1781_Kant_KdrV.html



Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse die zum Vernunftgeschäfte gehören den

sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht das lässt sich bald aus dem

Erfolg beurteilen Wenn sie nach viel gemachten Anstalten und Zurüstungen so

bald es zum Zweck kommt in Stecken gerät oder um diesen zu erreichen öfters

wieder zurückgehen und einen andern Weg einschlagen muss imgleichen wenn es

nicht möglich ist die verschiedenen Mitarbeiter in der Art wie die

gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden soll einhellig zu machen so kann man

immer überzeugt sein dass ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren

Gang einer Wissenschaft eingeschlagen sondern ein bloßes Herumtappen sei und

es ist schon ein Verdienst um die Vernunft diesen Weg wo möglich ausfindig zu

machen sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen was in dem

ohne Überlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war

    Dass die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her

gegangen sei lässt sich daraus ersehen dass sie seit dem Aristoteles keinen

Schritt rückwärts hat tun dürfen wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung

einiger entbehrlichen Subtilitäten oder deutlichere Bestimmung des

Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will welches aber mehr zur Eleganz

als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört Merkwürdig ist noch an ihr dass sie

auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können und also allem Ansehen

nach geschlossen und vollendet zu sein scheint Denn wenn einige Neuere sie

dadurch zu erweitern dachten dass sie teils psychologische Kapitel von den

verschiedenen Erkenntniskräften der Einbildungskraft dem Witze teils

metaphysische über den Ursprung der Erkenntnis oder der verschiedenen Art der

Gewissheit nach Verschiedenheit der Objekte dem Idealismus Skeptizismus usw

teils anthropologische von Vorurteilen den Ursachen derselben und Gegenmitteln

hineinschoben so rührt dieses von ihrer Unkunde der eigentümlichen Natur dieser

Wissenschaft her Es ist nicht Vermehrung sondern Verunstaltung der

Wissenschaften wenn man ihre Grenzen in einander laufen lässt die Grenze der

Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt dass sie eine Wissenschaft ist

welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens es mag a priori oder

empirisch sein einen Ursprung oder Objekt haben welches es wolle in unserem

Gemüte zufällige oder natürliche Hindernisse antreffen ausführlich darlegt und

strenge beweiset

    Dass es der Logik so gut gelungen ist diesen Vorteil hat sie bloß ihrer

Eingeschränktheit zu verdanken dadurch sie berechtigt ja verbunden ist von

allen Objekten der Erkenntnis und ihrem Unterschiede zu abstrahieren und in ihr

also der Verstand es mit nichts weiter als sich selbst und seiner Form zu tun

hat Weit schwerer musste es natürlicher Weise für die Vernunft sein den

sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen wenn sie nicht bloß mit sich

selbst sondern auch mit Objekten zu schaffen hat daher jene auch als

Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht und wenn von

Kenntnissen die Rede ist man zwar eine Logik zu Beurteilung derselben

voraussetzt aber die Erwerbung derselben in eigentlich und objektiv so

genannten Wissenschaften suchen muss

    So fern in diesen nun Vernunft sein soll so muss darin etwas a priori

erkannt werden und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren Gegenstand

bezogen werden entweder diesen und seinen Begriff der anderweitig gegeben

werden muss bloß zu bestimmen oder ihn auch wirklich zu machen Die erste ist

theoretische die andere praktische Erkenntnis der Vernunft Von beiden muss der

reine Teil so viel oder so wenig er auch enthalten mag nämlich derjenige

darin Vernunft gänzlich a priori ihr Objekt bestimmt vorher allein vorgetragen

werden und dasjenige was aus anderen Quellen kommt damit nicht vermengt

werden denn es gibt üble Wirtschaft wenn man blindlings ausgibt was

einkommt ohne nachher wenn jene in Stecken gerät unterscheiden zu können

welcher Teil der Einnahme den Aufwand tragen könne und von welcher man

denselben beschneiden muss

    Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der

Vernunft welche ihre Objekte a priori bestimmen sollen die erstere ganz rein

die zweite wenigstens zum Teil rein denn aber auch nach Maßgabe anderer

Erkenntnisquellen als der der Vernunft

    Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her wohin die Geschichte der

menschlichen Vernunft reicht in dem bewundernswürdigen Volke der Griechen den

sichern Weg einer Wissenschaft gegangen Allein man darf nicht denken dass es

ihr so leicht geworden wie der Logik wo die Vernunft es nur mit sich selbst zu

tun hat jenen königlichen Weg zu treffen oder vielmehr sich selbst zu bahnen

vielmehr glaube ich dass es lange mit ihr vornehmlich noch unter den Ägyptern

beim Herumtappen geblieben ist und diese Umänderung einer Revolution

zuzuschreiben sei die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes in einem

Versuche zu Stande brachte von welchem an die Bahn die man nehmen musste nicht

mehr zu verfehlen war und der sichere Gang einer Wissenschaft für alle Zeiten

und in unendliche Weiten eingeschlagen und vorgezeichnet war Die Geschichte

dieser Revolution der Denkart welche viel wichtiger war als die Entdeckung des

Weges um das berühmte Vorgebirge und des Glücklichen der sie zu Stande

brachte ist uns nicht aufbehalten Doch beweiset die Sage welche Diogenes der

Laertier uns überliefert der von den kleinesten und nach dem gemeinen Urteil

gar nicht einmal eines Beweises benötigten Elementen der geometrischen

Demonstrationen den angeblichen Erfinder nennt dass das Andenken der

Veränderung die durch die erste Spur der Entdeckung dieses neuen Weges bewirkt

wurde den Mathematikern äußerst wichtig geschienen haben müsse und dadurch

unvergesslich geworden sei Dem ersten der den gleichseitigen Triangel

demonstrierte er mag nun Thales oder wie man will geheißen haben dem ging ein

Licht auf denn er fand dass er nicht dem was er in der Figur sah oder auch

dem bloßen Begriffe derselben nachspüren und gleichsam davon ihre Eigenschaften

ablernen sondern durch das was er nach Begriffen selbst a priori hineindachte

und darstellte durch Konstruktion hervorbringen müsse und dass er um sicher

etwas a priori zu wissen er der Sache nichts beilegen müsse als was aus dem

notwendig folgte was er seinem Begriffe gemäß selbst in sie gelegt hat

    Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu bis sie den Heeresweg

der Wissenschaft traf denn es sind nur etwa anderthalb Jahrhunderte dass der

Vorschlag des sinnreichen Baco von Verulam diese Entdeckung teils veranlasste

teils da man bereits auf der Spur derselben war mehr belebte welche eben

sowohl nur durch eine schnell vorgegangene Revolution der Denkart erklärt werden

kann Ich will hier nur die Naturwissenschaft so fern sie auf empirische

Prinzipien gegründet ist in Erwägung ziehen

    Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst

gewählten Schwere herabrollen oder Torricelli die Luft ein Gewicht was er sich

zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte tragen

ließ oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk und diesen wiederum in

Metall verwandelte indem er ihnen etwas entzog und wiedergab1 so ging allen

Naturforschern ein Licht auf Sie begriffen dass die Vernunft nur das einsieht

was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt dass sie mit Prinzipien ihrer

Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf

ihre Fragen zu antworten nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande

gängeln lassen müsse denn sonst hängen zufällige nach keinem vorher

entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze

zusammen welches doch die Vernunft sucht und bedarf Die Vernunft muss mit ihren

Prinzipien nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten

können in einer Hand und mit dem Experiment das sie nach jenen ausdachte in

der anderen an die Natur gehen zwar um von ihr belehrt zu werden aber nicht

in der Qualität eines Schülers der sich alles vorsagen lässt was der Lehrer

will sondern eines bestallten Richters der die Zeugen nötigt auf die Fragen

zu antworten die er ihnen vorlegt Und so hat sogar Physik die so vorteilhafte

Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken demjenigen was

die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt gemäß dasjenige in ihr zu suchen

nicht ihr anzudichten was sie von dieser lernen muss und wovon sie für sich

selbst nichts wissen würde Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den

sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden da sie so viel Jahrhunderte

durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war

    Der Metaphysik einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis die

sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt und zwar durch bloße Begriffe

nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf Anschauung wo also

Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll ist das Schicksal bisher noch so

günstig nicht gewesen dass sie den sichern Gang einer Wissenschaft einzuschlagen

vermocht hätte ob sie gleich älter ist als alle übrige und bleiben würde

wenn gleich die übrigen insgesamt in dem Schlunde einer alles vertilgenden

Barbarei gänzlich verschlungen werden sollten Denn in ihr gerät die Vernunft

kontinuierlich in Stecken selbst wenn sie diejenigen Gesetze welche die

gemeinste Erfahrung bestätigt wie sie sich anmaßt a priori einsehen will In

ihr muss man unzählige mal den Weg zurück tun weil man findet dass er dahin

nicht führt wo man hin will und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in

Behauptungen betrifft so ist sie noch so weit davon entfernt dass sie vielmehr

ein Kampfplatz ist der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint seine

Kräfte im Spielgefechte zu üben auf dem noch niemals irgend ein Fechter sich

auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften

Besitz gründen können Es ist also kein Zweifel dass ihr Verfahren bisher ein

bloßes Herumtappen und was das Schlimmste ist unter bloßen Begriffen gewesen

sei

    Woran liegt es nun dass hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft hat

gefunden werden können Ist er etwa unmöglich Woher hat denn die Natur unsere

Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht ihm als einer ihrer

wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren Noch mehr wie wenig haben wir

Ursache Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen wenn sie uns in einem der

wichtigsten Stücke unserer Wissbegierde nicht bloß verlässt sondern durch

Vorspiegelungen hinhält und am Ende betrügt Oder ist er bisher nur verfehlt

welche Anzeige können wir benutzen um bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen dass

wir glücklicher sein werden als andere vor uns gewesen sind

    Ich sollte meinen die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft die

durch eine auf einmal zu Stande gebrachte Revolution das geworden sind was sie

jetzt sind wäre merkwürdig genug um dem wesentlichen Stücke der Umänderung der

Denkart die ihnen so vorteilhaft geworden ist nachzusinnen und ihnen so viel

ihre Analogie als Vernunfterkenntnisse mit der Metaphysik verstattet hierin

wenigstens zum Versuche nachzuahmen Bisher nahm man an alle unsere Erkenntnis

müsse sich nach den Gegenständen richten aber alle Versuche über sie a priori

etwas durch Begriffe auszumachen wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde

gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte Man versuche es daher einmal ob

wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen dass wir

annehmen die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten welches

so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a

priori zusammenstimmt die über Gegenstände ehe sie uns gegeben werden etwas

festsetzen soll Es ist hiermit eben so als mit den ersten Gedanken des

Kopernikus bewandt der nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen

nicht gut fort wollte wenn er annahm das ganze Sternheer drehe sich um den

Zuschauer versuchte ob es nicht besser gelingen möchte wenn er den Zuschauer

sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ In der Metaphysik kann man

nun was die Anschauung der Gegenstände betrifft es auf ähnliche Weise

versuchen Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände

richten müsste so sehe ich nicht ein wie man a priori von ihr etwas wissen

könne richtet sich aber der Gegenstand als Objekt der Sinne nach der

Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens so kann ich mir diese Möglichkeit

ganz wohl vorstellen Weil ich aber bei diesen Anschauungen wenn sie

Erkenntnisse werden sollen nicht stehen bleiben kann sondern sie als

Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand beziehen und diesen durch jene

bestimmen muss so kann ich entweder annehmen die Begriffe wodurch ich diese

Bestimmung zu Stande bringe richten sich auch nach dem Gegenstande und denn

bin ich wiederum in derselben Verlegenheit wegen der Art wie ich a priori

hiervon etwas wissen könne oder ich nehme an die Gegenstände oder welches

einerlei ist die Erfahrung in welcher sie allein als gegebene Gegenstände

erkannt werden richte sich nach diesen Begriffen so sehe ich sofort eine

leichtere Auskunft weil Erfahrung selbst eine Erkenntnisart ist die Verstand

erfordert dessen Regel ich in mir noch ehe mir Gegenstände gegeben werden

mithin a priori voraussetzen muss welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird

nach denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit

ihnen übereinstimmen müssen Was Gegenstände betrifft so fern sie bloß durch

Vernunft und zwar notwendig gedacht die aber so wenigstens wie die Vernunft

sie denkt gar nicht in der Erfahrung gegeben werden können so werden die

Versuche sie zu denken denn denken müssen sie sich doch lassen hernach einen

herrlichen Probierstein desjenigen abgeben was wir als die veränderte Methode

der Denkungsart annehmen dass wir nämlich von den Dingen nur das a priori

erkennen was wir selbst in sie legen2

    Dieser Versuch gelingt nach Wunsch und verspricht der Metaphysik in ihrem

ersten Teile da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt davon die

korrespondierenden Gegenstände in der Erfahrung jenen angemessen gegeben werden

können den sicheren Gang einer Wissenschaft Denn man kann nach dieser

Veränderung der Denkart die Möglichkeit einer Erkenntnis a priori ganz wohl

erklären und was noch mehr ist die Gesetze welche a priori der Natur als

dem Inbegriffe der Gegenstände der Erfahrung zum Grunde liegen mit ihren

genugtuenden Beweisen versehen welches beides nach der bisherigen

Verfahrungsart unmöglich war Aber es ergibt sich aus dieser Deduktion unseres

Vermögens a priori zu erkennen im ersten Teile der Metaphysik ein befremdliches

und dem ganzen Zwecke derselben der den zweiten Teil beschäftigt dem Anscheine

nach sehr nachteiliges Resultat nämlich dass wir mit ihm nie über die Grenze

möglicher Erfahrung hinauskommen können welches doch gerade die wesentlichste

Angelegenheit dieser Wissenschaft ist Aber hierin liegt eben das Experiment

einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer

Vernunfterkenntnis a priori dass sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe die

Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich aber von uns unerkannt

liegen lasse Denn das was uns notwendig über die Grenze der Erfahrung und

aller Erscheinungen hinaus zugehen treibt ist das Unbedingte welches die

Vernunft in den Dingen an sich selbst notwendig und mit allem Recht zu allem

Bedingten und dadurch die Reihe der Bedingungen als vollendet verlangt Findet

sich nun wenn man annimmt unsere Erfahrungserkenntnis richte sich nach den

Gegenständen als Dingen an sich selbst, dass das Unbedingte ohne Widerspruch gar

nicht gedacht werden könne dagegen wenn man annimmt unsere Vorstellung der

Dinge wie sie uns gegeben werden richte sich nicht nach diesen als Dingen an

sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr als Erscheinungen richten sich

nach unserer Vorstellungsart der Widerspruch wegfalle und dass folglich das

Unbedingte nicht an Dingen so fern wir sie kennen sie uns gegeben werden

wohl aber an ihnen so fern wir sie nicht kennen als Sachen an sich selbst,

angetroffen werden müsse so zeiget sich dass was wir anfangs nur zum Versuche

annahmen gegründet sei3 Nun bleibt uns immer noch übrig nachdem der

spekulativen Vernunft alles Fortkommen in diesem Felde des Übersinnlichen

abgesprochen worden zu versuchen ob sich nicht in ihrer praktischen Erkenntnis

Data finden jenen transzendenten Vernunftbegriff des Unbedingten zu bestimmen

und auf solche Weise dem Wunsche der Metaphysik gemäß über die Grenze aller

möglichen Erfahrung hinaus mit unserem aber nur in praktischer Absicht

möglichen Erkenntnisse a priori zu gelangen Und bei einem solchen Verfahren hat

uns die spekulative Vernunft zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens Platz

verschafft wenn sie ihn gleich leer lassen musste und es bleibt uns also noch

unbenommen ja wir sind gar dazu durch sie auf gefedert ihn durch praktische

Data derselben wenn wir können auszufüllen4

    In jenem Versuche das bisherige Verfahren der Metaphysik umzuändern und

dadurch dass wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher eine

gänzliche Revolution mit derselben vornehmen besteht nun das Geschäfte dieser

Kritik der reinen spekulativen Vernunft Sie ist ein Traktat von der Methode

nicht ein System der Wissenschaft selbst aber sie verzeichnet gleichwohl den

ganzen Umriss derselben so wohl in Ansehung ihrer Grenzen als auch den ganzen

inneren Gliederbau derselben Denn das hat die reine spekulative Vernunft

Eigentümliches an sich dass sie ihr eigen Vermögen nach Verschiedenheit der

Art wie sie sich Objekte zum Denken wählt ausmessen und auch selbst die

mancherlei Arten sich Aufgaben vorzulegen vollständig vorzählen und so den

ganzen Vorriss zu einem System der Metaphysik verzeichnen kann und soll weil

was das erste betrifft in der Erkenntnis a priori den Objekten nichts beigelegt

werden kann als was das denkende Subjekt aus sich selbst hernimmt und was das

zweite anlangt sie in Ansehung der Erkenntnisprinzipien eine ganz abgesonderte

für sich bestehende Einheit ist in welcher ein jedes Glied wie in einem

organisierten Körper um aller anderen und alle um eines willen dasind und kein

Prinzip mit Sicherheit in einer Beziehung genommen werden kann ohne es zugleich

in der durchgängigen Beziehung zum ganzen reinen Vernunftgebrauch untersucht zu

haben Dafür aber hat auch die Metaphysik das seltene Glück welches keiner

andern Vernunftwissenschaft die es mit Objekten zu tun hat denn die Logik

beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt zu Teil werden kann

dass wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer Wissenschaft

gebracht worden sie das ganze Feld der für sie gehörigen Erkenntnisse völlig

befassen und also ihr Werk vollenden und für die Nachwelt als einen nie zu

vermehrenden Hauptstuhl zum Gebrauche niederlegen kann weil sie es bloß mit

Prinzipien und den Einschränkungen ihres Gebrauchs zu tun hat welche durch jene

selbst bestimmt werden Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher als

Grundwissenschaft auch verbunden und von ihr muss gesagt werden können nil

actum reputans si quid superesset agendum

    Aber was ist denn das wird man fragen für ein Schatz den wir der

Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten dadurch aber auch

in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu hinterlassen gedenken

Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses Werks wahrzunehmen glauben dass

der Nutzen davon doch nur negativ sei uns nämlich mit der spekulativen Vernunft

niemals über die Erfahrungsgrenze hinaus zu wagen und das ist auch in der Tat

ihr erster Nutzen Dieser aber wird alsbald positiv wenn man inne wird dass die

Grundsätze mit denen sich spekulative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt in

der Tal nicht Erweiterung sondern wenn man sie näher betrachtet Verengung

unseres Vernunftgebrauchs zum unausbleiblichen Erfolg haben indem sie wirklich

die Grenzen der Sinnlichkeit zu der sie eigentlich gehören über alles zu

erweitern und so den reinen praktischen Vernunftgebrauch gar zu verdrängen

drohen Daher ist eine Kritik welche die erstere einschränkt so fern zwar

negativ aber indem sie dadurch zugleich ein Hindernis welches den letzteren

Gebrauch einschränkt oder gar zu vernichten droht aufhebt in der Tat von

positivem und sehr wichtigem Nutzen so bald man überzeugt wird dass es einen

schlechterdings notwendigen praktischen Gebrauch der reinen Vernunft den

moralischen gebe in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der

Sinnlichkeit erweitert dazu sie zwar von der spekulativen keiner Beihilfe

bedarf dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muss um nicht in

Widerspruch mit sich selbst zu geraten Diesem Dienste der Kritik den positiven

Nutzen abzusprechen wäre eben so viel als sagen dass Polizei keinen positiven

Nutzen schaffe weil ihr Hauptgeschäfte doch nur ist der Gewalttätigkeit

welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben einen Riegel vorzuschieben damit

ein jeder seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben könne Dass Raum und Zeit

nur Formen der sinnlichen Anschauung also nur Bedingungen der Existenz der

Dinge als Erscheinungen sind dass wir ferner keine Verstandesbegriffe mithin

auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben als so fern diesen

Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von

keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, sondern nur so fern es Objekt der

sinnlichen Anschauung ist di als Erscheinung Erkenntnis haben können wird

im analytischen Teile der Kritik bewiesen woraus denn freilich die

Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf bloße

Gegenstände der Erfahrung folgt Gleichwohl wird welches wohl gemerkt werden

muss doch dabei immer vorbehalten dass wir eben dieselben Gegenstände auch als

Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen doch wenigstens müssen denken

können5 Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen dass Erscheinung

ohne etwas wäre was da erscheint Nun wollen wir annehmen die durch unsere

Kritik notwendiggemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der

Erfahrung von eben denselben als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht

gemacht so müsste der Grundsatz der Kausalität und mithin der Naturmechanismus in

Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen

gelten Von eben demselben Wesen also zB der menschlichen Seele würde ich

nicht sagen können ihr Wille sei frei und er sei doch zugleich der

Naturnotwendigkeit unterworfen di nicht frei ohne in einen offenbaren

Widerspruch zu geraten weil ich die Seele in beiden Sätzen in eben derselben

Bedeutung nämlich als Ding überhaupt als Sache an sich selbst) genommen habe

und ohne vorhergehende Kritik auch nicht anders nehmen konnte Wenn aber die

Kritik nicht geirrt hat da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt

nämlich als Erscheinung oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduktion ihrer

Verstandesbegriffe richtig ist mithin auch der Grundsatz der Kausalität nur auf

Dinge im ersten Sinne genommen nämlich so fern sie Gegenstände der Erfahrung

sind geht eben dieselbe aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen

sind so wird eben derselbe Wille in der Erscheinung den sichtbaren Handlungen

als dem Naturgesetze notwendig gemäß und so fern nicht frei und doch

andererseits als einem Dinge an sich selbst angehörig jenem nicht unterworfen

mithin als frei gedacht ohne dass hierbei ein Widerspruch vorgeht Ob ich nun

gleich meine Seele von der letzteren Seite betrachtet durch keine spekulative

Vernunft noch weniger durch empirische Beobachtung mithin auch nicht die

Freiheit als Eigenschaft eines Wesens dem ich Wirkungen in der Sinnenwelt

zuschreibe erkennen kann darum weil ich ein solches seiner Existenz nach und

doch nicht in der Zeit bestimmt erkennen müsste welches weil ich meinem

Begriffe keine Anschauung unterlegen kann unmöglich ist so kann ich mir doch

die Freiheit denken di die Vorstellung davon enthält wenigstens keinen

Widerspruch in sich wenn unsere kritische Unterscheidung beider der sinnlichen

und intellektuellen Vorstellungsarten und die davon herrührende Einschränkung

der reinen Verstandesbegriffe mithin auch der aus ihnen fließenden Grundsätze

Statt hat Gesetzt nun die Moral setze notwendig Freiheit im strengsten Sinne

als Eigenschaft unseres Willens voraus indem sie praktische in unserer Vernunft

liegende ursprüngliche Grundsätze als Data derselben a priori anführt die ohne

Voraussetzung der Freiheit schlechterdings unmöglich wären die spekulative

Vernunft aber hätte bewiesen dass diese sich gar nicht denken lasse so muss

notwendig jene Voraussetzung nämlich die moralische derjenigen weichen deren

Gegenteil einen offenbaren Widerspruch enthält folglich Freiheit und mit ihr

Sittlichkeit denn deren Gegenteil enthält keinen Widerspruch wenn nicht schon

Freiheit vorausgesetzt wird dem Naturmechanismus den Platz einräumen So aber da

ich zur Moral nichts weiter brauche als dass Freiheit sich nur nicht selbst

widerspreche und sich also doch wenigstens denken lasse ohne nötig zu haben

sie weiter einzusehen dass sie also dem Naturmechanismus eben derselben Handlung

in anderer Beziehung genommen gar kein Hindernis in den Weg lege so behauptet

die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz und die Naturlehre auch den ihrigen

welches aber nicht Statt gefunden hätte wenn nicht Kritik uns zuvor von unserer

unvermeidlichen Unwissenheit in Ansehung der Dinge an sich selbst belehrt und

alles was wir theoretisch erkennen können auf bloße Erscheinungen

eingeschränkt hätte Eben diese Erörterung des positiven Nutzens kritischer

Grundsätze der reinen Vernunft lässt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und

der einfachen Natur unserer Seele zeigen die ich aber der Kürze halber

vorbeigehe Ich kann also Gott Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des

notwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen wenn

ich nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwänglicher

Einsichten benehme weil sie sich um zu diesen zu gelangen solcher Grundsätze

bedienen muss die indem sie in der Tat bloß auf Gegenstände möglicher Erfahrung

reichen wenn sie gleichwohl auf das angewandt werden was nicht ein Gegenstand

der Erfahrung sein kann wirklich dieses jederzeit in Erscheinung verwandeln

und so alle praktische Erweiterung der reinen Vernunft für unmöglich erklären

Ich musste also das Wissen aufheben um zum Glauben Platz zu bekommen und der

Dogmatismus der Metaphysik di das Vorurteil in ihr ohne Kritik der reinen

Vernunft fortzukommen ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden

Unglaubens der jederzeit gar sehr dogmatisch ist  Wenn es also mit einer nach

Maßgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefassten systematischen Metaphysik eben

nicht schwer sein kann der Nachkommenschaft ein Vermächtnis zu hinterlassen so

ist dies kein für gering zu achtendes Geschenk man mag nun bloß auf die Kultur

der Vernunft durch den sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt in

Vergleichung mit dem grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen

derselben ohne Kritik sehen oder auch auf bessere Zeitanwendung einer

wissbegierigen Jugend die beim gewöhnlichen Dogmatismus so frühe und so viel

Aufmunterung bekommt über Dinge davon sie nichts versteht und darin sie so

wie niemand in der Welt auch nie etwas einsehen wird bequem zu vernünfteln

oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen auszugehen und so die

Erlernung gründlicher Wissenschaften zu verabsäumen am meisten aber wenn man

den unschätzbaren Vorteil in Anschlag bringt allen Einwürfen wider Sittlichkeit

und Religion auf sokratische Art nämlich durch den klarsten Beweis der

Unwissenheit der Gegner auf alle künftige Zeit ein Ende zu machen Denn irgend

eine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen und wird auch wohl ferner mit

ihr aber auch eine Dialektik der reinen Vernunft, weil sie ihr natürlich ist

darin anzutreffen sein Es ist also die erste und wichtigste Angelegenheit der

Philosophie einmal für allemal ihr dadurch dass man die Quelle der Irrtümer

verstopft allen nachteiligen Einfluss zu benehmen

    Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften und dem

Verluste den spekulative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten Besitze

erleiden muss bleibt dennoch alles mit der allgemeinen menschlichen

Angelegenheit und dem Nutzen den die Welt bisher aus den Lehren der reinen

Vernunft zog in demselben vorteilhaften Zustande als es jemalen war und der

Verlust trifft nur das Monopol der Schulen keineswegs aber das Interesse der

Menschen Ich frage den unbiegsamsten Dogmatiker ob der Beweis von der

Fortdauer unserer Seele nach dem Tode aus der Einfachheit der Substanz ob der

von der Freiheit des Willens gegen den allgemeinen Mechanismus durch die subtilen

obzwar ohnmächtigen Unterscheidungen subjektiver und objektiver praktischer

Notwendigkeit oder ob der vom Dasein Gottes aus dem Begriffe eines

allerrealesten Wesens der Zufälligkeit des Veränderlichen und der

Notwendigkeit eines ersten Bewegers nachdem sie von den Schulen ausgingen

jemals haben bis zum Publikum gelangen und auf dessen Überzeugung den mindesten

Einfluss haben können Ist dieses nun nicht geschehen und kann es auch wegen

der Untauglichkeit des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler Spekulation

niemals erwartet werden hat vielmehr was das erstere betrifft die jedem

Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur durch das Zeitliche als zu den

Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich nie zufriedengestellt werden zu

können die Hoffnung eines künftigen Lebens in Ansehung des zweiten die bloße

klare Darstellung der Pflichten im Gegensatze aller Ansprüche der Neigungen das

Bewusstsein der Freiheit und endlich was das dritte anlangt die herrliche

Ordnung Schönheit und Vorsorge die allerwärts in der Natur hervorblickt

allein den Glauben an einen weisen und großen Welturheber die sich aufs

Publikum verbreitende Überzeugung so fern sie auf Vernunftgründen beruht ganz

allein bewirken müssen so bleibt ja nicht allein dieser Besitz ungestört

sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch an Ansehen dass die Schulen nunmehr

belehrt werden sich keine höhere und ausgebreitetere Einsicht in einem Punkte

anzumaßen der die allgemeine menschliche Angelegenheit betrifft als diejenige

ist zu der die große für uns achtungswürdigste Menge auch eben so leicht

gelangen kann und sich also auf die Kultur dieser allgemein fasslichen und in

moralischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein einzuschränken Die

Veränderung betrifft also bloß die arroganten Ansprüche der Schulen die sich

gerne hierin wie sonst mit Recht in vielen anderen Stücken für die alleinigen

Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten möchten halten lassen von denen sie

dem Publikum nur den Gebrauch mitteilen den Schlüssel derselben aber für sich

behalten quod mecum nescit solus vult scire videri Gleichwohl ist doch auch

für einen billigeren Anspruch des spekulativen Philosophen gesorgt Er bleibt

immer ausschließlich Depositär einer dem Publikum ohne dessen Wissen

nützlichen Wissenschaft nämlich der Kritik der Vernunft denn die kann niemals

populär werden hat aber auch nicht nötig es zu sein weil so wenig dem Volke

die feingesponnenen Argumente für nützliche Wahrheiten in den Kopf wollen eben

so wenig kommen ihm auch die eben so subtilen Einwürfe dagegen jemals in den

Sinn dagegen weil die Schule so wie jeder sich zur Spekulation erhebende

Mensch unvermeidlich in beide gerät jene dazu verbunden ist durch gründliche

Untersuchung der Rechte der spekulativen Vernunft einmal für allemal dem Skandal

vorzubeugen das über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten

aufstoßen muss in welche sich Metaphysiker und als solche endlich auch wohl

Geistliche ohne Kritik unausbleiblich verwickeln und die selbst nachher ihre

Lehren verfälschen Durch diese kann nun allein dem Materialismus Fatalismus

Atheismus dem freigeisterischen Unglauben der Schwärmerei und Aberglauben  die

allgemein schädlich werden können zuletzt auch dem Idealismus und Skeptizismus die

mehr den Schulen gefährlich sind und schwerlich ins Publikum übergehen können

selbst die Wurzel abgeschnitten werden Wenn Regierungen sich ja mit

Angelegenheiten der Gelehrten zu befassen gut finden so würde es ihrer weisen

Vorsorge für Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemäßer sein die Freiheit

einer solchen Kritik zu begünstigen wodurch die Vernunftbearbeitungen allein

auf einen festen Fuß gebracht werden können als den lächerlichen Despotismus der

Schulen zu unterstützen welche über öffentliche Gefahr ein lautes Geschrei

erheben wenn man ihre Spinngeweben zerreißt von denen doch das Publikum niemals

Notiz genommen hat und deren Verlust es also auch nie fühlen kann

    Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft in ihrem reinen

Erkenntnis als Wissenschaft entgegengesetzt denn diese muss jederzeit

dogmatisch di aus sicheren Prinzipien a priori strenge beweisend sein

sondern dem Dogmatismus di der Anmaßung mit einer reinen Erkenntnis aus

Begriffen der philosophischen nach Prinzipien so wie sie die Vernunft längst

im Gebrauche hat ohne Erkundigung der Art und des Rechts womit sie dazu

gelanget ist allein fortzukommen Dogmatismus ist also das dogmatische Verfahren

der reinen Vernunft, ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens Diese

Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit unter dem

angemaßten Namen der Popularität oder wohl gar dem Skeptizismus der mit der

ganzen Metaphysik kurzen Prozess macht das Wort reden vielmehr ist die Kritik

die notwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung einer gründlichen

Metaphysik als Wissenschaft die notwendig dogmatisch und nach der strengsten

Forderung systematisch mithin schulgerecht nicht populär ausgeführt werden

muss denn diese Forderung an sie da sie sich anheischig macht gänzlich a

priori mithin zu völliger Befriedigung der spekulativen Vernunft ihr Geschäfte

auszuführen ist unnachlasslich In der Ausführung also des Plans den die Kritik

vorschreibt di im künftigen System der Metaphysik müssen wir dereinst der

strengen Methode des berühmten Wolff des größten unter allen dogmatischen

Philosophen folgen der zuerst das Beispiel gab und durch dies Beispiel der

Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in

Deutschland wurde wie durch gesetzmäßige Feststellung der Prinzipien

deutliche Bestimmung der Begriffe versuchte Strenge der Beweise Verhütung

kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen sei

der auch eben darum eine solche als Metaphysik ist in diesen Stand zu

versetzen vorzüglich geschickt war wenn es ihm beigefallen wäre durch Kritik

des Organs nämlich der reinen Vernunft selbst sich das Feld vorher zu

bereiten ein Mangel der nicht sowohl ihm als vielmehr der dogmatischen

Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist und darüber die Philosophen

seiner sowohl als aller vorigen Zeiten einander nichts vorzuwerfen haben

Diejenigen welche seine Lehrart und doch zugleich auch das Verfahren der Kritik

der reinen Vernunft verwerfen können nichts andres im Sinne haben als die

Fesseln der Wissenschaft gar abzuwerfen Arbeit in Spiel Gewissheit in Meinung

und Philosophie in Philodoxie zu verwandeln

    Was diese zweite Auflage betrifft so habe ich wie billig die Gelegenheit

derselben nicht vorbeilassen wollen um den Schwierigkeiten und der Dunkelheit

so viel möglich abzuhelfen woraus manche Missdeutungen entsprungen sein mögen

welche scharfsinnigen Männern vielleicht nicht ohne meine Schuld in der

Beurteilung dieses Buchs aufgestoßen sind In den Sätzen selbst und ihren

Beweisgründen imgleichen der Form sowohl als der Vollständigkeit des Plans

habe ich nichts zu ändern gefunden welches teils der langen Prüfung der ich

sie unterworfen hatte ehe ich es dem Publikum vorlegte teils der

Beschaffenheit der Sache selbst nämlich der Natur einer reinen spekulativen

Vernunft beizumessen ist die einen wahren Gliederbau enthält worin alles

Organ ist nämlich alles um eines willen und ein jedes einzelne um aller willen

mithin jede noch so kleine Gebrechlichkeit sie sei ein Fehler Irrtum oder

Mangel sich im Gebrauche unausbleiblich verraten muss In dieser

Unveränderlichkeit wird sich dieses System wie ich hoffe auch fernerhin

behaupten Nicht Eigendünkel sondern bloß die Evidenz welche das Experiment

der Gleichheit des Resultats im Ausgange von den mindesten Elementen bis zum

Ganzen der reinen Vernunft und im Rückgange vom Ganzen denn auch dieses ist für

sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen gegeben zu jedem Teile

bewirkt indem der Versuch auch nur den kleinsten Teil abzuändern sofort

Widersprüche nicht bloß des Systems sondern der allgemeinen Menschenvernunft

herbeiführt berechtigt mich zu diesem Vertrauen Allein in der Darstellung ist

noch viel zu tun und hierin habe ich mit dieser Auflage Verbesserungen

versucht welche teils dem Missverstand der Ästhetik vornehmlich dem im

Begriffe der Zeit teils der Dunkelheit der Deduktion der Verstandesbegriffe

teils dem vermeintlichen Mangel einer genügsamen Evidenz in den Beweisen der

Grundsätze des reinen Verstandes teils endlich der Missdeutung der der

rationalen Psychologie vorgerückten Paralogismen abhelfen sollen Bis hierher

nämlich nur bis zu Ende des ersten Hauptstücks der transzendentalen Dialektik

und weiter nicht erstrecken sich meine Abänderungen der Darstellungsart6 weil

die Zeit zu kurz und mir in Ansehung des übrigen auch kein Missverstand

sachkundiger und unparteiischer Prüfer vorgekommen war welche auch ohne dass

ich sie mit dem ihnen gebührenden Lobe nennen darf die Rücksicht die ich auf

ihre Erinnerungen genommen habe schon von selbst an ihren Stellen antreffen

werden Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Verlust für den Leser

verbunden der nicht zu verhüten war ohne das Buch gar zu voluminös zu machen

nämlich dass Verschiedenes was zwar nicht wesentlich zur Vollständigkeit des

Ganzen gehört mancher Leser aber doch ungerne missen mochte indem es sonst in

anderer Absicht brauchbar sein kann hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen

werden müssen um meiner wie ich hoffe jetzt fasslicheren Darstellung Platz zu

machen die im Grunde in Ansehung der Sätze und selbst ihrer Beweisgründe

schlechterdings nichts verändert aber doch in der Methode des Vertrages hin und

wieder so von der vorigen abgeht dass sie durch Einschaltungen sich nicht

bewerkstelligen ließ Dieser kleine Verlust der ohnedem nach jedes Belieben

durch Vergleichung mit der ersten Auflage ersetzt werden kann wird durch die

größere Fasslichkeit wie ich hoffe überwiegend ersetzt Ich habe in

verschiedenen öffentlichen Schriften teils bei Gelegenheit der Rezension

mancher Bücher teils in besonderen Abhandlungen mit dankbarem Vergnügen

wahrgenommen dass der Geist der Gründlichkeit in Deutschland nicht erstorben

sondern nur durch den Modeton einer geniemäßigen Freiheit im Denken auf kurze

Zeit überschrien worden und dass die dornichten Pfade der Kritik die zu einer

schulgerechten aber als solche allein dauerhaften und daher höchstnotwendigen

Wissenschaft der reinen Vernunft führen mutige und helle Köpfe nicht gehindert

haben sich derselben zu bemeistern Diesen verdienten Männern die mit der

Gründlichkeit der Einsicht noch das Talent einer lichtvollen Darstellung dessen

ich mir eben nicht bewusst bin so glücklich verbinden überlasse ich meine in

Ansehung der letzteren hin und wieder etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu

vollenden denn widerlegt zu werden ist in diesem Falle keine Gefahr wohl

aber nicht verstanden zu werden Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten

von nun an nicht einlassen ob ich zwar auf alle Winke es sei von Freunden oder

Gegnern sorgfältig achten werde um sie in der künftigen Ausführung des Systems

dieser Propädeutik gemäß zu benutzen Da ich während dieser Arbeiten schon

ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin in diesem Monate ins vier und

sechzigste Jahr so muss ich wenn ich meinen Plan die Metaphysik der Natur

sowohl als der Sitten als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik der

spekulativen sowohl als praktischen Vernunft zu liefern ausführen will mit

der Zeit sparsam verfahren und die Aufhellung sowohl der in diesem Werke

anfangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten als die Verteidigung des Ganzen von den

verdienten Männern die es sich zu eigen gemacht haben erwarten An einzelnen

Stellen lässt sich jeder philosophische Vortrag zwacken denn er kann nicht so

gepanzert auftreten als der mathematische indessen dass doch der Gliederbau

des Systems als Einheit betrachtet dabei nicht die mindeste Gefahr läuft zu

dessen Übersicht wenn es neu ist nur wenige die Gewandtheit des Geistes noch

weniger aber weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt Lust besitzen Auch

scheinbare Widersprüche lassen sich wenn man einzelne Stellen aus ihrem

Zusammenhange gerissen gegeneinander vergleicht in jeder vornehmlich als

freie Rede fortgehenden Schrift ausklauben die in den Augen dessen der sich

auf fremde Beurteilung verlässt ein nachteiliges Licht auf diese werfen

demjenigen aber der sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat sehr leicht

aufzulösen sind Indessen wenn eine Theorie in sich Bestand hat so dienen

Wirkung und Gegenwirkung die ihr anfänglich große Gefahr drohten mit der Zeit

nur dazu um ihre Unebenheiten abzuschleifen und wenn sich Männer von

Unparteilichkeit Einsicht und wahrer Popularität damit beschäftigen ihr in

kurzer Zeit auch die erforderliche Eleganz zu verschaffen

    

    Königsberg im Aprilmonat 1787

 
 



                                   



    Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange daran ist gar kein

Zweifel denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt

werden geschähe es nicht durch Gegenstände die unsere Sinne rühren und teils

von selbst Vorstellungen bewirken teils unsere Verstandestätigkeit in Bewegung

bringen diese zu vergleichen sie zu verknüpfen oder zu trennen und so den

rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu

verarbeiten die Erfahrung heißt Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in

uns vor der Erfahrung vorher und mit dieser fängt alle an

    Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt so

entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte wohl

sein dass selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei

was wir durch Eindrücke empfangen und dem was unser eigenes Erkenntnisvermögen

durch sinnliche Eindrücke bloß veranlasst aus sich selbst hergibt welchen

Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden als bis lange Übung

uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat

    Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte und

nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage ob es ein

dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne

unabhängiges Erkenntnis gebe Man nennt solche Erkenntnisse a priori und

unterscheidet sie von den empirischen die ihre Quellen a posteriori nämlich in

der Erfahrung, haben

    Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestimmt genug um den ganzen Sinn

der vorgelegten Frage angemessen zu bezeichnen Denn man pflegt wohl von

mancher aus Erfahrungsquellen abgeleiteten Erkenntnis zu sagen dass wir ihrer a

priori fähig oder teilhaftig sind weil wir sie nicht unmittelbar aus der

Erfahrung, sondern aus einer allgemeinen Regel die wir gleichwohl selbst doch

aus der Erfahrung entlehnt haben ableiten So sagt nun von jemand der das

Fundament seines Hauses untergrub er konnte es a priori wissen dass es

einfallen würde di er durfte nicht auf die Erfahrung dass es wirklich

einfiele warten Allein gänzlich a priori konnte er dieses doch auch nicht

wissen Denn dass die Körper schwer sind und daher wenn ihnen die Stütze

entzogen wird fallen musste ihm doch zuvor durch Erfahrung bekannt werden

    Wir werden also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori nicht solche

verstehen die von dieser oder jener sondern die schlechterdings von aller

Erfahrung unabhängig stattfinden Ihnen sind empirische Erkenntnisse oder

solche die nur a posteriori di durch Erfahrung möglich sind

entgegengesetzt Von den Erkenntnissen a priori heißen aber diejenigen rein

denen gar nichts Empirisches beigemischt istSo ist zB der Satz eine jede

Veränderung hat ihre Ursache ein Satz a priori allein nicht rein weil

Veränderung ein Begriff ist der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann

 
 






    Es kommt hier auf ein Merkmal an woran wir sicher ein reines Erkenntnis von

empirischen unterscheiden können Erfahrung lehrt uns zwar dass etwas so oder so

beschaffen sei aber nicht dass es nicht anders sein könne Findet sich also

erstlich ein Satz der zugleich mit seiner Notwendigkeit gedacht wird so ist er

ein Urteil a priori ist er überdem auch von keinem abgeleitet als der selbst

wiederum als ein notwendiger Satz gültig istso ist er schlechterdings a

priori Zweitens Erfahrung gibt niemals ihren Urteilen wahre oder strenge

sondern nur angenommene und komparative Allgemeinheit durch Induktion so dass

es eigentlich heißen muss so viel wir bisher wahrgenommen haben findet sich von

dieser oder jener Regel keine Ausnahme Wird also ein Urteil in strenger

Allgemeinheit gedacht di so dass gar keine Ausnahme als möglich verstattet

wird so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet sondern schlechterdings a

priori gültig Die empirische Allgemeinheit ist also nur eine willkürliche

Steigerung der Gültigkeit von der welche in den meisten Fällen zu der die in

allen gilt wie zB in dem Satze alle Körper sind schwer wo dagegen strenge

Allgemeinheit zu einem Urteile wesentlich gehört da zeigt diese auf einen

besonderen Erkenntnisquell desselben nämlich ein Vermögen des Erkenntnisses a

priori Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit sind also sichere Kennzeichen

einer Erkenntnis a priori und gehören auch unzertrennlich zu einander Weil es

aber im Gebrauche derselben bisweilen leichter ist die empirische

Beschränktheit derselben als die Zufälligkeit in den Urteilen oder es auch

mannigmal einleuchtender ist die unbeschränkte Allgemeinheit die wir einem

Urteile beilegen als die Notwendigkeit desselben zu zeigen so ist es ratsam

sich gedachter beider Kriterien deren jedes für sich unfehlbar ist abgesondert

zu bedienen

    Dass es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine mithin

reine Urteile a priori im menschlichen Erkenntnis wirklich gebe ist leicht zu

zeigen Will man ein Beispiel aus Wissenschaften so darf man nur auf alle Sätze

der Mathematik hinaussehen will man ein solches aus dem gemeinsten

Verstandesgebrauche so kann der Satz dass alle Veränderung eine Ursache haben

müsse dazu dienen ja in dem letzteren enthält selbst der Begriff einer Ursache

so offenbar den Begriff einer Notwendigkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung

und einer strengen Allgemeinheit der Regel dass er gänzlich verloren gehen

würde wenn man ihn wie Hume tat von einer öfteren Beigesellung dessen was

geschieht mit dem was vorhergeht und einer daraus entspringenden Gewohnheit

mithin bloß subjektiven Notwendigkeit Vorstellungen zu verknüpfen ableiten

wollte Auch könnte man ohne dergleichen Beispiele zum Beweise der Wirklichkeit

reiner Grundsätze a priori in unserem Erkenntnisse zu bedürfen dieser ihre

Unentbehrlichkeit zur Möglichkeit der Erfahrung selbst mithin a priori dartun

Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre Gewissheit hernehmen wenn alle Regeln nach

denen sie fortgeht immer wieder empirisch mithin zufällig wären daher man

diese schwerlich für erste Grundsätze gelten lassen kann Allein hier können wir

uns damit begnügen den reinen Gebrauch unseres Erkenntnisvermögens als Tatsache

samt den Kennzeichen desselben dargelegt zu haben Aber nicht bloß in Urteilen

sondern selbst in Begriffen zeigt sich ein Ursprung einiger derselben a priori

Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles was daran empirisch

ist nach und nach weg die Farbe die Härte oder Weiche die Schwere selbst

die Undurchdringlichkeit so bleibt doch der Raum übrig den er welcher nun

ganz verschwunden ist einnahm und den könnt ihr nicht weglassen Eben so wenn

ihr von eurem empirischen Begriffe eines jeden körperlichen oder nicht

körperlichen Objekts alle Eigenschaften weglasst die euch die Erfahrung lehrt

so könnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen dadurch ihr es als Substanz oder

einer Substanz anhängend denkt obgleich dieser Begriff mehr Bestimmung enthält

als der eines Objekts überhaupt Ihr müsst also überführt durch die

Notwendigkeit womit sich dieser Begriff euch aufdringt gestehen dass er in

eurem Erkenntnisvermögen a priori seinen Sitz habe

 
 



  



    Was noch weit mehr sagen will als alles vorige ist dieses dass gewisse

Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen und durch

Begriffe denen überall kein entsprechender Gegenstand in der Erfahrung gegeben

werden kann, den Umfang unserer Urteile über alle Grenzen derselben zu erweitern

den Anschein haben

    Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen welche über die Sinnenwelt

hinausgehen wo Erfahrung gar keinen Leitfaden noch Berichtigung geben kann

liegen die Nachforschungen unserer Vernunft die wir der Wichtigkeit nach für

weit vorzüglicher und ihre Endabsicht für viel erhabener halten als alles was

der Verstand im Felde der Erscheinungen lernen kann wobei wir sogar auf die

Gefahr zu irren eher alles wagen als dass wir so angelegene Untersuchungen aus

irgend einem Grunde der Bedenklichkeit oder aus Geringschätzung und

Gleichgültigkeit aufgeben sollten Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen

Vernunft selbst sind Gott Freiheit und Unsterblichkeit Die Wissenschaft aber

deren Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nur auf die Auflösung

derselben gerichtet ist heißt Metaphysik deren Verfahren im Anfange dogmatisch

ist di ohne vorhergehende Prüfung des Vermögens oder Unvermögens der Vernunft

zu einer so großen Unternehmung zuversichtlich die Ausführung übernimmt

    Nun scheint es zwar natürlich dass so bald man den Boden der Erfahrung

verlassen hat man doch nicht mit Erkenntnissen die man besitzt ohne zu wissen

woher und auf den Kredit der Grundsätze deren Ursprung man nicht kennt sofort

ein Gebäude errichten werde ohne der Grundlegung desselben durch sorgfältige

Untersuchungen vorher versichert zu sein dass man also vielmehr die Frage

vorlängst werde aufgeworfen haben wie denn der Verstand zu allen diesen

Erkenntnissen a priori kommen könne und welchen Umfang Gültigkeit und Wert sie

haben mögen

    In der Tat ist auch nichts natürlicher wenn man unter dem Worte natürlich

das versteht was billiger und vernünftiger Weise geschehen sollte versteht man

aber darunter das was gewöhnlicher Maßen geschieht so ist hinwiederum nichts

natürlicher und begreiflicher als dass diese Untersuchung lange unterbleiben

musste Denn ein Teil dieser Erkenntnisse als die mathematische ist im alten

Besitze der Zuverlässigkeit und gibt dadurch eine günstige Erwartung auch für

andere ob diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen Überdem wenn

man über den Kreis der Erfahrung hinaus istso ist man sicher durch Erfahrung

nicht widerlegt zu werden Der Reiz seine Erkenntnisse zu erweitern ist so

groß dass man nur durch einen klaren Widerspruch auf den man stößt in seinem

Fortschritte aufgehalten werden kann Dieser aber kann vermieden werden wenn

man seine Erdichtungen nur behutsam macht ohne dass sie deswegen weniger

Erdichtungen bleiben Die Mathematik gibt uns ein glänzendes Beispiel wie weit

wir es unabhängig von der Erfahrung in der Erkenntnis a priori bringen können

Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen bloß so weit

als sich solche in der Anschauung darstellen lassen Aber dieser Umstand wird

leicht übersehen weil gedachte Anschauung selbst a priori gegeben werden kann,

mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum unterschieden wird Durch einen

solchen Beweis von der Macht der Vernunft eingenommen sieht der Trieb zur

Erweiterung keine Grenzen Die leichte Taube indem sie im freien Fluge die Luft

teilt deren Widerstand sie fühlt könnte die Vorstellung fassen dass es ihr im

luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde Eben so verließ Plato die

Sinnenwelt weil sie dem Verstande so enge Schranken setzt und wagte sich

jenseits derselben auf den Flügeln der Ideen in den leeren Raum des reinen

Verstandes Er bemerkte nicht dass er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne

denn er hatte keinen Widerhalt gleichsam zur Unterlage worauf er sich steifen

und woran er seine Kräfte anwenden konnte um den Verstand von der Stelle zu

bringen Es ist aber ein gewöhnliches Schicksal der menschlichen Vernunft in der

Spekulation ihr Gebäude so früh wie möglich fertig zu machen und hintennach

allererst zu untersuchen ob auch der Grund dazu gut gelegt sei Alsdenn aber

werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht um uns wegen dessen Tüchtigkeit zu

trösten oder auch eine solche späte und gefährliche Prüfung lieber gar

abzuweisen Was uns aber während dem Bauen von aller Besorgnis und Verdacht frei

hält und mit scheinbarer Gründlichkeit schmeichelt ist dieses Ein großer

Teil und vielleicht der größte von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht in

Zergliederungen der Begriffe die wir schon von Gegenständen haben Dieses

liefert uns eine Menge von Erkenntnissen die ob sie gleich nichts weiter als

Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind was in unsern Begriffen

wiewohl noch auf verworrene Art schon gedacht worden doch wenigstens der Form

nach neuen Einsichten gleich geschätzt werden wiewohl sie der Materie oder dem

Inhalte nach die Begriffe die wir haben nicht erweitern sondern nur aus

einander setzen Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntnis a priori

gibt die einen sichern und nützlichen Fortgang hat so erschleicht die

Vernunft ohne es selbst zu merken unter dieser Vorspiegelung Behauptungen von

ganz anderer Art wo die Vernunft zu gegebenen Begriffen ganz fremde und zwar a

priori hinzu tut ohne dass man weiß wie sie dazu gelange und ohne sich eine

solche Frage auch nur in die Gedanken kommen zu lassen Ich will daher gleich

anfangs von dem Unterschiede dieser zwiefachen Erkenntnisart handeln

 
 






    In allen Urteilen worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat

gedacht wird wenn ich nur die bejahende erwäge denn auf die verneinende ist

nachher die Anwendung leicht ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich

Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas was in diesem Begriffe A

versteckter Weise enthalten ist oder B liegt ganz außer dem Begriff A ob es

zwar mit demselben in Verknüpfung steht Im ersten Fall nenne ich das Urteil

analytisch in dem andern synthetisch Analytische Urteile die bejahende sind

also diejenige in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekt durch

Identität diejenige aber in denen diese Verknüpfung ohne Identität gedacht

wird sollen synthetische Urteile heißen Die erstere könnte man auch

Erläuterungs die andere Erweiterungsurteile heißen weil jene durch das

Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts hinzutun sondern diesen nur durch

Zergliederung in seine Teilbegriffe zerfallen die in selbigen schon obgleich

verworren gedacht waren da hingegen die letztere zu dem Begriffe des Subjekts

ein Prädikat hinzutun welches in jenem gar nicht gedacht war und durch keine

Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden ZB wenn ich sage

alle Körper sind ausgedehnt so ist dies ein analytisch Urteil Denn ich darf

nicht über den Begriff den ich mit dem Körper verbinde hinausgehen um die

Ausdehnung als mit demselben verknüpft zu finden sondern jenen Begriff nur

zergliedern di des Mannigfaltigen welches ich jederzeit in ihm denke mir

nur bewusst werden um dieses Prädikat darin anzutreffen es ist also ein

analytisches Urteil Dagegen wenn ich sage alle Körper sind schwer so ist das

Prädikat etwas ganz anderes als das was ich in dem bloßen Begriff eines

Körpers überhaupt denke Die Hinzufügung eines solchen Prädikats gibt also ein

synthetisch Urteil

    Erfahrungsurteile als solche sind insgesamt synthetisch Denn es wäre

ungereimt ein analytisches Urteil auf Erfahrung zu gründen weil ich aus meinem

Begriffe gar nicht hinausgehen darf um das Urteil abzufassen und also kein

Zeugnis der Erfahrung dazu nötig habe Dass ein Körper ausgedehnt sei ist ein

Satz der a priori feststeht und kein Erfahrungsurteil Denn ehe ich zur

Erfahrung gehe habe ich alle Bedingungen zu meinem Urteile schon in dem

Begriffe aus welchem ich das Prädikat nach dem Satze des Widerspruchs nur

herausziehen und dadurch zugleich der Notwendigkeit des Urteils bewusst werden

kann welche mir Erfahrung nicht einmal lehren würde Dagegen ob ich schon in

dem Begriff eines Körpers überhaupt das Prädikat der Schwere gar nicht

einschließe so bezeichnet jener doch einen Gegenstand der Erfahrung durch einen

Teil derselben zu welchem ich also noch andere Teile eben derselben Erfahrung

als zu dem ersteren gehörten hinzufügen kann Ich kann den Begriff des Körpers

vorher analytisch durch die Merkmale der Ausdehnung der Undurchdringlichkeit

der Gestalt etc die alle in diesem Begriffe gedacht werden erkennen Nun

erweitere ich aber meine Erkenntnis und indem ich auf die Erfahrung

zurücksehe von welcher ich diesen Begriff des Körpers abgezogen hatte so finde

ich mit obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft und füge also

diese als Prädikat zu jenem Begriffe synthetisch hinzu Es ist also die

Erfahrung worauf sich die Möglichkeit der Synthesis des Prädikats der Schwere

mit dem Begriffe des Körpers gründet weil beide Begriffe ob zwar einer nicht

in dem andern enthalten ist dennoch als Teile eines Ganzen nämlich der

Erfahrung die selbst eine synthetische Verbindung der Anschauungen ist zu

einander wiewohl nur zufälliger Weise gehören

    Aber bei synthetischen Urteilen a priori fehlt dieses Hilfsmittel ganz und

gar Wenn ich über den Begriff A hinausgehen soll um einen andern B als damit

verbunden zu erkennen was ist das worauf ich mich stütze und wodurch die

Synthesis möglich wird da ich hier den Vorteil nicht habe mich im Felde der

Erfahrung darnach umzusehen Man nehme den Satz Alles was geschieht hat seine

Ursache In dem Begriff von etwas das geschieht denke ich zwar ein Dasein vor

welchem eine Zeit vorhergeht etc und daraus lassen sich analytische Urteile

ziehen Aber der Begriff einer Ursache liegt ganz außer jenem Begriffe und

zeigt etwas von dem was geschieht Verschiedenes an ist also in dieser

letzteren Vorstellung gar nicht mit enthalten Wie komme ich denn dazu von dem

was überhaupt geschieht etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen und den

Begriff der Ursache ob zwar in jenem nicht enthalten dennoch als dazu und

sogar notwendig gehörig zu erkennen Was ist hier das Unbekannte  X worauf

sich der Verstand stützt wenn er außer dem Begriff von A ein demselben fremdes

Prädikat B aufzufinden glaubt welches er gleichwohl damit verknüpft zu sein

erachtet Erfahrung kann es nicht sein weil der angeführte Grundsatz nicht

allein mit größerer Allgemeinheit sondern auch mit dem Ausdruck der

Notwendigkeit mithin gänzlich a priori und aus bloßen Begriffen diese zweite

Vorstellung zu der ersteren hinzugefügt Nun beruht auf solchen synthetischen

di ErweiterungsGrundsätzen die ganze Endabsicht unserer spekulativen

Erkenntnis a priori denn die analytischen sind zwar höchst wichtig und nötig

aber nur um zu derjenigen Deutlichkeit der Begriffe zu gelangen die zu einer

sicheren und ausgebreiteten Synthesis als zu einem wirklich neuen Erwerb

erforderlich ist

 
 





    1 Mathematische Urteile sind insgesamt synthetisch Dieser Satz scheint den

Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft bisher entgangen ja

allen ihren Vermutungen gerade entgegengesetzt zu sein ob er gleich

unwidersprechlich gewiss und in der Folge sehr wichtig ist Denn weil man fand

dass die Schlüsse der Mathematiker alle nach dem Satze des Widerspruchs fortgehen

welches die Natur einer jeden apodiktischen Gewissheit erfordert so überredete

man sich dass auch die Grundsätze aus dem Satze des Widerspruchs erkannt würden

worin sie sich irrten denn ein synthetischer Satz kann allerdings nach dem

Satze des Widerspruchs eingesehen werden aber nur so dass ein anderer

synthetischer Satz vorausgesetzt wird aus dem er gefolgert werden kann niemals

aber an sich selbst.

    Zuvörderst muss bemerkt werden dass eigentliche mathematische Sätze jederzeit

Urteile a priori und nicht empirisch sein weil sie Notwendigkeit bei sich

führen welche aus Erfahrung nicht abgenommen werden kann Will man aber dieses

nicht einräumen wohlan so schränke ich meinen Satz auf die reine Mathematik

ein deren Begriff es schon mit sich bringt dass sie nicht empirische sondern

bloß reine Erkenntnis a priori enthalte

    Man sollte anfänglich zwar denken dass der Satz 7512 ein bloß analytischer

Satz sei der aus dem Begriffe einer Summe von Sieben und Fünf nach dem Satze

des Widerspruches erfolge Allein wenn man es näher betrachtet so findet man

dass der Begriff der Summe von 7 und 5 nichts weiter enthalte als die

Vereinigung beider Zahlen in eine einzige wodurch ganz und gar nicht gedacht

wird welches diese einzige Zahl sei die beide zusammenfasst Der Begriff von

Zwölf ist keineswegs dadurch schon gedacht dass ich mir bloß jene Vereinigung

von Sieben und Fünf denke und ich mag meinen Begriff von einer solchen

möglichen Summe noch so lange zergliedern so werde ich doch darin die Zwölf

nicht antreffen Man muss über diese Begriffe hinausgehen indem man die

Anschauung zu Hülfe nimmt die einem von beiden korrespondiert etwa seine fünf

Finger oder wie Segner in seiner Arithmetik fünf Punkte und so nach und nach

die Einheiten der in der Anschauung gegebenen Fünf zu dem Begriffe der Sieben

hinzutut Denn ich nehme zuerst die Zahl 7 und indem ich für den Begriff der 5

die Finger meiner Hand als Anschauung zu Hülfe nehme so tue ich die Einheiten

die ich vorher zusammennahm um die Zahl 5 auszumachen nun an jenem meinem

Bilde nach und nach zur Zahl 7 und sehe so die Zahl 12 entspringen Dass 7 zu 5

hinzugetan werden sollten habe ich zwar in dem Begriff einer Summe  75

gedacht aber nicht dass diese Summe der Zahl 12 gleich sei Der arithmetische

Satz ist also jederzeit synthetisch welches man desto deutlicher inne wird

wenn man etwas größere Zahlen nimmt da es denn klar einleuchtet dass wir

möchten unsere Begriffe drehen und wenden wie wir wollen wir ohne die

Anschauung zu Hülfe zu nehmen vermittelst der bloßen Zergliederung unserer

Begriffe die Summe niemals finden könnten

    Eben so wenig ist irgend ein Grundsatz der reinen Geometrie analytisch Dass

die gerade Linie zwischen zweien Punkten die kürzeste sei ist ein synthetischer

Satz Denn mein Begriff vom Geraden enthält nichts von Größe sondern nur eine

Qualität Der Begriff des Kürzesten kommt also gänzlich hinzu und kann durch

keine Zergliederung aus dem Begriffe der geraden Linie gezogen werden

Anschauung muss also hier zu Hülfe genommen werden vermittelst deren allein die

Synthesis möglich ist

    Einige wenige Grundsätze welche die Geometer voraussetzen sind zwar

wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs sie dienen aber

auch nur wie identische Sätze zur Kette der Methode und nicht als Prinzipien

zB a  a das Ganze ist sich selber gleich oder a  b ampgt a di das

Ganze ist größer als sein Teil Und doch auch diese selbst ob sie gleich nach

bloßen Begriffen gelten werden in der Mathematik nur darum zugelassen weil sie

in der Anschauung können dargestellt werden Was uns hier gemeiniglich glauben

macht als läge das Prädikat solcher apodiktischen Urteile schon in unserm

Begriffe und das Urteil sei also analytisch ist bloß die Zweideutigkeit des

Ausdrucks Wir sollen nämlich zu einem gegebenen Begriffe ein gewisses Prädikat

hinzudenken und diese Notwendigkeit haftet schon an den Begriffen Aber die

Frage ist nicht was wir zu dem gegebenen Begriffe hinzu denken sollen sondern

was wir wirklich in ihm obzwar nur dunkel denken und da zeigt sich dass das

Prädikat jenen Begriffen zwar notwendig aber nicht als im Begriffe selbst

gedacht sondern vermittelst einer Anschauung die zu dem Begriffe hinzukommen

muss anhänge

    2 Naturwissenschaft physica enthält synthetische Urteile a priori als

Prinzipien in sich Ich will nur ein paar Sätze zum Beispiel anführen als den

Satz dass in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität der Materie

unverändert bleibe oder dass in aller Mitteilung der Bewegung Wirkung und

Gegenwirkung jederzeit einander gleich sein müssen An beiden ist nicht allein

die Notwendigkeit mithin ihr Ursprung a priori sondern auch dass sie

synthetische Sätze sind klar Denn in dem Begriffe der Materie denke ich mir

nicht die Beharrlichkeit sondern bloß ihre Gegenwart im Raume durch die

Erfüllung desselben Also gehe ich wirklich über den Begriff von der Materie

hinaus um etwas a priori zu ihm hinzuzudenken was ich in ihm nicht dachte Der

Satz ist also nicht analytisch sondern synthetisch und dennoch a priori

gedacht und so in den übrigen Sätzen des reinen Teils der Naturwissenschaft

    3 In der Metaphysik wenn man sie auch nur für eine bisher bloß versuchte

dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft unentbehrliche

Wissenschaft ansieht sollen synthetische Erkenntnisse a priori enthalten sein

und es ist ihr gar nicht darum zu tun Begriffe die wir uns a priori von Dingen

machen bloß zu zergliedern und dadurch analytisch zu erläutern sondern wir

wollen unsere Erkenntnis a priori erweitern wozu wir uns solcher Grundsätze

bedienen müssen die über den gegebenen Begriff etwas hinzutun was in ihm nicht

enthalten war und durch synthetische Urteile a priori wohl gar so weit

hinausgehen dass uns die Erfahrung selbst nicht so weit folgen kann zB in dem

Satze die Welt muss einen ersten Anfang haben uam und so besteht Metaphysik

wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthetischen Sätzen a priori

 
 




    Man gewinnt dadurch schon sehr viel wenn man eine Menge von Untersuchungen

unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann Denn dadurch erleichtert

man sich nicht allein selbst sein eigenes Geschäfte indem man es sich genau

bestimmt sondern auch jedem anderen der es prüfen will das Urteil ob wir

unserem Vorhaben ein Genüge getan haben oder nicht Die eigentliche Aufgabe der

reinen Vernunft ist nun in der Frage enthalten Wie sind synthetische Urteile a

priori möglich

    Dass die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der Ungewissheit

und Widersprüche geblieben ist ist lediglich der Ursache zuzuschreiben dass man

sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den Unterschied der analytischen und

synthetischen Urteile nicht früher in Gedanken kommen ließ Auf der Auflösung

dieser Aufgabe oder einem genugtuenden Beweise dass die Möglichkeit die sie

erklärt zu wissen verlangt in der Tat gar nicht stattfinde beruht nun das

Stehen und Fallen der Metaphysik David Hume der dieser Aufgabe unter allen

Philosophen noch am nächsten trat sie aber sich bei weitem nicht bestimmt genug

und in ihrer Allgemeinheit dachte sondern bloß bei dem synthetischen Satze der

Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen principium causalitatis stehen

blieb glaubte heraus zu bringen dass ein solcher Satz a priori gänzlich

unmöglich sei und nach seinen Schlüssen würde alles was wir Metaphysik nennen

auf einen bloßen Wahn von vermeinter Vernunfteinsicht dessen hinauslaufen was

in der Tat bloß aus der Erfahrung erborgt und durch Gewohnheit den Schein der

Notwendigkeit überkommen hat auf welche alle reine Philosophie zerstörende

Behauptung er niemals gefallen wäre wenn er unsere Aufgabe in ihrer

Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte da er denn eingesehen haben würde dass

nach seinem Argumente es auch keine reine Mathematik geben könnte weil diese

gewiss synthetische Sätze a priori enthält für welcher Behauptung ihn alsdann

sein guter Verstand wohl würde bewahrt haben

    In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des reinen

Vernunftgebrauchs in Gründung und Ausführung aller Wissenschaften die eine

theoretische Erkenntnis a priori von Gegenständen enthalten mit begriffen di

die Beantwortung der Fragen

    Wie ist reine Mathematik möglich

    Wie ist reine Naturwissenschaft möglich

    Von diesen Wissenschaften da sie wirklich gegeben sind lässt sich nun wohl

geziemend fragen wie sie möglich sind denn dass sie möglich sein müssen wird

durch ihre Wirklichkeit bewiesen7 Was aber Metaphysik betrifft so muss ihr

bisheriger schlechter Fortgang und weil man von keiner einzigen bisher

vorgetragenen was ihren wesentlichen Zweck angeht sagen kann sie sei wirklich

vorhanden einen jeden mit Grunde an ihrer Möglichkeit zweifeln lassen

    Nun ist aber diese Art von Erkenntnis in gewissem Sinne doch auch als

gegeben anzusehen und Metaphysik ist wenn gleich nicht als Wissenschaft doch

als Naturanlage metaphysica naturalis wirklich Denn die menschliche Vernunft

geht unaufhaltsam ohne dass bloße Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt

durch eigenes Bedürfnis getrieben bis zu solchen Fragen fort die durch keinen

Erfahrungsgebrauch der Vernunft und daher entlehnte Prinzipien beantwortet

werden können und so ist wirklich in allen Menschen so bald Vernunft sich in

ihnen bis zur Spekulation erweitert irgend eine Metaphysik zu aller Zeit

gewesen und wird auch immer darin bleiben Und nun ist auch von dieser die

Frage Wie ist Metaphysik als Naturanlage möglich di wie entspringen die

Fragen welche reine Vernunft sich aufwirft und die sie so gut als sie kann

zu beantworten durch ihr eigenes Bedürfnis getrieben wird aus der Natur der

allgemeinen Menschenvernunft

    Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen diese natürliche Fragen zB

ob die Welt einen Anfang habe oder von Ewigkeit her sei usw zu beantworten

jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden haben so kann man es nicht bei

der bloßen Naturanlage zur Metaphysik di dem reinen Vernunftvermögen selbst

woraus zwar immer irgend eine Metaphysik es sei welche es wolle erwächst

bewenden lassen sondern es muss möglich sein mit ihr es zur Gewissheit zu

bringen entweder im Wissen oder NichtWissen der Gegenstände di entweder der

Entscheidung über die Gegenstände ihrer Fragen oder über das Vermögen und

Unvermögen der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urteilen also entweder

unsere reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern oder ihr bestimmte und

sichere Schranken zu setzen Diese letzte Frage die aus der obigen allgemeinen

Aufgabe fließt würde mit Recht diese sein Wie ist Metaphysik als Wissenschaft

möglich

    Die Kritik der Vernunft führt also zuletzt notwendig zur Wissenschaft der

dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose Behauptungen

denen man eben so scheinbare entgegensetzen kann mithin zum Skeptizismus

    Auch kann diese Wissenschaft nicht von großer abschreckender Weitläufigkeit

sein weil sie es nicht mit Objekten der Vernunft deren Mannigfaltigkeit

unendlich ist sondern es bloß mit sich selbst mit Aufgaben die ganz aus ihrem

Schoße entspringen und ihr nicht durch die Natur der Dinge, die von ihr

unterschieden sind sondern durch ihre eigene vorgelegt sind zu tun hat da es

denn wenn sie zuvor ihr eigen Vermögen in Ansehung der Gegenstände die ihr in

der Erfahrung vorkommen mögen vollständig hat kennen lernen leicht werden muss

den Umfang und die Grenzen ihres über alle Erfahrungsgrenzen versuchten

Gebrauchs vollständig und sicher zu bestimmen

    Man kann also und muss alle bisher gemachte Versuche eine Metaphysik

dogmatisch zu Stande zu bringen als ungeschehen ansehen denn was in der einen

oder der anderen Analytisches nämlich bloße Zergliederung der Begriffe ist die

unserer Vernunft a priori beiwohnen ist noch gar nicht der Zweck sondern nur

eine Veranstaltung zu der eigentlichen Metaphysik nämlich seine Erkenntnis a

priori synthetisch zu erweitern und ist zu diesem untauglich weil sie bloß

zeigt was in diesen Begriffen enthalten ist nicht aber wie wir a priori zu

solchen Begriffen gelangen um darnach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung

der Gegenstände aller Erkenntnis überhaupt bestimmen zu können Es gehört auch

nur wenig Selbstverleugnung dazu alle diese Ansprüche aufzugeben da die nicht

abzuleugnende und im dogmatischen Verfahren auch unvermeidliche Widersprüche der

Vernunft mit sich selbst jede bisherige Metaphysik schon längst um ihr Ansehen

gebracht haben Mehr Standhaftigkeit wird dazu nötig sein sich durch die

Schwierigkeit innerlich und den Widerstand äußerlich nicht abhalten zu lassen

eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenschaft von der man wohl

jeden hervorgeschossenen Stamm abhauen die Wurzel aber nicht ausrotten kann

durch eine andere der bisherigen ganz entgegengesetzte Behandlung endlich

einmal zu einem gedeihlichen und fruchtbaren Wuchse zu befördern

 
 






    Aus diesem allem ergibt sich nun die Idee einer besonderen Wissenschaft die

Kritik der reinen Vernunft heißen kann Denn ist Vernunft das Vermögen welches

die Prinzipien der Erkenntnis a priori an die Hand gibt Daher ist reine

Vernunft diejenige welche die Prinzipien etwas schlechthin a priori zu

erkennen enthält Ein Organon der reinen Vernunft würde ein Inbegriff

derjenigen Prinzipien sein nach denen alle reine Erkenntnisse a priori können

erworben und wirklich zu Stande gebracht werden Die ausführliche Anwendung

eines solchen Organon würde ein System der reinen Vernunft verschaffen Da

dieses aber sehr viel verlangt ist und es noch dahin steht ob auch hier

überhaupt eine Erweiterung unserer Erkenntnis und in welchen Fällen sie möglich

sei so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen Vernunft,

ihrer Quellen und Grenzen als die Propädeutik zum System der reinen Vernunft

ansehen Eine solche würde nicht eine Doktrin sondern nur Kritik der reinen

Vernunft heißen müssen und ihr Nutzen würde in Ansehung der Spekulation

wirklich nur negativ sein nicht zur Erweiterung sondern nur zur Läuterung

unserer Vernunft dienen und sie von Irrtümern frei halten welches schon sehr

viel gewonnen ist Ich nenne alle Erkenntnis transzendental die sich nicht so

wohl mit Gegenständen sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen so

fern diese a priori möglich sein soll überhaupt beschäftigt Ein System solcher

Begriffe würde TranszendentalPhilosophie heißen Diese ist aber wiederum für

den Anfang noch zu viel Denn weil eine solche Wissenschaft so wohl die

analytische Erkenntnis als die synthetische a priori vollständig enthalten

müsste so ist sie so weit es unsere Absicht betrifft von zu weitem Umfange

indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen als sie unentbehrlich

notwendig ist um die Prinzipien der Synthesis a priori als warum es uns nur zu

tun ist in ihrem ganzen Umfange einzusehen Diese Untersuchung die wir

eigentlich nicht Doktrin sondern nur transzendentale Kritik nennen können weil

sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst sondern nur die Berichtigung

derselben zur Absicht hat und den Probierstein des Werts oder Unwerts aller

Erkenntnisse a priori abgeben soll ist das womit wir uns jetzt beschäftigen

Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung wo möglich zu einem Organon

und wenn dieses nicht gelingen sollte wenigstens zu einem Kanon derselben nach

welchem allenfalls dereinst das vollständige System der Philosophie der reinen

Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer Erkenntnis

bestehen so wohl analytisch als synthetisch dargestellt werden könnte Denn dass

dieses möglich sei ja dass ein solches System von nicht gar großem Umfange sein

könne um zu hoffen es ganz zu vollenden lässt sich schon zum voraus daraus

ermessen dass hier nicht die Natur der Dinge, welche unerschöpflich ist sondern

der Verstand der über die Natur der Dinge urteilt und auch dieser wiederum nur

in Ansehung seiner Erkenntnis a priori den Gegenstand ausmacht dessen Vorrat

weil wir ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen uns nicht verborgen bleiben

kann und allem Vermuten nach klein genug ist um vollständig aufgenommen nach

seinem Werte oder Unwerte beurteilt und unter richtige Schätzung gebracht zu

werden Noch weniger darf man hier eine Kritik der Bücher und Systeme der reinen

Vernunft erwarten sondern die des reinen Vernunftvermögens selbst Nur allein

wenn diese zum Grunde liegt hat man einen sicheren Probierstein den

philosophischen Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu schätzen

widrigenfalls beurteilt der unbefugte Geschichtsschreiber und Richter grundlose

Behauptungen anderer durch seine eigene die eben so grundlos sind

    Die TranszendentalPhilosophie ist die Idee einer Wissenschaft wozu die

Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch di aus Prinzipien

entwerfen soll mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheit

aller Stücke die dieses Gebäude ausmachen Sie ist das System aller Prinzipien

der reinen Vernunft Dass diese Kritik nicht schon selbst

TranszendentalPhilosophie heißt beruhet lediglich darauf dass sie um ein

vollständig System zu sein auch eine ausführliche Analysis der ganzen

menschlichen Erkenntnis a priori enthalten müsste Nun muss zwar unsere Kritik

allerdings auch eine vollständige Herzählung aller Stammbegriffe welche die

gedachte reine Erkenntnis ausmachen vor Augen legen Allein der ausführlichen

Analysis dieser Begriffe selbst wie auch der vollständigen Rezension der daraus

abgeleiteten enthält sie sich billig teils weil diese Zergliederung nicht

zweckmäßig wäre indem sie die Bedenklichkeit nicht hat welche bei der

Synthetis angetroffen wird um deren willen eigentlich die ganze Kritik da ist

teils weil es der Einheit des Plans zuwider wäre sich mit der Verantwortung

der Vollständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung zu befassen deren man

in Ansehung seiner Absicht doch überhoben sein konnte Diese Vollständigkeit der

Zergliederung sowohl als der Ableitung aus den künftig zu liefernden Begriffen

a priori ist indessen leicht zu ergänzen wenn sie nur allererst als

ausführliche Prinzipien der Synthesis dasind und in Ansehung dieser

wesentlichen Absicht nichts ermangelt

    Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles was die

TranszendentalPhilosophie ausmacht und sie ist die vollständige Idee der

TranszendentalPhilosophie aber diese Wissenschaft noch nicht selbst weil sie

in der Analysis nur so weit geht als es zur vollständigen Beurteilung der

synthetischen Erkenntnis a priori erforderlich ist

    Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft ist

dass gar keine Begriffe hineinkommen müssen die irgend etwas Empirisches in sich

enthalten oder dass die Erkenntnis a priori völlig rein sei Daher obzwar die

obersten Grundsätze der Moralität und die Grundbegriffe derselben Erkenntnisse

a priori sind so gehören sie doch nicht in die TranszendentalPhilosophie weil

sie die Begriffe der Lust und Unlust der Begierden und Neigungen etc die

insgesamt empirischen Ursprungs sind zwar selbst nicht zum Grunde ihrer

Vorschriften legen aber doch im Begriffe der Pflicht als Hindernis das

überwunden oder als Anreiz der nicht zum Bewegungsgrunde gemacht werden soll

notwendig in die Abfassung des Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen

müssen Daher ist die TranszendentalPhilosophie eine Weltweisheit der reinen

bloß spekulativen Vernunft Denn alles Praktische so fern es Triebfedern

enthält bezieht sich auf Gefühle welche zu empirischen Erkenntnisquellen

gehören

    Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen

Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will so muss die welche wir

jetzt vortragen erstlich eine ElementarLehre zweitens eine MethodenLehre der

reinen Vernunft enthalten Jeder dieser Hauptteile würde seine Unterabteilung

haben deren Gründe sich gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen Nur so

viel scheint zur Einleitung oder Vorerinnerung nötig zu sein dass es zwei

Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe die vielleicht aus einer

gemeinschaftlichen aber uns unbekannten Wurzel entspringen nämlich

Sinnlichkeit und Verstand durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben durch

den zweiten aber gedacht werden So fern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen a

priori enthalten sollte welche die Bedingung ausmachen unter der uns

Gegenstände gegeben werden so würde sie zur TranszendentalPhilosophie gehören

Die transzendentale Sinnenlehre würde zum ersten Teile der

ElementarWissenschaft gehören müssen weil die Bedingungen worunter allein die

Gegenstände der menschlichen Erkenntnis gegeben werden denjenigen vorgehen

unter welchen selbige gedacht werden

 
 





    Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis auf

Gegenstände beziehen mag so ist doch diejenige wodurch sie sich auf dieselbe

unmittelbar bezieht und worauf alles Denken als Mittel abzweckt die Anschauung

 Diese findet aber nur statt so fern uns der Gegenstand gegeben wird dieses

aber ist wiederum uns Menschen wenigstens nur dadurch möglich dass er das

Gemüt auf gewisse Weise affiziere Die Fähigkeit Rezeptivität Vorstellungen

durch die Art wie wir von Gegenständen affiziert werden zu bekommen heißt

Sinnlichkeit Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben

und sie allein liefert uns Anschauungen durch den Verstand aber werden sie

gedacht und von ihm entspringen Begriffe Alles Denken aber muss sich es sei

geradezu direkte oder im Umschweife indirekte vermittelst gewisser

Merkmale zuletzt auf Anschauungen mithin bei uns auf Sinnlichkeit beziehen

weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann.

    Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit so fern wir

von demselben affiziert werden ist Empfindung Diejenige Anschauung welche

sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht heißt empirisch Der

unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung heißt Erscheinung

    In der Erscheinung nenne ich das was der Empfindung korrespondiert die

Materie derselben dasjenige aber welches macht dass das Mannigfaltige der

Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden kann nenne ich die Form

der Erscheinung Da das worinnen sich die Empfindungen allein ordnen und in

gewisse Form gestellt werden können nicht selbst wiederum Empfindung sein

kann so ist uns zwar die Materie aller Erscheinung nur a posteriori gegeben

die Form derselben aber muss zu ihnen insgesamt im Gemüte a priori bereit liegen

und daher abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden

    Ich nenne alle Vorstellungen rein im transzendentalen Verstande in denen

nichts was zur Empfindung gehört angetroffen wird Demnach wird die reine Form

sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüte a priori angetroffen werden

worinnen alles Mannigfaltige der Erscheinungen in gewissen Verhältnissen

angeschaut wird Diese reine Form der Sinnlichkeit wird auch selber reine

Anschauung heißen So wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das was der

Verstand davon denkt als Substanz Kraft Teilbarkeit etc imgleichen was

davon zur Empfindung gehört als Undurchdringlichkeit Härte Farbe etc

absondere so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig

nämlich Ausdehnung und Gestalt Diese gehören zur reinen Anschauung die a

priori auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung als

eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet

    Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori nenne ich

die transzendentale Ästhetik8 Es muss also eine solche Wissenschaft geben die

den ersten Teil der transzendentalen Elementarlehre ausmacht im Gegensatz

derjenigen welche die Prinzipien des reinen Denkens enthält und

transzendentale Logik genannt wird

    In der transzendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit

isolieren dadurch dass wir alles absondern was der Verstand durch seine

Begriffe dabei denkt damit nichts als empirische Anschauung übrig bleibe

Zweitens werden wir von dieser noch alles was zur Empfindung gehört abtrennen

damit nichts als reine Anschauung und die bloße Form der Erscheinungen übrig

bleibe welches das einzige ist das die Sinnlichkeit a priori liefern kann Bei

dieser Untersuchung wird sich finden dass es zwei reine Formen sinnlicher

Anschauung als Prinzipien der Erkenntnis a priori gebe nämlich Raum und Zeit,

mit deren Erwägung wir uns jetzt beschäftigen werden

 
 



                



    Vermittelst des äußeren Sinnes einer Eigenschaft unsres Gemüts stellen wir

uns Gegenstände als außer uns und diese insgesamt im Raume vor Darinnen ist

ihre Gestalt Größe und Verhältnis gegen einander bestimmt oder bestimmbar Der

innere Sinn vermittelst dessen das Gemüt sich selbst oder seinen inneren

Zustand anschauet gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst als einem

Objekt allein es ist doch eine beistimmte Form unter der die Anschauung ihres

inneren Zustandes allein möglich ist so dass alles was zu den inneren

Bestimmungen gehört in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird Äußerlich kann

die Zeit nicht angeschaut werden so wenig wie der Raum als etwas in uns Was

sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen Sind es zwar nur Bestimmungen

oder auch Verhältnisse der Dinge aber doch solche welche ihnen auch an sich

zukommen würden wenn sie auch nicht angeschaut würden oder sind sie solche

die nur an der Form der Anschauung allein haften und mithin an der subjektiven

Beschaffenheit unseres Gemüts ohne welche diese Prädikate gar keinem Dinge

beigeleget werden können Um uns hierüber zu belehren wollen wir zuerst den

Begriff des Raumes erörtern Ich verstehe aber unter Erörterung expositio die

deutliche wenn gleich nicht ausführliche Vorstellung dessen was zu einem

Begriffe gehört metaphysisch aber ist die Erörterung wenn sie dasjenige

enthält was den Begriff als a priori gegeben darstellt

    1 Der Raum ist kein empirischer Begriff der von äußeren Erfahrungen

abgezogen worden Denn damit gewisse Empfindungen auf etwas außer mich bezogen

werden di auf etwas in einem andern Orte des Raumes als darinnen ich mich

befinde imgleichen damit ich sie als außer und neben einander mithin nicht

bloß verschieden sondern als in verschiedenen Orten vorstellen könne dazu muss

die Vorstellung des Raumes schon zum Grunde liegen Demnach kann die Vorstellung

des Raumes nicht aus den Verhältnissen der äußern Erscheinung durch Erfahrung

erborgt sein sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte

Vorstellung allererst möglich

    2 Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori die allen äußeren

Anschauungen zum Grunde liegt Man kann sich niemals eine Vorstellung davon

machen dass kein Raum sei ob man sich gleich ganz wohl denken kann dass keine

Gegenstände darin angetroffen werden Er wird also als die Bedingung der

Möglichkeit der Erscheinungen und nicht als eine von ihnen abhängende

Bestimmung angesehen und ist eine Vorstellung a priori die notwendiger Weise

äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt

    3 Der Raum ist kein diskursiver oder wie man sagt allgemeiner Begriff

von Verhältnissen der Dinge überhaupt sondern eine reine Anschauung Denn

erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen und wenn man von

vielen Räumen redet so verstehet man darunter nur Teile eines und desselben

alleinigen Raumes Diese Teile können auch nicht vor dem einigen allbefassenden

Raume gleichsam als dessen Bestandteile daraus seine Zusammensetzung möglich

sei vorhergehen sondern nur in ihm gedacht werden Er ist wesentlich einig

das Mannigfaltige in ihm mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen

überhaupt beruht lediglich auf Einschränkungen Hieraus folgt dass in Ansehung

seiner eine Anschauung a priori die nicht empirisch ist allen Begriffen von

demselben zum Grunde liegt So werden auch alle geometrische Grundsätze z E

dass in einem Triangel zwei Seiten zusammen größer sein als die dritte niemals

aus allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel sondern aus der Anschauung und

zwar a priori mit apodiktischer Gewissheit abgeleitet

    4 Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt Nun muss man

zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken die in einer unendlichen

Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen als ihr gemeinschaftliches

Merkmal enthalten ist mithin diese unter sich enthält aber kein Begriff als

ein solcher kann so gedacht werden als ob er eine unendliche Menge von

Vorstellungen in sich enthielte Gleichwohl wird der Raum so gedacht denn alle

Teile des Raumes ins Unendliche sind zugleich Also ist die ursprüngliche

Vorstellung vom Raume Anschauung a priori und nicht Begriff

 






    Ich verstehe unter einer transzendentalen Erörterung die Erklärung eines

Begriffs als eines Prinzips woraus die Möglichkeit anderer synthetischer

Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann Zu dieser Absicht wird erfordert

1 dass wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem gegebenen Begriffe herfließen

2 dass diese Erkenntnisse nur unter der Voraussetzung einer gegebenen

Erklärungsart dieses Begriffs möglich sind

    Geometrie ist eine Wissenschaft welche die Eigenschaften des Raums

synthetisch und doch a priori bestimmt Was muss die Vorstellung des Raumes denn

sein damit eine solche Erkenntnis von ihm möglich sei Er muss ursprünglich

Anschauung sein denn aus einem bloßen Begriffe lassen sich keine Sätze die

über den Begriff hinausgehen ziehen welches doch in der Geometrie geschieht

Einleitung V Aber diese Anschauung muss a priori di vor aller Wahrnehmung

eines Gegenstandes in uns angetroffen werden mithin reine nicht empirische

Anschauung sein Denn die geometrischen Sätze sind insgesamt apodiktisch di

mit dem Bewusstsein ihrer Notwendigkeit verbunden zB der Raum hat nur drei

Abmessungen dergleichen Sätze aber können nicht empirische oder

Erfahrungsurteile sein noch aus ihnen geschlossen werden Einleit II

    Wie kann nun eine äußere Anschauung dem Gemüte beiwohnen die vor den

Objekten selbst vorhergeht und in welcher der Begriff der letzteren a priori

bestimmt werden kann Offenbar nicht anders als so fern sie bloß im Subjekte

als die formale Beschaffenheit des selben von Objekten affiziert zu werden und

dadurch unmittelbare Vorstellung derselben di Anschauung zu bekommen ihren

Sitz hat also nur als Form des äußeren Sinnes überhaupt

    Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geometrie als einer

synthetischen Erkenntnis a priori begreiflich Eine jede Erklärungsart die

dieses nicht liefert wenn sie gleich dem Anscheine nach mit ihr einige

Ähnlichkeit hätte kann an diesen Kennzeichen am sichersten von ihr

unterschieden werden

 



                         Schlüsse aus obigen Begriffen



    a Der Raum stellet gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich, oder

sie in ihrem Verhältnis aufeinander vor di keine Bestimmung derselben die an

Gegenständen selbst haftete und welche bliebe wenn man auch von allen

subjektiven Bedingungen der Anschauung abstrahierte Denn weder absolute noch

relative Bestimmungen können vor dem Dasein der Dinge welchen sie zukommen

mithin nicht a priori angeschaut werden

    b Der Raum ist nichts anders als nur die Form aller Erscheinungen äußerer

Sinne di die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit unter der allein uns

äußere Anschauung möglich ist Weil nun die Rezeptivität des Subjekts von

Gegenständen affiziert zu werden notwendiger Weise vor allen Anschauungen

dieser Objekte vorhergeht so lässt sich verstehen wie die Form aller

Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen mithin a priori im Gemüte

gegeben sein könne und wie sie als eine reine Anschauung in der alle

Gegenstände bestimmt werden müssen Prinzipien der Verhältnisse derselben vor

aller Erfahrung enthalten könne

    Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen vom Raum von

ausgedehnten Wesen etc reden Gehen wir von der subjektiven Bedingung ab unter

welcher wir allein äußere Anschauung bekommen können so wie wir nämlich von den

Gegenständen affiziert werden mögen so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar

nichts Dieses Prädikat wird den Dingen nur in so fern beigelegt als sie uns

erscheinen di Gegenstände der Sinnlichkeit sind Die beständige Form dieser

Rezeptivität welche wir Sinnlichkeit nennen ist eine notwendige Bedingung

aller Verhältnisse darinnen Gegenstände als außer uns angeschaut werden und

wenn man von diesen Gegenständen abstrahiert eine reine Anschauung welche den

Namen Raum führet Weil wir die besonderen Bedingungen der Sinnlichkeit nicht zu

Bedingungen der Möglichkeit der Sachen sondern nur ihrer Erscheinungen machen

können so können wir wohl sagen dass der Raum alle Dinge befasse die uns

äußerlich erscheinen mögen aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun

angeschaut werden oder nicht oder auch von welchem Subjekt man wolle Denn wir

können von den Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht urteilen ob sie

an die nämlichen Bedingungen gebunden sein welche unsere Anschauung

einschränken und für uns allgemein gültig sind Wenn wir die Einschränkung eines

Urteils zum Begriff des Subjekts hinzufügen so gilt das Urteil alsdann

unbedingt Der Satz Alle Dinge sind neben einander im Raum gilt unter der

Einschränkung wenn diese Dinge als Gegenstände unserer sinnlichen Anschauung

genommen werden Füge ich hier die Bedingung zum Begriffe und sage Alle Dinge

als äußere Erscheinungen sind neben einander im Raum so gilt diese Regel

allgemein und ohne Einschränkung Unsere Erörterungen lehren demnach die

Realität di die objektive Gültigkeit des Raumes in Ansehung alles dessen

was äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann aber zugleich die Idealität des

Raums in Ansehung der Dinge wenn sie durch die Vernunft an sich selbst erwogen

werden di ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit zu

nehmen Wir behaupten also die empirische Realität des Raumes in Ansehung aller

möglichen äußeren Erfahrung ob zwar die transzendentale Idealität desselben

di dass er nichts sei so bald wir die Bedingung der Möglichkeit aller

Erfahrung weglassen und ihn als etwas was den Dingen an sich selbst zum Grunde

liegt annehmen

    Es gibt aber auch außer dem Raum keine andere subjektive und auf etwas

Äußeres bezogene Vorstellung die a priori objektiv heißen könnte Denn man kann

von keiner derselben synthetische Sätze a priori wie von der Anschauung im

Raume herleiten § 3 Daher ihnen genau zu reden gar keine Idealität

zukommt ob sie gleich darin mit der Vorstellung des Raumes übereinkommen dass

sie bloß zur subjektiven Beschaffenheit der Sinnesart gehören zB des

Gesichts Gehörs Gefühls durch die Empfindungen der Farben Töne und Wärme

die aber weil sie bloß Empfindungen und nicht Anschauungen sind an sich kein

Objekt am wenigsten a priori erkennen lassen

    Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin zu verhüten dass man die

behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche Beispiele

zu erläutern sich einfallen lasse da nämlich etwa Farben Geschmack etc mit

Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge sondern bloß als Veränderungen

unseres Subjekts die so gar bei verschiedenen Menschen verschieden sein können

betrachtet werden Denn in diesem Falle gilt das was ursprünglich selbst nur

Erscheinung ist zB eine Rose im empirischen Verstande für ein Ding an sich

selbst, welches doch jedem Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann

Dagegen ist der transzendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine

kritische Erinnerung dass überhaupt nichts was im Raume angeschaut wird eine

Sache an sich noch dass der Raum eine Form der Dinge sei die ihnen etwa an sich

selbst eigen wäre sondern dass uns die Gegenstände an sich gar nicht bekannt

sein und was wir äußere Gegenstände nennen nichts anders als bloße

Vorstellungen unserer Sinnlichkeit sein deren Form der Raum ist deren wahres

Korrelatem aber di das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird

noch erkannt werden kann nach welchem aber auch in der Erfahrung niemals

gefragt wird

 
 



             



    Die Zeit ist 1 kein empirischer Begriff der irgend von einer Erfahrung

abgezogen worden Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst

nicht in die Wahrnehmung kommen wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori

zum Grunde läge Nur unter deren Voraussetzung kann man sich vorstellen dass

einiges zu einer und derselben Zeit zugleich oder in verschiedenen Zeiten

nach einander sei

    2 Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung die allen Anschauungen zum

Grunde liegt Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbsten

nicht aufheben ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen

kann Die Zeit ist also a priori gegeben In ihr allein ist alle Wirklichkeit

der Erscheinungen möglich Diese können insgesamt wegfallen aber sie selbst

als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit kann nicht aufgehoben werden

    3 Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit

apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomen von der

Zeit überhaupt Sie hat nur Eine Dimension verschiedene Zeiten sind nicht

zugleich sondern nach einander so wie verschiedene Räume nicht nach einander

sondern zugleich sind Diese Grundsätze können aus der Erfahrung nicht gezogen

werden denn diese würde weder strenge Allgemeinheit noch apodiktische

Gewissheit geben Wir würden nur sagen können so lehrt es die gemeine

Wahrnehmung nicht aber so muss es sich verhalten Diese Grundsätze gelten als

Regeln unter denen überhaupt Erfahrungen möglich sind und belehren uns vor

derselben und nicht durch dieselbe

    4 Die Zeit ist kein diskursiver oder wie man ihn nennt allgemeiner

Begriff sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung Verschiedene Zeiten

sind nur Teile eben derselben Zeit Die Vorstellung die nur durch einen

einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung Auch würde sich

der Satz dass verschiedene Zeiten nicht zugleich sein können aus einem

allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen Der Satz ist synthetisch und kann

aus Begriffen allein nicht entspringen Er ist also in der Anschauung und

Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten

    5 Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter als dass alle bestimmte

Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum Grunde liegenden Zeit

möglich sei Daher muss die ursprüngliche Vorstellung Zeit als uneingeschränkt

gegeben sein Wovon aber die Teile selbst und jede Größe eines Gegenstandes

nur durch Einschränkung bestimmt vorgestellt werden können da muss die ganze

Vorstellung nicht durch Begriffe gegeben sein denn die enthalten nur

Teilvorstellungen sondern es muss ihnen unmittelbare Anschauung zum Grunde

liegen

 



                              



    Ich kann mich deshalb auf Nr 3 berufen wo ich um kurz zu sein das was

eigentlich transzendental ist unter die Artikel der metaphysischen Erörterung

gesetzt habe Hier füge ich noch hinzu dass der Begriff der Veränderung und mit

ihm der Begriff der Bewegung als Veränderung des Orts nur durch und in der

Zeitvorstellung möglich ist dass wenn diese Vorstellung nicht Anschauung

innere a priori wäre kein Begriff welcher es auch sei die Möglichkeit einer

Veränderung di einer Verbindung kontradiktorisch entgegengesetzter Prädikate

zB das Sein an einem Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an

demselben Orte in einem und demselben Objekte begreiflich machen könnte Nur in

der Zeit können beide kontradiktorischentgegengesetzte Bestimmungen in einem

Dinge nämlich nach einander anzutreffen sein Also erklärt unser Zeitbegriff

die Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntnis a priori als die allgemeine

Bewegungslehre die nicht wenig fruchtbar ist darlegt

 





    a Die Zeit ist nicht etwas was für sich selbst bestünde oder den Dingen

als objektive Bestimmung anhinge mithin übrig bliebe wenn man von allen

subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert denn im ersten

Fall würde sie etwas sein was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre

Was aber das zweite betrifft so könnte sie als eine den Dingen selbst

anhangende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung

vorhergehen und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut

werden Diese letztere findet dagegen sehr wohl statt wenn die Zeit nichts als

die subjektive Bedingung ist unter der alle Anschauungen in uns stattfinden

können Denn da kann diese Form der inneren Anschauung vor den Gegenständen

mithin a priori vorgestellt werden

    b Die Zeit ist nichts anders als die Form des inneren Sinnes di des

Anschauens unserer selbst und unsers inneren Zustandes Denn die Zeit kann keine

Bestimmung äußerer Erscheinungen sein sie gehöret weder zu einer Gestalt oder

Lage etc dagegen bestimmt sie das Verhältnis der Vorstellungen in unserm

inneren Zustande Und eben weil diese innere Anschauung keine Gestalt gibt

suchen wir auch diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen und stellen die

Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor in welcher das

Mannigfaltige eine Reihe ausmacht die nur von einer Dimension ist und

schließen aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit

außer dem einigen dass die Teile der ersten zugleich die der letzten aber

jederzeit nach einander sind Hieraus erhellet auch dass die Vorstellung der

Zeit selbst Anschauung sei weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußern

Anschauung ausdrücken lassen

    c Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen

überhaupt Der Raum als die reine Form aller äußeren Anschauung ist als

Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt Dagegen weil

alle Vorstellungen sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstande haben oder

nicht doch an sich selbst, als Bestimmungen des Gemüts zum inneren Zustande

gehören dieser innere Zustand aber unter der formalen Bedingung der inneren

Anschauung mithin der Zeit gehöret so ist die Zeit eine Bedingung a priori von

aller Erscheinung überhaupt und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren

unserer Seelen und eben dadurch mittelbar auch der äußern Erscheinungen Wenn

ich a priori sagen kann alle äußere Erscheinungen sind im Raume und nach den

Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt so kann ich aus dem Prinzip des

inneren Sinnes ganz allgemein sagen alle Erscheinungen überhaupt di alle

Gegenstände der Sinne sind in der Zeit und stehen notwendiger Weise in

Verhältnissen der Zeit

    Wenn wir von unsrer Art uns selbst innerlich anzuschauen und vermittelst

dieser Anschauung auch alle äußere Anschauungen in der VorstellungsKraft zu

befassen abstrahieren und mithin die Gegenstände nehmen so wie sie an sich

selbst sein mögen so ist die Zeit nichts Sie ist nur von objektiver Gültigkeit

in Ansehung der Erscheinungen weil dieses schon Dinge sind die wir als

Gegenstände unsrer Sinne annehmen aber sie ist nicht mehr objektiv wenn man

von der Sinnlichkeit unsrer Anschauung mithin derjenigen Vorstellungsart

welche uns eigentümlich ist abstrahiert und von Dingen überhaupt redet Die

Zeit ist also lediglich eine subjektive Bedingung unserer menschlichen

Anschauung welche jederzeit sinnlich ist di so fern wir von Gegenständen

affiziert werden und an sich außer dem Subjekte nichts Nichts desto weniger

ist sie in Ansehung aller Erscheinungen mithin auch aller Dinge die uns in der

Erfahrung vorkommen können notwendiger Weise objektiv Wir können nicht sagen

alle Dinge sind in der Zeit weil bei dem Begriff der Dinge überhaupt von aller

Art der Anschauung derselben abstrahiert wird diese aber die eigentliche

Bedingung ist unter der die Zeit in die Vorstellung der Gegenstände gehört

Wird nun die Bedingung zum Begriffe hinzugefügt und es heißt alle Dinge als

Erscheinungen Gegenstände der sinnlichen Anschauung sind in der Zeit so hat

der Grundsatz seine gute objektive Richtigkeit und Allgemeinheit a priori

    Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit di

objektive Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände die jemals unsern Sinnen

gegeben werden mögen Und da unsere Anschauung jederzeit sinnlich ist so kann

uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand gegeben werden der nicht unter die

Bedingung der Zeit gehörte Dagegen bestreuen wir der Zeit allen Anspruch auf

absolute Realität da sie nämlich auch ohne auf die Form unserer sinnlichen

Anschauung Rücksicht zu nehmen schlechthin den Dingen als Bedingung oder

Eigenschaft anhinge Solche Eigenschaften die den Dingen an sich zukommen

können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden Hierin besteht also die

transzendentale Idealität der Zeit nach welcher sie wenn man von den

subjektiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahiert gar nichts ist

und den Gegenständen an sich selbst ohne ihr Verhältnis auf unsere Anschauung

weder subsistierend noch inhärierend beigezählt werden kann Doch ist diese

Idealität eben so wenig wie die des Raumes mit den Subreptionen der

Empfindungen in Vergleichung zu stellen weil man doch dabei von der Erscheinung

selbst der diese Prädikate inhärieren voraussetzt dass sie objektive Realität

habe die hier gänzlich wegfällt außer so fern sie bloß empirisch ist di

den Gegenstand selbst bloß als Erscheinung ansieht wovon die obige Anmerkung

des ersteren Abschnitts nachzusehen ist

 










 

    Wider diese Theorie welche der Zeit empirische Realität zugestehet aber

die absolute und transzendentale bestreitet habe ich von einsehenden Männern

einen Einwurf so einstimmig vernommen dass ich daraus abnehme er müsse sich

natürlicher Weise bei jedem Leser dem diese Betrachtungen ungewohnt sind

vorfinden Er lautet also Veränderungen sind wirklich dies beweiset der

Wechsel unserer eigenen Vorstellungen wenn man gleich alle äußere

Erscheinungen samt deren Veränderungen leugnen wollte Nun sind Veränderungen

nur in der Zeit möglich folglich ist die Zeit etwas Wirkliches Die

Beantwortung hat keine Schwierigkeit Ich gebe das ganze Argument zu Die Zeit

ist allerdings etwas Wirkliches nämlich die wirkliche Form der inneren

Anschauung Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren Erfahrung

di ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und meinen Bestimmungen in

ihr Sie ist also wirklich nicht als Objekt sondern als die Vorstellungsart

meiner selbst als Objekts anzusehen Wenn aber ich selbst oder ein ander Wesen

mich ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit anschauen könnte so würden eben

dieselben Bestimmungen die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen eine

Erkenntnis geben in welcher die Vorstellung der Zeit mithin auch der

Veränderung gar nicht vorkäme Es bleibt also ihre empirische Realität als

Bedingung aller unsrer Erfahrungen Nur die absolute Realität kann ihr nach dem

oben Angeführten nicht zugestanden werden Sie ist nichts als die Form unsrer

inneren Anschauung9 Wenn man von ihr die besondere Bedingung unserer

Sinnlichkeit wegnimmt so verschwindet auch der Begriff der Zeit und sie hängt

nicht an den Gegenständen selbst sondern bloß am Subjekte welches sie

anschauet

    Die Ursache aber weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht wird und

zwar von denen die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität des Raumes

nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen ist diese Die absolute Realität des

Raumes hofften sie nicht apodiktisch dartun zu können weil ihnen der

Idealismus entgegensteht nach welchem die Wirklichkeit äußerer Gegenstände

keines strengen Beweises fähig ist Dagegen die des Gegenstandes unserer inneren

Sinnen meiner selbst und meines Zustandes unmittelbar durchs Bewusstsein klar

ist Jene konnten ein bloßer Schein sein dieser aber ist ihrer Meinung nach

unleugbar etwas Wirkliches Sie bedachten aber nicht dass beide ohne dass man

ihre Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf gleichwohl nur zur

Erscheinung gehören welche jederzeit zwei Seiten hat die eine da das Objekt

an sich selbst betrachtet wird unangesehen der Art dasselbe anzuschauen

dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit problematisch bleibt die

andere da auf die Form der Anschauung dieses Gegenstandes gesehen wird welche

nicht in dem Gegenstande an sich selbst, sondern im Subjekte dem derselbe

erscheint gesucht werden muss gleichwohl aber der Erscheinung dieses

Gegenstandes wirklich und notwendig zukommt

    Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen aus denen a priori

verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können wie vornehmlich

die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom Raume und dessen

Verhältnissen ein glänzendes Beispiel gibt Sie sind nämlich beide

zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen Anschauung und machen dadurch

synthetische Sätze a priori möglich Aber diese Erkenntnisquellen a priori

bestimmen sich eben dadurch dass sie bloß Bedingungen der Sinnlichkeit sein

ihre Grenzen nämlich dass sie bloß auf Gegenstände gehen so fern sie als

Erscheinungen betrachtet werden nicht aber Dinge an sich selbst darstellen

Jene allein sind das Feld ihrer Gültigkeit woraus wenn man hinausgehet weiter

kein objektiver Gebrauch derselben stattfindet Diese Realität des Raumes und

der Zeit lässt übrigens die Sicherheit der Erfahrungserkenntnis unangetastet

denn wir sind derselben eben so gewiss ob diese Formen den Dingen an sich

selbst, oder nur unsrer Anschauung dieser Dinge notwendiger Weise anhängen

Dagegen die so die absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten sie

mögen sie nun als subsistierend oder nur inhärierend annehmen mit den

Prinzipien der Erfahrung selbst uneinig sein müssen Denn entschließen sie sich

zum ersteren welches gemeiniglich die Partei der mathematischen Naturforscher

ist so müssen sie zwei ewige und unendliche vor sich bestehende Undinge Raum

und Zeit) annehmen welche dasind ohne dass doch etwas Wirkliches ist nur um

alles Wirkliche in sich zu befassen Nehmen sie die zweite Partei von der

einige metaphysische Naturlehrer sind und Raum und Zeit gelten ihnen als von

der Erfahrung abstrahierte obzwar in der Absonderung verworren vorgestellte

Verhältnisse der Erscheinungen neben oder nach einander so müssen sie den

mathematischen Lehren a priori in Ansehung wirklicher Dinge z E im Raume

ihre Gültigkeit wenigstens die apodiktische Gewissheit bestreiten indem diese a

posteriori gar nicht stattfindet und die Begriffe a priori von Raum und Zeit,

dieser Meinung nach nur Geschöpfe der Einbildungskraft sind deren Quell

wirklich in der Erfahrung gesucht werden muss aus deren abstrahierten

Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat was zwar das Allgemeine

derselben enthält aber ohne die Restriktionen welche die Natur mit denselben

verknüpft hat nicht stattfinden kann Die ersteren gewinnen so viel dass sie

für die mathematischen Behauptungen sich das Feld der Erscheinungen frei machen

Dagegen verwirren sie sich sehr durch eben diese Bedingungen wenn der Verstand

über dieses Feld hinausgehen will Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des

letzteren nämlich dass die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den

Weg kommen wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen sondern bloß im

Verhältnis auf den Verstand urteilen wollen können aber weder von der

Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori indem ihnen eine wahre und

objektiv gültige Anschauung a priori fehlt Grund angeben noch die

Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in notwendige Einstimmung bringen In

unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit dieser zwei ursprünglichen Formen

der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen

    Dass schließlich die transzendentale Ästhetik nicht mehr als diese zwei

Elemente nämlich Raum und Zeit, enthalten könne ist daraus klar weil alle

andre zur Sinnlichkeit gehörige Begriffe selbst der der Bewegung welcher beide

Stücke vereiniget etwas Empirisches voraussetzen Denn diese setzt die

Wahrnehmung von etwas Beweglichem voraus Im Raum an sich selbst betrachtet

ist aber nichts Bewegliches  Daher das Bewegliche etwas sein muss was im Raume

nur durch Erfahrung gefunden wird mithin ein empirisches Datum Eben so kann

die transzendentale Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung unter ihre Data a

priori zählen denn die Zeit selbst verändert sich nicht sondern etwas das in

der Zeit ist Also wird dazu die Wahrnehmung von irgend einem Dasein und der

Sukzession seiner Bestimmungen mithin Erfahrung erfordert

 



                            



    I Zuerst wird es nötig sein uns so deutlich als möglich zu erklären was

in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkenntnis überhaupt unsre

Meinung sei um aller Missdeutung derselben vorzubeugen

    Wir haben also sagen wollen dass alle unsre Anschauung nichts als die

Vorstellung von Erscheinung sei dass die Dinge die wir anschauen nicht das an

sich selbst sind wofür wir sie anschauen noch ihre Verhältnisse so an sich

selbst beschaffen sind als sie uns erscheinen und dass wenn wir unser Subjekt

oder auch nur die subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben alle

die Beschaffenheit alle Verhältnisse der Objekte im Raum und Zeit, ja selbst

Raum und Zeit verschwinden würden und als Erscheinungen nicht an sich selbst,

sondern nur in uns existieren können Was es für eine Bewandtnis mit den

Gegenständen an sich und abgesondert von aller dieser Rezeptivität unserer

Sinnlichkeit haben möge bleibt uns gänzlich unbekannt Wir kennen nichts als

unsere Art sie wahrzunehmen die uns eigentümlich ist die auch nicht notwendig

jedem Wesen ob zwar jedem Menschen zukommen muss Mit dieser haben wir es

lediglich zu tun Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben Empfindung

überhaupt die Materie Jene können wir allein a priori di vor aller

wirklichen Wahrnehmung erkennen und sie heißet darum reine Anschauung diese

aber ist das in unserm Erkenntnis was da macht dass sie Erkenntnis a

posteriori di empirische Anschauung heißt Jene hängen unsrer Sinnlichkeit

schlechthin notwendig an welcher Art auch unsere Empfindungen sein mögen diese

können sehr verschieden sein Wenn wir diese unsre Anschauung auch zum höchsten

Grade der Deutlichkeit bringen könnten so würden wir dadurch der Beschaffenheit

der Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen Denn wir würden auf allen

Fall doch nur unsre Art der Anschauung di unsere Sinnlichkeit vollständig

erkennen und diese immer nur unter den dem Subjekt ursprünglich anhängenden

Bedingungen von Raum und Zeit; was die Gegenstände an sich selbst sein mögen

würde uns durch die aufgeklärteste Erkenntnis der Erscheinung derselben die uns

allein gegeben ist doch niemals bekannt werden

    Dass daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene Vorstellung

der Dinge sei welche lediglich das enthält was ihnen an sich selbst zukommt

aber nur unter einer Zusammenhäufung von Merkmalen und Teilvorstellungen die

wir nicht mit Bewusstsein auseinander setzen ist eine Verfälschung des Begriffs

von Sinnlichkeit und von Erscheinung welche die ganze Lehre derselben unnütz

und leer macht Der Unterschied einer undeutlichen von der deutlichen

Vorstellung ist bloß logisch und betrifft nicht den Inhalt Ohne Zweifel

enthält der Begriff von Recht dessen sich der gesunde Verstand bedient eben

dasselbe was die subtileste Spekulation aus ihm entwickeln kann nur dass im

gemeinen und praktischen Gebrauche man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen

in diesen Gedanken nicht bewusst ist Darum kann man nicht sagen dass der

gemeine Begriff sinnlich sei und eine bloße Erscheinung enthalte denn das

Recht kann gar nicht erscheinen sondern sein Begriff liegt im Verstande und

stellet eine Beschaffenheit die moralische der Handlungen vor die ihnen an

sich selbst zukommt Dagegen enthält die Vorstellung eines Körpers in der

Anschauung gar nichts was einem Gegenstande an sich selbst zukommen könnte

sondern bloß die Erscheinung von etwas und die Art wie wir dadurch affiziert

werden und diese Rezeptivität unserer Erkenntnisfähigkeit heißt Sinnlichkeit

und bleibt von der Erkenntnis des Gegenstandes an sich selbst, ob man jene die

Erscheinung gleich bis auf den Grund durchschauen möchte dennoch himmelweit

unterschieden

    Die LeibnizWolffische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über die

Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten Gesichtspunkt

angewiesen indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit vom Intellektuellen bloß

als logisch betrachtete da er offenbar transzendental ist und nicht bloß die

Form der Deutlichkeit oder Undeutlichkeit sondern den Ursprung und den Inhalt

derselben betrifft so dass wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge an

sich selbst nicht bloß undeutlich sondern gar nicht erkennen und so bald wir

unsre subjektive Beschaffenheit wegnehmen das vorgestellte Objekt mit den

Eigenschaften die ihm die sinnliche Anschauung beilegte überall nirgend

anzutreffen ist noch angetroffen werden kann indem eben diese subjektive

Beschaffenheit die Form desselben als Erscheinung bestimmt

    Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das was der Anschauung

derselben wesentlich anhängt und für jeden menschlichen Sinn überhaupt gilt

von demjenigen was derselben nur zufälliger Weise zukommt indem es nicht auf

die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt sondern nur auf eine besondere Stellung

oder Organisation dieses oder jenes Sinnes gültig ist Und da nennt man die

erstere Erkenntnis eine solche die den Gegenstand an sich selbst vorstellt die

zweite aber nur die Erscheinung desselben Dieser Unterschied ist aber nur

empirisch Bleibt man dabei stehen wie es gemeiniglich geschieht und sieht

jene empirische Anschauung nicht wiederum wie es geschehen sollte als bloße

Erscheinung an so dass darin gar nichts was irgend eine Sache an sich selbst

anginge anzutreffen istso ist unser transzendentaler Unterschied verloren

und wir glauben alsdann doch Dinge an sich zu erkennen ob wir es gleich

überall in der Sinnenwelt selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer

Gegenstände mit nichts als Erscheinungen zu tun haben So werden wir zwar den

Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnregen nennen diesen Regen aber

die Sache an sich Selbst, welches auch richtig ist so fern wir den letzten

Begriff nur physisch verstehen als das was in der allgemeinen Erfahrung unter

allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen doch in der Anschauung so und nicht

anders bestimmt ist Nehmen wir aber dieses Empirische überhaupt und fragen

ohne uns an die Einstimmung desselben mit jedem Menschensinne zu kehren ob auch

dieses einen Gegenstand an sich selbst nicht die Regentropfen denn die sind

denn schon als Erscheinungen empirische Objekte vorstelle so ist die Frage

von der Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand transzendental und nicht

allein diese Tropfen sind bloße Erscheinungen sondern selbst ihre runde

Gestalt ja so gar der Raum in welchem sie fallen sind nichts an sich selbst,

sondern bloße Modifikationen oder Grundlagen unserer sinnlichen Anschauung das

transzendentale Objekt aber bleibt uns unbekannt

    Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transzendentalen Ästhetik ist dass

sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe sondern so gewiss

und ungezweifelt sei als jemals von einer Theorie gefordert werden kann die

zum Organon dienen soll Um diese Gewissheit völlig einleuchtend zu machen

wollen wir irgend einen Fall wählen woran dessen Gültigkeit augenscheinlich

werden und zu mehrere Klarheit dessen was § 3 angeführt worden dienen kann

    Setzet demnach Raum und Zeit seien an sich selbst objektiv und Bedingungen

der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich erstlich dass von beiden

a priori apodiktische und synthetische Sätze in großer Zahl vornehmlich vom Raum

vorkommen welchen wir darum vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen Da

die Sätze der Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewissheit

erkannt werden so frage ich woher nehmt ihr dergleichen Sätze und worauf

stützt sich unser Verstand um zu dergleichen schlechthin notwendigen und

allgemein gültigen Wahrheiten zu gelangen Es ist kein anderer Weg als durch

Begriffe oder durch Anschauungen beide aber als solche die entweder a priori

oder a posteriori gegeben sind Die letzten nämlich empirische Begriffe

imgleichen das worauf sie sich gründen die empirische Anschauung können

keinen synthetischen Satz geben als nur einen solchen der auch bloß empirisch

di ein Erfahrungssatz ist mithin niemals Notwendigkeit und absolute

Allgemeinheit enthalten kann dergleichen doch das Charakteristische aller Sätze

der Geometrie ist Was aber das erstere und einzige Mittel sein würde nämlich

durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen a priori zu dergleichen

Erkenntnissen zu gelangen so ist klardass aus bloßen Begriffen gar keine

synthetische Erkenntnis sondern lediglich analytische erlangt werden kann

Nehmet nur den Satz dass durch zwei gerade Linien sich gar kein Raum

einschließen lasse mithin keine Figur möglich sei und versucht ihn aus dem

Begriff von geraden Linien und der Zahl zwei abzuleiten oder auch dass aus

dreien geraden Linien eine Figur möglich sei und versucht es eben so bloß aus

diesen Begriffen Alle eure Bemühung ist vergeblich und ihr seht euch

genötigt zur Anschauung eure Zuflucht zu nehmen wie es die Geometrie auch

jederzeit tut Ihr gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung; von

welcher Art aber ist diese ist es eine reine Anschauung a priori oder eine

empirische Wäre das letzte so könnte niemals ein allgemein gültiger noch

weniger ein apodiktischer Satz daraus werden denn Erfahrung kann dergleichen

niemals liefern Ihr müsst also euren Gegenstand a priori in der Anschauung

geben und auf diesen euren synthetischen Satz gründen Läge nun in euch nicht

ein Vermögen a priori anzuschauen wäre diese subjektive Bedingung der Form

nach nicht zugleich die allgemeine Bedingung a priori unter der allein das

Objekt dieser äußeren Anschauung selbst möglich ist wäre der Gegenstand der

Triangel etwas an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subjekt wie könntet ihr

sagen dass was in euren subjektiven Bedingungen einen Triangel zu

konstruieren notwendig liegt auch dem Triangel an sich selbst notwendig

zukommen müsse denn ihr könntet doch zu euren Begriffen von drei Linien

nichts Neues die Figur hinzufügen welches darum notwendig an dem Gegenstande

angetroffen werden müsste da dieser vor eurer Erkenntnis und nicht durch

dieselbe gegeben ist Wäre also nicht der Raum und so auch die Zeit eine bloße

Form eurer Anschauung welche Bedingungen a priori enthält unter denen allein

Dinge für euch äußere Gegenstände sein können die ohne diese subjektive

Bedingungen an sich nichts sind so könntet ihr a priori ganz und gar nichts

über äußere Objekte synthetisch ausmachen Es ist also ungezweifelt gewiss und

nicht bloß möglich oder auch wahrscheinlich dass Raum und Zeit, als die

notwendigen Bedingungen aller äußern und inneren Erfahrung bloß subjektive

Bedingungen aller unsrer Anschauung sind im Verhältnis auf welche daher alle

Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art gegebene Dinge

sind von denen sich auch um deswillen was die Form derselben betrifft vieles

a priori sagen lässt niemals aber das mindeste von dem Dinge an sich selbst, das

diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag

    II Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äußeren sowohl als

inneren Sinnes mithin aller Objekte der Sinne als bloßer Erscheinungen kann

vorzüglich die Bemerkung dienen dass alles was in unserem Erkenntnis zur

Anschauung gehört also Gefühl der Lust und Unlust und den Willen die gar

nicht Erkenntnisse sind ausgenommen nichts als bloße Verhältnisse enthalte

der Örter in einer Anschauung Ausdehnung Veränderung der Örter Bewegung

und Gesetze nach denen diese Veränderung bestimmt wird bewegende Kräfte  Was

aber in dem Orte gegenwärtig sei oder was es außer der Ortveränderung in den

Dingen selbst wirke wird dadurch nicht gegeben Nun wird durch bloße

Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt also ist wohl zu urteilen

dass da uns durch den äußeren Sinn nichts als bloße Verhältnisvorstellungen

gegeben werden dieser auch nur das Verhältnis eines Gegenstandes auf das

Subjekt in seiner Vorstellung enthalten könne und nicht das Innere was dem

Objekte an sich zukommt Mit der inneren Anschauung ist es eben so bewandt

Nicht allein dass darin die Vorstellungen äußerer Sinne den eigentlichen Stoff

ausmachen womit wir unser Gemüt besetzen sondern die Zeit in die wir diese

Vorstellungen setzen die selbst dem Bewusstsein derselben in der Erfahrung

vorhergeht und als formale Bedingung der Art wie wir sie im Gemüte setzen zum

Grunde liegt enthält schon Verhältnisse des Nacheinander des Zugleichseins

und dessen was mit dem Nacheinandersein zugleich ist des Beharrlichen Nun

ist das was als Vorstellung vor aller Handlung irgend etwas zu denken

vorhergehen kann die Anschauung und wenn sie nichts als Verhältnisse enthält

die Form der Anschauung welche da sie nichts vorstellt außer so fern etwas im

Gemüte gesetzt wird nichts anders sein kann als die Art wie das Gemüt durch

eigene Tätigkeit nämlich dieses Setzen ihrer Vorstellung mithin durch sich

selbst affiziert wird di ein innerer Sinn seiner Form nach Alles was durch

einen Sinn vorgestellt wird ist so fern jederzeit Erscheinung und ein innerer

Sinn würde also entweder gar nicht eingeräumt werden müssen oder das Subjekt

welches der Gegenstand desselben ist würde durch denselben nur als Erscheinung

vorgestellt werden können nicht wie es von sich selbst urteilen würde wenn

seine Anschauung bloße Selbsttätigkeit di intellektuell wäre Hierbei beruht

alle Schwierigkeit nur darauf wie ein Subjekt sich selbst innerlich anschauen

könne allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie gemein Das Bewusstsein

seiner selbst Apperzeption ist die einfache Vorstellung des Ich und wenn

dadurch allein alles Mannigfaltige im Subjekt selbsttätig gegeben wäre so würde

die innere Anschauung intellektuell sein Im Menschen erfordert dieses Bewusstsein

innere Wahrnehmung von dem Mannigfaltigen was im Subjekte vorher gegeben wird

und die Art wie dieses ohne Spontaneität im Gemüte gegeben wird muss um dieses

Unterschiedes willen Sinnlichkeit heißen Wenn das Vermögen sich bewusst zu

werden das was im Gemüte liegt aufsuchen apprehendieren soll so muss es

dasselbe affizieren und kann allein auf solche Art eine Anschauung seiner

selbst hervorbringen deren Form aber die vorher im Gemüte zum Grunde liegt

die Art wie das Mannigfaltige im Gemüte beisammen ist in der Vorstellung der

Zeit bestimmt da es denn sich selbst anschauet nicht wie es sich unmittelbar

selbsttätig vorstellen würde sondern nach der Art wie es von innen affiziert

wird folglich wie es sich erscheint nicht wie es ist

    III Wenn ich sage im Raum und der Zeit stellt die Anschauung so wohl der

äußeren Objekte als auch die Selbstanschauung des Gemüts beides vor so wie es

unsere Sinne affiziert di wie es erscheint so will das nicht sagen dass

diese Gegenstände ein bloßer Schein wären Denn in der Erscheinung werden

jederzeit die Objekte ja selbst die Beschaffenheiten die wir ihnen beilegen

als etwas wirklich Gegebenes angesehen nur dass so fern diese Beschaffenheit

nur von der Anschauungsart des Subjekts in der Relation des gegebenen

Gegenstandes zu ihm abhängt dieser Gegenstand als Erscheinung von ihm selber

als Objekt an sich unterschieden wird So sage ich nicht die Körper scheinen

bloß außer mir zu sein oder meine Seele scheint nur in meinem Selbstbewusstsein

gegeben zu sein wenn ich behaupte dass die Qualität des Raums und der Zeit

welcher als Bedingung ihres Daseins gemäß ich beides setze in meiner

Anschauungsart und nicht in diesen Objekten an sich liege Es wäre meine eigene

Schuld wenn ich aus dem was ich zur Erscheinung zählen sollte bloßen Schein

machte10 Dieses geschieht aber nicht nach unserem Prinzip der Idealität aller

unserer sinnlichen Anschauungen vielmehr wenn man jenen Vorstellungsformen

objektive Realität beilegt so kann man nicht vermeiden dass nicht alles dadurch

in bloßen Schein verwandelt werde Denn wenn man den Raum und die Zeit als

Beschaffenheiten ansieht die ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich

angetroffen werden müssten und überdenkt die Ungereimtheiten in die man sich

alsdann verwickelt indem zwei unendliche Dinge die nicht Substanzen auch

nicht etwas wirklich den Substanzen Inhärierendes dennoch aber Existierendes

ja die notwendige Bedingung der Existenz aller Dinge sein müssen auch übrig

bleiben wenn gleich alle existierende Dinge aufgehoben werden so kann man es

dem guten Berkeley wohl nicht verdenken wenn er die Körper zu bloßem Schein

herabsetzte ja es müsste so gar unsere eigene Existenz die auf solche Art von

der für sich bestehenden Realität eines Undinges wie die Zeit abhängig gemacht

wäre mit dieser in lauter Schein verwandelt werden eine Ungereimtheit die

sich bisher noch niemand hat zu Schulden kommen lassen

    IV In der natürlichen Theologie da man sich einen Gegenstand denkt der

nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung sondern der ihm selbst

durchaus kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung sein kann ist man sorgfältig

darauf bedacht von aller seiner Anschauung denn dergleichen muss alles sein

Erkenntnis sein und nicht Denken welches jederzeit Schranken beweiset die

Bedingungen der Zeit und des Raumes wegzuschaffen Aber mit welchem Rechte kann

man dieses tun wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbstgemacht

hat und zwar solchen die als Bedingungen der Existenz der Dinge a priori

übrig bleiben wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte denn als

Bedingungen alles Daseins überhaupt müssten sie es auch vom Dasein Gottes sein

Es bleibt nichts übrig wenn man sie nicht zu objektiven Formen aller Dinge

machen will als dass man sie zu subjektiven Formen unserer äußeren sowohl als

inneren Anschauungsart macht die darum sinnlich heißt weil sie nicht

ursprünglich di eine solche ist durch die selbst das Dasein des Objekts der

Anschauung gegeben wird und die so viel wir einsehen nur dem Urwesen zukommen

kann sondern von dem Dasein des Objekts abhängig mithin nur dadurch dass die

Vorstellungsfähigkeit des Subjekts durch dasselbe affiziert wird möglich ist

    Es ist auch nicht nötig dass wir die Anschauungsart in Raum und Zeit auf die

Sinnlichkeit des Menschen einschränken es mag sein dass alles endliche denkende

Wesen hierin mit dem Menschen notwendig übereinkommen müsse wiewohl wir dieses

nicht entscheiden können so hört sie um dieser Allgemeingültigkeit willen doch

nicht auf Sinnlichkeit zu sein eben darum weil sie abgeleitet intuitus

derivativus nicht ursprünglich intuitus originarius mithin nicht

intellektuelle Anschauung ist als welche aus dem eben angeführten Grunde allein

dem Urwesen niemals aber einem seinem Dasein sowohl als seiner Anschauung nach

die sein Dasein in Beziehung auf gegebene Objekte bestimmt abhängigen Wesen

zuzukommen scheint wiewohl die letztere Bemerkung zu unserer ästhetischen

Theorie nur als Erläuterung nicht als Beweisgrund gezählt werden muss

 



                    Beschluss der transzendentalen Ästhetik



    Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur Auflösung der

allgemeinen Aufgabe der Transzendentalphilosophie wie sind synthetische Sätze a

priori möglich nämlich reine Anschauungen a priori Raum und Zeit, in welchen

wir wenn wir im Urteile a priori über den gegebenen Begriff hinausgehen wollen

dasjenige antreffen was nicht im Begriffe wohl aber in der Anschauung, die ihm

entspricht a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch verbunden werden

kann welche Urteile aber aus diesem Grunde nie weiter als auf Gegenstände der

Sinne reichen und nur für Objekte möglicher Erfahrung gelten können

 
 



                Der transzendentalen Elementarlehre zweiter Teil



                                        



                           Die transzendentale Logik



                                   Einleitung



                       Idee einer transzendentalen Logik



                           I Von der Logik überhaupt



    Unsre Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts deren die

erste ist die Vorstellungen zu empfangen die Rezeptivität der Eindrücke die

zweite das Vermögen durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen

Spontaneität der Begriffe durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben

durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung als bloße

Bestimmung des Gemüts gedacht Anschauung und Begriffe machen also die Elemente

aller unsrer Erkenntnis aus so dass weder Begriffe ohne ihnen auf einige Art

korrespondierende Anschauung noch Anschauung ohne Begriffe ein Erkenntnis

abgeben können Beide sind entweder rein oder empirisch Empirisch wenn

Empfindung die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt darin

enthalten ist rein aber wenn der Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist

Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen Daher

enthält reine Anschauung lediglich die Form unter welcher etwas angeschaut

wird und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes

überhaupt Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich

empirische nur a posteriori

    Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts Vorstellungen zu empfangen so

fern es auf irgend eine Weise affiziert wird Sinnlichkeit nennen so ist

dagegen das Vermögen Vorstellungen selbst hervorzubringen oder die

Spontaneität des Erkenntnisses der Verstand Unsre Natur bringt es so mit sich

dass die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann di nur die Art

enthält wie wir von Gegenständen affiziert werden Dagegen ist das Vermögen

den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken der Verstand Keine dieser

Eigenschaften ist der andern vorzuziehen Ohne Sinnlichkeit würde uns kein

Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden Gedanken ohne

Inhalt sind leer Anschauungen ohne Begriffe sind blind Daher ist es eben so

notwendig seine Begriffe sinnlich zu machen di ihnen den Gegenstand in der

Anschauung beizufügen als seine Anschauungen sich verständlich zu machen

di sie unter Begriffe zu bringen Beide Vermögen oder Fähigkeiten können

auch ihre Funktionen nicht vertauschen Der Verstand vermag nichts anzuschauen

und die Sinne nichts zu denken Nur daraus dass sie sich vereinigen kann

Erkenntnis entspringen Deswegen darf man aber doch nicht ihren Anteil

vermischen sondern man hat große Ursache jedes von dem andern sorgfältig

abzusondern und zu unterscheiden Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der

Regeln der Sinnlichkeit überhaupt di Ästhetik von der Wissenschaft der

Verstandesregeln überhaupt di der Logik

    Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen werden

entweder als Logik des allgemeinen oder des besonderen Verstandesgebrauchs Die

erste enthält die schlechthin notwendigen Regeln des Denkens ohne welche gar

kein Gebrauch des Verstandes stattfindet und geht also auf diesen unangesehen

der Verschiedenheit der Gegenstände auf welche er gerichtet sein mag Die Logik

des besonderen Verstandesgebrauchs enthält die Regeln über eine gewisse Art von

Gegenständen richtig zu denken Jene kann man die Elementarlogik nennen diese

aber das Organon dieser oder jener Wissenschaft Die letztere wird mehrenteils

in den Schulen als Propädeutik der Wissenschaften vorangeschickt ob sie zwar

nach dem Gange der menschlichen Vernunft das späteste ist wozu sie allererst

gelangt wenn die Wissenschaft schon lange fertig ist und nur die letzte Hand

zu ihrer Berichtigung und Vollkommenheit bedarf Denn man muss die Gegenstände

schon in ziemlich hohem Grade kennen wenn man die Regeln angeben will wie sich

eine Wissenschaft von ihnen zu Stande bringen lasse

    Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine oder die angewandte Logik

In der ersteren abstrahieren wir von allen empirischen Bedingungen unter denen

unser Verstand ausgeübt wird zB vom Einfluss der Sinne vom Spiele der

Einbildung den Gesetzen des Gedächtnisses der Macht der Gewohnheit der

Neigung etc mithin auch den Quellen der Vorurteile ja gar überhaupt von allen

Ursachen daraus uns gewisse Erkenntnisse entspringen oder untergeschoben

werden mögen weil sie bloß den Verstand unter gewissen Umständen seiner

Anwendung betreffen und um diese zu kennen Erfahrung erfordert wird Eine

allgemeine aber reine Logik hat es also mit lauter Prinzipien a priori zu tun

und ist ein Kanon des Verstandes und der Vernunft aber nur in Ansehung des

Formalen ihres Gebrauchs der Inhalt mag sein welcher er wolle empirisch oder

transzendental Eine allgemeine Logik heißt aber alsdann angewandt wenn sie

auf die Regeln des Gebrauchs des Verstandes unter den subjektiven empirischen

Bedingungen die uns die Psychologie lehrt gerichtet ist Sie hat also

empirische Prinzipien ob sie zwar in so fern allgemein ist dass sie auf den

Verstandesgebrauch ohne Unterschied der Gegenstände geht Um deswillen ist sie

auch weder ein Kanon des Verstandes überhaupt noch ein Organon besonderer

Wissenschaften sondern lediglich ein Katharktikon des gemeinen Verstandes

    In der allgemeinen Logik muss also der Teil der die reine Vernunftlehre

ausmachen soll von demjenigen gänzlich abgesondert werden welcher die

angewandte obzwar noch immer allgemeine Logik ausmacht Der erstere ist

eigentlich nur allein Wissenschaft obzwar kurz und trocken und wie es die

schulgerechte Darstellung einer Elementarlehre des Verstandes erfordert In

dieser müssen also die Logiker jederzeit zwei Regeln vor Augen haben

    1 Als allgemeine Logik abstrahiert sie von allem Inhalt der

Verstandeserkenntnis und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände und hat mit

nichts als der bloßen Form des Denkens zu tun

    2 Als reine Logik hat sie keine empirische Prinzipien mithin schöpft sie

nichts wie man sich bisweilen überredet hat aus der Psychologie die also auf

den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluss hat Sie ist eine demonstrierte

Doktrin und alles muss in ihr völlig a priori gewiss sein

    Was ich die angewandte Logik nenne wider die gemeine Bedeutung dieses

Worts nach der sie gewisse Exerzitien dazu die reine Logik die Regel gibt

enthalten soll so ist sie eine Vorstellung des Verstandes und der Regeln

seines notwendigen Gebrauchs in concreto nämlich unter den zufälligen

Bedingungen des Subjekts die diesen Gebrauch hindern oder befördern können und

die insgesamt nur empirisch gegeben werden Sie handelt von der Aufmerksamkeit

deren Hindernis und Folgen dem Ursprunge des Irrtums dem Zustande des

Zweifels des Skrupels der Überzeugung usw und zu ihr verhält sich die

allgemeine und reine Logik wie die reine Moral welche bloß die notwendigen

sittlichen Gesetze eines freien Willens überhaupt enthält zu der eigentlichen

Tugendlehre welche diese Gesetze unter den Hindernissen der Gefühle Neigungen

und Leidenschaften denen die Menschen mehr oder weniger unterworfen sind

erwägt und welche niemals eine wahre und demonstrierte Wissenschaft abgeben

kann weil sie eben sowohl als jene angewandte Logik empirische und

psychologische Prinzipien bedarf

 







 


 

    Die allgemeine Logik abstrahieret wie wir gewiesen von allem Inhalt der

Erkenntnis di von aller Beziehung derselben auf das Objekt und betrachtet

nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse auf einander di die

Form des Denkens überhaupt Weil es nun aber sowohl reine als empirische

Anschauungen gibt wie die transzendentale Ästhetik dartut so könnte auch wohl

ein Unterschied zwischen reinem und empirischem Denken der Gegenstände

angetroffen werden In diesem Falle würde es eine Logik geben in der man nicht

von allem Inhalt der Erkenntnis abstrahierte denn diejenige welche bloß die

Regeln des reinen Denkens eines Gegenstandes enthielte würde alle diejenigen

Erkenntnisse ausschließen welche von empirischem Inhalte wären Sie würde auch

auf den Ursprung unserer Erkenntnisse von Gegenständen gehen so fern er nicht

den Gegenständen zugeschrieben werden kann da hingegen die allgemeine Logik mit

diesem Ursprunge der Erkenntnis nichts zu tun hat sondern die Vorstellungen

sie mögen uranfänglich a priori in uns selbst oder nur empirisch gegeben sein

bloß nach den Gesetzen betrachtet nach welchen der Verstand sie im Verhältnis

gegen einander braucht wenn er denkt und also nur von der Verstandesform

handelt die den Vorstellungen verschafft werden kann woher sie auch sonst

entsprungen sein mögen

    Und hier mache ich eine Anmerkung die ihren Einfluss auf alle nachfolgende

Betrachtungen erstreckt und die man wohl vor Augen haben muss nämlich dass

nicht eine jede Erkenntnis a priori sondern nur die dadurch wir erkennen dass

und wie gewisse Vorstellungen Anschauungen oder Begriffe lediglich a priori

angewandt werden oder möglich sein transzendental di die Möglichkeit der

Erkenntnis oder der Gebrauch derselben a priori heißen müsse Daher ist weder

der Raum noch irgend eine geometrische Bestimmung desselben a priori eine

transzendentale Vorstellung sondern nur die Erkenntnis dass diese Vorstellungen

gar nicht empirischen Ursprungs sein und die Möglichkeit wie sie sich

gleichwohl a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen könnet kann

transzendental heißen Imgleichen würde der Gebrauch des Raumes von Gegenständen

überhaupt auch transzendental sein aber ist er lediglich auf Gegenstände der

Sinne eingeschränkt so heißt er empirisch Der Unterschied des Transzendentalen

und Empirischen gehört also nur zur Kritik der Erkenntnisse und betrifft nicht

die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand

    In der Erwartung also dass es vielleicht Begriffe geben könne die sich a

priori auf Gegenstände beziehen mögen nicht als reine oder sinnliche

Anschauungen sondern bloß als Handlungen des reinen Denkens die mithin

Begriffe aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs sind so machen wir

uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft des reinen Verstandes und

Vernunfterkenntnisses dadurch wir Gegenstände völlig a priori denken Eine

solche Wissenschaft welche den Ursprung den Umfang und die objektive

Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte würde transzendentale Logik heißen

müssen weil sie es bloß mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zu tun

hat aber lediglich so fern sie auf Gegenstände a priori bezogen wird und

nicht wie die allgemeine Logik auf die empirischen so wohl als reinen

Vernunfterkenntnisse ohne Unterschied

 



    III Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und Dialektik



    Die alte und berühmte Frage womit man die Logiker in die Enge zu treiben

vermeinte und sie dahin zu bringen suchte dass sie sich entweder auf einer

elenden Dialexe mussten betreffen lassen oder ihre Unwissenheit mithin die

Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten ist diese Was ist Wahrheit Die

Namenerklärung der Wahrheit dass sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis

mit ihrem Gegenstande sei wird hier geschenkt und vorausgesetzt man verlangt

aber zu wissen welches das allgemeine und sichere Kriterium der Wahrheit einer

jeden Erkenntnis sei

    Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht zu

wissen was man vernünftiger Weise fragen solle Denn wenn die Frage an sich

ungereimt ist und unnötige Antworten verlangt so hat sie außer der Beschämung

dessen der sie aufwirft bisweilen noch den Nachteil den unbehutsamen Anhörer

derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten und den belachenswerten Anblick

zu geben dass einer wie die Alten sagten den Bock melkt der andre ein Sieb

unterhält

    Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem Gegenstande

besteht so muss dadurch dieser Gegenstand von andern unterschieden werden denn

eine Erkenntnis ist falsch wenn sie mit dem Gegenstande worauf sie bezogen

wird nicht übereinstimmt ob sie gleich etwas enthält was wohl von andern

Gegenständen gelten könnte Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit

dasjenige sein welches von allen Erkenntnissen ohne Unterschied ihrer

Gegenstände gültig wäre Es ist aber klar dass da man bei demselben von allem

Inhalt der Erkenntnis Beziehung auf ihr Objekt abstrahiert und Wahrheit

gerade diesen Inhalt angeht es ganz unmöglich und ungereimt sei nach einem

Merkmale der Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse zu fragen und dass also

ein hinreichendes und doch zugleich allgemeines Kennzeichen der Wahrheit

unmöglich angegeben werden könne Da wir oben schon den Inhalt einer Erkenntnis

die Materie derselben genannt haben so wird man sagen müssen von der Wahrheit

der Erkenntnis der Materie nach lässt sich kein allgemeines Kennzeichen

verlangen weil es in sich selbst widersprechend ist

    Was aber das Erkenntnis der bloßen Form nach mit Beiseitesetzung alles

Inhalts betrifft so ist eben so klar dass eine Logik so fern sie die

allgemeinen und notwendigen Regeln des Verstandes vorträgt eben in diesen

Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse Denn was diesen widerspricht ist

falsch weil der Verstand dabei seinen allgemeinen Regeln des Denkens mithin

sich selbst widerstreitet Diese Kriterien aber betreffen nur die Form der

Wahrheit di des Denkens überhaupt und sind so fern ganz richtig aber nicht

hinreichend Denn obgleich eine Erkenntnis der logischen Form völlig gemäß sein

möchte di sich selbst nicht widerspräche so kann sie doch noch immer dem

Gegenstande widersprechen Also ist das bloß logische Kriterium der Wahrheit

nämlich die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit den allgemeinen und formalen

Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zwar die conditio sine qua non mithin

die negative Bedingung aller Wahrheit weiter aber kann die Logik nicht gehen

und den Irrtum der nicht die Form sondern den Inhalt trifft kann die Logik

durch keinen Probierstein entdecken

    Die allgemeine Logik löset nun das ganze formale Geschäfte des Verstandes

und der Vernunft in seine Elemente auf und stellet sie als Prinzipien aller

logischen Beurteilung unserer Erkenntnis dar Dieser Teil der Logik kann daher

Analytik heißen und ist eben darum der wenigstens negative Probierstein der

Wahrheit indem man zuvörderst alle Erkenntnis ihrer Form nach an diesen

Regeln prüfen und schätzen muss ehe man sie selbst ihrem Inhalt nach untersucht

um auszumachen ob sie in Ansehung des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten

Weil aber die bloße Form des Erkenntnisses so sehr sie auch mit logischen

Gesetzen übereinstimmen mag noch lange nicht hinreicht materielle objektive

Wahrheit dem Erkenntnisse darum auszumachen so kann sich niemand bloß mit der

Logik wagen über Gegenstände zu urteilen und irgend etwas zu behaupten ohne

von ihnen vorher gegründete Erkundigung außer der Logik eingezogen zu haben um

hernach bloß die Benutzung und die Verknüpfung derselben in einem

zusammenhangenden Ganzen nach logischen Gesetzen zu versuchen noch besser aber

sie lediglich darnach zu prüfen Gleichwohl liegt so etwas Verleitendes in dem

Besitze einer so scheinbaren Kunst allen unseren Erkenntnissen die Form des

Verstandes zu geben ob man gleich in Ansehung des Inhalts derselben noch sehr

leer und arm sein mag dass jene allgemeine Logik die bloß ein Kanon zur

Beurteilung ist gleichsam wie ein Organon zur wirklichen Hervorbringung

wenigstens zum Blendwerk von objektiven Behauptungen gebraucht und mithin in

der Tat dadurch missbraucht worden Die allgemeine Logik nun als vermeintes

Organon heißt Dialektik

    So verschieden auch die Bedeutung ist in der die Alten dieser Benennung

einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten so kann man doch aus dem

wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen dass sie bei ihnen nichts anders

war als die Logik des Scheins Eine sophistische Kunst seiner Unwissenheit ja

auch seinen vorsätzlichen Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zu geben dass

man die Methode der Gründlichkeit welche die Logik überhaupt vorschreibt

nachahmte und ihre Topik zu Beschönigung jedes leeren Vorgebens benutzte Nun

kann man es als eine sichere und brauchbare Warnung anmerken dass die allgemeine

Logik als Organon betrachtet jederzeit eine Logik des Scheins di

dialektisch sei Denn da sie uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntnis

lehret sondern nur bloß die formalen Bedingungen der Übereinstimmung mit dem

Verstande welche übrigens in Ansehung der Gegenstände gänzlich gleichgültig

sein so muss die Zumutung sich derselben als eines Werkzeugs Organon zu

gebrauchen um seine Kenntnisse wenigstens dem Vorgeben nach auszubreiten und

zu erweitern auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen alles was man will

mit einigem Schein zu behaupten oder auch nach Belieben anzufechten

    Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine Weise

gemäß Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik lieber als eine

Kritik des dialektischen Scheins der Logik beigezählt und als eine solche

wollen wir sie auch hier verstanden wissen

 







    In einer transzendentalen Logik isolieren wir den Verstand so wie oben in

der transzendentalen Ästhetik die Sinnlichkeit und heben bloß den Teil des

Denkens aus unserm Erkenntnisse heraus der lediglich seinen Ursprung in dem

Verstande hat Der Gebrauch dieser reinen Erkenntnis aber beruhet darauf als

ihrer Bedingung dass uns Gegenstände in der Anschauung gegeben sein worauf jene

angewandt werden können Denn ohne Anschauung fehlt es aller unserer Erkenntnis

an Objekten und sie bleibt alsdann völlig leer Der Teil der transzendentalen

Logik also der die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis vorträgt und die

Prinzipien ohne welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann ist die

transzendentale Analytik und zugleich eine Logik der Wahrheit Denn ihr kann

keine Erkenntnis widersprechen ohne dass sie zugleich allen Inhalt verlöre di

alle Beziehung auf irgend ein Objekt mithin alle Wahrheit Weil es aber sehr

anlockend und verleitend ist sich dieser reinen Verstandeserkenntnisse und

Grundsätze allein und selbst über die Grenzen der Erfahrung hinaus zu

bedienen welche doch einzig und allein uns die Materie Objekte an die Hand

geben kann worauf jene reine Verstandesbegriffe angewandt werden können so

gerät der Verstand in Gefahr durch leere Vernünfteleien von den bloßen formalen

Prinzipien des reinen Verstandes einen materialen Gebrauch zu machen und über

Gegenstände ohne Unterschied zu urteilen die uns doch nicht gegeben sind ja

vielleicht auf keinerlei Weise gegeben werden können Da sie also eigentlich nur

ein Kanon der Beurteilung des empirischen Gebrauchs sein sollte so wird sie

missbraucht wenn man sie als das Organon eines allgemeinen und unbeschränkten

Gebrauchs gelten lässt und sich mit dem reinen Verstande allein wagt

synthetisch über Gegenstände überhaupt zu urteilen zu behaupten und zu

entscheiden Also würde der Gebrauch des reinen Verstandes alsdann dialektisch

sein Der zweite Teil der transzendentalen Logik muss also eine Kritik dieses

dialektischen Scheines sein und heißt transzendentale Dialektik nicht als eine

Kunst dergleichen Schein dogmatisch zu erregen eine leider sehr gangbare Kunst

mannigfaltiger metaphysischer Gaukelwerke sondern als eine Kritik des

Verstandes und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphysischen Gebrauchs um den

falschen Schein ihrer grundlosen Anmaßungen aufzudecken und ihre Ansprüche auf

Erfindung und Erweiterung die sie bloß durch transzendentale Grundsätze zu

erreichen vermeinet zur bloßen Beurteilung und Verwahrung des reinen Verstandes

vor sophistischem Blendwerke herabzusetzen

 
 



                   Der transzendentalen Logik erste Abteilung



                                        



                          Die transzendentale Analytik



    Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesamten Erkenntnisses a priori

in die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis Es kommt hierbei auf folgende

Stücke an 1 Dass die Begriffe reine und nicht empirische Begriffe sein 2 Dass

sie nicht zur Anschauung und zur Sinnlichkeit sondern zum Denken und Verstande

gehören 3 Dass sie Elementarbegriffe sein und von den abgeleiteten oder daraus

zusammengesetzten wohl unterschieden werden 4 Dass ihre Tafel vollständig sei

und sie das ganze Feld des reinen Verstandes gänzlich ausfüllen Nun kann diese

Vollständigkeit einer Wissenschaft nicht auf den Überschlag eines bloß durch

Versuche zu Stande gebrachten Aggregats mit Zuverlässigkeit angenommen werden

daher ist sie nur vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstandeserkenntnis a

priori und durch die daraus bestimmte Abteilung der Begriffe welche sie

ausmachen mithin nur durch ihren Zusammenhang in einem System möglich Der

reine Verstand sondert sich nicht allein von allem Empirischen sondern so gar

von aller Sinnlichkeit völlig aus Er ist also eine vor sich selbst beständige

sich selbst genügsame und durch keine äußerlich hinzukommende Zusätze zu

vermehrende Einheit Daher wird der Inbegriff seiner Erkenntnis ein unter einer

Idee zu befassendes und zu bestimmendes System ausmachen dessen Vollständigkeit

und Artikulation zugleich einen Probierstein der Richtigkeit und Echtheit aller

hineinpassenden Erkenntnisstücke abgeben kann Es besteht aber dieser ganze Teil

der transzendentalen Logik aus zwei Büchern deren das eine die Begriffe das

andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält

 
 



                   Der transzendentalen Analytik erstes Buch



                                        



                           Die Analytik der Begriffe



    Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis derselben

oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen Untersuchungen Begriffe die

sich darbieten ihrem Inhalte nach zu zergliedern und zur Deutlichkeit zu

bringen sondern die noch wenig versuchte Zergliederung des Verstandesvermögens

selbst um die Möglichkeit der Begriffe a priori dadurch zu erforschen dass wir

sie im Verstande allein als ihrem Geburtsorte aufsuchen und dessen reinen

Gebrauch überhaupt analysieren denn dieses ist das eigentümliche Geschäfte

einer TranszendentalPhilosophie das übrige ist die logische Behandlung der

Begriffe in der Philosophie überhaupt Wir werden also die reinen Begriffe bis

zu ihren ersten Keimen und Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen in denen

sie vorbereitet liegen bis sie endlich bei Gelegenheit der Erfahrung entwickelt

und durch eben denselben Verstand von den ihnen anhängenden empirischen

Bedingungen befreiet in ihrer Lauterkeit dargestellt werden

 
 



                  Der Analytik der Begriffe erstes Hauptstück



                                        



        Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe



    Wenn man ein Erkenntnisvermögen ins Spiel setzt so tun sich nach den

mancherlei Anlässen verschiedene Begriffe hervor die dieses Vermögen kennbar

machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen Aufsatz sammeln lassen

nachdem die Beobachtung derselben längere Zeit oder mit größerer

Scharfsinnigkeit angestellt worden Wo diese Untersuchung werde vollendet sein

lässt sich nach diesem gleichsam mechanischen Verfahren niemals mit Sicherheit

bestimmen Auch entdecken sich die Begriffe die man nur so bei Gelegenheit

auffindet in keiner Ordnung und systematischen Einheit sondern werden zuletzt

nur nach Ähnlichkeiten gepaart und nach der Größe ihres Inhalts von den

einfachen an zu den mehr zusammengesetzten in Reihen gestellt die nichts

weniger als systematisch obgleich auf gewisse Weise methodisch zu Stande

gebracht werden

    Die Transzendentalphilosophie hat den Vorteil aber auch die

Verbindlichkeit ihre Begriffe nach einem Prinzip aufzusuchen weil sie aus dem

Verstande als absoluter Einheit rein und unvermischt entspringen und daher

selbst nach einem Begriffe oder Idee unter sich zusammenhängen müssen Ein

solcher Zusammenhang aber gibt eine Regel an die Hand nach welcher jedem reinen

Verstandesbegriff seine Stelle und allen insgesamt ihre Vollständigkeit a priori

bestimmt werden kann welches alles sonst vom Belieben oder vom Zufall abhängen

würde

 
 



 Des transzendentalen Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe

                                erster Abschnitt



                                        



                Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt



    Der Verstand wurde oben bloß negativ erklärt durch ein nichtsinnliches

Erkenntnisvermögen Nun können wir unabhängig von der Sinnlichkeit keiner

Anschauung teilhaftig werden Also ist der Verstand kein Vermögen der

Anschauung Es gibt aber außer der Anschauung keine andere Art zu erkennen

als durch Begriffe Also ist die Erkenntnis eines jeden wenigstens des

menschlichen Verstandes eine Erkenntnis durch Begriffe nicht intuitiv sondern

diskursiv Alle Anschauungen als sinnlich beruhen auf Affektionen die

Begriffe also auf Funktionen Ich verstehe aber unter Funktion die Einheit der

Handlung verschiedene Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen

Begriffe gründen sich also auf der Spontaneität des Denkens wie sinnliche

Anschauungen auf der Rezeptivität der Eindrücke Von diesen Begriffen kann nun

der Verstand keinen andern Gebrauch machen als dass er dadurch urteilt Da keine

Vorstellung unmittelbar auf den Gegenstand geht als bloß die Anschauung so

wird ein Begriff niemals auf einen Gegenstand unmittelbar sondern auf irgend

eine andre Vorstellung von demselben sie sei Anschauung oder selbst schon

Begriff bezogen Das Urteil ist also die mittelbare Erkenntnis eines

Gegenstandes mithin die Vorstellung einer Vorstellung desselben In jedem

Urteil ist ein Begriff der für viele gilt und unter diesem Vielen auch eine

gegebene Vorstellung begreift welche letztere denn auf den Gegenstand

unmittelbar bezogen wird So bezieht sich zB in dem Urteile alle Körper sind

veränderlich der Begriff des Teilbaren auf verschiedene andere Begriffe unter

diesen aber wird er hier besonders auf den Begriff des Körpers bezogen dieser

aber auf gewisse uns vorkommende Erscheinungen Also werden diese Gegenstände

durch den Begriff der Teilbarkeit mittelbar vorgestellt Alle Urteile sind

demnach Funktionen der Einheit unter unsern Vorstellungen da nämlich statt

einer unmittelbaren Vorstellung eine höhere die diese und mehrere unter sich

begreift zur Erkenntnis des Gegenstandes gebraucht und viel mögliche

Erkenntnisse dadurch in einer zusammengezogen werden Wir können aber alle

Handlungen des Verstandes auf Urteile zurückführen so dass der Verstand

überhaupt als ein Vermögen zu urteilen vorgestellt werden kann Denn er ist nach

dem obigen ein Vermögen zu denken Denken ist das Erkenntnis durch Begriffe

Begriffe aber beziehen sich als Prädikate möglicher Urteile auf irgend eine

Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande So bedeutet der Begriff des

Körpers etwas zB Metall was durch jenen Begriff erkannt werden kann Er ist

also nur dadurch Begriff dass unter ihm andere Vorstellungen enthalten sind

vermittelst deren er sich auf Gegenstände beziehen kann Es ist also das

Prädikat zu einem möglichen Urteile zB ein jedes Metall ist ein Körper Die

Funktionen des Verstandes können also insgesamt gefunden werden wenn man die

Funktionen der Einheit in den Urteilen vollständig darstellen kann Dass dies

aber sich ganz wohl bewerkstelligen lasse wird der folgende Abschnitt vor Augen

stellen

 
 






    Wenn wir von allem Inhalte eines Urteils überhaupt abstrahieren und nur auf

die bloße Verstandesform darin Acht geben so finden wir dass die Funktion des

Denkens in demselben unter vier Titel gebracht werden könne deren jeder drei

Momente unter sich enthält Sie können füglich in folgender Tafel vorgestellt

werden

 

                                       1

                             Quantität der Urteile

                                   Allgemeine

                                   Besondere

                                    Einzelne

2

                                                                              3

Qualität

                                                                        Relation

Bejahende

                                                                    Kategorische

Verneinende

                                                                   Hypothetische

Unendliche

                                                                     Disjunktive

                                       4

                                   Modalität

                                 Problematische

                                 Assertorische

                                  Apodiktische

 

    Da diese Einteilung in einigen obgleich nicht wesentlichen Stücken von

der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint so werden folgende

Verwahrungen wider den besorglichen Missverstand nicht unnötig sein

    1 Die Logiker sagen mit Recht dass man beim Gebrauch der Urteile in

Vernunftschlüssen die einzelnen Urteile gleich den allgemeinen behandeln könne

Denn eben darum weil sie gar keinen Umfang haben kann das Prädikat derselben

nicht bloß auf einiges dessen was unter dem Begriff des Subjekts enthalten ist

gezogen von einigem aber ausgenommen werden Es gilt also von jenem Begriffe

ohne Ausnahme gleich als wenn derselbe ein gemeingültiger Begriff wäre der

einen Umfang hätte von dessen ganzer Bedeutung das Prädikat gelte Vergleichen

wir dagegen ein einzelnes Urteil mit einem gemeingültigen bloß als Erkenntnis

der Größe nach so verhält sie sich zu diesem wie Einheit zur Unendlichkeit und

ist also an sich selbst davon wesentlich unterschieden Also wenn ich ein

einzelnes Urteil iudicium singulare nicht bloß nach seiner inneren Gültigkeit

sondern auch als Erkenntnis überhaupt nach der Größe die es in Vergleichung

mit andern Erkenntnissen hat schätze so ist es allerdings von gemeingültigen

Urteilen iudicia communia unterschieden und verdient in einer vollständigen

Tafel der Momente des Denkens überhaupt obzwar freilich nicht in der bloß auf

den Gebrauch der Urteile untereinander eingeschränkten Logik eine besondere

Stelle

    2 Eben so müssen in einer transzendentalen Logik unendliche Urteile von

bejahenden noch unterschieden werden wenn sie gleich in der allgemeinen Logik

jenen mit Recht beigezählt sind und kein besonderes Glied der Einteilung

ausmachen Diese nämlich abstrahieret von allem Inhalt des Prädikats ob es

gleich verneinend ist und sieht nur darauf ob dasselbe dem Subjekt beigelegt

oder ihm entgegengesetzt werde Jene aber betrachtet das Urteil auch nach dem

Werte oder Inhalt dieser logischen Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden

Prädikats und was diese in Ansehung des gesamten Erkenntnisses für einen Gewinn

verschafft Hätte ich von der Seele gesagt sie ist nicht sterblich so hätte

ich durch ein verneinendes Urteil wenigstens einen Irrtum abgehalten Nun habe

ich durch den Satz die Seele ist nicht sterblich zwar der logischen Form nach

wirklich bejahet indem ich die Seele in den unbeschränkten Umfang der

nichtsterbenden Wesen setze Weil nun von dem ganzen Umfange möglicher Wesen das

Sterbliche einen Teil enthält das Nichtsterbende aber den andern so ist durch

meinen Satz nichts anders gesagt als dass die Seele eines von der unendlichen

Menge Dinge sei die übrig bleiben wenn ich das Sterbliche insgesamt wegnehme

Dadurch aber wird nur die unendliche Sphäre alles Möglichen in so weit

beschränkt dass das Sterbliche davon abgetrennt und in dem übrigen Umfang ihres

Raums die Seele gesetzt wird Dieser Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme noch

immer unendlich und können noch mehrere Teile desselben weggenommen werden

ohne dass darum der Begriff von der Seele im mindesten wächst und bejahend

bestimmt wird Diese unendliche Urteile also in Ansehung des logischen Umfanges

sind wirklich bloß beschränkend in Ansehung des Inhalts der Erkenntnis

überhaupt und in so fern müssen sie in der transzendentalen Tafel aller Momente

des Denkens in den Urteilen nicht übergangen werden weil die hierbei ausgeübte

Funktion des Verstandes vielleicht in dem Felde seiner reinen Erkenntnis a

priori wichtig sein kann

    3 Alle Verhältnisse des Denkens in Urteilen sind die a des Prädikats zum

Subjekt b des Grundes zur Folge c der eingeteilten Erkenntnis und der

gesammelten Glieder der Einteilung unter einander In der ersteren Art der

Urteile sind nur zwei Begriffe in der zweiten zwei Urteile in der dritten

mehrere Urteile im Verhältnis gegen einander betrachtet Der hypothetische Satz

wenn eine vollkommene Gerechtigkeit da ist so wird der beharrlich Böse

bestraft enthält eigentlich das Verhältnis zweier Sätze Es ist eine

vollkommene Gerechtigkeit da und der beharrlich Böse wird bestraft Ob beide

dieser Sätze an sich wahr sein bleibt hier unausgemacht Es ist nur die

Konsequenz die durch dieses Urteil gedacht wird Endlich enthält das

disjunktive Urteil ein Verhältnis zweier oder mehrerer Sätze gegen einander

aber nicht der Abfolge sondern der logischen Entgegensetzung so fern die

Sphäre des einen die des andern ausschließt aber doch zugleich der

Gemeinschaft in so fern sie zusammen die Sphäre der eigentlichen Erkenntnis

ausfüllen also ein Verhältnis der Teile der Sphäre eines Erkenntnisses da die

Sphäre eines jeden Teils ein Ergänzungsstück der Sphäre des andern zu dem ganzen

Inbegriff der eingeteilten Erkenntnis ist z E die Welt ist entweder durch

einen blinden Zufall da oder durch innere Notwendigkeit oder durch eine äußere

Ursache Jeder dieser Sätze nimmt einen Teil der Sphäre des möglichen

Erkenntnisses über das Dasein einer Welt überhaupt ein alle zusammen die ganze

Sphäre Das Erkenntnis aus einer dieser Sphären wegnehmen heißt sie in eine

der übrigen setzen und dagegen sie in eine Sphäre setzen heißt sie aus den

übrigen wegnehmen Es ist also in einem disjunktiven Urteile eine gewisse

Gemeinschaft der Erkenntnisse die darin besteht dass sie sich wechselseitig

einander ausschließen aber dadurch doch im Ganzen die wahre Erkenntnis

bestimmen indem sie zusammengenommen den ganzen Inhalt einer einzigen gegebenen

Erkenntnis ausmachen Und dieses ist es auch nur was ich des Folgenden wegen

hierbei anzumerken nötig finde

    4 Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere Funktion derselben die

das Unterscheidende an sich hat dass sie nichts zum Inhalte des Urteils beiträgt

denn außer Größe Qualität und Verhältnis ist nichts mehr was den Inhalt eines

Urteils ausmachte sondern nur den Wert der Kopula in Beziehung auf das Denken

überhaupt angeht Problematische Urteile sind solche wo man das Bejahen oder

Verneinen als bloß möglich beliebig annimmt Assertorische da es als wirklich

wahr betrachtet wird Apodiktische in denen man es als notwendig ansieht11

So sind die beiden Urteile deren Verhältnis das hypothetische Urteil ausmacht

antec und consequ imgleichen in deren Wechselwirkung das Disjunktive

besteht Glieder der Einteilung insgesamt nur problematisch In dem obigen

Beispiel wird der Satz es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da nicht

assertorisch gesagt sondern nur als ein beliebiges Urteil wovon es möglich

ist dass jemand es annehme gedacht und nur die Konsequenz ist assertorisch

Daher können solche Urteile auch offenbar falsch sein und doch problematisch

genommen Bedingungen der Erkenntnis der Wahrheit sein So ist das Urteil die

Welt ist durch blinden Zufall da in dem disjunktiven Urteil nur von

problematischer Bedeutung nämlich dass jemand diesen Satz etwa auf einen

Augenblick annehmen möge und dient doch wie die Verzeichnung des falschen

Weges unter der Zahl aller derer die man nehmen kann den wahren zu finden

Der problematische Satz ist also derjenige der nur logische Möglichkeit die

nicht objektiv ist ausdruckt di eine freie Wahl einen solchen Satz gelten

zu lassen eine bloß willkürliche Aufnehmung desselben in den Verstand Der

assertorische sagt von logischer Wirklichkeit oder Wahrheit wie etwa in einem

hypothetischen Vernunftschluss das Antezedens im Obersatze problematisch im

Untersatze assertorisch vorkommt und zeigt an dass der Satz mit dem Verstande

nach dessen Gesetzen schon verbunden sei der apodiktische Satz denkt sich den

assertorischen durch diese Gesetze des Verstandes selbst bestimmt und daher a

priori behauptend und drückt auf solche Weise logische Notwendigkeit aus Weil

nun hier alles sich gradweise dem Verstande einverleibt so dass man zuvor etwas

problematisch urteilt darauf auch wohl es assertorisch als wahr annimmt

endlich als unzertrennlich mit dem Verstande verbunden di als notwendig und

apodiktisch behauptet so kann man diese drei Funktionen der Modalität auch so

viel Momente des Denkens überhaupt nennen

 
 






    Die allgemeine Logik abstrahiert wie mehrmalen schon gesagt worden von

allem Inhalt der Erkenntnis und erwartet dass ihr anderwärts woher es auch

sei Vorstellungen gegeben werden um diese zuerst in Begriffe zu verwandeln

welches analytisch zugehet Dagegen hat die transzendentale Logik ein

Mannigfaltiges der Sinnlichkeit a priori vor sich liegen welches die

transzendentale Ästhetik ihr darbietet um zu den reinen Verstandesbegriffen

einen Stoff zu geben ohne den sie ohne allen Inhalt mithin völlig leer sein

würde Raum und Zeit enthalten nun ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung a

priori gehören aber gleichwohl zu den Bedingungen der Rezeptivität unseres

Gemüts unter denen es allein Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann die

mithin auch den Begriff derselben jederzeit affizieren müssen Allein die

Spontaneität unseres Denkens erfordert es dass dieses Mannigfaltige zuerst auf

gewisse Weise durchgegangen aufgenommen und verbunden werde um daraus eine

Erkenntnis zu machen Diese Handlung nenne ich Synthesis

    Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung die

Handlung verschiedene Vorstellungen zu einander hinzuzutun und ihre

Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen Eine solche Synthesis ist

rein wenn das Mannigfaltige nicht empirisch sondern a priori gegeben ist wie

das im Raum und der Zeit Vor aller Analysis unserer Vorstellungen müssen diese

zuvor gegeben sein und es können keine Begriffe dem Inhalte nach analytisch

entspringen Die Synthesis eines Mannigfaltigen aber es sei empirisch oder a

priori gegeben bringt zuerst eine Erkenntnis hervor die zwar anfänglich noch

roh und verworren sein kann und also der Analysis bedarf allein die Synthesis

ist doch dasjenige was eigentlich die Elemente zu Erkenntnissen sammelt und zu

einem gewissen Inhalte vereinigt sie ist also das erste worauf wir Acht zu

geben haben wenn wir über den ersten Ursprung unserer Erkenntnis urteilen

wollen

    Die Synthesis überhaupt ist wie wir künftig sehen werden die bloße Wirkung

der Einbildungskraft einer blinden obgleich unentbehrlichen Funktion der

Seele ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden der wir uns aber

selten nur einmal bewusst sind Allein diese Synthesis auf Begriffe zu bringen

das ist eine Funktion die dem Verstande zukommt und wodurch er uns allererst

die Erkenntnis in eigentlicher Bedeutung verschaffet

    Die reine Synthesis allgemein vorgestellt gibt nun den reinen

Verstandesbegriff Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige welche

auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori beruht so ist unser Zählen

vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher eine Synthesis nach Begriffen

 weil sie nach einem gemeinschaftlichen Grunde der Einheit geschieht z E der

Dekadik Unter diesem Begriffe wird also die Einheit in der Synthesis des

Mannigfaltigen notwendig

    Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff gebracht

ein Geschäfte wovon die allgemeine Logik handelt Aber nicht die

Vorstellungen sondern die reine Synthesis der Vorstellungen auf Begriffe zu

bringen lehrt die transz Logik Das erste was uns zum Behuf der Erkenntnis

aller Gegenstände a priori gegeben sein muss ist das Mannigfaltige der reinen

Anschauung die Synthesis dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist

das zweite gibt aber noch keine Erkenntnis Die Begriffe welche dieser reinen

Synthesis Einheit geben und lediglich in der Vorstellung dieser notwendigen

synthetischen Einheit bestehen tun das dritte zum Erkenntnisse eines

vorkommenden Gegenstandes und beruhen auf dem Verstande

    Dieselbe Funktion welche den verschiedenen Vorstellungen in einem Urteile

Einheit gibt die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedene Vorstellungen in

einer Anschauung Einheit welche allgemein ausgedruckt der reine

Verstandesbegriff heißt Derselbe Verstand also und zwar durch eben dieselben

Handlungen wodurch er in Begriffen vermittelst der analytischen Einheit die

logische Form eines Urteils zu Stande brachte bringt auch vermittelst der

synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung überhaupt in seine

Vorstellungen einen transzendentalen Inhalt weswegen sie reine

Verstandesbegriffe heißen die a priori auf Objekte gehen welches die

allgemeine Logik nicht leisten kann

    Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe welche

a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen als es in der vorigen

Tafel logische Funktionen in allen möglichen Urteilen gab denn der Verstand ist

durch gedachte Funktionen völlig erschöpft und sein Vermögen dadurch gänzlich

ausgemessen Wir wollen diese Begriffe nach dem Aristoteles Kategorien nennen

indem unsre Absicht uranfänglich mit der seinigen zwar einerlei ist ob sie sich

gleich davon in der Ausführung gar sehr entfernet

 



                              Tafel der Kategorien



                                       I

                                 Der Quantität

                                    Einheit

                                    Vielheit

                                    Allheit

 

2

                                                                              3

Der Qualität

                                                                    Der Relation

Realität

                                                     der Inhärenz und Subsistenz

Negation

                                                        substantia et accidens

Limitation

                                                    der Kausalität und Dependenz

                                                           Ursache und Wirkung)

                                                der Gemeinschaft Wechselwirkung

                                                         zwischen dem Handelnden

                                                                  und Leidenden

 

                                       4

                                 Der Modalität

                          Möglichkeit  Unmöglichkeit

                               Dasein  Nichtsein

                          Notwendigkeit  Zufälligkeit

 

    Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe der

Synthesis die der Verstand a priori in sich enthält und um deren willen er

auch nur ein reiner Verstand ist indem er durch sie allein etwas bei dem

Mannigfaltigen der Anschauung verstehen di ein Objekt derselben denken kann

Diese Einteilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen Prinzip nämlich

dem Vermögen zu urteilen welches eben so viel ist als das Vermögen zu denken

erzeugt und nicht rhapsodistisch aus einer auf gut Glück unternommenen

Aufsuchung reiner Begriffe entstanden von deren Vollzähligkeit man niemals

gewiss sein kann da sie nur durch Induktion geschlossen wird ohne zu gedenken

dass man noch auf die letztere Art niemals einsieht warum denn gerade diese und

nicht andre Begriffe dem reinen Verstande beiwohnen Es war ein eines

scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des Aristoteles diese Grundbegriffe

aufzusuchen Da er aber kein Principium hatte so raffte er sie auf wie sie ihm

aufstießen und trieb deren zuerst zehn auf die er Kategorien Prädikamente

nannte In der Folge glaubte er noch ihrer fünfe aufgefunden zu haben die er

unter dem Namen der Postprädikamente hinzufügte Allein seine Tafel blieb noch

immer mangelhaft Außerdem finden sich auch einige Modi der reinen Sinnlichkeit

darunter quando ubi situs imgleichen prius simul auch ein empirischer

motus die in dieses Stammregister des Verstandes gar nicht gehören oder es

sind auch die abgeleiteten Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt actio

passio und an einigen der letzten fehlt es gänzlich

    Um der letzten willen ist also noch zu bemerken dass die Kategorien als

die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes auch ihre eben so reine

abgeleitete Begriffe haben die in einem vollständigen System der

TranszendentalPhilosophie keineswegs übergangen werden können mit deren

bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch zufrieden sein kann

    Es sei mir erlaubt diese reine aber abgeleitete Verstandesbegriffe die

Prädikabilien des reinen Verstandes im Gegensatz der Prädikamente zu nennen

Wenn man die ursprüngliche und primitive Begriffe hat so lassen sich die

abgeleiteten und subalternen leicht hinzufügen und der Stammbaum des reinen

Verstandes völlig ausmalen Da es mir hier nicht um die Vollständigkeit des

Systems sondern nur der Prinzipien zu einem System zu tun ist so verspare ich

diese Ergänzung auf eine andere Beschäftigung Man kann aber diese Absicht

ziemlich erreichen wenn man die ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt und

zB der Kategorie der Kausalität die Prädikabilien der Kraft der Handlung des

Leidens der der Gemeinschaft die der Gegenwart des Widerstandes den

Prädikamenten der Modalität die des Entstehens Vergehens der Veränderung

usw unterordnet Die Kategorien mit den Modis der reinen Sinnlichkeit oder

auch unter einander verbunden geben eine große Menge abgeleiteter Begriffe a

priori die zu bemerken und wo möglich bis zur Vollständigkeit zu

verzeichnen eine nützliche und nicht unangenehme hier aber entbehrliche

Bemühung sein würde

    Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser Abhandlung

geflissentlich ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte Ich werde diese

Begriffe in der Folge bis auf den Grad zergliedern welcher in Beziehung auf die

Methodenlehre die ich bearbeite hinreichend ist In einem System der reinen

Vernunft würde man sie mit Recht von mir fordern können aber hier würden sie

nur den Hauptpunkt der Untersuchung aus den Augen bringen indem sie Zweifel und

Angriffe erregten die man ohne der wesentlichen Absicht etwas zu entziehen

gar wohl auf eine andre Beschäftigung verweisen kann Indessen leuchtet doch aus

dem wenigen was ich hiervon angeführt habe deutlich hervor dass ein

vollständiges Wörterbuch mit allen dazu erforderlichen Erklärungen nicht allein

möglich sondern auch leicht sei zu Stande zu bringen Die Fächer sind einmal

da es ist nur nötig sie auszufüllen und eine systematische Topik wie die

gegenwärtige lässt nicht leicht die Stelle verfehlen dahin ein jeder Begriff

eigentümlich gehört und zugleich diejenige leicht bemerken die noch leer ist

 






    Über diese Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen anstellen

die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaftlichen Form aller

Vernunfterkenntnisse haben könnten Denn dass diese Tafel im theoretischen Teile

der Philosophie ungemein dienlich ja unentbehrlich sei den Plan zum Ganzen

einer Wissenschaft so fern sie auf Begriffen a priori beruht vollständig zu

entwerfen und sie mathematisch nach bestimmten Prinzipien abzuteilen erhellet

schon von selbst daraus dass gedachte Tafel alle Elementarbegriffe des

Verstandes vollständig ja selbst die Form eines Systems derselben im

menschlichen Verstande enthält folglich auf alle Momente einer vorhabenden

spekulativen Wissenschaft ja sogar ihre Ordnung Anweisung gibt wie ich denn

auch davon anderwärts12 eine Probe gegeben habe Hier sind nun einige dieser

Anmerkungen

    Die erste ist dass sich diese Tafel welche vier Klassen von

Verstandesbegriffen enthält zuerst in zwei Abteilungen zerfällen lasse deren

erstere auf Gegenstände der Anschauung der reinen sowohl als empirischen die

zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände entweder in Beziehung auf

einander oder auf den Verstand gerichtet sind

    Die erste Klasse würde ich die der mathematischen die zweite der

dynamischen Kategorien nennen Die erste Klasse hat wie man sieht keine

Korrelate die allein in der zweiten Klasse angetroffen werden Dieser

Unterschied muss doch einen Grund in der Natur des Verstandes haben

    2te Anmerk Dass allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder Klasse

nämlich drei sind welches eben sowohl zum Nachdenken auffordert da sonst alle

Einteilung a priori durch Begriffe Dichotomie sein muss Dazu kommt aber noch

dass die dritte Kategorie allenthalben aus der Verbindung der zweiten mit der

ersten ihrer Klasse entspringt

    So ist die Allheit Totalität nichts anders als die Vielheit als Einheit

betrachtet die Einschränkung nichts anders als Realität mit Negation verbunden

die Gemeinschaft ist die Kausalität einer Substanz in Bestimmung der andern

wechselseitig endlich die Notwendigkeit nichts anders als die Existenz die

durch die Möglichkeit selbst gegeben ist Man denke aber ja nicht dass darum die

dritte Kategorie ein bloß abgeleiteter und kein Stammbegriff des reinen

Verstandes sei Denn die Verbindung der ersten und zweiten um den dritten

Begriff hervorzubringen erfordert einen besonderen Actus des Verstandes der

nicht mit dem einerlei ist der beim ersten und zweiten ausgeübt wird So ist

der Begriff einer Zahl die zur Kategorie der Allheit gehört nicht immer

möglich wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind zB in der Vorstellung

des Unendlichen oder daraus dass ich den Begriff einer Ursache und den einer

Substanz beide verbinde noch nicht so fort der Einfluss di wie eine Substanz

Ursache von etwas in einer anderen Substanz werden könne zu verstehen Daraus

erhellet dass dazu ein besonderer Actus des Verstandes erforderlich sei und so

bei den übrigen

    3te Anmerk Von einer einzigen Kategorie nämlich der der Gemeinschaft die

unter dem dritten Titel befindlich ist ist die Übereinstimmung mit der in der

Tafel der logischen Funktionen ihm korrespondierenden Form eines disjunktiven

Urteils nicht so in die Augen fallend als bei den übrigen

    Um sich dieser Übereinstimmung zu versichern muss man bemerken dass in allen

disjunktiven Urteilen die Sphäre die Menge alles dessen was unter ihm

enthalten ist als ein Ganzes in Teile die untergeordneten Begriffe geteilt

vorgestellt wird und weil einer nicht unter dem andern enthalten sein kann

sie als einander koordiniert nicht subordiniert so dass sie einander nicht

einseitig wie in einer Reihe sondern wechselseitig als in einem Aggregat

bestimmen wenn ein Glied der Einteilung gesetzt wird alle übrige

ausgeschlossen werden und so umgekehrt gedacht werden

    Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen der Dinge gedacht da

nicht eines als Wirkung dem andern als Ursache seines Daseins untergeordnet

sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in Ansehung der Bestimmung der

andern beigeordnet wird zB in einem Körper dessen Teile einander

wechselseitig ziehen und auch widerstehen welches eine ganz andere Art der

Verknüpfung ist als die so im bloßen Verhältnis der Ursache zur Wirkung des

Grundes zur Folge angetroffen wird in welchem die Folge nicht wechselseitig

wiederum den Grund bestimmt und darum mit diesem wie der Weltschöpfer mit der

Welt nicht ein Ganzes ausmacht Dasselbe Verfahren des Verstandes wenn er sich

die Sphäre eines eingeteilten Begriffs vorstellt beobachtet er auch wenn er

ein Ding als teilbar denkt und wie die Glieder der Einteilung im ersteren

einander ausschließen und doch in einer Sphäre verbunden sind so stellt er sich

die Teile des letzteren als solche deren Existenz als Substanzen jedem auch

ausschließlich von den übrigen zukommt doch als in einem Ganzen verbunden vor

 






    Es findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten noch ein

Hauptstück vor welches reine Verstandesbegriffe enthält die ob sie gleich

nicht unter die Kategorien gezählt werden dennoch nach ihnen als Begriffe a

priori von Gegenständen gelten sollten in welchem Falle sie aber die Zahl der

Kategorien vermehren würden welches nicht sein kann Diese trägt der unter den

Scholastikern so berufene Satz vor quodlibet ens est unum verum bonum Ob nun

zwar der Gebrauch dieses Prinzips in Absicht auf die Folgerungen die lauter

tautologische Sätze gaben sehr kümmerlich ausfiel so dass man es auch in

neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt so

verdient doch ein Gedanke der sich so lange Zeit erhalten hat so leer er auch

zu sein scheint immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur

Vermutung dass er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe der nur

wie es oft geschieht falsch gedolmetscht worden Diese vermeintlich

transzendentale Prädikate der Dinge sind nichts anders als logische

Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntnis der Dinge überhaupt und legen ihr

die Kategorien der Quantität nämlich der Einheit Vielheit und Allheit zum

Grunde nur dass sie diese welche eigentlich materiell als zur Möglichkeit der

Dinge selbst gehörig genommen werden müssten in der Tat nur in formaler

Bedeutung als zur logischen Forderung in Ansehung jeder Erkenntnis gehörig

brauchten und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu

Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten In jedem Erkenntnisse eines

Objekts ist nämlich Einheit des Begriffs welche man qualitative Einheit nennen

kann so fern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen

der Erkenntnisse gedacht wird wie etwa die Einheit des Thema in einem

Schauspiel einer Rede einer Fabel Zweitens Wahrheit in Ansehung der Folgen

Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriffe desto mehr Kennzeichen seiner

objektiven Realität Dieses könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale

die zu einem Begriffe als einem gemeinschaftlichen Grunde gehören nicht in ihm

als Größe gedacht werden nennen Endlich drittens Vollkommenheit die darin

besteht dass umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffes

zurückführt und zu diesem und keinem anderen völlig zusammenstimmt welches man

die qualitative Vollständigkeit Totalität nennen kann Woraus erhellet dass

diese logische Kriterien der Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt die drei

Kategorien der Größe in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum

durchgängig gleichartig angenommen werden muss hier nur in Absicht auf die

Verknüpfung auch ungleichartiger Erkenntnisstücke in einem Bewusstsein durch die

Qualität eines Erkenntnisses als Prinzips verwandeln So ist das Kriterium der

Möglichkeit eines Begriffs nicht des Objekts derselben die Definition in der

die Einheit des Begriffs die Wahrheit alles dessen was zunächst aus ihm

abgeleitet werden mag endlich die Vollständigkeit dessen was aus ihm gezogen

worden zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben

ausmacht oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit

des angenommenen Erklärungsgrundes oder dessen Einheit ohne Hilfshypothese

die Wahrheit Übereinstimmung unter sich selbst und mit der Erfahrung der

daraus abzuleitenden Folgen und endlich die Vollständigkeit des

Erklärungsgrundes zu ihnen die auf nichts mehr noch weniger zurückweisen als

in der Hypothese angenommen worden und das was a priori synthetisch gedacht

war a posteriori analytisch wieder liefern und dazu zusammenstimmen  Also

wird durch die Begriffe von Einheit Wahrheit und Vollkommenheit die

transzendentale Tafel der Kategorien gar nicht als wäre sie etwa mangelhaft

ergänzt sondern nur indem das Verhältnis dieser Begriffe auf Objekte gänzlich

bei Seite gesetzt wird das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln

der Übereinstimmung der Erkenntnis mit sich selbst gebracht

 
 



                Der transzendentalen Analytik zweites Hauptstück



                                        



                Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe



                                        



                                        



                                



    Die Rechtslehrer wenn sie von Befugnissen und Anmaßungen reden

unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das was Rechtens ist quid

iuris von der die die Tatsache angeht quid facti und indem sie von beiden

Beweis fordern so nennen sie den ersten der die Befugnis oder auch den

Rechtsanspruch dartun soll die Deduktion Wir bedienen uns einer Menge

empirischer Begriffe ohne jemandes Widerrede und halten uns auch ohne Deduktion

berechtigt ihnen einen Sinn und eingebildete Bedeutung zuzueignen weil wir

jederzeit die Erfahrung bei der Hand haben ihre objektive Realität zu beweisen

Es gibt indessen auch usurpierte Begriffe wie etwa Glück Schicksal die zwar

mit fast allgemeiner Nachsicht herumlaufen aber doch bisweilen durch die Frage

quid iuris in Anspruch genommen werden da man alsdann wegen der Deduktion

derselben in nicht geringe Verlegenheit gerät indem man keinen deutlichen

Rechtsgrund weder aus der Erfahrung, noch der Vernunft anführen kann dadurch

die Befugnis seines Gebrauchs deutlich würde

    Unter den mancherlei Begriffen aber die das sehr vermischte Gewebe der

menschlichen Erkenntnis ausmachen gibt es einige die auch zum reinen Gebrauch

a priori völlig unabhängig von aller Erfahrung bestimmt sind und dieser ihre

Befugnis bedarf jederzeit einer Deduktion weil zu der Rechtmäßigkeit eines

solchen Gebrauchs Beweise aus der Erfahrung nicht hinreichend sind man aber

doch wissen muss wie diese Begriffe sich auf Objekte beziehen können die sie

doch aus keiner Erfahrung hernehmen Ich nenne daher die Erklärung der Art wie

sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können die transzendentale

Deduktion derselben und unterscheide sie von der empirischen Deduktion welche

die Art anzeigt wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion über dieselbe

erworben worden und daher nicht die Rechtmäßigkeit sondern das Faktum

betrifft wodurch der Besitz entsprungen

    Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art die

doch darin mit einander übereinkommen dass sie beiderseits völlig a priori sich

auf Gegenstände beziehen nämlich die Begriffe des Raumes und der Zeit als

Formen der Sinnlichkeit und die Kategorien als Begriffe des Verstandes Von

ihnen eine empirische Deduktion versuchen wollen würde ganz vergebliche Arbeit

sein weil eben darin das Unterscheidende ihrer Natur liegt dass sie sich auf

ihre Gegenstände beziehen ohne etwas zu deren Vorstellung aus der Erfahrung

entlehnt zu haben Wenn also eine Deduktion derselben nötig ist so wird sie

jederzeit transzendental sein müssen

    Indessen kann man von diesen Begriffen wie von allem Erkenntnis wo nicht

das Principium ihrer Möglichkeit doch die Gelegenheitsursachen ihrer Erzeugung

in der Erfahrung aufsuchen wo alsdann die Eindrücke der Sinne den ersten Anlass

geben die ganze Erkenntniskraft in Ansehung ihrer zu eröffnen und Erfahrung zu

Stande zu bringen die zwei sehr ungleichartige Elemente enthält nämlich eine

Materie zur Erkenntnis aus den Sinnen und eine gewisse Form sie zu ordnen aus

dem inneren Quell des reinen Anschauens und Denkens die bei Gelegenheit der

ersteren zuerst in Ausübung gebracht werden und Begriffe hervorbringen Ein

solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntniskraft um von

einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen Begriffen zu steigen hat ohne Zweifel

seinen großen Nutzen und man hat es dem berühmten Locke zu verdanken dass er

dazu zuerst den Weg eröffnet hat Allein eine Deduktion der reinen Begriffe a

priori kommt dadurch niemals zu Stande denn sie liegt ganz und gar nicht auf

diesem Wege weil in Ansehung ihres künftigen Gebrauchs der von der Erfahrung

gänzlich unabhängig sein soll sie einen ganz andern Geburtsbrief als den der

Abstammung von Erfahrungen müssen aufzuzeigen haben Diese versuchte

physiologische Ableitung die eigentlich gar nicht Deduktion heißen kann weil

sie eine quaestionem facti betrifft will ich daher die Erklärung des Besitzes

einer reinen Erkenntnis nennen Es ist also klar dass von diesen allein es eine

transzendentale Deduktion und keineswegs eine empirische geben könne und dass

letztere in Ansehung der reinen Begriffe a priori nichts als eitle Versuche

sind womit sich nur derjenige beschäftigen kann welcher die ganz eigentümliche

Natur dieser Erkenntnisse nicht begriffen hat

    Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduktion der reinen

Erkenntnis a priori nämlich die auf dem transzendentalen Wege eingeräumt wird

so erhellet dadurch doch eben nicht dass sie so unumgänglich notwendig sei Wir

haben oben die Begriffe des Raumes und der Zeit vermittelst einer

transzendentalen Deduktion zu ihren Quellen verfolgt und ihre objektive

Gültigkeit a priori erklärt und bestimmt Gleichwohl geht die Geometrie ihren

sichern Schritt durch lauter Erkenntnisse a priori ohne dass sie sich wegen der

reinen und gesetzmäßigen Abkunft ihres Grundbegriffs vom Raume von der

Philosophie einen Beglaubigungsschein erbitten darf Allein der Gebrauch des

Begriffs geht in dieser Wissenschaft auch nur auf die äußere Sinnenwelt von

welcher der Raum die reine Form ihrer Anschauung ist in welcher also alle

geometrische Erkenntnis weil sie sich auf Anschauung a priori gründet

unmittelbare Evidenz hat und die Gegenstände durch die Erkenntnis selbst a

priori der Form nach in der Anschauung, gegeben werden Dagegen fängt mit den

reinen Verstandesbegriffen die unumgängliche Bedürfnis an nicht allein von

ihnen selbst sondern auch vom Raum die transzendentale Deduktion zu suchen

weil da sie von Gegenständen nicht durch Prädikate der Anschauung und der

Sinnlichkeit sondern des reinen Denkens a priori redet sie sich auf

Gegenstände ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit allgemein beziehen und die

da sie nicht auf Erfahrung gegründet sind auch in der Anschauung a priori kein

Objekt vorzeigen können worauf sie vor aller Erfahrung ihre Synthesis

gründeten und daher nicht allein wegen der objektiven Gültigkeit und Schranken

ihres Gebrauchs Verdacht erregen sondern auch jenen Begriff des Raumes

zweideutig machen dadurch dass sie ihn über die Bedingungen der sinnlichen

Anschauung zu gebrauchen geneigt sind weshalb auch oben von ihm eine

transzendentale Deduktion von nöten war So muss denn der Leser von der

unumgänglichen Notwendigkeit einer solchen transzendentalen Deduktion ehe er

einen einzigen Schritt im Felde der reinen Vernunft getan hat überzeugt werden

weil er sonst blind verfährt und nachdem er mannigfaltig umher geirrt hat doch

wieder zu der Unwissenheit zurückkehren muss von der er ausgegangen war Er muss

aber auch die unvermeidliche Schwierigkeit zum voraus deutlich einsehen damit

er nicht über Dunkelheit klage wo die Sache selbst tief eingehüllt ist oder

über die Wegräumung der Hindernisse zu früh verdrossen werden weil es darauf

ankommt entweder alle Ansprüche zu Einsichten der reinen Vernunft, als das

beliebteste Feld nämlich dasjenige über die Grenzen aller möglichen Erfahrung

hinaus völlig aufzugeben oder diese kritische Untersuchung zur Vollkommenheit

zu bringen

    Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit leichter Mühe

begreiflich machen können wie diese als Erkenntnisse a priori sich gleichwohl

auf Gegenstände notwendig beziehen müssen und eine synthetische Erkenntnis

derselben unabhängig von aller Erfahrung möglich machten Denn da nur

vermittelst solcher reinen Formen der Sinnlichkeit uns ein Gegenstand

erscheinen di ein Objekt der empirischen Anschauung sein kann so sind Raum

und Zeit reine Anschauungen welche die Bedingung der Möglichkeit der

Gegenstände als Erscheinungen a priori enthalten und die Synthesis in denselben

hat objektive Gültigkeit

    Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die Bedingungen

vor unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben werden mithin können uns

allerdings Gegenstände erscheinen ohne dass sie sich notwendig auf Funktionen

des Verstandes beziehen müssen und dieser also die Bedingungen derselben a

priori enthielte Daher zeigt sich hier eine Schwierigkeit die wir im Felde der

Sinnlichkeit nicht antrafen wie nämlich subjektive Bedingungen des Denkens

sollten objektive Gültigkeit haben di Bedingungen der Möglichkeit aller

Erkenntnis der Gegenstände abgeben denn ohne Funktionen des Verstandes können

allerdings Erscheinungen in der Anschauung gegeben werden Ich nehme zB den

Begriff der Ursache welcher eine besondere Art der Synthesis bedeutet da auf

etwas A was ganz verschiedenes B nach einer Regel gesetzt wird Es ist a priori

nicht klar warum Erscheinungen etwas dergleichen enthalten sollten denn

Erfahrungen kann man nicht zum Beweise anführen weil die objektive Gültigkeit

dieses Begriffs a priori muss dargetan werden können und es ist daher a priori

zweifelhaft ob ein solcher Begriff nicht etwa gar leer sei und überall unter

den Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe Denn dass Gegenstände der

sinnlichen Anschauung denen im Gemüt a priori liegenden formalen Bedingungen der

Sinnlichkeit gemäß sein müssen ist daraus klar weil sie sonst nicht

Gegenstände für uns sein würden dass sie aber auch überdem den Bedingungen

deren der Verstand zur synthetischen Einsicht des Denkens bedarf gemäß sein

müssen davon ist die Schlussfolge nicht so leicht einzusehen Denn es könnten

wohl allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein dass der Verstand sie den

Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäß fände und alles so in Verwirrung

läge dass zB in der Reihenfolge der Erscheinungen sich nichts darböte was

eine Regel der Synthesis an die Hand gäbe und also dem Begriffe der Ursache und

Wirkung entspräche so dass dieser Begriff also ganz leer nichtig und ohne

Bedeutung wäre Erscheinungen würden nichts desto weniger unserer Anschauung

Gegenstände darbieten denn die Anschauung bedarf der Funktionen des Denkens auf

keine Weise

    Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch

loszuwickeln dass man sagte Die Erfahrung böte unablässig Beispiele einer

solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar die genugsam Anlass geben den

Begriff der Ursache davon abzusondern und dadurch zugleich die objektive

Gültigkeit eines solchen Begriffs zu bewähren so bemerkt man nicht dass auf

diese Weise der Begriff der Ursache gar nicht entspringen kann sondern dass er

entweder völlig a priori im Verstande müsse gegründet sein oder als ein bloßes

Hirngespinst gänzlich aufgegeben werden müsse Denn dieser Begriff erfordert

durchaus dass etwas A von der Art sei dass ein anderes B daraus notwendig und

nach einer schlechthin allgemeinen Regel folge Erscheinungen geben gar wohl

Fälle an die Hand aus denen eine Regel möglich ist nach der etwas gewöhnlicher

maßen geschieht aber niemals dass der Erfolg notwendig sei daher der Synthesis

der Ursache und Wirkung auch eine Dignität anhängt die man gar nicht empirisch

ausdrücken kann nämlich dass die Wirkung nicht bloß zu der Ursache hinzu komme

sondern durch dieselbe gesetzt sei und aus ihr erfolge Die strenge

Allgemeinheit der Regel ist auch gar keine Eigenschaft empirischer Regeln die

durch Induktion keine andere als komparative Allgemeinheit di ausgebreitete

Brauchbarkeit bekommen können Nun würde sich aber der Gebrauch der reinen

Verstandesbegriffe gänzlich ändern wenn man sie nur als empirische Produkte

behandeln wollte

 



             Übergang zur transzendentalen Deduktion der Kategorien



    Es sind nur zwei Fälle möglich unter denen synthetische Vorstellung und

ihre Gegenstände zusammentreffen sich auf einander notwendiger Weise beziehen

und gleichsam einander begegnen können Entweder wenn der Gegenstand die

Vorstellung oder diese den Gegenstand allein möglich macht Ist das erstere so

ist diese Beziehung nur empirisch und die Vorstellung ist niemals a priori

möglich Und dies ist der Fall mit Erscheinung in Ansehung dessen was an ihnen

zur Empfindung gehört Ist aber das zweite weil Vorstellung an sich selbst

denn von dessen Kausalität vermittelst des Willens ist hier gar nicht die

Rede ihren Gegenstand dem Dasein nach nicht hervorbringt so ist doch die

Vorstellung in Ansehung des Gegenstandes alsdann a priori bestimmend wenn durch

sie allein es möglich ist etwas als einen Gegenstand zu erkennen Es sind aber

zwei Bedingungen unter denen allein die Erkenntnis eines Gegenstandes möglich

ist erstlich Anschauung dadurch derselbe aber nur als Erscheinung gegeben

wird zweitens Begriff dadurch ein Gegenstand gedacht wird der dieser

Anschauung entspricht Es ist aber aus dem obigen klar dass die erste Bedingung

nämlich die unter der allein Gegenstände angeschaut werden können in der Tat

den Objekten der Form nach a priori im Gemüt zum Grunde liegen Mit dieser

formalen Bedingung der Sinnlichkeit stimmen also alle Erscheinungen notwendig

überein weil sie nur durch dieselbe erscheinen di empirisch angeschaut und

gegeben werden können Nun frägt es sich ob nicht auch Begriffe a priori

vorausgehen als Bedingungen unter denen allein etwas wenn gleich nicht

angeschaut dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird denn alsdann ist

alle empirische Erkenntnis der Gegenstände solchen Begriffen notwendiger Weise

gemäß weil ohne deren Voraussetzung nichts als Objekt der Erfahrung möglich

ist Nun enthält aber alle Erfahrung außer der Anschauung der Sinne wodurch

etwas gegeben wird noch einen Begriff von einem Gegenstande der in der

Anschauung gegeben wird oder erscheint demnach werden Begriffe von

Gegenständen überhaupt als Bedingungen a priori aller Erfahrungserkenntnis zum

Grunde liegen folglich wird die objektive Gültigkeit der Kategorien als

Begriffe a priori darauf beruhen dass durch sie allein Erfahrung der Form des

Denkens nach möglich sei Denn alsdann beziehen sie sich notwendiger Weise und

a priori auf Gegenstände der Erfahrung weil nur vermittelst ihrer überhaupt

irgend ein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann

    Die transz Deduktion aller Begriffe a priori hat also ein Principium

worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muss nämlich dieses dass sie als

Bedingungen a priori der Möglichkeit der Erfahrungen erkannt werden müssen es

sei der Anschauung die in ihr angetroffen wird oder des Denkens Begriffe

die den objektiven Grund der Möglichkeit der Erfahrung abgeben sind eben darum

notwendig Die Entwickelung der Erfahrung aber worin sie angetroffen werden

ist nicht ihre Deduktion sondern Illustration weil sie dabei doch nur

zufällig sein würden Ohne diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche Erfahrung

in welcher alle Gegenstände der Erkenntnis vorkommen würde die Beziehung

derselben auf irgend ein Objekt gar nicht begriffen werden können

    Der berühmte Locke hatte aus Ermangelung dieser Betrachtung und weil er

reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf sie auch von der

Erfahrung abgeleitet und verfuhr doch so inkonsequent dass er damit Versuche zu

Erkenntnissen wagte die weit über alle Erfahrungsgrenze hinausgehen David Hume

erkannte um das letztere tun zu können sei es notwendig dass diese Begriffe

ihren Ursprung a priori haben müssten Da er sich aber gar nicht erklären konnte

wie es möglich sei dass der Verstand Begriffe die an sich im Verstande nicht

verbunden sind doch als im Gegenstande notwendig verbunden denken müsse und

darauf nicht verfiel dass vielleicht der Verstand durch diese Begriffe selbst

Urheber der Erfahrung worin seine Gegenstände angetroffen werden sein könne

so leitete er sie durch Not gedrungen von der Erfahrung ab nämlich von einer

durch öftere Assoziation in der Erfahrung entsprungenen subjektiven

Notwendigkeit welche zuletzt fälschlich für objektiv gehalten wird di der

Gewohnheit  verfuhr aber hernach sehr konsequent darin dass er es für

unmöglich erklärte mit diesen Begriffen und den Grundsätzen die sie

veranlassen über die Erfahrungsgrenze hinauszugehen Die empirische Ableitung

aber worauf beide verfielen lässt sich mit der Wirklichkeit der

wissenschaftlichen Erkenntnisse a priori die wir haben nämlich der reinen

Mathematik und allgemeinen Naturwissenschaft nicht vereinigen und wird also

durch das Faktum widerlegt

    Der erste dieser beiden berühmten Männer öffnete der Schwärmerei Tür und

Tor weil die Vernunft wenn sie einmal Befugnisse auf ihrer Seite hat sich

nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen der Mäßigung in Schranken halten lässt

der zweite ergab sich gänzlich dem Skeptizismus da er einmal eine so allgemeine

für Vernunft gehaltene Täuschung unseres Erkenntnisvermögens glaubte entdeckt zu

haben  Wir sind jetzt im Begriffe einen Versuch zu machen ob man nicht die

menschliche Vernunft zwischen diesen beiden Klippen glücklich durchbringen ihr

bestimmte Grenzen anweisen und dennoch das ganze Feld ihrer zweckmäßigen

Tätigkeit für sie geöffnet erhalten können

    Vorher will ich nur noch die Erklärung der Kategorien voranschicken Sie

sind Begriffe von einem Gegenstande überhaupt dadurch dessen Anschauung in

Ansehung einer der logischen Funktionen zu Urteilen als bestimmt angesehen wird

So war die Funktion des kategorischen Urteils die des Verhältnisses des Subjekts

zum Prädikat zB alle Körper sind teilbar Allein in Ansehung des bloß

logischen Gebrauchs des Verstandes blieb es unbestimmt welcher von beiden

Begriffen die Funktion des Subjekts und welchem die des Prädikats man geben

wolle Denn man kann auch sagen Einiges Teilbare ist ein Körper Durch die

Kategorie der Substanz aber wenn ich den Begriff eines Körpers darunter bringe

wird es bestimmt dass seine empirische Anschauung in der Erfahrung immer nur als

Subjekt niemals als bloßes Prädikat betrachtet werden müsse und so in allen

übrigen Kategorien

 
 






                                        



            



    Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben werden

die bloß sinnlich di nichts als Empfänglichkeit ist und die Form dieser

Anschauung kann a priori in unserem Vorstellungsvermögen liegen ohne doch etwas

andres als die Art zu sein wie das Subjekt affiziert wird Allein die

Verbindung coniunctio eines Mannigfaltigen überhaupt kann niemals durch

Sinne in uns kommen und kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen

Anschauung zugleich mit enthalten sein denn sie ist ein Actus der Spontaneität

der Vorstellungskraft und da man diese zum Unterschiede von der Sinnlichkeit

Verstand nennen muss so ist alle Verbindung wir mögen uns ihrer bewusst werden

oder nicht es mag eine Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung oder

mancherlei Begriffe und an der ersteren der sinnlichen oder nicht sinnlichen

Anschauung sein eine Verstandeshandlung die wir mit der allgemeinen Benennung

Synthesis belegen würden um dadurch zugleich bemerklich zu machen dass wir uns

nichts als im Objekt verbunden vorstellen können ohne es vorher selbst

verbunden zu haben und unter allen Vorstellungen die Verbindung die einzige

ist die nicht durch Objekte gegeben sondern nur vom Subjekte selbst verrichtet

werden kann weil sie ein Actus seiner Selbsttätigkeit ist Man wird hier leicht

gewahr dass diese Handlung ursprünglich einig und für alle Verbindung

gleichgeltend sein müsse und dass die Auflösung Analysis die ihr Gegenteil zu

sein scheint sie doch jederzeit voraussetze denn wo der Verstand vorher nichts

verbunden hat da kann er auch nichts auflösen weil es nur durch ihn als

verbunden der Vorstellungskraft hat gegeben werden können

    Aber der Begriff der Verbindung führt außer dem Begriffe des Mannigfaltigen

und der Synthesis desselben noch den der Einheit desselben bei sich Verbindung

ist Vorstellung der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen13 Die Vorstellung

dieser Einheit kann also nicht aus der Verbindung entstehen sie macht vielmehr

dadurch dass sie zur Vorstellung des Mannigfaltigen hinzukommt den Begriff der

Verbindung allererst möglich Diese Einheit die a priori vor allen Begriffen

der Verbindung vorhergeht ist nicht etwa jene Kategorie der Einheit § 10

denn alle Kategorien gründen sich auf logische Funktionen in Urteilen in diesen

aber ist schon Verbindung mithin Einheit gegebener Begriffe gedacht Die

Kategorie setzt also schon Verbindung voraus Also müssen wir diese Einheit als

qualitative § 12 noch höher suchen nämlich in demjenigen was selbst den

Grund der Einheit verschiedener Begriffe in Urteilen mithin der Möglichkeit des

Verstandes sogar in seinem logischen Gebrauche enthält

 



                               



    Das Ich denke muss alle meine Vorstellungen begleiten können denn sonst

würde etwas in mir vorgestellt werden was gar nicht gedacht werden könnte

welches eben so viel heißt als die Vorstellung würde entweder unmöglich oder

wenigstens für mich nichts sein Diejenige Vorstellung die vor allem Denken

gegeben sein kann heißt Anschauung Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung

eine notwendige Beziehung auf das Ich denke in demselben Subjekt darin dieses

Mannigfaltige angetroffen wird Diese Vorstellung aber ist ein Actus der

Spontaneität di sie kann nicht als zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden

Ich nenne sie die reine Apperzeption um sie von der empirischen zu

unterscheiden oder auch die ursprüngliche Apperzeption weil sie dasjenige

Selbstbewusstsein ist was indem es die Vorstellung Ich denke hervorbringt die

alle andere muss begleiten können und in allem Bewusstsein ein und dasselbe ist

von keiner weiter begleitet werden kann Ich nenne auch die Einheit derselben

die transzendentale Einheit des Selbstbewusstseins um die Möglichkeit der

Erkenntnis a priori aus ihr zu bezeichnen Denn die mannigfaltigen

Vorstellungen die in einer gewissen Anschauung gegeben werden würden nicht

insgesamt meine Vorstellungen sein wenn sie nicht insgesamt zu einem

Selbstbewusstsein gehörten di als meine Vorstellungen ob ich mich ihrer

gleich nicht als solcher bewusst bin müssen sie doch der Bedingung notwendig

gemäß sein unter der sie allein in einem allgemeinen Selbstbewusstsein

zusammenstehen können weil sie sonst nicht durchgängig mir angehören würden

Aus dieser ursprünglichen Verbindung lässt sich vieles folgern

    Nämlich diese durchgängige Identität der Apperzeption eines in der

Anschauung gegebenen Mannigfaltigen enthält eine Synthesis der Vorstellungen

und ist nur durch das Bewusstsein dieser Synthesis möglich Denn das empirische

Bewusstsein welches verschiedene Vorstellungen begleitet ist an sich zerstreut

und ohne Beziehung auf die Identität des Subjekts Diese Beziehung geschieht

also dadurch noch nicht dass ich jede Vorstellung mit Bewusstsein begleite

sondern dass ich eine zu der andern hinzusetze und mir der Synthesis derselben

bewusst bin Also nur dadurch dass ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen

in einem Bewusstsein verbinden kann ist es möglich dass ich mir die Identität

des Bewusstseins in diesen Vorstellungen selbst vorstelle di die analytische

Einheit der Apperzeption ist nur unter der Voraussetzung irgend einer

synthetischen möglich14 Der Gedanke diese in der Anschauung gegebene

Vorstellungen gehören mir insgesamt zu heißt demnach so viel als ich vereinige

sie in einem Selbstbewusstsein oder kann sie wenigstens darin vereinigen und ob

er gleich selbst noch nicht das Bewusstsein der Synthesis der Vorstellungen ist

so setzt er doch die Möglichkeit der letzteren voraus di nur dadurch dass ich

das Mannigfaltige derselben in einem Bewusstsein begreifen kann nenne ich

dieselbe insgesamt meine Vorstellungen denn sonst würde ich ein so vielfarbiges

verschiedenes Selbst haben als ich Vorstellungen habe deren ich mir bewusst

bin Synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Anschauungen als a priori

gegeben ist also der Grund der Identität der Apperzeption selbst die a priori

allem meinem bestimmten Denken vorhergeht Verbindung liegt aber nicht in den

Gegenständen und kann von ihnen nicht etwa durch Wahrnehmung entlehnt und in

den Verstand dadurch allererst aufgenommen werden sondern ist allein eine

Verrichtung des Verstandes der selbst nichts weiter ist als das Vermögen a

priori zu verbinden und das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter Einheit

der Apperzeption au bringen welcher Grundsatz der oberste im ganzen

menschlichen Erkenntnis ist

    Dieser Grundsatz der notwendigen Einheit der Apperzeption ist nun zwar

selbst identisch mithin ein analytischer Satz erklärt aber doch eine Synthesis

des in einer Anschauung gegebenen Mannigfaltigen als notwendig ohne welche jene

durchgängige Identität des Selbstbewusstseins nicht gedacht werden kann Denn

durch das Ich als einfache Vorstellung ist nichts Mannigfaltiges gegeben in

der Anschauung, die davon unterschieden ist kann es nur gegeben und durch

Verbindung in einem Bewusstsein gedacht werden Ein Verstand in welchem durch

das Selbstbewusstsein zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde würde anschauen

 der unsere kann nur denken und muss in den Sinnen die Anschauung suchen Ich

bin mir also des identischen Selbst bewusst in Ansehung des Mannigfaltigen der

mir in einer Anschauung gegebenen Vorstellungen weil ich sie insgesamt meine

Vorstellungen nenne die eine ausmachen Das ist aber so viel als dass ich mir

einer notwendigen Synthesis derselben a priori bewusst bin welche die

ursprüngliche synthetische Einheit der Apperzeption heißt unter der alle mir

gegebene Vorstellungen stehen aber unter die sie auch durch eine Synthesis

gebracht werden müssen

 





    Der oberste Grundsalz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung auf die

Sinnlichkeit war laut der transz Ästhetik dass alles Mannigfaltige derselben

unter den formalen Bedingungen des Raums und der Zeit stehen Der oberste

Grundsatz eben derselben in Beziehung auf den Verstand ist dass alles

Mannigfaltige der Anschauung unter Bedingungen der ursprünglichsynthetischen

Einheit der Apperzeption stehe15 Unter dem ersteren stehen alle mannigfaltige

Vorstellungen der Anschauung sofern sie uns gegeben werden unter dem zweiten

so fern sie in einem Bewusstsein müssen verbunden werden können denn ohne das

kann nichts dadurch gedacht oder erkannt werden weil die gegebene Vorstellungen

den Actus der Apperzeption Ich denke nicht gemein haben und dadurch nicht in

einem Selbstbewusstsein zusammengefasst sein würden

    Verstand ist allgemein zu reden das Vermögen der Erkenntnisse Diese

bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein Objekt

Objekt aber ist das in dessen Begriff das Mannigfaltige einer gegebenen

Anschauung vereinigt ist Nun erfordert aber alle Vereinigung der Vorstellungen

Einheit des Bewusstseins in der Synthesis derselben Folglich ist die Einheit des

Bewusstseins dasjenige was allein die Beziehung der Vorstellungen auf einen

Gegenstand mithin ihre objektive Gültigkeit folglich dass sie Erkenntnisse

werden ausmacht und worauf folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes

beruht

    Das erste reine Verstandeserkenntnis also worauf sein ganzer übriger

Gebrauch sich gründet welches auch zugleich von allen Bedingungen der

sinnlichen Anschauung ganz unabhängig ist ist nun der Grundsatz der

ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption So ist die bloße Form der

äußeren sinnlichen Anschauung der Raum noch gar keine Erkenntnis er gibt nur

das Mannigfaltige der Anschauung a priori zu einem möglichen Erkenntnis Um aber

irgend etwas im Raume zu erkennen zB eine Linie muss ich sie ziehen und also

eine bestimmte Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zu Stande

bringen so dass die Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des

Bewusstseins im Begriffe einer Linie ist und dadurch allererst ein Objekt ein

bestimmter Raum erkannt wird Die synthetische Einheit des Bewusstseins ist also

eine objektive Bedingung aller Erkenntnis nicht deren ich bloß selbst bedarf

um ein Objekt zu erkennen sondern unter der jede Anschauung stehen muss um für

mich Objekt zu werden weil auf andere Art und ohne diese Synthesis das

Mannigfaltige sich nicht in einem Bewusstsein vereinigen würde

    Dieser letztere Satz ist wie gesagt selbst analytisch ob er zwar die

synthetische Einheit zur Bedingung alles Denkens macht denn er sagt nichts

weiter als dass alle meine Vorstellungen in irgend einer gegebenen Anschauung

unter der Bedingung stehen müssen unter der ich sie allein als meine

Vorstellungen zu dem identischen Selbst rechnen und also als in einer

Apperzeption synthetisch verbunden durch den allgemeinen Ausdruck Ich denke

zusammenfassen kann

    Aber dieser Grundsatz ist doch nicht ein Prinzip für jeden überhaupt

möglichen Verstand sondern nur für den durch dessen reine Apperzeption in der

Vorstellung Ich bin noch gar nichts Mannigfaltiges gegeben ist Derjenige

Verstand durch dessen Selbstbewusstsein zugleich das Mannigfaltige der

Anschauung gegeben würde ein Verstand durch dessen Vorstellung zugleich die

Objekte dieser Vorstellung existierten würde einen besonderen Actus der

Synthesis der Mannigfaltigen zu der Einheit des Bewusstseins nicht bedürfen

deren der menschliche Verstand der bloß denkt nicht anschaut bedarf Aber für

den menschlichen Verstand ist er doch unvermeidlich der erste Grundsalz so dass

er sich sogar von einem anderen möglichen Verstande entweder einem solchen der

selbst anschaute oder wenngleich eine sinnliche Anschauung aber doch von

anderer Art als die im Raume und der Zeit zum Grunde liegend besäße sich

nicht den mindesten Begriff machen kann

 






    Die transzendentale Einheit der Apperzeption ist diejenige durch welche

alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen Begriff vom Objekt

vereinigt wird Sie heißt darum objektiv und muss von der subjektiven Einheit

des Bewusstseins unterschieden werden die eine Bestimmung des inneren Sinnes ist

 dadurch jenes Mannigfaltige der Anschauung zu einer solchen Verbindung

empirisch gegeben wird Ob ich mir des Mannigfaltigen als zugleich oder nach

einander empirisch bewusst sein könne kommt auf Umstände oder empirische

Bedingungen an Daher die empirische Einheit des Bewusstseins durch Assoziation

der Vorstellungen selbst eine Erscheinung betrifft und ganz zufällig ist

Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit bloß als Anschauung

überhaupt die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält unter der ursprünglichen

Einheit des Bewusstseins lediglich durch die notwendige Beziehung des

Mannigfaltigen der Anschauung zum Einen Ich denke also durch die reine

Synthesis des Verstandes welche a priori der empirischen zum Grunde liegt Jene

Einheit ist allein objektiv gültig die empirische Einheit der Apperzeption die

wir hier nicht erwägen und die auch nur von der ersteren unter gegebenen

Bedingungen in concreto abgeleitet ist hat nur subjektive Gültigkeit Einer

verbindet die Vorstellung eines gewissen Worts mit einer Sache der andere mit

einer anderen Sache und die Einheit des Bewusstseins in dem was empirisch ist

ist in Ansehung dessen was gegeben ist nicht notwendig und allgemein geltend

 





    Ich habe mich niemals durch die Erklärung welche die Logiker von einen

Urteile überhaupt geben befriedigen können es ist wie sie sagen die

Vorstellung eines Verhältnisses zwischen zwei Begriffen Ohne nun hier über das

Fehlerhafte der Erklärung dass sie allenfalls nur auf kategorische aber nicht

hypothetische und disjunktive Urteile passt als welche letztere nicht ein

Verhältnis von Begriffen sondern selbst von Urteilen enthalten mit ihnen zu

zanken unerachtet aus diesem Versehender Logik manche lästige Folgen erwachsen

sind16 merke ich nur an dass worin dieses Verhältnis bestehe hier nicht

bestimmt ist

    Wenn ich aber die Beziehung gegebener Erkenntnisse in jedem Urteile genauer

untersuche und sie als dem Verstande ungehörige von dem Verhältnisse nach

Gesetzen der reproduktiven Einbildungskraft welches nur subjektive Gültigkeit

hat unterscheide so finde ich dass ein Urteil nichts andres sei als die Art

gegebene Erkenntnisse zur objektiven Einheit der Apperzeption zu bringen Darauf

zielt das Verhältniswörtchen ist in denselben um die objektive Einheit

gegebener Vorstellungen von der subjektiven zu unterscheiden Denn dieses

bezeichnet die Beziehung derselben auf die ursprüngliche Apperzeption und die

notwendige Einheit derselben wenn gleich das Urteil selbst empirisch mithin

zufällig ist zB die Körper sind schwer Damit ich zwar nicht sagen will

diese Vorstellungen gehören in der empirischen Anschauung notwendig zu einander

sondern sie gehören vermöge der notwendigen Einheit der Apperzeption in der

Synthesis der Anschauungen zu einander di nach Prinzipien der objektiven

Bestimmung aller Vorstellungen so fern daraus Erkenntnis werden kann welche

Prinzipien alle aus dem Grundsatze der transzendentalen Einheit der Apperzeption

abgeleitet sind Dadurch allein wird aus diesem Verhältnisse ein Urteil di

ein Verhältnis das objektiv gültig ist und sich von dem Verhältnisse eben

derselben Vorstellungen worin bloß subjektive Gültigkeit wäre zB nach

Gesetzen der Assoziation hinreichend unterscheidet Nach den letzteren würde

ich nur sagen können Wenn ich einen Körper trage so fühle ich einen Druck der

Schwere aber nicht er der Körper ist schwer welches so viel sagen will

als diese beide Vorstellungen sind im Objekt di ohne Unterschied des

Zustandes des Subjekts verbunden und nicht bloß in der Wahrnehmung so oft sie

auch wiederholt sein mag beisammen

 





    Das mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung Gegebene gehört notwendig

unter die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperzeption weil durch diese

die Einheit der Anschauung allein möglich ist § 17 Diejenige Handlung des

Verstandes aber durch die das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen sie mögen

Anschauungen oder Begriffe sein unter eine Apperzeption überhaupt gebracht

wird ist die logische Funktion der Urteile § 19 Also ist alles

Mannigfaltige so fern es in Einer empirischen Anschauung gegeben ist in

Ansehung einer der logischen Funktionen zu urteilen bestimmt durch die es

nämlich zu einem Bewusstsein überhaupt gebracht wird Nun sind aber die

Kategorien nichts andres als eben diese Funktionen zu urteilen so fern das

Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung in Ansehung ihrer bestimmt ist § 13

Also steht auch das Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung notwendig unter

Kategorien

    

    

    





 

    Ein Mannigfaltiges das in einer Anschauung die ich die meinige nenne

enthalten ist wird durch die Synthesis des Verstandes als zur notwendigen

Einheit des Selbstbewusstseins gehörig vorgestellt und dieses geschieht durch

die Kategorie17 Diese zeigt also an dass das empirische Bewusstsein eines

gegebenen Mannigfaltigen Einer Anschauung eben sowohl unter einem reinen

Selbstbewusstsein a priori wie empirische Anschauung unter einer reinen

sinnlichen die gleichfalls a priori Statt hat stehe  Im obigen Satze ist

also der Anfang einer Deduktion der reinen Verstandesbegriffe gemacht in

welcher ich da die Kategorien unabhängig von Sinnlichkeit bloß im Verstande

entspringen noch von der Art wie das Mannigfaltige zu einer empirischen

Anschauung gegeben werde abstrahieren muss um nur auf die Einheit die in die

Anschauung vermittelst der Kategorie durch den Verstand hinzukommt zu sehen In

der Folge § 26 wird aus der Art wie in der Sinnlichkeit die empirische

Anschauung gegeben wird gezeigt werden dass die Einheit derselben keine andere

sei als welche die Kategorie nach dem vorigen § 20 dem Mannigfaltigen einer

gegebenen Anschauung überhaupt vorschreibt und dadurch also dass ihre

Gültigkeit a priori in Ansehung aller Gegenstände unserer Sinne erklärt wird

die Absicht der Deduktion allererst völlig erreicht werden

    Allein von einem Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht

abstrahieren nämlich davon dass das Mannigfaltige für die Anschauung noch vor

der Synthesis des Verstandes und unabhängig von ihr gegeben sein müsse wie

aber bleibt hier unbestimmt Denn wollte ich mir einen Verstand denken der

selbst anschaute wie etwa einen göttlichen der nicht gegebene Gegenstände

sich vorstellte sondern durch dessen Vorstellung die Gegenstände selbst

zugleich gegeben oder hervorgebracht würden so würden die Kategorien in

Ansehung eines solchen Erkenntnisses gar keine Bedeutung haben Sie sind nur

Regeln für einen Verstand dessen ganzes Vermögen im Denken besteht di in der

Handlung die Synthesis des Mannigfaltigen welches ihm anderweitig in der

Anschauung gegeben worden zur Einheit der Apperzeption zu bringen der also für

sich gar nichts erkennt sondern nur den Stoff zum Erkenntnis die Anschauung

die ihm durchs Objekt gegeben werden muss verbindet und ordnet Von der

Eigentümlichkeit unsers Verstandes aber nur vermittelst der Kategorien und nur

gerade durch diese Art und Zahl derselben Einheit der Apperzeption a priori zu

Stande zu bringen lässt sich eben so wenig ferner ein Grund angeben als warum

wir gerade diese und keine andere Funktionen zu Urteilen haben oder warum Zeit

und Raum die einzigen Formen unserer möglichen Anschauung sind

 





    Sich einen Gegenstand denken und einen Gegenstand erkennen ist also nicht

einerlei Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke erstlich der Begriff

dadurch überhaupt ein Gegenstand gedacht wird die Kategorie und zweitens die

Anschauung dadurch er gegeben wird denn könnte dem Begriffe eine

korrespondierende Anschauung gar nicht gegeben werden so wäre er ein Gedanke

der Form nach aber ohne allen Gegenstand und durch ihn gar keine Erkenntnis

von irgend einem Dinge möglich weil es so viel ich wüsste nichts gäbe noch

geben könnte worauf mein Gedanke angewandt werden könne Nun ist alle uns

mögliche Anschauung sinnlich Ästhetik also kann das Denken eines Gegenstandes

überhaupt durch einen reinen Verstandesbegriff bei uns nur Erkenntnis werden so

fern dieser auf Gegenstände der Sinne bezogen wird Sinnliche Anschauung ist

entweder reine Anschauung Raum und Zeit) oder empirische Anschauung desjenigen

was im Raum und der Zeit unmittelbar als wirklich durch Empfindung vorgestellt

wird Durch Bestimmung der ersteren können wir Erkenntnisse a priori von

Gegenständen in der Mathematik) bekommen aber nur ihrer Form nach als

Erscheinungen ob es Dinge geben könne die in dieser Form angeschaut werden

müssen bleibt doch dabei noch unausgemacht Folglich sind alle mathematische

Begriffe für sich nicht Erkenntnisse außer so fern man voraussetzt dass es

Dinge gibt die sich nur der Form jener reinen sinnlichen Anschauung gemäß uns

darstellen lassen Dinge im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben so fern

sie Wahrnehmungen mit Empfindung begleitete Vorstellungen sind mithin durch

empirische Vorstellung Folglich verschaffen die reinen Verstandesbegriffe

selbst wenn sie auf Anschauungen a priori wie in der Mathematik) angewandt

werden nur so fern Erkenntnis als diese mithin auch die Verstandesbegriffe

vermittelst ihrer auf empirische Anschauungen angewandt werden können Folglich

liefern uns die Kategorien vermittelst der Anschauung auch keine Erkenntnis von

Dingen als nur durch ihre mögliche Anwendung auf empirische Anschauung di

sie dienen nur zur Möglichkeit empirischer Erkenntnis Diese aber heißt

Erfahrung Folglich haben die Kategorien keinen anderen Gebrauch zum

Erkenntnisse der Dinge als nur so fern diese als Gegenstände möglicher

Erfahrung angenommen werden

 






    Der obige Satz ist von der größten Wichtigkeit denn er bestimmt eben sowohl

die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in Ansehung der

Gegenstände als die transzendentale Ästhetik die Grenzen des Gebrauchs der

reinen Form unserer sinnlichen Anschauung bestimmte Raum und Zeit gelten als

Bedingungen der Möglichkeit wie uns Gegenstände gegeben werden können nicht

weiter als für Gegenstände der Sinne mithin nur der Erfahrung Über diese

Grenzen hinaus stellen sie gar nichts vor denn sie sind nur in den Sinnen und

haben außer ihnen keine Wirklichkeit Die reinen Verstandesbegriffe sind von

dieser Einschränkung frei und erstrecken sich auf Gegenstände der Anschauung

überhaupt sie mag der unsrigen ähnlich sein oder nicht wenn sie nur sinnlich

und nicht intellektuell ist Diese weitere Ausdehnung der Begriff über unsere

sinnliche Anschauung hinaus hilft uns aber zu nichts Denn es sind alsdann

leere Begriffe von Objekten von denen ob sie nur einmal möglich sind oder

nicht wir durch jene gar nicht urteilen können bloße Gedankenformen ohne

objektive Realität weil wir keine Anschauung zur Hand haben auf welche die

synthetische Einheit der Apperzeption die jene allein enthalten angewandt

werden und sie so einen Gegenstand bestimmen könnten Unsere sinnliche und

empirische Anschauung kann ihnen allein Sinn und Bedeutung verschaffen

    Nimmt man also ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung als gegeben an

so kann man es freilich durch alle die Prädikate vorstellen die schon in der

Voraussetzung liegen dass ihm nichts zur sinnlichen Anschauung Gehöriges zukomme

 also dass es nicht ausgedehnt oder im Raume sei dass die Dauer desselben

keine Zeit sei dass in ihm keine Veränderung Folge der Bestimmungen in der

Zeit angetroffen werde usw Allein das ist doch kein eigentliches

Erkenntnis wenn ich bloß anzeige wie die Anschauung des Objekts nicht sei

ohne sagen zu können was in ihr denn enthalten sei denn alsdann habe ich gar

nicht die Möglichkeit eines Objekts zu meinem reinen Verstandesbegriff

vorgestellt weil ich keine Anschauung habe geben können die ihm

korrespondierte sondern nur sagen konnte dass die unsrige nicht für ihn gelte

Aber das Vornehmste ist hier dass auf ein solches Etwas auch nicht einmal eine

einzige Kategorie angewandt werden könnte zB der Begriff einer Substanz di

von etwas das als Subjekt niemals aber als bloßes Prädikat existieren könne

wovon ich gar nicht weiß ob es irgend ein Ding geben könne das dieser

Gedankenbestimmung korrespondierte wenn nicht empirische Anschauung mir den

Fall der Anwendung gäbe Doch mehr hiervon in der Folge

 





    Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich durch den bloßen Verstand auf

Gegenstände der Anschauung überhaupt unbestimmt ob sie die unsrige oder irgend

eine andere doch sinnliche sei sind aber eben darum bloße Gedankenformen

wodurch noch kein bestimmter Gegenstand erkannt wird Die Synthesis oder

Verbindung des Mannigfaltigen in denselben bezog sich bloß auf die Einheit der

Apperzeption und war dadurch der Grund der Möglichkeit der Erkenntnis a priori

so fern sie auf dem Verstande beruht und mithin nicht allein transzendental

sondern auch bloß rein intellektuell Weil in uns aber eine gewisse Form der

sinnlichen Anschauung a priori zum Grunde liegt welche auf der Rezeptivität der

Vorstellungsfähigkeit Sinnlichkeit beruht so kann der Verstand als

Spontaneität den inneren Sinn durch das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen

der synthetischen Einheit der Apperzeption gemäß bestimmen und so synthetische

Einheit der Apperzeption des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung a priori

denken als die Bedingung unter welcher alle Gegenstände unserer der

menschlichen Anschauung notwendiger Weise stehen müssen dadurch denn die

Kategorien als bloße Gedankenformen objektive Realität di Anwendung auf

Gegenstände die uns in der Anschauung gegeben werden können aber nur als

Erscheinungen bekommen denn nur von diesen sind wir der Anschauung a priori

fähig

    Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung die a priori

möglich und notwendig ist kann figürlich synthesis speciosa genannt werden

zum Unterschiede von derjenigen welche in Ansehung des Mannigfaltigen einer

Anschauung überhaupt in der bloßen Kategorie gedacht würde und

Verstandesverbindung synthesis intellectualis heißt beide sind transzendental

 nicht bloß weil sie selbst a priori vorgehen sondern auch die Möglichkeit

anderer Erkenntnis a priori gründen

    Allein die figürliche Synthesis wenn sie bloß auf die

ursprünglichsynthetische Einheit der Apperzeption di diese transzendentale

Einheit geht welche in den Kategorien gedacht wird muss zum Unterschiede von

der bloß intellektuellen Verbindung die transzendentale Synthesis der

Einbildungskraft heißen Einbildungskraft ist das Vermögen einen Gegenstand

auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen Da nun alle unsere

Anschauung sinnlich ist so gehört die Einbildungskraft der subjektiven

Bedingung wegen unter der sie allein den Verstandesbegriffen eine

korrespondierende Anschauung geben kann zur Sinnlichkeit so fern aber doch

ihre Synthesis eine Ausübung der Spontaneität ist welche bestimmend und nicht

wie der Sinn bloß bestimmbar ist mithin a priori den Sinn seiner Form nach der

Einheit der Apperzeption gemäß bestimmen kann so ist die Einbildungskraft so

fern ein Vermögen die Sinnlichkeit a priori zu bestimmen und ihre Synthesis

der Anschauungen den Kategorien gemäß muss die transzendentale Synthesis der

Einbildungskraft sein welches eine Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit

und die erste Anwendung desselben zugleich der Grund aller übrigen auf

Gegenstände der uns möglichen Anschauung ist Sie ist als figürlich von der

intellektuellen Synthesis ohne alle Einbildungskraft bloß durch den Verstand

unterschieden So fern die Einbildungskraft nun Spontaneität ist nenne ich sie

auch bisweilen die produktive Einbildungskraft und unterscheide sie dadurch von

der reproduktiven deren Synthesis lediglich empirischen Gesetzen nämlich denen

der Assoziation unterworfen ist und welche daher zur Erklärung der Möglichkeit

der Erkenntnis a priori nichts beiträgt und um deswillen nicht in die

Transzendentalphilosophie sondern in die Psychologie gehört

 

                                       

 

    Hier ist nun der Ort das Paradoxe was jedermann bei der Exposition der

Form des inneren Sinnes § 6 auffallen musste verständlich zu machen nämlich

wie dieser auch so gar uns selbst nur wie wir uns erscheinen nicht wie wir an

uns seihst sind dem Bewusstsein darstelle weil wir nämlich uns nur anschauen

wie wir innerlich affiziert werden welches widersprechend zu sein scheint

indem wir uns gegen uns selbst als leidend verhalten müssten daher man auch

lieber den inneren Sinn mit dem Vermögen der Apperzeption welche wir sorgfältig

unterscheiden in den Systemen der Psychologie für einerlei auszugeben pflegt

    Das was den inneren Sinn bestimmt ist der Verstand und dessen

ursprüngliches Vermögen das Mannigfaltige der Anschauung zu verbinden di

unter eine Apperzeption als worauf selbst seine Möglichkeit beruht zu bringen

Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst kein Vermögen der Anschauungen ist

und diese wenn sie auch in der Sinnlichkeit gegeben wäre doch nicht in sich

aufnehmen kann um gleichsam das Mannigfaltige seiner eigenen Anschauung zu

verbinden so ist seine Synthesis wenn er für sich allein betrachtet wird

nichts anders als die Einheit der Handlung deren er sich als einer solchen

auch ohne Sinnlichkeit bewusst ist durch die er aber selbst die Sinnlichkeit

innerlich in Ansehung des Mannigfaltigen was der Form ihrer Anschauung nach ihm

gegeben werden mag zu bestimmen vermögend ist Er also übt unter der Benennung

einer transzendentalen Synthesis der Einbildungskraft diejenige Handlung aufs

passive Subjekt dessen Vermögen er ist aus wovon wir mit Recht sagen dass der

innere Sinn dadurch affiziert werde Die Apperzeption und deren synthetische

Einheit ist mit dem inneren Sinne so gar nicht einerlei dass jene vielmehr als

der Quell aller Verbindung auf das Mannigfaltige der Anschauungen überhaupt

unter dem Namen der Kategorien vor aller sinnlichen Anschauung auf Objekte

überhaupt geht dagegen der innere Sinn die bloße Form der Anschauung aber ohne

Verbindung des Mannigfaltigen in derselben mithin noch gar keine bestimmte

Anschauung enthält welche nur durch das Bewusstsein der Bestimmung desselben

durch die transzendentale Handlung der Einbildungskraft synthetischer Einfluss

des Verstandes auf den inneren Sinn welche ich die figürliche Synthesis

genannt habe möglich ist

    Dieses nehmen wir auch jederzeit in uns wahr Wir können uns keine Linie

denken ohne sie in Gedanken zu ziehen keinen Zirkel denken ohne ihn zu

beschreiben die drei Abmessungen des Raums gar nicht vorstellen ohne aus

demselben Punkte drei Linien senkrecht auf einander zu setzen und selbst die

Zeit nicht ohne indem wir im Ziehen einer geraden Linie die die äußerlich

figürliche Vorstellung der Zeit sein soll bloß auf die Handlung der Synthesis

des Mannigfaltigen dadurch wir den inneren Sinn sukzessiv bestimmen und

dadurch auf die Sukzession dieser Bestimmung in demselben Acht haben Bewegung

als Handlung des Subjekts nicht als Bestimmung eines Objekts18 folglich die

Synthesis des Mannigfaltigen im Raume wenn wir von diesem abstrahieren und bloß

auf die Handlung Acht haben dadurch wir den inneren Sinn seiner Form gemäß

bestimmen bringt so gar den Begriff der Sukzession zuerst hervor Der Verstand

findet also in diesem nicht etwa schon eine dergleichen Verbindung des

Mannigfaltigen sondern bringt sie hervor indem er ihn affiziert Wie aber das

Ich der ich denke von dem Ich das sich selbst anschauet unterschieden indem

ich mir noch andere Anschauungsart wenigstens als möglich vorstellen kann und

doch mit diesem letzteren als dasselbe Subjekt einerlei sei wie ich also sagen

könne Ich als Intelligenz und denkend Subjekt erkenne mich selbst als

gedachtes Objekt so fern ich mir noch über das in der Anschauung gegeben bin

nur gleich andern Phänomenen nicht wie ich vor dem Verstande bin sondern wie

ich mir erscheine hat nicht mehr auch nicht weniger Schwierigkeit bei sich als

wie ich mir selbst überhaupt ein Objekt und zwar der Anschauung und innerer

Wahrnehmungen sein könne Dass es aber doch wirklich so sein müsse kann wenn

man den Raum für eine bloße reine Form der Erscheinungen äußerer Sinne gelten

lässt dadurch klar dargetan werden dass wir die Zeit die doch gar kein

Gegenstand äußerer Anschauung ist uns nicht anders vorstellig machen können

als unter dem Bilde einer Linie so fern wir sie ziehen ohne welche

Darstellungsart wir die Einheit ihrer Abmessung gar nicht erkennen könnten

imgleichen dass wir die Bestimmung der Zeitlänge oder auch der Zeitstellen für

alle innere Wahrnehmungen immer von dem hernehmen müssen was uns äußere Dinge

Veränderliches darstellen folglich die Bestimmungen des inneren Sinnes gerade

auf dieselbe Art als Erscheinungen in der Zeit ordnen müssen wie wir die der

äußeren Sinne im Raume ordnen mithin wenn wir von den letzteren einräumen dass

wir dadurch Objekte nur so fern erkennen als wir äußerlich affiziert werden

wir auch vom inneren Sinne zugestehen müssen dass wir dadurch uns selbst nur so

anschauen wie wir innerlich von uns selbst affiziert werden di was die

innere Anschauung betrifft unser eigenes Subjekt nur als Erscheinung nicht

aber nach dem was es an sich selbst ist erkennen19

 






    Dagegen bin ich mir meiner selbst in der transzendentalen Synthesis des

Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt mithin in der synthetischen

ursprünglichen Einheit der Apperzeption bewusst nicht wie ich mir erscheine

noch wie ich an mir selbst bin sondern nur dass ich bin Diese Vorstellung ist

ein Denken nicht ein Anschauen Da nun zum Erkenntnis unserer selbst außer der

Handlung des Denkens die das Mannigfaltige einer jeden möglichen Anschauung zur

Einheit der Apperzeption bringt noch eine bestimmte Art der Anschauung dadurch

dieses Mannigfaltige gegeben wird erforderlich istso ist zwar mein eigenes

Dasein nicht Erscheinung vielweniger bloßer Schein aber die Bestimmung meines

Daseins20 kann nur der Form des inneren Sinnes gemäß nach der besonderen Art

wie das Mannigfaltige das ich verbinde in der inneren Anschauung gegeben wird

geschehen und ich habe also demnach keine Erkenntnis von mir wie ich bin

sondern bloß wie ich mir selbst erscheine Das Bewusstsein seiner selbst ist

also noch lange nicht ein Erkenntnis seiner selbst unerachtet aller Kategorien

welche das Denken eines Objekts überhaupt durch Verbindung des Mannigfaltigen in

einer Apperzeption ausmachen So wie zum Erkenntnisse eines von mir

verschiedenen Objekts außer dem Denken eines Objekts überhaupt in der

Kategorie ich doch noch einer Anschauung bedarf dadurch ich jenen allgemeinen

Begriff bestimme so bedarf ich auch zum Erkenntnisse meiner selbst außer dem

Bewusstsein oder außer dem dass ich mich denke noch einer Anschauung des

Mannigfaltigen in mir wodurch ich diesen Gedanken bestimme und ich existiere

als Intelligenz die sich lediglich ihres Verbindungsvermögens bewusst ist in

Ansehung des Mannigfaltigen aber das sie verbinden soll einer einschränkenden

Bedingung die sie den inneren Sinn nennt unterworfen jene Verbindung nur nach

Zeitverhältnissen welche ganz außerhalb den eigentlichen Verstandesbegriffen

liegen anschaulich machen und sich daher selbst doch nur erkennen kann wie

sie in Absicht auf eine Anschauung die nicht intellektuell und durch den

Verstand selbst gegeben sein kann ihr selbst bloß erscheint nicht wie sie

sich erkennen würde wenn ihre Anschauung intellektuell wäre

 





    In der metaphysischen Deduktion wurde der Ursprung der Kategorien a priori

überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den allgemeinen logischen

Funktionen des Denkens dargetan in der transzendentalen aber die Möglichkeit

derselben als Erkenntnisse a priori von Gegenständen einer Anschauung überhaupt

§ 20 21 dargestellt Jetzt soll die Möglichkeit durch Kategorien die

Gegenstände die nur immer unseren Sinnen vorkommen mögen und zwar nicht der

Form ihrer Anschauung sondern den Gesetzen ihrer Verbindung nach a priori zu

erkennen also der Natur gleichsam das Gesetz vorzuschreiben und sie so gar

möglich zu machen erklärt werden Denn ohne diese ihre Tauglichkeit würde nicht

erhellen wie alles was unseren Sinnen nur vorkommen mag unter den Gesetzen

stehen müsse die a priori aus dem Verstande allein entspringen

    Zuvörderst merke ich an dass ich unter der Synthesis der Apprehension die

Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen Anschauung verstehe

dadurch Wahrnehmung di empirisches Bewusstsein derselben als Erscheinung

möglich wird

    Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen Anschauung a

priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen muss die Synthesis der

Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung jederzeit gemäß sein weil sie

selbst nur nach dieser Form geschehen kann Aber Raum und Zeit sind nicht bloß

als Formen der sinnlichen Anschauung sondern als Anschauungen selbst die ein

Mannigfaltiges enthalten also mit der Bestimmung der Einheit dieses

Mannigfaltigen in ihnen a priori vorgestellt siehe transz Ästhet21 Also ist

selbst schon Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen außer oder in uns mithin

auch eine Verbindung der alles was im Raume oder der Zeit bestimmt vorgestellt

werden soll gemäß sein muss a priori als Bedingung der Synthesis aller

Apprehension schon mit nicht in diesen Anschauungen zugleich gegeben Diese

synthetische Einheit aber kann keine andere sein als die der Verbindung des

Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung überhaupt in einem ursprünglichen

Bewusstsein den Kategorien gemäß nur auf unsere sinnliche Anschauung angewandt

Folglich steht alle Synthesis wodurch selbst Wahrnehmung möglich wird unter

den Kategorien und da Erfahrung Erkenntnis durch verknüpfte Wahrnehmungen ist

so sind die Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung und gelten

also a priori auch von allen Gegenständen der Erfahrung

 

                                       

 

    Wenn ich also zB die empirische Anschauung eines Hauses durch Apprehension

des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache so liegt mir die notwendige

Einheit des Raumes und der äußeren sinnlichen Anschauung überhaupt zum Grunde

und ich zeichne gleichsam seine Gestalt dieser synthetischen Einheit des

Mannigfaltigen im Raume gemäß Eben dieselbe synthetische Einheit aber wenn ich

von der Form des Raumes abstrahiere hat im Verstande ihren Sitz und ist die

Kategorie der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung überhaupt di

die Kategorie der Größe welcher also jene Synthesis der Apprehension di die

Wahrnehmung durchaus gemäß sein muß22

    Wenn ich in einem anderen Beispiele das Gefrieren des Wassers wahrnehme

so apprehendiere ich zwei Zustände der Flüssigkeit und Festigkeit als solche

die in einer Relation der Zeit gegen einander stehen Aber in der Zeit die ich

der Erscheinung als innere Anschauung zum Grunde lege stelle ich mir notwendig

synthetische Einheit des Mannigfaltigen vor ohne die jene Relation nicht in

einer Anschauung bestimmt in Ansehung der Zeitfolge gegeben werden könnte Nun

ist aber diese synthetische Einheit als Bedingung a priori unter der ich das

Mannigfaltige einer Anschauung überhaupt verbinde wenn ich von der beständigen

Form meiner inneren Anschauung der Zeit abstrahiere die Kategorie der Ursache

durch welche ich wenn ich sie auf meine Sinnlichkeit anwende alles was

geschieht in der Zeit überhaupt seiner Relation nach bestimme Also steht die

Apprehension in einer solchen Begebenheit mithin diese selbst der möglichen

Wahrnehmung nach unter dem Begriffe des Verhältnisses der Wirkungen und

Ursachen und so in allen andern Fällen

 

                                       

 

    Kategorien sind Begriffe welche den Erscheinungen mithin der Natur als

dem Inbegriffe aller Erscheinungen natura materialiter spectata Gesetze a

priori vorschreiben und nun frägt sich da sie nicht von der Natur abgeleitet

werden und sich nach ihr als ihrem Muster richten weil sie sonst bloß empirisch

sein würden wie es zu begreifen sei dass die Natur sich nach ihnen richten

müsse di wie sie die Verbindung des Mannigfaltigen der Natur ohne sie von

dieser abzunehmen a priori bestimmen können Hier ist die Auflösung dieses

Rätsels

    Es ist nun nichts befremdlicher wie die Gesetze der Erscheinungen in der

Natur mit dem Verstande und seiner Form a priori di seinem Vermögen das

Mannigfaltige überhaupt zu verbinden als wie die Erscheinungen selbst mit der

Form der sinnlichen Anschauung a priori übereinstimmen müssen Denn Gesetze

existieren eben so wenig in den Erscheinungen sondern nur relativ auf das

Subjekt dem die Erscheinungen inhärieren so fern es Verstand hat als

Erscheinungen nicht an sich existieren sondern nur relativ auf dasselbe Wesen

so fern es Sinne hat Dingen an sich selbst würde ihre Gesetzmäßigkeit

notwendig auch außer einem Verstande der sie erkennt zukommen Allein

Erscheinungen sind nur Vorstellungen von Dingen die nach dem was sie an sich

sein mögen unerkannt da sind Als bloße Vorstellungen aber stehen sie unter gar

keinem Gesetze der Verknüpfung als demjenigen welches das verknüpfende

Vermögen vorschreibt Nun ist das was das Mannigfaltige der sinnlichen

Anschauung verknüpft Einbildungskraft die vom Verstande der Einheit ihrer

intellektuellen Synthesis und von der Sinnlichkeit der Mannigfaltigkeit der

Apprehension nach abhängt Da nun von der Synthesis der Apprehension alle

mögliche Wahrnehmung sie selbst aber diese empirische Synthesis von der

transzendentalen mithin den Kategorien abhängt so müssen alle mögliche

Wahrnehmungen mithin auch alles was zum empirischen Bewusstsein immer gelangen

kann di alle Erscheinungen der Natur ihrer Verbindung nach unter den

Kategorien stehen von welchen die Natur bloß als Natur überhaupt betrachtet

als dem ursprünglichen Grunde ihrer notwendigen Gesetzmäßigkeit als natura

formaliter spectata abhängt Auf mehrere Gesetze aber als die auf denen eine

Natur überhaupt als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit, beruht

reicht auch das reine Verstandesvermögen nicht zu durch bloße Kategorien den

Erscheinungen a priori Gesetze vorzuschreiben Besondere Gesetze weil sie

empirisch bestimmte Erscheinungen betreffen können davon nicht vollständig

abgeleitet werden ob sie gleich alle insgesamt unter jenen stehen Es muss

Erfahrung dazu kommen um die letztere überhaupt kennen zu lernen von Erfahrung

aber überhaupt und dem was als ein Gegenstand derselben erkannt werden kann

geben allein jene Gesetze a priori die Belehrung

 








 

    Wir können uns keinen Gegenstand denken ohne durch Kategorien wir können

keinen gedachten Gegenstand erkennen ohne durch Anschauungen die jenen

Begriffen entsprechen Nun sind alle unsere Anschauungen sinnlich und diese

Erkenntnis so fern der Gegenstand derselben gegeben ist ist empirisch

Empirische Erkenntnis aber ist Erfahrung Folglich ist uns keine Erkenntnis a

priori möglich als lediglich von Gegenständen möglicher Erfahrung23

    Aber diese Erkenntnis die bloß auf Gegenstände der Erfahrung eingeschränkt

ist ist darum nicht alle von der Erfahrung entlehnt sondern was sowohl die

reinen Anschauungen als die reinen Verstandesbegriffe betrifft so sind

Elemente der Erkenntnis die in uns a priori angetroffen werden Nun sind nur

zwei Wege auf welchen eine notwendige Übereinstimmung der Erfahrung mit den

Begriffen von ihren Gegenständen gedacht werden kann entweder die Erfahrung

macht diese Begriffe oder diese Begriffe machen die Erfahrung möglich Das

erstere findet nicht in Ansehung der Kategorien auch nicht der reinen

sinnlichen Anschauung statt denn sie sind Begriffe a priori mithin unabhängig

von der Erfahrung die Behauptung eines empirischen Ursprungs wäre eine Art von

generatio aequivoca Folglich bleibt nur das zweite übrig gleichsam ein System

der Epigenesis der reinen Vernunft): dass nämlich die Kategorien von Seiten des

Verstandes die Gründe der Möglichkeit aller Erfahrung überhaupt enthalten Wie

sie aber die Erfahrung möglich machen und welche Grundsätze der Möglichkeit

derselben sie in ihrer Anwendung auf Erscheinungen an die Hand geben wird das

folgende Hauptstück von dem transz Gebrauche der Urteilskraft das mehrere

lehren

    Wollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch einen

Mittelweg vorschlagen nämlich dass sie weder selbstgedachte erste Prinzipien a

priori unserer Erkenntnis noch auch aus der Erfahrung geschöpft sondern

subjektive uns mit unserer Existenz zugleich eingepflanzte Anlagen zum Denken

wären die von unserm Urheber so eingerichtet worden dass ihr Gebrauch mit den

Gesetzen der Natur an welchen die Erfahrung fortläuft genau stimmte eine Art

von Präformationssystem der reinen Vernunft), so würde außer dem dass bei einer

solchen Hypothese kein Ende abzusehen ist wie weit man die Voraussetzung

vorbestimmter Anlagen zu künftigen Urteilen treiben möchte das wider gedachten

Mittelweg entscheidend sein dass in solchem Falle den Kategorien die

Notwendigkeit mangeln würde die ihrem Begriffe wesentlich angehört Denn zB

der Begriff der Ursache welcher die Notwendigkeit eines Erfolgs unter einer

vorausgesetzten Bedingung aussagt würde falsch sein wenn er nur auf einer

beliebigen uns eingepflanzten subjektiven Notwendigkeit gewisse empirische

Vorstellungen nach einer solchen Regel des Verhältnisses zu verbinden beruhte

Ich würde nicht sagen können die Wirkung ist mit der Ursache im Objekte di

notwendig verbunden sondern ich bin nur so eingerichtet dass ich diese

Vorstellung nicht anders als so verknüpft denken kann welches gerade das ist

was der Skeptiker am meisten wünscht denn alsdann ist alle unsere Einsicht

durch vermeinte objektive Gültigkeit unserer Urteile nichts als lauter Schein

und es würde auch an Leuten nicht fehlen die diese subjektive Notwendigkeit

die gefühlt werden muss von sich nicht gestehen würden zum wenigsten könnte

man mit niemanden über dasjenige hadern was bloß auf der Art beruht wie sein

Subjekt organisiert ist

 










 

    Sie ist die Darstellung der reinen Verstandesbegriffe und mit ihnen aller

theoretischen Erkenntnis a priori als Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung

dieser aber als Bestimmung der Erscheinungen in Raum und Zeit überhaupt

endlich dieser aus dem Prinzip der ursprünglichen synthetischen Einheit der

Apperzeption als der Form des Verstandes in Beziehung auf Raum und Zeit, als

ursprüngliche Formen der Sinnlichkeit

 

                                       

 

    Nur bis hierher halte ich die ParagraphenAbteilung für nötig weil wir es

mit den Elementarbegriffen zu tun hatten Nun wir den Gebrauch derselben

vorstellig machen wollen wird der Vortrag in kontinuierlichem Zusammenhange

ohne dieselbe fortgehen dürfen

 
 

                                        



                   

    Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbauet der ganz genau mit

der Einteilung der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft Diese sind

Verstand Urteilskraft und Vernunft Jene Doktrin handelt daher in ihrer

Analytik von Begriffen Urteilen und Schlüssen gerade den Funktionen und der

Ordnung jener Gemütskräfte gemäß die man unter der weitläufigen Benennung des

Verstandes überhaupt begreift

    Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntnis ob sie rein

oder empirisch sei abstrahiert und sich bloß mit der Form des Denkens der

diskursiven Erkenntnis überhaupt beschäftigt so kann sie in ihrem analytischen

Teile auch den Kanon für die Vernunft mit befassen deren Form ihre sichere

Vorschrift hat die ohne die besondere Natur der dabei gebrauchten Erkenntnis

in Betracht zu ziehen a priori durch bloße Zergliederung der

Vernunfthandlungen in ihre Momente eingesehen werden kann

    Die transzendentale Logik da sie auf einen bestimmten Inhalt nämlich bloß

der reinen Erkenntnisse a priori eingeschränkt ist kann es ihr in dieser

Einteilung nicht nachtun Denn es zeigt sich dass der transzendentale Gebrauch

der Vernunft gar nicht objektiv gültig sei mithin nicht zur Logik der Wahrheit

di der Analytik gehöre sondern als eine Logik des Scheins einen besonderen

Teil des scholastischen Lehrgebäudes unter dem Namen der transzendentalen

Dialektik erfordere

    Verstand und Urteilskraft haben dem nach ihren Kanon des objektiv gültigen

mithin wahren Gebrauchs in der transzendentalen Logik und gehören also in

ihren analytischen Teil Allein Vernunft in ihren Versuchen über Gegenstände a

priori etwas auszumachen und das Erkenntnis über die Grenzen möglicher

Erfahrung zu erweitern ist ganz und gar dialektisch und ihre Scheinbehauptungen

schicken sich durchaus nicht in einen Kanon dergleichen doch die Analytik

enthalten soll

    Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon für die

Urteilskraft sein der sie lehrt die Verstandesbegriffe welche die Bedingung

zu Regeln a priori enthalten auf Erscheinungen anzuwenden Aus dieser Ursache

werde ich indem ich die eigentlichen Grundsätze des Verstandes zum Thema nehme

mich der Benennung einer Doktrin der Urteilskraft bedienen wodurch dieses

Geschäfte genauer bezeichnet wird

 
 






    Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird so ist

Urteilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren di zu unterscheiden

ob etwas unter einer gegebenen Regel casus datae legis stehe oder nicht Die

allgemeine Logik enthält gar keine Vorschriften für die Urteilskraft und kann

sie auch nicht enthalten Denn da sie von allem Inhalte der Erkenntnis

abstrahiert so bleibt ihr nichts übrig als das Geschäfte die bloße Form der

Erkenntnis in Begriffen Urteilen und Schlüssen analytisch auseinander zu

setzen und dadurch formale Regeln alles Verstandesgebrauchs zu Stande zu

bringen Wollte sie nun allgemein zeigen wie man unter diese Regeln

subsumieren di unterscheiden sollte ob etwas darunter stehe oder nicht so

könnte dieses nicht anders als wieder durch eine Regel geschehen Diese aber

erfordert eben darum weil sie eine Regel ist aufs neue eine Unterweisung der

Urteilskraft und so zeigt sich dass zwar der Verstand einer Belehrung und

Ausrüstung durch Regeln fähig Urteilskraft aber ein besonderes Talent sei

welches gar nicht belehrt sondern nur geübt sein will Daher ist diese auch das

Spezifische des so genannten Mutterwitzes dessen Mangel keine Schule ersetzen

kann denn ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande Regeln vollauf von

fremder Einsicht entlehnt darreichen und gleichsam einpfropfen kann so muss

doch das Vermögen sich ihrer richtig zu bedienen dem Lehrlinge selbst

angehören und keine Regel die man ihm in dieser Absicht vorschreiben möchte

ist in Ermangelung einer solchen Naturgabe vor Missbrauch sicher24 Ein Arzt

daher ein Richter oder ein Staatskundiger kann viel schöne pathologische

juristische oder politische Regeln im Kopfe haben in dem Grade dass er selbst

darin gründlicher Lehrer werden kann und wird dennoch in der Anwendung

derselben leicht verstoßen entweder weil es ihm an natürlicher Urteilskraft

obgleich nicht am Verstande mangelt und er zwar das Allgemeine in abstracto

einsehen aber ob ein Fall in concreto darunter gehöre nicht unterscheiden

kann oder auch darum weil er nicht genug durch Beispiele und wirkliche

Geschäfte zu diesem Urteile abgerichtet worden Dieses ist auch der einige und

große Nutzen der Beispiele dass sie die Urteilskraft schärfen Denn was die

Richtigkeit und Präzision der Verstandeseinsicht betrifft so tun sie derselben

vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch weil sie nur selten die Bedingung der

Regel adäquat erfüllen als casus in terminis und überdem diejenige Anstrengung

des Verstandes oftmals schwächen Regeln im allgemeinen und unabhängig von den

besonderen Umständen der Erfahrung nach ihrer Zulänglichkeit einzusehen und

sie daher zuletzt mehr wie Formeln als Grundsätze zu gebrauchen angewöhnen So

sind Beispiele der Gängelwagen der Urteilskraft welchen derjenige dem es am

natürlichen Talent desselben mangelt niemals entbehren kann

    Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urteilskraft keine Vorschriften

geben kann so ist es doch mit der transzendentalen ganz anders bewandt so gar

dass es scheint die letztere habe es zu ihrem eigentlichen Geschäfte die

Urteilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes durch bestimmte Regeln zu

berichtigen und zu sichern Denn um dem Verstande im Felde reiner Erkenntnisse

a priori Erweiterung zu verschaffen mithin als Doktrin scheint Philosophie gar

nicht nötig oder vielmehr übel angebracht zu sein weil man nach allen

bisherigen Versuchen damit doch wenig oder gar kein Land gewonnen hat sondern

als Kritik um die Fehltritte der Urteilskraft lapsus iudicii im Gebrauch der

wenigen reinen Verstandesbegriffe die wir haben zu verhüten dazu obgleich

der Nutzen alsdann nur negativ ist wird Philosophie mit ihrer ganzen

Scharfsinnigkeit und Prüfungskunst aufgeboten

    Es hat aber die TranszendentalPhilosophie das Eigentümliche dass sie außer

der Regel oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu Regeln die in dem reinen

Begriffe des Verstandes gegeben wird zugleich a priori den Fall anzeigen kann

worauf sie angewandt werden sollen Die Ursache von dem Vorzuge den sie in

diesem Stücke vor allen andern belehrenden Wissenschaften hat außer der

Mathematik liegt eben darin dass sie von Begriffen handelt die sich auf ihre

Gegenstände a priori beziehen sollen mithin kann ihre objektive Gültigkeit

nicht a posteriori dargetan werden denn das würde jene Dignität derselben ganz

unberührt lassen sondern sie muss zugleich die Bedingungen unter welchen

Gegenstände in Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben werden können in

allgemeinen aber hinreichenden Kennzeichen darlegen widrigenfalls sie ohne

allen Inhalt mithin bloße logische Formen und nicht reine Verstandesbegriffe

sein würden

    Diese transzendentale Doktrin der Urteilskraft wird nun zwei Hauptstücke

enthalten das erste welches von der sinnlichen Bedingung handelt unter

welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht werden können di von dem

Schematismus des reinen Verstandes das zweite aber von denen synthetischen

Urteilen welche aus reinen Verstandesbegriffen unter diesen Bedingungen a

priori herfließen und allen übrigen Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen

di von den Grundsätzen des reinen Verstandes

 
 

                                        




    In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff muss die

Vorstellung des ersteren mit der letzten gleichartig sein di der Begriff muss

dasjenige enthalten was in dem darunter zu subsumierenden Gegenstande

vorgestellt wird denn das bedeutet eben der Ausdruck ein Gegenstand sei unter

einem Begriffe enthalten So hat der empirische Begriff eines Tellers mit dem

reinen geometrischen eines Zirkels Gleichartigkeit indem die Rundung die in

dem ersteren gedacht wird sich im letzteren anschauen lässt

    Nun sind aber reine Verstandesbegriffe in Vergleichung mit empirischen ja

überhaupt sinnlichen Anschauungen ganz ungleichartig und können niemals in

irgend einer Anschauung angetroffen werden Wie ist nun die Subsumtion der

letzteren unter die erste mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen

möglich da doch niemand sagen wird diese z B die Kausalität könne auch

durch Sinne angeschaut werden und sei in der Erscheinung enthalten Diese so

natürliche und erhebliche Frage ist nun eigentlich die Ursache welche eine

transzendentale Doktrin der Urteilskraft notwendig macht um nämlich die

Möglichkeit zu zeigen wie reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt

angewandt werden können In allen anderen Wissenschaften wo die Begriffe durch

die der Gegenstand allgemein gedacht wird von denen die diesen in concreto

vorstellen wie er gegeben wird nicht so unterschieden und heterogen sind ist

es unnötig wegen der Anwendung des ersteren auf den letzten besondere

Erörterung zu geben

    Nun ist klardass es ein Drittes geben müsse was einerseits mit der

Kategorie andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen muss und

die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht Diese vermittelnde

Vorstellung muss rein ohne alles Empirische und doch einerseits intellektuell

andererseits sinnlich sein Eine solche ist das transzendentale Schema

    Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des Mannigfaltigen

überhaupt Die Zeit als die formale Bedingung des Mannigfaltigen des inneren

Sinnes mithin der Verknüpfung aller Vorstellungen enthält ein Mannigfaltiges a

priori in der reinen Anschauung Nun ist eine transzendentale Zeitbestimmung mit

der Kategorie die die Einheit derselben ausmacht so fern gleichartig als sie

allgemein ist und auf einer Regel a priori beruht Sie ist aber andererseits mit

der Erscheinung so fern gleichartig als die Zeit in jeder empirischen

Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten ist Daher wird eine Anwendung der

Kategorie auf Erscheinungen möglich sein vermittelst der transzendentalen

Zeitbestimmung welche als das Schema der Verstandesbegriffe die Subsumtion

der letzteren unter die erste vermittelt

    Nach demjenigen was in der Deduktion der Kategorien gezeigt worden wird

hoffentlich niemand im Zweifel stehen sich über die Frage zu entschließen ob

diese reine Verstandesbegriffe von bloß empirischem oder auch von

transzendentalem Gebrauche sein di ob sie lediglich als Bedingungen einer

möglichen Erfahrung sich a priori auf Erscheinungen beziehen oder ob sie als

Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt auf Gegenstände an sich selbst

ohne einige Restriktion auf unsre Sinnlichkeit erstreckt werden können Denn

da haben wir gesehen dass Begriffe ganz unmöglich sind noch irgend einige

Bedeutung haben können wo nicht entweder ihnen selbst oder wenigstens den

Elementen daraus sie bestehen ein Gegenstand gegeben ist mithin auf Dinge an

sich ohne Rücksicht ob und wie sie uns gegeben werden mögen gar nicht gehen

können dass ferner die einzige Art wie uns Gegenstände gegeben werden die

Modifikation unserer Sinnlichkeit sei endlich dass reine Begriffe a priori

außer der Funktion des Verstandes in der Kategorie noch formale Bedingungen der

Sinnlichkeit namentlich des inneren Sinnes a priori enthalten müssen welche

die allgemeine Bedingung enthalten unter der die Kategorie allein auf irgend

einen Gegenstand angewandt werden kann Wir wollen diese formale und reine

Bedingung der Sinnlichkeit auf welche der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch

restringiert ist das Schema dieses Verstandesbegriffs und das Verfahren des

Verstandes mit diesen Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen

    Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Produkt der

Einbildungskraft aber indem die Synthesis der letzteren keine einzelne

Anschauung sondern die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit allein zur

Absicht hat so ist das Schema doch vom Bilde zu unterscheiden So wenn ich

fünf Punkte hinter einander setze ist dieses ein Bild von der Zahl fünf

Dagegen wenn ich eine Zahl überhaupt nur denke die nun fünf oder hundert sein

kann so ist dieses Denken mehr die Vorstellung einer Methode einem gewissen

Begriffe gemäß eine Menge z E Tausend in einem Bilde vorzustellen als

dieses Bild selbst welches ich im letzten Falle schwerlich würde übersehen und

mit dem Begriff vergleichen können Diese Vorstellung nun von einem allgemeinen

Verfahren der Einbildungskraft einem Begriff sein Bild zu verschaffen nenne

ich das Schema zu diesem Begriffe

    In der Tat liegen unsern reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder der

Gegenstände sondern Schemate zum Grunde Dem Begriffe von einem Triangel

überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein Denn es würde die

Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen welche macht dass dieser für alle

rechtoder schiefwinklichte etc gilt sondern immer nur auf einen Teil dieser

Sphäre eingeschränkt sein Das Schema des Triangels kann niemals anderswo als in

Gedanken existieren und bedeutet eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft

in Ansehung reiner Gestalten im Raume Noch viel weniger erreicht ein Gegenstand

der Erfahrung oder Bild desselben jemals den empirischen Begriff sondern dieser

bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das Schema der Einbildungskraft als eine

Regel der Bestimmung unserer Anschauung gemäß einem gewissen allgemeinen

Begriffe Der Begriff vom Hunde bedeutet eine Regel nach welcher meine

Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnen

kann ohne auf irgend eine einzige besondere Gestalt die mir die Erfahrung

darbietet oder auch ein jedes mögliche Bild was ich in concreto darstellen

kann eingeschränkt zu sein Dieser Schematismus unseres Verstandes in Ansehung

der Erscheinungen und ihrer bloßen Form ist eine verborgene Kunst in den Tiefen

der menschlichen Seele deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals

abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden So viel können wir nur

sagen das Bild ist ein Produkt des empirischen Vermögens der produktiven

Einbildungskraft das Schema sinnlicher Begriffe als der Figuren im Raume ein

Produkt und gleichsam ein Monogramm der reinen Einbildungskraft a priori

wodurch und wonach die Bilder allererst möglich werden die aber mit dem

Begriffe nur immer vermittelst des Schema welches sie bezeichnen verknüpft

werden müssen und an sich demselben nicht völlig kongruieren Dagegen ist das

Schema eines reinen Verstandesbegriffs etwas was in gar kein Bild gebracht

werden kann sondern ist nur die reine Synthesis gemäß einer Regel der Einheit

nach Begriffen überhaupt die die Kategorie ausdrückt und ist ein

transzendentales Produkt der Einbildungskraft welches die Bestimmung des

inneren Sinnes überhaupt nach Bedingungen ihrer Form der Zeit in Ansehung

aller Vorstellungen betrifft so fern diese der Einheit der Apperzeption gemäß

a priori in einem Begriff zusammenhängen sollten

    Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung dessen was

zu transzendentalen Schematen reiner Verstandesbegriffe überhaupt erfordert

wird aufzuhalten wollen wir sie lieber nach der Ordnung der Kategorien und in

Verknüpfung mit diesen darstellen

    Das reine Bild aller Größen quantorum vor dem äußern Sinne ist der Raum

aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt die Zeit Das reine Schema der Größe

aber quantitatis als eines Begriffs des Verstandes ist die Zahl welche eine

Vorstellung ist die die sukzessive Addition von Einem zu Einem Gleichartigen

zusammenbefasst Also ist die Zahl nichts anders als die Einheit der Synthesis

des Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt dadurch dass ich

die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge

    Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das was einer Empfindung

überhaupt korrespondiert dasjenige also dessen Begriff an sich selbst ein Sein

in der Zeit anzeigt Negation dessen Begriff ein Nichtsein in der Zeit

vorstellt Die Entgegensetzung beider geschieht also in dem Unterschiede

derselben Zeit als einer erfüllten oder leeren Zeit Da die Zeit nur die Form

der Anschauung mithin der Gegenstände als Erscheinungen istso ist das was

an diesen der Empfindung entspricht die transzendentale Materie aller

Gegenstände als Dinge an sich die Sachheit Realität Nun hat jede Empfindung

einen Grad oder Größe wodurch sie dieselbe Zeit di den inneren Sinn in

Ansehung derselben Vorstellung eines Gegenstandes mehr oder weniger erfüllen

kann bis sie in Nichts  0  Negation aufhört Daher ist ein Verhältnis und

Zusammenhang oder vielmehr ein Übergang von Realität zur Negation welcher jede

Realität als ein Quantum vorstellig macht und das Schema einer Realität als

der Quantität von etwas so fern es die Zeit erfüllt ist eben diese

kontinuierliche und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit indem man von

der Empfindung die einen gewissen Grad hat in der Zeit bis zum Verschwinden

derselben hinabgeht oder von der Negation zu der Größe derselben allmählich

aufsteigt

    Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit di

die Vorstellung desselben als eines Substratum der empirischen Zeitbestimmung

überhaupt welches also bleibt indem alles andre wechselt Die Zeit verläuft

sich nicht sondern in ihr verläuft sich das Dasein des Wandelbaren Der Zeit

also die selbst unwandelbar und bleibend ist korrespondiert in der Erscheinung

das Unwandelbare im Dasein di die Substanz und bloß an ihr kann die Folge

und das Zugleichsein der Erscheinungen der Zeit nach bestimmet werden

    Das Schema der Ursache und der Kausalität eines Dinges überhaupt ist das

Reale worauf wenn es nach Belieben gesetzt wird jederzeit etwas anderes

folgt Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen in so fern sie

einer Regel unterworfen ist

    Das Schema der Gemeinschaft Wechselwirkung oder der wechselseitigen

Kausalität der Substanzen in Ansehung ihrer Akzidenzen ist das Zugleichsein der

Bestimmungen der einen mit denen der anderen nach einer allgemeinen Regel

    Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis

verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt zB da das

Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich sondern nur nacheinander sein

kann also die Bestimmung der Vorstellung eines Dinges zu irgend einer Zeit

    Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit

    Das Schema der Notwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes zu aller

Zeit

    Man sieht nun aus allem diesem dass das Schema einer jeden Kategorie als

das der Größe die Erzeugung Synthesis der Zeit selbst in der sukzessiven

Apprehension eines Gegenstandes das Schema der Qualität die Synthesis der

Empfindung Wahrnehmung mit der Vorstellung der Zeit oder die Erfüllung der

Zeit das der Relation das Verhältnis der Wahrnehmungen unter einander zu aller

Zeit di nach einer Regel der Zeitbestimmung endlich das Schema der

Modalität und ihrer Kategorien die Zeit selbst als das Korrelatem der

Bestimmung eines Gegenstandes ob und wie er zur Zeit gehöre enthalte und

vorstellig mache Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen a priori

nach Regeln und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien auf die Zeitreihe

 den Zeitinhalt die Zeitordnung endlich den Zeitinbegriff in Ansehung aller

möglichen Gegenstände

    Hieraus erhellet nun dass der Schematismus des Verstandes durch die

transzendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anders als die

Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren Sinne und so

indirekt auf die Einheit der Apperzeption als Funktion welche dem inneren Sinn

einer Rezeptivität korrespondiert hinauslaufe Also sind die Schemate der

reinen Verstandesbegriffe die wahren und einzigen Bedingungen diesen eine

Beziehung auf Objekte mithin Bedeutung zu verschaffen und die Kategorien sind

daher am Ende von keinem andern als einem möglichen empirischen Gebrauche

indem sie bloß dazu dienen durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit

wegen der notwendigen Vereinigung alles Bewusstseins in einer ursprünglichen

Apperzeption Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen und

sie dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu

machen

    In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere

Erkenntnisse und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht die

transzendentale Wahrheit die vor aller empirischen vorhergeht und sie möglich

macht

    Es fällt aber doch auch in die Augen dass obgleich die Schemate der

Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisieren sie doch selbige gleichwohl

auch restringieren di auf Bedingungen einschränken die außer dem Verstande

liegen nämlich in der Sinnlichkeit Daher ist das Schema eigentlich nur das

Phänomenen oder der sinnliche Begriff eines Gegenstandes in Übereinstimmung

mit der Kategorie numerus est quantitas phaenomenon sensatio realitas

phaenomenon constans et perdurabile rerum substantia phaenomenon  

aeternitas necessitas phaenomena etc Wenn wir nun eine restringierende

Bedingung weglassen so amplifizieren wir wie es scheint den vorher

eingeschränkten Begriff so sollten die Kategorien in ihrer reinen Bedeutung

ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit von Dingen überhaupt gelten wie sie

sind anstatt dass ihre Schemate sie nur vorstellen wie sie erscheinen jene

also eine von allen Schematen unabhängige und viel weiter erstreckte Bedeutung

haben In der Tat bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings auch nach

Absonderung aller sinnlichen Bedingung eine aber nur logische Bedeutung der

bloßen Einheit der Vorstellungen denen aber kein Gegenstand mithin auch keine

Bedeutung gegeben wird die einen Begriff vom Objekt abgeben könnte So würde

zB Substanz wenn man die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe

nichts weiter als ein Etwas bedeuten das als Subjekt ohne ein Prädikat von

etwas anderm zu sein gedacht werden kann Aus dieser Vorstellung kann ich nun

nichts machen indem sie mir gar nicht anzeigt welche Bestimmungen das Ding

hat welches als ein solches erstes Subjekt gelten soll Also sind die

Kategorien ohne Schemate nur Funktionen des Verstandes zu Begriffen stellen

aber keinen Gegenstand vor Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit

die den Verstand realisiert indem sie ihn zugleich restringiert

 
 

                                        



 
    Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transzendentale Urteilskraft nur

nach den allgemeinen Bedingungen erwogen unter denen sie allein die reinen

Verstandesbegriffe zu synthetischen Urteilen zu brauchen befugt ist Jetzt ist

unser Geschäfte die Urteile die der Verstand unter dieser kritischen Vorsicht

wirklich a priori zu Stande bringt in systematischer Verbindung darzustellen

wozu uns ohne Zweifel unsere Tafel der Kategorien die natürliche und sichere

Leitung geben muss Denn diese sind es eben deren Beziehung auf mögliche

Erfahrung alle reine Verstandeserkenntnis a priori ausmachen muss und deren

Verhältnis zur Sinnlichkeit überhaupt um deswillen alle transzendentale

Grundsätze des Verstandesgebrauchs vollständig und in einem System darlegen

wird

    Grundsätze a priori führen diesen Namen nicht bloß deswegen weil sie die

Gründe anderer Urteile in sich enthalten sondern auch weil sie selbst nicht in

hohem und allgemeinem Erkenntnissen gegründet sind Diese Eigenschaft überhebt

sie doch nicht allemal eines Beweises Denn obgleich dieser nicht weiter

objektiv geführt werden könnte sondern vielmehr alle Erkenntnis seines Objekts

zum Grunde liegt so hindert dies doch nicht dass nicht ein Beweis aus den

subjektiven Quellen der Möglichkeit einer Erkenntnis des Gegenstandes überhaupt

zu schaffen möglich ja auch nötig wäre weil der Satz sonst gleichwohl den

größten Verdacht einer bloß erschlichenen Behauptung auf sich haben würde

    Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze die sich auf die

Kategorien beziehen einschränken Die Prinzipien der transzendentalen Ästhetik

nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen der Möglichkeit aller Dinge als

Erscheinungen sind imgleichen die Restriktion dieser Grundsätze dass sie

nämlich nicht auf Dinge an sich selbst bezogen werden können gehören also nicht

in unser abgestochenes Feld der Untersuchung Eben so machen die mathematischen

Grundsätze keinen Teil dieses Systems aus weil sie nur aus der Anschauung aber

nicht aus dem reinen Verstandesbegriffe gezogen sind doch wird die Möglichkeit

derselben weil sie gleichwohl synthetische Urteile a priori sein hier

notwendig Platz finden zwar nicht um ihre Richtigkeit und apodiktische

Gewissheit zu beweisen welches sie gar nicht nötig haben sondern nur die

Möglichkeit solcher evidenten Erkenntnisse a priori begreiflich zu machen und zu

deduzieren

    Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urteile reden müssen

und dieses zwar im Gegensatz mit der synthetischen als mit welchen wir uns

eigentlich beschäftigen weil eben diese Gegenstellung die Theorie der letzteren

von allem Missverstand befreiet und sie in ihrer eigentümlichen Natur deutlich

vor Augen leget

 
 

                                        



        

    Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei und wie sie sich auf das

Objekt beziehen mag so ist doch die allgemeine obzwar nur negative Bedingung

aller unserer Urteile überhaupt dass sie sich nicht selbst widersprechen

widrigenfalls diese Urteile an sich selbst auch ohne Rücksicht aufs Objekt

nichts sind Wenn aber auch gleich in unserm Urteile kein Widerspruch ist so

kann es demungeachtet doch Begriffe so verbinden wie es der Gegenstand nicht

mit sich bringt oder auch ohne dass uns irgend ein Grund weder a priori noch a

posteriori gegeben ist welcher ein solches Urteil berechtigte und so kann ein

Urteil bei allem dem dass es von allem inneren Widerspruche frei ist doch

entweder falsch oder grundlos sein

    Der Satz nun Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu welches ihm widerspricht

heißt der Satz des Widerspruchs und ist ein allgemeines obzwar bloß negatives

Kriterium aller Wahrheit gehört aber auch darum bloß in die Logik weil er von

Erkenntnissen bloß als Erkenntnissen überhaupt unangesehen ihres Inhalts gilt

und sagt dass der Widerspruch sie gänzlich vernichte und aufhebe

    Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch machen di

nicht bloß um Falschheit und Irrtum so fern es auf dem Widerspruch beruhet zu

verbannen sondern auch Wahrheit zu erkennen Denn wenn das Urteil analytisch

ist es mag nun verneinend oder bejahend sein so muss dessen Wahrheit jederzeit

nach dem Satze des Widerspruchs hinreichend können erkannt werden Denn von dem

was in der Erkenntnis des Objekts schon als Begriff liegt und gedacht wird wird

das Widerspiel jederzeit richtig verneinet der Begriff selber aber notwendig

von ihm bejahet werden müssen darum weil das Gegenteil desselben dem Objekte

widersprechen würde

    Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine und

völlig hinreichende Principium aller analytischen Erkenntnis gelten lassen aber

weiter geht auch sein Ansehen und Brauchbarkeit nicht als eines hinreichenden

Kriterium der Wahrheit Denn dass ihm gar keine Erkenntnis zuwider sein könne

ohne sich selbst zu vernichten das macht diesen Satz wohl zur conditio sine qua

non aber nicht zum Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntnis Da wir es

nun eigentlich nur mit dem synthetischen Teile unserer Erkenntnis zu tun haben

so werden wir zwar jederzeit bedacht sein diesem unverletzlichen Grundsatz

niemals zuwider zu handeln von ihm aber in Ansehung der Wahrheit von

dergleichen Art der Erkenntnis niemals einigen Aufschluss gewärtigen können

    Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten obzwar von allem Inhalt

entblößten und bloß formalen Grundsatzes die eine Synthesis enthält welche aus

Unvorsichtigkeit und ganz unnötiger Weise in ihr gemischt worden Sie heißt Es

ist unmöglich dass etwas zugleich sei und nicht sei Außer dem dass hier die

apodiktische Gewissheit durch das Wort unmöglich überflüssiger Weise angehängt

worden die sich doch von selbst aus dem Satz muss verstehen lassen so ist der

Satz durch die Bedingung der Zeit affiziert und sagt gleichsam Ein Ding  A

welches etwas  B ist kann nicht zu gleicher Zeit non B sein aber es kann gar

wohl beides B so wohl als non B nach einander sein ZB ein Mensch der jung

ist kann nicht zugleich alt sein eben derselbe kann aber sehr wohl zu einer

Zeit jung zur andern nicht jung di alt sein Nun muss der Satz des

Widerspruchs als ein bloß logischer Grundsatz seine Aussprüche gar nicht auf

die Zeitverhältnisse einschränken daher ist eine solche Formel der Absicht

desselben ganz zuwider Der Missverstand kommt bloß daher dass man ein Prädikat

eines Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben absondert und nachher sein

Gegenteil mit diesem Prädikate verknüpft welches niemals einen Widerspruch mit

dem Subjekte sondern nur mit dessen Prädikate welches mit jenem synthetisch

verbunden worden abgibt und zwar nur denn wenn das erste und zweite Prädikat

zu gleicher Zeit gesetzt werden Sage ich ein Mensch der ungelehrt ist ist

nicht gelehrt so muss die Bedingung zugleich dabei stehen denn der so zu

einer Zeit ungelehrt ist kann zu einer andern gar wohl gelehrt sein Sage ich

aber kein ungelehrter Mensch ist gelehrt so ist der Satz analytisch weil das

Merkmal der Ungelehrtheit nunmehr den Begriff des Subjekts mit ausmacht und

alsdann erhellet der verneinende Satz unmittelbar aus dem Satze des

Widerspruchs ohne dass die Bedingung zugleich hinzu kommen darf Dieses ist

denn auch die Ursache weswegen ich oben die Formel desselben so verändert habe

dass die Natur eines analytischen Satzes dadurch deutlich ausgedruckt wird

 
 

                                        



       

    Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urteile ist eine Aufgabe mit

der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat die auch sogar ihren Namen

nicht einmal kennen darf Sie ist aber in einer transzendentalen Logik das

wichtigste Geschäfte unter allen und sogar das einzige wenn von der

Möglichkeit synthetischer Urteile a priori die Rede ist imgleichen den

Bedingungen und dem Umfange ihrer Gültigkeit Denn nach Vollendung desselben

kann sie ihrem Zwecke nämlich den Umfang und die Grenzen des reinen Verstandes

zu bestimmen vollkommen ein Genüge tun

    Im analytischen Urteile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe um etwas von

ihm auszumachen Soll es bejahend sein so lege ich diesem Begriffe nur

dasjenige bei was in ihm schon gedacht war soll es verneinend sein so

schließe ich nur das Gegenteil desselben von ihm aus In synthetischen Urteilen

aber soll ich aus dem gegebenen Begriff hinausgehen um etwas ganz anderes als

in ihm gedacht war mit demselben in Verhältnis zu betrachten welches daher

niemals weder ein Verhältnis der Identität noch des Widerspruchs ist und

wobei dem Urteile an ihm selbst weder die Wahrheit noch der Irrtum angesehen

werden kann

    Also zugegeben dass man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen müsse um

ihn mit einem andern synthetisch zu vergleichen so ist ein Drittes nötig worin

allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen kann Was ist nun aber dieses

Dritte als das Medium aller synthetischen Urteile Es ist nur ein Inbegriff

darin alle unsre Vorstellungen enthalten sind nämlich der innere Sinn und die

Form desselben a priori die Zeit Die Synthesis der Vorstellungen beruht auf

der Einbildungskraft die synthetische Einheit derselben aber die zum Urteile

erforderlich ist auf der Einheit der Apperzeption Hierin wird also die

Möglichkeit synthetischer Urteile und da alle drei die Quellen zu Vorstellungen

a priori enthalten auch die Möglichkeit reiner synthetischer Urteile zu suchen

sein ja sie werden sogar aus diesen Gründen notwendig sein wenn eine

Erkenntnis von Gegenständen zu Stande kommen soll die lediglich auf der

Synthesis der Vorstellungen beruht

    Wenn eine Erkenntnis objektive Realität haben di sich auf einen

Gegenstand beziehen und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll so muss der

Gegenstand auf irgend eine Art gegeben werden können Ohne das sind die Begriffe

leer und man hat dadurch zwar gedacht in der Tat aber durch dieses Denken

nichts erkannt sondern bloß mit Vorstellungen gespielt Einen Gegenstand geben

wenn dieses nicht wiederum nur mittelbar gemeint sein soll sondern unmittelbar

in der Anschauung darstellen ist nichts anders als dessen Vorstellung auf

Erfahrung es sei wirkliche oder doch mögliche beziehen Selbst der Raum und

die Zeit so rein diese Begriffe auch von allem Empirischen sind und so gewiss

es auch ist dass sie völlig a priori im Gemüte vorgestellt werden würden doch

ohne objektive Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung sein wenn ihr notwendiger

Gebrauch an den Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt würde ja ihre

Vorstellung ist ein bloßes Schema das sich immer auf die reproduktive

Einbildungskraft bezieht welche die Gegenstände der Erfahrung herbei ruft ohne

die sie keine Bedeutung haben würden und so ist es mit allen Begriffen ohne

Unterschied

    Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das was allen unsern Erkenntnissen a

priori objektive Realität gibt Nun beruht Erfahrung auf der synthetischen

Einheit der Erscheinungen di auf einer Synthesis nach Begriffen vom

Gegenstande der Erscheinungen überhaupt ohne welche sie nicht einmal

Erkenntnis sondern eine Rhapsodie von Wahrnehmungen sein würde die sich in

keinen Kontext nach Regeln eines durchgängig verknüpften möglichen

Bewusstseins mithin auch nicht zur transzendentalen und notwendigen Einheit der

Apperzeption zusammen schicken würden Die Erfahrung hat also Prinzipien ihrer

Form a priori zum Grunde liegen nämlich allgemeine Regeln der Einheit in der

Synthesis der Erscheinungen deren objektive Realität als notwendige

Bedingungen jederzeit in der Erfahrung, ja so gar ihrer Möglichkeit gewiesen

werden kann Außer dieser Beziehung aber sind synthetische Sätze a priori

gänzlich unmöglich weil sie kein Drittes nämlich reinen Gegenstand haben an

dem die synthetische Einheit ihrer Begriffe objektive Realität dartun könnte

    Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt oder den Gestalten welche die

produktive Einbildungskraft in ihm verzeichnet so vieles a priori in

synthetischen Urteilen erkennen so dass wir wirklich hierzu gar keiner Erfahrung

bedürfen so würde doch dieses Erkenntnis gar nichts sondern die Beschäftigung

mit einem bloßen Hirngespinst sein wäre der Raum nicht als Bedingung der

Erscheinungen welche den Stoff zur äußeren Erfahrung ausmachen anzusehen

daher sich jene reine synthetische Urteile obzwar nur mittelbar auf mögliche

Erfahrung oder vielmehr auf dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen und darauf

allein die objektive Gültigkeit ihrer Synthesis gründen

    Da also Erfahrung als empirische Synthesis in ihrer Möglichkeit die

einzige Erkenntnisart ist welche aller andern Synthesis Realität gibt so hat

diese als Erkenntnis a priori auch nur dadurch Wahrheit Einstimmung mit dem

Objekt dass sie nichts weiter enthält als was zur synthetischen Einheit der

Erfahrung überhaupt notwendig ist

    Das oberste Principium aller synthetischen Urteile ist also ein jeder

Gegenstand steht unter den notwendigen Bedingungen der synthetischen Einheit des

Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen Erfahrung

    Auf solche Weise sind synthetische Urteile a priori möglich wenn wir die

formalen Bedingungen der Anschauung a priori die Synthesis der

Einbildungskraft und die notwendige Einheit derselben in einer transzendentalen

Apperzeption auf ein mögliches Erfahrungserkenntnis überhaupt beziehen und

sagen die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich

Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung und haben darum

objektive Gültigkeit in einem synthetischen Urteile a priori

 
 

                                        



 
    Dass überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden das ist lediglich dem reinen

Verstande zuzuschreiben der nicht allein das Vermögen der Regeln ist in

Ansehung dessen was geschieht sondern selbst der Quell der Grundsätze nach

welchem alles was uns nur als Gegenstand vorkommen kann notwendig unter Regeln

stehet weil ohne solche den Erscheinungen niemals Erkenntnis eines ihnen

korrespondierenden Gegenstandes zukommen könnte Selbst Naturgesetze wenn sie

als Grundsätze des empirischen Verstandesgebrauchs betrachtet werden führen

zugleich einen Ausdruck der Notwendigkeit mithin wenigstens die Vermutung einer

Bestimmung aus Gründen die a priori und vor aller Erfahrung gültig sein bei

sich Aber ohne Unterschied stehen alle Gesetze der Natur unter höheren

Grundsätzen des Verstandes indem sie diese nur auf besondere Fälle der

Erscheinung anwenden Diese allein geben also den Begriff der die Bedingung und

gleichsam den Exponenten zu einer Regel überhaupt enthält Erfahrung aber gibt

den Fall der unter der Regel steht

    Dass man bloß empirische Grundsätze für Grundsätze des reinen Verstandes

oder auch umgekehrt ansehe deshalb kann wohl eigentlich keine Gefahr sein denn

die Notwendigkeit nach Begriffen welche die letztere auszeichnet und deren

Mangel in jedem empirischen Satze so allgemein er auch gelten mag leicht

wahrgenommen wird kann diese Verwechselung leicht verhüten Es gibt aber reine

Grundsätze a priori die ich gleichwohl doch nicht dem reinen Verstande

eigentümlich beimessen möchte darum weil sie nicht aus reinen Begriffen

sondern aus reinen Anschauungen obgleich vermittelst des Verstandes gezogen

sind Verstand ist aber das Vermögen der Begriffe Die Mathematik hat

dergleichen aber ihre Anwendung auf Erfahrung mithin ihre objektive

Gültigkeit ja die Möglichkeit solcher synthetischen Erkenntnis a priori die

Deduktion derselben beruht doch immer auf dem reinen Verstande

    Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht mitzählen

aber wohl diejenigen worauf sich dieser ihre Möglichkeit und objektive

Gültigkeit a priori gründet und die mithin als Principium dieser Grundsätze

anzusehen sein und von Begriffen zur Anschauung nicht aber von der Anschauung

zu Begriffen ausgehen

    In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung ist

der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch oder dynamisch denn sie

geht teils bloß auf die Anschauung teils auf das Dasein einer Erscheinung

überhaupt Die Bedingungen a priori der Anschauung sind aber in Ansehung einer

möglichen Erfahrung durchaus notwendig die des Daseins der Objekte einer

möglichen empirischen Anschauung an sich nur zufällig Daher werden die

Grundsätze des mathematischen Gebrauchs unbedingt notwendig di apodiktisch

lauten die aber des dynamischen Gebrauchs werden zwar auch den Charakter einer

Notwendigkeit a priori aber nur unter der Bedingung des empirischen Denkens in

einer Erfahrung mithin nur mittelbar und indirekt bei sich führen folglich

diejenige unmittelbare Evidenz nicht enthalten obzwar ihrer auf Erfahrung

allgemein bezogenen Gewissheit unbeschadet die jenen eigen ist Doch dies wird

sich beim Schlusse dieses Systems von Grundsätzen besser beurteilen lassen

    Die Tafel der Kategorien gibt uns die ganz natürliche Anweisung zur Tafel

der Grundsätze weil diese doch nichts anders als Regeln des objektiven

Gebrauchs der ersteren sind Alle Grundsätze des reinen Verstandes sind demnach

 

                                       1

                                    Axiomen

                                 der Anschauung

 

2

                                                                              3

Antizipationen

                                                                       Analogien

der Wahrnehmung

                                                                   der Erfahrung

 

                                       4

                                   Postulate

                            des empirischen Denkens

                                   überhaupt

 

    Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt um die Unterschiede in

Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze nicht unbemerkt zu

lassen Es wird sich aber bald zeigen dass was sowohl die Evidenz als die

Bestimmung der Erscheinungen a priori nach den Kategorien der Größe und der

Qualität wenn man lediglich auf die Form der letzteren Acht hat betrifft die

Grundsätze derselben sich darin von den zweien übrigen namhaft unterscheiden

indem jene einer intuitiven diese aber einer bloß diskursiven obzwar

beiderseits einer völligen Gewissheit fähig sind Ich werde daher jene die

mathematischen diese die dynamischen Grundsätze nennen25 Man wird aber wohl

bemerken dass ich hier eben so wenig die Grundsätze der Mathematik in Einem

Falle als die Grundsätze der allgemeinen physischen Dynamik im andern

sondern nur die des reinen Verstandes im Verhältnis auf den inneren Sinn ohne

Unterschied der darin gegebenen Vorstellungen vor Augen habe dadurch denn jene

insgesamt ihre Möglichkeit bekommen Ich benenne sie also mehr in Betracht der

Anwendung als um ihres Inhalts willen und gehe nun zur Erwägung derselben in

der nämlichen Ordnung wie sie in der Tafel vorgestellt werden

 
 



                                       

 

    Alle Erscheinungen enthalten der Form nach eine Anschauung im Raum und

Zeit, welche ihnen insgesamt a priori Grunde liegt Sie können also nicht anders

apprehendiert di ins empirische Bewusstsein aufgenommen werden als durch die

Synthesis des Mannigfaltigen wodurch die Vorstellungen eines bestimmten Raumes

oder Zeit erzeugt werden di durch die Zusammensetzung des Gleichartigen und

das Bewusstsein der synthetischen Einheit dieses Mannigfaltigen Gleichartigen

Nun ist das Bewusstsein des mannigfaltigen Gleichartigen in der Anschauung

überhaupt so fern dadurch die Vorstellung eines Objekts zuerst möglich wird

der Begriff einer Größe quanti Also ist selbst die Wahrnehmung eines Objekts

als Erscheinung nur durch dieselbe synthetische Einheit des Mannigfaltigen der

gegebenen sinnlichen Anschauung möglich wodurch die Einheit der Zusammensetzung

des mannigfaltigen Gleichartigen im Begriffe einer Größe gedacht wird di die

Erscheinungen sind insgesamt Größen und zwar extensive Größen weil sie als

Anschauungen im Raume oder der Zeit durch dieselbe Synthesis vorgestellt werden

müssen als wodurch Raum und Zeit überhaupt bestimmt werden

    Eine extensive Größe nenne ich diejenige in welcher die Vorstellung der

Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht und also notwendig vor dieser

vorhergeht Ich kann mir keine Linie so klein sie auch sei vorstellen ohne

sie in Gedanken zu ziehen di von einem Punkte alle Teile nach und nach zu

erzeugen und dadurch allererst diese Anschauung zu verzeichnen Eben so ist es

auch mit jeder auch der kleinsten Zeit bewandt Ich denke mir darin nur den

sukzessiven Fortgang von einem Augenblick zum andern wo durch alle Zeitteile

und deren Hinzutun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt wird Da die bloße

Anschauung an allen Erscheinungen entweder der Raum oder die Zeit istso ist

jede Erscheinung als Anschauung eine extensive Größe indem sie nur durch

sukzessive Synthesis von Teil zu Teil in der Apprehension erkannt werden kann

Alle Erscheinungen werden demnach schon als Aggregate Menge vorhergegebener

Teile angeschaut welches eben nicht der Fall bei jeder Art Größen sondern nur

derer ist die uns extensiv als solche vorgestellt und apprehendiert werden

    Auf diese sukzessive Synthesis der produktiven Einbildungskraft in der

Erzeugung der Gestalten gründet sich die Mathematik der Ausdehnung Geometrie

mit ihren Axiomen welche die Bedingungen der sinnlichen Anschauung a priori

ausdrücken unter denen allein das Schema eines reinen Begriffs der äußeren

Erscheinung zu Stande kommen kann z E zwischen zwei Punkten ist nur eine

gerade Linie möglich zwei gerade Linien schließen keinen Raum ein etc Dies

sind die Axiomen welche eigentlich nur Größen quanta als solche betreffen

    Was aber die Größe quantitas di die Antwort auf die Frage wie groß

etwas sei betrifft so gibt es in Ansehung derselben obgleich verschiedene

dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiss indemonstrabilia sind dennoch

im eigentlichen Verstande keine Axiomen Denn dass Gleiches zu Gleichem

hinzugetan oder von diesem abgezogen ein Gleiches gebe sind analytische

Sätze indem ich mir der Identität der einen Größenerzeugung mit der andern

unmittelbar bewusst bin Axiomen aber sollen synthetische Sätze a priori sein

Dagegen sind die evidenten Sätze der Zahlverhältnis zwar allerdings synthetisch

aber nicht allgemein wie die der Geometrie und eben um deswillen auch nicht

Axiomen sondern können Zahlformeln genannt werden Dass 7  5  12 sei ist kein

analytischer Satz Denn ich denke weder in der Vorstellung von 7 noch von 5

noch in der Vorstellung von der Zusammensetzung beider die Zahl 12 dass ich

diese in der Addition beider denken solle davon ist hier nicht die Rede denn

bei dem analytischen Satze ist nur die Frage ob ich das Prädikat wirklich in

der Vorstellung des Subjekts denke Ob er aber gleich synthetisch istso ist

er doch nur ein einzelner Satz So fern hier bloß auf die Synthesis des

Gleichartigen der Einheiten gesehen wird so kann die Synthesis hier nur auf

eine einzige Art geschehen wiewohl der Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein

ist Wenn ich sage durch drei Linien deren zwei zusammengenommen größer sind

als die dritte lässt sich ein Triangel zeichnen so habe ich hier die bloße

Funktion der produktiven Einbildungskraft welche die Linien größer und kleiner

ziehen imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann zusammenstoßen lassen

Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art möglich und auch die Zahl 12

die durch die Synthesis der ersteren mit 5 erzeugt wird Dergleichen Sätze muss

man also nicht Axiomen denn sonst gäbe es deren unendliche sondern

Zahlformeln nennen

    Dieser transzendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen gibt

unserem Erkenntnis a priori große Erweiterung Denn er ist es allein welcher

die reine Mathematik in ihrer ganzen Präzision auf Gegenstände der Erfahrung

anwendbar macht welches ohne diesen Grundsatz nicht so von selbst erhellen

möchte ja auch manchen Widerspruch veranlasset hat Erscheinungen sind keine

Dinge an sich selbst. Die empirische Anschauung ist nur durch die reine des

Raumes und der Zeit möglich was also die Geometrie von dieser sagt gilt auch

ohne Widerrede von jener und die Ausflüchte als wenn Gegenstände der Sinne

nicht den Regeln der Konstruktion im Raume z E der unendlichen Teilbarkeit

der Linien oder Winkel gemäß sein dürfe muss wegfallen Denn dadurch spricht

man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objektive Gültigkeit ab und

weiß nicht mehr warum und wie weit sie auf Erscheinungen anzuwenden sei Die

Synthesis der Räume und Zeiten als der wesentlichen Form aller Anschauung ist

das was zugleich die Apprehension der Erscheinung mithin jede äußere

Erfahrung folglich auch alle Erkenntnis der Gegenstände derselben möglich

macht und was die Mathematik im reinen Gebrauch von jener beweiset das gilt

auch notwendig von dieser Alle Einwürfe dawider sind nur Schikanen einer falsch

belehrten Vernunft die irriger Weise die Gegenstände der Sinne von der formalen

Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt und sie obgleich sie bloß

Erscheinungen sind als Gegenstände an sich selbst, dem Verstande gegeben

vorstellt in welchem Falle freilich von ihnen a priori gar nichts mithin auch

nicht durch reine Begriffe vom Raume synthetisch erkannt werden könnte und die

Wissenschaft die diese bestimmt nämlich die Geometrie selbst nicht möglich

sein würde

 
 



                                       
 

    Wahrnehmung ist das empirische Bewusstsein di ein solches in welchem

zugleich Empfindung ist Erscheinungen als Gegenstände der Wahrnehmung sind

nicht reine bloß formale Anschauungen wie Raum und Zeit denn die können an

sich gar nicht wahrgenommen werden Sie enthalten also über die Anschauung noch

die Materien zu irgend einem Objekte überhaupt wodurch etwas Existierendes im

Raume oder der Zeit vorgestellt wird di das Reale der Empfindung als bloß

subjektive Vorstellungvon der man sich nur bewusst werden kann dass das Subjekt

affigiert sei und die man auf ein Objekt überhaupt bezieht in sich Nun ist

vom empirischen Bewusstsein zum reinen eine stufenartige Veränderung möglich da

das Reale desselben ganz verschwindet und ein bloß formales Bewusstsein a

priori des Mannigfaltigen im Raum und Zeit übrig bleibt also auch eine

Synthesis der Größenerzeugung einer Empfindung von ihrem Anfange der reinen

Anschauung  0 an bis zu einer beliebigen Große derselben Da nun Empfindung

an sich gar keine objektive Vorstellung ist und in ihr weder die Anschauung vom

Raum noch von der Zeit angetroffen wird so wird ihr zwar keine extensive

aber doch eine Größe und zwar durch die Apprehension derselben in welcher das

empirische Bewusstsein in einer gewissen Zeit von nichts  0 bis zu ihrem

gegebenen Maße erwachsen kann also eine intensive Größe zukommen welcher

korrespondierend allen Objekten der Wahrnehmung so fern diese Empfindung

enthält intensive Größe di ein Grad des Einflusses auf den Sinn beigelegt

werden muss

    Man kann alle Erkenntnis wodurch ich dasjenige was zur empirischen

Erkenntnis gehört a priori erkennen und bestimmen kann eine Antizipation

nennen und ohne Zweifel ist das die Bedeutung in welcher Epikur seinen

Ausdruck prolêpsis brauchte Da aber an den Erscheinungen etwas ist was niemals

a priori erkannt wird und welches daher auch den eigentlichen Unterschied des

Empirischen von dem Erkenntnis a priori macht nämlich die Empfindung als

Materie der Wahrnehmung so folgt dass diese es eigentlich sei was gar nicht

antizipiert werden kann Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen im Raume und

der Zeit sowohl in Ansehung der Gestalt als Größe Antizipationen der

Erscheinungen nennen können weil sie dasjenige a priori vorstellen was immer a

posteriori in der Erfahrung gegeben werden mag Gesetzt aber es finde sich doch

etwas was sich an jeder Empfindung als Empfindung überhaupt ohne dass eine

besondere gegeben sein mag a priori erkennen lässt so würde dieses im

ausnehmenden Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen weil es

befremdlich scheint der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen was gerade die

Materie derselben angeht die man nur aus ihr schöpfen kann Und so verhält es

sich hier wirklich

    Die Apprehension bloß vermittelst der Empfindung erfüllet nur einen

Augenblick wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen in

Betracht ziehe Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension keine

sukzessive Synthesis ist die von Teilen zur ganzen Vorstellung fortgeht hat

sie also keine extensive Größe der Mangel der Empfindung in demselben

Augenblicke würde diesen als leer vorstellen mithin  0 Was nun in der

empirischen Anschauung der Empfindung korrespondiert ist Realität realitas

phaenomenon was dem Mangel derselben entspricht Negation  0 Nun ist aber

jede Empfindung einer Verringerung fähig so dass sie abnehmen und so allmählich

verschwinden kann Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung und Negation

ein kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen Zwischenempfindungen deren

Unterschied von einander immer kleiner ist als der Unterschied zwischen der

gegebenen und dem Zero oder der gänzlichen Negation Das ist das Reale in der

Erscheinung hat jederzeit eine Größe welche aller nicht in der Apprehension

angetroffen wird indem diese vermittelst der bloßen Empfindung in einem

Augenblicke und nicht durch sukzessive Synthesis vieler Empfindungen geschieht

und also nicht von den Teilen zum Ganzen geht es hat also zwar eine Größe aber

keine extensive

    Nun nenne ich diejenige Größe die nur als Einheit apprehendiert wird und

in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation  0 vorgestellt werden

kann die intensive Größe Also hat jede Realität in der Erscheinung intensive

Größe di einen Grad Wenn man diese Realität als Ursache es sei der

Empfindung oder anderer Realität in der Erscheinung, zB einer Veränderung

betrachtet so nennt man den Grad der Realität als Ursache ein Moment zB

das Moment der Schwere und zwar darum weil der Grad nur die Größe bezeichnet

deren Apprehension nicht sukzessiv sondern augenblicklich ist Dieses berühre

ich aber hier nur beiläufig denn mit der Kausalität habe ich für jetzt noch

nicht zu tun

    So hat demnach jede Empfindung mithin auch jede Realität in der

Erscheinung, so klein sie auch sein mag einen Grad di eine intensive Größe

die noch immer vermindert werden kann und zwischen Realität und Negation ist

ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher Realitäten und möglicher kleinerer

Wahrnehmungen Eine jede Farbe z E die rote hat einen Grad der so klein er

auch sein mag niemals der kleinste ist und so ist es mit der Wärme dem Moment

der Schwere etc überall bewandt

    Die Eigenschaft der Größen nach welcher an ihnen kein Teil der

kleinstmögliche kein Teil einfach ist heißt die Kontinuität derselben Raum

und Zeit sind quanva continua weil kein Teil derselben gegeben werden kann,

ohne ihn zwischen Grenzen Punkten und Augenblicken einzuschließen mithin nur

so dass dieser Teil selbst wiederum ein Raum oder eine Zeit ist Der Raum

besteht also nur aus Räumen die Zeit aus Zeiten Punkte und Augenblicke sind

nur Grenzen di bloße Stellen ihrer Einschränkung Stellen aber setzen

jederzeit jene Anschauungen die sie beschränken oder bestimmen sollen voraus

und aus bloßen Stellen als aus Bestandteilen die noch vor dem Raume oder der

Zeit gegeben werden könnten kann weder Raum noch Zeit zusammengesetzt werden

Dergleichen Größen kann man auch fließende nennen weil die Synthesis der

produktiven Einbildungskraft in ihrer Erzeugung ein Fortgang in der Zeit ist

deren Kontinuität man besonders durch den Ausdruck des Fließens Verfließens

zu bezeichnen pflegt

    Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kontinuierliche Größen sowohl

ihrer Anschauung nach als extensive oder der bloßen Wahrnehmung Empfindung

und mithin Realität nach als intensive Größen Wenn die Synthesis des

Mannigfaltigen der Erscheinung unterbrochen istso ist dieses ein Aggregat von

vielen Erscheinungen und nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum welches

nicht durch die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art

sondern durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt wird Wenn

ich 13 Taler ein Geldquantum nenne so benenne ich es so fern richtig als ich

darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber verstehe welche aber allerdings

eine kontinuierliche Größe ist in welcher kein Teil der kleineste ist sondern

jeder Teil ein Geldstück ausmachen könnte welches immer Materie zu noch

kleineren enthielte Wenn ich aber unter jener Benennung 13 runde Taler

verstehe als so viel Münzen ihr Silbergehalt mag sein welcher er wolle so

benenne ich es unschicklich durch ein Quantum von Talern sondern muss es ein

Aggregat di eine Zahl Geldstücke nennen Da nun bei aller Zahl doch Einheit

zum Grunde liegen muss so ist die Erscheinung als Einheit ein Quantum und als

ein solches jederzeit ein Kontinuum

    Wenn nun alle Erscheinungen sowohl extensiv als intensiv betrachtet

kontinuierliche Größen sind so würde der Satz dass auch alle Veränderung

Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den andern kontinuierlich sein

leicht und mit mathematischer Evidenz hier bewiesen werden können wenn nicht

die Kausalität einer Veränderung überhaupt ganz außerhalb den Grenzen einer

TranszendentalPhilosophie läge und empirische Prinzipien voraussetzte Denn

dass eine Ursache möglich sei welche den Zustand der Dinge verändere di sie

zum Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes bestimme davon gibt uns der

