1779-81_LaRoche_RosaliensBriefe.html




        
                              Sophie von La Roche
               Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St
                            Von der Verfasserin des
                            Fräuleins von Sternheim
                                   Erster Teil
                           Vorbericht des Herausgebers
Diese Briefe die ich hier besonders Leserinnen gedruckt vorlege bedürfen
keiner Empfehlung und wenn sie einer bedürften wäre ich wie ich mich sehr
gerne bescheide der Mann nicht der ihnen diesen Dienst leisten könnte Denn
außerdem dass ich in der literarischen und übrigen feinen Welt gleich
unbekannter Alte kein Gewicht haben möchte käme ich auch zu spät da schon
verschiedene dieser Briefe in der Iris gedruckt stehen
    Also nur ein Paar Worte über diese Ausgabe in Gestalt eines ordentlichen
Büchleins für sich selbst 
    Der oft unwahre Fürwand »man hat mich ersucht drucken zu lassen« ist hier
nicht nur völlig wahr sondern es wird sogar auch da die Veranlassung zu diesem
Ersuchen in der Iris zu Tage liegt nicht einmal unwahrscheinlich sein dass
verschiedene gute Frauenzimmer von manchen Orten her die Verfasserinn ersucht
haben  Ob außer mir Alten auch viele junge Mannspersonen weiß ich nicht
sollte es aber fast nicht glauben weil mir es scheint als müssten viele
darunter es fühlen dass die Verfasserinn ihnen ihre Puppen zu verderben und zu
verschließen Willens ist
    Also hätte die natürliche Neigung der Frau Verfasserinn ihre junge
Schwestern zu verbinden schon den Entschluss »drucken zu lassen« erzeugen und
rechtfertigen können Es kam aber noch eine Ursach hinzu  Ich sagte diese
gerne weil sie so gut ist als   aber wer würde nicht glauben dass zwischen
der Verfasserinn und dem Herausgeber eine Verbindung sei Und Gottlob sag
ich es ist eine da aber sie hat keine Lobrednerei zum Zwecke
    Vielleicht wundert es einige Leser warum ich Unbekannter die Ausgabe
besorge und weder ihr Ehegemahl noch der Herausgeber der Sternheim noch der
Iris oder sonst jemand von ihren bekannten würdigen Freunden Wenn ich noch
jung wäre könnte die nicht unerlaubte Absicht dabei Statt gefunden haben mich
bekannt zu machen so aber ist die Ursach bloß diese vorgedachte Männer sind
jeder mit eignen für das Publikum mehr oder minder nützlichen Unternehmungen
beschäftigt und ich Müßiggänger in Vergleichung mit ihnen konnte die
männlichen Verrichtungen bei Besorgung des Drucks besser abwarten deswegen bat
ich darum und erhielt meine Bitte
    Dass ich in allem Ernste ohne Vorbewusst meiner Freundin auf den Titel
gesetzt »Von der Verfasserinn des Fräuleins von Sternheim« hoffe ich dei Ihr
dadurch zu entschuldigen dass das schon in den letzten Bänden der Iris gesagt
worden ist denn sonst denke ich über diesen Stempel eben so wie sie selbst
    Also bloße Nachricht denn es soll weder Drohung noch Schmeichelei für Leser
und Leserinnen sein da mirs vorkommt als sagte ich dies hiermit im Namen
meiner edlen Freundin füge ich hinzu dass ich noch Vorrat an Handschrift zur
Fortsetzung besitze und es nunmehr bei den Leserinnen hauptsächlich steht wie
bald sie den Verleger Herrn Richter zum Druck des folgenden Bandes bereden
und dadurch die hier ungesagte gute Absicht der Verfasserinn befördern helfen
wollen
Wr den 26sten März 1779
                                                                            B
 
                                  Erster Brief
Lassen Sie mich meine geliebte so lang gewünschte Freundin einige Tränen
über mein Schicksal weinen das mich von Ihnen entfernt und alle die süße
Freuden zerstört die mir ihre Güte und Ihr Geist wechselsweise schenkten Was
ist Leben Glück und Wissen wenn sie nicht von anteilnehmender Liebe und
Freundschaft mit genossen werden  Wie lange wartete mein Herz auf diese
irrdische Seligkeit  Ihr feiner aufgeklärter Geist Ihre edle liebreiche
Seele haben mir solche in vollem Maß gegeben  Sie erforschten mich und da
sie sahen dass mein Herz gut ist und mein Kopf denken und fassen kann so waren
Sie zufrieden ohne zu fodern und zu hoffen dass ich fehlerlos sein sollte 
Ihre Gesinnungen waren zärtlich Ihre Hochachtung aufrichtig ohne den hohen
Grad Schwärmerei aus welchem die Unverträglichkeit entspringt Sie sind das
zweite wahre Geschenk des Himmels das mir zu Teil wurde denn nachdem ich ein
Herz voll Gefühl des Edlen und Guten erhalten hatte so fehlte mir noch ein
anderes auch dessen Zeugnis ich mich stützen konnte Ihre moralische Seele war
mein zweites Gewissen Ihr geübter Geist die Bewährung des meinigen Ihnen ist
weder die Lebhaftigkeit meines Kopfs noch die überfliessende Empfindsamkeit
meines Herzens jemals anstößig gewesen 
    Bei Ihnen meine Mariane kann ich mich der süßen Empfindung jemand
imhöchsten Grad hochzuachten ohne Sorge überlassen die Eigenschaften Ihres
Geistes und Herzens versichern mich dass ich durch Sie den Schmerzen niemals
fühlen werde diese Gesinnungen zurück zu nehmen Ihre Bekanntschaft Ihr Umgang
war für meine Seele das was ein heiterer Himmel reine Luft und freie Aussicht
in eine fruchtbare Gegend einem Menschen ist der lange verbannt war eine
niedrige Hütte in einem sumpfigen mit unangebauten Bergen umgebenen Tale zu
bewohnen Manchmal sah er einzelne schöne Büsche auf einer Ecke des Gebürgs Mit
Begierde und Freude stieg er dazu an dem Geruch ihrer Blumen und ihrer schönen
Gestalt sich zu ergötzen aber häufige versteckte Dornen verletzten ihn der
lockere wenige Sand in dem der Busch stund wich unter seinen Füßen er
wankte und beschädigte sich noch an umliegenden Felsstücken Traurig kam er in
seine Hütte zurück und versuchte dann wieder einmal in trockenen Tagen ein
nah an dem Felsen liegendes Stück grünen Rasen zu betreten Der Gedanke der so
wohltätigen Graspflanze gab ihm Zuversicht Aber es deckte einen trügerischen
Haufen von Schlamm und er hatte Mühe sich vor dem Sinken zu retten
Niedergeschlagen über die vergeblichen Versuche blieb er in dem Kämmerchen
seiner Hütte und überdachte das Glück derer die auf einer schönen Anhöhe mit
Weingärten Wiesen und Feldern umgeben wohnen und mit jedem Blick Freude
fühlen Nachdem aber ein Geschick ihn auch dahin rufte ist gewiss jeder Atemzug
Dank zu der gütigen Vorsicht  Wie oft zog mich bei meinen ehmaligen Bekannten
der schöne Schein von Sanftmut und Güte  wie sehr trogen und verwundeten sie
mich  Wie grundlos fand ich ein andermal die schönsten Anzeigen von Stärke und
Edelmütigkeit der Seele  Nun reise ich mit meinem Oheim Die Pflichten
welche ihm aufgegeben sind und die Absichten seines Herumwanderns führen ihn
in verschiedene Gegenden In einigen werden wir uns lange aufhalten da will
ich während mein Oheim politische Beobachtungen sammlet auf meiner Seite
suchen jede tätige Tugend zu bemerken welche ich in dem Laufe meiner Reise
ansichtig werden kann Darüber will ich Ihnen schreiben und Sie können nach
Ihrer Lieblingsgewohnheit und des Herrn Hume Anweisung zufolge das Maß meiner
moralischen Kräfte nach dem Grade sympatetischer Bewegung berechnen welche die
Betrachtung übender Tugend in mir hervorbringen wird denn Sie pflegten so gern
den Umfang eines öden oder angebauten Kopfs zu bestimmen je nachdem Sie sein
Vergnügen und Aufmerksamkeit bei den Unterredungen der Vernunft und
Wissenschaften stark oder schwach sahen In diesem Felde hoffe ich Nutzen für
meinen Geist zu sammlen Sie werden alles auch den leisesten Gedanken zu lesen
bekommen und mich also auf allen Seiten kennen lernen  Denn meins Mariane
meine Seele ist bei Ihnen mit Ihnen allein redet sie durch mein Vertrauen und
in meinen Briefen mit andern redet meine Achtung meine Höflichkeit welches
Abgaben und Anforderungen sind die ich niemand versagen werde  Aber Sie
meine Freundin Sie allein haben die besten Gesinnungen des Herzens
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                                 Zweiter Brief
Sie haben Recht meine Freundin Sie haben Recht wenn Sie mir sagen dass der
beste Trost den ich jemals gegen die Schmerzen einer geraubten Freuds oder
eines misslungenen Wunsches finden könne in dem Gedanken der Erfüllung meiner
Pflichten liege und dass eine edle gefühlvolle Seele das Maß dieser Pflichten
in der Gewalt finde die ihr zum Wohltun gegeben worden Ich sehe dass meine
Gesellschaft ein wahres Vergnügen für meinen teuren Oheim ist und ich werde
davon am meisten in den Stunden überzeugt wo er sein Tagebuch mit mir
durchlieset  Er ist so gut dass ihn mein Beifall freut  Meine Sorgfalt für
seine Gesundheit das kleine Stück Munterkeit und Talente meines Geistes meine
Liebe für ihn nennt er die Freude seines Lebens und wenn er mir dieses sagt
so liebe ich den Entschluss mit ihm zu reisen und fühl selbst die Entfernung von
meiner Freundin Mariane nicht mehr mit so viel Bitterkeit  denn es ist mir
süß sehr süß die Freude des Lebens eines rechtschaffenen Mannes zu sein und
es in meiner Gewalt zu haben Gaben des Glücks die ich von meinem zwölften
Jahre an von meinem Oheim genoss mit Wohltaten des Herzens zu belohnen 
Dennoch meine Mariane fühle ich dass dieser Trost über die verlohrne Freuden
Ihres Umgangs nicht so wirksam sein würde wenn ich die Erreichung meiner
Absicht nicht vor mir sähe  Ich erinnere mich hier dass Sie einst sagten
»Nahes Glück rejetzt und treibt zu Ausübung vieles Guten so wie allein die
gerade neben uns liegende Strafe vom Bösen zurück hält denn wenn die in der
weiten Zukunft ruhende Freude oder Elend viel Gewalt über uns hätten so
geschähe mehr Gutes und weniger Böses«  Ich wünsche wirklich dass die Idee
von Belohnung bei der Kinderzucht mehr gebraucht werden möchte als die von
Strafe weil dabei der Geber und die Zusehende zugleich als Zeugen unsers
Wohlverhaltens erscheinen als solche geliebt werden und natürlicherweise die
Begierde entsteht ihnen immer gefällig zu sein So wie man im Gegenteil die
Zeugen seiner Fehler und seiner Strafen hasst und oft aus der Begierde sich in
rächen die Fehler behält die dem Vorgesetzten und andern am meisten
Missvergnügen geben Die Menschen sind gewiss im Ganzen genommen viel edler und
besser als man glaubt  Ich bin diese angenehme Überzeugung dem Nachdenken
schuldig mit welchem ich bemerkte dass sich die schönsten jungen Leute so gern
zum Krieg werben ließ und sich dem Tode dadurch eher weihten als die Natur
es gefodert hätte  Und meistens ist es die Versicherung des Lohns der Ehre
des Vorzugs des Ruhms der Tapferkeit des Anteils an der Verteidigung der
gerechten Sache die so viele Tausende ihrem sichern Tode entgegen führt Mein
Herz ist ganz gewiss dass ein Fürst der das Maß der Strafen und Unkosten die
damit verbunden sind in ein Maß Wohltat und Belohnung für den guten und
arbeitsamen Bewohner seiner Staaten verwandelte vielleicht in kurzer Zeit
meistens lauter gute Untertanen haben würde Denn die Bande der Liebe ziehen
die Herzen vester an als die Ketten der Furcht Sie hörten mich einst
behaupten dass die gelinde Todesstrafe mit welcher in England die
Strassenräuber beleget werden die gewisse Ursache bei warum diese Art
Bösewichter eine Gattung Großmut unter ihre Übeltaten mische indem sie
selten morden und noch seltener einen Reisenden ganz ausplündern sondern nach
Berechnung seines Weges ihm lassen was er nötig hat Dahingegen die
schreckliche Strafe des Radbrechens in Frankreich die Summa der Diebstähle und
Mordtaten nicht verminderte  Aber meine Mariane wo komme ich hin Die
Stärke dieser Betrachtung gibt meinem Briefe einen harten Ton unter dem nur
Sie die sanfte Stimme einer bewegten Menschenliebe hören werden welche sagt
dass wenn wir das Gepräge der Glückseligkeit nicht auf den Überfluss des
Reichtums und der Wollüste gelegt hätten so würde man weniger Leidende und
weniger Übeltäter sehen 
                                                                        Rosalia
 
                                 Dritter Brief
Ich schreibe Ihnen meine Mariane von einem schönen Dorfe das auf einer
kleinen Anhöhe liegt die mir das Glück schafft aus dem Fenster wo ich sitze
eine Reihe der majestätischen Schweitzergebürge zu sehen Die untergehende Sonne
färbt sie Blau und Rosenrot mit großen Stücken Glanzsilber dazwischen Meine
Seele fühlt mit innigem Vergnügen die Größe der Allmacht meines Schöpfers Es
freut mich mein Dasein aus der nämlichen Hand erhalten zu haben und es ist
Überzeugung in mir dass auch ich die Fähigkeit zu großen und edlen Handlungen
in mir habe  Ach warum sind Sie nicht in diesem Augenblicke bei mir Warum
sieht das geistreiche Auge meiner Mariane diese schöne Gegenstände nicht mit
mir  Ihre Gegenwart würde meine Freude erhöhen meine Blicke begegneten den
Ihren Sie kennten den Wert der Träne die in meinem zum Himmel erhabenen Auge
schwimmt  Meine mit Bewunderung des Schöpfers gefalteten Hände die ich
einsam an meine Brust drücke würden Sie beste Freundin und mit Ihnen Ihre
tugendvolle Seele umarmen Sie teilten das selige Gefühl des Lebens und der
Anbetung unsers Schöpfers mit mir und auf Ihre Brust gelehnt dankte ich ihm
für Sie für jede Tugend Ihres Herzens und für die Schönheit Ihres Geistes
Denn meine Mariane ich könnte ich bekenne es ich könnte Sie nicht lieben
wie ich Sie liebe wenn Sie nicht so viel Geist und Kenntnisse hätten als Sie
haben  Aber meine Freundin wenn die Stärke meiner Empfindungen bei dem
nähern Anblick dieser Berge zunimmt so bin ich begierig wie ich sie ausdrücken
werde  Bald meine Mariane bald kann ich dieses wissen denn wir gehen diese
Stunde noch weiter und mein Oheim sagte mir da ich die Angst vor dem
Nachtreisen verriet dass ich ohne Kummer sein könne weil während der
Erndtezeit das Feld voller Bauersleute wäre die wegen der Tageshitze des Nachts
durch das Korn schnitten und man also ganz sicher sein könne 
                        Aus dem schönen St Dorfe W
Wie angenehm meine Mariane wie sehr angenehm war mir der Schutz meines Lebens
aus der redlichen Hand der Arbeitsamkeit Ruhig unbesorgt setzten wir unsern
Weg fort weil wir unter der Obhut der Tugend und des Fleißes waren Mit
dankbarer Liebe und mit Segen sah ich die Schnitter an und dachte so schaffen
übende Tugenden die Menschen wechselsweise zu Schutzgeistern des Glücks und der
Freude ihres Nächsten so wie man vom Laster sagen kann dass es seine
Untergebene durch Verführen und Quälen der Guten zu Satans macht 
    Wir kamen den andern Tag sehr frühzeitig hieher wo mein Oheim mit dem
Oberbeamten des Grafen von St etwas zu bereden hatte Wir wurden zur Tafel
geladen und erhielten die schmeichelhaftesten Höflichkeitsbezeugungen Es war
mir lieb dass Nachmittags der Graf mit so vieler Aufmerksamkeit den ernstaften
Geschäftshandlungen beiwohnte weil ich dadurch das Glück hatte um seine
Gemahlin zu sein die eine liebenswürdige und verdienstvolle Dame ist von
deren angebauten Geist Gottesfurcht angenehmen Umgang und jeder
Geschicklichkeit die eine Frauenzimmerhand beseelen kann ich schon lange hatte
reden hören Ich fand sie edel natürlich ohne das geringste Gepränge weder
auf ihren Stand noch ihre Talents Die ungemein schöne Ordnung des Hauses zeugt
von ihrer Einsicht in Wirtschaftssachen und ihre zwei ganz vortrefflich
erzogene Söhne beweisen die feine Wahl die man in den Fähigkeiten ihrer
Lehrmeister gemacht hatte Es freute mich diese würdige Frau als eine so
glückliche Mutter zu sehen indem sie Geist Talente und Charakter in ihren
Kindern blühen sieht Gerne hätte ich ihr meine besondere Verehrung und Liebe
bewiesen aber die Umstände hinderten mich sie auszudrücken und gewiss hätten
sie auch ihre Empfindungen zurück gehalten Ich wünschte ihr im Grunde meiner
Seele jede Glückseligkeit ihres Ranges und fühle Zufriedenheit diese meine
wahre Gesinnungen bei Ihnen meine Mariane die mich kennt so ganz ungekünstelt
auszudrücken Bei Ihnen haben weder Umstände noch Personen die Gewalt einen
Nebel oder Rauch um mich zu ziehen die meine wahre Gestalt undenklich machen
würden  Das Schloss W liegt auf einem Halbberg möchte ich sagen und gewiss
nach der Einrichtung der Zimmer Einteilung des Gartens und der Felder umher
kann man sagen dass es einer der schönsten Edelmannssitze in ganz Deutschland
sei Übermorgen Abend hoffe ich in einer Schweisserischen Gränzstadt zu
schlafen Da werde ich Freiheit und Vaterlandsliebe träumen
                                                                        Rosalia
 
                                 Vierter Brief
Vorgestern Abend konnte ich nichts als ein kleines Zetteichen an Sie schreiben
weil die Post und mein Oheim mir die Zeit vorsagten wo ich fertig sein musste
Gestern aber machten wir schon verschiedene Bekanntschaften die meinem Oheim
bei seinen Aufträgen nötig sein werden Von all diesen Leuten aber habe ich
nichts als die Gesichter und den Ton der Stimme kennen gelernt weil wie Sie
wissen Anfangs der angekommene Fremdling sich nur zu einer freundschaftlichen
Aufnahme zu empfehlen und der Einwohner ihm höfliche Anerbietungen zu machen
sucht Ich kann Ihnen also noch ganz gemächlich die Gedanken und Wünsche
erzählen die seit den zwei letzten Tagen der Reise in mir liegen  Ein inniger
Wunsch ist dass man bei Erziehung der Kinder besonders aber der Knaben die
Kenntnis der physikalischen Welt niemals verabsäumen möge weil diese Kenntnis
den Genuss des Lebens verdoppelt und Spatziergänge und Reisen um so viel
nützlicher für uns und andere macht Mein Oheim kennt jeden Baum jedes
Gesträuch alle angebauete und wild wachsende Pflanzen Ich die bisher nur auf
ihre Mannigfaltigkeit in Formen und Farben achtsam und empfindlich war bis es
nun auch bei den meisten für ihre Nutzbarkeit die beinah eben so verschieden
ist als ihre Gestalt Wenn ich Sie wieder sehen und an Ihrem Arm längst der
Ufer des schönen Flusses gehen werde der die Gegend unserer Vaterstadt so
angenehm macht dann werde ich Ihnen von dem erquickenden Geiste den man aus
diesem Gewächse von dem heilenden Balsam der aus jenem zu ziehen ist von den
nährenden Tugenden so vieler andern und dem tausendfachen Nutzen der Gehölze
Gebirge und Steine aus ihrem Anblick reden können und Sie werden den milden
Einfluss bemerken den das Nachsuchen des Gepräges der Wohltätigkeit womit Gott
unsere physikalische Welt bezeichnete auf unsere Seele hat Denn jemehr Spuren
ich davon erkannte je inniger wurde meine Verehrung gegen den Vater der Natur
und meine Liebe für meine Mitgeschöpfe  Die Tage und die Wege verschwanden mir
bei den lehrreichen Unterhaltungen meines unschätzbaren Reisegefährten Eine
Stadt ein zerfallenes oder wohlstehendes Schloss gab den Anlass zu Auszägen der
Geschichte von Deutschland dessen großen und kleinen Regenten dem Zerreissen
der alten und Zusammenheftung der neuen Verfassungen Aber wie sehr traurig war
mir oft der Anblick von Dorfschaften in denen entweder die harte Arbeit welche
der raue Boden erfordert oder das Joch des Kummers und der Armut womit
kleine Despoten ihre Untertanen drücken in dem Alter von zwanzig Jahren den
Besitz und Genuss einer schönen Gestalt der Gesundheit und Freuden der Jugend
zerstören da welke Wangen die Sorgen des weiblichen und niedergeschlagene
unmutige Gesichter das mühselige Leben des männlichen Geschlechts eben so
deutlich zeigten als ihre baufällige Wohnungen und elende Kleider  Die
hiesige Stadt ist sehr schön gebaut Große reinliche Straßen und Häuser
Unter vermögenden Personen scheint große Pracht zu herrschen auch sollen viele
Künstler hier sein Wissenschaften des Geistes aber müssen nicht sehr blühen
weil zwei Buchhändler kurz nach einander Bauquerott gemacht haben die
Modekrämerinnen hingegen sich sehr bereichern sollen  Dieses ist der Auszug
von Antworten die gestern der Hauswirt beim Abendessen auf die Frage meines
Oheims erteilte  Wir werden etliche Wochen hier bleiben und ich daher noch
bessern Stoff zu Briefen an meine Mariane bekommen  Jetzt einen schönen Tag
in Eil von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                                 Fünfter Brief
Mein letztes Schreiben war klein sagen Sie  Ich fühlte es auch meine
Freundin aber ich musste abbrechen weil ich mit meinem Oheim zu Gast essen
musste Ich dachte aber nicht dass der Verdruss mich von Ihnen loszureißen
durch einen ganz eigenen Auftritt begleitet sein würde
    Der Sohn des Hauses wo wir aßen erzählte bei Tische seiner Schwester dass
sein schöner Freund St diesen Morgen von der alten Frau von B einen
vergoldeten Becher zum Geschenk bekommen hätte  Der Vater fragte nach der
Ursache  Es war Vorgestern früh wegen des kleinen Regens sehr übel die
Berggasse hinunter zu gehen die alte Frau von B wollte von ihrem Neffen nach
Hause und sorgte sie möchte fallen bat daher oben am Berge eine junge Magd
die im Hinuntergehen begriffen war sie möchte sie mitnehmen und führen Das
unbesonnene Ding sagte ihr alten Weibern gebührte bei schlimmen Wetter zu Hause
zu bleiben usw Herr St sprach mit mir oben am Eckhause sah die Träne
der alten Frau und hörte die schlechten Reden der jungen Dirne packt diese
beim Arme »Schweigt« sagt er »elendes Ding und geht eurer Wege« und reicht
hierauf der Frau von B seinen Arm »Wollen Sie ehrwürdige Frau sich auf
meinen Arm stützen Ich will Sie mit kindlicher Sorgfalt nach Hause führen«
Meine Alte sieht ihn an ergreift seine Hand und sagt gerührt »Ja führen Sie
mich mein schöner Sohn Gott wird Ihre junge Jahre zu glücklichen Jahren
machen weil Sie sie so edel gebrauchen«  Mein St bringt sie in ihre
Wohnung wo sie nach seinem Namen und Aufenthalt fragte und heute früh schickte
sie ihm einen vergoldeten Becher mit der Umschrift »Zum gesegneten Andenken der
liebreichen Begegnung der blühenden Jugend gegen das welkende Alter Von
Elisabeta von B an Hrn St«  Mit Eifer sagte ich Ihr Freund hat dieses
Geschenk auf eine edle Art verdient ich geb ihm auch meinen Segen  O
erwiderte er bei seiner artigen Braut war er nicht so glücklich Beifall zu
finden Sie wissen sagte er zur Gesellschaft dass St der schönste junge Mann
ist den man sehen kann so wie die Frau von B die garstigste Alte die noch
dazu die Kleidung unserer Urälter Mütter trägt St ist hingegen allezeit nach
dem neusten Geschmack und in munteren Farben geputzt Hierauf stützte das
Fräulein von A ihren Spott und trieb ihre Anmerkungen über die
Verschiedenheit der Gesichter und Kleidung so weit dass ich nicht weiß wie es
gehen wird denn sie hat die entusiastische Seite meines guten St verwundet
    Er kommt doch zu uns in die Gesellschaft fiel die Schwester ein  Ich
zweifle sehr Aber sie kommt gewiss denn sie will mit Dir über ihn lachen
besonders da sie gehört hat dass die junge Magd die er so wegschleuderte ein
artiges Gesichtchen wäre  Gegen Abend kam die Gesellschaft die Braut auch
welche eine von den niedlichsten weiblichen Figuren ist die ich jemals gesehen
habe Gleich sing sie an die Beschreibung des Auftritts zu machen von den
Runzeln und der braunen Gesichtsfarbe der alten Frau zu reden auch gleich den
Hrn St bei seinem Eintritt ins Zimmer damit aufzuziehen 
    So schön als dieser St mag Antinoiis gewesen sein als er sich mit sechs
und zwanzig Jahren der Miene des männlichen Alters näherte  Er trat mit etwas
ernsten Gesichtszügen gegen die Frau vom Hause ohne dem Fräulein von A eine
Antwort zu geben Diese fuhr unbesonnen fort Es fehle ihm nichts als die
Falten und die Warzen der Frau von B so würde er eben so knurrig aussehen
wie sie  Aber ohne seine Braut anzublicken kam er zu mir küsste meine Hand
und sagte mit Bewegung »Ich danke Ihnen mit aller Empfindsamkeit meines
Herzens für den Segen mit welchem Ihr schöner Mund die Erfüllung einer meiner
Pflichten belohnte« 
    Denken Sie sich meine Mariane mein Erstaunen und die Aufmerksamkeit der
ganzen Gesellschaft welche mein Oheim zu einer unmässigen Höhe trieb da er
einfiel »Gewiss meine Rosalia hätte über eine schöne Handlung der Nächstenliebe
niemals gespottet  Ich weiß noch wie mit vieler Achtsamkeit Du mit dem
hässlichen und unfreundlichen Vater meiner Baase umgiengest«  O mein Oheim
sprach ich ganz verwirrt alle Welt muss sagen dass Sie zu viel Güte für mich
haben  Auch sahen alle meinen Oheim mich und Herrn St an Dieser hatte
seine Augen auf mich geheftet  Meine Bestürzung war ihm leid und er wandte
sich an den nächsten Tisch »Spielen Sie fort ich bitte recht sehr die
Schönheit der Seele ist allezeit mit Bescheidenheit verbunden  Die
Mademoiselle C will nicht mehr umsehn da sie Sich so bewundert sieht«  Ich
ging mit der Frau des Hauses in ein Fenster wo ich mich über ihren Sohn
beklagte der die Ursache dieser Szene war da er seinem Freund von meinem ihm
erteilten Lobe gesagt hatte Es schmerzte mich dem Herrn St zu seiner Rache
Anlass gegeben zu haben  Gerne wäre ich zu dem Fräulein von A gegangen und
hätte mit ihr gesprochen aber sie warf Feuerblicke gegen mich und meinen Oheim
Endlich ging sie weg ohne vom Herrn St etwas anders als eine tiefe
Verbeugung erhalten zu haben Nun redte ihm alles zu sich wieder auszusöhnen
Ich bat ihn darum als um eine Genugtuung für den Verdruss den mir die Rachsucht
seiner Eigenliebe dabei verursacht hätte »O verdammen Sie mich nicht« sagte
er »Ihr Missvergnügen durchbohrt mein Herz aber es ist unmöglich ganz
unmöglich dass ich meine Verbindung mit dem Fräulein von A vollziehe Wir
haben uns betrogen es ist keine Simpatie unter unsern Seelen«  Ich eilte
durch ein Nebenzimmer fort und zu Hause sagte mein Oheim bei der Wiederholung
dass oft die Umstände den Wert einer Handlung erhöhten oder verminderten  Wäre
der junge Mann weniger schön oder hätte er diesen schuldigen Dienst der
Menschenliebe einer schönen Frau angeboten so hätte man nicht davon geredet 
Hätte seine Braut nicht gespottet da ihn andere lobten so hättest Du keinen
Liebhaber an ihm bekommen und gewiss hätte die alte Frau einem übel aussehenden
Menschen kein so schönes Geschenk gemacht  Das schlimmste ist sagte ich dass
die Tugenden der Nächstenliebe so selten geworden sind sonst würde man ihn
nicht so gelobt und beschenkt haben Aber zum Liebhaber möchte ich keinen jungen
Mann der alles so arg nähme und mir sein Herz nur in dem Augenblick seiner
geschmeichelten Eigenliebe anböte
    Sagen Sie mir was über diesen kleinen Vorfall in der Liebeswelt Der junge
G war heut bei uns und versicherte dass die ganze Heirat aufgehoben wäre
St gäbe keinen Menschen mehr eine Sylbe Antwort der vom Fräulein von A
redete 
    Schönheit und Reichtum machen also auch Männer zu Stutzköpfen Dennoch
bekenne ich Ihnen dass mir der Unmut des von St sehr edel scheint Denn auf
was für einen andern Grund können wir dauernde Liebe bauen als auf
übereinstimmende Neigungen
    Herr St unterbrach mein Schreiben Der Mann ist wunderlich er will mich
und meinen Oheim überzeugen dass der gestrige Tag hinreichend gewesen sei ihm
den ganzen Wert meines Charakters zu zeigen  Ohne Zweifel denkt er dabei auch
mir seine Verdienste bewiesen zu haben  O meine Mariane wie froh würde ich
sein von hier abzureisen aber ich habe noch wenigstens drei Monate hier
auszudauern 
 
                                 Sechster Brief
Mein Oheim ist Heute sehr zeitig schlafen gegangen weil er von dem Herumgehen
in der Stadt gar müde geworden Der Tag war schön und unsere hiesige Freunde
wollten dass wir uns mit den Straßen und Gebäuden bekannt machen sollten  Die
vielen engen Gassen machten mich zu Herrn K sagen dass die erste Anlage der
Stadt von sehr nachbarlichen Leuten müssen gebaut worden sein weil sie die
Häuser so fetzten dass sie sich die Hände über die Straße reichen konnten 
Vielleicht sagte er geschah es auch um die Gläser bei einem alten deutschen
Trunk aus dem Fenster an einander zu stosen 
    Er führte uns in die Werkstätte von Künstlern wo ich meinen herzlichen
Anteil an der billigen Freude nahm mit welcher ich sie aus edler gerechter
Selbstzufriedenheit auf die Geschöpfe ihrer Hand umherblicken sah  Ich
dachte schätzbarer Mann wie viel Vergnügen hat Dein Fleiß um Dich versammelt
Du genossest es in der Kenntnis Deiner Fähigkeiten in der Versicherung Deines
Wohlstandes und der Unterhaltung Deiner Frau und Kinder die quälende
Langeweile ist nie über Deine Schwelle gekommen und wenn einst das Alter deine
Hände steif macht so kannst Du sie noch mit Dank zum Himmel erheben dass Du sie
den Müßiggang niemals Preis gabst der Dich zum Laster und Verderben gezogen
hätte  So oft ich bei der Bude eines Handwerkers vorbei ging wünschte ich ihm
Seegen und dauernde Kräfte Kaufmannsgewölbe die tausend Gegenstände der
Notdurft und des mutwilligen Vergnügens des Überflusses in sich fassten waren
mir angenehm zu sehen Sie dünkten mich Wasserleitungen zu sein die den
fruchtbaren Boden der Erfindung und der Arbeit des Handwerkers bewässern so wie
die unzählbare Notwendigkeiten die unsere Einbildung sich schuf die Quellen
davon sind Also knüpft das Verhängnis den Überfluss an den Mangel weil das
überlaufende Maß des Reichen der erquickende Anteil des Aermern wird 
Gewächse und Arbeiten von allen vier Weltteilen Betrachtungen die mein Oheim
über den Geist der Handlung machte gaben mir einen schönen Blick auf die den
ganzen Weltkreis als eine Kette umfassende Tugend der Redlichkeit und Treue an
welche der Handelstand bevestiget ist  Es war ein Augenblick sonderbarer
Bewegung in wir da ich die Menge Zirkel dachte die man in der physikalischen
Geschichte unserer Erde beschreibt und nur einen einzigen moralischen Kreis
sah der im Zusammenhang unsere Menschenwelt durchläuft denn alle andere
geistige Bande der Erdkinder sind nur in abgerissenen Stücken zu sehen  Einen
Wunsch fügte ich hinzu dass da der Wohlstand der Kaufleute sie verbindet Treue
und Glauben als persönliche Eigenschaften zu besitzen und die Triebfeder des
Eigennutzes hinreicht sie in ihre Kinder zu pflanzen und als nötige Tugend
ihres Standes anzusehen so sollten Gelehrte in ihren Familien auch das Glück
haben die eigne Vorzüge des Geistes und Denkens ihren Kindern einzugraben 
Meine Feder wiederholte hier den Gang meiner Empfindungen von dem ganzen Tage
weil ich unter allen die uns begleiteten Niemand gestimmt fand diesen Ton zu
hören und ich Herrn St der sich zu uns gedrungen hatte keinen einzigen Zug
meines Charakters weiter zeigen will  Denn warum sollte ich das glimmende
Feuer anfachen da weder meine Neigungen noch die Umstände meiner Bestimmung
sein Verlangen vorteilhaft sind  Ich wollte mich also heut lieber in seiner
Meinung heruntersetzen und ihn dadurch beruhigen als meiner Eitelkeit zu
Liebe seine Hochachtung vermehren  Möchten nur Sie meine Freundin über die
Verwendung dieses Tags zufrieden sein mit
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                                Siebenter Brief
Es ist schön meine Mariane es ist gewiss sehr schön wenn man die Gabe hat
sich Glück zu schaffen da wo andre nichts als die gewöhnliche Lage des
Hausstands sehen  Gestern machte ich die Bekanntschaft einer Frau welche
diese Fähigkeit ganz besitzt und ihre Unterredung mir der jungen Braut so bei
uns war schien mir eine Anweisung zu sein wie man jedes Stück mühsam
angebautes Feld mit einer Reihe ergötzender Blumen einfassen könne  Die ganze
Ordnung und Stärke der Gedanken kann ich Ihnen nicht wiederholen nur einen
Auszug der sich mir stückweis einprägte 
    Nach den Glückwünschen die Frau K dem artigen Mädchen gemacht sagte
diese halb ängstlich »Ach wenn ich hoffen könnte in meinem Ehestande so
munter und vergnügt zu sein wie Sie Madame es sind«  Das wird leicht sein
mein Kind Sie dürfen sich nur Ihre Verbindung als die Gelegenheit vorstellen
die Sie haben werden Ihren Verstand Ihre Geschicklichkeit und die Güte Ihres
Herzens zu zeigen  Durch Ihre unausgesetzte zärtliche Achtsamkeit die Liebe
des Herrn B zu erhalten werden Sie das beste Glück seines Lebens sein  Das
Maß Wohlergehn welches gute Hausbediente wünschen hängt auch nur von Ihnen
ab  Durch Gefälligkeit Sanftmut und Munterkeit im Umgang werden Sie die
Gewalt haben den Freunden des Herrn B Vergnügen zu machen Den Tag wo Sie
Mutter werden müssen Sie nicht denken dass Ihre Beschwerden und Sorgen sich
häufen sondern dass ein Geschöpfe mehr lebt dessen Glück und Wohlsein aus
Ihrem Herzen fließen wird  Ist dieses nicht eine angenehme glänzende Aussicht
für eine junge Schöne Der Grund des freudigen Tons meiner Seele ist die
häusliche Zufriedenheit meines Gatten das sorgenfreie Lächeln meiner Kinder
der frohe Diensteifer meiner Bedienten und die vergnügte Miene unserer Freunde
weil ich zum Teil sagen kann dass es mein Werk ist  Glauben Sie meine Liebe
die Vorsicht hat uns Frauenzimmern ein schönes Gebiet anvertraut es kommt nur
darauf an wie wir es anbauen  Wenn wir Tugenden und Klugheit ausstreuen so
wächst uns gewiss Liebe Hochachtung und Wohlstand auf Eigensinnig müssen wir
nicht sein und Rosen ohne Dornen fodern oder dass der Stein an den wir uns
stoßen weich sein solle Merken Sie sich mein Schatz die Züge Ihres Geistes
und Charakters die Herr B bis jetzo an Ihnen belobte und suchen Sie diese
Eigenschaften vollkommen zu machen weil dieses die Fesseln sind die er
freiwillig um sein Herz band und die ju ihm den Wunsch einer immerwährenden
Vereinigung nach sich zogen Sein Sie auch sorgfältig auf die Erhaltung Ihrer
Schönheit bedacht denn die Natur hat den Reizen die sie uns mitgeteilt eine
auf die Herzen der Männer ewig würkende Kraft gegeben Feine Auswahl im Putze
und der äußerste Grad von Reinlichkeit sind die materiellen Stützen der
häuslichen Liebe Eine unveränderliche Gleichheit des Gemüts Ausdruck der
Hochachtung für die Verdienste des Gatten liebreiches nicht stockendes
Schweigen bei Unannehmlichkeiten der heitre Ton der Zufriedenheit bei seinem
Anblick die Überzeugung dass man ihm mit Vergnügen das Glück seines Lebens
danke dass man jede Pflicht der Gattin der Mutter liebe der Anbau des
Verstandes um die nötigen Reize der Abänderung in den Unterredungen einstreuen
zu können  dieses meine artige junge Freundin sind die tugendhaften
Kunstgriffe deren ich mich bediente einen geistvollen die schöne Welt
kennenden Mann zwanzig Jahre lang zärtlich und mit seiner Verbindung vergnügt
zu erhalten Ohne Mühe erlangen wir nichts  Der Bauer und Gärtner muss säen und
pflanzen um von der Erde Brod und Früchte zu ziehen  Arbeiten des Geistes und
der Hände sind die Kette an welche das Wohlsein und Unterhalt gehängt ist Ihr
Gatte wird für Ihr Glück Sie müssen für seine Ruhe und sein Vergnügen sorgen
und nachdem Sie den Segen der Eltern wegen getreuer Erfüllung der Pflichten
einer guten Tochter erhalten haben so muss es Ihr Herz freuen wenn Sie auch in
Zukunft den Segen und das Lob des Gatten als liebenswerte Frau erwerben
können 
    Eine zärtliche Umarmung endigte diesen kurzen reizenden Unterricht der für
uns alle gut war denn die zwo Baasen der Mad G waren auch mit da Das junge
Bräutchen schien halb zu lächeln halb zu weinen Wir drei älteren aber hatten
glaube ich das Aussehen zu wünschen diese schöne Vorschrift bald ausführen zu
können indem sie uns unfehlbar scheint
 
                                  Achter Brief
Diesesmal meine Freundin schreibe ich in vollem Zorn an Sie über Schwätzer
die mich hinderten zwei Stunden eher mit Ihnen zu reden  Artige Sachen hatte
ich gesammlet und meine besten Ideen dazu gedacht Mit der Feder in der Hand
saß ich da meinen Brief anzufangen aber da ich weg musste um die Leute zu
unterhalten die auf meinen Oheim warteten so wurde alles zerstört die
feinsten Gedanken sind verschwunden Ich bin wie eine Person die schöne Blumen
gepflückt hatte und just begriffen war ihrer Freundin ein Bouquet davon zu
binden jähling kommt ein böser Geist und wirft einen Haufen Sand Spreu und
Geniste auf ihr Blumenkörbchen Nach dem ersten Unmut sucht sie das Zeug
wegzuräumen aber die meisten Blumen sind zerknickt haben teils ihre schöne
Form teils Blätter und alle den frischen Glanz verloren Ist man da nicht
böse meine Mariane Nun ists noch dazu Zeit zu Tische zu gehen und da höre
ich gewiss nichts das mir meine verflogene Gedanken zurück rufte
                               Nachmittags 4 Uhr
Da gewiss ist selten ein Missvergnügen allein Ich denke aber das ist eine Folge
der üblen Stimmung des Gemüts in welche uns das Erste versetzte  Ich komme
mit meinem halb mürrischen Gesicht ins Speisezimmer und fand wider mein
Vermuten einen Fremden der der feinste Beobachter moralischer Charaktere sein
soll Auf diesem muss der trockne widrige Ausdruck der auf meiner Stirne saß
eine schöne Wirkung gemacht haben  Denn die heitre Miene die ich bei dem
Anblick meines Oheims bekam konnte ihn nicht anders denken lassen als dass ich
diesem zu Lieb die wahre Beschaffenheit meines Gemüts verberge und es
vielleicht aus eigennützigen Absichten und nicht aus der feinen zärtlichen
Sorge für sein Vergnügen tue  Denn was für Ursachen kann ein gesundes
hübsches Mädchen von zwanzig Jahren angeben die ihr verdrüssliches Aussehen
beim Eintritt in das gesellschaftliche Zimmer entschuldigten zumal wenn ihre
Glücksumstände durch die Liebe eines Verwandten wie mein Oheim so vorteilhaft
sind muss man sie sorgenfrei achten und ihre üble Laune einer verkehrten
Gemütsart oder Ungeduld der Liebe zuschreiben und beides ist höchst
nachteilig O möchte ich meine Mariane für mein ganzes Leben so schnell und
so stark jeden Fehler meiner moralischen und geselligen Pflichten fühlen wie
jetzt meine geängstigte Eigenliebe dieses dem Ruhme meines artigen Humors so
schädliche Verhalten empfindet
    Herr L ist mit meinem Oheim und seinem Freund zu Besuch gegangen  Er
kommt wieder mit Ihnen nach Hause Ich will Gelegenheit suchen von meinem
heutigen Gesicht zu reden Dieser Mann soll nicht übel von mir denken durchaus
nicht eher zehn Andre
                                 Abends 11 Uhr
Ich bin mit mir ausgesöhnt und Herr L hat mich gegen jede Besorgnis wegen
seiner Gesinnungen gesichert
    Er hatte bei Tisch Mittags sehr wenig geredt und nur andre reden zu
machen wobei er mich wie mich dünkte mehr als die andern beobachtete Nach
der Zurückkunft da mein Oheim auf einige Zeit in sein Zimmer ging redte mich
Herr L ganz sanft aber mit so ganz forschenden durchdringenden Blicken an
Ich geriet in eine ganz sichtbare Verlegenheit aus welcher mich nichts als
Freimütigkeit erlösen konnte  Ich sagte ihm die Ursache meines Stottern und
Errötens wäre ein kleiner Kampf zwischen meiner Eigenliebe und der Wahrheit
Das unfreundliche Wesen so er an mir müsste bemerkt haben wäre Ursache daran 
Ganz fein ganz schonend fragte er mich warum ich deswegen besorgt wäre  Weil
ich die Hochachtung sah die Sie meinem Oheim und er Ihnen bewiess so wäre mirs
leid dass er ein Verhalten von mir gesehen hätte welches der glücklichen Nichte
dieses unschätzbaren Mannes nicht anstünde  Er lächelte beinah etwas satyrisch
hierüber  Dieses bewog mich sogleich aus meinem Zimmer den Anfang meines
Briefs an sie zu holen und ihm solchen ganz im ernsten Schweigen zum Lesen zu
geben  Er lächelte wieder aber nicht mehr bitter seine Augen dünkt mich
wurden größer glänzender und gewiss war ein Ausdruck von staunender Achtung
darin da er mir meinen Brief gab und für mein Vertrauen dankte Den
Augenblick ward mir leicht mit ihm zu reden ob ich schon fand dass alle seine
Fragen notwendigerweise charakteristische Antworten nach sich zogen Er fragte
auch nach der Mariane an die ich alles schreibe Er sah meine Seele da ich von
Ihnen sprach Und nun endige ich meinen Brief mit einem herzlichen Gott sei
Dank dass ein edler scharfsinniger Mann und die geistvollste tugendhafteste
Person meines Geschlechts in jedem Augenblicke meines Lebens in meiner Seele
lesen dürfen
                                                                        Rosalia
 
                                 Neunter Brief
Seit fünf Tagen habe ich Ihnen nicht geschrieben bald meine Mariane möchte
ich bei lebenden Leibe an eine Seelenwanderung glauben und denken dass die
meinige diese Zeit über nicht bei mir war  O Gefälligkeit wie viel Opfer
foderst du Bald von der Wahrheit unsrer Gedanken bald von unsern Empfindungen
trügest du nicht die Farbe der Menschenliebe so würde ich dich hassen
    Die Frauenzimmer im Hause wo wir wohnen haben mich in den Wirbel ihrer
Bekanntschaften und Ergötzungen gezogen ohne dass sie eigentlich wissen was sie
mit mir tun sollen Das Vermögen meines Oheims die in Deutschland so seltene
Erscheinung eines reisenden Mädchens von meinem Stande macht glaube ich dass
mich die einen zeigen und die andern sehen wollen und ich meine Mariane bin
schwach genug meinem Widerwillen zu Trotz Einladungen nachzugeben die mir
fünf ganzer Tage die Freude rauben mich mit Ihnen zu unterhalten Vorgestern
dachte ich einen langen Brief an Sie zu schreiben da kam noch Morgens Herr G
von seinem Amte und brachte seine Frau und Schwester mit um sie in das Konzert
zu führen da wurde ich gleich dem Frauenzimmer vorgestellt in Gespräche
verwickelt und sah mein Zimmer erst beim Schlafengehen Sie wissen wie
feierlich ich meinem Oheim nach meiner Augenkrankheit versprechen musste in
meinem Leben des Nachts nicht mehr zu lesen und zu schreiben ich habe mir auch
ein Gesetz gemacht dieses seiner Liebe getane Versprechen in keiner
Gelegenheit zu übertreten also konnte ich mich auch des Nachts nicht schadlos
halten und Gestern früh kam der muntere Schwarm der drei Töchter des Hauses
zweier Nachbarinnen Mad G und ihre Schwägerinn mit dem Kaffee in mein
Zimmer da wurde vielerlei und auch von dem Konzert gesprochen Bei dem Artikel
des Putzes hofte ich ihrer los zu werden und noch einige Minuten zu einem
Briefchen an Sie zu haschen indem ich sagte dass ich fürchtete nicht Zeit
genug zu meinem Aufsatz zu finden aber die rauschende Frölichkeit dieser
Personen bemerkte den leisen Wink nicht womit ich sie um Räumung meines Zimmers
bat ich musste harren gefällig sein und den Wünschen meines Herzens ihre
Befriedigung auf Heute anweisen
    Mad G hat die heiterste Gemütsart die ich jemals an einer Person
meines Geschlechts gefunden habe Verstand und viel Belesenheit Aber da
Lustigkeit der Hauptzug ihres Charakters ist so sind alle Wendungen ihrer Ideen
drollig und auch die Farben ihrer Beobachtungen bunt  In dem Konzert wo eine
große Menge sehr artiger Personen beiderlei Geschlechts war bemerkte ich noch
einen sonderbaren Schwung den sie manchmal ihren Gedanken gibt indem sie mir
diese Gesellschaft als das Schauspiel eines Wettstreits nennte den die
Phantasie der Mutter Natur und die Einbildungskraft ihrer Kinder gegen einander
hielten wo Erstere ihre Weisheit Stärke und Gewalt in Verschiedenheit der
Gesichtszüge Größe und Kleine der Gestalt in Mannigfaltigkeit der Physiognomie
und dem Ton der Stimmen bewiese  die Menschen hingegen in der Abänderung der
Verzierungen in Wahl der Farben Form der Kleider und Kopfputz in künstlicher
Anmut der Gebärden und des Bezeigens  Mit vieler Schalkhaftigkeit behauptete
sie dieses und jenes in dem einen und andern Gesichte zu lesen sagte darauf da
sie mich starr angesehen dass in meinem Kopf Ideen wären die das Seitenstück zu
ihren moralischen Betrachtungen ausmachten und dass sie ohne anders es im
ganzen wissen wolle Jemehr ich mich weigerte je ungestümer foderte sie und da
ich ein übereinstimmendes Stück zu ihrem Gemälde liefern und die Ideen von
Vielfältigkeit und Menge beibehalten musste so sagte ich mein Nachdenken hätte
sich auf die unendliche Summe des verflossenen und gegenwärtigen Vergnügens
bezogen das unser aller liebreiche Mutter durch Fähigkeit zu erfinden und zu
genießen unter ihre oft so undankbare Kinder ausgeteilt habe So hätte zum
Beweis jede Gattung der verschiedenen Kleiderzeuge dem Arbeiter bei dessen
Endigung ein Gefühl von Freude über seine Geschicklichkeit gegeben die
Person die sich mit der Schönheit des Zeugs Ansehen gab auch ihr Anteil
Vergnügen dadurch erhalten so wäre es der Putzmacherinn bei Erfindung der
Moden dem Frauenzimmer die ihre Reize dadurch erhöhte dem Tonkünstler bei der
Aufsetzung und Fügung der Stücke gegangen die wir gehört hätten  Gewiss sagte
sie es gibt viel kleine Freuden in der Welt über die man wie über die
Millionen Grashälmchen hingeht die den schönen Rasen machen Tausend Vergnügen
werden von einem Teil unsers Gefühls ohne Nachdenken genossen und ihr Dasein
erst bemerkt wenn man wie bei dem Spatzierengehen auf einmal bei Betretung
des steinigten Weges an das sanfte Gehen auf dem Grasboden denkt
    Dieser Ton rührte mich ich hörte ihr staunend zu und antwortete ihr mit
zärtlicher Achtung  Sie erwiderte dieses mit einem Drücken meiner Hand und
sagte Es freue sie dass ich ihr Achtung beweise sie liebte mich auch
besonders weil ich so viel Geist hätte alles aufzufassen und man keinen
Gedanken bei mir verlöhre  Hiemit scheuchte sie meine pünktliche Zärtlichkeit
ein wenig zurück aber ich wurde gleich wieder so billig zu finden dass wir
alle nichts lieben als was uns Vergnügen macht und Frau G so freimütig
ist es zu sagen
    Gefällt Ihnen diese Frau nicht auch meine Mariane Sie macht eine eigene
Farbe im Charakter aus  Ich werde einige Tage mit ihr aufs Land gehen wo ich
mit mehr Freiheit in ganz reiner Luft beim Gesang der Lerche an meine Mariane
denken und schreiben werde
 
                                 Zehnter Brief
Wie vortrefflich ist Ihr vor mir liegendes Schreiben wie gütig Ihre Freundschaft
für mich Ich kann auch die ganze weibliche Welt aufbieten um mir noch eine
Mariane zu weisen Mit was für einer schmeichelhaften Wendung sagen Sie mir dass
Sie sehr zufrieden sind in acht Tagen keinen Brief von mir gesehen zu haben So
macht es die edle Liebe die Freude das Glück des Freundes wird dem eigenen
vorgezogen Es ist Ihnen lieb sagen Sie dass mein Kopf und Herz Beschäftigungen
hatte die mich hinderten Ihre Abwesenheit zu fühlen und meine Arme
auszustrecken um von allen Wesen allein Sie zu umschlingen und gerne wollen
Sie meine feurige Zärtlichkeit für Sie in gemässigte Wärme verwandelt sehen wenn
ich zugleich gerechter und liebreicher gegen andre werde O Mariane gerecht
war ich just in dem Augenblick da Sie den vorzüglichsten Teil meines Herzens
und meiner Hochachtung erhielten Fodern Sie mich nicht auf gerecht zu sein
denn da muss ich jedem geben was ihm gebührt und dann kommt noch viele Nahrung
zu dem Feuer meiner Zärtlichkeit für Sie  Aber liebreich meine Mariane
liebreich und billig will ich sein  Ich weiß es nicht jeder Geist kann wie
der Ihrige angebauet nicht jede weibliche Seele so groß so edel wie die
Ihrige sein aber alle könnten doch  ich sehe Ihre Hand die mir den Mund
zuhalten will  Ich schweige selbst und gewiss ich wollte nichts Hartes sagen
Sie wollen dass ich durch Taten rede Ja meine Freundin ich will und da
meine armen Briefe das einzige Kennzeichen sind nach welchen Sie meine
Handlungen beurteilen können so sollen diese beweisen ob ich so gut werde
als Sie es wünschen und gleich will ich mir eine artige ganz romantische
Begebenheit unsers Koncerts zu Nutz machen um Sie zu überzeugen dass ich nicht
so unverträglich bin als der manchmal heftige oder nur eifrige Ton meiner
Gedanken es vermuten lässt
    Ich muss in meinem Gespräch mit Mademoiselle G nachdem sie gesungen hatte
billig genug gewesen sein und sie nicht verhindert haben jede gute Eigenschaft
ihres Verstandes und Herzens zu zeigen weil Sie sich durch diese Unterredung
eine vorteilhafte Heirat zuzog Sie hatte Italienisch gesungen  Ich fragte
ob sie die Sprache verstünde munter sagte sie mir Signora fi Ich redte gleich
im Italienischen fort und sie sagte sehr schön sehr geläufig alles Gute was
sie über meine Frage dachte Wir vermuteten nicht dass gleich hinter uns ein
Fremder saß der aus Venedig kam und alles was wir redeten um so eher hörte
als es meistens von uns Deutschen geschieht eine fremde Sprache stärker und
lauter auszusprechen als gewöhnlich die eigene Ich sah wohl dass wie wir
aufstunden um die zweite Arie hören zu lassen er ganz dienstfertig die zwei
Stühle rückte und seine Blicke mit Sehnsucht auf die schöne Blondine G
heftete  Aber nach dieser Arie ging Mademoiselle G mit mir und ihrer
Schwester auf und ab und der Fremde verlor sich  Nach Endigung des Koncerts
wie wir aus dem Gasthofe wo es gehalten war weggingen stund er unter der
Türe war sehr höflich und sah uns nach Das Haus des Herrn F wo wir alle
wohnen ist nur sechszig Schritte davon und den andern Tag als ich Ihnen
meinen ersten Koncertbrief geschrieben ließ sich Herr S Kaufmann aus
Venedig bei mir melden  Ich stutzte und sagte es müsse eine Irrung sein ich
hätte die Ehre nicht Jemand dasigen Orts zu kennen Er bat aber so sehr mich
einen Augenblick zu sprechen dass ich ihn auf mein Zimmer kommen ließ Ich
erkannte sein Gesicht und war gleich wegen unsers Welschen Geschwätz besorgt
    Er entschuldigte seine Zudringlichkeit sehr artig und sagte Er nennte sich
S wäre ein Sohn des reichen Banquiers dieses Namens und in der Absicht
hierher gekommen eine artige deutsche Frau zu holen Er wäre eine Stunde vor
dem Konzert angelangt und hätte es gleich mit Begierde angehört wo er so
glücklich gewesen wäre nicht nur die schönste Stimme zu hören sondern auch
durch den Zufall einer Unterredung nahe gewesen zu sein in welcher das junge
artige Frauenzimmer so bei mir gesessen den allervortreflichsten Charakter
gezeigt und sein Herz auf alle Weise eingenommen hätte Er wünschte und dächte
dass eine solche geistvolle Freundin wie ich wissen könne ob das Herz der
liebenswürdigen Schönen noch frei wäre und er also sich um ihre Gunst bewerben
könnte Er würde mir ewig für diese Güte verbunden sein  Nun kam ich völlig zu
mir denn anfangs dachte ich er wollte mir Anträge machen  Ich versprach
nach der Mademoiselle G Freiheit zu fragen  In dem Augenblick kam mein
Oheim sah mich bei einem Fremden allein der mir die Hand küsste Sein ernstes
Gesicht machte dass ich ihm gleich die Historie erzählte da nahm er alles auf
sich Der Fremde speiste mit uns redte Mademoiselle G Italienisch an blieb
den ganzen Nachmittag bei uns und hatte das Glück sich ihr gefällig zu machen
Abends sprach er mit Herrn und Madame G Nach dem Souper war das Versprechen
und in vierzehn Tagen führte er sie weg nachdem er einer noch jüngeren Schwester
das ganze Vermögen seiner Braut geschenkt und dieser nur die nötigen
Reisekleider zu behalten erlaubte  Ist dies nicht ein artiger Roman und
sollten nicht junge Frauenzimmer recht sorgfältig sein lauter gute Sachen zu
reden auch wenn sie ganz allein zu sein denken Adieu ich gehe nach R
 
                                 Eilfter Brief
      Von dem Schloss R wo Herr G als Oberbeamter seine Wohnung hat
Wir sind vor sechs Tagen hieher gekommen um die Hochzeit der Mademoiselle G
zu feiern Wenn alles was der Zufall bei dieser Heirat versammlete
Vorbedeutungen von dem Schicksal der nunmehrigen Madame S sind so kann sie
auf glückliche Tage rechnen Ihre Geschicklichkeit in der Musik ihre
vernünftige Unterredung mit mir erwarb ihr die Neigung ihres Mannes Das
Zeugnis welches ihre Freunde von der Tugend und Güte ihres Herzens gaben
befestigte seine Liebe  Mein edler vortrefflicher Oheim war ihr Freiwerber 
Einer der würdigsten Geistlichen segnete ihre Ehe ein und während der Trauung
sah ich so viel redliche Hände der Landleute für ihr Wohlergehen zum Himmel
erhaben dass mein Herz Wünsche tat dereinst meine Gelübde für neue Tugenden
und für das Glück meines Freundes auch unter der Fürbitte des Wohlwollens und
der Gottesfurcht so vieler Menschen abzulegen Denn ob mich schon die Tränen
die ich von den Wangen einiger Frauen fließen sah auf einen sie drückenden
Hauskummer denken ließ so war doch gewiss dass sie in diesem Augenblick der
Braut wünschten dass sie glücklicher sein möge
    Ich sagte der Neuvermählten bei unserer Zurückkunft ins Haus alle diese
Anmerkungen die auch einen angenehmen Eindruck auf sie zu machen schienen Aber
der tolle unbesonnene Schmerz der darauf entstund verdrang das feine Bild
moralischen Glücks der häuslichen Liebe so ich ihr vorgezeichnet hatte  Es
ist wahr dieser Scherz machte auch die vorher weinende Frauen lachen aber ich
sagte doch in meiner Seele Nein so soll der feierlichste Tag meines Lebens
nicht entweihet werden Der Tag an welchem ich alle übrigen zu neuen Pflichten
nach den ewigen Gesetzen der Natur heilige heiter und munter soll er vorbei
gehen aber mit Kot soll man mein Brautkleid nicht bewerfen  Diese jähe und
so ganz raue Abänderung des Tons der Gesinnungen da man von dem Gebet um
Segen zu den elendesten Ideen überging machte mich bei Tisch denken dass wir
unsern Geist eben so widersprechend behandeln wie unsern Körper dem wir eine
Tracht heißer Speisen und dann gleich in Eis gekühltes Getränke geben Die
Macht der Gewohnheit allein ist Ursache dass wir dieses widersinnige Verhalten
nicht anstössiger finden Aber sollten nicht in dem ungleichen Gange unserer
moralischen und physicalischen Wirtschaft einige Ursachen liegen dass wir in
unsern Charaktern nicht mehr so oft das Ganze und Große und in unserer
Gesundheit nicht mehr das Starke und Dauerhafte der alten Zeiten haben  Sie
können sehen meine Mariane dass ich an den Tischgesprächen nicht vielen Anteil
nahm weil ich diese Betrachtungen bei mir machte Aber der Bräutigam war so
feindenkend dass er unvermerkt eine andre Wendung in die Unterhaltung brachte
indem er von den Gebräuchen sprach die in Venedig teils bei vornehmen und
teils bei der gemeinen Hochzeitfeier gewöhnlich wären Hier konnte ich wieder
mit reden und auch gerne zuhören denn jeder der anwesenden Männer wusste von
seinen Reisen her etwas Eigenes zu sagen  Endlich kam Musik und man fing an
zu tanzen welchem Vergnügen ich mich nach aller Munterkeit meiner Jahre
überließ Bei dem zweiten polnischen Tanze aber da ich ruhen wollte und
unvorsichtiger Weise zu nah an einem Offizier vorbei ging der ein sehr guter
aber rascher Tänzer ist bekam ich einen so heftigen Schlag von dem Absatz
seines aufgehabenen Fußes an den Seitenknochen des meinigen dass ich nicht nur
nicht mehr tanzen sondern auch nicht gehen konnte und in mein Zimmer musste um
einige Mittel gegen die Schmerzen zu brauchen worüber ich dann nachmals sehr
froh war weil ich dadurch von der Zeremonie des Strumpfbandraubes befreit
wurde Ich konnte mich auch den andern Tag da er mir viele Entschuldigungen
wegen dieser Beleidigung machte nicht enthalten zu sagen dass ich ihm mehr
Dank wüsste als er glaube weil ich ohne dieses Übel an meinem Fuße gewiss
noch einen Schlag an den Kopf bekommen hätte der mir viel unangenehmer gewesen
wäre Er konnte mich nicht begreifen und sah mit einer Miene um sich als
wollte er andre um die Erklärung fragen Aber Abends da ich mich weigerte das
Pfandspiel mitzumachen sagte er mir Nun sehe ich warum Sie mir so gerne
vergaben dass ich Ihren Fuß verletzte  Ich konnte meine teure Mariane ich
konnte nicht mitspielen meine ganze Seele empörte sich bei dem Gedanken von
dieser oder jener Aufgabe zur Lösung eines Pfandes und ich ging sobald die
Rede davon war in mein Zimmer wo ich unter dem Fürwande einer Üblichkeit
bleiben wollte weil ich wohl einsah dass meine Weigerung als ein Eigensinn
angesehen sein würde der alles andre Frauenzimmer beleidigte Mein teurer
Oheim kam zu mir weil er in Wahrheit glaubte dass ich nicht wohl wäre Diesem
sagte ich die wahre Ursache meiner Entfernung aus der Gesellschaft und
beschwerte ihn sein Ansehen nicht gegen mich zu gebrauchen dass ich ganz gerne
in das Dorf gehen und den Bauersleuten helfen wolle ihr Heu nach Hause bringen
dass ich im Garten oder in andern Arbeiten den Mägden der Frau G an die Hand
gehen wolle wie sie immer befehlen würde nur nicht Pfand spielen  »Aber
Rosalia Du bist ein Sonderling die übrige Alle werden es übel nehmen« Wenn
nur Sie mein Oheim mir vergeben und ich ein klein Fieber bekomme so bin ich
zufrieden  »Wunderliches Mädchen lieber ein Fieber als einen Spaß« Fragen
Sie den Freund den Sie mir gaben ob er böse über mich ist dass ich dieses
wünsche  »O nun sehe ich Deine ganze Grille Du willst nicht deutsch tanzen
damit Dich niemand in seine Arme kriege Du willst nicht um Pfänder spielen
weil Du fürchtest es möchte bei dem Auslösen ein Paar Mäulchen kosten Denkst
Du denn dass er eben so sorgsam ist« Ich denke und erwarte nichts mein Oheim
als dass meine Gesinnungen nicht mögen zu einem Opfer gefodert werden  Ich war
bestimmt eine eigene Schattirung von Charakter zu haben Lassen Sie mirs ich
will doch gut sein  Er drückte meine Hand und sagte Aber Mädchen sieh zu
Du wirst eine verworfene Farbe werden 
 
                                 Zwölfter Brief
O der schöne ländliche Auftritt voll wahrer Liebe den ich Ihnen beschreiben
will so wie er nach seinem ersten Eindruck in meiner Seele ist
    Heute kam ein verwittweter Becker aus dem benachbarten Orte zu Herrn G
und bat ihm bei der Oberherrschaft die Erlaubnis auszuwürken dass er die Wittwe
eines Weinschenken von R heiraten dürfte  Herr G sagt ihm es würde
nicht sein können es wären schon mehrere Weinschenken und Becker da Er hätte
Befehl eine gewisse Zahl zu halten und würde deswegen die Schenke dieser
Wittwe aufheben da sie ohnehin verschuldet wäre Hier traten dem guten Becker
die Tränen in die Augen Er flehte den Herrn Oberpfleger noch inständiger an 
Just wegen den Schulden möcht ich sie haben sagt er Hören Sie mich an Ich
war vor vier und zwanzig Jahren Beckerknecht bei der Wittwe ihren Vater da war
sie das schönste und bravste Mädchen durch alle Örter ringsum Ich hätte gern
mein Leben für sie gelassen so lieb war sie mir aber ich war zu arm und ihr
Vater hatte viele Kinder da konnten wir nicht ans Heiraten denken und ich
musste leiden dass sie der Weinschenk kriegte Da war mirs ohnmöglich in R zu
bleiben und weit weg konnt ich auch nicht Ich verdingte mich bei einem Becker
in B da kam ich alle Sonntag und Feiertag in die Schenke wo mein Bärbela
war und ließ mir einen Schoppen Wein geben Aber oft zahlte ich den Wein ohne
ihn zu trinken wenn ich hörte dass ihr Mann sie anschnurrte Wenn sie ein Kind
stillte oder wenn sie freundlich mit mir war das war ein Das Herz und Hals
war mir zugezogen ich konnte nicht bleiben und war doch alle Feiertag wieder
da So wars bis mein Meister starb da nahm die Wittwe mich Wir lebten gut mit
einander Ich ging nicht mehr so oft in Bärbeles Haus obschon ihr Mann
gestorben war aber vergessen tat ich sie nicht Und wie ich Wittwer war und
alles von meiner Frau erbte da freute michs dass ich keine Kinder hatte weil
ich gleich dachte die Weinschenkin zu nehmen und ihr aus Schulden zu helfen 
Lieber Herr Oberpfleger tun Sie mir doch die Freud verschaffen dass ich die
Frau krieg »Ey sie ist ja nicht mehr hübsch« Das däucht Sie so Sie gefällt
mir als noch und ich möcht ihr so gern ihre alte Tag ruhig machen Sie hat sich
so viel mit ihren Kindern und ihrem Mann geplagt Wenn ich sie nur acht Tag
hab da vermach ich ihr alles und sie ist doch mein gewesen  Herr G wurde
bewegt der Becker merkt es und streckte seine Arme nach ihm mit der
wiederholten Bitte ihm zu dem letzten Glück zu helfen er wolle gewiss ein guter
Untertan sein und Gott und Herrn G für seine Frau danken Er freue sich
schon so viele Wochen darauf seit er Wittwer wäre wenn es nichts würde so
kränke es ihn tot  Herr G gab ihm die Hand und versicherte ihm seiner
Fürsprache Das erleichterte mir und Madame G das Herz denn wir hatten im
Nebenzimmer alles gehört und wären gerne gekommen für den Mann zu bitten aber
wir durften nicht Bei der Zurückkunft ins Zimmer sagte Herr G zu mir Nun
haben Sie einen BauernRoman gehört Das war dauerhafte Liebe Er soll sie
haben  O ich danke Ihnen dafür sagte ich ganz bewegt und Frau G fuhr
fort Was für Gepränge würde ein Mann von Stande machen wenn er solche
zärtliche Gesinnungen für seine erste Geliebte behalten hätte
    Mich Mariane freute seine Begierde ihr Gutes zu tun ihre Schulden zu
bezahlen und ihre alten Tage ruhig zu machen  War nicht der ganze Gang seiner
Leidenschaft schön voll redlicher Zärtlichkeit ob er sie schon nicht nach
unsrer künstlichen Sprache ausdrückte 
    Herr G sagte dies wäre der zweite sonderbare Charakter den er unter den
hiesigen Landeinwohnern gefunden hätte indem vor zwei Jahren da ein jung
verheirateter Bauer wegen eines großen Vergehens auf vier Jahre zum Schanzen
verurteilt worden sein noch ziemlich gerüsteter Vater gekommen wäre und sich
angeboten die Strafe für seinen Sohn zu tragen und zur Ursach anführte Er
hätte noch Kräfte genug vier Jahre zu arbeiten so dass die Herrschaft nichts
verlöhre stürbe er dann so wäre alles vorbei wo hingegen sein Sohn ein
junger starker Mann seine Schande lange Jahre mit sich tragen und auch seine
arme Kinder darunter leiden würden Nun könnte er sich bessern und die vier
Jahre über seine Güter wohl bauen und noch lange ein braver Mann sein damit
wäre den Kindern und der Herrschaft mehr gedient als mit ihm alten Mann den
das Unglück seines Sohnes zur Erde drücken würde  Herr G stellte ihm vor er
könne den Unschuldigen nicht anstatt des Schuldigen strafen Der alte Mann
sagte Vater und Sohn wär einerlei  »Euer Sohn würde das für Euch nicht
tun« »Darum ist er auch mein Sohn und nicht alt genug alles recht
einzusehen«  Herr G gab einen Bericht an die Regierung über diese Sache und
der junge Bauer wurde wegen seines treuen Vaters begnadigt  Mit gerührtem
Herzen dankte ich Herrn G für diese Erzählung und pries ihn glücklich diese
Herzen bei seinen Untergebenen zu haben und setzte hinzu nun wäre mir Herrn
Grays schöne Elegie auf einem Landkirchhof noch werter als sonst Er kannte
sie nicht aber da ich sie immer in meinem Taschenbuch habe so gab ich sie ihm
zu lesen Sie gefiel ihm und er ging hin sie abzuschreiben wie ich in mein
Zimmer um Ihnen diese zwei Anekdoten mitzuteilen Sehen Sie sie als moralische
Gemälde an die ich auf meiner Reise zeichne wie ein wandernder
Landschaftmahler in seine Schreibtafel eine Gegend zeichnet die seine Kenntnis
rührt und mit Dankbarkeit die Bäume bemerkt unter deren Schatten sein Aug
desto freier umher sehen konnte noch weniger den kleinen einsamen Bauerhof
vergisst dessen Strohdach den Landmann deckt der mit fleißiger Hand die Fluren
umher anbaute die so schön blühende Bäume zog und das Bächelchen durch die
Wiese leitete welche zusammen dem Schönheit fühlenden Auge des geistreichen
Mahlers so viel Reize zeigte Er denkt Ich will dich mahlen kleine Hütte die
dem Manne zur Obhut dient dessen Rechtschaffenheit ich auf seinen Feldern und
Wiesen sehe Ihr fruchtbaren Bäume die ihr von ihm gepflanzt unter seiner
emsigen Aufsicht in die Höhe wuchset ihr sollt mein Gemälde so wie diese
Gegend verschönern Vielleicht bleibt der getreue Abriss von dir holde ländliche
Aussicht wenn einst die Verheerung eines unseligen Krieges dich Hütte
verbrannt deine Bewohner verjagt und die blühenden Bäume abgehauen hat  Er
schließt seine Schreibtafel blickt noch mit einem segnenden Aug auf das kleine
Bauergut und sagt Wie viel bist du glücklicher armer Mann als manche
Reiche die ich kenne Ein jeder Blick den du auf den Krais deines Lebens
tust zeigt dir aufwachsendes Gutes so deine Hand säete und pflanzte du
kannst allezeit bei dem Untergang der Sonne mit Zuversicht um Segen für die
Arbeit deines Tagwerks bitten welches nicht alle Große nicht alle Mächtige
tun können wenn der Schlaf ihre Augen schließt 
    Ich habe zwei moralische Szenen aus der Bauerwelt aufgezeichnet deren
Andenken der Zufall erhalten kann wenn auch die verdorbene Sitten der
Nachkommen die schöne Triebfedern dieser Auftritte auf lange Zeit zerstören
sollten 
                                                                        Rosalia
 
                               Dreizehnter Brief
Ich bin noch immer auf dem Lande bei Herrn G Weil mein Oheim eine Reise von
drei Wochen mit Hrn H macht so habe ich ihn gebeten mich hier zu lassen und
dadurch Frau G sehr erfreut indem sie sich noch nicht in die Abwesenheit
ihrer Schwester finden kann Der Herr Pfarrer M K einer der würdigsten
Männer seines Standes leistet uns oft Gesellschaft und sein Umgang bereichert
meine Seele Durch ihn werde ich auch eine ganz besondere Person unsers
Geschlechts kennen lernen Frau G hatte gestern Nachmittag zu schreiben und
ich bat Herrn M K mit mir auf den alten Turm des Schlosses zu steigen und
mir die Ortschaften umher zu weisen  Die Lage eines Weilers von ungefähr
sechs Bauerhäusern und am Ende eines FichtenWäldchen dünkte mich besonders
schön und er sagte mir dass die Höfe zu seiner Pfarre gehörten und dass ich
Recht hätte diesen Wohnplatz schön zu nennen indem der kleine Bezirk Erdreich
dieses Ortes jede Anmut und Wohltat der Natur in sich fasste Bei vier Jahren
aber genössen die sechs Familien so da wohnten einen Schatz moralischen Gutes
der alles überträfe  Ich sah ihn da mit der Miene an die man hat wenn man
über Etwas staunt und begierig ist das Wunderbare ganz zu wissen Er hieß mich
das Fernglas nehmen und am Ende des Fichtenwäldchens nach dem Bauerhause
umsehen das ich bis an den Gipfel mit Epich bewachsen sah der an den Fenstern
nett ausgeschnitten war und mit dem hellroten Ziegeldach einen artigen Abstich
machte  Dies sagte Herr M K ist das Wohnhaus einer der edelsten und
seltensten Personen ihres Geschlechts welcher die Vorsicht jedes Glück dieser
Erde gab aber zu der Zärtlichkeit ihres Herzens einen so hohen Grad feiner
Empfindung legte dass das Gegengewicht ihrer Leiden all ihre Freuden und
Vergnügen übertrift Eine reizende Gestalt jede Schönheit des Geistes die ein
gewisser Grad Kenntnisse einem Frauenzimmer geben kann eine große Seele voll
jeder Tugend KlavirSpiel Singen PastellMalerei und bei diesem noch freie
Gebieterinn über ein großes Vermögen Aber zum Unglück heftete sie ihre Liebe
auf einen Mann der ihre Empfindsamkeit nicht genug schonte und ihr auch das
Opfer einiger niedrigen Neigungen nicht machen wollte während sie jähe und
heftige Ausbrüche des Zorns an ihm ertrug auch in vielen Stücken ihre
Empfindlichkeit unterdrückte und mit dem Übermaass ihrer Liebe vieles was sie
schmerzte übersah aber da er anfing mit einer Art Fühllosigkeit ihres
jeweiligen Kummers zu spotten und auch gegen andre von ihrer zu weit
getriebenen Feinheit in geringschätzigen Ausdrücken zu reden so verlor sie den
Glauben an das Glück der Liebe Sie konnte den Gegenstand ihrer Zärtlichkeit
nicht mehr als einen edelmütigen Mann ansehen nicht mehr hochachten Ihre
misshandelte Zärtlichkeit der Verlust der Hoffnung dass sie durch ihre
Gesinnungen das Glück ihres Geliebten sein würde stürzte sie in eine Art von
Schwermut die gleich in den ersten Monaten den Grund ihres Lebens angriff Die
Gewalt welche elende Katzenstreiche von kleinen Koquetten über das Herz des
Mannes hatten den sie so innig liebte raue unedle Begegnung die sie von ihm
erduldete haben in der Stadt ihre Grube angefangen Eine ihr Herz zerreissende
Zärtlichkeit führt sie dahin Unschuld Einfalt und Stille des Landlebens haben
sie bis jetzo erhalten aber sie lebt nicht mehr sie schmachtet nur
    Ich war äußerst aufmerksam und gerührt denn ich hörte in alle dem den
Gleichlaut des Tons meiner Art zu lieben Dennoch sagte ich Ach warum konnte
ihr edler Geist diese traurige Liebe nicht überwinden  O tadeln Sie sie
nicht sagte der würdige Mann und fassen Sie das Ganze ihres Charakters
zusammen Ohne den hohen Grad feiner Empfindung würde ihre Seele nicht so edel
nicht so moralisch sein als sie ist Ohne die Gabe des anhaltenden Fleißes und
Festigkeit im Vorsatz hätte sie die Stufe der Kenntnisse und Künste nicht
erreichen können die sie hat Aber eben die Triebfedern welche diese
Wirkungen in ihrem Verstande und Herzen hervorbrachten mussten natürlicher Weise
den Leidenschaften ihrer Seele die nämliche Eigenschaften mitteilen 
Lächelnd setzte er hinzu War nicht der eifrige Widerstand den Rosalia v L
gegen das Pfandspiel machte auch ein Stück fester moralischer und Liebe
Feinheit  Ich fiel ein O Herr M K was holen Sie da für einen Beweis 
Denn dass wir bei ernstaften Anlässen nicht das Einzelne sondern das Ganze
beurteilen müssen  Vergeben Sie mir diese Anmerkung und lassen mich
fortfahren setzte er hinzu  Meine Miene bezeugte ihm meine Aufmerksamkeit 
Ich beobachte seit beinah vier Jahren den Gang des Charakters der Fräulein v
Effen und finde nichts stückweis als ihr Glück Sie bezog ganz finster ganz
in sich gehüllt zwei Stübchen auf einem dieser Höfe Die süße Ruhe der Natur
besänftigte ihren Gram und gab ihr den Entschluss auf immer da zu bleiben Sie
baute sich ein ländliches Haus neben einem Bauer den sie zu ihren
Landwirtschafter behielt und fing eine Schule für die Kinder des Weilers an
wodurch ich mit ihr bekannt wurde Ideen von Verzierung die sie mit aus der
Stadt brachte und ihre Freigebigkeit sind Ursache dass diese Höfe obwohl
nichts kostbares nichts anders als andre Bauernhäuser dennoch etwas
außerordentlich Reizendes bei dem Simplen haben Die Zufriedenheit der
Wohlstand die Reinlichkeit die nette Kleidung der Einwohner die Reihen Bäume
an den Häusern die grüne Lauben und Rosenbüsche in jedem Garten alles das ist
ihr Werk denn bei dem tiefen Widerwillen den sie gegen alles was Stadt und
große Weltmenschen angeht hat liegt ein ausgebreitetes Wohlwollen in ihr Ich
bin ihr Almosenpfleger gegen die in der Stadt wohnende Gegenstände ihres
Mitleidens Sie hat aber in den vier Jahren Niemand zu sich gelassen als ihre
Landfreunde wie sie ihre Bauern und mich nennt doch denke ich soll Rosalia
L eine Ausnahme finden denn sie war von dem Sonderbaren so ich von Ihrem
Bezeigen bei dem Pfandspiele erzählte ganz eingenommen und der Gedanke dass
Sie Freunde sind und bald wieder abreisen hat sie zu meinem Vorschlag Sie
einmal zu den Schulkindern zu führen ziemlich geneigt gemacht Sagen Sie mir
ob Sie zufrieden wären diese seltene Seele selbst zu sehen  Gewiss wertester
Herr M K würde ich den Tag segnen an dem ich eine Person sehen werde die
ihre Kummertage zu Tagen des Wohlergehens für andre macht 
    Ich fühle o meine Mariane ich fühle tausend simpatetische Bande die mich
an Henriette v Effen ziehen In zwei Tagen will mich Herr M K hinführen
Ich bin diesen Nachmittag schon zweimal auf dem Turm gewesen und habe nach
ihrem Hause gesehen Die Farbe der Fichten dünkt mich melancholischer und die
ganze Gegend sanfter als sie mir vor dieser Nachricht schienen und meine
Freundin Erinnerungen Nachdenken und Vergleichungen machen dass ich diesen
Brief mit tränenden Augen schließe
                                                                        Rosalia
 
                               Vierzehnter Brief
Ich komme von dem Fräulein von Effen Noch ganz bewegt und mit tränendem Auge
schreibe ich Ihnen meine Mariane aber möge ich ja niemals den Mann sehen der
dieses Herz brechen konnte  Doch Sie werden lieber meine Erzählung als meine
Betrachtungen lesen wollen 
    Der Herr Pfarrer M K holte mich um halb acht Uhr ab Ich war in Leinen
aber ganz nett angezogen Während des Wegs wollte ich von Herrn M K
unterrichtet sein welches die beste Art des Bezeigens bei dem Fräulein von
Effen sein würde Er sagte mir aber ich möchte nur meine Empfindung reden
lassen Es wäre bei diesem Frauenzimmer nicht wie in der großen Welt wo die
aufrichtigste Hochachtung und die besten Gesinnungen des Herzens nicht allezeit
geschätzt und beliebt sein weil da Menschen und Bekanntschaften so häufig
abwechselten sich verdrüngen und auslöschten wie die Wellen einer unruhigen
See  Je näher ich dem Hause kam je stiller wurde ich besonders da wir einen
Fußweg zwischen zween Gartenhecken gehen mussten der sehr lang und nur für eine
Person breit war Das Fräulein hatte ihn auf beiden Seiten mit kleinen Gräben
zum Ablauf des Wassers versehen und in der Mitte pflastern lassen Am Ende fand
ich mich auf der Straße des Weilers Die ungleich gesetzten Bauerhäuser mit
ihren Bouquetweis gepflanzten Bäumen machten für mein Aug ein reizenders
Ansehen als wenn sie in einer ermüdenden geraden Linie stünden Jetzt sieht
bald ein Haus über die Ecke eines Gartens heraus oder es liegt ein Stück
Kornfeld zwischen den Bäumen des dritten und vierten Hauses Ich blieb an der
Seite stehen und betrachtete einige Minuten die schöne Nachlässigkeit durch
welche sich Natur und Kunst mit einander verbunden hatten dann gingen wir
dreisig Schritt lang an einer niedrig gehaltenen Tannenhecke die an der Mauer
der Zimmer des Fräuleins von Effen gezogen ist Unter dem Torweg der des
Bauern Haus von dem ihrigen absondert traten wir gleich drei Stuffen hoch auf
einen kleinen Gang und von diesem in die Schul und Spinnstube wo zehn ganz
ländlich aber äußerst reinlich gekleidete Kinder von verschiedenem Alter auf
Strohstühlchen saßen und teils Baumwolle teils Flachs spannen Etliche vier
bis fünf Jahr alte Buben saßen auf dem Boden und zupften die Baumwolle alle
ganz gesund und vergnügt aussehend Große Fenster in den Gemüsgarten und Viehhof
stunden offen gaben dem Zimmer frische Luft und zugleich eine freundliche und
nützliche Aussicht weil die Kinder während der Arbeit ihres jetzigen Alters
die Geschäfte ihrer künftigen Jahre und Berufs verrichten sahen Alle stunden
auf und grüßten den Herrn M K mit der Liebe die ein guter Hirte von seinen
Schaafen zu erwarten hat Die älteste Tochter des Hofbauern und die Hausmagd
des Fräulein von Essen waren auch da und arbeiteten fleißig mir Ich sah mich
von Freude Unschuld und Fleiß umgeben und ein Frauenzimmer nicht viel älter
als ich hatte dieses hervorgebracht Herr M K überließ mich meinen
Betrachtungen und sprach mit dem Einen und Andern der Kinder indem schlug es
Acht und das Fräulein kam mit ihrer Köchinn die einen Korb voll Brod und
Birnen hatte in die Stube Ihre Gestalt machte mich staunen und mein Anblick
goss eine leichte Röte über ihr blasses aber sehr edel gebildetes Gesicht Herr
M K sagte ihr »Hier mein Fräulein ist Rosalia L die so begierig war
unsere Schule und die Stifterinn davon zu sehen« Diese Begierde habe ich Ihnen
mein Herr Pfarrer zu danken weil Sie so vorteilhaft von mir und meinen
Kindern redeten  Dieses meine Mariane sagte ein schöner Mund mit dem
rührendsten Ton der Stimme Stellen Sie sich dabei ein Frauenzimmer vor etwas
größer und schmächtiger als ich ein länglich Gesicht eine hübsche griechische
Stirne große dunkelblaue Augen vortreffliche Augbraunen die schönste
Leibesgestalt einen edlen Gang und Bewegung des Kopfs und der Arme alles mit
einem Gemische von Schwermut und Güte durchdrungen Denken Sie sich mein Herz
und was ich von ihrer Geschichte wusste so sehen Sie gewiss Ihre Rosalia mit der
Träne der feinsten Empfindung gegen das Fräulein von Essen treten und halb
stammelnd sagen »O möchten Sie wissen wie sehr ich Ihnen für die Erlaubnis
danke diese Stube und Sie zu sehen« Sie blickte mich mit sichtbarer Bewegung
an nahm eine meiner Hände die sie sanft drückte legte ihr Gesicht an das
meine und dann sagte sie zu Hrn M K auf Englisch »Ach diese Tränen der
edlen Zärtlichkeit fallen auf mein Grab«  Gott wird es verhüten sagte ich
schnell indem ich sie an meine Brust drückte Sie lichtete sich mit halbem
Lächeln auf und sagte ganz gesetzt »Diese Hoffnung kommt zu spät« Herr M K
war still ich auch und alle aufmerksam Sie beobachtete es und wandte sich
gegen ihre Magd indem sie daneben zu mir sagte »Vergeben Sie Aber meine guten
Kinder arbeiten schon seit sechs Uhr Sie müssen ihr Frühstück haben nach
diesem aber nehmen Sie und der Herr Pfarrer eines in meinem Zimmer an« Da ging
sie und teilte das Brod und die Birnen aus besah das Garn gab jedem Kinde die
Hand fragte das Eine nach der kranken Mutter das Andre nach dem alten
Großvater usw  Ich wunderte mich über den schnellen Schritt mit welchem sie
von dem rührenden Auftritt unsrer Umarmung zu dem Grad Heiterkeit überging mit
welcher sie das Frühstück austeilte Herr M K sagte mir nachher wenn ich
oft um sie wäre so würde ich diese Übergänge des Aufopferns ihrer Selbst
vielfach bemerken Indem sagte das Fräulein den Kindern sehr liebreich »Nun
geh ich mit dem Herrn Pfarrer zu reden aber Mittags esse ich mit euch« 
wandte sich und gab mir mit vielem Anstand die Hand und führte mich über den
Torweg an der andern Seite in ihre Wohnung Bei dem Eintritt in ihr Vorzimmer
musste der Anblick der sonderbaren Zierlichkeit einen Eindruck auf mich machen
Herr M K sagte mir auch es wäre etwas Stutzendes und dabei sehr Vergnügtes
über mein Gesicht gegangen Ich sah das Fräulein bei dem Fortgehen ins
Wohnzimmer stillschweigend an und sie machte gleich darauf eine Bewegung mit
der Hand gegen Herrn M K und mich indem sie auf die Stühle wies und ging
mit etwas wankendem Schritt in ein Kabinet Das Vorzimmer ist Meergrün und weiß
das Wohnzimmer aber Cramoisi und weiß laquirt weil alle Wände mit sehr schöner
aber simpler Holzarbeit gemacht sind Hohe Zimmer die Fenster bis auf den
Boden Anstatt der Brustmauer ein schön eisernes Gitter so dass man die freie
Aussicht auf Feld und Garten hat Von Außen sind auf die nemliche Brustöhe
Läden die mit der Mauerfarbe übermahlt sind und im Winter und bei übler
Witterung zugehalten werden Alle Schränke sind im Täfelwerk so dass die
äußerste Ruhe und Einfalt in allem herrscht Sie blieb lange weg ohne dass
indessen Herr M K oder ich redeten Endlich brachte ihr Aufwartemädchen
den Kaffeetisch und das Fräulein folgte Ihre Augen schienen tränend Sie
schenkte uns eine Tasse ein und sagte »Ich bin lange weggeblieben aber mir war
nicht ganz wohl indem mir eine gewisse Art Freude so fremd geworden ist dass
ich sie nicht mehr zu tragen weiß« Bei diesen Worten sah sie mich mit einem
schmerzhaften Lächeln an und ich erwiderte Es würde mir sehr leid sein wenn
das Vergnügen so ich über ihre Bekanntschaft empfände ihr auf irgend eine Art
schädlich sein sollte »Nein nicht schädlich Es wird nur zu einer angenehmen
Abkürzung meines Weges« Ehe ich oder der Herr Pfarrer etwas darauf antworten
konnten sagte sie zu diesem »Sie wissen dass ich freimütig bin und Ihnen
nach allem was Sie mir von Rosaliens Charakter sagten gern erlaubte auch ihr
ein Gemälde von mir zu machen Ich fühlte eine innige Zufriedenheit noch vor
meinem Hingang eine Person zu sehen von welcher mir mein Herz sagte dass sie
mir alles Verlohrne hätte ersetzen können wenn ich sie früher gesehen hätte«
Ich näherte mich ihr auf dem Kanapee und nahm ihre gegen mich liegende Hand
Mein teures Fräulein wie sehr erheben Sie mich und wie glücklich wäre ich
durch Ihr Vertrauen und Ihre Liebe gewesen  »O Herr M K« sagte sie ohne
mir anders als durch sanftes Drücken meiner Hand zu antworten »was haben Sie
getan dass Sie unsere gütige Rosalia hieher führten und wie unvorsichtig war
ich für mich und Sie meine edle Freundin denn Ihre und meine Ruhe leidet «
Verzeihen Sie sprach Herr M K eine Absicht die ich beinah vier Jahre
fruchtlos sah aber unermüdet fortsetzte Ich wünschte in Ihnen das Verlangen
nach Glück und Leben wieder zu erwecken weil dadurch die physikalischen
Hilfsmittel auch mehr gefruchtet hätten »Es ist weise Freundschaft in dieser
Absicht und mehr Tugend als in meinem bisherigen Widerstreben  Aber meine
werten Freunde ich glaube dass mein Schicksal entschieden ist denn ich bin
unter der Last meines Kummers und meiner Empfindsamkeit so tief gesunken so
ermattet dass ich nicht mehr Kraft genug habe mich an der liebreichen Hand
festzuhalten die mich retten will« Hier sah sie mich mit einer
unbeschreiblichen Wehmut an erhob ihre schöne Augen einen Moment gen Himmel
und weinend sagte sie »Rosalia Ihre Freundschaft ist eine Blume die an dem
Rande meines Grabes sprosst Sie müssen leiden dass ich sie mit Tränen benetze
 Wie lange bleiben Sie noch auf dem Schloss R« Noch einige Wochen meine
Henriette und ich hoffe Sie alle Tage zu sehen  Sie faltete ihre Hände mit
einer freudigen Bewegung und wiederholte »Noch einige Wochen und alle Tage
wollen Sie mich sehen O Herr M K wie schön wird der Abend meines Lebens«
Ich hoffe antwortete Herr M K es soll die Morgenröte eines noch heitern
Tages werden  Mit einem halben Lächeln und einer unnachahmlichen Stimme und
Bewegung des Kopfes sagte sie darauf »Gerne sehr gerne will ich diesen Tag
sehen Aber « Nun hörten wir die Kinder im Hofe und sie sagte uns nach einigem
Schweigen »Diesen Morgen war ich sehr glücklich Ich danke der Vorsicht und
Ihnen dafür Jetzt will ich mit meinen Kindern essen und hoffen « Herr M K
nahm seinen Stock und Hut und ich umarmte die liebe schwermütige Henriette
mit einer bedrängten Zärtlichkeit Sie legte ihren Kopf ein Paar Augenblicke auf
meine Brust und machte darauf eine sehr edle Verbeugung gegen uns beide 
Morgen meine Mariane das Übrige Hätte ich doch Ihre Klugheit bei meiner
Liebe für das reizende Geschöpf vielleicht könnte ich ihr Gutes tun aber ich
nähre gewiss nur ihre Empfindung und diese tötet sie Wenn ich nur die etlichen
Wochen noch hier bleibe die ich ihr versprach
                                                                    Rosalia L
 
                               Funfzehnter Brief
Der Herr M K und ich gingen den Fußsteig ganz still und trübsinnig hin Auf
dem Felde sah ich ihn an und er fragte mich wie mir Henriette gefiele  Was
für eine Frage Herr M K Mein ganzes Herz ist bei ihr geblieben Aber
warum redeten Sie so wenig warum kämpften Sie nicht gegen die düstere Anfälle
der Schwermut  Gegen eine aufgebrachte Einbildung kämpfen wäre eben so viel
als das Übel mit Widerhaaken befestigen Mein Schweigen und der ungestörte Gang
ihrer jetzigen Empfindungen müssen sie zu heilen anfangen oder es ist alles
vergebens ich habe nun über drei Jahre alle Mittel der Überredung und des
Zuspruchs versucht Meine Vorstellungen fanden eben so wenig Eingang als
Personen die sie besuchen wollten Ihre Bekanntschaft wird eine Änderung
hervorbringen Der natürliche Hang zu zärtlichen Regungen zu starken
moralischen Zügen des Charakters ist aufgeweckt ich habe sie das Leben niemals
wünschen hören als heute und lange suchte ich nichts als ihrer Zärtlichkeit
eine andre Wendung zu geben weil ich wohl sah dass die immer gleiche Spannung
ihrer Seelenkräfte ihr Leben sichtbar schwächte  »Sie ist Heut auch über meine
Liebe und meine Unterredung matt und krank geworden«  Dieses schreckt mich
nicht wie mich ihr Mut würde geschreckt haben  »Aber Mut zeigt Stärke an«
 Bei Gesunden aber bei dem Kranken ist er was das letzte Auflodern der
Flamme einer erlöschenden Lampe ist Ich habe es bei der Aufnahme des Webers
erfahren  »Wie war dieses« Er fing an zu erzählen
    Vor ungefähr anderthalb Jahren kam gegen Abend ein großer Mensch sehr
langsam und mühselig an das Fichtenwäldchen weil er das eine Bein nur
schleppte Da er das Fräulein und mich erblickte setzte er sich hob beide
Hände auf und rief O Herr Pfarrer erbarmen Sie sich meiner  Ich eilte zu
ihm und sah in seinem Gesicht jeden Zug des Schmerzens und der Redlichkeit 
Was fehlt Euch mein Freund  Er wies mir sein Bein welches durch einen Fall
den er von einer Anhöhe getan und von einem Steine der ihm nachgerollt sehr
beschädigt und ganz dick aufgelaufen war Ich sagte ihm ruhig zu sein ich
würde für ihn sorgen ließ ihn auch in den Ort tragen Aufschläge machen und
alle sonstige Hilfe leisten weil ich wusste dass das Fräulein alles geben würde
was ihm nötig wäre Ihre Güte hat auch die natürliche Menschenliebe unserer
Landleute erhöht so dass diese dem Menschen alle gute Dienste erwiesen Sein
dankbares Herz zeigte sich in jedem Worte Bei seiner Erholung kam er zum
Fräulein um ihr zu danken setzte aber die Bitte hinzu dass sie ihre
Wohltätigkeit an ihm vollkommen beweisen und ihn zum Weber des Orts aufnehmen
möchte er wüsste dass sie viel spinnen ließe er wäre ein guter Weber und
möchte gar gern sein Leben bei so guten Menschen zubringen die er hier
angetroffen habe  Sie war über den Vortrag und die Wünsche dieses Menschen
gerührt und gestattete ihm nicht nur die Aufnahme in einem ihrer Häuser
sondern versprach ihm eines zu bauen und das gute Mädchen auszusteuren das er
heiraten wollte Dieser ganze Morgen war ihr munter vorbei gegangen
Nachmittags kam ich und sie erzählte mir das Ansuchen des Webers und ihre
Entwürfe zu seinem Glück Ich dachte die Gelegenheit sei vorteilhaft in ihr
einen Ruf zur Rückkehr in das gesellschaftliche Leben zu erwecken da ich ihr
vorstellte wie schon allein aus ihrer Freundschaft für mich die Quelle so
vieles Guten das sie ihrem Nächsten bewiese entstanden sei Je größer der
Kreis ihrer Bekannten würde je mehr Gegenstände ihrer Menschenliebe sie finden
könnte ohne das Beispiel zu rechnen welches ihre tätige Tugend verbreiten
würde  Sie antwortete mir auch in einem ganz heitern Tone und versprach mir
öfter davon zu reden Sie ließ auch den jungen Weber und den Bauer mit seiner
Frau kommen deren Tochter er seit seiner Krankheit aus Dankbarkeit liebte Ich
musste aufschreiben was sie für die junge Leute tun wolle um mit dem
Oberbeamten zu reden und Bauleute zu des Webers Hause zu bestellen Sie fühlte
die Freude der Eltern und Kinder mit ihnen und unterhielt sich bei einer Stunde
mit dem Entwurfe eines kleinen Landfests das sie allen Einwohnern der Höfe bei
der Hochzeit des Webers geben wollte wo auch meine Frau und Kinder dabei sein
sollten Ich war froh Ideen von austeilender Freude in ihr zu sehen denn das
Gute so sie zwei Jahre lang getan hatte war gleichsam nur die Absicht
Schmerz und Elend von ihren Nebengeschöpfen zu entfernen Und ihre
melancholische Güte hatte immer Etwas so Ernstaftes und Feierliches dass auch
die Zufriedenheit der Leute nur durch stille Beruhigung und nicht durch
frohlockendes Vergnügen wahrgenommen wurde Ich ging sehr getrost nach Hause
Aber den andern Tag ließ mich ihre Jungfer holen und ich fand sie so schwach
so niedergeschlagen dass ich an nichts als an die Rettung ihres Lebens denken
konnte und aus dem traurigen Abscheu den sie gegen die öfteren Besuche des
Arztes zeigte fand ich dass ihr Widerwillen aufs Neue die Oberhand gefasst
hatte Das Haus des Webers wurde gebanet eingerichtet und mit drei Webstühlen
versehen Er nahm seine Frau ohne dass die Frage von Freudentagen war und ich
fand sie öfter in Tränen als vorher Ihre Kräfte wichen mit der Heiterkeit Nur
dieses Frühjahr erholte sie sich in etwas da sie auf mein Anraten anfing
die Kräuterkenntniss zu lernen sie nach den Monaten zu suchen zu trocknen und
zu bemerken Sie hat sich auch seit dieser Krankheit nur mit den Schriften der
Naturlehre beschäftigt Was die moralische Welt der Menschen anginge davon
wollte sie nichts wissen als was die beträfe die bei ihr wohnten Sie bat
mich ihren kummervollen Eigensinn mit Geduld zu tragen und keine
Gesellschaftsvorschläge mehr zu tun   Er tat es auch bis auf meine
Bekanntschaft da der gute Herr M K glaubte sehr übereinstimmende
Gleichheit der Seelen könnte nach und nach auf Henrietten wirken weil der
Zustand ihres Gemüts sehr gewaltsam wäre und er behauptete dass der kleine
bilderreiche Schwung den sie ihren Ausdrücken gegeben hätte schon einen Grad
Abänderung bezeichnete und er wünschte nur dass mein Aufenthalt in R von
einiger Dauer sein möchte indem er hofte ich würde gern Etwas zur Genesung des
edlen Mädchens beitragen 
    Sie denken wohl meine Mariane dass ich es versprach aber das Übel liegt
tief in der Seele Henriettens  O wie sorgsam will ich den Gang meiner
Empfindsamkeit beobachten Sie könnte mich auch in einen Abgrund von Jammer
führen wo ich mein mir zur Glückseligkeit gegebenes Leben verseufzen müsste 
                                                                        Rosalia
                               Sechszehnter Brief
Heute meine edle geliebte Mariane habe ich gewiss die beste Freude meines
Lebens genossen die Freude über das Glück meines Nebenmenschen
    Ich war mit Madame G bei ihrem Bruder F der ein ganz vortrefflicher Mann
von Geist und Herzen ist dessen bisherige Beschäftigungen aber so mühsam sie
waren so treu und eifrig er sie besorgte seinem Glück noch keinen festen
Standort geschafft hatten und auch der Größe seiner Talente nicht ganz gemäß
waren Mancherlei Auswege und Wendungen hatte er versucht um die Erfüllung
seiner Wünsche zu erhalten aber jeder Anschlag misslang und die
Niedergeschlagenheit fing an sich seiner zu bemächtigen um so mehr als er
einige Kinder um sich aufwachsen sah zu deren Unterstützung er sich nicht
vermögend genug dachte  Ich nahm wie Sie glauben werden Anteil an dem
Kummer des rechtschaffenen nützlichen Mannes und des FamilienVaters ohne dass
ich ihn lindern konnte Heute aber teilte ich das Entzücken über die Nachricht
von einem ihm zugedachten Amte in welchem sein Genie und seine Menschenliebe
in einem weiten Felde der Ehre und Nutzbarkeit handeln können
    Dieses Glück erhält er durch die Hand eines gerechten edelmütigen
Freundes den die Vorsicht bestimmte dem wahren Verdienste die Hand zu reichen
und an die Stelle zu führen wo der Bedrängte Schutz von ihm erhalten und ein
ganzer Staat die Freude genießen kann dass ein tugendhafter Mann alle Kräfte
seines Geistes und Lebens für das ihm anvertraute Amt verwendet 
    Hätten Sie doch o meine Mariane das reizende Gemisch gesehen das aus der
so natürlichen Freude über die Erhaltung des gesehnten Glücks des Danks gegen
die Vorsicht der Liebe gegen den Landsherrn und des Segens für den Freund
entstand Hätten Sie auch die frohen Gelübde und die Entwürfe eines edlen für
die Nebenmenschen nützlichen Gebrauchs der Gewalt mit angehört  Gott segne
den vortrefflichen Mann der die Träne der Freude über die Wange des besorgten
Rechtschaffenen herunter träuflen machte Und ewig lohne die göttliche Vorsicht
den Fürsten dessen Seele den großen würdigen Entschluss fasste das verfolgte
Verdienst empor zu halten und zu beschützen 
    Wie glänzend erschien auch in diesem Augenblicke die eheliche und väterliche
Liebe  Eine gefühlvolle Frau deren ganzer Stolz in dem Namen ihres Mannes
liegt drückte die Hand ihres Gatten an ihre Brust und sagte mit so viel
Zuversicht und Glauben an Tugend »O mein teurer geliebter Mann wie sehr
freue ich mich Deine Talente in völliger Wirksamkeit zu sehen  Wie viel Gutes
wirst Du tun wie viele Glückliche machen  Alle Menschen die ich erblicke
sind mir lieber als sonst Die Glücklichen und Vergnügten werden Zeugen von
Deiner Rechtschaffenheit sein und die Leidenden von Dir getröstet und
aufgerichtet werden « Was für eine Menge Gutes Du von mir denkst meine Liebe
sagte er lächelnd Auch wegen Dir wegen Deiner Ruhe bin ich froh  Gegen
seine Kinder wandte er sich mit dem tränenden Auge und dem Tone der Seele
eines treuen Vaters »Um Eurentwillen danke ich Gott am meisten für die
Befestigung meines Wohlstands Nun habt Ihr ein Vaterland Die Erde weicht nicht
mehr unter Euren wankenden Schritten und ich habe ein Ziel vor mir dem ich
Euch zuführen kann Niemals o meine Kinder werdet Ihr Enten Vater gegen seine
Pflichten und gegen seinen Rächsten handeln sehen«  Die guten liebenswerten
Kinder die mit Bewegung den Armen ihres Vaters zuliefen gerührt waren und es
nicht ausdrücken konnten Herrn Fr in dessen zum Himmel erhobenen Gesicht
sich edle Empfindungen edle Entschlüsse zeigten  O Mariane der Dank die
Gelübde des tugendhaften Herzens sind gewiss der würdigste Weirauch den die
gütige Vorsehung von ihren armen Erdenkindern erhalten kann  Was mich noch
innig freute war dass kein einziger Entwurf von Eitelkeit die Gesinnungen des
Vaters und der Mutter enteiligte Madame G sagte auf einmal zu ihrem Bruder
Was werden nun Deine Feinde sagen  Feinde meine Schwester mein Herz kennt
keinen und Gott soll mich vor den Gesinnungen bewahren die einen Feind
bezeichnen Missvergnügte werde ich sehen denn es ist natürlich dass diejenigen
welche den Platz suchten den ich erhielt unzufrieden sein werden aber der
Gebrauch den ich von Glück und Leben machen will soll mir den Beifall edler
Seelen erwerben und auch diejenigen Widriggesinnten wieder günstig machen Ich
habe in sehr vielen Gelegenheiten meine Miteinwohner gerechte und schöne
Handlungen ausüben gesehen warum sollten sie gegen einen Mann unbillig sein
der ihnen den redlichsten uneigennützigsten Eifer für seine Pflichten und ihr
Wohlergehen zeigen wird
    Würden Sie nicht meine Freundin mit mir in Ihrem Herzen gesagt haben
Gott segne dich Menschenfreund wegen deines Vertrauens auf Gerechtigkeit und
Güte deines Nächsten  Wie liebte ich den Mann der alles was seine
Nächstenliebe erkalten konnte zurück stieß und bei der Empfindung von Glück an
nichts als gute Taten dachte In mir erweckte er den Entschluss der Idee von
Feinden und Neidern niemals Platz zu geben sondern mich zu befleissen Freunde
zu verdienen weil gewiss der Tugendhafte ihrer allezeit finden wird Ich
beobachtete die außerordentliche Aufmerksamkeit der vier Kinder des Herrn Fr
besonders von einem eilfjährigen Knaben Die Mutter sagte mir »Bin ich nicht
glücklich da ich meinen Söhnen nur sagen darf folgt den Fußstapfen Eures
Vaters so werdet Ihr verdiente Leute werden Denn gewiss Rosalia« setzte sie
hinzu »das gute Beispiel der Eltern ist die beste Erziehungskunst denn
Kinder ahmen leichter unsere Handlungen nach als dass ihr Geist dem unsern
nachdenkt«
    Herr Fr fand die Gedanken seiner Frau ziemlich richtig besonders den von
der Nachahmung aus zwei Ursachen weil Kinder ihre physikalischen Kräfte eher
kennen und gebrauchen als die moralischen und weil bei der Nachahmung der
glückliche Genuss des freien Willens wäre welcher bei Erlernung einer
Vorschrift nicht Statt habe 
    Frau G hat keine Kinder deswegen blieb sie bei diesem Teil der
Unterredung etwas kalt und Besuche verstörten sie ganz Mir war es leid denn
ich liebe die Idee vom freien Willen und höre gern die verschiedene Meinungen
davon  Meine Mariane denkt es sei weil ich gern eigensinnig bin Nicht ganz
deswegen  Im nächsten Briefe mehr darüber von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                               Siebzehnter Brief
Ich bin noch auf einen Tag in dem Hause des Herrn Fr  Vorgestern endigte ich
meinen Brief an Sie mit dem freudigen Tone den ich allezeit habe wenn ich eine
sonderbare Wohltat des Himmels denke
    Sie wissen meine Freundin wie sehr ich an dem Gedanken von edlen
Beweggründen zu unsern Handlungen hafte und daher die Dankbarkeit für
genossenes Gute und die Liebe gegen meinen Schöpfer allein zu Triebfedern
meiner übenden Tugenden angenommen habe und es freut mich dass mein Herz
gewöhnt ist viel eher die Größe seiner Güte als die von seiner Allmacht zu
fühlen Es ist mir daraus eine unerschöpfliche Quelle von unzerstörbarer
Glückseligkeit entstanden deren Genuss kein Zufall dieses Lebens in mir
verhindern kann Denn gewiss ist einmal dass kein Augenblick unsers Daseins kommt
und da ist in welchem wir nicht die Eigenschaften unsers Geistes oder unsers
Herzens gebrauchen können
    Sie wissen wie fein ich die Wohltat der Mannigfaltigkeit in unserer
physikalischen Welt fühle und dass jede abgeänderte Form der Kräuter Steine und
Gewächse mir eine neue Empfindung von Vergnügen gibt Auf diese Art verwende
ich auch die Begebenheiten der moralischen Welt und schlürfe gleichsam mit
einer Art geistiger Wollust die verschiedene Ideen ein die ich von
verschiedenen Personen über einen Gegenstand ihres Nachdenkens höre
    Oft schon habe ich in Gesellschaften von dem freien Willen des Menschen auf
mancherlei Weise reden gehört oft schon ist sein Bild von großen Männern auf
allen Seiten betrachtet und vorgestellt worden so dass ich weder den Sinn noch
die Kräfte haben kann mich auf ihre Weise über diesen Teil unserer moralischen
Welt auszudrücken tiefes Denken und Urteilen ist ohnehin meine Sache nicht
ich rede allein nach dem Gefühl meiner weiblichen Seele mit meiner vertrauten
Mariane
    Freiheit zu tun und zu lassen ist nach meiner Überzeugung dass größte
Glück dieser Erde sonst würde die liebreiche Hand unsers Schöpfers die Begierde
frei zu handeln nicht in die Seele eines jeden Menschen gepflanzt haben Seine
göttliche Güte wollte uns dadurch die süßeste Freude des irdischen Lebens
geben 
    Aus eigener Neigung das Gute zu tun würden wir durch eine geheime
Obermacht dazu geführt so wären wir gut aber gewiss nicht so glücklich als
durch den Gedanken der freien Wahl Für mich ist der Standort auf welchem ich
Gutes oder Böses wählen kann die Annäherung des Genusses der höchsten
Glückseligkeit 
    Sie meine Mariane und jede schöne Seele wird das Zeugnis geben können dass
jeder gute Entschluss jede gute Handlung mit einem Gefühl voll Seligkeit
begleitet ist aus welchem das edle Sprichwort entsprungen sein muss dass die
Tugend ihre eigene Belohnung in sich trage Denn was ist der Beifall der ganzen
Erde gegen das innere Gefühl von Seligkeit bei einer edlen Tat die nicht edel
genannt werden könnte wenn ich nicht in dem nämlichen Augenblick auch hätte
niederträchtig handeln können  O ich kenne den Wert dieses innern Zeugnisses
so sehr dass ich ganz ruhig dulden könnte wenn meine übrigen Tage ohne
äusserliches Glück der ganzen Welt verborgen dahin flössen Die stille Erfüllung
meiner Pflichten die gute Verwendung meiner Tage sind in meiner Gewalt und in
jedem Augenblicke kann ich die große Wohltat des freien Willens genießen Denn
wenn auch eine fremde Macht den Gang meiner Handlungen stört so bleibt mir doch
die Freiheit des Geistes dessen Kräfte ich in jeder Gelegenheit nützen kann
Der verkehrte Gebrauch den wir meist von allen Gütern dieses Lebens machen ist
Ursache dass uns beinahe jede Wohltat schädlich geworden ist Gott entzieht uns
nichts von alle dem was uns seine Schöpfergüte von Ewigkeit zur
Erdenglückseligkeit bestimmte es hängt von uns ab wie wir sie verwenden
wollen Wie überfliessend wäre das Maß Seeligkeit der Großen und Mächtigen wenn
der freie Wille allezeit das Beste wählte
    Ich sah meine Freundin dass ich mich an einen wichtigen Gegenstand wagte
und sagte Herrn Fr er wäre Ursache an einer Art verwegenen Unternehmung
meiner Feder weil mich seine Idee über den Nachahmungsgeist der Kinder dazu
gebracht hätte meine Gesinnungen vom freien Willen zu schreiben Ich gab ihm
zugleich meinen Brief den er mit Aufmerksamkeit und Lächeln durchlas und ihn
mir mit einem Ausdruck von Empfindung und Beifall zurückgab und dabei sagte
»Sie haben sich edle Merkstäbe zu dem Wege der Tugend gewählt Wie viel
glücklicher wären die Menschen wenn sie mehr Gefühl für die göttliche Güte
hätten  Aber ein anderes Frauenzimmer 1 fühlte dass eben diese Güte den
Missbrauch des ganz freien Willens sah und ihn deswegen mit der Eigenliebe
umwand die uns durch Betrachtung der Folgen unserer Taten vom Bösen
zurückhalten und zum Guten ziehen sollte Ich sagte meinen Kindern selbst auch
ihr habt die freie Wahl gute oder böse Kinder zu sein aber ich lasse sie
sorgfältig die Folgen ihrer Wahl empfinden um sie die zweite Wohltat des
Himmels die Sorgfalt der Eigenliebe recht gut gebrauchen zu lehren Am
allerempfindlichsten aber schärfe ich die schmerzhaften Folgen wenn sie ihre
Freiheit gegen das Wohl eines Bruders einer Schwester oder Spielgesellschaft
geübt haben um des Nächsten Wohl zum ihrigen zu machen«
    Finden Sie meine Mariane diesen Mann nicht in allen Fällen recht
schätzbar Möge doch der gute Saame des Beispiels und Unterrichts Wurzel in den
Seelen seiner Kinder fassen so werden fünf vortreffliche Menschen mehr in der
Welt sein 
 
                               Achtzehnter Brief
Mariane dieses Haus ist für mich seit vier Tagen eine moralische Schule
geworden Wie wenig kannte ich die Empfindungen von Seligkeit die mich in der
Familie der Madame G erwarteten als ich bei dem Anfang ihrer Bekanntschaft
über die Zeit murrete die ich ihrer Gesellschaft widmen musste Vorgestern
glaubte ich den schönsten Auftritt gesehen zu haben da ich die Freude der
Tugend über das verdiente und erhaltene Glück in ihrem vollen Maße betrachtet
hatte aber wie übertreffend war die heutige Szene da ich der Vorsicht mit der
Bewegung des Entzückens für die Gewalt danken hörte die man fand einem Feinde
Vergnügen zu machen Der Zufall gab Herrn Fr eine Gelegenheit dem
allernächsten Verwandten seines größten Widersachers einen wichtigen Dienst zu
leisten Er hätte es durch schöne Gründe ablehnen können Schwierigkeiten waren
auch genug da aber ich sah ihn seine Hände falten und mit der eindringenden
Stimme der Seele sagen »O göttliche Vorsicht wie sehr liebst Du mich wie
reichlich belohnst Du meine Leidensjahre Du gibst mir Glück und die Gewalt
jemand der mir Böses tat Gutes zu tun«  Glanz aus welchem ehmals die Idee
des Schimmers entstund den man um das Haupt der Heiligen mahler dieser Glanz
war auf seinen Gesichtszügen verbreitet Sein Gang seine Stellung schien mir
das Schweben einer Seele zu sein die über die Hülle ihres Körpers erhaben ist
Er küsste den Brief der den Anlass zu diesen Entzückungen gegeben hatte Er
nannte ihn ein sichtbares Zeichen der Güte der Vorsicht »Möchte der
Rachgierige« sagte er »nur einen Augenblick die Zufriedenheit meines Herzens
fühlen wie gerne würde er den Beleidiger vergeben und ihn umarmen Denn es ist
unmöglich dass die Zufriedenheit welche von der Tugend in unser Herz gegossen
wird nicht auch zugleich den höchsten Grad Menschenliebe in uns verbreitete« 
Er umarmte seinen eilfjährigen Sohn und sagte »Gott gebe Deinem Herzen die
Fähigkeit auch einst diese Freude zu fühlen und lasse sie wie bei mir das
überfliessende Teil Glückseligkeit werden«
    Das Kind so alles gehört hatte fragte »Papa ist es denn eine so große
Freude seinem Feinde Gutes zu tun«  »Ja mein Sohn es ist die größte Freude
meines Lebens Ich bin sicher dass ihr Andenken die letzte Stunde meines Daseins
erheitern wird wenn schon die Erinnerung vieles andern Vergnügens lange aus
meinem Gedächtnis sein muss«  Madame G fing wieder an von seinen erlittenen
Verdrießlichkeiten zu reden und sie her zu erzählen  »Lass dieses meine
geliebte Schwester ich sehe Deine ganze anteilnehmende Liebe in Deinem Eifer
aber das gegenwärtige Gute muss die Spuren des vergangenen Bösen verlöschen Wie
klein ist die Summe meines Grames gegen die unvermischte Freude die ich
wirklich genieße Störe sie nicht und lass mich wünschen dass der widriggesinnte
Mann eben so vollkommen vergessen möge dass er mir Übels tat als ich es
vergessen werde und o möchte er mich einst lieben können wie ich ihn« 
    »O Bruder« sagte Madame G »was für ein Mann bist Du Kann Dir dieses
Ernst sein«  »Ach meine Liebe wie traurig ist mir diese Frage Wie selten
muss die Tugend des Verzeihens der Beleidigungen der Liebe und des Wohltuns
gegen Feinde geworden sein wenn ein Herz wie das Deinige an ihrer Möglichkeit
zweifelt Da überzeugst mich dass unsere Freundin H Recht hat den größten
Teil ihrer besten und erhabensien Gesinnungen unter einem dichten Schleier zu
verbergen«  »Lieber Bruder werde mir nicht so ernstaft werde nicht böse auf
mich sondern sage mir wen kennst Du der das bittere Unrecht so Dir widerfuhr
auf diese Art genommen hätte Ich fühle deswegen doch dass dies was Du sagst
und tust schön und vorzüglich ist und Du bist mir diesen Morgen teurer und
lieber geworden als jemals und ich freue mich Deine Schwester zu sein«  Er
umarmte sie und sagte dabei »Deine Hochachtung ist mir sehr schätzbar mein
Kind aber glaube mir ich würde die Güte der Vorsicht sehr wenig verdienen
wenn mein Dank für erfüllte Wünsche mit Gesinnungen des Hasses vermischt wäre
 Ich sehe aber« setzte er lächelnd hinzu »dass Du einem Frauenzimmer nicht so
leicht vergeben hättest wenn sie durch falsche und giftige Nachreden gegen
Deine glückliche Verbindung mit Hrn G gearbeitet hätte«  »O nun lachte ich
sie aus denn ich bin seine Frau«  »Spott ist Rache Dünkt sie Dich denn so
süß«  »Und was Du sagst ist Strafe freut Dich dieses auch«  »Wir wollen
endigen meine Liebe Ich weiß dass Dein Herz dem meinigen nicht widerspricht«
sagte Herr Fr mit einer liebreichen aber doch etwas ernsten Miene
    Ich hatte nach dem langsamen Einschlürfen meiner Tasse Koffee mein
Strickzeug genommen und still gearbeitet während Herr Fr und seine Schwester
mit einander sprachen aber manchmal erhob ich meinen Kopf um den Ausdruck
seiner Physiognomie zu beobachten Er hatte es bemerkt denn nach den letzten
Worten gegen Frau G näherte er sich mir und sagte »Den Beifall Ihrer Seele
habe ich in den Blicken gesehen die Sie mir gönnten Diese Blicke werden einst
für die Tugend Ihres Gatten Belohnung und Aufmunterung sein« Und hiemit ging er
in sein Kabinet und ließ uns staunend und gerührt zurück Die Augen der Madame
G waren noch auf die Türe geheftet als ich sie umarmte und sie versicherte
dass der Tag an welchem sie mir ihre Freundschaft schenkte mit auf immer
unvergesslich sein würde weil ich dadurch das Urbild eines edlen und
rechtschaffenen Mannes kennen gelernt hätte und es freute mich sie des Glücks
Frau eines G und Schwester eines Fr zu sein so würdig zu sehen »Und mich
freuts dass Rosalia L mir dieses mit Zärtlichkeit sagt«  Darüber eilte ich
in mein Zimmer um ihnen dieses noch Vormittags zu schreiben und ich glaube
Sie an meiner Hand auf die erhabenste Gegend der moralischen Welt geführt zu
haben
                                                                        Rosalia
 
                               Neunzehnter Brief
Meine Mariane wir sind zurückgekommen und ich war jetzo zwei Tage bei
Henrietten  Ach sie stirbt Diese edle schöne Seele wird uns entzogen Sie
hatte Recht Freudige Bewegungen sind ihr nun eben so schädlich als traurige 
Sie hat mir ihr ganzes Herz geöfnet  Eine doppelte Wunde ist ihr Tod  Herr
M lebhaft in Geist und Willen fing mit den Beweisen seiner Leidenschaft an
gefiel wurde geliebt und dass so innig dass niemand anders so viele
Aufmerksamkeit erhielt als nötig gewesen wäre die wahre Liebe des Herzens von
den Aufwallungen eines vorübergehenden Geschmacks zu unterscheiden M war
schön voll Verstand und artigen Wesens Witz und Feuer war in seinen Ausdrücken
der Liebe Ihre ganze Seele heftete sich an ihn Damals stund sie noch unter der
Gewalt eines Oheims der die Heirat nicht zugeben wollte bis Herr v M einen
anständigen Rang hätte Ihre Zärtlichkeit war stark genug jeder Zögerung jedes
Hindernis ungeachtet ganz für ihn zu leben  aber seine Liebe war nicht sein
genug um ihre edlen Gesinnungen zu schätzen und er fing an ihr zu begegnen
wie mir Herr M K gesagt hatte als Herr v T Vetter des v M ankam und
die Hochachtung aller Rechtschaffenen erwarb Er sah das Fräulein von Effen und
liebte sie schweigend Er verehrte die Wahl ihres Herzens Keine Klage keinen
Versuch sich einzudringen wagte er Aber er war in allen Gesellschaften wo
Henriette von Effen hinkam und besonders im Konzert das ihr Oheim alle Woche
zweimal gab weil er sie da singen hörte Er bemerkte zuerst die Fühllosigkeit
des v M Da Henriette aus eigener Zärtlichkeit die Arien die sie am
schönsten sang nicht mehr in Gesellschaft sondern allein für M bei der Laute
singen wollte die sie vortrefflich spielte und auch dieses Talent nur den
Stunden widmete die sie den Besuchen des Herrn v M schenkte Ihr niedlichster
Putz der schönste Ausdruck ihrer Physiognomie ihre einnehmende Blicke alles
war allein dem Herrn v M geheiligt Sie wollte für niemand reizend sein als
für ihn Anfangs gefiel ihm dieses aber bald nicht mehr Seine Eitelkeit
verlor dabei Er sprach mit seinem Vetter davon und führte ihn einst in diesen
Stunden mit sich zu ihr Niemals hatte sie von T im rosenfarbenen Anzug
gesehen in welchem sie ganz bezaubernd aussah und auch für M ihr Portrait in
dieser Kleidung machte als sie von den zwei Freunden überfallen wurde und M
seine Gewalt über ihren Geist auch darin bewies dass sie die Laute spielen und
singen musste während sein Vetter da war Ein ernster Blick und erhöhete Röte
ihrer Gesichtsfarbe war die Antwort auf sein anhaltendes Bitten Dennoch spielte
sie und sang so gut so voll Empfindung dass der arme von T Mühe hatte seine
Leidenschaft zu verbergen Er saß etwas entfernt an einen Tisch gelehnt Von M
kniete vor dem Fräulein von Effen die mit ihrem Auge jeden zärtlichen Gedanken
des Poeten ihrem geliebten M zusang Er war lauter Entzückung aber gewiss
nicht allein über ihre Reize und Liebe sondern weil v T Zeuge von seiner
Gewalt über ihr Herz war Am Ende der Arie sagte M zu ihr »Wie
unaussprechlich glücklich macht mich Ihre Güte War das Amo the Solo ganz für
mich«  »Gewiss mein M um so mehr als mein Oheim heut früh die Einwilligung
zu unserer Vermählung gab«  Von M ergoss sich in freudigen Ausrufungen und
von T war wie vom Donner gerührt kaum mächtig genug von seinem Stuhle zu dem
Fräulein zu gehen zitternd ergriff er ihre Hand küsste sie »Angebetete Hand
Du bist mir entzogen«  Mit einer heftigen Wendung umarmte er den von M »O
mein Vetter verdiene Dem Glück«  Hiemit eilte er aus dem Zimmer und Hause
ging in das seinige und war in zwo Stunden aus S  Henriette war betroffen
und gerührt »Lieber M was ist das Warum haben Sie den guten von T
mitgebracht Warum ließ Sie mich vor ihm reden und singen«  »Verzeihen Sie
mein Engel Aber ich wollte Ihren und seinen Eigensinn ein wenig umführen Er
wollte niemals verliebt werden und Sie für niemand mehr liebreizend sein Nun
ist seine Kälte überwunden und Sie haben einen Anbeter mehr«  Hier wande sie
sich aus seinen sie umfassenden Armen los und sagte ihm »O M wenn ich
dieses nicht als Mutwillen ihres zu munteren Kopfs ansähe wie elend machte mich
dieser Mangel an feiner Liebe und Freundschaft«  Er suchte sie zu beruhigen
Sie arbeitete auch selbst gegen ihre zu weit getriebene Foderungen der
Zärtlichkeit Er bemerkte ihr Nachgeben und suchte sie in ein Gewebe von
Buhlerei zu ziehen da sie Männer und et Frauenzimmer fesseln und sie dann
einander opfern sollten Er wollte dadurch ihrem Bündnis mehr Reize geben und
das unausbleibliche Ermüdende verhindern welches aus dem immer gleichen Gang
ihrer Liebe entstehen würde
    Henriette hatte anders gerechnet Sie gestund ihm zu dass wenn die
Freiertage noch lange dauern sollten und er keine Pflichten zum Beitrag des
gemeinen Besten zu erfüllen hätte möchte es wahr sein Sie wäre auch gelehrt
worden dass es schwer sei ein männliches Herz ganz zu fesseln deswegen hätte
sie gesucht Kenntnisse und Empfindungen in einem gewissen Grade von
Vollkommenheit zu besitzen um neben dem ermüdenden Geniessender Schönheit durch
Talente und Denken seinen Geist zu unterhalten und zu befriedigen welches
alles gewiss bei der edlen Besorgung eines Amtes und bei den Folgen ihrer
ewigen Verbindung keine leere Stunden der Langeweile zulassen würde  Er
scherzte über ihre ernsthafte Art zu lieben verband sich zu munteren
Gesellschaften in die Henriette nicht ging Sie tat alles um ihn den Ton
ihres Herzens lieben zu machen und er seiner Seits suchte sie an den von
seinem Kopf zu gewöhnen So ging es bis an den Tod ihres Oheims fort während
dessen abnehmender Gesundheit sie sich weigerte die Vermählung zu vollziehen
Nach diesem stieg die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen so hoch dass Henriette
ihr Versprechen zurücknahm Aber ihr Herz war gebrochen Niemand hatte Anteil
an ihrem Kummer genommen  Man vergab ihr ihre Vorzüge nicht und schalt sie
gerade weg eigensinnig  Hier kam sie auf das Land und wurde durch die
Wohltätigkeit ihres Herzens und den Umgang und Rat des würdigen Herrn Pfarrers
M K ziemlich glücklich
    Der Anbau der Gärten und Häuser die Schule für Kinder alles war
Zerstreuung aber einmal bekam Herr M K einen Besuch von einem
Jugendfreunde der mit v T nach seinem Abschiede von S England und
Italien durchreiset hatte und nicht Rühmens genug von dem edelmütigen und
liebenswerten Manne machen konnte der endlich der Tugend des kindlichen
Gehorsams das Opfer einer geheimen Leidenschaft gemacht und sich vor einem
Jahre nach dem Tode seiner zwei Brüder vermählt hätte er Herr B wäre mit
Versicherung auf die beste Bedienung indessen als Freund bei Herrn v T der
mit seiner Gemahlin recht artig lebte und alle die von ihm abhingen glücklich
machte  Dieses erzählte Herr M K Henrietten um ihr zu beweisen dass eine
zweite Liebe und Überwindung seiner gehegten Leidenschaft edlen Seelen noch
Glück vorbehalte Er wusste nicht wie viel Anteil Henriette an v T nahm 
Jedes Lob das er in S erworben jedes Kennzeichen seiner reinen Liebe sein
verzweiflungsvoller Abschied und Abreise die Unwissenheit in welcher seine
Verwandte beinahe zwei Jahr über sein Leben und Aufenthalt gewesen das Zeugnis
übender Tugend die genährte traurige Leidenschaft alles sagte ihr aber zu
spät dass dieses der Mann ihrer Seele gewesen wäre Sie kämpfte gegen ihr Herz
Aber Herr M K hatte gegen seinen Freund der jungen Dame erwähnt die durch
die Liebe so unglücklich geworden sei der es bei seiner Zurückkunft dem Herrn
von T erzählte Dieser hatte sich aus Gram nicht um seinen Vetter befragt
und hörte nur jetzt Henriette sei unvermählt und leide  Schmerz trat in die
Stelle der Zufriedenheit und mit Tränen benetzte er die Wiege seiner
neugebohrnen Tochter die er Henriette hatte nennen lassen  In der ersten
Bewegung schrieb er dem Fräulein von Effen »Sie sind unvermählt und ich
verheiratet  Ach Henriette was kostet mich mein unseliges Schweigen und
wie elend wie unglücklich bin ich zwischen dem Verlangen nach Ihnen und der
Begierde ein guter ein gerechter Gatte gegen meine würdige Frau zu sein« 
Nun war ihre Standhaftigkeit erschöpft Sie wurde über dieses Schreiben so
krank dass man sie mit Mühe rettete  Das war just bei der Geschichte des
Webers wovon mir Herr M K gesagt dass der Mut den sie damals zeigte von
einer so traurigen Folge gewesen sei  Sie antwortete auch ganz kurz an v
T Sie würde sich in keinen Briefwechsel einlassen aber seine Erinnerung an
sie wäre ihr schätzbar und sie wünsche ihm jede Glückseligkeit die die Tugend
begleiteten 
    Alles dies wusste Herr M K nicht und lange nach dieser Unruh war sie
unglücklich und nur ihre abnehmende Gesundheit ihr Trost
    Zwei ganzer Tage sammlete ich an diesen abgesetzten Stücken denn sie war
oft zum Fortreden zu matt oft durch Tränen unterbrochen aber einnehmend in
dem ganzen Gespräch Bei Erinnerung des unedlen Verfahrens von M richtete sie
sich auf und sah voll Würde um sich  Der Name v T gab ihr eine feine
Röte und in Tränen glänzende Augen Oft lehnte sie sich auf meine Brust oder
drückte eine meiner Hände an ihr schwach klopfendes Herz voll Liebe  Ich war
ganz Empfindung und sie sagte mir »Ach Rosalia vor drei Jahren hätte eine
Freundin wie sie das Übermaas meiner Zärtlichkeit erhalten dadurch wäre
mein Glück und Leben gerettet worden«
 
                               Zwanzigster Brief
Mariane ach meine Tränen werden die Hälfte dieses Briefs auslöschen  Ich
komme von Henriettens Krankenbette Der Pfarrer M K ist bei Herrn v T
dessen stummer Schmerz jede Kraft seiner Seele zernagt
    Zehn Tage lang war ich mit Madame G in H Ich verließ das Fräulein von
Effen ziemlich wohl und auch mit einer Art Genusses von Glück weil sie einen
ganzen Band ihrer Kräutersammlung zu ordnen hatte und drei arme Jungen zu
Handwerkern aufdingen ließ wofür sie Kost und Lehrgeld zahlte und in ihrem
Hause die kleine Aussteuer an Kleidung für zwo Mädchen gemacht wurde die sie in
die Stadt als Mägde anbringen wollte Freilich war sie erstaunlich matt und
konnte die etlichen Tage da ich bei ihr war nur mit Mühe von mir und ihrer
Jungfer geführt in ihrem Garten herum gehen wo sie doch allezeit beim
Untergange der Sonne sein wollte und süßer Schwermut voll in der Laube saß In
dem schönen Rasenstück so vor der Laube liegt ließ sie ihren Schulkindern das
Abendbrot geben nachdem sie vorher entweder nach einer Maultrumme in Reihen
getanzt oder um einen Kreis in die Wette gelaufen waren Es freute sie innig
wenn ich mittanzte und freundlich mit den Kindern tat oder auch manchmal ihnen
mit der Laute vorspielte und Etwas sang doch bemerkte ich vor acht Tagen viel
Vorbedeutendes in ihr wenn sie die aufsteigenden Abendwolken betrachtete ihr
schöner Kopf an das Fenster gelehnt in dem letzten falben Lichte wie eine
schon halb abgefallene Rose gegen ihren Busen hing und ihr mattes Auge mit
Blicken der kindlichen Liebe an den Himmel geheftet war so sah ich den
Gedanken der nahen Seligkeit mit den feinsten Zügen über ihr welkendes Gesicht
verbreitet Der tiefe Schmerz über ihren nahen Verlust war aber mit dem hohen
Gedanken vermischt dass aus dieser morschen Hütte eine EngelsGestalt sich
loswinden und in die väterlichen Hände ihres ewigen Urhebers zurückgehen würde
 Der vorletzte Abend den sie da zubrachte war außerordentlich schön und ihre
Seele heiter Sie hielt meine Hand und sagte schon mit dem Tone der
Himmlischen »O Rosalia wie viel Glückseligkeit lässt Gott mich Kraftlose noch
genießen Den schönen Himmel die fruchtbare Erde sehe ich noch deutlich und
meine Seele fühlt jede Wohltat die uns daraus zufliesst Ich drücke noch die
Hand einer zärtlichen Freundin und hier umgibt mich die Freude der Unschuld
von den Kindern meines Herzens«  Hier schwieg sie eine Zeitlang und sagte
dann noch »Seit drei Jahren habe ich den Saamen irdischer Tugend und
Glückseligkeit um meine Nebengeschöpfe ausgestreut ich hoffe mein Tod soll die
Wurzeln von beiden befestigen«  Nun bemerkte sie das heftige Heben meiner
Brust und die Zähren die über meine Wangen rollten Sie küsste eine hinweg
»Ach eine Träne der wahren Liebe um mich geweint« sagte sie feierlich und
gleich sank ihr Kopf mit einem Seufzer den bittere Erinnerungen ihr entrissen
auf meine Brust Eine ihrer Hände aus Schwachheit ganz an der Seite herunter
hängend die andere in eine der meinigen gefaltet saßen wir lange
stillschweigend bis sie die Abendkühle zu sehr fühlte und wir langsam bei
aufgehendem Monde in das Haus gingen sie sah noch um sich und sagte lächelnd
»Ich bin froh ich werde keine dunkle Nacht mehr sehen«  Der übrige Abend war
ganz artig und den Morgen darauf kam der Arzt den ich und ihre Jungfer hatten
rufen lassen mit dem Herrn Pfarrer M K Der Arzt fand sie wie er wollte
dass die Milchkur würken sollte Er blieb den Tag über da und war Nachmittags
bei uns in der Laube wo Henriette den würdigen Herrn M K in ein Gespräch
von der Ewigkeit geführt hatte Wäre mein Herz nicht so gerührt gewesen so
hätte ich Beobachtungen über die Wirkung machen können welche dieser Gegenstand
bei uns hervorbrachte M K der verdienstvolle Gottesgelehrte redte mit
aller Überzeugung und voll sanften heiligen Eifers davon doch war es
natürlich dass man auch hier und da den schuldigen Berufs und Amtston bemerkte
Der Arzt ein ganz vortrefflicher Mann hörte mit vieler Ehrerbietung zu nur sah
man dass diese Szenen ihm bekannt waren Henriette aber am nächsten bei dem
Austritte aus diesem Leben sprach mit dem Tone des Gefühls von dem Glücke der
Unsterblichkeit Niemals niemals werde ich den seligen Ausdruck ihrer
Physiognomie vergessen den sie hatte als der Herr M K um die anstrengende
Unterredung abzubrechen uns zeigte wie schön die letzten Lichtstralen durch
die Blätter der Laube einfielen und sie ihr beleuchtendes Kleid ansah mit
ihren Händen darüber streifte und sagte »Bald werde ich in ein ganzes Gewand
von Licht gekleidet sein«  Die ruhige Zuversicht mit welcher sie jeden Teil
ewiger Güte erwartete war mir höchst ehrwürdig und musste in mir da ich von
ihrem Geschlecht und beinah von ihrem Alter war den Wunsch hervorbringen dass
ich dereinst meinem Tode mit der nämlichen Heiterkeit entgegen gehen möchte
Kaum hatte ich diesen Gedanken vollendet so hörte ich die Stimme des jungen
Hofbauern und die Stimme eines Fremden den ich zugleich erblickte wie er an
der Gartentüre den Arm von der Hand des Bauern losriss und gegen die Laube
eilte indem er eifrig sagte »Mein Gott in ihrem Hause sollte ich sein und
sie nicht sehen«  Henriette horchte schnell beugte sich vorwärts und schlug
mit Bewegung die Hände zusammen »Ach Rosalia es ist von T«  Hier war er am
Eintritt der Laube wo er nach einem Blicke auf Henrietten mit staunen dem
Schmerz still stand Ein großer edel gebildeter junger Mann von neun und
zwanzig Jahren etwas hager und bloß aber schöne und große Augen die ich eben
bemerkte als er sie beinah gichterisch bewegte und zu Henriettens Füßen
stürzte einen Teil ihrer Kleidung mit der äußersten Bewegung zwischen seine
Hände fasste an ihr aufsah und mit dem rührendsten Tone sagte »Nach vier
kummervollen Jahren seh ich sie wieder Aber wie Auf eine weinende Freundin
gestützt einen Arzt einen Seelsorger und Ihre ganze Engelsgestalt zerrüttet
 O Vorsicht ewige Vorsicht zu was war ich aufbehalten«  Hier küsste er mit
Heftigkeit ihr noch in seinen Händen haltendes Stück Kleid und ein Strom von
Tränen floss aus seinen Augen auf Henriettens Gewand Zitternd war sie auf mich
gelehnt ihre Augen gegen meine Brust gewendet Ich hielt sie mit einem Arme
umschlungen Sie hatte ihn nicht angesehen bis er die Ausrufung an die Vorsicht
tat Matt blickte sie da auf ihn wurde etwas rot Bei dem ersten Guss seiner
Tränen zitterten ihre Lippen und sie wurde ohnmächtig Mein Schmerz war
unbeschreiblich Von T riss sich mit Verzweiflung von der Erde auf und war mit
uns ängstig bemüht sie wieder zu sich zu bringen Es dauerte eine halbe Stunde
eh der Arzt uns beruhigte und wir sie in einem Stuhle nach Hause tragen
konnten wo sie zu Bette gebracht wurde und stärkende Arzeneien bekam durch
die sie erst gegen vier Uhr des Morgens Kräfte genug erhielt um reden zu
können Da wollte sie mich durchaus nicht länger Wache halten lassen Ich ging
auch schlafen aber um Sechs war ich an ihrem Bette wo ich sie in einem matten
Schlummer fand der dem Arzte missfällt Meine traurige Unruhe erlaubte mir keine
Erleichterung als diesen Brief an Sie meine Freundin
 
                           Ein und zwanzigster Brief
Die edle die liebenswürdige Henriette ist nun in den Armen der ewigen Ruhe Und
ich meine Mariane winde mich um das Andenken jedes Augenblicks den ich bei
ihr zubrachte sie handeln sah reden hörte und ihrer Liebe genoss Die
Wiederholung alles dessen was ihre letzten Tage bezeichnete ist der süßeste
Trost den ich mir geben kann Hören Sie mich also noch alles erzählen was seit
meinem vorigen Briefe geschah
    Ich setzte mich an Henriettens Bette wo ich mit gepresstem Herzen bald sie
bald den Arzt ansah um auf dessen Gesicht meine Hoffnung oder meine Furcht zu
lesen Seine tiefsinnigen Blicke und das jeweilige Schütteln seines Kopfs sagte
mir alles Ich ließ daher meinen Tränen freien Lauf so wie ihre Jungfer die
am Bett kniete  Endlich öffnete sie die Augen und schwach anfangs kaum
verständlich sagte sie »Liebe Rosalia und du meine gute treue Liese
kümmert Euch nicht ich werde glücklich  ewig glücklich«  Nachdem erblickte
sie den anbrechenden Tag und wir mussten die Fensterladen ganz öfnen dass sie
den Garten und das Feld sehen konnte Lächelnd bewegte sie die Augen umher und
sprach sanft »Schöne Erde aller deiner unschuldigen Freuden habe ich
genossen«  Der Arzt gab ihr erquickende Tropfen und ging hinaus worauf ich
nach einigen Augenblicken fragte wie ihr wäre »Schwach sehr schwach meine
Rosalia  Sie sehen dass ich Recht hatte zu sagen dass ich keine Kraft mehr
habe Freuden zu tragen Ihr süßer Anblick machte mich krank der von dem
Herrn von T hat mich über das Vergangne und Gegenwärtige zu heftig bewegt um
es zu dauern«  Nachdem schwieg sie lange und verlangte dann ein Kästchen das
in einem Schranke der Mauer stund ließ es aufmachen und gab mir daraus einen
Ring worauf ihr verzogner Name mit kleinen Brillanten auf schwarzem Grunde
steht Sie steckte ihn selbst lächelnd an meinen Finger Da aber meine Tränen
auf ihre Hand fielen blickte sie mich mit viel Empfindung an und streichelte
mich »Sein Sie vergnügt Rosalia Sie waren die letzte Freude meines Lebens
Für Sie sag ich der Vorsicht den letzten Dank denn durch Sie hat mein
liebendes Herz das Glück der wahren Gegenliebe genossen Ich weiß dass ich in
dem Ihrigen unvergessen bleiben werde und dass Sie gerne manchmal mein Bild
sehen werden«  Hier gab sie mir ihr Miniaturgemählde in himmelblauer
Kleidung mit einer Hand einen Schleier von weißen Flor über sich ziehend sehr
schön gefasst  »Du meine Freundin Lise sollst diesen Ring tragen« Den sie
von ihrem Finger zog und ihr gab »Mein kleines Bild in Öl ist auch dein die
übrigen Kennzeichen meines Danks und meiner Liebe wird Herr M K in diesen
Papieren finden«  Herr M K und der Arzt kamen da wirklich ins Zimmer Sie
reichte Erstern eine goldne schwarz emaillirte Dose »Dieses Andenken erhält
noch durch meine Hand einen Wert nicht wahr«  Dem Arzt gab sie eine ganz
goldene und nahm aus dem Kästchen noch ein großes und zwei kleine Futterale
heraus ließ es zumachen und gab die Schlüssel dem Herrn Pfarrer M K der
wie ich im feierlichem Stillschweigen da stund Nach diesem war sie lange ruhig
und dann blickte sie mich sehr rührend an »Rosalia noch einen Labetrunk von
ihrer Hand« Ich stützte ihren Kopf mit einem Arm und mit der einen Hand hielt
ich das Glas an ihren Mund Sie bat sie etwas höher zu legen und wir
bemerkten dass sie über was nachdachte Endlich fing sie an »Wo ist Herr von
T ich möchte ihn sehen Aber lieber Herr M K bitten Sie ihn dass er
nicht zu bewegt sei« Der Arzt und wir alle wollten sie von dieser Unterredung
abhalten weil sie solche zu sehr angreifen würde »Ach meine Freunde ich
fühle dass ich nur noch wenige Schritte bis an das Ende meines Lebens habe
Lassen Sie mich diese kurze Zeit noch nach meinem Herzen genießen Was soll T
so weit von meinem Zimmer tun Mein Anblick ist ihm so wert « Herr M K
ging hinaus ihn zu holen Da drückte sie meine Hand  »Ach Rosalia was ist
mein Schicksal mit den zwei Vettern Der eine raubte mir Freude und Gesundheit
und dieser gute edle Mann befördert meinen Tod«  Von T kam Sie blickte ihn
lächelnd an und reichte mit der Hand nach ihm Er näherte sich ziemlich gefasst
küsste ihre Hand mit bebenden Lippen und fragte nach ihrem Befinden  »Ziemlich
wohl Aber müde an Geist und Leib«  Mein Gott erwiderte er ich fürchte
mein unbedachtsames Eindringen hat Sie erschreckt und so krank gemacht Ich
werde es mir niemals vergeben  »Sie hätten Unrecht teurester T denn Ihr
Anblick würde mir bei keiner Gelegenheit gleichgültig gewesen sein aber meine
vorherige Entkräftung hat mich zu jeder Bewegung untüchtig gemacht«  Er sagte
hierauf nichts sondern küsste nur ihre Hand und blieb mit darüber gebogenem
Haupte sitzen Sie schwieg auch lange und sagte dann mit flüchtigem Erröten
»Sie haben eine würdige Gemahlin Gott segne Sie beide  Bitten Sie die Frau
v T dieses Andenken von der Freundin des besten Mannes anzunehmen«  Und
da gab sie ihm das große und kleinere Futteral wo in dem einen die kostbare
Uhr die mit der Agraffe reich mit Brillanten besetzt ist in dem andern
OhrRosen und eine Haarnadel war in dem dritten zwei gleiche Ringe von großem
Wert wovon sie einen ihm reichte »Diesen tragen Sie Den andern Ihre
Gemahlin Ihre Tochter die Sie in der Taufe meinem Andenken weihten habe ich
schon lange als das Kind meiner Seele zur Besitzerinn von Effenhofen gemacht
Ich hoffe sie wird einst die guten Einwohner darin lieben und glücklich
machen«  Herr von T lag nun auf den Knien vor ihrem Bette seine beiden Arme
an dem Bettgestelle ausgespannt und rief »O Henriette Henriette was sollen
all diese Anordnungen«  »Sie sind das Einzige was mich die Versicht für den
zu spät geliebten Mann meines Herzens tun lässt« sagte sie und in dem
nämlichen Augenblicke war sie aufgerichtet küsste die Stirne des Herrn v T
und mit Sammlung ihrer letzten Kräfte legte sie ihre Hände auf ihre Brust 
»Von Dir ewige Liebe erhielt ich dieses gefühlvolle Herz Rein Rein wie es
aus Deinen Händen kam gebe ich Dir es zurück«  Mit einem Schrei des Schmerzes
sank von T auf die Erde Henriette rufte »Ach Gott« ließ ihre Hände fallen
und verschied 
    O Mariane wie gerne hätte ich meine Seele auf ihren Händen die ich küsste
ausgehaucht Ich konnte nicht reden und nicht weinen  Durch unsere Unruh und
Mühe kam von T zu sich rafte sich auf und stund mit gerungenen Händen
starre Blicke auf Henriettens Leichnam geheftet  Auf einmal näherte er sich
Liesen die an der einen Seite des Betts kniete und mir einem Schnupftuche den
Todesschweiss von der Stirne des entwichenen Engels wischte Er legte sein
Gesicht einen Moment auf Henriettens Arm  »Heilige heilige Überreste«
sprach er mit dem wehmütigsten Tone betrachtete noch mit gesunkenem Haupte das
kaltwerdende Bild riss dem knienden Mädchen das Schnupftuch aus der Hand hüllte
sein Gesicht hinein küsste es fasste es in beide Hände eilte ins Vorzimmer wo
er sich vor einen Stuhl auf die Erde warf und laut schluchzend zu weinen anfing
 Ich ging traurig in mein Zimmer Kurz darauf wurde mein Herz durch das
Wehklagen der Dorfleute aufs neue zerrissen O die Liebe der wahren Tugend
liegt tief in der Seele der Menschheit Ich habe es bei der Leiche von
Henrietten gesehen  Was für Trauer was für Ehrerbietung war in allen die sie
zu der gewählten Ruhestätte begleiteten
    Sie liegt neben den Überbleibseln einer kleinen alten Kapelle am Ende des
Dorfs wo sie schon vor zwei Jahren ohne dass man ihre Absicht wusste auf die
Seite gegen das Feld ein halb rundes Dach auf fünf schöne steinerne Säulen
gestützt hatte bauen lassen Auf beiden Seiten der mittleren Säule ist es offen
zum Eingang Zwischen den andern aber Bänke von Stein wo sie oft hinging sich
setzte und mit den Feldarbeitern sprach Ein großer Stein deckt ihre Gruft auf
dem nichts steht als
                                   Ruhestätte
                                      von
                             Henrietten von Effen
                                  24 Jahr alt
In ihrem letzten Willen erhält die Tochter des Herrn von T all ihren Schmuck
Silber und Effenhofen der Herr von M eine schwere goldene Dose zum
Denkzeichen ihrer Versöhnung und das übrige Vermögen geht in vier Teile Den
ersten ihren Verwandten den zweiten für Erziehung armer Kinder den dritten
ihren Hausbedienten und den vierten unter Arme auszuteilen
    Der Herr von T will hier wohnen Wenn er es tut so lebt er nicht lange
denn alles nährt seinen endlosen Kummer Er will in ihrem Zimmer wohnen ihre
Betten alle ihre Möblen haben ihr Messerzeug  Er betete sie an und ihr
letzter Atemzug war das Bekenntnis ihrer Liebe für ihn Morgen geht er weg und
Herr M K mit ihm
    Wie lange ist dieser Brief Aber es war der letzte Auftritt der ganz meine
Seele erfüllte
 
                           Zwei und zwanzigster Brief
Gestern ist der Herr von T mit dem Pfarrer M K abgereiset Er hatte sich
bei Letzterm besonders nach mir erkundiget Weil ich Henrietten so teuer
gewesen sagte er müsse ich eine vortreffliche Person sein Herr M K gab ihm
alle Nachrichten und auch die dass ich durch den Briefwechsel mit einer edlen
Freundin bewogen worden eine genaue Beschreibung von allem zu machen was sich
seit meiner Bekanntschaft mir Henrietten zugetragen habe  Urteilen Sie
Mariane wie begierig der gute Herr v T auf diese Papiere wurde Es war mir
auch unmöglich ihm die Abschriften zu versagen Er will sie seiner Gemahlin
weisen bei welcher die so auffallende schönen Züge von Henriettens edler Seele
nicht nur eine Schutzschrift für seine dauernde Liebe sein würde sondern auch
zu einer Belohnung ihrer Großmut dienen könnte da sie selbst ihm die Reise zu
Henrietten vorgeschlagen habe
    Er hatte die Anschriften meiner Briefe in meinem Zimmer unter manchen
Tränen stille durchgelesen und bei dem Stück wo die Frage von seinem Briefe
an Henrietten war erzählte er mir alle Umstände des Kummers der ihn lange Zeit
auf doppelte Weise marterte da er Henriettens Bild nicht aus seiner Seele
drängen und den innern Vorwurf auch nicht vermeiden konnte dass er so kalt
gegen seine Gemahlin wurde die seine traurige übermäßige Zärtlichkeit gegen ihr
Kind und sein trockenes obgleich sehr ehrerbietiges Bezeigen gegen sie selbst
nicht begreifen konnte Er wäre darüber ganz elend geworden hätte niemand als
seine Gemahlin und seine Tochter gesehen und endlich da er einmal bettlägerig
gewesen habe er seiner Gattin sein Herz eröfnet Sie hätte viel geweim lange
still geschwiegen und ihn dadurch in die äußerste Ängstlichkeit gebracht dann
aber wäre sie von ihrem Stuhl aufgestanden hätte sich auf das Bett gesetzt
seine beiden Hände in die ihrigen genommen und ihm mit aller Würde und Eindruck
der wahren edlen Güte des Herzens gesagt dass sie ihm unendlich für sein
Vertrauen danke und ihm gestünde dass sie dabei gelitten habe aber dass sie
gar wohl einsähe was für eine unwiderstehliche Gewalt die Liebe über ein Herz
haben könne sie bedaure die junge Dame innig und bäte ihn zu ihr zu reisen
um entweder eine Aussöhnung mit ihrem ersten Liebhaber zu stiften oder doch
wenigstens durch sich selbst von dem Zustande des Fräuleins unterrichtet zu
werden Vielleicht könnte er dadurch Etwas zu der Wiederherstellung der
Munterkeit und Gesundheit des Fräuleins von Essen beitragen genösse den Trost
sie zu sehen und würde eine richtige Idee von ihren Leiden und Wünschen
erlangen da er jetzo in der Ungewissheit allein den Sorgen seiner Liebe und
Bekümmernissen überlassen sich abzehre und alle die ihm ergeben wären
zugleich unglücklich würden 
    Er hätte noch einige Tage gegen diese Reise gekämpft und sich auch
aufgemuntert teils um seine Gemahlin zu beruhigen teils auch wäre ihm in
Wahrheit nach Eröfnung seines leidenden Herzens leichter gewesen seine
Gemahlin wäre dadurch in alle heilige Rechte einer Freundin getreten auf
deren Seele er die seinige stützte sie hätte ihn über acht Tage lang gehen
lassen ihn aber genau beobachtet dann wäre sie Abends in sein Kabinet
gekommen und hätte ihm mir einer zärtlichen Heiterkeit gesagt »Mein lieber
T Sie haben mir schon einigemal versichert dass Sie mir eine Genugtuung
schuldig sind wegen des vielen Jammers den mir Ihre Traurigkeit verursachte
War es Ihnen Ernst mit Ihrer Schadloshaltung«  »Gewiss meine Auguste meine
gütige Auguste Sagen Sie was soll was kann ich tun um Sie zu befriedigen«
 »Sie sollen die Anstalten gut heißen die ich zu Ihrer Reise nach Effenhofen
gemacht habe und morgen früh mit Ihrem Kammerdiener dahin abgehen Ich fodre es
als einen Beweis Ihrer Achtung für mich und bitte Sie mich diese edelmütige
Handlung ausüben zu lassen Die Vorsicht hat mich glücklich genug gemacht ich
bin Ihre Gattin die Mutter Ihres Kindes Ihre Freundin und bei diesem
Überflusse soll ich eine tugendvolle Unglückliche im Leiden wissen und hilflos
lassen Nein mein T Sie sollen zu dem Fräulein von Essen Sie sollen für
sich diese Freundin erhalten und mir sie zur Freundin erwerben Meine Seele
ist über die Eifersucht der Eigenliebe erhaben denn ich liebe dieses
empfindungsvolle Frauenzimmer Ich will Ihnen mit unserer Henriette nachreisen
wenn Sie es nach den Umständen gut finden werden Aber morgen früh sollen Sie
weg Alle Sachen auch unterlegte Pferde sind bestellt die Witterung ist
schön und der Beweggrund so wie er vor dem Richteramt der wahren Menschenliebe
bestehen kann«
    Er versprach es ihrer großmütigen Liebe und ging weg Da er einen leichten
Wagen hatte und überall sechs bestellte Pferde antraf so konnte er den zweiten
Tag so zeitig in Effenhofen sein Er schickte ihr den andern Morgen einen
eigenen Boden zu Pferde und meldete ihr die hofnungslosen Umstände der
Gesundheit des Fräuleins  In der Antwort der Frau von T liegen alle Züge
einer vortrefflichen Seele Sie dankte ihm dass er nach Effenhofen gereist sei
und sie hofte bessere Nachrichten bat ihn auch alles Mögliche beizutragen das
verwundete Gemüt des lieben Fräuleins zu heilen Aber diese Bitte kam zu der
Zeit wo die edle Henriette schon über alle menschliche Leiden und Hilfe erhaben
war Die Frau von T kann über ihre Veranstaltung und Betreibung der Reise
ihres Gemahls zufrieden sein ich denke es mag sie was gekostet haben ihren
T von sich zu der so feurig geliebten Henriette zu schicken Ihr Opfer war
groß aber schön und nun wird sie durch den Dank und die Verehrung ihres
würdigen Gemahls tausendfach belohnt
 
                           Drei und zwanzigster Brief
Wie viel teure Mariane wie viel habe ich Ihnen zu danken da Sie mich so
liebreich bei der Hand fassen und mich mein Leben genießen lehren  Es dünkt
mich auch ich könne Sie versichern dass Sie mich niemals mehr werden murren
hören wenn die Hand des Schicksals mir anstatt des verlangten Guten ein
andres hinlegt  Ich will nicht mehr wie ein eigensinniges Kind es von mir
stoßen sondern mit gelassenem Dank es annehmen und genießen  Sie sollen aber
doch auch wissen was mich bei Ihrem gütigen Rat am meisten erfreute was mich
am stärksten lockte ihm zu folgen 
    Sie wiederholten meine Klagen über die Entfernung von Ihnen und von meiner
gewöhnten Einteilung der Tage und ihrer Verwendung Sie sagten »Wenn ich
Rosalia L mit dem feinen Gefühle der Seele wäre so würde ich wie sie jedes
genossene Gute jede Freude der verflossenen Tage das Bild meiner Freunde und
den Ort wo ich alles dieses im Besitz hatte dankbar in meinem Gedächtnis
bewahren ich weihte ihrer Erinnerung sogar Augenblicke des gegenwärtigen
Genusses ich freute mich der Sicherheit dieses alles in einiger Zeit wieder zu
finden und pflückte daneben mit ämsiger Aufmerksamkeit die Blumen des
Vergnügens die der Zufall auch auf fremden Boden für mich sprossen ließe ich
würde mir es nicht vergeben wenn ich nur den Himmel nur die Gegend unserer
Mutter Erde nur die Menschen lieben wollte die ich bisher sah« 
    Ich fühlte dass Sie gerechter sind als ich Meine gegen die hiesigen
Einwohner gehegte Gleichgültigkeit war mir leid Ich nahm mir vor billig zu
sein und meine Liebe meine ewig vorzügliche Hochachtung für Mariane
unterstützte diesen Vorsatz weil ich mich freute Etwas zu tun was Sie an
meiner Stelle tun würden O wie unschätzbar ist der Wert der Tugend derer
die wir lieben weil man die Neigungen des geliebten Gegenstandes so gerne
annimmt Ich habe wirklich heute Blumen gepflückt von deren Saamen ich auch bei
uns auszustreuen suchen werde Es gehr die Ausbreitung der Gesellschaft und
Gesetze an die sich neun junge Frauenzimmer gemacht haben und die damit ganz
unfehlbar den Endzweck erreichen werden jedes wichtige und reizende Verdienst
unsers Geschlechts zu erlangen
    Es ist hier gewöhnlich dass Männer Frauen und junge Personen jedes eine
abgesonderte Gesellschaft halten Sie kommen aber nicht öfter als alle Woche
einen Tag zusammen und zwar immer wechselsweise von einem Hause um das andre
Diese Verbindungen nennen sie von langen Zeiten her einen FreundschaftsKranz
und den Tag der Zusammenkunft den Kränzeltag Eine Verwandtinn von Frau R hat
mich heute da die Reihe an ihr war dazu eingeladen und mir die Beschreibung
ihrer Gesetze gemacht
    Jeden Donnerstag kommen sie mit ihrer Arbeit Nachmittags um drei Uhr artig
geputzt zusammen trinken eine Tasse Koffee aber nicht heiß weil heißer
Koffee der Schönheit und Reinlichkeit der Gesichtsfarbe schadet Nach diesem
geben sie einige Teller mit Obst und Konfect Von dem Letzteren muss aber allezeit
etwas von der Kranzgeberinn selbst gemacht sein Ist es neu erfunden oder
erlernt dass die andern es noch nicht wissen so muss sie die Vorschrift
mitteilen Dann werden die Arbeitensgewiesen von der alle zwei Monat neu
gewählten Vorsteherinn gelobt oder getadelt Jede muss das Neugelernte oder die
erworbene Vorteile in Erleichterung der Mühe oder zur Vollkommenheit des
Ganzen den andern mitteilen  Dann müssen sie nach der Reihe sagen was sie
von ihren Freundinnen haben loben oder aussetzen gehört Erläuterungen geben
und sind sie verbunden alle eine und jede alle zu verteidigen Der Putz wird
auch durchgegangen die Unkosten und die Art der Verfertigung gesagt der
wohlfeilere Kaufmann genannt Dann wird erzählt was man Schönes und Nützliches
gelesen oder gehört und sich eigen gemacht hat Nachdem Etwas aus dem
Schauplatz der Natur einer Wochenschrift eine Komödie oder Poesie gelesen
darüber geredet und auf die Letzt für Arme etwas Geld gesammelt und eine jede
von ihnen lehrt ein armes Mädchen Lesen Schreiben und Arbeiten wodurch sie
tüchtig weiden kann einmal als gute Dienerinn glücklich zu werden In den
Häusern wo die Tochter Brüder hat kommen auch diese mit ihren artigen Freunden
gegen sechs Uhr in die Gesellschaft welches natürlicher Weise Abänderung und
Munterkeit unter sie verbreitet Man hat mir darüber zwei recht artige Sachen
erzählt die ich Ihnen auch melden will 
    Das Kränzchen bestund vor einiger Zeit aus neun jungen Frauenzimmern die
mindeste Schöne war die Reichste und saß einst bei ihrer vertrautesten
Freundin als junge Herren kamen Einer von ihnen bemerkte dass er von diesen
beiden betrachtet wurde und sie von ihm redeten und lag der einen so lange mit
Bitten an bis sie ihm gestund dass Mademoiselle F ihr gesagt »Sie wisse dass
sie niemals wegen ihrer Person könnte geliebt werden und dass man sie nur wegen
ihres Vermögens suchen würde Sie wünschte daher nur mit ihrem Reichtum das
Glück eines würdigen Mannes zu machen zum Beispiel des rechtschaffenen jungen
K den sein Oheim das wenige Gute das er ihm bewiess so teuer erkaufen
ließe und es würde ihre größte Freude sein ihm durch ihr Vermögen unabhängig
und vergnügt zu sehen«
    Herr K ward durch diese Edelmütigkeit gerührt von der Einwilligung des
jungen Frauenzimmers versichert suchte er um sie an erhielt sie und würde
durch seine Dankbarkeit und ihre zärtliche Liebe lange glücklich gewesen sein
wenn er sie nicht in dem ersten Wochenbette verloren hätte wo sie nach dem Tod
ihres Kindes nicht um Hilfe gegen ihre Schmerzen sondern allein um die Zeit
bat ihr Testament zu machen um ihrem geliebten Gatten ihr Vermögen als das
allein überbleibende Zeugnis ihrer Zärtlichkeit zu versichern und er dadurch
in den Stand gesetzt würde eine schöne liebenswürdige Frau nach seinem Herzen
zu wählen und durch ihren Besitz für alle die feine Achtung belohnt zu werden
die er ihr bewiesen hätte  War dies nicht eine schöne Seele meine Mariane
 
                           Vier und zwanzigster Brief
Hier gleich in einem Atem sollen Sie die erst letzthin vorgegangne kleine
Geschichte dieser Mädchenwelt anhören  Der Kränzeltag traf in ein Haus wo ein
schöner Garten ist und also die Frauenzimmer zum Herumspatzieren gelockt
wurden In dem Hause eines Nachbarn der den ganzen Garten übersehen konnte war
den Tag vorher ein Freund angelangt der sich mit dem Hausherrn belustigte von
Ferne dem Getändel und den Bewegungen der acht artigen Mädchen zuzusehen als
sie im Garten Saale ihren Koffee tranken und Etwas weniges arbeiteten Wie sie
aber aufstunden bemerkte er eine sehr schön gewachsene muntere Brünette die im
Austreten aus dem Saale ein Buch aus der Tasche zog darin blätterte und auf
einen Rosenstrauch zuging bei dem sie sich gegen ihre ihr folgenden
Gespielinnen wandte und ihnen mit vielem Ausdruck in ihrem Gesicht etwas
vorlas und nachdem sie alle sehr zufrieden darüber geschienen redete sie etwas
mit dem Frauenzimmer dem der Garten gehörte die ihr eine einwilligende
Verbeugung machte worauf die Brünette wie ein Vogel in den Saal hüpfte mit
einem Körbchen heraus kam in welches sie Rosen und andere Blumen sammlete 
Der Fremde fragte seinen Freund wer diese Person sei  Es ist die Tochter
eines Gelehrten des Herrn von U  »Von U« fiel der Fremde ein »wie ist
ihr Taufname«  Julie  »Wie Julie von U O Gott ich bitte um alles mein
Freund schaffen Sie mir das Glück mit dem liebenswürdigen Mädchen nur einige
Worte zu sprechen Ich will Ihnen nach dem die Ursache erzählen aber nennen Sie
mich nicht«  Kommen Sie ich darf in den Garten wenn ich will Aber die Julie
ist gefährlich Wenn man sie einmal liebt so ist es nicht leicht möglich von
ihr zu lassen und Sie sind erst verheiratet  »Ach führen Sie mich in den
Garten Morgen reise ich wieder ab« 
    Die beiden Herren kamen auch mit dem Herrn und der Frau des Gartens und
machten dem Mädchen höfliche aber stille Verbeugungen nur Herr B welcher
dem Fremden versprochen ihm eine Unterredung mit Julien zu veranlassen fragte
diese Was sie mit dem Korbe voll Blumen machen wollte Sie antwortete »Ich bin
heute so wacker gewesen dass ich Erlaubnis habe meinen Freundin
Blumensträusser zu pflücken die ich wirklich austeilen will« Dies sagte sie
mit einem freundlichen Lächeln und ging gegen die Reihe der Mädchen wovon eine
zu ihr sagte »O wie viele Rosen hast Du « »So viel unsrer sind mein Schatz
Denn wir lieben sie alle auf den Backen auf dem Munde auf dem Wege unsers
Lebens und sogar möchten wir dass alle Leute die mir uns umgehen
Rosenfarbenen Humor hätten«  Nun war sie bei der Vorsteherinn der
Gesellschaft gab ihr eine Rose und eine »Sorgenblume musst Du dazu nehmen weil
Du mit der Aufsicht für uns Übrige beladen bist«  Einer andern deren Wangen
von dem schönsten Rot glüheten gab sie eine weiße Rose und Violette
Schlüsselblumen dazu streichelte ihre Wangen »Der Widerschein wird diese Rose
färben die andere hättest Du mit Deiner Wange beschämt«  Die Schlüsselblume
hatte sie genommen weil des Mädchens Liebhaber diesen Namen führte Sie gab
auch Julien einen Schlag und drohte ihr »O Du Schelm«  Einem sanften schönen
Geschöpf bot sie eine weiße Viole zu der Rose »Nimm meine Christine sie ist
schön und rein wie Dein Herz«  Einer andern sagte sie Eine abwesende Person
hätte sie gebeten ihr Vergissmeinnicht zu geben Diese artigen Einfälle
unterhielten alle die da waren sie ließ sich auch nicht stören da sie für
jede einen Gedanken bereit hatte »Meine bescheidene Charlotte die demütige
Grasviole ist Dein« sagte sie mit viel Empfindung aber mit Schalkheit zu einer
andern »Liebe Helene suche den Wendel selbst loszumachen wenn Du ihn nicht
liebst ich habe mich vergeblich darum bemüht«
    Sie hatte aber die Wendelblume selbst darum gewunden und dies ging den
Bräutigam von Helenen an  Nun blieben lauter Blumenknospen übrig wo sie zu
einer artigen Blondine sich stellte »Liebe Baase unsere Verdienste und unser
Glück sind noch im Blühen aber sprossen tun sie doch« 
    Der Fremde hatte nicht einen Blick von ihr gewandt sie immer von Kopf zu
Füßen betrachtet sich auf die Lippen gebissen und seinen Hut mit Heftigkeit
gediehet  Herr B nahm Julien bei der Hand und sagte Er müsse sie etwas von
ihrem Herrn Vater fragen  Der Fremde ging nach Wie sie weit genug von den
andern waren bot ihm Herr B Juliens Hand »Wollen Sie meine junge Freundin
führen«  Der Fremde haschte nach ihr Julie zog sie errötend zurück »Schöne
Julie« sprach er »wissen Sie dass ich Ansprüche auf diese Hand habe«  Sie
stutzte ernstaft »Wie so mein Herr«  »O werden Sie nicht böse ich bin
unglücklich genug Sie nicht eher gesehen zu haben Hätte mir mein Vater dieses
Bild gemahlt« sagte er wobei er auf ihre Person wies »ich hätte es von meinen
ersten Jahren an auf ewig in mein Herz geprägt so wie ich jetzo Ihre reizende
Person und den liebenswürdigen Geist niemals vergessen werde«  Er fasste nun
ihre Hand küsste sie oft und feurig »Wie glücklich hätte diese mir bestimmte
Hand mich gemacht O mein Vater wie elend bin ich auf mein ganzes übriges
Leben«  Die gute Julie und Herr B begriffen nichts von alle diesem Da sie
aber einer kleinen Laube nahe waren führte Herr B sie hinein und bat den
Fremden seine Bewegungen und Ausrufungen zu erklären da er doch Julien nie
gesehen hätte 
    »Ich bin der einzige Sohn des besten und geliebtesten Freundes vom Herrn von
U Sie hatten einen Vertrag gemacht ihre zwei ältesten Kinder mit einander zu
verbinden Aber ich wusste nichts davon als bis ich nach meines Vaters jähem
Tode von der Universität nach Hause gerufen ward und unter seinen Papieren den
Aufsatz und Juliens Namen fand Ich wurde da freilich wegen meiner geheimen
Heirat zu der ich durch unzählige List gebracht worden etwas betreten weil
ich glaubte meinen Vater doppelt betrogen zu haben Meine Frau und ihre
Verwandte waren mir zuwider Ich ließ sie doch in meine Vaterstadt kommen wo
ich ihr genugsames Auskommen angewiesen und mir etliche Jahre zu reisen
vornahm Ich ging zuerst nach Italien weil ich hier meinen Weg durchnehmen
musste und auf die Gelegenheit zählte die mir zugedachte Julie zu sehen Sie
zogen mein Herz an sich ohne dass ich Ihren Namen wusste und Herr B wird
sagen wie stark ich gerührt wurde da ich ihn hörte  Mein Vater kannte mein
Herz und mein Glück besser als ich Aus Unvorsichtigkeit habe ich es
verscherzt Diese schöne blühende Gestalt wäre mein Eigentum gewesen Nun habe
ich eine Frau die älter ist als ich und dazu bösartig O mein lieber B
wie unglücklich bin ich« 
    Julie war still aber sie bedauerte ihn mit ihren Blicken Er schwieg auch
Tränen füllten seine Augen hundertmal küsste er ihre Hände »Ein würdiger ein
sehr würdiger Mann soll Sie glücklich machen  Sagen Sie nur hätten Sie mich
leiden können Würden Sie mich von der Hand Ihres und meines Vaters angenommen
haben Liebenswürdige Julie sagen Sie mirs Es ist alles alles Glück was ich
hoffen kann«  Verwirrt äußerst errötend sagte Julie »Ich glaube ich würde
ohne Widerwillen gehorcht haben«  Er küsste ihre Hand zum Dank redete aber
nichts mehr riss etliche Blätter der Laube ab an die Julie in ihrer Verwirrung
gespielt hatte steckte sie in seinen Busen und wandte sich von beiden weg Herr
B führte Julien zu der Gesellschaft zurück und ging dann allein mit seinem
Freunde auf und ab bis er sich genug erholt hatte und den andern Morgen ganz
frühe reiste er ab nachdem er in einem Billet Julien tausend Gutes gewünscht
und sie gebeten hatte manchmal an den unglücklichen I zu denken der sie
niemals vergessen würde
    Herr von U bestätigte die Wahrheit des Vertrags mit seinem verstorbenen
Freunde der Julien als ein artiges viel versprechendes Mädchen von elf Jahren
gesehen und sie seinem Sohn bestimmt hätte Alle bedauerten den schönen jungen
Mann und Julie selbst wünschte dass er ihr möchte ganz eigen geworden sein 
    War dies nicht meine Mariane ein ganz einnehmender Auftritt Ich hätte
mögen dabei sein Wie oft meine Liebe wie oft geschieht es dass wir mit einem
unüberlegten Schritt den Keim unserer künftigen Glückseligkeit zertreten den
eine uns liebende Hand gepflanzt und gewartet hatte  Eine sehr muntere Person
sagte bei dieser Gelegenheit die Vorsicht müsse ganz eigene uns unbegreifliche
Ursachen gehabt haben dass sie den Leichtsinn gerade auf die Jahre legte wo man
am meisten Klugheit nötig habe
 
