreit unter den Weibern um seine Eroberung Ich tat damals in
Wahrheit keinen Schritt ihn für mich zu gewinnen doch wage ich nicht diese
Untätigkeit Pflichtgefühl zu nennen weil der welchem ich Pflichten schuldig
war sie mir wie ich glaubte durch seine Untreue erlassen hatte Der Fürst war
von dem Tage seiner ersten Erscheinung an meine Partie beim Spieltische er
spielte galant und machte den Zerstreuten Der tägliche Gewinnst im Spiel
machte meine häusliche Lage bequemer ich bezahlte Schulden und war nun um so
leidenschaftlicher eine Spielerin  Dem Fürsten entging dies nicht Er verlor
beständig anfangs kleidete er diese Freigebigkeit mit äußerster Delikatesse
ein allein vielleicht glaubte er in der Folge sich dieser Schonung überheben
zu können als er fand dass ich um zu gewinnen spielte In meinem Hause
veranlassten die Summen durch welche ich einen beträchtlichen Aufwand bestritt
auch nie die entfernteste Neugier und  o des elenden Behelfs  damit
entschuldigte ich meinen entehrenden Eigennutz gegen mich selbst
    Aufgemuntert durch diese entferntern Versuche bemühte sich der Fürst nach
und nach seinen Absichten näher zu kommen Auf einer Redoute war er mein Führer
dies erregte Neid und ich fand mich geschmeichelt Unter dem Schutz der Maske
wurde er kühner und ich nachgiebiger Er sprach von Liebe und ich setzte ihm
nur Zweifel daran entgegen Er beteuerte und ich hörte ihn an Er schlug eine
Entfernung von der Gesellschaft vor nach seinem oder einem andern Hause das
weiß ich nicht Diesesmal noch stand mir mein guter Genius zur Seite ich
verwarf den Vorschlag mit Abscheu und der Fürst zog sich in die Gränzen der
Ehrerbietung zurück weil er die Zeit mit Zuverlässigkeit berechnen konnte wo
ich mich ihm selbst überliefern würde
    Meine häusliche Verfassung wurde von da an sichtlich immer misslicher man
spielte in Gesellschaften darauf an und gab mir Winke die ich damals mir nicht
erklären konnte Meinen Hausgenossen sah ich zu selten um Unruhe an ihm zu
bemerken doch fand ich eines Tages dass er sehr tätig seine Schreibereien
durchsuchte und große Pakete im Kamin verbrannte Ich fragte um die Ursache
und erhielt zur Antwort es sind alte Scharteken für die man wenn sie sich
anhäuften endlich einen zu großen Raum haben müsste Das war mir genug ich
forschte nicht weiter kleidete mich an und ging zum Tee Meine Erscheinung
erregte Verwunderung man fragte mit bedeutenden Winken und Flüstern wie mein
Mann sich befinde ob er zu Hause ob er allein sei Meine Bejahung schien zu
befremden Einiger Blicke ruhten schadenfroh andrer mitleidig auf mir dessen
erinnerte ich mich nachher Ich setzte mich zum Spiel der Fürst war wie
gewöhnlich von meiner Partie Er begleitete mich in seiner Equipage zu Hause
und es fiel mir auf das er meinem Bedienten etwas Heimliches sagte welches mir
dieser aber abläugnete als ich mich danach erkundigte  In dem Arbeitszimmer
des Hausherrn war noch Licht ich ging zu Bette wie ich das immer tat und
schlief auch wie gewöhnlich ein ohne die Anwesenheit meines Stubengefährten
abzuwarten Ich stellte an diesem Abend wider meine Gewohnheit einige
Betrachtungen über meine seltsame Lage an und weil sie mich auf sehr traurige
führen musste brach ich ab und bemühte mich einzuschlafen  Es gelang mir
sehr schnell aber durch die ungewohnte Anstrengung des ernstaften Denkens war
mein Blut erhitzt und meine Phantasie sonderbar rege geworden Im Traum sah ich
ein bedeutendes Bild der Schicksale welchen ich mich entgegenstürzte In einem
dunklen Kerker erschien mir eine hässliche aber glänzende Gestalt mit
abenteuerlichen Verzierungen behangen sie reichte mir die Hand ich ergriff
sie begierig und plötzlich erhob sie sich mit mir zu einer steilen Anhöhe
welche mit einer spiegelglatten Fläche umgeben war Uber derselben schwebten
Gestalten worunter ich meinen teuren Vater und meine Brüder am deutlichsten
erkannte Wie mein Blick sich auf sie heftete verloren sie sich in einen matten
Schimmer weit und immer weiter hin die glänzende Gestalt neben mir hatte sich
indes in einen hässlichen braunen gestaltlosen Klumpen verwandelt auf welchem
von dem was er zuvor gewesen nur noch die bunten Verzierungen sichtbar
geblieben waren Im äußersten Schrecken griff ich danach da fühlt ich mich
von einer entsetzlichen Faust ergriffen und von der Höhe herab auf die
schlüpfrige Fläche hingeworfen Aus der hellen Dämmrung ging meines Vaters
Gestalt wieder hervor aber ich vermochte es nicht ihr näher zu kommen weil
meine Füße auf der ungewohnten Glätte ausgleiteten Ich warf mich trostlos auf
den Boden die väterliche Gestalt war mir ganz nahe ergriff mich und plötzlich
saß ich neben ihr in einer duftenden Laube Nun umflatterten mich bunte
Traumgestalten der feste Schlaf ging in leisen Morgenschlummer über und dieser
wurde durch das Rufen meines Namens abgebrochen Ich erschrak eine alte Frau
die im Hinterhause wohnte in meinem Zimmer zu sehen  Nehmen Sie mirs nicht
übel dass ich mich so dreist zudränge  fing sie an  die Zimmer stehen alle
offen es möchte ein Fremder hereinkommen  Wo sind denn meine Leute  Seit 4
Uhr da der Herr abreisete habe ich keine Seele wieder gesehen  Voll Entsetzen
sprang ich auf eine Ahnung flog durch meine Seele ich warf in möglichster Eile
Kleider über indem trat Fürst Demetrius G ins Zimmer Er sah bekümmert aus und
da er mich eben in der größten Bestürzung fand so fragte er Sie wissen also
schon   Ich weiß nichts gar nichts  Der Kassendefekt ist heraus heute
sollte er arretirt werden Er hat sich mir entdeckt Durch einen angemessenen
Vorschuss habe ich ihn in den Stand gesetzt für seine Sicherheit zu sorgen und
habe ihm mein Ehrenwort gegeben es auch für die Ihrige zu tun Es ist
ausgemacht dass wenn Sie nicht schnelle Maßregeln ergreifen man sich Ihrer
statt seiner bemächtigen wird  In der entsetzlichsten Betäubung stürzte ich
ihm zu Füßen ich glaube dass ich seine Hände geküsst habe denn er wurde mächtig
ergriffen sank bei mir nieder umfasste mich mit den heiligsten Beteuerungen
und schwur mein Schicksal sei an seine Seele gebunden er übernehme es mein
Loos zum allerglücklichsten zu machen seine überschwengliche Liebe setze ihn
über jede andre Betrachtung hinweg ich verdiene nicht nur eine Fürstin zu sein
sondern auf einen Thron erhoben zu werden  Soll ich es sagen dass ich mit
Wohlgefallen auf seine Reden achtete dass mir der Gedanke auch nicht einfiel
mich in der Not zum natürlichsten Asyl zu meinem Vater zu flüchten  Ach die
lockenden Töne der Verführung schlichen sich so süß in mein Herz und es war
gewonnen ehe die Vernunft aus ihrem langen Schlummer erwachte  Aber wohin
mein Fürst  Wohin meine Göttliche Wo Ihr Demetrius ist da ist Ihr Asyl
kann es für die Geliebteste ein andres geben Aber lassen Sie uns die Zeit
benutzen Ich bestelle Pferde Nehmen Sie nur die ersten Notwendigkeiten mit
bei meiner Mutter sollen Sie mit allem versorgt werden
    Ich würde unrecht tun wenn ich sagte ich hätte überlegt Nein ich
überlegte ich dachte mir nichts deutlich auch kann ich nicht sagen dass mich
die Liebe verführte Der Fürst ist jung und liebenswürdig aber nie sah ich in
ihm den Mann dem mein Herz sich hätte ergeben mögen nur meine Eitelkeit
flüsterte mir zu er zieht Dich den andern vor er ist ein Fürst und kann Dich
zu sich hinaufziehen Die Not des Augenblicks Gefängnis Armut und Verachtung
standen in grässlichen Gestalten vor mir An der Hand des Fürsten winkten mir
Reichtum und Wohlleben und der Müßiggang dem ich mich besonders im letzten
Abschnitte meines Lebens geweihet hatte stand in der Perspektive Auch keinen
einzigen Augenblick stand ich an das Anerbieten des Fürsten anzunehmen Auf die
Einwendung die der Wohlstand doch nur ganz leise machte antwortete ich er
bringt Dich ja zu seiner Mutter unter welcher Gestalt untersuchte ich nicht
    Mir blieb auch wenig Zeit zur Unentschlüssigkeit und Untersuchung übrig Ein
junger Mensch dem ich einiges Gute erwiesen hatte schickte mir einen Zettel
worin es hieß Retten Sie sich sobald Sie können Diesen Abend werden Sie an der
Stelle Ihres Mannes für den Sie mit Ihrer Habe haften sollen arretirt Ich
nutzte den Wink und spornte meine Tätigkeit zur Eile  Nun erst vermisste ich
Jungfer Babette meine besten Kleider und einige Juweelen ich war aber bei
diesem Verlust ganz gleichgültig bei der Mutter des Fürsten sollte ich ja mit
allem versorgt werden Um 4 Uhr Nachmittags erwartete ich zur Reise gerüstet
meinen Begleiter Um 5 Uhr erschien sein Kammerdiener in einer Mietkutsche und
brachte mich an den Ort wo sein Herr mit den Postpferden auf mich wartete
Fühllos verließ ich das Haus worin ich durch ein schweres Vergehen Frau
geworden und mein innerer Zustand eine aneinanderhängende Marter gewesen war
Mit einem andern Herzen wandte ich der Stadt den Rücken worin sich eine zweite
Periode meines Lebens angesponnen und nun so über alle Erwartung schrecklich
entwickelt hatte Als ich an der Seite des Fürsten mich im Freien fühlte
ergriff mich der Gedanke was hast Du vor wie ein gieriges Raubtier Ich
verbarg mein Gesicht und konnte dem Manne nicht ins Auge blicken dessen
Willkür ich nun so unbedingt mich übergeben hatte Wir fuhren durch das
nämliche Tor in welches meine brave Mutter mich hereingebracht hatte Mein
Elend zu verstärken erkannte ich jeden Baum jeden Feldweg wieder wie ich ihn
mir beim ersten lebhaften Anschauen gemerkt hatte Stumm und in den tiefsten
Schmerz versenkt saß ich da mein Reisegefährte bot seinen ganzen Witz auf
mich aus mir selbst herauszuziehen aber er erhielt nichts als endlich die
dringende Bitte mich zurückzubringen Wie wohin wollen Sie fragte er besorgt
soll ich Sie ihren Verfolgern ausliefern trauen Sie meinem Ehrenworte nicht
sollt ich die die meine ganze Seele liebt nicht ehrenwert halten  Die
Frage was werd ich Ihnen was Ihrer Mutter sein schwebte mir auf den Lippen
aber die Furcht jetzt schon aus meinem Wahne gerissen zu werden hielt sie
zurück Und dann er sah so gut so ehrlich aus seine Bedienten bezeigten mir
Ehrfurcht bis zur Demut ich hoffte die Äußerung dass ich seine Gemahlin
werden wurde sollte ihm entwischen aber noch immer hatte er sich nicht
bestimmt erklärt Ich war nicht schlau genug die Veranlassung herbeizuführen
doch als er in mich drang ihm die Ursache meiner Betrübnis zu entdecken sagt
ich listig genug aber Fürst ich bin die Frau eines andern wie kann ich bei