Verstand a priori gar keine Eröffnung nicht bloß deswegen weil er die

Möglichkeit davon gar nicht einsieht denn diese Einsicht fehlt uns in mehreren

Erkenntnissen a priori sondern weil die Veränderlichkeit nur gewisse

Bestimmungen der Erscheinungen trifft welche die Erfahrung allein lehren kann

indessen dass ihre Ursache in dem Unveränderlichen anzutreffen ist Da wir aber

hier nichts vor uns haben dessen wir uns bedienen können als die reinen

Grundbegriffe aller möglichen Erfahrung unter welchen durchaus nichts

Empirisches sein muss so können wir, ohne die Einheit des Systems zu verletzen

der allgemeinen Naturwissenschaft welche auf gewisse Grunderfahrungen gebaut

ist nicht vorgreifen

    Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen Einflusses den

dieser unser Grundsatz hat Wahrnehmungen zu antizipieren und so gar deren

Mangel so fern zu ergänzen dass er allen falschen Schlüssen die daraus gezogen

werden möchten den Riegel vorschiebt

    Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat zwischen dem und der

Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade stattfindet und

gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der Rezeptivität der

Empfindungen haben muss so ist keine Wahrnehmung mithin auch keine Erfahrung

möglich die einen gänzlichen Mangel alles Realen in der Erscheinung, es sei

unmittelbar oder mittelbar durch welchen Umschweif im Schließen man immer

wolle bewiese di es kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren

Raume oder einer leeren Zeit gezogen werden Denn der gänzliche Mangel des

Realen in der sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen

werden zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem Unterschiede

des Grades ihrer Realität gefolgert oder darf auch zur Erklärung derselben

niemals angenommen werden Denn wenn auch die ganze Anschauung eines bestimmten

Raumes oder Zeit durch und durch real di kein Teil derselben leer ist so muss

es doch weil Jede Realität ihren Grad hat der bei unveränderter extensiven

Größe der Erscheinung bis zum Nichts dem Leeren durch unendliche Stufen

abnehmen kann unendlich verschiedene Grade mit welchen Raum oder Zeit erfüllet

sei geben und die intensive Größe in verschiedenen Erscheinungen kleiner oder

größer sein können obschon die extensive Größe der Anschauung gleich ist

    Wir wollen ein Beispiel davon geben Beinahe alle Naturlehrer da sie einen

großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener Art unter

gleichem Volumen teils durch das Moment der Schwere oder des Gewichts teils

durch das Moment des Widerstandes gegen andere bewegte Materien wahrnehmen

schließen daraus einstimmig dieses Volumen extensive Größe der Erscheinung

müsse in allen Materien ob zwar in verschiedenem Maße leer sein Wer hätte

aber von diesen größtenteils mathematischen und mechanischen Naturforschern sich

wohl jemals einfallen lassen dass sie diesen ihren Schluss lediglich auf eine

metaphysische Voraussetzung welche sie doch so sehr zu vermeiden vorgeben

gründeten indem sie annehmen dass das Reale im Raume ich mag es hier nicht

Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen weil dieses empirische Begriffe sind

allerwärts einerlei sei und sich nur der extensiven Größe di der Menge nach

unterscheiden könne Dieser Voraussetzung dazu sie keinen Grund in der

Erfahrung haben konnten und die also bloß metaphysisch ist setze ich einen

transzendentalen Beweis entgegen der zwar den Unterschied in der Erfüllung der

Räume nicht erklären soll aber doch die vermeinte Notwendigkeit jener

Voraussetzung gedachten Unterschied nicht anders als durch anzunehmende leere

Räume erklären zu können völlig aufhebt und das Verdienst hat den Verstand

wenigstens in Freiheit zu versetzen sich diese Verschiedenheit auch auf andere

Art zu denken wenn die Naturerklärung hierzu irgend eine Hypothese

Notwendig machen sollte Denn da sehen wir dass obschon gleiche Räume von

verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein mögen so dass in keinem von

beiden ein Punkt ist in welchem nicht ihre Gegenwart anzutreffen wäre so habe

doch jedes Reale bei derselben Qualität ihren Grad des Widerstandes oder des

Wiegens welcher ohne Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins

Unendliche kleiner sein kann ehe sie in das Leere übergeht und verschwindet

So kann eine Ausspannung die einen Raum erfüllt zB Wärme und auf gleiche

Weise jede andere Realität in der Erscheinung), ohne im mindesten den kleinsten

Teil dieses Raumes leer zu lassen in ihren Graden ins Unendliche abnehmen und

nichts desto weniger den Raum mit diesen kleinem Graden eben sowohl erfüllen

als eine andere Erscheinung mit größeren Meine Absicht ist hier keineswegs zu

behaupten dass dieses wirklich mit der Verschiedenheit der Materien ihrer

spezifischen Schwere nach so bewandt sei sondern nur aus einem Grundsatze des

reinen Verstandes darzutun dass die Natur unserer Wahrnehmungen eine solche

Erklärungsart möglichmache und dass man fälschlich das Reale der Erscheinung dem

Grade nach als gleich und nur der Aggregation und deren extensiven Größe nach

als verschieden annehme und dieses so gar vorgeblicher Maßen durch einen

Grundsatz des Verstandes a priori behaupte

    Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahrnehmung etwas für einen der

transzendentalen gewohnten und dadurch behutsam gewordenen Nachforscher immer

etwas Aufallendes an sich und erregt darüber einiges Bedenken dass der Verstand

einen dergleichen synthetischen Satz als der von dem Grad alles Realen in den

Erscheinungen ist und mithin der Möglichkeit des inneren Unterschiedes der

Empfindung selbst wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahiert und es

ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage wie der Verstand hierin

synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen und diese so gar in

demjenigen was eigentlich und bloß empirisch ist nämlich die Empfindung

angeht antizipieren könne

    Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a priori

gar nicht vorgestellt werden zB Farben Geschmack etc Aber das Reale was

den Empfindungen überhaupt korrespondiert im Gegensatz mit der Negation  0

stellet nur etwas vor dessen Begriff an sich ein Sein enthält und bedeutet

nichts als die Synthesis in einem empirischen Bewusstsein überhaupt In dem

inneren Sinn nämlich kann das empirische Bewusstsein von 0 bis zu jedem großem

Grade erhöhet werden so dass eben dieselbe extensive Größe der Anschauung zB

erleuchtete Fläche so große Empfindung erregt als ein Aggregat von vielem

andern minder Erleuchteten zusammen Man kann also von der extensiven Größe

der Erscheinung gänzlich abstrahieren und sich doch an der bloßen Empfindung in

einem Moment eine Synthesis der gleichförmigen Steigerung von 0 bis zu dem

gegebenen empirischen Bewusstsein vorstellen Alle Empfindungen werden daher als

solche zwar nur a priori gegeben aber die Eigenschaft derselben dass sie einen

Grad haben kann a priori erkannt werden Es ist merkwürdig dass wir an Größen

überhaupt a priori nur eine einzige Qualität nämlich die Kontinuität an aller

Qualität aber dem Realen der Erscheinungen nichts weiter a priori als die

intensive Quantität derselben nämlich dass sie einen Grad haben erkennen

können alles übrige bleibt der Erfahrung überlassen

 
 



 

    Erfahrung ist ein empirisches Erkenntnis di ein Erkenntnis das durch

Wahrnehmungen ein Objekt bestimmt Sie ist also eine Synthesis der

Wahrnehmungen die selbst nicht in der Wahrnehmung enthalten ist sondern die

synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben in einem Bewusstsein enthält

welche das Wesentliche einer Erkenntnis der Objekte der Sinne di der

Erfahrung nicht bloß der Anschauung oder Empfindung der Sinne ausmacht Nun

kommen zwar in der Erfahrung die Wahrnehmungen nur zufälliger Weise zu einander

so dass keine Notwendigkeit ihrer Verknüpfung aus den Wahrnehmungen selbst

erhellet noch erhellen kann weil Apprehension nur eine Zusammenstellung des

Mannigfaltigen der empirischen Anschauung aber keine Vorstellung von der

Notwendigkeit der verbundenen Existenz der Erscheinungen die sie zusammenstellt

im Raum und Zeit in derselben angetroffen wird Da aber Erfahrung ein Erkenntnis

der Objekte durch Wahrnehmungen ist folglich das Verhältnis im Dasein des

Mannigfaltigen nicht wie es in der Zeit zusammengestellt wird sondern wie es

objektiv in der Zeit ist in ihr vorgestellt werden soll die Zeit selbst aber

nicht wahrgenommen werden kann so kann die Bestimmung der Existenz der Objekte

in der Zeit nur durch ihre Verbindung in der Zeit überhaupt mithin nur durch a

priori verknüpfende Begriffe geschehen Da diese nun jederzeit zugleich

Notwendigkeit bei sich führen so ist Erfahrung nur durch eine Vorstellung der

notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich

    Die drei Modi der Zeit sind Beharrlichkeit Folge und Zugleichsein Daher

werden drei Regeln aller Zeitverhältnisse der Erscheinungen wonach jeder ihr

Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt werden kann vor aller

Erfahrung vorangehen und diese allererst möglich machen

    Der allgemeine Grundsatz aller dreien Analogien beruht auf der notwendigen

Einheit der Apperzeption in Ansehung alles möglichen empirischen Bewusstseins

der Wahrnehmung zu jeder Zeit folglich da jene a priori zum Grunde liegt

auf der synthetischen Einheit aller Erscheinungen nach ihrem Verhältnisse in der

Zeit Denn die ursprüngliche Apperzeption bezieht sich auf den inneren Sinn den

Inbegriff aller Vorstellungen und zwar a priori auf die Form desselben di

das Verhältnis des mannigfaltigen empirischen Bewusstseins in der Zeit In der

ursprünglichen Apperzeption soll nun alle dieses Mannigfaltige seinen

Zeitverhältnissen nach vereinigt werden denn dieses sagt die transzendentale

Einheit derselben a priori unter welcher alles steht was zu meinem di

meinem einigen Erkenntnisse gehören soll mithin ein Gegenstand für mich werden

kann Diese synthetische Einheit in dem Zeitverhältnisse aller Wahrnehmungen

welche a priori bestimmt ist ist also das Gesetz dass alle empirische

Zeitbestimmungen unter Regeln der allgemeinen Zeitbestimmung stehen müssen und

die Analogien der Erfahrung von denen wir jetzt handeln wollen müssen

dergleichen Regeln sein

    Diese Grundsätze haben das Besondere an sich dass sie nicht die

Erscheinungen und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung sondern bloß das

Dasein und ihr Verhältnis unter einander in Ansehung dieses ihres Daseins

erwägen Nun kann die Art wie etwas in der Erscheinung apprehendiert wird a

priori dergestalt bestimmt sein dass die Regel ihrer Synthesis zugleich diese

Anschauung a priori in jedem vorliegenden empirischen Beispiele geben di sie

daraus zu Stande bringen kann Allein das Dasein der Erscheinungen kann a priori

nicht erkannt werden und ob wir gleich auf diesem Wege dahin gelangen könnten

auf irgend ein Dasein zu schließen so würden wir dieses doch nicht bestimmt

erkennen di das wodurch seine empirische Anschauung sich von andern

unterschiede antizipieren können

    Die vorigen zwei Grundsätze welche ich die mathematische nannte in

Betracht dessen dass sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden

berechtigten gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit nach und

lehrten wie sie sowohl ihrer Anschauung als dem Realen ihrer Wahrnehmung nach

nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt werden könnten daher sowohl

bei der einen als bei der andern die Zahlgrößen und mit ihnen die Bestimmung

der Erscheinung als Größe gebraucht werden können So werde ich zB den Grad

der Empfindungen des Sonnenlichts aus etwa 200000 Erleuchtungen durch den Mond

zusammensetzen und a priori bestimmt geben di konstruieren können Daher

können wir die ersteren Grundsätze konstitutive nennen

    Ganz anders muss es mit denen bewandt sein die das Dasein der Erscheinungen

a priori unter Regeln bringen sollen Denn da dieses sich nicht konstruieren

lässt so werden sie nur auf das Verhältnis des Daseins gehen und keine andre

als bloß regulative Prinzipien abgeben können Da ist also weder an Axiomen

noch an Antizipationen zu denken sondern wenn uns eine Wahrnehmung in einem

Zeitverhältnisse gegen andere obzwar unbestimmte gegeben ist so wird a priori

nicht gesagt werden können welche andere und wie große Wahrnehmung sondern

wie sie dem Dasein nach in diesem Modo der Zeit mit jener notwendig verbunden

sei In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr Verschiedenes von

demjenigen was sie in der Mathematik vorstellen In dieser sind es Formeln

welche die Gleichheit zweier Größenverhältnisse aussagen und jederzeit

konstitutiv so dass wenn zwei Glieder der Proportion gegeben sind auch das

dritte dadurch gegeben wird di konstruiert werden kann In der Philosophie

aber ist die Analogie nicht die Gleichheit zweier quantitativen sondern

qualitativen Verhältnisse wo ich aus drei gegebenen Gliedern nur das Verhältnis

zu einem vierten nicht aber dieses vierte Glied selbst erkennen und a priori

geben kann wohl aber eine Regel habe es in der Erfahrung zu suchen und ein

Merkmal es in derselben aufzufinden Eine Analogie der Erfahrung wird also nur

eine Regel sein nach welcher aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung nicht wie

Wahrnehmung selbst als empirische Anschauung überhaupt entspringen soll und

als Grundsatz von den Gegenständen der Erscheinungen nicht konstitutiv

sondern bloß regulativ gelten Eben dasselbe aber wird auch von den Postulaten

des empirischen Denkens überhaupt welche die Synthesis der bloßen Anschauung

der Form der Erscheinung der Wahrnehmung der Materie derselben und der

Erfahrung des Verhältnisses dieser Wahrnehmungen zusammen betreffen gelten

nämlich dass sie nur regulative Grundsätze sind und sich von den mathematischen

die konstitutiv sind zwar nicht in der Gewissheit welche in beiden a priori

feststehet aber doch in der Art der Evidenz di dem Intuitiven derselben

mithin auch der Demonstration unterscheiden

    Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward und hier

vorzüglich angemerkt werden muss ist dieses dass diese Analogien nicht als

Grundsätze des transzendentalen sondern bloß des empirischen

Verstandesgebrauchs ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit halben mithin auch

nur als solche bewiesen werden können dass folglich die Erscheinungen nicht

unter die Kategorien schlechthin sondern nur unter ihre Schemate subsumieret

werden müssen Denn wären die Gegenstände auf welche diese Grundsätze bezogen

werden sollen Dinge an sich selbst: so wäre es ganz unmöglich etwas von ihnen

a priori synthetisch zu erkennen Nun sind es nichts als Erscheinungen deren

vollständige Erkenntnis auf die alle Grundsätze a priori zuletzt doch immer

auslaufen müssen lediglich die mögliche Erfahrung ist folglich können jene

nichts als bloß die Bedingungen der Einheit des empirischen Erkenntnisses in

der Synthesis der Erscheinungen zum Ziele haben diese aber wird nur allein in

dem Schema des reinen Verstandesbegriffs gedacht von deren Einheit als einer

Synthesis überhaupt die Kategorie die durch keine sinnliche Bedingung

restringierte Funktion enthält Wir werden also durch diese Grundsätze die

Erscheinungen nur nach einer Analogie mit der logischen und allgemeinen Einheit

der Begriffe zusammenzusetzen berechtigt werden und daher uns in dem

Grundsatze selbst zwar der Kategorie bedienen in der Ausführung aber der

Anwendung auf Erscheinungen das Schema derselben als den Schlüssel ihres

Gebrauchs an dessen Stelle oder jener vielmehr als restringierende Bedingung

unter dem Namen einer Formel des ersteren zur Seite setzen

 



                               A Erste Analogie



                   Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz



    Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharret die Substanz und das Quantum

derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert

 

                                     Beweis

 

    Alle Erscheinungen sind in der Zeit in welcher als Substrat als

beharrlicher Form der inneren Anschauung das Zugleichsein sowohl als die Folge

allein vorgestellt werden kann Die Zeit also in der aller Wechsel der

Erscheinungen gedacht werden soll bleibt und wechselt nicht weil sie dasjenige

ist in welchem das Nacheinander oder Zugleichsein nur als Bestimmungen

derselben vorgestellt werden können Nun kann die Zeit für sich nicht

wahrgenommen werden Folglich muss in den Gegenständen der Wahrnehmung di den

Erscheinungen das Substrat anzutreffen sein welches die Zeit überhaupt

vorstellt und an dem aller Wechsel oder Zugleichsein durch das Verhältnis der

Erscheinungen zu demselben in der Apprehension wahrgenommen werden kann Es ist

aber das Substrat alles Realen di zur Existenz der Dinge Gehörigen die

Substanz an welcher alles was zum Dasein gehört nur als Bestimmung kann

gedacht werden Folglich ist das Beharrliche womit in Verhältnis alle

Zeitverhältnisse der Erscheinungen allein bestimmt werden können die Substanz

in der Erscheinung, di das Reale derselben was als Substrat alles Wechsels

immer dasselbe bleibt Da diese also im Dasein nicht wechseln kann so kann ihr

Quantum in der Natur auch weder vermehrt noch vermindert werden

    Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit

sukzessiv und ist also immer wechselnd Wir können also dadurch allein niemals

bestimmen ob dieses Mannigfaltige als Gegenstand der Erfahrung zugleich sei

oder nach einander folge wo an ihr nicht etwas zum Grunde liegt was jederzeit

ist di etwas Bleibendes und Beharrliches von welchem aller Wechsel und

Zugleichsein nichts als so viel Arten Modi der Zeit sind wie das Beharrliche

existiert Nur in dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich denn

Simultaneität und Sukzession sind die einzigen Verhältnisse in der Zeit di

das Beharrliche ist das Substratum der empirischen Vorstellung der Zeit selbst

an welchem alle Zeitbestimmung allein möglich ist Die Beharrlichkeit drückt

überhaupt die Zeit als das beständige Korrelatem alles Daseins der

Erscheinungen alles Wechsels und aller Begleitung aus Denn der Wechsel trifft

die Zeit selbst nicht sondern nur die Erscheinungen in der Zeit so wie das

Zugleichsein nicht ein Modus der Zeit selbst ist als in welcher gar keine Teile

zugleich sondern alle nach einander sind Wollte man der Zeit selbst eine

Folge nach einander beilegen so müsste man noch eine andere Zeit denken in

welcher diese Folge möglich wäre Durch das Beharrliche allein bekommt das

Dasein in verschiedenen Teilen der Zeitreihe nach einander eine Größe die man

Dauer nennt Denn in der bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend

und anhebend und hat niemals die mindeste Größe Ohne dieses Beharrliche ist

also kein Zeitverhältnis Nun kann die Zeit an sich selbst nicht wahrgenommen

werden mithin ist dieses Beharrliche an den Erscheinungen das Substratum aller

Zeitbestimmung folglich auch die Bedingung der Möglichkeit aller synthetischen

Einheit der Wahrnehmungen di der Erfahrung und an diesem Beharrlichen kann

alles Dasein und aller Wechsel in der Zeit nur als ein Modus der Existenz dessen

was bleibt und beharrt angesehen werden Also ist in allen Erscheinungen das

Beharrliche der Gegenstand selbst di die Substanz phaenomenon alles aber

was wechselt oder wechseln kann gehört nur zu der Art wie diese Substanz oder

Substanzen existieren mithin zu ihren Bestimmungen

    Ich finde dass zu allen Zeiten nicht bloß der Philosoph sondern selbst der

gemeine Verstand diese Beharrlichkeit als ein Substratum alles Wechsels der

Erscheinungen vorausgesetzt haben und auch jederzeit als ungezweifelt annehmen

werden nur dass der Philosoph sich hierüber etwas bestimmter ausdrückt indem er

sagt bei allen Veränderungen in der Welt bleibt die Substanz und nur die

Akzidenzen wechseln Ich treffe aber von diesem so synthetischen Satze nirgends

auch nur den Versuch von einem Beweise an ja er steht auch nur selten wie es

ihm doch gebührt an der Spitze der reinen und völlig a priori bestehenden

Gesetze der Natur In der Tat ist der Satz dass die Substanz beharrlich sei

tautologisch Denn bloß diese Beharrlichkeit ist der Grund warum wir auf die

Erscheinung die Kategorie der Substanz anwenden und man hätte beweisen müssen

dass in allen Erscheinungen etwas Beharrliches sei an welchem das Wandelbare

nichts als Bestimmung seines Daseins ist Da aber ein solcher Beweis niemals

dogmatisch di aus Begriffen geführt werden kann weil er einen synthetischen

Satz a priori betrifft und man niemals daran dachte dass dergleichen Sätze nur

in Beziehung auf mögliche Erfahrung gültig sein mithin auch nur durch eine

Deduktion der Möglichkeit der letzten bewiesen werden können so ist kein

Wunder wenn er zwar bei aller Erfahrung zum Grunde gelegt weil man dessen

Bedürfnis bei der empirischen Erkenntnis fühlt niemals aber bewiesen worden

ist

    Ein Philosoph wurde gefragt wie viel wiegt der Rauch Er antwortete ziehe

von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht der übrigbleibenden Asche

ab so hast du das Gewicht des Rauchs Er setzte also als unwidersprechlich

voraus dass selbst im Feuer die Materie Substanz nicht vergehe sondern nur

die Form derselben eine Abänderung erleide Eben so war der Satz aus nichts

wird nichts nur ein anderer Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit

oder vielmehr des immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjekts an den

Erscheinungen Denn wenn dasjenige an der Erscheinung was man Substanz nennen

will das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung sein soll so muss sowohl

alles Dasein in der vergangenen als das der künftigen Zeit daran einzig und

allein bestimmt werden können Daher können wir einer Erscheinung nur darum den

Namen Substanz geben weil wir ihr Dasein zu aller Zeit voraussetzen welches

durch das Wort Beharrlichkeit nicht einmal wohl ausgedruckt wird indem dieses

mehr auf künftige Zeit geht Indessen ist die innere Notwendigkeit zu beharren

doch unzertrennlich mit der Notwendigkeit immer gewesen zu sein verbunden und

der Ausdruck mag also bleiben Gigni de nihilo nihil in nihilum nil posse

reverti waren zwei Sätze welche die Alten unzertrennt verknüpften und die man

aus Missverstand jetzt bisweilen trennt weil man sich vorstellt dass sie Dinge

an sich selbst angehen und der erstere der Abhängigkeit der Welt von einer

obersten Ursache auch so gar ihrer Substanz nach entgegen sein dürfte welche

Besorgnis unnötig ist indem hier nur von Erscheinungen im Felde der Erfahrung

die Rede ist deren Einheit niemals möglich sein würde wenn wir neue Dinge der

Substanz nach wollten entstehen lassen Denn alsdann fiele dasjenige weg

welches die Einheit der Zeit allein vorstellen kann nämlich die Identität des

Substratum als woran aller Wechsel allein durchgängige Einheit hat Diese

Beharrlichkeit ist indes doch weiter nichts als die Art uns das Dasein der

Dinge in der Erscheinung) vorzustellen

    Die Bestimmungen einer Substanz die nichts andres sind als besondere Arten

derselben zu existieren heißen Akzidenzen Sie sind jederzeit real weil sie

das Dasein der Substanz betreffen Negationen sind nur Bestimmungen die das

Nichtsein von etwas an der Substanz ausdrücken Wenn man nun diesem Realen an

der Substanz ein besonderes Dasein beigelegt z E der Bewegung als einem

Akzidens der Materie so nennt man dieses Dasein die Inhärenz zum Unterschiede

vom Dasein der Substanz die man Subsistenz nennt Allein hieraus entspringen

viel Missdeutungen und es ist genauer und richtiger geredet wenn man das

Akzidens nur durch die Art wie das Dasein einer Substanz positiv bestimmt ist

bezeichnet Indessen ist es doch vermöge der Bedingungen des logischen

Gebrauchs unsers Verstandes unvermeidlich dasjenige was im Dasein einer

Substanz wechseln kann indessen dass die Substanz bleibt gleichsam

abzusondern und in Verhältnis auf das eigentliche Beharrliche und Radikale zu

betrachten daher denn auch diese Kategorie unter dem Titel der Verhältnisse

steht mehr als die Bedingung derselben als dass sie selbst ein Verhältnis

enthielte

    Auf dieser Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung des

Begriffs von Veränderung Entstehen und Vergehen sind nicht Veränderungen

desjenigen was entsteht oder vergeht Veränderung ist eine Art zu existieren

welche auf eine andere Art zu existieren eben desselben Gegenstandes erfolget

Daher ist alles was sich verändert bleibend und nur sein Zustand wechselt Da

dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft die aufhören oder auch anheben

können so können wir, in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck sagen nur

das Beharrliche die Substanz wird verändert das Wandelbare erleidet keine

Veränderung sondern einen Wechsel da einige Bestimmungen aufhören und andre

anheben

    Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden und das

Entstehen oder Vergehen schlechthin ohne dass es bloß eine Bestimmung des

Beharrlichen betreffe kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein weil eben

dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergange aus einem Zustande in den

andern und von Nichtsein zum Sein möglich macht die also nur als wechselnde

Bestimmungen dessen was bleibt empirisch erkannt werden können Nehmet an dass

etwas schlechthin anfange zu sein so müsst ihr einen Zeitpunkt haben in dem es

nicht war Woran wollt ihr aber diesen heften wenn nicht an demjenigen was

schon da ist Denn eine leere Zeit die vorherginge ist kein Gegenstand der

Wahrnehmung knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge die vorher waren und

bis zu dem was entsteht fortdauern so war das letztere nur eine Bestimmung

des ersteren als des Beharrlichen Eben so ist es auch mit dem Vergehen denn

dieses setzt die empirische Vorstellung einer Zeit voraus da eine Erscheinung

nicht mehr ist

    Substanzen in der Erscheinung) sind die Substrate aller Zeitbestimmungen

Das Entstehen einiger und das Vergehen anderer derselben würde selbst die

einzige Bedingung der empirischen Einheit der Zeit aufheben und die

Erscheinungen würden sich alsdann auf zweierlei Zeiten beziehen in denen neben

einander das Dasein verflösse welches ungereimt ist Denn es ist nur Eine Zeit

in welcher alle verschiedene Zeiten nicht zugleich sondern nach einander

gesetzt werden müssen

    So ist demnach die Beharrlichkeit eine notwendige Bedingung unter welcher

allein Erscheinungen als Dinge oder Gegenstände in einer möglichen Erfahrung

bestimmbar sind Was aber das empirische Kriterium dieser notwendigen

Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der Erscheinungen sei davon wird

uns die Folge Gelegenheit geben das Nötige anzumerken

    

    

    



                               B Zweite Analogie



            Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Kausalität



 

    Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung der Ursache

und Wirkung.

 

                                     Beweis

 

    Dass alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesamt nur Veränderungen di ein

sukzessives Sein und Nichtsein der Bestimmungen der Substanz sein die da

beharret folglich das Sein der Substanz selbst welches aufs Nichtsein derselben

folgt oder das Nichtsein derselben welches aufs Dasein folgt mit anderen

Worten, dass das Entstehen oder Vergehen der Substanz selbst nicht stattfinde

hat der vorige Grundsatz dargetan Dieser hätte auch so ausgedruckt werden

können Aller Wechsel Sukzession der Erscheinungen ist nur Veränderung denn

Entstehen oder Vergehen der Substanz sind keine Veränderungen derselben weil

der Begriff der Veränderung eben dasselbe Subjekt mit zwei entgegengesetzten

Bestimmungen als existierend mithin als beharrend voraussetzt  Nach dieser

Vorerinnerung folgt der Beweis

    Ich nehme wahr dass Erscheinungen auf einander folgen di dass ein Zustand

der Dinge zu einer Zeit ist dessen Gegenteil im vorigen Zustande war Ich

verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in der Zeit Nun ist Verknüpfung

kein Werk des bloßen Sinnes und der Anschauung sondern hier das Produkt eines

synthetischen Vermögens der Einbildungskraft die den inneren Sinn in Ansehung

des Zeitverhältnisses bestimmt Diese kann aber gedachte zwei Zustände auf

zweierlei Art verbinden so dass der eine oder der andere in der Zeit

vorausgehe denn die Zeit kann an sich selbst nicht wahrgenommen und in

Beziehung auf sie gleichsam empirisch was vorhergehe und was folge am Objekte

bestimmt werden ich bin mir also nur bewusst dass meine Imagination eines

vorher das andere nachher setze nicht dass im Objekte der eine Zustand vor dem

anderen vorhergehe odermit anderen Worten, es bleibt durch die bloße

Wahrnehmung das objektive Verhältnis der einander folgenden Erscheinungen

unbestimmt Damit dieses nun als bestimmt erkannt werde muss das Verhältnis

zwischen den beiden Zuständen so gedacht werden dass dadurch als notwendig

bestimmt wird welcher derselben vorher welcher nachher und nicht umgekehrt

müsse gesetzt werden Der Begriff aber der eine Notwendigkeit der synthetischen

Einheil bei sich führt kann nur ein reiner Verstandesbegriff sein der nicht in

der Wahrnehmung liegt und das ist hier der Begriff des Verhältnisses der

Ursache und Wirkung, wovon die erstere die letztere in der Zeit als die Folge

und nicht als etwas was bloß in der Einbildung vorhergehen oder gar überall

nicht wahrgenommen sein könnte bestimmt Also ist nur dadurch dass wir die

Folge der Erscheinungen mithin alle Veränderung dem Gesetze der Kausalität

unterwerfen selbst Erfahrung di empirisches Erkenntnis von denselben

möglich mithin sind sie selbst als Gegenstände der Erfahrung nur nach eben

dem Gesetze möglich

    Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit sukzessiv

Die Vorstellungen der Teile folgen auf einander Ob sie sich auch im Gegenstande

folgen ist ein zweiter Punkt der Reflexion der in dem ersteren nicht enthalten

ist Nun kann man zwar alles und sogar jede Vorstellung so fern man sich ihrer

bewusst ist Objekt nennen allein was dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten

habe nicht in so fern sie als Vorstellungen Objekte sind sondern nur ein

Objekt bezeichnen ist von tieferer Untersuchung So fern sie, nur als

Vorstellungen zugleich Gegenstände des Bewusstseins sind so sind sie von der

Apprehension di der Aufnahme in die Synthesis der Einbildungskraft gar nicht

unterschieden und man muss also sagen das Mannigfaltige der Erscheinungen wird

im Gemüt jederzeit sukzessiv erzeugt Wären Erscheinungen Dinge an sich selbst,

so würde kein Mensch aus der Sukzession der Vorstellungen von ihrem

Mannigfaltigen ermessen können wie dieses in dem Objekt verbunden sei Denn wir

haben es doch nur mit unsern Vorstellungen zu tun wie Dinge an sich selbst

ohne Rücksicht auf Vorstellungen dadurch sie uns affizieren sein mögen ist

gänzlich außer unsrer Erkenntnissphäre Ob nun gleich die Erscheinungen nicht

Dinge an sich selbst, und gleichwohl doch das einzige sind was uns zur

Erkenntnis gegeben werden kann, so soll ich anzeigen was dem Mannigfaltigen an

den Erscheinungen selbst für eine Verbindung in der Zeit zukomme indessen dass

die Vorstellung desselben in der Apprehension jederzeit sukzessiv istSo ist z

E die Apprehension des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines Hauses das vor

mir steht sukzessiv Nun ist die Frage ob das Mannigfaltige dieses Hauses

selbst auch in sich sukzessiv sei welches freilich niemand zugeben wird Nun

ist aber so bald ich meine Begriffe von einem Gegenstande bis zur

transzendentalen Bedeutung steigere das Haus gar kein Ding an sich selbst,

sondern nur eine Erscheinung di Vorstellung deren transzendentaler

Gegenstand unbekannt ist was verstehe ich also unter der Frage wie das

Mannigfaltige in der Erscheinung selbst die doch nichts an sich selbst ist

verbunden sein möge Hier wird das was in der sukzessiven Apprehension liegt

als Vorstellung die Erscheinung aber die mir gegeben ist unerachtet sie

nichts weiter als ein Inbegriff dieser Vorstellungen ist als der Gegenstand

derselben betrachtet mit welchem mein Begriff den ich aus den Vorstellungen

der Apprehension ziehe zusammenstimmen soll Man sieht bald dass weil

Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt Wahrheit ist hier nur nach den

formalen Bedingungen der empirischen Wahrheit gefragt werden kann und

Erscheinung im Gegenverhältnis mit den Vorstellungen der Apprehension nur

dadurch als das davon unterschiedene Objekt derselben könne vorgestellt werden

wenn sie unter einer Regel steht welche sie von jeder andern Apprehension

unterscheidet und eine Art der Verbindung des Mannigfaltigen notwendig macht

Dasjenige an der Erscheinung was die Bedingung dieser notwendigen Regel der

Apprehension enthält ist das Objekt

    Nun lasst uns zu unsrer Aufgabe fortgehen Dass etwas geschehe di etwas

oder ein Zustand werde der vorher nicht war kann nicht empirisch wahrgenommen

werden wo nicht eine Erscheinung vorhergeht welche diesen Zustand nicht in

sich enthält denn eine Wirklichkeit die auf eine leere Zeit folge mithin ein

Entstehen vor dem kein Zustand der Dinge vorhergeht kann eben so wenig als

die leere Zeit selbst apprehendiert werden Jede Apprehension einer Begebenheit

ist also eine Wahrnehmung welche auf eine andere folgt Weil dieses aber bei

aller Synthesis der Apprehension so beschaffen ist wie ich oben an der

Erscheinung eines Hauses gezeigt habe so unterscheidet sie sich dadurch noch

nicht von andern Allein ich bemerke auch dass wenn ich an einer Erscheinung

welche ein Geschehen enthält den vorhergehenden Zustand der Wahrnehmung A den

folgenden aber B nenne dass B auf A in der Apprehension nur folgen die

Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen sondern nur vorhergehen kann Ich sehe

zB ein Schiff den Strom hinab treiben Meine Wahrnehmung seiner Stelle

unterhalb folgt auf die Wahrnehmung der Stelle desselben oberhalb dem Laufe des

Flusses und es ist unmöglich dass in der Apprehension dieser Erscheinung das

Schiff zuerst unterhalb nachher aber oberhalb des Stromes wahrgenommen werden

sollte Die Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der Apprehension ist hier

also bestimmt und an dieselbe ist die letztere gebunden In dem vorigen

Beispiele von einem Hause konnten meine Wahrnehmungen in der Apprehension von

der Spitze desselben anfangen und beim Boden endigen aber auch von unten

anfangen und oben endigen imgleichen rechts oder links das Mannigfaltige der

empirischen Anschauung apprehendieren In der Reihe dieser Wahrnehmungen war

also keine bestimmte Ordnung welche es notwendig machte wenn ich in der

Apprehension anfangen müsste um das Mannigfaltige empirisch zu verbinden Diese

Regel aber ist bei der Wahrnehmung von dem was geschieht jederzeit

anzutreffen und sie macht die Ordnung der einander folgenden Wahrnehmungen in

der Apprehension dieser Erscheinung notwendig

    Ich werde also in unserm Fall die subjektive Folge der Apprehension von

der objektiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen weil jene sonst gänzlich

unbestimmt ist und keine Erscheinung von der andern unterscheidet Jene allein

beweiset nichts von der Verknüpfung des Mannigfaltigen am Objekt weil sie ganz

beliebig ist Diese also wird in der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung

bestehen nach welcher die Apprehension des einen was geschieht auf die des

andern das vorhergeht nach einer Regel folgt Nur dadurch kann ich von der

Erscheinung selbst und nicht bloß von meiner Apprehension berechtigt sein zu

sagen dass in jener eine Folge anzutreffen sei welches so viel bedeutet als

dass ich die Apprehension nicht anders anstellen könne als gerade in dieser

Folge

    Nach einer solchen Regel also muss in dem was überhaupt vor einer

Begebenheit vorhergeht die Bedingung zu einer Regel liegen nach welcher

jederzeit und notwendiger Weise diese Begebenheit folgt umgekehrt aber kann ich

nicht von der Begebenheit zurückgehen und dasjenige bestimmen durch

Apprehension was vorhergeht Denn von dem folgenden Zeitpunkt geht keine

Erscheinung zu dem vorigen zurück aber beziehet sich doch auf irgend einen

vorigen von einer gegebenen Zeit ist dagegen der Fortgang auf die bestimmte

folgende notwendig Daher weil es doch etwas ist was folgt so muss ich es

notwendig auf etwas anderes überhaupt beziehen was vorhergeht und worauf es

nach einer Regel di notwendiger Weise folgt so dass die Begebenheit als das

Bedingte auf irgend eine Bedingung sichere Anweisung gibt diese aber die

Begebenheit bestimmt

    Man setze es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher worauf dieselbe nach

einer Regel folgen müsste so wäre alle Folge der Wahrnehmung nur lediglich in

der Apprehension di bloß subjektiv aber dadurch gar nicht objektiv bestimmt

welches eigentlich das Vorhergehende und welches das Nachfolgende der

Wahrnehmungen sein müsste Wir würden auf solche Weise nur ein Spiel der

Vorstellungen haben das sich auf gar kein Objekt bezöge di es würde durch

unsre Wahrnehmung eine Erscheinung von jeder andern dem Zeitverhältnisse nach

gar nicht unterschieden werden weil die Sukzession im Apprehendieren allerwärts

einerlei und also nichts in der Erscheinung ist was sie bestimmt so dass

dadurch eine gewisse Folge als objektiv notwendig gemacht wird Ich werde also

nicht sagen dass in der Erscheinung zwei Zustände auf einander folgen sondern

nur dass eine Apprehension auf die andre folgt welches bloß etwas Subjektives

ist und kein Objekt bestimmt mithin gar nicht vor Erkenntnis irgend eines

Gegenstandes selbst nicht in der Erscheinung) gelten kann

    Wenn wir also erfahren dass etwas geschieht so setzen wir dabei jederzeit

voraus dass irgend etwas vorausgehe worauf es nach einer Regel folgt Denn ohne

dieses würde ich nicht von dem Objekt sagen dass es folge weil die bloße Folge

in meiner Apprehension wenn sie nicht durch eine Regel in Beziehung auf ein

Vorhergehendes bestimmt ist keine Folge im Objekte berechtiget Also geschieht

es immer in Rücksicht auf eine Regel nach welcher die Erscheinungen in ihrer

Folge di so wie sie geschehen durch den vorigen Zustand bestimmt sind dass

ich meine subjektive Synthesis der Apprehension objektiv mache und nur

lediglich unter dieser Voraussetzung allein ist selbst die Erfahrung von etwas

was geschieht möglich

    Zwar scheint es als widerspreche dieses allen Bemerkungen die man

jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat nach welchen

wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen übereinstimmenden

Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende Erscheinungen eine Regel zu

entdecken geleitet worden der gemäß gewisse Begebenheiten auf gewisse

Erscheinungen jederzeit folgen und dadurch zuerst veranlasst worden uns den

Begriff von Ursache zu machen Auf solchen Fuß würde dieser Begriff bloß

empirisch sein und die Regel die er verschafft dass alles was geschieht eine

Ursache habe würde eben so zufällig sein als die Erfahrung selbst seine

Allgemeinheit und Notwendigkeit wären alsdann nur angedichtet und hätten keine

wahre allgemeine Gültigkeit weil sie nicht a priori sondern nur auf Induktion

gegründet wären Es gehet aber hiermit so wie mit andern reinen Vorstellungen a

priori zB Raum und Zeit), die wir darum allein aus der Erfahrung als klare

Begriffe herausziehen können weil wir sie in die Erfahrung gelegt hatten und

diese daher durch jene allererst zu Stande brachten Freilich ist die logische

Klarheit dieser Vorstellung einer die Reihe der Begebenheiten bestimmenden

Regel als eines Begriffs von Ursache nur alsdann möglich wenn wir davon in

der Erfahrung Gebrauch gemacht haben aber eine Rücksicht auf dieselbe als

Bedingung der synthetischen Einheit der Erscheinungen in der Zeit war doch der

Grund der Erfahrung selbst und ging also a priori vor ihr vorher

    Es kommt also darauf an im Beispiele zu zeigen dass wir niemals selbst in

der Erfahrung die Folge einer Begebenheit da etwas geschieht was vorher nicht

war dem Objekt beilegen und sie von der subjektiven unserer Apprehension

unterscheiden als wenn eine Regel zum Grunde liegt die uns nötiget diese

Ordnung der Wahrnehmungen vielmehr als eine andere zu beobachten ja dass diese

Nötigung es eigentlich sei was die Vorstellung einer Sukzession im Objekt

allererst möglich macht

    Wir haben Vorstellungen in uns deren wir uns auch bewusst werden können

Dieses Bewusstsein aber mag so weit erstreckt und so genau oder pünktlich sein

als man wolle so bleiben es doch nur immer Vorstellungen di innere

Bestimmungen unseres Gemüts in diesem oder jenem Zeitverhältnisse Wie kommen

wir nun dazu dass wir diesen Vorstellungen ein Objekt setzen oder über ihre

subjektive Realität als Modifikationen ihnen noch ich weiß nicht was für

eine objektive beilegen Objektive Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf

eine andre Vorstellung von dem was man vom Gegenstande nennen wollte

bestehen denn sonst erneuert sich die Frage wie geht diese Vorstellung

wiederum aus sich selbst heraus und bekommt objektive Bedeutung noch über die

subjektive welche ihr als Bestimmung des Gemütszustandes eigen ist Wenn wir

untersuchen was denn die Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen

für eine neue Beschaffenheit gebe und welches die Dignität sei die sie dadurch

erhalten so finden wir dass sie nichts weiter tue als die Verbindung der

Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen und sie einer Regel zu

unterwerfen dass umgekehrt nur dadurch dass eine gewisse Ordnung in dem

Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen notwendig ist ihnen objektive Bedeutung

erteilet wird

    In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der Vorstellungen

jederzeit nach einander Hierdurch wird nun gar kein Objekt vorgestellt weil

durch diese Folge die allen Apprehensionen gemein ist nichts vom andern

unterschieden wird So bald ich aber wahrnehme oder voraus annehme dass in

dieser Folge eine Beziehung auf den vorhergehenden Zustand sei aus welchem die

Vorstellung nach einer Regel folgt so stellet sich etwas vor als Begebenheit

oder was da geschieht di ich erkenne einen Gegenstand den ich in der Zeit

auf eine gewisse bestimmte Stelle setzen muss die ihm nach dem vorhergehenden

Zustande nicht anders erteilt werden kann Wenn ich also wahrnehme dass etwas

geschieht so ist in dieser Vorstellung erstlich enthalten dass etwas

vorhergehe weil eben in Beziehung auf dieses die Erscheinung ihre

Zeitverhältnis bekommt nämlich nach einer vorhergehenden Zeit in der sie

nicht war zu existieren Aber ihre bestimmte Zeitstelle in diesem Verhältnisse

kann sie nur dadurch bekommen dass im vorhergehenden Zustande etwas

vorausgesetzt wird worauf es jederzeit di nach einer Regel folgt woraus

sich denn ergibt dass ich erstlich nicht die Reihe umkehren und das was

geschieht demjenigen voransetzen kann worauf es folgt zweitens dass wenn der

Zustand der vorhergeht gesetzt wird diese bestimmte Begebenheit

unausbleiblich und notwendig folge Dadurch geschieht es dass eine Ordnung unter

unsern Vorstellungen wird in welcher das Gegenwärtige so fern es geworden auf

irgend einen vorhergehenden Zustand Anweisung gibt als ein obzwar noch

unbestimmtes Korrelatem dieser Ereignis die gegeben ist welches sich aber auf

diese als seine Folge bestimmend bezieht und sie notwendig mit sich in der

Zeitreihe verknüpfet

    Wenn es nun ein notwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit mithin eine formale

Bedingung aller Wahrnehmungen ist dass die vorige Zeit die folgende notwendig

bestimmt indem ich zur folgenden nicht anders gelangen kann als durch die

vorhergehende so ist es auch ein unentbehrliches Gesetz der empirischen

Vorstellung der Zeitreihe dass die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes

Dasein in der folgenden bestimmen und dass diese als Begebenheiten nicht

stattfinden als so fern jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen di nach

einer Regel festsetzen Denn nur an den Erscheinungen können wir diese

Kontinuität im Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen

    Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand und das erste was

er dazu tut ist nicht dass er die Vorstellung der Gegenstände deutlich macht

sondern dass er die Vorstellung eines Gegenstandes überhaupt möglich macht

Dieses geschieht nun dadurch dass er die Zeitordnung auf die Erscheinungen und

deren Dasein überträgt indem er jeder derselben als Folge eine in Ansehung der

vorhergehenden Erscheinungen a priori bestimmte Stelle in der Zeit zuerkennt

ohne welche sie nicht mit der Zeit selbst die allen ihren Teilen a priori ihre

Stelle bestimmt übereinkommen würde Diese Bestimmung der Stelle kann nun nicht

von dem Verhältnis der Erscheinungen gegen die absolute Zeit entlehnt werden

denn die ist kein Gegenstand der Wahrnehmung sondern umgekehrt die

Erscheinungen müssen einander ihre Stellen in der Zeit selbst bestimmen und

dieselbe in der Zeitordnung notwendig machen di dasjenige was da folgt oder

geschieht muss nach einer allgemeinen Regel auf das was im vorigen Zustande

enthalten war folgen woraus eine Reihe der Erscheinungen wird die vermittelst

des Verstandes eben dieselbige Ordnung und stetigen Zusammenhang in der Reihe

möglicher Wahrnehmungen hervorbringt und notwendig macht als sie in der Form

der inneren Anschauung der Zeit darin alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben

müssten a priori angetroffen wird

    Dass also etwas geschieht ist eine Wahrnehmung die zu einer möglichen

Erfahrung gehöret die dadurch wirklich wird wenn ich die Erscheinung ihrer

Stelle nach in der Zeit als bestimmt mithin als ein Objekt ansehe welches

nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen jederzeit gefunden werden

kann Diese Regel aber etwas der Zeitfolge nach zu bestimmen ist dass in dem

was vorhergeht die Bedingung anzutreffen sei unter welcher die Begebenheit

jederzeit di notwendiger Weise folgt Also ist der Satz vom zureichenden

Grunde der Grund möglicher Erfahrung nämlich der objektiven Erkenntnis der

Erscheinungen in Ansehung des Verhältnisses derselben in Reihenfolge der Zeit

    Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden Momenten

Zu aller empirischen Erkenntnis gehört die Synthesis des Mannigfaltigen durch

die Einbildungskraft die jederzeit sukzessiv ist di die Vorstellungen folgen

in ihr jederzeit auf einander Die Folge aber ist in der Einbildungskraft der

Ordnung nach was vorgehen und was folgen müsse gar nicht bestimmt und die

Reihe der einen der folgenden Vorstellungen kann eben sowohl rückwärts als

vorwärts genommen werden Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der

Apprehension des Mannigfaltigen einer gegebenen Erscheinung so ist die

Ordnung im Objekt bestimmt oder genauer zu reden es ist darin eine Ordnung

der sukzessiven Synthesis die ein Objekt bestimmt nach welcher etwas notwendig

vorausgehen und wenn dieses gesetzt ist das andre notwendig folgen müsse Soll

also meine Wahrnehmung die Erkenntnis einer Begebenheit enthalten da nämlich

etwas wirklich geschieht so muss sie ein empirisches Urteil sein in welchem man

sich denkt dass die Folge bestimmt sei di dass sie eine andere Erscheinung der

Zeit nach voraussetze worauf sie notwendig oder nach einer Regel folgt

Widrigenfalls wenn ich das Vorhergehende setze und die Begebenheit folgte

nicht darauf notwendig so würde ich sie nur für ein subjektives Spiel meiner

Einbildungen halten müssen und stellte ich mir darunter doch etwas Objektives

vor sie einen bloßen Traum nennen Also ist das Verhältnis der Erscheinungen

als möglicher Wahrnehmungen nach welchem das Nachfolgende was geschieht

durch etwas Vorhergehendes seinem Dasein nach notwendig und nach einer Regel in

der Zeit bestimmt ist mithin das Verhältnis der Ursache zur Wirkung die

Bedingung der objektiven Gültigkeit unserer empirischen Urteile in Ansehung der

Reihe der Wahrnehmungen mithin der empirischen Wahrheit derselben und also der

Erfahrung Der Grundsatz des Kausalverhältnisses in der Folge der Erscheinungen

gilt daher auch vor allen Gegenständen der Erfahrung unter den Bedingungen der

Sukzession weil er selbst der Grund der Möglichkeit einer solchen Erfahrung

ist

    Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit die gehoben werden muss Der

Satz der Kausalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in unsrer Formel auf die

Reihenfolge derselben eingeschränkt da es sich doch bei dem Gebrauch desselben

findet dass er auch auf ihre Begleitung passe und Ursache und Wirkung zugleich

sein könne Es ist zB Wärme im Zimmer die nicht in freier Luft angetroffen

wird Ich sehe mich nach der Ursache um und finde einen geheizten Ofen Nun ist

dieser als Ursache mit seiner Wirkung der Stubenwärme zugleich also ist

hier keine Reihenfolge der Zeit nach zwischen Ursache und Wirkung, sondern sie

sind zugleich und das Gesetz gilt doch Der größte Teil der wirkenden Ursache

in der Natur ist mit ihren Wirkungen zugleich und die Zeitfolge der letzteren

wird nur dadurch veranlasst dass die Ursache ihre ganze Wirkung nicht in einem

Augenblick verrichten kann Aber in dem Augenblicke da sie zuerst entsteht ist

sie mit der Kausalität ihrer Ursache jederzeit zugleich weil wenn jene einen

Augenblick vorher aufgehört hätte zu sein diese gar nicht entstanden wäre

Hier muss man wohl bemerken dass es auf die Ordnung der Zeit und nicht auf den

Ablauf derselben angesehen sei das Verhältnis bleibt wenn gleich keine Zeit

verlaufen ist Die Zeit zwischen der Kausalität der Ursache und deren

unmittelbaren Wirkung kann verschwindend sie also zugleich sein aber das

Verhältnis der einen zur andern bleibt doch immer der Zeit nach bestimmbar

Wenn ich eine Kugel die auf einem ausgestopften Küssen liegt und ein Grübchen

darin drückt als Ursache betrachte so ist sie mit der Wirkung zugleich Allein

ich unterscheide doch beide durch das Zeitverhältnis der dynamischen Verknüpfung

beider Denn wenn ich die Kugel auf das Küssen lege so folgt auf die vorige

glatte Gestalt desselben das Grübchen hat aber das Küssen ich weiß nicht

woher ein Grübchen so folgt darauf nicht eine bleierne Kugel

    Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriterium der

Wirkung in Beziehung auf die Kausalität der Ursache die vorhergeht Das Glas

ist die Ursache von dem Steigen des Wassers über seine Horizontalfläche

obgleich beide Erscheinungen zugleich sind Denn so bald ich dieses aus einem

größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe so erfolgt etwas nämlich die Veränderung

des Horizontalstandes den es dort hatte in einen konkaven den es im Glase

annimmt

    Diese Kausalität führt auf den Begriff der Handlung diese auf den Begriff

der Kraft und dadurch auf den Begriff der Substanz Da ich mein kritisches

Vorhaben welches lediglich auf die Quellen der synthetischen Erkenntnis a

priori geht nicht mit Zergliederungen bemengen will die bloß die Erläuterung

nicht Erweiterung der Begriffe angehen so überlasse ich die umständliche

Erörterung derselben einem künftigen System der reinen Vernunft: wiewohl man

eine solche Analysis im reichen Maße auch schon in den bisher bekannten

Lehrbüchern dieser Art antrifft Allein das empirische Kriterium einer

Substanz so fern sie sich nicht durch die Beharrlichkeit der Erscheinung

sondern besser und leichter durch Handlung zu offenbaren scheint kann ich nicht

unberührt lassen

    Wo Handlung mithin Tätigkeit und Kraft ist da ist auch Substanz und in

dieser allein muss der Sitz jener fruchtbaren Quelle der Erscheinungen gesucht

werden Das ist ganz gut gesagt aber wenn man sich darüber erklären soll was

man unter Substanz verstehe und dabei den fehlerhaften Zirkel vermeiden will

so ist es nicht so leicht verantwortet Wie will man aus der Handlung sogleich

auf die Beharrlichkeit des Handelnden schließen welches doch ein so

wesentliches und eigentümliches Kennzeichen der Substanz phaenomenon ist

Allein nach unserm Vorigen hat die Auflösung der Frage doch keine solche

Schwierigkeit ob sie gleich nach der gemeinen Art bloß analytisch mit seinen

Begriffen zu verfahren ganz unauflöslich sein würde Handlung bedeutet schon

das Verhältnis des Subjekts der Kausalität zur Wirkung Weil nun alle Wirkung in

dem besteht was da geschieht mithin im Wandelbaren was die Zeit der

Sukzession nach bezeichnet so ist das letzte Subjekt desselben das Beharrliche

als das Substratum alles Wechselnden di die Substanz Denn nach dem

Grundsatze der Kausalität sind Handlungen immer der erste Grund von allem

Wechsel der Erscheinungen und können also nicht in einem Subjekt liegen was

selbst wechselt weil sonst andere Handlungen und ein anderes Subjekt welches

diesen Wechsel bestimmte erforderlich wären Kraft dessen beweiset nun

Handlung als ein hinreichendes empirisches Kriterium die Substantialität ohne

dass ich die Beharrlichkeit desselben durch verglichene Wahrnehmungen allererst

zu suchen nötig hätte welches auch auf diesem Wege mit der Ausführlichkeit

nicht geschehen könnte die zu der Größe und strengen Allgemeingültigkeit des

Begriffs erforderlich ist Denn dass das erste Subjekt der Kausalität alles

Entstehens und Vergehens selbst nicht im Felde der Erscheinungen entstehen und

vergehen könne ist ein sicherer Schluss der auf empirische Notwendigkeit und

Beharrlichkeit im Dasein mithin auf den Begriff einer Substanz als Erscheinung

ausläuft

    Wenn etwas geschieht so ist das bloße Entstehen ohne Rücksicht auf das

was da entsteht schon an sich selbst ein Gegenstand der Untersuchung Der

Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen Zustand gesetzt dass

dieser auch keine Qualität in der Erscheinung enthielte ist schon allein nötig

zu untersuchen Dieses Entstehen trifft wie in der Nummer A gezeigt worden

nicht die Substanz denn die entsteht nicht sondern ihren Zustand Es ist also

bloß Veränderung und nicht Ursprung aus Nichts Wenn dieser Ursprung als

Wirkung von einer fremden Ursache angesehen wird so heißt er Schöpfung welche

als Begebenheit unter den Erscheinungen nicht zugelassen werden kann indem ihre

Möglichkeit allein schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde obzwar wenn

ich alle Dinge nicht als Phänomene sondern als Dinge an sich betrachte und als

Gegenstände des bloßen Verstandes sie obschon sie Substanzen sind dennoch wie

abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen werden können welches

aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach sich ziehen und auf

Erscheinungen als mögliche Gegenstände der Erfahrung nicht passen würde

    Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne wie es möglich sei dass auf

einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im andern folgen könne

davon haben wir a priori nicht den mindesten Begriff Hierzu wird die Kenntnis

wirklicher Kräfte erfordert welche nur empirisch gegeben werden kann, zB der

bewegenden Kräfte oder welches einerlei ist gewisser sukzessiven

Erscheinungen als Bewegungen welche solche Kräfte anzeigen Aber die Form

einer jeden Veränderung die Bedingung unter welcher sie als ein Entstehen

eines andern Zustandes allein vorgehen kann der Inhalt derselben di der

Zustand der verändert wird mag sein welcher er wolle mithin die Sukzession

der Zustände selbst das Geschehene kann doch nach dem Gesetze der Kausalität

und den Bedingungen der Zeit a priori erwogen werden26

    Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen andern b übergeht so ist

der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes unterschieden

und folgt demselben Eben so ist auch der zweite Zustand als Realität in der

Erscheinung) vom ersteren darin diese nicht war wie b vom Zero unterschieden

di wenn der Zustand b sich auch von dem Zustande a nur der Größe nach

unterschiede so ist die Veränderung ein Entstehen von b  a welches im vorigen

Zustande nicht war und in Ansehung dessen er  0 ist

    Es frägt sich also wie ein Ding aus einem Zustande  a in einen andern  b

übergehe Zwischen zweien Augenblicken ist immer eine Zeit und zwischen zwei

Zuständen in denselben immer ein Unterschied der eine Größe hat denn alle

Teile der Erscheinungen sind immer wiederum Größen Also geschieht jeder

Übergang aus einem Zustande in den andern in einer Zeit die zwischen zweien

Augenblicken enthalten ist deren der erste den Zustand bestimmt aus welchem

das Ding herausgeht der zweite den in welchen es gelangt Beide also sind

Grenzen der Zeit einer Veränderung mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden

Zuständen und gehören als solche mit zu der ganzen Veränderung Nun hat jede

Veränderung eine Ursache welche in der ganzen Zeit in welcher jene vorgeht

ihre Kausalität beweiset Also bringt diese Ursache ihre Veränderung nicht

plötzlich auf einmal oder in einem Augenblicke hervor sondern in einer Zeit

so dass wie die Zeit vom Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b

wächst auch die Größe der Realität b  a durch alle kleinere Grade die

zwischen dem ersten und letzten enthalten sind erzeugt wird Alle Veränderung

ist also nur durch eine kontinuierliche Handlung der Kausalität möglich welche

so fern sie gleichförmig ist ein Moment heißt Aus diesen Momenten besteht

nicht die Veränderung sondern wird dadurch erzeugt als ihre Wirkung

    Das ist nun das Gesetz der Kontinuität aller Veränderung dessen Grund

dieser ist dass weder die Zeit noch auch die Erscheinung in der Zeit aus

Teilen besteht die die kleinsten sind und dass doch der Zustand des Dinges bei

seiner Veränderung durch alle diese Teile als Elemente zu seinem zweiten

Zustande übergehe Es ist kein Unterschied des Realen in der Erscheinung, so wie

kein Unterschied in der Größe der Zeiten der kleineste und so erwächst der

neue Zustand der Realität von dem ersten an darin diese nicht war durch alle

unendliche Grade derselben deren Unterschiede von einander insgesamt kleiner

sind als der zwischen 0 und a

    Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge das geht uns

hier nichts an Aber wie ein solcher Satz der unsre Erkenntnis der Natur so zu

erweitern scheint völlig a priori möglich sei das erfordert gar sehr unsere

Prüfung wenn gleich der Augenschein beweiset dass er wirklich und richtig sei

und man also der Frage wie er möglich gewesen überhoben zu sein glauben

möchte Denn es gibt so mancherlei ungegründete Anmaßungen der Erweiterung

unserer Erkenntnis durch reine Vernunft dass es zum allgemeinen Grundsatz

angenommen werden muss deshalb durchaus misstrauisch zu sein und ohne Dokumente

die eine gründliche Deduktion verschaffen können selbst auf den kläresten

dogmatischen Beweis nichts dergleichen zu glauben und anzunehmen

    Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses und jeder Fortschritt der

Wahrnehmung ist nichts als eine Erweiterung der Bestimmung des inneren Sinnes

di ein Fortgang in der Zeit die Gegenstände mögen sein welche sie wollen

Erscheinungen oder reine Anschauungen Dieser Fortgang in der Zeit bestimmt

alles und ist an sich selbst durch nichts weiter bestimmt di die Teile

desselben sind nur in der Zeit und durch die Synthesis derselben sie aber

nicht vor ihr gegeben Um deswillen ist ein jeder Übergang in der Wahrnehmung zu

etwas was in der Zeit folgt eine Bestimmung der Zeit durch die Erzeugung

dieser Wahrnehmung und da jene immer und in allen ihren Teilen eine Größe

ist die Erzeugung einer Wahrnehmung als einer Größe durch alle Grade deren

keiner der kleinste ist von dem Zero an bis zu ihrem bestimmten Grad Hieraus

erhellet nun die Möglichkeit ein Gesetz der Veränderungen ihrer Form nach a

priori zu erkennen Wir antizipieren nur unsere eigene Apprehension deren

formale Bedingung da sie uns vor aller gegebenen Erscheinung selbst beiwohnt

allerdings a priori muss erkannt werden können

    So ist demnach eben so wie die Zeit die sinnliche Bedingung a priori von

der Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortganges des Existierenden zu dem

Folgenden enthält der Verstand vermittelst der Einheit der Apperzeption die

Bedingung a priori der Möglichkeit einer kontinuierlichen Bestimmung aller

Stellen für die Erscheinungen in dieser Zeit durch die Reihe von Ursachen und

Wirkungen deren die erstere der letzteren ihr Dasein unausbleiblich nach sich

ziehen und dadurch die empirische Erkenntnis der Zeitverhältnisse für jede Zeit

allgemein mithin objektiv gültig machen

 



                               C Dritte Analogie



     Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechselwirkung oder

                                  Gemeinschaft



    Alle Substanzen so fern sie im Raume als zugleich wahrgenommen werden

können sind in durchgängiger Wechselwirkung

 

                                     Beweis

 

    Zugleich sind Dinge wenn in der empirischen Anschauung die Wahrnehmung des

einen auf die Wahrnehmung des anderen wechselseitig folgen kann welches in der

Zeitfolge der Erscheinungen wie beim zweiten Grundsatze gezeigt worden nicht

geschehen kann So kann ich meine Wahrnehmung zuerst am Monde und nachher an

der Erde oder auch umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde anstellen

und darum weil die Wahrnehmungen dieser Gegenstande einander wechselseitig

folgen können sage ich sie existieren zugleich Nun ist das Zugleichsein die

Existenz des Mannigfaltigen in derselben Zeit Man kann aber die Zeit selbst

nicht wahrnehmen um daraus dass Dinge in derselben Zeit gesetzt sein

abzunehmen dass die Wahrnehmungen derselben einander wechselseitig folgen

können Die Synthesis der Einbildungskraft in der Apprehension würde also mir

eine jede dieser Wahrnehmungen als eine solche angeben die im Subjekte da ist

wenn die andere nicht ist und wechselweise nicht aber dass die Objekte zugleich

sein di wenn das eine ist das andere auch in derselben Zeit sei und dass

dieses notwendig sei damit die Wahrnehmungen wechselseitig auf einander folgen

können Folglich wird ein Verstandesbegriff von der wechselseitigen Folge der

Bestimmungen dieser außer einander zugleich existierenden Dinge erfordert um zu

sagen dass die wechselseitige Folge der Wahrnehmungen im Objekte gegründet sei

und das Zugleichsein dadurch als objektiv vorzustellen Nun ist aber das

Verhältnis der Substanzen in welchem die eine Bestimmungen enthält wovon der

Grund in der anderen enthalten ist das Verhältnis des Einflusses und wenn

wechselseitig dieses den Grund der Bestimmungen in dem anderen enthält das

Verhältnis der Gemeinschaft oder Wechselwirkung Also kann das Zugleichsein der

Substanzen im Raume nicht anders in der Erfahrung erkannt werden als unter

Voraussetzung einer Wechselwirkung derselben untereinander diese ist also auch

die Bedingung der Möglichkeit der Dinge selbst als Gegenstände der Erfahrung

    Dinge sind zugleich so fern sie in einer und derselben Zeit existieren

Woran erkennt man aber dass sie in einer und derselben Zeit sind Wenn die

Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen gleichgültig

ist di von A durch B C D auf E oder auch umgekehrt von E zu A gehen

kann Denn wäre sie in der Zeit nach einander in der Ordnung die von A

anhebt und in E endigt so ist es unmöglich die Apprehension in der

Wahrnehmung von E anzuheben und rückwärts zu A fortzugehen weil A zur

vergangenen Zeit gehört und also kein Gegenstand der Apprehension mehr sein

kann

    Nehmet nun an in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als Erscheinungen

wäre jede derselben völlig isoliert di keine wirkte in die andere und

empfinge von dieser wechselseitig Einflüsse so sage ich dass das Zugleichsein

derselben kein Gegenstand einer möglichen Wahrnehmung sein würde und dass das

Dasein der einen durch keinen Weg der empirischen Synthesis auf das Dasein der

andern führen könnte Denn wenn ihr euch gedenkt sie wären durch einen völlig

leeren Raum getrennt so würde die Wahrnehmung die von der einen zur andern in

der Zeit fortgeht zwar dieser ihr Dasein vermittelst einer folgenden

Wahrnehmung bestimmen aber nicht unterscheiden können ob die Erscheinung

objektiv auf die erstere folge oder mit jener vielmehr zugleich sei

    Es muss also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein wodurch A dem B seine

Stelle in der Zeit bestimmt und umgekehrt auch wiederum B dem A weil nur unter

dieser Bedingung gedachte Substanzen als zugleich existierend empirisch

vorgestellt werden können Nun bestimmt nur dasjenige dem andern seine Stelle in

der Zeit was die Ursache von ihm oder seinen Bestimmungen ist Also muss jede

Substanz da sie nur in Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann die

Kausalität gewisser Bestimmungen in der andern und zugleich die Wirkungen von

der Kausalität der andern in sich enthalten di sie müssen in dynamischer

Gemeinschaft unmittelbar oder mittelbar stehen wenn das Zugleichsein in

irgend einer möglichen Erfahrung erkannt werden soll Nun ist aber alles

dasjenige in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung notwendig ohne welches die

Erfahrung von diesen Gegenständen selbst unmöglich sein würde Also ist es allen

Substanzen in der Erscheinungso fern sie zugleich sind notwendig in

durchgängiger Gemeinschaft der Wechselwirkung unter einander zu stehen

    Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig und kann so viel

als Communio aber auch als Commercium bedeuten Wir bedienen uns hier desselben

im letzten Sinn als einer dynamischen Gemeinschaft ohne welche selbst die

lokale communio spatii niemals empirisch erkannt werden könnte Unseren

Erfahrungen ist es leicht anzumerken dass nur die kontinuierlichen Einflüsse in

allen Stellen des Raumes unsern Sinn von einem Gegenstande zum andern leiten

können dass das Licht welches zwischen unserm Auge und den Weltkörpern spielt

eine mittelbare Gemeinschaft zwischen uns und diesen bewirken und dadurch das

Zugleichsein der letzteren beweisen dass wir keinen Ort empirisch verändern

diese Veränderung wahrnehmen können ohne dass uns allerwärts Materie die

Wahrnehmung unserer Stelle möglich mache und diese nur vermittelst ihres

wechselseitigen Einflusses ihr Zugleichsein und dadurch bis zu den

entlegensten Gegenständen die Koexistenz derselben obzwar nur mittelbar

dartun kann Ohne Gemeinschaft ist jede Wahrnehmung der Erscheinung im Raume

von der andern abgebrochen und die Kette empirischer Vorstellungen di

Erfahrung würde bei einem neuen Objekt ganz von vorne anfangen ohne dass die

vorige damit im geringsten zusammenhängen oder im Zeitverhältnisse stehen

könnte Den leeren Raum will ich hierdurch gar nicht widerlegen denn der mag

immer sein wohin Wahrnehmungen gar nicht reichen und also keine empirische

Erkenntnis des Zugleichseins stattfindet er ist aber alsdann für alle unsere

mögliche Erfahrung gar kein Objekt

    Zur Erläuterung kann Folgendes dienen In unserm Gemüte müssen alle

Erscheinungen als in einer möglichen Erfahrung enthalten in Gemeinschaft

communio der Apperzeption stehen und so fern die Gegenstände als zugleich

existierend verknüpft vorgestellt werden sollen so müssen sie ihre Stelle in

einer Zeit wechselseitig bestimmen und dadurch ein Ganzes ausmachen Soll diese

subjektive Gemeinschaft auf einem objektiven Grunde beruhen oder auf

Erscheinungen als Substanzen bezogen werden so muss die Wahrnehmung der einen

als Grund die Wahrnehmung der andern und so umgekehrt möglich machen damit

die Sukzession die jederzeit in den Wahrnehmungen als Apprehensionen ist

nicht den Objekten beigelegt werde sondern diese als zugleichexistierend

vorgestellt werden können Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluss di

eine reale Gemeinschaft commercium der Substanzen ohne welche also das

empirische Verhältnis des Zugleichseins nicht in der Erfahrung stattfinden

könnte Durch dieses Commercium machen die Erscheinungen so fern sie außer

einander und doch in Verknüpfung stehen ein Zusammengesetztes aus compositum

reale und dergleichen Composita werden auf mancherlei Art möglich Die drei

dynamischen Verhältnisse daraus alle übrige entspringen sind daher das der

Inhärenz der Konsequenz und der Komposition

 

                                       

 

    Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung Sie sind nichts

andres als Grundsätze der Bestimmung des Daseins der Erscheinungen in der Zeit

nach allen drei Modis derselben dem Verhältnisse zu der Zeit selbst als einer

Größe die Größe des Daseins di die Dauer dem Verhältnisse in der Zeit als

einer Reihe nach einander endlich auch in ihr als einem Inbegriff alles

Daseins zugleich Diese Einheit der Zeitbestimmung ist durch und durch

dynamisch di die Zeit wird nicht als dasjenige angesehen worin die Erfahrung

unmittelbar jedem Dasein seine Stelle bestimmte welches unmöglich ist weil die

absolute Zeit kein Gegenstand der Wahrnehmung ist womit Erscheinungen könnten

zusammengehalten werden sondern die Regel des Verstandes durch welche allein

das Dasein der Erscheinungen synthetische Einheit nach Zeitverhältnissen

bekommen kann bestimmt jeder derselben ihre Stelle in der Zeit mithin a

priori und gültig für alle und jede Zeit

    Unter Natur im empirischen Verstande verstehen wir den Zusammenhang der

Erscheinungen ihrem Dasein nach nach notwendigen Regeln di nach Gesetzen Es

sind also gewisse Gesetze und zwar a priori welche allererst eine Natur

möglich machen die empirischen können nur vermittelst der Erfahrung und zwar

zufolge jener ursprünglichen Gesetze nach welchen selbst Erfahrung allererst

möglich wird stattfinden und gefunden werden Unsere Analogien stellen also

eigentlich die Natureinheit im Zusammenhange aller Erscheinungen unter gewissen

Exponenten dar welche nichts anders ausdrücken als das Verhältnis der Zeit so

fern sie alles Dasein in sich begreift zur Einheit der Apperzeption die nur in

der Synthesis nach Regeln stattfinden kann Zusammen sagen sie also alle

Erscheinungen liegen in einer Natur und müssen darin liegen weil ohne diese

Einheit a priori keine Einheit der Erfahrung mithin auch keine Bestimmung der

Gegenstände in derselben möglich wäre

    Über die Beweisart aber deren wir uns bei diesen transzendentalen

Naturgesetzen bedient haben und die Eigentümlichkeit derselben ist eine

Anmerkung zu machen die zugleich als Vorschrift für jeden andern Versuch

intellektuelle und zugleich synthetische Sätze a priori zu beweisen sehr

wichtig sein muss Hätten wir diese Analogien dogmatisch di aus Begriffen

beweisen wollen dass nämlich alles was existiert nur in dem angetroffen werde

was beharrlich ist dass jede Begebenheit etwas im vorigen Zustande voraussetze

worauf es nach einer Regel folgt endlich in dem Mannigfaltigen das zugleich

ist die Zustände in Beziehung auf einander nach einer Regel zugleich sein in

Gemeinschaft stehen so wäre alle Bemühung gänzlich vergeblich gewesen Denn

man kann von einem Gegenstande und dessen Dasein auf das Dasein des andern oder

seine Art zu existieren durch bloße Begriffe dieser Dinge gar nicht kommen man

mag dieselbe zergliedern wie man wolle Was blieb uns nun übrig Die Möglichkeit

der Erfahrung als einer Erkenntnis darin uns alle Gegenstände zuletzt müssen

gegeben werden können wenn ihre Vorstellung für uns objektive Realität haben

soll In diesem Dritten nun dessen wesentliche Form in der synthetischen

Einheit der Apperzeption aller Erscheinungen besteht fanden wir Bedingungen a

priori der durchgängigen und notwendigen Zeitbestimmung alles Daseins in der

Erscheinung, ohne welche selbst die empirische Zeitbestimmung unmöglich sein

würde und fanden Regeln der synthetischen Einheit a priori vermittelst deren

wir die Erfahrung antizipieren konnten In Ermangelung dieser Methode und bei

dem Wahne synthetische Sätze welche der Erfahrungsgebrauch des Verstandes als

seine Prinzipien empfiehlt dogmatisch beweisen zu wollen ist es denn

geschehen dass von dem Satze des zureichenden Grundes so oft aber immer

vergeblich ein Beweis ist versucht worden An die beide übrige Analogien hat

niemand gedacht ob man sich ihrer gleich immer stillschweigend bediente27 weil

der Leitfaden der Kategorien fehlte der allein jede Lücke des Verstandes

sowohl in Begriffen als Grundsätzen entdecken und merklich machen kann

 
 






    1 Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung der Anschauung und den

Begriffen nach übereinkommt ist möglich

    2 Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung der Empfindung

zusammenhängt ist wirklich

    3 Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der

Erfahrung bestimmt ist ist existiert notwendig

 






    Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich dass sie den

Begriff dem sie als Prädikate beigefüget werden als Bestimmung des Objekts

nicht im mindesten vermehren sondern nur das Verhältnis zum Erkenntnisvermögen

ausdrücken Wenn der Begriff eines Dinges schon ganz vollständig ist so kann

ich doch noch von diesem Gegenstande fragen ob er bloß möglich oder auch

wirklich oder wenn er das letztere ist ob er gar auch notwendig sei Hierdurch

werden keine Bestimmungen mehr im Objekte selbst gedacht sondern es frägt sich

nur wie es sich samt allen seinen Bestimmungen zum Verstande und dessen

empirischen Gebrauche zur empirischen Urteilskraft und zur Vernunft in ihrer

Anwendung auf Erfahrung verhalte

    Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts weiter als

Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit Wirklichkeit und Notwendigkeit in

ihrem empirischen Gebrauche und hiermit zugleich Restriktionen aller Kategorien

auf den bloß empirischen Gebrauch ohne den transzendentalen zuzulassen und zu

erlauben Denn wenn diese nicht eine bloß logische Bedeutung haben und die Form

des Denkens analytisch ausdrücken sollen sondern Dinge und deren Möglichkeit

Wirklichkeit oder Notwendigkeit betreffen sollen so müssen sie auf die mögliche

Erfahrung und deren synthetische Einheit gehen in welcher allein Gegenstände

der Erkenntnis gegeben werden

    Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert also dass der Begriff

derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt zusammenstimme

Diese nämlich die objektive Form der Erfahrung überhaupt enthält aber alle

Synthesis welche zur Erkenntnis der Objekte erfordert wird Ein Begriff der

eine Synthesis in sich fasst ist für leer zu halten und bezieht sich auf keinen

Gegenstand wenn diese Synthesis nicht zur Erfahrung gehört entweder als von

ihr erborgt und denn heißt er ein empirischer Begriff oder als eine solche

auf der als Bedingung a priori Erfahrung überhaupt die Form derselben

beruht und denn ist es ein reiner Begriff der dennoch zur Erfahrung gehört

weil sein Objekt nur in dieser angetroffen werden kann Denn wo will man den

Charakter der Möglichkeit eines Gegenstandes der durch einen synthetischen

Begriff a priori gedacht worden hernehmen wenn es nicht von der Synthesis

geschieht welche die Form der empirischen Erkenntnis der Objekte ausmacht Dass

in einem solchen Begriffe kein Widerspruch enthalten sein müsse ist zwar eine

notwendige logische Bedingung aber zur objektiven Realität des Begriffs di

der Möglichkeit eines solchen Gegenstandes als durch den Begriff gedacht wird

bei weitem nicht genug So ist in dem Begriffe einer Figur die in zwei geraden

Linien eingeschlossen ist kein Widerspruch denn die Begriffe von zwei geraden

Linien und deren Zusammenstoßung enthalten keine Verneinung einer Figur sondern

die Unmöglichkeit beruht nicht auf dem Begriffe an sich selbst, sondern der

Konstruktion desselben im Raume di den Bedingungen des Raumes und der

Bestimmung desselben diese haben aber wiederum ihre objektive Realität di

sie gehen auf mögliche Dinge weil sie die Form der Erfahrung überhaupt a priori

in sich enthalten

    Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und Einfluss dieses Postulats

der Möglichkeit vor Augen legen Wenn ich mir ein Ding vorstelle das beharrlich

ist so dass alles was da wechselt bloß zu seinem Zustande gehört so kann ich

niemals aus einem solchen Begriffe allein erkennen dass ein dergleichen Ding

möglich sei Oder ich stelle mir etwas vor welches so beschaffen sein soll

dass wenn es gesetzt wird jederzeit und unausbleiblich etwas anderes darauf

erfolgt so mag dieses allerdings ohne Widerspruch so gedacht werden können ob

aber dergleichen Eigenschaft als Kausalität an irgend einem möglichen Dinge

angetroffen werde kann dadurch nicht geurteilt werden Endlich kann ich mir

verschiedene Dinge Substanzen vorstellen die so beschaffen sind dass der

Zustand des einen eine Folge im Zustande des andern nach sich zieht und so

wechselweise aber ob dergleichen Verhältnis irgend Dingen zukommen könne

kann aus diesen Begriffen welche eine bloß willkürliche Synthesis enthalten

gar nicht abgenommen werden Nur daran also dass diese Begriffe die Verhältnisse

der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung a priori ausdrücken erkennt man ihre

objektive Realität di ihre transzendentale Wahrheit und zwar freilich

unabhängig von der Erfahrung aber doch nicht unabhängig von aller Beziehung auf

die Form einer Erfahrung überhaupt und die synthetische Einheit in der allein

Gegenstände empirisch können erkannt werden

    Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen von Kräften von

Wechselwirkungen aus dem Stoffe den uns die Wahrnehmung darbietet machen

wollte ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer Verknüpfung zu

entlehnen so würde man in lauter Hirngespinste geraten deren Möglichkeit ganz

und gar kein Kennzeichen für sich hat weil man bei ihnen nicht Erfahrung zur

Lehrerin annimmt noch diese Begriffe von ihr entlehnt Dergleichen gedichtete

Begriffe können den Charakter ihrer Möglichkeit nicht so wie die Kategorien a

priori als Bedingungen von denen alle Erfahrung abhängt sondern nur a

posteriori als solche die durch die Erfahrung selbst gegeben werden bekommen

und ihre Möglichkeit muss entweder a posteriori und empirisch oder sie kann gar

nicht erkannt werden Eine Substanz welche beharrlich im Raume gegenwärtig

wäre doch ohne ihn zu erfüllen wie dasjenige Mittelding zwischen Materie und

denkenden Wesen welches einige haben einführen wollen oder eine besondere

Grundkraft unseres Gemüts das Künftige zum voraus anzuschauen nicht etwa bloß

zu folgern oder endlich ein Vermögen desselben mit andern Menschen in

Gemeinschaft der Gedanken zu stehen so entfernt sie auch sein mögen das sind

Begriffe deren Möglichkeit ganz grundlos ist weil sie nicht auf Erfahrung und

deren bekannte Gesetze gegründet werden kann und ohne sie eine willkürliche

Gedankenverbindung ist die ob sie zwar keinen Widerspruch enthält doch keinen

Anspruch auf objektive Realität mithin auf die Möglichkeit eines solchen

Gegenstandes als man sich hier denken will machen kann Was Realität betrifft

so verbietet es sich wohl von selbst sich eine solche in concreto zu denken

ohne die Erfahrung zu Hülfe zu nehmen weil sie nur auf Empfindung als Materie

der Erfahrung gehen kann und nicht die Form des Verhältnisses betrifft mit

der man allenfalls in Erdichtungen spielen könnte

    Aber ich lasse alles vorbei dessen Möglichkeit nur aus der Wirklichkeit in

der Erfahrung kann abgenommen werden und erwäge hier nur die Möglichkeit der

Dinge durch Begriffe a priori von denen ich fortfahre zu behaupten dass sie

niemals aus solchen Begriffen für sich allein sondern jederzeit nur als formale

und objektive Bedingungen einer Erfahrung überhaupt stattfinden können

    Es hat zwar den Anschein als wenn die Möglichkeit eines Triangels aus

seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden von der Erfahrung ist er

gewiss unabhängig denn in der Tat können wir ihm gänzlich a priori einen

Gegenstand geben di ihn konstruieren Weil dieses aber nur die Form von einem

Gegenstande ist so würde er doch immer nur ein Produkt der Einbildung bleiben

von dessen Gegenstand die Möglichkeit noch zweifelhaft bliebe als wozu noch

etwas mehr erfordert wird nämlich dass eine solche Figur unter lauter

Bedingungen auf denen alle Gegenstände der Erfahrung beruhen gedacht sei Dass

nun der Raum eine formale Bedingung a priori von äußeren Erfahrungen ist dass

eben dieselbe bildende Synthesis wodurch wir in der Einbildungskraft einen

Triangel konstruieren mit derjenigen gänzlich einerlei sei welche wir in der

Apprehension einer Erscheinung ausüben um uns davon einen Erfahrungsbegriff zu

machen das ist es allein was mit diesem Begriffe die Vorstellung von der

Möglichkeit eines solchen Dinges verknüpft Und so ist die Möglichkeit

kontinuierlicher Größen ja so gar der Größen überhaupt weil die Begriffe davon

insgesamt synthetisch sind niemals aus den Begriffen selbst sondern aus ihnen

als formalen Bedingungen der Bestimmung der Gegenstände in der Erfahrung

überhaupt allererst klar und wo sollte man auch Gegenstände suchen wollen die

den Begriffen korrespondierten wäre es nicht in der Erfahrung, durch die uns

allein Gegenstände gegeben werden wiewohl wir ohne eben Erfahrung selbst

voranzuschicken bloß in Beziehung auf die formalen Bedingungen unter welchen

in ihr überhaupt etwas als Gegenstand bestimmt wird mithin völlig a priori

aber doch nur in Beziehung auf sie und innerhalb ihren Grenzen die Möglichkeit

der Dinge erkennen und charakterisieren können

    Das Postulat die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen fordert Wahrnehmung

mithin Empfindung deren man sich bewusst ist zwar nicht eben unmittelbar von

dem Gegenstande selbst dessen Dasein erkannt werden soll aber doch

Zusammenhang desselben mit irgend einer wirklichen Wahrnehmung nach den

Analogien der Erfahrung welche alle reale Verknüpfung in einer Erfahrung

überhaupt darlegen

    In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter seines Daseins

angetroffen werden Denn ob derselbe gleich noch so vollständig sei dass nicht

das mindeste ermangele um ein Ding mit allen seinen inneren Bestimmungen zu

denken so hat das Dasein mit allem diesem doch gar nichts zu tun sondern nur

mit der Frage ob ein solches Ding uns gegeben sei so dass die Wahrnehmung

desselben vor dem Begriffe allenfalls vorhergehen könne Denn dass der Begriff

vor der Wahrnehmung vorhergeht bedeutet dessen bloße Möglichkeit die

Wahrnehmung aber die den Stoff zum Begriff hergibt ist der einzige Charakter

der Wirklichkeit Man kann aber auch vor der Wahrnehmung des Dinges und also

comparative a priori das Dasein desselben erkennen wenn es nur mit einigen

Wahrnehmungen nach den Grundsätzen der empirischen Verknüpfung derselben den

Analogien zusammenhängt Denn alsdann hängt doch das Dasein des Dinges mit

unsern Wahrnehmungen in einer möglichen Erfahrung zusammen und wir können nach

dem Leitfaden jener Analogien von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem Dinge

in der Reihe möglicher Wahrnehmungen gelangen So erkennen wir das Dasein einer

alle Körper durchdringenden magnetischen Materie aus der Wahrnehmung des

gezogenen Eisenfeiligs obzwar eine unmittelbare Wahrnehmung dieses Stoffs uns

nach der Beschaffenheit unserer Organen unmöglich ist Denn überhaupt würden

wir nach Gesetzen der Sinnlichkeit und dem Kontext unserer Wahrnehmungen in

einer Erfahrung auch auf die unmittelbare empirische Anschauung derselben

stoßen wenn unsere Sinnen feiner wären deren Grobheit die Form möglicher

Erfahrung überhaupt nichts angeht Wo also Wahrnehmung und deren Anhang nach

empirischen Gesetzen hinreicht dahin reicht auch unsere Erkenntnis vom Dasein

der Dinge Fangen wir nicht von Erfahrung an oder gehen wir nicht nach Gesetzen

des empirischen Zusammenhanges der Erscheinungen fort so machen wir uns

vergeblich Staat das Dasein irgend eines Dinges erraten oder erforschen zu

wollen Einen mächtigen Einwurf aber wider diese Regeln das Dasein mittelbar zu

beweisen macht der Idealismus dessen Widerlegung hier an der rechten Stelle ist

 

                                       

 





    Der Idealismus ich verstehe den materialen ist die Theorie welche das

Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für zweifelhaft und

unerweislich oder für falsch und unmöglich erklärt der erstere ist der

problematische des Cartesius der nur Eine empirische Behauptung assertio

nämlich Ich bin für ungezweifelt erklärt der zweite ist der dogmatische des

Berkeley der den Raum mit allen den Dingen welchen er als unabtrennliche

Bedingung anhängt für etwas was an sich selbst unmöglich sei und darum auch

die Dinge im Raum für bloße Einbildungen erklärt Der dogmatische Idealismus ist

unvermeidlich wenn man den Raum als Eigenschaft die den Dingen an sich selbst

zukommen soll ansieht denn da ist er mit allem dem er zur Bedingung dient

ein Unding Der Grund zu diesem Idealismus aber ist von uns in der transz

Ästhetik gehoben Der problematische der nichts hierüber behauptet sondern nur

das Unvermögen ein Dasein außer dem unsrigen durch unmittelbare Erfahrung zu

beweisen vorgibt ist vernünftig und einer gründlichen philosophischen

Denkungsart gemäß nämlich bevor ein hinreichender Beweis gefunden worden kein

entscheidendes Urteil zu erlauben Der verlangte Beweis muss also dartun dass wir

von äußeren Dingen auch Erfahrung und nicht bloß Einbildung haben welches wohl

nicht anders wird geschehen können als wenn man beweisen kann dass selbst

unsere innere dem Cartesius unbezweifelte Erfahrung nur unter Voraussetzung

äußerer Erfahrung möglich sei

 



                                   



    Das bloße aber empirisch bestimmte Bewusstsein meines eigenen Daseins

beweiset das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir

 


 

    Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewusst Alle

Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus Dieses

Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein weil eben mein Dasein in der Zeit

durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden kann Also ist die

Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein Ding außer mir und nicht durch die

bloße Vorstellung eines Dinges außer mir möglich Folglich ist die Bestimmung

meines Daseins in der Zeit nur durch die Existenz wirklicher Dinge die ich

außer mir wahrnehme möglich Nun ist das Bewusstsein in der Zeit mit dem

Bewusstsein der Möglichkeit dieser Zeitbestimmung notwendig verbunden Also ist

es auch mit der Existenz der Dinge außer mir als Bedingung der Zeitbestimmung

notwendig verbunden di das Bewusstsein meines eigenen Daseins ist zugleich ein

unmittelbares Bewusstsein des Daseins anderer Dinge außer mir

    Anmerkung 1 Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr dass das Spiel

welches der Idealismus trieb ihm mit mehreren Rechte umgekehrt vergolten wird

Dieser nahm an dass die einzige unmittelbare Erfahrung die innere sei und

daraus auf äußere Dinge nur geschlossen werde aber wie allemal wenn man

ausgegebenen Wirkungen auf bestimmte Ursachen schließt nur unzuverlässig weil

auch in uns selbst die Ursache der Vorstellungen liegen kann die wir äußeren

Dingen vielleicht fälschlich zuschreiben Allein hier wird bewiesen dass

äußere Erfahrung eigentlich unmittelbar sei28 dass nur vermittelst ihrer zwar

nicht das Bewusstsein unserer eigenen Existenz aber doch die Bestimmung

derselben in der Zeit di innere Erfahrung möglich sei Freilich ist die

Vorstellung ich bin die das Bewusstsein ausdrückt welches alles Denken

begleiten kann das was unmittelbar die Existenz eines Subjekts in sich

schließt aber noch keine Erkenntnis desselben mithin auch nicht empirische

di Erfahrung denn dazu gehört außer dem Gedanken von etwas Existierendem

noch Anschauung und hier innere in Ansehung deren di der Zeit das Subjekt

bestimmt werden muss wozu durchaus äußere Gegenstände erforderlich sind so dass

folglich innere Erfahrung selbst nur mittelbar und nur durch äußere möglich ist

    Anmerkung 2 Hiermit stimmt nun aller Erfahrungsgebrauch unseres

Erkenntnisvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein Nicht allein dass

wir alle Zeitbestimmung nur durch den Wechsel in äußeren Verhältnissen die

Bewegung in Beziehung auf das Beharrliche im Raume zB Sonnenbewegung in

Ansehung der Gegenstände der Erde vornehmen können so haben wir so gar nichts

Beharrliches was wir dem Begriffe einer Substanz als Anschauung unterlegen

könnten als bloß die Materie und selbst diese Beharrlichkeit wird nicht aus

äußerer Erfahrung geschöpft sondern a priori als notwendige Bedingung aller

Zeitbestimmung mithin auch als Bestimmung des inneren Sinnes in Ansehung

unseres eigenen Daseins durch die Existenz äußerer Dinge vorausgesetzt Das

Bewusstsein meiner selbst in der Vorstellung Ich ist gar keine Anschauung sondern

eine bloß intellektuelle Vorstellung der Selbsttätigkeit eines denkenden

Subjekts Daher hat dieses Ich auch nicht das mindeste Prädikat der Anschauung

welches als beharrlich der Zeitbestimmung im inneren Sinne zum Korrelat dienen

könnte wie etwa Undurchdringlichkeit an der Materie als empirischer

Anschauung ist

    Anmerkung 3 Daraus dass die Existenz äußerer Gegenstände zur Möglichkeit

eines bestimmten Bewusstseins unserer selbst erfordert wird folgt nicht dass jede

anschauliche Vorstellung äußerer Dinge zugleich die Existenz derselben

einschließe denn jene kann gar wohl die bloße Wirkung der Einbildungskraft in

Träumen sowohl als im Wahnsinn sein sie ist es aber bloß durch die

Reproduktion ehemaliger äußerer Wahrnehmungen welche wie gezeigt worden nur

durch die Wirklichkeit äußerer Gegenstände möglich sind Es hat hier nur

bewiesen werden sollen dass innere Erfahrung überhaupt nur durch äußere

Erfahrung überhaupt möglich sei Ob diese oder jene vermeinte Erfahrung nicht

bloße Einbildung sei muss nach den besonderen Bestimmungen derselben und durch

Zusammenhaltung mit den Kriterien aller wirklichen Erfahrung ausgemittelt

werden

 

                                       

 

    Was endlich das dritte Postulat betrifft so geht es auf die materiale

Notwendigkeit im Dasein und nicht die bloß formale und logische in Verknüpfung

der Begriffe Da nun keine Existenz der Gegenstände der Sinne völlig a priori

erkannt werden kann aber doch comparative a priori relativisch auf ein anderes

schon gegebenes Dasein gleichwohl aber auch alsdann nur auf diejenige Existenz

kommen kann die irgendwo in dem Zusammenhange der Erfahrung davon die gegebene

Wahrnehmung ein Teil ist enthalten sein muss so kann die Notwendigkeit der

Existenz niemals aus Begriffen sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit

demjenigen was wahrgenommen wird nach allgemeinen Gesetzen der Erfahrung

erkannt werden können Da ist nun kein Dasein was unter der Bedingung anderer

gegebener Erscheinungen als notwendig erkannt werden könnte als das Dasein der

Wirkungen aus gegebenen Ursachen nach Gesetzen der Kausalität Also ist es nicht

das Dasein der Dinge Substanzen sondern ihres Zustandes wovon wir allein die

Notwendigkeit erkennen können und zwar aus anderen Zuständen die in der

Wahrnehmung gegeben sind nach empirischen Gesetzen der Kausalität Hieraus

folgt dass das Kriterium der Notwendigkeit lediglich in dem Gesetze der

möglichen Erfahrung liege dass alles was geschieht durch ihr Ursache in der

Erscheinung a priori bestimmt sei Daher erkennen wir nur die Notwendigkeit der

Wirkungen in der Natur, deren Ursachen uns gegeben sind und das Merkmal der

Notwendigkeit im Dasein reicht nicht weiter als das Feld möglicher Erfahrung

und selbst in diesem gilt es nicht von der Existenz der Dinge als Substanzen

weil diese niemals als empirische Wirkungen oder etwas das geschieht und

entsteht können angesehen werden Die Notwendigkeit betrifft also nur die

Verhältnisse der Erscheinungen nach dem dynamischen Gesetze der Kausalität und

die darauf sich gründende Möglichkeit aus irgend einem gegebenen Dasein einer

Ursache a priori auf ein anderes Dasein der Wirkung zu schließen Alles was

geschieht ist hypothetisch notwendig das ist ein Grundsatz welcher die

Veränderung in der Welt einem Gesetze unterwirft di einer Regel des

notwendigen Daseins ohne welche gar nicht einmal Natur stattfinden würde Daher

ist der Satz nichts geschieht durch ein blindes ungefähr in mundo non datur

casus ein Naturgesetz a priori imgleichen keine Notwendigkeit in der Natur

ist blinde sondern bedingte mithin verständliche Notwendigkeit non datur

fatum Beide sind solche Gesetze durch welche das Spiel der Veränderungen

einer Natur der Dinge als Erscheinungen unterworfen wird oder welches

einerlei ist der Einheit des Verstandes in welchem sie allein zu einer

Erfahrung als der synthetischen Einheit der Erscheinungen gehören können

Diese beide Grundsätze gehören zu den dynamischen Der erstere ist eigentlich

eine Folge des Grundsatzes von der Kausalität unter den Analogien der

Erfahrung Der zweite gehört zu den Grundsätzen der Modalität welche zu der

Kausalbestimmung noch den Begriff der Notwendigkeit die aber unter einer Regel

des Verstandes steht hinzu tut Das Prinzip der Kontinuität verbot in der Reihe

der Erscheinungen Veränderungen allen Absprung in mundo non datur saltus

aber auch in dem Inbegriff aller empirischen Anschauungen im Raume alle Lücke

oder Kluft zwischen zwei Erscheinungen non datur hiatus denn so kann man den

Satz ausdrücken dass in die Erfahrung nichts hinein kommen kann was ein Vakuum

bewiese oder auch nur als einen Teil der empirischen Synthesis zuließe Denn

was das Leere betrifft welches man sich außerhalb dem Felde möglicher Erfahrung

der Welt denken mag so gehört dieses nicht vor die Gerichtsbarkeit des bloßen

Verstandes welcher nur über die Fragen entscheidet die die Nutzung gegebener

Erscheinungen zur empirischen Erkenntnis betreffen und ist eine Aufgabe für die

idealische Vernunft die noch über die Sphäre einer möglichen Erfahrung

hinausgeht und von dem urteilen will was diese selbst umgibt und begrenzet

muss daher in der transzendentalen Dialektik erwogen werden Diese vier Sätze in

mundo non datur hiatus non datur saltus non datur casus non datur fatum

könnten wir leicht so wie alle Grundsätze transzendentalen Ursprungs nach

ihrer Ordnung gemäß der Ordnung der Kategorien vorstellig machen und jedem

seine Stelle beweisen allein der schon geübte Leser wird dieses von selbst tun

oder den Leitfaden dazu leicht entdecken Sie vereinigen sich aber alle

lediglich dahin um in der empirischen Synthesis nichts zuzulassen was dem

Verstande und dem kontinuierlichen Zusammenhange aller Erscheinungen di der

Einheit seiner Begriffe Abbruch oder Eintrag tun könnte Denn er ist es allein

worin die Einheit der Erfahrung in der alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben

müssen möglich wird

    Ob das Feld der Möglichkeit größer sei als das Feld was alles Wirkliche

enthält dieses aber wiederum größer als die Menge desjenigen was notwendig

ist das sind artige Fragen und zwar von synthetischer Auflösung die aber auch

nur der Gerichtsbarkeit der Vernunft anheim fallen denn sie wollen ungefähr so

viel sagen als ob alle Dinge als Erscheinungen insgesamt in den Inbegriff

und den Kontext einer einzigen Erfahrung gehören von der jede gegebene

Wahrnehmung ein Teil ist der also mit keinen andern Erscheinungen könne

verbunden werden oder ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen

Erfahrung in ihrem allgemeinen Zusammenhange gehören können Der Verstand gibt

a priori der Erfahrung überhaupt nur die Regel nach den subjektiven und

formalen Bedingungen sowohl der Sinnlichkeit als der Apperzeption welche sie

allein möglich machen Andere Formen der Anschauung als Raum und Zeit),

imgleichen andere Formen des Verstandes als die diskursive des Denkens oder

der Erkenntnis durch Begriffe ob sie gleich möglich wären können wir uns doch

auf keinerlei Weise erdenken und fasslich machen aber wenn wir es auch könnten

so würden sie doch nicht zur Erfahrung als dem einzigen Erkenntnis gehören

worin uns Gegenstände gegeben werden Ob andere Wahrnehmungen als überhaupt zu

unserer gesamten möglichen Erfahrung gehören und also ein ganz anderes Feld der

Materie noch stattfinden könne kann der Verstand nicht entscheiden er hat es

nur mit der Synthesis dessen zu tun was gegeben ist Sonst ist die Armseligkeit

unserer gewöhnlichen Schlüsse wodurch wir ein großes Reich der Möglichkeit

herausbringen davon alles Wirkliche aller Gegenstand der Erfahrung nur ein

kleiner Teil sei sehr in die Augen fallend Alles Wirkliche ist möglich

hieraus folgt natürlicher Weise nach den logischen Regeln der Umkehrung der

bloß partikulare Satz einiges Mögliche ist wirklich welches denn so viel zu

bedeuten scheint als es ist vieles möglich was nicht wirklich ist Zwar hat

es den Anschein als könne man auch geradezu die Zahl des Möglichen über die des

Wirklichen dadurch hinaussetzen weil zu jener noch etwas hinzukommen muss um

diese auszumachen Allein dieses Hinzukommen zum Möglichen kenne ich nicht Denn

was über dasselbe noch zugesetzt werden sollte wäre unmöglich Es kann nur zu

meinem Verstande etwas über die Zusammenstimmung mit den formalen Bedingungen

der Erfahrung nämlich die Verknüpfung mit irgend einer Wahrnehmung

hinzukommen was aber mit dieser nach empirischen Gesetzen verknüpft ist ist

wirklich ob es gleich unmittelbar nicht wahrgenommen wird Dass aber im

durchgängigen Zusammenhange mit dem was mir in der Wahrnehmung gegeben ist

eine andere Reihe von Erscheinungen mithin mehr als eine einzige alles

befassende Erfahrung möglich sei lässt sich aus dem was gegeben ist nicht

schließen und ohne dass irgend etwas gegeben ist noch viel weniger weil ohne

Stoff sich überall nichts denken lässt Was unter Bedingungen die selbst bloß

möglich sind allein möglich ist ist es nicht in aller Absicht In dieser aber

wird die Frage genommen wenn man wissen will ob die Möglichkeit der Dinge sich

weiter erstrecke als Erfahrung reichen kann

    Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung getan um keine Lücke in demjenigen zu

lassen was der geheimen Meinung nach zu den Verstandesbegriffen gehört In

der Tat ist aber die absolute Möglichkeit die in aller Absicht gültig ist kein

bloßer Verstandesbegriff und kann auf keinerlei Weise von empirischem Gebrauche

sein sondern er gehört allein der Vernunft zu die über allen möglichen

empirischen Verstandesgebrauch hinausgeht Daher haben wir uns hierbei mit einer

bloß kritischen Anmerkung begnügen müssen übrigens aber die Sache bis zum

weiteren künftigen Verfahren in der Dunkelheit gelassen

    Da ich eben diese vierte Nummer und mit ihr zugleich das System aller

Grundsätze des reinen Verstandes schließen will so muss ich noch Grund angeben

warum ich die Prinzipien der Modalität gerade Postulate genannt habe Ich will

diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung nehmen welche ihm einige neuere

philosophische Verfasser wider den Sinn der Mathematiker denen er doch

eigentlich angehört gegeben haben nämlich dass Postulieren so viel heißen

solle als einen Satz für unmittelbar gewiss ohne Rechtfertigung oder Beweis

ausgeben denn wenn wir das bei synthetischen Sätzen so evident sie auch sein

mögen einräumen sollten dass man sie ohne Deduktion auf das Ansehen ihres

eigenen Ausspruchs dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe so ist alle Kritik

des Verstandes verloren und da es an dreusten Anmaßungen nicht fehlt deren

sich auch der gemeine Glaube der aber kein Kreditiv ist nicht weigert so wird

unser Verstand jedem Wahne offen stehen ohne dass er seinen Beifall denen

Aussprüchen versagen kann die obgleich unrechtmäßig doch in eben demselben

Tone der Zuversicht als wirkliche Axiomen eingelassen zu werden verlangen Wenn

also zu dem Begriffe eines Dinges eine Bestimmung a priori synthetisch

hinzukommt so muss von einem solchen Satze wo nicht ein Beweis doch wenigstens

eine Deduktion der Rechtmäßigkeit seiner Behauptung unnachlasslich hinzugefügt

werden

    Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objektivsynthetisch weil die

Prädikate der Möglichkeit Wirklichkeit und Notwendigkeit den Begriff von dem

sie gesagt werden nicht im mindesten vermehren dadurch dass sie der Vorstellung

des Gegenstandes noch etwas hinzusetzten Da sie aber gleichwohl doch immer

synthetisch sind so sind sie es nur subjektiv di sie fügen zu dem Begriffe

eines Dinges Realen von dem sie sonst nichts sagen die Erkenntniskraft

hinzu worin er entspringt und seinen Sitz hat so dass wenn er bloß im

Verstande mit den formalen Bedingungen der Erfahrung in Verknüpfung ist sein

Gegenstand möglich heißt ist er mit der Wahrnehmung Empfindung als Materie

der Sinne im Zusammenhange und durch dieselbe vermittelst des Verstandes

bestimmt so ist das Objekt wirklich ist er durch den Zusammenhang der

Wahrnehmungen nach Begriffen bestimmt so heißt der Gegenstand notwendig Die

Grundsätze der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anders als die

Handlung des Erkenntnisvermögens dadurch er erzeugt wird Nun heißt ein

Postulat in der Mathematik der praktische Satz der nichts als die Synthesis

enthält wodurch wir einen Gegenstand uns zuerst geben und dessen Begriff

erzeugen zB mit einer gegebenen Linie aus einem gegebenen Punkt auf einer

Ebene einen Zirkel zu beschreiben und ein dergleichen Satz kann darum nicht

bewiesen werden weil das Verfahren was er fordert gerade das ist wodurch wir

den Begriff von einer solchen Figur zuerst erzeugen So können wir demnach mit

eben demselben Rechte die Grundsätze der Modalität postulieren weil sie ihren

Begriff von Dingen überhaupt nicht vermehren29 sondern nur die Art anzeigen

wie er überhaupt mit der Erkenntniskraft verbunden wird

 

                                       

 







                 



 

    Es ist etwas sehr Bemerkungswürdiges dass wir die Möglichkeit keines Dinges

nach der bloßen Kategorie einleben können sondern immer eine Anschauung bei der

Hand haben müssen um an derselben die objektive Realität des reinen

Verstandesbegriffs darzulegen Man nehme zB die Kategorien der Relation Wie

1 etwas nur als Subjekt nicht als bloße Bestimmung anderer Dinge existieren

di Substanz sein könne oder wie 2 darum weil etwas ist etwas anderes sein

müsse mithin wie etwas überhaupt Ursache sein könne oder 3 wie wenn mehrere

Dinge dasind daraus dass eines derselben da ist etwas auf die übrigen und so

wechselseitig folge und auf diese Art eine Gemeinschaft von Substanzen Statt

haben könne lässt sich gar nicht aus bloßen Begriffen einsehen Eben dieses gilt

auch von den übrigen Kategorien zB wie ein Ding mit vielen zusammen einerlei

di eine Größe sein könne usw So lange es also an Anschauung fehlt weiß man

nicht ob man durch die Kategorien ein Objekt denkt und ob ihnen auch überall

gar irgend ein Objekt zukommen könne und so bestätigt sich dass sie für sich

gar keine Erkenntnisse sondern bloße Gedankenformen sind um aus gegebenen

Anschauungen Erkenntnisse zu machen  Eben daher kommt es auch dass aus bloßen

Kategorien kein synthetischer Satz gemacht werden kann ZB in allem Dasein ist

Substanz di etwas was nur als Subjekt und nicht als bloßes Prädikat

existieren kann oder ein jedes Ding ist ein Quantum usw wo gar nichts ist

was uns dienen könnte über einen gegebenen Begriff hinauszugehen und einen

andern damit zu verknüpfen Daher es auch niemals gelungen ist aus bloßen

reinen Verstandesbegriffen einen synthetischen Satz zu beweisen zB den Satz

alles ZufälligExistierende hat eine Ursache Man konnte niemals weiter kommen

als zu beweisen dass ohne diese Beziehung wir die Existenz des Zufälligen gar

nicht begreifen di a priori durch den Verstand die Existenz eines solchen

Dinges nicht erkennen könnten woraus aber nicht folgt dass eben dieselbe auch

die Bedingung der Möglichkeit der Sachen selbst sei Wenn man daher nach unserem

Beweise des Grundsatzes der Kausalität zurück sehen will so wird man gewahr

werden dass wir denselben nur von Objekten möglicher Erfahrung beweisen konnten

alles was geschieht eine jede Begebenheit setzt eine Ursache voraus und

zwar so dass wir ihn auch nur als Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung mithin

der Erkenntnis eines in der empirischen Anschauung gegebenen Objekts und nicht

aus bloßen Begriffen beweisen konnten Dass gleichwohl der Satz alles Zufällige

müsse eine Ursache haben doch jedermann aus bloßen Begriffen klar einleuchte

ist nicht zu leugnen aber alsdann ist der Begriff des Zufälligen schon so

gefasst dass er nicht die Kategorie der Modalität als etwas dessen Nichtsein

sich denken lässt sondern die der Relation als etwas das nur als Folge von

einem anderen existieren kann enthält und da ist es freilich ein identischer

Satz Was nur als Folge existieren kann hat seine Ursache in der Tat wenn wir

Beispiele vom zufälligen Dasein geben sollen berufen wir uns immer auf

Veränderungen und nicht bloß auf die Möglichkeit des Gedankens vom Gegenteil30

Veränderung aber ist Begebenheit die als solche nur durch eine Ursache

möglich deren Nichtsein also für sich möglich ist und so erkennt man die

Zufälligkeit daraus dass etwas nur als Wirkung einer Ursache existieren kann

wird daher ein Ding als zufällig angenommen so ists ein analytischer Satz zu

sagen es habe eine Ursache

    Noch merkwürdiger aber ist dass wir um die Möglichkeit der Dinge zu Folge

der Kategorien zu verstehen und also die objektive Realität der letzteren

darzutun nicht bloß Anschauungen sondern sogar immer äußere Anschauungen

bedürfen Wenn wir zB die reinen Begriffe der Relation nehmen so finden wir

dass 1 um dem Begriffe der Substanz korrespondierend etwas Beharrliches in der

Anschauung zu geben und dadurch die objektive Realität dieses Begriffs

darzutun wir eine Anschauung im Raume der Materie bedürfen weil der Raum

allein beharrlich bestimmt die Zeit aber mithin alles was im inneren Sinne

ist beständig fließt 2 Um Veränderung als die dem Begriffe der Kausalität

korrespondierende Anschauung darzustellen müssen wir Bewegung als Veränderung

im Raume zum Beispiele nehmen ja sogar dadurch allein können wir uns

Veränderungen deren Möglichkeit kein reiner Verstand begreifen kann

anschaulich machen Veränderung ist Verbindung kontradiktorisch einander

entgegengesetzter Bestimmungen im Dasein eines und desselben Dinges Wie es nun

möglich sei dass aus einem gegebenen Zustande ein ihm entgegengesetzter

desselben Dinges folge kann nicht allein keine Vernunft sich ohne Beispiel

begreiflich sondern nicht einmal ohne Anschauung verständlich machen und diese

Anschauung ist die der Bewegung eines Punkts im Raume dessen Dasein in

verschiedenen Örtern als eine Folge entgegengesetzter Bestimmungen zuerst uns

allein Veränderung anschaulich macht denn um uns nachher selbst innere

Veränderungen denkbar zu machen müssen wir die Zeit als die Form des inneren

Sinnes figürlich durch eine Linie und die innere Veränderung durch das Ziehen

dieser Linie Bewegung mithin die sukzessive Existenz unser selbst in

verschiedenem Zustande durch äußere Anschauung uns fasslich machen wovon der

eigentliche Grund dieser ist dass alle Veränderung etwas Beharrliches in der

Anschauung voraussetzt um auch selbst nur als Veränderung wahrgenommen zu

werden im inneren Sinn aber gar keine beharrliche Anschauung angetroffen wird

 Endlich ist die Kategorie der Gemeinschaft ihrer Möglichkeit nach gar nicht

durch die bloße Vernunft zu begreifen und also die objektive Realität dieses

Begriffs ohne Anschauung und zwar äußere im Raum nicht einzusehen möglich

Denn wie will man sich die Möglichkeit denken dass wenn mehrere Substanzen

existieren aus der Existenz der einen auf die Existenz der anderen

wechselseitig etwas als Wirkung folgen könne und also weil in der erster en

etwas ist darum auch in den anderen etwas sein müsse was aus der Existenz der

letzteren allein nicht verstanden werden kann denn dieses wird zur Gemeinschaft

erfordert ist aber unter Dingen die sich ein jedes durch seine Subsistenz

völlig isolieren gar nicht begreiflich Daher Leibniz indem er den Substanzen

der Welt nur wie sie der Verstand allein denkt eine Gemeinschaft beilegte

eine Gottheit zur Vermittlung brauchte denn aus ihrem Dasein allein schien sie

ihm mit Recht unbegreiflich Wir können aber die Möglichkeit der Gemeinschaft

der Substanzen als Erscheinungen uns gar wollt fasslich machen wenn wir sie

uns im Raume also in der äußeren Anschauung vorstellen Denn dieser enthält

schon a priori formale äußere Verhältnisse als Bedingungen der Möglichkeit der

realen in Wirkung und Gegenwirkung mithin der Gemeinschaft in sich  Eben so

kann leicht dargetan werden dass die Möglichkeit der Dinge als Größen und also

die objektive Realität der Kategorie der Größe auch nur in der äußeren

Anschauung könne dargelegt und vermittelst ihrer allein hernach auch auf den

inneren Sinn angewandt werden Allein ich muss um Weitläufigkeit zu vermeiden

die Beispiele davon dem Nachdenken des Lesers überlassen

    Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit nicht allein um unsere

vorhergehende Widerlegung des Idealismus zu bestätigen sondern vielmehr noch

um wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren Bewusstsein und der

Bestimmung unserer Natur ohne Beihilfe äußerer empirischen Anschauungen die Rede

sein wird uns die Schranken der Möglichkeit einer solchen Erkenntnis

anzuzeigen

    Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also Alle Grundsätze

des reinen Verstandes sind nichts weiter als Prinzipien a priori der Möglichkeit

der Erfahrung und auf die letztere allein beziehen sich auch alle synthetische

Sätze a priori ja ihre Möglichkeit beruht selbst gänzlich auf dieser Beziehung

 
 

                                        




    Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset und

jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen sondern es auch

durchmessen und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt Dieses Land

aber ist eine Insel und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen

eingeschlossen Es ist das Land der Wahrheit ein reizender Name umgeben von

einem weiten und stürmischen Ozeane dem eigentlichen Sitze des Scheins wo

manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt und

indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit

leeren Hoffnungen täuscht ihn in Abenteuer verflechtet von denen er niemals

ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann Ehe wir uns aber auf

dieses Meer wagen um es nach allen Breiten zu durchsuchen und gewiss zu werden

ob etwas in ihnen zu hoffen sei so wird es nützlich sein zuvor noch einen

Blick auf die Karte des Landes zu werfen das wir eben verlassen wollen und

erstlich zu fragen ob wir mit dem was es in sich enthält nicht allenfalls

zufrieden sein könnten oder auch aus Not zufrieden sein müssen wenn es sonst

überall keinen Boden gibt auf dem wir uns anbauen könnten zweitens unter

welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen und uns wider alle

feindselige Ansprüche gesichert halten können Obschon wir diese Fragen in dem

Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet haben so kann doch ein

summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die Überzeugung dadurch verstärken

dass er die Momente derselben in einem Punkt vereinigt

    Wir haben nämlich gesehen dass alles was der Verstand aus sich selbst

schöpft ohne es von der Erfahrung zu borgen das habe er dennoch zu keinem

andern Behuf als lediglich zum Erfahrungsgebrauch Die Grundsätze des reinen

Verstandes sie mögen nun a priori konstitutiv sein wie die mathematischen

oder bloß regulativ wie die dynamischen enthalten nichts als gleichsam nur

das reine Schema zur möglichen Erfahrung denn diese hat ihre Einheit nur von

der synthetischen Einheit welche der Verstand der Synthesis der

Einbildungskraft in Beziehung auf die Apperzeption ursprünglich und von selbst

erteilt und auf welche die Erscheinungen als Data zu einem möglichen

Erkenntnisse schon a priori in Beziehung und Einstimmung stehen müssen Ob nun

aber gleich diese Verstandesregeln nicht allein a priori wahr sind sondern

sogar der Quell aller Wahrheit di der Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit

Objekten dadurch dass sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung als des

Inbegriffes aller Erkenntnis darin uns Objekte gegeben werden mögen in sich

enthalten so scheint es uns doch nicht genug sich bloß dasjenige vortragen zu

lassen was wahr ist sondern was man zu wissen begehrt Wenn wir also durch

diese kritische Untersuchung nichts Mehreres lernen als was wir im bloß

empirischen Gebrauche des Verstandes auch ohne so subtile Nachforschung von

selbst wohl würden ausgeübt haben so scheint es sei der Vorteil den man aus

ihr zieht den Aufwand und die Zurüstung nicht wert Nun kann man zwar hierauf

antworten dass kein Vorwitz der Erweiterung unserer Erkenntnis nachteiliger sei

als der so den Nutzen jederzeit zum vor aus wissen will ehe man sich auf

Nachforschungen einlässt und ehe man noch sich den mindesten Begriff von diesem

Nutzen machen könnte wenn derselbe auch vor Augen gestellt würde Allein es

gibt doch einen Vorteil der auch dem schwierigsten und unlustigsten Lehrlinge

solcher transzendentalen Nachforschung begreiflich und zugleich angelegen

gemacht werden kann nämlich dieser dass der bloß mit seinem empirischen

Gebrauche beschäftigte Verstand der über die Quellen seiner eigenen Erkenntnis

nicht nachsinnt zwar sehr gut fortkommen eines aber gar nicht leisten könne

nämlich sich selbst die Grenzen seines Gebrauchs zu bestimmen und zu wissen

was innerhalb oder außerhalb seiner ganzen Sphäre liegen mag denn dazu werden

eben die tiefen Untersuchungen erfordert die wir angestellt haben Kann er aber

nicht unterscheiden ob gewisse Fragen in seinem Horizonte liegen oder nicht

so ist er niemals seiner Ansprüche und seines Besitzes sicher sondern darf sich

nur auf vielfältige beschämende Zurechtweisungen Rechnung machen wenn er die

Grenzen seines Gebiets wie es unvermeidlich ist unaufhörlich überschreitet

und sich in Wahn und Blendwerke verirrt

    Dass also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori ja von allen

seinen Begriffen keinen andern als empirischen niemals aber einen

transzendentalen Gebrauch machen könne ist ein Satz der wenn er mit

Überzeugung erkannt werden kann in wichtige Folgen hinaussieht Der

transzendentale Gebrauch eines Begriffs in irgend einem Grundsatze ist dieser

dass er auf Dinge überhaupt und an sich selbst, der empirische aber wenn er bloß

auf Erscheinungen di Gegenstände einer möglichen Erfahrung bezogen wird Dass

aber überall nur der letztere stattfinden könne ersieht man daraus Zu jedem

Begriff wird erstlich die logische Form eines Begriffs des Denkens überhaupt

und denn zweitens auch die Möglichkeit ihm einen Gegenstand zu geben darauf er

sich beziehe erfordert Ohne diesen letzten hat er keinen Sinn und ist völlig

leer an Inhalt ob er gleich noch immer die logische Funktion enthalten mag aus

etwanigen Datis einen Begriff zu machen Nun kann der Gegenstand einem Begriffe

nicht anders gegeben werden als in der Anschauung, und wenn eine reine

Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich ist so kann doch auch

diese selbst ihren Gegenstand mithin die objektive Gültigkeit nur durch die

empirische Anschauung bekommen wovon sie die bloße Form ist Also beziehen sich

alle Begriffe und mit ihnen alle Grundsätze so sehr sie auch a priori möglich

sein mögen dennoch auf empirische Anschauungen di auf Data zur möglichen

Erfahrung Ohne dieses haben sie gar keine objektive Gültigkeit sondern sind

ein bloßes Spiel es sei der Einbildungskraft oder des Verstandes respektive

mit ihren Vorstellungen Man nehme nur die Begriffe der Mathematik zum

Beispiele und zwar erstlich in ihren reinen Anschauungen Dur Raum hat drei

Abmessungen zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein etc

Obgleich alle diese Grundsätze und die Vorstellung des Gegenstandes womit sich

jene Wissenschaft beschäftigt völlig a priori im Gemüt erzeugt werden so

würden sie doch gar nichts bedeuten könnten wir nicht immer an Erscheinungen

empirischen Gegenständen ihre Bedeutung darlegen Daher erfordert man auch

einen abgesonderten Begriff sinnlich zu machen di das ihm korrespondierende

Objekt in der Anschauung darzulegen weil ohne dieses der Begriff wie man

sagt ohne Sinn di ohne Bedeutung bleiben würde Die Mathematik erfüllt diese

Forderung durch die Konstruktion der Gestalt welche eine den Sinnen

gegenwärtige obzwar a priori zu Stande gebrachte Erscheinung ist Der Begriff

der Größe sucht in eben der Wissenschaft seine Haltung und Sinn in der Zahl

diese aber an den Fingern den Korallen des Rechenbretts oder den Strichen und

Punkten die vor Augen gestellt werden Der Begriff bleibt immer a priori

erzeugt samt den synthetischen Grundsätzen oder Formeln aus solchen Begriffen

aber der Gebrauch derselben und Beziehung auf angebliche Gegenstände kann am

Ende doch nirgend als in der Erfahrung gesucht werden deren Möglichkeit der

Form nach jene a priori enthalten

    Dass dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien und den daraus

gesponnenen Grundsätzen sei erhellet auch daraus dass wir so gar keine einzige

derselben real definieren di die Möglichkeit ihres Objekts verständlich

machen können ohne uns so fort zu Bedingungen der Sinnlichkeit mithin der Form

der Erscheinungen herabzulassen als auf welche als ihre einzige Gegenstände

sie folglich eingeschränkt sein müssen weil wenn man diese Bedingung wegnimmt

alle Bedeutung di Beziehung aufs Objekt wegfällt und man durch kein

Beispiel sich selbst fasslich machen kann was unter dergleichen Begriffe denn

eigentlich für ein Ding gemeint sei

    Den Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären als etwa so dass sie

die Bestimmung eines Dinges sei dadurch wie vielmal Eines in ihm gesetzt ist

gedacht werden kann Allein dieses Wievielmal gründet sich auf die sukzessive

Wiederholung mithin auf die Zeit und die Synthesis des Gleichartigen in

derselben Realität kann man im Gegensatze mit der Negation nur alsdann

erklären wenn man sich eine Zeit als den Inbegriff von allem Sein gedenkt

die entweder womit erfüllet oder leer ist Lasse ich die Beharrlichkeit welche

ein Dasein zu aller Zeit ist weg so bleibt mir zum Begriffe der Substanz

nichts übrig als die logische Vorstellung vom Subjekt welche ich dadurch zu

realisieren vermeine dass ich mir etwas vorstelle welches bloß als Subjekt

ohne wovon ein Prädikat zu sein stattfinden kann Aber nicht allein dass ich

gar keine Bedingungen weiß unter welchen denn dieser logische Vorzug irgend

einem Dinge eigen sein werde so ist auch gar nichts weiter daraus zu machen

und nicht die mindeste Folgerung zu ziehen weil dadurch gar kein Objekt des

Gebrauchs dieses Begriffs bestimmt wird und man also gar nicht weiß ob dieser

überall irgend etwas bedeute Vom Begriffe der Ursache würde ich wenn ich die

Zeit weglasse in der etwas auf etwas anderes nach einer Regel folgt in der

reinen Kategorie nichts weiter finden als dass es so etwas sei woraus sich auf

das Dasein eines andern schließen lässt und es würde dadurch nicht allein

Ursache und Wirkung gar nicht von einander unterschieden werden können sondern

weil dieses Schließenkönnen doch bald Bedingungen erfordert von denen ich

nichts weiß so würde der Begriff gar keine Bestimmung haben wie er auf irgend

ein Objekt passe Der vermeinte Grundsatz alles Zufällige hat eine Ursache

tritt zwar ziemlich gravitätisch auf als habe er seine eigene Würde in sich

selbst Allein frage ich was versteht ihr unter zufällig und ihr antwortet

dessen Nichtsein möglich ist so möchte ich gern wissen woran ihr diese

Möglichkeit des Nichtseins erkennen wollt wenn ihr euch nicht in der Reihe der

Erscheinungen eine Sukzession und in dieser ein Dasein welches auf das

Nichtsein folgt oder umgekehrt mithin einen Wechsel vorstellt denn dass das

Nichtsein eines Dinges sich selbst nicht widerspreche ist eine lahme Berufung

auf eine logische Bedingung die zwar zum Begriffe notwendig aber zur realen

Möglichkeit bei weitem nicht hinreichend ist wie ich denn eine jede

existierende Substanz in Gedanken aufheben kann ohne mir selbst zu

widersprechen daraus aber auf die objektive Zufälligkeit derselben in ihrem

Dasein di die Möglichkeit seines Nichtseins an sich selbst, gar nicht

schließen kann Was den Begriff der Gemeinschaft betrifft so ist leicht zu

ermessen dass da die reinen Kategorien der Substanz sowohl als Kausalität

keine das Objekt bestimmende Erklärung zulassen die wechselseitige Kausalität

in der Beziehung der Substanzen auf einander commercium eben so wenig

derselben fähig sei Möglichkeit Dasein und Notwendigkeit hat noch niemand

anders als durch offenbare Tautologie erklären können wenn man ihre Definition

lediglich aus dem reinen Verstande schöpfen wollte Denn das Blendwerk die

logische Möglichkeit des Begriffs da er sich selbst nicht widerspricht der

transzendentalen Möglichkeit der Dinge da dem Begriff ein Gegenstand

korrespondiert zu unterschieben kann nur Unversuchte hintergehen und zufrieden

stellen31

    Hieraus fließt nun unwidersprechlich dass die reinen Verstandesbegriffe

niemals von transzendentalem sondern jederzeit nur von empirischem Gebrauche

sein können und dass die Grundsätze des reinen Verstandes nur in Beziehung auf

die allgemeinen Bedingungen einer möglichen Erfahrung auf Gegenstände der

Sinne niemals aber auf Dinge überhaupt ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen

wie wir sie anschauen mögen bezogen werden können

    Die transzendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat dass der

Verstand a priori niemals mehr leisten könne als die Form einer möglichen

Erfahrung überhaupt zu antizipieren und da dasjenige was nicht Erscheinung

ist kein Gegenstand der Erfahrung sein kann dass er die Schranken der

Sinnlichkeit innerhalb denen uns allein Gegenstände gegeben werden niemals

überschreiten könne Seine Grundsätze sind bloß Prinzipien der Exposition der

Erscheinungen und der stolze Name einer Ontologie welche sich anmaßt von

Dingen überhaupt synthetische Erkenntnisse a priori in einer systematischen

Doktrin zu geben z E den Grundsatz der Kausalität muss dem bescheidenen

einer bloßen Analytik des reinen Verstandes Platz machen

    Das Denken ist die Handlung gegebene Anschauung auf einen Gegenstand zu

beziehen Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise gegeben so ist der

Gegenstand bloß transzendental und der Verstandesbegriff hat keinen andern als

transzendentalen Gebrauch nämlich die Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen

überhaupt Durch eine reine Kategorie nun in welcher von aller Bedingung der

sinnlichen Anschauung als der einzigen die uns möglich ist abstrahiert wird

wird also kein Objekt bestimmt sondern nur das Denken eines Objekts überhaupt

nach verschiedenen Modis ausgedrückt Nun gehört zum Gebrauche eines Begriffs

noch eine Funktion der Urteilskraft worauf ein Gegenstand unter ihm subsumiert

wird mithin die wenigstens formale Bedingung unter der etwas in der Anschauung

gegeben werden kann. Fehlt diese Bedingung der Urteilskraft Schema so fällt

alle Subsumtion weg denn es wird nichts gegeben was unter den Begriff

subsumiert werden könne Der bloß transzendentale Gebrauch also der Kategorien

ist in der Tat gar kein Gebrauch und hat keinen bestimmten oder auch nur der

Form nach bestimmbaren Gegenstand Hieraus folgt dass die reine Kategorie auch

zu keinem synthetischen Grundsatze a priori zulange und dass die Grundsätze des

reinen Verstandes nur von empirischem niemals aber von transzendentalem

Gebrauche sind über das Feld möglicher Erfahrung hinaus aber es überall keine

synthetische Grundsätze a priori geben könne

    Es kann daher ratsam sein sich also auszudrücken die reinen Kategorien

ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit haben bloß transzendentale Bedeutung

sind aber von keinem transzendentalen Gebrauch weil dieser an sich selbst

unmöglich ist indem ihnen alle Bedingungen irgend eines Gebrauchs in Urteilen

abgehen nämlich die formalen Bedingungen der Subsumtion irgend eines

angeblichen Gegenstandes unter diese Begriffe Da sie also als bloß reine

Kategorien nicht von empirischem Gebrauche sein sollen und von

transzendentalem nicht sein können so sind sie von gar keinem Gebrauche wenn

man sie von aller Sinnlichkeit absondert di sie können auf gar keinen

angeblichen Gegenstand angewandt werden vielmehr sind sie bloß die reine Form

des Verstandesgebrauchs in Ansehung der Gegenstände überhaupt und des Denkens

ohne doch durch sie allein irgend ein Objekt denken oder bestimmen zu können

    Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum Grunde Die

Kategorien gründen sich ihrem Ursprünge nach nicht auf Sinnlichkeit wie die

Anschauungsformen Raum und Zeit, scheinen also eine über alle Gegenstände der

Sinne erweiterte Anwendung zu verstatten Allein sie sind ihrerseits wiederum

nichts als Gedankenformen die bloß das logische Vermögen enthalten das

mannigfaltige in der Anschauung Gegebene in ein Bewusstsein a priori zu

vereinigen und da können sie wenn man ihnen die uns allein mögliche Anschauung

wegnimmt noch weniger Bedeutung haben als jene reine sinnliche Formen durch

die doch wenigstens ein Objekt gegeben wird anstatt dass eine unserm Verstande

eigene Verbindungsart des Mannigfaltigen wenn diejenige Anschauung darin

dieses allein gegeben werden kann, nicht hinzu kommt gar nichts bedeutet 

Gleichwohl liegt es doch schon in unserm Begriffe wenn wir gewisse Gegenstände

als Erscheinungen Sinnenwesen phaenomena nennen indem wir die Art wie wir

sie anschauen von ihrer Beschaffenheit an sich selbst unterscheiden dass wir

entweder eben dieselbe nach dieser letzteren Beschaffenheit wenn wir sie gleich

in derselben nicht anschauen oder auch andere mögliche Dinge die gar nicht

Objekte unserer Sinne sind als Gegenstände bloß durch den Verstand gedacht

jenen gleichsam gegenüber stellen und sie Verstandeswesen noumena nennen Nun

frägt sich ob unsere reine Verstandesbegriffe nicht in Ansehung dieser

letzteren Bedeutung haben und eine Erkenntnisart derselben sein könnten

    Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit welche großen

Missverstand veranlassen kann dass da der Verstand wenn er einen Gegenstand in

einer Beziehung bloß Phänomen nennt er sich zugleich außer dieser Beziehung

noch eine Vorstellung von einem Gegenstande an sich selbst macht und sich daher

vorstellt er könne sich auch von dergleichen Gegenstande Begriffe machen und

da der Verstand keine andere als die Kategorien liefert der Gegenstand in der

letzteren Bedeutung wenigstens durch diese reine Verstandesbegriffe müsse

gedacht werden können dadurch aber verleitet wird den ganz unbestimmten

Begriff von einem Verstandeswesen als einem Etwas überhaupt außer unserer

Sinnlichkeit für einen bestimmten Begriff von einem Wesen welches wir durch

den Verstand auf einige Art erkennen könnten zu halten

    Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen so fern es nicht Objekt unserer

sinnlichen Anschauung ist indem wir von unserer Anschauungsart desselben

abstrahieren so ist dieses ein Noumenon im negativen Verstande Verstehen wir

aber darunter ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung so nehmen wir eine

besondere Anschauungsart an nämlich die intellektuelle die aber nicht die

unsrige ist von welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen können und das

wäre das Noumenon in positiver Bedeutung

    Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den Noumenen

im negativen Verstande di von Dingen die der Verstand sich ohne diese

Beziehung auf unsere Anschauungsart mithin nicht bloß als Erscheinungen

sondern als Dinge an sich selbst denken muss von denen er aber in dieser

Absonderung zugleich begreift dass er von seinen Kategorien in dieser Art sie

zu erwägen keinen Gebrauch machen könne weil diese nur in Beziehung auf die

Einheit der Anschauungen in Raum und Zeit Bedeutung haben sie eben diese

Einheit auch nur wegen der bloßen Idealität des Raums und der Zeit durch

allgemeine Verbindungsbegriffe a priori bestimmen können Wo diese Zeiteinheit

nicht angetroffen werden kann mithin beim Noumenon da hört der ganze Gebrauch

ja selbst alle Bedeutung der Kategorien völlig auf denn selbst die Möglichkeit

der Dinge die den Kategorien entsprechen sollen lässt sich gar nicht einsehen

weshalb ich mich nur auf das berufen darf was ich in der allgemeinen Anmerkung

zum vorigen Hauptstücke gleich zu Anfang anführte Nun kann aber die

Möglichkeit eines Dinges niemals bloß aus dem Nichtwidersprechen eines Begriffs

desselben sondern nur dadurch dass man diesen durch eine ihm korrespondierende

Anschauung belegt bewiesen werden Wenn wir also die Kategorien auf

Gegenstände die nicht als Erscheinungen betrachtet werden anwenden wollten so

müssten wir eine andere Anschauung als die sinnliche zum Grunde legen und

alsdann wäre der Gegenstand ein Noumenon in positiver Bedeutung Da nun eine

solche nämlich die intellektuelle Anschauung schlechterdings außer unserem

Erkenntnisvermögen liegt so kann auch der Gebrauch der Kategorien keineswegs

über die Grenze der Gegenstände der Erfahrung hinausreichen und den Sinnenwesen

korrespondieren zwar freilich Verstandeswesen auch mag es Verstandeswesen

geben auf welche unser sinnliches Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat

aber unsere Verstandesbegriffe als bloße Gedankenformen für unsere sinnliche

Anschauung reichen nicht im mindesten auf diese hinaus was also von uns

Noumenon genannt wird muss als ein solches nur in negativer Bedeutung verstanden

werden

    Wenn ich alles Denken durch Kategorien aus einer empirischen Erkenntnis

wegnehme so bleibt gar keine Erkenntnis irgend eines Gegenstandes übrig denn

durch bloße Anschauung wird gar nichts gedacht und dass diese Affektion der

Sinnlichkeit in mir ist macht gar keine Beziehung von dergleichen Vorstellung

auf irgend ein Objekt aus Lasse ich aber hingegen alle Anschauung weg so

bleibt doch noch die Form des Denkens di die Art dem Mannigfaltigen einer

möglichen Anschauung einen Gegenstand zu bestimmen Daher erstrecken sich die

Kategorien so fern weiter als die sinnliche Anschauung weil sie Objekte

überhaupt denken ohne noch auf die besondere Art der Sinnlichkeit zu sehen

in der sie gegeben werden mögen Sie bestimmen aber dadurch nicht eine größere

Sphäre von Gegenständen weil dass solche gegeben werden können man nicht

annehmen kann ohne dass man eine andere als sinnliche Art der Anschauung als

möglich voraussetzt wozu wir aber keineswegs berechtigt sind

    Ich nenne einen Begriff problematisch der keinen Widerspruch enthält der

auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit andern Erkenntnissen

zusammenhängt dessen objektive Realität aber auf keine Weise erkannt werden

kann Der Begriff eines Noumenon di eines Dinges welches gar nicht als

Gegenstand der Sinne sondern als ein Ding an sich selbst lediglich durch einen

reinen Verstand gedacht werden soll ist gar nicht widersprechend denn man

kann von der Sinnlichkeit doch nicht behaupten dass sie die einzige mögliche Art

der Anschauung sei Ferner ist dieser Begriff notwendig um die sinnliche

Anschauung nicht bis über die Dinge an sich selbst auszudehnen und also um die

objektive Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis einzuschränken denn das übrige

worauf jene nicht reicht heißen eben darum Noumena damit man dadurch anzeige

jene Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht über alles was der Verstand denkt

erstrecken Am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher Noumenorum gar nicht

einzusehen und der Umfang außer der Sphäre der Erscheinungen ist für uns

leer di wir haben einen Verstand der sich problematisch weiter erstreckt

als jene aber keine Anschauung ja auch nicht einmal den Begriff von einer

möglichen Anschauung wodurch uns außer dem Felde der Sinnlichkeit Gegenstände

gegeben und der Verstand über dieselbe hinaus assertorisch gebraucht werden

könne Der Begriff eines Noumenon ist also bloß ein Grenzbegriff um die

Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken und also nur von negativem Gebrauche

Er ist aber gleichwohl nicht willkürlich erdichtet sondern hängt mit der

Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen ohne doch etwas Positives außer dem

Umfange derselben setzen zu können

    Die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena und der Welt in

eine Sinnen und Verstandeswelt kann daher in positiver Bedeutung gar nicht

zugelassen werden obgleich Begriffe allerdings die Einteilung in sinnliche und

intellektuelle zulassen denn man kann den letzteren keinen Gegenstand

bestimmen und sie also auch nicht für objektivgültig ausgeben Wenn man von den

Sinnen abgeht wie will man begreiflich machen dass unsere Kategorien welche

die einzigen übrig bleibenden Begriffe für Noumena sein würden noch überall

etwas bedeuten da zu ihrer Beziehung auf irgend einen Gegenstand noch etwas

mehr als bloß die Einheit des Denkens nämlich überdem eine mögliche Anschauung

gegeben sein muss darauf jene angewandt werden können Der Begriff eines

Noumeni bloß problematisch genommen bleibt demungeachtet nicht allein

zulässig sondern auch als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff

unvermeidlich Aber alsdann ist das nicht ein besonderer intelligibler

Gegenstand für unsern Verstand sondern ein Verstand für den es gehörte ist

selbst ein Problem nämlich nicht diskursiv durch Kategorien sondern intuitiv

in einer nichtsinnlichen Anschauung seinen Gegenstand zu erkennen als von

welchem wir uns nicht die geringste Vorstellung seiner Möglichkeit machen

können Unser Verstand bekommt nun auf diese Weise eine negative Erweiterung

di er wird nicht durch die Sinnlichkeit eingeschränkt sondern schränkt

vielmehr dieselbe ein dadurch dass er Dinge an sich selbst nicht als

Erscheinungen betrachtet Noumena nennt Aber er setzt sich auch so fort selbst

Grenzen sie durch keine Kategorien zu erkennen mithin sie nur unter dem Namen

eines unbekannten Etwas zu denken

    Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz andern Gebrauch

der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis32 der von dem Sinne der

Arten ganz abweicht und wobei es freilich keine Schwierigkeit hat aber auch

nichts als leere Wortkrämerei angetroffen wird Nach demselben hat es einigen

beliebt den Inbegriff der Erscheinungen so fern er angeschaut wird die

Sinnenwelt so fern aber der Zusammenhang derselben nach allgemeinen

Verstandesgesetzen gedacht wird die Verstandeswelt zu nennen Die theoretische

Astronomie welche die bloße Beobachtung des gestirnten Himmels vorträgt würde

die erstere die kontemplative dagegen etwa nach dem kopernikanischen

Weltsystem oder gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt die zweite

nämlich eine intelligible Welt vorstellig machen Aber eine solche

Wortverdrehung ist eine bloße sophistische Ausflucht um einer beschwerlichen

Frage auszuweichen dadurch dass man ihren Sinn zu seiner Gemächlichkeit

herabstimmt In Ansehung der Erscheinungen lässt sich allerdings Verstand und

Vernunft brauchen aber es frägt sich ob diese auch noch einigen Gebrauch

haben wenn der Gegenstand nicht Erscheinung noumenon ist und in diesem Sinne

nimmt man ihn wenn er an sich als bloß intelligibel di dem Verstande allein

und gar nicht den Sinnen gegeben gedacht wird Es ist also die Frage ob außer

jenem empirischen Gebrauche des Verstandes selbst in der Newtonischen

Vorstellung des Weltbaues noch ein transzendentaler möglich sei der auf das

Noumenon als einen Gegenstand gehe welche Frage wir verneinend beantwortet

haben

    Wenn wir denn also sagen die Sinne stellen uns die Gegenstände vor wie sie

erscheinen der Verstand aber wie sie sind so ist das letztere nicht in

transzendentaler sondern bloß empirischer Bedeutung zu nehmen nämlich wie sie

als Gegenstände der Erfahrung im durchgängigen Zusammenhange der Erscheinungen

müssen vorgestellt werden und nicht nach dem was sie außer der Beziehung auf

mögliche Erfahrung und folglich auf Sinne überhaupt mithin als Gegenstände des

reinen Verstandes sein mögen Denn dieses wird uns immer unbekannt bleiben so

gar dass es auch unbekannt bleibt ob eine solche transzendentale

außerordentliche Erkenntnis überall möglich sei zum wenigsten als eine

solche die unter unseren gewöhnlichen Kategorien steht Verstand und

Sinnlichkeit können bei uns nur in Verbindung Gegenstände bestimmen Wenn wir

sie trennen so haben wir Anschauungen ohne Begriffe oder Begriffe ohne

Anschauungen in beiden Fällen aber Vorstellungen die wir auf keinen bestimmten

Gegenstand beziehen können

    Wenn jemand noch Bedenken trägt auf alle diese Erörterungen dem bloß

transzendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen so mache er einen Versuch

von ihnen in irgend einer synthetischen Behauptung Denn eine analytische bringt

den Verstand nicht weiter und da er nur mit dem beschäftigt ist was in dem

Begriffe schon gedacht wird so lässt er es unausgemacht ob dieser an sich

selbst auf Gegenstände Beziehung habe oder nur die Einheit des Denkens

überhaupt bedeute welche von der Art wie ein Gegenstand gegeben werden mag

völlig abstrahiert es ist ihm genug zu wissen was in seinem Begriffe liegt

worauf der Begriff selber gehen möge ist ihm gleichgültig Er versuche es

demnach mit irgend einem synthetischen und vermeintlich transzendentalen

Grundsatze als alles was da ist existiert als Substanz oder eine derselben

anhängende Bestimmung alles Zufällige existiert als Wirkung eines andern

Dinges nämlich seiner Ursache usw Nun frage ich woher will er diese

synthetische Sätze nehmen da die Begriffe nicht beziehungsweisen auf mögliche

Erfahrung sondern von Dingen an sich selbst noumena gelten sollen Wo ist

hier das Dritte welches jederzeit zu einem synthetischen Satze erfordert wird

um in demselben Begriffe die gar keine logische analytische Verwandtschaft

haben mit einander zu verknüpfen Er wird seinen Satz niemals beweisen ja was

noch mehr ist sich nicht einmal wegen der Möglichkeit einer solchen reinen

Behauptung rechtfertigen können ohne auf den empirischen Verstandesgebrauch

Rücksicht zu nehmen und dadurch dem reinen und sinnenfreien Urteile völlig zu

entsagen So ist denn der Begriff reiner bloß intelligibler Gegenstände

gänzlich leer von allen Grundsätzen ihrer Anwendung weil man keine Art ersinnen

kann wie sie gegeben werden sollten und der problematische Gedanke der doch

einen Platz für sie offen lässt dient nur wie ein leerer Raum die empirischen

Grundsätze einzuschränken ohne doch irgend ein anderes Objekt der Erkenntnis

außer der Sphäre der letzteren in sich zu enthalten und aufzuweisen

 



                                        

                                        




    Die Überlegung reflexio hat es nicht mit den Gegenständen selbst zu tun

um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen sondern ist der Zustand des Gemüts

in welchem wir uns zuerst dazu anschicken um die subjektiven Bedingungen

ausfindig zu machen unter denen wir zu Begriffen gelangen können Sie ist das

Bewusstsein des Verhältnisses gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen

Erkenntnisquellen durch welches allein ihr Verhältnis unter einander richtig

bestimmt werden kann Die erste Frage vor aller weitem Behandlung unserer

Vorstellung ist die in welchem Erkenntnisvermögen gehören sie zusammen Ist es

der Verstand oder sind es die Sinne vor denen sie verknüpft oder verglichen

werden Manches Urteil wird aus Gewohnheit angenommen oder durch Neigung

geknüpft weil aber keine Überlegung vorhergeht oder wenigstens kritisch darauf

folgt so gilt es für ein solches das im Verstande seinen Ursprung erhalten

hat Nicht alle Urteile bedürfen einer Untersuchung di einer Aufmerksamkeit

auf die Gründe der Wahrheit denn wenn sie unmittelbar gewiss sind zB

zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein so lässt sich von ihnen

kein noch näheres Merkmal der Wahrheit als das sie selbst ausdrücken anzeigen

Aber alle Urteile ja alle Vergleichungen bedürfen einer Überlegung di einer

Unterscheidung der Erkenntniskraft wozu die gegebenen Begriffe gehören Die

Handlung dadurch ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der

Erkenntniskraft zusammenhalte darin sie angestellt wird und wodurch ich

unterscheide ob sie als zum reinen Verstande oder zur sinnlichen Anschauung

gehörend unter einander verglichen werden nenne ich die transzendentale

Überlegung Das Verhältnis aber in welchem die Begriffe in einem Gemütszustands

zu einander gehören können sind die der Einerleiheit und Verschiedenheit der

Einstimmung und des Widerstreits des Inneren und des Äußeren endlich des

Bestimmbaren und der Bestimmung Materie und Form Die richtige Bestimmung

dieses Verhältnisses beruhet darauf in welcher Erkenntniskraft sie subjektiv zu

einander gehören ob in der Sinnlichkeit oder dem Verstande Denn der

Unterschied der letzteren macht einen großen Unterschied in der Art wie man

sich die ersten denken solle

    Vor allen objektiven Urteilen vergleichen wir die Begriffe um auf die

Einerleiheit vieler Vorstellungen unter einem Begriffe zum Behuf der

allgemeinen Urteile oder der Verschiedenheit derselben zu Erzeugung besonderer

 auf die Einstimmung daraus bejahende und den Widerstreit daraus verneinende

Urteile werden können usw Aus diesem Grunde sollten wir wie es scheint die

angeführten Begriffe Vergleichungsbegriffe nennen conceptus comparationis

Weil aber wenn es nicht auf die logische Form sondern auf den Inhalt der

Begriffe ankommt di ob die Dinge selbst einerlei oder verschieden einstimmig

oder im Widerstreit sind etc die Dinge ein zwiefaches Verhältnis zu unserer

Erkenntniskraft nämlich zur Sinnlichkeit und zum Verstande haben können auf

diese Stelle aber darin sie gehören die Art ankommt wie sie zu einander

gehören sollen so wird die transzendentale Reflexion di das Verhältnis

gegebener Vorstellungen zu einer oder der anderen Erkenntnisart ihr Verhältnis

unter einander allein bestimmen können und ob die Dinge einerlei oder

verschieden einstimmig oder widerstreitend sein etc wird nicht so fort aus

den Begriffen selbst durch bloße Vergleichung comparatio sondern allererst

durch die Unterscheidung der Erkenntnisart wozu sie gehören vermittelst einer

transzendentalen Überlegung reflexio ausgemacht werden können Man könnte also

zwar sagen dass die logische Reflexion eine bloße Komparation sei denn bei ihr

wird von der Erkenntniskraft wozu die gegebenen Vorstellungen gehören gänzlich

abstrahiert und sie sind also so fern ihrem Sitze nach im Gemüte als

gleichartig zu behandeln die transzendentale Reflexion aber welche auf die

Gegenstände selbst geht enthält den Grund der Möglichkeit der objektiven

Komparation der Vorstellungen unter einander und ist also von der letzteren gar

sehr verschieden weil die Erkenntniskraft dazu sie gehören nicht eben

dieselbe ist Diese transzendentale Überlegung ist eine Pflicht von der sich

niemand lossagen kann wenn er a priori etwas über Dinge urteilen will Wir

wollen sie jetzt zur Hand nehmen und werden daraus für die Bestimmung des

eigentlichen Geschäfts des Verstandes nicht wenig Licht ziehen

    1 Einerleiheit und Verschiedenheit Wenn uns ein Gegenstand mehrmalen

jedesmal aber mit eben denselben inneren Bestimmungen qualitas et quantitas

dargestellt wird so ist derselbe wenn er als Gegenstand des reinen Verstandes

gilt immer eben derselbe und nicht viel sondern nur Ein Ding numerica

identitas ist er aber Erscheinung so kommt es auf die Vergleichung der

Begriffe gar nicht an sondern so sehr auch in Ansehung derselben alles

einerlei sein mag ist doch die Verschiedenheit der Örter dieser Erscheinung zu

gleicher Zeit ein genügsamer Grund der numerischen Verschiedenheit des

Gegenstandes der Sinne selbst So kann man bei zwei Tropfen Wasser von aller

inneren Verschiedenheit der Qualität und Quantität völlig abstrahieren und es

ist genug dass sie in verschiedenen Örtern zugleich angeschaut werden um sie

für numerisch verschieden zu halten Leibniz nahm die Erscheinungen als Dinge an

sich selbst, mithin für Intelligibillia di Gegenstände des reinen Verstandes

ob er gleich wegen der Verworrenheit ihrer Vorstellungen dieselben mit dem

Namen der Phänomene belegte und da konnte sein Satz des

Nichtzuunterscheidenden principium identitatis indiscernibilium allerdings

nicht bestritten werden da sie aber Gegenstände der Sinnlichkeit sind und der

Verstand in Ansehung ihrer nicht von reinem sondern bloß empirischem Gebrauche

ist so wird die Vielheit und numerische Verschiedenheit schon durch den Raum

selbst als die Bedingung der äußeren Erscheinungen angegeben Denn ein Teil des

Raums ob er zwar einem andern völlig ähnlich und gleich sein mag ist doch

außer ihm und eben dadurch ein vom ersteren verschiedener Teil der zu ihm

hinzukommt um einen größeren Raum auszumachen und dieses muss daher von allem

was in den mancherlei Stellen des Raums zugleich ist gelten so sehr es sich

sonsten auch ähnlich und gleich sein mag

    2 Einstimmung und Widerstreit Wenn Realität nur durch den reinen Verstand

vorgestellt wird realitas noumenon so lässt sich zwischen den Realitäten kein

Widerstreit denken di ein solches Verhältnis da sie in einem Subjekt

verbunden einander ihre Folgen aufheben und 3  3  0 sei Dagegen kann das

Reale in der Erscheinung realitas phaenomenon untereinander allerdings im

Widerstreit sein und vereint in demselben Subjekt eines die Folge des andern

ganz oder zum Teil vernichten wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden

Linie so fern sie einen Punkt in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen

oder drücken oder auch ein Vergnügen was dem Schmerze die Waage hält

    3 Das Innere und Äußere An einem Gegenstande des reinen Verstandes ist nur

dasjenige innerlich welches gar keine Beziehung dem Dasein nach auf irgend

etwas von ihm Verschiedenes hat Dagegen sind die inneren Bestimmungen einer

substantia phaenomenon im Raume nichts als Verhältnisse und sie selbst ganz und

gar ein Inbegriff von lauter Relationen Die Substanz im Raume kennen wir nur

durch Kräfte die in demselben wirksam sind entweder andere dahin zu treiben

Anziehung oder vom Eindringen in ihn abzuhalten Zurückstoßung und

Undurchdringlichkeit andere Eigenschaften kennen wir nicht die den Begriff

von der Substanz die im Raum erscheint und die wir Materie nennen ausmachen

Als Objekt des reinen Verstandes muss jede Substanz dagegen innere Bestimmungen

und Kräfte haben die auf die innere Realität gehen Allein was kann ich mir für

innere Akzidenzen denken als diejenigen so mein innerer Sinn mir darbietet

nämlich das was entweder selbst ein Denken oder mit diesem analogisch ist

Daher machte Leibniz aus allen Substanzen weil er sie sich als Noumena

vorstellte selbst aus den Bestandteilen der Materie nachdem er ihnen alles

was äußere Relation bedeuten mag mithin auch die Zusammensetzung in Gedanken

genommen hatte einfache Subjekte mit Vorstellungskräften begabt mit einem

Worte Monaden

    4 Materie und Form Dieses sind zwei Begriffe welche aller andern

Reflexion zum Grunde gelegt werden so sehr sind sie mit jedem Gebrauch des

Verstandes unzertrennlich verbunden Der erstere bedeutet das Bestimmbare

überhaupt der zweite dessen Bestimmung beides in transzendentalem Verstande

da man von allem Unterschiede dessen was gegeben wird und der Art wie es

bestimmt wird abstrahiert Die Logiker nannten ehedem das Allgemeine die

Materie den spezifischen Unterschied aber die Form In jedem Urteile kann man

die gegebenen Begriffe logische Materie zum Urteile das Verhältnis derselben

vermittelst der Kopula die Form des Urteils nennen In jedem Wesen sind die

Bestandstücke desselben essentialia die Materie die Art wie sie in einem

Dinge verknüpft sind die wesentliche Form Auch wurde in Ansehung der Dinge

überhaupt unbegrenzte Realität als die Materie aller Möglichkeit Einschränkung

derselben aber Negation als diejenige Form angesehen wodurch sich ein Ding

vom andern nach transzendentalen Begriffen unterscheidet Der Verstand nämlich

verlangt zuerst dass etwas gegeben sei wenigstens im Begriffe um es auf

gewisse Art bestimmen zu können Daher geht im Begriffe des reinen Verstandes

die Materie der Form vor und Leibniz nahm um deswillen zuerst Dinge an

Monaden und innerlich eine Vorstellungskraft derselben um darnach das äußere

Verhältnis derselben und die Gemeinschaft ihrer Zustände nämlich der

Vorstellungen darauf zu gründen Daher waren Raum und Zeit, jener nur durch das

Verhältnis der Substanzen diese durch die Verknüpfung der Bestimmungen

derselben unter einander als Gründe und Folgen möglich So würde es auch in

der Tat sein müssen wenn der reine Verstand unmittelbar auf Gegenstände bezogen

werden könnte und wenn Raum und Zeit Bestimmungen der Dinge an sich selbst

wären Sind es aber nur sinnliche Anschauungen in denen wir alle Gegenstände

lediglich als Erscheinungen bestimmen so geht die Form der Anschauung als eine

subjektive Beschaffenheit der Sinnlichkeit vor aller Materie den

Empfindungen mithin Raum und Zeit vor allen Erscheinungen und allen Datis der

Erfahrung vorher und macht diese vielmehr allererst möglich Der

Intellektualphilosoph konnte es nicht leiden dass die Form vor den Dingen selbst

vorhergehen und dieser ihre Möglichkeit bestimmen sollte eine ganz richtige

Zensur wenn er annahm dass wir die Dinge anschauen wie sie sind obgleich mit

verworrener Vorstellung Da aber die sinnliche Anschauung eine ganz besondere

subjektive Bedingung ist welche aller Wahrnehmung a priori zum Grunde liegt

und deren Form ursprünglich istso ist die Form für sich allein gegeben und

weit gefehlt dass die Materie oder die Dinge selbst welche erschienen zum

Grunde liegen sollte wie man nach bloßen Begriffen urteilen müsste so setzt

die Möglichkeit derselben vielmehr eine formale Anschauung Zeit und Raum als

gegeben voraus

 