                           Fünf und zwanzigster Brief
Mariane Ich war Heut in einer großen Gesellschaft Männer viele Männer im
eigentlichen Verstande genommen waren da manche wichtige Gegenstände der
Unterredungen kamen zum Vorschein alle wurden flüchtig behandelt nur bei dem
von der Religion blieben sie am längsten stehen Billig wäre es das Nötigste
und Beste am längsten zu betrachten aber meine Liebe die Art mit der etliche
von den Männern von einigen Teilen der Religion redeten war nicht gut
besonders schmerzte mich dass gerade in Gegenwart der Hausbedienten solche
Stücke berührt wurden auf die sie notwendig aufmerksam werden mussten Der
Mann so davon redete sprach mit dem Ton des Wissens und der Überzeugung Ein
Paar andere die auch Anspruch an Scharfsinn haben fielen ihm bei der Hausherr
war still und natürlicher Weise sprachen die Frauenzimmer hier nicht mit Meine
Seele war ruhig weil dem Himmel sei Dank meine Religion in meinem Herzen und
nicht in meinem Kopfe ist und ich sie in Handlungen nicht in Reden lege aber
die horchende Miene der Bedienten drang mich einem der besten unter den Männern
zu sagen Ob der treue Glaube des gemeinen Mannes dem zweifelnden und grübelnden
Gelehrten nicht eben so ehrwürdig sein sollte als die Unschuld der Jugend einer
gewissen Gattung anderer Leute sei Ich fände es sehr grausam durch eine
mutwillige Verwendung des Übermaasses an Geisteskräften den Frieden der Seele
des Ruhigglaubenden zu stören  Der edle empfindsame Mann sah mich ganz
bedeutend an gab mir Recht und unterbrach den reisenden Lauf des Gesprächs
Ich war froh darüber denn warum soll der auf einem zügellosen Pferde sitzende
Reiter das Recht haben dem redlichen Fußgänger seinen stützenden Stab zu
entreißen der ihn just vor dem Abgrunde bewahren wird in welchen der andre
stürzen kann  Ich sagte dann mir selbst warum sehen die Männer die Pflichten
der Religion die Unterwerfung ihres Geistes so leicht als ein Joch an das
ihren Nacken drückt und suchen sich davon loszuwinden warum geschieht dieses
nur bei Männern von einer gewissen Klasse Ist das Gefühl der Stärke die ihnen
die Natur gibt oder das von Freiheit Willkür und Obergewalt die ihnen
Umstände und Gesetze geben daran Ursache Bald möchte ich das Letztere glauben
Denn unter dem weiblichen Geschlecht ist noch niemals eine Empörung über
Glaubensartikel entstanden Weil wir von Jugend auf denke ich an die Idee
einer über uns herrschenden Menschengewalt gewöhnt sind so kostet es uns gar
keine Mühe Vorschriften und Gesetzen zu folgen und nachzugeben die das Gepräge
des göttlichen Willens und Ratschlusses an sich tragen Zudem machte ich noch
die Bemerkung dass unter dem gemeinen auch von Übermacht beherrschten Manne
von jeher die Schwärmer und niemals die Bestürmer der Religion entstanden sind
so dass der Mutwille und die Unbändigkeit die aus dem Überflusse an Glücks
Geistes oder Gewaltskräften entstehen die Hauptursachen dieser männlichen
Verkehrtheit sein mögen  Weiter meine Liebe gebührt mir nicht zu gehen Doch
freut mich innigst bei den vielfältigen oft zu eifrigen Widersprüchen
gekommenen Unterredungen über den wahren Verstand dieses oder jenes biblischen
Gedanken immer bei Allen eine tiefe Verehrung für den göttlichen Ausspruch
gesehen zu haben »Liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst«

    Möge dieses in alle meine Taten des Lebens verwebt und am Ende meiner Tage
das Zeugnis sein mit welchem ich den letzten Blick auf meinen Nebenmenschen
und den ersten in die Ewigkeit tun werde 
 
                          Sechs und zwanzigster Brief
Könnte ich o meine Mariane nach dem Verluste der edlen Henriette noch jemand
so sehr lieben als ich Sie liebte so hätte ich hier eine weibliche Seele
gefunden die mich anziehen würde
    Madame G führte mich in eine große Gesellschaft und sobald sie mich der
Frau vom Hause vorgestellt hatte sagte diese mit einer Art Zischerei »Wissen
Sie dass ich Heute so glücklich sein werde die seltene Madame D bei mir zu
sehen Vielleicht kommt sie nur weil sie weiß dass Sie da sind aber ich werde
sie doch auch besitzen«  Madame G sagte nichts »darauf wandte sich aber zu
mir und sagte Sie werden Madame D meine liebste Freundin und eine sehr
schätzbare Frau sehen auf die ich Sie bitte aufmerksam zu sein denn ich will
Ihnen von ihrem Charakter erzählen«
    Es kam eine ziemlich große wohlgewachsene Frau von vier und dreißig
Jahren von vielem Anstande mit vieler Lebhaftigkeit in ihrem Bezeigen Nicht
besonders schön aber eine Physiognomie die einnehmend war Viele von den
Männern bewiesen ihr besondere Aufmerksamkeit Sie redete aber meistens mit
Frauenzimmern und gab da sie mit Madame G war ihrer Unterhaltung einen
geistreichen und zärtlichen Ton der mit einem ganz eigenen Ausdruck ihrer
Gesichtszüge begleitet war die sie immer reizender machten indem ihre Stimme
beständig sanfter und melancholischer wurde Die Blicke der Madame G waren
aber während dem Reden ihrer Freundin sehr bedeutend auf einen der anwesenden
Herren geheftet der nahe bei ihr saß und in ein artig tändelndes Gespräch mit
einer niedlichen Koquette verwickelt zu sein schien Ich suchte die Ursache des
Ausdrucks der Augen von Madame G in dem Manne den sie betrachtete und fand
in Wahrheit in seiner ganzen Gestalt das was für mich die edle schöne Größe des
liebenswürdigen Mannes ist Die Bildung seines Gesichts war nicht so regelmäßig
schön als seine Figur aber Züge der Winkelmannischen Seelenruh Züge des
denkenden Geists und des festen Charakters der nichts tut als was er will
und gut findet waren in seinem Gesichte welches durch das Gemische von
Leichtigkeit der Ideen gegen die Koquette nur um so interessanter wurde 
Madame D sah gar nicht auf seine Seite sondern führte ihre Unterredung bis
zum Rührenden fort  Madame G drückte ihre Hände an ihre Brust und sagte mit
Seufzen »O Sie liebe vortreffliche Frau wa « hier legte Madame D geschwind
ihren Finger auf den Mund der Freundin denn Herr C hatte bei diesem Ausruf
sich umgesehen und sein flüchtiger Blick machte Madame D äußerst erröten
Aber dies machte sie sehr schön denn es war die Rosenfarbe welche
Bescheidenheit und Liebe über die Wangen der Tugend verbreitet Herr C stützte
nach diesem seinen Kopf auf den Stuhl sah nicht mehr um sich redte auch wie
mich däuchte nicht mehr mit der nämlichen Fertigkeit wie vorher Aber Madame
D war stille in sich gekehrt und Madame G sprach mit mir Alles dieses
zusammen sagte mir dass Herr C eine starke Rolle in dem Spiel hätte doch sah
ich erst ganz klar nachdem wir zu Hause waren und Madame D hatte sagen
gehört »O meine Freundin ich bin noch lange nicht stark genug ihn in
Gesellschaft zu sehen lassen Sie mich immer in meinem Kabinet den süßen Kummer
über seinen Verlust genießen Ich bin glücklicher wenn ich den leeren Platz
ansehe auf welchem er ehmals mir gegenüber saß als wenn ich ihn selbst immer
gleich liebenswürdig meinem Herzen immer gleich wert nahe bei mir den
reichen Schatz seines Geistes in kleinen Spielpfennigen austeilen sehe Es ist
unglücklich für mich dass ich einsam die Stärke der sympatetischen Bande fühlen
muss die mich an seinen Geist und Charakter heften aber sollte er mich hassen
so ist mir sein Hass werter als die Liebe eines andern Mannes« 
    Dieses und die Zärtlichkeit mit welcher sie die Madame G umarmte zeigte
mir eine traurige Leidenschaft und ich sagte nach dem Essen zu Madame G was
ich alles gehört und jenes was ich bemerkt hätte  »Sie waren also fein
aufmerksam«  »So wie Sie es wollten liebe Madame G«  »Nun kommen Sie
ich will mein Wort halten«  Und hier ging sie zu ihrem Schreibtische und holte
diesen Aufsatz Von dem Glück der edlen Liebe welchen Madame D in der Zeit
verfertigte da die reizende Hoffnung einer Vereinigung mit Herrn C in ihrer
Seele blühte Ich habe ihn aus dem Englischen der Frau D in mein Deutsches
übersetzt und ich meine Sie werden mit mir bejammern dass es nur die Träumerei
einer schönen liebevollen Seele bleiben soll denn Herr C liegt in den Netzen
einer feinen Koquette der großen Welt und Madame D verwirft alles was Netz
und Schlingenartig ist Sie will weder der Kunst noch der List ihre
Glückseligkeit zu danken haben sagt sie ihrer Freundin G aber in jedem
Augenblick meines Lebens und auch bei der geringsten meiner Handlungen will ich
mir sagen können »Wenn C mich sähe wenn er mich hörte so würde er mir seine
Hochachtung nicht versagen«  Täglich vermehrt sie die Kenntnisse ihres Geists
und verwendet ihr Vermögen zu Wohltaten Aber täglich entfernet sie sich mehr
von Umgang und Gesellschaften denn es hätte immer von ihr abgehängt Herrn C
zu sehen und sogar der Madame S ihre Unternehmung auf sein Herz schwer zu
machen Aber das erste Merkmal von Vergnügen das sie bei ihm über das Anlocken
der Frau S bemerkte gab ihrer Hoffnung eine tödliche Wunde die sie in ihrem
Hause verbergen will  Einigemal hat er sie besuchen wollen da sie aber ihren
Leuten befohlen hatte ohne Ausnahme jeder Mannsperson zu sagen sie wäre nicht
zu Hause so kam er nicht wieder und gewöhnte sich um so mehr an den Umgang der
Madame S die ihn immer auf der einen oder andern Seite mit neuen Fäden
einzuspinnen wusste  Nur Gestern kam der Madame D der Gedanke ihn Einmal
wieder zu sehen Sie redete es mit Madame G ab wurde aber aufs Neue
unglücklich indem sich sein Bild aufs Neue in ihr zärtliches Herz prägte
                        Bild des Glücks der edlen Liebe
Mylord Arundel ein edler junger Mann der unter dem Druck einer harten
widersinnigen Erziehung die feine Empfindsamkeit seines Herzens für jede
Schönheit der Tugend und den aufkeimenden Scharfsinn seines Geists für das Edle
und Große der Wissenschaften ganz im Verborgenen nähren und erhalten musste
weil er niemand um sich sah der als liebreicher geschickter Anleiter oder als
Gefährte den schönen Pfad der Kenntnisse mit ihm in die Höhe steigen wollte
Aber mit desto festerm Schritt ging er alleine Ohne fremde Stütze war er
verbunden seine eigene Kräfte um so mehr hervor zu suchen zu üben und zu
gebrauchen Ein Nutzen der ihn an alles Leiden seiner Jugendjahre mit Segen
erinnert weil er überzeugt ist dass eine fremde Hand die ersten Funken seines
Genies entweder ersticken oder zu einem wilden Feuer hätte treiben können Mit
der Ruhe der Sanftmut und des gelassenen Leidens in seiner Miene wuchs er auf
Die moralische Triebfedern seiner Seele halfen seinem Körper das reine Ebenmaass
der edlen männlichen Gestalt erreichen Kenntnis und Gefühl des Sittlichschönen
gab ihm das feine Auge für das Schöne der Natur und Kunst Eine mit Nachdenken
gemachte Reise durch Frankreich und Italien befestigte seinen Geschmack am Edlen
und Großen deren Kennzeichen er überall ausfindig machte ob sie in einer
Arbeit des Geistes des Gelehrten des Künstlers oder in den tiefen Falten
einer Seele lagen Sein Vater hatte ihn zu einer sehr trocknen Amtsbeschäftigung
gewidmet Folgsam gegen das Leitband der Pflicht hatte er es ohne Widerstreben
angenommen Aber sein Geist und Herz litten viel dabei Seine Gesundheitskräfte
erlagen er wurde kränkelnd und etwas melancholisch Im Verborgenen ausgeübte
Wohltaten versüssten allein seine ihm bitter werdende Tage indem er aus Mangel
anhaltender Gesundheit seiner Lieblingsneigung im Studieren nicht genugsam
folgen konnte Einsame Spatziergänge widmete er dem Nachdenken weil er fand
dass die freie Luft der Anblick der schönen Natur und die Bewegung ihm Gutes
tat
    Eines Tages kam er in der Hülle seiner Gedanken verwickelt unvermerkt über
drei Stunden von seinem Wohnsitz hinweg als er durch einen Rogenwind und die
fallende Wassertropfen zu sich gerufen um sich sah und in einer ihm nicht sehr
bekannten Ebene keinen Schutzort vor sich fand als das in einer Entfernung an
dem Ende einer Gartenmauer weit hervorragende Dach eines Chinesischen
Sommerhauses Dorthin eilte er um sich etwas trocken zu erhalten Die
Fensterladen gegen die Seite wo er herkam waren zugeschlossen weil eben der
Wind den Regen dahin trieb Er stellte sich auch auf die andere Ecke und hörte
da verschiedene Personen in dem Sommerhause mit einander sprechen Die meisten
waren über den Regen missvergnügt weil er einen abgeredten Spatziergang
verhinderte Eine sanfte Frauenzimmerstimme aber nahe am Fenster fing an von
dem Vergnügen zu reden das sie über die freie Aussicht der Gegend und der sich
sammelnden und nähernden Regenwolken empfunden habe Sie setzte hinzu es dünke
sie an ihrem Herzen einen Teil der Erquickung mit zu fühlen die den Bäumen
Wiesen und Feldern durch den so wohltätigen Regen zukäme  Eine etwas rasche
Person schien ihr zu antworten denn es wurde ihr ganz kurz gesagt »O Sie
lieben den Regen nur weil er Kälte mit sich bringt« Der meiste Teil lachte
hier Aber nach einigen Augenblicken sagte die Damenstimme auf französisch »Wie
wenig kennt man mich meine Freundin wenn ich der Unempfindlichkeit
beschuldigt werde Fände sich nur der Mann den ich nach meinem Herzen lieben
könnte wie gerne würde ich meine Zärtlichkeit zeigen aber sie soll eher mein
Leben untergraben und ungenützt mit mir vergehen als einem der Männer die ich
kenne zu Teile werden«  »Ach Emma« sagte eine andere Stimme »Sie sind zu
feindenkend geworden Sie werden fürchte ich niemals glücklich sein denn der
Mann Ihres Herzens lebt nicht«  Ganz melancholisch sagte die erste Dame »Nun
so liebe ich mein Ideal von ihm und Sie meine Freundin«  Lord Arundel
aufmerksam und eingenommen von diesem Gespräch stand ohne Bewegung da als
einer von den Gästen ans Fenster kam und ihn erblickte und da er ihn kannte
ihm sogleich zurief er möchte doch in das Haus treten wovon die Türe an der
einen Seite offen stünde  Gerne folgte er dem Rufe der ihm Hoffnung machte
das Frauenzimmer zu sehen deren kleines Gespräch seinem Herzen so nahe gegangen
Gleich bei dem Eintritt in das Zimmer blickte er an das Fenster unter dem er
gestanden hatte Drei Damen saßen da alle sehr artig die Frau des Hauses und
ihre zwo Töchter stunden nahe bei ihm und eine Dame nicht so schön als die
andre an ein gegenseitiges Fenster angelehnt Die Herren bewillkommten ihn die
Damen machten stumme Knickse und er erzählte wie es zugegangen dass er dahin
gekommen sei Aber während dem Gespräch horchte er auf den Ton der Damenstimmen
und suchte die ihm so angenehme Rednerinn unter zwo reizenden jungen Damen die
er wechselsweise mit Aufmerksamkeit beobachtete indem er die so gefühlvolle
Seele gewiss in der niedlichsten Figur zu finden dachte und es vielleicht auch
wünschte  Begierig welcher von beiden er eigentlich seinen Beifall für Geist
und Person schuldig sei wünschte er dass sie reden möchten als er auf einmal
zu seinem größten Erstaunen hinter seinem Rücken die Stimme ertönen hörte
»Liebe Henriette kommen Sie und sehen wie schön die niedergehende Sonne das
von dem Regen glänzende Wäldchen und das Feld in der Ferne mahlt«  Und diese
Stimme gehörte der Dame deren Reize am Verblühen waren  Arundel war unwillig
wie ein Gärtner es werden könnte der den blassweissen Rosenstock mit reichern
Blumen fände als den der reizendes Rot trägt  Doch hatte die Dame durch den
moralischen Ton ihrer Seele schon einige Rechte auf sein Herz erhascht  Er
betrachtete ihren Anzug der in falbem Grau mit weißen Schleifen bestund Durch
eine Wendung welche die Dame machte sah er zu seiner Freude dass die mangelnde
Blühte ihrer Gesichtsfarbe durch eine sehr einnehmende Bildung ihrer Gestalt
ersetzt wurde und dass der Ausdruck einer moralischen Seele in ihrer Miene lag
 Nun fragte er nach ihrem Namen und man nannte die verwittwete Lady Emma die
sich seit acht Tagen hier aufhielt  Ein geheimer Zug näherte ihn zu ihr und
er fing auch an von der reizenden Abendröte zu sprechen deren Widerschein das
Gesicht und die halbversteckte Brust der Dame dem Kennerauge sehr verschönerten
Ganz ungekünstelte Grazie die durch die sittliche Bewegungen ihrer Seele über
ihre ganze Person ausgebreitet war machte mehr und tieferen Eindruck auf ihn
als er dachte  Er blieb den Abend da kam die folgende Tage öfter zu Pferde
welches er mit dem edelsten Anstand regierte
    Sein Umgang die Erzählung von seinen Reisen von der Verwendung seiner
Tage mit so viel Bescheidenheit er sie machte gaben der guten Lady Emma mit
dem Gedanken du edler würdiger Mann auch zugleich das volle Maß »ewiger
tugendhafter Liebe« für den Mann ihrer Seele  Jeder Reiz ihrer Person jeder
Zug von Geist jede edle Eigenschaft ihres Herzens schien durch den Hauch der
Liebe belebt in einem neuen Glanze zu stehen
    Mylord Arundel widersetzte sich dem anziehenden Vergnügen so er in ihrem
Umgang fand gar nicht doch sah sein Beobachtungsgeist bei jedem Schritt
sorgfältig um sich  Denn erst nach hundertfachen Wendungen die er durch
Fragen durch fein veranlasste Gelegenheiten der Lady Emma gab ihren Charakter
auf allen Seiten zu zeigen erst da überließ er sein Herz der Freude über die
wohltätige Gewalt die er der moralischen Schönheit über seine Seele gelassen
hatte  Er fühlte dass allein die Liebe und der Besitz eines gleichgestimmten
Herzens das Glück sei dessen Mangel sein Leben so traurig und leer gelassen
hatte Doch furchtsam wie der Mann von wahrem Verdienste es allezeit ist wagte
er lange nicht von seiner Liebe zu reden  Aber wie glücklich machte er Lady
Emma durch dieses Geständnis wie sehr freute sie sich dem von ihrem Herzen so
lang gewünschten Manne zu gefallen und Eigenschaften zu besitzen wodurch sie
ihn glücklich machen konnte  Wie zärtlich waren ihre Berechnungen über das
große Maß der höchsten Freude welches sie bei Erblickung ihres Arundel
genieße Wie viel größer wenn sie nach einer kurzen Abwesenheit seine Hand an
ihr von Liebe klopfendes Herz drückte seine Stimme seinen Fußtritt hörte Bei
Emma und Arundel wurde der Seelentausch den man bei wahren Liebenden behauptet
zur unerschöpflichen Quelle der reinsten Glückseligkeit dieser Erde Die
Zärtlichkeit der schönen Seele der Lady Emma die edle Güte die Wahrheit des
moralischen Gefühls welche jeden Schritt ihres Lebens bezeichneten stärkte in
Arundels Seele den Glauben und die Liebe der Tugend so wie die Größe und der
Scharfsinn seines Geists den Geist der Lady Emma immer mehr bereicherte
besonders da sie vereinigt eine Reise nach Italien und Sizilien machten damit
Lady Emma das glückliche Stück Erdreich mit eigenen Augen sähe auf welchem der
große Genius der Alten mit so vieler Mühe die ehrwürdigen Überreste seiner
schönsten Werke aufbewahrt
    Hier ließ Lady Emma die ganze edle Figur ihres Arundel mahlen wie er mitten
unter zertrümmerten Stücken der größten Baukunst die fein gearbeiteten
CypressenGewinde eines Aschenkrugs mit dem tiefen Gefühle der Vergänglichkeit
betrachtete Der Lady Bild neben ihm wie sie mit dem höchsten Ausdruck
zärtlicher Liebe eine seiner Hände hält während ihr Auge ihm sagt »O mein
Arundel möge einst Dein seelenvoller Blick so auf dem Behältnis der Asche
Deiner Emma verweilen Der Geist meiner Liebe für Dich wird meine Überreste
umschweben und eben so dankbar wie der Genius des Künstlers der auf dieser
Urne ruht die Achtsamkeit Deines großen menschenfreundlichen Herzens bemerken«
                          Sieben und zwanzigster Brief
Ich bin etwas traurig meine Freundin Die zwei Damen G und D haben mich
beinah überzeugt dass das Bild der glücklichen edlen Liebe ein Traum sei und
dass sich kein Mann fände der die Stärke der Zärtlichkeit einer Emma oder einer
Madame D lieben würde
    Also meine Damen ist der Charakter eines Arundel Traum während dass der
von einer Lady Emma Wahrheit ist Die Eigenliebe und Eitelkeit der Männer ist
also ein viel niederträchtigeres elenderes Ding als die unsrige Und du
ehrwürdige Vorstellung des geistvollen edlen moralischempfindsamen Manns du
bist nichts als Schattenbild das meine gute Phantasie erschuf  Könnte ich es
so ganz glauben meine Mariane so möchte ich auf Henriettens Grab gelehnt
heute noch meine von diesem Ideal erfüllte Seele ausweinen denn ich kann nicht
halb lieben nicht zur Hälfte hochachten  Das Beste was wir Menschen dem
Himmel geben können ist Verehrung und Liebe Aus diesen zwei höchsten
Gesinnungen besieht auch unsre Freundschaft unsere vorzügliche Neigung für den
Mann an den der innere Ruf der ewigen Gesetze der Natur und die Leitung eines
Bilds vom Liebenswürdigen uns heften und es sollte immer Tausende geben deren
körperliche Gesundheitskräfte hinreichen mehr als einmal alle Zonen unserer
physikalischen Welt zu durchreisen und das schöne Gebiet des moralischen
Kreises soll unter ihnen keinen Wanderer finden der es mit eben dem Eifer mit
eben dem Anhalten durchginge als die Andern Meere und Gebirge durchkreuzen 
Nein meine liebe Madame D alte und neue Geschichten das Bild selbst so Sie
mir von Ihrem geliebten Herrn C mahlen beweisen dass es Arundels Henris
Mandevills Rivers und Grandisons geben kann und gibt  Würden den Tugenden
des Herzens eben so viele Ehrenzeichen und Glücksgüter gegeben als man sie dem
Verdienste des Verstands anweiset so würden wir eben so viel edle Taten als
geschickte Arbeiten von unsern jungen Männern sehen 
    »Das ist alles recht schön recht gut meine liebenswürdige Freundin«
sagte Madame D »aber es ist noch nicht sicher dass diese vortrefflichen Leute
eine von uns beiden lieben würden« 
    »Und meine D hat sehr gut gesprochen« fiel Madame G ein »Denn wenn
man Euch beide recht nahe besieht so seid Ihr freilich bewundrungswerte
Frauenzimmer aber just diese Bewunderung hindert den Anfall der Liebe  Ihr
fordert Tribut Ihr lasst niemand die Freude Euch Etwas zu schenken Meine D
da hätte gewiss die Wagschaale bei C übergezogen wenn sie nicht zu stolz
gewesen wäre sich der S gegenüber mit Etwas Gefälligkeit zu wägen«
    »Ach meine Liebe Herr C kannte meine gute Seite schon und es ist
sicher in dem Augenblick wo eine S gefällt ist es nicht mehr möglich dass
ich Etwas erhalte«
    »Und warum nicht Hätte nur Ihre eigensinnige Feinheit nicht vergessen dass
der weiseste edelste Mann auch Mensch ist und dass in den Augenblicken wo
dieses Gefühl redet die kluge hochachtungswürdige Freundin das gefällige Weib
zeigen muss Hätten Sie dieses getan liebe D so wäre C zu Ihren Füßen 
Ich weiß wie sehr er Sie schätzte Wären Sie nicht gleich völlig zurück
geblieben so hätten Sie selbst bei seiner anfangenden Achtsamkeit für die S
gewonnen Er liebt der S ihre Redekunst und die Mühe die sie sich um ihn
gibt  Wären Sie zur Seite gewesen hätte er sagen können S ist anlockend
sie hat Witz ich habe Eindruck auf sie gemacht sie sucht mir zu gefallen aber
was ist ihre Seele gegen die Seele der D Tugend und wahrer Geist sind dieser
eigen die Hochachtung die sie mir zeigt kann Liebe werden schon habe ich
manchmal Zärtlichkeit in ihrem ernsten Auge gesehen ihre Stimme ist sanft wenn
sie mit mir spricht ein Paar Blicke haben mich gefragt ob ich ihr die S
vorziehe Ich habe dieser ihren feinen Fuß gelobt und einige Minuten darauf sah
ich dass der Fuß der Frau D sehr schön gebildet ist S ist niedlich schön
D edel gestaltet Die Liebe dieser Frau ist süßer als das Schmeicheln der
Koquette   Und sehen Sie so würde er gedacht haben und genösse nun das Glück
Ihrer Liebe die Ihr Herz verzehrt«
    »O Sie mutwilliges Geschöpf« sagte Frau D »Liebäugeln meinen Fuß
zeigen sollte ich um das Herz zu erhalten das ich damals zu beleidigen gedacht
haben würde wenn ich dieses als einen Weg dazu angesehen hätte  Wenn ihn die
S glücklich macht  ach möge er es sein Der höchste Grad weiblicher
Eitelkeit muss durch die Erfahrung dieses Mannes einen glücklichen Stolz
empfinden  Sie spielt mit ihm Ich würde ihn als das größte Geschenk der
Vorsicht mit Anbetung geliebt haben  Nun ist es anders aber ich werde nie
aufhören meine traurige Zärtlichkeit für ihn zu nähren  Seine Liebe hätte
mich glücklich gemacht Aber seine Gleichgültigkeit nimmt ihm nichts von den
Verdiensten um derentwillen ich ihn ewig lieben werde«
    Eine Träne endigte das Gespräch und gewann ihr mein Herz  O meine
Mariane die Männer wollen also nicht geliebt wollen nur geschmeichelt sein 
 
                           Acht und zwanzigster Brief
Noch immer meine Mariane bin ich an diesen fremden Boden geheftet
hunderterlei große und kleine Ursachen rücken das Ziel unsers Aufenthalts weiter
hinaus  Gestern sprach ich darüber mit meinem Oheim und ließ mir den Gang der
Nachsuchungen über Recht und Unrecht erklären Er lachte herzlich über meine
Ausrufung da ich dem Himmel dankte dass unser Körper dem hässlichen Hin und
Hergehen und vergeblichen Seitenschritten unsers Geists nicht unterworfen sei
 aber gewiss ist auch dass die stärkste Masse der physikalischen Welt das
Ausdehnen Zerreissen Wiederzusammensetzen Prägen und Modeliren nicht
ausdauern würde welchem unser Verstand von den ersten Jahren an auf so viele
mühselige und unnütze Weise ausgesetzt ist 
    »Freue Dich darüber Rosalie« sagte er »denn dieses beweiset Dir dass der
Urstoff Deiner Ideen unzerstörbar ist Sonst hätte das Eigene Deines Charakters
unter dem Gehorsam gegen die Führung Deiner Jugend und dem bisherigen Beugen
nach der Gewalt der Umstände erliegen müssen und vielleicht würdest Du nicht
die Hälfte Deiner Fähigkeiten entfaltet haben wenn nicht Deine wunderliche
Baase und einige Widerwärtigkeiten Deinen Kopf und Herz geneckt hätten«
    Er hatte seine Hand freundlich nach mir ausgestreckt und die meinige bei
den letzten Worten etwas geschüttelt Die Bewegung seines Kopfs fragte ob es
nicht wahr sei  Ich gestund dass er Recht hätte aber zugleich sagte ich
unter zärtlichem Küssen seiner Hand dass wenn er mich nicht durch seine Güte
gestützt hätte so wäre gewiss jede Triebfeder meiner Seele zerknickt worden 
    »Das mag wahr sein« erwiderte er »aber hast Du denn vergessen dass ich
selbst Versuche gemacht habe sogar die Stefte auszuziehen an die einige von
den Triebfedern befestigt sind Aber wenn ich sah dass Du aus Dankbarkeit für
meine Liebe alles aufopfern wolltest so konnte ich nicht fortfahren und ließ
Dich nach der Anlage der Mutter Natur gehen ungeachtet ich sah dass das
Abstechende Deines Charakters mit dem Charakter Andrer Dir manches Unangenehme
zuziehen würde Doch da Du ein hübsches Mädchen wurdest und Dein Kopf eben so
leicht und munter als Deine Seele empfindsam war so dachte ich es würde wohl
einen jungen Mann geben dem einmal das wunderliche Gemische von Schwachheit und
Stärke so in Dir liegt eben so erträglich vorkommen könnte wie mir« 
    Innig gerührt dankte ich dem besten Oheim für diese Gattung von
Freiheitsbrief den er mir durch diese Erklärung gab Meine Seele atmet nun
viel leichter als in manchen vorigen Stunden  Mein Oheim duldet mich gerne
so wie ich bin und Mariane von St liebt mich just deswegen Das ist genug
genug Glück von der männlichen und weiblichen Welt Ungestört und ungetadelt
sollen alle andre vor und neben mir gehen Ich werde keinem zurufen in meine
Fusstapfen zu treten Wenn ich nur unter dem Schutze der herablassenden
männlichen Weisheit meines Oheims an dem freundlichen Arme der weiblichen
Tugend die unter der Gestalt meiner Mariane wandelt den kleinen Weg meines
Lebens durchgehen kann sollten auch die schönen Hoffnungen meiner zärtlichen
Liebe zernichtet werden so werde ich immer mich noch glücklich genug finden
wenn bei dem Genuße Ihrer Güte mir das moralische Gefühl über Schönheiten des
Geistes und der ausübenden Tugenden bleibt  Adieu meine Mariane Warum warum
schreiben Sie so ungern Wie viel verliert Ihre Rosalia dabei
 
                           Neun und zwanzigster Brief
                      Abends 9 Uhr von dem Schloss R
Ich habe den heutigen schönen Herbsttag hier zugebracht aber bloß in der
Absicht Henriettens Grab zu besuchen und deswegen kam ich in großer
Gesellschaft um von Frau G weniger vermisst zu werden Ich hatte das nemliche
Kleid angezogen in welchem mich Henriette das Erstemal sah mich darin umarmt
und ihren schönen Kopf auf meine Schulter gelehnt hatte  Ich ging durch einen
Umweg zwischen den Feldern und Hecken ganz allein Ich die sonst unmöglich
allein durch die Straße einer Stadt gehen konnte Aber das Gefühl von Tod
Ewigkeit Tugend und Freundschaft erhob mich über alle andere Empfindungen
Meine Seele dünkte mich größer erhabener als jemals In dem weiten Luftraume
war Ruhe um mich her da der Landmann auf der welkenden Wiese und dem kaum
ausgesäeten Felde für seine arbeitsame Hand nichts zu tun hat Nichts störte
meine Bewegungen nichts hinderte sie Ich war nicht munter Mariane aber
glücklich sehr glücklich Jeder Blick gen Himmel war in meinem Herzen ein
süßes heitres Gefühl von dem Vaterlande das mich näher dünkte als während
meinem Aufenthalte in der Stadt und in Häusern  Die schöne braune Farbe des
neugebauten Feldes ließ mich mit ausgebreiteten Armen und mit innigem Gefühl
unserm großen liebenswürdigen Klopstock nachsagen »Sei mir gegrüßt Erde mein
mütterlich Land die du mich gebahrest und einst im kühlenden Schoss zu den
Entschlafenen Gottes begräbst und meine Gebeine sanft bedeckst«
    Mit diesem kam ich allmählig auf die kleine Höhe wo ich rechter Hand
Henriettens Wohnhaus die gelben welkenden Blätter der Laube und die
rotwerdende Epichwand des Nebenhauses sah auf meiner Linken aber die sich am
blauen Firmament erhebende Stücke der alten Kapelle und des runden Daches über
Henriettens Grabe ansichtig wurde Ich blieb stehen Eine Träne trat mit der
Erinnerung jeder Auftritte in diesem Hause in mein Auge  Edle selige
Freundin Deinen Wohlstand Deine Blüte sah ich nicht nur Dein Verwelken und
die zitternde Bewegungen die der Hauch des Zufalls in den letzten Tagen Deiner
Hinfälligkeit verursachte Sanft wie das Haupt einer zerstörten Blume fielest
Du zur Erde  Ach möchte mit Deinem letzten Blicke Deine reine Tugend mein
Erbteil geworden sein 
    Nun war ich an ihrem Ruheplatze und blieb am Eintritt stehen nicht nur von
dem Anblick ihres Grabes äußerst bewegt sondern auch dadurch gerührt dass ich
meinen Schatten an ihrem Grabstein sah wohin ihn die niedergehende Sonne warf
Ich weiß nicht aus welcher gemischten Bewegung ich mich an eine Säule lehnte
und solche mit einem Arm umfasste eben da ich in mir sagte »Der Schatten der
lebenden Freundin über dem Staub der toten«  Ich zog meinen Handschuh aus
sah auf Henriettens Miniaturbild welches ich in ein Armband gefasst habe küsste
es und ging an den sie deckenden Stein  Ein kleiner Schauer überfiel mich
und auch der Gedanke warum bist du herangegangen Doch gleich zog ich auch
meinen rechten Handschuh aus breitete meinen ganzen Arm über den Stein hin und
ich konnte sprechen »Ach kalt fühllos wie Du ist nun das Herz in welchem
die zärtlichste und feurigste Liebe wohnte und aus welchem so viel tätige
Tugend floss«  Ein für Worte zu starkes Gefühl ließ mich auf eine Zeit lang
schweigen und weinen Tief in meine Seele drang der Gedanke Verwesung Aber ein
Sonnenstrahl der zwischen den Säulen einfiel und Henriettens Bildnis
beleuchtete belebte auf einmal mit ganzer Kraft das Gefühl von Unsterblichkeit
unsers besten Teils mein Herz sprach »Ja glänzender als die höchste Blühte
Deiner irdischen Reize war ist nun die verewigte Schönheit Deiner Seele und
ich in vollem Genuss des Lebens und der Gesundheit auf Dein frühes Grab
gestützt sehe die höchste Glückseligkeit in Deinem seligen Tode  Das Beste
so ich nach diesem noch von der Erde begehren würde ist eine Träne der
Freundschaft die das Auge meiner Mariane auf meinem Grabe vergösse wenn ihr
Herz noch eine Zeit lang ein Zeuge der Tugend des meinigen gewesen sein wird«
    Aber Mariane warum kniete ich in dem Augenblicke da ich an meinen C
dachte nieder warum flossen bei seiner Erinnerung meine Tränen häufiger und
warum fühlte ich mein Herz gepresster als vorher  An dem Grabe einer viel
liebenswürdigern Person als ich bin geschahe dieses  Ach wenn es
Vorbedeutung wäre dass mein Herz auch von der Hand meines Geliebten gebrochen
werden sollte  Ich konnte nicht mehr bleiben rafte eine Handvoll Grashälmchen
zusammen die ganz dicht an dem Leichenstein hervorgesprosset waren und küsste
Henriettens Namen  Die Kälte des Steins die ich an meinen Lippen empfand und
welche auch zugleich im Überbeugen durch meinen seidenen Mantel auf meine Brust
drang gab mir eine Art von Erstarren Ich ging heraus musste mich aber weil
ich etwas zitterte niedersetzen da kam der junge Weber mit seiner Frau
Henriettens treue Lise und der Hofbauer mit zwei Kindern hinter der Kapelle
her ohne zu reden und die Männer mit den Hüten in der Hand Sie staunten mich
an und schaueten umher ob noch Jemand bei mir wäre  Lise schlug die Hände
zusammen und sagte »Ach Sie lieben mein armes Fräulein noch« fiel vor mir
auf die Knie und weinte laut Die andern stunden wehmütig um uns her Ich
konnte es nicht länger aushalten steckte mein Gras in die Schürze und reichte
den Leuten die Hände  Lise sah das Bild zog meine Hand an sich »Ach so sah
sie aus so schön war sie«  Die andern drangen sich ehrerbietig aber eifrig
hinzu und die Ausrufungen Ach Du wohltätiger Engel und das mit erhabenen
Händen Gott vergelte Dir gingen mir durch die Seele Weinend sagte ich »Gott
segne Eure dankbare Herzen und lasse Uns einmal alle im Himmel bei ihr stehen
wie wir bei ihrem Grabe stehen«
    Wie schnell meine Mariane wirkten diese wenigen Worte auf die guten Leute
Alle Hände falteten sich in jedem Gesicht war ein frommer Entschluss und ein
Schimmer von seliger Freude Sie fassten meine Hände mein Kleid gerade als ob
sie mir für die Einladung dankten und versprechen wollten gewiss da zu sein
    Henriette vielleicht hat Deine Seele in den Unsrigen gelesen und freute
sich dass bei Deinem Grabe Gelübde der Tugend gemacht werden  Feierlich dachte
ich dieses da ich noch ihr Grab ansah  Ich umarmte Lisen winkte den Leuten
da zu bleiben und ging langsam mit den letzten Strahlen der Sonne nach R
zurück wo ich in mein Zimmer mich einschloss von meinem Grase Henriettens und
meinen Namen zwischen Papier flochte Ihnen schrieb und jetzt mit einer heiligen
aber süßen Schwermut schlafen gehe
                                      Ihre
                                                                        Rosalia
 
                               Dreissigster Brief
Da bin ich in der Stadt zurück und da wir uns nun ein Jahr hier aufhalten
werden habe ich einen Plan für mein Vergnügen gemacht Doch wenn jemals eine
fremde Person Ursache hatte den Charakter der hiesigen Einwohner zu lieben so
habe ichs weil die meisten die ich hier kenne so viel Aufmerksamkeit für mich
bezeigen dass sie in alles eingehen was sie von meinen Lieblingsneigungen
wissen denn sie befleissen sich mir die Familien zu bezeichnen worin schöne
moralische Auftritte vorkommen Andre suchen in ihrem Gedächtnis
charakteristische Züge hervor die zur Ehre der Menschheit unsers Zeitalters
dienen und ich habe wirklich das Glück gehabt in dem Zirkel in welchem ich
meistens lebe dem Vergnügen des Lobens das Übergewicht über die Reize des
Tadelns zu geben  Ein Zufall veranlasste die Bemerkung dass verkehrte Begriffe
von der Glückseligkeit den Fortgang und die Ausbreitung der Tugend
verhinderten Hätte man zum Beweis eben so viel Wert auf die Bekanntschaft
und den Umgang mit Weisen und Tugendhaften gelegt als man demjenigen Vorzüge
erteilt der sich des vertrauten Zutritts bei Großen und Mächtigen rühmen kann
so würde die Begierde nach wahren Verdiensten des Geistes und Herzens eben so
herrschend geworden sein als es der Ehrgeiz nach Rang und Titeln geworden ist
 Ein munterer aber zugleich ganz vieldenkender junger Mann fiel hier ein Er
wäre überzeugt dass dieser Wunsch sehr leicht erfüllt werden konnte wenn das
Glück der Tugend und Weisheit in sichtbaren Kennzeichen erschiene oder wenn in
jedem Lande ein Mittelpunkt vorhanden wäre dem allein wahres tätiges Verdienst
sich nähern dürfte Ein einziger edler Mann kann dieses hervorbringen Ich sah
fuhr er fort den Beweis davon während meinem Aufenthalte in S wo einer der
würdigsten Kavaliere eine angesehene Stelle bekleidet und darin nicht nur die
Früchte seiner Gelehrsamkeit zum Besten des Landes verwendet sondern als
Schutzgeist der Rechtschaffenheit der Kenntnisse und des redlichen Eifers für
das gemeine Wohl erscheint dessen Haus der Tempel ist wohin das verfolgte
Verdienst sich flüchtet und an dessen Händen alle edle alle würdige Männer
sich anschließen dessen Achtung als Beweis dient dass man Tugend und
Wissenschaften besitzt Diesem vortrefflichen Manne wird das große schöne Land
worinnen er wohnt noch auf späte Zeiten den Anbau des vaterländischen
Verdienstes zu danken haben
    Urteilen Sie meine Mariane von dem Bergnügen so ich hatte in diesem
Gemälde ganz allein den w R S v G zu sehen den ich selbst kenne und in
diesem Augenblick die so seltene Freude genoss nicht nur jeden Zug dieses Bildes
als wahr zu erkennen sondern noch jede liebenswürdige Eigenschaft der edelsten
und stärksten Fühlbarkeit des Herzens dazu setzen konnte welche so deutlich in
der schönen Melancholie seiner Gedichte erscheint und in seinem Privatleben
herrscht
    Dieser ganz unvollkommne Umriss eines moralisch großen Mannes ist der Anfang
von charakteristischen Beschreibungen die wir in dem Auszug unserer
Gesellschaft von lebenden Personen und die wir selbst kennen machen wollen 
Wir sind nur fünf Verbündete  Der Kreis unserer Bekanntschaft ist nicht groß
da wollen wir doch sehen wie viel übende Tugend uns vorgekommen ist Sie sollen
allezeit Abschriften haben
    Herr Fr sagt es wäre eine der edelsten Beschäftigungen die ich mir in
dem letzten harmlosen Jahre meines Lebens machen könne denn sobald Herr C
seine Verbindung mit mir vollzöge so würden andre und bestimmtere Sorgen an die
Stelle der einseitigen Befriedigung meines Herzens treten doch wünsche er dass
ich immer die Gewalt haben möchte die Umstände nach meinen Gesinnungen zu
beugen weil sie sehr oft den Ausdruck und die Handlungen unserer Seele
verhinderten O er hat Recht denn wie oft habe ich dieses schon erfahren
Aber mein Freund C denkt wie ich nur er wird meine weltliche Obergewalt
sein und ich also in seinem Hause nach meinem Herzen leben können Große süße
Hoffnung
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                           Ein und dreissigster Brief
Eilf Tage unausgesetzt von einer Gesellschaft in die andere ist mir beinahe
unerträglich geworden Aber es war der jährliche Kreislauf von Visiten welchen
die Familie mit der wir leben zu Anfang eines jeden Herbstes bei denen macht
die nur als Bekannte nicht aber als Freunde angesehen werden  Mein Oheim fand
dieses Betragen etwas sonderbar weil er behauptete dass in elf Familien gewiss
verschiedenes Verdienst wohnte gegen welches diese Gleichgültigkeit ungerecht
wäre Madame G sagte darauf »Das mögen sich diese Leute gefallen lassen denn
es geht selbst der ganzen Reihe von Tugenden so alle sind uns bekannt aber mit
wenigen sind wir vertraut indem allezeit diejenigen vernachlässiget werden die
nicht in den Bund unsers Nutzens und Vergnügens gehören«
    Sagt nicht diese Frau ganz munter und nett triftige Wahrheiten Vier dieser
Herbstbesuche waren mir angenehm weil wir sie in den Landhäusern ablegten wo
diese vier Familien noch wohnten Alle haben sehr schöne Gärten doch zeichnet
sich der von Herrn Sch der an dem Ufer des M liegt durch seine
vortreffliche Lage und Anbau ganz besonders aus Dieses Haus zog aber meine
Aufmerksamkeit auch deswegen auf sich weil ich darin so viel
Übereinstimmendes in Allem fand Die feinsten Sitten und Bewirtung der
Hausherr einer der artigsten und belebtesten Männer die Frau voll der
schätzbarsten Güte des Herzens ihre Kinder liebenswürdig mit dem ganzen
Ausdruck von Empfindung ihres Glücks und des Wohlwollens für alle andre
Menschen  Besonders aber schien uns allen einer der erwachsenen Söhne das
wahre Bild eines schönen edlen und sanftmütigen jungen Mannes Er führte mich
durch alle Teile des Gartens und zeigte mir die Aussichten auf die Gegenden
umher mit sehr viel wahrer Fühlbarkeit für das Große und Schöne der Natur Bei
Tische hatte mir Jemand von seinem Hange zur Wohltätigkeit und den Kenntnissen
des Geistes gesprochen  Ich wünschte ihm diese Stimmung der Seele auf sein
ganzes Leben Denn da er durch eine große Erbschaft von seinem Oheim vorzüglich
reich wird so fehlt ihm zum Genuss vollkommener Glückseligkeit dieser Erde
nichts als die unveränderliche Dauer der edlen tugendhaften Gesinnungen seines
Herzens Der heitere Abend gab mir noch etliche selige Augenblicke da ich auf
das Geländer der Terasse gestützt zu meinen Füßen den schiffbaren Fluss zu
meiner Rechten eine schöne Allee von hohen Bäumen den Blumengarten über dem
Wasser vor mir unabsehbare Kornfelder und zur Linken Obstgärten Dörfer eine
Reihe waldigter Berge und die große volkreiche Stadt sehen konnte in welcher
gewiss eine eben so große Summe moralischen Guten liegt als mein Auge in dem
weiten Gesichtskreise umher physikalische Wohltaten sah In der großen
Gesellschaft die sich hier versammelt hatte war überhaupt unter den Männern
viel Verstand und das Frauenzimmer sehr liebenswürdig von Person und Sitten 
    Die Tage nach diesem war ich nicht ganz so zufrieden weil ich die traurige
Bemerkung machen musste dass man so selten Menschen findet bei denen die Liebe
des Guten und Edlen stark genug ist dass sie sich in gesellschaftlichen
Unterredungen mit Vergnügen auf einige Zeit lang bei guten Eigenschaften edlen
und großen Handlungen ihrer Nebenmenschen verweilten Wie oft habe ich die
Ermüdung und Langeweile gesehen die die Stimme der Hochachtung hervorbrachte
da hingegen der Spötter und Verläumder Aufmerksamkeit und Vergnügen erregte In
der feinen Welt ist es niedrig und unanständig von der Tugend eines
Handwerkers von der Rechtschaffenheit eines Bauern zu reden Bei Räuber und
Betrügerhistorien hingegen hält man sich auf und allein die Klasse der
Künstler die für den Pracht die Üppigkeit und die Wollust arbeiten erhält
noch einige Achtung  Ich will Ihnen darüber morgen einen launigten Einfall von
dem jungen Mann schreiben der das Bild des Herrn von G mahlte Adieu meine
Mariane Adieu von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                           Zwei und dreissigster Brief
Madame G hat mich Gestern auf ihre eigene Art dazu gebracht dass ich meinen
Brief an Sie vorzeigte während der junge Herr von O noch da war  Dieser
fand meine Anmerkung zu ernstaft und fing an die gesellschaftliche
Gutartigkeit der Menschen zu verteidigen und zum Beweise anzuführen dass man so
oft ein Frauenzimmer schön nenne sie liebe und bewundre ungeachtet man wisse
dass sie nur künstlich übertüncht wäre  Dann heiße man jenen fromm und verehre
ihn als einen gottseligen Mann weil man ihn fleißig beten sähe obschon seine
Handlungen auf zehnfache Weise bös und ungerecht wären wie lange behielten
nicht bloße Schwätzet den Namen vielwissender Leute usw
    »Schön Herr von O sehr schön« sagte Madame G »aber Ihr Scherz ist
beissender als Rosaliens Ernst«  »In was für einem Tone hätte ich es sagen
sollen meine Damen Rosaliens Ernst ist meinem Herzen sehr schätzbar weil er
das Werkzeug ist durch welches ihr Charakter so stark und so sittlich wurde
aber das Leben der besten Menschen würde sehr traurig verfliessen wenn sie das
Üble immer mit der tiefen Empfindung seiner Schädlichkeit betrachten wollten
Ich fühle an mir selbst dass unsere Tugend nur Stückwerk ist und wir sie
überhaupt nur für die andre Welt nötig halten weil man sie meistens erst am
Ende des Lebens mit vollem Willen und Kräften ergreift so wie man auf weiten
und wichtigen Reisen an den Gränzen eines Landes die Geldsorten einwechselt
welche da gäng und gäbe sind«
    »Ein sehr artiger Gedanke mein Herr« sagte wieder Fr G »Sie sehen also
die Tugend nur als einen Sparpfennig für Ihre letzte Reise und nicht als den
nötigen Reichtum dieses Lebens an Ich möchte wohl das Ganze Ihrer moralischen
Haushaltung kennen«
    »Sie haben zu befehlen wenn ich sie vorweisen soll Denn ich halte so gute
Ordnung dass ich keine Stunde der Untersuchung fürchten darf«
    »Nach was für einer Mode richteten Sie sich Herr Vetter englischer oder
französischer Sittenlehrer«
    »Nach keiner von beiden Weil ihre Vorschriften nicht immer zu mir und den
Sachen passten die ich mit einander verbinden wollte«
    »Das glaube ich denn Moral und Galanterie vertragen sich selten«
    »Vielleicht habe ich die Kunst gefunden sie zu vereinigen«
    »O machen Sie uns die Probe davon«
    Ich hatte während dem kleinen Gespräch zwischen Madame G und Herrn von O
immer fort gearbeitet und wünschte in der Tat, etwas Näheres von dem Kopfe
dieses jungen Mannes zu wissen den ich wegen des heitern Tones seines Geistes
sehr gerne in Gesellschaft antraf Aber ich fürchtete der spielende Witz der
Madame G würde ihn verhindern etwas ordentlich von seinen Gesinnungen zu
reden Doch nach der Auffoderung die sie gemacht hatte nahm er seinen Stuhl
setzte ihn uns gegenüber und sagte »Ich werde ernsthafte und muntere Sachen zu
erzählen haben Die Erstern sollen Mademoiselle Rosalie und die Andern meiner
Frau Baase gewidmet werden«
    »Gut« sagte sie »ich höre also das Beste denn Ihre ernsthafte Sachen
dünken mich närrischer als Ihre munteren«  »Ich hoffe« sprach Herr von O
»die Freundin wird in diesem Stück anders denken als die Baase«
    »Sie wissen sagte er zu Madame G dass ich zu Hause vielen Unterricht
erhielt und auch nach dem auf einer hohen Schule studieren musste Ich befolgte
beides ziemlich gerne aber meistens nur Maschienenmässig und erst auf meinen
Reisen fühlte ich dass die Sachen die man Denken Wissen und Urteilen heißt in
mir lagen und geschäftig sein wollten und dass ich von Ihnen im
gesellschaftlichen Umgang mit Gelehrten Künstlern und Damen einen eben so
nützlichen Gebrauch machen könnte als ich in Gastöfen Kaufmannsbuden und
andern Gelegenheiten mit meinem Gelde ihat«
    »Diese Vorrede ist sehr artig geraten Herr Vetter machen Sie sich aber
bald an das Ende Ihrer Historie«
    »Sie finden es artig und ich soll bald endigen Das sieht widersprechend
aus  Doch ich wollte eben sagen dass ich unvermerkt ein Beobachter wurde und
durchgehends so viel Widerspruch unter dem Reden und Handeln der Menschen fand
und mich darüber ärgerte dass ich mir vornahm wenigstens in mir alles
Misstönende zu vermeiden«
    »Und also aus Ihrer Seele eine Harmonica zu machen« fiel Frau G ein »Sie
wissen aber dass dieses Instrument aus lauter Glasstücken besteht und dass wenn
eines davon bricht ein ganzer Ton fehlt«
    »Und sehen Sie liebe kritische Baase ich will lieber einen Ton fehlen
lassen als dass alle ohne Übereinstimmung sein sollen und dem Himmel sei
Dank meine Seele ist nicht zerbrechlich«
    Frau G wandte sich zu mir »Dieses gehört Ihnen Rosalia denn hier ist
Ernst« Herr von O fuhr fort »Ja Rosalia ich wollte durchaus wissen warum
es dem Moralisten manchmal geht wie dem Landmann der Korn für uns bauet und
dann oft selbst kein Brod zu essen hat Ich fragte Leute und las Bücher aber
es dauerte lange ehe ich ins Klare kam bis mir von ungefähr etliche Gedanken
von dem Unterschiede aufstiessen der zwischen Seele Geist und Herzen wäre Da
hatte ich meinen Leitfaden aus diesem Labyrinth«
    »Ein glückliches Gleichniss Herr Vetter denn es gibt dreifaches Garn das
umeinander gedreht ist wie Ihr Herz Seele und Geist Es wird aber schwach und
verworren wenn man es auftrillt«
    »Brav meine Baase Man sieht dass Sie eine gute Arbeiterinn sind Denn die
Stärke Ihrer Anmerkung ist aus Ihren Beschäftigungen genommen Es ist mir lieb
wenn Sie Acht geben wollen wie ich meinen Faden brauchte Ich schrieb der Seele
alles zu was unsterbliche Tugend heißt dem Geiste alles was das Reich der
Kenntnisse angeht und dem Herzen unser hier auf Erden nötiges Gefühl für uns
und andre Ich sah dass uns der Himmel einen großen Schatz verschiedener
Glückseligkeiten damit gegeben hätte und versprach mir keine davon ungenossen
zu lassen Ich will das was den Teil meiner Seele angeht nicht berühren weil
es das Heiligtum der Ewigkeit ist und da ich alle meine Ratschlüsse abfasse
Aber ich würde mirs nicht vergeben wenn ich nicht eben so viel Begierde hätte
jede Tugend zu kennen als ich habe meinen Geist mit Wissenschaften zu
bereichern  Mein Herz liebt alle Freuden der Erde und ist überzeugt dass die
Vorsicht damit zufrieden ist Denn sie hätte sonst meine Sinnen nicht mit so
viel Fähigkeit zum Genuss erschaffen  Nur trage ich Sorge dass ich in dieser
Einrichtung nichts versäume und nichts in Unordnung geraten lasse weil ich
Leute kenne die entweder ihren Kopf allein mit Ideen bereicherten und die Seele
darben ließ oder diese mit einem übermäßigen Enthusiasmus anfüllten der
ihnen den Gebrauch der Kräfte ihres Geists und das Gefühl ihres Herzens als
unnütz und schädlich vorstellte Andre die weder ihre Seele noch ihren Geist in
Betrachtung zogen und allein dem Hange des Gefühls von Vergnügen nachgingen 
Alle diese Trennungen machen nur halb gute und halb glückliche Menschen die
ich immer mit Bedauern ansehe und mich über meine wohleingerichtete Haushaltung
freuen in der ich alles habe was Erdenglückseligkeit ist« 
    Frau G sagte hier »Für mein Schön Stück Geduld mit der ich zugehört
darf ich doch sagen dass ich die hoffärtige Historie eines Menschen weiß der
nur für sich denkt und lebt«
    Herr von O wurde etwas rot antwortete aber ganz ruhig »Sie sind
seherstreng meine schöne Baase Ich hoffe Rosalie verdammt mich nicht wenn
ich das was ich für andre tue auch allein von andern erzählen lasse«
    »Nun Rosalia« sprach Frau G zu mir »der Mensch wird über alles böse
was ich sage Geben Sie ihm doch eine Belohnung für die schönen Sachen die er
uns lehrte« 
    Von O sah mich an und streckte eine Hand nach mir aus so wie Jemand
der eine Gabe erwartet Da ich ihn munter sah und auch Madame G durch etwas
Ernstaftes von meiner Seite hätte können beleidigt werden so sagte ich ihm
»Ja ich will Herr Fr bitten Ihr moralische Vormund zu werden Denn es dünkt
mich dass wenn Ihr Kopf mit diesen Gütern zu viel spielt sie mit einem Mal
sehr stark verlieren könnten«  Er küsste mir lächelnd die Hand drohte der
Madame G mit dem Finger »Sie sind Ursach dass mich Rosalia für einen Spieler
hält Aber die Vormundschaft Ihres würdigen Bruders wird mir unschätzbar sein«
 
                           Drei und dreissigster Brief
Es ist Nachts zwölf Uhr und der Schlaf noch weit von mir entfernt weil wir
nach unserm Abendessen auf eine Unterredung kamen deren Gegenstand ich schon
oft betrachtet aber nicht unter dem fürchterlichen Bilde gesehen hatte wie er
durch Jemand unserer kleinen Gesellschaft gemahlt wurde 
    Die Eigenliebe welche mir als das höchste Geschenk des Himmels erschien
durch welche ich alles Gute dieser Erde und auch die Hoffnung der künftigen
Glückseligkeit genießen und mir eigen machen könnte weil sie das Wohlsein
meines Selbst für Jetzt und für die Ewigkeit zu besorgen hat diese hörte ich
diesen Abend unter den Götzen schildern denn täglich Menschenopfer gebracht
würden um deren Altäre Bäche von Tränen und Blute fließen Ehrgeiz Wollust
und Neid führten die Schlachtopfer auf verschiedene listige Arten herbei und
würgten dann verdienstvolle Greise unschuldige blühende Jugend und würdige
Familienväter ohne den geringsten Grad von Mitleiden oder Reue zu empfinden
Stiegen dann über dem Nacken ihrer Schlachtopfer empor und lächelten ihrem
Abgott zu  Grauen befiel mich und mit einer Träne im Auge sah ich den Redner
an der dieses Bild beschrieb weil seine Gesichtszüge und der Ton seiner Stimme
mir den Beweis zu führen schienen dass seine redliche empfindungsvolle Seele
einst Augenzeuge ja vielleicht der Gegenstand einer solche Szene des Abscheues
gewesen sein müsse Und o meine Mariane ich hörte noch eine
Familiengeschichte durch welche meine Vermutung bestätiget wurde Die gute
Madame Fr wünschte kinderlos zu sein um dem doppelten Elend zu entgehen ihre
Kinder leidend oder übeltätig zu sehen und mir kam es höchst traurig vor dass
das mütterliche und menschenfreundliche Herz der Frau Fr für das Glück und die
Tugend ihrer Kinder keinen andern Zufluchtsort erblickte als das Grab
    Unsere muntere Madame G konnte den Tiefsinn der uns alle mehr oder
weniger befallen hatte nicht zu lange ansehen sondern wandte sich gegen ihren
Mann und den Herrn von O und verlangte zu wissen wie sich eine gute
wohlmeinende Seele vor den Bosheiten der Eigenliebe bewahren könne und was wohl
sie beide für Mittel gebrauchen würden »Ich« sagte ihr Mann »hoffe durch die
Genügsamkeit geschützt zu sein mit welcher ich den Kreis meines Lebens ohne
Wünsche und Klagen mit der redlichen Bemühung durchgehen werde andern zu der
Vermehrung ihres Glücks behilflich zu sein«
    Herr von O welcher bemerkte dass diese Antwort dem Endzweck der Madame
G welche den Ton ins Muntre lenken wollte nicht ganz gemäß war sagte »Und
ich werde an dem künftigen Orte meiner Bestimmung sorgfältig acht geben was für
eine Gattung von Glück und Verdienst in derselben Gegend mit neidischen Augen
betrachtet werden und sodann beide in der Stille zu genießen suchen  Ich
werde vor dem stolzen und mächtigen Ignoranten meine Wissenschaft vor dem
Wollüstling meine schöne Frau und artige Töchter und vor dem geldgeizigen
Menschen mein Gold verbergen Ich machte mir auch einige Tugenden eigen die man
in jetzigen Zeiten eher mit Spott als mit Hochachtung belegt wie zum Beispiel
Mäßigkeit im Essen und Trinken Bescheidenheit in Kleidung und Manieren
Uneigennützigkeit Leutseligkeit Arbeitsamkeit die von Niemand beneidet
werden und dennoch ihrem Besitzer gesunde und vergnügte Tage schaffen« 
Madame G gab ihm einen kleinen Schlag »O Sie übermütiger Mensch
Wissenschaften eine schöne Frau artige Töchter und dann Tugenden die Sie
verstecken wollen um die Eigenliebe der andern zu schonen« 
    Wir hatten alle zu dem Plane des Herrn von O gelächelt aber jedes Auge
war auf das Gesicht des Herrn Fr gerichtet in dessen zweifelnden oder
bejahenden Zügen man das Richtige und Unrichtige eines Gedanken oder Urheils
aufsucht Er ließ sich aber nicht weit ein sondern sagte nur zu seiner Frau
Schwester »Herr von O hätte ganz Recht an dem Anfange seiner Laufbahn die
Gerechtsame seiner Eigenliebe gegen die Anfoderungen der andern ihrer genau zu
berechnen und sich durch Vorsicht gegen eine zufällige Gewalt zu schützen 
Hätte der vortreffliche Winkelmann dem elenden Bösewicht der ihn ermordete nur
seine Geschichte der Kunst und seine Zeichnungen von Statuen vorgewiesen so
würde sich der Mensch niemals gegen ihn bewaffnet haben weil er auf den ganzen
Reichtum des Winkelmannischen Geistes keinen solchen Preis von Glück gesetzt
hätte als seine niedrige Seele auf den Besitz des Goldes warf das ihm der edle
Mann so unvorsichtig zeigte Unsere eitle Eigenliebe reizt Andrer ihre und wenn
die Begierde Leidenschaft wird so ergreift sie alle auch die bösesten mit um
sich zu vergnügen«
 
                           Vier und dreissigster Brief
Mein lieber verehrungswerter Pfarrer M K kam heute in die Stadt um bei
einer vortrefflichen alten Frau die seine nahe Verwandtinn ist mit seiner Frau
und Kindern auf dem Jahrmarkttage das Abendbrot zu essen Er lud mich ein und
ich würde gewiss eher die Tafel des Grössten und Reichsten dieses Orts
ausgeschlagen haben als die einfache Mahlzeit dieser edlen Seelen O meine
Mariane was für schöne heitere Züge verbreitet die übende Tugend der
Nächstenliebe über die Miene desjenigen der sich der reinen edlen Absicht
bewusst ist Gutes aus diesem Beweggrunde zu tun Erlauben Sie mir zugleich eine
Art eigener Anmerkung die mir sagte dass natürlicherweise jede Tugend ihren
eigenen Gegenstand und Ausdruck habe dass übende Gerechtigkeit nachdrücklichen
Ernst frommer Eifer die Hitze des heiligen Feuers das Mitleiden die
Kennzeichen des anteilnehmenden Schmerzens die Geduld Züge des
niedergeschlagenen Geistes und die Standhaftigkeit die Spuren der Gewalt
bemerken ließe die wir manchmal über unser Gefühl ausüben  Alles nötige edle
Bewegungen unserer Seele Aber keine hat den schönen sanften Ausdruck der für
mich Schattenbild eines seligen Geistes ist den allein das Gefühl ich habe
Glückliche gemacht über unser Wesen ausgiesst Hütten Sie die ehrwürdige Frau
gesehen bei der wir den Nachmittag zubrachten so würde Ihnen das Gemälde von
ihrem mütterlichen Leben noch viel schätzbarer sein
    Frau B ist von einer sehr guten Familie des gelehrten Standes und brachte
ihrem Mann einen großen Reichtum zu aber seine Sorge für sie und die drei
Kinder war nicht getreu denn er opferte dem Spiele und Trunke beinahe das
meiste und beste seines Vermögens auf so dass die gute Frau nach seinem Tode
sich sehr zurück sah Doch da sie beinahe alles mögliche zu Gelde machte so
erzog sie damit ihre Kinder sehr gut Die zwei Söhne gingen in Kriegsdienste
der Eine erwarb sich jedes Verdienst des rechtschaffenen Mannes und hielt seine
kleinen Einkünfte so zu rate dass er seinen edlen kindlichen Herzen das
Vergnügen geben konnte seiner teuren Mutter zu schreiben dass sie ihm ferner
nichts mehr an Gelde schicken sondern alles zu Sorge für ihre Gesundheit und
Gemächlichkeit ihrer erlebten Jahre verwenden solle  Dieser Brief kam just zu
der Zeit wo sich ein anständiger Freier für die einzige Tochter zeigte Da
schrieb sie ihrem guten Sohn sie würde seine großmütige Verzicht auf den
gerechten Anteil an ihrem Vermögen nicht angenommen haben wenn sie nicht damit
das Glück seiner liebenswerten Schwester hätte bevestigen können welcher sie
damit ihre kleine Ausstattung vermehrt und die vorteilhafte Heirat mit einem
schätzbaren Manne beschlossen hätte  Der junge Mann der ein eben so
liebreicher Bruder als guter Sohn war freute sich etwas für seine Schwester
getan zu haben aber es schmerzte ihn dass es die Mutter nicht genießen konnte
Er reiste daher zu dem Regiment wo sein älterer Bruder stand redte mit ihm
über die Umstände ihrer guten Mutter sagte ihm was er getan und wies ihn die
Briefe der Mutter die sein Geschenk nicht für sich sondern zum Besten der
Schwester verwendet hätte und suchte ihn zu bewegen für die Mutter das Gute zu
tun was er gewünscht hatte Dieser Aeltere aber ein flüchtiger Schwelger der
über einen Entwurf von Vergnügen zehnmal seine Mutter und Geschwister
aufgeopfert hätte spottete über ihn und behauptete die Mutter müsse schon zu
leben haben sonst würde sie seine Abgabe nicht wieder der Tochter geschenkt
haben usw Der Jüngere ging mit einem zerrissenen Herzen weg und suchte
wenigstens durch treue kindliche Briefe das Herz seiner Mutter zu erfreuen Der
Andre forderte immer von ihr und fuhr in seinem schlechten Leben fort bis ihn
endlich selbst zugezogenes Elend in sich gehen ließ und er eben so abgezehrt
und schaamvoll als der verlohrne Sohn in die mütterlichen Arme floh die
nachdem sie von seiner Reue überzeugt war bis auf die Stäubchen Überrest ihres
Vermögens zusammen fasste um bei dem in ihrem Vaterlande üblichen Verkauf der
Dienste einen für den wiedergefundenen Sohn zu bezahlen wo sie nach der
genauesten Berechnung ihres Unterhalts nichts als Tausend Taler zurück
behielt die ihr jährlich funfzig Taler Zinse gaben welche sie von den Leuten
zieht denen sie ihr artiges Haus verkaufte und sich nur ein einziges Zimmer
vorbehielt in welchem sie die simpelsten Überreste ihres vorigen Wohlstandes
vereinigt hat und worin der Geschmack an Reinlichkeit und Ordnung ein
deutliches Anzeichen ist dass sie in ihren jungen Jahren Ideen von Schönheit und
Pracht hatte weil sie Reichtum vor sich sah Sie schnitt von dem geräumigen
Zimmer durchaus einen Teil mit einer Tapetenwand ab die sie auf dreifache Art
gebrauchte da sie das mittlere Stück zu einer Alkove für ihr Bett verwendete
den einen Teil mit einer Tapetentür verschlossen zum Bette für ein Mädchen
und den andern zu einem doppelten Schrank für Kleidung Weißzeug und
notwendiges Koch und Essgeschirr eingerichtet hat Der übrige Teil des Zimmers
ist mit der nämlichen Tapete ausgeschlagen Sechs gute Stühle ein Spiegel
eine Komode und ein Tisch geben dem Ganzen ein gutes Ansehen Ganz glatte
Hauben Manschetten und Halstücher von feiner nur gesäumter Leinwand auf den
dunklen altväterischen Zeugen ihrer Kleider geben ihrer ganzen Person und
schönem obschon faltigem Gesichte das ehrwürdige Ansehen der edlen
Genügsamkeit und Selbstständigkeit denn sie will weder bei ihrem Schwiegersohn
noch bei ihren eigenen Kindern leben Alles was sie von ihrem Tochtermann
annimmt ist dass er sie alle Jahre zu den Wochen seiner Frau abholt und dann
wieder zurückführt In der Stadt ist sie sehr geschätzt und viele Familien
würden sich eine Freude daraus gemacht haben sie öfters zum Essen zu laden
aber sie hat es allen außer einem einzigen Freunde abgeschlagen bei diesem
isset sie alle Sonntage
    »Ich bin« sagte sie zu Herrn M K »sehr dankbar für die Gesinnungen
meiner Freunde und Kinder aber so lange mein Hannchen und ich von meinen zwölf
Kreuzern leben können so will ich diese Güte nicht gebrauchen und unabhängig
bleiben«
    Dieses Hannchen ist ein armes Mädchen von dreizehn Jahren deren Mutter
ehmals bei Frau Brane als Magd gedient hatte und von ihr ausgestattet worden
ist weil sie da noch in guten Umständen war Die Mutter des Mädchens ist schon
einige Jahre tot und der Vater starb nebst zwei andern Kindern an einer
ansteckenden Seuche gerad zu der Zeit wo Frau Brane zum Besten ihres älteren
Sohns ihre Bedürfnisse auf ein Zimmer und funfzig Taler jährlicher Reuten
einschränkte Da sie keine eigene Magd zahlen und ernähren konnte dachte sie
mit dem Geschenk dass sie einer gelehnten geben müsste das atme Kind zu erhalten
und zu erziehen  Doch die Abschrift eines ihrer Briefe an Herrn M K sagt
mehr als meine Erzählung
                      Frau Brane an Herrn Pfarrer M K
Freuen Sie sich mit mir mein Freund ich bin seit vierzehn Tagen sehr
glücklich Das Wenige was ich aus dem Sturm gerettet hat hingereicht meinen
älteren Sohn mit einem Amte zu versorgen Seine gute und vermögliche Frau lässt
mich hoffen dass er in seinem häuslichen Leben glücklich sein und auch seine
Kinder einst Etwas haben werden Die rechtschaffene Familie an die ich mein
artig kleines Haus verkaufte hat die Bedingung gerne eingegangen mir das große
Zimmer an der Nebentüre zu lassen und damit habe ich alles erhalten was mir
in meinen jetzigen Jahren Menschen noch geben können Ich wohne in dem Hause
worin ich geboren in dem Zimmer worin meine Mutter als Wittwe gelebt hat
in dem Bette worin sie starb werde ich auch meine Tage enden Ich habe ihren
silbernen Esslöffel ihre alte stoffene Kleider die mich meinen Freunden noch
mit dem Ansehen des alten Wohlstands zeigen ich habe als treue Mutter meine
Kinder versorgt bin niemand nichts schuldig und lebe unabhängig Tadlen Sie
mich nicht ich bitte Sie wegen der Beharrlichkeit mit welcher ich alle
Anerbietungen ausschlage Ich bin durch Jahre und Kummer alt und schwächlich
ich muss viel Ruhe und wenig Speisen haben Wein trank ich niemals und Koffee
habe ich mir gleich nach dem Tode meines Mannes abgewöhnt lange kann ich nicht
mehr dauern meine Tausend Taler machen noch ein Erbe für meine drei Kinder
Mein Sohn Ludwig aber soll meine Krankheits und Wartkosten bezahlen weil er
allzeit wünschte mir Gutes zu tun so wirds ihn freuen die Ausgabe für Labung
und Pflege meiner letzten Tage zu besorgen Meine Zinsen geben mir alle Tage
zwölf Kreuzer und dabei blieben mir schon zwei Gulden übrig alle Sonntage da
ich und mein Hannchen bei meinem treuen Vetter Wellen essen geben mir noch zehn
Gulden vier und zwanzig Kreuzer zwei Monate die ich bei dem Wochenbette meiner
Tochter zubringen werde elf Gulden vier und zwanzig Kreuzer Sehen Sie da
bleibt mir drei und zwanzig Gulden und vier und zwanzig Kreuzer das gibt Holz
Licht Mehl und Schmelzbutter In unserm Städtchen ist es wohlfeil ich kann
alle Tage mein Fleisch und Brod essen bin satt frei und vergnügt tue noch
einer Waise Guts da ich sie nähre schütze und unterrichte ihre
Kleidungsstücke Gemüs und Obst tausche ich für unsere Strickarbeit ein bin
also noch nützlich und habe was ich bedarf
 
                           Fünf und dreissigster Brief
Ich bin von unserm Tisch aufgestanden an welchem mir ein moralisches Übelsein
die Lust zum Essen raubte Es kam kurz vor Mittagszeit ein artiger Mann zu Herrn
G den er gleich nach der Bewillkommung eines veränderten Wesens anklagte
    »Zürnen Sie nicht« sagte der Fremde über meine Düsternheit »es gehörte
jedes Jahr Probe und Kenntnis Ihrer Rechtschaffenheit dazu die ich von Ihnen
habe um mich noch Einmal aus dem Hause meines traurigen Freundes zu bringen
dessen Herz und Glück von der Hand desjenigen verwundet wurde an den allein er
sich mit allen Banden des Vertrauens und der Liebe seit einigen Jahren fesselte
da er alle andere Verbindungen ausgeschlagen ja sogar in dem Eifer für das
Beste dieses Lieblings seines getäuschten Herzens gegen andre ungerecht war«
    Herr F welcher mit uns aß fühlte Abscheu und Erstaunen welcher den
rechtschaffenen Mann bei Anhörung einer Niederträchtigkeit ergreift »Es ist
nicht möglich« sagte er »Sie mahlen das Bild zu schwarz«
    »Zu schwarz Hören Sie mich nur«  Und hier fing eine Geschichte an die
ich nicht wiederholen werde Männer müssen diesen starken hässlichen Stoff
ausarbeiten 
    »Warum dann« sagte Herrn F »warum dieses abscheuliche Gewebe von Undank
und Falschheit«
    »Um Gold und um den Ruhm von Feinheit des Geists«
    Herr Fr nahm seinen Schwager G bei der Hand »O mein Bruder« sagte er
»niemals niemals wollen wir Glück und Ehre auf diesem elenden Wege suchen Möge
die Vorsicht meine Söhne durch einen frühen Tod aus meinen väterlichen Armen
reißen wenn ihre Seele nicht redlich nicht edel genug ist um bei Wasser und
Brod durch das Zeugnis ihres Herzens glücklich zu sein wenn sie Zeiten erleben
sollen wo der Heuchler und Verräter mehr als der frevmütige und gerechte
Mann angesehen sein wird«
    Ist nicht dieser Herr F in jeder Gelegenheit ein moralisch edler Mann In
ihm lebt eine der alten großen Seelen aus denen sich republicanische
Heldentugenden verbreiteten  Möge der Kreis seines Ansehens und seiner Gewalt
immer weiter werden denn ich bin überzeugt dass sein Beispiel Gute und seine
Menschenliebe Glückliche machen wird  Dieses dachte ich während dass er redte
und seine Schwester G flüsterte mir ins Ohr »Rosalia Ihre Blicke auf meinen
Bruder sind sehr bedeutend«
    »Möchten Sie« sagte ich »alle die Verehrung ausdrücken die der teure
Mann mir einflößt so würde ich mit meinen Augen sehr zufrieden sein« 
    »Gott helfe Ihrem armen C« erwiderte sie »bei alle den Aufwallungen
Ihrer Seele wenn Sie eine Ihrer LieblingsVerdienste erblicken«
    Mit diesem kleinen Geschwätz machte sie dass ich einen Teil der Unterredung
verlor die ganz wichtig gewesen sein muss denn ich sah den Fremden die Hand
des Herrn Fr nehmen ihn durchdringend ansehen und hörte ihn sagen »Sie
Herr Fr Sie nehmen so vielen edelmütigen Anteil an dem Kummer des Herrn
A Sie die vielleicht Ursache hätten Freude darüber zu haben« 
    »Diese Art von Freude ist nicht für mich« sagte Herr Fr ganz ernstaft
»Glauben Sie dass ich eben so unfähig bin mich an Feinden zu rächen als ich es
wäre den Busen eines Freundes zu zerreißen«
    Madame G war so mutwillig aufmerksam auf mich dass ich auch deswegen in
mein Zimmer eilte wo mir der Charakter des Herrn F um so schätzbarer
erschien als man selten Menschen findet die ohne persönlichen Eigennutz für
die tätige Tugend eifern Denn wie oft bleibt Geist und Charakter eines
vortrefflichen Mannes ungeliebt und ungeachtet weil die kleinen Seelen die ihn
umgeben ihn nicht zu ihren Absichten gebrauchen können und wie oft wird ein
bekannter Bösewicht geschützt und geduldet weil er der Eigenliebe schmeichelt
oder dem Eigennutz dient Herr Fr aber bejammerte den Unfall eines Mannes der
ihm geschadet hatte und sprach den Abend noch von der Enteiligung der
Freundschaft und des Vertrauens als einer der größten Vergehungen deren sich
ein Mann schuldig machen könnte Ich fühlte die Wahrheit einer jeden Silbe in
dem Wert der Freundschaft meiner Mariane deren Liebe mein höchstes Glück ist
Wie elend müsste ich werden wenn ich die seligen Stunden vergässe worin Ihre
edle Seele sich mit aller Freimütigkeit mit mir besprach Ihre Gedanken von
Personen und Sachen anvertraute und auf die treuen Gesinnungen meines Herzens
rechnete Wie froh bin ich die Unmöglichkeit dieses Vergessens in mir zu
fühlen weil ich mir es als den Gedanken eines Meuchelmords vorstelle den man
an der Ruhe und dem Glücke seines Freundes verübt O gewiss meine Mariane die
zwei göttlichen Bilder der Tugend und Freundschaft sollen in meiner Seele auf
immer die gleiche Verehrung genießen und mit äußerster Sorgfalt will ich mich
vor jeder Beleidigung hüten weil ich allzeit beide zugleich verwunden würde
 
                          Sechs und dreissigster Brief
Mariane ich bin stolz geworden und sehe mich seit gestern früh zehn Uhr als
eine Person von außerordentlichen Vorzügen an weil mir Herr Fr in einer
langen Unterredung einen unschätzbaren Beweis seiner Hochachtung gegeben hat
Doch würden Sie gewiss eben so wenig als ich es dachte den Anlass dazu an meinem
Putztische gesucht haben
    Herr Fr frühstückte bei seiner Frau Schwester G mit welcher mein Oheim
wirklich ein Haus auf kommenden Winter bewohnt Ich war als ich gerufen wurde
schon angekleidet aber Madame G kam im Nachtzeug und musste daher bald zum
Anziehen eilen Ich suchte sie aufzuhalten indem ich sie versicherte dass es
noch Zeit genug zu ihrem Putze wäre »Ja« sagte sie »wenn ich mich nur
einmummeln wollte wie Sie es machen Aber ich will meine Person und meinen
Geist in gleichem Wert erhalten« Damit ging sie von uns und Herr Fr fragte
mich Ob ich schon ein Frauenzimmer von so meisterhaftem Mutwillen gesehen
hätte wie seine Schwester »Ich« fuhr er fort »habe mit Vergnügen bemerkt
wie besorgt sie sind die Reize Ihrer Person unter einer bescheidenen Kleidung
zu verbergen Ich weiß dass Sie es aus einer doppelt seinen Empfindung tun
weil Sie nur für Herrn C ganz schön sein und auch dem Übel ausweichen
wollen dass für Sie aus den Begierden des einen und aus der Missgunst des
andern Geschlechts entstehen könnte Ich möchte aber sehr gerne daraus eine
Bitte ziehen die Ihre Seele zum Gegenstand hat an der ich so schöne Züge
gesehen dass ich auch einen Schleier darüber wünschte den Sie nur vor den Augen
des wahren Liebhabers abnehmen sollten um bei andern das Missvergnügen zu
vermeiden welches zu glänzende Vorzüge allezeit hervorbringen«
    Meine Mariane denkt wohl dass ich hier ungeachtet seines sanften Tons und
Miene stutzte und errötete er sagte mir aber gleich »Werden Sie nicht
unruhig meine teure Freundin und sehen Sie alles was ich sage als Sorgfalt
für Ihre Glückseligkeit und als Vertrauen auf Ihren Charakter an Ihre Liebe
der tätigen Tugend der Kenntnisse des Geists das lebendige Gefühl des Edlen
und Schönen sind bewundernswerte und vortreffliche Eigenschaften Ihrer Seele
aber glauben Sie nicht dass die Stärke des Ausdrucks mit welcher Sie solche
zeigen eine verletzende Art von Vorwurf des geringeren Grades oder des Mangels
dieser Empfindungen ist und der großmütige Reiche sollte sich niemals im
vollen Genuss seiner Güter vor die Augen des Dürftigen stellen«
    Hier fiel ich ihm in die Rede und bat ihn versichert zu sein dass wenn
die Idee von Reichtum und Mangel auf diese Weise in mir gewesen wäre so würde
ich gewiss nicht oft von meinen herrschenden Neigungen geredet haben Aber
setzte ich hinzu es steht ja in jedes Menschen Gewalt moralische Güter zu
sammlen und sie mit Wucher zu vermehren
    »Wie hart ist dieser Ausspruch meine Freundin aber der Eifer hindert
immer die Sanftmut Mir ist leid dass ich jetzt über ihren Einwurf nicht alles
sagen kann was ich wollte Ich bitte Sie nur nicht zu fest auf diesem Satze zu
halten und meistens zu denken dass ehe der Mangel an Kenntnis als der Mangel
am Willen die Ursache vieler Fehler unsers Nächsten sind Und lassen Sie«
sagte er lächelnd »diesen Gedanken zu dem Stück Schleier werden in den Sie
Ihren moralischen Eifer hüllen wollen«
    Ich wollte ihm hierauf für seine Unterredung danken aber er unterbrach
mich indem er mich bat ihm einige meiner gesammelten Charaktere zu weisen die
ich so gleich holte und nachdem er weg war alles dies schrieb und wahrhaftig
bei der Wiederholung finde dass mein hastiges Gutsein etwas Unfreundliches hat
Warum verwiesen Sie mir es niemals
 
                          Sieben und dreissigster Brief
Nun habe ich mein Seelenbilderbuch wieder und bin um ein Gemälde reicher
geworden  Gestern Abend gab mir Herr Fr die Blätter zurück und versicherte
mich dass er sie mit vieler Zufriedenheit gelesen hätte weil er sie als
Bildnisse glücklicher Menschen betrachtet habe da er nur diejenigen glücklich
nennt welche ihr moralisches Leben in edlen und tugendhaften Handlungen
genießen können Er fragte mich zugleich um die eigentliche Ursache des
Aufsuchens dieser Züge des menschlichen Herzens »Um wirkliche Zeugnisse zu
haben wie gut wir sein können wenn wir wollen und auch um mir zu sagen was
andre getan haben das kannst Du auch tun«
    »Immer die Idee des Wollens« sagte er »Glauben Sie denn dass man in seinem
Leben oder in seinem Amte all das Gute tun kann und tun darf was man wöllte
was heiligen Pflichten der Menschenliebe und der Klugheit gemäß wäre Wie oft
muss man dem Eigensinne dem Eigennutze und der Unwissenheit das Übergewicht
lassen wenigstens sehr oft lange die beste und gerechteste Sache zwischen
Dornbüschen durchschleppen ehe man sie zum Ausgang bringt weil die Obergewalt
der Umstände den schönen Weg der geraden Straße hinderten«
    »O mein schätzbarer Freund Sie machen mich besorgen dass Sie aus Erfahrung
reden und dass Ihr edler Geist oft in seiner Wirksamkeit für das Beste und
Rühmlichste gestört und gehindert wird wie muss Ihnen da zu Mute sein«
    »Wie dem rechtschaffenen Landmanne der sein angewiesenes Stück Feld mit
treuem Fleiß und Mühe baute dem aber Hagel oder wilde Tiere alles verderben
Es schmerzt den guten Arbeiter aber er pflügt immer den Boden wieder Säet
gute Körner aus und hoft endlich eine Erndte  Aber ich will von Ihren
Papieren reden
    Ich habe die Geschichte Ihrer Henriette mit vieler Rührung gelesen aber
auch gefunden dass ein wenig Biegsamkeit und Nachsicht gegen die zufälligen
Schwachheiten der Eigenliebe des Herrn M beide glücklich gemacht und alle
ihr bittres Leiden und ihren frühen Tod verhindert hätte Ich will Ihnen das
Nebenstück zu diesem Charakter liefern Aber nicht allein um Ihre Sammlung zu
verstärken sondern damit einen Merkstaab mehr auf dem Wege Ihres Lebens zu
befestigen weil ich glaube in Ihnen eine Zusammensetzung beider Charaktere zu
sehen und also notwendiger Weise denken muss dass beinahe die nämlichen Folgen
daraus entstehen könnten
    Ich habe« fuhr er mit einem Seufzer fort »eine sehr schätzbare Freundin
deren fühlbares Herz in Rosaliens Jahren von moralischem Enthusiasmus glühte
Jede Triebfeder zu Tugend Edelmut und Güte lag in ihrer Seele und viele Jahre
haftete der schöne Wahn in ihr dass man nur gute Eigenschaften des Herzens
zeigen dürfe um von den meisten Menschen geliebt zu werden und dass es ihr bei
der unausgesetzten Befolgung ihrer großen Grundsätze gut zu sein und Gutes zu
tun glücken würde und müsste Aber sehr traurige Erfahrungen haben ihr
bewiesen dass man bei Ausübung der Tugend eben so viel Behutsamkeit und Vorsicht
nötig habe als der Bösewicht zur Ausführung seiner Ränke braucht denn man ist
ihrer Güte des Herzens und ihrem Wohlwollen begegnet wie man dem freigebigen
Reichen tut in dessen Hause man satt nimmt und genießt ihm aber nachher mit
dem Namen eines Verschwenders bezeichnet Was für grausame Rückgabe erhielt sie
gegen die redlichste Hochachtung und Freundschaft Wie viel Kummer und Leiden
verbreitete ihr Glauben an edle Güte und die Bescheidenheit mit welcher sie
ihre Einsichten andrer ihren unterwarf über ihr ganzes Leben Diese Frau
Rosalia sollen Sie Morgen sehen Die Stärke ihres Charakters mögen Sie nach der
Leichtigkeit und Munterkeit ihrer Unterredung mit uns berechnen denn ich weiß
dass ihr Herz wirklich unter einer Last von schmerzlichen Sorgen liegt und dass
sie das Ende ihrer Erdenglückseligkeit vor sich sieht Sie könnte einen Teil
davon durch gerechte Anklagen andrer erhalten aber ihre Seele verwirft dieses
Hilfsmittel Auch mir dessen wahre und treue Gesinnungen sie kennt versagt sie
die Freude ihr einen Teil dieser Last zu erleichtern Sie fasste alle Kräfte
ihres Verstands und Herzens zusammen um ihr Schicksal allein zu tragen und mit
Shakepears König Lear sagen zu können Unglück sei mein Glück Aber sie wird
erliegen wenn nicht die Vorsicht besonders über sie waltet«
    Urteilen Sie meine Mariane von meiner Aufmerksamkeit bei dieser
Erzählung und wie begierig ich war die Frau zu sehen deren Charakter von
diesem vortrefflichen Manne so sehr geschätzt wird Morgen gehen wir zu ihr aber
ich werde sie nicht recht sehen können denn wir sind unser zu viele  Ich will
diesen und den morgenden Brief mit einander schicken Gute Nacht meine
Freundin 
 
                           Acht und dreissigster Brief
Wir haben bei Madame W gefrühstückt Eine sehr gefällige Munterkeit schien sie
zu beherrschen doch ganz kleine Teile der Unterredung zeigten mir ihre
Empfindsamkeit und den moralischen Ton ihrer Seele Sie mag einst schön gewesen
sein aber nun sind ihre Züge durch Gemütsleiden zerrüttet und ihre
Gesichtsfarbe blass Doch herrscht in ihrem ganzen Wesen etwas außerordentlich
Einnehmendes Madame G stellte mich ihr vor und sagte »Sie werden gewiss mit
der Bekanntschaft von Rosalia L sehr zufrieden sein weil sie eine ganz
seltene Empfindsamkeit mit sich gebracht hat« Madame W umarmte sie lächelnd
und sagte ihr nach »Seltene Empfindsamkeit Liebe boshafte Frau Wie sehr
stützen Sie sich auf meine Verschwiegenheit Denn Sie wissen dass ich vieles von
der Zärtlichkeit dieses Herzens erzählen könnte« wobei sie auf die Brust der
Madame G wies 
    Herr Fr sagte nichts von mir gab aber den Gesprächen immer eine Wendung
in welcher notwendiger Weise Madame W ihren Charakter obwohl in
abgebrochenen Stücken zeigen musste Als wir wieder nach Hause kamen sagte ich
dem Herrn Fr ganz freimütig dass er durch diesen Besuch meine Neugierde über
den Charakter der Madame W nur gereizt aber nicht befriedigt hätte Er fand
es wahr und versprach mir einen Pack ihrer Briefe an ihn wo ich sie ganz
sehen könnte und aus denen er mir erlaubte Auszüge zu machen
    Hier sind Abschriften davon Ich bedaure dass ich nicht alles und besonders
auch die Kopien seiner Briefe abschreiben durfte sonst hätten Sie die ganze
Stärke männlicher Freundschaft und Weisheit in seinen und das höchste Maß
moralischer Fühlbarkeit einer weiblichen Seele in denen von Madame W gesehen
In einen der ersten sagt sie ihm Sie dankte dem Schicksal einmal einen Mann
gesehen zu haben der die lebendige Hochachtung die eine Frau für seinen Geist
und Charakter zeige nicht als gewöhnliche Bewegungen von Liebe beurteile und
dann versichert sie ihn »Hätte ich Sie auch niemals gesehen niemals das Glück
Ihres Beifalls erhalten und nur von Ihrer Rechtschaffenheit des Herzens und den
Kenntnissen Ihres Geistes reden gehört so dächte ich für sie wie jetzt und
wie ich vor ein halb Hundert vortrefflicher Männer der alten und neuen Geschichte
denke« 
    Dann einmal »Ich danke Ihnen edler Freund für Ihre Freimütlgkeit Sie
haben Recht ich bin mit meinem Vermögen und meinen guten Gesinnungen zu
freigebig und es ist wahr ich habe noch keine Seele gefunden die für mich
denken und tun würde was ich immer noch fähig wäre zum Besten anderer zu
tun« 
    Wieder »Was soll ich zu dem Vorschlage einer andern Einkleidung meines
Charakters sagen Wie sauer mein Freund o wie sauer sollte mir dieses werden
Denn wenn ich mein Herz vor den Augen Gottes entfalte so danke ich ihm dass er
mir es so gab Meine süßeste Glückseligkeit ist den gegenwärtigen Augenblick
meines Lebens an den Gedanken des letzten zu rücken und dann mit kindlicher
Liebe und Freude Gott Tod und Ewigkeit mir vorzustellen Die Wirkungen dieses
Gefühls sind schon lange mit jeder Triebfeder meiner Handlungen und meines
Denkens verbunden Vor dem Auge des Himmels darf ich mit Vertrauen und vor den
Menschen soll ich mit so viel Behutsamkeit erscheinen Warum Sagen Sie mir
warum«
    Hierüber hatte Herr Fr einen großen sehr schönen Brief über hohe und
herablassende liebreiche Tugend geschrieben den er nicht bekannt gemacht haben
will Und hier sagte sie »Es ist unmöglich mein Freund dass ich Ihnen den Dank
meines Herzens für die edle Bemühung Ihres Geistes ausdrücke Ihre
Unterscheidung der hohen und herablassenden menschenfreundlichen Tugend ist
schön aber beinahe zu fein und etwas zu schmeichelhaft für mich Aber Ihr
Endzweck ist meine Ruhe und die Befriedigung derer womit ich lebe  Ich
ergebe mich mein Freund und rufe hier eine meiner alten LieblingsIdeen
zurück dass eigentlich nichts Tugend genennt werden kann als was wir zum Besten
unserer Nebenmenschen mit Aufopferung unsers Selbst tun«
    In einem sagt sie nach einer Krankheit »Sie haben meine Geduld meine
Gelassenheit in Schmerzen gelobt mein Freund Ich werde alle Leiden die ich
von der Hand der Natur aufgelegt bekomme beständig mit der anbetenden
Unterwerfung tragen die ich dem Urheber der Natur schuldig bin Ich verdiene
nicht weniger als andere zu leiden und mein väterlicher Schöpfer wird mir
nicht mehr als andern aufladen« 
    In den letztern liegt viel aber unbenennter Kummer Sie sagt unter andern
»Es ist mir leichter mein Freund viel leichter eine drückende Last auf meinen
Schultern zu behalten als sie auch durch die gerechteste Anklage auf einen
andern zu wälzen Und der dessen Hand meine Glückseligkeit so grausam
verletzte kennt meinen Jammer wohl aber er macht es nicht wie schon oft
großmütige Feinde taten die alle ihre Sorgen und Kräfte zur Heilung der von
ihnen geschlagenen Wunde darboten« 
    In einem folgenden steht Sie wolle ihr eigenes Ich für ihre übrigen Tage
vor der ganzen Welt verbergen und allein durch ihren Geist mit den Menschen
fortleben Für das Glück ihres Herzens nichts mehr fordern nichts mehr
erwarten aber für das Wohl Andrer alles tun so weit ihre Kräfte reichten
    Sie gesteht Herrn Fr dass es ein Gemisch von natürlicher Großmut und
einem durch Erfahrung erlangten Mistrauen sei welches sie hindere ihm ihr
leidendes Herz zu eröfnen und seinen Trost und Hilfe zu genießen  Sie fühle
dass sie dem Schicksal das Sonderbare und Einzelne ihres Charakters teuer
bezahlen müsse es solle aber so viel sie es verhindern könne bei dieser
Abgabe niemand zu leiden haben als sie  Dieser Gedanke sei es der die
Heiterkeit ihres Tons unterhalte indem sie den Becher der Freuden ihrer Kinder
Hausgenossen und Freunde durch ein trauriges nachdenkliches Wesen nicht
verbittern wolle
    Dann bittet sie ihn ihr Freund zu bleiben und versichert ihn dass er keine
Fehler des Charakters an ihr sehen solle als die welche die Anfoderungen des
Eigensinns und Eigennutzens Andrer so benennen Sie hoffe aber die Gesinnungen
die Gott in ihre Seele gelegt hätte bis in ihren Tod zu behalten weil ich
gewiss sei dass sie in der andern Welt werde sein dürfen was sie sei und dort
über ihre Empfindsamkeit nicht gespottet und ihr Eifer für moralische
Tätigkeit nicht werde getadelt werden
    O der edle der glückliche Stolz dieser moralisch stark fühlenden Seele 
Jeder Tag nähert sich dem Untergange ihrer eigenen Glückseligkeit die sie nicht
durch Vergehen nicht durch Missbrauch sondern durch boshafte niedrige Ränke
einer Person verliert in welcher sie Edelmütigkeit und Güte zu sehen glaubte
O Mariane mein Herz fühlt beinah noch mehr sympatetisches Leiden für diese
Frau als bei Henrietten Es ist auch ganz natürlich Henriette trug eine
einfache Last Unabhängigkeit Gewalt Gutes zu tun und die Freiheit ihren
Gram ganz zu genießen versüsste den Kelch ihres Kummers Die Umstände hinderten
sie nicht davon zu reden Sie wurde geliebt und bedauert weil bei ihrem
Schicksal die Eigenliebe und Eigennutz der andern nichts abzugeben nichts zu
wagen hatten  Denn meine Mariane Eitelkeit und Vorteile sind die
Gränzsteine der freundschaftlichen Gesinnungen in den meisten Seelen  Ich habe
aber ganz deutlich in den Briefen der Madame W gesehen dass unter den
vielfältigen Schmerzen ihrer Seele auch dieser liegt unter dem Kreise ihrer
Bekannten lauter Personen zu sehen die immer auf ihre Großmut sie aber auf
keine von ihnen zählen könnte außer dem einzigen edlen Mann der sie liebt
weswegen sie aber aus feiner zärtlicher Gesinnung gerade ihm alles verbirgt
                                Abends zehn Uhr
Ich schrieb Vorhergehendes Gestern und heute früh da kam Herr Fr und fragte
nach seinen Briefen und meinen Auszügen die ich ihm zu lesen gab  »O
Rosalia« sagte er »Sympatie ganz allein Sympatie hat die Auszüge und
Anmerkungen gemacht Ich habe es vorher gesehen Lassen Sie sich liebe junge
Freundin Henrietten und Madame W zu Merkstäben während ihrem Wandel unter
den Menschen dienen Denn da Sie das seltene Glück haben diese zwei
Charaktere in sich zu vereinigen so könnte Sie auch das seltene Elend treffen
welches das Schicksal Ihren SchwesternSeelen bereitete  Denn Madame W ist
gewiss das Seitenstück Ihrer Henriette Diese lehnte sich bei dem Einsturz des
willkührlichen Baues ihrer Glückseligkeit allein auf ihr Herz und es brach
unter der Last ihrer verlohrnen Wünsche und Empfindungen Madame W als
Gattin und Mutter in mehr Verhältnissen des Herzens in mehr Übung des
Geistes und bei mannichfaltern Leiden stützt sich allein auf die
Verstandskräfte ihrer Seele leidet aber nicht weniger Hätte sie im Anfang der
Gewalt der Umstände nachgegeben so wäre ihre Ruhe und Leben gerettet worden
Denn es ist gewiss dass die Überspannung ihrer Seelenkräfte die Kräfte ihres
Körpers zermalmen werden«  Hier ging er fort und ich dachte O Fr Madame
W ist die Gattin deiner Seele wie viel leidest du mit ihr
                           Neun und dreissigster Brief
Unser artiger Herr von O der Ihnen meine Mariane anfing so gefährlich für
mich zu scheinen ist verliebt aber nicht in Rosalien Das Schicksal hat ihm
eine ganz sonderbare Beute aufbehalten Er bekommt Julie von U das
einnehmende Geschöpf aus dem Zirkel der neun Mädchen von welchen ich Ihnen
schrieb Der Gang ihres Kopfs und Herzens bildete sich auf die schätzbarste
Weise allein nach ihren Empfindungen aus Die Art wie sie die Blumen unter
ihre Freundinnen austeilte konnte zu einer Probe ihres mit siebenzehn Jahren
blühenden Witzes dienen Die feine schonende Fühlbarkeit mit welcher sie auch
die kleinsten Sprossen der Eigenliebe ihrer Gespielinnen behandelte die Art
mit welcher sie die ihrige unterdrückte und die Sorgfalt gegen alles was Züge
einer Koquetterie sein könnten und dergleichen mehr liefert mir einen neuen
reizenden Charakter aus unserer Weiberwelt Sie hatte immer aus freiem Willen
alle Putzstücke zurück gelassen die ihr besser als einer ihrer Freundinnen
gestanden hätten die sich der nämlichen Art von Zierrat bediente In
Gesellschaft war alle ihre Achtsamkeit auf Frauenzimmer gewendet Niemals
suchten ihre Blicke oder Gebärden die Aufmerksamkeit einer Mannsperson
anzulocken sogar zeigte sie die Sanftmut ihres Charakters und die Talente
ihres Geistes am meisten in Gesellschaften ihres Geschlechts und ließ in
Gegenwart der Männer durch ihr Schweigen und ihre simple Kleidung immer der
Artigkeit ihrer Gespielinnen den ersten Rang Nur bei Tänzen gelungen ihre
Anschläge des Versteckens ihrer Reize nicht Ihr schöner Wuchs war nicht zu
verbergen und die edle holde Art ihres Tanzes gab ihr unendliche Vorzüge Mit
neunzehn Jahren hatte sie den stärksten Feind ihres moralischen Charakters zu
bekämpfen weil alsdann die überwiegende Schönheit ihrer jüngeren Schwester in
voller Blühte war und Julie in der Furcht die sie hatte verdunkelt zu werden
die Keime des Neides entstehen sah die sie aber mit der Wurzel ausrottete
indem sie alle ihre Geschicklichkeit in Putzsachen für ihre Schwester
verwendete deren Schönheit dadurch um so mehr erhöht wurde und Julie allein
durch die äußerste Nettigkeit Anstand und einfachen Ton der Farben bezeichnet
war  Alle Kenntnisse einer guten Hauswirtin und vernünftigen
Gesellschafterinn sind ihr eigen aber die Grundsätze ihrer Bescheidenheit sind
so stark dass sie von dem mittelmässigsten Weiberkopfe Lehren anhört und
überhaupt ihr Wissen nur in hie und da hervorbrechenden Ideen zeigt Herr von
O hatte sie oft gesehen für ziemlich artig aber auch für sehr eigen
gehalten und hat erst auf dem Ball bei der Verheiratung ihrer schönen jüngeren
Schwester die Reize ihrer Person und ihres Charakters entdeckt Das Fest war in
dem prächtigen Garten ihres reichen Schwagers Juliens Kleid und Hut war von
grauem Taffent mit rosenfarbenen und weißen Flor und Bändern geziert Alles so
passend gemacht dass das ganze Ebenmaass ihrer Gestalt bemerkt werden konnte Bei
den englischen Tänzen wurde sie die Gesellschafterinn des Herrn von O dessen
Aug und Geschmack sie darin ganz fesselte Reine Fröhlichkeit war in ihren
Zügen Bewegungen und Blicken Die feurige Aufmerksamkeit des Herrn von O
machte Juliens Tante viel Vergnügen weil sie diese Eroberung dem Liebling ihrer
Seele schon lange gewünscht hatte Beim Ausruhen saß Julie unter einer Gruppe
der artigsten Mädchen auf einer Grasbank und lehnte sich nachlässig an den Fuß
einer Urne Ihre Stellung war einnehmend schön Überbleibsel der Munterkeit und
Röte des Tanzens mit einer Art Müdigkeit vermischt der niedlichste
Faltenbruch den jemals ein Gewand machte von dem schönen Grau und Rosenfarb
auf dem feinen Rasen ihre wohlgebildete Füße artig gekreuzt und ihr schöner
Mund lächelnd gegen ihre Freundinnen  In Wahrheit Mariane ich war froh
meinen Freund von R so viele Meilen weit von uns zu wissen denn erschien
Julie von U mir Mädchen so reizend wie vielmehr musste sies in den Augen
eines empfindsamen und feinen Kenners sein  Madame G saß an meiner Seite
gegen der schönen Gruppe über beobachtete aber ihren Vetter von O der halb
hinter einen Baum stehend Julien mit liebenden und gierigen Blicken
betrachtete besonders da Julie etwas an die Urne mit einem kleinen Griffel
schrieb Sie überlas es mit einer nachdenkenden aber höchst edlen und sanften
Miene die mich rührte und reizte Ich ging zu ihr und sagte freimütig der
Ausdruck ihres Gesichts den sie während dem Schreiben gehabt hätte mich
lüstern gemacht ihre Gedanken zu lesen Sie sah mich liebreich an schlug
errötend die Augen nieder und sagte sehr grtig ich hätte zu befehlen Der
Gedanke den ich fand durchdrang meine Seele mit dem ganzen edlen Ernst der
ihrigen Hier ruht man von euch ermüdende Freuden des Lebens  Ich umschlang
sie mit einem Arm und küsste sie mit Rührung indem ich sie um den Griffel bat
und dann hinzu setzte Wie schön ist Deine Ruhe o Julie weil Deine Freuden
rein und edel sind wie Deine Seele  Sie wollte hier meine Hand küssen aber
ich umarmte sie und sagte Ich hofte auf ihre Freundschaft und ihren Umgang Sie
antwortete hierauf Sie achte sich durch meinen Beifall sehr glücklich und
hätte meine nähere Bekanntschaft schon lange gewünscht Hier kam von O zu uns
und bog sich mit vielem Anstand gegen die Urne um das Geschriebene zu lesen
Der schönste Ausdruck von Verehrung und Liebe breitete sich über seine edlen
männlichen Züge aus Er blickte auf mich mit einer Verbeugung heftete aber
seine Augen voll Zärtlichkeit auf Julien Diese wurde darüber ein wenig
verwirrt und er sagte mit der angenehmsten Bewegung der Hände gegen sie die
mich am Arme hatte »Liebenswürdige Julie gönnen Sie mir die edle Freude Sie
mit Rosalien so vertraut zu sehen«  Sie erholte sich da und dankte ihm für den
Anteil den er an ihrem Vergnügen über meine Güte nähme »Sie danken mir«
erwiderte er »für den Anteil den ich an Ihrem Vergnügen nehme Was wollen
Sie tun wenn ich Ihnen sage dass Sie heute Alles für mich geworden sind was
Erdenglückseligkeit sein kann«  Julie wurde etwas lebhaft rot und sagte mit
Ernst »Ich werde nichts tun mein Herr denn auf einen Ball will ich nichts
für Sie werden«  Diese Antwort entzückte meinen scharfsinnigen Freund Er
wandte sich mit dem Feuer der Liebe gegen die Urne umfasste sie und sagte gegen
Julien »Julie der Ball hat nichts mit diesen Gesinnungen gemein obschon Ihr
reizender Tanz die Augen aller Männer entzücken muss Hier« indem er das was
Julie geschrieben küsste »bei diesem Aschenkrug wo Sie Rosaliens Freundschaft
erhielten nehmen Sie teure Julie die Gelübde meiner ewigen Liebe und
Verehrung an  Es freut mich« sagte er zu mir »dass Ihr Geist und Tugend Zeugen
von diesen Gelübden sind die ich niemals niemals brechen werde«  Julie halb
betreten halb vergnügt sagte »Um des Himmels willen Herr von O was sagen
Sie da alles Ewige Liebe und Gelübde bei denen Sie die Tugend nennen«  Er
wollte wieder reden sein Gesicht sah etwas traurig sie fiel aber ein »Nichts
mehr ich bitte Sie aber vor Rosalien will ich sagen dass wenn mein Gedanke
bei dem Aschenkruge mir Ihre Hochachtung erwarb und wenn sie dauert so soll es
mir das Angenehmste sein was ich je von einem Manne hören kann«  Mit der
schönsten Errötung ließ sie ihn ihre Hand küssen »Es ist genug schätzbare
Julie es ist genug dass Sie einen Wert auf meine Hochachtung legen« sagte er
»ich will Sorge tragen dass alle meine Gesinnungen Ihrer gütigen Aufmerksamkeit
würdig sein mögen«
    Nun hatten die andern mit den Menuetten aufgehört und von O bat Julien um
ihre Hand zu den neuen englischen Tänzen weil mich mein Gesellschafter auch
aufgesucht hatte Von O tanzte so schön als er konnte da er in Wahrheit
liebe und wonnetrunken war Er hatte kein Aug als für Julien und sie keines
als für mich Sie tanzte artig aber nicht mehr fa fröhlich als vorher Süßes
Nachdenken lag in ihrer Miene und so oft die Wendung des Tanzes sie zu mir
führte drückte sie mit Zärtlichkeit ein meiner Hände das gewiss zur Hälfte dem
artigen von O gehörte mit welchem sie aber den ganzen übrigen Abend alle
einseitige Unterredung vermied mit mir und Madame G hingegen in ein reizendes
Gespräch geriet  Julie kommt Übermorgen Vormittag zu mir Madame G will
den von O herführen denn beiderseitige Verwandte wünschen diese Verbindung
festzusetzen 
 
                               Vierzigster Brief
Julie kam wie ich Ihnen Vorgestern schrieb zu mir und ich war froh dass
Madame G und Herr von O nicht sobald kommen konnten als sie wollten denn
da hatte ich Gelegenheit Julien kennen zu lernen die mir ganz ihr Herz
entfaltete welches seine schönste Wendung von der Hand einer edlen Dame
erhielt die sich nach dem frühzeitigen Tode ihres Geliebten vom Hof entfernte
und einsam nur seinem Andenken geweiht die blühenden und reifen Jahre ihres
Lebens in einer steten aber sanften Melancholie hinbrachte Der feine
Geschmack welchen die große Welt in ihr ganzes Wesen gelegt hatte begleitete
sie auch auf dem Lande in allem was sie tat und Julie die ein ganzes Jahr
mit ihr verlebte nahm den Ton ihres Denkens und ihrer Sitten an
    »Komme ich nicht zu früh« sagte mir Julie mit der feinsten Freimütigkeit
»Aber ich wollte wenigstens einige Minuten von der Zeit einbringen die ich
durch meine Abwesenheit verloren habe denn vielleicht hätten Sie mir Ihre
Freundschaft schon vor vier Monaten geschenkt wenn ich hier gewesen wäre«
    Sie hielt mich bei der Hand und sah mir mit Sehnsucht in die Augen nach
meiner Antwort »Gewiss liebenswürdige Julie hätten Sie mein Herz eingenommen
wie jetzt vielleicht aber würden wir ohne die Vermittlung einer schönen Urne
niemals so genau verbunden worden sein«
    Sie lächelte mit ein wenig Erröten »O ja die Urne hat mir viel Gutes
getan«
    »Mir auch mein Schatz« sagte ich indem ich sie umarmte »aber« setzte
ich hinzu »Herr von O wird doch von uns dreien der Erste sein von dem sie
Kränze erhalten wird«
    Sie nahm ihren Arm verschämt von mir weg »Warum reden Sie mir gleich von
Herrn O«
    »Weil ich Sie nicht einen Augenblick betrügen will Julie Er weiß dass Sie
hier sind und wird auch kommen«
    Mit einer ungeduldigen Bewegung sagte sie »Ach ich wollte nur Freundschaft
genießen und da kommt die Liebe und stört mich«
    »Liebe Julie wie reizend ist Ihre Freimütigkeit«
    »Wie gut sind Sie dieses Freimütigkeit zu nennen da es unmöglich ist
Ihnen ein Geheimnis daraus zu machen dass mir Herr von O von Liebe sprach« 
    »Verzeihen Sie Julie aber ich habe Ihrem Gedanken einen doppelten Sinn
gegeben«
    »Das ist mir nicht ganz lieb Wollen Sie mir zur Vergütung die Ursache
sagen«
    »Ich dachte Julie fände dass von O würdig sei ihr von Liebe zu
sprechen«
    »Liebe Rosalia sahen Sie dies in meiner Miene oder meinen Worten«
    »In beiden meine Freundin und es machte mir Vergnügen denn gewiss von
O ist ein edler junger Mann«
    »Ich glaube es auch Rosalia Und nun will ich freimütig sein und Ihnen
bekennen dass mich die Liebe des von O freut Sie ist die Erfüllung eines
Wunsches den ich schon lange hatte Alles was ich von seinem Geist und seinen
Sitten kenne sind die Eigenschaften die ich mir von der Vorsehung für meinen
künftigen Geliebten erbat«
    »O Julie möge doch jeder edle Wunsch unsers Geschlechts wahr werden wie
dieser den Sie taten Aber sagen Sie mir wo nahmen Sie das Bild des Mannes
den Sie sich wünschten und wo nahmen Sie wenn ich so sagen kann den Ton der
Urne her denn ich weiß Ihr Kopf war nicht allezeit so ernstaft gestimmt«
    »Das ist wahr Aber die Anlage muss in mir gewesen sein sonst würde dieser
Ton nicht gleich gefasst haben und herrschend geworden sein und wenn ich das
Glück einen solchen Mann zu lieben nicht in einem elf Jahr dauernden Kummer
über seinen Verlust gesehen hätte so würde ich auch nicht so sehr daran
haften«
    »Und wo sahen sie dieses mein Kind«
    »Das Jahr hindurch da ich bei meiner Base auf dem Lande wohnte wo ich eine
liebenswerte Dame von drei und dreißig Jahren antraf die ihre Schönheit
Jugend und Talente der großen Welt in der sie geliebt war entzog um
ungestört dem Verluste nachzuhängen den sie gehabt hatte Aus der Beschreibung
ihres Geliebten aus seinen Briefen habe ich das Bild des Meinigen
zusammengesetzt und gewiss ich hätte niemals lieben können wenn ich kein
Ähnliches gefunden hätte«
    Eben als ich ihr darüber Fragen tun wollte kam Madame G mit von O
dessen Stimme wir zuerst hörten da er den Bedienten sehr lebhaft fragte Ob
Julie von U noch da wäre und ich sagte ihr noch geschwind »Julie dass ist
bedeutend dass von O gleich in dem Augenblick kommt da Sie von dem
Gegenstande Ihrer edlen Liebe reden Aber ich verliere dabei die Geschichte
Ihrer Lehrmeisterinn«  Sie versicherte mich sie aufzuschreiben und mir zu
geben Da waren meine zwei andre Frühstücksgäste im Zimmer Madame G gleich
beim Tisch Sie lobte uns Mädchen dass wir mehr geschwatzt als gegessen hätten
weil sie noch gute Sachen fände  Von O war einfach aber doch prächtig
geputzt Glückseligkeit war in seinem Gesichte so oft er Julien ansah oder sie
reden hörte und niemals vorher hatte ich ihn so sanfte und kluge Sachen sagen
gehört wie heute früh  Madame G aß redte eine Weile mit mir unterbrach
auf einmal aus Schalkheit das kleine Gespräch zwischen Julien und O indem
sie diesem sagte uns die hübschen Bilder zu zeigen die er in seiner
Brieftasche habe  Er zuckte die Achsel und sagte »Ich will gern gehorchen
aber Sie müssen mir bei Julien meine Vergebung erhalten helfen«  Nun wies er
ein Miniaturstück worauf der Teil des Gartens mit der Grasbank war wo Julie
gesessen ihre ganze Figur Kleidung und Reiz über die andern Mädchen erhaben
mit dem Griffel an die Urne schreibend in einer kleinen Entfernung der Baum
und von O mit den auf sie gehefteten Augen  Julie war rot lächelnd
ernstaft je nachdem sie das Bild O oder eine von Uns ansah Madame G
nahm selbst das Zweite und legte es vor Julien hin Hier war meine Gestalt
neben Julien stehend die mich mit äußerster Anmut am Arm hielt Von O mit
einer edlen Stellung die Urne umfassend eine Hand auf seiner Brust das Gesicht
gegen Julien gewendet Auf dem Fuße der Urne stund Nur hier o Julie wird
meine Liebe enden
    Das edle Geschöpf war schon vorher durch die Erinnerung des Fräulein von
Schleebach in eine zärtliche Wehmut gestimmt gewesen Staunen Vergnügen
etwas Verschämtsein und die ihr so nah dringende Liebe des von O gewiss aber
auch die hie und da mutwilligen Blicke der Madame G störten ihre Fassung
ganz Sie zog die zwei Bilder vor sich hin stützte ihren Kopf mit einer so
sichtbaren Verlegenheit auf eine ihrer Hände dass sie mich jammerte und ich
daher ein Papier aus meiner Tasche nahm und Madame G die die Bedrängnis des
artigen Mädchens nicht so sehr fühlte wie ich in ein Fenster führte um ihr
wie ich sagte den versprochenen Brief von Marianen zu weisen Sie sagte mir
leise »Rosalia ich bin noch besser als sie da mit ihrer Feinheit« Riss mir
den Brief aus der Hand indem sie laut sagte »Diesen Brief will ich den Abend
lesen Aber die arme Frau die auf Sie wartet und die ich vergaß die sollen
Sie gleich sprechen« Und damit zog sie mich nach der Türe und führte mich in
ein Zimmer gegenüber »Nun« sagte sie »weiß ich den Leuten nicht besser zu
helfen als Sie«  »Ja ja aber Sie haben auch die arme Julie geplagt«  »O
Sie weises Mädchen sehen immer mit Ihrem feinen Beobachtungsgeiste über die
Sachen hin die vor Ihnen liegen Juliens Stunde ist gekommen Sie hat O
Erklärung gewünscht um die ihre dagegen zu geben und jetzt wird all ihre
Verlegenheit vorbei sein«
    Nach einiger Zeit rauschte sie mit mir durch die zwei Nebenzimmer wieder zu
den beiden guten Liebenden zurück die nun am Fenster gegen den Garten stunden
Von O das wahre Bild ehrerbietiger Zärtlichkeit und Julie das vom Glück der
tugendhaften Liebe O Mariane dieser Anblick rufte mir die feierliche Stunde
zurück wo ich meinem Freunde auf ewig mein Herz versprach Seine edle Gestalt
war auch ganz Liebe und Ehrfurchtsvoll  Wenn ich nur Juliens ihre gehabt
hätte um seiner Seele den Eindruck zu lassen dass ich der vorzüglichen Achtung
würdig bin mit welcher er unter so viel liebenswürdigen Personen mich
Glückliche wählte  Julie bat mich um Erlaubnis ein Paar von den Zwergrosen zu
pflücken die in einem Stock vor dem Fenster waren Ihre Stimme und Miene waren
so rührend dass man deutlich sehen konnte wie die Bitte um Blumen nichts als
der schöne Umweg war auf welchem die Liebe gegen die Freundschaft zurücklehren
wollte Julie ward bald hernach abgeholt und sagte mir bei der
Abschiedsumarmung ins Ohr »Rosalia in Ihrem Zimmer habe ich Gelübde abgelegt
tun Sie auch welche für meine Glückseligkeit und für O seine«  Dieser ging
nicht von der Türe bis er sie die lange Straße durch gesehen hatte Dann kam
er voll Entzücken über Juliens Geist und feine Empfindung zurück Ich hätte gern
ein Dutzend Mädchen da zuhören lassen um ihnen die Idee von dem wahren Reiz zu
geben der den Mann von Verdiensten fesselt denn gewiss in diesem Moment
redete von O mehr von Juliens Charakter als von ihrer Person Er sagte zu
Madame G »Wie glücklich bin ich Julie meine Geliebte und Rosalia meine
Freundin«  Ich sagte mit noch mehr Gefühl Mariane ist Freundin Ihrer
                                                                     Rosalia L
 
                           Ein und vierzigster Brief
                           Julie U an Rosalia L
Ich habe mich durch das Versprechen der Geschichte meiner teuren
Lehrmeisterinn wie Sie sie nennen zu etwas verbunden das ich nicht werde
ausführen können Meine Feder ist ungeübt und aller Reichtum meiner
Empfindungen hilft mir nicht zu den Ausdrücken die ich nötig habe um Ihnen
mit Würde von der vortrefflichen Dame zu reden der ich den besten Teil meiner
Glückseligkeit schuldig bin
    Ehe mein Vater einen Garten hatte jammerte ich oft um das Glück während
dem Sommer auf einen zu wohnen und mein Vater ließ mich darüber zu meiner Base
nach Wiesental deren Töchter ich mit einem so fein gebildeten Geist antraf
dass ich höchst unzufrieden über den versäumten Anbau meines Kopfs wurde in dem
freilich manche Sachen lagen die von gutem Stoffe aber nicht von der schönsten
Form waren Meine junge Basen sagten mir ihr Vater noch mehr aber das Fräulein
von Schleebach hätten sie alle die Sachen gelehrt die mir so wohl gefielen
und dann erzählten sie mir dass Wiesental das allerentlegentste von den Gütern
des Herrn von Schleebach sei dass das Fräulein nach dem Tode ihres Bräutigams
hieher gezogen wäre und alle andre Verbindungen ausgeschlagen hätte sie wäre
aber immer gegen sie auch mitten in ihrer Melancholie sehr gütig gewesen
hätte sie Französich gelehrt in schönen Arbeiten und artigen Manieren
unterrichtet und dann eine Menge ganz vortrefflicher Bücher mit ihnen gelesen 
Kurz vor dem Abendessen wurde ich dem Fräulein in dem Gartenzimmer vorgestellt
als eine Verwandtinn die den Sommer da zubringen würde und dabei als ein gutes
Geschöpf angerühmt Ihre Gestalt und jede Wendung war voll Adel und Anmut
Höflich fragte sie mich über meine gewohnten Zeitvertreibe in der Stadt und
sprach mit Empfindung von der Ruhe des Landlebens Den andern Tag frühe machte
ich ihr meinen Besuch in ihrem Zimmer das Meergrün ausgeschlagen und mit
kleinen Landschäftchen geziert war die so fein als Kupferstiche mit der Feder
gezeichnet sind Ich dachte es wäre ihre Arbeit und fing an davon zu reden
meine Basen wollten mich davon abbringen das Fräulein von Schleebach aber
sagte ihnen »Sie wollen mich schonen meine Lieben ich danke Ihnen sehr davor
Lassen Sie mich aber immer den süßen Schmerz genießen ein Talent meines
verewigten Freundes loben zu hören«  Sie sah meine Basen freundlich dabei an
nahm mich bei der Hand und sagte »Julie Sie sollen gleich ganz mit alle dem
bekannt werden was ich auf der Erde noch am liebsten habe« und da wies sie mir
alle Zeichnungen Bücher und Klavierstücke die sie noch von ihrem geliebten
Herrn von Gutendorf übrig hatte Seine Briefe Billette und Verse aber bekam
ich erst einige Zeit hernach zu sehen als ich sie eines von seinen selbst
gesetzten Stücken spielen hörte und dabei über ihre traurige Miene in Tränen
zerfloss da sagte sie zu mir »Liebe Julie Ihre Empfindsamkeit für meinen
unheilbaren Kummer freut mich aber Sie könnten mich doch für eine Törinn
halten wenn Sie nicht den ganzen Wert der Ursache meines Traurens wüssten«
    Nun ging sie an eine Komode worin sie in einer Schieblade ihre Gradkleidung
und verschiedene graue raffente Brieftaschen mit schwarzen Bändern umbunden
hatte »Dies alles« sagte sie »muss mit mir in meinen Sarg gelegt werden« und
wies mir das Bild eines Chavaliers in Hofuniform Ein Gesicht voll Geist und
Seele welches den Adel seiner Gesinnungen bezeichnete so wie sein Name den
Adel seine Geburt  Der höchste Grad des edelsten Ehrgeizes muss ihn belebt
haben denn er wollte jede Kenntnis des Geistes jede Geschicklichkeit des
Körpers besitzen und suchte sich für beide immer die vortreflichsten Meister
aus deren Wissenschaft er sich in kurzer Zeit eigen machte und oft übertraf
Er besaß jede männliche Tugend des Herzens jedes Talent jede große und kleine
Geschicklichkeit in dem vollkommensten Grade  O Rosalia seine Briefe wie
viel zeigten die Vortrefliches in seiner Liebe in der Mähe die er sich gab
den Geist des Fräuleins von Schleebach zu verschönern Wie viel großmütige
Entwürfe und Wünsche waren darin  Das Fräulein brachte viele Tage damit zu
mir dies alles in seinen Papieren zu zeigen und las mir die zärtlichsten
besonders die vor seinem Tode geschriebenen im Garten vor wo sie einen Platz
ausgesucht und mit einer hohen grünen Wand umgeben lassen In der Mitte stehen
vier Cypressen in Piramiden geschnitten zwischen ihnen eine Urne auf welcher
der Namenszug des Herrn von Gutendorf das Jahr und der Tag seines Todes steht
Die Urne wird halb von einer wild fortwachsenden Cypresse gedeckt und auf
beiden Seiten sind kleine Grasbänke Die Urne selbst ist auf einem erhöhten
Rasen gestellt so dass während dem Blühen der weißen Rosenstöcke die sich
hinter ihr am Fuße der Cypresse biegen das ganze Kabinet die süßeste
Schwermut einatmen macht  Das Fräulein selbst ist auch immer grau mit
schwarzen Bändern gekleidet Dies alles machte mich traurig mit ihr aber ich
sah auch dabei das Glück wie sehr die Liebe für einen tugendhaften Gegenstand
ein Herz veredelt und stärkt ganz vortreffliche Sachen zu tun denn da der
Schatten des Herrn von Gutendorf seine Geliebte noch elf Jahre nach seinem Tode
in der schönen Gesinnung einer dauernden Zärtlichkeit erhielt da sie immer noch
alle Wissenschaften die er besaß alle guten Eigenschaften des Herzens liebte
was sollte er nicht im Leben über ihren Geist gewürkt haben Sie wiederholte mit
mir den ganzen Lauf ihrer Liebe und der Mühe die sie sich gegeben in allem
was sie tat der Achtung des schätzbaren Freundes würdig zu sein Bücher die
er ihr angerühmt musste ich auch lesen Das Feine und Artige ihrer Manieren
ahmte ich selbst so viel möglich nach und auf diese Weise wurde ich in meinem
Tun und Denken eine glückliche Kopie des schönen Urbilds das ich so
unvollkommen gezeichnet habe  Ich sagte ihr einmal dass ich doch bedauerte
sie mit so viel liebenswürdigen Eigenschaften für die Welt und ihre Freunde
verloren zu sehen  Sie antwortete »Meine liebe Julie die eigentliche Welt
verliert an einer einzeln Person niemals indem diese kleine Lücken gleich
ausgefüllt sind Für meine Freunde wäre ich mitten unter ihnen verloren
gewesen denn mit meinem Gutendorf war alles Glück alle Freude meines Lebens
dahin Es schmerzte mich andre erhalten zu sehen und ihn tot zu wissen
glauben Sie dass man mir dieses vergeben hätte und dass da meine Munterkeit
fort war ich noch eine beliebte Gesellschafserinn gewesen wäre Ich hatte an
unserm Hofe Größe Pracht und Lustbarkeiten gesehen sie blieben nach seinem
Tode noch da aber ich fühlte wie wenig wahre Glückseligkeit in ihnen liegt
weil jede Zerstreuung zu der sie mich lockten mir meinen Kummer erneuerte Er
starh mit drei und zwanzig Jahren mit Vergnügen weil er so edel gelebt hatte
Seine Liebe für mich dauerte bis in seinen Tod ich will ihn bis an meinen
lieben Er war meine Welt Das Andenken an diesen geliebten Toten hat mich
immer noch glücklicher gemacht als alle Lebenden nicht tun können  In seinen
Klavierstücken hör ich den Ton seiner Seele in seinen Briefen lebt seine
Liebe In seinen Büchern und Zeichnungen seh ich seinen Geist  Ich weine
freilich oft aber mein Kummer ist süßer als Freuden« 
 
                           Zwei und vierzigster Brief
Ihrem edlen menschenfreundlichen Herzen meine Mariane will ich das Gelübde
ablegen niemals gar niemals von dem Aensserlichen eines Gesichts mich
hinreißen zu lassen Etwas sicher Nachteiliges von jemand zu denken noch
viel viel weniger zu sagen Nein es soll durch mich nimmermehr der Schmerz in
eine Seele gebracht werden den ich vor zwei Tagen in der so gefühlvollen
Madame D entstehen sah da sie in dem Augenblick wo sie das Schönste und
vielleicht auch Schwerste tat was ein Frauenzimmer tun kann das
allerschiefeste Urteil über ihren Charakter erdulden musste und dies von einem
Manne dessen Hochachtung sie wünschte und verdiente 
    Der Aufsatz des Bildes der edlen Liebe und die zwei Briefe die ich vom
Anfang der Bekanntschaft mit ihr schrieb müssen Ihnen meine Mariane bewiesen
haben wie fein diese Frau empfindet und denkt und wie wahr die Güte ihres
Herzens ist Ihre natürliche Anlage ist lauter Lebhaftigkeit und Tätigkeit
Aber sie stund immer unter einer Obergewalt durch deren Handlungen und Denken
die ihrigen gehindert und zurückgestoßen wurden Dieses gewaltsame Zurückbalten
der Triebfedern ihres Geistes und ihrer Empfindungen der langjährige Kampf
gegen sich und andre das Aufopfern ihres Selbst und zugleich das Festalten an
ihren Grundsätzen hat natürlicher Weise nicht nur über ihre Seele sondern auch
auf ihre Person gewürkt Einige Muskeln ihres Gesichts sind durch das Anspannen
der Nerven zu scharf geworden weil die innerliche Stärke ihres Charakters nicht
so leicht die runde sanfte Falte der Nachgiebigkeit annehmen konnte Die Zeit
ihrer Freiheit erschien zu spät das lange Pressen der Umstände hatte die Falten
schon so genau bemerkt dass sie auch da blieben ob sie schon alles Zwangs
befreit den moralischen Gang ihrer Seele nach ihrer eigenen Wahl fortsetzen
konnte Und sehen Sie Mariane just diese Züge die als dauernde Überreste
ihres ertragenen Leidens da sind um derentwillen man sie achten sollte diese
werden zum Grunde von Beobachtungen angenommen aus dem man diese und jene
Fehler ihres moralischen Charakters entdeckt  In dem Augenblick wo sie sich
mit andern in der Gesellschaft eines Mannes befindet dessen vorzügliche
Verdienste des Geistes und der Denkungsart allen und auch ihr die Begierde
einflößte seinen Beifall zu erhalten und wo sie um den Andern nicht im Weg
ihres Vergnügens und ihrer Bemühungen zu stehen die Wünsche ihres edlen
Ehrgeitzes aufopfert schweigt und zurücktritt um andre genießen und schimmern
zu lassen da wird ihr Lohn misskannt und sie selbst ganz unrecht beurteilt Es
hat sie tief sehr tief verwundet und zu dem Entschlusse gebracht auf immer
verhüllt zu bleiben und sich ganz aller Gesellschaft zu entziehen  Ich aber
bin auf dem Vorsatz gekommen die äußerlichen Kennzeichen nicht als richtige
Maassstäbe des Geistes und Herzens anzunehmen  Madame G erschien hier im
schönsten Lichte in welchem jemals die weibliche Freundschaft stehen kann da
sie mir das Ganze von dem Charakter ihrer Freundin schilderte Ihr Mann und
von Ott waren als Ankläger da von denen ihr auf einer Seite der freundliche
und verbindliche Ton vorgeworfen wurde den sie zu der Zeit da sie in
Gesellschaft ging gegen die Meisten hatte und dann wurde ihr auf der andern
ihr Einschliessen und Zurückhalten geradaus mit den Erstern als Begierde zu
gefallen und Leute an sich zu ziehen verwiesen
    »O ihr Männer« sagte Frau G »wie ungerecht werfet ihr das Beste unter
das Schlechteste Hundert Weiber dürfen ungescheut den Kopfputz von dieser das
Band jener den Zeug hier die Schleiffe da in einem Zirkel bewundern loben
entzückt darüber scheinen und meine D welche bei Erblickung einer guten
Eigenschaft des Geistes oder Herzens ein eben so großes Vergnügen fühlt als
andre bei Moden und Putz sie darf nicht sagen Es freut mich diese
achtungswürdige Eigenschaft an Ihnen zu sehen Auch hat sie Unrecht meine
Freundin sie har Unrecht zu glauben dass es viele Menschen gäbe denen der
Beifall für ihre moralischen Bemühungen angenehm sein kann«
    Herr G sagte Madame D hätte ihren Beifall und Achtung oft über das Maas
der Verdienste zugemessen und gleichsam verschwendet
    »So meine Herren Ihr habt also allein Recht wenn Heut Euer Auge durch
einen schönen Fuß angezogen Ihr darüber alle andere Mängel der übrigen Figur
vergesst und beschönigt Morgen die helle Gesichtsfarbe einer andern Euch locken
lasst und immer diesen einzelnen Reizen die volle Summe Eurer Zärtlichkeit gebt
was für Fehler das Ganze auch haben mag Meine Freundin die nach moralischer
Liebenswürdigkeit umher sieht und sich freut den edlen Gang einer Seele den
Ton des Verstandes die Güte des Herzens zu bemerken und die Person welche
Eine oder Andres davon hat nach dem Grade ihres Vergnügens darüber lobt und
liebt diese hat Unrecht mit Menschenfreundlichkeit auf die gute Seite zu
sehen und sich von dem Fehlerhaften abzuwenden O Rosalia merken Sie sich das
Schicksal meiner D Besonders aber dass ihr dieses von edelmütigen von
vernünftigen Männern zubereitet worden ist die sie just als eine Frau
betrachten die auf Wucher leihet Ihre Liebe zur Einsamkeit ihre freiwillige
Aufopferung alles dessen was sie an Vorzug an Anhänglichkeit hätte erwerben
können dies wird Koquetterie genannt Der Wunsch den sie bei dem Feimnärchen
von Serpentio tat in ihrer Gewalt zu haben jeden Reiz der Person der Talente
und des Charakters allein in der Gegenwart ihres Geliebten zu besitzen und für
alle übrige Männer Dame Serpentina zu sein war der auch Koquetterie Hätte sie
mir gefolgt sie sollte mehr Tribut von euch erhalten haben aber der Beste vom
allen soll sie schadlos halten und über die Ungerechtigkeit der andern
trösten« 
 
                           Drei und vierzigster Brief
Madame G behielt mich Vorgestern noch eine Zeitlang in ihrem Zimmer wo sie
wiederholte dass sie platterdings dem Herrn C richtige Ideen von ihrer
Freundin geben und sie durch seine Liebe und Hochachtung für alles was sie
bisher gelitten hätte schadlos halten wolle  Gestern sprach sie mir mit der
nämlichen Lebhaftigkeit davon und sah dabei aus wie Jemand der einer schönen
Aussicht zulächelt  Ich wusste nicht wie sie es anfangen wollte besonders da
sie mir sagte dass sie sich meiner bedienen würde um das Hauptrad ihrer
Maschiene in Gang zu bringen Nun kam sie heut Mittag um zwei Uhr mich zum
Spatzierenfahren allein mit ihr abzuholen und ich musste meine Übersetzung
des Glücks der edlen Liebe und die Abschrift des englischen Aufsatzes von Madame
D mitnehmen Unterwegs sagte sie »Rosalia wir werden bei der Hütte des
Hirten aussteigen an der Hecke hingehen und dort auf der kleinen Bank setzen
wir uns und lesen ganz aufmerksam unsere zwei Papiere da wird mein Bruder mit
Herrn C unvermerkt zu uns kommen und über unser gelehrtes Aussehen ein wenig
spotten da werde ich behaupten dass ich Englisch von Ihnen lernen wollte und
dass ich Sie bei dieser Übersetzung angetroffen hätte die Sie mir nun vorlesen
müssten  Mein Bruder versteht die Englische Sprache Herr C auch Der Erste
wird gleich unsre Papiere begehren um sie mit Herrn C zu lesen Das Übrige
wird sich dann weisen«
    Alles ging wie sie es veranstaltet hatte Herr Fr und C machten
Anspruch auf unser Heft Papier Ich war mit dem Ganzen nicht so völlig
zufrieden und verteidigte ernstaft meine Aufsätze gegen den Raub Aber meine
Madame G erhielt die Oberhand Die beiden Herren gingen mit ihrer Beute von
uns und wir fuhren zurück  Herr Fr kam spät mit uns zu Nacht zu essen und
sagte seiner Schwester C hätte bei Lesung des Charakters von Arundel
gestockt Herr Fr wäre eingefallen »Mein Freund C dieser Lord und Sie sind
nur Ein Mann denn jeder Zug dieses Charakters ist Ihrer«  Am Ende wäre C
ganz besonders still und nachdenkend geworden hätte ihn gefragt ob wohl diese
Aufsätze von mir wären Fr habe geantwortet er glaube es nicht denn was
sollte Rosalia L mit der Idee einer Witwe mit dem mit so viel Zärtlichkeit
gezeichneten Bilde des Herrn C machen  Dann hätte er ihm die Aufsätze bis
den andern Tag lassen und versprechen müssen nachzuforschen woher sie kämen
    Wie alt ist dieser Brief geworden meine Mariane Aber die Treiberinn G
ist daran Ursache Sie schleppte vor sechs Tagen mich und Madame D in aller
Früh nach R ungeachtet es regnigt aussah Die Herren Fr C und G kamen
nach aber erst gegen Abend Wir Frauenzimmer hatten wegen der Gemächlichkeit
des Aufsatzes englische Hüte und nach dem Willen der Frau G auch alle
drei die hier neu aufgekommene Kleidung von grauem englischen Marly auf den
Leib passend an  Mich däuchte Herr C stutzte etwas darüber  Madame D
war anfangs auch über seinen Anblick bewegt doch glaubte ich zu bemerken dass
sie nach und nach sich dem süßen Gedanken überließ den Mann den sie liebte
von ihrer Rivalinn entfernt und ganz aufmerksam gegen sie zu sehen doch konnte
sie nicht bei dem Nachtessen ausdauern und ging viel früher als wir übrige zu
Bette Ohne was zu reden umarmte sie Madame G und mich mit einem Ausdruck in
ihrem Gesicht der die ganze Fülle ihrer edlen Zärtlichkeit und ihrer geheimen
Bekümmernisse anzeigte Herr C hatte ihr nachgesehen und sagte dann zu uns
beiden »Ich glaube Madame D muss ihre liebste Freundin sein denn ihr Umgang
scheint mir in gleichem Maß geistreich und zärtlich« 
    »Sie haben Recht« sagte Frau G »es ist eine unschätzbare Frau der ich
alle Süßigkeit und allen Trost einer vertrauten Freundschaft zu danken habe« 
    Herr Fr fiel ein »Was ich am meisten an ihr achte ist die Gelassenheit
und Ruhe ihres Geists sie beobachtet und empfindet richtig sie hat viele
Kenntnisse tut viel Gutes und sucht gar nicht zu schimmern oder
vorzudringen« 
    »Gewiss nicht« sagte Frau G »sonst würde sie nicht auf den Gedanken
bestehen hieher zu ziehen  Sie hat auch« fuhr Frau G gegen ihren Mann
fort »heute Früh gleich wie wir angekommen sind die Miete für das an unsern
Garten stosende kleine Landgut richtig gemacht Ich habe dazu gedacht ein
regnigter Tag würde sie etwas zurück halten aber es scheint dass die trübe
Witterung ihrer kleinen Melancholie am anständigsten war« 
    »Sie wird also noch einsamer leben als bisher« sagte Herr C
    Jeder sagte hier noch etwas zu ihrem Lobe C schwieg dabei schlief aber
wie Herr Fr erzählte beinah gar nicht und sah bei dem Frühstück tiefsinnig
aus Madame D aber war in ihrem weißen Nachtzeuge ganz reizend und die
Sanftmut ihres Wesens und Gesprächs nahm uns alle ein Die drei Herren gingen
während wir Frauenzimmer uns kleideten das gemietete Landgut zu besehen Wie
sie wiederkamen waren wir in dem großen alten Saale des Schlosses dessen Wände
mit alten FreskoGemählden geziert sind Herr C näherte sich gleich der Madame
D »Wir haben die schöne Einsiedlerhütte gesehen worein Sie sich verbergen
wollen  Wird sie ihren Freunden eben so verschlossen sein als Ihr Haus es
seit einiger zeit gewesen ist« 
    Frau D tat in der ersten Verwirrung die Frage »Habe ich denn Freunde
die dieses bedauern« und fing an auf und ab zu gehen Herr C ging mit ihr
und Herr G zu seinen Amtsleuten Ich war in einer Ecke des Saals mit Madame
G Schach zu spielen Herr Fr lehrte michs Die mutwillige G rief auf
einmal ganz laut »Schach der Königin«  Ein Seitenblick machte mich
aufmerksam und ich sah die zwei Spatziergänger vor einem Gemälde wovon Herr
C die Schönheiten erklärte aber sein Auge voll Geist schien eher das
mahlerische Ebenmaass der Madame D als die richtige Zeichnung der Gruppen des
Gemähldes zu betrachten Madame G stund auf näherte sich ihnen fasste beide
an den Armen »Emma und Arundel bei den Ruinen« sagte sie Frau D wurde
feuerrot und senkte ihren Kopf und Blicke zur Erde Herr C aber nahm eifrig
eine ihrer Hände und rief aus »O wie glücklich wäre ich wenn Frau G wahr
gesagt hätte«  Madame D fasste sich zog ihre Hand zurück »C nichts
Galantes von Ihnen ich bitte Sie Ihre kalte ganz kalte Hochachtung aber
keine spielende große Empfindungen Gönnen Sie mir das Glück Sie
hochzuschätzen«  Der rührende Ton ihrer Stimme bei diesem ihr Blick auf ihn
eine süße flüchtige Cramoisinröte über ihren feinen blassen Wangen und das
anmutsvolle halbe Wegwenden ihrer ganzen schönen Person war ein vortrefliches
Bild C war voller Bewegung und sah sie mit Lieb und Feuer an Sie neigte
sich und ging mit Frau G weg C legte sich an ein Fenster Er sah die
beiden Frauen im Garten und bat um Erlaubnis sie zu begleiten lief auch eilig
fort Madame G kam eine Viertelstunde nachher allein wieder küsste mich und
gab ihrem Bruder zugleich die Hand indem sie mit einer Träne der Freude im
Aug uns sagte »Nun ist meine D glücklich und zwar durch mich C wird ihr
Gemahl«  Wir freuten uns und die vier Tage über da wir noch in R blieben
nannten wir sie Emma und Arundel Und da beide frei und unabhängig waren
besorgte Herr Fr den Trauschein vom Magistrat und den fünften Tag eine halbe
Stunde vor unserer Rückreise in die Stadt erhielten sie durch den so
ehrwürdigen Pfarrer in R ihre Einsegnung Herr und Frau G überließen ihnen
das Schloss und alle Einrichtung samt der Köchinn und den Bedienten auf so
lange sie wollten Denn sie wünschten die ersten Tage ohne Zeugen und Geräusche
hinzubringen Nur schickte Madame G der nunmehrigen Frau C ihre Kammermagd
mit Kleidung und Weißzeug hinaus Sie sind auch noch nicht gesinnt in die Stadt
zu kommen weil sie wie sie beide schreiben sich von den verlohrnen Tagen
ihres Lebens und ihrer Bekanntschaft zu besprechen hätten ihr Landgut
einrichteten und sich auf den künftigen Sommer Spatziergänge aussuchten um
gegen die Langeweile gesichert zu sein
    In der Stadt war viel von der schnellen Heirat und von dem sonderbaren
Geziere der Frau C die Rede dass sie Niemand zum Zeugen haben wolle Wie froh
sie über den Verlust ihres Wittwenschleiers wäre C hätte immer den schlauen
Weltweisen gewacht wäre aber durch das altkluge Mädchen Rosalia und die
Klopfjägerinn G in das Netz der prüden D getrieben worden Sie möge aber
Sorge tragen ihn nicht zu sehr einzustricken sonst würde er seine älteren
Freundinnen um Hilfe bitten welche leicht etliche Schleifen auflösen und dem
fein singenden Vogel Luft machen würden ohne sich an das Gegirre des zarten
Weibchens zu kehren  Madame G sagt geradezu Dies sei die Rache der
abgewiesenen Liebhaberinnen und Koquetten die beide viel verloren hätten
 
                           Vier und vierzigster Brief
Ich komme so eben von einer recht sehr interessanten Spatzierfahrt zurück
welche Herr von Ott veranstaltet hatte Sie wissen dass er einer der Verbündeten
ist die zu der Sammlung tätiger Tugenden beitragen müssen Er hätte ich weiß
nicht wie vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines beinah achtzigjährigen
Ordensgeistlichen gemacht der ungefähr zwei Stunden von hier als Pfleger von
einem schönen Landgute seines Gotteshauses wohnt und durch seine heitre
freundliche Gemütsart ich denke auch durch seine Gastfreiheit bei allen
Benachbarten sehr beliebt war und fleißig besucht wurde  Diesem guten Mann
trug das Schicksal vor einigen Monaten die Sorge für zwei Findelkinder auf eine
für ihn sonderbare und rührende Weise auf
    Er hatte immer die Gewohnheit sein Brevier in den schönen Sommertagen in
einem Laubengange zu beten der ziemlich lang und da er völlig bedeckt ist an
dem Ende gegen das Feld ganz dunkel wird  Dahin ging der liebe Alte in
diesem Monat Junius gleich nachdem er Frühmesse gehalten hatte und betete da
ganz andächtig vor sich hin bis er am Ende des Laubenganges mit seinen Füßen so
stark an Etwas in dem Wege stößt dass er darüber gegen die grüne Wand hinfällt
Den Augenblick hört er die Stimme eines kleinen weinenden Kindes erschrickt
rafft sich auf und sieht einen mit einer grünen Leinwand gedeckten Korb vor
sich aus dem die Stimme kam  Er fasst sich sieht nach und findet in dem
Korbe zwei neugeborne Kinder und einen großen Brief der vorne auf ihr Bettchen
angeheftet und an ihn überschrieben war Er machte ihn auf und lieset dass die
zwei Kinder noch ungetauft seiner Menschenliebe anvertraut werden dass sie
Abends neun Uhr geboren und seit drei Uhr in der Früh auf diesem Platz wären wo
man wüsste dass er seine Morgenandacht hielte und während dem Gebete das gute
Werk nicht von sich weisen würde für die armen Findelkinder zu sorgen für
welche Vater und Mutter nichts tun könnten als Gott bitten dass er ihn lange
erhalten möchte Er sollte die Knaben nach seinen zwei Namen dabei aber auch
jeden Joseph Fürchtegott nennen
    Der Gedanke über die Zulassung Gottes dass ihm diese Last in den Stunden des
Gebets zugeführt wurde gab ihm Mut den Entschluss zu fassen sich so lange er
lebte der Kinder anzunehmen Er kniete hin und gelobte ihnen vor den Augen
ihres und seines Gottes ihr Pflegevater zu sein Nahm den Korb mit seinen
beiden Armen und trug ihn ins Haus wo die Haushälterinn eben so viel Lärmens
machte als ehmals des Herrn Worty seine Debora wie der gute Toms Jones
hingelegt wurde Der Alte kehrte sich nicht daran und ließ den Kirchendiener
nebst den Gerichtsleuten kommen um die Kinder zu taufen und die ganze
Begebenheit genau aufzuschreiben Nahm eine Wärterinn an und sorgte mit
Vatertreue für die Findlinge denn er lud einige Tage nach ihrer Aufnahme seine
benachbarten Freunde zu Gaste gab ihnen wie gewöhnlich recht gut zu essen und
zu trinken führte sie nachher zu seinen Zwillingen wies sie ihnen erzählte
die Geschichte und sagte Sie müssen auf dem Platz im Garten wo er sie gefunden
hätte ihre Gesundheit trinken Sie gingen alle lustig in den Laubengang wo sie
kostbaren Wein bereit fanden und auf des Pflegevaters und der Kinder Wohlsein
tranken Hier aber zog er eine Rechnungsrolle aus der Tasche und wies ihnen die
Erlaubnis seines Prälaten und Mitgeistlichen von den Einkünften des Gutes so
viel auf die Gastfreiheit zu verwenden er hätte bisher mit Vergnügen Gebrauch
davon gemacht und sie alle herzlich gerne bei sich gesehen er hoffe auch dass
es in Zukunft eben so sein würde wenn sie sich einen Vorschlag wollten gefallen
lassen den er zum Besten der Findelkinder ausgedacht hätte Indem er die
erlaubten Ausgaben nicht vergrößern möchte so dächte er die zwei Kinder als
tägliche Gäste zu berechnen hingegen denen die er bisher gesehen eine
geringere Anzahl Speisen vorzusetzen und dieses Ersparnis für die armen Kinder
zurück zu legen um hiedurch mit dem anvertrauten Gute seines Gotteshauses und
seiner Pflegkinder gleich getreu zu verfahren Alle billigten seine Gedanken
und machten den Findlingen nicht nur mit ihrer Einwilligung zu Verminderung
der kostbaren Schmäuse sondern mit einem Stück Geld ein Geschenk Der liebe
ehrwürdige Greis dankte für seine Findlinge und führt seit diesem Tage genaue
Gastrechnung zu ihrem Besten Wie wir hinkamen fanden wir ihn in der Stube
zwischen den zwei Wiegen sitzen wo er das Eine schaukelte und dem Andern das
schlief die Mücken abwehrte derweile ihre Wärterinn den Brei zurecht machte
Unser fremdes und vielleicht etwas zu lebhaftes Ansehen machte ihn einen
Augenblick stutzen aber Herr von Ott sagte ihm gleich »Verzeihen Sie mein
ehrwürdiger Freund dass ich Ihnen fremdes Frauenzimmer bringe Aber es sind zwei
Bräute die das Bild einer ihrer künftigen Tugenden in Ihnen sehen wollen beide
waren über ihre Menschenfreundlichkeit gegen die armen Geschöpfe entzückt und
haben die kluge Wirtschaft Ihrer Wohltätigkeit bewundert«  Er wandte sich
gegen uns und sagte Julien deren Hand er fasste und küsste da er mit der andern
den Alten wies »Meine Julie dieses ist das überfliessende Maß von Güte eines
Mannes wie schön muss ihre Wirkung in dem Herzen der Gattin sein von welcher
man sie erwartet«
    Von Ott hatte uns gerührt und ein wenig aus der Fassung gebracht die die
nämliche Bewegung in uns legte denn wir küssten beide die Hände des Greises und
die Kinder mit dem Vorsatz in der Seele, einst gute Mütter zu werden  Die
mutwillige Frau G rief aus »Das ist die Stimme des Berufs« Aber dem alten
Manne liefen Zähren über die Wangen da er uns beide mit dem Zeichen des Kreuzes
segnete Von Ott küsste unsere Hände und sagte uns dass er sicher wäre wir
würden diesen Beruf getreu erfüllen
 
                           Fünf und vierzigster Brief
Heute meine Mariane hat sich der Zufall eines Gemähldes bedient um mir schon
lang erkannte und gelernte moralische Grundsätze tiefer einzuprägen und sie in
meinem Kopf und Herzen zu tätigen Pflichten zu machen  Es war ein
Meisterstück eines der größten Mahler eine Madonna vorstellend welche dem
kleinen Jesu aus einem Körbchen einige Blumen reicht Die Zeichnung des Kopfs
des Gesichts des Nackens und der Hände ist nach Ausspruch aller Kenner
vortrefflich Ausdruck der höchsten weiblichen Tugend und mütterlicher Liebe
Rein vollkommen wie die hand des göttlichen Schöpfers sie in MutterSeelen
pflanzte liegen sie in ihrem Auge ihrem Lächeln und Zügen Die Schönheit der
Farbenmischung schimmert aufs Äußerste in diesem Stücke Ich betrachtete es
nach allen diesen Teilen mit innigem Vergnügen welches der Verstand über die
Größe der Kunst und mein Herz über den moralischen Ausdruck fühlte aber mein
Aug erlaubte sich Untersuchung des Ganzen und heftete sich auf die Stücke des
blauen Mantels welchen der Künstler um den mittleren Teil der Arme geworfen
hat und die Falten davon schienen mir leer weil ich die fortlaufende Ründung
und Linien des Arms und den Bug des Ellbogens nicht darin fand Ich sagte diese
Bemerkung einem edlen scharfsinnigen Manne der mit uns da war Er bestritt
meine Idee in etwas und dadurch reizte er mich meine Kunstrichterei zu
verteidigen und zu beweisen Er schwieg lächelnd nur kurze Zeit darauf hatte
ich an der Hand eines andern herrlichen Bildes etwas zu erinnern und hier fiel
er ein »Immer an dem Vortreflichsten etwas auszusetzen« Der Ton seiner Stimme
und seine Miene bewiesen mir wie sehr tadelhaft er meine genaue Berechnung der
kleinen Unvollkommenheiten fand Aber es machte keinen besonderen Eindruck auf
mich weil ich dachte dass es meinem richtig sehenden Auge wohl erlaubt wäre
das Fehlende zu bemerken aber einige Tage hernach kam mir eine Beurteilung
meines Charakters zur Hand die mir eben so schmerzhaft fiel als mein Tadel
über die zwei herrlichen Gemälde dem Schönheit fühlenden Mann Ich wurde auch
über einen fehlerhaft scheinenden Teil hart verdammt wo ich in der Tat auch
nichts anders verbrochen hatte als der Mahler der nicht alles Schöne so er
fühlte am Tage mahlen wollte und sogar nicht einmal den Nachteil berechnete
den sein Genius durch die Sorglosigkeit seines Faltenwurfs in dem Auge des
Fehler ausspähenden Beobachters erdulden dürfte oder könnte Ich zeige auch
selten das ganze Bild meiner Seele ich werfe auch hie und da einen Schleier
ein Stück Mantel über einzelne wohl formirte und mit dem Ganzen
übereinstimmende Teile Ich denke auch nicht an die schiefen Urteile welche
schiefe Falten hervorbringen können und müssen und nun will ich mich hinsetzen
und mich bei dem Bilde der Madonna mit dem Gefühle des Wiedervergeltungsrechts
trösten  Es gibt ein moralisches Augenmaass für die Züge der Seele wie ich es
für die Linien der körperlichen Schönheit und Regulärität habe und wenn ich
verabsäume den Schleier so um mich zu winden dass die reine Gestalt der
moralischen Bildung auch durch die Decke leuchte so muss ichs leiden dass man
etwas Verkehrtes vermute Denn von wem besonders von einem Frauenzimmer wird
man vermuten dass sie gute und vorteilhafte Eigenschaften verbergen würde und
dass sie in dem Augenblicke wo sie Vorzug erhalten könnte freiwillig darauf
entsagt und doch bin ich so unbillig zu klagen wenn mir nicht dafür gedankt
wird Aber ich danke dem Manne der mit edlem Eifer meine Tadelsucht bestrafte
und mir die Anweisung gab von meinen Nebenmenschen nicht mehr zu fodern als
sie von mir erhielten Doch meine teure Mariane würde ich mirs niemals
vergeben wenn meine Nächstenliebe erst durch meine Selbstliebe erweckt und
tätig gemacht worden wäre Nein sie ist nur verträglicher geworden Denn in
Wahrheit ich rügte alles zu lebhaft was außer meinem Gefühl und Überzeugung
war  Was kann die Feldblume davor dass sie nicht von einem Kunstgärtner
gepflegt wurde und was für ein Recht gibt das glückliche Loos einer guten
Besorgung der Gartenpflanze die andern mit Übermut hager und mangelhaft zu
schelten Was mich aber recht sehr verdriesst ist dass ich bemerke wie durch
diesen Vorgang ein Teil meiner moralischen Empfindungen sinnlich geworden ist
Denn ein Blick den ich auf das Bild einer Madonna werfe die in meinem Zimmer
hängt gibt mir die lebhafteste Erinnerung zu milder Beurteilung der Fehler
die ich an andern finde Sogar ein blaues Kleid scheint mir ein Wink zu sein
die Behutsamkeit für mich und andre nicht aus den Augen zu setzen Ich dachte
schon von nun an lauter blaue Armschleifen zu tragen weil ich den Armfalten
eines Mantels von dieser Farbe eine Wiederholung der Tugendlehre zu danken
habe Doch fürchtete ich die Macht der Gewohnheit die mich durch täglichen
Gebrauch dieses Mittels gegen seine Wirkung unempfindlich machen könnte zumal
man immer eher auf die Falten des Nächsten als auf seine eigenen sieht Sie
wissen ich liebte die Mahlerkunst allezeit nun gewiss mehr als jemals weil sie
der Anlass war dass ich in Zukunft mit mehr Genauigkeit auf die Verbesserung
meiner eigenen Fehler denken werde
                                                                        Rosalia
                          Sechs und vierzigster Brief
Von Ott führte heute Nachmittag Julien und mich zu seiner Tante die an dem
äußersten Ende der offenen Vorstadt wohnt und aus deren Hausgarten man gleich
auf das Feld gehen kann Madame G kam nicht mit weil die melancholische
Empfindsamkeit dieses Frauenzimmers nicht den geringsten Ton des Schmerzens
erträgt und selbst ihr Neffe den sie doch innig liebt nicht oft zu ihr kommen
darf weil alle Stunden des Tages in Arbeits und Andachtsübungen eingeteilt
sind und sie überhaupt mit niemand lebt als einer SchulmeisterWittwe und
deren Tochter die sie im Hause hat und in Tisch und Wohnung unterhält die
hingegen beide mit ihr das ganze Jahr für Arme Strümpfe stricken Hemden und
Hauben nähen helfen müssen indem wie sie sagt das Gebet und ruhige
Guttätigkeit an Arme der einzige Trost gewesen sei den sie in den
Bekümmernissen ihres Herzens gefunden habe
    Ehe Ott uns hinführte hatte Madame G ein Paarmal über sein ernsthaftes
Aussehen gelacht und dabei gesagt es wäre das Gesicht welches er bei seiner
Tante H geholt hätte Julie fragte ihn da über die eigentliche Ursache der
Einsamkeit dieser Tante und er erzählte uns dass sie die älteste Schwester
seiner seligen Mutter wäre die als Zwilling mit seinem in Venedig verstorbenen
Oheim auf die Welt gekommen darüber aber seine Großmutter das Leben verloren
hätte und vor ihrem Tode diese zwei Kinder der Liebe und Sorge ihrer ältesten
achtzehnjährigen Tochter anempfohlen habe Diese hätte auch jede mütterliche
Treue an beiden bewiesen und sie zu den liebenswürdigsten und artigsten jungen
Leuten gemacht das Vermögen mit der größten Vorsicht verwaltet endlich seine
Mutter glücklich verheiratet und seinen Oheim auf Reisen geschickt an dem
sie von seinem achtzehnten Jahre an eine vorzügliche Neigung für ein
holdseliges sanftes Mädchen beobachtet hatte welches die Tochter einer ihrer
Freundinnen war Als er mit zwanzig Jahren seine Reisen antrat hatte sie die
junge Eufrosine zum Frühstück geladen und diese musste ihn eine selbst gestickte
Brieftasche zum Geschenk auf die Reise mitgeben und auf das erste Blatt
schreiben »Treue Freundschaft und Unschuld werden alle Tage für Ihr Wohlergehen
beten« 
    Eufrosine war just sechzehn Jahr und in der feinsten Blüte der Schönheit
einsam erzogen um so stärker war jede Neigung der Zärtlichkeit in ihrer Seele
Meine Tante wollte ihrem Bruder durch Eufrosinens Bild eine Schutzwehr um sein
Herz legen daher hatte sie veranstaltet dass den letzten Morgen niemand anders
da war als sie beide Sie wusste wohl dass ihr Bild den Eindruck von Eufrosinen
nicht verdringen würde Sie hatte auch gut gerechnet denn mein Oheim nahm sie
noch auf die Seite und bat sie mit wenig Worten wenn es möglich wäre das
reizende Mädchen für ihn aufzuheben Meine Tante versprach ihm alles zu tun
diesen Wunsch seines Herzens zu erfüllen Bruder und Schwester umarmten sich und
nahmen mit vielen Tränen Abschied Die holde Eufrosine weinte sympatetisch
mit mein Onkel küsste ihre Hände und bat sie ihren Vetter Heinrich nicht zu
vergessen Sie versicherte ihn mit schluchzender Stimme »dass sie gewiss immer
an ihn denken würde« Mein Onkel reiste vier Jahr lang vergaß aber Eufrosinen
nicht besonders aber erkundigte er sich bei meiner Tante ob sie wohl mit ihm
nach Venedig ziehen würde weil er dort sein Glück zu befestigen hofte Alles
war versichert denn meine Tante hatte Eufrosinens Herz und den Willen ihrer
Eltern nach den Wünschen ihres Bruders gelenkt der als ein schöner
liebenswürdiger Mann zurück kam und seine Eufrosine nicht nur mit der edelsten
jungfräulichen Gestalt und Anmut sondern auch mit jeder Tugend und weiblichen
Geschicklichkeit begabt antraf Ihre durch meine Tante in der Stille genährte
Liebe für ihn und die seinige für sie wurde durch ihr beiderseitiges Verdienst
zu der feurigsten Zärtlichkeit erhöht Er hatte aus Venedig einen Portraitmahler
mitgebracht allein in der Absicht den Eltern seiner Braut ein recht gutes Bild
von ihr zurück zu lassen Und da er sie einmal des Morgens in ihrem Zimmer
besuchte just da ihr Mädchen ihre wunderschöne blonden Haare auskämmte und
Eufrosine etwas in ihr Tagebuch schrieb so ließ er sie für sich in dieser
Stellung mahlen Sie sollen das Bild bei meiner Tante sehen Alle Anstalten zu
der Verheiratung wurden gemacht und da beide Liebende das Fest ihres Glücks
ohne Geräusch zu feiern wünschten so wurde die Zeit der Badekur die
Eufrosinens Mutter alle Jahre zu gebrauchen pflegte dazu bestimmt Die Braut
zog mit ihrer Mutter ins Bad das zwei Stunden von der Stadt nahe an einem
Walde liegt Mein Onkel ging ab und zu weil er sich die Freude machte während
ihrer Abwesenheit eine Menge artiger Sachen in den Zimmern seiner künftigen Frau
anzuschaffen die sie nach ihrer Heirat da finden sollte Den Abend vor der
Trauung die auf einem benachbarten Dorfe in der Stille geschehen sollte ging
mein guter Onkel in die Stadt um meine Eltern und Tante Abends mit sich hinaus
zu nehmen damit sie Morgens als Zeugen seiner Verbindung da sein möchten und
um die übrigen Badegäste nichts argwöhnen zu lassen gingen Eufrosinens Eltern
mit ihr auf Einladung der Gesellschaft in den Wald spazieren  Das edle
sanftliebende Geschöpf fühlte sich von den lärmenden Unterredungen des Haufens
belästigt sie wünschte allein ihrem Herzen und Nachdenken überlassen zu sein
verlor sich daher sobald sie konnte ins Gebüsch und da sie vor dem
Spatziergange ihrer Mutter gesagt hatte dass sie so gerne zu Hause bliebe so
dachte diese als man Eufrosinen vermisste sie wäre heimlich zurück und sagte
es auch ihrem Mann Der Abend war schön Man hielt sich lang auf eh man
zurück ging und der Zufall wollte dass des guten Kindes Eltern mit dieser
Zögerung zufrieden waren weil sie glaubten ihre lieben Gäste aus der Stadt
könnten noch zum Nachtessen zurecht kommen Man kam nach Haus es wurde nach
Eufrosinen gefragt sie war aber nicht da Alle Zimmer wurden durchsucht alle
Leute gefragt niemand hatte sie gesehen und nirgends fand man sie Ihre Mutter
glaubte sie müsse auf dem Wege nach der Stadt gegangen sein und man schickte
ein Paar Leute hin die liefen so weit bis sie der Kutsche begegneten worin
mein Onkel war Hier fragten sie eilig an ob das Frauenzimmer bei ihnen wäre
»Was für ein Frauenzimmer« sagte mein Onkel »Ihre Braut mein Herr Sie ist
seit dem Spatziergange im Walde nirgends zu finden und wir dachten sie wär
Ihnen entgegen gegangen«
    Urteilen Sie von dem Schrecken meines Onkels Er setzte sich gleich auf
eines der Pferde und jagte ins Bad erkundigte sich nach den Umständen und
vermutete dass sie im Walde verirrt sein müsse Bot große Summen Geldes für
alle die sich zum Aufsuchen vortaten ließ Strohfackeln machen und eilte
zuerst mit einer großen Wachsfackel dem Walde zu wo er mit ängstlicher Stimme
nach Eufrosinen rufte Mein Vater der Bademeister und der Arzt betrieben den
Fortgang der Leute die zum Nachsuchen bestellt waren Meine Mutter blieb bei
Eufrosinen ihrer Aber meine gute Tante wollte ohne Einreden mit nach dem Walde
Sie hatte auch das traurige Glück Morgens um drei Uhr das liebe englische
Mädchen zuerst zu erblicken die mit allen Kräften durch verwachsene Bäume
durchzudringen suchte und einen hohlen wilden Schrei dabei außstieß Zwei
Männer die bei meiner Tante waten eilten zu ihr und diese mit der Fackel
nach Die arme Eufrosine drückte die Augen zu schrie und sträubte sich
erbärmlich Die Männer trugen sie meiner Tante zu die über den jämmerlichen
Anblick des lieben Mädchens in Ohnmacht fiel Eine Viertelstunde darauf kam mein
Onkel dahin weil er rufen gehört hatte »Wir haben sie« Aber wie fand er seine
Eufrosine Ihrer Sinne beraubt Gesicht Brust und Hände zerrissen und blutend
Nichts auf dem Kopfe ihre schönen Haare verwirrt und eine Menge ausgerauft
einen heischern Schrei der furchtsam aus dem Munde kam den vorher die
sanfteste Stimme beseelte Der äußerste Grad von Schmerz und Verzweiflung zerriss
sein Herz Er warf sich auf die Erde zu ihr wo man sie sitzend hielte und
meine Tante die sich erholt hatte das Blut von ihrem Gesicht wischte Der Arzt
und mein Vater kamen auch Mein armer Onkel bat den Ersten auf seinen Knien ihr
zu helfen Sie ward ins Haus gebracht ihre Wunden besorgt und alles Mögliche
zu Wiederherstellung ihrer Vernunft gebraucht Aber sie war unwiederbringlich
verloren Große Ärzte wurden zu Rat gezogen die alle sagten dass der höchste
Grad ihrer Angst bei Erblickung der Fackeln müsse entstanden sein weil sie
immer wenn ein Licht ins Zimmer kam in Anfälle von Zittern und ein die Seele
durchdringendes Rufen nach meinen Onkel geriet der vier Monat lang neben ihrem
Zimmer wohnte und sein eigenes Leben über ihren hofnungslosen Zustand
verseufzte Wenn sie aus Mattigkeit schlief kniete er neben dem Bette küsste
ihre Hände stund auf rang die seinigen mit Tränen des bittersten Grams legte
auch oft seinen Kopf neben dem ihrigen Er wollte ungeachtet ihres Zustandes
mit ihr getraut werden um sie immer selbst zu besorgen und man hatte Mühe ihn
darüber eine Verzögerung eines Monats einzureden Ihr Wahnsinn wurde etwas
sanfter aber sie zehrte sichtbar ab Zehn Tage vor ihrem Tode hofte man ihre
Genesung weil sie wieder mehr Worte aussprach indem sie Augen und Arme gen
Himmel erhob und deutlich sagte »Ach Gott es ist so spät und Heinrich noch
nicht da« Eine nicht zu dämpfende brennende Hitze trocknete sie aus Zwei Tage
lang war nicht mehr so viel Feuchtigkeit in ihren Augen dass sich die Deckel
schließen konnten und kaum konnte sie tropfenweis eine Erquickung
niederschlucken Mein Onkel war bedaurungswürdiger als sie Jeder Augenblick
seines Lebens war Marter Als der Arzt versicherte dass ihr Leiden bald durch
den Tod enden würde betrachtete mein Onkel sie noch mit alle dem Gefühl seiner
Liebe bog sich über sie hin »Eufrosine meine Braut dem Grabe muss ich Dich
lassen der Tag wo Du mein werden solltest war der Anfang Deines Todes«  Ein
Strom von Tränen floss aus seinen Augen aber er und alle behaupteten dass in
dem nämlichen Augenblicke die ihrigen eine Bewegung gemacht hätten ja dass ein
Zug von Lächeln über ihr Gesicht gegangen sei Mein Onkel ward entzückt Er
umarmte und küsste sie aber einige Minuten darauf war sie tot Hier sagte er
mit Stammlen »Eufrosine Dein letzter Blick war mein Du bist die erste und
einzige Liebe meines Herzens gewesen Du sollst es noch im Grabe sein und bald
bald wird mich die Vorsicht die Dich mir nahm Dir wieder geben« 
    Er reiste fort nachdem er nur ihr Bildnis und die Kleider die sie zuletzt
getragen zu sich genommen hatte Meine gute Tante die für die arme Eufrosine
und für meinen Onkel zugleich gesorgt hatte wurde kränkelnd und blieb immer
traurig Einige Jahre darauf starb meine Mutter und mein Onkel kurz hernach
der meiner Tante sein ganzes Vermögen zu ihrem Genuss zurück ließ von dem sie
den Überrest mir verlassen möchte Der Gedanke des Unglücks das ihren
rechtschaffenen Bruder und seine tugendhafte Braut betroffen der frühe Tod
meiner Mutter die Zerstörung aller so vieljähriger Mühe für das Wohl ihrer
zwei Geschwister haben ihren Geist und Herz eigentlich gequetscht und sie ist
wie Jemand der unter dem Druck einer Presse Atem holen müsste Aber gewiss
meine Freundinnen es ist eine ehrwürdige Alte die für mich Überrest eines der
Tagend gewidmeten Tempels ist den ich mich mit Ehrfurcht und Liebe nähere 
    Sie können denken meine Mariane dass Julie und ich bei den Tränen die wir
bei Eufrosinens Elend weinten in die ganze Stimmung kamen die die ernste
Schwermut des Frauenzimmers erfoderte  Sie empfing uns sehr artig
betrachtete aber uns zwei Mädchen mit einer Gattung von Tiefsinn Ott stellte
ihr Julien als seine Braut vor welches sie mit ziemlicher Ruh in ihrer Miene
anhörte Wie ihr aber Julie die Hand als ihre Nichte küssen wollte umarmte sie
sie lehnte ihren Kopf auf Juliens ihren und stille Tränen flossen über ihre
ehrwürdige aber blasse Wangen hinab Wir waren alle ruhig Nach wenigen Minuten
richtete sie sich auf nahm Ottens und Juliens Hände legte sie zusammen mit
einem innigen »Gott segne Euch und gebe dir lieber Nepote alles Glück so
sich Dein Onkel von seiner Braut versprechen konnte wenn « Hier weinte sie
wieder faltete aber ihre Hände und blickte gen Himmel »Ich murre nicht
göttliche Hand Ich murre nicht Du hast sie ewig glücklich gemacht Meine
Tränen sind nur Erinnerung der Liebe«  Wir schwiegen nach Ottens Beispiel
immer wie er uns auch zuwinkte Nachdem fasste sie sich ganz und führte uns in
das Zimmer wo die Bildnisse von Eufrosinen und ihrem Bräutigam waren Sie wies
Julien das letztere und fragte sie Ob nicht ihr Ott das Ebenbild seines Onkels
sei Wir fanden es alle Julie sagte Es freue sie sehr dass er diesem
rechtschaffenen Mann gleiche »Er hat auch sein Herz liebe Nichte und dafür
danken Sie Gott denn Sie werden dadurch eine sehr glückliche Frau werden« 
    Ich hatte indessen meine Augen auf Eufrosinens Bild geheftet das in
Lebensgröße und vortrefflich gemahlt ist Ein Zimmer mit hellbraunem Tafelwerk
durch ein großes Fenster fällt das Licht auf Eufrosinens Figur die auf einem
Stuhl ohne Lehne sitzt ihre Kleidung ist reine weiße Leinwand Rock und Korset
in welchem ihre schlanke Gestalt sehr schön ausgezeichnet ist Ihre schöne Brust
feinen Nacken und einen Arm sicht man von der Seite ganz Rückwärts steht ein
Aufwartmädchen etwas entfernt die mit einer Hand die langen blonden Haare und
in der andern einen Kamm hält aber auch wie Eufrosine den Kopf gegen die Tür
wendet die eben aufgemacht worden Eufrosinens Gesicht ist das allerschönste
Oval mit der feinsten Farbe einer Blondine Eine niedlich gebogene Nase ein
kleiner Mund der mit süßer Liebe lächelt große blaue Augen in welchen der
Ausdruck himmlischer Sanftmut ruht die edelste Form der Stirne und des
Hauptes Mit dem freien Arme zieht sie das blaue Band ihres Korsets über ihre
Brust als ob sie sie schaamhaft damit in etwas decken wollte der andre liegt
mit einem Teil auf dem Tische auf welchem ein Spiegel ein Körbchen mit
Blumen Perlenschnüre und ein klein Tintenfass steht Noch mit der Feder liegt
ihre rechte Hand auf dem Blatte eines kleinen Hefts Papier worauf sie schrieb
»Tugend sei immer die Schönheit meiner Seele und Heinrichs Liebe mein Glück«
    Die vollkommne und still reizende Schönheit des Bildes die Erinnerung des
grausamen Schicksals dieses holden Geschöpfs füllte mein Auge mit Tränen Die
Tante drückte meine Hand und sagte mit Seufzen »Ach sie verdient die Zähren
jeder guten Seele Denken Sie was ich gelitten habe wie ich den Engel so
elend zugerichtet vier Monat lang leiden und endlich sterben sah  Liebe
süße Eufrosine« sagte sie und küsste den Arm des Bildes gab dann Otten die
Hand »Ich danke Dir dass Du den zwei wackeren Frauenzimmern von Deinem Onkel und
Deinen Tanten so gut geredt hast«  Dann wies sie uns das Bild von Ottens
Mutter Erzählte von ihr und versicherte Julien sie würde eine liebenswerte
Schwiegermutter gehabt haben »Ich will Sie dafür ansehen« sagte Julie »Es
würde mich vergnügen meine Liebe wenn ich nicht allen Entwürfen von Freude
entsagt hätte Ich nehme jetzt von einem Tage zum andern was mir Gott
zuweiset«  Hierauf gab sie uns ein recht artiges Abendbrot und ging nachdem
sie die Wittwe und deren Tochter hatte rufen lassen einige Augenblicke von uns
und band bei dem Wiederkommen Julien eine schöne Schnur orientalischer Perlen
um den Hals nebst einer sechsfachen Reihe von nämlicher Größe um die Hände
wobei sie auf Eufrosinens Bild wies »Es sind die nämlichen die darauf gemahlt
sind Mein Bruder hatte sie mir gelassen« 
    Wie es etwas später wurde und wir gehen wollten fiel Otten ein dass es
Mondlicht wäre wir wollten bei dem schönen Abend um die Stadt herum bei dem
Einlasstor nach Hause gehen und indessen noch einige Zeit in der Tante Garten
uns aufhalten Das war ihr ganz Recht und sie wies uns ihre liebe Einsiedelei
wie sie es nennte Im Gehen wandte sie sich ungefehr um und betrachtete dann
den Schatten ihrer Figur mit einer etwas ernsten Miene Ott nahm ihre Hand
»Liebe Tante auf was sehen Sie«  »Hier auf meinen Schatten er dünkt mich das
traurige Bild meines vergangenen Lebens zu sein«  »Aber sehen Sie nur alle
unsere Schatten sind so«  »O nein der Umriss von den Eurigen zeigt die
Frölichkeit Eurer Gebehrden und Eures Muts so wie der meinige ein gebrochenes
Herz und wankendes Leben anzeigt«  Julie fiel hier recht liebenswürdig ein
»Ja liebe Tante Ihr zurückliegender Schatten sieht düster und jammernd aus
aber vor Ihnen sieht es helle Ihre Brust wird von himmlischen Strahlen
beleuchtet«  Die Tante streichelte Juliens Backen »Trostengel« sagte sie
»Gott lasse Dich allezeit einen so erquickenden Gedanken für die trüben Tage
Deines Ott finden«  Wir küssten ihr alle drei ungeachtet ihres Widerstands
die Hände Sie segnete uns und versprach für unser Wohl zu beten Und nun
gingen wir langsam in uns gekehrt den einsamen Weg hin Als wir in die Allee
kamen deren Bäume schon meist entlaubt waren schien der Mond zwischen den
Seitenhecken durch und gab den gelben auf den weißen Kiess zerstreuten
Blättern eine sanfte Farbe Ott der uns führte blieb nach langem Schweigen
stehen sah uns beide an »Wie schön sind auch kühle Herbstabende wenn man sie
mit Liebe und Freundschaft genießt«  Julie sprach »Lieber Ott ich denke
jeder Abend ist schön wenn man den Tag mit der Tugend verlebt hat wie wir
heute getan haben Und bei Ihrer dauernden Liebe wird mir auch der Herbst des
Lebens bei verwelkten Freuden angenehm sein«  »Meine teure schätzbare
Julie« sagte er mit Entzücken »Ihre Tugend wird die welkenden Freuden unsers
Lebens mit einem so sanften Lichte verschönern wie der Mond diese abgefallene
Blätter vor unsern Füßen färbt« 
    Dieses Gespräch war mir traurig süß Denn ich konnte mich des aufsteigenden
Wunsches nicht enthalten »Ach wenn der Geliebte meiner Seele hier wäre und
die Ruhe der Erde und die alles Leiden besänftigende Strahlen des Mondes mit
mir sähe Wenn ich in dem Ausdruck seiner geistvollen Physiognomie den nämlichen
Grad von Liebe erblickte die Julie in Otten sieht Denn gewiss meine
Zärtlichkeit ist wie ihre« 
    So kamen wir nach Hause voll seligen Tiefsinns der die Tugend lieben
macht
 
