Friedrich Nicolai
Geschichte eines dicken Mannes
Worin drei Heiraten und drei Körbe nebst viel Liebe
Einleitung
Man beurteilt immer das Unbekannte nach dem Bekannten Dies ist sogar eine Regel der Gelehrten und so wette ich der gelehrte Leser wird bei Erblickung des Titels sogleich alle dicken Leute alter und neuerer Zeiten durch sein Gedächtnis laufen lassen um unsern dicken Mann damit zu vergleichen Ich wette aber auch es wird dem gelehrten Leser ergehen wie gelehrten Leuten sehr oft Sie schließen und folgern aus der ihnen beiwohnenden gelehrten Weisheit über Menschen und menschliche Angelegenheiten so streng so kritisch so weise so bündig so unwidersprechlich dass jedermann von der Richtigkeit ihrer Sätze notwendig überzeugt sein muss es wäre denn dass er sie etwa nicht verstände worüber sie immer zu klagen pflegen Gleichwohl ereignet es sich nicht selten dass kein einziger ihrer Schlüsse und Folgerungen trifft und passt sobald diese gelehrten Männer heraussteigen aus ihren Studierstuben Gymnasien Lyzeen Universitäten Akademien der Wissenschaften und der freien Künste und wie sonst die gelehrten Treibhäuser heißen in welchen vermittels vielen gelehrten Düngers und nicht weniger gelehrten Dampfes alles menschliche Wissen und Verstehen viel früher zur Reife gebracht wird als bei den unwissenden elenden Menschenkindern die ihren unsterblichen Geist weder durch Belesenheit noch durch Spekulation düngen und deren beklagenswürdiges Schicksal bloß ist zu wirken und zu handeln
So viel sich die gelehrten Freunde des Verfassers erinnern gibt es vorzüglich – ungerechnet drei bekannte dicke Könige und dicke Prälaten ohne Zahl – nur noch sieben recht berühmte kurze und dicke Leute Einen im Altertume und sechs in neueren Zeiten Wofern nun der gelehrte Leser etwa meinen sollte unser dicker Mann gleiche einem von den zehnen oder von den sieben oder auch nur irgend einem andern dicken Manne der ihm sonst einfallen könnte so ist abermal zehn gegen eins zu wetten der gelehrte Leser wird sich irren
Überhaupt günstiger gelehrter oder nicht gelehrter Leser liebst Du das Erhabene bist Du etwa gewohnt nur die Leben zu lesen von Königen Prinzen Prälaten Feldherren Heiligen Wundertätern Professoren die sich durch sterbliche Systeme unsterblich machen und sonst von andern weltberühmten Leuten – mager oder dick von Gestalt – so wollen wir Dich hier dienstfreundlich ersuchen dies Buch zuzuschlagen und nicht weiter fortzufahren Wir weisen Dich hier gleich dahin wo Du Deine Befriedigung finden wirst zu den neueren deutschen Schriftstellern welche sich auf das Erhabene legen im eigentlichen Verstände legen um es mit der Schwere ihres Geistes zusammenzudrücken Wir gestehen Dir ungefragt hier ist kein vornehmer oder hochberühmter Mann zu beschreiben Wagst Du es unsrer Warnung ungeachtet weiterzulesen so tue Verzicht aufs Erhabene und Große Du wirst nur in die Familie eines gemeinen Handwerksmannes eingeführt und unser Held selbst war so klein und so dick dass ihn sogar der berühmte Doktor Knüppeln welcher Friedrich den Großen so klein beschrieb nicht noch kleiner hätte machen noch der berühmte Magister Geisler der Jüngere welcher unbedeutende Geschichten so dick aufblasen kann noch dicker hätte aufblasen können
Ganz besonders wirst Du gebeten günstiger Leser unsern dicken Mann mit keinem Könige der etwa könnte kurz oder dick gewesen sein in Gedanken zusammenzustellen Wir reden gar nicht von Königen Dies überlassen wir dem weltberühmten Professor Aloysius Hoffmann der als seine früh verblichene Wiener Zeitschrift noch lebte gegen alle adeligen und bürgerlichen Aufklärer die Rechte der Könige so mutig verteidigte da sie sonst wie er selbst sehr deutlich zu verstehen gab leicht in Nichts hätten zerfallen können wären sie nicht emporgehalten worden von ihm und seinen würdigen Mitstreitern dem Ritter Johann Georg von Zimmermann dem Paten Professor Anton Hofstätter und andern die sich den philosophischen Volksverführern die jetzt grässlich herumhausen so tapfer widersetzten
Also hier weiter kein Wort weder von Karl dem Dicken Könige von Deutschland und Frankreich der seiner Frau zumutete nach zehnjähriger Ehe ihre fortdauernde Jungfrauschaft durch Berührung eines glühenden Eisens zu beweisen noch von Ludwig dem Dicken Könige von halb Frankreich der um sicherer in den Himmel zu kommen auf einem von Asche gestreueten Kreuze starb noch von Heinrich dem Achten dem kurzen und dicken Könige von England der drei Käten zwei Annen und eine Hanne heiratete noch von allen andern kurzen und dicken Königen in der Welt selbst wenn im Königreiche Yvetot oder im Königreich Sylva noch irgend ein kurzer und dicker König menschlichen oder tierischen Geschlechts vorhanden gewesen sein sollte Unser dicker Mann ist nicht einem davon ähnlich
Auch bitten wir Euch sagt kein Wort weiter von Professoren und Rittern welche ungebeten die Könige mit ihren Gänsekielen verteidigen wollen Begegnet Euch aber auf Eurer Reise durch die Welt ein Ritter der für seinen König mit dem Schwerte ficht so wie Ritter Möllendorf oder Ritter Kalkreut oder andre biedre Ritter der Art dem mögt Ihr die Hand bieten wir bieten sie ihm auch
Die merkwürdigen sieben dicken Männer mit welchen man unsern Helden etwa möchte vergleichen wollen wären Tersites im Altertume und in neueren Zeiten Sancho Pansa Falstaff der Kanonikus Gil Perez Oheim des berühmten Gil Blas de Santillana der dicke Mann auf Otaheiti der so vornehm war dass er sich mit gehöriger Gravität täglich von seinen Weibern das Essen in den Mund stopfen ließ und zwei dicke kurze Personen im Tristram Shandy nämlich Doktor Slop der Geburtshelfer und der kleine Trommelschläger mit säbelförmigen Beinen der am Tore zu Strassburg auf der Wache war als ein Fremder hereinritt kommend vom Vorgebirge der Nasen mit der größten Nase von welcher Welt und Nachwelt keinen Begriff haben würden wenn der berühmte Hafen Slawkenbergius nicht Sorge getragen hätte sie ganz genau zu beschreiben
Diesem Trommelschläger gleicht unser Held nun auf gar keine Weise denn er hat keinesweges säbelförmige sondern gesunde ganz gerade Beine mit netten Waden wohlgeformt gleich den Waden des Apoll von Belvedere Weder wurstförmige Waden welche zufolge der Bemerkung des Physiognomisten Johannes Baptista Porta eine Eigenschaft der hagedornschen Schnarcher voller Schulgeschwätze sind die jedem Naemanns Krätze gönnen der von ihrem Systeme abweicht noch schlotterige gleich den Waden weiland Johann Kaspar Kubachs des Gebetelden der mit seinem Gebete nie Wunder getan hat
Dem Doktor Slop mögt Ihr ihn Euch auch denken wie Ihr wollt ist unser Held gleichfalls nicht im mindesten ähnlich Seht den Doktor nur an es sei wie ihn Hogart Fussnote schlafen lässt oder wie ihn Chodowiecki vom Pferde wirft und Ihr müsst gleich merken Anselm Redlich müsse ein ganz anderes Kerlchen sein Ihr werdet weiter unten finden er ist rundlich niedlich witzig gelehrt galant dem Frauenzimmer ergeben und nebenher zuweilen ein wenig ein Hasenfuß unbeschadet seiner Sittsamkeit Gelehrsamkeit und besonders seiner Klugheit auf die er wohl wie auch weiter unter erhellen wird selbst einigen Wert setzen mag Ein solches Männchen schläft ganz anders und fällt ganz anders vom Pferde als eine so plumpe Masse wie Doktor Slop
Dass unser Anselm dem dicken Manne auf Otaheiti so wenig gleicht als dem Manne im Monde kann der günstige Leser leicht einsehen weil er eben ist belehrt worden Anselm sei nicht vornehm und weiter unten wenn der günstige Leser geduldig genug ist bis dahin zu lesen wird belehrt werden Anselm so viel er auch dem Wohlwollen des schönen Geschlechts zu danken hat müsse viel zu galant sein um dem Frauenzimmer Mühe mit sich zu machen
Mit dem Kanonikus Gil Perez der nur drei und einen halben Fuß hoch war und dessen Kopf zwischen den Achseln steckte ist auch kein Vergleich anzustellen Anselm ist von gehöriger Leibesgrösse und trägt seinen Kopf erhaben ist auch nicht unwissend wie der ehrwürdige Gil Perez sondern gelehrt und klug beides im Übermasse wie aus der folgenden Geschichte vermutlich sich noch weiter ergeben wird
Dem Verfasser dieser wahren Geschichte würde es wohl behagen wenn Anselm Redlich dem Sancho Pansa gleichen möchte denn so würde er sehr unterhaltend sein indem der gute Sancho immer gleich die Blicke der Leser erheitert sobald er auftritt Sonst aber muss man hier der Wahrheit zur Steuer anzeigen dass unser Held ebenso wenig von Sancho Pansa hat als von zwei in der Geschichte des Don Quixote vorkommenden hier beiläufig anzuführenden dicken Wettläufern deren einer elf ViertelZentner der andere aber fünf ViertelZentner wog und über deren Wettlauf der weise Sancho ein so weises Urteil fällte Wiegt einer unter den deutschen Schriftstellern so viel der trete hervor um sich gegen diese wägen zu lassen wenn er will Wir sind wohl zufrieden dass er auch sogar seine Werke mit auf die Waage lege
Seit Falstaffs Zeiten ist man fast der Meinung geworden dicke Leute wären aufs höchste witzig und weiter nichts Dies ist aber eine höchst irrige Meinung wenn man auch Zachariä den Dichter zum Beweise anführen wollte denn dicke Leute können auch gelehrt sein Davon soll Euch ein Beweis sein zwei Männer berühmt durch Genealogie und Geogonie der Hofrat Krebel der gelehrte Verfasser eines genealogischen Handbuchs noch genauer als seine europäischen Reisen die er sitzend auf seinem Lehnstuhle so oft wiederholte und der Oberkonsistorialrat Silberschlag Verfasser eines gelehrten Systems der Geogonie welches so fest steht wie die von ihm gebauten Wassergebäude Insbesondre soll es Euch das Beispiel unsers Anselms selbst beweisen In Absicht auf Gelehrsamkeit ist er den beiden genannten wohlbeleibten Gelehrten allenfalls einigermaßen ähnlich sonst gleicht er weder diesen noch andern deutschen Schriftstellern und Übersetzern von denen einige nicht weniger witzig und gelehrt als dick sind
Wie könnte nun nach allem dem was wir schon beiläufig von unserm Helden gesagt haben ein so feiner und obgleich runder doch gerader Mann wie Anselm in irgend einem Stücke mit dem Tersites verglichen werden der wie jeder Leser Homers weiß schielte hinkte bucklicht spitzköpfig und ein Kahlkopf war Der günstige Leser soll aber wenigstens bei dieser Gelegenheit erfahren dass unser Anselm einen runden erhabenen Scheitel und schöne kastanienbraune Haare hat und hätte er ja irgend einmal zu schielen geschienen so könnte es nur gewesen sein als er ein Frauenzimmer verliebt ansah Dass unser Held aber von der schönsten Hälfte des menschlichen Geschlechts die Augen nicht abzuwenden pflegte kann nebst vielen andern Dingen der geneigte Leser erfahren wenn er nur weiter lesen will
Dies wären nun die antiken und modernen dicken Leute alle deren Existenz den belesenen Freunden des Verfassers jetzt beigefallen ist Denn Footes Major Sturgeon dessen Tapferkeit nach dem Gewicht zu berechnen war ist nicht allgemein genug bekannt und Selim der Glückliche dessen Geschichte der Verfasser des Siegfried von Lindenberg aus dem Guzuratischen verdeutschte war nur als er geboren ward ein dickes Bübchen aber nachher ward er ein schlanker Bursche wie der Leser selbst erkennen kann wenn er die Vorstellung seiner Figur in ganzer Leibeslänge ansehen will welche der gedachten Geschichte einigemal beigefügt ist
Unser Held hingegen blieb dick bis in sein männliches Alter und so wird er auch gleich auf dem Titel dieser wahren Geschichte nach dieser Eigenschaft benannt Er hätte auch können der kluge Mann heißen denn es fehlt ihm nicht an Klugheit Man will aber überhaupt bemerkt haben dass die körperlichen Eigenschaften der Magerkeit und Dicke permanenter zu sein pflegen als die geistige Eigenschaft der Klugheit Ob jemand beständig so klug geblieben sei als er sich gleich in seinen Jünglingsjahren zeigte kann man erst am Ende seines Lebens wissen besonders ob unser Held ebenso unverändert klug als dick gewesen kann nur am Ende dieser Geschichte recht deutlich werden und wir trauen uns jetzt noch nicht etwas Gewisses darüber im voraus zu sagen Aber dass er als Kind als Jüngling und als Mann beständig dick geblieben zeigt sein dreifaches von einem berühmten Künstler nach dem Leben gezeichnetes Bildnis das wir dieser Einleitung nebst den Bildnissen der sieben vorher benannten dicken Männer als ein beweisendes Dokument wie ungleich er jedem war haben beifügen lassen
Das Ende des menschlichen Lebens an sich ist der Tod aber das Ende jeder Geschichte von der Art der gegenwärtigen ist bekanntlich eine Heirat Ob nun zufolge des Titels sich diese Geschichte etwa gar dreimal endige ja ob überhaupt die auf dem Titel angegebene Anzahl der Heiraten richtig sei kann der Verfasser dieser Einleitung noch nicht ganz gewiss sagen und der geneigte Leser oder Leserin kann es nicht gewiss wissen bis sie diese wahre Geschichte ganz werden zu Ende gelesen haben worum wir ihn und sie hiermit pflichtschuldigst bitten Aber selbst alsdann versprechen wir nicht er oder sie möchte ganz gewiss erfahren ob die auf dem Titel versprochne Anzahl der Körbe richtig sei Es ist der Ungewissheit so viel unter dem Monde wie des Leidens Obgleich der Verfasser alle Bücher die von der deutschen Sprache handeln sorgfältig nachgeschlagen und viele Gelehrte – dicke und magere – befragt hat so war doch nicht völlig gewiss zu erfahren ob es ein Korb zu benennen sei wenn eine Mannsperson die Hand einer Frau ausschlägt Wofern nicht die deutsche Deputation der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin etwas hierüber entscheiden sollte möchten wir schwerlich hierin zur Gewissheit kommen Denn auch die berühmte deutsche Gesellschaft in Mannheim deren Entscheidungen Deutschland von Osten bis Westen sich so gehorsam unterwirft hat in die vielen Bänden ihrer Schriften die wenn auch nicht an andern Eigenschaften dennoch an Dicke und Klugheit unserm Helden wohl am nächsten möchten zu vergleichen sein hierüber noch nichts festgesetzt
Sonst wagen wir noch jede unserer günstigen Leserinnen zu bitten sie wolle auf unsern Helden nicht etwa schon im voraus einen Unwillen werfen in der Meinung er möchte die Hand eines Frauenzimmers verschmähet haben Noch wissen wir dies nicht gewiss Sollte er aber ja auch dieser Tat schuldig befunden werden so bitten wir unsre schönen Leserinnen ihn nicht ungehört zu verdammen denn wir vermuten fast er werde etwas zu seiner Verteidigung anzuführen haben
Erster Abschnitt
Von der Familie und den nächsten Vorfahren Anselms
In des heiligen Römischen Reichs Stadt Aachen die sich den königlichen Stuhl nennet ungeachtet seit Jahrhunderten in der Stadt und dem ganzen Reiche von Aachen eben kein König sich zu setzen Gelegenheit gehabt hat wohnte ungefähr in der Mitte dieses achtzehnten Jahrhunderts Meister Anton Redlich ein Tuchmacher nebst seiner Frau Sabine Er war fleißig und sparsam sie war bieder sparsam und ordentlich so vermehrte sich seine Arbeit weil jeder Kaufmann Meister Antons Tuch besser gearbeitet fand als andrer Meister
Nun ist aber ein weises Gesetz in Aachen ein Tuchmachermeister solle mehr nicht als auf vier Stühlen arbeiten und mehr nicht als vier Gesellen halten ein Gesetz welches ausdrücklich gemacht scheint um die vielen Bettler womit alle Straßen dieser Stadt so reichlich gesegnet sind nicht zum Spinnen und Kämmen der Wolle kommen zu lassen Ferner bestehet in Aachen ein andres Gesetz welches den Protestanten nicht verstattet ein eigenes Haus noch weniger das Bürgerrecht zu haben Eine solche Verordnung würde der philosophische Gesetzgeber Dohm nicht gegeben haben der aber auch seine für die Stadt Aachen entworfene Konstitution im Jahre 1790 nicht einführen konnte sie ist hingegen ein wesentlicher Teil der katholischen Konstitution welche der militärische Gesetzgeber Spinola im Jahre 1641 mit gutem Erfolge in Aachen wirklich einführte Dergleichen Verbote sind auf den frommen Grundsatz gestellt Nötige sie hereinzukommen Es ist aber ein Beweis wie sehr der Verstand der Protestanten verlassen vom unfehlbaren Richter verkehrt worden ist dass sie solche Verbote gewöhnlich so verstehen als wäre ihr Sinn Nötige sie hinwegzugehen Meister Anton und Frau Sabine hatten das Unglück nicht zur alleinseligmachenden Kirche zu gehören und waren beständig missvergnügt dass immer für mehr als vier Stühle Arbeit da war und sie nur vier Stühle halten durften dass sie ein eigenes Haus nötig hatten und es nicht zu besitzen berechtigt waren und dass sie zum Gottesdienste eine Stunde Wegs nach dem holländischen Dorfe Vaals gehen mussten Daraus entstand endlich ganz natürlich der Gedanke sich neben ihrer Kirche zu setzen Meister Anton zog also nach Vaals mit Frau Sabine und mit Leonoren seiner unverheirateten Schwester Er kaufte dort ein Häuschen hatte mit keiner Zunft Streit ließ auf so viel Stühlen arbeiten als er wollte legte eine eigene Tuchschererei und Färberei an welches ihm in Aachen auch nicht erlaubt gewesen wäre und hatte nur zwanzig Schritte bis zur Kirche zu gehen Zu leugnen war es nicht dass er anjetzt von den großen Reliquien der Reichsstadt Aachen dem Rocke der Jungfrau Maria und den Windeln des Christkindes nicht mehr wie ehedem nur zwanzig Schritte entfernt wohnte Auch ist ausgemacht wenn er die Fronleichnamsprozession und in derselben den kolossalischen vermummten Mann welcher zur Erbauung der rechtgläubigen Bürger und Bürgerinnen Aachens Karl den Großen als einen Heiligen vorstellt ferner anzusehen gemeint gewesen wäre so hätte er eine Stunde Weges danach gehen müssen Aber Meister Anton war ein so verstockter Protestant dass er auf alle diese Dinge eben so wenig zu achten schien als die Reichsstadt Aachen darauf dass in ihr eine Familie weniger wohnte und auf vier Stühlen weniger gewebt ward
Meister Anton hatte einen Bruder namens Georg der von Jugend auf Trieb hatte fremde Länder zu sehen Dieser arbeitete daher eine Zeitlang als Geselle in Holland wo er mit den Herrnhutern in Zeist bekannt und ihrer Gemeinde einverleibt wurde Die Ältesten sendeten ihn mit einer Empfehlung an die Brüder nach London Daselbst arbeitete er bei verschiedenen ansehnlichen Tuchmachern in Soutwark und lernte manche in seiner Vaterstadt unbekannten Vorteile Es ging alles gut bis dass die Ältesten das damals noch geltende Los des Heilands über ihn warfen Dasselbe wies ihm eine Gattin an welche vermutlich nur zufälligerweise nach dem Sinne der Ältesten aber gar nicht nach dem Sinne Georgs war Er bezeigte sich mit dem Los des Heilandes unzufrieden und fiel in die Gemeindezucht Allein er hatte so viel eigenen Willen dass er sich dem Heilande und den durch ihn losenden Ältesten nicht ganz ergeben wollte verließ daher die Gemeinde und zugleich England Er kam nach Vaals kurz nachdem sein Bruder sich daselbst gesetzt hatte Er wäre sonst wohl nach seiner Vaterstadt Aachen gezogen Denn das Los in London hatte ihm alle Lust zum Heiraten benommen daher war er als ein einzelner Mann gar nicht willens seine Manufaktur über vier Stühle zu treiben Aber nun blieb er lieber wo seine Kirche und sein Bruder war wurde in Vaals Meister und so hatte Aachen noch einen Einwohner weniger
Es fügte sich dass Meister Georgs Zurückkunft seinem Bruder auf mannigfaltige Art nützlich ward Außer dem stillen Vergnügen brüderlicher Gesellschaft welches das häusliche Glück dieser kleinen Familie vermehrte gereichten Meister Georgs Kenntnisse von der engländischen Art zu weben und von der Verbesserung des feinen Gespinstes welche er seinem Bruder ohne Vorbehalt mitteilte der Manufaktur des letzteren zu nicht geringem Vorteile Meister Georg besaß ebenfalls den anhaltenden Fleiß und die Genügsamkeit seines Bruders nebst der den Herrnhutern gewöhnlichen heitern Frömmigkeit und Gleichmütigkeit ihre Gemeindezucht abgerechnet die freilich so wie alle Kirchendisziplinen mehr der Gemeinde als den einzelnen Gliedern nutzt Er besaß noch dazu die Weltkenntnis welche durch Reisen erworben wird und die Menschenkenntnis die derjenige nach und nach erlangen muss welcher jahrelang unter den Herrnhutern gewesen ist und sowohl die Ältesten und die Vorsteher als die Glieder dieser Gemeinde in der Stille beobachtet hat Dies mögen wohl nicht alle Brüder tun können oder tun wollen Auch soll ein alter Herrnhuter gesagt haben wer auf solche Weise beobachte werde mit der Zeit entweder ein Ältester werden oder die Gemeinde verlassen
Diese Welt und Menschenkenntnis Meister Georgs gereichte nach und nach der ganzen Familie zum Nutzen Meister Anton war fleißiger im Arbeiten als im Sprechen Wenn er daher mit seiner Sabine abends oder sonntags zusammensass dies oder jenes zu überlegen so redete sie mehrenteils allein War aber Meister Georg dabei so redete er gewöhnlich und Frau Sabine antwortete zuweilen Meister Georg war das Orakel der Familie manchmal redete er auch wie sonst die Orakel ganz allein gewöhnlich aber doch deutlicher und nützlicher als diese
Meister Antons Manufaktur bekam nach einiger Zeit durch einen Zufall eine große Verbesserung und der Wohlstand seines Hauses dadurch noch einen größeren Zuwachs Als er in Aachen wohnte war sein nächster Nachbar ein Doktor der Arzneigelahrteit der aber nicht praktizierte sondern wie es schien von seinen Einkünften ganz stille lebte Wir sagen wie es schien denn wirklich zehrte er nicht nur seine Einkünfte sondern auch sein Kapital auf und seine anscheinende stille Ruhe war eigentlich unordentliche Tätigkeit Denn Doktor Anselm Ettmann war unablässig bemüht den gebenedeiten Stein der Weisen zu finden und suchte in Tiegeln und Kohlen so lange nach Gold bis er weder Silber noch Kupfer besaß um Tiegel und Kohlen zu kaufen Doktor Ettmann besaß in der Tat soviel chemische Kenntnisse dass aller dunkler Unsinn alchemistischer Schriften seinen Beobachtungsgeist nicht ganz hatten ersticken können dabei war er seine Torheit ausgenommen der beste Mann weshalb auch Meister Anton der von dieser Torheit kaum etwas wusste beständig gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatte Er kam endlich immer mehr herunter Zum Kummer über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen und zum Mangel an allem Nötigen kam noch eine tödliche Krankheit Meister Anton der um Wohltaten zu erzeigen nicht wartete bis sie gefordert wurden unterstützte seinen gewesenen Nachbar als er bei seiner oftmaligen Anwesenheit in Aachen dessen betrübten Zustand vernahm sogleich mit Arzneimitteln und Pflege die sein Leben retteten und da kurz darauf von den Gläubigern des Doktors dessen Wohnung ganz ausgeräumt und die sämtlichen Habe verkauft ward nahm ihn Meister Anton in sein eigenes Haus zu Vaals auf Doktor Ettmann war der Tätigkeit gewohnt er wendete daher seine chemischen Kenntnisse zum Besten seines Wohltäters an indem er ihm Anleitung zu großen Verbesserungen seiner Tuchfärberei gab Es wurden ganz neue Farben erfunden andere erhöhet und dauerhafter gemacht Diese und die von Meister Georg mitgeteilten Vorteile verbunden mit Meister Antons anhaltendem Fleiße und Eifer gaben seiner Manufaktur die sichtlichsten Vorzüge Die Anzahl der Stühle und des Absatzes nahm in wenig Jahren ungemein schnell zu und Meister Anton ward dadurch binnen kurzer Zeit aus einem armen Aachener Tuchmacher ein reicher Manufakturist in Vaals
Durch die Dankbarkeit des Doktors war der Wohlstand Meister Antons fest gegründet worden aber dieser gab jenem an Dankbarkeit nichts nach Er legte ihm ein beträchtliches Gehalt bei kaufte ihm ein Haus und gab ihm seine Schwester Leonore zur Ehe
So reich nun Meister Anton geworden war so blieb doch die ganz einfache Einrichtung seiner Familie und ihre vorherige Frugalität unverändert Es ward keine Schüssel mehr auf den Tisch gesetzt als im ersten Jahre der angefangenen Haushaltung keine Veränderung in der Kleidung war zu merken kein neumodisches Hausgerät ward eingeführt Alle Tage der Woche wurden mit ununterbrochener Beschäftigung zugebracht die Abendstunden und die verträglichen Sonntagsgesellschaften der Brüder und Schwestern wurden nicht zahlreicher als durch den Doktor wenn er nicht etwa bei seinen Retorten und Schmelztiegeln saß Der Herr des Hauses setzte etwas darin auch nunmehr nicht Herr Redlich sondern nur Meister Anton genannt zu werden wie man ihn genannt hatte da er noch selbst auf dem Stuhle arbeitete Durch nichts verriet sich sein Reichtum als durch Unterstützung der Dürftigen Aber Frau Sabine die Ausspenderin dieser Wohltaten wusste sie so vorsichtig zu verbergen dass fast keine davon bekannt ward wenigstens keine in die Augen fiel Das Haus ward jährlich sehr durch Anbau vergrößert aber wer die zunehmenden vorteilhaften Umstände der Familie nicht sonst kannte erblickte nichts als die reinliche Wohnung eines fleißigen Handwerksmannes zwischen großen Manufakturgebäuden
Zweiter Abschnitt
Geburten und Todesfälle
Mit dem Anfange des siebenjährigen Krieges dieser wegen Glorie und Elend in Deutschland unvergesslichen Periode fing die schnelle Vergrößerung von Meister Antons Manufaktur und Reichtum an und eben damals gebar Frau Sabine ihren ersten und einzigen Sohn Meister Anton nannte ihn Anselm nach dem Doktor seinem Schwager gegen den er immer dankbar blieb obgleich er ihn belohnt hatte
Anselmino war von seiner Geburt an ein frisches fettes rundes kurzes Kind dun aimable embonpoint und ward wie weiter unten erhellen wird ein rundes kurzes Kerlchen fröhlich und munter schwatzhaft leichtsinnig und lustig Wie es nun zuging dass Anselmino so fett ward obgleich von mageren Eltern entsprossen so feurig und fröhlich als jene ernstaft und gesetzt und so redselig und unbedachtsam als sie beide das Gegenteil waren das gehört zu den transzendentalen Dingen worüber die Philosophen von jeher hundert Fragen aufwarfen z B ob das Ding welches du siehst dem Dinge an sich selbst gleicht oder nicht Ob es außer dem positiven Nichts noch ein negatives Nichts gibt ob ein positives Unding oder ein Unnichts zweierlei sind ob das Nichts bewegbar oder unbeweglich sei und dergleichen gelehrte Fragen mehr Die neueste Philosophie lehrt uns niemand unter dem Monde könne von solchen Dingen etwas wissen oder begreifen obgleich freilich eben diese Philosophie noch immer einiges Jucken zu haben scheint das meiste davon zu erklären indem sie immerfort versichert es ließe sich gar nichts davon wissen Wir wollen also versuchen noch bescheidener zu sein als die so bescheidenen neuesten Philosophen und über die obige wichtige Frage von fett und mager lustig und still gar nichts sagen Könnt Ihr Euch aber ja bei unserer Bescheidenheit nicht beruhigen so ergreift das Mittel Euch an Herrn Doktor Grohmann zu wenden Dieser weiß ganz genau wie es hergehet mit der Zeugung der Söhne und der Töchter dass sie so oder so geraten und wie es geschieht dass die Temperamente knochenreich oder koleurisch Fussnote werden Dr Grohmann wohnt in Wittenberg Seht aber zu dass Ihr auf den rechten Doktor treffet denn trefft Ihr auf einen andern Wittenbergischen Gelehrten der Euch auslacht so ists wenigstens unsere Schuld nicht
Anselmino war die Freude seiner Eltern und seines Oheims Georg der den Jungen von Kindesbeinen an liebte als wäre es sein eigener Sohn Wenn alle drei nebst Frau Leonoren in den langen Winterabenden des Jahres 1756 nach vollbrachter Arbeit einträchtig beisammen saßen so ging Anselmino aus Hand in Hand und alle freuten sich dass er so gesund und so rund war Diese Freude nahm zu als er nach einem Jahr herumzulaufen anfing und so rund als gesund blieb So wuchs das Kerlchen fort immer mehr im Umfange als in der Höhe und blieb so fünf Jahre lang und länger Da hätte beinahe schon seine künftige Bestimmung unter beiden Eltern und unter Bruder Georg den ersten Zwist veranlasst Die Eltern besprachen sich oft darüber ihr einziger Sohn müsse kein gemeiner Mann bleiben wie sie Beide waren sogleich eins er solle studieren und so ward Anselmino schon den Musen geweihet ehe er noch buchstabieren konnte Wir sagen buchstabieren denn weil damals die heilsamen neueren Lesemetoden noch nicht erfunden worden war das gute Kind unglücklich genug wirklich erst buchstabieren zu müssen ehe es lesen lernte Wer weiß welche von den widrigen ihm zugestossenen Begebenheiten und wie mancher von seinen Irrtümern welche wir weiter unten erzählen werden in dieser verkehrten Lehrmetode ihren Ursprung haben mag Wer weiß um wie viel unsere glücklichere philosophisch zum Lesen angeführte Jugend künftig konsequenter denken und folglich moralischer handeln wird als wir weniger glücklichen Väter und unsere ältesten Söhne
So sehr nun aber beide Eltern darin übereinstimmten dass ihr Sohn studieren sollte so sehr uneins waren sie über den gelehrten Stand welchen sie für ihn zu wählen hätten Die Mutter wollte ihn wie leicht zu erraten der Gottesgelehrteit gewidmet wissen denn welche größere Freude kann eine Mutter wohl haben als ihren Sohn predigen zu hören Der Vater war aber nicht so sehr aufs Geistliche gesteuert Er stellte sich dieses Leben wo es ihm so wohl ging viel lebhafter vor als das künftige über welches ihm noch so manches dunkel blieb Er hielt daher einen Arzt für einen nicht zu verachtenden Mann dabei wusste er so frugal er auch selbst lebte sehr wohl was in der Welt mit Geld auszurichten ist Dass die Arzneikunde Geld bringe sah er an einigen Ärzten in Aachen welche in der Stadt viel gebraucht und oft auch nach benachbarten Landgütern und fürstlichen Höfen geholt wurden ob es ihm gleich schien dieselben wären im Heilen schwerer Krankheiten nicht ganz so glücklich als er im Färben echter Tücher Er beschloss also sein Sohn sollte ein Arzt werden und sah schon in Gedanken wie derselbe in eigener Kutsche auf den Straßen von Aachen herumrollte und im fürstlichen Zuge von Sachsen über Land geholt wurde
Ganz andrer Meinung war Oheim Georg Derselbe hatte vermutlich bei den Herrnhutern wo bekanntlich gar kein Unterschied der Stände gilt die Begriffe von Gleichheit aller Menschen eingezogen welche machten dass er beinahe wie jetzt die unhosigen und langhosigen Franzosen jeden höheren Stand als etwas Unnatürliches ansah Er meinte die Familie sollte ja aus ihrem Kreise sich nicht emporheben und der Junge dürfe daher nichts als ein Tuchmacher werden wie sein Oheim und sein Vater Er stellte letzterm vor was sich auch hören ließ es werde natürlicher sein diesen Sohn so zu erziehen dass die schöne Manufaktur durch ihn im Flore erhalten bleibe wodurch auch der künftige Wohlstand des jungen Menschen sicherer werde gegründet werden als durch ungewisse Hoffnungen und Aussichten Aber diese Vorstellungen halfen wenig bei den Eltern denen eben jene weitaussehenden Hoffnungen sehr viel Vergnügen machten Es hätte dieser Zwist leicht zum Nachteile des häuslichen und brüderlichen Friedens ausschlagen können Denn so ein schlichter und verträglicher Mann auch Meister Anton war so hatte er doch seinen kitzlichen ambitiösen Fleck und Frau Sabine ebenfalls Dazu kam dass wie oben bemerkt worden Oheim Georg gewohnt war in der Familie am lautesten zu reden und es fiel ihm auf dass jetzt zum ersten Male das Gegenteil geschah
Die übelen Folgen wurden indes durch ein Wort von Frau Leonoren glücklich gehindert Sie bemerkte in der größten Hitze des Streits Es sei unnötig über das Schicksal des Knaben jetzt zu streiten man könne ja lieber geduldig abwarten wie es etwa mit ihm und seinen Fähigkeiten werden möchte dabei küsste sie den dicken Jungen und gab ihn auch dem Vater in die Arme Die beiden Männer wunderten sich wie ihnen ein so natürlicher Gedanke nicht selbst eingefallen wäre und gaben einander treuherzig die Hände obgleich jeder insgeheim wünschte dass sein Plan zum vermeinten Glücke des Knaben ausgeführt werden möchte
Die gute Frau Leonore hatte im Ehestande wenig Gelegenheit gehabt Erfahrungen von Glücke zu machen aber desto mehr Gelegenheit zur Prüfung ihrer Geduld Kaum sah sich ihr Mann der Doktor wieder in guten Umständen so fing er aufs neue an alle Zeit welche er nicht zu den Versuchen für die Färberei der Manufaktur brauchte aufs Laborieren zu wenden Er kam bald wieder in Schulden und sein ganzes Hauswesen in Unordnung Unter diesen Umständen war Frau Leonore zum ersten Male guter Hoffnung Sie gebar einige Monate darauf eine Tochter Der Doktor ließ das Mädchen Sophia taufen seine Ehrerbietung gegen die geheime himmlische Weisheit anzuzeigen welche von seinem Schwager seiner Meinung nach verkannt ward Er starb aber kurz darauf als ein Märtyrer dieser geheimen Weisheit Soeben glaubte er endlich die jungfräuliche Erde gefunden zu haben in welcher er den Merkur figieren wollte Plötzlich aber sprang das philosophische Gefäß und er ward in Rauch und Flammen erstickt Seine Frau schon durch so manche Leiden geschwächt fiel über den Schreck in eine heftige Krankheit und starb bald nach ihm
Meister Anton sah wohl ein dass die Begierde Gold zu machen eine unheilbare Krankheit ist Er beweinte seine Schwester bezahlte seines Schwagers Schulden und nahm die kleine Tochter in sein Haus wo er sie als sein eigenes Kind erzog
Dritter Abschnitt
Sophiens und Anselms Kinderjahre
Anselmino Redlich wuchs indes heran und war da er elf Jahre alt geworden ein kleines rundes frisches Kerlchen über das sich alle Nachbarn freuten Er hatte einen offenen Kopf war immer fröhlich und guter Dinge und lernte in der Schule Sprüche und Vokabeln mit gleicher Leichtigkeit auswendig Denn es hatte sich in Vaals ein ältlicher Kandidat der Theologie eingefunden welcher nach manchen Wanderungen sich daselbst als Schulmeister setzte um den deutschholländischen Kindern zu ihrem Fortkommen in dieser Welt die lateinische Sprache und zu ihrem Wohle in der künftigen Welt den ganzen Inhalt von Braunii Doctrina Foederum s Systema Teologiae didacticae beizubringen Dieser Lehrer gewann unsern Anselm wegen seiner Fähigkeit Worte auswendig zu behalten so lieb dass er mehr als einmal prophezeite der Knabe werde ein großer Gelehrter werden welches Frau Sabine im Stillen vor sich selbst auslegte ein trefflicher Prediger
Anselmino hatte zwei in die Augen fallende Eigenschaften von welchen der Schreiber dieses nicht gewiss weiß ob sie an einem Knaben bemerkt voraussagen müssen er werde ein Licht der Kirche werden Anselmino liebte von Jugend an jedes hübsche Mädchen und Anselmino meinte sehr klug zu sein Was die letzte Eigenschaft betrifft so war sie freilich selten in seinen Handlungen zu erkennen denn ob er gleich sehr klug zu sprechen pflegte so handelte er doch sehr oft unklug Dies ging indes damals noch auf Rechnung seiner Knabenjahre und auf eben diese Rechnung ging denn mit gleicher Nachsicht sein Gaffen nach jedem hübschen Mädchen Wer wird auch einem munteren Knaben darum gram sein wenn ihm die schönen Mädchen gefallen und wenn er ihnen gefallen will Die Mädchen nicht die Mütter nicht und ich denke auch der liebe Gott nicht der auf die Zuneigung beider Geschlechter zueinander recht angewendet die Erhaltung des menschlichen Geschlechts und was eben so viel wert ist dessen häusliches Glück gegründet hat
Die junge Sophie war von schlankem Wuchse und von griechischer Gesichtsbildung ihre kastanienbraunen Locken kräuselten sich neben den Grübchen ihrer blühenden Wangen und fielen von ihren Schultern herab ihre sittsamen hellblauen Augen lockten die Herzen an sich Sie war freundlich gefällig munter hatte eine Silberstimme und sang schon als ein Kind gern fröhliche Lieder Ursachen genug dass Anselmino an Sophien wie an einer beständigen Gespielin seiner Jugend hing Er zog sie allen Mädchen vor die er in Vaals und in Aachen gesehen hatte so wie sie auch ihn allen andern Knaben Die Alten im Hause die sich selbst gegenseitig liebten freuten sich der so merklichen herzlichen Zuneigung der Kinder welche von allen Verwandten und Nachbarn die kleine Braut und der kleine Bräutigam genannt wurden
Einst hatten sich beide beim Spielen im Dorfe an einem schönen Sommertage an das äußerste Ende desselben verlaufen Da fanden sie auf dem grünen Rasen einen Knaben sitzen der totenblass und ganz abgezehrt war Auf vieles Fragen erfuhren sie endlich von ihm er sei von langer Krankheit abgemattet habe seine Eltern verloren und keinen Menschen in der Welt der sich seiner annähme Das Mitleid der guten Kinder ward erregt Sophiechen teilte mit dem Kranken ihr Vesperbrot und bat ihren Gespielen bei seiner Mutter deren Liebling er wie sie wusste war um mehr Beihilfe für den armen Knaben anzuhalten Anselmino stand nachdenkend fühlte seine Selbständigkeit zum ersten Male und seine Klugheit auf die er sich jetzt wieder etwas zugute tat blies ihm ein was er selbst verrichten könne darum dürfe er nicht bitten Er teilte Sophiechen folgenden Plan mit In den weitläufigen Gebäuden aus welchen seiner Eltern Gehöfte bestand war eine entlegene Kammer die nicht gebraucht ward und zu der man unbemerkt kommen konnte Er schlug vor den kranken Knaben ganz insgeheim dahin zu führen Da wollte er dann ihm etwas von seinen Betten bringen und sie beide wollten ihr Frühstück und Mittagessen unbemerkt mit dem Kranken teilen um demselben wieder Kräfte zu verschaffen Seine kleine Freundin hatte hiewider manches einzuwenden aber seine Beredsamkeit siegte Sie führten den ermatteten Knaben fort und brachten ihn unbemerkt an Ort und Stelle Anselmino schleppte ihm noch spät gegen Abend einen Teil seiner Betten und den größten Teil seines Abendessens zu und war froh dass er ihn ein paar Tage lang mit allem was aufzufinden war reichlich speisen und tränken konnte
Freilich machte diese so klug ausgesonnene Wohltätigkeit einige Unordnung in der Haushaltung Niemand konnte begreifen wo die Betten geblieben waren und die Dienstboten kamen darüber in unverdienten Verdacht Backwerk und Semmeln verschwanden Teller worauf Überbleibsel der Mahlzeiten dem Kranken waren gebracht waren wurden vermisst und Unschuldige wurden deshalb beschuldigt Anselmino geriet darüber in einige Verlegenheit allein der Triumph sich über den Erfolg seines glücklichen wohlausgesonnenen Planes zu freuen schien ihm doch so schön dass er den Bitten der ängstlichen Sophie welche die Sache entdeckt wissen wollte nicht nachgab Die häusliche Verwirrung hätte noch einige Zeit währen können wenn nicht Philipp der kranke Knabe welcher merkte dass was mit ihm vorging nicht in der Ordnung sei sie geendigt hätte indem er aus der Kammer hervorkroch und sich selbst zeigte Er ward von den Hausgenossen die ihn seinem elenden Ansehen und schlechten Kleidung zufolge gleich für schuldig erklärten vor den Richterstuhl der Frau Sabine gebracht Der arme Schelm fand hier eine sehr barmherzige Richterin Ihr Sohn bekam zwar von den Eltern einen gelinden Verweis aber seine Gutherzigkeit ward bestätigt und Philipp nun unter Autorität ins Haus aufgenommen von dem Rest seiner Krankheit geheilt gespeist und bekleidet
Anselmino tat sich insgeheim nicht wenig auf seinen klugen Plan zugute zumal da dadurch die Liebe seiner Eltern gegen ihn nicht vermindert Sophiechens Liebe hingegen seiner Gutherzigkeit wegen noch vermehrt ward Sollte der geneigte Leser etwa meinen Anselmino habe wenngleich gutherzig doch nicht so klug gehandelt als er sich dünkte und sollte daraus etwa – wie es denn geneigte Leser gibt welche in Geschichten dieser Art gern weit voraussehen mögen – auf die künftige Beschaffenheit des Charakters unsere Helden etwas schließen wollen so wird gebeten zu bedenken dass Anselmino nur ein Knabe war und dass wir noch nicht wissen können ob sich nicht vielleicht in der Folge dieser Geschichte die Klugheit unsers dicken Männchens noch ehe er ein dicker Mann ward in viel vorzüglicherm Glanze zeigen möchte
Was Philipp betraf so fand sich dass er aus dem benachbarten Dorfe Vylen kam wohin sich sein Vater ein verarmter Kaufmann aus Mastricht begeben hatte um dort auf besser Glück zu warten Er hatte eben den größten Teil seines Vermögens verwendet um seinen ältesten Sohn der als Schiffschirurgus zur See ging einigermaßen zu equipieren Er selbst war eine Art von Schreiber bei einem in Vylen wohnenden Herrn und seine Frau spann für eine Manufaktur in Vaals wozu auch Philipp schon war angehalten worden Eine epidemische rote Ruhr grassierte im Dorfe und hatte beide Eltern in kurzem weggerafft Philipp den niemand weiter hegen wollte hatte sich halb genesen nach Vaals geschleppt um zu erfahren ob er dort Arbeit bekommen könnte sein Leben zu fristen
Dieser von allen verlassene Waise fand an Meister Anton einen neuen Vater Da er schon lesen und etwas schreiben konnte so ward er in die Schule geschickt Daselbst lernte er wie Anselm und alle andern Kinder so viel es sein konnte Lateinisch und besonders die Theologie aus Braunii Systema Teologiae didacticae Neben diesen wichtigen Dingen vervollkommnete er sich auch noch im Schönschreiben und Rechnen Diese Kleinigkeiten haben schon hin und wieder einem armen Knaben durch die Welt geholfen ob sie gleich gegen die unermesslichen Schätze des Wissens welche in der Dogmatik und lateinischen Phraseologie liegen gar nicht in Vergleichung zu bringen sind
dabei ward Philipp außer der Schulzeit zu allerhand kleinen Diensten im Hause gebraucht wobei er sich sehr anstellig zeigte Auch ward er Anselminos Spielgesell wozu er sich aus einer besonderen Ursache sehr gut schickte Wir haben schon bemerkt dass unser Held von Jugend auf ziemlich redselig war und sich nicht wenig klug dünkte Philipp hingegen war von Natur bescheiden und etwas tacitum Hier zeigte er sich noch nachgiebiger und bescheidener denn er fühlte dass er ein armer Knabe sei und er wusste schon dass ein solcher ohne Schweigen und Nachgeben in der Welt nicht fortkommen könne da selbst ein reicher Mann beides zu beobachten sehr nötig hat Anselmino war aber auch ein guterziger Junge obgleich etwas eigenliebig doch nicht stolz und Philipp war sein guter Geselle Ob nun zu dieser Zuneigung nicht etwas beigetragen habe dass er an Philipp einen Spielgesellen hatte dem er seine klugen Einfälle vorsagen konnte der ihn anhörte und ihm recht gab mag der sittenforschende Leser in des alten Buddeus Moralteologie im Kapitel von der Falschheit der menschlichen Tugenden oder in den Werken anderer Gottesgelehrten nachschlagen welche den Menschen die edelste Kreatur Gottes im Reiche der Natur fleissigst erniedrigen um ihn im Reiche der Gnaden desto mehr zu erhöhen
Vierter Abschnitt
Schulweisheit Examen Gespräch übers Latein
Anselmino war nach und nach beinahe vierzehn Jahre alt geworden und Sophiechen beinahe zehn Jahre Sie gefielen sich wechselseitig täglich mehr und fingen an ungeduldig zu werden wenn sie nicht beständig beieinander sein konnten Wie aber überhaupt die Ordnung der Dinge in der Welt gemeiniglich nicht so zu gehen pflegt wie sie die Verliebten gerne haben möchten so ereignete sich ein Umstand an den sie gar nicht dachten und der doch Ursache war sie auf eine ziemliche Zeit zu trennen
Die lateinische Schule hatte nun an unserem Anselmino geformt was durch sie zu formen war Er hatte konstruiert exponiert analysiert Phrases ausgezogen lateinische Reden gehalten und lateinische Verse gemacht Er hatte sogar etwas von den römischen Altertümern gelernt und wusste wie die Konsuln und die Ädilen in Rom waren gewählt worden Freilich wusste er nicht wie die Generalstaaten gewählt werden auch nicht ob sie in Vaals etwas zu befehlen hätten Denn warum sollten in gelehrten Schulen Kinder mit der Verfassung des Vaterlandes bekannt gemacht werden da diese zu wissen keine Gelehrsamkeit ist Dagegen hatte Anselmino einen guten Begriff von den Sätzen der Dordrechtschen Synode sogar dass er schon mit katholischen Seminaristen aus dem Konvente der Stiftsherren des heiligen Grabes zu Schlenaken die in der Vakanzzeit nach Vaals kamen über die Religion disputiert und weil sie älter und stärker waren von ihnen Ohrfeigen bekommen hatte Er war nun der Erste in der Schule und der alte Kandidat erklärte dass er ihn weiter nichts lehren könne er möchte denn etwa mit dem Knaben ehe dieser nach der Universität ginge des Ruarus Andala Logik durchnehmen wovon er sich selbst noch etwas erinnerte Er schlug daher vor unser dickes Männchen von gelehrten Leuten examinieren zu lassen damit die Eltern sehen sollten wie geschickt der Knabe sei Es wurden also einige holländische Domine aus der Nachbarschaft zusammengebeten und nachdem sie gut zu Mittage gegessen hatten ward Anselmino examiniert Er exponierte analysierte und perorierte ohne Anstoß beantwortete im besten Schullateine alle Fragen aus Braunii Teologia didactica und alle Examinatoren sagten einstimmig nie habe noch ein Knabe von so zartem Alter so gelehrte Antworten gegeben aber alle waren auch darin einstimmig er sei noch allzu jung um auf die Universität zu gehen
Die kleine Sophie erschrak zwar vor dem vielen Lateine weinte aber doch vor Freuden dass ihr Anselm so gelobt wurde Anselmino war bei der ganzen Sache ziemlich unbefangen und gleichgültig gewesen weil man ihn lauter Dinge fragte die er vermöge seines guten Gedächtnisses auswendig wusste Nun aber fing ihm das Examen an merkwürdig zu werden da Sophiechen unvermerkt ihm die Hand drückend ihn mit dem freundlichsten Blicke lobte Mutter Sabine ließ ein paar Tränen der Freude fallen sah aber ganz ernstaft aus und Meister Anton so wie auch Oheim Georg sagten nicht ein Wort
Als die Herren weggefahren und die Kinder in den Garten gesprungen waren saßen die Alten eine Zeitlang stillschweigend und in Gedanken Endlich sagte Meister Anton den Kopf schüttelnd »Ich hätte doch nicht gedacht dass Anselm so sehr gelehrt wäre Wie muss der arme Junge seinen Kopf haben anstrengen müssen um das alles zu behalten«
Oheim Georg fuhr heraus »Du sagst er ist gelehrt und ich sage er ist dumm«
»Dumm« riefen beide Eltern zugleich aus
»Ja freilich dumm – denn der Junge weiß nichts als was er auswendig gelernt hat Er hat mir schon vorher zehn Fabeln von Gellert hergebetet und er konnte auf mein Verlangen keine einzige nach seiner Art mit andern Worten erzählen Nein bei den Herrnhutern hab ich auch Schulen gesehen da geht man aber nicht bloß auf Gedächtniswerk Weißt du was Bruder Anton Leicht gelernt ist bald vergessen Wenn nun der Junge vergisst was er jetzt auswendig weiß so weiß er alsdann gar nichts Das nenn ich dumm sein Und ob ihm das was er uns heute auf lateinisch vorgesagt hat was helfen kann wenn er groß wird das versteh ich nicht Aber ich habe nun einmal keinen Glauben ans Lateinische«
Meister Anton schlug die Augen nieder und dachte bei sich »Wenn er Doktor wird wird er mit den Kranken nicht lateinisch reden«
Mutter Sabine schwieg aber dachte bei sich »Lateinisch predigen wird er nicht« Und dabei fiel ihr ein dass sie alle vom Examen nichts verstanden hätten und dass es doch vom Kandidaten wäre angestellt worden damit sie wissen sollten was Anselm gelernt hätte
Oheim Georg schwieg nicht sondern fuhr in einem verdrießlichen Tone fort »Und wenn der Junge gar nichts gelernt hat als das Latein wozu wird ihm das helfen wenn er einmal deine Manufaktur übernehmen soll Denn am Ende wird es doch wohl am klügsten sein ihn dazu zu erziehen wenn du nicht willst dass die Manufaktur untergehe ohne dass deine Kinder etwas davon haben sollen«
Meister Anton schwieg abermal denn er fühlte wohl dass der Bruder nicht Unrecht hatte aber dass sein Sohn nicht Doktor werden solle wollte ihm auch nicht eingehen Er dachte also nur »Schade dass der Junge noch zu jung ist um nach der Universität zu gehen da er doch schon so viel schönes Latein weiß Wo soll er bis dahin bleiben da er jetzt in der Schule nichts mehr lernen kann«
Es ist oft die Sorge der Eltern nicht wie ihre Kinder zu erziehen sondern nur wo sie zu lassen sind Haben sie so ganz unrecht Wenn man die Kinder nicht selbst erziehen kann muss man sie ja jemand abzurichten geben
Im Fortgange der Unterredung kamen sie alle überein Anselm müsse außer dem Hause irgendwo untergebracht werden denn Meister Georg sagte »Bruder Anton der Junge ist für dein Haus allzu gelehrt und wird dir mit seinem Lateine und mit allem dem Zeuge das er im Kopfe hat alle deine Arbeiter aufsässig machen«
Man sieht Meister Georg obgleich nur ein gemeiner Tuchmacher war scharfsichtig genug schon vor mehr als zwanzig Jahren Sinn für den jetzt von so manchen Staatsleuten angenommenen Satz zu haben dass zu viel Gelehrsamkeit und Aufklärung endlich zum Aufruhre führe Wie würden auch gegenwärtig in Frankreich die vielen Greuel entstehen wäre nicht wie weltbekannt ist Jourdan der Kopfabschneider ein vertrauter Schüler des garstigen Hans Jakob Rousseau gewesen und der schleichende Abt Sieies nebst dem heftigen Robespierre die vornehmsten Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris Hätte Philipp Egalité als Prinz und als Bürger gleich nichtswürdig wohl mit so unverschämter Stirn für den Tod seines Königs und Vetters gestimmt wenn er nicht ein so großer Freund und Beförderer der Aufklärung und der Philosophie gewesen wäre Und würden die Unhosigen in Frankreich wohl so arg gegen Monarchen und monarchische Regierung toben wenn sie nicht vermöge ihrer großen Liebe zu den alten Sprachen sich so innig mit dem Geiste der Griechen und Römer genährt hätten
Fünfter Abschnitt
Ein neuangelegtes Philantropin Notwendige Ehrenrettung Herrn Rehbergs in Hannover des Philosophen
Kurz vor der Zeit als in Vaals das oben beschriebene Examen unsers Anselmino und die dadurch veranlasste Unterredung vorfiel war in ganz Deutschland die erste Periode einer weltbekannten pädagogischen Reform angegangen Basedow hatte den Plan gemacht – oder um bestimmter zu reden eigentlich nicht einen Plan gemacht sondern nur sich eingebildet – vermittels einer kleinen Erziehungsanstalt allenthalben die ganze Erziehungsart und vermittels derselben das gesamte Menschengeschlecht auf bessern Fuß zu setzen Er verlangte dreissigtausend Taler um diese allgemeine Umformung zu Stande zu bringen Er ließ gedruckte Aufforderungen an dreihundert große und kleine Potentaten ergehen und als von diesen doch die dreissigtausend Taler nicht einkamen so tat er Notschüsse über Notschüsse damit das Wohl des menschlichen Geschlechts gerettet werde Seine Einbildungen und seine Notschüsse sind vergessen sowie seine andern Schwachheiten und Seltsamkeiten aber die späteste Nachwelt wird dankbar erkennen dass er sein Elementarwerk zu Stande brachte und den Nutzen desselben nicht in Träumen sondern praktisch zeigte Dies ist ein Unternehmen welches den heilsamsten Einfluss auf die Verbesserung der Erziehung hatte und welches die armen Kinder von dem unseligen Wörterkrame und von der zwecklosen harten Schuldisziplin zu erlösen anfing Beides erweckte in den Köpfen der von seelenloser Schulpedanterei niedergedrückten Lehrer auch derer welche Basedows Methode tadelten eine Menge wohltätiger Ideen zum Besten der Jugend und beidem können Missbräuche in der Anwendung so wenig den verdienten Ruhm entziehen als irgendeiner andern kühn unternommenen aber im Anfange unvollkommen ausgeführten Reformation
Es gab aber damals Pädagogen und gibt vielleicht noch jetzt dergleichen welche weder Basedows Einsicht noch Mut besaßen Ihnen wurden bloß durch ihre Habsucht die zu erwartenden dreissigtausend Taler und durch ihre Präsumtion die Lust eine ganze Welt umzuformen vorgespiegelt und bloß dadurch bekamen sie Neigung und Beruf zur Erziehung Ein solcher war der wohlehrwürdige Herr Erasmus Quincunx ein reformierter Prediger im Herzogtume Jülich ein schöner Geist und ein großer Liebhaber der Entenjagd der öfter wenn er seiner Gemeinde predigen oder ein Kind taufen sollte im Walde oder im schilfichten Sumpfe aufgesucht werden musste wo er entweder den Reimen oder den wilden Enten nachstellte Nun hielt die ehrwürdige Provinzialsynode des Herzogtums Jülich eben nichts von Predigern welche Verse machen und noch weniger von denen welche wilde Enten schießen Es erfolgten also Vermahnungen welchen Pastor Erasmus Quincunx der nicht sonderlich geneigt war sich vermahnen zu lassen dadurch auswich dass er sein Amt schnell niederlegte zumal da jene Reskripte gerade zwischen Johannis und Jakobi ankamen der besten Zeit zur wilden Entenjagd mit Stecknetzen welche er nicht mit Schreiben verderben mochte
Er war mehr des freien Lebens als des Sitzens gewohnt und dachte als Jäger irgendwo sein Unterkommen zu finden Zu dem Behufe ging er nach Dessau wo die Jagd bekanntlich in großem Flore steht Er fand aber dort die wilde Entenjagd nicht nach seinem Sinne dagegen lernte er Basedows Philantropin kennen dessen Ruf noch nicht bis in die Gegend zwischen der Maas und Roer gedrungen war Da er überhaupt in Dessau als Jäger nicht wie er glaubte sein Fortkommen fand entschloss er sich lieber ein Lehrer der Jugend zu werden Die Pädagogen und die welche es werden wollten wallfahrteten damals in großer Anzahl nach Dessau Unter ihnen erschien auch der Expastor Erasmus Quincunx vor Basedow mit dem Begehren bei der Anstalt Lehrer zu werden Es ging dies schon deshalb nicht an weil Basedow wie bekannt in seinem Philantropine lateinisch reden ließ wozu dieser Mann nicht eingerichtet war Er ward daher abgewiesen blieb aber noch einige Wochen in Dessau besah das Äusserliche der Lehrart die Uniformen die Trommel mit der zum Essen gerufen ward und andere solche wichtigen Sachen wobei er den Entschluss fasste in Verbindung mit einigen pädagogischen Pilgern die ebenso wie er von Basedow abgewiesen waren in der Gegend der Maas eine ähnliche Anstalt anzulegen welche er für sich sehr einträglich zu machen dachte Er kehrte zurück und weil er aus guten Ursachen sich im Herzogtume Jülich nicht zu setzen wagte so begab er sich in das Reich von Aachen wie das Gebiet dieser Reichsstadt feierlichst benennet wird und legte daselbst unverzüglich in dem Dorfe Horbock mit seinen Gehilfen ein Philantropinchen an Er hatte die Kunst gelernt etwas Aufsehen zu erregen kleine Vorteile geltend zu machen sich Empfehlungen zu verschaffen und wenns nicht anders gehen wollte Notschüsse zu tun kurz die Kunst der Jagd auf Zöglinge welche wohl so viel Schlauigkeiten erfordert als die Jagd der wilden Enten und ebenso wie diese oft in tiefen Sumpf führt Seine Schule ward dadurch in den benachbarten Gegenden bekannt bekam bald einigen Zulauf und hat ihn vielleicht noch
Die Grenzen des kleinen Reichs von Aachen sind wie die Grenzen des großen Reichs China durch einen Wall eingeschlossen Daher mag es wohl kommen dass wir von dem was in beiden vorgeht nur sehr unvollkommene Nachrichten haben So viel uns bewusst ist bisher die Existenz des Philantropins zur Horbock im übrigen Deutschlande nicht bekannt gewesen Im Verfolge dieser Geschichte musste notwendig davon geredet werden und diese Entdeckung erhält eine zufällige Wichtigkeit in der gelehrten Geschichte Herr Rehberg in Hannover gab im Jahre 1792 ein sehr gelehrtes Büchlein heraus unter dem Titel Prüfung der Erziehungskunst worin er dieser Kunst so viel Böses nachsagt dass es scheinen möchte er halte sie ganz und gar für »die falschberühmte Kunst welche etliche fürgeben und fehlen des Glaubens« Nun sollte man aber fast denken es müsse doch auch eine wahre und echte Kunst der Erziehung geben denn es gibt ja eine echte Kunst Hunde abzurichten wodurch in diesen Tieren Kräfte entwickelt werden von denen man nicht geglaubt hätte dass sie in ihnen liegen könnten Wie Sollte nicht etwa vorher an mehreren Orten die Erziehung der zarten menschlichen Jugend viel Ähnliches gehabt haben mit dem Abrichten der Hunde so dass man bloß auf ihr Gedächtnis wirkte und bloß Peitschen Hunger und andere strenge Mittel anwendete wie bei unvernünftigen Tieren die sich nicht anders ziehen lassen Man hat aber in neueren Zeiten überlegt dass Menschen Seelenkräfte vor den Tieren voraushaben dass man dieselben auch vorzüglich bei Kindern zu entwickeln suchen und zu deren besserer Erziehung brauchen müsse Man hat ferner überlegt dass ein besserer Weg hierzu vorhanden sein werde als Peitschen und andere strenge Mittel welche nur für Tiere nötig sind und für Menschen die unvernünftig wie Tiere handeln Die schickliche Anwendung dieser Mittel zu dem großen Zwecke vernünftigere und bessere Menschen zu bilden scheint die echte Erziehungskunst zu sein und es gibt Männer begabt mit Einsicht und Wohlwollen welche diese Kunst zu verbessern vorzüglich bemüht sind Herr Rehberg spricht aber ohne dieser zu erwähnen nur von solchen Erziehungskünstlern welche er als Toren als Marktschreier ja als die sinnlosesten Sterblichen schildert Er nennt namentlich nirgend die verächtlichen Menschen wider welche er streitet gedenkt aber auch gar nicht der Männer welche zur Verbesserung dieser Kunst der Erziehung nach ihren Einsichten das Mögliche beitrugen und der von ihnen bewirkten Verbesserungen Daher ist die lieblose Voraussetzung entstanden Herr Rehberg meine die letztern selbst und wolle wirklich die edleren Bemühungen zur Verbesserung der Erziehungskunst welche wir einem von Rochow Resewitz Kampe Trapp Feder Gedike Pfeffel Lieberkühn Stuve Salzmann ua zu danken haben durch sein Buch heruntersetzen Allerdings haben einige Stellen desselben den Gedanken veranlassen können als wolle er bloß wider diese würdigen Männer streiten Aber dies ist doch eine ganz unstattafte Voraussetzung Denn wie könnte man ihm zutrauen so unphilosophisch und unbillig zu handeln Gesetzt er glaubte Irrtümer in der neueren Erziehungskunst oder Missbräuche in ihrer Ausführung rügen zu müssen würde es wohl einem Philosophen anständig sein über lobenswürdige Bemühungen wegwerfend abzusprechen als ob sie weiter nichts als Irrtümer und Missbräuche wären Würde es nicht vielmehr einem Philosophen gebühren den Nutzen neuer Lehrmetoden und das was sie etwa Nachteiliges haben könnten unparteiisch und gründlich zu würdigen Selbst wenn man voraussetzen wollte die Prätensionen oder hohen Einbildungen welche bei irgend einigen neueren Pädagogen vorhanden gewesen sein möchten hätten unsern Philosophen so indigniert dass er die ganze neuere Pädagogik so bitter zu verdammen veranlasst wäre so würde doch ein solches Verfahren nicht nur nicht billig sondern nicht einmal politisch sein Denn auch Philosophen – die spekulativen nicht ausgenommen – sind sehr oft voll Prätension und Einbildung und die leidige Erfahrung zeigt dass selbst der kategorische Imperativ und die neuesten formalen Prinzipien welche sonst doch bekanntlich Universalarzeneien sind einige philosophische Herren vor kindischem Dünkel nicht haben schützen können Wer würde es aber wohl billig nennen deshalb alle Philosophie für Geschwätz und alle Philosophen selbst auch die welche ziemlich laut schreien für Marktschreier auszugeben
Alle diese scheinbaren Widersprüche glauben wir nun durch die Voraussetzung heben zu können Herr Rehberg habe die obigen verdienten Männer und ihre wohltätigen Anstalten gar nicht gemeint sondern nur die tölpischen Nachahmer derselben und besonders das Philantropinchen zu Horbock im Reiche von Aachen Dies war freilich ein buntscheckiges Ding und es sind davon wie wir vernehmen noch andere Filialphilantropinchen in die Gebirge des Deisters und Süntels verpflanzt wodurch vielleicht in dem guten Fürstentume Kalenberg mehr Unfug mag verursacht worden sein als wir anderen wissen welcher denn freilich Herrn Rehberg als einem patriotischen Kalenberger näher zu Herzen gehen musste Wir unterwinden uns hierbei den unmassgeblichen Vorschlag zu tun ob nicht der Name des Dörfchens Horbock im Reiche von Aachen künftig gebraucht werden möchte wie bisher der Name der ehrbaren Städte Schilda und Schöppenstädt Diese müssen alles Gauchtum des H Römischen Reichs deutscher Nation auf sich nehmen selbst das Gauchtum derjenigen Gäuche welche diese unschuldigen Städte des Gauchtums beschuldigen Man könnte festsetzen dass Horbock und dessen Philantropin alles auf sich nehmen müsste was irgend ein missmutiger teoretischer Philosoph der nie Kinder hatte in der Fülle seiner Weisheit an den Pädagogen zu tadeln fände welche die teoretische Erziehungskunst eines Philosophen der seine eigenen Kinder nicht erziehen mochte in der besten Meinung praktisch das heißt wirklich nützlich zu machen suchen
Sechster Abschnitt
Anselmino wird im Philintropine zu Horbock erzogen Dessen Beruf zum Studieren
Das neu angelegte Philantropin machte natürlich im Reiche von Aachen und in der umliegenden Gegend viel Aufsehn Es empfahl sich im Hause Meister Antons durch einen zufälligen Umstand Wir haben oben bemerkt dass der Expastor Erasmus Quincunx vor Basedow mit dem Lateinreden nicht bestand und mehreren der in Dessau abgewiesenen Lehrer welche er für sein neues Institut von da mitbrachte mochte es wohl ebenso gegangen sein Daher verbannte er das Lateinreden ganz aus seiner Schulanstalt Eben dieses was bei vielen dem Lateine ergebenen Eltern und Schullehrern ein Anstoß war empfahl sie in Meister Antons Hause wo man seit dem letzten Examen des Lateins satt hatte Es ward demnach beschlossen den der Weisheit des Kandidaten zu Vaals entwachsenen Anselmino in diese Schule zu schicken Unser Held musste sich also unvermutet von seiner kleinen Sophie trennen welches nicht ohne Tränen abging aber Philipp zog mit ihm nach Dessauer Weise als Famulant aufzuwarten und zu lernen
Anselmino kam im Philantropine zu Horbock in eine ganz neue Welt Man muss dem wohlehrwürdigen Erasmus Quincunx zum Ruhme nachsagen dass er die runden Hüte mit hohen Köpfen für sich und seine Zöglinge eher einführte als sonst irgend jemand in Deutschland Diese hohen Hüte die rund abgeschnittenen Haare die Wämser in Uniform die Halbstiefel die Verdienstorden und das Essen nach der Trommel machten die jungen Philantropisten zu niedlichen Kerlchen und Anselmino ward bald unter die Niedlichen der Niedlichste Er dünkte sich selbst hübsch und ward bald vorschnell und trotzig Er lernte meilenweit ohne Zweck zu Fuße laufen sich täglich kalt baden über einen Stock springen kurz alles was man in der wirklichen Welt nicht braucht und er lernte es umso viel eifriger da seine Lehrer laut sagten die Welt würde bald ebenso werden wie das Philantropin in Horbock alle Menschen würden in kurzem sich kalt baden laufen springen hohe Hüte und Halbstiefel tragen so hielten sich demnach die kleinen Philantropisten schon in Gedanken für die Muster der Bildung einer ganzen Generation
Es ist wahr statt dass in Anselms lateinischer Schule die Übung des Gedächtnisses alles gewesen war so ward nun seine Denkungskraft geübt Aber unglücklicher Weise dachten seine Lehrer ziemlich schief und so lernte er schief denken Man lehrte ihn Weisheit aber es war nur die Weisheit frischgebackener weiser Lehrer die vor kurzem erst Knaben waren und daher selbst nicht viel als die Weisheit eines Knaben bedurften Diese Weisheit kam der angeborenen Klugheit unsers dicken Männchens trefflich zustatten Denn nun dünkte er sich viel klüger und wollte von jedem Warum das Darum sagen eh ers gelernt hatte Mit Lernen ward er überhaupt nicht sehr angegriffen Zufolge der Grundsätze des Philantropins zu Horbock sollte er nur lernen wenn er Lust dazu hatte und die hatte er selten so dass er ohne seine natürliche Fähigkeit gar nichts würde gelernt haben
Nachdem unser Held zwei Jahre dort zugebracht hatte kam er als ein ganz andrer Mensch nach Hause jeder der ihn sah staunte ihn an Sein Verstand war zwar in gewisser Rücksicht mehr entwickelt denn er hatte denken und räsonnieren lernen aber völlig verlernt hatte er sich im gemeinen Leben verständig aufzuführen Er hielt es für ganz unnötig sich nach der übrigen Welt zu richten denn er hatte in Horbock so oft gehört die Welt sei ausgeartet daher forderte er dass sich die Welt nach ihm richten solle nach ihm der aus der bessern Welt von Horbock kam Er hielt sich nichts für übel sprang über Stock und Block verachtete alles räsonnierte über alles Wahr ist es er hatte vieles gelernt was sein Vater und sein Oheim nicht wussten und was vielleicht auch in Vaals vor ihm niemals jemand gewusst hatte doch fehlte ihm ganz die Geschicklichkeit es gut anzubringen Er wollte nicht beleidigen ward aber wider seinen Willen durch sein ganzes Betragen beleidigend Er würde noch unerträglicher geworden sein wenn ihn nicht Philipp von manchen Dingen abgehalten hätte Dieser sah mit seinem kalten gesunden Verstande die Wahrheit ein schwieg zwar ungefragt sagte sie aber wenn er gefragt ward Nun war Anselm sehr redselig fragte daher sehr oft und hörte denn von Philipp manche Wahrheit die er besser hätte nutzen können wäre sein Leichtsinn nicht zu beständigen Seitensprüngen geneigt gewesen so dass alle Nachbarn sagten Musje Anselm ist ein Musje Naseweis
Anselmino bemächtigte sich Philipps als eines Freundes ob er gleich eigentlich mehr der Kammerdiener des jungen Herrn war welcher schon den Dünkel fühlte ein Wesen wie Er müsse einen Kammerdiener haben Philipp frisierte ihn holte seine Kleidungsstücke zusammen wenn er sie wie gewöhnlich herumgeworfen hatte und brachte sein Zimmer in Ordnung welches gemeiniglich sehr unordentlich aussah Wenn Philipp da nichts zu tun hatte bot er sich freiwillig an alles zu tun was im Hause vorfiel Er hatte eine sehr schöne Hand schreiben lernen er rechnete aus dem Kopfe auf philantropinsche Art und hatte noch manche anderen nützlichen Kenntnisse unvermerkt gesammelt so dass er zu allen Manufakturgeschäften brauchbar war und jedermann ihn lobte
Anselmino hingegen fühlte sich berufen nichts zu tun auch lobte ihn eben niemand Seine Hauptleidenschaft war nach hübschen Mädchen – in allen Ehren – zu sehen und er lief oft ein paar Stunden zu Fuße um eine recht ins Gesicht zu fassen Erblickte er sie nicht so hatte er doch die schöne Natur gesehen und glaubte die Natur zu genießen wenn er müßig ging Er badete sich in jedem Bache oder Teiche und fiel zuweilen auf die Nase wenn er seine Geschicklichkeit im Springen zeigen wollte Er glaubte nach der Natur zu leben wenn er so lebte wie es seinem Dünkel gefiel der bürgerlichen Gesellschaft aber meinte er nichts schuldig zu sein Er moralisierte über alles dies oft stundenlang mit Philipp denn moralisieren war immer reden und seine Klugheit zeigen Beides aber liebte unser dicker Mann und Philipp der Anselms Taten nicht bewunderte kam immer zu kurz wenn er ihn eines Bessern überweisen wollte Anselmino hatte seine eigene Moral lieber weil sie ihm erlaubte alles zu tun wozu er Lust hatte und er besann sich nach vielem Moralisieren sogar er müsse wohl lauter Gutes tun denn ihm fiel ein er habe noch nichts getan was er selbst für Böse gehalten hätte
So sehr die Eltern ihren Sohn liebten so schüttelten sie doch über dies geniemässige Leben die Köpfe Es erfolgten auch gelinde Verweise Oheim Georg schalt tüchtig Anselm disputierte wollte Recht haben ward widerlegt und nicht überzeugt Dann erzählte er einmal wieder etwas von der Naturgeschichte oder der Geographie was er im Philantropin gelernt hatte und da freute man sich dass er doch nicht unwissend war Dann machte er wieder einmal ein guterziges Stückchen das die Herzen mit ihm vereinigte lebte ein paar Tage eingezogen und beging sodann wieder einen dummen Streich welcher den gesunden Verstand des ganzen Hauses empörte Kurz die Sache blieb wie sie war wenn auch manchmal Hoffnung zu erwachen schien sie möchte anders werden und dies drückte auf die guten Eltern um so viel mehr weil sie immer weniger wussten was denn nun aus ihrem einzigen Sohne werden sollte
»Was aus ihm werden soll« rief Oheim Georg aus »Nun ist der Junge zum Tuchmacher gar nichts nütze Die neumodische Schule hat ihn unklug gemacht Sein Hin und Herlaufen sein Müßiggang würde deine Manufaktur noch mehr in Unordnung bringen als das Latein Ich wollte er wäre so wie Philipp den hat niemand zu etwas angehalten doch er ist zu allem brauchbar und Anselm zu nichts«
Vater und Mutter seufzten heimlich »Das ist wohl war«
»Lass ihn studieren Bruder Anton« fuhr Georg fort »Lass ihn studieren er ist zu nichts Besserm nütze Es wird weniger schaden wenn er ein gelehrter Hasenfuß ist als ein hasenfüssiger Fabrikant Der welchen die andern ernähren mag noch eher ein bisschen geckisch sein wenn es einmal so sein muss aber wer andere ernähren soll muss arbeiten und ordentlich arbeiten« Also studieren sollte nun Anselm Aber was Frau Sabine musste ihrem Manne um so mehr nachgeben weil Anselm selbst die Theologie weit von sich warf und so ward die Arzneiwissenschaft gewählt
Siebenter Abschnitt
Anselms Abreise nach der Universität nebst des Verfassers zufälligen Betrachtungen über Studenten und Universitäten