Ihnen mit Anstand sein  Wenn dieser Andre mir seine Rechte gegen ein
Equivalent abtritt sind Sie dann nicht die meinige Die Gesetze meiner Kirche
achten die Verpflichtungen welche Ihnen die Ihrige auflegt für ungültig
Unsrer Liebe steht nichts im Wege meine Ida denn von nun an war ich Ida
Juliane Julchen  o der teure Mund der dies sprach  der Name soll
unentweiht bis auf bessere Tage ruhen Da ich diese unbestimmte Äußerung des
Fürsten für eine Art von Erklärung gelten ließ so beruhigte ich mich ich wurde
erträglich bis es Nacht wurde und die Dunkelheit mir Gelegenheit gab von den
äußern Gegenständen ab und in mich selbst hereinzugehen Der Traum der vorigen
Nacht ruhte gleich einer schweren Last auf mir und ein Teil desselben ging
schon in buchstäbliche Erfüllung Die glänzende Gestalt mit Ehrenzeichen
behangen reichte mir die Hand mich aus dem Kerker zu befreien Auch sie wirds
sein die mich mit eiserner Kraft in den Abgrund schleudert Im Hintergrunde
stand der Vater aber ein schwer beleidigter zürnender Vater und Brüder die
mich verachten mussten Wie übermütig hatte ich oft auf den Bruder der jetzt
ein Handwerksgenosse war herabgesehn Wie konnte nun er der Fleissige der
Rechtliche auf seine Schwester herabblicken Wie musste es ihm bei seinen
Genossen zum Vorwurf gereichen wenn es hieß sie ist mit einen Russen
durchgegangen  Als dessen Frau  Nein als seine    O mein Gott wie
erniedrigend war einem jeden von uns das Wort Mätresse Des redlichen aller
Orten geachteten Amtmanns Tochter ist nun zur Mätresse eines Fremden
herabgesunken Diese und ähnliche nagende Betrachtungen zerrütteten meine
Gesundheit und ich sah mit tränenschwerem Auge blass und erschöpft den Morgen
anbrechen Der Fürst war mir nun zuwider ich sah ihn im Nachtkleide von allen
Orden und Ehrenzeichen entblößt im schlichten Reiserock mit ungeordnetem
Haarputz er erschien mir wie ein gemeiner Mensch der sich mit seinen Bedienten
verwechseln ließ Es ist ein Jammer dass wir oft unsre Ehre und das Glück der
Unsrigen von einem Stückchen Bande einem Sterne oder Kreuze abhängen lassen
Wäre mir der Fürst früher in so unscheinbarer Gestalt genaht ich wäre
schwerlich in seine Hände geraten dass es wirklich so war wird nachher
deutlicher werden
    Wir fuhren drei Tage Tag und Nacht und rasteten endlich in einem Dorfe in
Hinterpommern Es war an einem Sonntage Die Gemeinde stand in ihrem festlichen
Anzuge und erwartete den Prediger Der Gottesdienst begann und angetrieben
von einem unwiderstehlichen Gefühl mischt ich mich unter den Haufen der zum
Gotteshause wallte und ging mit hinein Der Gesang erschütterte mich lange
schon hatte ich keiner öffentlichen Versammlung beigewohnt und nun unter diesen
Umständen Ich zerfloss in Wehmut Der bejahrte ehrwürdige Prediger sprach mit
Kraft und Nachdruck über den Text Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen
Sünder der Busse tut als über neun und neunzig Gerechte Mancher gute
Entschluss stieg in meiner Seele auf und einmal flüsterte mein guter Engel mir
zu Kehre um noch bist Du unentweiht  Aber wer wirds glauben und zu wem
soll ich gehen  Jetzt trat der Fürst der mich gesucht hatte in die Kirche
von seinen Bedienten umgeben in Anstand und Miene den vornehmen Mann
wenigstens mit dem angetan was diesen Leuten das Bewusstsein ihrer
Überlegenheit gibt und meine eitle Seele wurde wieder ganz leer von guten
Gedanken Seine Zärtlichkeit wirkte allmählig auf mein Herz und  o der
Schande  ich wurde von da an ruhig und immer ruhiger bis wir hinter Riga
kamen wo ich erfuhr dass mein unglücklicher Vater mir auf der Spur sei Hier
warf ich mich dem Fürsten zu Füßen und flehte mich in die Arme meines Vaters
zurückzugeben Ich sprach mit dem Ungestüm einer Wahnsinnigen Der Fürst schloss
mich in seine Arme meine Ida  sagte er  meine Einzige womit verdiene ich
ein so unzerstörbares Misstrauen Noch lange sind wir nicht am Ziel unsrer Reise
nur wenige Zeit werde ich meinen Freunden in Petersburg schenken dann aber
erwartet uns in einer entfernteren Gegend meine Mutter bei der meine Ida schon
durch die empfehlende Eigenschaft eine Deutsche zu sein eine freundliche
Aufnahme finden wird  Als was Fürst fragt ich unruhig Er stand einen
Augenblick an  Ida findet gewiss eine mütterliche Aufnahme fuhr er fort sie
wird geliebt werwerden wo sie nur aufgenommen sein will  Prinz schicken Sie
mich zu meinem Vater noch ist nicht alles verloren da er mich sucht will er
mich nicht verstoßen  Der Fürst sagte galante Gemeinplätze und befahl
heimlich seinen Leuten mich streng zu beobachten Sie taten es so sehr dass
ich keinen Schritt nach einem Glase Wasser tun durfte ohne von einigen um mein
Geschäft befragt zu werden
    Der Jäger ein Stockrusse sah mich weinen Was weinst Du sagte er in
gebrochenem Deutsch Du wirst hoch sehr hoch kommen Wenn Du Fürstin bist da
weinst Du nicht mehr  Diese einfachen herzlich gesprochnen Worte beruhigten
mich in so weit dass ich einen Brief an meinen unglücklichen Vater schrieb der
in Riga im Postause abgegeben wurde Mein Schmerz beim letzten Abschied den
ich ihm bot gränzte nahe an Stumpfheit er hatte die Höhe welche das Herz zu
fassen und zu tragen vermag überstiegen und nun war alles öde und abgestorben
in meiner Seele Ich gab mich ich gab alles verloren und achtete es nun nicht
mehr der Mühe wert durch Selbsttätigkeit eine Änderung meines Schicksals zu
bewirken Sobald ich das ewige Lebewohl an den würdigsten der Väter versiegelt
hatte sah ich mich als eine Gestorbene an die nun der Vergeltung entgegeneilt
Das Andenken an meinen Vater hatte die Bilder meiner ersten unbefangnen
Jugendjahre aufs lebhafteste in mir erneuert Wenn ich die Grade der
Verschlechterung betrachtete die ich  einst Julchen aus Lindenau nun die
erlogne Ida eines russischen Fürsten  durchlaufen war schien ich mir nicht
mehr dasselbe Wesen am wenigsten schien mir Rückkehr möglich seitdem ich mich
unter einen fremden Himmel und unter ein so sehr fremdes Volk versetzt sah Ich
überließ mich nun dem waltenden Verhängnisse wie ich es nannte und folgte dem
Fürsten still und ergeben als wir die Reise fortsetzten
    Von Riga bis Petersburg unterließ er nichts was die feurigste Liebe zur
Beruhigung der Geliebten zu ersinnen vermag nur auf positive Erklärung ließ er
sich nie ein so vielen Mut ich auch nachher bekam sie herbeizuführen Endlich
erklärte er sich dass er in Petersburg meinem Schicksale eine günstige Wendung
zu geben gedenke ich solle mich auf seine Ehre mehr aber noch auf seine Liebe
verlassen
    Die unendliche Mannichfaltigkeit der Gegenstände zerstreute mich wider
Willen Mehr als alles zog mich der unaussprechliche Reiz der russischen
Sommernächte an Der sanfte Schimmer der kaum untergetauchten Sonne rötet den
Horizont und verschönert die Gegenstände Die Erwartung der kommenden Nacht
täuscht sich selbst und man sieht sich durch eine angenehme Überraschung um den
Schlaf gebracht wenn die ersten Strahlen der Sonne schon wieder die Gipfel der
Bäume vergolden Alle Erscheinungen um mich her erregten meine Neugier und
Erwartung Gestalten wie ich sie noch nie sah wandelten um mich her eine
fremde Sprache ein fremder Boden fast überlief mich ein Grausen wenn ich die
fremdartigen Gesichter sah aber allenthalben stießen wir auf frohe singende
Menschen die in Stellung und Gebehrde Demut äußerten ohne von harten
Sklavensinn niedergedrückt zu scheinen Mein Reisegefährte machte mich auf alles
aufmerksam und erklärte es mir aber wie viel er mich auch von Petersburgs
Pracht hatte erwarten lassen wurde ich doch zum höchsten Erstaunen hingerissen
als ich die Größe und Pracht dieser bewundernswürdigen Stadt sah Der Pallast
des Fürsten lag im Admiralitätsteile und sein Inneres entsprach der ungemeinen
Pracht seiner Außenseite Allein ein unbekanntes Grausen befiel mich als ich
die ich immer jemand von meinem Geschlechte um nich gehabt hatte mich unter ein
ganzes volles Haus von Männern versetzt sah Unter dem zahlreichen Hausgesinde
hatte ich nur zwei Mädchen bemerkt eine dicke geschminkte Russin und eine
Kalmuckin zur gröbsten Hausarbeit Mir wies der Haushofmeister prächtige Zimmer
an und ich begriff aus seiner Pantomime dass die Fürstin sie bewohne wenn sie
sich in Petersburg aufhalte
    Es war mir unmöglich mich in dieser Pracht einheimisch zu fühlen ich
starrte darauf hin ohne sie mir anzueignen Der Gedanke was bin ich in diesem
Pallaste fiel mir abermals zentnerschwer aufs Herz Der Fürst besuchte mich in
meinem Zimmer er bemerkte meinen Missmut und weil er mich erriet ließ er
mich nicht zu Worte kommen  Ich verstehe die Tränen in diesen lieblichen
Augen sie sollen mir nicht lange mehr Vorwürfe machen Aber Ida darf ich auf
keinen nicht einen Beweis Ihrer Zuneigung rechnen hält dieses schöne Herz auch
nicht einmal mich einer Täuschung wert  Mein Prinz wenn Sie zu der Wohltat
mich aus den Händen der Gläubiger meines Mannes gerettet zu haben auch die noch
hinzufügen mir eine meinem Stande angemessne Bestimmung festzusetzen so
rechnen Sie auf das dankbarste aller Herzen  Ida wenn Sie mich lieben so ist
Ihr Loos auf immer festgesetzt  Ich war schwach genug eine hoffnungerregende
Antwort zu geben und nun  o der Angst  konnte nur mein noch wacher
Schutzgeist mich von seiner Zudringlichkeit und meiner erregten Sinnlichkeit
erretten Ich wage es nicht irgend etwas zu meiner Enschuldigung anzuführen
Ich rang gegen die Wut seiner Umarmungen aber sein Arm umschlang mich mit
einer Kraft der ich nicht widerstehen konnte Ich sank vom Widerstreben matt zu
Boden und fiel gegen die Ecke des Sophas so hart dass im Augenblicke mein
Kleid und der Fussteppich mit Blut überströmt waren Der Prinz hob mich auf
jammerte und rief nach Hilfe mein Kopf war gefährlich verwundet ich fiel in
Ohnmacht und als ich wieder zu mich kam sah ich mich mit fremden Gesichtern
umgeben Ganz besonders fiel mir ein altes ehrwürdiges mit weißem Barte auf
Der Mann sah mich freundlich an sprach aber kein Wort Als ich ihn um etwas
fragen wollte legte er mir den Finger auf den Mund und sagte gebrochen
Deutsch Fieber haben nicht reden  Diese alte Gestalt war mir zum besonderen
Trost weil ich keine Person meines Geschlechts zu meiner Bedienung um mich sah
Der Fürst trat herein und sagte zu dem Alten freundlich bist Du da Michael
Popoff Ich vernahm nun dass es ein russischer Priester sei der bei den