                          Sieben und vierzigster Brief
Es ist gut meine Mariane es ist wohltätig vom Schicksal wenn es uns die
Erfüllung kleiner Wünsche versagt weil wir dadurch die freudigen und vergnügten
Empfindungen der Seele versplittert genössen und den erhabenen Reiz des großen
Guten nicht mehr nach seinem ganzen Umfange fassen würden
    Schon lange begehrte mein Herz von der Vorsicht eine Erscheinung aus der
schönen alten Welt wo der Freundschaft die sich zum Besten des Freundes
aufopfert Altäre gebaut wurden und wo diese Bewegung der menschlichen Seele
höher geschätzt war als Liebe weil sie edlere und schönere Taten vor sich hat
und hervorbrachte Durch Sie Mariane bin ich mit jedem sanften einnehmenden
Zuge der weiblichen Freundschaft bekannt geworden Sie haben alles für mich
getan was Ihr edles Herz nach den Erfordernissen des meinigen tun konnte Es
gibt aber Fälle in denen die Verfassung der bürgerlichen Ordnung des Lebens
unsere Neigungen beschränkt so dass sie nicht zu Handlungen werden können und
wo allein die Männer das große Vorrecht haben von der Bewegung zum Entschluss
und von diesem zur Tat zu gehen  Der Zufall welcher gewiss im Ganzen
genommen eine ungleich größere Anzahl guter als schlimmer Sachen veranlasst
hat mich vor zween Tagen auf den Platz gestellt wo ich diese große
Verschiedenheit unsers Wirkungskreises mit der Männer ihren ganz nahe und in dem
schönsten Licht sehen konnte
    Herr G tat vor einigen Tagen den Vorschlag einer kleinen Jagd die es
als Oberbeamter in R zu genießen hat und bat die Übenswerte Familie und
den Freund der  dazu Madame G nahm mich mit Das Wetter war so schön dass
wir auf vier Tage da blieben und uns aber wegen Mangel der Zimmer zu zwei und
zwei in Eines lagern mussten Madame G war bei mir Madame  und ihre Tochter
wieder beisammen und sodann Herr  und sein Freund gleich neben uns im
dritten Stocke Herr R mit einem andern  Wir waren alle sehr vergnügt Nur
den zweiten Tag beim Frühstück bemerkte ich nach einer kurzen Abwesenheit der
Frau G dass ihre Stirne bewölkt war  Ich blickte sie daher öfters an sie
sagte wir auch mit freundlichem Drücken meiner Hand und sanfter als jemals
ihre Stimme war »Rosalia Ihre Augen fragen mich was Sie sollens wissen mein
Schatz sobald wir allein sind denn es drückt mich hier« auf ihr Herz
weisend
    Es war sieben Uhr des Morgens als ein Teil der Gesellschaft gleich nach
der ersten Zerstreuung des Nebels durch die Weinberge in das kleine
Haasenwäldchen wallte Madame  ging mit Ihre Tochter aber in ihr Zimmer um
sich ganz anzuziehen Meine G auf einen Augenblick in die Küche und ich in
unser Schlafzimmer wohin sie kam und gleich anfing »Rosalia was ist Ihr Oheim
für ein Mann kann er einer Frau die überfliessende Güte des Herzens vergeben
wäre er fähig ihr ein Darlehn auf etliche Jahre zu machen« 
    »Liebe liebe Madame G wie hastig tun Sie mir diese Fragen und Sie
sehen ja ganz unwillig dabei aus« 
    »Vors Erste mein Kind ist mir sehr daran gelegen es bald zu wissen und
dann Rosalia weis ich dass die meisten Menschen die Züge des edlen gütigen
großmütigen Betragens gegen andre freilich gern erzählen hören es mit
Vergnügen in einer Geschichte lesen entzückt davon reden und dann in der
Gelegenheit es selbst zu tun durch die edelsten Ursachen zurück treten und
es von sich lehnen freundschaftliche Bonde darüber zerreißen aus einem
brausendkochenden Kessel voll Sentiments auf Einmal zum Eisklotz werden  Ja
wenn ich mein eigenes Herz nicht in mir schlagen fühlte wenn ich meine W
nicht leibhaft mit allen ihrem schönen bitteren Kummer der Seele vor mir sähe
so glaubte ich selbst dass Edelmütigkeit und Menschenliebe Träumereien der
Poeten wären«
    »Was für ein trauriges Bild mahlen Sie mir liebe Madame G Aber leider
ist jeder Strich wahr  Sagen Sie mir die Ursache davon«
    »Die ist kurz gesagt Rosalia Meine teure wenig gekannte und oft
misshandelte W deren Empfindsamkeit ganz für andrer Wohl und Übel da ist
diese befindet sich in einer Bedrängnis nicht durch Ausgaben der wollüstigen
Tafel nicht durch Weiblichkeiten des Putzes nein durch den in der Ewigkeit
schönen Fehler der überfliessenden Güte Kummer und Elend von andern zu
entfernen Dies bat sie an den Rand eines unabsehbaren Jammers geführt wo sie
allein durch das Darlehn der kleinsten Summe von   bis nach dem Tode ihres
nächsten Verwandten gerettet werden kann Ich bin elend« fuhr sie mit Weinen
fort »sehr elend dass ich es nicht tun kann Sagen Sie Rosalia sagen Sie
würde Ihr Oheim mich darüber hören Würde er darüber schweigen Wärf er nicht
die würdige Leidende und mich und Sie in die Korblake wohin die Männer in
dergleichen Gelegenheiten mit den Guten und Tugendhaften unsers Geschlechts
zufahren ohne sich zu sagen dass sie ja alle oft das Zehnfache ohne Dank und
ohne Hoffnung der Rückgabe verschwendeten« 
    »Liebe Madame G wie wert wie unendlich wert wird mir Ihr Herz durch
diesen Eifer durch diese Tränen Ich will alles bei meinem Oheim versuchen Er
ist gütig er ist rechtschaffen und wenn er fehlt so schweigt er doch und
dann schreibe ich an meinen C dieser ist gewiss so edel empfindlich dass er
meinem Herzen und den verdienstlichen Leiden der Madame W diese Gefälligkeit
erweiset Wie viel Gutes tut er ohnehin Er wird mich nicht umsonst flehen
lassen« 
    »Aber Rosalia reden Sie mit Ehrerbietung mit Lobe von dem Herzen meiner
lieben W«  Hier ging sie von mir nachdem ich sie innig umarmt hatte Die
vortreffliche Frau wie unrecht geschieht ihr wenn man ihrer Lebhaftigkeit
wegen an ihrer anteilnehmenden Empfindsamkeit zweifelt  Hierauf hörte ich im
Nebenzimmer auf und abgeben Ich wurde besorgt weil es männliche Tritte waren
dass einer von den zwei Fremden unser Gespräch gehört haben könnte Und es war
so Denn kurze Zeit he nach kam Herr  mit seiner edlen Gestalt und einer
vermehrten Bescheidenheit in seiner Miene unter die Türe meines Zimmers
getreten Die Bekräftigung meiner Sorge über sein Zuhören machte mich erröten
und er sah mich mit einer Verlegenheit an die ich nicht gleich begreifen
konnte  Ich war aufgestanden und nach einigen Blicken auf die Erde näherte
er sich mir und sagte mit rührendem aber männlichem Tone indem er mich zu
meinem Stuhl zurück führte »Darf ich Sie bitten mich auf einige Minuten
anzuhören«  Ich etwas unruhig »Ja ganz gerne« 
    Er fing an »Ich will Ihnen würdige Vertraute der vortrefflichen Frau G
nicht verhehlen dass der Zufall mich das wichtige Gespräch hören ließ worin
Sie beide die Bedrängnis einer edlen Freundin zu beben suchten Möchten Sie
mich nicht diesen Zufall benutzen lassen und mir das Glück gönnen den kleinen
Vorschoss zu tun der ihre Herzen aus der Verlegenheit zöge worin Sie sich
befinden«
    Ich war verwirrt verwundert und konnte nichts als »O Herr « sagen
Aber seine Stimme seine Gesichtszüge die Stellung in der er mir dieses
Anerbieten tat war der schönste vermischte Ausdruck von Edelmut Sorgsamkeit
Würde für sich und Verehrung für meine Freundinnen so dass der Eindruck davon
alle meine Empfindung zu Tränen schmelzte Ich sah ihn an aber Zähren
träufelten über meine Wangen Er fasste meine Hand »O dies sind gewiss die
edelsten weidlichen Tränen die ich jemals sah Aber teure Rosalia ich habe
Sie doch nicht beleidigt Glauben Sie dass mein Beweggrund mir Ihnen zu reden
und das Anerbieten zu tun Ihrer Achtung nicht unwürdig ist ich bitte Sie
lassen Sie mich ganz in der Stille Anteil an Ihrer gerechten Freundschaft für
Madame W nehmen und erhalten Sie mir bei Madame G die Erlaubnis ihr diese
Summe für die gute bedrängte Frau W zu geben Keine Seele soll es wissen Der
Kummer der Madame W und der anteilnehmende Schmerz von ihnen beiden soll mir
heilig sein Nehmen Sie mich nur in diesen Bund auf«  Ich stund auf ich
drückte mit meinen beiden Händen die seinige mit der er mich gefasst hatte
»Gott segne Sie würdiger würdiger Mann für diese edle Verwendung Ihrer Gewalt
und ihres Vermögens aber auch für die unaussprechliche Freude welche Ihre
Edelmütigkeit mir gibt O wie selten aber wie göttlich schön sind diese
Züge einer erhabenen und gütigen Seele« 
    Hier kam Frau G Sie blieb stutzend stehen Ich rief ihr aber zu »Kommen
Sie und hören die schöne Ursache meiner Tränen und der Bewegung in der sie
mich sehen«  Ich erzählte ihr alles sie wurde bald blass bald rot Endlich
aber ergriff sie auch die eine Hand des Herrn  »Die Vorsicht hat Sie in
unsern Bund gezogen Sie erhalten den Dank der besten Herzen dabei und gewiss
schätzbarer Mann verlieren Sie nichts Ihr Glaube an weibliche Tugend und
Rechtschaffenheit soll Sie nicht gereuen«  Hier vergoss sie einen Strom von
Tränen Herr wurde davon beunruhigt Sie bemerkte es und da sie sich etwas
erholt hatte sagte sie ihm Sie wäre auf Einmal durch den Gedanken hingerissen
worden dass sie erst in dem Alter von etlichen und vierzig Jahren nach so
vielen Wünschen so vielem vergeblichen Durchlesen der Bilder von
Edelmütigkeit einmal die Hand eines Menschen fasse dessen Seele jede kalte
steinerne Hindernisse übersteige um uneigennützig Gutes zu tun  Sie schrieb
gleich an Madame W die ganze Geschichte mit Übersendung der Summe und diese
antwortete ihr mit dem höchsten Gefühl der Verehrung des Danks und der Freude
über den geleisteten Dienst Doch so groß dieser wäre so hätte er ihr dieses
hohe Maß Freude nicht geben können aber Glück und Ruhe aus der Hand des
edelsten besten Menschen zu erhalten wäre für sie das was ehemals die
unmittelbare Absendung eines himmlischen Geistes gewesen und sie danke der
Vorsicht für die ausgewählte Hand wie für die Hilfe selbst  Sagen Sie
Mariane war ich nicht glücklich mich mitten unter diesen drei edlen Seelen zu
finden Geist Güte Edelmütigkeit in völliger Wahrheit und Wirksamkeit zu
sehen Wie selig ist das Gefühl welches sich in unser Herz den Augenblick
ergießt in dem wir Jemand unsere Hochachtung geben Güte Wohltätigkeit allein
ist und kann das Gepräge des Ebenbildes unsers Urhebers in uns sein Es ist auch
der einzige Zug seines göttlichen Wesens den er deutlich und begreiflich vor
unsere Augen und in unsere Herzen legte
 
                           Acht und vierzigster Brief
Wie froh meine Mariane bin ich über mein fühlendes Herz das mich einen so
wahren Anteil an den Leiden und Freuden meiner Nebenmenschen nehmen lässt Und
wie glücklich bin ich während meinem Aufenthalte in dieser Stadt wo mir so
viele Gegenstände vorkommen die meine Empfindungen in einer immer gleich
starken und gleich reinen Bewegung erhalten Sie wissen dass ich missvergnügt
war nach den vier ersten Prunktagen von Juliens Hochzeit nur Einen zu rasten
und den sechsten schon wieder zu einem Gastmahl und Tanz aufs Land zu reisen
Aber wie reichlich wurde ich schadlos gehalten Nicht durch das Lachen der
munteren Freude oder durch das abwesende Bild von jetzigen und künftigen
glücklichen Tagen welche dieses Bündnis bezeichnen nein es war durch die
süßen Tränen der innigsten tiefsten Rührung der Seele bei der ich die Güte
der Vorsicht aufs Neue erkannte da sie jedem Gegenstande des Vergnügens eine
unendliche Mannigfaltigkeit gegeben hat Wir waren nach dem Mittagsessen in den
Baumgarten gegangen in welchem nach hiesiger Gewohnheit eine Anzahl Bäume
entweder einen runden ovalen oder viereckigten Platz ausmachen den man den
Baumsaal nennt Der Boden wird mit der äußersten Sorgfalt eben gehalten und das
Gras kurz geschnitten und gestampft Zwischen zwei Bäumen eine Bank für vier
Personen dann zwei Bäume etwas näher zusammen gesetzt frei gelassen weil man
da in die Obstgänge spazieren kann Dann wechselsweise wieder Bänke und frei um
den ganzen Saal ausgenommen den Eingang der ganz offen ist Hier werden
während der Blüte und dann auch im Herbst wenn das reife Obst an den Bäumen
hängt Tänze gehalten mit dem einzigen Unterschiede dass im Frühjahr jedes
Mädchen und jeder junge Mann einen Strauss von Blüte auf ihren Hüten träget im
Herbst aber so viel schöne Handkörbe beigebracht werden als junge Leute da
sind die erst so viel sie wollen unter den vollen Zweigen tanzen und dann
jeder seinen Korb mit den schönsten Früchten zu füllen suchen wo die jungen
Mannsleute selbst auf die Bäume steigen und für sich und ihre Tänzerinn dabei
sorgen Diese Körbe werden dann mitten in den Baumsaal gestellt und ein
Reihentanz darum gehalten Auch wann Mädchen dabei sind die eine artige Stimme
haben Lieder dazu gesungen Die ganze Obstlese aber wird erst den zweiten Tag
hernach gemacht Diese Gewohnheit gefällt mir ungemein Es ist so viel Wahrheit
und Einfalt der alten Zeit mit Zierlichkeit und Kunst der Neuern verbunden
Jedes Alter hat seinen Anteil daran Bei den ersten Tänzen sehen die Väter und
Mütter zu in die Reihen mischen sie sich öfters und diese werden von den
kleineren Kindern um ihre Körbgen auf der andern Seite auch gehüpft so wie auf
einer dritten bei der nämlichen Musik auch Mägde und Bediente im Kreis lustig
herum springen Madame G gab dieses Fest in dem schönen Baumgarten den sie
von ihrer Familie erbte und ihn wie sie sagt wegen des grünen Saals so lange
sie lebt behalten wird weil sie sich darin der süßesten Tage ihrer Kindheit
und erwachsenen Jahre erinnert Mir wird dieser Baumsaal auch unvergesslich
bleiben Denn als wir eine Zeitlang Englisch getanzt hatten so hieß es auf
Einmal Herr Kahn und seine Frau wären von ihrem Landgut herüber gekommen um
dem jungen Paare ihre Glückwünsche abzustatten Ort und seine Julie liefen ihnen
mit Eile entgegen Wir waren alle stille und ich bemerkte in Stellung und
Mienen der meisten Anwesenden einen Ausdruck von Achtsamkeit des Herzens wenn
ich so sagen darf und ein festes Blicken nach dem Eingange des Gartens Man
stellte sich auch in eine Art von sanfter Ordnung so wie etwas dergleichen zu
geschehen pflegt wenn in einer Gesellschaft eine Person von höherm Range
angemeldet und erwartet wird ausgenommen dass hier keiner von den
Seitenblicken oder etwas von dem leisen Zischeln erschien welche sich meistens
bei der Ankunft eines unerwarteten oder ungebetenen Gastes bei einem Teil der
Versammlung zeigt Madame G als Hauswirtinn war ihnen auch entgegen
gegangen und ich konnte also niemand um den Aufschluss dieses kleinen Rätsels
fragen Endlich kamen sie und mein staunendes Umgucken nahm zu  Möchte ich
nur meine Mariane den Eindruck ihrer Figuren wie sie von Ferne waren und
den welche die moralische Stimmung ihrer Seele bei ihrer Annäherung in ihren
Gesichtern zeigte recht beschreiben können Ottens und Juliens schöne Personen
kennen Sie schon Diese waren als Neuvermählte mit den bunten Farben des
Glücks und der Freude bekleidet Herr Kahn ein schöner junger Mann von vier und
zwanzig Jahren in einem hellgrauen seidenen Herbstzeug mit silbernen
Quastenknöpfen sehr nett und zierlich angezogen seine sehr edelgebildete Frau
ganz weiß gekleidet mit violetten Schleifen um den Hals die Brüst Arme und
den Strohhut welches ihrer zärtlichen Gesichstfarbe und der süßen ruhigen
Traurigkeit die in ihren Zügen lag ganz reizend stund Er hing am rechten Arm
von Otten und hielt mit seiner abhängenden rechten Hand seiner eigenen Frau
ihre Linke die sich mit dem rechten Arme an Julien anschloss Gang und Haltung
von allen war schön und edel Wahre Freundschaft und Vergnügen sich zu sehen
bei der Hand zu halten war in jedem Gesichte In Otten Spuren von Trunkenheit
neu gefühlten Glücks in seiner Julie mit bescheidenem Stolz die Idee Ich bin
Ottens geliebte Gattin ich und dabei noch der sorgsame Putz immer gleich
stark zu gefallen Herr Kayn und sie den ruhigen Ausdruck schon einige Jahre
gewohnter Zufriedenheit In ihm beobachtete ich etwas Wankendes der Schritte
und zu stark niederhängenden Kopf mit beinah geschlossenen Augen Frau Kahn
machte uns allen eine sehr artige Verbeugung Ort und Julie hatten beide frei
gelassen und so bückte er sich auch Jure besten Bekannten drangen sich um sie
und bewillkommten beide Ich sah sie erst wieder da sie saßen Otte vor ihnen
stund und mit beiden ernstlich redete Ich wandte mich zu Madame G die ich
nach dem Zuge von Sonderbaren fragte der seit der Ankunft dieser zwei Personen
durch alles erschien Sie antwortete »Ich glaube es gute Rosalia dass Sie
nicht wissen was wir alle wollen Mein Vetter soll es ihnen erzählen« 
    Ott kam eben auf uns zu Sie sagte ihm meine Neugierde und er versicherte
dass er mich gesucht hätte um mir seine Freunde Kayn bekannt zu machen Ich
sagte ihm kurz alle meine gehabte Ideen Er lächelte etwas »Wie schön mahlen
Sie meine Freundin und wie leid ist mirs dass mein Kahn Ihre Physiognomie
nicht sehen kann denn Rosalia der edle liebe Mann ist blind«
    Ein tiefer Schmerz durchdrang mich um so mehr als ich von dem Platze wo
ich mit Otten redte Kahn und seine Frau sehen konnte »O wie unglücklich ist
das Aber wie kam es«
    »Aus einer elenden Ursache Rosalia Er war sechszehn Jahre alt und wollte
Abends seine Strumpfbänder losmachen wurde über einen Knoten ungeduldig will
ihn mit einem spitzen Federmesser entzwei schneiden dieses glitscht aus und
gerade in ein Auge das den Moment verloren war und die gewaltsame Vermundung
die schmerzhafte langsame Kur des einen Auges hat die gänzliche Schwächung des
andern nach sich gezogen« 
    Ich hatte meine Augen voll Tränen der Wehmut und Ott fuhr fort
»Glücklicher Weise ist er Sohn des reichsten Hauses in unserer Grgend Sein
Vater suchte junge Leute aus die ihm nach seiner Genesung vorlesen Musik
machen und Gesellschaft halten mussten Er hat große Kenntnisse in allen Teilen
der Philosophie und Historie Sprachen Poesie und Musik Auf dem Klavier
phantasirt er ganz ausnehmend aber durch sehr melancholische Gänge und
Auflösungen weil er es am meisten in der Zeit übte da nach der Heilung des
verwundeten Auges ihm die Ärzte zugleich den gänzlichen Verlust des andern
anzeigten Auf dessen Erhaltung er immer gehoft und sich über alle Schmerzen
des ersteren getröstet hatte Nach der Zeit mengte sich Ausdruck der Zärtlichkeit
darunter als er lang Wünsche nach seiner Geliebten aus Bescheidenheit in sich
verbarg Sein Vater war drei Jahre abwesend Erst nach dessen Zurückkunft
eröfnete er der väterlichen Liebe sein Anliegen und erst dann auch fragte er
ob die zwote Tochter des Herrn Puntig noch lebe und unverheiratet sei Die
Versicherung über beides war in vier Jahren der erste Augenblick Freude die in
sein Herz kam Er hatte sie nur wenige Zeit vor seinem Unglück kennen gelernt
und durch sie das Erstemal Liebe gefühlt Ihre Gestalt war in seiner Seele
geblieben Die Idee ihres ganzen Geschlechts war für ihn allein mit ihrem Bilde
verbunden Jede poetische oder mahlerische und bildhauerische Beschreibung
einer weiblichen Figur war in seinem Geiste Lioba Puntig Sein Vater willigte
gleich in seine Wünsche und versprach das Mädchen so reich zu machen dass sie
sich sehr glücklich achten solle seine Frau zu werden Aber mein guter Kahn
wollte das nicht Er wollte Liebe Ich war damals von meinen Reisen zurück
gekommen und brachte alle Abende bei ihm zu Denn wir waren von der Schule an
Freunde gewesen Ich gab mir alle Mühe ihm einige Stunden zu versüßen fand
ihn aber meist tiefsinnig und traurig doch war ihm meine Gesellschaft wie er
sagte die liebste Wie oft verließ ich ihn mit äusserstem Kummer Wenn er mich
mit Tränen und Seufzen umarmte eine meiner Hände an seine Brust drückte oder
küsste und dennoch niemals von seinem innern Weh mit mir sprach Aber nach der
Unterredung mit seinem Vater ließ er mich rufen und fing an mir für all meine
Neigung und Güte für ihn zu danken Er entschuldigte sein bisheriges
Stillschweigen erzählte die Ursache ohne seine Lioba zu nennen und da er mir
den Vorsatz seines Vaters bekannt machte setzte er hinzu er wisse dass sein
großes Vermögen ihm leicht eine Gattin schaffen könnte die ihre Eltern dazu
verbinden oder sein Gold locken würde Aber mein Herz will Liebe Ach so viel
wie Du mich liebst sagte er Du opferst mir so viele Monate alle muntere
Abendgesellschaften auf Dein edles Herz nähert sich im Wohltun das Du mir
beweisest sag mir ich bitte Dich liebest Du ein Mädchen in unserer Stadt O
sag mirs redlich  Seine Hand und seine Lippen bebten als er mir diese Frage
tat die allein aus der Sorge kam dass ich ein Auge auf Lioba hätte Ich
versicherte ihn feierlich nein Er umarmte mich O so stören meine Wünsche
Dein Glück nicht und Du bist den meinigen nicht hinderlich Kennest Du Lioba
Puntia Ja aber nicht viel denn sie soll melancholisch sein und lässt sich
daher nicht viel sehen Ach Gott sagte er vielleicht liebt sie einen
Abwesenden oder Untreuen und doch kann ich nur mit ihr nur durch sie
glücklich sein  Er jammerte mich ungemein Ich bat ihn sich zu beruhigen ich
würde suchen alles zu erfahren was sie anginge Er wollte dass es noch den
nämlichen Tag sein möchte weil er fürchte sein Vater spräche morgen den
ihrigen Ihre jüngere Schwester ist an einen meiner Bekannten verheiratet und
sie wohnen in Herrn Puntig Hause Ich dachte gleich ein melancholisches Herz
hat allezeit was Edles in sich und dann muss es das Mädchen freuen dass sie von
allen Gegenständen der sichtbaren Welt und von ihrem ganzen Geschlechte das
Einzige ist so in seiner Seele haften blieb und Idee und Wunsch von Glück für
ihn war Ich redte gerad mit ihr Ich nahm die Zeit da ihre Schwester und
Schwager ausgegangen waren Schenkte der Jungenmagd ein schön Stück Geld sie
sollte die Lioba herauf bringen Sie kam hastig weil ihr das Mädchen gesagt es
fehle dem Kinde ihrer Schwester Etwas Sie erschrack als sie mich im Wohnzimmer
sah und wollte gleich ins andre gehen Das Mädchen sagte ihr aber es wäre
Nichts als dass ich mit ihr sprechen wollte Sie stutzte sehr und war unwillig
dass das Mädchen sie mit dem Übelsein des Kindes erschreckt hätte Ich war da zu
ihr getreten und fasste sie bei der Hand weil sie wieder zu der Türe hinaus
wollte Ich sagte Es ist wahr dem Kinde fehlt nichts aber ich habe einen
unglücklichen Freund dem Ihr gütiges mitleidiges Herz Trost geben könnte 
Sie errötete und wollte ihre Hand wegziehen Ein unglücklicher Freund von
Ihnen und ich Herr Ott was wollen Sie damit  Mein Freund Kahn ist gewiss
unglücklich und er möchte wissen ob Lioba Puntig Mitleiden mit ihm hat  Hier
fing sie an zu zittern und zu wanken Herr Ott Herr Ott stotterte sie Sah
mich starr an und den Augenblick weinte sie heftig Ich führte sie zu einem
Stuhle und küsste ihre beiden Hände ihr Schnupftuch und ihre Tränen Tausend
tausend Dank liebe Mademoiselle Puntig für diese aufrichtige Bewegung Ihrer
Seele Es ist das Glück meines Kahns Er liebt Sie er betet Sie an Sie Ihre
Liebe allein können sein Leben versüßen  Sie wandte sich um lehnte ihren
Kopf mit dem Schnupftuch vor den Augen auf den Stuhl und hielt mit der andern
zitternden Hand die meinige fest Nun erzählte ich ihr kurz alles was meinen
Freund anging Sie weinte stark aber sanft Endlich trocknete sie ihre Augen
und suchte was in ihrem Schubsack es war ein kleines Kalenderchen von vier
Jahren her auf dessen vordersten weißen Blättchen ihr Name ausgeschnitten war
Da sagen Sie Herr Kahn dies wäre das einzige und erste Kennzeichen seiner
Freundschaft für mich gewesen und ich hätte es mit zärtlicher Liebe bewahrt
und seit dem Leiden seiner Augen ist kein Tag vorbei gegangen wo ich es nicht
mit meinen Tränen benetzte Wenn die reinste innigste Liebe und Bedauern sein
Glück machen kann so wird er es in diesem Herzen finden  Hier wies sie auf
ihre Brust Und nach einigen Minuten sagte sie Herr Ott Sie haben mich
überrascht ich sah auf einmal alle meine Geheimnisse und mein Wohl in Ihren
Händen Ich bin aufrichtig ich konnte mich nicht verbergen ich überlasse Ihnen
alles Ich eilte zu Kahn den ich mit dem Fieber des Verlangens auf seinem Bette
antraf Der gute Mensch wusste sich nicht zu fassen und brachte seinen Vater
noch des Abends zu Herrn Puntig Ich führte ihn zu Lioba ins Nebenzimmer Er
konnte nicht reden Sie eilte zu ihm Ach Kahn mein werter Kahn  und hier
hatte sie seine beide Hände an ihre Brust gedrückt ihre zärtliche Blicke auf
die geschlossenen Augen von Kahn geheftet ein Strom von Tränen floss auf seine
Hände Er sank auf seine Knie O Gott sei Dank diese Tränen sind Liebe Er
küsste sie von seinen Händen weg Lioba kniete hin bei ihm Ich ging und sah noch
an der Tür dass sie seinen Kopf an ihr Herz drückte während ihr schönes Auge
bittend gen Himmel erhoben war Nach einer guten Stunde kamen die Eltern und
gaben Willen und Segen zu dem Bündnis Von da an ist mein Freund ruhig freudig
und gesund Sein Umgang und Unterredungen munter und voll Scharfsinn Sie sollen
mit uns wenn wir Sie besuchen und gewiss Ihr Geist und Herz werden sehr
zufrieden sein Es ist unmöglich ein vollkommners Bild wahrer Liebe und reiner
Zufriedenheit zu sehen als Kahn und Lioba Alle Welt schätzt sie hoch und ihr
Landhaus ist der Wohnsitz jeder edlen Anmut des Lebens«
    Ich weiß nicht Mariane was diese Erzählung auf Sie wirkt aber ich war in
süßer Wehmut zerflossen Wir kehrten langsam zurück und fanden den
vortrefflichen jungen Mann mit der Flöte in der Hand die Musik zu den Tänzen
accompagniren Bei den Reihen um die Obstkörbe schloss er sich mit an Seine
zärtliche Lioba tanzte mit Ott hatte mich ihr als die beste Freundin seiner
Julie vorgestellt und beiden versprochen dass sie mich in Kahnberg kennen und
lieben würden
    Herr Kahn horcht sehr genau auf den Ton der Stimme Es dünkte mich auch dass
er nach dem Lobe so Ott von mir machte mich ganz besonders belauschte und sie
hingegen auf meine Miene und Wesen Achtung gäbe Hätten sie nur beide merken
können wie viel Anteil ich an ihnen nahm Denn jedes Gefühl von Vergnügen
das meine Augen durch die von der Abendsonne vergrößerte Schönheit des Gartens
und der Gegend umher genossen der Anblick lauter frölicher Menschen führten
mich auf die Idee seines Verlustes zurück und dann sah ich dass das Auflehnen
seines Herzens auf die Liebe seiner Frau alles alles für ihn war und das
Glück seiner Empfindungen und Kenntnisse verdoppelte Ach wie viel kann ein
Mensch für den andern sein Und wie viel sind Sie mir
 
                           Neun und vierzigster Brief
Ich bin vier Tage in Kahnberg gewesen und hier hat mir Ott eine Probe seiner
wahren Achtung für mich und seiner feinen Empfindung für das Vergnügen seiner
Freunde gegeben Das Erste weil er mir bei dem Aussteigen aus unsere Kutsche
sagte »Nun Rosalia kommen Sie in eine Gesellschaft die allein für Sie ist
Lauter aufgeklärte edle Empfindungen des Herzens« Madame Kahn war mit ihrem
kleinen Sohn unten an den Stiegen und umarmte Julien und mich ganz herzlich Ott
war voraus um seinen Freund an seine Brust zu drücken  Das Haus ist nicht
groß aber sehr artig hat auf einer Seite so breit es ist einen offenen auf
Säulen gestützten Saal dessen Fußboden der mit vieler Mühe geebnete und polirte
Felsstein des Bergs ist der just allein an dieser Ecke zu finden war denn das
Übrige alles ist ein sich weit erstreckender fruchtbarer Hügel Dieser Saal ist
mit einem schön gehauenen Steingeländer eingefasst welches zwischen den Säulen
hinläuft denn außerhalb ist keine Spanne breit Platz gegen den jähen Abhang des
Felsens Vom ersten Stockwerk geht aus dem Hauptzimmer wieder ein Balcon heraus
der an sich die Decke dieses unteren großen Saals ausmacht Alle die schöne und
große Aussicht von hier ist aber für den liebenswürdigen Besitzer verloren Die
Zimmer sind alle mit Geschmack eingerichtet aber nirgend kein Gemälde
hingegen in allen schöne Abgüsse der besten Statuen Brustbilder und Vasen der
alten Zeiten und alles Gerät und alle Verzierungen von den schönsten und
mannigfaltigsten Formen weil der gute Herr Kahn den Begriff und das Vergnügen
von Ehenmaass und anmutiger Gestalt allein durch das feine Gefühl seiner Finger
erhält Die große Ordnung und Reinlichkeit in allem Unterhaltung und Versorge
ist die Arbeit seiner Lioba Er hat zwei große Zimmer worin lauter Modelle von
hunderterlei Sachen und Erfindungen sind die er sich kommen lässt untersucht
vergleicht beurteilt und über die Beschreibung ihres Nutzens oder ihrer
Schönheit mit vielem Geiste spricht Von Pflanzen hat er eine große Kenntnis
aber Sie können nicht glauben wie viel ich dabei litte als ihm ein ganzer Korb
voll Blumen Gemüse Baumblätter und kleine Zweige gebracht wurden die er
aussuchte und mit unendlicher Feinheit befühlte nannte und auf einem großen
Tisch in Linien nach der richtigsten Ordnung legte Er besorgte die Blumentöpfe
die unter den Spiegeln stehen und ich versichre Sie dass er sie in einer sehr
reizenden symmetrischen Vermischung aufstellt die Blätter und Köpfe der Blumen
so artig wendet als je ein Frauenzimmer ein Bouquet an ihrem Busen oder ihrem
Kopfe mit Grazie und Leichtigkeit anbringen könnte
    Bei diesen Statuen und Vasen war ich glücklich Sie wissen dass ich
Winkelmanns Geschichte der Kunst mit so viel Eifer gelesen habe und immer den
Wunsch hatte einige der großen Meisterstücke der Bildhauerei zu sehen Ott
hatte bei verschiedenen Anlässen diesen herrschenden Geschmack bei mir bemerkt
Er wusste auch dass sein Freund Kahn vorzüglich die Annehmlichkeiten der Formen
liebte Wir waren des Rachmittags zum Evffeetrinken in dem Garten wo in einem
schönen runden Tempel die Statue der mediceischen Venus steht und in der Nähe
dieses Tempels verschiedene Urnen nahe an Grasbänken ausgeteilt sind Ott
erblickte eine davon die ihn an diejenige erinnerte auf welche Julie auf der
Hochzeit ihrer Schwester die rührende Aufschrift gemacht und sein Herz erobert
hatte Diese Erinnerung kam so lebhaft in sein Herz zurück dass er mit großer
Zärtlichkeit seine Julie rief an die Urne führte um diese einen Arm und den
andern um seine Frau schlang »Julie Sieh dieser Aschentrug gleicht dem bei
welchem ich Deine schöne Seele ganz kennen lernte«  Hier drückte er Julien an
sein Herz und küsste die Tränen von ihrem Auge welche die Freude über ihres
Orten Liebe aus ihrem Herzen gebracht hatte Wie glücklich sah sie ihn an »Mit
so viel Güte denkst Du daran mein Ott Weißt Du aber auch dass Du mir bei der
nämlichen Urne ewige Liebe versprachst«  »Ja mein Kind Dir und der Tugend
Ich werde sie mit gleicher Treue halten« 
    Kahn seine Frau und ich saßen auf der Rasenbank nah dabei sie horchten
mit mir mit Rührung zu »Mein Ott ist also auch glücklich« sagte Kahn und
küsste die Hand seiner Lioba »Ganz gewiss« fiel ich ein aber ich muss Ihnen
fuhr ich fort »den Ursprung dieser zärtlichen Unterredung erzählen« Und da
Ott und Julie mit einander in der Allee auf mein Winken fortgingen machte ich
Herrn Kahn und seiner Frau die Beschreibung der Historie bei der Urne Beide
wurden dabei bewegt und segneten nochmals das Bündnis ihrer Freunde Kahn wollte
gleich zu der Urne um sie besonders zu merken Seine Frau machte ihm Platz er
betastete mit äußerster Achtsamkeit jeden ihrer Teile endlich stützte er sich
auf sie und einige Auganblicke hernach fielen ein paar Zähren auf sie herunter
Lioba verließ mich mischte diese Tränen von seinen Wangen »Kahn mein Lieber
was ist dieses« »Ach Lioba der Gedanke dass ich nichts von dem lesen kann was
dein edles Herz irgend geschrieben hätte«  »Ach Duweisst dass ich seit dem
Tode meiner Eltern niemand schreibe und das Beste so meine Seele denkt ist
für Dich und mit Dir zu reden« Er lächelte hier und sagte ziemlich munter
»Ich hab eine Idee Diese Urne soll einen eigenen Platz in unsern Garten haben
Ottens Juliens Dein und mein Name sollen darein gegraben werden und auch
Grasbänke dazu kommen wohin wir uns in Erinnerung ihres Besuchs und ihrer
Freundschaft setzen wollen«
    Ott und Julie waren leise über den Grasboden zurückgekommen und hörten
dieses sagten auch zugleich das freue sie sehr aber mein Name müsse auch
dazu Nun folgte ein Gespräch über das verschiedene Verdienst des Mahlers und
Bildhauers Ott neckte mich ganz fein und widersprach mir bis ich am Ende mit
allem Feuer und Stärke meiner Empfindung auf seine behaupteten Reize der
Täuschung des Mahlers sagte »Freilich ist es Täuschung denn wenn die
Ähnlichkeit der Abbildung meines Freundes mich so an ihn erinnert dass jede
Gesinnung meiner Seele für ihn so lebhaft wird dass ich aufstehe und ihn umarmen
will so treffen meine ausgestreckten Hände auf ein Stück senkrechtes glattes
Leinen glitschen davon ab und mein ihm entgegen gewalltes Herz anstatt sich
an seinen Busen zu schwingen verschließt sich traurig in meine Brust zurück
alle Tränen der Liebe und Freundschaft fließen davon ab zur Erde anstatt dass
die Bildsäule meines Geliebten ja selbst die Urne welche seine Asche fasst mir
die Seeligkeit gewährt meine Arme darum zu schließen meinem Kopf an seinen
Hals zu legen mein Herz an seine Brust zu drücken und in einer Falte des
Gewands einer Muskel seines Gesichts oder auch auf einem Cypressenblatte des
Aschenkrugs eine aus meinem Herzen gequollene Zähre ruhen und sich mit
vereinigen zu sehen Sagen Sie Ott sagen Sie gibt es nicht Tage wo dieses
Genuss der Seligkeit wäre wogegen Sie alle Titiane und Raphaele geben würden« 
Ott lächelte nur aber Kahn war aufgestanden und reichte mit der Hand gegen den
Platz wo ich saß und sagte gerührt »Edle eifrige Rednerinn des Gefühls der
Seele geben Sie mir ihre Hand zu küssen ich bitte Sie«  Ich ging zu ihm gab
ihm meine Hand und drückte sanft die seinige Etlichemal küsste er meine Hand
bog sie gegen sein Herz erhob einen Moment seine Augäpfel gen Himmel wo er
selbst einer seufzenden Statue glich denn sie sind weiß überzogen Dann setzte
er sich fasste den Arm seiner Lioba und sprach zu Ott »Meine neue Freundin
hat mich mehr getröstet als Du mein sonst so treuer Ott Denn sag was hätt
ich auf Erden was wäre das Leben für mich wenn ich nicht meiner Lioba Arm
umfassen und an ihrer Brust mich lehnen könnte Aller Reiz des Lichts und der
Farben ist für mich hin Meine Kinder Ach wenn ich diese nicht auf meinem
Schoss an mein Vaterherz drücken könnte Dich selbst mein Ott es wäre mir
nicht genug nur den Laut Deiner Stimme zu hören um Dich zu unterscheiden« 
»Also« sagte Ott indem er seinen Kahn mit der herzlichsten Liebe des
männlichen Freundes umfasste »also ist der Bildhauer der Künstler für unser
Herz und der Mahler für den Verstand Und ich habe dem Manne und dem
Frauenzimmer die ich beide gleich hochschätze durch meine Widersprüche das
Vergnügen gegeben sich nach ihrem Herzen kennen zu lernen«
 
                               Funfzigster Brief
Zwei Familien deren Landgüter etliche Stunden weit von hier entfernt sind
haben sich wieder in die Stadt begeben und dadurch bin ich mit vier Personen
bekannt worden die mir sehr schätzbar sind  Ein würdiger Mann von funfzig
Jahren der in einem großen dem Fürsten gehörigen Dorfe vier Bauerhöfe
besitzt In der Nähe dabei ist ein großer Wald Eisenbergwerke und ein Bad zu
seiner abwechselnden Belustigung Aber das ganze Maß seines Gefühls und aller
seiner Achtsamkeit ist für das Rutzhare und Schöne der physikalischen Welt
Stadtleute ihrer Beschäftigungen und Vergnügen sind ihm gleichgültig wohl gar
widrig wenn sie sich zu nah an ihm drängen Ich gewann seine volle
Freundschaft als ich mit vieler Aufmerksamkeit der Erzählung seiner ländlichen
Freuden und Arbeiten zuhörte Ein Bauer ist ihm das schätzbarste Geschöpf auf
der Erde Und dieser Enthusiasmus ist eine Quelle von Glückseligkeit für die
umliegenden Landleute geworden Er macht sie nicht gelehrt er führt sie nicht
über die Gränzen ihrer Bestimmung um ihnen fremd Land zu weisen wo sie mehr
als Zufriedenheit und Notdurft haben könnten nein er redet ihre einfache
bedeutende Sprache zeigt ihnen die Achtung die er für ihre arbeitsame Hand in
seinem Herzen hat und übt auf seinem Landgute jede dieser Handarbeiten selbst
Er hat sich die Kenntnis des Erdreichs der Pflanzen Bäume und Erze eigen
gemacht und kann daher den Bauern des Kornlandes zu mehrerer Benutzung ihrer
Acker und Wiesenstücke helfen und den Weingärtnern zu besserer Besorgung des
Rebstocks und der Obstbäume Er hat es aber mit der äußersten
Menschenfreundlichkeit anzufangen und sie nicht mit der Miene des Besserwissens
und Tadelns zurück gescheucht sondern gesagt es wäre ihm erzählt worden dass
in dieser Gegend diese Versuche sehr gut geraten wären und so viel Nutzen
daraus gekommen sei Er machte die Proben zuerst legte sich meist auf Abkürzung
und Erleichterung der Arbeit ob er sie schon unter der Hand in vielfache Äste
verbreitete Er selbst streute im Spatziergehen Heu und Kleesamen auch
vernachlässigte Plätze der Gemeinde oder Bauernwiesen befreite die Obstbäume
von Moos pfropfte gute Zweige darauf zog dann vielerlei Dünger nahm den neu
erfundenen auf welchen die Landleute kein Vertrauen hatten für sein Feld und
Gärten und schenkte indessen den armen Bauern den Überfluss des bekannten
sorgte für die Kranken für die Schulkinder und ließ diesen von Jugend auf den
höchsten Grad der Liebe gegen ihren Schöpfer und der Reinlichkeit einflößen
Umliegende Beamte suchte er zu seinen Freunden um sie zu wohlwollenden
Vorstehern der ihnen anvertrauten Untertanen zu machen Sein Anblick ist für
den ganzen Umkreis seines Gutes eine Wohltat und er war es auch für mich Von
dem Augenblicke an da ich seine Geschäftigkeit im Wohltun kannte und die
Anzahl der Leute seines Standes berechnete wovon immer hundert in den Städten
wohnen gegen einen auf dem Lande so fand ich gar nicht übel dass Einer eben so
viel mit Leib und Seele dem Landleben ergeben ist wie die neun und neunzig
andern dem Gewühle der Stadt Was soll auch ein so ganz vom Wohlwollen
überfliessendes Herz für einen Wohnplatz suchen als den wo die meisten Wesen
mit ihm sympatisieren jedes Grashälmchen jede Aehre und Pflanze jeder
Obstbaum und Weinstock führt Wohltätigkeit in den kleinsten Saftteilchen bei
sich Luft und Wasser haben es auch weil sie reiner sind als in den Städten so
dass wenn das Auge des wohlwollenden Menschen über die Fluren hinschaut seine
Seele in dem nämlichen Augenblick das innige Vergnügen fühlt lauter guttätige
Geschöpfe zu erblicken Reine vollkommene Freuden die er in der Stadt nicht
gefunden hätte weil da das Glück und die Bedürfnisse nicht mehr einfach sind
und also auch durch verschiedene Wege erlangt werden müssen und meistens
diejenigen welche voraus gehen oder die andern durch geschickte Nebengänge
übervorteilen unmöglich als wohlmeinend angesehen oder geliebt werden können
Herr B kommt auch sonst allezeit erst im halben November in die Stadt und
eilt am Ende des Februar wieder zurück um den Anfang des Frühlings nicht zu
verlieren weil wie er sagt auf dem Lande jeder Busch und jede Staude ein
fröhliches Aussehen über die wiederkommende Kraft der Sonne hätte Menschen und
Tiere dankbar neues Leben und Wonne fühlten und ihm die kaltsinnigen Gesichter
der Städter womit sie dem verjüngten Jahr entgegen sähen unerträglich wären
weil sie die Freuden welche diese schöne Jahreszeit verspreche nicht als
Wohltat sondern gleichsam als schuldige Abgabe der Natur annehmen Seine Frau
gehört in die Klasse derer von dem Charakter der Madame G Eine Probe davon
mag die artige Wendung geben die sie letzt bei einer Unterredung von Spiegeln
einem Gedanken gab da wir jungen Frauenzimmer uns die Beschreibung von einer
Glas und Spiegelhütte und deren Verfertigung von dem Herrn B ausgegeben
hatten Sie scherzte über unser andächtiges Zuhören und sagte sie wäre sicher
dass wir den ersten Spiegelschleifer in unsern Herzen segneten weil der liebe
Mann der Stifter aller der süßen Stunden sei die wir unsern artigen Gesichtern
widmeten Sie aber sie hätte ohnlängst die Entdeckung des moralischen
Verdienstes ihres Spiegels gemacht dem sie in unsern Jahren auch jede
äußerliche Verzierung zu danken gehabt von dem sie aber nun alle Tage die
freundliche Erinnerung erhielte dass jetzo Weisheit und Reinlichkeit allein den
gesellschaftlichen Wert ihrer Person bezeichneten ja dass er ihr letzt bei
aufkeimenden zu zärtlichen Gesinnungen für einen liebenswürdigen Mann ganz
derbe gesagt hätte Liebe und Grazien wohnten sehr gerne in schön geworfenen
Falten eines Kleids oder Halstuchs aber nimmermehr in den anfangenden Runzeln
eines verjährten Gesichts Sie hätte auch seit demselben Augenblicke ganz
bescheiden die Verzicht auf alle Ansprüche des Gefallens unterschrieben
    Der muntere und dabei sanfte Ton mit dem sie dieses sagte hatte uns
gefreut Julie U die eine nahe Verwandtinn von ihr ist küsste ihre Hand und
sagte »Sie werden jetzund aber durch die Verehrung schadlos gehalten die beide
Geschlechter für Ihren Charakter haben«
    »Ja meine Julie dies ist ein großer Ersatz wenn unser Herz uns des
Zeugnis gibt dass wir Verehrung verdienen weil es das Höchste ist was ein
Mensch dem andern geben kann denn ich glaube wir gebrauchen diesmal den
Ausdruck nicht wie er in Ansehung der Großen und Mächtigen aussieht sondern
wenn ich jemand von meinem Stande Verehrung beweise so muss sie durch das
vorzügliche Verdienst des Geistes und der Tugend erworben sein Und dann liebe
artige Märchens ist es gewiss der schönste Augenblick des Lebens diese
Gesinnung in der Seele meines Nebenmenschen erweckt zu haben Ich wünsche«
setzte sie mit einer Verbeugung gegen uns alle hinzu »dass in neunzehn Jahren
ein eben so gefühlvolles Mädchen wie unsere Julie ist Sie meine jetztblühende
Freundinnen der Verehrung ihrer Zeitgenossen versichern möge« 
    Mich deucht diese Frau hat die Gabe ihren Umgang liebreich und angenehm
für junges Frauenzimmer zu machen Ihre siebenzehn Jahr alte Tochter war mit bei
uns Diese hat auch einige bedeutende Züge in ihrem Tun und Wesen Zum Beweis
sie spielt Klavier hat aber ihren ganzen Fleiß allein auf den vollkommensten
Ausdruck und Nettigkeit des Andante verwendet worin sie auch bis zur
zauberischen Rührung gekommen ist indem sie jetzt schon entweder die süßeste
Schwermut oder die sanfteste Seelenruh in ihre Zuhörer bringt und die
außerordentliche Fertigkeit ihrer Finger nur in einem Laufe zeigt den sie am
Ende eines Adagio anschliesst eh sie es das zweitemal wiederholt Denn nachdem
hört sie nur durch eine Art von Seufzer auf und lässt einem das ganze Gefühl so
sie gab Sie hatte bisher auf dem Landgut ihrer Eltern die Obsorge für die
Blumen und wohlriechenden Kräuter die Tauben und Hünerzucht stund auch unter
ihr und das Konfect Nun aber bekommt sie auch künftiges Jahr den Gemüsgarten
Kenntnis der Obstbäume Küchenaufsicht nebst der Spinn und Weberei mit der
ganzen Weisszeugkammer zu führen Kann sich hingegen von ihren Eltern
verschiedene Geschenke ausbitten Die Geschichte hat sie mit ihrem älteren Bruder
gelesen und der Kaplan des Orts lehrt sie der Frau Unzerinn Weltweisheit für
Frauenzimmer und Moral nebst der Englischen Sprache Den Winter über bekommt
sie in der Stadt Unterricht im Zeichnen Tanzen und Frauenzimmerputzarbeiten
und hier nimmt auch ihre Mutter den Vorrat von schönen Büchern mit die dann
bei den Frühstücken und an Regentagen gelesen werden Wilhelmine B wird ohne
besondere Schönheit eine der reizendsten Personen unsers Geschlechts  Aber
sie bittet das Schicksal auch um einen Landmann Denn das erste Gefühl von
Freude und Schönheit der Natur ist ihrer Seile in einem in voller Blüte
stehenden Baumgarten gegeben worden worin ein zahmgezogenes Huhn und ein
Schäfchen auf dem nämlichen Teller Brod und Milch mit ihr aßen Der Ort wo
von ihr gepflanzte Rosen und blaue Holderstücke aufwachten wo sie an der Seite
ihrer Mutter kranke Frauen und Kinder besucht und erquickt hat wo sie ihre
Eltern segnen hört muss der gewünschte Wohnsitz ihrer Glückseligkeit sein 
Einmal meine Mariane einmal möchte ich diese Familie mit Ihnen und dem Freunde
meines Herzens auf einige Tage besuchen Aber die besten die edelsten oft
leichtesten Wünsche werden am wenigsten befriediget Wissen Sie es warum
nicht
 
                           Ein und funfzigster Brief
Ich habe die letzten Tage allein mit meinem Kopfe zugebracht und seitdem noch
eine sonderbare Bekanntschaft gemacht Unser Ott erzählte dass die fremde Frau
die in den Vorstadt wohnt sich eines von den zwei neuen Häusern an der Mauer
gekauft hätte von dem sie den unteren Stock zu einer Schule der Vorstadt
einrichte wozu sie sich von dem Magistrat die Erlaubnis ausgebeten Bei allen
armen da wohnenden Handwertsleuten habe sie Arbeit bestellt und bei den
geschicktesten davon arme Lehrjungen aufgedingt wofür sie ein gutes Lehrgeld
bezahle um auf diese Art den Leuten wieder aufzuhelfen und ihre Kinder aus dem
jetzigen Elend zu reißen und vor dem künftigen Verderben zu bewahren Von dem
Magistrat habe sie sich ausgebeten dass in zwei Jahren Niemand weiter in die
Vorstadt ziehen dürfe Ihren Stand und Herkommen wisse man nicht aber
Amsterdamer Kaufleute hätten ihr an die besten hiesigen Häuser offene Wechsel
gegeben  
    Urteilen Sie nach der Kenntnis meines Charakters was diese Erzählung auf
mich würkte und wie begierig ich wurde diese Frau auch nur von ferne zu sehen
Glücklicher Weise hatte ich meinem Schuhmacher der in der Vorstadt wohnt schon
lange versprochen sein Kind aus der Taufe zu heben Dies geschah vor einigen
Tagen Ich ging daher in sein Haus wo ich die Wöchnerinn die vier älteren
Kinder und das nötige Hausgerät in der größten Ordnung und Reinlichkeit
antraf Dieser Anblick freute mich so wie er mich in Erstaunen setzte Der Mann
merkte es und sagte »Sie wundern sich dass alles so schön und gut ist weil sie
mich immer als einen armen Mann gesehen haben Aber die fremde Frau hat schon
etliche Haushaltungen so eingerichtet Sie ist selbst herumgegangen hat alles
durchsucht was zerbrochen war ließ sie durch unsere arme Handwerksleute
ausbessern was am nötigen Hausgerät mangelte kaufte sie uns kleidete die
Kinder ließ alles sauber putzen und waschen hernach gab sie mir und meiner
Frau die Hand und wünschte dass wir glücklich leben möchten Alle Leisten
Leder und was mir fehlte hat sie mir auch geschafft Gort verhelt ihrs«
    Die Frau im Bette weinte Tränen der Freude während ihr Mann erzählte und
fing an halb schluchzend zu sagen »Ja das ist alles wahr Mir hat sie Leinen
und Betten gegeben auch Flachs und Hanf zum Spinnen O wenn ich leben bleibe
so kann ich jetzt als eine recht brave Bürgerfrau stehen und auch meine Mädgen
dazu ziehen Sie wollte meine Gevatterinn werden aber ich sagte dass wir schon
eine so gute fremde Jungfer dazu hätten Da sagte sie Die behaltet Ihr ich
kann Euch sonst Guts tun Sie ließ die Hebamme kommen und gab ihr Geld und
redete ihr zu recht wohl für uns arme Weiber zu sorgen Sie war heut schon bei
mir und freute sich dass ich so gesund bin«
    Ich saß da gerührt verwundert Was für einen Wert gibt diese Frau dem
Gelde dachte ich und wurde immer begieriger sie selbst zu sehen Als ich von
der Taufe zurück kam war sie im Hause um zu verhindern dass die Wöchnerinn
durch die hässliche Gewohnheit des Kindtaufschmauses nicht Gefahr liefe krank
zu werden und versprach den sechs Weibern die mit zur Kirche gegangen waren
ihnen am Ende des Wochenbetts einen recht vergnügten Tag zu machen Diese gingen
also fort und ich kam mit der Hebamme und dem Manne allein in die Stube wo ich
die Fremde sitzen sah Ich hatte an der Tür mein Patgen auf den Arm genommen
und übergab es seiner Mutter mit der Bitte es wohl zu erziehen und der
Versicherung dass ich meine Pflichten gegen dasselbe getreu erfüllen würde
»Denn« sagte ich bewegt gegen die Fremde »für dieses Kind müssen Sie mich auch
was tun lassen«  »Sehr gern« antwortete sie »denn ich kenne das Vergnügen
des Wohltuns zu sehr um Jemand dessen zu berauben«  Hiebei sah sie etwas
nachforschend mich an Ich schlug stillschweigend meine Augen nieder Einige
Momente darauf fing sie auf Französisch aber mit einer gedämpften Stimme an zu
sagen »Sie sind auch fremd hier«  »Ja aber nun beinah nicht mehr weil ich
so viele Bekanntschaften gemacht habe«  »Sind auch Freundschaften darunter« 
»Nur zwei welche diesen ehrwürdigen Namen verdienen«  »Das ist mir leid«
sprach sie indem sie mich einen Augenblick fest ansah dann den Kopf etwas
niedersenkte und zugleich eine Miene und mit der rechten Hand eine Bewegung
machte die den Ausdruck anzeigte Es mag sein dann vor sich hin im
Englischen »Dieses kleine Wölkchen mag sich mit den übrigen vereinigen die
meine Tage verfinstert haben« Ich fasste Herz sie etwas fragend anzusehen
Sobald sie es bemerkte sagte sie »Stoßen sie sich nicht an meinem Wesen Ich
habe bei Ihrem Anblick einen Zug zu gesellschaftlicher Verbindung gefühlt Die
Idee dass Sie fremd sind stärkte meine Hoffnung aber Ihre Verhältnisse nehmen
mir diesen Schimmer von Freude wieder Ich will Sie nicht von bekannten Gütern
abziehen um Ihnen Geschmack an etwas Sonderbarem zu geben und die Bedürfnisse
meines Herzens sind zu groß um durch einen kleinen Teil vergnügt zu werden
und dann will ich auch Ihren älteren Freunden nichts nehmen«  Ich fiel hier
ein »Glauben Sie aber nicht dass dies was Sie mir sagen meiner Seele Ihre
nähere Bekanntschaft nötig macht«  »O so vergeben Sie mir meine
Unvorsichtigkeit« sagte sie mit einer ganz edlen Bewegung gegen mich »Gott
diesen Leuten hier suche ich körperliche Übel zu erleichtern und Ihnen
fühlbares Geschöpf gäbe ich Leiden der Seele«  »Es freut mich unendlich dass
Ihr grossmütiges Herz dies empfindet und ich hoffe dass Sie mir erlauben
werden Sie näher kennen zu lernen«  »Dringen Sie nicht zu sehr in mich ich
bitte Sie wenn ich Ihren Umgang in meinen Plan einschalten kann so will ichs
tun« Ich machte ihr eine dankbare Verbeugung sie sah nach ihrer Uhr und ging
kurz darauf weg
    Sie ist groß wohlgewachsen richtig aber nicht fein gebildet und hat im
Ganzen keine Züge von Schönheit aber sie ist mit einem Ausdruck von Anstand
Güte und Bescheidenheit übergossen welches wie ich sagen möchte eine Art
Firnis ausmacht durch den ihre ganze Gestalt einen edlen Schimmer erhält In
ihrem schönen Aug ist viel Geist Empfindung und der kleine Zug von Schwermut
so in ihrer Miene herrscht machen den Wunsch nach ihrer Freundschaft entstehen
weil alles zusammen Vertrauen und Achtung einflößt Ihre Kleidung war brauner
Grosdetour mit nämlichen Zeuge garnirt Die breiten Bänder der Armschleifen
waren auch von dieser Farbe Haube Manschetten und Halstuch von weißen Flor
Ohrringe von einem einzigen Diamant ihre Schube auch braun wie der Rock aber
auf englische Art mit niedrigen Absätzen und sehr passend so wie sie in allem
äußerst nett und reinlich ist und eines der ersten Stücke so sie in ihrem
Hause zurecht machen ließ ein Badzimmerchen ist dessen sie sich fast alle Tage
bedient Sie hat einen Bedienten und dessen artige Frau mitgebracht hier aber
noch zwei Mägde angenommen die sich sehr glücklich bei ihr finden Übrigens
isst sie sehr wenige und einfache Speisen
    Sprachen versteht sie allem Anschein nach sehr gut denn bei dem
Buchführer hat sie alle historische und physische Bücher auch
Reisebeschreibungen begehrt die Englisch Deutsch Französisch und Italienisch
herausgekommen sind und auf dem Postamt alle Zeitungen und Journale die in
diesen Sprachen ausgehen bestellt Die beiden Mahler in der Stadt hat sie schon
etlichemal bei sich gehabt und ihnen ihre große Sammlung von Kupfern gewiesen
welche das einzige sein soll was sie mitbrachte denn alles weiße Zeug Maublen
und Kleider schaffte sie sich hier an Aber in die Stadt hat sie noch keinen Fuß
gesetzt Nur einsame Spatzierfahrten machte sie in ihrem artigen Englischen
Wagen stieg an dem Wäldchen mit ihrer Kammerfrau aus und ging allein von ihr
entfernt spazieren Das Klavier soll sie ganz vortrefflich spielen und der Ton
und die Musik ihrer Stimme fasst nach Herr Ott und G die sie auf der
Stadtmauer belauschten so viele Kunst in sich dass sie sie für eine durch ihr
Talent bereicherte Sängerinn halten die durch ein Teaterunglück oder einen
Anfall von Eigensinn der diesen Personen oft anklebt hieher gekommen ist um
ihrem Andenken eine Stelle in dem Tempel des Ruhms und der Tugend zu erwerben 
Dies sagten mir die boshaften Leute just den Abend da ich ganz von ihr
eingenommen meine Unterredung mit ihr erzählte und ihr Bild beschrieb so wie
es mir erschienen war Es mag sein wie es will so freut mich ihre
Bekanntschaft und ich werde sie fortsetzen so weit sie es gehen lassen wird
    Gestern und vorgestern hat es stark geregnet und ich war heute nicht ganz
wohl Aber Morgen Abend werde ich mit Julien Orten Herrn und Frau G selbst
auf die Mauern klettern um sie singen zu hören Adieu von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia
 
                           Zwei und funfzigster Brief
Wem soll ich danken Ihrem Herzen Ihrem Genius oder beiden zugleich die mich
die Freude genießen lassen jede meiner Ideen und Empfindungen vor Sie dringen
zu können wie man sich vor einen Spiegel stellt um durch ihn das schickliche
und unschickliche der Kleidung und Gebehrden Fehler und Vollkommenheiten der
Gestalt zu erblicken welcher auch unermüdet über den bei großen und kleinen
Anlässen vervielfältigten Gebrauch immer mit gleicher Redlichkeit das Güte und
Tadelhafte beleuchtet So lässt mich auch Mariane Ihr reiner von allen
Vorurteilen freier und lichtvoller Geist jedes Bild meines Verstands nach
seinem eigenen Wesen aber auf allen Seiten beleuchtet wiedersehen  Die Güte
Sanftmut und Wahrheit Ihrer Seele zeigt mir was richtig falsch gut oder bös
ist und so meine Mariane sind Sie für mein Herz und meinen Kopf Belohnung und
Warnung geworden Dafür danke ich Ihnen auch mehr als ich sagen kann
    Nun Ich habe die fremde Frau singen hören Alles alles müsste mich
betrügen wenn nicht eine edle tiefe Leidenschaft in ihrer Seele liegt Solche
Tone gibt die Kunst allein nicht Ihr Rezitativ ist die Rede einer wahren
gefühlvollen Seele die das Übermaass ihrer Empfindungen in einem einsamen
Selbstgespräch ausströmen lässt Ihre Arien sind Trost den sie sich zuspricht
Aussichten in bessere Zeiten die sie sich zeigt und dankbare Wiederholung des
genossenen Glücks Den ganzen Tag gießt sie Freude und Wohlsein über alles was
sie umgibt und des Nachts wenn diese Glücklichen ruhen sucht sie durch den
Zauber der Musik den innern Jammer ihrer Seele zu lindern um auch schlummern zu
können und zu neuen wohltätigen Werken Kräfte zu fassen Dieses war was ich
Mädchen in jeder Faser meines Herzens fühlte als ich auf die oberste Stufe der
Stadtmauerstiege mich setzte und stille süße Tränen des Mitfühlens weinte 
Die rasche Frau G lobte sie behauptete aber mit den Männern dass es gewiss
eine Teaterheldinn wäre Ott hatte nichts gesprochen aber die andern so oft
stillschweigen heißen dass seine Julie die alles Einnehmende ihres Spiels und
Gesangs empfand ihrem Mann beim Zurückgehen mit Schluchzen sagte »Lieber Ott
versprich mir dieser Sirene nicht öfter zuzuhören«  Er umarmte sie
stillschweigend und da er auch niemals mehr von ihr sprach so glaube ich
Juliens Vermutung einer aufkeimenden Anhänglichkeit wag richtig gewesen sein 
    Ich besuchte Tags darauf meine Wöchnerinn in Hoffnung die Fremde zu sehen
Aber sie hatte den ganzen Tag in einem Hause zugebracht worin zwei kranke
Kinder waren denen sie Tod und Leiden durch Erzählung von Engeln und
himmlischen Gespielen zu versüßen suchte und mit größter Zärtlichkeit jede
Erleichterung und Erquickung gab Der Knabe von zwölf Jahren dem sie von der
Beschäftigung der Engel redte und ihm die Aussicht zeigte dass er vielleicht
zum Schutzgeist seines jüngeren Bruders bestimmt würde hörte ihn lächelnd zu
hob seine matten Hände gen Himmel und sagte »O Gott ich glaube es denn diese
Frau ist gewiss ein Engel den du in unsere arme Vorstadt schicktest«  Sie
stund von ihrem Stuhl auf fasste seine gefalteten Händen in die ihrigen küsste
die Stirne des Kranken »Erler seliger Knabe wie gern glaubtest Du Gutes Du
wirst bald Engel sehen mein Lieber und bei ihnen alle Dein Leiden vergessen«
 Freude glänzte noch in dem sterbenden Auge des Jungen und seine Eltern fassten
Trost darüber Das jüngere Kind starb eher und das laute Wehklagen der Mutter
machte den kranken Knaben unruhig und beförderte auch seinen Tod Da ging
Madame Guden so nennt sie sich weg Sie kann nicht bei Toten sein und
sagt »Für Herz und Seele will ich alles tun aber die kalte Unempfindlichkeit
gibt mir selbst den Todesschauer zu fühlen«  Sie bezahlte alle Leichentosten
und besuchte die Leute nach dem Begräbnis fleißig Der Vater des Verstorbenen
ist ein armer Knopfmacher der noch drei Kinder hat Sie erkundigte sich nach
den zwei Schülern die den Kranken besucht hatten und sehr traurig über seinen
Verlust waren ließ sie zu sich kommen und fragte den einen ob er nicht bei
dem Vater seines verstorbenen Freundes die Knopfmacherarbeit lernen wolle Da
der Junge es versicherte so versprach sie ihm das Kost und Lehrgeld für ihn
zu zahlen Hier wurde er aber traurig sah den andern der unruhig hin und her
ging an und sagte »Aber Madame « stockte dann wieder und sein Kamerad nahm
ihn bei der Hand Madame Guden fing freundlich zu dem ersten an »Er hat mir was
sagen wollen von seinem Freunde Was ist es Kann ich ihm was Liebes tun« 
»Ach Madame das wäre recht schön«  »Nun so sagt mirs ich tu es gewiss auch
Eurem verstorbenen Freunde zu Liebe«  Hier weinten beide Knaben und sagten ihr
sie hätten beide Lust zu dem Handwerk und die Mutter des einen könne nichts als
das halbe Lehrgeld bezahlen  »Das hat unser Freund der gute tote Heinrich
gewusst« fiel der eine ein »und wollte uns heimlich alles lehren was sein
Vater ihm zeigte denn er war schon aufgenommen und wenn wir alles so gelernt
hätten bis zum Gesellen da härt ich meine Mutter gebeten das Lossprechgeld
für mich und meinen Kameraden da zu zahlen und dann wären wir alle drei mit
einander in die Fremde gegangen und hätten unser Glück gesacht Aber jetzt ist
alles aus weil Heinrich tot ist«  Frau Guden wurde bewegt »Nein meine
Lieben es ist nicht alles aus Wenn Ihr wollt so zahl ich für Euch beide
Versprecht mir nur dass ihr rechtschaffen werden wollt wie Euer Heinrich es
war und dass Ihr immer auch Armen gerne Gutes tun wollt Sagt mir nun mit was
ich Euch Freude machen kann«  Beide sagten zugleich »Ja gute Madame wir
wollen alles tun was Sie sagt aber wenn wir krank werden und sterben so muss
Sie auch zu uns kommen«  Sie versprach es ihnen bei der Hand und hat nun
wirklich das Lehr und Lossprechgeld für beide bei der Obrigkeit niedergelegt
sie gekleidet zahlt ihr Kostgeld und lässt sie daneben schreiben und rechnen
lernen Die Mutter des einen Knaben ließ sie auch kommen und lobte die gute
Frau über die Gesinnungen so sie ihrem Knaben gegeben Diese war froh über
ihres Sohns Glück und sagte nun könne sie ihrer Tochter helfen der sie jetzt
das Lehrgeld zur Aussteuer geben wolle Frau Guden verdoppelte es und wollte
auch der Mutter was zur Unterhaltung geben aber die Frau nahms nicht an weil
sie Haushälterinn bei einem ältlichen Herrn sei der ihr nach seinem Tode so
viel lassen würde dass sie leben könne und da ihre beiden Kinder versorgt
wären brauche sie nichts mehr Madame solle das andern Armen geben  Sie
wandte sich dann gegen die zwei Jungen und empfahl ihnen wenn sie einmal
Meister wären solle ein jeder einen armen Jungen Gott zu Ehren umsonst lehren
Die guten Jungen versprachen es treuherzig Madame Guden nahm die Tochter der
Frau bei der Hand mit dem Wunsche dass sie ihrer so rechtschaffenen Mutter
gleich werden möchte so wie die zwei Freunde des seligen Heinrichs seinem
Beispiel gefolgt wären und dadurch gewiss ganz glücklich sein würden 
    »Sehen Sie« sagte ich in unserer Gesellschaft »wie diese Frau Gutes
erweckt und Gutes tut«  Da wurde von jemand gesagt »Ja ja das sind die
schönen Haare der büssenden Magdalena womit sie unsern Herrn die Füße
abtrocknete«  Dieses Stück Witz meine Mariane womit auf den vermuteten
Sängerstand der Dame gezielt war verdrängte jede Bewegung des Lobs der Achtung
und Nacheifrung so sie verdient Ganz rau und roh setzte noch jemand hinzu
»Wer weis wie viele Streiche sie anderswo hat ausgehen lassen eh sie hier
unsere Arme zu kleiden anfing«  Lauter Beifall wurde diesem Gedanken
zugelacht ich aber konnte mich nicht enthalten Julien zuzuflüstern dass ich
mich sehr glücklich achtete einen so festen Glauben an reine und edle
Beweggründe der ausübenden Menschenliebe zu haben weil mein Herz mich von
dieser Wahrheit überzeugte und dass wenn ich so reich und unabhängig wäre als
diese Frau ich jede gute Idee zu Handlungen machen würde was man auch immer
für Auslegungen darüber finden möchte 
    Ihre Gedanken Mariane die Ihrigen allein will ich über mich und über diese
Frau anhören und befolgen
 
                           Drei und funfzigster Brief
Noch zweimal war ich umsonst in der Vorstadt aber Madame Guden schrieb mir
heute ein Billet »Sie suchen mich so anhaltend dass es undankbar wäre wenn ich
Ihnen nicht entgegenginge Aber ich werde Ihre Glückseligkeit nicht vermehren
und Sie meinen Kummer nicht mindern Kommen Sie Morgen zu unsrer Wöchnerinn
aber allein denn ich will keine feine Leute sehen  Guden«
    Das Stutzige dieses Tons hätte mich bald zurück gehalten aber das
Sonderbare lockte mich wieder Ich ging also hin ungeachtet es stark regnete
wie es Septembertage machen Ich fand sie am Rocken sitzen und die Wöchnerinn
neben ihr um auf das Spinnen so sie von ihr lernte Achtung zu geben Sie war
in einem grauen Leibkleide mit einer großen weißen Schürze und schien etwas
blässer als ich sie das Erstemal gefunden hatte Sobald sie mich erblickte
stund sie auf und ging mir mit zärtlicher Eile entgegen »In dieser üblen
Witterung liebes eigensinniges Kind« sagte sie mit einem Blick so voll Seele
dass sie mein Herz ganz nahm und dies mag sie gefühlt haben denn sie umarmte
mich sprach aber auf Französisch »O wenn jede Empfindung so stark in Ihrer
Seele haftet als Ihre Neugierde um mich so bedaure ich Sie von Herzen« 
»Neugierde« erwiderte ich »Glauben sie gewiss dass es nichts Bessers ist so
mich nach Ihnen zieht«  »Sie müssen meine Worte nicht spitz fassen Ich gehe
immer den kurzen Weg und was ich zuerst sehe nenne ich zuerst«  »Vergeben
Sie ich wollte nicht spitzig sein sondern nur ganz geschwind eine Idee
wegräumen die mir bei ihnen schädlich sein könnte«  Mit nachdenkender Miene
und Lächeln sagte sie »Ich glaube es gewiss aber wenn es sich öfter finden
sollte dass ich auf diese Art schnell denke und Sie geschwind empfinden so
werden wir wie zwei Leute sein die erst einander ruhig gegenüber saßen sich
freundlich beredeten eines steht auf will sich was holen vielleicht seinen
Stuhl näher zum Freund rücken um das Gespräch vertraulicher zu machen Wenn nun
der Andre ohne einen Augenblick zu warten was das Aufstehen bedeute oder ohne
zu fragen wo gehen Sie hin gleich auch sich hastig aufhebt so müssen sie sich
wider ihren Willen manchmal stoßen  Dies möchte ich nicht veranlassen und
auch Sie nicht vermeiden Was denken Sie nun was wir tun sollten«
    Können Sie Mariane sich Rosalien und all ihre Ideen vorstellen die
während dieser kleinen Abhandlung in ihr entstunden und hin und her gingen so
wissen Sie dass mein erster Gedanke war »Madame Guden dein Reichtum macht
dich stolz und eigenmächtig« Aber da der Ton ihrer Stimme ganz melodisch und
der Ausdruck ihres Gesichts so voll Wahrheit war so wandten sich auch meine
Gedanken auf eine andre Seite Ihr Billet sagte von Kummer und ich weiß dass
dieser in einer starken Seele Entschlossenheit hervorbringt die sich nicht
immer damit abgeben kann jede Idee in fein gebogene Formen zu bringen Zudem
hatte sie Recht es war doch zum größten Teil Neugierde so mich bisher nach
ihr gezogen hatte Ich antwortete also ich dächte in Zukunft voll Vertrauen
sitzen zu bleiben wenn sie aufstünde doch hofte ich manchmal ihren Stuhl
gegen mich ziehen zu dürfen  »Sie werden also die schönere Rolle spielen ich
gönne es Ihnen und wünsche dass Ihre Lebhaftigkeit niemals zur Unruhe werden
möge«  Nun sagte ich »Werde ich Sie nicht in Ihrem Hause sehen In diesem
hier sind es nur abgebrochene Stücke«  Sie lächelte stund aber gleich auf und
bot mir den Arin »Kommen Sie ich will mit Ihnen noch einmal Freundschaft
wagen«  Wir waren bald da Ihre Zimmer sind mit Zitz ausgeschlagen Bett und
Stühle gleichfalls Bei den Büchern blieb ich stehen und da es mir unmöglich
war mein Staunen zu verbergen weil ich lauter Reisen fand und sie es
natürlich bemerken musste so sprach sie »Sie suchten andre Bücher ich hab
auch andre gelesen aber meine jetzige Gemütsverfassung lässt mich nichts
Spielendes und nichts Denkendes vornehmen Ich suche Glückseligkeit Mein Herz
und Kopf sind noch nicht einig darüber Ich bin dem ersteren gefolgt und elend
geworden Mein Verstand will mich trösten aber es kostet Mühe und ich maß mit
mir selbst Umwege nehmen«  Ich nahm sie bei der Hand und gewiss mein Herz
stimmte den Ton meiner Worte indem ich ihre Hand gegen meine Brust bewegte
»Mühe und Umwege zu ihrem Glück während Sie das so vieler andern so leicht so
geradezu machen Wie ist das«  »Ach was für Glück geb ich Nahrung Kleidung
Wohnung dies füllet den Zirkel der Wünsche des guten Volks und o wie heilig
sind mir diese Schranken in welche ich gewiss von meinem Mehrwissen und mehrerm
Reichtum nichts übertragen will als Liebe der Reinlichkeit Alle Verfeinerung
ihrer Begriffe soll in nichts als einer gefühlvollen Liebe ihres Schöpfers
bestehen der das Loos ihres Lebens aus weisen wohltätigen Ursachen auf den
Weg der Arbeitsamkeit legte Und dann will ich sie auch jeden Segen jede Blume
der reinen Freuden der Natur bemerken lehren die sie mitten und am Ende ihres
Tagwerks reichlich finden können Meine Erziehung meine Kenntnis der Welt
mein Vermögen haben mir Bedürfnisse gegeben die mehr als alle dies erfodern
wenn ich glücklich sein soll Sie Rosalia und Andre die unsern Kreis
durchgehen müssen Sie nicht auch hundertfach mehr zu dem Maß Ihrer
Zufriedenheit haben als diese Leute« 
    Feierlichkeit süße Sanftmut edler zudringlicher Ernst war in dem
abwechselnden Ausdruck ihres Gesichts und Tons Und ein Theater sollte sie
gebildet haben Nein Mariane das kann nicht sein Das Theater kann einen
schönen Geist eine fein empfindende Seele bilden aber ein so starkes inniges
Gefühl vom Wohl und Weh der großen Masse des Volks das richtige ernste Abwägen
der Ursachen und Natur des Glücks gibt allein das große Schauspiel der Welt und
die Geschichte der Menschheit In dieser Frau ist eine eigne Seele und in ihrem
Geschick müssen auch eigene sonderbare Züge sein Sie hat mir einen Auszug
ihres ganzen Lebens versprochen und bis dahin soll ich sie weder zu gut noch
zu übel beurteilen auch von dem was mir an ihr gefällt ja gegen Niemand zu
vorteilhaft sprechen  Und da ging sie an ihr Klavier spielte Phantasien
nicht stark in der Geschwindigkeit aber nett im Ausdruck lauter
charakteristische Gänge Selbstgespräche Seufzer und Einwiegen beunruhigender
Erinnerungen Sie hat aber noch ein Talent welches für mich viel
beneidenswürdiger ist als ihr Gesang und Spiel Sie zeichnet jede Idee ihres
Kopfs jedes Bild so in ihrem Herzen entsteht oder vor ihr Auge kommt den
Moment mit der größten Leichtigkeit und einem reizenden Geschmack auf den
nächsten Bogen Papier So macht sie es wenn sie in einem Buche was findet oder
in einer Erzählung hört das ihr als Gruppe oder Figur gefällt Denn ich fand in
einer Reisebeschreibung die auf ihrem Tisch lag mehr als zehn gezeichnete
Stücke deren Beschreibung sie damit gemerkt hatte einsame ländliche Gegenden
Ruinen ein schön liegendes Haus Hauptpersonen einer Gesellschaft  Ja
während ich blätterte verfertigte sie mein Bild so wie ich mit etwas vorwärts
gesenktem Kopf auf das Buch sah und ich versichre Sie Mariane dass es mich
sehr freuen würde wenn ich einmal in einer entscheidenden Stunde in den Augen
meines Freundes so viel Grazie hätte als mit Frau Guden in ihrer leichten
Zeichnung gegeben hat 
 
                           Vier und funfzigster Brief
Frau Guden will mir alle Woche zwei Tage schenken wo ich mit ihr essen und den
Nachmittag mit ihr zubringen soll Gestern war der erste davon wo sie mir wie
sie sagte den Faden gab mit dem ich aus dem Labyrinth der Ideen kommen würde
welches ihre Erscheinung in dieser Stadt und die Mutmaßungen über sie in mir
hervorgebracht hätten Sie wäre die einzige Tochter eines deutschen Gelehrten
dessen Glücksumstände aber so gewesen dass er sie wohl reich an Kenntnissen
aber bei mittelmässigem Vermögen zurückgelassen hätte Ihre Mutter wäre eine Frau
voll feiner tiefer Empfindung ihr Vater ein feuer und geistvoller Mann
gewesen Sie sage wir dieses weil sie fest überzeugt sei dass der seltsame Ton
ihres Charakters aus dieser Mischung entstanden sei Ihr Vater habe sie denken
und wissen ihre Mutter Empfindsamkeit und Wohltätigkeit gelehret daraus sei
auch ihre schwärmerische Anhänglichkeit an edle Kenntnisse und Tugend gekommen
Man habe sie Sprachen Musik und Zeichnen lernen lassen worin sie es durch
ihre natürlichen Fähigkeiten sehr weit gebracht In der Zeit des Übergangs vom
großen Mädchen zur denkenden Jungfrau in welcher Frauenzimmer catolischer
Religion diese innere Unruhe und den noch undeutlichen Laut der Bedürfnisse des
Herzens als den Ruf zum Klosterleben ansahen und die ersten Aufwallungen des
ganzen Reichtums der Empfindungen zur Liebe der höchsten Vollkommenheit
wendeten in dieser Zeit hätte sie die Geschichte der Völker und Künste gelesen
Plutarchs Helden und dann eine Beschreibung der Denkmale der Kunst die Rom und
Florenz in sich fassten Diese hätten bei ihr die innerliche Stimme der
Anhänglichkeit an ein andres Wesen auf die Ideale von Meisterstücken der alten
Welt gelenkt Sehnsucht nach Italien hätte in ihr geglühet wie die Begierde
nach dem Schleier in einem frommen Mädchen Während dieser Zeit hätte sie sich
auch außerordentlich der Zeichenkunst Lesung der Poeten und der Götterlehre der
Alten beflissen und immer gedacht sich einmal bei einer Dame beliebt zu
machen die eine Reise nach Rom vornehmen könnte um mit ihr wenn es auch als
Kammerjungfer wäre dahin zu kommen Außer dem hätte nicht nur die ernsthafte
und gründliche Erziehung welche sie genossen sondern auch das einsame Leben
ihrer Eltern alle Gegenstände von ihr entfernet durch die sie zerstreut
werden oder die ihr den Genuss von Glückseligkeit auch bei andern Sachen hätten
anweisen können »Denn ich weiß aus meiner Erfahrung« fuhr sie fort »dass
Personen die abgesondert erzogen werden oder auch einige Zeit so leben nicht
nur etwas eigen Ausgezeichnetes sondern auch Eigensinniges bekommen das sie
selten ablegen« Denn in einem fühlbaren Herzen bliebe die Anhänglichkeit an
Gegenständen bei denen man das erstemal Glückseligkeit empfunden gar lange
haften Zum Beweis diene ihr dass ihre Mutter sie im achten Jahr das erstemal
aus der Stadt geführt und in dem Baumgarten der Bäuerinn die ihnen Milch
lieferte in der Zeit der Blüte ihr Mittagessen mit der Bäuerinn Kindern
gegeben hätte wo sie dann lauter Freude und Seligkeit gewesen und seitdem bis
auf diese Stunde fühle sie bei dem Anblick eines ländlichen Baumgartens ein
süßes inniges Vergnügen welches ihr alle Reize der Kunst und hoben Natur bei
den prächtigsten Gärten die sie auf ihren Reisen gesehen niemals gegeben
hätten Nach dem Tode ihrer Eltern sei sie zu einer weitläuftigen Verwandtinn
gekommen bei der sie einsam fortgelebt und in ihrem zwei und zwanzigsten Jahr
das Glück erhalten habe um ein Stück Geld der Kammerjungfer einer großen Dame
ihren Platz für die Reise nach Italien abzukaufen Die Dame und ihr Gemahl
hätten nach zwei Unterredungen mit ihr so viel Achtung für sie bekommen dass
sie sie auch versichert sie sollte Frankreich und England mit ihnen
durchreisen Aus Dankbarkeit und Eigenliebe habe sie dann alle Kräfte
angestrengt in den Sprachen vollkommen zu werden und auch reine Umrisse von
Landschaften Gebäuden und Figuren machen zu können um durch diese Talente
nützlich zu sein und auf gewisse Art zu vergüten was sie ungefehr kosten
könnte Daneben hätte sie der Dame alle mögliche Dienste und Erleichterungen
geleistet und niemals wäre sie glücklicher gewesen als auf diesen achtzehn
Monate gedauerten Reisen wo alle ihre bisherigen Wünsche erfüllt ihre
Kenntnisse geübt und vermehrt worden wo sie einen so großen Teil der Erde und
deren Bewohner gesehen und vielen Beifall und Achtung genossen hätte Aber da
wäre es mit ihr wie mit andern Menschen gegangen indem mit der Befriedigung
des einen Verlangens ein neues verknüpft wurde wogegen das Schicksal lauter
Unmöglichkeiten aufhäufe Deswegen habe sie ihm auch eine Wage gegeben
    Hier langte sie aus einem Kästchen einige Zeichnungen hervor worunter das
Bild des Schicksals war mit einer Wagschaale voll Blumen Perlenschnüre und
einer schönen Vase in die andre Schaale legt es Dornen Steine und Fesseln
Eine schöne weibliche Figur kniet vor dem Altar wo dieses Wägen vorgeht und
zeigt mit dem seitwärts gesenkten Kopf und ihren mit vieler Grazie auf ihrer
Brust sich faltenden Händen Dank für die Blumen und neben dem Abwenden von der
dornerfüllten Schaale ruhige Unterwerfung
    Da ich das Bild so ausdrucksvoll fand sah ich mit Rührung sie an Sie küsste
mich und sagte »Ja mein Kind hier fingen die Schmerzen meines Lebens an Ich
hatte Güter geliebt und gewünscht die ich bis dahin kannte ich genoss sie
reichlich denn nicht nur das Schöne so ich zu sehen verlangt freute mich
sondern auch die Lobsprüche die ich für meine Talente erhielt Denn in Rom übte
ich mich im Singen und Klavierspiel ich schrieb unser Tagebuch und zeichnete
auf halbe Bogen was mir der Dame oder ihrem Gemahl besonders gefiel Unser
Anführer erzählte es Fremden die dann sich um uns sammelten wohin wir gingen
und ich meinen Bleistift nahm Ein edler Fremdling der auch alles mit dem Auge
des Geistes betrachtete suchte unsere Bekanntschaft Ernstes aber sanftes
Wesen hoher Adel der Seele tiefe Gelehrsamkeit in allen Teilen schöner
Kenntnisse eine vortreffliche Gestalt und nur sechs und zwanzig Jahr alt waren
in ihm mit dem empfindlichsten Herzen Bescheidenheit und den reinsten Sitten
verbunden Mein Zeichnen wurde sehr von ihm geachtet doch bemerkte ich dies
mehr aus seinen Blicken als seinen Worten Er fragte nur nach dem Ort wo ich es
gelernt und wo ich erzogen worden Meine Dame wies ihm das Tagebuch und die
Zeichnungen Ihr Gemahl erzählte ihm meine Geschichte wie sie es nannten und
den Abend da ich fertig war das Merkwürdige des Tages aufzuschreiben führten
sie ihn in mein Zimmer und sagten Herr von Pindorf müsse mit all meinen
Talenten bekannt werden ich sollte doch etwas auf dem Spinetchen spielen und
singen Er machte nur eine Verbeugung Aber ein flüchtiger Blick den er gleich
wieder von mir wandte dünkte mich vieles zu sagen Ich sah auch nur meine Dame
aber mit Erröten an wovon sie den Sinn nicht verstund denn sie sagte
freundlich Meine Liebe ich verspreche Ihr dass Sie diese Gefälligkeit für
Niemand anders haben soll  Ich spielte und sang sanfter als jemals sah aber
nicht um mich sondein allein auf meine Noten Er sprach nachdem ich geendigt
und er mir höflich gedankt hatte von den Grundsätzen der Musik sah mich auch
nachgehends niemals allein außer ein einzigesmal in Frankreich da er Abschied
von uns nahm um zu Hause seine Verbindung zu vollziehen Auf der Reise nach
England war er eigentlich eine Art Lehrmeister für uns alle in der Natur- und
Landesgeschichte Er saß oft ganze Stunden lang in sich selbst gekehrt bis ihn
eine Frage von mir oder ein Ausruf über etwas so mir hie und da als merkwürdig
vorkam aufweckte denn er hatte diese Aufmerksamkeit allein auf meine Stimme
Alles blieb in meinem Gedächtnis und ich wurde in Kenntnissen die er vorzog
am stärksten In dem Garten zu Stow zeichnete ich sein Bild wie er an einem
Baum gelehnt mit meiner Dame redte die mit ihrem Gemahl auf einer Moosbank
saß und Herr von Pindorf seine Augen auf den Tempel der alten Tugend welcher
uns gegenüber war mit vielem Ausdruck heftete Als ich die ganze Gruppe
zusammen gefasst hatte waren sie alle sehr vergnügt und ich musste endlich mich
selbst dazu setzen mit meinem Bleistift und der Anzeige des Ganzen Davon
erhielt Herr von P das Urbild 
    Eilf Monat war er immer um und mit uns gewesen Ich hatte tausendfache
Beweise seiner Hochachtung und Liebe für mich bemerkt und ihm gewiss eben so
viel zu erkennen gegeben Dies Bündnis unserer Seelen war desto stärker da wir
es nicht in der gewöhnlichen Sprache ausdrückten Den zweiten Tag in Brüssel
wurde ihm nicht wohl er sah auch bis den zehnten wo er abreisete ganz
hinfällig aus war nur Augenblicke um uns und dies mit ängstlicher Unruhe Mein
Herz litt die äußerste Marter Den nennten Tag war ich allein Herr von P trat
in mein Zimmer näherte sich mir mit wankenden Schritten Ich stund bebend auf
Er fasste meine Hand sah mit schwermutsvoller Zärtlichkeit mich an konnte
nicht gleich reden Endlich sagte er Beste edelste Seele Einmal ach nur
einmal lassen Sie michs sagen dass ich diese Leidenschaft niemals als für Sie
gefühlt habe Gott mache Sie glücklich  O wie sehr wird es der sein der
Ihnen Hand und Herz anbieten kann  Hofen teure Hofen warum hab ich Sie
kennen lernen  Und dann umarmte er mich und ich ihn mit einem Gott segne
Sie  Dann riss er sich los und reiste den Augenblick ab 
    Zween Monat hernach erfuhr ich die nach dem Willen der Seinigen vollzogene
Verbindung aber keine Briefe keinen Laut von ihm  Rosalia man muss meine
Seele haben um alle das Zerreissende zu fühlen so ich fühlte Alles vorher
besessene und genossene Glück war für mich hin Ich hatte Sympatie und Liebe
kennen lernen mittelmäßig konnte keine Bewegung in mir sein  O Rosalia möge
es keine Seele mehr erfahren 
    Wir kamen nach Holland Dort lernte ich van Guden kennen Dieses erzähle ich
Ihnen das nächstemal und dann werden Sie mich selbst ganz kennen« 
    Ich verließ sie traurig aber sie sagte es wäre ihr doch süß Adieu
 
                           Fünf und funfzigster Brief
»Liebe Rosalia« sagte Frau Guden als sie mich wieder sah »zu was haben Sie
mich gebracht dass ich Ihnen alles so erzähle«  Ich wollte antworten aber sie
ließ es nicht zu
    »Sagen Sie mir nichts darüber Habe ich nicht die Erleichterung genossen zu
reden von meinen Talenten und meinen Leidenschaften zu reden Ich bin
überzeugt es tut unserer Seele eben so wohl von den Fesseln des Zwangs und
des Verbergens ihrer eigentlichen Gesinnungen befreit zu sein als es den Händen
und Füßen eines unglücklichen Kettenträgers gut tun muss wenn er auf einige
Zeit sich losgeschlossen fühlt«  »Liebe Madame Guden Das Gleichniss dessen
Sie sich bedienen macht mir Schauder Ketten und Fesseln verwunden oft stark
Ich hoffe dass es mit Ihrer Seele nicht so sein möge«  Sie lächelte und sagte
»Wer weiß was für Striemen Sie finden würden wenn sie sichtbar wäre«  Sie
zeigte mit den übrigen Vormittag ihre Sammlung von Kupferstichen die ganz
entzückend schön ist lauter Charakterstücke Landschaften und alles was im
Griechischen Geschmack heraus gekommen ist Alle Stücke die sie doppelt hatte
gab sie mir
    Nach dem Essen da ich sie den Kaffee so langsam und tiefsinnig einschlürfen
sah dachte ich es würde ihr hart sein mir weiter zu erzählen und sagte ich
wolle bis ein andermal warten »Nein Rosalia Ich will Ihre Begierde und
Erwartung nicht täuschen Kommen Sie mit mir auf meine kleine Bank am Fenster in
den Garten Wenn er schon entlaubt und welk aussieht so ist doch ein großes
Stück freies Feld und freier Himmel vor uns deren Anblick mir sanfte
Erinnerungen geben wird wenn ich über Etwas herbe Empfindungen haben sollte
Ich hätte letzthin gern gewünscht Alles auf einmal gesagt zu haben denn ich
bin die zwei Tage über nicht glücklich gewesen  Nun Rosalia wir
durchreiseten Holland Da wurde meine liebe Dame krank und dieses gleich
anfangs bedenklich Der Arzt den man rufte war ein sehr geschickter aber
etwas alter und kränklicher Mann den wir aber bei Erzählung der Lebensart der
Dame wonach er sich erkundigte ganz ungemein munter und freundlich machten Er
dächte einige Augenblicke nach und sagte dann Die Krankheit der schätzbaren
Dame wird stark werden Sie wird alle Momente meine Sorge nötig haben die ich
auf das treueste für sie tragen werde Aber ich bin seit einigen Jahren
kränkelnd und habe daher bei Nacht für keinen Menschen mehr einen Fuß aus dem
Hause gesetzt Es würde meine Mitbürger verdrießen wenn ichs für Fremde tun
wollte Aber ich weiß ein Mittel Mein Haus ist groß und wohl eingerichtet
Ziehen Sie bis die Kur vollendet ist zu mir da kann ich zu allen Stunden
meinen Rat erteilen und Sie werden die meinigen durch Ihren Umgang
verschönern denn Sie haben Ihre Reisen auf die nemliche Art gemacht wie ich
Sie sollen meine alten und ich will Ihre neuen Tagebücher lesen Da wird unsere
liebe Kranke zerstreut werden und ich sehr glücklich leben
    Er machte dabei einen so großmütigen Preis für Kost und Wohnung dass wir
sein Anerbieten von Herzen annahmen und über zween Monat bei ihm recht sehr
zufrieden waren
    Die Dame hatte sich langsam erholt und war noch sehr schwach als sie die
Pocken bekam und daran starb Ich war untröstlich denn sie war äußerst
liebenswürdig und ihr hatte ich die süßeste Freude meines Lebens zu danken Sie
hatte mich mit Edelmütigkeit behandelt Ich war ihre Vertraute und an ihren
Umgang gewöhnt Durch sie hoffte ich auch wieder in Verhältnis mit Herrn von
Pindorf zu kommen denn ich wollte nicht mehr von ihr sondern unverheirater
bleiben Aber Ruhm war mein Plan um immer in der Hochachtung des Herrn von
Pindorf die vorzüglichste Stelle zu erhalten Alle dies war nun wieder zerstört
und ich sehr niedergeschlagen Der Graf von W blieb auch als Wittwer noch drei
Wochen da brachte alle mögliche Augenblicke bei mir zu und redte da von seinen
zwei Söhnen seinem großen Vermögen dem Widerwillen so er fühlte nach seinem
Wohnsitz zurück zu kehren und bat mich ihm einem Rat nach meinem Geschmack zu
geben und was ich an seiner Stelle tun würde  Ich sagte ihm zwei Plane
würden mir Trost geben einer auf meinen Gütern die größte Ordnung und die
glücklichsten Untertanen zu machen oder mich irgend in einer Hauptstadt
niederzulassen und nach meiner Erfahrung und Einsicht die Erziehung meiner Söhne
und Ihr Glück zu besorgen  Er ersuchte mich ihm diese beiden Entwürfe
aufzuschreiben Ich tat es und da entstunden zwei Ideale von Glück und Tugend
wie sie in einer edeldenkenden Seele sich darstellen sobald sie sich ein freies
Feld zu ihren Handlungen öfnet Der Graf dankte mir sehr dafür zeigte sie den
Herrn van Guden Dieser sagte mir Abends da der Graf ausgegangen war
Mademoiselle Sie haben dem Grafen zwei vortreffliche Aussichten für seine
künftigen Tage vorgelegt Er wird Ihnen Morgen darauf antworten Werden Sie mir
danken wenn ich Ihnen heute noch sage dass er Sie einladen wird die Ausführung
des zweiten Plans mit ihm zu teilen
    Ich sah den van Guden mit erstaunten Augen an und fragte ihn wie er das
verstünde
    Ganz einfach sagte er Der Graf liebt Sie und wird Ihnen vorschlagen mit
ihm in der Stille vermählt zu werden Hernach geht er auf seine Güter holt
seine beiden Söhne ab und sie gehen alle mit einander nach Frankreich wo Sie
ihm seine Kinder erziehen helfen und durch Ihren Geist und Talente immer die
ausgesuchteste Gesellschaft zuziehen werden
    Ich konnte gar nicht sprechen sondern starrte ordentlich den guten Mann von
Kopf zu Füßen an Er hielt es für das Staunen der Freude und setzte hinzu Der
Graf hat Recht Alle feindenkende und edle Leute werden Sie lieben und ehren
Ich sah diese Gesinnungen in ihm da noch seine Gemahlin lebte
    Ich danke Ihnen werter Herr van Guden dass Sie mir einige Nachricht von
dieser sonderbaren Idee des Grafen gegeben haben Denn nun kann ich ihm mit so
viel mehr Ruhe und Ernst meine völlig abschlägige Antwort geben
    Abschlägige Antwort wiederholte er Denken Sie diesen Abend noch darüber
nach eh Sie diese Vorteile verwerfen  Und da ging er von mir
    In der Tat schickte mir der Graf den andern Morgen früh ein versiegeltes
Paket mit der Aufschrift à Mademoiselle de Hofen worin Alles was er zu
meinem Vorteil und seinem Glück dachte dargestellt war Die Aufschrift de
Hofen diente schon zu einer kleinen Leitersprosse die mich meiner künftigen
Höhe nähern sollte Er hatte sich zugleich ausgebeten mit mir zu frühstücken
Ich kleidete mich so eilig ich konnte völlig an weil ich in einem
Morgenkleide zu vertraut ausgesehen hätte Meine ehrerbietigen Verbeugungen
machten ihn gleich stutzen aber doch nur Zweifel und kein entschlossenes Nein
erwarten Er bat lange jammerte zürnte und sagte mir endlich Er müsse es
sich gefallen lassen dass der Stolz auf meine Talente ihm diese unerwartete
Bewegung zuzöge und er müsse mir nun die von meiner Vaterstadt eingelaufenen
Briefe über den Zustand meines Vermögens in dieser unangenehmen Gelegenheit
übergeben die erst mir nach der Trauung mit dem bestimmten Brautschatz und
dem mir ausgemachten schönen Wittwengehalt hätte einhändigen wollen es wäre
ihm ungeachtet meiner üblen Bewegung unerträglich die Person die ihm seit zwei
Jahren so wert geworden sei im Mangel zu sehen er bäte mich nochmals seine
Anträge zu überlegen und ihm darüber zu schreiben
    Ich will« fuhr sie fort »meine Betrachtungen und damaligen Gedanken nicht
wiederholen  Er reiste den nämlichen Abend noch weg ohne mich zu sehen und
ließ mir die Kleider und dass Weißzeug seiner Gemahlin zur Belohnung für die
Krankenpflege und in der Bosheit auch meine Zeichnungen und das Tagebuch der
Reisen indem er nur von letztern bei dem Herrn van Guden eine Kopie begehrte
aber nicht von meiner Hand
    Sehen Sie nicht Rosalia aus diesem Zuge seines Charakters wie glücklich
mein Herz mich schützte denn dies allein war Ursache dass ich den Plan des
Grafen verwarf Er war schön geistvoll und von einem erhabenen Stande Von P
hätte glauben müssen dass Liebe und Eitelkeit mich zu diesem Bündnis geführt
hätten Ich aber wollte Niemand lieben als ihn und seine Hochachtung behalten
Ich hatte also das Vergnügen ihm ein Opfer gemacht zu haben und genoss es desto
reiner und stärker da Niemand es wusste denn ich
    Den zweiten Tag nach der Abreise des Grafen war ich in einer neuen
Verlegenheit Wo sollte ich hin Mein ganzes Vermögen bestund in vier hundert
Gulden nach dem Verlust den mir mein Verwandter zugezogen Die Kleider der
Dame und meine betrugen wenig denn wir hatten beide auf den großen Reisen nur
einen Koffer Das Beste so ich von ihr hatte war eine von Golddraht als
Körbchen geflochtene Zuckerdose Ich war nachdenklich bei unserm Frühstück Van
Guden ging aus kam spät und müde aber sehr munter zum Mittagessen zurück Ich
hatte mich indessen vorbereitet mit ihm zu reden und fragte ob er mich eine
halbe Stunde anhören wolle  Ja sagte er der Nachmittag ist ganz für Sie Ich
habe heut eine Arbeit getan die mich freut 
    Ich erzählte ihm mein Leben meine Umstände und den Wunsch als eine Hilfe
die Erziehung eines jungen Frauenzimmers zu besorgen ob er nicht durch seine
Freunde mir einen solchen Ausweg verschaffen könnte 
    Hier traten dem vortrefflichen Mann Tränen in die Augen wobei er dann noch
lächelte mir die Hand reichte die meinige eine Zeitlang stillschweigend hielt
und mich so ansah als fragte er Wie wirst du das aufnehmen was mein redlich
Herz dir sagen wird
    Endlich dankte er mir für mein Vertrauen lobte den Entschluss meine Talente
dem mühseligen Geschäfte der Erziehung zu widmen aber dies wäre ein Glück für
ihn denn da ich mich mit aufwachsenden Kindern hätte plagen wollen von denen
ich einen sehr ungewissen und späten Dank zu erwarten hätte würde ich
vielleicht durch eine großmütige Wendung dieses Gedankens die nemliche Geduld
und Sorge für einen aus Alter sich der Kindheit wieder nähernden Freund haben
der es mit aller Treue und Empfindung der Dankbarkeit erkennen würde  Bleiben
Sie sagte er eine Viertelstunde hier und lesen diese Aufsätze mit Nachdenken
durch und antworten Sie eben so wahr eben so freimütig darauf wie Sie dem
Grafen antworteten  und da ging er auch weg  Urteilen Sie von meiner
Rührung über diese Papiere«
 
                          Sechs und funfzigster Brief
Frau Guden fuhr fort zu erzählen Es wäre ein Schreiben an sie gewesen worin
er ihr sagte der Graf habe ihm Nachricht von dem Verlust ihres kleinen
Vermögens gegeben dies habe seine lebhafte Teilnehmung vermehret und ihm die
Begierde eingeflößt Etwas zu ihrem Glück zu tun Bald wäre es der Gedanke
gewesen sie an Kindes Statt aufzunehmen bald ihr einen Teil seines Vermögens
zu geben Da aber bei diesen Gedanken Anlass zu Spöttereien und Missvergnügen
gewesen wäre so hätte er gewünscht dass sie sich entschließen könnte ihm für
die noch wenigen Tage seines Lebens ihre Hand zu geben Auf diesen Wunsch hin
habe er heute früh mit einem Freunde sein Testament entworfen welches in vier
Teile richtig und unverwerflich geschieden sei einer für alte und kranke Arme
der zweite für seine schätzbare Frau der dritte für seine Verwandten und der
vierte für die Verwandten seiner ersten Frau Unter diese Beiden verteile er
auch sein Haus und die Gemälde wie auch das große Landgut unweit der Stadt
Sie solle weil sie Kupferstiche liebe seine Sammlung haben und sonst alles an
Kapitalien in der Bank was ihren vierten Teil betreffe denn das was er ihr
an Silber und einigen schönen Diamanten geben würde wäre nur das gewöhnliche
Brautgeschenk  Sollte ihr dieser Vorschlag der freilich der eigennützigste
für ihn sei nicht gefallen so solle sie nur einen Riss in sein Testament machen
und sich nicht mit Entschuldigungen oder Ursachen plagen sondern ihm den Trost
gönnen sonst ein Geschenk von ihm anzunehmen wodurch sie unabhängig leben
könnte 
    Dieser Antrag hätte ganz andre Bewegungen in ihr hervorgebracht als des
Grafen seiner er schien ihr redlicher und großmütiger Doch hätte sie sehr
geweint ihre Lieblingsidee aufzugeben die sie gehabt für das Andenken des
Herrn von P zu leben Doch habe das Bild der wahren Güte des herrlichen alten
Mannes und der Gedanke ihm durch die Erfüllung seines letzten Wunsches die
Freude zu geben eine glückliche Person nach sich zu lassen dann die
Betrachtung dass Herr von P ohnehin verbunden und sie ohne alle Aussicht
weder auf ihn noch sonst wo wäre gesiegt so hätte sie sich gefasst und wäre
hingegangen ihn in seinem Kabinet zu suchen Er wäre aber in seinem großen
Gemähldezimmer vor einem Tisch gestanden und habe ihre Zeichnungen vor sich
durchblättert Als er sie an der Tür erblickt wäre der liebe Mann so
erschrocken dass er blass worden sich geschwind gesetzt und seinen Kopf
aufgestützt hätte Sie wäre zu ihm geeilt hätte ihn bei der Hand genommen
»Warum erschrecken Sie über mich Wenn Sie Ihr Vorschlag reuen sollte lieber
Herr van Guden so werde ich nicht klagen sondern Sie dennoch als meinen
würdigsten Freund verehren« 
    »Gereuen« sagte er »Gott gebe dass Ihre Gefälligkeit Sie niemals reuen
möge« 
    Sie wären in der Stille getrauet worden und hätte ruhige Glückseligkeit
genossen und vier Jahre hindurch habe sie drei junge Frauenzimmer von seinen
beiderseitigen Verwandten um sich gehabt und sie erzogen Eine davon hätte van
Guden selbst noch ausgestattet und an einen jungen Arzt den er gebildet hatte
verheiratet Die beiden letzten Jahre seines Lebens hätte er keine Kranke mehr
besucht und alle Sommer auf einem Landhause gewohnt wo er einen schönen
botanischen Garten angelegt hatte und worin sie eines Tages alle ihre
Zeichnungen aber nur als Zeichnung in Öl gemahlt gefunden habe Ein Jahr vor
van Gudens Tode wäre ihr Herr von P erschienen Just da sie Morgens mit ihren
drei Schülerinnen nach einem Gartenhause gegangen sei um dort zu arbeiten und
zu lesen habe sie von weitem bei den botanischen Beeten eine Gestalt zu sehen
geglaubt die vollkommen der seinigen geglichen Dies habe sie äußerst bewegt
und dazu gebracht nicht umzusehen und nicht zu fragen sondern diese Erinnerung
zu unterdrücken und ihre gewöhnliche Morgenarbeit zu halten Darauf hätten ihre
Mädchen gelesen und sie mit ihnen gesprochen Ungefähr nach einer halben Stunde
wäre sie aufgestanden um etwas an der Stickerei eines der Mädchen zu besehen
Hier erblickte sie durch die Gitter dass zwei Mannsleute auf der Bank bei einer
grünen Wand hinter dem Gartenhause saßen Da wäre ihre Neugier erweckt worden
in dem kleinen innern Kabinet zu sehen ob es nicht der Fremde wäre  Ich
möchte mir selbst vorstellen wie ihr zu Mute gewesen als sie Herrn von P
ganz blass auf das Fussgestell einer Statue gestützt da sitzen sah Der junge
Medicus der ihn bei den Kräutern herumgeführt habe ihm zugeredet sich in das
Haus des Herrn van Guden führen zu lassen und da etwas zu sich zu nehmen weil
ihm von der Sonne und dem langen Gehen so übel wäre Madame van Guden sei eine
sehr liebenswürdige Frau von dem besten Herzen und einem großen Geiste rede
verschiedene Sprachen habe schöne Reisen gemacht alle Fremde bewunderten sie
wegen ihrer Talente in der Musik sie sei auch schön und jung doch müsse man
sagen dass sie ihrem alten Manne die vollkommenste Achtung und Zärtlichkeit
beweise und dass der artigste junge Mann sich nicht eines Blicks oder eines
Worts rühmen könne welches nur einen Schatten von Gefälligkeit anzeigen würde
ungeachtet Jedermann wisse dass sie den van Guden nur aus Armut nicht aus
Liebe geheiratet habe Sie wäre von Reisenden in seinem Hause zurück gelassen
worden und der Alte befinde sich in ihrem Umgange herzlich wohl sie wäre auch
aus Hochdeutschen Landen er solle nur mit ins Haus kommen es würde ihn nicht
gereuen  Sie zitterte vor Angst von P möchte ihm folgen und sie nicht im
Stande sein ihr Herz zu verbergen doch hätte es sie unendlich gefreut dass er
so viel Rühmliches von ihr hätte sagen hören  Auf einmal wäre er ohne eine
Silbe zu antworten aufgestanden und aus dem Garten fortgeeilt Der junge Docter
hätte ihm ganz erstaunt nachgesehen den Kopf geschüttelt und bei sich selbst
gesagt Der tut wohl dass er zu Engländern geht denn er ist ein spleenetischer
Narr  Als sie ihn aus dem Gesicht verloren sei ihr Herz ganz schmerzhaft
gepresst gewesen ohnmächtig wäre sie nicht geworden aber auf ihre Knie
gesunken ihre Arme ausgestreckt »Er liebt mich noch« wäre ihre Erquickung
gewesen »Gott erhalte und bewahre ihn  Ach was bin ich« hätte sie sich
selbst gesagt und sie gestund dass sie damals über ihre Heirat missvergnügt
gewesen sei und aufs Neue gefühlt habe dass jede Neigung jeder Wunsch ihrer
Seele in von P vereinigt wäre Doch habe sie sich überwunden nicht nach ihm
gefragt und sich Mühe gegeben Herrn van Guden in allem was er nach seinem
Charakter liebte jeden Augenblick seiner Tage zu erfüllen um ihn dadurch für
das schadlos zu halten was ihrem Herzen an der Zärtlichkeit der Liebe mangelte
Er wäre auch innig zufrieden mit ihrem Bezeigen gegen ihn und mit ihrem ganzen
Lebenswandel bei ihm gestorben und habe sie als eine reiche unabhängige Frau
zurückgelassen Unmöglich habe sie nach seinem Tode länger da wohnen können
sondern wäre nach Sicherstellung ihres Vermögens nach Aachen gereist um da
ihre Gesundheit wieder ganz herzustellen und auch weil sie dachte sie könne
dort wo ein Zusammenfluss von so vielen Fremden aus allen Landen sei etwas vom
Herrn von P erfahren Dies sei auch geschehen Ein deutscher Edelmann hätte
ihr gesagt dass er drei Kinder habe und meistens auf dem Lande ohne viele
Gesellschaft lebe »Meine Freiheit« fuhr sie fort »gab mir kein Recht Wünsche
oder Ansprüche auf mein Herz zu machen Ich war unfähig einen Gedanken zu
haben ihn von seiner Verbindung zu entfernen Ich versagte mir alles was nur
im mindesten dahin zielen konnte nur wünschte ich von Zeit zu Zeit zu wissen
wie es ihm ginge Ich durchreiste einige Gegenden von Deutschland besonders wo
Höfe waren um so viel möglich alle Stuffen der Vollkommenheiten und Fehler
meiner Landsleute zu bemerken Endlich setzte ich mich in der Hauptstadt meines
Vaterlandes fest mietete ein Haus machte Besuche nahm welche an legte mit
Vergnügen einen Teil meiner Renten und meiner Talente zur Verschönerung des
gesellschaftlichen Lebens unter meinen Bekannten an Ich war in meiner Kleidung
aus zwei Ursachen äußerst bescheiden und einfach einmal weil ich dem Putz
keinen Vorzug schuldig sein wollte und dann weil der Mann dem allein ich zu
gefallen wünschte mich nicht sah Da ich aber ungeachtet dieser Versäumnis des
Putzes gefiel musste ich mich einer ausgedachten Koquetterie beschuldigen
lassen Ich schätzte lebhaft alles Gute so ich fand aber wie wurde mein Gefühl
zurück gescheucht und verwundet Die Wahrheit und Stärke meines Wohlwollens
wurde verspottet meine Kenntnisse lächerlich gemacht Liebenswerte
Frauenzimmer denen ich meine ganze Seele gab erwiederten mirs kalt Ein Mann
von feinem Geist den ich wahrhaftig hochschätzte misshandelte meinen ganzen
Charakter Meine Freimütigkeit meine ganz wahre Seele wurde misskannt und
missdeutet Ich sah so viel kleine Pfeile gegen mich dass ich auf einmal
wegging«
 
                          Sieben und funfzigster Brief
»Der Zufall brachte mich in die Residenz des Fürsten von  und ich nahm mir
vor den Winter da zuzubringen Herr von P kam auch dahin Er war Wittwer Ich
beobachtete ihn in der Oper beim Ball und Konzert aber ich hatte den Schmerz
ihn mit der tändelnden Artigkeit bei Damen zu sehen die jeder alltägliche junge
Mann in der großen Welt zeigt Es schien mir der hohen Würde die ich seiner
Seele beilegte unanständig Von P den ich verehrte anbetete zum galanten
Schwätzer erniedrigt o meine Freundin es zerriss mein Herz und war mir
Überzeugung tödtliche Überzeugung dass er mich nicht mehr lieben ich ihn
nicht mehr anbeten könne  Hätte er dieses Betragen diesen Ton seiner
Gesinnungen gehabt als ich ihn kennen lernte so würde mein Glück und meine
Ruhe nicht in die Gewalt meiner Leidenschaft für ihn gekommen sein Meine
verfeinerten Empfindungen und meine Eigenliebe litte die Marter  Beleidigter
Stolz und Zärtlichkeit führten mich auch von dort hinweg  Ich wollte mich
wieder Aachen nähern im Durchreisen gefiel mir die Lage dieses kleinen
Vorstädtchens Ich sah die Dürftigkeit der Einwohner Ach sagte ich diese
fühlen keine andere Übel als Mangel an Nahrung und Kleidern Glückliche ich
will eure Wünsche erfüllen aber nichts geben als was in euren kleinen
Gesichtskreis gehört  Ich blieb hier und tat was Sie gesehen haben Die
große Geschäftigkeit in der Sie mich fanden kann Sie von der innern Unruhe
meiner Seele urteilen lassen denn die Stärke der Hilfsmittel ist der sicherste
Beweis von der Größe des Übels 
    Sie werden ganz natürlich finden dass die Empfindung für das Schmerzhafte
und Schlechte eben so stark in mir sein muss als der Enthusiasmus für das Gute
und Edle ist  Die große Welt hatte das Götterbild meines Geliebten
verstümmelt Mein Unmut suchte den Tempel zu zerstören den ihm meine Verehrung
in meiner Seele erbauet hatte aber die Grundlage des Glücks meines Herzens ging
zugleich damit verloren  In dem Kreise meines Standes war ich misskannt und
verwundet Ich wollte nichts von beiden mehr sehen  Das Gebiet der Kenntnisse
und Empfindungen war mir zuwider geworden weil meine Rechnung auf Ruhm Liebe
und Freundschaft die sie mir erwerben sollten auf nichts herunter gekommen
war Ich musste mich aber beschäftigen mich aus mir selbst hinausführen und
einen Gegenstand haben dem ich meine Liebe geben konnte Der bittere Verlust
alles dessen worauf ich bisher das Gepräge meiner Glückseligkeit und meines
Vergnügens gesetzt hatte machte mich um so viel mitleidiger gegen die Seufzer
des Mangels die ich aus der Brust dieser guten Leute empor steigen sah Die
herzliche Erleichterung so ich bei dem Entwurf meiner Hilfe fühlte und die
ersten Tränen der Freude die über die Wangen meiner Wirtin flossen als ich
ihr davon redte befestigten mich darin Ich weinte mit und glauben Sie meine
Freundin die Tränen die wir über fremdes Elend weinen sind lindernder
Balsam auf die Wunden unsers Herzens  Der gute Fortgang aller meiner Anstalten
gefiel mir Ich konnte wieder singen und Klavier spielen Den Tag über besuchte
ich meine Leute Abends las ich und übte meine Musik Ich wollte nichts als
Reisebeschreibungen weil ich nur die physische und materielle Welt vor mir
wissen wollte denn ich war mit jedem moralischen Begriff der andern missvergnügt
und im Streite Dennoch fing ich an mir zu sagen dass wenn das Schicksal die
Wünsche meiner Liebe befriediget hätte so wäre dieses das Glück einer einzelnen
Person gewesen diese dreizehn Familien würden noch darben und ich würde von
meinem Wohlstand keinen so entzückenden Genuss von Seeligkeit empfunden haben
als mir jetzo jeder Blick auf Eltern und Kinder gibt  Aber als das letzte
Haus in Ordnung war und ich meinem Geben und meinen Arbeiten ein Ziel setzte
so entstund aus der Ruhe wieder das Gefühl von Leere  Sie erschienen mir Ich
bemerkte in Ihnen alle Eigenschaften die ich bisher vergebens gewünscht hatte
Dennoch kämpfte ich gegen meine Neigung für Sie  Ich las zu meiner
Zerstreuung und als Probe eines neuen moralischen Hülfsmittels einen Auszug
der Kirchen und Staatsgeschichte Hier schöpfte ich Stärke und vernünftige
Befriedigang und ich söhnte mich mit der ganzen Erde aus  Der zu allen Zeiten
ungleiche Gang des menschlichen Geistes auf dem Wege der Wahrheit und Natur das
Abweichen davon und Beharren auf Irrgängen das traurige Schicksal so vieler
edlen Menschen die große Gewalt welche ganz kleinen Ursachen gegeben war und
der Beweis den ich fand dass in der physischen und moralischen Welt alles
mögliche Gute und Böse in einem gleichlaufenden Zirkel des Entstehens
Wachsens Abnehmens und Verwandelns unsern ganzen Erdball umgibt  diese
Betrachtung besänftigte mich ganz und führte mich zum Nachdenken über mich
selbst Ich gestund mir dass ich gewiss vieles in meinem Wesen hätte so Andern
eben so stark gegen ihre Begriffe des Liebenswürdigen und Angenehmen liefe und
ihnen auch eben so viel Missvergnügen geben müsse als sie mir Diese Gedanken
setzten und ordneten sich je mehr und mehr in meiner Seele und näherten mich
Ihnen Mein Herz war freilich von der übenden Wohltätigkeit und dem Glück so
ich genießen machte erfüllt aber es war was in mir das mich trieb den
Frieden den ich mit allen meinen Nebenmenschen geschlossen hatte bekannt zu
machen und mein Kopf hatte nötig mit Jemand umzugehen Sympatie sprach für
Sie Ihre Freundlichkeit die der arme Schuhmacher mir so lobte die
Verlegenheit in der die guten Leute zwischen Ihnen und mir wegen der
Gevatterschaft waren die Mühe die Sie sich nahmen das Kind selbst aus der
Taufe zu heben anstatt eine Magd zu schicken Ihre Anrede an die Wöchnerinn
die Freimütigkeit mit der Sie mich die Begierde merken ließ mich näher zu
kennen Verehrung und Anhänglichkeit die Sie mir in gleichem Grade zeigten
Aussicht auf Genuss einer edlen Freundschaft Bedürfnis dieses Glücks Vergnügen
so ich Ihnen damit machte öffnete Ihnen mein Herz je mehr ich den Wert des
Ihrigen kennen lernte  vielleicht auch weil Sie etwas eben so Sonderbares
haben als ich selbst
    Dennoch meine Liebe wenn Einer meiner Vorstädter über Sie geklagt hätte
wenn ich nicht das redliche Lob der guten fremden Jungfer von Ihnen gehört
hätte so würde ich auf das Vergnügen Ihres Umgangs Verzicht getan haben denn
ich wollte nichts von der ganzen Liebe und dem Vertrauen dieser Leute verlieren
 Das Volk hat richtiges Gefühl von Tugenden und solchen Eigenschaften die
einen wirkenden Einfluss auf ihr Wohl haben Deswegen lieben sie den gerechten
uneigennützigen leutseligen Mann den Wohltätigen und den Tapfern der das
Vaterland verteidigt den Prediger den Beichtvater die um ihre ewige
Wohlfahrt beschäftigt sind den Vornehmen der mit Güte und Achtung sie ansieht
und behandelt Aber die größte Gelehrsamkeit und das höchste Maß der Kenntnisse
des Geistes sind für sie verloren Was wollten sie auch damit tun die guten
Leute  Und mir mein Kind mir war es Bedürfnis dass Jemand mir sagte Ich
schätze Ihre Talente und Ihr Herz  Dieses musste ich von Jemand hören dessen
Geist und Seele meine ganze Hochachtung verdiente 
    Haben Sie Dank sagte sie mir mit einer zärtlichen Umarmung dass Sie diese
Freude mir gegeben haben« 
 
                           Acht und funfzigster Brief
Nun wissen Sie meine Freundin die Hauptzüge des Charakters und des Lebens der
Frau van Guden und Sie denken dass sie mir um so viel werter war da ich sie
nun ganz kannte Ich mischte unter meinen Dank für ihre Erzählung eine Art von
Staunen wie es wohl möglich wäre dass man Sie verkannt und nicht immer geliebt
habe  Sie sagte »Ihre Freundschaft für mich tut hier wirklich die Frage die
meine Eigenliebe damals tat und es auch nicht fassen konnte Aber jetzt da
ich gegen Andre eben so billig als gerecht gegen mich selbst bin finde ich es
ganz leicht dass ich mit all meiner wahren Güte Missvergnügen verursachen kann
Jede Art von Stärke oder Gewalt die bei einem Weichlichen oder Schwachen
gezeigt wird gibt um unangenehme Besorgnisse wenn sie nicht grade zu seiner
Unterstützung oder überhaupt zu seinem Besten gebraucht wird Die zu große
Lebhaftigkeit mit der ich bisher bei allen Gelegenheiten für jedes Gute sprach
mag oft in einer und andern Person eine Erinnerung einzelner Versäumnisse der
Ausübung desselben hervorgebracht haben und meine Liebe wir machen es mit
Personen die wir ungefehr ein uns entwischtes Versehen bemerken hören nicht
wie mit dem Spiegel den wir in dem Hause eines Freundes oder Bekannten
antreffen dem wir es Dank wissen wenn er uns zeigt dass wir eine Bandschleife
eine Palatine oder eine Blume nicht gut geordnet haben Und dann hatte ich bei
meiner Güte nicht genug Anschein des Sanften und Duldenden was man im
Französischen durch Karactere de douceur ausdrückt und mit welchem in der Tat
süßer zu leben ist als mit mir Denn gewiss zu viele Lebhaftigkeit hindert die
Grazie des Verstandes und der Gebärden wie es bisher mit mir geschehen ist und
dann hat es seine gegründeten Ursachen dass man den der immer gleich gut
scheint mehr liebt und ihm mehr Dank weiß als dem der sagt Ich will gut mit
Euch sein  ich will Euch ertragen 
    Es ist wahr meine Talente gaben mir viel Zufriedenheit mit mir selbst und
ich wollte sie mitteilen wie mein Geld Ich mag es in der Art sie zu zeigen
versehen haben weil sie mir so wenig Freunde machten und ich muss also auch mit
den Folgen zufrieden sein  Wie wenig dazu gehört eine empfindliche
Eigenliebe oder einmal gefasste Ideen des Guten und Richtigen zum Widerwillen
und Verdruss zu bringen beweiset mein Unmut über den Herrn von P wegen
seines galanten Bezeigens womit er die Damen in N unterhielt Dieser Unmut
siegte über meine Liebe für ihn Warum sollte ein Missvergnügen das ich meinen
Bekannten gab nicht über eine zufällige Freundschaft gesiegt haben«
    Ich sagte hier »Ach der Fall war anders mit Ihnen Eifersucht überfiel
Sie da Sie den Mann ihres Herzens der nun frei war bei anderm Frauenzimmer so
aufmerksam sahen«
    »Es mag etwas davon sein aber es ist ganz in meiner Seele dass ich
vortreffliche Leute ohne die geringste Erwartung von Gegenachtung innig liebe
und ehre wie es mir hundertmal ergeht wenn ich das Eole und Große in einem
Charakter der alten Geschichte oder in Nachrichten von Jetztlebenden finde die
so weit von mir entfernt sind dass ich sie niemals antreffen oder ihnen bekannt
werden kann« 
    »Auf diese Art ist ihre Liebe eigentlich nur Dank für das Vergnügen so man
Ihnen gibt einen schönen moralischen Charakter darzustellen«
    »Sie können Recht haben meine Liebe denn ehemals hasste ich auch sobald
ich einen starken moralischen Mangel bemerkte Aber ich habe mich nun von dem
Eigensinn befreit alles nach meinen Modellen gestaltet zu sehen und die
Mannigfaltigkeit in der moralischen Welt gibt mir eben so viel Zufriedenheit
als die so ich in der physischen bewundre Ich werde es in Zukunft mit meinem
Geist und Herzen wie mit meinem Körper machen Wenn ich in meinem ruhigen
Gange an einen Stein stoße oder mich an einem Dorne ritze so wäre mein Zorn
unvernünftig Die Natur des ersteren ist Härte des zweiten stachelicht Wenn
meine Empfindlichkeit ihnen zunahe kommt so leidet sie ich muss mich also in
Acht nehmen wenn ich sie noch öfter in meinem Wege antreffe« 
    »Liebe Madame Guden Sie lehren wich da sehr Vieles was mir mein Leben
erleichtern kann« 
    »Und auch das Leben derjenigen die um Ihnen sind Denn wir üben niemals
keine kleine oder keine große Tugend aus ohne andern Gutes und Vergnügen damit
zu geben« 
    »Das ist wahr aber es gibt auch viele Tugenden zu deren Ausübung ein
großes Vermögen gehört« 
    »Warum fällt Ihnen just diese Betrachtung ein« 
    »Weil ich niemals keine von den großen Tugenden werde ausüben können die
ich an Ihnen verehre« 
    »Ich dachte wohl dass mein Reichtum diese Idee hervorgebracht hätte Aber
wie wäre es Rosalia wenn ich Ihnen bewiese dass Sie mehr Gutes tun können
als ich und mehr innern Frieden genießen werden« 
    »Dies scheint mir nicht möglich« 
    »Wenn Sie meine Liebe es ganz eigen auf das deuten wollen was ich hier in
der Vorstadt getan habe so haben Sie Recht Aber da es ausgemacht ist dass
niemals zwo Sachen einander vollkommen gleich waren so können es unsere
Handlungen auch nicht sein so wenig es unsere Umstände sind Sie werden also
die Güte Ihres Herzens auf eine andere Art weisen und das Meiste aus dem
Reichtum Ihrer edlen Gesinnungen und ihres feinen Geistes schöpfen müssen Und
dabei ist mehr Mühe aber gewiss auch ein höheres Vergnügen als wenn der
freigebige gute Reiche Geld für die Leidende gibt« 
    »Vergeben Sie werte van Guden wenn ich Ihnen freimütig bekenne dass es
mich auch leichter dünkt mich an Ihren Platz zu stellen als es Sie dünken
würde wenn Sie den meinigen einnehmen müssten« 
    »Das ist noch eine Frage denn Sie wissen die Fabel mit den Bindeln da ein
jeder glaubte dass der andern ihre leichter wären« 
    »Ach Sie wissen es nicht so wie ich« 
    »Das ist wahr aber Sie haben mir auch noch nichts gesagt« 
    »Sie waren mir wichtiger als ich mir selbst« 
    »O Rosalia wünschen wir nicht auch das ganz Neue zu hören anstatt dessen
was wir schon lange wissen« 
    »O Madame Guden warum strafen Sie mich so oft über die Neugier welche
Sie müssen mich es sagen lassen der außerordentliche Ton Ihres Charakters
notwendig hervorbringen musste« 
    »Vergeben Sie diese Art Strafe wenn Sie eine zweite Ursach anstatt der
ersten sagen« 
    »Ja aber ich will mich auch rächen denn ich will Ihnen sagen was mein
vermutliches Loos sein wird und sie sollen mir seinen Gebrauch entwerfen« 
    »Das tue ich sehr ungern denn just dieser Leichtigkeit mit welcher ich
ehmals Umrisse von dem zeichnete was ich an der Stelle dieses oder jenen machen
würde just dieser hatte ich den Grund der Abneigung zuzuschreiben die ich mir
zuzog und ich möchte Ihre Liebe nicht verlieren« 
    »Das wird auch mit mir nicht geschehen Erlauben Sie mir dass ich Sie bei
dieser Gelegenheit nur auf der Seite des Talents ansehe das Sie haben schöne
Zeichnungen zu machen und mir von Ihnen wie man oft bei dem Vorsatz zu bauen
tut einen Riss nach Ihrer Einsicht machen lasse wenn Sie den Raum des Bodens
wissen den ich dazu verwenden kann« 
    »Ich will es Rosalia Aber Sie müssen mich dann auch die Anmerkungen wissen
lassen die Kunstverständige darüber machen werden«
    Dies versprach ich ihr und das nächstemal erzähle ich ihr meine vorläufige
Verbindung mit C meine Aussichten und den Wohnplatz den ich haben werde
 
                           Neun und funfzigster Brief
Meine heutige Unterredung mit Frau van Guden war sonderbar weil sie auf alle
meine Fragen auf so abgebrochen antwortete wie zum Beweis auf die von der
Religion »Sie ist meinem Hetzen nicht nur um meinetwillen sondern auch des
Nächsten wegen schätzbar weil sie allen Menschen sie mögen große oder kleine
Verstandskräfte besitzen deutliche und hinreichende Mittel und Bewegungsgründe
zu guten Handlungen varbietet Trost im Leiden verschafft und wahre
Zufriedenheit auch bei geringen Umständen lehret Aber sie ist nicht mehr wie
sie aus den Händen ihres göttlichen Stifters kam Süße und bittere Leidenschaften
hindern und unterbrechen ihren Einfluss wie den von der Vernunft  Aber lassen
Sie mich davon aufhören ich bin über diesen ehrwürdigen Gegenstand nicht gern
in Gespräche verwickelt« 
    Hierauf sagte ich ihr dass ich Vorgestern in einer Gesellschaft jemand in
großem Eifer gegen Leute gesehen hätte die mehr Aufmerksamkeit und Bewunderung
für Werke der Kunst der Menschen zeigten als für die Wunder der Schöpfung und
dass ich gewünscht hätte sie mit da zu sehen um ihre Gedanken darüber zu hören

    »Von diesen hätte ich in einer großen Gesellschaft am wenigsten gesagt« 
    »Aber da ich allein bei Ihnen bin würden Sie mich sehr verbinden wenn Sie
mir sie mitteilen« 
    »Ich halte diesen Tadel für Unrecht denn der vermeinte Vorzug der Kunst
liegt gewiss in dem Gefühl dass die Werke der Natur durch Allmacht und Weisheit
eines Gottes entspringen Künste aber durch Geschöpfe unsers gleichen und uns
also mehr in Erstaunen setzen müssen weil wir in dem Augenblicke da wir sie
bettachten einen so großen Unterschied des Gebrauchs und der Fähigkeiten der
nämlichen Organisation bemerken« 
    Hierüber sagte ich mit einiger Bewegung »O was für einen Verlust hat die
Gesellschaft an Ihnen erlitten wie viel Licht wie viel Menschenliebe hätten
Sie ausgebreitet wie sehr hätte man Sie geschätzt« 
    »Das glaube ich nicht mein Kind denn der ganze Ton meiner Seele ist zu
eigen gestimmt In wichtigsten Anlässen würde ich immer missfallen und
missvergnügt sehen« 
    »Sie  mit so viel Kenntnissen mit so viel Empfindung würden gewiss die
edelste Hochachtung und Liebe erhalten« 
    »Gute Rosalia was Sie da sagen beweist mir wie verschieden unsere
Begriffe von Hochachtung Liebe und Edelmütigkeit sind« 
    »Und wie so« 
    »Ach alle Gefühle meines Herzens hierüber gehören mit unter die toten
Sprachen die nur die und da ein Geschichtschreiber oder Altertumsforscher
erlernt um von den Sitten und Gewohnheiten erloschener Nationen zu reden« 
    »Zu welchen zählen Sie mich Denn ich hoffe Sie sind überzeugt dass ich Sie
von Herzen hochschätze« 
    »Ja meine Liebe  Aber ich bin doch auch überzeugt dass ein großer
Missbrauch der Worte Verehrung Freundschaft Liebe Menschenfreundlichkeit
gemacht wird dass man ganz geringe Grade der Bewegungen unserer Seele so nennt
und dass dadurch in der moralischen Verfassung eben so viel Übels hervorkam als
in der politischen entstund da man geringem Verdienste und vielen schlechten
Leuten große Titel gegeben hat Dadurch haben ehemalige Ehrenbenennungen ihre
Würde verloren und die Triebfedern zu großen edlen Handlüngen sind gelähmt
worden« 
    »Erlauben Sie Madame Guden dass ich hier mit einem Gleichniss einfalle Es
sind auch in der physischen Welt mehr mittelmäßige als außerordentliche Sachen
und da trifft also das genaue Verhältnis ein das beide mit einander haben« 
    »Ja das Verhältnis ist in allem Ablass der Sünden und Adel wird mit Geld
erkauft  da ist auch wieder Gleichheit in den wahren Verdiensten des Adels und
den wahren Tugenden der Christen« 
    Ich sah sie an und gewiss meine Blicke fragten sie was das für eine
Stimmung ihres Gemüts sein möge in der ich sie heute gefunden  Sie fasste
auch diesen Blick gleich auf indem sie lächelnd sagte »Rosalia Sie beweisen
wirklich was ich vor einigen Augenblicken anzeigte Denn Sie staunen ja gar
sehr über alles was ich auf Ihre Fragen antworte« 
    »Ich staune nicht über die Antworten aber über den abgebrochenen starken
Ton in dem Sie reden  Waren Ihnen meine Fragen missfällig« 
    »Nein meine Freundin aber ich kann von diesen Gegenständen nicht leicht
reden ohne dass die Hauptsaiten meines Charakters erschüttert werden Merken Sie
sich nur dass ich die Gelegenheit dazu nicht suchte und denken Sie nach dem
was Sie von dem Gange meines Geschicks und meiner Erziehung wissen dass ich auf
diesem Weise notwendiger Weise einen eignen Gesichtspunkt bekommen musste
worin mir die Sachen so erscheinen wie ich sie mahle Und dann ists auch wahr
dass meine Farben nicht so unmerklich in einander fließen wie es bei feinen
Schattirungen geht« 
    »Aber Sie wissen doch wie sehr mir von dem ersten Augenblick an Ihre
Manier gefallen hat  Ich fühlte diesen Zug nach Ihnen als ich Sie Rezitativ
singen hörte« 
    »Ja es dünkt mich« sagte sie »dass Sie auch von der Hauptstraße abgewichen
sind und dass Ihr Fußpfad in den meinigen kreuzte« 
    »Ich hoffe noch mehr denn ich denke dass wir mit einander fortgehen werden
weil allem Ansehen nach diese Stadt mein Wohnplatz bleiben wird und Sie
werden die glücklichen Geschöpfe nicht verlassen die Sie aus dem Elende zogen«

    »Vielleicht entferne ich mich um ihnen ein noch größeres Glück zu geben« 
    »In was könnte dieses bestehen« 
    »In der vollkommenen Freiheit meine Gaben ohne meine Oberaufsicht zu
genießen« 
    »Und ich was würde mir bleiben« 
    »Mein Andenken und mein Briefwechsel in dem Sie die so oft abändernde
Launen nicht finden würden wie in meinem Umgange« 
    »O Madame Guden wie ist es möglich dass Sie mit der kalten Ruhe von dem
Schmerze reden der Ihren guten Vorstädtern und mir durch Ihre Abreise zukäme«

    »Wenn es wahres Unglück nach sich zöge so würde ich es nicht einmal denken
können Aber gewiss es ist Wohltat wenn man uns unsere Kräfte brauchen lehrt
 Für meine Leute habe ich nichts mehr zu tun und was ich für Sie sein kann
wird in der Ferne besser geschehen als in Zukunft hier Mein Gemüt ist noch zu
unruhig Ich würde bald Ihre Tage verbittern« 
    »Das ist unmöglich denn der Anteil den ich an Ihnen nehme ist eine von
den süßesten Empfindungen meines Lebens« 
    »Ich glaube es Aber Sie geben mir desto traurigere Besorgnisse über das
Wohlgefallen das Sie an dem Bilde und den Wendungen einer so stark herrschenden
Leidenschaft finden Sie haben alle Anlage die Sie zu den nämlichen Schmerzen
führen kann und wie unerträglich wäre mir der Gedanke Ihre Ruhe untergraben zu
haben« 
    »Das kann nicht sein denn es liegt schon alle Gleichheit in uns bis auf
diese dass mein mir bestimmter Freund auch abwesend auch in der großen Welt
lebt dass ich ihn zärtlich liebe und in meiner Seele tausend Jammer über ihn
habe« 
    Sie sah mich mit Wehmut an stund auf umarmte mich eine Träne zitterte
in ihrem schönen Auge  Aber bald fasste sie sich und sagte mit Ernst »Rosalia
ich habe noch einen Auftritt vor mir diesen will ich durchsetzen Sie sollen
alles wissen und ich hoffe dadurch Ihrer edlen Seele nützlich zu werden indem
Sie sich alle Merkmale meines Wehs und meiner Schwäche bezeichnen können um
Ihr Wohl desto sorgfältiger zu bewachen« 
    »Aber dieser Auftritt muss er sein  Wollten Sie mich nicht lieber durch
Stärke und Sieg als durch Schmerz und Verlust belehren« 
    Hier ging sie schnell aber mit keinem unfreundlichen Wesen in ihr Kabinet
Es machte mich unruhig In einigen Minuten kam sie wieder und trat an ihr
Klavier wo sie ganz englisch spielte und sang mir hernach sagte sie danke
mir ich hätte sie belehrt und sie wolle Stärke und Sieg suchen doch eine Reise
müsse ich ihr erlauben im Frühjahr zu tun ihr Leben und ihre Gemütsruhe hange
davon ab ich solle ihr hingegen auch meine Seele öffnen wie ich schon oft
versprochen Das will ich auch nächstens tun und da sie fest auf einer Reise
besteht so will ich suchen sie öfter zu sehen  Die Frau ist äußerst
interessant und der Herr von Pindorf ist der Mann nicht für den sie ihn hielt
da er anstatt gleich nach dem Tode seiner Frau nach ihr zu fragen in
Hofstädten und Opern den artigen Herrn spielt
 
                               Sechszigster Brief
Mariane Menschenfreundlichkeit ist in dem Herzen der Frau von Guden eine
unerschöpfliche Quelle von Erfindung geworden Sie legt einen Spaziergang an Zu
dessen Erweiterung und Unterhaltung hat sie Grundstücke für die Gemeinde der
Vorstadt gekauft wovon eine Wiese die mit etlichen großen Bäumen geziert ist
und gleich an der Landstraße liegt zum Spaziergang im Grünen das andre Stück
aber nebst einem daran stossenden schönen Ackerfelde dem nahe wohnenden
Gärtner wegen Unterhaltung der Bäume und Hecken zum Genuss gelassen wird und
er hingegen darf seine Milch und Butter im Sommer niemand verkaufen als den
bürgerlichen Einwohnern die sie im Grünen essen wollen An dem Bache der auf
einer Seite hinläuft hat sie so lang die Lustwiese geht wie ich sie nennen
will das User allmählig abhängig machen lassen damit die Kinder im Laufen und
Spielen nicht jähling hinein fallen können und die Gehenden und Sitzenden das
Vergnügen haben mögen den Lauf des Bachs zu sehen Gegen die Straße ist ein
etwas tiefer Graben gemacht damit reitende und fahrende Reisende den Platz
nicht verwüsten möchten Es gehen aber vier Brücken darüber auf deren beiden
Seiten Bänke sind die sie dem Fußgänger gern gönnt Über der Landstraße
andrer Hand ist der zweite Teil des öffentlichen Lustplatzes an dessen Ende
gegen die Stadt des Gärtners Wohnung ist welche aber mit samt seinem
Gemüsgarten etwas tiefer liegt und durch eine schöne aber wildwachsende Hecke
versteckt wird so dass man nur einen Teil davon sieht Unmerklich erhöht sich
das Stück von welchem man eine weite schön angebaute Landschaft und den von
ferne kommenden Bach sieht Hier ließ sie steinerne Bänke setzen und an das
äußerste Ende gegen Mittag Waldbäume hervorbringen die schon ziemlich groß
sind Wenn diese fortkommen so ist es vortrefflich denn sie schützen die Hälfte
der Bänke vor der Mittagssonne Wilde Rosen und einiges Gesträuch so da war
hat sie heilig schonen lassen damit es ruhig und in seiner angebohrnen Freiheit
fortwachse Es bekleidet auch just die scharfe Ecke der kleinen Anhöhe an
welcher der Bach dicht hinfliesst worüber die Landstraße durch eine Brücke
fortgeführt wird Etwa funfzig Schritt davon hatte sie das Glück eine Quelle
sehr guten Wassers zu finden das immer schon aus dem Grase hervor rieselte
aber nur im Sand und Schlamm fortlief bis sichs in den Bach goss Sie ließ
nachgraben und man entdeckte zwei Wasserfäden die nur eine Spanne von einander
schwesterlich aus einer Steinritze fließen Diesen Stein ließ sie unten ganz
sanft etwas einwärts abhauen und auf den Boden einen ungearbeiteten Stein
legen und nur so aushöhlen als ob das Wasser durch die Länge der Zeit solches
selbst verursacht hätte Aus diesem läuft es in einen mit Kressen bewachsenen
Graben wie vorher in den Bach Gegen Mittag hat sie Erde aufhäufen lassen und
mit schnellwachsenden Standen besetzt auf der andern Seite einen halben Zirkel
eingegraben und auch Bänke hingebracht Man wusste lange nicht warum sie durch
kleine Kinder die nicht arbeiten können eine Menge weiser hell und
dunkelgrauer Kieselsteinchen sammlen ließ Endlich waren sie dazu bestimmt den
Stein zu kleiden welchen sie über das Quellchen setzen ließ um das Nachfallen
der oberen Erde zu verhindern Der Stein wurde mit einer Art Kütt dicht
bestrichen und ein liegender zerbrochener Wasserkrug just über dem Ausfluss des
Quellchens darauf gezeichnet und nach der Zeichnung die kleinen Kiesel
eingesteckt die nach ihren verschiedenen Farben Licht und Schatten machen und
recht artig täuschen indem noch weiter oben von nemlicher Arbeit ein Stück
zerfallnes Geländer und Stiege nachgeahmt ist Auf der Seite wo die Bänke sind
ist auch gegen das Nachfallen des Grundes eine niedrige Mauer aufgeführt und
auch diese mit Kütt überzogen mit weißen Kieseln besteckt und mit schwarzen
Steinen darin Komm Müder ruhe und erquicke dich  Allerlei Kräuter sind oben
und auf den Seiten gepflanzt Da nun Raum genug für zehn bis zwölf Personen ist
so macht das Ganze einen herrlichen und freundlichen Anblick für die
Vorbeireisende deren schon viele halten ließ und den so liebreich einladenden
Brunnen betrachteten und lobten Ich bin einigemal mit ihr und andern hier auch
spazieren gegangen Es ist mir unendlich schätzbar als diese Tätigkeit und
dies Erschaffen in der Seele einer Person von meinem Geschlecht zu sehen Madame
van Guden hat sich einen großen Zirkel von Wirksamkeit vorgezeichnet Ihr
Bilderbuch aber sagt sie macht ihr die meiste Arbeit weil sie in Allem was
Pindorfen angeht Vollkommenheit hervorbringen möchte 
    Dieser Lustplatz hat sie sehr ergötzt und sie hörte und sah gern dass ich
in Allem beistimmte und mit ihr genoss Zweimal musste ich im Mondschein mit ihr
hinaus Süssere Melancholie habe ich niemals gefühlt als die Augenblicke wo ich
mit ihr auf einer der Steinbänke saß und schweigend wie sie die schlafende
Gegend betrachtete Ihr Gesicht war voll Ausdruck einer tiefen Rührung Mit
einem halb unterdrückten Seufzer sah sie den Mond und dann mich an Eine Träne
schwamm in ihrem Auge Sanft umarmte sie mich legte ihren Kopf leicht auf meine
Brust und lüsste ein Paarmal meinen Hals aber auch nur ganz leise In diesen
Augenblicken redet man nicht durch Worte Ich verstand sie und freute mich über
den Wert den sie auf mich legte Wenn ein gepresstes Herz sich an ein
redliches teilnehmendes Herz anlehnen und atmen kann o da ist ein Mensch
viel für den Andern da fühlen sie mit einander Wohl und Weh der Menschheit
einzeln ohnmächtig gegen Übel vereint aber vermögend ihre Empfindung und
Kräfte zu verstärken und fortzukommen  Endlich erholte sie sich küsste mich
lebhafter und sagte »Liebe Rosalia ein eigensinniges Herz ist ein großes
Gegengewicht gegen alles was Schicksal und Natur zu meiner Glückseligkeit
bestimmten  Heute hat diese Wagschaale stark übergezogen Gestern war ich viel
glücklicher als ich allein hier gegen Abend spazieren ging und in Wahrheit
zufrieden mit mir selbst den Wunsch tat dass ich den Einwohnern der Vorstadt
wie ich ihnen mein Gold mitteile auch das Gefühl meiner Seele möchte geben
können welches die aufund niedergehende Sonne Mondschein und Sternhimmel mir
geben Könnte ich doch auf dem Spatziergange den ich anlegte Empfindungen für
die schöne Natur mit den einfachen Blumen aufwachsen machen damit bald die
hohen schattigten Linden und der schöne weiße Hagedorn bald das mannigfaltige
Gras und Kräuter so ihre Kühe nähren der Bach so sie beide tränkt reine
Luft blühende Bäume volle Saaten ein kühler erquickender Wind ihnen den
seligen Gedanken eines väterlichen Gottes geben möchte der diese besten Freuden
des Lebens Armen und Reichen gleich austeilt und alle Jahre mit dem Frühling
erneuert  Ich habe deswegen den Platz auf der Seite der weitesten Aussicht
erhöhet und da die Steinbänke gesetzt damit sie Abends mir der anfangenden
Ruhe ihres Körpers den süßen wohltätigen Frieden in sich saugen mögen der
auf den fruchtbaren Gefilden ihres mütterlichen Bodens herrschet  Aber
Rosalia dieser Wunsch wird auch nur stückweise erfüllt werden wie meine
Empfindungen auch wechselsweise stärker und schwächer sind« 
 
                           Ein und sechszigster Brief
Frau van Guden blieb dabei mir nicht mehr als zween Tage der Woche zu geben
und ich bleibe dabei sie auf die Probe zu stellen wie sie sich einst in meiner
Stelle als Frau des Herrn Kleberg und jetzo an dem Platz zweier
unverheirateten Freundinnen meiner lieben Julie Otte betragen würde Sie muss
bei dieser Gelegenheit wirklich aus sich selbst heraus gehen weil sowohl die
Umstände in denen ich mich befinden werde als auch die von den vier guten
Mädchen ihr weder den willkührlichen Gang ihres Denkens noch die Freiheit
ihres Tons und ihrer Handlungen erlauben Und da wäre es ja möglich dass sie zu
der Art Leuten gehörte die in einem großen unbeschränkten Felde mutige edle
Schritte und Bewegungen machen in einem kleinen umzäunten Höfchen oder engen
Zimmerchen aber so gezwungene kleine Tritte Beugung des Kopfs und
Übereinanderschlagen der Arme vornehmen dass Jedermann das Unschickliche oder
Unangenehme davon in die Augen fallen müsste Es ist mir beinah auch mehr daran
gelegen was sie für die vier guten Geschöpfe ersinnen wird als was mich
angeht denn an meinem jetzigen Sein und Wesen könnte und möchte ich nichts
ändern Der Himmel weiß ob ich Klebergen jemals wieder sehe oder ob er mein
bleiben wird Ich war freilich seine erste Liebe wie er die meinige ist aber
seine Reisen sein Platz als GesandtschaftsSekretair müssen ihm hundert
Gelegenheiten gegeben haben liebenswürdige Frauenzimmer kennen zu lernen Kann
ich fodern kann ich hoffen dass mein Andenken dass die Gesinnungen die er für
mich hatte immer gleich wachsam für mein Glück bald der überraschenden Gewalt
einer neuen Schönheit bald dem sanften Einnehmen der stillen Anmut oder den
Reizen des Geistes der Tugend und Talente Widerstand tun werden  O Mariane
ich schreibe selten von Kleberg rede gar nicht von ihm Aber denken seine
Briefe an meinen Oheim an mich zehnmal lesen ausspähen ob nicht eine kleine
Anzeige von Änderung oder Frost darinnen sei wie eifrig geschieht das Auch
suche ich mit Sorgfalt die Spuren seines Geschmacks auf und bitte meinen
väterlichen Freund um Bücher oder Unterricht darüber damit der arme Kleberg
nicht einst alles entbehren müsse was er jetzt in auswärtigen Gesellschaften
mit so vielem Vergnügen genießt Mein Oheim hat mich darin aufmerksam gemacht
denn die außerordentliche Unwissenheit seiner Frau mit welcher er niemals etwas
Vernünftiges das ihn freute sprechen konnte da sie an seinem Wissen und an
Sachen die ihn ganz beschäftigen nicht den geringsten Anteil nahm hatte ihn
aus seinem Hause gejagt und herum schwärmen gemacht worüber sie zürnte und sich
grämte dadurch aber auch ihre schwächliche Gesundheit abzehrte und ohne Kinder
starb
    dabei sagt aber mir mein Oheim oft »Gelehrt will ich Dich nicht haben nur
den Geschmack des Wissens und ein vernünftig zuhörendes Aussehen wenn von der
Geschichte der Physik und andern Kenntnissen gesprochen wird«  Sprachen und
Musik stünden einem Mädchen das zur Frau eines Gelehrten oder guten Negocianten
bestimmt wäre auch wohl an ich solle aber ja niemals anders als in einem
weiblichen Ton von alle dem reden was ich auswendig gelernt oder aufgehascht
haben könnte denn durchgedacht hätte ich nicht viel wie er glaubt
    Letztin sah er mir eine Zeitlang zu als ich nähte und mit vieler
Nettigkeit an seinen Manschetten besserte Da sagte er mit seiner wahren
Gutherzigkeit »Mädchen die feinen Stiche Deiner Nadel sind eben so viel wert
als der Witz Deines Kopfs«
    »Ich möchte wohl wissen mein lieber Oheim welchem von beiden Sie den
Vorzug geben« 
    »Hum« sagte er und sah mich an »Rosalia wenn ich ein Alltags Oheim wäre
und Du ein gewöhnliches Mädchen so wählte ich gleich Aber da ich weder den
Eigensinn der Haushälter noch die Eitelkeit der schönen Geister habe die Euch
entweder nichts als Handarbeit oder nur Witz Poesien und feine Kenntnisse
erlauben wollen so sage ich Dir dass es mir leid wäre in einem Mädchen Deines
Standes und Deiner Aussichten eines von beiden zu missen da beide beisammen
sein können weil der Unterricht und die Übung in Haushaltswissenschaften die
Du brauchst und die Umstände Deines Vermögens Dir Zeit und Recht genug geben
um auch Deinem Verstande die Kenntnisse und Wendung zu erwerben durch die er
sich in Deinem Zirkel zeigen kann Die Tochter Nichte und Braut eines Gelehrten
ist sogar verbunden Etwas zu wissen Denn mit guter Einteilung der Zeit und
Gebrauch ihrer Talente können Mädchen wie Du neben den schuldigen und
vorzüglichen Geschicklichkeiten in Wirtschaftssachen auch Muse genug finden
Himmel Erde und Menschen kennen zu lernen um deutliche Begriffe von Allem zu
haben was die Welt Gottes in sich fasst auf der sie als unsere Freundinnen und
Gesellschafterinnen mit uns leben Denn Ihr sollt eigentlich den feinsten und
süßesten Teil unserer Glückseligkeit besorgen welches ihr ohne einen
geläuterten Geschmack und Empfindungen nicht tun könnt Wenn Ihr aber ganz und
gründlich gelehrt würdet so ginge diese Absicht neben der von der Schöpfung
an Euch verloren Denn nicht nur der Reiz den große Kenntnisse in sich haben
der zur Ersteigung ihrer Höhe ermuntert sondern auch Eure weibliche Eitelkeit
würde Euch zu weit locken und da versäumtet Ihr alle die unschätzbaren
Verdienste der guten Mutter in der Kinderstube der guten Haushälterinn das
leichte artige Geschwätz in den gesunden Tagen des Mannes und die zärtliche
Geschicklichkeit einer liebreichen Krankenwärterinn die zusammen gefasst gewiss
mehr wahren Wert für die gesellschaftliche Glückseligkeit in sich haben als
wenn eine Frau alle vier Hauptwissenschaften besäße« 
    »Sie haben Recht lieber Oheim Aber doch wenn ein Frauenzimmer alle
Fähigkeit die zur Fassung der hohen Kenntnisse und alle Stärke des Geistes
die zum anhaltenden Nachdenken darüber nötig ist nebst der Begierde sie zu
erlangen in sich fühlte dürfte diese nicht danach streben« 
    »Ja Ja die darf es tun eben so wie es Mannsleuten erlaubt ist die alles
dies in sich vereinigt haben Denn da wird gewiss ein Ganzes aus dem Kopf
entstehen Aber da dieser Fall selten ist so will ich bei Euch lieber eine
vollkommene Hauswirtinn als eine halbe Gelehrte haben wie ich aus Buben
lieber vortreffliche Künstler und Handwerker als einen Haufen gestickelter
Theologen Juristen und Mediciner erzogen haben will Aber da so viel
mittelmäßigen Leuten Ehren und Glücksstellen zugefallen sind so haben sich
auch Andre Hoffnung darauf gemacht und sich ohne hinreichende Kräfte auf den
Weg begeben« 
    »Da liegt aber auch der Fehler an unserm Deutschland wo wir dem geschickten
Künstler und Arbeiter keine so vorzügliche Ehre als dem sogenannten Gelehrten
beweisen Vorzug ist aber doch immer ein Gegenstand der menschlichen Wünsche
gewesen und wird also auch gesucht wo man seinen Wert bestimmte In
Frankreich wird nicht allein der Gelehrte jeder Gattung nebst dem Mahler
Bildhauer und Baumeister sondern auch der Schlösser Zimmermann und Becker von
den Akademien erforscht gelobt und mit Achtung genannt wie ich in der
Beschreibung der Denkmähler Ludwigs des Funfzehnten fand und ich denke wohl
dass dieses eine große Ursache ist warum sie so schöne und mannigfaltige Werke
der Künste in allen Arten haben weil jeder junge Mensch der sich Talente
zutrauet sicher ist dass er auf jedem großen oder kleinen Wege des Gewerbes
oder der Verwendung seiner Fähigkeiten ein gewisses Maß Ruhm und Glück
erhalten wird« 
    Mein Oheim lächelte »Ey Rosalia ich habe geglaubt dass Da dieses Buch nur
wegen der schönen Kupfer durchblättertest Da Du es aber auch durchlasest so
hättest Du zugleich die Ursache finden können warum es bei uns nicht so sein
kann und wenigstens lange nicht so sein wird« 
    »Aber das schmerzt mich mein lieber Oheim Warum ist denn das so« 
    »Rosalia ich sage weder bei kleinen noch großen Anlässen empfindliche
Wahrheiten wenn sie nichts nützen Ich müsste über National Charakter und
Verfassung reden und zu was hilfe Dirs viel Suche die Ursache zu erraten
warum in Frankreich große Provinzstädte so geschwind den Gedanken der Hauptstadt
annahmen und auch ausführten Sie fühlten dass sie eins sind Bei uns ist die
Zeit lange vorbei wo wir dieses selige Gefühl hatten Deutschland Ach was ist
das Schönste und Größte wenn es in Stücke gerissen und dann so wie es sein
konnte wieder zusammen gelegt wird« 
    »Aber wir ahmen doch so gern Frankreich alles nach« 
    »In was im Kleinen seine Kleinigkeiten Und mein gutes Mädchen das was
groß heißt entsteht niemals aus Nachahmung sondern aus innerer Kraft Sammle
alle Beispiele von edler Güte Größe und Stärke der Seele zusammen lege sie
einen Haufen Menschen vor denen das Schicksal eine Gelegenheit zugemessen sich
se zu zeigen sie werden Deine schönen Beispiele loben und bewundern Aber
nachahmen wird nur der so den nämlichen Keim in seiner Seele hat Aber sei
zufrieden das Gleichgewicht ist da Denn das Schlechte und Böse findet auch nur
Wenige die einen Wettlauf nach dem höchsten Grade unternehmen« 
    »Sie wollen mich also auf allen Seiten mit dem Mittelmässigen aussöhnen« 
    »Das ist eine Mädchenfrage Soll ich Dir in dem nämlichen Ton antworten« 
    »Versuchen Sie es Herr Oheim ich bitte Sie« 
    »Nun ich habe Dir Anlass gegeben mit Deinen Tugenden und Fehlern zufrieden
zu sein« 
    »Da ist auch Gleichgewicht weil die Letzten so mittelmäßig sind als die
Erstern Legen Sie nur immer das Übermaass in Ihre Güte für mich« 
    Er versprachs Was sagen Sie zu dieser Unterredung
 
                           Zwei und sechzigster Brief
                              Von Frau von Guden
Rosalia auch nach dem was Ihr so rechtschaffener Oheim Ihnen vom Wissen der
Mädchen sagte und worin alles Nötige begriffen ist was zum sichern Leitfaden
auf dem Wege des deutschen weiblichen Verdienstes dienen kann auch da noch
wollen sie meine Gedanken und das geschrieben wissen was ich von Ihnen als
Mädchen denke
    Als Tochter und Richte eines Rats in den vorteilhaften Umständen eines
hinreichenden Vermögens und bei so viel Unabhängigkeit sind Sie nach Geist und
Herzen wie ich Sie verlange Meine vertrauten Unterredungen und meine Liebe
haben Sie hoffe ich davon überzeugt Ob aber auf dem Grunde Ihres jetzigen
Glücks auch die Keime Ihres künftigen Wohlstandes aufwachsen weiß ich nicht
weil ich ihren Kleberg nicht kenne und mit ihm um es freimütig zu sagen eben
weil sie so wenig von ihm reden und mir auch keinen Brief von ihm weisen ganz
unbekannter weise unzufrieden bin und gewiss glaube dass der Ton seines Kopfs
sehr verschieden von dem Ihrigen und Ihres Oheims seinem ist Eben auch hier
mein Kind liegt mein Zweifel an Ihrem künftigen Glücke Nur au sich nur an
Ihren Oheim gewöhnt so lange gewöhnt  Sie werden Opfer machen müssen Rosalia
Lieben Sie stark genug um dieses ohne bitteren Schmerz ohne heimlichen
Widerwillen zu tun Der Übergang aus der väterlichen Gewalt unter die
Obermacht eines Manns dünkt mich nicht so schwer als der von Ihrem Oheim zu
Klebergen wenn es nicht das völlige Hingeben der wahren Liebe sein sollte die
freilich nur viel geben zu können wünscht  Aber ich soll ja wissen dass Sie
ihn lieben und mich nur an Ihren Platz stellen besonders in dem Falle da Sie
edles gutes Mädchen Ihren Oheim dahin zu bringen suchen sein Vermögen das er
Ihnen zur Hälfte geben wollte in drei Teile zu legen damit die Kinder seiner
zweiten Schwester und eine Familie ärmerer Verwandten gleiches Erbe mit Ihnen
bekommen mögen  Ihre Berechnung dass Sie durch Ihre Reise mit ihm da er alle
Ausgaben für Sie übernimmt so viel an Ihrem väterlichen Vermögen ersparen dass
Ihnen das Opfer dieses Dritteils gänzlich ersetzt werde diese Berechnung
meine Liebe ist gewiss einer der schönsten Züge Ihres Lebens weil nicht
jugendliche Freigebigkeit sondern Menschenliebe und Gerechtigkeit Sie dazu
führten 
    Kleberg hat es gut geheißen gelobt ob er schon sah dass sein eigener
künftiger Wohlstand dadurch vermindert wurde Ich bin überzeugt dass es ihm
Ernst war denn in seinem Alter ist immer Großmut bei der Liebe und
persönliche Sorgen fühlt er auch nicht Aber ein Wink lag in Ihrer Erzählung
als ob Sie fürchteten er möchte darüber einmal anders denken und das würde
Ihnen weh tun  Nun Rosalia will ich an Ihren Platz treten und sagen was
ich tun würde Kleberg ist mit all seinen Vortreflichkeiten ein Mensch
Vielleicht zeigt sich das Unvollkommne das er mit uns allen gemein hat gerade
auf dieser Seite Die an meinen Verwandten bewiesene Edelmütigkeit möchte ich
nicht zurück nehmen aber den Abgang des Erbes will ich zu ersetzen suchen Und
da die Einrichtung des Hauses samt der Obsorge darüber nebst meinem
Kleidervorrat ganz allem von mir abhängt so will ich in beiden alles
Überflüssige und Kostbare vermeiden Die Eigenschaft des Neuseins gibt ohnehin
auch den mittelmässigsten Sachen einen Schimmer Wenn ich nebst der
Dauerhaftigkeit Farben und Formen von gutem Geschmack wähle und mich der Kunst
befleisse alles an seinen rechten Ort und in sein gehöriges Licht zu stellen
so kann mein Hauswesen und meine Person das Ansehen von Wohlstand haben das man
bei uns suchen wird ohne dass ich so vieles Geld darauf verwende Mit den
einfachen Farben meiner Kleidung soll alles Übrige einstimmen Ein neuer
Ehemann und die Besuche sind ohnehin nur bei den ersten Erscheinungen auf das
Glänzende erpicht und dieses sollen sie in meinem wohlgewählten Hausrat und
Putze noch mehr aber in meiner Heiterkeit Gefälligkeit Anstand und Würde
finden Reinlichkeit in meinem ganzen Hause Nettigkeit und Sorgfalt im Anzug
und Bezeigen meiner Person soll die Zufriedenheit meines Mannes unterhalten
und dieser Ton von Mäßigkeit ununterbrochen fortgesetzt wird wir Ehre und
Nutzen bringen Über all dieses aber will ich eine ordentliche Rechnung führen
und wenn mein Kleberg durch die Zeit an diesen Ton gewöhnt und überwiesen sein
wird dass ihm und seiner Rosalia durch den Mangel der Pracht nicht das Geringste
von der Hochachtung der Vernünftigen verloren gegangen ist so bleibe ich dabei
meinen Vorzug in dem Ruhme der Rechtschaffenheit meines Manns und meiner
Bescheidenheit zu suchen Ich nähme auch wohl die uns so oft vorgeworfene
weibliche Eitelkeit zu Hilfe Die gute Bildung meiner Person edle angenehme
Gebärden geschickte und nützliche Arbeiten Höflichkeit Güte Verstand und
Munterkeit meiner Gespräche alles dies müsste in meinen Plan des Ersatzes meiner
großmütigen Abgabe des größeren Erbstückes In wenigen Jahren wäre es gewonnen
und noch dabei den schwachdenkenden Personen meines Geschlechts der Schmerz des
neidischen Gefühls über Kostbarkeiten erspart die sie sich nicht verschaffen
konnten Und Rosalia unter uns gesagt der Zweck des Lobes und Gefallens den
wir alle haben würde doch und zwar bei den besten Männern erreicht die diesen
vereinigten Eigenschaften gewiss Beifall und Verehrung schenken werden  Dann
fände sich einmal eine Stunde in der ich Klebergen die Rechnung über die
verschenkten und ersparten Summen vorlegen könnte wo gewiss ein edelmütiger
Mann mit meinem Geben und Halten vergnügt sein würde 
    Ich habe in meinen jüngeren Jahren eine Frau gekannt die auch sehr
wohltätig aber mit einem Manne verbunden war der etwas Härte in seinem
Charakter hatte seiner Frau aber bei ihrem Putz alle Freigebigkeit erzeigte
Sie nahm von ihrem zur Kleidung und Anzuge bestimmten Gelde schaffte sich neue
Sachen aber minder kostbar so dass sie an ihrer Pracht so viel ersparte dass
sie eine Familie unterstützte ohne die Ausgaben ihres Hauses zu vermehren 
Möchten wir nur im Privatstande besonders in Familien wo das Vermögen allein
in der Besoldung des Mannes besteht die Idee des Unterschieds und Hervortuns
vor andern Ständen auf die Seite der übenden Tugend angenehmer Kenntnisse
schöner Handarbeiten und Liebenswürdigkeit des Umgangs legen so würden weniger
unglückliche Herzen und verkehrte Köpfe unter uns sein Ich bin aber gewiss dass
das Elend und die Langeweile die man am Ende des Weges von dem Modeton
antrifft unsere im Grund immer deutsche Seelen auf das Abweichen von dem edlen
reinen Pfade ihrer ursprünglichen Anlage aufmerksam machen und unsere Töchter
und Enkelinnen dahin zurück leiten wird Vielleicht entsteht noch aus deutschem
Fürstenblute ein Beherrscher über den größten Teil unsers mütterlichen Bodens
der von vaterländischem Geist beseelt Sitten und Gebräuche untersuchen und
durchsieben wird wo alles Spreuartige und Nachgeäfte verworfen und sogar eine
eigene Kleidungsart eingeführt werden wird Wir haben einzelne Beweise genug zu
was für einer Höhe der Vollkommenheit des Gründlichen und Schönen der Deutsche
in Wissenschaften kommen kann Und wenn wir wie Franzosen und Engländer es
tun natürliche Fähigkeiten deren jede Nation eigentümlich ausgezeichnete
besitzt mit Vaterlandsliebe hauptsächlich allem Fremden vorziehend anbauten
und zur edlen Stärke und Schönheit erhöheten so vergrösserten wir unser eigenes
Verdienst hätten eigene Freuden eigenes Glück Die Hochachtung anderer Völker
wäre Tausch gegen die unsere und nicht wie jetzt unser Beifall ein Tribut
den wir ihnen schuldig zu sein und der ihrige ein Geschenk so sie uns zu
machen glauben Aber wir verzehren einen großen Teil unserer Urkräfte im
Nachahmen und werden wenns hoch kommt als Lehnträger fremder Güter angesehen
Wir verbrennen halbe deutsche Wälder um einige schmachtende fremde Pflanzen in
unsern Glashäusern zu haben
 