 

    Man erlaube mir die Stelle welche wir einem Begriffe entweder in der

Sinnlichkeit oder im reinen Verstande erteilen den transzendentalen Ort zu

nennen Auf solche Weise wäre die Beurteilung dieser Stelle die jedem Begriffe

nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt und die Anweisung nach Regeln

diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen die transzendentale Topik eine Lehre

die vor Erschleichungen des reinen Verstandes und daraus entspringenden

Blendwerken gründlich bewahren würde indem sie jederzeit unterschiede welcher

Erkenntniskraft die Begriffe eigentlich angehören Man kann einen jeden Begriff

einen jeden Titel darunter viele Erkenntnisse gehören einen logischen Ort

nennen Hierauf gründet sich die logische Topik des Aristoteles deren sich

Schullehrer und Redner bedienen konnten um unter gewissen Titeln des Denkens

nachzusehen was sich am besten für seine vorliegende Materie schickte und

darüber mit einem Schein von Gründlichkeit zu vernünfteln oder wortreich zu

schwatzen

    Die transzendentale Topik enthält dagegen nicht mehr als die angeführten

vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung die sich dadurch von

Kategorien unterscheiden dass durch jene nicht der Gegenstand nach demjenigen

was seinen Begriff ausmacht Größe Realität sondern nur die Vergleichung der

Vorstellungen welche vor dem Begriffe von Dingen vorhergeht in aller ihrer

Mannigfaltigkeit dargestellt wird Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst

einer Überlegung di einer Bestimmung desjenigen Orts wo die Vorstellungen

der Dinge die verglichen werden hingehören ob sie der reine Verstand denkt

oder die Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt

    Die Begriffe können logisch verglichen werden ohne sich darum zu bekümmern

wohin ihre Objekte gehören ob als Noumena für den Verstand oder als Phaenomena

für die Sinnlichkeit Wenn wir aber mit diesen Begriffen zu den Gegenständen

gehen wollen so ist zuvörderst transzendentale Überlegung nötig für welche

Erkenntniskraft sie Gegenstände sein sollen ob für den reinen Verstand oder

die Sinnlichkeit Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch

von diesen Begriffen und es entspringen vermeinte synthetische Grundsätze

welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann und die sich lediglich auf

einer transzendentalen Amphibolie di einer Verwechselung des reinen

Verstandesobjekts mit der Erscheinung gründen

    In Ermangelung einer solchen transzendentalen Topik und mithin durch die

Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen errichtete der berühmte Leibniz

ein intellektuelles System der Welt oder glaubte vielmehr der Dinge innere

Beschaffenheit zu erkennen indem er alle Gegenstände nur mit dem Verstande und

den abgesonderten formalen Begriffen seines Denkens verglich Unsere Tafel der

Reflexionsbegriffe schafft uns den unerwarteten Vorteil das Unterscheidende

seines Lehrbegriffs in allen seinen Teilen und zugleich den leitenden Grund

dieser eigentümlichen Denkungsart vor Augen zu legen der auf nichts als einem

Missverstand beruhte Er verglich alle Dinge bloß durch Begriffe mit einander

und fand wie natürlich keine andere Verschiedenheiten als die durch welche

der Verstand seine reinen Begriffe von einander unterscheidet Die Bedingungen

der sinnlichen Anschauung die ihre eigene Unterschiede bei sich führen sah er

nicht für ursprünglich an denn die Sinnlichkeit war ihm nur eine verworrene

Vorstellungsart und kein besonderer Quell der Vorstellungen Erscheinung war

ihm die Vorstellung des Dinges an sich selbst, obgleich von der Erkenntnis durch

den Verstand der logischen Form nach unterschieden da nämlich jene bei ihrem

gewöhnlichen Mangel der Zergliederung eine gewisse Vermischung von

Nebenvorstellungen in den Begriff des Dinges zieht die der Verstand davon

abzusondern weiß Mit einem Worte Leibniz intellektuierte die Erscheinungen so

wie Locke die Verstandesbegriffe nach seinem System der Noogonie wenn es mir

erlaubt ist mich dieser Ausdrücke zu bedienen insgesamt sensifiziert di für

nichts als empirische oder abgesonderte Reflexionsbegriffe ausgegeben hatte

Anstatt im Verstande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen von

Vorstellungen zu suchen die aber nur in Verknüpfung objektivgültig von Dingen

urteilen könnten hielt sich ein jeder dieser großen Männer nur an eine von

beiden die sich ihrer Meinung nach unmittelbar auf Dinge an sich selbst bezöge

indessen dass die andere nichts tat als die Vorstellungen der ersteren zu

verwirren oder zu ordnen

    Leibniz verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge überhaupt bloß

im Verstände unter einander Erstlich so fern sie von diesem als einerlei oder

verschieden geurteilt werden sollen Da er also lediglich ihre Begriffe und

nicht ihre Stelle in der Anschauung, darin die Gegenstände allein gegeben werden

können vor Augen hatte und den transzendentalen Ort dieser Begriffe ob das

Objekt unter Erscheinungen oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei

gänzlich aus der Acht ließ so konnte es nicht anders ausfallen als dass er

seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden der bloß von Begriffen der Dinge

überhaupt gilt auch auf die Gegenstände der Sinne mundus phaenomenon

ausdehnte und der Naturerkenntnis dadurch keine geringe Erweiterung verschafft

zu haben glaubte Freilich wenn ich einen Tropfen Wasser als ein Ding an sich

selbst nach allen seinen inneren Bestimmungen kenne so kann ich keinen derselben

von dem andern für verschieden gelten lassen wenn der ganze Begriff desselben

mit ihm einerlei ist Ist er aber Erscheinung im Raume so hat er seinen Ort

nicht bloß im Verstande unter Begriffen sondern in der sinnlichen äußeren

Anschauung im Raume und da sind die physischen Örter in Ansehung der inneren

Bestimmungen der Dinge ganz gleichgültig und ein Ort  b kann ein Ding

welches einem andern in dem Orte  a völlig ähnlich und gleich ist eben sowohl

aufnehmen als wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre Die

Verschiedenheit der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der Gegenstände

als Erscheinungen ohne weitere Bedingungen schon für sich nicht allein

möglich sondern auch notwendig Also ist jenes scheinbare Gesetz kein Gesetz

der Natur Es ist lediglich eine analytische Regel oder Vergleichung der Dinge

durch bloße Begriffe

    Zweitens der Grundsatz dass Realitäten als bloße Bejahungen einander

niemals logisch widerstreiten ist ein ganz wahrer Satz von dem Verhältnisse der

Begriffe bedeutet aber weder in Ansehung der Natur noch überall in Ansehung

irgend eines Dinges an sich selbst von diesem haben wir keinen Begriff das

mindeste Denn der reale Widerstreit findet allerwärts statt wo A  B  0 ist

di wo eine Realität mit der andern in einem Subjekt verbunden eine die

Wirkung der andern aufhebt welches alle Hindernisse und Gegenwirkungen in der

Natur unaufhörlich vor Augen legen die gleichwohl da sie auf Kräften beruhen

realitates phaenomena genannt werden müssen Die allgemeine Mechanik kann sogar

die empirische Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel a priori angeben

indem sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht eine Bedingung von

welcher der transzendentale Begriff der Realität gar nichts weiß Obzwar Herr

von Leibniz diesen Satz nicht eben mit dem Pomp eines neuen Grundsatzes

ankündigte so bediente er sich doch desselben zu neuen Behauptungen und seine

Nachfolger trugen ihn ausdrücklich in ihre Leibnizwolffianische Lehrgebäude ein

Nach diesem Grundsatze sind z E alle Übel nichts als Folgen von den Schranken

der Geschöpfe di Negationen weil diese das einzige Widerstreitende der

Realität sind in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist es auch

wirklich so aber nicht in den Dingen als Erscheinungen Imgleichen finden die

Anhänger desselben es nicht allein möglich sondern auch natürlich alle

Realität ohne irgend einen besorglichen Widerstreit in einem Wesen zu

vereinigen weil sie keinen andern als den des Widerspruchs durch den der

Begriff eines Dinges selbst aufgehoben wird nicht aber den des wechselseitigen

Abbruchs kennen da ein Realgrund die Wirkung des andern aufhebt und dazu wir

nur in der Sinnlichkeit die Bedingungen antreffen uns einen solchen

vorzustellen

    Drittens die Leibnizsche Monadologie hat gar keinen andern Grund als dass

dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren bloß im Verhältnis auf

den Verstand vorstellte Die Substanzen überhaupt müssen etwas Inneres haben

was also von allen äußeren Verhältnissen folglich auch der Zusammensetzung

frei ist Das Einfache ist also die Grundlage des Inneren der Dinge an sich

selbst. Das Innere aber ihres Zustandes kann auch nicht in Ort Gestalt

Berührung oder Bewegung welche Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind

bestehen und wir können daher den Substanzen keinen andern inneren Zustand als

denjenigen wodurch wir unsern Sinn selbst innerlich bestimmen nämlich den

Zustand der Vorstellungen beilegen So wurden denn die Monaden fertig welche

den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen sollen deren tätige Kraft aber

nur in Vorstellungen besteht wodurch sie eigentlich bloß in sich selbst wirksam

sind

    Eben darum musste aber auch sein Principium der möglichen Gemeinschaft der

Substanzen unter einander eine vorherbestimmte Harmonie und konnte kein

physischer Einfluss sein Denn weil alles nur innerlich di mit seinen

Vorstellungen beschäftigt ist so konnte der Zustand der Vorstellungen der einen

mit dem der andern Substanz in ganz und gar keiner wirksamen Verbindung stehen

sondern es musste irgend eine dritte und in alle insgesamt einfließende Ursache

ihre Zustände einander korrespondierend machen zwar nicht eben durch

gelegentlichen und in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand

systema assistentiae sondern durch die Einheit der Idee einer für alle

gültigen Ursache in welcher sie insgesamt ihr Dasein und Beharrlichkeit mithin

auch wechselseitige Korrespondenz unter einander nach allgemeinen Gesetzen

bekommen müssen

    Viertens der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und Raum darin er

diese Formen der Sinnlichkeit intellektuierte war lediglich aus eben derselben

Täuschung der transzendentalen Reflexion entsprungen Wenn ich mir durch den

bloßen Verstand äußere Verhältnisse der Dinge vorstellen will so kann dieses

nur vermittelst eines Begriffs ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen und soll

ich einen Zustand eben desselben Dinges mit einem andern Zustande verknüpfen so

kann dieses nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen So dachte sich

also Leibniz den Raum als eine gewisse Ordnung in der Gemeinschaft der

Substanzen und die Zeit als die dynamische Folge ihrer Zustände Das

Eigentümliche aber und von Dingen Unabhängige was beide an sich zu haben

scheinen schrieb er der Verworrenheit dieser Begriffe zu welche machte dass

dasjenige was eine bloße Form dynamischer Verhältnisse ist für eine eigene vor

sich bestehende und vor den Dingen selbst vorhergehende Anschauung gehalten

wird Also waren Raum und Zeit die intelligible Form der Verknüpfung der Dinge

Substanzen und ihrer Zustände an sich selbst. Die Dinge aber waren

intelligible Substanzen substantiae noumena Gleichwohl wollte er diese

Begriffe für Erscheinungen geltend machen weil er der Sinnlichkeit keine eigene

Art der Anschauung zugestand sondern alle selbst die empirische Vorstellung

der Gegenstände im Verstande suchte und den Sinnen nichts als das verächtliche

Geschäfte ließ die Vorstellungen des ersteren zu verwirren und zu verunstalten

    Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen Verstand

synthetisch sagen könnten welches gleichwohl unmöglich ist so würde dieses

doch gar nicht auf Erscheinungen welche nicht Dinge an sich selbst vorstellen

gezogen werden können Ich werde also in diesem letzteren Falle in der

transzendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen

der Sinnlichkeit vergleichen müssen und so werden Raum und Zeit nicht

Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein was die Dinge an

sich sein mögen weiß ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen weil mir

doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann

    So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen Die Materie ist

substantia phaenomenon Was ihr innerlich zukomme suche ich in allen Teilen des

Raumes den sie einnimmt und in allen Wirkungen die sie ausübt und die

freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne sein können Ich habe also zwar

nichts Schlechthin sondern lauter KomparativInnerliches das selber wiederum

aus äußeren Verhältnissen besteht Allein das schlechthin dem reinen Verstande

nach Innerliche der Materie ist auch eine bloße Grille denn diese ist überall

kein Gegenstand für den reinen Verstand das transzendentale Objekt aber

welches der Grund dieser Erscheinung sein mag die wir Materie nennen ist ein

bloßes Etwas wovon wir nicht einmal verstehen würden was es sei wenn es uns

auch jemand sagen könnte Denn wir können nichts verstehen als was ein unsern

Worten Korrespondierendes in der Anschauung mit sich führet Wenn die Klagen

Wir sehen das Innere der Dinge gar nicht ein so viel bedeuten sollen als wir

begreifen nicht durch den reinen Verstand was die Dinge die uns erscheinen an

sich sein mögen so sind sie ganz unbillig und unvernünftig denn sie wollen

dass man ohne Sinne doch Dinge erkennen mithin anschauen könne folglich dass wir

ein von dem menschlichen nicht bloß dem Grade sondern so gar der Anschauung und

Art nach gänzlich unterschiedenes Erkenntnisvermögen haben also nicht

Menschen sondern Wesen sein sollen von denen wir selbst nicht angeben können

ob sie einmal möglich vielweniger wie sie beschaffen sein Ins Innere der Natur

dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen und man kann nicht

wissen wie weit dieses mit der Zeit gehen werde Jene transzendentale Fragen

aber die über die Natur hinausgehen würden wir bei allem dem doch niemals

beantworten können wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre da es uns

nicht einmal gegeben ist unser eigenes Gemüt mit einer andern Anschauung als

der unseres inneren Sinnes zu beobachten Denn in demselben liegt das Geheimnis

des Ursprungs unserer Sinnlichkeit Ihre Beziehung auf ein Objekt und was der

transzendentale Grund dieser Einheit sei liegt ohne Zweifel zu tief verborgen

als dass wir die wir so gar uns selbst nur durch inneren Sinn mithin als

Erscheinung kennen ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu

brauchen könnten etwas anderes als immer wiederum Erscheinungen aufzufinden

deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen wollten

    Was diese Kritik der Schlüsse aus den bloßen Handlungen der Reflexion

überaus nützlich macht ist dass sie die Nichtigkeit aller Schlüsse über

Gegenstände die man lediglich im Verstande mit einander vergleicht deutlich

dartut und dasjenige zugleich bestätigt was wir hauptsächlich eingeschärft

haben dass obgleich Erscheinungen nicht als Dinge an sich selbst unter den

Objekten des reinen Verstandes mit begriffen sein sie doch die einzigen sind

an denen unsere Erkenntnis objektive Realität haben kann nämlich wo den

Begriffen Anschauung entspricht

    Wenn wir bloß logisch reflektieren so vergleichen wir lediglich unsere

Begriffe unter einander im Verstande ob beide eben dasselbe enthalten ob sie

sich widersprechen oder nicht ob etwas in dem Begriffe innerlich enthalten sei

oder zu ihm hinzukomme und welcher von beiden gegeben welcher aber nur als

eine Art den gegebenen zu denken gelten soll Wende ich aber diese Begriffe

auf einen Gegenstand überhaupt im transz Verstande an ohne diesen weiter zu

bestimmen ob er ein Gegenstand der sinnlichen oder intellektuellen Anschauung

sei so zeigen sich so fort Einschränkungen nicht aus diesem Begriffe

hinauszugehen welche allen empirischen Gebrauch derselben verkehren und eben

dadurch beweisen dass die Vorstellung eines Gegenstandes als Dinges überhaupt

nicht etwa bloß unzureichend sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben und

unabhängig von empirischer Bedingung in sich selbst widerstreitend sei dass man

also entweder von allem Gegenstande abstrahieren in der Logik oder wenn man

einen annimmt ihn unter Bedingungen der sinnlichen Anschauung denken müsse

mithin das Intelligible eine ganz besondere Anschauung die wir nicht haben

erfordern würde und in Ermangelung derselben für uns nichts sei dagegen aber

auch die Erscheinungen nicht Gegenstände an sich selbst sein können Denn wenn

ich mir bloß Dinge überhaupt denke so kann freilich die Verschiedenheit der

äußeren Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit der Sachen selbst ausmachen

sondern setzt diese vielmehr voraus und wenn der Begriff von dem einen

innerlich von dem des andern gar nicht unterschieden ist so setze ich nur ein

und dasselbe Ding in verschiedene Verhältnisse Ferner durch Hinzukunft einer

bloßen Bejahung Realität zur andern wird ja das Positive vermehrt und ihm

nichts entzogen oder aufgehoben daher kann das Reale in Dingen überhaupt

einander nicht widerstreiten usw

 

                                       

 

    Die Begriffe der Reflexion haben wie wir gezeigt haben durch eine gewisse

Missdeutung einen solchen Einfluss auf den Verstandesgebrauch dass sie sogar einen

der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu einem vermeinten System

intellektueller Erkenntnis welches seine Gegenstände ohne Dazukunft der Sinne

zu bestimmen unternimmt zu verleiten im Stande gewesen Eben um deswillen ist

die Entwickelung der täuschenden Ursache der Amphibolie dieser Begriffe in

Veranlassung falscher Grundsätze von großem Nutzen die Grenzen des Verstandes

zuverlässig zu bestimmen und zu sichern

    Man muss zwar sagen was einem Begriff allgemein zukommt oder widerspricht

das kommt auch zu oder widerspricht allem Besondern was unter jenem Begriff

enthalten ist dictum de omni et nullo es wäre aber ungereimt diesen

logischen Grundsatz dahin zu verändern dass er so lautete was in einem

allgemeinen Begriffe nicht enthalten ist das ist auch in den besonderen nicht

enthalten die unter demselben stehen denn diese sind eben darum besondere

Begriffe weil sie mehr in sich enthalten als im allgemeinen gedacht wird Nun

ist doch wirklich auf diesen letzteren Grundsatz das ganze intellektuelle System

Leibnizens erbauet es fällt also zugleich mit demselben samt aller aus ihm

entspringenden Zweideutigkeit im Verstandesgebrauche

    Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der

Voraussetzung dass wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt eine gewisse

Unterscheidung nicht angetroffen wird so sei sie auch nicht in den Dingen

selbst anzutreffen folglich sein alle Dinge völlig einerlei numero eadem die

sich nicht schon in ihrem Begriffe der Qualität oder Quantität nach von

einander unterscheiden Weil aber bei dem bloßen Begriffe von irgend einem Dinge

von manchen notwendigen Bedingungen einer Anschauung abstrahiert worden so

wird durch eine sonderbare Übereilung das wovon abstrahiert wird dafür

genommen dass es überall nicht anzutreffen sei und dem Dinge nichts eingeräumt

als was in seinem Begriffe enthalten ist

    Der Begriff von einem Kubikfuße Raum ich mag mir diesen denken wo und wie

oft ich wolle ist an sich völlig einerlei Allein zwei Kubikfuß sind im Raume

dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden numero diversa diese sind

Bedingungen der Anschauung worin das Objekt dieses Begriffs gegeben wird die

nicht zum Begriffe aber doch zur ganzen Sinnlichkeit gehören Gleichergestalt

ist in dem Begriffe von einem Dinge gar kein Widerstreit wenn nichts

Verneinendes mit einem Bejahenden verbunden worden und bloß bejahende Begriffe

können in Verbindung gar keine Aufhebung bewirken Allein in der sinnlichen

Anschauung darin Realität zB Bewegung gegeben wird finden sich Bedingungen

entgegengesetzte Richtungen von denen im Begriffe der Bewegung überhaupt

abstrahiert war die einen Widerstreit der freilich nicht logisch ist nämlich

aus lauter Positivem ein Zero  0 möglich machen und man konnte nicht sagen

dass darum alle Realität unter einander Einstimmung sei weil unter ihren

Begriffen kein Widerstreit angetroffen wird33 Nach bloßen Begriffen ist das

Innere das Substratum aller Verhältnis oder äußeren Bestimmungen Wenn ich also

von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiere und mich lediglich an den

Begriff von einem Dinge überhaupt halte so kann ich von allem äußeren

Verhältnis abstrahieren und es muss dennoch ein Begriff von dem übrig bleiben

das gar kein Verhältnis sondern bloß innere Bestimmungen bedeutet Da scheint

es nun es folge daraus in jedem Dinge Substanz sei etwas was schlechthin

innerlich ist und allen äußeren Bestimmungen vorgeht indem es sie allererst

möglich macht mithin sei dieses Substratum so etwas das keine äußere

Verhältnisse mehr in sich enthält folglich einfach denn die körperlichen Dinge

sind doch immer nur Verhältnisse wenigstens der Teile außer einander und weil

wir keine schlechthin innere Bestimmungen kennen als die durch unsern inneren

Sinn so sei dieses Substratum nicht allein einfach sondern auch nach der

Analogie mit unserem inneren Sinn durch Vorstellungen bestimmt di alle Dinge

wären eigentlich Monaden oder mit Vorstellungen begabte einfache Wesen Dieses

würde auch alles seine Richtigkeit haben gehörte nicht etwas mehr als der

Begriff von einem Dinge überhaupt zu den Bedingungen unter denen allein uns

Gegenstände der äußeren Anschauung gegeben werden können und von denen der

reine Begriff abstrahiert Denn da zeigt sich dass eine beharrliche Erscheinung

im Raume undurchdringliche Ausdehnung lauter Verhältnisse und gar nichts

schlechthin Innerliches enthalten und dennoch das erste Substratum aller

äußeren Wahrnehmung sein könne Durch bloße Begriffe kann ich freilich ohne

etwas Innerem nichts Äußeres denken eben darum weil Verhältnisbegriffe doch

schlechthin gegebene Dinge voraussetzen und ohne diese nicht möglich sind

Aber da in der Anschauung etwas enthalten ist was im bloßen Begriffe von einem

Dinge überhaupt gar nicht liegt und dieses das Substratum welches durch bloße

Begriffe gar nicht erkannt werden würde an die Hand gibt nämlich ein Raum

der mit allem was er enthält aus lauter formalen oder auch realen

Verhältnissen besteht so kann ich nicht sagen weil ohne ein

Schlechthininneres kein Ding durch bloße Begriffe vorgestellt werden kann so

sei auch in den Dingen selbst die unter diesen Begriffen enthalten sein und

ihrer Anschauung nichts Äußeres dem nicht etwas Schlechthininnerliches zum

Grunde läge Denn wenn wir von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiert

haben so bleibt uns freilich im bloßen Begriffe nichts übrig als das Innere

überhaupt und das Verhältnis desselben unter einander wodurch allein das

Äußere möglich ist Diese Notwendigkeit aber die sich allein auf Abstraktion

gründet findet nicht bei den Dingen statt so fern sie in der Anschauung mit

solchen Bestimmungen gegeben werden die bloße Verhältnisse ausdrücken ohne

etwas Inneres zum Grunde zu haben darum weil sie nicht Dinge an sich selbst,

sondern lediglich Erscheinungen sind Was wir auch nur an der Materie kennen

sind lauter Verhältnisse das was wir innere Bestimmungen derselben nennen ist

nur komparativ innerlich aber es sind darunter selbständige und beharrliche

dadurch uns ein bestimmter Gegenstand gegeben wird Dass ich wenn ich von diesen

Verhältnissen abstrahiere gar nichts weiter zu denken habe hebt den Begriff

von einem Dinge als Erscheinung nicht auf auch nicht den Begriff von einem

Gegenstande in abstracto wohl aber alle Möglichkeit eines solchen der nach

bloßen Begriffen bestimmbar ist di eines Noumenon Freilich macht es stutzig

zu hören dass ein Ding ganz und gar aus Verhältnissen bestehen solle aber ein

solches Ding ist auch bloße Erscheinung und kann gar nicht durch reine

Kategorien gedacht werden es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von

etwas überhaupt zu den Sinnen Eben so kann man die Verhältnisse der Dinge in

abstracto wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt wohl nicht anders denken

als dass eines die Ursache von Bestimmungen in dem andern sei denn das ist unser

Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst Allein da wir alsdann von aller

Anschauung abstrahieren so fällt eine ganze Art wie das Mannigfaltige einander

seinen Ort bestimmen kann nämlich die Form der Sinnlichkeit der Raum weg

der doch vor aller empirischen Kausalität vorhergeht

    Wenn wir unter bloß intelligiblen Gegenständen diejenigen Dinge verstehen

die durch reine Kategorien ohne alles Schema der Sinnlichkeit gedacht werden

so sind dergleichen unmöglich Denn die Bedingung des objektiven Gebrauchs aller

unserer Verstandesbegriffe ist bloß die Art unserer sinnlichen Anschauung

wodurch uns Gegenstände gegeben werden und wenn wir von der letzteren

abstrahieren so haben die ersten gar keine Beziehung auf irgend ein Objekt Ja

wenn man auch eine andere Art der Anschauung als diese unsere sinnliche ist

annehmen wollte so würden doch unsere Funktionen zu denken in Ansehung

derselben von gar keiner Bedeutung sein Verstehen wir darunter nur Gegenstände

einer nichtsinnlichen Anschauung von denen unsere Kategorien zwar freilich

nicht gelten und von denen wir also gar keine Erkenntnis weder Anschauung

noch Begriff jemals haben können so müssen Noumena in dieser bloß negativen

Bedeutung allerdings zugelassen werden da sie denn nichts anders sagen als

dass unsere Art der Anschauung nicht auf alle Dinge sondern bloß auf

Geigenstände unserer Sinne geht folglich ihre objektive Gültigkeit begrenzt

ist und mithin für irgend eine andere Art Anschauung und also auch für Dinge

als Objekte derselben Platz übrig bleibt Aber alsdann ist der Begriff eines

Noumenon problematisch di die Vorstellung eines Dinges von dem wir weder

sagen können dass es möglich noch dass es unmöglich sei indem wir gar keine Art

der Anschauung als unsere sinnliche kennen und keine Art der Begriffe als die

Kategorien keine von beiden aber einem außersinnlichen Gegenstande angemessen

ist Wir können daher das Feld der Gegenstände unseres Denkens über die

Bedingungen unserer Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitern und außer

den Erscheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens di Noumena annehmen

weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben Denn man muss von den

Kategorien eingestehen dass sie allein noch nicht zur Erkenntnis der Dinge an

sich selbst zureichen und ohne die Data der Sinnlichkeit bloß subjektive Formen

der Verstandeseinheit aber ohne Gegenstand sein würden Das Denken ist zwar an

sich kein Produkt der Sinne und so fern durch sie auch nicht eingeschränkt

aber darum nicht so fort von eigenem und reinem Gebrauche ohne Beitritt der

Sinnlichkeit weil es alsdann ohne Objekt ist Man kann auch das Noumenon nicht

ein solches Objekt nennen denn dieses bedeutet eben den problematischen Begriff

von einem Gegenstande für eine ganz andere Anschauung und einen ganz anderen

Verstand als der unsrige der mithin selbst ein Problem ist Der Begriff des

Noumenon ist also nicht der Begriff von einem Objekt sondern die unvermeidlich

mit der Einschränkung unserer Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe ob es nicht

von jener ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben möge welche Frage

nur unbestimmt beantwortet werden kann nämlich dass weil die sinnliche

Anschauung nicht auf alle Dinge ohne Unterschied geht für mehr und andere

Gegenstände Platz übrig bleibe sie also nicht schlechthin abgeleugnet in

Ermangelung eines bestimmten Begriffs aber da keine Kategorie dazu tauglich

ist auch nicht als Gegenstände für unsern Verstand behauptet werden können

    Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit ohne darum sein eigenes Feld

zu erweitern und indem er jene warnet dass sie sich nicht anmaße auf Dinge an

sich selbst zu gehen sondern lediglich auf Erscheinungen so denkt er sich

einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als transzendentales Objekt das die

Ursache der Erscheinung mithin selbst nicht Erscheinung ist und weder als

Größe noch als Realität noch als Substanz etc gedacht werden kann weil diese

Begriffe immer sinnliche Formen erfordern in denen sie einen Gegenstand

bestimmen wovon also völlig unbekannt ist ob es in uns oder auch außer uns

anzutreffen sei ob es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden oder

wenn wir jene wegnehmen noch übrig bleiben würde Wollen wir dieses Objekt

Noumenon nennen darum weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist so

steht dieses uns frei Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen darauf

anwenden können so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer und dient zu

nichts als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu bezeichnen und einen

Raum übrig zu lassen den wir weder durch mögliche Erfahrung noch durch den

reinen Verstand ausfüllen können

    Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht sich ein neues

Feld von Gegenständen außer denen die ihm als Erscheinungen vorkommen können

zu schaffen und in intelligible Welten sogar nicht einmal in ihren Begriff

auszuschweifen Der Fehler welcher hierzu auf die allerscheinbarste Art

verleitet und allerdings entschuldigt obgleich nicht gerechtfertigt werden

kann liegt darin dass der Gebrauch des Verstandes wider seine Bestimmung

transzendental gemacht und die Gegenstände di mögliche Anschauungen sich

nach Begriffen nicht aber Begriffe sich nach möglichen Anschauungen als auf

denen allein ihre objektive Gültigkeit beruht richten müssen Die Ursache

hiervon aber ist wiederum dass die Apperzeption und mit ihr das Denken vor

aller möglichen bestimmten Anordnung der Vorstellungen vorhergeht Wir denken

also etwas überhaupt und bestimmen es einerseits sinnlich allein unterscheiden

doch den allgemeinen und in abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art

ihn anzuschauen da bleibt uns nun eine Art ihn bloß durch Denken zu bestimmen

übrig welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist uns aber dennoch

eine Art zu sein scheint wie das Objekt an sich existiere noumenon ohne auf

die Anschauung zu sehen welche auf unsere Sinne eingeschränkt ist

 

                                       

 

    Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen müssen wir noch etwas

hinzufügen was obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheblichkeit dennoch

zur Vollständigkeit des Systems erforderlich scheinen dürfte Der höchste

Begriff von dem man eine Transzendentalphilosophie anzufangen pflegt ist

gemeiniglich die Einteilung in das Mögliche und Unmögliche Da aber alle

Einteilung einen eingeteilten Begriff voraussetzt so muss noch ein höherer

angegeben werden und dieser ist der Begriff von einem Gegenstande überhaupt

problematisch genommen und unausgemacht ob er etwas oder nichts sei Weil

die Kategorien die einzigen Begriffe sind die sich auf Gegenstände überhaupt

beziehen so wird die Unterscheidung eines Gegenstandes ob er etwas oder

nichts sei nach der Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen

    1 Den Begriffen von Allem Vielem und Einem ist der so alles aufhebt di

Keines entgegengesetzt und so ist der Gegenstand eines Begriffs dem gar keine

anzugebende Anschauung korrespondiert  Nichts di ein Begriff ohne

Gegenstand wie die Noumena die nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden

können obgleich auch darum nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen ens

rationis oder wie etwa gewisse neue Grundkräfte die man sich denkt zwar ohne

Widerspruch aber auch ohne Beispiel aus der Erfahrung gedacht werden und also

nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden müssen

    2 Realität ist etwas Negation ist nichts nämlich ein Begriff von dem

Mangel eines Gegenstandes wie der Schatten die Kälte nihil privativum

    3 Die bloße Form der Anschauung ohne Substanz ist an sich kein

Gegenstand sondern die bloß formale Bedingung desselben als Erscheinung wie

der reine Raum und die reine Zeit die zwar etwas sind als Formen anzuschauen

aber selbst keine Gegenstände sind die angeschaut werden ens imaginarium

    4 Der Gegenstand eines Begriffs der sich selbst widerspricht ist nichts

weil der Begriff nichts ist das Unmögliche wie etwa die geradlinige Figur von

zwei Seiten nihil negativum

    Die Tafel dieser Einteilung des Begriffs von Nichts denn die dieser

gleichlaufende Einteilung des Etwas folgt von selber würde daher so angelegt

werden müssen

 

                                    Nichts

                                      als

 

                                       1

                        Leerer Begriff ohne Gegenstand

                                  ens rationis

 

2

                                                                              3

Leerer Gegenstand

                                                               Leerer Anschauung

eines Begriffs

                                                                ohne Gegenstand

nihil privativum

                                                                 ens imaginarium

 

                      4 Leerer Gegenstand ohne Begriff

                                nihil negativum

 

    Man sieht dass das Gedankending n 1 von dem Undinge n 4 dadurch

unterschieden werde dass jenes nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden

darf weil es bloß Erdichtung obzwar nicht widersprechende ist dieses aber

der Möglichkeit entgegengesetzt ist indem der Begriff sogar sich selbst

aufhebt Beide sind aber leere Begriffe Dagegen sind das nihil privativum n

2 und ens imaginarium n 3 leere Data zu Begriffen Wenn das Licht nicht

den Sinnen gegeben worden so kann man sich auch keine Finsternis und wenn

nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen worden keinen Raum vorstellen Die

Negation sowohl als die bloße Form der Anschauung sind ohne ein Reales keine

Objekte

 
 

                                        






    Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt Das

bedeutet nicht sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit denn diese ist

Wahrheit aber durch unzureichende Gründe erkannt deren Erkenntnis also zwar

mangelhaft aber darum doch nicht trüglich ist und mithin von dem analytischen

Teile der Logik nicht getrennt werden muss Noch weniger dürfen Erscheinung und

Schein für einerlei gehalten werden Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im

Gegenstande so fern er angeschaut wird sondern im Urteile über denselben so

fern er gedacht wird Man kann also zwar richtig sagen dass die Sinne nicht

irren aber nicht darum weil sie jederzeit richtig urteilen sondern weil sie

gar nicht urteilen Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum mithin auch der

Schein als die Verleitung zum letzteren nur im Urteile di nur in dem

Verhältnisse des Gegenstandes zu unserm Verstande anzutreffen In einem

Erkenntnis das mit den Verstandesgesetzen durchgängig zusammenstimmt ist kein

Irrtum In einer Vorstellung der Sinne ist weil sie gar kein Urteil enthält

auch kein Irrtum Keine Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen

Gesetzen abweichen Daher würden weder der Verstand für sich allein ohne

Einfluss einer andern Ursache noch die Sinne für sich irren der erstere darum

nicht weil wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt die Wirkung das Urteil

mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen muss In der Übereinstimmung mit den

Gesetzen des Verstandes besteht aber das Formale aller Wahrheit In den Sinnen

ist gar kein Urteil weder ein wahres noch falsches Weil wir nun außer diesen

beiden Erkenntnisquellen keine andere haben so folgt dass der Irrtum nur durch

den unbemerkten Einfluss der Sinnlichkeit auf den Verstand bewirkt werde wodurch

es geschieht dass die subjektiven Gründe des Urteils mit den objektiven

zusammenfließen und diese von ihrer Bestimmung abweichend machen34 so wie ein

bewegter Körper zwar für sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung

halten würde die aber wenn eine andere Kraft nach einer andern Richtung

zugleich auf ihn einfließt in krummlinige Bewegung ausschlägt Um die

eigentümliche Handlung des Verstandes von der Kraft die sich mit einmengt zu

unterscheiden wird es daher nötig sein das irrige Urteil als die Diagonale

zwischen zwei Kräften anzusehen die das Urteil nach zwei verschiedenen

Richtungen bestimmen die gleichsam einen Winkel einschließen und jene

zusammengesetzte Wirkung in die einfache des Verstandes und der Sinnlichkeit

aufzulösen welches in reinen Urteilen a priori durch transzendentale Überlegung

geschehen muss wodurch wie schon angezeigt worden jeder Vorstellung ihre

Stelle in der ihr angemessenen Erkenntniskraft angewiesen mithin auch der

Einfluss der letzteren auf jene unterschieden wird

    Unser Geschäfte ist hier nicht vom empirischen Scheine zB dem optischen

zu handeln der sich bei dem empirischen Gebrauche sonst richtiger

Verstandesregeln vorfindet und durch welchen die Urteilskraft durch den

Einfluss der Einbildung verleitet wird sondern wir haben es mit dem

transzendentalen Scheine allein zu tun der auf Grundsätze einfließt deren

Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung angelegt ist als in welchem Falle wir doch

wenigstens einen Probierstein ihrer Richtigkeit haben würden sondern der uns

selbst wider alle Warnungen der Kritik gänzlich über den empirischen Gebrauch

der Kategorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer Erweiterung des reinen

Verstandes hinhält Wir wollen die Grundsätze deren Anwendung sich ganz und gar

in den Schranken möglicher Erfahrung hält immanente diejenigen aber welche

diese Grenzen überfliegen sollen transzendente Grundsätze nennen ich verstehe

aber unter diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Missbrauch der

Kategorien welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik gezügelten

Urteilskraft ist die auf die Grenze des Bodens worauf allein dem reinen

Verstande sein Spiel erlaubt ist nicht genug Acht hat sondern wirkliche

Grundsätze die uns zumuten alle jene Grenzpfähle niederzureißen und sich einen

ganz neuen Boden der überall keine Demarkation erkennt anzumaßen Daher sind

transzendental und transzendent nicht einerlei Die Grundsätze des reinen

Verstandes die wir oben vortrugen sollen bloß von empirischem und nicht von

transzendentalem di über die Erfahrungsgrenze hinausreichendem Gebrauche

sein Ein Grundsatz aber der diese Schranken wegnimmt ja gar sie zu

überschreiten gebietet heißt transzendent Kann unsere Kritik dahin gelangen

den Schein dieser angemaßten Grundsätze aufzudecken so werden jene Grundsätze

des bloß empirischen Gebrauchs im Gegensatz mit den letzten immanente

Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden können

    Der logische Schein der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform besteht

der Schein der Trugschlüsse entspringt lediglich aus einem Mangel der

Achtsamkeit auf die logische Regel So bald daher diese auf den vorliegenden

Fall geschärft wird so verschwindet er gänzlich Der transzendentale Schein

dagegen hört gleichwohl nicht auf ob man ihn schon aufgedeckt und seine

Nichtigkeit durch die transzendentale Kritik deutlich eingesehen hat ZB der

Schein in dem Satze die Welt muss der Zeit nach einen Anfang haben Die Ursache

hiervon ist diese dass in unserer Vernunft subjektiv als ein menschliches

Erkenntnisvermögen betrachtet Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs liegen

welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben und wodurch es

geschieht dass die subjektive Notwendigkeit einer gewissen Verknüpfung unserer

Begriffe zu Gunsten des Verstandes für eine objektive Notwendigkeit der

Bestimmung der Dinge an sich selbst, gehalten wird Eine Illusion die gar nicht

zu vermeiden ist so wenig als wir es vermeiden können dass uns das Meer in der

Mitte nicht höher scheine wie an dem Ufer weil wir jene durch höhere

Lichtstrahlen als diese sehen oder noch mehr so wenig selbst der Astronom

verhindern kann dass ihm der Mond im Aufgange nicht größer scheine ob er gleich

durch diesen Schein nicht betrogen wird

    Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen den Schein

transzendenter Urteile aufzudecken und zugleich zu verhüten dass er nicht

betriege dass er aber auch wie der logische Schein sogar verschwinde und ein

Schein zu sein aufhöre das kann sie niemals bewerkstelligen Denn wir haben es

mit einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion zu tun die selbst auf

subjektiven Grundsätzen beruht und sie als objektive unterschiebt anstatt dass

die logische Dialektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem Fehler in

Befolgung der Grundsätze oder mit einem gekünstelten Scheine in Nachahmung

derselben zu tun hat Es gibt also eine natürliche und unvermeidliche Dialektik

der reinen Vernunft, nicht eine in die sich etwa ein Stümper durch Mangel an

Kenntnissen selbst verwickelt oder die irgend ein Sophist um vernünftige

Leute zu verwirren künstlich ersonnen hat sondern die der menschlichen

Vernunft unhintertreiblich anhängt und selbst nachdem wir ihr Blendwerk

aufgedeckt haben dennoch nicht aufhören wird ihr vorzugaukeln und sie

unablässig in augenblickliche Verirrungen zu stoßen die jederzeit gehoben zu

werden bedürfen

 
 






    Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an geht von da zum Verstande

und endigt bei der Vernunft über welche nichts Höheres in uns angetroffen wird

den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die höchste Einheit des Denkens

zu bringen Da ich jetzt von dieser obersten Erkenntniskraft eine Erklärung

geben soll so finde ich mich in einiger Verlegenheit Es gibt von ihr wie von

dem Verstande einen bloß formalen di logischen Gebrauch da die Vernunft von

allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert aber auch einen realen da sie selbst

den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält die sie weder von den

Sinnen noch vom Verstande entlehnt Das erstere Vermögen ist nun freilich

vorlängst von den Logikern durch das Vermögen mittelbar zu schließen zum

Unterschiede von den unmittelbaren Schlüssen consequentiis immediatis erklärt

worden das zweite aber welches selbst Begriffe erzeugt wird dadurch noch

nicht eingesehen Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein logisches und

transzendentales Vermögen vorkommt so muss ein höherer Begriff von dieser

Erkenntnisquelle gesucht werden welcher beide Begriffe unter sich befasst

indessen wir nach der Analogie mit den Verstandesbegriffen erwarten können dass

der logische Begriff zugleich den Schlüssel zum transzendentalen und die Tafel

der Funktionen der ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die

Hand geben werde

    Wir erklärten im ersten Teile unserer transzendentalen Logik den Verstand

durch das Vermögen der Regeln hier unterscheiden wir die Vernunft von demselben

dadurch dass wir sie das Vermögen der Prinzipien nennen wollen

    Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig und bedeutet gemeiniglich nur

ein Erkenntnis das als Prinzip gebraucht werden kann ob es zwar an sich selbst

und seinem eigenen Ursprunge nach kein Principium ist Ein jeder allgemeiner

Satz er mag auch sogar aus Erfahrung durch Induktion hergenommen sein kann

zum Obersatz in einem Vernunftschlusse dienen er ist darum aber nicht selbst

ein Principium Die mathematischen Axiomen zB zwischen zwei Punkten kann nur

eine gerade Linie sein sind sogar allgemeine Erkenntnisse a priori und werden

daher mit Recht relativisch auf die Fälle die unter ihnen subsumiert werden

können Prinzipien genannt Aber ich kann darum doch nicht sagen dass ich diese

Eigenschaft der geraden Linien überhaupt und an sich aus Prinzipien erkenne

sondern nur in der reinen Anschauung

    Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen da ich das

Besondre im Allgemeinen durch Begriffe erkenne So ist denn ein jeder

Vernunftschluss eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem Prinzip Denn

der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff der da macht dass alles was unter

der Bedingung desselben subsumiert wird aus ihm nach einem Prinzip erkannt

wird Da nun jede allgemeine Erkenntnis zum Obersatze in einem Vernunftschlusse

dienen kann und der Verstand dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet

so können diese denn auch in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs Prinzipien

genannt werden

    Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an sich selbst

ihrem Ursprunge nach so sind sie nichts weniger als Erkenntnisse aus Begriffen

Denn sie würden auch nicht einmal a priori möglich sein wenn wir nicht die

reine Anschauung in der Mathematik), oder Bedingungen einer möglichen Erfahrung

überhaupt herbei zögen Dass alles was geschieht eine Ursache habe kann gar

nicht aus dem Begriffe dessen was überhaupt geschieht geschlossen werden

vielmehr zeigt der Grundsatz wie man allererst von dem was geschieht einen

bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen könne

    Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also gar nicht

verschaffen und diese sind es eigentlich welche ich schlechthin Prinzipien

nenne indessen dass alle allgemeine Sätze überhaupt komparative Prinzipien

heißen können

    Es ist ein alter Wunsch der wer weiß wie spät vielleicht einmal in

Erfüllung gehen wird dass man doch einmal statt der endlosen Mannigfaltigkeit

bürgerlicher Gesetze ihre Prinzipien aufsuchen möge denn darin kann allein das

Geheimnis bestehen die Gesetzgebung wie man sagt zu simplifizieren Aber die

Gesetze sind hier auch nur Einschränkungen unsrer Freiheit auf Bedingungen

unter denen sie durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt mithin gehen sie auf

etwas was gänzlich unser eigen Werk ist und wovon wir durch jene Begriffe

selbst die Ursache sein können Wie aber Gegenstände an sich selbst, wie die

Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach bloßen Begriffen bestimmt werden

solle ist wo nicht etwas Unmögliches wenigstens doch sehr Widersinnisches in

seiner Forderung Es mag aber hiermit bewandt sein wie es wolle denn darüber

haben wir die Untersuchung noch vor uns so erhellet wenigstens daraus dass

Erkenntnis aus Prinzipien an sich selbst) ganz etwas andres sei als bloße

Verstandeserkenntnis die zwar auch andern Erkenntnissen in der Form eines

Prinzips vorgehen kann an sich selbst aber so fern sie synthetisch ist nicht

auf bloßem Denken beruht noch ein Allgemeines nach Begriffen in sich enthält

    Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der

Regeln sein so ist die Vernunft das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln

unter Prinzipien Sie geht also niemals zunächst auf Erfahrung oder auf irgend

einen Gegenstand sondern auf den Verstand um den mannigfaltigen Erkenntnissen

desselben Einheit a priori durch Begriffe zu geben welche Vernunfteinheit

heißen mag und von ganz anderer Art ist als sie von dem Verstande geleistet

werden kann

    Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen so weit er bei

gänzlichem Mangel an Beispielen als die erst in der Folge gegeben werden

sollen hat begreiflich gemacht werden können

 






    Man macht einen Unterschied zwischen dem was unmittelbar erkannt und dem

was nur geschlossen wird Dass in einer Figur die durch drei gerade Linien

begrenzt ist drei Winkel sind wird unmittelbar erkannt dass diese Winkel aber

zusammen zweien rechten gleich sind ist nur geschlossen Weil wir des Schließens

beständig bedürfen und es dadurch endlich ganz gewohnt werden so bemerken wir

zuletzt diesen Unterschied nicht mehr und halten oft wie bei dem sogenannten

Betruge der Sinne etwas für unmittelbar wahrgenommen was wir doch nur

geschlossen haben Bei jedem Schlusse ist ein Satz der zum Grunde liegt und

ein anderer nämlich die Folgerung die aus jenem gezogen wird und endlich die

Schlussfolge Konsequenz nach welcher die Wahrheit des letzteren unausbleiblich

mit der Wahrheit des ersteren verknüpft ist Liegt das geschlossene Urteil schon

so in dem ersten dass es ohne Vermittlung einer dritten Vorstellung daraus

abgeleitet werden kann so heißt der Schluss unmittelbar consequentia

immediata ich möchte ihn lieber den Verstandesschluss nennen Ist aber außer

der zum Grunde gelegten Erkenntnis noch ein anderes Urteil nötig um die Folge

zu bewirken so heißt der Schluss ein Vernunftschluss In dem Satze alle Menschen

sind sterblich liegen schon die Sätze einige Menschen sind sterblich einige

Sterbliche sind Menschen nichts was unsterblich ist ist ein Mensch und diese

sind also unmittelbare Folgerungen aus dem ersteren Dagegen liegt der Satz

alle Gelehrte sind sterblich nicht in dem untergelegten Urteile denn der

Begriff der Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor und er kann nur vermittelst

eines Zwischenurteils aus diesem gefolgert werden

    In jedem Vernunftschlusse denke ich zuerst eine Regel maior durch den

Verstand Zweitens subsumiere ich ein Erkenntnis unter die Bedingung der Regel

minor vermittelst der Urteilskraft Endlich bestimme ich mein Erkenntnis durch

das Prädikat der Regel conclusio mithin a priori durch die Vernunft Das

Verhältnis also welches der Obersatz als die Regel zwischen einer Erkenntnis

und ihrer Bedingung vorstellt macht die verschiedenen Arten der

Vernunftschlüsse aus Sie sind also gerade dreifach so wie alle Urteile

überhaupt so fern sie sich in der Art unterscheiden wie sie das Verhältnis des

Erkenntnisses im Verstande ausdrücken nämlich kategorische oder hypothetische

oder disjunktive Vernunftschlüsse

    Wenn wie mehrenteils geschieht die Konklusion als ein Urteil aufgegeben

worden um zu sehen ob es nicht aus schon gegebenen Urteilen durch die nämlich

ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird fließe so suche ich im Verstande die

Assertion dieses Schlusssatzes auf ob sie sich nicht in demselben unter gewissen

Bedingungen nach einer allgemeinen Regel vorfinde Finde ich nun eine solche

Bedingung und lässt sich das Objekt des Schlusssatzes unter der gegebenen

Bedingung subsumieren so ist dieser aus der Regel die auch für andere

Gegenstände der Erkenntnis gilt gefolgert Man sieht daraus dass die Vernunft

im Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntnis des Verstandes auf die

kleinste Zahl der Prinzipien allgemeiner Bedingungen zu bringen und dadurch

die höchste Einheit derselben zu bewirken suche

 



                    



    Kann man die Vernunft isolieren und ist sie alsdann noch ein eigener Quell

von Begriffen und Urteilen die lediglich aus ihr entspringen und dadurch sie

sich auf Gegenstände bezieht oder ist sie ein bloß subalternes Vermögen

gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu geben welche logisch heißt und

wodurch die Verstandeserkenntnisse nur einander und niedrige Regeln andern hohem

deren Bedingung die Bedingung der ersteren in ihrer Sphäre befasst

untergeordnet werden so viel sich durch die Vergleichung derselben will

bewerkstelligen lassen Dies ist die Frage mit der wir uns jetzt nur vorläufig

beschäftigen In der Tat ist Mannigfaltigkeit der Regeln und Einheit der

Prinzipien eine Forderung der Vernunft um den Verstand mit sich selbst in

durchgängigen Zusammenhang zu bringen so wie der Verstand das Mannigfaltige der

Anschauung unter Begriffe und dadurch jene in Verknüpfung bringt Aber ein

solcher Grundsatz schreibt den Objekten kein Gesetz vor und enthält nicht den

Grund der Möglichkeit sie als solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen

sondern ist bloß ein subjektives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrate unseres

Verstandes durch Vergleichung seiner Begriffe den allgemeinen Gebrauch

derselben auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen ohne dass man

deswegen von den Gegenständen selbst eine solche Einhelligkeit die der

Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub tue zu fordern und

jener Maxime zugleich objektive Gültigkeit zu geben berechtiget wäre Mit einem

Worte die Frage ist ob Vernunft an sich di die reine Vernunft a priori

synthetische Grundsätze und Regeln enthalte und worin diese Prinzipien bestehen

mögen

    Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen gibt uns

hierüber schon hinreichende Anleitung auf welchem Grunde das transzendentale

Principium derselben in der synthetischen Erkenntnis durch reine Vernunft

beruhen werde

    Erstlich geht der Vernunftschluss nicht auf Anschauungen um dieselbe unter

Regeln zu bringen wie der Verstand mit seinen Kategorien sondern auf Begriffe

und Urteile Wenn also reine Vernunft auch auf Gegenstände geht so hat sie doch

auf diese und deren Anschauung keine unmittelbare Beziehung sondern nur auf den

Verstand und dessen Urteile welche sich zunächst an die Sinne und deren

Anschauung wenden um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen Vernunfteinheit ist

also nicht Einheit einer möglichen Erfahrung sondern von dieser als der

Verstandeseinheit wesentlich unterschieden Dass alles was geschieht eine

Ursache habe ist gar kein durch Vernunft erkannter und vorgeschriebener

Grundsatz Er macht die Einheit der Erfahrung möglich und entlehnt nichts von

der Vernunft welche ohne diese Beziehung auf mögliche Erfahrung aus bloßen

Begriffen keine solche synthetische Einheit hätte gebieten können

    Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die allgemeine

Bedingung ihres Urteils des Schlusssatzes und der Vernunftschluss ist selbst

nichts andres als ein Urteil vermittelst der Subsumtion seiner Bedingung unter

eine allgemeine Regel Obersatz Da nun diese Regel wiederum eben demselben

Versuche der Vernunft ausgesetzt ist und dadurch die Bedingung der Bedingung

vermittelst eines Prosyllogismus gesucht werden muss so lange es angeht so

sieht man wohl der eigentümliche Grundsatz der Vernunft überhaupt im

logischen Gebrauche sei zu dem bedingten Erkenntnisse des Verstandes das

Unbedingte zu finden womit die Einheit desselben vollendet wird

    Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Principium der reinen

Vernunft werden als dadurch dass man annimmt wenn das Bedingte gegeben ist so

sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter Bedingungen die mithin selbst

unbedingt ist gegeben di in dem Gegenstande und seiner Verknüpfung

enthalten

    Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar synthetisch

denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf irgend eine Bedingung aber

nicht aufs Unbedingte Es müssen aus demselben auch verschiedene synthetische

Sätze entspringen wovon der reine Verstand nichts weiß als der nur mit

Gegenständen einer möglichen Erfahrung zu tun hat deren Erkenntnis und

Synthesis jederzeit bedingt ist Das Unbedingte aber wenn es wirklich Statt

hat kann besonders erwogen werden nach allen den Bestimmungen die es von

jedem Bedingten unterscheiden und muss dadurch Stoff zu manchen synthetischen

Sätzen a priori geben

    Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft entspringende Grundsätze

werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transzendent sein di es wird kein

ihm adäquater empirischer Gebrauch von demselben jemals gemacht werden können

Er wird sich also von allen Grundsätzen des Verstandes deren Gebrauch völlig

immanent ist indem sie nur die Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben

gänzlich unterscheiden Ob nun jener Grundsatz dass sich die Reihe der

Bedingungen in der Synthesis der Erscheinungen oder auch des Denkens der Dinge

überhaupt bis zum Unbedingten erstrecke seine objektive Richtigkeit habe oder

nicht welche Folgerungen daraus auf den empirischen Verstandesgebrauch fließen

oder ob es vielmehr überall keinen dergleichen objektivgültigen Vernunftsatz

gebe sondern eine bloß logische Vorschrift sich im Aufsteigen zu immer hohem

Bedingungen der Vollständigkeit derselben zu nähern und dadurch die höchste uns

mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntnis zu bringen ob sage ich dieses

Bedürfnis der Vernunft durch einen Missverstand für einen transzendentalen

Grundsatz der reinen Vernunft gehalten worden der eine solche unbeschränkte

Vollständigkeit übereilter Weise von der Reihe der Bedingungen in den

Gegenständen selbst postuliert was aber auch in diesem Falle für Missdeutungen

und Verblendungen in die Vernunftschlüsse deren Obersatz aus reiner Vernunft

genommen worden und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist und die von

der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen einschleichen mögen das

wird unser Geschäfte in der transzendentalen Dialektik sein welche wir jetzt

aus ihren Quellen die tief in der menschlichen Vernunft verborgen sind

entwickeln wollen Wir werden sie in zwei Hauptstücke teilen deren ersteres von

den transzendenten Begriffen der reinen Vernunft, das zweite von transzendenten

und dialektischen Vernunftschlüssen derselben handeln soll

 
 

                                        



                   

    Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft für eine

Bewandtnis haben mag so sind sie doch nicht bloß reflektierte sondern

geschlossene Begriffe Verstandesbegriffe werden auch a priori vor der Erfahrung

und zum Behuf derselben gedacht aber sie enthalten nichts weiter als die

Einheit der Reflexion über die Erscheinungen in so fern sie notwendig zu einem

möglichen empirischen Bewusstsein gehören sollen Durch sie allein wird

Erkenntnis und Bestimmung eines Gegenstandes möglich Sie geben also zuerst

Stoff zum Schließen und vor ihnen gehen keine Begriffe a priori von

Gegenständen vorher aus denen sie könnten geschlossen werden Dagegen gründet

sich ihre objektive Realität doch lediglich darauf dass weil sie die

intellektuelle Form aller Erfahrung ausmachen ihre Anwendung jederzeit in der

Erfahrung muss gezeigt werden können

    Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig dass er sich

nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen weil er eine Erkenntnis

betrifft von der jede empirische nur ein Teil ist vielleicht das Ganze der

möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen Synthesis bis dahin zwar keine

wirkliche Erfahrung jemals völlig zureicht aber doch jederzeit dazu gehörig

ist Vernunftbegriffe dienen zum Begreifen wie Verstandesbegriffe zum Verstehen

der Wahrnehmungen Wenn sie das Unbedingte enthalten so betreffen sie etwas

worunter alle Erfahrung gehört welches selbst aber niemals ein Gegenstand der

Erfahrung ist etwas worauf die Vernunft in ihren Schlüssen aus der Erfahrung

führt und wonach sie den Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzet und

abmisst niemals aber ein Glied der empirischen Synthesis ausmacht Haben

dergleichen Begriffe dessen ungeachtet objektive Gültigkeit so können sie

conceptus ratiocinati richtig geschlossene Begriffe heißen wo nicht so sind

sie wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen und mögen

conceptus ratiocinantes vernünftelnde Begriffe genannt werden Da dieses aber

allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft

ausgemacht werden kann so können wir darauf noch nicht Rücksicht nehmen

sondern werden vorläufig so wie wir die reinen Verstandesbegriffe Kategorien

nannten die Begriffe der reinen Vernunft mit einem neuen Namen belegen und sie

transzendentale Ideen nennen diese Benennung aber jetzt erläutern und

rechtfertigen

 
 

                                        



        

    Bei dem großen Reichtum unserer Sprachen findet sich doch oft der denkende

Kopf wegen des Ausdrucks verlegen der seinem Begriffe genau anpasst und in

dessen Ermangelung er weder andern noch so gar sich selbst recht verständlich

werden kann Neue Wörter zu schmieden ist eine Anmaßung zum Gesetzgeben in

Sprachen die selten gelingt und ehe man zu diesem verzweifelten Mittel

schreitet ist es ratsam sich in einer toten und gelehrten Sprache umzusehen

ob sich daselbst nicht dieser Begriff samt seinem angemessenen Ausdrucke

vorfinde und wenn der alte Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit ihrer

Urheber auch etwas schwankend geworden wäre so ist es doch besser die

Bedeutung die ihm vorzüglich eigen war zu befestigen sollte es auch

zweifelhaft bleiben ob man damals genau eben dieselbe im Sinne gehabt habe

als sein Geschäfte nur dadurch zu verderben dass man sich unverständlich machte

    Um deswillen wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein einziges

Wort vorfände das in schon eingeführter Bedeutung diesem Begriffe genau anpasst

dessen Unterscheidung von andern verwandten Begriffen von großer Wichtigkeit

istso ist es ratsam damit nicht verschwenderisch umzugehen oder es bloß zur

Abwechslung synonymisch statt anderer zu gebrauchen sondern ihm seine

eigentümliche Bedeutung sorgfältig aufzubehalten weil es sonst leichtlich

geschieht dass nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders

beschäftigt sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender

Bedeutung verliert auch der Gedanke verloren gehe den er allein hätte

aufbehalten können

    Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so dass man wohl sieht er habe

darunter etwas verstanden was nicht allein niemals von den Sinnen entlehnt

wird sondern welches so gar die Begriffe des Verstandes mit denen sich

Aristoteles beschäftigte weit übersteigt indem in der Erfahrung niemals etwas

damit Kongruierendes angetroffen wird Die Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge

selbst und nicht bloß Schlüssel zu möglichen Erfahrungen wie die Kategorien

Nach seiner Meinung flossen sie aus der höchsten Vernunft aus von da sie der

menschlichen zu Teil geworden die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem

ursprünglichen Zustande befindet sondern mit Mühe die alten jetzt sehr

verdunkelten Ideen durch Erinnerung die Philosophie heißt zurückrufen muss

Ich will mich hier in keine literarische Untersuchung einlassen um den Sinn

auszumachen den der erhabene Philosoph mit seinem Ausdrucke verband Ich merke

nur an dass es gar nichts Ungewöhnliches sei sowohl im gemeinen Gespräche als

in Schriften durch die Vergleichung der Gedanken welche ein Verfasser über

seinen Gegenstand äußert ihn so gar besser zu verstehen als er sich selbst

verstand indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte und dadurch

bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete oder auch dachte

    Plato bemerkte sehr wohl dass unsere Erkenntniskraft ein weit höheres

Bedürfnis fühle als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit

buchstabieren um sie als Erfahrung lesen zu können und dass unsere Vernunft

natürlicher Weise sich zu Erkenntnissen aufschwinge die viel weiter gehen als

dass irgend ein Gegenstand den Erfahrung geben kann jemals mit ihnen kongruieren

könne die aber nichtsdestoweniger ihre Realität haben und keineswegs bloße

Hirngespinste sein

    Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem was praktisch ist35 di auf

Freiheit beruht welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht die ein

eigentümliches Produkt der Vernunft sind Wer die Begriffe der Tugend aus

Erfahrung schöpfen wollte wer das was nur allenfalls als Beispiel zur

unvollkommenen Erläuterung dienen kann als Muster zum Erkenntnisquell machen

wollte wie es wirklich viele getan haben der würde aus der Tugend ein nach

Zeit und Umständen wandelbares zu keiner Regel brauchbares zweideutiges Unding

machen Dagegen wird ein jeder inne dass wenn ihm jemand als Muster der Tugend

vorgestellt wird er doch immer das wahre Original bloß in seinem eigenen Kopfe

habe womit er dieses angebliche Muster vergleicht und es bloß darnach schätzt

Dieses ist aber die Idee der Tugend in Ansehung deren alle mögliche Gegenstände

der Erfahrung zwar als Beispiele Beweise der Tunlichkeit desjenigen im gewissen

Grade was der Begriff der Vernunft heischt aber nicht als Urbilder Dienste

tun Dass niemals ein Mensch demjenigen adäquat handeln werde was die reine Idee

der Tugend enthält beweiset gar nicht etwas Chimärisches in diesem Gedanken

Denn es ist gleichwohl alles Urteil über den moralischen Wert oder Unwert nur

vermittelst dieser Idee möglich mithin liegt sie jeder Annäherung zur

moralischen Vollkommenheit notwendig zum Grunde so weit auch die ihrem Grade

nach nicht zu bestimmende Hindernisse in der menschlichen Natur uns davon

entfernt halten mögen

    Die platonische Republik ist als ein vermeintlich auffallendes Beispiel von

erträumter Vollkommenheit die nur im Gehirn des müßigen Denkers ihren Sitz

haben kann zum Sprichwort geworden und Brucker findet es lächerlich dass der

Philosoph behauptete niemals würde ein Fürst wohl regieren wenn er nicht der

Ideen teilhaftig wäre Allein man würde besser tun diesem Gedanken mehr

nachzugehen und ihn wo der vortreffliche Mann uns ohne Hülfe lässt durch neue

Bemühungen in Licht zu stellen als ihn unter dem sehr elenden und schädlichen

Verwände der Untunlichkeit als unnütz bei Seite zu setzen Eine Verfassung von

der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen welche machen dass jedes

Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann nicht von der größesten

Glückseligkeit denn diese wird schon von selbst folgen ist doch wenigstens

eine notwendige Idee die man nicht bloß im ersten Entwurfe einer

Staatsverfassung sondern auch bei allen Gesetzen zum Grunde legen muss und

wobei man anfänglich von den gegenwärtigen Hindernissen abstrahieren muss die

vielleicht nicht sowohl aus der menschlichen Natur unvermeidlich entspringen

mögen als vielmehr aus der Vernachlässigung der echten Ideen bei der

Gesetzgebung Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres

gefunden werden als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerstreitende

Erfahrung die doch gar nicht existieren würde wenn jene Anstalten zu rechter

Zeit nach den Ideen getroffen würden und an deren statt nicht rohe Begriffe

eben darum weil sie aus Erfahrung geschöpft worden alle gute Absicht vereitelt

hätten Je übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung mit dieser Idee

eingerichtet wären desto seltener würden allerdings die Strafen werden und da

ist es denn ganz vernünftig wie Plato behauptet dass bei einer vollkommenen

Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig sein würden Ob nun gleich das

letztere niemals zu Stande kommen mag so ist die Idee doch ganz richtig welche

dieses Maximum zum Urbilde aufstellt um nach demselben die gesetzliche

Verfassung der Menschen der möglich größten Vollkommenheit immer näher zu

bringen Denn welches der höchste Grad sein mag bei welchem die Menschheit

stehen bleiben müsse und wie groß also die Kluft die zwischen der Idee und

ihrer Ausführung notwendig übrig bleibt sein möge das kann und soll niemand

bestimmen eben darum weil es Freiheit ist welche jede angegebene Grenze

übersteigen kann

    Aber nicht bloß in demjenigen wobei die menschliche Vernunft wahrhafte

Kausalität zeigt und wo Ideen wirkende Ursachen der Handlungen und ihrer

Gegenstände werden nämlich im Sittlichen sondern auch in Ansehung der Natur

selbst sieht Plato mit Recht deutliche Beweise ihres Ursprungs aus Ideen Ein

Gewächs ein Tier die regelmäßige Anordnung des Weltbaues vermutlich also auch

die ganze Naturordnung zeigen deutlich dass sie nur nach Ideen möglich sein

dass zwar kein einzelnes Geschöpf unter den einzelnen Bedingungen seines

Daseins mit der Idee des Vollkommensten seiner Art kongruiere so wenig wie der

Mensch mit der Idee der Menschheit die er sogar selbst als das Urbild seiner

Handlungen in seiner Seele trägt dass gleichwohl jene Ideen im höchsten

Verstande einzeln unveränderlich durchgängig bestimmt und die ursprünglichen

Ursachen der Dinge sind und nur das Ganze ihrer Verbindung im Weltall einzig

und allein jener Idee völlig adäquat sei Wenn man das Übertriebene des

Ausdrucks absondert so ist der Geistesschwung des Philosophen von der

kopeilichen Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der architektonischen

Verknüpfung derselben nach Zwecken di nach Ideen hinaufzusteigen eine

Bemühung die Achtung und Nachfolge verdient in Ansehung desjenigen aber was

die Prinzipien der Sittlichkeit der Gesetzgebung und der Religion betrifft wo

die Ideen die Erfahrung selbst des Guten allererst möglich machen obzwar

niemals darin völlig ausgedrückt werden können ein ganz eigentümliches

Verdienst welches man nur darum nicht erkennt weil man es durch eben die

empirischen Regeln beurteilt deren Gültigkeit als Prinzipien eben durch sie

hat aufgehoben werden sollen Denn in Betracht der Natur gibt uns Erfahrung die

Regel an die Hand und ist der Quell der Wahrheit in Ansehung der sittlichen

Gesetze aber ist Erfahrung leider die Mutter des Scheins und es ist höchst

verwerflich die Gesetze über das was ich tun soll von demjenigen herzunehmen

oder dadurch einschränken zu wollen was getan wird

    Statt aller dieser Betrachtungen deren gehörige Ausführung in der Tat die

eigentümliche Würde der Philosophie ausmacht beschäftigen wir uns jetzt mit

einer nicht so glänzenden aber doch auch nicht verdienstlosen Arbeit nämlich

den Boden zu jenen majestätischen sittlichen Gebäuden eben und baufest zu

machen in welchem sich allerlei Maulwurfsgänge einer vergeblich aber mit guter

Zuversicht auf Schätze grabenden Vernunft vorfinden und die jenes Bauwerk

unsicher machen Der transzendentale Gebrauch der reinen Vernunft, ihre

Prinzipien und Ideen sind es also welche genau zu kennen uns jetzt obliegt um

den Einfluss der reinen Vernunft und den Wert derselben gehörig bestimmen und

schätzen zu können Doch ehe ich diese vorläufige Einleitung bei Seite lege

ersuche ich diejenige denen Philosophie am Herzen liegt welches mehr gesagt

ist als man gemeiniglich antrifft wenn sie sich durch dieses und das

Nachfolgende überzeugt finden sollten den Ausdruck Idee seiner ursprünglichen

Bedeutung nach in Schutz zu nehmen damit er nicht fernerhin unter die übrigen

Ausdrücke womit gewöhnlich allerlei Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung

bezeichnet werden gerate und die Wissenschaft dabei einbüße Fehlt es uns doch

nicht an Benennungen die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind ohne

dass wir nötig haben in das Eigentum einer anderen einzugreifen Hier ist eine

Stufenleiter derselben Die Gattung ist Vorstellung überhaupt repraesentatio

Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewusstsein perceptio Eine Perzeption die

sich lediglich auf das Subjekt als die Modifikation seines Zustandes bezieht

ist Empfindung sensatio eine objektive Perzeption ist Erkenntnis cognitio

Diese ist entweder Anschauung oder Begriff intuitus vel conceptus Jene

bezieht sich unmittelbar auf den Gegenstand und ist einzeln dieser mittelbar

vermittelst eines Merkmals was mehreren Dingen gemein sein kann Der Begriff

ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff und der reine Begriff so fern

er lediglich im Verstande seinen Ursprung hat nicht im reinen Bilde der

Sinnlichkeit heißt Notio Ein Begriff aus Notionen der die Möglichkeit der

Erfahrung übersteigt ist die Idee oder der Vernunftbegriff Dem der sich

einmal an diese Unterscheidung gewöhnt hat muss es unerträglich fallen die

Vorstellung der roten Farbe Idee nennen zu hören Sie ist nicht einmal Notion

Verstandesbegriff zu nennen

 
 

                                        




    Die transzendentale Analytik gab uns ein Beispiel wie die bloße logische

Form unserer Erkenntnis den Ursprung von reinen Begriffen a priori enthalten

könne welche vor aller Erfahrung Gegenstände vorstellen oder vielmehr die

synthetische Einheit anzeigen welche allein eine empirische Erkenntnis von

Gegenständen möglich macht Die Form der Urteile in einen Begriff von der

Synthesis der Anschauungen verwandelt brachte Kategorien hervor welche allen

Verstandesgebrauch in der Erfahrung leiten Eben so können wir erwarten dass die

Form der Vernunftschlüsse wenn man sie auf die synthetische Einheit der

Anschauungen nach Maßgebung der Kategorien anwendet den Ursprung besonderer

Begriffe a priori enthalten werde welche wir reine Vernunftbegriffe oder

transzendentale Ideen nennen können und die den Verstandesgebrauch im Ganzen

der gesamten Erfahrung nach Prinzipien bestimmen werden

    Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der Allgemeinheit

der Erkenntnis nach Begriffen und der Vernunftschluss selbst ist ein Urteil

welches a priori in dem ganzen Umfange seiner Bedingung bestimmt wird Den Satz

Cajus ist sterblich könnte ich auch bloß durch den Verstand aus der Erfahrung

schöpfen Allein ich suche einen Begriff der die Bedingung enthält unter

welcher das Prädikat Assertion überhaupt dieses Urteils gegeben wird di

hier den Begriff des Menschen und nachdem ich unter diese Bedingung in ihrem

ganzen Umfange genommen alle Menschen sind sterblich subsumiert habe so

bestimme ich darnach die Erkenntnis meines Gegenstandes Cajus ist sterblich

    Demnach restringieren wir in der Konklusion eines Vernunftschlusses ein

Prädikat auf einen gewissen Gegenstand nachdem wir es vorher in dem Obersatz in

seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung gedacht haben Diese

vollendete Große des Umfanges in Beziehung auf eine solche Bedingung heißt die

Allgemeinheit universalitas Dieser entspricht in der Synthesis der

Anschauungen die Allheit universitas oder Totalität der Bedingungen Also ist

der transzendentale Vernunftbegriff kein anderer als der von der Totalität der

Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten Da nun das Unbedingte allein die

Totalität der Bedingungen möglich macht und umgekehrt die Totalität der

Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist so kann ein reiner Vernunftbegriff

überhaupt durch den Begriff des Unbedingten so fern er einen Grund der

Synthesis des Bedingten enthält erklärt werden

    So viel Arten des Verhältnisses es nun gibt die der Verstand vermittelst

der Kategorien sich vorstellt so vielerlei reine Vernunftbegriffe wird es auch

geben und es wird also erstlich ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis in

einem Subjekt zweitens der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe

drittens der disjunktiven Synthesis der Teile in einem System zu suchen sein

    Es gibt nämlich eben so viel Arten von Vernunftschlüssen deren jede durch

Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet die eine zum Subjekt welches

selbst nicht mehr Prädikat ist die andre zur Voraussetzung die nichts weiter

voraussetzt und die dritte zu einem Aggregat der Glieder der Einteilung zu

welchen nichts weiter erforderlich ist um die Einteilung eines Begriffs zu

vollenden Daher sind die reinen Vernunftbegriffe von der Totalität in der

Synthesis der Bedingungen wenigstens als Aufgaben um die Einheit des

Verstandes wo möglich bis zum Unbedingten fortzusetzen notwendig und in der

Natur der menschlichen Vernunft gegründet es mag auch übrigens diesen

transzendentalen Begriffen an einem ihnen angemessenen Gebrauch in concreto

fehlen und sie mithin keinen andern Nutzen haben als den Verstand in die

Richtung zu bringen darin sein Gebrauch indem er aufs äußerste erweitert

zugleich mit sich selbst durchgehends einstimmig gemacht wird

    Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem Unbedingten

als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe reden so stoßen wir

wiederum auf einen Ausdruck den wir nicht entbehren und gleichwohl nach einer

ihm durch langen Missbrauch anhängenden Zweideutigkeit nicht sicher brauchen

können Das Wort absolut ist eines von den wenigen Wörtern die in ihrer

uranfänglichen Bedeutung einem Begriffe angemessen worden welchem nach der Hand

gar kein anderes Wort eben derselben Sprache genau anpasst und dessen Verlust

oder welches eben so viel ist sein schwankender Gebrauch daher auch den

Verlust des Begriffs selbst nach sich ziehen muss und zwar eines Begriffs der

weil er die Vernunft gar sehr beschäftigt ohne großen Nachteil aller

transzendentalen Beurteilungen nicht entbehrt werden kann Das Wort absolut wird

jetzt öfters gebraucht um bloß anzuzeigen dass etwas von einer Sache an sich

selbst betrachtet und also innerlich gelte In dieser Bedeutung würde

absolutmöglich das bedeuten was an sich selbst interne möglich ist welches

in der Tat das wenigste ist was man von einem Gegenstande sagen kann Dagegen

wird es auch bisweilen gebraucht um anzuzeigen dass etwas in aller Beziehung

uneingeschränkt gültig ist zB die absolute Herrschaft und absolutmöglich

würde in dieser Bedeutung dasjenige bedeuten was in aller Absicht in aller

Beziehung möglich ist welches wiederum das meiste ist was ich über die

Möglichkeit eines Dinges sagen kann Nun treffen zwar diese Bedeutungen

mannigmal zusammen So ist z E was innerlich unmöglich ist auch in aller

Beziehung mithin absolut unmöglich Aber in den meisten Fällen sind sie

unendlich weit auseinander und ich kann auf keine Weise schließen dass weil

etwas an sich selbst möglich ist es darum auch in aller Beziehung mithin

absolut möglich sei Ja von der absoluten Notwendigkeit werde ich in der Folge

zeigen dass sie keineswegs in allen Fällen von der inneren abhänge und also mit

dieser nicht als gleichbedeutend angesehen werden müsse Dessen Gegenteil

innerlich unmöglich ist dessen Gegenteil ist freilich auch in aller Absicht

unmöglich mithin ist es selbst absolut notwendig aber ich kann nicht umgekehrt

schließen was absolut notwendig ist dessen Gegenteil sei innerlich unmöglich

di die absolute Notwendigkeit der Dinge sei eine innere Notwendigkeit denn

diese innere Notwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer Ausdruck mit

welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden können dagegen der von der

Notwendigkeit eines Dinges in aller Beziehung auf alles Mögliche ganz

besondere Bestimmungen bei sich führt Weil nun der Verlust eines Begriffs von

großer Anwendung in der spekulativen Weltweisheit dem Philosophen niemals

gleichgültig sein kann so hoffe ich es werde ihm die Bestimmung und

sorgfältige Aufbewahrung des Ausdrucks an dem der Begriff hängt auch nicht

gleichgültig sein

    In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich denn des Worts absolut

bedienen und es dem bloß komparativ oder in besonderer Rücksicht Gültigen

entgegensetzen denn dieses letztere ist auf Bedingungen restringiert jenes

aber gilt ohne Restriktion

    Nun geht der transzendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die absolute

Totalität in der Synthesis der Bedingungen und endigt niemals als bei dem

schlechthin di in jeder Beziehung Unbedingten Denn die reine Vernunft

überlässt alles dem Verstande der sich zunächst auf die Gegenstände der

Anschauung oder vielmehr deren Synthesis in der Einbildungskraft bezieht Jene

behält sich allein die absolute Totalität im Gebrauche der Verstandesbegriffe

vor und sucht die synthetische Einheit welche in der Kategorie gedacht wird

bis zum Schlechthinunbedingten hinauszuführen Man kann daher diese die

Vernunfteinheit der Erscheinungen so wie jene welche die Kategorie ausdrückt

Verstandeseinheit nennen So bezieht sich demnach die Vernunft nur auf den

Verstandesgebrauch und zwar nicht so fern dieser den Grund möglicher Erfahrung

enthält denn die absolute Totalität der Bedingungen ist kein in einer Erfahrung

brauchbarer Begriff weil keine Erfahrung unbedingt ist sondern um ihm die

Richtung auf eine gewisse Einheit vorzuschreiben von der der Verstand keinen

Begriff hat und die darauf hinaus geht alle Verstandeshandlungen in Ansehung

eines jeden Gegenstandes in ein absolutes Ganzes zusammen zu fassen Daher ist

der objektive Gebrauch der reinen Vernunftbegriffe jederzeit transzendent

indessen dass der von den reinen Verstandesbegriffen seiner Natur nach

jederzeit immanent sein muss indem er sich bloß auf mögliche Erfahrung

einschränkt

    Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff dem kein

kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann. Also sind unsere

jetzt erwogene reine Vernunftbegriffe transzendentale Ideen Sie sind Begriffe

der reinen Vernunft; denn sie betrachten alles Erfahrungserkenntnis als bestimmt

durch eine absolute Totalität der Bedingungen Sie sind nicht willkürlich

erdichtet sondern durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben und beziehen

sich daher notwendiger Weise auf den ganzen Verstandesgebrauch Sie sind endlich

transzendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung in welcher also niemals

ein Gegenstand vorkommen kann der der transzendentalen Idee adäquat wäre Wenn

man eine Idee nennt so sagt man dem Objekt nach als von einem Gegenstande des

reinen Verstandes sehr viel dem Subjekte nach aber di in Ansehung seiner

Wirklichkeit unter empirischer Bedingung eben darum sehr wenig weil sie als

der Begriff eines Maximum in concreto niemals kongruent kann gegeben werden

Weil nun das letztere im bloß spekulativen Gebrauch der Vernunft eigentlich die

ganze Absicht ist und die Annäherung zu einem Begriffe der aber in der

Ausübung doch niemals erreicht wird eben so viel ist als ob der Begriff ganz

und gar verfehlet würde so heißt es von einem dergleichen Begriffe er ist nur

eine Idee So würde man sagen können das absolute Ganze aller Erscheinungen ist

nur eine Idee denn da wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können so

bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung Dagegen weil es im praktischen

Gebrauch des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach Regeln zu tun ist so

kann die Idee der praktischen Vernunft jederzeit wirklich ob zwar nur zum Teil

in concreto gegeben werden ja sie ist die unentbehrliche Bedingung jedes

praktischen Gebrauchs der Vernunft Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und

mangelhaft aber unter nicht bestimmbaren Grenzen also jederzeit unter dem

Einfluss des Begriffs einer absoluten Vollständigkeit Demnach ist die

praktische Idee jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen

Handlungen unumgänglich notwendig In ihr hat die reine Vernunft sogar

Kausalität das wirklich hervorzubringen was ihr Begriff enthält daher kann

man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen sie ist nur eine Idee

 sondern eben darum weil sie die Idee von der notwendigen Einheit aller

möglichen Zwecke ist so muss sie allem Praktischen als ursprüngliche zum

wenigsten einschränkende Bedingung zur Regel dienen

    Ob wir nun gleich von den transzendentalen Vernunftbegriffen sagen müssen

sie sind nur Ideen so werden wir sie doch keineswegs für überflüssig und

nichtig anzusehen haben Denn wenn schon dadurch kein Objekt bestimmt werden

kann so können sie doch im Grunde und unbemerkt dem Verstande zum Kanon seines

ausgebreiteten und einhelligen Gebrauchs dienen dadurch er zwar keinen

Gegenstand mehr erkennt als er nach seinen Begriffen erkennen würde aber doch

in dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet wird Zu geschweigen dass sie

vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen Übergang möglich

machen und den moralischen Ideen selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang

mit den spekulativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen können Über alles

dieses muss man den Aufschluss in dem Verfolg erwarten

    Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen bei Seite

und betrachten daher die Vernunft nur im spekulativen und in diesem noch enger

nämlich nur im transzendentalen Gebrauch Hier müssen wir nun denselben Weg

einschlagen den wir oben bei der Deduktion der Kategorien nahmen nämlich die

logische Form der Vernunfterkenntnis erwägen und sehen ob nicht etwa die

Vernunft dadurch auch ein Quell von Begriffen werde Objekte an sich selbst, als

synthetisch a priori bestimmt in Ansehung einer oder der andern Funktion der

Vernunft anzusehen

    Vernunft als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntnis

betrachtet ist das Vermögen zu schließen di mittelbar durch die Subsumtion

der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung eines gegebenen zu

urteilen Das gegebene Urteil ist die allgemeine Regel Obersatz maior Die

Subsumtion der Bedingung eines andern möglichen Urteils unter die Bedingung der

Regel ist der Untersatz minor Das wirkliche Urteil welches die Assertion der

Regel in dem subsumierten Falle aussagt ist der Schlusssatz conclusio Die

Regel nämlich sagt etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung Nun findet in

einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt Also wird das was unter

jener Bedingung allgemein galt auch in dem vorkommenden Falle der diese

Bedingung bei sich führt als gültig angesehen Man sieht leicht dass die

Vernunft durch Verstandeshandlungen welche eine Reihe von Bedingungen

ausmachen zu einem Erkenntnisse gelange Wenn ich zu dem Satze alle Körper

sind veränderlich nur dadurch gelange dass ich von dem entfernteren Erkenntnis

worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt der aber doch davon die

Bedingung enthält anfange alles Zusammengesetzte ist veränderlich von diesem

zu einem näheren gehe der unter der Bedingung des ersteren steht die Körper

sind zusammengesetzt und von diesem allererst zu einem dritten der nunmehr das

entfernte Erkenntnis veränderlich mit dem vorliegenden verknüpft folglich

sind die Körper veränderlich so bin ich durch eine Reihe von Bedingungen

Prämissen zu einer Erkenntnis Konklusion gelanget Nun lässt sich eine jede

Reihe deren Exponent des kategorischen oder hypothetischen Urteils gegeben

ist fortsetzen mithin führt eben dieselbe Vernunfthandlung zur ratiocinatio

polysyllogistica welches eine Reihe von Schlüssen ist die entweder auf der

Seite der Bedingungen per prosyllogismos oder des Bedingten per

episyllogismos in unbestimmte Weiten fortgesetzt werden kann

    Man wird aber bald inne dass die Kette oder Reihe der Prosyllogismen di

der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe oder der Bedingungen zu

einem gegebenen Erkenntnis mit andern Worten die aufsteigende Reihe der

Vernunftschlüsse sich gegen das Vernunftvermögen doch anders verhalten müsse

als die absteigende Reihe di der Fortgang der Vernunft auf der Seite des

Bedingten durch Episyllogismen Denn da im ersteren Falle das Erkenntnis

conclusio nur als bedingt gegeben ist so kann man zu demselben vermittelst

der Vernunft nicht anders gelangen als wenigstens unter der Voraussetzung dass

alle Glieder der Reihe auf der Seite der Bedingungen gegeben sind Totalität in

der Reihe der Prämissen weil nur unter deren Voraussetzung das vorliegende

Urteil a priori möglich ist dagegen auf der Seite des Bedingten oder der

Folgerungen nur eine werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte oder gegebene

Reihe mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird Daher wenn eine

Erkenntnis als bedingt angesehen wird so ist die Vernunft genötigt die Reihe

der Bedingungen in aufsteigender Linie als vollendet und ihrer Totalität nach

gegeben anzusehen Wenn aber eben dieselbe Erkenntnis zugleich als Bedingung

anderer Erkenntnisse angesehen wird die unter einander eine Reihe von

Folgerungen in absteigender Linie ausmachen so kann die Vernunft ganz

gleichgültig sein wie weit dieser Fortgang sich a parte posteriori erstrecke

und ob gar überall Totalität dieser Reihe möglich sei weil sie einer

dergleichen Reihe zu der vor ihr liegenden Konklusion nicht bedarf indem diese

durch ihre Gründe a parte priori schon hinreichend bestimmt und gesichert ist

Es mag nun sein dass auf der Seite der Bedingungen die Reihe der Prämissen ein

Erstes habe als oberste Bedingung oder nicht und also a parte priori ohne

Grenzen so muss sie doch Totalität der Bedingung enthalten gesetzt dass wir

niemals dahin gelangen könnten sie zu fassen und die ganze Reihe muss unbedingt

wahr sein wenn das Bedingte welches als eine daraus entspringende Folgerung

angesehen wird als wahr gelten soll Dieses ist eine Forderung der Vernunft die

ihr Erkenntnis als a priori bestimmt und als notwendig ankündigt entweder an

sich selbst, und denn bedarf es keiner Gründe oder wenn es abgeleitet ist als

ein Glied einer Reihe von Gründen die selbst unbedingter Weise wahr ist

 
 

                                        



       

    Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu tun welche von

allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert und lediglich den falschen Schein in

der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt sondern mit einer transzendentalen

welche völlig a priori den Ursprung gewisser Erkenntnisse aus reiner Vernunft

und geschlossener Begriffe deren Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden

kann, die also gänzlich außer dem Vermögen des reinen Verstandes liegen

enthalten soll Wir haben aus der natürlichen Beziehung die der transzendentale

Gebrauch unserer Erkenntnis sowohl in Schlüssen als Urteilen auf den

logischen haben muss abgenommen dass es nur drei Arten von dialektischen

Schlüssen geben werde die sich auf die dreierlei Schlussarten beziehen durch

welche Vernunft aus Prinzipien zu Erkenntnissen gelangen kann und dass in allem

ihr Geschäfte sei von der bedingten Synthesis an die der Verstand jederzeit

gebunden bleibt zur unbedingten aufzusteigen die er niemals erreichen kann

    Nun ist das Allgemeine aller Beziehung die unsere Vorstellungen haben

können 1 die Beziehung aufs Subjekt 2 die Beziehung auf Objekte und zwar

entweder als Erscheinungen oder als Gegenstände des Denkens überhaupt Wenn man

diese Untereinteilung mit der oberen verbindet so ist alles Verhältnis der

Vorstellungen davon wir uns entweder einen Begriff oder Idee machen können

dreifach 1 das Verhältnis zum Subjekt 2 zum Mannigfaltigen des Objekts in

der Erscheinung, 3 zu allen Dingen überhaupt

    Nun haben es alle reine Begriffe überhaupt mit der synthetischen Einheit der

Vorstellungen Begriffe der reinen Vernunft transzendentale Ideen aber mit der

unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen überhaupt zu tun Folglich

werden alle transzendentale Ideen sich unter drei Klassen bringen lassen davon

die erste die absolute unbedingte Einheit des denkenden Subjekts die zweite

die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung die dritte die

absolute Einheit der Bedingung aller Gegenstände des Denkens überhaupt enthält

    Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie der Inbegriff aller

Erscheinungen die Welt der Gegenstand der Kosmologie und das Ding welches

die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem was gedacht werden kann

enthält das Wesen aller Wesen der Gegenstand der Theologie Also gibt die

reine Vernunft die Idee zu einer transzendentalen Seelenlehre psychologia

rationalis zu einer transzendentalen Weltwissenschaft cosmologia rationalis

endlich auch zu einer transzendentalen Gotteserkenntnis theologia

transscendentalis an die Hand Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl als der

andern dieser Wissenschaften schreibt sich gar nicht von dem Verstande her

selbst wenn er gleich mit dem höchsten logischen Gebrauche der Vernunft di

allen erdenklichen Schlüssen verbunden wäre um von einem Gegenstande desselben

Erscheinung zu allen anderen bis in die entlegensten Glieder der empirischen

Synthesis fortzuschreiten sondern ist lediglich ein reines und echtes Produkt

oder Problem der reinen Vernunft.

    Was unter diesen drei Titeln aller transzendentalen Ideen für Modi der

reinen Vernunftbegriffe stehen wird in dem folgenden Hauptstücke vollständig

dargelegt werden Sie laufen am Faden der Kategorien fort Denn die reine

Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände sondern auf die

Verstandesbegriffe von denselben Eben so wird sich auch nur in der völligen

Ausführung deutlich machen lassen wie die Vernunft lediglich durch den

synthetischen Gebrauch eben derselben Funktion deren sie sich zum kategorischen

Vernunftschlusse bedient notwendiger Weise auf den Begriff der absoluten

Einheit des denkenden Subjekts kommen müsse wie das logische Verfahren in

hypothetischen Ideen die vom Schlechthinunbedingten in einer Reihe gegebener

Bedingungen endlich die bloße Form des disjunktiven Vernunftschlusses den

höchsten Vernunftbegriff von einem Wesen aller Wesen notwendiger Weise nach sich

ziehen müsse ein Gedanke der beim ersten Anblick äußerst paradox zu sein

scheint

    Von diesen transzendentalen Ideen ist eigentlich keine objektive Deduktion

möglich so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten Denn in der Tat

haben sie keine Beziehung auf irgend ein Objekt was ihnen kongruent gegeben

werden könnte eben darum weil sie nur Ideen sind Aber eine subjektive

Anleitung derselben aus der Natur unserer Vernunft konnten wir unternehmen und

die ist im gegenwärtigen Hauptstücke auch geleistet worden

    Man sieht leicht dass die reine Vernunft nichts anders zur Absicht habe als

die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen es sei den

Inhärenz oder der Dependenz oder der Konkurrenz und dass sie mit der

absoluten Vollständigkeit von Seiten des Bedingten nichts zu schaffen habe Denn

nur allein jener bedarf sie um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen

und sie dadurch dem Verstande a priori zu geben Ist aber eine vollständig und

unbedingt gegebene Bedingung einmal da so bedarf es nicht mehr eines

Vernunftbegriffs in Ansehung der Fortsetzung der Reihe denn der Verstand tut

jeden Schritt abwärts von der Bedingung zum Bedingten von selber Auf solche

Weise dienen die transzendentalen Ideen nur zum Aufsteigen in der Reihe der

Bedingungen bis zum Unbedingten di zu den Prinzipien In Ansehung des

Hinabgehens zum Bedingten aber gibt es zwar einen weit erstreckten logischen

Gebrauch den unsere Vernunft von den Verstandesgesetzen macht aber gar keinen

transzendentalen und wenn wir uns von der absoluten Totalität einer solchen

Synthesis des progressus eine Idee machen zB von der ganzen Reihe aller

künftigen Weltveränderungen so ist dieses ein Gedankending ens rationis

welches nur willkürlich gedacht und nicht durch die Vernunft notwendig

vorausgesetzt wird Denn zur Möglichkeit des Bedingten wird zwar die Totalität

seiner Bedingungen aber nicht seiner Folgen vorausgesetzt Folglich ist ein

solcher Begriff keine transzendentale Idee mit der wir es doch hier lediglich

zu tun haben

    Zuletzt wird man auch gewahr dass unter den transzendentalen Ideen selbst

ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte und dass die reine Vernunft

vermittelst ihrer alle ihre Erkenntnisse in ein System bringe Von der

Erkenntnis seiner selbst der Seele zur Welterkenntnis und vermittelst

dieser zum Urwesen fortzugehen ist ein so natürlicher Fortschritt dass er dem

logischen Fortgange der Vernunft von den Prämissen zum Schlusssatz ähnlich

scheint36 Ob nun hier wirklich eine Verwandtschaft von der Art als zwischen

dem logischen und transzendentalen Verfahren in geheim zum Grunde liege ist

auch eine von den Fragen deren Beantwortung man in dem Verfolg dieser

Untersuchungen allererst erwarten muss Wir haben vorläufig unsern Zweck schon

erreicht da wir die transzendentalen Begriffe der Vernunft die sich sonst

gewöhnlich in der Theorie der Philosophen unter andere mischen ohne dass diese

sie einmal von Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden aus dieser

zweideutigen Lage haben herausziehen ihren Ursprung und dadurch zugleich ihre

bestimmte Zahl über die es gar keine mehr geben kann angeben und sie in einem

systematischen Zusammenhange haben vorstellen können wodurch ein besonderes

Feld für die reine Vernunft abgesteckt und eingeschränkt wird

 
 

                                        



                  

    Man kann sagen der Gegenstand einer bloßen transzendentalen Idee sei etwas

wovon man keinen Begriff hat obgleich diese Idee ganz notwendig in der Vernunft

nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt worden Denn in der Tat, ist auch von

einem Gegenstande der der Forderung der Vernunft adäquat sein soll kein

Verstandesbegriff möglich di ein solcher welcher in einer möglichen

Erfahrung gezeigt und anschaulich gemacht werden kann Besser würde man sich

doch und mit weniger Gefahr des Missverständnisses ausdrücken wenn man sagte

dass wir vom Objekt welches einer Idee korrespondiert keine Kenntnis obzwar

einen problematischen Begriff haben können

    Nun beruhet wenigstens die transzendentale subjektive Realität der reinen

Vernunftbegriffe darauf dass wir durch einen notwendigen Vernunftschluss auf

solche Ideen gebracht werden Also wird es Vernunftschlüsse geben die keine

empirische Prämissen enthalten und vermittelst deren wir von etwas das wir

kennen auf etwas anderes schließen wovon wir doch keinen Begriff haben und

dem wir gleichwohl durch einen unvermeidlichen Schein objektive Realität

geben Dergleichen Schlüsse sind in Ansehung ihres Resultats also eher

vernünftelnde als Vernunftschlüsse zu nennen wiewohl sie ihrer Veranlassung

wegen wohl den letzteren Namen führen können weil sie doch nicht erdichtet

oder zufällig entstanden sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind

Es sind Sophistikationen nicht der Menschen sondern der reinen Vernunft

selbst von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen

und vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten den Schein aber

der ihn unaufhörlich zwackt und äfft niemals völlig los werden kann

    Dieser dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei Arten so

vielfach als die Ideen sind auf die ihre Schlusssätze auslaufen In dem

Vernunftschlusse der ersten Klasse schließe ich von dem transzendentalen

Begriffe des Subjekts der nichts Mannigfaltiges enthält auf die absolute

Einheit dieses Subjekts selber von welchem ich auf diese Weise gar keinen

Begriff habe Diesen dialektischen Schluss werde ich den transzendentalen

Paralogismus nennen Die zweite Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den

transzendentalen Begriff der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen zu

einer gegebenen Erscheinung überhaupt angelegt und ich schließe daraus dass

ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer Seite

jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe auf die Richtigkeit

der entgegenstehenden Einheit wovon ich gleichwohl auch keinen Begriff habe

Den Zustand der Vernunft bei diesen dialektischen Schlüssen werde ich die

Antinomie der reinen Vernunft nennen Endlich schließe ich nach der dritten Art

vernünftelnder Schlüsse von der Totalität der Bedingungen Gegenstände

überhaupt so fern sie mir gegeben werden können zu denken auf die absolute

synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt di

von Dingen die ich nach ihrem bloßen transzendentalen Begriff nicht kenne auf

ein Wesen aller Wesen welches ich durch einen transzendenten Begriff noch

weniger kenne und von dessen unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff

machen kann Diesen dialektischen Vernunftschluss werde ich das Ideal der reinen

Vernunft nennen

 
 



       



    Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines Vernunftschlusses

der Form nach sein Inhalt mag übrigens sein welcher er wolle Ein

transzendentaler Paralogismus aber hat einen transzendentalen Grund der Form

nach falsch zu schließen Auf solche Weise wird ein dergleichen Fehlschluss in

der Natur der Menschenvernunft seinen Grund haben und eine unvermeidliche

obzwar nicht unauflösliche Illusion bei sich führen

    Jetzt kommen wir auf einen Begriff der oben in der allgemeinen Liste der

transzendentalen Begriffe nicht verzeichnet worden und dennoch dazu gezählt

werden muss ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu verändern und für

mangelhaft zu erklären Dieses ist der Begriff oder wenn man lieber will das

Urteil Ich denke Man sieht aber leicht dass er das Vehikel aller Begriffe

überhaupt und mithin auch der transzendentalen sei und also unter diesen

jederzeit mit begriffen werde und daher eben sowohl transzendental sei aber

keinen besonderen Titel haben könne weil er nur dazu dient alles Denken als

zum Bewusstsein gehörig aufzuführen Indessen so rein er auch vom Empirischen

dem Eindrucke der Sinne ist so dient er doch dazu zweierlei Gegenstände aus

der Natur unserer Vorstellungskraft zu unterscheiden Ich als denkend bin ein

Gegenstand des inneren Sinnes und heiße Seele Dasjenige was ein Gegenstand

äußerer Sinne ist heißt Körper Demnach bedeutet der Ausdruck Ich als ein

denkend Wesen schon den Gegenstand der Psychologie welche die rationale

Seelenlehre heißen kann wenn ich von der Seele nichts weiter zu wissen

verlange als was unabhängig von aller Erfahrung welche mich näher und in

concreto bestimmt aus diesem Begriffe Ich so fern er bei allem Denken

vorkommt geschlossen werden kann

    Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser Art

denn wenn das mindeste Empirische meines Denkens irgend eine besondere

Wahrnehmung meines inneren Zustandes noch unter die Erkenntnisgründe dieser

Wissenschaft gemischt würde so wäre sie nicht mehr rationale sondern

empirische Seelenlehre Wir haben also schon eine angebliche Wissenschaft vor

uns welche auf dem einzigen Satze Ich denke erbaut worden und deren Grund

oder Ungrund wir hier ganz schicklich und der Natur einer

Transzendentalphilosophie gemäß untersuchen können Man darf sich daran nicht

stoßen dass ich doch an diesem Satze der die Wahrnehmung seiner selbst

ausdrückt eine innere Erfahrung habe und mithin die rationale Seelenlehre

welche darauf erbauet wird niemals rein sondern zum Teil auf ein empirisches

Principium gegründet sei Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts weiter als

die bloße Apperzeption Ich denke welche sogar alle transzendentale Begriffe

möglich macht in welchen es heißt Ich denke die Substanz die Ursache etc

Denn innere Erfahrung überhaupt und deren Möglichkeit oder Wahrnehmung

überhaupt und deren Verhältnis zu anderer Wahrnehmung ohne dass irgend ein

besonderer Unterschied derselben und Bestimmung empirisch gegeben ist kann

nicht als empirische Erkenntnis sondern muss als Erkenntnis des Empirischen

überhaupt angesehen werden und gehört zur Untersuchung der Möglichkeit einer

jeden Erfahrung welche allerdings transzendental ist Das mindeste Objekt der

Wahrnehmung zB nur Lust oder Unlust welche zu der allgemeinen Vorstellung

des Selbstbewusstseins hinzu käme würde die rationale Psychologie sogleich in

eine empirische verwandeln

    Ich denke ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie aus

welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll Man sieht leicht dass dieser

Gedanke wenn er auf einen Gegenstand mich selbst bezogen werden soll nichts

anders als transzendentale Prädikate desselben enthalten könne weil das

mindeste empirische Prädikat die rationale Reinigkeit und Unabhängigkeit der

Wissenschaft von aller Erfahrung verderben würde

    Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen haben nur

da hier zuerst ein Ding Ich als denkend Wesen gegeben worden so werden wir

zwar die obige Ordnung der Kategorien unter einander wie sie in ihrer Tafel

vorgestellt ist nicht verändern aber doch hier von der Kategorie der Substanz

anfangen dadurch ein Ding an sich selbst vorgestellt wird und so ihrer Reihe

rückwärts nachgehen Die Topik der rationalen Seelenlehre woraus alles übrige

was sie nur enthalten mag abgeleitet werden muss ist demnach folgende

 

                                       1

                             Die Seele ist Substanz

 

2

                                                                              3

Ihrer Qualität nach

                                                        Den verschiedenen Zeiten

einfach

                                                    nach in welchen sie da ist

                                                       numerischidentisch di

                                                        Einheit nicht Vielheit

 

                                       4

                                Im Verhältnisse

                                        

                      zu möglichen Gegenständen im Raume37

 

    Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelenlehre

lediglich durch die Zusammensetzung ohne im mindesten ein anderes Principium zu

erkennen Diese Substanz bloß als Gegenstand des inneren Sinnes gibt den

Begriff der Immaterialität als einfache Substanz der Inkorruptibilität die

Identität derselben als intellektueller Substanz gibt die Personalität alle

diese drei Stücke zusammen die Spiritualität das Verhältnis zu den Gegenständen

im Raume gibt das Commercium mit Körpern mithin stellet sie die denkende

Substanz als das Principium des Lebens in der Materie di sie als Seele

anima und als den Grund der Animalität vor diese durch die Spiritualität

eingeschränkt Immortalität

    Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transzendentalen

Seelenlehre welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen Vernunft, von

der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird Zum Grunde derselben können

wir aber nichts anderes legen als die einfache und für sich selbst an Inhalt

gänzlich leere Vorstellung Ich von der man nicht einmal sagen kann dass sie

ein Begriff sei sondern ein bloßes Bewusstsein das alle Begriffe begleitet

Durch dieses Ich oder Er oder Es das Ding welches denket wird nun nichts

weiter als ein transzendentales Subjekt der Gedanken vorgestellt  x welches

nur durch die Gedanken die seine Prädikate sind erkannt wird und wovon wir

abgesondert niemals den mindesten Begriff haben können um welches wir uns

daher in einem beständigen Zirkel herumdrehen indem wir uns seiner Vorstellung

jederzeit schon bedienen müssen um irgend etwas von ihm zu urteilen eine

Unbequemlichkeit die davon nicht zu trennen ist weil das Bewusstsein an sich

nicht sowohl eine Vorstellung ist die ein besonderes Objekt unterscheidet

sondern eine Form derselben überhaupt so fern sie Erkenntnis genannt werden

soll denn von der allein kann ich sagen dass ich dadurch irgend etwas denke

    Es muss aber gleich anfangs befremdlich scheinen dass die Bedingung unter

der ich überhaupt denke und die mithin bloß eine Beschaffenheit meines Subjekts

ist zugleich für alles was denkt gültig sein solle und dass wir auf einen

empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und allgemeines Urteil zu gründen

uns anmaßen können nämlich dass alles was denkt so beschaffen sei als der

Ausspruch des Selbstbewusstseins es an mir aussagt Die Ursache aber hiervon liegt

darin dass wir den Dingen a priori alle die Eigenschaften notwendig beilegen

müssen die die Bedingungen ausmachen unter welchen wir sie allein denken Nun

kann ich von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung sondern bloß

durch das Selbstbewusstsein die mindeste Vorstellung haben Also sind dergleichen

Gegenstände nichts weiter als die Übertragung dieses meines Bewusstseins auf

andere Dinge welche nur dadurch als denkende Wesen vorgestellt werden Der

Satz Ich denke wird aber hierbei nur problematisch genommen nicht so fern er

eine Wahrnehmung von einem Dasein enthalten mag das kartesianische cogito ergo

sum sondern seiner bloßen Möglichkeit nach um zu sehen welche Eigenschaften

aus diesem so einfachen Satze auf das Subjekt desselben es mag dergleichen nun

existieren oder nicht fließen mögen

    Läge unserer reinen Vernunfterkenntnis von denkenden Wesen überhaupt mehr

als das Cogito zum Grunde würden wir die Beobachtungen über das Spiel unserer

Gedanken und die daraus zu schöpfende Naturgesetze des denkenden Selbst auch zu

Hülfe nehmen so würde eine empirische Psychologie entspringen welche eine Art

der Physiologie des inneren Sinnes sein würde und vielleicht die Erscheinungen

desselben zu erklären niemals aber dazu dienen könnte solche Eigenschaften

die gar nicht zur möglichen Erfahrung gehören als die des Einfachen zu

eröffnen noch von denkenden Wesen überhaupt etwas das ihre Natur betrifft

apodiktisch zu lehren sie wäre also keine rationale Psychologie

    Da nun der Satz Ich denke problematisch genommen die Form eines jeden

Verstandesurteils überhaupt enthält und alle Kategorien als ihr Vehikel

begleitet so ist klardass die Schlüsse aus demselben einen bloß

transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können welcher alle

Beimischung der Erfahrung ausschlägt und von dessen Fortgang wir nach dem was

wir oben gezeigt haben uns schon zum voraus keinen vorteilhaften Begriff machen

können Wir wollen ihn also durch alle Prädikamente der reinen Seelenlehre mit

einem kritischen Auge verfolgen doch um der Kürze willen ihre Prüfung in einem

ununterbrochenen Zusammenhange fortgehen lassen

    Zuvörderst kann folgende allgemeine Bemerkung unsere Achtsamkeit auf diese

Schlussart schärfen Nicht dadurch dass ich bloß denke erkenne ich irgend ein

Objekt sondern nur dadurch dass ich eine gegebene Anschauung in Absicht auf die

Einheit des Bewusstseins darin alles Denken besteht bestimme kann ich irgend

einen Gegenstand erkennen Also erkenne ich mich nicht selbst dadurch dass ich

mich meiner als denkend bewusst bin sondern wenn ich mir die Anschauung meiner

selbst als in Ansehung der Funktion des Denkens bestimmt bewusst bin Alle Modi

des Selbstbewusstseins im Denken an sich sind daher noch keine

Verstandesbegriffe von Objekten Kategorien sondern bloße logische Funktionen

die dem Denken gar keinen Gegenstand mithin mich selbst auch nicht als

Gegenstand zu erkennen geben Nicht das Bewusstsein des Bestimmenden sondern

nur die des bestimmbaren Selbst di meiner inneren Anschauung so fern ihr

Mannigfaltiges der allgemeinen Bedingung der Einheit der Apperzeption im Denken

gemäß verbunden werden kann ist das Objekt

    1 In allen Urteilen bin ich nun immer das bestimmende Subjekt desjenigen

Verhältnisses welches das Urteil ausmacht Dass aber Ich der ich denke im

Denken immer als Subjekt und als etwas was nicht bloß wie Prädikat dem Denken

anhänge betrachtet werden kann gelten müsse ist ein apodiktischer und selbst

identischer Satz aber er bedeutet nicht dass ich als Objekt ein für mich

selbst bestehendes Wesen oder Substanz sei Das letztere geht sehr weit

erfordert daher auch Data die im Denken gar nicht angetroffen werden vielleicht

so fern ich bloß das Denkende als ein solches betrachte mehr als ich überall

in ihm jemals antreffen werde

    2 Dass das Ich der Apperzeption folglich in jedem Denken ein Singular sei

der nicht in eine Vielheit der Subjekte aufgelöst werden kann mithin ein

logisch einfaches Subjekt bezeichne liegt schon im Begriffe des Denkens ist

folglich ein analytischer Satz aber das bedeutet nicht dass das denkende Ich

eine einfache Substanz sei welches ein synthetischer Satz sein würde Der

Begriff der Substanz bezieht sich immer auf Anschauungen die bei mir nicht

anders als sinnlich sein können mithin ganz außer dem Felde des Verstandes und

seinem Denken liegen von welchem doch eigentlich hier nur geredet wird wenn

gesagt wird dass das Ich im Denken einfach sei Es wäre auch wunderbar wenn ich

das was sonst so viele Anstalt erfordert um in dem was die Anschauung darlegt

das zu unterscheiden was darin Substanz sei noch mehr aber ob diese auch

einfach sein könne wie bei den Teilen der Materie hier so geradezu in der

ärmsten Vorstellung unter allen gleichsam wie durch eine Offenbarung gegeben

würde

    3 Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen dessen ich

mir bewusst bin ist ein eben so wohl in den Begriffen selbst liegender mithin

analytischer Satz aber diese Identität des Subjekts deren ich mir in allen

seinen Vorstellungen bewusst werden kann betrifft nicht die Anschauung

desselben dadurch es als Objekt gegeben ist kann also auch nicht die Identität

der Person bedeuten wodurch das Bewusstsein der Identität seiner eigenen

Substanz als denkenden Wesens in allem Wechsel der Zustände verstanden wird

wozu um sie zu beweisen es mit der bloßen Analysis des Satzes ich denke

nicht ausgerichtet sein sondern verschiedene synthetische Urteile welche sich

auf die gegebene Anschauung gründen würden erfordert werden

    4 Ich unterscheide meine eigene Existenz als eines denkenden Wesens von

anderen Dingen außer mir wozu auch mein Körper gehört ist eben so wohl ein

analytischer Satz denn andere Dinge sind solche die ich als von mir

unterschieden denke Aber ob dieses Bewusstsein meiner selbst ohne Dinge außer

mir dadurch mir Vorstellungen gegeben werden gar möglich sei und ich also

bloß als denkend Wesen ohne Mensch zu sein existieren könne weiß ich dadurch

gar nicht

    Also ist durch die Analysis des Bewusstseins meiner selbst im Denken

überhaupt in Ansehung der Erkenntnis meiner selbst als Objekts nicht das

mindeste gewonnen Die logische Erörterung des Denkens überhaupt wird fälschlich

für eine metaphysische Bestimmung des Objekts gehalten

    Ein großer ja so gar der einzige Stein des Anstoßes wider unsere ganze

Kritik würde es sein wenn es eine Möglichkeit gäbe a priori zu beweisen dass

alle denkende Wesen an sich einfache Substanzen sind als solche also welches

eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde ist Persönlichkeit unzertrennlich bei

sich führen und sich ihrer von aller Materie abgesonderten Existenz bewusst

sein Denn auf diese Art hätten wir doch einen Schritt über die Sinnenwelt

hinaus getan wir wären in das Feld der Noumenen getreten und nun spreche uns

niemand die Befugnis ab in diesem uns weiter auszubreiten anzubauen und

nachdem einen jeden sein Glückstern begünstigt darin Besitz zu nehmen Denn der

Satz Ein jedes denkende Wesen als ein solches ist einfache Substanz ist ein

synthetischer Salz a priori weil er erstlich über den ihm zum Grunde gelegten

Begriff hinausgeht und die Art des Daseins zum Denken überhaupt hinzutut und

zweitens zu jenem Begriffe ein Prädikat der Einfachheit hinzufügt welches in

gar keiner Erfahrung gegeben werden kann. Also sind synthetische Sätze a priori

nicht bloß wie wir behauptet haben in Beziehung auf Gegenstände möglicher

Erfahrung und zwar als Prinzipien der Möglichkeit dieser Erfahrung selbst

tunlich und zulässig sondern sie können auch auf Dinge überhaupt und an sich

selbst gehen welche Folgerung dieser ganzen Kritik ein Ende macht und gebieten

würde es beim Alten bewenden zu lassen Allein die Gefahr ist hier nicht so

groß wenn man der Sache näher tritt

    In dem Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Paralogismus der

durch folgenden Vernunftschluss dargestellt wird

    Was nicht anders als Subjekt gedacht werden kann existiert auch nicht

anders als Subjekt und ist also Substanz

     Nun kann ein denkendes Wesen bloß als ein solches betrachtet nicht anders

als Subjekt gedacht werden

     Also existiert es auch nur als ein solches di als Substanz Im Obersatze

wird von einem Wesen geredet das überhaupt in jeder Absicht folglich auch so

wie es in der Anschauung gegeben werden mag gedacht werden kann Im Untersatze

aber ist nur von demselben die Rede so fern es sich selbst als Subjekt nur

relativ auf das Denken und die Einheit des Bewusstseins nicht aber zugleich in

Beziehung auf die Anschauung wodurch sie als Objekt zum Denken gegeben wird

betrachtet Also wird per sophisma figurae dictionis mithin durch einen

Trugschluss die Konklusion gefolgert38

    Dass diese Auflösung des berühmten Arguments in einem Paralogismus so ganz

richtig sei erhellet deutlich wenn man die allgemeine Anmerkung zur

systematischen Vorstellung der Grundsätze und den Abschnitt von den Noumenen

hierbei nachsehen will da bewiesen worden dass der Begriff eines Dinges was für

sich selbst als Subjekt nicht aber als bloßes Prädikat existieren kann noch

gar keine objektive Realität bei sich führe di dass man nicht wissen könne ob

ihm überall ein Gegenstand zukommen könne indem man die Möglichkeit einer

solchen Art zu existieren nicht einsieht folglich dass es schlechterdings keine

Erkenntnis abgebe Soll er also unter der Benennung einer Substanz ein Objekt

das gegeben werden kann, anzeigen soll er ein Erkenntnis werden so muss eine

beharrliche Anschauung als die unentbehrliche Bedingung der objektiven Realität

eines Begriffs nämlich das wodurch allein der Gegenstand gegeben wird zum

Grunde gelegt werden Nun haben wir aber in der inneren Anschauung gar nichts

Beharrliches denn das Ich ist nur das Bewusstsein meines Denkens also fehlt es

uns auch wenn wir bloß beim Denken stehen bleiben an der notwendigen

Bedingung den Begriff der Substanz di eines für sich bestehenden Subjekts

auf sich selbst als denkend Wesen anzuwenden und die damit verbundene

Einfachheit der Substanz fällt mit der objektiven Realität dieses Begriffs

gänzlich weg und wird in eine bloße logische qualitative Einheit des

Selbstbewusstseins im Denken überhaupt das Subjekt mag zusammengesetzt sein oder

nicht verwandelt

 










 

    Dieser scharfsinnige Philosoph merkte bald in dem gewöhnlichen Argumente

dadurch bewiesen werden soll dass die Seele wenn man einräumt sie sei ein

einfaches Wesen nicht durch Zerteilung zu sein aufhören könne einen Mangel der

Zulänglichkeit zu der Absicht ihr die notwendige Fortdauer zu sichern indem

man noch ein Aufhören ihres Daseins durch Verschwinden annehmen könnte In

seinem Phädon suchte er nun diese Vergänglichkeit welche eine wahre Vernichtung

sein würde von ihr dadurch abzuhalten dass er sich zu beweisen getraute ein

einfaches Wesen könne gar nicht aufhören zu sein weil da es gar nicht

vermindert werden und also nach und nach etwas an seinem Dasein verlieren und

so allmählich in nichts verwandelt werden könne indem es keine Teile also auch

keine Vielheit in sich habe zwischen einem Augenblicke darin es ist und dem

andern darin es nicht mehr ist gar keine Zeit angetroffen werden würde

welches unmöglich ist  Allein er bedachte nicht dass wenn wir gleich der

Seele diese einfache Natur einräumen da sie nämlich kein Mannigfaltiges außer

einander mithin keine extensive Größe enthält man ihr doch so wenig wie

irgend einem Existierenden intensive Größe di einen Grad der Realität in

Ansehung aller ihrer Vermögen ja überhaupt alles dessen was das Dasein

ausmacht ableugnen könne welcher durch alle unendlich viele kleinere Grade

abnehmen und so die vorgebliche Substanz das Ding dessen Beharrlichkeit nicht

sonst schon fest steht obgleich nicht durch Zerteilung doch durch allmähliche

Nachlassung remissio ihrer Kräfte mithin durch Elangueszenz wenn es mir

erlaubt ist mich dieses Ausdrucks zu bedienen in nichts verwandelt werden

könne Denn selbst das Bewusstsein hat jederzeit einen Grad der immer noch

vermindert werden kann39 folglich auch das Vermögen sich seiner bewusst zu

sein und so alle übrige Vermögen  Also bleibt die Beharrlichkeit der Seele

als bloß Gegenstandes des inneren Sinnes unbewiesen und selbst unerweislich

obgleich ihre Beharrlichkeit im Leben da das denkende Wesen als Mensch sich

zugleich ein Gegenstand äußerer Sinne ist für sich klar ist womit aber dem

rationalen Psychologen gar nicht Genüge geschieht der die absolute

Beharrlichkeit derselben selbst über das Leben hinaus aus bloßen Begriffen zu

beweisen unternimmt40

    Nehmen wir nun unsere obige Sätze wie sie auch als für alle denkende Wesen

gültig in der rationalen Psychologie als System genommen werden müssen in

synthetischem Zusammenhange und gehen von der Kategorie der Relation mit dem

Satze alle denkende Wesen sind als solche Substanzen rückwärts die Reihe

derselben bis sich der Zirkel schließt durch so stoßen wir zuletzt auf die

Existenz derselben deren sie sich in diesem System unabhängig von äußeren

Dingen nicht allein bewusst sind sondern diese auch in Ansehung der

Beharrlichkeit die notwendig zum Charakter der Substanz gehört aus sich selbst

bestimmen können Hieraus folgt aber dass der Idealismus in eben demselben

rationalistischen System unvermeidlich sei wenigstens der problematische und

wenn das Dasein äußerer Dinge zu Bestimmung seines eigenen in der Zeit gar nicht

erforderlich ist jenes auch nur ganz umsonst angenommen werde ohne jemals einen

Beweis davon geben zu können

    Befolgen wir dagegen das analytische Verfahren da das Ich denke als ein

Satz der schon ein Dasein in sich schließt als gegeben mithin die Modalität

zum Grunde liegt und zergliedern ihn um seinen Inhalt ob und wie nämlich

dieses Ich im Raum oder der Zeit bloß dadurch sein Dasein bestimmt zu erkennen

so würden die Sätze der rationalen Seelenlehre nicht vom Begriffe eines

denkenden Wesens überhaupt sondern von einer Wirklichkeit anfangen und aus der

Art wie diese gedacht wird nachdem alles was dabei empirisch ist abgesondert

worden das was einem denkenden Wesen überhaupt zukommt gefolgert werden wie

folgende Tafel zeigt

 

                                       1

                                   Ich denke

 

2

                                                                              3

als Subjekt

                                                           als einfaches Subjekt

 

                                       4

                            als identisches Subjekt

                        in jedem Zustande meines Denkens

 

    Weil hier nun im zweiten Satze nicht bestimmt wird ob ich nur als Subjekt

und nicht auch als Prädikat eines andern existieren und gedacht werden könne so

ist der Begriff eines Subjekts hier bloß logisch genommen und es bleibt

unbestimmt ob darunter Substanz verstanden werden solle oder nicht Allein in

dem dritten Satze wird die absolute Einheit der Apperzeption das Einfache Ich

in der Vorstellung drauf sich alle Verbindung oder Trennung welche das Denken

ausmacht bezieht auch für sich wichtig wenn ich gleich noch nichts über des

Subjekts Beschaffenheit oder Subsistenz ausgemacht habe Die Apperzeption ist

etwas Reales und die Einfachheit derselben liegt schon in ihrer Möglichkeit

Nun ist im Raum nicht Reales was einfach wäre denn Punkte die das einzige

Einfache im Raum ausmachen sind bloß Grenzen nicht selbst aber etwas was den

Raum als Teil auszumachen dient Also folgt daraus die Unmöglichkeit einer

Erklärung meiner als bloß denkenden Subjekts Beschaffenheit aus Gründen des

Materialismus Weil aber mein Dasein in dem ersten Satze als gegeben betrachtet

wird indem es nicht heißt ein jedes denkendes Wesen existiert welches

zugleich absolute Notwendigkeit und also zu viel von ihnen sagen würde

sondern nur ich existiere denkend so ist er empirisch und enthält die

Bestimmbarkeit meines Daseins bloß in Ansehung meiner Vorstellungen in der Zeit

Da ich aber wiederum hierzu zuerst etwas Beharrliches bedarf dergleichen mir so

fern ich mich denke gar nicht in der inneren Anschauung gegeben istso ist die

Art wie ich existiere ob als Substanz oder als Akzidens durch dieses einfache

Selbstbewusstsein gar nicht zu bestimmen möglich Also wenn der Materialismus zur

Erklärungsart meines Daseins untauglich istso ist der Spiritualismus zu

derselben eben sowohl unzureichend und die Schlussfolge ist dass wir auf keine

Art welche es auch sei von der Beschaffenheit unserer Seele die die

Möglichkeit ihrer abgesonderten Existenz überhaupt betrifft irgend etwas

erkennen können

    Und wie sollte es auch möglich sein durch die Einheit des Bewusstseins die

wir selbst nur dadurch kennen dass wir sie zur Möglichkeit der Erfahrung

unentbehrlich brauchen über Erfahrung unser Dasein im Leben hinaus zu kommen

und so gar unsere Erkenntnis auf die Natur aller denkenden Wesen überhaupt durch

den empirischen aber in Ansehung aller Art der Anschauung unbestimmten Satz

Ich denke zu erweitern

    Es gibt also keine rationale Psychologie als Doktrin die uns einen Zusatz

zu unserer Selbsterkenntnis verschaffte sondern nur als Disziplin welche der

spekulativen Vernunft in diesem Felde unüberschreitbare Grenzen setzt

einerseits um sich nicht dem seelenlosen Materialismus in den Schoß zu werfen

andererseits sich nicht in dem für uns im Leben grundlosen Spiritualismus

herumschwärmend zu verlieren sondern uns vielmehr erinnert diese Weigerung

unserer Vernunft den neugierigen über dieses Leben hinausreichenden Fragen

befriedigende Antwort zu geben als einen Wink derselben anzusehen unser

Selbsterkenntnis von der fruchtlosen überschwänglichen Spekulation zum

fruchtbaren praktischen Gebrauche anzuwenden welches wenn es gleich auch nur

immer auf Gegenstände der Erfahrung gerichtet ist seine Prinzipien doch höher

hernimmt und das Verhalten so bestimmt als ob unsere Bestimmung unendlich weit

über die Erfahrung mithin über dieses Leben hinaus reiche

    Man sieht aus allem diesem dass ein bloßer Missverstand der rationalen

Psychologie ihren Ursprung gebe Die Einheit des Bewusstseins welche den

Kategorien zum Grunde liegt wird hier für Anschauung des Subjekts als Objekts

genommen und darauf die Kategorie der Substanz angewandt Sie ist aber nur die

Einheit im Denken wodurch allein kein Objekt gegeben wird worauf also die

Kategorie der Substanz als die jederzeit gegebene Anschauung voraussetzt nicht

angewandt mithin dieses Subjekt gar nicht erkannt werden kann Das Subjekt der

Kategorien kann also dadurch dass es diese denkt nicht von sich selbst als

einem Objekte der Kategorien einen Begriff bekommen denn um diese zu denken

muss es sein reines Selbstbewusstsein welches doch hat erklärt werden sollen zum

Grunde legen Eben so kann das Subjekt in welchem die Vorstellung der Zeit

ursprünglich ihren Grund hat ihr eigen Dasein in der Zeit dadurch nicht

bestimmen und wenn das letztere nicht sein kann so kann auch das erstere als

Bestimmung seiner selbst als denkenden Wesens überhaupt durch Kategorien nicht

stattfinden41

 

                                       

 

    So verschwindet denn ein über die Grenzen möglicher Erfahrung hinaus

versuchtes und doch zum höchsten Interesse der Menschheit gehöriges Erkenntnis

so weit es der spekulativen Philosophie verdankt werden soll in getäuschte

Erwartung wobei gleichwohl die Strenge der Kritik dadurch dass sie zugleich die

Unmöglichkeit beweiset von einem Gegenstande der Erfahrung über die

Erfahrungsgrenze hinaus etwas dogmatisch auszumachen der Vernunft bei diesem

ihrem Interesse den ihr nicht unwichtigen Dienst tut sie eben sowohl wider alle

mögliche Behauptungen des Gegenteils in Sicherheit zu stellen welches nicht

anders geschehen kann als so dass man entweder seinen Satz apodiktisch

beweiset oder wenn dieses nicht gelingt die Quellen dieses Unvermögens

aufsucht welche wenn sie in den notwendigen Schranken unserer Vernunft liegen

alsdann jeden Gegner gerade demselben Gesetze der Entsagung aller Ansprüche auf

dogmatische Behauptung unterwerfen müssen

    Gleichwohl wird hierdurch für die Befugnis ja gar die Notwendigkeit der

Annehmung eines künftigen Lebens nach Grundsätzen des mit dem spekulativen

verbundenen praktischen Vernunftgebrauchs hierbei nicht das mindeste verloren

denn der bloß spekulative Beweis hat auf die gemeine Menschenvernunft ohnedem

niemals einigen Einfluss haben können Er ist so auf einer Haaresspitze gestellt

dass selbst die Schule ihn auf derselben nur so lange erhalten kann als sie ihn

als einen Kreisel um denselben sich unaufhörlich drehen lässt und er in ihren

eigenen Augen also keine beharrliche Grundlage abgibt worauf etwas gebaut

werden könnte Die Beweise die für die Welt brauchbar sind bleiben hierbei alle

in ihrem unverminderten Werte und gewinnen vielmehr durch Abstellung jener

dogmatischen Anmaßungen an Klarheit und ungekünstelter Überzeugung indem sie

die Vernunft in ihr eigentümliches Gebiet nämlich die Ordnung der Zwecke die

doch zugleich eine Ordnung der Natur ist versetzen die dann aber zugleich als

praktisches Vermögen an sich selbst, ohne auf die Bedingungen der letzteren

eingeschränkt zu sein die erstere und mit ihr unsere eigene Existenz über die

Grenzen der Erfahrung und des Lebens hinaus zu erweitern berechtigt ist Nach

der Analogie mit der Natur lebender Wesen in dieser Welt an welchen die

Vernunft es notwendig zum Grundsatze annehmen muss dass kein Organ kein

Vermögen kein Antrieb also nichts Entbehrliches oder für den Gebrauch

Unproportioniertes mithin Unzweckmäßiges anzutreffen sondern alles seiner

Bestimmung im Leben genau angemessen sei zu urteilen müsste der Mensch der

doch allein den letzten Endzweck von allem diesem in sich enthalten kann das

einzige Geschöpf sein welches davon ausgenommen wäre Denn seine Naturanlagen

nicht bloß den Talenten und Antrieben nach davon Gebrauch zu machen sondern

vornehmlich das moralische Gesetz in ihm gehen so weit über allen Nutzen und

Vorteil den er in diesem Leben daraus ziehen könnte dass das letztere sogar das

bloße Bewusstsein der Rechtschaffenheit der Gesinnung bei Ermangelung aller

Vorteile selbst sogar des Schattenwerks vom Nachruhm über alles hochschätzen

lehrt und sich innerlich dazu berufen fühlt sich durch sein Verhalten in

dieser Welt mit Verzichttuung auf viele Vorteile zum Bürger einer besseren

die er in der Idee hat tauglich zu machen Dieser mächtige niemals zu

widerlegende Beweisgrund begleitet durch eine sich unaufhörlich vermehrende

Erkenntnis der Zweckmäßigkeit in allem was wir vor uns sehen und durch eine

Aussicht in die Unermesslichkeit der Schöpfung mithin auch durch das Bewusstsein

einer gewissen Unbegrenztheit in der möglichen Erweiterung unserer Kenntnisse

samt einem dieser angemessenen Triebe bleibt immer noch übrig wenn wir es

gleich aufgeben müssen die notwendige Fortdauer unserer Existenz aus der bloß

theoretischen Erkenntnis unserer selbst einzusehen

 









 

    Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruht auf der

Verwechselung einer Idee der Vernunft einer reinen Intelligenz mit dem in

allen Stücken unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt Ich denke

mich selbst zum Behuf einer möglichen Erfahrung indem ich noch von aller

wirklichen Erfahrung abstrahiere und schließe daraus dass ich mich meiner

Existenz auch außer der Erfahrung und den empirischen Bedingungen derselben

bewusst werden könne Folglich verwechsele ich die mögliche Abstraktion von

meiner empirisch bestimmten Existenz mit dem vermeinten Bewusstsein einer

abgesondert möglichen Existenz meines denkenden Selbst und glaube das

Substantiale in mir als das transzendentale Subjekt zu erkennen indem ich bloß

die Einheit des Bewusstseins welche allem Bestimmen als der bloßen Form der

Erkenntnis zum Grunde liegt in Gedanken habe

    Die Aufgabe die Gemeinschaft der Seele mit dem Körper zu erklären gehört

nicht eigentlich zu derjenigen Psychologie wovon hier die Rede ist weil sie

die Persönlichkeit der Seele auch außer dieser Gemeinschaft nach dem Tode zu

beweisen die Absicht hat und also im eigentlichen Verstande transzendent ist

ob sie sich gleich mit einem Objekte der Erfahrung beschäftigt aber nur so fern

es aufhört ein Gegenstand der Erfahrung zu sein Indessen kann auch hierauf

nach unserem Lehrbegriffe hinreichende Antwort gegeben werden Die

Schwierigkeit welche diese Aufgabe veranlasst hat besteht wie bekannt in der

vorausgesetzten Ungleichartigkeit des Gegenstandes des inneren Sinnes der

Seele mit den Gegenständen äußerer Sinne da jenem nur die Zeit diesen auch

der Raum zur formalen Bedingung ihrer Anschauung anhängt Bedenkt man aber dass

beiderlei Art von Gegenständen hierin sich nicht innerlich sondern nur so fern

eines dem andern äußerlich erscheint von einander unterscheiden mithin das

was der Erscheinung der Materie als Ding an sich selbst, zum Grunde liegt

vielleicht so ungleichartig nicht sein dürfte so verschwindet diese

Schwierigkeit und es bleibt keine andere übrig als die wie überhaupt eine

Gemeinschaft von Substanzen möglich sei welche zu lösen ganz außer dem Felde

der Psychologie und wie der Leser nach dem was in der Analytik von

Grundkräften und Vermögen gesagt worden leicht urteilen wird ohne allen

Zweifel auch außer dem Felde aller menschlichen Erkenntnis liegt

 






    Der Satz Ich denke oder ich existiere denkend ist ein empirischer Satz

Einem solchen aber liegt empirische Anschauung folglich auch das gedachte

Objekt als Erscheinung zum Grunde und so scheint es als wenn nach unserer

Theorie die Seele ganz und gar selbst im Denken in Erscheinung verwandelt

würde und auf solche Weise unser Bewusstsein selbst als bloßer Schein in der

Tat auf nichts gehen müsste

    Das Denken für sich genommen ist bloß die logische Funktion mithin lauter

Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen einer bloß möglichen Anschauung

und stellet das Subjekt des Bewusstseins keineswegs als Erscheinung dar bloß

darum weil es gar keine Rücksicht auf die Art der Anschauung nimmt ob sie

sinnlich oder intellektuell sei Dadurch stelle ich mich mir selbst weder wie

ich bin noch wie ich mir erscheine vor sondern ich denke mich nur wie ein

jedes Objekt überhaupt von dessen Art der Anschauung ich abstrahiere Wenn ich

mich hier als Subjekt der Gedanken oder auch als Grund des Denkens vorstelle

so bedeuten diese Vorstellungsarten nicht die Kategorien der Substanz oder der

Ursache denn diese sind jene Funktionen des Denkens Urteilens schon auf

unsere sinnliche Anschauung angewandt welche freilich erfordert werden würden

wenn ich mich erkennen wollte Nun will ich mich meiner aber nur als denkend

bewusst werden wie mein eigenes Selbst in der Anschauung gegeben sei das setze

ich bei Seite und da könnte es mir der ich denke aber nicht so fern ich

denke bloß Erscheinung sein im Bewusstsein meiner selbst beim bloßen Denken bin

ich das Wesen selbst von dem mir aber freilich dadurch noch nichts zum Denken

gegeben ist

    Der Satz aber Ich denke so fern er so viel sagt als ich existiere

denkend ist nicht bloße logische Funktion sondern bestimmet das Subjekt

welches denn zugleich Objekt ist in Ansehung der Existenz und kann ohne den

inneren Sinn nicht stattfinden dessen Anschauung jederzeit das Objekt nicht als

Ding an sich selbst, sondern bloß als Erscheinung an die Hand gibt In ihm ist

also schon nicht mehr bloße Spontaneität des Denkens sondern auch Rezeptivität

der Anschauung di das Denken meiner selbst auf die empirische Anschauung eben

desselben Subjekts angewandt In dieser letzteren müsste denn nun das denkende

Selbst die Bedingungen des Gebrauchs seiner logischen Funktionen zu Kategorien

der Substanz der Ursache etc suchen um sich als Objekt an sich selbst nicht

bloß durch das Ich zu bezeichnen sondern auch die Art seines Daseins zu

bestimmen di sich als Noumenon zu erkennen welches aber unmöglich ist indem

die innere empirische Anschauung sinnlich ist und nichts als Data der

Erscheinung an die Hand gibt die dem Objekte des reinen Bewusstseins zur

Kenntnis seiner abgesonderten Existenz nichts liefern sondern bloß der

Erfahrung zum Behufe dienen kann

    Gesetzt aber es fände sich in der Folge nicht in der Erfahrung, sondern in

gewissen nicht bloß logischen Regeln sondern a priori feststehenden unsere

Existenz betreffenden Gesetzen des reinen Vernunftgebrauchs Veranlassung uns

völlig a priori in Ansehung unseres eigenen Daseins als gesetzgebend und diese

Existenz auch selbst bestimmend vorauszusetzen so würde sich dadurch eine

Spontaneität entdecken wodurch unsere Wirklichkeit bestimmbar wäre ohne dazu

der Bedingungen der empirischen Anschauung zu bedürfen und hier würden wir inne

werden dass im Bewusstsein unseres Daseins a priori etwas enthalten sei was

unsere nur sinnlich durchgängig bestimmbare Existenz doch in Ansehung eines

gewissen inneren Vermögens in Beziehung auf eine intelligible freilich nur

gedachte Welt zu bestimmen dienen kann

    Aber dieses würde nichts desto weniger alle Versuche in der rationalen

Psychologie nicht im mindesten weiter bringen Denn ich würde durch jenes

bewundernswürdige Vermögen welches mir das Bewusstsein des moralischen Gesetzes

allererst offenbart zwar ein Prinzip der Bestimmung meiner Existenz welches

rein intellektuell ist haben aber durch welche Prädikate durch keine andere

als die mir in der sinnlichen Anschauung gegeben werden müssen und so würde ich

da wiederum hingeraten wo ich in der rationalen Psychologie war nämlich in das

Bedürfnis sinnlicher Anschauungen um meinen Verstandesbegriffen Substanz

Ursache usw wodurch ich allein Erkenntnis von mir haben kann Bedeutung zu

verschaffen jene Anschauungen können mich aber über das Feld der Erfahrung

niemals hinaus helfen Indessen würde ich doch diese Begriffe in Ansehung des

praktischen Gebrauchs welcher doch immer auf Gegenstände der Erfahrung

gerichtet ist der im theoretischen Gebrauche analogischen Bedeutung gemäß auf

die Freiheit und das Subjekt derselben anzuwenden befugt sein indem ich bloß

die logischen Funktionen des Subjekts und Prädikats des Grundes und der Folge

darunter verstehe denen gemäß die Handlungen oder die Wirkungen jenen Gesetzen

gemäß so bestimmt werden dass sie zugleich mit den Naturgesetzen den Kategorien

der Substanz und der Ursache allemal gemäß erklärt werden können ob sie gleich

aus ganz anderem Prinzip entspringen Dieses hat nur zur Verhütung des

Missverstandes dem die Lehre von unserer Selbstanschauung als Erscheinung

leicht ausgesetzt ist gesagt sein sollen Im Folgenden wird man davon Gebrauch

zu machen Gelegenheit haben

 
 






    Wir haben in der Einleitung zu diesem Teile unseres Werks gezeigt dass aller

transzendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen Schlüssen beruhe

deren Schema die Logik in den drei formalen Arten der Vernunftschlüsse überhaupt

an die Hand gibt so wie etwa die Kategorien ihr logisches Schema in den vier

Funktionen aller Urteile antreffen Die erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse

ging auf die unbedingte Einheit der subjektiven Bedingungen aller Vorstellungen

überhaupt des Subjekts oder der Seele in Korrespondenz mit den kategorischen

Vernunftschlüssen deren Obersatz als Prinzip die Beziehung eines Prädikats

auf ein Subjekt aussagt Die zweite Art des dialektischen Arguments wird also

nach der Analogie mit hypothetischen Vernunftschlüssen die unbedingte Einheit

der objektiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem Inhalte machen so wie

die dritte Art die im folgenden Hauptstücke vorkommen wird die unbedingte

Einheit der objektiven Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände überhaupt zum

Thema hat

    Es ist aber merkwürdig dass der transzendentale Paralogismus einen bloß

einseitigen Schein in Ansehung der Idee von dem Subjekte unseres Denkens

bewirkte und zur Behauptung des Gegenteils sich nicht der mindeste Schein aus

Vernunftbegriffen vorfinden will Der Vorteil ist gänzlich auf der Seite des

Pneumatismus obgleich dieser den Erbfehler nicht verleugnen kann bei allem ihm

günstigen Schein in der Feuerprobe der Kritik sich in lauter Dunst aufzulösen

    Ganz anders fällt es aus wenn wir die Vernunft auf die objektive Synthesis

der Erscheinungen anwenden wo sie ihr Principium der unbedingten Einheit zwar

mit vielem Scheine geltend zu machen denkt sich aber bald in solche

Widersprüche verwickelt dass sie genötigt wird in kosmologischer Absicht von

ihrer Federung abzustehen

    Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft

nämlich eine ganz natürliche Antithetik auf die keiner zu grübeln und

künstlich Schlingen zu legen braucht sondern in welche die Vernunft von selbst

und zwar unvermeidlich gerät und dadurch zwar vor den Schlummer einer

eingebildeten Überzeugung den ein bloß einseitiger Schein hervorbringt

verwahrt aber zugleich in Versuchung gebracht wird sich entweder einer

skeptischen Hoffnungslosigkeit zu überlassen oder einen dogmatischen Trotz

anzunehmen und den Kopf steif auf gewisse Behauptungen zu setzen ohne den

Gründen des Gegenteils Gehör und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen Beides ist

der Tod einer gesunden Philosophie wiewohl jener allenfalls noch die Euthanasie

der reinen Vernunft genannt werden könnte

    Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen lassen

welche dieser Widerstreit der Gesetze Antinomie der reinen Vernunft veranlasst

wollen wir gewisse Erörterungen geben welche die Methode erläutern und

rechtfertigen können deren wir uns in Behandlung unseres Gegenstandes bedienen

Ich nenne alle transzendentale Ideen so fern sie die absolute Totalität in der

Synthesis der Erscheinungen betreffen Weltbegriffe teils wegen eben dieser

unbedingten Totalität worauf auch der Begriff des Weltganzen beruht der selbst

nur eine Idee ist teils weil sie lediglich auf die Synthesis der Erscheinungen

mithin die empirische gehen da hingegen die absolute Totalität in der

Synthesis der Bedingungen aller möglichen Dinge überhaupt ein Ideal der reinen

Vernunft veranlassen wird welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden

ist ob es gleich darauf in Beziehung steht Daher so wie die Paralogismen der

reinen Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie legten so wird die

Antinomie der reinen Vernunft die transzendentalen Grundsätze einer vermeinten

reinen rationalen Kosmologie vor Augen stellen nicht um sie gültig zu finden

und sich zuzueignen sondern wie es auch schon die Benennung von einem

Widerstreit der Vernunft anzeigt um sie als eine Idee die sich mit

Erscheinungen nicht vereinbaren lässt in ihrem blendenden aber falschen Scheine

darzustellen

 
 



               



    Um nun diese Ideen nach einem Prinzip mit systematischer Präzision aufzählen

zu können müssen wir erstlich bemerken dass nur der Verstand es sei aus

welchem reine und transzendentale Begriffe entspringen können dass die Vernunft

eigentlich gar keinen Begriff erzeuge sondern allenfalls nur den

Verstandesbegriff von den unvermeidlichen Einschränkungen einer möglichen

Erfahrung frei mache und ihn also über die Grenzen des Empirischen doch aber

in Verknüpfung mit demselben zu erweitern suche Dieses geschieht dadurch dass

sie zu einem gegebenen Bedingten auf der Seite der Bedingungen unter denen der

Verstand alle Erscheinungen der synthetischen Einheit unterwirft absolute

Totalität fordert und dadurch die Kategorie zur transzendentalen Idee macht um

der empirischen Synthesis durch die Fortsetzung derselben bis zum Unbedingten

welches niemals in der Erfahrung, sondern nur in der Idee angetroffen wird

absolute Vollständigkeit zu geben Die Vernunft fordert dieses nach dem

Grundsatze wenn das Bedingte gegeben istso ist auch die ganze Summe der

Bedingungen mithin das schlechthin Unbedingte gegeben wodurch jenes allein

möglich war Also werden erstlich die transzendentalen Ideen eigentlich nichts

als bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien sein und jene werden sich in eine

Tafel bringen lassen die nach den Titeln der letzteren angeordnet ist Zweitens

aber werden doch auch nicht alle Kategorien dazu taugen sondern nur diejenige

in welchen die Synthesis eine Reihe ausmacht und zwar der einander

untergeordneten nicht beigeordneten Bedingungen zu einem Bedingten Die

absolute Totalität wird von der Vernunft nur so fern gefordert als sie die

aufsteigende Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten angeht mithin

nicht wenn von der absteigenden Linie der Folgen noch auch von dem Aggregat

koordinierter Bedingungen zu diesen Folgen die Rede ist Denn Bedingungen sind

in Ansehung des gegebenen Bedingten schon vorausgesetzt und mit diesem auch als

gegeben anzusehen anstatt dass da die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich

machen sondern vielmehr voraussetzen man im Fortgange zu den Folgen oder im

Absteigen von der gegebenen Bedingung zu dem Bedingten unbekümmert sein kann

ob die Reihe aufhöre oder nicht und überhaupt die Frage wegen ihrer Totalität

gar keine Voraussetzung der Vernunft ist

    So denkt man sich notwendig eine bis auf den gegebenen Augenblick völlig

abgelaufene Zeit auch als gegeben wenn gleich nicht durch uns bestimmbar Was

aber die künftige betrifft da sie die Bedingung nicht ist zu der Gegenwart zu

gelangen so ist es um diese zu begreifen ganz gleichgültig wie wir es mit

der künftigen Zeit halten wollen ob man sie irgendwo aufhören oder ins

Unendliche laufen lassen will Es sei die Reihe m n o worin n als bedingt in

Ansehung m aber zugleich als Bedingung von o gegeben ist die Reihe gehe

aufwärts von dem bedingten n zu m l k i etc imgleichen abwärts von der

Bedingung n zum bedingten o p q r etc so muss ich die erstere Reihe

voraussetzen um n als gegeben anzusehen und n ist nach der Vernunft der

Totalität der Bedingungen nur vermittelst jener Reihe möglich seine

Möglichkeit beruht aber nicht auf der folgenden Reihe o p q r die daher auch

nicht als gegeben sondern nur als dabilis angesehen werden könne

    Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen also von

derjenigen an welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist und so zu den

entfernteren Bedingungen die regressive diejenige aber die auf der Seite des

Bedingten von der nächsten Folge zu den entfernteren fortgeht die progressive

Synthesis nennen Die erstere geht in antecedentia die zweite in consequentia

Die kosmologischen Ideen also beschäftigen sich mit der Totalität der

regressiven Synthesis und gehen in antecedentia nicht in consequentia Wenn

dieses letztere geschieht so ist es ein willkürliches und nicht notwendiges

Problem der reinen Vernunft, weil wir zur vollständigen Begreiflichkeit dessen

was in der Erscheinung gegeben ist wohl der Gründe nicht aber der Folgen

bedürfen

    Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten so

nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen Quanta aller unserer Anschauung Zeit

und Raum Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe und die formale Bedingung

aller Reihen und daher sind in ihr in Ansehung einer gegebenen Gegenwart die

Antecedentia als Bedingungen das Vergangene von den Consequentibus dem

Künftigen a priori zu unterscheiden Folglich geht die transzendentale Idee

der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten

nur auf alle vergangene Zeit Es wird nach der Idee der Vernunft die ganze

verlaufene Zeit als Bedingung des gegebenen Augenblicks notwendig als gegeben

gedacht Was aber den Raum betrifft so ist in ihm an sich selbst kein

Unterschied des Progressus vom Regressus weil er ein Aggregat aber keine Reihe

ausmacht indem seine Teile insgesamt zugleich sind Den gegenwärtigen Zeitpunkt

konnte ich in Ansehung der vergangenen Zeit nur als bedingt niemals aber als

Bedingung derselben ansehen weil dieser Augenblick nur durch die verflossene

Zeit oder vielmehr durch das Verfließen der vorhergehenden Zeit allererst

entspringt Aber da die Teile des Raumes einander nicht untergeordnet sondern

beigeordnet sind so ist ein Teil nicht die Bedingung der Möglichkeit des

andern und er macht nicht so wie die Zeit an sich selbst eine Reihe aus

Allein die Synthesis der mannigfaltigen Teile des Raumes wodurch wir ihn

apprehendieren ist doch sukzessiv geschieht also in der Zeit und enthält eine

Reihe Und da in dieser Reihe der aggregierten Räume zB der Füße in einer

Rute von einem gegebenen an die weiter hinzugedachten immer die Bedingung von

der Grenze der vorigen sind so ist das Messen eines Raumes auch als eine

Synthesis einer Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten anzusehen

nur dass die Seite der Bedingungen von der Seite nach welcher das Bedingte

hinliegt an sich selbst nicht unterschieden ist folglich Regressus und

Progressus im Raume einerlei zu sein scheint Weil indessen ein Teil des Raums

nicht durch den andern gegeben sondern nur begrenzt wird so müssen wir jeden

begrenzten Raum in so fern auch als bedingt ansehen der einen andern Raum als

die Bedingung seiner Grenze voraussetzt und so fortan In Ansehung der

Begrenzung ist also der Fortgang im Raume auch ein Regressus und die

transzendentale Idee der absoluten Totalität der Synthesis in der Reihe der

Bedingungen trifft auch den Raum und ich kann eben sowohl nach der absoluten

Totalität der Erscheinung im Raume als der in der verflossenen Zeit fragen Ob

aber überall darauf auch eine Antwort möglich sei wird sich künftig bestimmen

lassen

    Zweitens so ist die Realität im Raume di die Materie ein Bedingtes

dessen innere Bedingungen seine Teile und die Teile der Teile die entfernten

Bedingungen sind so dass hier eine regressive Synthesis stattfindet deren

absolute Totalität die Vernunft fordert welche nicht anders als durch eine

vollendete Teilung dadurch die Realität der Materie entweder in nichts oder

doch in das was nicht mehr Materie ist nämlich das Einfache verschwindet

stattfinden kann Folglich ist hier auch eine Reihe von Bedingungen und ein

Fortschritt zum Unbedingten

    Drittens was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den

Erscheinungen anlangt so schickt sich die Kategorie der Substanz mit ihren

Akzidenzen nicht zu einer transzendentalen Idee di die Vernunft hat keinen

Grund in Ansehung ihrer regressiv auf Bedingungen zu gehen Denn Akzidenzen

sind so fern sie einer einigen Substanz inhärieren einander koordiniert und

machen keine Reihe aus In Ansehung der Substanz aber sind sie derselben

eigentlich nicht subordiniert sondern die Art zu existieren der Substanz

selber Was hierbei noch scheinen könnte eine Idee der transzendentalen Vernunft

zu sein wäre der Begriff von Substantiale Allein da dieses nichts anderes

bedeutet als den Begriff vom Gegenstande überhaupt welcher subsistiert so

fern man an ihm bloß das transzendentale Subjekt ohne alle Prädikate denkt hier

aber nur die Rede vom Unbedingten in der Reihe der Erscheinungen istso ist

klardass das Substantiale kein Glied in derselben ausmachen könne Eben

dasselbe gilt auch von Substanzen in Gemeinschaft welche bloß Aggregate sind

und keinen Exponenten einer Reihe haben indem sie nicht einander als

Bedingungen ihrer Möglichkeit subordiniert sind welches man wohl von den Räumen

sagen konnte deren Grenze niemals an sich sondern immer durch einen andern

Raum bestimmt war Es bleibt also nur die Kategorie der Kausalität übrig welche

eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen Wirkung darbietet in welcher man von

der letzteren als dem Bedingten zu jenen als Bedingungen aufsteigen und der

Vernunftfrage antworten kann

    Viertens die Begriffe des Möglichen Wirklichen und Notwendigen führen auf

keine Reihe außer nur so fern das Zufällige im Dasein jederzeit als bedingt

angesehen werden muss und nach der Regel des Verstandes auf eine Bedingung

weiset darunter es notwendig ist diese auf eine höhere Bedingung zu weisen

bis die Vernunft nur in der Totalität dieser Reihe die unbedingte Notwendigkeit

antrifft

    Es sind demnach nicht mehr als vier kosmologische Ideen nach den vier

Titeln der Kategorien wenn man diejenigen aushebt welche eine Reihe in der

Synthesis des Mannigfaltigen notwendig bei sich führen

 

                                       1

                          Die absolute Vollständigkeit

                              der Zusammensetzung

                    des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen

 

2

                                                                              3

Die

                                                                             Die

absolute Vollständigkeit

                                                        absolute Vollständigkeit

der Teilung

                                                                  der Entstehung

eines gegebenen Ganzen

                                                               einer Erscheinung

in der Erscheinung

                                                                       überhaupt

 

                                       4

                          Die absolute Vollständigkeit

                          der Abhängigkeit des Daseins

                     des Veränderlichen in der Erscheinung

 