Hausoffizianten einen Kapellan abgab Michael verließ mein Bette nicht und als
er mir erlaubte zu sprechen fragte er freundlich wer bist Du Mädchen oder
Frau  Frau  sagt ich beherzt fühlte aber meine Wange sich röten  Warst
Du gut ehe Du in dieses Haus kamst er sprach alles gebrochen Deutsch Was
willst Du hier werden Frau  Ich antwortete nicht mein Blick sank beschämt
von dem ehrwürdigen Gesicht auf meine Decke  Wird die Fürstin Dich sehen 
Die Fürstin die Mutter des Fürsten  Nicht Mutter Frau Gemahlin  Er stand
auf und zeigte auf ein schönes weibliches Bild welches ich für ein Ideal
gehalten hatte Verstört aufgeschreckt rief ich aus wie ist der Fürst
vermählt  Ja mit Eudoxia aus dem Hause P   Gott Gott darum die
Ungewissheit das Zögern sich zu erklären Was bin ich nun o grässlich
grässlich  Weib hast Du einen Vater  fragte Michael  O schweig alter
ehrwürdiger Mann mein Fall in diesen Abgrund wird ihn umgebracht haben  Ich
fiel in eine Raserei die Wunde fing aufs neue an zu bluten und Michael bat
mich um sein Leben willen ihn nicht zu verraten Ich wurde etwas ruhiger als
er mir versprach mein Vermittler zu werden und mich in eine anständigere Lage
zu bringen
    Bald nachher erschien der Prinz Ich zwang mich wenigstens still zu sein
Nachdem ich eine Zeitlang geschwiegen hatte zeigte ich auf das Portrait und
fragte wer ist dies himmlische Gesicht  Ein Ideal Ida was geht das Sie an
Sie sind tausendmal schöner  Geht das Bild auch Sie nicht an Prinz  Er
wurde rot Ida  stammelte er nach einigem Schweigen ich sehe ich bin
verraten meine Verwandten haben mir eine Gemahlin aufgedrungen die mich
unglücklicher Weise bis zur höchsten Leidenschaft liebt Dieser zu entgehn
verließ ich mein Vaterland und gab alle Ansprüche auf Ehrenstellen auf zu
welchen mein Rang und Vermögen mich berechtigten ich durchreisete die südlichen
Länder kein Weib zog mich an sich bis ich in Ihrem Berlin fand wonach sich
mein Herz so lange gesehnt hatte Ida nun opfern Sie mein Glück nicht einem
Hirngespinnste auf Was ist das nun dass Eudoxia für diese Welt mein Weib ist
Mag sie immer die Teilhaberin meines Ranges und Vermögens sein mein Herz habe
ich nur für die reizende Ida  Ich überschüttete ihn mit Vorwürfen die er
endlich hofmännisch freundlich damit beantwortete dass er mich daran
erinnerte wie er kein Zwangsmittel und sehr wenig Überredung angewandt habe
mich zur Reise zu bewegen Tief beschämt und erschüttert wie ich es sein musste
verließ er mich und der alte Priester trat an seine Stelle Mein Zustand meine
bitteren Tränen gingen ihm zu Herzen er fragte zutraulich ist es Dein Ernst
dass Du nicht werden willst eine    O ja ja ehrwürdiger Mann wie Du mich
auch retten willst ich gehe alles ein  Gut so warte noch drei Tage Deine
Krankheit wird Deine Rettung ein Aber vor allen Dingen danke Gott danke ihm
wie Du gelernt hast mit ihm zu sprechen er und der heilige Nikolas werden Dich
beschirmen
    Der Wink des Alten fiel brennend in meine Seele  Ach wenn ich beten
könnte aber wie kalt wie durchaus entfremdet ist mein Herz diesen frommen
Empfindungen  Als ich allein war falteten sich meine Hände von selbst die
beklemmte Brust arbeitete heiße Seufzer hervor mein beträntes Auge richtete
sich zum Himmel und ich wünschte mit unbeschreiblicher Angst dass Gott mich
hören und mich erretten möchte War dies Gebet so ist nie ein brünstigeres
emporgestiegen
    Mein Herz war erleichtert als der Prinz ins Zimmer trat Er bemerkte meine
ruhigere Stimmung mit Zufriedenheit und wartete nicht bis ich die vorhin
abgebrochne Materie wieder aufnahm sondern fing selbst an davon zu sprechen 
Ida ein rasches Wort hat Sie vorhin beleidigt Ich wollte das nicht da wir
aber in der Entwicklung so weit gekommen sind muss ich als ein Mann von Ehre
sprechen Ich liebe Sie unaussprechlich Ihre Schönheit Ihre Anmut muss Ihnen
das sagen aber ich will Sie nicht verderben Ob es immer in meiner Gewalt stehen
würde dem raschen jugendlichen Feuer zu gebieten wenn so viele anziehende
Reize mich umgaukeln darf ich nicht versprechen Ida ich darf Ihnen nicht
verschweigen dass Michael Popoff nachdrücklich für Sie gesprochen hat er hat
meinem schlummernden Sinne für Güte und Rechtschaffenheit eine neue scharfe
Richtung gegeben Ich schlage Ihnen das Haus der Fürstin Eudoxia zum Asyl vor
Sie ist eine gutes ein tugendhaftes Weib Sie sollen vor ihr als die verlassne
Frau eines unglücklichen Mannes erscheinen der Sie mir empfohlen hat Sie
dürfen nicht erröten Ida Sie kommen rein und unentweiht aus meinen Händen
Ich werde Sie immer noch anbeten aber nur selten sehen in diesen Augen ist zu
viel Gefahr für mich 
    Mit ganzem Herzen stimmte ich in den Vorschlag des Prinzen Sein Edelmut
überwältigte mich nie war er in meinen Augen so liebenswürdig erschienen und 
dass ich alles sage  in der tiefsten Falte meines Herzens regte sich etwas das
einem Unmute über diese freiwillige Entsagung glich Mein Dank war so feurig
dass er dem Prinzen beinahe den edlen Sieg über sich selbst aus den Händen
gerissen hätte Popoff erschien und die Unterredung nahm eine ruhigere Wendung
    Nach drei Tagen in welchen ich den Prinzen nur auf kurze Augenblicke
Popoff aber beständig um mich hatte verkündigte mir ein Getöse und Pferdetritte
im Hofe des Pallastes die Ankunft der Fürstin Ich kleidete mich anständig und
erwartete jeden Augenblick dass sich etwas ereignen werden allein es blieb
diesen Tag und Abend still selbst der alte Priester ließ sich nicht sehen Erst
spät nach Mitternacht wurde es ruhig im Pallaste Ich blieb auf und brachte den
übrigen kurzen Teil der Nacht am Fenster zu In diesen wollüstigangenehmen
Nächten verliert sich zwar in den Petersburger Straßen die geräuschvolle
Tätigkeit wird aber nicht wie in Berlin zur toten bangen Stille Überall
hört man den Fußtritt von Spaziergängern die sich häufig von Musik begleiten
lassen Auf der Newa und auf allen Kanälen schwimmen Schaluppen von welchen der
einfache melodische Gesang der Matrosen ertönt Ich überließ mich zum erstenmal
seit langer Zeit einer freundlichwinkenden Hoffnung besserer unschuldvoller
Tage Die Fürstin dachte ich mir unter mannichfaltigen lieblichen Gestalten
aber ach wohin ich den Blick wendete war Anstrengung und Arbeitsamkeit die
unerlässliche Bedingung besserer Zeiten Was konnte ich für Talente aufweisen
was für Geschicklichkeiten hatte ich mir erworben Keine einzige die mich über
den Tross gemeiner Bedienten erheben konnte O weh mir wie habe ich die goldnen
Tage der Musse mit Armseligkeiten verschleudert Ich fühlte es tief in der Seele,
dass ich nur in die niedrigere Region einer kleinen Haushaltung gehörte dass es
etwas Leichtes gewesen war unter den lustigen Weibern mit welchen ich meine
Zeit vertändelt hatte einen Platz zu behaupten die sich außer dem Whisttische
und Putzladen in armer Unbedeutsamkeit verlieren Diese Betrachtungen waren eben
nicht geschickt mich zu einer Zusammenkunft mit meiner künftigen Beschützerin
gehörig vorzubereiten Indes war es Tag geworden der Kammerdiener brachte mir
Frühstück ich wagte keine Frage an ihn Bald nach ihm erschien Popoff Sein
freundliches Auge verkündigte mir lauter Gutes Du wirst es gut haben wenn Du
willst sprach er Eudoxia will Dich haben wenn Du ihr gefällst  Ach Gott
wie muss ich sein wenn ich ihr gefallen soll  Sie ist den Deutschen gut Aber
meine Tochter etwas muss ich Dir sagen bei ihr lebt ein Weib das ihre
Erzieherin war sie ist eine jähzornige Französin bitte den heiligen Christ
dass er Dirs eingibt wie Du das Herz dieses Weibes gewinnen mögest  Mir sank
der Mut die Tage der Unbefangenheit waren dahin und die Last des
entkräftenden Bewusstseins lag schwer auf mir  Was Dir auch begegnen möge jede
Erniedrigung wirst Du verdient haben  Ich wies mir den niedrigsten Platz an
und wagte keine Klage kein Murren Der redliche Popoff verwies mir meine
Niedergeschlagenheit  Du bist nicht gut und dankbar meine Tochter sagte er
hat Gott nicht Wunder zu Deiner Errettung getan Willst Du darum verzagen weil
er so gütig ist Sammle Dich in kurzem wirst Du vorgelassen ich bleibe Dir zur
Seite Es war gut dass er das sagte sonst wäre ich umgesunken als der
Kammerdiener der Prinzessin erschien um mich abzuholen
    Popoff begleitete mich Ich wurde durch eine lange Reihe Gemächer geführt
deren Pracht mir imponirte In einem der letztern fand ich die Prinzessin auf
einem Sopha eine ältliche in Braun gehüllte Gestalt vor ihr bediente sie mit
Chokolade Die Fürstin sah ihrem idealischen Bilde vollkommen ähnlich Eine
schöne Spitzenhaube beschattete zum Teil das reizende Gesicht ein großes
flatterndes hinten aufgestecktes buntseidenes Tuch gab ihr ein fremdes höchst
reizendes Ansehen wozu ein im orientalischen Geschmack gesticktes und
geschnittenes weites Gewand noch mehr beitrug Am Eingang verneigte ich mich
ehrerbietig wie ich es auf dem Theater gesehen hatte Popoff hielt mich und
führte mich ihr näher Sie streckte eine wunderschöne Hand nach mir aus und
hieß mich in angenehmen Französisch näher kommen Meine Haltung mochte unter
diesen Umständen noch weniger Festigkeit als gewöhnlich haben denn die braune
Französin am Tisch merkte an dass sie wetten wolle ich sei nur eine Deutsche
Cet air ce maintien cette timidité  sagte sie leise zur Fürstin  zeigten
sehr deutlich zu welcher Nation ich gehöre Was die Gebieterin antwortete
verstand ich nicht ganz aber ich unterschied zu meinem Trost die beruhigenden
Worte trèsaimable und diese gaben mir Mut mich gegen ihr Gewand
hinzuneigen sie reichte mir aber gütig die Hand zum Kuss Ich ergriff sie und
küsste sie mit einer Innigkeit die so wie sie aus meinem Herzen kam in das
ihrige drang Sie sah mich mit Wohlgefallen an und sagte etwas auf russisch zu
Popoff der es mit dem Lächeln der Zuneigung anhörte
    Allein jetzt wurde der Auftritt bänglicher für mein Herz Die schöne Frau
erkundigte sich nach meinem Vaterlande meinen Eltern meinen Verbindungen und
endlich  was ich mit großer Herzensbeklemmung erwartet hatte  um mein
Verhältnis zum Fürsten Ich entfernte mich in meinen Antworten so wenig es sich
tun ließ ohne anstößig zu werden von der reinen Wahrheit Als ich auf die
Frage ob ich noch Eltern habe wehmütig meinen Vater nannte hieß sie mich
mitleidig arme Kleine als ich aber auf die Erkundigung ob ich mit dem Fürsten
