Friedrich Heinrich Jacobi
Woldemar
Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte
Erster Band
Tere are more tings in heaven and eart Horatio
Tan are dreamt of in your philosophy
HAMLET Act I Sc 5
Veritas essendi veritas cognoscendi idem sunt nec plus
a se invicem differunt quam radius directus reflexus
BACO de Augm Scient Lib I
Von diesem ersten Bande sind einige Stücke der Anfang und das Ende im
deutschen Merkur bekannt gemacht worden ganz erscheint er hier zum erstenmahl
Da noch zwei Bände abgehen um das Werk zu vollenden die aber dem
gegenwärtigen bald hintereinander folgen sollen so enthalte ich mich jetzo
aller Vorrede Ich hoffe die Leser werden dagegen so billig sein dasjenige
noch nicht beurteilen zu wollen was sich noch nicht beurteilen lässt
Ego d akompos oxlon doynai logon
Eis hlikas de koliges sopoteros
EURIPIDES
Des ersten Bandes erster Teil
Ich halte die Freundschaft so hoch dass es mich dünkt wenn man
geliebt wird so sprost einem Glück von Gott und den Menschen
unter den Füßen hervor
Xenophon
Eine menschliche Bildung erhalten nur diejenigen Seelen die das
Feld der Wahrheit schon gesehen haben Aber nicht alle Seelen
rufen sich die Erinnerungen ihres Götterlebens mit gleicher
Klarheit zurück sie sahen das Gefilde der Wahrheit nicht lange
genug oder versanken auch zu tief in Vergehungen und böse
Gewohnheiten welche die ihnen eingeprägten Bilder fast bis zur
Vergessenheit auslöschten Nur wenige finden sich in denen sich
die Spuren der Wahrheit sehr lebhaft erhalten haben und diese
werden von einem heiligen Schauer überfallen wenn sie hier auf
Erden ähnliche ihren Urbildern entsprechende Abdrücke
wahrnehmen
Plato
Eberhard Hornich ein angesehener Handelsmann zu B hatte drei Töchter die
älteste hieß Karoline die zweite Henriette und die dritte Luise Karl
Dorenburg der sich lange Zeit in Italien und England aufgehalten hatte und
zurück nach London wollte wo ein vorteilhaftes Etablissement auf ihn wartete
sah Karolinen und ward von ihr gefesselt Er war ein sanfter und herzlicher
Mann der die feinern Vergnügen mit Einfalt liebte einen reinen und festen
Geschmack hatte und sich nie an etwas hing als mit innigem Gefühl und aus
wahrer aufrichtiger Neigung Das Mädchen nahm ihn gern und der Alte willigte
mit Freuden in die Heirat mit einem Manne der ein so vortrefflicher Kaufmann
und von so großem Vermögen war Vater und Tochtermann traten miteinander in
Gesellschaft
Dorenburgs vertrautester Freund war Biedertal ein junger Rechtsgelehrter
Die Ähnlichkeit ihrer Neigungen der Eifer den sie gegenseitig in sich
erweckten die Hilfe die sie einander leisteten brachte jene geistige
Gemeinschaft der Güter unter ihnen zuwege welche den Neid unmöglich und das
Leben so süß macht So war ihr Verständnis zwei Jahre hindurch immer
vollkommener und enger geworden Damals kam Luise eben siebenzehn Jahr alt aus
dem Kloster zurück und entzündete in Biedertalen eine unüberwindliche
Leidenschaft Er wollte sie erst unterdrücken hernach verbergen aber es war
Liebe Dass ihm der alte Hornich das Mädchen geben würde daran war nicht zu
denken er hatte geschworen dass keine seiner Töchter einen Gelehrten heiraten
sollte und dazu besaß Biedertal nur ein sehr geringes Vermögen Dorenburg dem
das Geheimnis seines Freundes nicht lange verborgen blieb genoss keine frohe
Stunde mehr Da er bei seinem Schwiegervater dessen Handlung durch ihn ungemein
war erweitert worden in großem Ansehen stand so hatte er sich anfangs
geschmeichelt dieser würde aus Ergebenheit gegen ihn sich ein einzigmahl in
seinem Leben großmütig stellen und auf sein Bitten den wackeren Biedertal
glücklich machen aber der Alte wusste von keinem Edelsinn als dass er das Nichts
der Ehre und alles brodlose Wesen verachtete weder durch Sache noch Grund sich
betören und in seiner Überzeugung durch nichts sich irre machen ließ er
hatte nur die Tugenden der Kargheit oder richtiger einer polizeimässigen
Gewinnsucht Da alles vergeblich gewesen war so erklärte ihm Dorenburg in
sechs Monaten laufe der SocietätsKontract mit ihm zu Ende er sei gesonnen
alsdann auszuscheiden Der Alte gab die besten Worte tat die vorteilhaftesten
Vorschläge Dorenburg war nicht zu bewegen Endlich wurden sie einig Biedertal
sollte sich der Handlung widmen und dann das Mädchen nehmen Voll Entzücken gab
dieser eine ansehnliche Bedienung auf worauf er Anwartschaft hatte und ergriff
das Gewerbe seines Freundes Luise fühlte das im Innersten der Seele Kein
Brautpaar ist jemals glücklicher gewesen Nach einem halben Jahre ward die
Heirat vollzogen und die beiden Freunde hatten sich nun zu Gefährten in all
ihrem Tun Ihre Wohnungen waren die angenehmsten in der Stadt aber sowohl der
Lage als der inneren Einrichtung nach ganz von einander verschieden Eben so
auch ihre Landhäuser Jeder dieser Örter hatte andre Reitze war zu andern
Ergötzungen geschickt in jedem mangelte etwas aber dies war beim Bruder Das
glückliche Leben dieses doppelten Paars ist etwas das sich nicht abbilden lässt
Wer aber ein liebes Weib hat und einen Freund auch mit einem lieben Weibe und
dabei soviel Geist und Tätigkeit um sein Herz mit unschuldiger Leidenschaft zu
füllen der versteht mich wenn ich sage dass in diesem Kreise das Wehen der
Liebe nie sich legte
Eine Hauptstütze dieser schönen Verfassung war die noch unverheiratete
mittlere Tochter Henriette Die drei Schwestern waren von Kindheit an in jener
reinen Vertraulichkeit miteinander geblieben welche nur mit Unschuld bestehen
kann und die Reinheit der Seele am sichersten bewahrt Herzen die immer offen
gewesen in denen der Friede eines guten Gewissens nie unterbrochen worden
erstarren vor dem bloßen Schimmer einer Versuchung fangen im Gegenteil wie
Zunder alles Edle und Schöne und können eine Festigkeit im Guten beweisen die
oft allen Glauben übersteigt Karoline und Luise hatten neben ihren übrigen
Vorzügen auch eine schöne Bildung Henriette war nicht das was man schön nennt
vielmehr hatte sie etwas an sich das von ihr zurückhielt besonders im Gesicht
jene Wachsamkeit und Klarheit der wir so übel wollen und so gern einen bösen
Nahmen machen aber eben darin lagen Züge welche denjenigen der sie erkannte
mit tiefem Gefühl und eigener Kraft des Geistes überraschten Ihr Blick war rein
und eindringend und ging von Seele zu Seele Ihr Vater hing an ihr wie
bezaubert und er scheute das Mädchen einer eigentlichen Achtung sind Leute von
seiner Art nicht fähig In Dorenburgs und Biedertals Hause wurde sie angebetet
Die jungen Weiber setzten in ihr gleichsam noch ihr jungfräuliches Leben fort
sie stellte ihnen ein so süßes Bild der Vergangenheit dar erinnerte sie an
alles so lebhaft dass es ihnen kaum einfiel dass ihnen etwas verschwunden sei
nie war die Schwester ihnen so teuer gewesen Henriette auf ihrer Seite kostete
in ihren Schwestern die Wonne der Gattin der Mutter der Vorsteherinn einer
frölichen Schaar von Genossen und welcher Wonne hält diese nicht die Wage Wer
ist glücklicher als ein munteres Weib das mit zärtlicher Sorge an seinem
Manne mit heißer Liebe an seinen Kindern hängt Geist und Herz in ihm bleiben
in immerwährendem Triebe seine süßen Leidenschaften erneuern sich mit jedem
Augenblick und werden in jedem Augenblick befriedigt So ward auch Henriettens
Seele durch Mitgefühl in beständiger Bebung erhalten und Mitgefühl schwingt
sich in hundert Fällen höher als eigenes Mann Weib und Kinder jedes in
beiden Häusern wollte Henriettens Freude sein sie sollte jede Lust nie eine
Beschwerde teilen aber Henriette wusste sich schon hinzuzudrängen wo es
Beistand galt und ihr Beistand war voll geheimer Kräfte ihre Gegenwart machte
jede Arbeit zum Fest und warens Widerwärtigkeiten so verschlang die Liebe
die Dankbarkeit die sie einflößte die Hälfte des Kummers
In ihres Vaters Hause hatte sie freie Hand Der Alte war nicht sowohl
geizig als nur gierig und da Henriette verschiedene Heiratsvorschläge
abgewiesen und dabei geäußert hatte sie wolle bei ihrem Vater aushalten so
glaubte er für eine so treue Verpflegerinn nie zuviel tun zu können Es gibt
wenig Menschen in denen nicht durch Langmut und Huld einiger Geschmack an
liebenswürdigen Neigungen erregt und nachher diese Neigungen allmählich
verstärkt und vermehrt werden könnten Der alte Hornich erfuhr eine solche
Verwandlung ohne dass er weiter etwas davon merkte als dass seine Henriette so
gut mit ihm umzugehen wisse dass er nun erst des Lebens froh werde Meine
Bekannten sagte er zuweilen wünschen ihre Jugend zurück mir ist mein Alter
lieber wie sauer hab ich es nicht sonst gehabt und wie gut hab ich es jetzt
Sein ganzes Hauswesen hatte sich nach und nach verändert Vormals glaubte er auf
jede unschuldige Lustbarkeit die er doch zugab wenigstens schmälen zu müssen
und wirklich schien ihm jede Freude verdächtig so wie jeder Notleidende und
wie alles Schöne Nun wollte er dass seine Wohnung an Annehmlichkeiten die
Wohnungen seiner Schwiegersöhne überträfe in nichts durfte seine Henriette
zurück bleiben auch gelang es ihm dass die Familie nirgends aufgeräumter war
als in seinem Hause aber vergnügter als vorhin war man überall durch vermehrte
Eintracht und Offenheit Der Überfluss der sich in Hornichs Hause zeigte
lockte Bedürftige hinzu und das liebe Mädchen hatte den Triumph das graue
Haupt ihres Vaters noch mit Seegen und Ehre zu bekränzen
Wie dem Mädchen sowohl zu Mute gewesen sein mag Ohne Tumult der
Leidenschaft und doch alle Fibern seines Herzens rege So ganz frei und heiter
mit dem ungetrübten Sinn mit der reinen Phantasie einer Jungfrau dennoch so
ganz befangen bloß aus himmlischer Liebe
Henriette hatte auch eine Freundin die ebenfals noch Mädchen war und von
der sie mit einer Art von Leidenschaft geliebt wurde Diese Freundin war früh
ihrer Eltern beraubt worden die ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen und
Hornichen darüber zum Vormund gesetzt hatten Noch größerer Reichtum fiel ihr
nach dem Tode zweier Tanten anheim bei welchen sie sich gegenwärtig aufhielt
An all den Reichtum dachte sie nie eben so wenig als an ihre Schönheit und
war ärgerlich auf die jungen Herren weil sie ihr allein und keiner von ihnen
Henrietten die Aufwartung machte Das liebe Mädchen hieß Allwina Klarenau
Biedertal ein weitläuftiger Anverwandter von den Klarenaus hatte in ihrem
Hause das einem Pallaste gleich war ein Gemach inne gehabt Nach seiner
Heirat bleiben diese Zimmer für seinen jüngeren Bruder offen mit Nahmen
Woldemar welchem die Anwartschaft die der ältere zurückgegeben hatte war
bewilliget worden
Woldemar hatte seit vier Jahren unter dem nämlichen Fürsten eine andre
Stelle zu G bekleidet und musste daselbst bleiben bis die Bedienung zu B
erlediget wurde Zwei Jahre verstrichen darüber nun ereignete sich der Fall
und er sollte ankommen
Biedertal der sich unaussprechlich gesehnt hatte seinen Bruder wieder zu
sehen war vor Freuden außer sich er konnte von nichts anderm reden als von
Woldemaren »Sie wissen dass nun ehestens mein Bruder kommen wird« Jeder
den er so begrüßen konnte war ihm willkommen und jeder den er schon so
begrüßt hatte und bei dem er es nicht gerade zu wiederholen durfte machte ihn
verlegen Seine Frau seine Schwägerinnen und Dorenburg schienen ihm jetzt mehr
als jemals die beste Gesellschaft sie teilten so aufrichtig seine Freude sie
waren für sich selbst mit ihm so voll Erwartung sie neigten mit so herzlicher
Aufmerksamkeit sich ihm entgegen hörten so gerne noch einmal was er schon
oft aber noch nie mit dem Interesse mit dem Leben von Umständen erzählt hatte
die ganze Geschichte wie Woldemar und er mit einander aufgewachsen wie sehr
sie schon als Kinder sich einander zugetan gewesen wie treu sie sich
geblieben was sie alles für einander getan was sie alles für einander
gelitten Wahrhaftig brach Biedertal einmal in seiner Entzückung aus es
ist doch keine rechte Freundschaft als nur unter zween solchen Brüdern
Dorenburg der gerade gegen ihm über saß blickte lächelnd nieder Das stieß
Biedertalen an er flog auf und hing seinem Freund am Halse Dorenburg drückte
ihn an die Brust ergriff dann seine beiden Hände Lieber sagte er und
lachte ihm offener ins Angesicht Lieber indem er ihn treuherzig schüttelte
gehe und erzähl uns weiter Biedertal küsste Dorenburgen noch einmal und ging
Henriette haschte beim Vorübergehn ihm die Hand und küsste ihn Er umarmte
Karolinen herzte sein Weib setzte sich dann und erzählte weiter
Endlich kam die Nachricht dass Woldemar wirklich abgereiset sei Sein Brief
war aus R wo er eines wichtigen Geschäfts wegen einige Tage verweilen musste
»Die Hälfte des Weges ist zurückgelegt schrieb Woldemar Es war mir lieb dass
die Post nach B erst heute abgieng denn ich hätte schwerlich vermocht eher an
Dich zu schreiben Mein Herz ist in einem wunderbaren Zustande Als ich von G
abreiste war ich wie außer mir Ich saß in meinem Wagen und hörte das Rasseln
über das Pflaster hin und wusste kaum was es war
Wir erreichten die Landstraße Knall auf Knall des Schwagers Peitsche und
die Pferde im Flug Ich schlug die Augen auf sah Hecke Baum und Land an mir
vorbeischwinden an mir vorbei zurück Ich streckte maschienenmässig den Kopf
hinaus dem allen nach Die Sonne war am aufgehen G war schon fern aber
noch deutlich genug zu unterscheiden auch erreichte noch das Geläute von seinen
Türmen mein Ohr und zuweilen kams mit einem Windstoß schnell im hellerem
Klange und wieder weg wie der Laut eines tiefen Seufzers Dazwischen
wirbelten oben die Lerchen und klirrten die Ketten am PferdeGeschirr und
hallte das Treiben des Postknechts
Unversehens gings um eine Hecke eine Anhöhe hinunter Alles was da war
nur auf einmal entrückt
Ich stürzte zurück in den Wagen presste mein Gesicht aus allen Kräften
zwischen die Lehnküssen und meinte das Herz würde mir die Brust entzwei
schlagen Weg so immer weg einst weg von allem so scholls dumpf in
meinem Innern Endlich brachen die Tränen los und du Lieber Du standest
vor meiner Seele Ich fühlte das hin zu ihm zu meinem Biedertal Aber ich
weinte doch noch lange weine noch heut Bedenk Lieber ich war nun sechs
Jahre zu G stand dort in manchem süßen Verhältnisse glaubte einst ich wurde
wohl immer dort bleiben Nun reiste ich weg ich sah das alles vor mir
untergehen Ach So bin ich etwas vergehen zu sehen wär es noch so geringe
zu fühlen es ist damit zu Ende es ist aus bis zur Ohnmacht kanns mich
bringen
Nun geh ich nach B da werd ich bleiben Sieh davor schaudert mich
wieder Ich bin erst neun und zwanzig Jahr alt und mag nur so weniges noch
vom Leben Was ich nun erhalte ist die Erfüllung meiner Wünsche Ich werde
glücklich sein endlich zufrieden aber das muss ich nun auch sein muss
oder Lieber Bester Einziger verzeih Du wirst mich ja nicht
missverstehen Wie könntest du Ist es doch Fülle der Wonne was mich ängstiget
Es war recht gut dass ich mich hier einige Tage aufzuhalten hatte weniger
um mich von meinem Abschiede zu G zu erholen als auf Dein Wiedersehen mich
vorzubereiten Als ich die hiesige Gegend erreichte diese Stadt erblickte wo
wir in verschiedenen Zeitpunkten so viele Tage mit einander zugebracht hatten
es ist nicht auszusprechen wie mir ward Beim Eintritt in die Krone kam mir der
eine Kellner der gute Johann der von früh an auf mich gelauert hatte mit
Deinem Brief entgegen Er war noch der alte und so alles im Hause noch beim
alten Die Leute hatten eine gewaltige Herrlichkeit mich wiederzusehen Das
Geräusch ihrer Freude stillte auf eine angenehme Weise meine Phantasie Es
dauerte an eine Stunde bis ich in mein Zimmer kam und allein blieb Da erbrach
ich Deinen Brief Aber mein Herz geriet gleich bei den ersten Zeilen in so
starke Bewegung dass ich ihn wieder einstecken musste Ich ging hinaus unter die
Eichen Es war Wetter wie im May Vor sieben Jahren hatten wir eben so schöne
FebruarTage und du warst mit mir hier Weißt Du wie wir über die Höhe
gingen an der Seite weit her den Fluss schlängeln sahen so schön blau
zwischen den sonnigten Ufern Wir schlugen einen Weg ein den wir nicht kannten
der uns an einen waldigten Hügel leitete Erinnere Dich wie wir hinanstiegen
bei jeder sich öfnenden Aussicht weilten aber ungeduldig dann mit schnellerem
Gange strebten die herrliche Gegend immer weiter vor uns auszudehnen atemlos
endlich hinaufkamen da standen auf der nackten FelsenGlätte Damals
dacht ich weiter nichts dabei jetzt bei der Wiedererinnerung fiel mirs auf
Wir blieben eine Weile oben im Genuss der erstrebten Ferne merkten voll
Entzücken nicht auf die öde Stelle die ihn uns verlieh Doch räumten wir bald
den Platz Schnell hinab gings den steilen Pfad und wir suchten über Aecker
und Wiesen den Weg zum Tal unserer lieben Eichen Wir fanden ihn Es war am
Kreuz bei Hildern Da setzten wir uns hin und ruhten aus Ich wüsste nicht dass
ich einen Frühling so empfunden hätte Von seinem lieblichen Hauch schien die
Erde sichtbar sich zu öfnen schien zu beben vor Wonne dass sie das erste Grün
hervorgebracht Hecken und Bäume noch ohne Blat aber wie herrlich überglänzt
vom Durchschein ihrer Fülle alle Zweige mit hochgeschwellten Knospen bedeckt
Da wünscht ich mir nur so lange zu leben bis die Knospen aufbrachen bis der
Seegen sich löste nur bis zum nahen May Ich sagte Dir das und es drang in
Dich uns wurde so wohl
Diese Unbefangenheit diese heiligen Gefühle suchte ich jetzt wieder und
fand sie im Eichental Ich lagerte mich in die Tiefe und las nun Deinen Brief
Wie mir dabei geschah wenn ich das sagen könnte so wärs des Sagens
nicht wert Bei einem sonderbaren Schauer der mich durchfuhr wars mir es
sei ein Kuss von Dir den mir vielleicht Dein Engel brächte Ich flehte zu dem
meinigen dass er Dir auch einen Kuss von mir bringen möchte Du schlummerst wohl
noch in dieser Frühstunde o dass er Dir erschiene
Eben las ich Deinen Brief noch einmal Die Stelle ist mir tief in die Seele
gegangen wo du sagst Ich fühlte mich bisher in meinem schönen Familienkreise
so glücklich und glaubte bei dem immerwährenden Verlangen Dich hier zu sehen
hauptsächlich nur den Wunsch zu haben dass es Dir eben so gut werden möchte als
mir Welche Täuschung jetzt empfind ich klar dass es vielmehr nur die Aussicht
war Dich hier an mich zu ketten warum ich meine Lage so beneidenswürdig fand
Ich habe dess keinen Hehl habe es Dorenburgen und meinen andern Lieben
offenbaret und sie tadeln mich nicht Nach allem was ich ihnen von Dir erzählt
nach allen Deinen Briefen Aber was mach ich dass ich dies hier abschreibe
O du Bester o ihr teuren treflichen alle um Gotteswillen hoft doch nicht
soviel von mir Ach ich bin der Mensch nicht auf den man ein Glück bauen kann
ich den das Schicksal mit eisernem Arm regiert den es so von Kindesbeinen an
umher trieb Hast Du das denn ganz vergessen Biedertal Vergessen den Gram
den Kummer die Not worum ich Dich so häufig setzte und wie ich mehrmals
Deinen zarten treuen edlen Busen verließ um mein Herz an Felsen zu zermalmen
seine Wärme Dir entzog um damit über Basilisken zu brüten Ich liebte Dich
immer von Grund der Seele das ist wahr und wenn Du mich brauchtest war ich
nicht fern war Dir immer daheim besann mich auch nie wenn von Aufopferung die
Rede war fragte nie was es gälte nichts oder alles aber was ist das was
ist alle mein Tun für Dich gegen das was Du für mich gelitten gegen Dein
Schonen Dein Dulden Du hast doch kein einzigmahl über mich gemurret nie einen
Augenblick Dich von mir abgewendet hieltest standhaft Deinen Blick auf mein
besseres Selbst geheftet dachtest nie von ferne nur dass ich die BruderTreue
verletzen den Bund unserer Freundschaft brechen könne Engel Und so muss es
gehen wenn Liebe zu Freundschaft empor kommen soll Lieben bis zur
Leidenschaft kann man jemand in der ersten Stunde da man ihn kennen lernt
aber Eines Freund werden das ist ein ander Ding Da muss man erst oft und lang
in dringende Angelegenheiten miteinander verwickelt sein sich vielfältig
aneinander erproben bis gegenseitig Wesen und Taten zu einem unauflöslichen
Gewebe sich in einander schlingen und jene Anhänglichkeit an den ganzen
Menschen entsteht die nach nichts mehr fragt und von sich nicht weiß weder
woher noch wohin
Du wirst mich verändert finden lieber Biedertal Soviel ich konnte hab
ich Dir von allem was mit mir vorgegangen Rechenschaft gegeben aber was ists
mit dem Schreiben Ich habe während der sechs Jahre die wir von einander sind
viele Erfahrungen gemacht Von Eitelkeit wirst du wenig Spuren mehr an mir
finden Überhaupt werd ich Dir etwas kälter vorkommen Ich denke anders ich
bin anders gesinnt über verschiedene Dinge Über den Menschen insbesondere
haben sich meine Ideen ziemlich festgesetzt und ich habe teils einen viel
höheren teils einen viel geringeren Begriff von seiner Natur als ehemals Es
kann nichts so Schönes so Großes gedichtet werden das nicht in ihm läge das
man auch nicht hie und da Himmelrein aus ihm hervorgehen sähe nur ist er in all
seinem Tun ach so beschränkt so endlich so wandelbar Und dann ist wieder
sein Vermögen dennoch zu groß seine Spähre zu ausgebreitet als dass er alle
seine Kräfte zugleich gegenwärtig haben und alles was er vermag auf einmal
lebendig in sich darstellen könnte darum nichts Ganzes nichts durchaus
Bleibendes Seitdem ich dies anschauend erkenne bin ich viel gelassener viel
stiller ich hoffe weniger und suche mehr zu genießen Da wäre ja wohl Gewinn
Aber ich kann es hierinn noch nicht weit genug mit mir bringen Da bei mir
alles tiefer einzugehen und länger zu haften scheint als bei andern so muss
mein Herz auch mehr ahnden und da kommt dann unversehens wieder ein Wunsch
eine Hoffnung zum Vorschein die unterdrückt werden muss So wandle ich immer
weiter ins Leben hinein betroffen immer stiller und leiser und lächle beim
wiegenden Tritte mich an
Mein Brief ist lang geworden Ich musste wohl schreiben Vor künftigem
Freitag kann ich nicht hier weg Den 8ten März bin ich bei Dir also in zehn
Tagen Wie ich mich nach Deinem Anblick sehne nach Deiner Rede nach Deinem
Kuss Und doch zittr ich vor dem Moment da mein Auge Dich erreichen wird O dass
ich gleich in Deinen Armen wäre säh und hörte schon nicht mehr Leb wohl
Lieber Ich schwebe in Deiner Gegenwart Leb wohl«