Anselm ging bald darauf nach der Universität Göttingen ab Das gab nun ein betrübtes Scheiden zwischen ihm und Vater und Mutter und selbst auch zwischen ihm und Oheim Georg Denn hielt gleich der Moralist Georg unsern kleinen runden Mann für einen Hasenfuß worin er nicht ganz unrecht hatte so war doch auch nicht zu leugnen dass Anselm ein muntrer froher Bursche war rund und gesund am Körper mit manchen Kräften des Geistes begabt die durch erworbene Kenntnisse noch mehr entwickelt waren Dies sah selbst Oheim Georg und wenn er das runde Kerlchen einen Hasenfuß schalt so freute er sich doch wieder innerlich wenn der Hasenfuß sich bei manchen Gelegenheiten so flink und so anstellig zeigte dabei hatte Anselm im Philantropin seine Gutherzigkeit und seinen Frohsinn nicht verloren die ihm Freunde machten selbst unter denen welche ihn für einen Hasenfuß halten mussten Als er nun das Haus verlassen sollte sah man nur auf seine guten Eigenschaften und die Tränen flossen allgemein über seinen Abschied Die herzlichsten Tränen flossen aus den blauen Augen der kleinen Sophie Etwas hasenfüssiges Wesen schadet einem munteren Jünglinge bei einem dreizehnjährigen Mädchen nicht so viel als bei einem Moralisten Georg Sophiechen sah in Anselm nur den hübschen fröhlichen gutmütigen Jungen den ersten Gespielen ihrer Jugend und in ihrem kleinen Herzen regte sich etwas das sie selbst nicht kannte Zumal seitdem sie sah dass er auch nach andern Mädchen lief empfand sie noch deutlicher wie nahe er ihrem Herzen war Aber Sophiechen hatte nichts von andern Mädchen zu befürchten Ihre Schönheit in der vollen Blüte der Jugend war so groß dass sie Anselms des eifrigen Schönheitssuchers Herz bezwungen hatte Er war um das rechte und kürzeste Wort zu gebrauchen er war ganz vernarrt in sie hing immer an ihrer griechischen Nase und an ihren braunen Locken Beim Abschiede nachdem ihn seine Eltern und Meister Georg weinend umarmt hatten küsste er auch Sophiechen zum erstenmale und das fuhr in ihn wie ein Blitz Er versprach sich selbst und leise flüsternd auch ihr keine andere sollte die Gefährtin seines Lebens werden In diesem Augenblicke glaubte er es sie glaubte es noch mehr Junges Volk meint immer Liebe der Jugend daure unverändert und mache das ganze Leben glücklich Zuweilen geschieht es sehr oft aber geschieht etwas anders Anselm küsste Sophiechen noch einmal eilte in den Wagen sein Vater reichte ihm die Hand und Meister Georg indem er sich die Augen trocknete rief ihm nach »Ich bitte Dich Junge werde kein Narr«
Und doch war unvermerkt alle Anlage zur Gefahr gemacht dass Anselmino auf der Universität ein Narr werden konnte Wir haben schon oben bemerkt dass Meister Anton nachdem er Reichtum erworben hatte weder seinen Tisch noch seine Kleidung noch sein ganzes Hauswesen deshalb auf einen höheren Fuß setzte Auch Frau Sabine und Sophiechen gingen immer noch nach der Simplizität ihres ehemaligen Handwerksstandes gekleidet Aber die Mutter konnte nicht übers Herz bringen ihren einzigen geliebten Sohn so zu kleiden Mütter putzen ihre Kinder so gern Das hängt mit so vielen andern zärtlichen Gesinnungen zusammen dass es tadeln mag wer keine zärtliche Gesinnung kennt Anselmino hatte also schon an der Mode so viel Anteil empfangen als sich in Vaals tun ließ Seidene Westen seidene Strümpfe modische Schnallen waren ihm schon nach und nach angeschafft worden Nun da ihr Anselmino auf die Universität ging wollte Mütterchen seine schöne runde Figur solle dort vorteilhaft in die Augen fallen und lag deshalb ihrem Manne täglich an Meister Anton hatte wie schon gedacht seinen ambitiösen Fleck und da ihm seine Frau schon nachgegeben hatte dass sein Sohn auf einen Arzt studieren sollte so konnte er ihr um so viel weniger abschlagen was er selbst insgeheim wünschte Er wollte zum erstenmale zeigen er sei ein reicher Mann und setzte seinem Sohne auf der Universität jährlich eine viel größere Summe aus als manche Söhne vornehmerer Leute zu verzehren hatten Oheim Georg machte zwar die triftigsten Gegenvorstellungen aber vergebens weil beide Eheleute wider ihn waren Da sie einmal das viele Geld hatten wozu sollten sie es brauchen wenn sie es nicht an ihren einzigen Sohn wenden wollten Alles was Oheim Georg mit einiger Mühe erhalten konnte war dass Philipp den man sonst gern als einen tüchtigen Arbeiter in der Schreibstube und Manufaktur zurückbehalten hätte halb als Freund halb als untergeordneter Aufseher mit auf die Universität gegeben ward Diese Vorsicht Georgs hatte bessere Folgen als die Freigebigkeit der Eltern Wenn Anselm auf Universitäten nicht ganz unwissend blieb und nicht ganz ein Narr ward so geschah es durch seinen natürlichen gesunden Verstand der ihn doch nicht völlig verließ durch seinen fähigen Kopf der schnell und leicht behielt durch seine Neuigkeitsliebe welche ihn immer wieder zum Studieren brachte wenn er der burschikosen Lustbarkeiten die ihn davon abhielten überdrüssig war und vorzüglich durch sein gutes Geschick dass ihm Philipp zur Seite blieb vor dessen wachsamer kalter Vernunft er sich scheute noch größere Torheiten zu begehen Wenn er aber doch ein ziemlicher Geck ward so lag hauptsächlich die Schuld daran dass er mehr Geld zu verzehren hatte als ihm diente weshalb er sich gewohnte zu schließen er könne zeitlebens so viel Geld ausgeben und so viel Zeit verschwenden als ihm beliebte und könne immer seinen Einfällen folgen ohne zu sorgen woher die Mittel dazu kämen
Es scheint in Deutschland bei dem jetzigen Zuschnitte der Universitäten gleichsam mit Fleiß darauf angelegt zu sein die reichen Studenten zu Gecken zu machen Um die Armen bekümmert man sich auf der Universität so wenig wie in der Welt überhaupt und überlässt ihnen Pedanten zu werden es sei nun brauchbare oder unbrauchbare Man legt überhaupt eine große Wichtigkeit auf die Studenten Dahin zielet das Herrentum welches ihnen die junge Magd und der Professor beilegt und das Burschentum welches ihnen die ganze Universität beilegt nebst der Freiheit ungestraft faul liederlich und impertinent zu sein wenn sie sonst wollen Unsere guten Vorväter scheinen ausdrücklich Einrichtungen gemacht zu haben um diese zügellosen jungen Wildfänge aus der großen Kette der bürgerlichen Gesellschaft für welche sie doch eigentlich sollen erzogen werden ganz abzuschneiden und für sich zu isolieren Sie sind sogar von aller bürgerlichen Gerichtsbarkeit ausgenommen und werden durch Professoren gerichtet die größtenteils von dem Wohlwollen dieser Wildfänge ihr kümmerliches Auskommen und was ihnen als Weisen mehr wert ist ihren kümmerlichen akademischen Ruhm zu erwarten haben Den Dünkel welcher der Wichtigkeit des Studentenstandes ankleben muss predigt der ganze akademische Esprit de Korps Der breite Stein die akademischen Orden das Kollett die hohen Hutfedern sogar die lahmen Gäule worauf die wilden Jünglinge umherstolpern alles geht dahin Ja wir haben Beispiele wenn die Obrigkeit nötig fand Gesetze zur Einschränkung des unanständigen Lebens zu geben verließ die zügellose Jugend in förmlichem Aufruhre wider so weise Anordnungen den Ort den ihr der Willen ihrer Eltern und Obern zur Erlernung nützlicher Kenntnisse angewiesen hatte Da ließ sich die Obrigkeit denn herab Verträge mit den Widerspenstigen zu schließen und sie anstatt verdienter Strafen und Verweise mit sehr unnötigem Prunke zurückzuholen und die Lehrer ließ sich herab zur Freude über die Wiederkehr der widerspenstigen Flüchtlinge Erleuchtungen anzustellen Es kann also kein Wunder sein dass Jünglinge auf welche mehr Wichtigkeit gelegt wird als auf sie gelegt werden sollte von ihrer wahren Bestimmung so leicht abweichen und anstatt zu brauchbaren Männern zu gedeihen Gecken werden Hauptsächlich gibt es zweierlei Arten von Geckerei denen die jungen Bewohner der Universitäten gleich endemischen Krankheiten unterworfen sind Erstlich die Geckerei im gemeinen Leben Diese Krankheit befällt vorzüglich die reichen und vornehmen Studenten Ihr könnt – Ausnahmen abgerechnet – beinahe gleich sicher darauf rechnen dass ein junger Mensch der auf Universitäten viel Geld zu verzehren hatte und also im hohen Tone lebte wie ein beschwerlicher Geck in seine Vaterstadt zurückkommt als dass derjenige welcher sich auf Universitäten mit wohltätigen Stiftungen behalf und fleißig studierte bei seiner Zurückkunft in Gesellschaft link und ängstlich sein wird Es kostet gewöhnlich einige Zeit bis jener durch guten Umgang so zahm gemacht wird und dieser dadurch soviel Gewandtheit und Geselligkeit erhält dass sie ein wenig erträglich werden
Die zweite Krankheit denen die Studenten gemeiniglich gegen das Ende ihrer Universitätsjahre und noch lange hernach unterworfen sind ist die Geckerei in den Wissenschaften Diese befällt ohne Rücksicht auf Armut und Reichtum nur denjenigen Teil von ihnen der etwas gelernt hat Glücklich ist der sehr kleine Teil der reichen und vornehmen Jünglinge zu preisen der von dieser Krankheit noch kann angegriffen werden Man muss ihnen dazu Glück wünschen wie den reichen und vornehmen Alten die noch Kraft haben das Podagra zu bekommen Hat ein Student reich oder arm etwas gelernt so ist zehn gegen eins zu wetten er wird eine zeitlang oder zeitlebens ein gelehrter Geck sein wenn ihm sein gutes Geschick nicht eine besondere Bescheidenheit oder einen seltenen BonSens verliehen hat Er ist gemeiniglich zu voll von allerlei Wissenschaften und zu leer von der Hauptwissenschaft die übrigen richtig anzuwenden Er weiß so vieles und weiß es so ganz gewiss er entscheidet so vieles und zwar ganz unwiderruflich und es dauert abermal einige Zeit bis er zu merken anfängt dass er viel weniger weiß als er gelernt hat und dass er noch nicht entscheiden muss weil ihm noch sehr viel zu lernen übrig ist was auf keiner Universität kann gelehret werden Am öftersten macht die auf Universitäten so gangbare spekulative Philisophie die ehrenfesten Kandidaten bei ihrer Zurückkunft zu den unerträglichsten Gecken und oft noch zu etwas schlimmem Es ist einerlei ob ein solch gelehrter Geck die Philosophie Wolfisch durch Demonstration oder Kantisch durch Kritik getrieben hat Alle Arten solcher Philosophie bringen bei jungen Leuten – und einige Philosophen bleiben sehr lange jung – den Dünkel hervor alles sicherer als andere zu wissen machen sie peremptorisch wenn sie glauben Recht zu behalten und grämisch wenn ihnen widersprochen wird Beide Eigenschaften geben den frühaufgeschossenen Philosophen im Laufe des gemeinen Lebens einen lächerlichen Anstrich bei denen die solchen Dünkel von der komischen Seite ansehen und erwecken Widerwillen bei denen welche Alter Reichtum hohe Geburt und wichtige Ämter wohl für so gute Gründe halten sich nicht widersprechen zu lassen als einen kategorischen Imperativ zumal wenn er in dem imperativen Lehrertone vorgebracht wird der kaum auf dem Katheder schicklich im Weltumgange aber ganz unerträglich ist
Achter Abschnitt
Anselm studiert gründlich bis zu seiner Doktorpromotion
Unser guter runder Anselm nachdem er drei Jahre auf Universitäten gewesen war hatte alle Anlage Geckereien mancherlei Art mit nach Hause zu bringen Nicht leicht hat eine Universität auf die Aufführung und Lebensart der Studenten auch nur eine Art von Aufsicht so wenig auf ihr Studieren als auf die Anwendung ihrer Zeit Beides ist gänzlich dem Gutdünken der jungen Leute überlassen Nun kann der geneigte Leser leicht erachten dass Anselm der sich schon in seines Vaters Hause herausgenommen hatte nach eigener Willkür zu leben hier nicht anders werde gelebt haben und dass seine Klugheit auf die er sich von seiner ersten Jugend an so viel zugute tat ihn werde überredet haben dass seine Willkür in der Anwendung seiner Zeit und in seinen Beschäftigungen jederzeit die klügste Wahl getroffen habe
Er hatte von Jugend auf gern getan was seinem Herzen gelüstete und nun da er ein gelehrter Mann werden wollte kam ihm die Lust an alles zu treiben was auf Universitäten gelehrt wird freilich am wenigsten die Arzneikunde welche zu erlernen er eigentlich dahin geschickt war Dass dies sein Zweck sein sollte und dass er überhaupt einen Zweck hatte fiel ihm gar nicht bei sondern ein Tag führte zufällig die Beschäftigung oder den Müßiggang des folgenden heran Aber Gelehrsamkeit war ihm auch nur eine Nebensache Er hatte mehr Geld in der Tasche als er je zusammen gehabt hatte und gleich das erste Vierteljahr brachte ihm die Erfahrung dass ein zärtlicher Bittbrief an seine Mutter dessen noch mehr herbeischafte Er ging also nun darauf aus sein Leben recht zu genießen und der ganzen Universität zu zeigen was der runde Anselm für ein Kerlchen sei Er war beflissen sich hauptsächlich nur zu den vornehmen und reichen Studenten zu halten und es ihnen in allem gleich ja wo möglich noch zuvorzutun Er wurde die Seele aller ihrer Koterien aller Lustpartien nach Weende und aller kostbaren Reisen nach Kassel und wo ein schönes Mädchen wohnte da ging er täglich wohl viermal vor dem Fenster vorbei
Freilich musste dabei viel Zeit verloren gehen doch kann man nicht sagen dass unser dickes Männchen seine Studien ganz verabsäumt hätte denn er hörte sogar medizinische Kollegien oder bezahlte sie doch wenigstens dabei trieb er vorzüglich die ritterlichen Übungen des Fechtens Reitens und Tanzens so wie es einem reichen Studenten gebührt Ja er lernte noch dazu ziemlich vernehmlich auf der Geige kratzen weil er gern einigen Edelleuten nacheifern wollte welche zu dem wöchentlichen Konzerte eines in ganz Deutschland verehrten Mannes gebeten wurden Aber am fleissigsten besuchte er die Kollegien über alle Teile der spekulativen Philosophie besonders über die Ontologie Kosmologie und über alles was jenseits des menschlichen Verstandes liegt worüber in den Kollegien der Professoren der Philosophie bekanntlich die sichersten Nachrichten zu erhalten sind Hieraus machte er wirklich ein ernsthaftes Studium und war nicht bloß mit den Sätzen seiner Lehrer zufrieden sondern überließ sich sehr bald seinem eigenen Nachsinnen Er fand einen Lehrer der Weltweisheit welcher der damals schon in Abnahme geratenden Wolfischen Philosophie noch sehr ergeben war Dieser machte ihn mit den Geheimnissen der demonstrativischmatematischen Methode bekannt welche von ihm sogleich angewendet ward Denn da Anselmuccio seinen Einsichten viel zutraute so traute er sich auch zu ergründen zu können wie es mit Gott und dem Universum beschaffen sei und wenn ers matematisch demonstriert hatte so hielt ers für ergründet Fand er nun einen andern philosophischen Anfänger der eben so tief dachte und eben so weit ins Blaue hinaussah wie er selbst so flogen die Atqui und Ergo stundenlang bis beide heiser waren und dennoch verharrte gemeiniglich jeder auf seiner Meinung War Anselmuccio aber in solchem philosophischen Paroxysmus allein so vertiefte er sich oft tagelang in Spekulationen über Substanzen und Accidenzen Welt Kraft und was dahin gehört so dass ihn nichts herausziehen konnte als der Anblick eines neuen schönen Gesichts Dies ging freilich bei ihm noch über die Ontologie Fanden sich ein paar heitere schwarze oder schmachtende blaue Augen die ihn holdselig anblickten oder ein schöner Mund der ihn freundlich anlächelte so war Anselmino gleich sterblich verliebt und Substanz Kraft und Universum waren vergessen Nun sah er wieder um sich her nun sah er das Gras und die Blumen und die Bäume nun flossen holde Liebeslieder aus seinem Gehirne Dies dauerte bis wieder entweder das Universum oder ein Ritt nach Weende das schöne Gesicht auslöschte oder bis es über ein noch schöneres vergessen ward Indes tat das Andenken an Sophiens griechisches Gesicht den Göttingischen Schönen bei ihm sehr viel Abbruch Es stellte sich ihm aufs lebhafteste dar wenn Sophie entweder unter die Briefe seiner Mutter ein paar freundliche Worte schrieb oder ihm zu seinem Geburtstage ein Angebinde schickte Dann war er gleich mit seiner ganzen Seele zu Vaals im väterlichen Hause und vergessen waren Kollegien Disputationen Lustritte und Kasselsche Reise bis er sich nach und nach wieder an eines nach dem andern erinnerte Alsdann holte ers aber auch nach und besonders die Lustritte und Freudengelage hatten mit verdoppeltem Eifer ihren Fortgang
Dass diese Lebensart ordentlich gewesen wäre glaubte niemand außer ihm selbst denn unser dicker Mann hatte ein so zartes Gewissen dass er oft über seine Lebensart mit sich Rechnung hielt und fand sie sei noch recht gut Sein getreuer Philipp war freilich so wie alle Professoren und ordentlichen Studenten anderer Meinung und hielt ihm oft eine Strafpredigt Da hatte er aber immer so viel zu seiner Entschuldigung anzuführen und wusste sich sehr damit dass er seiner Meinung nach nichts eigentliches Böses tat und manche schlimmen Dinge unterließ die er an andern sah aber woran er kein Vergnügen fand Er betrank sich nicht er betrog nicht er hielt sich nicht eigentlich zu den Gesellschaften die man die liederlichen nennt obgleich die lustigen oft sehr nahe daran grenzten Schulden machte er auch nicht denn sein Vater schickte ihm so viel Geld als er verschwendete Er tat niemand etwas zu Leide war vielmehr gutherzig und mitleidig half seinen Freunden gern und geizte dabei gar nicht mit seines Vaters Gelde Er behauptete fleißig zu studieren Philipp mochte sagen was er wollte In der Tat ging er in die Kollegien wenn er sonst nichts Notwendiges zu tun hatte und hielt sich noch dazu für bares Geld einen fleißigen Studenten welcher mit ihm diejenigen repetieren musste welche er versäumte
Solange Anselmino gutes Muts war kam Philipp niemals vor ihm zu Worte Hatte er aber etwa einmal zu lange bis gegen Morgen geschwärmt oder in einer mondhellen Nacht auf dem Felde auf Verse für seine Sophie gesonnen und sich dabei erkältet oder stieß ihm sonst eine kleine Unpässlichkeit zu wovon er weil er sich und sein Leben liebte immer sehr üble Folgen befürchtete so war er gleich ziemlich kleinlaut und sodann der moralischen Ermahnungen etwas empfänglicher Alsdann gelang es Philipps gesunder Vernunft wohl einmal ihn zu überweisen dass er seine Zeit nicht gehörig anwende Alsdann überfiel ihn eine bittere Reue und die Reue selbst entflammte seine Einbildungskraft Er sah dann seinen bisherigen Müßiggang lebhaft vor Augen er nahm sich vor die verlorne Zeit zu ersetzen und noch mehr nachzulernen als er konnte versäumt haben Er verdoppelte die Stunden zur Repetition ja ihm fielen noch einige Wissenschaften und Sprachen ein die er gleichfalls lernen sollte Er fing an neue Kollegien darüber zu hören und kaufte eine große Menge Bücher zusammen in welchen er alles was ihm fehlte noch nachstudieren wollte Die Kollegien wurden einige Stunden angehört Die Bücher wurden alle auf einmal ohne Ordnung gelesen Bald verstand er sie nicht bald war ers überdrüssig und warf sie in einen Winkel Niemand hatte Nutzen dabei als der Buchhändler der die ungelesenen Bücher verkaufte der Professor der die ungehörten Kollegien bezahlt bekam der Student der an Anselms statt in die Kollegien ging und ihm zu Hause wenns die übrigen Zerstreuungen erlaubten wieder einen Teil davon so gut er konnte vorsagte und der fleißige Philipp der diese Wiederholungen aufmerksam anhörte und von den Büchern diejenigen die seine Fähigkeiten nicht überschritten mit Ordnung und Nachdenken las
Für Anselm war es vermutlich noch ein Glück dass er des größten Teils der Dinge der ihm einfiel lernen zu wollen bald überdrüssig ward Er bekam bei dieser selbsterdachten Art zu studieren eine Menge unordentlicher unentwickelter Ideen untereinander in den Kopf die ihn weder klug noch froh machten Seine Kenntnisse wurden verwirrt sein Dünkel genährt und sein Geist ohne Zweck immer mehr angespannt Da er wechselweise entweder in der idealischen Welt der Spekulation oder in der idealischen Welt der Imagination lebte in der wirklichen Welt aber bloß zum Genüsse zu sein glaubte so ist leicht zu erachten dass er gar nicht daran dachte dasjenige zu studieren was ihm etwa in der wirklichen Welt einmal nützlich sein könnte
Eine von den Begebenheiten welche ihn von Zeit zu Zeit aus seinem Taumel weckten war die Nachricht von dem Tode seines Oheims Georg und kurz darauf von dem Tode seiner Mutter Er ward dadurch aufs Äußerste gerührt seine unordentlich angespannte Einbildungskraft sank durch die Wahrheit seiner Betrübnis nieder und machte den besten Entschlüssen Platz ordentlich zu leben und zweckmäßige zu handeln Dergleichen Entschlüsse fasste er sehr oft nur dauerten sie gewöhnlich gar nicht lange Es möchte überhaupt die Zeit wo er wirklich das tat weshalb er eigentlich auf der Universität sein sollte in allem ungefähr auf den zehnten Teil der Zeit seines dortigen Aufenthalts oder wenn man es so genau nicht nehmen will etwa auf den achten Teil zu rechnen sein
Indes so zwecklos auch sein Studieren gewesen war erhielt er doch am Ende seiner akademischen Laufbahn den letzten Zweck weshalb ein jeder junger Arzneigelehrter auf die Universität geht Sein Vater der während der drei Jahre so manchen Posten Geld an ihn zu übersenden hatte wann ers am wenigsten dachte sparte es nun am Ende nicht da es das Letzte sein sollte Er übersandte so reichliche Summen dass für unsern Anselm eine ansehnliche Doktordisputation gedruckt ward mit schönen ich weiß nicht myologischen oder nevrologischen oder angiologischen Kupferstichen geziert Auch waren Schrift und Stich unfehlbar des Doktorands Anselmuccio Eigentum zu nennen da sein Vater beide bezahlt hatte Das Latein das Einzige was er auf der Schule gelernt hatte und die Disputierkrätze – ein natürliches Symptom der Überladung junger Leute mit spekulativer Weisheit und ansteckend wie irgendeine andere Krätze halfen ihm diese schöne Disputation verteidigen das heißt kein Wort schuldig bleiben sondern geschwinder schwatzen und lauter schreien als seine Opponenten so dass alles zu seiner großen Ehre abging Nicht völlig so ehrenvoll war sein Examen zum Doktorate gewesen denn da hatten die Herren Examinatoren sehr viel mehr gesprochen als er Indes die Arzneikunde ist eine menschenfreundliche Wissenschaft und daher sind auch die Herren der Fakultät wenn es nötig ist gegen die Examinanden menschenfreundlich gesinnt Es ging also auch hier alles gut und wirklich bekam das Examen unserm Anselm besser als der Doktorschmaus Nachdem jenes geendigt und das Attest darüber unter dem Siegel der Fakultät ausgefertigt worden war ihm das Herz leicht weil nun die grösseste Schwierigkeit gehoben war die ihn hätte hindern können ungesäumt das Doktordiplom zu erhalten und mit ihm die Erlaubnis jeden zu töten der nicht auf seine gegebenen Mittel von Natur gesund werden wollte Das Disputieren hatte ihm doch auch einige Sorgen gemacht und er überließ sich daher auf dem Doktorschmause seiner Freude so sehr dass er sich eine heftige Indigestion zuzog Er wollte nun seine eben erlangte Erlaubnis zu kurieren ganz unparteiisch zuerst an sich selbst ausüben Dies wäre aber bald sehr übel abgelaufen Wäre es bei Doktor Anselms eigener Verordnung geblieben so wären wir der Mühe überhoben worden seine Geschichte weiter zu beschreiben Aber der Dechant der Universität hatte Ursache mit dem jungen Doktor so wohl zufrieden zu sein dass er sich seiner auf dem Krankenbette ebenso treulich annahm als bei der Dissertation und beim Examen Und so wird jeder einsehen dass wenn auch Meister Anton wegen der Doktorpromotion seines einzigen Sohnes große Kosten hatte sie doch nicht übel angewendet waren da diese Promotion Gelegenheit gab diesem einzigen Sohne das Leben zu retten
Neunter Abschnitt
Doktor Anselms Rückkehr nach Hause und was er da tat und nicht tat
Nachdem alles zu Göttingen war bezahlt worden was auszugeben nötig war das Unnötige mit eingeschlossen reisten nun Doktor Anselm seine Disputation und sein Doktordiplom nach Vaals zurück Er selbst näherte sich froh dem väterlichen Hause nach seiner eignen Empfindung abmessend wie seine Doktorschaft dort würde empfangen werden Auch freute sich über ihn alles im Hause und in der Nachbarschaft Er war jetzt ein recht hübsches Kerlchen geworden mit runden frischen Wangen mit wohlgenährtem Bauche netten Waden nach der Mode gekleidet obendrein noch Doktor witzig und gelehrt und künftig reich Das alles wusste er und ließ merken dass ers wusste Er ward allenthalben bemerkt und wollte bemerkt werden Er zeigte seine hübsche runde Figur allenthalben und schwatzte viel aber freilich – tat er nichts Dies ist Leuten vom Temperamente unsers dicken Mannes ziemlich gewöhnlich denn sie lieben was wenig Mühe kostet Nun ists aber offenbar dass es viel leichter ist klug zu schwatzen als etwas Kluges zu tun daher auch die welche sehr weise sprechen wenn sie handeln wollen oft viel von der guten Meinung verlieren die sie durchs Sprechen erworben haben Und dies widerfährt nicht allein dicken und runden Leuten wie unser guter Anselm war sondern auch langen und hageren ohne Unterschied der Statur und Gesichtsfarbe ohne Unterschied ob sie braune oder gelbe oder schwarze oder rote oder graue Haare oder Knotenperücken tragen
Wenn wir sagen, dass Doktor Anselm nichts tat so soll dies nicht so verstanden werden als wäre er ganz untätig gewesen denn Untätigkeit widersprach seinem Charakter der so lebhaft war als sein Körper feist Nur tat er gerade nicht das was er eigentlich hätte tun sollen welches freilich auf gewisse Weise schlimmer war als ob er gar nichts getan hätte
Er hatte vielerlei zu tun Er hatte sich selbst zu zeigen und sein liebes Ich geltend zu machen ein weitläufiges Geschäft womit manche Menschen ihr ganzes Leben zubringen Er hatte schöne Gesichter anzuschauen und respektive ihnen nachzulaufen Wir sagen nachzulaufen denn es ward ihm nun nicht mehr so leicht gemacht dieser seiner Hauptbeschäftigung in seinem eignen Hause obliegen zu können Sophie war in den drei Jahren herangewachsen ein sehr liebenswürdiges und in mancher Augen fast vollkommenes Frauenzimmer geworden Sie war vernünftig sittsam gutmütig unterhaltend freundschaftlich wirtlich in einem noch höheren Grade wie vorher und was mehr war ihre Zuneigung zu Doktor Anselm hatte merklich zugenommen Nur in ein paar Nebendingen hatte sie sich freilich geändert Die Blattern hatten ihr schönes Gesicht verstellt und sie hatte durch einen unglücklichen Fall die linke Schulter verrenkt wodurch ihr schöner Wuchs etwas weniges gelitten hatte Unser dicker Mann der selbst wusste wie schön er war ergab sich auch nur der vollkommenen Schönheit und obgleich Sophiens schöne Locken und schöne Augen noch schöner waren wie vorher so konnte sie ihn doch nicht mehr rühren da Nase und Wangen sich verändert hatten und die herrlichen Eigenschaften ihres Geistes übersah er ganz
Er ward wir müssen es mit Betrübnis sagen täglich kälter gegen die geliebte Gespielin seiner Jugend Sie bemerkte dies zwar hielt aber die Zuneigung zu ihm die bei ihr unverändert blieb in ihrem Herzen verborgen und begegnete ihm immer noch mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit und Güte Dies hatte aber nicht die vorherige Wirkung auf den sinnlichen Anselm dessen Zuneigung sie nur durch ihr schönes Gesicht und ihren schlanken Wuchs gewonnen hatte Die Folge dieser Veränderung zeigte sich in kurzem deutlich genug Ein Kaufmann aus Limnich an der Roer der seit mehreren Jahren aus Meister Antons Manufaktur Tücher kaufte hatte Sophien wie eine Tochter im Hause bemerkt wenn er alle halbe Jahre der Abrechnung wegen nach Vaals kam Ihre Schönheit und selbst ihre Geistesfähigkeiten waren ihm wenig wert aber ihre Wirtlichkeit und die Hoffnung auf künftiges Vermögen bestimmten ihn bei Meister Anton um dieselbe anzuhalten Dieser hatte schon längst im Stillen den Gedanken gehegt sie zur Gattin seines Sohnes aufzubewahren Er urteilte ihre Sanftmut ihre zutrauliche Anhänglichkeit könne seines Sohnes wild umherschweifendes Feuer mäßigen und ihn zu dem machen was er noch nicht hatte werden wollen zu einem gesetzten und brauchbaren Manne Die beiderseitige Zuneigung war dem aufmerksamen Vater nicht unbemerkt geblieben und er hatte darauf seine Hoffnung gegründet Er tat den letzten Schritt den Antrag des Kaufmanns seinem Sohne zu eröffnen um seine Meinung zu hören Dieser war töricht genug kurzweg zu sagen Sophie sei nicht mehr schön und er könne nur ein schönes und wohlgewachsenes Mädchen lieben Der Vater zuckte die Achseln und tat ihm vernünftige Vorstellungen die aber bei einem so leichtsinnigen Jünglinge ohne Frucht blieben Dies schmerzte den guten Vater um so viel mehr da sich Sophiens geheime Zuneigung durch ihre Tränen offenbarte Meister Anton stellte ihr aber vor er sei alt und schwach und sie werde nach seinem Tode keinen Anhalt haben Er stattete sie aus wie eine eigene Tochter und sie nahm aus Überlegung die Versorgung mit einem Manne an den sie nicht liebte der bloß ein wirksamer Kaufmann und übrigens ein trockener seelenloser Gatte war Anselm sah sie mit einer Art von Zufriedenheit sein väterliches Haus verlassen denn er fand sich erleichtert weil ihr trüber Blick den er verstand ihm ein stiller Vorwurf war Er hatte eine zu richtige Empfindung um nicht zu fühlen dass er Unrecht tat aber bisher hatte er noch nie Energie genug gehabt um jemals ein Unrecht wirklich zu verbessern Es entfielen ihm als sie zum Altare ging unwillkürlich einige Tränen welche ihm sagten was er verlor Aber sein Leichtsinn erstickte wie sonst oft die innere Stimme die ihm Wahrheit sagte durch vermehrte Zerstreuungen und Vergnügungen Es waren in der Gegend so viele schöne schlankgewachsene Mädchen mit blitzenden Augen und frischen Wangen dass unser dicker Mann genug zu tun hatte um sich herumzusehen und sich zu verlieben Dass dabei viel Verse zu machen viel Spazierritte und Spazierfahrten zu tun viel Puder zu verstäuben und viel Riechwasser zu verspritzen gewesen sein werde ist leicht zu erachten Wenn man nun hinzurechnet dass er nicht nur bei den Mädchen seine Schönheit und angenehme Rundheit zu zeigen sondern auch bei Männern seine Weisheit geltend zu machen hatte indem er über jedes sprach jedem widersprach und viel ältere und klügere Leute so emsig belehrte dass ihm nicht einmal Zeit blieb ihre Gegengründe zu hören so wird man freilich zugeben unser dicker Mann sei ein ziemlicher Geck aber auch einsehen ob er gleich wirklich nichts tat sei er dennoch sehr beschäftigt gewesen
Seine Beschäftigungen wurden noch vermehrt weil er nun anfing Pläne für sein künftiges Leben zu machen Sophiens Verheiratung welche auf ihn stark wirkte hatte in ihm die Idee vom Ehestande lebhaft erweckt und einer jeden neuen Idee in Gedanken nachzujagen war sein Lieblingsgeschäft Jetzt war es die Idee vom häuslichen Glücke welches er sich mit den schönsten Farben ausmalte Jedes hübsche Mädchen besonders wenn es ihn ein paarmal freundlich anlächelte sah er schon als seine Frau und sofort sah er auch die lieben Anselmini und Anselmucci die aus dieser Ehe entstehen würden um sich herumspringen Und dann war er so selig indem er diese Pläne häuslichen Glücks für sein künftiges Leben machte oft auf mehr als dreißig Jahre hinaus einen immer schöner als den andern Freilich an die Mittel diese Pläne auszuführen dachte er nicht denn es konnte ja einem Manne wie ihm unmöglich fehlen dass alles in der Welt so ginge wie ers haben wollte
Ob nun gleich nicht zu leugnen ist dass unser dicker Mann ein ziemlicher Geck geworden war so würde er doch vollends ein ganz unerträglicher Geck gewesen sein wenn er nicht nebst vieler Gutmütigkeit eine gewisse Portion gesunde Vernunft oder Mutterwitz wenn man es so nennen will besessen hätte Die gesunde Vernunft ist wie ein Kompass dessen Nadel oft dekliniert und inkliniert aber dennoch allein anzeigt welche Segel man aufsetzen und wohin man das Steuerruder drehen muss um auf dem stürmischen Meere des Weltlebens sicher nach dem bestimmten Orte zu fahren Schlimm war es allerdings dass unserm dicken Jünglinge seine gesunde Vernunft die ihn so gut auf den rechten Weg hätte leiten können den er zu gehen hatte gewöhnlich erst den falschen Weg bemerklich machte wann er sich schon verirrt hatte und ihn oft schon wieder verließ ehe er sich ganz wieder zurecht finden konnte Diese gesunde Vernunft deren unser dicker Mann mehr benötigt war als er selbst fühlte schlummerte bei ihm gemeiniglich Es war für ihn ein großer Schaden dass er so früh seine Mutter verloren hatte deren sanfte Erinnerungen ihn auf einen bessern Weg hätten führen können und seinen Oheim Georg der alle Unordnungen mit Ernst würde gerügt haben Meister Anton war allzustill und allzugewohnt sein Hauswesen durch seine Frau und durch seinen Bruder regieren zu lassen und sich selbst bloß um seine Manufakturgeschäfte mit Ernst zu bekümmern Er sah seines Sohnes sorglose und unordentliche Lebensart zwar mit Betrübnis an wusste derselben aber nichts als einige gelegentliche Klagen und Ermahnungen entgegenzusetzen die des Vaters Betrübnis verrieten aber gegen den heftigen Stoß jugendlichen Leichtsinns wenig vermochten Also war Anselm seiner eigenen Sorglosigkeit überlassen und seine gesunde Vernunft ward nur noch zuweilen durch Philipps Vorstellungen aus ihrem Schlafe erweckt
Philipp hatte schon lange nichts mehr mit Anselms Haaren zu tun denn bereits in den ersten Universitätswochen hatte Anselm sehr nötig gefunden seine Haare täglich von einem besonderen Friseur vormittags in schöne Unordnung und nachmittags in modische Ordnung bringen zu lassen Eben so wenig hatte sich Philipp um Anselms Kleidung und übrige Sachen mehr zu bekümmern denn zu eben der Zeit war schon ein besonderer Bedienter angenommen worden der mit nach Vaals gekommen war und welchen Meister Anton nicht das Herz hatte abzudanken Philipp war mehr der Freund und Vertraute seines gewesenen Herrn der sich mit diesem so nützlichen Freunde weniger durch Wahl oder Überlegung vereinigte als durch das Bedürfnis seiner natürlichen Schwatzhaftigkeit jemanden haben zu müssen dem er seine Gedanken mitteile
Philipp nahm einst Gelegenheit dem mutigen Anselm sein Herumschwärmen und seinen zwecklosen Müßiggang vorzuhalten aber ohne Erfolg
Anselm rief »Ich genieße meine Jugend Was wäre denn das ganze Leben wert wenn man nicht glücklich lebte das heißt wenn man das Leben nicht genösse«
Philipp erwiderte »Ich habe mein Leben auch genossen obgleich arm Ich bin dankbar zufrieden froh gewesen Das scheint mir der schönste Lebensgenuss«
»Ich bin beständig froh und zufrieden«
»Und auch immer dankbar Denk an deinen Vater denk an Sophien Kann der zufrieden sein der Ursache ist dass um ihn Tränen fließen«
»Hm Wie du nun redest Mein Vater weiß nicht was er will das hab ich ihm bewiesen Sophie ist glücklich verheiratet sie wird um mich keine Träne fallen lassen«
»Sie wird sie abtrocknen weil es nun ihre Pflicht gebeut«
»Nu Sittenprediger und wenn ich Ursache bin dass sie ihre Pflicht tut was willst du mehr von mir«
»Dass du dich erinnerst du habest auch Pflichten auf dir Glaubst du dass dein zweckloses Herumschweifen dass der beständige Müßiggang in dem du nun fast ein Jahr fortschlenderst mit deinen Pflichten gegen die menschliche Gesellschaft bestehen kann«
»Was geht mich die menschliche Gesellschaft an ich mag nichts daraus als die Gesellschaft hübscher Mädchen um mit ihnen mein Leben froh zu genießen«
»So Wie würde es mit der menschlichen Gesellschaft stehen wenn keiner arbeiten und jeder nur genießen wollte Ich habe gearbeitet und dabei fand ich mich glücklich«
»Wer sagt denn dass niemand arbeiten soll Arbeite du immer fort Wenn aber der glücklich sein kann welcher arbeitet so ist der welcher andere für sich kann arbeiten lassen doppelt glücklich«
»Vielleicht nicht Ich habe zu Göttingen einmal den Spruch des Plato gehört Die Götter verkaufen dem Menschen Vergnügen um Arbeit«
»Ich bin der Götter gehorsamer Diener Mein Handel ist anders Ich kaufe Vergnügen um Vergnügen«
»Das hieße Geld um Geld kaufen das würde kein Handel werden«
»Ei Der vorzüglichste Wechselhandel Gold um Gold Dukaten um goldene Ryder Ich akzeptiere Vergnügen auf die Augen hübscher Mädchen in Burscheid und prävaliere mich a vista auf englische Tänze in Aachen«
»Nimm dich nur in Acht dass du nicht den Kurs falsch berechnest dass du nicht Gold gegen Scheidemünze eintauschest oder gar an Ehre und gutem Herzen verlierst«
»Wie du nun reden kannst Philipp Hältst du mich denn für unklug oder für unehrlich Du weißt ich tue nicht Böses Ich gehe in keine schlechte Gesellschaft Ich suche nur mein Leben zu genießen soviel ich kann und ich kann es«
»Aber denkst du nicht wenn du in beständiger Zerstreuung mit deinem bisherigen Leichtsinne herumschwärmst dass du immer sorgloser werden nach und nach immer weniger edel handeln und endlich in schlechte Gesellschaft geraten wirst Da wirst du dann Vergnügen erhandeln wollen und wirst Missvergnügen einwechseln«
»Da müsste ich ja meine Klugheit verloren haben Wie sollte ich in schlechte Gesellschaft kommen Ich betrinke mich nicht ich spiele nicht verabscheue schlechtes Gesindel liebe nur was schön ist und edel und empfindungsvoll Schlechte Leute will ich mir wohl abwehren Ich genieße mein Leben weil sonst das Leben nichts wert ist Es bleibt bei meinem Handel Vergnügen um Vergnügen und noch Vergnügen zugegeben Bleib du bei den Göttern des Plato ich werde acht Tage in Aachen bleiben wo ich am Sonntage auf dem Balle ein göttliches Mädchen gesehen habe die muss ich näher kennenlernen und wissen wer sie ist dann will ichs dir wieder erzählen«
Zehnter Abschnitt
Doktor Anselms Eifer die Arzneigelahrteit zu praktizieren
Unser dicker Mann hielt sein Wort Er blieb acht Tage in Aachen er betrank sich nicht er spielte nicht aber er verliebte sich in eine Vettel die ihn mit witzigem und empfindsamen Schnickschnack ankörnte und bei welcher er zwei lange breitschultrige aber ganz artige Leute fand voller Witz und lustiger Laune Sie machten ein Gastmahl zusammen Da ward freilich gegessen und getrunken aber nicht bis zum Betrinken sondern nur um guter Dinge zu werden Nun ward ein Spiel vorgeschlagen aber Anselms Klugheit warf dies weit weg Indes sah er zu wie andere spielten Es ward aufs Spielen gewettet Wie es zuging dass Anselm mitwettete und noch mehr wie er so schnell eine beträchtliche Summe verlor wissen wir nicht da ers sich selbst nicht recht erinnern konnte Was er sich deutlich erinnerte war dass er glaubte geprellt zu sein dass er dies merken ließ und dass ihn darauf die beiden breitschultrigen Herren etwas unsanft zur Türe hinaus – und die Treppe hinunter schafften
Es ist offenbar dass hierbei gegen die Klugheit unsers dicken jungen Mannes nichts einzuwenden war denn wer konnte so etwas voraussehen Auch war wider seinen Mut nichts einzuwenden denn es waren zwei gegen einen Aber der strenge Philipp sagte doch »Freund hast du nicht Missvergnügen für Vergnügen eingewechselt und wär es nicht besser Vergnügen für Arbeit zu kaufen«
Die Wahrheit dieses Spruchs fiel nun unserm dicken Manne um so mehr auf je stärker das ihm ganz unvermutete Missvergnügen auf ihn wirkte Seine Einbildungskraft ward entflammt durch die Vorstellung der neuen Art des Vergnügens sich nützlich zu beschäftigen und nun opferte er zwei Tage lang alle seine Gedanken den Göttern des Plato Er war mit Ernste bedacht sich der Ausübung der Medizin zu widmen um sich dadurch ein neues Vergnügen zu schaffen Damit er sich nun aufs geschwindeste in Praxis setzen möchte fing er plötzlich an alle kranken Armen in der Gegend zu besuchen und umsonst zu kurieren Da er gleich anfangs das Vergnügen hatte dass einige gesund wurden so ergab er sich dieser menschenfreundlichen Beschäftigung mit verdoppeltem Eifer Vom Morgen bis an den Abend war er und sein Karriol unterwegs um in die Wohnungen des Mangels und des Elends Hilfe zu bringen Ob ihn dazu bloß seine Menschenfreundlichkeit und Gutherzigkeit zwei ihm angeborene Temperamentstugenden so sehr antrieben oder ob die Begierde sich geltend zu machen eine ihm ebenfalls angeborene Temperamentstorheit einen beträchtlichen Anteil daran gehabt habe möchte eine weitläuftige Untersuchung erfordern die um so unnützer sein würde da wir der Wahrheit zur Steuer berichten müssen dass etwa nach einem Monate dieser Eifer ziemlich nachließ Einige arme Kranke starben andere waren unfolgsam und nahmen seine Arznei nicht Die Unreinlichkeit ihrer Hütten ward ihm ekelhaft und weil er wie wir beiläufig bemerken müssen noch die Temperamentseigenschaft der Bequemlichkeit in hohem Grade besaß so fand er es bald sehr lästig zu allen Zeiten des Tages und in aller Witterung in seinen menschenfreundlichen Geschäften auf den Landstraßen herumzurollen Er gab zwar ferner den Armen guten Rat und Arznei wenn sie sich bei ihm meldeten aber seine Krankenbesuche wurden seltener und hörten endlich gar auf Ja zuweilen wenn ihm ein Rat wegen eines armen Kranken abgefordert ward und er gerade ein neues schönes Gesicht erblickt oder sonst etwas Neues im Sinn hatte es sei nun eine heitere Romanze oder eine tiefsinnige Betrachtung über Substanzen und Accidenzen so antwortete er zerstreut und kurz und wer weiß ob er nicht zuweilen radix Chinae mag verschieben haben wo er cortex Chinae hatte verschreiben wollen Das Beste ist dass der Schaden für die Kranken so groß nicht kann gewesen sein denn arme Leute werden gemeiniglich gesund wenn sie nur Arznei nehmen sei es welche es wolle so wie reiche Leute die arm am Geiste sind oft schon dadurch gesund werden wenn sie den Arzt nur sehen und ihre ganz besonderen ganz unerhörten Krankheiten ihm nur klagen können
Meister Anton der mit stillem Vergnügen bemerkt hatte dass sein Sohn anfing sich mit Ernste auf etwas zu legen und der daher das Geld für die Arzneien welche die Kranken bekamen mit doppeltem Vergnügen gegeben hatte sah mit Betrübnis dass er in kurzem diesen Anfang von Beschäftigung wieder verließ und in seine gewohnte verkehrte und zerstreute Lebensart fiel Er sah ein dies sei nicht der Weg auf dem sich sein Sohn zu einem brauchbaren Manne bilden könne So wenig auch Sprechen seine Sache war so konnte er doch nicht umhin ihm darüber einen Wink zu geben Einst sagte er zu seinem Anselm »Du hast nun so lange studiert mein Sohn und ich denke nach was du bist Mich dünkt Nichts Wisse aber lieber Sohn Aus Nichts wird Nichts« Anselm rief mit Heftigkeit aus
»Wie Ich wäre Nichts Bin ich nicht Doktor der Arzneigelahrteit«
»Ja das hat mein Beutel empfunden Aber die Kranken wissen von deiner Doktorschaft so viel wie nichts«
»Aber rechnen Sie denn für Nichts dass ich so viele Wissenschaften studiert habe und mich der Philosophie ergebe und die Ontologie und die Psychologie studiere«
»Ich weiß nicht was das ist und für wen du das studierst«
»Für mich selbst Ich habe mich selbst und meine Seele kennen lernen und täglich entdecke ich neue Kräfte in derselben«
»Du weißt also viel von dir selbst oder dünkst dich viel zu wissen und doch scheint es mir wenn du dich selbst kenntest so würdest du anders handeln als du handelst Doch wisse immer von dir selbst so viel du willst Es ist auch nötig dass du weißt was dich andere Leute angehn damit du in der Welt fortkommst und auch andern nützlich wirst«
»Ich denke zuerst an mich und das mag jeder tun Was gehen mich die andern an«
»Auch ich nichts«
»Lieber Vater das will ich nicht sagen – Sie wissen ja wohl – ich liebe Sie – aber «
»Aber siehe nun mein Sohn hätte ich auch so denken wollen wie du und hätte nur an mich gedacht so wärest du nicht mit so viel Kosten Doktor geworden und wenn ich jetzt noch so dächte wie du so könntest du jetzt nicht so viel Geld im Müssiggange verschwenden Es ist ein herrlicher Spruch in der Bibel Was du nicht willst dass dir die Leute tun sollen das tue du ihnen auch nicht Wenn du mein lieber Sohn dich um niemand bekümmern willst so wird sich künftig auch niemand um dich bekümmern Dann wird es dir übel gehen denn kein Mensch kann einzeln glücklich leben«
»Aber Sie tun mir Unrecht lieber Vater hab ich denn nicht freiwillig angefangen die armen Kranken zu kurieren«
»Angefangen – Das war recht gesagt mein Sohn denn du fingst nur an und hörtest gleich wieder auf das ists eben was mir leid tut Ich weiß wohl du hast manches Gute Du kommst mir vor wie ein Pack gut gekämmte Spanische Wolle oder fein gesponnenes Garn Es könnte vielerlei schönes Zeug daraus gemacht werden Wenn aber nicht wirklich etwas daraus gemacht wird so wirds jahrelang auf dem Garnboden hin und hergeworfen verliegt wird schmutzig und ist dann zum schlechten Zeuge nicht einmal tauglich Sieh zu dass es mit dir nicht auch so geht«
Anselm hatte sehr viel zu seiner Verteidigung zu sagen Meister Anton war nicht gelehrt genug ihm zu antworten und so glaubte Anselm Recht zu behalten Er ging in seiner bisherigen Lebensart fort fasste gute Entschlüsse die er nie ausführte machte Theorien die nie praktisch wurden kam von einem aufs andere bloß wie es ihm einfiel oder ihm eben Vergnügen machte war Arzt Dichter Philosoph weiser Mann abwechselnd und ruckweise und im Grunde keins von allem Er wusste alles besser wie andere wollte alles tun und tat nichts Er suchte nur seinen Willen zu haben und nach seiner Bequemlichkeit die Art seines Müssigganges zu wählen und abzuwechseln und das hieß er sein Vergnügen suchen Denn schon fing er an zu fühlen dass ein beständiges sinnliches Vergnügen einförmig wird und aufhört Vergnügen zu sein
Elfter Abschnitt
Wie Philipp und Doktor Anselm miteinander wetteifern
Während dass der feurige Anselm in seiner unruhigen Untätigkeit von einem Gegenstande zum andern forttaumelte und weder sich selbst noch andern nützte hatte sich der kalte Philipp nach und nach in eine ruhige und nützliche Tätigkeit gesetzt Er war gewohnt immer fleißig zu sein Er hatte auf dem Philantropin und auf der Universität seine Zeit nützlich zugebracht Es ist wahr er hatte sich nicht so wie Anselm in die Tiefen der spekulativen Philosophie versenkt Aber er hatte aus den Repetitionen anderer Kollegien die für ihn um so lehrreicher wurden je mehr Anselm davon versäumte eine Menge nützlicher Dinge gelernt Er hielt sich verpflichtet dem Hause dankbar zu sein wo er in so bedrängten Umständen aufgenommen und so wohl war beraten worden
Ohne auf Befehl zu warten nahm er sich freiwillig und mit Eifer aller Geschäfte an die in der Manufaktur und in der Schreibstube vorfielen Er schrieb eine schöne Hand war in allen Arten von Rechnungen erfahren hatte einen fähigen Kopf um bald die wahre Art zu fassen wie Geschäfte betrieben werden mussten die ihm neu waren und ausdauernden Fleiß um sie mit Eifer und Treue zu verrichten Meister Anton der nun anfing alt und schwächlich zu werden genoss nach einiger Zeit von diesem jungen Menschen die kräftigste Unterstützung Er bemerkte bald mit Vergnügen dass er sich in allen Dingen auf ihn verlassen konnte Er vertraute ihm daher die ganze Direktion der Manufaktur an und setzte ihm dafür einen beträchtlichen Gehalt aus
Anselm freute sich über diese neue Einrichtung denn er liebte seinen Freund Philipp Aber einige Zeit nachher tat diese neue Einrichtung eine besondere Wirkung auf ihn Er hatte bisher auf die Manufaktur und deren Geschäfte gar nicht Achtung gegeben Jetzt aber war eben ein Zeitpunkt wo in den Kurmonaten in Aachen keine neuen schönen Gesichter zum Vorschein gekommen waren und er derjenigen überdrüssig war die er schon kannte Der armen Kranken hingegen welche seinen Rat und seine Arznei verlangten kamen so viele dass sie ihm lästig wurden Er hatte sich über Gott und die menschliche Seele stumpf gesonnen und wenn er ein Gedicht machen wollte konnte er weder Reim noch Gedanken finden Kurz es war einer der Zeitpunkte dergleichen er oft hatte wo er nicht recht wusste was er wollte und so fiel ihm ein auch einmal einen Blick auf die Manufaktur zu wenden um zu wissen wie es darin aussähe Er ging die verschiedenen Arbeiten derselben von Anfang an durch und begriff erst kaum dass ihrer soviel sein könnten und dass der Rock den er trug wenigstens dreissigerlei Arbeiten erforderte bis er ein Rock würde Seine Neigung für alles Neue gab diesen Dingen bald sehr viel Anziehendes für ihn so dass er sich einige Wochen lang unermüdet auf den Wollenböden unter den Spinnmaschinen bei den Weberstühlen bei den Pressen und Kalandern und in den Färbereien herumtrieb Allein seine sehr gute Meinung von sich selbst ließ ihn auch bald heimlich bei sich glauben er könne einen großen Teil dieser Sachen viel vorteilhafter einrichten und viele Fehler die er allenthalben zu entdecken vermeinte verbessern Er fasste daher plötzlich den Entschluss die Arzneikunst ganz bei Seite zu legen und ein Wollenfabrikant zu werden Seine Eitelkeit unterließ nicht seinem Vater es so vorzustellen als brächte er ihm hierdurch ein Opfer wobei freilich der Vater nicht wusste ob er sich wirklich freuen sollte Anselm sagte aber laut Nun solle jedermann sehen dass er einer nützlichen Tätigkeit fähig sei und mit Eifer arbeiten könne Er hatte auf der Universität unter der Menge Sachen die er sich zu lernen vornahm auch Kollegien über die Technologie und über das doppelte Buchhalten gehört er vermeinte also sehr gute Kenntnisse von Manufakturen und von Handlungssachen zu besitzen Es ist aber ungewiss ob etwa durch die spekulative Philosophie welche unser dicker Mann auf der Universität zur Hauptsache gemacht hatte die Technologie war verderbt worden oder ob etwa ein Kollegium über die Technologie nicht praktische Kenntnisse geben mag oder was sonst die Ursache gewesen ist dass die Manufaktur nicht besser ward seitdem er sich damit befasste Er wollte alles gründlicher wissen alles anders einrichten Diese neuen Einrichtungen fing er mit großer Lebhaftigkeit an ward aber bald träge arbeitete ruckweise mit vielem Eifer und blieb dann wieder tagelang von den Arbeitern und von der Schreibstube weg Er begann viel und machte nichts fertig und was er machte selten zu der Zeit wenn es gemacht werden musste Kurz er brachte durch seine Gelehrsamkeit so viele Unordnung in die Manufaktur dass Philipp mit seiner Ungelehrsamkeit durch die größte Mühe kaum wieder alles in Ordnung bringen konnte
Unser dicker Mann keuchte zwar unter der schweren Arbeit die er sich selbst aufgelegt hatte und rühmte gegen jedermann wie sauer ihm das werde was er nun für die Manufaktur tue es ward ihm aber nicht Zeit gelassen auch dieser neuen Beschäftigung so wie der vorigen überdrüssig zu werden Meister Anton schon lange schwächlich fiel in eine schwere Krankheit Dr Anselm hatte so viele Selbstkenntnis dass er es nicht unternehmen wollte ihn zu kurieren Aber auch ein alter erfahrner Arzt konnte es nicht Meister Anton starb alt und lebenssatt voll Liebe gegen seinen Sohn aber voll Bedauern dass sein lieber Sohn sich zu allem was er unternahm so verkehrt anstellte
Zwölfter Abschnitt
Fernere Taten Doktor Anselms in der ganzen Fülle seiner Jugendkraft und Tätigkeit
Anselm war der einzige Sohn und also der einzige Erbe eines beträchtlichen Vermögens das er aber da er in allen Weltändeln mehr zu zählen als zu rechnen pflegte für sehr viel ansehnlicher hielt als es war zumal da sich fand dass er auf seine künftige unerschöpflich geglaubte Erbschaft schon seit einiger Zeit beträchtliche Schulden gemacht hatte
Er war nun sein eigener Herr besaß Vermögen und traute sich nicht wenig Geschicklichkeit zu es zu verwalten Er sah wohl aus und befand sich wohl an Geist und Körper Auf seine geistigen Vorzüge setzte er keinen geringen Wert Er fand sich gelehrt und witzig und was er mehr als alles schätzte er fand sich voll philosophischer Einsichten die er überflüssig hinlänglich hielt um ihn in allen verschiedenen Lagen des Lebens aufs Weiseste zu leiten Seine Kenntnis der Arzneikunde und sein Doktordiplom waren seiner Meinung nach auch nicht zu verachten denn sie gaben ihm einen Stand in der Welt während seine Handlungsgeschäfte ihm Reichtum geben sollten Seine Philosophie hatte ihn zwar längst das Geld dieses elende Ding verachten gelehrt seine Liebe zum Vergnügen hatte ihn aber wieder gegen den Besitz der edlen Metalle ziemlich tolerant gemacht daher er auch beschloss die Handlungsgeschäfte zu seinem Hauptgegenstande zu machen Seine Manufaktur und sein Hauswesen waren im besten Stande und er traute sich Kräfte zu beide noch auf einen viel bessern Fuß zu setzen Denn er hielt für ausgemacht dass die Veränderungen die er in kurzer Zeit bei der Manufaktur gemacht hatte derselben große Vorteile brächten Ob nun gleich Philipp anderer Meinung war und es zuweilen auch wohl merken ließ so hatte er doch wider ihn sehr viele Gründe anzuführen wobei Philipp zu schweigen für gut fand welches ihm so angerechnet ward als ob er überzeugt sein müsste
Es lachte jetzt unsern dicken Mann alles an und seine Einbildungskraft war voll der heitersten Aussichten sein Leben froh zu genießen Alle schönen Pläne die er vorher schon gemacht hatte gingen ihm nun aufs Lebhafteste wieder durch den Kopf Alle vereinigten sich in dem Hauptplane beständig glücklich zu sein Der nächste Weg dazu würde freilich gewesen sein beständig klug zu handeln Dies hielt auch Anselm bei den Geisteskräften mit denen er sich begabt fühlte für sehr leicht Da es aber sogar dem weisen Memnon misslang so wird auch der geneigte Leser schon mit unserm dicken Manne einige Nachsicht haben im Falle sich irgendeinmal finden sollte dass seine Klugheit nicht bewährt genug gewesen wäre
Wir haben oben schon bemerkt dass unter den mancherlei heitern Bildern mit welchen Anselms Einbildungskraft immer beschäftigt war das schönste Gemälde von häuslichem Glücke eine vorzügliche Stelle einnahm Er glaubte also jetzt wäre die rechte Zeit eine Frau zu nehmen und zwar eine schöne Frau Liebe zum Reichtume oder zu großer Ehre kam nicht in seinen Sinn Er wollte nur sein Leben mit einer schönen Seele die in einem schönen Körper wohnte wie einen sanften Bach der zwischen blühenden Gebüschen über glatte Kiesel herabrollt dahinfliessen lassen Was er in Vaals und in Burscheid an Mädchen fand schien ihm zu gemein zu bürgerlich zu wenig hervorstechend Er wandte also seine Augen nach Aachen in welcher Stadt damals ein ausgezeichneter Vorrat an jungen schönen Püppchen war und vermutlich noch ist Er durfte nur die Blicke umherwerfen so sah er was sein Herz labte Da aber unser dicker Mann wie der Leser schon mehrmal wird bemerkt haben nicht bloß sinnlich dachte sondern in die Geheimnisse der höheren Philosophie eingeweiht war so hielt er die äußerliche Schönheit zwar für eine notwendige Bedingung ohne die er sein Herz nicht weggeben konnte aber nicht für die einzige Er wusste wie schön er selbst war und deshalb konnte er seinen künftigen Kindern nicht das Unrecht tun sie nicht von einer schönen Mutter gebären zu lassen aber er bemerkte auch in Gedanken dass seine künftigen Kinder noch mehr als
100 bloß schön sein müssten wenn sie ihrem Vater ganz gleichen sollten
Von diesem allen ward er noch mehr überzeugt da seine Philosophie welche durch lange Spekulation schon einen großen Grad der Stärke erlangt hatte seit kurzem noch durch eine ziemliche Kenntnis der Welt unter andern bei Gelegenheit der beiden langen Herren in Aachen war verstärkt worden
Er fühlte nun nach seines Vaters Tode das unbeschreibliche Vergnügen sein eigener Herr zu sein und bloß von sich selbst abzuhängen Seine öfteren Reisen nach Aachen hatten zwar einen wichtigen Zweck aus der Menge der dortigen Schönen sich eine Frau zu suchen Aber ein Nebenzweck war auch seine Unabhängigkeit zu genießen und das Vergnügen das ihm auf allen Seiten entgegenströmte mit vollen Zügen in sich zu schlürfen Wenn er selbst nicht dazu so viel Neigung gehabt hätte so würden ihn andere dazu gebracht haben So gewiss sich auf einem faulen Baume Würmer finden sich von seiner Zerstörung zu nähren so gewiss finden sich zu einem reichen oder auch nur wohlhabenden jungen Menschen betriebsame Personen welche auf sein Geld mancherlei Ansprüche zu haben meinen Sie nehmen alle Gestalten an sie studieren seine Schwäche die ihre Stärke werden muss sie sind unterhaltend angenehm widersprechen nicht und wissen der Schmeichelei oft ein solches Ansehen der Wahrheit zu geben dass wohl klügere Leute könnten dadurch betrogen werden als junge reiche Burschen die nach Vergnügen dürsten und das Geld nicht achten Solchen lustigen Brüdern ward denn unser dicker Mann auch zur Beute und um so viel leichter je sorgloser er vermöge seiner unerfahrnen Gutmütigkeit und eingebildeten Klugheit in ihre Netze lief Er fiel in alle die Gruben in die gewöhnlich reiche Jünglinge fallen Er verlor Zeit er verlor Geld und bei gesetzten Leuten Ehre Er lernte dass es falsche Freunde gäbe und so schlaue dass sogar er könne von ihnen betrogen werden Er lernte dass Schönheit bei manchem Frauenzimmer oft nichts mehr ist als ein herrlich angemalter Weinkranz an einem Hause worin man sehr mittelmäßigen Wein trinkt
Er lernte dies alles machte auch zuweilen wenn er nicht guter Laune war ganz artige moralische Betrachtungen darüber aber weiter hatte er keinen Nutzen davon Mit aller seiner vielen Philosophie und Moral blieben alle seine Torheiten wie sie vorher waren Nachdem ihn Philipp daran erinnert hatte konnte er sich selbst nicht verhehlen dass sein oftmaliger Aufenthalt in Aachen dessen eigentlicher Zweck sein sollte sich eine Frau zu suchen um das höchste häusliche Glück in Vollkommenheit zu genießen ihm nur Gelegenheit gab lauter Dinge vorzunehmen welche offenbar vom häuslichen Glücke weit abführten Dennoch aber war er täglich da und handelte so unklug wie vorher denn Müßiggang Zerstreuung und sinnliche Ergötzungen hatten über ihn eine unwiderstehliche Gewalt
Von falschen Vergnügungen gesättigt und durch plumpen Betrug gedemütigt fing er bisweilen an über die Eitelkeit der Freuden der Welt ganz artig zu philosophieren auch wohl den Entschluss zu fassen künftig weiser und vorsichtiger zu sein Es geht aber oft den Jünglingen die sich bessern wollen wie den Menschen welche auf sympatetische Kuren ihr Vertrauen setzen Wenn diese einen bösen Schaden am Beine haben so soll er dadurch geheilt werden dass sie ein Schemelbein brennen oder verbinden lassen eine bequeme Kur welche ihrem eigenen lieben Beine Schmerzen ersparet wodurch es aber auch nicht besser wird Ebenso lässt der Jüngling der es sich selbst insgeheim gestehen muss dass er als ein Tor handle bei seinem Vorhaben der Besserung seine Lieblingsneigung die ihn eigentlich recht zum Toren macht gewöhnlich ganz unberührt und wendet seine Strenge nur gegen diejenige Torheit an die ihm selbst nicht mehr gefällt oder die er nicht mehr tun kann
So auch unser dicker Mann Als er einigen lustigen Brüdern und zärtlichgefälligen Schönen entsagte von denen er geprellt und nachher ausgelacht worden war meinte er dadurch schon seine Weisheit und Vorsicht ganz festgesetzt zu haben und unterließ nicht seiner Klugheit ein Kompliment zu machen indem er es ihr zuschrieb dass er nicht noch unweiser gehandelt und noch mehr verloren habe Er beredete sich schon längst gewusst und gedacht zu haben dass noch mehr zum Glücke des Ehestandes erfordert werde als Schönheit Auch wollte er schon längst bemerkt haben dass wenn etwa seine künftige Frau einige von den Eigenschaften besäße die er jetzt erst an einigen Frauenzimmern entdeckte welche er auf ihr schönes Gesicht und auf ihre anfänglich gezeigten empfindsamen Gesinnungen für Zierden ihres Geschlechts gehalten hatte dennoch sein häusliches Glück nicht sehr feste stehen möchte Er fing nun an in seiner Einbildungskraft die immer seine treueste Ratgeberin blieb sich ein ganz neues und viel herrlicher ausgemaltes Bild von seiner künftigen Gattin zu entwerfen Er stattete sie außer der Schönheit in Gedanken noch mit so vielen andern vortrefflichen Eigenschaften aus dass er wenn er sie zusammenrechnete bei seiner reifen Einsicht zuweilen selbst zu zweifeln anfing ob er sie auch bei einem einzigen Frauenzimmer zusammen finden möchte Desto behutsamer beschloss er zu sein und die Frauenzimmer die ihm gefielen erst genauer zu beobachten ehe er mit ihnen nähere Bekanntschaft machte und sie sorgfältig zu prüfen ehe er einen Antrag täte alsdann aber auch nach so strenger Überlegung die Sache bald zu Stande zu bringen Dass er selbst bei dem schönsten und besten Mädchen etwa nicht Gegenliebe finden möchte darüber fiel ihm niemals der geringste Zweifel ein Denn nicht nur hatte er seine künftige Geliebte mit einer guten Portion zärtlicher Gesinnungen ausgestattet sondern er sah sich auch wie das große Los in der Lotterie an nach welchem jeder greifen wird dem es zufällt Er wusste ja welch ein wohlgebildetes reiches und rundes Kerlchen er war Der geneigte Leser wird gebeten unserm dicken Manne dies nicht zu einer unverzeihlichen Eitelkeit auszulegen Denn fast alle reichen und gesunden Kerlchen denken ebenso und bringen oft das bisschen Schönheit und Weisheit welches sie etwa besitzen nicht einmal mit in Anschlag
Dreizehnter Abschnitt
Erster Versuch Doktor Anselms seine Kenntnis der Frauenzimmer praktisch zu zeigen
Es hatte in Aachen schon einige Zeit die Tochter eines verstorbenen Hofrats eines Fürsten im Reiche gewohnt Anselm erblickte sie zufällig in einem Konzerte das gleich bei der Eröffnung der vollen Kurzeit in Aachen einer von den tausend Deutschland unaufhörlich durchreisenden berühmten Virtuosen gab von denen noch niemand hat reden hören bis sie die Billette zu ihrem Konzerte herumschicken Diese Schöne machte auf Anselm eine sehr große Sensation deren Wirkungen noch fortdauerten als der erste Eindruck längst vorüber war Seine sorgfältigen Erkundigungen nach ihr mussten notwendig das Verlangen zu einem nähern Umgange erregen Sie wohnte im Hause ihres Vormundes des Hofrats R2 Ihre Schönheit Sittsamkeit und Jugend nebst einem großen Vermögen von dessen Einkommen sie völlig Herr war weil ihr Vormund nach dem Willen ihres verstorbnen Vaters hierin und in der Wahl eines Gatten ihr vollkommene Freiheit ließ waren ihre geringsten Vorzüge Sie besaß einen durchdringenden Verstand einen lebhaften Witz Kenntnisse in den Wissenschaften wie man sie von einem Frauenzimmer kaum verlangen kann und Talente wie man sie selten findet Sie sang wie ein Engel sie spielte Klavier und Harfe sie zeichnete sie stickte Wie hätte Anselm bei so vielen Vorzügen gleichgültig bleiben können Er suchte mit Eifer Zutritt in ihr Haus und erhielt ihn Ungeachtet sie eher etwas zurückhaltend war und sonst neuen Umgang eben nicht anzuknüpfen pflegte so schien sie sich doch in Dr Anselms Gesellschaft zu gefallen und ihn von der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft an vorzüglich von andern zu unterscheiden Anselm besuchte sie nun so oft es möglich war weil er auch in ihrer Gesellschaft ein außerordentliches Vergnügen fand und sie nahm dieses so wohl auf dass sie ihn sogar einmal in Vaals wieder besuchte Beide trafen auf so vielen Seiten in ihren Gesinnungen und Empfindungen zusammen dass sie sich leicht wechselseitig gefallen konnten Man kann denken dass Anselm die Verse nicht werde gespart haben denn Jungfer Emerentia war eine Kennerin von Gedichten Was ihn aber noch mehr an ihre Unterhaltung fesselte waren ihre wissenschaftlichen und philosophischen Unterhaltungen welche wie schon bekannt unsers dicken Mannes Lieblingsfach ausmachten Jungfer Emerentia liebte sehr die Untersuchungen über Gott Welt das Universum und die Substanzen dabei konnte der gute Anselm auskramen was er am liebsten auskramte Sie hörte ihm aufmerksam zu antwortete so dass zu sehen war sie begreife was gesagt ward und nehme Anteil Unvermerkt stieg dann die sanfte weibliche Seele vom Empyreum auf unsere Erde hernieder und nun sprachen sie von den Pflichten der Menschen in der wirklichen Welt von Edelmut Wohltätigkeit Menschenliebe und Aufklärung welches unserm Anselm der bei seinen mancherlei kleinen Torheiten eine gutmütige Seele war und gern ohne viele Mühe das ganze menschliche Geschlecht glücklich gemacht hätte das Herz so erwärmte dass er die schöne Emerentia als ein überirdisches Wesen ansah Und mit diesem überirdischen Wesen sein Leben zuzubringen – welche Aussicht Welche vollkommene Erfüllung seines Plans beständig glücklich und nun mit der reifsten vorherbestimmten Überlegung beständig glücklich zu sein
Gegen Philipp hatte das Vertrauen unsers Anselms seit geraumer Zeit mit Rechte so sehr zugenommen dass dieser mehr sein Freund als sein Untergebener war Anselm konnte über dem Gedanken mit Jungfer Emerentia das Glück seines Lebens zu teilen keine Nacht mehr schlafen So weit er herumsann fand er an ihr alle Eigenschaften einer vortrefflichen Frau und keinen einzigen Tadel Doch wollte er als ein nunmehr weise gewordener Mann den wichtigsten Schritt seines Lebens nicht ohne die genaueste Überlegung tun Er entdeckte demnach zuletzt seine Absicht seinem Freunde Philipp und fragte ihn um Rat Wir nennen dies so weil es im gemeinen Leben so genannt wird wenn man jemand in Form über dasjenige fragt was man zu tun schon entschlossen ist Dies war hier auch der Fall Denn es schien unserm dicken Manne unmöglich länger ein so großes Glück zu verschieben das er so nahe vor sich sah
Philipp wie wir schon wissen liebte Anselmen dem er soviel zu danken hatte beobachtete ihn in der Stille konnte aber wie wir ebenfalls wissen seine Betrachtungen bei sich behalten wenn er nicht gefragt ward Er hatte längst bei allen Gelegenheiten auf Jungfer Emerentia genau Acht gegeben weil er die große Neigung Anselms merkte und sie innerlich nicht ganz billigte Da ihn nun Anselm befragte teilte er ihm seine kalten Beobachtungen mit wo freilich manches in ein ganz anderes Licht gesetzt ward als es dem warmen Liebhaber erschien Anselm hörte aufmerksam und mit Kopfschütteln zu bis Philipp seinen Verdacht äußerte Jungfer Emerentia möge wohl stolz sein und ihm scheine eine stolze Frau für niemand am wenigstens aber für Anselm eine gute Gefährtin des Lebens sein zu können
Hier fuhr Anselm auf und rief »Mein lieber Philipp da hast du nun gewiss ganz unrecht Wie könnte diese edle diese von Vorurteilen so freie Seele stolz sein«
Philipp versetzte »Du kannst an ihr vielleicht nicht so beurteilen was Stolz ist weil du ganz im gleichen Stande mit ihr umgehst Wer in der niederen Klasse steht bemerkt genauer wann sich jemand erhebt er fühlt gewisse kleine Züge welche große innere Ursachen hinter sich haben müssen und schließt daraus auf den Charakter« »Nein lieber Philipp da bist du wirklich ganz irrig Ich wünschte du hättest unser gestriges Gespräch von Überwindung der Vorurteile von Mäßigung der Meinung von uns selbst hören können Da hättest du vernommen wie weit diese erhabene Seele entfernt ist niedrige Einbildungen zu hegen oder sich selbst über die Gebühr zu schätzen«
»Ja was sie spricht weiß ich nicht ich habe nur aus einigen kleinen Zügen in ihren Handlungen so geurteilt ich kann mich irren«
»Wahrlich« rief Anselm aus »du irrst« – und ergoss sich so im Lobe der edlen Emerentia dass Philipp merkte wie es mit der Sache war und unnötig fand etwas weiter hinzuzufügen Anselm aber erwärmte sich so sehr durch ihr Lob dass er weiter nicht säumen wollte sondern gleich denselben Nachmittag nach Aachen fuhr um die edle weibliche Seele zu besuchen die das Glück seines Lebens machen sollte
Nach wenigen gleichgültigen Unterhaltungen fing er an das Eis zu brechen bezeugte seine innige Verehrung gegen alle ihre vortrefflichen Eigenschaften und ziemlich schnell ging er zu einer förmlichen Liebeserklärung und zu dem Wunsche über sie zur glücklichen Gefährtin seines Lebens zu haben wobei er sie bat durch ihr Beistimmen sein Glück zu gründen
Jungfer Emerentia lächelte sanft und sagte Er täte ihr viel Ehre sie müsse allerdings stolz darauf sein die Eroberung eines so schönen Geistes und artigen Mannes gemacht zu haben indes sei der Antrag zu wichtig um ihn nicht noch reifer zu überlegen
Anselm voll Feuer erwiderte Allerdings sei es für ihn sehr wichtig es betreffe das einzige Glück seines Lebens daher er sie beschwöre die Erfüllung seines Wunsches nicht gar zu lange auszusetzen
Jungfer Emerentia antwortete lächelnd »Der Antrag ist mir so unerwartet dass ich freilich nicht gleich zu dessen Beantwortung die rechte Wendung finden kann«
»Unerwartet« sagte Doktor Anselm etwas kleinlaut »Ich hätte gehofft dass meine Aufmerksamkeit auf Sie schöne Emerentia etwas von meinen Empfindungen für Sie verraten hätte«
»O ich habe Sie immer für einen ganz feinen und galanten jungen Mann gehalten habe aber nicht geglaubt dass Sie mich so hoch beehren wollten Lassen Sie es gut sein Wir wollen beide die Sache näher überlegen vielleicht finden Sie bei reiferm Nachdenken einige Schwierigkeiten und – »Teureste Emerentia Welche Schwierigkeiten könnten es sein Mein Glück liegt zu Ihren Füßen ich lebe und webe nur in Ihnen –« und hiermit kniete er zu ihren Füßen und griff nach ihrer Hand die sie zurückzog