zusammen in einer Kutsche gereist sei Ja antwortete umwölkte sich das schöne
Auge und sie sagte mit kleinmütigem Tone zur Lebrün etwas wovon ich nur das
trop belle verstand Das rötete meine Wangen und eine bittere Träne des
Bewusstseins stieg in mein Auge Ich sah traurig auf meinen ehrlichen alten
Begleiter und gab schon alles verloren Er sprach russisch und die Prinzessin
sah mich wieder an Was kann ich was muss ich für Sie tun mein Kind sagte
sie wenn Ihnen geholfen sein soll Ich begreife dass Ihre Schönheit und Jugend
nicht schutzlos bleiben kann  Mein guter Genius oder vielmehr das dringende
Bedürfnis meines Herzens gab mir ein vor ihr hinzuknieen und mit Inbrunst um
Aufnahme unter ihre Frauen und Schutz von ihr zu flehen Popoff nickte mir
freundlich seine Billigung zu und ich hatte zur glücklichen Stunde gesprochen
die edle Frau küsste mich liebreich auf die Stirn und gewährte warum ich bat
Jetzt entrunzelte auch die saueräugige Gouvernante ihre gelbe Stirn und fragte
mich mit offenbar neidischem Tone was ich denn arbeiten könne meine
Landsmänninnen hätten gewöhnlich gar wenig aufzuweisen ein wenig Stricken ein
wenig caquet n est ce pas setzte sie in einer mehr boshaften als scherzenden
Manier hinzu Sie hatte leider recht Das gütevolle Herz der Fürstin sah meine
Verlegenheit und sagte schnell einfallend Sie werden doch lesen können mein
Kind Sie werden mir bei meinen kleinen Arbeiten vorlesen meine arme Lebrün
leidet ohnehin an den Augen Freilich erwiderte diese werde ich nachgrade
eine unnütze Dienerin meiner gnädigen Fürstin  O das nicht liebe Lebrün Du
wirst meinem dankbaren Herzen nie entbehrlich sein Diese junge Person wird in
ihren Funktionen von Dir abhängen Deine Zurechtweisungen werden ihr nützlich
sein  Madame Lebrün ließ sich nach diesem Beruhigungsmittel herab mich zu
umarmen und meiner Wange von dem überflüssigen Taback der an ihrer Hakennase
hing mitzuteilen und  nun war ich angenommen Von diesem Augenblicke an
nannte mich die Fürstin Du mir wurde ein Gemach neben der Lebrün angewiesen
welches ich sogleich in Besitz nahm
    Popoff der ehrwürdige Priester weinte Freudentränen als ihm sein schönes
Werk gelungen war Er segnete und küsste mich beim Abschiede und ermahnte mich
dem heiligen Christ und meinem Schöpfer für mein Glück zu danken Als er von mir
ging schenkte er mir ein schönes Kreuz und befestigte es an meinem Halse
indem er sagte gedenke Deines Erlösers meine Tochter aber bedenke auch dass
nicht immer Wunder zu Deiner Errettung geschehen werden Damit verließ er mich
    Die Prinzessin hatte eine schätzbare Sammlung deutscher Klassiker aus allen
Fächern Es war mein Amt ihr daraus vorzulesen Sie liebte unsre Sprache und
drückte sich gut darin aus Ihre Mutter war eine Liefländerin gewesen Sobald
das erste deutsche Wort gelesen wurde pflegte die Lebrün mit solchen Zeichen
des Widerwillens und Ekels das Zimmer zu verlassen als ob eine Grausen und
Abscheu erregende Operation vorgenommen würde Die gute Fürstin bemerkte es zu
ihrer Belustigung und fand es drollig wenn die übelgelaunte Französin ce fichu
allemand sagte
    Ich hatte nun schon eine ganze Woche mein Amt versehen und täglich mehrere
Stunden vorgelesen aber noch immer hatte ich nicht bemerkt dass der Fürst auch
nur ein einzigesmal seine Gemahlin gesehen hätte Sie fing an merklich zerstreut
zu werden ich musste oft eine Stelle mehrere male lesen Wenn ich kam fand ich
sie weinend ihr schönes Herz erlag unter irgend einem geheimen Kummer Einst
fand ich sie schreibend indem sie siegelte fielen Tränen auf den Brief herab
sie wollte sie trocknen besann sich aber und sagte er soll sie sehen Der
traurige Brief war an den kaltsinnigen Gemahl gerichtet Der Kammerdiener der
ihn überbracht hatte brachte zur Antwort Se Erlaucht würden noch diesen
Vormittag aufwarten  Die arme Dame geriet in eine seltsame Bewegung die sich
erst in Tränenströmen Luft machte und dann in eine wehmütige rührende Freude
überging Arme Eudoxia rief sie einigemal wie aus der Tiefe ihres Grams Sie
wollte Toilette machen unterließ es aber wieder und brachte bloß etwas mehr
Nachlässigkeit in ihren Morgenanzug Als ich ihre Befehle erwartete ob ich
gehen oder bleiben sollte sagte sie Du gehst nein Du sollst bleiben doch
es ist besser Du gehst  Dann lehnte sie ihren Kopf auf meine Schulter und
sagte dass es mir ins Herz schnitt nicht wahr Ida ich jammere Dich Als sie
mich weinen sah sagte sie gütig Du bist eine sehr gute Seele ich habe Dich
recht lieb aber  setzte sie zärtlich und halb scherzhaft hinzu  hier bleiben
darfst Du doch nicht wenn mein Gemahl da ist Diese letzten Worte hörte die
Lebrün und sagte französisch es sei besser ich bliebe so würde man doch sehen
   Die Fürstin billigte den Rat und ich blieb Aber mit welchem Aufruhr in
meinem Innern das musste mein verstörtes Gesicht sagen denn die Lebrün sah mich
unverwandt durch ihre Brille an und schüttelte bedenklich den Kopf
    Ich hatte nicht Zeit mich recht zu saßen denn in dem Augenblicke sprangen
die Flügeltüren auf und der Prinz erschien in größter Gala Er eilte auf seine
Gemahlin zu küsste der halb Ohnmächtigen die Stirn und dann die Hände wobei er
einige russische Worte sagte Sie sprach keinen Laut ihre zitternden Füße
versagten die Dienste und Demetrius führte sie mehr galant als zärtlich zum
Sopha wo er dann seinen Platz ihr gegenüber nahm Jetzt watschelte die
Französin an ihn heran und bückte sich auf seine Hand Sie haben uns lange
verlassen Monseigneur  sagte sie  aber das schöne Geschenk was Sie uns von
Ihren Reisen zurückgebracht haben Monseigneur  sie deutete hämisch auf mich
hin ich versank und wagte nicht aufzublicken Indes hatte sich die Fürstin
wieder erholt ihr edles Herz fühlte meine Angst und sie unterbrach den
boshaften Ausfall ihrer Gouvernantin dadurch dass sie dem Fürsten für die schöne
Gabe dankte die er ihr in mir gegeben hätte Ich schöpfte wieder Atem Die
Worte des Fürsten machten zwar seinem Verstande und Weltklugheit Ehre aber
seine Blicke seine Bewegungen der Ton seiner Rede waren so unzweideutig so
ganz der Ausdruck eines unwillkürlich hervorbrechenden Gefühls dass der Fürstin
kein Zweifel über unser Verhältnis auf der Reise bleiben konnte Und ach so muss
ich denn mein Herz in seiner ganzen Schwäche darstellen  ich härme mich ich
schäme mich dieses Momentes aber es ist so ich darf es nicht leugnen da mein
Vorsatz gut zu werden so unverrückt vor meiner Seele steht Der ganze Zauber
der Liebe umwand in diesem Augenblicke mein Herz Schon beim Eintritt des
Fürsten waren mir die Bewegungen desselben verdächtig gewesen jetzt fiel die
ganze Gewalt meiner sonderbaren Lage auf mich Der Zwang unter welchem ich ihn
sah seine unverkennbare Leidenschaft sein edler Kampf  nie nie hatte ich
ihn so gesehen Jetzt erschien er mir mit allem Glanze seines Standes umgeben
leidend und  meinetwegen  Gesegnet sei die Vorsehung die mich vor mir
selbst rettete denn nie war ein gefährlicherer Feind in meinem Innern gegen
mich aufgetreten
    Ich wagte aufzublicken und der Fürstin ins Auge zu sehen Sie zwang sich
sichtlich Tränen zurückzuhalten das Zucken ihrer niedlichen Lippe die
aufgespannte Stirn alles zeugte davon Sie hatte eben ihr Auge aufmerksam auf
mich geheftet aus ihrem Blicke sprach tiefe Bekümmernis von mir wendete sie es
langsam auf den Gemahl und da vermochte sie die erleichternde Träne nicht
länger zurückzuhalten Sie reichte im losbrechenden Gefühl eine ihrer schönen
Hände ihm hin und rief mit unbeschreiblichem Ausdruck Prinz Demetrius Ihre
Stimme verhallte süß der Prinz widerstand nicht er fiel auf ein Knie vor ihr
nieder küsste ihre Hände und schnell ohne ein Wort zu sprechen verließ er das
Zimmer Unglücklicher Weise war der Fürstin der Blick nicht entgangen mit dem
er schied und der nur für mich gewesen war Sie wendete sich plötzlich zu mir
und auch meine unsägliche Verwirrung entging ihr nicht denn jetzt rief sie
erschöpft es ist zu viel nein nein länger trage ich das nicht  Die
Französin trat herein als sie ihre Gebieterin so bewegt fand erriet sie die
Ursache ergriff ziemlich unsanft meine Hand und führte mich ins Nebenzimmer
wo sie mich meinen sorgenvollen Betrachtungen überließ sie selbst aber eilte
zur Fürstin zurück und rief noch zur Tür hinaus dass niemand uns störe
    Ohne mich unbescheiden der Tür zu nähern hörte ich die Gebieterin in einem
wehmütigklagenden und die Französin in einem heftigen fast möcht ich sagen
gebietenden Tone sprechen Es ahnte mich das Resultat dieser Unterredung musste
mich betreffen krampfhafte Angst umnebelte beinahe meine Sinnen Wie heiß
wünschte ich diesen Pallast der Sorgen nie betreten zu haben  Nach einer
halben Stunde öffnete sich die Tür wieder die Prinzessin befiehlt Sie sollen
zu ihr kommen sagte Madame Lebrün gebieterisch sie selbst ging zu einer andern
Tür hinaus Ich nahete mich langsam dem Zimmer wo mir jetzt wie ich mir
vorstellte mein Urteil gesprochen werden sollte  Ich fand die schöne Frau
auf dem Sopha liegend den Kopf sorgenschwer in die Hand gestützt mit der
andern reichte sie mir einen Teil von Götes Schriften hin  Da lies mein
Kind sagte sie ich brauche Fassung Ich gehorchte mit ungewisser Stimme sah
aber wohl dass sie nach Ruhe rang denn über eine Weile sagte sie auch das
tuts nicht  Ich hielt inne Einigemal fing sie an sag mir doch liebe Ida
   dann schwieg sie wieder als schäme sie sich gleichwohl eine Schwäche zu
bekennen  Sag mir doch  fing sie wieder an  ich hielt mit Lesen inne 
Warst Du denn ganz allein mit dem Fürsten als Du mit ihm reisetest  Der
menschliche Fürst erlaubte seinem Kammerdiener Françon uns im Wagen gegenüber
zu sitzen  Immer immer den ganzen langen Weg über  Ja gnädigste Fürstin
 Ich war röter als ich sonst in meinem Leben gewesen bin sie sah bedenklich
aus  Und Du warst so hübsch  fuhr sie fort wie für sich  Ich schlug die
Augen nieder  Der Fürst kannte Deinen Gatten  Ja gnädigste Frau  Und Dein
Gatte verließ Dich  Er wurde unglücklich durch Leichtsinn  Und  als ob sie
Kräfte zu dem was sie sagen wollte zusammennähme  und der Fürst liebte Dich
nicht  Sie wollte mir scharf ins Auge blicken aber ihre Stimme bebte und ihr
schönes Auge sank auf ihren Busen hin  Des Fürsten Edelmut war seiner würdig
er rettete meinen Mann und hatte ihm meine Befreiung versprochen Er hat sie
großmütig ausgeführt da er mich der Trefflichsten aller Fürstinnen übergab 