Woldemar
Da Biedertal diesen Brief hatte stellte er ein Fest an Er gab es auf dem
Lande dort sollten seine Freunde mit ihm die ersten Verheißungen eines neuen
Frühlings empfangen Es war aber schon mehr als Verheißung da Sie gingen zu
Fuße hinaus Die Sonne kam so warm und doch so sanft hernieder dass man nicht
anders konnte man musste gen Himmel schauen und sagen o die liebe Sonne Nach
dem Tore wo ihr Weg hinausgieng schwingt eine fruchtbare Ebene sich
allmählich hinab und weit umher Sie sahen da die frischgepflügte Erde vom
höchsten Braun bis zum falbesten Gelb mannichfaltig schattiert und Felder wie
Smaragd die sie durchstreiften ein Gemische von Farben und Lichtern so süß
so zauberisch dass ihnen die ganze Seele im entzückten Auge schwamm Nur wie im
Traume wurden sie das lustige Zwitschern der Vögel gewähr und dass schon der
Buchfink schlug und das Wirbeln der Lerche den blauen Himmel hinan
Biedertal fühlte alle Augenblicke an seinen Brief in der Tasche aber er
zog ihn erst hervor nachdem sie auf seinem Gut angelangt waren und sich
ausgeruht hatten Niemand war von dieser Vorlesung so gerührt wie Henriette
Sie hatte Woldemars geheimstes Wesen aus diesem Briefe wunderbar geahndet
Lieber Armer seufzte sie innerlich komm nur du sollst Pflege finden
sollst finden woran du verzweifelst ein ganzes Herz und das nichts verlangt
als nur dem deinigen Ruhe zu geben Die Tränen die ihr zuweilen aus den Augen
flossen ihre Farbe die sich öfter veränderte und die Blässe die endlich auf
ihrem Angesichte ruhen blieb machte nach und nach jedweden aufmerksam auf sie
Sie ward es inne aber es machte sie im mindesten nicht verlegen O sagte sie
indem sie von ihrem Sitz aufstand mich verlangt sehr nach diesem Woldemar
Biedertal ging auf sie zu schloss sie in die Arme »Liebe Henriette wenn sie
noch einmal wenn sie zum zweitenmahl meine Schwester würden« Das nicht
erwiderte Henriette wie Sie es verstehen nicht aber meiner Klarenau gönnte
ich den Mann und nur diesem Mann meine Klarenau an mir soll er eine Schwester
finden und glauben Sie mir Biedertal darum ist ihm mehr Not als um eine
Geliebte
Woldemar traf am bestimmten Tage ein
Es geschah was in dergleichen Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt jeder
fand ihn anders als er sich ihn vorgestellt hatte aber was nicht so
gewöhnlich ist alle waren nur desto mehr von seiner Gegenwart entzückt Es war
in der Tat fast unmöglich Woldemarn in seinen glücklichen Augenblicken zu
sehen ohne bis zur Schwärmerei für ihn eingenommen zu werden Seine
Gesichtsbildung seine Gestalt seine Gebärden sein ganzes Wesen alles an ihm
würkte melodisch in einander und stimmte zu einem außerordentlichen Eindruck
zusammen Sein Ansehen hatte etwas sehr hohes aber hinterher auch etwas so gutes
und liebliches etwas so entgegenkommendes dass wer vor ihm stand bald voll
Sehnsucht wurde ihn umarmen zu dürfen Nach seinem Anstande hätte man die
feinste Hofsitte von ihm erwartet aber er tat damit so schlechtweg als wärs
die Zeit der Patriarchen Die Eigenschaften eines liebenswürdigen
Gesellschafters besaß er in einem hohen Grade
Diesen Vorzug zu erwerben hatte ihn in der frühesten Jugend seine Eitelkeit
angespornt und mehrmal eine gewisse ärgerliche Heftigkeit gegen allen
Widerstand er wollte überall hin können und da ihm seine Geburt den freien
Eintritt in die große Welt versagte so war er bemüht ihn durch Zaubermittel zu
erhalten Alle Türen gingen ihm bald auf und er brachte es so weit dass man
sich um ihn riss Nun floh er und nahm einen tiefen Ekel an allem Flitterwesen
zur Beute mit sich davon Von den Eigenschaften die er damals erworben waren
ihm nur diejenigen geblieben die sich in ganz einfache Natur hatten umsetzen
lassen Da er jetzt nie etwas zum Schein war so würkten seine Äußerungen desto
unwiderstehlicher sein ganzes Wesen war voll Bedeutung und überall erweckend
Woldemar wurde die Seele der liebenswürdigen Familie die ihn in ihre Arme
gezogen hatte
Einen so glücklichen Zustand als derjenige worin er dieselbe angetroffen
durch seinen Beitrag noch zu erhöhen musste ihm die süßeste Zufriedenheit geben
nur war ihm das peinlich dabei dass er spürte er verminderte die Unabhängigkeit
dieser würdigen Menschen indem er ihnen zu unentbehrlich werde und er
fürchtete bald in die Verlegenheit zu geraten entweder sie öfters zu kränken
oder seine eigene Freiheit aufopfern zu müssen Aber Freiheit lässt sich nicht
aufopfern es ist eine Sache die nur im freiesten Tausch gewechselt werden
kann Das wusste er und darum war es seiner Zärtlichkeit unausstehlich wenn
sich jemand um vieles mehr und stärker an ihn hing als er selber gegenseitig
tun konnte Seine ganze volle Liebe Ach seufzte er wohl einmal in der
Stille ach ich fange Küsse aus allem was ich seh in der Natur, sie füllen
meine Lippen man muss sie darauf schweben zittern sehen aber wohin damit
So sorgfältig er war allen falschen Erwartungen von sich vorzubeugen so
konnte er es doch nicht genug sein Sein Charakter war zu sehr außer der
gemeinen Ordnung die Leute mussten häufig an ihm irre werden »Ich habe Ihnen
ja von Anfang gesagt dass ich so bin und dass kein Bessern an mir ist« war seine
gewöhnliche Antwort auf die Vorwürfe die man ihm machte »aber erwiderte
man ihm warum sind Sie so wie mögen Sie nur so sein es lässt sich ja auf
keine Weise reimen« hierauf pflegte er weiter nichts als ein freundliches
Nachsichtflehendes Achselzucken zu geben Sein Hauptverbrechen war dass er zu
sehr für sich lebte und hierinn seinem Sinne auf eine Weise folgte welche die
Zärtlichkeit seines Herzens verdächtig machte
An einem Abend da man ihn früh erwartet hatte nachdem er seit vielen Tagen
nur ein paarmahl auf Augenblicke sichtbar geworden und nun wieder spät noch
nicht angekommen war wurden seine Freunde einer nach dem andern verdrießlich
und es entstand ein allgemeines Murren Henriette welche nie in die Klagen über
Woldemar einstimmte sondern ihn immer verteidigte wurde traurig »Wir
werden so lange machen sagte sie mit einer Bewegung und in einem Ton welche
man nicht an ihr gewohnt war bis Woldemar unserer müde wird Sein Witz seine
zauberische Laune sein vortrefliches Herz machen ihn uns wert aber soll er
darum allein für uns leben Und dennoch lebt er ja fast allein für uns Er
gewiss vielmehr für uns als wie für ihn Oder vermag wohl einer hier vermögen
wir alle zusammen soviel für sein Glück als er für das unsrige Und wie liebt
er uns nicht Sagt hat wohl einer von uns soviel wahre ächte Freundschaft für
den andern als Woldemar für jedweden von uns beweist Freilich hangen wir an
ihm mehr als er an uns hangen kann aber ist dies seine Schuld sind wir nicht
eben drum weit besser dran als er Wo hat er nur seines Gleichen nur einen
andern Woldemar geschweige jemand der ihm wäre was Woldemar uns ist So gönnt
ihm doch wenigstens dass er in sich selbst dass er im All der Schöpfung suche
was wir ihm nicht zu geben im Stande sind« Indem trat Woldemar mit freudiger
Liebevoller Eile ins Zimmer Die Gesichter waren noch nicht in ihrer natürlichen
Lage Henriette sprang auf trat vor Woldemar legte ihre beiden Hände auf seine
Schultern Ach Woldemar sagte sie Sie sind so gut so lieb fühlen Sie
das doch wie lieb Sie sind und haben Sie Geduld
Henriette war öfter mit Woldemar als die übrigen der Familie wegen ihres
vertrauten Umganges mit Allwina Woldemar fand großes Behagen in der
Gesellschaft dieser Allwina und ihrer Tanten welche beide Personen von
Verstande und sehr vorzüglichen Eigenschaften waren besonders hatte die jüngere
noch keine funfzig Jahr alt eine Lebhaftigkeit eine Schnelligkeit des
Geistes die zu Woldemars Laune ausnehmend stimmte Da fand ihn denn Henriette
oft bei ihnen sitzen und weil Henriette kam lief Woldemar eben nicht weg
Manchmahl blieb er dann unvermerkt ganze Nachmittage und bis in die Nacht
schwazte las vor machte Musik mit den beiden Mädchen zeichnete mit ihnen
ließ sich so hingehen in immer wärmerer Neigung zu allerhand Mitteilungen
und ihm war sehr wohl dabei den Mädchen sicher nicht weniger Wenn es ihm
aber einfiel sie unversehens zu verlassen so war darüber auch weiter keine
Frage Dies begegnete ihm wohl mitten im feurigsten Anschlage oder wenn sie
wirklich schon im besten Wesen drinnen waren »Da läuft er nun fort« Dies
war das ärgste was je die lieben Geschöpfe sagten und sie sahen dabei so von
Grund der Seele gut und freundlich aus dass Woldemar es sich schwer aus dem
Sinne schlagen konnte und manchmahl wenn er kaum auf seinem Zimmer war wieder
herunter zu ihnen musste aber dann litt Henriette schlechterdings nicht dass er
angenommen wurde »Er solle nicht so wankelmütig sein sagte sie zu ihm das
zieme keinem Manne sie oder Allwina oder die Tanten sie hätten jetzt etwas
vorgenommen dass sie um nichts fahren ließ und wobei seine Gegenwart sie
störe« und damit die Tür auf und fort mit Woldemar zuweilen tat er
hartnäckig das half zu nichts er musste abziehen War es aber dass sie merkte
er habe wirklich seinen Sinn geändert und es sei ihm frei darum zu tun wieder
zugelassen zu werden so wusste sie den Streit so zu lenken dass er zuletzt die
Oberhand behielt Er musste gestehen dass er ein Kindskopf sei und dann kriegte
er seinen Willen
Allwina hatte nie vorher das Leben so schön gefunden und sie sagte gerad
heraus dass nach Henrietten Woldemar ihr lieber als Alles sei Es war ihr ganz
neu und von ungemeinem Behagen mit einem Mann umzugehen der sie lebhaft
interessierte ohne sie in irgend eine Art von Verlegenheit zu setzen Ja
sagte er wenn aber auch Woldemar so albern gegen einen täte wie die andern
Herren so merkte man gleich dass er einen nur zum Besten hätte und man könnte
ihn nicht ausstehen Auf Ansprüche an ihn dachte sie so wenig dass er vielmehr
durch den Vorzug den er gleich von Anfang Henrietten gegeben bei ihr
hauptsächlich in Ansehen gekommen war »Du musst den lieben Menschen heiraten
sagte sie zu ihrer Freundin ich schenk ihm mein halbes Vermögen sobald ich
Meister darüber bin und wohne bei euch das übrige kriegen eure Kinder denn
ich heirate gewiss nie« Henriette lächelte »Du guter Narr« und küsste
den Engel »Lass mich nur gehen ich habe etwas anders vor aber beisammen
wollen wir dennoch bleiben«
Henriette hatte nicht jene funkelnde sprühende Empfindsamkeit jene
röstende Wärme wobei das Herz so schwer in Friede bleiben kann und die nur ein
sehr zweideutiges Merkmahl von seiner Vortreflichkeit ist Das ihrige war so
glücklich gebildet dass es die Unterstützungen der Sinne und Einbildung
gewissermaßen entbehren das es seine Verrichtungen allein bestehen konnte und
genug hatte an seinen eigenen lautersten Gefühlen Wenige Menschen wissen was
das für eine Stille und Stetigkeit in die Seele bringt wenn man vor allen
andern die eigentlichen Gefühle des Herzens zu schärfen weiß wie sehr das
allein schon heitert wenn kräftigere Regungen den Meutereien der Eitelkeit ein
Ende machen Henriette konnte das wissen und das machte das Mädchen so milde
und ließ ihren munteren Geist so hell so wunderbar fassend werden Woldemar der
nach und nach sie erforschte fühlte mit Entzücken was ihm das Schicksal in ihr
darbot Ihr Einverständnis wurde von Tag zu Tage leiser und inniger Henriette
die zu ihrem eigensten Dasein bisher nicht hatte gelangen können erhielt es in
dem Anschauen eines Mannes der durchaus selbstständig war und ihren besten
Ideen und Empfindungen den einsamen verschlossenen Ausflucht lebendige
Kraft und unüberwindliche Gewissheit erteilte
Wessen Seele je mit himmlischer Liebe befruchtet gewesen und der gefühlt
hat in seinem Inwendigen das unsägliche Weben das mit dem Aufkeimen des
herrlichen Saamens beginnt und zunimmt mit seinem Gedeien zu Freundschaft der
wird von der Wonne welche Henriette und Woldemar in diesem Zeitpunkt erfuhren
keine Beschreibung erwarten
Freund und Freundin kamen nie zusammen dass sie nicht an irgend einem
Ereignis sich noch genauer erkannten irgend eine Erwartung die sie von
einander geschöpft sich erfüllen sahen und dann Empfindung die Stätte einnahm
welche Ahndung bereitet hatte Dass die Begebenheiten oft an sich zu den
unerheblichsten gehörten benahm ihrem Eindrucke nichts So waren sie einst mit
ihren Geschwistern auf ein nahe gelegenes Jagdhaus gefahren wo ein künstliches
Reiten von Engelländern zu sehen war Das schöne Wetter hatte eine Menge Leute
hinausgelockt Die meisten von denen welche in Wagen gekommen waren wollten
den Rückweg lieber zu Fuße machen Woldemar der seine Freundin führte sah
als sie zwischen die Tore kamen ungefähr dreißig Schritte vor ihnen ein
kleines Mädchen mit einem GemüssKorbe auf dem Kopf das einem Phaeton ausweichen
wollte und darüber seine Bürde fallen ließ Er und Henriette hemmten zugleich
den Schritt Unterdessen das arme Ding seine Sachen wieder in den Korb packte
kam ein kleiner Bube mit einem schweren Bündel Holz beladen der vermutlich ihr
Bruder war Sie rief ihn an dass er ihr hilfe Der Bube warf auf die Mauer vom
Glacis zürnend sein Bündel ab und griff den Korb an Da er aber noch kleiner als
das Mädchen war und beide zu wenig Stärke hatten so schwankte ihnen der Korb
auf die Seite und alles was drin war lag von neuem auf dem Boden Von den
vorübergehenden lachten die Geringen über den Spas und die Vornehmen lächelten
oder schielten gravitätisch hin und wieder weg Woldemar ließ Henriettens Arm
»Machen Sie sich so lange zu Dorenburg« sagte er und sprang hinzu Aber
Henriette sprang mit Sie packten gemeinschaftlich das Gemüs wieder in den Korb
und wollten ihn eben dem Mädchen aufsetzen als zwei Soldaten von der Wache
herbei gelaufen waren die es ihnen gar freundlich wehreten »Das freut mich
sagte Henriette beim Weggehn und indem sie noch einmal umguckte dass die
Soldaten uns gesehen haben wenn nun einmal wieder ein armer Tropf da in Not
kommt so lassen sie ihn schwerlich so lange zappeln« Und erzählen auch ihren
Kameraden wohl noch die Geschichte fügte Woldemar hinzu Indessen Aber
haben Sie bemerkt was da gleich für ein Trupp Menschen um uns stand »Ich gab
nicht Achtung erwiderte Henriette Die glaubten wohl es gäbe da ein großes
sehenswürdiges Unglück zum Besten« Nichts anders antwortete Woldemar Wenn
ich so denke fuhr er fort es ist doch wunderbar wie die Leute in ihrem
Fratzenwesen sich so verlieren können dass sie zu nichts natürlichem mehr den
Weg finden und ihnen immer am verkehrtesten dünkt was es am wenigsten ist Da
war doch keiner der sich nicht für Schande gefürchtet hätte wenn er durch eine
Handreichung dem Gequäle der armen Kinder ein Ende gemacht hätte und nun da
wir es drauf wagten nun werden sie es uns zur Eitelkeit auslegen »Zur
Eitelkeit« stutzte Henriette Ja sagte Woldemar sie werden es für Liebe
des Sonderbaren halten für Hochmut was weiß ich allemahl für Fratze
»Eben fällt mir ein unterbrach ihn Henriette dass Sie zu mir sagten machen Sie
sich so lange zu Dorenburg Wie wenn ichs getan hätte« Es wäre nie mir
eingefallen Sie deswegen zu tadeln antwortete Woldemar Sie sind ein Mädchen
Sie haben gerad einen Putz an der Sie vorzüglich ins Auge stellt ich hatte
Ihre Hilfe nicht nötig und also konnten Sie umhin sich dem Begaffen
auszusetzen und die Sache abenteuerlicher zu machen »Und also tadeln Sie
mich dass ich mit ging Sie haben Recht Schwerlich hätte ich es auch getan
wenn ich mich erst besonnen hätte aber ich hing so an Ihrem Arm sah nur auf
das Mädchen und den Buben und dachte nur darauf was Woldemar tun würde und
wie der ging gings eben hinten drein mit mir ich weiß nicht wie und was
solls denn auch« Engel sagte Woldemar und wendete sich auf Henriettens
rechte Seite und drückte ihren Arm fest an sein Herz Engel und er bebte
davon wie ers leiser noch einmal aussprach und sein Angesicht schwand
»Woldemar sagte Henriette Woldemar was ist was bewegt Sie so seltsam« und
doch war sie selbst bis zu Tränen gerührt Was mich bewegt erwiderte
Woldemar Beste es ist nicht von heute nicht eben von jetzt es ist Gott
Lob schon von lange aber bei jedem neuen Vorfalle durchdringts mich
gewaltiger und alles wieder und alles auf einmal Liebe das dass du da
bist wirklich da dass ich Dich endlich habe ein Wesen dessen Herz wie das
meinige sich von jedem Moment der Schöpfung ganz erfüllen lässt dass sich nicht
scheut allein zu tun was unter tausenden keins möchte und auch keins dürfte
das eine Tat die in tausend Fällen nicht schön und nicht gut wäre in dem
Einzigen wo sie schön und gut ist schnell dafür erkennt und da mutig sie
ausübt das immer nur seinen eigensten Willen tut und doch mit hellem Blick
gen Himmel sagen darf »Vater deinen Willen« O du Eine Du Meine
Es dauerte keine zwei Jahre da waren beide Seelen so ganz von einander
durchwittert waren miteinander in so geheime durchgängige Befassung geraten
dass sie nie in etwas sich missverstanden Woldemar erlaubte sich nun gegen seine
Freundin nicht die kleinste Zurückhaltung mehr er wollte nicht höher bei ihr
gelten als seinen innerlichen Wert und da sie ihn so gut zu fassen im Stande
war als er nur selber mochte so sah er keinen Grund ihr irgend etwas zu
verheelen Sie durfte so leise in sein Zimmer treten als sie Lust hatte und bei
jedem Geschäfte ihm über die Achsel gucken Wenn er verreist war erbrach sie
alle Briefe ohne Ausnahme die an ihn kamen und beantwortete viele davon auch
die von dem vertrautesten Inhalt an ihres Freundes Statt
Woldemar fühlte sich wie neugebohren alle Menschen waren ihm lieber und er
war es allen Menschen und sich selbst Es konnte nicht fehlen nachdem er
einmal in Ein Geschöpf ein unumschränktes Vertrauen gesetzt hatte dass die
ganze Gattung dabei gewinnen musste Wie viel mehr seine näheren Bekannten und
Freunde Jedermann priess die Veränderung die man an ihm wahrnahm dass er so
merklich offener mitteilender duldsamer gleichmütiger und geselliger
geworden sei dass man jetzt so viel mehr als sonst von ihm habe Es war ihm
eben durch und durch wohl und der Zufriedene wie leicht dem nicht jedes
Opfer er hat soviel zu missen
Unterdessen aber hatte man auch allgemach in der Familie gelernt Woldemaren
besser zu verstehen und das war größtenteils Henriettens Werk Sie wusste so
einnehmend zu erzählen wie bei den Klarenaus mit Woldemar umgegangen wurde dass
dadurch unvermerkt bei den Zuhörern den Reiz zur Nachahmung entstand und die
Grillen des Menschen ein Ansehen von Liebenswürdigkeit manchmahl gar von
Erhabenheit bekamen Es lässt sich nicht sagen was für einen leichten
nachlässigen und munteren Ton sie dabei hatte den hatte sie aber vorzüglich wenn
sie auf besondere Entwicklungen von Woldemars Charakter kam oder seine
Vortreflichkeit darstellte das immer nur von ungefähr oder doch wie von
ungefähr geschah man war im höchsten Enthusiasmus und wusste es nicht
wenigstens konnte man Henrietten nicht Schuld geben dass sie einen angesteckt
habe so frei so unbefangen schien sie dabei und so rein und schlecht gab
sies hin Die Unarten ihres Freundes war sie geständig und sie neckte ihn bei
jeder Gelegenheit damit Dies mochte sie mit dem schärfesten Witz tun Woldemar
wurde nie böse sondern er hatte eine wahre herzliche Freude darüber nur
zuweilen wenn sie ihn an einer Seite traf die er selbst noch nie so recht
wahrgenommen hatte wurde er ernstaft und brach dann auf die herbeste Weise und
manchmahl mit ungemeiner Hitze wider sich selber aus aber ihre Laune wusste
dieses Feuer noch geschwinder zu löschen als sie es angefacht hatte Auch in
jedem andern Fall wenn Woldemars Enthusiasmus in Schwärmerei ausarten wollte
war sie gleich da um ihn beim Ermel zu zupfen Sie konnte seinen Ideen und
Empfindungen in ihrem höchsten Schwunge nach und Er war nicht weniger
aufgelegt ihre feinsten Bemerkungen und scharfsinnigsten Raisonnements in ihrem
ganzen Umfange zu erwägen und sie für das was sie waren bei sich gelten zu
lassen Daher die herzlichste Gattung von Übereinstimmung unter ihnen jenes
Gleichgewicht jenes Zusammenfliessen in Glauben oder in Zweifel jenes wo
man die Gegenwart des Freundes so lebhaft fühlt und mit einer Rührung ihn
umschlingt die nichts anders so erwecken kann
Biedertal hatte das Verlangen nie los werden können seinen Bruder mit
Henrietten vermählt zu sehen Er sprach oft davon mit seiner Luise und mit
Dorenburg aber sie sahen mit einander keine Möglichkeit dazu weil der alte
Hornich Woldemaren bis zum Abscheu hasste Aus Scheu vor seiner Tochter die ihm
öfter darüber Vorstellungen getan mäßigte er sich zwar aber seine Gesinnungen
blieben darum nicht weniger wie sie waren und das offenbar genug Nun begab es
sich dass der Alte der lange mit der Wassersucht bedrohet gewesen sichtbar
sich seinem Ende nahete und nun konnte der gute Biedertal sich nicht länger
halten An einem Abend da sie bei Dorenburgen sehr vergnügt zusammen bei Tische
saßen und Henriette unversehens ihres Vaters wegen abgerufen wurde brach
Biedertal so wie sie zur Tür hinaus war los »Bald lieber Woldemar bald
wird deine Not ein Ende haben Du glaubst nicht wie mirs beständig nachgeht
meine Frau Dorenburg und Karoline könnens bezeugen« Woldemar verstand nicht
gleich »Was für eine Not« Biedertal lächelte Luise Dorenburg und
Karoline mit »Nein in Wahrheit Ich in Not« Doch musste er anfangen
und mitlächeln Endlich begriff er fuhr zusammen und fing laut zu lachen
an »Meine Not« rief er und konnte kaum für Lachen warf die Serviette hin
sprang vom Stuhl auf und lief zu Biedertalen dem er um den Hals fiel »meine
Not du guter Biedertal meine Not« und küsste und lachte und lachte endlich
so herzlich in einem fort dass sie alle mechanisch einfallen und lange warten
mussten bis sie erfuhren warum das Gelächter »Bester sagte Woldemar endlich
zu Biedertalen deut mir das nicht unrecht dass ich deiner zärtlichen
brüderlichen Aufwallung so ungereimt begegnete du kamst mir zu unerwartet
gleich verstand ich dich nicht und da ich dich verstand machte der Ausdruck
dessen du dich bedient hattest mir den Kontrast meines würklichen Zustandes mit
dem deiner Einbildung so auffallend und stellte mir die Sache in ein so
comisches Licht dass ich durchaus mir Luft schaffen musste Sieh Lieber