    Zuerst ist hierbei anzumerken dass die Idee der absoluten Totalität nichts

andres als die Exposition der Erscheinungen betreffe mithin nicht den reinen

Verstandesbegriff von einem Ganzen der Dinge überhaupt Es werden hier also

Erscheinungen als gegeben betrachtet und die Vernunft fordert die absolute

Vollständigkeit der Bedingungen ihrer Möglichkeit so fern diese eine Reihe

ausmachen mithin eine schlechthin di in aller Absicht vollständige

Synthesis wodurch die Erscheinung nach Verstandesgesetzen exponiert werden

könne

    Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte was die Vernunft in dieser

reihenweise und zwar regressiv fortgesetzten Synthesis der Bedingungen sucht

gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der Prämissen die zusammen weiter

keine andere voraussetzen Dieses Unbedingte ist nun jederzeit in der absoluten

Totalität der Reihe wenn man sie sich in der Einbildung vorstellt enthalten

Allein diese schlechthin vollendete Synthesis ist wiederum nur eine Idee denn

man kann wenigstens zum voraus nicht wissen ob eine solche bei Erscheinungen

auch möglich sei Wenn man sich alles durch bloße reine Verstandesbegriffe ohne

Bedingungen der sinnlichen Anschauung vorstellt so kann man geradezu sagen

dass zu einem gegebenen Bedingten auch die ganze Reihe einander subordinierter

Bedingungen gegeben sei denn jenes ist allein durch diese gegeben Allein bei

Erscheinungen ist eine besondere Einschränkung der Art wie Bedingungen gegeben

werden anzutreffen nämlich durch die sukzessive Synthesis des Mannigfaltigen

der Anschauung die im Regressus vollständig sein soll Ob diese Vollständigkeit

nun sinnlich möglich se0i ist noch ein Problem Allein die Idee dieser

Vollständigkeit liegt doch in der Vernunft unangesehen der Möglichkeit oder

Unmöglichkeit ihr adäquat empirische Begriffe zu verknüpfen Also da in der

absoluten Totalität der regressiven Synthesis des Mannigfaltigen in der

Erscheinung nach Anleitung der Kategorien die sie als eine Reihe von

Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten vorstellen das Unbedingte notwendig

enthalten ist man mag auch unausgemacht lassen ob und wie diese Totalität zu

Stande zu bringen sei so nimmt die Vernunft hier den Weg von der Idee der

Totalität auszugehen ob sie gleich eigentlich das Unbedingte es sei der ganzen

Reihe oder eines Teils derselben zur Endabsicht hat

    Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken entweder als bloß in der

ganzen Reihe bestehend in der also alle Glieder ohne Ausnahme bedingt und nur

das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre und denn heißt der Regressus

unendlich oder das absolut Unbedingte ist nur ein Teil der Reihe dem die

übrigen Glieder derselben untergeordnet sind der selbst aber unter keiner

anderen Bedingung steht42 In dem ersteren Falle ist die Reihe a parte priori

ohne Grenzen ohne Anfang di unendlich und gleichwohl ganz gegeben der

Regressus in ihr aber ist niemals vollendet und kann nur potentialiter

unendlich genannt werden Im zweiten Falle gibt es ein Erstes der Reihe welches

in Ansehung der verflossenen Zeit der Weltanfang in Ansehung des Raums die

Weltgrenze in Ansehung der Teile eines in seinen Grenzen gegebenen Ganzen das

Einfache in Ansehung der Ursachen die absolute Selbsttätigkeit Freiheit in

Ansehung des Daseins veränderlicher Dinge die absolute Naturnotwendigkeit heißt

    Wir haben zwei Ausdrücke Welt und Natur welche bisweilen in einander

laufen Das erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen und die

Totalität ihrer Synthesis im Großen sowohl als im Kleinen di sowohl in dem

Fortschritt derselben durch Zusammensetzung als durch Teilung Eben dieselbe

Welt wird aber Natur43 genannt so fern sie als ein dynamisches Ganzes

betrachtet wird und man nicht auf die Aggregation im Raume oder der Zeit um

sie als eine Größe zu Stande zu bringen sondern auf die Einheit im Dasein der

Erscheinungen sieht Da heißt nun die Bedingung von dem was geschieht die

Ursache und die unbedingte Kausalität der Ursache in der Erscheinung die

Freiheit die bedingte dagegen heißt im engeren Verstande Naturursache Das

Bedingte im Dasein überhaupt heißt zufällig und das Unbedingte notwendig Die

unbedingte Notwendigkeit der Erscheinungen kann Naturnotwendigkeit heißen

    Die Ideen mit denen wir uns jetzt beschäftigen habe ich oben kosmologische

Ideen genannt teils darum weil unter Welt der Inbegriff aller Erscheinungen

verstanden wird und unsere Ideen auch nur auf das Unbedingte unter den

Erscheinungen gerichtet sind teils auch weil das Wort Welt im

transzendentalen Verstande die absolute Totalität des Inbegriffs existierender

Dinge bedeutet und wir auf die Vollständigkeit der Synthesis wiewohl nur

eigentlich im Regressus zu den Bedingungen allein unser Augenmerk richten In

Betracht dessen dass überdem diese Ideen insgesamt transzendent sind und ob

sie zwar das Objekt nämlich Erscheinungen der Art nach nicht überschreiten

sondern es lediglich mit der Sinnenwelt nicht mit Noumenis zu tun haben

dennoch die Synthesis bis auf einen Grad der alle mögliche Erfahrung

übersteigt treiben so kann man sie insgesamt meiner Meinung nach ganz

schicklich Weltbegriffe nennen In Ansehung des Unterschiedes des Mathematisch

und des Dynamischunbedingten worauf der Regressus abzielt würde ich doch die

zwei ersteren in engerer Bedeutung Weltbegriffe der Welt im Großen und

Kleinen die zwei übrigen aber transzendente Naturbegriffe nennen Diese

Unterscheidung ist vor jetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit sie kann

aber im Fortgange wichtiger werden

 
 






    Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist so verstehe ich

unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegenteils sondern den

Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse thesin cum

antithesi ohne dass man einer vor der andern einen vorzüglichen Anspruch auf

Beifall beilegt Die Antithetik beschäftigt sich also gar nicht mit einseitigen

Behauptungen sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse der Vernunft nur nach

dem Widerstreite derselben unter einander und den Ursachen desselben Die

transzendentale Antithetik ist eine Untersuchung über die Antinomie der reinen

Vernunft, die Ursachen und das Resultat derselben Wenn wir unsere Vernunft

nicht bloß zum Gebrauch der Verstandesgrundsätze auf Gegenstände der Erfahrung

verwenden sondern jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen

so entspringen vernünftelnde Lehrsätze die in der Erfahrung weder Bestätigung

hoffen noch Widerlegung fürchten dürfen und deren jeder nicht allein an sich

selbst ohne Widerspruch ist sondern so gar in der Natur der Vernunft

Bedingungen seiner Notwendigkeit antrifft nur dass unglücklicher Weise der

Gegensatz eben so gültige und notwendige Gründe der Behauptung auf seiner Seite

hat

    Die Fragen welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft sich

natürlich darbieten sind also 1 Bei welchen Sätzen denn eigentlich die reine

Vernunft einer Antinomie unausbleiblich unterworfen sei 2 Auf welchen Ursachen

diese Antinomie beruhe 3 Ob und auf welche Art dennoch der Vernunft unter

diesem Widerspruch ein Weg zur Gewissheit offen bleibe

    Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muss demnach dieses ihn von

allen sophistischen Sätzen Unterscheidendes an sich haben dass er nicht eine

willkürliche Frage betrifft die man nur in gewisser beliebiger Absicht

aufwirft sondern eine solche auf die jede menschliche Vernunft in ihrem

Fortgange notwendig stoßen muss und zweitens dass er mit seinem Gegensatze

nicht bloß einen gekünstelten Schein der wenn man ihn einsieht sogleich

verschwindet sondern einen natürlichen und unvermeidlichen Schein bei sich

führe der selbst wenn man nicht mehr durch ihn hintergangen wird noch immer

täuscht obschon nicht betrügt und also zwar unschädlich gemacht aber niemals

vertilgt werden kann

    Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die Verstandeseinheit in

Erfahrungsbegriffen sondern auf die Vernunfteinheit in bloßen Ideen beziehen

deren Bedingungen da sie erstlich als Synthesis nach Regeln dem Verstande

und doch zugleich als absolute Einheit derselben der Vernunft kongruieren

soll wenn sie der Vernunfteinheit adäquat ist für den Verstand zu groß und

wenn sie dem Verstande angemessen für die Vernunft zu klein sein wird woraus

denn ein Widerstreit entspringen muss der nicht vermieden werden kann man mag

es anfangen wie man will

    Diese vernünftelnde Behauptungen eröffnen also einen dialektischen

Kampfplatz wo jeder Teil die Oberhand behält der die Erlaubnis hat den

Angriff zu tun und derjenige gewiss unterliegt der bloß verteidigungsweise zu

verfahren genötigt ist Daher auch rüstige Ritter sie mögen sich für die gute

oder schlimme Sache verbürgen sicher sind den Siegeskranz davon zu tragen

wenn sie nur dafür sorgen dass sie den letzten Angriff zu tun das Vorrecht

haben und nicht verbunden sind einen neuen Anfall des Gegners auszuhalten Man

kann sich leicht vorstellen dass dieser Tummelplatz von jeher oft genug betreten

worden dass viel Siege von beiden Seiten erfochten für den letzten aber der

die Sache entschied jederzeit so gesorgt worden sei dass der Verfechter der

guten Sache den Platz allein behielte dadurch dass seinem Gegner verboten

wurde fernerhin Waffen in die Hände zu nehmen Als unparteiische Kampfrichter

müssen wir es ganz bei Seite setzen ob es die gute oder die schlimme Sache sei

um welche die Streitende fechten und sie ihre Sache erst unter sich ausmachen

lassen Vielleicht dass nachdem sie einander mehr ermüdet als geschadet haben

sie die Nichtigkeit ihres Streithandels von selbst einsehen und als gute Freunde

auseinander gehen

    Diese Methode einem Streite der Behauptungen zuzusehen oder vielmehr ihn

selbst zu veranlassen nicht um endlich zum Vorteile des einen oder des andern

Teils zu entscheiden sondern um zu untersuchen ob der Gegenstand desselben

nicht vielleicht ein bloßes Blendwerk sei wonach jeder vergeblich haschet und

bei welchem er nichts gewinnen kann wenn ihm gleich gar nicht widerstanden

würde dieses Verfahren sage ich kann man die skeptische Methode nennen Sie

ist vom Skeptizismus gänzlich unterschieden einem Grundsatze einer kunstmäßigen

und szientifischen Unwissenheit welcher die Grundlagen aller Erkenntnis

untergräbt um wo möglich überall keine Zuverlässigkeit und Sicherheit

derselben übrig zu lassen Denn die skeptische Methode geht auf Gewissheit

dadurch dass sie in einem solchen auf beiden Seiten redlichgemeinten und mit

Verstande geführten Streite den Punkt des Missverständnisses zu entdecken sucht

um wie weise Gesetzgeber tun aus der Verlegenheit der Richter bei

Rechtshändeln für sich selbst Belehrung von dem Mangelhaften und nicht genau

Bestimmten in ihren Gesetzen zu ziehen Die Antinomie die sich in der

Anwendung der Gesetze offenbaret ist bei unserer eingeschränkten Weisheit der

beste Prüfungsversuch der Nomothetik um der Vernunft die in abstrakter

Spekulation ihre Fehltritte nicht leicht gewahr wird dadurch auf die Momente in

Bestimmung ihrer Grundsätze aufmerksam zu machen

    Diese skeptische Methode ist aber nur der Transzendentalphilosophie allein

wesentlich eigen und kann allenfalls in jedem anderen Felde der Untersuchungen

nur in diesem nicht entbehrt werden In der Mathematik würde ihr Gebrauch

ungereimt sein weil sich in ihr keine falsche Behauptungen verbergen und

unsichtbar machen können indem die Beweise jederzeit an dem Faden der reinen

Anschauung und zwar durch jederzeit evidente Synthesis fortgehen müssen In der

Experimentalphilosophie kann wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich sein

allein es ist doch wenigstens kein Missverstand möglich der nicht leicht gehoben

werden könnte und in der Erfahrung müssen doch endlich die letzten Mittel der

Entscheidung des Zwistes liegen sie mögen nun früh oder spät aufgefunden

werden Die Moral kann ihre Grundsätze insgesamt auch in concreto zusamt den

praktischen Folgen wenigstens in möglichen Erfahrungen geben und dadurch den

Missverstand der Abstraktion vermeiden Dagegen sind die transzendentalen

Behauptungen welche selbst über das Feld aller möglichen Erfahrungen hinaus

sich erweiternde Einsichten anmaßen weder in dem Falle dass ihre abstrakte

Synthesis in irgend einer Anschauung a priori könnte gegeben noch so

beschaffen dass der Missverstand vermittelst irgend einer Erfahrung entdeckt

werden könnte Die transzendentale Vernunft also verstattet keinen anderen

Probierstein als den Versuch der Vereinigung ihrer Behauptungen unter sich

selbst und mithin zuvor des freien und ungehinderten Wettstreits derselben

unter einander und diesen wollen wir an jetzt anstellen44

 
 





    Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach auch in Grenzen

eingeschlossen

 






    Denn man nehme an die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang so ist bis zu

jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen und mithin eine unendliche

Reihe auf einander folgender Zustände der Dinge in der Welt verflossen Nun

besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer Reihe dass sie durch sukzessive

Synthesis niemals vollendet sein kann Also ist eine unendliche verflossene

Weltreihe unmöglich mithin ein Anfang der Welt eine notwendige Bedingung ihres

Daseins welches zuerst zu beweisen war

    In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an so wird die

Welt ein unendliches gegebenes Ganzes von zugleich existierenden Dingen sein

Nun können wir die Größe eines Quanti welches nicht innerhalb gewisser Grenzen

jeder Anschauung gegeben wird 45 auf keine andere Art als nur durch die

Synthesis der Teile und die Totalität eines solchen Quanti nur durch die

vollendete Synthesis oder durch wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich

selbst gedenken46 Demnach um sich die Welt die alle Raume erfüllt als ein

Ganzes zu denken müsste die sukzessive Synthesis der Teile einer unendlichen

Welt als vollendet angesehen di eine unendliche Zeit müsste in der

Durchzählung aller koexistierenden Dinge als abgelaufen angesehen werden

welches unmöglich ist Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge

nicht als ein gegebenes Ganzes mithin auch nicht als zugleich gegeben

angesehen werden Eine Welt ist folglich der Ausdehnung im Raume nach nicht

unendlich sondern in ihren Grenzen eingeschlossen welches das zweite war

 







 


    Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht Blendwerke

gesucht um etwa wie man sagt einen Advokatenbeweis zu führen welcher sich

der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vorteile bedient und seine Berufung

auf ein missverstandenes Gesetz gerne gelten lässt um seine eigene unrechtmäßige

Ansprüche auf die Widerlegung desselben zu bauen Jeder dieser Beweise ist aus

der Sache Natur gezogen und der Vorteil bei Seite gesetzt worden den uns die

Fehlschlüsse der Dogmatiker von beiden Teilen geben könnten

    Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können dass ich

von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe nach der Gewohnheit der Dogmatiker

einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt hätte Unendlich ist eine Größe über

die keine größere di über die darin enthaltene Menge einer gegebenen Einheit

möglich ist Nun ist keine Menge die größte weil noch immer eine oder mehrere

Einheiten hinzugetan werden können Also ist eine unendliche gegebene Größe

mithin auch eine der verflossenen Reihe sowohl als der Ausdehnung nach

unendliche Welt unmöglich sie ist also beiderseitig begrenzt So hätte ich

meinen Beweis führen können allein dieser Begriff stimmt nicht mit dem was man

unter einem unendlichen Ganzen versteht Es wird dadurch nicht vorgestellt wie

groß es sei mithin ist sein Begriff auch nicht der Begriff eines Maximum

sondern es wird dadurch nur sein Verhältnis zu einer beliebig anzunehmenden

Einheit in Ansehung deren dasselbe größer ist als alle Zahl gedacht Nachdem

die Einheit nun größer oder kleiner angenommen wird würde das Unendliche größer

oder kleiner sein allein die Unendlichkeit da sie bloß in dem Verhältnisse zu

dieser gegebenen Einheit besteht würde immer dieselbe bleiben obgleich

freilich die absolute Größe des Ganzen dadurch gar nicht erkannt würde davon

auch hier nicht die Rede ist

    Der wahre transzendentale Begriff der Unendlichkeit ist dass die

sukzessive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals vollendet

sein kann47 Hieraus folgt ganz sicher dass eine Ewigkeit wirklicher auf

einander folgenden Zustände bis zu einem gegebenen dem gegenwärtigen

Zeitpunkte nicht verflossen sein kann die Welt also einen Anfang haben müsse

    In Ansehung des zweiten Teils der Thesis fällt die Schwierigkeit von einer

unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg denn das Mannigfaltige einer

der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich gegeben Allein um die

Totalität einer solchen Menge zu denken da wir uns nicht auf Grenzen berufen

können welche diese Totalität von selbst in der Anschauung ausmachen müssen

wir von unserem Begriffe Rechenschaft geben der in solchem Falle nicht vom

Ganzen zu der bestimmten Menge der Teile gehen kann sondern die Möglichkeit

eines Ganzen durch die sukzessive Synthesis der Teile dartun muss Da diese

Synthesis nun eine nie zu vollendende Reihe ausmachen müsste so kann man sich

nicht vor ihr und mithin auch nicht durch sie eine Totalität denken Denn der

Begriff der Totalität selbst ist in diesem Falle die Vorstellung einer

vollendeten Synthesis der Teile und diese Vollendung mithin auch der Begriff

derselben ist unmöglich

 
 






    Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume sondern ist sowohl

in Ansehung der Zeit als des Raums unendlich

 






    Denn man setze sie habe einen Anfang Da der Anfang ein Dasein ist wovor

eine Zeit vorhergeht darin das Ding nicht ist so muss eine Zeit vorhergegangen

sein darin die Welt nicht war di eine leere Zeit Nun ist aber in einer

leeren Zeit kein Entstehen irgend eines Dinges möglich weil kein Teil einer

solchen Zeit vor einem anderen irgend eine unterscheidende Bedingung des

Daseins vor die des Nichtseins an sich hat man mag annehmen dass sie von sich

selbst oder durch eine andere Ursache entstehe Also kann zwar in der Welt

manche Reihe der Dinge anfangen die Welt selber aber kann keinen Anfang haben

und ist also in Ansehung der vergangenen Zeit unendlich

    Was das zweite betrifft so nehme man zuvörderst das Gegenteil an dass

nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist so befindet sie sich

in einem leeren Raum der nicht begrenzt ist Es würde also nicht allein ein

Verhältnis der Dinge im Raum sondern auch der Dinge zum Raume angetroffen

werden Da nun die Welt ein absolutes Ganzes ist außer welchem kein Gegenstand

der Anschauung und mithin kein Korrelatem der Welt angetroffen wird womit

dieselbe im Verhältnis stehe so würde das Verhältnis der Welt zum leeren Raum

ein Verhältnis derselben zu keinem Gegenstande sein Ein dergleichen Verhältnis

aber mithin auch die Begrenzung der Welt durch den leeren Raum ist nichts

also ist die Welt dem Raume nach gar nicht begrenzt di sie ist in Ansehung

der Ausdehnung unendlich48

 



                          


    Der Beweis für die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des

Weltinbegriffs beruht darauf dass im entgegengesetzten Falle eine leere Zeit

imgleichen ein leerer Raum die Weltgrenze ausmachen müsste Nun ist mir nicht

unbekannt dass wider diese Konsequenz Ausflüchte gesucht werden indem man

vorgibt es sei eine Grenze der Welt der Zeit und dem Raume nach ganz wohl

möglich ohne dass man eben eine absolute Zeit vor der Welt Anfang oder einen

absoluten außer der wirklichen Welt ausgebreiteten Raum annehmen dürfe welches

unmöglich ist Ich bin mit dem letzteren Teile dieser Meinung der Philosophen

aus der Leibnizschen Schule ganz wohl zufrieden Der Raum ist bloß die Form der

äußeren Anschauung aber kein wirklicher Gegenstand der äußerlich angeschaut

werden kann und kein Korrelatem der Erscheinungen sondern die Form der

Erscheinungen selbst Der Raum also kann absolut für sich allein nicht als

etwas Bestimmendes in dem Dasein der Dinge vorkommen weil er gar kein

Gegenstand ist sondern nur die Form möglicher Gegenstände Dinge also als

Erscheinungen bestimmen wohl den Raum di unter allen möglichen Prädikaten

desselben Größe und Verhältnis machen sie es dass diese oder jene zur

Wirklichkeit gehören aber umgekehrt kann der Raum als etwas welches für sich

besteht die Wirklichkeit der Dinge in Ansehung der Größe oder Gestalt nicht

bestimmen weil er an sich selbst nichts Wirkliches ist Es kann also wohl ein

Raum er sei voll oder leer49 durch Erscheinungen begrenzt Erscheinungen aber

können nicht durch einen leeren Raum außer denselben begrenzt werden Eben

dieses gilt auch von der Zeit Alles dieses nun zugegeben so ist gleichwohl

unstreitig dass man diese zwei Undinge den leeren Raum außer und die leere Zeit

vor der Welt durchaus annehmen müsse wenn man eine Weltgrenze es sei dem

Raume oder der Zeit nach annimmt

    Denn was den Ausweg betrifft durch den man der Konsequenz auszuweichen

sucht nach welcher wir sagen dass wenn die Welt der Zeit und dem Raum nach

Grenzen hat das unendliche Leere das Dasein wirklicher Dinge ihrer Größe nach

bestimmen müsse so besteht er insgeheim nur darin dass man statt einer

Sinnenwelt sich wer weiß welche intelligible Welt gedenkt und statt des

ersten Anfanges ein Dasein vor welchem eine Zeit des Nichtseins vorhergeht

sich überhaupt ein Dasein denkt welches keine andere Bedingung in der Welt

voraussetzt statt der Grenze der Ausdehnung Schranken des Weltganzen denkt

und dadurch der Zeit und dem Raume aus dem Wege geht Es ist hier aber nur von

dem mundus phaenomenon die Rede und von dessen Größe bei dem man von gedachten

Bedingungen der Sinnlichkeit keineswegs abstrahieren kann ohne das Wesen

desselben aufzuheben Die Sinnenwelt wenn sie begrenzt ist liegt notwendig in

dem unendlichen Leeren Will man dieses und mithin den Raum überhaupt als

Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen a priori weglassen so fällt die

ganze Sinnenwelt weg In unserer Aufgabe ist uns diese allein gegeben Der

mundus intelligibilis ist nichts als der allgemeine Begriff einer Welt

überhaupt in welchem man von allen Bedingungen der Anschauung derselben

abstrahiert und in Ansehung dessen folglich gar kein synthetischer Satz weder

bejahend noch verneinend möglich ist

 
 





    Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen

Teilen und es existieret überall nichts als das Einfache oder das was aus

diesem zusammengesetzt ist

 






    Denn nehmet an die zusammengesetzte Substanzen beständen nicht aus

einfachen Teilen so würde wenn alle Zusammensetzung in Gedanken aufgehoben

würde kein zusammengesetzter Teil und da es keine einfache Teile gibt auch

kein einfacher mithin gar nichts übrig bleiben folglich keine Substanz sein

gegeben worden Entweder also lässt sich unmöglich alle Zusammensetzung in

Gedanken aufheben oder es muss nach deren Aufhebung etwas ohne alle

Zusammensetzung Bestehendes di das Einfache übrig bleiben Im ersteren Falle

aber würde das Zusammengesetzte wiederum nicht aus Substanzen bestehen weil bei

diesen die Zusammensetzung nur eine zufällige Relation der Substanzen ist ohne

welche diese als für sich beharrliche Wesen bestehen müssen Da nun dieser

Fall der Voraussetzung widerspricht so bleibt nur der zweite übrig dass nämlich

das substantielle Zusammengesetzte in der Welt aus einfachen Teilen bestehe

    Hieraus folgt unmittelbar dass die Dinge der Welt insgesamt einfache Wesen

sein dass die Zusammensetzung nur ein äußerer Zustand derselben sei und dass

wenn wir die Elementarsubstanzen gleich niemals völlig aus diesem Zustande der

Verbindung setzen und isolieren können doch die Vernunft sie als die ersten

Subjekte aller Komposition und mithin vor derselben als einfache Wesen denken

müsse

 



 


    Wenn ich von einem Ganzen rede welches notwendig aus einfachen Teilen

besteht so verstehe ich darunter nur ein substantielles Ganzes als das

eigentliche Compositum di die zufällige Einheit des Mannigfaltigen welches

abgesondert wenigstens in Gedanken gegeben in eine wechselseitige Verbindung

gesetzt wird und dadurch Eines ausmacht Den Raum sollte man eigentlich nicht

Compositum sondern Totum nennen weil die Teile desselben nur im Ganzen und

nicht das Ganze durch die Teile möglich ist Er würde allenfalls ein compositum

ideale aber nicht reale heißen können Doch dieses ist nur Subtilität Da der

Raum kein Zusammengesetztes aus Substanzen nicht einmal aus realen Akzidenzen

ist so muss wenn ich alle Zusammensetzung in ihm aufhebe nichts auch nicht

einmal der Punkt übrig bleiben denn dieser ist nur als die Grenze eines Raumes

mithin eines Zusammengesetzten möglich Raum und Zeit bestehen also nicht aus

einfachen Teilen Was nur zum Zustande einer Substanz gehöret ob es gleich eine

Größe hat zB die Veränderung besteht auch nicht aus dem Einfachen di ein

gewisser Grad der Veränderung entsteht nicht durch einen Anwuchs vieler

einfachen Veränderungen Unser Schluss vom Zusammengesetzten auf das Einfache

gilt nur von für sich selbst bestehenden Dingen Akzidenzen aber des Zustandes

bestehen nicht für sich selbst Man kann also den Beweis für die Notwendigkeit

des Einfachen als der Bestandteile alles substantiellen Zusammengesetzten und

dadurch überhaupt seine Sache leichtlich verderben wenn man ihn zu weit

ausdehnt und ihn für alles Zusammengesetzte ohne Unterschied geltend machen

will wie es wirklich mehrmalen schon geschehen ist

    Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen so fern es notwendig im

Zusammengesetzten gegeben ist indem dieses darin als in seine Bestandteile

aufgelöst werden kann Die eigentliche Bedeutung des Wortes Monas nach

Leibnizens Gebrauch sollte wohl nur auf das Einfache gehen welches unmittelbar

als einfache Substanz gegeben ist zB im Selbstbewusstsein und nicht als

Element des Zusammengesetzten welches man besser den Atomus nennen könnte Und

da ich nur in Ansehung des Zusammengesetzten die einfachen Substanzen als deren

Elemente beweisen will so könnte ich die Antithese der zweiten Antinomie die

transzendentale Atomistik nennen Weil aber dieses Wort schon vorlängst zur

Bezeichnung einer besonderen Erklärungsart körperlicher Erscheinungen

molecularum gebraucht worden und also empirische Begriffe voraussetzt so mag

er der dialektische Grundsatz der Monadologie heißen

 
 






    Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen und es

existiert überall nichts Einfaches in derselben

 






    Setzet ein zusammengesetztes Ding als Substanz bestehe aus einfachen

Teilen Weil alles äußere Verhältnis mithin auch alle Zusammensetzung aus

Substanzen nur im Raume möglich ist so muss aus so viel Teilen das

Zusammengesetzte besteht aus eben so viel Teilen auch der Raum bestehen den es

einnimmt Nun besteht der Raum nicht aus einfachen Teilen sondern aus Räumen

Also muss jeder Teil des Zusammengesetzten einen Raum einnehmen Die schlechthin

ersten Teile aber alles Zusammengesetzten sind einfach Also nimmt das Einfache

einen Raum ein Da nun alles Reale was einen Raum einnimmt ein außerhalb

einander befindliches Mannigfaltiges in sich fasset mithin zusammengesetzt ist

und zwar als ein reales Zusammengesetztes nicht aus Akzidenzen denn die

können nicht ohne Substanz außer einander sein mithin aus Substanzen so würde

das Einfache ein substantielles Zusammengesetztes sein welches sich

widerspricht

    Der zweite Satz der Antithesis dass in der Welt gar nichts Einfaches

existiere soll hier nur so viel bedeuten als Es könne das Dasein des

schlechthin Einfachen aus keiner Erfahrung oder Wahrnehmung weder äußeren noch

inneren dargetan werden und das schlechthin Einfache sei also eine bloße Idee

deren objektive Realität niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann

dargetan werden mithin in der Exposition der Erscheinungen ohne alle Anwendung

und Gegenstand Denn wir wollen annehmen es ließe sich für diese

transzendentale Idee ein Gegenstand der Erfahrung finden so müsste die

empirische Anschauung irgend eines Gegenstandes als eine solche erkannt werden

welche schlechthin kein Mannigfaltiges außerhalb einander und zur Einheit

verbunden enthält Da nun von dem Nichtbewusstsein eines solchen Mannigfaltigen

auf die gänzliche Unmöglichkeit desselben in irgend einer Anschauung eines

Objekts kein Schluss gilt dieses letztere aber zur absoluten Simplizität

durchaus nötig ist so folgt dass diese aus keiner Wahrnehmung welche sie auch

sei könne geschlossen werden Da also etwas als ein schlechthin einfaches

Objekt niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann gegeben werden die

Sinnenwelt aber als der Inbegriff aller möglichen Erfahrungen angesehen werden

muss so ist überall in ihr nichts Einfaches gegeben

    Dieser zweite Satz der Antithesis geht viel weiter als der erste der das

Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt da hingegen

dieser es aus der ganzen Natur wegschafft daher er auch nicht aus dem Begriffe

eines gegebenen Gegenstandes der äußeren Anschauung des Zusammengesetzten

sondern aus dem Verhältnis desselben zu einer möglichen Erfahrung überhaupt hat

bewiesen werden können

 






    Wider diesen Satz einer unendlichen Teilung der Materie dessen Beweisgrund

bloß mathematisch ist werden von den Monadisten Einwürfe vorgebracht welche

sich dadurch schon verdächtig machen dass sie die kläresten mathematischen

Beweise nicht für Einsichten in die Beschaffenheit des Raumes so fern er in der

Tat die formale Bedingung der Möglichkeit aller Materie ist wollen gelten

lassen sondern sie nur als Schlüsse aus abstrakten aber willkürlichen Begriffen

ansehen die auf wirkliche Dinge nicht bezogen werden könnten Gleich als wenn

es auch nur möglich wäre eine andere Art der Anschauung zu erdenken als die in

der ursprünglichen Anschauung des Raumes gegeben wird und die Bestimmungen

desselben a priori nicht zugleich alles dasjenige beträfen was dadurch allein

möglich ist dass es diesen Raum erfüllet Wenn man ihnen Gehör gibt so müsste

man außer dem mathematischen Punkte der einfach aber kein Teil sondern bloß

die Grenze eines Raums ist sich noch physische Punkte denken die zwar auch

einfach sind aber den Vorzug haben als Teile des Raums durch ihre bloße

Aggregation denselben zu erfüllen Ohne nun hier die gemeinen und klaren

Widerlegungen dieser Ungereimtheit die man in Menge antrifft zu wiederholen

wie es denn gänzlich umsonst ist durch bloß diskursive Begriffe die Evidenz der

Mathematik weg vernünfteln zu wollen so bemerke ich nur dass wenn die

Philosophie hier mit der Mathematik schikaniert es darum geschehe weil sie

vergisst dass es in dieser Frage nur um Erscheinungen und deren Bedingung zu tun

sei Hier ist es aber nicht genug zum reinen Verstandesbegriffe des

Zusammengesetzten den Begriff des Einfachen sondern zur Anschauung des

Zusammengesetzten der Materie die Anschauung des Einfachen zu finden und

dieses ist nach Gesetzen der Sinnlichkeit mithin auch bei Gegenständen der

Sinne gänzlich unmöglich Es mag also von einem Ganzen aus Substanzen welches

bloß durch den reinen Verstand gedacht wird immer gelten dass wir vor aller

Zusammensetzung desselben das Einfache haben müssen so gilt dieses doch nicht

vom totum substantiale phaenomenon welches als empirische Anschauung im Raume

die notwendige Eigenschaft bei sich führt dass kein Teil desselben einfach ist

darum weil kein Teil des Raumes einfach ist Indessen sind die Monadisten fein

genug gewesen dieser Schwierigkeit dadurch ausweichen zu wollen dass sie nicht

den Raum als eine Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände äußerer Anschauung

Körper sondern diese und das dynamische Verhältnis der Substanzen überhaupt

als die Bedingung der Möglichkeit des Raumes voraussetzen Nun haben wir von

Körpern nur als Erscheinungen einen Begriff als solche aber setzen sie den Raum

als die Bedingung der Möglichkeit aller äußeren Erscheinung notwendig voraus

und die Ausflucht ist also vergeblich wie sie denn auch oben in der

transzendentalen Ästhetik hinreichend ist abgeschnitten worden Wären sie Dinge

an sich selbst, so würde der Beweis der Monadisten allerdings gelten

    Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich dass sie eine

dogmatische Behauptung wider sich hat die unter allen vernünftelnden die

einzige ist welche sich unternimmt an einem Gegenstande der Erfahrung die

Wirklichkeit dessen was wir oben bloß zu transzendentalen Ideen rechneten

nämlich die absolute Simplizität der Substanz augenscheinlich zu beweisen

nämlich dass der Gegenstand des inneren Sinnes das Ich was da denkt eine

schlechthin einfache Substanz sei Ohne mich hierauf jetzt einzulassen da es

oben ausführlicher erwogen ist so bemerke ich nur dass wenn etwas bloß als

Gegenstand gedacht wird ohne irgend eine synthetische Bestimmung seiner

Anschauung hinzu zu setzen wie denn dieses durch die ganz nackte Vorstellung

Ich geschieht so könne freilich nichts Mannigfaltiges und keine

Zusammensetzung in einer solchen Vorstellung wahrgenommen werden Da überdem die

Prädikate wodurch ich diesen Gegenstand denke bloß Anschauungen des inneren

Sinnes sind so kann darin auch nichts vorkommen welches ein Mannigfaltiges

außerhalb einander mithin reale Zusammensetzung bewiese Es bringt also nur das

Selbstbewusstsein es so mit sich dass weil das Subjekt welches denkt zugleich

sein eigenes Objekt ist es sich selber nicht teilen kann obgleich die ihm

inhärierende Bestimmungen denn in Ansehung seiner selbst ist jeder Gegenstand

absolute Einheit Nichts desto weniger wenn dieses Subjekt äußerlich als ein

Gegenstand der Anschauung betrachtet wird so würde es doch wohl

Zusammensetzung in der Erscheinung an sich zeigen So muss es aber jederzeit

betrachtet werden wenn man wissen will ob in ihm ein Mannigfaltiges außerhalb

einander sei oder nicht

 
 






    Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige aus welcher

die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können Es ist noch eine

Kausalität durch Freiheit zu Erklärung derselben anzunehmen notwendig

 






    Man nehme an es gebe keine andere Kausalität als nach Gesetzen der Natur

so setzt alles was geschieht einen vorigen Zustand voraus auf den es

unausbleiblich nach einer Regel folgt Nun muss aber der vorige Zustand selbst

etwas sein was geschehen ist in der Zeit geworden da es vorher nicht war

weil wenn es jederzeit gewesen wäre seine Folge auch nicht allererst

entstanden sondern immer gewesen sein würde Also ist die Kausalität der

Ursache durch welche etwas geschieht selbst etwas Geschehenes welches nach

dem Gesetze der Natur wiederum einen vorigen Zustand und dessen Kausalität

dieser aber eben so einen noch älteren voraussetzt usw Wenn also alles nach

bloßen Gesetzen der Natur geschieht so gibt es jederzeit nur einen subalternen

niemals aber einen ersten Anfang und also überhaupt keine Vollständigkeit der

Reihe auf der Seite der von einander abstammenden Ursachen Nun besteht aber

eben darin das Gesetz der Natur dass ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache

nichts geschehe Also widerspricht der Satz als wenn alle Kausalität nur nach

Naturgesetzen möglich sei sich selbst in seiner unbeschränkten Allgemeinheit

und diese kann also nicht als die einzige angenommen werden

    Diesemnach muss eine Kausalität angenommen werden durch welche etwas

geschieht ohne dass die Ursache davon noch weiter durch eine andere

vorhergehende Ursache nach notwendigen Gesetzen bestimmt sei di eine

absolute Spontaneität der Ursachen eine Reihe von Erscheinungen die nach

Naturgesetzen läuft von selbst anzufangen mithin transzendentale Freiheit

ohne welche selbst im Laufe der Natur die Reihenfolge der Erscheinungen auf der

Seite der Ursachen niemals vollständig ist

 










    Die transzendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht den ganzen

Inhalt des psychologischen Begriffs dieses Namens aus welcher großen Teils

empirisch ist sondern nur den der absoluten Spontaneität der Handlung als den

eigentlichen Grund der Imputabilität derselben ist aber dennoch der eigentliche

Stein des Anstoßes für die Philosophie welche unüberwindliche Schwierigkeiten

findet dergleichen Art von unbedingter Kausalität einzuräumen Dasjenige also

in der Frage über die Freiheit des Willens was die spekulative Vernunft von

jeher in so große Verlegenheit gesetzt hat ist eigentlich nur transzendental

und gehet lediglich darauf ob ein Vermögen angenommen werden müsse eine Reihe

von sukzessiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen Wie ein solches

möglich sei ist nicht eben so notwendig beantworten zu können da wir uns eben

sowohl bei der Kausalität nach Naturgesetzen damit begnügen müssen a priori zu

erkennen dass eine solche vorausgesetzt werden müsse ob wir gleich die

Möglichkeit wie durch ein gewisses Dasein das Dasein eines andern gesetzt

werde auf keine Weise begreifen und uns desfalls lediglich an die Erfahrung

halten müssen Nun haben wir diese Notwendigkeit eines ersten Anfangs einer

Reihe von Erscheinungen aus Freiheit zwar nur eigentlich in so fern dargetan

als zur Begreiflichkeit eines Ursprungs der Welt erforderlich ist indessen dass

man alle nachfolgende Zustände für eine Abfolge nach bloßen Naturgesetzen nehmen

kann Weil aber dadurch doch einmal das Vermögen eine Reihe in der Zeit ganz

von selbst anzufangen bewiesen obzwar nicht eingesehen istso ist es uns

nunmehr auch erlaubt mitten im Laufe der Welt verschiedene Reihen der

Kausalität nach von selbst anfangen zu lassen und den Substanzen derselben ein

Vermögen beizulegen aus Freiheit zu handeln Man lasse sich aber hierbei nicht

durch einen Missverstand aufhalten dass da nämlich eine sukzessive Reihe in der

Welt nur einen komparativ ersten Anfang haben kann indem doch immer ein Zustand

der Dinge in der Welt vorhergeht etwa kein absolut erster Anfang der Reihen

während dem Weltlaufe möglich sei Denn wir reden hier nicht vom absolut ersten

Anfange der Zeit nach sondern der Kausalität nach Wenn ich jetzt zum

Beispiel völlig frei und ohne den notwendig bestimmenden Einfluss der

Naturursachen von meinem Stuhle aufstehe so fängt in dieser Begebenheit samt

deren natürlichen Folgen ins Unendliche eine neue Reihe schlechthin an

obgleich der Zeit nach diese Begebenheit nur die Fortsetzung einer

vorhergehenden Reihe ist Denn diese Entschließung und Tat liegt gar nicht in

der Abfolge bloßer Naturwirkungen und ist nicht eine bloße Fortsetzung

derselben sondern die bestimmenden Naturursachen hören oberhalb derselben in

Ansehung dieser Ereignis ganz auf die zwar auf jene folgt aber daraus nicht

erfolgt und daher zwar nicht der Zeit nach aber doch in Ansehung der

Kausalität ein schlechthin erster Anfang einer Reihe von Erscheinungen genannt

werden muss

    Die Bestätigung von der Bedürfnis der Vernunft in der Reihe der

Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen leuchtet

daran sehr klar in die Augen dass die epikurische Schule ausgenommen alle

Philosophen des Altertums sich gedrungen sahen zur Erklärung der Weltbewegungen

einen ersten Beweger anzunehmen di eine freihandelnde Ursache welche diese

Reihe von Zuständen zuerst und von selbst anfing Denn aus bloßer Natur

unterfingen sie sich nicht einen ersten Anfang begreiflich zu machen

 
 



 


    Es ist keine Freiheit sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach

Gesetzen der Natur

 



 


    Setzet es gebe eine Freiheit im transzendentalen Verstande als eine

besondere Art von Kausalität nach welcher die Begebenheiten der Welt erfolgen

könnten nämlich ein Vermögen einen Zustand mithin auch eine Reihe von Folgen

desselben schlechthin anzufangen so wird nicht allein eine Reihe durch diese

Spontaneität sondern die Bestimmung dieser Spontaneität selbst zur

Hervorbringung der Reihe di die Kausalität wird schlechthin anfangen so dass

nichts vorhergeht wodurch diese geschehende Handlung nach beständigen Gesetzen

bestimmt sei Es setzt aber ein jeder Anfang zu handeln einen Zustand der noch

nicht handelnden Ursache voraus und ein dynamisch erster Anfang der Handlung

einen Zustand der mit dem vorhergehenden eben derselben Ursache gar keinen

Zusammenhang der Kausalität hat di auf keine Weise daraus erfolgt Also ist

die transzendentale Freiheit dem Kausalgesetze entgegen und eine solche

Verbindung der sukzessiven Zustände wirkender Ursachen nach welcher keine

Einheit der Erfahrung möglich ist die also auch in keiner Erfahrung angetroffen

wird mithin ein leeres Gedankending

    Wir haben also nichts als Natur in welcher wir den Zusammenhang und Ordnung

der Weltbegebenheiten suchen müssen Die Freiheit Unabhängigkeit von den

Gesetzen der Natur ist zwar eine Befreiung vom Zwange aber auch vom Leitfaden

aller Regeln Denn man kann nicht sagen dass anstatt der Gesetze der Natur

Gesetze der Freiheit in die Kausalität des Weltlaufs eintreten weil wenn diese

nach Gesetzen bestimmt wäre sie nicht Freiheit sondern selbst nichts anders

als Natur wäre Natur also und transzendentale Freiheit unterscheiden sich wie

Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit davon jene zwar den Verstand mit der

Schwierigkeit belästigt die Abstammung der Begebenheiten in der Reihe der

Ursachen immer höher hinauf zu suchen weil die Kausalität an ihnen jederzeit

bedingt ist aber zur Schadloshaltung durchgängige und gesetzmäßige Einheit der

Erfahrung verspricht da hingegen das Blendwerk von Freiheit zwar dem

forschenden Verstande in der Kette der Ursachen Ruhe verheißt indem sie ihn zu

einer unbedingten Kausalität führet die von selbst zu handeln anhebt die aber

da sie selbst blind ist den Leitfaden der Regeln abreißt an welchem allein

eine durchgängig zusammenhängende Erfahrung möglich ist

 



                          



    Der Verteidiger der Allvermögenheit der Natur transzendentale Physiokratie

 im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit würde seinen Satz gegen die

vernünftelnden Schlüsse der letzteren auf folgende Art behaupten Wenn ihr kein

mathematisch Erstes der Zeit nach in der Welt annehmt so habt ihr auch nicht

nötig ein dynamisch Erstes der Kausalität nach zu suchen Wer hat euch

geheißen einen schlechthin ersten Zustand der Welt und mithin einen absoluten

Anfang der nach und nach ablaufenden Reihe der Erscheinungen zu erdenken und

damit ihr eurer Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget der unumschränkten

Natur Grenzen zu setzen Da die Substanzen in der Welt jederzeit gewesen sind

wenigstens die Einheit der Erfahrung eine solche Voraussetzung notwendig macht

so hat es keine Schwierigkeit auch anzunehmen dass der Wechsel ihrer Zustände

di eine Reihe ihrer Veränderungen jederzeit gewesen sei und mithin kein

erster Anfang weder mathematisch noch dynamisch gesucht werden dürfe Die

Möglichkeit einer solchen unendlichen Abstammung ohne ein erstes Glied in

Ansehung dessen alles übrige bloß nachfolgend ist lässt sich seiner Möglichkeit

nach nicht begreiflich machen Aber wenn ihr diese Naturrätsel darum wegwerfen

wollt so werdet ihr euch genötigt sehen viel synthetische

Grundbeschaffenheiten zu verwerfen Grundkräfte die ihr eben so wenig

begreifen könnt und selbst die Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muss euch

anstößig werden Denn wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet dass sie wirklich

ist so würdet ihr niemals a priori ersinnen können wie eine solche

unaufhörliche Folge von Sein und Nichtsein möglich sei

    Wenn auch indessen allenfalls ein transzendentales Vermögen der Freiheit

nachgegeben wird um die Weltveränderungen anzufangen so würde dieses Vermögen

doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein müssen wiewohl es immer eine kühne

Anmaßung bleibt außerhalb dem Inbegriffe aller möglichen Anschauungen noch

einen Gegenstand anzunehmen der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden

kann). Allein in der Welt selbst den Substanzen ein solches Vermögen

beizumessen kann nimmermehr erlaubt sein weil alsdann der Zusammenhang nach

allgemeinen Gesetzen sich einander notwendig bestimmender Erscheinungen den man

Natur nennt und mit ihm das Merkmal empirischer Wahrheit welches Erfahrung vom

Traum unterscheidet größtenteils verschwinden würde Denn es lässt sich neben

einem solchen gesetzlosen Vermögen der Freiheit kaum mehr Natur denken weil

die Gesetze der letzteren durch die Einflüsse der ersteren unaufhörlich

abgeändert und das Spiel der Erscheinungen welches nach der bloßen Natur

regelmäßig und gleichförmig sein würde dadurch verwirret und unzusammenhängend

gemacht wird

 
 






    Zu der Welt gehört etwas das entweder als ihr Teil oder ihre Ursache ein

schlechthin notwendiges Wesen ist

 






    Die Sinnenwelt als das Ganze aller Erscheinungen enthält zugleich eine

Reihe von Veränderungen Denn ohne diese würde selbst die Vorstellung der

Zeitreihe als einer Bedingung der Möglichkeit der Sinnenwelt uns nicht gegeben

sein50 Eine jede Veränderung aber steht unter ihrer Bedingung die der Zeit

nach vorhergeht und unter welcher sie notwendig ist Nun setzt ein jedes

Bedingte das gegeben ist in Ansehung seiner Existenz eine vollständige Reihe

von Bedingungen bis zum Schlechthinunbedingten voraus welches allein

absolutnotwendig ist Also muss etwas Absolutnotwendiges existieren wenn eine

Veränderung als seine Folge existiert Dieses Notwendige aber gehöret selber zur

Sinnenwelt Denn setzet es sei außer derselben so würde von ihm die Reihe der

Weltveränderungen ihren Anfang ableiten ohne dass doch diese notwendige Ursache

selbst zur Sinnenwelt gehörte Nun ist dieses unmöglich Denn da der Anfang

einer Zeitreihe nur durch dasjenige was der Zeit nach vorhergeht bestimmt

werden kann so muss die oberste Bedingung des Anfangs einer Reihe von

Veränderungen in der Zeit existieren da diese noch nicht war denn der Anfang

ist ein Dasein vor welchem eine Zeit vorhergeht darin das Ding welches

anfängt noch nicht war Also gehöret die Kausalität der notwendigen Ursache

der Veränderungen mithin auch die Ursache selbst zu der Zeit mithin zur

Erscheinung an welcher die Zeit allein als deren Form möglich ist folglich

kann sie von der Sinnenwelt als dem Inbegriff aller Erscheinungen nicht

abgesondert gedacht werden Also ist in der Welt selbst etwas

Schlechthinnotwendiges enthalten es mag nun dieses die ganze Weltreihe selbst

oder ein Teil derselben sein

 







                        



    Um das Dasein eines notwendigen Wesens zu beweisen liegt mir hier ob kein

anderes als kosmologisches Argument zu brauchen welches nämlich von dem

Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten im Begriffe aufsteigt indem man

dieses als die notwendige Bedingung der absoluten Totalität der Reihe ansieht

Den Beweis aus der bloßen Idee eines obersten aller Wesen überhaupt zu

versuchen gehört zu einem andern Prinzip der Vernunft und ein solcher wird

daher besonders vorkommen müssen

    Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines notwendigen Wesens

nicht anders dartun als dass er es zugleich unausgemacht lasse ob dasselbe die

Welt selbst oder ein von ihr unterschiedenes Ding sei Denn um das letztere

auszumitteln dazu werden Grundsätze erfordert die nicht mehr kosmologisch

sind und nicht in der Reihe der Erscheinungen fortgehen sondern Begriffe von

zufälligen Wesen überhaupt so fern sie bloß als Gegenstände des Verstandes

erwogen werden und ein Prinzip solche mit einem notwendigen Wesen durch

bloße Begriffe zu verknüpfen welches alles für eine transzendente Philosophie

gehört für welche hier noch nicht der Platz ist

    Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfängt indem man die Reihe

von Erscheinungen und den Regressus in derselben nach empirischen Gesetzen der

Kausalität zum Grunde legt so kann man nachher davon nicht abspringen und auf

etwas übergehen was gar nicht in die Reihe als ein Glied gehört Denn in eben

derselben Bedeutung muss etwas als Bedingung angesehen werden in welcher die

Relation des Bedingten zu seiner Bedingung in der Reihe genommen wurde die auf

diese höchste Bedingung in kontinuierlichen Fortschritte führen sollte Ist nun

dieses Verhältnis sinnlich und gehört zum möglichen empirischen

Verstandesgebrauch so kann die oberste Bedingung oder Ursache nur nach Gesetzen

der Sinnlichkeit mithin nur als zur Zeitreihe gehörig den Regressus

beschließen und das notwendige Wesen muss als das oberste Glied der Weltreihe

angesehen werden

    Gleichwohl hat man sich die Freiheit genommen einen solchen Absprung 

metabasis eis allo genos zu tun Man schloss nämlich aus den Veränderungen in

der Welt auf die empirische Zufälligkeit di die Abhängigkeit derselben von

empirisch bestimmenden Ursachen und bekam eine aufsteigende Reihe empirischer

Bedingungen welches auch ganz recht war Da man aber hierin keinen ersten

Anfang und kein oberstes Glied finden konnte so ging man plötzlich vom

empirischen Begriff der Zufälligkeit ab und nahm die reine Kategorie welche

alsdann eine bloß intelligible Reihe veranlasste deren Vollständigkeit auf dem

Dasein einer schlechthin notwendigen Ursache beruhte die nunmehr da sie an

keine sinnliche Bedingungen gebunden war auch von der Zeitbedingung ihre

Kausalität selbst anzufangen befreiet wurde Dieses Verfahren ist aber ganz

widerrechtlich wie man aus Folgendem schließen kann

    Zufällig im reinen Sinne der Kategorie ist das dessen kontradiktorisches

Gegenteil möglich ist Nun kann man aus der empirischen Zufälligkeit auf jene

intelligible gar nicht schließen Was verändert wird dessen Gegenteil seines

Zustandes ist zu einer andern Zeit wirklich mithin auch möglich mithin ist

dieses nicht das kontradiktorische Gegenteil des vorigen Zustandes wozu

erfordert wird dass in derselben Zeit da der vorige Zustand war an der Stelle

desselben sein Gegenteil hätte sein können welches aus der Veränderung gar

nicht geschlossen werden kann Ein Körper der in Bewegung war  A kommt in

Ruhe  non A Daraus nun dass ein entgegengesetzter Zustand vom Zustande A auf

diesen folgt kann gar nicht geschlossen werden dass das kontradiktorische

Gegenteil von A möglich mithin A zufällig sei denn dazu würde erfordert

werden dass in derselben Zeit da die Bewegung war anstatt derselben die Ruhe

habe sein können Nun wissen wir nichts weiter als dass die Ruhe in der

folgenden Zeit wirklich mithin auch möglich war Bewegung aber zu einer Zeit

und Ruhe zu einer andern Zeit sind einander nicht kontradiktorisch

entgegengesetzt Also beweiset die Sukzession entgegengesetzter Bestimmungen

di die Veränderung keineswegs die Zufälligkeit nach Begriffen des reinen

Verstandes und kann also auch nicht auf das Dasein eines notwendigen Wesens

nach reinen Verstandesbegriffen führen Die Veränderung beweiset nur die

empirische Zufälligkeit di dass der neue Zustand für sich selbst ohne eine

Ursache die zur vorigen Zeit gehört gar nicht hätte stattfinden können zu

Folge dem Gesetze der Kausalität Diese Ursache und wenn sie auch als

schlechthin notwendig angenommen wird muss auf diese Art doch in der Zeit

angetroffen werden und zur Reihe der Erscheinungen gehören

 
 






    Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen weder in der Welt

noch außer der Welt als ihre Ursache

 





    Setzet die Welt selber oder in ihr sei ein notwendiges Wesen so würde

in der Reihe ihrer Veränderungen entweder ein Anfang sein der

unbedingt notwendig mithin ohne Ursache wäre welches dem dynamischen Gesetze

der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit widerstreitet oder die Reihe

selbst wäre ohne allen Anfang und obgleich in allen ihren Teilen zufällig und

bedingt im Ganzen dennoch schlechthin notwendig und unbedingt welches sich

selbst widerspricht weil das Dasein einer Menge nicht notwendig sein kann wenn

kein einziger Teil derselben ein an sich notwendiges Dasein besitzt

    Setzet dagegen es gebe eine schlechthin notwendige Weltursache außer der

Welt so würde dieselbe als das oberste Glied in der Reihe der Ursachen der

Weltveränderungen das Dasein der letzteren und ihre Reihe zuerst anfangen51

Nun müsste sie aber alsdann auch anfangen zu handeln und ihre Kausalität würde

in die Zeit eben darum aber in den Inbegriff der Erscheinungen di in die

Welt gehören folglich sie selbst die Ursache nicht außer der Welt sein

welches der Voraussetzung widerspricht Also ist weder in der Welt noch außer

derselben aber mit ihr in Kausalverbindung irgend ein schlechthin notwendiges

Wesen

 






    Wenn man beim Aufsteigen in der Reihe der Erscheinungen wider das Dasein

einer schlechthin notwendigen obersten Ursache Schwierigkeiten anzutreffen

vermeint so müssen sich diese auch nicht auf bloße Begriffe vom notwendigen

Dasein eines Dinges überhaupt gründen und mithin nicht ontologisch sein

sondern sich aus der Kausalverbindung mit einer Reihe von Erscheinungen um zu

derselben eine Bedingung anzunehmen die selbst unbedingt ist hervor finden

folglich kosmologisch und nach empirischen Gesetzen gefolgert sein Es muss sich

nämlich zeigen dass das Aufsteigen in der Reihe der Ursachen in der Sinnenwelt

niemals bei einer empirisch unbedingten Bedingung endigen könne und dass das

kosmologische Argument aus der Zufälligkeit der Weltzustände laut ihrer

Veränderungen wider die Annehmung einer ersten und die Reihe schlechthin zuerst

anhebenden Ursache ausfalle

    Es zeiget sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Kontrast dass nämlich

aus eben demselben Beweisgrunde woraus in der Thesis das Dasein eines Urwesens

geschlossen wurde in der Antithesis das Nichtsein desselben und zwar mit

derselben Schärfe geschlossen wird Erst hieß es es ist ein notwendiges Wesen

weil die ganze vergangene Zeit die Reihe aller Bedingungen und hiermit also auch

das Unbedingte Notwendige in sich fasst Nun heißt es es ist kein notwendiges

Wesen eben darum weil die ganze verflossene Zeit die Reihe aller Bedingungen

die mithin insgesamt wiederum bedingt sind in sich fasst Die Ursache hiervon

ist diese Das erste Argument sieht nur auf die absolute Totalität der Reihe

der Bedingungen deren eine die andere in der Zeit bestimmt und bekommt dadurch

ein Unbedingtes und Notwendiges Das zweite zieht dagegen die Zufälligkeit alles

dessen was in der Zeitreihe bestimmt ist in Betrachtung weil vor jedem eine

Zeit vorhergeht darin die Bedingung selbst wiederum als bedingt bestimmt sein

muss wodurch denn alles Unbedingte und alle absolute Notwendigkeit gänzlich

wegfällt Indessen ist die Schlussart in beiden selbst der gemeinen

Menschenvernunft ganz angemessen welche mehrmalen in den Fall gerät sich mit

sich selbst zu entzweien nachdem sie ihren Gegenstand aus zwei verschiedenen

Standpunkten erwägt Herr von Mairan hielt den Streit zweier berühmter

Astronomen der aus einer ähnlichen Schwierigkeit über die Wahl des Standpunkts

entsprang für ein genugsam merkwürdiges Phänomen um darüber eine besondere

Abhandlung abzufassen Der eine schloss nämlich so der Mond drehet sich um seine

Achse darum weil er der Erde beständig dieselbe Seite zukehrt der andere der

Mond drehet sich nicht um seine Achse eben darum weil er der Erde beständig

dieselbe Seite zukehrt Beide Schlüsse waren richtig nachdem man den Standpunkt

nahm aus dem man die Mondsbewegung beobachten wollte

 
 





    Da haben wir nun das ganze dialektische Spiel der kosmologischen Ideen die

es gar nicht verstatten dass ihnen ein kongruierender Gegenstand in irgend einer

möglichen Erfahrung gegeben werde ja nicht einmal dass die Vernunft sie

einstimmig mit allgemeinen Erfahrungsgesetzen denke die gleichwohl doch nicht

willkürlich erdacht sind sondern auf welche die Vernunft im kontinuierlichen

Fortgange der empirischen Synthesis notwendig geführt wird wenn sie das was

nach Regeln der Erfahrung jederzeit nur bedingt bestimmt werden kann von aller

Bedingung befreien und in seiner unbedingten Totalität fassen will Diese

vernünftelnde Behauptungen sind so viel Versuche vier natürliche und

unvermeidliche Problemen der Vernunft aufzulösen deren es also nur gerade so

viel nicht mehr auch nicht weniger geben kann weil es nicht mehr Reihen

synthetischer Voraussetzungen gibt welche die empirische Synthesis a priori

begrenzen

    Wir haben die glänzenden Anmaßungen der ihr Gebiete über alle Grenzen der

Erfahrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln welche bloß den Grund

ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten vorgestellt und wie es einer

Transzendentalphilosophie geziemt diese von allem Empirischen entkleidet

obgleich die ganze Pracht der Vernunftbehauptungen nur in Verbindung mit

demselben hervorleuchten kann In dieser Anwendung aber und der

fortschreitenden Erweiterung des Vernunftgebrauchs indem sie von dem Felde der

Erfahrungen anhebt und sich bis zu diesen erhabenen Ideen allmählich

hinaufschwingt zeigt die Philosophie eine Würde welche wenn sie ihre

Anmaßungen nur behaupten könnte den Wert aller anderen menschlichen

Wissenschaft weit unter sich lassen würde indem sie die Grundlage zu unseren

größesten Erwartungen und Aussichten auf die letzten Zwecke in welchen alle

Vernunftbemühungen sich endlich vereinigen müssen verheißt Die Fragen ob die

Welt einen Anfang und irgend eine Grenze ihrer Ausdehnung im Raume habe ob es

irgendwo und vielleicht in meinem denkenden Selbst eine unteilbare und

unzerstörliche Einheit oder nichts als das Teilbare und Vergängliche gebe ob

ich in meinen Handlungen frei oder wie andere Wesen an dem Faden der Natur

und des Schicksals geleitet sei ob es endlich eine oberste Weltursache gebe

oder die Naturdinge und deren Ordnung den letzten Gegenstand ausmachen bei dem

wir in allen unseren Betrachtungen stehen bleiben müssen das sind Fragen um

deren Auflösung der Mathematiker gerne seine ganze Wissenschaft dahin gäbe denn

diese kann ihm doch in Ansehung der höchsten und angelegensten Zwecke der

Menschheit keine Befriedigung verschaffen Selbst die eigentliche Würde der

Mathematik dieses Stolzes der menschlichen Vernunft beruhet darauf dass da

sie der Vernunft die Leitung gibt die Natur im Großen sowohl als im Kleinen in

ihrer Ordnung und Regelmäßigkeit imgleichen in der bewundernswürdigen Einheit

der sie bewegenden Kräfte weit über alle Erwartung der auf gemeine Erfahrung

bauenden Philosophie einzusehen sie dadurch selbst zu dem über alle Erfahrung

erweiterten Gebrauch der Vernunft, Anlass und Aufmunterung gibt imgleichen die

damit beschäftigte Weltweisheit mit den vortrefflichsten Materialien versorgt

ihre Nachforschung so viel deren Beschaffenheit es erlaubt durch angemessene

Anschauungen zu unterstützen

    Unglücklicher Weise für die Spekulation vielleicht aber zum Glück für die

praktische Bestimmung des Menschen sieht sich die Vernunft mitten unter ihren

größesten Erwartungen in einem Gedränge von Gründen und Gegengründen so

befangen dass da es sowohl ihrer Ehre als auch sogar ihrer Sicherheit wegen

nicht tunlich ist sich zurück zu ziehen und diesem Zwist als einem bloßen

Spielgefechte gleichgültig zuzusehen noch weniger schlechthin Friede zu

gebieten weil der Gegenstand des Streits sehr interessiert ihr nichts weiter

übrig bleibt als über den Ursprung dieser Veruneinigung der Vernunft mit sich

selbst nachzusinnen ob nicht etwa ein bloßer Missverstand daran schuld sei nach

dessen Erörterung zwar beiderseits stolze Ansprüche vielleicht wegfallen aber

dafür ein dauerhaft ruhiges Regiment der Vernunft über Verstand und Sinne seinen

Anfang nehmen würde

    Wir wollen vor jetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aussetzen und

zuvor in Erwägung ziehen auf welche Seite wir uns wohl am liebsten schlagen

möchten wenn wir etwa genötigt würden Partei zu nehmen Da wir in diesem

Falle nicht den logischen Probierstein der Wahrheit sondern bloß unser

Interesse befragen so wird eine solche Untersuchung ob sie gleich in Ansehung

des streitigen Rechts beider Teile nichts ausmacht dennoch den Nutzen haben es

begreiflich zu machen warum die Teilnehmer an diesem Streite sich lieber auf

die eine Seite als auf die andere geschlagen haben ohne dass eben eine

vorzügliche Einsicht des Gegenstandes daran Ursache gewesen imgleichen noch

andere Nebendinge zu erklären zB die zelotische Hitze des einen und die kalte

Behauptung des andern Teils warum sie gerne der einen Partei freudigen Beifall

zujauchzen und wider die andere zum voraus unversöhnlich eingenommen sind

    Es ist aber etwas das bei dieser vorläufigen Beurteilung den Gesichtspunkt

bestimmt aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit angestellt werden

kann und dieses ist die Vergleichung der Prinzipien von denen beide Teile

ausgehen Man bemerkt unter den Behauptungen der Antithesis eine vollkommene

Gleichförmigkeit der Denkungsart und völlige Einheit der Maxime nämlich ein

Principium des reinen Empirismus nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in

der Welt sondern auch in Auflösung der transzendentalen Ideen vom Weltall

selbst Dagegen legen die Behauptungen der Thesis außer der empirischen

Erklärungsart innerhalb der Reihe der Erscheinungen noch intellektuelle Anfänge

zum Grunde und die Maxime ist so fern nicht einfach Ich will sie aber von

ihrem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal den Dogmatismus der reinen Vernunft

nennen

    Auf der Seite also des Dogmatismus in Bestimmung der kosmologischen

Vernunftideen oder der Thesis zeiget sich

    Zuerst ein gewisses praktisches Interesse woran jeder Wohlgesinnter wenn

er sich auf seinen wahren Vorteil versteht herzlich Teil nimmt Dass die Welt

einen Anfang habe dass mein denkendes Selbst einfacher und daher unverweslicher

Natur dass dieses zugleich in seinen willkürlichen Handlungen frei und über den

Naturzwang erhoben sei und dass endlich die ganze Ordnung der Dinge welche die

Welt ausmachen von einem Urwesen abstamme von welchem alles seine Einheit und

zweckmäßige Verknüpfung entlehnt das sind so viel Grundsteine der Moral und

Religion Die Antithesis raubt uns alle diese Stützen oder scheint wenigstens

sie uns zu rauben

    Zweitens äußert sich auch ein spekulatives Interesse der Vernunft auf dieser

Seite Denn wenn man die transzendentale Ideen auf solche Art annimmt und

gebraucht so kann man völlig a priori die ganze Kette der Bedingungen fassen

und die Ableitung des Bedingten begreifen indem man vom Unbedingten anfängt

welches die Antithesis nicht leistet die dadurch sich sehr übel empfiehlt dass

sie auf die Frage wegen der Bedingungen ihrer Synthesis keine Antwort geben

kann die nicht ohne Ende immer weiter zu fragen übrig ließe Nach ihr muss man

von einem gegebenen Anfange zu einem noch höheren aufsteigen jeder Teil führt

auf einen noch kleineren Teil jede Begebenheit hat immer noch eine andere

Begebenheit als Ursache über sich und die Bedingungen des Daseins überhaupt

stützen sich immer wiederum auf andere ohne jemals in einem selbständigen Dinge

als Urwesen unbedingte Haltung und Stütze zu bekommen

    Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität der gewiss nicht

den kleinesten Teil seiner Empfehlung ausmacht Der gemeine Verstand findet in

den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synthesis nicht die mindeste

Schwierigkeit da er ohnedem mehr gewohnt ist zu den Folgen abwärts zu gehen

als zu den Gründen hinaufzusteigen und hat in den Begriffen des absolut Ersten

über dessen Möglichkeit er nicht grübelt eine Gemächlichkeit und zugleich

einen festen Punkt um die Leitschnur seiner Schritte daran zu knüpfen da er

hingegen an dem rastlosen Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingung jederzeit mit

einem Fuße in der Luft gar keinen Wohlgefallen finden kann

    Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen Ideen oder

der Antithesis findet sich erstlich kein solches praktisches Interesse aus

reinen Prinzipien der Vernunft als Moral und Religion bei sich führen Vielmehr

scheinet der bloße Empirismus beiden alle Kraft und Einfluss zu benehmen Wenn es

kein von der Welt unterschiedenes Urwesen gibt wenn die Welt ohne Anfang und

also auch ohne Urheber unser Wille nicht frei und die Seele von gleicher

Teilbarkeit und Verweslichkeit mit der Materie ist so verlieren auch die

moralischen Ideen und Grundsätze alle Gültigkeit und fallen mit den

transzendentalen Ideen welche ihre theoretische Stütze ausmachten

    Dagegen bietet aber der Empirismus dem spekulativen Interesse der Vernunft

Vorteile an die sehr anlockend sind und diejenigen weit übertreffen die der

dogmatische Lehrer der Vernunftideen versprechen mag Nach jenem ist der

Verstand jederzeit auf seinem eigentümlichen Boden nämlich dem Felde von lauter

möglichen Erfahrungen deren Gesetzen er nachspüren und vermittelst derselben

er seine sichere und fassliche Erkenntnis ohne Ende erweitern kann Hier kann und

soll er den Gegenstand sowohl an sich selbst, als in seinen Verhältnissen der

Anschauung darstellen oder doch in Begriffen deren Bild in gegebenen ähnlichen

Anschauungen klar und deutlich vorgelegt werden kann Nicht allein dass er nicht

nötig hat diese Kette der Naturordnung zu verlassen um sich an Ideen zu

hängen deren Gegenstände er nicht kennt weil sie als Gedankendinge niemals

gegeben werden können sondern es ist ihm nicht einmal erlaubt sein Geschäfte

zu verlassen und unter dem Vorwande es sei nunmehr zu Ende gebracht in das

Gebiete der idealisierenden Vernunft und zu transzendenten Begriffen

überzugehen wo er nicht weiter nötig hat zu beobachten und den Naturgesetzen

gemäß zu forschen sondern nur zu denken und zu dichten sicher dass er nicht

durch Tatsachen der Natur widerlegt werden könne weil er an ihr Zeugnis eben

nicht gebunden ist sondern sie vorbeigehen oder sie so gar selbst einem

höheren Ansehen nämlich dem der reinen Vernunft, unterordnen darf

    Der Empirist wird es daher niemals erlauben irgend eine Epoche der Natur

für die schlechthin erste anzunehmen oder irgend eine Grenze seiner Aussicht in

den Umfang derselben als die äußerste anzusehen oder von den Gegenständen der

Natur die er durch Beobachtung und Mathematik auflösen und in der Anschauung

synthetisch bestimmen kann dem Ausgedehnten zu denen überzugehen die weder

Sinn noch Einbildungskraft jemals in concreto darstellen kann dem Einfachen

noch einräumen dass man selbst in der Natur ein Vermögen unabhängig von

Gesetzen der Natur zu wirken Freiheit zum Grunde lege und dadurch dem

Verstande sein Geschäfte schmälere an dem Leitfaden notwendiger Regeln dem

Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren noch endlich zugeben dass man irgend

wozu die Ursache außerhalb der Natur suche Urwesen weil wir nichts weiter

als diese kennen indem sie es allein ist welche uns Gegenstände darbietet und

von ihren Gesetzen unterrichten kann

    Zwar wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere

Absicht hat als den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre Bestimmung

verkennenden Vernunft niederzuschlagen welche mit Einsicht und Wissen groß tut

da wo eigentlich Einsicht und Wissen aufhören und das was man in Ansehung des

praktischen Interesse gelten lässt für eine Beförderung des spekulativen

Interesse ausgeben will um wo es ihrer Gemächlichkeit zuträglich ist den

Faden physischer Untersuchungen abzureißen und mit einem Vorgeben von

Erweiterung der Erkenntnis ihn an transzendentale Ideen zu knüpfen durch die

man eigentlich nur erkennt dass man nichts wisse wenn sage ich der Empirist

sich hiermit begnügte so würde sein Grundsatz eine Maxime der Mäßigung in

Ansprüchen der Bescheidenheit in Behauptungen und zugleich der größte

möglichen Erweiterung unseres Verstandes durch den eigentlich uns vorgesetzten

Lehrer nämlich die Erfahrung sein Denn in solchem Falle würden uns

intellektuelle Voraussetzungen und Glaube zum Behuf unserer praktischen

Angelegenheit nicht genommen werden nur könnte man sie nicht unter dem Titel

und dem Pompe von Wissenschaft und Vernunfteinsicht auftreten lassen weil das

eigentliche spekulative Wissen überall keinen anderen Gegenstand als den der

Erfahrung treffen kann und wenn man ihre Grenze überschreitet die Synthesis

welche neue und von jener unabhängige Erkenntnisse versucht kein Substratum der

Anschauung hat an welchem sie ausgeübt werden könnte

    So aber wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen wie es mehrenteils

geschieht selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneinet was über der

Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist so fällt er selbst in den Fehler

der Unbescheidenheit der hier um desto tadelbarer ist weil dadurch dem

praktischen Interesse der Vernunft ein unersetzlicher Nachteil verursachet wird

    Dies ist der Gegensatz des Epikureisms52 gegen den Platonismus

    Ein jeder von beiden sagt mehr als er weiß doch so dass der erstere das

Wissen obzwar zum Nachteile des Praktischen aufmuntert und befördert der

zweite zwar zum Praktischen vortreffliche Prinzipien an die Hand gibt aber eben

dadurch in Ansehung alles dessen worin uns allein ein spekulatives Wissen

vergönnet ist der Vernunft erlaubt idealischen Erklärungen der

Naturerscheinungen nachzuhängen und darüber die physische Nachforschung zu

verabsäumen

    Was endlich das dritte Moment worauf bei der vorläufigen Wahl zwischen

beiden streitigen Teilen gesehen werden kann anlangt so ist es überaus

befremdlich dass der Empirismus aller Popularität gänzlich zuwider ist ob man

gleich glauben sollte der gemeine Verstand werde einen Entwurf begierig

aufnehmen der ihn durch nichts als Erfahrungserkenntnisse und deren

vernunftmäßigen Zusammenhang zu befriedigen verspricht an statt dass die

transzendentale Dogmatik ihn nötigt zu Begriffen hinaufzusteigen welche die

Einsicht und das Vernunftvermögen der im Denken geübtesten Köpfe weit

übersteigen Aber eben dieses ist sein Bewegungsgrund Denn er befindet sich

alsdann in einem Zustande in welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts

herausnehmen kann Wenn er wenig oder nichts davon versteht so kann sich doch

auch niemand rühmen viel mehr davon zu verstehen und ob er gleich hierüber

nicht so schulgerecht als andere sprechen kann so kann er doch darüber

unendlich mehr vernünfteln weil er unter lauter Ideen herumwandelt über die

man eben darum am beredtsten ist weil man davon nichts weiß anstatt dass er

über der Nachforschung der Natur ganz verstummen und seine Unwissenheit gestehen

müsste Gemächlichkeit und Eitelkeit also sind schon eine starke Empfehlung

dieser Grundsätze Überdem ob es gleich einem Philosophen sehr schwer wird

etwas als Grundsatz anzunehmen ohne deshalb sich selbst Rechenschaft geben zu

können oder gar Begriffe deren objektive Realität nicht eingesehen werden

kann einzuführen so ist doch dem gemeinen Verstande nichts gewöhnlicher Er

will etwas haben womit er zuversichtlich anfangen könne Die Schwierigkeit

eine solche Voraussetzung selbst zu begreifen beunruhigt ihn nicht weil sie

ihm der nicht weiß was Begreifen heißt niemals in den Sinn kommt und er hält

das für bekannt was ihm durch öfteren Gebrauch geläufig ist Zuletzt aber

verschwindet alles spekulative Interesse bei ihm vor dem praktischen und er

bildet sich ein das einzusehen und zu wissen was anzunehmen oder zu glauben

ihn seine Besorgnisse oder Hoffnungen antreiben So ist der Empirismus der

transzendentalidealisierenden Vernunft aller Popularität gänzlich beraubt und

so viel Nachteiliges wider die obersten praktischen Grundsätze sie auch

enthalten mag so ist doch gar nicht zu besorgen dass sie die Grenzen der Schule

jemals überschreiten und im gemeinen Wesen ein nur einigermaßen beträchtliches

Ansehen und einige Gunst bei der großen Menge erwerben werde

    Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch di sie

betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System und

verstattet daher auch nur solche Prinzipien die eine vorhabende Erkenntnis

wenigstens nicht unfähig machen in irgend einem System mit anderen zusammen zu

stehen Die Sätze der Antithesis sind aber von der Art dass sie die Vollendung

eines Gebäudes von Erkenntnissen gänzlich unmöglich machen Nach ihnen gibt es

über einen Zustand der Welt immer einen noch älteren in jedem Teile immer noch

andere wiederum teilbare vor jeder Begebenheit eine andere die wiederum eben

so wohl anderweitig erzeugt war und im Dasein überhaupt alles immer nur

bedingt ohne irgend ein unbedingtes und erstes Dasein anzuerkennen Da also die

Antithesis nirgend ein Erstes einräumt und keinen Anfang der schlechthin zum

Grunde des Baues dienen könnte so ist ein vollständiges Gebäude der Erkenntnis

bei dergleichen Voraussetzungen gänzlich unmöglich Daher führt das

architektonische Interesse der Vernunft welches nicht empirische sondern reine

Vernunfteinheit a priori fordert eine natürliche Empfehlung für die Behauptungen

der Thesis bei sich

    Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen und die

Behauptungen der Vernunft gleichgültig gegen alle Folgen bloß nach dem Gehalte

ihrer Gründe in Betrachtung ziehen so würde ein solcher gesetzt dass er keinen

Ausweg wüsste anders aus dem Gedränge zu kommen als dass er sich zu einer oder

andern der streitigen Lehren bekennte in einem unaufhörlich schwankenden

Zustande sein Heute würde es ihm überzeugend vorkommen der menschliche Wille

sei frei morgen wenn er die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge

würde er dafür halten die Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung und alles

sei bloß Natur Wenn es nun aber zum Tun und Handeln käme so würde dieses Spiel

der bloß spekulativen Vernunft wie Schattenbilder eines Traums verschwinden

und er würde seine Prinzipien bloß nach dem praktischen Interesse wählen Weil

es aber doch einem nachdenkenden und forschenden Wesen anständig ist gewisse

Zeiten lediglich der Prüfung seiner eigenen Vernunft zu widmen hierbei aber alle

Parteilichkeit gänzlich auszuziehen und so seine Bemerkungen anderen zur

Beurteilung öffentlich mitzuteilen so kann es niemanden verargt noch weniger

verwehrt werden die Sätze und Gegensätze so wie sie sich durch keine Drohung

geschreckt vor Geschworenen von seinem eigenen Stande nämlich dem Stande

schwacher Menschen verteidigen können auftreten zu lassen

 
 






    Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen würde eine

unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender Eigendünkel sein dass man

dadurch sich so fort um alles Zutrauen bringen müsste Gleichwohl gibt es

Wissenschaften deren Natur es so mit sich bringt dass eine jede darin

vorkommende Frage aus dem was man weiß schlechthin beantwortlich sein muss

weil die Antwort aus denselben Quellen entspringen muss daraus die Frage

entspringt und wo es keineswegs erlaubt ist unvermeidliche Unwissenheit

vorzuschützen sondern die Auflösung gefedert werden kann Was in allen

möglichen Fällen Recht oder Unrecht sei muss man der Regel nach wissen können

weil es unsere Verbindlichkeit betrifft und wir zu dem was wir nicht wissen

können auch keine Verbindlichkeit haben In der Erklärung der Erscheinungen der

Natur muss uns indessen vieles ungewiss und manche Frage unauflöslich bleiben

weil das was wir von der Natur wissen zu dem was wir erklären sollen bei

weitem nicht in allen Fällen zureichend ist Es frägt sich nun ob in der

Transzendentalphilosophie irgend eine Frage die ein der Vernunft vorgelegtes

Objekt betrifft durch eben diese reine Vernunft unbeantwortlich sei und ob man

sich ihrer entscheidenden Beantwortung dadurch mit Recht entziehen könne dass

man es als schlechthin ungewiss aus allem dem was wir erkennen können

demjenigen beizählt wovon wir zwar so viel Begriff haben um eine Frage

aufzuwerfen es uns aber gänzlich an Mitteln oder am Vermögen fehlt sie jemals

zu beantworten

    Ich behaupte nun dass die Transzendentalphilosophie unter allem spekulativen

Erkenntnis dieses Eigentümliche habe dass gar keine Frage welche einen der

reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft für eben dieselbe menschliche

Vernunft unauflöslich sei und dass kein Vorschützen einer unvermeidlichen

Unwissenheit und unergründlichen Tiefe der Aufgabe von der Verbindlichkeit frei

sprechen könne sie gründlich und vollständig zu beantworten weil eben derselbe

Begriff der uns in den Stand setzt zu fragen durchaus uns auch tüchtig machen

muss auf diese Frage zu antworten indem der Gegenstand außer dem Begriffe gar

nicht angetroffen wird wie bei Recht und Unrecht

    Es sind aber in der Transzendentalphilosophie keine andere als nur die

kosmologischen Fragen in Ansehung deren man mit Recht eine genugtuende Antwort

die die Beschaffenheit des Gegenstandes betrifft fordern kann ohne dass dem

Philosophen erlaubt ist sich derselben dadurch zu entziehen dass er

undurchdringliche Dunkelheit vorschützt und diese Fragen können nur

kosmologische Ideen betreffen Denn der Gegenstand muss empirisch gegeben sein

und die Frage geht nur auf die Angemessenheit desselben mit einer Idee Ist der

Gegenstand transzendental und also selbst unbekannt zB ob das Etwas dessen

Erscheinung in uns selbst das Denken ist Seele ein an sich einfaches Wesen

sei ob es eine Ursache aller Dinge insgesamt gebe die schlechthin notwendig

ist usw so sollen wir zu unserer Idee einen Gegenstand suchen von welchem

wir gestehen können dass er uns unbekannt aber deswegen doch nicht unmöglich

sei53Die kosmologischen Ideen haben allein das Eigentümliche an sich dass sie

ihren Gegenstand und die zu dessen Begriff erforderliche empirische Synthesis als

gegeben voraussetzen können und die Frage die aus ihnen entspringt betrifft

nur den Fortgang dieser Synthesis so fern er absolute Totalität enthalten soll

welche letztere nichts Empirisches mehr ist indem sie in keiner Erfahrung

gegeben werden kann. Da nun hier lediglich von einem Dinge als Gegenstande einer

möglichen Erfahrung und nicht als einer Sache an sich selbst die Rede ist so

kann die Beantwortung der transzendenten kosmologischen Frage außer der Idee

sonst nirgend liegen denn sie betrifft keinen Gegenstand an sich selbst; und in

Ansehung der möglichen Erfahrung wird nicht nach demjenigen gefragt was in

concreto in irgend einer Erfahrung gegeben werden kann, sondern was in der Idee

liegt der sich die empirische Synthesis bloß nähern soll also muss sie aus der

Idee allein aufgelöst werden können denn diese ist ein bloßes Geschöpf der

Vernunft welche also die Verantwortung nicht von sich abweisen und auf den

unbekannten Gegenstand schieben kann

    Es ist nicht so außerordentlich als es anfangs scheint dass eine

Wissenschaft in Ansehung aller in ihren Inbegriff gehörigen Fragen quaestiones

domesticae lauter gewisse Auflösungen fordern und erwarten könne ob sie gleich

zur Zeit noch vielleicht nicht gefunden sind Außer der

Transzendentalphilosophie gibt es noch zwei reine Vernunftwissenschaften eine

bloß spekulativen die andere praktischen Inhalts reine Mathematik und reine

Moral Hat man wohl jemals gehört dass gleichsam wegen einer notwendigen

Unwissenheit der Bedingungen es für ungewiss sei ausgegeben worden welches

Verhältnis der Durchmesser zum Kreise ganz genau in Rationaloder

Irrationalzahlen habe Da es durch erstere gar nicht kongruent gegeben werden

kann, durch die zweite aber noch nicht gefunden ist so urteilte man dass

wenigstens die Unmöglichkeit solcher Auflösung mit Gewissheit erkannt werden

könne und Lambert gab einen Beweis davon In den allgemeinen Prinzipien der

Sitten kann nichts Ungewisses sein weil die Sätze entweder ganz und gar nichtig

und sinnleer sind oder bloß aus unseren Vernunftbegriffen fließen müssen

Dagegen gibt es in der Naturkunde eine Unendlichkeit von Vermutungen in

Ansehung deren niemals Gewissheit erwartet werden kann weil die

Naturerscheinungen Gegenstände sind die uns unabhängig von unseren Begriffen

gegeben werden zu denen also der Schlüssel nicht in uns und unserem reinen

Denken sondern außer uns liegt und eben darum in vielen Fällen nicht

aufgefunden mithin kein sicherer Aufschluss erwartet werden kann Ich rechne die

Fragen der transzendentalen Analytik welche die Deduktion unserer reinen

Erkenntnis betreffen nicht hierher weil wir jetzt nur von der Gewissheit der

Urteile in Ansehung der Gegenstände und nicht in Ansehung des Ursprungs unserer

Begriffe selbst handeln

    Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen Auflösung

der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen können dass wir über die

engen Schranken unserer Vernunft Klagen erheben und mit dem Scheine einer

demutsvollen Selbsterkenntnis bekennen es sei über unsere Vernunft

auszumachen ob die Welt von Ewigkeit her sei oder einen Anfang habe ob der

Weltraum ins Unendliche mit Wesen erfüllet oder innerhalb gewisser Grenzen

eingeschlossen sei ob irgend in der Welt etwas einfach sei oder ob alles ins

Unendliche geteilt werden müsse ob es eine Erzeugung und Hervorbringung aus

Freiheit gebe oder ob alles an der Kette der Naturordnung hänge endlich ob es

irgend ein gänzlich unbedingt und an sich notwendiges Wesen gebe oder ob alles

seinem Dasein nach bedingt und mithin äußerlich abhängend und an sich zufällig

sei Denn alle diese Fragen betreffen einen Gegenstand der nirgend anders als

in unseren Gedanken gegeben werden kann, nämlich die schlechthin unbedingte

Totalität der Synthesis der Erscheinungen Wenn wir darüber aus unseren eigenen

Begriffen nichts Gewisses sagen und ausmachen können so dürfen wir nicht die

Schuld auf die Sache schieben die sich uns verbirgt denn es kann uns

dergleichen Sache weil sie außer unserer Idee nirgends angetroffen wird gar

nicht gegeben werden sondern wir müssen die Ursache in unserer Idee selbst

suchen welche ein Problem ist das keine Auflösung verstattet und wovon wir

doch hartnäckig annehmen als entspreche ihr ein wirklicher Gegenstand Eine

deutliche Darlegung der Dialektik die in unserem Begriffe selbst liegt würde

uns bald zur völligen Gewissheit bringen von dem was wir in Ansehung einer

solchen Frage zu urteilen haben

    Man kann eurem Vorwande der Ungewissheit in Ansehung dieser Probleme zuerst

diese Frage entgegensetzen die ihr wenigstens deutlich beantworten müsset

Woher kommen euch die Ideen deren Auflösung euch hier in solche Schwierigkeit

verwickelt Sind es etwa Erscheinungen deren Erklärung ihr bedürft und wovon

ihr zufolge dieser Ideen nur die Prinzipien oder die Regel ihrer Exposition

zu suchen habt Nehmet an die Natur sei ganz vor euch aufgedeckt euren Sinnen

und dem Bewusstsein alles dessen was eurer Anschauung vorgelegt ist sei nichts

verborgen so werdet ihr doch durch keine einzige Erfahrung den Gegenstand eurer

Ideen in concreto erkennen können denn es wird außer dieser vollständigen

Anschauung noch eine vollendete Synthesis und das Bewusstsein ihrer absoluten

Totalität erfordert welches durch gar kein empirisches Erkenntnis möglich ist

mithin kann eure Frage keineswegs zur Erklärung von irgend einer vorkommenden

Erscheinung notwendig und also gleichsam durch den Gegenstand selbst aufgegeben

sein Denn der Gegenstand kann euch niemals vorkommen weil er durch keine

mögliche Erfahrung gegeben werden kann. Ihr bleibt mit allen möglichen

Wahrnehmungen immer unter Bedingungen es sei im Raume oder in der Zeit

befangen und kommt an nichts Unbedingtes um auszumachen ob dieses Unbedingte

in einem absoluten Anfange der Synthesis oder einer absoluten Totalität der

Reihe ohne allen Anfang zu setzen sei Das All aber in empirischer Bedeutung

ist jederzeit nur komparativ Das absolute All der Größe das Weltall der

Teilung der Abstammung der Bedingung des Daseins überhaupt mit allen Fragen

ob es durch endliche oder ins Unendliche fortzusetzende Synthesis zu Stande zu

bringen sei gehet keine mögliche Erfahrung etwas an Ihr würdet zB die

Erscheinungen eines Körpers nicht im mindesten besser oder auch nur anders

erklären können ob ihr annehmet er bestehe aus einfachen oder durchgehends

immer aus zusammengesetzten Teilen denn es kann euch keine einfache Erscheinung

und eben so wenig auch eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen Die

Erscheinungen verlangen nur erklärt zu werden so weit ihre

Erklärungsbedingungen in der Wahrnehmung gegeben sind alles aber was jemals an

ihnen gegeben werden mag in einem absoluten Ganzen zusammengenommen ist selbst

eine Wahrnehmung Dieses All aber ist es eigentlich dessen Erklärung in den

transzendentalen Vernunftaufgaben gefordert wird

    Da also selbst die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Erfahrung

vorkommen kann so könnet ihr nicht sagen dass es ungewiss sei was hierüber dem

Gegenstande beizulegen sei Denn euer Gegenstand ist bloß in eurem Gehirne und

kann außer demselben gar nicht gegeben werden daher ihr nur dafür zu sorgen

habt mit euch selbst einig zu werden und die Amphibolie zu verhüten die eure

Idee zu einer vermeintlichen Vorstellung eines empirisch Gegebenen und also

auch nach Erfahrungsgesetzen zu erkennenden Objekts macht Die dogmatische

Auflösung ist also nicht etwa ungewiss sondern unmöglich Die kritische aber

welche völlig gewiss sein kann betrachtet die Frage gar nicht objektiv sondern

nach dem Fundamente der Erkenntnis worauf sie gegründet ist

 
 




    Wir würden von der Forderung gern abstehen unsere Fragen dogmatisch

beantwortet zu sehen wenn wir schon zum voraus begriffen die Antwort möchte

ausfallen wie sie wollte so würde sie unsere Unwissenheit nur noch vermehren

und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine andere aus einer Dunkelheit in eine

noch größere und vielleicht gar in Widersprüche stürzen Wenn unsere Frage bloß

auf Bejahung oder Verneinung gestellt istso ist es klüglich gehandelt die

vermutlichen Gründe der Beantwortung vor der Hand dahin gestellt sein zu lassen

und zuvörderst in Erwägung zu ziehen was man denn gewinnen würde wenn die

Antwort auf die eine und was wenn sie auf die Gegenseite ausfiele Trifft es

sich nun dass in beiden Fällen lauter Sinnleeres Nonsens herauskommt so haben

wir eine gegründete Aufforderung unsere Frage selbst kritisch zu untersuchen

und zu sehen ob sie nicht selbst auf einer grundlosen Voraussetzung beruhe und

mit einer Idee spiele die ihre Falschheit besser in der Anwendung und durch

ihre Folgen als in der abgesonderten Vorstellung verrät Das ist der große

Nutzen den die skeptische Art hat die Fragen zu behandeln welche reine

Vernunft an reine Vernunft tut und wodurch man eines großen dogmatischen Wustes

mit wenig Aufwand überhoben sein kann um an dessen Statt eine nüchterne Kritik

zu setzen die als ein wahres Katarktikon den Wahn zusamt seinem Gefolge der

Vielwisserei glücklich abführen wird

    Wenn ich demnach von einer kosmologischen Idee zum voraus einsehen könnte

dass auf welche Seite des Unbedingten der regressiven Synthesis der

Erscheinungen sie sich auch schlüge so würde sie doch für einen jeden

Verstandesbegriff entweder zu groß oder zu klein sein so würde ich begreifen

dass da jene doch es nur mit einem Gegenstande der Erfahrung zu tun hat welche

einem möglichen Verstandesbegriffe angemessen sein soll sie ganz leer und ohne

Bedeutung sein müsse weil ihr der Gegenstand nicht anpasst ich mag ihn

derselben bequemen wie ich will Und dieses ist wirklich der Fall mit allen

Weltbegriffen welche auch eben um deswillen die Vernunft so lange sie ihnen

anhängt in eine unvermeidliche Antinomie verwickeln Denn nehmt

    Erstlich an die Welt habe keinen Anfang so ist sie für euren Begriff zu

groß denn dieser welcher in einem sukzessiven Regressus besteht kann die

ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen Setzet sie habe einen Anfang so

ist sie wiederum für euren Verstandesbegriff in dem notwendigen empirischen

Regressus zu klein Denn weil der Anfang noch immer eine Zeit die vorhergeht

voraussetzt so ist er noch nicht unbedingt und das Gesetz des empirischen

Gebrauchs des Verstandes legt es euch auf noch nach einer höheren Zeitbedingung

zu fragen und die Welt ist also offenbar für dieses Gesetz zu klein

    Eben so ist es mit der doppelten Beantwortung der Frage wegen der

Weltgröße dem Raum nach bewandt Denn ist sie unendlich und unbegrenzt so

ist sie für allen möglichen empirischen Begriff zu groß Ist sie endlich und

begrenzt so fragt ihr mit Recht noch was bestimmt diese Grenze Der leere Raum

ist nicht ein für sich bestehendes Korrelatem der Dinge und kann keine

Bedingung sein bei der ihr stehen bleiben könnet noch viel weniger eine

empirische Bedingung die einen Teil einer möglichen Erfahrung ausmachte Denn

wer kann eine Erfahrung vom Schlechthinleeren haben Zur absoluten Totalität

aber der empirischen Synthesis wird jederzeit erfordert dass das Unbedingte ein

Erfahrungsbegriff sei Also ist eine begrenzte Welt für euren Begriff zu klein

    Zweitens besteht jede Erscheinung im Raume Materie aus unendlich viel

Teilen so ist der Regressus der Teilung für euren Begriff jederzeit zu groß

und soll die Teilung des Raumes irgend bei einem Gliede derselben dem

Einfachen aufhören so ist er für die Idee des Unbedingten zu klein Denn

dieses Glied lässt noch immer einen Regressus zu mehreren in ihm enthaltenen

Teilen übrig

    Drittens nehmet ihr an in allem was in der Welt geschieht sei nichts

als Erfolg nach Gesetzen der Natur so ist die Kausalität der Ursache immer

wiederum etwas das geschieht und euren Regressus zu noch höherer Ursache

mithin die Verlängerung der Reihe von Bedingungen a parte priori ohne Aufhören

notwendig macht Die bloße wirkende Natur ist also für allen euren Begriff in

der Synthesis der Weltbegebenheiten zu groß

    Wählt ihr hin und wieder von selbst gewirkte Begebenheiten mithin

Erzeugung aus Freiheit so verfolgt euch das Warum nach einem unvermeidlichen

Naturgesetze und nötigt euch über diesen Punkt nach dem Kausalgesetze der

Erfahrung hinaus zu gehen und ihr findet dass dergleichen Totalität der

Verknüpfung für euren notwendigen empirischen Begriff zu klein ist

    Viertens Wenn ihr ein schlechthin notwendiges Wesen es sei die Welt

selbst oder etwas in der Welt oder die Weltursache annehmt so setzt ihr es

in eine von jedem gegebenen Zeitpunkt unendlich entfernte Zeit weil es sonst

von einem anderen und älteren Dasein abhängend sein würde Alsdenn ist aber

diese Existenz für euren empirischen Begriff unzugänglich und zu groß als dass

ihr jemals durch irgend einen fortgesetzten Regressus dazu gelangen könntet

    Ist aber eurer Meinung nach alles was zur Welt es sei als bedingt oder

als Bedingung gehöret zufällig so ist jede euch gegebene Existenz für euren

Begriff zu klein Denn sie nötigt euch euch noch immer nach einer andern

Existenz umzusehen von der sie abhängig ist

    Wir haben in allen diesen Fällen gesagt dass die Weltidee für den

empirischen Regressus mithin jeden möglichen Verstandesbegriff entweder zu

groß oder auch für denselben zu klein sei Warum haben wir uns nicht umgekehrt

ausgedrückt und gesagt dass im ersteren Falle der empirische Begriff für die

Idee jederzeit zu klein im zweiten aber zu groß sei und mithin gleichsam die

Schuld auf dem empirischen Regressus hafte an statt dass wir die kosmologische

Idee anklagten dass sie im Zuviel oder Zuwenig von ihrem Zwecke nämlich der

möglichen Erfahrung abwiche Der Grund war dieser Mögliche Erfahrung ist das

was unseren Begriffen allein Realität geben kann ohne das ist aller Begriff nur

Idee ohne Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand Daher war der mögliche

empirische Begriff das Richtmaß wonach die Idee beurteilt werden musste ob sie

bloße Idee und Gedankending sei oder in der Welt ihren Gegenstand antreffe

Denn man sagt nur von demjenigen dass es verhältnisweise auf etwas anderes zu

groß oder zu klein sei was nur um dieses letzteren willen angenommen wird und

darnach eingerichtet sein muss Zu dem Spielwerke der alten dialektischen Schulen

gehörte auch diese Frage wenn eine Kugel nicht durch ein Loch geht was soll

man sagen Ist die Kugel zu groß oder das Loch zu klein In diesem Falle ist es

gleichgültig wie ihr euch ausdrücken wollt denn ihr wisst nicht welches von

beiden um des anderen willen da ist Dagegen werdet ihr nicht sagen der Mann

ist für sein Kleid zu lang sondern das Kleid ist für den Mann zu kurz

    Wir sind also wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht dass die

kosmologischen Ideen und mit ihnen alle unter einander in Streit gesetzte

vernünftelnde Behauptungen vielleicht einen leeren und bloß eingebildeten

Begriff von der Art wie uns der Gegenstand dieser Ideen gegeben wird zum

Grunde liegen haben und dieser Verdacht kann uns schon auf die rechte Spur

führen das Blendwerk zu entdecken was uns so lange irre geführt hat

 
 






    Wir haben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend bewiesen dass alles

was im Raume oder der Zeit angeschaut wird mithin alle Gegenstände einer uns

möglichen Erfahrung nichts als Erscheinungen di bloße Vorstellungen sind

die so wie sie vorgestellt werden als ausgedehnte Wesen oder Reihen von

Veränderungen außer unseren Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben

Diesen Lehrbegriff nenne ich den transzendentalen Idealism54 Der Realist in

transzendentaler Bedeutung macht aus diesen Modifikationen unserer Sinnlichkeit

an sich subsistierende Dinge und daher bloße Vorstellungen zu Sachen an sich

selbst.

    Man würde uns Unrecht tun wenn man uns den schon längst so verschrienen

empirischen Idealismus zumuten wollte der indem er die eigene Wirklichkeit des

Raumes annimmt das Dasein der ausgedehnten Wesen in denselben leugnet

wenigstens zweifelhaft findet und zwischen Traum und Wahrheit in diesem Stücke

keinen genugsam erweislichen Unterschied einräumet Was die Erscheinungen des

inneren Sinnes in der Zeit betrifft an denen als wirklichen Dingen findet er

keine Schwierigkeit ja er behauptet sogar dass diese innere Erfahrung das

wirkliche Dasein ihres Objekts an sich selbst, mit aller dieser Zeitbestimmung

einzig und allein hinreichend beweise

    Unser transzendentale Idealismus erlaubt es dagegen dass die Gegenstände

äußerer Anschauung eben so wie sie im Raume angeschaut werden auch wirklich

sein und in der Zeit alle Veränderungen so wie sie der innere Sinn vorstellt

Denn da der Raum schon eine Form derjenigen Anschauung ist die wir die äußere

nennen und ohne Gegenstände in demselben es gar keine empirische Vorstellung

geben würde so können und müssen wir darin ausgedehnte Wesen als wirklich

annehmen und eben so ist es auch mit der Zeit Jener Raum selber aber samt

dieser Zeit und zugleich mit beiden alle Erscheinungen sind doch an sich

selbst keine Dinge sondern nichts als Vorstellungen und können gar nicht außer

unserem Gemüt existieren und selbst ist die innere und sinnliche Anschauung

unseres Gemüts als Gegenstandes des Bewusstseins dessen Bestimmung durch die

Sukzession verschiedener Zustände in der Zeit vorgestellt wird auch nicht das

eigentliche Selbst so wie es an sich existiert oder das transzendentale

Subjekt sondern nur eine Erscheinung die der Sinnlichkeit dieses uns

unbekannten Wesens gegeben worden Das Dasein dieser inneren Erscheinung als

eines so an sich existierenden Dinges kann nicht eingeräumt werden weil ihre

Bedingung die Zeit ist welche keine Bestimmung irgend eines Dinges an sich

selbst sein kann In dem Raume aber und der Zeit ist die empirische Wahrheit der

Erscheinungen genugsam gesichert und von der Verwandtschaft mit dem Traume

hinreichend unterschieden wenn beide nach empirischen Gesetzen in einer

Erfahrung richtig und durchgängig zusammenhängen

    Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals an sich selbst,

sondern nur in der Erfahrung gegeben und existieren außer derselben gar nicht

Dass es Einwohner im Monde geben könne ob sie gleich kein Mensch jemals

wahrgenommen hat muss allerdings eingeräumt werden aber es bedeutet nur so

viel dass wir in dem möglichen Fortschritt der Erfahrung auf sie treffen

könnten denn alles ist wirklich was mit einer Wahrnehmung nach Gesetzen des

empirischen Fortgangs in einem Kontext stehet Sie sind also alsdann wirklich

wenn sie mit meinem wirklichen Bewusstsein in einem empirischen Zusammenhange

stehen ob sie gleich darum nicht an sich di außer diesem Fortschritt der

Erfahrung wirklich sind

    Uns ist wirklich nichts gegeben als die Wahrnehmung und der empirische

Fortschritt von dieser zu andern möglichen Wahrnehmungen Denn an sich selbst

sind die Erscheinungen als bloße Vorstellungen nur in der Wahrnehmung

wirklich die in der Tat nichts andres ist als die Wirklichkeit einer

empirischen Vorstellung di Erscheinung Vor der Wahrnehmung eine Erscheinung

ein wirkliches Ding nennen bedeutet entweder dass wir im Fortgange der

Erfahrung auf eine solche Wahrnehmung treffen müssen oder es hat gar keine

Bedeutung Denn dass sie an sich selbst, ohne Beziehung auf unsere Sinne und

mögliche Erfahrung existiere könnte allerdings gesagt werden wenn von einem

Dinge an sich selbst die Rede wäre Es ist aber bloß von einer Erscheinung im

Raume und der Zeit die beides keine Bestimmungen der Dinge an sich selbst,

sondern nur unserer Sinnlichkeit sind die Rede daher das was in ihnen ist

Erscheinungen nicht an sich etwas sondern bloße Vorstellungen sind die

wenn sie nicht in uns in der Wahrnehmung gegeben sind überall nirgend

angetroffen werden

    Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine Rezeptivität auf

gewisse Weise mit Vorstellungen affiziert zu werden deren Verhältnis zu

einander eine reine Anschauung des Raumes und der Zeit ist lauter Formen

unserer Sinnlichkeit und welche so fern sie in diesem Verhältnisse dem Raume

und der Zeit nach Gesetzen der Einheit der Erfahrung verknüpft und bestimmbar

sind Gegenstände heißen Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist

uns gänzlich unbekannt und diese können wir daher nicht als Objekt anschauen

denn dergleichen Gegenstand würde weder im Raume noch der Zeit als bloßen

Bedingungen der sinnlichen Vorstellung vorgestellt werden müssen ohne welche

Bedingungen wir uns gar keine Anschauung denken können Indessen können wir die

bloß intelligible Ursache der Erscheinungen überhaupt das transzendentale

Objekt nennen bloß damit wir etwas haben was der Sinnlichkeit als einer

Rezeptivität korrespondiert

    Diesem transzendentalen Objekt können wir allen Umfang und Zusammenhang

unserer möglichen Wahrnehmungen zuschreiben und sagen dass es vor aller

Erfahrung an sich selbst gegeben sei Die Erscheinungen aber sind ihm gemäß

nicht an sich sondern nur in dieser Erfahrung gegeben weil sie bloße

Vorstellungen sind die nur als Wahrnehmungen einen wirklichen Gegenstand

bedeuten wenn nämlich diese Wahrnehmung mit allen andern nach den Regeln der

Erfahrungseinheit zusammenhängt So kann man sagen die wirklichen Dinge der

vergangenen Zeit sind in dem transzendentalen Gegenstande der Erfahrung gegeben

sie sind aber für mich nur Gegenstände und in der vergangenen Zeit wirklich so

fern als ich mir vorstelle dass eine regressive Reihe möglicher Wahrnehmungen

es sei am Leitfaden der Geschichte oder an den Fußstapfen der Ursachen und

Wirkungen nach empirischen Gesetzen mit einem Worte der Weltlauf auf eine

verflossene Zeitreihe als Bedingung der gegenwärtigen Zeit führet welche

alsdann doch nur in dem Zusammenhange einer möglichen Erfahrung und nicht an

sich selbst als wirklich vorgestellt wird so dass alle von undenklicher Zeit

her vor meinem Dasein verflossene Begebenheiten doch nichts andres bedeuten als

die Möglichkeit der Verlängerung der Kette der Erfahrung von der gegenwärtigen

Wahrnehmung an aufwärts zu den Bedingungen welche diese der Zeit nach

bestimmen

    Wenn ich mir demnach alle existierende Gegenstände der Sinne in aller Zeit

und allen Räumen insgesamt vorstelle so setze ich solche nicht vor der

Erfahrung in beide hinein sondern diese Vorstellung ist nichts andres als der

Gedanke von einer möglichen Erfahrung in ihrer absoluten Vollständigkeit In

ihr allein sind jene Gegenstände welche nichts als bloße Vorstellungen sind

gegeben Dass man aber sagt sie existieren vor aller meiner Erfahrung bedeutet

nur dass sie in dem Teile der Erfahrung zu welchem ich von der Wahrnehmung

anhebend allererst fortschreiten muss anzutreffen sind Die Ursache der

empirischen Bedingungen dieses Fortschritts mithin auf welche Glieder oder

auch wie weit ich auf dergleichen im Regressus treffen könne ist

transzendental und mir daher notwendig unbekannt Aber um diese ist es auch

nicht zu tun sondern nur um die Regel des Fortschritts der Erfahrung in der

mir die Gegenstände nämlich Erscheinungen gegeben werden Es ist auch im

Ausgange ganz einerlei ob ich sage ich könne im empirischen Fortgange im Raume

auf Sterne treffen die hundertmal weiter entfernt sind als die äußersten die

ich sehe oder ob ich sage es sind vielleicht deren im Weltraume anzutreffen

wenn sie gleich niemals ein Mensch wahrgenommen hat oder wahrnehmen wird denn

wenn sie gleich als Dinge an sich selbst, ohne Beziehung auf mögliche Erfahrung

überhaupt gegeben wären so sind sie doch für mich nichts mithin keine

Gegenstände als so fern sie in der Reihe des empirischen Regressus enthalten

sind Nur in anderweitiger Beziehung wenn eben diese Erscheinungen zur

kosmologischen Idee von einem absoluten Ganzen gebraucht werden sollen und

wenn es also um eine Frage zu tun ist die über die Grenzen möglicher Erfahrung

hinausgeht ist die Unterscheidung der Art wie man die Wirklichkeit gedachter

Gegenstände der Sinne nimmt von Erheblichkeit um einem trüglichen Wahne

vorzubeugen welcher aus der Missdeutung unserer eigenen Erfahrungsbegriffe

unvermeidlich entspringen muss

 
 



 


    Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialektischen

Argumente Wenn das Bedingte gegeben istso ist auch die ganze Reihe aller

Bedingungen desselben gegeben nun sind uns Gegenstände der Sinne als bedingt

gegeben folglich etc Durch diesen Vernunftschluss dessen Obersatz so natürlich

und einleuchtend scheint werden nun nach Verschiedenheit der Bedingungen in

der Synthesis der Erscheinungen so fern sie eine Reihe ausmachen eben so viel

kosmologische Ideen eingeführt welche die absolute Totalität dieser Reihen

postulieren und eben dadurch die Vernunft unvermeidlich in Widerstreit mit sich

selbst versetzen Ehe wir aber das Trügliche dieses vernünftelnden Arguments

aufdecken müssen wir uns durch Berichtigung und Bestimmung gewisser darin

vorkommenden Begriffe dazu in Stand setzen

    Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweifelt gewiss dass wenn das

Bedingte gegeben ist uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe aller

Bedingungen zu demselben aufgegeben sei denn dieses bringt schon der Begriff

des Bedingten so mit sich dass dadurch etwas auf eine Bedingung und wenn diese

wiederum bedingt ist auf eine entferntere Bedingung und so durch alle Glieder

der Reihe bezogen wird Dieser Satz ist also analytisch und erhebt sich über

alle Furcht vor eine transzendentale Kritik Er ist ein logisches Postulat der

Vernunft diejenige Verknüpfung eines Begriffs mit seinen Bedingungen durch den

Verstand zu verfolgen und so weit als möglich fortzusetzen die schon dem

Begriffe selbst anhängt

    Ferner wenn das Bedingte so wohl als seine Bedingung Dinge an sich selbst

sind so ist wenn das erstere gegeben worden nicht bloß der Regressus zu dem

zweiten aufgegeben sondern dieses ist dadurch wirklich schon mit gegeben und

weil dieses von allen Gliedern der Reihe gilt so ist die vollständige Reihe der

Bedingungen mithin auch das Unbedingte dadurch zugleich gegeben oder vielmehr

vorausgesetzt dass das Bedingte welches nur durch jene Reihe möglich war

gegeben ist Hier ist die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine

Synthesis des bloßen Verstandes welcher die Dinge vorstellt wie sie sind ohne

darauf zu achten ob und wie wir zur Kenntnis derselben gelangen können

Dagegen wenn ich es mit Erscheinungen zu tun habe die als bloße Vorstellungen

gar nicht gegeben sind wenn ich nicht zu ihrer Kenntnis di zu ihnen selbst

denn sie sind nichts als empirische Kenntnisse gelange so kann ich nicht in

eben der Bedeutung sagen wenn das Bedingte gegeben ist so sind auch alle

Bedingungen als Erscheinungen zu demselben gegeben und kann mithin auf die

absolute Totalität der Reihe derselben keineswegs schließen Denn die

Erscheinungen sind in der Apprehension selber nichts anders als eine

empirische Synthesis im Raume und der Zeit und sind also nur in dieser

gegeben Nun folgt es gar nicht dass wenn das Bedingte in der Erscheinung)

gegeben ist auch die Synthesis die seine empirische Bedingung ausmacht

dadurch mitgegeben und vorausgesetzt sei sondern diese findet allererst im

Regressus und niemals ohne denselben statt Aber das kann man wohl in einem

solchen Falle sagen dass ein Regressus zu den Bedingungen di eine

fortgesetzte empirische Synthesis auf dieser Seite geboten oder aufgegeben sei

und dass es nicht an Bedingungen fehlen könne die durch diesen Regressus gegeben

werden

    Hieraus erhellet dass der Obersatz des kosmologischen Vernunftschlusses das

Bedingte in transzendentaler Bedeutung einer reinen Kategorie der Untersatz

aber in empirischer Bedeutung eines auf bloße Erscheinungen angewandten

Verstandesbegriffes nehmen folglich derjenige dialektische Betrug darin

angetroffen werde den man sophisma figurae dictionis nennt Dieser Betrug ist

aber nicht erkünstelt sondern eine ganz natürliche Täuschung der gemeinen

Vernunft Denn durch dieselbe setzen wir im Obersatze die Bedingungen und ihre

Reihe gleichsam unbesehen voraus wenn etwas als bedingt gegeben ist weil

dieses nichts andres als die logische Federung ist vollständige Prämissen zu

einem gegebenen Schlusssatz anzunehmen und da ist in der Verknüpfung des

Bedingten mit seiner Bedingung keine Zeitordnung anzutreffen sie werden an

sich als zugleich gegeben vorausgesetzt Ferner ist es eben so natürlich im

Untersatze Erscheinungen als Dinge an sich und eben sowohl dem bloßen

Verstande gegebene Gegenstände anzusehen wie es im Obersatze geschah da ich

von allen Bedingungen der Anschauung unter denen allein Gegenstände gegeben

werden können abstrahierte Nun hatten wir aber hierbei einen merkwürdigen

Unterschied zwischen den Begriffen übersehen Die Synthesis des Bedingten mit

seiner Bedingung und die ganze Reihe der letzteren im Obersatze führte gar

nichts von Einschränkung durch die Zeit und keinen Begriff der Sukzession bei

sich Dagegen ist die empirische Synthesis und die Reihe der Bedingungen in der

Erscheinung die im Untersatze subsumiert wird notwendig sukzessiv und nur in

der Zeit nach einander gegeben folglich konnte ich die absolute Totalität der

Synthesis und der dadurch vorgestellten Reihe hier nicht eben so wohl als dort

voraussetzen weil dort alle Glieder der Reihe an sich ohne

Zeitbedingunggegeben sind hier aber nur durch den sukzessiven Regressus

möglich sind der nur dadurch gegeben ist dass man ihn wirklich vollführt

    Nach der Überweisung eines solchen Fehltritts des gemeinschaftlich zum

Grunde der kosmologischen Behauptungen gelegten Arguments können beide

streitende Teile mit Recht als solche die ihre Federung auf keinen gründlichen

Titel gründen abgewiesen werden Dadurch aber ist ihr Zwist noch nicht in so

fern geendigt dass sie überführt worden wären sie oder einer von beiden hätte

in der Sache selbst die er behauptet im Schlusssatz Unrecht wenn er sie

gleich nicht auf tüchtige Beweisgründe zu bauen wusste Es scheinet doch nichts

klarer als dass von zweien deren der eine behauptet die Welt hat einen Anfang

der andere die Welt hat keinen Anfang sondern sie ist von Ewigkeit her doch

einer Recht haben müsse Ist aber dieses so ist es weil die Klarheit auf

beiden Seiten gleich ist doch unmöglich jemals auszumitteln auf welcher Seite

das Recht sei und der Streit dauert nach wie vor wenn die Parteien gleich bei

dem Gerichtshofe der Vernunft zur Ruhe verwiesen worden Es bleibt also kein

Mittel übrig den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider Teile zu

endigen als dass da sie einander doch so schön widerlegen können sie endlich

überführt werden dass sie um nichts streiten und ein gewisser transzendentaler

Schein ihnen da eine Wirklichkeit vorgemalt habe wo keine anzutreffen ist

Diesen Weg der Beilegung eines nicht abzuurteilenden Streits wollen wir jetzt

einschlagen

 

                                       

 

    Der eleatische Zeno ein subtiler Dialektiker ist schon vom Plato als ein

mutwilliger Sophist darüber sehr getadelt worden dass er um seine Kunst zu

zeigen einerlei Satz durch scheinbare Argumente zu beweisen und bald darauf

durch andere eben so starke wieder umzustürzen suchte Er behauptete Gott

vermutlich war es bei ihm nichts als die Welt sei weder endlich noch

unendlich er sei weder in Bewegung noch in Ruhe sei keinem andern Dinge weder

ähnlich noch unähnlich Es schien denen die ihn hierüber beurteilten er habe

zwei einander widersprechende Sätze gänzlich ableugnen wollen welches ungereimt

ist Allein ich finde nicht dass ihm dieses mit Recht zur Last gelegt werden

könne Den ersteren dieser Sätze werde ich bald näher beleuchten Was die

übrigen betrifft wenn er unter dem Worte Gott das Universum verstand so

musste er allerdings sagen dass dieses weder in seinem Orte beharrlich

gegenwärtig in Ruhe sei noch denselben verändere sich bewege weil alle

Örter nur im Universum dieses selbst also in keinem Orte ist Wenn das Weltall

alles was existiert in sich fasst so ist es auch so fern keinem andern Dinge

weder ähnlich noch unähnlich weil es außer ihm kein anderes Ding gibt mit dem

es könnte verglichen werden Wenn zwei einander entgegengesetzte Urteile eine

unstatthafte Bedingung voraussetzen so fallen sie unerachtet ihres

Widerstreits der gleichwohl kein eigentlicher Widerspruch ist alle beide weg

weil die Bedingung wegfällt unter der allein jeder dieser Sätze gelten sollte

    Wenn jemand sagte ein jeder Körper riecht entweder gut oder er riecht

nicht gut so findet ein Drittes statt nämlich dass er gar nicht rieche

ausdufte und so können beide widerstreitende Sätze falsch sein Sage ich er

ist entweder wohlriechend oder er ist nicht wohlriechend vel suaveolens vel

non suaveolens so sind beide Urteile einander kontradiktorisch entgegengesetzt

und nur der erste ist falsch sein kontradiktorisches Gegenteil aber nämlich

einige Körper sind nicht wohlriechend befasst auch die Körper in sich die gar

nicht riechen In der vorigen Entgegenstellung per disparata blieb die

zufällige Bedingung des Begriffs der Körper der Geruch noch bei dem

widerstreitenden Urteile und wurde durch dieses also nicht mit aufgehoben

daher war das letztere nicht das kontradiktorische Gegenteil des ersteren

    Sage ich demnach die Welt ist dem Raume nach entweder unendlich oder sie

ist nicht unendlich non est infinitus so muss wenn der erstere Satz falsch

ist sein kontradiktorisches Gegenteil die Welt ist nicht unendlich wahr sein

Dadurch würde ich nur eine unendliche Welt aufheben ohne eine andere nämlich

die endliche zu setzen Hieße es aber die Welt ist entweder unendlich oder

endlich nichtunendlich so könnten beide falsch sein Denn ich sehe alsdann

die Welt als an sich selbst, ihrer Größe nach bestimmt an indem ich in dem

Gegensatz nicht bloß die Unendlichkeit aufhebe und mit ihr vielleicht ihre

ganze abgesonderte Existenz sondern eine Bestimmung zur Welt als einem an sich

selbst wirklichen Dinge hinzusetze welches eben so wohl falsch sein kann wenn

nämlich die Welt gar nicht als ein Ding an sich mithin auch nicht ihrer Größe

nach weder als unendlich noch als endlich gegeben sein sollte Man erlaube

mir dass ich dergleichen Entgegensetzung die dialektische die des Widerspruchs

aber die analytische Opposition nennen darf Also können von zwei dialektisch

einander entgegengesetzten Urteilen alle beide falsch sein darum weil eines

dem andern nicht bloß widerspricht sondern etwas mehr sagt als zum

Widerspruche erforderlich ist

    Wenn man die zwei Sätze die Welt ist der Größe nach unendlich die Welt ist

ihrer Größe nach endlich als einander kontradiktorisch entgegengesetzte

ansieht so nimmt man an dass die Welt die ganze Reihe der Erscheinungen ein

Ding an sich selbst sei Denn sie bleibt ich mag den unendlichen oder endlichen

Regressus in der Reihe ihrer Erscheinungen aufheben Nehme ich aber diese

Voraussetzung oder diesen transzendentalen Schein weg und leugne dass sie ein

Ding an sich selbst sei so verwandelt sich der kontradiktorische Widerstreit

beider Behauptungen in einen bloß dialektischen und weil die Welt gar nicht an

sich unabhängig von der regressiven Reihe meiner Vorstellungen existiert so

existiert sie weder als ein an sich unendliches noch als ein an sich endliches

Ganzes Sie ist nur im empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen und für

sich selbst gar nicht anzutreffen Daher wenn diese jederzeit bedingt istso

ist sie niemals ganz gegeben und die Welt ist also kein unbedingtes Ganzes

existiert also auch nicht als ein solches weder mit unendlicher noch endlicher

Größe

    Was hier von der ersten kosmologischen Idee nämlich der absoluten Totalität

der Größe in der Erscheinung gesagt worden gilt auch von allen übrigen Die

Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven Synthesis selbst nicht aber an

sich in der Erscheinung, als einem eigenen vor allem Regressus gegebenen Dinge

anzutreffen Daher werde ich auch sagen müssen die Menge der Teile in einer

gegebenen Erscheinung ist an sich weder endlich noch unendlich weil

Erscheinung nichts an sich selbst Existierendes ist und die Teile allererst

durch den Regressus der dekomponierenden Synthesis und in demselben gegeben

werden welcher Regressus niemals schlechthin ganz weder als endlich noch als

unendlich gegeben ist Eben das gilt von der Reihe der über einander geordneten

Ursachen oder der bedingten bis zur unbedingt notwendigen Existenz welche

niemals weder an sich ihrer Totalität nach als endlich noch als unendlich

angesehen werden kann weil sie als Reihe subordinierter Vorstellungen nur im

dynamischen Regressus besteht vor demselben aber und als für sich bestehende

Reihe von Dingen an sich selbst gar nicht existieren kann

    So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kosmologischen

Ideen gehoben dadurch dass gezeigt wird sie sei bloß dialektisch und ein

Widerstreit eines Scheins der daher entspringt dass man die Idee der absoluten

Totalität welche nur als eine Bedingung der Dinge an sich selbst gilt auf

Erscheinungen angewandt hat die nur in der Vorstellung und wenn sie eine

Reihe ausmachen im sukzessiven Regressus sonst aber gar nicht existieren Man

kann aber auch umgekehrt aus dieser Antinomie einen wahren zwar nicht

dogmatischen aber doch kritischen und doktrinalen Nutzen ziehen nämlich die

transzendentale Idealität der Erscheinungen dadurch indirekt zu beweisen wenn

jemand etwa an dem direkten Beweise in der transzendentalen Ästhetik nicht genug

hätte Der Beweis würde in diesem Dilemma bestehen Wenn die Welt ein an sich

existierendes Ganzes istso ist sie entweder endlich oder unendlich Nun ist

das erstere sowohl als das zweite falsch laut der oben angeführten Beweise der

Antithesis einer um der Thesis anderer Seits Also ist es auch falsch dass

die Welt der Inbegriff aller Erscheinungen ein an sich existierendes Ganzes

sei Woraus denn folgt dass Erscheinungen überhaupt außer unseren Vorstellungen

nichts sind welches wir eben durch die transzendentale Idealität derselben

sagen wollten

    Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit Man sieht daraus dass die obigen

Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke sondern gründlich waren

unter der Voraussetzung nämlich dass Erscheinungen oder eine Sinnenwelt die sie

insgesamt in sich begreift Dinge an sich selbst wären Der Widerstreit der

daraus gezogenen Sätze entdeckt aber dass in der Voraussetzung eine Falschheit

liege und bringt uns dadurch zu einer Entdeckung der wahren Beschaffenheit der

Dinge als Gegenstände der Sinne Die transzendentale Dialektik tut also

keineswegs dem Skeptizismus einigen Vorschub wohl aber der skeptischen Methode

welche an ihr ein Beispiel ihres großen Nutzens aufweisen kann wenn man die

Argumente der Vernunft in ihrer größten Freiheit gegen einander auftreten lässt

die ob sie gleich zuletzt nicht dasjenige was man suchte dennoch jederzeit

etwas Nützliches und zur Berichtigung unserer Urteile Dienliches liefern

werden

 
 



               



    Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maximum der Reihe

von Bedingungen in einer Sinnenwelt als einem Dinge an sich selbst, gegeben

wird sondern bloß im Regressus derselben aufgegeben werden kann so behält der

gedachte Grundsatz der reinen Vernunft, in seiner dergestalt berichtigten

Bedeutung annoch seine gute Gültigkeit zwar nicht als Axiom die Totalität im

Objekt als wirklich zu denken sondern als ein Problem für den Verstand also

für das Subjekt um der Vollständigkeit in der Idee gemäß den Regressus in der

Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten anzustellen und fortzusetzen

Denn in der Sinnlichkeit di im Raume und der Zeit ist jede Bedingung zu der

wir in der Exposition gegebener Erscheinungen gelangen können wiederum bedingt

weil diese keine Gegenstände an sich selbst sind an denen allenfalls das

Schlechthinunbedingte stattfinden könnte sondern bloß empirische Vorstellungen

die jederzeit in der Anschauung ihre Bedingung finden müssen welche sie dem

Raume oder der Zeit nach bestimmt Der Grundsatz der Vernunft also ist

eigentlich nur eine Regel welche in der Reihe der Bedingungen gegebener

Erscheinungen einen Regressus gebietet dem es niemals erlaubt ist bei einem

Schlechthinunbedingten stehen zu bleiben Er ist also kein Principium der

Möglichkeit der Erfahrung und der empirischen Erkenntnis der Gegenstände der

Sinne mithin kein Grundsatz des Verstandes denn jede Erfahrung ist in ihren

Grenzen der gegebenen Anschauung gemäß eingeschlossen auch kein konstitutives

Prinzip der Vernunft den Begriff der Sinnenwelt über alle mögliche Erfahrung zu

erweitern sondern ein Grundsatz der größtmöglichen Fortsetzung und Erweiterung

der Erfahrung nach welchem keine empirische Grenze für absolute Grenze gelten

muss also ein Principium der Vernunft welches als Regel postuliert was von

uns im Regressus geschehen soll und nicht antizipiert was im Objekte vor allem

Regressus an sich gegeben ist Daher nenne ich es ein regulatives Prinzip der

Vernunft da hingegen der Grundsatz der absoluten Totalität der Reihe der

Bedingungen als im Objekte den Erscheinungen an sich selbst gegeben ein

konstitutives kosmologisches Prinzip sein würde dessen Nichtigkeit ich eben

durch diese Unterscheidung habe anzeigen und dadurch verhindern wollen dass man

nicht wie sonst unvermeidlich geschieht durch transzendentale Subreption

einer Idee welche bloß zur Regel dient objektive Realität beimesse

    Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu bestimmen so

ist zuvörderst zu bemerken dass sie nicht sagen könne was das Objekt sei

sondern wie der empirische Regressus anzustellen sei um zu dem vollständigen

Begriffe des Objekts zu gelangen Denn fände das erstere statt so würde sie

ein konstitutives Principium sein dergleichen aus reiner Vernunft niemals

möglich ist Man kann also damit keineswegs die Absicht haben zu sagen die

Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten sei an sich endlich oder

unendlich denn dadurch würde eine bloße Idee der absoluten Totalität die

lediglich in ihr selbst geschaffen ist einen Gegenstand denken der in keiner

Erfahrung gegeben werden kann, indem einer Reihe von Erscheinungen eine von der

empirischen Synthesis unabhängige objektive Realität erteilet würde Die

Vernunftidee wird also nur der regressiven Synthesis in der Reihe der

Bedingungen eine Regel vorschreiben nach welcher sie vom Bedingten vermittelst

aller einander untergeordneten Bedingungen zum Unbedingten fortgeht obgleich

dieses niemals erreicht wird Denn das Schlechthinunbedingte wird in der

Erfahrung gar nicht angetroffen

    Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe so fern sie

niemals vollständig ist genau zu bestimmen Man bedient sich in dieser Absicht

gewöhnlich zweier Ausdrücke die darin etwas unterscheiden sollen ohne dass man

doch den Grund dieser Unterscheidung recht anzugeben weiß Die Mathematiker

sprechen lediglich von einem progressus in infinitum Die Forscher der Begriffe

Philosophen wollen an dessen statt nur den Ausdruck von einem progressus in

indefinitum gelten lassen Ohne mich bei der Prüfung der Bedenklichkeit die

diesen eine solche Unterscheidung angeraten hat und dem guten oder fruchtlosen

Gebrauch derselben aufzuhalten will ich diese Begriffe in Beziehung auf meine

Absicht genau zu bestimmen suchen

    Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen sie könne ins Unendliche

verlängert werden und hier würde die Unterscheidung des Unendlichen und des

unbestimmbar weiten Fortgangs progressus in indefinitum eine leere Subtilität

sein Denn obgleich wenn es heißt ziehet eine Linie fort es freilich

richtiger lautet wenn man hinzu setzt in indefinitum als wenn es heißt in

infinitum weil das erstere nicht mehr bedeutet als verlängert sie so weit

ihr wollet das zweite aber ihr sollt niemals aufhören sie zu verlängern

welches hierbei eben nicht die Absicht ist): so ist doch wenn nur vom Können

die Rede ist der erstere Ausdruck ganz richtig denn ihr könnt sie ins

Unendliche immer größer machen Und so verhält es sich auch in allen Fällen, wo

man nur vom Progressus di dem Fortgange von der Bedingung zum Bedingten

spricht dieser mögliche Fortgang geht in der Reihe der Erscheinungen ins

Unendliche Von einem Elternpaar könnt ihr in absteigender Linie der Zeugung

ohne Ende fortgehen und euch auch ganz wohl denken dass sie wirklich in der Welt

so fortgehe Denn hier bedarf die Vernunft niemals absolute Totalität der Reihe

weil sie solche nicht als Bedingung und wie gegeben datum vorausgesetzt

sondern nur als was Bedingtes das nur angeblich dabile ist und ohne Ende

hinzugesetzt wird

    Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt wie weit sich der Regressus der

von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer Reihe aufsteigt

erstrecke ob ich sagen könne er sei ein Rückgang ins Unendliche oder nur ein

unbestimmbar weit in indefinitum sich erstreckender Rückgang und ob ich also

von den jetztlebenden Menschen in der Reihe ihrer Voreltern ins Unendliche

aufwärts steigen könne oder ob nur gesagt werden könne dass so weit ich auch

zurückgegangen bin niemals ein empirischer Grund angetroffen werde die Reihe

irgendwo für begrenzt zu halten so dass ich berechtigt und zugleich verbunden

bin zu jedem der Urväter noch fernerhin seinen Vorfahren aufzusuchen obgleich

eben nicht vorauszusetzen

    Ich sage demnach wenn das Ganze in der empirischen Anschauung gegeben

worden so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Bedingungen ins

Unendliche Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben von welchem der Regressus

zur absoluten Totalität allererst fortgehen soll so findet nur ein Rückgang in

unbestimmte Weite in indefinitum statt So muss von der Teilung einer zwischen

ihren Grenzen gegebenen Materie eines Körpers gesagt werden sie gehe ins

Unendliche Denn diese Materie ist ganz folglich mit allen ihren möglichen

Teilen in der empirischen Anschauung gegeben Da nun die Bedingung dieses

Ganzen sein Teil und die Bedingung dieses Teils der Teil vom Teile usw ist

und in diesem Regressus der Dekomposition niemals ein unbedingtes unteilbares

Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird so ist nicht allein nirgend

ein empirischer Grund in der Teilung aufzuhören sondern die ferneren Glieder

der fortzusetzenden Teilung sind selbst vor dieser weitergehenden Teilung

empirisch gegeben di die Teilung geht ins Unendliche Dagegen ist die Reihe

der Voreltern zu einem gegebenen Menschen in keiner möglichen Erfahrung in

ihrer absoluten Totalität gegeben der Regressus aber geht doch von jedem

Gliede dieser Zeugung zu einem höheren so dass keine empirische Grenze

anzutreffen ist die ein Glied als schlechthin unbedingt darstellte Da aber

gleichwohl auch die Glieder die hierzu die Bedingung abgeben könnten nicht in

der empirischen Anschauung des Ganzen schon vor dem Regressus liegen so geht

dieser nicht ins Unendliche der Teilung des Gegebenen sondern in

unbestimmbare Weite der Aufsuchung mehrerer Glieder zu den gegebenen die

wiederum jederzeit nur bedingt gegeben sind

    In keinem von beiden Fällen sowohl dem regressus in infinitum als dem in

indefinitum wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im Objekt gegeben

angesehen Es sind nicht Dinge die an sich selbst, sondern nur Erscheinungen

die als Bedingungen von einander nur im Regressus selbst gegeben werden Also

ist die Frage nicht mehr wie groß diese Reihe der Bedingungen an sich selbst

sei ob endlich oder unendlich denn sie ist nichts an sich selbst, sondern wie

wir den empirischen Regressus anstellen und wie weit wir ihn fortsetzen sollen

Und da ist denn ein namhafter Unterschied in Ansehung der Regel dieses

Fortschritts Wenn das Ganze empirisch gegeben worden so ist es möglich ins

Unendliche in der Reihe seiner inneren Bedingungen zurück zu gehen Ist jenes

aber nicht gegeben sondern soll durch empirischen Regressus allererst gegeben

werden so kann ich nur sagen es ist ins Unendliche möglich zu noch höheren

Bedingungen der Reihe fortzugehen Im ersteren Falle konnte ich sagen es sind

immer mehr Glieder da und empirisch gegeben als ich durch den Regressus der

Dekomposition erreiche im zweiten aber ich kann im Regressus noch immer

weiter gehen weil kein Glied als schlechthin unbedingt empirisch gegeben ist

und also noch immer ein höheres Glied als möglich und mithin die Nachfrage nach

demselben als notwendig zulässt Dort war es notwendig mehr Glieder der Reihe

anzutreffen hier aber ist es immer notwendig nach mehreren zu fragen weil

keine Erfahrung absolut begrenzt Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung die

euren empirischen Regressus schlechthin begrenzt und denn müsst ihr euren

Regressus nicht für vollendet halten oder habt eine solche eure Reihe

begrenzende Wahrnehmung so kann diese nicht ein Teil eurer zurückgelegten Reihe

sein weil das was begrenzt von dem was dadurch begrenzt wird unterschieden

sein muss und ihr müsst also euren Regressus auch zu dieser Bedingung weiter

fortsetzen und so fortan

    Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung in ihr

gehöriges Licht setzen

 
 



              



    Da es wie wir mehrmalen gezeigt haben keinen transzendentalen Gebrauch so

wenig von reinen Verstandes als Vernunftbegriffen gibt da die absolute

Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt sich lediglich auf einen

transzendentalen Gebrauch der Vernunft fußet welche diese unbedingte

Vollständigkeit von demjenigen fordert was sie als Ding an sich selbst

voraussetzt da die Sinnenwelt aber dergleichen nicht enthält so kann die Rede

niemals mehr von der absoluten Größe der Reihen in derselben sein ob sie

begrenzt oder an sich unbegrenzt sein mögen sondern nur wie weit wir im

empirischen Regressus bei Zurückführung der Erfahrung auf ihre Bedingungen

zurückgehen sollen um nach der Regel der Vernunft bei keiner andern als dem

Gegenstande angemessenen Beantwortung der Fragen derselben stehen zu bleiben

    Es ist also nur die Gültigkeit des Vernunftprinzips als einer Regel der

Fortsetzung und Größe einer möglichen Erfahrung die uns allein übrig bleibt

nachdem seine Ungültigkeit als eines konstitutiven Grundsatzes der

Erscheinungen an sich selbst, hinlänglich dargetan worden Auch wird wenn wir

jene ungezweifelt vor Augen legen können der Streit der Vernunft mit sich

selbst völlig geendigt indem nicht allein durch kritische Auflösung der Schein

der sie mit sich entzweite aufgehoben worden sondern an dessen Statt der

Sinn in welchem sie mit sich selbst zusammenstimmt und dessen Missdeutung allein

den Streit veranlasste aufgeschlossen und ein sonst dialektischer Grundsatz in

einen doktrinalen verwandelt wird In der Tat, wenn dieser seiner subjektiven

Bedeutung nach den größtmöglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung den

Gegenständen derselben angemessen zu bestimmen bewähret werden kann so ist es

gerade eben so viel als ob er wie ein Axiom welches aus reiner Vernunft

unmöglich ist die Gegenstände an sich selbst a priori bestimmte denn auch

dieses könnte in Ansehung der Objekte der Erfahrung keinen größeren Einfluss auf

die Erweiterung und Berichtigung unserer Erkenntnis haben als dass es sich in

dem ausgebreitetsten Erfahrungsgebrauche unseres Verstandes tätig bewiese

 
 



 



    So wohl hier als bei den übrigen kosmologischen Fragen ist der Grund des

regulativen Prinzips der Vernunft der Satz dass im empirischen Regressus keine

Erfahrung von einer absoluten Grenze mithin von keiner Bedingung als einer

solchen die empirisch schlechthin unbedingt sei angetroffen werden könne Der

Grund davon aber ist dass eine dergleichen Erfahrung eine Begrenzung der

Erscheinungen durch Nichts oder das Leere darauf der fortgeführte Regressus

vermittelst einer Wahrnehmung stoßen könnte in sich enthalten müsste welches

unmöglich ist

    Dieser Satz nun der eben so viel sagt als dass ich im empirischen

Regressus jederzeit nur zu einer Bedingung gelange die selbst wiederum als

empirisch bedingt angesehen werden muss enthält die Regel in terminis dass so

weit ich auch damit in der aufsteigenden Reihe gekommen sein möge ich jederzeit

nach einem höheren Gliede der Reihe fragen müsse es mag mir dieses nun durch

Erfahrung bekannt werden oder nicht

    Nun ist zur Auflösung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts weiter nötig

als noch auszumachen ob in dem Regressus zu der unbedingten Größe des

Weltganzen der Zeit und dem Raume nach dieses niemals begrenzte Aufsteigen ein

Rückgang ins Unendliche heißen könne oder nur ein unbestimmbar fortgesetzter

Regressus in indefinitum

    Die bloße allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen Weltzustände

imgleichen der Dinge welche im Weltraume zugleich sind ist selbst nichts

anders als ein möglicher empirischer Regressus den ich mir obzwar noch

unbestimmt denke und wodurch der Begriff einer solchen Reihe von Bedingungen

zu der gegebenen Wahrnehmung allein entstehen kann55 Nun habe ich das Weltganze

jederzeit nur im Begriffe keineswegs aber als Ganzes in der Anschauung. Also

kann ich nicht von seiner Größe auf die Größe des Regressus schließen und diese

jener gemäß bestimmen sondern ich muss mir allererst einen Begriff von der

Weltgröße durch die Größe des empirischen Regressus machen Von diesem aber weiß

ich niemals etwas mehr als dass ich von jedem gegebenen Gliede der Reihe von

Bedingungen immer noch zu einem höheren entfernteren Gliede empirisch

fortgehen müsse Also ist dadurch die Größe des Ganzen der Erscheinungen gar

nicht schlechthin bestimmt mithin kann man auch nicht sagen dass dieser

Regressus ins Unendliche gehe weil dieses die Glieder dahin der Regressus noch

nicht gelanget ist antizipieren und ihre Menge so groß vorstellen würde dass

keine empirische Synthesis dazu gelangen kann folglich die Weltgröße vor dem

Regressus wenn gleich nur negativ bestimmen würde welches unmöglich ist Denn

diese ist mir durch keine Anschauung ihrer Totalität nach mithin auch ihre

Größe vor dem Regressus gar nicht gegeben Demnach können wir von der Weltgröße

an sich gar nichts sagen auch nicht einmal dass in ihr ein regressus in

infinitum stattfinde sondern müssen nur nach der Regel die den empirischen

Regressus in ihr bestimmt den Begriff von ihrer Größe suchen Diese Regel aber

sagt nichts mehr als dass so weit wir auch in der Reihe der empirischen

Bedingungen gekommen sein mögen wir nirgend eine absolute Grenze annehmen

sollen sondern jede Erscheinung als bedingt einer andern als ihrer

Bedingung unterordnen zu dieser also ferner fortschreiten müssen welches der

regressus in indefinitum ist der weil er keine Größe im Objekt bestimmt von

dem in infinitum deutlich genug zu unterscheiden ist

    Ich kann demnach nicht sagen die Welt ist der vergangenen Zeit oder dem

Raume nach unendlich Denn dergleichen Begriff von Größe als einer gegebenen

Unendlichkeit ist empirisch mithin auch in Ansehung der Welt als eines

Gegenstandes der Sinne schlechterdings unmöglich Ich werde auch nicht sagen

der Regressus von einer gegebenen Wahrnehmung an zu allen dem was diese im

Raume so wohl als der vergangenen Zeit in einer Reihe begrenzt geht ins

Unendliche denn dieses setzt die unendliche Weltgröße voraus auch nicht sie

ist endlich denn die absolute Grenze ist gleichfalls empirisch unmöglich

Demnach werde ich nichts von dem ganzen Gegenstande der Erfahrung der

Sinnenwelt sondern nur von der Regel nach welcher Erfahrung ihrem

Gegenstande angemessen angestellt und fortgesetzt werden soll sagen können

    Auf die kosmologische Frage also wegen der Weltgröße ist die erste und

negative Antwort die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und keine äußerste

Grenze dem Raume nach

    Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer und

durch den leeren Raum anderer Seits begrenzt sein Da sie nun als

Erscheinung keines von beiden an sich selbst sein kann denn Erscheinung ist

kein Ding an sich selbst, so müsste eine Wahrnehmung der Begrenzung durch

schlechthin leere Zeit oder leeren Raum möglich sein durch welche diese

Weltenden in einer möglichen Erfahrung gegeben wären Eine solche Erfahrung

aber als völlig leer an Inhalt ist unmöglich Also ist eine absolute

Weltgrenze empirisch mithin auch schlechterdings unmöglich 56

    Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort der Regressus in der

Reihe der Welterscheinungen als eine Bestimmung der Weltgröße geht in

indefinitum welches eben so viel sagt als die Sinnenwelt hat keine absolute

Große sondern der empirische Regressus wodurch sie auf der Seite ihrer

Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine Regel nämlich von einem jeden

Gliede der Reihe als einem Bedingten jederzeit zu einem noch entfernteren es

sei durch eigene Erfahrung oder den Leitfaden der Geschichte oder die Kette

der Wirkungen und ihrer Ursachen fortzuschreiten und sich der Erweiterung des

möglichen empirischen Gebrauchs seines Verstandes nirgend zu überheben welches

denn auch das eigentliche und einzige Geschäfte der Vernunft bei ihren

Prinzipien ist

    Ein bestimmter empirischer Regressus der in einer gewissen Art von

Erscheinungen ohne Aufhören fortginge wird hierdurch nicht vorgeschrieben zB

dass man von einem lebenden Menschen immer in einer Reihe von Voreltern aufwärts

steigen müsse ohne ein erstes Paar zu erwarten oder in der Reihe der

Weltkörper ohne eine äußerste Sonne zuzulassen sondern es wird nur der

Fortschritt von Erscheinungen zu Erscheinungen geboten sollten diese auch keine

wirkliche Wahrnehmung wenn sie dem Grade nach für unser Bewusstsein zu schwach

ist um Erfahrung zu werden abgeben weil sie dem ungeachtet doch zur möglichen

Erfahrung gehören

    Aller Anfang ist in der Zeit und alle Grenze des Ausgedehnten im Raume

Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt Mithin sind nur Erscheinungen in

der Welt bedingterweise die Welt aber selbst weder bedingt noch auf unbedingte

Art begrenzt

    Eben um deswillen und da die Welt niemals ganz und selbst die Reihe der

Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht als Weltreihe ganz gegeben

werden kann, ist der Begriff von der Weltgröße nur durch den Regressus und

nicht vor demselben in einer kollektiven Anschauung gegeben Jener besteht aber

immer nur im Bestimmen der Größe und gibt also keinen bestimmten Begriff also

auch keinen Begriff von einer Größe die in Ansehung eines gewissen Maßes

unendlich wäre geht also nicht ins Unendliche gleichsam gegebene sondern in

unbestimmte Weite um eine Größe der Erfahrung zu geben die allererst durch

diesen Regressus wirklich wird

 
 





    Wenn ich ein Ganzes das in der Anschauung gegeben ist teile so gehe ich

von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit Die Teilung der Teile

subdivisio oder decompositio ist ein Regressus in der Reihe dieser

Bedingungen Die absolute Totalität dieser Reihe würde nur alsdann gegeben sein

wenn der Regressus bis zu einfachen Teilen gelangen könnte Sind aber alle Teile

in einer kontinuierlich fortgehenden Dekomposition immer wiederum teilbar so

geht die Teilung di der Regressus von dem Bedingten zu seinen Bedingungen in

infinitum weil die Bedingungen die Teile in dem Bedingten selbst enthalten

sind und da dieses in einer zwischen seinen Grenzen eingeschlossenen

Anschauung ganz gegeben ist insgesamt auch mit gegeben sind Der Regressus darf

also nicht bloß ein Rückgang in indefinitum genannt werden wie es die vorige

kosmologische Idee allein erlaubte da ich vom Bedingten zu seinen Bedingungen

die außer demselben mithin nicht dadurch zugleich mit gegeben waren sondern

die im empirischen Regressus allererst hinzu kamen fortgehen sollte Diesem

ungeachtet ist es doch keineswegs erlaubt von einem solchen Ganzen das ins

Unendliche teilbar ist zu sagen es bestehe aus unendlich viel Teilen Denn

obgleich alle Teile in der Anschauung des Ganzen enthalten sind so ist doch

darin nicht die ganze Teilung enthalten welche nur in der fortgehenden

Dekomposition oder dem Regressus selbst besteht der die Reihe allererst

wirklich macht Da dieser Regressus nun unendlich ist so sind zwar alle Glieder

Teile zu denen er gelangt in dem gegebenen Ganzen als Aggregate enthalten

aber nicht die ganze Reihe der Teilung welche sukzessivunendlich und niemals

ganz ist folglich keine unendliche Menge und keine Zusammennehmung derselben

in einem Ganzen darstellen kann

    Diese allgemeine Erinnerung lässt sich zuerst sehr leicht auf den Raum

anwenden Ein jeder in seinen Grenzen angeschauter Raum ist ein solches Ganzes

dessen Teile bei aller Dekomposition immer wiederum Räume sind und ist daher

ins Unendliche teilbar

    Hieraus folgt auch ganz natürlich die zweite Anwendung auf eine in ihren

Grenzen eingeschlossene äußere Erscheinung Körper Die Teilbarkeit desselben

gründet sich auf die Teilbarkeit des Raumes der die Möglichkeit des Körpers

als eines ausgedehnten Ganzen ausmacht Dieser ist also ins Unendliche teilbar

ohne doch darum aus unendlich viel Teilen zu bestehen

    Es scheinet zwar dass da ein Körper als Substanz im Raume vorgestellt

werden muss er was das Gesetz der Teilbarkeit des Raumes betrifft hierin von

diesem unterschieden sein werde denn man kann es allenfalls wohl zugeben dass

die Dekomposition im letzteren niemals alle Zusammensetzung wegschaffen könne

indem alsdann so gar aller Raum der sonst nichts Selbständiges hat aufhören

würde welches unmöglich ist allein dass wenn alle Zusammensetzung der Materie

in Gedanken aufgehoben würde gar nichts übrig bleiben solle scheint sich nicht

mit dem Begriffe einer Substanz vereinigen zu lassen die eigentlich das Subjekt

aller Zusammensetzung sein sollte und in ihren Elementen übrig bleiben müsste

wenn gleich die Verknüpfung derselben im Raume dadurch sie einen Körper

ausmachen aufgehoben wäre Allein mit dem was in der Erscheinung Substanz

heißt ist es nicht so bewandt als man es wohl von einem Dinge an sich selbst

durch reinen Verstandesbegriff denken würde Jenes ist nicht absolutes Subjekt

sondern beharrliches Bild der Sinnlichkeit und nichts als Anschauung in der

überall nichts Unbedingtes angetroffen wird

    Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins Unendliche bei der

Subdivision einer Erscheinung als einer bloßen Erfüllung des Raumes ohne allen

Zweifel stattfindet so kann sie doch nicht gelten wenn wir sie auch auf die

Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen Ganzen schon abgesonderten Teile

dadurch diese ein quantum discretum ausmachen erstrecken wollen Annehmen dass

in jedem gegliederten organisierten Ganzen ein jeder Teil wiederum gegliedert

sei und dass man auf solche Art bei Zerlegung der Teile ins Unendliche immer

neue Kunstteile antreffe mit einem Worte dass das Ganze ins Unendliche

gegliedert sei will sich gar nicht denken lassen obzwar wohl dass die Teile

der Materie bei ihrer Dekomposition ins Unendliche gegliedert werden könnten

Denn die Unendlichkeit der Teilung einer gegebenen Erscheinung im Raume gründet

sich allein darauf dass durch diese bloß die Teilbarkeit di eine an sich

schlechthin unbestimmte Menge von Teilen gegeben ist die Teile selbst aber nur

durch die Subdivision gegeben und bestimmet werden kurz dass das Ganze nicht an

sich selbst schon eingeteilt ist Daher die Teilung eine Menge in demselben

bestimmen kann die so weit geht als man im Regressus der Teilung fortschreiten

will Dagegen wird bei einem ins Unendliche gegliederten organischen Körper das

Ganze eben durch diesen Begriff schon als eingeteilt vorgestellt und eine an

sich selbst bestimmte aber unendliche Menge der Teile vor allem Regressus der

Teilung in ihm angetroffen wodurch man sich selbst widerspricht indem diese

unendliche Einwickelung als eine niemals zu vollendende Reihe unendlich und

gleichwohl doch in einer Zusammennehmung als vollendet angesehen wird Die

unendliche Teilung bezeichnet nur die Erscheinung als quantum continuum und ist

von der Erfüllung des Raumes unzertrennlich weil eben in derselben der Grund

der unendlichen Teilbarkeit liegt So bald aber etwas als quantum discretum

angenommen wird so ist die Menge der Einheiten darin bestimmt daher auch

jederzeit einer Zahl gleich Wie weit also die Organisierung in einem

gegliederten Körper gehen möge kann nur die Erfahrung ausmachen und wenn sie

gleich mit Gewissheit zu keinem unorganischen Teile gelangte so müssen solche

doch wenigstens in der möglichen Erfahrung liegen Aber wie weit sich die

transzendentale Teilung einer Erscheinung überhaupt erstrecke ist gar keine

Sache der Erfahrung sondern ein Principium der Vernunft den empirischen

Regressus in der Dekomposition des Ausgedehnten der Natur dieser Erscheinung

gemäß niemals für schlechthin vollendet zu halten

 

                                       

                                        

                                        



 



      



    Als wir die Antinomie der reinen Vernunft durch alle transzendentale Ideen

in einer Tafel vorstellten da wir den Grund dieses Widerstreits und das

einzige Mittel ihn zu heben anzeigten welches darin bestand dass beide

entgegengesetzte Behauptungen für falsch erklärt wurden so haben wir

allenthalben die Bedingungen als zu ihrem Bedingten nach Verhältnissen des

Raumes und der Zeit gehörig vorgestellt welches die gewöhnliche Voraussetzung

des gemeinen Menschenverstandes ist worauf denn auch jener Widerstreit gänzlich

beruhte In dieser Rücksicht waren auch alle dialektische Vorstellungen der

Totalität in der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten durch und

durch von gleicher Art Es war immer eine Reihe in welcher die Bedingung mit

dem Bedingten als Glieder derselben verknüpft und dadurch gleichartig waren

da denn der Regressus niemals vollendet gedacht oder wenn dieses geschehen

sollte ein an sich bedingtes Glied fälschlich als ein erstes mithin als

unbedingt angenommen werden müsste Es würde also zwar nicht allerwärts das

Objekt di das Bedingte aber doch die Reihe der Bedingungen zu demselben

bloß ihrer Größe nach erwogen und da bestand die Schwierigkeit die durch

keinen Vergleich sondern durch gänzliche Abschneidung des Knotens allein

gehoben werden konnte darin dass die Vernunft es dem Verstande entweder zu lang

oder zu kurz machte so dass dieser ihrer Idee niemals gleich kommen konnte

    Wir haben aber hierbei einen wesentlichen Unterschied übersehen der unter

den Objekten di den Verstandesbegriffen herrscht welche die Vernunft zu

Ideen zu erheben trachtet da nämlich nach unserer obigen Tafel der Kategorien

zwei derselben mathematische die zwei übrigen aber eine dynamische Synthesis

der Erscheinungen bedeuten Bis hierher konnte dieses auch gar wohl geschehen

indem so wie wir in der allgemeinen Vorstellung aller transzendentalen Ideen

immer nur unter Bedingungen in der Erscheinung blieben eben so auch in den

zweien mathematischtranszendentalen keinen andern Gegenstand als den in der

Erscheinung hatten Jetzt aber da wir zu dynamischen Begriffen des Verstandes

so fern sie der Vernunftidee anpassen sollen fortgehen wird jene

Unterscheidung wichtig und eröffnet uns eine ganz neue Aussicht in Ansehung des

Streithandels darin die Vernunft verflochten ist und welcher da er vorher

als auf beiderseitige falsche Voraussetzungen gebaut abgewiesen worden jetzt

da vielleicht in der dynamischen Antinomie eine solche Voraussetzung

stattfindet die mit der Prätension der Vernunft zusammen bestehen kann aus

diesem Gesichtspunkte und da der Richter den Mangel der Rechtsgründe die man

beiderseits verkannt hatte ergänzt zu beider Teile Genugtuung verglichen

werden kann welches sich bei dem Streite in der mathematischen Antinomie nicht

tun ließ

    Die Reihen der Bedingungen sind freilich in so fern alle gleichartig als

man lediglich auf die Erstreckung derselben sieht ob sie der Idee angemessen

sind oder ob diese für jene zu groß oder zu klein sein Allein der

Verstandesbegriff der diesen Ideen zum Grunde liegt enthält entweder lediglich

eine Synthesis des Gleichartigen welches bei jeder Größe in der

Zusammensetzung sowohl als Teilung derselben vorausgesetzt wird oder auch des

Ungleichartigen welches in der dynamischen Synthesis der Kausalverbindung so

wohl als der des Notwendigen mit dem Zufälligen wenigstens zugelassen werden

kann

    Daher kommt es dass in der mathematischen Verknüpfung der Reihen der

Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hinein kommen kann di eine

solche die selbst ein Teil der Reihe ist da hingegen die dynamische Reihe

sinnlicher Bedingungen doch noch eine ungleichartige Bedingung zulässt die nicht

ein Teil der Reihe ist sondern als bloß intelligibel  außer der Reihe liegt

wodurch denn der Vernunft ein Genüge getan und das Unbedingte den Erscheinungen

vorgesetzt wird ohne die Reihe der letzteren als jederzeit bedingt dadurch zu

verwirren und den Verstandesgrundsätzen zuwider abzubrechen

    Dadurch nun dass die dynamischen Ideen eine Bedingung der Erscheinungen

außer der Reihe derselben di eine solche die selbst nicht Erscheinung ist

zulassen geschieht etwas was von dem Erfolg der Antinomie gänzlich

unterschieden ist Diese nämlich verursachte dass beide dialektische

Gegenbehauptungen für falsch erklärt werden mussten Dagegen das

Durchgängigbedingte der dynamischen Reihen welches von ihnen als Erscheinungen

unzertrennlich ist mit der zwar empirisch unbedingten aber auch nichtsinnlichen

Bedingung verknüpft dem Verstande einer Seits und der Vernunft anderer Seits57

Genüge leisten und indem die dialektischen Argumente welche unbedingte

Totalität in bloßen Erscheinungen auf eine oder andere Art suchten wegfallen

dagegen die Vernunftsätze in der auf solche Weise berichtigten Bedeutung alle

beide wahr sein können welches bei den kosmologischen Ideen die bloß

mathematisch unbedingte Einheit betreffen niemals stattfinden kann weil bei

ihnen keine Bedingung der Reihe der Erscheinungen angetroffen wird als die auch

selbst Erscheinung ist und als solche mit ein Glied der Reihe ausmacht

 
 