Schmeichlerin  Aber    Was aber dacht ich erschüttert  Aber hat der
Fürst Dir nie von Liebe vorgesagt  Es wäre Anmassung diesem Worte mehr
Bedeutung zu geben als es im Weltgebrauche hat wenn Männer von Ton und Rang es
gegen Geringere aussprechen  Du weichst mir aus Ida die Blicke des Fürsten
redeten bestimmter Du verkennst mich Ida sie zeigte auf ihr Herz Hier
liegt etwas das die Schwächen Anderer rechtfertiget aber sag mir nur Kind
ist der Fürst nicht höchst liebenswürdig  Er ist edel und liebenswürdig groß
und gut  Du sprichst aus meiner Seele zum Andenken dieses Augenblicks trage
dies  Sie zog einen schönen Ring vom Finger und steckte ihn selbst an den
meinigen Ich bückte mich ihre Hand zu küssen da fiel das Kreuz von Popoff aus
meinem Busen in meine Hand und mit ihm fielen mir seine Worte aufs Herz Ich
fühlte meine Errettung und gelobte mir heilig selbst tätig zu sein ohne
Wunder zu erwarten
    Jetzt kamen die Frauen der Fürstin und kleidrten sie an ich begab mich in
mein Zimmer und diesen und den folgenden Tag fiel weiter nichts vor
    Es schien mir am dritten Tage von übler Vorbedeutung zu sein dass Madame
Lebrün mir schon früh sagen ließ sie werde in meinem Zimmer frühstücken Sie
erschien mit einer Freundlichkeit die ihr nicht natürlich war und die mich auf
etwas besonderes vorzubereiten schien Nach dem Frühstücke fragte sie mich um
Verschiednes aus meinem vorigen Leben hielt sich besonders bei dem Umstande
auf dass ich eine verlassne Frau sei holte noch weiter aus und dann lenkte sie
plötzlich wieder mit der Äußerung ein dass die Fürstin mich gern versorgt sehen
würde wenn sich eine Partie fände  Gott will denn jetzt schon die Fürstin
mich los sein Unter ihrem Schutze habe ich mich für versorgt gehalten  Sie
würden es sein wenn nicht gewisse Besorgnisse   gewisse Blicke    Sie
verstehen mich wohl  Sollte der Geschmack von der schönsten Rose auf eine
gemeine Feldblume fallen können  Man hat Beispiele Denken Sie indes auf den
Vorschlag den Ihnen die Fürstin wegen einer Heirat macht  Ich gab zu
verstehen ich glaube der Vorschlag komme von ihr selbst  So das ist also
mein Dank O mein Kind man fürchtet sich nicht so geschwind vor jedem Dinge
das ins Haus geschneit kommt Alte Dienste und geprüfte Treue vergisst man nicht
um jeden Fremdling der wer weiß woher kommt Sagen Sie mir doch warum ich
Sie gern los sein sollte Hm mich verdrängt keiner am wenigsten certaines gens
 gewisse Leute die Monseigneur empfiehlt Als die Alte mich tief genug
gekränkt und gedehmütigt sah schien ihr Stolz befriedigt zu sein und sie
sprach gelinder Es hätte sich wirklich eine Partie gefunden welche die
Fürstin für mich zu machen wünsche ein junger hübscher reicher Mann der mein
Landsmann sei Sie müsse nur sagen dass er mir heute Abend vorgestellt werden
sollte Ich könne ihn doch wenigstens sehen denn sonst müsse die Fürstin meine
Weigerung auf eine gewisse Rechnung setzen   Mir ist nicht bange ihn zu sehen
Madame wenn er hört dass ich verheiratet bin wird er nicht mein zweiter Mann
sein wollen  Verheiratet Hoho ein entlaufner Mann ist kein Mann Das ist
plaisant Und dafür sind die öffentlichen Blätter zitirt und geschieden das
ist bald gemacht Damit ichs kurz mache auf dem jetzigen Fuße bleiben Sie
nicht länger bei der Fürstin Soll die Gute sich zu Tode härmen
    Die Französin betrieb ihr Werk so emsig dass sie gegen Abend wirklich einen
Mann bei mir einführte ich darf nicht übergehn zu sagen dass sie mich den Tag
über offenbar absichtlich von dem Zimmer der Fürstin abgehalten hatte unter dem
Vorwande diese Dame sei an den Hof gegangen Der Mann ging strotzend in
schönen Kleidern welche wie die abgelegte Garderobe eines Vornehmen aussahen
seine Haltung stand im auffallendsten Kontraste mit seinem Anzuge welcher
durchaus seinem Stande nicht zu entsprechen schien Er fragte seine Führerin
sogleich etwas ungeschickt ist das die Madame Sie bejahete es nötigte ihn
ohne mein Zutun zum Sitzen und fing an von seiner neuen Equipage mit ihm zu
sprechen offenbar um mir eine hohe Meinung von ihrem Schützlinge beizubringen
Während dieser Unterhaltung strickte ich denn jene hatten sichs ebenfalls so
ganz bequem gemacht  Wie gehts im Klub  fragte die Lebrün Ach antwortete
er es ist für mich jetziger Weile eine böse Zeit Ich verlor gestern drei
Robber nach einander und da waren dreißig Rubel heidi als wenn man sie
weggepustet hätte Nach ähnlichem hin und wieder geredeten Geschwätz wendete
er sich an mich Die Madame sind aus Berlin  Wenigstens aus der Gegend  Also
wohl vom Lande der Herr Papa war vielleicht ein Prediger  Nein mein Herr
ein Amtmann  Ja das Berlin ist auch ein schöner Ort Meine Eltern wohnten in
der Fischerstrasse und hatten hernach ihr Häuschen im Vogtlande Sie hatten ihr
gutes Auskommen aber wir Kinder richteten unsern Sinn immer aufs Ausland und
nun bin ich ein Russe geworden Wo unser einer sein Stückchen Brod hat da ist
man zu Hause  Sie haben wohl Recht mein Herr in dem schönen Petersburg und
unter seinen guten Einwohnern kann man Berlin wohl vergessen  Na ich höre
schon die Madame verlangt auch nicht wieder zu Hause Ja wenns einem vollends
nicht sonderlich an nem Orte gegangen ist   Ich wurde rot und fühlte meine
Stirnader anschwellen  Der Herr Liebste war ein königlicher Bedienter  Er
diente dem Staate bei einer Kasse  Und ist  Auf Reisen gegangen sagt ich
hastig das Folgende abzuschneiden  Ja ja sagte er dumm lachend als wollte
er zu verstehen geben er wisse es besser  Ich stand oder sprang vielmehr auf
und als er mich beleidigt sah bat er auf eine tölpische Art um Verzeihung und
platzte nun mit der eigentlichen Absicht seines Besuches heraus weil ihm bange
wurde ich möchte ihm entwischen Er stelle sich vor dass eine Person in meinen
Umständen nicht viel Wesens machen werde er habe sein reichliches Brod und
beschäftige in der Zeit der Hoffêten über zwanzig Gesellen er wolle eben nicht
prahlen aber er tausche mit keinem Berlinischen Kriegsrate  ich solle mich
bedenken  es sei doch hart andrer Leute Brod zu essen eigener Heerd sei
Geldes wert usw  Ich stand stumm versteinert voll Schmerz und Reue war
es so weit mit mir gekommen O ehrwürdiger Eiche wie schwer wurdest Du jetzt
gerächt   Madame Lebrün sah mich gleichgültig an und sagte dann störrisch
Herr Große wir wollen der Madame Zeit zum Überlegen lassen in zwei Tagen geht
die Fürstin nach den Gütern zurück und ich verspreche Ihnen während dieser
Intervalle soll die Sache abgetan werden  Herr Große der Schneider machte
einen linkischen Bückling und ich blieb allein allein in einem Augenblicke
der entsetzlichsten Zerrüttung aller meiner Gemütskräfte  Ich sah kein
Mittel mich der Fürstin zu nähern wenn die boshafte Französin mich von ihr
entfernt wissen wollte In zwei Tagen schon verreisete sie Dem Fürsten mich zu
entdecken war gefährlich Michael Popoff hatte ich lange nicht gesehen Gott
welche Verwirrung in einem fremden Lande In der fürchterlichsten Angst meiner
Seele kniete ich vor meinen Stuhl hin und das Kreuz erinnerte mich abermals an
die Worte meines ehrwürdigen Alten ich blickte sehnsuchtsvoll zum Himmel auf
und ergriff die Feder um einige Zeilen an Popoff zu schreiben Ich bat hn
dringend zu meiner ner Rettung herbeizueilen Wie ich ihm dies Billet zustellen
würde wusste ich nicht Jetzt hörte ich den Ofenheizer auf dem Gange er war ein
Kosake mit der ehrlichsten Bildung konnte aber kein Deutsch ich nannte ihm
den Namen Michael Popoff er verstand mich ich reichte ihm meinen Zettel und
zeigte ihm das Kreuz er sollte um diesen willen mir helfen Der ehrliche Mensch
fiel demütig auf seine Kniee küsste die Erde verrichtete eilig seine Arbeit
und eilte dann mit dem Zettel fort Ich war voll Angst wie das ablaufen würde
Nach einer Stunde kam der brave Priester selbst
    Er redete mich bekümmert an und fragte was ist Dir meine Tochter Ich
erzählte ihm weitläuftig den Vorgang der letzten Tage mein Gespräch mit der
Fürstin bis auf den Abschied des Meister Große Der Fürst darf es nicht
erfahren  sagte er  aber die Fürstin musst Du sehen Sie wird von
Czarskojeselo zurückerwartet Ich werde sie erst sprechen und Dich dann zu ihr
führen Mit diesen Worten verließ mich mein guter Engel Beruhigter erwartete
ich nun den Ausgang
    Spät als ich nichts mehr hoffte kam der ehrwürdige Mann zurück und rief
mir die frohe Nachricht entgegen dass ich sogleich zur Fürstin kommen sollte
Ich folgte seiner Anweisung mit klopfendem Herzen Die Fürstin saß halb
entkleidet und winkte mich liebreich an sich heran  Du bist bekümmert
Tochter O Du musst nicht weinen mir waren Tränen ins Auge gestiegen nein
nein ich war heute so glücklich so unbeschreiblich glücklich meine arme
Kleine Du sollst nicht weinen  Aber so erzähle mir doch  Ich sah schüchtern
um mich her  Nein nein sagte sie lachend sie hört Dich nicht  Sprich
sprich wie es aus Deiner Seele kommt  Ich kniete neben dem Sopha und sprach
ganz nach dem Eindrucke der Kränkung die mir widerfahren war Die Prinzessin
hörte mich geduldig an und sagte einigemal armes Kind Ach freilich  brach
sie endlich mit Rührung aus  es ist schrecklich Demetrius und der Schneider
 Ich fiel zusammen als ich sie so sprechen hörte  Es ist kein Vorwurf
Liebe fuhr sie fort ich kann das jetzt ruhiger sagen da mir ein schöneres
Glück aufgeht Ida bald hab ich gesiegt meine Liebe meine Beharrlichkeit
wird das schönste der Herzen überwinden O es ist ein Himmel wenn die Liebe
mir aus diesem strahlenden Auge lächelt Ida vollende mach mich ganz
glücklich  Ich meine Fürstin mein Leben   Nichts vom Leben Du sollst
nicht sinken um mich auf den Thron seines Herzens zu heben aber sehen sehen
muss er diese himmelsüssen Reize nicht mehr Jetzt nichts mehr  Sie schellte
ihre Frauen erschienen sie ließ sich ein zierliches Nachtkleid anlegen und war
nun unwiderstehlich schön
    Nach der Abendtafel befahl sie mir ihr zu folgen Die Lebrün war krank ein
Schälchen zu viel hatte ihr einen Krampf zugezogen Wir bestiegen eine kleine
Schaluppe auf dem Nevakanal es begann ein Genuss für mich dessen ich mich nie
ohne Rührung erinnern werde In dieser unbeschreiblich lieblichen Dämmrung einer
solchen Sommernacht hörte man das taktmässige Plätschern der herumrudernden
Schaluppen von welchen froher Volksgesang zuweilen auch der majestätische Ton