fuhr er sehr ernstaft fort ich bin mir nicht bewusst je nur inne geworden zu
sein dass Henriette zu dem andern Geschlecht gehört geschweige dass ich eine
Leidenschaft für sie empfunden hätte oder noch empfände Dies hab ich auch
genug zu erkennen gegeben und daher kam mir der Einfall Henrietten manchmahl
Bruder Heinrich zu nennen wie ihr tausendmahl gehört habt« Aber sagte
Dorenburg Sie waren doch so aufmerksam auf Henriettens Gestalt und das auf
eine so eigene Art Was andere daran auszusetzen fanden das konnten Sie nicht
sehen ja Sie wussten es als Schönheiten auszulegen und behaupteten die Sache
wenn man ihrem Gefühl widersprach mit einem Eifer mit einer Begeisterung
»Das will alles nichts bedeuten unterbrach ihn Woldemar wenigstens in
Beziehung auf mich dessen Auge für Schönheiten so offen und für Mängel neben
ihnen so blind ist Gestalt heißt überhaupt sehr viel bei mir und was die von
Henrietten vortrefliches ausdrückt musste seiner eigenen Natur nach eine
Wirkung auf mich machen welche so leicht nicht verringert wohl aber sehr
erhöhet werden konnte Leidenschaft aber ich wiederhol es hat sie keinen
Augenblick in mir erregt« Nun fiel Biedertal lachend ein Du auf einmal so
platonisch was Dir sonst beinah ein Gräuel war Du Woldemar Du Du und das
mir vor Angesicht »Ich bitte Dich sagte Woldemar lass uns abbrechen Wo
ist hier von platonischer Liebe die Rede Was bei uns diesen Nahmen führt
verhöhn ich wie immer Auch bin ich mir sehr wohl bewusst dass
Klosterheiligkeit nie meine Sache war Cynismus aber oder Faunische
Ausgelassenheit noch viel weniger und allemahl blieben diese Lippen doch nur
der Freundschaft und Liebe geweiht kein schnöder Kuss hat sie jemals befleckt
und nie hat dies Herz an einem feilen Busen geschlagen Mit ehrbaren Weibern und
Mädchen mutwillig Liebeshändel anzuspinnen oder viel mit ihnen zu tändeln war
auch nicht meine Art Just weil meine Sinne äußerst reizbar sind und ich mich
schwer zu mäßigen weiß fühlte ich geschwinde das unbehagliche zerstreuende
schwächende verwüstende das mit dergleichen verknüpft ist und da bemühte ich
mich meiner Einbildungskraft Meister zu werden und kam bald so weit dass ich
mit den schönsten Weibern vertraut umgehen konnte ohne im mindesten dabei meine
Ruhe zu verlieren In Wahrheit mein Freund das ist nicht so schwer als
verdorbene Menschen uns überreden wollen denn selbst derjenige mächtige Reitz
der Schönheit welcher Leidenschaft erweckt kann bei einer reinen Einbildung
die Seele wie lang entzücken ehe sich Begierden merken lassen« »Einen
Augenblick rief Biedertal alles zugegeben wenn aber dies letzte nun gerade
dein Fall wäre« Um Gottes willen erwiderte Woldemar ich bin doch kein
Knabe mehr ich habe ja alle Kasereien der Liebe bestanden und ich sollte nun
selbst nicht wissen ob ich eine Leidenschaft im Busen trage Wäre je der Wunsch
in meine Seele gekommen Henrietten zu besitzen ich hätte sicher nicht darauf
geharret dass unser guter Hornich wassersüchtig würde soviel kennt ihr mich
doch alle »Freilich antwortete Biedertal aber du bist ein so wunderbarer
Mann du hast dich schon oft so unbegreiflich getäuscht wenn du abermahl dich
hintergiengest dich verwickeltest wenn ich dich wieder unglücklich sehen
müsste Woldemar « Ein tiefer Seufzer brach ihm das Wort im Munde und er saß
da das rührendste Bild zärtlicher Sorge und echter Lieb und Treue Über
Woldemaren hatte sich mit Biedertals Rede eine Flut von Ideen und Empfindungen
ergossen so dass ihn der Anblick seines Bruders mit zehnfacher Gewalt
erschütterte Er wollte sprechen seine Lippen öfneten sich aber ihre Bewegung
war nicht zu Worten Auf einmal traten ihm die Tränen in die Augen Er beugte
sich über den Tisch und reichte Biedertalen die Hand und auf den Arm sank
sein nasses Gesicht Alles war stumm und still
Nun sahen die Brüder sich einander wieder an nun öfneten sich wider ihre
Lippen aber nicht zu Worten nur zum Hauch der Liebe
Endlich stand Woldemar auf und nachdem er einigemahl im Zimmer auf und
niedergegangen war trat er zu Biedertalen fasste ihn herzlich bei der Hand
»Sei ruhig Bester sagte er zu ihm ich bitte dich sei ruhig Ich schwöre dir
in diesem feierlichen Moment dass ich für Henrietten nichts anders als die
reinste heiligste Freundschaft empfinde und alle Kenner des menschlichen
Herzens sind darüber einig dass Freundschaft nie in die Leidenschaft der Liebe
ausarten kann Warum soll ich durchaus Henrietten lieben und da ich sie nicht
liebe warum sollt ich mich mit ihr vermählen Ich verlöre dabei unendlich
mehr als ich gewönne Das holde trefliche Geschöpf scheint ausdrücklich
gebildet zu dem freien Verhältnis das jetzt zwischen ihr und mir besteht Zu
ihren Kenntnissen und Talenten hat sie noch alles erworben was sie brauchte um
ganz meine Gefährtinn zu sein und meine Gefährtinn soll sie bleiben soll nie
meine Gattin werden Ich zittre vor dem bloßen Gedanken ein so herrliches
Verhältnis der Gefahr einer Verwandlung auszusetzen wär es auch nur der
unbedeutendsten Gott diesen unschätzbaren Besitz was schon wirklich da
ist und über alles ist freiwillig zu zerstören die höchste Glückseligkeit
die ich mir gedenken kann ich verdiente die Hölle Und ist es nicht für uns
alle besser am meisten für das liebe Mädchen selbst dass sie ungefesselt wie
bisher unter uns wandle gleich einer Gottheit Freude und Seegen allenthalben
verteile«
Woldemar wurde gefragt ob er denn entschlossen sei nie zu heiraten Ob
Henriette Willens sei immer ledig zu bleiben Nach letzterem hatte er nie
geforschet über das erstere erklärte er sich zweifelhaft So schieden sie
auseinander
Henriette erfuhr diese Unterredung am folgenden Morgen von ihren Schwestern
Über Biedertals Anrede errötete sie und dass Woldemar ein so unmässiges
Gelächter aufgeschlagen machte sie stutzig Nie war in ihre Seele der Argwohn
gekommen dass über ihre Freundschaft mit Woldemaren ein unrichtiger Gedanke
unmöglich sei ein Gemische von Unwillen und Schmerz bewegte ihr Inwendiges
und Woldemar hatte nur gelacht Doch fand sie dies am Ende ganz natürlich
ganz an seinem Platz und verwies sich ihre Befremdung Aber lebhaft fühlte sie
in diesem Augenblick den Unterschied zwischen Mädchen und Mann
Ihre Schwestern denen die kleine Verwirrung worein Henriette geraten
nicht entgangen war machten ihre eigene Auslegungen darüber Henriette ließ sie
nicht lange in Irrtum sie erklärte einerlei mit Woldemar und tat es noch
bündiger als er und durchaus bestimmter »Du bist also wohl fest entschlossen
nie zu heiraten« sagte Karoline Man kann nicht fester erwiderte
Henriette »Und Woldemar auch wird nie heiraten« Woldemar wird heiraten
und du sollst sehen er heiratet bald Ich bitte dich Henriette fiel Luise
ein aber du musst nicht ärgerlich werden als Woldemar erst zu uns gekommen
war »Schon genug unterbrach Henriette Ich verlange das nicht zu leugnen
dass Woldemar Eindrücke auf mich gemacht hatte wovon ich damals glaubte dass
Leidenschaft sie leicht zu Leidenschaft würde beleben können Woldemar kannte
sein Herz besser und ich habe seitdem auch das meinige kennen gelernt
Nunmehr nach der innigen Freundschaft die unter uns entstanden ist kann ich
mir Woldemaren gar nicht mehr als Liebhaber nur gedenken Ich bin gewiss dass ihm
in Absicht meiner nicht anders zu Mute ist Aber den Fall gesetzt es wäre
möglich dass Woldemar nun auf einmal in Liebe gegen mich entflammte sieh es
würde dies eine Wirkung auf mich machen wovor meine Einbildung sich entsetzt
es wäre das unglücklichste das abscheulichste was mir begegnen könnte Gut
dass ich eher des Himmels Einsturz zu befahren habe«
An demselbigen Tage gegen Abend ging Woldemar zu Henrietten um ihr den
Auftritt bei Dorenburgen zu erzählen »Ich weiß schon alles unterbrach sie ihn
da er anfangen wollte Sie sollen heiraten das steht Ihnen nicht an aber hör
Brüderchen du musst du musst oder es taugt nicht« Wenn ich muss nun in
Gottes Namen Bruder Heinrich »Deine Hand drauf« Woldemar zuckte
Henriette lächelte »Nun« Henriette Schwester muss ich fragen ob das dein
Ernst ist »Mein Ernst Was« Ach rief Woldemar unwillig »Sachte
sachte gab Henriette ich habe Ihr Wort und darauf fordre ich Ihre Hand her
lieber Woldemar her Ihre Hand für Allwina Klarenau« Ey sagte Woldemar
das ist ja abermahl etwas neues »Etwas Neues Nichts weniger Ich hatte Ihnen
meine Freundin bestimmt noch ehe Sie bei uns waren Diese Idee ist mir von
Tage zu Tage lieber geworden und ich hätte sie Ihnen längst entdeckt wenn
nicht die Gewalt welche Allwinens Vater dem meinigen über das Schicksal des
guten Kindes gelassen der Erfüllung meines Wunsches bisher im Wege gewesen
wäre Auf der ganzen Welt ist so kein Mädchen für Sie wie unsere Klarenau«
Allwina ist ein liebes herrliches Geschöpf sagte Woldemar aber um des Himmels
willen warum soll ich denn durchaus eine Frau haben Henriette zuckte
mitleidig die Achseln »Wunderlicher Mensch um desto glücklicher zu sein
auch um mich desto glücklicher zu machen« Sie heiraten dann wohl auch
»Wie mögen Sie nur so albern tun Woldemar Mit mir mit Ihrer Henriette
dergleichen ja Komplimente Als wenn nicht der Unterschied in die Augen fiele
Mich verlören Sie beinah ganz wenn ich meinen Stand änderte Sie im
Gegenteil bringen mich um nichts wenn Allwina Ihre Gattin wird vielmehr
gewinn ich unendlich muss ich Ihnen etwa das der Länge nach auseinandersetzen
Hiezu kommt noch dass ich nach meines Vaters Tode bei Euch am liebsten meine
Wohnung aufschlüge «
Woldemar umarmte seine Freundin Aber sagte er ich fühle keine
Leidenschaft für Allwina sie keine für mich und ich kann nicht begreifen
»Halten Sie inne Woldemar sagte Henriette Sie würden mich zum erstenmahl in
Ihrem Leben ungeduldig machen Haben Sie nicht no comma gesagt dass Sie nie
aus Leidenschaft heiraten möchten Haben Sie nicht no comma gesagt Sie
würden nie von einem Mädchen Leidenschaft verlangen man dürfe diese von keinem
Mädchen erwarten das ein ächtes Kind der Natur sei denn Mutter Natur habe das
Weib nur zu Einer Leidenschaft angewiesen zur Leidenschaft für die Kinder
Mutterherz sei sein wahres eigentliches Wesen Wo ein Weib sagten Sie die
Leidenschaft der Liebe gleich uns Männern zu empfinden scheint da wird fast
immer etwas unlauteres verkehrtes zum Grunde liegen Nicht ein herrschender
unmittelbarer Trieb sondern Leichtsinn Eitelkeit schnödes Gelüst reißt es
hin Und darum fügten Sie hinzu ist ein ungetreues buhlerisches Weib mit
Recht für das niederträchtigste aller Wesen zu halten« Also mein Freund
wäre das was sie eben vorzubringen gedachten wohl nur eine Ausflucht gewesen
und was haben Sie Ausflüchte nötig Sie sind in Verlegenheit ich seh es das
kränkt mich eben Über meinen Antrag zu stutzen war natürlich wie sie ihn
aber von sich weisen darin ist »Nicht wahr sagte Woldemar darin ist
Verstellung Liebe Henriette ich will Ihnen meines Herzens Gedanken sagen
Allwina Klarenau ist allerdings ein sehr reitzendes Geschöpf in meinen Augen
wohl ist mir auch einmal durch den Kopf geflogen Das wäre gerade eine Frau für
dich und vielleicht wäre der Gedanke öfter wiedergekommen und hätte nach und
nach mehreren Raum gewonnen wäre nicht das schöne innige Verhältnis mit Ihnen
gewesen So aber mochte ich mir nicht einfallen lassen zu heiraten weil ich
mir nicht wollte einfallen lassen dass Sie heiraten könnten Und dann ich
fühlte mich so glücklich in meiner gegenwärtigen Lage liebe Henriette so
weit über alle meine Hoffnung glücklich dass ich mich der Sünde fürchtete noch
glücklicher werden zu wollen Henriette reichte ihm ihre Hand zog dann die
seinige sanft ihren Lippen entgegen die sie darauf gedruckt hielt während er
fortfuhr Noch glücklicher Er hatte seine linke auf ihren Schoos gelegt und
sacht ihre Wange geküsst sag Liebe wär es nicht Frevel Und Frevel auch
von dir deiner Freundin einen Mann anzuraten der doch an dir allein
obgleich nur in Freundschaft aber doch an dir allein nur mit ganzer Seele
hängt Nein lass lass ich bitte dich Engel lass « Woldemar sagte
Henriette indem sie sich aufrichtete und mit dem süßesten Blick ihn fasste
Woldemar Lieber nur ein bisschen Besinnung Für so gering wollten Sie Ihre
Seele geben dass ihre Kraft an einem einzigen Gefühl erschöpft wäre das nicht
einmal Leidenschaft ist Sehen Sie nicht was für eine Schmach Sie auf unsere
Freundschaft legen was für ein läppisches ärgerliches Ding Sie daraus machen
sobald dieselbe Sie hindert dass Sie nicht alles sein können wozu Sie von der
Natur den eigentlichsten Beruf haben Sagen Sie nicht das lasse sich gegen mich
selbst zurückwenden Sie wissen was ich seit Jahren beschlossen hatte und mit
bestem Grunde Überhaupt ist mit einem Mädchen der Fall durchaus anders In
meiner Lage nun gar die so voll herzlicher Geschäftigkeit so voll wahres
Lebens und Genusses ist dass ich schwerlich zu weit gehe wenn ich meine
Bestimmung für so schön und gut und vollkommen achte als irgend Eine Und dann
so und nicht anders war nun schlechterdings einmal meine Bestimmung auf der
Bahn die mir mein Schicksal geöfnet bin ich gerad und einfältig hingegangen
Ort und Stelle wo ich mich befinde sind unfehlbar die rechten ich kann sie
eben so wenig ändern als ich mag Genug hievon und genug überhaupt denn
wenn Ihre Freundschaft für mich das ist wofür ich sie immer gehalten und das
muss sie sein oder es ist Grillenfängerei damit so kann niemanden dadurch etwas
genommen werden am mindesten dereinst Ihrer Gattin wer sie auch sei Allwina
die bisher so merklich dabei gewonnen hat die selber mich bis zur Ausschweifung
liebt wie könnte sie dabei verlieren Allwina hat von je her ihren eigenen
Anteil an Ihrem Herzen gehabt einen so eigenen vielleicht als immer ich und
gewiss einen unmittelbareren Die Lieblichkeit des Mädchens seine wunderbare
Unschuld aus der es einem so hell entgegen strahlt dass sie unverführbar ist
wie die Unschuld eines Engels seine frohe Laune mehr wert als aller Witz
seine Arglosigkeit Genügsamkeit Eitellosigkeit Wie waren Sie nicht
tausendmahl davon entzückt und sind es alle Tage noch Und Woldemar die
Schönheit des holden Kindes Oder ist Allwina etwa nicht schön Woldemar
musste lächeln und auch etwa nicht jung Doch ist sie sieben Jahre jünger
als ich kaum über neunzehn Gewiss lieber Woldemar es ist kein geringes
Wunder dass Sie neben Allwina Zeit behielten mich Ihre Freundin werden zu
lassen Wären Sie nicht der seltsame Mann mit einem Kopf der Ihnen wenigstens
eben so viel zu schaffen macht als Ihr Herz und der mit diesem ganz ähnliche
Bedürfnisse hat es wäre nie geschehen und desto schlimmer für Allwina Wie
vieles in Woldemar das ohne mich nie an Allwina gelangt wäre Nicht weiter
Henriette rief Woldemar ich verstehe ich fühle alles aber ich bin betäubt
Wenn der Engel mir bestimmt ist ich will ihn nicht von mir weisen Lassen Sie
mir Zeit
Es war im Merz da diese Unterredung vorfiel Einige Zeit darauf glaubte der
alte Hornich sich von neuem zu erholen und Henriette bekam Erlaubnis die
Klarenaus auf ihren Landsitz zu begleiten Woldemar ging auch mit Henriette
stand in sehr geheimen Verträgen mit der Natur Hier schien diese ganz mit ihr
dazu verschworen dass das Herz des guten Woldemars von der Liebe beschlichen
würde Wie ihm zu Mute war erhellet aus einem ziemlich dityrambisschen Briefe
den er in die Stadt an seinen Biedertal schrieb Hier ist er
Am 28sten April
»Ich glaube Bruder alle Nachtigallen haben sich hieher in unsere Büsche
beschieden Es ist ein Singen dass man es kaum aushalten kann All die andern
Vögel dazu Das Heer von Lerchen die in ununterbrochenem Jubel einem über dem
Kopfe schweben Rund herum die ganze vollständige Symphonie Und dann hör
durch all den Gesang durch aus allen möglichen Distanzen die Wechsellieder
der Nachtigallen Man weiß nicht wohin sich kehren und wenden Und ruht das Ohr
nun einen Augenblick dann fallen all die Bäum und HeckenBlüten über einen
all das neu gewordene Laub Und sieh da die herrliche Ebene das
vielfarbene Grün dort im Tal O und die Hügel da hinauf Seitwärts die
darüber ragenden Höhen Hier durch die Oefnung noch weiter Alle Gipfel
durchsichtig alles so lüftig so voll lebendigen Otems sich einander
anhauchend mit Wohlgerüchen und ausströmend seine beste Kraft in Schönheit und
Wohltun Da auf einmal laut vom nächsten Zweig der hellste Schlag Es
fuhr durch Mark und Bein Offen allem Welt und Himmel Meine
Begleiterinnen die zwei lieben Mädchen standen da vor dem Verzückten Gott
meine Brust so eng so fest ich wankte taumelte nieder verbarg mein
Gesicht Es war Sonnen Untergang Ich wandelte mit meinen Freundinnen sachte
unserer Wohnung zu sammelnd in mir alle die Töne die in meiner Seele
angeschlagen hatten dass sie nicht verhalleten wenigstens nicht so geschwinde
verklängen Ein vieljähriges Gemisch dunkler Empfindungen ordnete sich in
Melodie und diese Melodie wieder in Accorde In den schwindenden Sonnenglanz
traten Sirius und Venus Vor und nach erschienen die übrigen Sterne Wir hörten
die Musik der Sphären
So weit hatte ich gestern Abend geschrieben Jetzt komm ich von einem
Spatziergang mit Allwina nach Hause Henriette hatte zu schreiben Schon um fünf
Uhr waren wir draußen Als wir einem Wäldchen auf einem Hügel gelegen und schön
wie ein Paradies vorbeikamen wünschte ich uns in den Stand der Unschuld Nun
ließ wirs linker Hand liegen und wandelten nach dem Wasserfalle zu und
setzten uns nächst dem großen Teich der so hell und schön da stand dass man
sich nur gleich hätte hineinstürzen mögen Am Sonnabend schreib ich dir
wieder und wer weiß vielleicht etwas merkwürdigeres
Dein Woldemar«
Es gibt eine Menge lieblicher Szenen wo die verborgensten Quellen der
Seele sich öfnen und die sich auf kein Schaugerüst bringen lassen Sie lassen
sich auch nicht malen weil sie rund um im vollsten Himmelslichte gesehen sein
wollen
Allwina ruhte an Henriettens Busen Da empfing sie Woldemars Gelübde und
es ergab sich ihre Seele dem Edlen
Des ersten Bandes zweiter Teil
Polloi d antropoisi logoi deiloi the kai estloi
Prospiptes on mht ekplhsseo mht ar eashs
Eirgestai sayton
PYTHAGORAS
Welches Dacier übersetzt
Il se fait parmi les hommes plusieurs fortes de raisonnemens bons
mauvais
Ne les admire point legerement ne les rejette pas non plus
Il y a une espece de fureur qui vient du corps à lame
procedant de quelque mauvaise temperature dhumeur maligne ou
de la meslange de quelque mauvais vent esprit pernicieux
mais cette fureur là est fascheuse maladie dangereuse Il
y en a une autre espece qui ne sengendre pas sans quelque
divinité ni ne so concrée pas en lame ou dedans nous ains est
une inspiration estrangere qui vient de dehors un devoyement
de la raison du sens de lentendement naturel prenant son
origine le principe de son mouvement de quelque puissance
divine laquelle passion en general sappelle entusiasme comme
qui diroit inspiration divine car ainsi comme empnen se nomme
repletion desprit empron qui est à dire prudence
repletion de sens aussi telle agitation de lame se nomme
entesiasmos qui nest autre chose qu une repletion de quelque
puissance divine
Oeuvres morales de Plutarque traduites par Amiot
In der Nacht kam Biedertal mit einer Postschaise um Henriette eilends
abzuholen Der alte Hornich war wieder eingefallen und neue Zufälle
verkündigten ihm ein schleuniges Ende
Biedertal ward von der Nachricht dass sein Bruder mit Allwina verlobt sei
wie versteinert Er konnt es nicht glauben und trauete nicht sich von ganzem
Herzen darüber zu freuen
Henriette fand ihre Geschwister zu Hause beisammen Der Kranke war etwas
eingeschlummert Dieser Umstand war für Biedertalen erwünscht denn nun konnte
nachdem Henriette über ihres Vaters Befinden alle Erkundigung eingezogen hatte
und man wieder gelassener da saß sogleich die Wundergeschichte von Woldemars
Verlobung vorgenommen werden Er sah mit Befremdung dass die beiden Schwestern
und Dorenburg mehr erfreut und weniger erstaunt waren als er vermutet hatte
dabei schien es ihm als herrsche etwas Geheimnisvolles in ihren Mienen Er war
ungeduldig auf den Grund zu kommen und wusste sich nicht zu helfen Henriette
hatte auch etwas bemerkt sie hub plötzlich an Ihr habt etwas miteinander was
ists Alle drei wurden rot und nach und nach kam es herausgestottert der
alte Hornich befinde sich in einer Art von Höllenangst wegen Woldemar und
Henrietten und würde nicht anders als voll Verzweiflung den Geist aufgeben
wenn er nicht von seiner Tochter das feierliche Gelübde erhielte dass sie nie
Woldemaren die Hand geben wollte »Denkt euch die Beklemmung worin wir uns
befanden sagte Dorenburg und was für eine Wirkung die glückliche Nachricht auf
uns machen musste die ihr mitbrachtet« Aber damit ist nicht geholfen sagte
Henriette denn so lange noch einige Hoffnung zur Genesung bei meinem Vater ist
darf ihm Woldemars Verlobung nicht kund werden und ihn durch die Erklärung die
er wünscht zu beruhigen das ist mir unmöglich Wie warum denn nicht
fragten die geängsteten Schwestern wie aus einem Munde Warum antwortete
Henriette und ward feuerrot weil ich dem Hass der Verachtung gegen den
Besten unter den Menschen nicht die Hand bieten will weil ich in keinen Bund
treten will gegen meinen Freund Ein feierliches Gelübde meinem Woldemar zur
Schmach Ha rief sie die Augen gen Himmel und schluchzend ging sie zur
Türe hinaus
Als Hornich erwachte war sein erstes Wort nach Henrietten zu fragen Sie
hatte Zeit gehabt sich zu fassen und war schon in sein Zimmer geschlichen und
sobald man dem Alten geantwortet sie sei da stand sie auch schon vor seinem
Bette Wie er sie erblickte hob er Hand und Haupt ihr entgegen mit einem
unaussprechlichen Ausdruck von Liebe »Liebe Henriette« sagte er und konnte
für Wehmut es kaum über die lächelnde Lippe bringen » sieh du hast mir
Wort gehalten« Der rührende Sinn dieser Rede ging Henrietten in die Seele
sie sank in die matten Arme ihres Vaters und er lispelte ihr an der Wange her
Ja bis in den Tod Du gutes Kind Gott wird dirs vergelten
Eine Weile nachher Henriette saß jetzt neben seinem Bette ihm nah gegen
über Es kommt mir hart vor dass ich sterben muss sagte der Greis denn du
hattest mich vergessen gemacht dass ich so alt war du hast mich so süß und