»Teureste Emerentia – Teureste Emerentia – Stehen Sie auf Herr Doktor Sie müssen nicht Szenen machen – Teureste Emerentia Das klingt sehr vertraulich Diese Ihre unerwartete Vertraulichkeit nötigt mich damit kein Missverständnis entstehe Ihnen lieber gleich meine Meinung deutlich zu sagen Sie sind ein artiger gelehrter junger Mann aber ich hätte nie gedacht dass Sie den Gedanken zu einer solchen Verbindung hegen könnten der wenn er auch mit meinen Neigungen übereinkäme unmöglich auszuführen ist Sie sind der Sohn eines Tuchmachers Herr Doktor und Sie wissen welchen Rang mein Vater hatte Dies hätten Sie bedenken sollen ehe Sie einen so unbedachtsamen Schritt taten«
Anselm war vor ihr niedergefallen aus brünstiger Liebe und konnte nicht wieder aufstehen aus großem Schrecken denn das übertraf alles was er erwartet hatte
Er stammelte »Wie Sollte es möglich sein Emerentia könnte wirklich solche Vorurteile hegen«
»Lieber Herr Doktor« sagte Jungfer Emerentia ganz kalt »es ist kein Vorurteil es ist eine Tatsache dass Sie der Sohn eines Tuchmachers sind«
Hier gab die Indignation unserm Anselm einigen Mut Er versetzte doch noch immer stammelnd und knieend »Ich bekenne meinen Irrtum Ich hatte gedacht Ihre Philosophie wäre so stark dass Torheiten und Vorurteile des gemeinen Lebens über Sie keine Macht hätten«
»Sie sind in der Tat im Irrtume Herr Doktor Wenn ein Vorurteil allgemein für Richtschnur im gemeinen Leben gilt so ist der mehr als töricht der es bloß zu seinem Vorteile für Torheit erklären will Seine angemasste Philosophie ist dann nichts als Dünkel und Eigennutz A propos von Philosophie Nehmen Sie den Rat einer guten Freundin an Sie sprechen gern von philosophischen Dingen aber wie es mir scheint bloß weil Sie sich selbst gern sprechen hören Sie sind wirklich ein ganz artiger junger Mann aber Sie werden viel besser zu leiden sein wenn Sie sich von dieser kleinen Schwachheit heilen können Ich weiß nicht ob Sie sich erinnern was ich gestern von der Mäßigung der Meinung von uns selbst sagte Das galt Sie Ich glaubte um so viel mehr Sie hätten mich verstanden da Sie ganz meiner Meinung Beifall gaben Um desto weniger hätte ich den heutigen Antrag von Ihnen erwartet Indes ists vermutlich nur eine kleine Übereilung Ich habe darüber keine Rancüne sondern werde demungeachtet immer Ihre gute Freundin bleiben Nur heute bin ich bei dem Herrn Hofrat zum Spiele und Abendessen engagiert Ich muss mich frisieren lassen Verzeihen Sie also dass ich Sie verlasse –« Sie machte ihm einen tiefen Knicks und ging fort
Anselm stand wie angenagelt einige Minuten da ohne sich besinnen zu können Als er endlich sich entfernen musste ging er vier Straßen langsam durch ehe er sich entschließen konnte in den Wagen zu steigen weil er sich fürchtete seinem Philipp in die Augen zu sehen
Vierzehnter Abschnitt
Zweiter Versuch Doktor Anselms seine Kenntnis des Frauenzimmers praktisch zu zeigen und dessen Folgen
Dass Anselm der Jungfer Emerentia weiter keinen Besuch machte ist leicht zu erachten Es hätte sich auch nicht wohl tun lassen denn der Herr Hofrat hatte ebendenselben Nachmittag die schon lange – ohne dass unser dicker Mann es geahnt hatte – im Werke seiende Heirat der Jungfer Emerentia mit einem jungen am Körper sehr feinen und an Geiste sehr derben Junker zu Stande gebracht Besagter Junker hatte einen stattlichen fürstlichen Titel ferner sechzehn volle Ahnen und wirklich mit Tuchmachern und Tuchhändlern weiter nichts zu tun als dass er solcher Art Leuten eine ziemliche Summe schuldig war Da aber diese Summe nebst andern Schulden acht Tage nach der Vermählung aus dem Vermögen der neuen gnädigen Frau bezahlt wurde so hatte sie auf das häusliche gute Vernehmen so wenig Einfluss als der derbe Geist des Herrn von auf die Philosophie der Frau von die sich immer noch in vielen Gesprächen zeigte Vielleicht veranlasste ihr Gefallen daran dass sie nach Monatsfrist wirklich dem Herrn Dr Anselm die Gnade tat ihn zur Mittagstafel einladen zu lassen welches der Starrkopf abschlug
Unser guter dicker Mann ward ganz hypochondrisch dass die Jungfer Emerentia nicht seine Frau geworden war Doch ließ er sich darüber von Philipp leicht trösten denn er sah nun selbst wohl ein wie sehr er sich in dem Charakter dieses Frauenzimmers geirrt hatte Aber durch den Makel seiner Geburt ward er aufs tiefste gebeugt Er hatte auf denselben noch nie sein Auge gerichtet auch hatte sich seine Philosophie nie vorgestellt dass im Jahr Eintausendsiebenhundertundachtzig wo seiner Meinung nach die Aufklärung so gewaltige Fortschritte gemacht hatte irgendein vernünftiges Wesen solche Geburt für einen Makel halten könnte Bisher war ihm sein Vater der durch Fleiß und Ordnung sich selbst aus dem Staube gehoben und es bis dahin gebracht hatte so viele Menschen zu ernähren und so vielen Menschen wohlzutun als der verehrungswürdigste Mann vorgekommen und er hatte geglaubt in diesem Lichte müsse sein Vater jedermann erscheinen Er änderte auch desfalls seine Meinung nicht aber aller seiner Philosophie ungeachtet empfand er den Sinn von Philipps ohne alle Philosophie bloß aus Erfahrung gemachter Bemerkung dass derjenige der sich aus dem Stande der Gleichheit in eine untere Klasse versetzt sieht manche Dinge anders ansehen muss als der auf gleicher Linie oder höher steht Fast mehr noch empfand er aber die bittere Bemerkung der Jungfer Fussnote über seine Philosophie bitterer umsomehr da sein gesunder Verstand dunkel darin etwas Treffendes fühlte Er ahnte einigermaßen dass seine Philosophie nicht für die Welt sei und dass es wohl noch eine andere Philosophie geben möge welche dient die Dinge in der Welt richtig zu betrachten und richtig zu würdigen Er gab sich alle Mühe sie zu finden aber vergeblich Er kannte die wirkliche Welt allzuwenig indem ihm teils seine Eitelkeit teils seine Einbildung und seine Philosophie durch die er die Welt nach seinen Ideen formte noch gar zu lieb waren
Unser dicker Mann nicht gewohnt widriger Begebenheiten ward ziemlich verdrießlich welche Gemütsstimmung er wechselweise bald für Schwermut bald für Philosophie hielt Und doch war sie keines von beiden sondern bloß die Wirkung des Eigenwillens eines Männchens das sich bisher immer selbst verzärtelt hatte und nun mit sich selbst und mit Gott und der Natur schmollte dass nicht alles nach seinem Sinne ging Indes zog ihn nach wenig Wochen sein jovialisches Temperament und vielleicht eben so sehr seine Liebe zu Zerstreuungen nach und nach aus seinem eingebildeten Tiefsinne und mit seiner frohen Laune kehrte auch seine Neigung zum schönen Geschlechte wieder zurück Es klebte ihm freilich nun eine gewisse Schüchternheit an um so mehr da das so unvermutet erhaltene Körbchen nicht ganz verborgen bleiben konnte Er schaute zwar wie ehedem fleißig unter den hübschen Mädchen herum aber etwas furchtsamer und er wagte es sobald nicht wieder einen Antrag zu tun weil ihm immer bange war es möchte ihm der Tuchmacher aufgemutzt werden
Indem seine Blödigkeit unter den Schönen in Aachen sich nicht recht umherzuschauen traute zog ihn mit einmal ein fremder Stern der an dem Horizonte von Burscheid hervorstieg aus seinem Schlummer In einem Hause daselbst wo er aus und einging hielt sich ein junges Frauenzimmer Jungfer Mariane M auf ihrer Durchreise nach einem etwa zwanzig Meilen entfernten Orte vierzehn Tage bei einer dort wohnenden Verwandtin auf Ihre ausbündige Schönheit zog unsern Anselm an sich und ihr froher Mut ihre offenherzige Natürlichkeit und ihre angenehme Unterhaltung hielten ihn so fest dass er da kaum acht Tage vorbei waren bei sich fest überzeugt war durch sie könne ihm Jungfer Emerentia und noch mehr ersetzt werden Sie tanzte wie ein Engel war immer lustig und in witzigen Repartieen unerschöpflich Es bedurfte bei ihm kaum acht Tage mehreren Umgangs dass sich der Gedanke eine so angenehme Gefährtin des Lebens für sich zu wählen noch fester setzte und er ergriff daher die erste Gelegenheit ihr einen förmlichen Antrag zu tun Sie nahm ihn lächelnd an sagte auf einen Antrag dieser Art könne sie sich hier nicht erklären da sie fremd sei und von ihren Eltern abhänge dabei blieb sie freundlich wie vorher Anselm der hierin keine abschlägige Antwort sah wollte seiner Sache gewisser sein und wagte es mit Vorsicht und einigem Stammeln auch seiner Geburt zu erwähnen Aber sie sagte mit ungezwungener Freundlichkeit dass weder sie noch die Ihrigen sich je an einem Umstand dieser Art stoßen würden
Wer war froher als Anselm Als er nach Hause kam erzählte er ungesäumt seinem Freunde Philipp Er habe einen Antrag getan und seine zweite Braut vernünftiger gefunden wie die erste er verlangte Philipps Meinung zu hören und sagte ihm zugleich er habe die größte Hoffnung dass die Sache gewiss zu Stande kommen werde »Was hilft« sagte Philipp »meine Meinung zu einer Sache die schon geschehen ist«
»Missbilligst du meinen Antrag Oder was sagst du dazu«
»Ich weiß nicht ob ich ihn billigen oder missbilligen soll Sehr schnell ists von beiden Seiten und du hattest dir vorher vorgenommen nicht wieder schnell zuzufahren«
Aber dieses schon vergessenen Vorsatzes ungeachtet war es gerade diese Geschwindigkeit was Anselm nicht tadelhaft finden konnte denn der Leser wird schon bemerkt haben dass unser dicker Mann das was er wollte ganz wollte und seine Wünsche immer schleunigst in Gedanken erfüllt sah Er schritt also auch jetzt zur Sache entwarf ungesäumt einige Briefe an die Eltern seiner Braut und nahm sich vor mit ihr über diese Korrespondenz zu sprechen Er besuchte sie daher schon den folgenden Vormittag aber siehe da es war ihr ein Wagen geschickt worden mit welchem sie noch denselben Mittag abreisen sollte Es war zu viel Gesellschaft und Unruhe im Hause als dass Anselm mit ihr allein sein sie wegen dieser Sache die ihnen beiden so wichtig war sprechen und ihr die Entwürfe der Briefe zeigen konnte ob sie ihren Beifall hätten Er blieb da bis man sich zu Tische setzte denn er konnte das Gesicht nicht von ihr verwenden Sie nahm zwar von ihm den freundlichsten Abschied und versicherte sie hoffe nächstens zurückzukommen und dann vielleicht mehr seiner angenehmen Gesellschaft zu genießen Aber das war ihm nicht genug Er konnte den Gedanken von seiner Braut zu scheiden gar nicht ertragen Er ließ also ohne Philipp oder sonst jemand ein Wort zu sagen ein Reitpferd kommen und als der Wagen kaum hundert Schritte aus Burscheid heraus war zeigte er sich schon am Wagen seiner Geliebten Sie nahm diese Galanterie sehr wohl auf war außerordentlich munter und unterhielt sich mit ihm vom Wagen aus Dies war in der Tat für sie etwas angenehmer als für ihn denn er musste neben dem Wagen hertraben und der Nachmittag war sehr heiß Aber diese Ungemächlichkeit fühlte der verliebte Anselm nicht sondern nur das Vergnügen in die Augen der Schönen zu sehen und er spornte seinen Witz an so wie sein Pferd sie und ihre im Wagen sitzende Gesellschafterin in beständiger Fröhlichkeit zu erhalten Die Stadt wo das erste Nachtlager sein sollte war an drei Meilen entfernt Anselm fühlte sich so glücklich dass er sogleich den Entschluss fasste bis dahin mitzureiten Es schien ihm nichts natürlicher als in eben dem Gasthofe einzukehren und beim Abendessen ihr Gesellschaft zu leisten Er versprach sich mit dieser munteren Schönen den angenehmsten Abend Da er wie man schon weiß etwas in Anlegung von Plänen getan hatte so hielt er es heimlich für eine Möglichkeit sie noch weiter zu begleiten besonders wenn er wie er zu veranlassen hoffte eine Einladung bekäme einen noch leeren Rücksitz im Wagen einzunehmen den er aus verschiedenen Ursachen jetzt schon gern eingenommen hätte Seine lebhafte Einbildungskraft stellte ihm vor wie schön es sein würde auf diese Art zwei oder drei Tage in ihrer Gesellschaft zuzubringen sich in ihre Gunst noch fester zu setzen vielleicht wegen seiner Hauptsache noch eine nähere Zusage von ihr zu erhalten vielleicht bis zu ihren Eltern mitzureisen und seinen Antrag mündlich bei denselben auszurichten dabei schmeichelte er sich dann ganz heimlich dass der Anblick seiner werten Person ihm bei den Eltern eben nicht schaden würde zumal da er in der Gunst der Tochter schon so weit vorwärts gekommen zu sein deutlich vermerkte Dieser angenehme Gedanke ließ ihn manche kleinen Beschwerlichkeiten seines Rittes nicht achten so dass Wagen und Reiter unter beständiger gegenseitiger Unterhaltung ganz unvermerkt bis etwa eine halbe Meile vor der Stadt ankamen wo die Gesellschaft heute bleiben sollte Da begegnete ihnen ein einspänniges Fuhr werk Aus demselben sprang ganz behende eine lange Figur für einen jungen Mann fast zu ernstaft aber von schönem Wuchs und mit feurigen Augen Der Wagen hielt an Der Ernstafte öffnete die Tür und die fröhliche Jungfer Mariane flog in seine Arme heitere ungekünstelte Freude auf ihrem Gesicht Unserm Anselm der eben ein Bonmot sagen wollte erstarb es auf den Lippen Er fühlte sich verlegen Wer war der lange Mann der so herzlich empfangen ward Ein Bruder doch wohl denn für einen Vetter war der Empfang zu vertraut da die Umarmung selbst für einen Bruder beinahe allzu feurig hätte scheinen mögen Nach einigen Minuten riss die schöne Mariane unsern dicken Mann selbst aus seiner Ungewissheit Sie redete den langen Mann an »Hier sehen Sie mein Lieber den Herrn Doktor Redlich einen geschickten Arzt und gefälligen Mann Er ist so gütig gewesen uns bis hierher zu begleiten Ich und meine Kousine haben ihm viel Verbindlichkeit dass er uns diese Reise über fünf Stunden lang durch seine Unterhaltung so angenehm gemacht hat« – »Herr Doktor« fuhr sie fort indem sie den langen Mann an die Hand nahm und ihn küsste »hier sehen Sie – damit Sie sich über meinen vertraulichen Empfang nicht etwa wundern – meinen Bräutigam Ich hätte Ihnen eher sagen können« – fuhr sie mit der unbefangensten Miene fort – »dass ich einen Bräutigam habe aber es war in Burscheid meinen Verwandten noch nicht deklariert – und dann« setzte sie noch mit einigem Lächeln hinzu »will ich nicht hoffen dass allenfalls diese Nachricht wenn ich sie dort hätte geben können Ihre angenehme Begleitung bis hierher würde verhindert haben«
Der lange Mann zu Fuße machte dem dicken Manne zu Pferde bei diesen Worten zwar eine höfliche Verbeugung aber es schien beinahe als ob sein ernsthafter Blick dabei noch ernsthafter ward Er half indes seiner Braut in den Wagen und nahm ohne weitere Frage den Rücksitz ein auf den der arme Anselm schon so ausführlich gerechnet hatte Des Bräutigams Kutscher setzte sich ins Kariol und so fuhren sie fort Aber unser armes dickes Männchen sah kaum etwas von allem was vorging Es flimmerte ihm vor den Augen und er fühlte nun mit einmal nichts als alle Beschwerden seines unbequemen Rittes Wäre das Pferd nicht mechanisch den schnell fortfahrenden Wagen nachgetrabt so hätte er vielleicht einige Zeit ohne sich zu besinnen auf der Landstraße gehalten Indes als er sich ein wenig besann setzte er sein Pferd in Schritt und ließ die Wagen fahren Als er vors Tor kam erinnerte er sich erst dass er vergessen hatte zu fragen wo seine gewesene Gesellschaft abtreten wollte denn jetzt wünschte er sie zu vermeiden Er war aber so glücklich den Gasthof zu treffen wo sie nicht eingekehrt waren Er ließ sich vom Pferde heben denn absteigen konnte er nicht und legte sich unverzüglich zu Bette Er konnte aber wenig schlafen teils wegen körperlicher Müdigkeit und Schmerzen teils wegen der unruhigen Gedanken die ihn unaufhörlich verfolgten Den andern Morgen setzte er sich ohne jemand zu sprechen auf seinen Gaul und ließ sich so langsam als möglich nach Hause tragen Unser armer dicker Mann der zwar an Geiste sehr stark aber körperliche Beschwerden zu ertragen nicht eben eingerichtet war musste sich auf seinem Hofe wieder vom Pferde heben lassen denn er empfand sehr viel Schmerzen einige Zolle unter einem Beine welches die Anatomiker vielleicht deswegen das heilige genannt haben um dicke Leute die nicht reiten können zu erinnern es an heißen Tagen zu schonen Solch kleines körperliches Ungemach war die einzige Folge seiner allzu schnellen Liebe
Diesmal erfuhr niemand als der treue Philipp etwas von der wahren Beschaffenheit der Sache Als sich Anselm nach einigen Tagen erholt hatte sagte er zu ihm »Aber gesteh mir ein es war doch ein Unstern bei der Sache«
»Gar nicht« sagte Philipp lächelnd »Auch nicht einmal beim heiligen Beine du hättest nur nicht zu schnell freien und zu schnell traben sollen«
Fünfzehnter Abschnitt
Doktor Anselms dritter Versuch und dessen glückliche Folgen
Nun kam natürlich wieder ein kleiner Stillstand denn Anselm war wirklich nicht nur noch schüchterner und noch vorsichtiger geworden sondern seine Philosophie wendete sich auf einen andern Weg Er fing an zu bedenken dass der Ehestand gerade nicht der einzige Weg zum Glücke wäre und beschloss nunmehr gar nicht zu heiraten Er sagte sich so manche Gründe dieses Entschlusses vor dass er ihn für unveränderlich hielt Indessen da er täglich Zerstreuung haben musste ritt und fuhr er fleißig nach Aachen und heftete seine Augen ferner auf jedes schöne Gesicht in der Meinung dass er sie doch auf etwas heften müsse Unvermerkt kamen ihm die Gedanken wieder dass es doch gut sein würde eine schöne Frau zu besitzen aber so sehr er sich umsah konnte er kein Frauenzimmer finden welches nebst einem schönen Gesichte auch alle die andern Eigenschaften besaß die er nun da er das weibliche Geschlecht näher hatte kennen lernen und gewitzigt worden war für diejenige Person verlangte welche die Gefährtin seines Lebens werden sollte
Anselm hatte einen Universitätsfreund namens Platter der dort sein guter Kamerad gewesen war zuweilen bei seinen philosophischen Disputationen denen Platters lebhafter Witz oft eine andere Wendung gab aber öfter bei lustigen Gesellschaften die niemand besser beleben konnte als Platter Dieser besaß ein sehr mässiges Vermögen das er in den Universitätsjahren und im ersten Jahre darauf mit Lustigkeit verzehrt hatte und da es verzehrt war hatte er um nichts mehr Neigung zur Traurigkeit oder zum Arbeiten welches ihm Traurigkeit und noch was Ärgers schien Nichts hielt er für trübseliger als ein Amt zu suchen und ein Amt zu verwalten und da er die Welt schon genug kannte um zu wissen dass er in beiden Fällen sich tief bücken und sich nach Anderer Willen richten müsse so wählte er eine Lebensart bei welcher er zwar sich nach Anderer Willen zu richten hatte aber ohne sich tief bücken zu dürfen Er hing sich an reiche und vornehme lustige Leute und suchte sich ihnen notwendig zu machen indem er ihre Unterhaltungen und ihr Vergnügen besorgte Er war die Seele ihrer Gesellschaften nahm nichts übel konnte singen trinken jedes Gespräch wieder anheben welches unter den Schüsseln zu sinken begann konnte Lustreisen anordnen Spielpartien zusammenbringen Spott ertragen Zweideutigkeiten reden in moralische Betrachtungen mit einstimmen und im Notfalle wie es traf wider die Religion und den Adel reden oder auch Betstunden beiwohnen immer gefällig das zu tun was man wünschte Es scheint Personen dieser Art müssten sich viel nach andern richten Es ist aber in dieser Sinnenwelt wenig Gewissheit und da Montaigne die Frage aufgeworfen hat ob nicht vielleicht seine Katze wenn er mit ihr zu spielen glaube eigentlich mit ihm spiele so kann es sich auch wohl treffen dass die reichen und vornehmen Leute die sich solche Menschen wie Platter halten damit sich jemand nach ihnen richten möge eigentlich sich nach solchen Menschen wie Platter ohne dass die es merken richten müssen
Reisen in die Bäder machten einen wesentlichen Teil von Platters Gewerbe aus So war er schon seit ein paar Jahren mit reichen kranken Leuten nach Aachen zur Kur gekommen hatte auch einmal bei Freund Anselm vorgesprochen wäre auch vielleicht da er auf den ersten Wink an Anselms philosophischen Spekulationen und Disputationen wieder Teil nahm mit ihm in eine nähere Verbindung gekommen Aber wie es denn einige unerklärliche Dinge gibt Platter hatte eine sonderbare Antipathie gegen Philipp Es war ihm ängstlich wenn er den Menschen vor sich sah und daher kam er nicht weiter in Meister Antons Haus um so mehr da er in der Kurzeit eine Menge Gesellschaften hatte und dann bald wieder wegreisete Da aber seitdem mit der Zunahme der Industrie der Wohlstand in Deutschland so sehr zugenommen hat die Kurzeiten sonderlich in den Bädern wo hoch gespielt wird immer früher angehen und später aufhören so wollte auch Platter schon vorigen Winter in Aachen bleiben um des vielen Reisens überhoben zu sein Als ein gesetzter und gefälliger Mensch hatte er sich dort Umgang in verschiedenen guten und stillen Familien zu verschaffen gewusst denen er die langen Winterabende kürzer machte und so seine Zeit angenehm verschwinden ließ bis die Kurzeit wieder herbeikam Da nun Anselm diesen Herbst über Aachen so oft besuchte so erneuerte Platter die vorige Bekanntschaft ganz ungezwungener Weise Anselm der gern schwatzte erzählte ihm – freilich nicht alle Unfälle die er mit zwei Frauenzimmern gehabt hatte Dazu war er allzu vorsichtig und klug Er ließ ihn aber doch merken dass er in manchen Dingen seine Meinung von Frauenzimmern geändert habe dass sie nicht alle gleich solide dächten und dass er jetzt gar nicht willens wäre zu heiraten wenn er aber ja heiraten sollte wolle er keine andere Braut erwählen als eine solche deren Schönheit durch schale Vorurteile und leichtsinniges Betragen nicht verdunkelt würde Platter gab ihm in allem Recht und immer gefällig gegen seinen Freund sagte er ihm selbst aus Erfahrung vieles vom Unterschiede wohldenkender und nicht wohldenkender Frauenzimmer und um ihm ein Beispiel eines Frauenzimmers von jener Art zu geben machte er ihn mit der Jungfer Angelika L bekannt
Sie war die hinterlassene Waise eines Predigers in der Gegend um Krefeld war fromm und still erzogen und hatte in ihrer Jugend bloß aus den schönen geistlichen Büchern Unterweisung genossen welche den dortigen Gegenden eigen sind Sie lebte nach ihres Vaters Tode in dem Hause eines Vaterbruders eines Kaufmannes in Aachen der zwar zu den Stillen im Lande gehörte dabei aber auch in den Geschäften der Welt wohl bewandert war Er besaß ein großes Haus welches er zur Kurzeit an Fremde vermietete wodurch auch Platter bei ihm war bekannt geworden In dieser Gesellschaft hatte sich die Nichte ob sie gleich eingezogen lebte zum Tone des feinern Umganges gebildet und mehrere Weltkenntnis erlangt Sie war sehr schön von sanfter einnehmender Gemütsart sehr sittsam in ihrem ganzen Wesen zuweilen etwas kränklich wenn sie gesund war sehr heiter unterhaltend und gegen jedermann von zuvorkommender Gefälligkeit Diese reizende Schöne zog Anselms Aufmerksamkeit auf sich Ihre vortrefflichen Eigenschaften machten bald einen andern Menschen aus ihm Seine Abneigung gegen das Heiraten die er für so fest hielt dass er oft mit Philipp gezankt hatte der sie für eine vorübergehende Laune halten wollte verschwand vor den schönen Augen der Jungfer Angelika wie Eis vor der Frühlingssonne und unser dicker Mann war in wenig Wochen wieder förmlich verliebt und zwar in Jungfer Angelika
Sie war ziemlich leselustig sonderlich alles was sanfte empfindsame menschenliebende mitleidige Gesinnungen atmete rührte sie ungemein Aber alles Moralische hatte vorzüglich ihren Beifall und sie konnte sich darüber stundenlang unterhalten Dies verschafte unserm Anselm die beste Gelegenheit sehr oft bei ihr zu sein denn er brachte ihr Bücher und las in ihrer Gesellschaft wobei Platter der schon vorher im Hause bekannt war zuweilen den dritten Mann ausmachte und durch seine gelegentlichen Bemerkungen zeigte dass wenn er gleich im Sommer meist in munterer Gesellschaft sehr zerstreut lebte er dennoch wenigstens im Winter und Herbste auch in stillen Gesellschaften kein unangenehmer Gefährte war Man kann wohl denken dass Anselm der Jungfer Angelika manche empfindsamen Romane werde gebracht haben welches ihm die trefflichste Gelegenheit gab seine aufkeimende Liebe zu ihr bis zur schönsten Blüte zu bringen dabei war diese empfindsame Seele nicht so ausschließend für das Geistige dass sie nicht obgleich auf sittsame Art gern ihren Körper geschmückt hätte Dies gab dem verliebten Anselm Gelegenheit sich in Geschenken gegen sie galant zu beweisen und wenn sie sich damit zierte so vermehrte sich seine Liebe noch mehr denn er freute sich dass sie seine Geschenke schätzte und dass sie schöner dadurch ward
Kurz Jungfer Angelika gewann unsers dicken Mannes Herz täglich mehr er täglich mehr das ihrige Diese süßen wechselseitigen Gefühle machten in ihm die Überzeugung sehr lebhaft er werde mit dieser schönen empfindsamen edlen Seele das so lange gesuchte Glück seines Lebens finden Daher ging seine Liebe so schnell dass er sich nicht einmal Zeit nahm so wie sonst seinen Freund Philipp selbst nach schon festgefasster Entschließung um Rat zu fragen zudem hatte er mit seinem Freunde Platter schon so manches über die herrlichen Eigenschaften der Jungfer Angelika abgesprochen Dieser warme Freund stimmte in das verdiente Lob der Schönen ein und gestand gern derjenige werde sehr glücklich sein der eine so vollkommene Person zur Gefährtin seines Lebens erhalten könne
Eines Tages begleitete Platter seinen Freund Anselm zur Jungfer Angelika Die Rede kam auf Rousseaus neue Heloise Anselm hatte seitdem er die schöne Angelika kannte sich aufs Vorlesen gelegt und ward noch etwas eifriger darin als er zu bemerken anfing er besitze Talent zur Deklamation Er las ein paar Briefe Rousseaus vor worin die heiße Flamme der Leidenschaft in schönen Worten lodert Er las umso lebhafter da seine eigene heiße Liebe zu ihr ihn anspornte Jungfer Angelika ließ auch dem Feuer der Empfindungen und der Kunst des Schriftstellers alle Gerechtigkeit widerfahren nur zeigte sie das Unanständige in der Schilderung der unerlaubten Liebe Juliens und St Preux Sie sagte hierbei so viel schöne Sachen die das edelste Feuer Teilnehmung an Tugend Enthaltsamkeit Mäßigung und wahrem häuslichen Glücke verrieten dass der gute Platter höchst unzufrieden war als er wegen eines unvermuteten dringenden Geschäfts abgerufen ward Anselm aber setzte voll Entzücken das Gespräch fort Sein gutes Herz ward durch die Äußerung ihrer ungezwungenen einfliessenden schönen Gesinnungen gleich einer gleichgestimmten Saite zitternd bewegt Er brach in das Lob ihrer edlen Seele aus und war so gerührt dass beinahe unwillkürlich das Wort ihm entfloss Er werde sich unbeschreiblich glücklich schätzen wenn sie auf immer die Seinige werden wollte Fast erschrak er selbst indem dieser Wunsch seines Herzens über seine Lippen ging denn es kamen ihm natürlich seine zwei betrübten Erfahrungen abschlägiger Antworten in eben dem Augenblicke zu Sinne Aber jetzt war er glücklicher Die schöne Angelika sagte mit holdem Liebreize sanft errötend Ihr Herz sei längst dem seinigen näher gekommen – und was sie noch mehr sagte kann der geneigte Leser oder Leserin nach Gefallen sich weiter hinzudenken Nur fügte sie nach einer kleinen Pause in der die entzückten Danksagungen des glücklichen Anselms ihr Zeit ließ zu Worte zu kommen ernstaft hinzu sie hinge nicht von sich ab sie ersuche ihn also mit ihrem Oheime und übrigen Verwandten deshalb zu sprechen
Dies geschah Der Oheim und die Verwandten gaben ihre Einwilligung als gute Wirte Denn Jungfer Angelika war freilich reich an Schönheit und Empfindsamkeit besonders aber an Ausdrücken der Moralität des Edelmuts und der Wohltätigkeit wovon ihr Mund beständig überfloss aber mit Glücksgütern war sie ganz und gar nicht versehen hingegen Doktor Anselm galt für sehr reich Sie ließ also allerseits die ihrer Meinung nach günstige Gelegenheit keineswegs fahren sich einer Person zu entledigen von welcher ihre ökonomische Weisheit die Möglichkeit voraussah sie könne ihnen einmal zur Last werden
Die Heirat ward einige Wochen nachher in den schönen Tagen des Mais des Wonnemonds da sich die ganze Natur zur Liebe neigt vollzogen und der Himmel hing wie man bei jungen Ehepaaren zu sagen pflegt voll Geigen
Sechzehnter Abschnitt
Kaufmännische Klugheit und philosophische Spekulation mit häuslicher Zärtlichkeit gekrönt
Anselm war außer sich vor Freuden Er hatte häusliches Glück mit einer schönen und zärtlichen Frau so lange gewünscht und sah sich nun am Ziele seiner Wünsche Er sah den Plan den er sich von Jugend auf gemacht hatte gelungen er sah im Geiste die Folgen desselben bis in sein spätestes Alter in so heiterem Lichte als ihm dieses seine lebhafte Einbildungskraft nur vorstellen konnte welche durch die Honigwochen seines Ehestandes mit reizenden Bildern noch lebhafter angefüllt ward
Der geneigte Leser wird schon bemerkt haben dass unser dicker Mann das worauf er verfiel von ganzem Herzen und mit dem heftigsten Bestreben tat und dass er seit einiger Zeit auf seine Kosten recht viel solider und nachdenkender geworden war als vorher Also liebte er jetzt nicht nur seine junge Frau von ganzem Herzen sondern als ein weiser Mann bedachte er nun auch die Pflichten eines Hausvaters und nahm sich ernstlich vor sie in ihrem äußersten Umfange zu erfüllen So gleichgültig er bisher gegen Geld und Geldeswert gewesen war welche besagte Gleichgültigkeit ihm dadurch ziemlich war erleichtert worden dass es ihm in seines Vaters Hause von Jugend auf nie an Gelde fehlte so sah er doch nun ein er werde eine zahlreiche Nachkommenschaft haben und entschloss sich aus Liebe zu seinen künftigen Kindern reich zu werden
Zu diesem Behufe fasste er den Vorsatz sich der Verwaltung der Manufaktur mit verdoppeltem eigenen Fleiße zu unterziehen Nachdem er dieselbe nochmal examiniert und reiflich darüber nachgedacht auch mit Philipp in Betreff dieser Sache manchen vergebenen Wortwechsel gehabt hatte entschloss er sich die Anzahl der Stühle und der Arbeiter zu verdoppeln und machte seinem Freunde Philipp etwa einen Monat nach der Hochzeit seine Willensmeinung darüber bekannt
Philipp tat dennoch – wir wissen nicht ob aus eingewurzelten Vorurteilen oder aus andern Ursachen – alles Mögliche um unserm dicken Manne die Vergrößerung seiner Manufaktur auszureden Es ist wahr er hatte manche scheinbaren Gründe anzuführen In der Tat schien es als hätte sich Anselm bis jetzt für reicher gehalten als er war wenigstens hatte er so gelebt Sein Vater hatte durch Fleiß und Frugalität ein ziemliches Kapital zurückgelegt dahinein war wie schon bemerkt ist von unserm jovialischen dicken Manne etwas tief gegriffen worden denn zu der Art wie er lebte konnten die Einkünfte der Manufaktur bei weitem nicht zureichen Außerdem war die Manufaktur aus Mangel des Absatzes in den letzten Jahren nicht so stark gegangen und Philipp blieb bei der Meinung sie jetzt zu vergrößern müsse Schaden bringen zumal da schon ein starker Vorrat an Tüchern auf dem Lager war Seine Vorstellungen aber halfen nichts Alles was er über Anselm erlangen konnte bestand darin dass die schon beträchtliche Anzahl der Stühle nur mit einem Drittel vermehrt ward Weniger konnte aber auch nicht geschehen Denn Anselm fand um seine künftig sich vergrössernde Haushaltung zu unterhalten durchaus nötig größere Geschäfte zu machen Darauf ließ sich nun nichts weiter einwenden Auch fand Anselm mit seinem offenen Kopfe sogleich Rat sich von dem großen Vorrate der Waren loszumachen Er gab seinen auswärtigen Abkäufern größeren Kredit als vorher und schickte einem Korrespondenten in Polen eine große Anzahl Stücke in Kommission Auf diesen Gedanken war freilich Philipp nicht gekommen und vielleicht wendete er bloß deswegen viel dawider ein weil er einen so glücklichen Einfall nicht selbst gehabt hatte Aber dem sei wie ihm wolle Das Warenlager ward nun in ein paar Monaten so aufgeräumt dass dessen Umfang ferner keinen Grund gegen die Vergrößerung der Manufakturarbeiten abgeben konnte Die Stühle würden also vermehrt Vorrat von Wolle und Garn gekauft und eine Menge neuer Arbeiter angesetzt Anselm war von der Richtigkeit und Notwendigkeit seiner Spekulation durch reifes Nachdenken überzeugt Er konnte sich wahrlich nicht vorwerfen leichtsinnig dabei zu Werke gegangen zu sein da er manche Stunde darüber nachgedacht und jeden Zweifel des den Ideen seines Plans wirklich ziemlich furchtbaren Philipps mit einem Syllogismus beantwortet hatte Nun konnte ihm Philipp die Prämissen keines einzigen derselben durch einen andern Syllogismus widerlegen daher war er von der Wahrheit der Resultate so fest überzeugt dass er sich nicht einen Augenblick bedachte da sein barer Geldvorrat durch die wöchentliche Bezahlung so vieler Arbeiter bald erschöpft ward zum Behufe der so heilsamen Vergrößerung seiner Manufaktur kurz nacheinander ein paar beträchtliche Kapitalien aufzunehmen
Es gibt Kaufleute griesgrämige magerbäckige Gesichter welche für Spekulationen wodurch der Handel bis ins Unendliche getrieben wird keinen Sinn haben Sie begnügen sich ganz engherzig ihr eigenes Kapital oder wenig darüber in Umlauf zu bringen oder gar nur zu sorgen es allenfalls mit einer geringen jährlichen Vermehrung zu erhalten Diese werden nicht ermangeln über unsern dicken Mann die Achseln zu zucken dass er den größten Teil seines Vermögens teils auf übermäßigen Kredit weggab teils gar in ein weit entferntes Land auf einen ungewissen Kommissionshandel wagte und zugleich ein sehr großes Kapital aufnahm um seine Manufaktur zu einer Zeit beträchtlich zu vergrößern da der Absatz sehr zu fallen schien Aber diese altväterischen Schreibstubensitzer erwägen nicht dass unser Anselm sich in der Notwendigkeit sah größere Geschäfte zu machen um seine nun vergrößerte Haushaltung ferner mit Anstand zu führen Man könnte diesen kurzsichtigen Tadlern die nicht für recht halten man dürfe mehr wagen als man selbst besitzt bloß deswegen weil man mehr Geschäfte machen will das Beispiel ansehnlicher Komtore ja ganzer Handlungsplätze entgegensetzen wo noch größere und weit aussehendere Spekulationen betrieben und bloß mit der Notwendigkeit die Geschäfte zu vergrößern entschuldigt werden
Es ist freilich wahr dass die Kaufleute welche jetzt Spekulationen bis zu einer Größe treiben die denjenigen erschrecken könnten welcher die Sache nicht versteht gewöhnlich dabei eine Vorsicht gebrauchen an die unser dicker Mann wohl nicht denken konnte da er bisher der Wolfischen Philosophie kundiger war als der feinen Handlungsgebräuche Diese Kaufleute fabrizieren nicht selbst noch weniger nehmen sie zum Behufe einer Manufaktur ein großes Kapital auf Sie verschreiben vielmehr da jetzt der Kredit so leicht gemacht wird binnen kurzem aus Frankreich Holland und England von verschiedenen Orten her einen Vorrat von Waren der ihr eigenes Vermögen dreißig und mehrmal übersteigt welchen sie denn mit kühnem Mute in entfernte Länder verborgen Gelingt es ihnen so gewinnen sie ansehnlich werden als kluge und große Kaufleute verehrt und wagen nun wieder eben so große Posten bis es einmal nicht gelingt Dies scheint dann dem gemeinen Haufen ein Unglück aber der spekulierende Kaufmann welcher die Gefahr vorhersah hält es eben nicht dafür Nicht er sondern die Menge der fremden Kreditoren haben die Gefahr zu tragen Er verlässt sich darauf vorteilhaft mit einem Verluste von vierzig oder fünfzig vom Hundert zu akkordieren wobei er mit Rechte voraussetzt dass fremde Fabrikanten eher geneigt sein müssen einen solchen Akkord einzugehen als einheimische Wechselgläubiger vor denen er sich hütet Es müsste bei einem Akkorde den der klügere Kaufmann über den dreissigfachen Wert seines Vermögens schliesset wunderlich zugehen wenn er sein wirkliches Vermögen nicht rettete und vielleicht noch mit der Hälfte vermehrte Dieses und die Anzahl der Kreditoren welche macht dass keiner ganz zugrunde geht hilft ihm dass er nach geschlossenem Akkorde ganz unbesorgt sein kann ferner Kredit zu bekommen und weiter zu handeln denn das versteht sich Auf diese feinen Kaufmannskünste wodurch jetzt die Handlung und durch sie die fabrizierende Industrie bis auf einen Gipfel steigt dass es beinahe scheinen möchte beide würden sehr bald wieder herabstürzen müssen war unser dicker Mann freilich nicht bedacht Er war ehrlich genug sein eigenes und seines nächsten Nachbars Vermögen auf eine ganz neue Spekulation zu wagen Aber da er alles nach der ihm so geläufigen mathematischen Methode untersucht hatte so glaubte er vorauszusehen dass seine Spekulation gewiss den sichersten Vorteil abwerfen werde Wollte er nun diesen Vorteil nicht entbehren so waren wie er ebenfalls demonstieren konnte die Versendung beinahe seines ganzen Warenlagers in Kommission und die Anleihe eines großen Kapitals ganz notwendige Maßregeln
Die gedachte Anleihe aber ward noch in einer andern Absicht notwendig Eben zu der Zeit da unser dicker Mann eine so schnelle Revolution in seinem Manufaktur und Handlungswesen vornahm entstand in seinem häuslichen Wesen auch eine Revolution die sich zwar unvermerkt entspann aber fast schneller fortging als jene Die zärtliche Frau Angelika hatte mancherlei Bedürfnisse Sie mochte sich gern putzen Daran hatte nun der verliebte Anselm selbst seinen Gefallen und gab alle Kosten gern her um einen so schönen Körper noch mehr zu zieren Aber Frau Angelika wollte auch ihren Putz gern zeigen In Vaals war niemand für den es der Mühe belohnte daher mochte sie gern oft in Aachen sein und dazu wollte sie eine Kutsche mit vier Pferden angeschafft wissen Anselm besaß selbst zwar eine ziemliche Anlage sich gern geltend zu machen indes hatten Philipps ökonomische Zweifel obgleich alle durch die Kraft logischer Schlüsse widerlegt doch einen gewissen Eindruck auf unsern dicken Mann hinterlassen Er fing also jetzt an vorher zu berechnen da er sonst nur untersucht und Schlüsse gemacht hatte und da schienen ihm die Kosten der Anschaffung und der Unterhaltung so beträchtlich dass er es der Mühe wert hielt seine aritmetischen Resultate der jungen Frau mitzuteilen Diese sanfte Seele merkte aber nun erst dass er seitdem er auf das Manufakturwesen so sehr achtgab sich weniger mit ihr beschäftigte Sie schloss daraus auf eine Abnahme seiner Liebe da sie sonst sein Alles gewesen war und zerfloss in Tränen indem sie seinen Wankelsinn zärtlich anklagte Anselm suchte sie zu beruhigen aber ihre Nerven waren schwach Sie bekam verschiedene Zufälle Als sie sich wieder erholte erfolgte die zärtlichste Szene der Versöhnung Die sanfte Angelika begab sich bloß aus Liebe zu ihrem Anselm der Forderung der Kutsche und Pferde ob sie wohl nicht leugnen mochte sich dieselbe sehr gewünscht zu haben zumal da bei ihrem nervenschwachen Körper der Arzt ihr den Gebrauch der frischen Luft so sehr empfohlen hatte Aber sie versicherte ihren Anselm zu innig zu lieben um nicht seiner Klugheit der sie unter zärtlicher Umarmung den Vorzug vor der ihrigen gern zugestand alles aufzuopfern Der zärtliche Anselm hingegen um solche große Entäusserung zu belohnen ging von Stund an nach Aachen kaufte ohne weiter zu rechnen eine Kutsche und vier engländische Pferde und tat noch eine niedliche leichte Birutsche hinzu damit sein Liebchen die schöne Witterung recht gemächlich genießen könnte
So sehr sich die schöne Angelika auch ihres Wunsches entäussert hatte so große Freude machte ihr doch die ganz unvermutete Erfüllung desselben Die Folge davon waren einige sehr glückliche Tage zwischen beiden Eheleuten die umso glücklicher wurden da sich zugleich zeigte dass Angelika ein Pfand der Liebe unter ihrem Herzen trug worüber der gute Anselm vor Freuden fast außer sich geriet
Indes alle Tage waren freilich nicht gleich heiter Wir haben schon manchmal bemerkt dass Anselm einen großen Vorrat von Philosophie folglich von Weisheit besaß Die wollte er bei seiner Angelika anwenden ihr seine Wünsche offenbaren und ihr manchen guten Rat erteilen Aber die liebe Frau war nervenschwach Die Weisheit eines Mannes war ihr ein zu starkes Hausmittel Sie bekam davon Vapeurs und Zittern in den Gliedern und der gute Anselm musste also diese geistigen Arzeneien nur nach und nach dispensieren und endlich bald damit ganz innehalten umsomehr da darauf gewöhnlich bittere Klagen erfolgten dass er sie nicht mehr liebe Diese irrige Vermutung gründete sie bei solchen Gelegenheiten darauf dass er so viel Zeit in seiner Schreibstube mit seinen Manufakturgeschäften zubringe Anselm welcher vermeinte dass er gerade aus Liebe zu ihr und ihren künftigen Kindern sich mit dem undankbaren Geschäfte reich zu werden abgäbe konnte gar nicht begreifen wie sie ihn so sehr verkennen möchte und wie es zugehe dass er sie von der rechten Beschaffenheit seiner Liebe nicht zu überzeugen vermochte ob er ihr gleich oft weitläufig vordemonstrierte dass sein Fleiß in Handlungsgeschäften nur aus heißer Liebe zu ihr entspringen könne
Man musste indes der Frau Angelika die Gerechtigkeit widerfahren lassen dass sie ihrem Anselm nie einen Mangel von Liebe vorwarf als nur wenn er etwas was er wollte gegen ihren Willen durchsetzen oder etwas was sie verlangte z B ein neues Kleid ein Stück Juwelen oder andern kostbaren Putz nicht gleich gewährte Fiel dergleichen vor welches nicht selten geschah so machte sie ihm freilich Vorwürfe dass er ihr nicht genug Gesellschaft leiste Sonst aber war sie billig genug ihn an seinen Geschäften nicht zu hindern und teils deswegen teils um Wagen und Pferde da sie einmal da waren doch zu gebrauchen fuhr sie fast täglich während der Kurzeit nach Aachen wo sie an allen dortigen Lustbarkeiten Assembleen Bällen usw teilnahm nicht um der Lustbarkeiten willen sondern um ihre Verwandten zu besuchen und ihren schwachen Körper zu stärken Dahin wollte sie nun Anselm oft begleiten und dies ließ sie auch zu doch erinnerte sie ihn oft wie mannigfaltig seine Geschäfte wären und dass er doch wenigstens nichts dabei versäumen möchte Eigentlich war es auch nicht höchstnotwendig dass Anselm die Lustreisen nach Aachen mitmachte denn um ihr den Arm zu geben war ihr gewöhnlicher Begleiter Freund Platter genug welcher nun ein völliger Hausfreund geworden war Frau Angelika hatte ihm nämlich ein Absteigequartier in Anselms Hause bereiten lassen welches er auch wenn er mit ihr zurückkam fleißig benutzte
Bisher haben wir an unserm dicken Manne immer viel jovialischen Mut und noch nicht die geringste eigensinnige Laune bemerkt Wir wissen also selbst nicht wie es zuging dass er sich einer so notwendigen Anordnung seiner guten Frau einigermaßen widersetzte Sie musste doch auf ihren öfteren Gesundheitsreisen nach Aachen jemand zum Begleiter haben und dazu schickte sich niemand besser als Platter weil derselbe ihr und ihrem Manne nun schon lange bekannt war und während der Kurzeit ohnedies täglich in Aachen gegenwärtig sein musste indem er Anteil an einer von den dortigen Pharobanken hatte Da sie nun beide nicht selten erst nach Mitternacht sie vom Balle und er Vom Spieltische nach Hause kamen so war nichts natürlicher und zugleich bequemer als ihm ein Absteigequartier im Hause zu geben damit zugleich Frau Angelika umso leichter den folgenden Tag wieder einen Begleiter nach Aachen und auch wohl in den Frühstunden eine Gesellschaft fände
Indes hatte der gute Anselm wohl einige Gründe anzuführen warum er mit dieser sonst so bequemen Einrichtung nicht ganz zufrieden war Es würden seine Gründe bei der so sanften so zärtlichen und besonders wie wir oben gesehen haben zu allem moralisch Guten so geneigten Frau Angelika auch gewiss Eingang gefunden haben wenn nicht unglücklicherweise sobald er anfing diese Gründe auseinanderzusetzen sie immer sogleich ihre Nervenschwäche angetreten hätte Anselm war ein zu guter Arzneikundiger um nicht die Natur solcher Krankheit bald einzusehen welche nicht irritiert sein will daher er sich bald entschließen musste seine sonst guten Gründe lieber bei sich zu behalten Seine Frau erkannte auch den ganzen Wert dieser medizinischen Vorsicht und belohnte ihn wenn er schwieg mit so manchem freundlichen Blicke dass sich sein Geist wenigstens manche Viertelstunde aufheiterte und dadurch das gesunde und runde Ansehen seines Körpers äußerlich keinen Abgang litt
Zu leugnen ist indes nicht dass sein lange vorher überdachter Plan des größten Lebensgenusses im häuslichen Glücke dessen Ausführung er sich vor wenigen Monaten als schon gelungen vorgestellt hatte jetzt noch nicht ganz in Erfüllung zu gehen schien Er fasste sich aber in Geduld wie ein Philosoph und tröstete sich mit der Hoffnung alles werde in seinem Hauswesen anders und besser werden wenn dasselbe nur erst mit einem jungen gesunden Erben vermehrt sein und wenn die mütterliche Zärtlichkeit dadurch neue Nahrung erhalten würde Obgleich dieser Zeitpunkt leicht zu bestimmen war so rechnete er ihn doch mehrmal umständlich aus es gab dann selige Viertelstunden in denen er beinahe noch angenehmere Aussichten hatte als der fromme Lavater in die weite Ewigkeit So froh aber auch seine Hoffnungen für die Zukunft waren so drückte ihn zuweilen sein gegenwärtiger Zustand ein wenig und es trat ihn sogar mitunter einiger Unmut an eine Empfindung wovon er so lange er denken konnte noch keine Erfahrung gehabt hatte
Also war ihm Zerstreuung nötig Er hätte sich freilich mit seinen Manufakturgeschäften genugsam zerstreuen können und auch wohl zerstreuen sollen da ihn seine liebe Frau wie schon gesagt nicht selten erinnerte nichts darin zu versäumen Wir glauben aber schon genug zu erkennen gegeben zu haben dass unser guter dicker Mann zwar ein Geschäft wovon die Idee in seinem Geiste einmal lebhaft ward mit großem Eifer zu betreiben anfing dass aber das Ausdauern eben seine Sache nicht war Daher ward ihm auch nach wenigen Monaten die Vergrößerung seiner Manufakturgeschäfte ob er sie gleich selbst veranlasst hatte ziemlich zur Last und täglich lästiger je mehr sich Schwierigkeiten fanden und häuften welche er nicht vorhergesehen hatte Er blieb also fast ganz von seiner Schreibstube weg und überließ das meiste seinem Philipp Dies schien ganz vernünftig zu sein Denn da Philipp die Schwierigkeiten die sich jetzt fanden alle vorausgesehen hatte so war zu vermuten er würde denselben besser ausweichen können als Anselm welcher nie an Schwierigkeiten gedacht hatte
Indes würde unserm dicken Manne dessen Geist immer mehr als eine Beschäftigung haben musste diese seine Untätigkeit doppelt zur Last geworden sein zu einer Zeit wo er einen neuen Gegenstand nötig hatte um nicht allzu lebhaft an manches zu denken was in seinem Hause vorging Glücklicherweise war damals eben erst Kants Kritik der reinen Vernunft und die darauf gegründete Metaphysik der Sitten in der Gegend von Vaals und Aachen bekannt geworden wohin die neuen literarischen Erfindungen etwas später durchzudringen pflegen Dies war Philosophie und etwas Neues Wegen beider Ursachen mussten diese berühmten Werke unsern dicken Mann mit großer Macht an sich ziehen Er studierte sie mit anhaltendem Eifer und vergaß eine Zeitlang darüber seine Manufaktur und den Hausfreund seiner Frau Besonders die Lehre vom kategorischen Imperativ zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich und er verfolgte dieselbe mit dem reifsten Nachdenken bis er sich von der Richtigkeit derselben völlig überzeugte Vielleicht trug selbst die Lage seines Hauswesens etwas dazu bei diese Überzeugung mehr zu beschleunigen denn es ist wohl kein Imperativ kategorischer absoluter und autonomischer als der Wille einer schönen und nervenschwachen Frau Da nun sowohl die Kritik der praktischen Vernunft als der Hausfrieden welcher leicht hätte sehr kritisch werden können unserm dicken Manne Geduld empfahl so hatte er denn auch Geduld
Die liebe Frau Angelika gab ihm freilich hin und wieder guten Anlass diese christliche Tugend zu üben Nachdem teils die Kurgesellschaft in Aachen und folglich die Assembleen und Bälle ziemlich dünne geworden waren teils der Fortgang ihrer Schwangerschaft ihr dieselben unbequem machte blieb sie zu Hause und nun war Freund Platter der fast nicht aus dem Hause wich ihre beständige Gesellschaft sowohl in ihrem Zimmer als wenn sie ausfuhr um an schönen Herbsttagen frische Luft zu schöpfen Der Ehemann beschäftigte sich zwar damals vorzüglich mit der transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe aber er ward doch dabei auf manches sehr aufmerksam was in der Sinnenwelt seines Hauses vorging und ward darüber abermal etwas griesgrämig Freilich wenn man nicht sicher gewusst hätte dass Ehefrau Angelika ihren runden Anselm liebte hätte es zuweilen den Schein haben können er wäre ihr nicht allein gleichgültig sondern sogar zuwider Denn wahr ists dass sie ihn zuweilen anfuhr wenn er ihre Leseübungen mit Platter durch seine Gegenwart störte oder bei einer Spazierfahrt der dritte Mann zu sein Lust hatte Das wusste ihm aber nicht nur Freund Platter als eine von den Grillen vorzubilden die er sehr missbilligte welche aber der jetzige Zustand der guten Frau einigermaßen entschuldigen mochte sondern auch die gute Frau riss ihn zuweilen selbst aus seinem Unmute wann sie ihn herzlich umarmte und mit den zärtlichsten Namen bewillkommnete Zufall war es dass sie gerade immer zu eben der Zeit auch etwas von ihm verlangte welches er denn einer so zärtlichen Frau nicht abzuschlagen vermochte Jezuweilen gab ihm zwar ein übler Genius den Verdacht ein als ob die Liebkosungen und die Forderungen einen Zusammenhang hätten aber wenn er alles mit reifem Nachdenken überlegte fand er dass ein solcher unbilliger Argwohn zufolge der hier angewendeten Kritik der reinen Vernunft, nur ein Gedankending oder ein leerer Begriff ohne Gegenstand sei ja zuweilen war er gar geneigt ihn für ein Unding oder für einen leeren Gegenstand ohne Begriff für ein Nihil negativum – das heißt für das was die meisten philosophischen Disputationen sind – zu halten Er schlug sich also die Grillen aus dem Sinne und fand es viel besser sich an der reinen Anschauung der zärtlichen Liebkosungen seiner lieben Gattin zu weiden
Er hatte hierzu besonders an einem Tage Gelegenheit den er zu den vergnügtesten seines Lebens rechnete Schon vom ersten Morgen an war seine liebe Angelika obgleich immer nervenschwach in der heitersten Laune Sie hatte mit ihm die angenehmste Mittagsmahlzeit Kopf bei Kopf wie man es in neufränkischem Deutsch geben würde gehalten denn Freund Platter war schon den vorigen Tag verreiset und Angelika forderte diesmal auch nach der Mahlzeit die Gesellschaft ihres lieben Anselms Sie fuhr mit ihm in der offenen Birutsche im heitersten Wetter spazieren und saß nachher mit ihm Hand in Hand unter dem liebreichsten Kosen Gegen Abend kam sie freilich unvermerkt auf andere Materien und eröffnete eine Bitte die ihn einigermaßen überraschte Die Sache war folgende Freund Platter hatte im vorigen Sommer am Spieltische verloren und auch noch sonst manche kleinen Schulden gemacht Darüber hatte er einem Wucherer eine Verschreibung von 5000 Speciestalern oder 12 000 Aachener Gulden ausgestellt Sie war fällig aber der Inhaber erbot sich dem Schuldner auf vier Monate Frist zu geben wenn Anselm sich dafür verbürgen wolle Dies war es worum Frau Angelika ihn bat und wobei er anfänglich ein wenig stutzte Frau Angelika bekam zwar einige Anfälle von Nervenschwäche umarmte aber bald ihren mit AlkaliFluor ihr beispringenden Anselm auf das herzlichste und gab ihm dabei zu bedenken dass man ja nicht bare Bezahlung sondern nur Unterschrift von ihm verlange dass Platter gegen vier Monate gewiss wieder andere Spielschulden würde einkassieren können ja dass es auf den schlimmsten Fall keine Mühe kosten würde die Zahlungszeit weiter zu verlängern dabei stellte sie ihm rührend das Edle der Handlung vor einen hilfsbedürftigen Freund aus so großer Verlegenheit zu retten Hier traf sie Anselms schwache Seite Denn Mangel an Gutherzigkeit war sein Fehler nicht und er konnte auch edelmütig sein wenn nur seine eigene Gemächlichkeit dabei nicht in Kollision geriet Er verbürgte sich also nach einer kurzen Überlegung unter den zärtlichsten Liebkosungen seiner Frau die ihm die Verschreibung vorlegte Die kurze Überlegung die Anselm diesmal anstellte führen wir nicht ohne Ursache an Sie zeigte dass er weder ein bloßer Belesprit noch ein bloßer Philosoph war Er erinnerte sich dass es die Regel eines jeden soliden Kaufmannes ist sich nicht auf eine Frist zu verbürgen wenn er nicht gewiss weiß dass er alsdann Kasse zur Zahlung haben wird daher kam seine anfängliche Unentschossenheit Er besann sich aber dass er ja noch ehe die vier Monate vorbei wären den ersten Zahlungstermin von sechstausend Speciestalern für die auswärts verkauften Tücher zu erwarten hätte ohne das was gegen die Zeit von den in Polen in Kommission liegenden eingehen müsste Er glaubte also allenfalls eine solche Summe der Rettung eines Freundes aufopfern zu können und fand sich noch dazu durch die Liebkosungen seines Weibchens mehr als belohnt dabei unterließ er nicht seiner Klugheit insgeheim ein kleines Kompliment zu machen dass er auf den glücklichen Gedanken gekommen war seine Geschäfte zu vergrößern und besonders sein Lager von Tüchern zu einer günstigen Zeit nach Polen zu senden denn hierdurch war er nun besser in den Stand gesetzt seinem Freunde Platter zu dienen welcher Freund denn auch nicht ermangelte am folgenden Tage sich einzufinden Anselm empfing von ihm eine Gegenverschreibung wegen der Bürgschaft für 12 000 Aachener Gulden Platter vereinigte seinen lebhaftesten Dank mit den süßesten Liebesbezeugungen Angelikens wodurch Anselm fühlte er sei einer der glücklichsten Menschen
Siebzehnter Abschnitt
Unvermutete Vorfälle welchen Anselms Klugheit und philosophische Spekulation beinahe nicht gewachsen gewesen wäre
Anselm hatte nun in kurzer Zeit schon mancherlei Erfahrungen gemacht und vieles in seinem Ehestande welcher immer das äußerste Ziel seiner jugendlichen Entwürfe eines glücklichen Lebens gewesen war ganz anders gefunden als seine Imagination und seine Spekulation die beiden Grundpfeiler aller seiner Pläne es ihm hatten vorstellen können Seine Theorie vom häuslichen Glücke fand er immer noch vollkommen gegründet besonders nachdem er sie nach der kritischen Philosophie berichtigt hatte aber da kam der verzweifelte Hausfreund und die Verbürgung als zwei Tatsachen dazwischen Nun sind Tatsachen eigensinnige widerspenstige Dinge wodurch wie die traurige Erfahrung lehrt oft die hellesten Theorien dunkel gemacht werden Zuweilen hatte unser dicker Mann darüber mancherlei Gedanken denen er nicht lange nachhängen mochte und sich daher bald entweder der kritischen Philosophie oder den Liebkosungen seiner Angelika in die Arme warf welche seit der letzten Gefälligkeit durch die geleistete Bürgschaft für ihren gemeinschaftlichen Freund viel häufiger wurden Anselm fühlte sich dadurch so glücklich dass er darüber oft sogar nicht nur den transzendenteilen Schein sondern auch den empirischen Schein als möge in seinem Hauswesen und in seinem Ehestande nicht alles nach seinem Plane gehen auf eine Zeitlang vergaß
So waren etwa sieben Monate seit der Verheiratung unsers guten dicken Mannes verflossen Anselm war eines Tages sehr vergnügt gewesen weil Frau Angelika obgleich kränklich ihre Liebesbezeigungen gegen ihn verdoppelte Er fühlte das große Glück diese Frau zu besitzen und überzeugte sich dass die kleinen vorübergehenden Launen unbedeutend wären Er überlegte nicht allein wie schön und wie herzlich sie war sondern auch wie voll von feinen Gesinnungen wobei er sich lebhaft der ersten glücklichen Zeit der Bewerbung und der Lektur der neuen Heloise begleitet mit den moralischen Betrachtungen der Frau Angelika erinnerte So war unser dicker Mann frohen Mutes als sich mit einemmale plötzlich in seinem Hause alles änderte Den ersten Anfang machte ein Zufall den niemand und er am wenigsten vermutete Die schöne Angelika ward in der Nacht unpass und wenige Stunden darauf ward sie von einem Knaben entbunden der gesund und ebenso vollständig und rund war als Anselm selbst wie er geboren ward Diesen Zeitpunkt glücklich zu erleben war immer sein liebster Wunsch und der Gegenstand mancher Ausrechnung gewesen aber diesen Wunsch so früh erfüllt zu sehen machte ihn staunen und etwas bestürzt Er hatte zwar die gerichtliche Arzneikunde zu gut studiert um nicht zu wissen dass eine siebenmonatliche Geburt für echt erkannt werde aber dass ihm gerade selbst ein so seltener Fall begegnen sollte gefiel ihm nicht und brachte ihm allerlei Gedanken in den Kopf Doch er hatte nicht lange Zeit denselben nachzuhangen denn andre Gemütsbewegungen warteten seiner Das Kind verfiel am dritten Tage in Gichter und starb aller von ihm angewandten Mittel ungeachtet Er lenkte nun seine Sorgfalt auf die Mutter welche nicht aus einer sehr schädlich auf sie wirkenden Unruhe zu bringen war Sie erlag unter derselben und starb wenige Tage darauf unter vielen Tränen welche Tränen der Reue schienen
Anselm war durch diese Vorfälle im Innersten gerührt Bald aber stürmten noch mehrere Unfälle auf ihn zu Platter verschwand und es zeigte sich dass er sehr viele Schulden hinterließ Für Anselm blieb nichts übrig als die Verschreibung zur Verfallzeit zu bezahlen Als er darauf dachte kam die Nachricht dass der größte Teil der nach Polen in Kommission geschickten Tücher noch unverkauft läge und dass der auswärtige Kaufmann auf den für verkaufte Tücher der Wert von 6000 Talern Species trassiert war zu zahlen aufgehört habe Die vermehrten Stuhlarbeiter erforderten wöchentlich eine ansehnliche Bezahlung und die Tücher welche sie lieferten waren vor der Hand nicht abzusetzen Alle diese Unglücksfälle mussten den gänzlichen Sturz des Hauses und der Manufaktur verursachen Durch Anselms neue Einrichtungen war also das ganze Werk welches sein Vater mit so viel Fleiß und Sparsamkeit gestiftet und viele Jahre lang erhalten hatte in wenig Monaten zusammengestürzt und seine eigene Wohlfahrt unwiderbringlich verloren Er überließ sich beinahe ohne Besinnung einem wütenden Schmerze
Man sollte denken die vielen Wissenschaften besonders die Philosophie wovon unser guter dicker Mann sogar zweierlei sich widersprechende Systeme vollkommen innehatte müssten bei solchen harten Zufällen Stärke und gesetzten Mut geben um Unglück zu ertragen und besonnen zu bleiben aber die Erfahrung lehrt gemeiniglich das Gegenteil Leute welche den Kopf mit Wissenschaften und Weisheit vollstopfen sind wie die guten Hausfrauen welche ihre Wohnzimmer entweder beständig so nass waschen dass sie nicht darin wohnen können oder sie so weiß scheuern und zierlich aufputzen dass sie sich darin zu wohnen nicht getrauen Sie behelfen sich dann lebenslang in einer schmutzigen Schlaf oder Polterkammer und wohnen lieber gar nicht in ihren Zimmern Aus einer gleichen Ursache scheinen die gelehrten Philosophen ihre Philosophie in der wirklichen Welt so wenig brauchen zu können Sie ist entweder noch scheuernass oder sie befürchten wenn sie angegriffen würde müsste sie wieder gescheuert werden
Philipp ohne alle Theorie und Philosophie behielt bei diesem Unglücke seine Besonnenheit unter anderm auch deswegen weil er einen Teil der Unfälle vorausgesehen und zuweilen auch ohne gehört zu werden vor deren Veranlassung gewarnt hatte Er leistete die nützlichsten Dienste Anselm der nun allen Mut verlor überließ sich und seine Wohlfahrt ihm ganz und das war noch klug gehandelt Philipp kannte die wahren Vorteile der Manufaktur und der Handlung welche nur durch die unüberlegte Vergrößerung und durch die schlechte Haushaltung so sehr waren vermindert worden Er verkaufte gleich Kutschen und Pferde und schränkte das Haus nur auf die allernötigsten Ausgaben ein Er dankte einen Teil der nicht nötigen Arbeiter ab Er fand Mittel die übrigen welche in Tätigkeit mussten erhalten werden vor der Hand richtig zu bezahlen Er hatte das Glück durch einen treuen Korrespondenten das polnische Kommissionslager obgleich mit Schaden doch bar zu verkaufen und dadurch selbst zur Verwundrung des Wucherers die Verschreibung zur Verfallzeit zu bezahlen Anselm fing nun selbst an wieder einigen Mut zu fassen Philipp hatte zu allen nötigen Ausgaben Geld gefunden und war dadurch im Stande die Manufaktur noch einige Monate lang mit Nutzen und Ehren zu führen Aber nun häuften sich die Schwierigkeiten wieder Das aufgenommene Kapital ward aufgekündigt und es war aller angewandten Mühe ungeachtet keine Verlängerung der Verschreibung zu erhalten Es schien also unmöglich das Haus vor dem Umsturze zu sichern Philipp aber verlor den Mut nicht Er verhehlte möglichst die misslichen Umstände fand durch die weiseste Sparsamkeit und durch ein kleines Kapital das er von seinem eigenen Gehalte erspart hatte Mittel abermal die Manufaktur fortarbeiten zu lassen so dass man äußerlich nichts merkte und unter der Hand suchte er einen Käufer dazu den er auch an einem reichen Kaufmanne in Burscheid fand welcher ziemlich den Wert dafür gab Nun zahlte Philipp alle Schuldner richtig aus und am Ende blieben noch ein paar tausend Taler übrig
Anselm war in seinem Innersten gerührt und wollte den kleinen Rest seines Vermögens mit dem treuen Philipp teilen Dieser weigerte sich aber schlechterdings etwas weiter zu nehmen als seinen Vorschuss und seinen gewöhnlichen rückständigen Gehalt »Was ich tat« sagte er »war ich meiner Pflicht und der Dankbarkeit schuldig« Anselm verehrte diesen edlen Mann und fühlte nun in sich selbst zuerst wie weit er der sich immer so klug dünkte demselben an wahrer Klugheit und ausdauerndem Mute nachzusetzen sei
Es musste jetzt eine ganz neue Ordnung der Dinge angehen Anselm war sehr unschlüssig was für ihn zu tun sei aber darin war er mit sich einig es werde ihm unerträglich sein in Aachen oder Vaals sich ferner aufzuhalten ob er gleich nicht eigentlich wusste wohin Philipp welcher sich durch die kluge Führung von Anselms Geschäften bei den Kaufleuten in der dortigen Gegend sehr viel Achtung erworben hatte ward von einem derselben nach Elberfeld empfohlen um der Handlung und Manufaktur einer Witwe vorzustehen deren Mann kürzlich gestorben war Dies bewog Anselmen gleichfalls Elberfeld zum Orte seines Aufenthalts und vielleicht seiner medizinischen Praxis zu wählen Sie reisten dahin ab und kurz vorher nötigte Anselm seinen Freund Philipp um gegen ihn doch einige Dankbarkeit zu beweisen die Zession von Platters Verschreibung der für ihn bezahlten Summe als ein Geschenk anzunehmen Philipp ließ der guten Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren und nahm endlich die Zession aus bloßer Gefälligkeit an weil es doch nicht im geringsten wahrscheinlich war dass Anselm je auch nur den kleinsten Teil dieser Verschreibung bezahlt erhalten würde
Achtzehnter Abschnitt
Reise zweier Freunde nach Elberfeld und ihre beiderseitigen Entwürfe
Beide Freunde setzten sich in den Wagen mit etwas beklemmtem Gemüte Anselm verließ Haus und Hof sein vormaliges Eigentum Alle die schönen Pläne welche er zu seinem künftigen glücklichen Leben gemacht hatte waren vereitelt Er hatte nie Sorgen gehabt und nun ging er auf ungewisse Hoffnung an einen unbekannten Ort Es war ihm schon so manches misslungen wovon er gewiss geglaubt hatte es müsse gelingen und so gelinde er sich zu beurteilen gewohnt war so konnte er sich doch zuweilen nicht ganz verhehlen es sei größtenteils seine eigene Schuld gewesen dass er immer Pläne voll chimärischen Glücks gemacht hatte während er durch unbesonnene Aufführung seine schon festgegründete gute Verfassung untergrub und umstürzte Alle diese Gedanken drückten mit verdoppelter Macht auf ihn so dass er bis zum ersten Nachtlager in einem Nachdenken saß das fast in Betäubung ausartete
Trübe Gedanken konnten indes im Geiste unsers dicken Mannes nicht lange haften Eine gute Abendmahlzeit munterte ihn auf Er war welches beiläufig angemerkt sein mag ein Freund vom besten Essen und Trinken und das bereitete ihm einen sanften Schlaf Als sie morgens abreiseten war die Sonne sehr heiter aufgegangen Feld und Wiesen grünten und eine Schar von Vögeln erfüllte die Büsche mit ihrem Gesänge Seine poetische Ader regte sich und bald mit derselben kehrte seine gewöhnliche Jovialische Heiterkeit zurück mit dieser sein voriger guter Mut und mit demselben seine gute Meinung von sich selbst die ihn eigentlich nie verlassen hatte
Er dachte »Weshalb soll ich mich grämen Ich bin gesund Ich habe eine schlechte Frau verloren Ich habe doch zweitausend Taler und mehr in der Tasche Klug bin ich und habe Philosophie und Entschließung um Unglück zu ertragen und mir Glück zu verschaffen«
Alle diese Eigenschaften hatte sich Anselm in Gedanken so oft beigelegt dass er endlich glaubte er besäße sie so wenig er auch Proben davon zeigte
Er fuhr fort »Meine einzige Unklugheit war dass ich eine Frau nahm Alles wäre gut gewesen hätte ich mir nicht eingebildet ich könne nur im Ehestande glücklich werden Gerade umgekehrt Ich will ledig bleiben so kann ich mein Leben viel besser genießen Warum bin ich doch nicht gleich auf den klugen Gedanken gekommen ganz frei und unabhängig nach meinem Sinne zu leben und bloß mein Vergnügen zu suchen Doch es ist ja noch Zeit Ich bin noch nicht dreißig Jahre alt ich habe Kenntnis von vielen Wissenschaften von Manufakturen und von Handlung und im Notfalle bin ich noch Doktor der Medizin Denken kann ich auch und auch schreiben Es kann mich brauchen wer einen brauchbaren Mann nötig hat Ich kann eines Ministers Sekretär ein Amtsphysikus ein Rat in einem Kollegium und was sonst noch werden Doch weshalb soll ich ein Amt annehmen und mich nach andern richten Ich habe noch Geld ich habe Kenntnisse Das wird mich bald wieder in guten Zustand bringen Ohne Ruhm zu sagen ich sehe nicht übel aus Ich will auch dem schönen Gesehlechte nicht ganz entsagen Ich will mich mit schönen Weibern und Mädchen ergötzen aber mich nicht von ihnen fesseln lassen Die Mädchen sind mir immer gut gewesen In Elberfeld und Gemarke sind wie ich höre viel reiche Kaufleute die schöne Töchter haben Wie komme ich aber zu denen Ei ich bin ja Arzt Es bleibt dabei ich will mich der goldeden Praxis befleissen die bringt Geld und gibt dem Arzte große Vorzüge beim Frauenzimmer«
So dachte unser dicker Mann und sein Geist und seine Mienen wurden ganz aufgeheitert Er dachte aber nicht allein das Obige sondern da sein Herz leicht überzuströmen geneigt war so teilte er seinem Reisegefährten alle die frohen Hoffnungen mit die ihn in seiner Einbildung beglückten Philipp dachte auch mancherlei behielt aber alles bei sich denn ein großer Teil dessen was er dachte würde seinen Reisegefährten geschmerzt und dessen frohe Laune gedämpft haben wenn er es herausgesagt hätte Er überlegte wie doch Anselm die einträgliche Manufaktur welche sein Vater durch viel jährige Emsigkeit und Ordnung zu Stande gebracht hatte in so kurzer Zeit durch Leichtsinn Dünkel und Unordnung zugrunde gerichtet habe Er überdachte welch ein glücklicher und wohlbehaltener Mann Anselm hätte sein können wenn er nur anstatt sich in chimärische unausführbare Projekte einzulassen das Werk ruhig hätte seinen Gang fortgehen lassen das er durch seines Vaters Verstand und Überlegung ganz eingerichtet vorfand und sich dem Müssiggange und eitlen Vergnügen nicht unmäßig überlassen hätte Er überdachte wie vielen Hirngespinsten von Plänen Anselm von seiner ersten Jugend an vermittels seiner Einbildungskraft nachgelaufen sei und wie durch diese törichten Träume endlich sein ganzes Glück war umgestürzt worden Um sich selbst nicht zu sehr zu betrüben wo Betrübnis weiter nichts mehr helfen konnte betrachtete er diese Torheiten von der komischen Seite und besonders Anselms beide letzten Heiratsversuche Er wog bei sich ab was wohl schlimmer wäre seine Braut verlieren und dafür Schmerzen unter dem heiligen Beine bekommen oder seine Braut erhalten aber einen Hausfreund dazu
Die Überlegung aller jugendlichen Torheiten Anselms bestätigte den bescheidenen Philipp in dem schon längst gefassten Entschlüsse Er wolle keine Aussichten zu seinem künftigen Fortkommen durch seine Einbildungskraft gehen lassen wolle weder Ansprüche machen noch Pläne ersinnen Er beschloss wie bisher in seinem Stande mit Fleiß und Treue und Bescheidenheit seine Pflicht zu tun und von der Vorsehung den Anteil vor häuslichem und bürgerlichem Glück ruhig zu erwarten den sie keinem ganz versagt als dem welcher sich desselben durch Müßiggang Unordnung und Verschwendung unwürdig macht
So dachte jeder vor sich so erheiterte sich jeder seinem Charakter gemäß der eine durch Träume der Einbildungskraft der andere durch vernünftige Betrachtungen Auf diese Art kamen sie unvermerkt in das schöne Wippertal und fuhren ganz vergnügt in Elberfeld ein
Neunzehnter Abschnitt
Neuer Plan Doktor Anselms und dessen Folgen