der russischen Jagdmusik erklang Eudoxia saß in süßem Schlummer versenkt ich
wagte es nicht diese heitre Stille ihrer Seele zu unterbrechen Sie winkte
ihren Jägern mit der Waldmusik zu schweigen ließ sich die Mandoline reichen
und sang eine russische sehr schmelzende Arie Liebe und Bewunderung
durchschauerte mein Herz gegen diese unvergleichliche Frau Wie schön musste
diese Natur sein dass eine Lebrün nichts darin verderben konnte  Nach dieser
gefühlvollen Szene folgte eine Stille während welcher ich mich ehrerbietig
zurückzog denn ich sah ihre Seele tief bewegt und in sich beschäftigt Wie aus
einem Schlummer erwacht rief sie mich ich musste dicht neben ihr sitzen und
sie lispelte mir zu indem sie ihre sanfte Hand auf meine Schulter stützte Ida
ich sehe Du liebst mich Dein Herz steht in Deinen Augen Es ist mir hohes
Bedürfnis ein fühlendes weibliches Herz an meiner Seite zu haben aber um Dein
um mein und um noch eines Dritten willen es kann nicht sein ich muss Dich
aufgeben Erschrick nicht meine Arme ich baue mein Glück nicht auf Deinen
Untergang Ich habe eine Jugendfreundin in Deutschland die Herzogin von  ihr
Gemahl vernachlässigt sie Du sollst ihr Trost sein Ich schicke Dich zu ihr
Popoff begleitet Dich Ich statte Dich aus und Du bleibst wenn gleich fern von
mir meinem Herzen stets teuer 
    Ich willigte ein mir blieb keine Wahl Das süße Wort Deutschland war wie
der schönste Wohllaut mir ins Ohr gefallen Ich fühlte mich erleichtert und
doch beklommen wenn ich mir die Trennung von diesem Engel dachte Noch
verstrichen vierzehn Tage unter ausharrender Liebe und Freundlichkeit von Seiten
der Prinzessin und herzlicher dankbarer Ergebenheit von der meinigen Selbst
die Lebrün kam mir mit Freundschaft entgegen sobald es ihr gewiss war dass ich
reisen würde Nur einmal noch sah ich den Fürsten Er trat unerwartet ins Zimmer
seiner Gemahlin sie war froh bestürzt und sah mit einiger Unruhe auf mich hin
Ich war im Begriff mich zu entfernen der Fürst konnte das nicht geschehen
lassen ohne etwas zu sagen es wäre Affektation gewesen zu schweigen Es tut
mir leid sagte er wenn ich jemand von einer so schönen Stelle vertreibe er
zeigte galant auf den Platz den er seiner Gemahlin gegenüber eingenommen
hatte Die Fürstin nahm diese Gelegenheit wahr ihm zu sagen dass ich sie in
Kurzem verlassen würde Die Probe war stark aber er bestand sie und erkundigte
sich mit fester Stimme wohin ich zu gehen gedächte und warum ich ein andres
Haus dem Schutze der Fürstin vorzöge Er hoffe allerdings dass meine
Angelegenheiten in Berlin unterdes eine günstigere Wendung genommen haben
würden  Darauf hab ich nicht zu rechnen  sagte ich das übrige beantwortete
die Fürstin mit der ihr eigentümlichen Klugheit Der Prinz sagte sich
verneigend einige russische Worte worüber sie sehr vergnügt schien und als er
sie bald darauf verließ fiel sie mir entzückt um den Hals Ich danke Dir 
rief sie freudig  ich danke Dir dass Du ihn mir wiedergiebst O Ida wie
kannst Du meinen heldenmütigen Demetrius aufgeben  Meine teuerste gnädigste
Frau sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst dies Gesicht neben diesem 
Dies sprach ich mit inniger Überzeugung Ich verlor mich gegen die strahlenden
Reize dieser Frau wie ein gemeines Blümchen am Wege gegen die prachtvolle
Lilie oder die schönste Rose Die Wolken des Kummers waren nun von der schönen
Stirn verschwunden und ihre Reize gingen mit neuer anziehender Kraft hervor
    Dies war die letzte Zusammenkunft welche ich mit dem Fürsten gehabt habe
Ich habe ihn nicht wieder gesehen Die Fürstin besorgte mütterlich meine
Ausstattung wie sie es nannte beschenkte mich mit Kostbarkeiten von hohem
Werte worunter ihr Bild mir unschätzbar ist und damit meine künftige Existenz
gesichert sei setzte mir die Gütige zweihundert Rubel jährliche Pension aus
die ich so lange ich lebe unter allen Lagen worin ich noch kommen kann von
einem Berliner Banquier hebe
    Den Abschied aus diesem Hause überhebe ich mich zu beschreiben Ich schied
wie von meinem eignen Herzen als ich ihre Hand zum letztenmal an meinen Lippen
fühlte Da ich schon ihr Zimmer aufgelöset in Tränen verlassen wollte hielt
sie mich noch zurück sie öffnete ein Kästchen und überreichte mir ein
Miniatürgemälde des Fürsten Sie müssen ihn nicht vergessen den Edlen  sagte
sie Alexander war nicht tugendhafter als er die Gemahlin des Darius
zurückschickte Sein Bild und das meinige müssen ungetrennt in Ihrem Herzen
leben  Dieser Zug ihrer großen Seele überwältigte mich Ich sank auf meine
Kniee was ich sagte weiß ich nicht mehr aber sie fühlte sich mächtig
ergriffen warf mir einen Kuss zu und verschwand innigst erschüttert in ihr
Kabinet
    Popoff welcher diesem Auftritte beiwohnte flossen die alten Augen über er
schob mich sanft zur Tür hinaus und einige Stunden nachher traten wir unsere
Reise an Sie ging über Warschau durch einen Teil von Preußen die Neumark
usw Sobald ich mich den Gränzen meines Vaterlandes näherte erwachte mein
Herz zum Dankgefühl für so manche Rettung O mein Vater ich vernahm dass Sie
lebten dass Sie Ihre ungehorsame Tochter aufgegeben hätten dass meine besseren
Brüder die Flüchtige Ihrem Herzen tausendfach ersetzten  O was hört ich
nicht alles wobei ich weinte und schwieg Seitdem ich den teuren Vater
verlassen hatte war Weinen mein Loos gewesen und der Quell meiner Tränen war
jetzt beinahe versiegt
    Wir setzten unsre Reise ununterbrochen fort hielten uns nur auf den
Pferden die nötige Erholung zu geben und so kamen wir ohne merkwürdige
Ereignisse in  an dem kleinen Hofe der Fürstin von an Sie war durch Briefe der
Prinzessin Eudoxia benachrichtigt und günstig für mich eingenommen worden Ganz
das Gegenteil hatten aber diese Empfehlungen für mich bei ihrem Hofstaate
bewirkt insonderheit bei den Kammerfrauen unter welchen mir eine Stelle
angewiesen wurde Sie hassten mich schon vorher hatten sich vorgenommen der
Neueingetretnen das Leben sauer zu machen und sie haben redlich Wort gehalten
Ich wurde in die Garderobe geführt und bald kamen unter mancherlei Vorwand
hohe und niedre Hofdiener und Dienerinnen mich zu mustern  Was Hagedorn
irgendwo sagt dass nichts verwegner stolzer und kühner als großer Herren
kleine Diener sind fand ich hier sehr genau bestätigt Noch hatte ich den
ehrlichen Vater Popoff an meiner Seite Sein befurchtes Gesicht und schneeweisser
Bart machten hier einen seltsamen Kontrast gegen die flachen nichtssagenden
Physiognomieen  Nachdem ich einige Stunden zur Schau gesessen und manche
unbescheidene Frage beantwortet hatte wurde ich zur Fürstin abgerufen Ich ging
mit unbekümmerten Herzen denn hier flößte mir nichts Scheu oder Ehrerbietung
ein auch fühlte ich dass mir die Aufnahme der Gebieterin dieser leichten
Menschen gleichgültig sein würde Ich fand sie nach vollendeter Toilette im
üppigsten Morgenkleide Sie war sehr schön aber eine auffallende Ähnlichkeit
mit Marianen von Lindenfels deren verderbender Umgang meinem Betragen eine so
entschieden unglückliche Richtung gab erschreckte mich eben der Blick eben
das Spiel mutwilliger schwarzer Augen nur die Stimme war weicher und
weiblicher Ihre Freundlichkeit hätte verführerisch sein können wäre mein Herz
nicht verwöhnt gewesen und hätte es nicht verglichen Da verlor sich aber die
Anwesende in den tiefsten Schatten neben der strahlenden Glorie der himmlischen
Eudoxia  Ich gefiel ohne gefallen zu wollen denn die Fürstin gefiel sich bei
einer genauen Zergliederung meiner Gestalt und Bildung wobei ich mehr als
einmal rot wurde Mit meinen kleinen Talenten war sie ebenfalls zufrieden Von
ihrer Freundin der Fürstin Eudoxia war ihr nichts wichtig als ob sie noch so
schön sei ob das Feuer ihrer Augen noch unvermindert und der weiße Busen fest
und rund wäre
    Diese Audienz endigte damit dass ich zur Vorleserin bestätigt und auf den
Hofetat unter den Kammerfrauen aufgeführt wurde Sobald diese es erfuhren
erstickten sie mich mit Liebkosungen und Umarmungen Die Fürstin fand den Namen
Ida süß und romantisch und alle fanden es so und nannten mich die schöne Ida
Was mir vor Augen geschah hätte mich vergnügen sollen aber ich war von Herzen
betrübt denn mein väterlicher Freund Michael Poposf hatte mich verlassen und
es war vorauszusetzen dass ihn meine Augen nie wiedersehen würden Da erst
ekelte mich die Freundlichkeit der mir so fremden Race recht sehr an es war
nichts von dem natürlichen liberalen und frohen Wesen der Pallastbewohner in
Petersburg selbst die herbe Natur der Lebrün war mir lieber als das Lachen
dieser zum Lachen immer offenen Mäuler Die Fürstin war gütig zu gütig gegen
mich aber dieser Güte fehlte das Herzliche und Rührende von Eudoxias holdem
Wesen Oft las ich noch spät nach der Abendtafel wenn die Fürstin sich schon
zur Ruhe gelegt hatte sie selbst suchte die Stücke aus welche ich lesen musste
und ich gestehe dass es immer solche waren welche die geheimsten Tiefen der
Sinnlichkeit aufregten Dann musste ich mich ganz nahe zu ihr setzen sie schlang
ihren Arm fest um mich und ließ ihre Finger sich so verirren dass ich Fassung
und Stimme verlor Sie schmiegte ihr Gesicht an meinen Busen und ließ sich zu
Küssen herab welche sie erwidert haben wollte aber ich weiß nicht welch
eine unüberwindliche Abneigung sich dann meiner bemächtigte so dass ich mich
zuletzt mit Angst und Schaudern dem Lesekabinette näherte
    Unter ähnlichen Beschäftigungen und dem einförmigen Wogen des Hofgeräusches
vergingen sechs Monate Die Gunst der Fürstin und der Neid der andern nahmen zu
Ich fand meine Lage so widrig dass ich schon mehr als einmal meinen Abschied
fordern wollte als ein unerwarteter Vorfall ihn mir plötzlich verschafte Die
Fürstin war einige Tage kränklich oder vielmehr in einem schmachtenden Zustande
gewesen wobei sie über Krämpfe klagte Ich durfte ihr Zimmer und ihren Sopha
keinen Augenblick auch bei Nacht nicht verlassen Sie ruhte in meinem Arm
und ihr Benehmen wurde mir immer rätselhafter Sie hing oft lange mit
wollüstigen Küssen an meinen Lippen welche sie Rosenlippen nannte mein
Halstuch löste sie unter dem Vorwande auf dass es sie drücke wenn sie an mir
ruhe und bald war ihr dieses bald jenes meiner Kleidungsstücke zu ihrer
Bequemlichkeit im Wege  Ich wünsche einen dichten Vorhang über die
Begebenheit und über die Schrecken des letzten Augenblicks der mich auf ewig