                           Drei und sechzigster Brief
                              Rosalia an Marianen
Hier ist Madame Guden Antwort auf meine Anfrage wegen der zwo Freundinnen von
Julie Otte und ich bitte Sie mir ganz zu schreiben was Sie darüber denken
Ich fühle dass mich diese Frau so sehr eingenommen hat dass ich alles gut alles
richtig finde was sie sagt und vornimmt Sie haben dieses Vorurteil nicht und
können also den wahren Wert ihrer Ideen viel besser bestimmen als ich Sie
wissen auch dass so sehr ich die van Guden liebe dennoch Ihr ruhiger und
gesetzter Geist alle Obermacht über meinen Glauben und Unglauben behalten hat
und dass mir nichts wahrhaftig wert oder verwerflich wurde ehe Sie nicht das
Gepräge der Achtung oder Geringschätzung darauf gelegt hatten Nun lesen Sie die
van Guden selbst
                            Frau Guden an Rosalien
Sie wissen doch Rosalia dass alle Arbeiten die man ungern vornimmt ganz
genaue Züge des Zwangs behalten den man sich bei dem Gedanken und der
Ausführung auflegen musste  so ging es mir wirklich bei der sonderbaren
Foderung die Sie an mich taten mich in den Platz junger Frauenzimmer zu
setzen deren Glücksumstände geringer als das Ehrenamt ihres Vaters sei 
    Ich glaube Ihre Absicht erraten zu haben Diese Frauenzimmer werden von der
Vorstellung des wenigen Vermögens gedrückt und leiden in ihrem Gemüte Sie
mochten dieses heben und vermuten in meiner Einbildungskraft ein Hilfsmittel
zu finden denn Sie sagten mir ausdrücklich dass Sie nichts als geistige
Handreichung haben wollten Vergessen Sie nicht mein Kind dass alles was der
Reiche und Glückliche dem Armen und Leidenden nur als Rat und Trost sagt sehr
wenig Wirkung hat ausgenommen das Bezeigen persönlicher Achtung weil dieses
der natürlichen Eigenliebe gefällig ist  Die Königin Christine sagte ganz
richtig »Eine edle Seele adelt alles was sie ist und was sie tut den
Gebrauch des Reichtums und das Ertragen des Mangels«  Wenn man bei geringen
Umständen den Mut hat sich zu sagen Wir brauchen Nahrung und Kleider unsern
Körper zu erhalten und zu decken die Bedürfnisse der Natur sind mit wenig
Speisen und Gewand befriedigt und da mir das Schicksal Menge und Kostbarkeiten
versagt so will ich mit dem genauen Notwendigen vergnügt sein und meine
Begierde nach Besitz eines Mehreren auf die Seite wenden wo es in meiner Gewalt
ist es zu erlangen  Tugenden des Herzens Aufklärung des Geistes
Geschicklichkeit in Arbeiten Liebenswürdigkeit des Gemüts Reinigkeit und
Würde meiner Sitten Artigkeit meines Umgangs nette und bescheidene Zierde
meiner Person  all dies ist mitten in den geringen Umständen worin ich mich
finde zu erlangen und auszuüben Der Reichere uns Vornehmere als ich mag sich
aller Gattung von Aufwand überlassen Kaufmann Künstler und Handwerker leben
davon Vorurteile haben auf das äußerliche Ansehen Wert und Unwert gelegt
Aber ein fester unabgeänderter Gang auf dem Wege der Verdienste und
Bescheidenheit erwerben die Achtung der edelsten Seelen und ihre Freundschaft
Dies mein Kind wäre die Sprache meines Muts und dieser Ton würde den
Ausdruck meines Charakters und meiner Physiognomie sein Der Anblick des
Prächtigen und Reichen würde mich nicht kränken und nicht demütigen Ich
zeichnete mir einen eigenen Zirkel In diesem erschiene keine Klage keine
düstere Miene Nützliche ehrenvolle Verwendung jedes Augenblicks meiner Tage
Fleiß auf schöne Arbeiten die ich dann gegen Notwendiges ohne viel
ängstliches Wählen umtauschte alle meine Begierden auf das äußerste
beschränkte und mich in der Wahl meiner Freunde doppelt sorgfältig zeigte
Daneben aber müsste mir jedes moralische Verdienst eigen werden das mich
entweder einsam wegen des Mangels auserlesener Gesellschaft schadlos halten
oder mich in dieselbe einführen würde 
    Meine Sitten Gebärden Unterredungen und Beschäftigungen müssten beständige
Beweise meiner Erziehung und meines Standes sein so wie auch die Form meiner
Kleidung mein Geschmack und Bezeigen Nur der einfache Stoff die sanften
stillen Farben und haushältische Aemsigkeit dürfen den Abgang des Vermögens
andeuten 
    Ich wäre gewiss Rosalia dass dieser Gebrauch meiner Umstände wenn ich
niemals davon abwiche mir Achtung Freunde und inneres wahres Vergnügen geben
würde Je artiger meine Figur je seltener zeigte ich sie scheute keine
Gesellschaft aber drängte mich auch in keine niemals am Fenster niemals in
Komödien und auf großen Spatziergängen auf keinem Ball trüge die größte
Sorgfalt für den Ruhm eines untadelhaften Lebens wahre ruhige Gottesfurcht
kein Gepränge von Frömmigkeit machte keine Besuche als wo man mich ans
Hochachtung wünschte und sorgte dafür diese Gesinnung zu vermehren nähme von
Mannspersonen gar keine Besuche an sagte niemals von keiner Seele nichts als
das Gute das ich wüsste oder vermutete zeigte edle Dienstfertigkeit aber mehr
bei traurigen als lustigen Gelegenheiten und niemals sollte man mich einer
Sylbe Erzählungen von einer Familie an die andre beschuldigen können Ich müsste
die geschicktesten Finger das beste Herz und das angenehmste Geschwätz eigen
besitzen  Dieses zusammen wäre eine Art von Schatzgeldern die ich zu einem
Ertrag von Ehre und Glück meinem Schicksal anvertraute Glauben Sie o glauben
Sie dieser Vorsatz und Ausübung würde zu einem dauerhaften Grunde des Friedens
der Seele und äußerlichen Wohlergehens anwachsen Man mag immer von
ausgearteten und verdorbenen Sitten reden der durch Taten vortreffliche und im
Reden und Urteilen Andre verschonende Mensch wird gewiss redlich geliebt und
verehrt werden Allgemeine Vorurteile und einzelne Eigenliebe muss man nicht
mit dem Stolze des mehreren Wissens und der bessern Einsicht nicht mit dem
Vorzuge den wir uns geben angreifen Ach wie viel großes Gute sah ich
entstehen sah den ausgebreiteten Nutzen den Segen von einem Volke für den
Urheber bereit wenn zu dem edlen Entwurfe auch der erhabene Entschluss des weisen
Menschenfreundes gekommen wäre einer gewissen Art Blödsinns zu schonen von
schwachen Augen nicht zu fodern dass sie gleich ohne Zagen ohne Widerwillen das
Licht einer Fackel ertragen sollten  wenn man mit dem Unvermögen des
Verstandes erwachsener Menschen die man zu neuen ungewohnten Sachen lenken
will eben so herablassend so gütig sich bezeigte wie im Physischen mit
Kindern zu denen man sich niederbückt ihre kleine Hand liebreich zu fassen
und sie im anfangenden Gehen zu leiten  
    Aber Rosalia wo kam ich da hin  von Ihnen zwei guten Mädchen die allein
einen duldenden nicht einen vielwürkenden Kreis durchgehen müssen  Doch mag
Ihnen der Gedanke die Empfindlichkeit der Eigenliebe Ihrer Nebenmenschen auf
alle Weise recht klug und behutsam zu behandeln immer nützlich sein 
    Einmal da ich noch keinen van Guden kannte gelang es mir durch feine
Nahrung und Wendung eines Stolzes im Elende zwei Töchter eines angesehenen
Mannes der sie nebst drei Brüdern ohne das mindeste Vermögen zurück ließ zu
einem edlen Entschluss zu bringen  Sie waren schön und voll schimmernder
Talente Musik Tanz Gesang Blumenmahlen Putzarbeiten und die französische
Sprache  Sie waren alle kostbare Kleider köstliches Essen Rang
Ehrenbezeigungen gewohnt waren andern Verwandten nicht immer gut begegnet so
dass die welche sie ehemals beneideten nun mit höhnischem Mitleiden sie
anblickten und die Mädchen sich fürchteten zu einer Base wohnen zu geben die
am vermögendsten aber auch am stolzesten war  Meiner Mutter Bruder zu dem
ich nach dem Tode meiner Eltern gekommen war wohnte in dem unteren Stocke des
schönen Hauses Ich sah also diese Familie in ihrem Flor aber doch nicht
vertraut genug um die eigentlichen Umstände in etwas voraus zu bemerken Der
Mann starb plötzlich die Frau war schon lange tot und die Kinder hatten mir
nie sehr zärtlich geschienen so dass ich das lange Wehklagen nach dem prächtigen
Begräbnis und den Todtenämtern denn sie waren von der römischen Religion gar
nicht fassen konnte Es befand sich nun zwischen uns eine Art Gleichheit da wir
alle drei elternlos und beinah im nämlichen Alter waren Der älteste Sohn der
volljährig war und meinen Oheim sehr schätzte und mich gern um seine Schwestern
sah sing an ganz gerade von ihren traurigen unvorhergesehenen Umständen zu
reden noch ehe solche andern ganz bekannt wurden Das Bezeigen ihrer Verwandten
erbitterte sie und sie wussten nichts als zu weinen und zu murren Sie wollten
lieber in ein Kloster als zu ihrer Base  »Ach Mademoiselle Hofen was würden
Sie tun«  Der Gedanke von einem Kloster den sie hatten gab mir den von dem
Orden der englischen Fräulein die keine ewige Gelübde tun und sich mit der
Erziehung beschäftigen Ich sagte der älteren dies würde ich wählen weil ich
meine Talente nicht nur fortüben und also das gewohnte Vergnügen immer
genießen sondern mir auch durch dieselben in dem Orden Verehrung und Ansehen
erwerben würde weil Eltern ihre Kinder um so lieber dahin gäben wenn sie sie
unter der Aufsicht einer selbst so wohl erzogenen Person und von so vielem
Verstande wüssten Ich würde lieber meine Gefälligkeit und Geduld auf die jungen
Kostgängerinnen verwenden die unter meinem Willen stehen würden als für
übermütige Verwandte Es wäre ein ehrenvoller Stand Der Dank so vieler
Familien die Achtung einer ganzen Stadt und Landes neben der Freiheit
herauszutreten der beibehaltene Umgang mit aller Gattung guter Menschen
vornehmen und geringen ja selbst die schöne Kleidung in der die Gestalt und
Bildung eines jungen Frauenzimmers noch viel edler sich zeigte als im schönsten
französischen Putz etc  sie würde nicht länger abhängig sein als bis man sie
kennen würde 
    Dieses Gemälde gefiel Ich musste es auf allen Seiten darstellen Die
Aeltere entschloss sich zu dieser Wahl und ist in der Tat ganz vortrefflich
geworden und ihr Stolz machte sie alles tun um Beifall und Dank zu erwerben

    Die jüngere wollte das nicht war aber verlegen und hatte eben so viel
Widerwillen gegen die Stadt und Bekannte als die ältere Meine Phantasie diente
auch ihr indem ich sagte dass ich meinen Namen verändern und zu einer großen
Dame als Kammerjungfer gehen würde deren Gunst ich mir durch meine
Geschicklichkeit in Putzsachen durch meine Aufmerksamkeit meinen Verstand und
sehr eingezogenes Leben dabei sobald erwerben würde dass ihr niemand lieber
sein sollte als ich Dann suchte ich allen im Hause Gutes zu tun das Eine zu
entschuldigen das Andre zu warnen dem Dritten eine Belohnung zu erhalten
Meine Stimme meine Mandor hielt ich lange verborgen spielte und sänge nur
wenn fast Niemand zu Hause wäre Jeder Schritt den ich täte müsste durch
Klugheit Tugend und Güte bezeichnet sein machte mich aber mit Niemand als mit
meiner Dame vertraut für deren Ruhe Anmut und Nutzen ich aufs äußerste
bedacht wäre so dass ich ein wichtiger Teil ihrer täglichen Glückseligkeit
würde und im ganzen Hause als Wohltäterin verehrt wäre  Bei dem sanftesten
Gemüt die sorgfältigste Hochachtung für mich selbst und ehender die Bemühung
meine Reize zu verbergen als zu zeigen  Gern ging ich wo Kinder wären
denen ich Blumen mahlte und dann es sie auch lehrte  Wie viel Nützliches und
Rühmliches könnte ich nicht da tun   Das Romantische des verborgenen Namens
der halb versteckten Schönheit der Verehrung wegen ihrer Güte und das Staunen
über ihre lang heimlich gehaltene Mandor und artige Stimme trocknete auch
dieser ihre Tränen  Mein Oheim und ihr älterer Bruder besorgten durch
auswärtige Freunde beide Plätze Aus dem Häuschen worin die ganze
Verlassenschaft bestund wurde so viel gelöst dass sie sich ihren Absichten
gemäß aussteuerten und ein Paar hundert Gulden zum Notpfennig behielten Die
Jüngere ist gar herrlich geworden weil sie im ersten Jahr ihres Diensts mit
ihrer Wiener Dame nach Brüssel kam Der zweite Sohn ging in Kriegsdienste die
der Dritte auch ergreifen wollte wenn er erwachsen wäre Der Aelteste der eine
kleine Pfründe besitzt nahm ihn zu sich und so wurden diese Kinder alle durch
den kleinen sanften Bug ihrer Eigenliebe glückliche und nützliche Menschen
besonders die Mädchen von denen ich Ihnen noch dank und liebevolle Briefe
weisen könnte 
    Julie soll ihren Freundinnen schon jetzt von der Lebensart die sie einst
führen müssen mit Hochachtung reden und sie durch sanfte Stufen hinunter
leiten ihren mäßigen Unterhalt in der Ebene anzupflanzen
 
                                 Zweiter Teil
                            Vier und sechzigster Brief
Madame Guden ist eine sonderbare Erscheinung in unsrer Weiberwelt Ich habe
Ihnen geschrieben dass sie niemand suchte als unsere beiden Mahler und den
Kupferstecher Nun kann ich Ihnen melden warum sie dieses tat
    Ich fand sie heut munter und glänzend von inniger Freude Sie ist schön
sehr schön wenn die Farbe der Heiterkeit des Geistes ihre Züge belebt  Sie
umarmte mich zärtlicher als jemals 
    »Meine Liebe Sie müssen heut eine gegenwärtige und zukünftige Freude mit
mir teilen Ein edles Herz kann nichts allein genießen Ich fühl es ich muss
einen Freund oder eine Freundin haben denen ich sagen kann
                           ich bin im Paradiese« 
    Sie führte mich in ihr Zimmer da waren drei Kasten von Pappendeckeln auf
einem großen Tisch  Sie wies darauf
    »Hierinn Rosalia ist Erndte und Saamen von Glückseligkeit für mich« 
    Ich antwortete ihr dass ich sehr erfreut wäre dieses zu hören denn so
genieße sie auch einmal was sie Andern gäbe  Sie drückte mich mit einem Arm
an sich mit dem andern hob sie einen Deckel auf und nahm ein Papier weg Da
sah ich das Bild eines blühenden Baums und die Aufschrift  Frühlings Bilder 
für den älteren Sohn des Herrn von Pindorf Sie blickte dabei durchdringend auf
mich 
    »O Madame Guden wo ist Ihr Zorn gegen Pindorfen hingekommen«  »Zorn
Rosalia Zorn  Ist der Schmerz der Liebe Zorn Oder glauben Sie dass aus einer
Seele wie die meinige eine Leidenschaft so leicht auszurotten ist  Was wäre
meine Liebe gewesen wenn ich nicht Entschuldigung der Fehler die mich
beleidigten gesucht  und einen Schleier über das mangelhafte Stück meines
Götterbilds geworfen hätte  Vielleicht ist auch ein kleiner Anfall von Rache
dabei Denn wenn schon der Ton der Bilder und die reichen Geschenke mit denen
ich sie begleiten werde dem Herrn von Pindorf ein Beweis meiner dauernden
Zärtlichkeit sein müssen so sagen sie auch zugleich dieses gefühlvolle Herz 
dieser erfinderische geschmakvolle Geist und das Vermögen dieser Frau wäre dein
und deiner Kinder gewesen wenn du den wahren Wert dieser Liebe erkannt
hättest  Das mag aber sein wie es will mein Gedanke ist vortrefflich geraten
und die fünf Leute so daran arbeiteten stehen nun zusammen um dies was ich
zeichnen und mahlen ließ in Kupfer zu stechen und damit zu handeln Von mir
haben sie so viel verdient dass sie den Verlag bestreiten können  Sehen Sie
der gute Erfolg meiner Erfindung und die Aussicht auf den Gewinst dieser Leute
ist Erndte Dies was in dem Geist der Kinder von Pindorfs an Kenntnissen und an
Freude ihrer Herzen über die schönen Bilder entstehen wird ist Saame von
Glückseligkeit Und Rosalia ist nicht jeder Beweis der Liebe Genuss höchster
Genuss« 
    Nun fing sie an mir die Bücher zu zeigen Sie hat der Brüder ihre so mit
einander verbunden dass immer einer den andern nötig hat um das Ganze einer
Vorstellung zu wissen und sie denkt dadurch eine Grundlage zu der Überzeugung
des Nutzens der Brüderlichen Freundschaft zu stiften
    Ich will Ihnen einige Bilder davon beschreiben und die Bücher mit den
Zahlen 1 2 3  bezeichnen wie sie bei den Kindern folgen nur nicht so
vollständig als ich sie sah 
    1 Das Erste ist eine Landschaft nach Kleists Frühling Trübe Wolken die
sehr vom Winde getrieben werden  aber auf einer Seite die Sonne deren Strahlen
auf einem Berg mit Schnee bedeckt fallen den sie schmelzen wovon ein wilder
Strom entsteht der den Fluss anschwellt Dieser führt Eisklumpen mit sich Von
Pindorf steht mit seinen Kindern auf einem Altan und weißt ihnen dieses An dem
Ufer des Flusses sind Bauern die mit starken Stangen die Eisklösse abzuwenden
bemüht sind 
    Die Zeichnung und dann die Haltung der Farben ist äußerst richtig und wahr
Auf das weiße Blat  gegen den Bildern über schreibt Frau Guden selbst eine
Art Auslegung davon  in einem einfachen und eindringenden Ton der Seele
    2 Im zweiten ist es schon belebter Ein Teile des Dorfs  Der Himmel ist
freundlich  Ein Bauer bessert seinen Pflug einer die Hecke seines Gartens
ein dritter hilft dem Wagner eine Speiche in ein Rad machen
    3 Buch des Mädchens  Da ist die Bäurinn welche nun durch das neu
wachsende Gras Hoffnung zu mehr Nahrung für ihre Kühe und also auch zu mehr
Milch und Butter hat  räumt ihr Milchstübchen säubert und ordnet alle Milch
und Käsegefässe 
    1 Bauern im Felde die die Gräben der Wiesen und Aecker austiefen An
einem großen Stück steht ein Pachter mit seinen Knechten und verabredet den
Anbau der übrigen Felder  nachdem er mit der Wintersaat zufrieden scheint
    2 Baum und Gemüsgarten  wo man beschäftigt ist das Moos und die
Raupennester wegzubringen  Von beiden wird etwas durch ein Vergrösserungsglas
betrachtet  Man gräbt die Bette im Garten und macht sie eben 
    3 Der Blumengärtner reinigt leere Blumentöpfe  In einem Glashause sieht
man inländische Blumen dann Zwiebeln Wurzeln und Saamen davon Allerlei
Gartenarbeitgeräte werden vorgesucht und geordnet 
    Herr von Pindorf sagt seinen Kindern  Diese Leute machen Entwürfe und
Anstalten zu arbeiten  und wir zum Vergnügen Wir wollen aber sorgen dass
unsre Frühlings Zeitvertreibe uns eben so nützlich werden als diesen
rechtschafnen Leuten ihre Bemühungen
    1 Hier ist ein Spaziergang auf das Feld Herr von Pindorf erklärt seinen
Kindern das Pflügen und Säen und redet zu ihnen mit vieler Achtung vom Ackerbau
und den Bauern 
    2 Schöne Wintersaat Kleefelder und Graswiesen dabei eine Heerde Vieh 
Herr von Pindorf weist auf das eine und andre 
    »Hier Nahrung für uns  da  für unsre guten Kühe und Pferde« 
    3 Saamen zu verschiedenem Gemüse Was jedes am liebsten isst  damit
besäet es ein Stückgen 
    1 Sie sehen Bäume pfropfen aushauen biegen und anbinden lernen sie auch
kennen
    2 Erste mühsame Arbeit im Weinberg Bewunderung des köstlichen
überfliessenden Safts durch das dünne unscheinbare Holz der Reben
    3 Der Baumgarten in voller Blüte und ein artiger Reihentanz von mehreren
Kindern um blühende Bäumchen die man in die Mitte des Baumgartens stellte 
Alle Kinder haben Sträusse von Obstblüte auf den Hütchen Die Musik ist eine
Schalmei 
    1 Brut verschiedener Vögel und Art ihre Nester zu bauen 
    2 Raubvögel in der Luft und auf dem Wasser 
    3 Taubenzucht und Hünerhof 
    1 Spaziergang in den Wald bei dem ersten Grün wo ihnen die mancherlei
Arten von Bäumen und ihr Nutzen gewiesen wird 
    2 Ein Teich mit Enten  Schönheit und Munterkeit der Vögel kommt viel von
ihrer Reinlichkeit 
    3 Milch Butter und KäseZubereitung mit einer dem kindlichen Alter
angemessenen Beschreibung des Nutzens des Rindviehes während die Kinder in dem
Baumstück Milch essen 
    1 Fischerei mit dem Angel an einem Bach nach Tomsons Frühling 
    2 Schaafherden Schaafschur kleiner Auszug der Woll und
Webereigeschichte  Spinnerei und Weberstühle 
    3 Die Tochter hat die SeidenWürmer ihre kurze Geschichte  Bandweberei
Hier folgen durchaus schöne Bilder von allen Seiden und Wollarbeiten nebst
einer deutlichen kindlichen Erzählung von den wunderbaren Eigenschaften der
Säfte der Pflanzen und dem Dienst Nutzen und Vergnügen so die Menschen durch
ihren Verstand und Geschicklichkeit daraus ziehen  dass der Saft des
Maulbeerblats in dem Leibe des Wurms zur Seide bereitet werde und dadurch dieses
schlecht aussehende Tierchen so vielen tausend geringen Menschen Nahrung und
so vielen Vornehmen Vergnügen gebe 
    Bei den Schaafen würden die Kräuter die sie fressen zu guter Milch
Fleisch und Wolle  So auch bei dem Rindvieh Bei diesem entstünde auch die
starke Haut wovon alle Gerber Schuster Riemer und Sattler Arbeiten bekämen 
 Dann ist ein Bild von dem Flachs Hanf und Baumwollenpflanzen  dass also
ihre Hemden alles Weißzeug  und ihre musselinen Manschetten auch aus Kräutern
herkämen  Dann der Übergang zu den Bienen und ein schönes Bild davon  Eine
herzliche Wendung wie nützlich auch die kleinsten Tiere  wie sehr schätzbar
die Menschen sind welche sich mit Verarbeitung all dieser Sachen zum Nutzen
und Vergnügen Anderer beschäftigen  Dann fangen die Bilder alles dessen an
woraus ihre Geschenke bestehen 
    1 Silberbergwerk  Stuffen davon und wie es geläutert wird 
    2 Goldarbeiter der eben an den Gefässen arbeitet die sie bekommen
    3 Porcelanfabrik und Magazien  Es wird aus Stein Sand und Salz gemacht
 so wie auch
    1 Glas und Spiegel 
    2 Die schönen Farben in ihren Malerkästchen bestehen auch aus Erde
Metallen und dann auch aus Kräutersäften 
    3 Zimmer eines Malers  Aus der Mischung zweier Farben entsteht die
dritte 
    1 Mahagony Holz dessen Heimat  Etwas von Schiffart und Flüssen 
    2 Schreiner und Drechsler  Diese haben die Risse und einzelne Stücke
ihrer Schreibtische vor sich dabei wird beschrieben was diese Leute im
Großen im Hause und auch zu ihren Spielsachen verfertigt haben 
    3 Die Tochter hat allerlei Stik Näh und Webereigestelle wo Mädchen
sitzen und arbeiten an lauter Sachen welche die kleine Pindorf geschenkt
bekommt 
    Der schöne Lichtschirm den Frau Guden für Pindorfen webte ist da
aufgespannt  und man sieht die Worte Ewige Freundschaft die im Englischen
hinein gewebt sind um die ein Kranz von vergiess mein nicht gebogen ist 
    1 Allerlei Spiele von Kindern ihres Alters
    2 Bilder was Kinder anderwärts lernen müssen oder schon wissen die von
ihrer Größe sind
    3 Arbeiten armer Kinder in Nadelfabriken Wollspinnen etc etc   Schön
geputzte Knaben die mit großen Gebunden Bücher zur Schule gehen worin arm
und gut gekleidte Kinder ihres Alters sind 
    Der Reiche und Vornehme ist klein und unwissend wie der Geringe  Beide
haben Sorgen und Unterricht nötig  
    Die Uhrmacher ein artiges Bild von den Uhren ihrer Schreibtische 
Schreibkunst Kinder die es lernen und gerade die Linie aufschreiben
    Wahrheitsliebe und Gehorsam gegen Eltern und Vorgesetzte sind die Tugenden
unserer Kindheit 
    1 Ein Gewitter  Herr von Pindorf mit ihnen am Fenster und die Erzählung
des Nutzens und Entstehens ganz kindlich um ihnen die Furcht zu benehmen
    2 Herr von Pindorf auf einem Hügel  die Tochter auf seinem Schoss  die
beiden Söhne in einem Arm geschlossen und mit der andern Hand auf die schöne
Gegend umher weisend
    »Seht meine Lieben wie schön aller Saamen der Erden alle Früchte der
Bäume wachsen und keimen  Möge o meine Kinder der anfangende Unterricht des
Wissens und der Tugend die ich mit väterlicher Treue in eure Seelen zu pflanzen
suche auch Wurzel fassen und aufgehen  Denn Gott der die Erde die ihr seht
mit allen Blumen und Bäumen so schön erschuf und allen Tieren und Menschen das
Leben gab hat mir befohlen euch zu lieben für eure Gesundheit eure Nahrung
und Kleidung zu sorgen euch alles Gute zu lehren eure Fehler zu verbessern und
euch geschickt und glücklich zu machen Wenn ich es tue so will er mich
belohnen Versäume ichs so wird er mich strafen so wie er auch den Kindern
ihre Wahrhaftigkeit Güte und Folgsamkeit zu belohnen versprochen  und auch
ihren Ungehorsam ihre Bosheit und Lügen ahnden würde«  
    Auf diese Art werden die Bücher der vier Jahres Zeiten eingeteilt  immer
das Bedürfnis des Vergnügens und der Erhaltung mit der Liebe des Schöpfers der
Nebenmenschen  und den daraus folgenden Kenntnissen und guten Eigenschaften
verbunden  Auf den Winter wenn alles Vaterländische was sie die gute
Jahreszeit über selbst sehen konnten ihnen bekannt ist da bekommen sie
ausländische Pflanzen Tiere Gebäude Menschen und was wir aus andern
Weltteilen ziehen  und uns der angewehnte Gebrauch nötig gemacht hat zu
sehen und nicht einen Augenblick ist die Herablassung zum kindlichen Begriff
versäumt 
    Ich hoffe diese Beschreibung war Ihnen nicht unangenehm Mich entzückte das
alles und ich denke da die Liebe der Freundin all dieses in der Frau Guden
hervorbringe so soll sie einst in meinem Herzen einen gedoppelten Gebrauch
dieses Buchs für meine eigenen Kinder schaffen Sie will mir ein Exemplar zum
Hausgeschenk geben  Aber jetzt rüstet sie sich zu einer Reise nach W 
welches der Wohnsitz der Herrn von Pindorf ist  Sie weiß dass er abwesend ist
und will also nur seine Kinder sehen und ihnen die Geschenke selbst geben  auch
sich nach dem Ruf seiner ersten Frau  und nach dem seinigen erkundigen 
    »Vielleicht sagt sie höre ich was mich vollends heilen kann  Denn die
Beleidigung meiner eignen Liebe bewürkten es nicht  Wenn er aber gegen
Grundsätze des Edlen  Wahren  und Menschenfreundlichen handelt wenn er in
großen Anlässen seines Lebens niedrig klein  und bösartig erscheint  O
Rosalia da werde ich freilich von meiner mich abzehrenden Zärtlichkeit und
Sehnsucht genesen  Aber was wird der Schmerz sein der mich darüber
zerreißen wird« 
    Sie geht  unaufhaltsam dem entscheidenden Augenblick ihres Jammers
entgegen 
 
                           Fünf und sechzigster Brief
                            Madame Guden an Rosalien
Ich bin meine Freundin sehr wohl in W angelangt Aber Herr von Pindorf ist
nicht da sondern nach der allgemeinen Vermutung auf einer Reise  von
welcher er eine zweite Gemahlin mitbringen wird  Seine beiden Söhne und seine
Tochter sind hier Diese will ich Morgen als eine ihrem Vater bekannte
englische Dame besuchen und ihnen die artigen Sachen geben welche ich diesen
Winter für sie zubereiten lassen   O wie unruhig ist heute schon mein Herz
 Kinder von Pindorfen  werde ich morgen an meine Brust drücken  Kinder von
Pindorfen  und ich bin nicht ihre Mutter  Wie sorgfältig werde ich die Züge
aufsuchen die mir die seinigen zurückrufen Ich werde gewiss das Bild seiner
ersten Gemahlin da finden und auch darin noch spüren ob sie alles Andenken
an mich auslöschen konnte  ob sie viel Geist hatte und gute Mutter war 
    O  mein Kind er wählt nun wieder eine Andere an ihrer Stelle  Dies ist
Beweis klarer Beweis dass mein Bilo aus seinem Herzen entwichen ist 
    Sehen Sie wie immer noch Hoffnung und Niedergeschlagenheit in mir wechseln
Dieses Fieber meiner Seele muss einmal aufhören Ich werde sehr abgemattet sein
aber doch endlich ruhen 
                            Den zweiten Abend in W
Ich sah diesen Vormittag alles was an guten Gebäuden hier ist und um zwei Uhr
ging ich zu den Kindern des Herrn von Pindorf Meine Schritte wankten als ich
die Stiege hinauf ging und wie viele Mühe hatte ich meine Tränen zurück zu
halten als ich die drei guten Geschöpfe schön geputzt in der Begleitung ihrer
Wärterinnen und eines geistlichen Hofmeisters oben an der Stiege der vornehmen
fremden Dame ihre Bücklinge machen sah 
    Es sind sieben Jahre als ich von Pindorfen getrennt wurde  Er hat einen
Sohn von sechs einen von fünf Jahren und ein liebes ihm gleichendes Mädchen
von vieren Der älteste Sohn und die Tochter haben die empfindungsvolle Miene
des Vaters Der schöne Knabe von fünf Jahren ist voll Munterkeit und soll seiner
Mutter gleichen 
    Ich nahm den Eltern und die kleine Henriette bei der Hand Sie führten mich
in das große Ansprachzimmer so ganz weiß lackirt ist  und nichts als vier
schöne Landschaften über den Türen und die Bildnisse des Herrn von Pindorf und
seiner Gemahlin in Lebensgröße hat Diese nehmen die ganze Wand zwischen zwei
Türen ein und stellen eine getreue Nachahmung meines Gedankens vor da ich in
dem Garten zu Stow den Herrn von Pindorf mit dem schönen Auedruck seiner Seele
zeichnete nur dass anstatt meiner Dame seine Gemahlin  und für Herrn von
R einer der liebsten Freunde des Herrn von Pindorf hier vorgestellt ist 
ich aber mit meiner Zeichnung der Gruppe in Mannskleidern Meine Freundin
dies Gemälde war noch Wirkung seines zärtlichen Andenkens an mich und meine
Verkleidung als Mahler war gewiss feine Schonung der Empfindlichkeit seiner
Gemahlin 
    Ich hatte alle Fassung meines Geistes nötig besonders da der kleine Sohn
sagte »Hier macht der Papa gemahlt seine Aufwartung Die Mama kanns gar nicht
denn sie ist gestorben« Ich hatte mitlerweile ihr Bild betrachtet
    Sie war höchst liebenswert und ein edles Schmachten liegt in ihren Zügen
Ich zog den Knaben an mich und küsste ihn während ich mit dem andern Arme die
Tochter und den älteren Sohn umfasste Ich konnte mir nicht mehr helfen
    Ich im Haus des von Pindorf  Seine Kinder in meinen Armen  sein Bild vor
mir und in diesem Bilde ein Beweis dass ich und meine Talente ihm wert waren
Das Bild seiner Frau dass er seine Liebe für mich opferte und deren Ruhe mir so
heilig war dass ich niemals das geringste tat um seine Zärtlichkeit zu
erneuern
    Ach wie froh bin ich es nicht getan zu haben  Ich wäre durch ihren
Anblick gedemütigt und beschämt worden denn gewiss sie verdiente sein ganzes
Herz Nun kann ich sie anschauen und bedauern dass sie diesen Schatz nicht
länger besaß  ich kann ihren Geist als Zeugen denken wenn ich eins ihrer
Kinder umarme
    Gewiss selige Mutter dieser drei lieben Kreaturen gewiss habe ich niemals
keinen Wunsch getan der gegen deine Glückseligkeit gegangen wäre 
    Nur nachdem du tot warst und ich frei  verlangte ich deines von Pindorfs
Liebe geerbt zu haben  Du hättest mir gewiss sein Herz gegönnt wenn du mein
Bestreben gesehen des würdigen Mannes Tage zu verschönern Meine Liebe meine
Sorge für Deine und seine Kinder würde mir Deinen Segen erworben haben  Nun
wird all dieses der Anteil einer Andern  Ach möge sie sein was ich für ihn
gewesen wäre  Meine Freundin ich dachte hier mit Klopstok Sie ist
glücklicher aber nicht edler 
    Die Wärterinnen  und der Geistliche betrachteten mich mit Verwunderung
Diesen Grad von freundschaftlicher Empfindsamkeit hatten sie niemals gesehen 
Noch mehr aber staunten sie als mein Bedienter meldete die Kasten wären da
und ich die Kinder bat mich in ihre Stube zu führen  oder ob sie die kleine
Sachen aus England die ich für sie hätte in diesem Zimmer sehen wollten 
    »O hier  sagte der muntere Kleine da siehts der Papa auch« 
    Ich merkte zugleich dass es den Wärterinnen lieber wäre und ließ also die
Kasten bringen Jeder war mit dem Namen desjenigen gezeichnet für den er
gehörte  und da sie mit Schiebdeckeln gemacht sind konnte man sie leicht
öffnen 
    Jeder der Söhne hat einen artigen Schreibtisch nach seinem Alter von
Mahagonyholz mit einer schönen Uhr die darin fest gemacht ist um ihre
Arbeitstunden zu zählen  Schreibzeug Reisszeug von Silber Farbenmuscheln und
Zubehörde in einer Schieblade  in einem Seitenfach ein Waschbecken und Kanne
kleines Suppenkümchen zwei Leichter Teller Becher Tee und Messerzeug auch
von Silber  und artige Porcelanschalen mit dem Namenszuge nebst einem Bande
von den Büchern die ich malen ließ 
    Die kleine Henriette bat einen Nachttisch der auf einer Seite aufgeschlagen
ist der Spiegel und alles nötige dazu nebst einen Frühstückgerätbe wie ihre
Brüder Auf der andern Seite alles was zu Frauenzimmerarbeiten und auch zum
Zeichnen und Malen gehört  nebst ihrem Buche Ich muss selbst sagen dass es
schön und reizend für die Kinder aussah  Die englischen Schnallen Knöpfe und
Spazierstöcke freuen die Knaben eben so sehr als das Mädchen der Hut und
englische Kinderputz Dann wies ich ihnen den Auszug der englischen Landkarte
auf welcher ich allein die Städte und Landhäuser bezeichnet habe die ihr Vater
durchreiste und die Blätter der Merkwürdigkeiten die ihm besonders gefallen
hatten das Haus worin er in Londen gewohnt und nach meinem geheimen
Tagbuche diejenigen wo er über diese oder jene Wissenschaft gesprochen und
viel Lob erhalten hatte Ich redte ihnen von dem Glück einen solchen Vater zu
haben und wie lieb man sie einst in England haben würde so bald man nur nach
ihren Namen denken könnte dass sie seine Söhne wären  Endlich ging ich weg
nachdem ich durch meinen Bedienten versichert war dass der Hofmeister und die
Wärterinnen ihre Geschenke in ihren Zimmern finden würden Und nun glauben Sie
dass meine Seele in der äußersten Bewegung gewesen sei  Aber die Freude die
ich den Kindern gemacht  das süße Vergnügen ihnen von ihrem Vater zu reden
 alles Gute was ich nach der Physiognomie des Gemähldes von ihrer Mutter ihnen
sagte goss lindrendes Öl in mein zerrissenes Herz  Doch möchte es wohl die
Wirkung haben die bei den stürmischen Wellen der See bemerkt wird wo es nur
die Fluten besänftigt die das Fahrzeug am nächsten umgeben  und wenn dieses
über die Oelichte Fläche weg ist wird es mit doppelter Gewalt hin und her
geschlagen   Mag es  Ich habe doch eine neue Art schmerzhafter Freude
genossen  Nun bin ich müde und will schlafen gehen 
                               Dritter Tag in W
Noch einmal war ich im Hause des Herrn von Pindorf Der Geistliche kam heute
früh um für seine Zöglinge für sich und die Wärterinnen zu danken  Ich fragte
ihn um die Gemütsart der Kinder und das was sie lernten  Er gab mir ganz
befriedigende Antworten auf alles was ich von den Kindern  besonders aber
weil ich sie liebte was ich von seinem Charakterwissen wollte  Der Plan des
Unterrichts ist gut aber nur lauter verwendete Gedächtnisskraft Für die
Empfindung beinahe nichts  und dabei sehr streng anhaltend  Ich bat ihn auch
um Milderung  und redte für die Rechte der Natur und Kindheit Ich ging mit
ihm ins Haus und musste da ihm die Freude geben eine kleine Prüfung anzuhören 
Ich aß mit ihnen zu Mittag und zeichnete dann jedes auf dem vordersten Blatt
ihrer Bilderbücher ab  Ich weiß mir vielen Dank für diesen Wintereinfall Die
Arbeiter hatten Verdienst  übten ihr Talent  und bekamen neue Ideen  Diese
liebe Kinder sind so glücklich bei den Bildern  Auf dem Blatt wo ihr Vater
vorgestellt ist da er ihnen die pflügenden Bauern weißt und sie von dem
Ackerbau unterrichtet kannten sie ihn gleich und sagten sie wären mit ihm auf
dem Felde gewesen »Der Baum da und die Häuser dort« wiesen sie mit ihren
Fingern »sind nicht da gewesen  Aber hier war die Ecke von unserm Garten und
da ein Berg wo man des Papa Haus in der Stadt sehen kann und hier sagte der
Kleine eine Hecke wo ich mich versteckte« 
    Es ergözte mich innig zu sehen wie sie meine Landschaft umarbeiteten und
in ihrem Gedächtnis jeden Eindruck des genossnen Vergnügens oder Bewundern wieder
fanden
    Aber ich muss mich losreißen Mein Herz heftet mich zu sehr an die
holdseligen Geschöpfe  Morgen will ich in die Gegend des Schlosses Mahnheim
Dort ist der Lieblingsspaziergang Pindorfs in den Zeiten wo er Einsamkeit
nötig hat 
    Ach dieses ist jetzo ein Bedürfnis meiner Seele geworden  Einsam ganz
einsam möchte ich wo sein vielleicht würde mir da ganz wohl wenn ich mich
einige Zeit allein immer um eine Idee herum wände so wüsste endlich ein
Widerwillen entstehen und ich nach andern Gütern mich umsehen
    Die guten Kinder baten mich Morgen wieder zu kommen Ich sagte aber nun
müsste ich wegen meiner Gesundheit weiter reisen aber im Sommer wolle ich neue
Bücher schicken  und sie dann wieder besuchen wenn sie noch ferner meine
Freunde sein würden 
    Ich empfahl sie innig ihrem Aufseher und mein Abschied war mir
empfindlicher als Sie denken können
 
                          Sechs und sechzigster Brief
                         Madame Guden an ihre Freundin
Gestern früh riss ich mich von dem Wohnsitz von den Kindern und dem Bildnis des
Herrn von Pindorf los um an den zwei Stunden von dort liegenden Ort zu kommen
den ich ihn hatte nennen hören und welcher der Übergang zu einer Anhöhe ist
die er liebt  Mit was für Eile ging ich hinaus und was wurden all diese
Gegenstände für mich als ich mir sagte
    Diese Bäume diese entfernten Gebirge den Hügel da die Bauerhütten diese
Steine voll Moos an dem kleinen Bach alles dies hat er mit seiner so
tiefempfindenden Seele mit süßem einsamen Nachdenken betrachtet Sein schönes
Auge sah hier um sich ruhte auch auf der Wiese von dem starken Umherschauen
aus  O wie lange habe ich keine Gegenstände gesehen die Er sah  Ich dachte
mich näher bei ihm vereinter mit ihm  Meine Seele umfasste mit inniger nie so
gefühlter reiner hoher Liebe  die ganze Gegend
    Ich dankte ihr mit Tränen der wahren Zärtlichkeit für die erquickenden
Augenblicke die sie dem edlen einsamen Spaziergänger gegeben hatte  Sanfter
Friede und unruhige Wünsche wechselten in mir ab bis ich die Anhöhe erblickte
die ich suchte Ich war allein denn ich wollte keinen Zeugen meiner Schritte
keinen Beobachter meiner Gemütsbewegung um mich haben
    Ach wüsste man wozu mich die allgewaltsame Leitung meiner Liebe führt wie
würde man mich tadeln weil ich aus dem gewöhnlichen Pfade gehe  Aber sagen
Sie sind die tausendfachen kleinen oft niedrigen Wege und Ränke in die sich
andre abhängige oder arme Geschöpfe einlassen um ihr Herz zu befriedigen sind
sie edler  und besser als dies was ich tue weil sie alle Tage ausgeübt
werden  O meine Freundin Lieben Sie immer das wahre außerordentliche
Weib wie Sie mich einmal nannten die Mut genug hatte ihr Gold und ihre
Freiheit zu ungewöhnlichen Handlungen der Menschenliebe zu verwenden und die
niemanden zur Rechenschaft forderte über das  was er und wie er es tat aber
sich hin legen auch nicht verbunden achtete  das was sie tun wollte nach
angenommenen Modellen zu formen Denken Sie immer an den Aufschluss den ich
Ihrem Staunen über mich gab
    Dass in mir verschiedene charakteristische Teile der moralischen Welt
vereinigt wären die bei vielen Personen nur einzeln angetroffen oder durch die
Umstände unterdrückt und in der Tätigkeit gehindert würden und dass bei mir
natürliche Anlage Erziehung Glücksumstände und Unabhängigkeit zusamen träfen
 Jede meiner Gesinnungen und Handlungen sind willkührlich und frei wie mein
Gang auf den Berg an dessen felsigten Seite die Überbleibsel eines alten
zerfallnen Schlosses sind 
    Immer machte ein solcher Anblick eine sonderbare Wirkung auf mich 
Vergänglichkeit menschlicher Gewalt Wünsche Freuden und Mühe  Entwürfe
ausgeführte Arbeiten   alles was jetzo noch meine unsterbliche Seele so
bewegt anspannt und ihr Gefühl von Kraft gibt neue Bilder und Sachen zu
denken und zu schaffen  alles dies war in dem Besitzer dieses Hauses der den
ersten Stein hier legte  und sich des Segens seines spätesten Enkels freute
dass er ihm die stattliche Burg gegen Feinde in der herrlichen Gegend erbaute
 Jetzt lebt entweder der Enkel nicht mehr der ihn segnen sollte oder er
blickt nur ungefehr im Vorbeifahren wenn er nach seinem neumodischen Pavillon
eilt mit Verachtung auf die Überreste des Wohnsitzes seiner Ahnen  Dennoch
redlicher Stammvater warst du glücklich Du starbst mit der Überzeugung dass
deine Entwürfe und Hoffnungen fest wie die Grundpfeiler deines Hauses wären 
Und ich Ach meine Plane von Glück und Vergnügen seh ich vor mir zerrissen und
zerstreut    All dieses hatte mich auf einer Seite aufgehalten  Ich ging
nun herum einen Fußpfad zu suchen denn ich wollte zu den Überresten hinauf
Ich sah an einer noch stehenden Wand gegen Mittag große und kleine Bäume
Zwischen abgefallenen Mauerstücken rieselt eine Quelle reinen Bergwassers herab
dessen kleiner Weg mit frischen Kräutern bewachsen ist  Nach einer kurzen
Wendung zwischen Ulmen nahm ich mein Fernglas  um nochmals recht hinauf zu
sehen und wo möglich Spuren eines Steigs zu entdecken Da erblickte ich zwei
Ziegen die nahe an den Ruinen weideten und nicht weit davon zwei Kinder von
sechs bis sieben Jahren auf einem Stein sitzen von welchen das Eine strickte
und das Andre spann  Dieser mir bisher unwirtbare verlassne Fels zeigte nun auf
einmal dass er Tiere nährte und der frühen Arbeitsamkeit dieser Kinder einen
Sitz anbot Meine Seele wurde mehr bewegt als wenn ich eine Erscheinung des
Genius der alten Schlossherren gehabt hätte  Endlich erkletterte ich einen
Teil und kam auf einem guten Pfad auf die Fläche des Bergs Die Kinder hatten
mich kommen sehen und liefen mir zu 
    »Nein« sagt das ältere so ein Knab ist »es ist nicht der gute Herr«  
    »Aber« sprach ich gleich »ich bin seine Base«  und gab Jedem ein Stück
Geld ging etwas vorwärts an dem Stück Mauer bis an die Öffnung welche die
eingefallenen Stücke machen und sah den Platz der ehmals den Schlosshof
vorstellte Eine Seite ist ganz offen die andre mit Schutt bedeckt die dritte
und vierte haben hohe dicke Mauern in deren Schlusswinkel ein Strohdach
festgemacht ist das eine halbe Hütte decket Ich fragte die Kinder wo sie her
wären  »Von hier«  sagte der Knabe und wies auf die Hütte  Ich sah mich
außer dem Hof um  da ist kaum ein Paar Elen breit ebner Boden Aber auf den
zwei Seiten ist er mit Korn besäet und da wo ich von unten Bäume gesehen sind
Waldstämme Aber auch zugleich ist mit unsäglicher Mühe Schutt abgeworfen  Der
Platz der ehedem eine Halle des Schlosses gewesen sein mag eben gemacht an
dem Ende gegen den Abhang des Bergs eine Reihe Steine als Brustmauer gelegt
Erde auf das Übrige getragen und Obstbäume und Gemüse darauf gepflanzet die
alle reich und gut stehen 
    Der Ort wozu dieser Burgplatz gehört ist eine starke Viertelstunde davon
und sonst nirgend kein Nachbar umbet  Die Bildung der Kinder ist sanft und
schön aber von der Sonne verbrannt voll Spuren dass sie gutartigen Eltern
gehören Grobe aber reinlich leinene Wämschen und Hemden sind ihre Kleidung 
ohne Strümpfe und Schuhe nur die Füße mit alten Lappen umwickelt  Ich
fragte wer ihr Vater wäre und wo er sei
    »Er ist« sagte der Knabe der dabei immer fort strickte »ein armer
Gärtner und meine Mutter hat ihm heut geholfen Gemüs und Blumen hinunter
tragen zum Verkauf Dafür bringt sie Brod und Mehl zurück« 
    Das Kind redte einfach aber gut Mein Staunen und meine Bewegung nahm zu 
    »Wie viel Kinder seid ihr denn« 
    »Viere Eins schläft noch in der Hütte und das Kleinste hat die Mutter auf
der Trage mitgenommen denn es trinkt noch ihre Milch« 
    »Wem gehört dieses Korn hier«
    »Uns Mein Vater hat umgegraben und ich hab geholfen  Hier«  da nahm
er mich bei der Hand und wies mir mit der seinen ein mit kleinen Steinen rings
um gezeichnetes Stück mit Korn  »hier hab ich das Korn zu meinem Brodt selbst
gesäet  Es steht recht hübsch nicht wahr Gott wird mir es auch behüten«
    Er lächelte sein kleines Feldchen so zärtlich an sah mit so unschuldvollem
Blick gen Himmel als er Gott nannte dass mein Herz schmolz und Tränen
träufelten über seine Hand und sein Korn  »Ja mein Lieber gewiss wird Gott
deinen Fleiß segnen und du wirst eine gute Eindte haben«
    »O sagt er ich tu auch alles selbst schneiden und auslesen da soll mir
kein Körnchen verloren gehen«  Hiebei machte er mit Eifer eine sorgfältige
Miene und mit den Fingern die Bewegung des Auskörnens mit der unnachahmlichen
Wahrheit die aus dem Gefühl des Bedürfnisses und der Versicherung der Nahrung
entstund O wie rein sind die ersten Züge der Menschheit in diesen einsam
erzogenen Kindern  Aber nun fing das Mädchen auch an zu sprechen 
    »Ich hab auch gesäet  mit der Mutter  Dort wies sie mit dem Finger
wächst unser Flachs«  In der Tat, abwärts umher ist ein Streif von etwa
drei Ellen in der Höhe an zwei Seiten mit Flachs und Haber besäet 
    »Von dem Haber und Leinsamen bekommen im Winter die Vögel«  sprach der
Knabe  aber wir fangen auch weiche und »die Mutter kochts im Gemüs  Keine
Jungen aber nehmen wir nicht« 
    »Ja fiel das Mädchen ein weil die armen Tiere ihre kleinen Vögelchen
lieben wie die Mutter uns liebt so wär es grausam sie weg zu nehmen und die
Alten in Kummer zu setzen« 
    Der Knabe sprach lebhaft »Aber wenn sie groß und frei herum fliegen kann
der Mensch die Gewalt brauchen die ihm Gott über die Tiere gab Das sagt der
Vater und da stellen wir Schlingen auf« 
    Sie sehen an dem Ton wie freudig der Knabe von diesem kleinen Anteil der
Obergewalt redte  Menschen Herz wie ähnlich bist du dir im Großen und
Geringen 
    »Meine Kinder habt ihr eure Eltern nicht recht lieb« 
    »O ja von Herzen  sie sind so gut  so gut  Das« sagte der Junge und
zeigte im Fortgehen auf die große offene Ecke des Hofs die mit schönen Klee
bewachsen ist »das gehört unsern Ziegen daran haben wir aber auch alle gesät
 Weil wir alle von der Ziegenmilch essen müssen wir für sie sorgen helfen«
    Das sind keine gemeine Menschen dachte ich  O Vorsicht du hast sie hier
geschützt und segnetest den Samen den ihre Hände der Erde und ihre Lehren die
sie ihren Kindern gaben Wenn ihr Herz sich zu dem meinigen neigt wenn ich
ihrer Tugend und Einfalt nicht schädlich bin so baue ich mir zwei Zimmer
zwischen den noch stehenden Mauern des Schlossgangs und wohne einige Zeit hier 
Dies Rosalia sagte mein Herz mit mehr Gefühl von Wahrheit und Begierde als
jemals in mir war 
    Ich fragte den Knaben ob er das Geld kenne so ich ihm gegeben
    »Nein  aber er hätte solches schon gesehen der gute Herr habe seinem
Vater vorigen Sommer wie er weggangen vier solche Stücke gegeben« 
    »Wie ist denn der gute Herr zu euch gekommen«
    »Ey den Weg wie Sie  Aber er ist geschwinder berauf gestiegen und hat
sich nicht so an den Steinen gehalten wie Sie es machten« 
    Indem kam ein vierjähriges Kind aus der Hütte und rief »Lotte Lotte mein
Brodt«  Lotte suchte gleich in ihrem Sack und zog ein Stückchen heraus sah es
traurig an und dann ihren Bruder  »Karl wir haben zuviel davon gegessen« 
Ich war froh aus der Dorfschenke ein großes Stück Brodt mit mir genommen zu
haben  und schnitt gleich drei Stücke davon die ich den Kindern gab Die zwei
Eltern liefen dem Jüngern zu das über meinen Anblick gestutzt hatte und nicht
mehr rief  Ich blieb auf meinem Platz und sah dass die zwei Großen dem
Kleinen freundlich zuredten das Brodt gaben auf mich wiesen und ihm auch das
Geld zeigten Es verlangte ein Stück Der Knabe gab ihm seines und nahms bei der
Hand um es zu mir zu führen  »Da Nanny die Frau hat uns Brodt und Geld
gegeben« 
    Ein holdseliges Mädchen ist diese Nanny fein gebildet und noch ganz weiß
Ich gab dem Knaben ein ander Stück Geld und teilte noch etwas Brodt unter sie
Mein Messer aus einem schönen Futteral gezogen ergötzte sie sehr Ich setzte
mich auf einen Stein nahm die Nanny auf meinen Schoss wies Ihnen meine Uhr und
ließ sie schlagen Neues Staunen für sie  Ich hielt sie jedem an das Ohr 
und da sie die Begierde zeigten sie von innen zu sehen machte ich sie auf und
erzählte alles mit kurzer deutlicher Auslegung Als ich sagte ich könnte da
sehen wie lange die Sonne bei uns bleibe und wie bald sie wieder komme fiel
der Knab ein »O das weiß ich auch Jetzt scheint sie des Morgens um vier Uhr
in unser Fenster da steht der Vater auf betet und dann fort zur Arbeit  Zu
Mittag scheint sie bei dem alten Turm herein und da essen wir  und Abends
geht sie dort bei dem Berg unter zu den andern Lemen da stehen die auf und wir
legen uns schlafen«  Alle dies wurde mit der wahresten kindlichen Gebärde
erzählt wobei er immer den Ortzeigte von dem er sprach 
    Lotte sah rund am Himmel umher und zog ihren Bruder am Ermel »Sieh doch
Karl hellt Nacht wird der Himmel gewiss schön  Die Frau soll da bleiben 
Alle die Wolken« sie wies mit ihren Händen danach »werden lauter Gold  und
rot und blau wie des Vaters Blumen« 
    »Ja« sagte der Knabe munter und treuherzig die Hand auf meinen Arm legend
 »bleiben Sie da  Im Tal und im Dorf sehen Sie den schönen Himmel wo Gott
wohnt nicht so wie wir« 
    »O wir sind auch viel näher bei Gott« sprach Lotte und faltete dabei ihre
Hände mit einer unnachahmlichen Wendung ihres Kopfs und der Augen gen Himmel 
Ihr Blick und der Ausdruck ihres ganzen Gesichts war reine kindliche Freude
über den nahen Wohnsitz eines guten Vaters  Ich umfasste sie mein Auge war
auch gen Himmel erhoben mit dem Gedanken »O Gott nirgends kanst du bessere
Geschöpfe haben als diese sind«  Ich fuhr zu ihnen fort »Liebe Kinder ich
will bei euch bleiben wolt ihr mich haben«
    »Ja ja sagten die Eltern« und legten vertraulich ihre Hände auf meinen Arm
»Aber« der Knabe sah gegen die Hütte »es ist kein Platz in der Hütte« 
    »Ey bei dir sagte Lotte ist viel«  »Seid ruhig ich will euren Vater und
Mutter bitten dass sie mir Platz geben«  das war ihnen Recht Sie
betrachteten meinen Stock meinen Hut wunderten sich über meine langen Haare
die ich nur zusammen gebunden hatte Ich zeigte ihnen mein Fernglas  und hieß
sie durchsehen  Lotte sah gar nichts sagte sie  und der Knabe gabs mir
wieder drehte seinen Kepf munter herum und lachend sprach er »Ich seh so viel
mehr durch das Rohr da sah ich nur ein klein Stückchen« und maß es mir an
seiner Hand vor  »Aber ohne dies Glas hätte ich euch nicht gesehen sprach
ich  und wäre nicht zu euch kommen«  Darüber betrachteten sie mein Fernglas
und berührten es mit der Spitze ihrer Finger mit einem Ausdruck von
Freundschaft und vermischtem Zweifel  Im nämlichen Augenblick hörten sie
pfeifen und Karl  Lotte rufen 
    »O der Vater und die Mutter« riefen sie und liefen davon Nanny schrie 
und ich trug sie so schnell ich konnte den Andern nach Da ich aber die Eltern
erblickte die ihre Trage niedergesetzt hatten und mit staunender Miene der
Erzählung ihrer zwei Kinder zuhörten die beide zugleich sprachen und das Geld
dann auch mich zeigten so ging ich etwas langsamer Die Nanny aber wollte zu
ihrer Mutter Ich ließ sie also hinlaufen  Die Mutter hatte mich ängstlich
betrachtet so lange ich ihr Kind auf den Armen hatte Sie fasste es herzlich in
die ihrigen und Nanny wie ich bemerkte erzählte ihr auch etwas  Mann und
Frau sprachen da mit einander und ich näherte mich ihnen Beide untersuchten
meinen Gang und Person so wie ich auf ihre Gestalt und Physiognomie aufmerksam
war 
    Der Mann hat etwas über 30 Jahre ist groß wohlgewachsen aber sehr hager
eine männliche und redliche Bildung schöne braune Augen und Haare viel
Entschlossenes in seiner Stellung 
    Die Frau mitler Größe  schlang eine sanfte leidende Mine süße blaue
Augen aber ihre feine Haut ist von der Sonne verbrannt  und sie ist auch wie
ihr Mann durch Kummer und Arbeit schmächtig geworden Freude und Sorge druckte
sich in ihrem Gesicht aus als ich so nah kam dass ich sie anreden konnte  Aber
die Gruppe rührte mich zu Tränen  Die Frau hielt ihre Nanny an einer Hand und
breitete zugleich ganz instinktmässig den einen Arm über den kleinen Korb in
welchem ihr Säugling schlief  Der Mann befestigte geschwind den einen Fuß der
Trage an dem abhängenden Boden mit einem Stein
    Lotte kam zu mir  »Ich habe mein Geld der Mutter gegeben  und ich meins
dem Vater« sagte der Knabe 
    »Ihr seid auch gute Kinder  und habt gute Eltern«  sagte ich freundlich
und bewegt Indem ging der Mann um die Trage herum nahm seinen Hut ab und
machte mir mit Anstand und einem Ausdruck von Zuversicht auf seine
Rechtschaffenheit eine Verbeugung sah mich fest an und sprach »Ja meine
Frau unsere Kinder haben uns das Geld gegeben so sie ihnen schenkten Wir
danken Ihnen dafür Aber ich bekenne wir sind doch über Ihren Besuch und Ihre
Güte unruhig Es kommt niemand zu uns besonders keine Frauen« 
    »Ist Herr von Pindorf aus W niemals hier gewesen« fragte ich indem ich
wünschte und hoffte dass er der gute Herr sein möchte von dem mir die Kinder
gesagt hatten  Ihre Gesichter erheiterten sich bei seinem Namen  Er ists 
O meine Freundin Er ists 
    »Ja meine Frau« antwortete der Mann »dieser ist voriges Jahr viermal bei
uns gewesen und hat uns Gutes getan Aber er wollte niemand von unserm
Aufenthalt sagen« 
    »Er hat es mir aber sehr weit von hier gesagt denn gewiss dachte er nicht
dass ich jemals hieher kommen würde  Mir ist leid dass er sich nicht in W
befindet Aber ich will ihn erwarten« 
    Sie sahen sich und mich an Der Mann fragte mit bescheidenem Ton wer ich
wäre »Eine Engländerinn reich aber redlich bei meinem Golde wie ihr bei der
Armut«  Beide schlugen die Augen zur Erde mit einem übergehenden Strahl von
Hoffen und Nachdenken
    Meine größte Angelegenheit war nun ihnen lieb zu werden so wie sie mir
wert waren   Der Mann sagte »Es ist wahr meine Frau wir sind arm aber
gewiss ehrlich und treu«  Er blickte seine Frau an die ihm die Hand reichte
und in Tränen zerfloss  Dieses bedrängte meine Seele und in der lebhaften
Bewegung erhob ich meine Hände gen Himmel und rief aus »O Gott du kennest mein
Herz schenke mir das Vertrauen dieser Familie  Meine Freunde« indem ich mich
gegen sie wandte und meine Armen gegen sie streckte »öffnet mir eure Herzen
Gewiss ach gewiss wird es Euch niemals gereuen«
    Nun kamen dem Mann Tränen ins Auge Er umfasste seine Frau aber etwas
zitternd »Lotte liebe Lotte wir trauten immer auf Gott  Vielleicht«  Er
hielt inne konnte nicht mehr sprechen  Sie ließ ihre Kinder los fasste beide
Armen ihres Mannes und ihr Kopf sank auf seine Brust Die guten Kinder wussten
nicht was das alles bedeutete wurden bewegt und hielten sich zusammen
    Ich umfasste alle Dreie  »Liebe Kinder bei eurer Unschuld  bei dem Weh
Eurer Eltern gelobe ich Euch allen meine Liebe und Hilfe« 
    Ich küsste sie und ging zu den Eltern die mit ihren weinenden Augen gen
Himmel blickten nahm von jedem eine Hand »Liebe Redliche nehmt mich zu Eurer
Freundin ich werde Gott für Eure Bekanntschaft  und Eure Liebe danken«
    Sie seufzten Beide und sagten zugleich »O Gott«  »segne uns« fetzte ich
hinzu  Darauf schwiegen wir alle einige Augenblicke Dann fing ich an »Wir
wollen vollends hinauf zu der Wohnung da will ich Euch sagen wer ich bin
woher ich komme und was ich tun kann und tun will  Wie heißt Er mein
Freund«
    »Wolling meine Frau« 
    Nun Frau Wolling führe Sie Ihre Nanny hinauf ich helfe die Trage
nachbringen  Das wollte sie nicht Da ich aber darauf bestand als der ersten
Probe ihres Vertrauens so nahm sie den Korb mit ihrem Säugling auf die Armen 
O wie wahr ist dieses Misstrauen auf meine Geschicklichkeit im Tragen in dem
Herzen einer so treuen Mutter  Ich nahm hingegen die Nanny »Komm setze du
dich dahin dein Vater und ich tragen dich spazieren«
    Die Kleine saß auch ganz herzhaft da Oben luden wir ab Rührend war es mir
wie Karl und Lottchen jedes einen Laib Brodt pakten und ihn im Tragen an ihr
Herz druckten wie ich einen Freund beim Wiedersehen  Nanny nahm ein
Schüsselchen mit Butter so die Frau Amtmännin ihr schickte Ich trug einen
großen Topf Mehl und Wolling die Strohbüschel die sie recht für mein erstes
Nachtlager gebracht hatten Die guten Leute sahen sich da wieder mit
Verlegenheit an Endlich sagte die Frau »Es ist bald Essenszeit was wollen Sie
machen«  Der Mann schlug Feuer und zündete auf dem kleinen Heerd Reisig an 
»Ey Frau Wolling sagte ich ich esse mit Ihr  und zahle meine Kost« 
    »Ach die ist schon bezahlt«  und sie wies mir das Geld ihrer Lotte 
»Wir haben nur Haberbrei« 
    »Das ist vortrefflich den esse ich gern«  Aber dann hatte ich was zu
überwinden denn sie goss Ziegenmilch in den Haberbrei als was sehr köstliches
und ich konnte niemals den Geschmack der Ziegenmilch ertragen Solte ich aber
den guten Leuten besonders den Kindern Eckel vor dem zeigen was in ihrem
Elende Labsal und Wohltat für sie war Nein diesen Übermut meines Geldes
welches mir die Wahl der Speisen und Getränke gibt diesen Übermut erlaubte
mir meine Seele nicht Ich bezwang mich um dieser guten Herzen willen ich aß
mit und sie gönnten und segneten mir jeden Bissen  Endlich sagte der Mann
sie wollten Abends eine von ihren Hühnern für mich schlachten Der Knabe und das
Mädchen sahen sich an fassten sich bei der Hand und gingen still aber mit
weinenden Augen fort Ich erriet gleich dass es die Trauer um das Huhn wäre
und sagte es den Eltern »Das ist wahr sprach die Frau denn unsere Kinder
lieben die Hühner und Ziegen wie ihre Gespielen« 
    »Es soll ihnen auch nichts geschehen« erwienerte ich  und suchte die
Kinder auf welche ich bei zwei Hühnern fand mit denen sie auf der Erde saßen
und ganz traurig sie streichelten Mein Anblick war den guten Geschöpfen
unangenehm Sie senkten Beide die Köpfe  und jagten eilig die Hühner weg
»Liebes Lottchen Karl glaubt Ihr denn dass ich leiden werde dass man um
meinetwillen Euren guten Hühnern das Leben nehme O meine Kinder Ihr wisst
nicht wie Ihr und alles was Euch gehört mir so lieb ist  Ihr sollt nichts
verlieren gar nichts« 
    Das Mädchen fasste meinen Rock  und weinte mit ihrem Köpfchen in die Ecke
die es hielt Der Knabe lächelte mich an und Beide liefen munter mit mir nach
der Hütte wo sie ihren Hühnern was besonders zu essen holten um ihnen selbst
das Fest ihrer Erhaltung zu geben Wolling und feine Frau sahen mich mit stillem
Staunen an 
    »Ihr wundert Euch lieben Freunde eine Frau die reich aussieht so
vertraut bei Euch zu sehen  Habt nur keinen Argwohn  und glaubt dass es bei
den wohlgesinnten Reichen wie bei den rechtschaffenen Armen geht  Diese
Leztern sehen sich auf alle ihrem Herzen und Verstand angemessne Art nach
Mitteln um wie sie sich erhalten können und der tugendhafte Reiche sucht
Gegenstände einer wohlangewandten Freigebigkeit zu finden  Ihr zwei redliche
Seelen habt Euch von allen andern Armen abgesondert und lebt hier von der sauren
Arbeit eurer Hände mit euren Kindern Warum soll es nicht einen Reichen geben
der Euer Herz zu lieben weiß und der just auch ein abgesondertes Leben wo er
nach seinem Sinn handeln kann allen großen Städten und Gesellschaften
vorzieht«
    »Ach meine Frau wie ist es möglich  dieses so gleich zu denken« sagte
Frau Wolling
    »Wie bedaure ich uns Reiche wenn es den tugendhaften Armen so schwer fällt
was besonders Gutes von uns zu glauben«
    »O von Ihnen glauben wir alles« sprach der Mann »Sie sind wie einige
fromme Damen in Frankreich die gehen auch selbst in die Strohhütten der Armen
und teilen da Almosen aus«
    »Ich hoffe hier mehr als diese Freude zu genießen Herr Wolling  Aber
ich habe Ihn oft unruhig umher blicken sehen Nicht wahr Er hat noch Arbeit« 
Er bejaete es mit seiner Mine  »Ich will zusehen« sagte ich »denn ich will
bis Abend hier bleiben« 
    Der Mann ging fort und ich besah die arme Hütte Sie ist wie ich Ihnen
schon sagte gegen die nördliche Seite an die übrig stehende Wand des alten
Schlosses mit einem halben Dach angebaut Auf der Abendseite macht auch ein noch
übriges Stück der Mauer des alten Gangs die Seitenmauer der Hütte aus Gegen
Morgen und Mittag ist sie mit einer Leimwand verwahrt Der Eingang und die
Fenster sind auf der Morgenseite Unten wo die Hütte wegen des nötigen Abhangs
des Dachs niedrig fällt ist der Stall für die zwei Ziegen nebst einem Stroh
und Holzbehälter Der große Teil ist durch zwei aus Weiden geflochtene und
mit Moos ausgestopfte Scheidewände zu zwei Kammern gemacht wo in einer die
Schlafstäre der Eltern auch mit einer Weidenflechte abgesondert ist wie es die
Schlafstellen der Kinder in der zweiten Kammer sind In dieser sind auch ein
Paar Behälter über den Betten mit Weidentüren angebracht wo sie das Wenige an
Kleidern und Weißzeug aufheben das sie als einen Schatz für ihre Kinder
ansehen Die beiden Ecken der Wohnstube sind auch mit Weiden verschlossen und zu
Schränken gemacht wo sie ihren Essvorrat Saamen Flachs und nötige
Kleidungsstücke samt Büchern und Handwerkszeug verwahren Die kleinen Stühle
ohne Lehnen sind auch geflochten und alles hat Wolling und seine Frau gemacht
Sie haben doch Bettücher dünne Pfühle von Pferdehaaren und für den Winter
Federdecken 
    Der Heerd ist ein großer Stein der auf einigen kleinen ruht und der Kamin
das einzige neue Mauerwerk so da ist Alles sehr reinlich und nett in Ordnung
gestellt Eltern und Kinder so säuberlich arm gekleidet und angezogen Sanfte
Stimmen nur zeigen Wollings Züge unterdruckten Gram und die von seiner Frau
wenn sie mit ihren Kindern spricht das Lächeln des Schmerzes an  Ich ging in
den Garten während die Frau ihren Säugling zu Bett brachte Es sind schöne
Obstbäume Gemüss und Blumen da groß wohl gepflegt besonders viele Bäumchen in
Töpfen die er dann in die Stadt zu verkaufen trägt und damit die nötigen
Bedürfnisse sich schafft  Ich besah alle mühsame und mit so vielem Geschmack
und Zierlichkeit gemachte Anpflanzungen des ehrlichen Manns mit vieler Rührung
An der äußersten Ecke des Gartens bemerkte ich einen kleinen Grabhügel der von
weißen und roten Rosen beschattet in der Mitte einen Lilienstock hatte  Ich
sah etwas tiefsinnig und fest hin und blickte dann auf Wolling der mit
gesenktem Kopf auch hingesehen und eine Träne im Auge hatte »Ach hier liegt
meiner Lotte erstes Kind  das tot auf die Welt kam Ich musste es dahin
begraben denn sie wollte seine Leiche nicht von sich entfernt wissen« 
    Wir sahen uns beide weinend an  Ich druckte seine Hand  »Lieber Herr
Wolling Er und seine Frau  sind keine gemeine Gärtnersleute« 
    »Nein sagte er seufzend wir sind nichts  Aber eh ich Ihnen von uns
sage möchte ich wissen wer Sie sind Es liegt uns daran Sie zu kennen 
denn Sie sind glücklich warum wollen Sie in dieser einsamen Gegend bei uns
bleiben« 
    »Der Verlust eines geliebten Freundes hat mich etwas melancholisch gemacht
Die Engländer sind es ohnehin leichter und stärker als Andre Er weiß es  Er
seine Frau und Kinder gefallen mir Ich bin reich und habe keine nahe und keine
arme Verwandte ich will meine Traurigkeit durch Wohltun an Seinen Kindern
zerstreuen« 
 
                          Sieben und sechzigster Brief
                               Von eben derselben
Nun meine Freundin ich habe hier zwei Nächte auf Stroh bei meinen Wollingen
geschlaffen und das gut recht gut Wolling trug ein Billet zu meinen zwei
Leuten in Kleebrunn da bekam ich Schlafzeug und Esswaaren so viel ich brauchte
 und gestern Nachmittag musste Wolling einen Esel kaufen der ihm sein Gemüs und
andre Gartenwaare zum Verkauf tragen soll bis ich etwas mehr für ihn getan
haben werde
    Ich sitze hier auf einer Steinbank die wir gestern am Ende des alten
Schlossgangs entdekten da ich dies kleine Stück abräumen half um die schöne
Aussicht gegen Morgen zu genießen Das abgebrochne Teil des Hauptsteins oder
Kerns um den sich die große Schneckenstiege herumwand dient mir zum Tisch 
Vielleicht saßen hier vor zweihundert Jahren oft flehende Untertanen die eine
Gnade suchten und zitterten vor dem Fußtritt den sie in dem hohen düstern
Gewölbe wiederhallen hörten und vielleicht flehten und harrten sie vergebens
Ich betete heut auch hier auf dem nämlichen Platz aber unter dem offenen
freien Gewölbe des Himmels Die Aussicht auf die ganz herrliche Gegend umher
weist mir Fusstapfen der Allmacht und Güte Gottes und diese geben mir die
Zuversicht erhört zu werden  Heut früh um fünf Uhr schlich ich einsam hieher
wo ich den noch unangebauten Teil der Ebne des Bergs  und gegen die
Mittagsseite das weite niedre Land vor mir habe  Ich sah die Sonne aufgeben
nicht so prächtig an Farben nicht so staunend wie sie durch die Dünste des
Meeres sich erhebt  Aber sie erleuchtet hier eine wohltätigere Fläche denn
dies Stück fruchtbarer friedsamer Erde zeigt mir vieler hundert Menschen
Nahrungsfreude und Ruheplätze Neu unbeschreiblich war meine Bewegung als ich
da ganz allein unter den zerstörten Mauern betete ganz anders als in den
seligsten Andachtsstunden meiner verschlossenen Kammer  Niemals hatte mir die
Sonne so schön geschienen als da ich hier auf meinen Knien ihren und meinen
Schöpfer verehrte Es war inniges Gefühl und die Bitte das Vorhaben meines
Herzens für diese vortrefflichen Leute zu segnen und es mich ausführen zu
lassen
    Ich hatte gestern lange geschlafen daran mochte mein vieles Gehen und auch
meine große Gemütsbewegung Urfach gewesen sein  Ich fand bei meinem Erwachen
niemand mehr in der Hütte Ein Topf voll Mehlbrei kochte langsam am Feuer Es
war Kühmilch die der gute Mann schon sehr früh musste geholt haben  Ich zog
mich eilends an ging aus der Hütte und horchte suchte an der Seite wo ich die
Kinder zuerst mit den Ziegen gesehen hatte aber da war niemand Dann ging ich
zwischen der Mauer und dem Haberstück hin und als ich die Ecke des Kornstreifes
übersah erblickte ich sie alle kniend und betend Ich wandte mich zurück um
sie nicht zu stören und doch einen Platz zu finden wo ich etwas hören konnte
 Ich musste mich über einen Haufen Schutt beugen der am Ende mit Kräutern
bewachsen ist durch die ich sie beobachtete  Sie waren alle um einen Stein
herum der von einer an dem Turm hinwachsenden Geissblatstaude beschattet wird
 Die Frau lag mit ihrem Kopf auf dem Stein ihr Säugling in seinem Bettchen
neben ihr Nanny hielt eine Ecke der Schürze ihrer Mutter und die zwei älteren
Kinder sahen bald den Vater bald die Mutter wehmütig an Wolling trocknete
seine Augen faltete seine Hände indem er sich gegen die Kinder wandte 
    »O Kinder werdet gut und fromm wie eure Mutter es ist Ihr wisst dass auf
diesem Stein eure selige Großmutter saß als sie uns besuchte  Hier gab sie
eurer Mutter und mir ihren Segen als sie das Letztemal vor ihrem Tode bei uns
war Wir knieten vor ihr wie wir jetzt knien und du Karl lagest neben deiner
Mutter wie dein Bruder jetzt liegt Sie küsste und segnete dich besonders und
Lottchen sie segnete alle Kinder voraus die ich noch bekommen sollte  Ihr
wisst eure Mutter geht auch an Regentagen und mitten im Winter hieher und betet
weil sie den Stein ihren Altar heißt und gewiss er ist dazu geheiligt und Gott
sah alle Tage ihr kindliches Vertrauen auf seine Güte  Hier bat sie um Glück
für euch  und wir haben Urfach es zu hoffen  Denn warum sollte Gott die
reiche fremde Frau so weit hergeführt haben Warum gab er ihr das gute edle
Herz die Tugend und Arbeitsamkeit der Armen zu lieben wenn er nicht sie
ausersehen hätte uns zu helfen  Ach wir hätten für uns genug  aber für
euch ihr lieben Armen für euch jammerten wir  liebt Gott und eure Mutter
die so für euch betet  und für den Hülfsengel dankt den Gott uns schickte« 
    Die lieben Geschöpfe weinten herzlich wie ich  Der Knabe gab seinem Vater
bei den letzten Worten hastig die Hand  »Ich hab sie zuerst gesehen wie sie
den Berg heraufstieg  Da ist gewiss der Seegen der Großmutter daran Ursache
dass ich den Hülfsengel meiner Eltern zuerst sehen sollte« 
    »Ey sagte Lottchen weinend ich hab sie auch gleich gesehen  Du gehst
auch immer so weit hinaus auf die äußern Steine da kannst du weiter sehen 
Aber ich fürchte mich vor den Fallen« 
    Die Frau richtete sich auf küsste eine Hand ihres Mannes  »O Wolling
alles Verdienst gibst du mir  du Guter was habe ich dir für Mühe und Sorgen
gekostet  Gott sieht hier sie deutete auf ihre Brust was du mir bist  und
wird dich belohnen  Kommt meine Kinder kommt ich will euch küssen eh ich
aufstehe Ich hoffe Gott hat mein Gebet erhöret euch zu Liebe«
    »Nein Mutter« sagte der Knabe »du musst dich auf den Stein setzen wie
deine Mutter Dann knien wir zu dir  und du segnest uns wie sie dich segnete«

    Der Mann winkte ihr Sie setzte sich konnte nichts reden aber das
Umschlingen ihrer Arme um ihre Kinder ihre Blicke gen Himmel ihre Tränen das
hohe Heben ihrer Brust  Ach das sah Gott  das segnete er  und alle Heilige
um ihn 
    Der Mann stand sprachlos da hob nun endlich seine Hände auf »Ach Gott du
 du allein« 
    Nach einiger Stille sagte die Frau »Nun kommt unser guter Engel muss
erwacht sein«  Sie küsste den Stein nahm etwas vom Geisblat so ihn berührte
und stekte es in ihren Busen 
    Kindliche Liebe dachte ich wie heilig bist du Ich ging zurück zweimal
fest zu dem Besten dieser Familie entschlossen  Sagen Sie Rosalia wären Sie
es nicht auch an meiner Stelle  Sie können denken wie zärtlich und gerührt ich
Allen den guten Morgen bot und sie fragten mich ängstlich ob ich wohl
geschlafen hätte Wir frühstückten froh unsern Brei  Der Knabe ging dann für
die Ziegen zu sorgen und Lotte fütterte die Hühner
    Ich fing an   »Herr Wolling ich muss Ihn noch einige Augenblicke von
seiner Arbeit abhalten und fragen ob Er nicht in eine andre Gegend ziehen
möchte wo ich Ihm ein Stück Land und ein Haus samt aller Zubehörde schaffen
will so dass Er mit guter Anordnung des Baues seines Guts seinen Kindern was
erwerben könnte   Denn ich denke Er wird immer gern auf dem Lande bleiben« 

    Ich hielt da inne und blickte freundlich sie an Aber da beide unruhig
schienen fuhr ich fort »Vielleicht da Herr Wolling ein so guter Gärtner ist
wäre er lieber in einer Stadt und besorgte dort seine Kunst Sage Er mirs ich
will auch da herzlich für sie alle sorgen doch wünsche ich dass Er die Stadt
wählen möge wo Herr von Pindorf wohnt«
    Rosalia warum wünschte ich das
    Frau Wolling stund nach einigen Augenblicken auf fiel ihren Mann um den
Hals »O Wolling« rief sie unter einem Strom von Tränen  »ich bitte dich
führe mich nicht von hier weg Denke dass meine Mutter uns diesen Aufenthalt
schaffte da kein andrer Mensch sich unsrer annahm Hier sind all deine Kinder
geboren mein Erstes begraben Der Segen der Geist meiner Mutter umschwebt
diese Hütte  O ich kann nicht weg  Wolling mein Mann ich kann nicht« 
Sie sank hier zu seinen Füßen mit aufgehobnen Händen und Augen  Er sah nur
einen Augenblick mich dann seine Frau an die er mit Zärtlichkeit in seine Arme
fasste 
    »Nein Lotte wir wollen nicht weg meine Liebe wir wollen nicht  Diese
Erde die ich anbaute die mir dich und unsere Kinder ernähren half die uns vor
Grausamen schützte  die verlasse ich nicht« 
    »O Ihr rechtschaffnen Herzen« sagte ich »denen Muttertreue und die Erde
die sie segnete so wert ist  Nein Ihr sollt nicht weg  Hier sollt Ihr
meine Freundschaft und meine Liebe genießen und ich baue mir ein Haus bei
Euch«
    Mit Entzücken sahen beide mich an  und weder Wolling noch ich konnten seine
Frau hindern dass sie nicht auf die Erde fiel und uns beiden die Füße küsste 
Aber dieser starke Ausdruck von Empfindung erschöpfte ihre Kräfte denn sie
wurde ohnmächtig  Wir brachten sie auf das Bett  Da sie sich erholt hatte
hielt sie eine meiner Hände an ihr Gesicht und benetzte sie mit Küssen und
Tränen  Ich umarmete sie  »Liebe Kinder sagt mir wem gehört das große
Stück unangebautes Land auf der Anhöhe des Berges rechter Hand vor uns« 
    »Dem Herrn von Mahnberg der die ganze Herrschaft besitzt«  
    »So ist vielleicht hier ein Gut mit Erbpacht zu errichten und ich baue ein
hübsch Haus darzu woraus Frau Wolling alle Tage zu dem Altar ihres Herzens
gehen kann«  Sie hielten sich beide die Hände und weinten sanft  »Geht dass
nicht an Herr Wolling  O ja und das war lange mein Wunsch Ewiger Gott Sie
haben mein Herz erraten  Ach wenn Sie dies für uns für unsere Kinder tun
was sollen wir« 
    »Mich lieben meine Freunde und mir geschwind sagen bei wem wir den Kauf
machen können denn wir sind im Junio ich möchte dass wir zu Ende des Herbstes
im neuen Hause wären« 
    »Meine Frau der Beamte in Mahnheim ist ein guter wohldenkender Mann der
gewiss dazu hilft« 
    »Nun diesen Nachmittag wollen wir zu ihm und es ausmachen« 
    »Aber es wird kosten meine Frau« 
    »Und wenn ich viel Geld habe was tut das« 
    »So viel für Andere tun O Gott« »Ihr Lieben warum denkt ihr immer nur
dieses hört einmal was ich sage Wenn ein Reicher nicht geizig ist so sinnt er
auf Ausgaben des Vergnügens und der Ehre Beide kosten ihm Geld  Nun ist
Wohltun meine Freude lasst mich sie genießen und nehmt Anteil an meinem
Glück und meinen Gesinnungen wie ich an Eurer Hütte und Eurer Tugend meinen
Anteil nahm«
    »Herzlich gern  Aber lassen Sie mich einen Vorschlag tun« sagte Wolling
 mit dem Wesen des so ganz edelen ehrlichen Mannes dass sein Aussehen und sein
Blick mir heilig war 
    »Ich höre gern Vorschläge des vernünftigen Mannes« 
    »Kaufen Sie das Gut und nehmen mich zu Ihrem Erbbeständer an  Ach Gott
du siehst wie gern ich dieser Hand« er fasste meine Hände »den jährlichen
Pracht bezahlen würde  und wie getreu ich das Gut anbauen will« 
    »Ich will lieber Herr Wolling den dritten Ausweg nehmen und das Gut für
Seine Kinder kaufen  Er soll dabei der Verwalter meines Vermögens werden 
Bis wir aber unser Haus haben will ich mir zwischen den alten Mauern des
Schlossgangs ein Zimmer nur von lauter Holzwerk zurecht machen lassen« 
    Und das tu ich mein Kind und auf immer immer bleib ich hier  Helfen
Sie mein Schatz Sorge tragen dass mein Bedienter die Schule und seine Frau
die Nähstunden ordentlich für meine lieben Vorstadtkinder halten Sie sahen
mich dort anpflanzen helfen Sie hüten dass nicht zu früh Unkraut aufwachse Es
wird sich freilich wieder einmal ändern wie alles zu allen Zeiten tat aber es
kann doch nach dem jetzigen Gang der Menschen bis auf die Enkel unsrer
Zöglinge dauern Wie viel Ursach habe ich da den Staub meiner Eltern und des
edlen von Guden zu segnen dass sie durch Reichtum an Kenntnissen und Vermögen
mich in den Stand setzten zwei Menschengeschlechtern von dreizehn Familien
Gutes zu tun was für ein Glück was für ein unermessliches Glück ist das 
Aber hier Rosalia hier ist der Ruhepunkt meiner Seele Es geht mir wie dem
guten Lottchen ich fühle mich näher bei dem Himmel und sehe mich mit reiner
Menschheit  und reiner Tugend umgeben  Schicken Sie mein Klavier  und die
zwei kleinen Kasten nebst dem mit dem Bett und Weißzeug nach Kleebrunn in
die Schenke zum Adler Vielleicht lade ich einmal Sie selbst dahin und weise
Ihnen dann meinen Aufenthalt  Ich will aufrichtig sein meine Rosalia ich
wills und gestehen dass neben der treuen Neigung meines Herzens Leidenden
Hilfe zu geben dennoch der Gedanke dass ich hier die Stadt sehen kann wo
Pindorf wohnt dass ich Menschen Gutes tue die Er liebte  dass dieses auch
Anteil großen Anteil an dem Vorhaben hat dass ich hier meine Tage zubringen
will Es möge nun der Mittag meines Lebens noch mit Gewitterwolken überzogen
werden oder mein Abend mit sanfter Dämmerung  und einem Himmel wie Lottchen
ihn mahlte heran nahen  Hier will ich leben  und schlummern Meine Wollinge
machen mir gewiss einst ein eben so schönes Grab wie dem Erstling ihrer Liebe
 Adieu Rosalia Morgen das Übrige 
 
                           Acht und sechzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
                         Fortsetzung des zweiten Tags
Ich wollte des Nachmittags zum Beamten sagte ich als ich nachdem Frau Wolling
sich völlig erholt hatte mit beiden vor die Mauern hinaus ging und auf den
Platz wies wo ich ihr künftiges Haus hinzubauen dächte Sie sahen sich an es
war mir als wollten sie was mit einander darüber reden und ich ging seitwärts
von ihnen ab  Kurz darauf suchten sie mich Wolling fing an »Meine Frau wir
bewundern Ihre Güte immer mehr Aber wir können nicht zugeben dass Sie so viel
für uns tun sollen ohne uns zu kennen und wir bitten Sie dass Sie eh Sie den
Amtmann sprechen unser Herkommen und die Ursach unsrer Armut anhören  Sie
waren so großmütig nicht danach zu fragen sondern betrachteten nur unsere
Not«  »und beurteilte Eure Herzen« fiel ich ein »nach Euren Kindern Eurem
Fleiß und der wahren Menschenwürde mit der ihr mich aufnahmet« 
    Wolling bückte sich gegen mich gab seiner Frau die Hand und sagte ihr 
»Liebe Lotte du weist unsere Geschichte am besten zu erzählen  Ich will
indessen in unserm Gärtchen arbeiten« Sie nickte stillschweigend mit dem Kopf 
Er ging fort Sie sagte ihm nachsehend  »Guter Karl du bist alles wert 
Gütige Frau« indem sie mein Kleid mit beiden Händen fasste »ewig werd ich Sie
segnen dass Sie die harten Arbeiten des lieben Mannes erleichtern wollen« 
    »Komm Sie liebe Frau Wolling wir wollen uns auf den Stein setzen wo ich
Ihre Kinder zuerst sah und da wollen wir unsre Herzen einander öffnen Der
kleine Säugling geht mit in seinem Körbchen kann er neben uns schlafen«  Das
war ihr recht Sie holte ihr Bübchen und ging nachdenkend auf das was sie
sagen wollte mit mir auf den Platz  Er ist schön Über den Schutt der zwei
Türme des Schlosses und den unfruchtbaren Abhang dieser Seite sieht man das so
vortrefflich angebaute Tal  und dann die Stadt W deren Kirchen und
Torspitzen man erblickt Diesseits und jenseits des kleinen Flusses liegen fünf
Dörfer zerstreut in Wäldern von Obstbäumen und weidende Heerden waren um sie
herum
    Ich sah Frau Wolling etwas verlegen und nahm sie bei der Hand »Liebe Frau
Wolling wenn es ihr Mühe kostet wie ich natürlicher Weise denken muss dass die
Erinnerung an Unglück die gegenwärtigen Stunden noch verbittert so sage Sie mir
nichts  Die Vorsicht über uns sieht mein Vertrauen auf Ihre Redlichkeit und
das Ihre auf meine wahre Menschenliebe Das Vergangne wollen wir sein lassen 
und nur vom Künftigen reden« 
    Meine Freundin ich erinnerte mich Ihrer bescheidenen Begierde mein Leben
zu wissen und wie fein denkend Sie sich das Vergnügen versagen wollten  als
Sie mich etwas nachdenkend sahen Ich ahmte Ihrer Tugend nach  und Frau Wolling
belohnte durch ihr Vertrauen das meinige  Sie sagte mir ganz artig »Nein Sie
sollen uns kennen und wenn es nur wäre dass ich von meinem Karl redte«  Ich
küsste sie und schwieg 
    »Ich bin die dritte Tochter eines fürstlichen Rats aus N Mein Vater war
ein sehr vernünftiger aber etwas zu stolzer Mann Vielleicht mein Gott sage
ich dieses weil sein zu weit getriebner Ehrgeiz mich hieher brachte  Er war
bei dem Fürsten beliebt  und konnte also auf Ansehen und Glück rechnen Er
erzog uns alle sehr gut  Wir mussten alles Artige  alles Feine wissen Der
Hofmeister meiner zwei Brüder unterwies uns in der Sittenlehre und Geschichte
mit ihnen und in mehrerm als überhaupt andern Mädchen gelehret wird Meine
beiden älteren Schwestern waren schöne Verstandsvolle Frauenzimmer und wurden
sehr gut verheiratet Meine Mutter liebte den Ton der Pracht gar nicht den
mein Vater einführte aber sie durfte nichts dagegen sagen Sie war empfindsam
wie ich es bin und liebte mich sehr weil ichs schon ganz jung fühlte wenn sie
seufzte gern um sie war und mit sanfter Stimme mit ihr sprach um ihren Gram
den ich zwar nicht ganz kannte zu mindern Sie gewöhnte mich ihr im Hause
überall zu folgen und zur Hand zu gehen Als mein Vater das Gut nicht weit von
hier kaufte hatte sie große Freude um da still zu leben wie sie hoffte Ich
war sechzehn Jahr alt als wir den ersten Sommer da wohnten Mein Vater war sehr
heftig in seinem Zorn mit den Bedienten und wechselte oft welches meiner Mutter
höchst schmerzlich war weil sie teils das Unrecht sah so den Leuten
wiederfuhr teils auch den Schaden im Hauswesen  und ich gewöhnte mir an
alle unsre Dienstboten von dem Willen und Geschmack meines Vaters zu
unterrichten sie zu trösten aufzumuntern  und zu warnen  Wolling kann als
französischer Blumen und Obstgärtner in unser Haus Er war schön ordentlich
überaus gefällig meistens aber etwas traurig arbeitete aber mehr geschickter
und besser als alle vorherige Gärtner deren wir schon Viele gehabt hatten
Aber mein Karl hatte in seiner Jugend studiert und ein angebauter Geist hat immer
den doppelten Wert Er erhielt auch doppelte Achtung von meinem Vater Ich
wünschte dass er im Hause bliebe und sagte ihm daher einen Morgen als mein
Vater und Mutter auf einen Besuch in die Stadt gefahren waren alles worüber
mein Vater bei den andern Gärtnern gezankt was er von ihnen gern gehabt hätte
und wohin sein Verlangen im Garten gehe und bat Karln weil er doch dienen
müsse  und sich immer nach dem Willen einer Herrschaft zu richten verbunden
sei so solle er meiner vortrefflichen Mutter zu Liebe meinem Vater gefällig zu
sein suchen und versicherte ihn dass er dafür belohnt werden solle  Ich
bemerkte wohl dass er während ich redte lange auf die Erde dann mich ganz
gerührt ansah rot und dann auch blass wurde mir endlich stotternd dankte und
versprach gewiss alles mögliche zu tun meinem Rat zu folgen Ich möchte nur
die Güte haben ihm immer gleich von meines Vaters Ideen Nachricht zu geben Er
wolle auch keinen andern Menschen fragen als mich  und würde all sein
Vertrauen auf die edle Güte meines Herzens setzen Der Ausdruck edler Güte
schien mir von einem Gärtnergesellen sonderbar  und dass er mein Herz nannte
deuchte mich frei  Das hat er sich in Frankreich angewöhnt sagte ich in mir
wo dergleichen Leute sagen was sie wollen  Ich gedachte gegen meine Mutter
nichts davon Karl wurde bald der Liebling meines Vaters und unser Garten der
artigste in der ganzen Gegend Jedermann lobte ihn Karl war fein sagte
niemals das hab ich dem Herrn Rat vorgeschlagen  Nein der Herr Rat hat es
mir so befohlen Da kam der Ruhm meinem Vater zu Karl redte mit niemand als
meinem Vater und Mutter die er mit der größten Ehrerbietigkeit behandelte und
auf mich  oder nach mir mit vieler Aufmerksamkeit oder auch Traurigkeit
blickte lange nichts mit mir redete als nur im Vorbeigehen  Hab ich Ihren
Rat befolgt Sind Sie mit mir zufrieden oder wissen Sie nichts vom Herrn
Vater  Aber seine Stimme war so sanft seine Blicke so zärtlich und oft seine
schönen Augen in Tränen dabei Er hatte viel Anstand und lebte abgesondert von
unsern andern Leuten sprach mit keiner Magd scherzte mit keinem Bedienten
blieb immer zu Hause arbeitete mehr als zwei oder drei Andre Den Winter
gingen wir in die Stadt Karl blieb auf dem Gute  Meine Mutter schickte ihm
durch mich ein Geschenk er bat mich aber um einige Bücher auf den Winter 
Ich fragte welche er denn besonders wünschte  Was Sie Gutes im Deutschen und
Französischen haben denn ich bin in meiner ersten Jugend zum Studieren
angehalten worden  Ich versprach ihm welche in meinem Zimmer zu lassen weil
er doch die Aufsicht über das ganze Haus bekomme so könne er sie da finden 
    In Ihrem Zimmer Mademoisell Charlotte sagte er mit Zittern  O ich werde
den Fußboden küssen den Sie betreten haben  Nehmen Sie sich noch ferner des
armen Karls an und lassen Sie mich wissen was der Herr Vater gern hätte O
wie lang wird der Winter für mich sein  Ich gab keine Antwort hierauf und wir
reisten ab Karl war an dem Wagen als ich einstieg Er machte den Schlag zu und
ich sah dass er meinen Rock küsste und weinte Er war schön so edel dabei dass
ich sehr gerührt wurde 
    Den Winter über hatte er Plane gemacht und meinem Vater sehr geschickte
Nachrichten vom Garten und allem gegeben Gegen das Frühjahr ließ dieser ihn
kommen um den vorhabenden Bau und Anpflanzung zu verabreden Er war blass als
er ins Zimmer kam errötete aber bei dem ersten Blick auf mich  Ich hustete
um meine Röte zu verbergen Er blieb nur zwei Tage und nur einen Augenblick
sah ich ihn  Ich schrieb alles was ich wegen des Gartens wusste auf und gabs
ihm  Nur wenig besonders war darin ich hofte den Garten und den
rechtschaffnen Gärtner bald zu sehen  Er bat mich um Bücher ich gab ihm
wieder einige und er reiste ab nachdem er mir ein Heft Papier gegeben als
Auszüge von dem was er gelesen 
    Mit der schönsten Handschrift waren die besten moralischen Stellen Szenen
des Landlebens und etwas aus Tomsons Frühling ins Französische übersetzt
darin  Ich gesteh es war ein Schatz für mich den ich heilig hielt und immer
bei mir trug  ich sagte bei mir selbst Alle die Vornehmen die ich sehe
selbst der Mann meiner ältesten Schwester ist nicht so artig nicht so
geistreich nicht so moralisch als der Gärtner Karl   und mich verlangte nach
dem Lande
    Wir kamen hinaus O wie schön war der Garten der Hof alles durch des
wackeren Karls Fleiß und Geist  Mein Vater war außerordentlich zufrieden
lobte ihn und wollte ihn beschenken Aber mein edler lieber Mann sagte Herr
Rat wenn Sie so zufrieden mit mir sind dass Sie mir ein Kennzeichen Ihrer
besonderen Güte geben wollen so haben Sie die Gnade und erlauben dass ich den
Sommer über anstatt andrer Taglöhner die zwei Söhne Ihres abgeschaften
Gärtners nehmen darf die arme Familie geht sonst vor Elend zu Grunde 
    Mein Vater war heftig dawider aber mein älterer Bruder bat ihn auch und er
ließ es endlich um Karls willen geschehen doch mit dem Verbot dass der Vater
der jungen Leute sich niemals sehen lasse  Diese Wohltätigkeit von Karl
rührte mein Herz  noch mehr aber als ich bemerkte dass Karl um den Leuten
ihren ganzen Taglohn verdienen zu helfen immer die Arbeit an den Stücken voraus
tat wo er die jungen Leute anstellte weil sie noch zu jung und zu schwach
waren Diese doppelte Verwendung der Kräfte feines Lebens zum Besten der Armen
machte mir ihn doppelt wert Er hatte auch vor meinem und meiner Schwester
Zimmer die unten in den Garten gingen einen halben Laubengang von Geisblat
gezogen das ich sehr liebte und nur ein einziges mal davon gesagt hatte Alle
Abend hörten wir eine Flöte sanft melancholisch wie eine Nachtigal  und
niemand wusste wer es war  Mein Herz dachte gleich an Karln  denn es dünkte
mich immer mehr und mehr dass er alle Talente und guten Eigenschaften habe Ich
redte aber deswegen nicht mehr mit ihm als sonsten doch gefiel mirs wohl dass
er gar keine Bekanntschaft oder Umgang mit irgend einem Mädchen hatte  Nur zu
Ende des Sommers wurde ich etwas unruhig als ich die artige Schwester der zwei
jungen Leute deren Karl sich so angenommen hatte oft im Garten an einsamen
Gegenden erblickte und sie dann immer nach dem Herrn Karl fragen hörte sie auch
bei dem Glashause und des Gärtners Wohnung sah  ach ich merkte da mit vielem
Kummer über mich selbst und schämte mich wie lieb er mir war denn ich wurde
auf das Mädchen neidisch und bös und ging einige Tage gar nicht auf die
gewohnten Spatziergänge grüßte auch wider Willen Karln ganz trocken  die
Flöte war diese Abende um so viel trauriger und Karl den ich von ungefähr
begegnete sah mich so furchtsam so niedergeschlagen an und wiederholte seine
Frage mit weit mehr Schüchternheit 
    Haben Sie nichts zu erinnern  Sind Sie noch zufrieden  Mein stolzes
Nein Herr Karl es ist alles gut machte ihn bestürzt Er machte mir eine
Verbeugung und ich wandte mich aus dem Gange nachdem ich einen Zweig der
Kanille abgerissen und die Blätter davon auch einzeln weggeworfen hatte und
setzte mich in ein halbes Gitterhüttchen mit Geisblat bedeckt bei dem
Springbrunnen  Ich hörte was gehen Es war Karl der alle Blätter aufhob die
ich weggeworfen hatte sie küsste und in seinem Busen steckte Ich hörte ihm
deutlich sagen Ah mon Pere  mon Pere  sah ihn seine Hände ringen und mit
Seufzen gen Himmel sehen  Ich weinte hier über ihn  und mich aber einige
Augenblicke darauf kam das Mädchen wieder zum Vorschein wie sie um einige
Betten herum eilte um an den Platz zu kommen wo Karl arbeitete Mein
Missvergnügen nahm zu und ich ging den ganzen übrigen Abend in mein Zimmer  Ich
hörte keine Flöte  Den andern Tag blieb ich auch zu Hause denn ich war über
mich selbst missvergnügt und unruhig dass ein Gärtnergesell so viel Eindruck auf
mich machte und ich ging nicht mehr in den Garten als mit der ganzen Familie
    Acht Tage darauf reisten meine Eltern mit einander weg um die Heirat
meiner zweiten Schwester zu berichtigen Ich sah das mir verhasste Mädchen recht
artig gepuzt im Garten umher gehen Karln Blätter nachwerfen und endlich ihn se
nahe kommen dass sie ihn an der Weste zupfte sie anzusehen  Er warf voll
Unmut seine Grabschaufel hin und ging eilfertig weg  Mein älterer Bruder
stand unter einer Laube redte was zu dem Mädchen das dann Karln nachlief Ob
sie ihn einholte ob er mit ihr sprach das konnte ich nicht sehen Aber ich
vermutete dass er das Mädchen liebe und deswegen ihre Brüder im Garten
gebrauche jedoch nicht haben wolle dass man es wisse Ich bemerkte ihn erst
gegen Abend wieder im Garten wo er mit meinem Bruder vieles und eifrig sprach
Ich ging nicht weiter als in den kleinen Laubengang vor unsern Zimmern da kam
mein Bruder mit einem finsteren Gesicht zu mir und sagte gleich der Gärtner Karl
ist ein abgeschmackter eingebildeter Mensch  Ich sagte nichts weil ich ihn
so zornig fand Er ging einigemal auf und ab ganz nachdenkend Dann kam er zu
mir nahm mich bei der Hand und sagte Höre Lottchen du kanst mir eine große
Probe deiner Freundschaft geben 
    Gern lieber Bruder in was sag es nur  Ich kenne dein gutes Herz und
deinen Verstand also will ich dir eine Angelegenheit vertrauen 
    Sein Gesicht und Ton machten mich ängstlich Endlich gestand er mir dass er
des alten Gärtners Tochter  seit einiger Zeit geliebt und sich eigen gemacht
hätte 
    So dachte ich dass ist schön von beiden Seiten Mein Bruder das Mädchen
und ich meine Neigung auf den Gärtner denn ich konnte mirs nicht mehr
verhehlen  Er fuhr fort  Nun ist sie in Umständen wo ich für sie sorgen
muss und ich hätte gern dass Karl sie heiratete  Hier schauerte mich  Das
Mädchen ist artig Er hat einen guten Lohn Ich wollte ihn bei dem Vater recht
fest setzen und gäbe dann alle Monat noch etwas zum Kostgeld für das Kind da
könnte der Kerl recht gut leben Aber der T will nicht anbeissen Das Mädchen
hat schon alles versucht Er geht ihr aus dem Wege redt gar nicht mit ihr 
Gestern und heut da wir allein Herr sind hab ich sie aufgemuntert ihm recht
zuzusetzen  da ist er gar aus dem Garten fort Er hat schon zu ihren Vater
gesagt wenn seine Tochter noch einmal in den Garten oder in das Haus käme so
wolle er es dem Herrn Rat sagen und da würden seine Söhne auch den Abschied
bekommen  Der Kerl hat Hoffartsschwänke im Kopf Ich weiß nicht wie ich ihm
ganz zureden soll und hätte gern dass du es tätest denn bei Vater und Mutter
will ich alles ausmachen  
    Ich kann nicht sagen wie mir zu Mute war Aber ich nahm mir ganz
unbesonnen vor mit Karln auf meine Art davon zu reden doch sagte ich meinem
Bruder es wäre für ein junges Frauenzimmer gar keine anständige Unternehmung

    Ach du kannst mit deinem Verstande dem Ding eine Wendung geben Tue es
doch ehe unsere Eltern wieder kommen 
    Ich überlegte es die ganze Nacht Die Flöte seufzte und spielte ganz
klagend bis gegen zwei Uhr Es war schöner Mondschein und ich da ich nicht
schlafen konnte an meinem Fenster Ich bemerkte dass der Ton außerhalb des
Gartens vom Feld herkam und den Platz veränderte  auch endlich dass jemand
zur Feldtüre herein an der Wand hin gegen das Glashaus ging Es war Karl  
Am Morgen ging ich in den Garten Er staunte als er mich erblickte und wie er
mich der Hecke näher kommen sah an der er die Rosen aufband  Ehrerbietig und
gerührt machte er mir eine Verbeugung  Ich grüßte ihn freundlich und fragte
nach seinen beiden Helfern  Er sagte mir wo sie wären Dann lachte ich und
fragte ob nicht die Schwester von ihnen eine artige Gärtnerinn sein würde Er
wurde zornrot kann ich sagen doch fasste er sich gleich
    Warum Mademoisell Charlotte fragen Sie mich dieses 
    Weil ich es denke und glaube dass das Mädchen recht glücklich mit ihm würde
Und da Er den Brüdern Gutes getan so könnte ja das größere Gute der Schwester
wiederfahren 
    Die Brüder sind arm und redlich sagte er mit Eifer sonst würde ich nicht
getan haben was ich tat
    Ey Karl was wird er ungeduldig wenn man von einem schönen Mädchen mit Ihm
spricht 
    Vergeben Sie mir ich vergaß mich  Aber lassen Sie mich eine Bitte tun 
nichts mehr davon zu reden Ich will mich nicht verbinden niemals  und wenn
Lehnchen die schönste und tugendvollste Fürstin wäre Erhalten Sie mich nur in
dem Dienst des Herrn Vaters  ich will sonst nichts 
    Er bleibt ja im Dienst und um so viel fester da mein älterer Bruder das
Gut bekommt der Ihm die Versicherung davon und eine Zulage geben will 
    Er lächelte etwas bitter  Eine Zulage Ich glaub es  Hier wurde ich
gewahr dass er etwas vermutete und es war mir leid mit ihm geredt zu haben 
Sei Er ruhig sagte ich ich wurde gebeten Ihm zu zureden 
    Ich bin es überzeugt  vergeben Sie mir meinen Widerspruch Ich bin jetzt
ein niedriger dienstbarer Mensch  aber von gutem Herkommen Tugend und Ehre
sind mein Trost und meine Stütze Ich werde sie niemals verletzen und niemals
davon abweichen Ihre englische Güte hat mir hier mein Leben versüsst Ich
begehre von dem Schicksal nichts weiter als Ihren Vorspruch der dem Herrn Vater
und  dann und wann ein Wort von Ihrer Frau Mutter oder Ihnen Gott sorgt für
das Übrige und wird Sie segnen 
    Nun reute und freute mich die Unterredung Ich schwieg  und er sagte Sie
wollen dem Mädchen Gutes Ihre edle Seele wird bald Gelegenheit haben ihr
welches zu bezeigen  Ich habe niemals mit ihr gesprochen und werde es nicht
tun aber die Ursachen kann ich nicht sagen 
    Da ich immer schwieg sah er mich traurig an Mein Gott wenn ich Sie
beleidigt hätte
    Nein Karl gewiss nicht Er hat sich der Tugend und Ehre geweiht Gott segne
Ihn dabei Was ich Ihm Gutes in unserm Hause tun kann will ich gern Bleibe Er
nur fleißig und rechtschaffen wie bis jetzt 
    Ich sah ihn weinend mich anblicken Meine Augen tränten auch Ich grüßte
ihn und ging weg Es freute mich innig dass er von besserm Stande war als seine
Gärtnerei mich vermuten ließ doch konnte und durfte ich nicht weiter darüber
denken sondern nahm mir vor immer zurückhaltend zu bleiben wie bisher Ich
schätzte ihn ungemein aber viele Betrachtungen über die Pflichten meines
Standes kämpften gegen meine Neigung und ich redte in acht Wochen kein Wort mit
ihm
    Mein Bruder war sehr misvergnügt über Karls Halsstarrigkeit und Stolz wie
er es nannte und drohte ihm deswegen  Kurz darauf aber wurde das Mädchen mit
einem Förster verheirater Der Sommer und Herbst gingen so recht gut hin Karl
blieb immer der vortreffliche Arbeiter und lebte eingezogen fort Mein jüngerer
Bruder kam von Pont à Mousson zurück wo er leider nichts gelernt hatte und nur
einen elenden jungen Petitmaitre vorstellte   Er hatte viel Ähnlichkeit mit
mir  und Karl sagte mir seitdem dass er ihn deswegen liebte und ihm suchte
gefällig zu sein Der junge Mensch liebte Karln weil er Französisch sprach und
einen schönen Geschmack zeigte Mein älterer Bruder war über den Jüngern zu
gebieterisch und der Ort ziemlich einsam so dass Karl die einzige Auswahl für
den Letzteren blieb mit dem er Anfangs nur immer von Frankreich sprach aber
nach und nach sich an ihn heftete alle Morgen und Abend bei ihm war und durch
den Umgang meines Karls ein liebenswürdiger junger Mensch wurde  Der Keim
jedes Guten war in ihm er brauchte nur gepflegt zu werden und ach dieses
Verbessern meines mir liebsten Bruders machte mir Karln immer werter   Der
Winter wurde wieder in der Stadt zugebracht  und die Zurüstungen zu meiner
zweiten Schwester Hochzeit gemacht  die sich aber bis in den Sommer
verzögerte wo dann mein Vater das Fest auf seinem Gute halten wollte  Mein
jüngerer Bruder trat in Kriegsdienste und es freute mich da er noch im Winter
abreiste dass er seinen Weg über unser Gut nahm um von Karln Abschied zu
nehmen
    Mir sagte er noch  Lottchen der junge Talbruk wird sich um Dich melden
Der Vater hilft ihm zu einem angesehenen Amt  Aber Du wirst unglücklich mit
dem bösen Menschen werden Ach wenn mein Freund Karl wäre was dieser ist 
wenn die elenden Vorurteile ihm nicht entgegen stünden wie glücklich wäre
meine Schwester mit ihm  
    Talbruk kam auch in unser Haus und war sehr galant um mich herum ich
höflich aber sehr kalt Dennoch wurde er mit den übrigen Brautleuten auf unser
Gut geführt Mein Vater hatte Karls Nachricht von seinem Vorhaben gegeben  und
wir fanden Alles wie einen Pallast der Feen geputzt Die Trauung und das Fest
war den Tag nach unsrer Ankunft und unser Saal glich dem Tempel der Flora Die
Wände waren blassrot angestrichen Blumengewinde darauf angebracht der Name der
Braut und des Bräutigams in Rosen Mirten und weißen Violen geflochten Die
Fenster ausgehoben große Rahmen mit Flor an ihrer Statt darin die mit Blumen
verziert waren Blumengewinde hingen über der Tafel  und der Garten alles war
mit unsäglicher Mühe verschönert Karl fragte mich Sind Sie zufrieden  Mit
Allem  außer Seiner blassen Mine  Er neigte sich nur ganz traurig
    Mein Vater war höchst vergnügt Es war in der großen Laube ein Tanzplatz
gemacht der sehr artig war Ich ging nach einem Tanz allein auf einer Seite
hinunter Mein Vater hatte ein wenig Wein und kam zu mir da ich just auf eine
Bank mich setzte  Karl war sympatetischerweise an der Hecke hingegangen Mein
Vater erblickte ihn und rief ihn her er lobte ihn sehr und sagte endlich 
Diesen Herbst machen wir Traubenkränze auf die Hochzeit meines Lottchens Aber
er muss auch für Herbstblumen sorgen dass es recht schön wird Ich habe
Talbruken versprochen seine Hochzeit auch hier zu halten denn Lottchen ich
will an dir eben so viel tun wie an deinen Schwestern 
    Er sagte dieses als ob die Rede von einer ausgemachten Sache wäre  Ich
war wie versteinert und Karl nahe am Umsinken  Der Wein machte dass mein Vater
es nicht bemerkte Karl sah mich nicht an starr heftete er seine Augen zur
Erde  Mein Vater redte fort und schickte endlich Karln weg  Ich hätte kein
Wort vorbringen können  Staunen über den gefassten Entschluss meines Vaters
Karls Schmerz mein Widerwille gegen Talbruk alles lähmte mir die Zunge Ich
küsste nur meinem Vater die Hand  und glücklicher Weise kam meine gute Mutter
dazu welcher mein Vater erzählte er habe auch meinen Brautkranz bestellt Sie
redte freundlich mit ihm und führte ihn durch eine Allee in sein Zimmer
    Ich ging Maschinenmässig nach der einsamsten Gegend des Gartens wo ich sonst
zu lesen pflegte  Karl lag da auf dem Moos  welches er mit Tränen benetzte
Es war mir unmöglich wegzugehen ohne ihm etwas zu sagen  Karl guter Karl
was macht er hier auf der Erde Es ist zu kühl Er wird krank werden Er
richtete sich auf  Sie Mademoiselle Sie da bei mir Mein Gott und mit
beiden Händen ergriff er mein Kleid küsste es ließ es gehen  O vergeben Sie
mir ich bin halb von Sinnen
    Ich seh es werter Lehrmeister meines liebsten Bruders Sage er mir was
Ihm fehlt
    Was mir fehlt  was mir fehlt O fragen Sie mich nicht mehr  Tun Sie
es nicht  Gehen Sie zurück zu der Gesellschaft Dort müssen Sie sein  Lassen
Sie den Armen Elenden  und hier fasste er wieder mein Kleid mit Heftigkeit
 Ich nahm seine beiden Hände in meine  Karl o glaub Er dass Er mir werter
ist als Alle die ich sah  Beruhige Er sich ich bitte Ihn 
    Er benetzte meine Hände mit Tränen sprach aber nichts Ich sagte ihm
Adieu Karl sorge er für seine und meine Ruhe  und ging  Als ich mich
nach ihm noch umsah lag er mit dem Gesicht auf dem Platze wo ich gestanden
hatte  Ach was für Mühe hatte ich nicht wieder umzukehren  Aber ich
fürchte mich vor den Andern und doch reute michs ihm nicht gesagt zu haben
dass ich Talbruken niemals heiraten würde  meine Augen schlummerten die ganze
Nacht nicht eine Viertelstunde Den andern Morgen war er schon wieder fleißig
wie sonst und um sechs Uhr war alles in der größten Ordnung Den dritten Tag
war die Heimführung meiner Schwester Ich musste mit Talbruk als Brautführer
auch  O was stand ich in meinem Herzen über Karls Unruhe aus  Als wir
zurück kamen schien er sehr gelassen und gab mir Abends dieses Papier  Frau
Wolling sagte dabei Dieses haben Sie die Güte zu lesen Ich will indessen etwas
zum Mittagessen zubereiten und Ihnen dann das Übrige sagen  Ich fand in
einem grauatlassnen Futteral ein kleines Heft Papier schön geschrieben  wo
Karl anfing
    Ihre englische Güte und die Redlichkeit seines Herzens gäben ihm den Mut
ihr sein ganzes Leben zu entdecken Er sei der Sohn des H Oberbeamten in Z
habe eine sorgfältige Erziehung in allem genossen und wäre durch einen
vortrefflichen Landgeistlichen zu den Studien vorbereitet worden Sein Geschmack
und die Anweisung dieses Mannes hätten ihm zu Erholungs und
BelustigungsStunden die Gärtnerei angewiesen und sein Hang wäre so stark dazu
geworden dass er als ein Knabe von vierzehn Jähren feinen Vater gebeten habe
ihn zu einem Kunstgärtner zu tun Dies sei ihm aber abgeschlagen worden und
man habe ihm nach Pont à Mousson geschickt um ihn da in der französischen
Sprache Sitten Wissenschaften und philosophischen Kenntnissen unterrichten zu
lassen Er habe dieses befolgt aber daneben die ganze französische Gärtnerei
gelernt worin er es auch weiter als in andern Wissenschaften gebracht habe
weil es seine Freude gewesen Sein Vater habe ihn nach zwei Jahren zurückgerufen
und auf noch eine Universität gezwungen wo er Historie und Physik mit
Vergnügen besonders auch die Botanik erlernt  Während dem sei seine Mutter
gestorben  und sein Vater habe eine reiche Wittwe geheiratet die ihn aber nur
unter der Bedingung genommen dass er seinem Sohne seinen Platz abträte und
dieser ihre zweite Tochter zur Ehe nähme Sein Vater habe dabei bloß den
Wohlstand betrachtet in welchen er durch das Vermögen gesetzt würde und alles
angewandt bei Hofe die Erlaubnis zu erhalten ihm seine Bedienung zu
übertragen habe auch darin seinen Endzweck erreicht Aber da es ihm unmöglich
gewesen sei dieses Frauenzimmer zu lieben so habe seine Stiefmutter wegen der
Verachtung ihrer Tochter seinen Vater dahin vermocht dass er seit vier Jahren
die Hand völlig von ihm abgezogen und das Amt einem andern jungen Menschen
gegeben der die Person gern geheiratet Er gestünde ihr dass ihn nur der
Verlust der Liebe seines Vaters geschmerzt habe indem er übrigens durch die
Verstossung in die Freiheit und Notwendigkeit gesetzt worden wäre seiner
erwählten Gärtnerkunst völlig nachzugehen und sie so weit zu treiben als es die
Proben seiner Arbeit in den Garten ihres Herrn Vaters bewiesen Er bekenne ihr
dass nicht nur ihre liebenswürdige Person sondern auch die leutselige und
vortreffliche Seele welche sie ihm in ihren Vorstellungen zum Besten des Diensts
ihres Vaters gezeigt ihm die größte Liebe und Verehrung eingeflößt habe Er
hätte sich aber vorgenommen gehabt niemals davon zu reden indem er sie weder
dem Tadel der Welt noch dem Unwillen ihres Herrn Vaters vielweniger aber dem
traurigen Schicksal einer unglücklichen Liebe hätte aussetzen wollen Seine
Zärtlichkeit habe ihn zu allem angefeuert was er in seinem Dienst getan Ein
Blick ein Wort von ihr sei himmlisches Vergnügen und Belohnung für ihn gewesen
Immer habe er gefühlt dass sie nicht für ihn geboren sei habe auch seinem
Herzen keine Wünsche und keine Entwürfe erlaubt Aber die Erklärung dass sie
einem Andern bestimmt sei habe ihn wie ein Donner getroffen  und in seinem
ersten Schmerz sei er wirklich dem Wahnsinn nahe gewesen Ihr Mitleiden  und
die Versicherung ihrer Achtung sei Balsam für sein zerrissenes Herz   Er habe
sich nun gefasst und trage geduldig diesen Schlag des Väterlichen Fluches  Er
bitte Gott um Glückseligkeit für sie und wolle nun alle seine Kräfte und Wissen
verwenden um auf das Fest ihrer Verbindung ihr noch den letzten ehrerbietigen
Beweis seiner reinen uneigennützigen Liebe zu geben  Sie werden mit Tränen
begossen werden alle Blumen die ich zu Verschönerung dieses Tages ziehen will
 Einen Wunsch nur  angebetete Charlotte nur einen Wunsch erfüllen Sie den
das Herz des treuen tugendhaften Jünglings wagt lassen Sie den Blumenstrauß
den Sie an dem für mich so entscheidenden Tage an Ihrer Brust tragen werden
lassen Sie den mein sein geben Sie ihn sonst niemand Diese Hoffnung wird mir
die bittere Pflege dieser Blumen versüßen und wenn meine zitternden Hände sie
zu Charlottens Brautschmuck binden werden so wird der Gedanke mich stärken dass
wenig Stunden darauf das edelste beste Herz an diesen Blumen schlagen wird und
ich sie dann erhalten und für mein noch übriges Leben an meinem Herzen tragen
werde 
    Ich hatte dieses gelesen eh Frau Wolling zurück kam und sagte mir selbst
O Sympatie und du Ruf der Natur wie stark seid ihr gegen Alles  Sagen Sie
meine Freundin sagen Sie was konnte der arme Karl die gute Charlotte was
konnten sie tun Edelmütigkeit kämpfte in dem Herzen des Jünglings
Sittsamkeit Pflicht gegen die vorgeschriebene Gesetze ihres Standes in der
Seele des Mädchens Und dennoch wurden sie Schlachtopfer des Unglücks und ihrer
Leidenschaft    Und was bin ich Meine Liebe was bin ich Ist nicht
seitdem ich unter der Tyrannei dieses Abgotts siehe jeder Otemzug meiner
Seele jedes Gute jeder Fehler Wirkung alleinige Wirkung meiner Liebe Ich
sehe die Turmspitzen der Stadt wo Pindorfs Kinder wohnen Aber wo  wo ist
Er Ich verberge mir Alles was ich bei dieser Frage fühle  Bei Andern Er
wiederholt da die Auftritte die Unterredungen die den vorletzten Winter einen
so traurigen Einfluss auf meine ganze Glückseligkeit hatten Ach vielleicht ist
diesen Augenblick jede Empfindung seines Herzens jeder Gedanke seines Geistes
vergeben verpfändet neue Bande geknüpft ich ganz ganz vergessen ganz
ausgelöscht  ich die allein durch die Erinnerung seiner Fußstapfen hieher
geführt wurde  Ich sonderte mich ab um wenigstens Steine zu betreten die Er
betrat Gegenstände zu sehen die er liebte  O wie danke ich der Vorsicht
dass sie für Wohl und Übel Andrer mein Herz so empfindsam machte dass die
Lindrung fremdes Schmerzes Erleichterung meines eigenen Wehes wird  An diesen
leblosen Gegenständen hier hängt mein Herz weil Er sie beschrieb Ich kenne sie
alle und Sie sollten meine Schreibtafel sehen wie oft ich ihn schon zeichnete
melancholisch zwischen den Weiden und dem kleinen Bächelchen dahin gehend das
an der Anhöhe herum fließt oder am Fuß eines Baums mit einem Buch in der Hand
dann über die große Wiese nach dem entfernten Bauernhause auf der Seite hin
gehend  Am Ende des Wäldchens auf einem Stein sitzend Schaafe um ihn herum
die er streichelt und die mit seinem Stockband spielen hier auf der Anhöhe an
einen Baum gelehnt mit dem Ausdruck der Bewunderung und Liebe der Natur  Ach
meine Freundin ich seh ihn auch bei Damen sitzen mit ihnen sprechen  sehe
den Eindruck den ihre Verdienste  und Schönheit auf ihn machen sehr feine
Aufmerksamkeit sein Bestreden nahe um die vorgezogene Glückliche zu sein sehe
das innige Vergnügen über sein Gesicht verbreitet so ganze Tage mit ihr zu
verleben  O Bilder der Quaal warum entsteht ihr  Giftiger Hauch der
Eifersucht und des Neides warum tödtest du jede edle reine Freude um mich her
ödos Verlangen du vernichtest jeden Keim der Zufriedenheit über Gutes so mich
umgibt  und dessen Genuss in meiner Gewalt ist  Ich will versuchen edel zu
lieben wie der arme trostlose Karl tat Ein Blumenstrauß gegen den
Charlottens Herz einige Stunden geklopft hatte war alles alles für ihn Ich
habe Kinder von Pindorf die er oft an seine väterliche Brust gedruckt in meine
Arme geschlossen ich bin ihnen lieb sie sind ein Teil seines Wesens
Unverfälscht unverstellt waren die Liebkosungen die sie mir machten  Was
soll mir das geteilte das zerstückte Herz des Vaters  Nein ich will nichts
mehr von ihm  Sei glücklich  Sei es  Aber ich will von nun an unabhängig
von dir sein  Ich höre Sie sagen Wie lange  Kommen Sie und hören nun den
Rest der Geschichte meiner Lieblinge 
    Frau Wolling kam zurück und sah sehr innig mich an  Sind Sie mit meinem
Karl zufrieden 
    Ja meine Charlotte  und mit Ihnen auch  
    Sagen Sie entschuldigen Sie mein Herz dass ich der Zärtlichkeit des
seinigen nicht widerderstehen konnte und mir nach Durchlesung seines Papieres
sagte Nein du Edler nein niemals sollst du mich mit einem andern Mann
verbunden sehen 
    ch wollte ledig bleiben und auf ich weiß nicht was warten aber nicht
weiter in den Ausdrücken meiner Zärtlichkeit gehen als bisher Drei Wochen
dauerte dies Bündnis mit mir selbst und Karln dem ich nur für sein Papier
dankte und ihn meiner wahren ewigen Hochachtung versicherte  Ich begegnete
aber deswegen dem Herrn von Talbruk sehr kaltsinnig als er zu uns kam und da
dieser Mensch niemals eine wahre Liebe zu mir getragen sondern mich nur wegen
des Ansehens meines Vaters gesucht hatte so wurde er durch meine Abneigung
nicht betrübt sandern erbosst schlug sich auf die Seite der Feinde meines
Vaters und blieb also weg  Mein Bruder ging in die Stadt besuchte ihn und
fragte warum er so lange nicht bei uns gewesen sei  Da sprach er von dem
Widerwillen den er bei mir gegen sich bemerkt hätte  und dass er glaube mein
Herz sei von sonst jemand eingenommen stellte sich sehr traurig darüber  und
sagte er hätte sich bloß aus Verzweiflung und ob ich nicht vielleicht
eifersüchtig würde an die Mademoiselle Nidern gewandt  Dies war die Tochter
des ärgsten Feindes von meinem Vater  und der als Wittwer gerade zu dieser
Zeit um die Schwester der Maitresse des Fürsten freite und dadurch eine
Unterstützung fand die meinem Vater den Untergang zuzog  Meinem Bruder
wurden nur kleine Winke davon gegeben Er kam damit nach Hause Diese Unruhe in
dem Gemüte meines Vaters und die irrige Vermutung dass wenn ich Talbruken
geliebt hätte dies alles nicht geschehen wäre erregte seinen Zorn auf die
heftigste Art  und ach fuhr sie mit Tränen fort dies war der Anfang meines
Elends Man wusste von keinem Umgange den ich mit irgend einem Menschen hätte
Sie dachten also es müsste eine Verwicklung sein die in Briefen geführt würde
und nahmen sich vor mein Zimmer durchzusuchen  Es war ein Feiertag wo wir
viele Besuche gehabt hatten Als sie weg waren sagte mein Vater ganz
freundlich Lottchen kleide dich in dein Nachtzeug du musst von Putz und
Komplimenten ganz müde sein und komm in das große Gartenhaus zu mir 
    Ich tat es und kam ganz leicht gekleidet hatte aber meine Säcke mit den
Papieren des armen Karls in meinem Bette versteckt ob ich schon weit entfernt
war zu denken dass man mir deswegen geheisen hatte mich um zu kleiden um sich
meiner Schubsäcke zu bemächtigen Während ich bei meinem Vater war wühlte mein
Bruder alles um und fand endlich die verschiedene Papiere von Karln Damit lief
er voll Wut in das Gartenbaus und sagte hier habe er die Beweise meiner
Niederträchtigkeit dass ich mich an den elenden Gärtnerpurschen gebängt und
deswegen die große Heirat mit Talbruken ausgeschlagen und meinem Vater eine
Feindschaft zugezogen hätte  Ich erschrak zum Tode diese Papiere in seinen
Händen zu sehen und wollte weg eilen Aber mein Vater fasste mich bei einer Hand
und hielt mich während er mit der andern nach dem Packerchen reichte und einige
Blätter mit Wut durchlas mir und Karln die hässlichsten Schimpfnahmen gab und
endlich meinem Bruder befahl ihn herzurufen  Ach Gott er kam freudig und
schnell seinem Leiden entgegen Denn kaum war er im Saal als mein Bruder die
Tür abschloss und er ausgefragt wurde Da erzehlte er wieder was er mir
geschrieben wurde aber als Lügner und Verführer behandelt Und o mein Gott
ich musste ihn schlagen sehen Ich sprang auf um meinen Bruder in die Arme zu
fallen gegen den Karl sich auch wehrte Aber mein Vater riss mich zurück und
hielt mich fest während er meinem Bruder zum Streit und Schlägen gegen den
Bösewicht ermunterte Endlich ließ er aus Zorn mich los und eilte auch Karln
nieder zu werfen der seinem Sohn zu stark war Ich schrie da jämmerlich O
Karl o mein Vater  Karl sagte zu mir Charlotte gegen Ihren Vater will ich
keine Hand aufheben aber ihren Bruder verschone ich nicht
    Da fielen sie mit doppelter Raserei ihn an und würden ihn erwürgt haben
wenn ich nicht meine Freiheit gebraucht hätte die Tür gegen das Feld zu
aufzumachen und Karln zu zurufen er möchte fliehen In der Tat suchte er nach
der Tür zu kommen und als er sie erreicht hatte mein Vater die Grausamkeit
einen Stuhl nach ihm zu werfen der ihn die vier Stufen hinunter schlug Ich weiß
nicht in welchem Augenblick ich meine lieben Papiere bei all dem Lärmen der
mein Herz zerriss in meinen Busen gesteckt hatte Aber den Augenblick da ich
Karln die Stufen hinab fallen sah rief ich O Barbaren ihr habt ihn
umgebracht  Earl vergib deiner armen Charlotte  indem ich der Türe
zulief 
    So schrie mein Vater mit Wut bist du seine Charlotte so geh zu ihm und
zum T Bei diesen Worten schleuderte er mich auch mit einem Arm der offenen
Tür zu Ich erhielt mich am Geländer und er schnapte das Schloss ab  Alle
Empfindung für Vater und Bruder war in mir tot Ich eilte Karln zu der ganz
betäubt auf der Erde saß Ich kniete zu ihm fiel um seinen Hals O du Edler
kannst du mir verzeihen was ich dich leiden mache  Er fuhr wild auf und
fragte Ach Gott Charlotte wo kommen Sie her  Mein Vater hat mich
verstoßen Komm Karl wir wollen von dem Barbar fliehen 
    Gott bewahre mich nimmer werd ich es tun Gehen Sie zurück in Ihr Zimmer
Ihr Vater versöhnt sich mit Ihnen Lassen Sie mich allein elend sein
    Ich hatte viel Mühe ihn zu bewegen dass er mich nach Immenberg zum Pfarrer
führte wo ich bis zur Zurückkunft meiner Mutter bleiben wollte Es war eine
Stunde von dem Gut meines Vaters Karl hatte Mühe zu gehen und mein Kummer
lähmte auch meine Füße so dass wir einem heftigen Platzregen und Gewitter nicht
ausweichen konnten und über zwei Stunden zu dem Wege brauchten Endlich kam ich
nass und starr im Pfarrhof an wo ich mich gleich legte und einige Wochen krank
bis zum Sterben war«
 
                           Neun und sechzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Frau Wolling fuhr fort mir mit vielen Tränen das Übrige ihres Schicksals zu
erzählen Sie bekam ein starkes Fieber welches durch ihre Gemütsunruhe sehr
verschlimmert wurde Wolling hatte nachdem sie von der Frau Pfarrerinn
aufgenommen und besorgt war allein mit dem Pfarrer gesprochen ihm alles
aufrichtig erzählt und damit geendigt dass er ihn bitte ihre Aussöhnung mit
ihrem Vater zu bewürken Er für sich wolle von dem morgenden Tag an sich
entfernen und Charlotten die Probe seiner Verehrung und Liebe geben auf ewig
von ihr entfernt zu bleiben man möchte nur für ihre Gesundheit Sorge tragen
dass Sie bald wieder in das vaterliche Haus zurück käme Und damit niemand etwas
von dem unglücklichen Vorgang erführe so sollte der Pfarrer doch gleich Morgen
zu meinem Vater und ihm das alles sagen  Er tat es auch aber er fand einen
wütenden Mann dessen beleidigter Stolz nichts anhörte nichts ansah der schon
den Abend vorher gegen alles Hausgesind über seine schlechte entlaufene Tochter
geflucht hatte  Der Bruder half auch dazu  und weder Flehen noch Vorstellung
des Pfarrers wurde angehört  Dieser kam trostlos nach seinem Hause zurück 
Wolling war fort Der Pfarrer schrieb an die Mutter der armen Charlotte was er
von der Sache wusste und beschwur sie nach Haus zu eilen um den Ruf und das
Leben ihrer Tochter zu retten
    »Ach sie reiste gleich die gute Mutter« sagte Frau Wolling mit
Händeringen und einem Strom von Tränen  »Aber was half es  Mein Vater
blieb unerbittlich«  Der Pfarrer riet ihr Mut zu fassen und ihre Liebe
ihre Empfindlichkeit alles ihrer kindlichen Pflicht aufzuopfern und ihre Kräfte
zu sammlen um ihren Vater selbst zu Füßen zu fallen Er wollte sie hinführen
und gemeinschaftlich mit ihrer Mutter um Aussöhnung und Güte bitten Sie
befolgte alles wurde aber wieder aus dem nämlichen Gartenzimmer verstoßen
wie acht Tage vorher ungeachtet ihre Mutter neben ihr auf den Knien lag und
Gnade erflehen wollte Die Verzweiflung hatte ihr Kraft gegeben wieder nach dem
Pfarrhof zurück zu kommen »Aber da öffnete sich der Abgrund meines Elends«
sagte sie »Ich von meinem Vater selbst ausgerufen dass ich mit einem
Gärtnergesellen davon gelaufen sei Alle alle meine verlebten Tage hin Meine
Liebe zur Tugend meine Bemühung sie immer auszuüben alles dahin  Das
Zeugnis meines Gewissens tröstete mich da nicht es vergrößerte meinen Jammer
Mein Leben  ja Karl selbst war mir verhasst  Ich freute mich über meine
Krankheit über meine Schmerzen Ich litte Durst um die Hitze zu vermehren die
in mir tobte und ich war bald am Rande des Grabes Meine arme Mutter durfte
nicht zu mir mir nicht schreiben  O wie elend war ich Mein Vater glaubte
endlich der Magd des Messners dass ich am Tode sei und schickte meine Mutter und
meinen Bruder zu mir Aber warum  O Gott wie sehr sann er auf mein Unglück
Mein armer Mann hielt sich im benachbarten Dorf auf aber versteckt niemand im
Pfarrhause wusste es Er wollte nur meine Genesung und meine Aussöhnung wissen
und dann weggehen allein zu leiden Mein Bruder hatte ihn ausfündig gemacht und
verhetzte meinen Vater darüber gegen mich Unglückliche als ob ich und Karl noch
einverstanden wären Gott weiß was er ihm für Beweggründe angab eine falsche
Milde zu zeigen Man schickte Karln alle seine Sachen zu und auch meine Kleider
ins Pfarrhaus  Meine Mutter kam mit der Hoffnung der väterlichen Verzeihung und
mit all ihrer Zärtlichkeit an mein Bett das ich als mein Sterbbett ansah Mein
Bruder der harte Mensch kam auch und eröfnete mir den Willen meines Vaters
dass ich mich mit Karln sollte trauen lassen es möge zum Leben oder zum Tode mit
mir geben Wäre das erstere so solle er gleich zu seinem Vater und durch den
sein Glück versuchen  wäre ich tot so käm ich doch als ehrliche Frau unter
die Erde und schimpfte seinen Namen nicht mehr unter dem er mit nicht lebend
und nicht tot wissen wollte  Ich weigerte mich so viel ich vor Schwachheit
konnte Der Zweifel in meine Ehre brach mir das Herz Meine Mutter zerfloss in
Tränen und sie und der Pfarrer redten mir zu weil sie dachten es wäre der
erste Grad der Erweichung meines Vaters weil er auch den Trauschein aufgesetzt
hatte worin er Karln einen Titel gab  und forderte wenn ich stürbe sollte
ich mit diesem Titel ins Todtenregister geschrieben werden  Mein Bruder ging
zu Karln versicherte diesen der Versöhnung aber dass mein Vater meine Ehre durch
die Trauung hergestellt haben wollte Meinen Tod glaubte er sicher und sagte
Karln ich wünschte selbst diesen Trost mit mir zu nehmen meinem Vater noch zu
gehorchen  und was er noch alles vorbrachte um ihn zu betören Er kam Abends
um neun Uhr mit ihm recht gut angekleidet in das Zimmer wo ich im ärgsten
Leiden lag und unvermögend war zu reden und zu denken Karl warf sich auf seine
Knie vor meiner Mutter konnte auch nichts sagen als Gott zum Zeugen anrufen
dass sein Herz unschuldig sei und er sein Leben tausendfach hingeben wollte um
ihren und meinen Jammer zu stillen  Mein Bruder beschleunigte die Trauung 
Mein Karl und ich waren beide mehr tot als lebendig Ich musste beinah von
nichts und erkannte ihn kaum  Als die Trauung vorbei und in das Kirchenbuch
eingeschrieben war führte mein Bruder den Pfarrer meine Matter und Karln
meinem Vater zu um diesen nun völlig zu besänftigen Aber der Pfarrer und meine
Mutter wurden betrogen Sie sahen meinen armen Karl nicht mehr mit dem mein
Bruder in einer Kalesche vorausfuhr« 
    »Ich kam langsam vom Grabe zurück war schwach an Geist und Leibe Mein
Kostgeld wurde bezahlt Man nennte mich Madame Karln  Anfangs staunte ich
darüber  und dann als ich es ganz wusste fehlte wenig so wäre ich über die
Gewissheit des Todes gewesen  Ich wusste und hörte nichts von meinem Manne 
Mein Vater wollte mich nicht sehen meine Mutter durfte nicht meine
verheirateten Schwestern und mein Bruder wollten es nicht Ach meine
blühenden unverdorbnen Jugendkräfte dienten mir nur mein unabsehliches Unglück
in allen Teilen zu fühlen Ich blieb leben  ich lebe noch« 
    O Rosalia mit was für einem Ton mit was für einem Ausdruck von Schmerz
der Seele sagte sie dieses  Gott müsse mich elend machen wenn ich nicht die
Gelegenheit treu und edel gebrauche Balsam in diese verwundete Seele zu
gießen Er führte mich her er gab mir dies fühlende Herz  er gab mir
Glücksgüter  O er wird  er wird mein Vorhaben segnen 
    Ich fasste sie in meine Arme  druckte sie an mein Herz »Charlotte sehen
Sie den weiten offenen Himmel über uns  so offen so rein ist mein Herz vor
Gott der uns beide sieht Er wird uns segnen mein Kind Er wird mein Vermögen
heiligen durch den Gebrauch den ich davon machen werde Das Maß Ihres Leidens
war voll  Er wird das Maß Ihres Trostes auch überfliessen lassen Er ließ zu
dass Menschen Sie quälten Er führte mich her um mein Glück meine Freude in
ihrem Wohl zu finden Ich bin frei unabhängig ich will bei Ihnen als
Schwester Mutter und treue Freundin leben und sterben  Nichts  nichts soll
mich abwendig machen« 
    Sie sank zurück  »Gott ewiger Gott«  war was sie stammlen konnte 
Ich benetzte sie mit Tränen und hielt sie an mich Lange waren wir still Dann
küsste sie mich »Engel  Mutter«  sah mich an  faltete ihre Hände 
»Vater Bruder stießen mich hieher und Sie Fremde fassen mich in ihre Arme 
O wenn ich nach diesem Augenblick sie verlieren sollte das überlebte ich
nicht«   Hier erhob sie ihre Hände und betete leise aber ihre Mine das
Anspannen ihrer Arme ängstigte mich bis sie wieder weinte  Dann war ich
ruhig Ich wollte sie nicht weiter erzählen lassen aber ich bemerkte dass ihr
daran lag mir das ganze Gemälde ihres erlittenen Elends darzustellen und hörte
ihr vollends zu 
    Ihr Vater war eilends mit ihrem Bruder nach der Stadt gegangen da schickte
ihre Mutter ihr Weißzeug Betten Kleidungsstücke und eine Küste Hausgerät an
Zinn Kupfer sechs silberne Löffel und zwei Ringe die hundert Gulden wert sein
mochten  Das war alles was noch vor dem Schiffbruch meines Vaters für mich
erhalten wurde Er bekam eine Untersuchung es fehlte was in den
Kabinetsrechnungen Sein Stolz hatte ihm Feinde zugezogen Er war redlich
pochte darauf und gab trotzige Antworten Man begegnete ihm hart und
verächtlich  Zornmütig wie er war konnte er das nicht ertragen Sein Blut
seine Galle schäumten und kochten auf einmal so dass er nicht zu retten war und
schnell starb  Nun konnte Niemand in seiner Familie Auskunft geben Sein Gut
und alles kostbare Hausgerät verfiel der fürstlichen Kammer Mein Bruder blieb
bei seiner Secretairstelle und meine Mutter bekam einen Gehalt  Aber wie mir
war können Sie denken  Sie zog zu einer meiner Schwestern die nicht weit von
hier wohnte Den ganzen Winter sah ich sie nicht und wusste nichts von meinem
Mann Im März zog ich auf ein Dorf das mich meiner Mutter näherte wo sie
manchmal hinging mich zu sehen Mein Schwager ist von Adel der hätte mich
niemals zu sich gelassen Meine Schwester hatte Mühe ihn leutselig gegen meine
Mutter zu erhalten  Es kam ein schöner Apriltag Meine Mutter war bei mir
gewesen ich begleitete sie zurück Ihre Magd ging immer eine Strecke voraus
dass wir allein reden konnten Sie musste ohrweit eines Wäldchens einen
umzäunten Acker vorbei Wir sahen einen Menschen aus dem Wäldchen kommen still
stehen gegen uns schauen stark zulaufen und wieder inne halten  endlich die
Hände zusammenschlagen auf seine Knie fallen und was rufen so wir nicht
verstanden Sein ganzes Ansehen und Bezeigen rührte uns Wir blieben auch
stehen  Charlotte sagte meine Mutter er bettelt Vielleicht ist er schon
weit gegangen und matt Komm wir wollen ihm was geben wenn es schon nicht viel
ist Mein Gott ich kann nicht mehr viel geben
    Wir gingen an der Hecke hin gegen ihn O denken Sie wie uns wurde als wir
ihn die Arme ausstrecken sahen und Karln erkannten ihn Charlotte Mutter
meiner Charlotte rufen hörten Ach wir erschraken so dass wir vor Zittern
nicht gehen konnten Aber er sank um Ich fühlte da nichts als alle meine Liebe
und lief zu ihm Es war Karl Aber wie elend ewiger Gott wie elend Er
erholte sich an meine Brust gelehnt denn ich hatte nichts ihn zu laben als
meine Tränen die über ihn flossen Denn wo hätten meine Mutter und ich in
unserer Armut und Erniedrigung die wohlriechenden Wasserfläschgen hergenommen
Meine Mutter kam zu uns  und weinte auch Was konnten wir anders  Es wurde
dunkel meine Mutter musste zurück Karl sagte uns nur kurz dass er gleich nach
der Trauung anstatt zu meinem Vater begleitet zu werden Werbern übergeben
gebunden und geknebelt weggeführt und als ein Missetäter behandelt worden 
dass er lange krank gewesen bald auf Karren weggeführt bald so viel er konnte
mitmarschirt wäre sich endlich erholt und nur an mich gedacht hätte weil er
nach der Grausamkeit die man an ihm ausgeübt immer die Angst im Herzen
getragen was doch aus mir geworden sein möge wenn ich beim Leben geblieben und
in die Gewalt meines Vaters gekommen sei 
    Meine Mutter hörte das Rufen ihrer Magd und befahl mir nach Haus zu gehen
Karl bat um Erlaubnis mich ein Stück Wegs zu begleiten Sie ging auch noch eine
Weile mit bis an den letzten Garten des Dorfs wo Sie uns verließ aus Furcht
er oder sie möchten verraten werden Sie rief Gott um seinen Schutz für uns an
und ging mit Jammer weg nachdem Sie mich schluchzend geküsst und an sich
gedruckt hatte
    Stumm sahen wir ihr nach und Karl hielt meine Hand stark oft zuckte sie
am stärksten aber da meine Mutter um die Ecke der Hecke weg war und wir uns in
der ganzen Gegend allein fanden Keine Seele kein Vogel kein Blätchen bewegte
sich Wir sprachen nichts und ich sah zur Erde  Mein Mann fasste meine beiden
Hände blickte mich starr an und sagte Sehen Sie Charlotte sehen Sie was
Menschen tun mit denen wir nur in einiger Verwandtschaft sind Ihre Mutter
das einzige Wesen so uns liebt und bedauert  die darf nicht bei uns bleiben
 darf uns nicht trösten nicht schützen 
    Er sprach dies heftig ließ meine Hände gehen rang die seinigen mit stillem
Schmerz Ich zerfloss in Tränen wusste aber nicht was ich tun was ich sagen
wollte Aber ich war gern bei Karln das fühlte ich  Der Mond kam hinter dem
Berg hervor und beleuchtete meine ganze Gestalt Mein Mann betrachtete mich
still wandte sich gegen den Mond und rief aus O  du  sah wieder auf mich
weinte nachdem schweigend fasste sich nahm sanft eine meiner Hände in seine
druckte sie gegen sein Herzküsste sie weinte wieder etwas aber dann sagte er
    Charlotte ach lassen Sie mich Sie diesen Augenblick nur meine Charlotte
nennen Meine Charlotte ich bin froh dass ich hier von allen Menschen nur Sie
sehe  und nicht einmal ein Haus das mir Wohnung und Leben andrer Menschen
anzeigt Sie sind mir verhasst ich will auch bei keinem mehr leben ich will
nicht Sagen Sie mir Sie hier auf diesem Platz wo nichts als der Himmel über
uns und die liebe wohltätige Erde hier uns sieht und Zeuge von uns ist 
sagen Sie mir Charlotte was wollen Sie das ich tun soll  Ich bete Sie an
Sie liebten mich  Aber ich will meine Liebe die ihrige und unsere Trauung
nichts nichts für mich anführen Ich kann Ihnen kein Glück anbieten als die
Gärtnerarbeit meiner Arme Ich danke Gott dass Sie leben Haben Sie zu leben
Wollen Sie ohne mich leben  Ach tun Sie es  Segnen Sie mich hier unter
diesem Himmel Weinen Sie eine Träne über mich drucken Sie meine Hand  und
heißen mich gehen  Ich kann o Gott ich kann Sie nicht öfter sehen und mit
meiner und Ihrer Liebe sehen ohne tausendfache Wünsche und Schmerzen zu fühlen
 Aber alles alles opfre ich ihnen  Ich war glücklich ich bins den
Augenblick  ich sehe Sie  Ach vergeben Sie mir alles was ich Sie leiden
machte sagte er da er sich zu meinen Füßen nieder warf und mir die Füße
küsste vergeben Sie mir meine Liebe Hassen Sie mich nicht  beten Sie für mich
 und  Ach Charlotte  ach Gott Charlotte 
    Ich konnte nichts als schluchzen Endlich sagte ich ihm er solle doch
Morgen wiederkommen da wollte ich ihm die Wünsche meines Herzens sagen  Wann
soll ich kommen  Erst Abends  Ach da kann ich vielleicht nicht  Warum
nicht Ich will gewiss da sein  Ach wenn Wasser meine Kräfte erhalten kann
wie heute so will ich auch da sein Denn Charlotte ich habe den ganzen Tag
nichts gegessen Ich war matt als ich Sie kommen sah und wollte Sie um Almosen
bitten  als ich Sie erkannte und für Staunen und Freude umsank 
    O wie rührte mich dieser neue Umstand der Arme Liebe  Ich wollte in mein
Dorf und ihm den Abend noch was bringen Er wollte es nicht und bat mich nur
des Morgens früh zu kommen und etwas Milch und Brodt zu bringen  Mein Gott
Karl wo will Er bleiben  Dort wies er auf ein halb zerfallnes Kapellchen so
auf der Höhe lag  Da kann Ihm ja Unglück geschehen  Von wem Charlotte Hier
sind keine wilde Tiere 
    Aber es können Räuber kommen   Räuber O was tun die  sagte er mit
bitterem Lächeln  sie nehmen Kleider und das Leben was ist das gegen dies was
unsere Väter uns nahmen
    O Was für eine grausame Vergleichung  Grausam Charlotte Sehen Sie sich
sehen Sie mich an  Aber sie sind tot Mögen sie eine bessere Ewigkeit haben
als das Leben das sie uns bereiteten Ich sagte ihm dass ich diese Nacht die
ärgste Quaal leiden würde über seinen Gemütszustand  und das Kapellchen 
    Fürchten Sie nichts ich werde nicht viel schlafen sondern nach dem Ort
sehen wo Sie wohnen Einsamkeit fürchte ich nicht Ich bin seit acht Tagen in
einem verfallenen Schloss mitten in einer Einöde  und ein Soldat hat Herz 
 Dies beruhigte mich nicht ich jammerte fort Da sagte er sanft Sein Sie
ruhig Charlotte Gott ist mein Trost und mein Schutz auf den hoffe ich Gehen
Sie in seinem Namen zurück  und Morgen ach Morgen erquicken Sie mich bald 
    Ich versprach es ihm herzlich konnte aber beim Abschiednehmen mich nicht
zurück halten mich an seine Brust zu beugen und laut zu weinen Er umfasste mich
zärtlich  Charlotte Sie an meiner Brust  Sie mit diesem Vertrauen in
meinen Armen  Gott der uns sieht Engels Seele ach alles alles will ich nun
leiden 
    Er küsste die Ermel seines Kleides die mich berührt hatten und meine Hände
und trat zurück Nichts mehr nichts Gehen Sie heim gehen Sie ich bin selig 
Er führte mich noch ein wenig auf meinen Weg und sah mir nach bis ich am Ende
der Straße war Ach ich schlief nicht viel ich zog mich nicht aus Sein
Hunger und seine Einsamkeit und er und seine Liebe waren vor mir  Um vier
Uhr Morgens hatte ich schon einen Topf mit Milch und Brodt dabei unter meinem
Regentuche Ich eilte hinaus zu der Kapelle und fand ihn schlafend den Kopf auf
der zerbrochnen Stuffe des Altars Ich betete hier mein Morgengebet mit vielen
Tränen setzte mich auf die Erde nahm eine seiner Hände die ganz kalt war Er
musste die Wärme und das halbe Zittern meiner Hand gefühlt haben denn er wachte
auf  Karl armer Karl sagte ich  O Gott sind Sie schon da rief er edle
edle Güte  Er trank einige Tropfen dann mehr tauchte Brosamen ein labte
sich und segnete mich Dann redten wir ab dass er in einigen Tagen wieder kommen
sollte Bis dorthin wollten wir uns entschließen was wir tun könnten und er
nahm die übrige Milch und das Brod mit sich 
 
                               Siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Ich war hier begierig gemacht das Übrige von der Wollinge traurigen Geschichte
vollends zu hören Die gute Charlotte hatte Mühe das Weitere in aller Ordnung
zu sagen weil sie noch immer bei allem zu sehr weint und durchdrungen ist Sie
können aus dem Mahlen einer jeden Szene schließen wie sehr deutlich die Bilder
der Quaal noch in ihrer Seele liegen Denken Sie sich selbst dieses alte
Kapellchen und die zwei treue Liebende darinnen den Milchtopf der den Armen
nur Tropfenweis erquickte  und dann den Abschied und das Hinknien neben
einander und das Hinblicken auf den Platz der zum Altar geweiht war und die
gebrochne Reden und das Seufzen Karls als er seine beiden Hände an den
Überrest dieses Altars legte seinen Kopf darauf lehnte und dann hier noch
einmal seiner Charlotte und allen Wünschen seiner Liebe entsagte wenn sie nur
sie glücklich  und ruhig würde  Sie mit stillem Weinen da auf der Erde
sitzend ihr Herz an ihm hangend nach ihm sehnend  und allein durch die
grausame Not des Nichts haben des Nichts hoffen zurück gescheucht noch nicht
sagen zu können ich will mit dir in einer Hütte leben  O Rosalia
    Er ging weg Sie bat ihn ja wieder zu kommen fürchtete er möchte es nicht
tun besonders da er ihr seinen Aufenthalt nicht nannte 
    Ach sagte sie ich glaubte mehr an meine Liebe als an seine  Meine
Mutter kam schon um halb sieben zu mir betrachtete mich ängstlich riss mich an
sich  und benetzte mich mit Tränen  »Lotte O Gott meine Lotte was hatte
ich für eine elende Nacht voll Vorwürfe dass ich dich verließ  Tröste mich
söhne mich mit mir selbst aus  Sage mir alles alles wie es vor Gottes Augen
ist  Was habt ihr geredt wo ist Karl Wann gingst du heim« 
    Treulich wie Ihnen sagte ich ihr alles Sie dankte Gott innig für den
Schutz den er mir gegeben 
    Rosalia haben Sie es nicht der Mutter etwas übel genommen dass sie wegging
Ich tat es auch Aber denken Sie wie sehr die arme Frau immer niedergedruckt
war sich erst beständig vor ihrem wilden Mann fürchten musste dann arm wurde
und von der Gnade eines Tochtermannes und einem kleinen Gehalt lebte Sie war
nicht von den Leuten deren Mut gestählt werden kann sondern die ihn völlig
verlieren Selbsterhaltung Sorge die Magd möchte sie verraten die arme Lotte
verraten  und Karl in Gefahr kommen ach wie viel stürmte da auf die wenige
Kräfte dieser Frau Sie fühlte dass sie nicht weg sollte deswegen rufte sie
Gott um Schutz an schlief nicht und war des Morgens so ängstlich Ach richten
Sie nicht
    Charlotte fuhr fort  ihre Mutter forderte dass sie Karln nicht mehr sehen
und ihm nur schreiben sollte Diesen Brief wollte die Mutter ihm geben  und
ihm dabei ermahnen dass er sein Glück erst suchen und nur dann und wann
Nachricht von sich geben möchte Bei diesem Vorschlag ihrer Mutter empörte sich
ihr Herz  und fühlte nichts als seine Liebe Sie schlug da die Hände
zusammen  »Der Himmel vergebe mir wie er mich strafte  Ich nahm mir vor
meine Mutter zu betriegen und ihr einen Tag später anzugeben wo Karl wieder
käme Ich wollte ihn nur einmal noch sehen nur einmal Es war mir mit diesem
Vorsatz Ernst Ich schrieb den nämlichen Morgen den Brief den meine Mutter
haben wollte Sie nahm ihn mit denn sie konnte nicht alle Tage zu mir kommen
sondern nur an denen wo mein Schwager in die Stadt zum Rat fahren musste Sie
wollte dann nach der Unterredung mit Karln zu mir kommen und mich trösten denn
ich weinte schon sehr da sie noch mit mir davon sprach Es waren gewiss glauben
Sie mir« sagte sie gegen mich bittend es waren gewiss schon Zähren der Reue
darunter dass ich sie betriegen wollte Aber meine Liebe war stärker als diese
Reue und meine lange Busse auch  Ich sprach meinen Mann den zweiten Tag
Morgens bei der Kapelle da ich ihm nochmals etwas Milch und Brodt mit Butter
brachte und ihm unter einer Flut von Tränen den Willen meiner Mutter
ankündigte dass ich ihn aber noch einmal hätte sehen und meiner treuen ewigen
Liebe versichern wollen  Er solle sich um einen Platz bewerben und mir
fleißig Nachricht von sich geben an mich und an das Kapellchen denken wo seine
arme Charlotte alle Tage hingehen würde für ihn zu beten  Er ließ mich reden
hielt meine Hände so wie er neben mir saß in den Seinigen die er auf seine
Knie stützte und sein Gesicht in meinen Händen verbarg keine Träne keinen
Laut von sich gab Ich hatte vier Bettücher von guter Leinwand und die sechs
silberne Löffel mit mir gebracht die sollte er zu Hemden und zu Gelde machen
um sich was anzuschaffen Ich gab ihm auch dabei was ich an Gelde hatte es
mochten drei Gulden sein  Immer redte er noch nicht Ich schwieg auch hielt
es aber nicht aus sondern küsste ihn auf die Stirne  Er fuhr auf 
    »O Charlotte Charlotte«  und blickte mich unaussprechlich an fasste meine
Hände nochmals legte noch sein Gesicht darauf aber ich fühlte mit Angst wie
es immer glühender wurde  »Lieber lieber Karl«  sagte ich leise mit
beklemmten Herzen  Da richtete er sich ziemlich sanft auf faltete seine
Hände  »Ja Charlotte  ja Alles Alles will ich tun Sie Ihre Mutter zu
beruhigen«  Betrachtete mich wieder ganz  ich saß noch  er stand vor mir
Sein Gesicht zog sich ein wenig während er einige Augenblicke schwieg dann
seine Augen mit seinen Händen aber nur einen Augenblick zuhielt und mit einer
heftigen Wendung aus dem Kapellchen heraus trat seinen Kopf mit etwas Trotz
erhob und mit dem Arm zugleich eine gewaltige Bewegung machte  »Ja Schicksal
 Ja Menschen  Ich will Alles tun Alles leiden« 
    »O Madame«  sagte sie und fiel an mich  was hatte er da für eine
Stimme für eine Stellung welch fürchterlichen Ausdruck in dem sonst so
sanften so edlen Gesicht  Ich stand zitternd auf und ging mit ausgestrekten
Armen gegen ihn  »Karl mein Karl« 
    »Ihr Karl Charlotte« und halb hob er einen seiner Arme gegen mich schlug
aber gleich mit flammendem Gesicht diesen Arm an seine Brust  »Hier  hier
ewig Ihr Karl  und Sie meine Charlotte« 
    Ich wollte ihn da umarmen er wies mich mit beiden Händen ab  »Nein
Charlotte  nein  aus Barmherzigkeit nein«  Er bückte sich nahm schnell
seinen elenden Hut druckte ihn fest an sich riss mein Schnupftuch mir weg und
ging ohne umzusehen ohne etwas mit sich zu nehmen weg so eilend mit solchen
Schritten dass wenn ich die Kraft gehabt hätte zu laufen ich ihn doch nicht
würde eingeholt haben  Mein Schmerz meine Verzweiflung sind über allen
Ausdruck Ich trug mit bitterstem Kummer Alles zurück Ach wie Eisen schwer
wurde es mir gegen das was ich im Hintragen gefühlt hatte Ich aß und trank den
ganzen Tag nicht Ich schrieb meiner Mutter und schickte ihr das Geld so ich
ihm hatte geben wollen Ich härmte mich die ganze Nacht elendig ab und schlief
zum Unglück ein denn ich wollte samt meiner Mutter ihn noch einmal sehen
Aber ich erwachte erst als sie von ihm zu mir kam und an meinem Bett
schluchzte  Er war gekommen ganz ruhig ganz nachdenkend hatte wenig geredt
meinen Brief gelesen geküsst meine Mutter gesegnet  mich  nur einen Gulden
von achten genommen die meine Mutter ihm geben wollte und war bald aber fast
wankend von ihr gegangen Sie sah ihm nach  als er auf einmal umkehrte und zu
ihr sagte »Lieben Sie trösten Sie meine Charlotte  Sie ist doch meine
Charlotte meine mir angetraute Frau«  Er fasste die Hand meiner Mutter 
»Diese Hand selbst diese Mutterband hat sie mir gegeben vor Gott gegeben 
und nimmt sie wieder  auch vor Dir«  sagte er mit Aufhebung seines Kopfs
zum Himmel
    Meine Mutter erschrak und war unwillig dabei »Beides war Zwang war Nacht«
 sagte sie und dies gewiss mit einem zornigen Wesen Er trat einige Schritte
zurück  »Ja ja Sie haben Recht Frau Rätin Sie haben Recht«  und fort
lief er ganz geschwind Meine Mutter sah dass er den elenden Gulden noch von
sich warf und dann noch mehr forteilte Sie war ungeduldig über ihn jammerte
über mich schmählte auf mein heftiges Weinen und auf meine unbesonnene Liebe
die doch der Grund alles Unglücks meiner Familie wäre  O was litt ich da
wieder  Ich wurde nicht krank ob ich schon nichts als Kummer empfand aber
oft recht oft ging ich zum Kapellchen und weinte und liebte da Ich muss
bekennen dass ich nichts anders tat und dachte Es freute mich nichts mehr
keine Arbeit nichts meine gute Mutter selbst hatte mein Herz verloren Fünf
bis sechs Wochen waren so hingegangen Ich hörte kein Wort von meinem Mann  Es
kränkte mich in der Seele, und alle Tage wenn es nur ein wenig heiter war ging
ich schon mit dem anbrechenden Morgen durch das Gärtchen der Wittbe bei der ich
wohnte durch einen Feldweg und eine kleine Anhöhe in die Kapelle immer mit der
Hoffnung ihn einst da zu finden Den zweiten Junius an einem Feiertage
erstaunte ich sehr auf dem Boden ein schön geflochtenes weißes Körbchen voll
Erdbeeren und Blumen zu finden Ich erschrak Anfangs und dachte dass jemand aus
der Gegend da sein müsse der vielleicht nur einen Augenblick auf die Seite
gegangen sei Ich wartete lang an dem Eingange blickte aber von Zeit zu Zeit
auf das Körbchen Dann bemerkte ich auch dass um die alten Steine herum Blumen
gestreut waren Ach da fiel mir Karl ein  und seine BlumenGedanken bei den
Hochzeiten meiner Schwestern Mein Herz klopfte ich näherte mich dem Körbchen
Mein Name war in Feldblumen gebunden und ein Zettelchen dabei »Charlotte wenn
Liebe gütige Liebe Sie so oft herführt wenn sie mich sehen möchten so gehen
Sie einige Schritte auf der rechten Seite der großen Eiche hin Wo nicht  ach
wo nicht Charlotte so nehmen Sie doch meinen Segen Ich bin nicht ganz
unglücklich Ich lebe einsam  und habe Sie oft oft gesehen  Gott lohne Sie
für diese Augenblicke« 
    Zitternd und wankend wie trunken ging ich hinaus  Er war gleich da war
lauter Freude lauter Glück  Ich auch  Er erzählte mir er habe einen
Aufenthalt habe sich Obstbäume gepflanzt etliche gepfropft Gemüs angelegt
habe eine süße einsame Hütte in der schönsten Gegend habe sich auch Gerste
angesäet habe Brennholz genug  sei dies alles seiner Ehrlichkeit schuldig
hange von Niemand als seiner Arbeit und redlichem Herzen ab habe zwei eigne
Ziegen  Ich freute mich über all das innig Er machte mir auch die ganze
Beschreibung so herzlich dass ich ihm endlich sagte ich wollte seine Hütte
sehen  »Meine Hütte Sie Sie Ach sie ist fünf Stunden von hier Sie kommen
in einen Tag nicht hin und her«  Er stammelte fast da er dies sagte und sah
wehmütig und zärtlich mich an  »Ist kein Dorf in der Nähe«  »Ja«  »Nun
dort will ich über Nacht sein«  Er wurde tiefsinnig und unruhig  »Charlotte
liebe Charlotte wollen Sie  wenn wenn wollen Sie meine Hütte sehen«  Er
hielt bei diesen Fragen eine meiner Hände an seine Brust  Ich sagte ihm dass
meine Mutter in acht Tagen mit meiner Schwester in ein Bad reisen würde da
könnte ich abkommen ohne dass es jemand wüsste Ich wollte wenn das Wetter schön
wäre recht früh da sein er sollte mich bei der Eiche abholen
    Freude in seinen Augen  Entzücken Unruhe Tränen küssen meiner Hände
meiner Schürze der Blumen die ich in der Hand hatte essen dieser Blumen 
alles wechselte bei ihm ab  Dann wurde er still blickte mich aber so an dass
ich ihn für krank hielt und fragte was ihm fehlte  Er sagte mir aber nur
»Charlotte kommen Sie gewiss  gewiss«  »Ja mein Karl«  und unwillkürlich
legte ich meinen Kopf auf seinen Arm hin 
    Ach fuhr sie fort bei all meinem Elende erinnerte ich mich oft mit
Vergnügen der Freude die er hatte Er druckte mich einen Augenblick mit einem
Arm an sich stand auf fasste lebhaft das übrige Stück des Altars küsste die
Stellen wo ich gesessen hielt sich wieder am Pfeiler »heilig gesegnet bist
du mir  ach der letzte Stein das letzte Sandkörnchen von dir wird mir heilig
sein Möge sagte er mit gefalteten Händen mein Glück die Seligkeit des Manns
vermehren der dich erbaute« 
    Ich vergoss süße Tränen der Freude und auch Tränen der Angst denn ich
glaubte er käme außer sich Er ging nachdem er das wenige Geld von mir
angenommen hatte und bat mich zwei Löffel und eine Serviette mit zu bringen 
»In acht Tagen schlaf ich hier«  und legte seine Hand freudig auf die Erde
Und ja er schlief da  Aber ich war auch Morgens um drei Uhr auf dem Wege zur
Eiche mit einem Packen Weißzeug meinen zwei Ringen und den sechs Löffeln 
welches alles ich Karln lassen wollte Einige mal hatte ich freilich gedacht
was meine Mutter sagen könnte wenn sie es wüsste Ich sagte mir dann sie sei
weit weg ich käme ja den andern Tag wieder Und Karl war ja doch mit mir
getraut und so rechtschaffen  Ich musste nun wieder eine Unwahrheit sagen da
ich der Wittbe erzählte ich gehe auf etliche Tage zu meiner Mutter ins Bad sie
solle indessen meine Sachen wohl besorgen
    Mein Mann verkürzte mir den Weg weil er mir immer alle Örter nannte alle
schöne Gegenden zeigte denn er wusste einen Pfad der immer auf der Anhöhe
fortdauerte und sich endlich im Gebüsch dieses Berges verlor den ich aber bald
erstiegen hatte obschon Karl selbst immer langsamer ging unter einem Arm das
Päkchen trug und mit dem andern mich unterstützte Ich war aufgeschürzt hatte
einen Strohhut auf und einen Haselstock den Karl geschnitten hatte Er führte
mich unter dem halben Bogen der Nussstauden die noch da sind gegen das alte
Schloss an die Ecke seines Gemüsgärtchens in den Hof wo ich die öde Mauer an
der Seite der Hütte mit Laub und WaldblumenGewinden geziert fand Das Dach
der Hütte war ganz mit Tannenreissig bedeckt und Blumen dazwischen gelegt das
kleine Fensterchen mit eingefasst eine Moossbank vor der Hütte Das Kämmerchen
war kleiner als jetzt  und innen auch mit Grün und Kränzen geziert  Auf
einem Steine waren Kohlen und zwei Töpfe einer mit Suppe einer mit etwas Gemüs
und Fleisch das er den Tag vorher gekocht hatte und nur zu wärmen brauchte
Vier irdene Teller und einige artig geflochtene Körbchen standen auf ein paar
andern Steinen die er von altem Mauerwerk hinein getragen hatte 
    Ach wie wurde ich von alle dem gerührt Vögel hüpften vertraut aus und ein
Er holte seine beiden Ziegen aus ihrem Behälter und ich musste ihnen mit meiner
Hand etwas zu fressen geben  und seinen Vögelchen etwas Gerstenkörner da ich
auf der Bank vor der Hütte saß  O wie sah er mich an wie hielt er meine
Hand was für sanfte Zähren flossen von seinen Augen Hier so eine Ruhe  der
schöne Tag diese Gegend  sie wies mit der Hand umher  Karl   ach ich
blieb ich vergaß  Mutter Welt Alles Alles 
    Hier Rosalia hing sie mit beiden Armen an meinem Hals  Wie sie weinte
wie ich stumm und bewegt meine Arme um sie schlug auch mit weinte und sie an
mein Herz druckte das soll Ihr eigenes Herz nicht meine Feder Ihnen sagen
 
                           Ein und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Ich denke Rosalia Sie haben Alles mitgefühlt was ich von der rührenden
Geschichte meiner Wollinge mit meiner Feder wiederholen konnte Es ist
unmöglich dass ich alle die feinen Mischungen mitschreibe die Charlotte in ihre
Erzählung brachte Sie lag einige Minuten an meinem Hals eh sie fortreden
konnte Mit niedergesenkten Augen und eine meiner Hände in den ihrigen gegen
ihre Brust hebend fragte sie mich »Sagen Sie vergeben Sie mir dass ich bei
Karln blieb Sie wissen dass ich mit ihm getraut war« 
    »Ja mein Kind  Ich vergeb Ihnen von Herzen Möchten Sie nur immer gleich
glücklich gewesen sein« 
    Ach mein Glück welkte so bald wie die Blumenkränze um unsere Hütte und
Karl der arme Karl hatte einige Zeit viel mit mir zu leiden Die Regentage
die Zeit da er wegging etwas zu holen saß ich voll Verzweiflung und Angst in
einem Winkel versteckt  und um die Zeit der Rückkunft meiner Mutter  o wie
war mein Herz zerrissen Ich schrieb ihr und Karl auch Sie wollte uns nicht
sehen Der Zorn und die Sorgen über uns machten sie krank Mein Kummer um sie
gab mir Mut Karls Abwesenheit zwei Tage zu ertragen Es waren freilich
Sommernächte aber ich neunzehn Jahr alt  und so sehr empfindlich allein ganz
allein in dieser Einöde Ach mein Gebet erhielt mich und auch der Gedanke dass
ich alle meine Angst all meinen Jammer verdiente weil ich meinen Eltern und
also dem Gesetz Gottes ungehorsam gewesen sei Ich warf mir den Tod meines
Vaters und das Elend und die Krankheit meiner Mutter vor hatte oft das Herz
nicht mehr Gott um Hilfe anzurufen und dachte immer in der Beklemmung meiner
Seele an den Fluch unsrer beiden Väter über uns  Wir schliefen auf Moos 
jedes hatte nur zwei Hemden kein Küssen keine Decke als die beiden Bettücher
die ich für Karln zu Hemden mitgenommen hatte Ich hatte sechs Gulden von der
Wittbe geborgt und ihr dafür alle meine Gerätschaften zum Pfande gelassen
Unsere Löffel wollten wir nicht verkaufen und lebten höchst kümmerlich so fort
 Fleisch aßen wir lotweis denn wir kauften die Woche nur ein Pfund  Ich
nähte die zwei Servietten zusammen und stopfte sie mit Moos zu zwei Kopfpolstern
aus  Sie müssen den Wasserbehälter sehen den mein armer Mann mit der Mühe
und Erfindsamkeit machte welche das Gedränge der Not gibt Darein tauchten
wir unsere Hemden und übergossen sie mit leichter Lauge und wuschen sie Ich
bleichte trocknete und strich sie mit meinen Händen glatt  Ich hatte nur eine
Schürze zwei Röcke und zum Glück ein Schlafwämschen neben dem halben Kleide
so ich den Tag meiner unglücklichen Flucht aus dem kindlichen Gehorsam anhatte
 Meine dauernde Tränen und Seufzer erschütterten das Herz meines Mannes der
Tag und Nacht arbeitete und tausendmal seinen Verstand erschöpfte um mir
Trostgründe und Hoffnungen beizubringen Ich vermied ihn oft und blieb allein Es
schmerzte ihn  Er hatte ein Stück mit Haber und eins mit Flachs besäet sein
Gärtchen wurde alle Tage größer wir aßen gutes Gemüs  Er war ruhig und immer
zärtlich aber einige Tage stiller und nicht mehr so vertraut Einen schönen
Abend gingen wir schweigend aber Hand in Hand noch hieher Ich setzte mich
denn ich fühlte wie eine Vorbedeutung in mir dass ich einer großen Veränderung
nahe sei Karl wandte sich halb von mir ab sah mit tiefem Blick und mit
langsam hebender Brust gegen die Seite der niedergehenden Sonne Endlich sagte
er mit Ausdruck von Schmerz und Vergnügen »Schöner stärkender Himmel«  setzte
sich neben mich und nahm wieder eine Hand von mir 
    »Meine Charlotte ich wünsche innig dass Ihnen dieser Anblick«  er deutete
auf die Wolken »eben so stärkend sei wie mir  Hören Sie mich an mein Herz
hat Ihnen einen Vorschlag zu tun«  »Ja mein Karl Aber warum sagst du Ihnen
 Sie  was ist das« 
    »Lassen Sie mich so reden Liebe lassen lassen Sie mich so« antwortete er
Ich schwieg da 
    »Ich habe Sie elend gemacht durch die zärtlichste Liebe elend gemacht
Vergeben Sie mir Charlotte und willigen Sie in die Genugtuung die in meiner
Gewalt ist  Gehen Sie Morgen mit mir nach Ihrem Aufenthalt zurück Ihre Mutter
wird Sie mit Güte aufnehmen Hier haben Sie die Versicherung davon«  Er gab
mir einen Brief von meiner Mutter »In dem Schoss dieser Mutter werden Sie sich
trösten und erholen  Die Zeit hilft auch Nehmen Sie den Namen an den Ihr
Vater bei unsrer Trauung Ihnen gab  Es ist ein Titel dabei der wird Ihren
Herrn Schwager bewegen Sie neben Ihrer Frau Mutter in sein Haus zu nehmen Da
werden Sie Mutter und Schwesterliebe genießen Verkaufen Sie Ihr Geräte Ihre
Ringe und Löffel es wird Ihnen so viel tragen dass Sie nicht ganz abhängig sein
werden  Sagen Sie ich wäre fort mein Glück zu suchen Ach Sagen Sie
darüber was Sie gut dünkt was Ihnen Gutes tun kann  Vergeben Sie mir nur
Ihr Elend Ihre Verbindung mit mir Lassen Sie sie aufheben Die Umstände in
denen Sie damals waren werden es sehr erleichtern und ich  ich will Alles
bekräftigen Alles unterschreiben was für Sie was zu Ihrem Besten sein kann 
Sagen Sie nur meinen Aufenthalt Niemand Lassen Sie mir den Löffel mit dem Sie
aßen und die Stücke Weißzeug die uns deckten  Ich will sonst nichts«  Er
breitete seine Arme aus  »Ganze ganze Welt ich will sonst nichts« 
    Ich hatte wie Sie denken können immer fort geweint Er schien es nicht zu
achten und seine Augen und sein Gesicht waren trocken nur manchmal rot
manchmal gezogen Er hatte aufgehört zu reden Ich schluchzte laut Er wischte
meine Augen seufzte war aber noch fest genug  mir ruhig zu sagen »Kommen
Sie wir wollen den Brief Ihrer Mutter lesen« 
    »Ich konnte nicht reden nur meine Hände ringen  Ich hoffte gewiss zu
sterben so übel so schmerzvoll war es mir Karln unempfindlich bei den Tränen
zu sehen die ich vergoss  Meiner Mutter Brief war freundlich Sie lobte Karln
über seinen Entschluss und sein Anerbieten einer Ehescheidung setzte hinzu sie
würde so nach dieser Trennung nimmer gelitten haben dass wir uns sähen und
hätte wohl vermutet dass der Wahnsinn meiner Liebe austoben würde Aber ich
bin Mutter endigte sie komm mein Kind komm du sollst mich als deine treue
zärtliche Mutter finden so lange ich lebe« 
    Seine Stimme war ziemlich bewegt so lange er las aber keine Zähre trat in
seine Augen Das quälte und empörte mich äußerst Als ich ihn nun vollends den
Brief wieder mit gesetzter Miene zusammenlegen sah trockneten jähling meine
Tränen Ich riss mit Zorn den Brief meiner Mutter aus seiner Hand warf ihn weg
 »Ich bin selbst Mutter« schrie ich und schlug mit Verzweiflung auf meinen
Leib  »ich selbst  und Du«  Ich stieß meinen Mann von mir  »Du hart
unempfindlich wie mein Vater es war« 
    Er fuhr auf schlug seine Hände zusammen blickte mich an  Ach ich kann
nicht sagen wie  fiel mit Heftigkeit hin auf seine Knie vor mich umfasste
mich konnte auch lange nicht reden  Ich wollte mich losmachen von seinen
Armen aber er hielt mich umklammert
    »Charlotte Du bist Mutter« 
    »Mutter«  Er betrachtete mich einen Augenblick mit einem unsäglichen
Ausdruck seines Gesichts 
    »Grausame Du sagtest mir nichts«  Nun ströhmten Tränen von seinen Augen
Er legte seinen Kopf auf meine Knie und weinte laut  Ich sagte noch indem ich
meine Arme um mich legte »Ich hoffe armes Geschöpf Du sollst mit mir zu
Grunde gehen und sterben« 
    »Er umfasste mich  und schrie stammlend vom Weinen O Charlotte sei gern
Mutter  Mutter meines Kindes  Liebe mein Kind liebe mich« 
    Ich schwieg er auch Dann richtete er sich auf  »Ich Vater Du Mutter 
Charlotte du bist mein ewig mein«  mit Entzücken umarmete er mich da
»Vergieb vergib mir Alles Vergieb mir um meines Kindes willen  Nun kannst
Du nun darfst Du nicht von mir« 
    Ach Gott das Lächeln des Glücks und der Liebe verbreitete sich über all
seine Züge Ich weinte wieder sanft ich fühlte auch all meine Liebe wieder Er
küsste meine Tränen auf  »Charlotte beruhige Dich Lebe lass mein Kind leben
 Dein Gram tötet es  Lebe mit ihm Du Teure Angebetete Du seine Mutter«