Anselm setzte sich nun in Elberfeld und da eben der vorzüglichste Arzt daselbst ein alter Mann starb so war gleich im ersten halben Jahre seine Praxis so stark als ers beim Anfange nur verlangen konnte Dieser Ort der vor fünfzig oder sechzig Jahren kaum auf der Landkarte zu finden war und wo nur einige wenige Landbauern auf den Wiesen an der Wipper Herden von Ochsen fett machten enthält jetzt über 16 000 Menschen und nachdem das Rindvieh der Industrie der Menschen hat Platz machen müssen werden die Wiesen zu meilenlangen Garnbleichen gebraucht Elberfeld war damals schon in vollem Wohlstande Die Fabrikunternehmer ihre Komtoroffizianten und die vornehmsten Arbeiter aßen und tranken viel besser als ehemals und waren also medizinischer Hilfe täglich mehr benötigt Dazu kam dass die Allgemeine Deutsche Bibliothek und mit ihr viele Schriften voll beklagungswürdiger Neuerungen bis dahin gedrungen waren Seitdem nahmen die geistlichen Blähungen welche in und um Elberfeld aus dem beständigen Lesen der Erbauungsbücher des Herrn Paulus Kind Herrn Christian von Bogatzky und ähnlicher Schriftsteller vielfältig entstanden waren und die besonders bei Garnwebern Schnurmachern und Spitzenwirkern so häufig in Gesichte und Prophezeihungen ausschlugen öfter einen andern Weg Man hatte angefangen sie mit Schwefelblumen und Spiessglasschwefel zu behandeln Nicht ohne Erfolg indem der geistlichen Beängstigungen im ganzen Barmertale viel weniger wurden Alles dieses gab die besten Aussichten für einen neuen Arzt der außerdem durch sein rundes wohlbehaltenes Ansehen schon die Idee eigener Gesundheit erregte und die Kranken mit Hoffnung erfreute
Das Handlungshaus für welches Philipp verschrieben war gehörte wie schon gesagt einer jungen Witwe Er fand die Manufaktur in der besten Ordnung nur dass durch die Krankheit des Besitzers die über Jahr und Tag gedauert hatte hin und wieder manches war vernachlässigt worden Philipp brachte nicht nur alles in kurzem wieder völlig in Ordnung sondern nachdem er sich mit der tätigsten Sorgfalt von der Garnmanufaktur und deren Verschiedenheit von der Wollenweberei gründlich unterrichtet hatte so setzte er Verschiedenes noch in bessern Stand Besonders gab er sich die größte Mühe von den sinnreichen Maschinen und Mühlen zum Behufe des Garns der Spitzen und Bänder welche in der damaligen Zeit in der dortigen Gegend anfingen bekannt zu werden Kenntnisse zu erlangen und legte einige derselben in der Manufaktur seiner Prinzipalin an wodurch dieselbe binnen kurzem in den größten Flor kam Jedermann der ihn kannte ehrte ihn wegen seines unermüdeten Fleißes und seine Prinzipalin eine sehr gutmütige und redliche Frau erkannte die Dienste die er ihrem Hause leistete und vermehrte nicht nur sein Gehalt sondern ließ ihm auch alle nur möglichen Gewogenheiten und Unterscheidungen widerfahren Philipp aber immer so bescheiden als fleißig war zufrieden seine Pflicht getan zu haben und glaubte nicht einmal dass die Erfüllung derselben etwas Außerordentliches wäre
Die junge Frau deren Hauswesen emporzubringen Philipp mit so gutem Erfolg arbeitete war in mancher Absicht zu beklagen Sie war wenige Monate vor dem Tode ihres Mannes mit einem sehr schwächlichen Kinde niedergekommen und sie selbst hatte durch die lange Krankheit ihres Gatten durch ihre Nachtwachen bei ihm und durch seinen nachherigen Tod so viel gelitten dass sie anfänglich sehr hinfällig aussah und man fast eine Abzehrung befürchtete Doktor Anselm setzte seine Freundschaft mit Philipp gleich vom Anfange an ununterbrochen fort So sah ihn die junge Witwe öfter in ihrem Hause und da die Verordnungen ihres bisherigen Arztes weder ihr noch ihrem Kinde Besserung zuwege brachten so entschloss sie sich wie viele andere den neuen Arzt zu gebrauchen welcher durch verschiedene glückliche Kuren schon anfing dort einen ziemlichen Ruf zu bekommen Waren es Doktor Anselms Arzneien war es sein freundliches Gesicht war es seine besondere Sorgfalt für Mutter und Kind war es deren gute Natur oder alles dieses zusammen genug beide wurden sichtlich besser zu des Arztes innigem Vergnügen und zu seinem nicht geringen Ruhme in Elberfeld und in der Gegend
Besonders die junge Witwe nahm an Gesundheit sehr zu und mit derselben entwickelte sich auch wieder ihre blühende jugendliche Farbe Sie war was man eine häusliche Schönheit nennen möchte sie hatte schöne blonde Haare eine sehr weiße Haut vollkommen schöne Zähne blaue sittsame Augen und dabei ohne eben glänzende Eigenschaften zu besitzen eine gleichmütige Freundlichkeit und gesellige Unterhaltung durch die jedem in ihrer Gesellschaft wohl war Auch unserm Doktor Anselm fing an in der Gesellschaft der jungen Witwe sehr wohl zu werden Zwar hatte Elberfeld und Gemarke der schönen Mädchen nicht wenige Anselm sah auch fleißig danach aber die meisten hatten vielleicht durch das fleißige Lesen düsterer asketischer Schriften ein etwas ängstliches und blasses Ansehen bekommen und zogen daher sein Herz nicht so sehr an sich Auch weil man in Elberfeld ziemlich eingezogen lebt fand er da nicht so viel Gelegenheit mit jungen Mädchen zu dahlen als er sich vorgestellt hatte Die Witwe hatte eine ungezwungene Freundlichkeit und unser dicker Mann entdeckte noch nachdem ihre Gesundheit merklich zugenommen hatte und er merklich bekannter mit ihr geworden war ein munteres Wesen an ihr wodurch sie in einem kleinen Zirkel die Gesellschaft sehr angenehm unterhielt Doktor Anselm nahm sich der wiedererlangten Gesundheit der jungen Witwe zu einer Zeit da sie und ihr Kind einen Arzt nicht mehr so notwendig zu bedürfen schienen als vorher immer noch mit verdoppeltem Eifer an Seine Besuche wurden vervielfältigt und wurden oft länger ausgedehnt Von den medizinischen Fragen und Antworten ging man auf andere Gespräche über Die junge Witwe schien nun auch an Anselms Gesellschaft Gefallen zu finden Er ward als Hausarzt mehrmal bei ihr zum Mittagessen gebeten Die Unterhaltung bei Tische war zuweilen ernstaft zuweilen munter immer angenehm Philipp dessen gesunder Verstand und heller Kopf sich je mehr er sich den Geschäften widmete immer mehr entwickelte nahm zuweilen auch daran Anteil und obgleich von Natur etwas blöde ließ er doch nicht nur Zeichen von durchdringendem Geiste sondern auch nach und nach von geselligen Eigenschaften merken Diese Unterredungen setzten diese kleine Gesellschaft in so frohe Laune dass sie mehrenteils noch nach Tische ein paar Stunden fortgesetzt wurden Philipp ward von seiner Prinzipalin allemal freundlich eingeladen dabei zu bleiben Aber er entfernte sich fast immer mit ehrerbietiger Bescheidenheit und begab sich bald nach der Mahlzeit auf die Schreibstube Dann blieb Anselm mit der jungen Witwe allein und unterließ nicht sein ganzes Talent zur fröhlichen Unterhaltung glänzen zu lassen Die junge Frau ward auch von seiner frohen Laune aufgemuntert um so mehr da sie gewöhnlich nach Tische mit ihrem jüngsten Kinde auf dem Schoße spielte in welchem nun durch Anselms Rat und Arzeneien neues Leben sichtbar aufblühte So wurden diese wenigen Stunden zum frohesten unschuldigen Lebensgenusse den Anselm noch nie in solcher Reinigkeit gekostet hatte und er war sehr froh da sie anfingen fast täglich wiederzukommen indem die freundschaftlichen Einladungen wenn er seine Morgenbesuche abstattete immer mehr vervielfältigt wurden
Indes schienen diese Unterhaltungen nachdem sie nur wenige Wochen gedauert hatten nicht völlig so animiert zu bleiben als sonst Die Unterredung stockte öfter die junge Witwe schien verlegen und nachsinnend zu werden und unvermerkt ward es Anselm auch Der beständige Umgang mit einer liebenswürdigen Frau musste notwendig auf sein gegen weibliche Schönheit so empfindliches Herz wirken aber die Annehmlichkeiten ihres Geistes ihre naive Herzlichkeit die mütterliche Zärtlichkeit die in ihren Augen schwamm wenn sie oft im heitersten Laufe der Unterredung ihr Kind in dessen Antlitz sich täglich mehr Gesundheit und in dessen Gliedern mehr Kraft zeigte an ihren Busen drückte wirkte da Anselm weiser geworden und über den wahren Wert des Weibes durch Nachdenken und Erfahrung sich näher belehrt hatte bei ihm noch weit mehr zum Vorteile der jungen Frau
Er merkte nun dass sich bei ihm anfing der Flattergeist zu verlieren vermöge dessen er geglaubt hatte einzeln frei und ungebunden glücklich leben zu können er fing an es für möglich zu halten diese liebenswürdige Frau könnte die künftige Gefährtin seines Lebens werden und dadurch kamen ihre schätzbaren Eigenschaften so wie ihre Anmut seinem Herzen noch näher Zwar wollte er nicht wieder allzuschnell zufahren sondern fand dass Verschiedenes dabei zu überlegen sei worüber er mit sich selbst erst nicht recht einig werden konnte Daher kam auch die Verlegenheit in die er selbst geriet nachdem die ihrige sichtbar ward und er also als ein Kenner wohl merkte dass in ihrem Herzen etwas Geheimes vorging
Anselm fand nämlich bei einigem Nachdenken eigentlich wäre es für einen so jungen und schönen Mann als er nicht ganz schicklich nur eine Witwe zu nehmen und die fast eben so alt war wie er Das Glück seines ungebundnen und unabhängigen einzelnen Lebens fing er freilich an aufzugeben denn er merkte dass er zu Hause allein lange Weile hatte und wenn er um diese zu vertreiben in allerlei gemischte Gesellschaften ging so fand er diese auch in kurzem nicht mehr interessant er zerstreute sich zwar darin vergnügte sich aber gar nicht Auch hatte er eine feine Denkungsart in Ansehung des Eigennutzes daher ging es ihm schwer zu Sinne dass er ein reiches Frauenzimmer heiraten solle Nun betrachtete er aber dagegen ihre Anmut ihre Freundlichkeit ihre feinen Empfindungen ihre mütterliche Zärtlichkeit woraus sich auf die Zärtlichkeit schließen ließ mit der sie ihren Mann lieben würde und dann auch ihre wie er immer mehr merkte sichtlich zunehmende Neigung zu ihm welche nicht zu erwidern beinahe allzuhart gewesen sein würde So grausam konnte unser gutmütiger dicker Mann nicht sein und er beschloss also dieser Heirat nicht ganz aus dem Wege zu gehen
Sein eigenes häusliches Glück das er ganz lebhaft vor sich sah bewog ihn dazu fast nicht so sehr als ein großmütiger Gedanke der sich nachdem er ihn einmal gedacht hatte seiner Seele ganz bemächtigte Wenn er Mann dieser reichen jungen Witwe und Eigentümer der großen Manufaktur ward sah er sich in den Stand gesetzt seinen guten treuen Philipp nach Verdienste zu belohnen Er rechnete schon aus wie er ihm das reichlichste Auskommen geben und ihn über alle Sorgen wegen seines Alters wegsetzen wollte Er hoffte gewiss seine künftige Frau würde aus zärtlicher Liebe zu ihm billigen was er zu Philipps Bestem tun wollte der doch auch um ihr Haus Verdienste hatte Dieser Gedanke bewegte sein gutes Herz dergestalt und die vortrefflichen Eigenschaften der jungen Witwe wirkten auch in ihrer Art auf ihn so mächtig dass er sich entschloss ihre Hand anzunehmen Dieser Entschluss machte natürlich dass er ihren Umgang noch eifriger suchte und von demselben immer mehr bezaubert ward Die Unterredungen nach Tische wurden immer häufiger länger und angenehmer obgleich zuweilen durch die sonderlich von Seiten der jungen Frau zunehmende Verlegenheit unterbrochen welches niemand wundern wird der die Lage einer sittsamen jungen Witwe bedenkt wenn sie bei sich selbst merkt es beginne eine für sie höchst wichtige Veränderung sich zur endlichen Entscheidung zu neigen
Einst war unser schöner dicker Mann bereits den Tag vorher wieder bei ihr zu Mittage gebeten Er nahm sich nun vor die Gelegenheit zu ergreifen ihr seine Empfindungen und Wünsche zu gestehen und seine Art sich zu kleiden richtete sich nach seinem geheimen Vorsatze Er hatte seinen besten Frack angezogen sein feinstes Hemd angelegt und über seine Frisur die vor Tische erneuert werden musste gab er dem Frisör mehrmal Unterricht ehe sie nach seinem Sinne war Die junge Witwe war gekleidet wie gewöhnlich empfing ihn aber fast mit einer lebhaftem Freundlichkeit und sagte als er kam mit einem herzlichen Händedruck sie freue sich ihn zu sehen
Ungeachtet dieser auffallenden Freundlichkeit und obgleich Anselm diesen Augenblick mit Ungeduld erwartet hatte war er doch über die Art sein Geständnis einzuleiten in einiger Verlegenheit Sie schien auch etwas auf dem Herzen zu haben Die Mahlzeit ward beiden sichtlich zur Last und obgleich manche Blicke gewechselt wurden stockte doch die Unterredung unwillkürlicher Weise bei jedem Bissen Nach dem Ende der Mahlzeit ward Philipp nicht wie sonst gewöhnlich geschah genötigt zu bleiben Er zog sich bescheiden nach der Schreibstube zurück und ließ zwei Leuten welche große Lust hatten sich etwas zu entdecken freien Raum Gleichwohl schwiegen beide über eine Viertelstunde und wann sie redeten waren es abgebrochene Worte oder ganz kurze Gespräche über gleichgültige Gegenstände Anselm welcher vor Tische die Rede womit er seine Empfindungen entdecken wollte so fein überdacht hatte war jetzt verlegen den Anfang zu finden welcher auch wie Verliebte aus Erfahrung versichern bei solchen Gelegenheiten sehr oft das Schwerste sein soll Endlich schien die schöne Witwe selbst einen Anfang machen zu wollen der so viel versprach dass Anselm da ohnedies sein Herz gedrängt voll von Empfindungen war desto eher glaubte schweigen und sie den ersten Schritt tun lassen zu können
Sie fing an »Ich habe gegen Sie von Anfang an die größte Hochachtung gehabt Herr Doktor und diese Hochachtung hat bei näherer Bekanntschaft mit Rechte zugenommen Ich wage es daher Ihnen über eine Sache mein Herz zu öffnen die mir äußerst wichtig ist«
Anselm seufzte tief und küsste ihr die Hand
Sie fuhr fort »Ich sage die Sache ist mir äußerst wichtig denn es könnte das ganze Glück meines Lebens davon abhängen Ich kenne Sie als einen sehr wackeren Mann als einen Mann von guter Gesinnung Ich darf es sagen von den feinen Empfindungen die ich glaube bei Ihnen bemerkt zu haben erwarte ich die Entscheidung ob ich wohl zu viel wage und ob mein Wunsch« – sie errötete und schlug die Augen nieder – »erfüllt werden kann«
Diese Anrede der schönen Witwe nahm einen zu guten Gang als dass Anselm ihn hätte unterbrechen sollen zumal da nun mehr sein gerührtes Herz noch enger gepresst war Ein vierfacher Kuss den er auf ihre schöne Hand drückte machte ihm doch soviel Luft dass er stammelnd die Versicherung herausbringen konnte Er schätze sie über alles in der Welt und wolle das Äußerste tun um ihr zu gefallen
Sie fuhr fort »Sie wissen dass ich meinen seligen Mann verloren habe – Aber ach Sie wissen nicht was ich in ihm verlor denn Sie kannten ihn nicht« – Tränen tröpfelten über ihre schönen Wangen – »Sie haben ein zu gutes Herz dass Sie nicht mit mir fühlen sollten was ich meinen drei Kindern schuldig bin – zu ihrer Versorgung zu ihrer Erziehung« – Sie schlug die Augen nieder – »Ich tue einen Schritt den sonst eine Frau nicht zu tun pflegt ich hoffe aber Sie denken zu edel um mich misszuverstehen«
»Nein« rief Anselm indem er zu ihren Füßen stürzte und ihre Hände mit Küssen überdeckte – »Nein teure edle Frau das kann ich nicht das werde ich nicht – Es ist Edelmut und verehrungswerte Liebe die aus Ihnen spricht Ich verehre Sie Sie bedürfen für Ihre unerzogenen Kinder einen neuen Vater Sie haben ihn gefunden Es ist ein Mann der Sie im Innersten seines Herzens verehrt der Ihr Gatte zu werden für sein größtes Glück halten wird wofern er durch seine Liebe das ihrige zu machen fähig ist« –
Die schöne Witwe schien durch diese feurige Anrede etwas außer Fassung zu kommen wie auch wohl begreiflich ist Sie unterbrach ihn bat ihn sich zu setzen und fuhr mit gedämpfter Stimme fort »Sie vermuten also meine Wahl« –
Er unterbrach sie durch einen Handkuss wider ihren Willen sie schien die Hand zurückzuziehen die er festhielt Sie fuhr fort »Ich gestehe Dankbarkeit« –
»O sagen Sie nichts von Dankbarkeit Welche Sorgfalt verdient nicht eine so treffliche Frau wie Sie sind«
Sie drückte sanft seine Hand und zog die ihrige zurück »Ich will noch mehr sagen ich will auch meine zärtliche innere Empfindung nicht ganz verbergen Ich gestehe ich bin Ihrem Freunde Philipp Dank schuldig Er hat sich seitdem er in meinem Hause ist der Geschäfte mit einem Eifer angenommen der sie schon jetzt in größeren Flor gebracht hat Ich freue mich über den Zuwachs unsers Wohlstandes nicht sowohl meinetwegen denn ich bedürfte allenfalls wenig sondern meiner Kinder wegen deren künftiges Wohl ich dadurch fester gegründet sehe Ich verhehle meine Dankbarkeit nicht aber werter Herr Doktor ich will Ihnen auch gestehen eine zärtlichere Neigung gegen Ihren Freund hat bei mir Wurzel gefasst Seine redlichen Gesinnungen sein edles Herz sein bescheidener Fleiß lässt mich nicht nur hoffen er könne meinem Hause eine Stütze und meinen Kindern ein anderer Vater sein sondern auch dass ich an seiner Hand glücklich leben könne wenn er gleiche Gesinnungen gegen mich fühlt wie ich gegen ihn Ich bekenne Ihnen ungeliebt möchte ich nicht lieben nicht einem Manne deswegen meine Hand geben weil er meinem Hauswesen nützlich ist wofern mein Herz ihn nicht beglücken könnte Ich wünschte er wäre so gegen mich gesinnt wie Sie vorher sagten zuweilen aber ich gesteh es fürcht ich das Gegenteil Was ich von Neigung gegen ihn habe merken lassen scheint er nicht zu erwidern Er ist beständig still und zurückhaltend Ich bekenne Ihnen dass ich deswegen in Verlegenheit war mich mittags mit ihm allein zu finden daher bat ich so oft Sie werter Herr Doktor mit uns zu essen weil ich mich in Gesellschaft erleichterter fühlte Ich wünschte so sehr er möchte nach Tische an unsern Unterredungen teilnehmen Die wenigen Male da er es tat freute ich mich ihn zu sehen und zu hören Aber Sie wissen meist schlug ers ab Ists bloße Bescheidenheit oder ist sein Herz schon versagt Dies ists was ich Sie bitten wollte von Ihrem Freunde zu erforschen Ich selbst habe das Herz nicht ihn darum zu fragen Sie sehen selbst ein wenn eine glücklichere Frau schon auf ihn Anspruch hätte – es würde unbillig sein mich alsdann nicht in mein Schicksal zu findenaber ich gestehe – von ihm selbst möcht ichs doch nicht hören Erforschen Sie ihn also Ich traue Ihrer feinen Empfindung und Ihrer Freundschaft gegen mich und gegen ihn alle Delikatesse zu die dieser Auftrag erfordert« –
Die schöne Witwe hatte vollkommen Zeit gehabt auszureden denn unser dicker Mann saß da als war er versteinert Einige Minuten vergingen ehe er stammelnd einige Worte finden konnte Er fasste sich aber versprach den Antrag zu übernehmen und – richtete ihn wirklich und glücklich aus Philipp hatte die vortrefflichen Eigenschaften einer so schönen Frau nicht ohne Empfindung in der Nähe gesehen Ihre zuvorkommende Freundlichkeit gegen ihn hatte auch sein Herz gewonnen aber sein bescheidenes Misstrauen in sich selbst machte dass er sich nicht herausnahm sein Glück für wirklich zu halten Die von Anselm erhaltene Nachricht setzte ihn außer sich und nun ward er beredt um seiner Geliebten die lange geheim gehaltenen Gesinnungen seines Herzens zu gestehen In wenig Wochen ward ihre Verbindung vollzogen
Anselm gönnte seinem Freunde Philipp sein Glück von Herzen aber er konnte doch schwer ertragen selbst zu sehen dass ein anderer die Frau die er geliebt hatte besitzen sollte Er fasste schnell den Entschluss seinen Aufenthalt zu verändern Es war vergeblich dass Philipp und dessen Frau mit denen er ferner auf die freundschaftlichste Art umging ihm diesen Entschluss sehr widerrieten Sie stellten ihm vor seine Lage in Elberfeld sei günstig indem sich seine Praxis täglich vermehre und es werde ihm schwer werden sich an einem andern Orte sobald auf einen ebenso guten Fuß zu setzen Sie errieten seine geheimen Ursachen nur halb Freilich war seine Eitelkeit durch die Wendung welche die Neigung der schönen Witwe genommen hatte gekränkt Aber der Leser wird auch schon ehemals bemerkt haben dass unser dicker Mann sich selbst und seine Bequemlichkeit liebte dass er an anhaltender Arbeit keinen Gefallen fand und dass es ihm bald beschwerlich ward zu arbeiten wenn er nicht gerade Lust dazu hatte Es war ihm daher schon längst seine medizinische Praxis sowie sie sich zu vermehren anfing allzu ungemächlich geworden Wenn er an einem Abende bei heiterem Geiste entweder über die Kategorie der Kausalität und über die wahre Natur der analytischen Begriffe nachgedacht über die blauen schmachtenden Augen der schönen Witwe ein Sonett gemacht hatte und eben im angenehmen Genuße seiner oberen und unteren Kräfte eingeschlafen war war es ihm höchst verdrießlich aufgeweckt und zu einer jungen Frau gerufen zu werden welche die Beängstigungen die aus ihrem langen Sitzen am Spieltische entstanden fälschlich für Annäherung ihrer Entbindung gehalten hatte Er war oft vor Ärgernis außer sich wenn er eben an einem schönen Sommernachmittage spazieren reiten wollte um sich an dem herrlichen Anblicke der Natur zu laben und plötzlich ein Wagen mit einem Postzuge vor seine Türe rollte durch den er zwei Meilen weit zu einem Landedelmanne gerufen ward der etwa beim Schneuzen der Nase Blut im Schnupftuche gefunden oder in seinen Hühneraugen das Wetter gefühlt hatte und deswegen geschwind den neuen Doktor fordern ließ weil er auch einer von den Leuten sein wollte die den neuen Doktor brauchten und weil er wusste dass er ihn gut bezahlen könne Dergleichen bei der güldenen Praxis sehr gewöhnliche kleine Zufälle setzten unsern guten dicken Mann aus seiner Bequemlichkeit und folglich aus seiner Fassung Es ist zwar kein Zweifel dass die schönen Augen und die schönen Eigenschaften der jungen Witwe eigentlich seine Liebe zu ihr erregt hatten aber seine Gemächlichkeit hatte an der Zunahme seiner Neigung für sie auch wohl einigen Anteil Wenigstens war er schon entschlossen gewesen sobald die Heirat vollzogen sein würde die beschwerliche Praxis ganz niederzulegen
Seine gekränkte Eitelkeit kam nun seiner Gemächlichkeit zu Hilfe Er überlegte bei sich abermals dass er Talente besitze die er nur geltend machen dürfe Er fand es am besten an einem andern Orte wo er seine gewesene Geliebte nicht immer vor Augen hätte ein Amt anzunehmen wobei er doch wenigstens ruhig schlafen und ruhig spazieren reiten und vielleicht dennoch durch seine Talente eine glänzende Rolle spielen könnte Nachdem er lange zwischen dem Entschlüsse gewankt hatte welches Amt zu wählen wäre blieb er dabei stehen Sekretär bei einem Minister zu werden Er überlegte wie er dabei weniger der mechanischen Aktenarbeit die sein freier Geist hasste unterliegen dürfe Er hoffte unmittelbar unter den Augen eines einsichtsvollen Staatsmannes seine Talente vorteilhaft zu zeigen und sich vielleicht einen größeren Wirkungskreis verschaffen zu können Dieser Gedanke eines erweiterten Wirkungskreises bestimmt gemeiniglich die jungen weisen Leute welche entschlossen sind sich dem Staate in die Fütterung zu geben auch ergriff derselbe die Einbildungskraft unsers dicken Mannes mit solcher Macht dass er nicht ferner widerstehen konnte Ambition hatte keinen Anteil an diesem Entschlüsse und hätte sie etwa weil er doch seinen Wert besser kannte als ihn andere kennen konnten einigen Anteil daran gehabt so war es ihm selbst unbewusst Bloß die schöne Aussicht auf das Glück von Tausenden wirken und unter ihnen vorzüglich diejenigen glücklich machen zu können die es verdienten regierte seinen Entschluss Je mehr er es überlegte desto mehr fand er er handle jetzt nach echtem Kantischen Prinzip so dass er wollen müsse die Maxime seiner Handlung werde Prinzip eines allgemeinen Gesetzes Muss nicht jeder wollen dachte er dass jeder einzelne Mensch tausende beglücke Welche Wellt würde es sein in der es so zuginge
Philipp wusste gar nichts von der kritischen Philosophie und von dem reinen Moralprinzip Seine Bemerkungen in dieser Sinnenwelt waren auf simple Erfahrung gegründet nicht auf weitaussehende Grillen Also tat er bloß empirisch ohne reines Prinzip was in seinen Kräften stand um unsern dicken Mann zu bewegen ein Arzt und zwar in Elberfeld zu bleiben Er stellte ihm vor er sei als Arzt ein unabhängiger Mann und versicherte ihn es werde seine Abhängigkeit auch von dem besten großen und vornehmen Manne viel drückender sein als die Abhängigkeit eines Arztes von den wunderlichsten Kranken Aber Anselm blieb bei diesen und andern Vorstellungen unbeweglich denn am Ende ging doch alles Räsonnement Philipps auf Bewegungsgründe die von seinem Wohlsein hergenommen waren Anselm hingegen war mit dem Prinzip der reinen Moral allzu vertraut um nicht zu wissen – was Kant ja ausdrücklich sagt – dass eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit sei Unser dicker Mann blieb daher der Kritik der praktischen Vernunft getreu Sein Entschluss sollte unabhängig sein von empirischen Bedingungen mithin als reiner Wille durch die bloße Form des Gesetzes als bestimmt gedacht werden Er empfand das Göttliche welches darin lag dass seine reine Vernunft unmittelbar ihre eigene Gesetzgeberin sei er hörte den kategorischen Imperativ und beschloss als ein kritischer Philosoph ohne von der Erfahrung – also auch nicht von der Erfahrung seines Bankrotts – oder von irgendeinem äußern Willen – und also auch nicht von Philipps gutem Willen – etwas zu entlehnen bloß seinem ihm selbst gegebenen Gesetz unbedingt zu gehorchen Ein gemeiner Mensch hätte wohl denken mögen unser dicker Mann hätte hier bloß eigensinnig gehandelt Wer aber mit der Kritik der praktischen Vernunft vertraut ist wird bekennen müssen bloß das Prinzip der reinen Sittlichkeit habe ihn geleitet Denn da diesem zufolge die Rücksicht auf eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit ist so kommt diese große und seit Jahrhunderten unbekannte Wahrheit unserm philosophischen dicken Manne gegen alle die Klüglinge zustatten die es wagen möchten es unbedachtsam zu nennen dass er seinen glücklichen Wohlstand in Elberfeld dem kategorischen Imperativ aufopferte
Die Frage blieb nur ob unsers dicken Mannes Talente einem vielvermögenden Minister bekannt werden könnten und durch wen Anselm hatte auf der Universität wo er beflissen war vorzüglich mit vornehmen Studenten umzugehen und sich ihnen gleichzustellen wie wir es schon oben bemerkt haben mit einem jungen Herrn von Reiteim welcher der Sohn eines Ministers war vertraute Bekanntschaft geknüpft Da Anselm noch mehr aufgehen ließ als dieser Edelmann so hatten sie alle Kotterien und Lustbarkeiten gemein denen Herr von Reiteim gar nicht abgeneigt war Sie hatten manche Flasche Champagner ausgestochen von demjenigen der gleich den weltberühmten Würsten in Göttingen ein einheimisches Produkt ist Aber die Verbindung beider Universitätsfreunde gründete sich nicht bloß auf sinnliche Dinge sondern sie waren auch unzertrennlich verbunden durch die Liebe zur spekulativen Philosophie daher sie fast täglich wenn sie nicht etwa auszureiten hatten ein paar Stunden über Substanzen und Accidenzen über Gott Welt und das Universum disputierten wobei weder Wein noch Würste gespart wurden deren empirische Konsumtion der Liebe zu transzendentalen Ideen wie bekannt gar nicht hinderlich ist
Die Liebe des Herrn von Reiteim zu den spekulativen Wissenschaften entspann sich auf eine ganz sonderbare Art Er mochte gern viel reden und mochte gern Recht haben wie denn das letzte einem reichen Junker der der Sohn seiner Mutter ist so gebühret So war es zuhause gehalten worden Aber die Studenten waren nicht so billig als die Mama So zog denn des Herrn von Reiteim Rechtaberei ihm einige Duelle zu und er fand bald dass Göttingischer Champagner so schlecht er auch sein mochte dennoch besser sei als Göttingische Duelle Aller Streit woraus diese erwachsen waren gehörte zur Sinnenwelt und so hielt er für geraten um seine Haut zu schonen sich mit seinem Disputieren in die hyperphysischen Regionen zu ziehen Da fand er nun seinen Mann an unserm Anselm der ebenso gern schnackte und ebenso gern disputierte Ihr Disputieren war auch unerschöpflich denn sie waren nicht einmal in Prinzipien einig Herr von Reiteim als ein vornehmer Junker war von einem französischen Hofmeister erzogen worden der ihn gelehrt hatte es sei am besten gar nichts zu glauben Dieser französische Unglauben mit den Anfangsgründen deutscher Philosophie amalgamiert hatte bei ihm bald einen so kompletten Skeptizismus erzeugt dass er nichts für unwidersprechlich hielt als dass er der Herr von Reiteim sei der einmal nach seines Vaters und seines Oheims Tode jährlich über 30 000 Gulden würde zu verzehren haben Unser Anselm hingegen war wie sich der Leser erinnern wird damals der mathematischen oder demonstrativischen Methode ergeben mit welcher er ganz ohne Mühe die Gewissheit aller Dinge noch gewisser machen konnte Er ließ denn wider seinen Gegner eine lange Reihe von undurchdringlichen Syllogismen und Soriten aufziehen die aber durch des Herrn von Reiteim schnell erregte Zweifel auseinander gesprengt wurden wie etwa eine Folardsche dichtgeschlossene Kolonne durch eine unvermutet spielende Kartätschenbatterie so dass unser guter dicker Mann gemeiniglich genug zu tun hatte seine auseinander geworfenen Heischesätze und Folgesätze wieder in einige Ordnung zu bringen Vielleicht war es noch ein anderer ganz geringfügig scheinender Umstand welcher zu der großen Sympatie zwischen den beiden Universitätsfreunden beitrug Anselm war klein und rund und Herr von Reiteim gleichfalls Dicke Leute die groß sind finden allenthalben Ansehen denn sie können der Länge und Breite nach Fronte machen und sich Platz schaffen aber kleine runde Leute leben gemeiniglich in ecclesia pressa und halten daher näher aneinander
Indessen ists wahr dass außer dem Masse ihrer Klugheit und Runde noch mancher auffallende Unterschied zwischen beiden war Beide hatten stattliche Bäuche Anselms Bäuchlein war zierlich rund aber Herr von Reiteim hatte schon in der Jugend eine Anlage zum Hängebauch Anselm hatte eine feine weiße und rote Gesichtsfarbe und eine zierliche Nase beinahe eine von den Klugheitsnasen welche der Seelenarzt Lavater den Fürsten vorschreibt zu Ministern zu wählen dabei rote niedliche Kusslippen zwischen denen nur die Mittellinie der Weisheit etwas zu merklich war Herr von Reiteim hingegen war im Gesichte etwas braun von seiner ländlichen Erziehung etwas rot um die Augenknochen vom frühen Trinken seine Nase war nicht so gut begabt denn sie war breit abgestutzt und knorplicht eine von den Nashornnasen wovon schon ein alter Dichter sagt Et pueri nasum rhinocerontis habent und dabei hatte er etwas aufgeworfene weisslichrote Lippen Ein genauer Physiognomist würde an beiden noch mehrere Unterschiede besonders an den Waden und Knöcheln der Hände bemerkt und darin unfehlbar des einen Neigung zum Bezweifeln und des andern zum Demonstrieren vereint mit beider Neigung zum Schwatzen deutlich erkannt haben
Mit diesem alten Universitätsfreunde hatte Anselm von Zeit zu Zeit noch einige Korrespondenz unterhalten Er hatte nicht unterlassen dem Herrn von Reiteim seine Bekehrung zur kritischen Philosophie zu melden und beizufügen dass er durch dieselbe den Skeptizismus nun viel sicherer als ehemals durch die matematische Methode besiegen könne Er hatte auch von dem Herrn von Reiteim wenigstens einigen Dank erhalten dass er ihn die kritische Philosophie habe kennen lehren welche noch nicht bis ins dortige Ritterkanton gedrungen war wozu er das Versprechen fügte die Kantischen Schriften zu studieren Da Anselm nun nicht zweifelte Herr von Reiteim wäre durch dieselben völlig überzeugt worden und ihm deswegen Dank schuldig so glaubte er von demselben für einen so wichtigen Dienst auch wohl eine Gegengefälligkeit verlangen zu können Er wusste dass Herr von Reiteim an mehreren Höfen sich aufgehalten hatte und mit den angesehensten Familien im Reiche verwandt war er schrieb deshalb an denselben setzte ihm einigermaßen seine Lage auseinander und bat ihn um seine Empfehlung an einen Minister Philipp widerriet zwar diesen Schritt und war der Meinung ein vornehmer und reicher Mann denke nicht so lange an Universitätsfreundschaft er werde sich weiter um ihn nicht bekümmern da er ihn nicht brauchen könne und werde ihn höchstens mit einem höflichen Briefe abspeisen Anselm aber glaubte seinen Freund besser zu kennen und rechnete dabei auch insgeheim auf den ihm wegen der kritischen Philosophie erzeigten Dienst
Zwanzigster Abschnitt
Irrtum Philipps Probe von Universitätsfreundschaft Biegsamkeit moralischer Maximen und mancherlei Anstalten
Diesmal hatte Philipp völlig Unrecht denn Herr von Reiteim beantwortete Anselms Brief mit umgehender Post äußerst freundschaftlich Er meldete ihm beinahe eben das was Philipp über die Abhängigkeit von einem vornehmen Herrn sagte und schlug ihm vor wenn er ja seine Lage verändern wolle lieber ihn seinen Freund mit seiner Gegenwart zu beglücken Er habe schrieb er ihm einen Sekretär nötig und in diese Stelle könne er gesetzt werden doch sollte er eigentlich mehr als Freund bei ihm sein und mit ihm auf dem Gute leben welches in einer sehr angenehmen Gegend liege Er solle daselbst alles frei und ebenso gut haben als der Besitzer selbst Noch setzte er verbindlicher Weise hinzu er verspreche sich großes Vergnügen von seiner Gesellschaft und gab zu verstehen es möchten vielleicht gewisse Umstände eintreten wo er auf eine vorzügliche Art für sein Glück sorgen könne Anselm triumphierte dass sein Entwurf ob er gleich eine ganz andere Wendung nahm doch so wohl gelang Er sah die reizendste Aussicht sich bei einem Liebhaber der Weltweisheit als Freund aufzuhalten und ruhig auf dem Lande im Schoße der Natur zu philosophieren Er fand dass eine solche Art zu leben viel erfreulicher und also seinen Wünschen angemessener sein werde als ein Amt Es war übrigens recht gut dass er bei seinem ersten Entschlüsse von dem aus der kritischen Philosophie gezogenen Grunde ein Amt anzunehmen von der Pflicht so zu handeln dass die Maxime der Handlung allgemeines Gesetz werde und also in dem gegebenen Falle für das Wohl Tausender lieber als für sein eigenes zu sorgen seinem Freunde Philipp nichts eröffnet hatte Dieser würde ihm vermutlich nach seiner Einfalt etwas über die Unsicherheit gesagt haben ein moralisches Prinzip richtig anzuwenden das auf Maximen beruht welche aus Handlungen können gezogen werden Es scheint beinahe man könne aus jeder Handlung mancherlei Maximen ziehen bei dutzenden und ein Maximenzieher sei wie ein Pfropfzieher der auf eine oder die andere Art alle Pfröpfe herausbringt wenn er auch einige zerbricht oder in die Flasche stößt Anselm würde aber doch gewiss auf alle Einwürfe gegen die Moralität sowohl seines ersten als auch seines jetzt gefassten Entschlusses etwas zu antworten gehabt haben Er hätte den letzten gewiss auch aus einer Maxime herzuleiten gewusst der alle denkenden Wesen folgen müssten und das ist ja bekanntlich genug indem wider einen kategorischen Imperativ weiter kein Grund gilt Indes wollen wir nicht dafür stehen dass außer der von ihm erkannten Pflicht seinem Freunde Reiteim das Leben zu versüßen nicht auch ihm selbst wohlbewusst seine eigene Gemächlichkeit auf die Veränderung seines Entschlusses einen Einfluss gehabt habe Es muss wohl überhaupt mit der Anwendung des so vortrefflichen neuen reinen Prinzips der Sittlichkeit eine eigene Bewandtnis haben Denn die betrübten Beispiele sind da dass selbst junge Dozenten bei denen doch gewöhnlich die kritische Philosophie am brünstigsten ist sehr geneigt sein würden wider dies sittliche Prinzip zu handeln Jeder von ihnen würde gern eine kleine Universität wo er vegitiert und den kleinen Hörsaal wo er kaum sechs Zuhörern die Kategorien einkäuen kann mit großen Universitäten wie Leipzig Halle Jena oder Göttingen vertauschen bloß aus der ganz unmoralischen Ursache weil ihm da tausend Taler Gehalt und großer Beifall versprochen würde Ja es ist zu befürchten selbst einem altern kritischen Philosophen könne ein Hofratstitel wohl zur Bestimmung seines Willens bei einer solchen Ortsveränderung dienen ob man gleich vermuten sollte ein Philosoph würde den Besitz eines solchen Titels weder für Glückseligkeit noch die Maxime ihn besitzen zu wollen für ein allgemeines Gesetz aller denkenden Wesen erkennen Um so mehr mag denn unser dicker Mann entschuldigt sein wenn er gleich größeren Philosophen unbeschadet des reinen Prinzips der Sittlichkeit und des unwiderleglichen kategorischen Imperativs zu seiner Bequemlichkeit inkonsequent handelte Er sah die Ungemächlichkeit der medizinischen Praxis täglich allzu deutlich vor Augen er stellte sich die philosophische Ruhe in der er nun leben würde sehr reizend vor und so blieb der kategorische Imperativ wo er gemeiniglich bleibt in der Studierstube und auf dem Katheder
Anselm machte nun alle nötigen Anstalten zur gänzlichen Veränderung seines Aufenthalts und seiner Reise Es waren dabei noch allerlei Geschäfte zu verrichten die ihm anfänglich nicht beifielen Dahin gehörte die Einkassierung verschiedener Schulden die er aus seiner medizinischen Praxis noch zu fordern hatte ohne welche es schwer gewesen sein würde die etwas weite Reise zu bestreiten Der ökonomische Leser möchte vielleicht fragen wo denn die zweitausend Taler geblieben wären welche unser dicker Mann aus seinem Schiffbruche in Vaals noch gerettet hatte Hierauf dient zur Antwort dass unser dicker Mann ein großer Liebhaber von den Dingen war welche das Modejournal mit dem eleganten Worte Nippes bezeichnet und wovon es seinen Lesern und Leserinnen in den kleinen Städten denn in den großen Städten kennt man die Nippes ehe das Modejournal davon redet monatlich so freundschaftliche Anweisung erteilt überflüssiges Geld dafür auszugeben Wir haben kein neudeutsches Wort für diese französische Benennung welches doch sehr nötig scheint da die Sache zum größeren Glanze vieler sonst ganz altväterischen deutschen Familien immer allgemeiner zu werden anfängt Es wäre also der berühmte Herr Kampe zu ersuchen dafür ein neues Wort zu ersinnen das sich neben dem Stelldichein und dem Siehdichum könne sehen lassen Genug die Leser kennen nun die Sachen wofür Anselm garzu gern Geld ausgab sobald er sie erblickte denn sie machten ihn garzu glücklich wenigstens einen oder zwei Tage nachdem er sie gekauft hatte Nimmt man noch hinzu dass er allenthalben bei den reichen Kaufleuten in Elberfeld Möbel von Mahagonyholz Fussdecken von Savonneriearbeit und mehr Dinge der Art bemerkte und sich dergleichen bei seiner ersten Einrichtung wobei er viel Geschmack zeigte auch anzuschaffen für gut fand so wird man sich nicht wundern wie das mitgebrachte Geld und mehr in ein paar Monaten ausgegeben ward Es dünkte unsern dicken Mann es gehöre ja zur Würde eines neuangehenden Doktors sein Haus bemittelten Leuten gleich einzurichten Die reichen Kaufleute behielten ja doch immer noch einen großen Vorsprung in der Ausgabe vor ihrem neuen Doktor durch ihre rühmliche Wohltätigkeit gegen die Armen worin er ihnen wirklich nicht so folgen konnte wie er wohl gern gewollt hätte indem er bald fand dass ihm die Nippes und Mahagonymöbel sogar schon in Schulden setzten
Alle diese Sachen musste er jetzt freilich ungefähr für den dritten Teil des Wertes verkaufen Indes kam doch eine mittelmäßige Summe heraus und sie wäre noch größer gewesen hätte sich unser weiser dicker Mann nicht einen eleganten Reisewagen anschaffen wollen um sich doch bei seinem neuen Freunde nicht Schande zu machen Das Übergebliebene war jedoch zur Reise mehr als hinlänglich Er nahm von seinen Freunden in Elberfeld Abschied und verließ froh einen Ort wo ihm einer seiner liebsten Wünsche misslungen war Er dachte immer mit einer gewissen Bitterkeit daran indem er nicht begreifen konnte warum bei seiner Klugheit gerade ihm ein solcher Streich hatte begegnen müssen Da indes nun einmal ihn das Schicksal traf seinen unschuldigen Wunsch im häuslichen Leben sein Glück zu finden nicht erreichen zu können so fuhr er jetzt der angenehmen Aussicht entgegen in philosophischer Ruhe die Kräfte seines Geistes in Gesellschaft eines Freundes zu entwickeln der von gleicher lobenswürdiger Neigung durchdrungen war dabei unterließ er nicht seinem philosophischen Gleichmute ein Kompliment zu machen dass er eine schöne Frau und Reichtum vergessend mit dieser eines weisen Mannes würdigen Aussicht zufrieden sein wollte
Einundzwanzigster Abschnitt
Anselms Reise zu seinem philosophischen Universitätsfreunde Einrichtung des Hauswesen eines Philosophen Gespräch über Philosophie nebst einigen andern Dingen
Anselm reiste sehr angenehm in den schönsten Tagen des Herbstes und sein Herz öffnete sich je näher ihn sein Weg den herrlichen Gegenden des Rheingaues brachte Er kam auf dem Gute wo Herr von Reiteim damals sich aufhielt nachmittags um fünf Uhr an Er fuhr in den großen Vorhof des ansehnlichen Schlosses ein und nachdem er war gemeldet worden erschienen ein paar reichgekleidete Bediente die ihn in den Speisesaal führten denn es war eine große Gesellschaft benachbarter Edelleute da welche noch an der Mittagstafel saßen Herr von Reiteim stand auf schüttelte unserm dicken Manne treuherzig die Hand und stellte ihn den Gästen als seinen gewesenen Universitätsfreund und künftigen Sekretär vor Die Edelleute beehrten den Universitätsfreund mit einem Kopfnicken und standen vor dem Sekretär nicht auf Dem dicken Manne der beide Eigenschaften in sich vereinigte ward am unteren Teile der Tafel ein Gedeck und ein Stuhl angewiesen und so konnte er ungestört essen und trinken was vor ihm stand ungestört weil niemand mit ihm sprach Die Herren hatten viel zu reden von Pferden von Jagdzeug von Hühnerhunden von Fuchsprellen von Wilddieben und von hübschen Mädchen wobei die Flasche weidlich herumging und die alten Rheinweine wovon verschiedene Jahrgänge nacheinander herbeikamen nicht geschont wurden Anselm dachte bei sich »Ich bin zu einer unphilosophischen Stunde gekommen Was mag Herr von Reiteim nicht leiden dass er ehrenhalber in solcher Gesellschaft sein muss Er kann mich nicht abreichen sonst würde er gewiss gern mit mir von der kritischen Philosophie gesprochen haben« Indem er so dachte reichte ihn Herr von Reiteim doch ab und rief ihm zu »Herr Bruder Sekretär stimme doch an
Gaudeamus igitur
Juvenes dum sumus«
Zugleich richtete die ganze Gesellschaft die Gläser in der Hand die Augen auf ihn Er ward rot aber auf nochmalige Aufforderung musste er anstimmen Er fand es zwar seltsam dass er anstatt zu philosophieren seinen Dienst mit Singen anfangen sollte Indes da doch alle die Herren so kräftig lateinisch mitsangen so meinte er es möchten etwa Gelehrte darunter sein die er sich vornahm gelegentlich zu prüfen wie weit sie wohl in der Lehre von den direktsyntetischen Sätzen gekommen wären
Gegen sieben Uhr ward die Tafel aufgehoben niemand bekümmerte sich um den Herrn Sekretär und die Gäste gingen in ein anderes Zimmer Als er nachfolgen wollte trat ein Bedienter zu ihm und berichtete er habe Befehl ihn in sein Zimmer zu führen wohin seine Sachen schon gebracht wären Er ging dahin und nachdem er allein war dachte er bei sich während des Auspackens über das nach was er seit ein paar Stunden gesehen hatte und ward bald mit dem Schluße fertig es müsse heute ein außerordentlicher Tag sein Er machte noch bei sich die Bemerkung dass man auf dem Lande seine Nachbarn nicht wählen könne und schon zuweilen mit ihnen nach ihrer Weise leben müsse Gegen zehn Uhr kam ein Bedienter ihm zu sagen es werde heute nicht supiert weil der gnädige Herr heute früh zu Bette gehe wolle er aber etwas Kaltes haben so stehe es zu Diensten »O« dachte er bei sich »Da erkenn ich den Philosophen Die Wildfänge sind weg nun will er ruhig sein um morgen der Philosophie zu leben« – Er wollte nicht weniger philosophische Enthaltsamkeit zeigen als Herr von Reiteim verbat alles und legte sich zu Bette wo er noch bis nach Mitternacht wachte wegen mancher philosophischer Ideen die ihm durch den Kopf gingen Er war noch nicht lange eingeschlafen als er früh um vier Uhr durch den lauten Schall der Rüdenhörner aufgeweckt ward Er erschrak nicht wenig und wusste nicht was das bedeuten sollte Allein er blieb nicht lange in Ungewissheit denn Herr von Reiteim ließ ihm sagen er möchte doch mit zur Parforcejagd kommen Dies war nun nicht nach seinem Geschmacke und er ließ sich mit seiner Müdigkeit entschuldigen Aber nach einer Viertelstunde kam eine neue Botschaft er möchte doch gleich kommen es sei schon ein Pferd für ihn gesattelt und man warte auf ihn Er musste also auf Befehl erscheinen zumal da er wegen des Getümmels doch nicht hätte schlafen können Es war schon die ganze gestrige Gesellschaft beisammen und noch einige Domherren aus einem benachbarten hohen Stifte die Hunde die Piqueurs und nun auch der Herr Sekretär waren da Der letztere ritt mitten im Gewühle so geschwind als ihn sein Pferd trug wenigstens vier bis fünf Meilen durch Dick und Dünne Er konnte fast nicht mehr fort denn es ging ihm beinahe noch schlimmer als auf dem Ritte mit Jungfer Mariane und jetzt war er nicht verliebt Aber er musste fort denn hätte er auch gewusst wohin er reiten sollte um ruhig zu sein so wäre es doch unmöglich gewesen sein jagdgewohntes Pferd von der Meute abzulenken Er war also herzlich froh als der Hirsch endlich abgefangen war und die Jagd abgeblasen wurde Da ritt man nach dem Schloss eines der Edelleute die gestern beim Herrn von Reiteim gewesen waren und kam gegen vier Uhr endlich zur Tafel Das Lachen über unsern dicken Mann fing schon an sich in der Gesellschaft zu verbreiten denn der Leibjäger des Herrn von Reiteim hatte bemerkt dass er sich musste vom Pferde heben lassen und hatte die Ursache verraten Die löbliche Gesellschaft nahm ihn nun bei der Tafel als einen Neuling in Betrachtung und zäumte ihn auf ohne sehen zu lassen wo die Zäume hingen Man fing einen gelehrten Diskurs an den er unschuldiger Weise sehr gelehrt beantwortete zur großen Belustigung der Gesellschaft Er musste singen und man setzte ihm mit dem guten Weine so zu dass ihm die gewöhnliche Ehre angetan ward und er frühzeitig ohne Empfindung zu Bette gebracht werden musste Es waren noch die ruhigsten Stunden die er seit seiner Ankunft gehabt hatte Man ließ ihn ausschlafen aber den folgenden Tag musste er aller Vorstellungen ungeachtet mit auf ein Treibjagen dabei war er den Neckereien der Jäger ausgesetzt und bei der Mittagstafel den Neckereien der Gesellschaft Er machte zwar gute Miene zum bösen Spiele und suchte seinen ehemaligen Universitätswitz hervor um in den Ton der Gesellschaft einzustimmen Dies brachte ihm auch einigen Beifall zuwege und es tröstete ihn innerlich dass Herr von Reiteim dabei ganz still schwieg welches er als Missbilligung auslegte Das kann es vielleicht gewesen sein sonst aber hatte der gute Herr eigentlich andere Dinge im Sinne und er fuhr daher den folgenden Morgen nach seinem Schloss zurück welches unserm dicken Manne sehr lieb war Weil aber Herr von Reiteim einen andern Herrn in seinen Wagen nahm so konnte der Sekretär darin nicht Platz finden sondern musste auf dem Jagdklepper reiten welches ihm aus gewissen Ursachen wieder nicht sehr lieb war aber sich doch nicht ändern ließ
Man kam gegen Abend im Schloss an Diesen Abend und den andern Vormittag ließ ihn Herr von Reiteim nicht zu sich fordern Er ging aber hinunter um das Haus und den Garten und die Einrichtung der Haushaltung kennenzulernen Es war alles auf großen Fuß eingerichtet Da war ein Laufer acht Bediente in Livree außer dem Leibjäger noch ein paar andre Jäger Stalleute die Menge zwei Kammerdiener Anselm als Sekretär und noch ein Herr der keinen besonderen Charakter hatte aber immer viel um den gnädigen Herrn war wenn es ihm an Gesellschaft mangelte Anselm ging gedankenvoll im Garten spazieren und wunderte sich dass ein Philosoph so vieler Leute bedürfe Als aber zur Tafel geblasen ward sah er da noch drei Personen die zur Haushaltung gehörten Es waren zwei junge muntere Mädchen die eine blond die andere brünett unter der Aufsicht einer Tante welche Personen nicht mitspeiseten wenn Gesellschaft da war Auch fand sich noch an der Tafel ein ältlicher Herr der nichts als französisch sprach und der wie Anselm hörte einige Monate dort gewesen war Ferner der obengedachte Herr dessen Bedienung keine besondere Benennung hatte Es zeigte sich bald dass dieser in Sold genommen war um bei der Tafel Logogryphen und Charaden aufzugeben Leberreime zu machen und Märchen zu erzählen damit der gnädige Herr und die beiden Schätzchen belustigt würden Bei diesen beiden schlug es auch an und es ward Lache über Lache aufgeschlagen Aber Herr von Reiteim befand sich nicht wohl oder war sonst nicht bei guter Laune Er sprach fast nicht ein Wort und da auch der Franzose gegen die Gewohnheit seiner Nation nicht sehr gesprächig war so wäre ohne den Charadenmacher der immer sorgte dass Rede da wäre alles im Speisesaale still wie im Rempter eines Kartäuserklosters gewesen denn auch Anselm sprach fast nicht ein Wort weil er vor Erstaunen nicht zu sich kommen konnte dass die Philosophie sich mit dem allen vertrüge Dass die spekulative Philosophie sich mit Widersprüchen im Charakter und Leben vertrage hätte er freilich an sich selbst erkennen können Aber sogar die Philosophen sehen nicht immer zuerst ihre eigenen Fehler
Herr von Reiteim war bis gegen Abend in enger Konferenz mit dem französischen Herrn und die Bedienten hörten sie oft laut reden Anselm bekam spät abends ein großes versiegeltes Billett seines Herrn worin ihm aufgegeben ward die anliegenden Schriften gegen morgen früh ins Reine abzuschreiben Es waren einige Bogen in Chiffern und Charakteren Das Verständlichste war eine vom Herrn von Reiteim eigenhändig entworfene Quittung in französischer Sprache »comme quoi der Sieur Raphael Gabriel de Montlune außer den von dem haut et puissant Seigneur Eric Roderic Hatto Baron de Reiteim Baron du St Empire etc etc Seigneur hereditaire des terres et autres lieux etc etc schon empfangenen Summen jetzt die Summe von zweitausend Gulden Reichswährung erhalten habe und damit wegen aller seiner Forderungen an den gedachten haut et puissant Seigneur völlig vergnügt worden worüber er quittiere so wie er auch bekenne alle demselben mitgeteilten Schriften nach genommener Abschrift zurückbekommen und in alle Wege an gedachten Herrn Baron und haut et puissant Seigneur weiter keine Forderung zu haben wie diese auch Namen haben möge« Dieser Anfang des Sekretariats unsers dicken Mannes schien ihm nun sehr niedrig mechanisch und er warf erst die Papiere mit Unwillen auf den Tisch Er hielt sich äußerst herabgewürdigt dass ihm zugemutet ward Bogen voll Zahlen und unverständlicher Charaktere nachzumalen und die hochtrabende Quittung eines Mannes ins Reine zu schreiben mit dem er sonst so viel über Philosophie disputiert und ihn widerlegt hatte dass ihm dieses zugemutet ward ihm der auf seiner Schreibstube in Vaals selbst wohl drei Leute gehabt hatte seine Aufsätze und noch vor kurzem sogar seine Gedichte abzuschreiben ihm der als Doktor sogar über Leben und Tod durch seine Rezepte hatte gebieten können nein das war zu arg Sollte er es wirklich tun Sollte er wollen es solle allen denkenden Wesen ein Prinzip der Gesetzgebung werden sich so herabwürdigen zu lassen – Er warf sich eine Viertelstunde auf sein Bette denn ein Sofa hatte er nicht das sonst seine Spekulationen so oft begünstigt hatte Aber siehe da Die Macht eines richtigen moralischen Prinzipium drang in ihn ein Er bedachte jetzt sei es seine Pflicht zu gehorchen und so sprang er auf und wendete einen Teil der Nacht an die Abschriften zu machen so sauer es ihm auch ward siegelte sie noch ein und schrieb den vollständigen Titel des Herrn Baron mit dem haut et puissant Seigneur und den Terres et autres lieux auf die Adresse »Er mag es merken dass ich unwillig bin über die Begegnung und über ihn spotte« sagte er bei sich selbst »Er wird gewiss heute bei Tische so flämisch aussehen wie gestern Mag er doch Ich habe noch sechzig Taler in der Tasche und kann Weiterreisen Ich will lieber am kleinsten Orte praktizieren als in solcher schimpflichen Abhängigkeit stehen« Gut war es dass Philipp dieses nicht hören konnte der würde gesagt haben warum bliebst du nicht in Elberfeld – Anselm war indes mit sich zufrieden über seinen mannhaften Entschluss und schlief endlich ein
Der Schlaf kühlt das Blut ab und unser dicker Mann nahm sich vor wenn er gefordert würde zwar ernstaft aber nicht verdrießlich auszusehen und ganz unbefangen zu sein wenn sein Herr wie seiner Meinung nach nicht fehlen konnte wegen der Adresse irgend etwas sagen möchte Aber er ward nicht gefordert Der Herr Baron stand etwas früh auf und hatte eine halbstündige Konferenz mit dem Franzosen der alsdann alle seine Sachen aufpacken ließ und gänzlich abreisete zurgroßen Freude aller Bedienten die ihn als einen undeutschen Kerl hassten Fast sollt es scheinen Herr von Reiteim wäre über die Abreise auch froh gewesen denn heute war er bei der Mittagstafel sehr aufgeräumt lachte über alle Einfälle des Charadenmachers und schäkerte viel mit den beiden Mädchen Mit Anselm sprach er wenig aus Beschämung wie dieser glaubte und sich heimlich darüber kitzelte Nach der Tafel hielt der Herr Baron wie er oft pflegte einen kleinen Mittagsschlaf Anselm aber brachte seine Zeit in einiger Unruhe zu ob es täglich so gehen sollte und wie es werden würde Um sechs Uhr ließ der gnädige Herr dem Herrn Sekretär sagen er möchte zu ihm kommen mit ihm eine Tasse Tee zu trinken Über diesen freundlichen Antrag ging unserm dicken Manne seines gestrigen Zorns ungeachtet das Herz wieder auf Er fand den Herrn von Reiteim in seinem Kabinette auf dem Sofa liegen mit einer ruhigen Pfeife in der Hand Er ließ seinen Sekretär neben sich sitzen schenkte ihm Tee ein redete ihn mit dem ehemaligen freundschaftlichen Du an welches er schon einigemale gebraucht hatte wenn sie einen Augenblick allein waren Der Herr Sekretär brauchte das ehrerbietige Sie und vergaß bei der freundschaftlichen Bewillkommung ganz dass er hatte böse sein wollen Er hatte auch jetzt dazu gar keine Veranlassung denn Herr von Reiteim erinnerte sich bald der Gelehrsamkeit besonders der Philosophie
Es ist unstreitig dass den Leuten die nichts zu tun haben nichts mehr zur Last wird als die Zeit und ebenso gewiss dass die glücklichen Erdensöhne die nur zu ihrem eigenen Vergnügen leben gemeiniglich das Unglück haben dass ihnen das Vergnügen bald zu fehlen anfängt Daher müssen sie auf Abwechslung denken fehlt die ihnen so sind sie ganz verloren Sie haben getrunken und können bald nicht mehr trinken weil der Magen nicht mehr annehmen will Sie haben geliebelt und müssen es lassen weil ihr Körper bald abgezehrt und ihre Verdauungskraft geschwächt wird und Gicht Kopfweh und Magenkrampf ihre Vergnügungen krönen Sie wollen nichts tun sondern nur genießen und der Genuss fehlt mitten im Genuße es wird ihnen bald alles ungeschmackt Gasterei Komödien gefällige Schätzchen vermummte Tänze Jagdgelage und die Märchen und witzigen Einfälle der Schmarotzer Daher ist es nicht unrecht den Söhnen vornehmer und reicher Leute die Söhne der Fürsten nicht ausgenommen die künftig in der Welt nichts vor sich sehen als ihre Zeit hinzubringen und nach Vergnügen zu haschen um ihrer selbst willen anzuraten in ihrer Jugend nicht so faul zu sein sondern sich anzustrengen um irgendetwas zu lernen oder ihren Geist mit etwas zu beschäftigen Es gibt in allen Wissenschaften selbst in denen die am trockensten scheinen sogar in der Mathematik, Vergnügungen für den welcher sie nur zu schmecken weiß Und da vornehme Leute ihren Gaumen abrichten dass er endlich allen hautgout und die feine Unterscheidung aller Jahrgänge alter Rheinweine auskosten kann sollte es ihnen denn so ganz unmöglich sein ihre Seele auf die sie gemeiniglich so gar keine Sorgfalt wenden so abzurichten dass diese auch was klug oder unklug witzig oder unwitzig ist unterscheiden könnte
Dem Freiherrn von Reiteim tat es sehr wohl dass er auf Universitäten mancherlei Wissenschaften und besonders die spekulative Philosophie studiert hatte Die Vergnügungen der Jagd des Wohllebens der Mädchen der Schauspiele der Kourtage bei Hofe und sogar der Charaden ermüdete ihn endlich War er nun mit Vergnügungen übersättigt so nahm er Glaubersalz war er aber gerade davon gesättigt so hing er auf dem Sofa seinen philosophischen Spekulationen nach die sogar zuweilen dem Glaubersalze nachhalfen Jetzt befand er sich sehr wohl Seine Grillen waren vergangen Den alten Franzosen war er los Er hatte bei Tische gedahlt und nach Tische geschlafen Er lag nun bene pransus satur supinus auf seinem Sofa und so glaubte er ein Stündchen Philosophie würde ihm wohl tun denn er hatte schon mehrmal bemerkt dass ein kurzer Gebrauch der Vernunft den sinnlichen Organen neuen Reiz gebe Er ließ daher seinen Sekretär rufen Dessen Prätension auf Philosophie kannte er noch von der Universität her und in seinen nachherigen Briefen hatte er mit Lächeln noch mehr davon gemerkt Daher bereitete er sich das Vergnügen ihm ein wenig auf die Zähne zu fühlen Also nachdem er eine Tasse Tee langsam eingeschlürft hatte fragte er »Nun apropos Was macht bei dir die Philosophie«
Eine solche Frage oder eine ähnliche hatte unser dicker Mann schon seit einigen Tagen erwartet und nun – ob er antwortete – ob er lange ob er mit Begeisterung antwortete – das mag der geneigte Leser ermessen der jemals etwas auf dem Herzen gehabt hat es gern herausgesagt hätte und nicht hat dazu kommen können
Dass Anselm in das Lob der neuen Erfindung der kritischen Philosophie bald sich ergießen musste versteht sich Herr von Reiteim der ihn kommen sah neckte ihn dass er in Feuer kam und da er ihn nun weitläuftig eine Menge Argumente hatte auskramen lassen war ers müde und sagte ganz kalt »Du magst sagen was du willst dein Kantisches System gefällt mir so wenig als irgendein anderes System«
»Aber lieber Himmel Ich habe Ihnen schon vorher bewiesen die kritische Philosophie ist nicht ein System sondern eine Kritik aller Systeme deren Unzulänglichkeit sie zeigt«
»Und ist doch selbst unzulänglich denn dass alle Systeme nichts taugen wussten mehr Leute schon längst«
»Aber war es nicht gut dass es jetzt noch einmal auf eine so neue und bündige Art gezeigt ward«
»Bündig das wüsste ich eben nicht Mir ist Sextus Empirikus und Hume viel bündiger Neu wäre die Kritik der Philosophie Meinetwegen Nur das Neue ist nicht wahr und das Wahre ist nicht neu«
»O wahrhaftig Sie werden unbillig sehr unbillig Wie können Sie über Kants unsterbliche Werke über Werke die dreißig Jahre Nachtwachen kosteten so absprechen Nein so ist kein Disputieren mit Ihnen so können Sie freilich sagen was sie wollen« – Und er stand verdrießlich auf
Herr von Reiteim der seinen Sekretär noch zur Verdauung brauchte richtete sich ein wenig auf drückte ihn mit der Hand wieder auf seinen Stuhl und fuhr fort »Siehst du Herr Bruder damit du merkst dass du unbillig bist nicht ich will ich dir bekennen dass ich unrecht habe doch auch so sehr nicht Die Philosophen sprechen ab um ihrer Argumentation willen wie Witzlinge um eines Einfalls willen Jeder hat seine Weise nur einer radotiert anders wie der andere Höre an dass Kant ein trefflicherer Kopf ist als ich und du das versteht sich Dass seine Werke voll Scharfsinn sind mag auch sein Wenn ich sagen wollte ich hätte nicht daraus gelernt so war ich undankbar nur nicht das was du willst daraus gelernt haben Schon das viele Nachdenken wodurch meine Geisteskräfte in neue Bewegung gesetzt wurden will ich ihm gern danken Kant hat überhaupt die in ihrer vermeinten allgemeingeltenden Weisheit sicher schlummernde Philosophie aufgeweckt und beunruhigt Das ist recht gut aber das ist wahrlich auch alles Dass nun die äußersten Grenzen der Wahrheit gefunden wären ist mit Ehren zu melden nicht wahr Ich bin aber übrigens ganz wohl zufrieden dass einmal wieder etwas Neues in die Philosophie gekommen ist denn siehst du neue Systeme sind wie neue Besen sie kehren gut«
»Wie kann man nur so niedrig von so erhabenen Werken reden Und gesetzt weil ich doch auch billig sein will da Sie angefangen es zu sein ich wollte Ihnen auf einen Augenblick zugeben Kants Kritik wäre ein neues philosophisches System wie können Sie ein so niedriges und unpassendes Gleichnis davon brauchen«
»Nicht niedrig und sehr passend Systeme kehren Staub und Spinnweben aus dem Geiste wie die Besen aus den Winkeln«
»So das heißt also die hellen Köpfe die an allem zweifeln brauchen keine Systeme weil schon alles in ihrem Geiste so zierlich und herrlich aufgeputzt ist Da liegt also das Feine des Gleichnisses«
»Nicht so wie du meinst Skeptiker mögen keine Systeme Aber nicht nur der Skeptiker kann die Systeme entbehren sondern jeder dessen Begriffe deutlich und ordentlich aufeinanderfolgen und wäre es auch nur Deutlichkeit durch Mutterwitz Braucht der Matematiker ein System oder hat er eins Wo kein Staub oder Spinnweben sich ansetzen braucht man keine Besen Siehst du als es in der Theologie helle ward wurden die Systeme überflüssig wird sie wieder durch Spinneweben verdunkelt gib acht dann gehts wieder aufs System los Neue Systeme müssen notwendig oft gemacht werden denn sie nutzen sich ab wie die Besen«
»Über Ihr Gleichnis Wahrheit ist der Zweck jedes Systems und zu zeigen wie viel Wahrheit an übersinnlichen Gegenständen wir zu erkennen vermögen ist Zweck der kritischen Philosophie Wahrheit aber ist unveränderlich bleibt ewig Wahrheit«
»Ja aber systematische Wahrheit nur solange die Ewigkeit des Systems dauert Sieh Herr Bruder Das menschliche Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt achtzig so lange hat noch kein philosophisches System ausgehalten kaum ein teologisches das doch handfester ist Und dann ists mit den Systemen eben wie mit dem menschlichen Leben Wenns damit vorbei ist so ists Mühe und Arbeit gewesen Sagt das nicht die Kritik der Philosophie selbst von allen Systemen Und der kommt gewiss noch auch der es von ihr sagt«
»Und die ganz neue Bestimmung der Denkformen die genaue Bestimmung des Vermögens der Vernunft die gezogene Grenzlinie welche das mögliche Wissen von der unerreichbaren Erkenntnis trennt die einleuchtenden Beweise der Unmöglichkeit vom Objekte von dem Dinge an sich irgend etwas zu wissen«
»Und der Widerspruch dass doch das objektivreelle Dasein des Dinges an sich erkennbar sein soll – Das objektivreelle Dasein ist doch wohl irgend etwas – Apropos Noch eine Gleichheit zwischen Systemen und Besen Beide machen oft viel Staub indem sie den Staub recht sauber abfegen sollen So ists mit allen Systemen von jeher gewesen solange die philosophische Welt steht und wird mit allen künftigen Systemen so sein Sieh nur recht nach du wirst es so finden«
»Ich sehe weder aufs Vergangene noch ins Zukünftige Ich sehe auf die jetzige Kritik der Philosophie und die wird unveränderlich wahr bleiben«
»Ich merke Herr Bruder du bist wie Oheim Toby Shandy der auf eine Spalte sah und dabei weder ans Vergangene noch ans Zukünftige dachte Werde nicht wieder böse über die Vergleichung Oheim Toby war ein Philosoph so gut als Aristoteles und ein besserer als du« –
Hier ward das philosophische Gespräch unterbrochen denn das braunäugige Schätzchen und der Charadenmacher die ein Stündchen später bestellt waren als der Sekretär kamen nun auch zum Tee Die Unterredung ward allgemein und aufgeweckt Das war sie aber nicht für Anselm der auch wenig daran Teil nahm Er entschuldigte sich wegen des Abendessens und empfahl sich und weil man ihn entbehren konnte ließ man ihn gehen Er ging mit großen Schritten auf seinem Zimmer auf und ab und schmollte mit sich selbst weil er sonst niemand hatte Er ärgerte sich über des Herrn von Reiteim unphilosophische Denkungsart der sich sogar an einem Charadenmacher belustigte und zerbrach sich den Kopf aus welchen Ursachen dieser philosophische Edelmann bei dieser seiner Denkungsart ihn hätte kommen lassen denn er hatte bis jetzt nicht anders gedacht als beide wollten miteinander philosophieren und Herr von Reiteim wäre von ihm zur kritischen Philosophie bekehret
Zweiundzwanzigster Abschnitt
Einige Bemerkungen über Philosophie Entdeckungen einer Philosophie die Anselm noch nicht kannte und deren Folgen
Sterne der große Menschenkenner macht die Bemerkung
»Dass die feinsten Philosophen den breitesten Verstand haben und ihre Seelen im umgekehrten Verhältnisse mit ihren Untersuchungen stehen«
Dass diese Bemerkung sehr oft richtig ist werden alle diejenigen zugeben welche je auf Philosophen und auf breite Verstände gemerkt haben Dass es Ausnahmen gibt verdient kaum angemerkt zu werden wohl aber
»dass die feine Philosophie den Verstand eines Philosophen wenn er einmal breit ist nicht scharf macht und dass der Verstand der Philosophen mit breitem Verstände nicht eben allemal durch die feine Philosophie breit gemacht wird« Von beiden war ein lebendiges Beispiel der Freiherr und Reichsritter von Reiteim Er war auf der Universität der feinste Philosoph so dass seine skeptischen Argumente dem Professor der dogmatischen Philosophie oft viel zu schaffen machten So gings auch noch ein Jahr nach der Zurückkunft von der Universität welche Zeit er bloß mit Studieren und besonders der spekulativen Philosophie zubrachte Nun ereigneten sich aber ein paar kleine Vorfälle welche alle Welt bemerken ließ dass Junker Reiteim noch zu mehreren Dingen als zur feinen Philosophie tauglich sei und dass sein Verstand einen Ansatz habe breit zu werden
Einer dieser Vorfälle war dass sein Vater starb Dieser hatte ihm ein so mässiges Jahrgeld gegeben dass bei demselben das Studium der Philosophie gar wohl seine liebste Beschäftigung sein konnte Jetzt aber fand er sich berufen der Welt zu zeigen dass er auch da wäre und da einige Monate danach auch sein Oheim mit Tode abging so kam er zu einem unermesslichen Vermögen und ward ein ganz anderer Mensch Nun hielt er ein glänzendes Haus hatte Bediente Pferde und Hunde die Menge gab kostbare Mahlzeiten hatte im Keller die besten alten Weine und im Hause zwei junge Mätressen Lauter Dinge welche wenn ein Verstand sonst breit zu werden anfängt ihn nicht schärfer zu schleifen pflegen
Herr von Reiteim vergaß indes bei seiner vornehmen Weltlebensart und bei seinem modischen Weltgenusse die Philosophie nicht ganz und gar Wir haben eben gesehen dass er sie brauchte so wie die feinen Esser Assa fötida oder Kayennepfeffer den Appetit zu sinnlichen Ergötzungen wieder etwas zu schärfen Außerdem konnte sie ihm im Weltleben durch einige hingeworfene Worte zuweilen ein Ansehen der Superiorität geben welches er auch nicht verschmähte Nur zu dem deutlichen Beweise dass die Art der Lebensweise auch auf die Art der Philosophie Einfluss hat hatte er seine bisherige Philosophie geändert und war von aller öffentlichen Philosophie nach und nach zur geheimen übergegangen Die geheime Philosophie scheint sehr bequem auf die skeptische Philosophie gepfropft werden zu können Nicht eben auf die skeptische Philosophie eines Änesidemus welcher die Perfektibilität der menschlichen Vernunft zum Grunde seiner Zweifel wider die Anmassung derer nimmt deren Kritik die Grenzen der menschlichen Vernunft bis auf ein Haar bestimmt zu haben meint und sie damit sie ja nicht weitergehen soll mit einem Verhacke spitzfindiger Argumentationen einzäunen will Nein auf diejenige skeptische Philosophie welche der menschlichen Vernunft zu wenig zutraut und die Erkenntnis der deutlichsten Wahrheiten ungewiss zu machen sucht wird die geheime Philosophie sehr sicher gepfropft so wie parasitische Pflanzen auf kränklichen Bäumen am besten fortkommen Hierzu kommt noch dass die Lebensart der großen Welt französisch ist Die geheime Philosophie ist aber zu uns von den Franzosen gekommen Dies beweisen selbst denjenigen die nur das Öffentliche der geheimen Philosophie kennen die vielen Bücher voll geheimer Weisheit womit uns die Franzosen beglückt haben ihr Mystère de la Croix die große teosophischphilosophische Karte ihres getauften Juden Düchanteau der gleich Christus vierzig Tage zu fasten versprach und dadurch beinahe einen berühmten deutschen Seher irre gemacht hätte Das beweisen noch viel andere Dinge mehr als da sind die drei verlorenen Kapitel der Bibel ihres Grafen Kagliostro die geheime Lehre ihrer Chanoines du St Sepulcre auprès du Temple de Jerusalem ihr Ordre de Chevaliers bienfaisans de la Cité sainte und die tiefe Weisheit der Bücher Diadème des Sages Des erreurs et de la verité und des Tableau des rapports entre Dieu et lhomme und sogar ihr Buch Tot und die Tours de passe passe ihres Sieur dEteilla Die Franzosen genießen das Glück zu den Großen der Erde und auch zu reichen und vornehmen Leuten vorzüglich Zutritt zu haben Es gibt daher immer betriebsame geheime französische Philosophen die in Deutschland in der Stille herumreisen um diese Philosophie bei denen welche sie dazu geneigt und würdig finden fortzupflanzen Einer davon war der französische Herr der kürzlich des Herrn von Reiteim Schloss verlassen hatte Er war in der Gegend an manchen Höfen herumgereiset und fing nun an den Samen seiner geheimen Lehre in den Schlössern reicher Edelleute auszustreuen wo er nur einen gutgedüngten Boden fand So kam er auch zu Herrn von Reiteim und verschafte sich bei ihm vielen Eingang Er zeigte in den kräftigsten unverständlichsten Worten und Schriften alle geheimen Wirkungen und Eigenschaften der Natur in einem Zusammenhange der dem bisherigen Skeptiker dem keine menschliche Philosophie genug getan hatte außerordentlich einleuchtend schien weil er diesen Zusammenhang glaubte Sobald der französische Pythagoras so viel gewonnen hatte fand er nun offenes Feld für das Anpreisen der geheimen Künste die er besaß um alle Kräfte der Natur zu regieren und zu beliebigen Zwecken anzuwenden Die geringste Kunst war die unedlen Metalle in edle zu verwandeln Diese machte auf Herrn von Reiteim auch nur den geringsten Eindruck denn sein Vater und sein Oheim hatten schon dafür gesorgt dass er nicht wohl mehr ausgeben konnte als er einnahm zumal da er nicht hoch spielte und nur wenig baute Er gehörte zu genügsamen Philosophen welche das Geld das dem Weisen so verächtliche Ding geringschätzen so lange sie nur soviel davon haben als sie mit aller Macht verzehren können Hingegen hatte der französische Herr einige andere geheime Wissenschaften zu verleihen welche die Aufmerksamkeit unsers deutschen Barons aufs äußerste erregten Darunter war besonders die Art aus gewissen Steinen und Kräutern ein Elixier zu ziehen wodurch die Gesundheit bis ins späteste Alter erhalten und sodann dem Alter wieder jugendliche Kräfte gegeben werden sollten Diese Kunst wünschte der Baron sehr zu besitzen und nicht ohne Ursache Jener Römer welcher einige siebzig Jahre alt ward ließ auf sein Grab setzen Er habe sieben Jahre gelebt denn er rechnete nur diejenigen Jahre die er der Freude und der Weisheit hatte widmen können Unsre jungen Leute die bloß für das Vergnügen dasein wollen leben geschwinder So war auch Herr von Reiteim in den anderthalb Jahren wo er durch seine großen Einkünfte sein Leben hatte genießen können um gute zwanzig Jahre älter geworden Daher sah er wohl ein wenn er noch länger so fort genießen wollte – und er wollte nichts anders – müsse er bald übernatürlicher Hilfe nötig haben