von ihr trennte ziehen zu können  ein Augenblick wo die letzte und
schwächste der Schranken durchbrach die ihre strafbare Sinnlichkeit gehalten
hatte Sie stürmte wie ein gewaltiger Strom auf mich los empörte Sinnlichkeit
des ungestümsten Mannes kann nicht gewaltsamer sein Ich rang stieß die
Wahnwitzige zurück und sank betäubt oder vielmehr ohnmächtig zu Boden hin Da
hörte ich sie ihre Glocke anziehen die aufwartende Kammerfrau erschien und die
aufgebrachte Dame befahl man solle mich wegschaffen ich habe sie im
konvulsivischen Anfalle erdrosseln wollen  Die letzten Worte vernahm ich
ungeachtet meiner Betäubung sehr deutlich o nein nein rief ich
unvorsichtiger Weise indem ich mich aufrichtete Kaum hörte die Fürstin meine
Stimme welches sie vermutlich besorgen ließ ich würde mich deutlicher
erklären so schrie sie gleich einer Wütenden man möchte eilen mich
fortzuschaffen sie fürchte den Anblick des Wahnwitzes Die dienstfertige
innerlich höchst erfreute Kammerfrau machte mit kummervoller Miene Anstalt
mich fortbringen zu lassen aber ich ersparte dem armen Dinge die Mühe und ging
ganz fest nach dem Entresol wo meine Kammern waren Bald nachher erschien der
Leibarzt legte mir besondere Fragen vor und schien verwundert dass ich nicht
irre redete Er war so fest von der Wahrheit der fürstlichen Aussage überzeugt
dass er als ich sagte ich habe längst schon gewünscht diesen Hof zu verlassen
sehr weise meinte ach nun merke er ich habe mich also irre gestellt Was für
verschrobene Menschen sind diese Hofschranzen größtenteils Ich hatte Mühe
mich ihm verständlich zu machen ohne die Fürstin zu kompromittiren Er
verordnete mir zum Schein ein kühlendes Tränkchen und dieser Tag der so fatal
für mich angefangen endete mit der frohen Aussicht nun bald im vollen Genuße
der Freiheit zu sein mich meinem Vaterlande wieder zu nähern und mich um die
Verzeihung meines geliebten Vaters zu bewerben Der Hofmarschall hatte schnell
meinen Abschied ausgefertigt und in der kleinen winzigen Stadt und am Hofe
selbst ging die Rede ich habe im Zimmer der Fürstin ein Kind bekommen Einige
wollten sogar den derben Knaben schreien gehört haben  Die dienstabende
Kammerfrau affektirte ein geheimnisvolles Wesen darüber und bestätigte dadurch
die Sage
    Ich brachte seit langer Zeit die erste recht ruhige und vergnügte Nacht zu
Am frühen Morgen kam der Leibarzt und bot mir zur Abreise die Gesellschaft
seiner Frau an die ins Bad reiste Ich bedachte mich nicht lange packte mit
frohem Sinne meine Effekten zusammen und fuhr ab ohne die Fürstin noch einmal
zu sehen Ihretwegen hatte ich darum angehalten aber ihre Weigerung war mit sehr
angenehm denn ich würde mich ihr nicht ohne Schaudern und Abscheu genähert
haben Wie so ganz anders verließ ich den Engel Eudoxia nie nie wird das Bild
dieser Tugend aus meinem dankbaren Herzen weichen
    Von dem Örtchen welches ich vorzugsweise vor der Hand zu meinem Aufenthalt
wählte erinnerte ich mich in meiner Kindheit viel Gutes gehört zu haben Die
Vorsehung selbst hat mich in diese Gegend geführt wo ich meine edle Verwandtin
und den über alles alles teuren Vater so unverhofft angetroffen habe Will er
der allerbeste und treuste mich neben sich leben lassen so soll jeder
Augenblick meines Lebens seiner Pflege und Erheiterung geweihet sein Vielleicht
duldet er mich Die Großmut der tugendhaften Russin setzt mich in die
glückliche Lage niemanden mit meiner Versorgung beschwerlich fallen zu dürfen
Wenn meine redliche Verwandte es vergessen können dass mein Leichtsinn jede
Freude des Lebens ihnen raubte dass ich strasbar wurde um mir ein Glück auf
seichtem Grunde zu bauen dass jeder Schein wider mich war dass ich einer
strafbaren Neigung nachhing und der bessren Frau den Mann raubte dass ich einem
fremden Manne in ferne Gegenden auf seinen leisesten Wink folgte dass ich am
Rande des Abgrunds dem eitlen Gedanken er könne mich zu seiner Gemahlin
erheben nachgab wenn dies alles vergessen werden kann ich meine wenn Andre
dies vergessen könnten so gibt es noch ein Glück für mich in so fern das
marternde Bewusstsein der Fehlenden sie es genießen lässt
    Während ich dieses Heft übergeben habe während es gelesen wird wird mein
Herz in Ungewissheit verzagen Aber meine edle Minna wird mich vertreten sie
wird die Urteile mildern wo sie hart über mich ergehen Aber o mein Herz sei
still Hast Du nicht am Herzen der verzeihenden Karoline am Herzen des
versöhnten Vaters geschlagen Sei still demütig und hoffe «
                               Grüntal an Eiche
»Und nun mein lieber Freund wenn ich je in Ihrem Herzen zu lesen wünschte so
wäre es jetzt Unwille oder Mitleid freilich freilich   die Szene in
Petersburg mit dem Demetrius  sie ist ganz stark aber doch mir hat die Haut
geschauert ehe sie fiel und sich den Kopf zerschlug  Ich dachte wahrhaftig
sie würde ganz anders fallen Es war ein glücklicher Fall der sie wieder zu
sich brachte Eiche Ich rede in der Freude meines Herzens Wenn Sie könnten
wenn Sie nichts verschworen hätten Aber nein nein es geht nicht es geht
freilich nicht Sie haben Recht wären Sie nicht in einem Amte wo Sie so hell
und rein strahlen müssen so gings noch eher Lesen Sie dies lieber nicht ich
will Sie nicht beleidigt haben Antworten Sie mir auch darauf nicht Ich könnt
es nicht ertragen Die Freude hat mich toll und laut gemacht aber wir sind alle
nicht um ein Haar anders der Oberst wie wir Verwandte die fremde Frau da die
Minna wie der Oberst Hören Sie ich bin so jung geworden als wär ich mein
Sohn Aber Sie sollten sie auch sehen und hören  Das muss man der Welt lassen
sie versteht ihre Leute zu dressiren  was wir gemein gegen sie aussehen Und
wie das Gesichtchen so ein edles Gepräge bekommen hat Doch Sie werden sie schon
einmal sehen ob ich gleich nicht glaube dass sie Ihnen ins Gesicht wird blicken
können denn ehe man sichs versieht weint sie und klagt sich an Ich glaube
wenn der Hagel meine Kornfelder zerschlagen hätte würde sie sich dessen
anklagen
    Bei dem Allen sind wir noch unentschlossen wie wir leben wollen Der Neffe
und die Nichte wollen uns nicht lassen und auch mir ists als müsst ich hier
bleiben wo sie mir wiedergegeben ist Da hat ihr der Neffe ein Haus und Garten
geschenkt Er sagt sie sei im Grunde doch die unmittelbare Ursach dass er seine
Lina habe  Nicht weit von uns wohnt die Frau Minna die einen ganz gescheuten
Mann haben soll Mein Sohn der Amtmann ist auch nur ein vier Meilen von hier
nur dem armen Fritz dem Tischler kann ich nicht zumuten dass er Särge für
Bauern mache Wer hätte gedacht dass der Himmel mir einst so noch wieder lachen
würde Aber Sie haben mir wohl mit Recht immer gesagt Wer Gott vertraut hat
wohl gebaut
    Die jungen Leute rufen nach dem Alten ich verlasse Sie weil mir so wohl
ist dass ich mich ausjauchzen muss Gott grüße und bewahre Sie
                                      Ihr
                                                                      Grüntal«
                               Eiche an Grüntal
»Gott Lob dass Ihnen wohl ist mein Freund Ihre Freude verbreitet einen heitern
Schein über meine Tage wie Ihr Kummer auch die meinigen trübte Ich werde Sie
so bald noch nicht sehen weil mein Kollege verreiset ist aber sobald er
zurückkehrt komme ich zu Ihnen um mich ein Paar Tage mit Ihnen zu freuen Doch
muss ich zuvor wissen ob meine Gegenwart auch niemanden unangenehm sein könnte
In diesem Fall würde ich mir auch dieses schönste aller Vergnügen versagen noch
einmal mit meinem alten Freunde einige frohe Tage auf dem Lande zu verbringen
denn in Zukunft mein Freund werden neue Verpflichtungen mich an meinem Wohnort
festhalten Die Tochter meines Kollegen willigt ein mein kleines Loos mit mir
zu teilen Ein gutes mildes Herz und ein sehr gebildeter Verstand der ihr
einen zuverlässigen Charakter gab lassen mich auf eine heitre Zukunft rechnen
Sie gönnen es mir von Herzen mein Lieber das weiß ich 
    Gestern hatte ich einen Vorfall der mich sehr sonderbar bewegt hat Mein
Aufwärter meldete eine Frau mit einem Kinde bei mir an welche sich wegen
Armengelder meldete Ich ließ sie vor mit einer Art von alter Vertraulichkeit
drängte sie sich zu mir ihr schlechter Anzug hätte sie mir unkenntlich gemacht
wenn nicht der alte Schwall von Worten mit die Madam Brennfeld verraten hätte
Sie schalt sehr bitter die Intoleranz der Menschen welche sie ausgestoßen
hatten nach dem Beweis den sie von ihrer eigenen toleranten Denkart gegeben
hatte Sie habe den Vater ihres Kindes heiraten wollen aber da sie standhaft
darauf bestanden er müsse ein Jude bleiben habe kein Geistlicher sie trauen
wollen Nun sei ihre Kostschule auseinander gegangen Ihr Liebhaber habe sich
mit einer jungen reichen Person seiner Nation verheiratet und ihr Vetter der
Kandidat sei in einer entfernten Provinz versorgt habe die Philosophie
aufgegeben und sei nun von ganzem Herzen bigotter Priester Ihre Lage sei
traurig aber sie rechne auf Unterstützung weil ihre Verdienste um den Staat
in Bildung einer künftigen Generation auffallend genug wären Man könne sie
nicht abweisen wenn sie Pension fordre indes wolle sie sich mit dem dürftigen
Anteil den ich ihr reichen könne begnügen Ich hatte nichts zu verteilen und
gab ihr aus meinen Mitteln sie nahm es mit ihrem bekannten Übermute an und
tat als ob sie Wohltat erwiese indem sie Wohltat empfing  Ich hoffe
nicht dass ich diese unangenehme Erinnerung öfter sehen werde sie ist mir ein
Vorwurf meiner unbesonnenen Leichtgläubigkeit 
    Etwas Angenehmeres hoffe ich Ihnen in diesem dicken Pack von Ihrem guten
Sohne Fritz zu überschicken fällt Ihre Antwort günstig das ist bejahend aus
so ist er nächstens bei Ihnen und holt Sie alle zur Hochzeit ab Wie auch alles
gehe so rechnen Sie immer auf einen Freund der in frohen und trüben Tagen ganz
Ihr eigener war und bleiben wird
                                                                         Eiche«
                        Fritz Grüntal an seinen Vater
Liebster Vater
    »Mein letzter Brief aus Neuwied benachrichtigte Sie dass ich nächstens meine
Rückreise aus Neuwied nach Berlin antreten würde Der Abschied von einem Orte
und von Personen bei welchen mir so mannichfaches Gute wiederfahren ist war
nicht leicht Auf meiner Heimreise wiederfuhr mir etwas Seltsames lieber Vater
Nach einem heißen Tage zog ein Gewitter auf und ich übernachtete auf einem