sanft ans Grab geleitet aber dennoch ich habe etwas auf dem Herzen wenn du
mir das davon nähmest ja liebe Tochter auch hinunter in die Grube könntest
du mich sanft geleiten Ach lieber Vater rief Henriette ich weiß schon was
Sie von mir verlangen ich bitte hören Sie mich glauben Sie mir Woldemar
hat nie Ansprüche auf mich gemacht und eben so wenig habe ich den entferntesten
Gedanken je die seinige zu werden Sie müssen sich erinnern dass ich Ihnen das
schon mehrmahls bekräftiget habe ich wiederhole es Ihnen nochmals und schwöre
Ihnen bei allem was heilig ist dass ich die lautere Wahrheit sage Wozu dann ein
feierliches Gelübde Warum wollen Sie ohne einige Not sich so gehässig gegen
einen Mann beweisen den Sie für den Ärger den er Ihnen einigemahl
unbesonnener Weise zugefügt unmittelbar beleidigt hat er Sie niemals lange
genug bestraft haben O besänftigen Sie Ihr Gemüt machen Sie Friede mit
Woldemar tun Sies lieber Vater auf mein Wort ihrer betrübten Henriette zu
Liebe »Beste Tochter antwortete der Alte sei versichert ich besinne mich
kaum dass mir durch Woldemar je eine Minute unangenehm geworden Wollte Gott er
hätte mich aufs äußerste gekränkt und wäre nur ein anderer Mensch Du solltest
sehen dass ich kein so unversöhnlicher Mann bin Und wessen Herz ist nicht voll
Vergebung in der Stunde des Todes Bloß um Dich ists mir bei der Sache zu
tun Woldemarn gönnte ich gern alles Glück das du ihm gewähren könntest Aber
sieh ich habe genau auf den Menschen Achtung gegeben und da ich wahrgenommen
dass du dich immer stärker an ihn hiengest mich allerwärts nach ihm erkundiget
Gewiss liebe Henriette er glaubt weder recht an Gott noch an Menschen es ist
durchaus ein desperater Charakter hitzig ausschweifend unbesonnen Kurz
ich weiß kein Unglück das du nicht mit ihm zu befahren hättest du wärest
verloren für diese Welt und wahrscheinlich auch für jene«
Die Ankunft der Ärzte unterbrach diese Unterredung Hornich erriet aus
ihrer Miene dass es um ihn geschehen sei und er drang in sie um so genau als
möglich zu erfahren wie viel Frist ihm noch bleibe Aus ihren Antworten ließ
sich abnehmen dass er es höchstens bis an den dritten Tag vielleicht aber auch
nicht einmal bis an den morgenden bringen werde Henriette die ferne war
einen so plötzlichen Wechsel zu vermuten geriet in die äußerste Bestürzung
Der Alte schien wunderbar gefasst nur dass ihn die Angelegenheit wegen seiner
Tochter ängstigte Er eilte die Ärzte von sich wegzuschaffen Henriette wollte
ihn nun ohne Verzug durch die Entdeckung von Woldemars Verlobung mit Allwina
beruhigen Hornich erschrack über die Nachricht »Das gute Blut sagte er Doch
vielleicht wirds noch rückgängig bei Leuten wie Woldemar kann man auf nichts
rechnen da du aber andrer Meinung bist so seh ich nun gar nicht mehr was
dich abhalten könnte mein Verlangen zu erfüllen und dadurch eine Angst von mir
abzuwälzen bei der mir die Todesangst verschwindet die mich aber im Tode zur
Verzweiflung bringen wird« Henriette weinte bitterlich Sie stürzte neben
seinem Bette auf die Knie und trug ihm die Gründe ihrer Weigerung mit so viel
Stärke auf eine so zärtliche und rührende Weise vor dass der alte Vater äußerst
davon bewegt wurde ohne jedoch sich überwältigen zu lassen Dieser Kampf
vermehrte die Unruhe seines Gemüts bis zum Tumult und unversehens sah man ihn
von einer Atemsnot ergriffen die in wenigen Augenblicken so grässlich wurde
dass Henriette laut um Hilfe schrie und alle nicht anders dachten als es wäre
aus Henriette glaubte zu vergehen so unerträglich war ihr der Gedanke das
Leben ihres Vaters auch nur um einige Stunden verkürzet zu haben Er kam wieder
zu sich Unterdessen waren zwei der nächsten Anverwandten und der Beichtvater
angelangt alle drei sehr wackere Leute Sie wussten um Hornichs Bekümmernis und
hatten bereits alle Mittel versucht ihn auf andere Gedanken zu bringen Das
alles erzählten sie Henrietten genau und fügten sehr eindringende Gründe hinzu
um sie zum Nachgeben zu bewegen Beide Schwestern stimmten ihnen bei zuletzt
auch Dorenburg welcher seiner Schwiegerinn zu Gemüt führte es sei wider ihre
eigene Grundsätze und Woldemars Moral ganz entgegen einer eingebildeten
Pflicht einer unwürksamen Grille wegen ein wahres Übel zu verursachen »Das
passt hier nicht antwortete Henriette ach Dorenburg was man nur so spricht
ist immer in den Tag hinein« Biedertal schlug vor man solle seinen Bruder
eilends benachrichtigen Aber der Klarenauische Landsitz war vier Meilen von B
entfernt und ohnedem verwarf Henriette diesen Vorschlag ganz »Ihr versteht
meinen Eigensinn nicht sagte sie ihr nehmt die Sache von einer Seite wo es
sehr verkehrt wäre ihr die mindeste Wichtigkeit zu geben«
Sie unterlag endlich Der kommende Tod den sie immer näher und näher sich
an ihren Vater lagern sah seinen fürchterlichen Arm schon zwischen ihr und ihm
um ihn von ihr wegzureissen das erschreckte ihren Geist bis zur Verwirrung und
betäubte ihre Sinne Jeder angstvolle Blick den der Sterbende auf sie warf
brach ihr das Herz mit jedem zuckte wie Blitz in der Nacht der Gedank ihr
durch die Seele Wenn er wo noch zu retten wäre Könnte wie so mancher von dem
Rande des Grabes zurückkehren wenn diese Blicke um Leben fleheten um Leben
bei seiner Tochter dass sie ihm die Hand böte umzukehren und sie weigerte
die Hand und sie ließ ihn hinabsinken Das liebe Mädchen fiel in Ohnmacht
über diesen Vorstellungen und da sie wieder zu sich kam stammelte sie bebend
blass und blind ich will es tun
Die Sache wurde sogleich ins Werk gerichtet und Henriette gab die Erklärung
von sich dass sie ihrem Freund und Bruder Woldemar den sie unter allen Menschen
am höchsten schätze nie als Gattin angehören wolle
Hornich welcher aus Zärtlichkeit für Henrietten bemüht war auf alle Weise
an den Tag zu legen dass er ferne sei einige böse Absicht gegen Woldemarn zu
hegen hatte aus eigenem Antriebe die gegenwärtigen Personen zur
unverbrüchlichsten Verschwiegenheit anheischig gemacht Er verschied ungefähr
vier und zwanzig Stunden nachher gegen Abend
Dass Woldemar auf die Nachricht von Hornichs Tode in die Stadt fliegen würde
war natürlich zu erwarten und darüber geriet nun sein Bruder die Nacht durch
auf allerhand Betrachtungen Voll davon eilte er am frühen Morgen zu Henrietten
damit er sie bewege von allem Vorgegangenen Woldemaren doch ja nichts zu
offenbaren »Sorgen Sie nicht sagte das betrübte Mädchen Wie in aller Welt
sollt ich es angreifen Woldemaren diese Begebenheit vorzutragen Und das wäre
doch nur das geringste O ich weiß ich weiß nur zu wohl dass ich schweigen
muss« und mit einem schmerzvollen Seufzer »Arme Henriette dass Du nicht
stärker warst«
Es fiel Henrietten unerträglich nach ihres Vaters Beerdigung länger in
seinem Hause zu verweilen und schleunig wurde Anstalt gemacht dass sie zu ihrer
ältesten Schwester ziehen konnte Ihr Vorhaben war sich hier so lange
aufzuhalten bis ihre Freundin Mutter wäre den Sommer durch aber auf dem Lande
zuzubringen
Sie litt nicht dass Woldemar länger als acht Tage in der Stadt blieb und
von Allwina hatte sie zum voraus sehr ernstlich begehrt dass sie gar nicht
herein käme dagegen wollte sie ehe sechs Wochen um wären sich in
Pappelwiesen zu ihnen gesellen
Nachricht von da erhielt sie unterdessen mit jeder Gelegenheit oft an
demselbigen Tage mehr als einmal Es waren nicht immer Briefe sondern
mehrenteils ich weiß keinen eigentlichen Nahmen dafür und wozu brauchen
wir Nahmen Hier sind zwei von diesen Stücken die zu mehr als einem Ende hier
einen Platz zu behaupten haben
Am 12ten May
»Wie behaglich ich zwischen dem Grün und den Blüten Nachtigallen Finken
und LerchenGesang daher wandelte der weichenden Sonne nach entgegen der
Abendstille Dünnes mit Lichtstreifen durchschossenes Gewölk über den ganzen
Himmel Zu dieser süßen Tagesdämmerung nun allmählich die Dämmerung der
Nacht und tüschender Schauer Aus den Dörfern umher das MayGeläute
nicht mit dem Wehen der Lüfte kaum dass ihr Wallen die Blätter bewegte
es schlich von selber an mein Ohr in immer gleichem Klang und immer eben
zusammen und eben so an mein Auge das Grün und die Blüten kein rascher
Lichtstrahl der mir die Gegenstände aufdrang ich genoss alles in Freiheit
in Ruhe schwebte im Meer der Allmacht Und eben so sanft und leise wie
der Alliebende wie sein Frühling um mich her eben so leise sanft und
liebend fasste Ihre Hand die meinige nicht damit ich umblickte auch
blickt ich nicht um aber vor mir hin auf dem schönen Pfade lächelte ich
mit doppeltem Entzücken die ganze Schöpfung an«
Den 20sten May
»Wir hatten am Abend dieses etwas schwülen Tages am Wasserfall gesessen und
den schönsten SonnenUntergang betrachtet Nun zogen wir durch leuchtende
Schatten am Ufer des Baches her und blieben stehen an der Wendung wo das
Auge einen Teil seiner Krümmungen überschauen kann Es war ein bezaubernder
Anblick wie die schlanken flammenden Pappeln sich in ihm bespiegelten Es
schien als hätten sie zur Lust sich hinunter getaucht und es durchfahre sie
das süße Schrecken der angenehmsten Empfindung Wunderbar ergrif einen das
Gerege umher in allen Blättern Uns wurde als schwebten wir im Hauch der
Lüfte die zwischen den Ästen lispelten und auf sanften Wellen über den
kleinen Fluss gleiteten und mit der ganzen Natur sich ergötzten Da kamen
die Sterne hernieder Der blaue Himmel schwamm zu unsern Füßen Es hatte der
Unermessliche sich in niederes Gebüsche zu uns gelagert
Wasser der Himmel in Wassern der Erde Leben in Leben
hinübergestralt Kraft mit Kraft sich begattend
Hohe Ahndungen ergriffen meinen Geist Meine Seele wähnte den
Unbegreiflichen in etwa zu fassen Sie die einst nicht Einer
Vorstellung sich bewusst war nun so voll Empfindung und Gedanke
Eigenes gefühltes Dasein aus dem Nichts Schöpfung«
Dergleichen Aufsätze flossen häufig aus Woldemars Feder und waren nicht
bestimmt von jemanden außer ihm gesehen zu werden Er nannte sie die Schatten
seiner abgeschiedenen Stunden in dem nämlichen Sinn wie man auch die Seelen
Schatten zu nennen pflegt Sie werden in der Folge dieser Geschichte uns sehr zu
statten kommen
Die Vermählung wurde nicht lange verschoben aber man hielt sie aus
FamilienUrsachen äußerst geheim Erst im Winter wenn man vom Lande
zurückgekommen sein würde sollte sie bekannt gemacht werden
Woldemar fand sich wie in eine neue und bessere Welt versetzt Es war ganz
über seine Erwartung was er Allwina in seinen Armen werden sah und er konnt
es nicht ergründen Nie hatte jemand auf diese Weise Teil an ihm genommen so
wunder lieb und lauter so aus ganzer HerzensFülle bis zur blinden
Parteilichkeit und doch ohne weiter eine Spur von Leidenschaft Es schien
seitdem Woldemar ihr Mann sei habe sie weniger Recht an ihn als zuvor sie
hatte sich ihm völlig hingegeben alle ihre Ansprüche mit auch die an ihn
selbst Seiner Liebe zu ihr freute sie sich aber in der Tat mehr weil sie
fühlte dass Woldemar dadurch glücklich wurde als dass sie dabei an sich gedacht
hätte nur sein Wohl war ihre Sorge ihr Wunsch und wie das alles an ihr
bestand und aus ihr hervorgieng man musste glauben sie sei durch eine
unmittelbare Einwürkung des Himmels dazu begeistert worden Ich wiederhol es
Woldemar wusste es nicht zu ergründen und das schwellte sein Herz nur desto
höher von Wonne es stand unter einer Flut süßer nie gekannter Empfindungen
Und die Flut hub ihn empor und trug ihn zurück sanft hinauf den Strom bis zu
den Quellen seines Lebens Von allem erwachte wieder in seiner Seele die Erste
frischblühende Empfindung Der Frühling seines Daseins ward ihm wiedergegeben
eine zwote Jugend voller und kräftiger als die Erste Unschuld Zuversicht
und Paradies
Henriette welche um die versprochene Zeit angekommen war und zu
Pappelwiesen für den ganzen Sommer ihre Wohnung aufgeschlagen hatte sah das
alles und konnte fast die Wonne nicht tragen die sie empfand Von der einen
Seite war ihr der Gedanke süß dass sie die Glückseligkeit ihrer Freunde großen
Teils als ihr Werk anzusehen hatte von der andern Seite aber machte eben
dieser Gedanke sie manchmahl beklommen sie scheute ihren Jubel zu verkündigen
als verherrlichte sie damit sich selber Wenn sich nur etwas ergeben könnte
wünschte sie tausendmahl das Woldemars und Allwinas Dankbarkeit gegen Sie
aufhöbe oder denselben zu betrachten verstattete wie ihr Verdienst um sie nur
dem Anschein nach so groß aber im Grunde so gar nichts sei »denn« sagte
sie »was hab ich aufgeopfert War wohl ein widersprechendes Verlangen in meinem
Herzen das ich unterdrücken musste Hab ich nicht meine eigenen Wünsche
befriedigt alle meine Wünsche Das hab ich getan ich habe von ganzer
Seele geliebt was ich von ganzer Seele liebte getan was ich nicht lassen
konnte Und dafür Dank Und dennoch fühl ich dass ich den Unsinn nicht
aus ihnen vertilgen werde und dass ich ihn sogar in mir selber mittlerweile gut
heißen muss«
Aber auch die Art Verschlossenheit die aus dergleichen Beherzigung folgte
musste Henrietten neue Seeligkeit bereiten leise aber tief und beständig war
ihr Inwendiges bewegt Allwina fand oft die Edle sitzend oder wandelnd in ihrer
Demut mit eingekehrtem Blick schlich dann geschwind sich hin an ihren Hals
lispelte alle Nahmen des Himmels in ihren Busen drückte mit geschlossenem
Auge die Freundin sanft an sich und verschwand Woldemar aber konnte nicht
immer sein Herz übermannen zusammen mit Allwina zwang er Henrietten dass sie
sich hingeben musste ihrer Dankbarkeit ihrem Preise »Ja« rief dann das
fromme Mädchen ja Dank sei dem Höchsten ich hab Euch glücklich gemacht ewig
ewig sollt Ihr mir danken und ich gelob ihn ich weih ihn dem Himmel allen
diesen Dank
Woldemar kam selten nur wenn es die äußerste Not seiner Geschäfte wegen
erfoderte in die Stadt Den ganzen August und noch einen Teil des
nachfolgenden Monats blieb er ununterbrochen auf dem Lande und ohne allen
Besuch denn Biedertal hatte seine Frau ins Bad begleitet Dorenburg konnte
wegen Biedertals Abwesenheit nicht wohl aus der Stelle und seine übrigen
Freunde oder Bekannten waren zerstreut Von denen Briefen die er während dieser
Zeit an seinen Bruder schrieb wollen wir nur Einen aber diesen auch seiner
ganzen Länge nach mitteilen wie er vor uns da liegt
Woldemar an Biedertal
Pappelwiesen den 23ten August
Liebster Biedertal ich mache mir bittere Vorwürfe darüber dass ich beinah
vierzehn Tage Dich ohne Briefe von mir lassen konnte Allwina und Henriette
haben mich genug ermahnt mein eigenes Herz noch mehr aber ich konnte nicht
Eine Menge Blätter will ich Dir zeigen für Dich worauf sehr deutlich zu lesen
steht den Wievielten wir jedesmahl hatten in diesem Jahr auch etliche mit
einer halben Zeile würklichen Briefs etliche sogar mit einer ganzen Zeile
mit zwei mit drei Aber dann wolt es für die Welt nicht weiter
Ich begreife nicht mehr wie ich es ehmahls anfing dass ich an Leute die
mir das gar nicht waren was Du mir bist so lange Briefe schreiben mochte Der
halben Welt bin ich Antworten schuldig Ich werde erinnert geplagt zum
Mitleiden gerejetzt weiß mir nicht zu helfen und gerate in Wut Mir däucht
es müsste mein Feind sein der mir zumutete meine Empfindungen bis auf den Grad
zu schwächen dass ich sie mir klar vorstellen in eine lange Rede fassen und
hinschreiben könnte Die edle unwiderbringliche Zeit auf diese Weise
umzubringen Soll zu leben aufhören damit ein andrer etwas zu lesen kriege Im
ganzen Ernst wenn ich mir so einen teuren Freund gedenke der das will und
mit zärtlich verdriesslichem Gesicht da sitzt und zwischen den Zähnen murmelt
weil ich das nicht will Ich kann ordentlich hämisch auf ihn werden vom Stuhl
aufspringen und ihn nicht mehr ansehen mögen
Freilich kommen hernach vernünftigere Augenblicke worin ich gleichwohl
fühle dass ich Unrecht habe dass ich mich sehr sträflich beweise wo ich gegen
mein Gewissen nicht aufkommen kann Und das ist eben mein Unglück
Aber nun was soll dies alles hier Vielleicht eine Entschuldigung gegen
Dich Gott im Himmel Ja wenn man einmal so tief im Unrecht sitzt dann
rede sich einer heraus
Lieber ich habe eben Deine zwei letzten Briefe zur Hand genommen und
sie wieder durchgelesen Mir wurde doch ganz bange ums Herz dabei und ich danke
Gott dass wenigstens Allwina und Henriette an Deine Frau geschrieben hatten und
letztere eine ziemlich lange Epistel auch an Dich Du kennst mich Du fühlst
meine Lage also verzeih Nein verzeihen nicht danken sollst du dem Himmel
der mich so glücklich machte dass ich Dirs nicht sagen konnte und Dich
verabsäumte Ich weiß ich kann das von Deinem edlen brüderlichen Herzen fodern
und dies Zutrauen Lieber ist es nicht mehr wert als tausend Briefe und sagt
es nicht alles
Ich bin seit gestern ganz allein hier Die beiden Tanten mit Allwina und
Henrietten sind nach Schellenbrug kommen aber diesen Abend zurück Es war mir
gar nicht zuwider auf diese kurze Zeit in diese Einsamkeit versetzt zu werden
ich habe herrliche Stunden zugebracht Noch war ich nicht Einmahl zu einem
solchen alleinigen ganz stillen Anschauen meiner Glückseligkeit gekommen hatte
mich eben auch nicht danach gesehnt aber mir geschah unaussprechlich wohl da
ich nun von ungefähr dazu gelangte Könnt ich Dir in etwas nur bedeuten wie
mir war und wie mir ist
Sobald meine Reisenden weg waren Morgens um neun Uhr lagerte ich mich
nicht weit unter der Krümmung des Bachs in die wilde Laube unter den hohen
Nussbäumen Der Eine Nussbaum diente mir wie gewöhnlich zur Lehne Draußen ging
ein starker Wind Man hörte sein Anfallen an das dichte Gebüsch wie er die
Äste bog und die Blätter drängte dann sich verwehte im Laube drinnen zum
sanftesten Lüftchen wurde und zwischen den jungen Eschen Morellen
Pappelweiden Quitten und Haseln in vieltönigem Gelispel sich verlor dann
wieder majestätisch rauschte höher und hinauf von Krone zu Krone in den
Zweigen der Nussbäume und beinah Sturm war in ihren Gipfeln In den
mannigfaltigen Millionen Blätter welch unendliches Spiel Welch ein Wallen und
Wühlen der Äste Unter und über das lustige LaubMeer Ergriffen von seinen
Wogen schwamm mein Auge hinweg in die schöne Flut und ließ sich von ihr
verschlingen Leise rieselte unterdes der liebe Bach an meiner Seite
gauckelte kleine Wellen daher Wirbel und Schlünde und die Fische hattens
ihren Scherz mit Springen Schnalzen und Klatschen Der mächtige Stamm an
den ich gestützt war schwankte fast unmerklich hin und her bald stärker
bald schwächer wiegte meinen Rücken und bewegte sanft schauerlich mein Haupt
Nie war meine Seele so in allen meinen Sinnen Lauter Genuss mein ganzes
Wesen Ewigkeit mein fliehendes Dasein Hülle der Gottheit um den
Endlichen
Ich verließ nach einer Weile den Platz aber die Empfindungen die er mir
gegeben folgten mir nach Wohin ich wandern mochte fand ich denselbigen
Zustand Alles entzückte mich so wie es war Ich freute mich ohne Aussicht ohne
Hoffnung ganz und gleich erfüllt von der Wonne jedes Augenblicks und wie von
Allgenugsamkeit umgeben
Der Wind hatte um Mittag sich gelegt es war etwas schwül geworden und
gegen Abend regte sich kein Blat Ich ging umher und ergötzte mich an den
wunderbaren Beleuchtungen der Erde die Bäume und Blumen als ob sie in die Höhe
schienen und die Dämmerung erhellten Ich ließ mein Essen etwas früher unter die
Laube vor dem großen Saal bringen weil ich keine Kerze mochte und die Nacht
wollte kommen sehen Ich war bald fertig saß stille da und ließ mir träumen
von Dir dachte wie Du jetzo wohl vielleicht auch an mich dächtest Deine
Gespräche mit Luisen Dein Sehnen nach mir zurück Dein Kommen Dein Eilen auf
dem Wege und mein Erwarten
Es war mir nicht eingefallen dass wir Vollmond hatten Ganz hinten bei den
Eichen sah ich ihn unversehens in die Kastanienbäume scheinen Er zog heran
wie mit später Dämmerung feierlich die Stille heranzieht lächelte zwischen
dem dunkeln Laube gleich einem Freunde der sich zur Überraschung
herbeischleicht bebend von den Schlägen seines Herzens das die Freude nicht
halten kann Ich regte mich nicht mochte kaum aufschauen als wär es so in
der Tat und ich fürchtete ihm die Freude zu verderben Da kam er endlich über
den Gipfel der Eichen und trat vor mich hin und ich flog auf Lieber es war
ein Becher voll Himmelsluft Ich ging und wandelte auf und ab in meinen
Alleen von Oranienbäumen unter den Linden und in der langen Buchenhalle ganz
durchglinzert vom Mond Es war eine Nachtstille ein Schweigen um mich wie das
Schweigen unaussprechlicher Liebe So ging ich bis der Mond in den Teich
schien und ich nicht weg konnte unter der Ulm am Kanal Ich saß umfangen von
ihren prächtigen Ästen um mich gewebet ihr Laub wie jene Wolken um den Mond
Man hörte nichts als den Gesang der Grillen das Rieseln durch den Teich und
dann und wann die Bewegung eines Fisches Hell und heller wurde das Wasser
und ich schwebte wie in der Mitte der Schöpfung aufgelöst und an mich ziehend
aus dem feinsten Äther eine neue Bildung
Lieber Biedertal wie ist mir so anders Du weißt schon als Kind
hatte ich diese süße Verliebteit in alles was meinen Sinnen oder meinem Geiste
in Schönheit entgegen kam war in beständigem Ringen und so voll Lust und
Mut und so voll Trauer Wie wurd ich des Lebens so froh Ach und so
müde Ich erfuhr dass ich ein Herz im Busen trug welches mich von allen
Dingen schied von sich selber mich schied weil es zu heftig mit allen Dingen
sich zu vereinigen strebte Jedermann liebte mich darum dass ich alles so
liebte aber was mein Herz so liebend machte so töricht so warm und so gut
das fand ich in keinem Von den mehresten dacht ich deswegen nicht
schlechter zuweilen im Gegenteil nur desto besser aber ich glaubte zu
sehen dass überhaupt die Menschen im Grunde keinen rechten Sinn für einander
haben Ich wurde duldsam und stille Lieber mir rollen die Tränen
herunter vom Andenken meiner einsamen Wehmut Jede Lust machte mich betrübt
weil sie nur Staub war vom Winde aufgeregt dahin fuhr mit dem Lichtstrahl mit
dem Schall mit dem Wallen des Blutes Ich wollte Raum machen in meiner Seele
erretten wenigstens für mein Teil was an mir war aber ach dann erwachte
mein Herz und ich fühlte zehnfaches Leiden Wie oft hab ich auf meinem
Angesicht gelegen vor der aufgehenden Sonne und vor der niedergehenden unter