    Man kann sich nur zweierlei Kausalität in Ansehung dessen was geschieht

denken entweder nach der Natur oder aus Freiheit Die erste ist die

Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der Sinnenwelt worauf jener

nach einer Regel folgt Da nun die Kausalität der Erscheinungen auf

Zeitbedingungen beruht und der vorige Zustand wenn er jederzeit gewesen wäre

auch keine Wirkung die allererst in der Zeit entspringt hervorgebracht hätte

so ist die Kausalität der Ursache dessen was geschieht oder entsteht auch

entstanden und bedarf nach dem Verstandesgrundsatze selbst wiederum eine

Ursache

    Dagegen verstehe ich unter Freiheit im kosmologischen Verstande das

Vermögen einen Zustand von selbst anzufangen deren Kausalität also nicht nach

dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache steht welche sie der Zeit

nach bestimmte Die Freiheit ist in dieser Bedeutung eine reine transzendentale

Idee die erstlich nichts von der Erfahrung Entlehntes enthält zweitens deren

Gegenstand auch in keiner Erfahrung bestimmt gegeben werden kann, weil es ein

allgemeines Gesetz selbst der Möglichkeit aller Erfahrung ist dass alles was

geschieht eine Ursache mithin auch die Kausalität der Ursache die selbst

geschehen oder entstanden wiederum eine Ursache haben müsse wodurch denn das

ganze Feld der Erfahrung so weit es sich erstrecken mag in einen Inbegriff

bloßer Natur verwandelt wird Da aber auf solche Weise keine absolute Totalität

der Bedingungen im Kausalverhältnisse heraus zu bekommen ist so schafft sich

die Vernunft die Idee von einer Spontaneität die von selbst anheben könne zu

handeln ohne dass eine andere Ursache vorangeschickt werden dürfe sie wiederum

nach dem Gesetze der Kausalverknüpfung zur Handlung zu bestimmen

    Es ist überaus merkwürdig dass auf diese transzendentale Idee der Freiheit

sich der praktische Begriff derselben gründe und jene in dieser das eigentliche

Moment der Schwierigkeiten ausmache welche die Frage über ihre Möglichkeit von

jeher umgeben haben Die Freiheit im praktischen Verstande ist die

Unabhängigkeit der Willkür von der Nötigung durch Antriebe der Sinnlichkeit

Denn eine Willkür ist sinnlich so fern sie pathologisch durch Bewegursachen

der Sinnlichkeit affiziert ist sie heißt tierisch arbitrium brutum wenn sie

pathologisch nezessitiert werden kann Die menschliche Willkür ist zwar ein

arbitrium sensitivum aber nicht brutum sondern liberum weil Sinnlichkeit ihre

Handlung nicht notwendig macht sondern dem Menschen ein Vermögen beiwohnt

sich unabhängig von der Nötigung durch sinnliche Antriebe von selbst zu

bestimmen

    Man sieht leicht dass wenn alle Kausalität in der Sinnenwelt bloß Natur

wäre so würde jede Begebenheit durch eine andere in der Zeit nach notwendigen

Gesetzen bestimmt sein und mithin da die Erscheinungen so fern sie die

Willkür bestimmen jede Handlung als ihren natürlichen Erfolg notwendig machen

müssten so würde die Aufhebung der transzendentalen Freiheit zugleich alle

praktische Freiheit vertilgen Denn diese setzt voraus dass obgleich etwas

nicht geschehen ist es doch habe geschehen sollen und seine Ursache in der

Erscheinung also nicht so bestimmend war dass nicht in unserer Willkür eine

Kausalität liege unabhängig von jenen Naturursachen und selbst wider ihre

Gewalt und Einfluss etwas hervorzubringen was in der Zeitordnung nach

empirischen Gesetzen bestimmt ist mithin eine Reihe von Begebenheiten ganz von

selbst anzufangen

    Es geschieht also hier was überhaupt in dem Widerstreit einer sich über die

Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagenden Vernunft angetroffen wird dass die

Aufgabe eigentlich nicht physiologisch sondern transzendental ist Daher die

Frage von der Möglichkeit der Freiheit die Psychologie zwar anficht aber da

sie auf dialektischen Argumenten der bloß reinen Vernunft beruht samt ihrer

Auflösung lediglich die Transzendentalphilosophie beschäftigen muss Um nun

diese welche eine befriedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann dazu in

Stand zu setzen muss ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser Aufgabe durch eine

Bemerkung näher zu bestimmen suchen

    Wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären mithin Raum und Zeit Formen

des Daseins der Dinge an sich selbst: so würden die Bedingungen mit dem

Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben Reihe gehören und daraus

auch in gegenwärtigem Falle die Antinomie entspringen die allen

transzendentalen Ideen gemein ist dass diese Reihe unvermeidlich für den

Verstand zu groß oder zu klein ausfallen müsste Die dynamischen

Vernunftbegriffe aber mit denen wir uns in dieser und der folgenden Nummer

beschäftigen haben dieses Besondere dass da sie es nicht mit einem

Gegenstande als Größe betrachtet sondern nur mit seinem Dasein zu tun haben

man auch von der Größe der Reihe der Bedingungen abstrahieren kann und es bei

ihnen bloß auf das dynamische Verhältnis der Bedingung zum Bedingten ankommt

so dass wir in der Frage über Natur und Freiheit schon die Schwierigkeit

antreffen ob Freiheit überall nur möglich sei und ob wenn sie es ist sie mit

der Allgemeinheit des Naturgesetzes der Kausalität zusammen bestehen könne

mithin ob es ein richtigdisjunktiver Satz sei dass eine jede Wirkung in der Welt

entweder aus Natur oder aus Freiheit entspringen müsse oder ob nicht vielmehr

beides in verschiedener Beziehung bei einer und derselben Begebenheit zugleich

stattfinden könne Die Richtigkeit jenes Grundsatzes von dem durchgängigen

Zusammenhange aller Begebenheiten der Sinnenwelt nach unwandelbaren

Naturgesetzen steht schon als ein Grundsatz der transzendentalen Analytik fest

und leidet keinen Abbruch Es ist also nur die Frage ob dem ungeachtet in

Ansehung eben derselben Wirkung die nach der Natur bestimmt ist auch Freiheit

stattfinden könne oder diese durch jene unverletzliche Regel völlig

ausgeschlossen sei Und hier zeigt die zwar gemeine aller betrügliche

Voraussetzung der absoluten Realität der Erscheinungen sogleich ihren

nachteiligen Einfluss die Vernunft zu verwirren Denn sind Erscheinungen Dinge

an sich selbst, so ist Freiheit nicht zu retten Alsdenn ist Natur die

vollständige und an sich hinreichend bestimmende Ursache jeder Begebenheit und

die Bedingung derselben ist jederzeit nur in der Reihe der Erscheinungen

enthalten die samt ihrer Wirkung unter dem Naturgesetze notwendig sind Wenn

dagegen Erscheinungen für nichts mehr gelten als sie in der Tat sind nämlich

nicht für Dinge an sich, sondern bloße Vorstellungen die nach empirischen

Gesetzen zusammenhängen so müssen sie selbst noch Gründe haben die nicht

Erscheinungen sind Eine solche intelligible Ursache aber wird in Ansehung

ihrer Kausalität nicht durch Erscheinungen bestimmt obzwar ihre Wirkungen

erscheinen und so durch andere Erscheinungen bestimmt werden können Sie ist

also samt ihrer Kausalität außer der Reihe dagegen ihre Wirkungen in der Reihe

der empirischen Bedingungen angetroffen werden Die Wirkung kann also in

Ansehung ihrer intelligiblen Ursache als frei und doch zugleich in Ansehung

der Erscheinungen als Erfolg aus denselben nach der Notwendigkeit der Natur

angesehen werden eine Unterscheidung die wenn sie im allgemeinen und ganz

abstrakt vorgetragen wird äußerst subtil und dunkel scheinen muss die sich aber

in der Anwendung aufklären wird Hier habe ich nur die Anmerkung machen wollen

dass da der durchgängige Zusammenhang aller Erscheinungen in einem Kontext der

Natur ein unnachlassliches Gesetz ist dieses alle Freiheit notwendig umstürzen

müsste wenn man der Realität der Erscheinungen hartnäckig anhängen wollte Daher

auch diejenigen welche hierin der gemeinen Meinung folgen niemals dahin haben

gelangen können Natur und Freiheit mit einander zu vereinigen

 









 

    Ich nenne dasjenige an einem Gegenstande der Sinne was selbst nicht

Erscheinung ist intelligibel Wenn demnach dasjenige was in der Sinnenwelt als

Erscheinung angesehen werden muss an sich selbst auch ein Vermögen hat welches

kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung ist wodurch es aber doch die Ursache

von Erscheinungen sein kann so kann man die Kausalität dieses Wesens auf zwei

Seiten betrachten als intelligibel nach ihrer Handlung als eines Dinges an

sich selbst, und als sensibel nach den Wirkungen derselben als einer

Erscheinung in der Sinnenwelt Wir würden uns demnach von dem Vermögen eines

solchen Subjekts einen empirischen ungleichen auch einen intellektuellen

Begriff seiner Kausalität machen welche bei einer und derselben Wirkung

zusammen stattfinden Eine solche doppelte Seite das Vermögen eines

Gegenstandes der Sinne sich zu denken widerspricht keinem von den Begriffen

die wir uns von Erscheinungen und von einer möglichen Erfahrung zu machen haben

Denn da diesen weil sie an sich keine Dinge sind ein transzendentaler

Gegenstand zum Grunde liegen muss der sie als bloße Vorstellungen bestimmt so

hindert nichts dass wir diesem transzendentalen Gegenstande außer der

Eigenschaft dadurch er erscheint nicht auch eine Kausalität beilegen sollten

die nicht Erscheinung ist obgleich ihre Wirkung dennoch in der Erscheinung

angetroffen wird Es muss aber eine jede wirkende Ursache einen Charakter haben

di ein Gesetz ihrer Kausalität ohne welches sie gar nicht Ursache sein würde

Und da würden wir an einem Subjekte der Sinnenwelt erstlich einen empirischen

Charakter haben wodurch seine Handlungen als Erscheinungen durch und durch

mit anderen Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange

ständen und von ihnen als ihren Bedingungen abgeleitet werden könnten und

also mit diesen in Verbindung Glieder einer einzigen Reihe der Naturordnung

ausmachten Zweitens würde man ihm noch einen intelligiblen Charakter einräumen

müssen dadurch es zwar die Ursache jener Handlungen als Erscheinungen ist der

aber selbst unter keinen Bedingungen der Sinnlichkeit steht und selbst nicht

Erscheinung ist Man könnte auch den ersteren den Charakter eines solchen Dinges

in der Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst nennen

    Dieses handelnde Subjekt würde nun nach seinem intelligiblen Charakter

unter keinen Zeitbedingungen stehen denn die Zeit ist nur die Bedingung der

Erscheinungen nicht aber der Dinge an sich selbst. In ihm würde keine Handlung

entstehen oder vergehen mithin würde es auch nicht dem Gesetze aller

Zeitbestimmung alles Veränderlichen unterworfen sein dass alles was

geschieht in den Erscheinungen des vorigen Zustandes seine Ursache antreffe

Mit einem Worte die Kausalität desselben so fern sie intellektuell ist stände

gar nicht in der Reihe empirischer Bedingungen welche die Begebenheit in der

Sinnenwelt notwendig machen Dieser intelligible Charakter könnte zwar niemals

unmittelbar gekannt werden weil wir nichts wahrnehmen können als so fern es

erscheint aber er würde doch dem empirischen Charakter gemäß gedacht werden

müssen so wie wir überhaupt einen transzendentalen Gegenstand den Erscheinungen

in Gedanken zum Grunde legen müssen ob wir zwar von ihm was er an sich selbst

sei nichts wissen

    Nach seinem empirischen Charakter würde also dieses Subjekt als

Erscheinung allen Gesetzen der Bestimmung nach der Kausalverbindung

unterworfen sein und es wäre so fern nichts als ein Teil der Sinnenwelt

dessen Wirkungen so wie jede andere Erscheinung aus der Natur unausbleiblich

abflössen So wie äußere Erscheinungen in dasselbe einflössen wie sein

empirischer Charakter di das Gesetz seiner Kausalität durch Erfahrung

erkannt wäre müssten sich alle seine Handlungen nach Naturgesetzen erklären

lassen und alle Requisite zu einer vollkommenen und notwendigen Bestimmung

derselben müssten in einer möglichen Erfahrung angetroffen werden

    Nach dem intelligiblen Charakter desselben aber ob wir zwar davon nichts

als bloß den allgemeinen Begriff desselben haben können würde dasselbe Subjekt

dennoch von allem Einfluss der Sinnlichkeit und Bestimmung durch Erscheinungen

freigesprochen werden müssen und da in ihm so fern es Noumenon ist nichts

geschieht keine Veränderung welche dynamische Zeitbestimmung erheischt mithin

keine Verknüpfung mit Erscheinungen als Ursachen angetroffen wird so würde

dieses tätige Wesen so fern in seinen Handlungen von aller Naturnotwendigkeit

als die lediglich in der Sinnenwelt angetroffen wird unabhängig und frei sein

Man würde von ihm ganz richtig sagen dass es seine Wirkungen in der Sinnenwelt

von selbst anfange ohne dass die Handlung in ihm selbst anfängt und dieses

würde gültig sein ohne dass die Wirkungen in der Sinnenwelt darum von selbst

anfangen dürfen weil sie in derselben jederzeit durch empirische Bedingungen in

der vorigen Zeit aber doch nur vermittelst des empirischen Charakters der bloß

die Erscheinung des intelligiblen ist vorher bestimmt und nur als eine

Fortsetzung der Reihe der Naturursachen möglich sind So würde denn Freiheit und

Natur jedes in seiner vollständigen Bedeutung bei eben denselben Handlungen

nachdem man sie mit ihrer intelligiblen oder sensiblen Ursache vergleicht

zugleich und ohne allen Widerstreit angetroffen werden

 



 


    Ich habe gut gefunden zuerst den Schattenriss der Auflösung unseres

transzendentalen Problems zu entwerfen damit man den Gang der Vernunft in

Auflösung desselben dadurch besser übersehen möge Jetzt wollen wir die Momente

ihrer Entscheidung auf die es eigentlich ankommt auseinander setzen und jedes

besonders in Erwägung ziehen

    Das Naturgesetz dass alles was geschieht eine Ursache habe dass die

Kausalität dieser Ursache di die Handlung da sie in der Zeit vorhergeht und

in Betracht einer Wirkung die da entstanden selbst nicht immer gewesen sein

kann sondern geschehen sein muss auch ihre Ursache unter den Erscheinungen

habe dadurch sie bestimmt wird und dass folglich alle Begebenheiten in einer

Naturordnung empirisch bestimmt sind dieses Gesetz durch welches Erscheinungen

allererst eine Natur ausmachen und Gegenstände einer Erfahrung abgeben können

ist ein Verstandesgesetz von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt ist

abzugehen oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen weil man sie sonst

außerhalb aller möglichen Erfahrung setzen dadurch aber von allen Gegenständen

möglicher Erfahrung unterscheiden und sie zum bloßen Gedankendinge und einem

Hirngespinst machen würde

    Ob es aber gleich hierbei lediglich nach einer Kette von Ursachen aussieht

die im Regressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute Totalität verstattet

so hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht auf denn sie ist schon in der

allgemeinen Beurteilung der Antinomie der Vernunft wenn sie in der Reihe der

Erscheinungen aufs Unbedingte ausgeht gehoben worden Wenn wir der Täuschung

des transzendentalen Realismus nachgeben wollen so bleibt weder Natur noch

Freiheit übrig Hier ist nur die Frage ob wenn man in der ganzen Reihe aller

Begebenheiten lauter Naturnotwendigkeit anerkennt es doch möglich sei eben

dieselbe die einer Seits bloße Naturwirkung ist doch anderer Seits als Wirkung

aus Freiheit anzusehen oder ob zwischen diesen zweien Arten von Kausalität ein

gerader Widerspruch angetroffen werde

    Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein welches

eine Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte Jede Handlung als

Erscheinung so fern sie eine Begebenheit hervorbringt ist selbst Begebenheit

oder Ereignis welche einen andern Zustand voraussetzt darin die Ursache

angetroffen werde und so ist alles was geschieht nur eine Fortsetzung der

Reihe und kein Anfang der sich von selbst zutrüge in derselben möglich Also

sind alle Handlungen der Naturursachen in der Zeitfolge selbst wiederum

Wirkungen die ihre Ursachen eben so wohl in der Zeitreihe voraussetzen Eine

ursprüngliche Handlung wodurch etwas geschieht was vorher nicht war ist von

der Kausalverknüpfung der Erscheinungen nicht zu erwarten

    Ist es denn aber auch notwendig dass wenn die Wirkungen Erscheinungen sind

die Kausalität ihrer Ursache die nämlich Ursache selbst auch Erscheinung ist

lediglich empirisch sein müsse und ist es nicht vielmehr möglich dass obgleich

zu jeder Wirkung in der Erscheinung eine Verknüpfung mit ihrer Ursache nach

Gesetzen der empirischen Kausalität allerdings erfordert wird dennoch diese

empirische Kausalität selbst ohne ihren Zusammenhang mit den Naturursachen im

mindesten zu unterbrechen doch eine Wirkung einer nichtempirischen sondern

intelligiblen Kausalität sein könne di einer in Ansehung der Erscheinungen

ursprünglichen Handlung einer Ursache die also in so fern nicht Erscheinung

sondern diesem Vermögen nach intelligibel ist ob sie gleich übrigens gänzlich

als ein Glied der Naturkette mit zu der Sinnenwelt gezählt werden muss

    Wir bedürfen des Satzes der Kausalität der Erscheinungen unter einander um

von Naturbegebenheiten Naturbedingungen di Ursachen in der Erscheinung, zu

suchen und angeben zu können Wenn dieses eingeräumt und durch keine Ausnahme

geschwächt wird so hat der Verstand der bei seinem empirischen Gebrauche in

allen Ereignissen nichts als Natur sieht und dazu auch berechtigt ist alles

was er fordern kann und die physischen Erklärungen gehen ihren ungehinderten

Gang fort Nun tut ihm das nicht den mindesten Abbruch gesetzt dass es übrigens

auch bloß erdichtet sein sollte wenn man annimmt dass unter den Naturursachen

es auch welche gebe die ein Vermögen haben welches nur intelligibel ist indem

die Bestimmung desselben zur Handlung niemals auf empirischen Bedingungen

sondern auf bloßen Gründen des Verstandes beruht so doch dass die Handlung in

der Erscheinung von dieser Ursache allen Gesetzen der empirischen Kausalität

gemäß sei Denn auf diese Art würde das handelnde Subjekt als causa

phaenomenon mit der Natur in unzertrennter Abhängigkeit aller ihrer Handlungen

verkettet sein und nur das phaenomenon dieses Subjekts mit aller Kausalität

desselben in der Erscheinung) würde gewisse Bedingungen enthalten die wenn man

von dem empirischen Gegenstande zu dem transzendentalen aufsteigen will als

bloß intelligibel müssten angesehen werden Denn wenn wir nur in dem was unter

den Erscheinungen die Ursache sein mag der Naturregel folgen so können wir

darüber unbekümmert sein was in dem transzendentalen Subjekt welches uns

empirisch unbekannt ist für ein Grund von diesen Erscheinungen und deren

Zusammenhange gedacht werde Dieser intelligible Grund ficht gar nicht die

empirischen Fragen an sondern betrifft etwa bloß das Denken im reinen

Verstande und obgleich die Wirkungen dieses Denkens und Handelns des reinen

Verstandes in den Erscheinungen angetroffen werden so müssen diese doch nichts

desto minder aus ihrer Ursache in der Erscheinung nach Naturgesetzen vollkommen

erklärt werden können indem man den bloß empirischen Charakter derselben als

den obersten Erklärungsgrund befolgt und den intelligiblen Charakter der die

transzendentale Ursache von jenem ist gänzlich als unbekannt vorbeigeht außer

so fern er nur durch den empirischen als das sinnliche Zeichen desselben

angegeben wird Lasst uns dieses auf Erfahrung anwenden Der Mensch ist eine von

den Erscheinungen der Sinnenwelt und in so fern auch eine der Naturursachen

deren Kausalität unter empirischen Gesetzen stehen muss Als eine solche muss er

demnach auch einen empirischen Charakter haben so wie alle andere Naturdinge

Wir bemerken denselben durch Kräfte und Vermögen die er in seinen Wirkungen

äußert Bei der leblosen oder bloß tierischbelebten Natur finden wir keinen

Grund irgend ein Vermögen uns anders als bloß sinnlich bedingt zu denken

Allein der Mensch der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne kennt

erkennt sich selbst auch durch bloße Apperzeption und zwar in Handlungen und

inneren Bestimmungen die er gar nicht zum Eindrucke der Sinne zählen kann und

ist sich selbst freilich eines Teils Phänomen anderen Teils aber nämlich in

Ansehung gewisser Vermögen ein bloß intelligibler Gegenstand weil die

Handlung desselben gar nicht zur Rezeptivität der Sinnlichkeit gezählt werden

kann Wir nennen diese Vermögen Verstand und Vernunft vornehmlich wird die

letztere ganz eigentlich und vorzüglicher Weise von allen empirisch bedingten

Kräften unterschieden da sie ihre Gegenstände bloß nach Ideen erwägt und den

Verstand darnach bestimmt der denn von seinen zwar auch reinen Begriffen

einen empirischen Gebrauch macht

    Dass diese Vernunft nun Kausalität habe wenigstens wir uns eine dergleichen

an ihr vorstellen ist aus den Imperativen klar welche wir in allem Praktischen

den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben Das Sollen drückt eine Art von

Notwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen aus die in der ganzen Natur sonst

nicht vorkommt Der Verstand kann von dieser nur erkennen was da ist oder

gewesen ist oder sein wird Es ist unmöglich dass etwas darin anders sein soll

als es in allen diesen Zeitverhältnissen in der Tat ist ja das Sollen wenn man

bloß den Lauf der Natur vor Augen hat hat ganz und gar keine Bedeutung Wir

können gar nicht fragen was in der Natur geschehen soll eben so wenig als

was für Eigenschaften ein Zirkel haben soll sondern was darin geschieht oder

welche Eigenschaften der letztere hat

    Dieses Sollen nun drückt eine mögliche Handlung aus davon der Grund nichts

anders als ein bloßer Begriff ist da hingegen von einer bloßen Naturhandlung

der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muss Nun muss die Handlung allerdings

unter Naturbedingungen möglich sein wenn auf sie das Sollen gerichtet ist aber

diese Naturbedingungen betreffen nicht die Bestimmung der Willkür selbst

sondern nur die Wirkung und den Erfolg derselben in der Erscheinung. Es mögen

noch so viel Naturgründe sein die mich zum Wollen antreiben noch so viel

sinnliche Anreize so können sie nicht das Sollen hervorbringen sondern nur ein

noch lange nicht notwendiges sondern jederzeit bedingtes Wollen dem dagegen

das Sollen das die Vernunft ausspricht Maß und Ziel ja Verbot und Ansehen

entgegen setzt Es mag ein Gegenstand der bloßen Sinnlichkeit das Angenehme

oder auch der reinen Vernunft das Gute sein so gibt die Vernunft nicht

demjenigen Grunde der empirisch gegeben ist nach und folgt nicht der Ordnung

der Dinge so wie sie sich in der Erscheinung darstellen sondern macht sich mit

völliger Spontaneität eine eigene Ordnung nach Ideen in die sie die empirischen

Bedingungen hinein passt und nach denen sie so gar Handlungen für notwendig

erklärt die doch nicht geschehen sind und vielleicht nicht geschehen werden

von allen aber gleichwohl voraussetzt dass die Vernunft in Beziehung auf sie

Kausalität haben könne denn ohne das würde sie nicht von ihren Ideen

Wirkungen in der Erfahrung erwarten

    Nun lasst uns hierbei stehen bleiben und es wenigstens als möglich annehmen

die Vernunft habe wirklich Kausalität in Ansehung der Erscheinungen so muss sie

so sehr sie auch Vernunft ist dennoch einen empirischen Charakter von sich

zeigen weil jede Ursache eine Regel voraussetzt darnach gewisse Erscheinungen

als Wirkungen folgen und jede Regel eine Gleichförmigkeit der Wirkungen

erfordert die den Begriff der Ursache als eines Vermögens gründet welchen

wir so fern er aus bloßen Erscheinungen erhellen muss seinen empirischen

Charakter heißen können der beständig ist indessen die Wirkungen nach

Verschiedenheit der begleitenden und zum Teil einschränkenden Bedingungen in

veränderlichen Gestalten erscheinen

    So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter seiner Willkür welcher

nichts anders ist als eine gewisse Kausalität seiner Vernunft so fern diese an

ihren Wirkungen in der Erscheinung eine Regel zeigt darnach man die

Vernunftgründe und die Handlungen derselben nach ihrer Art und ihren Graden

abnehmen und die subjektiven Prinzipien seiner Willkür beurteilen kann Weil

dieser empirische Charakter selbst aus den Erscheinungen als Wirkung und aus der

Regel derselben welche Erfahrung an die Hand gibt gezogen werden muss so sind

alle Handlungen des Menschen in der Erscheinung aus seinem empirischen Charakter

und den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Natur bestimmt und

wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis auf den Grund erforschen könnten

so würde es keine einzige menschliche Handlung geben die wir nicht mit

Gewissheit vorhersagen und aus ihren vorhergehenden Bedingungen als notwendig

erkennen könnten In Ansehung dieses empirischen Charakters gibt es also keine

Freiheit und nach diesem können wir doch allein den Menschen betrachten wenn

wir lediglich beobachten und wie es in der Anthropologie geschieht von seinen

Handlungen die bewegenden Ursachen physiologisch erforschen wollen

    Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die Vernunft

erwägen und zwar nicht die spekulative um jene ihrem Ursprunge nach zu

erklären sondern ganz allein so fern Vernunft die Ursache ist sie selbst zu

erzeugen mit einem Worte vergleichen wir sie mit dieser in praktischer

Absicht so finden wir eine ganz andere Regel und Ordnung als die Naturordnung

ist Denn da sollte vielleicht alles das nicht geschehen sein was doch nach dem

Naturlaufe geschehen ist und nach seinen empirischen Gründen unausbleiblich

geschehen musste Bisweilen aber finden wir oder glauben wenigstens zu finden

dass die Ideen der Vernunft wirklich Kausalität in Ansehung der Handlungen des

Menschen als Erscheinungen bewiesen haben und dass sie darum geschehen sind

nicht weil sie durch empirische Ursachen nein sondern weil sie durch Gründe

der Vernunft bestimmt waren

    Gesetzt nun man könnte sagen die Vernunft habe Kausalität in Ansehung der

Erscheinung könnte da wohl die Handlung derselben frei heißen da sie im

empirischen Charakter derselben der Sinnesart ganz genau bestimmt und

notwendig ist Dieser ist wiederum im intelligiblen Charakter der Denkungsart

bestimmt Die letztere kennen wir aber nicht sondern bezeichnen sie durch

Erscheinungen welche eigentlich nur die Sinnesart empirischen Charakter

unmittelbar zu erkennen geben58 Die Handlung nun so fern sie der Denkungsart

als ihrer Ursache beizumessen ist erfolgt dennoch daraus gar nicht nach

empirischen Gesetzen di so dass die Bedingungen der reinen Vernunft, sondern

nur so dass deren Wirkungen in der Erscheinung des inneren Sinnes vorhergehen

Die reine Vernunft als ein bloß intelligibles Vermögen ist der Zeitform und

mithin auch den Bedingungen der Zeitfolge nicht unterworfen Die Kausalität der

Vernunft im intelligiblen Charakter entsteht nicht oder hebt nicht etwa zu

einer gewissen Zeit an um eine Wirkung hervorzubringen Denn sonst würde sie

selbst dem Naturgesetz der Erscheinungen so fern es Kausalreihen der Zeit nach

bestimmt unterworfen sein und die Kausalität wäre alsdann Natur und nicht

Freiheit Also werden wir sagen können wenn Vernunft Kausalität in Ansehung der

Erscheinungen haben kann so ist sie ein Vermögen durch welches die sinnliche

Bedingung einer empirischen Reihe von Wirkungen zuerst anfängt Denn die

Bedingung die in der Vernunft liegt ist nicht sinnlich und fängt also selbst

nicht an Demnach findet alsdann dasjenige statt was wir in allen empirischen

Reihen vermissten dass die Bedingung einer sukzessiven Reihe von Begebenheiten

selbst empirisch unbedingt sein konnte Denn hier ist die Bedingung außer der

Reihe der Erscheinungen im Intelligiblen und mithin keiner sinnlichen

Bedingung und keiner Zeitbestimmung durch vorhergehende Ursache unterworfen

    Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in einer andern Beziehung auch

zur Reihe der Erscheinungen Der Mensch ist selbst Erscheinung Seine Willkür

hat einen empirischen Charakter der die empirische Ursache aller seiner

Handlungen ist Es ist keine der Bedingungen die den Menschen diesem Charakter

gemäß bestimmen welche nicht in der Reihe der Naturwirkungen enthalten wäre und

dem Gesetze derselben gehorchte nach welchem gar keine empirisch unbedingte

Kausalität von dem was in der Zeit geschieht angetroffen wird Daher kann

keine gegebene Handlung weil sie nur als Erscheinung wahrgenommen werden kann

schlechthin von selbst anfangen Aber von der Vernunft kann man nicht sagen dass

vor demjenigen Zustande darin sie die Willkür bestimmt ein anderer vorhergehe

darin dieser Zustand selbst bestimmt wird Denn da Vernunft selbst keine

Erscheinung und gar keinen Bedingungen der Sinnlichkeit unterworfen ist so

findet in ihr selbst in Betreff ihrer Kausalität keine Zeitfolge statt und

auf sie kann also das dynamische Gesetz der Natur was die Zeitfolge nach Regeln

bestimmt nicht angewandt werden

    Die Vernunft ist also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen

Handlungen unter denen der Mensch erscheint Jede derselben ist im empirischen

Charakter des Menschen vorher bestimmt ehe noch als sie geschieht In Ansehung

des intelligiblen Charakters wovon jener nur das sinnliche Schema ist gilt

kein Vorher oder Nachher und jede Handlung unangesehen des Zeitverhältnisses

darin sie mit anderen Erscheinungen steht ist die unmittelbare Wirkung des

intelligiblen Charakters der reinen Vernunft, welche mithin frei handelt ohne

in der Kette der Naturursachen durch äußere oder innere aber der Zeit nach

vorhergehende Gründe dynamisch bestimmt zu sein und diese ihre Freiheit kann

man nicht allein negativ als Unabhängigkeit von empirischen Bedingungen ansehen

denn dadurch würde das Vernunftvermögen aufhören eine Ursache der

Erscheinungen zu sein sondern auch positiv durch ein Vermögen bezeichnen eine

Reihe von Begebenheiten von selbst anzufangen so dass in ihr selbst nichts

anfängt sondern sie als unbedingte Bedingung jeder willkürlichen Handlung

über sich keine der Zeit nach vorhergehende Bedingungen verstattet indessen dass

doch ihre Wirkung in der Reihe der Erscheinungen anfängt aber darin niemals

einen schlechthin ersten Anfang ausmachen kann

    Um das regulative Prinzip der Vernunft durch ein Beispiel aus dem

empirischen Gebrauch desselben zu erläutern nicht um es zu bestätigen denn

dergleichen Beweise sind zu transzendentalen Behauptungen untauglich so nehme

man eine willkürliche Handlung z E eine boshafte Lüge durch die ein Mensch

eine gewisse Verwirrung in die Gesellschaft gebracht hat und die man zuerst

ihren Bewegursachen nach woraus sie entstanden untersucht und darauf

beurteilt wie sie samt ihren Folgen ihm zugerechnet werden könne In der ersten

Absicht geht man seinen empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben

durch die man in der schlechten Erziehung übler Gesellschaft zum Teil auch in

der Bösartigkeit eines für Beschämung unempfindlichen Naturells aufsucht zum

Teil auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt wobei man denn die

veranlassenden Gelegenheitsursachen nicht aus der Acht lässt In allem diesem

verfährt man wie überhaupt in Untersuchung der Reihe bestimmender Ursachen zu

einer gegebenen Naturwirkung Ob man nun gleich die Handlung dadurch bestimmt zu

sein glaubt so tadelt man nichts desto weniger den Täter und zwar nicht wegen

seines unglücklichen Naturells nicht wegen der auf ihn einfließenden Umstände

ja so gar nicht wegen seines vorhergeführten Lebenswandels denn man setzt

voraus man könne es gänzlich bei Seite setzen wie dieser beschaffen gewesen

und die verflossene Reihe von Bedingungen als ungeschehen diese Tat aber als

gänzlich unbedingt in Ansehung des vorigen Zustandes ansehen als ob der Täter

damit eine Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe Dieser Tadel gründet sich

auf ein Gesetz der Vernunft wobei man diese als eine Ursache ansieht welche

das Verhalten des Menschen unangesehen aller genannten empirischen Bedingungen

anders habe bestimmen können und sollen Und zwar sieht man die Kausalität der

Vernunft nicht etwa bloß wie Konkurrenz sondern an sich selbst als vollständig

an wenn gleich die sinnlichen Triebfedern gar nicht dafür sondern wohl gar

dawider wären die Handlung wird seinem intelligiblen Charakter beigemessen er

hat jetzt in dem Augenblicke da er lügt gänzlich Schuld mithin war die

Vernunft unerachtet aller empirischen Bedingungen der Tat völlig frei und

ihrer Unterlassung ist diese gänzlich beizumessen

    Man sieht diesem zurechnenden Urteile es leicht an dass man dabei in

Gedanken habe die Vernunft werde durch alle jene Sinnlichkeit gar nicht

affiziert sie verändere sich nicht wenn gleich ihre Erscheinungen nämlich die

Art wie sie sich in ihren Wirkungen zeigt verändern in ihr gehe kein Zustand

vorher der den folgenden bestimme mithin gehöre sie gar nicht in die Reihe der

sinnlichen Bedingungen welche die Erscheinungen nach Naturgesetzen notwendig

machen Sie die Vernunft ist allen Handlungen des Menschen in allen

Zeitumständen gegenwärtig und einerlei selbst aber ist sie nicht in der Zeit

und gerät etwa in einen neuen Zustand darin sie vorher nicht war sie ist

bestimmend aber nicht bestimmbar in Ansehung desselben Daher kann man nicht

fragen warum hat sich nicht die Vernunft anders bestimmt sondern nur warum

hat sie die Erscheinungen durch ihre Kausalität nicht anders bestimmt Darauf

aber ist keine Antwort möglich Denn ein anderer intelligibler Charakter würde

einen andern empirischen gegeben haben und wenn wir sagen, dass unerachtet

seines ganzen bis dahin geführten Lebenswandels der Täter die Lüge doch hätte

unterlassen können so bedeutet dieses nur dass sie unmittelbar unter der Macht

der Vernunft stehe und die Vernunft in ihrer Kausalität keinen Bedingungen der

Erscheinung und des Zeitlaufs unterworfen ist der Unterschied der Zeit auch

zwar einen Hauptunterschied der Erscheinungen respektive gegen einander da

diese aber keine Sachen mithin auch nicht Ursachen an sich selbst sind keinen

Unterschied der Handlung in Beziehung auf die Vernunft machen könne

    Wir können also mit der Beurteilung freier Handlungen in Ansehung ihrer

Kausalität nur bis an die intelligible Ursache aber nicht über dieselbe

hinaus kommen wir können erkennen dass sie frei di von der Sinnlichkeit

unabhängig bestimmt und auf solche Art die sinnlich unbedingte Bedingung der

Erscheinungen sein könne Warum aber der intelligible Charakter gerade diese

Erscheinungen und diesen empirischen Charakter unter vorliegenden Umständen

gebe das überschreitet so weit alles Vermögen unserer Vernunft es zu

beantworten ja alle Befugnis derselben nur zu fragen als ob man früge woher

der transzendentale Gegenstand unserer äußeren sinnlichen Anschauung gerade nur

Anschauung im Raume und nicht irgend eine andere gebe Allein die Aufgabe die

wir aufzulösen hatten verbindet uns hierzu gar nicht denn sie war nur diese ob

Freiheit der Naturnotwendigkeit in einer und derselben Handlung widerstreite

und dieses haben wir hinreichend beantwortet da wir zeigten dass da bei jener

eine Beziehung auf eine ganz andere Art von Bedingungen möglich ist als bei

dieser das Gesetz der letzteren die erstere nicht affiziere mithin beide von

einander unabhängig und durch einander ungestört stattfinden können

 

                                       

 

    Man muss wohl bemerken dass wir hierdurch nicht die Wirklichkeit der Freiheit

als eines der Vermögen welche die Ursache von den Erscheinungen unserer

Sinnenwelt enthalten haben dartun wollen Denn außer dass dieses gar keine

transzendentale Betrachtung die bloß mit Begriffen zu tun hat gewesen sein

würde so könnte es auch nicht gelingen indem wir aus der Erfahrung niemals auf

etwas was gar nicht nach Erfahrungsgesetzen gedacht werden muss schließen

können Ferner haben wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit

beweisen wollen denn dieses wäre auch nicht gelungen weil wir überhaupt von

keinem Realgrunde und keiner Kausalität aus bloßen Begriffen a priori die

Möglichkeit erkennen können Die Freiheit wird hier nur als transzendentale Idee

behandelt wodurch die Vernunft die Reihe der Bedingungen in der Erscheinung

durch das Sinnlichunbedingte schlechthin anzuheben denkt dabei sich aber in

eine Antinomie mit ihren eigenen Gesetzen welche sie dem empirischen Gebrauche

des Verstandes vorschreibt verwickelt Dass nun diese Antinomie auf einem bloßen

Scheine beruhe und dass Natur der Kausalität aus Freiheit wenigstens nicht

widerstreite das war das einzige was wir leisten konnten und woran es uns

auch einzig und allein gelegen war

 
 






    In der vorigen Nummer betrachteten wir die Veränderungen der Sinnenwelt in

ihrer dynamischen Reihe da eine jede unter einer andern als ihrer Ursache

steht Jetzt dient uns diese Reihe der Zustände nur zur Leitung um zu einem

Dasein zu gelangen das die höchste Bedingung alles Veränderlichen sein könne

nämlich dem notwendigen Wesen Es ist hier nicht um die unbedingte Kausalität

sondern die unbedingte Existenz der Substanz selbst zu tun Also ist die Reihe

welche wir vor uns haben eigentlich nur die von Begriffen und nicht von

Anschauungen in so fern die eine die Bedingung der andern ist

    Man sieht aber leicht dass da alles in dem Inbegriffe der Erscheinungen

veränderlich mithin im Dasein bedingt ist es überall in der Reihe des

abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben könne dessen Existenz

schlechthin notwendig wäre und dass also wenn Erscheinungen Dinge an sich

selbst wären eben darum aber ihre Bedingung mit dem Bedingten jederzeit zu

einer und derselben Reihe der Anschauungen gehörte ein notwendiges Wesen als

Bedingung des Daseins der Erscheinungen der Sinnenwelt niemals stattfinden

könnte

    Es hat aber der dynamische Regressus dieses Eigentümliche und

Unterscheidende von dem mathematischen an sich dass da dieser es eigentlich nur

mit der Zusammensetzung der Teile zu einem Ganzen oder der Zerfällung eines

Ganzen in seine Teile zu tun hat die Bedingungen dieser Reihe immer als Teile

derselben mithin als gleichartig folglich als Erscheinungen angesehen werden

müssen anstatt dass in jenem Regressus da es nicht um die Möglichkeit eines

unbedingten Ganzen aus gegebenen Teilen oder eines unbedingten Teils zu einem

gegebenen Ganzen sondern um die Ableitung eines Zustandes von seiner Ursache

oder des zufälligen Daseins der Substanz selbst von der notwendigen zu tun ist

die Bedingung nicht eben notwendig mit dem Bedingten eine empirische Reihe

ausmachen dürfe

    Also bleibt uns bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie noch ein

Ausweg offen da nämlich alle beide einander widerstreitende Sätze in

verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können so dass alle Dinge der

Sinnenwelt durchaus zufällig sind mithin auch immer nur empirischbedingte

Existenz haben gleichwohl von der ganzen Reihe auch eine nichtempirische

Bedingung di ein unbedingt notwendiges Wesen stattfinde Denn dieses würde

als intelligible Bedingung gar nicht zur Reihe als ein Glied derselben nicht

einmal als das oberste Glied gehören und auch kein Glied der Reihe

empirisch unbedingt machen sondern die ganze Sinnenwelt in ihrem durch alle

Glieder gehenden empirisch bedingten Dasein lassen Darin würde sich also diese

Art ein unbedingtes Dasein den Erscheinungen zum Grunde zu legen von der

empirisch unbedingten Kausalität der Freiheit im vorigen Artikel

unterscheiden dass bei der Freiheit das Ding selbst als Ursache substantia

phaenomenon dennoch in die Reihe der Bedingungen gehörte und nur seine

Kausalität als intelligibel gedacht wurde hier aber das notwendige Wesen ganz

außer der Reihe der Sinnenwelt als ens extramundanum und bloß intelligibel

gedacht werden müsste wodurch allein es verhütet werden kann dass es nicht

selbst dem Gesetze der Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erscheinungen

unterworfen werde

    Das regulative Prinzip der Vernunft ist also in Ansehung dieser unserer

Aufgabe dass alles in der Sinnenwelt empirisch bedingte Existenz habe und dass es

überall in ihr in Ansehung keiner Eigenschaft eine unbedingte Notwendigkeit

gebe dass kein Glied der Reihe von Bedingungen sei davon man nicht immer die

empirische Bedingung in einer möglichen Erfahrung erwarten und so weit man

kann suchen müsse und nichts uns berechtige irgend ein Dasein von einer

Bedingung außerhalb der empirischen Reihe abzuleiten oder auch es als in der

Reihe selbst für schlechterdings unabhängig und selbständig zu halten

gleichwohl aber dadurch gar nicht in Abrede zu ziehen dass nicht die ganze Reihe

in irgend einem intelligiblen Wesen welches darum von aller empirischen

Bedingung frei ist und vielmehr den Grund der Möglichkeit aller dieser

Erscheinungen enthält gegründet sein könne

    Es ist aber hierbei gar nicht die Meinung das unbedingt notwendige Dasein

eines Wesens zu beweisen oder auch nur die Möglichkeit einer bloß

intelligiblen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der Sinnenwelt hierauf

zu gründen sondern nur eben so wie wir die Vernunft einschränken dass sie

nicht den Faden der empirischen Bedingungen verlasse und sich in transzendente

und keiner Darstellung in concreto fähige Erklärungsgründe verlaufe also auch

andererseits das Gesetz des bloß empirischen Verstandesgebrauchs dahin

einzuschränken dass es nicht über die Möglichkeit der Dinge überhaupt

entscheide und das Intelligible ob es gleich von uns zur Erklärung der

Erscheinungen nicht zu gebrauchen ist darum nicht für unmöglich erkläre Es

wird also dadurch nur gezeigt dass die durchgängige Zufälligkeit aller

Naturdinge und aller ihrer empirischen Bedingungen ganz wohl mit der

willkürlichen Voraussetzung einer notwendigen ob zwar bloß intelligiblen

Bedingung zusammen bestehen könne also kein wahrer Widerspruch zwischen diesen

Behauptungen anzutreffen sei mithin sie beiderseits wahr sein können Es mag

immer ein solches schlechthinnotwendiges Verstandeswesen an sich unmöglich sein

so kann dieses doch aus der allgemeinen Zufälligkeit und Abhängigkeit alles

dessen was zur Sinnenwelt gehört imgleichen aus dem Prinzip bei keinem

einzigen Gliede derselben so fern es zufällig ist aufzuhören und sich auf eine

Ursache außer der Welt zu berufen keineswegs geschlossen werden Die Vernunft

geht ihren Gang im empirischen und ihren besonderen Gang im transzendentalen

Gebrauche

    Die Sinnenwelt enthält nichts als Erscheinungen diese aber sind bloße

Vorstellungen die immer wiederum sinnlich bedingt sind und da wir hier

niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben so ist nicht zu

verwundern dass wir niemals berechtigt sein von einem Gliede der empirischen

Reihen welches es auch sei einen Sprung außer dem Zusammenhange der

Sinnlichkeit zu tun gleich als wenn es Dinge an sich selbst wären die außer

ihrem transzendentalen Grunde existierten und die man verlassen könnte um die

Ursache ihres Daseins außer ihnen zu suchen welches bei zufälligen Dingen

allerdings endlich geschehen müsste aber nicht bei bloßen Vorstellungen von

Dingen deren Zufälligkeit selbst nur Phänomen ist und auf keinen andern

Regressus als denjenigen der die Phänomena bestimmt di der empirisch ist

führen kann Sich aber einen intelligiblen Grund der Erscheinungen di der

Sinnenwelt und denselben befreit von der Zufälligkeit der letzteren denken

ist weder dem uneingeschränkten empirischen Regressus in der Reihe der

Erscheinungen noch der durchgängigen Zufälligkeit derselben entgegen Das ist

aber auch das einzige was wir zu Hebung der scheinbaren Antinomie zu leisten

hatten und was sich nur auf diese Weise tun ließ Denn ist die jedesmalige

Bedingung zu jedem Bedingten dem Dasein nach sinnlich und eben darum zur

Reihe gehörig so ist sie selbst wiederum bedingt wie die Antithesis der

vierten Antinomie es ausweiset Es musste also entweder ein Widerstreit mit der

Vernunft die das Unbedingte fordert bleiben oder dieses außer der Reihe in dem

Intelligiblen gesetzt werden dessen Notwendigkeit keine empirische Bedingung

erfordert noch verstattet und also respektive auf Erscheinungen unbedingt

notwendig ist

    Der empirische Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Bedingungen des

Daseins in der Sinnenwelt wird durch die Einräumung eines bloß intelligiblen

Wesens nicht affiziert sondern geht nach dem Prinzip der durchgängigen

Zufälligkeit von empirischen Bedingungen zu höheren die immer eben sowohl

empirisch sein Eben so wenig schließt aber auch dieser regulative Grundsatz die

Annehmung einer intelligiblen Ursache die nicht in der Reihe ist aus wenn es

um den reinen Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Zwecke zu tun ist Denn da

bedeutet jene nur den für uns bloß transzendentalen und unbekannten Grund der

Möglichkeit der sinnlichen Reihe überhaupt dessen von allen Bedingungen der

letzteren unabhängiges und in Ansehung dieser unbedingt notwendiges Dasein der

unbegrenzten Zufälligkeit der ersteren und darum auch dem nirgend geendigten

Regressus in der Reihe empirischer Bedingungen gar nicht entgegen ist

 
 



 


    So lange wir mit unseren Vernunftbegriffen bloß die Totalität der

Bedingungen in der Sinnenwelt und was in Ansehung ihrer der Vernunft zu

Diensten geschehen kann zum Gegenstande haben so sind unsere Ideen zwar

transzendental aber doch kosmologisch So bald wir aber das Unbedingte um das

es doch eigentlich zu tun ist in demjenigen setzen was ganz außerhalb der

Sinnenwelt mithin außer aller möglichen Erfahrung ist so werden die Ideen

transzendent sie dienen nicht bloß zur Vollendung des empirischen

Vernunftgebrauchs der immer eine nie auszuführende aber dennoch zu befolgende

Idee bleibt sondern sie trennen sich davon gänzlich und machen sich selbst

Gegenstände deren Stoff nicht aus Erfahrung genommen deren objektive Realität

auch nicht auf der Vollendung der empirischen Reihe sondern auf reinen

Begriffen a priori beruht Dergleichen transzendente Ideen haben einen bloß

intelligiblen Gegenstand welchen als ein transzendentales Objekt von dem man

übrigens nichts weiß zuzulassen allerdings erlaubt ist wozu aber um es als

ein durch seine unterscheidende und innere Prädikate bestimmbares Ding zu

denken wir weder Gründe der Möglichkeit als unabhängig von allen

Erfahrungsbegriffen noch die mindeste Rechtfertigung einen solchen Gegenstand

anzunehmen auf unserer Seite haben und welches daher ein bloßes Gedankending

ist Gleichwohl dringt uns unter allen kosmologischen Ideen diejenige so die

vierte Antinomie veranlasste diesen Schritt zu wagen Denn das in sich selbst

ganz und gar nicht gegründete sondern stets bedingte Dasein der Erscheinungen

fordert uns auf uns nach etwas von allen Erscheinungen Unterschiedenem mithin

einem intelligiblen Gegenstande umzusehen bei welchem diese Zufälligkeit

aufhöre Weil aber wenn wir uns einmal die Erlaubnis genommen haben außer dem

Felde der gesamten Sinnlichkeit eine vor sich bestehende Wirklichkeit

anzunehmen Erscheinungen nur als zufällige Vorstellungsarten intelligibler

Gegenstände von solchen Wesen die selbst Intelligenzen sind anzusehen so

bleibt uns nichts anders übrig als die Analogie nach der wir die

Erfahrungsbegriffe nutzen um uns von intelligiblen Dingen von denen wir an

sich nicht die mindeste Kenntnis haben doch irgend einigen Begriff zu machen

Weil wir das Zufällige nicht anders als durch Erfahrung kennen lernen hier aber

von Dingen die gar nicht Gegenstände der Erfahrung sein sollen die Rede ist

so werden wir ihre Kenntnis aus dem was an sich notwendig ist aus reinen

Begriffen von Dingen überhaupt ableiten müssen Daher nötigt uns der erste

Schritt den wir außer der Sinnenwelt tun unsere neue Kenntnisse von der

Untersuchung des schlechthin notwendigen Wesens anzufangen und von den Begriffen

desselben die Begriffe von allen Dingen so fern sie bloß intelligibel sind

abzuleiten und diesen Versuch wollen wir in dem folgenden Hauptstücke

anstellen

 
 






    Wir haben oben gesehen dass durch reine Verstandesbegriffe ohne alle

Bedingungen der Sinnlichkeit gar keine Gegenstände können vorgestellt werden

weil die Bedingungen der objektiven Realität derselben fehlen und nichts als

die bloße Form des Denkens in ihnen angetroffen wird Gleichwohl können sie in

concreto dargestellt werden wenn man sie auf Erscheinungen anwendet denn an

ihnen haben sie eigentlich den Stoff zum Erfahrungsbegriffe der nichts als ein

Verstandesbegriff in concreto ist Ideen aber sind noch weiter von der

objektiven Realität entfernt als Kategorien denn es kann keine Erscheinung

gefunden werden an der sie sich in concreto vorstellen ließen Sie enthalten

eine gewisse Vollständigkeit zu welcher keine mögliche empirische Erkenntnis

zulangt und die Vernunft hat dabei nur eine systematische Einheit im Sinne

welcher sie die empirische mögliche Einheit zu nähern sucht ohne sie jemals

völlig zu erreichen

    Aber noch weiter als die Idee scheint dasjenige von der objektiven

Realität entfernt zu sein was ich das Ideal nenne und worunter ich die Idee

nicht bloß in concreto sondern in individuo di als ein einzelnes durch die

Idee allein bestimmbares oder gar bestimmtes Ding verstehe

    Die Menschheit in ihrer ganzen Vollkommenheit enthält nicht allein die

Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen Eigenschaften welche

unseren Begriff von derselben ausmachen bis zur vollständigen Kongruenz mit

ihren Zwecken welches unsere Idee der vollkommenen Menschheit sein würde

sondern auch alles was außer diesem Begriffe zu der durchgängigen Bestimmung

der Idee gehöret denn von allen entgegengesetzten Prädikaten kann sich doch nur

ein einziges zu der Idee des vollkommensten Menschen schicken Was uns ein Ideal

ist war dem Plato eine Idee des göttlichen Verstandes ein einzelner Gegenstand

in der reinen Anschauung desselben das Vollkommenste einer jeden Art möglicher

Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der Erscheinung.

    Ohne uns aber so weit zu versteigen müssen wir gestehen dass die

menschliche Vernunft nicht allein Ideen sondern auch Ideale enthalte die zwar

nicht wie die platonischen schöpferische aber doch praktische Kraft als

regulative Prinzipien haben und der Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser

Handlungen zum Grunde liegen Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine

Vernunftbegriffe weil ihnen etwas Empirisches Lust oder Unlust zum Grunde

liegt Gleichwohl können sie in Ansehung des Prinzips wodurch die Vernunft der

an sich gesetzlosen Freiheit Schranken setzt also wenn man bloß auf ihre Form

Acht hat gar wohl zum Beispiele reiner Vernunftbegriffe dienen Tugend und

mit ihr menschliche Weisheit in ihrer ganzen Reinigkeit sind Ideen Aber der

Weise des Stoikers ist ein Ideal di ein Mensch der bloß in Gedanken

existiert der aber mit der Idee der Weisheit völlig kongruieret So wie die

Idee die Regel gibt so dient das Ideal in solchem Falle zum Urbilde der

durchgängigen Bestimmung des Nachbildes und wir haben kein anderes Richtmaß

unserer Handlungen als das Verhalten dieses göttlichen Menschen in uns womit

wir uns vergleichen beurteilen und dadurch uns bessern obgleich es niemals

erreichen können Diese Ideale ob man ihnen gleich nicht objektive Realität

Existenz zugestehen möchte sind doch um deswillen nicht für Hirngespinste

anzusehen sondern geben ein unentbehrliches Richtmaß der Vernunft ab die des

Begriffs von dem was in seiner Art ganz vollständig ist bedarf um darnach den

Grad und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen und abzumessen Das Ideal

aber in einem Beispiele di in der Erscheinung, realisieren wollen wie etwa

den Weisen in einem Roman ist untunlich und hat überdem etwas Widersinnisches

und wenig Erbauliches an sich indem die natürlichen Schranken welche der

Vollständigkeit in der Idee kontinuierlich Abbruch tun alle Illusion in solchem

Versuche unmöglich und dadurch das Gute das in der Idee liegt selbst

verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen

    So ist es mit dem Ideale der Vernunft bewandt welches jederzeit auf

bestimmten Begriffen beruhen und zur Regel und Urbilde es sei der Befolgung

oder Beurteilung dienen muss Ganz anders verhält es sich mit denen Geschöpfen

der Einbildungskraft darüber sich niemand erklären und einen verständlichen

Begriff geben kann gleichsam Monogrammen die nur einzelne obzwar nach keiner

angeblichen Regel bestimmte Züge sind welche mehr eine im Mittel verschiedener

Erfahrungen gleichsam schwebende Zeichnung als ein bestimmtes Bild ausmachen

dergleichen Maler und Physiognomen in ihrem Kopfe zu haben vorgeben und die ein

nicht mitzuteilendes Schattenbild ihrer Produkte oder auch Beurteilungen sein

sollen Sie können obzwar nur uneigentlich Ideale der Sinnlichkeit genannt

werden weil sie das nicht erreichbare Muster möglicher empirischer Anschauungen

sein sollen und gleichwohl keine der Erklärung und Prüfung fähige Regel

abgeben

    Die Absicht der Vernunft mit ihrem Ideale ist dagegen die durchgängige

Bestimmung nach Regeln a priori daher sie sich einen Gegenstand denkt der nach

Prinzipien durchgängig bestimmbar sein soll obgleich dazu die hinreichenden

Bedingungen in der Erfahrung mangeln und der Begriff selbst also transzendent

ist

 
 



 


    Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen was in ihm selbst nicht enthalten

ist unbestimmt und steht unter dem Grundsatze der Bestimmbarkeit dass nur

eines von jeden zweien einander kontradiktorischentgegengesetzten Prädikaten

ihm zukommen könne welcher auf dem Satze des Widerspruchs beruht und daher ein

bloß logisches Prinzip ist das von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert

und nichts als die logische Form derselben vor Augen hat

    Ein jedes Ding aber seiner Möglichkeit nach steht noch unter dem

Grundsatze der durchgängigen Bestimmung nach welchem ihm von allen möglichen

Prädikaten der Dinge so fern sie mit ihren Gegenteilen verglichen werden eines

zukommen muss Dieses beruht nicht bloß auf dem Satze des Widerspruchs denn es

betrachtet außer dem Verhältnis zweier einander widerstreitenden Prädikate

jedes Ding noch im Verhältnis auf die gesamte Möglichkeit als den Inbegriff

aller Prädikate der Dinge überhaupt und indem es solche als Bedingung a priori

voraussetzt so stellt es ein jedes Ding so vor wie es von dem Anteil den es

an jener gesamten Möglichkeit hat seine eigene Möglichkeit ableite59 Das

Principium der durchgängigen Bestimmung betrifft also den Inhalt und nicht bloß

die logische Form Es ist der Grundsatz der Synthesis aller Prädikate die den

vollständigen Begriff von einem Dinge machen sollen und nicht bloß der

analytischen Vorstellung durch eines zweier entgegengesetzten Prädikate und

enthält eine transzendentale Voraussetzung nämlich die der Materie zu aller

Möglichkeit welche a priori die Data zur besonderen Möglichkeit jedes Dinges

enthalten soll

    Der Satz alles Existierende ist durchgängig bestimmt bedeutet nicht

allein dass von jedem Paare einander entgegengesetzter gegebenen sondern auch

von allen möglichen Prädikaten ihm immer eines zukomme es werden durch diesen

Satz nicht bloß Prädikate unter einander logisch sondern das Ding selbst mit

dem Inbegriffe aller möglichen Prädikate transzendental verglichen Er will so

viel sagen als um ein Ding vollständig zu erkennen muss man alles Mögliche

erkennen und es dadurch es sei bejahend oder verneinend bestimmen Die

durchgängige Bestimmung ist folglich ein Begriff den wir niemals in concreto

seiner Totalität nach darstellen können und gründet sich also auf einer Idee

welche lediglich in der Vernunft ihren Sitz hat die dem Verstande die Regel

seines vollständigen Gebrauchs vorschreibt

    Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit so fern er als

Bedingung der durchgängigen Bestimmung eines jeden Dinges zum Grunde liegt in

Ansehung der Prädikate die denselben ausmachen mögen selbst noch unbestimmt

ist und wir dadurch nichts weiter als einen Inbegriff aller möglichen Prädikate

überhaupt denken so finden wir doch bei näherer Untersuchung dass diese Idee

als Urbegriff eine Menge von Prädikaten ausstoße die als abgeleitet durch

andere schon gegeben sind oder neben einander nicht stehen können und dass sie

sich bis zu einem durchgängig a priori bestimmten Begriffe läutere und dadurch

der Begriff von einem einzelnen Gegenstande werde der durch die bloße Idee

durchgängig bestimmt ist mithin ein Ideal der reinen Vernunft genannt werden

muss

    Wenn wir alle mögliche Prädikate nicht bloß logisch sondern transzendental

di nach ihrem Inhalte der an ihnen a priori gedacht werden kann erwägen so

finden wir dass durch einige derselben ein Sein durch andere ein bloßes

Nichtsein vorgestellt wird Die logische Verneinung die lediglich durch das

Wörtchen Nicht angezeigt wird hängt eigentlich niemals einem Begriffe

sondern nur dem Verhältnisse desselben zu einem andern im Urteile an und kann

also dazu bei weitem nicht hinreichend sein einen Begriff in Ansehung seines

Inhalts zu bezeichnen Der Ausdruck Nichtsterblich kann gar nicht zu erkennen

geben dass dadurch ein bloßes Nichtsein am Gegenstande vorgestellt werde

sondern lässt allen Inhalt unberührt Eine transzendentale Verneinung bedeutet

dagegen das Nichtsein an sich selbst, dem die transzendentale Bejahung

entgegengesetzt wird welche ein Etwas ist dessen Begriff an sich selbst schon

ein Sein ausdrückt und daher Realität Sachheit genannt wird weil durch sie

allein und so weit sie reichet Gegenstände Etwas Dinge sind die

entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet und wo diese

allein gedacht wird die Aufhebung alles Dinges vorgestellt wird

    Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken ohne dass er die

entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe Der Blindgeborne kann sich

nicht die mindeste Vorstellung von Finsternis machen weil er keine vom Lichte

hat der Wilde nicht von der Armut weil er den Wohlstand nicht kennt60 Der

Unwissende hat keinen Begriff von seiner Unwissenheit weil er keinen von der

Wissenschaft hat usw Es sind also auch alle Begriffe der Negationen

abgeleitet und die Realitäten enthalten die Data und so zu sagen die Materie

oder den transzendentalen Inhalt zu der Möglichkeit und durchgängigen

Bestimmung aller Dinge

    Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein

transzendentales Substratum zum Grunde gelegt wird welches gleichsam den ganzen

Vorrat des Stoffes daher alle mögliche Prädikate der Dinge genommen werden

können enthält so ist dieses Substratum nichts anders als die Idee von einem

All der Realität omnitudo realitatis Alle wahre Verneinungen sind alsdann

nichts als Schranken welches sie nicht genannt werden könnten wenn nicht das

Unbeschränkte das All zum Grunde läge

    Es ist aber auch durch diesen Allbesitz der Realität der Begriff eines

Dinges an sich selbst, als durchgängig bestimmt vorgestellt und der Begriff

eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen Wesens weil von allen

möglichen entgegengesetzten Prädikaten eines nämlich das was zum Sein

schlechthin gehört in seiner Bestimmung angetroffen wird Also ist es ein

transzendentales Ideal welches der durchgängigen Bestimmung die notwendig bei

allem was existiert angetroffen wird zum Grunde liegt und die oberste und

vollständige materiale Bedingung seiner Möglichkeit ausmacht auf welcher alles

Denken der Gegenstände überhaupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden muss Es

ist aber auch das einzige eigentliche Ideal dessen die menschliche Vernunft

fähig ist weil nur in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von

einem Dinge durch sich selbst durchgängig bestimmt und als die Vorstellung von

einem Individuum erkannt wird

    Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht auf einem

disjunktiven Vernunftschlusse in welchem der Obersatz eine logische Einteilung

die Teilung der Sphäre eines allgemeinen Begriffs enthält der Untersatz diese

Sphäre bis auf einen Teil einschränkt und der Schlusssatz den Begriff durch

diesen bestimmt Der allgemeine Begriff einer Realität überhaupt kann a priori

nicht eingeteilt werden weil man ohne Erfahrung keine bestimmte Arten von

Realität kennt die unter jener Gattung enthalten wären Also ist der

transzendentale Obersatz der durchgängigen Bestimmung aller Dinge nichts anders

als die Vorstellung des Inbegriffs aller Realität nicht bloß ein Begriff der

alle Prädikate ihrem transzendentalen Inhalte nach unter sich sondern der sie

in sich begreift und die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht auf

der Einschränkung dieses All der Realität indem einiges derselben dem Dinge

beigelegt das übrige aber ausgeschlossen wird welches mit dem Entweder und

Oder des disjunktiven Obersatzes und der Bestimmung des Gegenstandes durch eins

der Glieder dieser Teilung im Untersatze übereinkommt Demnach ist der Gebrauch

der Vernunft, durch den sie das transzendentale Ideal zum Grunde ihrer

Bestimmung aller möglichen Dinge legt demjenigen analogisch nach welchem sie

in disjunktiven Vernunftschlüssen verfährt welches der Satz war den ich oben

zum Grunde der systematischen Einteilung aller transzendentalen Ideen legte

nach welchem sie den drei Arten von Vernunftschlüssen parallel und

korrespondierend erzeugt werden

    Es versteht sich von selbst dass die Vernunft zu dieser ihrer Absicht

nämlich sich lediglich die notwendige durchgängige Bestimmung der Dinge

vorzustellen nicht die Existenz eines solchen Wesens das dem Ideale gemäß ist

sondern nur die Idee desselben voraussetze um von einer unbedingten Totalität

der durchgängigen Bestimmung die bedingte di die des Eingeschränkten

abzuleiten Das Ideal ist ihr also das Urbild prototypon aller Dinge welche

insgesamt als mangelhafte Kopien ectypa den Stoff zu ihrer Möglichkeit

daher nehmen und indem sie demselben mehr oder weniger nahe kommen dennoch

jederzeit unendlich weit daran fehlen es zu erreichen

    So wird denn alle Möglichkeit der Dinge der Synthesis des Mannigfaltigen

ihrem Inhalte nach als abgeleitet und nur allein die desjenigen was alle

Realität in sich schließt als ursprünglich angesehen Denn alle Verneinungen

welche doch die einzigen Prädikate sind wodurch sich alles andere vom

realsten Wesen unterscheiden lässt sind bloße Einschränkungen einer größeren

und endlich der höchsten Realität mithin setzen sie diese voraus und sind dem

Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet Alle Mannigfaltigkeit der Dinge ist nur

eine eben so vielfältige Art den Begriff der höchsten Realität der ihr

gemeinschaftliches Substratum ist einzuschränken so wie alle Figuren nur als

verschiedene Arten den unendlichen Raum einzuschränken möglich sind Daher

wird der bloß in der Vernunft befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das

Urwesen ens originarium so fern es keines über sich hat das höchste Wesen

ens summum und so fern alles als bedingt unter ihm steht das Wesen aller

Wesen ens entium genannt Alles dieses aber bedeutet nicht das objektive

Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu andern Dingen sondern der Idee zu

Begriffen und lässt uns wegen der Existenz eines Wesens von so ausnehmendem

Vorzuge in völliger Unwissenheit

    Weil man auch nicht sagen kann dass ein Urwesen aus viel abgeleiteten Wesen

bestehe indem ein jedes derselben jenes voraussetzt mithin es nicht ausmachen

kann so wird das Ideal des Urwesens auch als einfach gedacht werden müssen

    Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen wird daher genau

zu reden auch nicht als eine Einschränkung seiner höchsten Realität und

gleichsam als eine Teilung derselben angesehen werden können denn alsdann würde

das Urwesen als ein bloßes Aggregat von abgeleiteten Wesen angesehen werden

welches nach dem Vorigen unmöglich ist ob wir es gleich anfänglich im ersten

rohen Schattenrisse so vorstellten Vielmehr würde der Möglichkeit aller Dinge

die höchste Realität als ein Grund und nichts als Inbegriff zum Grunde liegen

und die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der Einschränkung des Urwesens

selbst sondern seiner vollständigen Folge beruhen zu welcher denn auch unsere

ganze Sinnlichkeit samt aller Realität in der Erscheinung, gehören würde die

zu der Idee des höchsten Wesens als ein Ingrediens nicht gehören kann

    Wenn wir nun dieser unserer Idee indem wir sie hypostasieren so ferner

nachgehen so werden wir das Urwesen durch den bloßen Begriff der höchsten

Realität als ein einiges einfaches allgenugsames ewiges etc mit einem

Worte es in seiner unbedingten Vollständigkeit durch alle Prädikamente

bestimmen können Der Begriff eines solchen Wesens ist der von Gott in

transzendentalem Verstande gedacht und so ist das Ideal der reinen Vernunft der

Gegenstand einer transzendentalen Theologie so wie ich es auch oben angeführt

habe

    Indessen würde dieser Gebrauch der transzendentalen Idee doch schon die

Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten Denn die Vernunft legte

sie nur als den Begriff von aller Realität der durchgängigen Bestimmung der

Dinge überhaupt zum Grunde ohne zu verlangen dass alle diese Realität objektiv

gegeben sei und selbst ein Ding ausmache Dieses letztere ist eine bloße

Erdichtung durch welche wir das Mannigfaltige unserer Idee in einem Ideale als

einem besonderen Wesen zusammenfassen und realisieren wozu wir keine Befugnis

haben so gar nicht einmal die Möglichkeit einer solchen Hypothese geradezu

anzunehmen wie denn auch alle Folgerungen die aus einem solchen Ideale

abfließen die durchgängige Bestimmung der Dinge überhaupt als zu deren Behuf

die Idee allein nötig war nichts angehen und darauf nicht den mindesten

Einfluss haben

    Es ist nicht genug das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik zu

beschreiben man muss auch die Quellen derselben zu entdecken suchen um diesen

Schein selbst wie ein Phänomen des Verstandes erklären zu können denn das

Ideal wovon wir reden ist auf einer natürlichen und nicht bloß willkürlichen

Idee gegründet Daher frage ich wie kommt die Vernunft dazu alle Möglichkeit

der Dinge als abgeleitet von einer einzigen die zum Grunde liegt nämlich der

der höchsten Realität anzusehen und diese sodann als in einem besonderen

Urwesen enthalten vorauszusetzen 

    Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transzendentalen Analytik

von selbst dar Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist ein Verhältnis

derselben zu unserm Denken worin etwas nämlich die empirische Form a priori

gedacht werden kann dasjenige aber was die Materie ausmacht die Realität in

der Erscheinung was der Empfindung entspricht gegeben sein muss ohne welches

es auch gar nicht gedacht und mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden

könnte Nun kann ein Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden wenn

er mit allen Prädikaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe bejahend

oder verneinend vorgestellt wird Weil aber darin dasjenige was das Ding

selbst in der Erscheinung) ausmacht nämlich das Reale gegeben sein muss ohne

welches es auch gar nicht gedacht werden könnte dasjenige aber worin das Reale

aller Erscheinungen gegeben ist die einige allbefassende Erfahrung ist so muss

die Materie zur Möglichkeit aller Gegenstände der Sinne als in einem Inbegriffe

gegeben vorausgesetzt werden auf dessen Einschränkung allein alle Möglichkeit

empirischer Gegenstände ihr Unterschied von einander und ihre durchgängige

Bestimmung beruhen kann Nun können uns in der Tat keine andere Gegenstände

als die der Sinne und nirgend als in dem Kontext einer möglichen Erfahrung

gegeben werden folglich ist nichts für uns ein Gegenstand wenn es nicht den

Inbegriff aller empirischen Realität als Bedingung seiner Möglichkeit

voraussetzt Nach einer natürlichen Illusion sehen wir nun das für einen

Grundsatz an der von allen Dingen überhaupt gelten müsse welcher eigentlich

nur von denen gilt die als Gegenstände unserer Sinne gegeben werden Folglich

werden wir das empirische Prinzip unserer Begriffe der Möglichkeit der Dinge

als Erscheinungen durch Weglassung dieser Einschränkung für ein

transzendentales Prinzip der Möglichkeit der Dinge überhaupt halten

    Dass wir aber hernach diese Idee vom Inbegriffe aller Realität hypostasieren

kommt daher weil wir die distributive Einheit des Erfahrungsgebrauchs des

Verstandes in die kollektive Einheit eines Erfahrungsganzen dialektisch

verwandeln und an diesem Ganzen der Erscheinung uns ein einzelnes Ding denken

was alle empirische Realität in sich enthält welches denn vermittelst der

schon gedachten transzendentalen Subreption mit dem Begriffe eines Dinges

verwechselt wird was an der Spitze der Möglichkeit aller Dinge steht zu deren

durchgängiger Bestimmung es die realen Bedingungen hergibt61

 
 



 


    Ungeachtet dieser dringenden Bedürfnis der Vernunft etwas vorauszusetzen

was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung seiner Begriffe vollständig

zum Grunde liegen könne so bemerkt sie doch das Idealische und bloß Gedichtete

einer solchen Voraussetzung viel zu leicht als dass sie dadurch allein überredet

werden sollte ein bloßes Selbstgeschöpf ihres Denkens sofort für ein wirkliches

Wesen anzunehmen wenn sie nicht wodurch anders gedrungen würde irgendwo ihren

Ruhestand in dem Regressus vom Bedingten das gegeben ist zum Unbedingten zu

suchen das zwar an sich und seinem bloßen Begriff nach nicht als wirklich

gegeben ist welches aber allein die Reihe der zu ihren Gründen hinausgeführten

Bedingungen vollenden kann Dieses ist nun der natürliche Gang den jede

menschliche Vernunft selbst die gemeineste nimmt obgleich nicht eine jede in

demselben aushält Sie fängt nicht von Begriffen sondern von der gemeinen

Erfahrung an und legt also etwas Existierendes zum Grunde Dieser Boden aber

sinkt wenn er nicht auf dem unbeweglichen Felsen des Absolutnotwendigen ruhet

Dieser selber aber schwebt ohne Stütze wenn noch außer und unter ihm leerer

Raum ist und er nicht selbst alles erfüllet und dadurch keinen Platz zum Warum

mehr übrig lässt di der Realität nach unendlich ist

    Wenn etwas was es auch sei existiert so muss auch eingeräumt werden dass

irgend etwas notwendigerweise existiere Denn das Zufällige existiert nur unter

der Bedingung eines anderen als seiner Ursache und von dieser gilt der Schluss

fernerhin bis zu einer Ursache die nicht zufällig und eben darum ohne

Bedingung notwendigerweise da ist Das ist das Argument worauf die Vernunft

ihren Fortschritt zum Urwesen gründet

    Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um das sich zu

einem solchen Vorzuge der Existenz als die unbedingte Notwendigkeit schicke

nicht so wohl um alsdann von dem Begriffe desselben a priori auf sein Dasein zu

schließen denn getraute sie sich dieses so dürfte sie überhaupt nur unter

bloßen Begriffen forschen und hätte nicht nötig ein gegebenes Dasein zum

Grunde zu legen sondern nur um unter allen Begriffen möglicher Dinge

denjenigen zu finden der nichts der absoluten Notwendigkeit Widerstreitendes in

sich hat Denn dass doch irgend etwas schlechthin notwendig existieren müsse

hält sie nach dem ersteren Schlusse schon für ausgemacht Wenn sie nun alles

wegschaffen kann was sich mit dieser Notwendigkeit nicht verträgt außer einem

so ist dieses das schlechthin notwendige Wesen man mag nun die Notwendigkeit

desselben begreifen di aus seinem Begriffe allein ableiten können oder

nicht

    Nun scheint dasjenige dessen Begriff zu allem Warum das Darum in sich

enthält das in keinem Stücke und in keiner Absicht defekt ist welches

allerwärts als Bedingung hinreicht eben darum das zur absoluten Notwendigkeit

schickliche Wesen zu sein weil es bei dem Selbstbesitz aller Bedingungen zu

allem Möglichen selbst keiner Bedingung bedarf ja derselben nicht einmal fähig

ist folglich wenigstens in einem Stücke dem Begriffe der unbedingten

Notwendigkeit ein Genüge tut darin es kein anderer Begriff ihm gleichtun kann

der weil er mangelhaft und der Ergänzung bedürftig ist kein solches Merkmal

der Unabhängigkeit von allen ferneren Bedingungen an sich zeigt Es ist wahr

dass hieraus noch nicht sicher gefolgert werden könne dass was nicht die höchste

und in aller Absicht vollständige Bedingung in sich enthält darum selbst seiner

Existenz nach bedingt sein müsse aber es hat denn doch das einzige Merkzeichen

des unbedingten Daseins nicht an sich dessen die Vernunft mächtig ist um durch

einen Begriff a priori irgend ein Wesen als unbedingt zu erkennen

    Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität würde sich also unter

allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt notwendigen

Wesens am besten schicken und wenn er diesem auch nicht völlig genugtut so

haben wir doch keine Wahl sondern sehen uns genötigt uns an ihn zu halten

weil wir die Existenz eines notwendigen Wesens nicht in den Wind schlagen

dürfen geben wir sie aber zu doch in dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts

finden können was auf einen solchen Vorzug im Dasein einen gegründetem Anspruch

machen könnte

    So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaffen Zuerst

überzeugt sie sich vom Dasein irgend eines notwendigen Wesens In diesem

erkennet sie eine unbedingte Existenz Nun sucht sie den Begriff des

Unabhängigen von aller Bedingung und findet ihn in dem was selbst die

zureichende Bedingung zu allem andern ist di in demjenigen was alle Realität

enthält Das All aber ohne Schranken ist absolute Einheit und führt den Begriff

eines einigen nämlich des höchsten Wesens bei sich und so schließt sie dass

das höchste Wesen als Urgrund aller Dinge schlechthin notwendiger Weise dasei

    Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten werden

wenn von Entschließungen die Rede ist nämlich wenn einmal das Dasein irgend

eines notwendigen Wesens zugegeben wird und man darin übereinkommt dass man

seine Partei ergreifen müsse worin man dasselbe setzen wolle denn alsdann kann

man nicht schicklicher wählen oder man hat vielmehr keine Wahl sondern ist

genötigt der absoluten Einheit der vollständigen Realität als dem Urquelle der

Möglichkeit seine Stimme zu geben Wenn uns aber nichts treibt uns zu

entschließen und wir lieber diese ganze Sache dahin gestellt sein ließen bis

wir durch das volle Gewicht der Beweisgründe zum Beifalle gezwungen würden di

wenn es bloß um Beurteilung zu tun ist wie viel wir von dieser Aufgabe wissen

und was wir uns nur zu wissen schmeicheln dann erscheint obiger Schluss bei

weitem nicht in so vorteilhafter Gestalt und bedarf Gunst um den Mangel seiner

Rechtsansprüche zu ersetzen

    Denn wenn wir alles so gut sein lassen wie es hier vor uns liegt dass

nämlich erstlich von irgend einer gegebenen Existenz allenfalls auch bloß

meiner eigenen ein richtiger Schluss auf die Existenz eines unbedingt notwendigen

Wesens stattfinde zweitens dass ich ein Wesen welches alle Realität mithin

auch alle Bedingung enthält als schlechthin unbedingt ansehen müsse folglich

der Begriff des Dinges welches sich zur absoluten Notwendigkeit schickt

hierdurch gefunden sei so kann daraus doch gar nicht geschlossen werden dass der

Begriff eines eingeschränkten Wesens das nicht die höchste Realität hat darum

der absoluten Notwendigkeit widerspreche Denn ob ich gleich in seinem Begriffe

nicht das Unbedingte antreffe was das All der Bedingungen schon bei sich führt

so kann daraus doch gar nicht gefolgert werden dass sein Dasein eben darum

bedingt sein müsse so wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht

sagen kann wo eine gewisse Bedingung nämlich hier der Vollständigkeit nach

Begriffen nicht ist da ist auch das Bedingte nicht Es wird uns vielmehr

unbenommen bleiben alle übrige eingeschränkte Wesen eben so wohl für unbedingt

notwendig gelten zu lassen ob wir gleich ihre Notwendigkeit aus dem allgemeinen

Begriffe den wir von ihnen haben nicht schließen können Auf diese Weise aber

hätte dieses Argument uns nicht den mindesten Begriff von Eigenschaften eines

notwendigen Wesens verschafft und überall gar nichts geleistet

    Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit und ein

Ansehen das ihm wegen dieser objektiven Unzulänglichkeit noch nicht sofort

genommen werden kann Denn setzet es gebe Verbindlichkeiten die in der Idee

der Vernunft ganz richtig aber ohne alle Realität der Anwendung auf uns selbst

di ohne Triebfedern sein würden wo nicht ein höchstes Wesen vorausgesetzt

würde das den praktischen Gesetzen Wirkung und Nachdruck geben könnte so

würden wir auch eine Verbindlichkeit haben den Begriffen zu folgen die wenn

sie gleich nicht objektiv zulänglich sein möchten doch nach dem Maße unserer

Vernunft überwiegend sind und in Vergleichung mit denen wir doch nichts

Besseres und Überführenderes erkennen Die Pflicht zu wählen würde hier die

Unschliessigkeit der Spekulation durch einen praktischen Zusatz aus dem

Gleichgewichte bringen ja die Vernunft würde bei ihr selbst als dem

nachsehendsten Richter keine Rechtfertigung finden wenn sie unter dringenden

Bewegursachen obzwar nur mangelhafter Einsicht diesen Gründen ihres Urteils

über die wir doch wenigstens keine bessere kennen nicht gefolgt wäre

    Dieses Argument ob es gleich in der Tat transzendental ist indem es auf

der inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht ist doch so einfältig und

natürlich dass es dem gemeinsten Menschensinne angemessen ist so bald dieser

nur einmal darauf geführt wird Man sieht Dinge sich verändern entstehen und

vergehen sie müssen also oder wenigstens ihr Zustand eine Ursache haben Von

jeder Ursache aber die jemals in der Erfahrung gegeben werden mag lässt sich

eben dieses wiederum fragen Wohin sollen wir nun die oberste Kausalität

billiger verlegen als dahin wo auch die höchste Kausalität ist di in

dasjenige Wesen was zu der möglichen Wirkung die Zulänglichkeit in sich selbst

ursprünglich enthält dessen Begriff auch durch den einzigen Zug einer

allbefassenden Vollkommenheit sehr leicht zu Stande kommt Diese höchste Ursache

halten wir denn für schlechthin notwendig weil wir es schlechterdings notwendig

finden bis zu ihr hinaufzusteigen und keinen Grund über sie noch weiter

hinaus zu gehen Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste

Vielgötterei doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern wozu nicht

Nachdenken und tiefe Spekulation sondern nur ein nach und nach verständlich

gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes geführt hat

 



    Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus spekulativer Vernunft

                                    möglich



    Alle Wege die man in dieser Absicht einschlagen mag fangen entweder von

der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen Beschaffenheit

unserer Sinnenwelt an und steigen von ihr nach Gesetzen der Kausalität bis zur

höchsten Ursache außer der Welt hinauf oder sie legen nur unbestimmte

Erfahrung di irgend ein Dasein empirisch zum Grunde oder sie abstrahieren

endlich von aller Erfahrung und schließen gänzlich a priori aus bloßen

Begriffen auf das Dasein einer höchsten Ursache Der erste Beweis ist der

physikotheologische der zweite der kosmologische der dritte der ontologische

Beweis Mehr gibt es ihrer nicht und mehr kann es auch nicht geben

    Ich werde dartun dass die Vernunft auf dem einen Wege dem empirischen so

wenig als auf dem anderen dem transzendentalen etwas ausrichte und dass sie

vergeblich ihre Flügel ausspanne um über die Sinnenwelt durch die bloße Macht

der Spekulation hinaus zu kommen Was aber die Ordnung betrifft in welcher

diese Beweisarten der Prüfung vorgelegt werden müssen so wird sie gerade die

umgekehrte von derjenigen sein welche die sich nach und nach erweiternde

Vernunft nimmt und in der wir sie auch zuerst gestellt haben Denn es wird sich

zeigen dass obgleich Erfahrung den ersten Anlass dazu gibt dennoch bloß der

transzendentale Begriff die Vernunft in dieser ihrer Bestrebung leite und in

allen solchen Versuchen das Ziel ausstecke das sie sich vorgesetzt hat Ich

werde also von der Prüfung des transzendentalen Beweises anfangen und nachher

sehen was der Zusatz des Empirischen zur Vergrößerung seiner Beweiskraft tun

könne

 
 



 

    Man sieht aus dem Bisherigen leicht dass der Begriff eines

absolut notwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff di eine bloße Idee sei

deren objektive Realität dadurch dass die Vernunft ihrer bedarf noch lange

nicht bewiesen ist welche auch nur auf eine gewisse obzwar unerreichbare

Vollständigkeit Anweisung gibt und eigentlich mehr dazu dient den Verstand zu

begrenzen als ihn auf neue Gegenstände zu erweitern Es findet sich hier nun

das Befremdliche und Widersinnische dass der Schluss von einem gegebenen Dasein

überhaupt auf irgend ein schlechthin notwendiges Dasein dringend und richtig zu

sein scheint und wir gleichwohl alle Bedingungen des Verstandes sich einen

Begriff von einer solchen Notwendigkeit zu machen gänzlich wider uns haben

    Man hat zu aller Zeit von dem absolut notwendigen Wesen geredet und sich

nicht so wohl Mühe gegeben zu verstehen ob und wie man sich ein Ding von

dieser Art auch nur denken könne als vielmehr dessen Dasein zu beweisen Nun

ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe ganz leicht dass es nämlich so

etwas sei dessen Nichtsein unmöglich ist aber man wird hierdurch um nichts

klüger in Ansehung der Bedingungen die es unmöglich machen das Nichtsein

eines Dinges als schlechterdings undenklich anzusehen und die eigentlich

dasjenige sind was man wissen will nämlich ob wir uns durch diesen Begriff

überall etwas denken oder nicht Denn alle Bedingungen die der Verstand

jederzeit bedarf um etwas als notwendig anzusehen vermittelst des Worts

Unbedingt wegwerfen macht mir noch lange nicht verständlich ob ich alsdann

durch einen Begriff eines Unbedingtnotwendigen noch etwas oder vielleicht gar

nichts denke

    Noch mehr diesen auf das bloße Geratewohl gewagten und endlich ganz

geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge Beispiele zu

erklären geglaubt so dass alle weitere Nachfrage wegen seiner Verständlichkeit

ganz unnötig geschienen Ein jeder Satz der Geometrie zB dass ein Triangel

drei Winkel habe ist schlechthin notwendig und so redete man von einem

Gegenstande der ganz außerhalb der Sphäre unseres Verstandes liegt als ob man

ganz wohl verstände was man mit dem Begriffe von ihm sagen wolle

    Alle vorgegebene Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urteilen aber nicht

von Dingen und deren Dasein hergenommen Die unbedingte Notwendigkeit der

Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit der Sachen Denn die absolute

Notwendigkeit des Urteils ist nur eine bedingte Notwendigkeit der Sache oder

des Prädikats im Urteile Der vorige Satz sagte nicht dass drei Winkel

schlechterdings notwendig sein sondern unter der Bedingung dass ein Triangel

da ist gegeben ist sind auch drei Winkel in ihm notwendiger Weise da

Gleichwohl hat diese logische Notwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion

bewiesen dass indem man sich einen Begriff a priori von einem Dinge gemacht

hatte der so gestellt war dass man seiner Meinung nach das Dasein mit in

seinen Umfang begriff man daraus glaubte sicher schließen zu können dass weil

dem Objekt dieses Begriffs das Dasein notwendig zukommt di unter der

Bedingung dass ich dieses Ding als gegeben existierend setze auch sein Dasein

notwendig nach der Regel der Identität gesetzt werde und dieses Wesen daher

selbst schlechterdings notwendig sei weil sein Dasein in einem nach Belieben

angenommenen Begriffe und unter der Bedingung dass ich den Gegenstand desselben

setze mit gedacht wird

    Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte das

Subjekt so entspringt ein Widerspruch und daher sage ich jenes kommt diesem

notwendiger Weise zu Hebe ich aber das Subjekt zusamt dem Prädikate auf so

entspringt kein Widerspruch denn es ist nichts mehr welchem widersprochen

werden könnte Einen Triangel setzen und doch die drei Winkel desselben

aufheben ist widersprechend aber den Triangel samt seinen drei Winkeln

aufheben ist kein Widerspruch Gerade eben so ist es mit dem Begriffe eines

absolut notwendigen Wesens bewandt Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt so

hebt ihr das Ding selbst mit allen seinen Prädikaten auf wo soll alsdann der

Widerspruch herkommen Äußerlich ist nichts dem widersprochen würde denn das

Ding soll nicht äußerlich notwendig sein innerlich auch nichts denn ihr habt

durch Aufhebung des Dinges selbst alles Innere zugleich aufgehoben Gott ist

allmächtig das ist ein notwendiges Urteil Die Allmacht kann nicht aufgehoben

werden wenn ihr eine Gottheit di ein unendliches Wesen setzt mit dessen

Begriff jener identisch ist Wenn ihr aber sagt Gott ist nicht so ist weder

die Allmacht noch irgend ein anderes seiner Prädikate gegeben denn sie sind

alle zusamt dem Subjekte aufgehoben und es zeigt sich in diesem Gedanken nicht

der mindeste Widerspruch

    Ihr habt also gesehen dass wenn ich das Prädikat eines Urteils zusamt dem

Subjekte aufhebe niemals ein innerer Widerspruch entspringen könne das

Prädikat mag auch sein welches es wolle Nun bleibt euch keine Ausflucht übrig

als ihr müsst sagen es gibt Subjekte die gar nicht aufgehoben werden können

die also bleiben müssen Das würde aber eben so viel sagen als es gibt

schlechterdings notwendige Subjekte eine Voraussetzung an deren Richtigkeit ich

eben gezweifelt habe und deren Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet Denn ich

kann mir nicht den geringsten Begriff von einem Dinge machen welches wenn es

mit allen seinen Prädikaten aufgehoben würde einen Widerspruch zurück ließe

und ohne den Widerspruch habe ich durch bloße reine Begriffe a priori kein

Merkmal der Unmöglichkeit

    Wider alle diese allgemeine Schlüsse deren sich kein Mensch weigern kann

fordert ihr mich durch einen Fall auf den ihr als einen Beweis durch die Tat

aufstellet dass es doch einen und zwar nur diesen Einen Begriff gebe da das

Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes in sich selbst widersprechend

sei und dieses ist der Begriff des allerrealesten Wesens Es hat sagt ihr

alle Realität und ihr seid berechtigt ein solches Wesen als möglich anzunehmen

welches ich vor jetzt einwillige obgleich der sich nicht widersprechende

Begriff noch lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes beweiset62 Nun ist

unter aller Realität auch das Dasein mit begriffen Also liegt das Dasein in dem

Begriffe von einem Möglichen Wird dieses Ding nun aufgehoben so wird die

innere Möglichkeit des Dinges aufgehoben welches widersprechend ist

    Ich antworte Ihr habt schon einen Widerspruch begangen wenn ihr in den

Begriff eines Dinges welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach denken

wolltet es sei unter welchem versteckten Namen schon den Begriff seiner

Existenz hinein brachtet Räumet man euch dieses ein so habt ihr dem Scheine

nach gewonnen Spiel in der Tat aber nichts gesagt denn ihr habt eine bloße

Tautologie begangen Ich frage euch ist der Satz dieses oder jenes Ding

welches ich euch als möglich einräume es mag sein welches es wolle existiert

 ist sage ich dieser Satz ein analytischer oder synthetischer Satz Wenn er

das erstere ist so tut ihr durch das Dasein des Dinges zu eurem Gedanken von

dem Dinge nichts hinzu aber alsdann müsste entweder der Gedanke der in euch

ist das Ding selber sein oder ihr habt ein Dasein als zur Möglichkeit

gehörig vorausgesetzt und alsdann das Dasein dem Vorgeben nach aus der inneren

Möglichkeit geschlossen welches nichts als eine elende Tautologie ist Das

Wort Realität welches im Begriffe des Dinges anders klingt als Existenz im

Begriffe des Prädikats macht es nicht aus Denn wenn ihr auch alles Setzen

unbestimmt was ihr setzt Realität nennt so habt ihr das Ding schon mit allen

seinen Prädikaten im Begriffe des Subjekts gesetzt und als wirklich angenommen

und im Prädikate wiederholt ihr es nur Gesteht ihr dagegen wie es

billigermaßen jeder Vernünftige gestehen muss dass ein jeder Existenzialsatz

synthetisch sei wie wollet ihr denn behaupten dass das Prädikat der Existenz

sich ohne Widerspruch nicht aufheben lasse  da dieser Vorzug nur den

analytischen als deren Charakter eben darauf beruht eigentümlich zukommt

    Ich würde zwar hoffen diese grüblerische Argutation ohne allen Umschweif

durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz zu nichte zu machen wenn

ich nicht gefunden hätte dass die Illusion in Verwechselung eines logischen

Prädikats mit einem realen di der Bestimmung eines Dinges beinahe alle

Belehrung ausschlage Zum logischen Prädikate kann alles dienen was man will

so gar das Subjekt kann von sich selbst prädiziert werden denn die Logik

abstrahiert von allem Inhalte Aber die Bestimmung ist ein Prädikat welches

über den Begriff des Subjekts hinzukommt und ihn vergrößert Sie muss also nicht

in ihm schon enthalten sein

    Sein ist offenbar kein reales Prädikat di ein Begriff von irgend etwas

was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne Es ist bloß die Position

eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im logischen Gebrauche

ist es lediglich die Kopula eines Urteils Der Satz Gott ist allmächtig

enthält zwei Begriffe die ihre Objekte haben Gott und Allmacht das Wörtchen

ist ist nicht noch ein Prädikat oben ein sondern nur das was das Prädikat

beziehungsweise aufs Subjekt setzt Nehme ich nun das Subjekt Gott mit allen

seinen Prädikaten worunter auch die Allmacht gehöret zusammen und sage Gott

ist oder es ist ein Gott so setze ich kein neues Prädikat zum Begriffe von

Gott sondern nur das Subjekt an sich selbst mit allen seinen Prädikaten und

zwar den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff Beide müssen genau einerlei

enthalten und es kann daher zu dem Begriffe der bloß die Möglichkeit

ausdrückt darum dass ich dessen Gegenstand als schlechthin gegeben durch den

Ausdruck er ist denke nichts weiter hinzukommen Und so enthält das Wirkliche

nichts mehr als das bloß Mögliche Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das

mindeste mehr als hundert mögliche Denn da diese den Begriff jene aber den

Gegenstand und dessen Position an sich selbst bedeuten so würde im Fall dieser

mehr enthielte als jener mein Begriff nicht den ganzen Gegenstand ausdrücken

und also auch nicht der angemessene Begriff von ihm sein Aber in meinem

Vermögenszustande ist mehr bei hundert wirklichen Talern als bei dem bloßen

Begriffe derselben di ihrer Möglichkeit Denn der Gegenstand ist bei der

Wirklichkeit nicht bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten sondern kommt

zu meinem Begriffe der eine Bestimmung meines Zustandes ist synthetisch hinzu

ohne dass durch dieses Sein außerhalb meinem Begriffe diese gedachte hundert

Taler selbst im mindesten vermehrt werden

    Wenn ich also ein Ding durch welche und wie viel Prädikate ich will selbst

in der durchgängigen Bestimmung denke so kommt dadurch dass ich noch

hinzusetze dieses Ding ist nicht das mindeste zu dem Dinge hinzu Denn sonst

würde nicht eben dasselbe sondern mehr existieren als ich im Begriffe gedacht

hatte und ich könnte nicht sagen dass gerade der Gegenstand meines Begriffs

existiere Denke ich mir auch sogar in einem Dinge alle Realität außer einer so

kommt dadurch dass ich sage ein solches mangelhaftes Ding existiert die

fehlende Realität nicht hinzu sondern es existiert gerade mit demselben Mangel

behaftet als ich es gedacht habe sonst würde etwas anderes als ich dachte

existieren Denke ich mir nun ein Wesen als die höchste Realität ohne Mangel

so bleibt noch immer die Frage ob es existiere oder nicht Denn obgleich an

meinem Begriffe von dem möglichen realen Inhalte eines Dinges überhaupt nichts

fehlt so fehlt doch noch etwas an dem Verhältnisse zu meinem ganzen Zustande

des Denkens nämlich dass die Erkenntnis jenes Objekts auch a posteriori möglich

sei Und hier zeiget sich auch die Ursache der hierbei obwaltenden Schwierigkeit

Wäre von einem Gegenstande der Sinne die Rede so würde ich die Existenz des

Dinges mit dem bloßen Begriffe des Dinges nicht verwechseln können Denn durch

den Begriff wird der Gegenstand nur mit den allgemeinen Bedingungen einer

möglichen empirischen Erkenntnis überhaupt als einstimmig durch die Existenz

aber als in dem Kontext der gesamten Erfahrung enthalten gedacht da denn durch

die Verknüpfung mit dem Inhalte der gesamten Erfahrung der Begriff vom

Gegenstande nicht im mindesten vermehrt wird unser Denken aber durch denselben

eine mögliche Wahrnehmung mehr bekommt Wollen wir dagegen die Existenz durch

die reine Kategorie allein denken so ist kein Wunder dass wir kein Merkmal

angeben können sie von der bloßen Möglichkeit zu unterscheiden

    Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten was und wie viel er

wolle so müssen wir doch aus ihm herausgehen um diesem die Existenz zu

erteilen Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch den Zusammenhang mit

irgend einer meiner Wahrnehmungen nach empirischen Gesetzen aber für Objekte

des reinen Denkens ist ganz und gar kein Mittel ihr Dasein zu erkennen weil es

gänzlich a priori erkannt werden müsste unser Bewusstsein aller Existenz aber es

sei durch Wahrnehmung unmittelbar oder durch Schlüsse die etwas mit der

Wahrnehmung verknüpfen gehöret ganz und gar zur Einheit der Erfahrung und eine

Existenz außer diesem Felde kann zwar nicht schlechterdings für unmöglich

erklärt werden sie ist aber eine Voraussetzung die wir durch nichts

rechtfertigen können

    Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr nützliche

Idee sie ist aber eben darum weil sie bloß Idee ist ganz unfähig um

vermittelst ihrer allein unsere Erkenntnis in Ansehung dessen was existiert zu

erweitern Sie vermag nicht einmal so viel dass sie uns in Ansehung der

Möglichkeit eines Mehreren belehrte Das analytische Merkmal der Möglichkeit

das darin besteht dass bloße Positionen Realitäten keinen Widerspruch

erzeugen kann ihm zwar nicht gestritten werden da aber die Verknüpfung aller

realen Eigenschaften in einem Dinge eine Synthesis ist über deren Möglichkeit

wir a priori nicht urteilen können weil uns die Realitäten spezifisch nicht

gegeben sind und wenn dieses auch geschähe überall gar kein Urteil darin

stattfindet weil das Merkmal der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer

nur in der Erfahrung gesucht werden muss zu welcher aber der Gegenstand einer

Idee nicht gehören kann so hat der berühmte Leibniz bei weitem das nicht

geleistet wessen er sich schmeichelte nämlich eines so erhabenen idealischen

Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen

    Es ist also an dem so berühmten ontologischen Cartesianischen Beweise vom

Dasein eines höchsten Wesens aus Begriffen alle Mühe und Arbeit verloren und

ein Mensch möchte wohl eben so wenig aus bloßen Ideen an Einsichten reicher

werden als ein Kaufmann an Vermögen wenn er um seinen Zustand zu verbessern

seinem Kassenbestand einige Nullen anhängen wollte

 
 






    Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des Schulwitzes aus

einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein des ihr entsprechenden

Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen In der Tat würde man es nie auf diesem

Wege versucht haben wäre nicht die Bedürfnis unserer Vernunft zur Existenz

überhaupt irgend etwas Notwendiges bei dem man im Aufsteigen stehen bleiben

könne anzunehmen vorhergegangen und wäre nicht die Vernunft da diese

Notwendigkeit unbedingt und a priori gewiss sein muss gezwungen worden einen

Begriff zu suchen der wo möglich einer solchen Forderung ein Genüge täte und

ein Dasein völlig a priori zu erkennen gäbe Diesen glaubte man nun in der Idee

eines allerrealesten Wesens zu finden und so wurde diese nur zur bestimmteren

Kenntnis desjenigen wovon man schon anderweitig überzeugt oder überredet war

es müsse existieren nämlich des notwendigen Wesens gebraucht Indes verhehlte

man diesen natürlichen Gang der Vernunft und anstatt bei diesem Begriffe zu

endigen versuchte man von ihm anzufangen um die Notwendigkeit des Daseins aus

ihm abzuleiten die er doch nur zu ergänzen bestimmt war Hieraus entsprang nun

der verunglückte ontologische Beweis der weder für den natürlichen und gesunden

Verstand noch für die schulgerechte Prüfung etwas Genugtuendes bei sich führet

    Der kosmologische Beweis den wir jetzt untersuchen wollen behält die

Verknüpfung der absoluten Notwendigkeit mit der höchsten Realität bei aber

anstatt wie der vorige von der höchsten Realität auf die Notwendigkeit im

Dasein zu schließen schließt er vielmehr von der zum voraus gegebenen

unbedingten Notwendigkeit irgend eines Wesens auf dessen unbegrenzte Realität

und bringt so fern alles wenigstens in das Geleis einer ich weiß nicht ob

vernünftigen oder vernünftelnden wenigstens natürlichen Schlussart welche

nicht allein für den gemeinen sondern auch den spekulativen Verstand die meiste

Überredung bei sich führt wie sie denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen der

natürlichen Theologie die ersten Grundlinien zieht denen man jederzeit

nachgegangen ist und ferner nachgehen wird man mag sie nun durch noch so viel

Laubwerk und Schnörkel verzieren und verstecken als man immer will Diesen

Beweis den Leibniz auch den a contingentia mundi nannte wollen wir jetzt vor

Augen stellen und der Prüfung unterwerfen

    Er lautet also Wenn etwas existiert so muss auch ein

Schlechterdings notwendiges Wesen existieren Nun existiere zum mindesten ich

selbst also existiert ein absolut notwendiges Wesen Der Untersatz enthält eine

Erfahrung der Obersatz die Schlussfolge aus einer Erfahrung überhaupt auf das

Dasein des Notwendigen63 Also hebt der Beweis eigentlich von der Erfahrung an

mithin ist er nicht gänzlich a priori geführt oder ontologisch und weil der

Gegenstand aller möglichen Erfahrung Welt heißt so wird er darum der

kosmologische Beweis genannt Da er auch von aller besonderen Eigenschaft der

Gegenstände der Erfahrung dadurch sich diese Welt von jeder möglichen

unterscheiden mag abstrahiert so wird er schon in seiner Benennung auch vom

physikotheologischen Beweise unterschieden welcher Beobachtungen der besonderen

Beschaffenheit dieser unserer Sinnenwelt zu Beweisgründen braucht

    Nun schließt der Beweis weiter das notwendige Wesen kann nur auf eine

einzige Art di in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten Prädikate nur

durch eines derselben bestimmt werden folglich muss es durch seinen Begriff

durchgängig bestimmt sein Nun ist nur ein einziger Begriff von einem Dinge

möglich der dasselbe a priori durchgängig bestimmt nämlich der des entis

realissimi Also ist der Begriff des allerrealesten Wesens der einzige dadurch

ein notwendiges Wesen gedacht werden kann di es existiert ein höchstes Wesen

notwendiger Weise

    In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde Grundsätze

zusammen dass die spekulative Vernunft hier alle ihre dialektische Kunst

aufgeboten zu haben scheint um den größtmöglichen transzendentalen Schein zu

Stande zu bringen Wir wollen ihre Prüfung indessen eine Weile bei Seite setzen

um nur eine List derselben offenbar zu machen mit welcher sie ein altes

Argument in verkleideter Gestalt für ein neues aufstellt und sich auf zweier

Zeugen Einstimmung beruft nämlich einen reinen Vernunftzeugen und einen anderen

von empirischer Beglaubigung da es doch nur der erstere allein ist welcher

bloß seinen Anzug und Stimme verändert um für einen zweiten gehalten zu werden

Um seinen Grund recht sicher zu legen fußet sich dieser Beweis auf Erfahrung

und gibt sich dadurch das Ansehen als sei er vom ontologischen Beweise

unterschieden der auf lauter reine Begriffe a priori sein ganzes Vertrauen

setzt Dieser Erfahrung aber bedient sich der kosmologische Beweis nur um einen

einzigen Schritt zu tun nämlich zum Dasein eines notwendigen Wesens überhaupt

Was dieses für Eigenschaften habe kann der empirische Beweisgrund nicht lehren

sondern da nimmt die Vernunft gänzlich von ihm Abschied und forscht hinter

lauter Begriffen was nämlich ein absolut es Wesen überhaupt für

Eigenschaften haben müsse di welches unter allen möglichen Dingen die

erforderlichen Bedingungen requisita zu einer absoluten Notwendigkeit in sich

enthalte Nun glaubt sie im Begriffe eines allerrealesten Wesens einzig und

allein diese Requisite anzutreffen und schließt sodann das ist das

schlechterdings notwendige Wesen Es ist aber klar dass man hierbei voraussetzt

der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität tue dem Begriffe der

absoluten Notwendigkeit im Dasein völlig genug di es lasse sich aus jener auf

diese schließen ein Satz den das ontologische Argument behauptete welches man

also im kosmologischen Beweise annimmt und zum Grunde legt da man es doch hatte

vermeiden wollen Denn die absolute Notwendigkeit ist ein Dasein aus bloßen

Begriffen Sage ich nun der Begriff des entis realissimi ist ein solcher

Begriff und zwar der einzige der zu dem notwendigen Dasein passend und ihm

adäquat ist so muss ich auch einräumen dass aus ihm das letztere geschlossen

werden könne Es ist also eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter

Begriffen der in dem sogenannten kosmologischen alle Beweiskraft enthält und

die angebliche Erfahrung ist ganz müßig vielleicht um uns nur auf den Begriff

der absoluten Notwendigkeit zu führen nicht aber um diese an irgend einem

bestimmten Dinge darzutun Denn sobald wir dieses zur Absicht haben müssen wir

sofort alle Erfahrung verlassen und unter reinen Begriffen suchen welcher von

ihnen wohl die Bedingungen der Möglichkeit eines absolut notwendigen Wesens

enthalte Ist aber auf solche Weise nur die Möglichkeit eines solchen Wesens

eingesehen so ist auch sein Dasein dargetan denn es heißt so viel als unter

allem Möglichen ist Eines das absolute Notwendigkeit bei sich führt di

dieses Wesen existiert schlechterdings notwendig

    Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten wenn man sie auf

schulgerechte Art vor Augen stellt Hier ist eine solche Darstellung

    Wenn der Satz richtig ist ein jedes schlechthin notwendiges Wesen ist

zugleich das allerrealeste Wesen als welches der nervus probandi des

kosmologischen Beweises ist so muss er sich wie alle bejahende Urteile

wenigstens per accidens umkehren lassen also einige allerrealeste Wesen sind

zugleich schlechthin notwendige Wesen Nun ist aber ein ens realissimum von einem

anderen in keinem Stücke unterschieden und was also von einigen unter diesem

Begriffe enthaltenen gilt das gilt auch von allen Mithin werde ichs in

diesem Falle auch schlechthin umkehren können di ein jedes allerrealestes

Wesen ist ein notwendiges Wesen Weil nun dieser Satz bloß aus seinen Begriffen

a priori bestimmt ist so muss der bloße Begriff des realsten Wesens auch die

absolute Notwendigkeit desselben bei sich führen welches eben der ontologische

Beweis behauptete und der kosmologische nicht anerkennen wollte gleichwohl

aber seinen Schlüssen obzwar versteckter Weise unterlegte

    So ist denn der zweite Weg den die spekulative Vernunft nimmt um das

Dasein des höchsten Wesens zu beweisen nicht allein mit dem ersten gleich

trüglich sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich dass er eine ignoratio

elenchi begeht indem er uns verheißt einen neuen Fußsteig zu führen aber

nach einem kleinen Umschweif uns wiederum auf den alten zurückbringt den wir

seinetwegen verlassen hatten

    Ich habe kurz vorher gesagt dass in diesem kosmologischen Argumente sich ein

ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte welches die

transzendentale Kritik leicht entdecken und zerstören kann Ich will sie jetzt

nur anführen und es dem schon geübten Leser überlassen den trüglichen

Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie aufzuheben

    Da befindet sich denn zB 1 der transzendentale Grundsatz vom Zufälligen

auf eine Ursache zu schließen welcher nur in der Sinnenwelt von Bedeutung ist

außerhalb derselben aber auch nicht einmal einen Sinn hat Denn der bloß

intellektuelle Begriff des Zufälligen kann gar keinen synthetischen Satz wie

den der Kausalität hervorbringen und der Grundsatz der letzteren hat gar keine

Bedeutung und kein Merkmal seines Gebrauchs als nur in der Sinnenwelt hier

aber sollte er gerade dazu dienen um über die Sinnenwelt hinaus zu kommen 2

Der Schluss von der Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe über einander

gegebener Ursachen in der Sinnenwelt auf eine erste Ursache zu schließen wozu

uns die Prinzipien des Vernunftgebrauchs selbst in der Erfahrung nicht

berechtigen vielweniger diesen Grundsatz über dieselbe wohin diese Kette gar

nicht verlängert werden kann ausdehnen können 3 Die falsche

Selbstbefriedigung der Vernunft in Ansehung der Vollendung dieser Reihe

dadurch dass man endlich alle Bedingung ohne welche doch kein Begriff einer

Notwendigkeit stattfinden kann wegschafft und da man alsdann nichts weiter

begreifen kann dieses für eine Vollendung seines Begriffs annimmt 4 Die

Verwechselung der logischen Möglichkeit eines Begriffs von aller vereinigten

Realität ohne inneren Widerspruch mit der transzendentalen welche ein

Principium der Tunlichkeit einer solchen Synthesis bedarf das aber wiederum nur

auf das Feld möglicher Erfahrungen gehen kann usw

    Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielet bloß darauf ab um dem

Beweise des Daseins eines notwendigen Wesens a priori durch bloße Begriffe

auszuweichen der ontologisch geführt werden müsste wozu wir uns aber gänzlich

unvermögend fühlen In dieser Absicht schließen wir aus einem zum Grunde

gelegten wirklichen Dasein einer Erfahrung überhaupt so gut es sich will tun

lassen auf irgend eine schlechterdingsnotwendige Bedingung desselben Wir haben

alsdann dieser ihre Möglichkeit nicht nötig zu erklären Denn wenn bewiesen

ist dass sie dasei so ist die Frage wegen ihrer Möglichkeit ganz unnötig

Wollen wir nun dieses notwendige Wesen nach seiner Beschaffenheit näher

bestimmen so suchen wir nicht dasjenige was hinreichend ist aus seinem

Begriffe die Notwendigkeit des Daseins zu begreifen denn könnten wir dieses

so hätten wir keine empirische Voraussetzung nötig nein wir suchen nur die

negative Bedingung conditio sine qua non ohne welche ein Wesen nicht

absolut notwendig sein würde Nun würde das in aller andern Art von Schlüssen

aus einer gegebenen Folge auf ihren Grund wohl angehen es trifft sich aber

hier unglücklicher Weise dass die Bedingung die man zur absoluten Notwendigkeit

fordert nur in einem einzigen Wesen angetroffen werden kann welches daher in

seinem Begriffe alles was zur absoluten Notwendigkeit erforderlich ist

enthalten müsste und also einen Schluss a priori auf dieselbe möglich macht di

ich müsste auch umgekehrt schließen können welchem Dinge dieser Begriff der

höchsten Realität zukommt das ist schlechterdings notwendig und kann ich so

nicht schließen wie ich denn dieses gestehen muss wenn ich den ontologischen

Beweis vermeiden will so bin ich auch auf meinem neuen Wege verunglückt und

befinde mich wiederum da von wo ich ausging Der Begriff des höchsten Wesens

tut wohl allen Fragen a priori ein Genüge die wegen der inneren Bestimmungen

eines Dinges können aufgeworfen werden und ist darum auch ein Ideal ohne

Gleiches weil der allgemeine Begriff dasselbe zugleich als ein Individuum unter

allen möglichen Dingen auszeichnet Er tut aber der Frage wegen seines eigenen

Daseins gar kein Genüge als warum es doch eigentlich nur zu tun war und man

konnte auf die Erkundigung dessen der das Dasein eines notwendigen Wesens

annahm und nur wissen wollte welches denn unter allen Dingen dafür angesehen

werden müsse nicht antworten Dies hier ist das notwendige Wesen

    Es mag wohl erlaubt sein das Dasein eines Wesens von der höchsten

Zulänglichkeit als Ursache zu allen möglichen Wirkungen anzunehmen um der

Vernunft die Einheit der Erklärungsgründe welche sie sucht zu erleichtern

Allein sich so viel herauszunehmen dass man so gar sage ein solches Wesen

existiert notwendig ist nicht mehr die bescheidene Äußerung einer erlaubten

Hypothese sondern die dreiste Anmaßung einer apodiktischen Gewissheit denn was

man als schlechthinnotwendig zu erkennen vorgibt davon muss auch die Erkenntnis

absolute Notwendigkeit bei sich führen

    Die ganze Aufgabe des transzendentalen Ideals kommt darauf an entweder zu

der absoluten Notwendigkeit einen Begriff oder zu dem Begriffe von irgendeinem

Dinge die absolute Notwendigkeit desselben zu finden Kann man das eine so muss

man auch das andere können denn als schlechthin notwendig erkennt die Vernunft

nur dasjenige was aus seinem Begriffe notwendig ist Aber beides übersteigt

gänzlich alle äußerste Bestrebungen unseren Verstand über diesen Punkt zu

befriedigen aber auch alle Versuche ihn wegen dieses seines Unvermögens zu

beruhigen

    Die unbedingte Notwendigkeit die wir als den letzten Träger aller Dinge

so unentbehrlich bedürfen ist der wahre Abgrund für die menschliche Vernunft

Selbst die Ewigkeit so schauderhaft erhaben sie auch ein Haller schildern mag

macht lange den schwindelichten Eindruck nicht auf das Gemüt denn sie misst nur

die Dauer der Dinge aber trägt sie nicht Man kann sich des Gedanken nicht

erwehren man kann ihn aber auch nicht ertragen dass ein Wesen welches wir uns

auch als das höchste unter allen möglichen vorstellen gleichsam zu sich selbst

sage Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit außer mir ist nichts ohne das was bloß

durch meinen Willen etwas ist aber woher bin ich denn Hier sinkt alles unter

uns und die größte Vollkommenheit wie die kleinste schwebt ohne Haltung bloß

vor der spekulativen Vernunft der es nichts kostet die eine so wie die andere

ohne die mindeste Hindernis verschwinden zu lassen

    Viele Kräfte der Natur die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen äußern

bleiben für uns unerforschlich denn wir können ihnen durch Beobachtung nicht

weit genug nachspüren Das den Erscheinungen zum Grunde liegende transzendentale

Objekt und mit demselben der Grund warum unsere Sinnlichkeit diese vielmehr

als andere oberste Bedingungen habe sind und bleiben für uns unerforschlich

obzwar die Sache selbst übrigens gegeben aber nur nicht eingesehen ist Ein

Ideal der reinen Vernunft kann aber nicht unerforschlich heißen weil es weiter

keine Beglaubigung seiner Realität aufzuweisen hat als die Bedürfnis der

Vernunft vermittelst desselben alle synthetische Einheit zu vollenden Da es

also nicht einmal als denkbarer Gegenstand gegeben istso ist es auch nicht als

ein solcher unerforschlich vielmehr muss er als bloße Idee in der Natur der

Vernunft seinen Sitz und seine Auflösung finden und also erforscht werden

können denn eben darin besteht Vernunft dass wir von allen unseren Begriffen

Meinungen und Behauptungen es sei aus objektiven oder wenn sie ein bloßer

Schein sind aus subjektiven Gründen Rechenschaft geben können

 





    Beide bisher geführte Beweise waren transzendental di unabhängig von

empirischen Prinzipien versucht Denn obgleich der kosmologische eine Erfahrung

überhaupt zum Grunde legt so ist er doch nicht aus irgend einer besonderen

Beschaffenheit derselben sondern aus reinen Vernunftprinzipien in Beziehung

auf eine durchs empirische Bewusstsein überhaupt gegebene Existenz geführt und

verlässt sogar diese Anleitung um sich auf lauter reine Begriffe zu stützen Was

ist nun in diesen transzendentalen Beweisen die Ursache des dialektischen aber

natürlichen Scheins welcher die Begriffe der Notwendigkeit und höchsten

Realität verknüpft und dasjenige was doch nur Idee sein kann realisiert und

hypostasiert Was ist die Ursache der Unvermeidlichkeit etwas als an sich

notwendig unter den existierenden Dingen anzunehmen und doch zugleich vor dem

Dasein eines solchen Wesens als einem Abgrunde zurückzubeben und wie fängt man

es an dass sich die Vernunft hierüber selbst verstehe und aus dem schwankenden

Zustande eines schüchternen und immer wiederum zurückgenommenen Beifalls zur

ruhigen Einsicht gelange

    Es ist etwas überaus Merkwürdiges dass wenn man voraussetzt etwas

existiere man der Folgerung nicht Umgang haben kann dass auch irgend etwas

notwendigerweise existiere Auf diesem ganz natürlichen obzwar darum noch nicht

sicheren Schlusse beruhte das kosmologische Argument Dagegen mag ich einen

Begriff von einem Dinge annehmen welchen ich will so finde ich dass sein

Dasein niemals von mir als schlechterdings notwendig vorgestellt werden könne

und dass mich nichts hindere es mag existieren was da wolle das Nichtsein

desselben zu denken mithin ich zwar zu dem Existierenden überhaupt etwas

Notwendiges annehmen müsse kein einziges Ding aber selbst als an sich notwendig

denken könne Das heißt ich kann das Zurückgehen zu den Bedingungen des

Existierens niemals vollenden ohne ein notwendiges Wesen anzunehmen ich kann

aber von demselben niemals anfangen

    Wenn ich zu existierenden Dingen überhaupt etwas Notwendiges denken muss

kein Ding aber an sich selbst als notwendig zu denken befugt bin so folgt

daraus unvermeidlich dass Notwendigkeit und Zufälligkeit nicht die Dinge selbst

angehen und treffen müsse weil sonst ein Widerspruch vorgehen würde mithin

keiner dieser beiden Grundsätze objektiv sei sondern sie allenfalls nur

subjektive Prinzipien der Vernunft sein können nämlich einerseits zu allem was

als existierend gegeben ist etwas zu suchen das notwendig ist di niemals

anderswo als bei einer a priori vollendeten Erklärung aufzuhören andererseits

aber auch diese Vollendung niemals zu hoffen di nichts Empirisches als

unbedingt anzunehmen und sich dadurch fernerer Ableitung zu überheben In

solcher Bedeutung können beide Grundsätze als bloß heuristisch und regulativ

die nichts als das formale Interesse der Vernunft besorgen ganz wohl bei

einander bestehen Denn der eine sagt ihr sollt so über die Natur

philosophieren als ob es zu allem was zur Existenz gehört einen notwendigen

ersten Grund gebe lediglich um systematische Einheit in eure Erkenntnis zu

bringen indem ihr einer solchen Idee nämlich einem eingebildeten obersten

Grunde nachgeht der andere aber warnet euch keine einzige Bestimmung die die

Existenz der Dinge betrifft für einen solchen obersten Grund di als

absolutnotwendig anzunehmen sondern euch noch immer den Weg zur ferneren

Ableitung offen zu erhalten und sie daher jederzeit noch als bedingt zu

behandeln Wenn aber von uns alles was an den Dingen wahrgenommen wird als

bedingt notwendig betrachtet werden muss so kann auch kein Ding das empirisch

gegeben sein mag als absolut notwendig angesehen werden

    Es folgt aber hieraus dass ihr das Absolutnotwendige außerhalb der Welt

annehmen müsst weil es nur zu einem Prinzip der größtmöglichen Einheit der

Erscheinungen als deren oberster Grund dienen soll und ihr in der Welt

niemals dahin gelangen könnt weil die zweite Regel euch gebietet alle

empirische Ursachen der Einheit jederzeit als abgeleitet anzusehen

    Die Philosophen des Altertums sehen alle Form der Natur als zufällig die

Materie aber nach dem Urteile der gemeinen Vernunft als ursprünglich und

notwendig an Würden sie aber die Materie nicht als Substratum der Erscheinungen

respektiv sondern an sich selbst ihrem Dasein nach betrachtet haben so wäre

die Idee der absoluten Notwendigkeit sogleich verschwunden Denn es ist nichts

was die Vernunft an dieses Dasein schlechthin bindet sondern sie kann solches

jederzeit und ohne Widerstreit in Gedanken aufheben in Gedanken aber lag auch

allein die absolute Notwendigkeit Es musste also bei dieser Überredung ein

gewisses regulatives Prinzip zum Grunde liegen In der Tat ist auch Ausdehnung

und Undurchdringlichkeit die zusammen den Begriff von Materie ausmachen das

oberste empirische Principium der Einheit der Erscheinungen und hat so fern

als es empirisch unbedingt ist eine Eigenschaft des regulativen Prinzips an

sich Gleichwohl da jede Bestimmung der Materie welche das Reale derselben

ausmacht mithin auch die Undurchdringlichkeit eine Wirkung Handlung ist die

ihre Ursache haben muss und daher immer noch abgeleitet ist so schickt sich die

Materie doch nicht zur Idee eines notwendigen Wesens als eines Prinzips aller

abgeleiteten Einheit weil jede ihrer realen Eigenschaften als abgeleitet nur

bedingt notwendig ist und also an sich aufgehoben werden kann hiermit aber das

ganze Dasein der Materie aufgehoben werden würde wenn dieses aber nicht

geschähe wir den höchsten Grund der Einheit empirisch erreicht haben würden

welches durch das zweite regulative Prinzip verboten wird so folgt dass die

Materie und überhaupt was zur Welt gehörig ist zu der Idee eines notwendigen

Urwesens als eines bloßen Prinzips der größten empirischen Einheit nicht

schicklich sei sondern dass es außerhalb der Welt gesetzt werden müsse da wir

denn die Erscheinungen der Welt und ihr Dasein immer getrost von anderen

ableiten können als ob es kein notwendiges Wesen gäbe und dennoch zu der

Vollständigkeit der Ableitung unaufhörlich streben können als ob ein solches

als ein oberster Grund vorausgesetzt wäre

    Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts anders

als ein regulatives Prinzip der Vernunft alle Verbindung in der Welt so

anzusehen als ob sie aus einer allgenugsamen notwendigen Ursache entspränge um

darauf die Regel einer systematischen und nach allgemeinen Gesetzen notwendigen

Einheit in der Erklärung derselben zu gründen und ist nicht eine Behauptung

einer an sich notwendigen Existenz Es ist aber zugleich unvermeidlich sich

vermittelst einer transzendentalen Subreption dieses formale Prinzip als

konstitutiv vorzustellen und sich diese Einheit hypostatisch zu denken Denn

so wie der Raum weil er alle Gestalten die lediglich verschiedene

Einschränkungen desselben sind ursprünglich möglich macht ob er gleich nur ein

Principium der Sinnlichkeit ist dennoch eben darum für ein schlechterdings

notwendiges für sich bestehendes Etwas und einen a priori an sich selbst

gegebenen Gegenstand gehalten wird so geht es auch ganz natürlich zu dass da

die systematische Einheit der Natur auf keinerlei Weise zum Prinzip des

empirischen Gebrauchs unserer Vernunft aufgestellt werden kann als so fern wir

die Idee eines allerrealesten Wesens als der obersten Ursache zum Grunde

legen diese Idee dadurch als ein wirklicher Gegenstand und dieser wiederum

weil er die oberste Bedingung ist als notwendig vorgestellt mithin ein

regulatives Prinzip in ein konstitutives verwandelt werde welche Unterschiebung

sich dadurch offenbart dass wenn ich nun dieses oberste Wesen welches

respektiv auf die Welt schlechthin unbedingt notwendig war als Ding für sich

betrachte diese Notwendigkeit keines Begriffs fähig ist und also nur als

formale Bedingung des Denkens nicht aber als materiale und hypostatische

Bedingung des Daseins in meiner Vernunft anzutreffen gewesen sein müsse

 
 



                   



    Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt noch die Erfahrung von

irgend einem Dasein überhaupt das was gefordert wird leisten kann so bleibt

noch ein Mittel übrig zu versuchen ob nicht eine bestimmte Erfahrung mithin

die der Dinge der gegenwärtigen Welt ihre Beschaffenheit und Anordnung einen

Beweisgrund abgebe der uns sicher zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten

Wesens verhelfen könne Einen solchen Beweis würden wir den physikotheologischen

nennen Sollte dieser auch unmöglich sein so ist überall kein genugtuender

Beweis aus bloß spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens welches

unserer transzendentalen Idee entspräche möglich

    Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen dass der Bescheid auf

diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden könne Denn wie kann

jemals Erfahrung gegeben werden die einer Idee angemessen sein sollte Darin

besteht eben das Eigentümliche der letzteren dass ihr niemals irgend eine

Erfahrung kongruieren könne Die transzendentale Idee von einem notwendigen

allgenugsamen Urwesen ist so überschwänglich groß so hoch über alles

Empirische das jederzeit bedingt ist erhaben dass man teils niemals Stoff

genug in der Erfahrung auftreiben kann um einen solchen Begriff zu füllen

teils immer unter dem Bedingten herumtappt und stets vergeblich nach dem

Unbedingten wovon uns kein Gesetz irgend einer empirischen Synthesis ein

Beispiel oder dazu die mindeste Leitung gibt suchen wird

    Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen so würde es

selbst ein Glied der Reihe derselben sein und eben so wie die niederen

Glieder denen es vorgesetzt ist noch fernere Untersuchung wegen seines noch

höheren Grundes erfordern Will man es dagegen von dieser Kette trennen und als

ein bloß intelligibles Wesen nicht in der Reihe der Naturursachen

mitbegreifen welche Brücke kann die Vernunft alsdann wohl schlagen um zu

demselben zu gelangen Da alle Gesetze des Überganges von Wirkungen zu Ursachen

ja alle Synthesis und Erweiterung unserer Erkenntnis überhaupt auf nichts

anderes als mögliche Erfahrung mithin bloß auf Gegenstände der Sinnenwelt

gestellt sein und nur in Ansehung ihrer eine Bedeutung haben können

    Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so unermesslichen Schauplatz von

Mannigfaltigkeit Ordnung Zweckmäßigkeit und Schönheit man mag diese nun in

der Unendlichkeit des Raumes oder in der unbegrenzten Teilung desselben

verfolgen dass selbst nach den Kenntnissen welche unser schwacher Verstand

davon hat erwerben können alle Sprache über so viele und unabsehlichgroße

Wunder ihren Nachdruck alle Zahlen ihre Kraft zu messen und selbst unsere

Gedanken alle Begrenzung vermissen so dass sich unser Urteil vom Ganzen in ein

sprachloses aber desto beredteres Erstaunen auflösen muss Allerwärts sehen wir

eine Kette von Wirkungen und Ursachen von Zwecken und den Mitteln

Regelmäßigkeit im Entstehen oder Vergehen und indem nichts von selbst in den

Zustand getreten ist darin es sich befindet so weiset er immer weiter hin nach

einem anderen Dinge als seiner Ursache welche gerade eben dieselbe weitere

Nachfrage notwendig macht so dass auf solche Weise das ganze All im Abgrunde

des Nichts versinken müsste nähme man nicht etwas an das außerhalb diesem

unendlichen Zufälligen für sich selbst ursprünglich und unabhängig bestehend

dasselbe hielte und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich seine

Fortdauer sicherte Diese höchste Ursache in Ansehung aller Dinge der Welt

wie groß soll man sie sich denken Die Welt kennen wir nicht ihrem ganzen

Inhalte nach noch weniger wissen wir ihre Größe durch die Vergleichung mit

allem was möglich ist zu schätzen Was hindert uns aber dass da wir einmal in

Absicht auf Kausalität ein äußerstes und oberstes Wesen bedürfen wir es nicht

zugleich dem Grade der Vollkommenheit nach über alles andere Mögliche setzen

sollten welches wir leicht obzwar freilich nur durch den zarten Umriss eines

abstrakten Begriffs bewerkstelligen können wenn wir uns in ihm als einer

einigen Substanz alle mögliche Vollkommenheit vereinigt vorstellen welcher

Begriff der Forderung unserer Vernunft in der Ersparung der Prinzipien günstig

in sich selbst keinen Widersprüchen unterworfen und selbst der Erweiterung des

Vernunftgebrauchs mitten in der Erfahrung, durch die Leitung welche eine solche

Idee auf Ordnung und Zweckmäßigkeit gibt zuträglich nirgend aber einer

Erfahrung auf entschiedene Art zuwider ist

    Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden Er ist der

älteste klärste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten angemessene Er

belebt das Studium der Natur so wie er selbst von diesem sein Dasein hat und

dadurch immer neue Kraft bekommt Er bringt Zwecke und Absichten dahin wo sie

unsere Beobachtung nicht von selbst entdeckt hätte und erweitert unsere

Naturkenntnisse durch den Leitfaden einer besonderen Einheit deren Prinzip

außer der Natur ist Diese Kenntnisse wirken aber wieder auf ihre Ursache

nämlich die veranlassende Idee zurück und vermehren den Glauben an einen

höchsten Urheber bis zu einer unwiderstehlichen Überzeugung

    Es würde daher nicht allein trostlos sondern auch ganz umsonst sein dem

Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen Die Vernunft die durch so

mächtige und unter ihren Händen immer wachsende obzwar nur empirische

Beweisgründe unablässig gehoben wird kann durch keine Zweifel subtiler

abgezogener Spekulation so niedergedrückt werden dass sie nicht aus jeder

grüblerischen Unentschlossenheit gleich als aus einem Traume durch einen

Blick den sie auf die Wunder der Natur und der Majestät des Weltbaues wirft

gerissen werden sollte um sich von Größe zu Größe bis zur allerhöchsten vom

Bedingten zur Bedingung bis zum obersten und unbedingten Urheber zu erheben

    Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit dieses

Verfahrens nichts einzuwenden sondern es vielmehr zu empfehlen und aufzumuntern

haben so können wir darum doch die Ansprüche nicht billigen welche diese

Beweisart auf apodiktische Gewissheit und auf einen gar keiner Gunst oder fremden

Unterstützung bedürftigen Beifall machen möchte und es kann der guten Sache

keineswegs schaden die dogmatische Sprache eines hohnsprechenden Vernünftlers

auf den Ton der Mäßigung und Bescheidenheit eines zur Beruhigung hinreichenden

obgleich eben nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens

herabzustimmen Ich behaupte demnach dass der physikotheologische Beweis das

Dasein eines höchsten Wesens niemals allein dartun könne sondern es jederzeit

dem ontologischen welchem er nur zur Introduktion dient überlassen müsse

diesen Mangel zu ergänzen mithin dieser immer noch den einzigmöglichen

Beweisgrund wofern überall nur ein spekulativer Beweis stattfindet enthalte

den keine menschliche Vernunft vorbeigehen kann

    Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen Beweises sind folgende

1 In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen einer Anordnung nach

bestimmter Absicht mit großer Weisheit ausgeführt und in einem Ganzen von

unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit des Inhalts sowohl als auch unbegrenzter

Größe des Umfangs 2 Den Dingen der Welt ist diese zweckmäßige Anordnung ganz

fremd und hängt ihnen nur zufällig an di die Natur verschiedener Dinge

konnte von selbst durch so vielerlei sich vereinigende Mittel zu bestimmten

Endabsichten nicht zusammenstimmen wären sie nicht durch ein anordnendes

vernünftiges Prinzip nach zum Grunde liegenden Ideen dazu ganz eigentlich

gewählt und angelegt worden 3 Es existiert also eine erhabene und weise

Ursache oder mehrere die nicht bloß als blindwirkende allvermögende Natur

durch Fruchtbarkeit sondern als Intelligenz durch Freiheit die Ursache der

Welt sein muss 4 Die Einheit derselben lässt sich aus der Einheit der

wechselseitigen Beziehung der Teile der Welt als Glieder von einem künstlichen

Bauwerk an demjenigen wohin unsere Beobachtung reicht mit Gewissheit

weiterhin aber nach allen Grundsätzen der Analogie mit Wahrscheinlichkeit

schließen

    Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluss zu schikanieren da

sie aus der Analogie einiger Naturprodukte mit demjenigen was menschliche Kunst

hervorbringt wenn sie der Natur Gewalt tut und sie nötigt nicht nach ihren

Zwecken zu verfahren sondern sich in die unsrigen zu schmiegen der Ähnlichkeit

derselben mit Häusern Schiffen Uhren schließt es werde eben eine solche

Kausalität nämlich Verstand und Wille bei ihr zum Grunde liegen wenn sie die

innere Möglichkeit der freiwirkenden Natur die alle Kunst und vielleicht selbst

sogar die Vernunft zuerst möglich macht noch von einer anderen obgleich

übermenschlichen Kunst ableitet welche Schlussart vielleicht die schärfste

transz Kritik nicht aushalten dürfte muss man doch gestehen dass wenn wir

einmal eine Ursache nennen sollen wir hier nicht sicherer als nach der

Analogie mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen die die einzigen sind wovon

uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind verfahren können Die

Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten können wenn sie von der

Kausalität die sie kennt zu dunkeln und unerweislichen Erklärungsgründen die

sie nicht kennt übergehen wollte

    Nach diesem Schlusse müsste die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit so vieler

Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form aber nicht der Materie di der

Substanz in der Welt beweisen denn zu dem letzteren würde noch erfordert werden

dass bewiesen werden könnte die Dinge der Welt wären an sich selbst zu

dergleichen Ordnung und Einstimmung nach allgemeinen Gesetzen untauglich wenn

sie nicht selbst ihrer Substanz nach das Produkt einer höchsten Weisheit

wären wozu aber ganz andere Beweisgründe als die von der Analogie mit

menschlicher Kunst erfordert werden würden Der Beweis könnte also höchstens

einen Weltbaumeister der durch die Tauglichkeit des Stoffs den er bearbeitet

immer sehr eingeschränkt wäre aber nicht einen Weltschöpfer dessen Idee alles

unterworfen ist dartun welches zu der großen Absicht die man vor Augen hat

nämlich ein allgenugsames Urwesen zu beweisen bei weitem nicht hinreichend ist

Wollten wir die Zufälligkeit der Materie selbst beweisen so müssten wir zu einem

transzendentalen Argumente unsere Zuflucht nehmen welches aber hier eben hat

vermieden werden sollen

    Der Schluss gehet also von der in der Welt so durchgängig zu beobachtenden

Ordnung und Zweckmäßigkeit als einer durchaus zufälligen Einrichtung auf das

Dasein einer ihr proportionierten Ursache Der Begriff dieser Ursache aber muss

uns etwas ganz Bestimmtes von ihr zu erkennen geben und er kann also kein

anderer sein als der von einem Wesen das alle Macht Weisheit etc mit einem

Worte alle Vollkommenheit als ein allgenugsames Wesen besitzt Denn die

Prädikate von sehr großer von erstaunlicher von unermesslicher Macht und

Trefflichkeit geben gar keinen bestimmten Begriff und sagen eigentlich nicht

was das Ding an sich selbst sei sondern sind nur Verhältnisvorstellungen von

der Größe des Gegenstandes den der Beobachter der Welt mit sich selbst und

seiner Fassungskraft vergleicht und die gleich hochpreisend ausfallen man mag

den Gegenstand vergrößern oder das beobachtende Subjekt in Verhältnis auf ihn

kleiner machen Wo es auf Größe der Vollkommenheit eines Dinges überhaupt

ankommt da gibt es keinen bestimmten Begriff als den so die ganze mögliche

Vollkommenheit begreift und nur das All omnitudo der Realität ist im Begriffe

durchgängig bestimmt

    Nun will ich nicht hoffen dass sich jemand unterwinden sollte das

Verhältnis der von ihm beobachteten Weltgroße nach Umfang sowohl als Inhalt

zur Allmacht der Weltordnung zur höchsten Weisheit der Welteinheit zur

absoluten Einheit des Urhebers etc einzusehen Also kann die Physikotheologie

keinen bestimmten Begriff von der obersten Weltursache geben und daher zu einem

Prinzip der Theologie welche wiederum die Grundlage der Religion ausmachen

soll nicht hinreichend sein

    Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen Weg ganz

und gar unmöglich Nun tut man ihn doch aber im physischtheologischen Beweise

Welches Mittels bedient man sich also wohl über eine so weite Kluft zu kommen

    Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit der Macht etc des

Welturhebers gelanget ist und nicht weiter kommen kann so verlässt man auf

einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte Argument und geht zu der

gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welt geschlossenen

Zufälligkeit derselben Von dieser Zufälligkeit allein geht man nun lediglich

durch transzendentale Begriffe zum Dasein eines Schlechthinnotwendigen und von

dem Begriff der absoluten Notwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig

bestimmten oder bestimmenden Begriff desselben nämlich einer allbefassenden

Realität Also blieb der physischtheologische Beweis in seiner Unternehmung

stecken sprang in dieser Verlegenheit plötzlich zu dem kosmologischen Beweise

über und da dieser nur ein versteckter ontologischer Beweis ist so vollführte

er seine Absicht wirklich bloß durch reine Vernunft ob er gleich anfänglich

alle Verwandtschaft mit dieser abgeleugnet und alles auf einleuchtende Beweise

aus Erfahrung ausgesetzt hatte

    Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache gegen die transzendentale

Beweisart so spröde zu tun und auf sie mit dem Eigendünkel hellsehender

Naturkenner als auf das Spinnengewebe finsterer Grübler herabzusehen Denn

wenn sie sich nur selbst prüfen wollten so würden sie finden dass nachdem sie

eine gute Strecke auf dem Boden der Natur und Erfahrung fortgegangen sind und

sich gleichwohl immer noch eben so weit von dem Gegenstande sehen der ihrer

Vernunft entgegen scheint sie plötzlich diesen Boden verlassen und ins Reich

bloßer Möglichkeiten übergehen wo sie auf den Flügeln der Ideen demjenigen nahe

zu kommen hoffen was sich aller ihrer empirischen Nachsuchung entzogen hatte

Nachdem sie endlich durch einen so mächtigen Sprung festen Fuß gefasst zu haben

vermeinen so verbreiten sie den nunmehr bestimmten Begriff in dessen Besitz

sie ohne zu wissen wie gekommen sind über das ganze Feld der Schöpfung und

erläutern das Ideal welches lediglich ein Produkt der reinen Vernunft war

obzwar kümmerlich genug und weit unter der Würde seines Gegenstandes durch

Erfahrung ohne doch gestehen zu wollen dass sie zu dieser Kenntnis oder

Voraussetzung durch einen andern Fußsteig als den der Erfahrung gelanget sind

    So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der kosmologische diesem

aber der ontologische Beweis vom Dasein eines einigen Urwesens als höchsten

Wesens zum Grunde und da außer diesen dreien Wegen keiner mehr der

spekulativen Vernunft offen istso ist der ontologische Beweis aus lauter

reinen Vernunftbegriffen der einzige mögliche wenn überall nur ein Beweis von

einem so weit über allen empirischen Verstandesgebrauch erhabenen Satze möglich

ist

 
 



                  



    Wenn ich unter Theologie die Erkenntnis des Urwesens verstehe so ist sie

entweder die aus bloßer Vernunft theologia rationalis oder aus Offenbarung

revelata Die erstere denkt sich nun ihren Gegenstand entweder bloß durch

reine Vernunft vermittelst lauter transzendentaler Begriffe ens originarium

realissimum ens entium und heißt die transzendentale Theologie oder durch

einen Begriff den sie aus der Natur unserer Seele entlehnt als die höchste

Intelligenz und müsste die natürliche Theologie heißen Der so allein eine

transzendentale Theologie einräumt wird Deist der so auch eine natürliche

Theologie annimmt Theist genannt Der erstere gibt zu dass wir allenfalls das

Dasein eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen können wovon aber unser

Begriff bloß transzendental sei nämlich nur als von einem Wesen das alle

Realität hat die man aber nicht näher bestimmen kann Der zweite behauptet die

Vernunft sei im Stande den Gegenstand nach der Analogie mit der Natur näher zu

bestimmen nämlich als ein Wesen das durch Verstand und Freiheit den Urgrund

aller anderen Dinge in sich enthalte Jener stellet sich also unter demselben

bloß eine Weltursache ob durch die Notwendigkeit seiner Natur oder durch

Freiheit bleibt unentschieden dieser einen Welturheber vor

    Die transzendentale Theologie ist entweder diejenige welche das Dasein des

Urwesens von einer Erfahrung überhaupt ohne über die Welt wozu sie gehöret

etwas näher zu bestimmen abzuleiten gedenkt und heißt Kosmotheologie oder

glaubt durch bloße Begriffe ohne Beihilfe der mindesten Erfahrung sein Dasein

zu erkennen und wird Ontotheologie genannt

    Die natürliche Theologie schließt auf die Eigenschaften und das Dasein eines

Welturhebers aus der Beschaffenheit der Ordnung und Einheit die in dieser

Welt angetroffen wird in welcher zweierlei Kausalität und deren Regel

angenommen werden muss nämlich Natur und Freiheit Daher steigt sie von dieser

Welt zur höchsten Intelligenz auf entweder als dem Prinzip aller natürlichen

oder aller sittlichen Ordnung und Vollkommenheit Im ersteren Falle heißt sie

Physikotheologie im letzten Moraltheologie64

    Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende ewige

Natur als die Wurzel der Dinge sondern ein höchstes Wesen das durch Verstand

und Freiheit der Urheber der Dinge sein soll zu verstehen gewohnt ist und auch

dieser Begriff allein uns interessiert so könnte man nach der Strenge dem

Deisten allen Glauben an Gott absprechen und ihm lediglich die Behauptung eines

Urwesens oder obersten Ursache übrig lassen Indessen da niemand darum weil

er etwas sich nicht zu behaupten getrauet beschuldigt werden darf er wolle es

gar leugnen so ist es gelinder und billiger zu sagen der Deist glaube einen

Gott der Theist aber einen lebendigen Gott summam intelligentiam Jetzt

wollen wir die möglichen Quellen aller dieser Versuche der Vernunft aufsuchen

    Ich begnüge mich hier die theoretische Erkenntnis durch eine solche zu

erklären wodurch ich erkenne was da ist die praktische aber dadurch ich mir

vorstelle was dasein soll Diesemnach ist der theoretische Gebrauch der

Vernunft derjenige durch den ich a priori als notwendig erkenne dass etwas

sei der praktische aber durch den a priori erkannt wird was geschehen solle

Wenn nun entweder dass etwas sei oder geschehen solle ungezweifelt gewiss aber

doch nur bedingt ist so kann doch entweder eine gewisse bestimmte Bedingung

dazu schlechthin notwendig sein oder sie kann nur als beliebig und zufällig

vorausgesetzt werden Im ersteren Falle wird die Bedingung postuliert per

thesin im zweiten supponiert per hypothesin Da es praktische Gesetze gibt

die schlechthin notwendig sind die moralische so muss wenn diese irgend ein

Dasein als die Bedingung der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft notwendig

voraussetzen dieses Dasein postuliert werden darum weil das Bedingte von

welchem der Schluss auf diese bestimmte Bedingung geht selbst a priori als

schlechterdings notwendig erkannt wird Wir werden künftig von den moralischen

Gesetzen zeigen dass sie das Dasein eines höchsten Wesens nicht bloß

voraussetzen sondern auch da sie in anderweitiger Betrachtung schlechterdings

notwendig sind es mit Recht aber freilich nur praktisch postulieren jetzt

setzen wir diese Schlussart noch bei Seite

    Da wenn bloß von dem was da ist nicht was sein soll die Rede ist das

Bedingte welches uns in der Erfahrung gegeben wird jederzeit auch als zufällig

gedacht wird so kann die zu ihm gehörige Bedingung daraus nicht als

schlechthin notwendig erkannt werden sondern dient nur als eine

respektiv notwendige oder vielmehr nötige an sich selbst aber und a priori

willkürliche Voraussetzung zum Vernunfterkenntnis des Bedingten Soll also die

absolute Notwendigkeit eines Dinges im theoretischen Erkenntnisse erkannt

werden so könnte dieses allein aus Begriffen a priori geschehen niemals aber

als einer Ursache in Beziehung auf ein Dasein das durch Erfahrung gegeben ist

    Eine theoretische Erkenntnis ist spekulativ wenn sie auf einen Gegenstand

oder solche Begriffe von einem Gegenstande geht wozu man in keiner Erfahrung

gelangen kann Sie wird der Naturerkenntnis entgegengesetzt welche auf keine

andere Gegenstände oder Prädikate derselben geht als die in einer möglichen

Erfahrung gegeben werden können

    Der Grundsatz von dem was geschieht dem Empirischzufälligen als

Wirkung auf eine Ursache zu schließen ist ein Prinzip der Naturerkenntnis

aber nicht der spekulativen Denn wenn man von ihm als einem Grundsatze der

die Bedingung möglicher Erfahrung überhaupt enthält abstrahiert und indem man

alles Empirische weglässt ihn vom Zufälligen überhaupt aussagen will so bleibt

nicht die mindeste Rechtfertigung eines solchen synthetischen Satzes übrig um

daraus zu ersehen wie ich von etwas was da ist zu etwas davon ganz

Verschiedenem genannt Ursache übergehen könne ja der Begriff einer Ursache

verliert eben so wie des Zufälligen in solchem bloß spekulativen Gebrauche

alle Bedeutung deren objektive Realität sich in concreto begreiflich machen

lasse

    Wenn man nun vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ursache schließt so

gehört dieses nicht zum natürlichen sondern zum spekulativen Vernunftgebrauch

weil jener nicht die Dinge selbst Substanzen sondern nur das was geschieht

also ihre Zustände als empirisch zufällig auf irgend eine Ursache bezieht dass

die Substanz selbst die Materie dem Dasein nach zufällig sei würde ein bloß

spekulatives Vernunfterkenntnis sein müssen Wenn aber auch nur von der Form der

Welt der Art ihrer Verbindung und dem Wechsel derselben die Rede wäre ich

wollte aber daraus auf eine Ursache schließen die von der Welt gänzlich

unterschieden ist so würde dieses wiederum ein Urteil der bloß spekulativen

Vernunft sein weil der Gegenstand hier gar kein Objekt einer möglichen

Erfahrung ist Aber alsdann würde der Grundsatz der Kausalität der nur

innerhalb dem Felde der Erfahrungen gilt und außer demselben ohne Gebrauch ja

selbst ohne Bedeutung ist von seiner Bestimmung gänzlich abgebracht

    Ich behaupte nun dass alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauchs der

Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer inneren

Beschaffenheit nach null und nichtig sind dass aber die Prinzipien ihres

Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie führen folglich wenn man nicht

moralische Gesetze zum Grunde legt oder zum Leitfaden braucht es überall keine

Theologie der Vernunft geben könne Denn alle synthetische Grundsätze des

Verstandes sind von immanentem Gebrauch zu der Erkenntnis eines höchsten Wesens

aber wird ein transzendenter Gebrauch derselben erfordert wozu unser Verstand

gar nicht ausgerüstet ist Soll das empirischgültige Gesetz der Kausalität zu

dem Urwesen führen so müsste dieses in die Kette der Gegenstände der Erfahrung

mitgehören alsdann wäre es aber wie alle Erscheinungen selbst wiederum

bedingt Erlaubte man aber auch den Sprung über die Grenze der Erfahrung hinaus

vermittelst des dynamischen Gesetzes der Beziehung der Wirkungen auf ihre

Ursachen welchen Begriff kann uns dieses Verfahren verschaffen Bei weitem

keinen Begriff von einem höchsten Wesen weil uns Erfahrung niemals die größte

aller möglichen Wirkungen als welche das Zeugnis von ihrer Ursache ablegen

soll darreicht Soll es uns erlaubt sein bloß um in unserer Vernunft nichts

Leeres übrig zu lassen diesen Mangel der völligen Bestimmung durch eine bloße

Idee der höchsten Vollkommenheit und ursprünglichen Notwendigkeit auszufüllen

so kann dieses zwar aus Gunst eingeräumt aber nicht aus dem Rechte eines

unwiderstehlichen Beweises gefordert werden Der physischtheologische Beweis

könnte also vielleicht wohl anderen Beweisen wenn solche zu haben sind

Nachdruck geben indem er Spekulation mit Anschauung verknüpft für sich selbst

aber bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntnis vor und gibt

ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung als dass er allein das Geschäfte

vollenden könnte

    Man sieht also hieraus wohl dass transzendentale Fragen nur transzendentale

Antworten di aus lauter Begriffen a priori ohne die mindeste empirische

Beimischung erlauben Die Frage ist hier aber offenbar synthetisch und verlangt

eine Erweiterung unserer Erkenntnis über alle Grenzen der Erfahrung hinaus

nämlich zu dem Dasein eines Wesens das unserer bloßen Idee entsprechen soll

der niemals irgend eine Erfahrung gleichkommen kann Nun ist nach unseren

obigen Beweisen alle synthetische Erkenntnis a priori nur dadurch möglich dass

sie die formalen Bedingungen einer möglichen Erfahrung ausdrückt und alle

Grundsätze sind also nur von immanenter Gültigkeit di sie beziehen sich

lediglich auf Gegenstände empirischer Erkenntnis oder Erscheinungen Also wird

auch durch transzendentales Verfahren in Absicht auf die Theologie einer bloß

spekulativen Vernunft nichts ausgerichtet

    Wollte man aber lieber alle obige Beweise der Analytik in Zweifel ziehen

als sich die Überredung von dem Gewichte der so lange gebrauchten Beweisgründe

rauben lassen so kann man sich doch nicht weigern der Aufforderung ein Genüge

zu tun wenn ich verlange man solle sich wenigstens darüber rechtfertigen wie

und vermittelst welcher Erleuchtung man sich denn getraue alle mögliche

Erfahrung durch die Macht bloßer Ideen zu überfliegen Mit neuen Beweisen oder

ausgebesserter Arbeit alter Beweise würde ich bitten mich zu verschonen Denn

ob man zwar hierin eben nicht viel zu wählen hat indem endlich doch alle bloß

spekulative Beweise auf einen einzigen nämlich den ontologischen hinauslaufen

und ich also eben nicht fürchten darf sonderlich durch die Fruchtbarkeit der

dogmatischen Verfechter jener sinnenfreien Vernunft belästigt zu werden

obgleich ich überdem auch ohne mich darum sehr streitbar zu dünken die

Ausfoderung nicht ausschlagen will in jedem Versuche dieser Art den Fehlschluss

aufzudecken und dadurch seine Anmaßung zu vereiteln so wird daher doch die

Hoffnung besseren Glücks bei denen welche einmal dogmatischer Überredungen

gewohnt sind niemals völlig aufgehoben und ich halte mich daher an der

einzigen billigen Forderung dass man sich allgemein und aus der Natur des

menschlichen Verstandes samt allen übrigen Erkenntnisquellen darüber

rechtfertige wie man es anfangen wolle sein Erkenntnis ganz und gar a priori

zu erweitern und bis dahin zu erstrecken wo keine mögliche Erfahrung und

mithin kein Mittel hinreicht irgend einem von uns selbst ausgedachten Begriffe

seine objektive Realität zu versichern Wie der Verstand auch zu diesem Begriffe

gelanget sein mag so kann doch das Dasein des Gegenstandes desselben nicht

analytisch in demselben gefunden werden weil eben darin die Erkenntnis der

Existenz des Objekts besteht dass dieses außer dem Gedanken an sich selbst

gesetzt ist Es ist aber gänzlich unmöglich aus einem Begriffe von selbst

hinaus zu gehen und ohne dass man der empirischen Verknüpfung folgt wodurch

aber jederzeit nur Erscheinungen gegeben werden zu Entdeckung neuer

Gegenstände und überschwänglicher Wesen zu gelangen

    Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß spekulativen Gebrauche zu dieser

so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist nämlich zum Dasein eines

obersten Wesens zu gelangen so hat sie doch darin sehr großen Nutzen die

Erkenntnis desselben im Fall sie anders woher geschöpft werden könnte zu

berichtigen mit sich selbst und jeder intelligiblen Absicht einstimmig zu

machen und von allem was dem Begriffe eines Urwesens zuwider sein möchte und

aller Beimischung empirischer Einschränkungen zu reinigen

    Die transzendentale Theologie bleibt demnach aller ihrer Unzulänglichkeit

ungeachtet dennoch von wichtigem negativen Gebrauche und ist eine beständige

Zensur unserer Vernunft wenn sie bloß mit reinen Ideen zu tun hat die eben

darum kein anderes als transzendentales Richtmaß zulassen Denn wenn einmal

in anderweitiger vielleicht praktischer Beziehung die Voraussetzung eines

höchsten und allgenugsamen Wesens als oberster Intelligenz ihre Gültigkeit

ohne Widerrede behauptete so wäre es von der größten Wichtigkeit diesen

Begriff auf seiner transzendentalen Seite als den Begriff eines notwendigen und

allerrealesten Wesens genau zu bestimmen und was der höchsten Realität

zuwider ist was zur bloßen Erscheinung dem Anthropomorphismus im weiteren

Verstande gehört wegzuschaffen und zugleich alle entgegengesetzte

Behauptungen sie mögen nun atheistisch oder deistisch oder

anthropomorphistisch sein aus dem Wege zu räumen welches in einer solchen

kritischen Behandlung sehr leicht ist indem dieselben Gründe durch welche das

Unvermögen der menschlichen Vernunft in Ansehung der Behauptung des Daseins

eines dergleichen Wesens vor Augen gelegt wird notwendig auch zureichen um

die Untauglichkeit einer jeden Gegenbehauptung zu beweisen Denn wo will jemand

durch reine Spekulation der Vernunft die Einsicht hernehmen dass es kein

höchstes Wesen als Urgrund von allem gebe oder dass ihm keine von den

Eigenschaften zukomme welche wir ihren Folgen nach als analogisch mit den

dynamischen Realitäten eines denkenden Wesens uns vorstellen oder dass sie in

dem letzteren Falle auch allen Einschränkungen unterworfen sein müssten welche

die Sinnlichkeit den Intelligenzen die wir durch Erfahrung kennen

unvermeidlich auferlegt

    Das höchste Wesen bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch der

Vernunft ein bloßes aber doch fehlerfreies Ideal ein Begriff welcher die

ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönet dessen objektive Realität auf

diesem Wege zwar nicht bewiesen aber auch nicht widerlegt werden kann und

wenn es eine Moraltheologie geben sollte die diesen Mangel ergänzen kann so

beweiset alsdann die vorher nur problematische transzendentale Theologie ihre

Unentbehrlichkeit durch Bestimmung ihres Begriffs und unaufhörliche Zensur

einer durch Sinnlichkeit oft genug getäuschten und mit ihren eigenen Ideen nicht

immer einstimmigen Vernunft Die Notwendigkeit die Unendlichkeit die Einheit

das Dasein außer der Welt nicht als Weltseele die Ewigkeit ohne Bedingungen

der Zeit die Allgegenwart ohne Bedingungen des Raumes die Allmacht etc sind

lauter transzendentale Prädikate und daher kann der gereinigte Begriff

derselben den eine jede Theologie so sehr nötig hat bloß aus der

transzendentalen gezogen werden

 
 