Es lehret die veraltete Wolfische Philosophie dass nichts in der Welt ohne zureichenden Grund geschieht und eine unveraltete Welterfahrung will bemerkt haben dass die vornehmen und reichen Leute was sie tun mehrenteils nur um ihrer selbst willen tun Daher war auch hier der wahre Grund warum der Herr Baron von Reiteim den Doktor Anselm so freundschaftlich zu sich berief nichts anders als allein der Vorteil des gedachten Barons Derselbe hatte wie gesagt angefangen sich in die geheime Philosophie zu versenken durch welche die tiefsten Tiefen der Natur ergründet werden und sogar das Unmögliche möglich gemacht werden kann Es scheint aber fast als wolle die Natur die großen Geister foppen welche so tief in sie einzudringen streben denn sie lässt durch ihre geheimen Ergründer das Minimum zur einzigen Quelle des Maximum machen Die geheimen Philosophen ob sie gleich alle auf Vernunft gegründete Wissenschaften verachten und besonders von der Chemie die mit Tiegel und Kohlen umgeht mit großer Geringschätzung reden müssen doch diese gemeine Chemie lernen und brauchen weil sie ohne dieselbe nicht fertig werden können Diese Notwendigkeit erkannte auch der Sieur Raphael Gabriel de Montlune und wollte daher in dem Schloss des Herrn von Reiteim ein Laboratorium errichten Dazu schlug er aber vor einen Laboranten aus Frankreich kommen zu lassen der ebenso wie er nebst dem ganzen Vorrate von Gerätschaften welche auch von Paris aus der rue de la Sourdière verschrieben werden sollten dem Herrn von Reiteim sehr hoch würde zu stehen gekommen sein Dieser hatte hingegen keine Lust zu einer so großen Ausgabe Denn der Sieur de Montlüne hatte schon von Herrn von Reiteim verschiedene artige Sümmchen bekommen für Einweihung in verschiedene Zeremonien und Mitteilung verschiedener Schriften geschrieben teils in Chiffren und hierographischen Charakteren die niemand lesen teils in Worten die niemand verstehen konnte Ob nun gleich Herr von Reiteim immer noch nach dem Sinne der Schriften suchte so lag ihm doch auch dabei die starke Bezahlung am Herzen und er setzte sich also wegen des anzulegenden Laboratoriums mit dem Sieur RaphaelGabriel dahin in Traktaten ob es nicht zur Ersparung der Kosten in Deutschland selbst könne angelegt werden wozu sich aber der Sieur gar nicht hatte verstehen wollen Eben zu dieser Zeit ging Anselms Brief ein Herr von Reiteim glaubte an ihm seinen Mann gefunden zu haben denn er zweifelte nicht ein Doktor der Arzneigelahrteit werde die Chemie verstehen und glaubte ein Ansehnliches zu ersparen wenn er ihn beim Laboratorium brauchte Daher erfolgte die freundschaftliche Einladung zu ihm zu kommen welche Anselm gutwillig genug teils der Freundschaft teils der Liebe zur spekulativen Philosophie zugeschrieben hatte
Welch einen Meisterstreich auch Herr von Reiteim dadurch glaubte gemacht zu haben dass er den Doktor Anselm zwischen sich und dem Sieur de Montlüne setzte so gelang er doch nicht Gedachter Sieur weigerte sich schlechterdings einen Dritten in die Geheimnisse einzuweihen Er drohte Herrn von Reiteim zu verlassen an welchen er aber noch wegen ihrer geführten Geschäfte große Forderungen machte wogegen der Baron glaubte für sein Geld viel zu wenig empfangen zu haben Darüber entstand unter ihnen ein großer Streit Der Baron sagte endlich dem Sieur geradezu er werde ihn nicht von der Stelle lassen bis er von ihm die versprochnen Geheimnisse erhalten habe und wenn er Miene mache heimlich wegzugehen so werde er ohne weitere Umstände ins Loch geworfen werden Er hatte da er die Parforcejagd nicht abschlagen konnte wirklich den Franzosen unterdessen der Aufsicht von ein paar Bedienten übergeben die ihn nicht einen Augenblick aus den Augen ließ Allein der Sieur RaphaelGabriel war auch weit entfernt heimlich davon zu gehen denn er war nicht nur ein Mann von Ehre und in Frankreich mit Herren aus den ersten Häusern besonders mit dem Düc dOrleans und dem Düc de Pequigny in genauer Verbindung sondern er hatte ja vom Herrn von Reiteim noch eine große Summe zu fordern welche er gar nicht willens war im Stiche zu lassen Herr von Reiteim eilte um dieser Sache willen von der Jagd zurück und da entstand der große Streit unter ihnen indem der eine nicht mehr Geheimnisse der andere aber nicht mehr Geld herausgeben wollte Endlich weil Herr von Reiteim das Hauptgeheimnis nicht entbehren konnte ward der Vergleich dergestalt geschlossen dass der Sieur das Geheimnis wie im Alter wieder jugendliche Kraft zu erlangen sei herausgab Freilich nur in Chiffren und hierographischen Charakteren denn anders hatte ers nicht doch war der Schlüssel dabei der nur den kleinen Fehler hatte dass er bloß dem Eingeweihten verständlich war dabei zeigte sich der Sieur so billig seine rechtmäßige Forderung von fünftausend Gulden bis auf zweitausend schwinden zu lassen welche er wie schon oben erzählt worden erhielt und damit in Frieden abzog
Herr von Reiteim welcher der immer wiederholten Geldforderungen des Franzosen längst überdrüssig war glaubte nun einen guten Handel gemacht zu haben da er doch die Hauptsache erhalten hatte Denn er zweifelte gar nicht dass zwei so gelehrte Leute wie Anselm und er die Charaktere mit Hilfe des Schlüsseln würden entziffern können Und wenn nur erst das Laboratorium errichtet wäre so hatte er sich vorgenommen die vorgeschriebnen Versuche so oft wiederholen zu lassen dass dasjenige was in den Vorschriften etwa noch dunkel sein möchte durch die geprüfte Erfahrung endlich deutlich werden müsste
Allerdings recht schlau ausgesonnen Das Schlimme war nur dass er in Anselm gar den Mann nicht fand durch welchen er seine Absichten ausführen konnte Anselm hatte überhaupt auf der Universität unter allen Kollegien die medizinischen am wenigsten besucht von der Chemie aber gar nichts gehört und bei seiner völligen Abneigung von allem was unter praktische Handgriffe gehört noch viel weniger jemals den Gedanken gehabt bei einem chemischen Versuche Hand anzulegen dabei schien ihm die geheime Philosophie von deren Existenz er nur erst jetzt einen Begriff zu bekommen anfing so etwas ganz Ungereimtes dass er gar nicht absehen konnte wie Herr von Reiteim daran glauben mochte und er selbst hatte auch nicht den geringsten Trieb sich damit zu beschäftigen
Viele systematische Philosophen werden ganz betroffen wenn sie etwas von der geheimen Philosophie hören und bilden sich wohl gar ein die Leute welche sich mit einer verborgenen Wissenschaft beschäftigen durch die das Innerste der Natur und alle ihre Kräfte aufgedeckt werden sollen müssten ganz oder halb verrückt sein Nun wollen wir zwar die geheime Philosophie hier nicht verteidigen Die Kräfte der Natur die nur sie allein entdeckt hat mögen nicht weit her sein sie möchten denn etwa in der Kraft reiche und mächtige Menschen zu beherrschen bestehen welche aber den Ungeweihten nicht entdeckt wird Doch jedem sein Recht Man sieht dass der Baron von Reiteim sonst ein ganz gescheuter und sogar ein weltkluger Mann war und so sind gewiss viele anderen Anhänger der geheimen Philosophien Vielleicht sind diese sogar mancher öffentlichen Philosophie nicht so unähnlich als man glauben möchte Man kann über geheime Philosophie ganz fein räsonnieren so gut wie über irgendeine öffentliche Der Suchende glaubt in der geheimen Philosophie oft etwas Wahrheitsähnliches gleichsam mit Händen zu ergreifen aber freilich er greift nie wirklich Das Treffendste aber auch das Schlimmste was man von solcher geheimen Philosophie sagen kann ist sie gründe sich auf willkürlich angenommene Grundsätze woraus die Folgerungen durch Trugschlüsse geschehen Das mag nun sein Aber wäre es mit keiner Art von öffentlicher Philosophie jemals auch so beschaffen gewesen Wenigstens die Anhänger des einen Systems sagen es immer von dem entgegengesetzten Auch ist kein geheimer Philosoph zu widerlegen denn sowohl seine Grundsätze als seine Erfahrungen gehen dicht neben oder über oder unter der Vernunft weg
Dieses schwere Geschäft wollte unser dicker Mann gleichwohl unternehmen sobald ihm Herr von Reiteim seine Meinung von den geheimen Kräften der Natur und von den geheimen Mitteln diese Kräfte zu bezwingen mitgeteilt hatte und ihm zu diesem Behufe die in sehr schönem Französisch geschriebene kräftig dunkle Auseinandersetzung derselben welche er vom Sieur RaphaelGabriel erhalten hatte vorlas und mit gelehrten Anmerkungen begleitete Anselm war darüber ganz außer sich Er hätte seinem Herrn eher noch vergeben wenn er die Gassendische Kartesische Leibnitzische Darjesische Federsche oder die revidierte Philosophie angenommen hätte Aber eine solche geheime französische Philosophie Anselm wollte den kürzesten Weg gehen und sie mit den Waffen der kritischen Philosophie angreifen Aber er mochte Herrn von Reiteim immer von der Sinnenwelt und von der Verstandeswelt der Dinge an sich vorreden mochte noch so deutlich ihm sogar mit den eigenen Worten der Kritik der Philosophie sagen Es fände keine Anwendung irgend einer Kategorie von der einen auf die andere statt und der Verstand könne von allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen niemals aber einen transzendentalen Gebrauch machen alles half nichts Zwar glaubte unser dicker Mann hierdurch gesiegt zu haben aber vergebens Junker Reiteim hatte eine dritte Welt gefunden die magische eben die in welche Junker Eckartshausen in München ein Mann von sehr breitem Verstande durch einen Salto mortale hineingesprungen ist In dieser magischen Welt war Junker Reiteim so gut zuhause wie auf seinem eigenen Gute Den Satz der Kantischen Philosophie dass zwischen der Sinnenwelt und der transzendentalen Welt durch die Vernunft keine Brücke könne geschlagen werden wodurch Anselm die geheime Philosophie widerlegen wollte nahm Junker Reiteim mit beiden Händen für sich und seine geheime Philosophie an denn er wollte ja eben wie Junker Eckartshausen sich durch übervernünftige und widervernünftige kurz durch unvernünftige Mittel einen Weg in jene magische Welt bahnen aus welcher Ursache auch seit kurzem den Anhängern der Lavaterschen Theologie die Kantische Philosophie so sehr zu gefallen scheint
Anselm musste mehr als einmal hören »Es ist viel zwischen Himmel und Erden wovon unsere Schulphilosophie nichts weiß«
Er griff endlich zu verzweifelten Waffen Er wollte die Gründe wider das System der magischen Philosophie anwenden die Herr von Reiteim in einer vorigen Unterredung wider alle Systeme angewendet hatte Aber dieser rief triumphierend und derb aus »Die geheime Wissenschaft Geister oder Kräfte zu bewegen zu versetzen in einen Raum einzuschliessen ist kein System sie ist Wahrheit« Davon war er nicht abzubringen Und seine Meinung hatte hier den Vorteil welchen Reichtum über Armut vornehmer Stand über geringen Unabhängigkeit über Abhängigkeit gibt Ihr erstaunt deutsche Philosophen Magister und Unmagister Professoren oder Unprofessoren mit oder ohne Ratstitel dass diese Rücksichten auf philosophische Meinungen einen Einfluss haben Seht unparteiisch um Euch her auf die Behauptungen die manche unter Euch seit kurzem über symbolische Bücher Einschränkung der Aufklärung Vorzüge des Adels bürgerliche Freiheit und wer weiß sonst noch worüber bekannt gemacht haben
Anselm kam bei dieser Lage der Sachen überhaupt sehr zu kurz Es ist natürlich dass er sich durch seine heftige Widerlegung der unergründlichen geheimen Philosophie seinem Herrn nicht empfahl und da derselbe ihn nicht zum chemischen Laboranten brauchen konnte so kam die Reue ihn berufen zu haben bald nach der Tat Indes konnte Herr von Reiteim – obgleich gegen ihn ziemlich kalt geworden – ihn doch nicht verstoßen Er ließ ihn also bei sich wohnen und mit sich essen schwatzte auch wohl zuweilen ein Stündchen mit ihm wenn er sonst nichts Bessers wusste Aber in kurzem sank unser guter dicker Mann zu der Klasse von Leuten herunter die sich bei reichen Leuten so gewöhnlich finden als Milben im Käse und eben wie diese an ihnen nagen Diese Leute werden von den Engländern mit einem höflichen Ausdruck gefällige Freunde und mit einer derben aber ausdrucksvollen Benennung Krötenesser genannt denn diese gefälligen Freunde sind hauptsächlich dazu bestimmt die üble Laune des Patrons zu verschlucken
Anselm hatte ein zu feines Gefühl um nicht das Niedere dieser Lage zu empfinden Er dachte oft mit bitterer Reue nach Vaals und Elberfeld zurück und konnte sich nun nicht verbergen dass er an allem was ihm widerfuhr durch eigenen Leichtsinn und eigene Unbedachtsamkeit Schuld sei Indes litten doch auf keine Weise seine Umstände dies Haus freiwillig verlassen zu können Wo sollte er hin Er sah also zum erstenmale in seinem Leben die Notwendigkeit ein unvermeidliche Übel ertragen zu müssen und nicht das zu tun was man am liebsten wollte sondern das was nach den Umständen das Beste sein kann Er überlegte nun dass doch wirklich Herr von Reiteim ihn zu der Absicht nicht brauchen konnte weshalb er ihn hatte kommen lassen daher beschloss er sich dadurch zu empfehlen dass er sich nützlich machte
Seine Klugheit wovon er sich immer noch eine ziemliche Gabe zutraute gab ihm ein er werde sich das Vertrauen seines gewesenen Freundes wieder erwerben wenn er ihm über dieses und jenes freundschaftlichen Rat erteile Denn er hatte freilich so wenig Weltkenntnis zu wähnen von der vorigen Universitätsfreundschaft sei noch etwas übrig geblieben
Er machte also Herrn von Reiteim aufmerksam auf verschiedene Unordnungen in seinem Hauswesen und zeigte ihm wohlmeinend wie dem abzuhelfen stehe Der Leibjäger welcher sehr viel galt tat manchen Personen im Hause Unrecht und bereicherte sich mit dem Schaden seines Herrn Die beiden Jüngferchen und der Charadenmacher spotteten über Herrn von Reiteim wenn er abwesend war Alles dieses entdeckte ihm Anselm und glaubte gewiss dadurch sich zu empfehlen aber seine Klugheit führte ihn unglücklicher Weise abermal irre
Der Leibjäger war der Favorit des gnädigen Herrn dieser wollte ihm nun einmal trauen und tat nichts ohne dessen Rat Die andern drei Personen waren ihm in seiner Indolenz notwendig Anselm hingegen überflüssig wie konnte dieser gegen jene Recht haben Herr von Reiteim hörte seine wohlgemeinten Nachrichten gähnend an sagte trocken Diese Bemerkungen wären bloß Einbildungen erzählte sie aber doch den andern Personen wieder Die Sache hatte also bloß den Erfolg dass Herr von Reiteim gegen unsern armen dicken Mann noch kälter ward und ihn selten würdigte mit ihm ein Wort zu sprechen und dass die andern seine Feinde wurden und nicht unterliessen ihm bei allen Gelegenheiten Verdruss zu verursachen
Anselm brachte den Rest des Winters und einen Teil des Frühlings in der traurigsten Lage zu Wohin er seine Augen richtete entdeckte er auch nicht die geringste Aussicht zu einer glücklichen Veränderung für ihn Er war darüber beinahe trostlos zumal da ihn die Neckerei im Hause immer unerträglicher fiel Eines Tages als er sich wirklich der Verzweiflung nahe fühlte ließ ihn Herr von Reiteim rufen welches lange nicht geschehen war Er sagte ihm ganz kalt »Herr Sekretär Sie sehen seit einiger Zeit immer missmutiger aus und scheinen sich in meinem Hause nicht zu gefallen Ich habe doch mit Ihnen immer Geduld gehabt ungeachtet ich Sie nicht brauchen kann denn der Briefe sind bei mir eben so viel nicht zu schreiben und dass ein Doktor der Arzneigelahrteit so unwissend sein sollte nichts von der Chemie zu verstehen hätte ich nicht gedacht Indessen denke ich zu billig um Sie ganz zu verstoßen Ich suche Ihnen nützlicher zu werden als Sie mir gewesen sind Ich habe Ihretwegen an meinen Oheim den Minister am schen Hofe geschrieben Er verspricht mir in einem Briefe den ich eben erhalte Sie auf meine Empfehlung in eine Stelle bei der Feder zu plazieren will Sie aber erst persönlich sehen Reisen Sie zu ihm Er verlangt Sie heute über acht Tage gegen Mittag auf seinem Gute zu sprechen Machen Sie also dass Sie gegen die Zeit dort sind Leben Sie wohl Suchen Sie sich nützlich zu machen und die Kenntnisse zu erwerben die Ihnen noch fehlen Und apropos Hüten Sie sich vor Klatschereien und halten Sie guten Frieden mit den übrigen Domestiken im Hause Adieu« Hiermit gab er mit einem gnädigen Kopfnicken das Zeichen zum Abschiede
Anselm war nicht wenig betroffen über die Art wie ihm sein Abschied angekündigt ward aber über den Abschied selbst war er höchlich erfreut Er war in diesem Hause tief gedemütigt worden Nun konnte er die Zeit kaum erwarten bis er sich durch Fleiß und Tätigkeit wieder emporschwänge welches er bei einem Minister der wie er wusste einsichtsvoll war und großen Einfluss hatte leicht zu bewirken hoffte Mit dieser angenehmen Aussicht ward seine Einbildungskraft sogleich erfüllt sein ehemaliger Frohsinn der ihn einige Monate lang verlassen hatte kehrte zurück und er konnte vor Freuden die ganze Nacht nicht schlafen
Diese Freude ward den folgenden Tag etwas gedämpft da er vom Herrn von Reiteim sein Gehalt verlangte wovon er noch gar nichts bekommen hatte und ganz trocken zur Antwort erhielt Er habe ihm in seinem Briefe nichts versprochen sondern sich mit dem Gehalte nach der Brauchbarkeit richten wollen Da er aber zum Hauptzwecke warum er berufen sei nicht brauchbar gewesen so glaube er ihn durch die bisherige freie Unterhaltung für seine wenigen Dienste genugsam belohnet zu haben und nun habe er ihm ja eine Empfehlung an einen Minister gegeben welches eigentlich das gewesen wäre was er von ihm verlangt hätte
Anselm würde zu fein gedacht haben um auf einer Forderung zu bestehen die ihm auf eine so unbillige Art versagt ward Aber die Notwendigkeit zwang ihn abermal um Bezahlung seines Gehalts anzuhalten denn er hatte seine wenige Barschaft ausgegeben und schlechterdings kein Geld zur Reise Aber nun ließ ihn der gnädige Herr nicht allein nicht rufen sondern da er sich melden ließ ward er nicht vorgelassen Er sah sich durch die Not endlich dahin gebracht alle Empfindung des rechtmäßigen Unwillens zu unterdrücken und musste jetzt sogar den Leibjäger um sein Fürwort bitten den einzigen Menschen welchen der gnädige Herr sprach Dieser nahm nun Gelegenheit zu zeigen dass er Favorit sei und erlangte für unsern armen dicken Mann eine ganz kleine Summe welche kaum hinreichte eine Reise von vierzig Meilen zu tun Mehr stand nicht zu erhalten außer dass ihm Herr von Reiteim noch einen Brief an seinen Oheim schickte der ihn noch näher empfehlen sollte Anselm hätte zwar sein Reisegeld vermehren können wenn er sich hätte entschließen wollen seinen eleganten Reisewagen zu verkaufen Das konnte er aber doch nicht von sich erlangen Er meinte aus der Erfahrung gelernt zu haben man werde in großen Häusern hauptsächlich nach dem Äusserlichen beurteilt und daher dachte er ein Mann der bei dem Minister eine gewisse Rolle spielen solle könne doch auf dessen Gute nicht füglich auf dem Postwagen ankommen Er eilte jetzt nur seinen jetzigen ihm so widerwärtigen Aufenthalt zu verlassen und reiste gleich den folgenden Tag ab zumal da er keine Stunde zu verlieren hatte wenn er zur bestimmten Zeit ankommen wollte Bei seiner Abreise widerfuhr ihm noch das unvermutete Glück sich dem gnädigen Herrn von Reiteim auf einen Augenblick zu empfehlen Denn derselbe hatte eben einen Postzug von vier braunen Engländern gekauft und wollte mit ihnen zur Probe ausfahren
Dreiundzwanzigster Abschnitt
Anselm wird einem großen Staatsmanne vorgestellt und durch dessen Protektion befördert
Das letzte Zeichen des gnädigen Wohlwollens das der ehemalige philosophische Freund unserm dicken Manne aus seiner Birutsche zunickte machte diesen eben nicht glücklicher Sein Herz ward ihm leichter als er das Schloss des Herrn von Reiteim nicht mehr sah Die Erniedrigungen die er daselbst hatte dulden müssen drückten schwer auf seine Einbildungskraft Desto mehr freute er sich nun eine ehrenvollere Lage vor sich zu sehen
Er reiste Tag und Nacht denn sonst hätte er nicht zur bestimmten Zeit ankommen können Aber in einem Städtchen etwa drei Meilen von dem Gute des Ministers hielt er Nachtlager um nicht daselbst ganz in der Frühe einzutreffen Da er zum Mittage bestellt war so ersah er daraus dass er zur Tafel kommen sollte und schloss aus dieser Attention eines so großen Mannes gegen ihn schon einigermaßen auf dessen günstige Gesinnungen Um nun anständig zu erscheinen stand er sehr früh auf ließ sich frisieren zog sein bestes Kleid an und fuhr alsbald fort damit der Minister der ihm vermutlich über mancherlei würde Befehle zu erteilen haben noch vor der Tafel mit ihm darüber sprechen könne Sollte derselbe aber etwa auf seinem Gute wohin er vermutlich um von seinen Staatsgeschäften auszuruhen sich mochte begeben haben bloß auf der Serviette speisen so war es auch möglich dass er ihn bei der Tafel von den Gegenständen unterrichtete wobei er ihn zu gebrauchen dächte Genug unser dicker Mann wollte sich nicht vorwerfen lassen dass er allzuspät käme Übrigens tat sich sein Herz auf bei dem schönen Morgen und bei der vorteilhaften Ansicht weil er nicht zweifelte durch einen Minister von dem er wusste er habe das Herz des Fürsten in Händen und an den er von seinem Neffen so stark empfohlen war in eine Lage versetzt zu werden wo er einen ausgedehnten Wirkungskreis für Viele Gutes zu tun erhalten werde eine Idee die immer noch seine Einbildungskraft mit Macht anfeuerte Er sah freilich wohl ein es könne ihm von missgünstigen Leuten manches in den Weg gelegt werden dagegen aber fühlte er wieder in dem Hause des Herrn von Reiteim so klein auch der Zirkel gewesen war dennoch große Fortschritte in der Menschenkenntnis gemacht zu haben
Bei dieser Gelegenheit fing unser dicker Mann zuerst an ganz unphilosophischer Weise einige Zweifel zu fassen ob wohl die teoretische Philosophie auf die er bisher einen so großen Wert gesetzt hatte auch im Laufe der Welt anwendbar sei Er hatte hierin Unrecht denn die kritische Philosophie hat ja deutlich bewiesen die Theorie wenn nur ganz vollständig sei allemal auch praktisch anwendbar Wir möchten uns zwar beinahe unterwinden von dieser an sich unumstösslichen Regel das Heiraten und das Bierbrauen auszunehmen wobei man mit der Theorie nicht ganz auslangen dürfte Sonst ists freilich gewiss dass bei den wichtigsten Gegenständen im Handlungs und Finanzwesen in der Politik und der Regierung der Staaten besonders aber in der Arzneikunde obgleich derselben Theorie nicht auf den Pflichtsbegriff gegründet zu sein scheint so wie jene nur allein durch eine vollständige Theorie die glücklichste Praxis an die Hand gegeben wird Ein Beispiel ist der berühmte Mirabeau welcher in dem einzigen Jahre da er sein unsterbliches Werk über die Preussische Monarchie schrieb derselben ein viel größeres Glück aus bloßer vollständiger physiokratischer Theorie zugewendet hat als Friedrich der Große derselben in sechsundvierzig Jahren einer bloß praktischen Regierung hat verschaffen können Ebenso sieht der berühmte Herr Etatsrat von Schirach immer sehr genau voraus was in der politischen Welt vorgehen wird nicht etwa wie einige Verleumder aussprengen durch Zauberei und Verständnis mit dem Fürsten der Finsternis sondern aus einer vollständigen Theorie in welcher auch die allerkleinste Friktion der politischen Maschine teoretisch berechnet ist Ein noch auffallenderer Beweis der Richtigkeit des obigen philosophischen Satzes ist der berühmte Herr Doktor und GeheimeHofrat Girtanner Derselbe hat eine gewisse leidige Seuche auf eine ganz neue Art aus dem Grunde kurieren gelehrt und zwar durch bloße Theorie indem seine wichtigen Bemühungen um die neueste europäische Politik ihm noch nicht erlaubt haben sich eigentlich der medizinischen Praxis zu widmen
Die Zweifel unsers dicken Mannes an Ansehung der teoretischen Philosophie kamen daher weil er vermutete er werde jetzt mit Staatssachen die ihm noch neu wären sich beschäftigen sollen Er sah ein dass er dabei hin und wieder mit gewandten Weltleuten werde zu tun haben welche gewöhnlich die philosophische Kritik nicht anzuwenden wissen und daher meinte er etwas zu furchtsam es könne doch vielleicht die Theorie durch welche er bisher hatte alles im Voraus durch Schlüsse erforschen und sich danach richten wollen unter diesen Umständen nicht ganz hinlänglich sein Er nahm sich also vor mit Bedacht zu Werke zu gehen die Erfahrung zu Rate zu ziehen und kein schickliches Mittel ungebraucht zu lassen um die wohltätigen Zwecke zum Besten des Landes wozu er gebraucht zu werden hoffte zur Wirklichkeit zu bringen Die Erfahrung für die er jetzt anfing einige Hochachtung zu hegen hatte ihn gelehrt dass man nicht allemal geradezu wirken könne sondern oft durch indirekte Wege zum Ziele gelangen müsse Jetzt schien ihm selbst er habe den Charakter des Herrn von Reiteim vorher ganz unrichtig beurteilt und er erinnerte sich dass der Leibjäger den er so gering geschätzt hatte ihm am Ende allein zu einer für ihn wichtigen Forderung helfen konnte Er nahm sich also vor niemand gering zu schätzen weil er nicht wisse wo er ihn möchte nötig haben besonders aber den Charakter des Ministers zu studieren um nach dessen Beschaffenheit seine Maßregeln zu nehmen
Aber hier fiel ihm plötzlich ein es wäre doch möglich dass der Minister auch seine schwache Seite habe und sich so wie sein Neffe von irgend einem Jäger oder Kammerdiener regieren lasse Da warf nun unser dicker Mann die teoretische Gewissensfrage auf ob es sich für einen Mann wie er jetzt eben werden sollte schicken würde mit solchen Leute eine Art von Freundschaft zu halten und sich ihrer zur Erlangung seiner Zwecke zu bedienen Er war anfänglich etwas unschlüssig zumal da die neueste Moralphilosophie nichts von Kollisionsfällen und von dem was man sonst Notrecht nannte wissen will sondern bloß auf unbedingte Pflichten dringt indes half ihm doch sein kritischmoralisches Prinzip vereinigt mit seiner geprüften Erfahrung glücklich aus dem Handel Er fand es sei einigermaßen für einen Mann wie ihn erniedrigend doch aber auch notwendig mit Klugheit in der Welt zu Werke zu gehen und niemand der zu brauchen stehe gering zu achten Er setzte also bei sich fest dass da man die Menschen nehmen müsse wie man sie haben könne man auch dergleichen geringe Personen brauchen dürfe um durch sie bei höheren gute Zwecke zu betreiben Doch da er fest entschlossen war die Maximen aller seiner künftigen Handlungen sollten allgemeine Gesetze werden können nahm er sich fest vor wenn dergleichen Leute schlecht handelten ihre schlechte Seite nicht zu guten Zwecken anwenden zu wollen und also auf alle Weise in der vermutlichen wichtigen Laufbahn die sich jetzt für ihn eröffnete jederzeit die Klugheit einer Schlange mit der Falschlosigkeit einer Taube zu verbinden
Indem er diesen trefflichen moralischen Entschluss fasste rückte er sich in seinem engländischen Reisewagen recht zusammen und in dem Augenblicke stieß das linke Hinterrad gegen einen großen Stein Die eiserne Achse zersprang und der Wagen lag mitten im Felde Es war nicht gar weit bis zu einem Dorfe wohin der Wagen nachdem der Fuhrmann endlich die Achse mühsam zusammengebunden hatte geschleppt wurde Anselm und der Fuhrmann gingen zu Fuße nebenher Aber der Schmied im Dorfe erklärte es für unmöglich die Achse unter sechs bis acht Stunden herzustellen So lange konnte unser dicker Mann nicht warten denn er hatte keine Zeit zu verlieren um nicht zu spät bei der Tafel des Ministers zu erscheinen Es blieb also nichts übrig als einen Bauerwagen zu mieten auf den alles Gepäck vom Reisewagen gelegt ward wo sich dann Anselm obendrauf setzte Etwas kostete es freilich seiner Eitelkeit auf diesem Fuhrwerke in das Schloss des Ministers einzuziehen der bei seiner Ankunft leicht am Fenster stehen konnte Auch ward seine Frisur vom Winde ein wenig zerstört indem das Dorf beinahe noch zwei Meilen entlegen war Indes tröstete er sich damit dass solche kleinen Unfälle jedem Reisenden leicht begegnen können und dass sein schöner Wagen wenn er den andern Morgen nachkäme schon in die Augen fallen und die Vermutung erregen werde er sei kein gemeiner Sekretär
Der Aufenthalt und das Umpacken hatte doch einige Zeit weggenommen so dass er eben um zwölf Uhr ankam Er sagte gleich wer er sei und verlangte Se Exzellenz zu sprechen Der Schweizer wies ihn nach dem Zimmer des ersten Kammerdieners der ihn sehr höflich empfing Anselm hatte aber kaum Zeit seine Unfälle mit dem Wagen kurz zu erzählen den Brief welchen Herr von Reiteim ihm mitgegeben hatte vorzuzeigen und das Verlangen zu wiederholen Sr Exzellenz Dero Befehle gemäß gleich aufzuwarten als der Kammerdiener schon erwiderte Se Exzellenz und die übrigen Herrschaften säßen jetzt beim Spiele und würden nachher gleich zur Tafel gehen daher könne er jetzt nicht vorkommen Nach Tische aber würden die Herrschaften im Garten spazieren gehen da wollten dann Se Exzellenz ihm Audienz geben Indes sei Befehl da dass er am Kammertische mitspeisen solle
Der premier homme de chambre bot ihm zugleich verbindlich die Hand um ihn hinzuführen denn die Kammerjungfern und Kammerdiener der gnädigen Herrschaft und der gnädigen Gäste waren eben im Begriffe sich zu Tische zu setzen um hernach bei der Tafel und beim Kaffee ihre Aufwartung wahrzunehmen Diese Einladung stach sehr ab gegen die Vorstellung die sich Anselm von seinem Empfange beim Minister versprochen hatte Er war in der ersten Aufwallung seines Unwillens im Begriffe alles im Stiche zu lassen und ungegessen wegzugehen Teils sah er aber wohl ein er würde dadurch die ganze Aussicht zu einer ansehnlichen Beförderung verlieren teils war er wirklich hungrig und hätte er dennoch zurückreisen wollen so konnte er nicht weil seine Pferde in der Schenke in den Stall gezogen waren um gefüttert zu werden Er ging also geduldig hin um sich gleich seinen Pferden füttern zu lassen Aber er war wie betäubt denn er befand sich in einer ganz neuen Welt Die mit zierlicher Höflichkeit gemischte gemeine Vertraulichkeit seiner Tischgenossen musste einem Manne unerträglich fallen der so viel in guter Gesellschaft gelebt hatte und er verwünschte bei jedem Bissen den Leichtsinn und die Verschwendung seiner Jugend wodurch er nach und nach bis in diese Lage war gebracht worden Nach Tische hatte er über eine Stunde lang die Höflichkeit der Kammerjungfern auszuhalten welche seine Frisur trotz der vom Winde darin gemachten Verwüstungen nebst seinen weißen seidenen Strümpfen mit ihrem Beifalle beehrten
Nachdem die Herrschaften die Tafel verlassen hatten ward er im Garten in einen Gang gestellt wo sie vorbeigehen sollten Er sah da eine ganze Prozession von Herren mit Knotenperücken und von ernstaften alten Damen in steifen Andriennen die ihn kaum bemerkten Endlich erschien der Minister redete ihn zuerst an zwar etwas zurückhaltend aber doch überaus höflich und mit einer zuvorkommenden Gnade die bald unsers armen dicken Mannes Herz gewann Er ward von Sr Exzellenz über verschiedene Gegenstände examiniert und hatte das Glück hohen Beifall zu erhalten Dies machte ihm Herz zu sagen Er hoffe in jeden Wirkungskreis welchen Se Exzellenz ihm anzuweisen geruhen würden sich zu schicken und zu jedem Geschäfte das ihm es sei auch in welchen Landessachen es sei von Sr Exzellenz aufgetragen werden möchte durch Fleiß und Tätigkeit sich hineinzuarbeiten
Er war ein wenig betroffen als Se Exzellenz erwiderten »Ich verlange Sie nicht für mich sondern für meine Schwester die Äbtissin des freien weltlichen Fräuleinstifts zu welche einen Sekretär und Geschäftsführer bedarf Das Stift ist mit mancherlei Prozessen beladen Besser würde es daher freilich sein wenn Sie ein Jurist wären Indes da Sie guten Willen haben sich in die Geschäfte hineinzuarbeiten und Sie nur hauptsächlich mit den Advokaten und Prokuratoren zu korrespondieren und die Akten in Ordnung zu halten haben so werden Sie sich wohl darein finden« Anselm erwiderte stammelnd Er hätte gehofft in Sr Exzellenz eigene Dienste zu treten und wolle auch jetzt noch untertänigst darum ansuchen
Der Minister aber erwiderte Dies könne vielleicht einmal geschehen wenn er sich einige Jahre lang bei der Äbtissin werde gut aufgeführt haben Jetzt aber wäre keine Vakanz und es wäre ihm ohnedies nur auf besondere Empfehlung des Herrn von Reiteim diese Stelle konferiert worden ob er gleich kein Jurist wäre
Wahr ists der Herr von Reiteim hatte ihn auf eine Art empfohlen welche die Beförderung sehr erleichterte denn er hatte in dem letzten Schreiben gemeldet Anselm sei jetzt in solcher Lage dass er auch mit dem geringsten Gehalte werde zufrieden sein müssen
Der Minister führte ihn nun ungesäumt zu seiner Schwester der Äbtissin Dies war eine Dame zwischen siebzig und achtzig Jahren etwas untersetzt und von breiten Kinnbacken Sie hielt den Oberteil ihres Körpers ungefähr in einem Winkel dessen Grade gegen die Fläche des Erdbodens gemessen der Anzahl ihrer Lebensjahre gleich kam und war etwas taub Daher konnte sie nicht wohl verstehen was man sagte hingegen waren auch ihre Antworten eben nicht leicht zu vernehmen indem Ihr Hochwürden und Gnaden aus Mangel der Zähne die Worte ziemlich mummelten So viel war indes aus ihrer Anrede an unsern ganz erstaunten dicken Mann herauszubringen dass er ein ganz guter Mensch zu sein schiene dass sie ihn ermahne sich gut aufzuführen und ihn ihrer Gnade versichere
Die Figur der Frau Äbtissin mochte eben nichts beitragen unsern dicken Mann von dem Missvergnügen über seine ganz verfehlte Aussicht zu heilen da er anstatt in die Dienste eines vielgeltenden Ministers in die Dienste einer alten Frau treten sollte Er hatte ein paarmal auf der Zunge sich für ihre Gnade zu bedanken und dieselbe zu verbitten Aber so sehr er außer Fassung war bedachte er doch noch dass ihm jetzt keine andere Wahl freistehe zumal da er außer sehr wenigen Gulden in der Tasche nichts im Vermögen hatte als einen schönen engländischen Reisewagen mit zerbrochener Hinterachse der zwei Meilen entfernt lag
Er musste sich also schon seiner Äbtissin auf Gnade und Ungnade ergeben Nach einem Aufenthalte von etwa acht Tagen auf diesem Gute welchen die Kammerjungfern unserm dicken Mann möglichst angenehm zu machen sich bemühten war der Besuch der Hochwürdigen in Gott andächtigen Frau bei ihrem Herrn Bruder geendigt und nun ging ihre Rückreise in Gesellschaft ihres neuen Sekretärs wieder die Ufer des Rheins hinab und weiter nach dem ein paar Tagereisen davon entlegenen Stifte Der Herr Sekretär verkaufte vorher seinen eleganten Reisewagen das letzte Überbleibsel des großen Vermögens das er von seinem Vater geerbt und des kleinen das er mit seiner Praxis erworben hatte das letzte Überbleibsel von allen schönen Möbeln und Nippes die ihm in Vaals und in Elberfeld so manches Vergnügen gemacht hatten
Außerdem dass er die kleine Summe die ihm dieser Wagen einbrachte jetzt zu mancherlei notwendigen Bedürfnissen nicht wohl entbehren konnte hatte er nun auch keinen Reisewagen nötig indem er die Gnade genoss einen Rücksitz in dem Wagen der Frau Äbtissin einzunehmen Er war da recht wohl verwahrt ob ihn gleich bei der damals etwas starken Hitze im Julius zuweilen einige Ängstlichkeit anwandelte weil wegen verschiedener Flüsse und Gichtknoten der Hochwürdigen Frau die hölzernen Fenster nie geöffnet werden durften Dieses und seine Gedanken welchen er nachzuhängen alle Musse hatte machte seine Reise nach dem Stifte nicht so angenehm als seine Reise nach dem Gute des Ministers Seine Einbildungskraft stellte sich lebhaft vor was er gewesen und was er jetzt war Er verwünschte abermals in Gedanken seinen Leichtsinn seinen Müßiggang seine Verschwendung und seine eingebildete Klugheit welche ihn aus dem besten Wohlstande in die jetzige unangenehme Lage aus der glücklichsten Unabhängigkeit in eine beklemmende Abhängigkeit gebracht hatte Er dachte mehrmal »O Philipp war ich gewesen wie du Ohne eingebildete Pläne auf die Zukunft arbeitsam wirtlich bescheiden und zufrieden mit meinem Stande«
Wenigstens hatte er den guten Entschluss sich seinen Freund Philipp zum Muster zu nehmen und sich geduldig in seine Lage zu schicken Auch fehlte es ihm nicht an Gelegenheit die Tugenden der Arbeitsamkeit und der Geduld auszuüben Er fand sich unter einer Menge verwirrter Akten und verwirrter Korrespondenzen Er musste sich so sauer es ihm ankam einen Begriff davon machen und die Prozesse in Ordnung und in Bewegung bringen Es blieb ihm um hiermit zu Stande zu kommen anfänglich den ganzen Tag durch nicht eine Stunde zur Erholung übrig Zudem waren alle Gegenstände mit welchen er umgeben war eben nicht unterhaltend Die im Stifte befindlichen Fräulein waren zwar sehr neugierig den fremden Ankömmling kennenzulernen aber sie wollten unserm dicken Manne nicht behagen Sie waren teils etwas ältlich teils ziemlich verwachsen teils ein wenig kränklich alle aber zufälliger Weise welches sich in Fräuleinstiftern sonst gar nicht finden soll etwas zänkisch über Kleinigkeiten Wenn sie daher des Abends in Prozession kamen um vor dem Schlafengehen der Frau Äbtissin nach Stiftsgebrauche knieend die Hand zu küssen so wurden gewöhnlich auch Klagen vorgebracht oder es entstanden sonst etwas laute Wortwechsel wobei der Herr Sekretär zuweilen auf Befehl der Frau Äbtissin etwas zu schlichten hatte Denn er speisete hier nicht am Kammertische sondern hatte gewöhnlich die Gnade zur Tafel der Frau Äbtissin gezogen zu werden An der Unterhaltung gewann er hierbei eben nichts denn die gnädigen Befehle die etwas unvernehmlich herausgemummelt wurden waren ziemlich schwer zu verstehen und die Ehrfurcht erlaubte nicht ein Gespräch selbst anzufangen wozu sich auch eben nicht viel Gelegenheit zeigte
Indes war man mit unserm dicken Manne zufrieden Die Not machte ihn tätig Er lernte sich endlich in seine Geschäfte schicken und wie es brauchbaren Leuten geht denen man je mehr man sie kennenlernt mehr aufträgt so fingen auch seine Geschäfte an unvermerkt mannigfaltiger zu werden
Die Frau Äbtissin bekümmerte sich sehr wenig um alle ihre Stiftsfräulein die sie bloß ihre Oberherrschaft sehr selten aber etwas von ihrer Gnade fühlen ließ ein einziges Stiftsfräulein ausgenommen welches mit der ersten Kammerjungfer die Gunst der Hochwürdigen Frau teilte Diese beiden Günstlinge machten wieder den Herrn Sekretär zu ihrem Günstlinge Das Fräulein war ungefähr dreiunddreissig Jahre alt grau von Augen lang und hager auch etwas gespannt um die Gegend der Lippen die wenn sie lachte ihre schönen Zähne sehen ließ wovon nur ein paar zur Seite das Ansehen abgeschossener Bollwerke hatten Nicht in die Zähne sondern in das Herz dieses schönen Fräuleins hatte ein in einer benachbarten Stadt auf Werbung stehender Offizier geschossen mit welchem sie in einem verliebten Briefwechsel stand Weil nun Leute vom Stande selbst in Angelegenheiten des Herzens nicht anders als französisch korrespondieren können das Fräulein aber ihre seelenschmelzenden Empfindungen in dieser Sprache nicht innig genug auszudrücken wusste so ersuchte sie den Herrn Sekretär als einen gelehrten Mann ihre französischen Liebesbriefe in Form zu bringen Dies vollführte er obzwar ungern doch so zu ihrem Wohlgefallen dass es ungewiss ist wenn der Offizier nicht ein Offizier dabei fünf Fuß neun Zoll hoch gewesen und zweiunddreissig Ahnen gehabt hätte ob nicht etwa unser kleiner dicker Mann ihm ein gefährlicher Rival hätte werden können
Das Kammerjüngferlein hingegen war freundlich und einnehmend aber doch eigentlich nicht verliebt Nichts weniger Sie war eine Gönnerin der Gelehrsamkeit besonders der ernstaften als dahin gehören moralische Betrachtungen worin eingeschärft wird was jedermann ohnedies tut gelehrte Beweise solcher Dinge an denen niemand zweifelt oder solcher die bei allen strengen Beweisen niemand glauben will zB dass die ägyptischen Pyramiden aus Basalt von selbst hervorgewachsen wären oder dass die Schöpfung der Erde den 18ten September Anno Null vor sich gegangen sei und ähnliche gelehrte Untersuchungen Dieses schöne Kind unterhielt unsern dicken Mann mit Gelehrsamkeit denn sie hatte sich in die Lesegesellschaft eines benachbarten Städtchens eingekauft woher sie nicht etwa Romane und andere solche eitlen Scharteken sondern gründliche Schriften erhielt Da nun die Gelehrten hin und wieder Stellen in lateinischer oder andern Sprache anzuführen pflegen so bat sie öfter den Herrn Sekretär ihr diese Stellen zu verdeutschen und beschäftigte damit mehr von seinen wenigen Nebenstunden als ihm lieb war doch durfte ers nicht abschlagen weil ihm der Leibjäger des Herrn von Reiteim einfiel den er zuletzt nicht hatte entbehren können
Auf diese Weise stand unser dicker Mann bei beiden Favoritinnen der Frau Äbtissin in Gunst und kam folglich durch doppelte Empfehlung auch bei ihr selbst immer mehr in Gnaden Sie ließ wöchentlich dreimal des Abends Betstunde halten welcher ihr ganzes Haus und so auch der Sekretär beiwohnen musste Als nun einmal der Kapellan krank war musste Anselm auf ihren Befehl versuchen aus Goezens Predigten vom jüngsten Gerichte die eben damals in der Betstunde im Gange waren eine Predigt vorzulesen Seine vernehmliche Stimme die gleich der letzten Posaune in ihre tauben Ohren tönte gereichte ihr so sehr zum gnädigen Wohlgefallen dass sie ihm nun das Amt eines geistlichen Vorlesers ganz auftrug Er erschrak darüber und glaubte selbst vor dem jüngsten Gerichte zu stehen wenn er die welken und breiten Gesichter vor sich sah Die Sünden seiner Jugend fielen ihm allemal schwer aufs Herz wenn er das Buch in die Hand nahm aber die ihm dadurch erzeigte Gnade war nicht auszuschlagen Der Beifall seiner Patronin belohnte ihn auch denn sie fasste noch ein größeres Vertrauen zu ihm Da es anfing zu verlauten er sei ein Arzt und sie im Herbste wie gewöhnlich ein Vorbauungsmittel zu nehmen hatte ließ sie sich dazu von ihm ein Rezept verschreiben Die ganz treffliche Wirkung desselben setzte ihn noch viel fester in ihrer Gnade die ihm zwar von manchem im Stifte beneidet ward aber dennoch nicht machte dass sein Herz sich im Übermute erhob so bescheiden war er geworden
Er war nun der Hochwürdigen Frau in den drei oberen Fakultäten der theologischen juristischen und medizinischen bedient Nun wollte sein günstiges Schicksal dass er auch in der vierten in der philosophischen ihr Dienste leisten sollte Sie hatte eben damals eine Lieblingslektur an dem berühmten Werke Karl von Karlsberg oder über das menschliche Elend Aus diesem Buche las sie nachdem die Abende anfingen lang zu werden mit der Brille auf der Nase täglich eine Stunde lang mit innigem Vergnügen denn sie fand darin ausführliche Nachrichten wie elend es in der Welt geworden sei seitdem sie jung war Sie teilte dieses Vergnügen nicht nur mit ihrer Favoritin der Stiftsdame sondern auch mit ihrem Sekretär Da in diesem gelehrten Werke hin und wieder wissenschaftliche Ausdrücke und Anspielungen vorkommen so musste er ihr dieselben erklären Vermöge seiner redseligen Natur wurden daraus nach und nach kleine Vorlesungen über das scharfsinnige Werk welche der doppelt alten Frau und der halb jungen Stiftsdame mit den schönen Zähnen unbeschreibliches Vergnügen machten Ihm selbst freilich nicht soviel doch gereichten ihm diese philosophischen Erläuterungen unter seinen übrigen Beschäftigungen noch zum mindesten Missvergnügen weil er darin wenigstens doch seine eignen Ideen ausspinnen konnte
Indem dies geschah schien ihm unter allen vier Fakultäten die er jetzt so rühmlich bearbeitete seine Hauptfakultät die medizinische eine ganz unvermutete Aussicht zu seinem künftigen Glücke zu eröffnen
Die Kammerjungfer wie schon bemerkt eine verständige Person baute auf die vorteilhafte Wirkung welche unsers dicken Mannes Arznei zur Reinigung des Leichnams der Hochwürdigen Frau gehabt hatte einen Plan von welchem sie sich sehr viel versprach Nachdem sie ein paar Wochen lang dem Herrn Sekretär freundlicher als jemals begegnet und mit ihm sogar so wenig sie sonst eine Freundin von Gedichten war zuweilen verliebte Lieder aus den Schwickertschen Musenalmanachen gelesen hatte machte sie ihn mit ihrem Plane bekannt Er sollte sie heiraten Zur Mitgabe wollte sie ihm eine Bestallung als Leibarzt bei der Hochwürdigen Frau auswirken Sie rechnete ihm vor dass diese nur noch wenige Jahre vor sich habe und dass sie schon sorgen wolle dass ihnen beiden im Testamente eine lebenswierige Pension vermacht würde womit sie dann sich ganz bequem als ein Paar Turteltäubchen einrichten könnten
Dies war ein Vorschlag welcher unserm dicken Manne billig hätte annehmlich sein sollen Wir kennen ihn als schönen Mädchen sehr ergeben Nun war die Kammerjungfer weiß und rot hatte blitzende Augen und abgerechnet dass das linke etwas seitwärts sah als wollte es nach der rechten Schulter blicken die um ein ganz Kleines wenig höher schien als die linke ließ sich an ihrer Person nichts aussetzen Sie zählte noch nicht völlig neunundzwanzig Jahre war klug und noch gelehrt dazu Dennoch fand sie bei unserm dicken Manne nicht Beifall Wir müssen es nur zu seiner Schande gestehen Er hatte durch die Philosophie noch so wenig der groben Vorurteile bei sich unterdrücken können dass es ihn schimpflich dünkte ein Mann wie er solle eine Kammerjungfer heiraten um sein Glück zu machen und noch dazu eine mit einer hohen Schulter Er glaubte wohl noch ganz andere Aussichten zu haben Ihm waren die Worte des Ministers unvergessen dass er in dessen Dienste kommen solle wenn er erst eine Zeitlang zu der Äbtissin Zufriedenheit gedient hätte Nun war man mit ihm zufrieden und er hatte eben bei sich überlegt wie er den Minister bei Gelegenheit des neuen Jahres das nur wenige Wochen entfernt war an sein Versprechen erinnern wollte
Er sagte also der schönen Kammerjungfer mit aller Höflichkeit er sei noch nicht willens sich zu verheiraten Aber so höflich man auch eine solche abschlägige Antwort geben mag wird sie doch selten wohl aufgenommen Das schöne Kind geriet darüber in einen Grimm den man einer solchen Taube nicht hätte zutrauen sollen und fing von dem Augenblicke an so sehr seine Feindin zu werden als sie vorher seine Freundin gewesen war Nunmehr ward durch den widrigen Einfluss dieser erzürnten Schönen das Betragen der Äbtissin und aller Personen die um sie waren ganz anders gegen unsern armen dicken Mann Die Umstände trafen sich ohnedies ungünstiger gegen ihn als er selbst einsah Das zärtliche Stiftsfräulein war von dem Werbeoffizier böslich verlassen worden der eine reiche Erbin bürgerlichen Standes geheiratet hatte daher führte sie jetzt gar keine französische Korrespondenz Zwei der verwirrtesten Prozesse standen durch einen glücklichen Einfall eines Prokurators in Wetzlar auf dem Punkte verglichen zu werden Und da die gelehrte Kammerjungfer so schlau war der Äbtissin über Stellen aus dem schönen Buche vom menschlichen Elende selbst täglich einige Auslegungen zu machen so verschwand nun auch das Letzte wodurch sich unser dicker Mann noch hätte notwendig machen können Es fiel also der rachsüchtigen Kammerjungfer nicht schwer es dahin zu bringen dass ihm etwa vierzehn Tage nach der unbedachtsamen abschlägigen Antwort die Frau Äbtissin höchstselbst in ganz gnädigen Ausdrücken bedeutete Er möchte sich gegen künftige Ostern um ein anderes Unterkommen umtun weil sie alsdann seine Stelle ihrem Kammerdiener zugedacht habe Dieser schrieb wirklich eine leidliche Hand rechnete auch etwas indem er im siebenjährigen Krieg Frisör bei einem Kriegskommissar gewesen war Er hatte um die wichtige Stelle eines Sekretärs zu erhalten gar keine Schwierigkeit gemacht sich den Tag vorher mit der Kammerjungfer zu versprechen welches die Hochwürdige Frau unserm dicken Manne beiläufig kundtat
Vierundzwanzigster Abschnitt
Anselms gelehrte Pläne Charakter eines großmütigen Schottländers dessen Launen und verschiedene Reisen
Anselm hatte nun ein ganzes Vierteljahr Zeit um zu bedenken was für ihn ferner zu tun sei Er war aber jetzt von seinen chimärischen Plänen durch die tägliche Erfahrung zurückgekommen und seine Gedanken gingen nicht mehr auf weit aussehende Dinge Sein einziger und sehr billiger Wunsch war nur sich aus der Niedrigkeit und schimpflichen Abhängigkeit in welche er geraten war herauszuziehen Dies hielt er wenngleich für schwer dennoch bei anhaltendem Fleiße und dem Gebrauche seiner Talente gar nicht für unmöglich Das Natürlichste würde freilich gewesen sein seinem treuen Freunde Philipp zu schreiben oder selbst zu ihm nach Elberfeld zu reisen Er wusste wohl dieser werde ihn nicht hilflos lassen Teils aber versagte ihm seine Delikatesse die Dreistigkeit einem Freunde beschwerlich zu fallen teils hinderte ihn auch ganz insgeheim seine Eitelkeit eine Frau in der Nähe zu sehen die einen andern ihm vorgezogen hatte ob er gleich seinem Freunde Philipp den Besitz seines Glücks gönnte Er glaubte feiner zu denken wenn er bloß sich selbst seine verbesserte Lage zu danken hätte Aber wie Die Hoffnung auf den Minister verschwand bald denn er erhielt auf seine Neujahrsgratulation keine Antwort Er sann also auf andere Mittel und das bis Ostern fort ohne etwas auszusinnen Er wusste nun keinen andern Rat als nach Frankfurt am Main zu gehen in welcher volkreichen Stadt er ein Amt oder sonst etwas für sich zu finden glaubte
Glücklicher Weise war er durch die traurige Erfahrung doch insofern vorsichtiger geworden dass er der sich in seinem Wohlstande niemals etwas versagte und sonst schon große Summen weggeworfen hatte während seines Aufenthaltes im Stifte jeden Kreuzer sorgfältig zu Rate hielt so dass er bei seinem Abschiede beinahe sein ganzes Gehalt zurückgelegt hatte Hierdurch war er im Stande die Reise zu machen und einige Wochen in Frankfurt auf die frugalste Art zu leben Aber eine Aussicht für ihn wollte sich nirgend finden Seine geschäftige Einbildungskraft zeigte ihm jedoch eine Die Messe fiel bald nach seiner Ankunft ein Plötzlich fasste er den Gedanken es werde leicht sein unter so vielen fremden Buchhändlern sein Fortkommen zu finden Er machte sich also schnell an die Arbeit um gegen die Messe einige Schriften zu Stande zu bringen welche Ware für den Platz sein möchten Er sammelte vorzüglich seine sämtlichen Gedichte um welche wie er glaubte bei dem jetzigen feinern Geschmacke am Schönen die Verleger sich reißen würden Er schrieb eine prosaische Abhandlung über das menschliche Elend wozu der Stoff aus seinen Vorlesungen über den berühmten Karl von Karlsberg und die Beispiele aus seinen eigenen fehlgeschlagenen Hoffnungen hergenommen waren Ferner eine gründliche gelehrte Verteidigung der Kantischen Kritik der Vernunft worin er mit Rücksicht auf seinen ehemaligen Streit mit dem Herrn von Reiteim allen Anhängern der geheimen Philosophie und sogar dem berühmten Lavater derbe Seitenhiebe versetzte Und auf allen Fall verdolmetschte er einen neuen französischen Roman
Zu seiner großen Betrübnis verlangte aber kein einziger von allen zwanzig Frankfurter Buchhändlern seine Manuskripte die er ihnen schon vor der Messe anbot und zu seinem großen Erstaunen erschienen auf dieser berühmten Reichs und Heermesse kaum zwölf fremde Buchhändler bei denen vollends nichts anzubringen war Von den Gedichten sagten alle einstimmig ohne nur das Manuskript anzusehen es möchte niemand mehr Gedichte lesen Als er mit der Abhandlung vom menschlichen Elende zu dem berühmten Nachdrucker Schmieder aus Karlsruh kam sah sie dieser aufmerksam durch und legte während dem Durchblättern als ein Kenner des Werts der Bücher dem Verfasser und dem Buche sehr viel Lob bei Als aber der Verfasser wegen des Drucks seines Manuskriptes unterhandeln wollte gab es der wohlweise Schmieder lächelnd zurück mit dem Beifügen ein so gut geschriebenes Werk werde in Frankfurt gewiss einen Verleger finden und alsdann werde er nicht ermangeln es als einen Anhang des Karls von Karlsberg nachzudrucken Er machte zugleich mit seiner wie er selbst sagte sehr schönen und sauberen Ausgabe dieses Buchs auf eine verbindliche Weise dem Verfasser der Abhandlung ein Geschenk um ihn aufzumuntern solche Bücher zu schreiben die des Nachdruckens wert wären Zu der philosophischen Abhandlung wollten sich auch keine Abnehmer finden Einer der Buchhändler sagte In seiner Gegend finde die Vernunft noch nicht Liebhaber geschweige ihre Kritik Ein anderer behielt das Manuskript zum Durchsehn und schrie als ers wiedergab in großem Zorne Der Verfasser müsse ein niederträchtiger Bösewicht und ein wahrer Ateist sein da er sich nicht entblödete über den engelreinen Mann Gottes Lavater zu spotten Von dem französischen Romane war bereits eine andere Übersetzung da und auch schon Makulatur geworden
Unser dicker Mann war nicht bloß gedemütigt dass niemand seine Werke verlegen wollte sondern wirklich ganz trostlos weil sein Geld zu Ende ging Er hatte teils für seine Hefte eine gute Summe zu seinem jetzigen notdürftigen Unterhalte erwartet teils hatte seine an einem jungen Schriftsteller verzeihliche Eitelkeit ihm die Hoffnung vorgespiegelt es werde durch den Druck derselben sein Name so bekannt werden dass mehrere Gönner sich finden würden einem so berühmten Manne mit Ehren fortzuhelfen Nun sah er sich in allem getäuscht und wusste nicht was er anfangen sollte
Als einen Versuch der Verzweiflung bot er noch seine Manuskripte einem Buchhändler aus Trier an der bloß mit großen lateinischen Kasuisten und kleinen deutschen katholischen Gebetbüchern handelte Zum Glücke war in eines der Manuskripte zufälliger Weise als ein Zeichen ein buntes Heiligenbild gelegt welches dem Verfasser einst die verliebte Kammerjungfer zur Zeit als sie um ihn freiete geschenkt hatte weil es bunt war und sie ihm gern etwas Angenehmes geben wollte Daher hielt ihn der Buchhändler für einen Glaubensgenossen und sah ihn mit Ehrfurcht an weil er französisch verstand Er riet ihm doch lieber einen schönen französischen Prediger aus der Gesellschaft Jesu zu übersetzen weil diese besser abgingen als sündliche Romane Anselm ohne sich auf die Religion einzulassen bezeigte sich geneigt dazu wenn er nur einen solchen Prediger hätte Diese Bereitwilligkeit gefiel dem frommen katholischen Manne so sehr dass er ihm ein Duodezbändchen asketischer Betrachtungen über das Leben und die Taten des seligen Knechts Gottes des Bettlers und Läusefressers Franz Labré aus dem Lateinischen zu übersetzen gab wovon kürzlich in Rom vier Auflagen in vier Wochen waren gemacht worden und wovon er selbst gewiss hoffte in Trier drei oder vier deutsche Auflagen zu verkaufen weshalb er auch dem Übersetzer die größte Eile empfahl Diese sinnlose Arbeit ging einem so gelehrten Manne wie Anselm anfangs sauer an aber er hatte ja nicht zu wählen Er dem sonst die Stunde des Vergnügens vor der nötigsten Arbeit ging arbeitete Tag und Nacht und ward auch noch vor Ende der Messe fertig zu großer Freude und Verwunderung des Herrn aus Trier welcher richtig bezahlte
Aber die Dankbarkeit des über die Geschwindigkeit seines Übersetzers erfreuten Buchhändlers blieb nicht bei der Zahlung stehen Es schien Anselms Bereitwilligkeit eine schlechte Übersetzung zu machen sollte ihn weiter führen als alle seine Gelehrsamkeit oder vielleicht wollte gar der selige Franz Labré an seinem Übersetzer ein Wunder tun Ein durchreisender schottischer Lord suchte einen Menschen der Französisch verstände und mit der Feder Bescheid wüsste Der fromme Buchhändler hatte vor einigen Monaten zum Heile seiner Seele eine Wallfahrt nach Köln getan um bei den wundertätigen Leibern der heil drei Könige im dortigen Dome seine Andacht zu verrichten Damals lernte er diesen Schottländer durch einige vom Hausgesinde des päpstlichen Nuntius Monsignor Pacca kennen bei welchem der schottische Herr zuweilen aus und einging Daher konnte der Buchhändler unsern dicken Mann zu dieser vorteilhaften Stelle empfehlen Dieser glückliche Vorfall setzte ihn mit einemmale aus seiner Verlegenheit Er rief aus »O seliger Franz Labre Alles was ich Kluges hätte schreiben können würde mir nicht so weit geholfen haben als deine Lumpen und deine Läuse Ich sehe wenn man durch die Welt kommen will muss man sich nicht allein die Leibjäger und Kammerjungfern sondern auch die Bettler zu Freunden machen«
Herr MacAllester – oder Mylord MacAllester da jeder Engländer der in einer Kutsche fährt am Rheine und an der Mosel Mylord heißt – war wie unser Anselm ein kleiner runder Mann mit umherfahrenden feurigen Augen dabei launig und kurz angebunden wie solche reichen und freien Leute wohl zu sein pflegen Er ließ unsern Anselm eine Seite französisch schreiben um die Deutlichkeit und Flüchtigkeit seiner Handschrift zu ersehen weil er zu diktieren pflegte und war mit beiden zufrieden Er ließ ihn auch etwas übersetzen denn Mylord verstand ein wenig Deutsch und war wohl zufrieden dass Anselm einige Worte Engländisch stammelte Anselm war ganz entzückt von diesem großmütigen Nordbriten der ihm gleich ein Gehalt von monatlich acht Guineen anbot welches seine Erwartungen übertraf Sie waren des Handels beinahe eins als Mylord der wohl seine Launen haben mochte unserm dicken Manne plötzlich die Frage vorlegte ob er auch frisieren und rasieren könne
Anselm höchlich verwundert sagte mit Unwillen Dazu könne er sich nicht geben Er habe nicht als Domestik sondern als Sekretär mit ihm zu reisen versprochen
Mylord fuhr auf »Sekretär Sekretär Dass Ihr Deutsche doch immer auf die Titel seht Nun mein anderer Domestik kann allenfalls auch frisieren und rasieren und Ihr sollt dann also Sekretär oder Sekretarius heißen wenn Euch das besser klingt Aber Ihr müsst auf dem Bocke fahren denn anderer Platz ist nicht da und in meinem Wagen lasse ich niemand neben mir sitzen«
Anselm erschrak nicht wenig über diesen Vorschlag Indes was war zu tun Sollte er die vorteilhafte Stelle um einer solchen Kleinigkeit willen ausschlagen Wars denn besser wenn er auf dem Postwagen hätte sitzen müssen oder auf einem Bauerwagen wie er schon neulich getan hatte
Er überlegte es würde in seiner jetzigen Lage Eigensinn sein auf einer Nebensache zu bestehen die doch den Umständen nach nicht anders sein konnte Ihn reizte nicht allein das ansehnliche Gehalt sondern auch das Ansehen eines so vornehmen Herrn denn der Buchhändler hatte aus dem Munde des andern Bedienten viel Werks von des Lords großen Gütern im Hochlande gemacht und erzählt dass er einer der angesehensten schottischen Pairs sei Nun dachte Anselm könnte ihn dieser Herr vielleicht in Schottland zum großen Manne machen weshalb er beschloss sich nach diesem großmütigen obgleich auch launischen schottischen Pair zu richten
Unser dicker Mann bestieg also den Bock weils nicht zu ändern stand und sie reisten ab Mylord hatte seine sonderbaren Launen Er reiste nicht auf der geraden Landstraße sondern zuweilen unvermutet einen Nebenweg und unterhielt sich zuweilen stundenlang mit Leuten die wie Bauern oder sonst wie geringe Leute aussahen Anselm erschrak nicht wenig als der Weg ins Jülische bog und fing an zu befürchten es möchte gar nach Aachen oder Elberfeld gehen Er wäre vor Scham gestorben wenn er sich in seiner jetzigen Lage da hätte müssen blicken lassen Aber es ging ungefähr eine Meile bei beiden Orten vorbei durch Gegenden welche unserm dicken Manne nur allzuwohl bekannt waren Gegenden die er oft in eigenem Wagen und auf eigenem Pferde durchstrichen hatte und die er nun auf dem Bock sitzend durchzog Er erinnerte sich lebhaft der Reise von Vaals nach Elberfeld und welche sanguinischen Hoffnungen seine Einbildungskraft damals noch entworfen hatte nachdem schon sein ganzes väterliches Erbgut von ihm verschwendet war Damals dünkte ihn es läge die Welt vor ihm offen um sein Glück darin zu machen Sie lag noch offen vor ihm aber wie Seine Empfindung war sehr bitter da er nichts als seinen eigenen Leichtsinn anklagen konnte Nebst Scham und Reue gingen eine Menge guter Entschlüsse durch seinen Kopf wie sie ihm ehemals schon oft durch den Kopf gegangen waren Hätte er sie nur jemals mit Ernste ausgeführt so hätte er sein eigener Herr mit Ehren bleiben können und hätte nicht jetzt in einer ziemlich zweideutigen Lage nach Schottland reisen dürfen auf Hoffnungen die doch wenigstens nicht völlig gewiss waren
Jetzt schien aber nicht einmal die Reise nach Schottland zu gehen Mylord wendete seinen Weg durch Lüttich und Brabant nach der holländischen Grenze und hielt sich einige Wochen in BergopZoom auf Hier sah unser dicker Mann zu seinem nicht geringen Erstaunen ganz deutlich was er schon seit einiger Zeit zu vermuten angefangen hatte nämlich dass sein Patron – Mylord oder nicht – bei den damaligen Unruhen in den Vereinigten Niederlanden eigentlich das edle Handwerk eines Spions trieb Anselm hatte fast täglich ganze Bogen voll Ziffern zu schreiben gehabt aber aus dem was hin und wieder en clair stand so viel geurteilt dass sein Herr der stattalterischen Partei diene Jetzt aber fing er an zu merken dass Mylord zugleich der patriotischen ähnliche Dienste leistete und eben daher weil er von beiden Teilen so gut bezahlt ward auch seine Bedienten reichlich bezahlen konnte Unserm dicken Manne war nicht wohl zu Mute aber was sollte er machen Es ging überdem alles so schnell dass er nicht Zeit hatte sich zu besinnen
Der Weg ward nun nach der französischen Grenze genommen um das Lager bei Givet zu besuchen aus welchem die Patrioten Hilfe von Frankreich erwarteten Sie fanden es ganz ordentlich abgesteckt aber keinen einzigen französischen Soldaten darin Sie eilten so schleunig als möglich mit dieser wichtigen Nachricht nach dem Haag Daselbst hatte Mylord gleich in der Nacht da er ankam eine lange Konferenz mit ein paar ihm wohlbekannten Untersekretären Er empfing den folgenden Tag sogleich neue Instruktion morgen nach Amsterdam zu gehen Mylord ging aber noch desselben Abends ganz in der Stille einen kleinen Umweg seitwärts zu seinen patriotischen Freunden nach Utrecht und Geldern Denselben verkaufte er abermals die wichtige Nachricht dass er selbst als Augenzeuge in Givet und in der ganzen dortigen Gegend nicht einen einzigen französischen Soldaten gesehen habe Er erweckte dadurch dort viel Betrübnis denn die eifrigen Patrioten hatten schon eine Armee von 35 000 Franzosen das ganze holländische Flandern einnehmen und bis ans Land von Altena vorrücken lassen So viel Kummer nun auch die Nachricht dass die Franzosen nicht marschierten erwecken musste so ward sie doch gut bezahlt denn die Patrioten sahen nun sie würden sich selbst überlassen sein und verdoppelten ihren Eifer sich zu rüsten Mylord der jetzt inkognito unter dem Namen eines französischen Negotianten reiste empfing von seinen Utrechtschen Freunden sehr gute Adressen an die vornehmsten Anhänger der patriotischen Partei in Amsterdam Von denselben hoffte er Nachrichten herauszulocken welche der Oranischen Partei sehr wichtig sein mussten doch nahm er sich vor wie es auch billig war die patriotische Partei für die guten Dukaten die sie ihm bezahlte nicht zu vergessen denn die geheimen Anhänger der Oranischen Partei in Amsterdam konnten ihm im Vertrauen auch so manches sagen was die Patrioten gern hätten wissen mögen
Die Vereinigten Niederlande befanden sich damals in der größten Gärung Beide Parteien waren aufs äußerste gegen einander erhitzt Alles rüstete sich und der bürgerliche Krieg fing an vielen Orten schon an sich auszubreiten Unsere Reisenden mussten also große Vorsicht anwenden zuweilen Umwege nehmen und sich nach der Laune der an jedem Orte herrschenden Partei richten Wenn aber wie es oft geschah an einem Orte beide Parteien auf den Beinen waren so blieb es sehr schwer ohne Kopfstösse durchzukommen Bald steckten sie die Oranienfarbene Kokarde auf bald mussten sie dieselbe wieder abnehmen Dicht vor dem Haag schrie das Volk Oranje boven und sang Wilhelmus van Nassauwen und da sangen unsere Reisenden mit Um Utrecht war das Geschrei Vader Hooft boven und alles sang den Utrechtschen Marsch welches sich ziemlich bis Amsterdam erstreckte Dahin kamen denn unsere Reisenden wohlbehalten an doch unter fast stündlich verändertem Schreien und Singen und unter mancher Furcht vor Messern und Knütteln
In Amsterdam gab es viel zu tun Der französische Negotiant ging den ganzen Tag in seinen Geschäften aus Anselm aber hatte zu Hause alle Hände voll Arbeit denn es waren täglich bis in den späten Abend Berichte und Briefe in Ziffern zu schreiben Die Herren waren kaum acht Tage da als Anselm da Mylord eines Mittags guter Dinge schien und mit ihm schwatzte auch sein bisschen Klugheit zeigen wollte denn er war auf den Gedanken gekommen es werde ihm bei seinem Herrn Gewicht geben wenn er merken ließe er wisse wohl was dies oder jenes zu bedeuten habe Mylord lächelte und sagte weiter nichts Es war nach Tische noch ein starker Posttag Erst nach ein Uhr nach Mitternacht ward Anselm beurlaubt und Mylord blieb noch auf denn er siegelte allemal die Briefe selber machte die Adressen und gab sie auch selbst ab wovon Anselm niemals etwas erfuhr Anselm legte sich sehr ermüdet zu Bette und schlief daher länger als gewöhnlich Sein Herr ließ ihn aber wecken und er musste unverzüglich in einer Mietskutsche nach einer entfernten Gegend der Stadt fahren um ein Billett an jemand abzugeben dessen Wohnung genau bezeichnet darauf stand Dieser Mann war aber in der Gegend nicht auszufinden und Anselm kam nach drei Stunden mit dem Billette zurück Er war nicht wenig erstaunt zu vernehmen Mylord habe im Hause alles bezahlt und sei fortgereiset Da fiel ihm schwer auf in seiner Klugheit gezeigt zu haben dass er mehr wisse als Mylord wollte wissen lassen Es scheint aber die in Amsterdam herrschende patriotische Partei hatte von dem Gewerbe des französischen Negotianten Nachricht erhalten oder doch starken Verdacht geschöpft und Mylord hatte dieses vermutet denn kaum konnte sich Anselm besinnen als Papagoy der OnderSchout mit seinen Dienern ankam sich nach dem fremden Negotianten etwas näher zu erkundigen Da dieser nicht mehr zugegen war nahm er unsern dicken Mann in Verhaft und bemächtigte sich seiner Papiere Diese bestanden aber in nichts als in seinen Gedichten philosophischen Abhandlungen und Übersetzungen und schienen also selber von seiner Unschuld an politischen Angelegenheiten zu zeugen Das Billett enthielt nichts als ein weißes Blatt Dies schien zu verraten sein Herr habe ihm selbst nicht getraut da er ihn sich auf diese Art vom Halse geschafft hatte Da er nun so klug war mit einer unkategorischen Notlüge zu sagen er habe bloß die Privatgeschäfte seines Herren zu verrichten gehabt und weiter nichts auf ihn zu bringen stand so ward er nach ein paar Tagen entlassen