dem Mond und den Sternen voll Liebe und voll Verzweiflung und habe geklagt
wie Pygmalion vor dem Bilde seiner Göttinn Und wie Er Dank und Preis
sei dem Ewigen und wie Er nicht vergebens
Lieber wie ist mir so anders Mein Herz das einer Brust glich worin der
Lebenssaft zurückgetrieben worden weil den Säugling die Klemme dahin riss und
die nun der Krebs angefressen hat Es ist genesen Ich lebe und liebe und alles
lebt und liebt um mich her Wie dem Hiob hat mir der Herr alles zehnfach
wiedergegeben und hat mich geheilt Jeder Sonnenstral wird lebendig wenn ich
ihn in Allwinas oder Henriettens Auge fallen sehe Mond und Sterne werden
lebendig wenn Allwina und Henriette von ihnen beglänzt mich umarmen so wird
mir alle die Liebe wiedergegeben die ich hofnungslos ausgoss ins Unendliche
Lebendiger Otem ist in den Erdenklos gefahren er ist Mensch geworden Fleisch
von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein nun die ganze Schöpfung
geschlungen an meine Brust und erwiedernd meine Küsse
O Lieber wie ist mir anders
Und wie das begann Die Stimme vom Himmel die mir rief Der Engel der
mir den Weg zeigte Du warst es Du den ich zuerst den ich am längsten den
ich ohne Wandel geliebt mein Freund und mein Bruder
Wunderbar wie ich an diesen Tag gekommen bin Ich werde nicht müde es
zu überdenken jeden kleinen Umstand meinem Gedächtnisse zu erneuern alle die
goldenen Ringe an einander zu ketten Besonders von dem Zeitpunkt an wo ich
durch Deine brüderliche Vorsorge nach B versetzt wurde
Ich kam und rechnete allein auf Dich kam und fand gleich in Dir noch
mehr als ich gehoft hatte Du warst mir um vieles näher verstandest mich in
tausend neuen Dingen hattest ein Weib lieb gewonnen Dich zu ihr gesellet und
mit ihr ein Haus gegründet Du hiengst nicht mehr an diesem und jenem womit
ich nichts zu schaffen haben konnte warst von einem der traurigsten
Steckenpferde auf ein wackeres lebendiges Ross gestiegen von allen Seiten sah
ich Dich liebenswürdiger und besser Dein Gewerbe Deine Wirtschaft mit
Dorenburgen Euer ganzes Wesen das mit andern Leuten die Prunkgesellschaften
und Gastmahle ausgenommen wie Du gar wohl weißt ich sage Euer ganzes Wesen
untereinander gefiel mir bis zum Entzücken In Dorenburgen erhielt ich einen
zweiten Bruder und was ich nie gehabt hatte zwei Schwestern in Euren herzigen
Frauen
Du hattest mir Henrietten zur Gattin ausersehen aber das sollte nicht
sein sie war bestimmt meinem Schicksal eine viel merkwürdigere Wendung zu
geben Das himmlische Mädchen deutete mir meinen alten Traum von Freundschaft
half ihm zur Erfüllung machte mir ihn wahr Kaum dacht ich zuweilen noch an
diesen Traum und nie anders als wie man an ein Hirngespinste denkt Ich hatte
Freunde von allen Gattungen gehabt hatte mit anhaltender Leidenschaft den
Menschen tief erforscht hatte meiner eigenen Seele auf den Grund geschaut und
hatte gefunden dass wir samt und sonders zu viel und zu heftige Begierden im
Busen tragen zu gewaltsam von den Sorgen Geschäften Qualen und Freuden des
Lebens herumgetrieben hin und her gerissen entzücket und gefoltert werden als
dass irgendwo in diesen Zeiten zween Menschen so Eins werden und bleiben
könnten wie meine liebevolle Schwärmerei es mich hatte träumen lassen
Das andre Geschlecht hatte ich flüchtiger beobachtet und war über seinen
Charakter der mir wenig Localfarben zu haben schien früh mit mir einig Es kam
mir vor als wenn die Empfindungen und Ideen bei diesen zarteren Geschöpfen sich
unaufhörlich in einander verschwemmten und daher keine von jenen zu einem
gewissen Grad der Stärke von diesen zu einem gewissen Grad der Deutlichkeit
sich erheben könnte Noch hatte ich keine weibliche Seele angetroffen die in
irgend etwas nur einen vesten eigenen Geschmack gehabt hätte nicht einmal
was Gestalt und Zierde Putz und Geräte angieng Dagegen aber fand ich in ihr
Wesen die schönsten Triebe gelegt einen wunderbaren Instinkt der Verläugnung
holdseelige Lust nur andern zur Freude zur Wohlfahrt zu leben und jene
allgegenwärtige Schönheit jenen unbesieglichen Zauber der uns alle bestrickt
und mich ewig fesseln wird Ich sagte zuweilen mit Lachen An Treue an
Ergebenheit an gefälligem Witz überträfen sie uns Männer unendlich und wichen
kaum dem besten Pudel das sagt ich mit Lachen aber nach meinem inneren
Gefühl gab ich damit ein sehr ernsthaftes Lob allerdings mit etwas Bitterkeit
vermischt aber nicht sowohl gegen die Weiber als überhaupt gegen die
Menschheit
Ich sah Henrietten Sie zog mich an aber mit einer Empfindung die nichts
mit ihrem Geschlechte zu tun hatte und die mir ganz neu war Ich wunderte mich
und wurde aufmerksamer Jeder weibliche Reiz an ihr war mir sichtbar
sichtbarer als allen andern wie sie hatte noch kein Mädchen mir gefallen
Dennoch raubte sie mir nicht das Herz Die Eigenschaften die ich an ihr
entdeckte konnte ich mit meinen allgemeinen Begriffen von ihrem Geschlecht
nicht wohl vereinigen konnte aber zugleich nicht in Abrede sein dass sie ganz
Mädchen war Oester hatte ich über die Mängel der Schönen mit ihr meinen Scherz
Ich behauptete kein Frauenzimmer könne sich überwinden Einen Gedanken zweimahl
zu denken noch weniger im Handeln auf Veranlassungen inne zu halten alles
gehe bei ihnen so in einem fort Wenn sie in einem schwierigen Falle zu
Überlegungen schritten so begnügten sie sich einen gewissen so oder anders
gesponnenen und gezwirnten gefärbten und gedrehten Faden ihrer Gedanken
zehnmahl hintereinander auf und ab zu haspeln in Stränge zu schlingen ihn auf
Karten in Knäuel und über die Finger zu wickeln ohne je sich einfallen zu
lassen ihn an dem einen oder andern Ende auseinander zu drehen und aufzulösen
Auf nichts vermöchten sie mit stetem scheidenden Blicke zu haften wären keiner
eigentlichen entschlossenen Geduld fähig wären außer sich und in sich ewig
zerstreut Wie mit ihrem Denken so sei es natürlich auch mit ihrem
Empfinden beschaffen ja aus Ursachen mit diesem noch etwas schlechter usw
Henriette widersprach nicht sonderlich ich möchte wohl nicht so Unrecht
haben sagte sie sie habe über Denken und Empfinden nie sehr tiefe
Betrachtungen anstellen können überhaupt sich wenig den Kopf zerbrochen
sondern in jedem vorkommenden Fall das Nötige überlegt und wie ungelehrte
Leute pflegten nach Gelegenheit und Umständen gehandelt
Unterdessen sah ich häufig die Lose mich an Einsicht weit übertreffen so
dass ich wie dumm vor ihr da stand und nicht selten fühlte ich in meinem Herzen
mich durch das ihrige beschämt
Wir waren Freunde ehe wir es dachten und eh ich noch das Vorurteil recht
überwunden hatte dass es mit dem weiblichen Verstande und mit der weiblichen
Empfindung über einen gewissen Grad hinaus nichts als Betrug und Täuschung
sei
Nun aber stund mir das Gegenteil vor Augen ich sah meinen Irrtum und
begrif ihn doch nicht bis ich durch Henrietten von ungefähr zum Aufschluss
gelangte
Wir waren in Allwinas Garten und untersuchten sehr scharf an den
verschiedenen Kirschbäumen den verhältnissmässigen Wert ihrer Früchte Wo wir
zweifelten oder verschiedener Meinung waren da entschied Allwina und sobald
hatte sie nicht den Ausspruch getan als wir mit ihr Eins wurden »Wer ein
Paar Tage Hunger und Durst gelitten hätte« sagte unversehens Henriette »und
käme über diese Bäume« Himmel rief ich und sah ganz entzückt aus
Henriette lächelte Wie der Mann die Stillung einer heftigen Begierde
neidet sagte sie und gleich alles angenehme liebliche köstliche dafür
hingäbe Oder glauben Sie Woldemar dass Sie mit jenem grimmigen Hunger und
Durst den Geschmack dieser Früchte ihre süße Labung so wie itzo empfunden
hätten Ihr Vergnügen wäre mehr bloße Stillung eines Schmerzes gewesen als
eigentliche Wollust und kaum hatten Sie erkannt was Sie hinuntergeschlungen
Ich gab das zu
Also hub sie an wären die Freuden des Gaumens wohl im Grunde eben so wenig
für den Heisshungrigen als für den Übersatten und der mäßig gerejetzte allein
genösse sie wirklich und lauter
Ich wusste nicht was sie wollte und gestand es abermals
Sie fuhr fort Ich habe Sie Weine versuchen sehen mein lieber Woldemar
da warteten Sie nicht eine Stunde des Durstes ab auch rejetzten Sie nicht vorher
durch scharfe Speisen ihre Zunge sondern Sie wollten mit frischem Munde und
dass ich so sage in einem ganz begierdenlosen Zustande sie kosten Was meinen
Sie mein Freund sollte man von hier aus nicht weiter gehen und mit Sicherheit
behaupten können dass ein gewisser MittelZustand ein Zustand worin die
Kräfte des Menschen wie in nüchternem Erwachen frei und unbefangen sind für
ihn auf alle Fälle so wohl zum Genuss als zur Wahl die schicklichste Fassung
sei
Nun antwortete ich lachend wir machen ja ein ordentliches Platonisches
Gespräch und da Sie den Sokrates vorstellen so warten Sie dass ich meinen
Bleistift nehme um Ihre Reden aufzuschreiben
Schreiben Sie nur erwiderte Henriette ich will sehen dass ich fortrede
ohne Antwort von Ihnen zu bedürfen
Damit fing sie an und brachte mittels eines kurzen Überganges mein
System von den Mängeln des Weiblichen Characters auf die Bahn Sie zeigte dass
diese Mängel zusammen am Ende nur auf Einen Hauptmangel auf den Mangel an
sinnlicher Begierlichkeit hinausliefen Und sie bewies dass eben dieses Mangels
wegen das weibliche Gefühl weit reiner schärfer vollkommener sei als das
männliche die wahren Eigenschaften der Dinge ihren innerlichen und
verhältnissmässigen Wert zuverlässiger unterscheide dass endlich und eben dieses
Mangels wegen in einer weiblichen Seele jede schöne Bewegung leichter
hervorkomme ungehinderter und dauerhafter würke
»Da alle wichtige Geschäfte des Lebens in Euren Händen sind« fuhr sie fort
»so habt ihr mehr Übung mehr Erfahrung des sorgfältigen Unterrichts zu
geschweigen den ihr von Kindesbeinen an genießt Aber bei Gelegenheiten wo
Euch alles dies verlässt wo ihr mit uns in gleichem Fall Euch befindet wer von
uns sieht da richtiger und weiter wer ahndet tiefer und schneller «
»Neben Euren andern Sinnen habt Ihr auch ein Herz und seid der edelsten
Entschlüsse fähig Ich will sogar Euch zugeben wenn Ihr wollt Euer Herz sei
größer als das unsrige Was hilft es wenn seine Stimme durch den Tumult Eurer
Begierden beständig unterdrückt wird Dass Ihr irgendwo in alleiniger Rücksicht
des Edelen und Schönen handeln solltet und Euren Leidenschaften entgegen daran
ist nicht zu denken Leidenschaft muss überall Euch unterkrücken selbst in der
Freundschaft Wo Ihr nicht eifert da seid Ihr kalt und tot«
»Hingegen ein Weib Aber das begreift Ihr nicht das seht Ihr nicht
das lästert Ihr sogar lästert weil Ihr selber nur nach Lust schnaubet ohne
die Brille der Begierde keine Schönheit wahrnehmen ohne Zwang der Leidenschaft
Euch an niemand hingeben in ihrem heftigsten Rausche nur Euch selber außer Acht
lassen könnt lästert weil Ihr lieber mögt gelüstet als geliebt sein lieber
gepriesen als hochgeschätzt«
Sie schwieg Ihr Auge senkte sich ein wenig öffnete darauf sich wieder
Es verklärte sich ihre ganze Gestalt Dann hub sie an in himmlischen
Tönen die Wonne einer schönen Seele zu verkündigen ihre Stille ihren Frieden
ihre Demut und ihre Stärke Keine von den Musen hat so gesungen Es floss
durch alle meine Sinne und ich fühlte Göttliches Wesen in der Tat und in der
Wahrheit
Das Mädchen war mir heilig geworden in dieser Stunde Wir näherten uns
einander von Tage zu Tage mehr und von Tage zu Tage wurde die Entzündung einer
gemeinen Liebe unter uns unmöglicher Der bloße Gedanke daran wäre zuletzt mir
ein Gräuel gewesen ein Gräuel wie von Blutschande Jener blöde Enthusiasmus
den wir Platonische Liebe zu nennen belieben konnte eben so wenig mich
anwandeln ich war ihm nie ergeben und Henriette die ErzWidersacherinn von
aller Schwärmerei hätte diese keinen Augenblick an mir geduldet Wir wurden
Freunde im erhabensten Sinne des Worts Freunde wie Personen von Einerlei
Geschlecht es nie werden können und Personen von verschiedenem es vielleicht
vor uns nie waren Darum lässt sich auch von unserem Verhältnisse so wenig
bedeuten
Wir dachten an nichts als ihr untereinander eine Heirat zwischen uns
fast unwiderruflich beschlossen hattet Die Eröfnung dieses Anschlags
beschleunigte meine Verbindung mit Allwinen die sich längst ganz in der Stille
bereitet hatte und auch ohne jene Veranlassung durch Henrietten jetzo bald
zur Würklichkeit würde gebracht worden sein Henriette war für mich so wenig
Mädchen als Mann sie war mir Henriette die Eine Einzige Henriette und es
wäre gewesen als hätt ich sie verloren als hätt ich sie zu Grabe gebracht
wenn in Absicht ihrer in meiner Vorstellung irgend eine Verwandlung hätte
vorgehen müssen in unserem Sein in unserem Tun und Wesen irgend eine
Veränderung Nicht so Allwina Ich fühlte oft nur zu lebhaft neben ihr dass
wir mit uns zweien waren sie Mädchen und ich Mann Sie war mein Urbild von
reinem weiblichen Charakter durchaus angelegt zur Gattin und zur Mutter der
Ausbund ihres Geschlechts Ich nahm sie mit Freuden sie mit Freuden mich ich
war entschieden für sie der einzige Mann sie entschieden für mich das
einzige Weib
Was ich aber gar nicht vorausgesehen auf keine Weise geahndet hatte und
doch so natürlich erfolgen musste war ein neuer Zuwachs von Freundschaft
zwischen Henrietten und mir Allwina als ich um sie warb hatte no comma
ihre Freundin gefragt »Aber würde hernach auch Woldemar noch eben das für Dich
sein« Hatte mich no comma gefragt »Aber Henriette würde Henriette nicht
dabei verlieren« Wir hatten beide die Frage auf sie zurückgewendet Ob Sie
vielleicht in ihrem Herzen fühle dass sie nachher weniger an ihrer Freundin
hangen würde »Ach Himmel« rief sie dann »was für ein Gedanke« Dennoch
behielt sie eine geraume Zeit ihre Sorge und konnte nicht genug Versicherungen
vom Gegenteil erhalten Jeder Blick den ich Henrietten gab jede Zärtlichkeit
die ich ihr bewies jede Liebkosung die ich ihr machte war eine Wohltat für
meine betretene Allwina sie hüpfte dann vor Freude fuhr mir an den Hals und
wollte mich erdrücken Wie mir dabei im Herzen geschah was aus uns allen dreien
in einem solchen Umgang werden musste kannst Du Dir leicht vorstellen und hast
es zum Teil gesehen Wir wurden je länger je vertraulicher untereinander
Jene äußerliche Zurückhaltung die Henrietten und mir als zwei unverheirateten
Personen die keine Blutsfreunde sind gegen einander oblag durfte nunmehr
wegfallen und tat es sehr bald wir wurden Bruder und Schwester ganz und
wie von Mutterleibe an Allwina weinte oft vor Freude und ich selber fühlte
mich kaum vor Wonne wusste nicht was mir widerfahren war Aufgeregt war all
mein Wesen und dabei meine Seele doch so still mein Geist so helle Die
frohe freie volle Liebe wars die hatte dies alles getan Sie hatte bis in
den Grund mich erschüttert und erwecket an sich gezogen jedes ihr ähnliche
Gefühl wie tief es schlummern mochte hatte so erneuet vervielfachet alle
meine besten Kräfte unaussprechlich mein Dasein erhöhet ein Leben wie von
Ewigkeit in meine Seele geboren Glücklich o glücklich der Mann dem
endlich die Liebe seinen Lohn gibt den sie zu sich erhöhet den sie vollendet
Bester Komm Mit Einem Mahl entsinkt die Feder meiner Hand komm
Ich ringe Dich in meine Arme drücke presse Dich an mich und mir ist als
senkt ich mein Herz in Deinen Busen
Biedertal an Woldemar
Den 3ten September
Es fehlte wenig mein trauter Lieber so hättest Du auf Deinen herrlichen langen
Brief keine Zeile Antwort bekommen Es lässt sich auf einen solchen Brief hier
nicht antworten nur ihn hier zu lesen ist beinah Sünde Gott bewahre Dich dass
Du je unter diese schaalen verzerrten aufgeblasenen flitterköpfigen Menschen
geratest Ich habe mir manchmahl vorgestellt wie Dir sein würde wenn Du hier
wärest und mirs in Deinem Nahmen recht grimmig werden lassen Die alberne
Hoffart und die dumme Aufführung des hiesigen Adels ist weltkündig Da ich eine
gewisse Reputation habe und verschiedene Fremde vom ersten Rang uns aufsuchten
so wollten die läppischen Gesichter wohl ein bisschen freundlich mit uns tun
sie holten uns an und luden uns an ihre vornehme Tafel aber ich habe sie dir
heimgeschickt einmal über das andre Dass die Affenart sich einbilden darf
einem rechtlichen Menschen eine Ehre erzeigen zu können mit ihrer Kompanie
Sieh das kann mich erst grimmig auf sie machen Anders ich bin ja nicht vom
Geschlecht und habe unter ihnen nichts zu suchen möchten sie also meinetwegen
ruhig sich begaffen und ihre Purzelbäume schlagen Und sie sollten sehen es
käme mir auf ein Paar Küsse für sie nicht an wenn ich gerad versehen wäre
Mit und hab ich mich so gut als bruljiert weil sie nicht
widerstehen konnten und sich von den Fratzen schön tun ließ Männer von
verdientem Ruhm sollten sich so nicht wegwerfen und von dergleichen Leuten eine
Distinction annehmen es sieht sonst so aus als hätt es wirklich mit diesen
armen Tröpfen etwas zu bedeuten und sie dürften wohl so gut sein und sich zu
einem großen Mann herablassen ihm gnädigst einmal gestatten zu sein für die
Zeit wie hoch ihres Gleichen Ich kanns nicht ausstehen die Schellenkappe über
dem Lorbeer
Unsere zwei distinguirte Herren schämen sich jetzt vor uns und schämen sich
vor einander und wären so gern der Ehre wieder los zumahl da es allmählig bei
tausend Gelegenheiten an den Tag könnt wie Ihr Gnaden es im Herzen mit ihnen
meinen Es sieht scandalös aus wie sie nun da stehen und umher schleichen
und um sich nicht gar zu prostituiren bon gré mal gré die inferieurs spielen
müssen sie sinds dermahlen auch in der Tat, und es geschieht ihnen recht
Darum lassen wir sie stecken und laden sie nie zu unserer Gesellschaft die
noch artig genug componiert ist wenigstens aus den besten Leuten die hier
sind wir haben einige sehr vergnügte Partieen zusammen gemacht Aber gewiss
komm ich nie wieder hieher Sollte ich noch einmal den Brunnen trinken müssen
so erneuere ich meine Bekanntschaft mit Spa Da möcht ich einmal von dem
allerlei vornehmen Volk denn die Kollection ist hier sehr vollständig da
möcht ich einmal dies oder das davon hinkommen sehen Himmel was sie da für
eine Figur machen würden Denn eigentliche Welt ächten guten Ton Lebensart
auch das haben sie dir nicht einmal sie sind ungeschliffen ungelenk und im
höchsten Grade fad und langweilig Aber womit ich die Zeit verderbe
Steht es denn nicht schon geschrieben dass die Erde hervorbringen musste Vieh
Gewürm und Tier auf Erden ein jegliches nach seiner Art und dass Gott machte
die Tier auf Erden ein jegliches nach seiner Art und das Vieh nach seiner
Art und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art und dass Gott sah dass es
gut war Haben wir also weiter nichts dagegen hüten uns und halten uns nur
fein reinlich
Am künftigen Montag geht es dem Himmel sei Dank von hier weg Wie mich
zurück verlangt nach Dir nach meinen Kindern nach Euch miteinander nach
Stadt und Land wo Ihr seid nach eigenem Haus und Heerd davon ist kein Sagen
Sei du nur immer glücklich mein lieber Woldemar das ist mein Morgen und
AbendGebet mein stündlicher Seufzer Guter Gott bewahre mir meinen Woldemar
Ich bin fest überzeugt so liebend wie Dein Herz auch ist dass Dir nichts so
beständig im Sinne liegt wie Du mir im Sinne liegst Jetzt da Dir so wohl ist
jetzt ist mir vor lauter Freuden Angst und teils wegen dieser Angst teils
aus einer Art von Aberglauben prophezeih ich mir allerhand Böses damit das
Gegenteil eintreffe Wie abergläubisch mich die Freundschaft macht das ist
ordentlich zum Lachen Zum Exempel die Nacht eh Dein Brief ankam hatt ich
einen entsetzlichen Traum von Dir ich mag ihn gar nicht erzählen genug am
Ende warst Du tot und es wurden zwei Särge aus Deinem Hause getragen aber
in dem zweiten Sarge war nicht Allwina die lebte Ich fuhr mit einem
ängstlichen Geräusch aus dem Schlaf so dass Luise davon mit auffuhr und ganz
erschrocken fragte was mir wäre Ich erzählte ihr noch in völliger Betäubung
das fürchterliche Gesicht »Pfuy« sagte sie »was für ein abscheulicher
Traum« und schlief bald darauf wieder ein Ich fiel endlich auch wieder in
Schlaf Und nun da ich am Morgen erwachte und mir gleich mein Traum einfiel
Wirst Du glauben dass ich kindisch albern genug war um mir Gedanken darüber zu
machen dass ich diesen Traum meiner Frau erzählt und zwar meiner selbst halb
unbewusst und gleichsam gegen meinen Willen nüchtern erzählt hatte Es war
ein Glück dass mir ein paar Stunden nachher Dein Brief gebracht wurde und nun
der Geck sich das Ding zu seinem Vergnügen auslegen konnte
Mein Empfangen mein haben Deiner Epistel mein Ermessen ihrer Länge wie
ich sie erst für mich hernach mit meiner Luise gelesen und alles was folgte
von dem mit einander find ich nicht ein Wort in meinem Tintenfass Es mag wohl
irgend besser aufgehoben sein Lieber O sei doch immer glücklich
Ich danke Gott so von ganzer Seele für Dein Wohl Wo ich es hie oder da nicht
genug tue aus Kleinmut aus Unglauben Vater im Himmel da sieh das
innbrünstige Gebet an worin meine Zweifel gehüllt sind und verzeih oder
strafe doch nur mich allein Ich weine ich bin zaghaft wie ein Weib Was
ist das
Wären wir nur erst ein Jahr oder ein paar Jahre weiter und ich sähe Dich
einmal recht eingenistet auf dieser Erde Immer kamst Du mir vor unter den
Menschen wie ein Fremdling als könntest Du nicht bleiben
Unter uns das ist wahr hast Du Dich sehr gut gewöhnt aber dass Du Dich so
gut gewöhntest haben wir das nicht größten Teils der Traumdeuterinn zu
verdanken Und hat sie wirklich ihn Dir gedeutet Deinen alten Traum ihn
erfüllt ihn wahr gemacht wie Du sagtest oder vielleicht nur einen neuen
Traum in Dir erweckt Wende Dich nicht weg von mir edler Mann es ist nicht
Lästerung was ich sage am wenigsten Lästerung gegen den Engel den wir alle zu
uns herab vom Himmel steigen sahen Du hältst nicht mehr von Henrietten als sie
verdient und es ist nichts anders als ihr wahrer würklicher Eindruck was Du
für sie empfindest aber in Dein Verhältnis mit ihr bringst Du eine Phantasie
vor der mir bange wurde sobald ich sie entdeckte Ich hatte eigentliche Liebe
unter Euch vermutet und so lange war ich ruhig ruhiger als ich in Absicht
Deiner je in meinem Leben war Armer Woldemar ich kenne Dich so gut und