    Eine Zeit darauf erhob er seine Hände zum Himmel »Ewiger Vater du gabst
mir die zwei Geschöpfe hilf o hilf mir sie erhalten Stärke segne diese
Arme segne diesen Boden« 
    »Er streckte seine Arme nach aller Kraft seiner Sehnen aus blieb etwas
still setzte sich dann zu mir umarmte mich zärtlich  Du bleibst nun bei mir
 Sieh Charlotte die so schönen Abendwelken von Gott so herrlich gefärbt
Morgen zerfließen sie in einen fruchtbaren Regen  Hier in dem großen Tal
vor uns wächst Nahrung für viel tausend Geschöpfe und hier sollte Gott uns
nicht ernähren meiner Hände Arbeit nicht segnen  für Dich  für mein Kind 
Auf dem Boden wo er Alles hervorspriessen lässt um Käfer Gewürme Vögel und
Wild ihre Nahrung finden zu lassen und für mich für Dich  solle ich an seiner
väterlichen Vorsorge zweifeln« 
    Er besänftigte hierdurch meinen Schmerz und ich ging an seinem Arm
glücklich in unsre Hütte zurück  Er erzählte mir wieviel er gelitten um
sich zu unserer Trennung zu entschließen Er habe auch die Stärke dazu bloß in
meiner anfangenden Kälte gegen ihn und meiner immerwährenden Traurigkeit
gefunden weil es ihm unmöglich gewesen sein würde mich länger so um sich zu
sehen  Ach er war nicht gleichgültig der gute Karl Unsre Liebe küttete sich
nun fester  und blieb es bis auf diesen Augenblick  Aber mit meiner Mutter
hatten wir aufs neue zu kämpfen Sie vergab uns diese Abänderung unsrer
Gesinnungen lange nicht und hielt den Beweggrund meiner Umstände für erdichtet
Endlich ging ich mit Karln ihr nach  und da konnte sie meinem Anblick und
meinem Flehen nicht widerstehen Sie vergab uns und segnete uns weinte über
mich über ihre Armut über die meinige  Wir baten sie inständig niemand zu
sagen wo wir wären und einmal zu uns zu kommen Sie versprach es  Diese
Hoffnung und ihr Segen und ihre uns bezeigte Liebe stärkten mich zum Rückweg
Sie hatte auch Karln geküsst und uns gesagt da sie unsere Hände hlelt »Ach
wollte Gott Ihr wäret meine glücklichsten Kinder so wie ihr meine Besten
seid« 
    Auf die Zeit da wir wussten dass sie zu uns kam puzten wir unser Gärtchen
unsere Hütte und alles recht sauber und artig wie auch den ganzen Weg nach
Mahnheim den Karl mit dem Rechen ebnete und die Steine weghob  Aber sie war
sehr traurig mich hieher verbannt zu sehen  Ich zeigte ihr nichts als
Zufriedenheit  Sie verkaufte meine Ringe vier Löffel und das Zinn und
Kupfergeschirr schrieb dann dem guten Beamten Moos zum Besten meines Mannes
und sagte ihm dass er ehemals ihr Kammermädchen geheiratet habe Er möchte ihn
seine Gärtnerei da oben fortführen lassen und erlauben eine neue Hütte zu
bauen  Die bekamen wir noch im Oktober wie auch Betten Weißzeug und
Kleidungsstücke wie sie für Gärtnerleute taugten Karls Flöte und einige
Bücher kamen auch Ich hörte die Betrachtungen meines Mannes über den wahren
Unterscheid der Stände wurde mit dem meinigen vergnügt gewöhnte mich hier zu
leben half ihm arbeiten er mir  denn im Winter strickten wir beide und
spannen auch  Seine Sorgfalt um mich ist nicht zu beschreiben und sein
Kummer auch nicht da ich mit vielem Web ein todtes Kind zur Welt brachte 
und er seine Vaterfreuden verloren  ich für mein zärtliches Herz keine
Belohnung meiner Leiden hatte und meinen armen Mann eine Leiche an sein Herz
drucken sah  Ach Madame welch ein Kummer bemächtigte sich meiner  Ich rief
von meinem Lager »O Karl immer noch Strafe für unsern Ungehorsam Möchten es
alle junge Leute hören was wir für Leiden ertragen müssen und möchten sie eher
sterben lernen und sich abhärmen als mit dem Väterlichen Fluch beladen werden«

    »Ich zerriss da meines Mannes Herz zum leztenmal weil ichs mir nimmer würde
vergeben haben ihn noch einmal so zu kränken wie es da geschah  Es war hart
und unbesonnen von mir denn die Frau die mir beistand konnte uns schaden 
Wir ergaben uns mit einander dem Schicksal und weinten vereint über das schöne
tote Bild das wir vor uns hatten Wir liebkosten es hielten seine Händchen
Hätte Vater und Mutterliebe es zum zweitenmal beselen können es würde erwacht
sein  Ich konnte mich von den Überresten nicht trennen und wollte es bei uns
haben Sein Vater trug es selbst in das Bett der Verwesung und legte es in unser
Blumengärtchen wo Sie seinen Grabhügel gesehen haben Ich war lange ziemlich
schwach wurde aber gegen das Frühjahr stark genug um Karln alle kleine
Arbeiten abzunehmen Ich selbst umpflanzte das Grab meines Erstlings mit
Veilchen und zog einen Kranz von Blumen an der Stelle wo sein Köpfchen liegt 
Ich weiß noch nicht was für ein anziehendes trauriges Vergnügen ich daran
fand  Karl entdeckte eine feine Lettenerde daraus formte er Blumentöpfe
trocknete sie an der Sonne und flochte sie mit Weiden ein dass sie nicht aus
einander fielen weil sie ungebrannt waren Von dem Letten machte er auch auf
dem Absatz der Mauer eine Art von Wand mit Weidenflechten dass die Erde nicht
vom Regen abgeschwemmt werden konnte und seine frühen Obstbäume gut fort
wüchsen  Der Beamte bewilligte uns Brennholz so viel wir brauchten und wir
durften da wir mehr Kinder bekamen vier Ziegen halten auch größere Stücke mit
Korn anpflanzen Meine Mutter besuchte uns die zwei Jahre da sie noch lebte
manchmal  Der Stein den ich meinen Altar nenne war ihr letzter Ruheplatz bei
uns Da sah ich sie da küsste sie mich das letztemal Ich kam bald mit Lottchen
in die Wochen und konnte sie nicht mehr besuchen« Sie weinte hier still »Ach
Madame es ist kein Fleckchen um uns herum das nicht mit meinen Tränen benetzt
wurde und ich glaube dass mir dieser Boden auch deswegen so lieb ist« 
 
                           Zwei und siebzigster Brief
                                  Fortsezung
Frau Wolling weinte wirklich wieder Ich störte sie nicht gleich  endlich fuhr
sie fort »Ich kann nicht sagen was seit Ihrer Ankunft und der Versicherung
Ihrer Hilfe in uns vorgegangen ist Ach glauben Sie dass wir Ihre Güte
verdienen  und entziehen Sie uns Ihre Gegenwart und Ihre Liebe nicht mehr Ich
könnte großer Gott«  sagte sie mit aufgehobenen Händen »ich könnte Ihren
Verlust nicht ertragen Sehen Sie nicht uns sondern unsre armen Kinder an« 
    Rosalia ich erneuerte ihr mein Versprechen und sagte Nachmittags beiden
meinen Plan für ihr Haus und Gut welches sie ganz glücklich machte Ich
versicherte dabei den Herrn Wolling dass ich mit seiner und Charlottens
Geschichte sehr zufrieden wäre  und beide bäte alles Vergangene nur als einen
beschwerlichen Weg anzusehen auf welchem ihr Schicksal erst ihre Tugend prüfen
und sie dann auf einen guten Ruhplatz bringen wollte wo sie nichts als Vater
und Muttersorgen fühlen und die Glückseligkeit eines freien einsamen Lebens
neben dem Vergnügen der Arbeit und Freundschaft genießen sollten 
    Hier fasste ein jedes im nämlichen Augenblick eine meiner Hände Charlotte
schluchzte Wolling lag mit seinem Kopf auf meiner Hand  redeten aber nicht
und diese stumme Szene fesselte auch meine Zunge auf einige Minuten Endlich
erholte ich mich zuerst und sagte ihnen »Meine Freunde alle Menschen haben
Leiden zu ertragen Ich bin reich gesund unabhängig aber es geht ein großer
Teil bitteren Kummers durch mein Leben Ich versüsse ihn allein in dem Wohl
meines Nächsten und der Übung meiner Talente Eure Liebe wird mich freudig
machen und hier wollen wir nach Art der Patriarchen in unsrer einsamen Wohnung
mit einander glücklich sein Morgen früh gehen wir zu dem Beamten Aber heut
erzähle mir Herr Wolling die Art wie er auf diesen Berg kam und die Erlaubnis
erhielt sich hier anzubauen«
    Er küsste meine Hand und sah mit einem Blick mich an der sagte dass er
deutlich meine Bemühung sehe ihr Aufmerksamkeit von meiner Wohltat abzuwenden
 »Meine gute Charlotte wird Ihnen viel Vorteilhaftes von mir erzählt haben
Sie weiß nicht wie viel tausendmal ich mir Vorwürfe machte dass ich nicht
gleich nach dem Fest ihrer zweiten Schwester mich entfernte Ich hätte alle
Stärke und Entschlossenheit die dazu nötig war in mir finden können Aber
ich verblendete mich durch Entwürfe von großmütiger edler Liebe und es ist
immer schwer dem Anblick der Geliebten zu entsagen Ich setzte mir heilige
Schranken ich übertrat sie nicht Aber der Strom meiner Leidenschaft verstärkte
sich immer und riss endlich die Ruhe und das Wohl meiner Lotte und ihrer Familie
mit sich hin« 
    Ich sagte ihm hier dass er sich in meinen Augen immer edel bewiesen habe
    »Ach ich war es nur im Unglück Ich hätte es in guten Tagen sein sollen 
Aber Sie wollen meine Berggeschichte wissen Ich wurde ein gezwungener Soldat
Mein Widerstreben half nichts und ich sah wohl dass die wahre Erzählung meiner
Geschichte auch nichts helfen würde Die Urheber meines Elendes waren mir um
Charlotten willen zu ehrwürdig geworden um von ihnen zu reden wie sie es
verdienten  Vergieb mir Liebe sagte er zu Lotten ich bin nicht mehr bitter
es ist nur in dem Lauf der Geschichte  Alle gezwungne oder unsichre Leute wie
man sie heißt werden in Garnisonstädte gelegt und äußerst beobachtet Ich kam
also sehr weit an die Gränzen des Reichs Nachdem meine Seele ganz erschöpft war
und ich aus dem Lazaret kam erhohlte sich meine Vernunft mit meinem Körper
Ich sah ein dass ich auf diese Weise zu Grunde gehen würde ohne den Trost zu
haben etwas von Charlottens Schicksal zu erfahren Vor dem Durchgehen
schauderte mich ob mir schon der Gedanke einigemal aufstieg Ein erzwungner Eid
war doch ein Eid den ich vor Gott abgelegt hatte und Durchgehen war eine
niedrige Handlung die mich mit tausend schlechten Leuten in ein Bündel warf
Das wollte ich also nicht sondern befliss mich äußerst auf den Dienst munterte
und ermahnte auch Andre zu genauer Erfüllung ihrer Pflichten auf Die
Unteroffiziere fingen an mich zu lieben und gaben mir bei den Obern gute
Zeugnisse die dann auch freundlich mit mir sprachen Unter diesen suchte ich
nach einem Ausdruck des Gesichts der mir edelmütige Menschenliebe versprach
 Ich fand den Mann in der zweiten Garnison an dem Lieutenant von L T
von dem ich schon in unsern Gegenden wo er auf Werbung lag als von einem
vortrefflichen und Einsichtsvollen Mann hatte sprechen hören Er hat eine sehr
liebenswürdige Frau mit der ich ihn oft in einem Garten sah in welchen einige
Fenster der Kaserne die Aussicht haben  Ach wie traurig machten mich die
Kennzeichen der wahren reinen Zärtlichkeit die sie sich gaben  wenn ich da
an Charlotte dachte Der Garten schien mir schlecht gepflegt und ich machte den
Entwurf einiger Verbesserung im Schönen und Nützlichen zeichnete ihn und sagte
meinem freundlichen Unteroffizier davon dieser dem edlen Herrn von L T
und ich erreichte meinen Endzweck zwischen meinen Wachttagen in diesem Garten
zu arbeiten Man war sehr mit mir zufrieden besonders da ich einen Jungen des
ersten Gärtners unterrichtete Diese Zufriedenheit wandte ich an Herrn von L
T um Bücher zu bitten welche ich aber nicht zum Lesen sondern in der
Absicht verlangte dass er auf mich neugierig werden möchte Das geschah er
fragte mich aus Ich erzählte ihm Alles und gestand ihm auch meine Absicht in
Bearbeitung seines Gartens  Mein Kummer schien ihn zu rühren so wie ihm meine
Freimütigkeit gefiel  und ich erhielt nach einer neuen Krankheit aus den
Händen dieses großmütigen Menschenfreundes der einen andern Mann für mich
stellte meine Freiheit wieder nebst Geld und einem Pass als Gärtnergeselle
worauf ich mir auch Gärtnerkleidung anschafte und dann nichts wichtigers hatte
als in die Gegend zu eilen wo meine Charlotte wohnte Da hörte ich das traurige
Schicksal ihrer Familie und wurde äußerst darüber betrübt In Immenberg erfuhr
ich den Aufenthalt der Mutter aber von Charlotten kein Wort  Ich musste sehr
behutsam mit meinem Herumwandern sein weil an zwei Orten Werber lagen vor
deren Klauen ich mich fürchtete und wirklich einmal in Gefahr geriet vieren
von ihren ausgestellten Leuten in die Hände zu fallen wenn nicht die Dämmerung
und meine Geschicklichkeit im Bergsteigen mich gerettet hätte Denn sie
verfolgten mich auf einem Fußpfad an der Anhöhe der sich endlich in zwei Wege
teilt auf deren einem ich Bergan kletterte und nicht mit Gehen aufhörte bis
ich völlig oben war Nacht und Nebel lagen dann auf dem Tal Ich war müde und
schlief unter dem nächsten Baum«
    »Sie müssen ihn einmal sehen fiel Charlotte ein diesen Baum wo meines
armen Karls klopfendes Herz das erstemal hier ruhte Er ist mit einer schönen
Grasbank umgeben Ich habe ihn oft geküsst«  »Und über ihn geweint« sagte ihr
Mann lächelnd indem er ihre Hand drückte »Den Morgen darauf war ich sehr
niedergeschlagen in meinem Gemüt Aller mein erlittner Jammer war vor mir Der
Gesang der Vögel das muntere Herumkriechen der Gewürme hie und da eindringende
Sonnenstralen zwischen den Stämmen und Ästen der Bäume die schönen Farben der
Blätter und kleinen Waldblümchen die so ganz vollkommne Stille und Ruhe 
besänftigte und erweichte mich Ich weinte eine Zeitlang dann kniete ich und
betete um Nahrung und Ruhe wie dieser Wald und Kräuter und Würmer aus der Hand
ihres Schöpfers erhielten  Ich stand gestärkt an Leib und Seele auf und wollte
die Gegend des Bergs kennen lernen ging daher immer auf der äußern Linie
seiner Höhe nach wo ich endlich zu dem zerfallnen Schloss kam mich da hin
setzte und Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles dessen machte was
Menschen im Guten und Bösen mit Weisheit und Torheit Glück und Elend
machen und erfahren Eine kleine einsinkende Hütte stand noch da auf dem Platz
der unsern Ich durchsuchte sie und räumte sie aus weil ich da ich noch Brod
und etwas Käse bei mir hatte den ganzen Tag und die künftige Nacht da bleiben
wollte Der Abend war herrlich schön das Tal vor uns und alles  Ach da
fiel mir ein wenn Charlotte dächte wie ich wenn sie mich liebte wie ich
liebe wie selig könnten wir hier sein Den ersten Gesetzen der Natur getreu
baute ich hier die Erde für unsre Nahrung zöge Blumen schönes Gemüs und Obst
das verkaufte ich um Kleidungsstücke und mit diesen süßen Träumen von
romantischem Glück schlief ich auf zusammengetragnen Moos ein wachte mit
diesem Traum wieder auf und nahm mir vor Charlotte zu suchen Ich ging aber
einen großen Umweg nach dem Dorf wo ihre Mutter wohnen sollte und getraute mir
auch den zweiten Tag nicht irgends einzukehren weil ich Soldaten gesehen Den
vierten Abend führte mich der glücklichste Zufall zu Charlotten  Ich sah ihre
Liebe ich fühlte meine Zärtlichkeit aber zugleich alle Not der Bedürfnisse
und der Macht der Gewohnheit Ich entsagte ihr riss mich mit Verzweiflung von
ihr hasste alle Welt wollte keine Seele mehr sehen  Aber ach wie traurig
ist der Zustand des Menschenhassers Er verliert nicht nur alle Empfindung von
gesellschaftlicher Freude sondern auch die von dem Vergnügen so wir über unsre
erworbene Kenntnisse Verdienste und Tugend hatten  Aber es ist eine gerechte
Folge des Losreissens von den Banden der Pflicht dass zugleich alle süße
Gefühle der Menschheit verloren gehen Meine innere Wut dauerte vier Tage Ich
wälzte Steine und Stücke Mauer aus ihrem Platz riss Äste von Bäumen ohne Plan
ohne Absicht kletterte über den Schutt im Turm stieß mit den Füßen Sand
Mauersteine und was locker war durch die offene Seite hinaus und sah sie mit
wildem Vergnügen den Berg hinab rollen  Abends kam ein starkes Gewitter Ich
stand an dem Eingang des Hofs an die Mauer gelehnt sah bald diese traurigen
Überreste von roten Blitzen fürchterlich beleuchtet bald alles schwarz um
mich her und hörte ruhig die schrecklichen Donnerschläge die darauf folgten
Diese Empörung in der Natur dauerte zwei Stunden eh die Empörung die in meiner
Seele war sich zu beugen anfing und ich glaube heute noch dass eher der starke
Guss des außerordentlichen Regens der mich durch und durch netzte und kältete
daran Ursach war als ein moralischer Beweggrund Mechanisch kroch ich in meine
Hütte warf die Kleider weg legte mich und erwachte erst sehr spät Der Tag
war schön Ich hatte noch ein Hemde Westchen und Beinkleider von Leinwand die
zog ich an und wollte mein nasses Gewand trocknen als ich Etwas gehen und
reden hörte Ich versteckte mich blieb ganz ruhig und vernahm aus dem Gespräch
der Leute die durch den Schlosshof gingen dass es der Beamte von Mahnheim mit
dem Fürsten war die Bäume zum Fällen auszeichneten Als sie weg waren breitete
ich mein Kleid auf die Steine ging nach einer schönen Eiche die ich liebte und
fand wie ich es befürchtete dass sie auch zum Hau bestimmt war Ich umfasste sie
mit Schmerz und Trauer wie einen Freund den mir das Schicksal nehmen wollte
und wünschte sie losbitten zu können Indem sah ich einige Schritte am Abhang
etwas glanzen und da das Gras umher zertreten war so dacht ich dass Jemand was
verloren haben müsse ging hin fand einen artigen kleinen Schlüssel nicht weit
davon ein Futteral mit einem silbernen Zirkel Maasstab und Bleistift nebst
Messer und dann ein Paketchen mit der Aufschrift für Eichenstämme zehn
Dukaten  Das Geld für meiner Eiche Leben gerade in dem Augenblick zu finden
wo ich über ihren gedrohten Tod geweint hatte gab den Bewegungen meiner Seele
einen neuen Schwung nebst dem Gedanken Das gehört dem Beamten ich will ihm
alles gleich bringen Aber zum Lohn muss er mir die Eiche stehen lassen  O was
war meine Empfindung als ich nach diesem Endschluss zu ihr kam und sie nun als
Gegenstand meiner Wohltätigkeit vor mir stand schöner lieber und wichtiger
schien sogar ein Wähnen in mich kam dass sie Gefühl haben könnte von der
Umarmung mit der ich ihr das Leben versprach  meinen grünen Küttel noch ganz
feucht anzog nach Mannheim zum Beamten eilte und ihm das Gefundene übergab
    Der liebe Mann wollte den nämlichen Augenblick zwei seiner Söhne mit dem
Förster hinschicken und suchen lassen Er staunte mich an und Tränen traten in
sein gütiges Auge als er die Hand ausstreckte um die Sachen zu nehmen Seine
Frau seine zwei Söhne betrachteten mich mit Güte  Redlicher Fremdling sagte
er indem er meine Hand schüttelte und drückte ich danke Euch für die
Zurückgabe meines verlorenen Guts aber ich segne Euch für die Freude einen so
rechtschaffnen jungen Mann zu sehen und für das Beispiel das Ihr meinen
Kindern gebt arm und zugleich so voll Ehre und Rechtliebend zu sein  Wer
seid Ihr lieber junger Mann Wie kommt Ihr auf den abgelegenen Berg 
    Ich wies ihm hier meinen Abschied als Gärtnergesell  Er schien zufrieden
blickte mich aber dennoch von Zeit zu Zeit nachforschend an Ich sollte mit ihm
essen aber ich fürchtete das Ausfragen und dankte ihm« 
    »Vielleicht will Er heut noch weiter ich will ihn an Leute in der Stadt
empfehlen  Komm Er mit in meine Schreibstube« 
    Das tat ich  Er sah mich da noch einmal nachdenkend an weil er meine
Verlegenheit sah  »Nun wie ist es mit Ihm Freund Mich dünkt Er hat mir was
zu sagen Vertrau Er sich mir«  sprach er indem er zugleich einen
Schiebkasten seines Schreibtisches aufmachte und einen großen Silbertaler nahm
den er mir darbot  Nehm Er das kleine Kennzeichen meiner Dankbarkeit hin und
rede Er freimütig mit mir 
    Ich wies seine Hand mit dem Taler zurück und sagte »Herr Amtmann ich
bitte um nichts als dass Sie die Eiche bei der alten Mauer stehen lassen sie
ist mir so lieb« 
    Er trat ein Paar Schritte zurück und besah mich mit Staunen von Kopf zu
Füßen 
    »Die Eiche Ey was tut Ihm die Eiche« 
    »Ach sie ist seit sechs Tagen der Trost und die Freude meines Lebens  Es
ist sonst kein Wesen auf der Welt das mir Gutes tat Der einzige Wohltäter
den ich je hatte lebt in Königsberg so weit von mir Lassen Sie die Eiche
stehen  Erlauben Sie mir in der Hütte zu wohnen und um das alte Schloss herum
Gemüs und Obstbäume zu pflanzen davon ich leben will« 
    »Lieber junger Mann ich denke Er wundert sich nicht wenn Er mir immer
sonderbarer vorkommt Denn wenn Er von seiner Handarbeit leben will warum geht
Er nicht lieber zu einem Gartenmeister« 
    »Sie haben in Allem Recht teurer Herr Amtmann  Aber Sie machen mich zum
glücklichsten Menschen wenn Sie mir diesen Aufenthalt vergönnen und Sie sollen
mich immer als den Redlichsten finden« 
    »Er wollte was von mir wissen Ich sagte ihm dass ich in meiner Jugend
studiert hätte weil ich der Sohn eines Schreibers sei dass ich ein gutes Mädchen
innig geliebt und ihr auch wert gewesen wäre dass ich mit ihr getraut  aber
am nämlichen Tage mit Gewalt zum Soldaten genommen sei wo ich immer krank und
also unbrauchbar gewesen Da hätte mich die Menschlichkeit eines edlen Mannes
wieder frei gemacht Ich hätte meine Frau aufgesucht müsste aber nicht wo sie
wäre Mein Vater sei tot und das Leben mir zuwider so bald ich unter viel
Menschen sein müsste« 
    Er bedachte sich eine Zeitlang Endlich sagte er »Ja mein Freund Er soll
da oben wohnen und anbauen mit der Bedingung dass er diesen Taler nebst
einigem Handmerkszeug annehme und mir alle Woche sage was Er getan hat« 
    Ich küsste seine Hände mit vielem herzlichen Dank Er ließ mich im Zimmer
warten um mit seiner Frau zu reden Ich konnte mich nicht enthalten auf meinen
Knien Gott zu bitten dass er diesen herzlichen Mann und seine Kinder segnen
möge
    »Sie hatten mich im Nebenzimmer belauscht wie sie mir nachher sagten und
beide kamen gerührt in das Zimmer nachdem ich ziemlich lang allein darin
gewesen war Die Frau gab mir einen Sack voll Saamen wie sie sagte Es war aber
auch in einem Tuch ein Laibbrodt und ein Stück trocken Fleisch dabei Zu diesem
gab sie mir einen Rechen eine Grabschaufel Hake einen Schiebkarren voll
Dünger zwei irdene Töpfe und zwei Teller nebst einem Löffel dabei Und so zog
ich herrlich in meine Einöde zurück  Was für ein Abend war dies  Meine
Ehrlichkeit hatte mir aus den Händen der besten Menschen einen Wohnplatz
erhalten  Ich fühlte mich glücklich Aber da kam das Bild von Charlotten der
Wunsch nach ihr  Entwürfe meines Anbaus und meiner Hoffnungen  Ach wie
arbeitete ich wie war ich gestärkt wenn ich im Walde zu dem Kapellchen ging
um wenigstens den Ort zu sehen wo meine Liebe war und da Charlotten an mich
denken und für mich beten sah  Ich wollte mich nicht sehen lassen bis ich
ihr etwas von einem sichern Aufenthalt und Nahrung erzählen könnte denn ich
hatte ja auf sie Verzicht getan Endlich schrieb ich zeigte mich Charlotte
vertraute sich mir  machte mich selig« 
    »Und elend« fiel sie ein  »Du Liebe sagte er es wäre unnatürlich und
unwahr gewesen wenn Du nicht auf diesem traurigen Wege Deines Lebens gewankt
und geklagt hättest  Der Beamte besuchte mich zum öfteren lobte mich schenkte
mir eine Ziege dann die Zweite empfahl mein Gemüs an ein Paar Häuser in der
Stadt Ich zog Zwergbäume in den Lettentöpfen die ich mit Weiden einflochte
Blühend verkauft ich sie Das tat uns viel gutes Meine teure Lotte wurde die
beste Mutter und arbeitete nur zu viel Der Beamte gab uns so viel Freiheit und
Gutes als er konnte Die Gewohnheit siegte über alles aber nicht über den
Gedanken was wird aus meinen Kindern aus meiner Lotte wenn ich sterben
sollte« 
    »Wie oft lag ich neben dem Grabe meines Erstlings wünschte in düstern
Stunden mich Mutter und andre Kinder auch bei ihm unter der Erde  Dann
betete und hoffte ich wieder meine Knaben sollten gute Gärtner meine Mädchen
einst geschickte fleißige Weibspersonen sein Arbeit der Hände war unser
Ehrenstand geworden Ehrgeiz Eitelkeit alles war weit von uns nur der Himmel
und das Auge der Vorsicht nahe und wir achteten uns nach dem ersten Stand der
Unschuld zu leben Vor einem Jahr kam Herr von Pindorf ungefähr herauf wurde
auch gerührt gab mir Geld auf Bäumchen die ich ziehen sollte Aber es war nur
ein Vorwand unter dem er seine Großmut verbarg  Er empfahl uns auch dem
Beamten und o Gott er leitete sie zu uns Sie« 
    »Und wie viel Jahre sind sie schon hier« fragte ich 
    »In wenig Tagen sind es neun Jahr« 
    »Ach Gott welch langes Leiden und Mühe« sagte ich mit bewegtem Herzen 
    »O die Zeit entschlüpfte uns eben so geschwind als den Glücklichen Unsere
Arbeiten und Kinder verkürzten sie Mein Mut die Geduld und Frömmigkeit meiner
Charlotte waren große Hilfsmittel Jemehr ich gegen das Schicksal kämpfte je
stärker wurd ich die Last zu tragen die es mir aufgelegt hatte Ich vergaß
dass ich Sohn eines Beamten  und Charlotte dass sie Tochter eines fürstlichen
Rats war  Der Beamte wollte mich vor einiger Zeit zum Schlossgärtner des Herrn
von Mahnberg befördern helfen Aber meine Frau bat mich auf die Rückkunft des
Herrn von Pindorf zu warten der vielleicht was anders vorschlagen würde  Es
war Eingebung die sie hatte denn sonst wären Sie für uns verloren gewesen
wie unser lieber Berg den wir auch hätten verlassen müssen um dem Herrn von
Mahnberg zu dienen« 
    Frau Wolling errötete da und sagte ganz leise »Wilt du mir lieber Karl
die erste Weiberlist verzeihen die ich gegen dich gebrauchte  Meine Bitte
auf Herrn von Pindorf zu warten war nichts als die Ausflucht welche ich gegen
den Vorschlag des Herrn Moos nahm weil Du mir so geneigt schienst seinen
Antrag anzunehmen  Aber ich hielt mich vorgestern für diesen Betrug sehr
geschwind gestraft da ich Madame van Guden Dir wieder von einer Änderung
unsers Wohnplatzes sagen hörte Und da ich hier keine Hilfe vor mir sah so ließ
ich ganz freimütig meinen Jammer blicken und fühlte in Deiner zärtlichen
Einwilligung hier zu bleiben wie sehr ich Unrecht hatte einen Umweg mit Dir
nehmen zu wollen« 
    Er vergab ihr herzlich und der Abend endete sich mit ihrem völligen
Vertrauen da sie mir zwei Papiere wiesen die jedes eine Verschreibung von
funfzig Gulden enthielt Dies war die Ersparnis von dem gelösten Gelde für ihre
Löffel und Ringe und von seiner verkauften Gärtnerwaare seit neun Jahren Der
Beamte und Pfarrer hattens auf die Gemeingüter angelegt damit das so
kümmerlich erworbne Geld ja den Kindern nicht zu Grunde ginge 
    Ach die lieben herrlichen Menschen alle wie freuen sie mich  Sie
können nicht glauben Rosalia wie ordentlich Alles gehalten wird  Garten
Hütte Hof angtänzendes Land so sie bauen dürfen wie reinlich all die grobe
Leinwand und Wollen ihrer Kleider und Betten wie sauber die Kinder und Eltern
an ihrem Körper sind Um vier Uhr steht der Mann um fünf Frau und Kinder auf
Waschen anziehen beten eine Ziegenmilch Suppe essen dann alles hübsch
geordnet im Sommer Mutter und Kinder zum Mann in den Garten da die Ältesten
arbeiten dann eine Stunde nähen oder spinnen und alle Wochen zwei mal eine
Trage Gemüs zum Verkauf nach Mahnheim getragen wo Leute aus W da sind die es
abholen und die Wollings dann ihre Bedürfnisse kaufen 
 
                           Drei und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Ich will Sie liebe Rosalia für mein vierzehn Tage langes Stillschweigen
schadlos halten und Ihnen treulich Alles erzählen wie es mir geht und die
Sachen erscheinen
    Ich war bei dem Beamten in Mahnheim Ein redlicher vortrefflicher Mann der
mit heiliger Treue das ihm anvertraute Gut der Gerechtsame des Herrn und das
Wohl der Untertanen besorgt und der durch Festalten an dem Grundsatze keinen
Bösewicht ungestraft und keinen Guten unbelohnt zu lassen die herrlichste
Ordnung in seinem Amt hat Weil nun dabei auch der Herr von Mahnberg alle Jahr
seine Gefälle richtig bezieht und die Untertanen niemals klagen oder bitten
so hat er dem Beamten volle Macht über die ganze Einrichtung gegeben Das
erworbne Ansehen welches dieser Mann durch unabgeänderte Ausübung seiner
Pflichten erhielt dient nun zu der Grundlage des Wohlstands meiner Wollinge
Denn Herr von Mahnberg willigte gleich in den Vorschlag einen neuen Hof auf
Erbbestand anzulegen Ich sagte dem Beamten und den Wollingen selbst dass ich
eine reiche Anverwandtin von ihnen wäre die jung aus ihrer Gegend weggekommen
und in Holland verheiratet worden sei Sie wissen wenn Holland nur genannt
wird so glaubt man gleich an Reichtum und viele Familien haben die Idee dass
jemand von ihnen dort wohne so dass mir Herr Moos leicht glaubte  Ich wünschte
die Wollinge davon zu überzeugen um ihnen die Last des Danks zu erleichtern
die mit so großen Geschenken auf sie fällt Als Verwandtinn ist es meine
Pflicht und diese kann man grade zu annehmen  Bei dem Beamten und seinen
Leuten wurde dadurch das Staunen und Rachdenken über das Sonderbare meiner
Erscheinung und meiner Wohltaten verhindert Denn großes ungewohntes Gutes
ohne Vorsicht dargestellt schadet oft bei Menschen die an Vorurteilen haften
und Schwäche und Vormteile mit Schonung behandeln ist auch Pflicht Rosalia
so wie es Pflicht ist sie zu vermindern  Aber da vielleicht an Vorurteilen
schon viel Geschlechter hindurch ein Teil des Wohls hing so halten die
Menschen daran und sträuben sich gegen das Wegnehmen eines bekannten Guts Man
darf ihnen aber nur auf einer andern Seite etwas zeigen was die Kennzeichen
eines ihnen nicht ganz fremden Vergnügens trägt so wird Neugierde sie
hintreiben es kosten machen und zur freiwilligen Ablassung von dem allen
führen  Aber wo schweife ich hin  Kommen Sie zu meinem Beamten von dem ich
auch Baase sein möchte seitdem ich die Freude sah mit der er kam uns die
Antwort selbst zu bringen und gleich mit Wollingen hinging das Land auszumessen
und Pfähle einschlagen zu lassen Niemals hat ein Gewinnsüchtiger seine
eingelaufene wucherische Zinse schneller und richtiger gezählt als dieser liebe
Mann zu Werk ging der Familie über die er weinte weil er unvermögend war ihr
zu helfen nun einen Bezirk von sicherm Unterhalt anzuweisen Denken Sie wie
ich gerührt wurde als ich mich von einem Vater von acht Kindern die er nicht
reich nicht glücklich machen kann mit vollem Herzen und überfliessenden Augen
für die Wohltat segnen hörte die ich einem andern Vater von vier Kindern
erwies Das gute Zeugnis so er meinen Wollingen gab und die Aufmunterungen 
und Erleichterung zum vollkommenen Anbau des neuen Guts das er alles mit so
vielem Eifer betrieb seine Frau die sich auch herzlich ergözte dass den
Wollingen Gutes geschah   Dies belohnte mich schon weit für meine entworfenen
Ausgaben und Mühe  Ach Rosalia wer gute Menschen liebt und sucht findet sie
auch Nur müssen wir nicht mit einem Modell umhergehen das wir uns von
Verdiensten des Verstands und Herzens gemacht haben und so daran kleben dass
wir alles so nicht in dieses Modell passt als mangelhaft verwerfen sondern uns
angewöhnen und zur Pflicht der Vernunft und Billigkeit machen zu denken dass es
mit den moralischen Formen der Menschen eben so wie mit der Bildung ihres
Körpers ist  Millionenfache Abänderung der äußerlichen Gestalt die zwischen
dem Urbilde der Schönheit und Höflichkeit stehen sind doch immer
Menschengestalten und wir fodern niemals dass alle Gesichter von unsern
Freunden und Bekannten sich gleichen sollen Aber moralische Gesinnungen fodern
wir immer nach unserm Modell  und Sie haben auch in jedem Menschen abgeänderte
Grade und in tausend und aber tausenden den nämlichen innern Wert und bringen
auch Gutes hervor nur nicht auf die nämliche Weise Da sollte aber der edle
große Menschenkenner mit liebreicher herablassender Weisheit eintreten und
zeigen dass der Blick seines Geists richtig und hell genug ist um alle mögliche
Verschiedenheiten zu bemerken und zu beurteilen  und dass in dem weiten Umfang
seines Herzens jeder Grad des Guten gefühlt  und geschätzt wird ohne sich von
der Obermacht seines Geistes zu dem despotischen Sinn leiten zu lässen Alles
nach seinem Willen zu haben  Denken Sie nach Rosalia was für eine Menge
kleine Ideen und Gesinnungstyrannen in der menschlichen Gesellschaft leben wie
oft vielleicht schon wir es selbst waren  Ich gewiss zu der Zeit da ich
meine Vaterstadt bewohnte und Anfoderungen an meine Bekante machte die sie mir
nicht aus Bösartigkeit versagten sondern weil sie die Sachen anders ansahen
als ich  Seitdem bin ich aber so billig geworden mir zu sagen wenn hundert
Menschen in einem Kreis um einen Gegenstand der Betrachtung herum gestellt
würden so sieht freilich ein jeder die nämliche Sache aber nur von der Seite
die seinem Standpunkt gegenüber ist  Die andern links und rechts neben ihm
sehen schon ein andres Stück und vielleicht wirft der Zufall über den Teil
den mein Nächster betrachtet einen Schatten der seinen guten Willen seinen
Eifer richtige Bemerkungen zu machen nicht nur erschwert sondern völlig
verhindert Derjenige der mir nun völlig gegenüber steht sieht auch die ganz
andre Seite Und da sollt ich begehren dass er das nämliche Urteil fälle die
nemliche Empfindung äußere wie ich  Wie ungerecht ist dieses und dennoch
geschieht es immer bald bei wichtigen bald bei geringen Gelegenheiten und
versagt also auch immer nach diesem Verhältnis große oder kleine
Unannehmlichkeiten  Und das meine Rosalia müssen wir auch so lassen Nur an
uns meine Liebe wollen wir es ändern Und dies können Sie wirklich vielmehr
tun als ich weil Sie in einem größeren gesellschaftlichen Zirkel leben Sie
sagten mir einigemal mit Bedauern dass Sie niemals so viel Gutes würden tun
können als ich in Ihrer Vorstadt tat  Nicht so viel Ausgaben an Geld aber
um so viel mehr an edlen Gesinnungen und Empfindungen  Verweiden Sie mein
Kind just die Fehler die ich beging und ertragen Sie mit Güte alles was Ihnen
an Bekanten missfällt oder nicht mit Ihnen stimmt so wie Sie die
Verschiedenheit der Gesichtszüge ertragen Ich möchte wohl für die edle Seele
meiner Rosalia hinzusetzen  Loben  und tadeln Sie nicht anders als durch
139Kennzeichen der Hochachtung für schätzbare Personen aller Stände und durch
Vermeidung aller Fehler in dem Ihrigen  und halten Sie unverrückt an diesem
Vorsatz  Sie werden sehen was Sie für eine reiche Erndte von Achtung Einfluss
und Vertrauen in den Herzen Ihrer Nebenmenschen daraus erhalten werden Hätte
nicht der Sturm einer heftigen Leidenschaft meine Seele von ihrer Bahn
getrieben so würd ich diesen Plan befolgt haben Nun bin ich auf eine Insel
verschlagen bin meines geretteten Lebens froh und meine würkende Phantasie
giesse Freuden aus und genieße viele  hin auch mit dem rechtschaffnen Beamten
Moos überzeugt dass man in einem kleinen Kreis mehr Gutes tun kann als oft in
einem großen  Mit diesem Mann habe ich mich nun fünfmal in lange Unterredung
eingelassen Der einfache und so ganz seinem Amt ergebne Gang seiner Ideen die
Zufriedenheit mit der Vorsicht die ihn zum Landbeamten bestimmte dass er der
Beste seiner Mitbrüder sein wollte und dass seine Bauern die glücklichsten von
der ganzen Gegend werden sollten  dies mit einem Gesicht voll Herz und Eifer
gesagt gab mir eine neue Art von Freude zu fühlen
    Ich schickte meinen gelehnten Bedienten und seine Frau  wieder nach S
zurück  und nehme eine Tochter des Herrn Moos zu mir ein ganz reines
kunstloses Mädchen von sechszehn Jahr Sie hieß Mata und ist mir auch deswegen
lieb Ein guter und schöner Sohn von fünfzehn Jahren wird bei mir zeichnen und
französisch lernen Sie können nicht glauben was für ein großes Talent in dem
jungen Menschen liegt und wie einnehmend das Gemisch war feuriger Begierde
alles was ich sagte zu hören meinen Bleistift da ich etwas zeichnete
zuzusehen und der Ehrfurcht die ihm der Vater gegen mich auflegte dass er sich
nicht nähern durfte wenn ich da war Aber ich bemerkte seine Unruh das Hin
und Hergehen das Blicken nach dem Vater nach meinem Papier und meiner Hand
als ich die Idee des Wollingschen Hauses entwarf Ich fragte ihn ob er gern
zeichnen sähe Er näherte sich so eilig bog sich gegen den kleinen Tisch an
dem ich saß mit Errötung Kühnheit im Aug  und mit zagenden Gebärden
verschlang er alle Züge und sagte »O wenn ich Bäume und Häuser so zeichnen
könnte was gäb ich« 
    »Hat Er einmal einen Versuch gemacht«
    »Oft aber sie sind mir verleidet worden« antwortete er mit einem
Seitenblick auf den Vater  »Wie so« erwiderte ich und sah auch den Beamten
an  Herr Moos sagte lächelnd »Ja anstatt zu schreiben verdarb er das Papier
mit Kritzeleien und die Wände im Haus mit Kohlen und Zimmermanns Rötel  Da
gabs Strafen bis ers bleiben lies Endlich habe ich ihn Feldmessen gelehrt nur
dass er was mit dem Bleistift tun kann« 
    Wie dem Vater der Ausdruck Strafen bis ers bleiben ließ  entfiel sah
der junge Mensch zur Erde Teils Beschämung teils Unmut über die Erinnerung
des Misshandelns und Schmerzes über eine gewiss unschuldige Freude und Zweifel
wegen der Folgen die dies Gespräch haben würde alles wechselte in ihm ab 
Seine Finger die Muskeln seines Gesichts zogen sich zusammen Er dauerte mich
und ich eilte mit der Frage »Würde es Ihn freuen wenn ich Ihn alles Zeichnen
lehrte was ich kann« 
    Hastig trat er gegen mich mit Glut jugendlicher Begierde im Gesicht  »O
Madame wie sehr freute michs Vater«  mit flehender Stimme und Augen  »Herr
Moos sagte ich Sie erlaubens und ich sorge für Alles was dazu gehört«  Er
willigte ein und ich sah beide glücklich 
    Sie glauben doch Rosalia dass ich meinen Jugendfleiss segnete der mir
dieses Talent erwarb wodurch ich einen schätzbaren Jüngling über erlittne
Schmerzen tröste eine edle Wissbegierde in ihm stille langgewünschte und
beraubte Freuden gebe  und dem Vater seine Erziehung erleichtere  Schicken
Sie mir bald recht bald die Kästen aus meinem Hause zu  Ich habe in meinem
Schlafkämmerchen Platz für meine Bücher Der junge Wilhelm Moos hat sich
unsägliche Mühe bei Erbauung meiner Zimmer gegeben und gibt sich noch viel
bei dem Hofhause selbst Alles was ich zeichnen kann wird er in kurzem wissen
Er will Landschaftmahler werden und auch Personen mahlen »Aber sagt er immer
nur nach Ihren Mustern«  Der ältere Sohn hilft dem Vater in seinem Amt  und
Herr von Mohnberg hat solches ihm auch zugesichert Bei dem Schulmeister lernen
sie Latein Schreiben und Rechnen bei dem Vater Historie und den Anfang der
Rechtsgelehrsamkeit und wie er mir sagt auch so viel als ihm von Wolfs
Weltweisheit ordentlich im Kopf blieb  Der dritte Sohn von dreizehn Jahren
will nichts anders als Bauer werden  und ist schon zweimal davon gelaufen weil
man ihn mit Schlägen zu dem Latein zwingen und von Pferden und Ochsen abhalten
wollte Er soll nun seiner Neigung nachgehen und mit Wolling die gute
Landwirtschaft erlernen Ich habe mein Vermögen durchrechnet es bleibt mir
viel sehr viel für Vernunft und Phantasie übrig  Und o Gott wie viel kann
ich noch glückliche und vergnügte Menschen machen Aber von hier geh ich nicht
mehr Das Leben meines Herzens erneuert und verschönert sich alle Tage  Mögen
Sie teure liebe Rosalia eben so dem dauernden Glück Ihrer Bestimmung
entgegen gehen Möge Pindorf das seinige finden wo er es sucht   
    Rosalia diese letzte Zeile bewegte mich stark Ich bin vor mein Zimmer
hinaus gegangen Es ist Vollmond Mein erster Blick war gegen die Stadt W und
dann auf die große Gegend der schönen schlafenden Natur ganz mit dem sanften
Licht übergossen  Die Hütte meiner Wollinge die Trümmer der Mauern alles
hatte den Reiz der Zufriedenheit und Ruhe Mein Aug erhob sich zum weiten
Gewölbe des Himmels und so viel Strahlen es fassen konnte so viel süße
Beruhigung floss in mein Herz  und glücklich geh ich schlafen Adieu 
 
                           Vier und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Dank vielen Dank meine Rosalia für die schnelle Übersendung meiner
verlangten Kisten Alles ist gut angekommen und just den vierten Tag da meine
kleine phantastische Wohnung zwischen den Mauern des alten Schlossgangs fertig
war Denn da ich alles nur von doppelten Brettern machen ließ und die Leute
doppelt bezahlte so ging es geschwind Auf das Trocknen der Wände durst ich
nicht warten da Sonne Luft und Mond  schon zweihundert Jahr auf allen Seiten
da geherrscht haben Aber da sie ganz rau und unsauber waren so hab ich sie
mit dünnen Tannenbrettern bekleiden laffen Diese will ich nach und nach mit
guten Zeichnungen der hiesigen Gegenden verzieren und an einer edlen Figur in
die einsamen Spaziergänge soll es nicht fehlen  Vortreflich war ihr Gedanke
mir einen so großen Vorrat von allerlei Papier und SaitenRollen für mein
Klavier zu schicken denn es wäre mir in Wahrheit sehr übel gegangen wenn hier
einige gesprungen wären  Sie hätten das Staunen sehen sollen worin die guten
Kinder meiner Wollinge gerieten als sie das erstemal mich spielen und singen
hörten Ich tat es Abends bei einem schönen Untergang der Sonne Alles war
Ruhe Ein heiterer Himmel nur gegen Westen einige hell und dunkelgraue Wolken
mit rosenrotem Saum eingefasst Wir hatten auf der Ecke des Bergs unten an
meinem Zimmer zu Nacht gegessen Ich ging weg Die guten Kinder dachten dass
ich gleich wiederkommen würde Aber ich machte die Tür auf die ich auf ein
lediges Stück Mauer über dem Bogen gegen den zerfallnen Turm habe richten
lassen das mir nun eine Art Altan gibt rückte da mein Klavier hin und fing an
ganz leicht und sanft zu spielen Endlich stimmte ich mit einer zärtlichen Arie
ein Anfangs hört ich sie noch reden aber dann wurde es ganz still und sie
schlichen die alte Turmtreppe hinauf  Mit Liebe mit Bewunderung sahen sie
mich an und horchten Meine Stimme war gewiss zärtlich und rührend als ich noch
allein sang gegen W hinblickte und wünschte dort gehört zu werden  Aber
gewiss die Wirkung die ich auf die reinen mir ganz ergebnen Herzen meiner
Wollinge machte gab meinem Ton noch mehr Seele Sie wissen dass ich immer mit
Recitativen anfange  und viel Empfindung darin ausdrücke Ich bemerkte dass
dies mein Talent eine neue Quelle von Wohl für die Familie wurde und die junge
Moos kniete mit Entzücken neben mich atmete kaum ihre Augen auf meinen Mund
geheftet eine schöne glänzende Träne darin vielleicht die erste Träne der
Zärtlichkeit die jemals ihre Augen benetzte Ihre Lippe bewegten sich
sympatetisch mit den meinigen Ich beobachtete früh genug dass ihre
Empfindungen durch die Harmonie meiner schönen italienischen Arien stark erregt
hatte und wollte sie zu ihrem Besten benutzen sang also gleich melodisch einige
Strophen aus Kleists Lobgesang auf Gott Hier weinte Wolling mir einige Zähren
Beifall zu   und ich winkte dann den Kindern näher zu kommen und wies ihnen
das Klavier offen Vorzüglich freute es sie die Hämmerchen hüpfen zu sehen 
Aber meine Meta Moos gab mir Nachdenken Sie war auf ihren Knien geblieben
endlich an meinen Arm gehängt wo sie innig zu weinen anfing und so voll süßer
Unschuld und Liebe mich ansah dass ich sie an mich druckte  »Liebe Meta sagt
ich leise warum weinst du so« 
    »Ach mein Herz ist so klopfend und so unruhig worden Sie singen so dass es
süß ist und doch traurig« 
    Ich wollte keine Frage mehr darüber tun sondern sagte nur »Möchtest Du
auch singen lernen«  Tausendfach küsste sie meine Hand  Ihre ersten Töne hab
ich gehört Es wird die reinste gefühlvollste Stimme werden aber schwach Sie
will auch niemals Andern singen nur mir   Gute gute Meta wie sorgfältig
will ich für dich sein so lang du unter meinen Augen bleibst  Aber ich
selbst so voll Liebe so voll Ideen die alle alle liebend sind  diese
Einsamkeit dabei  ach Rosalia wenn dieser Meta Empfindsamkeit genährt und
unglücklich gemacht würde  Ich will suchen ihr eine Leitung zu geben  Gott
Natur Tugend Freundschaft schöne nützliche Arbeiten sind die Zweige von
Gefühl und Kenntnissen die ich bei ihr unterhalten will Ganz einfach will ich
ihr alle Ideen geben und was sie von mir lernt soll sie ihre zwei jüngere
Schwestern wieder lehren  Mir hingegen muss sie Unterricht in hiesiger
Landwirtschaft geben so viel sie von ihrer Mutter dazu angehalten wurde
Dieser Tausch von tätigen guten Eigenschaften soll hoff ich eine herrliche
Wirkung auf das liebe Geschöpf machen  und sie muss Lottchens Vorbild werden so
wie diese Vorbild der kleinen Nanny sein soll Und mit dem Plane zu all diesem
soll mein Sommer hingebracht werden  Wollingshof denn so lass ich das Gut
nennen wird bald da stehen Es arbeiten sechzig Mann Der schätzbare Beamte hat
unvergleichliche Anstalten gemacht Wir haben vier eigne Pferde und auch schon
vier Kühe denen wir auch nur von Holz eine Stallung ganz geschwind errichtet
baben Unser Glück traf gerad auf den Augenblick des Elends eines wackeren
Bauern der die Wittwe seines Vorwesers geheiratet und dessen Kinder treu
erzogen hatte Die Frau starb einige Wochen vor meiner Ankunft in Mahnheim Der
Hof war noch etwas verschuldet von dem ersten Besitzer und eingefallne
Missjahre hinderten die Abzahlung  Der Mann wurde von den Stiefkindern und
Gläubigern zugleich gepresst  und sah nichts vor sich als ehster Tage den Hof
zu verlassen und als Knecht zu dienen weil er den Kindern die Schadloshaltung
und den Auskauf nicht anbieten konnte Der Beamte der mich so voll Begierde
ein Gut zu kaufen wie er sagte auch voll Geld sah tat mir den Vorschlag da
einzutreten die Kinder des ersten Bauern zu befriedigen und den zweiten zum
Oberknecht von Wollinghof zu machen weil er die Ackerstücke dieses Bauerhofs
die gerad an das für uns ausgemessne Feld gränzen in den Bestandbrief mit
einschreiben wolle  Das ist nun äußerst angenehm  Ich setze einen ehrlichen
Mann aus seiner Verlegenheit habe mein Gut vergrößert und genieße schon
dieses Jahr die Freude auf eigenem Boden mähen  und erndten zu sehen  Ach
Rosalia wie viel tausendmal könnte Menschen Gutes und Freude wiederfahren wenn
der so einen guten Vorschlag zu tun hat immer den Menschen anträfe der ihn
mit Vergnügen auffasst und mit Eifer auszuführen bereit ist  Herr Moos wollte
den Streif Waldung der zwischen dem Hause von Wollinghof und diesen neuen
Feldern liegt abhauen lassen damit man von Mahnheim aus unsern Hof sehen
könne Aber ich und meine Freunde stritten dagegen Wir wollen nicht von Vielen
gesehen sein wir genießen so auch inniger  O wie bewegt würden Sie sein
wenn Sie da Sie nun Alles von dem Schicksal meiner Wollinge wissen den so
stark fühlenden Mann mich anblicken sähen wenn er mich auf dem Bauplatz
antrift mit den Arbeitsleuten reden hört und meine Freude über den Fortgang
sieht  er dann noch zweifelnd dasteht ob es auch wahr sei dass hier auf dem
Boden den er vor neun Jahren mit Kummer betrat nun Glück und Wohlsein für ihn
gegründet und angebaut werde  wie oft Tränen des Danks und der Entzückung
über die Wangen seiner Frau fließen und ich dann in ihren Augen und der
Bewegung ihres Mundes ein stilles Gebet lese dass doch nichts ihre Hoffnungen
zerstören möge  die Sorgfalt die beide noch haben sich nicht zu früh von
ihren bedrängten Umständen zu entfernen denn sie essen noch nicht bessere
Speisen als bisher nur sättigen glaub ich tun sie sich mit weniger Furcht
 Eine Kleidung hat jedes angenommen für sich und ihre Kinder Diesen ließ ich
Schuh machen aber die guten Kinder waren sehr übel darin weil es so viel
härter war als die Lappen womit die Mutter ihre Füße umwickelte  Ich gab
dann die ersteren dem Schuhmacher für andre Arme zurück und ließ meinen jungen
Wollingen recht weiche und weite Schuh verfertigen
    Sie können denken dass all diese Züge meine Teilnehmung an der Familie
vermehren so wie sie meine Empfindsamkeit stärken Ich habe einen schönen Platz
auf der Seite des Walds dem neuen Hause gegenüber wo ich mit meiner
Strickarbeit  und auch Bleistift sitze und die Arbeit an Wollinghof zugleich
aber die Hütte oben vor mir habe wo meine Kinder wohnen  Wie selig fühlte
ich mich den Augenblick da ich das erstemal diese Aussicht genoss nachdem
einiges Gesträuch weggehauen war um den Platz des Gemüsgartens zu ebnen und
das alte Gebäu ganz sichtbar wurde  da ich in einem Moment den Aufenthalt der
leidenden Tugend  und den von ihrem künftigen Wohl betrachten konnte  und
mich  mich von der Vorsicht bestimmt fühlte die Belohnung ihres Ausharrens
und ihrer Ergebung auszuteilen Wie selig war ich dadurch wie dankbar gegen
Gott  Ich kann wirklich alle Tage bei hundert Menschen zählen die mich
segnen  Sechzig fleißige Handwerksleute die es freut Arbeit zu haben
ordentlich und besser bezahlt zu werden Achtung gute Worte Schatten gutes
Bier und Brod zu genießen Alle Sonn und Feiertage bezahl ich ihr Essen und
Trinken in der Schenke zu Mahnheim Da ist gewiss der Wirt und die Wirtin auch
froh darüber  Der Beamte seine Frau und ihre acht Kinder lieben mich unser
Hofbauer und die seinigen auch Dann unser Knecht und Magd und zehn Fuhrleute
eben so viel Taglöhner und meine Wollinge  In meiner Jugend hört ich so oft
ein zerfallnes Schloss einen entfernten einsamen Waldplatz den Aufenthalt von
Räubern und bösen Geistern nennen Ich lebe seit einigen Wochen an einem solchen
Ort und sehe da die besten Menschen von so vielen Klassen um mich 
    Rosalia werden Sie nicht müde mich Gutes so ich genieße und finde
beschreiben zu sehen Wie genau zählen wir dem Schicksal unsere Leiden nach wie
sehr wehklagen wir darüber Ist es nicht Pflicht eben so genau alles Wohl und
jede Freude zu berechnen die aus der Hand des ewigen Vaters auf die Tage unsers
Lebens träufeln  Träufeln  sag ich  Ach bin ich nicht mit Gütern
überschattet genieße ich sie nicht in vollem Maß Seit dem Tage da ich in
Ihrer Vorstadt ankam bin ich immer ein Gegenstand der Liebe des Vertrauens und
der Achtung von so viel Herzen gewesen So oft wurde mein Name vor Gott mir
Dank und Fürbitte genannt Es ist mir viel sehr viel dieses zu denken  Ich
durch einen Blick meiner Augen der dem Blick so mancher Rechtschaffnen
begegnet Vergnügen entstehen zu sehen  Sie meine Liebe froh einen Brief
von mir zu erhalten  meine Vorstädter glücklich wenn ich sie grüßen lasse 
und ich seufze wenn ich die Stadt W ansehe  wie undankbar bin ich da 
Alle Wünsche meines Herzens alle von meiner Phantasie kann ich vergnügen edel
vergnügen  einen nur versagten mir Umstände und Pflicht  Und an diesem blieb
meine Eigenliebe hängen  Rosalia ich will auch meiner eignen Empfindlichkeit
gebieten Ich will mich überwinden um mich selbst schätzen zu können Denn
Alles worüber Andre mich hochachten ist mir nicht sauer geworden Ich tat es
gern und leicht Ich will was Schweres vornehmen etwas wofür ich mich scheute
und nicht Mut genug hatte daran zu denken Sie sollen Zeuge  und Richterinn
sein ob ich es ernstlich meine und gut durchsetze  
    Ich habe Leinwand gekauft und Tischzeug Meine junge Moos Frau Wolling und
ich arbeiten daran denn ich möchte das Nötigste fertig haben wenn wir unser
Haus beziehen Diese Woche werden wir schon weit sein  Rosalia Sie müssen
mich einmal besuchen Sie müssen  und dann mir ganz sagen was Sie von uns
halten  Vorgestern Abend hätte ich Sie gern da gehabt als die Arbeitsleute
da saßen auf Balken auf Steinen auf Rasen und abgehaunen Baumstumpen froh
über das End ihres Tags über Trank und Abendbrodt so ihnen ausgeteilt wurde
Ich fragte sie um ihr Vaterland ihre Verwandte und ihr Schicksal bisher  Von
wie vielerlei Arten sind die Zimmerleute die Steinmetzen und Maurer wie viel
wahrer Sinn einfache gesunde Vernunft Rechtschaffenheit und Witz kam zu Tage
 Ich teilte die Freizettel ins Wirtshaus zu Mahnheim selbst unter sie aus
Wie verschieden war der Ausdruck von Dank und Zufriedenheit  Mancher Blick
sagte mir auch dass ihm meine Gestalt gefalle  Sie wollten mir Alle ihre
Reisen erzählen und es freute sie dass ich begierig danach schien  Ich
foderte zuerst den auf der in Holland gewesen sei Da waren unter den
Zimmerleuten Einige die sprachen von Flössern mit denen sie den Rhein hinunter
gefahren beschrieben die Arbeit dabei dann Schiffwerfte und Land und Leute 
ihre eigene Anmerkungen die von einem Kameraden die Fragen der Andern die von
Karl Wolling und die Erläuterungen darüber  O das war mir inniges Ergötzen 
Dann kam eine Beschreibung der Schweitz und der diese machte wandte sich bei
dem Erzählen von der unermesslichen Höhe und Größe der Berge gegen den der das
Meiste von dem schreckbaren Anblick des Meeres gesagt hatte um ihm zu verstehen
zu geben dass er auch wunderbare Sachen gesehen und bemerkt habe Die Maurer
fielen da mit ein und sprachen von den Tyroler Gebürgen Andre erzählten wieder
von Ungarn den unabsehlichen Haiden wo kein Berg kein Baum kein Haus auf wie
weit zu erblicken sei Wie vergnügt machten da die Tyroler das Lob ihrer engen
Täler und ihrer Berge  Dann erhob Einer Schwaben und das Würtembergische wo
alle Berge zu ersteigen und alle Ebnen anzubauen sind  Aber das Elsass die
Pfalz fing ein Andrer an das sind Länder  und dann von der Heimat von
Lehrjahren von bösen Meistern von schönen Meisterinnen usw Mit dem
stolzesten Gesichtsausdruck redeten die so lang in großen Städten gearbeitet
hatten Wien Berlin etc  Dem Steinmetz welcher Strassburg gesehen und sich
also an Frankreichs Gränzen aufgehalten hatte ging eigentlich ein Lächeln
zufriedener Eitelkeit durch alle Züge Dort macht man galante Arbeit sagte er
ruckte zugleich seinen gerade ausgestreckten Fuß seitwärts und setzte seinen
Hut anders die Mädchen die Rubertsau alles war galant Endlich stimmte er
gar einen Elsasser Tanz an und machte einige Schwenkungen davon Ein Zimmermann
stümperte ein französisches Liedchen an  Die Wahrzeichen der Städte alles kam
vor und nahm den Abend bis gegen neun Uhr weg da sie endlich nach Mahnheim
gingen Ich sah ihnen lange nach und erquickte mich an dem Gedanken einen
Haufen vergnügter Menschen zu sehen und von edlen herzen umringt an meine
Schlafstädte zu kommen Möchten alle Müde so viel Ruhe und alle Leidende so
viel Wohl empfinden als mit mir in mein Kämmerchen kam  Es war zu spat um
meinen Wollingschen Kindern das versprochne Abendlied zu singen Aber des
Morgens hörten sie mich um desto länger 
    Ich freue mich Rosalia dass Sie mir alle Ihre Briefe an die edle Mariane
S und dieser ihre an Sie auf einige Zeit anvertrauen wollen besonders da
Sie den Beweis darin zu führen denken dass ich viel Sympatie mit Ihrer
würdigen Freundin habe  Mit Ihnen sympatiesirte ich ja schon lange Es ist
so ein süßer Augenblick des Lebens indem man sich zur Freundschaft hingezogen
findet dass er niemals vergessen werden sollte  Sie haben mir diese
Empfindung so lebhaft gegeben dass mir ihr Andenken auf immer bleiben wird 
 
                           Fünf und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Segnen Sie mich Rosalia oder vielmehr segnen Sie uns Alle Das Haus die
Scheune alles in Wollinghof ist fertig sogar die Schreinerarbeiten alles
denn diese Letzteren besorgte der Beamte in einem benachbarten Dorfe das auch
dem Herr von Mahnberg gehört und geschickte Handwerksleute hat Frau Moos hatte
alles über sich genommen was Betten Küchenund Hausgerät anging Es geschah
dadurch ihr und uns ein großer Dienst denn sie reiste nach der Stadt W um
einzukaufen und konnte zugleich ihre Verwandte besuchen die sie lange nicht
gesehen hatte Ich bemerkte an ihr Freude und Verlegenheit als ich sie bat mir
diese Gefälligkeit zu erweisen und lange dauerte es bis die gute redliche
Frau mir gestand ihre besorgliche Mine komme daher weil sie einen Verwandten
dort habe dem sie schuldig sei weswegen sie auch schon einige Jahre nicht in
die Stadt gegangen weil sie nicht im Stande gewesen es abzutragen  Der Harm
der Mutter der ehrliebenden Frau des edlen uneigennützigen Weibes alles lag
in ihrem Gesichte Ich hatte unsägliche Mühe sie dahin zu bringen dass ich den
Abtrag ihrer Schuld besorgen durfte Wie reichlich hat ihr dankbares
rechtschaffnes Herz die Zinsen davon abbezahlt indem sie Alles auf das Beste
besorgte Ich konnte den Mann ohnehin nicht bewegen meine Hilfe anzunehmen als
durch den Ausweg ihn zum Rechnungsführer des ganzen Baues und meiner Renten zu
machen und darüber eine jährliche Besoldung zu bestimmen die er nun als auf so
viel Jahre zum voraus empfangen betrachtet Wie gern willigte ich in diesen
Gedanken der ihn von Verbindlichkeit und mich von Besorgnissen befreite Wie
sehr ich dabei die strenge Beobachtung seiner Pflichten verehre kann ich nicht
genug ausdrucken da er mir nicht im mindesten deswegen gefällig zu sein suchte
und ganz genau auf die abgemessne Gränze unsers Guts schaute so dass nicht eine
Spannebreit mehr auf unser Feld und Waldung kam als im Kaufbrief aufgesetzt
war Ich achte dies als einen herrlichen Zug
    Meine Wollinge kämpfen mit der Idee des Glücks ich seh es denn oft ist
mehr Ausdruck vom Schmerz als Freude in ihren Augen wenn sie das nun recht
gut dastehende Haus anblicken Alles ist schon so ausgetrocknet dass wir in acht
Tagen darin wohnen werden Das Haus ist sehr breit aber nur zwei Stockwerk
hoch keine doppelte Zimmer aber auf beiden Seiten des Tors vier geräumige
Stuben gegen Mittag und gegen den Hof zu einen breiten offenen Gang über
welchem in dem zweiten Stock auch einer herumläuft der auf Pfeilern ruht Da
konnte die Luft alles recht bald trocknen Seit vierzehn Tagen wurde bei offenen
Fenstern in allen Zimmern Feuer angemacht und in der Küche gekocht 
Vorgestern hat der Beamte alles Hausgerät in der Nacht herführen lassen weil
wenn alles an Ort und Stelle steht und es lauter einfach aussehende Sachen
sind es nicht so viel zu sein scheint als wenn es auf Wagen herbeigeführt und
abgeladen wird  Dieses Ansehen von vielen Sachen wollte ich der feinen
Empfindung meiner Wollinge ersparen und lasse ihnen deswegen das Haus nicht
sehen bis alles eingerichtet ist Meine Wohnung  die werden Sie hoff ich
selbst sehen wie das Übrige 
    Herr Wolling spielt die Flöte recht artig zu meinem Klavier und ich
versichre Sie dass unsre Abende sehr schön sind 
    Unser Gemüsgarten steht voll Wintervorrat Der Baumgarten ist schon völlig
zugerichtet damit man die von Wolling gezognen Bäume die er verkaufen wollte und
andre die ich kommen lasse einsetze Alles in Ordnung geräumt alles zu
kleinen Verzierungen vorbereitet Schmerzhaft war mir der Abschied den die
Arbeitsleute nach und nach nahmen Ich schenkte jedem noch ein Stück Geld und
Alle verließen uns mit bewegtem Herzen und ihrem Segen dabei 
    Meine Meta trauerte alle die Tage darüber Ich fragte sie warum »Ach
sagte sie die Leute waren so glücklich und so gut um Sie herum vielleicht
werden sie bald wieder elend und bös dabei  und beides jammert mich« 
    Einer hatte noch den letzten Sonnabend da Alle des Abends um mich herum
aßen so herzlich gesagt sie wünschten alle dass ich eine Stadt zu bauen hätte
sie würden gern weniger Lohn nehmen nur in meinen Diensten zu sein  Mit
diesem war das liebe Mädchen gar sehr zufrieden und hoft auch Gutes für ihn
weil er dadurch sein Gefühl für Tugend angezeigt hatte 
    Ich glaube Rosalia es ist Ihnen lieb dass ich noch diese Tage über verzog
diesen Brief abzuschicken weil Sie nun zugleich hören können dass wir wirklich
in Wollinghof wohnen 
    Herr Moos und seine gute Frau hatten alles so wohl besorgt dass nicht das
geringste so zu einer Landhaushaltung gehört vergessen war Alles gut alles
nett und simpel wie ich es verlangt hatte Nirgends der Schein von Pracht noch
Überfluss Auch nirgends nichts schlechtes nichts hässliches aber überall nur
was hingehörte und nötig war 
    Ich redte mit Wolling ab dass wir seine Frau hindern wollten einen
förmlichen Abschied von ihrer Hütte zu nehmen Sie ist nicht ganz wohl Eine
Erschütterung schadte ihr zu sehr Ich bestelte also ein Abendessen für uns und
für das Gesinde im Wollinghof Meine Meta besorgte dies und die Zubereitung der
Betten mit den zwei Mädchen recht gut Es sollte niemand Fremdes bei uns sein
Mein Mahnheimer Bauer hatte zwei Glucken setzen müssen die von sehr schöner Art
sind Die Küchelchen sind vor zwei Wochen schon ausgekrochen Beide Mütter
wurden aber mit ihren Jungen gewöhnt in zwei großen Hühnerkörben zu fressen und
zu schlafen Diese ließ ich bringen sagte der Frau Wolling ganz ruhig unser
Bauer brächte den Abend zwei hübsche Hennen mit ihren Küchelchen die wollten wir
den Kindern im Hofe auslaufen lassen um zu sehen was für Freude sie haben und
ob ihre Vorliebe für ihre alten Hühner sich da stark zeigen würde  Sie war
sehr mit dem Gedanken zufrieden ich glaube auch deswegen weil sie doch auch
etwas neugierich auf das Innere vom Wollinghof sein mochte  Wir gingen also
bin Die Körbe standen im Hofe die Hühnchen piepten um Fressen Die Kinder
bewunderten die schönen Tierchen waren aber gleich wegen des Hungers
beängstiget und Karl wollte laufen um was aus der Hütte zu holen Ich winkte da
meiner Meta die schon unterrichtet war und gleich den Kindern zurief sie
möchten mit ihr kommen sie wolle ihnen was geben Sie machte die Vorratskammer
auf und gab jedem ein hölzernes Schüsselchen voll Hühnerfutter  Frau Wolling
blickte hinein wurde rot ihre Augen fülten sich mit Tränen die sie aber
wieder zerstreute und ihren Kindern emsig zusah ohne ein Wort zu reden 
Indessen ging ich mit ihrem Mann an eine Gittertür die unter meiner Wohnung in
den Baumgarten führt und bat ihn seine Charlotte zu mir in das nächste Zimmer
zu bringen da die Kinder und Meta im Hofe waren und die erste Bewegung schon in
ihr angefangen hätte Er konnte nicht sprechen sondern machte mir eine
Verbeugung Meta wusste dass sie die Kinder aufhalten sollte bis man sie rufen
würdeDie beiden Lieben traten wankend in das Zimmer wo ich sie erwartete Ich
nahm Frau Wolling bei der Hand und leitete sie gegen eine von den Polsterbänken
die in den zwei Fenstern stehen setzte mich da dicht neben sie nahm dann ihre
beiden nur so hinhängenden Hände in meine küsste sie  »Nun meine teure
Charlotte sei mir willkommen in Deinem Hause  Gott segne diese ersten
Augenblicke und lange künftige Jahre mit der Tugend Deines vergangenen Lebens 
und mit dem Glück so Du verdienst« 
    Sie sank an mich ich umfasste sie Zum Glück weinte sie laut Ich vergoss
stille Tränen  Der Mann betrachtete uns mit gedrängtem Herzen  stürzte mit
ausgebreiteten Armen vor uns hin und umfasste so stumm aber mit dem stärksten
Ausdruck männlicher Freude und Liebe uns zugleich 
    »Charlotte van Guden«  war alles was er nach einigen Augenblicken sagen
konnte  Dann faltete er seine Hände  »Gott  gütiger Gott«  seine Lippen
bewegten sich noch still 
    Rosalia niemals ist reineres Dankopfer zum Himmel gestiegen als in den
Blicken dieses edlen Mannes die er aufs höchste erhob Die Abendsonne
beleuchtete ihn alle Züge seines Gesichts voll Redlichkeit voll Ergiessung
seiner Seele  Ich hatte mich zu dem Auftritt vorbereitet ich konnte
beobachten
    Ich sagte seiner Frau und zeigte auf ihn »Sieh liebe Charlotte dies ist
die Einweihung Eures Hauses Gott sei Dank dass er mir diesen seligen Anblick
gönnte« 
    Hier ergriff Wolling eine meiner Hände und eine von seiner Frau küsste sie
wechselweis während dass Tränen über seine Wangen flossen Seine Frau küsste
mich nun auch  und ich nahm mein Schnupftuch wischte ihr und Wollings Gesicht
damit ab fasste es zusammen »Ich will sie verwahren diese vereinigten Tränen
Eurer Herzen  Zufriedne Tugend und Freundschaft vergossen sie  es können
keine schönere geweint werden« 
    Dies gab ihrem Gefühl eine neue Wendung Er blickte mich und sie an deutete
auf mich  »Unsre Mutter unser Haus«  küsste nochmals meine Hand  »edle
großmütige Hand ich verehre ich segne dich Gott wird dich belohnen«  Und
da gab er sie Charlotten zu küssen
    Ich sagte »Meine Kinder Euer Dank und Segen ist mir eben so wert wie
Euer Glück Ich hoffe dass wir lange beisammen leben werden Gott hat uns zu
diesem Vergnügen geleitet nun wollen wir es genießen Heut Abend hab ich die
Küche besielt Morgen muss Frau Wolling die Mühe über sich nehmen«  und damit
stund ich schnell auf und ließ sie beisammen allein wo nun Wolling seiner Frau
sagte dass wir da blieben  Die beiden Tische so links und rechts an dem
Torweg an der Mauer fest sind die man zu Hausarbeiten und zum Essen in der
schönen Jahreszeit herunter lässt wo an dem einen das Gesind die Bänke von der
Seite hinstellt und wir auf der andern unsre hübschen Strohstühle  Diese
Tische waren gedeckt und mit etwas Milch und Mehlspeisen besetzt Karl musste
seine Eltern zum Essen rufen Ich Meta Lottchen und Nanny saßen auf einer
Wolling seine Frau und zwei Söhne auf der andern Seite wo sie auf den
Gesindetisch sehen und durch den Blick als Hausherr und Hausfrau Ordnung
halten und Befehle geben konnten Frau Wolling aß wenig Es war mir lieb und sie
hatte große Freude über ihre zwei älteren Kinder dass die noch mit Meta in die
Hütte gelaufen waren und ihre vier Hühner geholt hatten damit diese auch im
schönen Hause schlafen und Morgen gleich die neuen Hünchen sehen könnten
    Nachdem das Gesind aufgestanden und die Kinder noch ein wenig herumgelaufen
waren sagt ich »Charlotte du musst mich in mein Zimmer führen Herr Wolling
leuchtet uns«  Das geschah und Meta legte indessen die Kinder zu Bett Karl
schläft an dem Arbeitszimmer seines Vaters das gerad am Tor ist und ein
Gitterfenster in den Torweg hat die Andern am Schlafzimmer der Eltern  Den
andern Morgen kamen die lieben Geschöpfe alle vier mit Vater und Mutter und
brachten mir Blumen und dankten für die guten Betten  Ich sagte Karln er
möchte die Flöte holen wir wollten sehen wie mein Klavier hier lautete  Ich
unterbrach hierdurch neue Aufwallungen der Frau Wolling  Den andern Tag wars
Sonntag wir gingen nach Mahnheim in die Kirche und nahmen den Beamten und seine
Frau mit uns zurück Frau Wolling machte die Hausfrau mit vielem Anstand 
Nachmittags kamen alle Moosische Kinder und gegen Abend unser Bauer der die
Feldarbeiter ansagte  und mit Wolling herumging  Der ältere Sohn des Herrn
Moos will sich nun auch darauf befleissen dass Nutzen und Zierlichkeit verbunden
werde nichts ändern nichts ausreißen  Aber hie und da einen Rasen oder
Obstbaum setzen und etwas düngen dass er wohl fortwachse die Hecken schneiden
für die Wege sorgen 
    Unsre Entwürfe für den Berg sind gar herrlich und ziemlich einfach dabei
Eine Phantasie die ich bei der Form unsers Daches angebracht haben wollte ist
Ursach dass wir eine köstliche Entdeckung machten Man brauchte einige Stämme
von Natur gebogenen Holzes die musste man im ganzen Wald umher aufsuchen und
geriet auf eine schmale Höhe des Bergs wo man ihrer viele fand die man alle
abhauen ließ um sie nachmals zu Wagnerarbeit zu verkaufen Dies gab Platz zu
einem neuen Spaziergang und zeigte uns auf einmal an einem kleinen Absatz den
diese Höhe hat etwas Sumpfiges und dann eine beträchtliche Wasserquelle die
von oben kam in diesem Absatz sich ausbreitete und auf der Seite mühsam
auslief  Diesen Sumpf heben wir aus werfen Steine und Letten in das Bett des
Bächelgens raumen oben die faulen Bäume weg und dürfen nur an einem Platz einen
großen Stein legen so haben wir einen Wasserfall zwanzig Schuh hoch und oft
über eine Elle breit der in das nun hübsch besorgte Becken sich ergießt und
dann in das Tal über schroffe Felsenstücke an diesem und jenem Ort
hinunterfliesst  Dies wird ein Teil von unserm Gebiet welchen mancher Fürst
gern mit Tausenden bezahlte und ich bekams so leicht und in äußerster
Schönheit  Gönnen Sie mirs  und wünschen Sie mir Glück  Adieu Rosalia
 
                          Sechs und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien
Vergeben Sie mir liebe Rosalia wenn ich Ihren Bitten Ihren Wünschen
widerstrebe und fest unbeweglich hier auf dem Berge bleibe der die Sinnbilder
meines vergangenen und gegenwärtigen Lebens trägt  Auf einer Seite Trümmern
eines hochaufgebauten weiten Entwurfs von dauerndem Glück  auf der andern
eine neue friedliche Hütte voll redlicher Herzen die mich lieben deren
Wohlstand und Vergnügen das selige Werk meines Herzens ist  ringsum Ruhe und
Güte der Natur  Nein mein Kind ich geh nicht weg  Ich hab Ihren Brief
unter dem halben Dach einer kleinen Nusslaube gelesen die Wolling hier umbog
weil er mich oft dahin gehen sah  Ich habe da einen weiten schönen Himmel 
Kornfelder des Tals Anhöhen mit Wäldern bedeckt einen einsamen Mayerhof und
die Landstraße vor mir die nach der Gegend führt wo Sie wohnen Sie die ich
für die Erquickung segne die ich in Ihrem Umgang genoss  wo meine Vorstädter
wohnen deren Wünsche mich hieher begleiteten  Ich fühlte da ich Ihren Brief
las mit Rührung jeden Ausdruck Ihrer Liebe Ich sah jedes Bild Ihres
Vergnügens das Sie mir als Geschöpfe meiner Gegenwart in Ihrer Stadt
vorzeichnen  und ich empfand auch ganz deutlich das süße Wallen welches
immer meine Brust ergriff wenn ich Sie oder Eins von den armen Familien
erblickte denen ich Gutes getan hatte  Mein Auge sah tränend gegen den
Himmel hin der Sie und die lieben Leute dekt  und der Gedanke meiner
Rosalia die so voll wahren Gefühls ist Freude geben zu können erhob meinen
Willen auf einige Augenblicke zu dem Vorsatze zu Ihnen zu gehen Denn gewiss
meine Liebe immer war mein Wille Gutes zu tun feurig und eifrig  Aber der
Abend kam ich ging zurück nachdenkend über Ihren Vorschlag An dem Ende des
Wegs zwischen den Buchen sieht man rechter Hand die Überreste des alten
Schlosses und linker Hand den Wollingshof  Der Mond schien zwischen dem Turm
und der einfachen hohen Mauer auf mein liebes Bauerhaus und beleuchtete just
meine Fenster während ich in dem Schatten ging den der zerfallne Turm warf
Eine unnennbare Empfindung machte mich stillstehn Das melancholische Bild des
zerstörten Schlosses dem sogar der Mond mit seinen sanften Strahlen nichts
als die blasse Erleuchtung eines neuen Todtengewölbes gab die geworfenen
Schatten schwärzer färbte hingegen sein holdes Licht ausgebreitet über die
Wohnung meiner Wollinge ergoss  Ich sah die Äste der bei dem Bau des Hauses
geschonten Birken hin und her wanken Hinter mir säuselte der Wald  und vor
mir ein kleines aber angenehmes Getöse von dem Springen der Kinder meiner
Freunde und dem Geschwätz des Gesindes im Hofe  Alles dies durchdrang mich 
Rosalia stellen Sie sich hin an diesen Platz mit meinem Herzen und meinen
Erinnerungen dann werden Sie vergeben dass auf dieser Stelle mein Wille zu
Ihnen zu kommen sich schwächte und erlosch 
    Nein ich will nicht mehr an Otte gehen wo große Bedürfnisse und große
Entwürfe entstehen wo Kräfte und Jahre des Lebens dazu verwandt werden  und
Feinde und Sturm alles niederreissen und  Todtenstille Todtenjammer geben 
Unter dir kleines niedriges Dach  beschränkt wie du  leicht erfüllt wie du
 sind die Wünsche unsrer Tage nützlich und rein wie der Tau der das Gras
unter meinen Füßen befeuchtet sind unsre Arbeiten und Absichten dabei  Die
erste Wahl die ich in dem großen Vorratshause von Glücksideen traf hat mich
auch auf eine Anhöhe geführt die mir die schönste Aussicht zeigte Ich
gründete ich baute auf und was ist daraus geworden  Schutt unter dem beinah
ich selbst begraben wurde  Alles Reitzende so ich vor mir sah gehört
Andern  Der edelmütige van Guden bot mir Schmachtenden die Hand  und führte
mich zu einer erquickenden Quelle Meine Seele erbolte sich bei dem Genuss seiner
Güte und bei übender Tugend Aber noch einmal ging ich nach der Zaubergegend
glaubte noch einmal an Glück im Großen  und wurde durch Schmerz aus meiner
Täuschung gebracht Fremdes Elend hieß mich meines vergessen Mein Herz heilte
durch die Hilfe die ich Andern gab Ihre Freundschaft streute Blumen auf meinen
Weg  Eigensinniges Anhängen an dem ersten Bilde meines Glücks führte mich von
Ihnen und der anfangenden Ruhe die Vernunft und Güte mir gaben Aber auf dieser
Reise fand ich den letzten Kummer und auch bald darauf eine neue Spur der besten
Freuden des Lebens Freuden der Natur und Menschheit Der Anbau meines Hofes und
das Wohlergehn meiner Wollinge mein Herz alle seine Wünsche sind erfüllt Es
wäre Unsinn es wäre Undank wenn ich noch nach einer Abänderung mich sehnen
könnte Sie meine Liebegenossen eh Sie mich kannten in dem Krais Ihrer Freunde
alle Zufriedenheit die Sie verlangten Es sind recht sehr würdige Personen
darunter  Ihre nahe Verbindung mit Klebergen sein Glück Ihre Pflichten und
Beschäftigungen können Ihnen wenig leere Stunden wenig leeren Raum in Ihrem
Herzen lassen Ich weiß wohl wie innig Sie lieben und begehren Ich weiß auch
wie schwer Ihnen abzusagen ist  Aber wir wollen beide unsere Bestimmungen
erfüllen Ihr Weg ist einfach und gerade gezeichnet Es führte Sie nichts ab
als dass Sie bald in diesem bald in jenem angenehmen Landhause Besuch machten
Dies haben Sie bisher unter der Leitung Ihres Oheims getan  nun in Zukunft in
Gesellschaft Ihres erwählten Freundes  Mein Pfad war gleich etwas gewunden 
und dann wollt ich mir selbst eine Bahn machen die mich in gefährliche Gegenden
brachte und sich nun mit dem schönsten Ruhplatz endigt  Meine Fähigkeiten sind
nach dem Maß ihrer Anlage und meines Schicksals genugsam angebaut Ich habe
Kenntnisse von Wissenschaften und Künsten habe Menschenwelt genug gesehen um
jetzo Gottes Welt desto besser zu genießen Lassen Sie mich hier und opfern Sie
meiner Ruhe den Wunsch nach meinem Umgang auf Sie sollen Briefe genug von mir
erhalten  Meinen Vorstädtern hab ich gegeben was sie bedurften  Hilfe und
Anweisung  Glauben Sie mir die Gewohnheit des Wohlstands und die Übergabe
der Aufsicht über die kleine Stiftung so ich machte hat schon Änderung in den
Gesinnungen bewürkt und die ersten Schritte des allgemeinen Gangs der Dinge
haben schon angefangen Meine erste Erscheinung war als Wohltäterin  Jetzt
wär es als Gesetzgeberinn oder Oberaufseherinn Nein Rosalia ich wohne niemals
mehr in Ihrer Stadt  Besuchen ja  Aber nicht länger als höchstens vier
Tage Wenn Sie mir sagen wollten so würde mir es auch mit den Wollingen gehen
 Nein  da nicht  sie sind zu einsam zu selbstständig Da bleiben Gefühle
und Ideen fester Der Anblick fremden Vergnügens und Leidenschaften kommen
nicht zu uns Also bleiben auch Begierden und Bestrebungen nach ihrem Genuss
entfernt Die ersten Züge ihrer Erziehung liegen doch auch in Beiden und ich
glaube nicht unrecht zu schließen wenn ich vermute dass die Erinnerung
dessen was beider Väter sie hatten leiden machen einen tiefen bitteren Gram
gegen alle Menschen zurück ließ die mit einigem Ansehen oder Gewalt in der Welt
bemerkt sind und dass ich im Gegenteil etwas von der zärtlichen Anhänglichkeit
erhalten habe die sie für ihre gute Mutter hatten Kleine ganz kleine
Nebensachen würken mehr als öfters Haupttriebfedern tun und dann prägt die
Lage von Wollinghof auf liebende angebaute Herzen ein so süßes einnehmendes
Bild an das man sich auf Zeit Lebens anheftet Kommen Sie künftigen May mit
Ihrem Kleberg zu uns Ich kann Ihnen ein artig Zimmer geben und da sollen Sie
mich als eine glückliche und geschickte Landwirtinn finden Denn wir wollen
hier ein Muster von Landhaushaltung aufrichten Wir machen ganz still alle
möchliche Proben von Frucht und Futterbau Milch Butterund Käsenutzung wissen
wir schon recht schön Obstbäume sind die alte Meisterkenntniss von Wolling
Gemüs pflanzen wir nur so viel als wir brauchen Ein Stück Wald haben wir
ausgerottet ein anders angepflanzt Ich kaufe alle öconomische Bücher und mache
Auszüge von dem was wir brauchen können Wolling bereitet das Erdreich und
macht Versuche   Sie müssen kommen und selbst das alles sehen  und die
Kinder meiner Wollinge die ich zuerst sah  Und möchten Sie einen von den
Blicken des Vaters sehen wenn ich ungefähr dazu komme dass der Knecht oder
eine Magd Rechenschaft von ihrer Arbeit geben oder sagen »ich bin an dem lezt
gesäeten Stück vorbei kommen O Herr  es stehr recht schön Gott hats
gesegnet Wenn ers behütet so kriegen wir eine reiche Erndte«  wie da sein
redliches Gesicht glühet was für Dank und Segen in dem Blick ist den er auf
mich wirft oder eins von den Kindern an seine sich hebende Brust drückt mich
ansieht und dann gen Himmel   »Ach mein Kind werde rechtschaffen und sei
ewig dankbar« 
    Niemals geht er oder seine Frau mit mir die Eiche vorbei an der ich
stehen blieb als die Kinder ihnen entgegen liefen niemals kommen wir dahin
ohne dass eine meiner Hände oder ein Zipfel meiner Kleidung gefasst würde 
Geredt wird in diesen Augenblicken nicht und ich bin froh denn ich befürchtete
die Überlast von ihrem Dank für mein Herz und die Abnutzung ihrer Freude für
sie  Auch vermeid ich mit ihnen dahin zu gehen und ist mir sehr lieb dass
wirklich einige Haufen übriges Bauholz dort aufgelegt sind welche ihnen diesen
Erinnerungsplatz auf einige Zeit verbergen 
    Ein junger Zimmergesell der an dem Haus und der Scheune bauen half ein
geschickter fleisiger Arbeiter und der immer den besten Willen zeigte den wir
auch noch zur übrigen Holzarbeit behielten hat nicht abgelassen bis er zum
zweiten Knecht angenommen ward Die Freude dieses herzlichen jungen Mannes ist
nicht zu beschreiben Sie verdoppelt gleichsam seine Kräfte und seinen Verstand
Er hat um Erlaubnis gebeten ein Paar Morgen Erdreich die an dem Abhange des
Bergs in dem Bezirk liegen so zu Wollings Erbpacht gehört von den Baumstöcken
zu reinigen und dann anzubauen wie er es auf seiner Wanderschaft mit einem Berg
hätte machen sehen der dem Schlossherrn wenig getragen hätte und nun recht
gutes Heu einbrächte Man solle ihn aber allein gehen lassen er wolle gewiss
Gutes auf dem Wollingshof stiften  Und das haben wir ihm zugestanden  Der
gute Mensch arbeitet nur in den Zwischenstunden daran und will auch nicht
anders  Wir gehen auch nicht hin zum Nachsehen Sein Oberknecht allein kommt
mit weil dieser mitelfen will 
    Sie fürchten den Winter für mich in dieser Einöde  und ich freue mich ihn
hier zu sehen Den Hofund Stadtwinter kenne ich schon Der von ihrer Vorstadt
macht auch eine Stuffe der Abänderung nach den großen Auftritten die ich auf
den Wohnplätzen vieler Menschen in dieser Jahreszeit sah  Hier kann ich alles
bemerken was die Natur im Großen vornimmt an Feldern Bäumen und Wiesen der
ganzen weiten Gegend über die sich der Herbst verbreitet  aber auch auf unserm
Berge  Frau Wolling wird ein Wochenbett just mitten im Winter halten Da sorg
ich für die Oberaufsicht der Kinder der Mägde der Milchstube Ich habe den
Winter meines Glücks durchlebt  und ich sollte den Winter der Natur scheuen 
Nein meine Liebe er freut mich
 
                          Sieben und siebzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Da war ich mitten im Winter verreisst Otte seine Julie und ich um Herrn und
Frau G in F abzuholen die nach einer Abwesenheit von etwa drei Monaten
wieder zurück wollen  Es war sehr kalt als wir abgingen aber ein heller
reiner Himmel dabei Alle Steine alle Grashälmchen mit Silberduft überzogen
und das auf einer großen Weite umher Dann enge Hohlwege unfreundliche und
gefrorne Bäche bei denen wir ängstlich waren Aber auch ein herrlicher
Buchenwald alle Zweige bereist braune und gelbe Blätter daran nur an den
Enden mit dem so glänzenden Duft eingefasst Und als wir auf die Höhe des Waldes
kamen wo er stark ausgehauen ist hatte ich den angenehmsten Anblick den diese
Jahreszeit geben kann Eine Art Nebel aber sehr dünn der auf dem Berge lag
durch welchen die auf der Seite stehenden Büsche nur als durch einen Flor
schimmerten würde schon an sich reizend gewesen sein aber die Sonne
verschönerte es äußerst Da ihre Strahlen just von der Seite unsern Wagen
trafen und dessen Schatten an die Gebüsche warfen so bildete sich um diesen
Schatten herum ein Regenbogen der ihn lange Zeit begleitete bis eine Wendung
des Wegs den köstlichen Anblick zerstörte Die Farben waren etwas blass wie
beinah die Mondregenbogen sind  und nach Maassgabe des kleinen halben Zirkels um
unser Fuhrwerk auch schmal und um so viel neuer und gefälliger für uns Wir
hatten auch etwas langsamer fahren lassen das holde Schauspiel länger zu
genießen Es endigte mit dem Abhang des Berges und den aufsteigenden kleinen
Säulen von Rauch aus den Hütten eines armen Dorfs durch das wir fahren mussten
 Otte spottete unser sehr da wir in dem Postaus und dem andern was wir
sahen alles so schlecht und hässlich fanden und die schönen Sachen bedauerten
die wir im einsamen Walde gesehen hatten  Er behauptete unsre Entzückung sei
nicht aus dem Grunde der großen Reitze des Winters der Natur hergekommen
sondern weil wir Farben kleine Spiegelchen und Diamanten gesehen hätten Bald
wären wir auch ungeduldig über ihn geworden aber der neue Postillion ein
hübscher munterer Kerl stimmte sein Horn so schön an dass er uns auch munter
erhielt Er fuhr sehr geschwind ausgenommen gegen das vorletzte Dorf der
Station wo wir wieder Pferde wechselten Da ließ er nur einen Schritt gehen
aber alle Künste seines Postorns und dann das Klatschen seiner Peitsche hören
Ich bemerkte endlich dass er immer auf eine Seite hinsah und auf einmal wieder
aus vollem lustigem Otem ein Stückchen bliess  Da kam aus einem etwas hoch
liegenden Bauerhaus ganz eilig ein artiges Mädchen heraus gesprungen ohne
Haube und band sich eine weiße Schürze noch auf der Vortreppe um nickte ihm
freundlich zu bis er das Horn unter seinen linken Arm zurückwarf  »Guten
Morgen Toni«  rief sie dann aus ihren runden glühenden Backen und mit einer
Hand aus Geländer gestützt  »wann kommst du wieder«  »Um zehn rief er eine
Milchsuppe«  »ja  ja« antwortete sie so voll Zufriedenheit in ihrem blauen
Auge und mit beiden Händen ihr weissgelbes Haar zurückstreichend dass ihr der
Morgenwind ins Gesicht wehte  Einige Augenblicke sah sie ihm gewiss nicht
unsrer Kutsche nach hüpfte leicht und mit wahrer Anmut in den Hof Ihr Freund
Toni aber klatschte noch ein paarmal lebhaft und künstlich nachdem aber führte
er uns wie fliegend dem nächsten Postaus zu Die ganze Szene hatte uns so
wohl gefallen dass wir in dem Kramladen des kleinen Orts ein Halstuch ein Band
und eine Schürze für sein Mädchen kauften und ihm mitgaben  Der gute Mensch
wurde rot als Ott mit ihm von ihr sprach und sagte dass wir die Ursache seiner
vielen Musik erraten hätten 
    »Sie ist nur Magd bei dem Bauer sagte er aber das schönste und ehrlichste
Mädchen im ganzen Lande Ich verzehr immer mein halbes Trinkgeld bei dem Bauer
für Milchspeise und er hält sie deswegen auch besser Das übrige Geld hebt sie
auf dass ich es nicht vertrinke und mir was spare damit wir ein kleines
Söldnergütchen gleich neben meinem Herrn bestehen können Ich bleib Postknecht
Mein Herr und die Pferde haben mich gern s Fuhrwerk geht nicht immer gleich
stark ich hab noch einen Kameraden Da kann ich schon mein kleines Feldchen
bauen und meine Terese sorgt für die Kuh den Garten und das Kraut da kommen
wir mit Gottes Hilfe sehr gut zurecht« 
    Diese redliche Erzählung und die freundlichen Blicke die er auf die in
seinen Händen haltende Geschenke von uns von Zeit zu Zeit heftete und das
kleine Päktgen auf und zulegte dann wieder mit beiden Händen zusammen druckte
 rührte uns Julie sagte auf französisch zu Otten ihm eine Beisteuer zu geben
 Er tats und der gute Mensch weigerte sich indem er auf unsre Geschenke
deutete Nachdem aber küsste er unsre Hände und segnete uns  »Kommen Sie den
Weg nicht bald wieder« fragte er  »Ja in acht Tagen«  Da zählte er an
seinen Fingern  »Das ist mein Tag nicht  aber ich will meinem Kameraden das
Trinkgeld lassen und Sie fahren  Sie sollen sehen wies gehen wird«  und da
schnalzte er mit der Zunge und der einen Hand und blinzte mit den Augen frohen
Beifall dazu  Er hielt auch Wort und führte uns ganz vortrefflich im
Rückwege 
    In F fanden wir unsre Freunde und mussten uns mit ihnen noch einige Tage
aufhalten  Urteilen Sie aber von meinem Staunen als ich den vierten Tag
meinen Oheim mit Klebergen in das Zimmer treten sah Er war mir so unerwartet
das ganz Englische Wesen so er angenommen eine Art stuzendes Betrachten meiner
Person die rasche Freude und Tränen meines Oheims noch mehr aber sein Reissen
an meiner Hand und an Klebergs Arm mit dem Ausruf »Nun Kinder nach zwei Jahr
Abwesenheit dürft ihr euch wohl umarmen« 
    Kleberg gehorchte mit Freude in seinem Auge  ich aber widerstrebte und
sank beinah in dem erregten Sturm zu Boden Meine Lippen zitterten und Kleberg
fasste mich mit Schrecken da er mich blass und schwankend sah  »Was ist das
Rosalia  um des Himmels willen was ist das was ist seit Ihrem letzten Brief
in Ihrem Herzen vorgegangen  Unser Oheim macht Sie nicht zittern das bin ich
ich allein den Ihr Übelwerden angeht« 
    Ich konnte nicht reden die Worte starben in meinem Munde  Ich legte
endlich meinen Kopf auf seinen Arm  Er schwieg und druckte mich an sich Ich
küsste eine Hand meines Oheims die ich hielt  Er sagte mit »Gutes Mädchen
wir hatten Unrecht dich so zu überfallen ich finde es erhole dich nur« 
    Diese Betrachtung war richtig Aber ich würde von der plötzlichen
Erscheinung nicht so erschüttert worden sein wenn mein Oheim nicht so rasch auf
eine Umarmung gedrungen hätte Denn bei der Erinnerung der äußersten feinen
Strenge die ich mir aufgelegt und heilig gehalten hatte dass von dem Tag an wo
mein Herz und mein Oheim mich für Klebergen bestimmten niemals die Lippen eines
andern Mannes meinen Mund berühren sollten  war ich wohl billig genug nicht
das nämliche von ihm zu fodern und zu erwarten  Aber gewünscht hatte ichs
und den Augenblick da er nach der Auffoderung meines Oheims sich mir näherte
warf ich ihm einen Mangel an Feinheit vor  und zugleich war in mir der
Gedanke O wie viele dieser Küsse mag er verschwendet haben  Und dann war
doch auch die Bescheidenheit mit verbunden  Es war mein Bräutigam aber doch
ein Mann den ich in zwei Jahren nicht gesehen hatte  
    Ich war besser  und zeigte ihm mein Vergnügen ihn zu sehen Er betrachtete
mich während ich sprach mit Aufmerksamkeit  und es dünkte mich als ob es
lauter Vergleichungen wären die er zwischen mir  und was ihn auswärts
angezogen in seiner Überlegung machte Ich war eben sehr vorteilhaft
gekleidet  Ein langer Pelzrock nach der Taille feines Gelb mit Zobel
ausgelegt  die polnische Haube dazu stand mir sehr gut  Er fasste meine
Hand mit Blicken voll Liebe »Sie sind schön Rosalia schöner als jemals Wo
wollten Sie denn mit alle den Reizen hingehen als wir kamen«
    Ich sagte dass ich mit meiner Gesellschaft eingeladen wäre einige junge
Leute Schlittschuh laufen zu sehen  und dass es mich gefreut hätte weil es mir
ganz neu sei 
    »Sie müssen hin  aber ich habe Erlaubnis auch zu folgen« 
    Das war natürlich  und ich ging zu Julien die schon zweifelte mich zu
sehen weil sie die Nachricht von der Ankunft meines Oheims hatte  Wir mussten
ein gutes Stück vor die Stadt hinaus fahren bis wir endlich an der Landstraße
still hielten und lang an einer Mauer über gefrornen Boden gingen Am Ende
folgten wir einem kleinen Wiesengraben woran Weiden stehen und hörten auf
einmal Musik und lautes Rufen Zugleich flogen über zehn Eislauser gegen uns
die uns dann die Hand boten über den Graben zu kommen und uns auf den
zubereiteten Platz zu der übrigen Gesellschaft zu setzen  Eine Reihe Bänke mit
Tuch belegt und Diehlen auf dem Boden die Füße vor der Kälte zu schützen ganz
kleine Tischgen immer drei Fuß breit von einander mit Servierten gedeckt
worauf dann Chocolade Kaffee kleine warme Pastetgen Konfect und fremde Weine
Schinken und Braten gesetzt und angeboten wurde  Der Schauplatz war
auserlesen Eine viel Morgen Lands fassende Wiese auf welche der noch
fliessende Bach etliche Tage lang ausgetreten war und dieses einen halben
Schuh tiefe Wasser zu einem festen glatten Spiegel gefroren  das ganze Stück
auf zwei Seiten mit Weiden besetzt die dritte eine weite Aussicht wo
verschiedene Gärten und Lustäuser stehen  und oben an der Ecke die uns am
nähsten war ein Busch Ulmen hinter denen ein schöner Bauerhof mit seinem
neuen Ziegeldach die Szene um so viel einnehmender machte Der Himmel heiter
nicht der geringste Wind und für Jennortage Sonne genug  Bei den kühnen
Schlittschuhläufern waren die Söhne der angesehensten Familien junge Engländer
Offiziere  und einer der seltensten und vortreflichsten Köpfe Deutschlands
alle in kurzen Pelzröcken und runden ihnen recht passenden Kappenhüten 
Mich freute es innig das jugendliche Feuer so vieler schönen Leute so munter
in tausendfachen Wendungen in dem Reiche des Frosts herum treiben zu sehen Es
schien mir ein edler und schuldloser Genuss ihrer Kräfte Ihres Muts und ihrer
Geschicklichkeit  Kleberg stand hinter mir und horchte auf meine Bemerkungen
Ich sagte ihm es dünke mich sogar charakteristischen Unterschied in dieser
Belustigung zu sehen  er solle den Blick und die Haltung des Leibes von
Werter beobachten wenn er den Schritt über die ganze Fläche anfing  Ein
Engländer hatte sich abgesondert und nahm seine Bahn oben queer über da er
Phantasiereiche Gänge und Zirkel beschrieb  »Diesen sagte Kleberg will ich
in der Nähe betrachten«  und verließ mich Einige Minuten nachher schlüpfte
eine edle Gestalt in einem nett zugeknöpften weißen Rock mit schwarzem
Pelzwerk bebrämt und einer gleichen Pelzkappe an unsern Tischgen vorbei die
ich nicht im Gesicht erblickte sondern aus der Kleidung für einen neuen
Mitspieler ansah  Er lief ein paarmal an dem einsamen Engländer hin und her
sprach mit ihm dann umarmten sie sich lebhaft und fingen einen Wettlauf gegen
die Andern an die schon ein Stück Wegs voraus hatten  Der weiße Rock übertraf
die Meisten und ließ den Britten weit zurück kam ihm wieder entgegen ergriff
seine Hand und war Augenblicks darauf mit ihm vor mir  Und dieser so schön
sich hervortuende weiße Rock war  Kleberg selbst Er musste meine Freude und
Beifall mit meinem Staunen vereinigt sehen  und schien sehr vergnügt darüber
stellte mir seinen englischen Freund vor und ermunterte mich englisch zu
sprechen  Von Zeit zu Zeit kamen auch die andern und nahmen etwas Essen und
auch vielleicht einige gütig belohnende Blicke von den artigen Frauenzimmern die
da waren 
    Dieser Morgen war mir sehr schön  Kleberg ging mit mir zurück aß mit
uns bat mich um eine Unterhaltung in welcher er mir viele alte und neue Liebe
versicherte  und mir die Ursach meines Übelwerden auf den Knien dankte und
abbat  zugleich aber seine neue Abreise auf den nämlichen Abend anzeigte 
weil er zwanzig Meilen von da wieder zum Gesandten treffen musste  Aber bald
wenn mein Herz es gut hieße würde er nach Anordnung unsers Obeims auf immer
als der glücklichste Mann um mich sein  und bis dorthin auch nicht einen Blick
auf eine andre Seele heften  Mariane Ihren Seegen
 
                           Acht und siebzigster Brief
                             Rosalia an Mariane S
Nun ist mein Schicksal festgesetzt Kleberg bekommt durch Verwendung meines
Oheims eine angesehne Stelle in dieser Gegend und diese Stadt wird mein
Aufenthalt  O wie weit von Ihnen meine edle Liebe  Wenn nur  ach wenn
 Aber zu was sind sie gut  die Wenns sagt Madame G  Zum voraus machen sie
Angst und Zweifel und nach geschehner Sache Kummer und Unmut  Würklich hat
auch mein Oheim schon auf zehn Jahr zwei Stockwerke und den Garten nebst halben
Hof eines schönen Hauses gemietet in eben der Straße wo Julie  und Frau G
wohnen Nun will er vieles darin bauen und auch den Garten neu anlegen und ich
soll mich bis künftiges Frühjahr mit der Einrichtung beschäftigen  Sie sehen
wie viele Liebe hier für mich waltet und ich habe auch in einem glücklichen
Augenblick die Abänderung des Testaments erhalten wie ich schon so lang
wünschte weil es mich eben so sehr schmerzte sein ganzes Vermögen zu erhalten
als es meine ärmere Verwandte quälen musste ohne Hoffnung zu sein 
    Es war ein schöner Augenblick meines Lebens da mir mein Oheim den
geschlossenen Vertrag der Miete wies die um so viel sicherer war weil er eine
drückende Schuld des Eigentümers bezahlte die den Belauf des Mietzinsen auf
die zehn Jahre beträgt  Daneben zeigte er mir alle Verabredungen mit dem
Mauer und Schreinermeister von den Verbesserungen meines Hauses und nichts von
dem was ich gewünscht hatte war vergessen Mein Herz überfloss in Danksagung
für seine Güte und das seine ergoss sich in Freude über die Aussicht auf meine
Glückseligkeit die er nun recht gründen wollte  Es war grade nach dem
Frühstück da ich neben ihm saß und er mir auf dem Tisch nach weggenommenen
Teezeug die Risse des Hauses vorlegte und die Abänderungen alle sagte Ich
hatte schon einigemal seine Hände geküsst und das Bild der Verzweiflung des
Überrests seiner ausgeschlossenen Familie drang immer näher an meine Seele so
dass es endlich in meinen geänderten und kämpfenden Gesichtszügen sichtbar wurde
Er kam in Unruhe  »Rosalia Ist Dir nicht wohl« 
    »O ja  aber mein Herz ist zu voll Glück und Kummer« 
    »Voll Glück und Kummer«  rief er mit Staunen »Hast Du was gegen Deine
Heirat mit Kleberg« 
    »Nein mein lieber Oheim« sagt ich indem ich an seiner Hand hin neben
ihm kniete  »nichts gegen Kleberg  aber gegen Ihr Testament« 
    »Mein Testament  wo Du all meine Liebe siebst«  »Gewiss seh ich darin
alle unbegränzte Liebe für mich  aber auch das eben so große Leiden der N
und A Lassen Sie mich mit der Hälfte glücklich sein und teilen Sie die andre
unter die Kinder beider Häuser Diese sind ja doch an Allem unschuldig was ihre
Eltern mögen getan haben  Mein lieber großmütiger Oheim erhören Sie mich«

    Ich hielt eine seiner Hände an meinen Mund mein einer Arm war um den
seinigen geschlungen mit dem er den Kopf auf den Tisch stüzte Er betrachtete
mich starr Ich sah an ihm mit flehender Miene hinauf Lange redte er nicht 
Endlich sagte er trocken »Rosalia ich ändre nichts  Du kannst ja wenn ich
tot bin selbst alles verschenken oder die Hälfte wie du willst« 
    »Und Sie meinen Oheim  Sie soll ich nicht segnen hören  nur weinen und
seufzen wenn Ihres Namens gedacht wird  O lassen Sie Ihr Andenken Allen
heilig werden die nur einen Tropfen Bluts mit Ihrer edlen Mutter teilen« 
Mariane  Hier bei diesem Namen kont er nicht unbewegt bleiben Er druckte mit
den Hand die seinen Kopf stützte seine Augen zu und blieb einige Zeit in
dieser Stellung  Aber ich bemerkte an dem Heben seiner Brust das Zurückhalten
der Tränen  Er fasste sich wieder mich zu fragen ob mir jemals von einer der
beiden Familien seit er mein Vormund wäre Liebe erzeigr worden sei Ob sie
mich um Fürbitte bei ihm ersucht hätten
    »Mein lieber Oheim Sie hatten ja immer so viel Güte für mich dass mir kein
andrer Mensch nichts Liebes mehr erweisen konnte Aber gebeten bin ich nicht
worden ich hält es Ihnen sonst gesagt« 
    »Wenn Du wüsstest was ich weiß  denke nur dass meine Abneigung nicht ohne
Grund ist« 
    »Ich glaube es mein ehrwürdiger Oheim und bitte deswegen um Großmut«  
    Er druckte meine Hand und küsste meine Stirne freundlich aber ernstlich
denkend und sagte mir ich möchte jetzt in mein Zimmer gehen  hob mich auf
und ich sprach ihm nur noch mit ein Paar Blicken Eine halbe Stunde eh wir zum
Mittagessen gingen kam er in mein Zimmer Ich fand sein offenes Gesicht noch
voll Spuren einer vergangenen Gemütsbewegung stand gleich auf und fragte ob es
denn schon Ein Uhr wäre 
    »Nein Aber ich will deine Lust zum Essen vermehren indem ich Dir die
Versicherung gebe dass mein Testament zum Besten der N und A verändert
werden soll wenn Du auch deinem Kleberg davon Nachricht geben willst« 
    Ich segnete und dankte ihm von ganzem Herzen für diesen Endschluss 
    »Gott segne Dich meine Tochter Tochter des würdigsten Weibes und der
besten Schwester Du sollst doch auch wissen dass es mir selbst wohl tut dass
ich Deiner Bitte nachgab Sie batten mich sehr beleidigt und ich einen langen
Widerwillen«  
    »Aber bester Oheim wenn der edle Gute nicht großmütig ist  wer soll es
denn sein«  
    »Sei ruhig Rosalia Ich werde Deine Bitten und Deine Hoffnungen nicht
täuschen und Gott wird es an Deinen Kindern lohnen was Du mich an den Kindern
Deiner und meiner feindseligen Verwandten tun machst«
    Ich konnte nicht reden aber tausendmal seine Hände küssen und an meine
Brust drucken Er umarmte mich  »Nun weine nicht mehr und lass mich Dein
Gesicht auf immer heiter sehen« 
    Das versprach ich ihm recht gern und halte auch Wort und er begegnet mir
mit doppelter Zärtlichkeit  Ach Mariane Sie Sie allein unter Vielen können
meine innige Freude und Glück begreifen die ich über den Verlust dieses halben
Erbes empfinde  An Kleberg hab ich darüber nach meinem besten Empfinden
geschrieben und rechne auf seine Edelmütigkeit
                      Drei Wochen nach diesen Blättern 
Ich war in der Tat lange nicht wohl genug um diesen Brief zu enden Deswegen
bekamen Sie nur einige Zettelchen durch meinen Oheim  und hingegen heut wieder
neue Nachricht von des teuren Mannes Güte für mich Er hatte einige Zeit immer
etwas mit Madame G und Otten zu lispeln Als ich wieder ganz wohl war sah ich
zwei Tage meistens nur Julien um mich Den letzten Abend bat sie mich mit ihr
zu einer kleinen Musik zu fahren Ich fragte meinen Oheim ob er es zufrieden
sei  »Ja wenn es Recht wäre ginge ich selbst mit«  Da lief ich in mein
Zimmer zurück es Julien zu sagen  »Ganz gern« sagte sie »Der Wagen ist so
mit vier Sitzen«  Es war sieben Uhr und also schon dunkel Wir fuhren in eine
enge Straße stiegen an einer sehr kleinen Tür aus und kamen durch einen
schmalen aber kurzen Gang an eine Wendeltreppe wo nur eine Person gehen
konnte Und da wir nur Ein Licht vor uns hatten und für unsre Kleider sorgten
schaute ich weiter nicht viel um mich  hörte endlich gute Musik  Otte kam
uns am Ende der Treppe entgegen  und zwei Lichter die ein Kerl trug Sie
lachten sich Alle so geheimnisvoll zu dass ich nicht wusste was ich denken
sollte und endlich einen Augenblick vermutete Kleberg sei irgendwo zu einer
Überraschung bestellt Endlich gings in ein Zimmer das ganz neu ausgemacht
schien aber völlig leer war Von da öffnete man eine Doppeltür in den Saal
wo die Musik war Ein geräumiges ovales Zimmer auf zwei Seiten einander
gegenüber zwei Fenster In den vier Ecken schöne weiße Schränke mit schmalen
goldenen Zieraten und darauf schöne weiße Vasen An jeder Wand neben den
Schränken zwei Doppeltüren und zwischen den zwei Türen eine Reihe schöner
Stühle mit gelb und weißen Plüsch so wie auch die Wandstücke in der gelben
Schattirung gemalte chinesische Landschaften vorstellten In der Mitte des Saals
hing ein schöner Kronleuchter an den Fensterpfeilern große Spiegel und
Marmortische darunter  Dies war alles recht sehr schön und gefiel mir noch
mehr aber der artige Gedanke eines jungen Manns von rechtschaffenem Charakter
und erfinderischen Kopf der als Seeretair bei einem edlen Hause in der
Nachbarschaft sieht  und erst zu Verschönerung der Zimmer seines Grafen dann
auch zum Vorteil des armen Töpfers einen ganz neuen Ofen erdachte der zuerst
in dem Speisezimmer erschien in welchem eine Ecke den Schenktisch fasste der
unten einen Schrank auf drei Füßen hatte auf diesem eine große zinnerne Platte
für die Bouteillen und Gläser über dieser noch ein Aufsatz mit zwei Türen
worin Gläser verwahrt werden Dies alles war weiß gemalt und die Leistgen
vergoldet  Da macht er ein Model von Kartenpapier teilt die Stücke ein
spricht mit dem Töpfer und gibt dem Manne so deutliche und so
menschenfreundliche Beweise von der Tunlichkeit den Ofen zu machen und das
nur im rauen Endlich geräts er wird aufgeführt und weiß übertüncht Anstatt
der Zinnplatte des Schenktisches ein stark verzinntes Eisenblech hingelegt auf
dem die Teller gewärmt werden und das Zimmer ein zierliches Ansehen mehr erhält
Denn der untere Schrank macht den Ofen und die zwei auf ihm ruhenden Füße die
den oberen tragen machen die Rauchröhren aus  und der Töpfer kann nun für
mehrere Personen dergleichen Oefen machen Denn da die Glasur das teuerste und
beschwerlichste ist bei dieser Art aber wegbleibt so kann sie der Mann eher
machen und Andre leichter kaufen  Mit dem Vergolden solls ihm schwer geworden
sein weil die gewöhnliche Behandlung davon bei der Heizung des Ofens absprang
Da geriet er endlich auf die Mischung von Honig und Eyweiss womit er die
Leistgen und Zierraten bestrich und dann das Goldblätchen auflegte und das
hielt Probe   Ich bin sehr weitläufig darüber gewesen aber Erfindsamkeit
freut mich und besonders wenn sie Nutzen Zierde und Sparsamkeit mit einander
verbindet  Mein Oheim der in dem edlen Hause bekannt ist hat diesen Ofen
durch hiesige Töpfer nachmachen lassen und zwei stehen in dem Saal den ich
Ihnen wirklich beschrieb Die zwei andern Schränke sind für Glaswerk und
Porcelan  Als ich mich in dem Zimmer umgesehn hatte kamen aus einer Tür all
meine wertesten Freunde und Bekannte Herr von C seine Frau Herr und Madame
G ihr vortrefflicher Bruder F sogar Kahnberg und seine Liebe  Sie können
nicht glauben wie groß mein Staunen und meine Rührung war Die Musik dauerte
bis halb neun Uhr  Da spielte Kahnberg allein auf dem Klavier und eine artige
Base seiner Frau sang dazu Wir standen alle um sie herum  Indessen wurden
durch die zwei unteren Doppeltüren vier längliche Tische schon gedeckt und mit
Speisen besetzt hereingetragen und neben einander gestellt so dass in wenigen
Minuten eine Tafel für uns alle bereit war und wir uns so bald die Stühle
standen zum Essen setzten Otte und Frau G machten die Hauswirte  Ich saß
zwischen Kahnberg und meinem Oheim Wir speissten aus einem nicht kostbaren aber
artigen Porcelan auch weiß und gelb Alles schien nun sonderbar  Als das
Konfect kam brachte man meinem Oheim einen Pokal und er fing die Gesundheit der
Eigentümerinn des Hauses an  Alles trank mit Wie ich mein Glas Wasser
ergriff nahm er meine Hand  »Halt Rosalia Du darfst erst nach uns
trinken«  Ich sah um mich und nach ihm  »Nun meine Liebe trink denn Du
bist die Eigentümerinn Ich habe das Haus für Dich erkauft Gott gebe Dir
lauter glückliche Tage darinnen und Freunde dabei wie diese hier« 
    Sie riefen alle Amen und Glück und Freude  Ich brach in Tränen aus und
hielt die Hand meines Oheims Er küsste mich »Sag mir nichts Gutes Mädchen als
dass Du zufrieden bist sonst erzähle ich unsern Freunden die Geschichte der N
und A  und des Testaments« 
    »O das tun Sie nicht  Ich will schweigen Sie kennen das Herz doch das
durch Ihre Güte gebildet wurde so wie es durch Sie glücklich gemacht wird« 
    Nun trank mein Oheim die Gesundheit der Frau G da sie sich so viele Mühe
mit Veranstaltung des Essens gegeben wie auch des Herrn Otte mit der Musik 
Julie machte es auch recht schön mit dem Blenden und Einladen  Er empfahl
mich dann Allen zu ihrer dauernden Freundschaft und man erzählte mir die
Geschichte des Hauses Es ist das nämliche so mein Oheim gemietet hatte
Aber seit meiner Krankheit kam es ganz zu Kauf und da wollte er meine Genesung
darin feiern und damit ich es nicht gleich erkennen sollte wurde ich durch die
Seitentür eingeführt  Der übrige Abend wurde ganz herrlich verlebt Kahnberg
und seine Frau reisten aber um zehn Uhr noch zurück auf ihr Gut  hingegen
Herr C und seine Frau blieben bei uns Ich wäre beinah wieder krank geworden
so sehr hatte mich der Auftritt erschüttert Mein Oheim sagte mir »Ich habe
mein Testament geändert aber was ich Dir in meinem Leben gebe musst du
behalten« 
    Ich durfte nichts sagen und befriedigte mich um so mehr als ich wusste dass
er selbst eine reiche Erbschaft getan hatte  Der Kreis meiner Bekannten
vermehrt sich und dieses freut mich nur halb Ich werde mich auch mit Vertrauen
nur an die halten die mein Haus einweihen hälfen  Wir redten gestern Abend
davon und ich sagte dass ich neue Freundschaft machen ansähe als pflanze man
Bäume unter deren Schatten man einst in erlebten Tagen noch ruhige und
glückliche Stunden hinzubringen hoffe und setzte hinzu ich könnte mir hier
eine ganze Allee ziehen 
    »Sehen Sie zu Rosalia« fiel Frau G ein »ob nicht Körner von des Jonas
Kürbis darunter sind die sehr schnell und schön fortkommen aber auch durch den
Wurmstich einer Kleinigkeit zu Grunde gehen« 
    Man fand dies Gleichniss so treffend und brachte so viel Beweise dafür dass
es uns schauerte und ich endlich sagte »Ich will keine Allee  Der Himmel
erhalte mir nur den schönen Busch der heute in meinem Saal um mich blüte so
bin ich glücklich genug« 
    Und das ist wahr Ich habe Freunde genug Bekannte werd ich überflüssig
bekommen denn Kleberg will allen Fremden die von den Orten sind wo er sich
aufhielt sein Haus und Gesellschaft widmen wie er mir in F sagte dass er
allen Familien wo er Ehre genossen seine Dienste und Gefälligkeit dagegen
anbieten würde  und aus diesem Grunde ist mir auch mein artiges Haus recht
lieb 
    Mariane teure unschätzbare Freundin in vierzehn Tagen reise ich mit
meinem Oheim nach meiner Vaterstadt und zu Ihnen Begreifen Sie mein Glück und
meine Freude  zu Ihnen  Ach Gott ich bin zu  zu glücklich  Aber ich muss
ja wieder zurück und Sie zurücklassen  So ist des Guten lange nicht so viel
als des Schlimmen  Indessen mehr Wohl als ich lange nicht hoffte  Adieu
Schicken Sie mir doch mit dem ersten Postwagen das Pack aller meiner Briefe an
Sie Ich will sie die van Guden samt den Ihrigen während meiner Abwesenheit
lesen lassen  Es dünkt mich dass sie gegen den Winter Zeitvertreib nötig
haben wird 
 
                           Neun und siebzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich muss noch einen großen Brief vor meiner Abreise an Sie schreiben über einen
neuen gesellschaftlichen Zirkel der mir Glückseligkeit verspricht Denn für
mich wissen Sie ist große Anzahl Menschen und lärmende Unterhauungen nicht
Vergnügen sondern Last gewesen
    Man sieht mich seit dem Kauf einest Hauses und der Bestimmung meines
Bräutigams als eingebohrn an und ich wurde nach der Gewohnheit dieser Stadt
bei allen benachbarten Familien meines Hauses und meines Standes zum Besuch
geführt worunter drei etwas ältliche unverbeiratete Frauenzimmer waren Keine
Seele hatte mir je von ihnen etwas gesagt und ich war daher um so viel
betroffener sie zu finden  Man muss durch einen Hof gehen eh man in ihr Haus
kommt denn sie wohnen zur Miete bei einem reichen Mann der fünf Wohnungen
umher baute wovon zwei auf die Hauptstraße links und rechts des Tors gehen
zwei in den Hof von jeder Seite der ersteren und dann die von ihm und den drei
Frauenzimmern  Diese scheidet der Eingang in den Garten der sehr schön ist in
welchem der Saal wo sie ihre Besuche empfangen die Aussicht und einen Gang
hat  Das Zimmer ist sehr artig mit Tapetenstreifen geziert welche die
Großmutter auf weißem Grund genäht hat Streifen von gelben Halbdamast oder
Brocadel sind dazwischen gesezt  Die Stühle ein großes Ruhbett und alt
geformtes Kanape sind von ihrer eignen Arbeit an welcher die Zweite immerfort
ämsig sitzt aber niemals an einer Unterredung Anteil nimmt weil sie vor
vielen Jahren von einer Melancholie befallen wurde wovon sie niemals den Grund
augab und erst lang immer für sich allein war endlich aber ihren Schwestern
darin nachfolgte im großen Zimmer zu sein weil die Dritte bei dem Tode der
Eltern noch zu jung und zu hübsch war um sie allein bei Besuchen zu lassen
wenn die Aelteste die das Hauswesen besorgt nicht da sein konnte  Diese ist
von einem äußerst aufgeräumten Geist dabei voller Mut und Laune Die Jüngste
ist artig sanft und eine köstliche Vorleserinn  Alle vortrefflich erzogen 
Die Zweite ist am besten gestaltet bat ein ovales aber sehr blasses Gesicht
worin das schönste schwarze Auge einen langsamen durchdringenden Blick und
höchst selten ihr feiner Mund eine Art krankes Lächeln zeigt  Sie trägt immer
Kleider von violet Farbe ein weißes großes Halstuch und eine schwarze Kappe und
Schürze Nichts netteres kann man sehen als ihren Anzug Neben ihrem Ramen der
seinen Platz in der oberen Ecke des Saals am Fenster hat steht ein kleines
Tischgen mit dem Keficht eines Blutfinken den sie liebt und ihn manchmal wenn
er eine Zeitlang die Hälfte eines ganz einfachen Liedchens gepfiffen hat mit
trauriger Miene betrachtet auch heraus nimmt ihn mit einer rührenden
Zärtlichkeit auf einen ihrer Finger setzt und mit der andern Hand streichelt
Zwei dunkelrote Nelkenstöcke stehen am Fenster auch von ihr gezogen und
gepflegt Zwischen diesen einer mit Maasslieben die besorgt sie Abends wenn es
dämmert mit einem Ausdruck in ihrem Gesicht den ich nicht beschreiben kann
Aber gewiss es ist als ob sie diesen Blumen und dem Vogel alles sagte was sie
Menschen nicht sagen mag  so voll Bedeutung sind all ihre Züge ihr Dastehen
die Bewegung ihres Kopfs der Arme und Finger wenn sie nach den Blätgen sieht
an den Nelken riecht oder die Erde etwas lockert Abends wenn Licht nötig
ist leget sie ihre Wolle und Nähzeug zusammen deckt ihren Rahmen zu nimmt den
Keficht macht mit dem besten Anstand eine Verbeugung und geht durch die Türe
die gleich neben ihrem Platz ist in ihr Schlafzimmer wo sie lauter ernsthafte
Bücher list  So lebt sie schon zwanzig Jahre von ein und vierzigen die sie
alt ist hatte immer das beste Herz und einst viel Feuer Sie arbeitet sehr
schön und unglaublich viel da sie durch nichts zerstreut wird und alle Tage
wenigstens acht Stunden fleißig näht Und da sie nun lauter Muster nach heutigem
Geschmack nimmt so verkauft sie es auch sehr gut und sammlet das Geld für sich
Sie zog beinah all meine Aufmerksamkeit auf sich und erinnerte mich an
Henrietten von Essen  Die Aelteste ist etwas klein und wie man hier sagt
untersetzt aber lauter Tätigkeit Güte Einsicht und Kenntnisse von Sachen und
Menschen sagt immer was sie denkt und beweist nebst ihrer jüngeren Schwester
wie schätzbar unverheiratetes Frauenzimmer für die Gesellschaft werden kann
wenn sie in ihren blühenden Jahren das Zeugnis der Tugend und in ihren erlebten
Tagen den Ruf der Klugheit und einen angenehmen Umgang haben  Sie sind nicht
reich haben nach dem Tod ihrer Eltern alles zu Gelde gemacht und nur die
Einrichtung des großen Saals und das Nötige für die Küche und ihre Schlafzimmer
behalten Eine alte treue Magd kauft ein kocht und isst mit ihnen eben so wie
sie selbst denn niemals geben sie Andern zu essen Aber alle Tage findet man
bald große bald kleine Gesellschaft bei ihnen  Ihre Eltern waren rechtschafne
Leute deren Bekannte noch den Töchtern Freundschaft fort bewiesen und ihre
Kinder auch zu ihnen führten  Die jungen Leute welche da Munterkeit Güte
und Gefälligkeit  die Eltern aber Vernunft mit wahrer Tugend und Freundschaft
antrafen gewöhnten sich beide hin  Sie helfen zu der Erziehung denn oft
bitten Väter und Mütter eine von den Schwestern den jungen Leuten diese oder
jene Ermahnung zu geben  Es steht ein Klavier im Saal  eine Violine und
Bassetchen ist auch da Keine versteht Musik aber wenn jemand hinkommt der sich
damit unterhalten will so hat er gleich alles  Oft tanzen und singen Söhne und
Töchter während die Eltern sich mit reden unterhalten oder im Brettspielen 
Ein kleines Billiard und Volaute sind auch da Wochenschriften Gedichte der
französische Merkur Varrentraps Handbuch ein öconomisches und historisches
Wörterbuch Tissots Anleitung für das Landvolk und eine Götterlehre der Alten
sind in einem offenen Eckichrang beisammen  und dieses gibt immer dem Stoff
der Unterhaltung ein neues Leben  Man bat den ganzen Nachmittag Freiheit zu
kommen und zu gehen wie man will  Immer findet man vernünftige und
rechtschaffene Leute da Der Hausherr und seine Frau sind es recht sehr Diese
haben den Hauszins vermindert um die schätzbaren Personen bei sich zu behalten
 Vorzügliche Männer kommen hin  oft erst nachdem sie zu Nacht gespeist und
bleiben bis zehn Uhr Die zwei Schwestern empfingen mich sehr höflich und
nannten mich neue Nachbarinn  Aber immer während die Eine mit mir sprach
horchte und beobachtete die Andre Die Aeltere sagte mir
    »Madame G hat Ihnen gewiss Gutes von uns gesagt  wie wir von Ihnen
gehört haben Ich weiß setzte sie munter hinzu  dass Sie viele Freude an
Bildern von römischen und griechischen Altertümern haben  Lassen Sie sich das
Altdeutsche Ihrer guten Nachbarinnen auch gefallen Sie werden unsre Gemüter
und unsre Gedanken sehen wie die Stiche da in meinem Grossvaterstuhl  Viel
Dienste kann ich Ihnen nicht anbieten außer den Ihnen zu sagen was gescheute
Leute an Ihnen loben und tadeln  Dies ist recht nützlich mein Schatz von
ehrliebenden Menschen zu hören besser als von kleinen Gezeug das um Sie herum
kriechen wird so bald man Sie in Ansehen und Wohlstand erblickt  Hüten Sie
sich immer vor Kriechern sie haben alle was Ungezieferartiges an sich und
bringen was Kleines an weil sie die Lücken und Ritzen der Schwachheiten des
Charakters aufsuchen und zu finden wissen und dort ihre Schmeicheleien
Erzählungen und Angaben hinlegen wie Insekten ihre Brut wodurch oft das
herrlichste Geschöpf wie schönes Geräte besudelt verdorben und unbrauchbar
gemacht wird  Verzeihen Sie  aber Sie gefallen mir und ich musste das
Nötigste gleich sagen« 
    Der Ton mit dem sie sprach gefiel mir ungemein Es ist in der Tat
glücklich eine redliche und vernünftige Person auf seiner Seite zu haben die
uns von unserm Guten und unsern Fehlern Nachricht gibt Ich will auch die
elende verkehrte Eigenliebe nicht haben die sogleich aufgebracht ist wenn man
nur von ferne etwas von einer Unvollkommenheit mit uns spricht  Ich dankte
meiner würdigen Nachbarin für ihre Warnung vor den Kriechern und bat sie Wort
zu halten und mich treulich von Allem zu unterrichten was mich anginge  sie
versprach es mir freundlich  um so mehr sagte sie  »da ich ja ungebeten
davon angefangen habe Ich geh immer meinen gewohnten Gang gerade fort Ich habe
freilich Einigen durch die Anzeige ihrer Versehen missfallen auch deswegen weil
ich die Leute nicht nannte die mir davon gesagt hatten Ich merkte da wohl dass
sie begieriger waren sich an ihren Tadlern zu rächen als sich zu bessern Da
sagte ich den jungen Leuten dass ich dieses in ihrem Gemüt sähe es wäre
unbillig und unvernünftig denn von ihrem Sprach und Tanzmeister nähmen sie
Erinnerungen an und von einer Freundin nicht Den älteren Personen weise ich
ein erstauntes Gesicht über den Wahn von Vollkommenheit und dass Jahre und
Erfahrung ihnen weder den Wert der Freundschaft noch der Wahrheit gelehrt
haben  Sind sie bös und bleiben weg so bedaure ich sie  Aber die Meisten
sind wieder gekommen und scheinen mit mir zufrieden«
    Nachdem fragte sie mich was ich wohl bei dem Eintritt in ihr Zimmer von den
alten Zierräten und alten Gesichtern gedacht hätte 
    »Es ist mir ungewöhnlich aber nicht unangenehm und nicht geringschätzig
gewesen« 
    »Das ist gut« sagte sie  »Ich dachte nach ihrem Gesicht und ihrer
Kleidung dass eine verständige Gutartigkeit in Ihnen sei« 
    »Ich bin froh dass dies in meinem Gesicht steht  Aber dass meine Kleidung
davon zeugte kann ich nicht denken« 
    »O Kleider sind redender als wir glauben Sie haben viel Einfluss auf
unsern Charakter und zeigen eine Hauptseite von ihm an Der Grundzug unsrer
Seele geht durch alles färbt alles  nicht nur die Liebe den Hass Zorn
Freude und Traurigkeit  nein auch unsern Geschmack Redensarten alles 
Sehen Sie meine melancholische Schwester Sie hat sich von allem lossgemacht was
auf andre Menschen würkt Aber da sie vor dieser Änderung ihres Gemüts edel
und gut war so ist sie es noch Sehen Sie sie an  ist ihr Anzug nicht redend
und der Meinige fuhr sie fort  riefen nicht die Form meiner Haube die Falten
meines Rocks Ihnen zu da ist jemand der sich nicht scheut den Meinungen der
Andern gerad entgegen zu geben und immer gleich seine Gesinnungen zu zeigen mit
so einfachem Wesen wie die Leinwand an meinen Manschetten und unbebrämt wie
mein Rock« 
    Ich versicherte sie dass mir ihre Art recht wohl gefiele Die Zeit würde sie
überzeugen
    Die Gesellschaft war groß In den Fenstern die sehr niedrig sind stehen
Bänke da sitzen meist die jungen Frauenzimmer und arbeiten weil sie zugleich
die Aussicht des Gartens genießen der aus lauter Alleen und Grasplätzen
besteht in denen der Besitzer einen seltenen Gedanken zeigt nämlich alle Arten
von Blumen zerstreut hinein zu pflanzen und hingegen gewöhnliche Wiesenblumen
in Beeten und Töpfen zu ziehen Es ist in der Tat schön Hyacinten Tulpen
Nelken mitten im Grase zu sehen und es reist seit vier Jahren kein Fremder
durch der nicht deswegen in den Garten kommt und begierig ist  »den
närrischen Menschen zu sehen« sagte der Hausherr »der die Gärtnerart so
umkehrte  Dann staunen sie  mich mit gesunder Vernunft reden zu hören und
ich freue mich einer anscheinenden Torheit das Vergnügen zu danken viele
schätzbare Menschen mehr zu kennen und ihnen einen kleinen unschuldigen Spaß in
dem Weg gelegt zu haben« 
    Die ältere Jungfer Bogen wie sie sich nennet bemerkte einen kleinen Streit
unter den jungen Frauenzimmern und Herrn  Frau G war auch darein gemengt 
Wir näherten uns und hörten dass es über eine abwesende Schönheit sei  und
Mannspersonen fragten woher es komme dass Frauenzimmer eine fremde Schöne mehr
lobten und besser von ihr sprächen als von einer die unter ihnen wohnte 
»O Jungfer Bogen«  riefen die Mädchen  »Sie müssen den Knoten auflösen«
    »Das ist leicht meine Kinder  Es ist die nämliche Ursache aus welcher
die Männer nur verstorbenen Gelehrten eine Lobrede halten«  Da war Freude bei
dem Frauenzimmer und die Männer lächelten auch über den Ausspruch  Der ganze
Nachmittag und Abend ging vergnügt vorüber 
    Die Bogenschen Schwestern wollten niemals mehr als die Anschaffung eines
Tee Kaffee einer Limonade oder eines Obstes bei sich erlauben und sie haben
Recht Bei ihrer einzigen Magd und erlebten Jahren wäre es zu unruhig  »und
dann« sagte Karolina Bogen »verlöhr ich den größten Wert meines Hauses
worin junge Leute lernen sollen oft ohne Essen und Naschen bloß durch
nützliche muntere Gespräche und anständigen Zeitvertreib einige glückliche
Stunden hinzubringen  Was anderswo geschieht geht uns nichts an  Aber bei
uns ändern wir nicht« 
    Es wär auch Jammer und Schade Mariane denn die Zeit in diesem Saal geht
herrlich vorbei und die Schwestern sind wir sehr ehrwürdig  Wenn jemand Trost
braucht Rat und Gelegenheit einen Freund zu finden eine Aussöhnung zu
veranstalten so geht man zu Bogens  Söhne und Töchter suchen ihre Vorsprache
bei den Eltern Sie warnen die jungen Leute machen sie ihre Pflichten lieben
und erhalten dabei in ihnen einen vaterländischen Geist und Sitte das mich
etwas sehr Wohltätiges dünkt Die Mädchen bleiben auch durch sie auf dem
Mittelwege der Moden und äffen nicht so gleich alles nach sondern nur was
ihnen recht wohl steht  und das ist billig Denn so lange wir keine
Nationaltracht haben müssen wir wohl den Abänderungen folgen die in der
französischen Kleidung nicht allein von den Leichtsinn dieser Nation sondern
auch von ihrer politischen Vorsorge für den Fortgang ihrer Fabriken herrührt 
Mode  ist bei ihnen Grundlage des Wohls von vielen Tausenden geworden Mode 
die Triebfeder zu Anstrengung des Geistes in tausendfachen Erfindungen und
Arbeiten und noch mein Schatz dünkt es mich der Frage wert zu sein ob man
nicht auch das Vergnügen mit berechnen soll das so viele tausend Menschen
haben nach der Mode gekleidet zu sein  Kleider müssen wir haben Wenn wir nun
mit dem Bedürfnis Freude verbinden können warum sollen wir es nicht tun  
    Sehen Sie das war ein Stück so ich zur Unterredung lieferte und man war
damit zufrieden Man tadelte nur die wenige Solidität welche alle die schönen
Modesachen haben Da kamen die Gedanken dass artig und gründlich nicht zusammen
tauge  Aber artig und leicht schön und gründlich  dies Aussuchen und
Gegeneinanderhalten des Werts und der Schicklichkeit der Ausdrücke nahm einen
guten Teil Zeit hin  Man sprach noch von der Malerei und die Franzosen
wurden auch des Leichtsinns beschuldigt dass sie die Pastellgemählde so hoch
schätzten die gar keine Dauer hätten  Der Schade wäre aber auch leicht
ersetzt sagte jemand und es wäre zu wünschen dass es noch mehr pastellartige
Sachen unter denen gäbe die aus Bosheit Eigensinn Dumheit und Eigenliebe
verdorben und zu Grunde gerichtet würden damit jedem Übel durch eine
geschickte und leichte Hand bald abgeholfen werden könnte
    »Nein das wollt ich nicht« sagte die Bogen »da verlöre das Gute selbst
seine Natur der Dauer und Gründlichkeit und es fänden sich Leute die sich Böses
und Schaden tun zum täglichen Spielwerk machten das wäre ja noch ärger als
wenn eine heftige Leidenschaft uns dazu bringt dem Nächsten zu schaden und ihn
zu betrüben wobei man noch hoffen kann es werde dem Menschen in seinem Leben
nicht mehr widerfahren so weit zu gehen«  
    »Sie haben Recht« fiel einer von den Männern ein  »Ich will lieber Einem
verzeihen der mir in der Wut des Zorns einen Degenstich gibt als dem der
mich hundertmal mit Lächeln den näckenden Schmerz des Rizens mit einer Nadel
fühlen ließe Der Erste ist ein bessrer Mensch als der Lezte«
    »Das ist wahr«  sagte ein Dritter »denn tausendmal wird Einer der den
Degen gegen seinen Nächsten zog und ihn beschädigte sich hinwerfen Reue
fühlen Jammer selbst leiden  bevor Derjenige es einmal bedauert der mich
durch Zungenstiche feiner lächelnder Gedanken gekränkt oder gar den Grund
meines Unglücks gelegt hat«  »Auch«  wurde wieder gesagt »vergibt man eher
dem der uns hasst als dem der unser spottet« 
    Madame G die immer die Lust und Geschicklichkeit hat eine Unterredung
wenn sie ihr zu ernstaft wird ins Muntre zurück zu führen fing an »Da bin
ich Euch allen recht gram dass Ihr von den Pastellgemählden auf alle die
fürchterlichen Ideen gekommen seid  Ich hatte so was Artiges zu sagen  und
nun muss ich es ungenuzt nach Hause tragen und verliehr es vielleicht gar unter
Wegs«  Nun waren wir alle mit Bitten da sie möchte es noch sagen wir wollten
es aufheben  Es dauerte lange eh sie heraus kam  »Nun ich denke ein Teil
Frauenzimmer in Frankreich schützet die Pastellmahlerei weil sie meistens
selbst lauter solche Gemälde vorstellen« 
    Sagen Sie Mariane sind nicht die Tage die man mit diesen Frauenzimmern
verlebt glückliche angenehme Tage Ich will sie auch recht benutzen  so wie
Julie Otten es verspricht wenn sie nun auch in ihrem neuen Hause nicht weit
von dem Meinigen wohnen wird  Bin ich nicht ein gesegnetes Geschöpf durch
die Bekanntschaft mit so viel guten Menschen  Ich will auch aus Dankbarkeit
gegen die Vorsicht bemüht sein eins von den besten Menschenkindern zu werden
 
                                Achzigster Brief
                            Rosalia an Madame Guden
Sie lieben edle Menschen  und tragen immer so viel bei Glückliche zu machen
dass ich gewiss bin Ihr gutes Herz zu erfreuen wenn ich Sie versichre dass mirs
bei meinen alten Freunden und Bekanten wohl ergeht  und dass ich Ihnen danke
meine Aufmerksamkeit auf das Gute so sehrverstärkt zu haben  Madame G die
mit mir hier ist sagt zwar was man gern glaube sehe man leicht  und wünscht
mit einem gottlosen Mutwillen dass irgend ein Zufall den Ton meines Herzens
ins Argwönische stimmen möchte und dass mein Kopf dadurch zu nichts als Kritiken
und Tadelsucht gebracht würde  Das sollte ihr eine Lust sein meine jetzige
lebhafte Empfindung für jedes geringste Gute in einen immerwährenden Kampfe
gegen das Schlechte und Böse zu sehen Sie denkt es würde ein ganz besonderer
Grad Witz und Rachdruck in meinem Tadel liegen wenn er nach dem Verhältnis
meiner entzückten Redensarten bei dem Schönen sich in Bitterkeit und
stachlichten Gedanken bei Hässlichen zeigte  Sie sagte ich würde erst darin
die Stärke meines Scharfsinns genießen und kennen lernen 
    Scharfsinn genießen in dem Tadel meiner Nebenmenschen Ich will nicht 
Lieber keinen Scharfsinn haben Alles was sie mir da noch sagte fiel mir
schmerzlich und sie trieb mich bis zu einem Anfall von Unmut wo sie dann
endlich mit offenen Armen gegen mich ging und mit Zärtlichkeit sagte »Vergeben
Sie mir Rosalia Dies war die einzige Seite Ihres Charakters die ich noch
nicht ganz kannte  Ich habe Ihre Lieblingsideen angegriffen um Sie böse zu
machen weil ich erst kurz vor unsrer Abreise in einem Schriftsteller las dass
man den Grund einer Seele nur in wichtigen Bewegungen der Eigenliebe ganz sehen
könne und dass ganz allein bei diesen Erschütterungen das Wahre so in uns
liegt an den Tag komme  Edelmütigkeit liegt hier tief«  sagte sie indem
sie eine ihrer Hände auf mein Herz hielt »ihre Wurzeln haben sich in alles
verbreitet Bleiben Sie immer Entusiastinn wie ich Sie so oft nennen hörte Es
ist die beste Gattung Gespenster die uns Menschen erscheinen können« 
    Ich wurde sehr gerührt diese Frau so sprechen zu hören ob ich schon vorher
in hundert Gelegenheiten gefunden hatte dass ihr anscheinendes raues Wesen
nicht aus Mangel wahrer Güte entstand sondern aus zu großer Lustigkeit mit der
ein hoher Grad feinen Gefühls nicht in gleichen Schritt gehen kann Ich wollte
Ihnen diesen Zug aus dem Charakter der Frau G gleich schreiben weil Sie doch
jetzo die Sammlung meiner Briefe und der würdigsten Freundin ihre bei sich
haben worin Madame G oft vorkommt  Diese soll von Ihnen geschätzt werden
wie sie es verdient
    Und nun hören Sie mich auch etwas von den Überresten eines Schlosses
erzählen an dessen Mauren ich einen seligen Tag hinbrachte
    Mein Oheim der als geschickter und rechtschaffner Rechtsgelehrter und
durch seine Stelle als fürstlicher Geheimer Rat sehr bekannt und geschäzt
ist wurde zu einer angesehnen adlichen Familie auf ein Paar Tage auf das Land
geladen  Er bat sich die Erlaubnis aus mich mitzunehmen und wag in seinem
Briefe mit vieler Liebe von mir gesprochen haben denn ich wurde mit größter
Güte aufgenommen Unterwegs erzählte er mir die Eigenschaften der Personen die
ich da sehen würde  und setzte unter andern hinzu »Ich würde mich sehr
betrügen Rosalia wenn die Eindrücke welche dies Haus auf Dich machen wird
nicht auf dein ganzes Leben dauern« 
    Indem er meine Erwartungen so erregte bemerkte ich dass wir einen ganz
sonderbaren für mich aber höchst angenehmen Weg reisten der recht dazu gemacht
schien alle Gedanken des Kopfs und alle Gefühle des Herzens zusammen gedrängt
zu halten um sie desto stärker sehen und empfinden zu lassen  Man kommt erst
über einen hohen unbewohnten Berg von dem man lange nichts als andre höhere
und niedere Berge sieht denn er wird nur an seinem Abhang gegen das Bad Ems
fruchtbar und freundlich  In dem Bade bedauerte ich die Gleichgültigkeit der
Eigentümer dass sie so wenig für die Verschönerung und Zierde darin tun 
wodurch doch um so viel mehr Menschen angezogen würden Denn die Tugenden des
Wassers und die natürliche Lage sind ganz herrlich  Von da wird der Weg immer
enger zwischen einer Reihe von Bergen die auf einer Seite Wein und auf der
andern Waldung haben Das sich ganz schmal durchziehende Tal teilt sich meist
unter kleinen Wiesen einen Fluss und einem Fuhrweg  und so einsam durch
begränzte Aussicht begleitet kommt man nach N ff Ich kann sagen dass sich
mein Herz erhob als ich das Dach dieses Wohnsitzes der edlen Gastfreiheit
erblickte weil ich wusste dass ich darin jede den Nächsten glücklich machende
Tugend antreffen würde
    Gerechtigkeit und Menschenfreundliche Unterstützung für die Untertanen
Leutseligkeit gegen Geringe  Güte Höflichkeit und Freundschaft in ihrer
ganzen Würde nach dem richtigen Maß des Verdiensts mit der feinsten
Achtsamkeit an Alle ausgeteilt  Überall Ordnung schöner wahrer Geschmack
mit einer großen und edlen Einfalt verbunden  
    Der Herr des Hauses wahres Urbild eines Mannes von Ehre Rechtschaffenheit
und Wohlwollen  So glaub ich sah immer der erste Ahnherr aus der einen so
reichen Schatz von Ruhm gesammlet hatte dass seine Nachkömlinge nach
Jahrhunderten noch ihren Anteil daran geniesen 
    Die Dame zeigt in Allem die ganze Bedeutung des Ausdrucks und Werts der
edlen würdigen Familienmutter  Die Gestalt ihrer Person bezeichnet die große
richtige Bildung ihrer Seele  Und wie stark Klugheit beweisen dieses ihre
Unterredungen voll wahrer Menschenkenntnis und Gottesfurcht ihr Anstand der
Ton ihrer Gedanken der Führung des Hauswesens und der Erziehung ihrer edlen
verdienstvollen Kinder welche in der Tat alle vortreffliche Eigenschaften des
männlichen und weiblichen Geschlechts unter sich verteilt haben  Und um mich
meine Teure van Guden eines Ihrer Ausdrücke zu bedienen so sind die
moralischen Vorzüge die Eltern geben und Kinder erwerben können bei einem
jeden der Söhne und Töchter in einer eignen Schattirung und eigenen Form Möge
doch der Ton der Seele dieser Familie sich bis auf die spätsten Enkel
fortpflanzen  so werden wir immer Modelle und Beweis von Adel haben 
    Mich dünkt aber dabei  dass der Wohnplatz dieser edlen Familie durch seine
von Andern abgesonderte Lage ja selbst der tägliche Anblick der Überreste des
Stammhauses vieles zu der Selbstständigkeit ihres Denkens und ihrer Handlungen
beigetragen hat  indem da sie ihren Gang allein nahmen das Anstossen
Mitziehen und Reiben der Andern die Ausbildung ihrer eignen edlen Form nicht
hinderte und sie hingegen oft genug in Gesellschaft kamen um durch die feine
Gefälligkeit im Umgang das beliebte Aeusserliche zu erlangen welches aber in
dieser Familie nichts anders ist als die Glättung welche die Hand eines
Phidias seinem Meisterbilde zuletzt gibt  Ich wünschte Sie hier meine
Freundin Sie würden sich gewiss mit einem Teil der großen Welt versöhnt haben
  Umstände helfen zu Vielen und hindern auch viel 
    Aber kommen Sie  Wir fahren in einer großen Gesellschaft über einen Fluss
und steigen auf einem sehr gemächlichen Weg den Berg hinauf an dessen Hälfte
die Ruinen des Stammhauses stehen Der schroffe Felsen auf den es gebaut war
macht noch einen Absatz grad über der Ecke des Bergs die sich auf einer Seite
an dem Fluss und auf der andern an dem Ende eines einsamen Wiesentals
hinstrecket Von dem alten Schloss an ist die Oberfläche des Bergs mit
tausendfachen Kräutern und Gesträuch bedeckt und die Dame hat viele hundert
Obstbäume da pflanzen lassen Denn lange war da Alles öde und verwildert bis
die tätige und empfindungsvolle Seele dieser Frau das fruchtbare Benutzen und
die angenehme Aussicht mit Vergnügen genießen machte Unendlich schätzbar ist
mir der schöne leutselige Gedanke den sie hatte allen ihren Hausgenossen
Anteil an der Umschaffung dieses Stücks ihrer Güter zu geben Denn nicht nur
die Kinder ihr Hofmeister der Secretair des Herrn sondern auch der
Hausmeister und alle Bediente wurden eingeladen sich einen Fleck auszusuchen
und nach ihrem Geschmack zu verschönern Nur musste Alles in lebendem Grün
gemacht werden Dieses war gewiss edle Herablassung und edles Mitteilen Denn
wie süß mag Jedem von den Bedienten das Vertrauen in seinen guten Verstand das
Hinsetzen Pflanzen und Wachsen seiner Ideen vermengt mit der Dame mit der
jungen Herrschaft ihren gewesen sein Es kann auch keine klügere Art von
Erheben und Gleichstellen geben als diese war weil mich dünkt dass bei
Arbeiten und Anpflanzung der Erde wohl immer ein hoher Grad Vergnügen und
Zufriedenheit aber niemals der Stolz und Übermut entstehen wird die aus
Stadt und Hofgewerben und Künsten entspringen  Ich nehme mir wirklich vor
auf meine Gefühle Achtung zu geben wenn ich von einem Spaziergang im Felde
wieder in die Hauptstraße meiner Stadt zurück komme Wären Sie nur mit mir in
R ff gewesen und hätten all die freundlichen Laubhüttchen gesehen zu denen
man bald einen kleinen Moossweg hinab geht dann zu einem Andern einige
Grasstufen hinauf steigt  Bänke von Moos an dem großen Weg hin von allerlei
Gesträuch beschattet tausendfache Grasarten und Blümchen daneben Erdbeeren
die dazwischen herausgucken und die sie bei gemächlichen Dasitzen pflücken
können Ich segnete die würdige Dame bei jedem Schritt dass sie der Natur so
wenig Gewalt angetan hatte  und alle diese unzähligen Gras und Straucharten
auf ihrem ursprünglichen Boden fort wachsen lässt  Unmerklich kommt man höher
und findet Rosenlauben Gebüsch einzeln hohe Bäume die gegen den Abhang des
Bergs stehen und ihre Zweige über den Weg hin wölben Wenn man auf der Höhe ist
so tritt man auf einen hübschen Raum mit Bänken besetzt Dort nahm die ganze
Gesellschaft Platz und ergötzte sich an der Aussicht über den Fluss wo Berge
mit Wäldern die kleine Stadt und der schönste Wiesengrund ist Ich saß gerade
gegen den Weg hin und genoss also am ersten den artigen Anblick da unter dem
grünen Gang her fünf sehr reinlich gekleidete Mägde mit weißen Schürzen schöne
weiße Körbe auf dem Kopf aus denen oben Blumensträusse heraus sahen eine nach
der Andern herauf kamen und uns vorbei gingen  Wir eine Reihe auf
verschiedene Art hübsch gekleidetes Frauenzimmer auf einem so ländlichen Platz
der Auftritt dieser Mägde aus dem Laubgewölbe und dann das liebliche Staunen von
uns allen da wir aufgerufen wurden an der Felsenwand hinüber zu gehen und dort
einen schönen Rasenplatz mit niedrigen Hecken und Bäumen auf beiden Seiten und
in der Mitte davon einen auf die niedlichste Art gedeckten Tisch antrafen eine
neue Aussicht auf die linke Seite des Bergs gegen das einsame Tal hin hatten
und von der andern den Fluss und die Ergiessung eines Bachs in ihn der durch
dieses Tal herunter kommt Wir gingen hier zerstreut spazieren und vergnügten
uns an all den einfachen und schönen Abwechslungen An den Ruinen des Stammhauses
sind Rosenstöcke gepflanzt  darüber sagte ein Geistvoller Mann   »Es dünke
ihn den Grabhügel eines alten Edlen von Deutschland durch würdige Enkel mit
Blumen bestreut zu sehen« 
    Reizend schien mir das seltene Talent einer jungen liebenswürdigen Dame von
Hannover die alle Kräuter welche unter den Füßen oder vor ihren Augen waren
nach ihren Namen und Tugenden kannte bald dieses bald jenes pflückte und
zwischen jedem ihrer artigen Finger ein ander Blümchen oder Blätchen hielt die
sie mit viel Anmut hin und her wand und die wovon sie etwas zweifelte mit
gleichem Vertrauen auf ihre Kenntnis und auf die Güte der Natur zerkaute und
dann auf Latein und Deutsch die Namen sagte Es waren einige fremde Herrn und
zwei Söhne des Hauses da Die Dame hatte das Abendessen in einer in dem alten
Schloss zurecht gemachten Küche zubereiten lassen Aber die Bedienten zu ihrer
gesetzten Zeit nach Hause zu Tische geschickt  Diese blieben etwas lang aus
Die feine Sorgfalt dieser an alles denkenden Frau für einen sehr ehrwürdigen
bejahrten Kavalier dem die zu späte Abendluft schaden konnte machte sie
unruhig wegen des verzögerten Auftragens der Speisen und sie fasste eine
allerliebste Idee dem Hausmeister zu sagen er möchte so viel Servietten aus
dem Tischkorb nehmen und der Küche zutragen  Dann winkte sie den jüngeren Herrn
mit einem freundlichen und bedeutenden Blick ihr zu folgen und auf einmal
kamen alle in einer Reihe nach ihr und trugen mit einer vergnügten und höchst
anständigen Mine die Schüsseln auf den Tisch ruckten den Frauenzimmern die
Stühle und blickten nach der Dame um weitere Befehle zu erhalten Sie dankte
ihnen mit einer Verbeugung weiß ihnen auf die Plätze umher die unbesetzt neben
dem Frauenzimmer waren und sagte sie möchten nun die Mahlzeit mit genießen
die sie aufgetragen hätten Dieser Gedanke uns durch diese artigen Leute das
Essen zu schaffen beseelte die Unterredung auf lange Zeit Die Lichter wurden
unter Glaskolben aufgesetzt und der Ton einer Flöte machte ein völliges
Schweigen da gleich auch ein Harfe mit einstimmte  Diese sanfte Musik
zwischen dem dumpfen Rauschen des Flusses das ganz Dunkle der Berge umher die
nach und nach erscheinenden Sterne über uns das schwache Flimmen der Lichter in
den Häusern des Städchens lebhafte aber sanfte Freude in allen Gesichtern und
diese Familie diese einnehmende Familie  O meine liebe van Guden was war
das für ein herrlicher Abend für mich  Ich dachte Sie Ihre so gefühlvolle
Seele würde entzückt gewesen sein  Sie denken wohl dass wir Fremde alle in dem
Lobe vereinigt waren das wir der Anlage dieses Lustplatzes gaben Es freute die
würdige Stifterinn davon Aber sie lenkte auf eine ihr eigne großmütige Weise
unsre Aufmerksamkeit auf die Erzählung die sie uns von einer großen Anlage
vieler vortrefflichen Abwechslungen machte die nicht weit von hier von einer
verdienstvollen Dame herkäme wo wir edle Seelen eine schöne Wohnung und die
herrlichste Aussicht auf eine deträchtliche Strecke Lands in welcher der Rhein
die fruchtbare Gegend durchfliesst finden würden Sie beschrieb einige Teile
dieses weitläuftigen Lustwalds die ungemein schön sein müssen und wir sind
alle fest entschlossen alles dieses zu sehen 
    Ich verehrte die Großmut dieser Frau da sie unsre Empfindung für das
Reizende so sie uns gezeigt hatte durch Erhebung der Ideen einer andern Dame
zu schwächen suchte und uns mit der Begierde andres Verdienst zu kennen von
sich abreisen ließ 
 
                            Ein und achzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Glücklich bin ich mit meinem treuen Oheim zurück gekommen und nun hören Sie
warum er mich so lange bei Ihnen gelassen und noch sonst spazieren geführt hat
Das Erste um vieles von seinen Geschäften auf einige Zeit zu besorgen und das
Zweite um Klebergs Ankunft in der Gegend meines künftigen Wohnsitzes zu
erwarten Er ist schon seit acht Tagen auf dem Lande nur eine Stunde von hier
und hatte unsre Rückkunft verbeten bis er die Zimmer in unserm Hause welche er
sich nach seinem Geschmack anordnen wollte durch dem Tapezirer den er als
Bedienten mit gebracht fertig gemacht haben würde Und auf die Anzeige dass er
nur noch uns erwarte reiste mein Oheim ab  Abends kamen wir hier an und
speisten bei Frau G zu Nacht die mit ihrem Mann außerordentlich vergnügt
über unsre Rückkunft schienen Otte und seine Julie zeigten den nämlichen Grad
außerordentlicher Freude  Ich schlief sehr zufrieden über die Liebe dieser
zwei Familien ein und träumte gewiss nicht von Kleberg und seinem Aufzug als
hier angestelten Residenten des Hofes von N noch weniger aber dachte ich an
die Eile mit welcher mein Oheim dieses und alles Übrige veranstaltete Ich
stand in Wahrheit sehr wohl und gesund auf Mein Oheim freute sich bei dem
Frühstück darüber mit Herrn und Frau G Diese fragte mich ob ich nicht etwas
Neues von Kleidungsstücken mitgebracht hätte 
    »Warum fragen Sie mich denn bei alle den Männern« sagte ich denn Otte war
auch in seinem Frack bei uns  »Sehen Sie wie Alle lächeln dass so gar die
erfahrne und weise Frau G sich nicht enthalten kann der Göttinn Tändelei ein
Opfer ihres Verstandes zu machen und anstatt nach neuen guten Menschen und
Sachen zu fragen nur gleich nach Kleiderzeug begierig ist« 
    »Hätt ich gewusst erwiderte sie dass eine so ernsthafte Anmerkung über mich
das Erste wäre so Sie auspacken würden so hätte ich mit meiner Frage
zurückgehalten Indessen will ich den lieben Onkel da fragen ob Rosalia nicht
etwas Artiges von ihm geschenkt bekam  
    Ich glaube es muss artig sein denn Rosalia hat es selbst ausgewählt und sie
soll ihre Freundin auch für die spitzige Note über Ihre unschuldige Neugierde
schadlos halten  und sich darin putzen damit Sie und Julie gleich sehen
können ob es ihr gut steht und die Form artig ist« 
    »Aber lieber Onkel es ist zu kostbar im Hause und ich mache heute noch
keine Besuche« 
    »Das will ich auch nicht Aber eine kleine Galla kannst Du ja unsern
Freunden und uns selbst über unsre Rückkunft machen« 
    Ich sah ihn noch einmal mit einem kleinen lächelnden Kopfschütteln an Er
klopfte mir freundlich auf die Backe »Tu es Liebe und mache mir Ehre für
mein Geld« 
    Da sah ich dass es ihm Ernst war und ich versprach es  zog auch in der
Tat das weiße von schön gemuschtem Seidenzeug auf die Taille passende und
sehr reich garnirte Kleid an wie auch die übrigen Stücke so dazu gehörten und
ging um elf Uhr in sein Zimmer  »Sind Sie zufrieden lieber Oheim dass ich
so schön bin« 
    »Ja Liebe« sagte er  »Du bist wahrhaftig schön wie eine Braut Du musst
einmal auf Deinen Trauungstag so gekleidet sein« 
    »Das will ich auch weil es in England das ich liebe so gebräuchlich ist«

    »Käme nur heut Dein Kleberg« 
    »O nein das will ich nicht mein Oheim  Der Rock soll in Jahr und Tag
noch schön genug zum Brautrock sein« 
    »Wenn aber deine Gesichtsfarbe nicht so heiter wäre wie heut so verdrösse
wichs Denn Du siehst recht gut aus Kleberg würde in Dich verliebt wenn er es
noch nicht wäre« 
    »Lieber Oheim warum plagen Sie mich heute so viel mit meiner armen Figur«

    »Arm Rosalia  Du bist heute wahrlich nicht arm glaube mir« 
    Sein Bedienter kam ihm zu sagen dass es halb zwölfe sei Da wünschte er mir
guten Morgen auf Wiedersehen wie er immer zu hnn pflegt wenn er mich
wegschicken will Ich ging in mein Zimmer zurück wohin Madame G und Julie in
kurzer Zeit nachkamen weil sie mein Oheim wie sie mir erzählten zu mir
gebeten habe Sie lobten mein Kleid und mich wieder eben wie mein Oheim 
    »Kinder Gottes sagte ich lassen Sie es mit diesem Ton genug sein Ich bin
fürwahr meiner selbst herzlich müde Es dünkt mich ich müsse einmal mit meiner
Kleidung und Person etwas sehr tadelhaftes hier getan haben well ich den
ersten Tag meiner Rückkunft so sehr damit gestraft werde  Sagen Sie mir meinen
Fehler liebe Julie ich will mich gewiss bessern« 
    Sie versicherten mich dass es gar keine Spötterei sei sondern dass sie nur
meinem guten Oheim in seinem unschuldigen Scherz beigestimmt hätten Wir aßen
zu Mittage recht munter aber etwas geschwind denn wir wollten zu Kahnberg
einen Besuch machen sagte mein Oheim Herr und Frau G begleiten uns  Herr
G entschuldigte sich sie aber nahm es an  Ich wollte mich umkleiden es
wurde nicht erlaubt und wir fuhren in einem schönen neuen Wagen mit vier
Postpferden nach Kahnberg Ein Stück Wegs davon hielten wir stell Der Bediente
fragte an aber sie waren nicht zu Hause 
    Frau G sagte da meinen Oheim bittend »O wir wollen nicht den nämlichen
Weg zurück Fahren Sie doch über Langensee dann kommen wir bei dem Seetor in
die Stadt zurück welches ohnehin näher an meinem Haus ist und heut ist
Kirchweihe da Wir sehen also vielleicht auch im Vorbeifahren einen Bauertanz«
 
    »Nun ja«  sagte ich  »ich hab auch einen Kirchweihrock an«  
    »Ich bin es recht sehr zufrieden« antwortete mein Oheim »Kennen Sie jemand
da Frau G oder hat der Ort eine gute Schenke«  
    »Das weiß ich nicht  Aber der Pfarrer ist ein sehr rechtschafner Mann
der hat seine Schwester bei sich die eine meiner liebsten Jugendfreundinn war
 Wenn Sie ein wenig ausruhen wollten würde es die Leute und mich unendlich
freuen« 
    »Aber liebe Frau G« fiel ich ein  »auf Kirchweihtagen sind immer eine
Menge Besuche bei den Pfarrherren  »Wollen wir dennoch hin Ich bekenne es
freut mich nicht sehr«  »Aber wenn es Ihnen mein lieber Oheim angenehm
ist so wissen Sie schon dass Ihr Vergnügen immer das meinige in sich schließt«

    »Ich wünsche Rosalia dass Du in der Tat die Sache heut so nehmen mögest
Dein Herz ist ja immer so bereit gewesen Freude zu geben wo du konntest und
Anteil an dem Vergnügen Andrer zu nehmen Was ists wenn wir auch Leute
antreffen so sind es gewiss lauter fröliche Gesichter und ich liebe die sehr«

    »Lieber lieber Oheim ich will auch so sein wie Sie mich am liebsten
haben  Liebe Frau G führen Sie uns zu Ihrer Freundin« 
    Nun wurde dem Postillion befohlen stark zu zufahren  Eine Viertelstunde
vor dem Dorf kam ein wohlgekleideter Mensch in vollem Galop geritten und
fragte ob wir des Herrn Pfarrers Gäste wären Frau G sagte lächelnd »Das
weiß ich nicht Aber wenn er noch Gäste braucht so wollen wir kommen« 
    Der Mensch ritt wieder davon und einem Wäldchen zu  Als wir näher kamen
und das Dorf recht sehen konnten kamen aus dem Wäldchen bei zwanzig Bauern
geritten die alle hübsch geputzte Mädchen hinter sich sitzen hatten Die Hüte
der jungen Pursche die Haarzöpfe der Mädchen die Mähnen und Schweife der
Pferde alles war mit allerlei Bändern verziert und eingeflochten und sie zogen
ganz stattlich vor uns her In dem Dorf wurde Musik gemacht und von den Bauern
auch dazwischen geschossen Ich fing an mich wegen der Pferde zu fürchten Aber
er wurde still nur die Musik dauerte fort
    Mein Oheim winkte dem Menschen der uns vorher angeredt hatte und die
reitende Bauern mit ihren Mädchen zu comandiren schien  Er fragte ihn was
denn ihr Aufzug bedeute
    »Ey hat Ihnen denn der Herr Pfarrer nichts geschrieben«  »Nein mein
Freund Ihr habt euch auch an uns geirrt denn wir sind keine eingeladne Gäste
des Herrn Pfarrers« 
    »Das tut nichts sagte der Kerl Ich nehm heut nach der Bibel Alles auf
der Landstraße mit zum Hochzeitmahl« 
    »Ihr seid gewaltig lustig sagte Frau G Was ist bei euch zu tun« 
    »Zu tun Recht viel  Da sehen Sie forn bei uns sind vier Bräute die
werden heut alle copulirt Wir haben unsern neuen Oberamtmann bekommen und der
stattet sie alle aus und gibt dem ganzen Dorf alt und jung reich und arm zu
tanzen zu essen und zu trinken« 
    »Das ist brav sagte Frau G Aber eure armen Leute werden doch nicht viel
tanzen das ist nur für euch lustige Reiche« 
    »Was die Armen  Die werden besser tanzen als ich denn die haben am
meisten von ihm bekommen und wer des Guten nicht gewohnt ist dem schmeckt es
besser als dem der alleweil vollauf hat« 
    »Also hat er den Armen auch gegeben  Das ist viel von einem Oberamtmann
Die machen sonst die Reichen arm« 
    »O der gewiss nicht wenn er so bleibt Er ist schön und redt so gut und
so wie Bauern wenn sie redlich sind und schafft auch Recht Er hat da die
Woche über in Pfarrhof helfen weißen und mahlen und ist auch den Morgen noch in
die große Zehndscheure gegangen ob alles recht gemacht sei denn dort tanzen
wir heut Nacht«  Da sah er mir steif in das Gesicht  
    »Jungfer hat Sie schon einen Schatz« 
    »Ja guter Freund Warum fragt ihr Möchtet Ihr sie haben«  sagte Frau
G
    »Ey behüte Gott  so eine schöne Stadtjungfer ist nicht für Bauern  Aber
für unsern Herrn Oberamtmann wär es was« 
    »Ich bedanke mich«  sagt ich  »Aber da er so schön ist hat er gewiss
auch schon einen Schatz« 
    »Höre Sie man hat gesagt mit des Herrn Pfarrers Gästen käm sie mit  und
deswegen sind wir Brautleute voraus geritten Es tut aber nichts  Sie ist
auch ein recht artigs Jungferchen Ihre Tochter«  sagte er zu meinen Oheim »es
reut uns nicht«  
    »Ihr sollt auch eine Aussteuer für Eure vier Brautleute von mir haben«
sagte mein Oheim
    »Nun  man sagt mit Verlaub« da bückte er sich gegen uns  »ein Narr
macht zehen  Aber da macht unser guter neuer Oberamtmann noch ein guten
Mann  und das ist mehr wert Juhe  auf Wiedersehen«  rief er schwung
seinen Hut  und jagte voraus kam aber noch einmal zurück und rief uns zu
einen Platz anzusehen der würde des Oberamtmanns Garten  »Ich bin der Sohn
vom Bauernhof daneben und er will mir die neue Sachen lehren wo alles doppelt
wächst Da baut er ein Haus hin und sehen Sie von dem Platz da kann er in die
Stadt und unser Dorf sehen« 
    Es ist wahr was er sagte  Aber nun waren wir wirklich im Dorf  Alle
junge Mädchen und Buben sauber gekleidet hüpften herum streuten Gras und
wilde Blumen gegen uns Alles war reinlich aber doch ganz ländlich und alle
Gesichter freudig  Wir fuhren an den Pfarrhof Auf diesem waren alle Mauern
geweisst und unten mit einer Einfassung bemahlt oben an der Mauer wie auch am
Hause und Fenstern lauter breite blaue Gewinde gemahlt welches in der Tat
recht schön stand  Der Pfarrer und seine Schwester kamen unter die Hauslbüte
freuten sich über Frau G stutzten anfangs über uns waren aber sehr höflich
und führten uns in ihr Wohnzimmer das sehr hübsch ausgeputzt war  Frau G
fragte da ob es wahr sei dass sie heut ein Fest über ihren Oberamtmann hätten
wie der Kerl sagte Der Pfarrer beantwortete es mit Ja und vielen Lobsprüchen
und Erzählungen all der gütigen und menschenfreundlichen Sachen die der junge
Mann seit vierzehn Tagen getan  »Sein Amtaus ist nicht gebaut und er wohnt
in meinem oberen Stock daher konnte ich Sie nicht hinauf führen«  Die
Schwester erzählte auch eine Menge artige Sachen besonders dass er vier Paar
junge Leute ausgestattet und alle Arme gekleidet hätte  Mein Oheim hatte
Tränen in den Augen  »und mich erquickt das Lob so ich von einem Mann machen
höre der gewiss eine edle Seele haben muss« sagte ich mit eben so viel Bewegung
wie mein Onkel
    »Ich bin froh Rosalia dass Kahn nicht zu Hause war wir hätten sonst den
schönen Nachmittag nicht genossen und es ist doch süß einen schätzbaren
Menschen mehr zu kennen« 
    »Gewiss mein lieber Oheim dieser Mann muss rechtschaffen sein weil er beim
Antritt seines Amtes doch wenigstens die Herzen seiner Untergebnen mit Freude
und Zufriedenheit zu erfüllen sucht«
    Ich sah meinen Oheim voll Freude über diese meine Erklärung Er ging nachdem
von mir blieb eine Zeitlang weg und indessen wurde mir noch immer von dem
vortrefflichen Beamten vorgeredt Ich segnete ihn herzlich und als der Pfarrer
sagte er wünsche dass wir ihn kennen lernten so versicherte ich dass es mich
freuen würde
    Nun kam mein Oheim zurück und winkte mir an der Tür  Ich eilte zu ihm
und er führte mich an der Hand in des Pfarrers Garten der auch gar artig
aufgeräumt war 
    »Ich habe den Beamten gesprochen sagte er er ist ein lieber junger Mann«
 
    »Das muss sein wenn Alles was der Pfarrer mir noch sagte wahr ist«  Wir
waren da am Gartenhause wo wir hinein gingen weil man die Zehendscheune sehen
konnte Die war ringsum mit Garben und Fichtenreisig in Kränzen mit Bändern
gebunden verziert  große lange Tische standen auf beiden Seiten gedeckt und
Bänke umher  Wein und Bierfässer Körbe mit Brod und Kuchen  Inwendig war
die Scheune auch bis an die Balken aufgeputzt und schön mit Laternen behängt
Ein fröhliges Gewühl von Leuten dabei das mich sehr rührte 
    »Du hast also die guten Landleute noch lieb« 
    »O mein Oheim das wissen Sie wie sehr ich immer ihr Wohl und Weh empfand
wenn wir reisten« 
    »Nun werden wir nicht mehr viel reisen mein Kind Aber das Andenken der
Freude die Dein Kopf und Herz mir die drei Jahre hindurch machte wird immer in
mir bleiben bis ich meine letzte Reise machen werde« 
    »Lieber Oheim warum kommen Sie bei dem Anblick so fröhlicher Menschen auf
diese traurige Idee« 
    »Rosalia wilst Du sie mit nehmen  Wilst Du mir den Tag so glücklich
machen als ich es wünsche und als er für alle gute Menschen hier ist Sag
liebe Rosalia  wilst Du es tun« 
    »Können Sie das fragen  Teurer Oheim sagen Sie was kann ich tun«  Er
reichte mir seine Hände zitternd und äußerst bewegt sagte ich es seine Hände
haltend und an ihm hinauf sehend  Er fasste mich in seine Arme und eben so
bewegt wie ich sagte er
    »Nun Rosalia so gib heut Klebergen Deine Hand  Er ist Oberamtmann hier
 Er ists der alle das Gute hier veranstaltete« 
    Ich sank auf den Stuhl  »O mein Onkel«  war Alles was ich sagen
konnte und den Augenblick war Kleberg bei uns zu meinen Füßen »Rosalia
meine teure Rosalia fassen Sie sich  Es soll nichts nichts geschehen als
was Sie selbst wünschen« 
    Frau G und mein Oheim setzten sich eine Zeitlang in den Garten Was konnt
ich tun  Einwilligen  meines Oheims Segen und Tränen über uns fließen
sehen und in der Kirche des Dorfs mit den vier ausgestatteten jungen Bäurinnen
und Taglöhnerbräuten getraut werden 
    Die Freude der guten Leute ihre Glückwünsche für uns dass wir in der
nämlichen Kirche im nämlichen Augenblick die nämlichen Pflichten gelobten
und von Gott auch nur die nämliche Segenssprüche hörten  das freute sie
unendlich Dieser Gedanke unterstützte mich und die Freude meines Oheims auch
sonst weiß ich nicht wie ich es ausgedauert hätte Wir zogen mit den andern
verbeirateten jungen Leuten aus der Kirche Kleberg führte mich voraus die
Andern folgten uns
    »Sie haben mir doch die Überraschung vergeben Sie war nicht mein Werk 
Unser gute Oheim wollt es«  Ich schwieg  Er fuhr fort »Liebenswürdige
Rosalia vergeben Sie es um der redlichen Glückwünsche willen die wir
erhielten«  Ich versicherte ihn meiner Zufriedenheit und ging mit an die
Scheune wo das Essen und Trinken ausgeteilt wurde und die Dorfmädchen den
Bräuten eine schön gemahlte Kunkel zum Geschenk brachten wovon der Rocken mit
einer großen Menge Flachs umwickelt und mit Kinderhäubchen Breipfännchen und
Kinderklappern behängt war   Die Weiber und großen Mädchen zusammen brachten
auch mir eine eben so aber mit dem feinsten Flachs beladen mit einem schönen
Wiegenband umwickelt an welchem ein Breitopf und ein KinderWaschnapf von
Silber eine Windel mit seinen Spitzen und Häubchen und Hemdchen angeheftet
waren  Das hatte auch mein Onkel verordnet  Ich setzte mich und spann ein
Paar Fäden  Was diese Kleinigkeit den Leuten für Spaß machte und wie sie mir
zuguckten Dann brachten die jüngeren Mädchen einen Topf Milch einen Korb mit
Hühnern einen mit Eyern und einen großen Topf Butter stellten alles vor mich
hin und saugen ein Liedchen wie die Eltern eins bei der Kunkel gesungen
hatten Die Männer führten nach dem Gebrauch dem Oberamtmann einen Zug Ochsen
mit dem Joch herbei Die jungen Leute und Knaben ein Kuhkälbchen und zwei
Schaafe Diese waren mit Bändern gezieret und der Schulteis sagte einen Spruch
dabei  Ich bot allen Weibern und Mädchen die Hand dankte ihnen und gab jeder
ein Geschenk an Geld das ich in einem Körbchen auf einen Stuhl neben mir hatte
 Kleberg machte es bei den Männern so dass sie Alles wieder zurück und noch
Überschuss über ihre Auslagen bekamen  Sie luden mich zum Tanz den ich mir
verbat außer dem kurzen Reihentanz der um die Kunkel gehüpft wird weil es
meinem Oheim selbst gelüstete mit mir und den vier Bräuten herum zu springen