So fand sich denn unser dicker Mann ganz vereinzelt in einer großen Stadt wo er niemand kannte und nicht einmal die Landessprache recht verstand Nach erhaltener Freiheit ging er ganz mechanisch die Gassen auf und nieder ohne zu wissen was er anfangen sollte Er hatte freilich noch ein paar Guineen und Dukaten in der Tasche aber wie lange konnten diese ausreichen ihn zu unterhalten Ganz trostlos wanderte er über Kolveniers Burgwall und die hohe Straße und blieb vor dem Ratause aus Neugierde stehen wo ein großes Gedränge war und eine Menge Volks durcheinanderschrie Es kam ein ehrwürdiger alter Mann schwarz gekleidet im hangenden Mantel untersetzter Statur mit einem Gesichte worauf die Furchen des Alters und des Nachdenkens gegraben waren Alles schrie Hoeden af Hüte ab und schwenkte die Hüte Unser dicker Mann war nur neugierig zu sehen was vorging richtete sich auf die Zehen und dachte nicht an den Hut Mit einemmale bekam er einen Kopfstoss dass er den Hut kaum wieder ergreifen konnte und ein Matrose setzte ihm noch einmal die Faust ins Gesicht und schrie ihn an »Ihr verdammter OranienKlant wollt ihr wohl vor Vader Hooft den Deckel abnehmen« Er entschuldigte sich so gut er im gebrochnen Holländischen konnte und hätte sich gern fortgemacht aber das Gedränge war zu stark als dass er seine Stelle verlassen konnte Er währte nicht lange so drängte sich wieder eine Menge Menschen vom Ratause her und es entstand ein ziemliches Gemurmel unter den Umstehenden Der Haufen wich nicht voneinander aber die Justizdiener machten Platz Ein andrer Mann von untersetzter Statur gleichfalls in schwarzer Ratsherrntracht mit rundem glattem Gesichte gebogener Nase und feurigem Blicke ging vom Ratause herab Anselm stand in der Nähe so dass er ihn gut sehen konnte und fragte einen beistehenden Wer der Herr wäre Dieser antwortete »Kennt ihr nicht den Bürgermeister Dedel« Unser dicker Mann war nun unterrichtet und zog ehrerbietig seinen Hut vor dem Herrn ab Sogleich schlugen drei oder vier Kerle ganz unbarmherzig auf ihn los und schrien »Gy OranjeBlixem den Hoed op« Ihr BlitzOranischer den Hut auf Sie stießen allenthalben auf ihn los und er entkam mit blutigem Gesichte kaum ihren Klauen
Anselm konnte wegen seiner empfangenen Wunden einige Tage nicht ausgehen Nachdem er geheilt war hatte die Gärung unter dem Volke noch mehr zugenommen Er wollte ihr entfliehen nur um nach Deutschland an einen ruhigem Ort zu kommen ob er gleich nicht wusste wohin er gehen und was er dort eigentlich anfangen sollte Es war mit Gelde nicht sehr versehen und da ihn die Not wirtschaftlich machte hielt ers fürs Beste seinen Koffer und übrigen Habseligkeiten an das Grenzpostamt zu Emmerich zu senden und zu Fuße dahin nachzuwandern um sie dort abzufordern Er ging fort Aber außerhalb Amsterdam war auf dem platten Lande und in den kleinen Städten die Volksgährung noch viel ärger Der bürgerliche Krieg fing an mit größter Wut zu rasen Die Patrioten waren wegen des annahenden Eindringens der Preußen in Alarm welchen die Hoffnung auf die Franzosen die immer schwächer ward nicht dämpfen konnte Beide Parteien waren dabei aufeinander äußerst erbittert Wer kann die Faustschläge und Rippenstösse zählen die unser armer dicker Mann so vorsichtig er sich auch gern nehmen wollte auszustehen hatte Es war ihm unmöglich der einen Partei nicht zu missfallen und immer recht zu wissen von welcher Partei der war mit welchem er redete Er wusste fast nicht mehr von welcher Seite er sich wenden sollte
Die Annäherung der Preußen setzte in den Provinzen Geldern und Utrecht alles in die größte Bewegung Die Patrioten bewaffneten sich um sie zu vertreiben Es war eine bunte Masse von ungleichartigen Menschen und Waffen die sich täglich vermehrte und die herzhaft schwor alle Preußen zu vertilgen Unser dicker Mann konnte nicht weiter er ward in dem Städtchen Wyk de Duurstede gezwungen sich als patriotischer Soldat anwerben zu lassen Täglich ward exerziert und der Mut wuchs täglich Man malte Bildnisse von preußischen Husaren auf ein Brett wonach die Rekruten schießen lernten Das Feuern währte etwa vierzehn Tage in welchen Anselm alle Beschwerlichkeiten des Kriegsstandes erduldete Wenn er den Tag über exerziert hatte musste er in der Nacht Schildwache stehen Da hatte er in den heitern Sommernächten Musse genug seinem Elende nachzudenken Bald kam ihm eine Portion spekulativer Philosophie ein bald irgendein chimärischer Plan sich in einen bessern Zustand zu versetzen Von beiden schlecht getröstet wollte er beinahe verzweifeln Aber was halfen ihm alle Verwünschungen seines Leichtsinns Da er hier so von aller Welt verlassen stand fiel ihm seines Vaters Prophezeiung ein es werde wenn er glaube gegen andere keine Pflichten zu haben eine Zeit kommen wo sich niemand um ihn bekümmere und jetzt sah er dies in Erfüllung gehen
Doch ward er bald erlöset Die Preußen kamen näher An einem Morgen vor Sonnenaufgange standen sie vor den Toren Anselm hatte kaum Zeit Gewehr und Patronentasche wegzuwerfen so waren sie schon eingedrungen Aber da unser dicker Mann so wie die meisten patriotischen Soldaten nicht in Uniform ging so war er gleich in seinen Zivilstand restituiert Man bemerkte ihn nicht und als ein Deutscher war er noch weniger verdächtig Er ging um dem Getümmel zu entkommen zum Tore hinaus aber bald geriet er in neue Gefahr Ein kleiner Trupp Patrioten der in einem benachbarten Gehölze versteckt gelegen hatte fiel nach Nachtrab der Preußen an Unser guter dicker Mann wäre beinahe mitten ins Scharmützel gekommen und konnte sich kaum hinter einer geschnittenen Hecke verbergen Als gegen Mittag alles ruhig ward kroch er hervor und ging weiter Er fand am Wege einen in der Schulter verwundeten preußischen Soldaten liegen der sich ziemlich verblutet hatte und in der Hitze schmachtete Unser gutmütiger dicker Mann brauchte sein bisschen chirurgische Wissenschaft er wusch die Wunden mit Branntwein den der Soldat bei sich hatte verband sie so gut er konnte und fand endlich Mittel ihn nach dem nächsten Dorfe tragen zu helfen wo noch ein paar Soldaten lagen denen er gleiche Hilfe leistete Endlich kam ein Regimentschirurgus hinzu der seinen menschenfreundlichen Eifer lobte und da eben einige Wagen nach Kranenberg zurückgeschickt wurden um Bedürfnisse für die Armee nachzuholen so veranstaltete der Chirurgus dass unser dicker Mann mit diesem Transporte bis dahin fahren konnte
Fünfundzwanzigster Abschnitt
Fröhliches Unglück und trauriges Glück
Anselm ging nun zu Fuße nach Emmerich Durch das Postgeld für seinen Koffer aus Amsterdam war seine Barschaft ziemlich erschöpft Er suchte eine wohlfeile Schlafstelle und fand sie endlich in einem abgelegenen Gässchen Hier sann er über seinen trostlosen Zustand nach Er hätte jetzt gern die Praxis der Arzneiwissenschaft auch bei den geringsten Leuten angefangen aber das in den preußischen Landen geltende Gesetz dass ein Arzt in der Hauptstadt erst einen anatomischen Kursus machen musste legte ihm unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg Er konnte gar keine andere Aussicht finden sein letzter Stüber war aufgezehrt Er hatte hier nicht zu leben und auch kein Geld zur Reise Er ward täglich tiefsinniger und geriet beinahe in völlige Schwermut
In diesem traurigen Zustande ließ ihn aber sein Wirt nicht lange Dies war ein Musikant der alle Sonntage und wann Hochzeiten oder Kirchweihen vorfielen auch an Wochentagen die Beine der umliegenden Dorfschaften in Bewegung brachte ein lustiger Kerl der wöchentlich ungefähr verzehrte was er verdiente nicht eben für die Zukunft sorgte und immer zufrieden war Dieser predigte seinem trostlosen Hausgenossen den Satz Man müsse nie verzagen aber auch jederzeit sich in seine Lage schicken Anselm mit einem Seufzer über seinen vorigen glücklichen Zustand versprach sich gern in alles zu schicken aber setzte er hinzu er müsse wohl verzagen weil er gar keine Aussicht habe Indem entdeckte der Hauswirt im Gespräche dass unser dicker Mann ein wenig auf der Violine spielen konnte und sogleich tat er ihm den Vorschlag sich zu der Musikantenbande zu gesellen Anselm stutzte aber es war nicht auszuschlagen Er fand das geringste praktische Talent könne zuweilen nützlich sein Sein bisschen Musik diente ihm doch zu etwas da ihn sogar seine so gründliche teoretische Philosophie verließ
Es ward unserm dicken Manne wie es dem jüngsten Musikanten gehört eine Bassgeige an einem ledernen Bande über die Schulter gehangen und so wanderten sie von Dorfe zu Dorfe Sein voriger Zustand fiel ihm oft bitter in die Gedanken Aber sein Hauswirt wiederholte ihm so oft man müsse sich in das schicken was nicht zu ändern ist dass diese Lehre endlich Frucht zu bringen begann Der heitere Anblick des gesegneten Landes die rohe Fröhlichkeit die er mit erregen half und die sorgenlose Zufriedenheit seiner Kameraden wirkten nach und nach auf ihn In diesem niedrigen Zustande vermochte er es zum erstenmale über sich genügsam zu sein und ein unvermeidliches Schicksal geruhig zu ertragen und so verlebte er durch Zufriedenheit bei sehr geringem Auskommen frohere Stunden als er selbst je für möglich gehalten hätte
Mit dem Frohsinne unsers dicken Mannes erwachte aber auch wieder seine lebhafte Einbildungskraft und diese die ihm schon so manche schlimmen Streiche gespielt hatte unterbrach den Frohsinn durch den sie selbst war erweckt worden Anselm konnte nichts ruhig betrachten Er sah täglich die munteren klevischen Bauerndirnen um sich hertanzen eben nicht schön aber gesund froh und anstellig Dies brachte ihm wieder die Bilder aller hübschen Mädchen vor die er gesehen hatte Hierauf stellte sich ihm das Bild Sophiens der ersten Gespielin seiner Jugend lebhaft dar Er rief die Jahre jugendlicher schuldloser Zuneigung in Gedanken zurück Jetzt sah er ein wie glücklich er durch sie hätte werden können wenn er damals nicht törichter Weise vergängliche äußere Schönheit wahrem innern Werte vorgezogen hätte Seine Reue ward um desto bitterer wenn er bedachte dass er auch sie vermutlich unglücklich gemacht habe denn ihm war wohl bewusst dass ihr Mann ein trockner ungebildeter Kaufmann nur für Geld und dessen Erwerbung Sinn hatte Dies fasste ihn schrecklich Er verwünschte seine Undankbarkeit und fing an sich als einen verworfenen Menschen zu betrachten der Ursache geworden das Leben der edelsten Seele zu verbittern Dieser Gedanke vergällte ihm selbst die kleinen Freuden seines niedrigen Standes Unglücklicher Weise hatte er auf der Hochzeit eines ungleichen Paares mit aufzuwarten Die Niedergeschlagenheit der Braut stellte ihm Sophiens Zustand lebhaft vor Er geriet darüber abermals in Traurigkeit vergaß seinen guten Spruch dass man sich in seine Lage schicken müsse schwor nie eine Hochzeit wieder zu sehen und trennte sich ohne weitere Überlegung von seiner musikalischen Gesellschaft ob er gleich gar keine andere Aussicht hatte
Sein Hauswirt der solche feinen Empfindungen nicht fassen konnte schalt ihn einen Narren Weil er aber meinte man müsse auch allenfalls einem Narren fortelfen so verließ er ihn nicht ganz Anselm hatte in seiner Jugend eine gute Hand schreiben lernen Durch diese von ihm sonst verachtete Geschicklichkeit hatte er schon hin und wieder als Abschreiber etwas verdient Sein Wirt verschafte ihm in den Häusern einiger Bürger Stunden zum Unterrichte im Schreiben und Rechnen Er bekam sogar in einer der dortigen kleinen Manufakturen von leichten Zeugen die Bücher zu führen Hierdurch nährte er sich freilich sehr dürftig doch hatte er Gelegenheit die wichtige Lehre sich in seine Lage zu schicken recht praktisch zu üben Er tat es und entsagte noch einmal den Bildern seiner Einbildungskraft und seinen Plänen Nur das Andenken an seine Sophie war zu lebhaft geworden als dass es ausgetilgt werden konnte und es gewährte ihm oft in einsamen Stunden ein obgleich mit Wehmut vermischtes Vergnügen
Es lebte damals in der Nachbarschaft und lebt vielleicht noch eine Originalfamilie von zwei einzelnen Leuten Bruder und Schwester nebst sechs Katzen die ganz notwendig zur Familie gehörten Der Bruder Meister Ulrich Derb war ein Lohgerber ein gesunder und reicher Mann und was noch mehr ist ein Dichter der alle gereimten Dichtungsarten vom Alexandriner bis zur vierzeiligen Strophe versucht hatte Seine Schwester Jungfer Ursula Derb damals in ihrem einundvierzigsten Jahre war ziemlich hager und langnasig hatte etwas dürre Wangen und Hände und liebte außer ihrem Bruder dem sie durch öfteres zänkisches Zurechtweisen ihre Liebe bezeugte nichts als sich selbst ihre Katzen und ihre Verse denn auch sie war eine Dichterin Aber sie machte bloß Hexameter indem sie selbst sehr feierlich nur fürs Feierliche Sinn hatte Ihre Gedichte handelten hauptsächlich vom Tode von der Unsterblichkeit der Seele und von der künftigen Welt Von der jetzigen Welt hielt sie nicht viel welches ihr die jetzige Welt auch reichlich erwiderte Sie war sehr ernstaft und keusch daher kamen verliebte Gedanken nie in ihren Sinn Auch von Geselligkeit hielt sie wenig denn sie fand in Emmerich niemand ihrer Gesellschaft wert lebte also bloß sich selbst ihren hohen Gedanken und ihren Katzen Nur alsdann ward sie etwas human wenn jemand sich ihre Verse wollte vorlesen lassen welches Vergnügen sie aber selten genießen konnte Da sie nun ein wenig Schnarren ausgenommen wegen des hohlen Tons ihrer Stimme ein großes Talent zur Deklamation besaß so brachte sie täglich ein paar Stunden zu ihre Verse und ihres Bruders Reime ihren Katzen vorzudeklamieren
Diese poetische Familie hatte eine Tugend die nicht allen Dichtern eigen ist sie ließ ihre Gedichte nicht drucken sondern widmete dieselben nur sich selbst und ein paar auserlesenen Seelen Indes wollte Jungfer Ursula doch für die Nachwelt sorgen Sie hatte ihre eigenen Gedichte in einer gewissen Ordnung gesammelt und wünschte sie nun ins Reine geschrieben zu sehen Zu diesem Behufe warf sie ihre Augen auf unsern Anselm von dem seine schöne Handschrift und dass er eine Art von Gelehrten sei endlich in der Stadt ziemlich war bekannt geworden Jedoch wollte sie da ihr Naturell sie zu einigem Misstrauen stimmte ihn erst probieren Sie las ihm einige Gedichte vor Er war schon genugsam gedemütigt um mit Klugheit zu schweigen Sie ließ ihn auch ihr ein paar Gedichte vorlesen und war mit seinem Vortrage zufrieden weil er sie wie sie sagte verstände Nun ging er an das große Werk die Gedichte abzuschreiben auf dem schönsten großen Papiere welches die erhabene Ursula eigenhändig mit rosenroter Seide zusammenheftete Seine deutliche Handschrift fand den Beifall der Dichterin zumal da er den Gedichten noch unvermerkt die zufällige Zierde einer richtigen Ortographie gab Er arbeitete an dieser Abschrift täglich einige Stunden in dem Hause und unter der unmittelbaren Aufsicht der Jungfer Ursula welche ihre Gedichte unter keiner Bedingung fremden Händen würde anvertraut haben Je mehr die Abschrift fortrückte je mehr ward die Dichterin entzückt die Kinder ihres Geistes in so schöner Gestalt zu erblicken Sie hatte eine Vorsicht gebraucht an welche nicht alle Dichter denken nämlich ihre schönsten Sachen in die letzten Bände zu sparen damit jeder Band am Werte zunähme Als daher unser dicker Mann anfing unter ihren Augen das siebente Riess Papier zu beschreiben gefielen ihr selbst die Gedichte so außerordentlich wohl dass sie ihm oft das Papier aus der Hand nahm um ihm ihre Gedichte mit lauter Stimme vorzulesen Er war klug genug nicht nur zu schweigen sondern auch zuweilen ihr Beifall zuzulächeln zuweilen sie mit Worten zu loben Dies gefiel ihr sehr wohl denn sie hatte seit langer Zeit nicht so angenehme Stunden genossen Sie fing nun an unserm dicken Manne viel freundlicher als sonst zu begegnen und da er auch vor ihren Katzen Gnade fand welche während ihres Deklamierens auf seinen Schoss sprangen und sich von ihm streicheln ließ so ward ihr Herz erweicht und die Freude über die schön geschriebene Sammlung ihrer Gedichte wovon der Buchbinder ihr einen Band nach dem andern prächtig gebunden mit vergoldetem Schnitte vorlegte gab dieser erhabenen Verfasserin eine Munterkeit die man sonst an ihr nie war gewahr geworden Unser Anselm hingegen ward alle Tage nachsinnender und trauriger Entweder mochten ihm die vielen hochtönenden Hexameter der Jungfer Ursula eine Indigestion des Geistes zugezogen haben oder vielmehr erregte die jetzt immer lebhafter werdende Reue durch seinen ehemaligen Leichtsinn Sophien verloren zu haben in ihm sehr schwermütige Gedanken
Eines Tages als er sich nichts Arges versah und eben bei der Jungfer Ursula eintreten wollte um in dem Tagwerke seines Abschreibens fortzufahren nötigte ihn Meister Derb in seine Stube und nach einem kurzen Eingange trug er ihm seine Schwester auf Verlangen derselben zur Ehehälfte an Unser guter dicker Mann stutzte ein wenig denn der Vorschlag kam ihm ganz unerwartet Seine Einbildungskraft war immer angespannt wenn er nicht unmittelbar in Verlegenheit war Durch Empfindung des Unglücks oder unangenehmer sinnlicher Eindrücke die er Unglück nannte ward sie gleich abgespannt weil er unmittelbar unangenehme Empfindungen nicht vertragen mochte in dieser Abspannung konnten einige ruhige Gedanken oder gute Entschlüsse Raum finden wodurch er sich dann einbildete in ein philosophisches Gleichgewicht des Geistes gekommen zu sein Kaum aber waren seine unmittelbar unangenehmen Empfindungen ausgelöscht so war das Gleichgewicht verloren Seine angespannten Ideen kamen wieder er brütete darüber und fand sich glücklich darin Er hatte die vergangene Nacht schlaflos zugebracht in Gedanken an Sophiens Schicksal das er für unglücklich halten musste Er hatte sich selbst als die Ursache davon verwünscht und in dieser Selbsterkenntnis eine traurige Zufriedenheit mit sich empfunden Schnell fiel ihm jetzt ein sich selbst dafür dass er ehemals Sophiens Hand verschmäht hatte zu strafen indem er die Hand der Jungfer Ursula annähme Diese Gesinnung schien ihm so edel dass er sogleich nach ganz kurzem Bedenken Ja sagte und in wenigen Tagen mit der langnasigen Poetin verbunden ward
Schwer war freilich die Prüfung die er sich auferlegte Wäre er nicht ein so ausgemachter Feind aller geheimen Philosophien gewesen so hätte er aus der Chiromantie des Johann Baptist Porta lernen können wie gefährlich eine alte Jungfer ist die in der rechten Hand eine lange Tischlinie hat und mehr als eine Katze hält Er fand nach wenigen Wochen dass er sich allzuhart gestraft hatte Den ganzen Tag sausete sein Kopf von den Reimen seines Schwagers die wie Schellen in seine Ohren klingelten und von den reimfreien Versen seiner Frau die wie Virgils Pferd mit vierfüssigem Schalle das mürbe Land seine Ohren mit fünf und sechsfüssigem Laute mürbe stampften Dazu hatte er noch seiner hageren Poetin beständige Aussichten in die Ewigkeit zu ertragen ohne die geringste Aussicht dass sie selbst dorthin übergehen möchte Schleppende Reime hinkende Hexameter und springende Katzen waren seine tägliche Gesellschaft dabei hörte er immerfort kreischende Deklamation von Hexametern die ihm wie Zank in die Ohren gellte Und auch der wirkliche Zank seiner lieben Ehehälfte ward im höchsten Tone der Deklamation herausgewürgt denn diese erhabene Dichterin verlor niemals ihren feierlichen Anstand selbst alsdann nicht wenn sie in die größte Heftigkeit geriet
Glücklich war es für unsern armen dicken Mann dass die Person durch deren Verbindung er sich wegen des Leichtsinns seiner Jugend hatte strafen wollen eine Bürgerin der preußischen Staaten war In jedem andern Lande hätte sie ihn totzanken und totdeklamieren dürfen Hier aber konnte er durch eine gänzliche Scheidung wenigstens sein Leben erhalten In Ländern wo der Tridentinische Kirchenrat gilt und die Unauflöslichkeit der Ehen nach den Begriffen eheloser Priester abgemessen wird würde man ihn höchstens vom Tische und Bette geschieden haben Dies hätte ihm wenig geholfen denn er hatte sich schon selbst davon geschieden weil es in beiden nicht auszuhalten war Sogar die Gardinenpredigten seiner Ursula hatten den Ton hoher pindarischer Oden und rollten wie ein uferüberströmender Fluss aus tiefem Gaumen mit unaufhaltbarem Sturze daher
Glücklicher Weise hatte seine freiwillige Trennung der Frau Ursula Missvergnügen aufs höchste gebracht Als er daher auf die Ehescheidung klagte willigte sie sogleich ein und er ward erlöset
Sechsundzwanzigster Abschnitt
Angenehme Wasserreise Aussicht zu ländlichem Leben in ruhiger Genügsamkeit
Anselm schöpfte Luft nachdem ihm das Joch seines zweiten Ehestandes abgenommen war aber das Joch der Armut lag schwer auf ihm Der Ehescheidungsprozess kostete beinahe die Hälfte seiner kleinen Barschaft und die andere Hälfte war verzehrt ehe er sich entschließen konnte was nun anzufangen sei Nach vielen vergeblichen Betrachtungen ward er endlich mit sich einig bei seinem Freunde Philipp Hilfe zu suchen Es kostete seinem Stolze nicht wenig dies über sich zu gewinnen das Elend ist aber ein sehr wirksamer Lehrer
Er sah bei einem Spaziergange am Ufer des Rheins ein Schiff anlegen mit Waren aus Holland nach Köln befrachtet Er dung sich sogleich auf dasselbe für ein Weniges ein Den folgenden Tag fuhr er fröhlich ab Der Himmel war heiter Die herrlichen Rheinufer erfüllten seinen Geist mit frohen Bildern Seine Hoffnung lebte wieder auf
Die Wasserreise schien ihm eine angenehme Lustfahrt am Ende derselben sah er die fruchtbaren Gegenden des Wippertals schon in Gedanken vor sich wo er in die Arme seines treuen Freundes Philipp eilen wollte und nun lebten die jovialischen Hoffnungen auf die Zukunft wieder in seiner Seele auf
Es gewannen jedoch die Sachen schon den folgenden Tag ein anderes Ansehen und die folgenden noch mehr Das Schiff war klein und voll Einen Platz im Roef konnte er nicht bezahlen Unter dem Verdecke war bei dem engen Raume und der Anzahl von Menschen kaum auszuhalten Er brachte also die Nächte welche schon sehr kalt waren auf dem Verdecke unter freiem Himmel zu Am Tage musste er sich unter dem rohen Schiffsvolke herumtreiben Bei Stürmen und widrigen Winden welche anfingen sich zu zeigen mutete man ihm zu mit Hand anzulegen zur Regierung des Schiffes Fast täglich ward bei den vielen Zollstätten Zeit versäumt Die Reise zog sich in die Länge und Anselm fing an derselben und beinahe seines Lebens überdrüssig zu werden weil jeder unangenehme sinnliche Eindruck dergleich er nie hatte wollen ertragen lernen sofort alle seine Hoffnungen austilgte Die Schiffer haben immer allerhand Ursachen unterwegs anzuhalten welche sich auf das edle Geschäft der Konterbande beziehen Durch die hohen Rheinzölle ist dies Geschäft einträglich geworden und sehr empor gebracht denn nun ist es der Mühe wert etwas zu verheimlichen Dieses Geschäfts wegen machte auch der Schiffer auf zwölf Stunden Rasttag an einem Orte im Herzogtume Berg zwischen Düsseldorf und Köln wo das mit Sträuchern bewachsene hohe Ufer seinen Absichten bequem war weshalb er seine Abnehmer dahin bestellt hatte
Anselm des Schiffs herzlich müde wollte an dem heitern Tage der schönen Luft genießen und ging voll schwermütigen Nachsinnens etwas ins Land hinein Er kam bis in ein Dorf Eben begegnete er einem Leichenzuge man trug ein junges Mädchen zu Grabe Dies stimmte zu seinen eignen melancholischen Gedanken Er folgte dem Zuge bis auf den Kirchhof Hier hörte er den dumpfen Ton der auf den Sarg fallenden Erde und wünschte in dem Augenblicke er würde auch versenkt Er blieb gedankenvoll am Grabe stehen da der Leichenzug schon auseinander gegangen war Endlich bot ihm der Küster die Hand und redete ihn an Beide wussten nicht ob sie ihren Augen trauen sollten
Der Küster war eben der verwundete preußische Soldat dessen Wunden Anselm unweit Wyk de Duurstede verbunden hatte Dieser Soldat war aus Rekahn gebürtig und nach der dortigen vortrefflichen Methode unterwiesen worden welche den Verstand der Bauernkinder aufklärt ihr Herz bessert und sie zugleich noch tüchtiger macht das zu werden wozu sie geboren sind gute Bauern und gute Soldaten Nach Heilung seiner Wunden war er wegen seines steif gewordenen linken Armes für invalide erklärt und nach Wesel transportiert worden Eben damals hielt sich der Prediger dieses Dorfes wegen des Rechtshandels eines seiner armen Kirchkinder einige Wochen in Wesel auf und lernte zufälliger Weise den Invaliden kennen Der Prediger war einer von den edlen Männern die im Stillen Gutes tun Besonders hatte er vom Anfange seines Amtes an sich der Verbesserung der Schule angenommen nur fehlte es ihm bis dahin an einem brauchbaren Schulmeister Er freute sich also sehr da eben diese Stelle vakant war einen Zögling aus einer so berühmten Schule aufzufinden zumal da er an ihm nach einiger Unterhaltung eine vorzügliche Gabe entdeckte seine Kenntnisse der Jugend mitzuteilen Er bewog ihn daher die Stelle eines Schulmeisters und Küsters auf seinem Dorfe anzunehmen
Der Schulmeister empfahl seinem Pastor unsern dicken Mann als seinen Retter der mit edler Gastfreiheit aufgenommen ward Die wenigen Sachen holte man vom Schiffe und Anselm ging mit nach des Pastors Amtswohnung
Es war eine kleine verfallene Hütte entblößt auch von den gemeinsten Bequemlichkeiten welche Anselm bisher zum Genuße des Lebens für durchaus notwendig gehalten hatte Niedrige Türen Fenster welche kaum das Tageslicht einliessen nackte hin und wieder beschädigte Wände baufällige Treppe und Fussböden Mobilien von gemeiner Art bloß zum Gebrauche ohne alle Zierlichkeit oder gesuchte Gemächlichkeit Anselm ins Haus tretend erstaunte nicht wenig über diesen armseligen Anblick aber noch mehr erstaunte er als er ins Wohnzimmer tretend die Gattin des Predigers erblickte eine Frau ganz simpel und ländlich gekleidet aber in der höchsten Blüte der Schönheit und Gesundheit Dem Schönheitsspäher Anselm fiel diese edle Frau um so mehr auf da er seine geschiedene Ursula nebst ihren Katzen noch immer lebhaft in der Einbildungskraft vor sich sah Aber noch mehr nahm sein Erstaunen zu als er diese schöne Frau näher kennenlernte und fand dass ihre körperlichen Eigenschaften von ihren geistigen übertroffen wurden so glänzend auch jene waren Sie besaß Verstand und Anmut war sittsam und gutherzig hatte eine feine Erziehung genossen und sowohl Kenntnisse als Eigenschaften erlangt mit denen sie in der besten Gesellschaft in der Stadt hätte glänzen können Sie tat aber auf alle Ansprüche Verzicht um ihren Mann glücklich zu machen und war glücklich durch ihn Unter diesem verfallenen Strohdache wohnte Zufriedenheit und wahrer Lebensgenuss Das weise Paar hatte allen überflüssigen Bedürfnissen freiwillig entsagt Erst nachdem diese Entäusserung zur Fertigkeit geworden und dadurch nicht mehr beschwerlich war ging ihr edelster Genuss an Sie verlangten nur das was den Körper unterhalten und stärken und den Geist aufheitern kann Aber was diese wünschenswürdigen Bedürfnisse befriedigen konnte mangelte nie und ward auch mit froher Unbefangenheit ihrem Gaste Anselm mitgeteilt Reinlichkeit und Ordnung herrschten im ganzen Hauswesen Anselm fühlte dass beide den simpelsten Gegenständen eine Annehmlichkeit gaben welche der unordentlichen Wirtschaft des Herrn von Reiteim durch Prunk und Aufputz nicht hatte gegeben werden können Das ganze Leben dieses glücklichen Paars war ununterbrochener Genuss denn Wohlwollen und Vernunft regierten denselben und weise Enthaltsamkeit machte dass er nie in Überdruss ausarten konnte Ihre frugalen Mahlzeiten wurden durch verständige und heitere Unterhaltungen schmackhaft gemacht dabei konnten sie leicht Indiens teure Gewürze entbehren Anselm der alles versucht hatte was der Luxus zum Lebensgenusse darbietet der nirgend dauernden Genuss hatte finden können fand jetzt erst bei der einfachsten ländlichen Kost einen Genuss den kein schwelgerisches Mahl geben kann und fühlte jetzt erst lebhaft man müsse um glücklich zu werden nicht Vergnügen von außen suchen sondern es in sich finden aber auch eines so edlen Vergnügens würdig sein
Der Prediger und seine Gattin waren unermüdet in Beobachtung ihrer Pflichten und setzten ihnen alle sogar die unschuldigsten Vergnügungen nach Anselm hatte über das moralische Prinzipium der Pflicht viel Worte gemacht aber er konnte sich in Vergleichung mit diesem edlen Paare selbst nicht verhehlen dass er seine Pflichten durch dies Prinzip nicht besser ausgeübt hatte Der Prediger war der Vater der Berater der Arzt aller seiner Kirchkinder Mit dem mässigsten Einkommen wusste er durch eigene Entäusserung und Frugalität Mittel zu finden vielen Notleidenden ein Helfer zu sein Anselm schlug an seine Brust Er sagte sich selbst dass er im besten Wohlstande und bei vielen zwecklosen Ausgaben nicht einmal so viel zum Besten anderer getan hatte als dieser arme Landgeistliche und schämte sich zum ersten Male seines Egoismus
Hier in dieser ländlichen Hütte sah unser guter Anselm zuerst das wahre häusliche Glück wonach er so lange vergeblich gestrebt hatte Er sah es hier aus wechselseitiger herzlicher Zuneigung und aus Wohltun mit vereinigten Kräften entstehen Hier legte er auch den ersten Grund zur wahren Selbsterkenntnis indem er fühlte er habe den echten Lebensgenuss durch eigene Schuld verfehlt und Zerstreuung sei nicht Lebensgenuss Hier entstand bei ihm der erste deutliche Begriff vom Unterschiede zwischen einer dürren teoretischen und einer fürs menschliche Leben brauchbaren praktischen Philosophie und er sagte sich nun selbst er sei bisher ein elender Philosoph gewesen
Dies war an sich sehr gut denn seine Torheit zu erkennen ist der erste Schritt der Weisheit Aber die lebhafte Einbildungskraft unsers guten dicken Mannes spielte ihm abermal einen schlimmen Streich Sie trabte wie gewöhnlich vor seinem Verstande her und bildete ihm ein ein kleiner Anfang von Klugheit sei schon die höchste Stufe derselben Sie bildete ihm ein den ausbündigen Lebensgenuss den er vor sich sah könne er sich auch gar leicht verschaffen wobei er denn freilich nicht daran dachte ob er schon die Genügsamkeit und die Seelenruhe besäße welche den Geist allein zu einem so edlen Genuße fähig machen
Es ergriff ihn mit einemmale ein ganz entusiastischer Trieb zum Landleben Ehrgeiz war nie in ihm gewesen sondern nur heißes Verlangen nach Lebensgenuss und Lebensglück Hier glaubte er oder nirgend müsse es zu finden sein Er machte sich abermal einen gar schönen Plan bei dem sich seiner Meinung nach Philosophie Entäusserung und Genügsamkeit vereinigten Er wollte nun ein Dorfschulmeister werden nach der Rochowschen Art Da er immer Kinder geliebt hatte so machte er sich die süßesten Ideen von den Vergnügen junge Herzen bilden zu können dabei wiegte er sich mit dem reizenden Gedanken in den Armen eines edlen Weibes welche das Weib seines Herzens werden sollte häusliches Glück im höchsten Masse zu genießen Diese seine künftige Gattin sollte völlig der schönen Frau Pastorin gleichen die dem Geiste und dem Körper nach das höchste Ideal erfüllte das er sich nunmehr von einem vollkommenen Weibe machte Ganz verließ ihn dabei die gute Meinung von sich selbst nicht die ihm schon so oft in seinem Leben angenehme Stunden gemacht und so oft irre geleitet hatte Er schmeichelte sich wenn er die Schule in diesem Dorfe durch seine Klugheit verbesserte nicht allein in einem sehr vorteilhaften Lichte zu erscheinen sondern auch wenn er einige Landschulen auf die Art wie er sich vorstellte zu sehr großer Vollkommenheit werde gebracht haben die Aufmerksamkeit der Staatsmänner zu erregen und er weissagte sich in Gedanken wo nicht eine Revolution in der Erziehungsart der Jugend in ganzen Ländern doch eine sehr günstige Revolution seines eigenen Zustandes als nächstbevorstehend
Durch alles dieses aufgemuntert fing er gleich an dem Küster in der Schularbeit beizustehen Da zeigte sich aber bald ohne dass er selbst es merkte dass es ihm ganz an Talenten fehlte die Rekahnsche Lehrmetode die er für so leicht angesehen hatte zweckmäßige auszuführen Er hatte weder Geduld sich in die Kinder zu schicken noch die Gabe der Fasslichkeit Sein zur andern Natur gewordenes lebhaftes Wesen führte ihn immer über den Zweck hinweg den er erreichen wollte und es fehlte ihm an der Beurteilungskraft sich auf das einzuschränken was sich für Bauernkinder schickt Anstatt der simpeln und zweckmässigen Rekahnschen Lehrart fing er an alle Fratzen anzuwenden die ihm noch aus dem Philantropin zu Horbock im Sinne waren Er lehrte die Bauernjungen wie er war gelehrt worden über Stöcke springen er wollte ihre Aufmerksamkeit durch Spielwerke erregen er wollte sie durch Ehrbegierde zu bessern Menschen ziehen und brachte in die Schule eine Meritentafel mit gelben Nägeln Er schwatzte den Bauernkinder viel vor von Geographie von Naturlehre und wer weiß wovon sonst Kurz er brachte in vierzehn Tagen die Schule dermaßen in Unordnung dass der vernünftige Schulmeister dessen Widerspruch nichts fruchtete weil Anselm so sehr beredt war sich sehr darüber betrübte Aber der Prediger der nebst andern Gaben die Gabe der Aufrichtigkeit besaß sagte unserm dicken Manne gerade heraus Es fehle ihm an aller Geschicklichkeit zu einem guten Landschulmeister Dies war nun freilich sehr demütigend für einen Menschen der die Platonische und die Leibnitzische und die Kantische Philosophie vollkommen verstand und sich nach reifer Einsicht der Fehler aller dieser Philosophien ganz kürzlich eine neue erdacht hatte wovon er gewiss glaubte sie werde ihn zu allen Dingen wozu er sich ohnedies schon viel Geschicklichkeit zutraute noch viel geschickter machen
Die Bitte des Pastors an ihn sich ferner nicht mit der Schule zu bemühen setzte unsern dicken Mann noch in eine andere Verlegenheit Seine neue Laufbahn war ihm angenehm gewesen auch hatte er sich wie schon bemerkt ganz insgeheim geschmeichelt durch dieselbe zu gefallen Da das schöne Geschlecht immer der Polarstern war wonach er seinen Lauf richtete so hoffte er durch das neue Leben das er in die Schule bringen wollte den Beifall der anmutsvollen und klugen Frau zu erhalten die er für den Abdruck aller Vollkommenheiten seines künftigen eigenen lieben Weibes ansah Er machte sie daher zur Richterin über seine neue Schulerfindung Aber auch hier ward seine Eitelkeit beschämt Sie zeigte ihm mit soviel Sanftmut als Nachdrucke Arbeitsamkeit Gehorsam und Wohlwollen könnten allein nur das Glück eines jeden Menschen besonders aber der Bauern befestigen und die Bildung hierzu müsse der Hauptzweck der Erziehung sein Sie bewies ihm mit unwiderleglichen Gründen man mache Bauernkinder unglücklich wenn man sie Sachen lehre wodurch sie zerstreut und aus ihrem Stande hinausgeführt würden Sie setzte lächelnd hinzu »Nachdem was Sie mir von Ihrer Lebensgeschichte erzählt haben scheint es beinahe es sei Ihnen selbst die Lebhaftigkeit und Zerstreuung wozu Sie die Bauernkinder anführen wollten in manchen Vorfällen Ihres Lebens schädlich gewesen Folgsamkeit und Stetigkeit welche unser Schulmeister durch seinen Unterricht zu befördern sucht würden Sie selbst auf eine viel glücklichere Bahn des Lebens geführt haben« Sie überreichte ihm des Herrn von Rochow Katechismus der gesunden Vernunft und versicherte als ihre Meinung er werde aus diesem kleinen Büchlein mehr Wahrheit und gesunde Philosophie lernen als aus allen Untersuchungen über die Verstandeswelt und Sinnenwelt und über das reine Prinzipium der Moral womit er sie oft sehr freigebig unterhalten hatte
Unser dicker Mann fiel nun von seiner Höhe herunter Er sah abermal seine vermeinte Philosophie seine vermeinte Entäusserung möchte wohl selbst noch Prätension sein Dies konnte er bei reiferm Nachdenken sich nicht ganz verbergen so wenig als dass er durch den Katechismus der gesunden Vernunft auf einem viel kürzern Wege ein klügerer und verständigerer Mensch hätte werden können als durch die transzendentalen Prinzipe der Urteilskraft Er hatte bisher vermeint nachdem er diese wohl gefasst hatte gewiss alle Vorfälle viel richtiger beurteilen und dadurch viel klüger handeln zu können als diejenigen welchen so gesegnete Prinzipe nicht gefallen wollten Er hatte es bisher für Anmassung dieser unwissenden Klüglinge gehalten »die Vernunft in dem worin sie ihr höchste Ehre setzt durch« – das elende Ding – »die Erfahrung reformieren zu wollen« Er fing aber an zu merken es möchten wohl diese neuen Prinzipe praktisch nicht füglich anzuwenden sein weil der Mensch außer der reinen Vernunft, noch mit so manchen andern Kräften und Neigungen begabt ist und weil diese Sinnenwelt leider immer noch mit Kollisionsfällen angefüllt ist – selbst seitdem die Kritik der praktischen Vernunft keine Kollisionsfälle mehr zu dulden meint oder es müsse zum moralischen Leben nach Prinzipien noch etwas mehr gehören als bloß die kritische Philosophie teoretisch zu studieren Dies hatte er getan und doch fand er obgleich ungern dass andere durch bloße gesunde Vernunft richtiger geführt würden und dass er bisher mit aller seiner eingebildeten Weisheit unrichtig geurteilt und töricht gehandelt habe Nun konnte er den Gedanken nicht ertragen sich vor Philipp zu zeigen denn er empfand allzu sehr dass dieser ohne Theorie und ohne Prätension so vernünftig als konsequent gehandelt hatte und glücklich geworden war Es kostete seiner Eitelkeit allzuviel den Vergleich Philipps mit sich selbst zu ertragen Er ward ganz missmutig und verlor beinahe alle Energie Er sah sich als einen verlassenen Menschen an denn wenn alle seine Gelehrsamkeit ihn nicht einmal zu einem Dorfschulmeister tüchtig machen konnte so glaubte er nun zu gar weiter nichts tüchtig zu sein und wollte verzweifeln
Aber auch hier sorgte das edle Paar für ihn das ihn so gastfrei aufgenommen hatte Der Pastor sagte ihm ganz offenherzig er müsse nicht bloß Grillen fangen sondern irgendetwas unternehmen Man hätte ihm gern geraten in einem benachbarten Städtchen die medizinische Praxis anzufangen Dazu war aber sein ganzer Anzug nicht eingerichtet denn seine Kleidung war abgetragen und geflickt und er litt an mehreren Dingen Mangel die man nötig hat um anständig erscheinen zu können Man musste also sein Augenmerk auf einen niedrigem Stand richten Die Frau des Predigers hatte eine gute Freundin mit welcher sie zu Solingen in der Näheschule gewesen war die nachher katholisch geworden und einen Ratsherrn der freien Reichsstadt Köln einen reichen Mann geheiratet hatte Sie schrieb an dieselbe um sie zu bitten unsern dicken Mann zu irgendeinem Ämtchen zu empfehlen Aber da war die Religion im Wege In der uralten christkatolischen heiligen Stadt Köln sollten eigentlich keine Reformierten oder Luteraner Luft schöpfen und die wenigen denen man es leider nicht wehren kann werden sogar dadurch an die bösen Folgen ihrer Ketzerei erinnert dass sie von jedem Fasse Wein einen Konventionstaler mehr zollen müssen als die Kinder der alleinseligmachenden Kirche Der dortige Pöbel hält auch steif darauf dass kein protestantisches Betaus eingerichtet werde sondern stürmt es sogleich und reißt es ein Aber alle Bemühungen der eifrigen P P Jesuiten und Kapuziner haben doch nicht hindern können dass nicht in den Gemütern einzelner kölnischer katholischer Christen der ziemlich nach Ketzerei riechende Gedanke aufzusteigen anfängt es könne wohl ein Protestant zu mancherlei weltlichen Geschäften brauchbar ja zuweilen sogar noch brauchbarer sein als ein rechtgläubiger Katholik
Nun war eben im Hause des kölnischen Ratsherrn ein kleines Ämtchen vakant Man brauchte einen Schreiber welcher bei Gelegenheit wenn das Haus sich in einigem Glänze zeigen sollte zugleich den Kammerdiener vorstellte Der Ratsherr glaubte diese Stelle ohne Gewissensbisse einem Protestanten anvertrauen zu können wozu freilich das Zureden seiner reformiert gewesenen Frau viel beitrug Anselm war nicht in den Umständen diese Versorgung so gering und niedrig sie auch war auszuschlagen Er dankte dem edlen Paare das ihn so gastfrei aufgenommen und für sein weiteres Fortkommen gesorgt hatte sowie auch dem redlichen Schulmeister setzte sich auf ein vorübergehendes Schiff und kam glücklich zu Köln am Rheine im Hause des Ratsherrn Hummer an
Siebenundzwanzigster Abschnitt
Schilderung eines zufriedenen Ehepaares und dessen Beschäftigung
Es ist ein sehr ungegründetes Vorurteil dass sich im Ehestande nur Gleich und Gleich zusammenschicke wodurch wohl manche Ehen unterbleiben mögen die glücklich sein würden Die Meinung derjenigen scheint daher vielen Vorzug zu verdienen welche behaupten der Ehestand gleiche einem Salate welcher nicht schmeckt wenn nicht Öl und Essig in gehörigem Masse dazugemischt sind Blosses Öl ist allzu fett oder allzu fade bloßer Essig allzu mager oder allzu sauer Ein Beweis dieser Meinung war der Ehestand des Ratsherrn Hummer Es wäre kaum möglich gewesen zwei am Geiste und am Körper ungleichartigere Personen zu finden als er und seine Frau waren und dennoch lebten sie in einem sehr vergnügten Ehestande Der Ratsherr Hummer war ein sehr fetter und etwas phlegmatischer Mann Ich sage nicht ohne Ursache ein fetter Mann denn um den Inhalt dieser wahren Geschichte nicht zu missverstehen ist es höchst nötig auf den sehr wesentlichen Unterschied zwischen einem fetten und einem dicken Manne zu merken Der ganze Körper des Ratsherrn war so beschaffen dass wenn du ihn ansahst von seinen Gebeinen seinen Knorpeln Sehnen und Adern gar nichts hervorragte sondern alles mit Fleisch und Fett überzogen war Um das Fleischige durch das Geistige das Unbekannte durch das Bekannte zu erläutern können wir diesen Körper mit nichts besser vergleichen als mit den Schriften des weltberühmten Herrn Superintendenten Ewald in Detmold Da ist alles was er nur schreibt seine Predigten seine Moral seine Naturkenntnis seine Ratschläge an den Adel seine Kantische Philosophie und seine himmlische Liebesgöttin so fett mit einem Gallerte von Worten und Gemeinsprüchen überzogen dass Ihr meinen möchtet es sei kein Körnchen Verstand darin und doch ist er vorhanden macht aber freilich an diesen Schriften ungefähr einen so geringen Teil aus als die Knochen und Sehnen am Körper des Ratsherrn Hummer
Dieser Ratsherr stand dem gemeinen Wesen treulich vor nicht minder aber seinem eigenen besonderen Wesen Er pflegte sich deckte sich wärmte sich und besonders nährte er sich aufs beste welches alles auf seine Feistigkeit und auf seine runden Wangen den gesegnetesten Einfluss hatte
Seine Frau die Frau Ratsherrin Hummer war in allem das Gegenteil von ihrem Manne Sie war etwas mager etwas blass zuweilen kränklich aß wenig bekümmerte sich gar nicht um das gemeine Wesen vielleicht gar nicht einmal um ihr Hauswesen wozu sie Hausjungfern und Ausgeberinnen genug hatte
Gleichwohl lebte dieses sich äußerlich so ungleiche Paar in der vergnügtesten Ehe Dies ward bloß dadurch bewirkt dass keiner von beiden Eheleuten dem andern in seiner Meinung hinderlich fiel sondern dass jeder wechselseitig des andern Meinung mit der seinigen in Übereinstimmung zu bringen trachtete welches wohl das Universalmittel sein mag Ehen glücklich zu machen Frau Hummer pflegte nur bloß ihren Geist so wie ihr Eheherr nur bloß seinen Körper Zwar war ihr Geist nicht so schwammicht und feist wie ihres Eheherrn Leichnam und brauchte daher leichtere Nahrung Diese erhielt er durch den Umgang mit gelehrten Leuten und witzigen Köpfen denn Frau Hummer war für Köln was ehemals Madame Necker für Paris Auch wählte sie diese Dame zu ihrer Heldin sie ahmte derselben berühmte Freitagsversammlungen nach und hielt in Köln am Rhein so wie Madame Necker in Paris ein vollständiges Büreau dEsprit
Wider diese gelehrten Versammlungen welche wöchentlich ein paarmal gehalten wurden hatte der Ratsherr Hummer schon deswegen nichts einzuwenden weil sie dem Willen seiner lieben Ehehälfte gemäß waren welchem er sich immer recht gern fügte Aber sie waren auch ihm selbst ungemein heilsam Nicht der Gelehrsamkeit wegen Ratsherr Hummer glich dem Trimalchio des Petron zwar gar nicht an Lebhaftigkeit oder an plattem Witze denn er machte auf keine Art von Witz Anspruch Aber darin war er dem Trimalchio zu vergleichen dass er zwar nicht so wie jener drei Millionen aber doch gute dreimalhunderttausend Gulden besaß ob er gleich wie jener nie einen Philosophen gehört hatte Das Büreau dEsprit seiner Kölnischen Madame Necker leistete ihm ganz anderen Nutzen Wenn er vormittags auf dem Ratause im Dienste des gemeinen Wesens sich allzu sehr ermüdet und mittags bei Tische sich allzu viel erquickt hatte so verschaften ihm diese Nachmittagsversammlungen die erwünschteste Gelegenheit zum Schlafen Er erwachte gewöhnlich nicht eher als bis das Abendessen angesagt ward oder wenn einmal welches sehr selten geschah die Disputationen der Gelehrten auf einige Minuten aufhörten
Man möchte sich vielleicht wundern wie in der heiligen Stadt Köln welche das Haupt der heiligen Ursula die Leiber der heil drei Könige die Reliquien von den elftausend Jungfrauen und wenigstens elfhundert Mönche enthält und wo sogar die Leichname der sieben heiligen Makkabäer verehret werden ob sie gleich nur Juden sind jemand darauf habe denken können ein Büreau dEsprit zu erachten Wir haben aber schon erinnert dass Frau Hummer ihre erste Erziehung nicht in Köln sondern auf einer Kostschule in Solingen erhalten hatte Nachher war sie zu einer Verwandtin nach Mannheim gekommen Daselbst hatte sie die lautere Milch der dortigen Deutschen Gesellschaft einsaugen können war auch dort in den Schoss der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen und dadurch würdig gemacht die Gemahlin eines reichen Ratsherrn zu Köln am Rhein zu werden Es könnte möglich sein dass die vornehmste Zierde besagter Deutschen Gesellschaft der unberühmte Herr von Klein – ein Mann der Preise austeilen obgleich nicht selbst verdienen kann – an der Erziehung und Bekehrung der Frau Hummer selbst Anteil gehabt hätte da er zu einem Orden gehört dem Erziehen und Bekehren gleich stark am Herzen liegt und der sogar oft durch Erziehen zu bekehren sucht Jedoch wollen wir über diese wichtige Frage nichts entscheiden
In dem Hause dieses so ungleichen und doch so glücklichen Ehepaares kam Anselm abermal in eine ganz andere Welt Er ward dem Stande noch geringerer Hausbedienten einverleibt als diejenigen waren mit denen es ihm noch vor Jahresfrist so schwer anging auf dem Gute des Ministers nur wenige Mittage zu essen Er empfand seine Erniedrigung tief aber er fühlte auch nur allzuwohl dass er sich durch eigenen Leichtsinn in diese Erniedrigung gebracht habe Selbsterkenntnis und Reue fingen bei ihm nunmehr an sich zu zeigen Reue kommt bei unbedachtsamen Leuten gemeiniglich zu spät sie ist aber auch gewöhnlicher als Selbsterkenntnis welche nie zu spät kommt
Sonst befand sich unser dicker Mann in diesem Hause besser als er selbst anfänglich erwartet hatte Er ward sogleich reinlich und sogar etwas elegant gekleidet und mit guter Wäsche versehen Die Frau Hummer nahm hierin auf das Empfehlungsschreiben ihrer Freundin Rücksicht aber eben so sehr auf ihre eigene kleine Eitelkeit denn sie tat sich etwas darauf zu gute dass ein so wohl gebildetes rundes Kerlchen in ihrem Vorzimmer stand Ihr lieber Mann war wie schon bemerkt worden mehr als rund auch war seine Küche so eingerichtet dass seine Leute nicht wohl mager bleiben konnten Als daher unser dicker Mann vierzehn Tage lang sich gut genährt und dabei den Kummer über seine letzte fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich vergessen hatte kam das Rot seiner Wangen wieder und sein Gesicht machte seinen neuen schönen Kleidern Ehre Wir müssen auch zur Steuer der Wahrheit gestehen dass seiner kummervollen Gedanken weniger wurden sowie er anfing das Wohlleben dieses Hauses recht zu schmecken Immer gewohnt den nächsten Eindrücken zu folgen sagte er sich selbst nicht mehr so oft wie anfänglich dass er von Jugend auf als ein Tor gehandelt habe ja er glaubte zuweilen sogar seine Klugheit werde ihn bald wieder aus seiner jetzigen niedrigen Lage emporheben
Achtundzwanzigster Abschnitt
Beschreibung der gelehrten Zusammenkünfte bei der Frau Hummer und der vornehmsten Mitglieder derselben
Der BelEsprit überhaupt besonders aber die Errichtung eines förmlichen Büreau dEsprit dient einem Frauenzimmer wie Frau Hummer eben dazu wozu andern es dient Rot aufzulegen es macht ein hübsches Ansehen Sollte jemand es unwahrscheinlich finden dass in der Reichsstadt Köln am Rhein ein solches gelehrtes Schwitzbad hätte zustande kommen können so ist dies sehr vorschnell geurteilt Hat nicht jede kleine Stadt ihren Stadtpoeten und ihren eigenen witzigen Kopf haben nicht sogar die Mönche ihren ihnen eigentümlichen Mönchswitz Warum sollte denn die große Reichsstadt Köln am Rhein bloß weil sie die heilige heißt und krumme und traurige Straßen hat nicht auch ihre Anzahl schöner Geister besitzen Überdem ists mit gelehrten Leuten überhaupt besonders aber mit den schönen Geistern wie mit dem Pfeffer Ist der Pfeffer frisch und von vorzüglicher Güte so würzet er stark aber selbst der schlechtere würzet doch mehr als Kohlblätter und Mohnhäupter Sollte nun auch etwa das Büreau dEsprit bei der Frau Hummer nicht so vorzüglich gewesen sein als die in Wien in Berlin in Weimar in Leipzig oder in Hamburg sein mögen so enthielt es doch die Quintessenz und die Blume des Witzes und der Gelehrsamkeit der Reichsstadt Köln am Rhein Wer mag dawider etwas einwenden Gilt etwa der Ton der Gelehrten des ehemaligen und des jetzigen Paris in London Warum sollte denn notwendig der Ton der Gelehrten in Weimar oder in Hamburg auch in Köln am Rhein gelten müssen Köln ist groß genug und der Rhein ist wohl die Elbe und die Ilm wert Also darf auch Köln seinen eigenen gelehrten Ton haben und dieser Ton ward damals von Frau Hummer und ihrer gelehrten Gesellschaft angegeben
Die Mysterien der Alten waren in große und kleine eingeteilt So versammelte auch Madame Necker vordem in Paris sonntags ihre große Gesellschaft und freitags ihren engeren Zirkel der Auserwählten bei sich und Frau Hummer die treue Nachahmerin derselben hatte daher gleichfalls ihre großen und kleinen Versammlungen an den benannten Tagen Zu den ersten ward eingeladen alles was in Köln glänzend und vornehm war und das Schöne und Feine liebte Diese Herren genossen dann die ausgesuchten und höheren gelehrten Einsichten der Auserwählten Diese letztern hingegen genossen in den kleinem Zusammenkünften sich selbst und ihre eigenen Talente welche da um den Vorzug stritten und zuweilen etwas laut Sie bestanden aus zehn oder elf Personen welche für Köln und für Frau Hummer das waren was Dorat dAlembert Helvetius Bernard Barte Thomas und Süard für Paris und für Madame Necker oder Madame Geoffrin
Es wird der Mühe wert sein diese Männer näher kennen zu lernen Unter ihnen muss zuerst genannt werden der Abbé Xaver Aloys Spitzhaupt Exjesuit ein langer und hagerer Mann mit feiner Nase und hochrundem Scheitel sehr solenn und bedächtig im Anstande dabei immer sanft und liebreich in Worten ein Mann der nichts ohne Absicht tat und seine Absichten auszuführen wusste durch die Beförderung des Guten und Schönen das er immer im Munde führte Er besaß einige Kenntnisse denn er war Professor der Philosophie gewesen und galt unter den ehemaligen Jesuiten für einen Poeten welches nichts Kleines ist da die Jesuiten es darauf anlegten für die ganze katholische Welt sowohl die Poeten als die Astronomen aus ihrem Orden zu stellen Besonders hatte er sich der deutschen Sprache beflissen und war sehr bemüht das echtkatolische Deutsch zu verfeinern und es von dem neuen sächsischen Deutsch zu säubern welches durch Martin Luthers Ketzerei nebst so vielem andern Übel über Deutschland gebracht worden und wodurch sogar sein Ordensbruder P Michael Sailer zu Dillingen verführt ward sich vermittels des häufigen Lesens von Lavaters Schriften seine echtkatolische Schreibart zu verderben Wirklich würde Abbé Spitzhaupt die deutsche Sprache im katholischen Deutschlande auf einen ganz neuen Fuß gesetzt haben wenn man ihm nur hätte folgen wollen indes war er wenigstens der Sprachlehrer des reinen katholischen Ausdrucks in der Gesellschaft der Frau Hummer dabei ging er darauf aus nach der gewöhnlichen Politik seines Ordens auf die Schulen Einfluss zu haben und nicht ohne Erfolg denn viele junge Kölner denken seitdem in der Rhetorik viel feiner schreiben das verbesserte katholische Deutsch des Abbé Spitzhaupt und halten ihn wie jeden Jesuiten für einen großen Mann
Dieser Abbé kannte die Menschen und wusste sich ihrer zu bemächtigen ließ auch nicht leicht irgendetwas geschehen was er abreichen konnte worin er nicht die Hand gehabt hätte So hatte er sich auch der Frau Hummer bemächtigt welche seine Weisheit bewunderte ihn aufs äußerste verehrte und fast nichts ohne ihn tat Er war ihr Gewissensrat und ordnete auch ihre weltlichen Angelegenheiten ziemlich nach seinem Gefallen an einige Herzensangelegenheiten ausgenommen welche sich Dame Hummer selbst vorbehielt Er musste herrschen doch mit Sanftmut in allen Gesellschaften wo er war und über alle Leute mit denen er umging konnte er nicht herrschen und seinen Willen ausführen so bekam er Kopfweh und Magenkrampf und beklagte sich dann in ganz sanftem Tone dass es so viele hämische Leute gäbe die ihn verfolgten und ihm das Leben so sauer machten dass er sich noch werde den Menschen ganz entziehen müssen Bei allem diesem Missmute mit dem menschlichen Leben hatte er sich ein paar gute Pfründen zu verschaffen gewusst die er ohne viel Aufsehn zu machen zu genießen verstand Er sammelte eine Schar von Leuten um sich die ganz in ihm lebten und zwischen denen er stand beinahe wie der Messias unter seinen Jüngern und von denen er ebenso verehrt werden wollte Durch Hilfe derselben wusste er seine Pläne anzuspinnen und durchzusetzen sich Einfluss zu verschaffen und seinen Beutel zu füllen wozu er auch ziemliche Neigung hatte Einige von diesen Jüngern erwarb er sich weil er sich immer das Ansehen gab er könne jedermann befördern auch war er in der Tat, weil er sich sehr zu Großen und Mächtigen in aller philosophischen Demut zudrängte wirklich zuweilen im Stande jemandem den er brauchte wieder Dienste zu leisten Andere hingen an ihm bloß aus Gutherzigkeit und aus Achtung für seine Talente und Verdienste so wie sie nun waren welche er im vorzüglichsten Lichte zu zeigen und geltend zu machen noch besser verstand als irgendein anderer seines Ordens
Unter seinen Anhängern der letztern Art waren sehr vorzüglich zwei welche er auch um sie zu belohnen in die Gesellschaft der Frau Hummer einführte Der eine ein Kanonikus Ofen Besitzer einer mittelmäßigen Pfründe ein gutmütiger geschickter und tätiger Mann der den Abbé Spitzhaupt anbetete nichts schrieb oder tat was dieser nicht haben wollte und sich allenfalls gefallen ließ dass manche seiner guten Ideen für Eigentum des Abbé Spitzhaupt hingingen daher ihn dieser sehr brauchen konnte und auch beständig brauchte Kanonikus Ofen war ein mageres schmächtiges blasses Männchen immer bescheiden und fleißig und lebte nicht für sich sondern für seinen Meister Abbé Spitzhaupt der bei ihm nie Unrecht haben konnte
Der andere Anhänger des Abbé Herr Wismut war ein Laie ein Mann mittlerer Größe dessen Gesicht nebst seinem sanften Auge den Biedermann verriet Er war Sekretär eines Prälaten gewesen hatte aber diese Stelle verlassen weil er zwar gute aber nicht ganz geistliche Gesinnungen hegte und war daher bei dem geistlichen Offizialate eben nicht zum Besten angeschrieben Ein heller Kopf offenherzig und bieder Die gute Seite des Abbé Spitzhaupt hatte ihn angezogen auch war er ihm Dank schuldig denn dieser um sich eines Mannes zu versichern der ihm nützlich werden konnte hatte ihm die Stelle eines Rechnungsführers bei der Komturei des Deutschen Ordens zur heiligen Katarina in Köln verschafft Aber Wismut hatte bei viel Müdigkeit der Sitten auch einiges Talent zur Satire Er konnte Gleisnerei und Doppelzüngigkeit nicht wohl vertragen lernte nach und nach den eigensüchtigen Charakter seines Gönners kennen und obgleich seine Dankbarkeit unveränderlich blieb so sah er doch das Seltsame eines so zweideutigen Charakters zu deutlich um ihn nicht zum Gegenstande einiger satirischer Züge zu nehmen Er hatte kürzlich in der Gesellschaft der Frau Hummer eine Probe seiner Lobschrift auf den heiligen Engelbert ehemaligen Erzbischof und jetzigen Patron der Stadt Köln vorgelesen Dieser ist neben dem heil Karl Borromäus unter den vielen hundert Heiligen welche den katholischen Kalender rot machen einer von den wenigen welche auch die Vernunft hätte kanonisieren können Engelbert war ein Biedermann der für das Wohl seiner Untergebenen uneigennützig sorgte der die Armen gegen die Mächtigen beschützte und von den Guten allgemein geliebt ward Wismut hatte im Gegensatz dieses edlen uneigennützigen Heiligen einen Mann voll egoistischer Prätension geschildert worin viele der Zuhörer Züge vom Abbé Spitzhaupt zu erkennen glaubten Aber o Wunder Abbé Spitzhaupt meinte sich in der gefühlvollen Schilderung die von der Denkungsart des heil Engelbert gemacht war zu erkennen bezeugte sein Wohlgefallen und nahm gütigst die Lobrede auf diesen für eine feine ihm von seinem Klienten gewidmete Schmeichelei auf
Nächst dem Abbé Spitzhaupt war ein wichtiger Mann in dieser Gesellschaft der Herr von Trutahn gewesener Kammerjunker eines apanagierten Prinzen im Reiche und jetzt der gefällige Freund von einem Paar Domherren des gräflichen Domkapitels zur heil Ursula Er war untersetzt pausbäckig und ernstaft ein lange gedienter und im Dienste abgenutzter Hofmann stolz auf einige brokatene Westen mit langen Schössen auf eine ziegenhaarne Beutelperücke und auf seine abgeschiedene Hofcharge Er war ein großer Bewunderer Friedrichs des Großen wahrlich um so viel unparteiischer da dieser eben nie ein Bewunderer der Kammerjunker gewesen ist Er versicherte sich einige Zeit in Berlin aufgehalten und vielen Umgang mit dem Könige gepflogen zu haben Um dieses wahrscheinlich zu machen hatte er sich gewöhnt einige von ihm auswendig gelernte Einfälle und Gemeinplätze dadurch einzuleiten dass er mit einem le Roi ma dit versicherte sie von Friedrich dem Großen selbst gehört zu haben Dagegen war er auch so billig verschiedene französische Madrigale und Epitres die man ihm auf seinen Reisen als ungedruckte Werke Friedrichs des Großen aufgeheftet hatte gelegentlich sowohl bei seinen Patronen den Domherren als in der Gesellschaft der Frau Hummer keck als seine Arbeit vorzulesen Er war im Hause der Frau Hummer das Muster des feinen Geschmacks sprach nichts als französisch mit einem etwas sauerländischen Akzente und machte zugleich in dieser Gesellschaft den Incredule da er vermöge einer allgemeinen Dispensation an Festtagen Fleisch aß Doch war er deswegen nicht weniger ein guter katholischer Christ denn wenn seinen Patronen den Domherren von ihren Beichtvätern Rosenkränze abzubeten oder Wallfahrten nach Kanfelar zum wundertätigen Bilde der Mutter Gottes oder nach Milahten zu den Reliquien des heil Johannes des guten Patrons der bösen Freimaurer als Bussen aufgegeben wurden so übernahm er gegen eine geringe Gebühr diese geistlichen Übungen mit so großem Eifer der Intention dass dem Heile seiner eignen Seele dabei noch etwas zu Gute kam
Der Pater Alexius Plunder vom dritten Orden des heil Franz breitschultrig ziegelrot im Gesichte und schwarz von Haaren daher sich die geschorne Krone auf seinem Haupte sehr deutlich ausnahm Er war ein schöner Geist und in Absicht auf das katholische Deutsch ein Schüler vom Abbé Spitzhaupt Er arbeitete an einer Geschichte der Wunder der Leiber der heil drei Könige welche in einer Kapelle hinter dem hohen Altare der Domkirche zu Köln in silbernen Särgen verwahrt liegen reichlich mit Diamanten und Perlen eingefasst Diese Geschichte war in guter katholischer Prosa geschrieben Er pflegte davon der Gesellschaft bei der Frau Hummer einige Proben vorzulesen mit großem Beifall aller Anwesenden ausgenommen der Frau Hummer die von toten Leibern obgleich heilig keine Liebhaberin war und des Kammerjunkers der wegen seines Aufenthalts in Berlin für einen Incredule galt In der Philosophie war P Plunder ein Anhänger des subtilen Doktor Duns des Schotten und hatte mehr als einmal quaestiones logicales in seinem Kloster verteidigt
Der Pater Seraphin Kranich Kapuzinerordens kurz stämmig rötlich von Haaren und rund von Wangen mit kurzer Stirn und breiter Nase hatte in Frankreich von zwei Klöstern aus gebettelt daher kam seine Kenntnis der französischen Literatur Er war ein gewaltiger Anhänger des physiokratischen Systems und arbeitete an einem Werke worin er dasselbe auf die Einkünfte der Reichsstadt Köln anzuwenden trachtete und besonders gegen derselben unphysiokratisches Stapelrecht eiferte Die Kapuziner müssen eine natürliche Anlage haben das Finanzwesen zu simplifizieren denn man weiß welche sublimen Ideen darüber P Chabot dieses Ordens dem Pariser Nationalkonvente vorgelegt hat
Der Pater Innozentius Posauner Dominikanerordens sechs Fuß vier Zoll hoch und drittehalb Fuß in der Runde knochenreich und wohlbeleibt Er war Magister Noster der derbkatholischen Universität Löwen und nun im Erzstifte Köln berühmt wegen seiner großen Kenntnis der Philosophie des heil Thomas von Aquin des Engels der Schulen wovon er manche Proben in der Gesellschaft blicken ließ Dieser gelehrte Mann war unbeschadet seiner Gelehrsamkeit Meister in der feinen Klostergalanterie und hatte eine sonderliche Zuneigung zur Frau Hummer gefasst daher er sie nicht allein in der gelehrten Gesellschaft sondern auch außer derselben sehr oft besuchte Ja wäre nicht Abbé Spitzhaupt schon ihr Gewissensrat gewesen der sich nicht vertreiben ließ so würde P Innozentius bald noch viel mehr in ihre Gunst gekommen sein denn sie fand sich sehr geschmeichelt dass ein so grundgelehrter Mann sie seiner Zuneigung würdigte
Er hatte einen gefährlichen Nebenbuhler an dem Herrn Doktor Bonifazius Treter Beisitzer des hohen Gerichts am Dome einem schönen Manne kaum sechsunddreissig Jahre alt wohlgewachsen und redselig der mit einem Domherrn nach Paris und Rom gereist war und also vollkommene Weltkenntnis und feine Sitten besaß Auch er wartete der Frau Hummer fleißig auf und um den Pater Innozentius in ihrer Achtung herabzusetzen disputierte er oft in der Gesellschaft mit ihm aus dem kanonischen Rechte worin er ein Meister war P Innozentius aber nur mittelmässiger Kenner auch brachte er ihn oft mit dem P Alexius über die Lehre von der unbefleckten Empfängnis zusammen welche der Dominikaner vermöge seines Ordens nicht zugeben durfte und sich doch auch in Acht nehmen musste bei dem Abbé Spitzhaupt als Gewissensrate der Frau Hummer durch allzustarke Gründe wider diese den Jesuiten so nützliche Lehre sich nicht in Ungunst zu setzen
Hierin stand ihm der P Hilarion a S Aquilino ein unbeschuhter Karmeliter treulich bei Dieser Mönch war kugelrund und glatt wie einem Karmeliter gehört ausbündig unwissend dagegen aber auch ein großer Schwätzer Er hatte immer einen lustigen Einfall im Munde den er um so viel eindringender zu machen wusste da er beständig zuerst darüber lachte Er war ein gefährlicher Gegner des P Innozentius wegen einer Streitigkeit die das Dominikanerkloster mit dem Karmeliterkloster hatte daher er ihn beständig aufzuziehen suchte Dieser Pater genoss des besonderen Beifalls des Ratsherrn Hummer denn er war der einzige aus der gelehrten Gesellschaft welchen dieser eigentlich wegen seines allzeit fertigen Mönchswitzes für sich brauchen konnte
Noch gehörten zwei Jünglinge zu den Auserwählten des Bureau dEsprit der Kölnischen Madame Necker beide Dichter aber von sehr ungleichem Charakter Der eine Herr Johannes a Deo Selten ein blassbäckiges hohläugiges Gesichtchen sehr zärtlich und empfindsam war ein verzärteltes Muttersöhnchen Er war schwach wie ein Schatten und seine Verse handelten von den vielen Leiden die er von seiner Jugend an glaubte ausgestanden zu haben und immer noch ausstand worüber er beständig zärtliche Elegieen vorlas welche bei der Frau Hummer die selbst etwas schwächlich und zärtlich war guten Eingang fanden Der andere Herr Eulogius Wildner ein rüstiger Bursch sah auch blass und eben nicht helläugig aus denn er hatte geschwind gelebt hatte bei seines Vaters Zeiten schon sehr viel Schulden gemacht und nach dessen Tode sein Vermögen bald aufgezehrt Er half sich nun durch so gut er konnte mit guten Freunden und wenn er keine Gesellschaft fand die ihn bewirten wollte machte er verliebte Gedichte Davon richtete er nicht wenig an die Frau Hummer aus keiner unerlaubten Absicht denn er tat ihr bloß die Ehre ihr zuweilen Geld abzuleihen
Neunundzwanzigster Abschnitt
Wie eine von den gelehrten Zusammenkünften bei der Frau Hummer ihrem Eheherrn übel und zuletzt wohl bekam
An einem Freitage welcher Tag zur Nachahmung der Madame Necker Fussnote auch den gelehrten Versammlungen der Auserwählten gewidmet war hatten die eben geschilderten Personen das gelehrte Kampfspiel mit vollkommenstem wechselseitigen Beifall geübt Scholastische Philosophie und katholische Poesie über die Wunder der Heiligen hatten mit schmachtenden Elegieen abgewechselt im feinsten Tone der Seminaristengalanterie Ratsherr Hummer hatte an diesem von der Kirche vorordneten Fasttage mittags schon das selige Geschäft des Fastens an Nudeln frikassierten Fröschen und leckern Eierspeisen mit wahrer Auferbauung getrieben Er verfiel wie gewöhnlich während der gelehrten Unterhaltungen in einen sanften Schlaf und so laut auch die Disputationen des P Alexius und die lustigen Einfälle des P Hilarion wurden so wachte er doch nicht auf bis alles geendigt war und man ihn abermals zu Tische rief Die Tafel war reichlich besetzt denn Frau Hummer belohnte die Gefälligkeit ihres Mannes der ihre gelehrten Zusammenkünfte mit seiner Gegenwart beehrte und ihnen dadurch ein Ansehen gab immer mit einer erspriesslichen Abendmahlzeit wogegen auch die sämtlichen gelehrten Mitglieder des Büreau dEsprit selbst der leidende Jüngling nichts einzuwenden hatten Die Augen des Ratsherrn Hummer glühten indem er sich zu Tische setzte als er die großen Anstalten zum vollständigen Fasten erblickte Denn er war ein frommer Sohn der Kirche und aus Gehorsam gegen ihre Gebote unterließ er nie mit köstlichen Fischen und mit mancherlei Mehlspeisen aus Italien und Bayern reichlich mit Parmesankäse eingefuttert freitags und sonnabends seinen Leichnam zu kasteien Er genoss von allem was da war nicht mit Appetite – denn das wäre für einen Fasttag sündlich gewesen – sondern mit Resignation als ob ers nicht genösse Besonders zog eine seltene Fischotterpaste seine fromme Aufmerksamkeit auf sich so dass er einen großen Teil davon in sich stopfte Der alte Rheingauer Wein und der treffliche Bleichert ward nicht gespart und ein köstlicher Käse Stracchino genannt der eben erst nachmittags aus Italien angekommen war krönte diesen Fasttag so dass Ratsherr Hummer wohlgefastet zu Bette ging Aber bald nach Mitternacht befand sich der teure Mann sehr übel Alles ward im Hause geweckt Man eilte zum Arzte Dieser kam endlich mit verdrießlicher Miene denn auch er hatte als ein katholischer Christ an einer guten Tafel gefastet obgleich nicht so reichlich wie der Ratsherr und wollte eben einschlafen als er gerufen ward Der Kranke lag in großer Beängstigung konnte keine Luft holen das Gesicht war rot und aufgetrieben und der Puls worin so wie im Pulse des Arztes selbst der Geist des alten Weines wallte ging sehr schnell Der Doktor verordnete einen baldigen Aderlass sagte er werde morgen früh bei guter Zeit wiederkommen zu sehen wie sich der Kranke befinde worauf er sodann weiter das Nötige verordnen würde und damit ging er fort um seinen eigenen Fasttag auszuschnarchen
Zum Unglücke war der Hausbarbier zu dem man schickte über Land gerufen worden Alle anderen Wundärzte wohnten sehr entfernt Den Augenblick wo man ratschlagte wohin zu senden sei nutzte Anselm der den Ratsherrn mit Verwunderung hatte fasten sehen auch seinen Rat zu geben Indem er zugleich das Geheimnis verriet dass er ein promovierter Doktor sei sagte er seine Meinung wenn man jetzt dem Kranken aderliesse da er eine so gewaltige Indigestion habe werde ein schleuniger Tod erfolgen Er riet dagegen sogleich ein Brechmittel zu geben und noch eine andere Arznei welche Doktor Kämpf berühmt machte und durch welche Doktor Kämpf selbst berühmt ward Frau Hummer war in der größten Angst Zu Anselms medizinischer Erfahrung konnte sie eigentlich kein Vertrauen haben aber die Aderlasser waren weit entfernt der Apotheker hingegen wohnte dicht an im nächsten Hause und der Kranke wollte alle Augenblicke ersticken Sie wählte also die Arzneien weil sie geschwind konnten geliefert werden – und mit dem besten Erfolge denn der Kranke ward merklich ruhiger und fiel bald in einen gesunden Schlaf der an vier Stunden dauerte Da fand er sich nun so sehr erleichtert dass er noch mehr Arzneien von seinem Kammerdiener verlangte und Anselm verschrieb beherzt noch ein Wiener Tränkchen