wenn ich Dich recht ins Auge fasse sieh so will mir das Herz zerspringen vor
Lieb und vor Wehmut Es ist etwas in Dir etwas das Dich beständig über
alles gegenwärtige hinaussetzt ins Unendliche hinüber Dich selber
überspannst Du nicht leicht aber außer Dir überspannt Deine Imagination beinah
Dir alles Du bist mit keinem Dinge recht zufrieden als das Du so erblickst
Darum wird Dir in die Länge kein Mensch aushalten nein Woldemar kein
Mensch
Es ist traurig dass Dir nie wohl sein kann als im Irrtum Wo Du auch am
Wahren am Würklichen hängst Du machst so lange bis ein Hirngespinnst daraus
geworden ist und dann zu Boden damit Ach Dein letzter Brief hat mich an
so vieles erinnert dies und jenes mir so klar aufgedeckt Die volle Wonne
die er atmet die hohe allerhöchste Himmelsfreude Lieber wenn Du das alles
nur an einem Haare festieltest durchaus nur an einem Haare fest halten
wolltest Und das Haar zerriss zerrisse vielleicht durch eine Bewegung Deiner
eigenen Hand Lieber O erbarme Dich Deines Biedertals
Es ist Zeit dass ich abbreche Verzeih Lieber wenn ich ein Tor bin Ich
hoffe dass ich einer bin und mir ahndet dass ichs fühlen werde sobald ich Dich
wiedersehe Was ich geschrieben habe wird Dir weiter das Herz nicht schwer
machen Und so leb wohl Gruß und Kuss an Allwinen und Henrietten auch von
Luisen Bester Teurester leb wohl Leb wohl und bleib meiner Liebe
eingedenk
Dein Biedertal
heute wie gestern und immerdar
Zween Tage nach diesem Briefe kam Biedertal selber an Von seinem Trübsinn war
keine Frage mehr überall nichts als Herrlichkeit und Freude
Woldemar musste der Pflichten seines Amtes wegen nun öfter in die Stadt Er
pflegte wechselsweise dann bei Biedertalen dann bei Dorenburgen abzutreten
Sie sahen ihn nie ohne dass sich neue Aussichten von Glückseeligkeit vor ihnen
eröfneten und zählten immer ungeduldiger Tage und Stunden bis der Winter
einbräche
Einst traf es sich dass Woldemar unversehens in die Stadt kam und niemand
zu Hause fand als Luisen die andern waren aufs Land zu einem Anverwandten von
Dorenburgen welcher Oberamtmann war Woldemar hatte ein Bildnis von Henrietten
mitgebracht welches er ganz neuerlich gezeichnet ohne dass sie ihm dazu
gesessen Er machte gerne Porträte und hatte seine Freunde zu B mehrmahls und
sehr treffend abgezeichnet Von Henrietten waren eine Menge Abbildungen da die
er vor und nach in allerhand Manieren und Launen verfertigt hatte aber so
regend so voll Bedeutung wie diese noch keine Luise schrie vor Freude da
sie das Bildnis sah Für Woldemar war es ein reiches Gemälde welches ihm die
ganze Geschichte seiner Glückseeligkeit darstellte und auf eine Weise
darstellte dass er viel mehr als ihren wiederholten Genuss davon empfing hier
genoss er sie mehr im Geber freute sich desselben und fühlte dessen höhere
Wonne Niemand hatte ihn noch so von seiner Freundin reden hören als er vor
ihrem Bildnisse itzo mit Luisen davon sprach Seine Begeisterung teilte sich
dem gefühlvollen Weibe mit und sie wurden beide je länger je mehr bis zum
Überfliessen ihres Gegenstandes voll So brachten sie äußerst miteinander
zufrieden diesen und den folgenden Tag zu Ende Es war schon nach Mitternacht
als Woldemar aufstand und nun zu Bette gehen wollte Stehend fiel ihm ein Zug
von Henrietten ein den er noch eben erzählen musste Er bemerkte dass Luise ganz
außerordentlich davon getroffen wurde und fragte nach der Ursache Sie
veränderte die Farbe bei seiner Frage und da er zu bitten anfing schossen ihr
Tränen über die Wangen Woldemar wurde dringender aber Luise konnte ihn nicht
befriedigen ohne ihm zu entdecken was sich bei ihres Vaters Tode zugetragen
hatte denn in der genauen Beziehung welche das von Woldemarn Erzählte hierauf
hatte lag die Ursache ihrer Erschütterung »Es ist unmöglich sagte endlich
Luise dass ich Ihnen willfahre es sei Ihnen genug dass Sie Henrietten nie
zuviel lieben nie zu sehr verehren können dass Sie mehr Grund dazu haben als
Sie selbst wissen« Diese Worte machten Woldemarn nur noch aufmerksamer er
war durch nichts mehr zu stillen flehte unablässig und drohte endlich dass er
durch Henrietten selbst das Geheimnis schon herausbringen wolle Kurz er setzte
der armen Luise von allen Seiten so lebhaft zu bis sie halb aus Furcht halb
aus Treuherzigkeit nachgab und ihm alles offenbarte
Woldemar brachte die Nacht in seinem Sessel zu Eh er sich dazu versehen
hatten schnell seine Gedanken sich so gehäuft und sich so vielfältig
durcheinander geschlungen dass er wie erstarrt davon war Seine Henriette
weniger hochschätzen weniger lieben konnte er um alles was er jetzt erfahren
hatte nicht er musste viel eher sie bewundern ihr Dank wissen und doch fühlte
er dass er unzufrieden mit ihr war Unzufrieden mit Henrietten Er erschrack
vor dieser Vorstellung Und warum unzufrieden Durft er es wohl jemandem
sagen Konnte ers nur sich selbst erklären »Es ist die erste Befremdung
sagte er zu sich morgen werd ich ruhig sein« und wollte aufstehen und sich
zu Bette legen Aber schnell kam wieder eine neue Gedankenreihe die ihn fasste
und niederhielt »Mir entsagt feierlich heimlich Ihr Vater ihre
Geschwister vermochten sie dahin zu bringen Sie hat ein Geheimnis mit ihnen
gegen Woldemar O ich bin ihr nicht was ich dachte Henriette ist nicht
Er fuhr in die Höhe wieder zurück wusste nicht zu bleiben«
Der Morgen graute schon da legte er sich Der Kopf schmerzte ihn
entsetzlich es kam Schwindel dazu und so schlummerte er endlich ein Gegen
Mittag stand er auf sehr abgemattet aber um vieles heiterer und gefasst genug
um Luisen gänzlich die Ursache seiner Unpässlichkeit verbergen zu können Er
schalt sich je länger je ernstlicher über seine ausschweifende Empfindlichkeit
und gab ihr allerhand gehässige Nahmen Viel lieber wollt er sich der
verkehrtesten Eigenliebe als seine Henriette einer Sünde gegen die
Freundschaft schuldig finden Es gelang ihm endlich die Gefühle seiner ersten
Aufwallung zu unterdrücken und er reiste fest entschlossen nach Pappelwiesen
zurück sich von nun an die Sache ganz und auf immer aus dem Sinne zu schlagen
Bei seiner Ankunft nahm die einzige Henriette etwas verändertes in seinen Zügen
wahr Er schob es auf die Unpässlichkeit wovon er überfallen worden doch
gestand er zuletzt einer von seinen bösen Geistern wäre einmal wieder über ihn
gekommen hätte aber keine Stätte gefunden
Die Freude seine Allwina seine Henriette wieder zu sehen war ihm noch
no comma so warm durch Herz und Adern gelaufen es kam ihm vor als nähm er zum
erstenmahl wahr dass er so sehr geliebt sei Tief in sein Innerstes ging das
sanfte Forschen seiner Freundin mit Blicken und Liebkosungen ob etwas seine
Glückseeligkeit störe ob sies nicht von ihm nehmen könne für ihr Glück
für ihr Leben für den Tod ihrer Seele Woldemar ertrugs kaum Der Zustand
worin er sich zu B befunden schien ihm jetzt zu Pappelwiesen so töricht ja
so rasend dass er vor Scham und Reue zu vergehen meinte Wär es nicht um Luisen
gewesen er hätte alles entdeckt Er warf sich seiner Freundin in die Arme
»Engel rief er mit beklommener Stimme wie Du mich liebst Ich verdien es
nicht ich habe kein Herz das zu lohnen« Dennoch überfiel ihn nachher wieder
dann und wann auf eine unangenehme Weise der Gedanke an Henriettens Gelübde an
das Geheimnis zwischen ihr und ihm und es gab Augenblicke wo es ihm bis zur
sichtbaren Unbehaglichkeit beschwerlich wurde
Sie verließen erst im November das Land Von Allwinas Verheiratung war zu
B nicht das mindeste ruchtbar geworden Die Frage war dort schon lange gewesen
lange vor Hornichs Tode welche von beiden ob Allwina oder Henriette Woldemars
Gattin werden würde Aber nach vielem emsigen Gewäsche war nun seit kurzem so
gut als ausgemacht man werde gleich nach der Trauer erfahren dass Henriette die
Braut sei und so konnten die guten Leute bis dahin andre Sachen sich angelegen
sein lassen Sie gerieten außer sich vor Bestürzung die guten Leute da sie
jetzt so ganz unversehens mit der Nachricht überrascht wurden Allwina sei
nicht erst die Braut sie sei wirklich seit sechs Monaten schon mit Woldemar
vermählt Das konnte unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein Es musste
etwas dahinter stecken und nun hatten sie keine Ruhe bis sie das
wahrscheinlichste nach ihrem Begriff herausgebracht
Man kann sich die Vermutungen die da zum Vorschein kamen nicht ungeheuer
genug denken Am ärgsten wurde Henriette misshandelt nicht dass man ihr
vorzüglich gram gewesen wäre sondern weil bei ihr das Wahre den guten Leuten am
weitesten aus dem Wege lag Selten haben auch die schlimmsten Verläumdungen
eine andre Quelle es ist nur dass die guten Leute nach Maassgabe ihres Sinnes
Herzens und Verstandes urteilen dass sie ihre eigentliche Meinung entdecken
nach bestem Gewissen
Auf diese Weise geschah es dass unsere Henriette den Gram erfuhr ihr
Heiligstes in den Kot treten zu sehen Ihre Freundschaft mit Woldemarn wurde
auf die schnödeste Weise gelästert ihre Unschuld mit Schmach angetan Ich
habe sie gesammelt in der Stille meiner Seele die Tränen des Engels und ich
zitterte dass Eine von den meinigen sich darunter mischen möchte sollt ich
sie ausgiessen vor einer Menge voll Unreiner die ich nicht wert hielte nur
die meinigen zu sehen Euch sollt ich mit keuscher jungfräulicher Träne
mit der Weihe der Unschuld besprengen
Feig war das Mädchen nicht Tugend lässt es nicht sein Henriette blieb
dieselbige in allen ihren Handlungen in ihrem ganzen Betragen aber in dem
Grade vermochte sie ihre Einbildung nicht zu beherrschen und sie wäre lange
kein so herrliches Geschöpf gewesen wenn sie das gekonnt hätte dass ihr dabei
nicht sehr oft die verkehrten Urteile der Leute vorgeschwebt und ihr einen
Schauder durchs Blut gejagt hätten Ihr geheimer Schmerz ward dadurch
vergrößert und unvermerkt schlich sich einiger Unwillen gegen sie selbst und
ihm nach Bitterkeit gegen die Menschen in ihr Herz das bis dahin den reinsten
Frieden genossen hatte
Woldemar hatte von allen denen Verläumdungen welche zu B herumgeflüstert
wurden wenig erfahren weil er von den Einen zu sehr geliebt und von den
Andern zu sehr gefürchtet war Jedermann wusste dass er Dinge dieser Art mit
einem fürchterlichen Grimm empfand und dass sein Hohn verzehrendes Feuer war
Den Nichtswürdigen auszuweichen sich um ihrentwillen zu bequemen oder Wege der
Klugheit einzuschlagen das spie er an in allen solchen Fällen war seine
ganze Seele lauter Trotz Überhaupt fühlte er seine Stärke und brauchte zu
seinem Recht gerne Gewalt
Was sich mit Henrietten zutrug entgieng eine Zeitlang seiner Beobachtung
und als ihn endlich däuchte er nähme etwas verändertes an ihr wahr besonders
in Absicht seiner da suchte er sichs auf alle Weise auszureden Er war seit dem
Vorfall nach der Entdeckung die ihm Luise gemacht äußerst schüchtern und
gegen sich selber misstrauischer als jemals geworden aber eben das musste seine
Aufmerksamkeit da sie einmal gerejetzt war nur in desto stärkeren Trieb setzen
Selbst indem er darauf bedacht war sie abzulenken stellte er wider seinen
Willen Beobachtungen an und so geriet er immer unwillkürlich endlich dahin
dass er seine Freundin bald hie bald da auf die Probe setzte Verschiedene
dieser Proben fielen so aus dass seine Bemerkungen dadurch bestätiget schienen
»O das wollt er nicht falsch sollten sie befunden werden durchaus falsch
sie mussten es beim Himmel sie mussten« Der Unglückliche stand am Abgrunde
der Verzweiflung und durfte nicht einmal fürchten »Keine Sorge rief er
schwindelnd keine Sorge Bei allem was heilig ist ich bin nur ein Tor Gott
weiß ich bin nur ein Tor und es wird offenbar werden« So drang er immer
weiter voran ging unablässig hin und her in dem Nebel der zwischen ihm und
seiner Freundin aufgestiegen war ob er nicht verschwände Zuweilen nah bei
da schien er weg zu sein einige Schritte davon ach da war er wieder Dann
schwoll ihm das Herz bis zur Beklemmung und was er begann um des Dranges los zu
werden war alles eitel bis etwa ein Ausbruch von Zärtlichkeit und Wehmut in
Henriettens Armen ihm wieder einige Erleichterung verschafte
Schon vorher nämlich seitdem er das Geheimnis von Henriettens Gelübde
erfahren hatte war mehr Lebhaftigkeit aber damit auch von seiner Seite mehr
Ungleichheit in seinen Umgang mit ihr gekommen Alle seine Empfindungen für sie
waren bei diesem Vorfall außerordentlich erregt und in eine Art von Gährung
gesetzt worden und wie einem dem ein teures Geschöpf das seine ganze
Wohlfart trägt und bindet in Gefahr schwebt fühlte er jetzt doppelt ihren Wert
und all seine Liebe für sie Da ergriff er sie dann manchmahl und schlang sie
fest und immer fester in seine bebenden Arme »Du bleibst mir doch Henriette
sagte er zu ihr ich verliere Dich nie nicht wahr ich verliere Dich nie
Tausend Tode eher als Dich missen O Du weißt nicht wie an Dir mir alles
hängt wie an Dir mir so alles gelegen sein muss und was das für eine Liebe ist
mit der ich Dich liebe« Henriette ließ ihr ganzes Herz ihm hierauf die
Antwort geben Es fiel ihr nie ein dergleichen ungewöhnliche Bewegungen ihres
Freundes einer andern Ursache als seiner gegenwärtigen Lage zuzuschreiben
welche alle Saiten seines Herzens gestimmt zu haben schien von jeder Empfindung
den höchsten Ton in vollem Klange anzugeben Aber nun ganz neuerlich hatte sie
angefangen etwas stutzig zu werden Das konnte nicht ausbleiben zumahl bei dem
Gemütszustande worin wir sie erblickt haben Woldemars Begegnungen mussten
die Peinlichkeit desselben vermehren und da sie je länger je zudringlicher
wurden nach und nach in der Seele des Mädchens eine geheime Empörung zuwege
bringen
Henriette wusste nicht wie ihr geschah Bisher hatte sie ihrer Freundschaft
für Woldemarn weder Maß noch Ende gewusst nicht der entfernteste Gedanke an
dergleichen war ihr je in die Seele gekommen und nun auf einmal Was Es
ließ sich nicht ausdenken Schranken Grenzen Einer solchen Freundschaft
Woldemars und Henriettens Freundschaft Grenzen Schranken Wie Warum
Welche Sie glaubte von Sinnen zu kommen
Sie fühlte mit unendlichem Zagen dass sie ihrem Woldemar sich offenbaren
musste Ja sie wollte Aber in fürchterlichen Finsternissen lag ihr
Entschluss Da kam unversehens Gelegenheit und Augenblick und drängte sie zur
Tat
Es war in Woldemars Hause auf einem Gastmahl Henriette befand sich in der
höchsten Spannung und kaum wollt es ihr gelingen indem sie alle ihre Kräfte
zusammengerafft hielt die Bedrängnisse ihres Herzens zu verbergen Woldemar
fuhr zusammen von ihrem Anblick suchte aber seine Befremdung durch einen desto
wärmeren Empfang unmerklich zu machen aber starr sanken darauf seine Arme an
ihr herab Henriette fühlt es und beide überlief es kalt Woldemar sah sie an
und wieder an und wieder bis Schwindel und Blindheit ihn zwangen
abzulassen »Verloren verloren schries in seiner Seele verloren« Er
hatte sich umgekehrt und stand am entlegensten Fenster sein Gesicht an eine
Scheibe geheftet und sah gerad auf gen Himmel Sein Bruder und Karoline die zu
ihm traten und sich nach seinem Befinden erkundigten und seine Gäste die nach
einander ankamen erlaubten ihm nicht in dieser Stellung zu verweilen Er
hätte sein Leben gewagt um einige Minuten mit Henrietten allein zu sein
Henriette litt Todesangst Auf einmal ging sie auf ihren Freund zu »Lieber
Woldemar sagte sie zu ihm indem sie ihm die Hand drückte nicht wahr wir
haben etwas mit einander zu reden Auf den Abend Nur bis dahin Lieber sei
ruhig« Diese Worte noch mehr die liebevolle Miene welche sie begleitete
erhellten Woldemars Gemüt auf einige Augenblicke aber kaum dass er recht zu
Gedanken darüber gekommen war so kehrte seine Unruhe desto unerträglicher
zurück Sehnsucht Erwartung und Furchten trieben ihn bis zur Verwirrung umher
»Es war also richtig Henriette hatte etwas auf dem Herzen etwas das ihn
angieng sie hatte es schon so lange auf dem Herzen gehabt schon so lang ihm
verheimlicht was konnt es sein« Er verwickelte sich je länger je mehr in
diesen Vorstellungen dass er kaum mehr inne wurde was um ihn her geschah
sondern unablässig mit Forschen an Henriettens Augen an ihren Mienen und
Gebärden hing Henriette wurde äußerst verlegen Woldemar der ihren Unmut
beobachtete desto verwirrter Seine Zerstreuung stieg aufs höchste und nun
begab sich alle Augenblicke etwas dass sie ihm selber auffallend machte Er
erschrack darüber und begann in der Angst allerlei um sich zu helfen er wurde
laut warf mit witzigen Einfällen um sich unterbrach bald hie bald dort ein
Gespräch trank halb in Gedanken halb mit Vorbedacht von verschiedenen
Weinen und in weit größerer Menge als er gewohnt war Diese gewaltsame
Erheiterung bei dem ganz entgegengesetzten Gemütszustande worin er sich
eigentlich befand brachte ihn vollends aus aller Fassung Man ging von
Tische und es ward immer ärger mit ihm Seine Phantasie glühte sein Herz
zerrann Er wusste nicht zu bleiben vor all dem Widersinn der sein Wesen von
allen Seiten auseinander trieb
Henriette voll Bekümmernis sah sich oft verstohlen nach ihm um Von
ungefähr bei einer schnellen Wendung begegnete sein Auge einem solchen Blick
da flog er auf sie zu fasste ihre Hand und stand einen Augenblick vor ihr als
ob ihn die Seele verlassen wollte Henriette erschrack bis zum Erblassen
»Allwina winkt mir« sagte sie und sprang ihr an die Seite Woldemar
durchkreuzte einigemahl den Saal dann kam er wieder geradezu auf Henrietten
zog sie beiseite »Ich muss sagte er ich muss gleich diesen Augenblick mit Ihnen
reden kommen Sie mit« »Das kann nicht sein« erwiderte Henriette mit einem
äußerst gefassten Ton »auf den Abend sagt ich Ihnen dabei bleibts«
Woldemar glaubte in ihrer Miene etwas von Verachtung wahrgenommen zu haben
und ging mit zerrissenem Herzen davon
Der Rest des Tages war für beide entsetzlich Woldemar strengte sich bis zur
Ohnmacht an und konnte dennoch seine Bewegungen nicht alle zurückhalten
Henriette zitterte von Augenblick zu Augenblick dass Woldemar sich noch
sichtbarer vergessen möchte es däuchte ihr schon lange alle Anwesenden sein
heimlich nur mit ihm und ihr beschäftigt Und weiter hinaus der Ausgang
das Ende Und ohne weiteres an sich die bloße Sache Woldemar und Henriette
in solchem Zustande in solcher Lage Mit Qualen der Hölle folterte Beide dies
in gleichem Maß
Nachdem die Gesellschaft auseinander gegangen war führte Woldemar
Henrietten nach Hause Ihrem gepressten Herzen war so Not um Luft und der Zwang
neben Woldemarn fiel ihr so unerträglich dass sie in einer fremden Sprache
schon auf der Straße anfing sich ihm zu eröfnen und so ununterbrochen fortfuhr
bis hinein in ihr Kabinet Sie fühlte nicht die mindeste Zurückhaltung mehr
konnte alles nach der Reihe jetzt klar heraussagen von Anfang bis zu Ende was
für hässliche Gerüchte entstanden sein wie ihr dieselben zu Ohren gekommen was
sie dabei empfunden was sich nachher in ihr zugetragen was sie darauf an ihm
beobachtet habe und nun den ganzen gegenwärtigen Zustand ihrer Seele
»Dem Himmel sei Dank fuhr sie fort dass es noch eben zu rechter Zeit zu einer
Erklärung unter uns gekommen ist aber nun lieber Woldemar auch in unserm
Leben keine wieder Lassen Sie uns was unser äußeres Betragen gegen einander
betrifft einige Schritte rückwärts tun Seit Allwina ihre Frau ist und schon
etwas vorher haben wir unvermerkt angefangen uns weniger in diesem Stück zu
beobachten Dies unschuldige Vergessen war so natürlich es floss so unmittelbar
und rein aus den Wendungen unserer Verhältnisse aus unserer ganzen Lage war so
schicklich zu den Bedürfnissen von Allwinas Herzen war durchaus so schön O
ich freue mich ja ich freue mich auch der Lästerungen die über mich ergangen
sind weil sie mir dartun dass ich gerade die Tugenden welche die Verleumdung
mir abspricht in höherem Grad besitze dass ich weit besser bin einen viel
höheren Rang habe als ich selber wusste Doch dies gehört so eigentlich nicht
hieher Aber genug und es komme woher es wolle wir geben Ärgernis und
dieser Vorwurf soll auf unserer Freundschaft da sie dessen sehr wohl ohne sein
kann wenigstens durch meine Schuld nicht haften O ich möchte auf jedweden
den Seegen bringen können dass ihm das Heilige dass ihm die Unbeflecklichkeit
einer solchen Verbindung offenbar würde Vor allem ist mir daran gelegen dass in
meiner eigenen Seele nichts ihr Bild entstelle und ich habe ihnen vorhin
gesagt was die verkehrten Urteile der Leute für eine Wirkung auf meine
Phantasie gemacht haben Wenn es Schwachheit von mir ist so haben Sie Nachsicht
damit ich bin kein Mann Auch dem Manne wird es nicht an Betrachtungen und
Gründen fehlen meinen Vorschlag zu genehmigen Und so sei denn dies hiemit
festgestellt Unsere Freundschaft ist zu tief gegründet und zu wohl bewährt
als dass ich mich nicht der Anmerkung schämen sollte dass sie nicht den mindesten
Abbruch hiebei zu befürchten habe was geht sie im Grunde dies alles an«
Hier zog Woldemar seine Uhr aus der Tasche »Schon so spät« sagte er
seinen Sitz verlassend und indem er mit dem Hut in der Hand auf Henrietten
zurück kam »Ich werde mich Ihren Wünschen gemäß verhalten liebe Henriette
Alles was Sie mir gesagt haben war mir teils neu teils ganz unerwartet
Sehr gut dass Sie sich gegen mich äußerten ich begreife Sie vollkommen und
habe nichts einzuwenden wie gesagt Sie können sich darauf verlassen dass ich
mich nach Ihren Wünschen fügen werde« Er reichte ihr die Hand »Ich muss
eilen schlafen Sie nun recht wohl meine gute Henriette« Sie bot ihm eine
Umarmung die er annahm aber etwas frostig und damit wie ein Blitz zur Tür
hinaus und die Treppe hinunter
Über alles was Henriette gesprochen hatte er während dem Anhören wenig
bei sich festsetzen können er war lauter Verwirrung gewesen lauter
Verlegenheit wie er sich äußern sollte im Fall er sich dazu gezwungen sähe
und darum war er so schnell entwichen
Vor dem Hause blieb er einige Augenblicke stehen »Ach all die Liebe in
seinem Herzen All die Liebe die er genossen in grenzenlosem Vertrauen
All der Friede so angefochten gewogen gewagt der Zerrüttung
ausgesetzt« Dann lief er schnell die Straße hinab die folgende eben so und
weiter bis auf den Platz vor der Pfarrkirche da hielt er