Edelhofe wo ich eine Dame traf die meiner verlorenen Schwester so ähnlich sah
so ähnlich dass ich wetten wollte sie sei es selbst gewesen nur dass sie mir
größer schöner und stärker vorkam und ihre Stimme voller und wohllautender
war Die Dame erschrak als sie mich sah und sprechen hörte und schaffte mich
fort so dass eine Freundin mich für die Nacht aufnahm Ich hatte nicht das Herz
mich näher zu erkundigen denn war es Julchen so schien es als ob sie sich
meiner schämte und dann würde ich mich ihrer ebenfalls schämen Aber lieber
Vater das tun Sie denn doch und erkundigen sich in der Gegend wer die Person
ist welche diese auffallende Ähnlichkeit an sich trägt Es ist der Mühe wert
sie zu sehen
    Hier in Berlin bin ich wieder in meine alte Werkstatt gegangen Der gute
Meister ist vor einem Jahre gestorben und ich bin bei seiner Wittwe in Arbeit
Das ist eine herzensgute liebe Frau wie Sie gleich hören werden Der Erziehung
und des Beispiels eingedenk welches Beides ich von meinem ehrenwerten Vater im
Herzen trage bin ich immer still und ordentlich gewesen habe mich guter Arbeit
beflissen und bin Sonntags wenn ich Zeit hatte indes die Andern schwärmten
zu unsern Herrn Eiche gegangen der mir dann dieses oder jenes gute Buch mitgab
woraus ich Abends beim Feierabend dem Meister und seiner Frau vorlas Sie
sahns gern weil ich nichts damit versäumte und die Andern oft damit vom Saus
und Trunk abhielt Da zeichneten mich die guten Menschen aus und hielten mich
wie ihr Kind und ich habe oft Gott gedankt dass mein Entschluss mich diesem
Gewerbe zu widmen unter so biedre Menschen mich versetzt hat wenn gleich ihr
Gepräge ein wenig scharf und eckig ist so weiß man dagegen auch was man an
ihnen hat
    Wie ich nun zurückkam fand ich die Meisterin als Wittwe wieder Sie nahm
mich freundlich bei sich auf und übergab mir gegen erhöhten Lohn die
Besorgung ihrer Geschäfte Ich habe sie mit Fleiß und Treue betrieben und es
schien ein Seegen auf allem was ich unternahm zu ruhen Vor einigen Tagen  es
war eben ein Sonntag  ließ die Frau Hermannin mich zu sich rufen und hieß mich
neben sich setzen Ich habs sonst nie getan denn ich respektire sie wie eine
Mutter sie redete mich so an Mein lieber Monsieur Grüntal Sie werden sich
nicht wenig über das wundern was ich Ihnen zu veroffenbaren habe  Ich
vermerke dass ich verfalle  Ich bin nun ein und sechszig Jahr alt und der
liebe Gott kann bald ein Ende mit mir machen obschon ich mich dem Himmel sei
Dank noch ganz gut befinde Mein Mann seeliger hat mir ein großes Vermögen
hinterlassen welches er durch seinen Fleiß erworben hat Nun säh ich gern 
und wenn ers wissen könnte würde er es auch gern sehen  wenn das schwere Geld
wieder an einen fleißigen Mann käme Ich habe zwar Verwandte das ist aber alles
reiches und üppiges Volk Leute vom Handwerksstande die alle Tage dazu
schaffen Und wieder die andern  der Herr Vetter Hofrat da ja lieber Gott
für den waren wir immer viel zu schlecht über seine Schwelle durfte mein Mann
seeliger nicht kommen So wollt ich Ihnen vorschlagen Monsieur Grüntal ob Sie
mich ehelichen wollen damit Ihnen ohne Einrede mein Vermögen zu Teil werden
könnte Verstehen Sie mich nicht unrecht und halten mich nicht für eine alte
verliebte Schwester über solche Schwachheit ist man in meinen Jahren hinweg
Sie sollen mein Sohn und ich Ihre Mutter sein nur bloß dass der Priester den
Seegen über uns spricht Sie können hier im Hause wohnen wo Sie wollen und ich
bleibe in meiner Verfassung Nur das müssen Sie mir versprechen dass Sie meine
alten Tage nicht zum Besten haben wollen und sich vor der Welt so stellen als
ob wir wie Mann und Frau lebten Ich werde Ihnen auch nicht im Wege stehen wenn
Sie in Zucht und Ehren nach einem jungen Mädchen sehen auch nicht drum zanken
wie die alten Frauen wohl zu tun pflegen Nein Sie sollen sehen wie es bei
mir gemeint ist Sobald wir getraut sind mach ich mein Testament und Sie
können mit dem lieben Gut schalten und walten wies Ihnen gefällt Denn da Sie
so überaus feine und künstliche Werke schaffen können wirds was großes mit
Ihnen werden wenn Sie Auslage machen und Ihr Werk im Großen treiben können
Nun lieber Monsieur Grüntal habe ich Ihnen weiter nichts zu sagen antworten
Sie mir nicht gleich sondern nehmen Sie die Sache in Überlegung und fragen Sie
die Ihrigen und Ihren würdigen Beichtvater um Rat Hiermit Gott befohlen auf
heute
    Meine Bestürzung war groß lieber Vater aber auch meine Dankbarkeit Ich
kann mein Leben darauf lassen dass die respektable Frau es so meint wie sie es
sagt So lange ich sie kenne ist ihr Wandel still und ehrbar fromm und
wohltätig ich habe ihren rechtschaffnen Gang oft im Stillen bemerkt und mich
gefreut dass noch so viel Tugend in dieser übel berufnen Stadt ist Überhaupt
möcht ich sagen dass so weit ich Gelegenheit gehabt habe Bemerkungen zu
machen in dieser Klasse des Bürgerstandes noch viel ächte Rechtschaffenheit
und viel oft recht erhabene Tugend ist freilich ist ihr Gepräge altmodisch und
schwerfällig aber sie hat eine Zuverlässigkeit von der die feinre Welt schon
gar keine Ahnung mehr hat
    Ich bitte mir also Ihren Willen aus mein lieber Vater nach welchem ich
unbedingt handeln werde Herr Eiche hat mir im Voraus seinen Seegen gegeben hat
sich aber wie er mir sagt enthalten Ihnen umständlich darüber zu schreiben
weil er Ihre gute Meinung nicht bestechen wollte Eine schöne Aussicht gewährt
es mir wenn ich durch ein so gutes Vermögen welches ich durch Arbeitsamkeit
noch vermehren würde im Stande wäre meinem über alles geliebten Vater ein
ruhiges sorgenloses Alter zu verschaffen und wenn es der Himmel gäbe dass meine
arme Schwester sich wieder fände auch dieser ein anständiges bequemes Leben zu
bereiten
    Missbilligt aber mein bester Vater den ganzen Entwurf so bin ich gewiss dass
er die verneinende Antwort so einkleiden wird dass ich sie der gradsinnigen Frau
mitteilen kann Es würde ihr wackres Herz tief verwunden wenn sie glaubte ihr
Vorschlag habe irgend eine lächerliche Seite  Nehmen Sie mirs nicht ungütig
lieber Vater dass ich so zutraulich und ganz schlicht weg schreibe unser einer
geht grade durch und derbe Arbeit gibt derben Sinn Ich verehre und liebe Sie
von ganzem Herzen und bin Ihr gehorsamer Sohn
                                                            Friedrich Grüntal«
                           Grüntal an seinen Fritz
»Da da Hier nimm meinen Seegen und herzliche Einwilligung was denkst Du
Junge Ich sollte eine lächerliche Seite an dem Benehmen der würdigen Frau
auffinden die meinem lieben Fritz so wohl will Nein mein gutes Kind ich habe
noch Glauben an Menschentugend und ehre wie Du weißt die erwerbende und
producirende Klasse von ganzem Herzen Bringe Deiner neuen guten Mutter mein
herzliches Ja und Liebe und Dank daneben  So gibts denn aller Orten für
mich Fried und Freude nach so mancher kummervollen Stunde Komm zu uns da
sollst Du die Dame sehen die Julchen so ähnlich ist als ob sies selbst wäre
Komm und sieh  Dann ziehen wir mit Dir und jubiliren feiern die Hochzeit
und ich tanze mit Deiner Braut den Ehrentanz  Hiemit gehab Dich wohl
Dein guter Vater
                                                                       Grüntal
Fritz ließ sich die Einladung nicht zweimal sagen er schnürte seinen
Reisebündel und kam auf des Obersten Gute an Der überraschende Anblick der
Schwester machte einen seltsamen Eindruck auf den gutmütigen Menschen Erst
wagte er sich nicht an sie heran weil sie ihm zu vornehm vorkam aber Julchen
stürzte ihm um den Hals Schwester und Bruder blieben sich nicht länger fremd
und wurden wie in den ersten goldnen Tagen der Kindheit wieder ein Herz und
eine Seele Grüntal blieb in einem ununterbrochenem lauten Jubel und wünschte
immer ums dritte Wort dass sein Lieschen das noch erlebt haben möchte Die
Familie war nun bis auf den jungen Amtmann Grüntal beieinander und Minna und
ihr Mann der von seiner Geschäftsreise zurückkam wurden als werte Mitglieder
derselben angesehen
    Noch vor der Erndte reisten sie alle nach Berlin Fritzens Hochzeit
beizuwohnen Eiche war mit seiner würdigen jungen Frau dabei und verrichtete
die Trauung Dass er verheiratet war milderte Julchens Verlegenheit in seiner
Gegenwart Der Oberst ließ sichs nicht nehmen mit seinen alten steifen
Reiterbeinen die BrautMenuet zu tanzen der alte Grüntal aber hielts mit dem
Kehraus und sang dabei nach alter Sitte wie ers sich vorgesetzt hatte
Als der Großvater die Großmutter nahm
Da ward der Großvater ein Bräutigam
Als die Freudentage der Hochzeit vorüber waren reiste die ganze Familie das
neuverheiratete Paar nicht ausgeschlossen nach dem Gute des Obersten zurück
wo der alte Herr sich so nach seiner eignen Weise eine Freude ersonnen hatte Er
hatte eine der geseegnetsten Erndten gehabt und davon wollte er das Fest recht
feierlich begehen Seine Lina und sein alter Georg standen ihm bei der
Veranstaltung treulich bei Grüntal war wie im Himmel dass er wieder im Kreis
der Seinigen ein solches Fest begehen sollte
    Der schöne Tag brach an ein heiterer wolkenfreier Himmel und allenthalben
heitre wolkenfreie Stirnen Das Alter war zur Freude gestimmt wie die Jugend
Grüntal sang von früh an was er von Sommer und Erndteliedern wusste und ihm
wars recht im Herzen wohl Als die Feierlichkeit beginnen sollte führten der
Oberst und Lina den alten Grüntal und seines Sohnes Frau auf eine Anhöhe nicht
weit vom Edelhofe Von ferne tönte eine gute ländliche Musik Grüntal schöpfte
kaum Atem um keinen der ihm so teuren Laute zu verlieren sein Blick war
erwartend nach der Gegend hin gerichtet von wo sie kommen sollten Der schöne
ländliche Aufzug erschien und  o der Wonne  Julchen als Erndtekönigin wie
ehemals in weißem Kleide mit hellgrünen Bändern geschmückt mit Blumen wie der
ländliche Garten sie gab sie ging zwischen ihren Brüdern wie ehemals und trug
den Kranz Der Zug nahete sich dem Hügel er umschloss die Alten indem der
herzerhebende Kirchengesang Nun danket alle Gott angestimmt wurde Grüntals
Herz erlag der Allgewalt dieser Gefühle und Erinnerungen Er brach in lautes
Weinen aus streckte die Arme wie zu einer Umarmung empor und rief
schluchzend o mein gutes Lieschen Sieh herab hier sind sie alle Gott Gott
Heiligster Gütigster ich danke Dir  Seine drei Kinder flogen an sein Herz
alle Umstehenden nahmen Teil und kein Auge blieb trocken