Um zehn Uhr vormittags erschien der Arzt nachdem er die Folgen seines gestrigen Fastens ausgeschlafen hatte Er fand den Kranken in einem Lehnstuhle sitzen und äußerlich ganz wohl Sogleich rief er triumphierend da könne man die herrliche Wirkung des schleunigen Aderlassens sehen Aber er ward nicht wenig entrüstet als er vernahm dass nicht die Ader gelassen sondern Arzneien genommen worden die er nicht verordnet hatte Sein Zorn ward noch mehr entflammt durch den Barbier welcher bei seiner Zurückkunft vernommen hatte dass in der Nacht nach ihm war geschickt worden Er kam daher jetzt voll Blutbegier musste aber leider vernehmen dass dieselbe durch seine Lanzette nicht sollte befriedigt werden
Beide gingen voll Unmut weg Der Doktor ließ sich in der Apotheke sogleich die von Anselm verschriebnen Rezepte geben als ein Korpus delicti welches bewies dass ein Schreiber die edle Medizin hätte praktizieren wollen und auf diesen Grund stellte er gegen unsern armen dicken Mann eine Kriminalklage an Der Advokat führte sehr gelehrt aus welche große Gefahr Se Wohlweisheiten bei dem unverständigen Rate dieses unwissenden Schreibers gelaufen wäre wenn nicht zum großen Glücke der ganzen Stadt dessen vortreffliche Natur über die Wirkungen der Pferdearzneien des Pfuschers gesiegt hätte Es sei aber setzte er hinzu noch nicht alle Gefahr vorüber indem sich als eine Folge jenes unvernünftigen Brechmittels ein Schleimhusten und öftere Beklemmung zeige welche schon jetzt in ein habituelles Astma und darauf in Brustwassersucht würden ausgeartet sein und die gute Vaterstadt eines so ansehnlichen Ratsherrn beraubt haben würden wenn nicht der Doktor sein Klient sogleich die wirksamsten Mittel entgegengesetzt hätte
Die Beisitzer des Gerichts welche auch Liebhaber von reichlichem Fasten waren erschraken über Anselms Verwegenheit und drohten schon im voraus die schärfsten Strafen Umsonst berief er sich darauf dass er auch Doktor sei Er konnte sein Diplom nicht vorzeigen denn er hatte es in Elberfeld bei seinem Freunde Philipp zurückgelassen nebst andern Sachen die er in der philosophischen Ruhe auf dem Gute seines Freundes Reiteim nicht zu gebrauchen dachte Der Ratsherr befand sich nach der von Anselm verordneten Arznei zwar wirklich besser aber sein Doktor sagte ihm so oft er befinde sich übel und drohte ihm mit so vielen griechischen Namen von Krankheiten dass sowohl er als seine Frau an ihrem Kammerdiener irre wurden Die Sache machte in der Stadt viel Redens und der Pöbel fing schon an auf die Verwegenheit eines ketzerischen Schreibers seine Aufmerksamkeit zu richten welcher durch eine ohne Vorwissen der Fakultät verordnete Arznei die Stadt um einen so gut katholischen Ratsherrn hätte bringen wollen Anselm war also von jedermann verlassen und ging bereits mit sich zu Rate ob er zur Vermeidung der unangenehmen Folgen die unausbleiblich auf ihn warteten nicht lieber heimlich von Köln weggehen wolle
Unter diesen Umständen die ihn äußerst betrübt und verlegen machten trat ein wohlgekleideter Komtorbedienter ins Haus sich nach ihm zu erkundigen ob er aus Vaals gebürtig sei nebst andern Fragen Er ersuchte ihn darauf in die Sankt Severingasse in ein bezeichnetes Haus zu kommen wo ihn jemand sprechen wolle
Anselm ging hin Er war nicht wenig bestürzt hier die Gespielin seiner Jugend Frau Sophie zu finden gegen die er so undankbar gewesen war die ihn jetzt aber als ihren nächsten Verwandten herzlich umarmte Ihr Mann hatte schon in Limnich an der Roer nachdem sein Kapital angewachsen war einen ansehnlichen Spekulationshandel mit Getreide angefangen Derselbe war so einträglich geworden dass er sich demselben ganz widmen wollte und daher seit einem Jahre nach Köln als dem Stapelplatze gezogen war Jetzt eben war er nach Holland gereist wegen einer dahin gesandten Ladung Getreide und Wein und um wegen seines in Köln angefangenen Speditionshandels der täglich beträchtlicher wurde mit seinen Korrespondenten Abrede zu nehmen
Sophiens Mann war in der Stadt als ein angesehener Kaufmann bekannt Daher gab ihr Zeugnis dass Anselm ihr naher Verwandter und wirklicher Doktor sei der Sache gleich ein anderes Ansehen Sie veranlasste überdem ihren Vetter nach Elberfeld an Philipp zu schreiben dem er teils aus Leichtsinn teils aus Delikatesse teils aus falscher Scham nie von sich Nachricht gegeben hatte und sein Göttingisches Doktordiplom kommen zu lassen Es ward dem Gerichte vorgelegt und wirkte wie ein magischer Talisman Der klagende Arzt und Wundarzt verstummten und mussten bekennen dass der Ratsherr mit der Erlaubnis der Fakultät gesund geworden sei
Neunundzwanzigster Abschnitt
Wie eine von den gelehrten Zusammenkünften bei der Frau Hummer ihrem Eheherrn übel und zuletzt wohl bekam
An einem Freitage welcher Tag zur Nachahmung der Madame Necker Fussnote auch den gelehrten Versammlungen der Auserwählten gewidmet war hatten die eben geschilderten Personen das gelehrte Kampfspiel mit vollkommenstem wechselseitigen Beifall geübt Scholastische Philosophie und katholische Poesie über die Wunder der Heiligen hatten mit schmachtenden Elegieen abgewechselt im feinsten Tone der Seminaristengalanterie Ratsherr Hummer hatte an diesem von der Kirche vorordneten Fasttage mittags schon das selige Geschäft des Fastens an Nudeln frikassierten Fröschen und leckern Eierspeisen mit wahrer Auferbauung getrieben Er verfiel wie gewöhnlich während der gelehrten Unterhaltungen in einen sanften Schlaf und so laut auch die Disputationen des P Alexius und die lustigen Einfälle des P Hilarion wurden so wachte er doch nicht auf bis alles geendigt war und man ihn abermals zu Tische rief Die Tafel war reichlich besetzt denn Frau Hummer belohnte die Gefälligkeit ihres Mannes der ihre gelehrten Zusammenkünfte mit seiner Gegenwart beehrte und ihnen dadurch ein Ansehen gab immer mit einer erspriesslichen Abendmahlzeit wogegen auch die sämtlichen gelehrten Mitglieder des Büreau dEsprit selbst der leidende Jüngling nichts einzuwenden hatten Die Augen des Ratsherrn Hummer glühten indem er sich zu Tische setzte als er die großen Anstalten zum vollständigen Fasten erblickte Denn er war ein frommer Sohn der Kirche und aus Gehorsam gegen ihre Gebote unterließ er nie mit köstlichen Fischen und mit mancherlei Mehlspeisen aus Italien und Bayern reichlich mit Parmesankäse eingefuttert freitags und sonnabends seinen Leichnam zu kasteien Er genoss von allem was da war nicht mit Appetite – denn das wäre für einen Fasttag sündlich gewesen – sondern mit Resignation als ob ers nicht genösse Besonders zog eine seltene Fischotterpaste seine fromme Aufmerksamkeit auf sich so dass er einen großen Teil davon in sich stopfte Der alte Rheingauer Wein und der treffliche Bleichert ward nicht gespart und ein köstlicher Käse Stracchino genannt der eben erst nachmittags aus Italien angekommen war krönte diesen Fasttag so dass Ratsherr Hummer wohlgefastet zu Bette ging Aber bald nach Mitternacht befand sich der teure Mann sehr übel Alles ward im Hause geweckt Man eilte zum Arzte Dieser kam endlich mit verdrießlicher Miene denn auch er hatte als ein katholischer Christ an einer guten Tafel gefastet obgleich nicht so reichlich wie der Ratsherr und wollte eben einschlafen als er gerufen ward Der Kranke lag in großer Beängstigung konnte keine Luft holen das Gesicht war rot und aufgetrieben und der Puls worin so wie im Pulse des Arztes selbst der Geist des alten Weines wallte ging sehr schnell Der Doktor verordnete einen baldigen Aderlass sagte er werde morgen früh bei guter Zeit wiederkommen zu sehen wie sich der Kranke befinde worauf er sodann weiter das Nötige verordnen würde und damit ging er fort um seinen eigenen Fasttag auszuschnarchen
Zum Unglücke war der Hausbarbier zu dem man schickte über Land gerufen worden Alle anderen Wundärzte wohnten sehr entfernt Den Augenblick wo man ratschlagte wohin zu senden sei nutzte Anselm der den Ratsherrn mit Verwunderung hatte fasten sehen auch seinen Rat zu geben Indem er zugleich das Geheimnis verriet dass er ein promovierter Doktor sei sagte er seine Meinung wenn man jetzt dem Kranken aderliesse da er eine so gewaltige Indigestion habe werde ein schleuniger Tod erfolgen Er riet dagegen sogleich ein Brechmittel zu geben und noch eine andere Arznei welche Doktor Kämpf berühmt machte und durch welche Doktor Kämpf selbst berühmt ward Frau Hummer war in der größten Angst Zu Anselms medizinischer Erfahrung konnte sie eigentlich kein Vertrauen haben aber die Aderlasser waren weit entfernt der Apotheker hingegen wohnte dicht an im nächsten Hause und der Kranke wollte alle Augenblicke ersticken Sie wählte also die Arzneien weil sie geschwind konnten geliefert werden – und mit dem besten Erfolge denn der Kranke ward merklich ruhiger und fiel bald in einen gesunden Schlaf der an vier Stunden dauerte Da fand er sich nun so sehr erleichtert dass er noch mehr Arzneien von seinem Kammerdiener verlangte und Anselm verschrieb beherzt noch ein Wiener Tränkchen
Um zehn Uhr vormittags erschien der Arzt nachdem er die Folgen seines gestrigen Fastens ausgeschlafen hatte Er fand den Kranken in einem Lehnstuhle sitzen und äußerlich ganz wohl Sogleich rief er triumphierend da könne man die herrliche Wirkung des schleunigen Aderlassens sehen Aber er ward nicht wenig entrüstet als er vernahm dass nicht die Ader gelassen sondern Arzneien genommen worden die er nicht verordnet hatte Sein Zorn ward noch mehr entflammt durch den Barbier welcher bei seiner Zurückkunft vernommen hatte dass in der Nacht nach ihm war geschickt worden Er kam daher jetzt voll Blutbegier musste aber leider vernehmen dass dieselbe durch seine Lanzette nicht sollte befriedigt werden
Beide gingen voll Unmut weg Der Doktor ließ sich in der Apotheke sogleich die von Anselm verschriebnen Rezepte geben als ein Korpus delicti welches bewies dass ein Schreiber die edle Medizin hätte praktizieren wollen und auf diesen Grund stellte er gegen unsern armen dicken Mann eine Kriminalklage an Der Advokat führte sehr gelehrt aus welche große Gefahr Se Wohlweisheiten bei dem unverständigen Rate dieses unwissenden Schreibers gelaufen wäre wenn nicht zum großen Glücke der ganzen Stadt dessen vortreffliche Natur über die Wirkungen der Pferdearzneien des Pfuschers gesiegt hätte Es sei aber setzte er hinzu noch nicht alle Gefahr vorüber indem sich als eine Folge jenes unvernünftigen Brechmittels ein Schleimhusten und öftere Beklemmung zeige welche schon jetzt in ein habituelles Astma und darauf in Brustwassersucht würden ausgeartet sein und die gute Vaterstadt eines so ansehnlichen Ratsherrn beraubt haben würden wenn nicht der Doktor sein Klient sogleich die wirksamsten Mittel entgegengesetzt hätte
Die Beisitzer des Gerichts welche auch Liebhaber von reichlichem Fasten waren erschraken über Anselms Verwegenheit und drohten schon im voraus die schärfsten Strafen Umsonst berief er sich darauf dass er auch Doktor sei Er konnte sein Diplom nicht vorzeigen denn er hatte es in Elberfeld bei seinem Freunde Philipp zurückgelassen nebst andern Sachen die er in der philosophischen Ruhe auf dem Gute seines Freundes Reiteim nicht zu gebrauchen dachte Der Ratsherr befand sich nach der von Anselm verordneten Arznei zwar wirklich besser aber sein Doktor sagte ihm so oft er befinde sich übel und drohte ihm mit so vielen griechischen Namen von Krankheiten dass sowohl er als seine Frau an ihrem Kammerdiener irre wurden Die Sache machte in der Stadt viel Redens und der Pöbel fing schon an auf die Verwegenheit eines ketzerischen Schreibers seine Aufmerksamkeit zu richten welcher durch eine ohne Vorwissen der Fakultät verordnete Arznei die Stadt um einen so gut katholischen Ratsherrn hätte bringen wollen Anselm war also von jedermann verlassen und ging bereits mit sich zu Rate ob er zur Vermeidung der unangenehmen Folgen die unausbleiblich auf ihn warteten nicht lieber heimlich von Köln weggehen wolle
Unter diesen Umständen die ihn äußerst betrübt und verlegen machten trat ein wohlgekleideter Komtorbedienter ins Haus sich nach ihm zu erkundigen ob er aus Vaals gebürtig sei nebst andern Fragen Er ersuchte ihn darauf in die Sankt Severingasse in ein bezeichnetes Haus zu kommen wo ihn jemand sprechen wolle
Anselm ging hin Er war nicht wenig bestürzt hier die Gespielin seiner Jugend Frau Sophie zu finden gegen die er so undankbar gewesen war die ihn jetzt aber als ihren nächsten Verwandten herzlich umarmte Ihr Mann hatte schon in Limnich an der Roer nachdem sein Kapital angewachsen war einen ansehnlichen Spekulationshandel mit Getreide angefangen Derselbe war so einträglich geworden dass er sich demselben ganz widmen wollte und daher seit einem Jahre nach Köln als dem Stapelplatze gezogen war Jetzt eben war er nach Holland gereist wegen einer dahin gesandten Ladung Getreide und Wein und um wegen seines in Köln angefangenen Speditionshandels der täglich beträchtlicher wurde mit seinen Korrespondenten Abrede zu nehmen
Sophiens Mann war in der Stadt als ein angesehener Kaufmann bekannt Daher gab ihr Zeugnis dass Anselm ihr naher Verwandter und wirklicher Doktor sei der Sache gleich ein anderes Ansehen Sie veranlasste überdem ihren Vetter nach Elberfeld an Philipp zu schreiben dem er teils aus Leichtsinn teils aus Delikatesse teils aus falscher Scham nie von sich Nachricht gegeben hatte und sein Göttingisches Doktordiplom kommen zu lassen Es ward dem Gerichte vorgelegt und wirkte wie ein magischer Talisman Der klagende Arzt und Wundarzt verstummten und mussten bekennen dass der Ratsherr mit der Erlaubnis der Fakultät gesund geworden sei
Einunddreissigster Abschnitt
Freundvetterliche Aufnahme welche Anselm von Sophiens Ehegatten genießt
Diese unschuldigen frohen Stunden sowie der Harm den sie mit sich führten dauerten bis zur Ankunft des Mannes Frau Sophie hatte geglaubt sie müsse ihren nächsten Verwandten der sich in einem so verlassenen Zustande befand in ihr Haus aufnehmen Sie hatte ihrem Manne sogleich in einem Briefe Nachricht davon gegeben den er unbeantwortet ließ seine Rückreise beschleunigte und bei seiner Ankunft seinen Vetter mit mehr als Kaltsinn mit Unhöflichkeit empfing Dieser Kaufmann der in Limnich an der Roer anfänglich nur ein unbedeutender Krämer war hatte Sophien geheiratet weil Meister Anton der für einen reichen Mann gehalten ward Sophien sehr liebte und wohl einmal im Gespräche hatte fallen lassen er wolle sie in seinem Testamente wie sein eigenes Kind bedenken Der Kaufmann dachte die Wirkung des Testaments schon zu antizipieren denn er ersuchte ein paar Jahre nach seiner Verheiratung Meister Anton um Vorschuss eines Kapitals womit er die ersten glücklichen Spekulationen machte um seinen Handel ins Große zu treiben Er glaubte dies Kapital mit gutem Gewissen auf Abschlag der großen Erbschaft annehmen zu können die ihm zufolge des Testaments zufallen müsste daher er es auch nie verzinsete Meister Anton hatte aber nachher kein Testament gemacht wie denn sehr viele Leute glauben eine solche Handlung lasse sich am besten lange aufschieben und der Tod werde so geschwinde nicht kommen Anselm hatte zwar gleich nach Antritte der Erbschaft das Kapital großmütig in seinem Hauptbuche gelöscht und dies auch seinem Vetter gemeldet dieser aber hatte nicht einmal darauf geantwortet Er war erbost weil er glaubte Anselm habe ihn um eine große Erbschaft gebracht und hasste ihn deshalb herzlich Er ließ sogar seit der Zeit auch Sophien empfinden dass er nun durch sie die große Summe nicht ererbe welche er als schon ihm zugefallen betrachtet hatte
Sein Betragen ward viel ärger als er den gehässigen Vetter unter seinem Dache erblickte Er tobte ganz unvernünftig im Hause herum Bei diesem unfreundlichen Empfange welcher der guten Frau Sophie manche Träne kostete blieb unserm Anselm nichts übrig als das Haus seines Vetters und zugleich auch Köln zu verlassen denn in seine vorige Stelle beim Ratsherrn Hummer konnte er ehrenhalber nicht zurückkehren und was sollte er sonst in Köln machen Philipp hatte ihm bei Übersendung des Doktordiploms zugleich eine Summe Geldes geschickt und gemeldet er wünsche ihn wohl wegen einiger Sachen zu sprechen auch könne er ihm vielleicht in kurzer Zeit eine gute Nachricht mitteilen Es ward also beschlossen nach Elberfeld zu reisen Frau Sophie welche die Härte ihres Mannes fühlte ohne ihn anzuklagen da einmal ihr Schicksal mit dem seinigen verbunden war fand noch eine Viertelstunde um von ihrem geliebten Vetter ohne Zeugen Abschied zu nehmen Sie schenkte ihm ihr Bildnis in Miniatur Über alle Massen durch dies Geschenk erfreut netzte er ihre Hand mit Tränen und klagte laut dass er dessen nicht würdig sei Er sann einen Augenblick nach und fand nichts bei sich was er ihr zum Andenken wieder geben könnte Er sagte es und ein Strom von Tränen stürzte aus seinen Augen Weibliche Zuneigung ist scharfsichtig Frau Sophie schnitt eine von seinen wallenden Locken ab und verbarg sie weinend in ihrem Busen Sie gab ihm einen keuschen Kuss und riss sich in dem Augenblicke aus seinen Armen Mit schwankendem Tritte verließ sie das Zimmer er das Haus sie sahen sich nicht wieder
Zweiunddreissigster Abschnitt
Anselms Reise nach Elberfeld Neuer Glückswechsel
Anselm fand seinen Freund Philipp in der glücklichsten Lage im ungestörten Genüsse seiner geistigen und körperlichen Kräfte wohlhabend zufrieden Gatte einer angenehmen und klugen Frau Vater von zwei gesunden Kindern Alle seine Wünsche erfüllt ohne Überdruss denn seine Wünsche erneuerten sich täglich sie bestanden darin Glück und Zufriedenheit um sich her auszubreiten und dadurch selbst zufrieden und glücklich zu leben Jeder tat in diesem Hause froh seine Pflicht die Arbeit ward nie Last sondern war Vergnügen und nie ward ein Vergnügen so unmäßig gebraucht dass es eine Last geworden wäre
Anselm machte in den ersten acht Tagen da er sich hier aufhielt Vergleichungen mit sich selbst welche nicht zum Vorteile seiner Klugheit ausfielen auf die er sich doch von Jugend auf so viel eingebildet hatte O seine schönen Pläne von Lebensgenusse deren mannigfaltige Gestalten immer seine Lieblingsbeschäftigung gewesen waren Hier sah er sie abermal realisiert er selbst aber hatte sie nie ausführen können weil er immer unrechte Mittel brauchte Er bedauerte abermal die verflossenen Jahre er verwünschte seinen Leichtsinn durch welchen er sein eigenes Wohl untergraben und sich wie er nun überzeugt zu sein glaubte alle Aussichten zu einer künftigen bessern Lage verschlossen hätte Es war immer der Charakter unsers dicken Mannes gewesen im Glücke leicht sorglos zu werden und im Unglücke leicht zu verzagen Jetzt aber wirkte die unglückliche Lage in welcher er Frau Sophien gefunden hatte noch mächtiger um sein Gemüt ganz niederzuschlagen Er sah sich als die Ursache davon an und so wie ihr nicht zu helfen stand so glaubte er ihm stehe auch nicht zu helfen Philipp fand ihn in einer dieser trüben Stunden und auf Befragen was ihn so traurig mache schüttelte Anselm bald sein Herz in den Schoss seines treuen Freundes aus
Philipp tröstete ihn »Wie kannst du verzweifeln Du bist gesund bist erst einige dreißig Jahre alt besitzest mancherlei Geschicklichkeiten und bist in der Praxis der Arzneikunst nicht unglücklich gewesen Warum solltest du durch diese allein dich nicht wieder in eine glückliche Lage setzen können Du musst aber nur wollen und standhaft ausführen was du willst so kann noch alles gut gehen Ich habe weit weniger Geschicklichkeit als du bin aber bloß durch Sparsamkeit und Fleiß und durch einen Glücksfall wohlhabend geworden Jene beiden sind in deiner Gewalt und warum solltest du wenn du mit Ernst durch Fleiß und Sparsamkeit dir das Nötige schaffst nicht auch auf einen Glücksfall hoffen können«
»Nein Nein« rief Anselm indem er sich im heftigsten Unmute vor die Stirne schlug »Nenne mir nicht Sparsamkeit und Fleiß und Ordnung Diese habe ich nie besessen und eben dies und mein unverzeihlicher Leichtsinn ist Schuld an meinem Verderben Das Glück das dir widerfuhr von einer würdigen Frau gewählt zu werden verdientest du Ich verdiene nichts auch wird mir nichts werden Die mich wählen würde kann mich nicht wählen« – Die Tränen stürzten ihm aus den Augen – »Nein Es ist nichts in der Welt worauf ich noch Hoffnung bauen könnte«
Philipp sagte ihm sanft die Hand drückend »Du denkst nicht daran dass du einen wahren Freund hast wer den hat muss nicht hoffnungslos sein«
Anselm erwiderte mit einer hellen Träne im Auge »Das ists eben was mich drückt dass ich entweder meinem Freunde beschwerlich fallen muss oder keine andere Hoffnung habe als mich wieder in die schimpfliche Dienstbarkeit zu begeben in welche ich schon geraten war«
Philipp erwiderte »Glaubst du denn einem wahren Freunde könne es je beschwerlich fallen seinem Freunde gerade dann zu helfen wann dieser der Hilfe eines wahren Freundes bedarf Sollte ich dich nicht billig bei dir selbst anklagen Es hat mir wehe getan dass du mich ohne alle Nachricht von deinem Zustande ließest nie das Vertrauen zu mir zeigtest dass ich als Freund an dir handeln würde«
Und nun verkündigte ihm Philipp die gute Nachricht worauf sein Brief ihn schon vorbereitet hatte Platter hatte von einem Oheim eine beträchtliche Summe geerbt Philipp hatte dies erfahren hatte den Wert der ihm zedierten Verschreibung eingeklagt hatte mit der diesen Nachmittag angekommenen Post die Bezahlung erhalten und legte dieselbe in guten holländischen Wechseln in Anselms Hände
Anselm äußerst bestürzt sagte Er könne auf diese Summe keinen Anspruch machen da er sie seinem Freunde geschenkt habe und ihm mehr als dieses schuldig sei Philipp beteuerte er habe die Verschreibung nur bloß in der Absicht angenommen um das was jemals davon könne einkassiert werden für seinen Freund zu verwahren Nach einem langen großmütigen Streite zwischen beiden Freunden musste Anselm die fünftausend Speciestaler behalten
Nun war unser dicker Mann auf einmal im Besitze eines Kapitals womit er sich auf anständige Art einrichten konnte Er setzte sich vor die Ausübung der Arzneiwissenschaft nunmehr zu seinem Geschäfte zu machen Es kam darauf an einen Ort seines Aufenthaltes zu wählen Aus Ursachen die oben schon angezeigt sind die er sich selbst aber nicht ganz deutlich entwickelte wollte er nicht in Elberfeld bleiben aus ähnlichen obgleich verschiedenen nicht in Köln und Aachen Er wählte Düsseldorf zum künftigen Wohnorte und ging in kurzem dahin ab
Dreiunddreissigster Abschnitt
Neue Anstalten Anselms um weise und dadurch glücklich zu leben und deren Erfolg
Unser dicker Mann fasste nun den ernstaftesten Entschluss weise zu sein Ohne diesen Entschluss kann niemand wirklich glücklich leben aber bloß durch denselben wird man auch weder weise noch glücklich wie unter andern die Geschichte unsers Helden zeigt Dies glaubte er jetzt selbst einzusehen und beschloss seine Maßregeln danach zu nehmen
Er erzählte sich unparteiisch alle seine Torheiten vor und erkannte sie für große Torheiten Sich selbst so strenge richten ist sehr löblich und der erste Weg zur Besserung Aber bei dieser Strenge ists gut noch das Misstrauen gegen sich zu haben dass man vermute man habe bis jetzt noch lange nicht alles Törichte erschöpft Unser guter dicker Mann glaubte wenn er sich nur recht hüte ferner keine von seinen vorigen Unbesonnenheiten zu begehen gewiss ganz weise sein zu können Dass es noch andere verkehrte Dinge gebe als die deren er sich schuldig wusste schien ihm nicht erheblich zu sein weil er nicht daran dachte in sie fallen zu können Auch war ihm trotz der strengen Musterung seines vergangenen Lebens eine Hauptfalte seiner Gemütsart entgangen die ihn in manche Übel gestürzt hatte Dies war die leichte Beweglichkeit seines Charakters welche ihn geschwind an Personen und Geschäfte ankettete die er hätte vermeiden sollen und die ihm seine Hauptgeschäfte leicht überdrüssig machte ob er sie gleich mit Eifer anfing welches wieder in seiner Neigung zur Gemächlichkeit lag der er von Jugend auf allzu viel nachgegeben hatte Diese Eigenschaft mit seiner lebhaften Einbildungskraft gepaart ließ ihn beständig den nächsten Eindrücken folgen und dadurch unvermerkt von dem guten Wege den er betreten wollte abkommen
Anselms medizinische Praxis in Düsseldorf fing gleich in den ersten Monaten an guten Fortgang zu gewinnen Man hatte Vertrauen zu ihm und ihm gelangen verschiedene wichtige Kuren Er begann Zufriedenheit zu fühlen und Hoffnung er könne noch glücklich werden Jetzt suchte er seinen vorigen Plan wieder hervor einzeln zu leben und lieber nach den Frauenzimmern gar nicht zu sehen Er gab sich selbst dazu eine sentimentale Ursache nämlich nun er Sophien nicht haben könne wolle er gar nicht heiraten Auch war allerdings die ausbündigste Hochachtung gegen Frau Sophien in seinem Herzen nebst der aufrichtigsten Betrübnis dass er Ursache gewesen sie mit einem Manne gepaart zu sehen mit dem sie nie glücklich werden konnte Aber auf seinen Entschluss hatte ihm unbemerkt seine Neigung ungebunden zu leben und so viel zu genießen als er nur konnte den größten Einfluss Er hatte beiläufig die ökonomische Bemerkung gemacht eine Frau koste viel Geld und das dachte unser weiser dicker Mann lieber auf sein eigenes Vergnügen zu wenden
So sehr er sich aber auch vornahm Vergnügen zu empfinden fühlte er doch beständig ein gewisses Leere Er fand keine Familien die ihm gefielen eigentlich weil das Familienleben seiner Laune nicht behagte er suchte sich also einen füglichen Grund öffentliche Örter zu besuchen Gründe das zu tun was man wünscht findet man immer Anselm liebte so zu leben wie ihm gut dünkte und hatte gar keine Neigung in Gesellschaften dem Zwange zu folgen welchen Wohlstand und Konvenienz auflegen Daher gefielen ihm Gelage in öffentlichen Häusern wo niemand zu Hause ist und keiner vor dem andern aufstehen darf Er suchte sich aber zu bereden dass er hierbei nach andern Gründen handle Er sagte zu sich selbst wenn seine Praxis zunehmen solle müsse er Bekanntschaften machen und die ließ sich wie er meinte am besten in Kaffeehäusern und Weinschenken finden ferner beredete er sich an diesen Örtern könne seine Kenntnis der Menschen vermehrt werden Er hatte nun aller teoretischen Philosophie kritisch oder nicht kritisch Abschied gegeben weil er sie für Ursache hielt dass er oft so unweise gehandelt hatte welches ihm wieder ein Trost war indem er nun auf die spekulative Philosophie der er entsagen wollte das schob woran eigentlich seine Sinnlichkeit schuld war die er noch beizubehalten dachte So vermeinte er dann nun die Menschen in allen Lagen kennen lernen zu müssen sie zu beobachten und über alles seine Betrachtungen anzustellen und bildete sich wirklich ein praktische Philosophie zu zeigen weil er täglich in Kaffeehäusern und Weinschenken anzutreffen war
In den sehr vermischten Gesellschaften dieser Häuser lernte unser dicker Mann freilich gar mancherlei Leute kennen aber keine die des Beobachtens wert gewesen wären Müßiggänger sah er ihre Zeit töten Tabakrauchen und Trinken indolentes Hinblicken über einen Haufen gleichgültiger Leute Zeitungslesen und Spiel ist alles was man in solchen Häusern antrifft Diese Zusammenkünfte werden sehr uneigentlich Gesellschaften genannt Die Engländer unterscheiden in ihrer Sprache zwischen Kompany und Society Fussnote ein ebenso feiner als richtiger Unterschied den die in vieler andern Rücksicht so reiche aber zur Sprache des Umgangs lange nicht genug ausgebildete deutsche Sprache noch nicht aufgenommen hat Der Zulauf an öffentlichen Örtern ist ein Haufen Leute die Gemeinschaft mit einander haben aber Gesellschaft machen sie nicht aus so wenig als ein Zimmer voll unbedeutender Bildnisse ein Gemälde das auf Geist und Herz wirkt
Auch fand sich Anselm nachdem er ein paar Monate diese Örter besucht hatte daselbst so einsam wie zu Hause oft saß er da mit starrem Blicke und staunend als ob er Drahtpuppen sich bewegen sähe Nirgend war Genuss allenthalben toter Zeitverderb ohne Frohsinn Unter diesen lebendigen Maschinen interessierten ihn bei seiner Langeweile die Spieler noch am längsten denn obgleich die Hazardspiele im Herzogtume Berg verboten sind ward doch nicht streng über das Gesetz gehalten Da er selbst keine Neigung zum Spiele hatte so konnte er nicht begreifen wie jemand täglich die Zeit mit einem solchen Unvergnügen verderben und noch dazu seinen Wohlstand und folglich sein wahres Vergnügen aufs Spiel setzen könne Die tote Gleichgültigkeit der Spieler von Profession und die schrecklichen Leidenschaften der Neulinge die wilde eigennützige Freude wenn sie gewinnen und die tobende Wut wenn sie verlieren schien ihm gleich hassenswürdig Er machte darüber ganz feine philosophische Betrachtungen wie es denn sehr leicht ist über die Torheiten zu philosophieren welche man nicht begehen mag Vielleicht war es wegen der Leichtigkeit dieser Betrachtungen dass er ihrer bald überdrüssig ward Seine tägliche Langeweile mischte sich in seine Philosophie sowie in das Vergnügen das er an öffentlichen Orten zu finden dachte und nicht fand Er wünschte sich wenn er da war zu Hause wenn er zu Hause war aufs Kaffeehaus Nirgend war er an seinem rechten Orte denn ob er gleich ausging um durch Zerstreuung seine Grillen zu vertreiben und sich zu vergnügen so fand er doch nirgend ein Vergnügen und Ruhe die er im Innern seines Geistes in täglicher nützlicher Geschäftigkeit und im Wohltun hätte suchen sollen Bei den Leuten welche Abneigung von nützlicher Beschäftigung fühlen und daher ihre Zeit nicht hinzubringen wissen sind die Ursachen sich zerstreuen zu müssen wie an Höfen die Ursachen das Geschütz zu lösen Freude und Leid wird dadurch auf gleiche Art angekündigt ja es gibt hohe und weniger hohe Häupter welche die Kanonen lösen lassen bloß um Lärm zu machen und die Langeweile zu zerstreuen welche dennoch gleich einer neblichten Luft gewöhnlich um die Schlösser der Großen schwebt Ebenso suchen auch manche jovialische Menschen für die Zerstreuung und täglichen Vergnügen die sie beständig haben müssen wichtige philosophische Ursachen anzuführen da doch die wahre Ursache nur ist dass sie das echte und dauernde Vergnügen nicht kennen das aus nützlicher Beschäftigung entsteht und daher auch mitten in allen ihren Zerstreuungen beständig von der Langeweile wie von einem dicken Nebel umgeben werden und gähnen müssen wo sie froh sein wollten
In einer solchen Gemütsstimmung ging Anselm einst ins Weinhaus weil er eben gar nicht wusste wo er bleiben sollte Da fand er einen alten Universitätsbekannten einen gewissen Hiffer Dieser war in Göttingen nicht in philosophischen Disputen wie Herr von Reiteim sondern wo es lustig herging sein öfterer Gesellschafter gewesen Jetzt war er Advokat oder Prokurator in Köln und hatte eine Reise nach Düsseldorf getan um daselbst einen Vergleich wegen eines wichtigen Prozesses der beim Reichskammergerichte schwebte zu betreiben Vergleiche zu machen gehörte sonst nicht zum Gewerbe des Prokurators Hiffer denn er fand eben nicht seinen Vorteil dabei wenn gerichtliche Streitsachen zu Ende gingen
Jetzt aber war es ein außerordentlicher Fall er hatte seinem Klienten geraten den Gegenteil durch einen Vergleich geschwind zu überlisten nachdem er durch einen Nachfolger des berühmten Juden Nathan Wetzlar sicher erfahren hatte es stehe nicht zu ändern dass der Gegenteil eine günstige Sentenz bekomme Hiffer gehörte eigentlich nicht unter die Anzahl der von der Obrigkeit bestellten Advokaten oder Prokuratoren sondern er hatte sich zu beidem selbst bestellt und fand sehr seine Rechnung dabei dass er manches in der Stille und durch andere ohne Verantwortung tun konnte was die bestellten Advokaten wohl unterlassen mussten Er war einer von den Leuten welche in den Prozessen wühlen einen Prozess zu erregen wissen wo keiner möglich schien und aus einem möglichen drei wirkliche machen Er war sehr betriebsam und eben nicht gewissenhaft daher kamen verwirrte und nicht ganz richtige Sachen am meisten in seine Hände und er befasste sich auch am liebsten damit vorzüglich wenn er dabei viel zu verdienen schien Da war er der erste Mann in der Welt einer Sache eine Gestalt zu geben die der Gegenteil sich nie hätte träumen lassen Er gehörte zu der Art von Advokaten die den Zahnärzten gleichen deren Zähne am meisten zu kauen haben wenn vielen andern Leuten die Zähne wehe tun Also dachte er auch wenig daran ob Witwen oder Waisen etwas verlören wenn er eine Sache verdrehen konnte zum Besten eines reichen Mannes der ihn gut bezahlte Übrigens konnte er jedermann nach dem Munde reden war in allen Gesellschaften lustig und unterhaltend und nahm es daher auch über sich die ziemlich düstere Laune unsers guten dicken Mannes in etwas aufzuhellen Er erzählte ihm viel von Köln von den Veränderungen des Bureau dEsprit der Frau Hummer das er nach seiner Art lächerlich machte auch vielerlei von Sophien und ihrem Manne den er genau kannte weil er ihm in einigen Rechtssachen bedient gewesen war und manches Maß Wein mit ihm ausgetrunken hatte Er erzählte dass derselbe aus Freude seinen Vetter Anselm los zu sein noch denselben Abend sich einen derben Rausch getrunken habe welcher bald schlimme Folgen gehabt hätte denn er hatte ihm mit der Erhitzung der Reise zusammen ein hitziges Fieber zugezogen »Aber Unkraut vergeht nicht« setzte Hiffer lachend hinzu »er ist wieder gesund geworden und plagt seine Frau derber als jemals«
Diese letzte Nachricht tat eine ganz widrige Wirkung auf unsern Anselm Vergebens suchte Hiffer hundert andere lustige Geschichten zu erzählen Sophiens Lage verbitterte unserm dicken Manne alle Freude
Hiffer der die Geschichte nicht ohne Ursache erzählt hatte fragte ihn warum er das so zu Herzen nähme und wusste durch mancherlei Umschweife von Anselm seine vormaligen Familienumstände und die ganze Geschichte seiner Liebe zu Frau Sophien herauszuholen Anselm hatte eine schwermütige Freude seinen Kummer mitzuteilen und seine Reue Sophiens Unglück veranlasst zu haben auch gegen Hiffer zu zeigen Er erzählte sogar wie standhaft die edle Frau ihre traurige Lage ertrage und zeigte das Bildnis womit sie ihn beschenkt hatte Hiffer ließ zwar manches Hm und Ha hören gab ihm aber in allem recht lobte ihn und Sophien und schimpfte auf den Mann Dies heiterte unsern Anselm etwas auf und sie schieden als die besten Freunde von einander Ob Hiffer bei diesen Erkundigungen irgendeine besondere Absicht gehabt wird sich vielleicht künftig zeigen Jetzt diente er noch unserm Helden ihm zu verschiedenen Bekanntschaften zu verhelfen in Häusern wo ihn seine gerichtlichen Geschäfte bekannt gemacht hatten In allen ward gespielt Hiffer selbst liebte das Spiel und verteidigte es gegen Anselm nicht die Torheit sein Vermögen auf eine Karte zu setzen sondern ein mässiges Spiel als einen Zeitvertreib und als ein Mittel in den Gesellschaften nicht überflüssig zu sein wo dem allgemeinen Gebrauche zufolge gespielt wird Da unser Anselm aber gegen das Spiel einen allzu entschiedenen Widerwillen hatte so suchte er lieber andere Bekanntschaften und es gefielen ihm allenfalls diejenigen besser wo Spazierfahrten und Konzerte das Hauptvergnügen waren
Der Gesellschaften in Wirtshäusern und Weinhäusern überdrüssig ohne sie verlassen zu wollen fiel unser dicker Mann jetzt auf die Musik Den Geschmack daran zu unterhalten sind eine Menge herumreisender besonders italienischer und französischer Virtuosen beflissen welche wie ehemals manche alten Heiligen und Bischöfe den Glauben ihre Töne fortpflanzen und dafür so wie jene die Taler der Zuhörer einstecken
In diesem Geschäfte kam auch damals nach Düsseldorf die Signora Bellonia nebst ihrem Bruder dem Signor Bellonio der aber kein Sänger sondern bloß Fratello di Musica war eine berühmte Kantatrice welche auf den Teatern in London und dem Haag und wer weiß auf welchen andern in den Opere buffe die Rollen di Mezzo carattere wollte gesungen haben und sich auf ihrer Durchreise nach den Höfen zu Stockholm und Petersburg wohin sie versicherte berufen zu sein auf dringendes Verlangen vieler Kenner der Musik hatte bewegen lassen einige Konzerte zu geben so wie schon in der letzten Saison in den Bädern zu Spaa und zu Aachen
Signora Bellonia war nicht mehr in ihrer ersten Jugend aber sie war gut gewachsen hatte ein niedliches Gesichtchen welches sie durch Hilfe einiger Pomaden und Pulver zu einem recht allerliebsten Lärvchen umschuf dabei war sie artig gefällig unterhaltend und konnte französisch nach italienischer Aussprache ziemlich fertig plaudern Was ihr Singen betraf so war es kaum del mezzo sie war wie der Italiener zu sagen pflegt »eine schöne obgleich nicht eine gute Sängerin« Das ward aber durch ihre angenehmen Manieren reichlich ersetzt Zudem gehörte sie nicht zu den armen Sängerinnen die um ein Konzert betteln damit sie Reisegeld haben Sie wohnte in einer zierlichen Chambre garnie und hatte oft große Abendgesellschaften bei sich Freilich ward vorausgesetzt dass jeder Gast ein paar bayerische Taler unter das Kuvert legte vermutlich nur für den Kameriere der Signora Dafür aß man aber auch vortrefflich und ward mit den herrlichsten Weinen bedient Beim Spiele gab man auch einen bayerischen Taler Kartengeld für ein Konversationsspiel und zuweilen machte der Signor Fratello eine kleine Bank Doch war niemand zum Spiele genötigt Die Signora selbst liebte das Spiel nicht und saß aufs höchste bei der Bank als Zuschauerin wenn keine andere Unterhaltung war Sobald sich aber ein Zirkel zur Konversation bildete zog sie denselben vor und da erschien sie als eine zehnte Muse denn sie sprach nicht allein mit höchster Anmut von allen schönen Künsten sondern sie war auch eine Improvisatrice und pflegte auf einen oder den andern aus der Gesellschaft sehr artige Stanzen zu machen oder sonst in Reimen oder in Prosa jedem etwas Angenehmes zu sagen Anselm gab auf die Signora Bellonia ungeachtet sie ihm gefallen hatte weiter nicht sehr acht denn er hatte sich einmal vorgenommen Frauenzimmer zu meiden Seine Gedanken waren von Frau Sophien und ihren unglücklichen Tagen erfüllt Er dachte darüber oft mit Wehmut nach und wann er wider seinen Entschluss zuweilen in ein Weinhaus ging so meinte er es geschähe nur weil ihm seine eigene Wohnung allzu leer wäre indem er Sophien darin nicht erblickte und weil er sich zu zerstreuen suchte Die Zerstreuung war immer von Jugend auf sein Hauptmittel gegen trübe Gedanken gewesen die ihm gleich kamen wenn es nicht nach seinem Sinne ging oder wenn er nicht wusste was er wollte Doch hatte Anselm der soviel Bemerkungen machte noch nicht ein einziges Mal eine sehr heilsame gemacht nämlich dass Zerstreuung sehr oft ein schlimmeres Mittel ist als das Übel selbst dass sie wenigstens nie das Übel wirklich hebt und dass derjenige der durchaus nie trübe Gedanken bei sich dulden will wenn sie auch eine rechtmäßige Ursache haben nie ernsthafte Gedanken bei sich wird wollen aufkommen lassen die ihn moralisch verbessern könnten
Das Schicksal wollte indes dass unser dicker Mann mit der Signora Bellonia näher bekannt ward Es stieß dieser Virtuosin eine kleine Unpässlichkeit zu und sie ließ den Dr Redlich holen Sie empfing ihn in einem eleganten Morgennegligeé Ihre Krankheit war nicht gefährlich aber die Schwächlichkeit gab ihr einen besonderen schmachtenden Reiz Die Arzneien taten gute Wirkung eben so sehr aber schien die Unterhaltung des Arztes zu wirken daher sie bei jedem Besuche ihn ins Gespräch brachte zugleich ihm aber auch die niedlichsten Arietten vorsang und ihn nachher so angenehm unterhielt dass er bedauert haben würde ihre Genesung beschleunigt zu haben wenn ihm nicht erlaubt gewesen wäre auch nachher seine Besuche fortzusetzen
Der Umgang mit dieser unterhaltenden Person hatte für ihn sehr viel Anziehendes so dass er der schon seit ein paar Monaten sowohl zu Hause als in den Kaffeehäusern immer Langeweile empfunden hatte den glücklichen Zufall nutzte in jeder Woche einige Abende in diesem Hause zuzubringen Man wird schon bemerkt haben dass unser dicker Mann Zunder im Herzen hatte welcher an schönen Augen leicht Feuer fing Er konnte also so sehr er auch immer Frau Sophien vor Augen behielt nicht lange in die liebreizenden Augen der schönen Italienerin ganz ungestraft sehen Aber nicht nur diese sondern auch ihre lieblichen Arietten und angenehmen Gespräche gewannen sein Herz Wenigstens beredete er sich dieses obgleich die Augen vielleicht doch einen größeren Anteil an seinem Wohlgefallen hatten als Gesang und Gespräch Er besuchte sie nunmehr auch vormittags bei ihrem Nachttische und war wohl vierzehn Tage lang ihr täglicher Abendgesellschafter Er fing auch an ihr Geschenke zu machen wie dieses bei Virtuosinnen üblich ist Sie nahm sie auf eine verbindliche Art an und erwiderte sie allemal mit Gegengeschenken Kleinigkeiten die nicht sowohl durch den innern Wert als durch die gar angenehme Weise sie zu geben schätzbar wurden
Endlich fügte es sich einmal an einem Abende dass nur eine kleine Gesellschaft gegenwärtig war Desto munterer und vertraulicher ward die Unterhaltung bei Tische und die Flasche ging frisch herum Unsern dicken Mann bezauberte die frohe und angenehme Laune der Signora Bellonia Ihn dünkte er sei im Himmel Er sprach noch mehr mit den Augen als mit dem Munde und er fing aus den Blicken der Schönen ein Feuer welches durch Wein nicht konnte gelöscht werden ob dieser gleich nicht gespart ward Nach Tische war die Gesellschaft zu klein zur Konversation Man machte eine kleine Bank Anselm hatte am Spielen keinen Gefallen die Signora auch nicht Indessen schlug sie vor weil es doch einmal gespielt sein solle wollten sie beide in Gesellschaft ihr Glück versuchen Eine solche Spielgesellschafterin konnte nicht ausgeschlagen werden Sie setzten eine gemeinschaftliche Kasse auf den Tisch Sie pointierte für beide aber verlor vermutlich weil sie das Spiel nicht verstand Aber wie denn Frauenzimmer zuweilen ihren kleinen Eigensinn haben sie wollte das Geld durchaus wiedergewinnen weil es ihrem caro Anselminuccio gehörte wie sie sich ausdrückte indem sie ihm die runden Backen klopfte Sie verdoppelte sie setzte viel Geld und verlor »Ich merke« sagte sie lächelnd »wer in der Liebe glücklich ist ist unglücklich im Spiele« und sah zärtlich über die linke Achsel nach imxm Anselmino Doch wollte sie das Geld wiederhaben und setzte höher Nun kam sie ins Glück Sie hielt das Blatt bis zum SeptLeva Das Blatt kam links heraus und alles war wieder verloren Jetzt stand sie auf und setzte unsern dicken Mann an ihre Stelle Derselbe glühte vor Eifer die beträchtliche Summe wieder zu erobern Das Spiel dauerte bis früh um drei Uhr da er und seine schöne Gesellschafterin alles was sie bei sich hatten und beinahe 8000 Konventionstaler auf Kredit verloren hatten und der Bankier welches diesmal nicht der Bruder sondern ein anderer Mann war nicht mehr halten wollte Anselm kam wie aus einem Todesschlummer zu sich und sah mit Verwunderung dass fünf bis sechs handfeste Leute um den Tisch standen was ihn aber am mehrsten befremdete war Plattern seinen ehemaligen Schuldner hinter dem Bankier stehen zu sehen dessen Kroupier er zu sein schien
Nun erfuhr er erst es sei in diesem ehrbaren Hause Sitte über dasjenige was auf Kredit verloren worden sogleich einen Wechsel aufzusetzen in drei Tagen fällig Dies tat jeder anwesende Schuldner und auch die schöne Sängerin ihr Unglück verwünschend stellte einen aus über ihren Anteil des Verlusts auf 3980 Konventionstaler Anselm musste also das Nämliche tun Er ging voll Verzweiflung nach Hause Er konnte nicht schlafen Er konsultierte seinen Freund Hiffer als einen Rechtsgelehrten Der machte ihm aber derbe Vorwürfe dass er seine Philosophie so schlecht beobachtete die alles Spiel auch die kleinsten Konversationsspiele hatte für verdammlich erklären wollen Er begegnete ihm mit grausamem Spotte und sagte Man sehe wohl die sogenannte Virtuosin sei eine Intrigante die dem sogenannten Bruder nur zum Lockvogel seines Spiels diene Dummköpfe zu fangen – Sogenannter Bruder – Das war Anselm zu hart denn er hatte noch während seines schlaflosen Morgens die schöne und witzige Signora für ein ehrliches Blut gehalten und sie beklagt dass sie mit ihm so viel verloren habe Er ging hin sie zu besuchen ward aber nicht angenommen Nachmittags kam der Bankier mit Heftigkeit zu ihm sagend Die Signora mit ihrem sogenannten Bruder sei heimlich abgereiset ohne ihn zu bezahlen und er gab deutlich zu verstehen wie er hoffe Anselm werde es wenigstens nicht ebenso machen Anselm fand bei keinem seiner Kaffeehausfreunde Trost noch weniger Hilfe sie lachten ihn vielmehr aus dass er sich durch so grobe List habe fangen lassen Er musste zu Wucherern Zuflucht nehmen verpfändete was er hatte und befriedigte den Gauner
Nun aber war er in den bedrängtesten Umständen denn ihm blieb weniger als nichts Seine Ehre und sein Einkommen waren verschwunden er merkte nach wenigen Wochen dass er das Gespräch der ganzen Stadt war und dass der Vorfall der mit vielen Zusätzen und falschen Umständen erzählt ward die meisten Häuser in denen er Arzt gewesen war von ihm abwendig machte Seine Einnahme nahm sichtlich ab Die Gläubiger und Wucherer drängten ihn und drohten mit Gefängnis Er war genötigt seine Möbel zu verkaufen denn er hatte nicht unterlassen hier auch sich mit MahagonySekretären und Tischen desgleichen mit weichen Ottomanen und bunten Fussdecken zu versehen Ja er musste sogar seine Kleider verkaufen und versetzen um nur zu leben Er kam endlich so weit dass er nicht den Unterhalt eines Tages mehr hatte Nichts blieb ihm übrig und er hatte noch verschiedene kleine Schulden die er schlechterdings nicht bezahlen konnte und doch täglich darum gemahnt ward
Vierunddreissigster Abschnitt
Verschiedene Versuche Lebensunterhalt zu finden Verzweiflung und ein kleiner glücklicher Zufall
Ganz betäubt schlenderte Anselm zum Ratinger Tore hinaus ging wohl eine Stunde fort ohne sich zu besinnen und so kam er unvermerkt bis unter das Dunkel der dicht verwachsenen Bäume vor dem Eingange des Specker Mönchsklosters à la Trappe Plötzlich ergriff ihn der Gedanke der Welt worin er gar keine Freunde mehr hoffen zu können vermeinte zu entsagen und sich im Kloster à la Trappe zu vergraben Gerade die Strenge dieses Ordens bemächtigte sich seiner Einbildungskraft Er glaubte dadurch für alle Torheiten seines Lebens zu büßen besonders für die wodurch er Sophien unglücklich gemacht hatte Aber er war ja nicht katholisch Was denn Ihm war in seiner jetzigen Betäubung alles gleich Er hatte die katholischen Gebräuche ziemlich kennen gelernt und beschloss für einen Katholiken zu passieren um nur der Welt zu entfliehen von der er sich ganz verlassen glaubte Er zog die Glocke an der Klosterpforte begrüßte den öffnenden Pförtner mit einem Memento mori und verlangte den Abt zu sprechen weil er ins Noviziat des Klosters treten wolle
Ein Abt zumal ein Abt à la Trappe ist der demütigste unter den demütigen Gliedern seines Konvents so wie der Papst der Knecht der Knechte ist dennoch ist jeder Abt viel zu erhaben als dass ihn ein unbedeutender Ankömmling sogleich sprechen könnte Vollends aber ein Abt à la Trappe ist ein sehr großer Mann Er behauptete er sei auf Erden ganz unabhängig und dürfe von seiner Klosterverwaltung niemand als Gott unmittelbar Rechenschaft geben so wie der Rat von Nürnberg von seiner Finanzverwaltung nur dem Kaiser persönlich Da er nun vermöge der Abtötungen und Kasteiungen seines Klosters mit dem lieben Gotte sehr gut steht so wird dieser schon von seinem Freunde dem Abte nicht etwa eine Rechenschaft fordern wie der Kaiser doch zuweilen von den Herren von Nürnberg Also ist ein Abt à la Trappe ein Gott auf Erden und zeigt folglich sein Antlitz nicht jedem der an die Klosterpforte klingelt Anselm ward an den Subprior gewiesen den Mann der für das ganze stillschweigende Konvent mit den Fremden zu schwatzen hat Dieser hohläugige abgezehrte blasse Mönch von allen Sünden verlassen außer von mildem geistlichen Stolze hörte sein Begehren an und gab ganz kalt zur Antwort »Freund du bist viel zu dick für unser Kloster Wie könnte ein so wohlbeleibter Sünder sein Fleisch bis dahin kasteien dass er bis zur Magerkeit eines heiligen Mönchs à la Trappe abfiele Zudem bist du Weltmensch ein Doktor der Arznei Wer zu unserer hohen Vollkommenheit gelangen will muss ungelehrt sein Unser heiliger Reformator hat uns verboten zu studieren denn – die selige Unwissenheit ist die Mutter des Gehorsams Geh du bist gelehrt und dick und also nicht für uns Geh in Frieden Dein bloßes Anschauen würde unsern Brüdern ein Ärgernis geben dass sie lange Zeit nicht wieder zu der seligen Unempfindlichkeit gelangen würden die unserer heiligen Regel gemäß ist Memento mori« Und damit ließ er ihn ganz sanft zum Kloster hinausschieben
Anselm der schon in seiner Einbildungskraft die ruhige Untätigkeit des Klosters genoss ward durch die abschlägige Antwort insofern zur Empfindung seiner wirklichen Existenz zurückgebracht dass er überlegte welchen Weg er zu nehmen habe Nach Düsseldorf durfte er nicht nach Elberfeld wollte er nicht er suchte also einen dritten Weg Auf Nachfrage erfuhr er dass er auf der Landstraße nach Lennep sei Es war ihm genug dass diese Straße von Elberfeld abführte um derselben zu folgen denn seiner Eitelkeit war der Gedanke unerträglich seine Torheit dort wissen zu lassen und ob sein treuer Freund Philipp in Kummer sein würde wenn er seine traurige Geschichte erführe ohne weiter Nachricht von ihm zu empfangen daran dachte sein Egoismus nicht
Nachdem er die Nacht in einer Dorfschenke zugebracht hatte kam er den folgenden Morgen in einem Wirtshause in der Vorstadt von Lennep an Da fand er einen preußischen Werbeoffizier welcher dort mit einigen Rekruten übernachtet hatte die er von Köln nach Hamm transportierte Schnell fiel unserm Anselm ein in seiner äußersten Not zum Soldatenstande Zuflucht zu nehmen er gab sich zum Rekruten an Der Offizier maß ihn von oben bis unten und erklärte darauf er sei zum Soldaten zu klein und selbst zum Trommelschläger nicht groß genug Dieser Offizier war übrigens ein freundlicher und bloß den Punkt von Rekruten ausgenommen mitleidiger Mann Er ließ zur Vergütung der abschlägigen Antwort unsern dicken und zu kleinen Mann mit sich frühstücken und einen Teil seiner Geschichte erzählen Da er fand Anselm wäre nicht ohne Geschicklichkeit schrieb er ehe er mit seinen Rekruten abmarschierte ein Billett an einen jungen Edelmann den er vorigen Abend in dem besten Wirtshause zu Lennep hatte kennen lernen Dieser junge Mensch war eben mündig geworden und wollte sein Haus auf einen großen Fuß einrichten Der Offizier meinte Anselm würde bei ihm füglich die doppelte Person eines Kammerdieners und Leibchirurgus vorstellen können
Anselm nahm die Empfehlung dankbar an und ging in die Stadt das Billett abzugeben Er musste bis um elf Uhr warten ehe der unmündige Mündige aufstand und bis um halb ein Uhr ehe er vorgelassen ward Der junge Herr las das Billett maß Anselmen der Länge und Breite nach und sagte »Ich weiß nicht wohin der Herr Lieutenant mit seiner Empfehlung gedacht hat Mein Freund er ist viel zu klein und ganz unförmlich dick Wer kann solche Leute um sich leiden« Damit kehrte er sich um und ließ ihn stehen
»Mein Gott« dachte Anselm bei sich indem er die Treppe hinabging »hier ist mir ja meine Statur in allem hinderlich Wie muss man denn beschaffen sein um hier zu Lande fortzukommen« Indem ging er vor der Küche des Edelmanns vorbei wo ihm der Geruch vieler köstlich zubereiteter Speisen in die Nase zog er ward doppelt hungrig hatte aber seinen letzten Stüber fürs Nachtlager ausgegeben
Traurig wanderte er einige Straßen auf und ab ohne zu wissen was er beginnen sollte Es fehlte ihm an Geld auch nur zum frugalsten Mittagsessen oder zum schlechtesten Nachtlager Er sah die Menschen vor sich vorbeigehen als wären es tote Bilder welche ihn nichts und welche er nichts anginge Der Anblick eines ihm begegnenden Juden erinnerte ihn dass er von seiner wenigen Wäsche ein Hemd verkaufen könne um doch für ein paar Tage sich Kost und Nachtlager zu sichern Er redete den Juden deshalb an Dieser nahm ihn mit sich nach Hause und kaufte das Hemd nicht Er ließ sich erzählen wodurch Anselm so herunter gekommen sei Er tröstete ihn mit der Versicherung bei so mancher Geschicklichkeit werde gewiss für ihn sich etwas finden Obgleich der Jude selbst arm war gab er ihm doch in seiner Hütte eine Schlafstelle und teilte seinen kärglichen Bissen Brot mit ihm »Gottlob« sagte Anselm »das ist ein Mensch der menschliche Empfindungen hat« und prüfte sich selbst innerlich ob er zur Zeit seines Wohlstandes nur verhältnismäßig halb so viel für das Bedürfnis seiner Mitmenschen getan hätte
Anselm blieb einige Tage bei dem Juden der sich in der Stadt zu erkundigen anfing ob nicht irgendeine Stelle für seinen Hausgenossen gefunden werden könne Unvermutet aber ging Anselms Hoffnung auf den ehrlichen Mann ganz zugrunde der Jude ward an einem Morgen sehr früh nebst seiner Frau von den Stadtknechten aufgegriffen und ins Gefängnis geworfen Er hatte sich unterstanden für andere Juden Schuhe zu machen und obgleich gewarnt es doch nicht unterlassen sogar hatte kürzlich seine Frau für eine andere Jüdin ein Kleid zugeschnitten und genähet Es war in der Tat ein scheussliches Verbrechen Denn wie könnte einem Beschnittenen erlaubt sein einen Schuhpfriemen zu brauchen oder der Frau eines Beschnittenen Kleider zuzuschneiden Der Staat müsste ja untergehen und vermutlich auch die Religion wenn man solchem Frevel nicht steuren wollte Wie ist es nicht der Republik Polen gegangen wo von jeher den Juden diese und alle anderen Handwerke erlaubt waren Um nun alles Übel von dem guten Herzogtume Berg abzuwenden hatte die löbliche Schuhmacher und Schneiderzunft zu Lennep darauf angetragen den Juden seines Schutzes verlustig zu erklären und ihn über die Grenze zu bringen Es war fast wahrscheinlich dass eine so billige Bitte würde gewähret werden Wenigstens versiegelte man die Wohnung des Juden um nachher gerichtlich zu untersuchen was an unerlaubtem Handwerkszeuge und hinterlistig verfertigten Schuhen zu finden sein möchte Hierdurch verlor nun der arme Anselm seine Schlafstelle Er dachte unökonomisch genug an einen andern Juden drei Hemden zu verkaufen und den größten Teil des daraus gelöseten Geldes seinem Wohltäter ins Gefängnis zu bringen worauf er noch denselben Vormittag Lennep verließ
Er war über eine Meile in tiefen Gedanken fortgegangen und sann eben bei sich nach wie es in der Welt so wunderlich zugeht dass einige Menschen nicht fortkommen können weil sie allzu klein oder allzu dick sind und andere weil sie Schuhe machen wollen Da holte er einen schwerbeladenen Wagen ein Derselbe gehörte einer Truppe wandernder Komödianten die zu Fuße nebenher gingen Er machte Gesellschaft mit ihnen bis zu dem Orte wo die Pferde gefüttert und Mittag gehalten ward Sie reisten wie sie ihm erzählten nach einem Städtchen wo sie während des Jahrmarktes spielen wollten Nur waren sie in großer Verlegenheit denn ihre lustige Person hatte ein Fieber bekommen und im letzten Nachtlager müssen zurückgelassen werden Sie taten unserm Anselm die Ehre zu glauben seine Figur sehe komisch aus und wollten durch ihn ihren Mangel vor der Hand ersetzen Sie gaben ihm Unterricht und weil sie es ihm so leicht machten und die Probe die im ersten Nachtlager in einem Zimmer mit ihm versucht ward so ziemlich ablief war er bereit sich diese Rolle gefallen zu lassen zumal da er gar keine andere Aussicht hatte
Hier hinderte nun unsern Anselm nicht seine kleine Statur noch sein runder Bauch aber als er aufs Theater kam war er zu furchtsam seine Stimme zu schwach und seine Gebärden nicht lustig genug Er fand keinen Beifall und wäre beinahe ausgepfiffen worden Die rechte lustige Person hatte sich nach einigen Tagen vom Fieber erholt und kam zur großen Freude der Komödianten noch während des Jahrmarktes nach Ein hohes und gnädiges Publikum des Städtchens bezeugte seinen lauten Beifall Anselm ward vergessen und da er die Stelle eines Lichtputzers die eben vakant war nicht annehmen wollte ganz abgedankt
Anselm musste sich in sein Schicksal finden Indem er voll Grillen über den Markt ging sah er auf einem offenen Theater einen Marktschreier ausstehen Er verweilte sich wundershalber vor der Bühne um an der lustigen Person deren Einfälle mit wieherndem Gelächter aufgenommen wurden zu sehen was ihm selbst wohl fehlen möchte um auf dem Theater Beifall zu erhalten Bald aber zog der Marktschreier selbst seine Aufmerksamkeit auf sich Dieser Kerl redete das unsinnigste Zeug dennoch wurden seine Arzneien sehr häufig gekauft ob sie gleich für die Krankheiten die er nannte gar nicht helfen konnten Anselm erschrak über diese Verblendung Mit einemmal gab ihm seine Klugheit mit Hilfe seiner Einbildungskraft den Gedanken ein wenn die Leute ganz unwirksame und zwecklose Arzneien so begierig kauften so würden sie doch viel lieber solche kaufen welche ihnen helfen könnten Er baute hierauf die Hoffnung eines zwar kleinen aber doch sichern Auskommens bis sich etwas Anständigeres fände Sogleich legte er alles Geld an welches er von seinem kurzen Komödiantenleben erübrigt hatte und von dem Reste seiner jetzt verkauften Wäsche löste um einige wohlfeile Arzneien anzuschaffen die er auf verschiedene Art zweckmäßige mischte und ihnen die Namen von Wunderpulvern und himmlischen Essenzen gab »Die Welt will betrogen sein« dachte er »ich will sie wenigstens nur im Namen nicht in der Wirkung betrügen Es heißt im Grunde den Leuten einen wahren Dienst tun damit sie nicht von unwissenden Marktschreiern um ihre Gesundheit gebracht werden« Diese menschenfreundliche Betrachtung tröstete ihn über das Niedrige seines Unternehmens
Er ging mit diesem Vorrate nach einem andern Jahrmarkte an die Grenze einer benachbarten kleinen Grafschaft worin er ihn gewiss den ersten Tag teuer zu verkaufen und auf die folgenden Tage schon mehr anzuschaffen meinte Er mietete sich ein Pferd auf einen Tag und bot so auf dem Jahrmarkte seine Arzneien feil Aber der Erfolg war ganz anders als er gehofft hatte Er war kein Charlatan Er konnte nicht genug schreien und nicht Gesundheit genug versprechen Er wollte die Kranken untersuchen Das nahm Zeit weg und schien den Leuten nicht wunderbar genug Die Beschaffenheit der Arzneien wusste er nicht künstlich genug zu verbergen Der eine schmeckte den Rhabarber der andere roch den Kampfer Dies meinten sie könnten sie sich aus der Apotheke selbst holen und brauchten dazu keinen reitenden Doktor Anselm hatte auch keine lustige Person um das Volk heranzulocken Es blieb also niemand bei ihm stehen und er verkaufte den ersten Tag kaum so viel um die Miete des Pferdes zu bezahlen und sah deutlich dass er es nicht wagen dürfe es auf den zweiten Tag zu mieten Nachdem er sein Nachtlager bezahlt hatte war abermal sein letzter Stüber ausgegeben und es blieb ihm im eigentlichsten Verstande auf den folgenden Tag zur Nahrung nichts übrig als einige Portionen Rhabarber und Glaubersalz die er nicht hatte verkaufen können
Nun war also auch sein letzter Plan gescheitert dessen Erfolg er für völlig sicher gehalten hatte weil er seiner Meinung nach auf gemeinnützige Wohltätigkeit abzweckte Er ging da seines Bleibens hier nicht mehr war zum Tore hinaus um seinem Unmute Luft zu machen der nahe an Verzweiflung grenzte Seine Torheiten kamen ihm in dieser Gemütsstimmung nicht zu Sinne sondern nur seine mannigfaltigen Unglücksfälle und fehlgeschlagenen Pläne die er als eben soviele Unbilligkeiten des Schicksals gegen ihn betrachtete ohne in Anschlag zu bringen wieviel davon er selbet möchte veranlasst haben Er sagte sich dass er doch viel Geschicklichkeiten erworben dass er ein gutes Herz habe und sich keiner schlechten Handlung schuldig wisse gleichwohl gehe alles was er unternähme ohne seine Schuld beständig den Krebsgang Ihm fielen in dieser schwarzen Laune von seiner Jugend her verschiedene Dordrechtsche Lehren aus Braunii Doctrina Foederum im Kapitel de reprobatione ein und – wie denn weltliche Menschen immer die heilsamsten Lehren der Dogmatik unrichtig anwenden – er betrachtete sich als reprobiert als zum Unglücke prädestiniert und glaubte es sei für ihn auch gar keine einzige Aussicht zum Wohlstande mehr übrig Je mehr er um sich sah fand er sich von aller Welt verlassen hoffnungslos in schrecklicher Einzelnheit er der doch ein besseres Schicksal verdient hätte indes die Reiteime die Platter und andere Leute der Art schwelgen Alles Unglück war nur über ihn verhängt Was halfen ihm seine erlernten Kenntnisse was half ihm sein weiches Herz was seine guten Gesinnungen gegen alle Menschen Er war verachtet verlassen unwiederbringlich unglücklich Während er fortfuhr über diesen schwarzen Gedanken zu brüten kam er unvermerkt in ein Wäldchen das immer dichter ward und indem er in düsterer Betäubung fortging stand er auf einmal vor einem ziemlich großen See Er sah starr in den Spiegel des ruhigen Wassers Der Ort war heimlich und melancholisch die bis ins Wasser hangenden Weiden Sein düsteres Sinnen über sein Unglück und über die Härte der Menschen die ihn ganz verstiessen ging allgemach in Verzweiflung über »Ruhe ist im Tode zu finden« sagte er »Ruhe werde mir in diesem stillen See«
Stolz und weichliche Trostlosigkeit sind die gewöhnlichsten Ursachen des Selbstmordes Diese kamen hier zusammen und er war eben bereit ins Wasser zu springen aber als er nochmals in den See hineinsah kam er ihm so nass und so tief vor Er schauderte und trat einen Schritt zurück Noch einen Augenblick wollte er warten Die starre Verzweiflung löste sich in laute Klagen über sein unabsehbares Unglück auf Er raufte sich die Haare aus schlug wütend vor seine Brust und zerriss dadurch das Bändchen um den Hals an dem Sophiens Bild in seinem bloßen Busen hing es fiel ihm in die Hand Er blickte darauf und fuhr noch zwei Schritte zurück Seine klagende Wut verstummte Er sah dies holde edle leidende Gesicht – Durch ihn war sie unglücklich gemacht sie war unverändert gegen ihn – und duldete – »Sollte ich nicht auch dulden« rief er aus »Könnte ich wohl Sophiens Leiden vermehren durch die Nachricht – von meinem schimpflichen Tode – Schrecklich – Nein – Ich muss leben denn meine Todespost würde Sophien noch unglücklicher machen – Das kann nicht das muss nicht sein – Ich will dulden nach ihrem Beispiele – muss dulden – dulden alles Unglück wenngleich unverdient – Dulden das Leben in dieser öden Welt wo ich da stehe – unglücklich Von jedermann verlassen Ohne Hilfe Ohne Freunde Hoffnungslos«
Er starrte nochmal zurück und schwieg einige Minuten – »Hoffnungslos« fuhr er fort »Habe ich keinen Freund Da ist Philipp edler und besser als ich da ist der Pastor in mein Wohltäter«
Er schwieg abermal eine Minute und sagte leise zu sich selbst »Nein der ist nicht ganz unglücklich zu nennen der zwei wahre Freunde hat – er müsste denn ihrer ganz unwürdig sein – Ja das bin ich und verdiene mein Unglück« – Er seufzte tief und ein Strom von Tränen wahrer Reue stürzte aus seinen Augen
Er setzte sich auf den Rasen Sophiens Bild in der Hand und benetzte es mit Tränen Hierdurch bekam sein Herz Luft und er gewann endlich soviel Besinnung um zu fühlen er müsse weder verzweifeln noch verzagen und über seine Lage nachzudenken und zu überlegen wohin er gehen und was er anfangen sollte Zu Philipp oder zum Pastor in Er hätte sich bis dahin durchbetteln müssen Und dann konnte ers auch nicht ertragen diesen Freunden abermal beschwerlich zu fallen Im Grunde hatte er aber noch eine Ursache diese Freunde zu meiden die er sich selbst kaum entwickelte Es war ihm unerträglich vor ihnen zu stehen beladen mit der Notwendigkeit ihnen die unverzeihliche Torheit zu bekennen die ihn in diese äußerste Stufe des Elendes durch eigne Schuld gebracht hatte Aber wohin sonst sollte er sich wenden in einem ihm unbekannten Lande von allen Menschen verlassen Das wusste er nicht Indes raffte er sich auf und indem er Sophiens Bildnis mechanisch in seine Westentasche steckte fühlte er etwas Hartes Es war ein Konventionstaler der durch ein Loch in der Tasche ins Futter gefallen und daher nicht bemerkt worden war Anselm staunte diese unvermutete Hilfe an und beschloss in dem nächsten Orte wo es auch sei die Wohltat einer genügsamen Abendmahlzeit und eines ruhigen Lagers sei es auch nur auf Stroh zu genießen Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen und ihn einem schrecklichern Unfalle vorbehalten
Fünfunddreissigster Abschnitt
Anselm findet unvermutet einen Bekannten Hoffnung der Einwohner einer gräflichen Residenzstadt
Anselm ging mit einigem Mute auf dem ersten Wege fort auf den er bei dem Ausgange des Wäldchens traf und gelangte am späten Nachmittage zu einem in der benachbarten kleinen Grafschaft gelegenen Flecken Er hatte diesen Tag noch nichts gegessen seine erste Frage war also nach dem Wirtshause Er erstaunte nicht wenig unter der Tür desselben einen Bedienten der Signora Bellonia zu sehen Er fragte ob sie da wäre Auf die Bejahung geriet er dermaßen in Zorn dass er seinen Hunger vergaß Erlittenes Unrecht und Wahrnehmung niederträchtiger Gesinnung konnten ihn seinem Charakter gemäß gleich aus der Fassung setzen Er ging gerade in ihr Zimmer um ihr zu sagen was sie verdiente Er erstaunte Plattern bei ihr allein zu finden mit Weingläsern auf dem Tische beide halb berauscht
Er brach in gerechte Vorwürfe aus gegen die Signora und ihren Helfershelfer diese wurden aber nur mit Lachen und Hohnnecken aufgenommen Platter schenkte ein Glas Wein ein das Anselm obgleich nüchtern und durstig mit Unwillen verschmähte Platter stand auf nahm ihn bei der Hand ob er sie gleich zurückzog und sagte
»Sei kein Narr Die Sache ist nun vorbei Ich will ganz aufrichtig reden Du hast gedacht wie wunderklug du wärest dass du eine alte Obligation die ich schon ganz vergessen hatte an Philipp zediertest um mir fünftausend Speziestaler wieder abzujagen Dies konnte ich freilich nicht hindern und ich bewunderte dich in Gedanken dass du pfiffiger warst als ich Um dir aber zu zeigen Kamerad dass ich doch noch pfiffiger bin als du machte ich einen Bund mit dieser schönen Nymphe um dir den größten Teil wieder abzunehmen Es tat mir leid dass es nicht alles sein konnte Doch bin ich auch nicht so arg als du wohl denkst Ich habs dir genommen ich wills dir mit Wucher wiedergeben Das tut nicht jeder in meiner Lage Ich bin jetzt der Fratello dieser schönen Schwester denn der andere ist abgedankt Wir wollen dich zum zweiten Bruder annehmen Ich will dir zeigen wie man die Gimpel fängt du aber sollst kein Gimpel mehr sein Ich will dich lehren wie man die Karten mischt wie man das Buch da abhebt wo man will wie man Bilder oder Nichtbilder mit den Fingerspitzen erkennt wie man jedes Blatt ganz unvermerkt zeichnet und ein gezeichnetes Buch statt eines ungezeichneten auf den Teppich bringt wie man die Volte mit einer Hand schlägt und wie jedes Blatt rechts oder links fallen muss so wie man will Dies sollst du von mir lernen dann wollen wir mit Hilfe dieses Lockvogels« – er schlug die Signora auf die Schulter – »schon die Gimpel ins Netz ziehen und dann sollst du dein Geld bald wiederbekommen Wir haben uns hier nur ins Inkognito gezogen um uns ein paar Wochen gütlich zu tun Morgen reisen wir nach der Frankfurter Messe da müssen wir wieder nüchtern und ehrbar sein« Und hiermit brachten ihm beide nochmal das Glas zu auf gute Brüderschaft
Anselm wich voll Abscheu zurück und rief aus »Weil Ihr mich schändlich betrogen habt will ich deswegen nicht andere betrügen« Mehr andere Wahrheiten sagte er ebenso bitter zu hören Der schon vom Weine erhitzte Platter fuhr wütend auf unsern dicken Mann zu ihn aus der Stube zu werfen Dieser dem der Unwillen die Kräfte verdoppelte warf den Betrunkenen zu Boden Platter raffte sich auf griff nach seinem im Winkel stehenden Degen und fuhr damit auf den unbewehrten Anselm zu Diesem half seine kleine Statur und seine obgleich seit der Universität nicht geübte Fechtkunst um unter den Stoß zu schlüpfen und Plattern auf den Leib zu kommen Er wand ihm den Degen aus der Hand und setzte sich in Defension Platter durch Zorn und Wein halb sinnlos gemacht fuhr blindlings auf ihn zu lief sich seinen eigenen Degen in den Leib und fiel in seinem Blute ohnmächtig nieder Signora Bellonia schrie im Sopran der Wirt heulte im Tenor Plater sei tot Anselm ließ den aus Platters Leib gezogenen Degen fallen und stand stumm in äußerster Bestürzung da