Hier im Freien breitete er sich rund um der Luft entgegen Die Stille
der Nacht wollt er haschen und den Raum der Himmel
Er fühlte Erquickung Gelassenheit und Ruhe gingen wie Sternenhelle in
seiner Seele auf Und nun hatte er Mut Henriettens ganzen Vortrag sich zu
wiederholen
Woldemar fühlte die mehreste Zeit lebhafter was andre angieng als was ihn
selber betraf nichts war leichter als ihn zu seinem eigenen Nachteil
einzunehmen Diese ungemeine Gutherzigkeit verläugnete sich auch in dem
gegenwärtigen Falle nicht Die Vorstellungen seiner Freundin hatten Eindruck
auf ihn gemacht Indem er sie von neuem ernstlich überdachte wurde er allgemach
in Henriettens Partei hinübergezogen er setzte sich ganz an ihre Stelle und
vertrat sie mit solchem Eifer dass ihre Sache bald anfing ein unverwerfliches
Ansehen zu bekommen Nun wanderte er getrost nach Hause wo ihn Allwina mit
Schmerzen erwartete weil er sie wegen seines Befindens in Sorge gesetzt Sie
freute sich ihn so wohl zu finden Er brachte noch eine Weile in liebevollem
Geschwätz mit ihr zu eh er sich zur Ruhe begab und hatte keine schlimme
Nacht nur dauerte es ein wenig bis er einschlafen konnte und er war früh
wieder munter In Ansehung Henriettens sah er nicht anders als den Abend
zuvor Etwas weh musste ihm freilich das Herz noch tun von den vielen Leiden
die es erduldet und auch regte sich darin noch dieser und jener kleine
Vorwurf hauptsächlich ihres Betragens halben am vorigen Tage und wegen der
Art wie sie sich gegen ihn erklärt hatte Entschuldigen zur Not konnt er
auch das nach dem Übrigen aber ein gewisser Unmut blieb in seiner Seele
der war nicht zu verdrängen
Henriette eilte gleich nach dem Frühstück ihn zu besuchen Er saß bereits
oben in seinem Kabinet Da hörte er sie hörte sie die Treppe hinauf fliegen
und hin an sein Vorzimmer und die Tür öfnen und hinein rauschen durch auf
sein Kabinet zu Es war an seinem Herzen wie wenn ein Damm durchgeht
Unverwandt blieb er vor seiner Arbeit sitzen Henriette fasste mit ihrer linken
Hand seine rechte Schulter und senkte sich hinüber vor ihn und schaute ihm mit
so freier froher Liebe ins Gesicht dass er davon außer sich gesetzt wurde Der
ganze Himmel den ihm das Mädchen geschaffen hatte tat sich weit vor ihm auf
kaum widerstund er sie an sich zu herzen und eine Flut von Tränen die ihn
drängte über sie hinströmen zu lassen Aber er hielt sich ermannte sich zu
heiterem Blick und annehmlichem Lächeln und tat einen Augenblick als zweifelte
er sie umarmen zu dürfen Indem hatte Henriette ihm schon die Wange gereicht
Damit stand er auf und fing an sich freundschaftlich mit ihr über verschiedenes
zu unterreden Etwas fehlte doch dass es nicht ganz im alten herzlichen Ton war
Woldemar merkte wie er je länger je mehr davon abwich wie er sich immer weiter
zurück zog aber er konnte sich nicht zwingen anders zu sein Ihn deshalben
anzugehen trug Henriette Bedenken zumahl da er allen Anlass durch ein freies
ungezwungenes Wesen zu entfernen bemüht schien
Sie sprachen eben von einer Reise welche Allwina mit ihrer jüngeren Tante
vor hatte als jene dazu kam Diese Reise war beständig verschoben worden sie
ließ sich weiter nicht hinaussetzen übermorgen musste sie vor sich gehen
Hierauf brachte Allwina hundert Gründe herbei warum Henriette ihr heute und den
ganzen folgenden Tag nicht von der Seite weichen dürfte Henriette sagte ihr
noch hundert andre dazu und ward halb erstickt von Küssen im Jubel hinweg
geführt
Woldemar ging wieder an seine Arbeit nahm die Feder voll Tinte und setzte
sie an als ob sein Geist in der besten Bereitschaft sich befände und ihn die
Gedanken übereilten Aber alles fand er getrennt in seinem Kopf und je mehr er
sich bemühte seiner Zerstreuung abzuhelfen je schlimmer ward es damit
»Nun dann sagte er endlich zu seiner Phantasie indem er die Arbeit
wegschob und seinen Stuhl herumrückte nun was ists Ich will es denn lieber
einmal geduldig anhören und damit ein Ende«
» Das und das da und dies und alles das wußt ich ja schon das ist
ja hin und her gedacht genug Was solls Henriette bleibt ein vortrefliches
Geschöpf wenn sie mir auch noch weher getan noch viel ärger gegen meinen Sinn
gehandelt hätte Ich brauche mich nur an ihre Stelle zu setzen nur zu bedenken
dass sie ein Mädchen ist zu erwägen was überdem unser beider Charactere für
Verschiedenheit mit sich bringen so kann ich sie über alles rechtfertigen so
muss ich sie durchaus entschuldigen Wer gefehlt hat das bin ich dass ich
nicht früher dies in Betrachtung zog so in den Tag hinein lebte als ob«
Hier stockte Woldemar Er wollte fliehen vor dem Wetter das ein ferner
Blitz ihm verkündigte ein ferner Blitz und dumpfes unendliches Donnergerolle
hinter ihm her Aber wer kann sich erwehren umzublicken im Fliehen und wen
ereilts nicht
Als ob Das war Täuschung also dass wir Ein Herz Eine Seele Eins in
allem uns fühlten Ich muss aus mir herausgehen als aus einem Fremden und mich
in ihre Stelle versetzen Versetzen Henriette ist mir ein anderer Henriette
ist wider mich Hin ist unsre Einmütigkeit unsre Eintracht um ihr gut bleiben
zu können muss ich vergessen wie ganz ich sie für meine Freundin hielt wie
ganz ich ihr Freund war endlich das gefunden zu haben meinte und darin
ewigen Frieden mit den Menschen
Woldemar dachte dieses nicht so klar nicht ununterbrochen in dieser Folge
es wirrten sich nur seine Vorstellungen ungefähr auf solche Art und zu solchem
Erfolge in einander indem er ihrem Aufkommen und ihrer Verbindung mit Gewalt
entgegen strebte Die freieren Bewegungen seiner Seele würkten alle Henrietten
zu Liebe und am Ende wenn sie auch nicht ganz die Oberhand bekamen so blieb
es doch dabei dass sie ihnen gebührte dass sie dieselbe haben müssten und sollten
Von diesem Gemütszustande wurde seine Aufführung gegen Henrietten der
vollkommenste Abdruck Er besaß eine ungemeine Stärke die Bewegungen seines
Herzens aufzuhalten seinen Leidenschaften den sichtbaren Ausbruch zu verwehren
und sie sogar auf kurze Zeit wo nicht zu unterdrücken doch außerordentlich zu
schwächen Gewöhnlich kostete es ihm auch nachher wenig Mühe wenn er es für gut
fand seine Aufmerksamkeit ganz von den Gegenständen die ihn erschüttert
hatten abzulenken
Allwina den Abend vor ihrer Abreise übertrug ihrer Freundin Woldemars
Verpflegung »Er ist nur« sagte sie scherzend »dass du nicht vergissest dass
du für zwei stehst für dich und mich Du hast noch no comma soviel auf dir
gehabt das weißt du doch Bedenk es nur recht Wenn ich höre dass mich Woldemar
gemisst hat ich verzeihe dirs in Ewigkeit nicht«
Damit ergriff sie in liebevollem Auffahren mit dem einen Arm die
Freundin mit dem andern den Mann und herzte sie gegen einander und drückte
sie an sich aus allen Kräften und indem sie nachließ zerfloss in englisches
Lächeln ihr Gesicht und an ihm herab sah man wie wenn eine sonnichte Wolke
sanft und schnell sich ergießt Tränen der Zärtlichkeit und der Freude rinnen
Henriette begab sich am folgenden Morgen mit bangem Herzen zu Woldemarn Sie
hatte genug empfunden dass tief in dem seinigen etwas gegen sie arbeitete
sie liebte ihn so ernstlich und so schön und wusste sich keinen Rat Denn
womit hatte sie ihn beleidigt Wie hätte sie anders handeln anders sich
erklären können Eine abermahlige Erklärung wohin sollte die gehen
Woldemar hatte Unrecht er hatte so gewiss o er hatte so offenbar Unrecht
dass man es nur ihm selbst überlassen musste darüber die Augen zu öfnen
Henriette weinte bitterlich indem sie dieses überdachte Seufzer auf
Seufzer pressten sich aus ihrer Brust mit unendlichem Weh Ohne Woldemars
Freundschaft wurde ihr das Leben zu nichts Und diese Freundschaft stand in
Gefahr Und sie musste sie der Gefahr überlassen »Lieber mag der Himmel sie
mir rauben sagte sie bei sich selbst als dass ich sie verderbe«
Woldemar hatte schon einige Stunden einsam in tiefen Gedanken und voll
Unruhe zugebracht Sein holdes liebes Weib war früh vor Anbruch des Tages von
ihm geschieden Es war am Anfang des Merz Diese Trennung hatte ihn sonderbar
gerührt Um und um schlug sein Herz von Liebe um und um gegen an die
erstarrende Mitte wo Missmut über allgemeinem Unglauben brütete und der
erschrecklichsten Verzweiflung
Er war zu lange glücklich gewesen war zu sehr von den süßen Gefühlen
erwiederter herzlicher Zuneigung und innigen Vertrauens durchdrungen worden als
dass die entgegengesetzten bitteren Gefühle sich sobald seiner ganzen Seele hätten
bemeistern können Die Menge die Lebhaftigkeit der Erinnerungen die ganze
Magie der Einbildungskraft alles würkte vorzüglich auf jene Seite
Was ihm nach Allwinas Entfernung zuerst begegnete waren verschiedene Sachen
auf seinem Tische die für Henrietten da lagen Das machte ihm die Vorstellung
auffallend dass sie nach Verlauf von ein paar Stunden bei ihm sein und
gewissermaßen ihre Wohnung aufschlagen würde Er hatte eine Menge zärtlicher
Aufträge an sie von Allwina Und dann sollte er ja ihr dies und das erzählen
welches den Abend vorher nachdem sie schon weggewesen und den Morgen früh
zwischen ihnen war geredet worden worunter manches scherzhafte sich befand und
das auf länger und kürzer Vergangenes in mannichfaltiger Beziehung stund
Woldemar saß da unterdessen heiter der Tag heranlichtete hinträumend
über das alles und fühlte wie sehr er sich jetzt auf Henriettens Ankunft freuen
würde wenn er freien Mutes gegen sie wäre
Diese Vorstellung nahm überhand und wurde lebhafter mit jeder neuen
Lichtung des Himmels Endlich fingen seine widerwärtigen Grillen ihm an so
lästig zu scheinen er musste sie so von ganzem Herzen verwünschen dass er so gut
als entschlossen wurde sie im Fall der Not nur geradezu von sich abzuwerfen
Er befand sich hiezu durchaus in der günstigsten Stimmung Noch war die
Stelle warm wo Allwina ihr untadeliches Herz an das seine gedrückt hatte Es
war ihm da ein Anschauen von voller Liebe von unverbrüchlicher Treue geworden
wovon seine Seele wie besessen geblieben Und auch sein eigen Herz hatte er
wieder stärker da gefühlt Es hatte ihm gezeugt es hatte voll Entzücken gen
Himmel geschworen dass auf Menschen Verlass sei
Und zu diesen Menschen sollte Henriette nicht gehören seine Henriette die
Freundin seiner Allwina
Unsinniger Verdacht Anschwärzung bloße Anschwärzung Eigendünkel
Eigensucht Hochmut tyrannisches Wesen verkehrter Sinn mussten da im Spiel
gewesen sein die hatten ohne Zweifel ihn verblendet ihn betört
Gefehlt etwas gefehlt konnte sie immer haben War er doch selber auch
nicht ohne Schuld Und somit sollte alles aufgehoben alles vergessen sein
Gegen die Zeit da er Henrietten erwartete legte er sich ins Fenster um
ihr entgegen zu schauen Es dauerte nicht lange da sah er sie am Ende der
Straße um die Ecke kommen Henrietten da sie ihn erblickte fing das Herz an
stark zu pochen Sie kam näher sah sein heiteres Auge sein wonnigliches
Lächeln und wusste nicht ob sie ihren Augen trauen sollte Als sie nächst dem
Hause war grüßte er sie mit vertraulichem Nicken sprang hinweg vom Fenster
und die Treppe hinunter an die Tür ihr entgegen Sie war nie mit mehr
Zärtlichkeit mit mehr freundschaftlicher Wärme von ihm empfangen worden »Nun
geschwinde hinauf sagte er zu ihr komm« griff ihr unter die Arme und oben in
einem Flug
Henriette die sich auf eine ganz andere Begegnung vorbereitet hatte wurde
bestürzt und geriet in Verwirrung
Auf einige Befremdung hatte Woldemar gerechnet denn er wusste wohl dass sein
Unmut die zwei vorhergehenden Tage hindurch von Henrietten nicht hatte können
unbemerkt bleiben aber diese Befremdung sollte gleich darauf in Freude und
diese Freude in einen gewissen höheren Grad von Zärtlichkeit übergehen Natürlich
genug waren diese Erwartungen aber der Gang den Henriettens Empfindungen
nahmen war es nicht minder Sie hatte nie an Woldemar dergleichen plötzliche
Abwechslungen von Laune sie konnte es nicht wohl anders nennen wahrgenommen
Gegen sie nun gar war davon nie ein Schatten gewesen Jetzt gab es der
sonderbaren Erscheinungen so viel Lauter fremde ungewöhnliche Dinge Alles
so außerordentlich so sehr außerordentlich Wie das kommen was doch in dem
Manne vorgehen mochte
Diese Gedanken mit welchen sich hundert andre verknüpften und dass Allwina
nicht da war heute just verreist
Des Hin und Hersinnens war kein Ende und sie stand vor Woldemaren
ungefähr eben so wie Er vor zwei Tagen Ihr gegen überstanden hatte
Woldemar wollte lange das nicht sehen Doch er musste wohl endlich Ärger
als alles war ihm eine gewisse Schüchternheit ein gewisses Argwöhnisches das
aus ihrer zerstreuten bedenklichen Miene hervorschimmerte Er rief wie zu
ewigem Bleiben die widerwärtigen Vorstellungen zurück über die er die
Verbannung ausgesprochen hatte Aber noch widersetzte er sich ihrer Aufnahme
und eilte Henrietten zur älteren Tante hinunter zu führen bei welcher er sie
zurück ließ
Er brachte den ganzen Morgen mit allerhand kleinen mehrenteils
mechanischen Geschäften zu bloß in der Absicht um sich vom Nachdenken
abzuhalten Er hofte auf günstigere Eindrücke und wollte wenigstens den Verlauf
dieses Tages in Gelassenheit abwarten
Es traf sich an diesem Morgen dass er zu wiederholten mahlen gestört wurde
und er meinte jedesmahl es sei ein Besuch von Henrietten Aber sie kam erst
kurz vor Tische zu ihm herauf und mit Biedertalen welcher Fremde von sehr
guter Gesellschaft zum Nachtessen haben sollte und sich Henriette und seinen
Bruder dabei wünschte
Woldemar hatte keine Lust »er wäre heute früh auf gewesen« und
dergleichen
Biedertal erinnerte ihn dass er immer früh aufstünde und versicherte man
säh ihm an dass er Zerstreuung nötig hätte
Darüber lachte Woldemar
»Aber ich denn sagte Henriette ich wenigstens brauche Zerstreuung Ich
weiß nicht der Kopf ist mir heute so schwer ich bin so trübsinnig diese
Partie käme mir gerade recht wenn Sie mit sein wollten«
Was hindert antwortete Woldemar dass Sie ohne mich gehen
»Das wissen Sie nicht erwiderte Henriette Sie sind ja heute von sehr
schwerem Begriff Ey nichts als dass ich dann keine Luft mehr dazu hätte
Nun schlagen Sie ein lieber Woldemar Ersparen Sie mir den Verdruss dass ich
meine schaale Laune die Ihrige mit verstimmen sehe Sie kennen mich darin dass
mir nichts schlimmeres begegnen kann Und wie käm ich bei Allwina zurecht
Nicht wahr Lieber wir gehen miteinander Sie tuns«
Ja ja sagte Biedertal und fiel ihm um den Hals ich seh schon er tuts
Indem kam ein Bedienter zu melden dass aufgetragen sei
»Nein er tuts nicht rief Henriette er tuts nicht Biedertal wenn Sie
mir abschlagen uns diesen Mittag Gesellschaft zu leisten Nicht wahr lieber
Woldemar Sie tuns nicht Sie haben noch nicht fest versprochen«
»Recht recht sagte Biedertal tu es nicht ich muss bleiben« Und
hierauf zu Henrietten »dass man es sich um Euch Mädchen doch überall muss so
sauer werden lassen«
Die Mahlzeit lief sehr vergnügt ab Biedertal war äußerst munter und zeigte
sich in seiner ganzen Liebenswürdigkeit Er hatte es hauptsächlich mit
Henrietten zu tun und sie ließ sich angelegen sein so hart es ihr fiel seine
Laune zu unterhalten Woldemar stimmte mit ein so gut er konnte Die
Frölichkeit und die vortrefflichen Einfälle seines Bruders und Henriettens
zauberischer Witz rissen ihn gewissermaßen hin er fühlte würkliches Ergötzen
Aber des Stachels in seinem Herzen wurde er darum nicht weniger gewahr Der traf
immer sachte tiefer wühlend ihm zuweilen so scharf ins Leben dass er Mühe
hatte einigemahl mitten im Lächeln nicht einen lauten Seufzer auszustossen
Nach dem Essen ließ Henriette sich von Biedertalen nach Hause begleiten
weil sie ihren Kopfputz noch besorgen und sich ganz frisch ankleiden musste
Abends um sechs Uhr sollte Woldemar mit dem Wagen kommen sie nebst
Dorenburgen und Karolinen abzuholen
Woldemaren schauderte vor den Gedanken die ihn jetzt von allen Seiten
angehen würden dennoch beschloss er sich ihnen getrost auszusetzen keinem
davon den Zugang zu versagen
Sie kamen Kamen auch in Menge aber nicht stürmisch langsamer nahten sie
sich und in einer gewissen Ordnung
Sein Geist wurde ruhiger
Und sein Herz das war von den heftigen tiefen Erschütterungen die es
Stoß auf Stoß erlitten besonders von den plötzlichen Abwechselungen des
heutigen Tages dergestalt auseinander dass es sich selber kaum mehr zu fühlen im
Stande war
Also setzte Woldemar sich hin und ging die Aufführung seiner Freundin
durch von dem heutigen Tage an bis auf denjenigen wo sie in des alten Hornichs
feindseelige Hände ihm entsagt hatte Der Schluss fiel dahin aus dass er in
seiner Meinung von Henrietten geirrt habe Und das Herz brach ihm nicht davon
Er stund auf ließ sich ankleiden und befahl um die gesetzte Stunde den
Wagen Es war nicht mehr lange hin Mittlerweile ging er in seinem Zimmer auf
und ab Eh er sichs versah hörte er den Wagen aus der Remise sprengen Der
Wagen kam vorgerollt und stand gerade unter seinem Fenster Da fuhrs ihm durch
alle Glieder
»Hinfahren zu Henrietten Mit ihr und Karolinen und Dorenburg zu
Biedertalen Dort die glänzende Gesellschaft die erleuchteten Zimmer das
Geräusch Spieltische ein Gastmahl Gespräch Scherz Fröhlichkeit
Lachen« Es war unmöglich er konnte nicht hin
Doch ließ er den Wagen eine gute Viertelstunde halten Er hatte eine Menge
Bedenklichkeiten über die es ihm schwer fiel hinweg zu kommen Endlich befahl
er wegzufahren und gab einen Bedienten mit der ihn entschuldigen sollte »er
habe Kopfschmerzen bekommen mit denen er sich nicht getraue in Gesellschaft zu
gehen und sei Willens sich ganz früh nach Bette zu machen usw«
Hierauf eilte er sich die Kleidung vom Leibe zu schaffen und sich von Kopf
bis zu Fuß in sein Nachtzeug zu stecken damit wenn etwa noch sollten Anschläge
auf ihn gemacht werden er denselben desto zuverlässiger entgienge
Nach einer halben Stunde kam der Wagen zurück und der Bediente hatte
Woldemarn viel zu berichten wie sehr man seine Unpässlichkeit bedaure wie
missvergnügt über seine Absagung sich besonders Henriette bezeugt habe Sie ließ
ihm ausdrücklich wissen dass ihr alle Freude auf diesen Abend dadurch verdorben
sei
»All ihre Freude auf diesen Abend verdorben« wiederholte Woldemar bei
sich selbst »das mag wahr sein und so ein Abend kann einem lang fallen
So Ein Abend Aber ich Und hundert Abende hundert Abende und Morgen
zehntausend Und die alle so glücklich sein sollten Die schönen
reichen Blüten alle O«
Sein Herz wurde plötzlich weich und es fehlte wenig dass er laut wie ein
Kind zu weinen angefangen hätte
»Aber wie nun auf einmal wieder so ganz dahin« fragte er sich »Erst
heute Morgen noch so voll Mut so voll Glauben«
Diese Betrachtung fesselte seine Aufmerksamkeit Er sann jenem Zustande
nach suchte die Ideen und Empfindungen welche ihm denselben zuwege gebracht
hatten in sich zu erneuern und versenkte sich mit ganzer Seele in ihren
Begriff
»Freilich« sagte er »das ist und wird sein dass Henriette zu den Besten
ihrer Gattung gehört Ich kann mich auf ihre Tugend auf ihre Freundschaft
wie andre auch vortreffliche Menschen diese Worte nehmen verlassen Nur ist
auch Sie nicht was ich schon lange zu suchen aufgegeben hatte was ich
endlich gefunden zu haben meinte nicht die Eine die Meine
Was fest was unwandelbar macht diejenige Treue die keine Tugend die
allein Stärke Lebhaftigkeit und Tiefe des Sinnes ist gebricht ihr
Wie fern dass Ihr Herz wie das Meinige empfände Sie weiß nichts davon
dass sie von mir abgewichen ist fühlt nicht das Widrige das Unerträgliche
darin zweimahl in eine Partei gegen mich wo nicht getreten doch
wenigstens verflochten worden zu sein Konnt es wagen konnt es über sich
bringen bei mir in Verdacht zu kommen um dem Verdacht nichtswürdiger Leute zu
entgehen Konnte gegen Freundschaft gegen die Ruhe meines Lebens andre Dinge
auf die Wage legen so kalt
Wie Manches ihr mehr gelten muss als meine Liebe wie manches sie ärger
schrecken als dieser Liebe Tod
Es mag sein dass sie dadurch dass sie tadelhaft vor mir ist vor allen
andern Menschen desto untadelhafter erscheint es mag oder nicht hier ist
davon allein die Frage was eine Seele von der meinigen unzertrennlich macht
das hat die Ihrige nicht Die Möglichkeit dass sie von mir abfallen könne liegt
am Tage Wir haben wirklich den Fall dass ich ihr eine Art von Eckel von
Widerwillen errege Sie hat mir verheelt sich gegen mich verstellt Ränke
gebraucht Lügen geredet Zweifel und Misstrauen gebrütet Hat uns entzweit
Und hätte sie nun eben dadurch auch den Himmel verdient und wäre sie das
Erste unter allen menschlichen Wesen so könnt ich sie wohl eine Heilige
nennen Freundin aber nicht Wir wären nicht minder abgerissen von einander
ich desto härter nur verstockt allen Freuden auf ewig«
Der Tumult in Woldemars Seele war nunmehr offenbarer Aufruhr geworden und
fern dass er darauf gedacht hätte ihn zu hemmen hieß er den Eifer gut der seine
Glückseeligkeit zu Grunde richtete Er brachte die ganze Nacht damit zu alles
in sich umzukehren so dass auch jede Aussicht eines Wechsels vernichtiget und
jede Hoffnung zur Torheit wurde Danach schien es ihm er sei ruhiger Er
lagerte sich hin auf den Ruin und schlief ein
Morgens um neun Uhr kam Henriette und hörte er sei noch nicht
aufgestanden Sie wurde bestürzt Der Bediente musste augenblicklich ins
Schlafgemach sie selber folgte sachte nach und als Woldemar den Bedienten
fragte was er wolle so gab sie die Antwort »Ich bin da lieber Woldemar
Wie es Ihnen geht Sie haben mich zum Tod erschreckt« und trat näher Ihr
Angesicht flammte von Liebe Sie wurd es inne da die Flamme nicht zündete und
zurückschlug Ihn gebrandt hatte sie dennoch Er antwortete dürr und freundlich
er sei wieder besser aber er brauche noch Schlaf bis gegen sechs Uhr hab er
wach gelegen Hierauf fragte Henriette mit nassem Aug ob er nichts begehre
Nichts in der Welt war die Antwort als Ruhe Diese Antwort obgleich Ton
und Miene dabei nichts bedeuten wollten ging Henrietten durch die Seele Sie
wendete sich langsam und ging Als sie leise die Tür ins Schloss gezogen
hatte blieb sie wie erstarrt die Schling in der Hand mit gesenktem Haupt
davor stehen Endlich ließ sie die Schlinge und lehnte sich ans Gesimse Sie
war voll Schwermut und wusste nicht wie sie konnte zu keinem Gedanken kommen