 


    Der Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt nicht

allein was wir schon in der transzendentalen Analytik bewiesen nämlich dass

alle unsere Schlüsse die uns über das Feld möglicher Erfahrung hinausführen

wollen trüglich und grundlos sein sondern er lehrt uns zugleich dieses

Besondere dass die menschliche Vernunft dabei einen natürlichen Hang habe diese

Grenze zu überschreiten dass transzendentale Ideen ihr eben so natürlich sein

als dem Verstande die Kategorien obgleich mit dem Unterschiede dass so wie die

letzten zur Wahrheit di der Übereinstimmung unserer Begriffe mit dem Objekte

führen die ersten einen bloßen aber unwiderstehlichen Schein bewirken dessen

Täuschung man kaum durch die schärfste Kritik abhalten kann

    Alles was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist muss zweckmäßig und mit

dem richtigen Gebrauche derselben einstimmig sein wenn wir nur einen gewissen

Missverstand verhüten und die eigentliche Richtung derselben ausfindig machen

können Also werden die transzendentalen Ideen allem Vermuten nach ihren guten

und folglich immanenten Gebrauch haben obgleich wenn ihre Bedeutung verkannt

und sie für Begriffe von wirklichen Dingen genommen werden sie transzendent in

der Anwendung und eben darum trüglich sein können Denn nicht die Idee an sich

selbst, sondern bloß ihr Gebrauch kann entweder in Ansehung der gesamten

möglichen Erfahrung überfliegend transzendent oder einheimisch immanent

sein nachdem man sie entweder geradezu auf einen ihr vermeintlich

entsprechenden Gegenstand oder nur auf den Verstandesgebrauch überhaupt in

Ansehung der Gegenstände mit welchen er zu tun hat richtet und alle Fehler

der Subreption sind jederzeit einem Mangel der Urteilskraft niemals aber dem

Verstande oder der Vernunft zuzuschreiben

    Die Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf einen Gegenstand sondern

lediglich auf den Verstand und vermittelst desselben auf ihren eigenen

empirischen Gebrauch schafft also keine Begriffe von Objekten sondern ordnet

sie nur und gibt ihnen diejenige Einheit welche sie in ihrer größtmöglichen

Ausbreitung haben können di in Beziehung auf die Totalität der Reihen als

auf welche der Verstand gar nicht sieht sondern nur auf diejenige Verknüpfung

dadurch allerwärts Reihen der Bedingungen nach Begriffen zu Stande kommen Die

Vernunft hat also eigentlich nur den Verstand und dessen zweckmäßige Anstellung

zum Gegenstande und wie dieser das Mannigfaltige im Objekt durch Begriffe

vereinigt so vereinigt jene ihrerseits das Mannigfaltige der Begriffe durch

Ideen indem sie eine gewisse kollektive Einheit zum Ziele der

Verstandeshandlungen setzt welche sonst nur mit der distributiven Einheit

beschäftigt sind

    Ich behaupte demnach die transzendentalen Ideen sind niemals von

konstitutivem Gebrauche so dass dadurch Begriffe gewisser Gegenstände gegeben

würden und in dem Falle dass man sie so versteht sind es bloß vernünftelnde

dialektische Begriffe Dagegen aber haben sie einen vortrefflichen und

unentbehrlich notwendigen regulativen Gebrauch nämlich den Verstand zu einem

gewissen Ziele zu richten in Aussicht auf welches die Richtungslinien aller

seiner Regeln in einen Punkt zusammenlaufen der ob er zwar nur eine Idee

focus imaginarius di ein Punkt ist aus welchem die Verstandesbegriffe

wirklich nicht ausgehen indem er ganz außerhalb den Grenzen möglicher Erfahrung

liegt dennoch dazu dient ihnen die größte Einheit neben der größten

Ausbreitung zu verschaffen Nun entspringt uns zwar hieraus die Täuschung als

wenn diese Richtungslinien von einem Gegenstande selbst der außer dem Felde

empirischmöglicher Erkenntnis läge ausgeschlossen wären so wie die Objekte

hinter der Spiegelfläche gesehen werden allein diese Illusion welche man doch

hindern kann dass sie nicht betriegt ist gleichwohl unentbehrlich notwendig

wenn wir außer den Gegenständen die uns vor Augen sind auch diejenigen

zugleich sehen wollen die weit davon uns im Rücken liegen di wenn wir in

unserem Falle den Verstand über jede gegebene Erfahrung dem Teile der gesamten

möglichen Erfahrung hinaus mithin auch zur größtmöglichen und äußersten

Erweiterung abrichten wollen

    Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange so

finden wir dass dasjenige was Vernunft ganz eigentümlich darüber verfügt und zu

Stande zu bringen sucht das Systematische der Erkenntnis sei di der

Zusammenhang derselben aus einem Prinzip Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit

eine Idee voraus nämlich die von der Form eines Ganzen der Erkenntnis welches

vor der bestimmten Erkenntnis der Teile vorhergeht und die Bedingungen enthält

jedem Teile seine Stelle und Verhältnis zu den übrigen a priori zu bestimmen

Diese Idee postuliert demnach vollständige Einheit der Verstandeserkenntnis

wodurch diese nicht bloß ein zufälliges Aggregat sondern ein nach notwendigen

Gesetzen zusammenhangendes System wird Man kann eigentlich nicht sagen dass

diese Idee ein Begriff vom Objekte sei sondern von der durchgängigen Einheit

dieser Begriffe so fern dieselbe dem Verstande zur Regel dient Dergleichen

Vernunftbegriffe werden nicht aus der Natur geschöpft vielmehr befragen wir die

Natur nach diesen Ideen und halten unsere Erkenntnis für mangelhaft so lange

sie denselben nicht adäquat ist Man gesteht dass sich schwerlich reine Erde

reines Wasser reine Luft etc finde Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch

nötig die also was die völlige Reinigkeit betrifft nur in der Vernunft ihren

Ursprung haben um den Anteil den jede dieser Naturursachen an der Erscheinung

hat gehörig zu bestimmen und so bringt man alle Materien auf die Erden

gleichsam die bloße Last Salze und brennliche Wesen als die Kraft endlich

auf Wasser und Luft als Vehikeln gleichsam Maschinen vermittelst deren die

vorigen wirken um nach der Idee eines Mechanismus die chemischen Wirkungen der

Materien unter einander zu erklären Denn wiewohl man sich nicht wirklich so

ausdrückt so ist doch ein solcher Einfluss der Vernunft auf die Einteilungen der

Naturforscher sehr leicht zu entdecken

    Wenn die Vernunft ein Vermögen ist das Besondere aus dem Allgemeinen

abzuleiten so ist entweder das Allgemeine schon an sich gewiss und gegeben und

alsdann erfordert es nur Urteilskraft zur Subsumtion und das Besondere wird

dadurch notwendig bestimmt Dieses will ich den apodiktischen Gebrauch der

Vernunft nennen Oder das Allgemeine wird nur problematisch angenommen und ist

eine bloße Idee das Besondere ist gewiss aber die Allgemeinheit der Regel zu

dieser Folge ist noch ein Problem so werden mehrere besondere Fälle die

insgesamt gewiss sind an der Regel versucht ob sie daraus fließen und in

diesem Falle wenn es den Anschein hat dass alle anzugebende besondere Fälle

daraus abfolgen wird auf die Allgemeinheit der Regel aus dieser aber nachher

auf alle Fälle die auch an sich nicht gegeben sind geschlossen Diesen will

ich den hypothetischen Gebrauch der Vernunft nennen

    Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus zum Grunde gelegten Ideen als

problematischer Begriffe ist eigentlich nicht konstitutiv nämlich nicht so

beschaffen dass dadurch wenn man nach aller Strenge urteilen will die Wahrheit

der allgemeinen Regel die als Hypothese angenommen worden folge denn wie will

man alle mögliche Folgen wissen die indem sie aus demselben angenommenen

Grundsatze folgen seine Allgemeinheit beweisen Sondern er ist nur regulativ

um dadurch so weit als es möglich ist Einheit in die besonderen Erkenntnisse

zu bringen und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu nähern

    Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische Einheit

der Verstandeserkenntnisse diese aber ist der Probierstein der Wahrheit der

Regeln Umgekehrt ist die systematische Einheit als bloße Idee lediglich nur

projektierte Einheit die man an sich nicht als gegeben sondern nur als Problem

ansehen muss welche aber dazu dient zu dem Mannigfaltigen und besonderen

Verstandesgebrauche ein Principium zu finden und diesen dadurch auch über die

Fälle die nicht gegeben sind zu leiten und zusammenhängend zu machen

    Man sieht aber hieraus nur dass die systematische oder Vernunfteinheit der

mannigfaltigen Verstandeserkenntnis ein logisches Prinzip sei um da wo der

Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt ihm durch Ideen fortzuhelfen und

zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit unter einem Prinzip

systematische und dadurch Zusammenhang zu verschaffen so weit als es sich tun

lässt Ob aber die Beschaffenheit der Gegenstände oder die Natur des Verstandes

der sie als solche erkennt an sich zur systematischen Einheit bestimmt sei und

ob man diese a priori auch ohne Rücksicht auf ein solches Interesse der

Vernunft in gewisser Maße postulieren und also sagen könne alle mögliche

Verstandeserkenntnisse darunter die empirischen haben Vernunfteinheit und

stehen unter gemeinschaftlichen Prinzipien woraus sie unerachtet ihrer

Verschiedenheit abgeleitet werden können das würde ein transzendentaler

Grundsatz der Vernunft sein welcher die systematische Einheit nicht bloß

subjektiv und logisch als Methode sondern objektiv notwendig machen würde

    Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunftgebrauchs erläutern Unter

die verschiedenen Arten von Einheit nach Begriffen des Verstandes gehöret auch

die der Kausalität einer Substanz welche Kraft genannt wird Die verschiedenen

Erscheinungen eben derselben Substanz zeigen beim ersten Anblicke so viel

Ungleichartigkeit dass man daher anfänglich beinahe so vielerlei Kräfte

derselben annehmen muss als Wirkungen sich hervortun wie in dem menschlichen

Gemüte die Empfindung Bewusstsein Einbildung Erinnerung Witz

Unterscheidungskraft Lust Begierde usw Anfänglich gebietet eine logische

Maxime diese anscheinende Verschiedenheit so viel als möglich dadurch zu

verringern dass man durch Vergleichung die versteckte Identität entdecke und

nachsehe ob nicht Einbildung mit Bewusstsein verbunden Erinnerung Witz

Unterscheidungskraft vielleicht gar Verstand und Vernunft sei Die Idee einer

Grundkraft von welcher aber die Logik gar nicht ausmittelt ob es dergleichen

gebe ist wenigstens das Problem einer systematischen Vorstellung der

Mannigfaltigkeit von Kräften Das logische Vernunftprinzip erfordert diese

Einheit so weit als möglich zu Stande zu bringen und je mehr die Erscheinungen

der einen und anderen Kraft unter sich identisch gefunden werden desto

wahrscheinlicher wird es dass sie nichts als verschiedene Äußerungen einer und

derselben Kraft sein welche komparativ ihre Grundkraft heißen kann Eben so

verfährt man mit den übrigen

    Die komparativen Grundkräfte müssen wiederum unter einander verglichen

werden um sie dadurch dass man ihre Einhelligkeit entdeckt einer einzigen

radikalen di absoluten Grundkraft nahe zu bringen Diese Vernunfteinheit aber

ist bloß hypothetisch Man behauptet nicht dass eine solche in der Tat

angetroffen werden müsse sondern dass man sie zu Gunsten der Vernunft nämlich

zu Errichtung gewisser Prinzipien für die mancherlei Regeln die die Erfahrung

an die Hand geben mag suchen und wo es sich tun lässt auf solche Weise

systematische Einheit ins Erkenntnis bringen müsse

    Es zeigt sich aber wenn man auf den transzendentalen Gebrauch des

Verstandes Acht hat dass diese Idee einer Grundkraft überhaupt nicht bloß als

Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sei sondern objektive Realität

vorgebe dadurch die systematische Einheit der mancherlei Kräfte einer Substanz

postulieret und ein apodiktisches Vernunftprinzip errichtet wird Denn ohne dass

wir einmal die Einhelligkeit der mancherlei Kräfte versucht haben ja selbst

wenn es uns nach allen Versuchen misslingt sie zu entdecken setzen wir doch

voraus es werde eine solche anzutreffen sein und dieses nicht allem wie in

dem angeführten Falle wegen der Einheit der Substanz sondern wo so gar viele

obzwar in gewissem Grade gleichartige angetroffen werden wie an der Materie

überhaupt setzt die Vernunft systematische Einheit mannigfaltiger Kräfte

voraus da besondere Naturgesetze unter allgemeineren stehen und die Ersparung

der Prinzipien nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der Vernunft sondern

inneres Gesetz der Natur wird

    In der Tat ist auch nicht abzusehen wie ein logisches Prinzip der

Vernunfteinheit der Regeln stattfinden könne wenn nicht ein transzendentales

vorausgesetzt würde durch welches eine solche systematische Einheit als den

Objekten selbst anhängend a priori als notwendig angenommen wird Denn mit

welcher Befugnis kann die Vernunft im logischen Gebrauche verlangen die

Mannigfaltigkeit der Kräfte welche uns die Natur zu erkennen gibt als eine

bloß versteckte Einheit zu behandeln und sie aus irgend einer Grundkraft so

viel an ihr ist abzuleiten wenn es ihr freistände zuzugeben dass es eben so

wohl möglich sei alle Kräfte wären ungleichartig und die systematische Einheit

ihrer Ableitung der Natur nicht gemäß denn alsdann würde sie gerade wider ihre

Bestimmung verfahren indem sie sich eine Idee zum Ziele setzte die der

Natureinrichtung ganz widerspräche Auch kann man nicht sagen sie habe zuvor

von der zufälligen Beschaffenheit der Natur diese Einheit nach Prinzipien der

Vernunft abgenommen Denn das Gesetz der Vernunft sie zu suchen ist notwendig

weil wir ohne dasselbe gar keine Vernunft ohne diese aber keinen

zusammenhangenden Verstandesgebrauch und in dessen Ermangelung kein

zureichendes Merkmal empirischer Wahrheit haben würden und wir also in Ansehung

des letzteren die systematische Einheit der Natur durchaus als objektivgültig

und notwendig voraussetzen müssen

    Wir finden diese transzendentale Voraussetzung auch auf eine

bewundernswürdige Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt wiewohl

sie solche darin nicht immer erkannt oder sich selbst gestanden haben Dass alle

Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die Identität der Art nicht ausschließen dass

die mancherlei Arten nur als verschiedentliche Bestimmungen von wenigen

Gattungen diese aber von noch höheren Geschlechtern etc behandelt werden

müssen dass also eine gewisse systematische Einheit aller möglichen empirischen

Begriffe so fern sie von höheren und allgemeineren abgeleitet werden können

gesucht werden müsse ist eine Schulregel oder logisches Prinzip ohne welches

kein Gebrauch der Vernunft stattfände weil wir nur so fern vom Allgemeinen aufs

Besondere schließen können als allgemeine Eigenschaften der Dinge zum Grunde

gelegt werden unter denen die besonderen stehen

    Dass aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen werde

setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus dass man die Anfänge

Prinzipien nicht ohne Not vervielfältigen müsse entia praeter necessitatem

non esse multiplicanda Dadurch wird gesagt dass die Natur der Dinge selbst zur

Vernunfteinheit Stoff darbiete und die anscheinende unendliche Verschiedenheit

dürfe uns nicht abhalten hinter ihr Einheit der Grundeigenschaften zu vermuten

von welchen die Mannigfaltigkeit nur durch mehrere Bestimmung abgeleitet werden

kann Dieser Einheit ob sie gleich eine bloße Idee ist ist man zu allen Zeiten

so eifrig nachgegangen dass man eher Ursache gefunden die Begierde nach ihr zu

mäßigen als sie aufzumuntern Es war schon viel dass die Scheidekünstler alle

Salze auf zwei Hauptgattungen saure und laugenhafte zurückführen konnten sie

versuchen sogar auch diesen Unterschied bloß als eine Varietät oder

verschiedene Äußerung eines und desselben Grundstoffs anzusehen Die mancherlei

Arten von Erden den Stoff der Steine und sogar der Metalle hat man nach und

nach auf drei endlich auf zwei zu bringen gesucht allein damit noch nicht

zufrieden können sie sich des Gedankens nicht entschlagen hinter diesen

Varietäten dennoch eine einzige Gattung ja wohl gar zu diesen und den Salzen

ein gemeinschaftliches Prinzip zu vermuten Man möchte vielleicht glauben

dieses sei ein bloß ökonomischer Handgriff der Vernunft um sich so viel als

möglich Mühe zu ersparen und ein hypothetischer Versuch der wenn er gelingt

dem vorausgesetzten Erklärungsgrunde eben durch diese Einheit Wahrscheinlichkeit

gibt Allein eine solche selbstsüchtige Absicht ist sehr leicht von der Idee zu

unterscheiden nach welcher jedermann voraussetzt diese Vernunfteinheit sei der

Natur selbst angemessen und dass die Vernunft hier nicht bettele sondern

gebiete obgleich ohne die Grenzen dieser Einheit bestimmen zu können

    Wäre unter den Erscheinungen die sich uns darbieten eine so große

Verschiedenheit ich will nicht sagen der Form denn darin mögen sie einander

ähnlich sein sondern dem Inhalte di der Mannigfaltigkeit existierender

Wesen nach dass auch der allerschärfste menschliche Verstand durch Vergleichung

der einen mit der anderen nicht die mindeste Ähnlichkeit ausfündig machen könnte

ein Fall der sich wohl denken lässt so würde das logische Gesetz der

Gattungen ganz und gar nicht stattfinden und es würde selbst kein Begriff von

Gattung oder irgend ein allgemeiner Begriff ja sogar kein Verstand

stattfinden als der es lediglich mit solchen zu tun hat Das logische Prinzip

der Gattungen setzt also ein transzendentales voraus wenn es auf Natur

darunter ich hier nur Gegenstände die uns gegeben werden verstehe angewandt

werden soll Nach demselben wird in dem Mannigfaltigen einer möglichen Erfahrung

notwendig Gleichartigkeit vorausgesetzt ob wir gleich ihren Grad a priori nicht

bestimmen können weil ohne dieselbe keine empirische Begriffe mithin keine

Erfahrung möglich wäre

    Dem logischen Prinzip der Gattungen welches Identität postuliert steht ein

anderes nämlich das der Arten entgegen welches Mannigfaltigkeit und

Verschiedenheiten der Dinge unerachtet ihrer Übereinstimmung unter derselben

Gattung bedarf und es dem Verstande zur Vorschrift macht auf diese nicht

weniger als auf jene aufmerksam zu sein Dieser Grundsatz der Scharfsinnigkeit

oder des Unterscheidungsvermögens schränkt den Leichtsinn des ersteren des

Witzes sehr ein und die Vernunft zeigt hier ein doppeltes einander

widerstreitendes Interesse einerseits das Interesse des Umfanges der

Allgemeinheit in Ansehung der Gattungen andererseits des Inhalts der

Bestimmtheit in Absicht auf die Mannigfaltigkeit der Arten weil der Verstand

im ersteren Falle zwar viel unter seinen Begriffen im zweiten aber desto mehr

in denselben denkt Auch äußert sich dieses an der sehr verschiedenen

Denkungsart der Naturforscher deren einige die vorzüglich spekulativ sind

der Ungleichartigkeit gleichsam feind immer auf die Einheit der Gattung

hinaussehen die anderen vorzüglich empirische Köpfe die Natur unaufhörlich in

so viel Mannigfaltigkeit zu spalten suchen dass man beinahe die Hoffnung

aufgeben müsste ihre Erscheinungen nach allgemeinen Prinzipien zu beurteilen

    Dieser letzteren Denkungsart liegt offenbar auch ein logisches Prinzip zum

Grunde welches die systematische Vollständigkeit aller Erkenntnisse zur Absicht

hat wenn ich von der Gattung anhebend zu dem Mannigfaltigen das darunter

enthalten sein mag herabsteige und auf solche Weise dem System Ausbreitung

wie im ersteren Falle da ich zur Gattung aufsteige Einfalt zu verschaffen

suche Denn aus der Sphäre des Begriffs der eine Gattung bezeichnet ist eben

so wenig wie aus dem Raume den Materie einnehmen kann zu ersehen wie weit

die Teilung derselben gehen könne Daher jede Gattung verschiedene Arten diese

aber verschiedene Unterarten erfordert und da keine der letzteren stattfindet

die nicht immer wiederum eine Sphäre Umfang als conceptus communis hätte so

verlangt die Vernunft in ihrer ganzen Erweiterung dass keine Art als die

unterste an sich selbst angesehen werde weil da sie doch immer ein Begriff

ist der nur das was verschiedenen Dingen gemein ist in sich enthält dieser

nicht durchgängig bestimmt mithin auch nicht zunächst auf ein Individuum

bezogen sein könne folglich jederzeit andere Begriffe di Unterarten unter

sich enthalten müsse Dieses Gesetz der Spezifikation könnte so ausgedrückt

werden entium varietates non temere esse minuendas

    Man sieht aber leicht dass auch dieses logische Gesetz ohne Sinn und

Anwendung sein würde läge nicht ein transzendentales Gesetz der Spezifikation

zum Grunde welches zwar freilich nicht von den Dingen die unsere Gegenstände

werden können eine wirkliche Unendlichkeit in Ansehung der Verschiedenheiten

fordert denn dazu gibt das logische Prinzip als welches lediglich die

Unbestimmtheit der logischen Sphäre in Ansehung der möglichen Einteilung

behauptet keinen Anlass aber dennoch dem Verstande auferlegt unter jeder Art

die uns vorkommt Unterarten und zu jeder Verschiedenheit kleinere

Verschiedenheiten zu suchen Denn würde es keine niedere Begriffe geben so

gäbe es auch keine höhere Nun erkennt der Verstand alles nur durch Begriffe

folglich so weit er in der Einteilung reicht niemals durch bloße Anschauung

sondern immer wiederum durch niedere Begriffe Die Erkenntnis der Erscheinungen

in ihrer durchgängigen Bestimmung welche nur durch Verstand möglich ist fordert

eine unaufhörlich fortzusetzende Spezifikation seiner Begriffe und einen

Fortgang zu immer noch bleibenden Verschiedenheiten wovon in dem Begriffe der

Art und noch mehr dem der Gattung abstrahiert worden

    Auch kann dieses Gesetz der Spezifikation nicht von der Erfahrung entlehnt

sein denn diese kann keine so weit gehende Eröffnungen geben Die empirische

Spezifikation bleibt in der Unterscheidung des Mannigfaltigen bald stehen wenn

sie nicht durch das schon vorhergehende transzendentale Gesetz der

Spezifikation als ein Prinzip der Vernunft geleitet worden solches zu suchen

und sie noch immer zu vermuten wenn sie sich gleich nicht den Sinnen

offenbaret Dass absorbierende Erden nach verschiedener Art Kalk und

muriatische Erden sein bedurfte zur Entdeckung eine zuvorkommende Regel der

Vernunft welche dem Verstande es zur Aufgabe machte die Verschiedenheit zu

suchen indem sie die Natur so reichhaltig voraussetzte sie zu vermuten Denn

wir haben eben sowohl nur unter Voraussetzung der Verschiedenheiten in der Natur

Verstand als unter der Bedingung dass ihre Objekte Gleichartigkeit an sich

haben weil eben die Mannigfaltigkeit desjenigen was unter einem Begriff

zusammengefasst werden kann den Gebrauch dieses Begriffs und die Beschäftigung

des Verstandes ausmacht

    Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld 1 durch ein Prinzip der

Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren Gattungen 2 durch einen

Grundsatz der Varietät des Gleichartigen unter niederen Arten und um die

systematische Einheit zu vollenden fügt sie 3 noch ein Gesetz der Affinität

aller Begriffe hinzu welches einen kontinuierlichen Übergang von einer jeden

Art zu jeder anderen durch stufenartiges Wachstum der Verschiedenheit gebietet

Wir können sie die Prinzipien der Homogenität der Spezifikation und der

Kontinuität der Formen nennen Das letztere entspringt dadurch dass man die zwei

ersteren vereinigt nachdem man sowohl im Aufsteigen zu höheren Gattungen als

im Herabsteigen zu niederen Arten den systematischen Zusammenhang in der Idee

vollendet hat denn alsdann sind alle Mannigfaltigkeiten unter einander

verwandt weil sie insgesamt durch alle Grade der erweiterten Bestimmung von

einer einzigen obersten Gattung abstammen

    Man kann sich die systematische Einheit unter den drei logischen Prinzipien

auf folgende Art sinnlich machen Man kann einen jeden Begriff als einen Punkt

ansehen der als der Standpunkt eines Zuschauers seinen Horizont hat di

eine Menge von Dingen die aus demselben können vorgestellt und gleichsam

überschauet werden Innerhalb diesem Horizonte muss eine Menge von Punkten ins

Unendliche angegeben werden können deren jeder wiederum seinen engeren

Gesichtskreis hat di jede Art enthält Unterarten nach dem Prinzip der

Spezifikation und der logische Horizont besteht nur aus kleineren Horizonten

Unterarten nicht aber aus Punkten die keinen Umfang haben Individuen Aber

zu verschiedenen Horizonten di Gattungen die aus eben so viel Begriffen

bestimmt werden lässt sich ein gemeinschaftlicher Horizont daraus man sie

insgesamt als aus einem Mittelpunkte überschauet gezogen denken welcher die

höhere Gattung ist bis endlich die höchste Gattung der allgemeine und wahre

Horizont ist der aus dem Standpunkte des höchsten Begriffs bestimmt wird und

alle Mannigfaltigkeit als Gattungen Arten und Unterarten unter sich befasst

    Zu diesem höchsten Standpunkte führt mich das Gesetz der Homogenität zu

allen niedrigen und deren größten Varietät das Gesetz der Spezifikation Da aber

auf solche Weise in dem ganzen Umfange aller möglichen Begriffe nichts Leeres

ist und außer demselben nichts angetroffen werden kann so entspringt aus der

Voraussetzung jenes allgemeinen Gesichtskreises und der durchgängigen Einteilung

desselben der Grundsatz non datur vacuum formarum di es gibt nicht

verschiedene ursprüngliche und erste Gattungen die gleichsam isoliert und von

einander durch einen leeren Zwischenraum getrennt wären sondern alle

mannigfaltige Gattungen sind nur Abteilungen einer einzigen obersten und

allgemeinen Gattung und aus diesem Grundsatze dessen unmittelbare Folge datur

continuum formarum di alle Verschiedenheiten der Arten grenzen an einander

und erlauben keinen Übergang zu einander durch einen Sprung sondern nur durch

alle kleinere Grade des Unterschiedes dadurch man von einer zu der anderen

gelangen kann mit einem Worte es gibt keine Arten oder Unterarten die

einander im Begriffe der Vernunft die nächsten wären sondern es sind noch

immer Zwischenarten möglich deren Unterschied von der ersten und zweiten

kleiner ist als dieser ihr Unterschied von einander

    Das erste Gesetz also verhütet die Ausschweifung in die Mannigfaltigkeit

verschiedener ursprünglichen Gattungen und empfiehlt die Gleichartigkeit das

zweite schränkt dagegen diese Neigung zur Einhelligkeit wiederum ein und

gebietet Unterscheidung der Unterarten bevor man sich mit seinem allgemeinen

Begriffe zu den Individuen wende Das dritte vereinigt jene beide indem sie bei

der höchsten Mannigfaltigkeit dennoch die Gleichartigkeit durch den

stufenartigen Übergang von einer Spezies zur anderen vorschreibt welches eine

Art von Verwandtschaft der verschiedenen Zweige anzeigt in so fern sie

insgesamt aus einem Stamme entsprossen sind

    Dieses logische Gesetz des continui specierum formarum logicarum setzt

aber ein transzendentales voraus lex continui in natura ohne welches der

Gebrauch des Verstandes durch jene Vorschrift nur irre geleitet werden würde

indem sie vielleicht einen der Natur gerade entgegengesetzten Weg nehmen würde

Es muss also dieses Gesetz auf reinen transzendentalen und nicht empirischen

Gründen beruhen Denn in dem letzteren Falle würde es später kommen als die

Systeme es hat aber eigentlich das Systematische der Naturerkenntnis zuerst

hervorgebracht Es sind hinter diesen Gesetzen auch nicht etwa Absichten auf

eine mit ihnen als bloßen Versuchen anzustellende Probe verborgen obwohl

freilich dieser Zusammenhang wo er zutrifft einen mächtigen Grund abgibt die

hypothetischausgedachte Einheit für gegründet zu halten und sie also auch in

dieser Absicht ihren Nutzen haben sondern man sieht es ihnen deutlich an dass

sie die Sparsamkeit der Grundursachen die Mannigfaltigkeit der Wirkungen und

eine daherrührende Verwandtschaft der Glieder der Natur an sich selbst für

vernunftmäßig und der Natur angemessen urteilen und diese Grundsätze also

direkt und nicht bloß als Handgriffe der Methode ihre Empfehlung bei sich

führen

    Man sieht aber leicht dass diese Kontinuität der Formen eine bloße Idee

sei der ein kongruierender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht aufgewiesen

werden kann nicht allein um deswillen weil die Spezies in der Natur wirklich

abgeteilt sind und daher an sich ein quantum discretum ausmachen müssen und

wenn der stufenartige Fortgang in der Verwandtschaft derselben kontinuierlich

wäre sie auch eine wahre Unendlichkeit der Zwischenglieder die innerhalb

zweier gegebenen Arten lägen enthalten müsste welches unmöglich ist sondern

auch weil wir von diesem Gesetz gar keinen bestimmten empirischen Gebrauch

machen können indem dadurch nicht das geringste Merkmal der Affinität angezeigt

wird nach welchem und wie weit wir die Gradfolge ihrer Verschiedenheit zu

suchen sondern nichts weiter als eine allgemeine Anzeige dass wir sie zu

suchen haben

    Wenn wir die jetzt angeführten Prinzipien ihrer Ordnung nach versetzen um

sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen so würden die Prinzipien der

systematischen Einheit etwa so stehen Mannigfaltigkeit Verwandtschaft und

Einheit jede derselben aber als Ideen im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit

genommen Die Vernunft setzt die Verstandeserkenntnisse voraus die zunächst auf

Erfahrung angewandt werden und sucht ihre Einheit nach Ideen die viel weiter

geht als Erfahrung reichen kann Die Verwandtschaft des Mannigfaltigen

unbeschadet seiner Verschiedenheit unter einem Prinzip der Einheit betrifft

nicht bloß die Dinge sondern weit mehr noch die bloßen Eigenschaften und Kräfte

der Dinge Daher wenn uns zB durch eine noch nicht völlig berichtigte

Erfahrung der Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben ist und wir finden

Verschiedenheiten so vermuten wir sie in demjenigen was den Zirkel nach einem

beständigen Gesetze durch alle unendliche Zwischengrade zu einer dieser

abweichenden Umläufe abändern kann di die Bewegungen der Planeten die nicht

Zirkel sind werden etwa dessen Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen und

fallen auf die Ellipse Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit

ihrer Bahnen da sie so weit Beobachtung reicht nicht einmal im Kreise

zurückkehren allein wir raten auf einen parabolischen Lauf der doch mit der

Ellipsis verwandt ist und wenn die lange Achse der letzteren sehr weit

gestreckt ist in allen unseren Beobachtungen von ihr nicht unterschieden werden

kann So kommen wir nach Anleitung jener Prinzipien auf Einheit der Gattungen

dieser Bahnen in ihrer Gestalt dadurch aber weiter auf Einheit der Ursache

aller Gesetze ihrer Bewegung die Gravitation von da wir nachher unsere

Eroberungen ausdehnen und auch alle Varietäten und scheinbare Abweichungen von

jenen Regeln aus demselben Prinzip zu erklären suchen endlich gar mehr

hinzufügen als Erfahrung jemals bestätigen kann nämlich uns nach den Regeln

der Verwandtschaft selbst hyperbolische Kometenbahnen zu denken in welchen

diese Körper ganz und gar unsere Sonnenwelt verlassen und indem sie von Sonne

zu Sonne gehen die entfernteren Teile eines für uns unbegrenzten Weltsystems

das durch eine und dieselbe bewegende Kraft zusammenhängt in ihrem Laufe

vereinigen

    Was bei diesen Prinzipien merkwürdig ist und uns auch allein beschäftigt

ist dieses dass sie transzendental zu sein scheinen und ob sie gleich bloße

Ideen zur Befolgung des empirischen Gebrauchs der Vernunft enthalten denen der

letztere nur gleichsam asymptotisch di bloß annähernd folgen kann ohne sie

jemals zu erreichen sie gleichwohl als synthetische Sätze a priori objektive

aber unbestimmte Gültigkeit haben und zur Regel möglicher Erfahrung dienen

auch wirklich in Bearbeitung derselben als heuristische Grundsätze mit gutem

Glücke gebraucht werden ohne dass man doch eine transzendentale Deduktion

derselben zu Stande bringen kann welches wie oben bewiesen worden in Ansehung

der Ideen jederzeit unmöglich ist

    Wir haben in der transzendentalen Analytik unter den Grundsätzen des

Verstandes die dynamische als bloß regulative Prinzipien der Anschauung von

den mathematischen die in Ansehung der letzteren konstitutiv sind

unterschieden Diesem ungeachtet sind gedachte dynamische Gesetze allerdings

konstitutiv in Ansehung der Erfahrung indem sie die Begriffe ohne welche keine

Erfahrung stattfindet a priori möglich machen Prinzipien der reinen Vernunft

können dagegen nicht einmal in Ansehung der empirischen Begriffe konstitutiv

sein weil ihnen kein korrespondierendes Schema der Sinnlichkeit gegeben werden

kann, und sie also keinen Gegenstand in concreto haben können Wenn ich nun von

einem solchen empirischen Gebrauch derselben als konstitutiver Grundsätze

abgehe wie will ich ihnen dennoch einen regulativen Gebrauch und mit demselben

einige objektive Gültigkeit sichern und was kann derselbe für Bedeutung haben

    Der Verstand macht für die Vernunft eben so einen Gegenstand aus als die

Sinnlichkeit für den Verstand Die Einheit aller möglichen empirischen

Verstandeshandlungen systematisch zu machen ist ein Geschäfte der Vernunft so

wie der Verstand das Mannigfaltige der Erscheinungen durch Begriffe verknüpft

und unter empirische Gesetze bringt Die Verstandeshandlungen aber ohne

Schemate der Sinnlichkeit sind unbestimmt eben so ist die Vernunfteinheit auch

in Ansehung der Bedingungen unter denen und des Grades wie weit der Verstand

seine Begriffe systematisch verbinden soll an sich selbst unbestimmt Allein

obgleich für die durchgängige systematische Einheit aller Verstandesbegriffe

kein Schema in der Anschauung ausfündig gemacht werden kann so kann und muss

doch ein Analogen eines solchen Schema gegeben werden welches die Idee des

Maximum der Abteilung und der Vereinigung der Verstandeserkenntnis in einem

Prinzip ist Denn das Größte und Absolutvollständige lässt sich bestimmt

gedenken weil alle restringierende Bedingungen welche unbestimmte

Mannigfaltigkeit geben weggelassen werden Also ist die Idee der Vernunft ein

Analogon von einem Schema der Sinnlichkeit aber mit dem Unterschiede dass die

Anwendung der Verstandesbegriffe auf das Schema der Vernunft nicht eben so eine

Erkenntnis des Gegenstandes selbst ist wie bei der Anwendung der Kategorien auf

ihre sinnliche Schemate sondern nur eine Regel oder Prinzip der systematischen

Einheit alles Verstandesgebrauchs Da nun jeder Grundsatz der dem Verstande

durchgängige Einheit seines Gebrauchs a priori festsetzt auch obzwar nur

indirekt von dem Gegenstande der Erfahrung gilt so werden die Grundsätze der

reinen Vernunft auch in Ansehung dieses letzteren objektive Realität haben

allein nicht um etwas an ihnen zu bestimmen sondern nur um das Verfahren

anzuzeigen nach welchem der empirische und bestimmte Erfahrungsgebrauch des

Verstandes mit sich selbst durchgängig zusammenstimmend werden kann dadurch

dass er mit dem Prinzip der durchgängigen Einheit so viel als möglich in

Zusammenhang gebracht und davon abgeleitet wird

    Ich nenne alle subjektive Grundsätze die nicht von der Beschaffenheit des

Objekts sondern dem Interesse der Vernunft in Ansehung einer gewissen

möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis dieses Objekts hergenommen sind

Maximen der Vernunft So gibt es Maximen der spekulativen Vernunft die

lediglich auf dem spekulativen Interesse derselben beruhen ob es zwar scheinen

mag sie wären objektive Prinzipien

    Wenn bloß regulative Grundsätze als konstitutiv betrachtet werden so können

sie als objektive Prinzipien widerstreitend sein betrachtet man sie aber bloß

als Maximen so ist kein wahrer Widerstreit sondern bloß ein verschiedenes

Interesse der Vernunft welches die Trennung der Denkungsart verursacht In der

Tat hat die Vernunft nur ein einiges Interesse und der Streit ihrer Maximen ist

nur eine Verschiedenheit und wechselseitige Einschränkung der Methoden diesem

Interesse ein Genüge zu tun

    Auf solche Weise vermag bei diesem Vernünftler mehr das Interesse der

Mannigfaltigkeit nach dem Prinzip der Spezifikation bei jenem aber das

Interesse der Einheit nach dem Prinzip der Aggregation Ein jeder derselben

glaubt sein Urteil aus der Einsicht des Objekts zu haben und gründet es doch

lediglich auf der größeren oder kleineren Anhänglichkeit an einen von beiden

Grundsätzen deren keine auf objektiven Gründen beruht sondern nur auf dem

Vernunftinteresse und die daher besser Maximen als Prinzipien genannt werden

könnten Wenn ich einsehende Männer miteinander wegen der Charakteristik der

Menschen der Tiere oder Pflanzen ja selbst der Körper des Mineralreichs im

Streite sehe da die einen zB besondere und in der Abstammung gegründete

Volkscharaktere oder auch entschiedene und erbliche Unterschiede der Familien

Rassen usw annehmen andere dagegen ihren Sinn darauf setzen dass die Natur

in diesem Stücke ganz und gar einerlei Anlagen gemacht habe und aller

Unterschied nur auf äußeren Zufälligkeiten beruhe so darf ich nur die

Beschaffenheit des Gegenstandes in Betrachtung ziehen um zu begreifen dass er

für beide viel zu tief verborgen liege als dass sie aus Einsicht in die Natur

des Objekts sprechen könnten Es ist nichts anderes als das zwiefache Interesse

der Vernunft davon dieser Teil das eine jener das andere zu Herzen nimmt oder

auch affektiert mithin die Verschiedenheit der Maximen der

Naturmannigfaltigkeit oder der Natureinheit welche sich gar wohl vereinigen

lassen aber so lange sie für objektive Einsichten gehalten werden nicht allein

Streit sondern auch Hindernisse veranlassen welche die Wahrheit lange

aufhalten bis ein Mittel gefunden wird das streitige Interesse zu vereinigen

und die Vernunft hierüber zufrieden zu stellen

    Eben so ist es mit der Behauptung oder Anfechtung des so berufenen von

Leibniz in Gang gebrachten und durch Bonnet trefflich aufgestützten Gesetzes der

kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe bewandt welche nichts als eine

Befolgung des auf dem Interesse der Vernunft beruhenden Grundsatzes der

Affinität ist denn Beobachtung und Einsicht in die Einrichtung der Natur konnte

es gar nicht als objektive Behauptung an die Hand geben Die Sprossen einer

solchen Leiter so wie sie uns Erfahrung angeben kann stehen viel zu weit aus

einander und unsere vermeintlich kleine Unterschiede sind gemeiniglich in der

Natur selbst so weite Klüfte dass auf solche Beobachtungen vornehmlich bei

einer großen Mannigfaltigkeit von Dingen da es immer leicht sein muss gewisse

Ähnlichkeiten und Annäherungen zu finden als Absichten der Natur gar nichts zu

rechnen ist Dagegen ist die Methode nach einem solchen Prinzip Ordnung in der

Natur aufzusuchen und die Maxime eine solche obzwar unbestimmt wo oder wie

weit in einer Natur überhaupt als gegründet anzusehen allerdings ein

rechtmäßiges und treffliches regulatives Prinzip der Vernunft welches aber als

ein solches viel weiter geht als dass Erfahrung oder Beobachtung ihr

gleichkommen könnte doch ohne etwas zu bestimmen sondern ihr nur zur

systematischen Einheit den Weg vorzuzeichnen

 
 



     



    Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst dialektisch

sein sondern ihr bloßer Missbrauch muss es allein machen dass uns von ihnen ein

trüglicher Schein entspringt denn sie sind uns durch die Natur unserer Vernunft

aufgegeben und dieser oberste Gerichtshof aller Rechte und Ansprüche unserer

Spekulation kann unmöglich selbst ursprüngliche Täuschungen und Blendwerke

enthalten Vermutlich werden sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in

der Naturanlage unserer Vernunft haben Der Pöbel der Vernünftler schreit aber

wie gewöhnlich über Ungereimtheit und Widersprüche und schmähet auf die

Regierung in deren innerste Plane er nicht zu dringen vermag deren wohltätigen

Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar die Kultur verdanken sollte

die ihn in den Stand setzt sie zu tadeln und zu verurteilen

    Man kann sich eines Begriffs a priori mit keiner Sicherheit bedienen ohne

seine transzendentale Deduktion zu Stande gebracht zu haben Die Ideen der

reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduktion von der Art als die Kategorien

sollen sie aber im mindesten einige wenn auch nur unbestimmte objektive

Gültigkeit haben und nicht bloß leere Gedankendinge entia rationis

ratiocinantis vorstellen so muss durchaus eine Deduktion derselben möglich

sein gesetzt dass sie auch von derjenigen weit abwiche die man mit den

Kategorien vornehmen kann Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der

reinen Vernunft, und dieses wollen wir jetzt übernehmen

    Es ist ein großer Unterschied ob etwas meiner Vernunft als ein Gegenstand

schlechthin oder nur als ein Gegenstand in der Idee gegeben wird In dem

ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin den Gegenstand zu bestimmen im

zweiten ist es wirklich nur ein Schema dem direkt kein Gegenstand auch nicht

einmal hypothetisch zugegeben wird sondern welches nur dazu dient um andere

Gegenstände vermittelst der Beziehung auf diese Idee nach ihrer systematischen

Einheit mithin indirekt uns vorzustellen So sage ich der Begriff einer

höchsten Intelligenz ist eine bloße Idee di seine objektive Realität soll

nicht darin bestehen dass er sich geradezu auf einen Gegenstand bezieht denn in

solcher Bedeutung würden wir seine objektive Gültigkeit nicht rechtfertigen

können sondern er ist nur ein nach Bedingungen der größten Vernunfteinheit

geordnetes Schema von dem Begriffe eines Dinges überhaupt welches nur dazu

dient um die größte systematische Einheit im empirischen Gebrauche unserer

Vernunft zu erhalten indem man den Gegenstand der Erfahrung gleichsam von dem

eingebildeten Gegenstande dieser Idee als seinem Grunde oder Ursache

ableitet Alsdenn heißt es zB die Dinge der Welt müssen so betrachtet werden

als ob sie von einer höchsten Intelligenz ihr Dasein hätten Auf solche Weise

ist die Idee eigentlich nur ein heuristischer und nicht ostensiver Begriff und

zeigt an nicht wie ein Gegenstand beschaffen ist sondern wie wir unter der

Leitung desselben die Beschaffenheit und Verknüpfung der Gegenstände der

Erfahrung überhaupt suchen sollen Wenn man nun zeigen kann dass obgleich die

dreierlei transzendentalen Ideen psychologische kosmologische und

theologische direkt auf keinen ihnen korrespondierenden Gegenstand und dessen

Bestimmung bezogen werden dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs der

Vernunft unter Voraussetzung eines solchen Gegenstandes in der Idee auf

systematische Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis jederzeit erweitern

niemals aber derselben zuwider sein können so ist es eine notwendige Maxime der

Vernunft nach dergleichen Ideen zu verfahren Und dieses ist die

transzendentale Deduktion aller Ideen der spekulativen Vernunft nicht als

konstitutiver Prinzipien der Erweiterung unserer Erkenntnis über mehr

Gegenstände als Erfahrung geben kann sondern als regulativer Prinzipien der

systematischen Einheit des Mannigfaltigen der empirischen Erkenntnis überhaupt

welche dadurch in ihren eigenen Grenzen mehr angebaut und berichtigt wird als

es ohne solche Ideen durch den bloßen Gebrauch der Verstandesgrundsätze

geschehen könnte

    Ich will dieses deutlicher machen Wir wollen den genannten Ideen als

Prinzipien zu Folge erstlich in der Psychologie alle Erscheinungen Handlungen

und Empfänglichkeit unseres Gemüts an dem Leitfaden der inneren Erfahrung so

verknüpfen als ob dasselbe eine einfache Substanz wäre die mit persönlicher

Identität beharrlich wenigstens im Leben existiert indessen dass ihre

Zustände zu welcher die des Körpers nur als äußere Bedingungen gehören

kontinuierlich wechseln Wir müssen zweitens in der Kosmologie die

Bedingungen der inneren sowohl als der äußeren Naturerscheinungen in einer

solchen nirgend zu vollendenden Untersuchung verfolgen als ob dieselbe an sich

unendlich und ohne ein erstes oder oberstes Glied sei obgleich wir darum

außerhalb aller Erscheinungen die bloß intelligiblen ersten Gründe derselben

nicht leugnen aber sie doch niemals in den Zusammenhang der Naturerklärungen

bringen dürfen weil wir sie gar nicht kennen Endlich und drittens müssen wir

in Ansehung der Theologie alles was nur immer in den Zusammenhang der

möglichen Erfahrung gehören mag so betrachten als ob diese eine absolute aber

durch und durch abhängige und immer noch innerhalb der Sinnenwelt bedingte

Einheit ausmache doch aber zugleich als ob der Inbegriff aller Erscheinungen

die Sinnenwelt selbst einen einzigen obersten und allgenugsamen Grund außer

ihrem Umfange habe nämlich eine gleichsam selbständige ursprüngliche und

schöpferische Vernunft in Beziehung auf welche wir allen empirischen Gebrauch

unserer Vernunft in seiner größten Erweiterung so richten als ob die

Gegenstände selbst aus jenem Urbilde aller Vernunft entsprungen wären das

heißt nicht von einer einfachen denkenden Substanz die inneren Erscheinungen der

Seele sondern nach der Idee eines einfachen Wesens jene von einander ableiten

nicht von einer höchsten Intelligenz die Weltordnung und systematische Einheit

derselben ableiten sondern von der Idee einer höchstweisen Ursache die Regel

hernehmen nach welcher die Vernunft bei der Verknüpfung der Ursachen und

Wirkungen in der Welt zu ihrer eigenen Befriedigung am besten zu brauchen sei

    Nun ist nicht das mindeste was uns hindert diese Ideen auch als objektiv

und hypostatisch anzunehmen außer allein die kosmologische wo die Vernunft auf

eine Antinomie stößt wenn sie solche zu Stande bringen will die psychologische

und theologische enthalten dergleichen gar nicht Denn ein Widerspruch ist in

ihnen nicht wie sollte uns daher jemand ihre objektive Realität streiten

können da er von ihrer Möglichkeit eben so wenig weiß um sie zu verneinen als

wir um sie zu bejahen Gleichwohl ists um etwas anzunehmen noch nicht genug

dass keine positive Hindernis dawider ist und es kann uns nicht erlaubt sein

Gedankenwesen welche alle unsere Begriffe übersteigen obgleich keinem

widersprechen auf den bloßen Kredit der ihr Geschäfte gern vollendenden

spekulativen Vernunft als wirkliche und bestimmte Gegenstände einzuführen Also

sollen sie an sich selbst nicht angenommen werden sondern nur ihre Realität

als eines Schema des regulativen Prinzips der systematischen Einheit aller

Naturerkenntnis gelten mithin sollen sie nur als Analoga von wirklichen

Dingen aber nicht als solche an sich selbst zum Grunde gelegt werden Wir heben

von dem Gegenstande der Idee die Bedingungen auf welche unseren

Verstandesbegriff einschränken die aber es auch allein möglich machen dass wir

von irgend einem Dinge einen bestimmten Begriff haben können Und nun denken wir

uns ein Etwas wovon wir was es an sich selbst sei gar keinen Begriff haben

aber wovon wir uns doch ein Verhältnis zu dem Inbegriffe der Erscheinungen

denken das demjenigen analogisch ist welches die Erscheinungen unter einander

haben

    Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen so erweitern wir

eigentlich nicht unsere Erkenntnis über die Objekte möglicher Erfahrung sondern

nur die empirische Einheit der letzteren durch die systematische Einheit wozu

uns die Idee das Schema gibt welche mithin nicht als konstitutives sondern

bloß als regulatives Prinzip gilt Denn dass wir ein der Idee korrespondierendes

Ding ein Etwas oder wirkliches Wesen setzen dadurch ist nicht gesagt wir

wollten unsere Erkenntnis der Dinge mit transzendenten Begriffen erweitern denn

dieses Wesen wird nur in der Idee und nicht an sich selbst zum Grunde gelegt

mithin nur um die systematische Einheit auszudrücken die uns zur Richtschnur

des empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen soll ohne doch etwas darüber

auszumachen was der Grund dieser Einheit oder die innere Eigenschaft eines

solchen Wesens sei auf welchem als Ursache sie beruhe

    So ist der transzendentale und einzige bestimmte Begriff den uns die bloß

spekulative Vernunft von Gott gibt im genauesten Verstande deistisch di die

Vernunft gibt nicht einmal die objektive Gültigkeit eines solchen Begriffs

sondern nur die Idee von etwas an die Hand worauf alle empirische Realität ihre

höchste und notwendige Einheit gründet und welches wir uns nicht anders als

nach der Analogie einer wirklichen Substanz welche nach Vernunftgesetzen die

Ursache aller Dinge sei denken können wofern wir es ja unternehmen es überall

als einen besonderen Gegenstand zu denken und nicht lieber mit der bloßen Idee

des regulativen Prinzips der Vernunft zufrieden die Vollendung aller

Bedingungen des Denkens als überschwänglich für den menschlichen Verstand bei

Seite setzen wollen welches aber mit der Absicht einer vollkommenen

systematischen Einheit in unserem Erkenntnis der wenigstens die Vernunft keine

Schranken setzt nicht zusammen bestehen kann

    Daher geschieht es nun dass wenn ich ein göttliches Wesen annehme ich zwar

weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit noch der

Notwendigkeit seines Daseins den mindesten Begriff habe aber alsdann doch

allen anderen Fragen die das Zufällige betreffen ein Genüge tun kann und der

Vernunft die vollkommenste Befriedigung in Ansehung der nachzuforschenden

größten Einheit in ihrem empirischen Gebrauche aber nicht in Ansehung dieser

Voraussetzung selbst verschaffen kann welches beweiset dass ihr spekulatives

Interesse und nicht ihre Einsicht sie berechtige von einem Punkte der so weit

über ihrer Sphäre liegt auszugehen um daraus ihre Gegenstände in einem

vollständigen Ganzen zu betrachten

    Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart bei einer und derselben

Voraussetzung der ziemlich subtil aber gleichwohl in der

Transzendentalphilosophie von großer Wichtigkeit ist Ich kann genügsamen Grund

haben etwas relativ anzunehmen suppositio relativa ohne doch befugt zu sein

es schlechthin anzunehmen suppositio absoluta Diese Unterscheidung trifft zu

wenn es bloß um ein regulatives Prinzip zu tun ist wovon wir zwar die

Notwendigkeit an sich selbst, aber nicht den Quell derselben erkennen und dazu

wir einen obersten Grund bloß in der Absicht annehmen um desto bestimmter die

Allgemeinheit des Prinzips zu denken als zB wenn ich mir ein Wesen als

existierend denke das einer bloßen und zwar transzendentalen Idee

korrespondiert Denn da kann ich das Dasein dieses Dinges niemals an sich

selbst annehmen weil keine Begriffe dadurch ich mir irgend einen Gegenstand

bestimmt denken kann dazu gelangen und die Bedingungen der objektiven

Gültigkeit meiner Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind Die

Begriffe der Realität der Substanz der Kausalität selbst die der

Notwendigkeit im Dasein haben außer dem Gebrauche da sie die empirische

Erkenntnis eines Gegenstandes möglich machen gar keine Bedeutung die irgend

ein Objekt bestimmte Sie können also zwar zu Erklärung der Möglichkeit der

Dinge in der Sinnenwelt aber nicht der Möglichkeit eines Weltganzen selbst

gebraucht werden weil dieser Erklärungsgrund außerhalb der Welt und mithin kein

Gegenstand einer möglichen Erfahrung sein müsste Nun kann ich gleichwohl ein

solches unbegreifliches Wesen den Gegenstand einer bloßen Idee relativ auf die

Sinnenwelt obgleich nicht an sich selbst, annehmen Denn wenn dem

größtmöglichen empirischen Gebrauche meiner Vernunft eine Idee der

systematischvollständigen Einheit von der ich bald bestimmter reden werde zum

Grunde liegt die an sich selbst niemals adäquat in der Erfahrung kann

dargestellt werden ob sie gleich um die empirische Einheit dem

höchstmöglichen Grade zu nähern unumgänglich notwendig ist so werde ich nicht

allein befugt sondern auch genötigt sein diese Idee zu realisieren di ihr

einen wirklichen Gegenstand zu setzen aber nur als ein Etwas überhaupt das ich

an sich selbst gar nicht kenne und dem ich nur als einem Grunde jener

systematischen Einheit in Beziehung auf diese letztere solche Eigenschaften

gebe als den Verstandesbegriffen im empirischen Gebrauche analogisch sind Ich

werde mir also nach der Analogie der Realitäten in der Welt der Substanzen der

Kausalität und der Notwendigkeit ein Wesen denken das alles dieses in der

höchsten Vollkommenheit besitzt und indem diese Idee bloß auf meiner Vernunft

beruht dieses Wesen als selbständige Vernunft was durch Ideen der größten

Harmonie und Einheit Ursache vom Weltganzen ist denken können so dass ich

alle die Idee einschränkende Bedingungen weglasse lediglich um unter dem

Schutze eines solchen Urgrundes systematische Einheit des Mannigfaltigen im

Weltganzen und vermittelst derselben den größtmöglichen empirischen

Vernunftgebrauch möglich zu machen indem ich alle Verbindungen so ansehe als

ob sie Anordnungen einer höchsten Vernunft wären von der die unsrige ein

schwaches Nachbild ist Ich denke mir alsdann dieses höchste Wesen durch lauter

Begriffe die eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben da ich aber

auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem andern als relativen Gebrauch

habe nämlich dass sie das Substratum der größtmöglichen Erfahrungseinheit

abgeben solle so darf ich ein Wesen das ich von der Welt unterscheide ganz

wohl durch Eigenschaften denken die lediglich zur Sinnenwelt gehören Denn ich

verlange keineswegs und bin auch nicht befugt es zu verlangen diesen

Gegenstand meiner Idee nach dem was er an sich sein mag zu erkennen denn

dazu habe ich keine Begriffe und selbst die Begriffe von Realität Substanz

Kausalität ja so gar der Notwendigkeit im Dasein verlieren alle Bedeutung und

sind leere Titel zu Begriffen ohne allen Inhalt wenn ich mich außer dem Felde

der Sinne damit hinauswage Ich denke mir nur die Relation eines mir an sich

ganz unbekannten Wesens zur größten systematischen Einheit des Weltganzen

lediglich um es zum Schema des regulativen Prinzips des größtmöglichen

empirischen Gebrauchs meiner Vernunft zu machen

    Werfen wir unseren Blick nun auf den transzendentalen Gegenstand unserer

Idee so sehen wir dass wir seine Wirklichkeit nach den Begriffen von Realität

Substanz Kausalität etc an sich selbst nicht voraussetzen können weil diese

Begriffe auf etwas das von der Sinnenwelt ganz unterschieden ist nicht die

mindeste Anwendung haben Also ist die Supposition der Vernunft von einem

höchsten Wesen als oberster Ursache bloß relativ zum Behuf der systematischen

Einheit der Sinnenwelt gedacht und ein bloßes Etwas in der Idee wovon wir was

es an sich sei keinen Begriff haben Hierdurch erklärt sich auch woher wir zwar

in Beziehung auf das was existierend den Sinnen gegeben ist der Idee eines an

sich notwendigen Urwesens bedürfen niemals aber von diesem und seiner absoluten

Notwendigkeit den mindesten Begriff haben können

    Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transzendentalen Dialektik

deutlich vor Augen stellen und die Endabsicht der Ideen der reinen Vernunft,

die nur durch Missverstand und Unbehutsamkeit dialektisch werden genau

bestimmen Die reine Vernunft ist in der Tat mit nichts als sich selbst

beschäftigt und kann auch kein anderes Geschäfte haben weil ihr nicht die

Gegenstände zur Einheit des Erfahrungsbegriffs sondern die

Verstandeserkenntnisse zur Einheit des Vernunftbegriffs di des Zusammenhanges

in einem Prinzip gegeben werden Die Vernunfteinheit ist die Einheit des

Systems und diese systematische Einheit dient der Vernunft nicht objektiv zu

einem Grundsatze um sie über die Gegenstände sondern subjektiv als Maxime um

sie über alles mögliche empirische Erkenntnis der Gegenstände zu verbreiten

Gleichwohl befördert der systematische Zusammenhang den die Vernunft dem

empirischen Verstandesgebrauche geben kann nicht allein dessen Ausbreitung

sondern bewährt auch zugleich die Richtigkeit desselben und das Principium

einer solchen systematischen Einheit ist auch objektiv aber auf unbestimmte Art

principium vagum nicht als konstitutives Prinzip um etwas in Ansehung seines

direkten Gegenstandes zu bestimmen sondern um als bloß regulativer Grundsatz

und Maxime den empirischen Gebrauch der Vernunft durch Eröffnung neuer Wege

die der Verstand nicht kennt ins Unendliche Unbestimmte zu befördern und zu

befestigen ohne dabei jemals den Gesetzen des empirischen Gebrauchs im

mindesten zu wider zu sein

    Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders denken als

dass sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand gibt der aber durch keine

Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung gibt niemals ein Beispiel

vollkommener systematischer Einheit Dieses Vernunftwesen ens rationis

ratiocinatae ist nun zwar eine bloße Idee und wird also nicht schlechthin und

an sich selbst als etwas Wirkliches angenommen sondern nur problematisch zum

Grunde gelegt weil wir es durch keine Verstandesbegriffe erreichen können um

alle Verknüpfung der Dinge der Sinnenwelt so anzusehen als ob sie in diesem

Vernunftwesen ihren Grund hätten lediglich aber in der Absicht um darauf die

systematische Einheit zu gründen die der Vernunft unentbehrlich der

empirischen Verstandeserkenntnis aber auf alle Weise beförderlich und ihr

gleichwohl niemals hinderlich sein kann

    Man verkennet sogleich die Bedeutung dieser Idee wenn man sie für die

Behauptung oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen Sache hält welcher

man den Grund der systematischen Weltverfassung zuzuschreiben gedächte vielmehr

lässt man es gänzlich unausgemacht was der unseren Begriffen sich entziehende

Grund derselben an sich für Beschaffenheit habe und setzet sich nur eine Idee

zum Gesichtspunkte aus welchem einzig und allein man jene der Vernunft so

wesentliche und dem Verstande so heilsame Einheit verbreiten kann mit einem

Worte dieses transzendentale Ding ist bloß das Schema jenes regulativen

Prinzips wodurch die Vernunft so viel an ihr ist systematische Einheit über

alle Erfahrung verbreitet

    Das erste Objekt einer solchen Idee bin ich selbst bloß als denkende Natur

Seele betrachtet Will ich die Eigenschaften mit denen ein denkend Wesen an

sich existiert aufsuchen so muss ich die Erfahrung befragen und selbst von

allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand anwenden als in so fern

das Schema derselben in der sinnlichen Anschauung gegeben ist Hiermit gelange

ich aber niemals zu einer systematischen Einheit aller Erscheinungen des inneren

Sinnes Statt des Erfahrungsbegriffs also von dem was die Seele wirklich ist

der uns nicht weit führen kann nimmt die Vernunft den Begriff der empirischen

Einheit alles Denkens und macht dadurch dass sie diese Einheit unbedingt und

ursprünglich denkt aus demselben einen Vernunftbegriff Idee von einer

einfachen Substanz die an sich selbst unwandelbar persönlich identisch mit

andern wirklichen Dingen außer ihr in Gemeinschaft stehe mit einem Worte von

einer einfachen selbständigen Intelligenz Hierbei aber hat sie nichts anders vor

Augen als Prinzipien der systematischen Einheit in Erklärung der Erscheinungen

der Seele nämlich alle Bestimmungen als in einem einigen Subjekte alle

Kräfte so viel möglich als abgeleitet von einer einigen Grundkraft allen

Wechsel als gehörig zu den Zuständen eines und desselben beharrlichen Wesens zu

betrachten und alle Erscheinungen im Raume als von den Handlungen des Denkens

ganz unterschieden vorzustellen Jene Einfachheit der Substanz etc sollte nur

das Schema zu diesem regulativen Prinzip sein und wird nicht vorausgesetzt als

sei sie der wirkliche Grund der Seeleneigenschaften Denn diese können auch auf

ganz anderen Gründen beruhen die wir gar nicht kennen wie wir denn die Seele

auch durch diese angenommene Prädikate eigentlich nicht an sich selbst erkennen

könnten wenn wir sie gleich von ihr schlechthin wollten gelten lassen indem

sie eine bloße Idee ausmachen die in concreto gar nicht vorgestellt werden

kann Aus einer solchen psychologischen Idee kann nun nichts andres als Vorteil

entspringen wenn man sich nur hütet sie für etwas mehr als bloße Idee di

bloß relativisch auf den systematischen Vernunftsgebrauch in Ansehung der

Erscheinungen unserer Seele gelten zu lassen Denn da mengen sich keine

empirische Gesetze körperlicher Erscheinungen die ganz von anderer Art sind in

die Erklärungen dessen was bloß für den inneren Sinn gehöret da werden keine

windige Hypothesen von Erzeugung Zerstörung und Palingenesie der Seelen etc

zugelassen also wird die Betrachtung dieses Gegenstandes des inneren Sinnes

ganz rein und unvermengt mit ungleichartigen Eigenschaften angestellt überdem

die Vernunftuntersuchung darauf gerichtet die Erklärungsgründe in diesem

Subjekte so weit es möglich ist auf ein einziges Prinzip hinaus zu führen

welches alles durch ein solches Schema als ob es ein wirkliches Wesen wäre am

besten ja so gar einzig und allein bewirkt wird Die psychologische Idee kann

auch nichts andres als das Schema eines regulativen Begriffs bedeuten Denn

wollte ich auch nur fragen ob die Seele nicht an sich geistiger Natur sei so

hätte diese Frage gar keinen Sinn Denn durch einen solchen Begriff nehme ich

nicht bloß die körperliche Natur sondern überhaupt alle Natur weg di alle

Prädikate irgendeiner möglichen Erfahrung mithin alle Bedingungen zu einem

solchen Begriffe einen Gegenstand zu denken als welches doch einzig und allein

es macht dass man sagt er habe einen Sinn

    Die zweite regulative Idee der bloß spekulativen Vernunft ist der

Weltbegriff überhaupt Denn Natur ist eigentlich nur das einzige gegebene

Objekt in Ansehung dessen die Vernunft regulative Prinzipien bedarf Diese

Natur ist zwiefach entweder die denkende oder die körperliche Natur Allein zu

der letzteren um sie ihrer inneren Möglichkeit nach zu denken di die

Anwendung der Kategorien auf dieselbe zu bestimmen bedürfen wir keiner Idee

di einer die Erfahrung übersteigenden Vorstellung es ist auch keine in

Ansehung derselben möglich weil wir darin bloß durch sinnliche Anschauung

geleitet werden und nicht wie in dem psychologischen Grundbegriffe Ich

welcher eine gewisse Form des Denkens nämlich die Einheit desselben a priori

enthält Also bleibt uns für die reine Vernunft nichts übrig als Natur

überhaupt und die Vollständigkeit der Bedingungen in derselben nach irgend

einem Prinzip Die absolute Totalität der Reihen dieser Bedingungen in der

Ableitung ihrer Glieder ist eine Idee die zwar im empirischen Gebrauche der

Vernunft niemals völlig zu Stande kommen kann aber doch zur Regel dient wie

wir in Ansehung derselben verfahren sollen nämlich in der Erklärung gegebener

Erscheinungen im Zurückgehen oder Aufsteigen so als ob die Reihe an sich

unendlich wäre di in indefinitum aber wo die Vernunft selbst als bestimmende

Ursache betrachtet wird in der Freiheit also bei praktischen Prinzipien als

ob wir nicht ein Objekt der Sinne sondern des reinen Verstandes vor uns hätten

wo die Bedingungen nicht mehr in der Reihe der Erscheinungen sondern außer

derselben gesetzt werden können und die Reihe der Zustände angesehen werden

kann als ob sie schlechthin durch eine intelligible Ursache angefangen

würde welches alles beweiset dass die kosmologischen Ideen nichts als

regulative Prinzipien und weit davon entfernt sind gleichsam konstitutiv eine

wirkliche Totalität solcher Reihen zu setzen Das übrige kann man an seinem Orte

unter der Antinomie der reinen Vernunft suchen

    Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative Supposition

eines Wesens enthält als der einigen und allgenugsamen Ursache aller

kosmologischen Reihen ist der Vernunftbegriff von Gott Den Gegenstand dieser

Idee haben wir nicht den mindesten Grund schlechthin anzunehmen an sich zu

supponieren denn was kann uns wohl dazu vermögen oder auch nur berechtigen

ein Wesen von der höchsten Vollkommenheit und als seiner Natur nach schlechthin

notwendig aus dessen bloßem Begriffe an sich selbst zu glauben oder zu

behaupten wäre es nicht die Welt in Beziehung auf welche diese Supposition

allein notwendig sein kann und da zeigt es sich klar dass die Idee desselben

so wie alle spekulative Ideen nichts weiter sagen wolle als dass die Vernunft

gebiete alle Verknüpfung der Welt nach Prinzipien einer systematischen Einheit

zu betrachten mithin als ob sie insgesamt aus einem einzigen allbefassenden

Wesen als oberster und allgenugsamer Ursache entsprungen wären Hieraus ist

klardass die Vernunft hierbei nichts als ihre eigene formale Regel in

Erweiterung ihres empirischen Gebrauchs zur Absicht haben könne niemals aber

eine Erweiterung über alle Grenzen des empirischen Gebrauchs folglich unter

dieser Idee kein konstitutives Prinzip ihres auf mögliche Erfahrung gerichteten

Gebrauchs verborgen liege

    Die höchste formale Einheit welche allein auf Vernunftbegriffen beruht ist

die zweckmäßige Einheit der Dinge und das spekulative Interesse der Vernunft

macht es notwendig alle Anordnung in der Welt so anzusehen als ob sie aus der

Absicht einer allerhöchsten Vernunft entsprossen wäre Ein solches Prinzip

eröffnet nämlich unserer auf das Feld der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz

neue Aussichten nach teleologischen Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen

und dadurch zu der größten systematischen Einheit derselben zu gelangen Die

Voraussetzung einer obersten Intelligenz als der alleinigen Ursache des

Weltganzen aber freilich bloß in der Idee kann also jederzeit der Vernunft

nutzen und dabei doch niemals schaden Denn wenn wir in Ansehung der Figur der

Erde der runden doch etwas abgeplatteten65 der Gebirge und Meere etc lauter

weise Absichten eines Urhebers zum voraus annehmen so können wir auf diesem

Wege eine Menge von Entdeckungen machen Bleiben wir nur bei dieser

Voraussetzung als einem bloß regulativen Prinzip so kann selbst der Irrtum uns

nicht schaden Denn es kann allenfalls daraus nichts weiter folgen als dass wo

wir einen teleologischen Zusammenhang nexus finalis erwarteten ein bloß

mechanischer oder physischer nexus effectivus angetroffen werde wodurch wir

in einem solchen Falle nur eine Einheit mehr vermissen aber nicht die

Vernunfteinheit in ihrem empirischen Gebrauche verderben Aber sogar dieser

Querstrich kann das Gesetz selbst in allgemeiner und teleologischer Absicht

überhaupt nicht treffen Denn obzwar ein Zergliederer eines Irrtumes überführt

werden kann wenn er irgend ein Gliedmaß eines tierischen Körpers auf einen

Zweck bezieht von welchem man deutlich zeigen kann dass er daraus nicht

erfolge so ist es doch gänzlich unmöglich in einem Falle zu beweisen dass eine

Natureinrichtung es mag sein welche es wolle ganz und gar keinen Zweck habe

Daher erweitert auch die Physiologie der Ärzte ihre sehr eingeschränkte

empirische Kenntnis von den Zwecken des Gliederbaues eines organischen Körpers

durch einen Grundsatz welchen bloß reine Vernunft eingab so weit dass man

darin ganz dreist und zugleich mit aller Verständigen Einstimmung annimmt es

habe alles an dem Tiere seinen Nutzen und gute Absicht welche Voraussetzung

wenn sie konstitutiv sein sollte viel weiter geht als uns bisherige

Beobachtung berechtigen kann woraus denn zu ersehen ist dass sie nichts als ein

regulatives Prinzip der Vernunft sei um zur höchsten systematischen Einheit

vermittelst der Idee der zweckmäßigen Kausalität der obersten Weltursache und

als ob diese als höchste Intelligenz nach der weisesten Absicht die Ursache

von allem sei zu gelangen

    Gehen wir aber von dieser Restriktion der Idee auf den bloß regulativen

Gebrauch ab so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise irre geführt indem

sie alsdann den Boden der Erfahrung der doch die Merkzeichen ihres Ganges

enthalten muss verlässt und sich über denselben zu dem Unbegreiflichen und

Unerforschlichen hinwagt über dessen Höhe sie notwendig schwindlig wird weil

sie sich aus dem Standpunkte desselben von allem mit der Erfahrung stimmigen

Gebrauch gänzlich abgeschnitten sieht

    Der erste Fehler der daraus entspringt dass man die Idee eines höchsten

Wesens nicht bloß regulativ sondern welches der Natur einer Idee zuwider ist

konstitutiv braucht ist die faule Vernunft ignava ratio66 Man kann jeden

Grundsatz so nennen welcher macht dass man seine Naturuntersuchung wo es auch

sei für schlechthin vollendet ansieht und die Vernunft sich also zur Ruhe

begibt als ob sie ihr Geschäfte völlig ausgerichtet habe Daher selbst die

psychologische Idee wenn sie als ein konstitutives Prinzip für die Erklärung

der Erscheinungen unserer Seele und hernach gar zur Erweiterung unserer

Erkenntnis dieses Subjekts noch über alle Erfahrung hinaus ihren Zustand nach

dem Tode gebraucht wird es der Vernunft zwar sehr bequem macht aber auch

allen Naturgebrauch derselben nach der Leitung der Erfahrungen ganz verdirbt und

zu Grunde richtet So erklärt der dogmatische Spiritualist die durch allen

Wechsel der Zustände unverändert bestehende Einheit der Person aus der Einheit

der denkenden Substanz die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen glaubt das

Interesse was wir an Dingen nehmen die sich allererst nach unserem Tode

zutragen sollen aus dem Bewusstsein der immateriellen Natur unseres denkenden

Subjekts etc und überhebt sich aller Naturuntersuchung der Ursache dieser

unserer inneren Erscheinungen aus physischen Erklärungsgründen indem er

gleichsam durch den Machtspruch einer transzendenten Vernunft die immanenten

Erkenntnisquellen der Erfahrung zum Behuf seiner Gemächlichkeit aber mit

Einbuße aller Einsicht vorbeigeht Noch deutlicher fällt diese nachteilige

Folge bei dem Dogmatismus unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und dem

darauf fälschlich gegründeten theologischen System der Natur Physikotheologie

in die Augen Denn da dienen alle sich in der Natur zeigende oft nur von uns

selbst dazu gemachte Zwecke dazu es uns in der Erforschung der Ursachen recht

bequem zu machen nämlich anstatt sie in den allgemeinen Gesetzen des

Mechanismus der Materie zu suchen sich geradezu auf den unerforschlichen

Ratschluss der höchsten Weisheit zu berufen und die Vernunftbemühung alsdann für

vollendet anzusehen wenn man sich ihres Gebrauchs überhebt der doch nirgend

einen Leitfaden findet als wo ihn uns die Ordnung der Natur und die Reihe der

Veränderungen nach ihren inneren und allgemeinen Gesetzen an die Hand gibt

Dieser Fehler kann vermieden werden wenn wir nicht bloß einige Naturstücke als

zB die Verteilung des festen Landes das Bauwerk desselben und die

Beschaffenheit und Lage der Gebirge oder wohl gar nur die Organisation im

Gewächs und Tierreiche aus dem Gesichtspunkte der Zwecke betrachten sondern

diese systematische Einheit der Natur in Beziehung auf die Idee einer höchsten

Intelligenz ganz allgemein machen Denn alsdann legen wir eine Zweckmäßigkeit

nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum Grunde von denen keine besondere

Einrichtung ausgenommen sondern nur mehr oder weniger kenntlich für uns

ausgezeichnet worden und haben ein regulatives Prinzip der systematischen

Einheit einer teleologischen Verknüpfung die wir aber nicht zum voraus

bestimmen sondern nur in Erwartung derselben die physischmechanische

Verknüpfung nach allgemeinen Gesetzen verfolgen dürfen Denn so allein kann das

Prinzip der zweckmäßigen Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der Erfahrung

jederzeit erweitern ohne ihm in irgend einem Falle Abbruch zu tun

    Der zweite Fehler der aus der Missdeutung des gedachten Prinzips der

systematischen Einheit entspringt ist der der verkehrten Vernunft perversa

ratio usteron proteron rationis Die Idee der systematischen Einheit sollte

nur dazu dienen um als regulatives Prinzip sie in der Verbindung der Dinge nach

allgemeinen Naturgesetzen zu suchen und so weit sich etwas davon auf dem

empirischen Wege antreffen lässt um so viel auch zu glauben dass man sich der

Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert habe ob man sie freilich niemals

erreichen wird Anstatt dessen kehrt man die Sache um und fängt davon an dass

man die Wirklichkeit eines Prinzips der zweckmäßigen Einheit als hypostatisch

zum Grunde legt den Begriff einer solchen höchsten Intelligenz weil er an sich

gänzlich unerforschlich ist anthropomorphistisch bestimmt und denn der Natur

Zwecke gewaltsam und diktatorisch aufdringt anstatt sie wie billig auf dem

Wege der physischen Nachforschung zu suchen so dass nicht allein Teleologie die

bloß dazu dienen sollte um die Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu

ergänzen nun vielmehr dahin wirkt sie aufzuheben sondern die Vernunft sich

noch dazu selbst um ihren Zweck bringt nämlich das Dasein einer solchen

intelligenten obersten Ursache nach diesem aus der Natur zu beweisen Denn

wenn man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur a priori di als zum

Wesen derselben gehörig voraussetzen kann wie will man denn angewiesen sein

sie zu suchen und auf der Stufenleiter derselben sich der höchsten

Vollkommenheit eines Urhebers als einer schlechterdings notwendigen mithin a

priori erkennbaren Vollkommenheit zu nähern Das regulative Prinzip verlangt

die systematische Einheit als Natureinheit welche nicht bloß empirisch erkannt

sondern a priori obzwar noch unbestimmt vorausgesetzt wird schlechterdings

mithin als aus dem Wesen der Dinge folgend vorauszusetzen Lege ich aber zuvor

ein höchstes ordnendes Wesen zum Grunde so wird die Natureinheit in der Tat

aufgehoben Denn sie ist der Natur der Dinge ganz fremd und zufällig und kann

auch nicht aus allgemeinen Gesetzen derselben erkannt werden Daher entspringt

ein fehlerhafter Zirkel im Beweisen da man das voraussetzt was eigentlich hat

bewiesen werden sollen

    Das regulative Prinzip der systematischen Einheit der Natur für ein

konstitutives nehmen und was nur in der Idee zum Grunde des einhelligen

Gebrauchs der Vernunft gelegt wird als Ursache hypostatisch voraussetzen heißt

nur die Vernunft verwirren Die Naturforschung geht ihren Gang ganz allein an

der Kette der Naturursachen nach allgemeinen Gesetzen derselben zwar nach der

Idee eines Urhebers aber nicht um die Zweckmäßigkeit der sie allerwärts

nachgeht von demselben abzuleiten sondern sein Dasein aus dieser

Zweckmäßigkeit die in den Wesen der Naturdinge gesucht wird womöglich auch in

den Wesen aller Dinge überhaupt mithin als schlechthin notwendig zu erkennen

Das letztere mag nun gelingen oder nicht so bleibt die Idee immer richtig und

eben sowohl auch deren Gehrauch wenn er auf die Bedingungen eines bloß

regulativen Prinzips restringiert worden

    Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit schlechthin

betrachtet Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge welche den ganzen

Gegenstand der Erfahrung di aller unserer objektivgültigen Erkenntnis

ausmachen mithin in allgemeinen und notwendigen Naturgesetzen finden wie

wollen wir daraus gerade auf die Idee einer höchsten und schlechthin notwendigen

Vollkommenheit eines Urwesens schließen welches der Ursprung aller Kausalität

ist Die größte systematische folglich auch die zweckmäßige Einheit ist die

Schule und selbst die Grundlage der Möglichkeit des größten Gebrauchs der

Menschenvernunft Die Idee derselben ist also mit dem Wesen unserer Vernunft

unzertrennlich Verbunden Eben dieselbe Idee ist also für uns gesetzgebend und

so ist es sehr natürlich eine ihr korrespondierende gesetzgebende Vernunft

intellectus archetypus anzunehmen von der alle systematische Einheit der

Natur als dem Gegenstande unserer Vernunft abzuleiten sei

    Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt dass alle

Fragen welche die reine Vernunft aufwirft schlechterdings beantwortlich sein

müssen und dass die Entschuldigung mit den Schranken unserer Erkenntnis die in

vielen Naturfragen eben so unvermeidlich als billig ist hier nicht gestattet

werden könne weil uns hier nicht von der Natur der Dinge, sondern allein durch

die Natur der Vernunft und lediglich über ihre innere Einrichtung die Fragen

vorgelegt werden Jetzt können wir diese dem ersten Anscheine nach kühne

Behauptung in Ansehung der zwei Fragen wobei die reine Vernunft ihr größtes

Interesse hat bestätigen und dadurch unsere Betrachtung über die Dialektik

derselben zur gänzlichen Vollendung bringen

    Frägt man denn also in Absicht auf eine transzendentale Theologie67

erstlich ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe was den Grund der

Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen Gesetzen enthalte so ist

die Antwort ohne Zweifel Denn die Welt ist eine Summe von Erscheinungen es

muss also irgend ein transzendentaler di bloß dem reinen Verstande denkbarer

Grund derselben sein Ist zweitens die Frage ob dieses Wesen Substanz von der

größten Realität notwendig etc sei so antworte ich dass diese Frage gar keine

Bedeutung habe Denn alle Kategorien durch welche ich mir einen Begriff von

einem solchen Gegenstande zu machen versuche sind von keinem anderen als

empirischen Gebrauche und haben gar keinen Sinn wenn sie nicht auf Objekte

möglicher Erfahrung di auf die Sinnenwelt angewandt werden Außer diesem

Felde sind sie bloß Titel zu Begriffen die man einräumen dadurch man aber auch

nichts verstehen kann Ist endlich drittens die Frage ob wir nicht wenigstens

dieses von der Welt unterschiedene Wesen nach einer Analogie mit den

Gegenständen der Erfahrung denken dürfen so ist die Antwort allerdings aber

nur als Gegenstand in der Idee und nicht in der Realität nämlich nur so fern

er ein uns unbekanntes Substratum der systematischen Einheit Ordnung und

Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung ist welche sich die Vernunft zum regulativen

Prinzip ihrer Naturforschung machen muss Noch mehr wir können in dieser Idee

gewisse Anthropomorphismen die dem gedachten regulativen Prinzip beförderlich

sind ungescheut und ungetadelt erlauben Denn es ist immer nur eine Idee die

gar nicht direkt auf ein von der Welt unterschiedenes Wesen sondern auf das

regulative Prinzip der systematischen Einheit der Welt aber nur vermittelst

eines Schema derselben nämlich einer obersten Intelligenz die nach weisen

Absichten Urheber derselben sei bezogen wird Was dieser Ungrund der

Welteinheit an sich selbst sei hat dadurch nicht gedacht werden sollen sondern

wie wir ihn oder vielmehr seine Idee relativ auf den systematischen Gebrauch

der Vernunft in Ansehung der Dinge der Welt brauchen sollen

    Auf solche Weise aber können wir doch wird man fortfahren zu fragen einen

einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen Ohne allen Zweifel und

nicht allein dies sondern wir müssen einen solchen voraussetzen Aber alsdann

erweitern wir doch unsere Erkenntnis über das Feld möglicher Erfahrung

Keineswegs Denn wir haben nur ein Etwas vorausgesetzt wovon wir gar keinen

Begriff haben was es an sich selbst sei einen bloß transzendentalen

Gegenstand aber in Beziehung auf die systematische und zweckmäßige Ordnung

des Weltbaues welche wir wenn wir die Natur studieren voraussetzen müssen

haben wir jenes uns unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer Intelligenz

ein empirischer Begriff gedacht di es in Ansehung der Zwecke und der

Vollkommenheit die sich auf demselben gründen gerade mit denen Eigenschaften

begabt die nach den Bedingungen unserer Vernunft den Grund einer solchen

systematischen Einheit enthalten können Diese Idee ist also respektiv auf den

Weltgebrauch unserer Vernunft ganz gegründet Wollten wir ihr aber schlechthin

objektive Gültigkeit erteilen so würden wir vergessen dass es lediglich ein

Wesen in der Idee sei das wir denken und indem wir alsdann von einem durch

die Weltbetrachtung gar nicht bestimmbaren Grunde anfingen würden wir dadurch

außer Stand gesetzt dieses Prinzip dem empirischen Vernunftgebrauch angemessen

anzuwenden

    Aber wird man ferner fragen auf solche Weise kann ich doch von dem

Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der vernünftigen

Weltbetrachtung Gebrauch machen Ja dazu war auch eigentlich diese Idee von der

Vernunft zum Grunde gelegt Allein darf ich nun zweckähnliche Anordnungen als

Absichten ansehen indem ich sie vom göttlichen Willen obzwar vermittelst

besonderer dazu in der Welt darauf gestellten Anlagen ableite Ja das könnt

ihr auch tun aber so dass es euch gleich viel gelten muss ob jemand sage die

göttliche Weisheit hat alles so zu seinen obersten Zwecken geordnet oder die

Idee der höchsten Weisheit ist ein Regulativ in der Nachforschung der Natur und

ein Prinzip der systematischen und zweckmäßigen Einheit derselben nach

allgemeinen Naturgesetzen auch selbst da wo wir jene nicht gewahr werden di

es muss euch da wo ihr sie wahrnehmt völlig einerlei sein zu sagen Gott hat

es weislich so gewollt oder die Natur hat es also weislich geordnet Denn die

größte systematische und zweckmäßige Einheit welche eure Vernunft aller

Naturforschung als regulatives Prinzip zum Grunde zu legen verlangte war eben

das was euch berechtigte die Idee einer höchsten Intelligenz als ein Schema

des regulativen Prinzips zum Grunde zu legen und so viel ihr nun nach

demselben Zweckmäßigkeit in der Welt antrefft so viel habt ihr Bestätigung der

Rechtmäßigkeit eurer Idee da aber gedachtes Prinzip nichts andres zur Absicht

hatte als notwendige und größtmögliche Natureinheit zu suchen so werden wir

diese zwar so weit als wir sie erreichen der Idee eines höchsten Wesens zu

danken haben können aber die allgemeinen Gesetze der Natur als in Absicht auf

welche die Idee nur zum Grunde gelegt wurde ohne mit uns selbst in Widerspruch

zu geraten nicht vorbei gehen um diese Zweckmäßigkeit der Natur als zufällig

und hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen weil wir nicht berechtigt

waren ein Wesen über die Natur von den gedachten Eigenschaften anzunehmen

sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu legen um nach der Analogie einer

Kausalbestimmung der Erscheinungen als systematisch unter einander verknüpft

anzusehen

    Eben daher sind wir auch berechtigt die Weltursache in der Idee nicht

allein nach einem subtileren Anthropomorphismus ohne welchen sich gar nichts von

ihm denken lassen würde nämlich als ein Wesen das Verstand Wohlgefallen und

Missfallen imgleichen eine demselben gemäße Begierde und Willen hat etc zu

denken sondern demselben unendliche Vollkommenheit beizulegen die also

diejenige weit übersteigt dazu wir durch empirische Kenntnis der Weltordnung

berechtigt sein können Denn das regulative Gesetz der systematischen Einheit

will dass wir die Natur so studieren sollen als ob allenthalben ins Unendliche

systematische und zweckmäßige Einheit bei der größtmöglichen Mannigfaltigkeit

angetroffen würde Denn wiewohl wir nur wenig von dieser Weltvollkommenheit

ausspähen oder erreichen werden so gehört es doch zur Gesetzgebung unserer

Vernunft sie allerwärts zu suchen und zu vermuten und es muss uns jederzeit

vorteilhaft sein niemals aber kann es nachteilig werden nach diesem Prinzip

die Naturbetrachtung anzustellen Es ist aber unter dieser Vorstellung der zum

Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers auch klar dass ich nicht das

Dasein und die Kenntnis eines solchen Wesens sondern nur die Idee desselben zum

Grunde lege und also eigentlich nichts von diesem Wesen sondern bloß von der

Idee desselben di von der Natur der Dinge der Welt nach einer solchen Idee

ableite Auch scheint ein gewisses obzwar unentwickeltes Bewusstsein des echten

Gebrauchs dieses unseren Vernunftbegriffs die bescheidene und billige Sprache

der Philosophen aller Zeiten veranlasst zu haben da sie von der Weisheit und

Vorsorge der Natur und der göttlichen Weisheit als gleichbedeutenden

Ausdrücken reden ja den ersteren Ausdruck so lange es um bloß spekulative

Vernunft zu tun ist vorziehen weil er die Anmaßung einer größeren Behauptung

als die ist wozu wir befugt sind zurück hält und zugleich die Vernunft auf

ihr eigentümliches Feld die Natur zurück weiset

    So enthält die reine Vernunft die uns anfangs nichts Geringeres als

Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung zu versprechen

schiene wenn wir sie recht verstehen nichts als regulative Prinzipien die

zwar größere Einheit gebieten als der empirische Verstandesgebrauch erreichen

kann aber eben dadurch dass sie das Ziel der Annäherung desselben so weit

hinaus rücken die Zusammenstimmung desselben mit sich selbst durch

systematische Einheit zum höchsten Grade bringen wenn man sie aber missversteht

und sie für konstitutive Prinzipien transzendenter Erkenntnisse hält durch

einen zwar glänzenden aber trüglichen Schein Überredung und eingebildetes

Wissen hiermit aber ewige Widersprüche und Streitigkeiten hervorbringen

 

                                       

 

    So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an geht von da

zu Begriffen und endigt mit Ideen Ob sie zwar in Ansehung aller dreien

Elemente Erkenntnisquellen a priori hat die beim ersten Anblicke die Grenzen

aller Erfahrung zu verschmähen scheinen so überzeugt doch eine vollendete

Kritik dass alle Vernunft im spekulativen Gebrauche mit diesen Elementen niemals

über das Feld möglicher Erfahrung hinaus kommen könne und dass die eigentliche

Bestimmung dieses obersten Erkenntnisvermögens sei sich aller Methoden und der

Grundsätze derselben nur zu bedienen um der Natur nach allen möglichen

Prinzipien der Einheit worunter die der Zwecke die vornehmste ist bis in ihr

Innerstes nachzugehen niemals aber ihre Grenze zu überfliegen außerhalb

welcher für uns nichts als leerer Raum ist Zwar hat uns die kritische

Untersuchung aller Sätze welche unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung

hinaus erweitern können in der transzendentalen Analytik hinreichend überzeugt

dass sie niemals zu etwas mehr als einer möglichen Erfahrung leiten können und

wenn man nicht selbst gegen die kläresten abstrakten und allgemeinen Lehrsätze

misstrauisch wäre wenn nicht reizende und scheinbare Aussichten uns lockten

den Zwang der ersteren abzuwerfen so hätten wir allerdings der mühsamen

Abhörung aller dialektischen Zeugen die eine transzendente Vernunft zum Behuf

ihrer Anmaßungen auftreten lässt überhoben sein können denn wir wussten es schon

zum voraus mit völliger Gewissheit dass alles Vorgeben derselben zwar vielleicht

ehrlich gemeint aber schlechterdings nichtig sein müsse weil es eine

Kundschaft betraf die kein Mensch jemals bekommen kann Allein weil doch des

Redens kein Ende wird wenn man nicht hinter die wahre Ursache des Scheins

kommt wodurch selbst der Vernünftigste hintergangen werden kann und die

Auflösung aller unserer transzendenten Erkenntnis in ihre Elemente als ein

Studium unserer inneren Natur an sich selbst keinen geringen Wert hat dem

Philosophen aber sogar Pflicht ist so war es nicht allein nötig diese ganze

obzwar eitle Bearbeitung der spekulativen Vernunft bis zu ihren ersten Quellen

ausführlich nachzusuchen sondern da der dialektische Schein hier nicht allein

dem Urteile nach täuschend sondern auch dem Interesse nach das man hier am

Urteile nimmt anlockend und jederzeit natürlich ist und so in alle Zukunft

bleiben wird so war es ratsam gleichsam die Akten dieses Prozesses ausführlich

abzufassen und sie im Archive der menschlichen Vernunft zu Verhütung künftiger

Irrungen ähnlicher Art niederzulegen

 
 



  



    Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntnis der reinen und spekulativen Vernunft

wie ein Gebäude ansehe dazu wir wenigstens die Idee in uns haben so kann ich

sagen wir haben in der transzendentalen Elementarlehre den Bauzeug überschlagen

und bestimmt zu welchem Gebäude von welcher Höhe und Festigkeit er zulange

Freilich fand es sich dass ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten der bis an

den Himmel reichen sollte der Vorrat der Materialien doch nur zu einem

Wohnhause zureichte welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung

gerade geräumig und hoch genug war sie zu übersehen dass aber jene kühne

Unternehmung aus Mangel an Stoff fehlschlagen musste ohne einmal auf die

Sprachverwirrung zu rechnen welche die Arbeiter über den Plan unvermeidlich

entzweien und sie in alle Welt zerstreuen musste um sich ein jeder nach seinem

Entwurfe besonders anzubauen Jetzt ist es uns nicht sowohl um die Materialien

als vielmehr um den Plan zu tun und indem wir gewarnt sind es nicht auf

einen beliebigen blinden Entwurf der vielleicht unser ganzes Vermögen

übersteigen könnte zu wagen gleichwohl doch von der Errichtung eines festen

Wohnsitzes nicht wohl abstehen können den Anschlag zu einem Gebäude in

Verhältnis auf den Vorrat der uns gegeben und zugleich unserem Bedürfnis

angemessen ist zu machen

    Ich verstehe also unter der transzendentalen Methodenlehre die Bestimmung

der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der reinen Vernunft. Wir

werden es in dieser Absicht mit einer Disziplin einem Kanon einer

Architektonik endlich einer Geschichte der reinen Vernunft zu tun haben und

dasjenige in transzendentaler Absicht leisten was unter dem Namen einer

praktischen Logik in Ansehung des Gebrauchs des Verstandes überhaupt in den

Schulen gesucht aber schlecht geleistet wird weil da die allgemeine Logik auf

keine besondere Art der Verstandeserkenntnis zB nicht auf die reine auch

nicht auf gewisse Gegenstände eingeschränkt ist sie ohne Kenntnisse aus

anderen Wissenschaften zu borgen nichts mehr tun kann als Titel zu möglichen

Methoden und technische Ausdrücke deren man sich in Ansehung des Systematischen

in allerlei Wissenschaften bedient vorzutragen die den Lehrling zum voraus mit

Namen bekannt machen deren Bedeutung und Gebrauch er künftig allererst soll

kennen lernen

 
 

                                        



              

    Die negativen Urteile die es nicht bloß der logischen Form sondern auch

dem Inhalte nach sind stehen bei der Wissbegierde der Menschen in keiner

sonderlichen Achtung man sieht sie wohl gar als neidische Feinde unseres

unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnistriebes an und es bedarf

beinahe einer Apologie um ihnen nur Duldung und noch mehr um ihnen Gunst und

Hochschätzung zu verschaffen

    Man kann zwar logisch alle Sätze die man will negativ ausdrücken in

Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntnis überhaupt ob sie durch ein Urteil

erweitert oder beschränkt wird haben die verneinenden das eigentümliche

Geschäfte lediglich den Irrtum abzuhalten Daher auch negative Sätze welche

eine falsche Erkenntnis abhalten sollen wo doch niemals ein Irrtum möglich ist

zwar sehr wahr aber doch leer di ihrem Zwecke gar nicht angemessen und eben

darum oft lächerlich sind Wie der Satz jenes Schulredners dass Alexander ohne

Kriegsheer keine Länder hätte erobern können

    Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntnis sehr enge der Anreiz zum

Urteilen groß der Schein der sich darbietet sehr betrüglich und der Nachteil

aus dem Irrtum erheblich ist da hat das Negative der Unterweisung welches bloß

dazu dient um uns vor Irrtümer zu verwahren noch mehr Wichtigkeit als manche

positive Belehrung dadurch unser Erkenntnis Zuwachs bekommen könnte Man nennet

den Zwang wodurch der beständige Hang von gewissen Regeln abzuweichen

eingeschränkt und endlich vertilget wird die Disziplin Sie ist von der Kultur

unterschieden welche bloß eine Fertigkeit verschaffen soll ohne eine andere

schon vorhandene dagegen aufzuheben Zu der Bildung eines Talents welches

schon vor sich selbst einen Antrieb zur Äußerung hat wird also die Disziplin

einen negativen68 die Kultur aber und Doktrin einen positiven Beitrag leisten

    Dass das Temperament imgleichen dass Talente die sich gern eine freie und

uneingeschränkte Bewegung erlauben als Einbildungskraft und Witz in mancher

Absicht einer Disziplin bedürfen wird jedermann leicht zugeben Dass aber die

Vernunft der es eigentlich obliegt allen anderen Bestrebungen ihre Disziplin

vorzuschreiben selbst noch eine solche nötig habe das mag allerdings

befremdlich scheinen und in der Tat ist sie auch einer solchen Demütigung eben

darum bisher entgangen weil bei der Feierlichkeit und dem gründlichen

Anstande womit sie auftritt niemand auf den Verdacht eines leichtsinnigen

Spiels mit Einbildungen statt Begriffen und Worten statt Sachen leichtlich

geraten konnte

    Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche weil ihre

Grundsätze am Probierstein der Erfahrung einer kontinuierlichen Prüfung

unterworfen werden imgleichen auch nicht in der Mathematik, wo ihre Begriffe an

der reinen Anschauung sofort in concreto dargestellt werden müssen und jedes

Ungegründete und Willkürliche dadurch alsbald offenbar wird Wo aber weder

empirische noch reine Anschauung die Vernunft in einem sichtbaren Geleise

halten nämlich in ihrem transzendentalen Gebrauche nach bloßen Begriffen da

bedarf sie so sehr einer Disziplin die ihren Hang zur Erweiterung über die

engen Grenzen möglicher Erfahrung bändige und sie von Ausschweifung und Irrtum

abhalte dass auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft bloß mit diesem

negativen Nutzen zu tun hat Einzelnen Verirrungen kann durch Zensur und den

Ursachen derselben durch Kritik abgeholfen werden Wo aber wie in der reinen

Vernunft, ein ganzes System von Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird

die unter sich wohl verbunden und unter gemeinschaftlichen Prinzipien vereinigt

sind da scheint eine ganz eigene und zwar negative Gesetzgebung erforderlich zu

sein welche unter dem Namen einer Disziplin aus der Natur der Vernunft und der

Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein System der Vorsicht und

Selbstprüfung errichte vor welchem kein falscher vernünftelnder Schein bestehen

kann sondern sich sofort unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung verraten

muss

    Es ist aber wohl zu merken dass ich in diesem zweiten Hauptteile der

transzendentalen Kritik die Disziplin der reinen Vernunft nicht auf den Inhalt

sondern bloß auf die Methode der Erkenntnis aus reiner Vernunft richte Das

erstere ist schon in der Elementarlehre geschehen Es hat aber der

Vernunftgebrauch so viel Ähnliches auf welchen Gegenstand er auch angewandt

werden mag und ist doch so fern er transzendental sein soll zugleich von

allem anderen so wesentlich unterschieden dass ohne die warnende Negativlehre

einer besonders darauf gestellten Disziplin die Irrtümer nicht zu verhüten

sind die aus einer unschicklichen Befolgung solcher Methoden die zwar sonst

der Vernunft aber nur nicht hier anpassen notwendig entspringen müssen

 
 



                    



    Die Mathematik gibt das glänzendste Beispiel einer sich ohne Beihilfe der

Erfahrung von selbst glücklich erweiternden reinen Vernunft Beispiele sind

ansteckend vornehmlich für dasselbe Vermögen welches sich natürlicherweise

schmeichelt eben dasselbe Glück in anderen Fällen zu haben welches ihm in

einem Falle zu Teil worden Daher hofft reine Vernunft im transzendentalen

Gebrauche sich eben so glücklich und gründlich erweitern zu können als es ihr

im mathematischen gelungen ist wenn sie vornehmlich dieselbe Methode dort

anwendet die hier von so augenscheinlichem Nutzen gewesen ist Es liegt uns

also viel daran zu wissen ob die Methode zur apodiktischen Gewissheit zu

gelangen die man in der letzteren Wissenschaft mathematisch nennt mit

derjenigen einerlei sei womit man eben dieselbe Gewissheit in der Philosophie

sucht und die daselbst dogmatisch genannt werden müsste

    Die philosophische Erkenntnis ist die Vernunfterkenntnis aus Begriffen die

mathematische aus der Konstruktion der Begriffe Einen Begriff aber konstruieren

 heißt die ihm korrespondierende Anschauung a priori darstellen Zur

Konstruktion eines Begriffs wird also eine nicht empirische Anschauung

erfordert die folglich als Anschauung ein einzelnes Objekt ist aber nichts

desto weniger als die Konstruktion eines Begriffs einer allgemeinen

Vorstellung Allgemeingültigkeit für alle mögliche Anschauungen die unter

denselben Begriff gehören in der Vorstellung ausdrücken muss So konstruiere ich

einen Triangel indem ich den diesem Begriffe entsprechenden Gegenstand

entweder durch bloße Einbildung in der reinen oder nach derselben auch auf dem

Papier in der empirischen Anschauung beidemal aber völlig a priori ohne das

Muster dazu aus irgend einer Erfahrung geborgt zu haben darstelle Die einzelne

hingezeichnete Figur ist empirisch und dient gleichwohl den Begriff

unbeschadet seiner Allgemeinheit auszudrücken weil bei dieser empirischen

Anschauung immer nur auf die Handlung der Konstruktion des Begriffs welchem

viele Bestimmungen z E der Größe der Seiten und der Winkel ganz

gleichgültig sind gesehen und also von diesen Verschiedenheiten die den

Begriff des Triangels nicht verändern abstrahiert wird

    Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur im

Allgemeinen die mathematische das Allgemeine im Besonderen ja gar im

Einzelnen gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft so dass wie

dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der Konstruktion bestimmt

ist eben so der Gegenstand des Begriffs dem dieses Einzelne nur als sein

Schema korrespondiert allgemein bestimmt gedacht werden muss

    In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden Arten

der Vernunfterkenntnis und beruhet nicht auf dem Unterschiede ihrer Materie

oder Gegenstände Diejenigen welche Philosophie von Mathematik dadurch zu

unterscheiden vermeinten dass sie von jener sagten sie habe bloß die Qualität

diese aber nur die Quantität zum Objekt haben die Wirkung für die Ursache

genommen Die Form der mathematischen Erkenntnis ist die Ursache dass diese

lediglich auf Quanta gehen kann Denn nur der Begriff von Größen lässt sich

konstruieren di a priori in der Anschauung darlegen Qualitäten aber lassen

sich in keiner anderen als empirischen Anschauung darstellen Daher kann eine

Vernunfterkenntnis derselben nur durch Begriffe möglich sein So kann niemand

eine dem Begriff der Realität korrespondierende Anschauung anders woher als aus

der Erfahrung nehmen niemals aber a priori aus sich selbst und vor dem

empirischen Bewusstsein derselben teilhaftig werden Die konische Gestalt wird

man ohne alle empirische Beihilfe bloß nach dem Begriffe anschauend machen

können aber die Farbe dieses Kegels wird in einer oder anderer Erfahrung zuvor

gegeben sein müssen Den Begriff einer Ursache überhaupt kann ich auf keine

Weise in der Anschauung darstellen als an einem Beispiele das mir Erfahrung an

die Hand gibt usw Übrigens handelt die Philosophie eben sowohl von Größen

als die Mathematik zB von der Totalität der Unendlichkeit usw Die

Mathematik beschäftiget sich auch mit dem Unterschiede der Linien und Flächen

als Räumen von verschiedener Qualität mit der Kontinuität der Ausdehnung als

einer Qualität derselben Aber obgleich sie in solchen Fällen einen

gemeinschaftlichen Gegenstand haben so ist die Art ihn durch die Vernunft zu

behandeln doch ganz anders in der philosophischen als mathematischen

Betrachtung Jene hält sich bloß an allgemeinen Begriffen diese kann mit dem

bloßen Begriffe nichts ausrichten sondern eilt sogleich zur Anschauung in

welcher sie den Begriff in concreto betrachtet aber doch nicht empirisch

sondern bloß in einer solchen die sie a priori darstellet di konstruieret

hat und in welcher dasjenige was aus den allgemeinen Bedingungen der

Konstruktion folgt auch von dem Objekte des konstruierten Begriffs allgemein

gelten muss

    Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels und lasse ihn nach

seiner Art ausfündig machen wie sich wohl die Summe seiner Winkel zum rechten

verhalten möge Er hat nun nichts als den Begriff von einer Figur die in drei

geraden Linien eingeschlossen ist und an ihr den Begriff von eben so viel

Winkeln Nun mag er diesem Begriffe nachdenken so lange er will er wird nichts

Neues herausbringen Er kann den Begriff der geraden Linie oder eines Winkels

oder der Zahl drei zergliedern und deutlich machen aber nicht auf andere

Eigenschaften kommen die in diesen Begriffen gar nicht liegen Allein der

Geometer nehme diese Frage vor Er fängt sofort davon an einen Triangel zu

konstruieren Weil er weiß dass zwei rechte Winkel zusammen gerade so viel

austragen als alle berührende Winkel die aus einem Punkte auf einer geraden

Linie gezogen werden können zusammen so verlängert er eine Seite seines

Triangels und bekommt zwei berührende Winkel die zweien rechten zusammen

gleich sind Nun teilet er den äußeren von diesen Winkeln indem er eine Linie

mit der gegenüberstehenden Seite des Triangels parallel zieht und sieht dass

hier ein äußerer berührender Winkel entspringe der einem inneren gleich ist

usw Er gelangt auf solche Weise durch eine Kette von Schlüssen immer von der

Anschauung geleitet zur völlig einleuchtenden und zugleich allgemeinen

Auflösung der Frage

    Die Mathematik aber konstruieret nicht bloß Größen quanta wie in der

Geometrie sondern auch die bloße Größe quantitatem wie in der

Buchstabenrechnung wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes der nach

einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll gänzlich abstrahiert Sie wählt

sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller Konstruktionen von Größen überhaupt

Zahlen als der Addition Subtraktion usw Ausziehung der Wurzel und

nachdem sie den allgemeinen Begriff der Größen nach den verschiedenen

Verhältnissen derselben auch bezeichnet hat so stellet sie alle Behandlung die

durch die Größe erzeugt und verändert wird nach gewissen allgemeinen Regeln in

der Anschauung dar wo eine Größe durch die andere dividieret werden soll setzt

sie beider ihre Charaktere nach der bezeichnenden Form der Division zusammen

usw und gelangt also vermittelst einer symbolischen Konstruktion eben so

gut wie die Geometrie nach einer ostensiven oder geometrischen der Gegenstände

selbst dahin wohin die diskursive Erkenntnis vermittelst bloßer Begriffe

niemals gelangen könnte

    Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein darin sich zwei

Vernunftkünstler befinden deren der eine seinen Weg nach Begriffen der andere

nach Anschauungen nimmt die er a priori den Begriffen gemäß darstellet Nach

den oben vorgetragenen transzendentalen Grundlehren ist diese Ursache klar Es

kommt hier nicht auf analytische Sätze an die durch bloße Zergliederung der

Begriffe erzeugt werden können hierin würde der Philosoph ohne Zweifel den

Vorteil über seinen Nebenbuhler haben sondern auf synthetische und zwar

solche die a priori sollen erkannt werden Denn ich soll nicht auf dasjenige

sehen was ich in meinem Begriffe vom Triangel wirklich denke dieses ist nichts

weiter als die bloße Definition vielmehr soll ich über ihn zu Eigenschaften

die in diesem Begriffe nicht liegen aber doch zu ihm gehören hinausgehen Nun

ist dieses nicht anders möglich als dass ich meinen Gegenstand nach den

Bedingungen entweder der empirischen Anschauung oder der reinen Anschauung

bestimme Das erstere würde nur einen empirischen Satz durch Messen seiner

Winkel der keine Allgemeinheit noch weniger Notwendigkeit enthielte abgeben

und von dergleichen ist gar nicht die Rede Das zweite Verfahren aber ist die

mathematische und zwar hier die geometrische Konstruktion vermittelst deren ich

in einer reinen Anschauung eben so wie in der empirischen das Mannigfaltige

was zu dem Schema eines Triangels überhaupt mithin zu seinem Begriffe gehöret

hinzusetze wodurch allerdings allgemeine synthetische Sätze konstruiert werden

müssen

    Ich würde also umsonst über den Triangel philosophieren di diskursiv

nachdenken ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen als auf die bloße

Definition von der ich aber billig anfangen müsste Es gibt zwar eine

transzendentale Synthesis aus lauter Begriffen die wiederum allein dem

Philosophen gelingt die aber niemals mehr als ein Ding überhaupt betrifft

unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung zur möglichen Erfahrung gehören

könne Aber in den mathematischen Aufgaben ist hiervon und überhaupt von der

Existenz gar nicht die Frage sondern von den Eigenschaften der Gegenstände an

sich selbst, lediglich so fern diese mit dem Begriffe derselben verbunden sind

    Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht

welcher große Unterschied zwischen dem diskursiven Vernunftgebrauch nach

Begriffen und dem intuitiven durch die Konstruktion der Begriffe anzutreffen

sei Nun frägt es sich natürlicher Weise was die Ursache sei die einen solchen

zwiefachen Vernunftgebrauch notwendig macht und an welchen Bedingungen man

erkennen könne ob nur der erste oder auch der zweite stattfinde

    Alle unsere Erkenntnis bezieht sich doch zuletzt auf mögliche Anschauungen

denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben Nun enthält ein Begriff a

priori ein nicht empirischer Begriff entweder schon eine reine Anschauung in

sich und alsdann kann er konstruiert werden oder nichts als die Synthesis

möglicher Anschauungen die a priori nicht gegeben sind und alsdann kann man

wohl durch ihn synthetisch und a priori urteilen aber nur diskursiv nach

Begriffen und niemals intuitiv durch die Konstruktion des Begriffes

    Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben als die bloße Form der

Erscheinungen Raum und Zeit, und ein Begriff von diesen als Quantis lässt sich

entweder zugleich mit der Qualität derselben ihre Gestalt oder auch bloß ihre

Quantität die bloße Synthesis des Gleichartigmannigfaltigen durch Zahl a

priori in der Anschauung darstellen di konstruieren Die Materie aber der

Erscheinungen wodurch uns Dinge im Raume und der Zeit gegeben werdenkann nur

in der Wahrnehmung mithin a posteriori vorgestellt werden Der einzige

Begriff der a priori diesen empirischen Gehalt der Erscheinungen vorstellt ist

der Begriff des Dinges überhaupt und die synthetische Erkenntnis von demselben

a priori kann nichts weiter als die bloße Regel der Synthesis desjenigen was

die Wahrnehmung a posteriori geben mag niemals aber die Anschauung des realen

Gegenstandes a priori liefern weil diese notwendig empirisch sein muss

    Synthetische Sätze die auf Dinge überhaupt deren Anschauung sich a priori

gar nicht geben lässt gehen sind transzendental Demnach lassen sich

transzendentale Sätze niemals durch Konstruktion der Begriffe sondern nur nach

Begriffen a priori geben Sie enthalten bloß die Regel nach der eine gewisse

synthetische Einheit desjenigen was nicht a priori anschaulich vorgestellt

werden kann der Wahrnehmungen empirisch gesucht werden soll Sie können aber

keinen einzigen ihrer Begriffe a priori in irgend einem Falle darstellen

sondern tun dieses nur a posteriori vermittelst der Erfahrung die nach jenen

synthetischen Grundsätzen allererst möglich wird

    Wenn man von einem Begriffe synthetisch urteilen soll so muss man aus diesem

Begriffe hinausgehen und zwar zur Anschauung in welcher er gegeben ist Denn

bliebe man bei dem stehen was im Begriffe enthalten ist so wäre das Urteil

bloß analytisch und eine Erklärung des Gedanken nach demjenigen was wirklich

in ihm enthalten ist Ich kann aber von dem Begriffe zu der ihm

korrespondierenden reinen oder empirischen Anschauung gehen um ihn in derselben

in concreto zu erwägen und was dem Gegenstande desselben zukommt a priori

oder a posteriori zu erkennen Das erstere ist die rationale und mathematische

Erkenntnis durch die Konstruktion des Begriffs das zweite die bloße empirische

mechanische Erkenntnis die niemals notwendige und apodiktische Sätze geben

kann So könnte ich meinen empirischen Begriff vom Golde zergliedern ohne

dadurch etwas weiter zu gewinnen als alles was ich bei diesem Worte wirklich

denke herzählen zu können wodurch in meinem Erkenntnis zwar eine logische

Verbesserung vorgeht aber keine Vermehrung oder Zusatz erworben wird Ich nehme

aber die Materie welche unter diesem Namen vorkommt und stelle mit ihr

Wahrnehmungen an welche mir verschiedene synthetische aber empirische Sätze an

die Hand geben werden Den mathematischen Begriff eines Triangels würde ich

konstruieren di a priori in der Anschauung geben und auf diesem Wege eine

synthetische aber rationale Erkenntnis bekommen Aber wenn mir der

transzendentale Begriff einer Realität Substanz Kraft etc gegeben ist so

bezeichnet er weder eine empirische noch reine Anschauung sondern lediglich

die Synthesis der empirischen Anschauungen die also a priori nicht gegeben

werden können und es kann also aus ihm weil die Synthesis nicht a priori zu

der Anschauung die ihm korrespondiert hinausgehen kann auch kein bestimmender

synthetischer Satz sondern nur ein Grundsatz der Synthesis69 möglicher

empirischer Anschauungen entspringen Also ist ein transzendentaler Satz ein

synthetisches Vernunfterkenntnis nach bloßen Begriffen und mithin diskursiv

indem dadurch alle synthetische Einheit der empirischen Erkenntnis allererst

möglich keine Anschauung aber dadurch a priori gegeben wird

    So gibt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch der unerachtet der

Allgemeinheit der Erkenntnis und ihrer Erzeugung a priori welche sie gemein

haben dennoch im Fortgange sehr verschieden ist und zwar darum weil in der

Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände gegeben werden zwei Stücke sind

die Form der Anschauung Raum und Zeit), die völlig a priori erkannt und

bestimmt werden kann und die Materie das Physische oder der Gehalt welcher

ein Etwas bedeutet das im Raume und der Zeit angetroffen wird mithin ein

Dasein enthält und der Empfindung korrespondiert In Ansehung des letzteren

welches niemals anders auf bestimmte Art als empirisch gegeben werden kann,

können wir nichts a priori haben als unbestimmte Begriffe der Synthesis

möglicher Empfindungen so fern sie zur Einheit der Apperzeption in einer

möglichen Erfahrung gehören In Ansehung der ersten können wir unsere Begriffe

in der Anschauung a priori bestimmen indem wir uns im Raume und der Zeit die

Gegenstände selbst durch gleichförmige Synthesis schaffen indem wir sie bloß

als Quanta betrachten Jener heißt der Vernunftgebrauch nach Begriffen indem

wir nichts weiter tun können als Erscheinungen dem realen Inhalte nach unter

Begriffe zu bringen welche darauf nicht anders als empirisch di a posteriori

aber jenen Begriffen als Regeln einer empirischen Synthesis gemäß können

bestimmt werden dieser ist der Vernunftgebrauch durch Konstruktion der

Begriffe indem diese da sie schon auf eine Anschauung a priori gehen auch

eben darum a priori und ohne alle empirische Data in der reinen Anschauung

bestimmt gegeben werden können Alles was da ist ein Ding im Raum oder der

Zeit zu erwägen ob und wie fern es ein Quantum ist oder nicht dass ein Dasein

in demselben oder Mangel vorgestellt werden müsse wie fern dieses Etwas

welches Raum oder Zeit erfüllt ein erstes Substratum oder bloße Bestimmung

sei eine Beziehung seines Daseins auf etwas anderes als Ursache oder Wirkung

habe und endlich isoliert oder in wechselseitiger Abhängigkeit mit andern in

Ansehung des Daseins stehe die Möglichkeit dieses Daseins die Wirklichkeit und

Notwendigkeit oder die Gegenteile derselben zu erwägen dieses alles gehöret

zum Vernunfterkenntnis aus Begriffen welches philosophisch genannt wird Aber

im Raume eine Anschauung a priori zu bestimmen Gestalt die Zeit zu teilen

Dauer oder bloß das Allgemeine der Synthesis von einem und demselben in der

Zeit und dem Raume und die daraus entspringende Größe einer Anschauung

überhaupt Zahl zu erkennen das ist ein Vernunftgeschäfte durch Konstruktion

der Begriffe und heißt mathematisch

    Das große Glück welches die Vernunft vermittelst der Mathematik macht

bringt ganz natürlicher Weise die Vermutung zuwege dass es wo nicht ihr selbst

doch ihrer Methode auch außer dem Felde der Größen gelingen werde indem sie

alle ihre Begriffe auf Anschauungen bringt die sie a priori geben kann und

wodurch sie so zu reden Meister über die Natur wird da hingegen reine

Philosophie mit diskursiven Begriffen a priori in der Natur herum pfuscht ohne

die Realität derselben a priori anschauend und eben dadurch beglaubigt machen zu

können Auch scheint es den Meistern in dieser Kunst an dieser Zuversicht zu

sich selbst und dem gemeinen Wesen an großen Erwartungen von ihrer

Geschicklichkeit wenn sie sich einmal hiermit befassen sollten gar nicht zu

fehlen Denn da sie kaum jemals über ihre Mathematik philosophiert haben ein

schweres Geschäfte so kommt ihnen der spezifische Unterschied des einen

Vernunftgebrauchs von dem andern gar nicht in Sinn und Gedanken Gangbare und

empirisch gebrauchte Regeln die sie von der gemeinen Vernunft borgen gelten

ihnen denn statt Axiomen Wo ihnen die Begriffe von Raum und Zeit, womit sie

sich als den einzigen ursprünglichen Quantis beschäftigen herkommen mögen

daran ist ihnen gar nichts gelegen und eben so scheint es ihnen unnütz zu sein

den Ursprung reiner Verstandesbegriffe und hiermit auch den Umfang ihrer

Gültigkeit zu erforschen sondern nur sich ihrer zu bedienen In allem diesem

tun sie ganz recht wenn sie nur ihre angewiesene Grenze nämlich die der Natur

nicht überschreiten So aber geraten sie unvermerkt von dem Felde der

Sinnlichkeit auf den unsicheren Boden reiner und selbst transzendentaler

Begriffe wo der Grund instabilis tellus innabilis unda ihnen weder zu

stehen noch zu schwimmen erlaubt und sich nur flüchtige Schritte tun lassen

von denen die Zeit nicht die mindeste Spur aufbehält da hingegen ihr Gang in

der Mathematik eine Heeresstraße macht welche noch die späteste

Nachkommenschaft mit Zuversicht betreten kann

    Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben die Grenzen der reinen Vernunft im

transzendentalen Gebrauche genau und mit Gewissheit zu bestimmen diese Art der

Bestrebung aber das Besondere an sich hat unerachtet der nachdrücklichsten und

kläresten Warnungen sich noch immer durch Hoffnung hinhalten zu lassen ehe man

den Anschlag gänzlich aufgibt über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die

reizenden Gegenden des Intellektuellen zu gelangen so ist es notwendig noch

gleichsam den letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung wegzunehmen und zu

zeigen dass die Befolgung der mathematischen Methode in dieser Art Erkenntnis

nicht den mindesten Vorteil schaffen könne es müsste denn der sein die Blößen

ihrer selbst desto deutlicher aufzudecken dass Messkunst und Philosophie zwei

ganz verschiedene Dinge sein ob sie sich zwar in der Naturwissenschaft einander

die Hand bieten mithin das Verfahren des einen niemals von dem andern

nachgeahmt werden könne

    Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen Axiomen

Demonstrationen Ich werde mich damit begnügen zu zeigen dass keines dieser

Stücke in dem Sinne darin sie der Mathematiker nimmt von der Philosophie könne

geleistet noch nachgeahmt werden Dass der Messkünstler nach seiner Methode in

der Philosophie nichts als Kartengebäude zu Stande bringe der Philosoph nach

der seinigen in dem Anteil der Mathematik nur ein Geschwätz erregen könne

wiewohl eben darin Philosophie besteht seine Grenzen zu kennen und selbst der

Mathematiker wenn das Talent desselben nicht etwa schon von der Natur begrenzt

und auf sein Fach eingeschränkt ist die Warnungen der Philosophie nicht

ausschlagen noch sich über sie wegsetzen kann

    1 Von den Definitionen Definieren soll wie es der Ausdruck selbst gibt

eigentlich nur so viel bedeuten als den ausführlichen Begriff eines Dinges

innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen70 Nach einer solchen Forderung

kann ein empirischer Begriff gar nicht definiert sondern nur expliziert werden

Denn da wir an ihm nur einige Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der

Sinne haben so ist es niemals sicher ob man unter dem Worte der denselben

Gegenstand bezeichnet nicht einmal mehr das anderemal weniger Merkmale

desselben denke So kann der eine im Begriffe vom Golde sich außer dem

Gewichte der Farbe der Zähigkeit noch die Eigenschaft dass es nicht rostet

denken der andere davon vielleicht nichts wissen Man bedient sich gewisser

Merkmale nur so lange als sie zum Unterscheiden hinreichend sein neue

Bemerkungen dagegen nehmen welche weg und setzen einige hinzu der Begriff steht

also niemals zwischen sicheren Grenzen Und wozu sollte es auch dienen einen

solchen Begriff zu definieren da wenn zB von dem Wasser und dessen

Eigenschaften die Rede ist man sich bei dem nicht aufhalten wird was man bei

dem Worte Wasser denkt sondern zu Versuchen schreitet und das Wort mit den

wenigen Merkmalen die ihm anhängen nur eine Bezeichnung und nicht einen

Begriff der Sache ausmachen soll mithin die angebliche Definition nichts anders

als Wortbestimmung ist Zweitens kann auch genau zu reden kein a priori

gegebener Begriff definiert werden zB Substanz Ursache Recht Billigkeit

etc Denn ich kann niemals sicher sein dass die deutliche Vorstellung eines

noch verworren gegebenen Begriffs ausführlich entwickelt worden als wenn ich

weiß dass dieselbe dem Gegenstande adäquat sei Da der Begriff desselben aber

so wie er gegeben ist viel dunkele Vorstellungen enthalten kann die wir in der

Zergliederung übergehen ob wir sie zwar in der Anwendung jederzeit brauchen so

ist die Ausführlichkeit der Zergliederung meines Begriffs immer zweifelhaft und

kann nur durch vielfältig zutreffende Beispiele vermutlich niemals aber

apodiktisch gewiss gemacht werden Anstatt des Ausdrucks Definition würde ich

lieber den der Exposition brauchen der immer noch behutsam bleibt und bei dem

der Kritiker sie auf einen gewissen Grad gelten lassen und doch wegen der

Ausführlichkeit noch Bedenken tragen kann Da also weder empirisch noch a

priori gegebene Begriffe definiert werden können so bleiben keine andere als

willkürlich gedachte übrig an denen man dieses Kunststück versuchen kann

Meinen Begriff kann ich in solchem Falle jederzeit definieren denn ich muss doch

wissen was ich habe denken wollen da ich ihn selbst vorsätzlich gemacht habe

und er mir weder durch die Natur des Verstandes noch durch die Erfahrung

gegeben worden aber ich kann nicht sagen dass ich dadurch einen wahren

Gegenstand definiert habe Denn wenn der Begriff auf empirischen Bedingungen

beruht zB eine Schiffsuhr so wird der Gegenstand und dessen Möglichkeit

durch diesen willkürlichen Begriff noch nicht gegeben ich weiß daraus nicht

einmal ob er überall einen Gegenstand habe und meine Erklärung kann besser

eine Deklaration meines Projekts als Definition eines Gegenstandes heißen

Also blieben keine andere Begriffe übrig die zum Definieren taugen als solche

die eine willkürliche Synthesis enthalten welche a priori konstruiert werden

kann mithin hat nur die Mathematik Definitionen Denn den Gegenstand den sie

denkt stellt sie auch a priori in der Anschauung dar und dieser kann sicher

nicht mehr noch weniger enthalten als der Begriff weil durch die Erklärung der

Begriff von dem Gegenstande ursprünglich di ohne die Erklärung irgend wovon

abzuleiten gegeben wurde Die deutsche Sprache hat für die Ausdrücke der

Exposition Explikation Deklaration und Definition nichts mehr als das eine

Wort Erklärung und daher müssen wir schon von der Strenge der Forderung da wir

nämlich den philosophischen Erklärungen den Ehrennamen der Definition

verweigerten etwas ablassen und wollen diese ganze Anmerkung darauf

einschränken dass philosophische Definitionen nur als Expositionen gegebener

mathematische aber als Konstruktionen ursprünglich gemachter Begriffe jene nur

analytisch durch Zergliederung deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiss

ist diese synthetisch zu Stande gebracht werden und also den Begriff selbst

machen dagegen die ersteren ihn nur erklären Hieraus folgt

    a dass man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachtun müsse die

Definitionen voranzuschicken als nur etwa zum bloßen Versuche Denn da sie

Zergliederungen gegebener Begriffe sind so gehen diese Begriffe obzwar nur

noch verworren voran und die unvollständige Exposition geht vor der

vollständigen so dass wir aus einigen Merkmalen die wir aus einer noch

unvollendeten Zergliederung gezogen haben manches vorher schließen können ehe

wir zur vollständigen Exposition di zur Definition gelangt sind mit einem

Worte dass in der Philosophie die Definition als abgemessene Deutlichkeit das

Werk eher schließen als anfangen müsse71 Dagegen haben wir in der Mathematik

gar keinen Begriff vor der Definition als durch welche der Begriff allererst

gegeben wird sie muss also und kann auch jederzeit davon anfangen

    b Mathematische Definitionen können niemals irren Denn weil der Begriff

durch die Definition zuerst gegeben wird so enthält er gerade nur das was die

Definition durch ihn gedacht haben will Aber obgleich dem Inhalte nach nichts

Unrichtiges darin vorkommen kann so kann doch bisweilen obzwar nur selten in

der Form der Einkleidung gefehlt werden nämlich in Ansehung der Präzision So

hat die gemeine Erklärung der Kreislinie dass sie eine krumme Linie sei deren

alle Punkte von einem einigen dem Mittelpunkte gleich weit abstehen den

Fehler dass die Bestimmung krumm unnötiger Weise eingeflossen ist Denn es muss

einen besonderen Lehrsatz geben der aus der Definition gefolgert wird und

leicht bewiesen werden kann dass eine jede Linie deren alle Punkte von einem

einigen gleich weit abstehen krumm kein Teil von ihr gerade sei Analytische

Definitionen können dagegen auf vielfältige Art irren entweder indem sie

Merkmale hineinbringen die wirklich nicht im Begriffe lagen oder an der

Ausführlichkeit ermangeln die das Wesentliche einer Definition ausmacht weil

man der Vollständigkeit seiner Zergliederung nicht so völlig gewiss sein kann Um

deswillen lässt sich die Methode der Mathematik im Definieren in der Philosophie

nicht nachahmen

    2 Von den Axiomen Diese sind synthetische Grundsätze a priori so fern sie

unmittelbar gewiss sind Nun lässt sich nicht ein Begriff mit dem anderen

synthetisch und doch unmittelbar verbinden weil damit wir über einen Begriff

hinausgehen können ein drittes vermittelndes Erkenntnis nötig ist Da nun

Philosophie bloß die Vernunfterkenntnis nach Begriffen ist so wird in ihr kein

Grundsatz anzutreffen sein der den Namen eines Axioms verdiene Die Mathematik

dagegen ist der Axiomen fähig weil sie vermittelst der Konstruktion der

Begriffe in der Anschauung des Gegenstandes die Prädikate desselben a priori und

unmittelbar verknüpfen kann zB dass drei Punkte jederzeit in einer Ebene

liegen Dagegen kann ein synthetischer Grundsatz bloß aus Begriffen niemals

unmittelbar gewiss sein zB der Satz alles was geschieht hat seine Ursache

da ich mich nach einem Dritten herumsehen muss nämlich der Bedingung der

Zeitbestimmung in einer Erfahrung und nicht direkt unmittelbar aus den

Begriffen allein einen solchen Grundsatz erkennen konnte Diskursive Grundsätze

sind also ganz etwas anderes als intuitive di Axiomen Jene erfordern

jederzeit noch eine Deduktion deren die letzten ganz und gar entbehren können

und da diese eben um desselben Grundes willen evident sind welches die

philosophischen Grundsätze bei aller ihrer Gewissheit doch niemals vorgeben

können so fehlt unendlich viel daran dass irgend ein synthetischer Satz der

reinen und transzendentalen Vernunft so augenscheinlich sei wie man sich

trotzig auszudrücken pflegt als der Satz dass zweimal zwei vier geben Ich

habe zwar in der Analytik bei der Tafel der Grundsätze des reinen Verstandes

auch gewisser Axiomen der Anschauung gedacht allein der daselbst angeführte

Grundsatz war selbst kein Axiom sondern diente nur dazu das Principium der

Möglichkeit der Axiomen überhaupt anzugeben und selbst nur ein Grundsatz aus

Begriffen Denn sogar die Möglichkeit der Mathematik muss in der

Transzendentalphilosophie gezeigt werden Die Philosophie hat also keine Axiomen

und darf niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten sondern muss

sich dazu bequemen ihre Befugnis wegen derselben durch gründliche Deduktion zu

rechtfertigen

    3 Von den Demonstrationen Nur ein apodiktischer Beweis so fern er

intuitiv ist kann Demonstration heißen Erfahrung lehrt uns wohl was dasei

aber nicht dass es gar nicht anders sein könne Daher können empirische

Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen Aus Begriffen a priori im

diskursiven Erkenntnisse kann aber niemals anschauende Gewissheit di Evidenz

entspringen so sehr auch sonst das Urteil apodiktisch gewiss sein mag Nur die

Mathematik enthält also Demonstrationen weil sie nicht aus Begriffen sondern

der Konstruktion derselben di der Anschauung die den Begriffen entsprechend

a priori gegeben werden kann, ihr Erkenntnis ableitet Selbst das Verfahren der

Algeber mit ihren Gleichungen aus denen sie durch Reduktion die Wahrheit zusamt

dem Beweise hervorbringt ist zwar keine geometrische aber doch

charakteristische Konstruktion in welcher man an den Zeichen die Begriffe

vornehmlich von dem Verhältnisse der Größen in der Anschauung darlegt und

ohne einmal auf das Heuristische zu sehen alle Schlüsse vor Fehlern dadurch

sichert dass jeder derselben vor Augen gestellt wird Da hingegen das

philosophische Erkenntnis dieses Vorteils entbehren muss indem es das Allgemeine

jederzeit in abstracto durch Begriffe betrachten muss indessen dass Mathematik

das Allgemeine in concreto in der einzelnen Anschauung und doch durch reine

Vorstellung a priori erwägen kann wobei jeder Fehltritt sichtbar wird Ich

möchte die ersten daher lieber akroamatische diskursive Beweise nennen weil

sie sich nur durch lauter Worte den Gegenstand in Gedanken führen lassen als

Demonstrationen welche wie der Ausdruck es schon anzeigt in der Anschauung

des Gegenstandes fortgehen

    Aus allem diesem folgt nun dass es sich für die Natur der Philosophie gar

nicht schicke vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit einem dogmatischen

Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern der Mathematik

auszuschmücken in deren Orden sie doch nicht gehöret ob sie zwar auf

schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle Ursache hat Jene sind

eitle Anmaßungen die niemals gelingen können vielmehr ihre Absicht rückgängig

machen müssen die Blendwerke einer ihre Grenzen verkennenden Vernunft zu

entdecken und vermittelst hinreichender Aufklärung unserer Begriffe den

Eigendünkel der Spekulation auf das bescheidene aber gründliche

Selbsterkenntnis zurückzuführen Die Vernunft wird also in ihren

transzendentalen Versuchen nicht so zuversichtlich vor sich hinsehen können

gleich als wenn der Weg den sie zurückgelegt hat so ganz gerade zum Ziele

führe und auf ihre zum Grunde gelegte Prämissen nicht so mutig rechnen können

dass es nicht nötig wäre öfters zurück zu sehen und Acht zu haben ob sich nicht

etwa im Fortgange der Schlüsse Fehler entdecken die in den Prinzipien übersehen

worden und es nötig machen sie entweder mehr zu bestimmen oder ganz

abzuändern

    Ich teile alle apodiktische Sätze sie mögen nun erweislich oder auch

unmittelbar gewiss sein in Dogmata und Mathemata ein Ein direktsynthetischer

Satz aus Begriffen ist ein Dogma hingegen ein dergleichen Satz durch

Konstruktion der Begriffe ist ein Mathema Analytische Urteile lehren uns

eigentlich nichts mehr vom Gegenstande als was der Begriff den wir von ihm

haben schon in sich enthält weil sie die Erkenntnis über den Begriff des

Subjekts nicht erweitern sondern diesen nur erläutern Sie können daher nicht

füglich Dogmen heißen welches Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen

könnte Aber unter den gedachten zweien Arten synthetischer Sätze a priori

können nach dem gewöhnlichen Redegebrauch nur die zum philosophischen

Erkenntnisse gehörige diesen Namen führen und man würde schwerlich die Sätze

der Rechenkunst oder Geometrie Dogmata nennen Also bestätigt dieser Gebrauch

die Erklärung die wir gaben dass nur Urteile aus Begriffen und nicht die aus

der Konstruktion der Begriffe dogmatisch heißen können

    Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß spekulativen Gebrauche

nicht ein einziges direktsynthetisches Urteil aus Begriffen Denn durch Ideen

ist sie wie wir gezeigt haben gar keiner synthetischer Urteile die objektive

Gültigkeit hätten fähig durch Verstandesbegriffe aber errichtet sie zwar

sichere Grundsätze aber gar nicht direkt aus Begriffen sondern immer nur

indirekt durch Beziehung dieser Begriffe auf etwas ganz Zufälliges nämlich

mögliche Erfahrung da sie denn wenn diese etwas als Gegenstand möglicher

Erfahrungen vorausgesetzt wird allerdings apodiktisch gewiss sein an sich

selbst aber direkt a priori gar nicht einmal erkannt werden können So kann

niemand den Satz alles was geschieht hat seine Ursache aus diesen gegebenen

Begriffen allein gründlich einsehen Daher ist er kein Dogma ob er gleich in

einem anderen Gesichtspunkte nämlich dem einzigen Felde seines möglichen

Gebrauchs di der Erfahrung ganz wohl und apodiktisch bewiesen werden kann

Er heißt aber Grundsatz und nicht Lehrsatz ob er gleich bewiesen werden muss

darum weil er die besondere Eigenschaft hat dass er seinen Beweisgrund nämlich

Erfahrung selbst zuerst möglich macht und bei dieser immer vorausgesetzt

werden muss

    Gibt es nun im spekulativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem Inhalte

nach gar keine Dogmate so ist alle dogmatische Methode sie mag nun dem

Mathematiker abgeborgt sein oder eine eigentümliche Manier werden sollen für

sich unschicklich Denn sie verbirgt nur die Fehler und Irrtümer und täuscht

die Philosophie deren eigentliche Absicht ist alle Schritte der Vernunft in

ihrem kläresten Lichte sehen zu lassen Gleichwohl kann die Methode immer

systematisch sein Denn unsere Vernunft subjektiv ist selbst ein System aber

in ihrem reinen Gebrauche vermittelst bloßer Begriffe nur ein System der

Nachforschung nach Grundsätzen der Einheit zu welcher Erfahrung allein den

Stoff hergeben kann Von der eigentümlichen Methode einer

Transzendentalphilosophie lässt sich aber hier nichts sagen da wir es nur mit

einer Kritik unserer Vermögensumstände zu tun haben ob wir überall bauen und

wie hoch wir wohl unser Gebäude aus dem Stoffe den wir haben den reinen

Begriffen a priori aufführen können

 
 






    Die Vernunft muss sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik unterwerfen

und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch tun ohne sich selbst

zu schaden und einen ihr nachteiligen Verdacht auf sich zu ziehen Da ist nun

nichts so wichtig in Ansehung des Nutzens nichts so heilig das sich dieser

prüfenden und musternden Durchsuchung die kein Ansehen der Person kennt

entziehen dürfte Auf dieser Freiheit beruht sogar die Existenz der Vernunft

die kein diktatorisches Ansehen hat sondern deren Ausspruch jederzeit nichts

als die Einstimmung freier Bürger ist deren jeglicher seine Bedenklichkeiten

ja sogar sein Veto ohne Zurückhalten muss äußern können

    Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern kann so

hat sie doch nicht jederzeit Ursache sie zu scheuen Aber die reine Vernunft in

ihrem dogmatischen nicht mathematischen Gebrauche ist sich nicht so sehr der

genauesten Beobachtung ihrer obersten Gesetze bewusst dass sie nicht mit

Blödigkeit ja mit gänzlicher Ablegung alles angemaßten dogmatischen Ansehens

vor dem kritischen Auge einer höheren und richterlichen Vernunft erscheinen

müsste

    Ganz anders ist es bewandt wenn sie es nicht mit der Zensur des Richters

sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu tun hat und sich dagegen bloß

verteidigen soll Denn da diese eben sowohl dogmatisch sein wollen obzwar im

Verneinen als jene im Bejahen so findet eine Rechtfertigung kat anJrwpon

statt die wider alle Beeinträchtigung sichert und einen titulierten Besitz

verschafft der keine fremde Anmaßungen scheuen darf ob er gleich selbst kat

alhJeian nicht hinreichend bewiesen werden kann

    Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich nun die

Verteidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen derselben Hier

kommt es nun nicht darauf an ob ihre Behauptungen nicht vielleicht auch falsch

sein möchten sondern nur dass niemand das Gegenteil jemals mit apodiktischer

Gewissheit ja auch nur mit größerem Scheine behaupten könne Denn wir sind

alsdann doch nicht bittweise in unserem Besitz wenn wir einen obzwar nicht

hinreichenden Titel derselben vor uns haben und es völlig gewiss ist dass

niemand die Unrechtmäßigkeit dieses Besitzes jemals beweisen könne

    Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes dass es überhaupt eine

Antithetik der reinen Vernunft geben und diese die doch den obersten

Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt mit sich selbst in Streit

geraten soll Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare Antithetik derselben

vor uns aber es zeigte sich dass sie auf einem Missverstand beruhte da man

nämlich dem gemeinen Vorurteile gemäß Erscheinungen für Sachen an sich selbst

nahm und denn eine absolute Vollständigkeit ihrer Synthesis auf eine oder

andere Art die aber auf beiderlei Art gleich unmöglich war verlangte welches

aber von Erscheinungen gar nicht erwartet werden kann Es war also damals kein

wirklicher Widerspruch der Vernunft mit ihr selbst beiden Sätzen die Reihe an

sich gegebener Erscheinungen hat einen absolut ersten Anfang und diese Reihe

ist schlechthin und an sich selbst ohne allen Anfang denn beide Sätze bestehen

gar wohl zusammen weil Erscheinungen nach ihrem Dasein als Erscheinungen an

sich selbst gar nichts di etwas Widersprechendes sind und also deren

Voraussetzung natürlicher Weise widersprechende Folgerungen nach sich ziehen

muss

    Ein solcher Missverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch der Streit

der Vernunft beigelegt werden wenn etwa theistisch behauptet würde es ist ein

höchstes Wesen und dagegen atheistisch es ist kein höchstes Wesen oder in

der Psychologie alles was denkt ist von absoluter beharrlicher Einheit und

also von aller vergänglichen materiellen Einheit unterschieden welchem ein

anderer entgegensetzte die Seele ist nicht immaterielle Einheit und kann von

der Vergänglichkeit nicht ausgenommen werden Denn der Gegenstand der Frage ist

hier von allem Fremdartigen das seiner Natur widerspricht frei und der

Verstand hat es nur mit Sachen an sich selbst und nicht mit Erscheinungen zu

tun Es würde also hier freilich ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein wenn

nur die reine Vernunft auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte was dem

Grunde einer Behauptung nahe käme denn was die Kritik der Beweisgründe des

Dogmatischbejahenden betrifft die kann man ihm sehr wohl einräumen ohne darum

diese Sätze aufzugeben die doch wenigstens das Interesse der Vernunft für sich

haben darauf sich der Gegner gar nicht berufen kann

    Ich bin zwar nicht der Meinung welche vortreffliche und nachdenkende Männer

zB Sulzer so oft geäußert haben da sie die Schwäche der bisherigen Beweise

fühlten dass man hoffen könne man werde dereinst noch evidente Demonstrationen

der zweien Kardinalsätze unserer reinen Vernunft es ist ein Gott es ist ein

künftiges Leben erfinden Vielmehr bin ich gewiss dass dieses niemals geschehen

werde Denn wo will die Vernunft den Grund zu solchen synthetischen

Behauptungen die sich nicht auf Gegenstände der Erfahrung und deren innere

Möglichkeit beziehen hernehmen Aber es ist auch apodiktisch gewiss dass niemals

irgend ein Mensch auftreten werde der das Gegenteil mit dem mindesten Scheine

geschweige dogmatisch behaupten könne Denn weil er dieses doch bloß durch

reine Vernunft dartun könnte so müsste er es unternehmen zu beweisen dass ein

höchstes Wesen dass das in uns denkende Subjekt als reine Intelligenz

unmöglich sei Wo will er aber die Kenntnisse hernehmen die ihn von Dingen

über alle mögliche Erfahrung hinaus so synthetisch zu urteilen berechtigten

Wir können also darüber ganz unbekümmert sein dass uns jemand das Gegenteil

einstens beweisen werde dass wir darum eben nicht nötig haben auf schulgerechte

Beweise zu sinnen sondern immerhin diejenigen Sätze annehmen können welche mit

dem spekulativen Interesse unserer Vernunft im empirischen Gebrauch ganz wohl

zusammenhängen und überdem es mit dem praktischen Interesse zu vereinigen die

einzigen Mittel sind Für den Gegner der hier nicht bloß als Kritiker

betrachtet werden muss haben wir unser non liquet in Bereitschaft welches ihn

unfehlbar verwirren muss indessen dass wir die Retorsion desselben auf uns nicht

weigern indem wir die subjektive Maxime der Vernunft beständig im Rückhalte

haben die dem Gegner notwendig fehlt und unter deren Schutz wir alle seine

Luftstreiche mit Ruhe und Gleichgültigkeit ansehen können

    Auf solche Weise gibt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen

Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der reinen

Theologie und Psychologie zu suchen sein dieser Boden aber trägt keinen Kämpfer

in seiner ganzen Rüstung und mit Waffen die zu fürchten wären Er kann nur mit

Spott oder Großsprecherei auftreten welches als ein Kinderspiel belacht werden

kann Das ist eine tröstende Bemerkung die der Vernunft wieder Mut gibt denn

worauf wollte sie sich sonst verlassen wenn sie die allein alle Irrungen

abzutun berufen ist in sich selbst zerrüttet wäre ohne Frieden und ruhigen

Besitz hoffen zu können

    Alles was die Natur selbst anordnet ist zu irgend einer Absicht gut

Selbst Gifte dienen dazu andere Gifte welche sich in unseren eigenen Säften

erzeugen zu überwältigen und dürfen daher in einer vollständigen Sammlung von

Heilmitteln Offizin nicht fehlen Die Einwürfe wider die Überredungen und den

Eigendünkel unserer bloß spekulativen Vernunft sind selbst durch die Natur

dieser Vernunft aufgegeben und müssen also ihre gute Bestimmung und Absicht

haben die man nicht in den Wind schlagen muss Wozu hat uns die Vorsehung manche

Gegenstände ob sie gleich mit unserem höchsten Interesse zusammenhängen so

hoch gestellt dass uns fast nur vergönnet ist sie in einer undeutlichen und von

uns selbst bezweifelten Wahrnehmung anzutreffen dadurch ausspähende Blicke mehr

gereizt als befriedigt werden Ob es nützlich sei in Ansehung solcher

Aussichten dreiste Bestimmungen zu wagen ist wenigstens zweifelhaft vielleicht

gar schädlich Allemal aber und ohne allen Zweifel ist es nützlich die

forschende sowohl als prüfende Vernunft in völlige Freiheit zu versetzen damit

sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen könne welches eben so wohl dadurch

befördert wird dass sie ihren Einsichten Schranken setzt als dass sie solche

erweitert und welches allemal leidet wenn sich fremde Hände einmengen um sie

wider ihren natürlichen Gang nach erzwungenen Absichten zu lenken

    Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft sagen und bekämpfet ihn bloß mit

Waffen der Vernunft Übrigens seid wegen der guten Sache des praktischen

Interesse außer Sorgen denn die kommt im bloß spekulativen Streite niemals mit

ins Spiel Der Streit entdeckt alsdann nichts als eine gewisse Antinomie der

Vernunft die da sie auf ihrer Natur beruhet notwendig angehört und geprüft

werden muss Er kultiviert dieselbe durch Betrachtung ihres Gegenstandes auf

zweien Seiten und berichtigt ihr Urteil dadurch dass er solches einschränkt

Das was hierbei streitig wird ist nicht die Sache sondern der Ton Denn es

bleibt euch noch genug übrig um die vor der schärfsten Vernunft gerechtfertigte

Sprache eines festen Glaubens zu sprechen wenn ihr gleich die des Wissens habt

aufgeben müssen

    Wenn man den kaltblütigen zum Gleichgewichte des Urteils eigentlich

geschaffenen David Hume fragen sollte was bewog euch durch mühsam ergrübelte

Bedenklichkeiten die für den Menschen so tröstliche und nützliche Überredung

dass ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und zum bestimmten Begriff eines

höchsten Wesens zulange zu untergraben so würde er antworten nichts als die

Absicht die Vernunft in ihrer Selbsterkenntnis weiter zu bringen und zugleich

ein gewisser Unwille über den Zwang den man der Vernunft antun will indem man

mit ihr groß tut und sie zugleich hindert ein freimütiges Geständnis ihrer

Schwächen abzulegen die ihr bei der Prüfung ihrer selbst offenbar werden Fragt

ihr dagegen den den Grundsätzen des empirischen Vernunftgebrauchs allein

ergebenen und aller transzendenten Spekulation abgeneigten Priestley was er

für Bewegungsgründe gehabt habe unserer Seele Freiheit und Unsterblichkeit die

Hoffnung des künftigen Lebens ist bei ihm nur die Erwartung eines Wunders der

Wiedererweckung zwei solche Grundpfeiler aller Religion niederzureißen er

der selbst ein frommer und eifriger Lehrer der Religion ist so würde er nichts

andres antworten können als das Interesse der Vernunft welche dadurch

verliert dass man gewisse Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur den

einzigen die wir genau kennen und bestimmen können entziehen will Es würde

unbillig scheinen den letzteren der seine paradoxe Behauptung mit der

Religionsabsicht zu vereinigen weiß zu verschreien und einem wohldenkenden

Manne wehe zu tun weil er sich nicht zurecht finden kann so bald er sich aus

dem Felde der Naturlehre verloren hatte Aber diese Gunst muss dem nicht minder

gutgesinnten und seinem sittlichen Charakter nach untadelhaften Hume eben sowohl

zu Statten kommen der seine abgezogene Spekulation darum nicht verlassen kann

weil er mit Recht dafür hält dass ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der

Naturwissenschaft im Felde reiner Ideen liege

    Was ist nun hierbei zu tun vornehmlich in Ansehung der Gefahr die daraus

dem gemeinen Besten zu drohen scheinet Nichts ist natürlicher nichts billiger

als die Entschließung die ihr deshalb zu nehmen habt Lasst diese Leute nur

machen wenn sie Talent wenn sie tiefe und neue Nachforschung mit einem Worte

wenn sie nur Vernunft zeigen so gewinnt jederzeit die Vernunft Wenn ihr andere

Mittel ergreift als die einer zwangslosen Vernunft wenn ihr über Hochverrat

schreiet das gemeine Wesen das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht

versteht gleichsam als zum Feuerlöschen zusammen ruft so macht ihr euch

lächerlich Denn es ist die Rede gar nicht davon was dem gemeinen Besten

hierunter vorteilhaft oder nachteilig sei sondern nur wie weit die Vernunft

es wohl in ihrer von allem Interesse abstrahierenden Spekulation bringen könne

und ob man auf diese überhaupt etwas rechnen oder sie lieber gegen das

Praktische gar aufgeben müsse Anstatt also mit dem Schwerte drein zu schlagen

so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der Kritik diesem Streite geruhig zu

der für die Kämpfenden mühsam für euch unterhaltend und bei einem gewiss

unblutigen Ausgange für eure Einsichten ersprießlich ausfallen muss Denn es ist

sehr was Ungereimtes von der Vernunft Aufklärung zu erwarten und ihr doch

vorher vorzuschreiben auf welche Seite sie notwendig ausfallen müsse Überdem

wird Vernunft schon von selbst durch Vernunft so wohl gebändigt und in Schranken

gehalten dass ihr gar nicht nötig habt Scharwachen aufzubieten um demjenigen

Teile dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint bürgerlichen

Widerstand entgegen zu setzen In dieser Dialektik gibts keinen Sieg über den

ihr besorgt zu sein Ursache hättet

    Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits und es wäre zu

wünschen dass er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher Erlaubnis wäre

geführt worden Denn um desto früher wäre eine reife Kritik zu Stande gekommen

bei deren Erscheinung alle diese Streithändel von selbst wegfallen müssen indem

die Streitenden ihre Verblendung und Vorurteile welche sie veruneinigt haben

einsehen lernen

    Es gibt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur die am Ende

doch wie alles was von der Natur kommt eine Anlage zu guten Zwecken enthalten

muss nämlich eine Neigung seine wahre Gesinnungen zu verhehlen und gewisse

angenommene die man für gut und rühmlich hält zur Schau zu tragen Ganz gewiss

haben die Menschen durch diesen Hang sowohl sich zu verhehlen als auch einen

ihnen vorteilhaften Schein anzunehmen sich nicht bloß zivilisiert sondern nach

und nach in gewisser Maße moralisiert weil keiner durch die Schminke der

Anständigkeit Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte also an

vermeintlich echten Beispielen des Guten die er um sich sah eine Schule der

Besserung für sich selbst fand Allein diese Anlage sich besser zu stellen als

man ist und Gesinnungen zu äußern die man nicht hat dient nur gleichsam

provisorisch dazu um den Menschen aus der Rohigkeit zu bringen und ihn zuerst

wenigstens die Manier des Guten das er kennt annehmen zu lassen denn nachher

wenn die echten Grundsätze einmal entwickelt und in die Denkungsart übergegangen

sind so muss jene Falschheit nach und nach kräftig bekämpft werden weil sie

sonst das Herz verdirbt und gute Gesinnungen unter dem Wucherkraute des schönen

Scheins nicht aufkommen lässt

    Es tut mir leid eben dieselbe Unlauterkeit Verstellung und Heuchelei sogar

in den Äußerungen der spekulativen Denkungsart wahrzunehmen worin doch

Menschen das Geständnis ihrer Gedanken billiger Maßen offen und unverhohlen zu

entdecken weit weniger Hindernisse und gar keinen Vorteil haben Denn was kann

den Einsichten nachteiliger sein als so gar bloße Gedanken verfälscht einander

mitzuteilen Zweifel die wir wider unsere eigene Behauptungen fühlen zu

verhehlen oder Beweisgründen die uns selbst nicht genugtun einen Anstrich von

Evidenz zu geben So lange indessen bloß die Privateitelkeit diese geheimen

Ränke anstiftet welches in spekulativen Urteilen die kein besonderes Interesse

haben und nicht leicht einer apodiktischen Gewissheit fähig sind gemeiniglich

der Fall ist), so widersteht denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher

Genehmigung und die Sachen kommen zuletzt dahin wo die lauterste Gesinnung und

Aufrichtigkeit obgleich weit früher sie hingebracht haben würde Wo aber das

gemeine Wesen dafür hält dass spitzfindige Vernünftler mit nichts minderem

umgehen als die Grundveste der öffentlichen Wohlfahrt wankend zu machen da

scheint es nicht allein der Klugheit gemäß sondern auch erlaubt und wohl gar

rühmlich der guten Sache eher durch Scheingründe zu Hülfe zu kommen als den

vermeintlichen Gegnern derselben auch nur den Vorteil zu lassen unsern Ton zur

Mäßigung einer bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen und uns zu nötigen

den Mangel der spekulativen und apodiktischen Gewissheit zu gestehen Indessen

sollte ich denken dass sich mit der Absicht eine gute Sache zu behaupten in

der Welt wohl nichts übler als Hinterlist Verstellung und Betrug vereinigen

lasse Dass es in der Abwiegung der Vernunftgründe einer bloßen Spekulation alles

ehrlich zugehen müsse ist wohl das wenigste was man fordern kann Könnte man

aber auch nur auf dieses wenige sicher rechnen so wäre der Streit der

spekulativen Vernunft über die wichtigen Fragen von Gott der Unsterblichkeit

der Seele und der Freiheit entweder längst entschieden oder würde sehr bald

zu Ende gebracht werden So steht öfters die Lauterkeit der Gesinnung im

umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sache selbst und diese hat

vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner als Verteidiger

    Ich setze also Leser voraus die keine gerechte Sache mit Unrecht verteidigt

wissen wollen In Ansehung deren ist es nun entschieden dass nach unseren

Grundsätzen der Kritik wenn man nicht auf dasjenige sieht was geschieht

sondern was billig geschehen sollte es eigentlich gar keine Polemik der reinen

Vernunft geben müsse Denn wie können zwei Personen einen Streit über eine Sache

führen deren Realität keiner von beiden in einer wirklichen oder auch nur

möglichen Erfahrung darstellen kann über deren Idee er allein brütet um aus

ihr etwas mehr als Idee nämlich die Wirklichkeit des Gegenstandes selbst

herauszubringen Durch welches Mittel wollen sie aus dem Streite herauskommen

da keiner von beiden seine Sache geradezu begreiflich und gewiss machen sondern

nur die seines Gegners angreifen und widerlegen kann Denn dieses ist das

Schicksal aller Behauptungen der reinen Vernunft: dass da sie über die

Bedingungen aller möglichen Erfahrung hinausgehen außerhalb welchen kein

Dokument der Wahrheit irgendwo angetroffen wird sich aber gleichwohl der

Verstandesgesetze die bloß zum empirischen Gebrauch bestimmt sind ohne die

sich aber kein Schritt im synthetischen Denken tun lässt bedienen müssen sie

dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich gegenseitig die Blöße ihres Gegners

zu nutze machen können

    Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof für alle

Streitigkeiten derselben ansehen denn sie ist in die letzteren als welche auf

Objekte unmittelbar gehen nicht mit verwickelt sondern ist dazu gesetzt die

Rechtsame der Vernunft überhaupt nach den Grundsätzen ihrer ersten Institution

zu bestimmen und zu beurteilen

    Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur und kann ihre

Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen oder sichern als durch

Krieg Die Kritik dagegen welche alle Entscheidungen aus den Grundregeln ihrer

eigenen Einsetzung hernimmt deren Ansehen keiner bezweifeln kann verschafft

uns die Ruhe eines gesetzlichen Zustandes in welchem wir unsere Streitigkeit

nicht anders führen sollen als durch Prozess Was die Händel in dem ersten

Zustande endigt ist ein Sieg dessen sich beide Teile rühmen auf den

mehrenteils ein nur unsicherer Friede folgt den die Obrigkeit stiftet welche

sich ins Mittel legt im zweiten aber die Sentenz die weil sie hier die Quelle

der Streitigkeiten selbst trifft einen ewigen Frieden gewähren muss Auch

nötigen die endlosen Streitigkeiten einer bloß dogmatischen Vernunft endlich in

irgend einer Kritik dieser Vernunft selbst und in einer Gesetzgebung die sich

auf sie gründet Ruhe zu suchen so wie Hobbes behauptet der Stand der Natur

sei ein Stand des Unrechts und der Gewalttätigkeit und man müsse ihn notwendig

verlassen um sich dem gesetzlichen Zwange zu unterwerfen der allein unsere

Freiheit dahin einschränkt dass sie mit jedes anderen Freiheit und eben dadurch

mit dem gemeinen Besten zusammen bestehen könne

    Zu dieser Freiheit gehört denn auch die seine Gedanken seine Zweifel die

man sich nicht selbst auflösen kann öffentlich zur Beurteilung auszustellen

ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger verschrien zu werden

Dies liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der menschlichen Vernunft welche

keinen anderen Richter erkennt als selbst wiederum die allgemeine

Menschenvernunft worin ein jeder seine Stimme hat und da von dieser alle

Besserung deren unser Zustand fähig ist herkommen muss so ist ein solches

Recht heilig und darf nicht geschmälert werden Auch ist es sehr unweise

gewisse gewagte Behauptungen oder vermessene Angriffe auf die welche schon die

Beistimmung des größten und besten Teils des gemeinen Wesens auf ihrer Seite

haben für gefährlich auszuschreien denn das heißt ihnen eine Wichtigkeit

geben die sie gar nicht haben sollten Wenn ich höre dass ein nicht gemeiner

Kopf die Freiheit des menschlichen Willens die Hoffnung eines künftigen Lebens

und das Dasein Gottes wegdemonstriert haben solle so bin ich begierig das Buch

zu lesen denn ich erwarte von seinem Talent dass er meine Einsichten weiter

bringen werde Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiss dass er nichts von

allem diesem wird geleistet haben nicht darum weil ich etwa schon im Besitze

unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze zu sein glaubte sondern weil

mich die transzendentale Kritik die mir den ganzen Vorrat unserer reinen

Vernunft aufdeckte völlig überzeugt hat dass so wie sie zu bejahenden

Behauptungen in diesem Felde ganz unzulänglich ist so wenig und noch weniger

werde sie wissen um über diese Fragen etwas verneinend behaupten zu können

Denn wo will der angebliche Freigeist seine Kenntnis hernehmen dass es zB

kein höchstes Wesen gebe Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher

Erfahrung und darum auch außer den Grenzen aller menschlichen Einsicht Den

dogmatischen Verteidiger der guten Sache gegen diesen Feind würde ich gar nicht

lesen weil ich zum voraus weiß dass er nur darum die Scheingründe des anderen

angreifen werde um seinen eigenen Eingang zu verschaffen überdem ein

alltägiger Schein doch nicht so viel Stoff zu neuen Bemerkungen gibt als ein

befremdlicher und sinnreich ausgedachter Hingegen würde der nach seiner Art

auch dogmatische Religionsgegner meiner Kritik gewünschte Beschäftigung und

Anlass zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätze geben ohne dass seinetwegen im

mindesten etwas zu befürchten wäre

    Aber die Jugend welche dem akademischen Unterrichte anvertrauet ist soll

doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt und von der frühen Kenntnis

so gefährlicher Sätze abgehalten werden ehe ihre Urteilskraft gereift oder

vielmehr die Lehre welche man in ihnen gründen will fest gewurzelt ist um

aller Überredung zum Gegenteil woher sie auch kommen möge kräftig zu

widerstehen

    Müsste es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen Vernunft

bleiben und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch di so beschaffen

sein dass man sich ins Gefechte einließe und mit Beweisgründen zu

entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete so wäre freilich nichts ratsamer vor

der Hand aber zugleich nichts eitler und fruchtloser auf die Dauer als die

Vernunft der Jugend eine Zeitlang unter Vormundschaft zu setzen und wenigstens

so lange vor Verführung zu bewahren Wenn aber in der Folge entweder Neugierde

oder der Modeton des Zeitalters ihr dergleichen Schriften in die Hände spielen

wird alsdann jene jugendliche Überredung noch Stich halten Derjenige der

nichts als dogmatische Waffen mitbringt um den Angriffen seines Gegners zu

widerstehen und die verborgene Dialektik die nicht minder in seinem eigenen

Busen als in dem des Gegenteils liegt nicht zu entwickeln weiß sieht

Scheingründe die den Vorzug der Neuigkeit haben gegen Scheingründe welche

dergleichen nicht mehr haben sondern vielmehr den Verdacht einer missbrauchten

Leichtgläubigkeit der Jugend erregen auftreten Er glaubt nicht besser zeigen

zu können dass er der Kinderzucht entwachsen sei als wenn er sich über jene

wohlgemeinte Warnungen wegsetzt und dogmatisch gewohnt trinkt er das Gift

das seine Grundsätze dogmatisch verdirbt in langen Zügen in sich

    Gerade das Gegenteil von dem was man hier anrät muss in der akademischen

Unterweisung geschehen aber freilich nur unter der Voraussetzung eines

gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen Vernunft. Denn um die

Prinzipien derselben so früh als möglich in Ausübung zu bringen und ihre

Zulänglichkeit bei dem größten dialektischen Scheine zu zeigen ist es durchaus

nötig die für den Dogmatiker so furchtbaren Angriffe wider seine obzwar noch

schwache aber durch Kritik aufgeklärte Vernunft zu richten und ihn den Versuch

machen zu lassen die grundlosen Behauptungen des Gegners Stück vor Stück an

jenen Grundsätzen zu prüfen Es kann ihm gar nicht schwer werden sie in lauter

Dunst aufzulösen und so fühlt er frühzeitig seine eigene Kraft sich wider

dergleichen schädliche Blendwerke die für ihn zuletzt allen Schein verlieren

müssen völlig zu sichern Ob nun zwar eben dieselbe Streiche die das Gebäude

des Feindes niederschlagen auch seinem eigenen spekulativen Bauwerke wenn er

etwa dergleichen zu errichten gedächte eben so verderblich sein müssen so ist

er darüber doch gänzlich unbekümmert indem er es gar nicht bedarf darinnen zu

wohnen sondern noch eine Aussicht in das praktische Feld vor sich hat wo er

mit Grunde einen festeren Boden hoffen kann um darauf sein vernünftiges und

heilsames System zu errichten

    So gibts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen Vernunft.