Man rief den Kontributionseinnehmer des Orts herbei der als Perückenmachergeselle – und folglich als Barbier – durch Holland und Brabant gewandert war Er hatte die Bärte der Männer des Fleckens zu besorgen und auch die vorfallenden Wunden ausgenommen die Beinbrüche und Verrenkungen welche der Scharfrichter kurierte Dieser Äskulap untersuchte und verband die Wunde und da er sie für absolut tödlich erklärte so ward Anselm gebunden ins Haus des Gerichtsdieners gebracht dort auf die bloße Erde gelegt und bewacht Man setzte einen Krug Wasser und ein Stück grobes Brot neben ihn welches er weil die Hände zusammengeschnürt waren nicht hätte nehmen können wenn er auch gewollt hätte Am folgenden Morgen ward er durch eine kommandierte Wache von acht bewaffneten Einwohnern des Fleckens denen die übrigen aus Neugierde freiwillig folgten nach dem nicht weit entlegenen Residenzstädtchen der Grafschaft gebracht Daselbst verhörte man ihn summarisch und brachte ihn darauf ins Kriminalgefängnis in ein unterirdisches Loch wo er mit Ketten kreuzweise an die Mauer geschlossen ward
Die Langeweile war seit undenklicher Zeit in dieser Residenz eingekehrt einer gähnte immer den andern an Der regierende Graf und sein Hofstaat waren nicht gegenwärtig Kein Geistlicher in der Stadt war wegen Ketzerei verdächtig und keine Frau wegen Liebeshändel Es war seit langer Zeit keine Feuersbrunst gewesen und kein starker Hagel gefallen Es war kein Kalb mit drei Füßen geboren worden sogar war seit Menschengedenken niemand am Schlagflusse oder Überladung des Magens plötzlich gestorben Man wusste also durchaus nicht wovon man in den Zusammenkünften hätte reden sollen wenn man auch vor argem Gähnen hätte dazu kommen können
Nun war Anselms Mordtat wie dieser Vorfall allgemein benennet ward auf einmal eine unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung Alle Umstände wurden erzählt und unzählige hinzugedichtet man hatte täglich eine neue veränderte Nachricht wovon das Hauptsächliche doch immer darauf hinauslief dass Platter an seinen Wunden gestorben wäre deren ihm das Gerücht wenigstens zehn beilegte Eine Menge Einwohner der Residenz wallfahrteten nach dem Flecken wo der Verwundete lag und ob sie ihn gleich nicht zu sehen bekamen kehrten sie immer mit der Nachricht zurück dass er eben verscheiden wolle wenn er gleich den folgenden Tag noch lebte Jedermann wollte den Mörder sehen Die Leute drängten sich wenn er ins Verhör geführet ward und der Kerkermeister fand ein gutes Auskommen dabei dass er täglich einige Stunden unsern armen dicken Mann einer Menge von Menschen jedem für zwei Stüber sehen ließ Da musste denn der arme Anselm über seine schweren Fesseln Anmerkungen hören da entdeckten Kenner in seinem runden Gesichte und in seiner gutmütigen Miene die Bosheit eines Mörders Da ward in seiner Gegenwart von den Zuschauern gefühllos gestritten wie bald er werde zur Tortur gebracht werden weil er verstockter Weise den Mord noch immer leugnen wollte und welche Art von Todesstrafe er wohl werde leiden müssen
Das war mehr als die menschliche Natur ertragen konnte Gram Kummer schlechte Kost und Lage und vor allem die feuchte Luft des Gefängnisses machten dass Anselm nach wenigen Wochen in ein Faulfieber verfiel Dies erregte die Besorgnis er möchte vor Ausgang des Prozesses sterben Es ward daher die einzige medizinische Person in der ganzen Grafschaft zu ihm geschickt indem der Leibarzt seit mehreren Jahren mit dem regierenden Grafen auf Reisen war auf welchen die Einkünfte des Ländchens und noch etwas mehr in fremden Ländern verzehrt wurden Dieser Mann war ein Chirurgus etwas über vierzig Jahr alt der weit in der Welt herumgereiset war sich aber erst seit einem halben Jahre hier gesetzt hatte und mit vielem Glücke praktizierte
Sechsunddreissigster Abschnitt
Sorgfalt der gräflichen Regierung ein wichtiges Recht ihres Herrn zu erhalten Reue Unvermutete Begebenheit
Es war der gräflichen Regierung nicht zu verdenken dass sie für das Leben ihres Gefangenen besondere Sorgfalt trug Ein benachbarter Reichsstand machte dem Grafen die peinliche Gerichtsbarkeit und den Blutbann seit einiger Zeit streitig und hatte deshalb beim Kammergerichte zu Wetzlar einen Prozess erhoben Aber der Graf hatte zu deduzieren gesucht dass er in uneingeschränktem Besitze der KriminalGerichtsbarkeit sich befinde und von jeher befunden habe Es gab also ein jeder neuer Actus jurisdictionis wenn ein Deliquent peinlich befragt oder justifiziert ward zwar eine neue Beschwerde für den Gegenteil aber auch eine neue Bestätigung des diesseitigen Rechts Daher war schwerlich daran zu gedenken dass an unserm armen dicken Manne etwa das Begnadigungsrecht ausgeübt würde denn bei den vielen Einwendungen die der Gegenteil seit kurzem hervorgesucht hatte kam die Gelegenheit gar zu erwünscht abermal deutlich zu zeigen man befinde sich in allen Wegen im possessorio und werde sich keineswegs ins petitorium bringen lassen Überdem hatte Signora Bellonia die einzige bei der Tat gegenwärtige Zeugin von dem meuchelmörderischen Angriffe des Inquisiten auf ihren Bruder eine so umständliche und schreckliche Beschreibung gemacht dass die gräfliche Regierung wohl einsah der Inquisit werde wenn die Sache verschickt würde gewiss mit seinem Tode die Gerechtsame ihres gnädigen Herrn bekräftigen müssen Daher war sie so sehr besorgt dass ihn nicht eine Krankheit wegraffen möchte ehe sein empfangenes Urteil ein beweisendes Dokument zu dem großen Prozesse in Wetzlar werden könnte um soviel mehr da schon ein paar Male der Fall sich ereignet hatte dass Gefangene die auf den Tod saßen im Gefängnisse gestorben waren
Der Chirurgus besaß außer seiner Geschicklichkeit noch menschenfreundliche Gesinnungen Er erklärte gleich die schlechte Luft des Gefängnisses und die harte Behandlung des Gefangenen wären die Ursachen der Krankheit und wenn diese nicht abgestellt würden müsse der Tod in wenigen Tagen erfolgen Die Herren von der Regierung erschraken nicht wenig dass sie selbst ohne es zu denken die gute Sache ihres gnädigen Herrn so sehr in Gefahr gesetzt hätten Keiner von ihnen hatte anders gewusst als dass ein auf Leib und Leben angeklagter Gefangener in einem unterirdischen Loche kreuzweis geschlossen auf feuchtem Stroh liegen müsse Sie waren sehr verwundert von dem neuen Chirurgus zu vernehmen ein solcher Aufenthalt sei für die Gesundheit eines Gefangenen so schädlich dass eine tötliche Krankheit daraus entstehen könne und einige wollten es gar nicht glauben Indes brachte die Rücksicht auf den Prozess in Wetzlar ein paar vorsichtige Mitglieder der Regierung zu dem Rate der Sicherheit wegen lieber nachzugeben Anselm ward in ein wohlverwahrtes aber helles und trockenes Zimmer gebracht ward in ein Bette gelegt und bekam die verordnete Arznei nebst der einem Kranken heilsamen Nahrung Der Chirurgus trug für ihn die größte Sorgfalt und in wenigen Tagen war die Lebensgefahr vorüber Nun sorgte der menschenfreundliche Mann auch für Kost die zu Erquickung und Stärkung des Gefangenen diente und gab nicht zu dass er aus dem gesunden Zimmer wieder weggebracht und geschlossen würde wozu man nicht übel Lust hatte
Doch für den armen Anselm war die Wiederherstellung seiner Gesundheit bis jetzt kein Glück Wozu konnte ihm das Leben dienen als einem schimpflichen Tode unvermeidlich entgegenzugehen Dieser Gedanke schlug ihn ganz nieder denn er wusste aus den Verhören die falsche Anklage der Signora Bellonia gegen ihn und der Kerkermeister um ihm etwas Neues zu erzählen berichtete ihm täglich dass Platter ohne Hoffnung darnieder liege
Aber auch hier ward er durch seinen menschenfreundlichen Wundarzt getröstet Platter hatte sich wirklich unter der Kur des Perückenmachergesellen so sehr verschlimmert dass man endlich den Kunstverständigen holte Nachdem dieser die Wunde untersucht und die bisherige Kur ganz geändert hatte erklärte er dass sie gar nicht tötlich wäre Ja er konnte nach wenigen Tagen Anselmen die Nachricht bringen der Verwundete sei außer aller Gefahr
Anselm hätte sich darüber freuen sollen aber sein Leben war ihm gleichgültig Er saß in stummer Betrübnis da Alle seine Fehler erschienen ihm jetzt im widrigsten Lichte und er ward ganz trostlos Sein menschenfreundlicher Arzt suchte ihn durch die Bemerkung aufzurichten Wenn er auf seinem Gewissen keine Laster habe deren Folgen gar nicht wieder gut zu machen wären so solle er sich beruhigen Es müsse niemand verzweifeln der noch Willen und Kraft habe sich zu bessern und so fügte er mehreres hinzu was ihm das Vertrauen des höchst niedergeschlagenen Gefangenen erwarb Der reuige Anselm erzählte ihm nun auf Verlangen summarisch die Hauptbegebenheiten seines Lebens Er schonte sich selbst nicht aber er nannte keine Namen und Orte weil er seine Freunde schonen wollte Doch verhehlte er nicht Platters zwiefaches Unrecht gegen ihn und die gerichtlichen Verleumdungen der Signora Bellonia
Er beschloss seine Rede »Sie sehen ich habe nichts begangen was den Gesetzen nach ein Verbrechen heißen würde aber in meinem eigenen Gewissen klage ich mich als einen Verbrecher an Ich habe die Asche meiner guten Eltern durch meine Verschwendung und durch den daraus entstandnen Bankrott geschändet Ich habe eine edle Frau die mich glücklich machen wollte unwiederbringlich unglücklich gemacht Mein ansehnliches Erbgut vergeudete ich unter schlechten Leuten statt es zu meinem Besten zu brauchen und andern dadurch wohlzutun so wie meine Eltern taten Die edle Hilfe meines wahren Freundes war vergeblich wegen meiner unverzeihlichen Torheiten die mich endlich an den Bettelstab und bis in dies Gefängnis brachten Ich habe ihm seitdem keine Nachricht von mir gegeben Auf welche Art hätte ich ihm mein Vergehen melden sollen Ich hätte mich totschämen müssen Ich bin auch der Hilfe eines Freundes ganz unwürdig Ich war das sehe ich jetzt immer ein elender Egoist der jede edle Gesinnung verächtlichen sinnlichen Genüssen aufopferte dem Dankbarkeit und Wohltun fremd waren Was bleibt mir übrig Gesetzt ich würde aus diesem Kerker befreit so bin ich ja von den gemeinsten Bedürfnissen des Lebens entblößt Gesetzt man wollte mir aufhelfen so werde ich mir selbst nie vergeben können dass ich so töricht so seelenlos handelte Gewissensbisse werden mich beständig foltern und dabei die Furcht dass jeder erste Anfang zu einer bessern Lage mich vermöge meines Leichtsinns wieder zum Toren und endlich noch zum lasterhaften Menschen machen werde denn nun hab ich allen Glauben an mich selbst verloren Hätte ich auch den Willen zu guten Entschlüssen so werde ich keine Kraft zu ihrer Ausführung haben Ich werde immer ein elender Mensch sein und es wäre besser ich stürbe ehe ich ein schlechter Mensch werde«
Der Arzt hörte diese Rede mit einer Träne im Auge Er nahm Anselmen bei der Hand die er sanft drückte und sagte tief seufzend »Mein Freund Sie müssen nicht verzagen Wer sich bessern will ist kein schlechter Mensch und wird es nicht werden wenn es nur mit der Besserung ernst bleibt Das Elend aber ist der wirksamste Weg sich zu bessern für einen leichtsinnigen Menschen der nicht seinem Verstande und dem guten Rate rechtschaffener Freunde hat folgen wollen Danken Sie Gott dass Sie so früh elend geworden sind Sie haben noch den größten Teil Ihres Lebens vor sich wo Sie durch gute Handlungen sich und andere glücklich machen können
Soll ich offenherzig gegen Sie sein Ich will es denn es wird Sie trösten Sie sehen hier einen Sünder vor sich älter als Sie und der sich weit mehr vorzuwerfen hat Meine Eltern waren wohlhabend Ich war ihr Liebling Ach wie schlecht hab ich ihre Liebe belohnt Sie ließ mich die Wundarznei lernen Als ich ausgelernt hatte das heißt da ich noch nichts wusste war ich schon stolz denn meine Kunst war mir allzu gering Ich wusste nicht recht was ich wollte aber um nur ins freie Leben zu kommen sagte ich ich wolle Medizin studieren Mein Vater wendete auf der Universität viel Geld an mich aber statt zu studieren verschwendete ich Endlich sollte ich promovieren Mein Vater schickte das Geld dazu ich war unsinnig genug den größten Teil davon zu verspielen und den Rest in schlechter Gesellschaft durchzubringen Meine Promotion die mich hätte zum Manne machen können ging nicht vor sich denn mein Vater war nicht im Stande das Geld noch einmal zu schicken Ich Elender achtete das nicht ich ward immer fühlloser je mehr ich mit schlechten Leuten vertraut ward Man suchte gegen das Ende des siebenjährigen Krieges alle jungen Chirurgen auf Ich diente in Feldhospitälern und lebte sorglos Mein gütiger Vater unterstützte mich auch da noch Ich Elender fragte nicht ob er sich selbst etwas entzöge Nach dem Frieden schwärmte ich noch anderthalb Jahre herum und lebte wie ich konnte Ich kam hierauf zu meinem Vater zurück und fand ihn in bedrängten Umständen Gleichwohl lag ich ihm zur Last und brachte meine Zeit in Müßiggang zu Was kümmerte mich Elenden Vater Mutter und Geschwister – Endlich dachte ich alles zu verlassen nach Amsterdam zu Fuße zu gehen und in Ostindien mein Glück zu suchen Denn von großem Glücke das noch kommen müsste träumte ich immer weil ich ein Egoist war so wie Sie ehemals weil ordentlich zu arbeiten mir unerträglich fiel wie Ihnen weil ich sinnliche Vergnügungen und aufrichtig zu reden schlechte Vergnügungen bis auf den letzten Tropfen genießen wollte
Ach wie ganz anders fand ich es da ich erst in der Fremde mir selbst überlassen war Einzeln ohne Beistand sah ich dass jeder Mensch der Hilfe anderer bedarf also billig nicht bloß auf sich sehen sondern auch bedacht sein muss andern soviel er kann zu helfen Ich habe mehrere Weltteile durchreiset Äusserster Mangel und das bitterste Elend haben mich endlich weise frugal arbeitsam gemacht Dadurch kam ich zu einem anständigen Auskommen verlor aber mein Vermögen wieder durch falsche Freunde durch Übereilung durch Unglücksfälle und kam zuletzt in mein Vaterland entblößt von allem
So hat die harte Schule des Elends mich zum bessern Menschen gemacht hat mich aber auch gelehrt mit Elenden Mitleid zu haben Ich bin in meiner jetzigen Lage über mein Verdienst glücklich und Sie sollen von mir nicht hilflos gelassen werden Sie haben wie ich merke doch etwas gelernt wodurch Sie sich fortelfen können zumal in dieser Gegend wo wohlfeil zu leben ist und echte medizinische Kenntnisse selten sind Mein Freund Wer Geschicklichkeit und gute Gesinnungen hat wird davon nie verlassen wohl aber vom Reichtume das hat mich Erfahrung gelehrt Sie brauchen freilich einige Ausstattung um wieder als Arzt zu erscheinen Seien Sie ruhig deshalb auch daran soll es Ihnen nicht fehlen Als ich auf Reisen ging in der törichten Hoffnung mein Glück zu machen eigentlich aber um ungebunden und nach meinem Sinne zu leben war ich von allem entblößt Mein guter Vater der selbst schon in kummervollen Umständen war strengte sich meinethalben über seine Kräfte an denn ich war der Liebling meiner schon kränklichen Mutter die wohl merkte dass sie mich nie wieder sehen würde Ich Elender Es war vom Altare genommen Ich fühlte nicht dass ich meinen Eltern wehe tat dass ichs meinen übrigen Geschwistern entzog meiner Schwester die eine gute Heirat verfehlte weil mein Vater zum Teil durch meine Verschwendung sein Vermögen den Gläubigern übergeben musste meinem Bruder der noch ein Kind war und an den nichts gewendet werden konnte da an mich Unwürdigen soviel vergeblich war weggeworfen worden
Dieser Bruder dem sein Vater nichts geben konnte als seinen Segen und notdürftigen Unterricht im Lesen und Schreiben der noch als ein Kind durch Handarbeit beitrug seine Eltern ernähren zu helfen hat sich durch ununterbrochenen Fleiß Treue und Geschicklichkeit durch ununterbrochene gute Aufführung selbst durch die Welt geholfen Er ist mein zweiter Vater geworden nachdem meine Eltern vor Kummer starben Er hat mir das Kapital geschenkt um hier die Barbierstube zu kaufen die das Recht gibt die Wundarznei auszuüben und er richtete meine ganze Haushaltung ein Er lebt obgleich reich immer noch auf einem eingeschränkten bürgerlichen Fuße aber er hat jährlich eine beträchtliche Summe ausgesetzt um neuen Anfängern zu helfen Sie haben einen Freund und also sind Sie nicht verlassen sobald Sie sich ihm entdecken aber Sie sollen auch Anteil an der Hilfe meines Bruders haben oder ich müsste seine edle Gesinnung nicht kennen Er ist ein reicher Kaufmann in Elberfeld« –
Anselm starrte auf Er hatte gleich bei Erzählung der edelmütigen Hilfe des Bruders mehrmal an seinen Freund Philipp gedacht dem er seit Düsseldorf nicht mit einem Worte Nachricht von sich gegeben hatte Der Wundarzt war Philipps älterer Bruder eben derjenige der als Schiffschirurgus zur See ging zu der Zeit als Anselms Vater den verlassenen Waisen in sein Haus aufnahm Anselm hatte den Namen des Mannes nicht gewusst denn man nannte ihn im Gefängnisse bloß den Doktor
Philipp erfuhr nun gleich von seinem Bruder die unglückliche Lage Anselms Er kam nach wenigen Tagen selbst und gab seinem Freunde zuerst einen freundschaftlichen Verweis dass er ihm nicht ein einzigmal geschrieben und ihn dadurch ganz außer Stand gesetzt hatte ihm eher zu helfen Er schilderte ihm die ängstliche Ungewissheit worin er wegen seines Schicksals gewesen Doch es war jetzt nicht viel Zeit zu Verweisen Philipp war tätig zum Besten seines Freundes
Er befreiete ihn vorläufig durch Bürgschaft aus dem Gefängnisse Dies fand wenig Schwierigkeit Platter hatte in der Meinung er müsse sterben einen Geistlichen verlangt um sich zu bekehren Demselben beichtete er in der Todesangst alles Unrecht das er Anselmen angetan hatte und widerlegte die falsche Anklage der Signora Bellonia weil er diese Person nicht mehr zu brauchen glaubte da er nun bald in den lieben Himmel einzugehen dachte Der Geistliche fand sich also im Gewissen verbunden für Anselm zu zeugen Da nun in der Folge der Wundarzt Plattern völlig heilte und Philipp alle Sporteln bezahlte so war endlich gar kein Vorwand mehr da den Gefangenen nicht völlig loszusprechen
Die gähnenden Einwohner der gräflichen Residenzstadt hatten zwar noch ein paar Wochen lang Stoff zum Sprechen von diesem wunderbaren Ausgange der Sache aber sie verloren ungern das Schauspiel einer Hinrichtung welches ihnen einige Monate lang zur Unterhaltung würde gedient haben Die gräfliche Regierung sorgte jedoch für sie und zugleich für die Rechte ihres gnädigen Herrn Die falsche Aussage der Signora Bellonia gab eine gute Veranlassung sie nebst ihrem Mitschuldigen Platter einzuziehen Die Summen Geldes die man bei ihnen fand wurden zu den Sporteln eines Kriminalprozesses mehr als hinlänglich befunden daher ward er auch in größter Strenge angestellt Weil es an Gelde nicht fehlte so konnte man wegen des vorherigen Lebens der beiden Inquisiten nach Köln nach Aachen und nach noch entferntern Orten schreiben Da erfuhr man denn so mancherlei Betrügereien und Missetaten dass der Prozess sehr ernstaft ward Die gräfliche Regierung verschickte die Akten und hatte die beste Hoffnung beim Kammergerichte zu Wetzlar durch ein paar neue Tatsachen deduzieren zu können dass ihr gnädiger Herr im unstreitigen Besitze des fraisliehen Gerichts sei zu gleicher Zeit aber auch den Einwohnern der gräflichen Residenz ein Schauspiel zu geben dessen sie schon ein paar Male durch die Beschaffenheit der Kriminalgefängnisse waren beraubet worden
Siebenunddreissigster Abschnitt
Veränderte Reise Unvermutete Vorfälle mancherlei Art
Anselm ward von seinem großmütigen Freunde Philipp mit Wäsche Kleidern und Gelde versehen unter der einzigen Bedingung die er schon seinem Bruder gemacht hatte dass er ihm nicht danken sollte Alle Bedingungen würde Anselm erfüllt haben nur diese nicht denn sein Herz dankte ihm und der Dank strömte in seine gerührten Augen über wenngleich der Mund schwieg
Sie standen eben im Begriffe nach Elberfeld abzureisen Da bekam Philipp einen Brief von Köln worin ihm Frau Sophie meldete dass ihr Mann gestorben sei Er hatte sich in der letzten Zeit sehr dem Trunke ergeben wobei der Advokat Hiffer der seit einiger Zeit seine Freundschaft noch mehr gesucht hatte sein treuer Kamerad gewesen war sein Tod war plötzlich erfolgt Die gute Frau sah sich also von einem großen Übel erlöset aber es schien als ob das Schicksal sie zu noch fast größeren Übeln aufbehalten hätte wie wir gleich weiter vernehmen werden
Anselm und Philipp hielten sich nur noch in der gräflichen Residenz auf um sich in Trauer zu setzen und es ward beschlossen anstatt nach Elberfeld lieber gleich nach Köln zu reisen Anselm obgleich jetzt sehr bescheiden konnte doch nicht umhin insgeheim Hoffnungen zu schöpfen Jetzt war es wenigstens möglich zu Sophiens Besitze zu gelangen und den höchsten Gipfel seines Glücks zu ersteigen weil er sie innig liebte Aber konnte er sie auch noch glücklich machen War er noch ihrer würdig Sollte sie ihn wohl wählen ihn dessen öftere Vergehungen ihr nicht verborgen geblieben waren – Diese Fragen beunruhigten ihn Er sah alle Fehltritte seines törichten Lebens so sehr in ihrer wahren Gestalt dass er selbst glaubte sie könne diesen Schritt nicht tun Und gesetzt es sei möglich dass er dennoch der Ihrige würde wie wenn er denn wieder eine Torheit oder Unbedachtsamkeit beginge die sein ganzes häusliches Glück umstürzte Alsdann würde er auch das Glück dieser edlen Frau umstürzen Er erlag unter dem Gedanken dass dies geschehen könne und gleichwohl sah er ein es würde dazu nichts mehr als eine einzige von den Unbedachtsamkeiten gehören deren er schon so manche begangen hatte
Philipp der einen Teil seiner Gedanken erriet tröstete ihn wegen der Gesinnungen Sophiens gegen ihn durch die Versicherung sie würden gewiss unveränderlich sein In Absicht der eigenen Gesinnungen unsers dicken Mannes aber las ihm Philipp zum ersten Male eine recht derbe Sittenlehre Anselm stimmte so sehr mit ein beschuldigte sich selbst so sehr verzweifelte selbst so sehr an seiner Festigkeit in guten Entschlüssen dass Philipp ihn nun wieder aufzurichten suchte »Du wirst« fügte Philipp hinzu »nicht wieder eine Torheit begehen die dich unglücklich macht Dafür bürgen mir teils dein ausgestandenes Elend das dich vorsichtiger machen wird noch mehr aber deine Liebe zu Sophien Der Mensch der einzeln steht und nur auf sich selbst sieht kann leichtsinnig sein und Torheiten begehen denn er nimmt allenfalls über sich die Folgen zu ertragen wenn er sie gleich nicht vorher bedenkt Aber einem andern die Folgen seiner Torheiten aufzubürden widersteht jedem der nicht ganz verworfen ist Daher hat die Vorsicht verordnet dass sich Mann und Weib lieben sollen damit sie beide weiser und dadurch glücklicher werden«
Sie kamen in Köln an Sophie empfing sie viel ernsthafter als sie gedacht hatten Die schöne Witwe errötete als Anselm unvermerkt in ihr Zimmer trat Sie umarmte ihn zwar nach einem augenblicklichen Bedenken als ihren nächsten Verwandten aber es war etwas Feierliches und sehr Zurückhaltendes in ihrem Wesen Die kurze Zeit die erst seit dem Tode ihres Mannes verstrichen war der Wohlstand die Pflichten gegen ihre Kinder die Ungewissheit und die Wichtigkeit der Schritte welche sie würde tun müssen und die sie zum Teil dunkel atmete alles mochte dies wohl hervorbringen Anselm aber legte es anders aus und die Hoffnung die er unter Weges geschöpft hatte verlor sich beinahe ganz selbst Philipp ward wegen ihrer Gesinnungen etwas irre
Es fanden sich wie es bei Sterbefällen geht mancherlei Dinge im Hause anzuordnen und in Richtigkeit zu bringen zumal da die Kinder noch minderjährig waren Am Tage nach Anselms und Philipps Ankunft empfing Frau Sophie aus Limnich an der Roer die gerichtlich vidimierte Abschrift des Testaments welches ihr Mann im ersten Jahre ihrer Verheiratung daselbst bei den Gerichten niedergelegt hatte In demselben war sie zur einzigen Erbin seines ganzen Vermögens eingesetzt und ihren Kindern bloß das Pflichtteil vermacht Sie sollte auch einzige Vormünderin der Kinder sein in allem Herr von dem ganzen Vermögen und dessen Anwendung bleiben allen gerichtlichen Formalitäten war in diesem Testamente möglichst vorgebaut und niemand sollte von ihr Rechenschaft fordern dürfen Frau Sophie sah in diesem Testamente nur die wichtigen Pflichten die es ihr in Ansehung ihrer Kinder auferlegte Sie zog ihren Freund Philipp zu Rate wie eins und das andere am besten möchte einzurichten sein Bei den Beratschlagungen darüber war nichts von einer Zuneigung gegen Anselm zu merken sondern bloß die Sorge für ihre Kinder Sie war noch immer ungewöhnlich zurückhaltend und äußerte das Herz sei ihr schwer vor Ahnung irgendeiner unglücklichen Begebenheit Philipp der dem Wohlstande und der mütterlichen Vorsorge für ihre Kinder alle Gerechtigkeit widerfahren ließ gab doch auch die Aussicht für Anselm noch nicht ganz auf Anselm selbst aber verlor allgemach die Hoffnung denn Frau Sophie war gegen ihn ungewöhnlich zurückhaltend und in sehr trüber Stimmung Sie hatte auf Philipps Rat einen Rechtsgelehrten in Köln zum Beistande genommen An dem Tage da dies bekannt ward bekam sie einen Besuch von dem Doktor Hiffer Dieser sagte zu ihr Er höre mit einiger Befremdung dass sie sich einen rechtlichen Beistand erlesen und durch denselben dem Waisengerichte ein Testament habe übergeben lassen welches ihr verstorbener Mann angeblich vor mehreren Jahren in Limnich solle gemacht habe Er wolle nicht untersuchen ob es mit diesem Testamente seine Richtigkeit habe Genug es sei ungültig denn ihr sel Mann habe vor wenigen Monaten in einem zwei Meilen entlegenen Städtchen ein Testament gerichtlich niedergelegt worin alle vorigen Verordnungen dieser Art widerrufen wären Dies wisse er um soviel gewisser weil ihr sel Herr zur Besorgung der Wohlfahrt seiner Kinder in diesem letzten Willen ihn zum einzigen Vormunde ernennet und dies ihm mündlich selbst gesagt habe Nichts glich dem Schrecken der schon so betrübten Witwe bei diesem ganz unvermuteten Vorfalle »Ach« rief sie aus »Meine bangen Ahnungen fangen an einzutreffen« Auch Anselm und Philipp waren nicht wenig bestürzt Es blieb indes nichts übrig als sich an dem angezeigten Orte nach dem zweiten Testamente zu erkundigen Es lag wirklich dort Zu Eröffnung desselben ward ein kurzer Termin angesetzt Der Inhalt erfüllte alle Anwesenden außer Hiffer mit Erstaunen Nicht nur widerrief der Verstorbene in diesem gerichtlich niedergelegten Testament alle vorigen Willensverordnungen die er könnte gemacht haben und namentlich das zu Limnich niedergelegte Testament welches er für ungültig erklärte nicht nur setzte er den Prokurator Hiffer den er seinen treuen und bewährten Freund nannte zum einzigen Vormunde über seine Kinder ein der ohne jemand Rechenschaft abzulegen für derselben Wohl nach seiner besten Einsicht sorgen solle Der Verstorbene machte auch in diesem Testamente seiner Frau Vorwürfe wegen ihrer wie ers nannte ungebührlichen Zuneigung zu ihrem Vetter Anselm welcher wie er sagte schon manches Missvergnügen zwischen ihnen zu erregen versucht habe Aus Vorsicht dass diese Neigung seiner Frau nicht seinen Kindern schaden möge ließ er ihr den bloßen Niessbrauch seines Vermögens bis zur Volljährigkeit der Kinder welche alsdann jedes seinen Teil der Hälfte erben sollten doch auch jenes nur unter der ausdrücklichen Bedingung dass seine Witwe seinen treuen Freund Hiffer heirate dem der größte Teil ihrer Hälfte erblich zufallen solle im Falle sie vor ihm stürbe das Übrige aber den Kindern Wollte sie hingegen sagte der Erblasser nach ihrer ihm schon bisher gezeigten verkehrten Neigung diese Heirat in Jahresfrist nicht eingehen so solle sie mehr nicht als hundert Gulden erben die Kinder sollten bloß das Pflichtteil haben und Hiffer sollte sogleich Erbe des ganzen Vermögens sein
Ob die rechtschaffene Frau Sophie nach Vorlesung dieses Testaments mehr erschrocken oder mehr indigniert gewesen möchte schwer können entschieden werden und wir wollen daher keinem unserer Leser und Leserinnen in ihrer Meinung hierüber vorgreifen
Achtunddreissigster Abschnitt
Veranlassung beider Testamente Frau Sophiens Entschluss
Es ist ein eigenes Ding dass ein Verstorbener in seinem Testamente nach seinem Tode redet Denn oft begibt es sich dass ehe es mit dem Testamentmacher zum Sterben kommt sich nicht nur wesentliche äußerliche Umstände sondern auch wohl seine eigenen Gesinnungen geändert haben Dann möchte er sich gern mit seiner Rede nach dem Tode auf den kalten Mund schlagen Dies begegnet auch klugen Leuten und so begegnete es Sophiens Manne der was Geld und Geldes Wert betrifft gewiss keiner der Dümmsten war Über Geld und Geldes Wert handeln aber doch jetziger Zeit gewöhnlich die Testamente denn seine Seele dem lieben Gotte zu vermachen und den Leib der Erde ist aus der Mode gekommen und wenn ein jetztlebender neuer Eudamidas seine verlassenen Kinder seinem Freunde vermachen wollte so würde er sicherer handeln wenn er es lieber durch Schenkung unter Lebendigen täte Das erste Testament zu Limnich war eine Folge nicht nur der großen Weltklugheit womit Sophiens Mann begabt war sondern auch des ersten Feuers der Liebe zu ihr Er liebte sie wirklich bei der Heirat recht inbrünstig denn er liebte ihr Geld über alle Massen welches ohne ihre Person nicht zu erlangen war Damals glaubte er es müsse ihr ein ansehnliches Vermögen zufallen und zwar bald denn er traute es Meister Anton nicht zu dass er unverschämt genug sein werde noch lange zu leben Alsdann hätte sie seiner Meinung nach wohl die Hälfte des Vermögens hoffen können aufs wenigste das Drittel denn Meister Anton hielt sie ja wie sein eigenes Kind Nun ging seine Sorgfalt dahin sich des ganzen Genusses dieser reichen Erbschaft zu versichern im Falle etwa seine Frau vor ihm mit Tode abgehen sollte welches er ganz gleichgültig würde angesehen haben sobald nur dieser Tod nicht vor Meister Antons Ableben erfolgte Zu diesem Behufe dachte er ganz schlau aus dieses seiner Frau sehr vorteilhaft scheinende Testament zu errichten Er vermachte ihr hierdurch im Grunde nur sehr wenig denn damals war sein Vermögen noch äußerst unbeträchtlich Das Feine bestand darin dass er durch dieses Zeichen der Liebe und des Vertrauens seine gute Frau zu bereden suchte unter eben dem Datum auch ihr Testament zu machen worin sie ihn mit gleichen Vorzügen zum allgemeinen Erben ihres künftigen Vermögens einsetzte das er sehr viel höher anschlug als sein eigenes und wovon er sehr guten Gebrauch zu machen dachte wenn nur erst Meister Anton und nach ihm Frau Sophie gestorben wäre Der Mann war also wie man sieht sehr weltklug doch übertraf ihn in dieser nützlichen Eigenschaft noch der Prokurator Hiffer Dieser war Doktor beider Rechte und verband mit der allgemeinen Klugheit welche so nötig ist um sich durch die verwirrten Weltändel empor zu winden auch noch die Klugheit welche die Kenntnis beider Rechte den Klugen an die Hand gibt Die Rechte sind nicht wie manche Tölpel wohl meinen zum Besten der verlassenen Witwen und Waisen oder der ruhigen unbekümmerten Bürger geschrieben sondern eigentlich wie eine bewährte Rechtsregel sagt zum Besten der Klugen und Wachsamen Fussnote Wenn nun das größte Recht das größte Unrecht ist wie ebenfalls eine bewährte Rechtsregel versichert so erhellet noch deutlicher dass Doktor Hiffer beide Rechte deswegen teoretisch sehr gründlich studiert hatte um das größte Recht praktisch mit allen seinen Feinheiten recht kräftig ausüben zu können wenn es nämlich zu seinem und allenfalls auch zu seiner Klienten Nutzen gereichte Er fand hierin seinen Mann an dem Ehegatten der Frau Sophie Aus einem paar kaufmännischen Rechtshändeln die derselbe ihm zu besorgen auftrug sah er genugsam ein dass sie beide vom Nutzen des höchsten Rechts gleiche Begriffe hätten Dies brachte eine nähere Verbindung zwischen ihnen zuwege die jeder zu seinem besonderen Vorteile zu lenken dachte Hiffer fasste den Gatten Sophiens bei seiner Liebe zum Weine und holte ihn unterm Trinken über manches aus das er einmal zu brauchen dachte
So erfuhr er auch von ihm dass er mit seiner Frau in schlechtem Vernehmen lebte Denn nachdem Meister Anton gestorben war ohne Sophien etwas zu vermachen ward diese von ihrem Manne herzlich gehasset welcher für gut fand seinen Hass auch bis auf seinen Vetter Anselm auszudehnen dessen Unverschämtheit er sondergleichen fand seines Vaters Vermögen zu erben denn das von dem Vater erborgte Kapital welches Anselm nach dessen Tode seinem erbschaftsbegierigen Vetter schenkte hielt dieser für gar keinen Ersatz desjenigen was ihm seiner Meinung nach entzogen ward
Dieser Hass zeigte sich noch deutlicher gegen beide seitdem Frau Sophie unschuldiger Weise ihren verlassenen Vetter aufgenommen hatte und er ihn in seinem Hause erblicken musste Er konnte gar nicht begreifen wie seine Frau einen Menschen wie Anselm nicht aufs Bitterste hassen konnte der an ihrer Statt geerbt hatte Hiffer dachte wohl selbst nicht dass ihm die beim Trünke eingesammelten Nachrichten von dem schlechten Vernehmen in Sophiens Hause einmal sonderlich nützlich sein könnten Es war aber seine Art die Leute schwatzen zu machen und sie was es nun war von sich selbst erzählen zu lassen weil er sie dadurch immer einigermaßen in seine Gewalt bekam Daher hatte er in Düsseldorf wo er unsern dicken Mann traf die Rede auf Sophien gebracht um auch von der andern Seite zu hören wie die Sache eigentlich stehe Da erfuhr er dann durch die Reden des offenherzigen unbedachtsamen Anselms mehr als er vermutet hatte Besonders war ihm die unvorsichtig eröffnete Nachricht dass Anselm Sophiens Bildnis habe geschenkt bekommen sehr viel wert Er fühlte gleich dunkel eine solche Nachricht müsse zu etwas zu brauchen sein Da nun nachher der Verlust Anselms bei der Signora Bellonia hinzukam der in ganz Düsseldorf großes Aufsehen erregte so ward ihm der Plan den er machen könnte noch etwas deutlicher und er brachte ihn auf seiner Rückreise in seinem Kopfe völlig in Ordnung
Zuvörderst nahm er Gelegenheit als ob es ganz von ungefähr käme in Frau Sophiens und ihres Mannes Gegenwart gleichsam voraussetzend sie wüssten es schon zu bedauern dass ihr Vetter Anselm so ganz sinnlos gehandelt habe sich in eine liederliche Sängerin zu verlieben bei ihr sein ganzes Vermögen zu verspielen und mit ihr nachher heimlich durchzugehen Diesen letzten Umstand dichtete er aus guten Ursachen hinzu denn ihm war daran gelegen dass Sophiens Zuneigung zu Anselm kein Hindernis des von ihm entworfenen Planes werden möchte
Er hatte gleich darauf gerechnet dass diese unvermutet gehörte Nachricht auf Sophien Wirkung tun müsste Dies traf auch ein Sophien erschrak über die Nachricht und wollte anfänglich gar nicht glauben dass Anselm fähig sein könnte mit einer liederlichen Person durchzugehen Da es aber Hiffer mit mehreren Umständen bestätigte und versicherte ganz Düsseldorf wisse es so konnte sie den Strom ihrer Tränen nicht zurückhalten Darüber ward sie von ihrem Manne übel angelassen Sie entschuldigte sich damit dass sie das unvermutete Unglück ihres nächsten Verwandten nicht gleichgültig anhören könne Hiffer lächelte bedeutend bei Anführung dieser Ursache so dass es der Mann bemerken musste Er hatte nachher bald Gelegenheit in einer Unterredung bei der Flasche das Gespräch wieder darauf zu bringen und da fing er an zu Ausführung des von ihm entworfenen Plans die unschuldigste Sache zu vergiften Unter den wärmsten Freundschaftsbezeugungen setzte er dem Manne in den Kopf die Betrübnis seiner Frau über ihren unwürdigen Vetter möge wohl noch aus einer viel nähern Verbindung als der bloßen Verwandtschaft entstehen Er erzählte Anselm habe sich selbst der Gunst Sophiens gerühmt habe ihm zum Beweise das von derselben erhaltene Bildnis mit Triumphe gezeigt zu welcher falschen Vorstellung er noch mehrere Umstände erdichtete so wie er sie für seine Absicht am gemässesten hielt Dadurch erhielt er dass der Mann in Argwohn geriet und mit seiner Frau wegen des Bildnisses gar unangenehme Reden wechselte Zugleich erreichte dadurch seine Schlauigkeit einen doppelten Zweck Sophie musste nun notwendig von Anselms undelikater Art zu denken und unvernünftiger Art zu handeln einen sehr nachteiligen Begriff bekommen der auch wirklich nachher noch auf die Art wirkte wie sie ihn als Witwe empfing Ferner hatte er durch diese Geschichte in das Gemüt des Mannes einen Samen des Missvergnügens mit seiner Frau gestreuet den er sich vornahm reichlich zu düngen und zu pflegen so dass er bald aufgehen und ihm gute Früchte tragen sollte
Zu diesem Behufe warf er sich nun zum täglichen Trinkfreunde des Mannes auf der schon die Flasche sehr liebte Der Asmanshäuser ward nicht geschont sooft sie nachmittags zusammenkamen welches fast täglich geschah Hiffer hatte die glückliche Gabe viel Wein vertragen zu können und blieb also immer noch kalt und verständig wenn sein Mann schon selig war und folglich gesprächig ward Da konnte er dann dessen Gedanken gemächlich auskundschaften und seinem eigenen Plane gemäß ihm die Ideen in den Kopf setzen die denselben befördern mussten So brachte er auch die Geschichte mit dem Bildnisse des breitern vor und suchte den Mann zu bereden seiner Frau geheime Verbindung mit Anselm denn dazu hatte der Elende die unschuldigste Gesinnung verschwärzt habe gewiss noch nicht aufgehört so sehr auch nach des Mannes Berichte die gute Frau das Geschenk des Bildes mit Tränen bedauert hatte Hiffer bestand hingegen darauf dies sei nur Verstellung ja es sei vielmehr wahrscheinlich dass Anselm von Frau Sophien mit Gelde unterstützt werde Der Mann kam darüber außer sich denn das Geld war seine empfindliche Seite Hiffer entwickelte ihm bündig es könne fast nicht anders sein denn Anselm habe keinen Stüber übrig behalten und habe sich doch wie er aus sichern Nachrichten wisse wieder von der Sängerin getrennt die ihn allein ernährt hätte welches wohl bloß Frau Sophien zu Gefallen und durch ihre Unterstützung werde geschehen sein Er gab dabei zu verstehen Wenn welches Gott verhüten möge der Mann etwa vor Sophien mit Tode abgehen sollte so würde sie gewiss den Anselm von dem sie nun einmal nicht lassen könne bald heiraten und dann würde dieser liederliche Kerl das schöne Vermögen in ein paar Jahren durchbringen so wie er ja sein eigenes Vermögen in kurzer Zeit durch die Gurgel gejagt habe
Hier fasste der schlaue Erbschleicher seinen Mann gerade da wo er am leichtesten festzuhalten war denn Sophiens Mann liebte sein Geld im Leben und nach dem Tode fast noch mehr als sich selbst und seitdem er die Geschicklichkeit seines Freundes Hiffer im Trinken zu erreichen so emsig als vergebens beflissen war fühlte er so sehr er sich es zu verhehlen suchte er möchte doch vielleicht bald von seinem lieben Gelde scheiden müssen Da kam es ihm denn schon ziemlich bitter an dass alles seiner Frau zufallen sollte die eine so schlechte Wirtin war dass sie vermutlich heimlich Geld an einen Menschen schickte der ihm eine reiche Erbschaft entzogen hatte Wenn er aber vollends daran dachte seine Frau möchte nach seinem Tode sein liebes Geld ganz mit diesem Erbschaftsdieb teilen dem er nicht eines Guldens Wert gönnte so hätte er mögen aus der Haut fahren
Er hatte schon längst überlegt dass seit dem Limnichschen Testamente die beiderseitigen Vermögensumstände sich gänzlich umgekehrt hatten und es deshalb schon längst sehr natürlich gefunden dass sie nun von ihm eigentlich gar nichts erben müsste da er nur sehr wenig von ihr erben konnte Er hatte nur nicht recht gewusst wie es anzufangen sei um sein Testament abzuändern weil er das Aufsehen scheute das erregt werden würde wenn er sein Testament in Limnich zurücknähme Die Nachrede der Leute kümmerte ihn eben so sehr nicht Seine Hauptsorge war seine Frau die er ganz nach sich selbst beurteilte würde alsdann gewiss auch ihr ihm vorteilhaftes Testament zurücknehmen So gering auch ihr Vermögen gegen seines war so wollte er doch nicht das Recht es auf allen Fall zu erben aufgeben Aber auch hier erhielt er von seinem rechtsgelehrten Trinkfreunde der ihn so schlau wider seine Frau aufgebracht hatte die beste Anleitung sie zu überlisten Sein Rat war nämlich in einem zwei Meilen entlegenen Städtchen ganz in der Stille ein neues Testament niederzulegen worin das vorige für ungültig erklärt und eine andere Verordnung gemacht würde Hiffer war mit dem Richter dieses Städtchens genau bekannt und wusste es nicht nur sehr vorsichtiger Weise so zu veranstalten dass die Errichtung und gerichtliche Niederlegung dieses zweiten Testaments ganz unbekannt blieb sondern auch seine Ratschläge und Eingebungen so gut mit der Flasche zu verbinden und zu unterstützen dass der Inhalt des Testaments ganz nach seinem so klug angelegten Plane zu seinem eigenen Vorteile gereichte Denn nun musste das große Vermögen nebst der hübschen Frau sein werden und auf den schlimmsten Fall erhielt er doch gewiss das Vermögen womit er denn wenns nicht anders sein könnte ohne die hübsche Frau zufrieden zu sein sich vornahm Aber in welcher schrecklichen Lage befand sich nun die gute Sophie Sie sah ihr Verderben vor sich wohin sie ihre Augen richtete Heiratete sie den Elenden so machte sie sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens noch unglücklicher als in der ersten tat sie es nicht so war sie beinahe ganz verarmt Und noch würde sie gern Armut dem Unglücke vorgezogen haben mit einem schlechten Menschen verbunden zu sein Sie hätte lieber auf die frugaleste Art von ihrer Hände Arbeit gelebt Aber der Gedanke ihren Kindern durch eigene Entäusserung wohl zu tun machte ihr Mut zu deren Bestem lieber ihr eigenes Unglück zu wählen Denn sonst war der größte Teil des Vermögens für ihre Kinder verloren und um den übrigen Teil hätte ein so nichtswürdiger Vormund auch dieselben zu bringen gewusst wenn sie ihm nicht noch Einhalt tun könnte das war vorauszusehen Zudem wäre die Erziehung der Kinder diesem schlechten Menschen ganz überlassen geblieben War sie hingegen dessen Gattin so konnte sie ihren Kindern noch das geben was mehr wert ist als Vermögen gute Erziehung und gute Gesinnungen Sie fasste also einen Entschluss traurig für sich selbst aber ihren Kindern vorteilhaft
Ihre vormalige Zuneigung zu Anselm kam hierbei wenig in Betrachtung Wäre diese auch noch in ihrer völligen Stärke gewesen so hätte sie doch unter solchen Umständen der Liebe zu ihren Kindern weichen müssen Aber schon bei ihres Mannes Lebzeiten hatte sie auf den treulosen Bericht von Anselms Verbindung mit der Signora Bellonia und wegen des widrigen Lichts worin das unschuldige Geschenk ihres Bildnisses ihren Charakter in ihres Mannes Augen gesetzt hatte sich fest entschlossen diese Zuneigung ganz aus ihrem Herzen zu verbannen Zwar war seit einigen Tagen durch Philipps Erzählung der wahren Beschaffenheit der Vorfälle in Düsseldorf und nachher in der gräflichen Residenz Anselms Schuld bei ihr nicht wenig gemindert worden Sie sah nun ein dass er nicht niederträchtig obgleich höchst unbesonnen gehandelt hatte Philipp wagte auch jetzt ihr zuzureden dass sie nicht die Ruhe ihres ganzen übrigen Lebens bloß der Absicht ihren Kindern ein größeres Vermögen zu erhalten aufopfern müsse Er stellte ihr vor die Kinder behielten selbst durch das Pflichtteil eine nicht unbeträchtliche Summe die schon bis zu ihrer Grossjährigkeit rechtlich zu sichern sein würde Er setzte hinzu Ihre Erziehung würde man der leiblichen Mutter nicht nehmen können und Hiffer würde wenn er nur das Geld bekäme sich auch vielleicht darum weiter nicht bekümmern Nun wagte er es für Anselm der sie noch immer unaussprechlich liebte und den sie doch nicht würde hassen können ein Vorwort einzulegen Er stellte ihr vor Anselm sei vorher schon in Elberfeld in der Praxis glücklich gewesen und sei daselbst noch in gutem Andenken sie würden also beide von den Einkünften seiner Kunst in genügsamer Zufriedenheit leben können Er versprach großmütig das Haus seines Freundes ganz einzurichten und wünschte sie als Anselms Gattin darin zu sehen Diese Anerbietungen hätten verführerisch sein können für eine Frau die wohl wusste dass ihr Entschluss sie unglücklich machte Sie wankte auch einen Augenblick Aber sie sah ihre Kinder an umarmte sie mit Tränen und erklärte nun sie bleibe fest bei dem was sie beschlossen hätte Philipp schwieg Anselm musste ihren Edelmut bewundern fühlte aber dass durch ihn seine letzte Hoffnung noch glückliche Tage zu erleben verschwand Hiffer der durch seine Spione bald von allem Nachricht bekam lachte innerlich dass sein schlauer Anschlag von allen Seiten völlig gelungen war
Neununddreissigster Abschnitt
Ehrenvolle Einladung die Anselm erhielt nebst dem was dadurch veranlasst ward
Diese Geschichte machte in der heiligen Stadt nicht wenig Aufsehen Jeder rechtschaffene Mann sah ein dass Hiffer das vorteilhafte Testament auf irgendeine Art musste erschlichen haben und verabscheute ihn um soviel mehr da schon mancherlei unwürdige Praktiken von ihm bekannt waren Aber Hiffer kehrte sich wenig an die Meinung der Rechtschaffenen Er wusste sehr gut dass dieselben allenthalben in der Welt die geringsten an der Zahl sind und ebenso gut wusste er dass das Testament welches ihm nebst dem Vermögen der Frau Sophie ihre Person zusicherte zu Rechte beständig war Darauf kam es ihm allein an alles Übrige was man sagte oder nicht sagte war ihm sehr gleichgültig Man sprach in der Stadt auch sehr viel von unserm dicken Manne Es war noch in frischem Andenken wie er sich plötzlich aus einem Kammerdiener der Frau Hummer in einen Doktor der Medizin verwandelt und den noch dickern Ratsherrn vom Tode gerettet hatte einen Ratsherrn der in der Stadt allgemein beliebt war welches nicht bei allen Ratsherren dick oder mager lang oder kurz der Fall sein mag Der Ruf von Anselms Anwesenheit und von seiner Geschichte kam ganz natürlich auch zu den Ohren der Frau Ratsherrin Hummer und das umso eher da ihr Eheherr die Geschichte mit dem Testamente als eine Neuigkeit vom Ratause mitgebracht hatte Frau Hummer empfand also Neugierde unsern Anselm nun in einer andern Gestalt wiederzusehen
Ihr Büreau dEsprit war seit der Zeit sehr dünne geworden und ohne ihren Eifer für das Schöne und Empfindsame durch den sie einem unvermuteten Angriffe widerstand wäre dasselbe vielleicht ganz zugrunde gegangen Der geistlichen Obrigkeit welcher ohnehin nichts verborgen bleiben kann waren diese weltlichen Zusammenkünfte hinterbracht worden und zugleich dass daselbst manche übellautenden nach Ketzerei riechenden und sonst von der heil Mutter Kirche nicht gebilligte Sätze vorgetragen würden Es ward erst dem Herrn Ratsherrn Hummer ein stiller Wink gegeben den er auch seiner Frau Gemahlin mitteilte aber diese war nichts weniger als geneigt sich danach zu richten indem sie glaubte in ihrem Hause könne sie Gesellschaft halten welche ihr beliebte Dieser Irrtum hatte allerdings seinen Ursprung in der ketzerischen Erziehung ihrer Jugend wodurch sie gehindert ward in reifem Alter richtige Begriffe von der unumschränkten Gewalt der geistlichen Obrigkeit zu fassen Da dieser Schritt vergebens war wendete sich das geistliche Offizialat an den Abbé Spitzhaupt als an den Beichtvater des Hauses um dieses Übel abzustellen Dieser Abbé bedachte zwar bei sich mit innerem Verdrusse dass er eigentlich nach den Privilegien seines Ordens von der ordentlichen bischöflichen Obrigkeit eximiert sein sollte da der Orden aber noch nicht öffentlich wieder hergestellt war so gab er lieber nach und versprach zu gehorsamen Aus großer Vorsicht aber und weil er schon wusste wie sehr Frau Hummer auf ihr Büreau dEsprit gesteuert war sagte er ihr lieber nichts hingegen versicherte er den Offizial persönlich er habe sich alle Mühe gegeben aber bei der verstockten Frau nichts ausrichten können Er schlug nun vor das Kürzeste würde sein wenn er lieber sich selbst von Köln wegbegäbe denn weil die andern Mitglieder seines Ansehens wegen auf ihn hauptsächlich sähen so würde die Sache nach seiner Abwesenheit alsdann von selbst aufhören Dies ward genehmigt und der fromme Mann nahm von Frau Hummer Abschied mit Bedauern unter vier Augen dass es sein Schicksal sei der geistlichen Gewalt weichen zu müssen Freilich erfuhr man bald darauf er habe in einem benachbarten Stifte eine reiche Pfründe erhalten mit Beibehaltung der beiden die er schon besaß Man wollte ihm nachsagen er habe seine Nachgiebigkeit wegen des Bureau dEsprit nur dazu angewendet um diese Pfründe zu erhalten das mag aber wohl nur eine falsche Nachrede gewesen sein wie denn immer den so gelehrten und frommen Exjesuiten allerlei Böses nachgesagt wird
Seine Freunde und Jünger den Kanonikus Ofen und den Laien Wismut nahm der Abbé Spitzhaupt mit sich an den Ort seines neuen Aufenthaltes denn es zeigte sich dass er Mittel gefunden hatte denselben auch ein paar gute Stellen daselbst auszumachen
Den vier Mönchen ward nun von ihren Obern Kraft des geistlichen Gehorsams verboten den Zusammenkünften weiter beizuwohnen und Doktor Treter bekam einen Wink der ihm genug war um sich zurückzuziehen Zwar konnte er nicht unterlassen zuweilen noch Frau Hummer zu besuchen auch fand Pater Innozentius da er dieses merkte sich zuweilen ein dies waren aber nur Privatbesuche
Für die Zusammenkünfte blieb niemand übrig als der Herr Kammerjunker von Trutahn welcher nun präsidierte und die beiden dichterischen Jünglinge Es waren zwar ein paar neue Mitglieder weltlichen Standes dazugekommen und sogar ein Domherr einer von den Patronen des Herrn von Trutahn war ohne Rücksicht auf Offizialat einige Male dagewesen aber Frau Hummer sah doch mit Betrübnis dass ihr Büreau dEsprit nicht mehr war wie ehemals
Sie hatte unsern dicken Mann immer wohl leiden können Nun war ihr nicht allein an ihrem Manne klar geworden dass er ein geschickter Arzt sei sondern es verlautete auch nach seiner Abreise er sei ein Dichter Denn seine Eitelkeit war beleidigt worden als des hageren hohläugigen Herrn
Selten Verse mit so großem Beifalle beehrt wurden und er hatte daher einmal dem Kammermädchen der Frau Hummer eins von seinen Gedichten vorgelesen um zu zeigen dass ein wohlbeleibter Mann auch reimen könne
Frau Hummer tat daher unserm Anselm die Ehre ihn zu einer von ihren gelehrten Zusammenkünften einzuladen wodurch er also nunmehr ehrenvoll da die Sitzung erhielt wo er ehemals im Vorzimmer hatte stehen müssen Fast wäre er geneigt gewesen hieraus eine gute Vorbedeutung zu ziehen aber sein Mut war so gefallen dass jetzt kein froher Gedanke bei ihm Wurzel fassen konnte Er zwang sich zwar die gelehrte Gesellschaft möglichst zu unterhalten aber doch blieb alles nur gezwungenes Werk
Bei Tische gab seine betrübte Miene noch nähern Anlass dass die Testamentsgeschichte erwähnt ward wovon Anselm auf Verlangen die genauem Umstände ausführlich erzählte Der Ratsherr Hummer obgleich sehr dick und phlegmatisch war dennoch in seinen Geschäften nicht untätig und in rechtlichen Sachen wohlerfahren ein verwickelter juristischer Fall konnte ihn daher selbst bei Tische interessieren Nach Anhörung der Testamentsgeschichte schüttelte er den Kopf sagend Man sehe wohl dass da etwas hinter dem Busche stecke ihn wundere nur dass der Rechtsgelehrte der der Frau Sophien Sachen betreibe nicht darauf denke die Richtigkeit des zweiten Testaments anzufechten Es sei immer verdächtig dass der Erblasser wenn er sein erstes Testament gar nicht habe wollen gelten lassen es nicht von dem Gerichte wo es niedergelegt gewesen zurückgenommen habe Er ließ merken indem er seiner eigenen Einsicht ein beiläufiges Kompliment machte wenn er nur genaue Abschriften beider Testamente vor sich hätte dächte er gewiss irgendeine schwache Seite an dem zweiten Testamente zu finden wo es mit Vorteile könne angegriffen werden Anselm hörte hoch auf und besorgte gleich darauf die Abschriften
Ratsherr Hummer studierte beide Testamente mit großem Fleiße durch Aber nach einigen Tagen erklärte er die Form des zweiten Testaments sei auf keiner Seite mit einem möglichen Erfolge anzufechten Er ließ der juristischen Schlauigkeit des Dr Hiffer Gerechtigkeit widerfahren der alle möglichen Einwendungen vorausgesehen und ihnen vorgebeugt hatte und setzte lächelnd hinzu Man sehe wohl es habe ein Rechtsgelehrter die Hand dabei gehabt der die Rechte aufs gründlichste studiert habe um desto sicherer Unrecht tun zu können
Nun verschwand also auch alle Hoffnung von dieser Seite wodurch in Sophiens Hause und bei ihren Freunden die Gesichter einige Tage lang etwas waren aufgeheitert worden
Vierzigster Abschnitt
Versuch zu einem Vergleiche welcher fruchtlos abläuft und fernere Folgen davon
Dem Ratsherrn Hummer ging doch die Geschichte mit dem Testamente sehr durch den Kopf Er hatte dabei die Ehre seiner juristischen Einsicht für einen so korpulenten Mann etwas vorschnell aufs Spiel gesetzt denn er hatte mit einem Paar seiner Kollegen darüber gesprochen dass er schon ausfinden wolle wie dem Testamente beizukommen sei und Hiffer dem nichts verborgen blieb lächelte ihn an sooft er ihn sah und ließ einige versteckte Fragen fliegen Dies verdross den guten Ratsherrn nicht wenig er setzte daher noch einmal an erkundigte sich beinahe einen Monat lang nach allen Umständen schrieb sogar nach dem Orte wo das zweite Testament niedergelegt war um mancherlei Dinge zu erforschen die ihm verdächtig schienen und etwas zu finden worauf Hiffer nicht möchte gedacht haben Doch was konnte das helfen Der Mann wollte nur seinen Willen haben und las das zweite Testament fast täglich sorgfältig durch umsonst Es blieb wie es gewesen war so verklausuliert dass ihm auch die schlauste Rechtskenntnis nichts anhaben konnte
Dergleichen alte Rechtsgelehrte sind eigensinnig Wenn sie sich einmal vorgenommen haben etwas durchzusetzen so lassen sie nichts unversucht
Als Anselm einen Nachmittag der gelehrten Versammlung bei der Frau Hummer beigewohnt hatte und abends da speisete sagte ihm der Ratsherr Dem Testamente sei freilich was seine Förmlichkeit betreffe nicht beizukommen indes wenn Frau Sophie es genehmige wäre er willens zu versuchen ob Hiffer nicht zu einem Vergleiche zu bringen sei Frau Sophie war es leicht zufrieden ungeachtet ihr eigener Rechtsbeistand ihr voraussagte es werde vergebens sein denn Hiffer würde ja von einem Testamente das so deutlich zu seinem Vorteile spreche nicht abgehen Indes war der Vorschlag eines Mannes wie der Ratsherr nicht ganz von der Hand zu weisen
Es ward also in des Ratsherrn Hummer Behausung ein Tag angesetzt wo der Vergleich sollte versucht werden Alle Personen die es betraf erschienen dabei aber aus Dr Hiffers lachender und satirischer Miene stand gleich abzusehen dass nicht viel zu erhalten sein würde Auf die verschiedenen Vorschläge des Ratsherrn antwortete er kurz und trocken Er halte sich im Gewissen verbunden den Willen seines sel Freundes pünktlich zu erfüllen und dessen Witwe wäre es auch schuldig wolle sie nicht so hätte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben Ein Vergleich ließe sich nicht denken bei einer Sache die so klar sei
Alle Anwesenden erstaunten als der Ratsherr Hummer nun mit einer ihm ungewöhnlichen Lebhaftigkeit und mit ernsthafter Amtsmiene und starker Stimme sagte »Noch ist die Sache nicht klar Herr Doktor aber ich hoffe sie soll bald ganz klar sein Desto besser für die Witwe dass Sie keinen Vergleich eingehen wollen denn ich behaupte das Testament ist null und nichtig Es ist dabei mehr als ein Falsum vorgegangen Der Verstorbene war zu der Zeit als das sogenannte Testament gemacht worden ist seiner Sinne nicht mächtig und also den Rechten nach ganz unfähig auch nur seine letzte Willensmeinung zu erklären Darüber wollen wir gleich unverwerfliche Zeugen hören« Hiermit befahl er einem Bedienten die Türe eines Nebenzimmers zu öffnen Aus demselben traten einige Personen hervor bei deren Anblick Dr Hiffer erblasste Diese vorher bestellten Zeugen wiesen aus dass der Ratsherr Hummer der nicht gemeint war seine Einsicht in Dingen dieser Art ungestraft necken zu lassen während der Zeit da er untätig und in Verlegenheit schien nichts weniger als untätig gewesen war sondern vielmehr die ganze Sache bis auf den Grund ausgekundschaftet hatte Das Testament war von dem Orte datiert wo es niedergelegt sein sollte der Tag da es gerichtlich niedergelegt und die Stunde des Tages abends um sieben Uhr war darauf bemerkt Hier ward nun zuerst ein Beweis geführt dass der Richter und die Gerichtspersonen welche das Testament angenommen und die Annahme durch ihre Unterschrift bekräftigt hatten zu der Stunde nicht an diesem Orte gewesen waren Denn es trat ein Fuhrmann aus einem benachbarten Dorfe nebst seinem Knechte auf welcher bezeugte sie an diesem Tage nachmittags von da abgeholt und abends um sechs Uhr in einem Hause in Köln das er benannte abgesetzt zu haben Ferner war ein ebenso sicherer Beweis da dass der Verstorbene zu dieser Stunde nicht an dem Orte gewesen war wo das Testament sollte gemacht worden sein und zugleich war damit der Beweis verknüpft dass er zu dieser Stunde seines Verstandes nicht mächtig und folglich auch unfähig gewesen wäre seine letzte Willensmeinung zu erklären Denn der Wirt des Hauses nebst zwei von seinen Leuten bezeugten dass Hiffer bei ihm auf denselben Nachmittag eine besondere Stube verlangt wo er auch mit dem Verstorbenen und mit einer ziemlichen Anzahl Weinflaschen seit vier Uhr allein gewesen sei Alle drei bezeugten dass Sophiens Mann als er gegen sechs Uhr auf den Hof gehen wollen getaumelt und stammelnd geredet habe und gegen neun Uhr habe er ganz betrunken müssen nach Hause gebracht werden Ferner bezeugte der Wirt es sei um sieben Uhr Siegellack von ihm verlangt worden Dies habe er selbst gebracht und gesehen dass der Richter ein großes Siegel herausgezogen und es auf ein gefaltetes Papier gedrückt habe Nachdem abends alle ziemlich bezecht weggegangen wären habe sich das Testament das er an dem äußern Ansehen und der Aufschrift erkannt unter dem Tische gefunden weil es der Richter vermutlich unvermerkt aus der Tasche hätte fallen lassen Derselbe wäre den andern Morgen vor seiner Zurückreise sehr bestürzt zu ihm gekommen hätte es daselbst gesucht und gefunden und nachdem er es von ihm zurückerhalten ihn gebeten niemand etwas davon zu sagen
Dies war genug zum Triumphe des Ratsherrn Hummer welcher nun der Frau Sophie lebhaftesten Dank erhielt und mit sich selbst zufrieden war dass er seine Geschicklichkeit gezeigt und nebenher auch einen nichtswürdigen Menschen entlarvt hatte Das Testament ward bald darauf gerichtlich für ungültig erklärt und Frau Sophie in den Besitz ihres rechtlichen Vermögens gesetzt dessen sie durch Leiden und Tugend doppelt würdig geworden war Dies machte umso weniger Schwierigkeit da der Richter der das Testament autorisiert hatte für gut fand das Weite zu suchen und da Doktor Hiffer der sonderlich was Schikanen anbelangt nie etwas auszuführen unternahm was nicht auszuführen war einen Vorwand fand sich mit seiner Barschaft und besten Sachen auf eine Reise nach Lüttich zu begeben Von da muss er weiter nach Frankreich gegangen sein denn man hat Nachricht dass er im Jahre 1791 in Avignon mit vielem Beifalle Friedensrichter gewesen und jetzt im Elsasse einer der tätigsten Kommissarien des Nationalkonvents ist
Einundvierzigster Abschnitt
Beschluss
Gute Kenner haben die Bemerkung gemacht dass Frauengunst sich nicht leicht ändere Hat Liebe einmal in dem Herzen eines edlen Weibes tiefe Wurzeln gefasst so wird sie selten ganz auszureuten sein Sie sind beständiger die holden Geschöpfe als die Männer sie ertragen eher Leiden wegen ihrer Gunst als diese und bleiben ihrer Empfindung getreuer wenn sie dieselbe auch verbergen Auch in Sophiens Herzen war die Zuneigung gegen Anselm nie ausgelöscht worden Sie hatte sie unterdrückt aus Pflicht sie hatte viel gelitten als ihr ihr Mann wegen dieser Zuneigung Vorwürfe machte noch mehr als sie Anselmen für unbeständig und sittenlos halten musste Sie hatte sogar nach dem Tode ihres Mannes dieser Zuneigung mit wahrem Edelmute entsagt als sie glaubte sie käme mit der Pflicht gegen ihre Kinder in Kollision Nun aber da diese Kollision wegfiel da sie ihren Anselm täglich vor sich sah da derselbe durch Elend wie durch eine Feuerprobe geläutert fester in Gesinnungen sich zeigte und seine ihm natürlichen guten Eigenschaften die er nie ganz verleugnet hatte dadurch in noch vorteilhafterm Lichte erschienen da Philipp Fürsprache für ihn tat da sie sah dass ihr Hauswesen und ihre weitläuftigen Handlungsgeschäfte einen Vorsteher und ihre Kinder einen Vater nötig hatten konnte sie sich selbst nicht versagen nach so vielen ausgestandenen Leiden glücklich zu werden
Sie gab ihrem Anselm die Hand um nun mit einem Manne vereint zu leben den sie liebte den sie von ihrer ersten Jugend an geliebt hatte nachdem sie solange hatte mit einem Manne vereint leben müssen den sie nicht lieben nicht einmal hochachten konnte Anselm sah jetzt alle seine Wünsche erfüllt denn er ward mit einer Frau vereinigt die er je mehr er sie kennenlernte verehren musste Er ward vor sich selbst gedemütigt wenn er ihre Tugend ihre Bescheidenheit ihre Entäusserung die beständige Beobachtung ihrer Pflicht unter vielen Leiden mit seiner bisherigen Torheit und Unbeständigkeit unparteiisch verglich aber er ward aufgerichtet und in guten Entschlüssen bestärkt durch ihr Beispiel Der Mann wird gewiss nicht ganz niedrig und unweise handeln der einer hochachtungswürdigen Frau gefallen will denn die leiseste Besorgnis ihre Liebe zu sich zu vermindern lässt ihn nicht leicht einen Schritt von dem Wege zum Guten wanken Sophie unterstützte ihn in dem Bestreben nach allem was edel und gut ist er sie in allen Vorfällen des Lebens Ihre wechselseitige Liebe nahm zu mit derselben ihr wechselseitiges Glück
Die Beobachtung seiner Pflichten ward nun Anselms ernsthaftes Bestreben Die Handlung gehörte den Kindern erster Ehe und musste billig für sie erhalten werden Unser Doktor schuf sich also ganz in einen Kaufmann um aber er war jetzt weise genug geworden nicht wieder seinen Einbildungen zu folgen und verbessern zu wollen was er nicht genug verstand Er folgte Philipps Rat und demselben gemäß ließ er die Handlung den Weg gehen in den sie schon durch Verstand und Erfahrung geleitet war Die fernere Führung und Verbesserung derselben überließ er den Komtorbedienten von geprüfter Treue die in derselben länger gearbeitet hatten und begnügte sich sie fleißig im Allgemeinen zu übersehen und durch ihre Erfahrung seine eigenen Begriffe zu berichtigen
Die Erziehung der Kinder seiner Frau und seiner eigenen hielt er für seine wichtigste Pflicht Die heilige Mutter Kirche verstattet den Protestanten in Köln am Rheine nicht einmal eine Schule zu haben Sie will dadurch schlau genug dieselben nötigen die Kinder bei den P P Jesuiten in die Schule zu schicken Anselm hielt aber nichts von Jesuiten selbst nicht nachdem er den so gelehrten als aufgeklärten Abbé Spitzhaupt näher hatte kennen lernen Um nun die Kinder in einer Schulgesellschaft zu erziehen welches er der einsamen Privaterziehung weit vorzog ward jenseits des Rheins auf Pfälzischem Grunde ein kleines Landgut gekauft welches die Familie während dem schönsten Teile des Jahres bewohnte Hier entstand unvermerkt ein wahres nicht eingebildetes Philantropin weil die meisten protestantischen Familien aus Köln ihre Kinder dahin schickten Hier arbeitete er und seine liebe Sophie an der Entwicklung der geistigen und körperlichen Kräfte der Kleinen um sie unter Aufsicht würdiger Lehrer zu guten und brauchbaren Menschen zu bilden und sie wurden doppelt glücklich durch ihre Liebe Seine Manufakturkenntnisse nützte er um für die Kinder im Dorfe eine Industrieschule anzulegen Hier ward ihr Verstand nach der Methode des edlen Rochow zweckmäßige gebildet und sie lernten zugleich unter Aufsicht von Frau Sophien ihren Fleiß von der ersten Jugend an in Arbeiten zu üben welche ihnen nützlich werden konnten und bis dahin in der dortigen Gegend lange nicht allgemein genug gewesen waren Seine medizinischen Kenntnisse wendete er an um nicht nur die Landleute zu besorgen wenn sie krank waren sondern auch soviel möglich war durch vernünftigen Rat Krankheiten zu verhüten und nach und nach Vorurteile auszurotten welche der Gesundheit schädlich sind worauf er besonders schon in den beiden Schulen sein Augenmerk richtete
So fand er nun sein Glück darin dass alles in seinem Hause wohlging dass außer seinem Hause soweit sein natürlicher Wirkungskreis sich erstreckte kein Armer ohne Arbeit kein Hilfloser ohne Hilfe war und keine Träne floss die er abtrocknen konnte Kennt der Leser einen bessern Plan das Leben froh zu genießen für einen reichen Mann der keine bestimmten Geschäfte hat und auch für den welchem bestimmte Geschäfte noch Zeit zum edlen Vergnügen lassen so sag ers an Nur setzt ein solcher Plan Kenntnisse und Eigenschaften des Geistes und des Herzens voraus die nicht jeder reiche Mann besitzt aber billig bemüht sein sollte von seiner ersten Jugend an zu erwerben Auch will ein solcher Plan nicht etwa bloß in der Einbildungskraft gefasst und zierlich beschrieben sein sondern er muss mit Ernst und Ausdauern ausgeführt werden wofern wirklich dadurch das Leben beglückt werden soll
Diese ernste Ausführung guter Entschlüsse fehlte unserm Anselm in der ersten Hälfte seines Lebens Daher half ihm sein guter Wille sehr wenig und seine besten Kräfte gingen verloren weil er das Gute wirklich zu tun allzu leichtsinnig und allzu gemächlich war und sich mit schönem Sprechen und schönen Einbildungen begnügte Fühlte er sich ja eine Zeitlang glücklich so ward er es durch andere welche für ihn sorgten und selbst seinetwegen Entäusserungen ausübten die er hingegen nie ausüben zu müssen glaubte
Dass aber jeder Jüngling der während seiner jugendlichen Jahre seine besten Kräfte im Taumel der Leidenschaften und des Leichtsinnes verschwendet immer einen Philipp oder eine Sophie finden werde durch die er aus den Verlegenheiten gezogen würde in die ihn seine Unbesonnenheit gestürzt hat ist eben nicht mit völliger Gewissheit zu erwarten Gewiss ists hingegen dass jedermann der sich die Ursachen gefallen lässt sich auch die Wirkungen muss gefallen lassen Es ist daher ein leichtsinniger Jüngling oder ein untätiger Mann nicht berechtigt sich über die natürlichen Folgen seines Leichtsinnes und seiner Untätigkeit zu beklagen Das einzige Mittel diese bitteren Folgen zu vermeiden wird sein Leichtsinn und Untätigkeit so früh als möglich ganz abzuschaffen Nachschrift
Dies Buch weihet der Verfasser dem Andenken seines redlichen stets unveränderlichen Freundes
Herrn Johann Joachim Christoph Bode der durch die meisterhafte Übersetzung der »Empfindsamen Reisen« des »Tristram Shandy« des »Humphrei Klinker« und anderer Bücher einen ehrenvollen Rang unter den deutschen Schriftstellern sich erwarb Er gab dem Verfasser die erste Veranlassung zu diesem Buche als er sich mit demselben unvermutet auf einer Reise traf und mit ihm einige Meilen zusammenblieb Unter angenehmem Reisegeschwätze gab er dem Verfasser eine freundschaftliche Aufmunterung im Tone eines Verweises dass er nicht darauf denke einen Roman zu schreiben Der Verfasser antwortete im Scherze wenn er ihn zu sehr treibe werde er einen schreiben unter dem Titel Geschichte eines dicken Mannes denn Bode war so groß und stark am Körper als groß und fein am Geiste Bode trug eine scherzhafte Wette an der Verfasser könne und werde unter diesem Titel kein Buch schreiben Es ward gewettet Nachdem beide Freunde sich von einander getrennt hatten und der Verfasser allein im Wagen saß überlegte er die Ausführung einer scherzhaften Wette könne vielleicht zu einer moralischen Absicht gewendet werden und in wenigen Stunden war der Hauptplan dieses Werkes entworfen und aufgeschrieben Die gute Absicht der Schriftsteller durch Moral zu nützen ist immer mit der zufälligen Unbequemlichkeit verknüpft dass sie in der Ausführung gar leicht Langeweile erweckt Sollten die Leser sie bei diesem Buche hin und wieder verspürt haben so ist es die Schuld des Verfassers Hat ihnen dasselbe aber Unterhaltung oder Nutzen gewährt so haben sie es dem verewigten Freunde des Verfassers zu danken weil der Verfasser sich bestrebte dem zu gefallen der das Werk veranlasst hatte
Bode war ebenso sehr ein Freund der Wahrheit und des Guten als ein Mann von bewährtem Geschmacke er hätte also der beste Richter über den Wert eines Buches dieser Art sein können Er verschied während es gedruckt ward und sah also nichts von dem Erfolge seiner Wette Die Deutsche Literatur verliert durch seinen Tod sehr viel denn er wollte sein Verdienst um dieselbe noch vollständig machen durch die Übersetzung des Rabelais zu dessen Verdeutschung nun außer einem einzigen lebenden großen Schriftsteller wohl niemand alle Talente zusammenhaben möchte Ihn beklagen die Rechtschaffenen die ihn und seinen Wert kannten ihn beklagen alle Feinde der Heuchelei und des hinterlistigen Wesens alle Freunde des Biedersinnes und der geselligen frohen Laune Sit Uli terra levis Fussnote