Die ältere Tante unterbrach sie in dieser Träumerei und führte sie mit sich
hinunter Aber da war für sie kein Bleiben Sie ging bald wieder hinauf und
warf sich im Vorzimmer auf einen Sessel ihr Gesicht mit dem Arm verhüllend
voll unaussprechlicher Herzensangst
Woldemar unterdessen prüfte nochmals sein Inneres und suchte sich in seiner
neuen Verfassung unumstösslich zu gründen Er fand immer eben wahr dass er
ein für allemahl jene überschwengliche Idee von Freundschaft zwischen ihm und
Henrietten aufgeben müsse Gesetzt auch er hätte sich weniger an ihr betrogen
gehabt als die Erfahrung gezeiget so sei es an denen Zufällen genug wodurch
er und sie nun einmal auseinander getrieben worden um eine Wiedervereinigung
in dem Grade unmöglich zu machen Also weg damit Und warum sollt er
sichs nicht aus dem Sinne schlagen können Er habe ja vor diesem auch gelebt
und das Leben nicht unerträglich gefunden
Ein Blick in jene Zeiten die so weit noch nicht zurück waren und mit
seinen gegenwärtigen stürmischen qualvollen Tagen auf eine Weise abstachen
welche ihnen keinen geringen Reiz erteilte versenkte ihn ganz in die
Vorstellung der Süßigkeiten die mit Genügsamkeit und Ruhe verbunden sind Der
Gedanke ward Empfindung und die Empfindung Genuss dabei kamen ihm die Vorzüge
seiner gegenwärtigen Lage vor Augen Eine Allwina zum Weibe Er der Gatte solch
eines Engels bald Vater von Kindern aus ihrem Schoss um ihn her die
liebenswürdigste Verwandschaft die besten Glücksumstände Wohlleben und Ehre
wo er hinsah alle seine Wünsche übertroffen Er musste sich seines
Kleinmuts schämen dass er sich so ganz hatte hinreißen unsinnig so lange
umhertreiben bis zur Verzweiflung ängstigen lassen Er verglich es mit der
Berauschung eines Menschen der einen bösen Trunk hat schalt sich einen Toren
einen Rasenden bedrohte sich mit Unglück und Schande
Und Henriette die Einzige ward verstoßen Und Woldemar triumphierte
Er fühlte an sein Herz ja es schlug ihm freier und die Andern alle
sie waren ihm desto lieber geworden er hatte es nun so gut auf der Welt als
jemals
Es schlug elf Uhr er stand auf
Henriette in seinem Vorzimmer anzutreffen das war ihm unerwartet Ihr
schwermütiger Anblick fiel ihm auf Es wurde ihm noch leichter ums Herz
Die Rede kam von seinem Befinden auf den gestrigen Abend und Henriette
ließ ihrem Herzen freien Lauf Es war so voll wahrer warmer Zärtlichkeit und
ergoss so lieblich gegen ihn die schöne Fülle dass er davon entweder in gleiche
Rührung oder in die äußerste Verstockung geraten musste Das letztere
geschah Kaltes freundliches Lächeln war seine ganze Erwiderung und er griff
nach jeder Nebensache um die Unterhaltung gleichgültiger zu machen besonders
wenn dem armen Mädchen Tränen hervordrangen die es mit Not wieder einsog und
darüber die Sprache verlor dann sag ich kam er unfehlbar mit einer
Unterbrechung und führte wohl gar einen Scherz herbei Aber Henriette
beschirmte ihre Brust dass alle diese Dolchstösse nur daran her streiften viel
Blut machten und wenig Wunde
Ich komm rief sie plötzlich hell auf als ob ihr jemand wiederholt gerufen
hätte und stürzte zur Tür hinaus
Woldemar war erschrocken Er blieb noch einige Augenblicke stehen lächelte
noch einmal und ging in sein Kabinet
Er war ungeduldig einen Versuch mit Arbeiten zu machen Sogleich wollt es
nicht aber nicht lange da war er vollkommen gesammelt und es gelang ihm nach
Wunsch Voll Zufriedenheit hierüber kam er zu Tische ließ sichs wohl sein und
war sehr gesprächig
Henriette wollte ihn bereden auszugehen oder auszufahren Er lehnte das
ab indem er große Sehnsucht äußerte eine Arbeit die er den Morgen angefangen
zu vollenden Auch gab er sich ungesäumt wieder daran Es ging ihm noch besser
von Statten als am Vormittag
Henriette welche nicht Luft hatte einem Besuch beizuwohnen der sich bei
der Tante einfand brauchte ihr altes Recht und ließ sich in Woldemars Vorzimmer
nieder Auch das konnte Woldemar nicht stören Wenn er zuweilen beim
Durchgehen an ihr vorbeikam und sie ihm zuwinkte so antwortete er ganz
geschäftig nur eben durch ein freundliches Nicken und verfolgte Gedankenvoll
seinen Weg
Es freute ihn seiner Aufmerksamkeit dergestalt zu gebieten seiner selbst
so mächtig zu sein Die Luft am Fortgange seiner Arbeit kam dazu so dass etwas
von wahrer Heiterkeit in seine Seele dämmerte Gleich wollte sein Herz wieder
aufwallen zu Liebe und seine errungene Fassung zu Grunde gehen Sie saß da
mit der er jede Freude zu teilen gewohnt war Ach und jeden Schmerz Er
lief hinauf auf den Altan Über eine Weile folgte ihm Henriette Woldemar
hatte sich von neuem gestillt Die Sonne war untergegangen gegen über trat
jetzo der volle Mond hervor Damit kamen die vorigen Regungen wieder und
mächtiger Dess fluchte Woldemar seiner Seele und rafte alle seine Kräfte
zusammen um sich zu verhärten Aber ein tiefes Grauen überfiel ihn »Dass
ihm nunmehr kein Gestirn mehr leuchten dürfe leer über ihm sein müsse der
Himmel und um ihn nur Finsternis die Nacht« Doch hob er sein Haupt in
die Höhe blickte rund umher und sein Geist schwung sich empor Sanft
lenkten seine Augen sich auf Henrietten Er lächelte ihr zu wie ein Heiliger
dem Tode zulächelt drückte sie an seine Brust und führte sie mit sich
hinunter
Diese Gemütsstimmung hielt an ohne sonderliche Abwechslung Denselbigen
Abend schöpfte Henriette lauter gute Hoffnungen denn sie hatte lange nicht
Woldemaren so ungezwungen heiter durchaus so nachlässigen Wesens und gegen sie
so voll herzlicher offener Freundschaft gesehen sie musste fühlen er war ihr
gut und das schlecht und recht von Grund der Seelen Eben das fing aber
schon am folgenden Tage sie zu drücken an sie war nicht seine Henriette wie
vormals Und wie sie das jetzt so nackend so ganz in seinem eigenen Schmerz zu
fühlen bekam es war ihr unerträglich Ihre Betrübnis wuchs von Stunde zu
Stunde von Tag zu Tage Woldemar hatte Mitleiden mit ihr mit sich selber noch
mehr Hilfe Rat sah er nirgend und er wollte nicht jammern wollte sein
Schicksal ertragen wie ein Mann Einmahl da sie von innerlichem Weinen halb
erstickt da saß ihr endlich ein Paar von denen Tränen die durchaus nicht los
sollten über die Wangen schossen und auf den Schoos stürzten ihr nun die Brust
noch enger wurde dass sie länger sich nicht halten konnte ausrief ohne Laut
und hinsank mit dem Kopf auf die Hand und ihr Angesicht offen lag die Augen
trocken und die Wangen nass Er stand vor ihr und konnte nicht fragen
Henriette was ists Konnte kein Haar breit sich ihr nähern Das ergriff
ihn mit Entsetzen Nicht vorwärts nicht rückwärts platt auf der Stelle
musst er wankend bleiben Seine Knie schwer wie CentnerLasten zermalmten ihm
die Beine seine Schultern den Körper der Nacken morschte das Haupt versank
Ohnmacht kalte grässliche Ohnmacht kroch durch alle seine Glieder hin aus
erstarrende Herz
Indem kam jemand die Treppe herauf Henriette rafte sich zusammen Woldemar
blieb wie er war Der die Tür öffnete ins Zimmer trat es war Biedertal Er
fuhr etwas zusammen fasste sich aber gleich denn er hatte schon eher
Betrachtungen gemacht Beobachtungen über die er in ängstliche Zweifel und
Sorgen geraten war die er aber teils unterdrückt teils sorgfältig in sich
verschlossen hatte Doch musst er die Frage vollenden in der er stecken
geblieben war was was fehlt dir Woldemar »Wie was mir fehlt seh ich
übel aus« Er trat vor den Spiegel »Würklich man sollte bange werden« und
lächelte »Aber ich weiß schon woher es kommt« fuhr er fort »es hat nichts zu
sagen« Und sogleich brachte er die Rede auf etwas anders das denn Biedertal
gerne geschehen ließ
Acht Tage gingen herum noch eine Woche lief zu Ende und Henriettens
Seele fing an sich zu erbittern Was nur ein menschliches Herz überwältigen
kann alles alles war an Woldemarn vergeblich gewesen So tausendmahl gerührt
erschüttert immer ohne Frucht immer doch am Ende unbeweglich Warum wollt
er sie aus seinem Herzen verstoßen Verstossen Stund das in seiner Gewalt
Sie hatte ja nichts verbrochen war ja Henriette wie immer O Gott rief sie
aus ich bin ja unschuldig
Der Stachel der ihr im Herzen saß und folterndes Pochen in alle seine
Fasern brachte es war als wenn er bei diesem Ausruf auf einmal sich löste
Unschuldig überall in ihr wars erklungen ewig seiner ganzen
Freundschaft wert Und kann was unvergänglich ist vergehen Vergängliches
mag vergehen Harren will ich in Unschuld Harren und treulich bewahren
all die Lieb in meinem Herzen und gen Himmel schauen
Da Woldemar die stille Heiterkeit erblickte den siegenden Mut der über
Henrietten gekommen war wandelte ihn etwas an wie Schrecken Er sträubte
sich es dafür zu erkennen wollte dass es Freude wäre und suchte es heimlich
darein zu verkehren aber er fühlte bald wie vergebens Nunmehr ergriff ihn
zwiefaches Schrecken Was noch von Hoffnung in seiner Seele versteckt war fuhr
auf und verschwand Die entsetzlichste aller Empfindungen Verachtung dessen was
überschwenglich geliebt war kam den geräumten Platz einzunehmen sie hatte
lange schon gedrängt Er wurde voll Eckel vor dem Unbestimmten seiner Lage
lieber volle Verzweiflung tausendmahl lieber und er fing an danach zu
ringen
Aber er konnt es nicht fassen konnt es nicht glauben Das gekostet zu
haben was eine solche Freundschaft gibt und es fahren zu lassen und es
missen zu können und Mut zu behalten zu leben Ruhe Heiterkeit Sein zu
können dies und jenes gewesen zu sein Eben dieselbe Henriette Die die
die Er schwindelte in Wahnsinn dahin
Noch mäßigte er sich in Aeusserlichen er zeigte nur Kälte aber sein Wille
diese Kälte fühlbar zu machen kam je mehr und mehr zu Tage Er wich allen
Gelegenheiten aus Dienste von Henrietten anzunehmen war höchst sorgfältig dass
sie in seinem Hause nicht die geringste Bemühung hätte äußerte in Absicht
ihrer tausend Bedenklichkeiten hatte beständig ihr etwas aus dem Wege zu
räumen so dass ihr der Aufenthalt neben ihm nicht anders als peinlich sein
konnte Aber sie hielt Stand und wenn die Kränkungen die sie von Woldemar
erfuhr auch wohl einmal sie erbitterten so erholte sie sich doch gleich
wieder und bewiess sich nur desto liebreicher gegen ihn
Unterdessen wurde die Verwirrung in Woldemars Gemüte immer fürchterlicher
Das liebe Mädchen unaufhörlich um ihn mit ihr die Menge süßer entzückender
Angedenken noch immer voll derselben Kraft ihn glücklich zu machen wusste noch
jetzt so manchen Schimmer von Freude in seine finstre Seele zu dämmern brachte
täglich neue Anwandlungen von Glauben von Vertrauen in sein Herz von
Vergebung Ach die sie aber nicht foderte deren sie nicht zu bedürfen
glaubte ohne Sinn für seine tiefen Leiden vielleicht ins Geheim sie
verachtend hoch erhaben über den törichten Woldemar und nur in schmählichem
Mitleiden sich zu ihm herablassend die Edle Ha Elende Ferne ferne du
von diesem Herzen das du geschändet und das du verlassen hast
Alle seine Beschäftigungen lagen Außer dass er fast täglich an Allwina
schrieb die doch an dem Ort ihres Aufenthalts nur zweimahl in der Woche Briefe
erhalten konnte Aber von seinen Briefen wurde auch nur der dritte vierte
wirklich abgeschickt weil er während dem Schreiben sich immer vergaß und in
Ausbrüche der schwärzesten Melancholie geriet Allwina sollte auf seine
Schwermut vorbereitet sein doch wollt er weder ihre Freundin bei ihr
verklagen noch gegen Menschen und Glückseeligkeit überhaupt sie argwöhnisch
machen Hier ist einer von diesen Briefen die zurückgehalten wurden
»Ich habe zwanzig Briefe an Dich geschrieben die Du alle nicht bekommen
hast sie sind zerrissen verbrandt Aber was soll ich Dir länger
verheelen dass ich in die tiefste Schwermut versunken bin Mir schaudert
vor dem Gedanken Deine Engelseele mit Geheimnissen der Hölle zu
verfinstern Aber ich muss ich muss Oder soll ich fort auf und davon
O ich bin tausendmahl dazu versucht gewesen Aber Du sollst nicht elender
werden als das Schicksal Dich macht Ihm Deinen Fluch nicht mir Warum
hörtest Du mich ehmahls nicht als ich Dich als ich Euch alle vor mir
warnte so oft warnte dass ihr nicht auf mich bauen dass ihr Euch nicht so
an mich hängen solltet Ihr lachtet Ha nun ists an mir zu lachen«
Ich bin nicht im Fieber Allwina o Gott ich bin so wach bin nur zu
gut bei Verstande Aber Dir entdecken was ich habe das geht nicht
ich sag es auch Henrietten nicht meinem Bruder nicht niemanden Aber
ja es ist mir etwas begegnet etwas Ich hab entdeckt dass alle
Freundschaft alle Liebe nur Wahn ist Narrheit ist ausgenommen dem
Narren ich preise sie wohl einmal wieder so Gott will und ich
lebe
Ihr werdet Mitleiden mit mir haben in mich dringen um mein Geheimnis zu
erfahren und mich zu trösten
Ich bitt ich beschwor Euch spart das Sagen werd ich nichts und
Euer Mitleiden darüber werd ich lachen und rasen Ja wenn ich
Steinschmerzen hätte oder die reissende Gicht oder ich wäre in Armut
gesunken oder es wäre sonst ein endlicher Jammer über mich gekommen
Dann Aber nun Ihr könntet Meere weinen und meinem lechzenden Herzen
käme davon kein Tropfen zu statten
Dass in den Menschen das geleget werden musste das Sehnen nach Mitgefühl
die brennende Begierde nach MenschenHerz Die am Ende doch nur
falsche Luft kranker Heisshunger ist der nur des Geruchs bedarf und es
folgt Ekel Aber nein so scheint es von der einen Seite nur Nicht
falsche Luft nicht kranker Hunger sondern dass die Befriedigung nur
Blendwerk der Geruch nur Anstrich ist darin das Elend
Woher nur die Sage unter die Leute gekommen sein mag das allgemeine
Gerücht von Liebe von Freundschaft Es ist wie mit den Gespenstern
deren überfall so viele gesehen worden sind Gerade so
Wahrlich es ist nicht der Rede wert alles was macht dass Menschen an
einander hangen Worauf wir eigentlich einen Wert legen das ist nicht
Die geselligen Gefühle wie sie Nahmen haben sind in so
zusammengesetzt so unendlich vermischt so an tausend Enden zu fassen
und zu lassen so zweideutigen betrüglichen hinfälligen
unwesentlichen Wesens dass man nie wissen kann was man hat oder ob man
nur was hat »Doch gibt es Beispiele von Treue von alles
überwiegender Anhänglichkeit« Das weiß ich Aber liegt da wohl je
würkliche Sympatie zum Grunde ist da je eigentliche Liebe Nichts
weniger Dumpfe taube ungefühlige Seelen sinds Schau die Redern
Was hat die nicht für ihren Mann getan wie war und blieb sie ihm nicht
ergeben Man gerät außer sich vor Bewunderung wenn mans erzählen hört
Und nun im Grunde was ist s mit der Redern Fühlte sie bei ihren
schönsten Handlungen wohl mehr hatte sie wohl mehr Genuss davon als
wenn sie für den Mittag eine Suppe kochte Hatte ihr Mann wohl mehr
Genuss davon eigentlichen Seelen Genuss Und so ists überall wo
Menschen anhaltend einander etwas sind entweder blinder Traut wo sie
so hineinkommen ohne zu wissen wie eingebläut angewöhnt um
Gottswillen oder elendes so elendes Stückwerk dass es eine Schande
ist Hält wo noch einige Vereinigung Stand und sie bewahrt nicht jene
gegenseitige gleiche Dumpfheit so bewahrt sie gegenseitige Resignation
etwa von der einen Seite durch Verzweiflung an Mitgefühl an
Einverständnis und von der andern durch kindische Genügsamkeit oder
auf sonst eine Weise denn hier können die Verhältnisse ins Unendliche
abwechseln und manches recht hübsch und artig ausfallen das Band aber
das sie zusammen zieht und hält ist nichts weniger als was es heißt
In alle Wege je fähiger der Mensch zur Glückseeligkeit wird je
unglücklicher wird er in der Tat: je vortrefflicher Menschen werden die
einander gut sind je loser je unsteter wird ihre Verbindung Indem der
Eine oder der Andere oder beide zugleich sich mehr ausbilden jeder in
dem Seinigen werden sie sich unähnlicher indem sie an Kraft
gewinnen ihr Geist sich weiter ausbreitet selbst ihr Herz sich
erweitert werden sie gegenseitig eigener werden sie unabhängiger
von einander ihre Sympatie kriegt die Antipathie und ihre
Freundschaft hat ein Ende
Ich habs lange gewusst aber mein Wissen war nur Stückwerk jetzt hab
ichs ganz bin der Wahrheit und der Weisheit voll ein Seher ein
Prophet und habe Dir kund getan meine Offenbarungen habe Dich
gelehrt habe Dir geweissagt und muss nun weiter bis ichs verkündige
auch den unterirrdischen Geistern So lass mich denn und Gott sei
Dir gnädig«
Unterdessen Woldemar diesen Brief schrieb war Henriette in sein Vorzimmer
gekommen Die Tür von seinem Kabinet war zu Sie hörte etlichemahl dass er
gewaltsame Bewegungen machte und fürchterliche Töne außstieß Hernach wurd es
ganz still Darauf hörte sie Weinen und Schluchzen Und nun wieder stille wie
tot Sie versuchte an der Tür vom Kabinet ob sie zugeschlossen wäre sie
ging auf
Er saß den Kopf umgedreht nach der Wand gegen die er das Gesicht
gequetscht hatte wie aus Begierde sie mit den Zähnen zu fassen die Arme
vorwärts steif ausgestreckt und die Hände los gefalten die Beine hiengen
gezuckt längst dem Sessel so dass sie nur mit der Spitze den Boden berührten
Henriette trat bebend näher Sie erblickte das frisch Geschriebene Von selber
fielen ihr die letzten Zeile die sehr große und weitläufige Buchstaben hatten
in die Augen Sie glaubte der Brief wäre an sie und durchlief ihn ungeduldig
das hinterste zuerst dann fing sie von vorne an las meinte noch immer er
gehe sie an begriffs doch länger nicht Da kam sie an die Worte »Ich rede
nicht im Fieber Allwina« Allwina Sie fuhr auf mit einem lauten Schrei
Woldemar kehrte sich um riss ihr das Blat aus der Hand und stieß sie unsanft
auf die Seite Sie sank und meinte die Erde wäre mit ihr versunken Aber
sie war bald wieder bei sich kam zurück hing sich Woldemarn an den Hals und
zerrann über ihm in Tränen und in Küssen Da sie einigemahl zu reden
versuchte jedesmahl stockte und nun wieder heftiger weinen musste wurde ihr
weh bis zur Ohnmacht sie musste ihre Stellung verlassen und einen Stuhl suchen
Woldemar blickte nach ihr hin Er konnte nicht länger Sein Herz hob sich
als höbe mit ihm die Welt sich aus ihren Angeln »Ach Henriette« rief er
und stürzte vor sie hin auf die Knie »Ich bin verloren lass mich in Deinen
Armen sterben« Henriette war ohne Sprache sie drückte ihn an sich
schluchzte sah gen Himmel »Ja« fuhr er fort »ich bin hin aber so lang
ich noch lebe muss ich Dich lieben« Es ist entsetzlich dass ich mich an Dir
betrogen habe denn Du bist das beste Geschöpf unter der Sonne O es wird
ja doch endlich einmal schwinden dies Herz endlich einmal vergehen nachdem
es so oft alle seine Kraft von sich geströmt hat Lieber unterbrach ihn
Henriette Lieber Lieber Ach Betrogen Sie konnte nicht weiter »Du
liebst mich nicht wie ich Dich liebe« sagte Woldemar »Dein Gefühl für
Freundschaft ist anders als das meine Unsere Freundschaft konntest Du fahren
lassen es sei warum es wolle Du konntest sie fahren lassen mich konntest
du dahin geben Und ich ich ich liege hier auf den Knien« Er sprung
mit Heftigkeit auf setzte beide Fäuste sich vor die Stirne »Gott« rief er aus
»Nur Trümmer Und das mein Alles Und darum betteln Aber was
hilfts« Er stürzte sich von neuem auf den Boden »Beste Beste auf Erden
habe Mitleiden verlass mich nicht« verbarg sein Gesicht in Henriettens
Schoos und brach in eine Flut von Tränen aus Woldemar sagte Henriette mit
gebrochener Stimme dich verlassen Dich für den ich alles verließ
»Ach« sagte Woldemar indem er sein Gesicht wieder in die Höhe richtete »ich
wollte dass ich mein Herz fassen könnte wie ein Weib ihre Brust und Dich
nötigen es zu trinken damit Dir alles zu Teil würde Dir nur alles zu gut
käme von mir eh es dahin ist damit nur dies unaussprechliche Gefühl hier
gerechtfertiget würde und Bleiben erhielt und dereinst gen Himmel stieg O
das nur die Erfüllung meines Glaubens die Rettung meiner Liebe der Liebe
die ich fühle und die ich wähnte der ein Wesen eine sichere Stätte auf
ewig und ich will ohne Klage vergehen will verloren sein« Er senkte
sich wieder Und Henriette
Doch genug von diesem Auftritt mit dessen Beschreibung ich mich besser gar
nicht versündiget hätte Denn nur einen Moment davon darzustellen in Geist und
Wahrheit ist unmöglich
Sie kamen nach und nach zu minder heftigen Worten gerieten endlich in ein
anhaltendes Gespräch Henriette wusste all die Liebe die in ihr war und mit
der sie unverrückt an Woldemarn gehangen ihm jetzt so nah ans Herz zu bringen
dass er sie fühlen dass er sie eingestehen musste Unvermerkt wurde seine Seele
von süßen Empfindungen wie berauscht sein Gram übertäubt und die Wonne die
er genoss durchdrang ihn so ganz dass es ihm genug daran dünkte sein Leben zu
beglücken
Bis auf den folgenden Tag läuterte sich sein Zustand die fieberhaften
Bewegungen hörten auf er schwebte nicht mehr in Entzückungen aber Beruhigung
stille Zufriedenheit traten an die Stelle Er fühlte dass sein Herz in einem
guten Verbande lag so dass der Schaden daran ihn wenig beschwerte und allmählig
wohl noch heilen könnte
Henrietten war er lieber als jemals geworden und sie ermüdete nicht es
unaufhörlich ihn sehen zu lassen Die holde Weise womit sie es tat vermehrte
den Eindruck denn es wurde ihm auffallend dass Henriette auch in der
Freundschaft gewisse Vorzüge besitze welche gegen die seinigen eben der Art
wohl in Betrachtung zu kommen verdienten und ihnen ziemlich die Wage halten
möchten Wenn Er sie an Glut der Seele an hohem und tiefem Sinn übertraf so
übertraf Sie dagegen ihn an wahrhafter Zärtlichkeit und unvermischtem Adel des
Herzens an Lauterkeit Schönheit und durchgängiger Harmonie der Empfindungen
Seine Ergebenheit gegen sie mochte noch so stark so ungemessen erscheinen die
Ihrige gegen ihn hatte etwas das man dennoch für uneigennütziger sogar für
fester halten konnte Zwar widerstritt er das sehr hartnäckig aber nicht immer
mit dem besten Gewissen Heimlich fühlte er einigen Zweifel und lächelte
innerlich dazu ob nicht auf Henriettens schüchternes gehaltenes Wesen doch im
Grunde mehr Verlass sei als auf das mutvolle heftige und ungestüme des
seinigen
Wahrscheinlich wäre alles gut geblieben und immer besser geworden wenn
nicht aus dem Vergangenen eine fremde Ereignis sich unversehens entwickelt
hätte welche für Woldemarn und Henrietten und alle die sie liebten von den
schrecklichsten Folgen war
Ende des ersten Bandes