    Sie sehen Mariane dass es nicht möglich war zu mir selbst zu kommen Wir
gingen ins Pfarrhaus zurück wo wir in einem artig ausgemalten Zimmer ein feines
und schmackhaftes Abendbrot fanden wovon ich aber wenig essen konnte weil die
Gedanken von der so jähen Änderung meines Standes und all die Bewegungen
meines Gemüts die schon bei dem Frühstück angefangen hatten mir Kopf Herz
und Magen genugsam anfüllten  Mein Oheim war nicht gleich mit uns in das
Zimmer gegangen und ich lehnte mich an ein Fenster das in den Pfarrgarten und
auf das Feld ging aber nicht auf den Platz der Scheune sondern auf eine ganz
einsame Strecke Landes  Kleberg war bei mir Da er aber sah dass ich nur
tiefsinnig vor mich hin und dann mit Seufzen in die Ferne blickte ihn nicht
ansah nicht aufsuchte so machte er mit der Hand gegen Frau G und die Andern
ein Zeichen dass sie weggehn möchten  und so bald wir allein waren fiel er
vor mir auf seine Knie 
    »Ach Rosalia mein Glück ist nicht das Ihrige  Ich seh ich fühl es 
Gehorsam für Ihren Oheim Gefälligkeit allein hat Sie an den Altar geführt Ich
hatte wohl Vorbedeutung dass Ihre feine Empfindsamkeit beleidigt sein würde 
Was soll ich tun  liebe angebetete Rosalia was kann ich tun  um Sie zu
versöhnen und zu beruhigen« 
    »Stehn Sie auf mein teurer angetrauter Freund  stehen Sie auf und
glauben Sie dass ich gewiss bei meinem Bündnis mit Ihnen mich eben so glücklich
achte als ich mich bemühen werde Sie mit mir zufrieden zu sehen  Es ist
nicht Kälte lieber Kleberg nur etwas Müde von so verschiedenen sich so
schnell folgenden Gefühlen Sie sind von allen Männern die ich kannte der
Einzige der je meinem ganzen Herzen und ganzen Kopf gefiel  Sie werden es
bleiben und alle alle meine Zärtlichkeit ist Ihre« 
    Meine Augen füllten sich mit Tränen  Sein schönes feuriges Auge stand
auch voll Wasser als er bei dieser Versicherung voll Liebe und Vergnügen mich
anblickte Er stand auf und schloss mich mit Entzücken in seine Arme  »Nun ist
der Tag schön nun ist er mir süß Rosalia Du sollst glücklich gewiss glücklich
in diesen Armen und an diesem Herzen sein  Es ist Tugend und Adel darin wie
in Deinem« 
    Ich wurde doch blass und zitternd Er rufte Frau G und meinen Oheim 
Beide baten mich auch wegen der Überraschung um Vergebung und Kleberg ließ mich
einige Tropfen guten Weines mit etwas Brodt nehmen Der Pfarrer nebst seiner
Schwester wurden nun gerufen und wir speisten alle recht munter  Um acht Uhr
fuhren wir nach Haus  Kleberg mit uns  Da sagte mein Oheim »Nun Kind
vergiess alles Unangenehme Freue Dich meiner und Klebergs Freude  Es war doch
besser so  Eine Bewegung hättest Du immer erdulden müssen  versprochen
warst Du schon lange  Ihr kennt und liebt Euch  die Neugierde der
Stadtleute und ihr Geschwätz um Dich herum wäre Dir gewiss lästiger gewesen als
die treue Lustigkeit Eurer Amtsuntertanen  Es ist alles so verabredet
gewesen eh wir kamen und heut um halb zwölf als mein Bedienter mir die
Stunde anzeigte hab ich den Herrn Residenten bei dem Stadtmagistrat
vorgestellt und unsre Frau G da und Julie haben als gute Schwesterliche
Freundinnen zu Allem geholfen was ich für Dich wollte  Nun sei zufrieden und
zeige mir es in Deiner Miene«  Er küsste mich da und ich musste den Kopf an das
Kutschenfenster halten dass er mich bei dem Schein der Fackel betrachten konnte
 Frau G umarmte mich  »Vergeben Sie mir mein Schweigen und bleiben Sie
als Madame Kleberg meine Freundin wie Sie waren«  Was konnt ich sagen Ich
küsste sie wieder und sprach zufrieden mit  Wir stiegen an meinem Haus aus
wo Otte Herr G Julie und ihre Schwester nebst unsern Mägden und Bedienten
im Vorhaus uns bewillkommten alle schön gekleidet und alles schön beleuchtet
denn schon unten brannten an den Wänden mein und Klebergs Namenszug hinter
gelben Glaskugeln und an der Stiege hinauf bis in den Saal waren diese Kugeln
von allerlei Farben in Bogen und unsere Namen  So war auch der Saal wo nach
den Bewillkommungen und Glückwünschen mein Oheim mir sagte »Dieses Zimmer
musst Du auch sehen«  und nach einem Segen den ich auf meinen Knien empfing
wie er mir ihn auf seinen Knien gab mich allein ließ und meine Stubenmagd mir
schickte 
    Die vier Zimmer so Kleberg hatte zurichten lassen sind unsre Schlafzimmer
 Grün und weiße halbseidne Tapeten und Bettvorhänge mit breiten Streifen ein
schöner Nachttisch der des Tags nichts als Tisch ist und inwendig alles Nötige
hat In meinem Zimmer Klebergs Bildnis wie er bei dem Eislaufen gekleidet war
in Lebensgröße und in Seinem das Meinige eben so im Pelzauzug der ihm meine
Gestalt so schön zeigte  Es scheint als ob in jedem Zimmer nur ein kleines
Bettchen wäre weil die Scheidmauer nur so weit durchbrochen ist als die
Bettgestelle reichen die sich gegenüber stehen und des Tags durch eine Feder
wenn die Betten gemacht werden eine von dünnen Brettern und mit Tapeten
überzogne Wand sich dazwischen setzt und wir jedes in unsern Zimmern allein
sind   So hat er auch ein Cramoisin und Weisses für meinen Oheim gemacht und
ein mit lauter Gemälden im Großen von London Paris und Neapel nebst
neumodischen Stühlen geputzt Alles Weißzeug alles Hausgerät fand ich fertig
 
                           Zwei und achtzigster Brief
                           Kleberg an seinen Freund
Nun mein H zürnen Sie nicht zu arg über mein Schweigen Denn einmal konnte
ich Ihnen den Ausgang der traurigen Begebenheit des edlen W nicht früher
schreiben weil ich sie erst jetzt selbst hörte  und dann hab ich eine
evangelische Entschuldigung für meinen unterbrochnen Briefwechsel Denn ich habe
ein Weib genommen und komme nur erst von einer romantischen Reise zurück die
ich mit meiner Rosalia machen musste  »Musste sagen Sie der tapfre Kleberg
der so lang an einem Amt wählte bis er eins erhielt wo er ohne nahes
Oberhaupt und ohne jemand an seiner Seite zu haben nach seinem Kopf handeln
kann  Kleberg der niemals Romane lesen noch einen spielen wollte  macht
eine romantische Reise  weil er seiner Frau gehorchen muss«  Und nun lachen
Sie mit Freund Antua aus vollem Herzen über mich  das gönn ich Ihnen sonst
hätt ich ja meine Reise anders erzählen können Aber es dünkt mich in der Tat
selbst lächerlich dass ich mit der Eile nach dem Aufenthalt meiner Romanheldinn
zog wie man sie nach dem gemeinen Ton nennen würde  Dass ich mir so wohl in
ihrer Gesellschaft gefiel und mit eben so großer Mühe mich von ihr losriss als
von Ihnen und Antua  Aber ich muss etwas weiter nachholen um Ihnen meine jähe
Heirat begreiflich zu machen Sie sahen mich immer voll Ruhm und
Freiheitsliebe Wahr ists auch dass meine Ehrgeizjahre früh anfingen und so gar
die Zeit wegnahmen die andre Jünglinge meines Alters zu Vergnügen und Liebe
verwenden Empfindsamkeit schien dem Fluge meines Kopfs eine mir unanständige
Sache  und meine Rosalia war ehender Eroberung die mein Stolz als die meine
Zärtlichkeit wünschte Alle junge Leute bewarben sich um sie und sie verwarf
alles was sich ihr anbot Ihre Person ihr Geist und Charakter waren reizend
und der Gedanke der einzige Vorgezogne zu werden gefiel mir Sie hatte
erklärt dass alle schöne Sachen die man ihr vorsagen könnte nichts über sie
gewinnen würden und dass allein der gute Ruf von Wissenschaft und Sitten den
Weg zu ihrem Herzen finden sollte  Ich war da eben von Göttingen zurück
gekommen und suchte nun einen Anlass unter ihrem Onkel zu arbeiten und mir das
Lob dieses Mannes zu erwerben Ich erhielt es und durch ihn auch die Stelle in
der Sie mich sahen Dieser Mann bewies mir so viele Güte dass ich notwendiger
Weise die äußerste Liebe und Dankbarkeit für ihn fühlen musste Ich drückte es
ihm einst in voller Ergiessung aus  Mein Ton bewegte ihn  Er sah mich lang
an hielt meine Hand  bedachte sich wieder und sagte endlich »Nein ich kann
mich nicht betrügen  es liegt Rechtschaffenheit in Klebergen und ich will
beweisen dass ich es glaube Sie danken mir für das was ich bisher für Sie
tat ob ich schon durch das Vergnügen belohnt wurde einem jungen Mann von
Talenten auf eine tätige Laufbahn geholfen zu haben  Ich schätze und liebe
Sie und kann es Ihnen nicht besser zeigen als in dem Wunsche Sie durch meine
Rosalia zu meinem Neffen zu bekommen  Aber Sie müssen dieses nicht als einen
Antrag meiner Nichte ansehen den ich als eine Zulage bei den Aussichten
anbringe die ich Ihnen schaffte  Es ist nichts als der stärkste Beweis einer
Väterlichen Hochachtung die ich für Sie habe  Ich wünsche dass Sie mein Sohn
mein Verwandter wären weil es mich freuen würde einen jungen Mann von Ihren
Verdiensten mein zu nennen Aber Sie sollen in aller Freiheit sein wie meine
liebe Nichte die so sehr verdient eine der glücklichsten Personen ihres
Geschlechts zu werden wie gewiss einst ihr Mann der Glücklichste von dem
unsrigen sein wird« 
    Verdiente dieser herzliche Mann nicht dass ich ihm meine ganze Seele öffnete
 und gestand was für Beweggründe mich zu ihm geführt hatten  Er verwies mir
in etwas meinen Ehrgeitz war aber mit ihm zufrieden weil er mich allem Ansehen
nach vor erniedrigenden Fehlern bewahrt hätte  Er hoffte ich würde in Zukunft
edlere Beweggründe zu Erwerb des Beifalls in meiner Seele finden  Sein
Wunsch bleibe der nämliche aber ich und seine Rosalia wären durch mein
Geständnis desto freier Seine Nichte müsse gewünscht und erworben werden  Ich
bat ihn Rosalien ja nichts von seinen und meinen Äußerungen zu sagen und nur
überhaupt das Gute von mir zu reden welches er dächte weil ich auch nicht den
geringsten vorteilhaften Gedanken der Nichte den Zuredungen des Oheims
schuldig sein möchte  Er war damit zufrieden und hielt mir Wort Ich
verdoppelte meinen Eifer für Wissenschaften und meine Sorgfalt auf meine Sitten
sah Rosalien öfters in Gesellschaft und bediente mich des einzigen Kunstgrifs
mit keinem Frauenzimmer zu sprechen als mit ihr ob es schon nicht viel war
Und dann suchte ich immer einen Platz zu haben um sie sprechen zu hören und wo
sie meine Aufmerksamkeit auf sich sehen musste betrachtete ihre Person ihre
Kleidung heftete dann meine Augen auch auf Andre mit der nämlichen
Untersuchung in meinen Blicken die dann wieder auf sie zurückkehrten und oft
einen Ausdruck von Bewunderung manchmal von etwas trauriger Sehnsucht zeigten
 Sie war höflich gegen mich wie gegen Andre zeigte mir aber keinen Vorzug
Endlich kam die Liebe mit aller Gewalt in mein Herz und alles was im Anfang
Kunst und List eines Eroberers war wurde Ausdruck der Furcht ich möchte wie
Andre missfallen Ich lernte Tag und Nacht am Violoncel um sie auf dem Klavier
accompagniren zu können  Ich erreichte einen Grad Fertigkeit und den Ton der
ihr gefiel Ein Ausruf den ich einmal tat »Gott sei Dank dass Sie mit mehr
Seele als Kunst spielen«  bahnte mir den Eingang in ihr Herz Ihr Erröten
ihr Blick das schwache Zittern ihrer Finger  o wie glücklich machte mich all
dieses  Nachdem sprach ich wurde gern gehört ihrer Liebe versichert und
konnte doch meinen Platz als GesandtschaftsSecretair antreten alles Vergnügen
meiner Reisen genießen und war gewiss das edelste häusliche Glück bei meiner
Zurückkunft anzutreffen Ich fand auswärts nichts Besseres obschon an vielen
Orten schöners und reitzenders Frauenzimmer hätte aber Rosalien niemals
vertauschen mögen denn ich hätte auch ihren Oheim verloren und ich würde mich
sehr glücklich schätzen am Ende meiner glänzenden jungen Jahre die edle
Einfalt und weise männliche Güte zu finden die den Charakter dieses Mannes
bezeichnen Er schaffte mir die Stelle eines Residenten und die Aufsicht über
das kleine einzelne Amt das mein Fürst ganz nah an dieser Stadt hat  Die
Hälfte seines Vermögens ist unser  nur die Hälfte weil mein liebes
grossmütiges Weib die andre unter arme Verwandte verteilen machte
    Nun haben Sie und mein Freund Antua den Schlüssel zu meinem trocknen
sonderbaren Betragen in Ansehung des schönen Geschlechts das Sie mir so oft
verwiesen Ich habe Ihnen niemals von Rosalien gesagt ihr Bild ihre Briefe
nicht gewiesen Ich wollte alles was sie mir war allein genießen und dann
bekenne ich freuten mich alle die Auslegungen und Vermutungen über meine
Kälte Ein lebhafter hübscher Pursche von vier und zwanzig Jahren so Feuerfest
mitten unter flammenden Schönen und brennenden Liebhabern lieferte Stoff genug
darüber zu reden
    Meine Frau beschreibe ich nicht Kommen Sie zu mir und sehen sie Sie
gefällt allen Edlen allen Vernünftigen Ich habe Ansehen Vermögen ein schönes
Haus in der Stadt eins auf dem Lande Beide sind Freunden und Bekannten und
Fremden gewidmet Schicken Sie mir alle artige Leute Ihrer Bekannten die hier
durchkommen denn ich will so viel ich kann an Fremden belohnen was ich von
Fremden genoss Der gesellschaftliche Ton unsrer Stadt wird sehr artig  Für
Spiel Koncerte und kleine Bälle Schlitten Land und Wasserfahrten sorge ich
Mein Garten hat eine herrliche Lage zwischen einem Kirschenwäldgen so einer
Dorfgemeine gehört die in meinem Amt ist und einem Bauerhof dem das Ackerfeld
zusteht aus dem ich den Garten machte Mein Haus darin wird bald fertig sein
und fasst drei Teile In der Mitte einen offenen Saal auf starken Pfeilern
achteckig der gegen die Landstraße zu die Bogen mit schönen Gittern bis auf
die Erde hat gegen den Garten aber offen an jedem Pfeiler eine schöne Lampe
und in der Mitte zwei zierliche Laternen jede zu vier Lichter an jedem Pfeiler
eine Bank für drei Personen der Boden ein schöner Guss wo sich hübsch tanzen
lässt  Oben der nämliche Saal aber mit Fenstern bis auf den Boden und die
Gitter nur Brustöhe Der ist in kühlen und Regentagen der Freude zum Schutz 
Gegen das Wäldgen zu geht ein Flügel unten mit sechs kleinen simpel meublierten
Zimmern für Rosalien mich und Bediente oben eben so viel für Freunde Auf der
andern Seite ist die Küche der Keller und das Speisezimmer nebst Wohnung der
Küchenleute Von dort gehts in den Bauerhof wo ich alles recht schön werde
machen lassen wie auf dem Wollinghof von dem ich komme Mein Garten ist ein
schönes Parterre von Rasen und Blumen über welches hin ich die Aussicht auf
die Stadt habe Denn ich ließ ihn nur durch einen breiten und tiefen
Wassergraben einfassen über den eine Zugbrücke ins Wäldgen und in den Bauerhof
geht Einige Vasen und kleine Lauben an dem Wassergraben hinunter soll alles
Kunstwerk sein so hinein kommt Ich will keine Bildsäulen sondern lebende
liebenswerte Menschen darin sehen  und eine Gruppe scherzender Amoretten soll
Rosalia mir schaffen denn es scheint mir unmöglich dass die Kinder der holden
Gefühl und Phantasiereichen Kreatur die ich mit so viel Feuer und Geschmack
liebe nicht schön sein sollten  Mittagstafel werde ich niemals geben auch
mit meiner Frau Mittags sehr mäßig und wenn Sie wollen gering essen nichts
als Suppe Gemüs und Rindfleisch Ader der Nachmittag von zwei Uhr das
Nachtessen und der Abend bis zwölf soll allen Denen geweiht sein denen wir
oder die uns gefallen es sein Deutsche Engländer Franzosen oder Italiener
Denn wir werden mit Allen ihre Muttersprache reden und Vergnügen zu geben
suchen Aber den Morgen bis zwei Uhr nach dem Mittagsessen wollen wir unsern
Berufsgeschäften allein eigen sein  Und so viel von mir und eine herzliche
Einladung an Alle die ich bei Ihnen kenne Nun von meiner Reise zu einem
lebendigen Roman 
    Meine Rosalia musste mir in den ersten Tagen unsrer Verbindung ihr Leben
erzählen und ihren Plan für unser häusliches Glück sagen den ich Stückweis mit
den Meinigen verwebte Ich wollte dann auch ihre besonderen Wünsche wissen was
sie tun würde wenn sie ganz allein und unabhängig wäre Da sagte sie mir von
einer Frau van Guden die sie gerne besuchen möchte dass dieses die größte
Freude für sie sein würde  und sie vom Schicksal und mir sonst nichts verlangen
wolle Das war viel ausgedruckt und ich bat sie um Nachricht über diese innige
Freundschaft Das wollte sie auf einem Spaziergang mir alles erklären aber ich
müsse mich von ihr führen lassen dass wir nicht Leute anträfen die sich uns
anhängen könnten  Nun gingen wir ein enges Gässgen an der Mauer hin in die
kleine Vorstadt  Kaum waren wir über die Brücke weg am ersten Hause als
schon Männer Frauen und einige Kinder gegen uns liefen meiner Rosalia Hände
nahmen und küssten »Ach wie lang haben wir Sie nicht gesehen was macht unsre
Mutter ist sie wohl Denkt sie noch an uns« 
    Meine Frau antwortete Allen liebreich und versicherte sie des Andenkens
Wohlseins und der Liebe ihrer Wohltäterin sagte Ihnen dass sie mit mir
verheiratet wäre und nun hier wohnte  Da sahen sie mich an ob ich wohl meine
Frau wert sei segneten uns mit Ausdrücken die mich äußerst bewegten Nach
einem freundlichen Kopfnicken von meiner Frau verließen sie uns und wir gingen
in das Schulhaus wo ich dreizehn Knaben wohl aber ganz gering gekleidet in
einem großen luftigen Zimmer schreiben und rechnen sah Der Lehrer sprach mit
Entzücken von Frau van Guden  Dann waren in einem andern Zimmer sechzehn
Mädchen die strickten nähten und auch schrieben Die Lehrfrau sprach wie der
Mann im Ton dankbarer ehrlicher Herzen 
    Die Mädchen waren ganz arm bürgerlich aber sehr nett und säuberlich
gekleidet alle mit weißen Schürzen und sahen sehr munter aus und für Alle war
meine Rosalia Erscheinung eines lieben Engels der gute Botschaft bringt Sie
sah mein Staunen hörte meine Fragen in französischer Sprache mit Lächeln an
und beschäftigte sich nur mit den Leuten führte mich dann zu einem Geistlichen
der oben mit seiner Frau wohnt und wies mir artige Zimmer  »Hier wohnte sie«
 Dann kam ich noch in einige Werkstuben von Schreinern von Webern von
Schustern Allerwärts Ordnung Wohlstand und immer Segenssprüche und Liebkosung
für meine Frau   Endlich gings auf die Landstraße gegen einen schönen
Wiesengrund mit Bäumen und Bänken besetzt Da waren Weiber die bleichten
Wäsche Andre spannen und ihre Kinder um sie herum Alle hüpften wieder um mein
Weib hingen sich an sie und freuten sich sie zu sehen Da ist in einer Höhle
des kleinen Hügels eine gefasste Quelle Ruhebänke Aufschriften und
Verzierung mit einer halb zerstörten Treppe von oben her an deren untersten
Stusse ein zerbrochner Wasserkrug liegt aus welchem die Quelle herunter in
einen ausgehöhlten Stein und von da in einem Bächelchen fortfliesst Ein Paar
Leute ruhten da aus und gefielen sich an den Platz Meine Rosalia leitete mich
oben hin an Steinbänke unter wilden Baumstämmen zeigte mir die artige Wohnung
eines Gemüsgärtners und die schöne Aussicht Sie hielt meine Hand und sah mit
Rührung und Vergnügen mich an als ich nach einigem Umherblicken ihr sagte
»Nun meine Liebe hast Du mich lange von einem Staunen zum andern geführt hast
mir gewiesen wie viele Herzen Du neben dem Meinen erobert hast und besitzest 
erkläre mir jetzt das etwas Rätzelhafte so Du damit verwickeltest« 
    »Ich wollte nichts mein teurer Mann ale Dir an den Einwohnern der Schule
und dem allgemeinen Spaziergang der kleinen Vorstadt einen Teil des Herzens
meiner van Guden zeigen Dann alles das Schöne und Gute so Du an den Leuten und
auf diesem Platz siehst ist ihr Werk Ich habe nichts dabei getan als Anteil
genommen und nach ihrer Abreise die Aufsicht gehalten«  Dann erzählte sie mir
mit alle der Wärme des edelen Herzens voll Menschenliebe was diese Frau getan
wie sie gelebt wie sie sie kennen lernte und endigte damit »Was wirst Du aber
dazu sagen dass all dies Ausfluss eines liebenden Herzens war das dadurch über
den Verlust eines Undankbaren sich tröstete und von den Schmerzen einer übel
angewendeten Zärtlichkeit sich erholte die dennoch stark genug blieb sie nach
der Gegend des Wohnsitzes dieses Mannes zu ziehen und dort bei seinen Kindern
neue Nahrung der Liebe einzusaugen und endlich eine Einöde aufzusuchen von der
er gesprochen wo sie eine arme Familie fand für welche sie ein Haus und Gut
anbaute weil sie von dem einsamen Berge die Stadt sehen kann wo ihr Geliebter
wohnt«  Dann zeigte sie mir Briefe die ich hier für Sie und Antua
beischliesse 
 
                           Drei und achtzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Da bin ich in Wollinghof in dem Zimmer zwischen den alten Schlossmauern wo
meine liebe van Guden wohnte und mir auch ihre erste Briefe von hier aus
schrieb  Seit vorgestern Abend bin ich mit Kleberg hier Er geht wirklich mit
dem edlen Weibe spazieren und will sie ganz über Alles sprechen wie herrlich
hier Gott und die Menschen sind  Ordnung o die fordern und erwarten Sie
nicht genau Ich bin lauter Entzücken über Alles und habe meinen Mann auf
meinen Knien die Hände geküsst für die Güte die er hatte mich hieher zu
führen  Aber er sagte mir dass er noch zufriedener sei als ich es sein
könnte Auf all seinen Reisen hab er nichts gleiches gesehen und niemalen solche
Menschen und so einen Wohnsitz gedacht 
    Kommen Sie unschätzbare beste Freundin und langen Sie mit mir mit all
meiner Ungeduld in Wollinghof an Madame Guden hatte mir gar keine Beschreibung
davon gemacht als von dem alten Schloss Mein Erstaunen war also desto größer
da ich das neue Gebäude sah Man fährt lange von dem Dorfe Mahnheim aus immer
etwas aufwärts an einem Wald hin endlich um eine Anhöhe da man hinter einem
Busch von großen Buchen das schöne zweistockige Haus erblickt Es ist nicht
hoch aber breit die Fenster oben rund die wie das Tor Silbergrau und etwas
grün angestrichen sind Der Torweg ist in der Mitte des Hauses auf beiden
Seiten aber ist ein Pflasterweg gemacht auf dem vier Personen gemächlich gehen
können und Bänke an den Wänden Zwischen den Fenstern des untersten Stocks sind
steinerne Aufsätze auf welchen große Blumenkrüge stehen Sie können nicht
glauben wie romantisch das aussieht  Rechterhand an dem haus hin ist die
Hecke des Obstgartens an diesem die Felder und gegen über einige Eichen
zwischen denen man eine Ecke des alten Schlosses sieht Etwas sonderbar haben
wir beide das so außerordentlich hervorragende Dach gefunden Es sieht aber
doch artig und wird durch eiserne Stangen zwischen den oberen Fenster gestützt
Neben den Stangen kommt auch aus einer Art Steingesims Laubwerk von Eisen
gemacht und grün gemahlt das sich um die grauen Stangen herum windet und an der
Wasserrinne ungleich abhängt An der oberen Ecke des Hauses wo der Baumgarten
anfängt ist nach der Breite des Pflasterwegs eine halbe Rebenlaube etliche
zwanzig Schritte lang auch von eisernem grün gemachtem Gitter und Laubwerk
von der Seite des Obstgartens aber hängen Baumäste herüber   Da war die van
Guden bei meiner Ankunft mit den lieben Wollings bei einem Tisch mit Milch und
Obst besetzt womit sie uns gleich erfrischen wollte Die edle Stifterinn all
dieses Schönen ging lebhaft unserm Wagen zu der mir nicht geschwind genug gehen
und schnell genug stillstehen konnte Herr Wolling half mir heraus Ich achtete
nicht auf ihn und fiel mit einem Ausbruch von Tränen in die Arme meiner
Freundin die mich mit Zärtlichkeit und Rührung an ihre Brust druckte Stumm
nur wies ich ihr meinen Kleberg der da stand und sie mit Ehrfurcht und Staunen
betrachtete Sie neigte sich gegen ihn mit dem Anstande den ich nur an ihr
gesehen habe Und wie sollt ihn auch jemand anders haben weil es Ausdruck ihrer
Seele ist der diese edle ernste Anmut über ihren Anstand verbreitet  Kleberg
küsste ihr die Hand sie hielt die Meine »Herr Wolling Dies ist meine Rosalia
dies Herr Kleberg ihr würdiger Mann Und da« fuhr sie fort indem sie Wollings
Hand nahm und mir der andern auf seine Frau und Kinder deutete »Da ist Herr
Wolling und seine Familie voll Rechtschaffenheit und Tugend« 
    Er bückte sich schweigend Seine Frau die auf der Bank saß und ein Kind an
der Brust liegen hatte blickte uns an Tränen liefen über ihre Wangen auf ihre
Brust und gewiss der Säugling trank einige davon mit der Milch seiner Mutter
ein  Wolling sah sorgsam auf seine Frau Die van Guden bemerkte es und ging
eilend zu ihr küsste eine Träne weg »Was ist das liebe werte Lotte« 
»Süße recht süße Tränen meines an Ihrem Vergnügen Anteil nehmenden
Herzens« 
    Van Guden küsste sie und das Kind  »Dank meine Liebe vielen Dank  aber
Sie müssen meine gute Rosalia auch anlächeln und ihre Freundin werden« 
    »Recht gerne«  sagte sie mit der sanftesten Stimme und Blick Ich hatte
indessen mit der Nanny gesprochen die ein Huhn auf dem Arm herum trug weil es
mit einem Fuß hinkte Sie sagte mir es wäre eine alte alte Henne die schon
viel Eyer gelegt hätte und Hühner ausgebrütet die würde ich im Hofe sehen 
»Vier sind schwarz mit schönen weißen Häubchen zwei davon laufen der Grossmama
Guden immer nach«
    Ich merkte hier dass dies noch von den Hühnern in Ruinen waren  Nun hatte
Kleberg mit Wolling Bekanntschaft gemacht Ein Knecht half die Chaise in die
Scheune bringen und meinen kleinen Koffer in unser Zimmer Ich aß etwas Milch
welche mir die junge Wolling recht artig darbot Karl brachte unserm Fuhrmann
Wein und er wurde dann mit einem Zettel an den Wirt nach Mahnheim geführt
Mein Mann und Wolling kamen aus dem Torweg Kleberg sagte mir es sei ein
entzückender Anblick für ihn gewesen mich zu sehen mit all meiner Empfindung
gegen die kleine Nanny gebeugt Frau Wolling ihr schlafendes Kind auf dem
Schoss Madame Guden die mit leutseliger Güte Lottchen zusah die für mich
einige Blumen in der Hand hielt und nur wartete bis Nanny ausgeschwazt hatte
 
    »Sehen Sie die drei herrlichen Geschöpfe« sagte Kleberg zu Wolling 
    »O das fühl ich recht sehr«  Nun setzten sich die beiden vortrefflichen
Männer auch zu uns Madame Guden fragte meinen Mann ob ihm das Ansehen von
Wollinghof gefiele
    »Ich kanns nicht ausdrucken aber es dünkt mich in einer romantischen Gegend
zu sein«
    Sie lächelte freundlich  »Sie haben nicht ganz Unrecht und ich glaube
Sie sind das einzige Wesen auf dem ganzen Berge das zu der üblichen Welt
gehört Sie müssen werter Herr Rat uns aufrichtig sagen wie Ihnen bei uns
zu Mute ist« 
    »Das will ich würdige Frau«  
    »Würdige Frau und romantisch  Wie verbinden Sie dieses« 
    »Durch das Gefühl so ich von Schönheit und Güte habe« 
    Frau van Guden nahm ohne zu antworten meine Hand  »Sie haben nun etwas
geruht Sie sollen mir auch in meinem Zimmer sagen dass Sie gern gekommen und
gern da sind«  und damit führte sie mich dem Tor zu  »Herr Wolling Sie
bringen den Herrn Rat«
    Sie ging gerade zu nach der Stiege in das Seitengebäude wo sie wohnt Sie
sprach nichts drückte aber meinen Arm an sich  Ihre Meta stand vor den
Zimmern auf dem Gange der ringsum läuft und machte die Tür auf Ein artiges
Zimmer ganz weiß nur ellenhohe Lambris immer grau und grün wie auch die
Tische Stuhlfüsse und Türen waren aber an einer Wand ein ziemlich großes
Gemälde von der Vorstadt in S auf der andern der Spaziergang den sie
angelegt hat und da auf einer Steinbank meine Figur neben der Ihrigen ich
in Tomsons Frühling lesend und Madame van Guden einen Arm um mich geschlagen
aufmerksam zuhörend 
    Ich fiel ihr um den Hals redte nicht aber meine Brust klopfte an der
ihrigen und unsre Tränen mischten sich  Endlich sagte sie »Willkommen liebe
Rosalia willkommen umarme ich Sie glücklich« 
    »Ganz ganz unendlich in Allem« 
    »Auch in Klebergen«  
    »Ja völlig«  
    »Gott sei Dank und segne Sie  Jetzt meine Liebe« fuhr sie fort »kann
ich Ihren Besuch recht genießen   Das ist Ihr Wohnzimmer und hier Ihre
Betten«  In einer allerliebsten Alcove waren zwei Schlafstellen so nett 
mit auch grün und weissgestreiften Decken Auf der Seite jedes Bettes der Ausgang
in eine Art kleiner Kämmerchen deren eins in den Hof das andre in den
Baumgarten ein Fenster hat und jedes einen Schrank und alle Aus und
Anziehgemächlichkeiten die man begehren kann Unter dem Spiegel des
Wohnzimmers standen zwei Blumentöpfe und ein Kästchen voll artiger Steine die
man im Bauen und Ausgraben gefunden hatte Ihr Wohnzimmer ist an unserm Da sind
aber lauter Zeichnungen von ihrer Hand die Herr van Guden hatte in Öl mahlen
lassen Ihr Bett ist auch an der Wand mitten zwischen zwei Kabinetten deren
eins gegen das Feld ihren Büchervorrat und Schriften und das andre Weißzeug
und Kleidungsstücke enthält Ihre Meta hat ein Zimmerchen gleich hernach und
dann kommt man in Wollings Haus das recht schön geräumig ist und oben bis über
das Tor drei Zimmer hat die aber noch nicht eingerichtet sind  Auf der einen
Seite des Tors ist der obere Stock durchaus Fruchtspeicher recht schön und
freundlich Sie hatte uns nicht aus Fenster gegen den Hof geführt sondern
leitete mich noch eine Stiege höher auf ihrem Gebäude Wolling öffnete eine
doppelte Tür und da waren wir auf einem großen Altan der über den ganzen
Flügel gebt den sie bewohnt Wie herrlich das ist können Sie nicht glauben 
Gleich an dem Austritt vom Hause kommt man unter eine hochgezogene Laube von
roter Bohnenblüte die alle Jahr in schmalen Kästchen an der Brustmauer hin
gepflanzt werden Da sind Bänke und kleine Tischgen Die sehr niedre Mauer ist
mit Blumentöpfen von lauter auch niedrig wachsenden Arten besetzt die durch
zwei Reihen eiserne Stangen fest gehalten werden  Von diesem Platz übersiebt
man das ganze Feld und alte Schloss Oben in einer Ecke ist eine Aussicht durch
den ganzen Wald gehauen die gerade auf die Kirchturmspitze von W geht  Sie
dauerte mich  denn als sie mir es sagte errötete sie und druckte meine Hand
so bedeutend da ich das Sehrohr von ihr nahm um W zu sehen  Unter dem
Gebäude der Frau van Guden ist die Milchstube dann eine Kammer wo Saamen und
alle Gärtnergeräte verwahrt werden der Holzschoppen und ein Platz wo alles
Ackerzeug hingetan wird Dann steht dem Hauptause gegen über die Scheune und
Dreschtenne die zugleich das Heu und Stroh fassen Das Seitengebäude so sich
wieder an das große Haus anschliesst ist der Pferde und Kuhstand von Erstern
drei von Letzteren acht Stück Schaafe ungefähr zwanzig und dann Schweine
Hühner Gänse Tauben usw Eine köstliche Wirtschaft wo Nutzen Schönheit
und Ordnung mit Natur Kunst und Arbeitsamkeit so verbunden sind das man Keins
ohne das Andre sieht Es ist beinah unglaublich was in weniger als zwei Jahren
alles hier gemacht wurde an Gebäuden Anpflanzungen und Benutzung davon Sie
brennen wohlriechende und auch andre Wasser machen Liqueur gießen Lichte
bereiten Seife Käse Butter dürres Obst  Es ist ganz entzückend wie alles
geht drei Mägde zwei Knechte und zwei Tagelöhner alle munter fleißig und so
reinlich als ob sie nur zum Spaß Bauernkleider anhätten  Eine ehemalige
Wasserpfütze an der Scheune ist zum Fischteich gemacht dem aus den oben
liegenden Aeckern immer gute Nahrung zufliesst  Eine Magd backt Brodt usw
    Während wir herum gingen und Wolling manchmal in Danksagung oder Lob
ausbrechen wollte wendete Frau Guden die Unterredung gleich auf was Anders
Aber Wolling sagte »Sie würden mich nicht schweigen machen wenn Wohltat und
Schönheit dieses Aufenthalts von andern Händen wäre als von den Ihrigen« 
    Nun gingen wir auch außen um das Haus Der innere Hof ist ganz sauber denn
der Kuh und Pferdedünger wird auf die andre Seite gelegt wo er auch durch
Bäume vor der Sonne geschützt ist um nicht ausgesogen zu werden Der Teich ist
auf zwei Seiten mit einer Rosenhecke eingefasst Von dem Hause geht eine acht
Schuh breite Brücke mit einem Geländer einige Schritte weit in denselben
hinein auf welcher nur ein wenig mit den Füßen gestampft wird so kommen die
Fische und fressen das ihnen zugeworfene Brodt An beiden Seiten sind zwei
artige Entenhäusgen die auch die Freude vermehren 
    Weiter gingen wir gestern nicht und kamen zum Abendessen in ein liebes
Zimmer das vom zweiten Stock in den Baumgarten gebaut ist und unten durch fünf
Bogen worauf es ruht einen artigen Saal macht an dem die KörlKirsche und
Geissblatstaude so gezogen werden dass sie die Bogen rings einfassen und unter
der Scheere gehalten recht hübsch aussehen müssen  Das obere Zimmer ist
kleiner als dieser Gartensaal weil um jenes ein Gang herum geht auf den man
durch fünf Fenstertüren kommt die über den fünf Bogen stehen Wenn die
hochstämmigen Obstbäume erst alle im Blühen sind so muss dieser Gang und dies
Zimmer ganz reizende Empfindungen geben  Kleberg und ich gerieten in das
angenehmste Staunen als wir aus unserm Zimmer wo wir die Reisekleider
ausgezogen hatten durch Karl Wolling zum Essen gerufen wurden und auf einmal
das Klavier und die schöne Stimme meiner Freundin hörten die im Nebenzimmer
spielte und sang Die vier holdseligen älteren Kinder der Wollinge hüpften an
Blumenkränzen sich haltend um uns herum  An den Wänden war mein Klebergs und
der van Guden Namenszug wechselweis in Blumengewinden aufgehängt die von beiden
Seiten über den Fensterzug hin durch große Schleifen von Blättern und Blumen
an einander geknüpft waren Über dem Tisch hing eine auf nämliche Art
geflochtene Krone an vier zusammengefussten gleichumwundnen Seilen Zwischen den
Fenstern waren Tischgen nur mit einem schon gebognen Fuß jedes einen
Blumenkrug tragend  Die vier großen Leuchter mit Wachslichtern auf dem
Esslisch die Schüsseln und Teller alle von Fayance ganz weiß mit einem grünen
Rande vier kleine Körbchen mit Blumen standen zwischen den fünf Schüsseln aus
denen unsre Mahlzeit bestand  Kleberg hat Recht es war Feenmässig  besonders
auch das dämmernde Licht so die Fensterzüge beleuchtete Diese sind von feiner
meergrüner Leinwand und laufen an den Fensterpfeilern zwischen weißen Nahmen
nett gespannt die dann wenn sie herunter gelassen werden das Zimmer in grün
und weiße Streifen teilen Weil sie nun einen Raum zwischen sich und den
Fenstern lassen so stellte Wolling die Lampen hinter die Züge und die Ketten
auf diesem Grunde waren meistens von weißen gelben und roten Mahn genommen
Wie sehr schön und rührend das alles war kann ich Ihnen nicht genug sagen 
Als wir das lobten und den Geschmack bewunderten lehnte Frau Wolling ihren Kopf
auf Madame Guden Brust die sie mit Küssen und verstohlnen Tränen bedeckte
Madame Guden küsste sie auf die Stirne druckte sie an sich und sagte ihr etwas
ganz leise worauf sie ruhig wurde und den übrigen Abend an Allem Anteil nahm
O Mariane warum waren Sie nicht hier 
    »Meine arme Lotte« sagte Frau Guden hernach beim Schlafengehen zu uns »ist
so misstrauisch gegen das Glück geworden dass sie öfters Anfälle von Furcht
bekommt  Ich habe die Bewegungen meiner Freude zurück gehalten als Sie
ankamen um ihre Empfindlichkeit zu schonen denn sie fürchtete ich würde von
hier weg zu Ihnen ziehen«  Die Gute weiß nicht was mich hier hält  Nach
diesem fragte sie meinen Mann ob er mit ihr und Wollinghof zufrieden sei  Sie
können sich seine Antwort vorstellen Aber sie fiel ein »Ich bemerkte doch dass
Ihnen Einiges zu schön und zu künstlich schien Aber ich bekenne dass es mir
unmöglich war Allem was ich ehmals liebte zu entsagen und dabei wollte ich
meine Freunde auch wieder ihrem angebohrnen Kreise nähern Geschmack und Ordnung
kosten nichts und mein Vermögen ist beinah so groß als mein Wille und meine
Phantasie  Doch sollen Sie meine Rechnungen von dem Hause sehen«  Hiemit
umarmete sie mich und wünschte uns gut zu schlafen  Kleberg sagte mir er
habe Nympfen und Liebesgötter tanzen gesehen
 
                           Vier und achtzigster Brief
                           Zweiter Tag in Wollinghof
Wir wachten spät auf weil wir noch lange geschwatzt hatten Ich wollte mich
eilig anziehen als Kleberg mich in unser Wohnzimmer rief und mir einen Tisch
mit Koffezeug wies der in das Zimmer gebracht wurde so bald man gemerkt hatte
dass wir aus dem Bette waren Des Knecht hatte ein Billet an mich dabei worinnen
Frau van Guden uns bat dieses Hausgeschenk von ihr anzunehmen
    Ein geräumiger Tisch mit einer ganz silbernen Platte überzogen die Kaffe
Milch und Teekanne nebst Kessel auch von Silber innen stark vergoldet Die
Tassen alle mit Aussichten von Mahnheim und S daneben goldene Ränder alles
im schönsten Geschmack und Arbeit  »Nun« sagte Kleberg »seh ich warum sie
Gestern von dem Reichtum ihrer Phantasie ihres Willens und ihres Vermögens
erzählte«  Den Augenblick kam sie selbst und führte uns wie wir waren zum
Frühstück bei dem Eichenwald bat uns nicht viel Danks über das Geschenk zu
machen sondern zu glauben dass es ihr ein süßes Vergnügen gewesen es uns zu
geben und dadurch auch ein sichtbares Andenken an sie gestiftet zu haben 
    Der Platz bei diesen Eichen o der ist heilig wie der Stein den Jacob mit
Öl begoss  Auch hat Wolling hier eine schöne stumpfe Pyramide aufgerichtet
mit der Inschrift Hier erschien mir die Hilfe des Herrn  mit der Jahrzahl und
dem Tage da Frau Guden zu ihnen kam  Denn dies ist der Platz wo sie sie
zuerst sahen und sie ihnen vor Gott Liebe und Hilfe angelobte Wolling
errichtete die Pyramide und zwei Bänke daneben gegen die benachbarte Bäume
während der Zeit da er einen Holzstoss davor aufrichten ließ damit Frau Guden
nicht sehen sollte was da gearbeitet würde Sie erzählte uns dieses im
Hinausgehen und sagte dabei dass gewiss niemals mehr und süssere Tränen bei der
Einweihung eines Denkmals wären geweint worden als bei diesem Wolling hätte
sie auch zum Frühstück gebeten sie möchte aber von Karl Lottchen und Nanny
sich führen lassen Das hätte sie gern bewilligt Die Kinder waren von dem Weg
unterrichtet der ganz neu und verwunden zwischen dem Gesträuch durchgezogen
lief und an der Pyramide sich endigte wo er gerad auf den kam der vom alten
Schloss her führte Sie hätte sich etwas Überraschendes vermutet aber dies
nicht was sie fand Denn als sie um den Strauch herum kam der die Pyramide
verbarg so erblickte sie vor sich auf der Seite gegen das Dorf Wolling und
seine Frau mit der Trage den Strohhunden und dem kleinen Knaben darauf
sitzend und Karl Nanny und Lottchen verließen sie auch wie damals liefen
den Eltern zu und wiesen freudig mit Händen nach ihr  Der Auftritt hätte sie
äußerst erschüttert und bewegt und sie wäre an die Stuffe der Pyramide
niedergesunken da dann Eltern und Kinder zu ihr geeilt wären um sie her
gekniet und mit Tränen benetzt hätten  Ihr Herz wäre auch durch einen
Ausbruch von Weinen erleichtert worden wo sie dann Alle umarmt und sie gebeten
habe sie in Zukunft mit so starken Ausdrücken des Danks zu verschonen  Aber
Frau Wolling hätte gesagt es wär neue Wohltat wenn sie sich das Dankopfer der
Familie wolle gefallen lassen und die Kinder hätten sich auf einen Wink des
Vaters um sie gesammlet und um Erlaubnis gebeten sie Grossmama zu heißen Frau
Wolling wäre auch gekommen  »Ach erlauben Sie es  ich kenne keinen
heiligern Namen als den von meiner Mutter«  Seitdem nennen sie die Kinder
Grossmama Guden 
    Nun waren wir auch bei dem frommen Denkmal von welchem Madame Guden alles
hat auslöschen lassen was sie bezeichnete Wir frühstückten mit wahrem Gefühl
des Werts der Tugend  Diese reitzende Einsamkeit der Gesang der Vögel alte
und junge Bäume herrliche Felder neben uns der Obstgarten gegenüber links ein
Teil der Ruinen rechter Hand das liebliche neue Haus  Die Kinder brachten
zwei zahme Schaafe und zwei Hühner die mussten auch da sein  Nachdem gingen
sie mit ihrer Mutter hinweg und wir wurden an das alte Schloss geführt wo die
Hütte noch steht und unterhalten wird in der die Wollinge wohnten All ihr
armes Hausgeräte ist auch noch darinnen O Mariane was empfand ich als
Wolling zu meinem ihn mit Bewegung ansehenden Kleberg sagte »Dies war der
Aufenthalt der treusten Liebe«  
    Sein Auge war voll zärtlicher Wehmut als er dies aussprach  Sein Garten
auf der alten Schlossballe ist auch angebaut und immer von feinen Händen Da darf
kein Knecht helfen  Wolling sprach wenig Frau Guden erzählte uns  ich
konnte auch nicht reden  nur sehen und hören  Das kleine Grab des Erstlings
dieser treuen Liebe mit Zwergrosen umpflanzt zum Haupt mit Lilien besetzt der
darauf gesunkne Blick des Vaters Kleberg der seine Augen auf mich heftete
rührte mich beinah zu sehr Frau Guden die es bemerkte führte mich zu dem
Betaltar ihrer Lotte »Das ist der Stein auf welchem die Mutter der Frau
Wolling bei der Zusammenkunft saß die sie hier mit ihren Kindern hielt«  Eine
kleine vierelte Säule steht da unter dem Geissblat mit der Aufschrift Hier gab
die beste Mutter den letzten Segen 
    Das Flachs und das Kornstück alles wird mit frommen Andenken wie ehmals
von der Familie unterhalten Es liegt was in ihnen so sie denken macht dass
Unglück auf die Vergessenheit oder Geringschätzung des alten Bodens erfolgen
würde  »So lange nährte er uns und entsprach so getreu meiner Mühe« sagte
Wolling   »Schweiß und Tränen benezten ihn  So lange meine Arme Kräfte
haben soll er mit Brodt und Blumen angepflanzt werden«  Ist dieses nicht
Liebe Mariane ist dieses nicht das heilige reine Gefühl empfindlicher Herzen
wovon hernach einige Zweige in Aberglauben ausarteten  und wo man um diese
wegzuschaffen selbst die schöne Wurzel zerstörte 
    Die große Lücke der Mauer durch welche Frau Guden an den Berg herein trat
ist mit Rosenstöcken besetzt und der schmale Fußpfad den sie herauf kam ist
ausgehöhlt mit Letten gegründet und das kleine Quellwasser hinein geleitet
worden Herr Wolling sagt »Niemand anders soll diese Fußstapfen betreten
reines lebendiges Wasser allein soll sie benetzen und das Tal befeuchten
helfen durch welches sie zu uns kam«  Können Sie Mariane können Sie diese
Gesinnungen tadeln  Mir zeigen sie an wie tief alles im Einsamen sich
eingräbt Mir sind dieses Wegweiser zum Ursprung der Erscheinungen wovon
Einsiedler und abgesondert lebende Fromme erzählten
    An einer dicht mit Epheu bewachsenen Wand geht die Stiege zu Frau van Guden
Zimmer Sie sind klein doch ist eins für ihre Meta daneben alle mit Bretern
ausgemacht und Zeichmmgen von Rom Neapel und England darin aufgehangen nur
mit Rötel oder Kohlen auf hellblauem Papier aber immer Pindorfs Gestalt mit
eingemischt  Ihr Tischgen und ihre Stühle sind auch noch da denn sie kommt
oft noch herunf da zu lesen oder zu zeichnen Von ihrem Schlafkämmerchen geht
noch über alten Schutt den der Stiegenbogen aufhielt ein etwa sieben Schritt
langer und viere breiter Platz den sie mit einer dünnen Brustmauer umfassen
ließ Einige Stauden waren am äußersten End im Schutt aufgewachsen diesen
hatte sie Unterstützung und Erde gegeben so dass sie schön fortwuchsen und ganz
leise säuselten wenn sie im Mondschein noch heraus ging zu beten und zu
seufzen Denn gewiss sie seufzte manchmal nach der Stadt W hin deren Türme
man hier sieht  Aber die ganze Landschaft umher ist unbeschreiblich angenehm
denn der Berg hat hier eine sehr beträchtliche Höhe Von da gingen wir einen
schmalen Weg an der Seite des Bergs eine halbe Viertelstunde lang hielten uns
bei verschiedenen Aussichten auf die so vielerlei Gegenden des großen Tales
zeigen Ruhebänke haben und gegen die Mittagssonne decken Wir sprachen da mit
Bewunderung von Allem was wir gesehen hatten besonders da wir die Zeit
berechneten wo der Haus und Feldbau anfing 
    »Ich übersetzte alles mit Leuten und Geld war immer dabei sie
aufzumuntern Das Zimmerholz wurde aus einem Vorrat vier Stunden von hier
gekauft Hau und Sandsteine auch Wir fanden willige und sehr geschickte
Arbeiter Da kann man viel tun Während man Haus und Scheune baute wurden
zwanzig Morgen Feld und Kleewiesen durch Ausreitung der wilden Sträuche
hergestellt Dreisig Morgen bekamen wir schon angepflanzt von zwei Pächtern
die sich gern abkaufen ließ Sie wissen Rosalia wie eifrig ich meinen
Grillen den Weg bahne Nehmen Sie Wollingen zum Oberaufseher ihn der so viel
nur allein getan hatte so ist es ganz natürlich zugegangen«
    Wolling war bei Anfang dieser Unterredung weggegangen Klebergs und meine
Fragen hatten die Zeit verkürzt  Wir hörten ein kleines Pfeifchen ein
ländliches Liedchen stimmen Da stand Frau Guden auf Wir wollen nach Haus
sagte sie indem sie auf ihre Uhr sah es ist Mittag vorbei  Wir gingen noch
einige Minuten etwas aufwärts und waren auf einmal in einem grünen Tempel oder
runden Saal von Hainbuchen worin der Tisch gedeckt und mit Speisen besetzt
war Die Wollingsche Familie wartete schon auf uns und das Pfeifchen hatte zum
Zeichen gedienet das alles fertig sei
    Kleberg der so viel große Feste gesehen sagte doch dass er nimmer diese
Art ruhiges Entzücken und Zauberfreuden gekannt habe Von zwei Seiten dieses
Saals sieht man Mahnheim an dem Abhange des Berges liegen und eine große
Schaafheerde weiden 
 
                           Fünf und achzigster Brief
                           Kleberg an seinen Freund
Ihr kleines ungeduldiges Blättchen an mich beweist dass ich Recht hatte zu
vermuten Antua müsse von dem Charakter dieser van Guden am meisten eingenommen
werden besonders auch von ihrem Gang auf den Berg Da haben Sie die übrigen
Briefe von ihr selbst und die Abschrift derer welche Rosalia an eine ihrer
Freundinnen schrieb wo ich nichts zusetzen kann als dass alles so da ist wie
meine Schwärmerinn es mahlt  die Gegend Menschen und Sachen um sie herum 
Ich war gewiss eben so begierig als meine Frau selbst es sein konnte den
Wollinghof den ich gern Liebehof nennte zu sehen Als wir um die Buchbäume uns
gegen das Haus wandten wurde ich wahrlich in Staunen gesetzt indem es
gleichsam der Aufzug des Vorhangs in einer Oper war Denn so ein Haus in der
würklichen Welt ist Traumgesicht bis man mir seinen fünf Sinnen darinnen
herumwandelt isst schläft schwatzt und wohnt Sie haben es mit Bedacht so
versteckt gehalten um bei denen die es sehen konnten das Gefühl über sein
sonderbar Angenehmes nicht abzunutzen die Leute nicht hinzulocken und ihren
Kindern die Unterstützung ihres Charakters ihrer Tugend und ihres Glücks nicht
zu rauben die einen großen Teil ihrer Stärke dieser Einsamkeit und dieser
von allen Verhältnissen der Gesetze und Gewohnheiten abgeschnittnen Lage
schuldig sind 
    In der von Rosalien angezeigten von künstlichen und natürlichen Blättern
durchflochtnen Laube saßen die zwei Weiber und Kinder Wolling ging herum ein
schöner schlanker Mann hager aber die edelste Bildung und der Blick eines
Feuervollen durchdringenden Auges ein feiner Mund Gang und Stellung voll
Entschlossenheit der beinah an Trotz gränzte wenn nicht die vortreflichste
Männliche Seele den Zügel hielte Was würde dieser Mann in einem großen
Würkungskreise getan haben mit all der Kraft zu tragen zu kämpfen und zu
handeln  Aber sagen Sie ist es nicht toll dass wir ein Stück Gold nicht eher
ganz in seinem Wert glauben als es nachdem durch Kunst verarbeitet ist oder
das Gepräge von Bild und Aufschrift eines Fürsten trägt  Bin ich nicht bei
diesem Manne was Europäer bei den Indianern waren als sie diese ihr Gold zu
Gefässen ihres täglichen kümmerlichen Essens verbrauchen sahen Unglück tragen
Weib und Kinder nähren und schützen ist das nicht gute Verwendung des
Verstandes und der Kräfte des Lebens in den Augen der Gottheit und des Weisen
    Dieser Mann da half Rosalien aus dem Wagen Frau van Guden war herbei
geeilt und sie umfassten sich mit wahrer Ergiessung der Seele in Liebe und
Freude Ich stand und betrachtete das Weib nach welcher Rosalia geseufzt und
mich neugierig gemacht hatte Eine über mitlere Größe erhabene ganz
regelmäßige Gestalt mit einer unwiderstehlichen Anmut umgeben denn alles hat
den Charakter der Liebe des Wohlwollens und Verstands voll Güte  Die Art wie
sie Rosalien umschlang ihren Kopf an sie legte sie küsste war der schönste
Ausdruck der reinsten edelsten Zärtlichkeit Eine feine Röte bezog ihr
Gesicht als ich ihr vorgestellt wurde und sie ohne Zweifel in meinem Blick
etwas von dem sah was ich von ihr dachte Ohne Schönheit sind all ihre Züge
äußerst reitzend ihr Auge voll Würde und Bescheidenheit ihre Kleidung von
Ostindischen schmalgestreiften Leinen nett passend weiße Schürze ein
Strohhut mit blauem Band und ein großes weißes Halstuch  Frau Wolling ein
feines schmächtiges Weibchen Groß genug und schön wäre sie wenn bei ihrem
herrlichen blauen Auge ihre Gesichtsfarbe noch weiß wäre Diese hatte violet
und weißes Landleinen aber auch die weiße Schürze und den Hut  Die liebsten
Kinder um sie waren in blau und weißen kurzen Kleidchen die Haare nach
englischer Art geschnitten immer die Schürze weiß bis auf die Mägde  Ein
Säugling an der Brust hinderte Frau Wolling bei unsrer Ankunft aufzustehen weil
sie der Gewohnheit keine Pflicht opfert Ein Knabe von zehn Jahren ganz Vater
Wollings Züge munter und wahr hatte einen grauen Frack wie der Vater und ging
gleich zur Kutsche und dem Kutscher  Lottchen von acht Jahren blieb aber bei
dem mit Milch Obst und Blumen bestellten Tisch wo sie bald uns ansah bald
wieder etwas an den Blumen zurecht machte die in einem Körbchen da standen 
Eine kleinere holde Figur ging außen herum und trug ganz geschäftig wie
kleine Mädchen sind etwas auf ihrem Aermchen wie die Mutter den Säugling
hielt Ein Knabe von drei Jahren kam mit einem kleinen Schubkarren voll Sand
über den Weg her stutzte da er uns erblickte ließ den Karren stehen und lief
seinem Vater zu wies auf uns und fragte ihn um Alles Wolling hob ihn mit der
Vatergüte auf und trug ihn meinem Wagen zu der den Kleinen am meisten anzog
Die Pferde fand er gleich nicht so schön als die Braunen des Vaters weil diese
da so garstige Flecken hatten denn ich war mit einem Lohnkutscher gekommen der
vier Schecken angespannt hatte 
    Rosalia hat Recht ich wurde über die Stellung entzückt in welcher ich die
drei Weiber sah als ich nach Einführung meines Wagens mit Wolling zurück kam
Eine Kupfersammlung von all den Auftritten möchte ich haben welche diese van
Guden schon veranlasst und vorgestellt hat  Das Gespräch das Haus und
Abendessen war wie Sie in Rosaliens Briefe lesen werden mit all dem
übereinstimmend Mir war diese Verwebung der Kunst mit Einfalt und Natur
Bauerhof Bauerarbeit der Ton voll Kenntnisse und seiner Empfindung feine
Sitten und Freimütigkeit die Stille im Wald in dem Äußern des Hauses die
sanfte Fröhlichkeit und Tätigkeit der Leute im Innern  Erscheinung an die
ich mich in den ersten zwei Tagen nicht gewöhnen konnte Indessen zog mich
Alles mit sich weg Ich hätte die leere Hütte einnehmen mögen die Wolling
ehmals bewohnte Wie lang ich es da gedauert haben würde weiß ich nicht aber
ich fühle noch deutlich wie verschieden die Bewegung meiner Seele ist wenn ich
mir Höfe und Palläste zurück rufe die ich auf meinen Reisen gesehen und dann
die zehn Tage in Wollinghof verlebt und die Menschen und den Berg ihre
Sitten Freuden Arbeiten und Abendgespräche mir denke  Ich ging einen Morgen
mit Rosalien allein herum und las mit ihr auf jedem Platz von dem die van
Guden schrieb die Szene die ihre Feder bezeichnet hatte ihre Kämmerchen
zwischen den alten Mauern die mit Papier überklebt sind und wechselweis
einzelne Stücke vom alten Rom von Neapel Englische und hiesige Gegenden und
Aussichten zur Zierde haben  oder bald sie bald Pindorf der Glückliche
immer in schönen Stellungen abgebildet sind und in diesen immer die Züge edler
Gedanken edler Gefühle der Seele so deutlich liegen So werden nicht viele
Männer geliebt und solche Weiber sind auch selten Sehen muss ich ihn einst
diesen Pindorf Ich habe was wider ihn So bildhauerisch schön seine Gestalt
ist so glaube ich etwas darin zu erblicken das einen Grad Biegsamkeit
andeutet die durch das Geringste hervorgebracht werden kann  Sicher bin ich
niemals wär er Wolling gewesen   Nachdem ich Alles kannte und wusste so
wollte ich auch versuchen auf was für einer Seite sich die van Guden einem
Manne zeigen würde der ihr freimütige Fragen vorlegen und Betrachtungen
machen könnte  Wenn ich nicht mit Fleiß meine Unterredung mit Lobsprüchen
angefangen hätte so würde ich aus aller Fassung gekommen sein da sie mir mit
feinem Lächeln zugehört hatte und endlich sagte »Ich bemerke ganz deutlich dass
alle die außerordentlich schönen Sachen die Sie mir über mich und unsern Berg
sagen nichts als der Eingang von einer Unterredung sind in der Sie mich durch
sich selbst kennen lernen möchten Ich bin gar nicht darüber erstaunt und noch
weniger böse  Mein ganzes Wesen und Tun hat eine so eigne Farbe dass man
natürlicher Weise auf die Mischung begierig ist aus denen sie besteht  Sie
haben mir nach der eingeführten Artigkeit unter Euch jungen Männern auch von
meiner Person gesprochen Ich weiß dass ich ohne Schönheit was sehr Gefälliges
habe und dass meine Art mich zu kleiden und mein Bezeigen dieses Gefällige
noch vermehrt besonders wenn mein Klavierspiel meine Stimme mein Tanzen oder
Bleistift mit dabei erscheinen Denn welcher Mann von Geist ist nicht zufrieden
wenn er bei einer solchen Figur und Talenten auch ein Maß Kenntnisse antrift
das ihm verspricht  Hier kanst du vom Leichten und Starken sprechen Du wirst
gehört und verstanden sein  Freigebigkeit Güte und Freundlichkeit die mir
der Himmel zu meinem so großen Vermögen gab alles dies hätte mir gewiss immer
Freunde erworben und mir Ehre und Achtung zugezogen so dass mich kein Mangel
irgend einer erkannten Glückseligkeit in diese Einöde führte sondern wie ich
glaube der eigentliche Gang der Triebfedern meiner Seele Wie die Schläge
unsers Herzens den Umlauf des Bluts und Lebens befördern und erhalten aber auf
der andern Seite die Werkzeuge abnutzen und zu ihrer Trennung vorbereiten  so
hat eben das was auf einer Seite meiner Seele die Beharrlichkeit gab so viel
zu lernen ganz zu wissen und an lauter Gutes und Edles mich zu heften auch das
seltsame Bild von Liebe in mir hervorgehracht das ich seit so vielen Jahren in
mir nähre und mit ihm lebe  Liebe für einen Mann oder von Euch Männern für
eine Frau ist ein Tribut den die Ratur uns Allen auflegt  Ich lernte Herrn
von Pindorf just in der Zeit seines und meines Lebens kennen da in uns beiden
der selige moralische Enthusiasmus für alles Schöne und Große glühte Wie hätt
er sonst mit all der Liebe für mich die Stärke gehabt das gegebne Versprechen
seiner Hand zu erfüllen  Wo hätt ich die hergenommen niemals mich zu
vergessen niemals mit ihm allein zu sein  Glücklich genug wie eine edle
Griechinn in Platos Gastmahl sagt dass wir uns sahen sprachen die nämliche
Luft atmeten und gleichgestimmt alles bemerkten und betrachteten  Sagen Sie
mir was anders als eine gleiche Erhöhung der Seele ließ mich in ihm die
Vollziehung seiner schon lange bestimmten Heirat verehren  Und ihn mit Segen
an den Mann denken dessen Eigentum ich einst werden sollte  Ich will
glauben dass es Schwärmerei unsrer glühenden Einbildungskraft war aber es war
auch das seligste Gefühl meines ganzen Lebens Der Verlust seiner Person seines
Anblicks und seiner Unterredungen schmerzte mich nicht so zerreissend als da
ich ihn wieder sah und weniger Edel weniger Groß sein Betragen in einigen
Teilen seines Lebens der hohen Würde seines Herzens und seiner Seele nicht
gemäß zu sein dachte Ach da  da verlor ich ihn da riss ein feindseliger
Geist alles Glück aus meinem Leben Wer sollte mich schadlos halten  Ein
anderer Mann  Man glaubt nicht zweimal was ich glaubte  man liebt nicht
zweimal wie ich liebte  Und sagen Sie war es möglich dass ich mit diesem Ton
des Charakters mich tröstete wie Andre sich trösteten  Ich bätte die
Grundlage meines innersten ganzen Wesens ändern müssen Konnt ich das tun oder
vielmehr konnt ich das wollen  Ich war in umgekehrten Zustande des Pigmalion
Das schöne Meisterstück seiner Hände wurde belebt und er höchst selig Mir wurde
der Geliebte meines Herzens zu einem unbeselten Bilde dessen Züge mich immer an
jede Tugend an jede angebetete Eigenschaft erinnerten und mich tränend an dem
Fussgestell niedersinken machten Ich hatte ihn nicht mehr  aber meine Liebe
war noch in mir und dieses Geschöpf meiner Seele das so viel süße Stunden so
viel Schmerzen mir gegeben batte dieses hätte ich ohne Ersatz vernichten
sollen Pindorf ist für mich tot mein Herz trägt Trauer um ihn aber ich ich
liebe alles wo er war wo er ging lebte und handelte  Die Zeit die
Ableitung welche meine Zärtlichkeit schon in der Vorstadt von S dann bei
Pindorfs Kindern und endlich hier erlitte haben dem Ganzen eine sanfte Wendung
gegeben Ich war einst für mich glücklich nun bin ich nützlich geworden und
glaube also meine Bestimmung erfüllt zu haben Freilich nicht auf dem allgemein
vorgeschriebnen Weg aber vielleicht ist es ein schöner Fußpfad der die Wenigen
die ihn kennen früher zum wahren Glück des Lebens führt« 
    Nun hielt sie inne Ich konnte voll von Bewunderung und Liebe nicht reden
Aber es war sonderbare Liebe wie für ein großes Weib aus der alten Geschichte
oder für eine teure Mutter oder Schwester Aber heilig war mir der Hain Wir
saßen während dem Gespräch auf einem Stück Felsen mit Moos und Blümchen
bewachsen eine kleine Waldwiese von einem Viertelmorgen vor uns rings um hohe
Bäume  nur floss zu unsern Füßen eine von den Ableitungen des Teichwassers
welche der junge Zimmermann zum Nutze von Wollinghof angelegt hat Wipfel und
Äste von großen Eichen hingen über die Wiese gegen der Buche zu an der unser
Fels lag der vor Jahrhunderten schon vom oberen Berg abgefallen sein mag  Nach
einigen Schweigen fragte sie ob ich noch etwas von ihr wissen wollte
    »Sie sind ein und dreißig Jahr alt glauben Sie immer zufrieden auf diesem
Wege zu bleiben 
    Ja weil weder meine Liebe noch meine Einbildungskraft jemals versiegen
wird und weil ich mir von Allem was ich in der Welt von Menschen und Sachen
kenne nichts denke das meinen Idealen gleich kommt die ich mir immer schaffe
und ändre je wie ein vollkommners Bild in meiner Seele entsteht Ich will Ihnen
Zeichnung davon und auch Aufsätze weisen  Ich bin zufrieden mit Schicksal und
Menschen Meine Wollinge sind mir alles denen will ich helfen ihre Kinder
erziehen und des Beamten seine unterstützen  Der junge Moos wird einer der
herrlichsten Schwarzkünstler werden und ich schicke ihn nach England da soll er
an Reinolds Wests und der Angelika Gestalten Ausdruck und Gruppen Geschmack
und Kraft einsaugen Deswegen lehre ich ihm auch die englische Sprache  Meine
Mela muss auch noch ausgebildet und glücklich werden  In Wollings Kindern hat
der Kummer der leidenden Liebe schon von dem Augenblick ihres Entstehens an
den Zung ihres Denkens und Gefühls gestimmt Ich müsste mich sehr betrügen wenn
ihr Fortwachsen und Erziehen mir nicht viele Freude geben sollte« 
    »Aber teure Madame Guden bedenken Sie wie unendlich viel Gutes mehr Sie
tun könnten wenn Sie in unsrer Stadt den gewohnten Ton der Leute würden
umzustimmen suchen«  
    »Ich eine Stadt umzustimmen suchen Ey Herr Kleberg entweder haben Sie in
diesem Augenblick nicht mit Ihren Geist gedacht oder Sie begegnen mir nicht mit
der freundschaftlichen Achtung die ich verdiene« 
    Ich bat sie um Vergebung und versicherte sie von der Überzeugung die ich
hätte dass eine Frau von ihrem Verstand und ihrer Güte vieles zu der
gesellschaftlichen Verbesserung beitragen könne und ob sie nicht den Beweis in
der Vorstadt von S erhalten habe 
    »An ungekünstelten Menschen wie diese waren und die nur Ein Bedürfnis
fühlten dem ich gleich abhalf ja da konnt ich was ausrichten und das meistens
auch weil ich sorgfältig meine Wohltaten mit der Arbeitsamkeit verband Denn
fleißige Menschen haben immer viel Gutes voraus Aber wer fühlt sittliche
Bedürfnisse so stark dass er gleich an jemands Hand sich anheftet die ihn auf
bessern Wege leiten will  Der Wahn war in mir nicht zu bessern aber
glücklicher zu machen  schon lange habe ich ihn verloren Feine artige
Weltleute machten mich und meinen Charakter lächerlich und ich will sehen was
der noch Gutes tun will der einmal lächerlich wurde Philosophische
Männerköpfe die ich unendlich schäzte was für Rückgabe erhielt ich davon 
Aber Ihr Männer behandelt oft euch selbst über Verschiedenheit der Ideen und
Begriffe so unbillig unhöflich und bös dass ich sehr Unrecht hätte einzelne
Klagen eines Weibes so laut zu erheben Aber sehr Unrecht hätt ich auch mich
willkührlich unangenehmen Begegnissen auszusetzen die nichts nutzen würden
besonders da ich noch so fest an meinen eignen Empfindungen und der Art hänge
womit ich die Sachen und Menschen betrachte Wenn Sie aufrichtig sein wollen so
müssen Sie nach der großen Weltkenntnis die Ihre Reisen und Geschäfte Ihnen
gegeben haben gerade zu eingestehen dass die Stimmung meiner Seele allein zu
Leuten taugt die aus dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und Verhältnisse
herausgeworfen worden sind wie meine Wollinge da  Ich hörte einst in einer
Gesellschaft einen Gelehrten behaupten dass alles was möglich sei einmal da
sein müsste es sei im Guten und Bösen Klugen und Törichten unsrer Physischen
und moralischen Welt  Ich glaube wenn wir alte und neue Begebenheiten nach
diesem Satz beurteilen dass er so ziemlich wahr zu sein scheint  Denken Sie
also da mein Charakter Umstände und Vermögen zusammen trafen und ich just
auch diese Familie finden musste dass es so Recht sei und lassen Sie mich Sie
als einen Mann finden der die Sachen ansieht und beurteilt wie sie sind ohne
Alles aus seinem Verhältnis auszuheben Man nennt die Welt so oft eine Komödie
wo jedes von uns eine Rolle bat Lassen Sie mich die meinige fortspielen In
Ihrer Stadt wär ich nichts als eine Person mehr meinen Wollingen bin ich Alles
So bald ich aber dieser Familie weniger senn oder als lästige Erinnerung meiner
Wohltaten erscheinen werde so gehe ich weg und komme zu Ihnen und Rosalien«

    Freund wissen Sie was gegen all dieses einzuwenden so sagen Sie es Ich
wusste nichts als dass ich meinen Männerkopf noch gegen den ihrigen in der Frage
setzte
    »Aber wenn Sie Herrn von Pindorf einmal sehen was tun Sie da« 
    »Ich sah diese Frage schon lang in Ihnen« sagte sie  »Vergeben Sie wenn
ich sie nicht beantworte teils weil ich ja nicht weiß wenn wie oder in was
für einer Gemütsverfassung er oder ich dann sein werde teils auch weil
diese Frage das Heiligtum meines Herzens angeht«
    Ich erkannte dass sie Recht hatte und sagte ihr dann dass sie mich
überzeuge was für herrliche Früchte eine starke Leidenschaft in einem edlen
Herzen hervorbringe besonders wenn das Schicksal Unabhängigkeit Gewalt oder
Reichtum dazu lege 
    »Ach wie wahr ist dieses« sagte sie nach einigent Schweigen »meine
Leidenichaft für Pindorf stärkte den Ton meiner Seele die das Gute schon
liebte aber ich wollte seine Hochachtung immer verdienen ich wollte dass er
auch von Andern immer Gutes und Edles von mir rühmen hörte und o was machte ich
für Entwürfe für ihn für die Aussichten die er zu seinen Beschäftigungen
hatte Ich wollte jede große Anlage seines Geistes zur übenden Vollkommenheit
erhöhen in jeder Gelegenheit die ausgezeichnete Würde seines Charakters
bestärken er sollte der Gegenstand der allgemeinen Verehrung werden  Aber
dieses Glück war mir nicht vorbehalten Andre haben es  Mögen sie es zu seinem
Ruhm genießen«
    Ich sagte ihr hierauf meinen Lebensplan Sie fand ihn gut reichte mir mit
Rührung und Würde in ihrer Miene die Hand  »Erlauben Sie Ihrer neuen aber
wahren Freundin die Bitte fest unbeweglich bei dem edlen Plan zu bleiben und
ihn auszuführen denn so Viele lieben und wollen das Gute aber wenn es Arbeit
und Beharrlichkeit erfordert so lassen sie wieder ab  Sie haben auf ihrem
Platz fuhr sie fort Niemand neben sich und nur Ihren Fürsten über Ihrem Haupt
Sonst bät ich Sie auch an Allen Obern und Untergebenen unschädliche Fehler zu
tragen und auch von den schädlichen niemals gegen Andre zu sprechen Talente
und Schwächen die jeder hat sorglich aufzusuchen um die Eistern zum Dienst
des Fürsten und gemeinen Besten zu gebrauchen und die Leztern zu schonen damit
Sie immer die Gewalt über ihren guten Willen behalten mögen«  Ich sah sie hier
mit vieler Aufmerksamkeit an »Herr Kleberg es sind keine Vorschriften die ich
einem Manne machen will sondern wünsche dass mein Freund den Nutzen aus
Beobachtungen ziehe die ich über kleine aber bedenkliche Versehen andrer
Männer machte«
    Denk einmal Freund ob Du dieses nicht brauchen kannst Vor unserer Abreise
gab sie uns noch einen schönen Tag da sie das Abendessen im Walde veranstaltete
wozu der Beamte von Mahnheim mit all seinen Kindern eingeladen wurde Ich habe
Ihnen schon oben geschrieben wie der einsame Waldplatz aus sah wo ich weine
lange Unterredung mit van Guden hatte  Dort war auf einem schmalen Grasplatz
am Fuß eines hohen Stücks Felsen  Milch kalter Braten Schinken etwas
Bäckerei und Wein aufgesetzt um die Schüsseln herum im Grase Blumen gestreut
an den Bäumen herum hingen Blumenkränze und ein mit Bedacht ungleiches Stück
der Felsenwand war von Moos und Kräutern gereinigt Rosaliens und mein
Namenszug samt der Aufschrift Klebergshayn darein gegraben und mit grüner
Oelfarbe ausgefüllt  und von diesem Steine hing ein großes Blumengewinde bis
auf den Grasplatz herunter  Wir sangen da des unschäzbaren Klaudius
Waldserenate die Wolling mit der Flöte ein Paar Söhne des Herrn Moos mit der
Violine und ich mit dem Bass begleitete  Wahrlich diesen Leuten kommt die
Langemeile nicht nah Aemsiges Arbeiten wahrer Verstand Güte und mäßiger
Enthusiasmus für das Schöne verewigt ihr Glück 
 
                           Sechs und achzigster Brief
                             Kleberg an Denselben
Frau van Guden hatte mich gereizt diesem Pindorf nachzuspüren Ich ging also
da ich mich von Wollinghof losgerissen gerade nach der Stadt W und erkundigte
mich nach ihm Aber er ist noch immer abwesend Der Wirt erzählte uns es
möchte wohl daher kommen weil er durch seinen zu kostbaren Gartenbau drei
Meilen von der Stadt an den Fluss hin sich in große Schulden gesetzt und seine
Einkünfte zu deren Abtilgung verwalten lasse  Er sei aber ein sehr guter und
großmütiger Herr der schöne Reisen in sein er Jugend getan und auch nach
seinen vielen Büchern sehr gelehrt sein müsse Der ganze Garten sei bei seinem
Vater nichts als ein schöner Wald mit einem Fischteich und kleinem Bächelchen
gewesen neben welchem auf der unteren Seite ein großer Bauerhof gestanden in
dem des Sommers sein Vater und Mutter oben gewohnt und für ihren Sohn und
Tochter alles zusammen gespart hätten was sie gekonnt  Die Tochter sei ein
listiges Tier die von den Eltern schon viel gezogen und von ihrem Bruder auch
mit dem sie machen könne was sie wolle wie man sage weil sie bald lustig bald
spitzfindig bald sehr zärtlich mit ihm spräche bei allen andern Leuten aber
durch ihre Falschheit und döse Zunge verhasst sei An Herrn von Pindorf bitte man
nichts auszusetzen als dass er ihr Alles glaube zu gut sei und nach ihren
Angebungen sich einnehmen lasse Er sei mehr melancholisch als lustig habe mit
seiner Gemahlin gut aber etwas kaltsinnig gelebt  und sei mehr im Walde und
der Bücherstube als bei ihr gewesen ob sie schon recht hübsch und artig auch
gar sanft gewesen In dem Wald aber habe er sonderbare Sachen gemacht mit
Grotten in denen ein weißer Teufel liege eine Blumenhecke wo junge Heren
tanzten und auch hinter einem Baum ein weißer Teufel zusähe  Dann einen See
ganz kostbar mit grauen Bänken und Stiegen wo sich nackende Weibsbilder
badeten und Füße wüschen Sie wären nur von Stein setzte er hinzu aber doch
vielen alten Leuten in der Stadt ärgerlich  Das Haus sei sehr schön aber
närrisch Auf zwei Seitengebäuden wäre gar kein Dach sondern ein Altan von
Regpel und auf dem sechseckichten Dach in der Mitte säßen drei nackende
Kinder die auch fremdes Gesträuch daran hinauf zögen Auf dem breiten Gang oben
wären auch Figuren herum doch stände der Bauerhof noch und man wundre sich
dass er nicht auch lauter steinerne Bauern und Vieh hingesetzt habe  Alle
Fremde gingen aber hin besonders Engländer die lobten Alles und zeichneten
auch den Garten ab  
    Nun kam mir und Rosalien die Lust an diesen tollen Garten zu sehen und es
reut uns nicht denn nichts Schöners hab ich noch nie gekannt Wir gingen auf
der Seite des Flusses wo man das Haus lange im Gesicht hat weil er es etwas
auf einer Krümme voraus bauen ließ Die Hauptgestalt des kleinen Lustschlosses
ist ziemlich bekannt denn es ist in der Mitte ein erhöhter Bau und auf beiden
Seiten sind lange Flügel von einem Stockwerk mit Altanen was man öfter sieht
Aber die Ausführung gehört dem erfindsamen Geiste des Herrn von Pindorf eigen
Auf der Brustmauer beider Altane stehen Vasen von sehr schöner Form Aber das
mittlere Gebäude sieht in der Tat herrlich aus Auf dem unteren Stock ruht ein
breiter Altan auf dessen Brustmauer eine Bildsäule der Flora halb liegend
sich auf einen Arm stützend in einer sehr schönen Stellung gegen einen Genius
sieht der in einiger Entfernung von ihr einen Korb voll Blumen vor sich hat
einige davon in der Hand hält und die Göttinn so ansieht als fragte er Darf ich
sie ins Wasser werfen Ceres auf einer andern Seite mit bedeutendem Aussehen
und auch ein Genius mit Kornähren und Sichel die er froh über seinem Kopf zu
schwingen scheint und seine Garbe freundlich anblickt  Dann folgt Pomona
welche einem Knaben mit einem Korbe voll Obst zulächelt Diese Körbe Blumen
Ähren und Früchte sind von Blecharbeit nach der Natur verfertigt und auch nach
ihren Farben gemahlt  Der Gang ist acht Schuh bis an die Türen des runden
Saals die zugleich die Fenster ausmachen Zwischen diesen vier doppelten Türen
stehen große marmorne Blumentöpfe aus welchen Indische Blettergewächse auch
von Blecharbeit grün und vergoldeten Spitzen hervorsteigen bis über die
Fensterbogen auf das Dach sich erheben und auf diesem durch drei Genien gefasst
werden die sich in verschiedenen Wendungen bemühen sie mit breiten weiß und
goldnen Bändern die in losen Schleifen auf dem Dach herumflattern oben in
einen Busch zu binden  Der Stiel der Bauart ist äußerst edel im wahren
römischen Geschmack Alles ist Silberfarbe mit Öl angestrichen und leichte
Vergoldungen nur wie Sonnenblicke hie und da angebracht  Das Alles macht
wahrlich einen ganz herrlichen und großen Gedanken aus  Forne ein Warf von
Quadersteinen an dem der Fluss immer anspielt und dann ragen hinter den
Gebäuden die hohen Wipfel von Buchen Eichen Erlen in ihrem verschiedenen Grün
hervor  Das ist so wahr ich lebe ein vortrefflicher Anblick Auf der Seite
gegen das Wasser sind in dem ganzen Gebäude lauter artige Zimmer weiß in Gips
ausgeziert aber ganz leicht immer in einem ein Kamin im zweiten ein Bett von
artigem Zitz Spiegelrahmen Tische und Stühle sind auch weiß Die Fenster alle
bis auf den Boden große Scheiben in hölzerne auch weiße Rahmen gefasst und auf
Brustöhe ein schönes Gitterwerk wovon die Spitzen kleine Vergoldungen haben
Gegen den Wald und Garten läuft durchaus ein sechs Schuh breiter Gang dessen
Dach vom Altan anfängt und auf Säulen gestützt ist Von diesem Gange geben auch
durchaus drei Stufen in den Garten herunter und die Eingänge in die Zimmer 
Der obere große Saal ist auch wie die übrigen Zimmer weiß mit vier hohen
Spiegeln und sehr schönen Wandleuchtern mit Blumengewinden Der Fußboden von
grau und weißen Marmor eingelegt  Unter diesem ist gegen dem großen Stück
des englischen Rasenplatzes ein runder offener Saal Wenn man von dem über
dieses flache Stück des Gartens hinschaut das mit Vasen worin Blumen gezogen
werden und einigen Gruppen Genien der schönen Künste geziert ist sieht man
gegen eine Anhöhe auf welcher er die Ruinen eines kleinen Tempels aufbaute und
von einem benachbarten Kavalier die Erlaubnis erkaufte einen kleinen Bach der
auf dem Berge entspringt von seinem ersten Weg abzuleiten und neben dem Tempel
über eine von demselben abgefallne Säule die schief hingelegt wurde fließen
zu lassen Über dem Kapital so von der zusammengesetzten Ordnung ist sprudelt
das Wasser schäumend ab weil es sich an den Blättern und Rinnen stößt weiter
hin fällt es noch über große Stücke Mauern und unten kommts durch einen
kleinen Umweg wiese in das alte Bett nach dem Dorf des Kavaliers Es ist so
gut nach den Regeln der Täuschung gemacht dass man weder den Tempel noch
Wasserfall ganz sieht so dass ob man sie schon das ganze Parterre durch im
Gesicht hat man nicht gesättigt wird und mit Begierde auf den Anblick des
Ganzen bis aus Ende geht wo Pindorfs Anlage durch einen tiefen Graben
begränzt eine schöne Aussicht auf eine große Landschaft und zwei Dörfer gibt 
Pindorfs Wald wird durch dieses Parterre in zwei Teile geschnitten wo er alles
fort wachsen ließ nur aber Sorge trug dass nie faule oder zu sehr verflochtene
Gesträuche drin wären Die Wege sind ungleich bald eng bald weit Auf einer
Seite kommt man auf einmal an einen sehr dunkel verwachsenen Platz wo in einer
großen sehr gut angelegten Grotte deren Eingang mit Rebenstöcken umzogen ist
auf einer niedrigen Moosbank ein Faun auf einem Weinschlauche schläft  Da
batten wir den weißen Teufel unsers Wirts und fanden auch nach einigem
Herumgeben in einem schönen Gebüsch seine jungen Hexen in der Gestalt drei
schöner tanzender Nymphen auf einem feinen Rasen über welchem zwei große
Eichen ihre Zweige ausbreiteten Zwischen diesen ist dichtes Gesträuch gezogen
worunter Wendeblumen Rosen blauer Hollunder Schneeballen etc gepflanzt sind
die hie und da über eine Gras oder Moosbank gebogen sind Hinter einer Buche
steht ein Faun der die Nymphen belauscht Das halb Düstre dieses Platzes und
die sehr vortrefflich gearbeiteten Bilder machen einen Eindruck alter
Griechischer Zeit  Bei hellem Mondschein sagte der Schlosswärter gingen
Kunstverständige wie sie sein gnädiger Herr nenne gern hin weil das Gebüsch
mit Fleiß so ausgeschnitten sei dass der Schein einige Stunden auf die
Tänzerinnen falle und da lasse er auch eine Musik in der Hecke machen wobei
etwas gerade so klänge als ob das runde Ding mit Schellen das Eine über dem
Kopf hielte einen Laut von sich gäbe 
    Ich sagte zu Rosalien »Ey wie schade dass dieser Pindorf nicht Deine van
Guden mit ihrem Gelde heiratete  Diese zwei Leute hätten die Feenwelt
aufgebaut« 
    »Spötter« sagte sie »wie undankbar bist Du gegen das Gefühl von Vergnügen
das Du hier durch Pindorfs Kunstliebe einsaugst und in Wollinghof von der
Phantasiereichen Güte meiner van Guden genossest«
    »Bist Du böse Salie weil Du so große Worte nimmst«
    »Nein sonst hätte ich mehr gesagt« 
    »Was denn Liebe vertrau mir es« 
    »Ach ich würde Dich Leuten verglichen haben die über den Himmel lachen
und doch gern selig würden« 
    »Sieh wie unschicklich ernstaft wirst Du hier in Rosengebüschen Ich bin
viel näher am Geist des Stifters«  Da wollt ich sie küssen
    »O Du machst ein Faungesicht« sagte sie und entschlüpfte meinen Armen mit
Nymphenleichtigkeit und Anmut 
    Vergieb mein Freund dass ich diese kleine Unterredung mit meiner Salie wie
ich sie nenne hier einschalte  Ihre Kleidung Miene Wuchs und Ton
schickten sich sehr artig in diesen Hayn und da bei der Erinnerung des Ganzen
mir auch dieses beifiel schrieb ich es hin  Wenn Du lachst dass ich die Idee
einer Nymphe mit dem Bild meines Weibes vereinige so magst Du es tun Ich
würde im Joch des Ebstandes der elendeste Mensch sein wenn ich nicht mehr
scherzen und mein Weib als eine artige Geliebte ansehen könnte  Jahre Amts
und Kindersorgen werden Sitten und Saiten anders stimmen aber zum Voraus will
ich nichts wegräumen was zu der Blüte meines Glücks gehört und taugt 
    Unser Führer leitete uns nun auf die andre Seite des Waldes wo einige gerade
laufende hohe große Alleen in französischem Geschmack sind wovon zwei an der
einen Ecke des Waldes in einem großen offenen Saal dessen Wände von Haynbuchen
gezogen sind sich endigen Aus den Fenstern siebt man den Wasserfall auf einer
und den Pavillon des Hauptgebäudes auf der andern Seite Dort ist auch ein Platz
zu verschiedenen Spielen  Versteckte Wege von hieraus und ein einziger von
dem Gange führen zu einem großen Wasserbecken mit grauem Landmarmor eingefasst
in welches an einem Ende eine Stiege von dem nämlichen Stein bis auf den Boden
geht auf deren zwei vorletzten Stuffen eine herrlich gearbeitete weibliche
Bildsäule steht die Haare mit einem Band aufgebunden den Oberleib über den
Nacken hinunter bloß mit einer Hand aber hält sie ein feines Gewand über die
Brust mit der andern zieht sie es gegen die Stiege als ob sie es hinlegen
wollte so bald sie ganz im Wasser sein würde denn mit einem Fuß ist sie schon
auf der letzten Stuffe Das andre Knie ist also gebogen und seine schöne Form
scheint ganz genau durch das Gewand wie der eine Fuß aus dem Wasser Oben an
dem Anfange der Treppe ist ein dicker Strauch von rot und weiß gestreiften
Rosen und ein kleines Geländer an der Stiege An dieses lehnt sich die Bildsäule
einer Griechischen Magd einen Arm auf dem Gewande das in schönen Falten über
dem Geländer hängt den andern gegen den Rosenstrauch ausgestreckt von dem ihre
Finger eine Rose fassen Auf dem Gesims steht noch ein Salbentopf in alter
Form Eine dicht bewachsne Laube und die Bäume mit ihren Schatten dorthin
wachen diesen Gedanken zu einem köstlichen Teile dieses Gartens  In
ungleicher Richtung gegen das andre Ende des länglichten Wasserbeckens ist ein
viereckigter Platz mit einer kleinen Bank auf den man zwei Stuffen hinunter
steigt Hier sitzt ein eben so schönes weibliches Bild einen Fuß über das Knie
des Andern gelegt mit dem Oberleib etwas gebogen weil ihre rechte Hand die
leichte Kleidung zurückhält damit sie von dem auffallenden Wasser welches eine
artige Sklavinn aus einem Krug über ihre Füße gießt nicht nass werden möge Sie
blickt dabei holdselig nach dem Mädchen hinauf Dieses Wasser ist das ganz
kleine Bächelchen so durch Pindorfs Wald fließt über welches er eine niedre
Decke wölben und diese mit Rasen belegen ließ so dass man nichts mehr davon
sieht und es durch seine Leitung den Ausfluss gerade durch den Krug der Sklavinn
nimmt der mit dem Fuß etwas auf dem Gras aufliegt gleichsam um dem Mädchen die
Schwere etwas zu erleichtern Das Wasser macht durch das Auffallen auf die
Füße von diesen auf den Pflasterboden und dann im Einfallen in das Becken ein
abgesetztes Geräusch  Hohe Grasarten hie und da stehende mit Fleiß so
angepflanzte Gewächse neigen sich gegen das Wasser und spiegeln sich darin
Moos und Grasbänke findet man da um die Kühlung bequem zu genießen  Ganz im
Gesträuch versteckt liegt ein Bad wohin das Abwasser so dieses Becken
gleichsam durch geseigt auf einer Seite abfliesst Dieser Platz ist auch ganz
von Stein mit Bänken und für acht Personen Raum darin ohne Dach aber eine
Mauer herum von welcher man nach dem äußern Ansehen denkt dass sie die
Einfassung eines kleinen Hofs sei der sich an das auch kleine Haus anschliesse
so daneben steht in welches das kalte Wasser in einen Kessel fließen und zum
warmen Bade gehjetzt werden kann das in einem geräumigen Zimmer mit
holländischen Porcelantäfelchen ausgelegt besteht und auf der Seite vier
artige Zimmerchen mit Betten und Kaminen zum Abtrocknen hat  Von dort aus
kamen wir noch durch einen Teil des Gehölzes der immer lichter wurde und sich
an dem schönen Bauerhofe auf einer und dem Gemüs und Obstgarten auf der andern
Seite endet Hier ist nichts als Wahrheit und Ordnung in Gärtner und
Bauerarbeiten der Hof so wie man Bauerhäuser in Kupferstichen sieht eine
große Linde neben der Haustür an den Zimmern hin die Pindorfs Eltern ehmals
bewohnten ein Gang von Holz die Stuben getäfelt und noch alles alte Geräte
darin sorgfältig verwahrt ein fleißiger geschickter Bauer viel schönes Melk
und Zugvieh viel Gesinde und die großen Felder Wiesen und Baumstücke umher
schön angebaut die reiche Einfalt der Natur mit all ihren rührenden
Annehmlichkeiten neben dem Garten der alle Reize der Kunst in sich sasst  
    Leid war es mir dass die Schulden in welche Pindorf sich gestürzt nun bei
vielen Leuten dem edlen Geschmack schaden dem er sein Geld opferte Denn er ist
doch einmal unter der Menge junger Edelleute die England und Italien
durchreisten fast der Einzige den ich weiß der so viel Würkliches in seinem
Kopfe davon zurück brachte Denn er soll die Zeichnungen der Bildsäulen den Riss
des Hauses Gartens und aller Verzierungen selbst entworfen haben und hat
wechselsweise bei jeder Arbeit dabei mit allen Kräften und Geschicklichkeit
geholfen Hätte er doch jährlich nur eine Summe bestimmt und nach und nach
seinen Entwurf geendigt Aber Jugendfeuer will bald genießen und er hatte
Alles so angeordnet dass Gebäude Bilder Wasserleitungen und Hausgerät so
fertig wurden dass das Ganze mit einemmal da war  Seine Bücher und
Kupfersammlung ist zahlreich und auserlesen  Er hatte mit den Verwandten
seiner Gemahlin über diesen Aufwand viel Verdruss weil er ihre Mitgift auch
darin verschwendet hatte wie sie sagten und Keines von ihnen wollte seine
schönen Sachen sehen Die Ursach warum er seine Kinder so lang allein lässt
ist weil sie von dem Erbgut ihrer Mutter leben die vor dem Großvater starb
und dieser in seinem Testamente seinem Schwiegersohn ausschloss  Die Bedrängnis
seiner Schulden und seine Vaterliebe brachten ihn dazu dass er Alles
einwilligte Aber er wollte dann so lange von W entfernt leben bis er wieder
frei leben könnte  Er war lange düster bei einem Verwandten und ist nun seit
einiger Zeit bei seiner Schwester Es liegt außerordentlicher Geist in dem
Manne aber ich fürchte dass ich Recht habe zu vermuten Böse können ihn unter
dem Schein des Guten missbrauchen  Und hier eine Frage Liegt nicht diese
Weichheit im Kunstund Schönheitsgefühl  Es mag sein wo es will ich danke
dem Himmel dass er es jemand in Deutschland in einem so hohen Maß gegeben hat
wie dieser Garten zeigt
 
                          Sieben und achtzigster Brief
                             Rosalia an Mariane S
Es ist wahr ich schrieb von Wollinghof nur zwei Briefe und von hier nur
Zettelchen aber hören Sie mich Liebe denn nun bin ich zurück in meinem
eigenen Hause nachdem mein Kleberg noch zwei Tage für Madame Guden aufgeopfert
hatte weil er nach der Stadt W ging um dort Erkundigung von Pindorf
einzuholen  Er ist nur so halb und halb mit dem Manne zufrieden ob ihm schon
sein Haus und Garten sehr wohl gefiel Ich schicke Ihnen meine teure
Freundin die Abschrift von Briefen meines Mannes an einen seiner vertrautesten
Freunde worin Sie ihn und das was wir sahen besser erkennen werden als wenn
ich es bezeichnete Dünkt Sie nicht dass ich mir von dem Geist und Herzen meines
Gatten viel Gutes und Glückliches auch für den Winter meines Lebens versprechen
kann Er ist voll Kenntnisse Einsicht und edlen Ehrgeitzes ein bisschen schnell
und spitz in seinen Urteilen weswegen ich sehr froh bin weit von unserm Hofe
zu leben wo er sich sonst durch diese Eigenschaft seines Kopfs große und
kleine heimliche Feinde zugezogen hätte Er liebt meine Empfindsamkeit sagt er
weil sie edel ist und sich nicht mit kleinem Gewimmer abgibt  Ich war nach
unserer Zurückkunft aus Ermattung von der Reise und dann zu übereiltem
Betreiben alles wieder in Ordnung zu bringen vier Tage krank unter denen zwei
Tage voll Schmerzen waren Kleberg besorgte mich mit der äußersten
Zärtlichkeit schlief in einem Nebenzimmer wovon man die Tür offen lassen
musste hatte auch fünf Nächte seinen Schlafrock immer an denn bei dem mindesten
Geräusch oder dem leisesten Ton meiner Stimme wenn ich was von meiner Magd
begehrte war er an der Tür und sah ob ich gut besorgt wäre Oft kam er auch
ohnedies nach mir um zu sehen zu horchen wie ich atmete oder ob die
Wärterinn wachsam sei Da traf es sich eine halbe Stunde dass die arme Person
schlief weil ich äußerst ruhig war die Augen geschlossen hatte und sie mir
die Arznei die ich nur alle Stunden nehmen durfte kurz vorher gegeben  meine
Schmerzen aber sehr heftig wüteten und ich da ganz still und abgebrochen
Gott um Geduld und Hilfe bat damit das arme Geschöpf von dem ich Mutter zu
sein hoffe sein kleines Leben mit mir erhalten möchte Ein Dank für die Liebe
meines Gatten eine Bitte für sein Wohl und um die Dauer seiner Liebe war auch
unter dem was ich flehte  Kleberg hörte dies an dem Fuße meines Bettes Er
unterbrach mich nicht aber sammlete was er gehört hatte in sein Herz und
verdoppelte seine Sorgfalt für mich beobachtete aber auch stets mein Verhalten
 besonders da der Arzt den er sehr früh Morgens rufen ließ nach dem
krampfigen Bewegungen und den starkverzogenen Gesichtslinien auch aus dem Puls
ihm von der Stärke der Schmerzen und Krankheit sprach  Ich bemerkte immer so
viel mein Übel zuließ dass er gleich große Achtsamkeit für den Gang meiner
Ideen und meiner Leiden hatte Als ich nun ganz genesen war hörte ich ihn oft
mit so vielem Lobe von meiner Geduld reden dass ich ihn bat es nicht mehr zu
tun weil es bei einigen Personen Missvergnügen geben könnte  »Nicht Alle
können still seufzen so wenig alle ohne Geräusch lachen können Wer Gott mit
lauter Stimme um Beistand ruft tut es gewiss mit eben der Unterwerfung wie ich
es lisple Du kannst mein Lieber ungerechte Männer antreffen die dann über
ein vom Schmerz erpresstes Ach ungeduldig werden und mich als Vorwurf nennen
könnten da ich bei wenigem Weh auch natürlich weniger klagte« 
    »Meine teure Salie nun kenn ich Dich erst ganz und sieh nun bin ich auch
ganz glücklich  Ich habe Dich in Allem gesehen  in Krankheit allein war ich
noch neugierig Dich zu beobachten Ich hätte Dich immer beklagt weil ich weiß
dass ihr armen Weiber vieles Leiden zu tragen habt Aber gewiss ists dass Deine
sanfte Art mit der Wärterinn Deine Geduld Deine Gebete zu Gott und Deine
unausgesetzte Reinlichkeit mich da noch mehr an Dich fesselten Denn auch
hierinn hat Dein edles Ertragen des Wehs den Teil männlichen Muts angezeigt
den ich stets in Dir schäzte und Deine Gelassenheit und Sorge reinlich zu
sein ist das Schöne des Weiblichen Charakters Ich danke Dir für die Freude
die Du mir gibst in gesunden und kranken Tagen stolz auf meine Gattin zu
sein« 
    Sehen Sie Mariane stolz will er auf mich sein  Der gefährliche Mensch 
mich so gar im Krankenbett zu belauschen Dem Himmel sei Dank dass der Zufall so
für mich sorgte und ihn Gutes hören und sehen ließ Es schmerzt mich doch zu
denken dass die beste würdigste Frau bei einem solchen Manne durch eine
Träne einen Schrei  die uns doch von der Ratur zu Erleichterung des
drängenden und zerreissenden Schmerzes gegeben sind eine Verminderung seiner
Zärtlichkeit erlitten hätte Meine Geduld ist nichts als Gerechtigkeit die ich
aus Beobachtung meiner und Andrer bei Krankenbetten lernte Ich sah dass man
über ungeduldige Kranke müde wurde und ich weniger Mitleiden fühlte Vor Schmutz
und Unordnung eckelte mir so sehr dass beinah der Kranke mir widrig wurde Bin
ich da nicht verbunden zu sorgen dass niemand eins von beiden Stücken an mir
finde  weil ich ja sonst auch die nämliche Bewegungen der Seele erwecken
könnte die ich bei diesen Gelegenheiten fühlte O Mariane wenn nun jemand
berechnen wollte wie viel Wert innerlicher Tugend in meiner Gelassenheit und
in Klebergs Güte für mich lag  was bliebe im Rest  Gelernt habe ich noch
recht klug mit dem Glück meiner Ehe zu wirtschaften und ja meinen Kopf nirgends
in Ermahnungen oder Bemerkungen hervor zu tun weil beides die schlimsten
Wirkungen haben würde Ich verlange auch die Ordnung der Unterwürfigkeit und des
Nachgebens nicht zu unterbrechen und bin gewiss immer noch viel glücklicher als
Tausend der Besten meines Geschlechts nicht sind 
    Der Plan den Sie aus meinen ersten Briefen als Klebergs kennen ist schon
völlig ausgeführt Garten und Haus darin ist gebaut nur dass wir dieses Jahr
noch nicht da wohnen Aber im künftigen Lenz soll ich meine Wochen da balten
weil ich und mein Kind lauter reine Luft atmen ohne alles Geräusch sein auch
dabei die vielen Wachenbesuche vermeiden würde ohne dass es zu Feindseligkeiten
Anlass gehen könne  Was mich innig freut ist dass Kahnberg nur eine halbe
Stunde von unserm Landhaus ist und Orte ein Bauerhaus in unserm Dorfe gekauft
hat es völlig stehen ließ wie es ist und nur von außen es bewerfen und
tünchen ließ  die Stiege innen abbrach und eine PilatusStiege von außen
aufführte von welcher man in die artigsten kleinen Stübchen kommt die so
einfach als möglich ausgetäfelt sind und nicht einen Gedanken städtischer
Geräte haben Den großen Baumgarten des angränzenden Bauers hat er auf einer
Seite und die schöne Flur auf der andern zur Aussicht Unten ist die Küche
Speisskammer und Esszimmer oben sechs kleine Zimmerchen mit einem Fenster einem
Bettchen Stuhl und Wandtischgen und ein kleiner Schrank wovon die Hälfte
Kleider auf zu hängen und die andere Weißzeug zu legen eingerichtet ist  Auf
dem Speicher ist die Weißzeug und Kleiderkammer für Julie und Otten die
Kinderwärterinn das Kind nebst der Köchin und Stubenmädchen Der Bediente hat
seine Schlafstelle an dem Esszimmer es ist recht artig Aber von Madame G und
von Herr F bin ich etwas weit doch im Herbst und Winter finden wir uns
wieder Diese sind wirklich schön für mich denn ich sehe wie Kleberg es
einrichtete täglich von zwei Uhr alle Leute die von unsern Bekannten zu uns
kommen wollen und muss Ihnen etwas in der Tat recht Liebes von einer sehr
würdigen Nachbarinn erzählen bei der es uns Mühe kostete den Zutritt zu
erhalten  Unser Haus hat einen Erker in dem sich mein Mann gern umsieht Vor
acht Tagen da ich wieder im großen Besuchzimmer mich aufhalten konnte waren
einige Leute bei uns Man spielte noch nicht weil man das Ende des
Gottesdiensts abwartete indem wir nicht gut finden Karten durchzublättern
anstatt in der Kirche zu sein und ich muss sagen dass unsre Unterredungen gewiss
moralisch sind Kleberg blieb im Erker und sah dann die Leute aus der Kirche
kommen Da fing er endlich an Salie da ist meine artige himmelblaue
Nachbarinn wieder mit ihrer braunen Mama nach Hause gegangen wenn ich nur etwas
von dieser Familie wüsste 
    Einer von den Männern und Otte eilten zu Klebergen um das himmelblaue
Mädchen zu sehen aber mein Mann konnte ihnen nur noch das Haus weisen »Ach
das ist die Frau und ältere Tochter des Rat Itten gewesen Die zwei Töchter und
die Söhne sind sehr hübsche junge Leute aber man sieht die Erstern nur Sonn
und Feiertags auf dem Kirchweg und Letztere auf dem nach den Schulen den
Mann in Amtsgeschäften und von sieben bis acht im Kaffehause sonst ist keine
Seele sichtbar« 
    »Das ist wahr« sprach Kleberg »denn am Fenster sieht man niemand es müsste
denn in dem kleinen Maulkorb jemand verborgen liegen der über ihrer Türe
steht« 
    Otte lächelte gegen einen artigen jungen oder vielmehr unverheirateten
Mann der neben ihm saß klopfte auf seine Achsel »Da ist jemand der mehr weiß
als wir« sagte er »aber auch mit mehr Mühe«  »Doch nicht mit mehr Vorteil«

    »Wie das Freund Linke erzählen Sie uns doch etwas von der Geschichte des
blauen schönen Mädchens und der braunen Mama denn ich habe beide immer in
diesen Kleidungen gesehen« 
    Herr Linke sagte »Ich auch schon länger als Sie  Aber die schöne
Gestalt der Gang die feine Haut Bildung und Blick des Mädchens reizte meine
Neugierde Ich suchte aus dem Hause gegen über in die Fenster zu sehen aber das
half nicht da sind immer weiße Vorhänge in einem Zimmer und in dem Andern der
Vater zu sehen Meine Ungeduld ließ mich ein Hausmittel brauchen Ich beschenkte
die Magd meiner Schwester damit sie Bekanntschaft mit der Ittenschen alten Magd
machen und diese ausforschen solle Das half und ich hörte es wären sieben
Kinder im Hause für welche die Frau Rätin immer selbst gesorgt habe ihre
Kindermagd Näterin und Strickerin gewesen sei ihr der Magd habe sie immer
helfen waschen plätten den Garten am Hause bestellen worin sie alles Gemüs
und Obst zögen ihre Leinwand bleichten und eine Kuh ernährten  Mutter und
Töchter strickten nähten und spännen das ganze Jahr sie die Magd wäre die
Schwester eines guten aber armen Webers ihre Mutter hätte bei der alten Frau
Itten gedient Dieser habe das Haus gehört und weil sie ihre gute Liesbet
ungern durch ihre Heirat verlor so habe sie ihr aus dem alten Pferdestall
der in das Nebengässgen gehr eine Wohnung zurichten lassen worin ihr Vater
umsonst war und ihre Mutter darneben als Köchinn bei der alten Frau fort
diente den halben Lohn und Essen hatte Sie wäre im Haus erzogen und der Frau
Rätin als Magd zugegeben worden Als ihre Eltern gestorben habe man ihren
Bruder und jüngere Schwester die ein paar krüpplichte Zwillinge gewesen im
Hause behalten weil die alte Frau Itten wohl gesehen dass sie die Ursache sei
warum die arme Kinder in ihrer Jugend versäumt worden da die Mutter immer bei
ihr sein musste nur zu Hause schlief Morgens die Kinder ankleidete Mittags das
Essen zurecht machte und Abends eine Stunde kam Denn sie musste so gar ihre
Spuhlarbeit bei Frau Itten machen als diese bettlägerig war  Die junge Frau
hätte bei der Schwiegermutter viel ausgestanden so gar sie junges Ding hätte
sie in allem verraten müssen Dennoch sei sie ihr gut geblieben und habe ihren
Geschwistern mehr Liebe erwiesen als die Alte Der Herr Rat sei nicht so brav
wie seine Frau lasse sie aber alles tun was sie wolle und da lebten sie
einsam aber recht vergnügt so fort Ihr Bruder sei Meister und webe das ganze
Jahr für Frau Itten ihre Schwester führe die kleine Haushaltung spuhle und
zettele ihm webe auch Handrächerzeug  Stürbe aber ihr Bruder so würde sie
heiraten und das Webergewerbe führen denn sie werde für ihre viele Arbeit auch
so gut belohnt dass sie Geld auf Zinsen gelegt habe« 
    Diese Erzählung gefiel mir und Klebergen sehr Mein Mann fragte ob Herr
Linke denn niemals im Hause gewesen sei oder mit der Mademoiselle Itten
gesprochen habe
    Nein er hätte dies Vergnügen noch nie genossen 
    »Ey pfui« sagte mein Mann »sich in zwei Jahr Zeit so wenig Mühe um ein
liebenswürdiges Mädchen geben  Ich will Sie nicht mehr zu meinem Freund
haben« 
    »Sachte sachte Sie Feuerbrand hören Sie mich erst an  Sie wissen doch
dass ich Ehrlichkeit und gesunde Vernunft habe Konnt ich mir denn eh ich im
Besitz meines Vermögens und einer Bedingung war den Zutritt in eine Familie
schaffen wo so ordentlich und streng auf Wohlstand und häussliche Klugheit
gehalten wird  Die Ittensche Töchter sind mir selbst zu ehrwürdig als dass sie
nur zu einem leeren Umgange der müßigen Stunden eines ledigen Kerls da sein
sollten Denn reich kann die Familie nicht sein und wie viel junge Pursche
suchen jetzt ein Mädchen nur wegen ihrer guten Gestalt und Erziehung  Sollt
ich mir allein oder auch Andern das Haus öffnen lassen ohne Absichten zeigen
zu können die der Eltern und Kinder würdig wären  Wir tun oft genug guten
Familien Schaden die freundlich und treuherzig ihr Haus Gesellschaft und Tisch
einem wohlschwätzigen Menschen überlassen Eltern und ein redliches edles
Mädchen glauben dann das Herz des jungen Manns ganz zu fesseln und der Kerl
genießt jede Achtung und Güte sieht die Hoffnung und Wünsche keimen lässt so
gar die Vermutung in Andern entstehen  Aber wenn er an das artige Aussehen
gewöhnt und durch den täglichen Umgang der Reitz der Neuheit verloren ist
wendet er sich ab wird kalt und sucht auf einer andern Stelle sein Glück 
Das wollt ich nicht  tat es auch niemals Aber wenn Klebergs Kopf und das
Mittel zu der Bekanntschaft mit der Mutter und Töchtern finden kann so werd ich
ihm danken Den Vater kenn ich denn ich gestehe jetzt auch dass ich mit Otten
seine Freundschaft auf dem Kaffehause zu gewinnen suchte« 
    Mit dieser Erklärung waren wir alle herzlich zufrieden Es wurde noch viel
von dem jetzigen Ton der Sitten und Lebensart gesprochen und dass der
eingeführte Aufwand Ursach sei warum so wenig junge Männer den Mut hätten
sich zu verheiraten
    »Das ist nur zur Hälfte wahr« fiel Kleberg ein  »Die Reitze der
Abänderung sind es denn seit dem man sich durch Geschenke bald dieses bald
jenes artige Geschöpf eigen machen kann und dabei der Sorgen für eine Familie
überhoben ist so verschleudert man seine blühende Lebensjahre und Vermögen in
Spielgesellschaften und dem Abschaum der Liebe und hat allen Geschmak an
Ordnung und Beschäftigung verloren Die wenigen Stunden welche man einer armen
verdorbenen Seele gibt werden freilich von ihr durch Scherz Lächeln und Anmut
süß und leicht gemacht was die beste Frau nicht immer tun kann besonders wenn
ihr unser Wohl unser Hauswesen und ihre Kinder angelegen sind 
    Ich muss meine Rosalia eine Unbilligkeit von uns Männern eingestehen die
wir gegen euch auszuüben gewohnt sind Wir wissen uns so viel mir den
vorzüglichen Kräften und Gaben unsers Geistes und dennoch erliegt unsre
Gleichmütigkeit bei dem geringsten Anstoß in dem Gange der Geschäfte des
Schicksals oder bei einer kleinen Anhäufung der Arbeit Und von Euch
schwächlichen Kindern fordern wir eine immer gleiche Heiterkeit und Munterkeit
des Gemüts«
    Madame G und Julie welche mich zu besuchen gekon men waren und aus
Mutwillen der Erstern in meinem kleinen Zimmer eine Zeitlang gelauscht hatten
klatschten mit beiden Händen und riefen bravo »glücklich müsse der Mann sein
der seine Regierung mit so viel Gerechtigkeit anfängt« 
    Ich sagte wenig weil ich in Allem was Ehmänner angeht immer lieber eine
fremde Frau will reden lassen besonders in meinem Hause und mit meinem Manne 
und diese Vorsicht dient meiner Ruhe 
    Nach einigen Augenblicken fragte Madame G was denn wohl den Anlass zu dem
aufrichtigen Geständnis des Herrn Klebergs gegeben hätte  Da wurde die
Geschichte der Ittenschen Familie kurz wiederholt und mein Mann beschloss
feierlich morgenden Tags das Haus zu bestürmen Alle bestärkten ihn Er ließ
sich auch als Nachbar beim Herrn Rat Itten melden der nahm aber seinen
Besuch nicht an  Nun will Madame G mit und wie sie sagt Mauerbrecher
Dienste tun  Aber Kleberg hatte einen neuen und edlen Gedanken Er schrieb
ein Billet an Herrn Itten und verlangte seinen ältesten Sohn als Secretair für
sich  Der junge Mensch hat schöne Zeugnisse von seinen Lehrern bei Klebergen
kann er was werden  Diesen Nachmittag werd ich Frau Itten sehen
 
                           Acht und Achtzigster Brief
                           Kleberg an seinen Freund
Ich denke meinen Briefwechsel so ziemlich ordentlich geführt zu haben Denn die
Anzeige meiner Heirat meine Reise und die Sachen und Leute so mir
begegneten haben alle in meinem vorigen Schreiben paradirt Nun bin ich wieder
in meinem Hause und das auch gern habe den Zirkel meiner Freunde neu
durchlaufen und auch diesen erzählt was ich gesehen und darüber gedacht habe
Nun gabs auch von meinen Freunden Anmerkungen über Eins und das Andre welches
ich Ihnen als Nachlese mitteilen will indem es meistens die van Guden und
Wollinge angeht welche auch Ihnen so vorzüglich waren
    Ich habe mir zu einem besonderen Spaß ein Paar Leute auegesucht denen ich
meine Briefe an Sie vorlass  Der Eine sagte bei dem Bilde der Liebe so die van
Guden zu Pindorf trägt und das ich so ausmahlte und anpries »Geh hin eine
solche Liebe ist Anfangs freilich schmeichelhaft für unsre Eigenliebe und Stolz
Aber sie wird zu einer unerträglichen Last für den Menschen der sie erwidern
soll« 
    Der Andre behauptete dass nicht ein einziger Mann lebe der von einem
solchen Weibe diese unermessliche Zärtlichkeit verdiene 
    Sagen Sie mir welcher von Beiden hat Recht  Ich gestand selbst ein dass
diese große Liebe müde machen könnte wenn die van Guden von nichts andern
sprechen wollte Aber da ihre Unterredungen so abwechselnd wären weil sie von
Allem wüste an Allem Geschmack fände und reichen blühenden Witz mit ihrem
Geist vereinte so scheine mir der Überdruss unmöglich 
    Unser seltsamer aber herrliche Freund Sokan saß da stützte seinen Kopf auf
den Tisch durchblätterte die Briefe meiner Frau und auch meine an Sie hörte
hie und da uns zu warf den Mund auf schüttelte den Kopf und sagte endlich
»Ihr denkt nicht dass in Eurem Urteil über dieses Weib der Maßstab Eurer
Hochachtung für mich liegt«  
    Wir stuzten da und gukten ihn an Er lächelte  »Und das ist wahr« sagte
er »denn wenn ich nun sage dass diese Guden mir so ganz gefällt und ich sie
liebe so teile ich ja auch den Tadel den sie sich zuzog  Wer hätte aber
diesen guten Wollingen da oben geholfen wenn ihre liebe Schwärmerei nicht
gewesen wäre  Der Beamte tat was er konnte Der zierliche Pindorf schenkte
was aber sie blieben doch in der armen Hütte  Liebe dieses Weibs eine Last 
Ich kann es Euch beinah nicht verzeihen«  Dann fuhr er fort »Aber wir
Menschen sind immer voll Widerspruch im Großen und Kleinen Moralisten und
Philosophen behaupten das Dasein eines Hangs zum Wunderbaren und
Ausserordentlichen Wir Vielwisser und Vielseher können es an uns selbst
bemerken und wie deutlich liegt dieser Zug im Volke  dennoch wenn sich unter
uns bei einzelnen Personen ungewöhnliches Verdienst zeigt wie wird es
behandelt was tut der Neid und die Eigenliebe dagegen  Nehmt aber die
Geschichte alter und neuer Zeiten haben je Alltagsmenschen was besonders für
das große Gute getan taten es nicht immer Leute die Kräfte und Mut genug
hatten aus dem gewohnten Landgang heraus und voran zu treten  Ich möchte
wissen warum es so wenig Menschen gibt die das Gute so uneigennüzig verehren
wie die Türken unsern Heiland  Er ist nicht für uns gestorben sagen sie aber
er war ein Mann voll Göttlicher Tugend und nach unserm Propheten verdient er
den ersten Rang  Aber so reden wir nicht wenn sich hervorleuchtendes
Verdienst vor unsere Augen stellt Tadelsucht erregt es bei Männern wie die
Reitze der vorzüglichen Schönheit der Nachbarin in kleinen Weiberseelen nur als
Stacheln würken die Unmut und Widerwillen hervor bringen Und so sprechen oft
Väter vor ihren Buben von Leuten für welche sie ihnen Verehrung und Nacheifer
einflößen sollten  Ihre Guden Wolling und sein Weib sind Leute wie ich sie
liebe was sollten sie aber in einer Stadt machen was  mögen sie immer dort
bei ihren Eichen und zerfallnem Schloss bleiben und möge der Wald so verwachsen
dass man nur mühsam zu ihnen kommen kann denn allein unter dem Schatten wo
keines Menschen und keines Tiers Fuß hinkommt dort wächst die Ceder die
Eiche und die hohe Buche mit der schwanken Erle auf stark mächtig die
Wolken berührend und Stürmen trotzend« 
    Sie kennen ihn den Eiferer wenn er so die Gestalt dessen was sein sollte
und sein könnte vor sich hat wie er da überfliesst und zehn andre Sachen noch
mit sich hin nimmt  Mich freute er und ich trieb ihn weiter da ich ihn nach
der kleinen Erkältung fragte die zwischen ihm und seinen Freunde W entstanden
ist  Er antwortete hitzig »Was Erkältung ich liebte ihn nie mehr als jetzt
Mein halbes Leben gäb ich wenn er den verdrießlichen Handel mit seinen
Verwandten ansähe wie ich  Ich hasste Alle die seinen Wert nicht erkannten
 Alle die seine Güte missbrauchten und mir den Weg zu seinem Herzen
verschlossen« 
    »Ja aber man sagt dass er sich über Beleidigung von Ihnen beklage« 
    »Beleidigung  Ist es Beleidigung wenn ich denke und erwarte dass jemand
in einer wichtigen Gelegenheit seines Lebens alles tun wird was seinen edlen
großen und gerechten Gesinnungen gemäß ist was ich überzeugt bin dass er von
mir in den nämlichen Fall gefordert hätte« 
    Rosaliens edler Freund F fiel ein »Ach eh die Gelegenheit zu handeln da
war wird er gewiss diese Erwartung als dei höchsten Grad Verehrung seines
Charakters angesehen haben und es lebt gewiss kein Mensch der nicht in ruhigen
Tagen die innigste Freude hätte diese ruhmvolle Erwartung in der Seele eines
jeden seiner Freunde zu sehen Aber so bald er sich bewusst sein wird diese
Erwartung nicht erfüllt zu haben so empört sich sein Kopf und Herz bei dem
Gedanken dass man ihn nach diesen Ideen richten werde und alsdann müssen auch
diejenigen die am meisten hofften die widrigsten Gegenstände für ihn werden«

    »Ey warum dieses« 
    »Weil ihm das Bild dessen was ihm sonst schmeichelte nun als Vorwurf
erscheint und wer liebt wohl Vorwürfe« 
    »Aber wenn ich nun einen Freund habe in dem alles Große Wahre und Gute
liegt und wenn dieses der einzige Grund seiner Glückseligkeit ist  und er
ändert sich in einem Falle und wird dadurch elend muss ich ihm da nicht sagen
wo sein Übel liegt«
    »Ach die Menschen sind nur durch ihre eignen Ideen glücklich«  sagte Herr
Fr
    »Schweigen Sie mir von dem Ganzen Die beste Freude meines Lebens ist hier
verloren gegangen Ein großer Kreis von Menschen hat den schönen Anlass zu einer
großmütigen und gerechten Handlung versäumt mit Füßen von sich gestoßen 
Fromme haben nicht als Christen und Philosophen nicht als Weise gehandelt  
Ich habe mich matt geredet geschrieben und gebeten niemand niemand hörte
mich an und endlich misshandelten und missdeuteten mich Alle« 
    »Da müssen Sie denken dass es bei starken Erschütterungen der Seele wie mit
dem Körper geht in welchem durch einen heftigen Zufall die Werkzeuge des
Hörens und Sehens oft lange Zeit zu ihren Verrichtungen unbrauchbar werden 
Eine starke Leidenschaft bringt auch unsere Seele aus ihrem natürlichen Wesen
so dass sie weder die Stimme des Freundes noch das sonst so geliebte Bild
moralischer Schönheit mehr hört und sieht« 
    Nun schlug er seine Hände zusammen »Ach wenn jemand auf Erden mich so
liebt und schätzt wie ich meinen Freund W liebe und schätze se möge ein
grausamer Zufall eher mich töten ehe ich seinem Herzen den Kummer mache den
ich litte« 
    Es war mir nun leid dass ich ihn von dem Berge der Wollinge abgebracht
hatte  Aber ich wollte einem von zwei Leuten die da waren die Seele unsers
S zeigen besonders in dieser Sache wo er so viel Unrecht gelitten hat
    Sie fragten mich letzt nach ihm ob er noch immer Entusiast wäre da er
doch seine Funfzige bald zählen würde Sie sehen das bleibt er mit Leib und
Seele  Ich sagt ihm dass Sie das alles erfahren sollten Es war ihm recht 
nur über Freund W soll ich nichts schreiben sagt er  und ihm dann auch Ihre
Gedanken über die van Guden und ihn lesen lassen Es freue ihn sagt er mit
dieser Frau in einem Brief zu stehen so wie es ihn freue mit ihr zu gleicher
Zeit zu leben
 
                           Neun und achtzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
O wie groß ist das stille Verdienst der vortrefflichen Familienmutter  lassen
Sie mir doch Alles Ihnen schreiben was von der Frau Itten in meiner Seele
haften blieb 
    Sie konnten auf Klebergs Billet nicht schweigen sondern antworteten es
würde beide Eltern freuen den Herrn Residenten bei sich zu sehen Mein Mann
ging gleich hin fand Beide in einem geräumigen äußerst reinlichen aber nach
alter Art ausgetäfelten Zimmer den Tisch in der Mitte auf welchem ein großer
Teppich lag die Stühle und Spiegelrahme von schwarz gebejetztem Holz ein
Ruhbett mit vielen Polstern von Wollgenähter Arbeit  Der Mann schien ihm sehr
verlegen und die Frau gerührt und aufmerksam zu sein Beide dankten ihm für die
gütige Gesinnung die er für ihren Sohn bewiese und die Frau wünschte zu wissen
wie er auf einen ganz unbekannten jungen Menschen gekommen sei 
    Kleberg sagte er hätte sich an dem Tage wo ihm mein Oheim seine Stelle
verschafte vorgenommen auch einen jungen Mann von rechtschafenen Eltern in
sein Haus zu nehmen wie mein Oheim ihn nahm und ihn auch nach seinen Kräften
zu unterstützen so wie ihm wiederfahren sei  mit der einzigen Bedingung dass
der junge Mann einst wieder so denken möge Er hätte sich daher nachdem er
völlig in seinem Dienst und Hause eingerichtet gewesen nach jemand umsehen
wollen Die gute Bildung und vielversprechende Physiognomie ihrer Söhne habe
ihn auf einen von Beiden angezogen die guten Zeugnisse ihrer Lehret hätten ihn
bestärkt und es würde ihn freuen wenn sie den Vorschlag annähmen und er
dadurch mit einer so schätzbaren Familie in ein Verhältnis käme 
    Sie waren Beide in großer Bewegung hatten Tränen in den Augen sprachen
einige Minuten nichts  Endlich stand Herr Itten auf fasste die Hand meines
Manns »Ist es Ihnen Ernst  ganz Ernst«  »Werter Herr Rat wie schlecht
wäre mein Charakter wenn ich mit zwei verehrungswerten Eltern ein Spiel
treiben wollte«
    Nun sagte die Frau »Geh Lieber und ruf unsere Söhne«  Als er weg war
fing sie an »Herr Resident Ihr Vorschlag hat mich in das größte Staunen
gesetzt Aber der Beweggrund den Sie angeben hat mir alles Vertrauen
eingeflößt Es sind vier und zwanzig Jahr dass ich hier bin und ich kann sagen
dass es eben so lang ist dass ich von der ganzen Welt abgesondert lebe und nur
mit meinem Mann und Kindern war Es ist mir süß sagte sie mit einigen Tränen
dass die Versorgung eines meiner guten Kinder mich wieder hervorruft  Sie
werden meinen Segen haben und an meinem Sohn einen Jüngling voll Fähigkeiten
Güte und Tugend finden  Nähren Sie ach nähren Sie die Tugenden die Sie in
ihm finden werden Lassen Sie ja nicht zu dass die einzige Belohnung die ich
für mütterliche Mühe Kummer und Arbeit hatte dass mir diese verloren gehe« 
    Sie war da aufgestanden gegen meinen Mann mit flehendem Gesicht und Händen
hingetreten und hatte ihn angeblickt dass er ganz erweicht und bewegt ihre
beiden Hände ergriff und ihr vor Gott angelobte getreu für die Sitten und
Gesinnungen ihres Sohns zu sorgen Wenn sie aber einmal befürchten sollte dass
Gefahr für seine moralische Güte da wäre so wollte er dulden dass sie ihn wieder
nähme
    »Ach wiedernehmen dieses hälfe nichts mehr Denn wenn er einmal bei Ihnen
ist so wird seines Vaters Haus nicht mehr für ihn sein was er bis jetzo war«

    »O glauben Sie gewiss dass Verehrung und Liebe für seine Eltern die Gefühle
sein werden die ich um eifrigsten in ihm unterhalten will« 
    »Das glaub ich wohl  Aber es ist so viel Reitz in dem Glänzenden das Sie
umgibt dass die Sinne des jungen Menschen hingerissen werden  Wie sollte es
ihm dann wieder hier und mit uns gefallen«  sie wies da in dem Zimmer umher
    »Aber teure Frau Rätin es wäre ja so nicht möglich dass Ihre Söhne immer
bei Ihnen blieben« 
    »Das weiß ich und deswegen willigten wir gleich in Ihren Antrag  auch
vergeben Sie besonders ich deswegen weil Sie so nah bei uns wohnen Nicht aus
übertriebner Mutterliebe für mein Söhnchen sondern allein in Hoffnung den Gang
seiner Gesinnung genauer bemerken zu können« 
    »Zu dieser Absicht teure Frau Rätin wird Ihnen die Bekanntschaft mit
meiner Frau am meisten dienen Sie ist nur vier und zwanzig Jahr alt aber ihre
Seele ist voll Edelmütigkeit und Tugend ob sie schon in einem großen
gesellschaftlichen Zirkel lebte« 
    »O ich bin überzeugt dass dieser große Zirkel viele viele vortreffliche
Menschen hat Aber die Umstände müssen günstig sein Dies konnt ich meinen
Kindern nicht versichern deswegen hielt ich sie zu Hause und wollt es so lange
tun bis die Denkungsart die ich in ihnen wünschte so stark und so zur
Gewohnheit geworden wäre dass sie sich niemals ganz verlieren könnte« 
    »Ich verehre Sie wegen alles dieses werte Frau Rätin Glauben Sie nur
dass meine Rosalia und ich nichts untergraben werden was Sie aufbauten«
    Nun kam der Vater mit beiden Söhnen in das Zimmer Die jungen Leute hatten
sich etwas gut angekleidet machten furchtsam aber mit Anstand ihre Verbeugung
und blickten ihre Mutter an  Sie hatte sich völlig gefasst ging gegen sie
nahm sie bei der Hand und sagte meinem Manne »Hier sind meine zwei guten Söhne
von denen Sie einen zu haben wünschen Beide haben Ihr Billet gelesen Der
Aeltere war brüderlich genug dem Jüngern zu sagen dass wenn es ihn kränken
sollte diesen angenehmen Platz nicht zu haben so möchte er es ihm vertrauen
es würde ihm lieb sein ihm durch den Vorzug den er ihm geben wollte eine
Probe seiner Liebe abzustatten Der Jüngere dankte und erklärte da dass er
gerne Theologie studieren möchte und also von seinem Weg abkäme Doch weil der
Antrag so edelmütig gemacht wäre und es ein Vorteil für ihre guten Eltern
vielleicht auch für ihre übrigen Geschwister sein würde so wär es billig dass
der Herr Resident wählen sollte Träfe das Loos ihn so wollte er dann seinen
Wunsch nach dem theologischen Studium aufgeben um so mehr da er nun wisse dass
sein Bruder es ihm gern gönnen würde« 
    »Nun wählen Sie« sagte der Vater
    Stellen Sie sich teure Mariane einen Augenblick die Gruppe vor  Vater
Mutter zwei Söhne mein Mann der wählen sollte  die Andern auf seine Augen
auf ihn sehend  Er ging gegen die jungen Leute und reichte jedem eine Hand
»Da Sie edle Jünglinge Beide ein gleiches Vertrauen in mein Herz haben wie
ich zu Ihnen so will ich so wählen dass Sie Beide zufrieden sein werden Sie
zu den Eltern vertrauen sich und Ihr Schicksal mir und Sie zum Jüngern sind
mein Freund  und erlauben dass ich eine Stelle im fürstlichen Stipendio für
Sie nachsuchen darf wo Sie Ihr Studium verfolgen können« 
    Da wollten die junge Leute Klebergs Hände küssen aber er umarmete Beide von
Herzen und freute sich dass er junger Mann von acht und zwanzig Jahren der
Gegenstand des Danks und der Hochachtung dieser schäzbaren Eltern und Söhne war
 Die Mutter ergrif die Hände ihrer Kinder hielt sie an ihre Brust »Dank meine
Kinder innigen Dank und Segen für die Freude die euer Wohlverhalten mir
gibt  Nun bin ich belohnt  ich seh den Anfang eures Glücks auf euren
Fleiß und Tugend gegründet  Freut euch auch eure Mutter glücklich gemacht zu
haben« 
    Die guten Söhne konnten nun nichts mehr sagen sondern küssten den Eltern die
Hände Mein Mann sprach dann von dem Gehalt und den Beschäftigungen die er ihm
geben wolle und dass er doch die matematische Stunden fort halten sollte  Von
Frau Itten bat er sich die Erlaubnis aus dass ich zu ihr kommen dürfe Sie sagte
aber dass sie den andern Tag mit ihrem Mann und Söhnen zu uns kommen würde 
Nachdem kam mein Kleberg herrlich wie von einer Eroberung zurück umarmte mich
mit Entzücken »Salie liebe Salie Du sollt meinen Dank annehmen den ich gern
diesen Augenblick Deinem Oheim sagen möchte  Er der gute rechtschaffene
Mann hat durch sein Beispiel mich fähig gemacht zu tun was ich an den Ittens
tun will und er hat mir den seligen Morgen bereitet«  
    Da erzählt er mir was ich Ihnen schrieb und ich fahre fort auch das
aufzusetzen was mir die liebe Frau von ihrem Leben und Grundsätzen sagte  Wir
ließ sie auf ein Frühstück bitten weil Nachmittags immer viel Leute zu uns
kommen und wir diese Frau allein genießen wollten  Ich nahm sie aber nicht
in meinem großen Besuchzimmer an sondern in dem ganz weiß getäfelten so an
unserm Esszimmer ist wo wir den Kaffee geben weil es im neuen Geschmack eben
so simpel ist als Frau Itten Zimmer nach dem alten denn die Stühle haben auch
nur hölzerne Lehnen die Kissen von Zitz und alles Holzwerk weiß in Oelfarbe
gemahlt  Ich und mein Mann kleideten uns auch äußerst simpel an um diese
schätzbare Frau durch keinen Schein von Pracht zu verletzen  Die erste halbe
Stunde ging mit dem Frühstück und allgemeinen Gesprächen vorüber wobei ich
immer alles unterbrach was Danksagung gewesen sein würde Kleberg nahm dann den
Vater und die Söhne in seine Bibliothek und als ich bei der Frau allein war
sagte ich ihr dass der junge Herr Itten von mir alle Freundschaft und Sorge
einer Schwester genießen sollte dass ich sie aber bäte mir auch die
Bekanntschaft und Umgang ihrer Töchter zu schenken 
    »Ach Frau Residentin ich werde wohl den Bitten meiner Kinder nachgeben
müssen Es sind die ersten die sie mit so viel Eifer an mich tun  Aber ich
sehe daraus wie viel Gewalt sie sich bisher angetan haben keine Freude außer
meinem Hause zu suchen Ich danke nur Gott dass da der Strom der Welt in meine
Familie dringen sollte er nur eine Schleuse aushob und nicht die Dämme
niederriss welches durch Verführung meiner Söhne geschehen wäre« 
    »Ich bin auch froh dass ihr Haus nur der edlen und redlichen Hand meines
Klebergs geöffnet wurde Denn so wie ich Sie jetzt kenne würde ich jedem Andern
den Zutritt beneidet haben Laffen Sie es sich nicht leid sein teure Frau
Rätin dass Sie dem Ruf des Schicksals nachgaben Ihre guten Kinder sind ja doch
für die gesellschaftliche Welt geboren und so erzogen dass sie Gutes darin tun
können Eine Frau schließt sich leicht ein und lebt nur für ihr Haus weil sie
am End ihrer Bestimmung ist Aber junge Personen die noch keinen gewissen Platz
haben die müssen gekannt sein dass man sie suchen kann« 
    »Das weiß ich nicht sagte sie Ich kenne freilich von dem hiesigen
Frauenzimmer nur die welche in unsere Pfarre gehören aber ich habe seit vier
und zwanzig Jahren viel artige und schöne Töchter aufblühen sehen die dem Auge
durch ihre Gestalt und abgeänderten Modeputz und Kleidung besser gefallen
mussten als meine Töchter die ganz gewöhnliche Figuren und gar gar keine
abwechselnde Verzierung ihrer Person haben  Ich seh auch viele junge
Mannsleute so kostbar und reich in ihrem Anzuge dass sie gewiss Vermögen haben
eine Frau zu unterhalten Und die bekannten Frauenzimmer mit denen sie sprechen
und sie begleiten welken dennoch mit all ihren Reitzen Putz und Talenten an
der Seite ihrer Mütter dahin wie es meinen Töchtern in der Einsamkeit meines
Hauses und ihrem einförmigen Aufzuge geschehen wird  und ich bekenne Ihnen
dass ich meine Töchter dahin gebracht habe dass sie lieber als ungesehene Blumen
einer Einöde die allein der Sonne und dem Himmel blühten absterben wollen
als von vielen gesehen und von keinem gewünscht eine Zeitlang glänzen endlich
als eine schon lange gewöhnte Sache an der nichts Neues mehr zu bemerken ist
außer aller Achtung gelassen werden« 
    »Ich kann Ihnen in alle diesem nicht Unrecht geben Die zu eifrige
Nachahmung der französischen Erfindungen der Pracht und kostbaren
Zeitvertreibe sind allem Ansehen nach Ursache dass die Heiraten seltener werden
weil man immer fürchtet sein Auskommen reiche nicht zu mit Frau und Kindern
standsmässig zu leben« 
    »Das ist auch wahr Denn wenn ich nach dem Titel meines Mannes und der
jetzigen Mode wie man es heißt standsmässig hätte leben mich und Kinder
kleiden das Hausgerät schaffen sollen so hätt ich kaum für zwei Kinder das
Nötige gehabt und die andre fünfe hätten darben müssen« 
    »Sind denn die Einkünfte des Herrn Rat so gering« 
    »Wissen Sie denn nicht dass er eigentlich nichts als zweiter Registrator
ist und nur der kleine Stolz seiner Frau Mutter ihm den Ratstittel kaufte Ich
war auch stolz und klug genug als Frau Rätin mich keiner Geringschätzung
blosszugeben und ganz geduldig als Frau Registratorin kärglich zu leben«
    »Sie sind nicht von hier meine Frau Rätin das weiß ich Haben Sie auch
keine nahe Verwandte in der Stadt«
    »Ich bin fremd Mein Mann hat Verwandte aber keine Freunde sonst hätten
wir auch nicht so eingeschlossen gelebt« 
    »Keine Geschwister sind es doch nicht diese unfreundliche Verwandte«
    »Nein nur ein Oheim mütterlicher Seite der großes Vermögen aber eigne
Kinder hat und meinen Mann der stillen ruhigen Ganges lebt nicht achtet und
ihm bloß zu dieser Stelle half Wenn mein Vater länger gelebt hätte so wär er
besser besorgt worden Aber er starb als ich noch Braut war hinterließ auch
sieben Kinder wovon mein ältester Bruder seine Oberamtmannsstelle mit der
Bedingung bekam meine Mutter und die übrige Kinder zu unterstützen Er hat es
getreu getan  und Gott lohnt es ihm denn er steht gut und hat rechtschaffne
Kinder Zwei meiner Brüder und eine Schwester sind in Amerika recht glücklich
einer der als Pfarrer mit deutschen Emigranten hinzog und meine ältere
Schwester zu Führung seines Hauswesens und den Bruder als Baumeister mitnahm
Eine Schwester ist Hofmeisterin in einem adelichen Hause und die vierte wartete
unsrer guten Mutter bis ans Ende mit kindlicher Liebe wo sie dann mit dem
Amtsschreiber unsers Bruders verheiratet wurde und bei fünf Stiefkindern eine
eben so gute zärtliche Mutter ist als ich bei meinen eigenen  Meines Mannes
Vater und der meinige waren Universitäts Freunde gewesen und das stille
Gemüt meines Itten brachte seinen Vater auf den Einfall er würde sich am
besten auf das Land schicken zumal da er Blumen und allerhand kleine
Handarbeiten Feldmessen Zeichnen usw allen andern Zeitvertreiben vorzog
Er schickte ihn mit neunzehn Jahren zu meinem Vater in die Kost und Lehre Unser
Graf hatte da sein Schloss bis auf die Schreinereisachen aufgebaut Der schöne
Itten war immer beim schnitzeln und hobeln machte was ihm mein Vater zu tun
gab gut besonders hielt er die Registratur in der größten Ordnung er schrieb
eine schöne Hand und war in seinem Betragen sanft voll Güte Gefälligkeit und
Ruhe Zwei Jahr achtete er auf nichts als Schreiner und Tüncherarbeit im neuen
Schloss worüber ihm auch mein Vater die Aufsicht gegeben hatte Viehzucht
Acker und Wiesenbau gefiel ihm auch aber Amtalten und Berichte machen das
gefiel ihm nicht Philosophische und moralische Schriften waren seine Freude und
im Winter lass er uns Mädchen bei unsrer Arbeit halbe Tage vor Endlich fasste er
eine heftige Liebe für mich Mein Vater wollt ihn durch mich zu weiterm Studiren
bringen aber er redte mir so viel gegen die Rechtsgelehrteit und von dem
Vermögen seines Vaters und dass wir nur von der Landwirtschaft leben wollten
und so dass ich ihn nicht weiter plagte Sein Vater starb vor dem meinigen da
er in Eile heim musste um ihn noch zu sehen Seine Mutter zog in die Stadt wo
sie immer gern war in das Haus wo ich noch wohne und suchte da durch ihren
Bruder ihrem einzigen Sohn in der Stadt ein Amt zu erhalten Es ging ein Jahr
hin eh es geschah und sein Oheim hielt ihn zu nichts tauglich als zum
Registrator welches seiner Frau Mutter zu wenig dünkte Sie kaufte ihm den
Titel eines Rats wollte ihn auch vornehm verheiraten aber er sagte ihr seine
Liebe für mich worüber sie sehr böse war weil sie ihn in eine reichere und
größere Verbindung zu bringen hoffte Er grämte sich über ihren Widerspruch zum
Krankwerden Verlieren wollte sie ihn nicht und gab endlich ihre Einwilligung
aber ich sollte nicht bei ihr essen und wohnen Das verbarg mein Mann alle vor
unserer Trauung weil er befürchtete ich würde sonst mein Wort zurücknehmen 
Aber auf unserer Hieherreise sagte er mirs mit Tränen und Bitten mit seiner
Mutter Geduld zu haben Was sollt ich tun  er hatte sich mehr geliebt als
mich und litte dabei eben so viel wohl mehr weil er sich Vorwürfe machte mich
in die Gewalt einer bösen Frau gegeben zu haben Denn seine Mutter ließ mich nur
Einmal zu ihr kommen und sagte mir da auch mit Rauhigkeit ich sei an dem
ersten Ungehorsam Ursache den ihr Sohn ihr erwiesen hätte und da sie als
Mutter wisse wie viel ich seinem Glücke geschadet habe so dürfte ich mich
nicht wundern wenn sie mich nicht gern um sich leiden könne Ich möchte also
sehen wie ich mit der halben Besoldung meines Mannes für meine Kost Wäsche
Holz Licht und Kleidung auch für Gäste sagte sie spottend zurecht kommen
könne Denn da sie um meinetwillen nicht allein essen und der Gesellschaft ihres
einzigen Sohns beraubt sein wolle so müsse er mit ihr speisen und die halbe
Besoldung zu einem Kostgelde fortgeben Er habe sonst die andre Hälfte für sich
allein gehabt weil er sich aber gegen ihren Willen verheiratet hätte so möge
er fühlen was die Straffe Gottes für Ungehorsam sei und sein Weibchen möge ihm
büßen helfen  Ich sagte es wäre mir leid gegen ihren Willen in ihr Haus
gekommen zu sein Mein Mann wäre mir deswegen nicht weniger lieb Sie möchte
also doch ihm sein Leben nicht verbittern ich wollte mir von seiner Mutter
Alles gefallen lassen aber es freue mich zu wissen dass Itten von meinen Eltern
niemals die geringste Härte zu erdulden gehabt habe Da nannte sie mich ein
naseweises Ding ich solle ihr aus dem Gesicht gehen Das tat ich Ihr Bruder
nahm meinen Besuch gar nicht an und ich wollte niemand sehen machte also nur
dem Pfarrer einen Besuch und ging nirgends hin als in die Kirche und im Sommer
Abends im Mondschein wenn meine Schwiegermutter schlief mit meinem Mann
spazieren welches auch die einzige Gelegenheit war in der ich die Stadt sah
Und so ist es auch meinen Töchtern gegangen  Nach Hause schrieb ich nichts
als ich wäre zufrieden Helfen konnten mir die Meinigen nicht ich hätte sie
also vergebens gekränkt Es war mein Glück dass ich Betten und Weißzeug von
Hause hatte sonst wäre mir übel gegangen denn die Magd durfte mir nichts geben
und ihre Tochter die mir zugegeben wurde musste alle meine Schritte beobachten
so gar aß das böse junge Ding mit mir Ich hatte nur die Hälfte meiner Aussteuer
fertig gemacht bekommen und das Übrige an Stücken Da nähre und strickte ich
kaufte mir Flachs und Baumwolle spann da fleißig klagte nie aß gering immer
entweder nur Suppe oder nur Gemüs wenig Fleisch  schrieb alles auf was ich
brauchte und gab am Ende des ersten Quartals meinem Mann noch Geld zurück Was
er für mich litt kann ich nicht genug beschreiben Seine Mutter hasste so gar
meine Kinder und der Weberin die zugleich ihre Magd war erwies sie alle
Freundschaft und Achtung In den letzten fünf Wochen ihres Lebens da ich sie
bewachen und warten half bereute sie es bat mich um Vergebung und schenkte
mir die Kleider die sie noch übrig hatte Nach ihrem Tode fand sich das
Vermögen sehr gering so dass sie in der Tat, die halbe Besoldung meines Mannes
nötig gehabt hatte weil sie gar gut lebte Nun verkauften wir was an Silber
und anderm entbehrlich war und kauften uns einen Acker und Wiese weil uns die
Landhaushaltung immer freute Der große Garten meines Hauses stößt an einen der
ganz nahe am Tor liegt den kauften wir auch Da konnten wir zwei Kühe halten
zogen durch Pacht unser Korn in den Gärten Gemüs und Obst selbst und aßen
gering  Ich hob alle meine artigen Kleider für meine Töchter auf und trug die
von meiner Frau SchwiegerMutter Mein Bruder schickte mir wohlfeilen und guten
Flachs davon schaffte ich mit meinen Töchtern und der Magd die das beste
Geschöpf wurde viel Weißzeug Die Weberfamilie hatt ich beibehalten und tat
ihr Gutes Diese webten immer auf zwei Stühlen für mich Ich bleichte in meinem
Garten und verhandelte dann Leinwand und Baumwollenzeug gegen das was ich für
meinen Mann und Kinder brauchte machte auch vieles zu Gelde für meine Kinder
und gab meinen Töchtern die Freude das immer Jede was zu ihrer Ausstattung
erhielt und immer das Beste so sie selbst gesponnen hatten Seitdem alle viere
mit mir und der Magd spinnen hat es Vieles getragen Meine Kinder waren mir
Gesellschaft genug Ich suchte ihnen ihr Leben zu versüßen so viel ich konnte
Sie sind alle gute Landwirte und meine Mädchen wissen alle Weibsarbeiten von
mir wie meine Söhne Schreinerei Tünchen Zeichnen und etwas mahlen von ihrem
guten Vater gelernt haben  Alles was sie in der Moral und Geschichte lernten
mussten sie bei mir und ihren Schwestern wiederholen und ich hatte das Glück
Alle mit der Hoffnung einer herrlichen Zukunft bis auf diesen Augenblick zu
führen  Ihre Seelen sind rein wie sie am Tage ihrer Taufe waren Ihr
Verstand ist hell weil niemals das geringste Vorurteil oder Märchen darein
gelegt wurde Sie sind gut weil ihnen niemals übel begegnet war gesund und
schön weil Ordnung und Einfalt in Leben und Nahrung beobachtet wurde  Ach
bis hieher hat Gott geholfen  Ich muss Ihre Freundschaft für einen Fingerzeig
von ihm ansehen mit welchem er meinen Kindern ihre Lebensbahn bezeichnen will
und ich will ihm in Ihnen und Ihrem Gemahl vertrauen  Nur eins bitte ich
Wenn Sie mich auch besuchen und meine Töchter sehen werden auch diese manchmal
wohl allein zu Ihnen kommen könnten legen Sie durch Ihre Achtung für mich und
durch Ihren Beifall einen Wert auf meine Grundsätze  und dass glänzende
Freuden die sie geben meinen Kindern das Einfache nicht verächtlich machen« 
    O Mariane ich zerfloss in Tränen und bat die edle würdige Frau um die
Erlaubnis sie Mutter zu nennen
 
                               Neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Da komm ich vom Frühstück aus dem Ittenschen Hause trunken von Bewunderung und
noch nie gefühltem Vergnügen  Ach Gott was können die Menschen nicht wenn
sie sich mit vereinigten Kräften des Guten befleissen und was für ein seliges
Geschöpf bin ich durch die Bekanntschaft mit so vielen vortrefflichen Leuten
Wenn man den Adel der Seele durch edle Freunde beweisen müsste wie den der
Geburt durch edle Ahnen so wär ich ja in der höchsten Klasse Vielleicht
könnte man da mir auch sagen viel Glück und wenig Verdienste  aber wir
wollen zu Frau Itten gehen  Es ist ein altes steinernes Haus mit einem großen
Torweg in den man durch eine kleine Türe kommt Unten sind lauter große
Gewölbe wovon sie eins zu einer sehr luftigen Heu und Kornscheune gemacht und
das andre zu ihrem Holzvorrat gebrauchen In der Ecke führt eine hohe steinerne
Wendeltreppe in den Stock der über den Gewölbern ist dieser hält drei Zimmer
auf die Straße wovon eins das ist worin Kleberg auch das Erstemal war und
was noch die Geräte von Ittens Großvater hat Das Andre ist seine Arbeitsstube
in der auch der Maulkorb am Fenster ist wie mein mutwilliger Mann es nannte
und das Dritte wo Herr Linke auch nichts als weiße Vorhänge sah ist die reiche
Vorratskammer von Leinwand Baumwolle Flachs samt vier gleichen Schränken
apart gestellt mit den Namen der vier Töchter beschrieben worin die Stücke
Weißzeug liegen die sie sich durch ihren Fleiß geschafft haben Die von den zwei
älteren Töchtern sind beinah ganz voll zum Teil mit schön genähtem Tisch und
Bettzeug samt Hemden und Handtücher Das ist alles so schön geordnet und
Blumen von Federn gemacht künstlich dazwischen gesteckt welches zusammen auf
dem Himmelblauen Grunde womit die Schränke inwendig bemahlt sind einen recht
angenehmen Anblick gibt  Ich sah bei dem Vorrat der älteren Töchter zwei
Stücke schön geblumtes Zeug liegen und sagte da ist schöner Zitz  Die Mutter
lächelte  »Hannchen weise es der Frau Residenten«  Sie tat es  was war
es  Feiner im Hause selbst gesponnener und gebleichter Kattun worin mit der
feinsten englischen Wolle so niedlich gestickt war als man es mit Seide immer
machen kann und dies ist zu Betten und Stuhlküssen bestimmt  Da sah ich erst
auch die Kleidung der Töchter an die alle aus dergleichen Zeuge von ihrer
eignen Arbeit bestand Hannchen hatte Ranken von Holzfarbe und blaue Windblumen
dazwischen welches zu ihrer schönen blonden Farbe und feinem Wuchs gar artig
stand Die Zweite Lenette ein liebenswürdig munteres Mädchen mit großen
braunen Augen hatte sich in gelber Schattirung nach einem Geschmackvollen Riss
ihr passendes Hauskleid genähet Die Dritte hatte lauter Rosenknospen darin
verstreut  und die Jüngste von zwölf Jahren eine Menge ganz kleine Blümchen
von allen Farben hinein genäht Ihr Bett sagte sie müsse auch voll kleiner
Vergiss mein nicht genäht werden  Ihre Hauben Halstücher und Manschetten waren
von lauter selbstgeklöppelten leichten Spitzen wie auch die von der Mutter
welcher die zwei Ältesten Haube und Halstuch die Jüngern aber jede eine
Manschette dazu verfertigt hatten Ihre Kleidung war violet und weiß
gestreifter auch im Hause gearbeiteter Zeug  Wir trunken dann Kaffee mit
köstlichen Milchrahm und Brödtchen so eine Tochter dazu gebacken hatte Das
Kaffeezeug war weiß ohne alle Malerei  Der älteste Sohn der uns zugehört
war sehr fleißig um mich herum und wurde von Eltern und Geschwister so
liebreich und mit so viel Achtung behandelt dass es mich dünkte sie sähen ihn
als eine gute Prophezeihung für sich alle an Es rührte mich sehr und ich
versprach in meiner Seele alles für die guten Kinder zu tun Ich sagte
endlich »Mama Itten ich muss Ihr ganzes Haus und Garten und Kühe und Weber
sehen Ihre neue Tochter Kleberg darf nicht fremd aus Ihrer Wohnung gehen«
    »Ihre Neugierde soll vergnügt werden«  Da gingen wir die halbe
Wendelstiege hinunter in ein Seitengebäude das auf einer Fensterreihe den Hof
und auf der andern den Garten hat Von der Treppe kommt man auf einen Gang der
das Licht von dem Speicher empfängt und hier geht man links in die Küche und
Speisekammer die beide höchst reinlich und schön weiß getüncht sind Sie kochen
in lauter irdenen Geschirr und essen aus ganz altförmigen Zinn  Dann ist ein
großes Wohnzimmer dessen Wände von Vater und Söhnen artig gemahlt sind Die
Stühle und Tische sind ganz glat aber alle von Herr Itten selbst verfertigt
nussfarb angestrichen und lackirt Auf einer Seite standen fünf Spinnräder und
kleine Stühlgen dabei Über jedem Platz war ein Haken in der Wand woran die
Stränge Garn hingen die jedes diese Woche schon gesponnen hatte Dieser Anblick
bewegte mich innig  Gewiss ist Fleiß eine Tugend ich fühlte es da in der
Ehrfurcht die mich in diesem Zimmer durchdrang  Hannchen sagte zu unserm
Itten indem sie traurig lächelnd auf einen Stuhl wiess  Ernst nun liesest du
uns nichts mehr vor  Dann gingen wir in das Schlafzimmer der Eltern Da ist
ein altes großes Bett von schöner Schreinerarbeit mit uralten aber starken
und reinlichen grün und weißen Vorhängen mit Franzen von nehmlicher Wolle und
Garn geziert ein Grossvaterstuhl und ein Paar andre von grünen Tuch auch mit
Franzen Zwei Schränke sind auch da wo in einem Herr Itten in dem zweiten
seine Frau ihr Weißzeug und Kleider haben In einem Pfeiler des Hauses neben
dem Bett ist ein kleiner Schrank worin die Hausarzeneien und immer eine
kleine Flasche Spanischen Weins guter Essig Mellissengeist vorrätig ist
nebst ein Paar Töpfen mit Salben gegen Wunden und Brand Das geschriebne
Arzenei und Kochbuch ist auch dabei Die vorderen Fächer kann man aber ausheben
und hinter denselben Geld und Kostbarkeiten verwahren  Diese Überbleibsel von
der einförmigen häuslichen Klugheit unserer Vorväter waren mir ehrwürdig und
schätzbar  Denn ist noch ein Zimmer abgeteilt wo in einem Teile der jüngste
Sohn von elf Jahren schläft zu dem die Mutter gleich kommen kann wenn ihm was
fehlte und in der zweiten Hälfte ist das Weißzeug so zum täglichen
Haussgebrauch gehört und Näharbeit Hier gingen wir über den Gang in ein
unbewohntes aber sehr freundliches Zimmer mit zwei Betten die Vorhänge des
einen und die Wände grün ein großes Fenster gegen Morgen in den Garten hinaus
das andre Bett nur ein schmales Ruhbettgen ein gemächlicher Lehnstuhl ein auch
schmales langes Hängtischgen an der Wand und das einzige Gemälde so ich noch
im Hause angetroffen stellt die Auferstehung Christi vor und ist von einem
sehr guten Meister wie Kleberg sagt Zwei nach der alten Art als Herzen
formirte Blumenkrüge von blau und weißen Porcelan mit etlichen Oeffnungen und
ein kleiner Schrank der unten im Tisch angebracht war vermehrte mein
aufmerksames Umhersehen  Frau Itten sagte dann »Dies ist unsere Krankenstube
damit die gewöhnlichen Schlafzimmer gesund bleiben und der Kranke gemächlich
sein kann Gegen Morgen ist es am freundlichsten denn Kranke verlangen nach
durchlittenen Nächten so sehr nach dem Tage und da können gleich die ersten
Strahlen der Morgenröte einbrechen und sie trösten Die grüne Farbe ist für
schwache Augen am besten  und dieser Gedanke« da wies sie mit Andacht auf das
Gemälde »ist die größte Stärkung in Schmerzen und im Tode  Die aufwartende
Person schläft hier und kann auf das Bett sehen Kleine Besorgnisse sind auch
da« sie machte den Schrank auf »da ist Alles was man nötig hat«  Der
zweite Sohn hob den Hängtisch ab und passte ihn quer über das Krankenbett in
einen Ring stellte dann auf den Boden den Fuß fest »Das ist gut 139sagt er
wenn man diesen Tisch noch braucht denn da kann der arme Kranke selbst essen
und trinken«  »Aber er drückt ihn nicht sagte die jüngste Tochter denn sehen
Sie wenn ich auch die Decke so hoch hebe als ein dicker Kranker sein kann so
ist doch noch Platz« 
    Es freute mich dass Kleberg gleich auf der Stelle sagte »Salie wir wollen
auch ein solches Zimmer haben denn es ist in Menschenwohnungen eben so nötig
als eine Küche«
    Dann folgte ein großes Zimmer weiße Wände mit zerstreuten Blumen bemahlt
worin vier Betten stehen und die Töchter alle schlafen Die Vorhänge sind
grobes blau und weißes Leinen aber die Decken ganz weiß von eigen gemachten
Kattun Frau Itten sagte hier 
    »Meine Töchter sagten Wir spannen bleichten und nähten sie wir wollen sie
auch immer selbst waschen Und weil Reinlichkeit allein der Grund zu dieser
Bitte war so erlaubte ich es ihnen gern Die Wände haben ihre Brüder so
frühlingsmässig gemahlt« 
    Zwischen zwei Betten steht auf jeder Seite ein Schrank worin immer zwei
Schwestern ihre Kleider und Weißzeug haben Oben an den zwei Fenstern hin läuft
ein langer schmaler Tisch und an dem Pfeiler ist ein Spiegel der einzige für
vier schöne Mädchen Unter dem Spiegel eine alte große Stockuhr die sehr
herzhaft die Stunden des Erwachens schlägt und auf dem langen Tische gegen die
Seite wo zwei Töchter schlafen dieser Beiden Nähküssen und Strickkästchen 
Unter dem blau und weißen Vorhange der am Tisch hinläuft sind auf einem
Gefache vier zinnerne Waschbecken Seifenbüchsen Waschtücher Kammfutterale
und Puderschachteln ganz unten ein Gefach für ihre Schuh Vor den Fenstern
sind Blumenstöcke die die lieben Mädchen selbst besorgen  Dann kommt ein
ganz großes Zimmer in welchem SchreinerHandwerkszeug Tünchergeräte und eine
Drechselbank ist  welches noch von den ledigen Jahren des Herrn Rat abstammt
aber wo er auch mit seinen Söhnen arbeitet  Ich bat mir einen kleinen Nähtisch
von Papa Ittens Arbeit aus  Ernst wollte es allein machen  Nein sagte ich
er solle nur die Füße drechseln Papa die Platte machen und Heinrich solle es
lakiren Das war allen Recht  Kleberg sagte zu Ernst Itten »Sie sollen nicht
umsonst in meinem Hause sein sondern mir drechseln lehren und die Zimmer in
unserm Gartenhause meiner Salie wollen wir mit Herrn Ernst selbst recht schön
mahlen«  
    Nun kam das Schlaf und Arbeitszimmer der beiden großen Söhne Die haben
auch alles abgeteilt jeder ein Fenster in Besitz und eigenen Schreibtisch
Büchergestell  Schrank und Betten so ordentlich so rein und alles alles so
äußerst einfach  Lieber »Ernst sagte Heinrich bald hörst Du mich nicht
mehr schnarchen«  »und Du mich nicht mehr im Schlafe reden«  »Ach wie
gern hörte ich Dich« antwortete Heinrich 
    Die Mutter nahm diesen bei der Hand  »Wilst Du nicht den guten Reinhold
au Ernsts Platz in Deine Stube nehmen«  Der Junge hüpfte an Heinrich hinauf
 »Nimm mich doch lieber Bruder  sieh ich werde auch groß« Da stellte er
sich ganz gerade vor ihn 
    »Ja mein Reine Du alleine sollst mich Ernsten vergessen machen«  und
küsste ihn da  »Ernst rief der Kleine da krieg ich Deinen Schreibtisch und
deinen Stuhl und Bett auch  Dann will ich Heinrichen sagen Da saß Ernst der
gute Bruder als er mir schreiben lehrte  in jenem Winkel stand ich wie er
mir von Pappendekel Vierecke und Achtecke und Dreiecke machte und ich ganz
geschwind einen runden Ring mit dem Rötel musste zeichnen lernen« »Lieber
Schwätzer sagte Ernst  ich kann Dir den Schreibtisch und Stuhl nicht lassen
der Papa hat beide selbst gemacht Du hast einen von ihm und wirst alle Tage
noch viel von seiner Arbeit sehen ich nehme den mit« 
    »Du hast Recht Ernst Du musst es mitnehmen und den Papa immer ehren auf
dass dirs wohlgehe und Du lange lebest auf Erden«  O Mariane wie herrlich
ist das gewesen
    »Aber« sagte die kleine Mariane »da solltest Du wohl auch Dein Bett
nehmen woran die Mama und die Schwestern arbeiteten  sonst vergiessest Du
diese« 
    »Ach gewiss nicht  sie werden in meinem Herzen bleiben wo ich auch immer
sein werde« 
    Wie viel Wahrheit und Treue ist in dieser Familie 
    Jetzt ging es die Stiege zur Seite hinab wo wir in das Stübchen kamen in
dem Frau Itten bei dem Leben ihrer Schwiegermutter wohnte Es war noch
getäfelt runde Scheiben in den Fenstern Aufziehläden und der Ofen von
Töpferarbeit mit schwarzer Glasur An der Decke liefen die Balken ganz frei
über waren aber geweisst  Ein klein Kämmerchen stieß daran und eine Küche
die nun Waschküche ist wie das Stübchen Obstdarre und Bügelplatz das
Kämmerchen aber Milchstübchen ist Durch diese Waschküche geht ein Gang in des
Webers Haus wo es sehr ordentlich aussieht und der Weber ein sehr geschickter
Mensch wie seine ZwillingsSchwester ein recht gutes vernünftiges Mädchen ihres
Standes ist Die Ittensche Magd schläft auch in diesem Nebenhause das nichts
als eine Türe in die Nebenstrasse hat die vergitterte Fenster aber gehen alle
in den Ittenschen Garten  Sie webten Beide als wir in die Stube kamen er
schöne glatte Leinwand  sie wirklich recht artig gestreifte Handtücher  Wir
gingen durch den Hof in den Garten Die Kühe sind sehr schön und der Stall so
reinlich wie meine Zimmer Einige Hühner liefen im Hofe die einen vergitterten
Stall haben der in einer Ecke bei dem Kühstand angebracht ist wodurch sie im
Winter Wärme haben Im großen Gemüsgarten ist alles in Betten eingeteilt für
Mutter Töchter und Magd Da ist alles so zierlich gepflanzt in gerade quere
lange oder schief laufende Streifen viereckigte Betten oder für jede Gattung
die sie pflanzten ein langes schmales denn sie wechseln immer mit den Arten in
ihren Stücken um jeden angewiesenen Teil von Salz Öl und Saft der im
nämlichen Erdreich jeder Pflanze bestimmt ist mit Klugheit zu nutzen Das
Obst so auf den Zwergbäumen an der Mauer dieser abge teilten Stücke wächst
steht in der Willkür derjenigen die den Gemüsteil anbaut das kann sie roh
essen dürren kochen wie sie will auch verkaufen so auch die Blumenstöcke
welche am Fuße jedes Teils auf einem kleinen Geländer stehen  Die übrigen
Zwerch und hochstämmigen Bäume sind unter den Befehlen und der Arbeit des
Vaters und der Söhne Durch den gekauften Garten haben sie so viel Nussbäume
erhalten dass sie Salat und Brennöl davon bekommen mehr als sie und ihr Weber
brauchen  Denn dieser bekommt von Allem was ihnen wächst so viel dass er
nichts zu kaufen braucht und immer den halben Lohn der Arbeit dabei wie auch
eine gewisse Zahl starkes Garn für ihr Weißzeug Dagegen verkauft auch die
Weberinn das übrige Obst Gemüs Milch usw Doch diesen gekauften Garten geht
auch ein Fahrweg gerad an das Tor wo sie dann all ihr Holz Heu und Korn ohne
Geräusch und Aufsehen in die Stadt bringen und an recht frühem Morgen zu ihrem
Pachtbauer spazieren gehen zu dem sie alle Jahr zweimal ihr Essen hin schicken
und da mit dem ehrlichen Ackermann seiner Frau und Kindern Knecht und Magd
einen großen Kalbsbraten eine Milchsuppe und guten Kuchen essen  Herr Itten
hat wohl mit seinen Söhnen einige Tage da gewohnt mit dem Bauer gearbeitet und
sich wie dieser von Haberbrei und Erdäpfeln genährt Der äußere Garten hat
Klee Erdäpfel und Rübenpflanzen alles zum Besten der Kühe Wie ordentlich
diese Gärten sind wie schön Alles steht  Ach ich lebe schon im vierten Jahr
hier und wusste kein Wort von dieser Familie  Der Bleichplatz ist im Hof über
weißen Steinen  Frau Itten hatte gelesen dass so alles viel geschwinder
bleiche weil die Sonnenstrahlen auf den weißen Steinen stärker wiederprallen
und sie fand die Probe wahr 
    Mein so galanter Eleberg der so viel auf verfeinerten Geschmack hält
konnte sich nicht enthalten die Kinder glücklich zu schätzen dass sie von
diesen Eltern erzogen worden  Er sagte zugleich »Ich will auch Ihr Sohn sein
ehrwürdige Frau Itten  wie viel Ehre machen Sie Gott und der Menschheit«
    »Und ich will von Ihnen lernen eine gute Hauswirtin und treue Mutter zu
sein«  sagte ich mit rührender Stimme und wollte ihre Hand küssen  aber sie
litt es nicht sondern küsste mich und weinte dabei aber aus zärtlicher
Empfindung
    »Sie sind die erste fremde Person die ich in meine Arme schließe denn ich
habe außer meinen Geschwistern Mann und Kindern noch Niemand geküsst Und
wenn ich für Sie wie Sie sagen ein anziehendes Beispiel häuslicher und
mütterlicher Pflichten bin so sind Sie mir das einzige Model einer
gesellschaftlichen Freundin für meine Töchter deren Unschuld und Reinigkeit
der Sitten ich ohne Sorgen und Gefahr in Ihrer Bekanntschaft sehe« 
    Ich küsste die guten Mädchen nach der Reihe als meine liebe Schwestern Wie
herzlich war der Druck ihrer Hände dagegen und wie sanft der Kuss den sie mir
gaben  Kleberg sagt es sei eine wahrhaft jungfräuliche Bewegung ihrer Lippen
gewesen und meine die eines edlen zärtlichen Weibs so die Liebe kennt  Ich
war etwas bös auf ihn darüber  hatt ich nicht Recht   denn das ist so Etwas
von der Seite die ich nicht ganz an Klebergen liebe  Aber er erinnerte sich so
edel der Wollinge und van Guden bei den Ittens dass ich über dies hinsah Als
wir fortgingen drang sich Herr Itten zu mir und bot mir den Arm ich nahm ihn
nachdem ich seine Frau umarmt hatte 
    »Gott segne Sie und Ihren Gemahl tausendmal dass sie meine Frau und Kinder
so gütig behandeln  Beide dauerten mich schon lange aber ich wollte meine
Frau durch vollkommne Freiheit in all ihren Handlungen für erlittene Plage und
ihre übende Tugend belohnen  Aber es wird ihr doch gut tun mit einer so sehr
lieben fremden Frau in Freundschaft zu stehen  Und meine Töchter ach für die
klopft mein Herz vor Freude  Es sind gute gute Kinder meinen Ernst werden
Sie auch so finden« 
    Wie glücklich war unser übriger Tag und ich da ich Ihnen noch schreibe
denn Ernst Itten ist mit meinem Mann Herrn Otte und Linke spazieren gegangen
und kommenden Montag schläft er in meinem Hause  Linke aß bei uns zu Mittage
und wurde entzückt über Alles was Kleberg erzählte Er will nun die
Freundschaft des Bruders gewinnen und ist völlig entschlossen eine Ittensche
Tochter zu heiraten Sie darf aber noch lange nicht wissen dass sie einen
Freier hat bis er auch sicher ist dass er ihr gefällt  Hannchen Itten soll
künftigen Sommer mit mir auf dem Lande wohnen Linke soll einen Schäfer spielen
sagt Kleberg  Adieu Sie Liebe auch Einzige 
 