Beide Teile sind Luftfechter die sich mit ihrem Schatten herumbalgen denn sie

gehen über die Natur hinaus wo für ihre dogmatischen Griffe nichts vorhanden

ist was sich fassen und halten ließe Sie haben gut kämpfen die Schatten die

sie zerhauen wachsen wie die Helden in Walhalla in einem Augenblicke wiederum

zusammen um sich aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können

    Es gibt aber auch keinen zulässigen skeptischen Gebrauch der reinen

Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren

Streitigkeiten nennen könnte Die Vernunft wider sich selbst zu verhetzen ihr

auf beiden Seiten Waffen zu reichen und alsdann ihrem hitzigsten Gefechte ruhig

und spöttisch zuzusehen sieht aus einem dogmatischen Gesichtspunkte nicht wohl

aus sondern hat das Ansehen einer schadenfrohen und hämischen Gemütsart an

sich Wenn man indessen die unbezwingliche Verblendung und das Großtun der

Vernünftler die sich durch keine Kritik will mäßigen lassen ansieht so ist

doch wirklich kein anderer Rat als der Großsprecherei auf einer Seite eine

andere welche auf eben dieselben Rechte fußet entgegen zu setzen damit die

Vernunft durch den Widerstand eines Feindes wenigstens nur stutzig gemacht

werde um in ihre Anmaßungen einigen Zweifel zu setzen und der Kritik Gehör zu

geben Allein es bei diesen Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen und es darauf

auszusetzen die Überzeugung und das Geständnis seiner Unwissenheit nicht bloß

als ein Heilmittel wider den dogmatischen Eigendünkel sondern zugleich als die

Art den Streit der Vernunft mit sich selbst zu beendigen empfehlen zu wollen

ist ein ganz vergeblicher Anschlag und kann keineswegs dazu tauglich sein der

Vernunft einen Ruhestand zu verschaffen sondern ist höchstens nur ein Mittel

sie aus ihrem süßen dogmatischen Traume zu erwecken um ihren Zustand in

sorgfältigere Prüfung zu ziehen Da indessen diese skeptische Manier sich aus

einem verdrießlichen Handel der Vernunft zu ziehen gleichsam der kurze Weg zu

sein scheint zu einer beharrlichen philosophischen Ruhe zu gelangen wenigstens

die Heeresstraße welche diejenigen gern einschlagen die sich in einer

spöttischen Verachtung aller Nachforschungen dieser Art ein philosophisches

Ansehen zu geben meinen so finde ich es nötig diese Denkungsart in ihrem

eigentümlichen Lichte darzustellen

 






    Das Bewusstsein meiner Unwissenheit wenn diese nicht zugleich als notwendig

erkannt wird statt dass sie meine Untersuchungen endigen sollte ist vielmehr

die eigentliche Ursache sie zu erwecken Alle Unwissenheit ist entweder die der

Sachen oder der Bestimmung und Grenzen meiner Erkenntnis Wenn die Unwissenheit

nun zufällig ist so muss sie mich antreiben im ersteren Falle den Sachen

Gegenständen dogmatisch im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntnis

kritisch nachzuforschen Dass aber meine Unwissenheit schlechthin notwendig sei

und mich daher von aller weiteren Nachforschung freispreche lässt sich nicht

empirisch aus Beobachtung sondern allein kritisch durch Ergründung der ersten

Quellen unserer Erkenntnis ausmachen Also kann die Grenzbestimmung unserer

Vernunft nur nach Gründen a priori geschehen die Einschränkung derselben aber

welche eine obgleich nur unbestimmte Erkenntnis einer nie völlig zu hebenden

Unwissenheit ist kann auch a posteriori durch das was uns bei allem Wissen

immer noch zu wissen übrig bleibt erkannt werden Jene durch Kritik der

Vernunft selbst allein mögliche Erkenntnis seiner Unwissenheit ist also

Wissenschaft diese ist nichts als Wahrnehmung von der man nicht sagen kann

wie weit der Schluss aus selbiger reichen möge Wenn ich mir die Erdfläche dem

sinnlichen Scheine gemäß als einen Teller vorstelle so kann ich nicht wissen

wie weit sie sich erstrecke Aber das lehrt mich die Erfahrung dass wohin ich

nur komme ich immer einen Raum um mich sehe dahin ich weiter fortgehen könnte

mithin erkenne ich Schranken meiner jedesmal wirklichen Erdkunde aber nicht die

Grenzen aller möglichen Erdbeschreibung Bin ich aber doch soweit gekommen zu

wissen dass die Erde eine Kugel und ihre Fläche eine Kugelfläche sei so kann

ich auch aus einem kleinen Teil derselben zB der Größe eines Grades den

Durchmesser und durch diesen die völlige Begrenzung der Erde di ihre

Oberfläche bestimmt und nach Prinzipien a priori erkennen und ob ich gleich in

Ansehung der Gegenstände die diese Fläche enthalten mag unwissend bin so bin

ich es doch nicht in Ansehung des Umfanges der sie enthält der Größe und

Schranken derselben

    Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntnis scheint uns

eine ebene Fläche zu sein die ihren scheinbaren Horizont hat nämlich das was

den ganzen Umfang derselben befasset und von uns der Vernunftbegriff der

unbedingten Totalität genannt worden Empirisch denselben zu erreichen ist

unmöglich und nach einem gewissen Prinzip ihn a priori zu bestimmen dazu sind

alle Versuche vergeblich gewesen Indessen gehen doch alle Fragen unserer reinen

Vernunft auf das was außerhalb diesem Horizonte oder allenfalls auch in seiner

Grenzlinie liegen möge

    Der berühmte David Hume war einer dieser Geographen der menschlichen

Vernunft welcher jene Fragen insgesamt dadurch hinreichend abgefertigt zu haben

vermeinte dass er sie außerhalb den Horizont derselben verwies den er doch

nicht bestimmen konnte Er hielt sich vornehmlich bei dem Grundsatze der

Kausalität auf und bemerkte von ihm ganz richtig dass man seine Wahrheit ja

nicht einmal die objektive Gültigkeit des Begriffs einer wirkenden Ursache

überhaupt auf gar keine Einsicht di Erkenntnis a priori fuße dass daher

auch nicht im mindesten die Notwendigkeit dieses Gesetzes sondern eine bloße

allgemeine Brauchbarkeit desselben in dem Laufe der Erfahrung und eine daher

entspringende subjektive Notwendigkeit die er Gewohnheit nennt sein ganzes

Ansehen ausmache Aus dem Unvermögen unserer Vernunft nun von diesem Grundsatze

einen über alle Erfahrung hinausgehenden Gebrauch zu machen schloss er die

Nichtigkeit aller Anmaßungen der Vernunft überhaupt über das Empirische hinaus

zu gehen

    Man kann ein Verfahren dieser Art die Facta der Vernunft der Prüfung und

nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen die Zensur der Vernunft nennen Es ist

außer Zweifel dass diese Zensur unausbleiblich auf Zweifel gegen allen

transzendenten Gebrauch der Grundsätze führe Allein dies ist nur der zweite

Schritt der noch lange nicht das Werk vollendet Der erste Schritt in Sachen

der reinen Vernunft, der das Kindesalter derselben auszeichnet ist dogmatisch

Der eben genannte zweite Schritt ist skeptisch und zeugt von Vorsichtigkeit der

durch Erfahrung gewitzigten Urteilskraft Nun ist aber noch ein dritter Schritt

nötig der nur der gereiften und männlichen Urteilskraft zukommt welche feste

und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen zum Grunde hat nämlich nicht die

Facta der Vernunft sondern die Vernunft selbst nach ihrem ganzen Vermögen und

Tauglichkeit zu reinen Erkenntnissen a priori der Schätzung zu unterwerfen

welches nicht die Zensur sondern Kritik der Vernunft ist wodurch nicht bloß

Schranken sondern die bestimmten Grenzen derselben nicht bloß Unwissenheit an

einem oder anderen Teil sondern in Ansehung aller möglichen Fragen von einer

gewissen Art und zwar nicht etwa nur vermutet sondern aus Prinzipien bewiesen

wird So ist der Skeptizismus ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft da sie

sich über ihre dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der Gegend

machen kann wo sie sich befindet um ihren Weg fernerhin mit mehrerer

Sicherheit wählen zu können aber nicht ein Wohnplatz zum beständigen

Aufenthalte denn dieser kann nur in einer völligen Gewissheit angetroffen

werden es sei nun der Erkenntnis der Gegenstände selbst oder der Grenzen

innerhalb denen alle unsere Erkenntnis von Gegenständen eingeschlossen ist

    Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete Ebene

deren Schranken man nur so überhaupt erkennt sondern muss vielmehr mit einer

Sphäre verglichen werden deren Halbmesser sich aus der Krümmung des Bogens auf

ihrer Oberfläche der Natur synthetischer Sätze a priori finden daraus aber

auch der Inhalt und die Begrenzung derselben mit Sicherheit angeben lässt Außer

dieser Sphäre Feld der Erfahrung ist nichts für ihr Objekt ja selbst Fragen

über dergleichen vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjektive Prinzipien

einer durchgängigen Bestimmung der Verhältnisse welche unter den

Verstandesbegriffen innerhalb dieser Sphäre vorkommen können

    Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntnis a priori wie dieses

die Verstandesgrundsätze welche die Erfahrung antizipieren dartun Kann jemand

nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht begreiflich machen so mag er zwar

anfangs zweifeln ob sie uns auch wirklich a priori beiwohnen er kann dieses

aber noch nicht für eine Unmöglichkeit derselben durch bloße Kräfte des

Verstandes und alle Schritte die die Vernunft nach der Richtschnur derselben

tut für nichtig ausgeben Er kann nur sagen wenn wir ihren Ursprung und

Echtheit einsähen so würden wir den Umfang und die Grenzen unserer Vernunft

bestimmen können ehe aber dieses geschehen ist sind alle Behauptungen der

letzten blindlings gewagt Und auf solche Weise wäre ein durchgängiger Zweifel

an aller dogmatischen Philosophie die ohne Kritik der Vernunft selbst ihren

Gang geht ganz wohl gegründet allein darum könnte doch der Vernunft nicht ein

solcher Fortgang wenn er durch bessere Grundlegung vorbereitet und gesichert

würde gänzlich abgesprochen werden Denn einmal liegen alle Begriffe ja alle

Fragen welche uns die reine Vernunft vorlegt nicht etwa in der Erfahrung,

sondern selbst wiederum nur in der Vernunft und müssen daher können aufgelöst

und ihrer Gültigkeit oder Nichtigkeit nach begriffen werden Wir sind auch nicht

berechtigt diese Aufgaben als läge ihre Auflösung wirklich in der Natur der

Dinge, doch unter dem Vorwande unseres Unvermögens abzuweisen und uns ihrer

weiteren Nachforschung zu weigern da die Vernunft in ihrem Schoße allein diese

Ideen selbst erzeugt hat von deren Gültigkeit oder dialektischem Scheine sie

also Rechenschaft zu geben gehalten ist

    Alles skeptische Polemisieren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker

gekehrt der ohne ein Misstrauen auf seine ursprüngliche objektive Prinzipien zu

setzen di ohne Kritik gravitätisch seinen Gang fortsetzt bloß um ihm das

Konzept zu verrücken und ihn zur Selbsterkenntnis zu bringen An sich macht sie

in Ansehung dessen was wir wissen und was wir dagegen nicht wissen können ganz

und gar nichts aus Alle fehlgeschlagene dogmatische Versuche der Vernunft sind

Facta die der Zensur zu unterwerfen immer nützlich ist Dieses aber kann nichts

über die Erwartungen der Vernunft entscheiden einen besseren Erfolg ihrer

künftigen Bemühungen zu hoffen und darauf Ansprüche zu machen die bloße Zensur

kann also die Streitigkeit über die Rechtsame der menschlichen Vernunft niemals

zu Ende bringen

    Da Hume vielleicht der geistreichste unter allen Skeptikern und ohne

Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist den das skeptische

Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen Vernunftprüfung haben kann so

verlohnt es sich wohl der Mühe den Gang seiner Schlüsse und die Verirrungen

eines so einsehenden und schätzbaren Mannes die doch auf der Spur der Wahrheit

angefangen haben so weit es zu meiner Absicht schicklich ist vorstellig zu

machen

    Hume hatte es vielleicht in Gedanken wiewohl er es niemals völlig

entwickelte dass wir in Urteilen von gewisser Art über unsern Begriff vom

Gegenstande hinausgehen Ich habe diese Art von Urteilen synthetisch genannt

Wie ich aus meinem Begriffe den ich bis dahin habe vermittelst der Erfahrung

hinausgehen könne ist keiner Bedenklichkeit unterworfen Erfahrung ist selbst

eine solche Synthesis der Wahrnehmungen welche meinen Begriff den ich

vermittelst einer Wahrnehmung habe durch andere hinzukommende vermehret Allein

wir glauben auch a priori aus unserem Begriffe hinausgehen und unser Erkenntnis

erweitern zu können Dieses versuchen wir entweder durch den reinen Verstand in

Ansehung desjenigen was wenigstens ein Objekt der Erfahrung sein kann oder

sogar durch reine Vernunft in Ansehung solcher Eigenschaften der Dinge oder

auch wohl des Daseins solcher Gegenstände die in der Erfahrung niemals

vorkommen können Unser Skeptiker unterschied diese beide Arten der Urteile

nicht wie er es doch hätte tun sollen und hielt geradezu diese Vermehrung der

Begriffe aus sich selbst und so zu sagen die Selbstgebärung unseres

Verstandes samt der Vernunft ohne durch Erfahrung geschwängert zu sein für

unmöglich mithin alle vermeintliche Prinzipien derselben a priori für

eingebildet und fand dass sie nichts als eine aus Erfahrung und deren Gesetzen

entspringende Gewohnheit mithin bloß empirische di an sich zufällige Regeln

sein denen wir eine vermeinte Notwendigkeit und Allgemeinheit beimessen Er

bezog sich aber zu Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein

anerkannten Grundsatz von dem Verhältnis der Ursache zur Wirkung Denn da uns

kein Verstandesvermögen von dem Begriffe eines Dinges zu dem Dasein von etwas

anderem was dadurch allgemein und notwendig gegeben sei führen kann so

glaubte er daraus folgern zu können dass wir ohne Erfahrung nichts haben was

unsern Begriff vermehren und uns zu einem solchen a priori sich selbst

erweiternden Urteile berechtigen könnte Dass das Sonnenlicht welches das Wachs

beleuchtet es zugleich schmelze indessen es den Ton härtet könne kein

Verstand aus Begriffen die wir vorher von diesen Dingen hatten erraten

vielweniger gesetzmäßig schließen und nur Erfahrung könne uns ein solches

Gesetz lehren Dagegen haben wir in der transzendentalen Logik gesehen dass ob

wir zwar niemals unmittelbar über den Inhalt des Begriffs der uns gegeben ist

hinausgehen können wir doch völlig a priori aber in Beziehung auf ein Drittes

nämlich mögliche Erfahrung also doch a priori das Gesetz der Verknüpfung mit

andern Dingen erkennen können Wenn also vorher festgewesenes Wachs schmilzt so

kann ich a priori erkennen dass etwas vorausgegangen sein müsse zB

Sonnenwärme worauf dieses nach einem beständigen Gesetze gefolgt ist ob ich

zwar ohne Erfahrung aus der Wirkung weder die Ursache noch aus der Ursache

die Wirkung a priori und ohne Belehrung der Erfahrung bestimmt erkennen könnte

Er schloss also fälschlich aus der Zufälligkeit unserer Bestimmung nach dem

Gesetze auf die Zufälligkeit des Gesetzes selbst und das Herausgehen aus dem

Begriffe eines Dinges auf mögliche Erfahrung welches a priori geschieht und die

objektive Realität desselben ausmacht verwechselte er mit der Synthesis der

Gegenstände wirklicher Erfahrung welche freilich jederzeit empirisch ist

dadurch machte er aber aus einem Prinzip der Affinität welches im Verstande

seinen Sitz hat und notwendige Verknüpfung aussagt eine Regel der Assoziation

die bloß in der nachbildenden Einbildungskraft angetroffen wird und nur

zufällige gar nicht objektive Verbindungen darstellen kann

    Die skeptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen Mannes

entsprangen vornehmlich aus einem Mangel den er doch mit allen Dogmatikern

gemein hatte nämlich dass er nicht alle Arten der Synthesis des Verstandes a

priori systematisch übersah Denn da würde er ohne der übrigen hier Erwähnung

zu tun zB den Grundsatz der Beharrlichkeit als einen solchen gefunden haben

der eben sowohl als der der Kausalität die Erfahrung antizipieret Dadurch

würde er auch dem a priori sich erweiternden Verstande und der reinen Vernunft

bestimmte Grenzen haben vorzeichnen können Da er aber unsern Verstand nur

einschränkt ohne ihn zu begrenzen und zwar ein allgemeines Misstrauen aber

keine bestimmte Kenntnis der uns unvermeidlichen Unwissenheit zu Stande bringt

da er einige Grundsätze des Verstandes unter Zensur bringt ohne diesen Verstand

in Ansehung seines ganzen Vermögens auf die Probierwaage der Kritik zu bringen

und indem er ihm dasjenige abspricht was er wirklich nicht leisten kann

weiter geht und ihm alles Vermögen sich a priori zu erweitern bestreitet

unerachtet er dieses ganze Vermögen nicht zur Schätzung gezogen so widerfährt

ihm das was jederzeit den Skeptizismus niederschlägt nämlich dass er selbst

bezweifelt wird indem seine Einwürfe nur auf Factis welche zufällig sind

nicht aber auf Prinzipien beruhen die eine notwendige Entsagung auf das Recht

dogmatischer Behauptungen bewirken könnten

    Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes und den

dialektischen Anmaßungen der Vernunft wider welche doch hauptsächlich seine

Angriffe gerichtet sind keinen Unterschied kennt so fühlt die Vernunft deren

ganz eigentümlicher Schwung hierbei nicht im mindesten gestört sondern nur

gehindert worden den Raum zu ihrer Ausbreitung nicht verschlossen und kann von

ihren Versuchen unerachtet sie hie oder da gezwackt wird niemals gänzlich

abgebracht werden Denn wider Angriffe rüstet man sich zur Gegenwehr und setzt

noch um desto steifer seinen Kopf drauf um seine Forderungen durchzusetzen Ein

völliger Überschlag aber seines ganzen Vermögens und die daraus entspringende

Überzeugung der Gewissheit eines kleinen Besitzes bei der Eitelkeit höherer

Ansprüche hebt allen Streit auf und beweget sich an einem eingeschränkten

aber unstrittigen Eigentume friedfertig zu begnügen

    Wider den unkritischen Dogmatiker der die Sphäre seines Verstandes nicht

gemessen mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntnis nicht nach Prinzipien

bestimmt hat der also nicht schon zum voraus weiß wie viel er kann sondern es

durch bloße Versuche ausfindig zu machen denkt sind diese skeptische Angriffe

nicht allein gefährlich sondern ihm sogar verderblich Denn wenn er auf einer

einzigen Behauptung betroffen wird die er nicht rechtfertigen deren Schein er

aber auch nicht aus Prinzipien entwickeln kann so fällt der Verdacht auf alle

so überredend sie auch sonst immer sein mögen

    Und so ist der Skeptiker der Zuchtmeister des dogmatischen Vernünftlers auf

eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft selbst Wenn er dahin

gelanget ist so hat er weiter keine Anfechtung zu fürchten denn er

unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem was gänzlich außerhalb demselben

liegt worauf er keine Ansprüche macht und darüber auch nicht in Streitigkeiten

verwickelt werden kann So ist das skeptische Verfahren zwar an sich selbst für

die Vernunftfragen nicht befriedigend aber doch vorübend um ihre

Vorsichtigkeit zu erwecken und auf gründliche Mittel zu weisen die sie in ihren

rechtmäßigen Besitzen sichern können

 
 



                    



    Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich soviel wissen dass wir

in ihrem reinen und spekulativen Gebrauche in der Tat gar nichts wissen können

sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu Hypothesen eröffnen da es

wenigstens vergönnet ist zu dichten und zu meinen wenn gleich nicht zu

behaupten

    Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen sondern unter der strengen

Aufsicht der Vernunft dichten soll so muss immer vorher etwas völlig gewiss und

nicht erdichtet oder bloße Meinung sein und das ist die Möglichkeit des

Gegenstandes selbst Alsdenn ist es wohl erlaubt wegen der Wirklichkeit

desselben zur Meinung seine Zuflucht zu nehmen die aber um nicht grundlos zu

sein mit dem was wirklich gegeben und folglich gewiss ist als Erklärungsgrund

in Verknüpfung gebracht werden muss und alsdann Hypothese heißt

    Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung a priori

nicht den mindesten Begriff machen können und die Kategorie des reinen

Verstandes nicht dazu dient dergleichen zu erdenken sondern nur wo sie in der

Erfahrung angetroffen wird zu verstehen so können wir nicht einen einzigen

Gegenstand nach einer neuen und empirisch nicht anzugebenden Beschaffenheit

diesen Kategorien gemäß ursprünglich aussinnen und sie einer erlaubten

Hypothese zum Grunde legen denn dieses hieße der Vernunft leere Hirngespinste

statt der Begriffe von Sachen unterzulegen So ist es nicht erlaubt sich

irgend neue ursprüngliche Kräfte zu erdenken zB einen Verstand der vermögend

sei seinen Gegenstand ohne Sinne anzuschauen oder eine Anziehungskraft ohne

alle Berührung oder eine neue Art Substanzen zB die ohne

Undurchdringlichkeit im Raume gegenwärtig wäre folglich auch keine Gemeinschaft

der Substanzen die von aller derjenigen unterschieden ist welche Erfahrung an

die Hand gibt keine Gegenwart anders als im Raume keine Dauer als bloß in

der Zeit Mit einem Worte es ist unserer Vernunft nur möglich die Bedingungen

möglicher Erfahrung als Bedingungen der Möglichkeit der Sachen zu brauchen

keineswegs aber ganz unabhängig von diesen sich selbst welche gleichsam zu

schaffen weil dergleichen Begriffe obzwar ohne Widerspruch dennoch auch ohne

Gegenstand sein würden

    Die Vernunftbegriffe sind wie gesagt bloße Ideen und haben freilich

keinen Gegenstand in irgend einer Erfahrung aber bezeichnen darum doch nicht

gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände Sie sind bloß

problematisch gedacht um in Beziehung auf sie als heuristische Fiktionen

regulative Prinzipien des systematischen Verstandesgebrauchs im Felde der

Erfahrung zu gründen Geht man davon ab so sind es bloße Gedankendinge deren

Möglichkeit nicht erweislich ist und die daher auch nicht der Erklärung

wirklicher Erscheinungen durch eine Hypothese zum Grunde gelegt werden können

Die Seele sich als einfach denken ist ganz wohl erlaubt um nach dieser Idee

eine vollständige und notwendige Einheit aller Gemütskräfte ob man sie gleich

nicht in concreto einsehen kann zum Prinzip unserer Beurteilung ihrer inneren

Erscheinungen zu legen Aber die Seele als einfache Substanz anzunehmen ein

transzendenter Begriff wäre ein Satz der nicht allein unerweislich wie es

mehrere physische Hypothesen sind sondern auch ganz willkürlich und blindlings

gewagt sein würde weil das Einfache in ganz und gar keiner Erfahrung vorkommen

kann und wenn man unter Substanz hier das beharrliche Objekt der sinnlichen

Anschauung versteht die Möglichkeit einer einfachen Erscheinung gar nicht

einzusehen ist Bloß intelligible Wesen oder bloß intelligible Eigenschaften

der Dinge der Sinnenwelt lassen sich mit keiner gegründeten Befugnis der

Vernunft als Meinung annehmen obzwar weil man von ihrer Möglichkeit oder

Unmöglichkeit keine Begriffe hat auch durch keine vermeinte bessere Einsicht

dogmatisch ableugnen

    Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine andere Dinge und

Erklärungsgründe als die so nach schon bekannten Gesetzen der Erscheinungen

mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden angeführt werden Eine

transzendentale Hypothese bei der eine bloße Idee der Vernunft zur Erklärung

der Naturdinge gebraucht würde würde daher gar keine Erklärung sein indem das

was man aus bekannten empirischen Prinzipien nicht hinreichend versteht durch

etwas erklärt werden würde davon man gar nichts versteht Auch würde das

Prinzip einer solchen Hypothese eigentlich nur zur Befriedigung der Vernunft und

nicht zur Beförderung des Verstandesgebrauchs in Ansehung der Gegenstände

dienen Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muss wiederum aus Naturgründen

und nach Naturgesetzen erklärt werden und hier sind selbst die wildesten

Hypothesen wenn sie nur physisch sind erträglicher als eine hyperphysische

di die Berufung auf einen göttlichen Urheber den man zu diesem Behuf

voraussetzt Denn das wäre ein Prinzip der faulen Vernunft ignava ratio alle

Ursachen deren objektive Realität wenigstens der Möglichkeit nach man noch

durch fortgesetzte Erfahrung kann kennen lernen auf einmal vorbeizugehen um in

einer bloßen Idee die der Vernunft sehr bequem ist zu ruhen Was aber die

absolute Totalität des Erklärungsgrundes in der Reihe derselben betrifft so

kann das keine Hindernis in Ansehung der Weltobjekte machen weil da diese

nichts als Erscheinungen sind an ihnen niemals etwas Vollendetes in der

Synthesis der Reihen von Bedingungen gehofft werden kann

    Transzendentale Hypothesen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft und eine

Freiheit zu Ersetzung des Mangels an physischen Erklärungsgründen sich

allenfalls hyperphysischer zu bedienen kann gar nicht gestattet werden teils

weil die Vernunft dadurch gar nicht weiter gebracht wird sondern vielmehr den

ganzen Fortgang ihres Gebrauchs abschneidet teils weil diese Lizenz sie zuletzt

um alle Früchte der Bearbeitung ihres eigentümlichen Bodens nämlich der

Erfahrung bringen müsste Denn wenn uns die Naturerklärung hie oder da schwer

wird so haben wir beständig einen transzendenten Erklärungsgrund bei der Hand

der uns jener Untersuchung überhebt und unsere Nachforschung schließt nicht

durch Einsicht sondern durch gänzliche Unbegreiflichkeit eines Prinzips

welches so schon zum voraus ausgedacht war dass es den Begriff des absolut

Ersten enthalten musste

    Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer Hypothese ist

die Zulänglichkeit derselben um daraus a priori die Folgen welche gegeben

sind zu bestimmen Wenn man zu diesem Zwecke hilfleistende Hypothesen

herbeizurufen genötigt ist so geben sie den Verdacht einer bloßen Erdichtung

weil jede derselben an sich dieselbe Rechtfertigung bedarf welche der zum

Grunde gelegte Gedanke nötig hatte und daher keinen tüchtigen Zeugen abgeben

kann Wenn unter Voraussetzung einer unbeschränkt vollkommenen Ursache zwar an

Erklärungsgründen aller Zweckmäßigkeit Ordnung und Größe die sich in der Welt

finden kein Mangel ist so bedarf jene doch bei den wenigstens nach unseren

Begriffen sich zeigenden Abweichungen und Übeln noch neuer Hypothesen um

gegen diese als Einwürfe gerettet zu werden Wenn die einfache Selbständigkeit

der menschlichen Seele die zum Grunde ihrer Erscheinungen gelegt worden durch

die Schwierigkeiten ihrer den Abänderungen einer Materie dem Wachstum und

Abnahme ähnlichen Phänomene angefochten wird so müssen neue Hypothesen zu

Hülfe gerufen werden die zwar nicht ohne Schein aber doch ohne alle

Beglaubigung sind außer derjenigen welche ihnen die zum Hauptgrunde

angenommene Meinung gibt der sie gleichwohl das Wort reden sollen

    Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen unkörperliche

Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens nicht als Hypothesen

sondern a priori bewiesene Dogmate gelten sollen so ist alsdann von ihnen gar

nicht die Rede In solchem Falle aber sehe man sich ja vor dass der Beweis die

apodiktische Gewissheit einer Demonstration habe Denn die Wirklichkeit solcher

Ideen bloß wahrscheinlich machen zu wollen ist ein ungereimter Vorsatz eben

so als wenn man einen Satz der Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen

gedächte Die von aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles nur a priori

und als notwendig oder gar nicht erkennen daher ist ihr Urteil niemals Meinung

sondern entweder Enthaltung von allem Urteile oder apodiktische Gewissheit

Meinungen und wahrscheinliche Urteile von dem was Dingen zukommt können nur

als Erklärungsgründe dessen was wirklich gegeben ist oder Folgen nach

empirischen Gesetzen von dem was als wirklich zum Grunde liegt mithin nur in

der Reihe der Gegenstände der Erfahrung vorkommen Außer diesem Felde ist meinen

so viel als mit Gedanken spielen es müsste denn sein dass man von einem

unsicheren Wege des Urteils bloß die Meinung hätte vielleicht auf ihm die

Wahrheit zu finden

    Ob aber gleich bei bloß spekulativen Fragen der reinen Vernunft keine

Hypothesen stattfinden um Sätze darauf zu gründen so sind sie dennoch ganz

zulässig um sie allenfalls nur zu verteidigen di zwar nicht im dogmatischen

aber doch im polemischen Gebrauche Ich verstehe aber unter Verteidigung nicht

die Vermehrung der Beweisgründe seiner Behauptung sondern die bloße Vereitelung

der Scheineinsichten des Gegners welche unserem behaupteten Satze Abbruch tun

sollen Nun haben aber alle synthetische Sätze aus reiner Vernunft das

Eigentümliche an sich dass wenn der welcher die Realität gewisser Ideen

behauptet gleich niemals so viel weiß um diesen seinen Satz gewiss zu machen

auf der andern Seite der Gegner eben so wenig wissen kann um das Widerspiel zu

behaupten Diese Gleichheit des Loses der menschlichen Vernunft begünstigt nun

zwar im spekulativen Erkenntnisse keinen von beiden und da ist auch der rechte

Kampfplatz nimmer beizulegender Fehden Es wird sich aber in der Folge zeigen

dass doch in Ansehung des praktischen Gebrauchs die Vernunft ein Recht habe

etwas anzunehmen was sie auf keine Weise im Felde der bloßen Spekulation ohne

hinreichende Beweisgründe vorauszusetzen befugt wäre weil alle solche

Voraussetzungen der Vollkommenheit der Spekulation Abbruch tun um welche sich

aber das praktische Interesse gar nicht bekümmert Dort ist sie also im Besitze

dessen Rechtmäßigkeit sie nicht beweisen darf und wovon sie in der Tat den

Beweis auch nicht führen könnte Der Gegner soll also beweisen Da dieser aber

eben so wenig etwas von dem bezweifelten Gegenstande weiß um dessen Nichtsein

darzutun als der erstere der dessen Wirklichkeit behauptet so zeigt sich hier

ein Vorteil auf der Seite desjenigen der etwas als praktisch notwendige

Voraussetzung behauptet melior est conditio possidentis Es steht ihm nämlich

frei sich gleichsam aus Notwehr eben derselben Mittel für seine gute Sache als

der Gegner wider dieselbe di der Hypothesen zu bedienen die gar nicht dazu

dienen sollen um den Beweis derselben zu verstärken sondern nur zu zeigen dass

der Gegner viel zu wenig von dem Gegenstande des Streits verstehe als dass er

sich eines Vorteils der spekulativen Einsicht in Ansehung unserer schmeicheln

könne

    Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen

erlaubt nicht um darauf ein Recht zu gründen sondern nur es zu verteidigen

Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst suchen Denn spekulative

Vernunft in ihrem transzendentalen Gebrauche ist an sich dialektisch Die

Einwürfe die zu fürchten sein möchten liegen in uns selbst Wir müssen sie

gleich alten aber niemals verjährenden Ansprüchen hervorsuchen um einen

ewigen Frieden auf deren Vernichtigung zu gründen Äußere Ruhe ist nur

scheinbar Der Keim der Anfechtungen der in der Natur der Menschenvernunft

liegt muss ausgerottet werden wie können wir ihn aber ausrotten wenn wir ihm

nicht Freiheit ja selbst Nahrung geben Kraut auszuschießen um sich dadurch zu

entdecken und es nachher mit der Wurzel zu vertilgen Sinnet demnach selbst auf

Einwürfe auf die noch kein Gegner gefallen ist und leihet ihm sogar Waffen

oder räumt ihm den günstigsten Platz ein den er sich nur wünschen kann Es ist

hierbei gar nichts zu fürchten wohl aber zu hoffen nämlich dass ihr euch einen

in alle Zukunft niemals mehr anzufechtenden Besitz verschaffen werdet

    Zu eurer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen der reinen

Vernunft, welche obzwar nur bleierne Waffen weil sie durch kein

Erfahrungsgesetz gestählt sind dennoch immer so viel vermögen als die deren

sich irgend ein Gegner wider euch bedienen mag Wenn euch also wider die in

irgend einer anderen nicht spekulativen Rücksicht angenommene immaterielle und

keiner körperlichen Umwandlung unterworfene Natur der Seele die Schwierigkeit

aufstößt dass gleichwohl die Erfahrung so wohl die Erhebung als Zerrüttung

unserer Geisteskräfte bloß als verschiedene Modifikation unserer Organen zu

beweisen scheine so könnt ihr die Kraft dieses Beweises dadurch schwächen dass

ihr annehmt unser Körper sei nichts als die Fundamentalerscheinung worauf

als Bedingung sich in dem jetzigen Zustande im Leben das ganze Vermögen der

Sinnlichkeit und hiermit alles Denken bezieht Die Trennung vom Körper sei das

Ende dieses sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntniskraft und der Anfang des

intellektuellen Der Körper wäre also nicht die Ursache des Denkens sondern

eine bloße restringierende Bedingung desselben mithin zwar als Beförderung des

sinnlichen und animalischen aber desto mehr auch als Hindernis des reinen und

spirituellen Lebens anzusehen und die Abhängigkeit des ersteren von der

körperlichen Beschaffenheit bewiese nichts für die Abhängigkeit des ganzen

Lebens von dem Zustande unserer Organen Ihr könnt aber noch weiter gehen und

wohl gar neue entweder nicht aufgeworfene oder nicht weit genug getriebene

Zweifel ausfindig machen

    Die Zufälligkeit der Zeugungen die bei Menschen so wie beim vernunftlosen

Geschöpfe von der Gelegenheit überdem aber auch oft vom Unterhalte von der

Regierung deren Launen und Einfällen oft so gar vom Laster abhängt macht eine

große Schwierigkeit wider die Meinung der auf Ewigkeiten sich erstreckenden

Fortdauer eines Geschöpfs dessen Leben unter so unerheblichen und unserer

Freiheit so ganz und gar überlassenen Umständen zuerst angefangen hat Was die

Fortdauer der ganzen Gattung hier auf Erden betrifft so hat diese

Schwierigkeit in Ansehung derselben wenig auf sich weil der Zufall im einzelnen

nichts desto weniger einer Regel im ganzen unterworfen ist aber in Ansehung

eines jeden Individuum eine so mächtige Wirkung von so geringfügigen Ursachen zu

erwarten scheint allerdings bedenklich Hierwider könnt ihr aber eine

transzendentale Hypothese aufbieten dass alles Leben eigentlich nur intelligibel

sei den Zeitveränderungen gar nicht unterworfen und weder durch Geburt

angefangen habe noch durch den Tod geendigt werde Dass dieses Leben nichts als

eine bloße Erscheinung di eine sinnliche Vorstellung von dem reinen geistigen

Leben und die ganze Sinnenwelt ein bloßes Bild sei welches unserer jetzigen

Erkenntnisart vorschwebt und wie ein Traum an sich keine objektive Realität

habe dass wenn wir die Sachen und uns selbst anschauen sollen wie sie sind

wir uns in einer Welt geistiger Naturen sehen würden mit welcher unsere einzig

wahre Gemeinschaft weder durch Geburt angefangen habe noch durch den Leibestod

als bloße Erscheinungen aufhören werde usw

    Ob wir nun gleich von allem diesem was wir hier wider den Angriff

hypothetisch vorschützen nicht das mindeste wissen noch im Ernste behaupten

sondern alles nicht einmal Vernunftidee sondern bloß zur Gegenwehr ausgedachter

Begriff ist so verfahren wir doch hierbei ganz vernunftmäßig indem wir dem

Gegner welcher alle Möglichkeit erschöpft zu haben meint indem er den Mangel

ihrer empirischen Bedingungen für einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des

von uns Geglaubten fälschlich ausgibt nur zeigen dass er eben so wenig durch

bloße Erfahrungsgesetze das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst umspannen

als wir außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend etwas auf gegründete

Art erwerben können Der solche hypothetische Gegenmittel wider die Anmaßungen

des dreist verneinenden Gegners vorkehrt muss nicht dafür gehalten werden als

wolle er sie sich als seine wahre Meinungen eigen machen Er verlässt sie sobald

er den dogmatischen Eigendünkel des Gegners abgefertigt hat Denn so bescheiden

und gemäßigt es auch anzusehen ist wenn jemand sich in Ansehung fremder

Behauptungen bloß weigernd und verneinend verhält so ist doch jederzeit sobald

er diese seine Einwürfe als Beweise des Gegenteils geltend machen will der

Anspruch nicht weniger stolz und eingebildet als ob er die bejahende Partei und

deren Behauptung ergriffen hätte

    Man sieht also hieraus dass im spekulativen Gebrauche der Vernunft

Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur relativ

auf entgegengesetzte transzendente Anmaßungen haben Denn die Ausdehnung der

Prinzipien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit der Dinge überhaupt ist eben

sowohl transzendent als die Behauptung der objektiven Realität solcher

Begriffe welche ihre Gegenstände nirgend als außerhalb der Grenze aller

möglichen Erfahrung finden können Was reine Vernunft assertorisch urteilt muss

wie alles was Vernunft erkennt notwendig sein oder es ist gar nichts

Demnach enthält sie in der Tat gar keine Meinungen Die gedachten Hypothesen

aber sind nur problematische Urteile die wenigstens nicht widerlegt obgleich

freilich durch nichts bewiesen werden können und sind also keine

Privatmeinungen können aber doch nicht füglich selbst zur inneren Beruhigung

gegen sich regende Skrupel entbehrt werden In dieser Qualität aber muss man sie

erhalten und ja sorgfältig verhüten dass sie nicht als an sich selbst

beglaubigt und von einiger absoluten Gültigkeit auftreten und die Vernunft

unter Erdichtungen und Blendwerken ersäufen

 
 



                    



    Die Beweise transzendentaler und synthetischer Sätze haben das

Eigentümliche unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntnis a priori an

sich dass die Vernunft bei jenen vermittelst ihrer Begriffe sich nicht geradezu

an den Gegenstand wenden darf sondern zuvor die objektive Gültigkeit der

Begriffe und die Möglichkeit der Synthesis derselben a priori dartun muss Dieses

ist nicht etwa bloß eine nötige Regel der Behutsamkeit sondern betrifft das

Wesen und die Möglichkeit der Beweise selbst Wenn ich über den Begriff von

einem Gegenstande a priori hinausgehen soll so ist dieses ohne einen

besonderen und außerhalb diesem Begriffe befindlichen Leitfaden unmöglich In

der Mathematik ist es die Anschauung a priori die meine Synthesis leitet und

da können alle Schlüsse unmittelbar von der reinen Anschauung geführt werden Im

transzendentalen Erkenntnis so lange es bloß mit Begriffen des Verstandes zu

tun hat ist diese Richtschnur die mögliche Erfahrung Der Beweis zeigt nämlich

nicht dass der gegebene Begriff zB von dem was geschieht geradezu auf einen

anderen Begriff den einer Ursache führe denn dergleichen Übergang wäre ein

Sprung der sich gar nicht verantworten ließe sondern er zeigt dass die

Erfahrung selbst mithin das Objekt der Erfahrung ohne eine solche Verknüpfung

unmöglich wäre Also musste der Beweis zugleich die Möglichkeit anzeigen

synthetisch und a priori zu einer gewissen Erkenntnis von Dingen zu gelangen

die in dem Begriffe von ihnen nicht enthalten war Ohne diese Aufmerksamkeit

laufen die Beweise wie Wasser welche ihre Ufer durchbrechen wild und querfeld

ein dahin wo der Hang der verborgenen Assoziation sie zufälliger Weise

herleitet Der Schein der Überzeugung welcher auf subjektiven Ursachen der

Assoziation beruht und für die Einsicht einer natürlichen Affinität gehalten

wird kann der Bedenklichkeit gar nicht die Waage halten die sich billiger

maßen über dergleichen gewagte Schritte einfinden muss Daher sind auch alle

Versuche den Satz des zureichenden Grundes zu beweisen nach dem allgemeinen

Geständnisse der Kenner vergeblich gewesen und ehe die transzendentale Kritik

auftrat hat man lieber da man diesen Grundsatz doch nicht verlassen konnte

sich trotzig auf den gesunden Menschenverstand berufen eine Zuflucht die

jederzeit beweiset dass die Sache der Vernunft verzweifelt ist als neue

dogmatische Beweise versuchen wollen

    Ist aber der Satz über den ein Beweis geführt werden soll eine Behauptung

der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer Ideen über meine

Erfahrungsbegriffe hinausgehen so müsste derselbe noch vielmehr die

Rechtfertigung eines solchen Schrittes der Synthesis wenn er anders möglich

wäre als eine notwendige Bedingung seiner Beweiskraft in sich enthalten So

scheinbar daher auch der vermeintliche Beweis der einfachen Natur unserer

denkenden Substanz aus der Einheit der Apperzeption sein mag so steht ihm doch

die Bedenklichkeit unabweislich entgegen dass da die absolute Einfachheit doch

kein Begriff ist der unmittelbar auf eine Wahrnehmung bezogen werden kann

sondern als Idee bloß geschlossen werden muss gar nicht einzusehen ist wie mich

das bloße Bewusstsein welches in allem Denken enthalten ist oder wenigstens

sein kann ob es zwar so fern eine einfache Vorstellung ist zu dem Bewusstsein

und der Kenntnis eines Dinges überführen solle in welchem das Denken allein

enthalten sein kann Denn wenn ich mir die Kraft meines Körpers in Bewegung

vorstelle so ist er so fern für mich absolute Einheit und meine Vorstellung

von ihm ist einfach daher kann ich diese auch durch die Bewegung eines Punkts

ausdrücken weil sein Volumen hierbei nichts tut und ohne Verminderung der

Kraft so klein wie man will und also auch als in einem Punkt befindlich

gedacht werden kann Hieraus werde ich aber doch nicht schließen dass wenn mir

nichts als die bewegende Kraft eines Körpers gegeben ist der Körper als

einfache Substanz gedacht werden könne darum weil seine Vorstellung von aller

Größe des Raumesinhalts abstrahiert und also einfach ist Hierdurch nun dass das

Einfache in der Abstraktion vom Einfachen im Objekt ganz unterschieden ist und

dass das Ich welches im ersteren Verstande gar keine Mannigfaltigkeit in sich

fasst im zweiten da es die Seele selbst bedeutet ein sehr komplexer Begriff

sein kann nämlich sehr vieles unter sich zu enthalten und zu bezeichnen

entdecke ich einen Paralogismus Allein um diesen vorher zu ahnden denn ohne

eine solche vorläufige Vermutung würde man gar keinen Verdacht gegen den Beweis

fassen ist durchaus nötig ein immerwährendes Kriterium der Möglichkeit

solcher synthetischen Sätze die mehr beweisen sollen als Erfahrung geben kann

bei Hand zu haben welches darin besteht dass der Beweis nicht geradezu auf das

verlangte Prädikat sondern nur vermittelst eines Prinzips der Möglichkeit

unseren gegebenen Begriff a priori bis zu Ideen zu erweitern und diese zu

realisieren geführt werde Wenn diese Behutsamkeit immer gebraucht wird wenn

man ehe der Beweis noch versucht wird zuvor weislich bei sich zu Rate geht

wie und mit welchem Grunde der Hoffnung man wohl eine solche Erweiterung durch

reine Vernunft erwarten könne und woher man in dergleichen Falle diese

Einsichten die nicht aus Begriffen entwickelt und auch nicht in Beziehung auf

mögliche Erfahrung antizipiert werden können denn hernehmen wolle so kann man

sich viel schwere und dennoch fruchtlose Bemühungen ersparen indem man der

Vernunft nichts zumutet was offenbar über ihr Vermögen geht oder vielmehr sie

die bei Anwandlungen ihrer spekulativen Erweiterungssucht sich nicht gerne

einschränken lässt der Disziplin der Enthaltsamkeit unterwirft

    Die erste Regel ist also diese keine transzendentale Beweise zu versuchen

ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu haben woher man die

Grundsätze nehmen wolle auf welche man sie zu errichten gedenkt und mit

welchem Rechte man von ihnen den guten Erfolg der Schlüsse erwarten könne Sind

es Grundsätze des Verstandes zB der Kausalität so ist es umsonst

vermittelst ihrer zu Ideen der reinen Vernunft zu gelangen denn jene gelten nur

für Gegenstände möglicher Erfahrung Sollten es Grundsätze aus reiner Vernunft

sein so ist wiederum alle Mühe umsonst Denn die Vernunft hat deren zwar aber

als objektive Grundsätze sind sie insgesamt dialektisch und können allenfalls

nur wie regulative Prinzipien des systematisch zusammenhangenden

Erfahrungsgebrauchs gültig sein Sind aber dergleichen angebliche Beweise schon

vorhanden so setzet der trüglichen Überzeugung das non liquet eurer gereiften

Urteilskraft entgegen und ob ihr gleich das Blendwerk derselben noch nicht

durchdringen könnt so habt ihr doch völliges Recht die Deduktion der darin

gebrauchten Grundsätze zu verlangen welche wenn sie aus bloßer Vernunft

entsprungen sein sollen euch niemals geschafft werden kann Und so habt ihr

nicht einmal nötig euch mit der Entwickelung und Widerlegung eines jeden

grundlosen Scheins zu befassen sondern könnt alle an Kunstgriffen

unerschöpfliche Dialektik am Gerichtshofe einer kritischen Vernunft welche

Gesetze verlangt in ganzen Haufen auf einmal abweisen

    Die zweite Eigentümlichkeit transzendentaler Beweise ist diese dass zu jedem

transzendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden werden könne Soll ich

nicht aus Begriffen sondern aus der Anschauung die einem Begriffe

korrespondiert es sei nun eine reine Anschauung wie in der Mathematik, oder

empirische wie in der Naturwissenschaft schließen so gibt mir die zum Grunde

gelegte Anschauung mannigfaltigen Stoff zu synthetischen Sätzen welchen ich auf

mehr als eine Art verknüpfen und indem ich von mehr als einem Punkte ausgehen

darf durch verschiedene Wege zu demselben Satze gelangen kann

    Nun geht aber ein jeder transzendentaler Satz bloß von Einem Begriffe aus

und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des Gegenstandes nach diesem

Begriffe Der Beweisgrund kann also nur ein einziger sein weil außer diesem

Begriffe nichts weiter ist wodurch der Gegenstand bestimmt werden könnte der

Beweis also nichts weiter als die Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach

diesem Begriffe der auch nur ein einziger ist enthalten kann Wir hatten zB

in der transzendentalen Analytik den Grundsatz alles was geschieht hat eine

Ursache aus der einzigen Bedingung der objektiven Möglichkeit eines Begriffs

von dem was überhaupt geschieht gezogen dass die Bestimmung einer Begebenheit

in der Zeit mithin diese Begebenheit als zur Erfahrung gehörig ohne unter

einer solchen dynamischen Regel zu stehen unmöglich wäre Dieses ist nun auch

der einzigmögliche Beweisgrund denn dadurch nur dass dem Begriffe vermittelst

des Gesetzes der Kausalität ein Gegenstand bestimmt wird hat die vorgestellte

Begebenheit objektive Gültigkeit di Wahrheit Man hat zwar noch andere

Beweise von diesem Grundsatze zB aus der Zufälligkeit versucht allein wenn

dieser beim Lichte betrachtet wird so kann man kein Kennzeichen der

Zufälligkeit auffinden als das Geschehen di das Dasein vor welchem ein

Nichtsein des Gegenstandes vorhergeht und kommt also immer wiederum auf den

nämlichen Beweisgrund zurück Wenn der Satz bewiesen werden soll alles was

denkt ist einfach so hält man sich nicht bei dem Mannigfaltigen des Denkens

auf sondern beharret bloß bei dem Begriffe des Ich welcher einfach ist und

worauf alles Denken bezogen wird Eben so ist es mit dem transzendentalen

Beweise vom Dasein Gottes bewandt welcher lediglich auf der Reziprokabilität

der Begriffe vom realsten und notwendigen Wesen beruht und nirgend anders

gesucht werden kann

    Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der Vernunftbehauptungen sehr

ins Kleine gebracht Wo Vernunft ihr Geschäfte durch bloße Begriffe treibt da

ist nur ein einziger Beweis möglich wenn überall nur irgend einer möglich ist

Daher wenn man schon den Dogmatiker mit zehn Beweisen auftreten sieht da kann

man sicher glauben dass er gar keinen habe Denn hätte er einen der wie es in

Sachen der reinen Vernunft sein muss apodiktisch bewiese wozu bedürfte er der

übrigen Seine Absicht ist nur wie die von jenem Parlementsadvokaten das eine

Argument ist für diesen das andere für jenen nämlich um sich die Schwäche

seiner Richter zu Nutze zu machen die ohne sich tief einzulassen und um von

dem Geschäfte bald loszukommen das Erstebeste was ihnen eben auffällt

ergreifen und darnach entscheiden

    Die dritte eigentümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in Ansehung

transzendentaler Beweise einer Disziplin unterworfen wird ist dass ihre Beweise

niemals apagogisch sondern jederzeit ostensiv sein müssen Der direkte oder

ostensive Beweis ist in aller Art der Erkenntnis derjenige welcher mit der

Überzeugung von der Wahrheit zugleich Einsicht in die Quellen derselben

verbindet der apagogische dagegen kann zwar Gewissheit aber nicht

Begreiflichkeit der Wahrheit in Ansehung des Zusammenhanges mit den Gründen

ihrer Möglichkeit hervorbringen Daher sind die letzteren mehr eine Nothilfe

als ein Verfahren welches allen Absichten der Vernunft ein Genüge tut Doch

haben diese einen Vorzug der Evidenz vor den direkten Beweisen darin dass der

Widerspruch allemal mehr Klarheit in der Vorstellung bei sich führt als die

beste Verknüpfung und sich dadurch dem Anschaulichen einer Demonstration mehr

nähert

    Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in verschiedenen

Wissenschaften ist wohl diese Wenn die Gründe von denen eine gewisse

Erkenntnis abgeleitet werden soll zu mannigfaltig oder zu tief verborgen

liegen so versucht man ob sie nicht durch die Folgen zu erreichen sei Nun

wäre der modus ponens auf die Wahrheit einer Erkenntnis aus der Wahrheit ihrer

Folgen zu schließen nur alsdann erlaubt wenn alle mögliche Folgen daraus wahr

sind denn alsdann ist zu diesem nur ein einziger Grund möglich der also auch

der wahre ist Dieses Verfahren aber ist untunlich weil es über unsere Kräfte

geht alle mögliche Folgen von irgend einem angenommenen Satze einzusehen doch

bedient man sich dieser Art zu schließen obzwar freilich mit einer gewissen

Nachsicht wenn es darum zu tun ist um etwas bloß als Hypothese zu beweisen

indem man den Schluss nach der Analogie einräumt dass wenn so viele Folgen als

man nur immer versucht hat mit einem angenommenen Grunde wohl zusammenstimmen

alle übrige mögliche auch darauf einstimmen werden Um deswillen kann durch

diesen Weg niemals eine Hypothese in demonstrierte Wahrheit verwandelt werden

Der modus tollens der Vernunftschlüsse die von den Folgen auf die Gründe

schließen beweiset nicht allein ganz strenge sondern auch überaus leicht

Denn wenn auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden

kann so ist dieser Satz falsch Anstatt nun die ganze Reihe der Gründe in einem

ostensiven Beweise durchzulaufen die auf die Wahrheit einer Erkenntnis

vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre Möglichkeit führen kann darf

man nur unter den aus dem Gegenteil derselben fließenden Folgen eine einzige

falsch finden so ist dieses Gegenteil auch falsch mithin die Erkenntnis

welche man zu beweisen hatte wahr

    Die apagogische Beweisart kann aber nur in denen Wissenschaften erlaubt

sein wo es unmöglich ist das Subjektive unserer Vorstellungen dem Objektiven

nämlich der Erkenntnis desjenigen was am Gegenstande ist unterzuschieben Wo

dieses letztere aber herrschend ist da muss es sich häufig zutragen dass das

Gegenteil eines gewissen Satzes entweder bloß den subjektiven Bedingungen des

Denkens widerspricht aber nicht dem Gegenstande oder dass beide Sätze nur unter

einer subjektiven Bedingung die fälschlich für objektiv gehalten einander

widersprechen und da die Bedingung falsch ist alle beide falsch sein können

ohne dass von der Falschheit des einen auf die Wahrheit des andern geschlossen

werden kann

    In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich daher haben sie daselbst

auch ihren eigentlichen Platz In der Naturwissenschaft weil sich daselbst

alles auf empirische Anschauungen gründet kann jene Erschleichung durch viel

verglichene Beobachtungen zwar mehrenteils verhütet werden aber diese Beweisart

ist daselbst doch mehrenteils unerheblich Aber die transzendentalen Versuche

der reinen Vernunft werden insgesamt innerhalb dem eigentlichen Medium des

dialektischen Scheins angestellt di des Subjektiven welches sich der

Vernunft in ihren Prämissen als objektiv anbietet oder gar aufdringt Hier nun

kann es was synthetische Sätze betrifft gar nicht erlaubt werden seine

Behauptungen dadurch zu rechtfertigen dass man das Gegenteil widerlegt Denn

entweder diese Widerlegung ist nichts andres als die bloße Vorstellung des

Widerstreits der entgegengesetzten Meinung mit den subjektiven Bedingungen der

Begreiflichkeit durch unsere Vernunft welches gar nichts dazu tut um die Sache

selbst darum zu verwerfen so wie zB die unbedingte Notwendigkeit im Dasein

eines Wesens schlechterdings von uns nicht begriffen werden kann und sich daher

subjektiv jedem spekulativen Beweise eines notwendigen obersten Wesens mit

Recht der Möglichkeit eines solchen Urwesens aber an sich selbst mit Unrecht

widersetzt oder beide sowohl der behauptende als der verneinende Teil

legen durch den transzendentalen Schein betrogen einen unmöglichen Begriff vom

Gegenstande zum Grunde und da gilt die Regel non entis nulla sunt praedicata

di sowohl was man bejahend als was man verneinend von dem Gegenstande

behauptete ist beides unrichtig und man kann nicht apagogisch durch die

Widerlegung des Gegenteils zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen So zum

Beispiel wenn vorausgesetzt wird dass die Sinnenwelt an sich selbst ihrer

Totalität nach gegeben sei so ist es falsch dass sie entweder unendlich dem

Raume nach oder endlich und begrenzt sein müsse darum weil beides falsch ist

Denn Erscheinungen als bloße Vorstellungen die doch an sich selbst als

Objekte gegeben wären sind etwas Unmögliches und die Unendlichkeit dieses

eingebildeten Ganzen würde zwar unbedingt sein widerspräche aber weil alles an

Erscheinungen bedingt ist der unbedingten Größenbestimmung die doch im

Begriffe vorausgesetzt wird

    Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk womit die

Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler jederzeit

hingehalten worden sie ist gleichsam der Champion der die Ehre und das

unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch beweisen will dass er sich

mit jedermann zu raufen anheischig macht der es bezweifeln wollte obgleich

durch solche Großsprecherei nichts in der Sache sondern nur der respektive

Stärke der Gegner ausgemacht wird und zwar auch nur auf der Seite desjenigen

der sich angreifend verhält Die Zuschauer indem sie sehen dass ein jeder in

seiner Reihe bald Sieger ist bald unterliegt nehmen oftmals daraus Anlass das

Objekt des Streits selbst skeptisch zu bezweifeln Aber sie haben nicht Ursache

dazu und es ist genug ihnen zuzurufen non defensoribus istis tempus eget Ein

jeder muss seine Sache vermittelst eines durch transzendentale Deduktion der

Beweisgründe geführten rechtlichen Beweises di direkt führen damit man

sehe was seine Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben Denn fußet

sich sein Gegner auf subjektive Gründe so ist er freilich leicht zu widerlegen

aber ohne Vorteil für den Dogmatiker der gemeiniglich eben so den subjektiven

Ursachen des Urteils anhängt und gleichergestalt von seinem Gegner in die Enge

getrieben werden kann Verfahren aber beide Teile bloß direkt so werden sie

entweder die Schwierigkeit ja Unmöglichkeit den Titel ihrer Behauptungen

auszufinden von selbst bemerken und sich zuletzt nur auf Verjährung berufen

können oder die Kritik wird den dogmatischen Schein leicht entdecken und die

reine Vernunft nötigen ihre zu hochgetriebene Anmaßungen im spekulativen

Gebrauch aufzugeben und sich innerhalb die Grenzen ihres eigentümlichen Bodens

nämlich praktischer Grundsätze zurückzuziehen

 
 



             



    Es ist demütigend für die menschliche Vernunft dass sie in ihrem reinen

Gebrauche nichts ausrichtet und sogar noch einer Disziplin bedarf um ihre

Ausschweifungen zu bändigen und die Blendwerke die ihr daher kommen zu

verhüten Allein andererseits erhebt es sie wiederum und gibt ihr ein Zutrauen

zu sich selbst dass sie diese Disziplin selbst ausüben kann und muss ohne eine

andere Zensur über sich zu gestatten imgleichen dass die Grenzen die sie ihrem

spekulativen Gebrauche zu setzen genötigt ist zugleich die vernünftelnde

Anmaßungen jedes Gegners einschränken und mithin alles was ihr noch von ihren

vorher übertriebenen Forderungen übrig bleiben möchte gegen alle Angriffe sicher

stellen könne Der größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der

reinen Vernunft ist also wohl nur negativ da sie nämlich nicht als Organen

zur Erweiterung sondern als Disziplin zur Grenzbestimmung dient und anstatt

Wahrheit zu entdecken nur das stille Verdienst hat Irrtümer zu verhüten

    Indessen muss es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen geben

welche ins Gebiete der reinen Vernunft gehören und die vielleicht nur durch

Missverstand zu Irrtümern Anlass geben in der Tat aber das Ziel der Beeiferung

der Vernunft ausmachen Denn welcher Ursache sollte sonst wohl die nicht zu

dämpfende Begierde durchaus über die Grenze der Erfahrung hinaus irgendwo

festen Fuß zu fassen zuzuschreiben sein Sie ahndet Gegenstände die ein großes

Interesse für sie bei sich führen Sie tritt den Weg der bloßen Spekulation an

um sich ihnen zu nähern aber diese fliehen vor sie Vermutlich wird auf dem

einzigen Wege der ihr noch übrig ist nämlich dem des praktischen Gebrauchs

besseres Glück für sie zu hoffen sein

    Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori des

richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnisvermögen überhaupt So ist die allgemeine

Logik in ihrem analytischen Teile ein Kanon für Verstand und Vernunft überhaupt

aber nur der Form nach denn sie abstrahiert von allem Inhalte So war die

transzendentale Analytik der Kanon des reinen Verstandes denn der ist allein

wahrer synthetischer Erkenntnisse a priori fähig Wo aber kein richtiger

Gebrauch einer Erkenntniskraft möglich ist da gibt es keinen Kanon Nun ist

alle synthetische Erkenntnis der reinen Vernunft in ihrem spekulativen

Gebrauche nach allen bisher geführten Beweisen gänzlich unmöglich Also gibt

es gar keinen Kanon des spekulativen Gebrauchs derselben denn dieser ist durch

und durch dialektisch sondern alle transzendentale Logik ist in dieser Absicht

nichts als Disziplin Folglich wenn es überall einen richtigen Gebrauch der

reinen Vernunft gibt in welchem Fall es auch einen Kanon derselben geben muss

so wird dieser nicht den spekulativen sondern den praktischen Vernunftgebrauch

betreffen den wir also jetzt untersuchen wollen

 
 



                



    Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben über den

Erfahrungsgebrauch hinaus zu gehen sich in einem reinen Gebrauche und

vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis hinaus zu

wagen und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises in einem für sich

bestehenden systematischen Ganzen Ruhe zu finden Ist nun diese Bestrebung bloß

auf ihr spekulatives oder vielmehr einzig und allein auf ihr praktisches

Interesse gegründet

    Ich will das Glück welches die reine Vernunft in spekulativer Absicht

macht jetzt bei Seite setzen und frage nur nach denen Aufgaben deren

Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht sie mag diesen nun erreichen oder nicht

und in Ansehung dessen alle andere bloß den Wert der Mittel haben Diese höchste

Zwecke werden nach der Natur der Vernunft wiederum Einheit haben müssen um

dasjenige Interesse der Menschheit welches keinem höheren untergeordnet ist

vereinigt zu befördern

    Die Endabsicht worauf die Spekulation der Vernunft im transzendentalen

Gebrauche zuletzt hinausläuft betrifft drei Gegenstände die Freiheit des

Willens die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes In Ansehung aller

dreien ist das bloß spekulative Interesse der Vernunft nur sehr gering und in

Absicht auf dasselbe würde wohl schwerlich eine ermüdende mit unaufhörlichen

Hindernissen ringende Arbeit transz Nachforschung übernommen werden weil man

von allen Entdeckungen die hierüber zu machen sein möchten doch keinen

Gebrauch machen kann der in concreto di in der Naturforschung seinen Nutzen

bewiese Der Wille mag auch frei sein so kann dieses doch nur die intelligible

Ursache unseres Wollens angehen Denn was die Phänomene der Äußerungen

desselben di die Handlungen betrifft so müssen wir nach einer

unverletzlichen Grundmaxime ohne welche wir keine Vernunft in empirischem

Gebrauche ausüben können sie niemals anders als alle übrige Erscheinungen der

Natur nämlich nach unwandelbaren Gesetzen derselben erklären Es mag zweitens

auch die geistige Natur der Seele und mit derselben ihre Unsterblichkeit

eingesehen werden können so kann darauf doch weder in Ansehung der

Erscheinungen dieses Lebens als einen Erklärungsgrund noch auf die besondere

Beschaffenheit des künftigen Zustandes Rechnung gemacht werden weil unser

Begriff einer unkörperlichen Natur bloß negativ ist und unsere Erkenntnis nicht

im mindesten erweitert noch einigen tauglichen Stoff zu Folgerungen darbietet

als etwa zu solchen die nur für Erdichtungen gelten können die aber von der

Philosophie nicht gestattet werden Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten

Intelligenz bewiesen wäre so würden wir uns zwar daraus das Zweckmäßige in der

Welteinrichtung und Ordnung im allgemeinen begreiflich machen keineswegs aber

befugt sein irgend eine besondere Anstalt und Ordnung daraus abzuleiten oder

wo sie nicht wahrgenommen wird darauf kühnlich zu schließen indem es eine

notwendige Regel des spekulativen Gebrauchs der Vernunft ist Naturursachen

nicht vorbeizugehen und das wovon wir uns durch Erfahrung belehren können

aufzugeben um etwas was wir kennen von demjenigen abzuleiten was alle unsere

Kenntnis gänzlich übersteigt Mit einem Worte diese drei Sätze bleiben für die

spekulative Vernunft jederzeit transzendent und haben gar keinen immanenten

di für Gegenstände der Erfahrung zulässigen mithin für uns auf einige Art

nützlichen Gebrauch sondern sind an sich betrachtet ganz müßige und dabei noch

äußerst schwere Anstrengungen unserer Vernunft

    Wenn demnach diese drei Kardinalsätze uns zum Wissen gar nicht nötig sind

und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen werden so wird ihre

Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische angehen müssen

    Praktisch ist alles was durch Freiheit möglich ist Wenn die Bedingungen

der Ausübung unserer freien Willkür aber empirisch sind so kann die Vernunft

dabei keinen anderen als regulativen Gebrauch haben und nur die Einheit

empirischer Gesetze zu bewirken dienen wie zB in der Lehre der Klugheit die

Vereinigung aller Zwecke die uns von unseren Neigungen aufgegeben sind in den

einigen die Glückseligkeit und die Zusammenstimmung der Mittel um dazu zu

gelangen das ganze Geschäfte der Vernunft ausmacht die um deswillen keine

andere als pragmatische Gesetze des freien Verhaltens zu Erreichung der uns von

den Sinnen empfohlenen Zwecke und also keine reine Gesetze völlig a priori

bestimmt liefern kann Dagegen würden reine praktische Gesetze deren Zweck

durch die Vernunft völlig a priori gegeben ist und die nicht empirisch bedingt

sondern schlechthin gebieten Produkte der reinen Vernunft sein Dergleichen

aber sind die moralischen Gesetze mithin gehören diese allein zum praktischen

Gebrauche der reinen Vernunft, und erlauben einen Kanon

    Die ganze Zurüstung also der Vernunft in der Bearbeitung die man reine

Philosophie nennen kann ist in der Tat nur auf die drei gedachten Probleme

gerichtet Diese selber aber haben wiederum ihre entferntere Absicht nämlich

was zu tun sei wenn der Wille frei wenn ein Gott und eine künftige Welt ist

Da dieses nun unser Verhalten in Beziehung auf den höchsten Zweck betrifft so

ist die letzte Absicht der weislich uns versorgenden Natur bei der Einrichtung

unserer Vernunft eigentlich nur aufs Moralische gestellt

    Es ist aber Behutsamkeit nötig um da wir unser Augenmerk auf einen

Gegenstand werfen der der transzendentalen Philosophie fremd72 ist nicht in

Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu verletzen andererseits

auch um indem man von seinem neuen Stoffe zu wenig sagt es an Deutlichkeit

oder Überzeugung nicht fehlen zu lassen Ich hoffe beides dadurch zu leisten

dass ich mich so nahe als möglich am Transzendentalen halte und das was etwa

hierbei psychologisch di empirisch sein möchte gänzlich bei Seite setze

    Und da ist denn zuerst anzumerken dass ich mich vor jetzt des Begriffs der

Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde und den in

transzendentaler Bedeutung welcher nicht als ein Erklärungsgrund der

Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann sondern selbst ein Problem

für die Vernunft ist hier als oben abgetan bei Seite setze Eine Willkür

nämlich ist bloß tierisch arbitrium brutum die nicht anders als durch

sinnliche Antriebe di pathologisch bestimmt werden kann Diejenige aber

welche unabhängig von sinnlichen Antrieben mithin durch Bewegursachen welche

nur von der Vernunft vorgestellt werden bestimmet werden kann heißt die freie

Willkür arbitrium liberum und alles was mit dieser es sei als Grund oder

Folge zusammenhängt wird praktisch genannt Die praktische Freiheit kann durch

Erfahrung bewiesen werden Denn nicht bloß das was reizt di die Sinne

unmittelbar affiziert bestimmt die menschliche Willkür sondern wir haben ein

Vermögen durch Vorstellungen von dem was selbst auf entferntere Art nützlich

oder schädlich ist die Eindrücke auf unser sinnliches Begehrungsvermögen zu

überwinden diese Überlegungen aber von dem was in Ansehung unseres ganzen

Zustandes begehrungswert di gut und nützlich ist beruhen auf der Vernunft

Diese gibt daher auch Gesetze welche Imperativen di objektive Gesetze der

Freiheit sind und welche sagen was geschehen soll ob es gleich vielleicht nie

geschieht und sich darin von Naturgesetzen die nur von dem handeln was

geschieht unterscheiden weshalb sie auch praktische Gesetze genannt werden

    Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen dadurch sie Gesetze

vorschreibt nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei und das

was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt in Ansehung höherer und

entfernterer wirkenden Ursachen nicht wiederum Natur sein möge das geht uns im

Praktischen da wir nur die Vernunft um die Vorschrift des Verhaltens zunächst

befragen nichts an sondern ist eine bloß spekulative Frage die wir so lange

als unsere Absicht aufs Tun oder Lassen gerichtet ist bei Seite setzen können

Wir erkennen also die praktische Freiheit durch Erfahrung als eine von den

Naturursachen nämlich eine Kausalität der Vernunft in Bestimmung des Willens

indessen dass die transzendentale Freiheit eine Unabhängigkeit dieser Vernunft

selbst in Ansehung ihrer Kausalität eine Reihe von Erscheinungen anzufangen

von allen bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt fordert und so fern dem

Naturgesetze mithin aller möglichen Erfahrung zuwider zu sein scheint und

also ein Problem bleibt Allein für die Vernunft im praktischen Gebrauche gehört

dieses Problem nicht also haben wir es in einem Kanon der reinen Vernunft nur

mit zwei Fragen zu tun die das praktische Interesse der reinen Vernunft

angehen und in Ansehung deren ein Kanon ihres Gebrauchs möglich sein muss

nämlich ist ein Gott ist ein künftiges Leben Die Frage wegen der

transzendentalen Freiheit betrifft bloß das spekulative Wissen welche wir als

ganz gleichgültig bei Seite setzen können wenn es um das Praktische zu tun ist

und worüber in der Antinomie der reinen Vernunft schon hinreichende Erörterung

zu finden ist

 
 






    Die Vernunft führte uns in ihrem spekulativen Gebrauche durch das Feld der

Erfahrungen und weil daselbst für sie niemals völlige Befriedigung anzutreffen

ist von da zu spekulativen Ideen die uns aber am Ende wiederum auf Erfahrung

zurückführten und also ihre Absicht auf eine zwar nützliche aber unserer

Erwartung gar nicht gemäße Art erfüllten Nun bleibt uns noch ein Versuch

übrig ob nämlich auch reine Vernunft im praktischen Gebrauche anzutreffen sei

ob sie in demselben zu den Ideen führe welche die höchsten Zwecke der reinen

Vernunft, die wir eben angeführt haben erreichen und diese also aus dem

Gesichtspunkte ihres praktischen Interesse nicht dasjenige gewähren könne was

sie uns in Ansehung des spekulativen ganz und gar abschlägt

    Alles Interesse meiner Vernunft das spekulative sowohl als das praktische

vereinigt sich in folgenden drei Fragen

    1 Was kann ich wissen

    2 Was soll ich tun

    3 Was darf ich hoffen

Die erste Frage ist bloß spekulativ Wir haben wie ich mir schmeichele alle

mögliche Beantwortungen derselben erschöpft und endlich diejenige gefunden mit

welcher sich die Vernunft zwar befriedigen muss und wenn sie nicht aufs

Praktische sieht auch Ursache hat zufrieden zu sein sind aber von den zwei

großen Zwecken worauf diese ganze Bestrebung der reinen Vernunft eigentlich

gerichtet war eben so weit entfernet geblieben als ob wir uns aus

Gemächlichkeit dieser Arbeit gleich anfangs verweigert hätten Wenn es also um

Wissen zu tun istso ist wenigstens so viel sicher und ausgemacht dass uns

dieses in Ansehung jener zwei Aufgaben niemals zu Teil werden könne

Die zweite Frage ist bloß praktisch Sie kann als eine solche zwar der reinen

Vernunft angehören ist aber alsdann doch nicht transzendental sondern

moralisch mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht beschäftigen

Die dritte Frage nämlich wenn ich nun tue was ich soll was darf ich alsdann

hoffen ist praktisch und theoretisch zugleich so dass das Praktische nur als

ein Leitfaden zu Beantwortung der theoretischen und wenn diese hoch geht

spekulativen Frage führet Denn alles Hoffen geht auf Glückseligkeit und ist in

Absicht auf das Praktische und das Sittengesetz eben dasselbe was das Wissen

und das Naturgesetz in Ansehung der theoretischen Erkenntnis der Dinge ist

Jenes läuft zuletzt auf den Schluss hinaus dass etwas sei was den letzten

möglichen Zweck bestimmt weil etwas geschehen soll dieses dass etwas sei was

als oberste Ursache wirkt weil etwas geschieht

Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen so wohl extensive

der Mannigfaltigkeit derselben als intensive dem Grade und auch protensive

der Dauer nach Das praktische Gesetz aus dem Bewegungsgrunde der

Glückseligkeit nenne ich pragmatisch Klugheitsregel dasjenige aber wofern

ein solches ist das zum Bewegungsgrunde nichts anderes hat als die Würdigkeit

glücklich zu sein moralisch Sittengesetz Das erstere rät was zu tun sei

wenn wir der Glückseligkeit wollen teilhaftig das zweite gebietet wie wir uns

verhalten sollen um nur der Glückseligkeit würdig zu werden Das erstere

gründet sich auf empirische Prinzipien denn anders als vermittelst der

Erfahrung kann ich weder wissen welche Neigungen dasind die befriedigt werden

wollen noch welches die Naturursachen sind die ihre Befriedigung bewirken

können Das zweite abstrahiert von Neigungen und Naturmitteln sie zu

befriedigen und betrachtet nur die Freiheit eines vernünftigen Wesens

überhaupt und die notwendigen Bedingungen unter denen sie allein mit der

Austeilung der Glückseligkeit nach Prinzipien zusammenstimmt und kann also

wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen und a priori erkannt

werden

Ich nehme an dass es wirklich reine moralische Gesetze gebe die völlig a priori

ohne Rücksicht auf empirische Bewegunsgründe di Glückseligkeit das Tun und

Lassen di den Gebrauch der Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt

bestimmen und dass diese Gesetze schlechterdings nicht bloß hypothetisch unter

Voraussetzung anderer empirischen Zwecke gebieten und also in aller Absicht

notwendig sein Diesen Satz kann ich mit Recht voraussetzen nicht allein indem

ich mich auf die Beweise der aufgeklärtesten Moralisten sondern auf das

sittliche Urteil eines jeden Menschen berufe wenn er sich ein dergleichen

Gesetz deutlich denken will

Die reine Vernunft enthält also zwar nicht in ihrem spekulativen aber doch in

einem gewissen praktischen nämlich dem moralischen Gebrauche Prinzipien der

Möglichkeit der Erfahrung nämlich solcher Handlungen die den sittlichen

Vorschriften gemäß in der Geschichte des Menschen anzutreffen sein könnten

Denn da sie gebietet dass solche geschehen sollen so müssen sie auch geschehen

können und es muss also eine besondere Art von systematischer Einheit nämlich

die moralische möglich sein indessen dass die systematische Natureinheit nach

spekulativen Prinzipien der Vernunft nicht bewiesen werden konnte weil die

Vernunft zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt aber nicht in Ansehung der

gesamten Natur Kausalität hat und moralische Vernunftprinzipien zwar freie

Handlungen aber nicht Naturgesetze hervorbringen können Demnach haben die

Prinzipien der reinen Vernunft, in ihrem praktischen namentlich aber dem

moralischen Gebrauche objektive Realität

Ich nenne die Welt so fern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre wie sie es

denn nach der Freiheit der vernünftigen Wesen sein kann und nach den

notwendigen Gesetzen der Sittlichkeit sein soll eine moralische Welt Diese

wird so fern bloß als intelligible Welt gedacht weil darin von allen

Bedingungen Zwecken und selbst von allen Hindernissen der Moralität in

derselben Schwäche oder Unlauterkeit der menschlichen Natur abstrahiert wird

So fern ist sie also eine bloße aber doch praktische Idee die wirklich ihren

Einfluss auf die Sinnenwelt haben kann und soll um sie dieser Idee so viel als

möglich gemäß zu machen Die Idee einer moralischen Welt hat daher objektive

Realität nicht als wenn sie auf einen Gegenstand einer intelligiblen

Anschauung ginge dergleichen wir uns gar nicht denken können sondern auf die

Sinnenwelt aber als einen Gegenstand der reinen Vernunft in ihrem praktischen

Gebrauche und ein corpus mysticum der vernünftigen Wesen in ihr so fern deren

freie Willkür unter moralischen Gesetzen sowohl mit sich selbst als mit jedes

anderen Freiheit durchgängige systematische Einheit an sich hat

Das war die Beantwortung der ersten von denen zwei Fragen der reinen Vernunft,

die das praktische Interesse betrafen Tue das wodurch du würdig wirst

glücklich zu sein Die zweite fragt nun wie wenn ich mich nun so verhalte dass

ich der Glückseligkeit nicht unwürdig sei darf ich auch hoffen ihrer dadurch

teilhaftig werden zu können Es kommt bei der Beantwortung derselben darauf an

ob die Prinzipien der reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben

auch diese Hoffnung notwendigerweise damit verknüpfen

Ich sage demnach dass eben sowohl als die moralischen Prinzipien nach der

Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche notwendig sind eben so notwendig sei es

auch nach der Vernunft in ihrem theoretischen Gebrauch anzunehmen dass

jedermann die Glückseligkeit in demselben Maße zu hoffen Ursache habe als er

sich derselben in seinem Verhalten würdig gemacht hat und dass also das System

der Sittlichkeit mit dem der Glückseligkeit unzertrennlich aber nur in der Idee

der reinen Vernunft verbunden sei

Nun lässt sich in einer intelligiblen di der moralischen Welt in deren

Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit der Neigungen

abstrahieren ein solches System der mit der Moralität verbundenen

proportionierten Glückseligkeit auch als notwendig denken weil die durch

sittliche Gesetze teils bewegte teils restringierte Freiheit selbst die Ursache

der allgemeinen Glückseligkeit die vernünftigen Wesen also selbst unter der

Leitung solcher Prinzipien Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer

dauerhaften Wohlfahrt sein würden Aber dieses System der sich selbst lohnenden

Moralität ist nur eine Idee deren Ausführung auf der Bedingung beruht dass

jedermann tue was er soll di alle Handlungen vernünftiger Wesen so

geschehen als ob sie aus einem obersten Willen der alle Privatwillkür in sich

oder unter sich befasst entsprängen Da aber die Verbindlichkeit aus dem

moralischen Gesetze für jedes besonderen Gebrauch der Freiheit gültig bleibt

wenn gleich andere diesem Gesetze sich nicht gemäß verhielten so ist weder aus

der Natur der Dinge der Welt noch der Kausalität der Handlungen selbst und

ihrem Verhältnisse zur Sittlichkeit bestimmt wie sich ihre Folgen zur

Glückseligkeit verhalten werden und die angeführte notwendige Verknüpfung der

Hoffnung glücklich zu sein mit dem unablässigen Bestreben sich der

Glückseligkeit würdig zu machen kann durch die Vernunft nicht erkannt werden

wenn man bloß Natur zum Grunde legt sondern darf nur gehofft werden wenn eine

höchste Vernunft die nach moralischen Gesetzen gebietet zugleich als Ursache

der Natur zum Grunde gelegt wird

Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz in welcher der moralisch

vollkommenste Wille mit der höchsten Seligkeit verbunden die Ursache aller

Glückseligkeit in der Welt ist so fern sie mit der Sittlichkeit als der

Würdigkeit glücklich zu sein in genauem Verhältnisse steht das Ideal des

höchsten Guts Also kann die reine Vernunft nur in dem Ideal des höchsten

ursprünglichen Guts den Grund der praktisch notwendigen Verknüpfung beider

Elemente des höchsten abgeleiteten Guts nämlich einer intelligiblen di

moralischen Welt antreffen Da wir uns nun notwendiger Weise durch die

Vernunft als zu einer solchen Welt gehörig vorstellen müssen obgleich die

Sinne uns nichts als eine Welt von Erscheinungen darstellen so werden wir jene

als eine Folge unseres Verhaltens in der Sinnenwelt da uns diese eine solche

Verknüpfung nicht darbietet als eine für uns künftige Welt annehmen müssen

Gott also und ein künftiges Leben sind zwei von der Verbindlichkeit die uns

reine Vernunft auferlegt nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu

trennende Voraussetzungen

Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus aber nicht die

Glückseligkeit außer so fern sie der Moralität genau angemessen ausgeteilt

ist Dieses aber ist nur möglich in der intelligiblen Welt unter einem weisen

Urheber und Regierer Einen solchen samt dem Leben in einer solchen Welt die

wir als eine künftige ansehen müssen sieht sich die Vernunft genötigt

anzunehmen oder die moralischen Gesetze als leere Hirngespinste anzusehen weil

der notwendige Erfolg derselben den dieselbe Vernunft mit ihnen verknüpft ohne

jene Voraussetzung wegfallen müsste Daher auch jedermann die moralischen Gesetze

als Gebote ansieht welches sie aber nicht sein könnten wenn sie nicht a priori

angemessene Folgen mit ihrer Regel verknüpften und also Verheißungen und

Drohungen bei sich führten Dieses können sie aber auch nicht tun wo sie nicht

in einem notwendigen Wesen als dem höchsten Gut liegen welches eine solche

zweckmäßige Einheit allein möglich machen kann

Leibniz nannte die Welt so fern man darin nur auf die vernünftigen Wesen und

ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen und der Regierung des höchsten Guts

Acht hat das Reich der Gnaden und unterschied es vom Reiche der Natur da sie

zwar unter moralischen Gesetzen stehen aber keine andere Erfolge ihres

Verhaltens erwarten als nach dem Laufe der Natur unserer Sinnenwelt Sich also

im Reiche der Gnaden zu sehen wo alle Glückseligkeit auf uns wartet außer so

fern wir unsern Anteil an derselben durch die Unwürdigkeit glücklich zu sein

nicht selbst einschränken ist eine praktisch notwendige Idee der Vernunft

Praktische Gesetze so fern sie zugleich subjektive Gründe der Handlungen di

subjektive Grundsätze werden heißen Maximen Die Beurteilung der Sittlichkeit

ihrer Reinigkeit und Folgen nach geschieht nach Ideen die Befolgung ihrer

Gesetze nach Maximen

Es ist notwendig dass unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen untergeordnet

werde es ist aber zugleich unmöglich dass dieses geschehe wenn die Vernunft

nicht mit dem moralischen Gesetze welches eine bloße Idee ist eine wirkende

Ursache verknüpft welche dem Verhalten nach demselben einen unseren höchsten

Zwecken genau entsprechenden Ausgang es sei in diesem oder einem anderen

Leben bestimmt Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare

aber gehoffte Welt sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände

des Beifalls und der Bewunderung aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der

Ausübung weil sie nicht den ganzen Zweck der einem jeden vernünftigen Wesen

natürlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt und notwendig

ist erfüllen

Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das vollständige

Gut Sie billigt solche nicht so sehr als auch Neigung dieselbe wünschen mag

wofern sie nicht mit der Würdigkeit glücklich zu sein di dem sittlichen

Wohlverhalten vereinigt ist Sittlichkeit allein und mit ihr die bloße

Würdigkeit glücklich zu sein ist aber auch noch lange nicht das vollständige

Gut Um dieses zu vollenden muss der so sich als der Glückseligkeit nicht

unwert verhalten hatte hoffen können ihrer teilhaftig zu werden Selbst die

von aller Privatabsicht freie Vernunft wenn sie ohne dabei ein eigenes

Interesse in Betracht zu ziehen sich in die Stelle eines Wesens setzte das

alle Glückseligkeit andern auszuteilen hätte kann nicht anders urteilen denn

in der praktischen Idee sind beide Stücke wesentlich verbunden obzwar so dass

die moralische Gesinnung als Bedingung den Anteil an Glückseligkeit und nicht

umgekehrt die Aussicht auf Glückseligkeit die moralische Gesinnung zuerst

möglich mache Denn im letzteren Falle wäre sie nicht moralisch und also auch

nicht der ganzen Glückseligkeit würdig die vor der Vernunft keine andere

Einschränkung erkennt als die welche von unserem eigenen unsittlichen

Verhalten herrührt

Glückseligkeit also in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der

vernünftigen Wesen dadurch sie derselben würdig sein macht allein das höchste

Gut einer Welt aus darin wir uns nach den Vorschriften der reinen aber

praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen und welche freilich nur eine

intelligible Welt ist da die Sinnenwelt uns von der Natur der Dinge

dergleichen systematische Einheit der Zwecke nicht verheißt deren Realität auch

auf nichts andres gegründet werden kann als auf die Voraussetzung eines

höchsten ursprünglichen Guts da selbständige Vernunft mit aller Zulänglichkeit

einer obersten Ursache ausgerüstet nach der vollkommensten Zweckmäßigkeit die

allgemeine obgleich in der Sinnenwelt uns sehr verborgene Ordnung der Dinge

gründet erhält und vollführet

Diese Moraltheologie hat nun den eigentümlichen Vorzug vor der spekulativen dass

sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen allervollkommensten und

vernünftigen Urwesens führet worauf uns spekulative Theologie nicht einmal aus

objektiven Gründen hinweiset geschweige uns davon überzeugen konnte Denn wir

finden weder in der transzendentalen noch natürlichen Theologie so weit uns

auch Vernunft darin führen mag einigen bedeutenden Grund nur ein einiges Wesen

anzunehmen welches wir allen Naturursachen vorsetzen und von dem wir zugleich

diese in allen Stücken abhängend zu machen hinreichende Ursache hätten Dagegen

wenn wir aus dem Gesichtspunkte der sittlichen Einheit als einem notwendigen

Weltgesetze die Ursache erwägen die diesem allein den angemessenen Effekt

mithin auch für uns verbindende Kraft geben kann so muss es ein einiger oberster

Wille sein der alle diese Gesetze in sich befasst Denn wie wollten wir unter

verschiedenen Willen vollkommene Einheit der Zwecke finden Dieser Wille muss

allgewaltig sein damit die ganze Natur und deren Beziehung auf Sittlichkeit in

der Welt ihm unterworfen sei allwissend damit er das Innerste der Gesinnungen

und deren moralischen Wert erkenne allgegenwärtig damit er unmittelbar allem

Bedürfnisse welches das höchste Weltbeste erfordert nahe sei ewig damit in

keiner Zeit diese Übereinstimmung der Natur und Freiheit ermangele usw

Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der Intelligenzen

welche obzwar als bloße Natur nur Sinnenwelt als ein System der Freiheit

aber intelligible di moralische Welt regnum gratiae genannt werden kann

führet unausbleiblich auch auf die zweckmäßige Einheit aller Dinge die dieses

große Ganze ausmachen nach allgemeinen Naturgesetzen so wie die erstere nach

allgemeinen und notwendigen Sittengesetzen und vereinigt die praktische

Vernunft mit der spekulativen Die Welt muss als aus einer Idee entsprungen

vorgestellt werden wenn sie mit demjenigen Vernunftgebrauch ohne welchen wir

uns selbst der Vernunft unwürdig halten würden nämlich dem moralischen als

welcher durchaus auf der Idee des höchsten Guts beruht zusammenstimmen soll

Dadurch bekommt alle Naturforschung eine Richtung nach der Form eines Systems

der Zwecke und wird in ihrer höchsten Ausbreitung Physikotheologie Diese aber

da sie doch von sittlicher Ordnung als einer in dem Wesen der Freiheit

gegründeten und nicht durch äußere Gebote zufällig gestifteten Einheit anhob

bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe die a priori mit der inneren

Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft sein müssen und dadurch auf eine

transzendentale Theologie die sich das Ideal der höchsten ontologischen

Vollkommenheit zu einem Prinzip der systematischen Einheit nimmt welches nach

allgemeinen und notwendigen Naturgesetzen alle Dinge verknüpft weil sie alle in

der absoluten Notwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben

Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande machen selbst in

Ansehung der Erfahrung wenn wir uns nicht Zwecke vorsetzen Die höchsten Zwecke

aber sind die der Moralität und diese kann uns nur reine Vernunft zu erkennen

geben Mit diesen nun versehen und an dem Leitfaden derselben können wir von

der Kenntnis der Natur selbst keinen zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der

Erkenntnis machen wo die Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat

denn ohne diese hätten wir sogar selbst keine Vernunft weil wir keine Schule

für dieselbe haben würden und keine Kultur durch Gegenstände welche den Stoff

zu solchen Begriffen darböten Jene zweckmäßige Einheit ist aber notwendig und

in dem Wesen der Willkür selbst gegründet diese also welche die Bedingung der

Anwendung derselben in concreto enthält muss es auch sein und so würde die

transzendentale Steigerung unserer Vernunfterkenntnis nicht die Ursache sondern

bloß die Wirkung von der praktischen Zweckmäßigkeit sein die uns die reine

Vernunft auferlegt

Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft dass ehe die

moralischen Begriffe genugsam gereinigt bestimmt und die systematische Einheit

der Zwecke nach denselben und zwar aus notwendigen Prinzipien eingesehen waren

die Kenntnis der Natur und selbst ein ansehnlicher Grad der Kultur der Vernunft

in manchen anderen Wissenschaften teils nur rohe und umherschweifende Begriffe

von der Gottheit hervorbringen konnte teils eine zu bewundernde

Gleichgültigkeit überhaupt in Ansehung dieser Frage übrig ließ Eine größere

Bearbeitung sittlicher Ideen die durch das äußerst reine Sittengesetz unserer

Religion notwendig gemacht wurde schärfte die Vernunft auf den Gegenstand

durch das Interesse das sie an demselben zu nehmen nötigte und ohne dass weder

erweiterte Naturkenntnisse noch richtige und zuverlässige transzendentale

Einsichten dergleichen zu aller Zeit gemangelt haben dazu beitrugen brachten

sie einen Begriff vom göttlichen Wesen zu Stande den wir jetzt für den

richtigen halten nicht weil uns spekulative Vernunft von dessen Richtigkeit

überzeugt sondern weil er mit den moralischen Vernunftprinzipien vollkommen

zusammenstimmt Und so hat am Ende doch immer nur reine Vernunft aber nur in

ihrem praktischen Gebrauche das Verdienst ein Erkenntnis das die bloße

Spekulation nur wähnen aber nicht geltend machen kann an unser höchstes

Interesse zu knüpfen und dadurch zwar nicht zu einem demonstrierten Dogma aber

doch zu einer schlechterdings notwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten

Zwecken zu machen

Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat nämlich den

Begriff eines einigen Urwesens als des höchsten Guts so darf sie sich gar

nicht unterwinden gleich als hätte sie sich über alle empirische Bedingungen

seiner Anwendung erhoben und zur unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände

emporgeschwungen um von diesem Begriffe auszugehen und die moralischen Gesetze

selbst von ihm abzuleiten Denn diese waren es eben deren innere praktische

Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache oder eines

weisen Weltregierers führte um jenen Gesetzen Effekt zu geben und daher

können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen

abgeleitet ansehen insonderheit von einem solchen Willen von dem wir gar

keinen Begriff haben würden wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet

hätten Wir werden so weit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat

Handlungen nicht darum für verbindlich halten weil sie Gebote Gottes sind

sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen weil wir dazu innerlich

verbindlich sind Wir werden die Freiheit unter der zweckmäßigen Einheit nach

Prinzipien der Vernunft studieren und nur so fern glauben dem göttlichen

Willen gemäß zu sein als wir das Sittengesetz welches uns die Vernunft aus der

Natur der Handlungen selbst lehrt heilig halten ihm dadurch allein zu dienen

glauben dass wir das Weltbeste an uns und an andern befördern Die

Moraltheologie ist also nur von immanentem Gebrauche nämlich unsere Bestimmung

hier in der Welt zu erfüllen indem wir in das System aller Zwecke passen und

nicht schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer moralisch

gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen um ihn unmittelbar

an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen welches einen transzendenten

Gebrauch geben würde aber eben so wie der der bloßen Spekulation die letzten

Zwecke der Vernunft verkehren und vereiteln muss

 



 


    Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande die auf

objektiven Gründen beruhen mag aber auch subjektive Ursachen im Gemüte dessen

der da urteilt erfordert Wenn es für jedermann gültig ist so fern er nur

Vernunft hat so ist der Grund desselben objektiv hinreichend und das

Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung Hat es nur in der besonderen

Beschaffenheit des Subjekts seinen Grund so wird es Überredung genannt

    Überredung ist ein bloßer Schein weil der Grund des Urteils welcher

lediglich im Subjekte liegt für objektiv gehalten wird Daher hat ein solches

Urteil auch nur Privatgültigkeit und das Fürwahrhalten lässt sich nicht

mitteilen Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung mit dem Objekte in

Ansehung dessen folglich die Urteile eines jeden Verstandes einstimmig sein

müssen consentientia uni tertio consentiunt inter se Der Probierstein des

Fürwahrhaltens ob es Überzeugung oder bloße Überredung sei ist also

äußerlich die Möglichkeit dasselbe mitzuteilen und das Fürwahrhalten für jedes

Menschen Vernunft gültig zu befinden denn alsdann ist wenigstens eine

Vermutung der Grund der Einstimmung aller Urteile ungeachtet der

Verschiedenheit der Subjekte unter einander werde auf dem gemeinschaftlichen

Grunde nämlich dem Objekte beruhen mit welchem sie daher alle zusammenstimmen

und dadurch die Wahrheit des Urteils beweisen werden

    Überredung demnach kann von der Überzeugung subjektiv zwar nicht

unterschieden werden wenn das Subjekt das Fürwahrhalten bloß als Erscheinung

seines eigenen Gemüts vor Augen hat der Versuch aber den man mit den Gründen

desselben die für uns gültig sind an anderer Verstand macht ob sie auf fremde

Vernunft eben dieselbe Wirkung tun als auf die unsrige ist doch ein obzwar

nur subjektives Mittel zwar nicht Überzeugung zu bewirken aber doch die bloße

Privatgültigkeit des Urteils di etwas in ihm was bloße Überredung ist zu

entdecken

    Kann man überdem die subjektiven Ursachen des Urteils welche wir für

objektive Gründe desselben nehmen entwickeln und mithin das trügliche

Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüte erklären ohne dazu die

Beschaffenheit des Objekts nötig zu haben so entblößen wir den Schein und

werden dadurch nicht mehr hintergangen obgleich immer noch in gewissem Grade

versucht wenn die subjektive Ursache des Scheins unserer Natur anhängt

    Ich kann nichts behaupten di als ein für jedermann notwendig gültiges

Urteil aussprechen als was Überzeugung wirkt Überredung kann ich für mich

behalten wenn ich mich dabei wohl befinde kann sie aber und soll sie außer mir

nicht geltend machen wollen

    Das Fürwahrhalten oder die subjektive Gültigkeit des Urteils in Beziehung

auf die Überzeugung welche zugleich objektiv gilt hat folgende drei Stufen

Meinen Glauben und Wissen Meinen ist ein mit Bewusstsein sowohl subjektiv als

objektiv unzureichendes Fürwahrhalten Ist das letztere nur subjektiv zureichend

und wird zugleich für objektiv unzureichend gehalten so heißt es Glauben

Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten das

Wissen Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung für mich selbst die

objektive Gewissheit für jedermann Ich werde mich bei der Erläuterung so

fasslicher Begriffe nicht aufhalten

    Ich darf mich niemals unterwinden zu meinen ohne wenigstens etwas zu

wissen vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urteil eine

Verknüpfung mit Wahrheit bekommt die ob sie gleich nicht vollständig doch

mehr als willkürliche Erdichtung ist Das Gesetz einer solchen Verknüpfung muss

überdem gewiss sein Denn wenn ich in Ansehung dessen auch nichts als Meinung

habe so ist alles nur Spiel der Einbildung ohne die mindeste Beziehung auf

Wahrheit In Urteilen aus reiner Vernunft ist es gar nicht erlaubt zu meinen

Denn weil sie nicht auf Erfahrungsgründe gestützt werden sondern alles a

priori erkannt werden soll wo alles notwendig ist so erfordert das Prinzip der

Verknüpfung Allgemeinheit und Notwendigkeit mithin völlige Gewissheit

widrigenfalls gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen wird Daher ist es

ungereimt in der reinen Mathematik zu meinen man muss wissen oder sich alles

Urteilens enthalten Eben so ist es mit den Grundsätzen der Sittlichkeit

bewandt da man nicht auf bloße Meinung dass etwas erlaubt sei eine Handlung

wagen darf sondern dieses wissen muss

    Im transzendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen freilich zu

wenig aber Wissen auch zu viel In bloß spekulativer Absicht können wir also

hier gar nicht urteilen weil subjektive Gründe des Fürwahrhaltens wie die so

das Glauben bewirken können bei spekulativen Fragen keinen Beifall verdienen

da sie sich frei von aller empirischen Beihilfe nicht halten noch in gleichem

Maße andern mitteilen lassen

    Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch

unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden Diese praktische Absicht ist

nun entweder die der Geschicklichkeit oder der Sittlichkeit  die erste zu

beliebigen und zufälligen die zweite aber zu schlechthin notwendigen Zwecken

    Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist so sind die Bedingungen der Erreichung

desselben hypothetisch notwendig Diese Notwendigkeit ist subjektiv aber doch

nur komparativ zureichend wenn ich gar keine andere Bedingungen weiß unter

denen der Zweck zu erreichen wäre aber sie ist schlechthin und für jedermann

zureichend wenn ich gewiss weiß dass niemand andere Bedingungen kennen könne

die auf den vorgesetzten Zweck führen Im ersten Falle ist meine Voraussetzung

und das Fürwahrhalten gewisser Bedingungen ein bloß zufälliger im zweiten Falle

aber ein notwendiger Glaube Der Arzt muss bei einem Kranken der in Gefahr ist

etwas tun kennt aber die Krankheit nicht Er sieht auf die Erscheinungen und

urteilt weil er nichts Besseres weiß es sei die Schwindsucht Sein Glaube ist

selbst in seinem eigenen Urteile bloß zufällig ein anderer möchte es vielleicht

besser treffen Ich nenne dergleichen zufälligen Glauben der aber dem

wirklichen Gebrauche der Mittel zu gewissen Handlungen zum Grunde liegt den

pragmatischen Glauben

    Der gewöhnliche Probierstein ob etwas bloße Überredung oder wenigstens

subjektive Überzeugung di festes Glauben sei was jemand behauptet ist das

Wetten Öfters spricht jemand seine Sätze mit so zuversichtlichem und

unlenkbarem Trotze aus dass er alle Besorgnis des Irrtums gänzlich abgelegt zu

haben scheint Eine Wette macht ihn stutzig Bisweilen zeigt sich dass er zwar

Überredung genug die auf einen Dukaten an Wert geschätzt werden kann aber

nicht auf zehn besitze Denn den ersten wagt er noch wohl aber bei zehnen wird

er allererst inne was er vorher nicht bemerkte dass es nämlich doch wohl

möglich sei er habe sich geirrt Wenn man sich in Gedanken vorstellt man solle

worauf das Glück des ganzen Lebens verwetten so schwindet unser triumphierendes

Urteil gar sehr wir werden überaus schüchtern und entdecken so allererst dass

unser Glaube so weit nicht zulange So hat der pragmatische Glaube nur einen

Grad der nach Verschiedenheit des Interesse das dabei im Spiele ist groß oder

auch klein sein kann

    Weil aber ob wir gleich in Beziehung auf ein Objekt gar nichts unternehmen

können also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist wir doch in vielen Fällen

eine Unternehmung in Gedanken fassen und uns einbilden können zu welcher wir

hinreichende Gründe zu haben vermeinen wenn es ein Mittel gäbe die Gewissheit

der Sache auszumachen so gibt es in bloß theoretischen Urteilen ein Analogon

von praktischen auf deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben passt und den wir den

doktrinalen Glauben nennen können Wenn es möglich wäre durch irgend eine

Erfahrung auszumachen so möchte ich wohl alles das Meinige darauf verwetten

dass es wenigstens in irgend einem von den Planeten die wir sehen Einwohner

gebe Daher sage ich ist es nicht bloß Meinung sondern ein starker Glaube auf

dessen Richtigkeit ich schon viele Vorteile des Lebens wagen würde dass es auch

Bewohner anderer Welten gebe

    Nun müssen wir gestehen dass die Lehre vom Dasein Gottes zum doktrinalen

Glauben gehöre Denn ob ich gleich in Ansehung der theoretischen Weltkenntnis

nichts zu verfügen habe was diesen Gedanken als Bedingung meiner Erklärungen

der Erscheinungen der Welt notwendig voraussetze sondern vielmehr verbunden

bin meiner Vernunft mich so zu bedienen als ob alles bloß Natur sei so ist

doch die zweckmäßige Einheit eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft

auf Natur dass ich da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele

darbietet sie gar nicht vorbeigehen kann Zu dieser Einheit aber kenne ich

keine andere Bedingung die sie mir zum Leitfaden der Naturforschung machte als

wenn ich voraussetze dass eine höchste Intelligenz alles nach den weisesten

Zwecken so geordnet habe Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen

aber doch nicht unerheblichen Absicht nämlich um eine Leitung in der

Nachforschung der Natur zu haben einen weisen Welturheber vorauszusetzen Der

Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die Brauchbarkeit dieser

Voraussetzung und nichts kann auf entscheidende Art dawider angeführt werden

dass ich viel zu wenig sage wenn ich mein Fürwahrhalten bloß ein Meinen nennen

wollte sondern es kann selbst in diesem theoretischen Verhältnisse gesagt

werden dass ich festiglich einen Gott glaube aber alsdann ist dieser Glaube in

strenger Bedeutung dennoch nicht praktisch sondern muss ein doktrinaler Glaube

genannt werden den die Theologie der Natur Physikotheologie notwendig

allerwärts bewirken muss In Ansehung eben derselben Weisheit in Rücksicht auf

die vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur und die derselben so

schlecht angemessene Kürze des Lebens kann eben sowohl genügsamer Grund zu

einem doktrinalen Glauben des künftigen Lebens der menschlichen Seele

angetroffen werden

    Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der

Bescheidenheit in objektiver Absicht aber doch zugleich der Festigkeit des

Zutrauens in subjektiver Wenn ich das bloß theoretische Fürwahrhalten hier auch

nur Hypothese nennen wollte die ich anzunehmen berechtigt wäre so würde ich

mich dadurch schon anheischig machen mehr von der Beschaffenheit einer

Weltursache und einer andern Welt Begriff zu haben als ich wirklich aufzeigen

kann denn was ich auch nur als Hypothese annehme davon muss ich wenigstens

seinen Eigenschaften nach so viel kennen dass ich nicht seinen Begriff sondern

nur sein Dasein erdichten darf Das Wort Glauben aber geht nur auf die Leitung

die mir eine Idee gibt und den subjektiven Einfluss auf die Beförderung meiner

Vernunfthandlungen die mich an derselben festhält ob ich gleich von ihr nicht

im Stande bin in spekulativer Absicht Rechenschaft zu geben

    Aber der bloß doktrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich man wird oft

durch Schwierigkeiten die sich in der Spekulation vorfinden aus demselben

gesetzt ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum zurückkehrt

    Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt Denn da ist es

schlechterdings notwendig dass etwas geschehen muss nämlich dass ich dem

sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste Der Zweck ist hier

unumgänglich festgestellt und es ist nur eine einzige Bedingung nach aller

meiner Einsicht möglich unter welcher dieser Zweck mit allen gesamten Zwecken

zusammenhängt und dadurch praktische Gültigkeit habe nämlich dass ein Gott und

eine künftige Welt sei ich weiß auch ganz gewiss dass niemand andere Bedingungen

kenne die auf dieselbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führe

Da aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist wie denn die

Vernunft gebietet dass sie es sein soll so werde ich unausbleiblich ein Dasein

Gottes und ein künftiges Leben glauben und bin sicher dass diesen Glauben

nichts wankend machen könne weil dadurch meine sittliche Grundsätze selbst

umgestürzt werden würden denen ich nicht entsagen kann ohne in meinen eigenen

Augen verabscheuungswürdig zu sein

    Auf solche Weise bleibt uns nach Vereitelung aller ehrsüchtigen Absichten

einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus herumschweifenden Vernunft noch

genug übrig dass wir damit in praktischer Absicht zufrieden zu sein Ursache

haben Zwar wird freilich sich niemand rühmen können er wisse dass ein Gott und

dass ein künftig Leben sei denn wenn er das weiß so ist er gerade der Mann

den ich längst gesucht habe Alles Wissen wenn es einen Gegenstand der bloßen

Vernunft betrifft kann man mitteilen und ich würde also auch hoffen können

durch seine Belehrung mein Wissen in so bewunderungswürdigem Maße ausgedehnt zu

sehen Nein die Überzeugung ist nicht logische sondern moralische Gewissheit

und da sie auf subjektiven Gründen der moralischen Gesinnung beruht so muss

ich nicht einmal sagen es ist moralisch gewiss dass ein Gott sei etc sondern

ich bin moralisch gewiss etc Das heißt der Glaube an einen Gott und eine andere

Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt dass so wenig ich Gefahr

laufe die erstere einzubüßen eben so wenig besorge ich dass mir der zweite

jemals entrissen werden könne

    Das einzige Bedenkliche das sich hierbei findet ist dass sich dieser

Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet Gehen wir

davon ab und nehmen einen der in Ansehung sittlicher Gesetze gänzlich

gleichgültig wäre so wird die Frage welche die Vernunft aufwirft bloß eine

Aufgabe für die Spekulation und kann alsdann zwar noch mit starken Gründen aus

der Analogie aber nicht mit solchen denen sich die hartnäckigste Zweifelsucht

ergeben müsste unterstützt werden73 Es ist aber kein Mensch bei diesen Fragen

frei von allem Interesse Denn ob er gleich von dem moralischen durch den

Mangel guter Gesinnungen getrennt sein möchte so bleibt doch auch in diesem

Falle genug übrig um zu machen dass er ein göttliches Dasein und eine Zukunft

fürchte Denn hierzu wird nichts mehr erfordert als dass er wenigstens keine

Gewissheit vorschützen könne dass kein solches Wesen und kein künftig Leben

anzutreffen sei wozu weil es durch bloße Vernunft mithin apodiktisch bewiesen

werden müsste er die Unmöglichkeit von beiden darzutun haben würde welches

gewiss kein vernünftiger Mensch übernehmen kann Das würde ein negativer Glaube

sein der zwar nicht Moralität und gute Gesinnungen aber doch das Analogen

derselben bewirken nämlich den Ausbruch der bösen mächtig zurückhalten könnte

    Ist das aber alles wird man sagen was reine Vernunft ausrichtet indem sie

über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet nichts mehr als zwei

Glaubensartikel so viel hätte auch wohl der gemeine Verstand ohne darüber die

Philosophen zu Rate zu ziehen ausrichten können

    Ich will hier nicht das Verdienst rühmen das Philosophie durch die mühsame

Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe gesetzt es sollte

auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden denn davon wird in dem

folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen Aber verlangt ihr denn dass ein

Erkenntnis welches alle Menschen angeht den gemeinen Verstand übersteigen und

euch nur von Philosophen entdeckt werden solle Eben das was ihr tadelt ist

die beste Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen da es

das was man anfangs nicht vorhersehen konnte entdeckt nämlich dass die Natur

in dem was Menschen ohne Unterschied angelegen ist keiner parteiischen

Austeilung ihrer Gaben zu beschuldigen sei und die höchste Philosophie in

Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiter bringen

könne als die Leitung welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen

lassen

 
 



             



    Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme Weil die

systematische Einheit dasjenige ist was gemeine Erkenntnis allererst zur

Wissenschaft di aus einem bloßen Aggregat derselben ein System macht so ist

Architektonik die Lehre des Szientifischen in unserer Erkenntnis überhaupt und

sie gehört also notwendig zur Methodenlehre

    Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt keine

Rhapsodie sondern sie müssen ein System ausmachen in welchem sie allein die

wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern können Ich verstehe

aber unter einem Systeme die Einheit der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer

Idee Diese ist der Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen so fern durch

denselben der Umfang des Mannigfaltigen so wohl als die Stelle der Teile

untereinander a priori bestimmt wird Der szientifische Vernunftbegriff enthält

also den Zweck und die Form des Ganzen das mit demselben kongruiert Die

Einheit des Zwecks worauf sich alle Teile und in der Idee desselben auch unter

einander beziehen macht dass ein jeder Teil bei der Kenntnis der übrigen

vermisst werden kann und keine zufällige Hinzusetzung oder unbestimmte Größe

der Vollkommenheit die nicht ihre a priori bestimmte Grenzen habe stattfindet

Das Ganze ist also gegliedert articulatio und nicht gehäuft coacervatio es

kann zwar innerlich per intus susceptionem aber nicht äußerlich per

appositionem wachsen wie ein tierischer Körper dessen Wachstum kein Glied

hinzusetzt sondern ohne Veränderung der Proportion ein jedes zu seinen

Zwecken stärker und tüchtiger macht

    Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema di eine a priori aus dem

Prinzip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und Ordnung der Teile

Das Schema welches nicht nach einer Idee di aus dem Hauptzwecke der

Vernunft sondern empirisch nach zufällig sich darbietenden Absichten deren

Menge man nicht voraus wissen kann entworfen wird gibt technische dasjenige

aber was nur zu Folge einer Idee entspringt wo die Vernunft die Zwecke a

priori aufgibt und nicht empirisch erwartet gründet architektonische Einheit

Nicht technisch wegen der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen oder des zufälligen

Gebrauchs der Erkenntnis in concreto zu allerlei beliebigen äußeren Zwecken

sondern architektonisch um der Verwandtschaft willen und der Ableitung von

einem einigen obersten und inneren Zwecke der das Ganze allererst möglich

macht kann dasjenige entspringen was wir Wissenschaft nennen dessen Schema

den Umriss monogramma und die Einteilung des Ganzen in Glieder der Idee gemäß

di a priori enthalten und dieses von allen anderen sicher und nach Prinzipien

unterscheiden muss

    Niemand versucht es eine Wissenschaft zu Stande zu bringen ohne dass ihm

eine Idee zum Grunde liege Allein in der Ausarbeitung derselben entspricht das

Schema ja sogar die Definition die er gleich zu Anfange von seiner

Wissenschaft gibt sehr selten seiner Idee denn diese liegt wie ein Keim in

der Vernunft in welchem alle Teile noch sehr eingewickelt und kaum der

mikroskopischen Beobachtung kennbar verborgen liegen Um deswillen muss man

Wissenschaften weil sie doch alle aus dem Gesichtspunkte eines gewissen

allgemeinen Interesse ausgedacht werden nicht nach der Beschreibung die der

Urheber derselben davon gibt sondern nach der Idee welche man aus der

natürlichen Einheit der Teile die er zusammengebracht hat in der Vernunft

selbst gegründet findet erklären und bestimmen Denn da wird sich finden dass

der Urheber und oft noch seine spätesten Nachfolger um eine Idee herumirren die

sie sich selbst nicht haben deutlich machen und daher den eigentümlichen Inhalt

die Artikulation systematische Einheit und Grenzen der Wissenschaft nicht

bestimmen können

    Es ist schlimm dass nur allererst nachdem wir lange Zeit nach Anweisung

einer in uns versteckt liegenden Idee rhapsodistisch viele dahin sich

beziehende Erkenntnisse als Bauzeug gesammelt ja gar lange Zeiten hindurch

sie technisch zusammengesetzt haben es uns denn allererst möglich ist die Idee

in hellerem Lichte zu erblicken und ein Ganzes nach den Zwecken der Vernunft

architektonisch zu entwerfen Die Systeme scheinen wie Gewürme durch eine

generatio aequivoca aus dem bloßen Zusammenfluss von aufgesammelten Begriffen

anfangs verstümmelt mit der Zeit vollständig gebildet worden zu sein ob sie

gleich alle insgesamt ihr Schema als den ursprünglichen Keim in der sich bloß

auswickelnden Vernunft hatten und darum nicht allein ein jedes für sich nach

einer Idee gegliedert sondern noch dazu alle unter einander in einem System

menschlicher Erkenntnis wiederum als Glieder eines Ganzen zweckmäßig vereinigt

sind und eine Architektonik alles menschlichen Wissens erlauben die jetziger

Zeit da schon so viel Stoff gesammelt ist oder aus Ruinen eingefallener alter

Gebäude genommen werden kann nicht allein möglich sondern nicht einmal so gar

schwer sein würde Wir begnügen uns hier mit der Vollendung unseres Geschäftes

nämlich lediglich die Architektonik aller Erkenntnis aus reiner Vernunft zu

entwerfen und fangen nur von dem Punkte an wo sich die allgemeine Wurzel

unserer Erkenntniskraft teilt und zwei Stämme auswirft deren einer Vernunft

ist Ich verstehe hier aber unter Vernunft das ganze obere Erkenntnisvermögen

und setze also das Rationale dem Empirischen entgegen

    Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntnis objektiv betrachtet abstrahiere

so ist alles Erkenntnis subjektiv entweder historisch oder rational Die

historische Erkenntnis ist cognitio ex datis die rationale aber cognitio ex

principiis Eine Erkenntnis mag ursprünglich gegeben sein woher sie wolle so

ist sie doch bei dem der sie besitzt historisch wenn er nur in dem Grade und

so viel erkennt als ihm anderwärts gegeben worden es mag dieses ihm nun durch

unmittelbare Erfahrung oder Erzählung oder auch Belehrung allgemeiner

Erkenntnisse gegeben sein Daher hat der welcher ein System der Philosophie

zB das Wolffische eigentlich gelernt hat ob er gleich alle Grundsätze

Erklärungen und Beweise zusamt der Einteilung des ganzen Lehrgebäudes im Kopf

hätte und alles an den Fingern abzählen könnte doch keine andere als

vollständige historische Erkenntnis der Wolffischen Philosophie er weiß und

urteilt nur so viel als ihm gegeben war Streitet ihm eine Definition so weiß

er nicht wo er eine andere hernehmen soll Er bildete sich nach fremder

Vernunft aber das nachbildende Vermögen ist nicht das erzeugende di das

Erkenntnis entsprang bei ihm nicht aus Vernunft und ob es gleich objektiv

allerdings ein Vernunfterkenntnis war so ist es doch subjektiv bloß

historisch Er hat gut gefasst und behalten di gelernt und ist ein

Gipsabdruck von einem lebenden Menschen Vernunfterkenntnisse die es objektiv

sind di anfangs nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen

können dürfen nur denn allein auch subjektiv diesen Namen führen wenn sie aus

allgemeinen Quellen der Vernunft woraus auch die Kritik ja selbst die

Verwerfung des Gelernten entspringen kann di aus Prinzipien geschöpft

worden

    Alle Vernunfterkenntnis ist nun entweder die aus Begriffen oder aus der

Konstruktion der Begriffe die erstere heißt philosophisch die zweite

mathematisch Von dem inneren Unterschiede beider habe ich schon im ersten

Hauptstücke gehandelt Ein Erkenntnis demnach kann objektiv philosophisch sein

und ist doch subjektiv historisch wie bei den meisten Lehrlingen und bei

allen die über die Schule niemals hinaussehen und zeitlebens Lehrlinge bleiben

Es ist aber doch sonderbar dass das mathematische Erkenntnis so wie man es

erlernet hat doch auch subjektiv für Vernunfterkenntnis gelten kann und ein

solcher Unterschied bei ihr nicht so wie bei dem philosophischen stattfindet

Die Ursache ist weil die Erkenntnisquellen aus denen der Lehrer allein

schöpfen kann nirgend anders als in den wesentlichen und echten Prinzipien der

Vernunft liegen und mithin von dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen noch

etwa gestritten werden können und dieses zwar darum weil der Gebrauch der

Vernunft hier nur in concreto obzwar dennoch a priori nämlich an der reinen

und eben deswegen fehlerfreien Anschauung geschieht und alle Täuschung und

Irrtum ausschließt Man kann also unter allen Vernunftwissenschaften a priori

nur allein Mathematik niemals aber Philosophie es sei denn historisch

sondern was die Vernunft betrifft höchstens nur philosophieren lernen

    Das System aller philosophischen Erkenntnis ist nun Philosophie Man muss sie

objektiv nehmen wenn man darunter das Urbild der Beurteilung aller Versuche zu

philosophieren versteht welche jede subjektive Philosophie zu beurteilen dienen

soll deren Gebäude oft so mannigfaltig und so veränderlich ist Auf diese Weise

ist Philosophie eine bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft die nirgend in

concreto gegeben ist welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu nähern

sucht so lange bis der einzige sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig

entdeckt wird und das bisher verfehlte Nachbild so weit als es Menschen

vergönnet ist dem Urbilde gleich zu machen gelinget Bis dahin kann man keine

Philosophie lernen denn wo ist sie wer hat sie im Besitze und woran lässt sie

sich erkennen Man kann nur philosophieren lernen di das Talent der Vernunft

in der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen Versuchen

üben doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft jene selbst in ihren

Quellen zu untersuchen und zu bestätigen oder zu verwerfen

    Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff nämlich

von einem System der Erkenntnis die nur als Wissenschaft gesucht wird ohne

etwas mehr als die systematische Einheit dieses Wissens mithin die logische

Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke zu haben Es gibt aber noch einen

Weltbegriff conceptus cosmicus der dieser Benennung jederzeit zum Grunde

gelegen hat vornehmlich wenn man ihn gleichsam personifizierte und in dem Ideal

des Philosophen sich als ein Urbild vorstellte In dieser Absicht ist

Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die

wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft teleologia rationis humanae und

der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler sondern der Gesetzgeber der

menschlichen Vernunft In solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig sich selbst

einen Philosophen zu nennen und sich anzumaßen dem Urbilde das nur in der

Idee liegt gleichgekommen zu sein

    Der Mathematiker der Naturkündiger der Logiker sind so vortrefflich die

ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse die zweiten besonders im

philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen doch nur Vernunftkünstler Es

gibt noch einen Lehrer im Ideal der alle diese ansetzt sie als Werkzeuge

nutzt um die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft zu befördern Diesen

allein müssten wir den Philosophen nennen aber da er selbst doch nirgend die

Idee aber seiner Gesetzgebung allenthalben in jeder Menschenvernunft angetroffen

wird so wollen wir uns lediglich an der letzteren halten und näher bestimmen

was Philosophie nach diesem Weltbegriffe74 für systematische Einheit aus dem

Standpunkte der Zwecke vorschreibe

    Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten deren bei

vollkommener systematischer Einheit der Vernunft nur ein einziger sein kann

Daher sind sie entweder der Endzweck oder subalterne Zwecke die zu jenem als

Mittel notwendig gehören Der erstere ist kein anderer als die ganze Bestimmung

des Menschen und die Philosophie über dieselbe heißt Moral Um dieses Vorzugs

willen den die Moralphilosophie vor aller anderen Vernunftbewerbung hat

verstand man auch bei den Alten unter dem Namen des Philosophen jederzeit

zugleich und vorzüglich den Moralisten und selbst macht der äußere Schein der

Selbstbeherrschung durch Vernunft dass man jemanden noch jetzt bei seinem

eingeschränkten Wissen nach einer gewissen Analogie Philosoph nennt

    Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft Philosophie hat nun zwei

Gegenstände Natur und Freiheit und enthält also sowohl das Naturgesetz als

auch das Sittengesetz anfangs in zwei besonderen zuletzt aber in einem einzigen

philosophischen System Die Philosophie der Natur geht auf alles was da ist

die der Sitten nur auf das was da sein soll

    Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft oder

Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien Die erstere heißt reine die

zweite empirische Philosophie

    Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik Vorübung

welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen Erkenntnis a priori

untersucht und heißt Kritik oder zweitens das System der reinen Vernunft

Wissenschaft die ganze wahre sowohl als scheinbare philosophische

Erkenntnis aus reiner Vernunft im systematischen Zusammenhange und heißt

Metaphysik wiewohl dieser Name auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff

der Kritik gegeben werden kann, um sowohl die Untersuchung alles dessen was

jemals a priori erkannt werden kann als auch die Darstellung desjenigen was

ein System reiner philosophischen Erkenntnisse dieser Art ausmacht von allem

empirischen aber imgleichen dem mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden

ist zusammen zu fassen

    Die Metaphysik teilet sich in die des spekulativen und praktischen Gebrauchs

der reinen Vernunft, und ist also entweder Metaphysik der Natur oder Metaphysik

der Sitten Jene enthält alle reine Vernunftprinzipien aus bloßen Begriffen

mithin mit Ausschließung der Mathematik von dem theoretischen Erkenntnisse

aller Dinge diese die Prinzipien welche das Tun und Lassen a priori bestimmen

und notwendig machen Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der

Handlungen die völlig a priori aus Prinzipien abgeleitet werden kann Daher ist

die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral in welcher keine

Anthropologie keine empirische Bedingung zum Grunde gelegt wird Die

Metaphysik der spekulativen Vernunft ist nun das was man im engeren Verstande

Metaphysik zu nennen pflegt so fern aber reine Sittenlehre doch gleichwohl zu

dem besonderen Stamme menschlicher und zwar philosophischer Erkenntnis aus

reiner Vernunft gehöret so wollen wir ihr jene Benennung erhalten obgleich wir

sie als zu unserm Zwecke jetzt nicht gehörig hier bei Seite setzen

    Es ist von der äußersten Erheblichkeit Erkenntnisse die ihrer Gattung und

Ursprunge nach von andern unterschieden sind zu isolieren und sorgfältig zu

verhüten dass sie nicht mit andern mit welchen sie im Gebrauche gewöhnlich

verbunden sind in ein Gemische zusammenfließen Was Chemiker beim Scheiden der

Materien was Mathematiker in ihrer reinen Größenlehre tun das liegt noch weit

mehr dem Philosophen ob damit er den Anteil den eine besondere Art der

Erkenntnis am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat ihren eigenen Wert und

Einfluss sicher bestimmen könne Daher hat die menschliche Vernunft seitdem dass

sie gedacht oder vielmehr nachgedacht hat niemals einer Metaphysik entbehren

aber gleichwohl sie nicht genugsam geläutert von allem Fremdartigen darstellen

können Die Idee einer solchen Wissenschaft ist eben so alt als spekulative

Menschenvernunft und welche Vernunft spekuliert nicht es mag nun auf

scholastische oder populäre Art geschehen Man muss indessen gestehen dass die

Unterscheidung der zwei Elemente unserer Erkenntnis deren die einen völlig a

priori in unserer Gewalt sind die anderen nur a posteriori aus der Erfahrung

genommen werden können selbst bei Denkern von Gewerbe nur sehr undeutlich

blieb und daher niemals die Grenzbestimmung einer besonderen Art von Erkenntnis

mithin nicht die echte Idee einer Wissenschaft die so lange und so sehr die

menschliche Vernunft beschäftigt hat zu Stande bringen konnte Wenn man sagte

Metaphysik ist die Wissenschaft von den ersten Prinzipien der menschlichen

Erkenntnis so bemerkte man dadurch nicht eine ganz besondere Art sondern nur

einen Rang in Ansehung der Allgemeinheit dadurch sie also vom Empirischen nicht

kenntlich unterschieden werden konnte denn auch unter empirischen Prinzipien

sind einige allgemeiner und darum höher als andere und in der Reihe einer

solchen Unterordnung da man das was völlig a priori von dem was nur a

posteriori erkannt wird nicht unterscheidet wo soll man den Abschnitt machen

der den ersten Teil und die obersten Glieder von dem letzten und den

untergeordneten unterschiede Was würde man dazu sagen wenn die Zeitrechnung

die Epochen der Welt nur so bezeichnen könnte dass sie sie in die ersten

Jahrhunderte und in die darauf folgenden einteilte Gehöret das fünfte das

zehnte etc Jahrhundert auch zu den ersten würde man fragen eben so frage ich

gehört der Begriff des Ausgedehnten zur Metaphysik ihr antwortet ja ei aber

auch der des Körpers ja und der des flüssigen Körpers ihr werdet stutzig

denn wenn es so weiter fortgeht so wird alles in die Metaphysik gehören

Hieraus sieht man dass der bloße Grad der Unterordnung das Besondere unter dem

Allgemeinen keine Grenzen einer Wissenschaft bestimmen könne sondern in

unserem Falle die gänzliche Ungleichartigkeit und Verschiedenheit des Ursprungs

Was aber die Grundidee der Metaphysik noch auf einer anderen Seite verdunkelte

war dass sie als Erkenntnis a priori mit der Mathematik eine gewisse

Gleichartigkeit zeigt die zwar was den Ursprung a priori betrifft sie

einander verwandt was aber die Erkenntnisart aus Begriffen bei jener in

Vergleichung mit der Art bloß durch Konstruktion der Begriffe a priori zu

urteilen bei dieser mithin den Unterschied einer philosophischen Erkenntnis

von der mathematischen anlangt so zeigt sich eine so entschiedene

Ungleichartigkeit die man zwar jederzeit gleichsam fühlte niemals aber auf

deutliche Kriterien bringen konnte Dadurch ist es nun geschehen dass da

Philosophen selbst in der Entwickelung der Idee ihrer Wissenschaft fehlten die

Bearbeitung derselben keinen bestimmten Zweck und keine sichere Richtschnur

haben konnte und sie bei einem so willkürlich gemachten Entwurfe unwissend in

dem Wege den sie zu nehmen hätten und jederzeit unter sich streitig über die

Entdeckungen die ein jeder auf dem seinigen gemacht haben wollte ihre

Wissenschaft zuerst bei andern und endlich sogar bei sich selbst in Verachtung

brachten

    Alle reine Erkenntnis a priori macht also vermöge des besonderen

Erkenntnisvermögens darin es allein seinen Sitz haben kann eine besondere

Einheit aus und Metaphysik ist diejenige Philosophie welche jene Erkenntnis in

dieser systematischen Einheit darstellen soll Der spekulative Teil derselben

der sich diesen Namen vorzüglich zugeeignet hat nämlich die welche wir

Metaphysik der Natur nennen und alles so fern es ist nicht das was sein

soll aus Begriffen a priori erwägt wird nun auf folgende Art eingeteilt

    Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der

Transzendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft. Die erstere

betrachtet nur den Verstand und Vernunft selbst in einem System aller Begriffe

und Grundsätze die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen ohne Objekte

anzunehmen die gegeben wären ontologia die zweite betrachtet Natur di den

Inbegriff gegebener Gegenstände sie mögen nun den Sinnen oder wenn man will

einer andern Art von Anschauung gegeben sein und ist also Physiologie

obgleich nur rationalis Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft in dieser

rationalen Naturbetrachtung entweder physisch oder hyperphysisch oder besser

entweder immanent oder transzendent Der erstere geht auf die Natur so weit als

ihre Erkenntnis in der Erfahrung in concreto kann angewandt werden der zweite

auf diejenige Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung welche alle Erfahrung

übersteigt Diese transzendente Physiologie hat daher entweder eine innere

Verknüpfung oder äußere die aber beide über mögliche Erfahrung hinausgehen zu

ihrem Gegenstande jene ist die Physiologie der gesamten Natur di die

transzendentale Welterkenntnis diese des Zusammenhanges der gesamten Natur mit

einem Wesen über der Natur di die transzendentale Gotteserkenntnis

    Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff aller

Gegenstände der Sinne mithin so wie sie uns gegeben ist aber nur nach

Bedingungen a priori unter denen sie uns überhaupt gegeben werden kann. Es sind

aber nur zweierlei Gegenstände derselben 1 Die der äußeren Sinne mithin der

Inbegriff derselben die körperliche Natur 2 Der Gegenstand des inneren

Sinnes die Seele und nach den Grundbegriffen derselben überhaupt die

denkende Natur Die Metaphysik der körperlichen Natur heißt Physik aber weil

sie nur die Prinzipien ihrer Erkenntnis a priori enthalten soll rationale

Physik Die Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie und aus der eben

angeführten Ursache ist hier nur die rationale Erkenntnis derselben zu

verstehen

    Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Hauptteilen 1 Der

Ontologie 2 Der rationalen Physiologie 3 Der rationalen Kosmologie 4 Der

rationalen Theologie Der zweite Teil nämlich die Naturlehre der reinen

Vernunft, enthält zwei Abteilungen die physica rationalis75 und psychologia

rationalis

    Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt diese

Abteilung selbst vor sie ist also architektonisch ihren wesentlichen Zwecken

gemäß und nicht bloß technisch nach zufällig wahrgenommenen Verwandtschaften

und gleichsam auf gut Glück angestellt eben darum aber auch unwandelbar und

legislatorisch Es finden sich aber hierbei einige Punkte die Bedenklichkeit

erregen und die Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit derselben schwächen können

    Zuerst wie kann ich eine Erkenntnis a priori mithin Metaphysik von

Gegenständen erwarten so fern sie unseren Sinnen mithin a posteriori gegeben

sind und wie ist es möglich nach Prinzipien a priori die Natur der Dinge zu

erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu gelangen Die Antwort ist wir

nehmen aus der Erfahrung nichts weiter als was nötig ist uns ein Objekt teils

des äußeren teils des inneren Sinnes zu geben Jenes geschieht durch den bloßen

Begriff Materie undurchdringliche leblose Ausdehnung dieses durch den Begriff

eines denkenden Wesens in der empirischen inneren Vorstellung Ich denke

Übrigens müssten wir in der ganzen Metaphysik dieser Gegenstände uns aller

empirischen Prinzipien gänzlich enthalten die über den Begriff noch irgend eine

Erfahrung hinzusetzen möchten um etwas über diese Gegenstände daraus zu

urteilen

    Zweitens wo bleibt denn die empirische Psychologie welche von jeher ihren

Platz in der Metaphysik behauptet hat und von welcher man in unseren Zeiten so

große Dinge zu Aufklärung derselben erwartet hat nachdem man die Hoffnung

aufgab etwas Taugliches a priori auszurichten Ich antworte sie kommt dahin

wo die eigentliche empirische Naturlehre hingestellt werden muss nämlich auf

die Seite der angewandten Philosophie zu welcher die reine Philosophie die

Prinzipien a priori enthält die also mit jener zwar verbunden aber nicht

vermischt werden muss Also muss empirische Psychologie aus der Metaphysik

gänzlich verbannet sein und ist schon durch die Idee derselben davon gänzlich

ausgeschlossen Gleichwohl wird man ihr nach dem Schulgebrauch doch noch immer

obzwar nur als Episode ein Plätzchen darin verstatten müssen und zwar aus

ökonomischen Bewegursachen weil sie noch nicht so reich ist dass sie allein ein

Studium ausmachen und doch zu wichtig als dass man sie ganz ausstoßen oder

anderwärts anheften sollte wo sie noch weniger Verwandtschaft als in der

Metaphysik antreffen dürfte Es ist also bloß ein solange aufgenommener

Fremdling dem man auf einige Zeit einen Aufenthalt vergönnt bis er in einer

ausführlichen Anthropologie dem Pendant zu der empirischen Naturlehre seine

eigene Behausung wird beziehen können

    Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik welche da man ihr

anfänglich mehr zumutete als billigerweise verlangt werden kann und sich eine

Zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte zuletzt in allgemeine Verachtung

gefallen ist da man sich in seiner Hoffnung betrogen fand Aus dem ganzen

Verlauf unserer Kritik wird man sich hinlänglich überzeugt haben dass wenn

gleich Metaphysik nicht die Grundveste der Religion sein kann so müsse sie doch

jederzeit als die Schutzwehr derselben stehen bleiben und dass die menschliche

Vernunft welche schon durch die Richtung ihrer Natur dialektisch ist einer

solchen Wissenschaft niemals entbehren könne die sie zügelt und durch ein

szientifisches und völlig einleuchtendes Selbsterkenntnis die Verwüstungen

abhält welche eine gesetzlose spekulative Vernunft sonst ganz unfehlbar in

Moral sowohl als Religion anrichten würde Man kann also sicher sein so

spröde oder geringschätzend auch diejenige tun die eine Wissenschaft nicht

nach ihrer Natur sondern allein aus ihren zufälligen Wirkungen zu beurteilen

wissen man werde jederzeit zu ihr wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten

zurückkehren weil die Vernunft da es hier wesentliche Zwecke betrifft

rastlos entweder auf gründliche Einsicht oder Zerstörung schon vorhandener

guten Einsichten arbeiten muss

    Metaphysik also sowohl der Natur als der Sitten vornehmlich die Kritik

der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft welche vorübend propädeutisch

vorhergeht machen eigentlich allein dasjenige aus was wir im echten Verstande

Philosophie nennen können Diese bezieht alles auf Weisheit aber durch den Weg

der Wissenschaft den einzigen der wenn er einmal gebahnt ist niemals

verwächst und keine Verirrungen verstattet Mathematik Naturwissenschaft

selbst die empirische Kenntnis des Menschen haben einen hohen Wert als Mittel

größtenteils zu zufälligen am Ende aber doch zu notwendigen und wesentlichen

Zwecken der Menschheit aber alsdann nur durch Vermittlung einer

Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen die man mag sie benennen wie man will

eigentlich nichts als Metaphysik ist

    Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Kultur der

menschlichen Vernunft die unentbehrlich ist wenn man gleich ihren Einfluss als

Wissenschaft auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite setzt Denn sie betrachtet

die Vernunft nach ihren Elementen und obersten Maximen die selbst der

Möglichkeit einiger Wissenschaften und dem Gebrauche aller zum Grunde liegen

müssen Dass sie als bloße Spekulation mehr dazu dient Irrtümer abzuhalten

als Erkenntnis zu erweitern tut ihrem Werte keinen Abbruch sondern gibt ihr

vielmehr Würde und Ansehen durch das Zensoramt welches die allgemeine Ordnung

und Eintracht ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens sichert

und dessen mutige und fruchtbare Bearbeitungen abhält sich nicht von dem

Hauptzwecke der allgemeinen Glückseligkeit zu entfernen

 
 



             



    Dieser Titel steht nur hier um eine Stelle zu bezeichnen die im System

übrig bleibt und künftig ausgefüllt werden muss Ich begnüge mich aus einem

bloß transzendentalen Gesichtspunkte nämlich der Natur der reinen Vernunft,

einen flüchtigen Blick auf das Ganze der bisherigen Bearbeitungen derselben zu

werfen welches freilich meinem Auge zwar Gebäude aber nur in Ruinen vorstellt

    Es ist merkwürdig genug ob es gleich natürlicherweise nicht anders zugehen

konnte dass die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon anfingen wo wir

jetzt lieber endigen möchten nämlich zuerst die Erkenntnis Gottes und die

Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit einer andern Welt zu studieren Was

auch die alten Gebräuche die noch von dem rohen Zustande der Völker übrig

waren für grobe Religionsbegriffe eingeführt haben mochten so hinderte dieses

doch nicht den aufgeklärtem Teil sich freien Nachforschungen über diesen

Gegenstand zu widmen und man sah leicht ein dass es keine gründliche und

zuverlässigere Art geben könne der unsichtbaren Macht die die Welt regiert zu

gefallen um wenigstens in einer andern Welt glücklich zu sein als den guten

Lebenswandel Daher waren Theologie und Moral die zwei Triebfedern oder

besser Beziehungspunkte zu allen abgezogenen Vernunftforschungen denen man

sich nachher jederzeit gewidmet hat Die erstere war indessen eigentlich das

was die bloß spekulative Vernunft nach und nach in das Geschäfte zog welches in

der Folge unter dem Namen der Metaphysik so berühmt geworden

    Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden auf welche diese oder jene

Veränderung der Metaphysik traf sondern nur die Verschiedenheit der Idee

welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlasste in einem flüchtigen

Abrisse darstellen Und da finde ich eine dreifache Absicht in welcher die

namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne des Streits gestiftet worden

    1 In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse waren

einige bloß Sensual andere bloß Intellektualphilosophen Epikur kann der

vornehmste Philosoph der Sinnlichkeit Plato des Intellektuellen genannt werden

Dieser Unterschied der Schulen aber so subtil er auch ist hatte schon in den

frühesten Zeiten angefangen und hat sich lange ununterbrochen erhalten Die von

der ersteren behaupteten in den Gegenständen der Sinne sei allein Wirklichkeit

alles übrige sei Einbildung die von der zweiten sagten dagegen in den Sinnen

ist nichts als Schein nur der Verstand erkennt das Wahre Darum stritten aber

die ersteren den Verstandesbegriffen doch eben nicht Realität ab sie war aber

bei ihnen nur logisch bei den andern aber mystisch Jene räumten

intellektuelle Begriffe ein aber nahmen bloß sensible Gegenstände an Diese

verlangten dass die wahren Gegenstände bloß intelligibel wären und behaupteten

eine Anschauung durch den von keinen Sinnen begleiteten und ihrer Meinung nach

nur verwirrten reinen Verstand

    2 In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse ob sie aus der

Erfahrung abgeleitet oder unabhängig von ihr in der Vernunft ihre Quelle

haben Aristoteles kann als das Haupt der Empiristen Plato aber der Noologisten

angesehen werden Locke der in neueren Zeiten dem ersteren und Leibniz der

dem letzteren obzwar in einer genügsamen Entfernung von dessen mystischem

Systeme folgte haben es gleichwohl in diesem Streite noch zu keiner

Entscheidung bringen können Wenigstens verfuhr Epikur seinerseits viel

konsequenter nach seinem Sensualsystem denn er ging mit seinen Schlüssen

niemals über die Grenze der Erfahrung hinaus als Aristoteles und Locke

vornehmlich aber der letztere der nachdem er alle Begriffe und Grundsätze

von der Erfahrung abgeleitet hatte so weit im Gebrauche derselben geht dass er

behauptet man könne das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele obzwar

beide Gegenstände ganz außer den Grenzen möglicher Erfahrung liegen ebenso

evident beweisen als irgend einen mathematischen Lehrsatz

    3 In Ansehung der Methode Wenn man etwas Methode nennen soll so muss es

ein Verfahren nach Grundsätzen sein Nun kann man die jetzt in diesem Fache der

Nachforschung herrschende Methode in die naturalistische und szientifische

einteilen Der Naturalist der reinen Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze dass

durch gemeine Vernunft ohne Wissenschaft welche er die gesunde Vernunft nennt

sich in Ansehung der erhabensten Fragen die die Aufgabe der Metaphysik

ausmachen mehr ausrichten lasse als durch Spekulation Er behauptet also dass

man die Größe und Weite des Mondes sicherer nach dem Augenmaße als durch

mathematische Umschweife bestimmen könne Es ist bloße Misologie auf Grundsätze

gebracht und welches das Ungereimteste ist die Vernachlässigung aller

künstlichen Mittel als eine eigene Methode angerühmt seine Erkenntnis zu

erweitern Denn was die Naturalisten aus Mangel mehrerer Einsicht betrifft so

kann man ihnen mit Grunde nichts zur Last legen Sie folgen der gemeinen

Vernunft ohne sich ihrer Unwissenheit als einer Methode zu rühmen die das

Geheimnis enthalten solle die Wahrheit aus Demokrits tiefen Brunnen

herauszuholen Quod sapio satis est mihi non ego curo esse quod Arcesilas

aerumnosique Solones Pers ist ihr Wahlspruch bei dem sie vergnügt und

beifallswürdig leben können ohne sich um die Wissenschaft zu bekümmern noch

deren Geschäfte zu verwirren

    Was nun die Beobachter einer szientifischen Methode betrifft so haben sie

hier die Wahl entweder dogmatisch oder skeptisch in allen Fällen aber doch die

Verbindlichkeit systematisch zu verfahren Wenn ich hier in Ansehung der

ersteren den berühmten Wolff bei der zweiten David Hume nenne so kann ich die

übrigen meiner jetzigen Absicht nach ungenannt lassen Der kritische Weg ist

allein noch offen Wenn der Leser diesen in meiner Gesellschaft durchzuwandern

Gefälligkeit und Geduld gehabt hat so mag er jetzt urteilen ob nicht wenn es

ihm beliebt das Seinige dazu beizutragen um diesen Fußsteig zur Heeresstraße

zu machen dasjenige was viele Jahrhunderte nicht leisten konnten noch vor

Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden möge nämlich die menschliche Vernunft

in dem was ihre Wissbegierde jederzeit bisher aber vergeblich beschäftigt hat

zur völligen Befriedigung zu bringen