                           Ein und neunzigster Brief
                              Rosalia an Mariane
Hier ist noch ein Brief voll Ittens so wie einst einige voll Henrietten von
Essen Madame S Julie Otte und noch mehr der van Guden und der Wollinge
voll waren Aber was soll ich Ihnen schreiben wenn es nicht von den Gefühlen
meiner Seele ist denn alle Gegenstände des Nachdenkens Durchforschens und
Wissens sind Ihnen schon bekannt oder liegen so reichhaltig in Ihren Büchern
dass vielleicht selbst ein männlicher Geist Ihnen nichts Neues darüber sagen
könnte  Sie versicherten mich an einem der glücklichen Tage die ich den
letzten Herbst mit Ihnen verlebte dass die Art wie ich Menschen und Sachen
betrachtete und beschriebe so eigen sei und Ihnen so sehr gefalle dass ich
immer fortfahren sollte Ihnen von der Menschen und Gotteswelt die in meinen
GesichtsKreis käme OriginalGemälde von meiner Hand zu schicken  Das hab ich
immer mit vielem Vergnügen getan Denn gute angenehme Eindrücke noch einmal
zu fühlen und zugleich meiner Mariane St einen kleinen Zeitvertreib damit zu
machen etwas für die beste edelste Freundin zu tun und zu sein ach wie
viel reines großes Glück genieße ich darin  Lassen Sie es mir so lang es
sein kann es wird wohl eine Zeit kommen da meine Briefe nicht mehr so groß
werden können als ich sie machen wollte 
    Gestern hatte ich große Gesellschaft Frau G und Julie waren auch dabei
und früher als die Andern gekommen Da erzählte ich ihnen etwas von dem was ich
bei Frau Itten gesehen und las ihnen die Abschrift meiner Briefe an Sie
    »Alles das ist herrlich und schätzbar sagte Frau G aber Weibchen das
sollst Du mir nicht ohne Unterschied vor allen Männer erzählen  Vor Weibern
wohl denn wir nehmen von Tugenden wie von Kappen und Bändern nur das was zu
unsrer eigenen Freude taugt  Aber da könnt es reiche Geizteufel oder andre
Haustyrannen von Männern geben die heim gingen und ihre Weiber und Töchter in
die hesslichen Nester verbannten wo die armen Geschöpfe schon ohne das ihr Leben
meist mit ihnen zubringen müssen sie aber spazierten doch wie der Rat
Schlafhaube da alle Tage nach ihrem Kaffeehause hätten ihre Freiheit und ihr
Spässchen während die arme Frau bei ihrem schnurrenden Spinnrad ihren murr und
stuzköpfigten Herrn geduldig erwarten müsste  Lasst mir Euren Kleberg und Otten
aus dem Hause er steckt brennbares Zeug in ihnen das nur auf diese Gattung
Funken wartete und Ihr würdet euch wundern was das für eine sprühende Flamme
gäbe« 
    O Madame G was für hässliche Arbeit machen Sie da aus meinem so schönen
Bilde  Julie haben Sie auch so was gedacht 
    »Ganz und gar nicht Es dünkt mich dass die Familie sehr glücklich und
nachahmungswürdig ist« 
    »Was doch die guten Tugend Schwärmer und Schwärmerinnen abgeschmakt sein
können  Ich schätze gewiss diese Frau nicht weniger als Ihr Sie tat das Beste
und Edelste was Sie nach ihren Umständen tun konnte  Rosalia Kleberg und
Julchen Otte sind in andern Verhältnissen haben andres Schicksal und sollen
auch anders tun denn mit ähnlichen Gesinnungen und Wesen hätten sie dem
guten Ernst nicht aus dem engen Gängelbande und Hannchen nicht aus dem Keficht
geholfen Wir wollen der Vorsicht nachahmen Verschiedenheit herrscht bei ihr in
Allem  und ein jedes kann vollkommen sein  Rosalia konnte die
Nachahmungssucht niemals leiden und ich glaube sie möchte nun gar gern eine
schön geschnitzelte Bettlade und Vorhänge mit Franzen darum haben um gleich am
lieben Morgen mit einem ehrwürdigen Gesicht heraus zu gucken Aber denken Sie
doch ob Ittens Schlafmütze zu dem ganz und gar neumodischen Geniegesicht Ihres
Klebergs taugte  Gewiss eben so wenig als Frau Ittens Dormeuse zu Ihrem
Stutznäschen Ehren Sie und lieben Sie die Leute so viel Sie wollen aber ahmen
Sie nichts nach als die Krankenstube denn das ist in der Tat recht gut Es
wäre ewig schade an Ihrem schönen Hausplane was abzuändern Unnötige Possen
und Tändelausgaben machen Sie ja so nicht und da Ihnen die Vorsicht Vermögen
gab arme arbeitsame Hände zu beschäftigen und zu bezahlen so fahren Sie auf
Ihrem Wege fort Frau Itten mag nun anfangen für ihre Enkelgen zu spinnen denn
ich sehe schon ihr Hannchen an Linkens Seite ins Brautbett wandeln Eins will
ich aber doch auch helfen ins Gewerbe des Denkens bringen dass Mädchen und
Mütter sich gar sehr betrügen wenn sie glauben dass viele Bekanntschaften und
Putz um so früher Männer schaffen« 
    »Mir kommt auch ganz glaubwürdig vor« sagte meine sanfte Julie »dass wenn
hie und da beim Bekanntwerden des jungen Herrn Itten mit vieler Achtung von
seiner Erziehung und dem rühmlichen Fleiße seiner Frau Mutter und Schwestern
gesprochen würde die Neugierde rege gemacht und dann Stückweis etwas erzählt
werden sollte Besonders wenn man sich nach Kenntnis der Umstände die Zuhörer
aussuchte könnte Gutes geschafft werden das freilich wenn man das Ganze hört
gerade durch die Vollkommenheit so darin liegt der Eigenliebe Andrer etwas
hart auffällt« 
    »Ist hier nicht ein Stück Ihrer van Guden wohl angebracht« fragte Frau G
»Denn schrieb nicht diese einmal  Großes ungewöhntes Gute ohne Vorsicht
dargestelt schadet oft bei Menschen die an Vorurteilen haften  Sie sehen
doch auch Liebe« fuhr sie fort »dass die schönen Sachen die Sie uns
mitteilen nicht verloren sind nur mit dem Unterschied dass Julie sie in der
Tat anwendet und ich die Worte recht säuberlich im Gedächtnis behalte« 
    Nun kamen die Übrigen zusammen und diese Unterredung wurde abgebrochen
hatte aber auf mich einen zu tiefen Eindruck gemacht um eine Sylbe vergessen zu
haben  Ich hatte in meinem Herzen Frau G rau und unempfindlich gescholten
weil sie mir meine innige Freude des Mitteilens dieser Familiengeschichte
gleichsam verdorben hatte Aber ich fand nachdem doch dass ihr Urteil ganz
richtig ist Und zudem hat sie den Anlass gegeben dass die so fein fühlende Julie
Orte durch diese Mühe welche sie nahm meine gerizte Empfindsamkeit zu trösten
und doch der Frau G nicht ganz Unrecht zu geben auf den wahren und herrlichen
Vorschlag kam den sie tat Ach es ist immer wahr ich bin zu eifrig bei dem
Guten und wie mir Frau G einmal sagte ich suche das Erdreich nicht
sorgfältig genug aus auf welches ich säen wollte Hab ich mich aber nicht darin
gut gemacht dass ich so gern den Beweis eines Unrechts erkenne
                                 Dienstags früh
Schrieb ich nicht letzthin dass meine Briefe nicht mehr so lang werden könnten
als ich wollte Sehen Sie Liebe am verwichnen Donnerstag fing ich an und
wurde fünf Tage gehindert ihn zu endigen Aber dafür hab ich ausgesuchte Stunden
genossen  Kleberg und Otte kamen von ihrem Spaziergange mit Ernst Itten so
zufrieden zurück dass mein Mann in einen großen Eifer geriet den jungen Mann
bald eigen zu haben Ich war also den Freitag und Sonnabend beschäftigt sein
Zimmer zurecht zu wachen dass er Montags früh dasselbe beziehen könnte  Sein
von seinem Vater verfertigter Schreibetisch und Stuhl wurden gebracht wie auch
ein Koffer mit seinem Weißzeug und Kleidern welches wie er mir sagte seine
Schwestern gern hätten auspacken wollen aber die Mama habe es nicht erlaubt 
»Es war mir leid denn meine Schwestern lieben mich und sie sagten nun würden
sie so nicht mehr die Freude haben für mich zu sorgen sie wünschten nur in dem
fremden Hause mir alles so zurechte zu machen wie ich gewohnt sei und dabei
auch meinen neuen Aufenthalt zu sehen  Die Mama glaubte es wäre
Unbescheidenheit dass vier Mädchen so in Ihr Haus kämen denn es würde doch jede
betrüben die zurück bleiben sollte  Ey sagten sie alle die Frau Residentin
ist aber so voll Güte und hat sie nun in den zwei Besuchen selbst Mama
geheißen und uns alle so freundlich eingeladen« 
    »Das ist wahr liebe Kinder Aber wir müssen diese Güte um so weniger
missbrauchen« 
    »Das erkannten die guten Mädchen auch und genügten sich also mir meinen
Koffer zu packen Jede legte mit Tränen der Freude und Wehmut das zurecht
was sie für mich gearbeitet hatte denn ich bekam diese vierzehn Tage über noch
Manches aus der Vorratskammer meiner guten Mutter und wenn der Segen den sie
mir dabei gab auf mein Wohlverhalten würkt« sagte der edle Jüngling indem er
meine Hand nahm und küsste »so werde ich Ihre und Ihres Gemahls Güte immer
verdienen« 
    Ich dachte da auf ein Mittel den guten Mädchen ihren so billigen Wunsch zu
erfüllen und glücklicherweise gab ein Tadel meines Mannes den Anlass dazu Er
ging in Ittens Zimmer fand alles gut nur die weißen Vorhänge wären zu kurz 
ob ich diesem Fehler nicht noch abhelfen könnte indem ich andre aufmachte 
das konnt ich nicht weil ich für den oberen Stock noch nicht doppelte Vorhänge
habe aber durch Falbala konnt ich sie verlängern Die waren aber auch noch
nicht gemacht und wer garnirte mir in einem Nachmittage sechs Vorhänge Aber
wenn ich nun zu Mama Itten ginge und sie bäte mir ihre vier Töchter zu diesem
Freundschaftsdienst auf den Nachmittag zu erlauben  Ich maß die Weite und
Länge schnitt die Falbala zurecht legte sie nett zusammen und auf jeden Teil
eine Portion Zwirn und die Schnur zum Aufnähen der Falten stellte vier Stühle
in meinem Wohnzimmer in eine Reihe legte auf jeden eine Falbala auf den fünften
aber der mein war zwei sagte niemand nichts und als Kleberg mit Itten nach
dem Mittagsessen in den Hof und kleinen Hausgarten ging die Kutschenremise
und die Pferde besah eilte ich in meinem Hauskleide zu Mama Itten bat sie um
die hülfreiche Hand meiner jungen Freundin und führte die lieben Mädchen alle
viere zugleich über die Straße in mein Haus  Die gute Frau willigte so gern
in meine Bitte freute sich dass sie mir einen Dienst erweisen könne und dass
die Geschicklichkeit der Nadelarbeit ihrer Töchter der erste Anlass zu einem
Ausflug von dem väterlichen Hause wäre  Dann gefiel es ihr auch dass ihre
Kinder mit mir gingen und also alle Nachbarn sahen dass ich sie selbst abgeholt
hätte und das ihnen guten Kindern Ehre machte  Ich musste erlauben dass sie
ihre gut genähten Kleider anzogen sie wollten geschwind fertig sein sagten
sie  Ach wie büpften die guten Geschöpfe so freudig nach ihrer Kammer und
gewiss waren sie bald fertig  Auch ihre selbstgeklöppelten Spitzenhauben die
sie aufsetzten nahmen ihnen nicht viel Zeit weg denn sie sind nur nach Art
französischer runden Schlafhäubchen gemacht die ganz plat ins Gesicht gehen und
breite Bänder umgebunden haben Sie sahen alle recht lieblich aus und ich würde
mich über diese Reihe Schwestern gefreut haben wenn sie mein gewesen wären so
wie sie mich als Nachbarinnen freuten  Ich nahm die zwei Jüngern jede an eine
Hand und ging an den Torweg Die Mutter folgte die Stiege herunter schweigend
und weinend mit den zwei Eltern  »Adieu Mama« sagt ich »heut Abend bring
ich meine Schwestern wieder  Wir wollen recht brav und fleißig sein«  Sie
konnte nichts sagen als »Gott segne Euren Ausgang grüßt doch den Ernst« 
    Meine Magd hatte an dem Fenster der Gesimstube auf mich gewartet die
Haustür war also gleich offen wie wir kamen Ich verbot meinem Manne und
Herrn Itten etwas zu sagen und zog mit meinen artigen schüchternen Mädchen in
mein Zimmer In der Tat waren sie alle bebend und schlossen sich an mich wie
junge Küchelgen die von den Flügeln der Mutter weg sind etwas Kälte fühlen
und sich an eine andre freundliche Henne anschmiegen wollen Sie getrauten sich
nicht recht umzuschauen ungeachtet Neugierde nach dem Aussehen meines Hauses
mit der Freude ihres erfüllten Wunsches in ihren Gesichtern war Ich umarmte
Alle und hieß sie willkommen in meinem Hause und setzte hinzu ich hoffte sie
öfter zu sehen 
    »Wie gütig sind Sie  ach das wäre glücklich  unser guter Ernst hat uns
immer schöne Tage gemacht«  Das sagten sie so in der holden Verwirrung
gemeinschaftlichen Vergnügens  Hannchen sah dann die Stühle  »Ist dies unsre
Arbeit Frau Residentin« »Ja meine Lieben wollen wir anfangen« und ich nahm
meinen zugeschnittenen Teil Wie schön war die liebreiche Eile die sie
bezeigten als jede ihre Zwirnfäden die ich nur vom Strange geschnitten hatte
um ihren artigen Hals hing die Leinwand in einer Hand hielt und mit der andern
Nadelbüchsgen und Fingerhut suchte dann sich setzte und mit so viel Anstand
und Artigkeit sie insgesamt sich fertig machten ihre Aufgabe zu nähen wie die
guten zum gehorsamen Ton gewöhnte Stimmen mich fragten wie breit die Säume
sein sollten und als ich antwortete ich hätte den Anfang dazu schon gelegt 
wie sie da nachsuchten  ach Mariane es war recht viel süßes Andenken meiner
wohlverlebten blühenden Jahren in alle dem für mich  Nun nähten sie alle
eifrig und spannten den Saum über ihre Finger Das war ungemächlich und hält
sehr im geschwinden Nähen auf  Da sagt ich Wartet Kinder dem will ich
abhelfen und stand auf ging in mein Nebenzimmer und hohlte da ein klein rund
Tischgen nahm ein Küssen von einem Lehnstuhl und band dies auf dem Tischgen
fest Dann mussten sie sich da umher setzen und jede konnte ihre Arbeit anheften
Dieser Einfall machte den lieben Mädchen Freude und so nah um mich sitzend
wurden sie trauter und schwazten recht artig mit mir von allerlei Arbeiten nur
wenn sie was gehen oder eine Tür auf und zumachen hörten da stuzten sie und
wurden etwas rot und unruhig weil sie natürlicherweise nichts als fremde
Gesichter erwarteten von deren guten oder bösen Gesinnungen sie nichts wussten
Als wir nun so recht im Eifer waren in die Wette zu arbeiten und ich ihnen mit
Fleiß zeigte dass ich auch einen hohen Wert auf eine geschickte Hand legte
welches ihnen sehr gefiel weil es den Preis der Ihrige bezeichnete  Da
trappelte es stark im Nebenzimmer Sie zuckten sich zusammen und es fehlte
wenig so hätten sie sich auch wie schüchterne Täubchen geduckt Als die Tür
aufgemacht wurde und Kleberg mit ihrem Bruder herein trat eh eine von ihnen
aufsah waren sie aus Verlegenheit schon rot und blass geworden aber ein Ausruf
ihres Bruders  »O meine Schwestern«  und dann der von Kleberg »wie schön
ist das meine lieben lieben Nachbarinnen«  brachte sie gleich in Ruhe und
zum Ausdruck der reinsten Herzensfreunde mit ihrem Bruder und Freunden zu sein
 die zwei artigen jungen Männer gingen rings um unser Tischgen betrachteten
es und die jungen Frauenzimmer hatten nun Mut genug zu sprechen und zu
erzählen dass dieses Nähküssen von meiner Erfindung sei dass ich sie selbst
geholt hätte und so weiter  Itten war entzückt das sah ich und Kleberg ging
nach einigem Scherzen von uns  Eine Viertelstunde nachher kamen Otto und
Linke staunten auch an der Tür über den Anblick kamen aber mit ihrer
gewöhnlichen ehrerbietigen Miene zu mir machten den Frauenzimmern eine
Verbeugung die sie mit dem liebenswürdigsten Anstande aber vielem Erröten
erwiederten Linke umarmte Itten als ich ihnen die Frauenzimmer genannt hatte
und wünschte ihm Glück ihr Bruder zu sein Hannchen senkte da ihren Kopf tiefer
gegen ihre Arbeit und sah eifriger darauf als vorher hingegen Linke auch mehr
auf sie als ihre Schwestern Die drei Männer stellten sich dann in eine Ecke
des Zimmers wo Itten mit überfliessender Dankbarkeit von mir und Liebe von
seinen Schwestern sprach  Aber eh wir es uns versahen kam Kleberg machte
beide Flügel der Türe auf und hatte Herrn und Frau Itten an den Händen »Da
sehen Sie was meine Frau mit Ihren Töchtern macht«  Ach was Freude bei
Vater Mutter und Kinder  Der Sohn Heinrich und auch Reinhold kamen nach
Kleberg bemerkte dass Frau Itten sorgsam nach Ott und Linke sah Da nahm er
diese Beiden und sagte »Herr Rat Frau Rätin  dieses sind meine
verdienstvollen werten Freunde Otte und Linke die auch Freunde meines
jungen Herrn Itten sind und sich gewiss freuen durch mich eine der schäzbarsten
Familien unsrer Stadt kennen zu lernen« und zu diesen sagte er »Dies sind die
vortrefflichen Eltern und Kinder Itten die bisher wie ein durch ihren Anherrn
vergrabner Schatz in dem alten Familienhaufe wohnten bis mir der Himmel das
Glück schenkte sie zu entdecken«  Frau Itten dankte durch eine Verbeugung
aber es freute sie dass mit so viel Achtung von ihnen Allen gesprochen wurde
und er sagte dass er die beiden Herren auf dem Kaffeehause hätte kennen lernen
und sie immer sehr höflich gegen ihn gewesen wären  Kleberg nahm mich dann bei
Seite »Salie ich habe heute früh meinen erpressen Boten vom Oheim zurück
bekommen Ernst wird in zwei Jahren Unteramtmann zu Langensee und Heinrich
kommt ins Stipendium Ich will Alle beim Nachtessen haben und Deine Köchin weiß
schon was rede nun noch das Übrige mit ihr ab  Bei den Ittens dürfen wir so
nichts Kostbares haben« 
    Der liebe rasche Mann hätte mich bald für Freude krank gemacht Er war mir
so wert dass er die Sache der Itten so betrieben und ausgeführt hatte  Da
mussten nun die Eltern an unsere Redlichkeit glauben Denn einsame Menschen die
sich aus Schmerz und Mangel abgesondert haben sind gegen die Versprechen der
Glücklichen so misstrauisch und dann hatte ich auch gefürchtet dass Klebergs
Eifer erkalten möchte und dass er mit dem Stipendio zu viel gesprochen hätte 
Das war nun alles wie es mein Herz wünschen konnte Ich ging durch eine
Seitentüre zu meiner Köchin ordnete noch alles an gab Weißzeug und etwas
Konfect her und kam wieder da die guten Mädchen schon meine Arbeit genommen
hatten und fertig machten indem die Aeltere außerordentlich geschwind nähet 
Wir kamen mir Falten und Allem noch zurecht und Kleberg der die Herren alle in
einem Nebenzimmer unterhielt hatte mit ihnen vielen Spaß Als ich nun oben in
Ittens Zimmer die Falbala an die Vorhänge zu nähen mit meinen artigen
Arbeiterinnen aus meinem Zimmer daher zog ich mit einem Licht voran und eine
Falbala am Arm dann Hannchen Itten mit ihrer Arbeit Karoline die wieder ein
Licht hatte Dorchen keins aber Marie wieder Wir hatten uns zusammen beredt
dass Keine von uns nach den Mannsleuten sehen und wir unsern Gang ganz gerade
nach Ittens Zimmer nehmen wollten Das geschah auch und unsere Mama musste auch
über unsern Ernst lachen Sie ließ uns ziehen aber als wir nun oben Jede an
einem Vorhange saßen die ich nicht abgenommen hatte und immer Zwei an einem
Fenster und bei einem Lichte geschäftig nähten kamen die Männer mit Kleberg und
der Mama nach hatten Alle an der drolligen Art dieser Arbeit eine Freude und
wollten endlich uns auch helfen Weil es wieder mit dem Anheften beschwerlich
ging so boten sie sich zum Halten an Ernst Itten kam so bescheiden zu mir dass
ich ihm gleich anwies wie er den Vorhang halten sollte Hannchen war neben mir
am nämlichen Fenster und Linke bat sie in einem ehrerbietigen Ton ihm zu
erlauben ihr zu helfen Die Einwilligung die sie mit einem Anmutsvollen
Nicken ihres schönen Kopfes gab war sehr reitzend Sie sah Linken nicht an er
hingegen blickte voll Glück und Liebe nach ihr hin Kleberg und Otte hatten sich
zu Karoline und Dorchen gesetzt und die kleine muntere Marie hatte ihre Mutter
und ihre zwei jüngeren Brüder zu Gehülfen bekommen Der gute Vater Itten ging von
einem Fenster zum andern und spasste über unsre sonderbare Nähterei  Als wir
nun abgeredter maßen einander zuriefen ob wir fertig wären denn es durfte
Keine vor der Andern aufstehen da fehlte es noch bei Marien die im innern
Zimmerchen war und Hannchen bat mich um Erlaubnis ihr zu helfen Ich ließ sie
gehen Sie machte Linken ein so artig Kompliment für seine Mühe dass er aus
Vergnügen darüber und tausend andern Gefühlen nicht halb so klug aussah als
Hannchen  Kleberg bat dann den Vater die Mutter und zwei ältere Söhne mit
ihm zu kommen wo er ihnen dann die fürstlichen Dekrete zustelte und sie bat
mit ihrer Familie bei uns die Abendsuppe zu essen aber ja keinen Dank oder
sonst etwas davon zu sagen und als sie Alle so von Ausdrücken der Bewunderung
und Freude überflossen verließ er sie weil er die gute Julie Otte holen wollte
um mit ihrem Mann bei uns zu sein  Was war das für ein seliger Abend wie
teuer wie wert war mir mein Mann Er setzte sich bei Frau Itten und
Mariechen ich hatte den Vater und Reinholden zu mir genommen Julie saß
zwischen Ernst und Heinrich Ott und Linke besorgten Hannchen und Karoline
Dorchen und die Jüngste waren auch bei Kleberg  Der Vater weidete sich an der
zufriedenen Miene seiner Kinder und die Mutter sah bald sorglich bald
fröhlich auf sie umher betrachtete aber auch mein Tischzeug die Speisen mein
Vorlegen winkte bald der einen bald der andern Tochter mit den Augen auf
mich oder Julien zu sehen  Und mit wie viel Mutterfreude und Liebe sah sie
ihren Ernst und ihren Heinrich an  Sie und ihr Mann müssen sehr schön gewesen
sein Aber man kann von ihr doch sagen das salzige Tränen ihre Wangen verzehrt
haben denn sie ist sehr hager und blass  Alle gingen glücklich nach Haus und
Ernst der sie heim begleitete kam mit Segen für ihn und uns zurück
 
                           Zwei und neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Mein Oheim ist mit Klebergen wegen dessen was er ihm von den Ittens schrieb
und für sie zu tun wünschte außerordentlich zufrieden und dankt dem Himmel
dass er sich in Beurteilung seines Charakters nicht betrogen habe freut sich
auch dass unser Hof jetzo einen Minister hat der sich nicht zu groß dünkt eine
Familiengeschichte anzuhören die ob sie schon nur den kleinen Zirkel eines
alten Privatauses betrifft dennoch der Menschheit Ehre macht
    »Unserm edlen Minister von H« sagt mein Oheim »der mit philosophischen
Geiste Menschen und Staaten durchdenkt nur Wahrheit und Natur wirklich schätzt
und liebt und bei dem das was er an sich selbst am meisten achtet nicht das
Zufällige seiner adelichen Geburt und nicht die Ehrenstellen sind die er
bekleidet sondern das was er sich durch unermüdeten Fleiß an Kenntnissen
erwarb und sein moralischer Charakter den alle aufgeklärte und edel gesinnte
Menschen äußerst in ihm verehren der mit sanftem Eifer und stiller Größe
Gutes zu würken sucht und die erste Freude seiner Ministerstelle und seines
Ansehens in dem Augenblick fühlte da er einem rechtschaffnen mit großen
Fähigkeiten begabten aber nicht genug bekannten Manne die beste Stelle
verschafte und seine zweite Freude von dem Tag an zeichnet wo der Unterricht
der Jugend unter seiner Anordnung und Vorschrift sich gründete und glücklich
fortgeht  Diesen Minister konnt ich schreibt er auf einem Spaziergange wo
er Einfalt Schönheit und Güte der Natur mit so viel Einsicht und Empfindung
bewunderte mit einem fleißigen Bauer so liebreich sprach am Ende des Lobes
welches er dem Ackersmanne und nach diesem allen Privattugenden gab von der
ausübenden Tugend meines Neffen und seiner Nachbarn reden  war sicher dass ich
mit Vergnügen angehört und in meinem Gesuch unterstützt wurde  Ach möge der
vortreffliche Fürst den Gott uns gab ja niemals Ratschläge hören und ihm
keine annehmlich vorgetragen werden als die aus einer so reinen Menschen und
Gerechtigkeit liebenden Quelle kommen  Schreiben Sie ihrem neuen Neffen«
sagte er mir »dass er fortfahren soll in Ihre Fußstapfen zu treten und dass ich
ihm viel mehr danken und ihn ehren werde wenn er mir verborgenes Gute zu
belohnen zeigt als wenn er den Fehlern und Schwachheiten der armen Menschen
nachspürte und sich dadurch ein Verdienst machen wollte« 
    Ist dieser Zug allein nicht hinreichend Ihnen meine Mariane die größte
Hochachtung für unsern Minister einzuflößen  Aber niemals vergibt er Fehler
gegen die Rechtschaffenheit und Pflichten eines Amts und das schätzt mein Oheim
sehr 
    Meine Liebe  wie sonderbar ist dies  vor zwei Tagen erhielt ich den
Brief meines Oheims aus welchem ich Ihnen heute früh obige Auszüge machte und
diesen Abend kam er selbst und kündigte mir und Kleberg an dass wir mit ihm auf
acht Tage nach der Residenzstadt unsers Fürsten reisen müssten  Ach wie ungern
tu ich das  Frau G die mit uns zu Nacht speisste macht mir noch dabei über
die Besuche bange die ich bei dortigen adelichen Damen werde ablegen müssen 
Die böse Frau verderbt mir damit meinen Schlaf denn ich habe dies noch
geschrieben eh Kleberg von dem Zimmer meines Oheims kam  Aber jetzt gute
Nacht 
    Und heute nur eiligen guten Abend bis aufs Wiederkommen  Adieu sagte ich
diesen Morgen auch ganz kurz Ich musste meine zehn schöne Putzsachen einpaken
lassen und nun früh schlafen gehen dass wir bei anbrechenden Tage auf dem Wege
sein können Sie sollen bei meiner Zurückkunft hören ob ich eben so von unserm
Minister denke wie mein Oheim 
Montags gerade vierzehn Tage nach unserer Abreise ganz ausgeruht und
nachgedacht
    Da bin ich wieder mit neuen Ideen bereichert im alten Guten bestärkt und
von Vorurteilen befreit die man mir mitgegeben hatte 
    Schöner kann beinah keine Lage sein als die Lage der Stadt C an dem
Zusammenfluss zwei schiffreicher Ströme der R und der M  Weinberge auf
einer Kornfelder Wiesen Obst und Nussbäume auf der andern Seite die Festung
an einem die Stadt an dem andern Ufer  nahe und entfernte Gebirge und dann
die reizende Fläche durch welche man von dem Festungsberge den R
hinfliessen sieht 
    Ich habe unsern Fürsten und Ihre Hoheit Seine Prinzessin Schwester selbst
gesehen und gesprochen Wie viele Leutseligkeit und Herablassung wohnt neben
Größe der Geburt und Tugenden in ihnen Es geht mir auch wie meinem Oheim
Möge doch ihnen Beiden nichts als reine Wahrheit Treue Verdienst und
ehrerbietige Liebe sich nähern  weil wie man sagt die besten Fürsten sehr
oft von feinen bösen und eigennützigen Menschen umgeben sind die ihre Güte
missbrauchen 
    Die zwei Damen der Fürstin sind sehr verehrungswürdig und vereinigen alle
Eigenschaften in sich die von rechtswegen Adeliche immer besitzen sollten weil
sie nach der Ordnung der sittlichen Welt die tägliche Gesellschaft der Fürsten
sind und freimütig mit ihnen sprechen können  O wie innig heftete sich mein
ganzes Herz an den edlen starken Charakter voll Klugheit und Güte welcher die
Hofdame von N  d  f unschätzbar macht 
    Kleberg ist von dem Minister ganz und gar eingenommen  nicht allein wegen
der besonderen Achtung welche er ihm bewiess sondern wegen der vielen
Wissenschaften wegen seines Geschmacks an schönen Künsten und weil er sehr
vergnügt schien mit einem Menschen zu sprechen der auch nützlich gereist war
und Kenntnis und Freude bei seiner schönen Büchersammlung bezeigte Bei dem
Gegenbesuch den er bei meinem Mann und Oheim ablegte sah ich ihn auch voll
Ernst und Würde in seinem Bezeigen und seiner edelen Gestalt Diese Würde war
auch in seiner Höflichkeit gegen mich sie begleitete seine Bescheidenheit und
jede Unterredung  Als er weg war fragten mein Mann und Oheim mich wie er
mir gefallen hatte  Ich sprach in einem sehr lebhaften Ton der Verehrung von
ihm  »Aber er ist ja gar nicht galant« sagte Kleberg »und Du bist doch so
ein schönes junges Weib«
    »Pfui« sagt ich  »ein Mann wie dieser galante Sachen sagen  das wäre
ja ärgerlich Ich möchte ihn gleich die Hälfte seiner Verdienste berauben
können wenn er den Galanten machen wollte Dies soll er den Kammerherren und
Kammerjunkern überlassen so wie sie ihm Weisheit und Arbeit Ruhm und Sorgen
seines Platzes überlassen müssen« 
    »Aber wenn er nun nicht höflich gegen Dich gewesen wäre was würdest Du
gesagt haben« sprach mein Oheim 
    »Ey Höflichkeit und das was man galant nennt ist weit verschieden Ich
habe an seinen Blicken bemerkt dass er mich auch so gar meiner eignen Person
wegen seiner Achtung würdig hielt Diese flüchtigen Blicke in denen er den
Kenner des Schönen und Artigen zeigte ohne seine edle Kälte dabei zu verlieren
waren meiner feinen Eigenliebe viel schmeichelhafter als wenn er mir schöne
Tändeleien gesagt hätte die unter uns sei es bemerkt noch keinem einzigen
Menschen einen Funken Ruhm erwarben und auch keinen besonderen Aufwand von Geist
erfordern sonst würdet Ihr Männer diesem Euren Talent schon längst einen
Lorberkranz geflochten haben Aber noch nie hab ich einen Mann von Gefühl und
Geist am Ende der Beschreibung des wahren männlichen Verdiensts wie Sie Beide
den Minister mir mahlten in einem Ton der Verehrung sagen hören er ist auch
sehr galant bei Damen weiß ihnen so gut als irgend ein artiger Mensch schöne
Sachen zu sagen  Wenn sie so was von diesem Manne wissen so erzählen Sie mir
es ganz geschwind damit ich meine Seele nicht zu sehr mit Verehrung überlade 
Es schadet mir zwar so nichts er gehört in eine andre Welt als ich  und da
mag er galant sein so viel ihm gut dünkt« 
    Kleberg und mein Oheim lachten herzlich über mich »Aber Rosalia« sagte
mein Oheim »Kleberg suchte doch auch artig um Dich zu sein und schöne Sachen zu
sagen Warum äussertest Du diesen Widerwillen nicht auch gegen ihn«
    »Ich weiß nicht mein Onkel ob es edler Stolz seiner Seele oder feine
Kenntnis meines Charakters war was ihn verhinderte meine Achtung und meine
Liebe mit dieser Alltagskunst zu gewinnen Denn er sagte mir wenig war auch mit
Andern nicht galant und das Wenige so er nach langem Schweigen sagte war
ernstaft aber so ganz für mich für mein Herz gesagt dass er mich glücklich
und sich auf ewig beliebt machte« 
    Kleberg umarmte mich »Meine liebe sonderbare Rosalia sieh ich will Dir
was bekennen Schon vier Jahr liebst Du mich  Du bist nun mein Aber Deine
Hochachtung für meinen Charakter und meine Denkungsart ist mir so wert dass
ich untröstlich wäre wenn ich diese Gesinnung in Deinem Kopf und Herzen
vermindert sehen sollte Denn unsre Verömdung soll in Nichts den Gang der Leute
nehmen die Du Alltagsleute nennst  Du bist kein Alltagsweib und ich
schmeichle mir auch eine gleiche Ausnahme unter jungen Männern zu verdienen so
wie ich sicher bin immer süßes wahres Glück des vernünftigen Mannes in
meinem Leben mit dir zu genüssen wenn auch schon diese reizenden Wangen
welkend Dein Auge matt und die schönen kastanienbraunen Haare silberfarb sein
werden Lass mich nur immer der einzige Vorgezogne in Deiner Seele sein Ich kann
auch keine Alltagsliebe und Alltagshochachtung leiden« 
    Er wandte sich gegen meinen Oheim und fasste eine seiner Hände während er
mich mit einem Arm umschlungen hielt »O mein Oheim Ehrenstellen und Vermögen
die ich durch Sie erhalten habe sind der geringste Teil meines Glücks Aber
Wahrheit und Stärke Ihrer Seele die Sie in Rosalien neben weiblicher Feinheit
des Gefühls und zärtlicher Liebe pflanzen konnten  das das macht mich
selig« 
    Sagen Sie liebe Mariane war das nicht eine schöne Stunde meines Lebens
die mir allein meine Reise nach C auf ewig wert machen muss 
    Ich machte bei allen Damen Besuche und habe es gestern bei Mademoisell
Bogen in zahlreicher Gesellschaft erzählt Alle Alle haben mir auf das gütigste
begegnet mir meinen Besuch erwidert eben so wie Frauenzimmer meines Standes
mir viele Höflichkeit und Begierde nach meiner längeren Bekanntschaft zeigten Da
waren nun bei den Bogens einige Personen die mir sagten  »ja das ließe sich
von den Damen sagen weil sie mich nicht lange gesehen hätten denn sonst würden
sie mir auch die Geringschätzung haben fühlen lassen die sie gegen Leute der
übrigen Klassen hätten«
    »Wir wollen billig sein« sagte ich »Wenn wir nun in einer Gesellschaft
sind wie diese hier würden wir es gerne haben dass sich Leute von andern unter
uns stehenden Klassen zu uns drängten würden wir nicht auch näher zusammen
rucken um unsre Plätze unvermischt zu erhalten  Ich für meinen Teil habe gar
nichts gegen die eingeführte Rangordnung zu sagen und bin aus Erfahrung
überzeugt wenn man dem Adel seine gerechten Vorzüge lässt und zeigt dass man
sie erkennt und von ihm nicht mehr fordert als uns gebühret so ist er gewiss
auch gegen uns gesinnt wie es Klugheit und Billigkeit wollen Unser Spotten und
Tadeln ihres Stolzes ist lächerlich und fließt auch aus übertriebnem Hochmut 
Natürlicher Weise fasst der Stand des Adels so wenig als andre lauter
verdienstvolle Personen in sich aber ich kenne Viele die in Wahrheit den Adel
der Seele mit dem Adel ihres Namen vereinigen und die ich mein ganzes Leben
äußerst verehren werde« 
    Vielleicht meine Mariane hab ich zu lebhaft widersprochen Aber ich kann
nichts Unrechtes und nichts niederträchtig Hoffärtiges leiden Es ist in
Wahrheit unbillig wenn wir zu sehr auf den Ahnenstolz losziehen Denn sagen
Sie ist nicht eine ganze Nation auf den Namen und Ruhm eines Mannes stolz der
in Wissenschaften oder großen Taten sich vorzüglich merkwürdig machte  Ist
nicht die Privatfamilie stolz in deren Schoos er erzeugt wurde  Nun so geht
es denen die seit Jahrhunderten den Namen eines ruhmwürdigen oder mächtigen
Mannes führen Dass sie manchmal dieses Gefühl übertreiben ist wahr und
empfindlich aber wann in was ist jemals eine Leidenschaft im Gleichmaasse
geblieben 
Hier meine teure Freundin wieder ein Blätgen mehr und einen Tag weiter
Wenn es so fortgeht so muss ich Ihnen in Zukunft nur halbe Briefe schicken oder
alle Vierteljahr ein Tagebuch und indessen nur dann und wann eine Zeile mit der
Nachricht meines Wohlseins wie ich es mit der van Guden mache bis ich ihr
nach unsrer Verabredung immer von Zeit zu Zeit vier oder sechs von den Briefen
mitteilen kann die ich Ihnen schrieb und die Sie mir wieder leihen wollen 
    Dieser hier ist von Kleberg gelesen worden Er kam freundlich aber zu
einer mir unverhoften Stunde in mein Zimmer fragte an wen ich schriebe Ich
sagt es Er bat mich ihm etwas davon zu lesen ich tat es Er schien
zufrieden hielt sich aber besonders bei dem Zuge auf wo von Alltagsleuten
gesprochen wird  Ich fragte ihn da ob es ihm Ernst gewesen als er mich
versicherte dass ihm meine Hochachtung eben so wert sei als die von Fremden
oder von einem Manne »ja meine Liebe sie ist es mir in Allem was edles und
feines Gefühl der Seele betrifft weil Du von Allem was menschliche Gesinnungen
angeht große und richtige Begriffe hast und weil ich in meiner Klasse einer
der besten Menschen sein möchte und Du als die nächste Zeuginn meines Lebens
mich durch Beifall belohnen oder durch eine liebreiche Erinnerung auf dem edlen
Weg erhalten kannst den ich wandeln will« 
    Ich war gerührt erstaunt und glücklich alles zugleich nahm seine Hand
die eine der Meinigen hielt druckte sie mit beiden Händen an meine Brust sah
mit Zärtlichkeit ihn an »Teurer Mann Du heiligest den Wert den ich gesteh
es Dir meine Eigenliebe auf mein Herz und auf meinen Kopf gelegt hatte Ich
darf also Dich beobachten Dir Freude zeigen wenn ich Gedanken und Handlungen
von Dir sehe die den edlen rechtschaffenen Mann bezeichnen wenn ja Feuer des
männlichen Charakters in gewissen Anlässen Dich zu einer Heftigkeit führte die
Deiner unwert sein könnte  Mein Kleberg hat also die kleine niedrige
Besorgnis nicht dass feine beste Freundin stolz werden oder sich in Etwas über
ihn erheben möchte wenn er ihr manchmal eine Bitte für sein Wohl und seine Ruhe
zugestünde« 
    »Salie diese Besorgnis könnte nur ein Mann haben dessen Seele durch
Eitelkeit und Eigendünkel so eingeschränkt und verblendet wäre zu glauben dass
er niemals fehlen könne und dieser Mensch würde auch von den größten und
weisesten Mann nichts annehmen Ich will Dir aber auch weisen dass mein
Vertrauen in Deine Einsichten nicht ohne Gränzen ist Denn in Allem was jemals
Ausrichtung der Pflichten meines Amts betreffen kann werd ich weder Dich noch
irgend ein andres Weib anhören Aber in Ansehung der Verhältnisse mit andern
Menschen und des Einflusses den kleine Sachen haben können da sollen mir Deine
Vorstellungen und Vermutungen willkommen sein Ich wäre ja elend wenn ich
Misstrauen in die Absichten Deines Herzens setzen sollte  des Herzens das mit
all seiner Zärtlichkeit sich mir eigen gab Nein ich will den schönen Stolz
der in Dir Achtung fodert weil er Achtung verdient nicht verletzen und auch
darin niemals kein Alltagsehmann werden dem lieben Geschöpfe das ich wählte
und das mit Vertrauen auf mein Herz mein Eigentum wurde mit Geringschätzung
zu begegnen wenn ich nun so die Blüte von Schönheit und Freude genossen haben
würde  das soll nicht sein meine Salie und ich will auch von Dir immer
verdienen dass Du Alles was ich an Dir liebte und was mir mein Glück
versicherte sorgfältig erhalten und vervollkommnen sollst« 
    »Das will ich bester Mann Sage mir nur was Dir angenehm ist« 
    »Noch Alles in Allem«  sagte er lächelnd indem er mich vom Kopf bis zu
den Füßen beschaute und dann zu Otten ging den er mit Julien zum Abendessen
brachte  Dünkt es Sie nicht dass auf diese Art das Glück meines Lebens
dauerhaft sein wird Ich will schön recht schön auf kleine Sachen Achtung
geben nie keine rügen die sich nur auf mich beziehen nur mir empfindlich
wären  sondern bloß was Andre und die Ruhe und den Ruhm von Klebergen
angehen kann keine von meinen Pflichten versäumen und wie mich die van Guden
schon belehrte immer in meinem Hause am liebenswürdigsten sein 
    Es freut mich dass der Ton meines Hauses Fremden und Einheimischen gefällt
und dass man zufrieden ist alle Nachmittage bei uns wohl aufgenommen zu sein und
gute Gesellschaft zu finden ohne von mir eine ängstliche Erwiderung der
Besuche zu fodern  Die Ittenschen Töchter kommen nun wechselweis alle Tage
Eine in mein Haus arbeiten und essen bei mir so wie auch die Töchter des
Geheimenrats von E und B lauter artige tugendvolle Mädchen Mein Kleberg
hat wirklich einen herrlichen Gedanken gefasst und will auf meine Bitte unter
seinem Büchervorrat eine Auswahl machen und sie uns zum Lesen geben so dass
wenn die Andern arbeiten Eine von ihnen liest und ich junge Sibylle sagt er
solle dann nach meinem Mehrwissen mit ihnen darüber sprechen Auch will er
manchmal kommen und was vorlesen oder erzählen von dem wies junge Männer bei
einem Frauenzimmer anzutreffen wünschen die sie zu ihrer Freundin Gattin und
Mutter ihrer Kinder haben möchten »Denn setzte er hinzu ich bin nun
verheirater und kann etwas von unsern Männergeheimnissen bei den
liebenswürdigen Freundinnen meiner Rosalia entdecken  Wir sagen uns manchmal
wenn wir einen Kreis blühender Schönen beisammen sehen und all ihre Reitze und
Annehmlichkeiten in Person und Bezeigen bemerken Das tun sie für uns  sie
folgen den geheimen Befehlen der Natur welche von ihnen will dass sie uns zu
gefallen suchen sollen so wie uns von ihr leise zugeflüstert wird dass wir
allein in ihnen das süßeste Glück finden werden Aber setzen wir dann hinzu
die guten Kinder wissen doch nicht Alles was uns freut Schön artig witzig
ist etwas so wir nicht entbehren möchten aber wahre Güte wirtschaftliche
Kenntnisse und Geschmack an vernünftigen edlen Dingen mit denen wir uns gern
beschäftigen  das ist Grundlage unsers dauernden Wohls« 
    Er mischte eine Menge schmeichelhafte Sachen für sie alle darunter und die
muntere junge Louise L forderte ihn auf ihr allerseitiger Lehrmeister zu
sein Sie verspreche für sich und ihre Gesellschafterinnen viele Aufmerksamkeit
und Folgsamkeit aber er solle auch für die edlere Bildung der jungen Mannsleute
sorgen damit sie artige Mädchen auch liebenswerte Bewundrer haben möchten Sie
wolle ihm auch hie und da erzählen was gute Frauenzimmer zu wünschen hätten
damit sie ihre künftigen Herren Meister ihren Söhnen mit gutem Gewissen zum
Beispiel anpreisen und den Gehorsam mit Hochachtung verbinden könnten Sie
hätten sich ohnehin Alle vorgenommen ihn und mich zu beobachten um ein Muster
von Verdiensten und von dem Glück eines Frauenzimmers zu nehmen 
    »Sie geben mir und Rosalien eine schöne Rolle  Salie Du bist die Tugend
und ich das Glück so Dich belohnt«
    »O die hochmütigen Männer die  Glück der weiblichen Tugend zu sein« 
sagte Frau G »Wäre dies nur immer wahr  aber Ihr seid so oft nichts als
Übung und Zuchtmeister dieser Tugend«
    Kleberg floh hier aus dem Zimmer mit einer Bewegung von Angst gegen Frau
G Adieu beste Mariane adieu 
 
                           Drei und neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich bin seit vier Tagen allein Ob ich schon von meinen Freunden und Bekanten
mehr als sonst umgeben werde so fühle ich doch dass Kleberg dass mein Oheim
nicht da sind Klebergs Abwesenheit macht mich einsam O ich liebe ihn ich bin
an ihn geheftet  Gott sei Dank dass mein langes Verwerfen und Wählen mich eine
glückliche Verbindung finden ließ mich über mein Leben mit ihm zu freuen
Schmerz über seine Abwesenheit und Sehnsucht nach seiner Rückkunft zu fühlen
Ich habe noch dabei sichere Hoffnung dass er als ein noch edlerer Mann
zurückkommen wird  Ich will Ihnen hier den Grund dazu schreiben Mein Oheim
hatte seit unsrer Zurückreise von C öftere Unterredungen mit meinem Manne
über hundert Gegenstände die sowohl den Fürsten die Minister und die Räte
als auch die Geschäfte und den Ton in welchen sie geführt werden angingen
Manchmal war ich dabei arbeitetete aber ruhig fort doch freute michs innig
wenn ich meinen Kleberg Sachen sagen hörte die den ganzen Beifall meines Oheims
erhielten der ihn auf verschiedene Proben führte  Zum Beispiel Es wäre wohl
möglich dass Kleberg einmal zu einem wichtigen Platz und an den Hof berufen
würde wo er öfters den Fürsten und täglich den Minister sehen von vielen
Leuten aufgesucht und beobachtet werden würde  was wohl da sein Haupt oder
Grundplan wäre  »Rechtschaffenheit unermüdeter Fleiß und undurchdringliche
Verschlossenheit«  antwortete er mit einem Gesicht und Ton voll Eifer
    »Die beiden ersteren Eigenschaften kenn ich in Ihnen schon lange aber warum
setzen Sie undurchdringliche Verschlossenheit dazu«
    »Weil ich an den Höfen die ich sah und an den Geschäftsführern die ich
beobachten konnte so oft Ursach fand zu glauben dass ihr Ansehen und der gute
Fortgang nützlicher Entwürfe viel fester und gewisser gewesen sein würden wenn
sie ihre Leidenschaften und ihre Absichten verborgen gehalten hätten« 
    »Es gibt aber Leidenschaften die uns lieben oder fürchten machen  und
beide weiß ein kluger Mann zu benutzen« 
    »Nicht so gut und nicht so lange als er seine Gleichmütigkeit benutzen
wird Denn durch unsre Leidenschaften werden Andre Meister über uns und lenken
sie wie es ihr Eigennutz erfordert  Und bei einem Manne der nah an dem
Fürsten ist wird endlich die Furcht in Hass und die Liebe in eine
Vertraulichkeit verwandelt die beide das notwendige Gewicht aufheben und
seiner Person und den Wirkungen seiner Arbeiten schaden so wie die Entdeckung
seiner Absichten bösartigen und neidischen Menschen den Anlass gibt das Beste
zu verhindern zu erschweren und zu untergraben«
    »Aber wenn Sie so verschlossen sind so wird sich auch niemand gegen Sie
eröffnen und das ist doch bei einem Manne an dem Platze wo ich Sie denke
eine sehr nötige Sache« 
    »Es wird einige Zeit dauern bis ich Vertrauen habe Aber wenn ich nun gegen
Alle gütig und höflich sein werde von keinem nichts Nachteiliges sage und
Jedem Gelegenheit gebe sich gelten zu machen Da soll mir schon Vertrauen
zufliessen  Behalten will ich es indem ich niemals Jemand verraten oder in
Verlegenheit bringen werde Und dann mein lieber Oheim« fuhr er fort »ob ich
schon weis dass man an Höfen weniger über Versäumnis seiner Pflichten als über
kleine Versäumnisse gegen gewisse Leute gestraft wird so will ich Beides
verbinden nichts Schädliches sagen und nichts Ungerechtes tun« 
    Mein Oheim fasste ihn bei der Hand schüttelte sie freundlich und sah ihm
lächelnd ins Gesicht »Lieber junger Mann wie schnell gingen Sie den Weg zur
Größe der Seele wenn diese schönen Vorsätze einst von Ihnen anhaltend
ausgeführt würden« 
    Andre Unterredungen müssen meinem Oheim noch besser gefallen haben weil er
endlich sagte »Rosalia Dein Kleberg hat mir die Freude gemacht an ihm einen
würdigen Gesellschafter zu einer Reise zu haben die meinem Herzen angelegen
ist  Du musst mir ihn acht Tage überlassen« 
    Sie denken wohl dass ich nicht widerstrebte Beide reisten vergnügt ab und
heute früh erhielt ich einen Brief von Klebergen von dem ich Ihnen das
abschreiben will was Ihnen gefällig sein kann »Meine Reise ist eine reiche
Erndte von Güte und Kenntnissen die ich unserm Oheim verdanke Nun weiß ich
wie es zuging dass Du von Erde und Menschen so viel edle und richtige Begriffe
sammletest  Und weist Du wohin ich reise Ach dahin wo Du mit so viel
Vergnügen warst wo Du die Schweitzergebürge sahst die so große Gefühle in
Deiner Seele erweckten  Morgen sind wir in Wartaussen da soll ich Alles
sehen wo unser Oheim die besten Jahre verlebte  Es ist eine dankbare
Wallfart« sagte er »zu der Quelle meines Glücks Ich muss noch einmal mich an
dem Anblick ergözen  Aber er ist sehr nachdenkend dabei unser guter Oheim«
»Salie ich war in Wartaussen hatte aber das Glück nicht Jemand von der
Gräflichen Familie anzutreffen  Sie sind in Lot « Anschlussfehler in der
Vorlage
    » noch wahnsinnig genug den jezigen Grafen oder den ehemaligen richten
zu wollen«  Und in Wahrheit Rosalia es ist Alles recht schön und lobenswert
eingerichtet denn wir wurden überall umher geführt  Aber als wir von dem
Schloss entfernt waren und auch alle Gebäude der so schön eingerichteten
Landwirtschaft gesehen hatten wurde unser teurer Oheim etwas still und
tiefsinnig beantwortete auch meine Ausrufungen über die großen edlen Anlagen
nur mit einen gerührten Blick Ich wurde da eben so aufmerksam auf ihn als ich
es auf die Sachen war die er mir wies Wir kamen auf unserm Wege auf einen
herrlichen Platz wo man zwischen schönen Kornfeldern in einer Allee von
hochstämmigen Kirschbäumen Schloss Amtaus Kornspeicher HaushaltungsGebäude
Gemüsgarten Waldung und Spaziergänge mit Einem Blick übersehen kann Da fasste
er mich bei der Hand  »Kleberg all das große Schöne ist Arbeit zweier
verdienstvollen Väter des jetzigen Grafen mögen Söhne und Enkel es mit so viel
Vergnügen und Würde genießen als diese zwei Männer Größe des Geistes und
Menschenliebe besaßen« 
    
    Mit einer Träne der innigsten Empfindung im Auge und zusammengelegten
Händen sah er noch einmal sich um  »Ach was für selige Tage lebt ich hier
 Himmel segne ihn immer den Wohnplatz den der große Mann liebte und ohne
Pralerei verschönerte« 
    Dem Beamten der bei uns war und von dem er mir viel Gutes gesagt hatte
drückte er die Hand und sagte dabei »Sie haben ihn auch gekannt  ehren Sie
immer sein Andenken« 
    Damit ging er mit schnellen Schritten einen mit wildwachsenden Bäumen
schön gedeckten Weg den Berg hinunter wo unser Wagen hielt wir Beide
schweigend einstiegen und eine Viertelstunde davon wieder Halte machten und in
eine Dorfkirche gingen wo er mit dem Küster etwas sprach der ihn dann auf
einen Platz in dem Chor führte auf den Boden wies und sagte »Hier liegt der
alte Graf«  Ich möchte mein eigenes Gefühl und den Ausdruck beschreiben
können der nicht nur in den Gesichtszügen sondern in der ganzen Stellung
unsers Oheims war als er einige Minuten still Anschlussfehler in der Vorlage
ML
    » Euren Herrn und seine Söhne mit dem Geist des Verstorbenen wie er ihm
seine Güter gab«
    Er schenkte dem Küster was kniete sich schnell hin küsste den Stein der die
Gruft deckt  »Diese Träne des Danks und der Verehrung ist Alles was ich Dir
geben kann«  sprach er mit äußerster Bewegung  »Aber so lang ein Tropfen
Blut in mir wallet wird das Andenken Deiner großen Eigenschaften und Deiner
Güte Deinem L R heilig sein« 
    Dann stand er eilig auf ging fort und ich saß fast eine Stunde neben ihm
eh er ein Wort sagte Endlich fing er an »Nun ist mir wohl  ich habe noch
einmal den Ort gesehen wo der Mann lebte dem ich den Anbau meiner Talente
meines Charakters und meines Glücks schuldig bin Wär aber auch all dies nicht
so freute michs immer in ihm einen wahren Edlen von Deutschland gekannt zu
haben der seinem Vaterlande seinem Stande und jeder Stelle die er bekleidete
Ehre machte«  Nach einigem Schweigen fuhr er fort »Wie viel Menschen und
SachenKenntnis hab ich bei ihm gelernt  In meinen Papieren Kleberg werden
Sie einst meine wichtigsten Erinnerungen von ihm finden  Ihre Kinder sollen
sie einst lesen und darin die Grundzüge eines deutschen patriotischen
Ministers sehen der Feuer Scharfsinn Mut Würde und strenge Gerechtigkeit
mit wahrer tätiger Güte des edlen Menschenfreundes vereinigte  Welch ein Herr
für seine Untertanen Ach wie oft erinnre ich mich sein wenn ich durch andre
Gefilde reise und  ach Er  und was Er war ist nicht mehr« 
    Hier schwieg er wieder lange in Gedanken verhüllt  endlich fasste er mich
mit einer Hand und sagte ganz Ernst »Ich weiß nicht was für eine Wirkung
diese Reise und diese Szene auf Ihre Seele machen  aber lassen Sie mich den
Wunsch sagen dass bei dem Grabmale dieses Mannes der große Borsatz in Ihnen
bekräftigt werde ein rechtschaffener und um das gemeine Beste verdienter Mann
zu werden  Es ist ein Beweis meiner Achtung und Liebe gewesen dass ich Sie
mit nahm Nun sind meine Reisen zu Ende ich will auch Ruhe und Muse genießen
Nur ein kleiner Plan sitzt noch in mir Ich möchte bei dem Beamten in Mahnheim
ein Paar junge Leute in die Kost und Lehre bringen eh sie auf Universitäten
gingen damit sie durch Übung ihre Köpfe und Herzen tätig verwendeten eh sie
gelehrt würden Ihr junger Itten taugt ganz vortrefflich dazu und dann weiß ich
noch einen herrlichen Jungen den ich mitgeben will Das Ende meines Lebens
sollte mir süß werden wenn ich drei wackere junge Männer gebildet hätte und
der Erste davon mich durch das dauernde Glück meiner guten Nichte belohnte« 
    »Salie Du kennst das Herz das so ganz Dein gehört  Du kannst Dir das
Gelübde denken so ich Deinem Oheim ablegte  und Liebe Du sollst erfahren
dass ich es niemals brechen werde« 
    O Mariane wie viel Wiedererinnerung hat dieser Brief von Kleberg in meine
Seele gebracht  Ich habe auch wieder Gelübde erneuert von Allem was ich Edles
und Gutes in meinen Lebensplan bringen kann  Es wär auch schrecklich und
unverantwortlich wenn ich nach so vieler Gelegenheit die besten Kenntnisse für
Geist und Herz zu sammlen nichts davon in meine Handlungen legen wollte Was
hilfe mirs alsdann Sie zu kennen von meinem Oheim erzogen zu sein so viel
schätzbare Menschen gesehen zu haben  und meine Bücher die stillen
Lehrmeister die Gefühle und Denken des Guten in mir erwekten
    Immer will ich Hochachtung verdienen von Ihnen Edelste Beste und von den
unschäzbaren Freunden die zerstreut von mir auf dieser Erde wohnen und denen
mein für Tugend und Verdienste so fühlbares Herz Verehrung und Liebe gewidmet
hat 
 
                           Vier und neunzigster Brief
                              Rosalia an Mariane
Ach Mariane es ist gewiss nichts vollkommen weder Glück noch Tugend Ich
erfahre beides an mir selbst Mein Kleberg und mein Oheim kamen vergnügt von
ihrer Reise zurück meine Freude sie wieder zu sehen wurde durch ihre
beiderseitigen Erzählungen von dem was sie gesehen und gehört was mein Oheim
an Klebergen lobte und dieser von der Güte des Erstern rühmte unendlich
vervielfältigt und ich wollte Ihnen Alles das recht schön in meiner ersten
Entzückung schreiben  Aber da wurde mein Oheim krank sehr krank und ist noch
so dass ich seine Reise zum Grabe seines Wohltäters als eine Vorbedeutung
seines eignen Todes ansehen kann  Der Himmel und Sie kennen mein Herz genugsam
um die Aufrichtigkeit meiner Sorgfalt und Wünsche für die Erhaltung meines
Oheims zu glauben Aber nun kam ich auf die Probe über mich selbst  Mein
verehrungswerter Oheim fast ohne Hoffnung zur Wiedergenesung krank und meine
arme van Guden ringt zu Wollinghof mit dem zerreissenden Gedanken dass Pindorf
wieder verheiratet ist und so gar mit seiner neuen Gemahlin eine Spazierreise
nach Mahnheim gemacht hat Hier ist das Zettelchen und der Brief die ich beide
zugleich erhielt  Wie nötig wär es meine arme Freundin zu besuchen Aber
meinen treuen Pflegevater kann ich und darf ich nicht verlassen da muss ich
jedes andre Verlangen meiner Seele unterdrücken  Mein Oheim hat ohnehin öfters
vor Klebergen die van Guden als eine Schwärmerinn behandelt und etwas
verächtlich von ihr gesprochen sogar den Wert ihrer Guttaten herabgesetzt
weil ihre widersinnige Liebe wie er sie nannte der Beweggrund dazu war  Ich
weiß wohl dass ihr Wollinghof nur wegen der Nachbarschaft Pindorfs so lieb war
dass sie Hoffnungen in ihrem Herzen ernährte und die Bilder Bücher und Geschenke
für die Kinder waren bei ihr was bei einem andern Frauenzimmer ausgesuchter
Putz und übrige Anlockung sind Sie hat auf die Wirkung davon gerechnet sie
kann nicht in Wollinghof bleiben Pindorf und sie werden elend darüber O
Zufall was tust du was zerstörst du auf so hundertfache Weise 
    Es ist mir leid mein guter Oheim tröstet mich und dankt mir für Tränen
und für Unruhe die nicht für ihn allein sind Kleberg will mich stärker und
gelassner haben  und ach der Himmel vergeb es mir ich habe gewünscht dass
mein Oheim überwunden hätte und nicht mehr litte  Es war aber nicht so ganz
rein der Gedanke dass er nicht mehr leiden möchte sondern auch der dass ich
alsdann zur van Guden eilen könnte  Sagen Sie o meine Mariane sagen Sie
kann ich mein Herz von den Vorwürfen befreien die ich mir darüber mache 
Hätten Sie hätt ich selbst jemals gedacht dass das Gefühl meiner Dankbarkeit
und meiner kindlichen Liebe für meinem so gütigen liebreichen Oheim bis zu
diesem Grade unterbrochen werden könnte  Ach liebe liebe Freundin und dann
masse ich mir das Recht an die Unvollkommenheiten Andrer zu beurteilen im
Stillstande meiner herrschenden Leidenschaften Andre zu tadeln die durch die
erregte Unordnung in ihren Gedanken und Gefühlen etwas von der Richtschnur
abweichen 
    Mein Kummer über meinen Oheim und die Beängstigung welche ich über die van
Guden bezeigte machte Klebergen unruhig Er umarmte mich und sagte mir so
gütig so gütig und so männlich dabei »Liebe Rosalia ich bete Sie wegen ihrer
zärtlichen und starken Empfindungen an Es war der Grund meiner Liebe und des
Wunsches mit dem Herzen der Einzigen mein Leben zuzubringen  Aber o meine
teure Liebe bemühen Sie sich Alles was Schicksal was Folgen der Gesetze der
Natur und notwendige Folgen erster Schritte in Begebenheiten sind mit
ruhiger Unterwerfung und Mut zu tragen sonst zittre ich Sie und mein Glück
nicht lange zu genießen« 
    Ach Mariane mich dünkt ich habe Mut für meine Leiden aber für die von
meinen Freunden habe ich keinen Lehren Sie michs haben
                         Zettelchen von Frau van Guden
»Ich kann Ihnen liebe Rosalia auf Ihren letzten Brief nicht viel sagen  Ich
bin sehr beschäftigt  Wollinghof hat für mich eine ganz neue Aussicht
bekommen  Adieu« 
              Großer Brief zehn Tage nach dem Billet geschrieben
Meine Freundin ich atme wieder aber meine Brust ist sehr recht sehr
abgemattet  Es war zu arg zu überfallend  Ich werde Ihnen erzählen wie
Jemand der aus einem ruhig schwimmenden Boot durch das jähe Anstossen auf einen
verborgenen Felsen in die See stürzt für Schrecken seine eigene Kräfte nicht
gebrauchen kann  und halb durch die Wellen selbst halb durch mitleidige Hände
an das Ufer gebracht wurde noch in den nassen Kleidern zittert und selbst
seine Rettung noch nicht glauben kann Das Äußerste von meiner Vernunft und
meinem Herzen ist geschehen  Hoffnung und Furcht Zweifel und Ungewissheit sind
alle weit von mir  O Rosalia denken Sie sich was ich Ihnen von Pindorf
erzählte denken Sie was meine Liebe für ihn noch war als ich von Ihnen
reiste seine Kinder zu besuchen und hier die Gegend zu sehen von welcher er
mit so vieler Empfindung gesprochen hatte  Mein Aufenthalt bei den Wellings 
Ach wie vermischt waren die Beweggründe  Immer erkundigte ich mich von Zeit zu
Zeit nach Herrn von Pindorf  Er reiste  Die Kinder und ihre Aufseher wussten
nicht viel von ihm erhielten nur kleine Briefgen worin die Nachricht von
seinem Wohlbefinden und wiederholte Empfindungen für die gute Besorgung der
Kinder war Endlich hörten sie lange nichts  und dann auf einmal den Befehl
Alles recht schön zuzubereiten er käme bald und seine Frau Schwester mit ihm
Mein Herz klopfte ja Rosalia es klopfte laut stark bei dem Gedanken Bald
ist er in dieser Gegend dort dort wo ich die fernen Turmspitzen sehe  Ich
wünschte den frühen Herbst damit die Bäume ihre Blätter bald verlieren möchten
dass ich mehr von der Stadt W sehen könnte Wie bald sah ich mehr  mehr als
ich tragen konnte  O Rosalia was sah was fühlt ich vor zwölf Tagen als ich
Nachmittags in den Baumgarten gehen wollte und das Getrappel von Pferden hörte
aus dem Hofgitter sah und zwei Damen dem Haufe zuritten ein schöner Mann
nachsprengte und mit der mir durch die Seele tönenden Stimme rief »Das hier
Wollinghof« sagt ihr  »des Gärtners der in der zerfallnen Burg wohnt« 
    Ich hörte die Antwort nicht sondern eilte in mein Zimmer zurück weiß aber
nicht wie ich hin kam  Gott  Pindorf er  edel einnehmend Alles was
seine Person ehmals mir war  dieses Gefühl war Rausch und Taumel  Der
Gedanke zwei Damen mit ihm war Schlag betäubender Schlag  Eine gewiss seine
Schwester  aber die Andre was ist die  Dunkel erschien es in meiner Seele
das Bild einer zweiten Gemahlin Pindorfs  aber ich wand mit Abscheu und
Schmerz mich davon ab und hing mit verwirrten Ideen und Empfindungen an ihm 
allein an ihm  Ach Rosalia Gott sei Dank dass er vorbei ist der Jammer der
mich zerreist  es ist über alle Beschreibung  Wer o wer schriebe was ich
fühlte als Wolling halb außer Atem zu mir kam »Kommen Sie meine
Wohltäterin Herr von Pindorf ist da  ihm hab ich Ihre Güte zu danken  Er
hat seine Gemahlin und Schwester bei sich  mein Glück entzückt ihn« 
    Ich weiß nicht wie die Bewegungen unsrer Seele in gewissen Augenblicken
sind Aber ich glaube so wie mir da war so ist die Ruhe derer gewesen die
durch unbewegliche Anhänglichkeit an eine Partei ihr Leben auf dem Schavott
verloren und noch Anreden hielten 
    »Lieber Herr Wolling« sagt ich mit Ruhe »ich kann und ich will weder die
Damen noch Herrn von Pindorf sehen niemals mein Freund  niemals   Ich
bitte Ihn sag Er dass ich Niemand sehe Weise Er ihnen Alles  sag Er alles
was Er will nur nicht viel von mir Mein altes Schlafzimmer soll aber Niemand
sehen als Herr von Pindorf nur er« 
    Wolling faltete seine Hände sah mich an »O Gott was seh was errat ich
erst jetzt« Ich reichte ihm freundlich die Hand  »Es ist gut so lieber Herr
Wolling  Sorg Er für unsre Gäste  hernach soll Er Alles was ich hier
verborgen habe von mir hören«  Er sah fest und wehmütig mich an »Ach Sie
ich lasse Sie Gott dessen edelstes Geschöpf Sie sind« 
Er ging  Was ich tat weiß ich nicht aber ich war gewiss elend unbegreiflich
elend Beinah zwei Tage fragte ich gar nicht und Wolling sagte nichts aber er
war tiefsinnig und traurig seine Frau ängstlich  Die Kinder hatten kaum das
Herz zu sprechen  meine Meta blickte mit tränendem gesenktem Auge nach mir
 das Gesinde ging niedergeschlagen herum  Ich hatte Trost nötig das
allgemeine Leidwesen drückte mich noch mehr  Tugend wohnte hier übende
zufriedne Tugend  und meine aufs neue erweckte Leidenschaft störte in all
diesen unschuldigen guten Herzen den Genuss ihrer Freude und ihres schuldlosen
Lebens  Ach wie dank ich Gott für die lebhafte Empfindung die er mir für
Recht und Wohl meines Nächsten gab weil dieses immer meine Seele und mein Leben
rettete  Ich ertrug den Gedanken nicht den Ausdruck des Wohls und der Freude
bei meinen Wollingen erloschen zu sehen und bat ihn den zweiten Tag Abends mir
zu sagen warum er so traurig mich anblicke und selbst seit Herrn von Pindorfs
Besuche traurig sei 
    Er antwortete mit Bewegung »Ach Sie  Er  die mich und meine Lotte so
selig machten Sie Beide so unaussprechlich elend zu sehen das verbittert mein
ganzes Leben« 
    »Wie so Herr Wolling  Bei mir ist nun Alles Ruhe  Ich liebte Pindorfen
so lang ich ihn kenne  ich wünschte ich hofte ihn  das Schicksal wollte es
nicht Die Vorsicht segne ihn auf immer« 
    »Ach dieser Segen kommt zu spat  er hilft ihm nichts mehr«  »O Herr
Wolling was will das sagen  das muss ich wissen  wie weiß Er das«
    »Aus dem Jammer aus dem Wahnsinn der ihn befiel als er Ihr Zimmer und
Ihre Zeichnungen erblickte  Blass und betroffen sank er auf einen Stuhl nahm
meine Hand Wolling wo ist die Person die diese Zeichnungen machte« sagte er

    »Sie wohnt in meinem Haus«
    »Hier in Wollinghof« 
    »Ja seit zwei Jahren und ihr hab ich all mein Glück zu danken Sie hatten
ihr in England von uns gesprochen sie suchte Sie auf und wollte Ihre Rückkunft
bei uns erwarten« 
    »Meine Rückkunft erwarten  o van Guden wie bin ich verwickelt« er
schlug sich mit beiden Händen vor den Kopf »Vor drei Monaten hätt ich noch
glücklich sein können«
    Nachdem musste ich ihm sagen wie Sie zu uns gekommen waren  Was Sie bisher
getan und wie Sie leben  »Wohnte Sie in diesem Zimmer«  
    »Ja bis das Haus gebaut war«  Er »hatte sich während ich redte auf den
kleinen Tisch gesezt Endlich stand er auf betrachtete mit tränenden Augen den
Platz wo ich ihm gesagt dass Ihr Klavier gestanden blickte auf Ihr simples
Bettgen und ging nah an die Wand wo Ihre Zeichnungen von Rom und England sind
legte seinen Kopf an eins und breitete beide Arme über die andern aus  Nach
wenig Augenblicken warf er sich auf den Boden küsste die Schwelle Ihres
Schlafzimmers   »Wolling sagen Sie dem Engel dass ich mit Todesraserei ihre
Fußstapfen küsste«  »Hielt sich dann einen Moment auf dem kleinen Altare und
als ihn die Damen so blass und verstellt sahen sagte er es wäre ein Anstoß von
Schwindel weil er zu hoch gestiegen sei«  
    Des andern Tages war er wieder da in aller Frühe Wolling musste ihn in mein
altes Zimmer führen Dort erzählte er ihm Alles von sich und mir  wehklagte
dass er mich nicht mehr in Holland gefunden verwünschte sich und seine
Schwester die ihn wegen der Schulden in die sein Garten und Hausbau ihn
gestürzt zu einer reichen Heirat übertaumelt habe  dass schon meine Geschenke
an seine Kinder sein Herz zerrissen hätten  Nun wünscht er noch einmal mich
zu sehen und in meinem Zimmer zu sterben
    Verzeihen Sie Rosalia aber ich weinte sehr bei dieser Erzählung und das
war glücklich  denn ich hatte noch nicht geweint Mir wurde leichter  und ich
sagte Wolling meine Besorgnis dass Pindorf mir auflauren möchte dass ich ihn
noch nicht sehen könnte und auch an seiner Frau die ihn liebte keinen Raub
begehen wollte Ach wenn sie edel ist wie Amalia von T gegen das Fräulein
von Essen war  so könnte diese Nachbarschaft noch glücklich werden Ich möchte
seine Kinder erziehen Herzens Mutter an diesen werden Er kann für die sorgen
welche seine zweite Frau ihm geben wird  Aber ich kann ihn noch lange lange
nicht sehen Doch bin ich heiter und meine Wollinge auch
    Rosalia fühlen Sie nicht wie glücklich Sie bei dem Loose Ihres Lebens
sind  Segnen Sie o segnen Sie die Hand die Sie leitete und mit dem Beifall
der ganzen Welt an das Ziel Ihrer Bestimmung führte Gattin  Freundin und
Mutter zu werden  Nicht alle Ihre Tage werden heiter sein  Aber das Zeugnis
erfüllter Pflichten in ihrem Herzen das Zeugnis derer die Sie handeln sehen
wie süße Beruhigung gießt dies über jede Bekümmernis des Lebens aus glauben
Sie außerordentliches Glück außerordentliches Schicksal haben eisernes
Gewicht das oft zu Boden drückt  Aber ich will mich zur Rechenschaft ziehen
über jede Kenntnis jede Erfahrung und jeden Teil meines Wohlergehens und
will nicht mehr eigensinnig nicht mehr undankbar sein  Aber teuer  sehr
teuer bezahl ich Klugheit und meine Ruhe 
Rosalia Morgen morgen seh ich ihn Seine Ruhe wills  Wolling soll Zeuge
sein  Ich will ihn bei der alten Hütte sehen am Bogen wo man das ganze Tal
vor sich hat  auf dem Platze wo Wolling den edlen Mut hatte seiner Lotte zu
entsagen
 
                                  Dritter Teil
                            Fünf und neunzigster Brief
Sie ist vorbei meine Unterredung mit Pindorf  Sie ist vorbei und mit ihr
alles Wünschen alles Hoffen so vieler Jahre  Aber ich habe meine Ruhe wieder
und diese ist doch das größte Glück des müde gelaufenen Menschen  Ich will
Sie nicht mit der Erzählung alles dessen plagen was noch seit seiner ersten
Erscheinung auf meinem Berg durch den immer vor mir schwebenden schwarzen und
niederdrückenden Gedanken seines zweiten und gänzlichen Verlustes in meinem
Geist und Herzen vorging Es kostet viel sich von der Idee seines Glücks
seines selbst geschaffenen Glücks loszuwinden Ich will aufrichtig sein und
Ihnen auch darüber alles sagen so wie ich bisher getan habe
    Es war mir lange unmöglich an eine Unterredung mit Pindorf zu denken mir
schauderte immer davor aber Wollings Abschilderungen des zunehmenden Weh und
Kummers von Pindorf und die Betrachtung dass er auch beinahe Nichts von aller
meiner sonderbaren Zärtlichkeit für ihn gewusst habe  dies bewog mich endlich
seiner Ruhe zu Liebe und auch der Meinigen wäre sie auch durchs Leiden zu
erringen vor zehn Tagen zu dem Entschluss ihn zu sprechen  Er wünschte dass
es in meiner alten kleinen Wohnung zwischen den Schlossmauren sein möchte Aber
das konnte ich nicht die vielfache Abbildung seiner Person die die beiden
Kämmerchen ringsum ganz bekleiden die Aussicht auf die Stadt W  die
Erinnerung jedes Seufzers um ihn alle das wäre mir zu nahe gewesen und hätte
mich vielleicht zu sehr erweicht  oder auch zu einer bitteren Empörung gegen ihn
gebracht und beides wollte ich vermeiden Seine erneuerte Zärtlichkeit
anfachen und die meinige nähren wäre eine Verletzung der heiligsten Pflichten
gewesen und dann schien mir der freie Himmel der von der Moosbank an den
Ruinen des Turms zu sehen ist und die weite Aussicht auf die schöne Welt
Gottes etwas Stärkendes für meinen Geist und auch viel Besänftigendes für die
Leiden meines Herzens zu haben Er ließe sich alles gefallen was ich wollte
wenn er mich nur sprechen könnte sagte er zu Wolling und blieb denselben Abend
in meinem alten Zimmer ohne dass ich es wusste Morgens ging ich hinaus O wie
oft wechselte Mut und Mutlosigkeit bei mir ab  Wie beklemmt wurde mein Herz
als ich ihn von der Seite auf der Moosbank erblickte Wolling war mit mir
gegangen ich verdoppelte aber meine Schritte in dem Augenblick da ich am
meisten litte um bald am Ende aller dieser Quaal zu sein Das schnelle Gehen
machte mich beängstigt ich blieb auf Einmal stehen und wurde da ich Wolling
ansah Tränen in seinem männlichen Auge gewahr da er einen Arm gegen mich zu
meiner Unterstützung ausstreckte und ich ihn ablehnte meinen Kopf zum Himmel
erhob und tief Atem hohlte  Pindorf zu gleicher Zeit uns erblickte
aufstund aber wieder auf die Bank zurück fiel  ach Gott rief Wolling dieser
Boden ist also zu lauter Schmerzen bestimmt
    Ich eilte jetzt Pindorf entgegen der sich auf einen Arm gegen die Mauer
stützte Wie edel o wie höchst edel war diese Stellung und wie viel vermehrte
sie meine Übel Wolling blieb zurück ich fasste mich so viel ich konnte nahm
Pindorfs matte da liegende eine Hand setzte mich neben ihn konnte aber nicht
sprechen sondern blickte ihn an mit Augen voll Tränen Schnell wandte er
sich und fasste nun meine Hand in seine Beiden ließ seinen Kopf darauf sinken
seufzte und weinte dabei Ich unterbrach Ihn lange nicht weder durch eine
Bewegung meiner Hand noch durch einen Laut meiner Stimme Ich war froh die
ersten Augenblicke so vorüber gehen zu sehen Endlich legte ich meine freie Hand
auf seinen Arm
    Teurer Pindorf fassen Sie sich Schonen Sie Ihre arme van Guden
    Meine arme van Guden rief er aus indem er seine beiden Hände faltete
keine Träne mehr in seinen Augen sondern nur noch einen zitternden Tropfen auf
der schnell glühenden Wange wobei er fest auf mich blickte Aber seine etwas
erhabene Arme senkten sich da ich ihn mit vieler Wehmut ansah und zum Glück
die Kraft hatte ihm zu sagen Ja ich werde arm sein wenn ich Sie unglücklich
sehe wenn nach so vielen Jahren mein Anblick der Ihnen so wert war Sie nun
Tränen kostet 
    O van Guden was soll ich von alle meinem Elende sagen meinem
unaussprechlichen Elende
    Sagen Sie alles was Sie wollen was Ihr Herz erleichtern kann Es lebt
Niemand sagte ich mit Tränen und mit Erhebung seiner Hand an meine Brust
Niemand der mehr Anteil an Ihnen nimmt als ihre Freundin van Guden
    Freundin van Guden wiederhohlte er mit einem sonderbaren Tone und
schwieg wieder lange  Endlich fing er an
    Ich kann unter diesem Namen nicht mit Ihnen reden ich kann nicht ich muss
Sie Sophie Hafen nennen dürfen um die Frage zu tun an deren Beantwortung mein
Leben hängt 
    Ach Rosalia wie sonderbar ist das Herz der Menschen Er konnte mich nicht
mit dem Namen eines Mannes denken dem ich verwählt gewesen war und dachte
nicht daran dass ich ihm als Mann von zwei Frauen nach einander vor mich sehen
musste  Schreiben uns die Männer weniger Feinheit im Lieben oder weniger
Ansprüche zu
    Nennen Sie mich immer ganz freimütig Sophie Hafen denn ich bins ob ich
schon van Guden heiße 
    Rosalia dies sagte ich ich die so klug sein konnte die so edelmütig so
feindenkend zu sein glaubte O meine Freundin auf wie vielerlei Art führen uns
Leidenschaft und Eigenliebe irr und übel Pindorf war glücklicher Weise gar
nicht gefasst genug um diese Unvorsichtigkeit zu bemerken aber ich fühlte sie
so lebhaft dass ich mir gleich die strengste Beobachtung meiner selbst
vorschrieb  dem verwittweten Pindorf hätte ich dieses kaum sagen dürfen und
ich sagte es dem der eine zweite Gemahlin hatte  Ach Rosalia wie demütig
bin ich seit diesem unwürdigen Geschwätz
    Pindorf war aufgestanden blickte voll Liebe mich an griff mit seinen
beiden Händen nach den meinen
    Sagen Sie Sophie sagen Sie würden Sie mich jedem andern Mann vorgezogen
haben wenn ich so glücklich gewesen wäre Sie in den Tagen meiner Freiheit
anzutreffen 
    Ja Pindorf ich hätte Sie vorgezogen der ganzen Welt vorgezogen 
    Er drückte meine Hände einen Moment ließ sie gehen wandte sich um und
legte sich auf seine verschlungene Arme mit dem Gesicht über die abgefallene
Mauer hin Ich geriet darüber in die äußerste Verlegenheit schwieg auch
wieder eine Zeitlang und rief endlich
    Pindorf kommen Sie lehnen Sie sich auf den Arm der Freundschaft und
Tugend Sie sollen beide unzertrennt in meiner Seele finden Gönnen Sie mir das
Glück etwas über Sie zu vermögen
    Er antwortete nicht sondern drückte seinen Kopf fester auf seine Arme  Er
jammerte mich und ich dachte auf ein Mittel  seinem Schmerz eine andre Wendung
zu geben Ach warum haben Sie mich sehen wollen sagte ich Hier richtete er
sich auf
    O missgönnen Sie mir dieses Glück nicht Bereuen Sie es nicht Denken Sie
dass es Alles ist was ich von meiner Liebe für Sie habe
    Er sah mich hier unaussprechlich traurig an und rang die Hände Nach
einigem Schweigen sagte er wieder  Was ich ietzt leide ist viel viel
bitterer als das was ich in Brüssel bei meiner Trennung empfand nachdem ich
so viele Monate lang alle Reitze Ihres Geists und der Güte und Anmut Ihres
Umgangs genossen hatte  Auch der Schmerz den ich einmal in Holland fühlte
als ich von ungefähr in van Gudens botanischem Garten herum ging Sie erblickte
und von dem Glücke reden hörte das Sie auf alle Menschen ergossen die sich
Ihnen näherten  Auch dieser Schmerz war lange nicht so wütend wie der so
mir ietzo das Leben kosten wird  Sie liebten mich Sophie Sie liebten mich Sie
hätten mich vorgezogen Ach ich hofte diese Antwort ich hofte sie nach den
Merkmalen von zärtlicher Erinnerung an mich die ich hier fand Er zeigte da auf
die Fenster meiner Zimmerchen im alten Schloss Diese Antwort macht mich aber
elender als ich war
    Er war weit davon zu denken was ich da fühlte als während seiner Rede
das Bild von seligen Tagen vor mir stund die ich mit dem Edlen Guten würde
verlebt haben Ich achtete ihn aber bedaurungswürdiger als mich und suchte
auch nur für seine Beruhigung zu sorgen und glaubte dass da er schon so lang
hätte reden können möge sein Herz etwas erleichtert sein Ich wollte diese
Beobachtung nutzen Ich war der Tugend und Feinheit des Gefühls einen Ersatz
schuldig wegen meiner Unbesonnenheit und nahm gleich diesen Anlass dazu ihm zu
sagen
    Lieber Pindorf ich kenne das Hilfsmittel das mich und Sie beidemal
rettete und glücklich erhielte Es hat noch seine Kraft und muss sie an unsern
Herzen beweisen denn wir lieben die Tugend viel zu aufrichtig um Ihr nicht in
allen Gelegenheiten zu folgen 
    Bei unserer Ersten Trennung wurden wir beide durch das hohe Gefühl des
Gedankens unterstützt dass Sie Ihren Pflichten gegen Ihre Eltern und Ihrem
einer liebenswürdigen Braut gegebenen Worte getreu blieben Süsser innerer
Friede heilte die Wunden unserer Herzen ich sah ich erkannte Sie auch im
botanischen Garten ich beobachtete alle Empfindung der Zärtlichkeit die der
junge Medicus in Ihnen erregte und fühlte auch alle meine Gesinnungen für Sie
erweckt die Zufälle und Umstände hatten einschlafen lassen  Ich kämpfte mit
mir selbst denn ich war nur vier Schritte von Ihnen entfernt und auch da kam
die Tugend der Verehrung Ihrer und meiner Pflichten uns zu Hilfe  Sie rissen
sich los gingen eilend weg und ich rief nicht gab nicht das geringste
Zeichen dass ich in der Nähe war ob ich schon die innigste Begierde hatte
Etwas von Ihren Umständen und der Ursache Ihrer Reise nach Holland zu wissen 
Ich bin sicher dass das Zeugnis Ihres Herzens recht getan zu haben Sie für
dieses zweite Opfer Ihrer Wünsche eben so sehr belohnt haben wird als das
Meinige beruhigt wurde wenn ich an meinen Sieg dachte 
    Ich schwieg hier etwas  Nun mein teurer Freund jetzo 
    Rosalia ich weinte und konnte nicht gleich fortreden ich hatte meine Hand
gegen ihn bewegt er fasste sie bog sie gegen mich und legte seine Stirne auf
die meinige Sanft aber häufig flossen Zähren über meine Wangen auf meine
schwarze taffente Schürze Er zitterte etwas weinte dann auch still und die
abfallenden Tränen seiner Augen mischten sich mit den meinigen er bemerkte es
umfasste mich mit dem einen Arme und druckte mich mit einen Seufzer an seine
Brust
    Sophie unsere Tränen vereinigen sich
    Siehe sagte er da er zugleich sich aufrichtete und auf einen Tropfen
deutete der von meinem Gesicht auf einer Falte meiner Schürze hinfloss und eine
Zähre die von seinem Aug geträufelt war auffasste Mit schmachtenden Blicken sah
er auf mich seine Lippen bebten es kam Angst und Betäubung in meine Seele
aber mein guter Genius umschwebte mich und ließ mich ihm sagen 
    Ja Pindorf und sie sollen vereint der edelmütigen Entsagung unserer Liebe
geweiht sein Lassen Sie mich in Ihnen einen verehrungswürdigen Freund besitzen
so wie ich Ihnen  Ihrer und meiner Liebe verspreche dass ich Ihre Hochachtung
bis in den letzten Augenblick meines Lebens verdienen will
    Ich hatte eine seiner Hände mit meinen beiden gefasst und an mein Herz
gedrückt Meine Seele war erhaben und stark so sehr sie auch mit Zärtlichkeit
angefüllt schien
    Ich sah umher und sagte Himmel und Erde sind Zeugen dieses neuen edlen
Bundes unserer Seelen Lassen Sie beide für jeden künftigen Tag Zeugen von der
Wahrheit unserer Tugend sein
    Hier umschlang er meinen Arm und rufte entsagen soll ich Ihrer und meiner
Liebe in dem Augenblicke des Wiedersehens ach Sophie ich ertrage diese Härte
nicht Da stund ich auf  So muss ich fort Pindorf und darf auch in Zukunft
Sie nicht sehen und was mich am meisten grämt ich werde auch einen süßen
Entwurf meines Herzens aufgeben müssen Schnell fragte er  was  was für
einen süßen Entwurf habe ich Anteil daran wird das Süße auch für mich Armen
sein  Ich möchte Ihre Tochter erziehen wenn Sie und Ihre Gemahlin mir das
liebe Kind anvertrauen wollten
    Es freute mich das Vaterliebe allein ihn zu meinen Füßen legte denn er
kniete vor mir umfasste mich  O Sophie ein gütiger Engel hat diesen Gedanken
in Ihr Herz gegeben meine Frau kann die arme Henriette ohnedem nicht leiden
und mein Kind wird in diesen Armen sein  Ach um wie viel glücklicher als ihr
Vater 
    Stumm hüllte er seinen Kopf in meine Schürze und bat mich endlich sie ihm
zuschenken Ich weigerte mich lang aber müsste dennoch nachgeben Mit Entzücken
küsste er sie auf den Stellen wo er dachte dass sie von meinen Tränen benetzt
gewesen und legte sie zusammengewickelt auf seine Brust
    Ihre Tränen  die Meinige 
    Ich unterbrach ihn mit der Frage werden Sie mir Henrietten bald geben
    Ach wenn Sie wollen Ich will also in acht Tagen kommen um sie abzuholen
ich stund auf und setzte hinzu versprechen Sie mir dass ich Sie mit einem
ruhigen Herzen finden werde sorgen Sie für Ihre Gesundheit und auch ich bitte
Sie für das Wohl meiner Tage
    Ich küsste ihn auf die Stirne mit einem Gott seegne Sie und mich nach
diesem ging ich nach Hause in den Wald und Wolling begleitete Pindorf den Berg
hinunter wo seine Pferde hielten An Kräften des Geists und Körpers erschöpft
blieb ich halb betäubt unter der kleinen Wallnusslaube Meine Wollinge wurden
ängstig und suchten mit Meta mich auf Still folgte ich ihnen musste mich aber
zu Bette legen und ich bat mich allein zu lassen um mich satt zu weinen zu
kämpfen und meine Entschlüsse mit mir selbst zu befestigen Hin ist er hin auf
immer  Ach Rosalia 
 
                          Sechs und neunzigster Brief
                             Van Guden Fortsetzung
Sie haben lange nichts von mir gehört schreiben Sie Sie sind darüber unruhig
und bekümmert Dank sei Ihnen für Ihre immer gleich dauernde Freundschaft und
mein langes Schweigen vergeben Sie mir
    Den ersten dieser Briefe hätte ich schon vor zwölf Tagen abschicken können
aber da er Ihre Neugierde nur gerejetzt und nicht ganz befriedigt hätte so
dachte ich dass Sie eher mein längeres Schweigen als die Ungeduld nach dem
Ausgang meiner Reise um Henriette Pindorf ertragen würden und heute kann ich
Ihnen von allem genaue Rechenschaft geben  Pindorf sah nicht gerne dass ich
selbst in sein Haus kommen und die Kleine abholen wollte aber ich hatte
vielerlei Ursachen darauf zu bestehen Ich wollte ihm beweisen dass reine
ruhige Freundschaft in meiner Seele Platz genommen habe Ich wollte mir die
Achtung seiner Frau und seiner Schwester erwerben um in dieser Achtung Stärke
gegen mich selbst und gegen Pindorf zu finden weil der Entwurf seine Tochter
zu erziehen einen großen Überrest von Anhänglichkeit für ihn zeigte und er es
gegen Wolling mit vieler Freude bemerkt hatte Dann wollte ich auch seine
Schwester besonders sehen die wie ich aus Ihres Klebergs Briefe wusste so viel
Gewalt über seinen Verstand und Neigungen ausübte Und meine teure Rosalia
was war das Ende alle dieses Nachdenkens und Überlegens Die Überzeugung dass
Eigenliebe mich elend gemacht habe und Eigenliebe mich rettete Ich weiß dass
Sie diese Ausdrücke von mir nicht gern hören weil Sie glauben es sei der
Person die Sie so sehr schätzen unanständig und nachteilig aber lassen Sie
mich immer jede Wendung der Worte zu meinen Ideen gebrauchen weil auch in den
Ausdrücken derer wir uns bedienen so viel Trost und Unterstützung liegt und
dann will ich Ihnen auch durch die offenherzige Anzeige meines Empfindens und
Denkens in diesem zärtlichen Falle einen kleinen Maßstab geben nach welchem
Sie die Handlungen einer gewissen Gattung Sonderlinge berechnen und beobachten
können
    Ich ließ in meinem großen Zimmer das Sie kennen auf der Seite gegen das
Ihrige einen Abschnitt machen wo ich für Henriette Pindorf eine Bettstelle und
zwei kleine Kabinette anordnete denn sie soll Tag und Nacht um mich und unter
meinen Augen sein und dann ging ich vor vier Tagen mit Wolling in meinem
simplen aber sehr schönen englischen Reisewagen ganz früh nach Pindorfs
Landgut ab um dort zu essen und Abends zeitlich wieder hier zu sein wo durch
unsere Bauern und Wollings Kinder ein kleines WillkommsFest für Henriette
Pindorf veranstaltet war  Meine weiß seidene ganz englische Kleidung mit
Hut Halstuch Schürze und Manschetten von den feinsten Spitzen besetzt die
großen einfachen Brillanten meiner Ohrringe die schönen Schnüre Perlen um
meinen Hals und Hände die auch durch Brillanten geschlossen werden mussten mir
bei den Alltagsseelen deren Verdienste und Glückseligkeit am äusserlichem
Anschein klebt mehr Gewicht geben als Weisheit und Güte in ihrem vollen Glanz
nicht getan hätten Wolling hatte in einem braunen Kleide vom feinsten Tuche
glatter Wäsche und seiner schönen mutigen Gestalt ein herrliches Ansehen unser
Knecht als Kutscher und der Gärtner als Bedienter in guten staubfarbenen
Röcken mit gegossenen silbernen Knöpfen heitern und gesunden Gesichtern zeigten
auch von dem Wohlstande der zu Wollinghof herrschte  Die immer gleich
fließenden Tage die einfache Nahrung und balsamische Luft auf unserm Berge
haben dies was Ihnen und Ihrem Kleberg das äußerliche Einnehmende meiner
Person zu sein dünkte gar gut unterhalten nur dass mein innerer Kummer eine
feine Blässe über meine Wangen goss die mir auch bei der wenigen Munterkeit in
Pindorf recht gut stund wo beide Damen ganz unmäßig rot geschminkt waren
    Sie wissen dass ich den ganzen Brief Ihres Klebergs abgeschrieben habe
welcher das Gemälde von Ihrer Reise nach W und dem Pindorfischen Garten
enthält Der Weg von Wollinghof führt gerade nach dem alten Wohnhaus und
Bauernhof zu wo wir da es noch sehr früh war abstiegen etwas Milch aßen und
alles betrachteten endlich in den Lustgarten hinüber gingen wo ich in der Tat
alles so fand wie ich es aus dem mitgeteilten Briefe in meinem Gedächtnis
behalten hatte Die ganze Anlage ist in einem edlen großen Geschmack und diese
mächtige Übereinstimmung in Ideen des Schönen und Ergötzenden wirkte stark auf
meine Seele Vorbedeutung dieses Eindrucks hätte mich immer zurückgehalten
diesen Garten zu sehen und nun fühlte ich zu spät dass es besser gewesen wäre
wenn ich mich diesen Empfindungen während der Abwesenheit von Pindorf
ausgesetzt hätte als in der Zeit wo ich ihn zugleich sehen musste Ich sagte es
Wolling der mir antwortete dass er dieses vermutet habe doch wäre der Zufall
sehr vorteilhaft dass die erste Aufwallung dieser Gefühle in der Zeit unsers
einsamen Herumwanderns entstünde weil nun das Überfliessende ausströmen
könnte und er die Stärke meiner Seele zu gut kenne um wegen meiner Beruhigung
in Sorgen zu sein Er hatte recht dazu kam auch dass mir an dem Badhaus etwas
missfiel und sicher unterbrach dieses die Stärke meiner zu zärtlichen
Erinnerungen und Vorstellungen denn ich ging von da an leichter umher bis in
den großen grünen Saal wo wir uns setzten und die Landschaft mit dem
glücklichen Gedanken des Wasserfalls und den größten Teil des Hauses und
Parterre betrachteten unterdessen dass der Bauerjunge den wir mitgenommen
hatten uns meldete und die Antwort zurück bringen sollte Auf einmal sah ich
die Kinder mit einem neuen Hofmeister und einer Wärterinn die Stufen des unteren
Saals herunter kommen und der Allee zu gehen Alle drei seit den zwei Jahren
viel gewachsen der jüngere Sohn hüpfend und bald mit diesem bald mit jenen
schwätzend der ältere aber führte Henrietten und schien sie immer an ihrem
starken Gehen verhindern zu wollen Mein Herz pochte wieder laut Kinder vom
Pindorf
    Ich ging ihnen in die halbe Allee entgegen und sah mit Bedauern den
überladenen Kopfputz der artigen Henriette die unter einer Last von Federn
Bändern Flor und welschen Blumen ihr kleines Köpfgen schwankend bewegte einen
Reifrock eine Schleppe am Kleide und Blonden und Falbala die Menge an Hals und
Armen hatte Die Söhne in steifen gestickten Kleidern sehr frisirt und
gepudert Degen an der Seite und die Hüte mit Federn unterm Arm So bald der
Herr Hofmeister uns erblickte durfte Junker Fritz nicht mehr springen sondern
musste stattlich nach Tanzmeister Vorschrift einhertreten und dem Eltern gab er
mit der einen Ecke seines Huts einige Stöße in die Seite und an den Arm der mit
seiner Hand gegen Henrietten die er immer führte ausgestreckt war die er erst
zurückzog als sie in der Entfernung von zehn Schritten still stehen und sehr
künstliche Verbeugungen machen mussten wo die Wärterin sorgfältig ihre Hände auf
Henriettens Achseln legte und sie damit zur gehörigen Tiefe des Knieebeugens
hinunter zu drücken und an dem zu schnellen Erheben zu hindern dass ich daraus
bemerkte weil das gute Kind eine verdrüssliche Mine und die Wärterinn eine
beherrschende Bewegung ihrer Hände machte und das Niederdrücken der Achseln
wiederholte
    Gut dachte ich liebes Mädchen wie froh wirst du unter meinen zärtlichen
Händen sein die dich nichts als den sanften Zug der Liebe werden fühlen lassen
    Ich eilte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu blickte alle mit der Frage
an 
    Kennen Sie mich noch
    Der Kleine rief mit einem Kratzfuss dabei O ja recht gut Henriette deren
Arme in dem Augenblick freigelassen wurden lief mit Vertrauen auf mich zu
wäre aber da im Laufen ihr langer Rock von der Seite herunter hing vor mich
hingefallen wenn ich sie nicht aufgefasst und an mich gedrückt hätte Ich wurde
bewegt eine Träne war in meinem Auge Das holde Mädchen sah sie und machte
auch ein traurigs Gesichtgen dazu sagte aber zugleich
    Liebe Madame ich geh recht gern mit Ihnen fragen Sie nur Papa und Mama
und die gnädige Frau Tante ich habe gar nicht geweint wie es der Papa sagte
ich freute mich gleich
    Ihre kleine Hand lag da vertraut auf meinem Halse und treuherzig hatte sie
dieses mir ganz nahe zugeredt
    Mein Bruder Gustav sagte sie mir leise ins Ohr gienge auch gern mit
    Ich beobachtete im nämlichen Augenblick dass der arme Knabe wieder einen
Kniff von seinem Hofmeister bekam weil er sich von uns weggewendet hatte und
zu gleicher Zeit zupfte die Wärterinn an der Henriette pfui Sie müssen die
Hand nicht so grob auf die Madame legen  sie wird denken das man Sie gar keine
Manieren gelernt hätte Wenn die Fräulein so schön geputzt sind so müssen sie
artig sein sagt die gnädige Tante das arme Kind zog sich zurück und legte ihre
Aermchen wieder nett an ihr enggeschnürtes Leibchen an die Magd ordnete alle
Fällgen und drehte das gedultige Mädchen so lange herum bis sie wieder ganz die
Puppe war zu der man sie bisher erzogen hatte Ein paarmal guckte sie nach mir
und ich lächelte ihr das Versprechen zu dass sie von alle dem Zwange befreit
sein würde Der Hofmeister sagte mit einem ernsten Gesicht zu dem älteren Sohn
    Nun Junker Gustav wenn werden Sie Ihre Reverenz machen
    Ein Zug von Eigensinn Schmerz und Furcht ging durch das Gesicht des
Knabens und es ist wahr er machte eine sehr schlechte Figur bei seiner
Verbeugung gegen mich so wie ihm denn auch der Hofmeister einen stark drohenden
Wink darüber machte Junker Gustav wurde über diesen Wink blass und rot näherte
sich seiner Schwester und sagte mit bittender Mine ihr etwas ins Ohr Henriette
nickte ihm Ja zu Der Knabe wollte noch Etwas sagen aber der Hofmeister zog ihn
am Kleide und mit Bitterkeit im Gesicht sagte er
    Junker Gustav wir sollen ja den gnädigen Papa aufsuchen
    Die zwei Söhne gingen auch mit ihm hinweg nachdem er der Wärterinn Etwas
zugeflüstert hatte die sich immer noch an die junge Pindorf hielt Ich tat
als ob ich alle das nicht bemerkt hätte und fragte nur Henriette ob sie mich
auch würde erkannt haben wenn ihr der Papa nichts gesagt hätte
    O ja an Ihrem Hut an Ihrem Gesicht  und weil Sie die Hände gleich nach
mir reichten wie Sie das Erstemal auf der Stiege im Stadtause taten Es ist
noch keine Dame so gut mit mir gewesen wie Sie
    Was sagen Sie Fräulein Jettchen sind nicht die gnädige Damen Mama und
Tante sehr gütig gegen Sie gewesen  Sehen Sie nur Ihren Putz an den hat
Ihnen doch Ihre gütige Mama gegeben
    Ach ist wahr antwortete das liebe Geschöpf  aber ich habe die schönen
Sachen erst heute bekommen und die alte Schnürbrust die mir so weh tut habe
ich doch behalten müssen 
    Alle Fräulein müssen jung so geschnürt werden Sehen Sie nur die Madame an

    Hier machte das elende Ding mir eine niederträchtige Verbeugung 
    sie würde nicht so schön groß sein wenn sie nicht ganz klein schöne feste
Schnürleiber getragen hätte
    Ich fiel hier ein
    ich sähe sie hätte viele Sorge für Henrietten getragen und ich würde ihr
auch ein Andenken dafür geben
    O Rosalia wie sich da jeder Muskel ihres Leibs und ihres Gesichts zum
Kriechen anschickte was sie für Lobens machte von dem was sie von der alten
Wärterin die nun bei dem Weißzeug wäre von mir und von den Geschenken gehört
die ich ihr und dem Herrn Hofmeister gemacht sie hätte auch viel Sorge
getragen für den schönen Putztisch den ich der Fräulein gegeben wie lieb sie
das Kind hätte wie leid ihr wäre es zu verlieren aber sagte sie leise gegen
mich die gnädige Frau waren ganz jalour über die Fräulein denn der gnädige
Herr lieben das Kind zu arg Sie wäre ganz verdorben worden so wie der Junker
Gustav dem musste man sein Bilderbuch und seinen Schreibtisch wegnehmen weil er
sagte er wollte dass die fremde Dame seine Mama wäre
    Sie werden wissen Kinder machen Uneinigkeit und die gnädige Frau hat aus
Liebe für den gnädigen Herrn all ihr Haab und Gut hergegeben Sie werden
sehen wie kostbar alles ist  Ganz reiche Stühle und Betten und Kanapees 
Ich habe selbst zu den fünf reichen Kleidern der seeligen Mama von der gnädigen
Frau noch acht ankaufen müssen um alle Zimmer der Herrschaft damit
einzurichten weil nur Zitz darin war und das stund so tot und wenn ichs
sagen soll so armselig in dem schönen Schloss da Sie wies auf das Haus
Alle die blau und silbernen BlumenTöpfe mit vergoldeten Blumen die zwischen
den großen weißen Töpfen und Bildern stehen hat die gnädige Frau heimlich
machen und aufstellen lassen Sie stehen sehr schöne die auf der Gallerie
blinken in der Sonne und nun lässt das Parterre wie eine grün atlassene Weste
mit Gold gestickt Aber das gab Verdruss Gott helf mir wie tobte der gnädige
Herr und die gute junge Dame weinte und sagte endlich sie würde selbst gehen
wenn er ihr diese Freude störte Er wollte lange nicht daran aber seine Frau
Schwester eine sehr kluge Dame die weis mit ihm umzugehen  Ein Bissgen
Schöntun und dann Spassen und etwas artig erzählen o da tut er alles und ist
dann selbst froh über die Sachen Die Damen sind sehr Freunde und das ist ein
Glück für ihn 
    Rosalia glauben Sie wohl dass mir bei diesem Teil des Geschwätzes eine
Übelkeit anfiel Ich musste Essig nehmen und begehrte in freiere Luft als in der
Allee nicht war Wie verhasst wurde mir das Mensche nach diesem Zuge von
unmännlicher Schwäche des Charakters den sie an Pindorf beschrieb Ich ging
ganz nahe an das Ufer des Grabens gegen das Feld hin hatte Henrietten an der
Hand und unvermerkt näherten wir uns dem andern Teile des Gartens woben der
Hofmeister mit den Söhnen gegangen war um Herrn von Pindorf zu suchen Da wir
auf lauter Straßen gingen so konnte man unsere Tritte nicht hören Wir aber
dagegen hörten auf dem Kies stark laufen und laut rufen Gustav wart Du solst
mirs zahlen
    Ich stund still und auf einmal drang der gute Gustav nur in seiner Weste
und Hemdeärmeln zwischen der Tannenhecke durch zu uns warf sich mir zu Füßen
mit aufgehobenen Händen
    O liebe Madame nehmen Sie mich doch auch mit ich will alle Bücher
auswendig lernen und niemals reden und mich bewegen Nehmen Sie mich mit oder
ich laufe so vom Papa
    Ach wie erschütterte mich das Flehen des armen Knaben Pindorfs Ebenbild zu
meinen Füßen Die Güte Schwäche und Unschuld der Kindheit die Hilfe bei mir
flehte Henriette die sich an mich hing auch weinte und bat O nehmen Sie
meinen armen Gustav mit ich bitte bitte ihr Köpfchen mit ihren Händchen in
die Höhe haltend Ich bückte mich und umfasste beide mit aller Zärtlichkeit und
Mitleiden
    Ja Lieben ich will Euch beide mit mir nehmen wenn es der Papa und Mama
zufrieden sein wollen
    Was für Freude entstund bei den Kindern sie küssten sich und mich und der
arme Knabe wiederholte sein Versprechen alle Bücher auswendig zu lernen und
gerne nicht zu schlafen und nicht zu essen bis er seine Lektion wüsste Lassen
Sie mich nur nicht in die Arme kneipen und an die Füße stoßen
    Gott behüte mein lieber Gustav wer wird das tun
    O der Herr Bärenz tuts Sehen Sie wie ich heute im Garten gekneipt wurde
weil ich Jettchen gebeten sie solle machen dass ich mit ihr wegkäme und weil
ich die Reverenz nicht so schön machte als ich sollte  Er streifte seinen
Ermel auf und liebe Rosalia die beiden Obernteile seiner Arme waren blau und
gelb gekniffen  Der Unmensch vom Aufseher Henriette streichelte mit holder
rührender Mine die neuen Flicken die er zeigte indem er von andern sagte die
sind alt der ist von gestern
    O du armer Gustav wie web muss das getan haben die Jungfer Zwingen
kneipte mich auch manchmal ach Madame das tut sehr weh Sie könnens nicht
glauben Und fuhr der Knabe fort wir dürfens dem Papa nicht sagen sonst soll
es noch ärger gehen Ich habe meinem Rock ausgezogen und wollte es Papa weisen
aber Herr Bärenz kam und da lief ich weg denn ich hatte den Papa früher
gefunden und er küsste mich da ich sagte Sie wären da
    Ich führte beide Kinder bei einem Durchschnitt der Hecke in den Wald
setzte mich mit ihnen auf eine Bank Wolling und die Wärterin kamen nach und ich
bat Jungfer Zwingen dem Junker Gustav seinen Rock zu holen Wo ließ Sie ihn
dann sauberer Junker sagte sie mit spitzen Gesicht weisen Sie mir den Platz
    Der Arme holte tief Atem sah mich ängstlich fragend an ob er gehen solle

    Nein mein Lieber Er bleibt bei mir Herr Wolling ist so gütig und hilft
ihn holen
    Da sagte er sein Rock liege am Rosengang der Platz wo wir saßen war die
Phasanenhecke Wenige Minuten nachher da Wolling mit der häusslichen Dirne weg
war und die Kinder und ich ganz stille geschwiegen kam eine welsche Henne mit
acht jungen Phasanen die sie führte Junge TannenBäume Blumen Kräuter alles
war blühend gesund und glücklich um uns und die Kinder des Mannes der für die
Bäume feines Lustwaldes und für die Phasanen so gut sorgte dass nichts
zerknickte und keins verwahrlosst würde der überließ seine Söhne und seine
Tochter der Gewalt eines Bärn und einer Zwingin welche Leib und Seele dieser
guten Geschöpfe zu Grunde gerichtet hätten denn es ist unmöglich dass ein
misshandeltes Kind ein gutes Kind werde Wenn die geringste Stärke in seiner
Anlage ist so muss sie innere Empörung Hass gegen unrecht verwendte Gewalt und
auch Härte erzeugen Die fremde Mutter der Phasanen sorgte so treu so eifrig
für ihre angenommene Kinder und Frau von Pindorf an dem Platze der Mutter
dieser guten Schaafe bezeugt sich so dass die Armen eine Zuflucht in meinem
Schoss suchen müssen Alles dieses gab mir wenig Lust die Damen zu sehen
Unzufriedenheit mit Pindorf schlich sich in meine Seele aber seine Kinder
wurden mir teurer lieber Ich sagte ihnen aber Lieben was wird euer guter
Bruder Fritzgen sagen wenn ich Euch wegnehme Er wird trauren wenn ich dem
Papa alle seine lieben Kinder fortführe was wollen wir da tun wenn der Papa
und der Bruder jammerte O der Fritz der kriegt alles Zuckerwerk und schöne
Sachen von der Mama Er wird auch nicht gekneipt und er hat mir gesagt die
Mama wollte dass ich mit wegkäme da wäre er der einzige Sohn und würde bei
Herrn Bärn alles allein lernen und dann bei Mama sein das sagte Gustav und
Henriette setzte hinzu er weinte nicht um mich sagte er heut ob ich
wegreisste oder sterbe weil Herr Bärn sagte Männer müssen nie weinen nur
Mädgen und alte Weiber wie Gustav weil er da weinte
    Die Idee dass Pindorfs Federvieh weit glücklicher als seine Kinder sei
erweichte mein Herz unendlich Ich fasste beide und sagte sie sollten mich recht
betrachten ob sie dann mein Gesicht alle Tage gern sehen und mich immer lieben
wollten Mit was für Ausdruck sahen Sie mich an wie viel Wahrheit und Liebe war
in ihren Augen
    Sie sind ja schön sagte Henriette  und Gustav sagte etwas stockend und
nach einigem Auf und Abblicken an meinem Gesicht und Ihre Augen sind so gut
ich will Sie immer ansehen Ich küsste beide und sprach wir wollen es also
probiren und ganz munter und freundlich miteinander leben
    Den Augenblick zappelte Henriette die ihren Vater sah von der Bank weg und
rief Papa Papa Lief aber als er sich gegen uns wandte wieder zu mir und
hing sich an meinem Arm Gustav bebte  O bitten Sie für mich Was er noch
sagte weiß ich nicht meine eigene Bewegung hinderte mich ihn zu beobachten
 
                          Sieben und neunzigster Brief
                            Van Gudens Fortsetzung
Sie bekommen in der Tat ein Buch statt ein paar Briefen aber ich will meinen
Kopf und mein Herz mit einemmal von allen diesen Bildern und Empfindungen
losmachen und nichts als den Plan und die Bemühung für Erziehung und Glück der
Kinder meiner Seele darin erhalten Hören Sie also den Überrest meines Tags in
Pindorfswald
    Ich hatte meine Backe an das Gesicht seines Sohns gedrückt da er zu
Wolling der allein mit Gustavs Rock mit ihm kam etwas sagte und mit trauriger
Miene auf mich deutete Ich verstund diesen Wink in meiner Seele
    Es war der Wunsch dass ich Mutter seiner Kinder sein möchte Wolling sagte
mirs hernach
    Pindorf blieb mit seinem Hute auf dem Kopf halb an einen Baum gelehnt
stehen Ich hingegen stund von meinem Sitz auf bewegte mich gegen ihn und rief
ganz heiter Ja Papa kommen Sie geschwind wir haben was zu bitten Er wankte
gegen mich Ich ließ Gustavs Hand fahren
    Zieh Er seinen Rock an sagte ich und komm Er gleich wieder
    Henriette war noch an meiner Linken die Rechte nahm Pindorf und küsste sie
etlichemal ohne zu reden Gustav kam da wieder und ich wiederhohlte Haben Sie
gehört Papa dass wir dreie was von Ihnen bitten
    Ja was wollen Sie Alles alles was ich bin ist Ihnen
    Haben Sie Dank mein Freund
    Also ist ihr guter Gustav auch mein Gustav samt Henrietten sagte Er mit
einem etwas staunenden und fragenden Gesicht
    Ja beide
    Sie behalten Fritzgen besuchen uns manchmal und sehen was wir für gute und
schöne Sachen tun werden Denn das haben wir uns versprochen Ich konnte lang
reden er war etwas verwirrt und unruhig Gustav nahm seine Hand lieber Papa
wollen Sie mich zu Madame lassen
    Gehst du dann so gern von mir
    Ach nein aber Sie kommen ja zu uns wie Madame bat und ich will Ihnen
Freude machen wenn Sie mich sehen
    Er küsste seinen Sohn zärtlich
    Ja du sollst mit mein Kind
    Meine glückliche Kinder fuhr er fort da er mir von jedem eine Hand
darreichte nicht reden konnte und so auf die Bank sich hinsetzte die Hände
sinken ließ und ich die Kinder umarmte küsste und mit vieler Bewegung auf
Englisch sagte
    Sie gehören nun meinem Herzen Und nichts soll der Treue und Liebe gleichen
die sie darin finden werden
    Nun nahm er beide an seine Brust küsste jedes auf die Stelle die mein Mund
berührt hatte und sagte
    Mehr tausendmal mehr als ihr mich liebt sollt ihr Madame Guden lieben
    Ich musste ihm dieses sagen lassen ich widersprach auch nicht sondern sagte
zu Gustav Herr Wolling auf den ich deutete hätte auch einen Sohn der schon
viel gute Sachen wissen und der sein Freund sein würde Pindorf stund da auf
und nahm Wollings Hand Ich hof es mehr konnte er nicht sagen Fritzgen zog
uns aus der Verlegenheit indem er gelaufen kam noch einen fremden Besuch
ansagte und zugleich meldete dass Mama und die gnädige Tante mit den zwei
Herrn im Wald bei den Grazien wären Madame und der Herr möchte mit Papa
hinkommen
    Ich verachtete zum voraus alles was die zwei Weiber waren und taten so
dass mich diese Art geringschätziger Behandlung gar nicht beleidigte Pindorf war
aber sehr darüber betroffen bot mir seinen Arm mit sichtbarer Verlegenheit zum
Führen an den ich aber ausschlug weil ich gern allein geh und ihn durch mein
Fragen nach dem was ich sah nach und nach ermuntern wollte Der Platz bei den
Grazien ist wie Sie wissen wirklich sehr schön und die RosenSchassmin und
HollunderBögen waren in voller Blüte Über zwanzig Schritte lang hatte ich die
Bildsäulen der Huldgöttinnen und die zwei gezierten Damen nebst vier Herren im
Gesicht von denen allen auch Wir gar sehr begukt und begast wurden  Zwei
französische süße Herren waren in dem äußerst nachlässigen Anzuge um die Damen
und schwazten ihnen immer Etwas zu dabei sie zugleich auf uns sahen und sehr
albern und unanständig lachten Die zwei andern schienen vernünftige teutsche
Männer zu sein die uns aber auch mit Neugierde betrachteten doch war Verstand
und eine sichtbare Achtung zugleich in ihren Gesichtern ausgedrückt Frau von
Pindorf saß allein auf einem kleinen Kanapee von reichem Zeug mit versilberten
Holzwerk in rosenfarbnen Taffent dicht und breit mit SilberFlor garnirt
gekleidet hatte ganz schwarze Haare die eine halbe brabanter Elle hoch
frisirt und mit Silberflor Bändern Federn und Blumen eines Korbs voll
behängt waren Ihre sehr schöne weise Brust äußerst entblößt und die vollen
Backen geschminkt ohne dass es nötig gewesen denn sie hat von Natur eine sehr
niedliche Gesichtsfarbe Auf den Augbraunen sah man noch das Fett und Russ der
verbrannten Mandeln womit sie bemahlt und verdorben waren Eine man kann
sagen ungeheure Menge italienischer Blumen waren auf den Puffen des Silberflors
angebracht Ihre Füße über einander geschlagen dass man beide sehr weit sehen
konnte Dieses vergab ich ihr auch gern denn sie sind äußerst niedlich und
klein  Frauenzimmer zeigen immer gern das Schöne so sie besitzen und die
meisten wachsen ja mit keiner andern Idee des Vorzugs auf als die Reitze ihrer
Person geltend zu machen Henriette wird auch einen zierlichen Fuß und eine
vortreffliche Brust haben aber die Empfindungen ihrer Seele sollen sie weit
über den Menschen hinaussetzen der sie zuerst von dieser Seite bemerken wollte
Auch soll sie eine so kluge Eigenliebe bekommen mit diesen Geschenken der Natur
als eine edle Eigentümerin ohne Ausbieten zu handlen
    Frau von Sofein Schwester des Herrn von Pindorf groß wohlgewachsen aber
nicht so edel gestaltet als ihr Bruder ein artiges Gesicht Spottgeist in
ihrem Auge Falschheit in ihrem Lächeln mit sehr feinem Geschmacke gekleidet
mit Gang Stellung und Gebärden einer Tänzerinn spricht das Französische sehr
gut kennt alle Romane und Komödien Nach letztern ist der Ton ihrer
Unterredungen und ihrer Grundsätze gestimmt so wie sie auch das Maß ihrer
Kenntnisse sind So stolz und so höflich als sie habe ich noch niemand
gesehen Sie saß auf einem Lehnstuhl von Rasen an der Seite eines blauen
Hollunderstocks Ihr Kleid von feinem gelb und weissspielenden Zeuge mit dünnen
weißen Flor garnirt und mit violetten Bändern und Blumen in ihren schönen
blonden Haaren im Ganzen sehr reizend musste sie auch dem KünstlerAuge ihres
Bruders gefallen zu dem sie bald mit schwesterlicher Zärtlichkeit sprach bald
mit ihrem Auge einen witzigen Gedanken zueignete indem ihr Blick gleichsam
sagte Niemand als Du hat Geist genug mich zu verstehen und das redliche Auge
des Guten dankt der Schlange dafür Sie sog das Mark seines ersten Vermögens
noch aus nachdem er schon die meisten Kräfte verhauet hatte und sie überredete
ihn zu dieser zwoten elenden Heirat um Geld denn Frau von Pindorf ist an Stand
nicht mehr als ich und am Vermögen und Charakter weniger Aber Frau von Sofein
regiert sie ganz zieht von ihr zu Spiel und Kleidung was sie will und ihren
Bruder überwältigt sie gegen seine große richtige Gefühle bald mit Flehen
bald mit Trotz Schmeicheln oder Furcht vor ihrer beissenden Zunge In meiner
Gegenwart bemerkte ich diese Übermacht die er ihr ließ und nun nicht mehr
zurücknehmen kann Seine Seele liebt und schätzt mich vorzüglich doch war er
nicht fähig unter den Augen seiner Schwester mir seine ganze Achtung zu
bezeugen Aber ich bemerkte an allem dass er in seinem Hause nicht mit der
Würde erschien die ihn als jüngeren Mann in Italien und England Verehrung
erwarb und die er bei edlen Menschen immer hat Die beiden Frauen blieben ganz
stattlich sitzen bis ich ganz nah war
    Ach dachte ich ihr wollt mich von eurer Höhe behandeln Ich habe auch
Weiber Grillen die um Eure Köpfe sumsen können
    Ein Blick auf Pindorf der etwas verlegen schien als er mich und Herr
Wolling vorstellen sollte die mich messende Miene seiner Schwester worüber er
rot wurde die großen Augen seiner Frau die gleich an meinen Perlen am Hals
und Ohrringen sich starr guckten  Hier gab Verachtung der zwei Weiber und der
Gedanke der Schwäche von Pindorfs Charakter meiner Eigenliebe einen Schwung über
sie alle und auch über meine Leidenschaft Ich sah mit einemmal die Ursachen
welche die Gewalt seiner Liebe für mich unterbrochen hatten Das Gefühl von
größerer Stärke meiner Seele gab mir einen höheren Grad Achtung für mich selbst
der unumgänglich mit so viel Verminderung meiner Verehrung für ihn verbunden
war und von da an blieb mir nichts als Freundschaft für ihn Ich kann ihn nun
an der Seite und in den Armen einer andern Frau denken ohne einen Schatten des
Zerreissens zu empfinden das ehmals in meinem Herzen wühlte wenn dieses
fürchterliche Bild vor meine Seele trat 
    Ich erhob meinen Kopf nun auch machte eine von meinen halben Verbeugungen
von denen man immer sagte dass niemand so viel edlen Anstand dabei zeige als
ich nahm Gustaven und Henrietten bei der Hand und sagte in einem ganz
bekannten aber sehr sanften Ton Ich weiß nicht ob es die beiden Damen artig
finden werden dass ich bei meinem ersten Besuch diese zwei liebenswürdige
Kinder entführen will Herr von Pindorf wird Sie aber versichern können dass
sein Sohn und Tochter recht gut versorgt sein werden
    Mit der leichtesten Miene führte ich beide Kinder gegen ihre ganz stockend
aussehende Mama und sagte zu ihnen Meine Lieben ersuchen Sie die Frau Mama und
Tante um ihre Einwilligung dazu
    Die Kinder gingen hin beiden die Hände zu küssen Frau von Pindorf spitzte
ihren Mund
    So Gustav gehest Du auch weg Ja gnädige Mama wenn Sie und die gnädige
Tante es erlauben O gerne sagte sie gegen ihre Schwägerin blickend die
hinzusetzte unsere Einwendung käme wohl zu spät Und dann sagte die Frau noch
führt Euch nur gut auf und lernt schön fleißig bei der Madame und dem Herrn auf
Wolling zeigend Mein Mann wird wohl den Accord schon gemacht haben sagte sie
gegen mich indem sie die Kinder mit der Hand zurückwies
    O ja schon lange antwortete ich mit einer munteren Verbeugung dazu Herr
von Pindorf schien über seine Frau und mich etwas verdrießlich Seitenblicke
seiner Frau Schwester brachten ihn völlig aus der Fassung Ich ging zu den
Bildsäulen bin ließ seine Flau mit ihrem lächerlichen stoffnen Kanapee und die
Dame von Sofein mit den galanten Messieurs stehen und sprach mit Wolling über
die Schönheit der Grazien und den so vortrefflich gewählten Platz Wolling hatte
noch gehört dass die Dame von Sofein den Herrn sagte ich sei eine Engländerin
die eine Erziehungsschule aufrichtete und auf ihn deutend hinzusetzte der
würde wohl der griechische Sprachmeister sein Die zwei Herrn en Polissons
lachten wie wir selbst hörten sehr stark Die andern Fremden sprachen unter
sich und Pindorf redete seiner Schwester zu Die Kinder kamen zu mir und ich
setzte mich an den Fuß eines Baumes der den Grazien gegenüber stund und fragte
die Kinder welche von den drei Figuren ihnen am besten gefiele tat nicht
einmal als ob die andern Gesichter da wären suchte auch Pindorfen mit keinem
Blick auf Endlich kam er und sagte etwas unmutig und beschämt ob wir nicht
mit ins Haus wollten Herr und Frau von Bargen wären auch angekommen Meine
kleine Unzufriedenheit gab mir eine Röte auf die Wangen die mir nach Wolling
vortrefflich stund Einer der vernünftigen Fremden bot mir den Arm ich nahm ihn
und da er mich französisch angeredet so sprach ich mit ihm über den Garten die
Verzierungen desselben und über die Gebäude fort Pindorf nahm seine Kinder und
der herrliche Wolling ging still an seiner Seite mit bis in das Haus wo wir der
Frau von Pindorf durch alle ihre Zimmer nachgehen mussten Sie sah sich hier
immer nach mir um ob ich wohl ihre köstliche Stühle und Betten bemerkte Die
Bedienten trugen auch ihr Kanapee aus dem Garten nach und wir mussten still
stehen bis sie vorbei waren Sie befahl es an seinem ordentlichen Platz in
gelb und silbern Zimmer zu stellen Sie wissen Pindorfs Geschmack Er hatte die
Zimmer ganz weiß mit leichter Gipsarbeit zieren lassen und Betten und Stühle von
Zitz geschafft Die Gast Zimmer sind dem Himmel sei Dank noch so Aber der
reichen Tochter des KriegsKommissairs Raffberg war dies zu schlecht und die
vielen reichen Kleider wovon die Jungfer Zwingin geredt waren alle in Streifen
geschnitten blau und gelber Grund rot und andre zusammen gesetzt und die
Küssen der Kanapees Stühle und Rückwände von zwei Betten überzogen die
Füllungen der Zimmerwände weiß gelassen aber von den Stoffen eine Art Rahme
darum gemacht Eine sehr lächerliche Pracht die ich um Pindorff zu schonen
nur flüchtig ansah Denn ich weiß dass man oft aus Übermaass von Güte Sachen
dultet die einem äußerst missfallen Herr und Frau von Bargen waren in dem
großen Saal welcher in seiner edlen Schönheit gelassen worden Bargen ein
junger Mann von sieben und zwanzig Jahren seine Frau etwas älter als er aber
voller Kenntnisse und er noch im ganzen Feuer der Begeisterung von einer Reise
durch Italien und England welche die einzige Bedingung war die seine Frau in
den Heiratsvertrag eingeschalter haben wollte und wovon er vor wenig Zeit
zurückgekommen Frau von Bargen hatte ein Englisches Reitkleid an und er einen
Frak beides noch in England selbst verfertigt Der Wert den sie sich noch
über ihre Reise und die Sachen die sie alle gesehen beilegten vergrößerte
auch ihre Aufmerksamkeit auf mich weil ich ganz den Anschein einer aus
Brittanien herstammenden Person hatte Bei meinem Eintritt in den Saal war Frau
von Sofein noch in der Umarmung der Frau von Bargen und Pindorf an der Hand
seines Freundes vor seiner Frau die er ihm vorgestellt hatte Die Bargen fragte
gleich
    Wer ist die Englisch gekleidete Dame
    Ach es ist keine Dame sondern eine Frau die eine englische Kostgänger
Schule aufrichtet und die Kinder meines Bruders abhohlt
    So ist es doch eine Person von Talenten und wird gut Englisch reden und
hierauf ging sie auf mich zu und fragte mich ob ich schon lange aus meinem
Vaterland entfernt sei lobte meinen Gedanken eine englische Erziehungsanstalt
zu errichten es würde hofte sie sprach sie deutsch weil Dame Sofein
zuhörte bei allen vernünftigen Leuten mehr gefallen als die französischen
Nachäfereien Dame Sofein sagte hier ganz richtig Ey mein Schatz wenn die
Rede vom Nachäffen ist so muss ich fragen ob die Englischen Aefgens artiger
sind als die Französischen
    Frau von Bargen schien etwas empfindlich und ich antwortete statt ihr 
    Frau von Sofein können ganz ruhig glauben dass Gustav und Henriette in
Nichts affenartig werden sollen
    Ich will es mir auch ausbitten erwiderte sie  Die Bargen sprach nun
wieder Englisch und fragte wo ich wohnte Sie hätte eine Nichte von
Henriettens Alter die wolle sie mir auch geben Ich antwortete dass ich fürs
Erste nur die Pindorfischen Kinder nehmen wollte In dem nämlichen Augenblick
kam Pindorf mit Herrn von Bargen zu uns und sagte auf mich weisend Hier ist
eine Dame van Guden die England und Italien so gut kennt als wir beide  Von
da an war für die beiden Leute niemand angenehmer als ich denn sie
wiederholten nun mit mir ihre Reisen Spaziergänge und Bemerkungen Der Fremde
so mich geführt betrachtete mich je mehr und mehr nachdem ich tiefer in die
Unterredung verwickelt wurde  Herr von Bargen und sie wollten bei Tische nur
neben mir sitzen und Pindorf wurde ganz heiter über die Kennzeichen von
Hochachtung die sie mir gaben Die Pollisons und seine zwei Hausdamen machten
nach und nach eine traurige Figur Dame Sofein wollte nach dem Essen da Pindorf
selbst mit seinen Kindern ging um ihre Abreise zu bestellen eine andre Idee in
Frau von Bargen bringen und bat sie zu versuchen ob sie noch Klavierspielen
und Singen könne denn setzte sie hinzu das Klavier ist aus England mein
Bruder ließ es erst kommen
    Frau von Bargen ging hin spielte und sang ziemlich artig Ich stellte mich
hinter ihren Stuhl Den guten Wolling hatte der Parteigeist für mich
angegriffen und er sagte Herrn von Bargen dass ich keineswegs eine
Hofmeisterin sondern eine edle reiche Frau und Freundin des Herrn von Pindorf
sei einsam wohne und deswegen die zwei Kinder zu mir nähme Er setzte noch
viel hinzu unter andern auch mein großes Talent im Singen und Klavierspielen
Da kam Bargen und die zwei Fremden welche Wollingen zugehört hatten und
baten dass ich mich hören lassen möchte Ich phantasirte lang und fiel endlich
mit einem Englischen Liedgen ein Die Frau von Pindorf die jung ohne Verstand
aber nicht so böse ist dass eine Empfindung von Vergnügen sie nicht mit Leuten
aussöhnen sollte die ihr erst missfielen lobte mich sehr und klatschte in die
Hände und dankte mir für mein Liedgen O das müssen Sie unserm Jettgen auch
singen lehren Ich versprach es ihr ganz freundlich Da ich noch am Klavier saß
aber nicht mehr spielte kam Pindorf zurück Eine starke Bewegung erschien in
seinen Augen als er auf mich blickte und Wollingen fragte ob ich gespielt
hätte Ja Und auch gesungen  Eine Gebärde von Bedauern es nicht gehört zu
haben war die einzige Antwort die er gab und er nahete sich mir mit Wünschen
und Bitten in seiner Miene Ich fuhr fort zu spielen und sang das Rezitativ
Kari prali è selere und endigte mit einer Arie deren Worte ich selbst zusammen
gesetzt habe worin Überdruss der lärmenden Weltliebe Liebe der Einsamkeit
und Ruhe der Seelen ausgedrückt ist Pindorf lehnte sich auf meinen Stuhl
während ich sang und machte mir als ich aufstund nur eine Verbeugung Herr
Bargen seine Frau und die zwei Fremden sagten mir vieles Frau von Pindorf
küsste mich es war mir in meiner Seele zuwider besonders da sie noch
hinzufügte dass ich den Abend da bleiben solle Das war mir aber unmöglich
Darüber wurde sie auch wieder böse wie Kinder wenn man nicht tut was sie
wollen
    Frau von Sofein spielte eine wahre KoquettenRolle mit den zwei artigen
Herren Ihre Schwägerin war auch mit dabei aber nur als Fürwand und Gegenstand
des heimlichen und hämischen Spottes Ich hatte Herrn Wolling um Bestellung
unseres Wagens und der Geschenke an Hofmeister Wärterinnen und Hausbedienten
gebeten und als er mir meldete dass alles geschehen sei schickte ich mich zu
unserer Abreise an Wolling hatte in einem Fenster mit mir gesprochen Pindorf
näherte sich uns und Ersterer ging zu den Kindern
    Sie gehen missvergnügt aus meinem Hause sagte Pindorf Nicht missvergnügt
aber traurig über die Gewalt die Ihre Frau Schwester in Allem über Sie hat und
nicht verdient Suchen Sie den Grund davon in Ihrer Seele auf denken Sie nach
Dem guten Kinde das Sie zu Ihrer Gemahlin machten begegnen Sie edelmütig und
bilden Sie sie selbst In den Händen Ihrer Frau Schwester wird sie schlecht und
sie ist doch Ihre Frau Sie verachten mich sagte er mit Schmerz Nein da wäre
ich am elendesten aber Ihre Schwester wird Scheidewand zwischen mir und Ihnen
Eine große Seele in der Gewalt einer kleinen arglistigen  O Pindorf  Und
da ging ich nahm kurzen Abschied und sagte dem Hofmeister er möchte sich das
Kneipen abgewöhnen Die zwei guten Kinder schliefen nach der ersten halben
Stunde ein und es war mir lieb denn ich konnte da der Geschichte des Tags
nachsinnen Seit vielen Jahren war ich nicht in so großer Gesellschaft gewesen
fühlte auch nicht die geringste Begierde in mir mich in Zukunft öfterer darin
zu sehen Vielleicht trug das Wegwenden meines Herzens von Pindorf eben so viel
zu dieser Gleichgültigkeit bei als mir ehmals meine Anhänglichkeit an ihn jede
Gesellschaft wo er nicht war unangenehm und widrig machte Jede Szene durch
welche meine Liebe mich geführt hatte stellte sich vor mein Gedächtnis und ich
musste mir endlich sagen was ich Ihnen schrieb
    Dass Eigenliebe mich elend gemacht und Eigenliebe mich rettete
    Meine Leidenschaft für Pindorf hatte zu der Zeit angefangen da ich in ihm
die nämlichen Grundsätze Beschäftigungen und Geschmack sah die mich
beherrschten Dies war mit der Gestalt und dem Bezeugen verbunden die ich
allein edel und liebenswürdig achtete Gemeinsame unerfüllte Wünsche nährten
unsere stille Liebe Das was ich in der Opera empfand war im eigentlichen
Verstande Eifersucht und die ist immer Beweis der Liebe gewesen Erinnern Sie
sich was Sie mich tun sahen meiner Reise nach W mein Bauen und Wohnen auf
diesem Berge Aussichten führten mich her alle alle Leidenschaft lag noch in
mir als ich ihn hier sah Tugend kämpfte gegen sie weil er wieder vermählt
war aber sie hätte mich nicht so geschwind geheilt als der Gedanke mich
stärkte dass Personen und Umstände Pindorfs Gesinnungen wenden könnten wie sie
wollten dass keine Übereinstimmung mehr in uns sein könne Verhasst oder
gleichgültig wird er mir nie werden aber anbeten lieben kann ich ihn auch
nicht mehr seitdem ich mich höher schätze als ihn
 
                           Acht und neunzigster Brief
                            Van Gudens Fortsetzung
Und auch nachdem ich so viel geschrieben sind Sie doch ungedultig weil ich
das kleine Kinder Fest nicht gleich dazu gefügt hatte Soll ich wohl glauben
dass das Glück so Sie mit Ihrem Kleberg genießen ein verwöhntes eigensinniges
Kind aus Ihnen machte das sein Stirnchen runzelt das Mäulchen eckig zieht und
ein kleines abgebrochenes Murren äußert wenn es nicht den ganzen Vorrat von
dem kleinen Spielzeug bekommt den es in der zweiten Schieblade des Schranks
vermutet Verzeihen Sie mir meine Liebe und fragen Sie sich ob Sie nicht
unrecht haben so eifrig in mich zu dringen Glauben Sie aber nicht dass ich aus
Unmut vier Tage später antwortete Ich hatte zwei davon mit dem Entwurf eines
Erziehungsplans für die Pindorfischen Kinder zugebracht ich fühle dass ich eine
schwere Arbeit unternommen und auch dass mein Plan manchen lächerlich und
töricht scheinen muss so lang als mir die Neigungen und Fähigkeiten der Kinder
nicht völlig bekannt sind dazu hat mir der Zufall durch Wollings Gedanken den
Kindern ein Willkommfest zu geben mehr Dienste geleistet und einen sicherern
Weg gebahnt als vielleicht Jahre von Nachdenken nicht getan hätten Genuss von
Freiheit und Vergnügen bewegt und öfnet die Seele der Kinder so gut wie die
unsere Diese beiden allein entwicklen den Keim der Fähigkeiten und
Empfindungen Das Wohl wieder zu genießen dem Übel zu entgehen diese Triebe
bestimmen die erste Richtung des Auges nach Hülfsmitteln zu sehen und die
Anspannung der Kräfte sie zu erreichen Eigenliebe und Nächstenliebe zeigen
sich da in Mitteilung des Guten oder im Alleinhabenwollen wohl gar auch im
gewaltigen offenen oder listig heimlichen Wegnehmen bei der andern Heftigkeit
der Begierden zeigt sich im Genuss des Vergnügens im Darumbitten und im Danken
Ich hatte im Pindorfischen Hause bemerkt dass der Vater sehr wenig von seinen
Kindern musste und ihr Aufseher den Willen und Verstand nicht hatte sie richtig
zu kennen und zu leiten Üble Begegnung über unschuldige Fehler der Kindheit
Zwang der ihnen angetan worden sich das Bezeugen und Wissen erwachsener Leute
eigen zu machen hatte natürlicher weise ihr Herz verschlossen Henrietten
furchtsam Gustaven misstrauisch und beinah storrisch gemacht Ich musste sie also
Wollinghof seine Freuden und Bewohner in aller Freiheit kennen lernen laffen
und nur still beobachten an welches Kind von den unsern an welche erwachsene
Person sie sich mit dem ersten Vertrauen wenden und welchen Zeitvertreib oder
welche Belustigung sie zuerst wiederhohlt wünschen würden wonach sie zuerst
fragen möchten usw Zu diesem Allen zündete das kleine Fest das Licht an Sie
wissen wir kamen zu spät nach hause um noch den Abend etwas vorzunehmen die
Kinder waren auch auf einer Seite durch den Prunk des Tages durch Bärnskneipp
und dem Abschied vom Vater zu sehr erschüttert und dann hatte Frau von Pindorf
den Eigensinn gehabt dass beide junge Pindorfs in ihrem Staatsputz nach
Wollinghof geführt werden sollten damit die Leute dort sehen möchten dass sie
nicht aus Barmherzigkeit aufgenommen würden Ohne Zweifel dachte sie Frau von
Lissheim unsern Kindern und Leuten damit eine Ehrfurcht einzuflößen Aber
Wolling und ich wollten die unsrigen weder dem Schmerz des Unterschieds noch
der Gefahr des Bewunderns und Nachwünschens aussetzen Henriette wurde also wie
Gustav in einen großen Mantel gewickelt und durch den Obstgarten gleich in meine
Zimmer gebracht wo Meta das Fräulein und Wolling den Junker auskleideten doch
ohne das Mindeste von Lobsprüchen wegen der schönen Kleider zu äußern Als es
bei dem armen Jettchen aufs Aufschnüren kam fing sie schon an zu seufzen und
zu zittern und faltete ihre Hände mit dem Bitten O langsam langsam Meta
hielt gleich inne und ich kniete vor das gute Kind hin was fehlt Dir meine
Liebe warum zitterst Du Ach die Schnürbrust und mein Hemd stecken in meiner
Haut Hier sie wies auf die Hüften und hielt den Atem an sich indem Angst in
ihrem Gesicht und Tränen in ihren Augen zu sehen waren Ach Rosalia was
verderbt Unsinn und Vorurteil an Leib und Seele Sie hatten um dem Mädchen
einen dünnen Leib zu ziehen das steife Schnürleib über ihren Hüften so zusammen
gezogen dass auf beiden Teilen die Haut teils offen teils mit einer Rinde
bewachsen war und durchgehends ein brauner Streif um den ganzen Leib ging Sie
bat mich dass sie das Hemde selbst losmachen dürfe Ich ließ es gern geschehen
sie schrie und fiel mir weinend um den Hals Tröste dich mein Engel du sollst
die hässliche Schnürbrust niemals mehr anziehen Wie sie mich da küsste und
liebkosste das gute Kind und dann in ihrem Schlafzeug das ganz artig war mit
Gustav in seinem Überrock recht herzlich zu Nacht mit mir aßen und auch so
wohl schliefen Gustav hat ein Zimmer dessen Fenster auf den Weg gehen Der
Gärtner blieb neben ihm aber den zweiten Tag nahm ich den vortrefflichen jungen
Moos zu ihm der als Freund mit ihm leben als Freund alles was er weiß mit
ihm teilen soll sobald Gustav zu Etwas womit sich Wilhelm Moos beschäftigt
Lust bezeugt Als die Kinder schliefen durchsuchte ich mit meiner werten Meta
ihren Koffer und Kleidungsstücke um Etwas zu finden dass Henriette des andern
Tages anziehen könnte ohne das Schnürleib zu brauchen und doch geputzt zu
sein wie es dem Stande ihres Vaters zukommt denn sie sollen die Erziehung
haben die ihnen gebührt Aber auch sehr genau Ordnung Wert und Pflichten eines
jeden Standes nebst deren Ansprüchen kennen lernen Die Vorteile im Glück
Ehre und Wissen ihrer Klasse sollen sie nicht mit Stolz sondern mit
edelmütigen Gesinnungen gegen ihre Nebenmenschen und dankbarer Verehrung gegen
die Vorsicht erfüllen Meta und ich arbeiteten noch lange in der Nacht dis ein
weißes musselines Leibkleidgen fertig war dass Henriette den Morgen über ein
anderes dünnes Leibkleidgen anzog aus dem wir die Ärmel schnitten und ihr nur
eine breite blauseidene Binde um den Leib gaben die mit einer großen Schleife
auf der Seite festgemacht wurde und nicht die geringste Bewegung ihres Körpers
verhinderte Die Ärmel waren auch wie der kleine Strohhut mit blauen Bändern
gebunden Die Blumen sucht sie aber seit dem Tage des Willkommfests wo sie
Kranz und Strauss geschenkt bekam meistens selbst und lernt sie zusammen binden
Sie besorgt auch schon Blumentöpfe so wie Gustav Oberaufseher über das Stück
Wald sein will wo der Anflug junger Eichen und Buchen ist  An diesem Teil
unsers Berges hatte Wolling das Kinderfest veranstaltet so Abends gegeben
werden sollte nun aber zum Frühstück wurde Ich hatte wenig geschlafen stund
früh auf zog mich an und setzte mich in mein Kabinet um Bemerkungen über mich
aufzuschreiben gab aber dabei auf Henriettens Erwachen Achtung Sie wissen die
obere Füllung der Türe meines Kabinets ist von Flor wodurch ich mein großes
Zimmer meistens übersehe Das Kleidgen die Binde und der Hut lagen auf einen
kleinen Tischgen neben Henriettens Bette hübsch geordnet Auf dem kleinen Stuhl
ihre übrigen Kleidungsstücke nett gelegt Nachdem sie erwacht war und einige
Augenblicke sich hin und her bewegt hatte richtete sie sich auf und guckte nach
meinem Bette streckte den Kopf vorwärts um zu horchen kniete dann und
betrachtete die Kleidung auf dem Tisch berührte die Binde mit Staunen lächelte
auf den Hut horchte wieder nahm ihn dann und versuchte ob er ihr passte legte
ihn wieder auf seinen Platz wollte dann ihre Strümpfe anziehen war aber
ziemlich ungeschickt dabei wie auch in Zubinden ihres Rocks Dies merkte ich
mir zu einem Anlass von Beweise des Werts der Menschen in der dienenden Klasse
und ging zu ihr umarmte sie fragte ob sie wohl sei wohl geschlafen habe und
nahm sie auf meinem Arm an das Fenster von dem man einen Teil des Obstgartens
Feldes und Teiches sieht Himmel und Erde waren schön
    Sieh mein Kind du und die Bäume und das Feld sind so wohl und schön durch
den nächtlichen Schutz Gottes Ich danke ihm dafür und bitte ihn dich deinen
Papa und alle Menschen auf der ganzen Erde zu seegnen Drückte sie an mich und
küsste sie  Sie können nicht glauben liebe Freundin wie süß mir die Rührung
war die ich in Henrietten hervorgebracht hatte sie schloss ihre Arme um mich
und ich hielt sie noch einige Augenblicke still in den meinigen und sagte dann
dass sie nun zum Ankleiden und zum Frühstück gehen müsse Ich kann mich selbst
nicht anziehen sagte sie ganz verschämt und kleinmütig
    Ich weiß es Liebe denn ich brauchte auch einmal gute erwachsene Menschen
die für mich sorgten
    Nun ging sie ganz Mädchenartig zu dem Tischgen mit ihren Kleidern Liebe
Madame ist das mein Ich sprach ihr von Reinlichkeit durch Waschen und sonstige
Sorgfalt und kleidete sie selbst an Wolling kam mit Gustaven der nett in
einem grauen Frak mit grünen Kragen und Aufschlägen sich mir ehrerbietig und
zufrieden näherte Guten Morgen mein Sohn hat Er in Wollinghof gut geschlafen
Mit inniger Zufriedenheit versicherte er mich ja Nun wollen wir zum Frühstück
in den Wald sagte ich Henriette nahm die Hand ihres Bruders als er sie wegen
der Leidbinde betrachtete Sie bog sich hin und her Da fühle wie weich das
ist und sieh wie ich mich biegen kann Denke gar niemals mehr soll ich die
Schnürbrust bekommen Der holde Knabe freute sich brüderlich über die
Zufriedenheit seiner Schwester und sah mich dabei mit dem Ausdruck des
Vertrauens an dass auch er bei mir von allem schmerzlichen Zwang befreit sein
würde Nun gingen wir durch die SeitenTüre längst dem Teiche bei den alten
Birken und der Nusshecke zum jungen Eichwald in welchem wir einen Grassplatz leer
gelassen und von der großen Quelle eine Rinne abgeleitet haben die durch
gedeckte Röhren läuft und zwischen zwei Moosbänken über kleine Kiesselsteine in
ein Becken sprudelt dort hatte der gute Wolling die Kinderscene veranstaltet
Auf der ersten Hälfte des Wegs blieben wir bei dem Tone einer Schalmei stehen
die man sehr artig spielte Aber Wolling winkte uns nach dem Eingange des
Quellplatzes und verschwand sogleich Ich staunte über den Anblick der
Verzierungen die er angebracht hatte Die Quelle und zwei Moosbänke sind gerade
dem Eingange gegen über Da war hinter der Quelle ein von Tannenreis gemachtes
Stück Wand das sich an zwei schöne Eichen lehnte etwas vorwärts waren zu
beiden Seiten über den Moosbänken auch solche Wandstücke die bis an die Äste
der Bäume reichten welche darüber herunter hingen Auf der mittleren Wand war in
weißen Rosen ein V G auf denen an der Seite in Roten H P und G P
zwischen gelben Wiesenblumen Cränzen aufgehänkt Alle Bäume an beiden Seiten
waren mit grünen Wandstücken bestellt an denen große Blumensträusse herunter
hingen An der Ecke der einen Moosbank stunden die zwei Mädchen unsers Bauern
sauber gekleidet mit weißen Schürzen und neuen Strohhüten Die eine hatte die
Hand an einem großen Milchtopf der auf der Bank stund und kleine
Milchschüsselgen waren in einer Reihe dabei gestellt Das andre Mädchen hielt
die Henke eines schönen Armkorbes über den die Ecken eines weißen Tuchs etwas
heraus hiengen über dies ragte eine große irdene Schüssel mit Blättern
bedeckt auf welchen frische Butterstücke nach bäurischer Art geziert und
geformt lagen Neben dem Korbe auf einem hölzernen Teller kleine Käse und
Weidenkörbchen mit Kirschen An der andern Bank stunden zwei hübsche
Bauerknaben auch reinlich angezogen ihre runden Hüte auf den Köpfen Der eine
bei einem leeren Bienenkorbe auf welchem noch Stücke von Wachswaben lagen in
denen noch Honig war Ein weißes irdenes Geschirr voll Honig mit einem Löfel
darin stund daneben dann Weidenteller voll Pflaumen und an der einen Ecke der
Bank ein andrer Knabe mit einem Korbe voll kleiner weißer Brödtchen Ein großer
Laib Hausbrod lag neben dem Korbe Den Augenblick da ich mit den Pindorfischen
Kindern ein paar Schritte vorwärts gegangen war hüpften nach der Musik einer
Flöte und Schalmei Lottchen und Nanny Wolling mit der kleinen Auguste und
Louise Moos an einer Blumenkette sich haltend uns entgegen alle in neu Leinen
gekleidet Strohhüte und Sträusse an den Köpfen drehten sich recht artig gegen
Henrietten und sangen da ihr Lottchen ein Blumengewinde umhing
Sei willkommen Henriette
Schön wie diese Blumenkette
Sollen deine Tage sein
    Kaum hatten die Mädchen das ausgesungen als die Knaben auf der andern Seite
hervor tanzten Karl und Gottlieb Wolling mit Bernhard und Philipp Moos in
sauberen leichten Zeug gekleidet und Kränze um ihre Strohhüte gewunden hatten
auch eine Blumenkette an der sie sich hielten gegen Gustav sich bewegten und
Karl der einen Kranz in der Hand trug setzte ihn unterm Singen auf Gustavs
Hut
Willkomm Gustav edler Knabe
Nimm von uns die erste Gabe
Einen Kranz aus diesem Hayn
    Während dem Singen der Knaben tanzten die Mädchen auf der andern Seite im
Reihen herum kamen dann näher und Karl und Lottchen sangen zusammen
Kommt und nehmt alle Beide
An der Lust und an der Freude
Von uns guten Kindern Teil
    Nun tanzten die Knaben allein und Lottchen sang auf die Quelle weisend
Rein und helle
Wie die Quelle
Macht die Unschuld unser Herz
    Alsdann kamen die Knaben näher und die Mädchen tanzten fort
    Karl sang
Wald und Sonne
Giessen Wonne
Über frommen JugendScherz
    Gustchen Moos mit ihrem Silberstimmgen
Morgenröte
Und die Flöte
Guter Hirten weckt uns auf
    Bernhard Moos
Und dann lernen
Wir von Fernen
Guter Menschen Lebenslauf
    Nanny Wolling
Engel sehen
Wo wir gehen
Sind zu Wächtern uns bestellt
    Gottlieb Wolling
Tau und Regen
Bringen Seegen
Auf den Garten und das Feld
    Louise Moos
Blumen blühen
Bienen ziehen
Wachs und Honig uns daraus
    Philipp Moos
Vögel singen
Schaafe springen
Ganz vertraut um Hof und Haus
    Lottchen Wolling
Abends blinken
Stern und winken
Uns und alles in die Ruh
    Karl Wolling
Und wir schließen
Mit dem süßen
Gott sei Dank die Augen zu
    Nun hüpften die Knaben und Mädchen gegen die jungen Pindorfs die ganz
entzückt neben mir stunden Karl Wolling reichte Gustaven und Lottchen
Henrietten das Ende des Blumengewindes an dem sie getanzt hatten und beide
sangen dabei
Komm Gustav komm Henriette
Fasset diese Blumenkette
Machet sie zum Freundschaftsband
    Sie blickten mich an und ich winkte ihnen dass sie es tun und mittanzen
sollten  Mit was für Freude sah ich die liebenswürdige Reihe dieser guten
unverdorbenen Herzen voll inniger Fröhlichkeit gesund und harmlos mit so viel
natürlicher Anmut herumspringen  Schon im Singen hatten Sie mein Herz
erweicht Ich wollte die Bauernkinder sich mit anschließen lassen und bewegte
mich also von meinen Platze Den Augenblick kamen Wolling seine Frau Meta und
Willhelm Moos hinter einer Fichtenwand hervor schlossen sich an die Reihen und
tanzten alle um mich her Meta sang mit ihrer so schönen Stimme
Wollinghof hat tausend Freuden
    Frau Wolling
Liebe Güte 
    Wolling
Trost im Leiden 
    Alle drei
Fliessen auf van Gudens Hand
    Sie mögen denken wie äußerst gerührt ich da stand Ein süßer Schmerz
durchdrang meine Seele Ich musste weinen Küsste meine beide Hände und reichte
mit meinen Armen nach Frau Wolling die mit den andern noch im Reihen
herumtanzte Nun kam sie fasste meine Hand küsste sie alle andre tanzten fort
schlossen sich aber nach und nach um mich und die welche einen Arm ein Stück
Kleid von mir erreichen konnten küssten und drückten sie Die Schalmei und wir
alle schwiegen eine Zeitlang denn wer kann da reden Ich umarmte endlich Frau
Wolling und sagte ihr
    »O was machen Sie«
    Er blickte mich an und dann gen Himmel konnte nicht reden alle Augen waren
auf uns geheftet  Dank sagte ich endlich tausend Dank kommt Ihr Lieben
alle wir wollen zum Frühstück tanzen Die guten Bauernkinder kamen auch in die
Reihen und dann gingen die Kinder zum Essen setzten sich hier und da gingen
mit einander beguckten die neuen Ankömmlinge Der Pfarrer der Beamte und
unsere Dienstleute die hinter den Fichtenwänden gestanden und zugesehen hatten
kamen nun auch und wir aßen alle zusammen eine Art Mittagsbrod und waren sehr
glücklich und vergnügt Ich bemerkte an Gustav ein wahres offenes Herz an
Henrietten viel Feinheit und sprach ihnen zu mit den guten Kindern freundlich
zu sein die sich so viele Mühe um sie gegeben hätten Da taten sie nun auch
recht artig Gustav und Henriette wussten einen Tanz für vier Kinder und wollten
ihn die andern lehren wenn ich es zufrieden wäre Ich willigte gern darein und
sprach mit den großen Leuten fort damit die Pinvorfischen Kinder nicht denken
möchten dass ich sie beobachtete Gustav lehrte seine drei Tänzer recht
gedultig Henriette aber hatte immer vielmehr zu tadeln und zu bessern wurde
aber eher ungedultig als er und wies die kleineren Kinder lebhaft auf die Seite
Zu diesen ging ich dann und lehrte sie nachtanzen indem ich mit ihnen
nachzuahmen suchte Henriette blieb als sie es sah mitten im Tanzen stehen und
blickte aufmerksam mich an Ich lächelte ihr aber zu und rief sie sollte
fortfahren denn sonst könnten wir nichts lernen Da sprang sie freudig zu mir
küsste mich und sagte O ich dachte Sie wären böse Warum meine Liebe über
kleine Kinder werden gute Menschen niemals böse Geh meine Tochter und tanze
ruhig fort  Sie bemerkte dies ganz und war denn mit den kleinen recht
gedultig und sanft Dies war mir ein Merkzeichen ihres Charakters Karl hat ein
Schaaf erzogen das ihm überall nachläuft Es gefiel Gustaven Karl wollte es
ihm schenken aber Gustav nahms nicht sondern bedingte sich nur dass es auch
ihm manchmal folgen und aus seinen Händen essen sollte Alles das tat meiner
Seele wohl  Und nun ist meine Liebe für Pindorf zur wahren Freundschaft
geworden Das Glück seiner Kinder ist alles was ich wünsche und ihre Erziehung
mir ein süßes Geschäft
 
                           Neun und neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Sie klagen in Ihrem gestrigen Briefe über trübe und leere Stunden dieser
Gedanke schmerzt mich von Ihnen mehr als von tausend andern weil er mir
entweder eine große Zerrüttung Ihrer Gesundheit oder einen außerordentlichen
Zufall in Ihrer Familie anzeigt denn Ihr Reichtum und Geschmack an
Kenntnissen und der richtige Wert den sie auf alles Zufällige Leichte oder
Wandelbare legen lässt mich keine geringe Ursache vermuten Ziehen Sie mich
ich bitte Sie aus dieser Besorgnis und sehen Sie in diesem Paquet nach ob Sie
wie Sie von mir verlangen etwas fremdes Zerstreuendes darin finden können Es
sind lauter Papiere von Wollinghof worin die Auflösung des ZauberKnotens
erzählt ist mit welchem die Liebe meine sonderbare van Guden neun Jahre lang
gefesselt hielt Ich wünsche sehr dass Sie mir Ihre Gedanken darüber sagen
möchten wie Kleberg es tat der aber dabei anfangs ganz unbarmherzig
urteilte das van Guden eine ununterbrochene Anbetung gefodert habe und
deswegen so trotzig aus der Opera in St  fortgereiset sei dass sie in blühenden
Jahren einen gleichen Stolz auf Talente und Gestalt gehabt wie sie jetzo auf
Geist Geld und Liebe hätte Es schmerzte mich dass er alles dies so ernstlich
behauptete und ich gab mir alle Mühe sie zu verteidigen Madame Grafe war
dabei freute sich von ihrer Rivalin bei mir so reden zu hören denn sie sagte
das Weib hätte ihr die Hälfte meiner Freundschaft geraubt Da musste ich aufs
neue kämpfen als es aber eine Weile gedauert und Kleberg eifrig dazu geholfen
hatte so fing sie an Ey Rosalie sehen Sie mit alle ihrem Geiste nicht dass
ich nur den ganzen Männerneid kennen wollte den van Gudens Charakter erregt
und den ich im Tadel am allerdeutlichsten finde Mein Kleberg hatte aber beinah
Madame Grafe dadurch böse gemacht dass er mir sagte Salie wenn Du mich eines
Neids beschuldigtest so würde ich dirs nimmer vergeben weil mir eine so unedle
Vermutung auch im Scherz unerträglich wäre und weil ich mit all meinem Tadel
nichts wollte als die schönste Seite eines weiblichen Herzen ans Licht ziehen
die nicht allein darin besteht dass man viele Jahre einen Mann zärtlich liebe
eine gute Wirtin oder eine gute Mutter sei sondern glänzendes übertreffendes
Verdienst der Freundin innig verehren und ihre Fehler eifrig entschuldigen zu
können so wie Du es machtest meine Liebe setzte er mit Darreichung seiner
Hand hinzu Dies freute mich zwar aber es war mir schon voraus zu empfindlich
gewesen dass er Frau Grafen so unfreundlich behandelt hatte so dass ich sehr
bewegt aussah ihn freilich mit zufriedener Liebe anblickte aber doch den
Moment meine Augen auch nach Madame Grafe richtete die etwas rot geworden
sehr lebhaft aufgestanden und in ein Fenster gegangen war Er verstund diesen
Blick und folgte ihr nach Vergeben Sie Madame Grafe wenn ich Etwas sagte
das Ihnen missfiel Vergessen Sie es um Rosaliens willen die mir wirklich noch
schätzbarer geworden ist
    Ich war auch zu ihr gegangen und hatte sie umfasst Sie fing zum Glück an zu
lachen küsste mich und sagte zu meinem Manne ich verzeihe Ihnen gern Nehmen
Sie es nur nicht übel dass ich Gott danke dass mein Mann anders gesinnt ist als
Sie Ihnen mein Schatz sagte sie zu mir gönne ich von Herzen dass Sie für des
Herrn Klebergs Spitzkopf eine feinere Denkungsart haben als ich Machen Sie sich
aber alles dies für Ihre künftige Ruhe zu Nutz denn wenn ein sonst höflicher
Mann sich auf diese Art gegen eine fremde Frau in Unterredung äußert was
würde er gegen das Geschöpf unternehmen dass seiner ganzen Willkür übergeben
ist Kleberg lachte nun auch und küsste ihre Hand für die Weisung die sie ihm
gegeben er versicherte er wolle künftig ein artiger Fremder gegen sie und
immer ein edelmütiger Oberherr von mir sein
    Bei alle dem Scherze war bittere Wahrheit die ich mir merkte und sehr
sorgfältig wurde die für Kleinigkeiten so fühlbare Seite meines Mannes kennen
zu lernen Denn das Große verwahrt sich selbst und wird auch von selbst
geschont Es ist ihm aber etwas gegen Frau Grafe geblieben denn er wollte
nicht dass sie jemals zu den Lesestunden kommen solle die er mit mir den
Ittenschen und Badischen Töchtern hält Wir sind erst zwei Tage zusammen
gekommen die aber wirklich sehr artig sind und ich und die gute Mädchen würden
untröstlich sein wenn etwas daran verrückt oder sie gar aufgehoben werden
sollten Sie wissen dass ich immer um halb acht Uhr des Morgens ganz angezogen
bin und in meinem großen Zimmer mit Kleberg frühstücke Da unterdessen meine
Hausmagd unsere gewöhnlichen Zimmer zurecht macht worauf dann Kleberg zu seinem
Schreibtische und Büchern ich aber an meine Arbeit und Umsicht im Hauswesen
gehe An dem großen Saale war ein etwas ungeheures viereckiges Zimmer von dem
mein Mann einen Teil durch lauter Schränke abkürzte und da streifige Tapeten
darinnen sind so konnte der Schluss der Türen überall in den Streifen versteckt
werden Da habe ich nun alle mein weißes Zeug Kleider und große Putzsachen für
Kleberg und mich unter andern auch einen Schrank voll von verschiedenem weißen
Zeuge dass er aus einem sehr weit gesuchten Beweggrunde bei einer
Versteigerung in seiner Familie gekauft hatte Er sagte nämlich den ersten
Lesetag zu den beiden Mädchen ob ich Achtsamkeit und Geschicklichkeit genug
haben würde schon gebrauchtes und auch etwas abgängiges Weißzeug zu Rate zu
halten zu beurteilen und noch zu verwenden oder ob ich allein nur lauter
neue Sachen haben und gebrauchen wolle Er konnte in der Tat auch nichts anders
denken als dass mein Oheim mich erst durch seine Liebe verzärtelt und dann durch
die Besorgung alles und jedes heimlichen Stücks meines Hausrats mich noch wie
das Sprüchwort sagt »auf ein sammtnes Küssen setzte« Bei unserer ersten
Bekanntschaft und anfänglicher Liebe sah er mich bei schönen Handarbeiten für
Putz seidene Strümpfe zu stricken Lichtschirme und Brieftaschen zu weben zu
zeichnen und Klavier zu spielen beschäftigt lobte mich darüber besonders auch
über die große Reinlichkeit meiner Person Kleidung und Zimmers Meine Bücher
und Sprachkenntnisse gefielen ihm auch Das Schimmernde meines Standes hatte ich
nun dass war aber für das Ideal eines deutschen Weibes für einen ganz teutsch
denkenden Mann unserer Klasse nicht genug wie er sagt und noch jetzo erst
sagt da ich seine Frau bin Er lobte mich dass ich den neuen französischen
Moden immer nur von ferne folgte immer nur die simpelsten Formen des Putzes
nachahmte mit welchen der Ausdruck von Sittsamkeit und bescheidener Würde und
die natürliche Begierde zu gefallen sehr artig verbunden werden könnte Denn er
behauptete dass es einen Grad von Modeputz gebe der einem feindenkenden jungen
Mann das Gefühl der innerlichen Hochachtung benehme aus welcher allein die
Zärtlichkeit des Herzens entstünde die unter tausend und aber tausend Mädchen
nur die Einzige lieben und wünschen lässt Lieber Mann sagte ich machest du
nicht zu strenge Anforderungen an uns gute Geschöpfe denn wir putzen uns ja nur
für Euch du bist ja undankbar Nein Salie ich bins nicht aber dein Oheim hat
Recht Karoline Boge hat Recht Kleidung und Putz machen einen Teil des
Charakters aus Sei zufrieden mit mir und mit dir Du bist mir Modell des
liebenswürdigen Mädchen der schätzbaren Freundin gewesen nach deinem Bilde
beurteilte ich was ich auf meinen Reisen sah Du sagtest in einem deiner
Briefe an die edle weise Mariane St  dass um die physischen Weltzirkel unter
welchen die Menschen einerlei Grad physisches Gute genössen und du nur einen
moralischen Kreis umher gezogen sähest den von Treue und Glauben der
Handelsleute Du bemerktest die Schönheitslinie die Winkelmann anzeigte
Glaube meine Liebe die Tugendlinien sind auch da mit allen Graden des mehr
und weniger Vollkommenen zu allen Zeiten und Orten man gibt nur nicht genau
Acht darauf Ich habe in Frankreich Frauenzimmer gefunden die wie du die
neuen Moden mit vieler Mäßigkeit nachmachten die wie du eine sittsame
Munterkeit hatten
    Kleberg sagte ich es ist Seeligkeit für mich so von dir geschätzt zu
sein Sag aber was ist dir das Liebste in meinem Charakter Dass du ein
teutsches Weib bist und neben den glänzenden Eigenschaften die eine Französin
Engländerin und Italienerin zieren würden auch Hauswirtin bist und weißt
woraus unsere tuchnen Männerröcke euer Tafentrock und Weißzeug bestehen dass
man die Baumwolle nicht macht den Wein nicht brauet und das Papier nicht webt
dass du deine Köchin die Suppe und das Backwerk den Braten und das Beiessen
zubereiten lehren kannst dass dein häussliches Leben dir lieber ist als alles
andre dass du mir so gern gefällst so sorgfältig bist dass ich dich niemals
unordentlich unreinlich ungefällig sehe dass du nähen stricken und flicken
kannst Ja flicken denn sieh Liebe es freue mich als ich mit unserm Oheim
von Warthausen zwei Tage früher zurückkam dich mitten unter dem Vorrat des
alten Leinen fand dass ich hieher brachte und die vielen so nett gelegten
Bündel mit ihren verschiedenen Aufschriften sah
    Nro 1 Abgehendes weiches Leinen für arme Kranke oder Verwundete 
    Nro 2 Bettücher zum Wenden
    Nro 3 Bettzeug für nicht oft kommende Fremde weil es fein aber nicht
mehr so dauerhaft ist vieles Brauchen und Waschen zu leiden
    Nro 4 Tischzeug alle Jahre zweimahl zu verwenden bis das andre stärkere
gewaschen ist und ein wenig geruht hat 
    Nro 5 Verschiedenes Weißzeug zum Hausgebrauch wo dichtes und grobes
unnütz wäre   
    Ich sagte Dir da nichts weil wir von unserer Reise zu erzählen hatten 
Aber da ich Dich mit so viel Aemsigkeit und so netten feinen Stichen ausbessern
sah da hohlte ich unsern Oheim es mit anzusehen und ich küsste die teutsche
Weiberhand die wechselsweise weißes Zeug nähen Landschaften und Bilder
zeichnen sticken kochen Hauben und Garnirung machen Klavierspielen
Hausrechnung führen Wäsche plätten und Briefe schreiben kann Dies meine
teure Salie ist ein wahrer Zauberkreis von so vielen reizenden Tugenden indem
ich mit süßem Bewusstsein einer dauernden Glückseligkeit um dich herum gehe
Alles dies ist auch Ursache warum ich die Lesetage in diesem Zimmer halten
will um ganz nahe bei den Beweisen deines häuslichen Verdienstes zu sein die
ich unsern jungen Freundinnen neben meinen Büchern bekannt machen will
    Was kann ich zu alle dem sagen es ist süß von seinem Ehemann gelobt zu
werden Aber wie wohl hat mich der Genius meines Schicksals geleitet von selbst
alles zu tun was der Mann fodert Denn hören Sie meine Liebe was Kleberg
sagt er würde mir wenn ich es erst nach seinem Wünschen gelernt hätte nicht
so viel Dank wissen als für die freiwillige Verwendung meiner jugendlichen
Jahre und Talente Er sagt wir Weiber hätten durch Heirat ein Amt angetreten
wie er und andre Männer Amtsbeschäftigungen erhielten die ihnen ein Fürst oder
eine Obrigkeit anvertraue weil man denke dass sie in niederen oder hohen Schulen
durch ihren Fleiß die nötige Kenntnisse gesammlet hätten Für diesen Fleiß
erhielten Sie Achtung die sich dann natürlicher Weise vermehre wenn man sie
das freiwillig Gelernte in Ausübung bringen sähe so wie man sie auch um so
mehr schätze wenn sie in ihren Amtsgeschäften ohne besondere Vorschrift alles
Mögliche Gute und Nützliche auf eigenem Antrieb täten Hingegen auf
Ausrichtung gegebener Befehle und Ermahnungen folge nichts als ein Merkmal von
Zufriedenheit mit dem eine jede Sklaventugend belohnt würde Der Himmel solle
aber ihn und mich vor dem Augenblick bewahren in welchem er mir seine Wünsche
nach einem Vergnügen oder irgend einer Sache unter der Gestalt eines
oberherrischen Willens oder gar Befehls anzeigen würde Nein meine Salie Du
bist meine Freundin du wirst mir gern Gutes tun wie es die wahre gütige
Freundschaft immer tat Rechne auch darauf edles liebes Weib sagte er da er
mich umfasste und an sich schloss rechne darauf alles was dein Freund Kleberg
für dich für die Wünsche deines Herzens tun kann wird er tun
    Ich hatte hier eine Träne in den Augen und sah etwas bedenklich auch wie
er sagte traurig aus Er fragte sehr freundlich nach der Ursache Ach Lieber
das Gefühl meines Glücks mit dir und der Gedanke des Wehes und Elendes so
vieler liebenswürdigen Weiber ist vor mir und schmerzt mich Meine gute
menschenfreundliche Salie das bist du wieder ganz Es gibt schlecht denkende
Männer die unrechtmässig mit ihren Gehülfinnen handeln aber glaube mein Engel
viele sind selbst Schuld denn ich muss auf mein Gleichniss zurück kommen es ist
in Deutschland nun einmal noch Sitte dass der Mann bei seiner Verheiratung
denkt er vertraue seinem Mädchen ein Amt und er vermutet wie der Herr der
ihm eins gab dass das Mädchen alles wisse was zu guter Verwaltung des Amts
gehört wozu er sie beruft Diese Erwartung wird endlich Anspruch und wenn man
denkt dass man in seiner Hoffnung betrogen worden dass man weder das versprochene
Angenehme noch das Nötige Nützliche gar nicht oder doch nicht zu rechter
Zeit erhält so kommen Befehle Verweise Verdruss usw
    Sie können sich nicht genug vorstellen meine unschätzbare Freundin wie
aufmerksam die lieben Mädchen waren wie sie wechselsweise bald mich bald
Kleberg ansahen der am Ende ganz munter gegen alle eine Verbeugung machte und
sie bat dies was er da gesagt als Vorrede zu den Lesetagen anzusehen die wir
doch nur zu dem Ende mit einander halten würden damit ein halbdutzend
rechtschaffener junger Männer durch sie die liebenswürdigsten Weiber bekämen
Er hätte ihnen nun fügte er hinzu schon einen Teil der Geheimnisse der besten
Jünglinge verraten das Übrige wolle er in den Lesestunden austeilen wenn
sie Gefallen daran fänden
    Freilich gefiel es ihnen und machte auch mehr Eindruck als wenn es von dem
schönsten oder weisesten Weibe wäre vorgetragen worden Sie wissen Kleberg ist
ein sehr hübscher Mann und seine Manieren sind höchst einnehmend Zudem glaube
ich dass die Achtung und Zärtlichkeit welche er mir bei allen Gelegenheiten
beweiset zur Unterstützung seiner Lehren dienen
    Bald will ich Ihnen von unsern Lesetagen Nachricht geben Aber erst wenn
einige davon vorbei sind und ich Etwas von den Wirkungen werde sagen können
    Mir ist leid dass ich noch immer in der Stadt bin da doch Ort und Julie
schon zwei Monate in Seedorf wohnen Anfangs künftiger Woche ziehen wir auch
hin weil bis jetzo unser Haus noch nicht trocken genug war Doch muss Kleberg
wieder Etwas vorhaben denn ich durfte seit zwanzig Wochen nicht hin sondern
nur von Kahnberg aus bis nach Ottens Landhans fahren und musste ihn versprechen
auch Niemand zu fragen was man da machte Mein Oheim ist mit einverstanden und
da muss es was Gutes sein denn dieser liebt die angenehmen Überraschungen gar
sehr
    Frau Grafe sagte letzt Kleberg wäre so artig als ein Hausdespote immer nur
sein könne
 
                                Hunderter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Nun wohne ich seit einigen Tagen auf dem Lande und bin froh dass ich immer
dieses Leben liebte immer die Beschreibungen davon gerne las auf meinen Reisen
mich über den Landmann und seine Arbeiten freute gerne meinen Schlaf abbrach
um wie mein Oheim sagte mit ihm der Sonne entgegen zu gehen Hier kann ich aus
meinem Bette sie willkommen heißen denn unser Schlafzimmer ist gegen Morgen
und ich darf nur einen Laden aufziehen und in meinem Bette mich aufrichten so
seh ich über meinem Garten hin am Ende des Wäldgen die entfernte Anhöhe hinter
welchen die Purpurwolken sich färben und dann der schimmernden Aurora Platz
machen Die Morgenluft strömt in mein Zimmer ich höre das Plätschern des
kleinen Springbrunnen in meinen Garten bald auf der steinernen Einfassung wohin
der Wind den dünnen Wasserstrahl treibt bald im Becken selbst und dann das
frohe Gezwitscher der Vögel das kleine Flattern der Flügel von denen die nah
an meinem Fenster vorbei streichen das Gacksern unserer Hühner und das Krähen
der Dorfhähne sehe dazu das schöne Grün und die blinkenden Tautropfen O wie
gern danke ich dann mit der ganzen Natur unserm Schöpfer und bete ihn an Ich
weiß nicht meine Beste ob Sie das kleine Gedicht das Gräschen kennen daher
will ich es hier einschalten weil es wirklich erst auf dem Lande seinen ganzen
Wert erhält und ich es unendlich liebe
                                 Das Gräschen
Gräschen beperlt vom Tau
Das jüngst Mutter Erde noch
Dem verderbenden Nord
Sanft im Schoss verschloss
Dich sang kein LiederSohn
Du sei du mein Gesang
Kleiner erster Bote des Frühlings
Ist dein stilles Dasein dann
Dichtern so unmerkbar
Doch vergisst dich der TagsStrahl nicht
Wandelt in SilberGlanz
Deine MorgenTräne
Dir wie dem SternenHeer
Wachet der Vorsicht Aug
Und wie das SternenHeer
Neunt des Allwaltenden
Namen dein stiller Pracht
Freudig entsprangst du der Erd
Rufest Enkel auf Enkel empor
Deckest mit Nachkommen
Deiner Gebährerinn
Haupt indes ungebohrner Eichen
Langsam mächtigen Drang
Unter deinen Fuß ihr
Busen bezähmet
Gräschen Schmuck des Hügels
Kleid der Erde
Augenweide
Mehr als kühn strahlend Gold
Ist deine Farbe
O du des Menschen
Lust und Lager zur goldenen Zeit
Welcher Hügel welch
Wildes Gestade kennt
Dein Geschlecht nicht
Deiner Brüder wie viel
Wanken im sanften Arm
Jedes Zephirs von Abendstern
Bis zu der Morgen Sonne
Die den vergötterten
Länder Beherrscher nicht
Unter goldenen Gewölben kennt
Aber dich jeden Tag
Wenn im Schimmer zerreissend das
Wolkenbett ihren Rosenfuss
Blendend enthüllt
Dich ihr Gräschen freudig küsst
Unbezwingbar dem Sturm
Der die Wälder zerriss
Stehst du triumphierend
Wie eine Lanze des Siegers
Stehst du da glänzend vom Ufer
In den irrenden Bach
Doppelschneidig scheinst du zu drohen
Doch beugt dein Wipfel sich
Sanft der Weste Hauch
Sanft den Liebes Götterchen
Zarter Insekten Heere
Nicht den luftigen Erlen gleich
Scherzt mit der Wolkensonne
Deine Spitze doch steht sie dem
Kleinern Luftvolke Erlen hoch
Und bleibt Welten unersteiglich
Welten auf meinem Gräschen
Welten dem Menschen Aug
Unscheinbar seid ihr glücklich
Staub Bewohner
Schleicht nicht der Neid der
Wonne Verzehrer durch
Eure Städte
Aus Monaden gebaut
Rasseln nicht Ketten von
Eines Tyrannen Thron
Über Eure Nacken hin
Würgt ihr Euch nicht
Um Atomen Gewinn
Und setzt Ehren nur
Dem der Atomen häuft
O dann glücklich glücklich seid ihr
StaubBewohner dem Menschen der
Aus dem Dasein euch
Unbemerkt wegtritt
Dem sticht Gram ins Herz
Aber Gräschen du
Bald hast du weggescherzt
Deinen Frühling ein Sichelschnitt
Fällt dich mit Tausenden
Deiner Brüder Doch traure nicht
Stufenweise steigst du zu
Höheren Leben auf
Eile zu wandlen dich
In das Leben des Tiers
Einst ein heiliger Teil des
Edelsten Gottes Geschöpfs
Wall ein Tropfen Blut
In dem Herzen des Menschenfreunds
Ich will alle Landarbeiten kennen lernen Ackerbau Viehzucht die ersten der
nützlichen Wissenschaften von diesen will ich anfangen einen neuen Gang durch
alle menschliche Kenntnisse zu machen Sie denken aber schon dass es nichts
anders sein wird als Namen und kleine Beschreibungen des Gebiets der
Erfindungen und des Wissens durchzugehen wie man ohne von seinem Geburtsort zu
reisen die geographische Beschreibung der Erde sich bekannt machen kann und es
angenehm ist bei Durchlesung einer Zeitung oder Anhörung einer Geschichte
gleich zu wissen in welcher Gegend der Welt der Auftritt sich ereignete
    Meine Hauseinrichtung war den Ersten Tag geschehen weil alles höchst
einfach angestellt ist Da habe ich gleich die Bekanntschaft mit unserer
BauernHaushaltung gemacht O Liebe was für ein teures schätzbares Weib ist
eine gute Bäurin Wie viel mehr als wir muss sie die Kräfte ihres Lebens
verwenden um Kühe Kälber Milch Butter und Käse zu der gehörigen Nahrung
ihrer Leute und zugleich zum nutzbaren Verkauf einzuteilen Den Hühnerhof und
das Mastvieh durch Abfall der Früchte des Obsts und des Gemüsgartens
aufzuziehen und zu vermehren damit alles benüzt und von des Bauern
angepflanzten Futter wieder Etwas zum Verkauf gespart werden könne Hanf und
Flachsbau Zubereitung nötiges Leinen davon in das Haus und dann das möglich
Übrige auch zu Gelde gemacht früh und spate Aussicht über das Gesinde und
dann Kindes zu besorgen Die Verantwortung des ganzen innern Hauswesens das
Beispiel der Arbeit in allen Zeiten in der Heu und KornErndte die so schwer
sind Ich seh mit wahrer Achtung die jungen Weiber an welche zugleich mit mir
zur Ehe eingeseegnet wurden Mich dünkt sie haben mehr nützliche Taten vor
sich als ich sammlete Mein Oheim machte mich mit so viel Vergnügen mit den
Ackerwerkzeugen bekannt die ich um so mehr betrachtete als mein Kleberg die
Säemaschine einführen will mit welcher ein Acker nur Ein Fünftel Aussaat
braucht und kein Körnchen verloren geht
    Unser Hofbaner soll der zweite Klyjag werden und es ist schon alle Anstalt
zu des Schwitzers Dünger gemacht So gar aus meiner Koch und Waschküche darf
kein Tropfen verloren gehen Der Eifer den mein sonst so galanter Kleberg für
alle diese Beschäftigungen zeigt macht mir ihn sehr wert Er legt einen Ton
von Verehrung der Erde und ihrer Wohltaten hinein der an dem schönen jungen
Weltmann ganz reizend ist Die Ursache warum ich nicht in unsern Garten durfte
eh wir herzogen war das eine artige englische Brücke über den großen Graben
geschlagen wurde der durch Kleberg zur Austrocknung eines Sumpfs diesen Winter
aufgeführt ward O wie viel kann ein denkender und tätiger Mensch für sich und
andere tun besonders auf dem Lande wo die Tage weniger zerstreuet werden Ich
freue mich über das Glück der Bauerkinder Gleich jungen Vögeln sobald sie
aufrecht sich halten können tragen sie etwas zu ihrer Nahrung bei und die
nützliche Arbeit wird ihnen Vergnügen und Bedürfnis
So müd ich auch von einem etwas langen Spatziergange bin so muss ich doch das
beschreiben was mich besonders rührte Eine ViertelStunde von Seedorf geht das
Land abwärts und macht ein anmutiges Tal das durch die Ringbach bewässert
wird In der Spitze dieses Tals liegt ein kleines Dorf welches vor einigen
Jahren beinah ganz abbrannte und freilich jetzo um so schöner aussieht Ein
Fußpfad leitet in der jähesten Ecke hinunter Mein Oheim führte uns zum Müller
des Orts in den Garten der in ein Baumund Gemüsstück abgeteilt ist Nun liebe
ich von meiner ersten Jugend an die Baumstücke am meisten weil ich in einem
Bauergarten das Erstemal eine freie Aussicht freie Luft die Schönheit der
Wiesen und blühenden Bäume genossen hatte Und gewiss dass erste starke Gefühl
des Vergnügens bleibt und zieht uns immer zu diesen Gegenstand Ach möchte doch
jede erste Freude eines gefühlvollen Herzens aus unschuldigen Gegenständen
fließen weil diese Quelle niemals versiegt und immer reizend bleibt Sie
ließ mich und Hannchen herum trippeln bis sie uns am Ende des Baumstücks
stille stehen sahen denn dort liegt ein zerbrochener Mühlstein an einem großen
Birnbaum und ein Rebenstock ist an einem Pfosten hinauf über den Stein zum
Schatten gebogen Hannchen und ich blieben stehen weil wir zwischen dem
Traubengeländer und der Hecke hin die Aussicht in das ganze Tal hatten Mein
Oheim führte mich aber näher zum Stein in welchem diese Aufschrift gegraben
ist
    »1772 hab ich Hanns Kofel 80 Jahr alt bei dem Brand meine zwei Enkel
Michel und Hanns Kofel samt 200 Taler Herrengeld hierher aus der Münle
getragen und bin nach dem guten Werk aus Angst für meinen braven Sohn der zu
viel wagte auf diesem Steine selig verschieden«
    O Liebe wie weinte ich bei diesem einfachen Denkmal der Vaterliebe und des
treuen Untertanen der Enkel und Herrengeld mit gleicher Sorgfalt rettete Man
fand ihn zwischen den zwei Knaben hingesunken die ihn immer wecken wollten Der
Geldsack war unter ihn gefallen und die armen Buben von sechs und fünf Jahren
saßen im Hemde auf den beiden Ecken seiner Jacke die er für sie ausgebreitet
hatte
    Mein Oheim drückte mir die Hand
    Nicht wahr Salie der HausvaterTod ist auch ein schöner Tod Der gute
Alte In der Angst seines Herzens arbeiteten die Triebfedern die in seinem
ganzen redlichen Bürgerleben ihn geleitet hatten Nun Liebe adieu
 
                            Hundert und erster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich dachte schon einigemal meine Liebe dass die immerwährenden Erzählungen von
dem was um mich in unserm Seedorf geschieht und mein häusliches Leben angeht
Sie wohl ermüden könnte und freue mich in der Tat Sie mit einem neuen und
wahren Charakter bekannt zu machen der nächstens bei uns erscheinen wird Ein
Universitätsfreund meines Klebergs und Ottens von dem sie lange nichts gehört
hatten schrieb vorgestern an den letztern eine Art Geschichte von sich die auf
einer Seite den eigensten willkührlichsten aber auch einen von den
schätzbarsten Menschen bezeichnet Sie sollen nicht alles lesen weil viele
jugendliche Züge darin sind die wenig Reize für sie haben könnten obschon
nichts Unordentliches und Unanständiges darin ist und ihm auch seine Freunde
das Zeugnis der besten Sitten geben Herr Latten ist der einzige Sohn eines
reichen Kaufmanns und wurde nach dem Tode seines Vaters unter der Vormundschaft
seiner Mutter Bruder erzogen welcher als Gelehrter den Geschmack des jungen
Menschen auf Wissenschaften lenkte ihn seine Handlung für ein Stück Geld an
einen andern verkaufen ließ und seine Erziehung bis auf die UniversitätsJahre
besorgte Historie Geographie Moral und Poesie waren die von ihm ausgewählten
Lieblingsteile der Kenntnisse die ihm gegeben wurden doch beward er sich auch
fleißig um Geometrie und landwirtschaftliche Einsichten Er kam auf die hohe
Schule und benutzte jede Gelegenheit seinen Geist anzubauen Seine beste
Belustigung bestund im Lesen der Dichter und Romane Seine ihn anbetende Mutter
starb schnell sein Oheim auch eh er auf Reisen ging und er wurde mit dem ein
und zwanzigsten Jahre sein eigener Herr und dabei eines sehr großen Vermögens
Der erste Gedanke über seine vollkommene Freiheit war mit seinem Gelde so zu
wirtschaften dass er memals kein Amt nötig hätte viel zu reisen und immer mit
Anstand erscheinen zu können ohne durch unbesonnenen Aufwand ein darbendes
Alter vor sich zu sehen So beschloss er niemals zu spielen nahm einen armen
aber mit vielen Fähigkeiten begabten Purschen mit sich nach Haus wo der
unterscheidende Zug des Entusiastischen so in ihm wohnte sich bei Anordnung
des Denkmals zeigte welches er seinem Vater seiner Mutter und seinem Oheim
errichten ließ wo er nach den Ausdrücken von Liebe und Dankbarkeit am Ende den
Stein zu einem Zeugen gegen sich aufrief wenn er je durch sein Leben etwas tun
sollte das der Tugend und Güte seiner Verwandten unwürdig wäre Er ging mit
seinem Freund auf Reisen die er bald zu Fuß bald zu Pferde oder in einer
Postkalesche machte Zuerst besuchte er alle Orte unsers Teutschlands die der
Aufenthalt berühmter Männer waren vorzüglich aber eilte er zu denen deren
Geist er bewunderte und deren Charakter und Handlungen am schiefesten
beurteilt wurden und bald sagte er zerbrach ich jedes Modell jeden Maasstab
von Verdienst die mir von andern gegeben worden oder den ich selbst
geschnitzelt hatte Die Stücke davon liegen an der Schwelle von Wohnungen der
großen Gelehrten Ich fing an den Gang der moralischen Welt nach dem Beispiel
derer zu betrachten die den Gang der Erdkugel berechneten und ihn nur nach den
Tagen nicht nach den Nächten zählten Ich suchte nur die helle Seite meiner
Nebenmenschen auf und strebte mich das Wahre und Schöne zu finden Es gibt
überall Leute genug die den Fehler nachspähen sie aufdecken und bekannt
machen Ich habe kein Land und kein Genie hätte also weder den Plan einer
Regierung noch den zu einem Buch zu nehmen als die Wahrheit dass man von ferne
das beste durch einen Rebel sieht und im Übel beurteilt Nachahmen konnt ich
am leichtesten den willkührlichen Ton des Lebens und Gebrauch der Kräfte des
Geistes der Umstände und Gewalt Nach diesem wollte ich aus dem großen Magazin
von Erdeglückseeligkeit auch für mich das nehmen was meinem Gemütscharakter am
tauglichsten schien Was für seelige Tage verlebte ich mit verdienstvollen
Personen in der Schweiz Wie gestärkt und erhaben fühlten wir uns mein Rohr und
ich bei Durchreisung der Gedürge und Seen dieses wundervollen Landes Wir
hatten der deutschen Joseph und Friederich ihre Gelehrte und Weise gesehen und
durchwanderten im Lauf von vier Jahren Italien Spanien Portugall Frankreich
und England und gingen von dort durch Holland und Frankreich zurück Ich hatte
mich diese Jahre über an Nichts als Wissen Sehen und meinen Rohr geheftet
Mein Kopf wurde angefüllt meine Seele oft bewegt und erschüttert eigene und
anteilnehmende Freude Mitleiden und Menschenliebe strömten oft in und aus
meinem Herzen aber dauernd und fest war und konnte nichts werden weil vieles
reisen mir eine Gewohnheit des Abwechselns gab und endlich gar den schmerzlichen
Gedanken fühlen ließ dass ich nun nichts Neues nichts Reizendes mehr finden
würde weil ich alles gesehen verglichen das nemliche so oft angetroffen und
genossen hätte Alles war in mir wie abgenützt nur noch der Keim eigener
Schwärmerei war unversehrt geblieben Rousseau war seit meiner Abreise von
Frankreich gestorben Ich machte eine Wallfahrt zu seinem Grabe Starke
melancholische unruhige und mir süße Bewegungen stiegen beim Anblick und
Auflehnen auf sein Denkmal in mir empor Seine Schriften der Park von
Ermenorville wurden die Welt Ruhpunkt Paradies und Glückseligkeit für mich
Rohr beobachtete und bedaurte diese Stimmung meiner Seele Sie nützen ihr Gefühl
ab sagte er Wenn Sie dies was Ihnen jetzo so viele Freude gibt lang
genießen wollen so entfernen Sie sich einige Zeit und kommen zum neuem Genuss
zurück Ich ließ mich wegführen Aber es blieb eine Leere in mir und ein
Widerwillen an Städten und Gesellschaften Doch ging ich mit Rohr nach Hause
und fand mein Vermögen und meine Bekannte in guten Umständen Rohr verlangte
auch in seine Heimat ich begleitete ihn und befestigte sein Glück nach meinen
Kräften da ihm ein abgelebter Vater seine Stelle abtrat Ich nahm meinen
Rückweg allein blieb in Dörfern deren Lage mir gefiel einige Tage liegen
lernte in dem einen Feldarbeit und feuerte ein Paar junge Bauern zu bessern
Fleiß an half eine Schule bauen kaufte ödes Land von dem Gemeinplatz machte
es urbar und legte es dem Pfarrer und Schulmeister zu
    Das Danken und Achtung geben der Leute fiel mir beschwerlich und ich ging
bei Nacht und Nebel fort kam Abends spät auf ein dem Herrn von Grünburg
gehöriges Gut war müd und legte mich nach einer kurzen Mahlzeit schlafen Ich
hatte ungefähr eine Stunde geruht da hörte ich eine Kalesche kommen und in der
Kummer neben der meinen ein Bette bereiten in welches endlich zwei Reisende
kamen aus deren Unterredung ich fand dass der eine ein Sohn eines Beamten der
andre ein abgesetzter Schreiber sei die sich sehr liebten und über den Geitz
und die Härte des alten Beamten wehklagten dessen Sohn mir ein gutartiger
Mensch schien da er unter andern jammerte sein Vater nähme nun vielleicht
einen schlechten unvernünftigen Purschen an des Schreibers Stelle oder einen
listigen und bösen dem er sich nicht anvertrauen nichts von ihm lernen und
auch den Untertanen nichts gutes würde tun können Bei dem Geschwätz der
beiden Leute fiel mir ein mich als Amtschreiber anzugeben und den Dienst eine
Zeitlang zu versehen möge er auch Beschwerden haben wie er wolle Es dünkte
mich herrlich eine solche Verläugnung meines Wohlstands auszuüben und den
jungen Beamten in seiner Begierde des Wissens und Wohltuns zu stärken Ich
stellte es auch den andern Tag mir dem Wirt an dass er mich vorschlagen möchte
Ich gefiel dem jungen Mann und ging gleich eine geringe Besoldung ein worauf
er mich mit sich nach Grünburg nahm um mich seinem Vater vorzustellen Ich
erzählte ihm unterwegs eine Geschichte von mir die ich auch dem Vater
wiederholte der mich unter dicken finsteren Augbraunen heraus stark betrachtete
Es war ihm lieb dass ich keinen Wein tränke und er versprach mir alle Quartal
einen Gulden mehr also des Jahrs vier Gulden Zulage zu geben und ich sollte
Abends ein Stück gedörrte Wurst und etwas Butter haben weil sein Dienst ihm
selbst nicht viel trüge könne er auch nicht viel geben Das Hans hieß die Neue
Burg weil es nach Zerstörung der Alten auf eine Anhöhe gebaut wurde Man gab
mir ein Stüdchen im dritten Stocke denn der Beamte schlief bei dem Geldgewölbe
ganz unten um bei Feuersgefahr sich und seine Kiste gleich retten zu können
und sein Sohn musste im Vorzimmer liegen um bei Angriff von Dieben bei der Hand
zu sein Meine Treppentüre wurde verriegelt und versperrt damit ich als ein
unbekannter Mensch nichts in dem Hause anfangen könnte Zu allem Glücke hatte
man mir ein klein Krügelchen Lampenöhl auf vier Tage mitgegeben so dass ich
mein Licht konnte brennen lassen Eine lange bis auf den Kornspeicher laufende
Wendeltreppe führte in mein Stübchen wovon die Wände und Decke getäfelt aber
vor Alter und Schmuz so schwarz waren dass es des Nachts bei dem schmalen
niedrigen Bett ohne Vorhänge ein Leichen Kämmerchen zu sein schien Die Decke
war voller Spalten zwischen denen von Speicher herab Haberkörner fielen die
ich sammlete und auf dem halb vermoderten Blumenbret vor meinem Fenster für die
Vögel hinstreute die ich auch bei nachgekauftem Futter so anzog dass sie mit
im Winter durch eine ausgehobene Scheibe in meinem Zimmer aus und einflogen
Meine Aussicht war herrlich Auf einer Seite über den Garten des Beamten hinaus
eine weite Strecke Fruchtland und schöne Wiesen an einem Bache hin den ich
eine halbe Stunde von da die waldigte Anhöhe herunter stürzen sah Gerade aus
ein einzelner großer Bauernhof der an dem Fuße des Hügels liegt auf dem die
Trümmer der ehmaligen Burg stehen deren mit Eichen bewachsene Überbleibsel der
ganzen Gegend eine malerische Schönheit geben Der von der Seite hinab
geführete auch zerfallene Treppengang gegen die Pfarrkirche von welcher ich
die Chorfenster über den Kirchhof hin sehen konnte das alles machte mir des
Morgens da ich von meinem harten Lager aufstund viele Freude Ich überdachte
dabei den Schritt den ich durch Antretung dieses mühsamen Diensts gemacht
hätte und was man wohl von mir sagen würde dass ich einen solchen Sonderling
spielte Aber ich sagte Sollte mir wohl viel an dem Geschwätz der Menschen
gelegen sein die ich nun in dem halben Europa gesehen habe Ist in der ganzen
Masse ein solches Gemisch von Weisheit und Torheit Warum soll es nicht in mir
sein Dürfen anderwärts die edelsten Jünglinge ihr Leben und Vermögen elend und
niedrig verprassen und ich sollte wegen des ungewöhnlichen Guten mich scheuen
Um sechs Uhr öffnete man meine Treppentüre und ich bekam von dem Beamten eine
Einladung zur Kirche weil es eben Sonntag war Nach der Predigt zeigte er mir
die Liste meiner Arbeit und der Stunden die er mir dazu vorschrieb und die
Frau wies mir das ganze Haus Mein Stübchen ein Kämmerchen und eine kleine
Küche war der Witwensitz einer Anfrau des Herrn von Grünburg Von der Küche war
im Winkel den die Schneckentreppe an der Mauer hin machte eine Art von Keller
angebracht worin die ehrwürdige alte Frau ihren kleinsten Vorrat verwahrte
Das Nachdenken und Vergleichen der Schicksale und der Genügsamkeit der Ahmen mit
Begebenheit und Erfordernissen der Jetztlebenden machte mir von da an meine
Wohnung doppelt wert Überreste von uralten Hausgeräte Bildnisse von Rittern
mit ihren Frauen die Männer in Rüstung und mit Hunden die Frauen in alter
Kleidung mit Blumen oder einem Handschuh in den Händen die einfache bescheidene
Stellung alles däuchte mir wahrer und näher bei der Natur als wir Der Mann
mir den Zeichen des Muts die Frau Blumen Zierlichkeit Schönheit und sanftes
Wesen andeutend die breiten schwarzen Rahmen dabei dann die große Stammtafel
in einem Schrank der erste Stiften im Harnisch daliegend ein Baum aus seinem
Herzen entstanden in so viele Zweige und Äste verbreitet Tugend Ehre die aus
seiner Seele quollen allen zum Leben ausgeteilt war mir ein schönes rührendes
Bild der Hoffnung der Alten auf immer ähnliche Kinder Die großen Hirschgeweihe
im SpeiseSaal die Treppe welche aus diesem Zimmer gerad in den Keller ging
die Glasschränke die über den Treppenhals angebracht waren große knotige und
andre alte Gläser als Waldhörner wilde Schweine und Vögel gestaltet Weinkrüge
mit langen dünnen Hälsen all dieses freute mich ungemein Zu dem hatte nur
eine halbe Stunde von da ein anderer Edelmann ein schönes Schloss im neuen
Geschmack erbaut und eingerichtet und nur ein paar Flintenschüffe davon stand
eins von Anfang dieses Jahrhunderts so dass ich in dem kleinen Bezirk einer
Stunde Beweise des Geschmacks und der Sitten der Edlen aus verschiedenen
MenschenAltern vor mir hatte
    Der Beamte war stolz geitzig und harterzig sonst voll Verstand seiner
Zeit und seines Amtes in Geschäften und Rechnungen fleißig und genau
ordentlich und eigensinnig dabei Die Frau eine sehr geschickte Hauswirtin
schmeichlerisch und voll Ziererei aber reinlich in allem sprach viel von der
alten gnädigen Frau bei der sie Kammermagd gewesen trug Sonn und Feiertags die
stoffenen Kleider die sie von ihr geschenkt bekommen hatte Sie zeigte mir in
der Pruntstube ein Bett und Stühle von weißen Kanevas mit zerstreuten Blumen in
farbiger Englischer Wolle genäht Die Geschichte dieses Betts und dieser Stühle
kam nach Das alle bunte Blümgen aus lauter kleinen Fäsergen und Stümpgen Wolle
gestickt wären die sie vom Boden aufgehoben und gesammlet hatte als die
gnädige Frau mit ihren Fräulein Lehnstühle nähre und aus Ungedult oft die Fäden
abrissen und wegwarfen Die nahm sie alle beim Auskehren zog sie gerad legte
Rot zu Rot und Grün zu Grün alles in eigene Papiere Als die Lehnstühle
fertig waren machte sie sich den Spaß ihre Bündelgen der gnädigen Frau zu
weisen die sich verwunderte dass so viel zu Grunde gegangen wäre Der gnädige
Herr sagte auch darum wäre des Wollekaufens kein Ende gewesen dann wurde
gefragt was sie mit den armen Trümmergen machen wollte
    Ey ein Wams von meinem selbst gesponnenen Kanevas damit sticken Wenn ich
Else wär sagte der gnädige Herr mit lachen so stickte ich mir ein Brautbett
denn du wirst ja Frau Amtmännin
    Da stieg ihr in den Kopf Aus dem Spaß wurde Ernst Die gnädige Frau
schenkte ihr die noch übrige Wolle und etwas Flachs Baumwolle kaufte sie selbst
und bekam so viel Kanevas als sie brauchte bleichte und stickte ihn und da
hatte sie im dritten Jahre hernach ihr Bett ihre Stühle und ihren Mann Das
Holzwerk hatte man ihr auch geschenkt weil die alten Überzüge von den Matten
zerfressen waren Gelacht hatte man oft wenn sie so fleißig nähte so hieß es
sie hätte gern bald einen Mann aber sie tat noch mehr denn sie vernähte die
übrige Läpgen Kanevas zu einem Taufzeug und zwei Kinderhäubchen Denn nach der
Braut kann ja eine Wöchnerinn kommen dachte sie sagte aber Niemand Nichts als
bei ihrer Heirat Hierin sprach sie bei Aufschliessung eines Schranks ein
Häubgen und Decke weisend ist mein Friedmann getaufft worden die Mädchenmütze
konnte sie nie brauchen weil sie kein Kind mehr bekam Aber ihre
Schwiegertochter würde froh sein es zu finden Ich ergötzte mich an der Frau
die mir in ihren weißen Zeugschränken ihren Fleiß ihren Verstand und ihr Glück
zeigte Ich musste die Bettpfühle in die Höhe heben Lauter Federn und Pflaumen
von selbst gezogenen und mit Nutzen verkauften Gänsen waren darin Alles
Leinen war von ihr denn sie hatte nur vier Betttücher und nur für dreimal
Tischzeug mitbekommen allen Flachs selbst gehechelt alle Gemüse selbst
gepflanzt Sie kocht die Seife selbst hilft waschen gießt Lichte näht
strickt und kocht für alle nicht zu vergessen die Milch Butter und Käse
getrocknetes Obst und Schaafe die sie zieht schwarze und weiße Wolle
vermengt das dann dem Manne und Sohne Alltagskleider gibt die recht gut
stehen Die Baumwolle behält sie für sich zu Kamisölchen denn sie lässt sie mit
weißem Garn in Streifen wirken und das sieht wie Stof Ich bewiess ihr meine
aufrichtige Hochachtung darüber Es freute sie herzlich sie drückte meine Hand
und empfahl mir ihren Friedmann Sie wollte schon manchmal Etwas in mein
Stübchen bringen das mich freuen sollte Ihr Mann sei ein wenig zu streng aber
ein geschickter Mensch wie ich wüsste sich in Alles zu schicken sie blintzte
mir dabei freundlich zu Den Tag darauf war die Frage von einem Streit den
zwei Gemeinden über die Gränzen hatten Ich sagte da müsste man das Land nach
den Lagerbüchern abmessen wo alle Morgen und Ruten beschrieben sein müssten
ich verstünde das Feldmessen Das freute den Alten ich sollte es seinen Sohn
aber umsonst lernen Denn ich müsse ja in seinem Dienst arbeiten Ich
bewilligte alles und bei diesen Beschäftigungen auf dem Lande hatte ich
Gelegenheit den jungen Mann recht kennen zu lernen umzubilden im Guten zu
stärken mit den Bauern zu reden die bald gern in allen folgten und mich lieb
gewannen denn es war den guten Leuten so fremd so ungewohnt dass man liebreich
mit ihnen umging und darauf bedacht war ihr Leben zu versüßen und ihnen auch
ihre Arbeit vorteilhaft zu machen denn bisher hatte man sie gedrückt und
ausgesogen Sie merkten dass der junge Beamte besser sein würde als der Alte
und fingen wieder an froh auf ihre Kinder und Felder zu sehen Ich wurde von
den Eltern gesegnet und von den Kindern geliebt und niemals habe ich meinen
Kopf und Herze besser genossen als bei diesen guten Leuten
    Heute Latten so weit Die nächste Woche das Übrige wenn Ihnen der Mensch
eben so gefällt wie mir Er soll dazu schön sein wie Benjamin West Gefährlich
für mich sagt Kleberg weil er ein melancholischer Schwärmer wäre Wir wollen
sehen wenn nur muntere Mädchen für Kleberg nicht gefährlicher sind
 
                           Hundert und zweiter Brief
                            Rosalia an Mariane S
O meine Liebe wie viel verborgenes Weh und was für gehässige einem
wohlwollenden Herzen unglaubliche Art Menschen wohnen mit und neben uns auf der
guten Erde Gott sei Dank dass es gewiss eben o viel unbekannte Freuden und
Tugenden gibt die den Himmel wieder aussöhnen und uns vor einer neuen
allgemeinen Verwüstung bewahren dieser Anfang meines Briefs muss ihnen sonderbar
scheinen aber wenn Sie nun das Übrige von Herrn Lattens Schreiben werden
gelesen haben und Da Sie mich kennen so wird es Sie ganz natürlich dünken dass
ich in diesen Ton geraten bin Herr Latten fährt fort
    »Nachdem ich etwas über fünf Monate da gewesen wurde ich krank und musste
mein Zimmer hüten konnte aber dabei herumgehen und schreiben ich ging manchmal
an mein Fenster um mich des Morgens an der schönen Aussicht zu erquicken da
sah ich den zweiten Tag einen Hügel herunter eine liebenswürdige Gestalt
langsam gegen die zerfallene Schlosstreppe gehen an einem Stocke heruntersteigen
und auf dem Kirchhof zwischen den Gräbern hin an den abgesonderten Platz
schleichen wo die sogenannten armen Sünder verscharrt werden Sie setzte sich
auf den Absatz der Mauer ich hatte mich gleich Anfangs zurückgezogen um sie
von ihr ungesehen zu beobachten lehnte ihren Stock neben sich faltete ihre
Hände streckte sie mit einer Art von ringender Bewegung auf einem ihrer Kniee
aus senkte mit kummervoller Anmut ihren Oberleib und Kopf gegen diese Seite
und schien den Platz eines elenden Grabhügels zu betrachten sah von Zeit zu
Zeit gen Himmel und mit sanfter Wendung des Hauptes auf dem Kirchhof umher
weinte betete brach Blumen von dem Grabe und ging endlich matt und schwankend
den Weg zurück den sie gekommen war Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen weil
mein Zimmer zu hoch von dem Kirchhof abstund aber sie däuchte mich jung schön
und nach Kleidung und Gang von der besten Erziehung zu sein Für mich hatte sie
etwas so Anziehendes in ihrem ganzen Wesen dass ich lange nicht von meinem
Fenster und von der Betrachtung des Platzes kommen konnte wo ich sie gesehen
hatte Ich vertiefte mich mit in den Kummer der sie zu den Gräbern geführt
hatte Aber der Platz den sie gewählt und wo sie Blumen gepflückt hatte war
das was mich beinahe am meisten staunen machte Ich hielt mich nun öfter an
meinem Fenster auf und sah in den folgenden Tagen wohl tausendmal nach dem
Wege den ich sie von der Anhöhe her hatte kommen gesehen Es verflossen wohl
acht Tage ehe ich sie wieder erblickte Da saß sie auf einer der obersten
Stufen der Treppe mit einer Bauerfrau die ein Kind von einem Jahr auf dem
Schoss hatte welches die junge Person streichelte und küsste aber auch
dazwischen weinte der Bauerfrau die Hände drückte ihre eine Achsel mit ihren
Händen fasste und dann eine Zeitlang ihren Kopf auf sie lehnte Die Bauerfrau
weinte mit suchte sie aber zu trösten und wie mich däuchte so versicherte sie
sie mit dem redlichen Herzen das in ihrer einfachen Bildung lag dass sie sie
und ihr Kind treulich liebe und fort lieben wolle Sie nahm darauf das Kind
selbst und drückte es mit beiden Armen an ihre Brust während ihre Augen starr
und sehnend gen Himmel erhoben waren Ich hatte sie durch mein Fernglas
betrachtet Ihre Gesichtszüge waren fein ausdrucksvoll äußerst weiß große
blaue Augen schöne Haare schönen Mund abgezehrte Arme und auf den Wangen war
die carmoisin Röte die bei jungen abzehrenden Leuten sich immer einfindet Ich
vermutete nun dass sie auf eine unglückliche Weise Mutter geworden von ihrer
Familie gestraft von dem Verführer verlassen und durch Reue und Elend ihrem
frühen Tode entgegen geführt werde Ihre Kleidung war reinlich passend aber
armselig so wie auch des Kindes seine umhängende Läpchen zu sein schienen Aber
seine ganze Gestalt war Schönheit des Kindes der Liebe und sehr munter in allen
seinen Bewegungen
    Dieses unschuldige Geschöpf so voller Leben und Anlage zur Freude aus dem
Schoss der Natur in den hinfälligen Armen seiner jungen und seines Daseins
willen kraftlosen Mutter sein Schicksal nicht ahnend nichts von dem
zerreissenden Jammer des Herzens fühlend unter dem es Geist und Kräfte
eingezogen hatte die ringsum reich tragende Gegend und die zerfallenen
Schlossmauren der Kirchhof alles vielleicht die damalige Schwäche meines
eigenen Körpers brachte mich zu wehmütigen Gedanken über das menschliche
Elend und die so nah dabei liegenden Freuden dass ich herzliche Tränen vergoss
und mir dabei vornahm mich nach der Person zu erkundigen die mir arm schien
und auch Sorge für das Kind zu tragen
    Ich fragte den jungen Beamten der mich alle Abend besuchte nach der
Person die mit auf dem Kirchhofe und der alten Schlosstreppe erschienen war
Sie ist die Wittwe eines jungen Strassenräubers der bei einem Angriffe im
benachbarten Walde geblieben und auf den ArmenSünderplatz begraben wurde
Gott was für ein Schauer durchlief mich Das mich so anziehende weibliche
Geschöpf Wittwe eines Räubers Mit alle dem moralischen Gefühlen die ich in
ihr zu sehen glaubte hatte sie einen Strassenräuber geliebt sich ihm ergeben
Das Kind das ich erziehen wollte aus Räuber vielleicht auch MörderBlute
entsprossen Sein Vater seine Mutter jung und dieses Leben
    Ich war stumm und starr bei dem innern Gewühle dieser Gedanken Ich fragte
meinen Freund noch den folgenden Tag um die Geschichte die mir fürchterlich
war die ich nicht glauben konnte nicht glauben wollte und eben so elend
darüber wurde als ob sie meiner Schwester begegnet wäre Friedmann brachte mir
das GerichtsProtokoll in welchem der ganze Vorgang beschrieben und von dem
Schwager der Wittwe ein Eid abgelegt war dass ihr Mann mit den Räubern
einverstanden gewesen zu ihnen aus der Schaise gesprungen seiner Frau die er
herausgezogen was zugeredt und sie darauf weggelaufen sei Er und seine kranke
Frau darauf angefallen geplündert und seine Frau so misshandelt worden dass sie
kurz darauf gestorben wäre Das Protokoll sagte auch dass die Wittwe des
Erschossenen mit Aechzen und Flehen von der Unschuld ihres Mannes gesprochen und
versichert dass er sie alle hätte retten wollen und deswegen den Räubern sein
Geld und Uhr zugetragen habe Aber setzte Friedmann hinzu der Eid ihres
Schwagers und die Aussage des Kutschers waren gegen sie und sie erhielt nur zu
Ertach die Freiheit im Hirtenhause zu wohnen weil der benachbarte Pfarrer gut
für sie sagte und sie von Jugend auf gekannt hatte In dem Hirtenhause wäre sie
mit dem Knaben niedergekommen und seit ihren Wochen immer kränklend Der alte
Pfarrer sei vor einigen Tagen gestorben deswegen würde sie um so trauriger
sein weil ihr dieser so viel Gutes tat Ich war immer still und lass nur die
Stelle des Protokolls wo von ihrem Hinknien und dem Beteuren der Unschuld
ihres Mannes die Rede war Ich bedauerte den Tod des alten Pfarrers der mir so
viel Licht hätte geben können doch seine Frau lebte und zu dieser ging ich so
bald ich wohl war aber das dauerte noch sechs Tage Von der Pfarrerin hörte
ich dem Himmel sei Dank Gutes von der Redlichkeit des armen Toten und seiner
Wittwe die nirgend keine Verwandte mehr hätte Ihr seeliger Mann habe sich der
Ehre des Entleibten und der Frau angenommen aber man glaubt bei uns sagte
sie einen Geistlichen nicht so viel wie bei den andern Religionen und die
Wittwe ist arm und ohne Freund wer wird ihr Recht schaffen Es wäre ihr Glück
gewesen dass vor zweihundert Jahren eine Edelfrau bei dem Hirtenhause mit
Geburtsichmerzen befallen worden dass sie nicht weiter gebracht werden konnte
und froh sein musste in der Hütte zu genesen diese habe dann eine ewige
Stiftung gemacht dass man alle atme Schwangere dort aufnehmen und ein
Bierteljahr verpflegen solle Der Herr von Ehrtach hatte nachdem erlaubt dass
die arme traurige so kang sie lebe da sein dürfe und ihr Kind ins Waisenhaus
sollte wenn es drei Jahr sein würde Aber dies hätte man ihr bisher nicht sagen
dürfen weil sie das Kind gar zu lieb hätte und ihr seeliger Mann ihr auch
versprochen hätte es mir seinen Enkeln zu erziehen Wir wollten sie mit
Kleidung und Wäsche unterhalten Denn die Stiftung gibt nur ein Stübchen Bett
Holz Habermehl Salz Brod und etwas Schmelzbutter wenig und klein doch so
dass ihre Wohnung nicht übel ist Sie lässt der Hirtin alles was sie von der
Stiftung kriegt und isst Brei und Suppe mit ihrem Kinde Denn Brodt kann sie
nicht mehr genießen und weißes haben wir im Dorfe nicht alle Tage« Von der
Niederkunft von den Wohltaten die sie und ihr Mann der Unglücklichen erzeigt
konnte die Frau Pfarrerin sehr lang und ordentlich erzählen aber die Geschichte
wurde mir nicht klar Sie mengte Vorwürfe darunter Man sollte nicht höher
fliegen wollen als einem die Federn gewachsen wären und dann von einem
liederlichen Bruder der gemeiner Soldat geworden und mit einer Marodeur Bande
herum gezogen und seinen jüngeren Bruder selbst erschossen habe Nun machte ich
Bekanntschaft mit dem Hirten auf dem Felde dessen einfache Reden und
Bemerkungen meine Ideen und Entschlüsse festsetzten Ich fand ihn bei seinen
Kühen an einem Baum gelehnt die Hirtenflöte recht gut und mit anständigen
Gebärden blasend ein starker hübscher Mann handbest aber freundlich in seiner
Miene Ich sah dass er meine Freimütigkeit verdiente und fragte ihn gleich
nach der Frau und dem Kinde die bei ihm wohnten Er betrachtete mich schweigend
und genau endlich sagt er Warum fragen Sie nach ihnen mein Herr Weil mich
beide dauern und ich der Mutter und dem Kinde Gutes tun möchte Er sah mir
noch forschender ins Gesicht und fiel ein Ey sie sind wie mich däucht der
Herr Amtschreiber von Grünburg Ja mein Freund kennt ihr mich Nun reichte er
mir seine Hand ja Herr ich kenne sie Gott lohne ihnen was sie dem armen
Söldner Jacob vor acht Tagen Gutes taten Er ist mein ältester Bruder Es ist
ein redlicher Mann und ich hab ihn gerne Ich bin auch redlich Sagt mir doch
was von der Frau und ihrem Kinde es wird euch nicht gereuen Er sagte lebhaft
Gewiss nicht Herr denn ich kann nichts sagen das ihr Schaden täte und das
wär was mich reute Warum gebt ihr nur eine so stutzige Antwort Ach Herr
Amtschreiber Ich weiß wohl dass sie recht gut mit den Bauerleuten sind aber
ich muss es nur sagen es verdross mich dass sie von der Redlichkeit meines
Bruders sagten und von der ihrigen und dann von mir dachten das Versprechen
es wird euch nicht reuen werd mich gleich alles her erzählen machen was ich
von der armen Frau wisse Hirt gebt mir eure Hand Ihr seid ein eben so braver
Mann als euer Bruder Die Anliegenheiten eurer Freunde sind euch also nicht um
Geld feil aber ich meinte es nicht so sondern ich wollte euch die Sorge
nehmen als ob der Frau Leid geschehen könnte wenn ihr was von ihr sagtet
denn sehr ich möcht ihr helfen aber ich muss doch wissen wie Die Mutter
Herr Amtschreiber wird keinen Menschen mehr viel kosten der hilft Gott denn
sie ist ausgezehrt wie ein Marterbild und geht dem Himmel zu Aber dem Kinde
nun das wird dem gewiss vergolten der es tut Ich hab den Gottes Lohn verdienen
wollen aber der arme Bube ist mir so lieb dass ichs ihm gern gönne wenn es ihm
besser geht
    Guter Mann Ihr sogt mir alles nur das nicht was ich wissen möchte Lieber
Herr Amtschreiber ich glaub sie wissen schon Alles was man ins Protokoll
gesetzt hat und was kann da ein armer gemeiner Mann gegen ein Amtsurtel sagen
wo noch dazu ein Reicher einen Eid geschworen hast Hirt Soll ich jetzt auch böse
werden weil ihr über die Amtsurtel so verdächtig redt Er schien etwas
betreten fasste sich aber gleich Verzeihen sie mir Herr Amtschreiber aber
der Eid von einem reichen Manne und ein Amtsurtel sind Schuld dass ich Hirt bin
und sind Schuld dass die Frau im Spital stirbt da ist eins zum andern gekommen
und hat mir warm gemacht Ich erkannte in allem was er sprach und an seiner
Miene einen vernünftigen und entschlossenen Mann und verlangte von ihm die
Geschichte seines Lebens und die von der armen Frau er möchte mich dagegen
auch fragen was er wollte ich würde ihm nach der Wahrheit antworten Herr Sie
sind ein neuer Schlag von Amtschreibern Wenn es vor sechs und zwanzig Jahren so
einen gegeben hätte aber was nutzts daran zu denken Gott hat es so haben
wollen dass mein Vater und Osan Schultheiß und ich Hirt sein soll es ist gut
recht gut wenn alles im Gewissen ruhig ist Ein redlicher Hirt in unserm Dorfe
und dem kleinen Spital der den armen Kranken ein Wort von Gott und Christo den
Herrn zu reden und vorlesen kann ist auch was wert und den Bauern ist an
ihren Kühen eben so viel gelegen als dem Fürsten an seinem Mahrstall und den
lieben Vieh tuts auch gut wenns einen treuen freundlichen Hirten hat Dies
sagte er Alles vor sich hinsehend mit halb nachdenkendem halb vergnügtem
Gesicht als ob er mit einem Dritten redete Ich klopfte ihn auf die Achsel
Mann Gottes ihr seid doch nicht gar zu wohl zufrieden Hirt zu sein
    Manchmal kommts aber wenn ich denk dass vor Gott alles gleich istso ist
mir alles recht ich wär doch nichts als Bauer oder Schulmeister worden aber
das hätt mich am meisten gefreut und de alte Pfarr hatte mich auch abgericht
Gott vergelt ihm noch seine Bücher Was habt Ihr denn für Bücher von ihm
Predigten Gebeter und Auslegung vom Katechismus zwei Bücher von der Viehzucht
vom Futter Kräutern Vieharznei und eins zu was der Ehrenpreis die Salbei
die Kamillen und Schaafgarben für Menschen gut sind das hat mir viel geholfen
Dadurch könnt ihr ja der beste Hirt im ganzen Land werden Seid es gern Ein
ehrlicher und geschickter Mann ziert einen jeden Stand ihr könnt dem gemeinen
Wesen mehr nützen als ihr glaubt und ich bin sicher dass die ganze Gemeinde
was auf euch hält Herr das ist wahr und ich darf auch zwei eigene Küh halten
Wind und Wetter tut mir nichts Gott lass es mich zur guten Stunde sagen ich
bin Jahr aus Jahr ein so gesund und frisch wie ein Bogel Es freute mich eine
Bewegung von Stolz in ihm zu sehen als er mir seine Gesundheit rühmte und auch
das gefiel mir dass er immer während dem Reden einen kleinen Pfiff durch die
Finger tat worauf der Junge abgericht war und gleich die Heerde zusammen
hielt Ich erzählte ihm dann dass ich das Dienen nicht nötig hätte und warum
ich es getan Das wunderte ihn sehr und ich musste ihm meine Ursachen recht
deutlich sagen Er rührte mich innig als er mit seinem Hute in der Hand mir
sagte Nun Herr wenn sie das Gott und den armen Bauern zu Liebe getan haben
so verdienen sie einen schönen Platz im Himmel Er schwieg etwas und dann fuhr
er fort Jetzt ist es mir recht dass sie mir zugeredt haben ich soll ein guter
Hirt sein denn im Anfang dacht ich der hat gut reden Aber so Herr das ist
viel Gott vergelts ihnen in ihrer letzten Stunde mit vielem Trost aber er
aber er hielt inne und sah mich fragend an Nun was aber was wollt Ihr
wissen Ey Herr ob es Sie nie gereut hat Nein bei Gott nicht einen
Augenblick und ich bin auch um eurer Bekanntschaft willen froh dass ich diesen
Dienst angenommen habe Lächlend sagte er Es ist doch wahr was man sagt die
Freiwilligen dienen am besten und wagen am meisten Er musste mir
Verschwiegenheit versprechen und ich erzählte ihm nun was ich von der Frau im
HirtenSpital gesehen und gehört hatte und bat ihn um seine Nachrichten von
ihr Herr das erste was ich hörte war dass im Walde von AltGrünburg eine
Kutsche angegriffen worden und dass einer von den Spitzbuben am vorletzten Ort
mit seiner Frau um einen Platz in der Kutsche gebeten hatte dass sie des Handels
sicherer wären den hätte man aber erschossen und seiner Frau sitze zu Grünburg
Nun bei dem Protodoll und beim Eid des einen Herrn hat man sie losgesprochen
und sie kam krank ins Hirtenhaus Die Kindeswehen dauerten viele Tage mit Gicht
und Krämpfen bis sie endlich den armen Jungen zur Welt bringen sonnte Mein Weib
und ich hatten noch mit niemand mehr Mitleiden So jung so gut und so eine
saubere Frauensperson war sie der alte Pfarrer stund gut für sie und ihn Er
hatte sie zusammen gegeben Aber der Eid und das Protokoll war da und der
Mensch tot Die andere fort Sie schrie oft gottloser gottloser Bruder O du
armer Wilhelm Du unschuldiger Märtyrer u s w Aber das hätt mir nicht viel
gegolten wenn ihr Gebet nicht gewesst wär Sie betete als Kind mit Vertrauen
nicht mit Furcht als Magd und das war mir das Zeichen der Wahrheit und
Unschuld Da sorgte ich doppelt für sie Der Pfarrer seliger starb jähling
sonst wär es ihr noch gut gegangen Sein Zuspruch und christliche Betrachtungen
über den Willen Gottes haben sie getröstet aber sie zehrt doch aus sie hat
ihrem Schwager wegen dem Kinde geschrieben aber er hat keine Antwort gegeben
Ich wett mein Leben dass sie und wie sie sagt ihr Mann unschuldig sind Es
hilft aber oft nichts als im Himmel mein Vater ist auch unschuldig gewesst und
ist doch ausgepfändt worden und aufm Stroh gestorben und ich im zehnten Jahr
ein Bettelbub geworden und war der Beste in der Schul nun alles in Gottes
Namen AmenHier hatte er seinen Hut zwischen seinen gefaltenen Händen und der
redliche Ausdruck seines Gesichts bei den letzten Worten und seine Bemerkung
dass die Frau als Kind nicht als Magd gebetet sein gutes Weib seine zwei
Kinder die Reinlichkeit die Genügsamkeit und der Fleiß das Buch in dem er die
Kranken aufschrieb die im Hirtenhause allzeit zwei Nächte bleiben dürfen und
dann mit Frohnfuhren auf das nächste Dorf geliefert werden seine wahren und
einfachen Gedanken über die Leute und ihr Schicksal auch die Aufzeichnung
dessen was er für sie getan so als ob er mit sich selbst geredt hätte kurz
abgebrochen das war mir lieb Ich bat ihn der Frau nur im Anfang von meiner
Redlichkeit zu sagen und dass er im Sinn habe mich zu bitten in das Amtsbuch
ein Zeugnis von der Unschuld ihres Mannes zu setzen das einmal ihrem Kinde gut
sein könne Dann wollte ich einmal selbst mit ihr reden Ich gab ihm Geld um
sie zu laben und bat ihn zu einem Arzt zu gehen Aber der gute Mann hatte es
schon getan und keinen Trost erhalten Sie sollte nichts tun als halb Milch
halb Wasser mit etwas Honig trinken und Brei essen Ich ging halb traurig halb
vergnügt nach Hause Ich setzte auch wirklich eine Ehrenrettung für den
Verstorbenen auf so weit ich von der Sache Kenntnis hatte Der Hirt kam den
zweiten Tag zu mir und bat mich bald nach Ertach zu kommen weil die arme
Person täglich schwächer würde und sie möchte so gern mit mir von ihrem Mann
sprechen und ihr Kind empfehlen Ich ging hin stieg die schmale Treppe in ein
enges Kämmerchen Ein schlechtes aber doch reinliches Bett zwei hölzerne Stühle
und ein an der Wand festgemachtes Tischgen war alles was darin Platz hatte Die
arme Verlassene stund so bald der Hirt mich genannt hatte mit ihrem Kinde auf
kniete legte das schlafende Kind vor meine Füße Ach Herr um des armen Wurms
willen retten sie die Ehre seines unschuldigen Vaters Mit was für Sehnsucht sie
mich anblickte ihre bittende Hände erhob und halb ohnmächtig sich gegen das
Kind beugte das ich mit Tränen in einem Arm fasste und mit dem andern sie
aufzuheben bemüht war Die Hirtenfrau half ihr auch aber sie wandte sich noch
da knieend gegen mich Wollen sie meinen Wilhelm retten Ja ich verspreche es
ihnen bei dem allmächtigen Gott und um des unschuldigen Lammes willen wobei ich
ihr das Kind zeigte Sie faltete ihre Hände und dieser allmächtige Gott wird
sie ewig lohnen aber tun sie es bald Bald geben sie mir nur alles an Hand
ich hab hier schon einen Aufsatz gemacht Sie war aufgestanden und sah mich mit
gerungenen Händen an Als ich nach dem Papier in meine Tasche langte zitterten
ihre Lippen und Hände sie sank auf das Bett Die Hirtin hatte das Kind genommen
ich nahm der armen Amalia so hieß sie zitternde Hand die sie auf die Lehne
des hölzernen Stuhls gelegt hatte Fassen sie sich gute liebe Seele Ich will
ihnen lesen was ich angefangen habe Sie nickte mir trocknete ihre Tränen
und ich las ihr den Aufsatz bis auf das was sie noch zu sagen hatte und
sagte dass ich es von der Kanzel würde ablesen und in die Zeitung setzen lassen
Sie hob die Hände auf lieber lieber Wilhelm nun sterb ich gern und ruhig O
lieber Hirt und Tränen erstickten ihre Stimme aber sie hatte beide
unaussprechlich angeblickt dann fasste sie ihr Kind Mein Kind o wenn du leben
bleibst liege tausendmal zu den Füßen unsers Wohltäters Sie wollte es wieder
auf die Erde legen aber ich hinderte sie daran und sagte Schonen sie ihr
Leben und lassen sie mir die Freude ganz ihnen und dem lieben Kinde Gutes zu
tun Leben ich O nein nein und du ihr Kind an sich schließend ach stirb
mit mir Werte schätzbare Frau fassen sie sich um wenigstens alles zu sagen
was zu der Ehrenrettung nötig ist
    Hastig sagte sie Ach Gott ja hören sie mich nur Nun weinte sie wieder
stark und ich war selbst so sehr erschüttert dass ich den Vorschlag tat sie
sollte sich zu beruhigen suchen ich wollte unterdessen ein wenig in das
Baumgärtgen gehen Es war mir auch bei der starken Gemütsbewegung in dem engen
niederen Stübchen bange Ich ließ sie mit der Hirtin und ging allein durch den
kleinen Gemüssgarten dem Baumstück zu und setzte mich auf einen am Ende liegenden
Klotz Es dauerte beinah eine halbe Stunde eh sie zu mir kam Die Hirtin führte
sie Bebend und errötend setzte sie sich neben mich schwieg lang und fing dann
mit gesetztem Ton an Ich werde ihnen eine kurze Geschichte von Unschuld und
Unglück erzählen aber sie ist wahr wie die Abnahme meines Lebens wahr wie die
Gnade des Himmels über uns Mitleiden und Eitelkeit sind der eigentliche Grund
meines Elends Ich verlor meine Eltern früh und wurde von meiner Mutter
Schwester der Frau eines UniversitätsRats in F erzogen Sie hatte keine
Kinder und nur ein kleines Vermögen vermietete Zimmer und gab auch angesehenen
Studirenden die Kost Mein Onkel gab mir manche Stunde guten Unterricht den ich
auch benützte und mir bald viel auf meinen Verstand einbildete Meine Tante las
gern Romane und ich bekam auch Geschmack daran Sticken tanzen und etwas
wichtig und jugendliches Aufsehen machte ihre Liebe für mich und meine
Eigenliebe blind so dass wir auf eine vornehme Heirat rechneten Zwei Brüder
einer angesehenen Familie kamen in unser Haus zu wohnen Der ältere voll Bosheit
und List stark garstig und tückisch der arme jüngere schön sanft still und
lernend litte viel von dem älteren der ihm alles Spielgeld nahm seine Kleider
und Bücher verkaufte durchbrachte und ihn wenn er klagte oder ihm
Vorstellungen tat noch schlug und zankte Ach wer sollte den guten Herrn
Wilhelm nicht geliebt haben Meine Tante half diesem heimlich und ich tröstete
ihn Er freute sich darüber liebte mich und studierte doppelt fleißig Meine
Tante dachte da der ältere Soldat werden wollte und immer liederlicher ward so
müsste einst der jüngere den Vorzug in Vermögen und Gütern erhalten und da sie
so viel für den Jüngern getan und er mich liebte so würde ich durch seine
Dankbarkeit einmal eine glückliche vornehme Frau werden Der gute Wilhelm kam
auch durch ihr Zureden und seine jugendliche Liebe zu einer heimlichen Heirat
mit mir Der alte Herr Pfarrer von Ertach traute uns und wir lebten ruhig fort
als meine Tante krank wurde und auf ihrem Todbett ihrem Mann von der Heirat
redte der aber darüber so entrüstet wurde dass ich des andern Tages aus dem
Hause musste und zu meiner Stiefschwester ging die mich aber meine Kindbettzeit
über nicht behalten wollte Meine Tante hatte mir in Eil noch ein
DemantKreuzchen und Ohrringe gegeben Die letztern hatte schon mein Schwager
für meine Kost genommen das Kreuzgen sie zog es aus ihrer Tasche ist alles
was ich für mein armes Kind und mich von der Welt übrig habe Denn da mein
guter unglücklicher Mann mich abholte und zu dem Herrn Pfarrer führen wollte
wurden wir angegriffen und beraubt Ach Gott ewiger Gott mein Schwager war bei
den Marodeurs die uns anfielen Mein Mann erkannte ihn und lief ihm deswegen
mit seinem Geld und Uhr zu und bat mich weil ich hochschwanger war auf die
freie Straße zu laufen Meine Stiefschwester erkannte ihn auch und schimpfte
ihn da gab er ihr Schläge darauf entstund alles alles das Elend der Tod und
der Schimpf meines armen Mannes und von mir Niemand hörte mich als Gott und
sie o retten sie retten sie die Ehre meines Mannes so wie er seinen Bruder
retten wollte Sie schwieg einige Augenblicke rang dann ihre Hände und setzte
mit einer unaussprechlichen Wehmut und Stärke hinzu Göttliche Vorsicht du
wusstest dass der Beste nichts wollte als Brudertreue Bruderliebe üben und du
ließest dadurch sein Leben seinen guten Namen und mich zu Grunde gehen Ach
wie sollen Menschen an eine Unschuld glauben die deine allmächtige Hand nicht
retten wollte
    Niemals mein Freund wird dies Bild des Schmerzens der Würde und Liebe aus
meinem Gedächtnis verschwinden Ich fasste ihre Hand schwur bei der Gott sei
Dank eigenen Unschuld meines Lebens dass ich die Unschuld und das Unglück ihres
Mannes glaube und den nämlichen Abend noch einen Aufsatz in das Protokoll und
die Anzeige an die Gemeinde machen wolle Sie hielt während ich ihr das sagte
eine meiner Hände zwischen ihren beiden und ihre sterbenden aber sehr schönen
Augen waren voll Sehnsucht Hoffnung Dank und sanfter Freude auf mich
geheftet Endlich drückte sie meine Hände an ihr Herz Gott Gott lohne sie Ich
kann nicht reden in der Ewigkeit will ichs tun mit meinem Kinde will ich sie
vor Gottes Thron begleiten und himmlischen ewigen Lohn erbitten Ich sagte ihr
dass ich so leben wollte dass ihre fromme Seele und ihr unschuldiger Mann mich
mit Freuden in der Ewigkeit erblicken würden
    Sie weinte nun vor sich bin Ich war auch still und gewiss die ganze Welt
mit Größe und Macht war vor dem Hirtenhause an der Seite einer höchst
unglücklichen dem Tode nahen Person völlig vor mir verschwunden und Tugend
Wahrheit Menschenliebe Güte und Ewigkeit allein in meiner Seele Ich
begleitete sie schweigend in das Haus und ging tief heim Auf dem Wege
begegnete mir jemand der mich suchte Der alte Beamte sei dem Augenblick an
einem Schlagfluß gestorben Wie froh war ich über diesen Zufall weil mir
dadurch alles erleichtert wurde was ich für das arme Geschöpf tun wollte Da
der junge Beamte das Herz gut und weich genug hatte um im ersten Genuss von
Glück der Freiheit den Besitz des Amts und Vermögens gern eine Wohltat auch
auf andre auszugiessen Er musste noch in der Nacht fort um dem Herrn von
Grünburg den Todesfall anzuzeigen und die Bestätigung in seinen Dienst zu
erhalten Ich besorgte die zwei Tage das Amt und die Anstalten des Begräbnisses
Schrieb aber meine Gedanken über die Ehrenrettung des armen Rechels auf Ließ
den Hirten kommen dass er die Frau bis auf die Zurückkunft des neuen Amtmanns
trösten sollte und brachte es wirklich dahin dass der Verstorbene bei dem
Gerichte und der Gemeinde gerechtfertigt sein Sarg ausgenommen wurde und er
ein ordentliches Grab bei den ehrlichen Dorfbewohnern erhielt
    Die Ergiessungen der Freude und des Segens seiner Witwe sind
unbeschreiblich eben so wie die Szene vierzehn Tage vor ihrem Tode
    Als es eines Morgens sehr neblicht war wollte ich wie im Frühjahr das
Aufsteigen der Wolken und ihre durch den mindesten Hauch des Windes abgeänderte
Gestalten sehen und dachte wohl dass die Dünste des Kirchhofs die stärksten und
dichtesten sein müssten heftete also meine Augen am meisten dahin und wurde
allmählig einen weißen Fleck gewahr der an der Seite der Mauer fest blieb Als
ich ihn deutlich erblickte war es die Gegend von Rechels neuem Grabe auf dem
sein armes Weib mit ausgestreckten Armen lag Ich eilte mit Angst dem Kirchhofe
zu und fand sie wirklich starr und sinnlos auf dem nassen Hügel liegen fasste
sie in meine Arme und suchte sie zu beleben legte ihre todtkalten Hände auf
meine Brust mein Herz wurde durchbebt und mit der heftigsten Teilnehmung
durchglüht und ich glaube noch dass meine heiße Wangen die ich an ihr blasses
lebloses Gesicht hielt wieder Lebenswärme in sie brachten denn sie erholte
sich und ich führte und trug sie halb in das Amtaus wo ich sie mit der
freundlichen Hilfe der Hausfrau wieder erquickte und endlich da sie nicht bei
uns bleiben wollte zurück in das Spitälchen leitete wo sie sich legte und
sich endlich so viel wieder erholte um mir zu erzählen dass eine unnennbare
Bewegung von Zärtlichkeit Wehmut und Freude sie auf dem Ehrengrab ihres Mannes
ohnmächtig niedersinken gemacht hätte Der Anfall eines heftigen nicht zu
heilenden Fiebers nahm sie vor acht Tagen aus der Welt und von ihrem Jammer
weg Bereitwilliger und seliger bat noch niemand das Opfer seines jungen Lebens
da gegeben denn sie war kaum zwanzig Jahre alt Sie dankte mir noch dass ich
ihre beiden Schwäger bei der Ehrenrettung ihres Mannes geschont hätte und
empfohl mir ihr Kind das wie sie sagte zu allem Unglück alle jugendliche
Gesundheit seiner armen Eltern in sich vereinigte
    Ich nahm mit aller Feierlichkeit das arme Fritzgen an Kindesstatt an und
seine bedauernswürdige Mutter fiel in dem Augenblick da ich ihren Sohn von
ihrem Bett in meine Arme nahm und der Pfarrer durch eine Anrede mich zu dem
Vater des Waisen einsegnete in Zückungen die sich nur mit dem Tode endigten
Wie jammerte mich das Schlachtopfer einer übelverstandenen Liebe ihrer
Verwandtin und einer noch übler verstandenen Gerechtigkeit Wie oft schon sind
Vorurteile und Missdeutungen aller Arten Henkersknechte und Mörder der
unverteidigten und furchtsamen Unschuld geworden Ich ging mit dem Knaben auf
dem Arme weg setzte mich mit ihm auf dem Platz wo vor einigen Wochen noch
seine Mutter mit mir saß und ihr Schicksal erzählte Mit Tränen sagte ich
armer Wurm du hast nun in der ganzen Schöpfung niemand als mich wenn nun auch
ich dir entginge großer Gott erhalt mich zärtlich und treu will ich mein Wort
halten Ich erhob ihn gen Himmel und schloss ihn darauf an meine Brust Die Seele
seiner Mutter mag mich noch gesehen noch gehört haben denn gewiss sie
umschwebte ihr so geliebtes verlassenes Kind Die Hirtin besorgte es noch zwei
Monate denn länger blieb ich nicht mehr in Grünburg Ich hatte mein Bestes da
getan weil der neue Amtmann das ist was er sein soll Wären nur alle so und
das einfache Grabmal für die zwei Gatten war nun aufgerichtet aus grauem
Sandstein In dem Schlangenring den ich darauf aushauen ließ steht
    »Hier ruhen
    Wilhelm und Amalia Rechel junge treue unschuldige und unglückliche
Ehgatten Die Ewigkeit lohnet ihre Liebe ihre Tugend und ihre Leiden«
    Ich nahm meinen Sohn mit der Hirtin zu meinem Freunde Rohr der mit einem
schätzbaren Weibe recht wohl und genügsam lebte Dem erzählte ich nun was ich
unterdessen gewesen und getan Seine Frau sorgte für meinen Fritz der hold und
lieb heran wuchs immer Gegenstand der Sorge und Zärtlichkeit Rohre Vaterstadt
ist eine kleine Republik deren wir ja unserm Deutschland so viele haben Alte
Sitte und Gewohnheiten Patriciat Magistrat Zünfte Kirchen Einkünfte und
Spitäler alles ist unter Katolische und Luterische Glaubensverwandte geteilt
Unter beiden sind viel Hochachtungswürdige Personen mit denen ich zwei Jahre
lang schöne ruhige Tage verlebte Die Gegend ist höchst angenehm Berge Wiesen
und Wälder wechseln schön ab und ein kleiner Fluss durchschneide das Tal Hier
sah ich Beweise dass die Mittelstufe von Reichtum Rang Wohlstand und Größe
die meiste Zufriedenheit des Lebens gewährt Was mich an angesehenen und
bürgerlichen Personen freute war dass sie alle Gärten und Spaziergänge aufs
Land oder auf ein Dorf unendlich lieben und ihrem väterlichen Boden anhängen
Die Patricii reden gern von den Angelegenheiten der Stadt ihre Frauen gern von
ihren Kindern sind mit schätzbaren Stolz gute Mütter und Hauswirtinnen Hier
wurde Wieland geboren und genoss die Erziehung verdienstvoller Eltern Sophie la
Rosche lebte auch hier und erinnert sich noch mit Rührung jedes vergnügten Tages
und jeder Familie deren Freundschaft sie genoss Sie segnet noch Menschen und
Gegend besonders das schöne Wohnhaus erzählt gern und mit schönen freundlichen
Eifer alles Gute dessen sie sich erinnert Auch von den Anstalten zu
Kinderfesten die von alten Zeiten her in der Stadt gestiftet sind wo zweimal
des Jahrs alle Schulkinder in einem Zuge nach einer moralischen Anrede in der
Schule an sie hinaus ins Grüne gehen Reihentänze halten und ihre Lehrer Väter
und Verwandte mit in ihre kindliche Spiele sich mischen und Anteil an ihrer
Freude nehmen Sie glaubt dass dies der Grund der Liebe ist die alle Einwohner
dieses Städtchens und sie selbst in der Entfernung auch in den grössesten
Städten für das einfache Biberach behalten und sie wünscht dass diese Grundlage
von vielen vaterländischen Tugenden immer wohl erhalten werden möge
    Nun hat aber mein Fritzgen drei Jahre ist schön stark gesund voll
Fähigkeiten die ich in meinem Zirkel von Kenntnissen und Künsten anbauen
möchte Doch so dass sein Unterricht von den Sachen nicht vom Wortlehren und
Erklären käme Ich habe mich bei diesem Nachdenken an alles erinnert was mir in
meiner Jugend gewesen ist und da erschien mir Ott als der beste meiner
Universitätsbekannten und Kleberg den ich auf meinen Reisen mit so vielem
Vergnügen sah Ich erkundigte mich nach euch und hörte ganz viel herrliche
Sachen von Aemtern Heiraten und Lebenstone und mich dünkte dass ich recht wohl
zu euch stimmen könnte und ich machte mir ein Bild von freundschaftlicher
Verbindung von edlem ruhigem Genießen meines Vermögens und meiner
Erfahrungen von Otts Studium Klebergs Geist und Beobachtungen eure wie man
mir meldete so artige Weiber vielleicht schon liebenswürdige Kinder ordneten
sich in einen schönen Kreis edler Freuden des Lebens Darauf nun schrieb ich
selbst was ich seit unserer Trennung geworden bin und getan habe Der grösseste
Teil meiner traurigen Schwärmerei ist vorüber Lichte stille Vernunft
lebendiges Auffassen alles Schönen und Guten wo es liegt ist allein tätig
geblieben Wolt ihr mich so meine Freunde unter euch aufnehmen und mich
Anteil an euch nehmen lassen so ladet mich ein aber bald damit der Bau
meiner Hoffnung auf euch nicht zuwest werde und mich dann das Abreisen zu viel
koste
    So weit die Auszüge aus Lattens Briefe an Ott bei dessen Vorlesung Julie
und ich Linke Hannchen und ihre jüngere Schwester nebst Lisette Boder waren
Kleberg foderte unsere Meinung auf wir wollten ihn alle hier haben und Linke
schaffte ihm schon ein Haus in der Stadt und ein Landgut an Ott machte eine Art
Anzeige der gesammleten Stimmen zeichnete ihm auch wieder alle unsere Charakter
dagegen und wir unterschrieben einhellig seine Aufnahme in unsern Zirkel mit
der Bedingung der baldigen Ankunft noch auf dem Lande Nun erwarten wir ihn
besonders wir Weiber und Mädchen mit vieler Begierde denn er muss uns viel von
seinen Reisen seiner Amtsschreiberstelle und die Geschichte der armen Rechel
erzählen Mein Oheim der alles ganz ruhig angehört hatte sagte am Ende zu
Kleberg und Ort Helfe eurem Freunde wieder auf den rechten Weg den ein guter
vernünftiger Patriot geben soll Man findet selten dauerhaftes Glück in
außerordentlichen Dingen Es ist viel Gutes in der Welt und das Meiste auf der
großen Heerstraße des gemeinen Wesens Strebt lieben Kinder sagte er gegen uns
alle die Besten unter den Guten zu sein aber bleibt auf Gottes Erde macht
euch keine Flügel und steigt auf keine Stelzen um über andre hinaus zu sehen
Ein fester und unwandelbarer Gang der wahren edlen Menschheit führt zum Glück
der Weisen Schwärmerei tut es nicht
 
                           Hundert und dritter Brief
                                 Von Rosalien
O Mariane es gibt keine dauernde Glückseligkeit nein es gibt keine Wir
mögen es machen wie wir wollen besonders wenn Weh und Freude unsers Lebens an
die Gesinnungen eines andern Menschen gebunden sind
    Hören sie Liebe aber nur sie allein von allen Menschen der Erde denn mein
Oheim darf von diesem nichts wissen Kleberg der mir um alle des eigenen
Sonderbaren willen so wert so vorzüglich wurde dem ich tausend Liebhaber
aufgeopfert hätte den ich edler als andre Männer glaubte nicht vermutete dass
jemals eine große oder kleine Koquette etwas für ihn sein könnte ist selbst
Koquet Ich finde kein Wort im Deutschen um dies so eigentlich auszudrücken was
man unter Koquet versteht und so lassen sie es da sein Er ist es schon die
ersten vierzehn Tage da wir Lesestunden hielten fing ich an es zu bemerken
verwarf aber diese Idee als Träumerei von meiner auch eigenen Art Sachen und
Leute zu beurteilen Aber es nahm zu und nun hier auf dem Lande ist es allen
sichtbar so dass Julie Ort Linke und mein wertes Hannchen Itten ihr Staunen
und Bedauern zeigen Ich tue nicht als ob ich etwas sähe ich habe sogleich
mit Vergnügen eingewilligt als er die zweite Badische Tochter auch neben
Hannchen mit hierher nehmen wollte da er ihre Naivetät außerordentlich zu
schätzen anfing und sie ist es nicht listig ist sie aber eine schöne aber
eine sehr schöne Blondine also auch in diesem sehr von Rosalien verschieden so
wie sie auch kleiner ist niedlichere Knochen hat und mit süsseren Augen so
ganz empfindsam tun kann
    Sie pries mich immer so glücklich den schönen artigen Mann zu haben der
noch nach seiner Heirat so gallant wäre wie ein Liebhaber sie merkte sich
alle Redensarten von Kleberg gewöhnte sich am ersten alles an was er im
Bezeigen Ton und Wesen eines Frauenzimmrs lobte wenn er vorlas und die andern
Mädchen alle arbeiteten so ging sie hinter seinen Stuhl und sah ihm über seine
Achsel so gierig in die Augen und nach dem Munde dass er es selbst beobachtete
und sie neben sich sitzen hieß wo er ihr aber immer mit seinen Blicken seine
Vorlesungen zueignete Hierauf putzte sie sich mehr auf die Lesetage wurde
traurig und schmachtend wenn er nicht mit ihr sprach munter und stolz wenn er
ihr vorzügliche Aufmerksamkeit zeigte begehrte von mir die Stücke auf dem
Klavier zu lernen die ihm am besten gefielen Ich tat es auch mit vieler
Sorgfalt Er war oft dabei und beobachtete mich und sie lobte aber allein
Lisette Bader Artige Arbeiten kleine Lieder was ich weis musste ich sie nach
und nach lehren Ihr Stimmgen ist gefällig Liebe beseelte und lohnte sie Denn
oft meine Mariane oft sah ich Klebergs Augen voll Zärtlichkeit oft mit so
viel Feuer eingenommen dass er es weder sie noch mich wollte ganz sehen lassen
und bei den Lektionen selbst nur das Ohr gegen das Klavier wandte seine Blicke
zur Erde heftete und dann seinem Gesichte jeden Ausdruck einer wachsenden
Leidenschaft erlaubte denn sie wissen es blieb immer eine von den Leserinnen
bei uns zu Mittage nun ist sie ganz um mich Ich weiß nicht ob er jemals
allein mit ihr spricht ob er in ihr Zimmer kommt Ich mag nicht fragen nicht
lauren nichts ausfindig machen ich bin so viel ich kann mir immer gleich
gegen Kleberg gegen das Mädchen und die andern Mein Oheim betrachtet mich oft
mit einem forschenden bemitleidenden Blick der mich bald außer Fassung bringen
könnte und er gebt allein mit mir spazieren wenn er sieht dass Kleberg weg
ist
    Ich nähte einen recht schönen Tapetenfeuerschirm und nun hilft sie mir
verdirbt manches wenn Kleberg im Zimmer ist weil sie nur ihn sieht und ich
freue mich über die Gewalt die ich über mich habe es ihr mit der äußersten
Sanftmuts und Lächeln zu zeigen Wenn er zusieht so arbeitet sie artig und ich
senke meinen Kopf etwas tiefer denn oft ist sein Gesicht ganz nahe zwischen
ihrem und meinem Gestern sagte er in einem dieser Augenblicke Rosalie ich
wollte dass dieses Stück die Lehne eines großen Armstuhls für mich würde in dem
ich Abends bei stillen nachdenkenden Stunden mich setzen und artige Sachen
träumen könnte O ja rief sie aber da muss das Stück wo ich arbeite gerade
für das Anlehnen ihres Kopfs sein
    Er sah sie an und sagte nur halb deswegen will  Sie wurde rot und er
ging eilig weg Ich war froh denn meine Lippen zitterten ein wenig und mein
Herz war gepresst Doch arbeitete ich mit Eifer fort wie Lisette auch tat aber
verkehrte Farben nahm Einige Augenblicke nachher kam mein Oheim ins Zimmer und
sagte mir dass er mit Kleberg auf etliche Tage verreisete und dass die Pferde
schon bestellt wären Er umarmte mich mit Zärtlichkeit Sei wohl und ruhig
beste Seele sagte er mit Rührung und einem bedeutenden Blick auf Lisetten und
mich Nach kurzer Zeit da mein Oheim noch mit Hannchen gesprochen und mich
ihrer Sorge empfohlen hatte kam Kleberg im Reisekleide sehr gut aussehend
herein und sagte es wäre alles bereit führte Linken an der Hand gegen mich
und sagte Rosalia unser Freund wird diese Tage da bleiben besonders da ich
Briefe habe dass mein Freund Latten morgen oder übermorgen ankommt dem man die
große Alcove und das Zimmer mit Kupferstichen eingeben kann weil er vielleicht
sein Kind mitbringt Ich sagte es freue mich wenn Herr Linke seinen Freund
wolle unterhalten helfen ich würde mir auch alle Mühe geben Er fuhr fort
Hannchen und Lisette werden es auch tun Ich nicht sagte Letztere denn ich
will nur an meiner Lehne nähen Er lächelte ohne etwas zu antworten Mein Oheim
ging gegen die Türe Kleberg küsste meine Hände und das noch ziemlich kalt wie
mich däuchte Lisette ging gegen ihn aber er wandte sich schnell um und warf
ihr nur einen Kuss zu Abreisen ohne mich zu umarmen O Mariane das schmerzte
mich und dennoch fühlte ich auch dass seine Umarmung mich nicht gefreut hätte
und dass ich so gar mit seiner Abwesenheit zufrieden war Denn meine einsamen
Stunden mit ihm wurden mir unerträglich durch den Zwang den ich mir auflegte
ja nicht eifersüchtig zu scheinen und ich bins doch liebe liebe Freundin ich
bins und ich danke dem Himmel dass es noch so ist dass Zärtlichkeit und Jammer
über den verlohrnen Teil seiner Liebe im Grunde liegt denn ich kenne mich es
könnte eine Ursach zur Kälte entstehn die den Tod meines Glücks anzeigte Noch
keine zwei Jahre besitzt er mich und ist schon halb satt Mariane ach wie gut
ist es dass er weg ist ich konnte nun sicher vor dem Fragen meines Oheim und
dem scharfen Blick von Kleberg Ihnen schreiben mein Herz erleichtern um Rat
bitten und mich sammlen Sein Freund Latten soll einer der edelsten Menschen
sein Etwas stille aber der feinste Beobachter und das Ebenbild von Benjamin
West Und wie dieser schöne edle Gestalten zeichnet so schreibt Latten Züge
edler Seelen auf Linke schien sich eine Freude zu machen uns dieses ganz
ausführlich zu erzählen Er sagte es mit besonderm Nachdruck gegen Lisette die
über sein langes Reden ungedultig wurde und endlich spöttisch sagte Es wäre
ihr an diesem vortrefflichen Menschen gar nichts gelegen sondern sie möchte
wissen wie lange Herr Kleberg ausbleiben würde
    Hannchen wurde aus einer Empfindung für mich ganz feuerrot und bewegt sah
sie Linken an der sagte Sie sind sehr neugierig Lisette Madame Kleberg fragt
nicht einmal und Lisette fiel ein hätte mehr Recht wollen sie sagen aber
fuhr sie fort die Frauen sind der Gesellschaft ihrer artigen Männer so gewohnt
dass sie sie nicht mehr achter Hannchen sah sie starr und mit Unmut an Ey
Lisette wie kommen sie zu diesem Gedanken bei Frau Kleberg Ich unterbrach
dieses Gespräch mit der sanften Frage an Lisetten Sagen sie mir warum sie es
wissen möchten ich sehe ihnen etwas wichtiges an Ja ja es ist mir wichtig
ich hätte gerne dass sie eine andre Rahme nähmen und an dem Sitz des Stuhls
arbeiteten weil ich die Lehne ganz allein machen möchte Dies war nun wirklich
unverschämt Linke stund auf und betrachtete sie von allen Seiten mit großen
Augen voll Verachtung und Staunen Hannchen sah zärtlich auf mich Ich fasste
mich gleich und sagte ihr lächelnd ich will sie gleich allein nähen lassen
Und ich glaube dass es ihr Freude verursachte Morgen kann ich einen Rahmen
aus der Stadt haben Sie rief voll Freuden O das ist charmant küsste ihre
Hände und setzte hinzu Sie müssen mich alles allein machen lassen alles ich
kann nun die Schattirang schon absehen Das ist mir lieb antwortete ich wollen
sie auch auf meinen Platz sitzen
    Sie rückte ihren Stuhl ich war von meinem aufgestanden Hannchen erhob sich
den nämlichen Augenblick mit einem Was und auf sie blickend So wie Linke mit
einer Hand ihren Stuhl fest hielt und sie steif fragte den Platz da wollen sie
auf meinem Lehnstuhl weisend Sie blieb sitzen sagte nichts sah aber etwas
verdrießlich aus und ich fiel ein Ich bekenne es wäre mir ein Bisschen Leid um
meine Aussicht gewesen Sie sollen einen eigenen schönen Platz in meinem Hause
und in diesem Zimmer haben Ich zeigte ein Fenster da können sie auf die
Landstraße sehen wenn die Reisende wieder kommen
    Das war ihr recht und sie schaffte ihren Rahmen gleich hin wollte mich
küssen das konnte ich aber nicht leiden Ihre Annäherung und die Absicht war
mir Näherung einer glänzenden Schlange die mit doppelter Zunge mir doppelte
Wunden drohte Ich wand mich seitwärts ob Schauer fuhr durch mich Widerwillen
ergoss sich in jeden Tropfen meines Bluts Ich lasse mich in Klebergs Abwesenheit
von Niemand küssen sagte ich Nun wurden wir aber alle still und zum Glück
kam Julie und Ott mit ihrem älteren Kinde und sagte sie wollten mich trösten und
zerstreuen helfen Ich ging einen Augenblick hin um das Zimmer für den Fremden
zu besehen und ließ es gleich vollends zurecht machen Es sind die schönsten
Stücke von West Kaufmann Strange und Reinolds darin die ich allezeit gern
sah und so oft ich in den Gang kam und Zeit hatte hielt ich mich dabei auf
Nun stand ich alleine vor dem Bilde der Nymphe Klitia von Bartolozzi still Es
zog mich an Ich suchte an ihr eben die Ursache und sah sonst keines an Da
ich lang ausblieb kam Julie geschlichen und rief mir an der Türe Sind denn so
schöne neue Bilder da dass sie die alten Freunde allein lassen
    Dies brachte mich von dem dumpfen Gefühl zurück dass meinem Herzen das
nemliche Schicksal drohte Ich ging dann mit der ganzen Gesellschaft in den
Garten Lisette dauerte mich beinah ungeachtet meiner Gehässigkeit gegen sie
Denn alle begegneten ihr mit so viel Kälte und Geringschätzung dass man sie gar
nicht anredete sondern sich nur mit mir beschäftigte Sie ging aber auch gern
allein sie war auf einmal weg und ich sah nur noch einen Zipfel ihres Kleides
wie sie in den kleinen Schoppen ging den Kleberg bei dem Bau des Hauses zur
Schreinerei hatte errichten lassen und nun seine Drechselbank und kleine
Steinhauerei darin hat wo er Vasen und deren Fussgestell aushauen hilft und
allerlei sehr artige Sachen drechselt Ich sagte dass sie dahin gegangen sei
und Linke flog auch von uns nahm aber den Weg auf einer andern Seite wo er
durch ein Gitter den Schoppen übersehen konnte Als er wieder kam sagte er mit
einer nachdenkenden Miene Lisette will drechseln lernen denn sie beschäftigt
sich mit dem Drechselhandwerkszeuge Ist Niemand bei ihr fragte Hannchen Nein
keine Seele als ihr eigener böser Geist Ich fühlte dass das Mädchen nur
dorthin gegangen war um alles in ihre Hände zu fassen was Kleberg berührt
hätte Ihre Leidenschaft war also schon stark und sehr zärtlich Gewiss Mariane
sie jammerte mich aufrichtig bei diesem Gedanken ob schon eine Mischung von
Unwillen in mir war und ich wünschte ein Mittel zu wissen ihr zurecht zu
helfen Ost Julie und Hannchen schüttelten die Köpfe gegeneinander und ich
nahm Juliens Mädchen an meine Hand um ihr Blümchen suchen zu helfen Niemand
hielt mich zurück weil sie gern sprechen wollten Ich setzte mich endlich mit
dem Kinde in das halbe Geissblattüttgen das an dem kleinen Bache steht und
Saliehüttgen heißt Die Gesellschaft dieses unschuldigen Kindes erquickte mich
und tat mir wohl Ich ergoss manch Bewegung meiner Zärtlichkeit indem ich es an
meine Brust drückte Ich umfasste sein Hütgen und Schürzgen mit artigen
Feldblumen verweilte mich aber lang genug dass sie mich endlich suchen mussten
und mich ruften Ich ging mit der lieben kleinen Grazie nach ihnen hin und
erblickte gleich einen Fremden in einem simpeln aber sehr netten Reisekleide
Linke stellte mir Herr Latten vor der mich wählend ich zur Gesellschaft ging
sehr genau betrachtete und auch das Kind ansah um dessentwillen ich etwas
langsamer gegangen war Edel höchst edel ohne einen Zug von Schönheit ist
dieser Latten gebildet Groß schlank ein herrliches Auge voll Feuer und doch
ohne die mindeste Schnelligkeit in seiner Bewegung Aber aufheften kann er sein
Auge mehr als ich je an einem Menschen bemerkte und dann sieht man gleichsam
das Eindringen seiner Gedanken in die Sache die er betrachtet Seine Sitten
sind so rein seine Urteile so richtig mit so treffenden Ausdrücken dass er
nach diesem Durchblicken seiner Augen für einen Menschen gehalten werden kann
vor dem man das Herz nicht hat Böses zu denken denn wahrhaftig es ist als ob
er in das Innerste schauen könnte Wir aßen im oberen Saale zu Abend Latten
bezeugt Vergnügen an den Gebäuden und der Einrichtung die Kleberg hier gemacht
hat Lisette hatte eins von Klebergs Büchern geholt und saß in ihrem Zimmerchen
und lass Hannchen brachte sie zu uns wo sie doch etwas verschämt auf uns
blickte aber ich suchte sie durch mein natürliches Bezeugen aufzumuntern
Latten beguckte sie kann ich sagen denn sein Auge hatte nicht das was
betrachten heißt Linke führte ihn nach seinem Schlafzimmer und ich blieb lange
mit Nachdenken wachsam was ich für Lisettens Stimmung und zur Erhaltung meiner
Ruhe tun könnte Kleberg ist liebenswürdig sie ist freilich zwanzig Jahre und
hat schon Kenntnis von Welt und Liebe aber nicht Stärke der Tugend nicht
Stärke des Geistes genug um der Gewalt zu widerstehen die durch reizende
Eigenschaften und vorzügliche Achtung eines jungen Mannes auf ihr eitles
leichtes Herz wirkten Kleberg ist nicht großmütig gegen sie nicht zärtlich
gegen mich gewesen Ich will noch zusehen aber wäre ich noch Mädchen wäre es
der Abend vor meiner Trauung ich träte ihn Lisetten ab Mein Herz meine Hand
zögen sich zurück und ich ginge nach Wollinghof Er soll keine Klage keinen
Unmut von mir hören keine Frage nichts Gute Nacht Beste Ach sie haben mir
niemals Schmerz der Seele erregt niemals Der Himmel lohne sie dafür Lieben
sie mich Freundschaft ist das wahreste edelste Gefühl der Menschheit Traum
Rausch der Liebe mit all deinen Seligkeiten wie weit bist du von mir Ich fühl
es nie nie kommst du wieder zurück Ach Mariane wie viel weinte ich gestern
in meinem Bette um diesen Traum Sie erhalten mein Leben und meine Vernunft
denn da ich niemand etwas sagen will und doch alles so heftig in mir arbeitet
wühlt und kämpft so erläge meine Gesundheit oder mein Kopf Denn mein Herz o
Mariane mein Herz leidet viel leidet in seinen Grundsätzen und seinem Wohl
denn niemals konnte ich Koquetterie ertragen Es schien mir immer unedel
unwürdig An einem Fremden schien mirs so und nun an Kleberg und ich sein auf
ewig sein Seine Liebe mein einziges Glück Adieu ich fühle mich stark genug
um mich zu beobachten und meinen Plan des ruhigen Ertragens durchzusetzen
Lieben sie o lieben sie mich
 
                           Hundert und vierter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich will fortfahren ihnen zu schreiben Es erleichtert und stärkt mich Neben
diesem fiel mir auch der Gedanke ein dass ich durch die Briefe über diesen
Vorgang in meinem Kopfe und Herzen einmal bei wiederkommender Ruhe mich selbst
recht kennen werde Ich bin gestern sehr früh aufgestanden weil ich diesen Gast
habe und völlig angekleidet zum Frühstück kommen wollte Mein Putz nimmt mir so
nicht viele Zeit weg eine braun und blauspielende tafente Polonaise ein
Strohhut mit blauen Bändern eine weise Schürze und ein Halstuch von weisem Flor
war alles Mein Nährahmen aus der Stadt war da Ich machte mit Hannchen meine
Arbeit zurecht noch eh Linke und Latten zu uns kamen und in der Küche hatte
ich das Mittag und Abendessen schon bestellt auch wohl vorläufig etwas auf
morgen denn es sei im Vorbeigehen gesagt meine Köchin und ich verstehen uns
vortrefflich darauf einer schon erschienenen Schüssel mit Speisen ein anderes
und neues Ansehen zu geben welches am Ende des Jahrs in meiner Küchenrechnung
etwas Ansehnliches erspart Da wir ohnehin nicht von der vorgesetzten Zahl der
Schüsseln abgehen und hier auf dem Lande mein Aufsatz von lebendigen Blumen in
der Mitte des Tisches der alle Tage abgeänderte Formen hat neben meiner
schönen Tafelwäsche und der Nettigkeit womit der Bediente meines Oheims und der
unsrige aufwartet dem Auge eines Gasts soviel Vergnügen geben dass er sich
nicht so genau nach der Anzahl der Speisen umsieht und ohne ein schwelgendes
Mahl vor sich zu haben satt wird und zufrieden aufsteht Mein Tisch zum
Frühstück bestand aus Obst Milch Tee Kaffee und Chocolade war auch bereit
und Gläser mit Blumen waren dazwischen aufgestellt Lisette saß schon an ihrer
Arbeit nicht so sorgfältig gekleidet als sie es bisher gewesen war Ich hatte
noch eh ich aus meinem Zimmer ging mit mir selbst gesprochen sie entschuldigt
mir Edelmütigkeit gepredigt und gesagt dass die Ausübung einer jeden Tugend
mit Beschwerden und Überwindung verbunden sei dass tausend liebenswürdige
Frauen dieser Art von Lebenskummer ausgesetzt sind dass Lisette unglücklicher
würde als ich weil sie in der Achtung der besten Menschen so viel verliehre
die Ruhe und Unschuld ihres Herzens dahin sei und endlich kam ich bis auf die
Stärke des Vorsatzes nach der Zurückkunft von Kleberg mit ihr oder ihm darüber
zu sprechen wenn ich bemerken sollte dass es noch weiter ginge als es wirklich
gegangen ist Ich will meine Bitterkeit gegen Lisetten auch innerlich bekämpfen
und wirklich suchen gut sanftmütig mit ihr und streng auch gegen mich selbst
wie bisher gegen sie zu sein Schon so fleißig sagte ich als ich in das Zimmer
trat und sie erblickte Sie stund ein wenig auf als ich auf sie zuging und
deckte alles zu was sie genäht hatte Sie müssen nichts sehen Ich habe gestern
darum gebeten Ich ging lächelnd zurück Ich will nichts sehen Ich will recht
bescheiden sein fahren sie nur fort erwiderte ich und ließ sie auch ohne
mehr darüber mit ihr zu sprechen ruhig sitzen ausgenommen dass ich sie zum
Frühflücken bat als die beiden Herren in das Zimmer kamen Linke sah ernstlich
auf meinen Nährahmen Haben sie wirklich den Eigensinn nachgegeben fragte er
Ach artige verwöhnte Kinder haben immer so was für sich zu wollen sagte ich
lachend etwas so unschuldiges als diese Arbeit ist kann man ja gehen lassen
Lisette ward rot und sah Linken und mich etwas bitter an Das ist schlimm
dachte ich Mädchen für dein Herz Aber ich verdoppelte meine Gefälligkeit
gegen sie Denn ich will nicht dass sie bei Kleberg über mich klage Wenn er
sie liebt so soll es von mir nicht in einem üblen Bezeigen geahndet werden ich
will edler sein als sein Mädchen und großmütiger als er Latten musste uns bei
dem Frühstück von den Sitten und Gewohnheiten der englischen Nation erzählen
die er die grösseste nennt und in der Tat, da er uns von England sprach gar
nicht der stille Mann war wie ihn sein Ott beschrieben hatte Denn er redete
mit vielem Eifer aber in so bestimmten Ausdrücken dass er nicht ein Wort zu
viel brauchte und seine ganze Rede eine große edle Einfalt in sich fasste Er
kennt die Angelika Kaufmann die mich als teutsche Künstlerinn zuerst anzog
Nachdem er viel auf Linkens Ottens und mein Hin und Herfragen geantwortet
hatte beklagte ich dass er bei seinem emsigen Reisen in diesem Reiche nicht
auch auf den Gedanken gekommen sei Schottland und Irrland zu besuchen die mir
für mein Herz beinah werter und merkwürdiger wären Der Herzog von Bukleigh
allein hätte es verdient sagte ich Warum dieser fragte Latten Ich erzählte
was er zum Besten seines Vaterlandes bei Errichtung der Wechselbank getan
hatte und sprach auch von den westlichen Inseln dieses Königreichs wo ich dem
edlen jungen Maeleän so gerne ein Denkmal möchte errichten lassen der um den
Wiesen und Ackerbau auf diesen Inseln zu verbessern sich bei einem Pachter in
England als Knecht verdingte alle Feldarbeiten lernte nach drei Jahren
zurückkehrte und dann seine väterlichen Erbländereien selbst umarbeiten half
und den Leuten Unterricht gab Sein Herz hatte ein süßes Glück zu hoffen da er
eine der liebenswürdigen Töchter eines Edelmanns bekommen sollte der ganz
allein mit seinen Kindern auf einer dieser Inseln wohnt Der schätzbare Jüngling
ging an den Feiertagen hin war der beste Steuermann den Fremde und
Einheimische haben konnten führte viele glücklich hin und her ihn aber ließ
die Vorsicht in einem Sturm umkommnn als er von seiner Braut zurückkehrte Mein
liebes Hannchen hatte Tränen in den Augen und Herr Latten sah mit Nachdenken
und gerührt auf mich und sie Wir sollten alle bei Ott zu Mittag essen aber
Lisette entschuldigte sich mit einem Kopfweh und blieb zu Hause um recht
eifrig fort zu arbeiten Das arme Mädchen hat nun wirklich keine Kraft mehr
gegen ihre Leidenschaft zu kämpfen und lässt es sich so ganz hingehen Mich
dünkt dies müsse wirklich Naivete sein denn es wäre ja sonst der größte Mangel
an Sittsamkeit und Feinheit des Gefühls Ich will ihr nachgehen mit Güte mit
Mitleiden um zu sehen was ich tun kann um sie wieder zu gewinnen und zu
retten
    Ottens Bauernhaus gefiel dem Herrn Latten ungemein und er zeichnete es heut
früh mit farbigen Bleistiften ab so wie er auch mit unserm Landhause und
Garten tun will
    Morgen gehen wir nach Kahnberg In die Stadt soll er erst wenn mein Oheim
und Kleberg zurück kommen Die Gesellschaft dieses jungen Mannes ist äußerst
einnehmend da er niemals das Fehlerhafte rügt von der ganzen Erde gutes denkt
und spricht alles Schöne und Gute aufsucht fühlt sich dabei verweilet und
auch uns Frauenzimmern feine Schmeicheleien sagt wie zum Beispiel Julie und ich
das Lob erhielten dass wir in Kleidung Hausgeräte und Bestellung des Tisches
wie im Ton unserer Unterredungen gleichsam einen Auszug der besten Zeiten was
vier große Europäische Nationen eigenes haben machten Wir wurden ich
versichere sie wahrhaftig beschämt und ich sagte O Herr Latten wie wollen
sie dieses alles in zwei Tagen gesehen haben Nun wurde mein Hut meine weiße
Schürze meine Gestalt die niedrigen Absätze meiner Schuhe und die Zubereitung
des FrühstückTisches Beweis des engländischen Geschmacks in meinem Hause
Juliens Anzug und Bezeigen das ausgewählteste Feine und sittlich schöne
Französisch nach seines Otten herrschender Vorliebe zu dieser Nation Unsere
Musikalien dann die Vasen im Garten einige Säulen am Hause waren Italienisch
Die wenigen Schüsseln bei den Mittagsund Abendessen die Freimütigkeit mit
welcher wir unserer Liebe für unsere Männer zeigten der kleine Stolz und Eifer
mit welchem wir unsere Hauswirtschaft führten sei teutsch Die Büchersammlung
von Italiens Englands Frankreichs und Teutschlands schönsten Werken bewiese
auch dass seine Anmerkung richtig sei Ja selbst in unserer Sprache ob wir
schon alle fremde Worte sorglich vermieden wären ganze und einzelne Spuren
eines Ganges oder Wendung der Ideen die uns das Lesen dieser verschiedenen
Schriftsteller gegeben habe Er sagte dies alles recht artig und gar nicht als
ein Mensch der Jahr und Tag nur mit Bauern und einem rauen Beamten gelebt
hatte Ich sagte zu Julien Es liegt viel Schönes in der kleinen Geschichte von
unserm Haus und Wirtschaftswesen aber es ist kein Ganzes sondern nur
zusammengetragenes Zeug und das missfällt mir Liebe Wir sind so gern ganz
teutsch Die drei Männer sahen mit Vergnügen und Aufmerksamkeit uns an Julie
sagte auch mit ihrer innigen Sanftmut Mich däucht wirklich dass wir mit dem
glänzenden Gemische nicht ganz zufrieden sein sollten und zu ihrem Manne Wie
machtest du es dann aus mir guten einfachen deutschen Mädchen eine feine
Französin zu bilden
    Latten stund mit Eile auf und bog sich mit edler Bewegung seiner Hände gegen
uns Julie Rosalie sie werden doch nicht ernstaft unzufrieden sein wenn man
schöne Wahrheiten von ihnen sagt Also doch Wahrheiten erwiderte Julie mit
reizendem Nicken ihres artigen Kopfs Wollen sie mir erlauben dass ich es
ernstaft beweise sagte Latten Können sie dies wohl fragte ich Ja und noch
dazu wird mein Beweis völlig ihre Rechtfertigung mit sich führen Also auch die
meinige fiel Ott noch ein Gewiss sagte Latten aber da die Frage von lauten
guten die Menschen glücklich machenden Sachen ist so müssen sie mich etwas
ernst sprechen lassen
    Wir neigten uns alle ein wenig um unsere Einwilligung zu zeigen und er
fing mit einem zärtlichen Ton der Stimme und der gefühlvollsten Miene an indem
er freundlich auf uns blickte Ich glaube dass wir alle recht gute Kinder der
göttlichen Vorsicht sind sie hat ihrer viele auf allen Ecken der Erde zerstreut
und sie will allen wohl darum schmückte sie überall die Wohnplätze der Menschen
mit Bäumen und Blumen und gab dem Boden und Tieren Fruchtbarkeit und
Nützlichkeit für Geschöpfe Wegen dem allgemeinen Menschenwohl lässt sie an
Ausbreitung der Lehre einer wahren reinen Religion arbeiten Physik
Weltweisheit Gestirn Handlungs und Gesetzkunde fließen zum großen
allgemeinen Besten überall zusammen und werden von allen genossen warum sollte
dann von den übrigen Gütern des Lebens und Vergnügens die Zweige weniger
ausgebreitet und vielleicht gar aus kleinen Eigensinn weniger angenehm werden
Ich habe mir den Plan gemacht sagte er gegen Ott ein NaturalienKabinet
anzulegen worin alle Kräuter nach dem Linnäus alle Steine und alle Mineralien
versammelt wären Meine Bücher sollen historischgeographische Beschreibungen
der Welt enthalten und so viel möglich Kupfer und Abbildungen von Menschen und
schönen Gegenden dadurch könnte wohl unser Zirkel der ganzen Erde äußerst
merkwürdig werden wenn bei mir Auszüge des Wunderbaren der physischen und bei
meinen Freunden alles Ehrwürdige und Reizende der moralischen Welt zu finden
wäre Wir wollen keine ausschliessende Menschenliebe keinen ausschliessenden
Geschmack haben sondern das schätzbare Gute und Angenehme aller Nationen
hochachten alles Nützliche und was das Leben versüsset uns zu eigen machen
und da im Mitteilen und Annehmen unsern Mitmenschen Brüderschaft bezeugen
Diese Ergiessung allgemeiner Bruderliebe von dem kleinen Winkelchen meines
Zimmers bis in die äußersten Grenzen der Erde aus dem Munde eines jungen
Mannes von sechs und zwanzig Jahren die flammende Röte die sein Gesicht
einnahm als er sprach der wachsende und fallende Ton der Stimme seine bald
lebhaften bald sanften Blicke das was ich hörte was ich dazu dachte und
fühlte brachte mich in die sanfteste und ich darf es sagen edelste Stimmung
der Seele Ich war bis zu Tränen gerührt und eingenommen Er bemerkte es mit
vieler Feinheit Denn als er zu reden aufhörte fragte er erst Julien ob sie
nun mit ihm ausgesöhnt sei Sie versicherte es ihm mit alle der Anmut die den
Charakter ihres ganzen Wesens ausmacht Zu mir wandte er sich nur mit den
wenigen Worten und Rosalia Er mochte meine Augen noch nass gesehen haben denn
gleich sanken seine Blicke aus Schonung zur Erde ich fasste mich aber und sagte
Herzlich bin ich versöhnt und noch mehr ich stimme ganz mit ihnen ein
    Hier erhob er seine Augen aber nur blitzartig auf mich wandte sie gleich
ab und ich sagte zu Julien Wir wollen also moralische Seltenheiten sammlen und
Herrn Latten bitten sein Kabinet bald anzufangen dann stund er auf und lehnte
sich an ein Fenster Wir waren olle still Ort ging zu ihm Julie sagte mir Ich
bringe heut einen Teil meines Mittagsessen zu dir und mein Mädchen auch Ja
meine Liebe das ist ein recht glücklicher Einfall Hannchen ging mit ihr und
ich bemerkte erst da dass Lisette nicht im Zimmer wäre Ich fragte Linken ob
sie schon lange weg sei Ey freilich Es musste ihr ja bei den Äußerungen von
Güte und Tugend ganz übel werden
    Diese bittere Anmerkung tat mir für Lisetten weh
    Pfui Linke schämen sie sich dass diese Güte so wenig auf sie wirkte um
ihnen diese grausame Auslegung über etwas ganz Zufälliges sich zu erlauben Die
Arme jammert mich herzlich und ich bitte sie sagen sie diese nachteilige Idee
keinem Menschen mehr Er ging weg kam bald wieder und sagte zu mir Lisette
macht ihre Betrachtungen in Klebergs Kabinette Ach sie wird um so
bedauernswerter Sie sind eine sehr eigene Art Frauenzimmer Gott gebe dass ich
es auf der guten Seite immer bleiben möge und ich bitte sie Linke sagen sie
mir nichts das meinen Gang wankend machen könnte Ort und Latten waren fort
Linke folgte ihnen als Julie und Hannchen darauf wieder zu mir kamen Als ich
mit der kleinen Rosalie spielte erschien Latten unter der Saaltüre sah mir
einige Augenblicke zu und näherte sich mit sanften ehrerbietigen Gebehrden Ich
darf wohl hoffen sagte er dass sie meinem Fritz erlauben mit der kleinen
Salie bei ihnen zu essen Ach ja wo haben sie ihn dann Er ist mit meinem
Bedienten bei dem Herrn Pfarrer Und das seit ihrer Ankunft O Herr Latten wie
konnten sie an mir zweifeln Er antwortete nicht sondern flog davon und führte
den holden Knaben zu mir da ich unterdessen in dem unteren Saal gegangen war
und auf einer der Stufen vor der Türe saß Der gute Kleine sah seinen
PflegVater und mich an seine Schönheit und zärtlichen Augen und die Erinnerung
an das Schicksal seiner Eltern hinderten mich zu reden Ich breitete meine Arme
nach ihm aus und das gute Kind lief zu mir hängte sich an meinen Hals und küsste
mich Latten ging weinend in die Allee und ich drückte Fritzgen mit Tränen an
mein Herz und bat Gott seine Unschuld zu schützen und Latten zu seegnen
 
                           Hundert und fünfter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Nun Mariane kann ich auch sagen ich habe das Schwerste getan was eine
zärtlich liebende und empfindliche Frau tun kann Vor fünf Tagen kam Kleberg
mit meinem Oheim zurück Ich hatte so viel über mich gewonnen dass ich noch
während seiner Abwesenheit Lisetten mit alle meiner vorherigen Achtung und
Freundlichkeit begegnete ein ofenes natürliches Wesen behielt und alle meine
Anwandlungen von Unmut und Rachsüchtigkeit von denen ich nicht frei war dahin
zu wenden suchte jede gute Eigenschaft meines häuslichen und gesellschaftlichen
Verdienstes die Kleberg an mir geliebt hatte in ganzer Tätigkeit zu erhalten
indem ich mir sagte seine Hochachtung soll mich für den Verlust seiner Liebe
schadlos halten Aber o Mariane Was kostet es dies zu sagen und wie viel
eigene Erkältung des Herzens gehört dazu die Kälte eines andern mit Ruhe zu
tragen Ich bemerkte dass Linke dem vortrefflichen Latten von der kleinen
Ehstandsbegebenheit geredet hatte weil sie mich wenn ich mit Lisetten sprach
oder Kleberg nannte am meisten zu beobachten schienen und mir vereint eine
vermehrte Achtung bezeugten Lisette wurde auch wieder etwas vertrauter
arbeitete aber mit anhaltendem Eifer fort fuhr zehnmal des Tages von ihrem Sitz
auf wenn sich das Rasseln einer Kutsche auf der Landstraße hören ließ Eine
Röte und verdrießliche Miene zeigte dass sie sich betrogen hätte und sah doch
immer wieder hinaus dann auch mit gesenktem Kopf nach uns und ihren Stuhl
rückte sie mit Ungeduld zurecht Ich nähete auch beschäftigte mich aber viel
mit Lattens Fritzgen ein holder empfindungsvoller Knabe für den ich van Gudens
Bilderbuch aus der Stadt bringen ließ und Mittags weil es zum Spatzierengehen
zu warm war die Bilder anzeichnete die er merken und mir ähnliche Sachen des
Abends im Felde im Dorf oder im Garten zeigen musste Nicht nur die Geschichte
seiner Mutter sondern auch die Aussicht die vor mir ist selbst ein Kind zu
haben hefteten mich an ihn und machten dass ich eine Probe vom nützlichen
Gebrauch des Bilderbuchs mit ihm vornahm und ihn auch das was er im Herumgehen
sah wieder im Buche aufsuchen ließ Er wollte ein kleines Feld und einen
kleinen Pflug haben Der Wagner im Dorfe hat einen Buben von sechs Jahren der
alles was sein Vater im Großen und von harten Holz macht im Lindenholz
nachäst und gewiss ein sehr vortrefflicher Mann in diesem Handwerk werden wird
er hörte auch nicht auf den Sohn des Schmids dahin zu bringen dass er ihm
kleine Pflugschaaren machte damit sein ganzes Ackerzeug vollkommen sein möchte
Mit dem Jungen des Zimmermanns baute er sich einen Schoppen wozu ihm Kleberg
das Holz gab und auch für die Jungens das Lehrgeld zahlen will die sich durch
das Beispiel von diesen zum Fleiß und Geschicklichkeit aufmunterten wie ich
ihnen auch hier sagen will dass er bei dem Bau unsers Garten und Hauses nebst
meinem Oheim auf die herumschlendernden Buben Achtung gab und diejenigen welche
sich oft und anhaltend bei einem oder andern Urteilsplatz einfanden befragten
sie um die Ursache war es wirklich vorzüglicher Hang der die Jungen zum
Steinmetz Zimmermann Gärtner oder Maurer führte so sorgten sie dafür dass die
Eltern die ihnen manchmal eine andre Bestimmung gaben in den Sinn der Knaben
willigten und erleichterten jede Beschwerde die sich dabei fand Unser
Gärtner der zugleich unser Bedienter ist hat wirklich vier Jungen in der
Lehre die gewiss gute und geschickte Menschen werden Der Gärtner und Kleberg
selbst halten ihnen Zeichnenstunden Wir kleiden sie und schaffen das Essen Es
kostet auch nicht so viel als man denken sollte Ich und Kleberg einen
Einbildungsrock weniger in einem Jahre gibt uns Geld für Nahrung und Kleidung
der guten Jungen Auf die Werkeltage sind sie alle in groben weißen Leinen und
grünen Hüten Sonn und Feiertage haben sie Röcke von grünem Zeug dazu Alle
Tage hilft einer aufwarten ordnet die Blumen vom Nachtisch und die in den
Zimmern stehen damit sie einst auch den Dienst eines Laquayen mit der Gärtnerei
verbinden können Obst trocknen und in Zucker sieden lernen sie auch und ich
versichere sie dass es recht artig ist die vier wackeren jungen Leute arbeiten
zu sehen Wir haben Fritzgen ein Stück Land eingeräumt dort pflügte er mit dem
kleinen Ackerzeug des guten jungen Wagners und säete auch Die Freude des lieben
Kindes ist nicht zu beschreiben und Lattens Vatertreue auch nicht Mit was für
einen Ausdruck melancholischer Zärtlichkeit er ihm zusah über ihm gebeugt war
wenn der Knabe zu ihm kam den guten Papa zu fragen oder ihm was zu erzählen
Sein kleines Feldchen liegt an einem Traubengeländer hin und am Ende davon
stehen etwas erhöht zwei sehr große Birnbäume die Kleberg beide in den
Bauerngarten fand als er ihn zu dem Unsrigen kaufte und die zwei so freundlich
beisammen stehenden Gewächse nicht trennen und nicht ausrotten wollte Latten
und wir alle fassen an diesen Bäumen als das Stückgen Erde für Fritzgen
zugerichtet wurde der sehr viel dabei zu tun hatte und dann auf seines Vaters
Schoss ausruhte Als er es angesäet hatte regnete es zwei Tage das machte den
Kleinen sehr unzufrieden weil er seinen Acker und das Haus des guten Wagners
nicht sehen konnte Latten erklärte ihm den Nutzen und das Wohltätige des
Regens und der liebe Bube wurde so gerührt dass er an das Fenster kniete gen
Himmel sah und mit gefaltenen Händgen sagte O lieber Gott lass auch auf meinem
Acker und auf Hansens Acker regnen dass unser Brod wachsen kann
    Latten sprang auf kniete zu ihm hin fasste die geschlossenen Hände des
Kindes in die seinigen Lieber Gott erhör das Gebet meines Fritzgens und
drückte ihn an sich Was er für das Kind erbat sprach sein Auge und seine
darin zitternde Träne und der Knabe war so herzlich froh dass sein Papa für
die Erfüllung seiner Wünsche bettelte Latten nahm diesen Weg zu dem Herzen
seines Sohnes dass er in guten oder gleichgültigen Anlässen immer von der
Meinung des Kleinen war um ihn ja die Obergewalt nicht zu einer unrechten Zeit
fühlen zu lassen und weil man durch eine immerwährende Rechtaberei bei Alten
und Jungen verhasst würde Diese Anmerkung meine Liebe machte ich mir auch zu
Nutz und setzte mir vor gegen keine Seele über irgend etwas zu streiten wenn
es nur auf das kleine Vergnügen des Rechtabens ankäme und auch in der so
feinen Sache zwischen Kleberg Lisetten und mir ja keinen widerstrebenden
eigensinnigen Ton zu nehmen Das Kind erhielt mein Herz in einer sanften
Stimmung Lattens Geschichte und Grundsätze befestigten mich in der Pflicht des
Ertragens der Fehler und Unvollkommenheiten anderer und erhöhte den Wert eines
großmütigen Bezeigens Alles das fühlte ich aber dies war nicht mehr Liebe
und das macht den empfindlichsten Teil meines Kummers in den ruhigsten
Augenblicken aus Endlich kam Kleberg und mein Oheim aber Abends spät gerade
als wir schon nach dem Essen noch im Garten herum gingen Mein Herz pochte
unendlich Kleberg war in seinem Reisekleide so schön seine Freude über Latten
so edel in ihren Ausdrücken Er küsste meine Hände sah mich aber nicht viel an
sprach auch mit Lisetten nichts besonders ob sie ihm schon hundert Fragen tat
Er und mein Oheim nahmen nur etwas Wein und Brod im Garten nachher ging ich mit
Letzterm ins Haus und da dieser schlafen wollte in mein Zimmer zog mich aus
schickte mein Mädchen fort und legte mich da ich mein Licht ausgelöscht hatte
an das Fenster Es war nicht gut dass ich es tat weil Unruhe und dunkle
Vermutungen mich dazu brachten die mich auch natürlicher Weise zu den
schlimsten Auslegungen des allerunschuldigsten Vorgangs verleiteten Ich hörte
dass Kleberg Latten und Linke in dem Laubengang auf und ab spazierten Endlich
gab Kleberg Linken den Auftrag er solle Latten nach seinem Schlafzimmer führen
Er für sich müsse noch einige Zeit herum gehen es wäre ihm heiß und er sei
zum Reden zu matt Seine Freunde gingen auch und er lehnte sich einige
Augenblicke hernach an den Pfosten des Laubengangs gegen meinem Fenster über
Wie mich däuchte sah er nach ob ich noch Licht habe Die grünen Sonnenschirme
meiner Fenster waren nahe beigezogen er konnte mich nicht sehen aber ich ihn
weil er ganz hellgrau gekleidet war und auch so einen Hut hatte Seine Stellung
schien nachdenkend und beinah traurig Er rührte mich und ich fing an zu
überlegen ob ich ihn nicht zärtlich anrufen sollte Meine Hand wollte auch
schon den Schirm in die Höhe heben als ich ihn sich schnell wenden sah und
Lisetten sprechen hörte Ach mein Arm und mein Kopf sanken auf die
Fensterrahmen nieder und endlich ging ich von Schmerz und Unmut wankend in
mein Bette Ich schlief nicht also bemerkte ich auch ganz deutlich dass Kleberg
nicht in sein Zimmer kam Es war eine sehr elende Nacht die ich da durchzuleben
hatte Ich weinte aber nicht eine Zähre stund früh auf kleidete mich auch
gleich ganz gut an und nahm mir vor beiden nicht im mindesten merken zu
lassen was ich von ihnen dächte Nach Lisettens Gesundheit und nach Klebergs
Nachtruhe zu fragen das war mir unmöglich aber Ruhe Güte und Gleichmütigkeit
suchte ich zu zeigen Kleberg saß tiefsinnig bei dem Frühstück Lisette sprach
auch nicht machte hundert kleine Brodtkrumen tauchte sie in ihren Kaffee ohne
eine davon zu essen Ich machte mir viel mit Fritzgen Latten zu tun nahm aber
mein Frühstück wie sonst Beide jammerten mich ich sah ihre Glückseligkeit noch
viel elender zu Grunde gerichtet als meine und ich fühlte Würde und eine
herrliche Gelegenheit Größe und Güte der Seele zu zeigen in mir Doch konnte
ich den sonderbaren Einfluss nicht hindern den Klebergs Trübsinn und Schweigen
auf alle machte Wie der Tisch weggeräumt war und ich mich zu meinem Nährähmen
setzte bat ich Linken den Pack Bücher zu holen welchen er Tages vorher
bekommen hatte er tat es und dies belebte uns alle außer Lisetten die
fortnähte Latten Linke Kleberg und mein Oheim gerieten in eine wichtige
Unterredung über den Nutzen und Schaden den das viele Bücherschreiben und Lesen
verursache Latten setzte etwas darüber auf das ich ihnen einst schicken werde
Es kamen Gäste aus der Stadt Kleberg ging fort und ich musste bis Abends die
Leute unterhalten Ich bezeigte mich aber gegen Lisetten wie sonst ob sie schon
unempfindlicher gegen mich war als ehmals Die Gesellschaft ging am Ende des
kleinen Essens im unteren Saale zu Fuß der Stadt zu Ich blieb im Hause und
ordnete mit meinen Leuten die Besorgnisse des andern Tages Ich fürchtete mich
vor der Nacht legte mich aber eh die andern zurückkamen schlafen Kleberg kam
leise in sein Zimmer ging auch wieder hinaus und ich hörte ihn nicht mehr Dass
war wieder schlimm für mich doch weinte ich etwas und schlummerte ein Ich
führte Morgens wieder meinen Plan der Ruhe durch ging wohl gar bis zu einem
Grad der Heiterkeit Kleberg blieb nicht bei uns Ich wurde in ein Gespräch
verwickelt das mich hinderte Lisettens Abwesenheit zu bemerken Ich ging auch
selbst hinaus um in dem äußersten Zimmer ein Bette aufschlagen zu lassen weil
mir mein Oheim einen Fremden meldete Sie wissen dass ich niemals bei den
Kupferstichen vorbeigehe ohne einige Zeit da zu verweilen Ich machte das
Zimmer auf und bei dem ersten Schritt sah ich meinem Kleberg zu der Seitentüre
hinauseilen und Lisetten da sitzen Ich wandte mich gleich um und gab mit dem
kleinen Taumel in meinem Kopfe dennoch meine Befehle ging wieder in den Saal an
meine Arbeit und zum Gespräch Kleberg kam auch sah manchmal sehr eifrig auf
mich legte sich ans Fenster setzte sich auf Lisettens Stuhl an ihrem Rahmen
und betrachtete mich von dortaus einigemal vom Kopf bis zu den Füßen
    Vergleichst du mich mit deiner Blondine dachte ich und sah ihn ich bin es
gewiss mit lächelnder Kälte an Er spielte noch mit der Scheere der Seide und
den Nadeln etwas fort und biss in seine Lippe Ich wollte hindern dass niemand
als ich es bemerken sollte und fing eine muntere Unterredung an Da stund er
heftig auf biss einen Faden den er um die Finger gewickelt hatte entzwei und
ging fort Ich sah ihm nach blickte unwillkürlich auf Lisettens Arbeit und
war etwas zerstreut Lisette kam nicht zum Mittagsessen Sie hätte Kopfweh ließ
sie sagen Ich ging den Augenblick zu ihr aber sie sagte mir mit Ungedult sie
könne nicht viel reden hören Ich kam zurück und fragte Hannchen Itten ob
Lisette öfters mit dem heftigen Schmerz geplagt wäre sie könne nicht einmal
sprechen hören und befahl den Leuten ja leise hin und her zu gehen Nach dem
Kaffee ging ich wieder zu ihr Sie hatte sehr geweint und war noch mürrisch ich
redete sanft mit ihr Sie war stöckisch ich fühlte mich groß und nahm ihre
Hand Lisette dieses Betragen gegen mich sagte ich hat einen andern Grund
als ihr Kopfweh Habe ich ihnen was zu Leide getan Sagen sie es Ich möchte
nicht dass es geschehen wär und hatte den Vorsatz niemals Ach Hannchen ist
ihnen doch lieber als ich sagte sie Das ist artig dachte ich so bist du auch
eifersüchtig Das haben sie nur bei ihren Kopfweh gesehen mein Kind Sie
schwieg lang auf dem Stuhl gelehnt und weinte dann stark Liebe Lisette ihr
Aufenthalt bei mir hat für sie nicht alles das Angenehme was ein feines und
wohldenkendes Frauenzimmer wünschet es ist Unruh in ihre Seele gekommen mein
Kind ich will nicht dass sie mir davon sprechen oder glauben was ich ihnen
sage aber ich bedaure sie redlich Hören sie mich ich will ihre Freundin sein
und ihnen wieder zu ihrer Munterkeit helfen Sie werden sie nicht anders wieder
finden als in ihrer eigenen Hochachtung und in der Hochachtung ihrer Freunde O
Frau Kleberg was sagen sie da hat Herr Kleberg ihnen so von mir gesprochen
Nein Gewiss er hat nicht das mindeste Nachteilige von ihnen geredet so lang
er sie kennt Das macht nichts Er ist doch falsch und stolz
    Ich begreife sie nicht Lisette bitte sie aber nur fassen sie sich denken
sie von niemand Böses und suchen sie allein das gute liebenswürdige Mädchen zu
sein das sie beim Anfang unserer Bekanntschaft waren Da geben sie mir das
zweite Lehrstück haben sie es mit ihrem Gemahl verabredet Ihre Bitterkeit
setzt mich in das äußerste Erstaunen was soll ich mit Kleberg verabredet
haben Er war ja nicht hier als sie ihr sonst so holdes artiges Bezeigen
abänderten Ich werde ihm aber gewiss nichts davon sagen denn es ist nicht gut
wenn auch die liebenswürdigsten Männer unsere Fehler wissen Der
liebenswürdigste ist also wieder Herr Kleberg Ja Lisette er ist es ich
wollte es gäbe mehrere da würden sie nicht so unzufrieden sein mein Kind
Aber  sie wollte nun wieder mit Zorn reden Ich hielt meine Hand vor ihren
Mund
    Nichts Lisette nicht zornig ich könnte es ja auch werden Sehen sie mich
an denken sie wie wert ich ihnen in den ersten Zeiten unserer Freundschaft
gewesen bin Löschen sie alle andre aus und sein sie wieder wie damals Ich
will es immer sein ich verspreche es ihnen Das ist ganz gut Machen sie nur
dass ich heut noch wegkomme ich kann nicht mehr bleiben Aber so jähling
abgehen Kind bedenken sie sich O ich bitte machen sie Anstalt dazu Nun so
will ich mit Hannchen und ihnen in die Stadt fahren Wieder ihr Hannchen Geben
sie mir nur ihre Kammerjungfer und einen Bedienten Mein Kopfweh entschuldigt
alles
    Ich sähe gern dass sie sich eine Viertelstunde bedächten Ich will
wiederkommen überlegen sie es noch einmal es ist zu auffallend Ich weiß
alles aber ich will weg Nun so will ich Anstalt wachen beruhigen sie sich
    Ich ging wirklich ganz verlegen weg Soll ich sie gehen lassen für mich
allein Soll ich es sagen wem In diesem Nachdenken ging ich langsam mein
Oheim begegnete mir bei meinem Zimmer und hielt seine Arme offen Ich umfasste
ihn und legte meinen Kopf an seine Brust Mein Herz brach als ich das
Umschliessen seiner Arme fühlte und von ihm halb getragen in mein Zimmer
geleitet wurde Ich weinte er konnte nicht reden Kleberg kam aus seinem
Nebenzimmer Plötzlich hörten meine Tränen auf und ich zitterte als er sich mir
näherte Er nahm meine Hand Salie angebetete Salie O vergib dem letzten
Eigensinn dieses Herzens Ich habe dich beleidigt Ich hätte es nicht tun
sollen ich wollte dich eifersüchtig sehen Unser Oheim weiß alles Meine Seele
ist dein sagte er zu meinen Füßen vergib mir O wie grausam hast du mit
unserm Glück gespielt Kleberg wie grausam mit der Ruhe des armen Mädchens
    Mariane der ungerechte Mann klagte Lisettens Eitelkeit an Ich musste sie
verteidigen
 
                           Hundert und sechster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Da Liebe haben sie den Ausgang der kleinen Hausgeschichte von Kleberg und mir
    Mein Oheim und er hatten mich und Lisetten belauscht daher ging auch
Kleberg sogleich alles zu Lisettens Abreise zu bestellen und mein Oheim bat
mich auch ihm zu vergeben dass er sich mit meinem Manne gegen mich verbunden
hätte um mir die Idee seiner anglimmenden Liebe für Lisetten zu geben nur um
den Gang meines Herzens in dieser so feinen und entscheidenden Gelegenheit zu
beobachten Er dankte mir für die innige Freude die ihm mein edles und kluges
Betragen gegeben habe er versicherte mich dass mein Mann mehr dabei gelitten
habe als ich weil er alle meinen Schmerz und mein Kämpfen gegen meine
aufgebrachte Empfindlichkeit gesehen hätte Er habe deswegen eine Reise
vorgeschlagen um Klebergen noch ein paar Tage bei festem Sinn zu halten und
Herr Linke hatte den Auftrag mich und Lisetten zu beobachten dessen
Anmerkungen mir eine süße Belohnung für meine Unruhe sein würde Du hast die
Hochachtung deiner Freunde verdoppelt dein Mann verehrt dich auf das Neue du
musst ihm vergeben wie mir
    Bin ich nicht in einer sonderbaren Lage mit diesen zwei Männern und wie
viele vortreffliche Herzen von Frauenzimmern würden elend durch die Leute wenn
sie sich nicht gerade zu nach ihrem Sinn aufführten Gott sei ewig für die
Richtung gedankt die er meinen Gefühlen gab und möge mir diese Erfahrung den
Vorsatz der gedultigen und verschwiegenen Ertragung alles Übels recht tief
einprägen möge die Ruhe des Herzens die meine Überwindung des Widerwillens
gegen Lisetten mich empfinden ließ möge diese die Grundlage eines immer
edelmütigen Bezeigens gegen alle werden die mich hier und da beleidigen
können unausgesetzt so gut zu sein als ich kann Mariane dies dies sei die
Stütze für den Gang meines täglichen Lebens und möge die Vorsicht diesen
herzlichen Vorsatz allein dadurch seegnen und lohnen dass ich niemals einer
niedrigen Leidenschaft des Neides der Rache des Hasses und der Eitelkeit zu
Teil werde Sagen sie Amen dazu teure edle Freundin Sagen sie Amen zu
diesem teuer erkauften wahren Wunsche meiner Seele und schicken sie mir meine
Briefe über diese Sache durch diesen Reitknecht zu Kleberg und mein Oheim
wollen sie sehen
    Lisette jammerte mich nun aufrichtig wie wenig Kunst gehört für einem
schönen die Welt und Menschen kennenden Mann dazu einem zärtlichen etwas
eitelen Mädchen etwas weis zu machen Man wird sagen ja aber Kleberg war ja ein
verheirateter Mann das wusste sie warum wusste sie doch noch Koquetenstreiche
mit ihm anfangen Ach sie sah ihn gewiss nur aus dem Gesichtspunkt an dass er
ein schöner artiger Mann sei der viel Geist habe und dessen Aufmerksamkeit
auf sie der größte Beweis ihrer Liebenswürdigkeit war und so wurde sie
hingezogen Die Arme Hätte sie je vermuten können dass sie nur zu einem
Probestück meiner Vergrößerung dienen sollen so würde ihre beleidigte
Eitelkeit sie geschützt haben so wie die geschmeichelte ihre Verirrung
veranlasste
    Ich ging noch zu ihr nahm Abschied weinte mit ihr und schloss sie an mich
Lisette liebenswürdige Lisette ich bitte sie verwahren sie ihr zärtliches
Herz vor den Schmeicheleien der Männer von welcher Gattung sie sein mögen
wachen sie über den Ausdruck ihrer Empfindungen mein Kind damit ihre Freude
oder Missvergnügen nicht gleich allen die sie sehen deutlich werde Und wenn
sie eine Freundin brauchen so rechnen sie auf Rosalia Kleberg Sie ließ sich zu
ihrer Tante aufs Land führen wo sie schon eingeladen war und bis im Winter
bleiben will Ich weiß nun nicht ist Folgendes was ich Ihnen schreiben werde
wirklich ein Beweis von einem Mangel seines Empfindens wie ich es nannte oder
wie Linke behauptet Übermaas der Vergütung die Kleberg und mein Oheim mir
schuldig zu sein dachten oder auch Übermaas von Feinheit in mir Irgend etwas
ist es denn der kleine Widerwille den der Vorgang in mir erweckte beweiset
dass Übermaas da war Ich wusste nicht warum wir so lange allein gelassen
wurden und weder Latten Hannchen oder Linke zu sehen und zu hören waren Aber
Kleberg hatte sie darum gebeten um mit mir sprechen zu können Als ich ihn
meiner Vergebung versichert hatte sagte mein Oheim nun wollen wir im
Laubensaal unser Abendbrot essen Ott und seine Julie müssen dazu kommen
Kleberg ging hin sie zu holen und mein Oheim führte mich am Arm durch den
Garten hinunter und gab mir durch tausend Liebkosungen seine Zufriedenheit zu
erkennen Alle unsere Freunde kamen uns an dem Bach entgegen wir setzten uns
auf Verlangen meines Oheims auf den Bänken am Ufer nieder Linke allein blieb
stehen und gab auf meinen Oheim acht der ihm endlich sagte Ich bin sicher
Herr Linke dass alle liebe Freunde von Rosalien Anteil an Ihrem kleinen
Tagebuche nehmen werden lesen sie es doch vor Und liebe liebe Mariane was
kam die Erzählung des Vorsatzes von Kleberg mich durch Eifersucht auf eine
Probe zu stellen und das ganze Betragen von Lisetten das meinige Bemerkungen
jedes meiner Freunde Ottens Juliens und Hannchens Beurteilungen Lattens
seine über Kleberg über mich und Lisetten Ich wurde ganz niedergedrückt vom
Lobe der Liebe und dem Anteile die alle an mir bewiesen hatten Kleberg saß
neben mir hielt eine meiner Hände drückte sie oft küsste sie legte auch
seinen Kopf ein paarmal auf meinen Arm Latten sprach sehr wenig hatte aber das
gefühlvollste Aussehn Mein Oheim blickte mich mit nassen blinzenden Augen an
und klopfte mir oft auf die Achsel Bravo Rosalie bravo sagte er mit einer
halb lachenden halb weinenden Stimme wenn Etwas zu meiner Erhebung dienendes
vorgelesen wurde Könnte ich doch eine Berechnung darüber darlegen was für
Empfindungen von Seeligkeit in den wenigen Tagen von Kümmernissen für mich
entstanden waren als ich stillschweigend litt und mit so viel Anmut und
Rechtschaffenheit zu tragen suchte So war das Zeugnis meines Herzens Recht zu
tun Trost Stärke und Lohn schon im Innern für mich und nun sammlete ich eine
so reiche Erndte des Beifalls von so viel edlen Menschen ein O Mariane es
müsste sehr schlimm sehr unglücklich mit mir gehen wenn ich nicht fest
unwandelbar fest auf dem Wege des Guten bliebe Ich bekannte dass mich mein
freundliches sanftes Betragen gegen Lisette viele Überwindung gekostet habe
Kleberg und das Mädchen wurden getadelt und die Natur der Liebe und Eifersucht
in Untersuchung gezogen endlich dem guten Hannchen allein die Nutzanwendung
zugeeignet damit sie andern Frauenzimmern davon predigen möge ich aber bat
alle um den Beweis ihrer Achtung für mich ja keiner Seele von der armen Lisette
in diesem Ton zu sprechen und redte mit Eifer gegen das ungerechte Betragen der
Männer und den Missbrauch ihrer mehreren Geisteskräfte Ich bat endlich Linken
mir sein Heft zu geben weil ich es als Denkmal seiner Freundschaft für mich
ansähe Er gab mirs und ich ging mit Julien und Hannchen dem kleinen Feldheerd
zu bei dem meine Köchin etwas warme Speisen im Walde bereitete Linke mutmasste
meine Absicht das Heft zu verbrennen und kam schnell genug zu uns um es mir
just in dem Augenblicke aus den Händen zu reißen da ich es unter den Gemüstopf
stecken wollte Er packte mich aber so hastig um den Leib dass er mich vor
Schrecken halb krank machte und mir für den ganzen Abend Mattigkeit und Blässe
zurückließ Wir gingen in den LaubenSaal wo der Tisch gedeckt war Wir
speissten sehr vergnügt unter Gesprächen über den wahren Wert der ausübenden
Tugend und der wahren Reitze welche die Männer fesselte Die Nacht sank
gänzlich nieder und mein Oheim zog dann den Zapfen aus der den Tisch und die
Stelle auf welcher die Stühle stehen fest hält und ließ uns da umdrehen Ich
ward bei der abgeänderten Aussicht die mir vorkam auf einmal über den Anblick
einer kleinen artigen Beleuchtung des ganzen nahen Hügels in Staunen gesetzt
indem die in die Anhöhe eingesteckten Lampen die Worte anzeigten
    »Lebe lang edle Rosalia«
    Ein Kranz vom blauem Feuer brannte umher und Fritzgen Latten kam zu mir
gehüpft noch mit der Zündrute in der Hand und küsste freudig meine Hände Ich
habe die Lampen von ihrem Namen angezündet Zärtlich umarmte ich ihn und
wünschte mir ein so gefühlvolles Kind möchte es Mädchen oder Knabe sein Als
ich nach Hause ging gab er mir eine artige Brieftasche und wünschte mir gute
Nacht Ich öffnete sie und fand folgendes
    »Noch ist meine Seele nicht groß genug alle den Wert der Seeligkeit zu
fassen an ihre edle Brust gedrückt zu werden aber mein Vater wird mich lehren
wie ich sie verehren soll und dann komme ich und lerne süße liebende Weisheit
von ihnen und bin wieder so glücklich die Luft zu atmen die sie umgibt
Fritz Latten«
    Ich las es flüchtig durch denn der Tag hatte von Klebergs Seite so viel
Eindruck auf mich gemacht dass ich nichts als ihn dachte und ihm auch diese
Brieftasche erst den andern Tag zeigte da wir alle über Lattens Abreise traurig
und verwirrt beisammen saßen Kleberg las diese Zeilen einigemale mit
Aufmerksamkeit und Lächeln durch Guter rechtschaffener Latten sagte er
gerührt Gott erhalte dich wo du auch sein magst
    Ott hatte ihm zu seiner Reise alle Anstalten gemacht und kam um zehn Uhr
uns die Danksagungen und Freundschaftsversicherung des Edlen zu bringen Kleberg
sprach lang allein mit ihm kam dann mit gerührter Miene wieder zu uns und war
den ganzen Tag und Abend sanft traurig Wir sprachen viel von Latten alle mit
Anteil und vieler Verehrung Fritzgen hatte sehr um sein Feld und Hannsen
geweint Da versprach ihm sein Vater dass es fortgebaut werden sollte Und das
soll es auch sagte Kleberg und für seinen Hanns will ich auch sorgen Der
Himmel weiß wenn wir ihn wieder sehen den lieben Mann Denn ich muss es Ihnen
nur sagen es ist Liebe die ihn weit von uns führt Liebe für mich Dieser
entfliehet er nach Holland Durch Otten werden wir hören ob er lebt und wohl
ist Ach sagte ich ihnen nicht dass es gefehlt sei als das Tagebuch von Linken
gelesen wurde und sie gaben ihm auch meine von ihnen zurück gekommenen Briefe
hin zu was taugte dieses Aufweisen Der arme Latten Gefühl ist die Klippe an
der seine Weisheit immer scheitern wird Ich habe doch niemals nichts von Liebe
gegen mich bemerkt ausgenommen ein paarmal däuchte mich dass er sein Fritzgen
schnell von mir rief und ihn mit etwas Erröten auf die Stelle küsste wo so zu
sagen die Küsse lagen Aber sein Auge war so bescheiden zur Erde gesenkt und
seine Unterredung und sein Bezeigen ging so gewöhnlich fort dass ich mir diese
Bemerkung vorwarf und als falsch untersagte Er bot mir auch seinen Arm seltener
an als die andern Männer doch da er sonst kein Frauenzimmer führte so machte
ich auch keine Glossen darüber Nun bin ich froh dass er weg ist und Linke
singt auch »Seelig die Abwesenden« Meine Briefe sind mir beinah verhasst
worden weil sie wie Ott sagt Latten den Garaus gemacht haben aber Kleberg
hat sie mit vielem Nachdenken gelesen und mir über alle Stellen wo ich seine
Leidenschaft zu sehen glaubte die Auflösung gegeben Niemals hat er Lisetten
allein gesprochen niemals ihre Hand oder ihre Lippen berührt nur so viel
Blicke und halbe Worte zu ihrem Lobe angewandt als nötig war mich besorgt zu
machen Des Mädchens Eitelkeit machte sie zunderartig sagte er Abends als ich
ihn aus dem Fenster beobachtete lag er wirklich am Stock gelehnt und dachte an
die traurige Wirkung die seine tolle Grille schon auf mich gemacht hatte Ich
war auch schon blasser hagerer und er unentschlossener wie ich ob er den
Abend noch sprechen sollte und mitten unter diesen Gedanken hört er gehen
sieht sich um und erblickt Lisetten die ihm sehr unangenehm war weil er von
Linke schon alles wusste Er begegnete ihr mit Ernst wie er auch den zweiten Tag
bei den Kupferstichen tat da er auch erst einen Augenblick vor mir in das
Zimmer gekommen und aus Unwillen sie da zu finden wieder in das Nebenzimmer
geeilt war Daher wäre ihre Unzufriedenheit gekommen und ihre Klagen über seinen
Stolz und seine Falschheit Ach meine Mariane es war doch eine hässliche
Spielerei die der Mann da mit mir vor hatte und mich zum Balle jedes Zweifels
und jedes Argwohns machte die mich alles in dem schlimmsten Verstande nehmen
ließ Ich will über nichts mehr Auslegungen herklügeln und alle gute Menschen
warnen sich nicht von Ahndungen hinreißen zu lassen Es ist doch ein
wesentlicher Teil meines Wohls dahin ich fühle es und Kleberg befürchtet es
Mit Latten ist uns auch was verloren und ich sehe fast ganz deutlich dass es
den artigen Kleberg verdriesst dass er keine Beobachtung auf dieser Seite über
mich machen konnte Latten meint er wäre der einzige gefährliche Mensch für
mich gewesen da würde der Streit zwischen meinen Grundsätzen und meinem
Geschmack sehr stark und sehr schön gewesen sein Salie wärest du auch vor
Latten geflohen Nein denn ich fürchtete ihn nicht Dein Bild und mein
Misvergnügen über alle Männer waren meine Schutzwehr und werden es bleiben Wir
offen bei Ott zu Mittag und Julie sagte mir mit Tränen noch vieles von Latten
dass er seine Abreise so schmerzlich gefunden und sie gebeten habe ihre kleine
Rosalia recht wohl zu besorgen und für seinen Fritz zu erziehen dass er bei all
unsern Armen und Kranken gewesen auch oft in die Dorfschule gekommen sei bei
ihrem Ott gar viel geweint habe Es erweichte mein Herz
    Warum ach warum musste ich ihm gefallen ich seine Ruhe stören Möchte
dieses schmeichelhafte Los auf jemand anders gefallen sein und ich als seine
Freundin und Trösterin ihn noch bei uns sehen ihn zerstreuen helfen Möge der
erste Abendwind den er nach dem schwülen Tage herbei rufen wird auch dieses
sein Wohl zerstörendes Aufwallen einer unordentlichen Liebe verwehen und nichts
übrig lassen als was Erinnerung einer treuen zärtlichen Schwester sein kann
welche ich so gern für ihn gewesen wäre Die van Guden hatte wohl Recht zu
sagen Süße und bittere Leidenschaften unterbrechen den Gang unsers Glücks und
unserer Tugend Möge er beide auf dem Wege seiner edlen Flucht finden und der
Himmel sein Herz mit Stärke und Ruhe segnen
    Mein Kleberg ist sehr sorgfältig um mich herum und lässt mir die Freude für
Arme bei ihm zu bitten Ich und Julie unterhalten vier arme alte Weibsleute
diese müssen aber da alle junge bei der Erndte zu tun haben für die kleinen
Kinder im Dorfe sorgen Wir haben ein TagelöhnerHäussgen mit einem Baumgarten
gekauft darin wohnen die vier Weiber denen die Kinder recht gern zulaufen und
auch zugetragen werden die dann in dem Baumgarten sorgloss und frei herum
krabeln spielen und springen Mädchen die schon etwas Geschicklichkeit haben
sitzen da und spinnen nähen oder stricken welches Julie und ich einigen von
ihnen gelehrt haben auch müssen die kleinen Mädchen das Dorf vor den Häusern
hin sauber halten Bei vielen haben wir es schon dahin gebracht dass auf einer
Seite des Eingangs schmale Streifen von Rasen oder Blumenbeeten angelegt sind
auf der andern Bänke oder eine halbe Laube da wir dann oft mit unsern Männern
herumgehen uns zu den Leuten setzen mit ihnen sprechen und mein Oheim oder
Kleberg mit dem Pfarrer vereint oft einen kleinen Streit schlichten helfen
Latten hatte wohl wahr gesagt der Landmann ist ein lieber kostbarer Mensch
Misshandlung Verachtung und Härte macht ihn bös und ändert seine natürliche
Anlage zu einfachen guten Gesinnungen Wir munteren sie sehr zum Fleiß und
Ordnung auf hingegen bekommen sie auch oft kleine Festtage das heißt die
jungen Leute einen Tanz die Alten einen Trunk und das meistens bei der Linde im
Dorfe Der gute Latten wollte ihnen auch einen frölichen Tag machen und wurde
dieser Freude beraubt Ist es aber nicht schön dass er auf alles Verzicht tun
konnte jeden Entwurf des Vergnügens jedes genossene aufgeben um ja nichts
gegen seine Pflichten und gegen unsere Ruhe zu tun Edler edler junger Mann
Gott leite dich
    Kleberg lässt mich nicht am Rahmen fortnähen und wollte Lisetten ihre Arbeit
nachschicken Es schien mir aber grausam und ich widersetzte mich so lang bis
er nachgab Nun liegt alles verschlossen Rachsucht an leblosen Dingen sagte
ich kommt aus der nämlichen Ursache wie die Bewegung des Danks und der Liebe
gegen Sachen die eine uns werte Person gleichsam einweihete Er gab mir recht
und ich nähe nun mit Hannchen an weißem HausLeinen Julie kommt auch mit ihrem
Strickzeug und unsere Männer lesen dann wann wir keine Fremde haben und ihre
Geschäfte vorbei sind etwas aus neuen Schriften aus Zeitungen sprechen
darüber und wir freuen uns so gute vernünftige Männer und Freunde zu haben
    Übermorgen kommt Frau Grafe eine Ihrer Nichten und ihr Mann auf vierzehn
Tage zu uns und dann wird der anfangende Herbst uns bald in der Stadt sammlen
 
                          Hundert und siebender Brief
                           Kleberg an seinen Freund
Trotze niemals dem Elende und spiele nicht mit dem Glücke denn das erste kann
mit aller Gewalt über dich kommen und das zweite dir gar leicht entfliehen
Dies mein Lieber dies ist alles was ich jetzt für mich und meine Freunde von
einem großen Plane zurück habe den ich um den Genuss meines Wohls zu vermehren
seit einigen Wochen befolgte Meine Residentenstelle gibt mir wenig Arbeit und
mein artiges Amt und meine guten Bauern auch nicht viel Ein noch ziemlich neuer
Ehemann bin ich auch so dass wir noch erlaubt ist mit meiner Frau zu tändeln
Ich habe freilich etliche ernsthafte Beobachtungen mit unter gemischt die alle
einen sehr angenehmen Aufschluss hatten Denn meine Salie ist ohne es zu wollen
und zu wissen noch so artig so neu und blühend als ein Mädchen daneben aber
so voll Würde Klugheit und anstelligem Wesen dass man sie für ein schätzbares
Weib ansehen muss und da ich sie auf allen Seiten kennen wollte so musste ich
auch die vom Gefühl der Eifersucht ans Licht ziehen
    Sie hatte mit etlichen artigen Mädchen Freundschaft gemacht und diese kamen
alle Wochen zweimal in unser Haus mit ihrer Arbeit und da musste ich Bücher zum
Vorlesen schaffen Oft las ich selbst was vor und ergötzte mich an den Ideen
den Fragen und dem Witze der Mädchen sagte ihnen dabei auch oft schöne Sachen
vor Eine war hübsch niedlich und aus Eitelkeit empfindlich dann das musste sie
sein sonst wäre es nicht möglich gewesen dass sich das Mädchen getraut hätte
neben Rosalien stehen zu wollen Ich merkte dies und anfangs wollte ich bloß
sehen wie weit sie gehen würde dann fiel mir der rasende Gedanke ein meine
Salie mit diesem Geschöpf auf die Probe der Eifersucht zu stellen Zu meinen
Glück habe ich alles ihrem Oheim gesagt der auch seinen Spaß daran haben
wollte wenn sie nun zu ihm kommen würde über mich zu jammern und zu klagen
Wir nahmen das Mädchen mit aufs Land und dort führte ich meinen Entwurf aus
Lisette so hieß sie dachte sich wirklich vorgezogen und gab mir auch ihre
Zufriedenheit mit dem unverhohlnen Anscheine eines Einverständnisses zu
erkennen Ich lehnte nichts ab nahm es aber nur halb an weil dies hinreichte
bei Rosalien den verlangten Eindruck zu machen Ich bemerkte sehr deutlich wie
der Stachel anfing zu ritzen Sie dauerte mich und das um so mehr als die gute
reine Seele ihrem Gefühl und ihren Beobachtungen widerstrebte und es von mir und
von Lisetten nicht glauben wollte sich von Gelegenheiten der Überzeugung
entfernte und wegwandte Das Mädchen wurde zudringlich und verlor sich zu
weit Meine Salie jammerte mich desto mehr je edler sie sich betrug Ich bat
unsern Oheim eine kleine Reise zu erdenken mich mitzunehmen und dann bei
unserer Rückkunft der Komödie bei einem guten Anlass ein Ende zu machen Ich habe
hier einen Schulfreund Linke ein rechtschaffener vernünftiger ungekünstelter
Mensch dem sagte ich die Absicht meines Verhältnis und meiner Reise er solle
doch Lisetten und meine Frau genau bemerken und ein Tagebuch halten Er versagte
mirs anfangs und stellte mir mein Unrecht vor die liebe redliche Satie zu
kränken und machte mir mit Kopfschütteln über einen Mangel an Liebe Vorwürfe
    Freilich liebt er anders als ich doch kann niemand mehr Zärtlichkeit für
sein Weib haben als ich für Salie aber nach meiner Weise
    Mein Freund und Oheim mussten selbst mit dem Menschen sprechen um ihn zu
Ausrichtung meines Auftrages zu bewegen den er auch nur erst annahm als ihm
versprochen wurde dass er Saliens Briefe an ihre Mariane zu lesen bekommen
sollte weil ich sicher war dass sie dieser ihr ganzes Herz aufschließen würde
und am Ende auch die Rückfoderung dieser Briefe in meinem Plan kam welche
natürlicher Weise zu der ganzen Kenntnis von Saliens Empfindungsart nötig
waren
    Sie war Weib aber ein edles gutes Weib Die vermeinte Teilung meines
Herzens tat ihr schmerzlich weh Sie war tadelsüchtig fand Fehler an Lisetten
und mir aber immer mischte sich Zärtlichkeit für mich und Menschenliebe für
Lisetten unter all dieses und fasste also mehr Wahrheit und Natur in sich als
wenn sie gleich alles so groß angenommen und getragen hätte Sie versöhnte sich
aber ihre Briefe an Marianen beweisen dass mein Gefühl richtig ist wenn ich
sage dass die Blüte meines Glücks dahin sei Es liegt tief in ihrem Herzen
etwas wider mich Ihre Hochachtung für mich hat gelitten und also auch ihre
Zärtlichkeit Du weißt nicht was ich alles für namenlose Seeligkeiten damit
verlor Dass doch wir Menschen nichts ruhig genießen nichts so lassen können
wie das Schicksal es gibt Mit unserm Künstlen und Raffiniren verderben wir
immer das Beste Ich sagte nach Durchlesung ihrer Briefe über diesen Vorgang
dass sie diese Seelenkrankheit nicht so geduldig ertragen hätte als ich sie
Schmerzen des Körpers hätte tragen sehen Eine ganz kleine Errötung lief über
ihr Gesicht und ein unmutiger Blick war in ihrem Auge aber nur wie ein Blitz
und mit einer gedämpften Stimme antwortete sie Krankheiten entstehen nach den
ewigen Gesetzen der Natur denen ich mich mit innigster Verehrung unterwerfe
aber  sie hielt inne und lächelte gegen uns alle Liebe liebe Salie was aber
was Sie errötete wieder und wollte es nicht sagen aber endlich fuhr sie fort
vergeben Sie Kleberg wenn ich diese ehrerbietige Unterwerfung für die Willkür
eines Mannes nicht fühle Ich schwieg und fragte sie nichts weiter ich fühlte
auch was sie da sagte Ein Stück Verachtung ist in ihr Sie hasst alle Arten von
Ränken als niedrig Sie ist so wahr so offen sie liebte mich mit dem so
außerordentlichen Vorzug und sie hatte mir ihren Abscheu vor Koquetterie so
oft gezeigt Ich hab eine zu empfindliche Seite verletzt und da werden die
Wunden immer tiefer Ich will nun sehen wie lange sie Unzufriedenheit ernähren
kann Ich bin äußerst sorgsam und liebreich um sie herum teils aus Plan aber
auch aus ganzer Seele denn es ist ein reizend Weib Komm doch und sieh sie Der
edle Umriss die Geistund Gütevolle Physiognomie Blick Lächlen und Stimme
Gedanken Empfindung Gang Gebärden Kleidung Reinigkeit Leben und Sanftmut
Arbeiten Klavier und Gesang und ihre Liebe ihre Liebe o ich Tor Mit was
für Übermut setzte ich einen Schatz von erworbenem Gold auf eine zweifelhafte
Karte Ich bin noch ihr Liebhaber aber nicht mehr ihr Geliebter ich bin ihr
nur Ehemann so blickt sie mich an so umarmt sie mich so spricht sie mit mir
Aengstliche misstrauische Sorgfalt das Übel nicht ärger werde ist an die
Stelle der lebhaften Begierde mir zu gefallen mich zu genießen getreten
Arme Salie Auch du bist nicht mehr so glücklich als du warst Alles alles was
du tust ist Tugend denn dein Herz und deine Grundsätze erlauben dir nicht
die geringste deiner Pflichten zu versäumen Du willst nun das Zeugnis deines
Gewissens für dich haben weil die Überzeugung vom Glück der Liebe dahin ist
Ihre Heiterkeit ist fort und nur wie heller Mond an dem immer graue Wolken
vorbei ziehen und seine angenehme Beleuchtung unterbrechen Kein ganz reines
Blau kein helles Licht mehr Sie gibt sich Mühe gut und zärtlich zu sein
aber diese Bemühung macht mich toll und elend Sie sagt auch ihrem Oheim
nichts in ihren Briefen an Marianen nichts Sie hat die verwünschte Lisette mit
einer solchen Großmut behandelt hat sich im Ganzen so untadelhaft betragen
dass sie notwendiger Weise sich selbst hochachten muss Ich will aber ihr Ziel
dadurch verrücken dass ich ihr den Ehemann auf keiner Seite zeigen will sondern
als Liebhaber soll sie mich nun um sich sehen Ich will ein paar Unglückliche
aufsuchen und sie in Wohlstand setzen mit Otten Oheim und Linken über
verschiedene wichtige Gegenstände vernünftig sprechen dann hab ich sie wieder
ganz und feire einen neuen glücklichen Tag Unser Latten verdarb mir einen
andern Entwurf der halb aufkeimte Ich sah wie sehr sich seine Verehrung der
Liebe näherte Bald hätte sie es auch sehen müssen denn diese Bemerkung entgeht
auch der dümmsten nicht und auf dieser Seite hätte ich sie auch belauschen
mögen aber es kam zu nahe mit Lisetten und unser Freund floh vor dem
angebeteten Weibe Ich weiß nichts als dass er lebt
                                  Nachschrift
Er tut doch mehr als leben er liebt noch Denn da ich diese erstere Blätter
schon vor zwei Tagen schrieb da ich eben in einem Gedränge von Gedanken war
und der Bote nach der Stadt erst heute abgeht so kann ich dir noch etwas
hinzusetzen
    Ott verreisete vor vier Tagen Gestern kam er wieder und brachte Lattens
Fritzgen mit sich zurück den er Juliens und Rosaliens Güte empfiehlt denn er
geht noch einmal nach Italien und will das Kind nicht mitnehmen weil es schon
so vieles von der Reise gelitten und immer nach seinem Garten nach Hannsen und
nach der GartenMama weinte Ott hat zugleich alle Kapitale und Wechselbriefe
nebst einem Testament von Latten mit sich gebracht worin Ott und ich zu
Vormündern und Erziehern des Kleinen ernannt sind im Fall Gott ihn auf seiner
Reise wegnehmen sollte Ein großer Brief an mich worin er von seiner
Leidenschaft für Rosalien als ein braver Biedermann spricht und nicht zu uns
zurück kommen will wenn nicht aller Aufruhr seines Herzens gestillt und zu der
ebenen sanften Wärme der Freundschaft für Salie und mich herab gestimmt ist
Sein Tagebuch ist dabei das soll aber Salie so wahr ich lebe nicht eher zu
sehen bekommen als bis sie und ich unsere JubelHochzeit gefeiert haben werden
oder erst wenn sie mich überlebt in meinen Papieren finden Was für ein edles
Feuer lodert in allen Fibern des Schwärmers Wenn Rousseau noch lebte so müsste
Ott den lieben Kranken zu ihm führen weil er mehr als St Preur ist Lebte ich
in einer Insel so hätte ich am Ende der Durchlesung meine Salie mit einem
Schleier gedeckt an der Hand zu ihm geführt und sie ihm gegeben so mächtig hob
er mich aus jeder bürgerlichen und mir gewöhnlichen Verfassung heraus und
gestern schien mir Salie das ihm entrissene Weib zu sein Überhaupt ist sie
ihrem Oheime Julien Otten und mir zu einer Art Heiligtum geworden seitdem
wir die reine Flamme kennen die sie entzündete Mein Herz und meine Augen
flossen für den guten Menschen über Ich suchte Fritzgen nahm ihn auf meine
Arme und trug ihn von Ottens Haus ohne Hut auf meinem Kopfe zu Rosaliens
Füßen die sich vor Staunen kaum zu helfen wusste Ist Latten wieder da fragte
sie Nein Liebe der Arme ist noch nicht stark genug er übergibt uns das
Liebste und geht weit Ich konnte nicht fort reden Der Kleine hing an Saliens
Halse sie umfasste ihn mit einem Arme und reichte die andre Hand nach mir mit
einem Blick voll Tränen und einem Ausdruck der mich durchdrang Salie
Engelsweib sagte ich sei gern mein Vergieb mir ganz liebe mich wieder liebe
Latten wie ers verdient und lass Fritzgen unser Kind sein Ihr Kopf sank wieder
vertraut auf meine Brust ihr Kuss war wieder zärtlich und lebhaft und von
diesem Augenblicke an liegt wieder neuer Schimmer auf allem Mein Glücke ihr
Glück ist neu dank Lisette dank Latten ohne euch hätte ich diesen Rausch von
Freuden nie gekannt
 
                            Hundert und achter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Vergeben sie Teure Liebe Ich schrieb wenige und kurze Briefe Mein Herz war
zu gedrängt da konnte ich nicht sehr viel schreiben Ich weiß nicht eigentlich
so recht wo mein Stocken lag Vielleicht fürchtete ich sie möchten meine
Gemütsverfassung tadeln und ich hatte sie lieb ob sie schon nicht ganz
angenehm war denn es lag noch viel gegen Kleberg in mir Ich konnte ihm noch
immer nicht vergeben Mein Oheim und sie würden mich für übertrieben empfindlich
gescholten haben und ich konnte mir durch nichts als durch mein Schweigen eine
Art von Rache aufbehalten Ich bratzte doch nicht mit ihm wie man es hier zu
Lande heißt ich war gut freundlich artig munter und gewiss eine recht
gefällige Frau Aber das herrliche Bild süßer ehelicher Liebe des dauernden
Friedens dauernder vorziehender Achtung das war verschwunden Ich sagte mir
wohl warum willst denn du fodern dass für dich ein Hirngespinst vor
Vollkommenheit Fleisch und Blut bekommen soll es ist nicht im Menschen und
nicht im Schicksal Aber ich hatte es von Kleberg erwartet und ich konnte es
ihm nicht so bald vergeben dass er mich betrogen hatte Ich bemerkte dass er
mich mehr beobachtete als jemals Mag er doch dachte ich und verdoppelte
meine Aufmerksamkeit auf alles was man immer von einer Frau fodern kann Mein
Kleberg war anfangs etwas stutzig darüber ich um so sanftmütiger wohl
mitunter auch zärtlich hatte aber mehr außer meinen Zimmer zu tun als sonst
und als nötig gewesen wäre weil mir in Wahrheit die Luft schwer und drückend
vorkam so bald wir allein mit dem Oheim oder Hannchen Itten waren Unsre
Schlafzimmer blieben so seit seiner Rückkunft geschieden denn da mir mit meinen
Unmut in der Seele unser Wohnzimmer und Garten zu eng schien was würde aus
einem Kabinet geworden sein Niemals wird mein Hauswesen und Gesinde besser und
liebreicher geführt werden als diese zwei Wochen über geschehen ist niemals
werde ich mehr arbeiten und vollkommener als diese Tage und auch niemals weniger
und vernünftiger sprechen meine Stimme so gar hatte einen süssern Ton Aber ich
aß weniger und wurde etwas hagerer und auch blässer Gewiss Liebe uns ist nicht
wohl wenn wir irgend jemand in der Welt übel wollen Denn ich genoss mein Leben
mein Glück meine Freunde und meine Talente nur halb Mein Herz war dem
Vertrauen und der Freude verschlossen Ich liebte niemand als mich aber auf
eine sehr unedle und verkehrte Weise Kleberg wandte sich wieder auf den Weg des
Liebhabers und das nach einer Unterredung wo mir nur wenige auf die Geschichte
mit Lisetten zielende Worte entfallen waren und vielleicht ist das nie für eine
bessere Frau geschehen was der artige Mann für mich tat Ohne Zwang und
gesuchtes Wesen umgab er mich mit einer so galanten Sorgfalt als ob er um
meinen Beifall werben wollte Ich fand mich zum Vergessen meiner Klagen
verbunden und ihn zu meiner vorigen Liebe verdient und berechtigt Dennoch floss
es noch nicht rein aus dem Herzen ich musste mir Mühe geben seine Zärtlichkeit
mit Anmut zu erwidern aber ich vermied nun keine Gelegenheit mehr ihn
allein zu sehen besonders da er anfing etwas Nachdenkendes und dann und wann
Unruhiges zu zeigen Da fühlte ich den glimmenden Tocht der ersten Liebe in
meiner Sorge um ihn und wünschte nicht so weit von meinem Wege abgewichen zu
sein weil mir das Zurückgehen etwas hart ankam Sie sehen alles was verwundete
Zärtlichkeit und Eigenliebe für Krümmungen machten und mich in einem Kreis
herumführten aus dem ich so bald nicht gekommen wäre wenn nicht der Zufall das
Gefühl von Gerechtigkeit in mir erwecket hätte dem ich nachgab und glücklich
auf den Pfad der Wahrheit und des Wohlseins zurückkam Ach was für Seligkeit
liegt in Vergebung im Aussöhnen und in dem Gedanken dass wir uns selbst eben so
streng als den Nächsten beurteilten Beste beste Freundin dieses habe ich
erlebt und geübt wünschen sie mir Glück dazu Es kann für mein künftiges Leben
und Betragen recht nützlich sein Und nun denken sie sich alles zurück was ich
ihnen von Latten und seiner schnellen Abreise geschrieben und wie der Mann uns
alle an sich gezogen und interessiert hatte Wir sprachen nicht mehr so oft von
ihm besonders ich und Kleberg ich glaube beide aus Delikatesse weil sie alle
sagten seine Liebe für mich wäre Ursache seiner Entfernung gewesen Kleberg
besorgte ich möchte endlich Vergleichungen zwischen ihm und Latten und
Lisetten machen da diese auch weggereiset sei und ich wollte nicht von einem
so vollkommenen und mich liebenden Manne sprechen während das etwas Kälte für
meinen Mann in mir lag So war ungefähr gestern Vormittag noch die Lage von
Kleberg und mir Ott war verreist kam gegen Mittag wieder und ließ Kleberg
gleich um zwei Uhr rufen Er blieb lange weg so wie auch mein Oheim Ich
arbeitete noch eine Weile und ging endlich in mein Zimmer um alleine zu sein
und etwas zu lesen Gegen Abend kam auf einmal Kleberg mit dem kleinen Fritzgen
Latten in mein Zimmer gestürzt halb außer Atem ohne Hut und mit glühendem
Gesichte kniete mit dem Knaben im Arme vor mich hin gab mir ihn auf den Schoss
und sagt mit halbem Keuchen »Da Salie« Er bebte ich zitterte vor Staunen und
fragte auch abgebrochen ob Latten wieder da wäre Nein er hätte uns nur das
Liebste zum Pfande des Wiederkommens geschickt und nun erzählte er mir kurz und
mit Tränen im Auge dass der edle gute Mensch sich noch weiter entfernte und
endigte mit der Bitte Latten zu lieben wie er es verdiente ihm ganz zu
vergeben und gerne seine Rosalie zu sein Seine beiden Arme waren um mich und
Fritzgen geschlungen sein Kopf lag halb auf meinem freien Arme halb auf meinem
Schoss meine Seele war äußerst bewegt ich lehnte meinen Kopf auf den
Seinigen weinte und küsste ihn herzlich in dem Augenblicke da in mir doppelte
Betrachtungen über ihn und mich auch zu doppelten Beweggründen des Versöhnens
und Vergebens geworden waren Denn der Blick und der Ton mit welchem er mich
bat Latten zu lieben und ihm zu verzeihen war so innig so edel dass er mir
nicht nur hochachtungswert schien sondern ich mir auch sagte habe ich denn
nicht gleich anfangs als ich Lattens vorzügliche Verehrung für mich bemerkte
eine geheime aber wahre Freude darüber gehabt Ist nicht noch diesen Augenblick
meine feine Eigenliebe durch die Versicherung das seine Leidenschaft noch
dauert geschmeichelt worden warum sollte ich es dann Klebergen nicht
übersehen wenn er sich hie und da an dem Beifall eines Frauenzimmers ergötzte
da es bei ihm wie bei mir nichts als eine vorübergehende Eitelkeit ist Der
gute Mann war so froh so glücklich über mein wieder erworbenes Herz Fritzgen
wurde bald von ihm bald von mir geküsst und wir gelobten ihm beide Liebe und
Sorgfalt zärtlicher Eltern denn Latten hatte gewünscht dass das Kind bei uns
sein möchte Wir führten ihn beide nach seinem kleinen Garten Hanns wurde
geholt und der liebe Fritz lief ihm so weit er ihn sah entgegen küsste und
liebkosste ihn Hanns schüttelte ihm die Hände und beguckte ihn mit einer so
treuen Freude dass wir beide uns auch wieder bei der Hand fassten und
simpatetisch mit Hannsens Herzen sie uns auch schüttelten und drückten Nun kam
mein Oheim Julie und Ott langsam lauschend herbei und Kleberg umarmte alle
wie ein Mensch im Taumel eines starken Rausches tun mag Ott küsste meine Hände
Julchen meine Wangen und Fritzgen hing alle Augenblick an meinen Armen Der
Abend war äußerst glücklich Ich dünkte mich so leicht zu sein als könnte ich
fliegen Mein guter Oheim bekam ganz glänzende Augen nachdem er eine Weile auf
mich und Klebergen gesehen hatte Der Pfarrer besuchte uns auch und wir aßen
bei unserm Birnbaum etwas kalte Küche mit warmer herzlicher Freundschaft Die
Sterne kamen wir sahen sie mit so rechtschaffenen Herzen an dass sie gewiss
deswegen schöner blinkten Mein Auge heftete sich einige Zeit dahin besonders
gegen den Abendstern Mein Mann bemerkte es fasste liebreich meine Hand und
sagte Salie die Liebe hat mir viele Abende verschönert aber der heutige ist
der schönste von allen Ich drückte dankbar seine Hand dagegen aber da ich
nicht sprach so sagte er Liebe du denkst was besonders in diesem Augenblick
Und es war so Meine Seele fühlte bei dem so herrlich gestirnten Himmel und
dessen dämmernden Erleuchtung der Erde bei der Ruhe der ganzen Natur so viel
Erhebung und Dank gegen Gott ich versprach mir ja niemals mehr die Sonne über
meinem Zorn untergehen zu lassen Wie klein wie ungerecht stolz schien ich mir
Mein Herz wallte von guten Entschlüssen auf Es dünkte mich dass ich die Stärke
und den festen Willen hätte nie mehr etwas Unedles etwas Kleines oder
Ungütiges zu tun Mir war als könnte jeder Stern in meine Seele schauen und
wäre nun Zeuge von allen den Gesinnungen die in mir entstunden Ich war froh
dass sie mich von meinem garstigen Groll geheilt und gereinigt sahen Die
Unterredung der Männer lenkte sich auf die Sternkunde und ihre ersten Erfinder
auf die Schiffart auf die sichere Hoffnung in dem andern Leben unsere
Kenntnisse in Allem vervollkommt zu genießen und dann da wieder mit
Zufriedenheit an diesen der Verehrung Gottes geweihten Abend zu denken Mich
machte der Gedanke traurig dass während da wir sieben so ganz natürlich im
Anblick des Himmels auf gottselige Gesinnungen geleitet wurden so viele
Bösewichter sich nur über die ankommende Nacht und Sternhelle frenen um eine
menschenfeindliche Tat auszuüben in der Stille der Nacht die Stimme des
winselten Unglücklichen der in Mörder Hände fiel desto stärker hören bei
dieser Sterne sanften Schimmer seine ängstlichen flehenden Gesichtszüge die
ersten Wunden sehen und noch alsdann ihr Bubenstück vollführen Ach Menschen
mit einer unsterblichen Seele wie ich habe Was für ein Schauer durchlief mich
Unser ehrwürdiger Pfarrer segnete uns als wir uns trennten indem er wünschte
dass alle Leute von unserm Stande und Vermögen auf ihren Landgütern solche Abende
verleben möchten wo der Genuss zeitlicher Güter durch Unterhaltungen mit
nützlichen Wissenschaften gewürzt und der Verehrung unsers göttlichen Urhebers
geweiht gewesen wäre Wir dankten ihm alle recht sehr für seine Zufriedenheit
und Wünsche mein Oheim aber hielt ihn stillschweigend bei der Hand und nickte
ihm nur zu so wie er auch ohne zu reden von uns ging und nur mit Blicken und
Winken gute Nacht sagte Wir mein Mann und ich schlichen uns noch beide in
Fritzgens Zimmer das gleich an Kleberg seinem ist um zu sehen ob er gut
schliefe Die Züge der schlafenden Unschuld sind sehr rührend Sie können nicht
glauben wie schön der holde Knabe in einer so ganz ruhenden Stellung in reinem
Weiß ohne Haube da lag so wie der Genius der Zärtlichkeit nach Verbindung
zweier edlen Herzen ruhen mag Klebergs Blicke sahen aus wie Wünsche einen
solchen eigenen Sohn zu haben Vielleicht Ach Mariane beten Sie für mich
 
                           Hundert und neunter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Heute wird denke ich mein Brief Farben haben wenn ich so glücklich bin alles
zu schildern was seit einigen Tagen hier geschah Madame Grafe ist mit einer
artigen neu verheirateten Nichte bei uns und Kleberg hat schon vor einer Woche
einen sehr guten Maler hier der ihn Fritzgen und mich auf ein Stück für Latten
malen soll Der junge Mann ist voll Genie und so ganz von seiner Kunst trunken
voll dass ihm alles eine malerische Stellung einen malerischen Faltenbruch ein
malerisches Licht hat und erblickt er so etwas so wirds den Augenblick
aufgezeichnet Ich glaube dass er mich wohl schon zehenmal skizzirt hat Wir
haben Herbst gehalten und dazu auch die ganze Ittensche Familie eingeladen
Unsere Leute waren alle hübsch gekleidet alle Mägde hatten weiße Schürzen alle
Buben rote und gelbe Bänder auf den Hüten die Körbe waren alle neu und wir
auch nett angezogen Mit Hüten und kleinen Handkörben gingen wir mit dem Zuge
nach dem großen Baumgarten der dem jedesmaligen Beamten von Seedorf gehört Die
Bäume waren alle gestützt und schienen sich zu freuen dass sie ihrer Last
erledigt werden sollten Wir pflückten von den niederen Ästen selbst unsere
Männer brachen mit den Stangenkörben vieles ab und die Knechte kletterten dann
auch auf die Bäume Wir Frauen wollten gleich die Haushälterinnen machen zogen
Handschuh an und suchten die schönsten Äpfel und Birnen zum Aufheben aus
Kleberg machte halt indem er ohne Unterschied den zehnten Korb für die fünf
arme Familien bestimmte die keine Obstbäume haben und diesen zehnten Korb
bekommen sie so wie er gefüllt war mit Groß und Kleinen eben wie ich in mein
Haus Wir hatten eine Harfe und zwei Flöten die spielten unterdessen dass wir
sammleten Unser Maler half bald bald aber lehnte er sich an einem Baum und
krizelte geschwind einem Umriss dieser oder jener Gruppe Es wurde gesungen
Kuchen gegessen Kuchen unter die Armen die ihr Obst abholten ausgeteilt und
dann einige Korbwagen beladen nach Hause geführt Die Mägde und Knechte trugen
immer ihrer drei zwei Körbe voll hinterher Ein Knecht in der Mitte mit jeder
Hand die Henkel eines Korbes und dann zwei Mädchen die an den andern Henkeln
trugen die Musik ging voraus und wir alle wieder mit fort das Obst wurde in
die Tenne verschlossen Wir aßen munter zu Nacht und waren die zwei folgenden
Tage sehr eifrig mit dem Aussuchen zu Most zum Trocknen und zum Verwahren Ich
ließ süßen Birnmost kochen Apfelwein machen ganze und halbe Äpfel schälen
und dann sorgfältig in einem großen dazu eingerichteten Schranke trocknen Da
saßen die Ittenschen Töchter Mad Grafe ich Julie und das muntere junge
Weibchen in meinem großen unteren Saale all mit weißen Schürzen mit den Mägden
beisammen und schälten mit silbernen Obstmessern so eifrig als müssten wir davon
leben ordneten und legten es auf die Hurten zum Trocknen Da ist Hannchen
welche die feinen großen Birnen die schon etwas zu rief oder anbrüchig waren
abwischte und schälte ihre Schwestern die sie entzwei schnitten und besorgten
Hannchen aber die Schaalen mit etwas reinem Wasser kochte bis alles zu Brei
wurde dann den Brei durch ein Haarsieb laufen ließ nochmal ganz dick
einkochte und dann die halb trocknen Birnen darein tauchte und auf Papier
wieder in den Trockenofen brachte wieder eintauchte und platt drückte vollends
trocknete und in flache Schachteln legte da sie wie glasirt aussehen und gegen
das Licht gehalten ganz durchscheinend sind So machte sie es auch mit
Zwetschen und nun gießt sie Apfelgelee ein die sie ohne Zucker verfertigt Sie
nimmt PorstorferÄpfel macht sie mit einem Tuche rein und reibt sie auf dem
Reibeeisen klein lässt sie über Nacht in einem irrdenen Gefäße stehen und zieht
den Saft durch ein Haarsieb ab welchen sie im Zuckerkessel so lange kochen
lässt bis er dick und eine Sülze wird Alle diese häuslichen Geschäfte sind mit
vielen Freuden verknüpft Meine Mägde sind doppelt fleißig wenn ich so mit
dabei bin und auch doppelt reinlich Unsere Männer ergötzen sich auch daran und
waren schon bei dem Trocknen der feinen jungen Bohnen der Auskernererbsen der
Kirschen und Pflaumen um uns herum und schienen uns um so mehr zu achten als
wir Eifer und Geschicklichkeit zeigten Ich sagte immer Wir weil Julie und ich
uns so nennen da wirklich unsere Arbeiten und Vergnügen ganz gemeinschaftlich
sind Alle diese häuslichen Vorteile haben wir Hannchen Itten zu danken und ob
wir schon zwei stattliche Damen sind so machen wir uns doch eine Freude und
Ehre daraus von dem schätzbaren Mädchen zu lernen was wir nicht wissen In dem
Hause meiner Tante die mich erzog war das was man eine gute Stadtwirtschaft
heißt üblich Sie fasste gewiss alles Gute in sich was eine wohldenkende
Privatfamilienmutter wissen und tun soll Ich musste alle Art häuslicher
Näherei vom Männerhemde aus holländischer Leinwand an bis auf das
KüchenHandtuch recht gut und geschwind zu verfertigen und zuzuschneiden
wissen das Waschen Plätten und besonders schönes sorgsames Ausbessern so gut
wie unsere Näherin verstehen Einrichtung der Zimmer das Kochen und jede
Mägdearbeit lernen damit ich einst meine Leute mit Verstand regieren könnte und
nicht meine Mägde klüger wären als ich Daneben behauptete sie das einzige
Vorrecht des bessern Standes wäre in Allem doppelt so viel zu wissen und zu
tun als die Geringeren Daher kommen der Unterricht in Musik Zeichnen
Blumenmalen Sticken Putzarbeit verfertigen die Erlaubnis des Lesens und das
Lernen der Sprachen Oft war ich ihr böse und gram aber wenn sie nun noch
lebte so reiste ich zu ihr um ihre Hände zu küssen und ihr zu danken Die
Kenntnisse einer Landwirtschaft aber waren mir in allen ihren Teilen fremd
Frau Itten hatte sie vom Lande mit sich gebracht und ihre Kinder gelehrt Eben
so ging es mir auch mit Flachs Spinnerei und Weberkenntnissen meine teure
Freundin Hannchen teilte mir schwesterlich alles mit was sie davon wusste und
hatte auch die Einrichtung mit den Witwen und Mädchen ihre Spinnerei allein
besorgt Ich versichere Sie meine Liebe dass mich das Auslesen Abwischen ein
wenig Abkochen auf weißen Tüchern ausbreiten und Abtrocknen hernach langsames
Dörren unsere Böhnchen und Erbsen eben so freute als meine Tapetenarbeit an
schönen seidenen Stühlen die ich nähe Julchen kam zu mir und half in allem
dann ging ich und Hannchen alle Tage zu ihr bis auch alles zu Stande war
Mitteilung ist gewiss doppelter Genuss und das Leben der Freundschaft das
süßeste Leben der Erde Das edle gute Hannchen und ihr so ganz rechtschaffener
Bruder freuten sich mir durch ihre wirtliche Talente etwas von demjenigen zu
vergelten was sie mir schuldig zu sein glauben und uns freute dass die
schätzbare Mutter dieser Kinder in der Achtung die wir für Hannchens Wissen und
Geschicklichkeit haben einen Lohn für ihre vieljährige Erziehung Mühseligkeit
und Sorgen erhält Denn ich zeigte ihr schon hier meine großen Zuckerglässer voll
trockenen Gemüsses darunter Artischokenboden kleine Morcheln und ein Versuch
in Wiesenspargel war der uns recht gut geraten ist Meinen Vorrat an Flachs
Hanf und schon gesponnenem Garn wies ich auch als Früchte von Hannchens
Unterricht und Freundschaft Linke verdarb diese Herbstfreude da er nur einen
Tag da blieb und seitdem nicht mehr kam Wir hatten alle gehoft dass er
Hannchens Lohn und Glück werden sollte aber er war den Tag da eben die Eltern
und alle Kinder bei uns waren erst wenige Minuten vor dem Essen gekommen hatte
wenig gesprochen und blieb auch des Abends nicht bei uns so dass wir nicht
hätten tanzen können wenn nicht Ott ein paar Vettern bei sich gehabt hätte
wovon einer schon vier Wochen bei ihm ist der auch unserm Hannchen gern
nachgeht und als ein von Reichtum unterstützter Mensch ihr mit Zuversicht
schöne Sachen sagt
    Frau Grafe und ihre Nichte bleiben hier bis Frau Kotte sie abholt Die
junge Person ist hübsch gut voll Heiterkeit eines schuldlosen Herzens hat
ungemein vielen natürlichen Geist und hat oft die witzigsten Gedanken lacht
gern innig und treuherzig über den geringsten Anlass hängt weder an Putz noch
außerordentlichen Zeitvertreiben hasst die Tadelsucht und Schwätzereien mit
einem ihrem Herzen Ehre machenden Abschen jede Fähigkeit zu tätiger Tugend
ihres Standes und zu Kenntnissen liegt in ihr unverdorben und ohne falsche
Richtung und sie kann in allem einen der schätzbarsten weiblichen Charaktere
nach Geist und Seele werden Ihre Erziehung war kunstlos aber voll Sorgfalt
dass nichts an ihr bös oder verkehrt würde Dieses Weibchen erhält durch den
Zufall eines der schönsten Portraits von sich die jemals gemacht wurden Frau
Grafe mag zuweilen einmal spielen da saß ich mit Kleberg bei ihr am Lombretisch
in des Malers Zimmer weil mein Mann gern eine Zimmerwandrung macht wie er es
heißt Die Türe geht gerade auf die Treppe deren Fenster gegen Abend stehen
Unser Spieltisch war oben im Zimmer der Maler sah uns zu und das Weibchen
hatte ein wenig auf dem Klavier getändelt das an der Wand nah an der Türe
steht sie hörte auf nahm ein Buch und setzte sich seitwärts gegen uns ohne den
Stuhl zu wenden der einer von den Weidenstühlen von Metz ist wovon die Lehne
nur aus zwei runden Stäben in die Höhe und zwei schmalen Zwerchstücken besteht
so dass wir die ganze Gestalt des guten Geschöpfs dadurch sehen konnten Ihre
Kleidung war eine Pekesche von weißem mit rosenfarbenen Punkten durchzeichneten
Zitz mit einer Einfassung von lauter Rosenzweigen Ihre hübschen leicht
frisirten Haare waren nur mit einem kleinen Aufsatz von Flor geziert über
welchen ein Gewinde von roten und weißen Rosen herum gebogen war ihre heitre
Gesichtsfarbe lebhaften schwarzen Augen zeigten sich schön der linke Arm war
artig über die Lehne des Stuhls mit dem Buche in der Hand hingelegt und von der
rechten Hand nur ein paar Finger sichtbar welche die Blätter umwendeten Das
Klavier von braunem Holze die Gemälde auf der Wand auch in dunkler
Farbenmischung besonders eins dessen sehr breiter schwarzer Rahmen gerade den
Grund hinter dem jugendlichem Kopfe machte und alles das durch die offene
Doppeltüre von der AbendSonne beleuchtet tat die herrlichste Wirkung Unser
Maler rief uns wie ein entzückter Mensch aufzusehen bat zu gleicher Zeit die
junge Frau ja sitzen zu bleiben und sich zeichnen zu lassen In Wahrheit batten
wir alle niemals eine reizendere Beleuchtung eines Gegenstandes gesehen denn
die junge Person und ihre Kleidung allein mit einem Stück des Fussbodens wurden
von der Sonne bestrahlt und die Wand mit den Gemählden nebst dem Klavier
wurden nur durch den Widerschein erhellt und dienten also gerade zum Grunde
der die vorstehende Figur um so mehr erhob Das Weiße der Kleidung die
Rosenranken der Einfassung die florne Schürze der Faltenbruch die hellbraune
Lehne des Stuhls und die etwas dunklere Decke des Buches nahe gegen den Kopf in
diesem wieder ein blühendes Gesicht und dann die sich zum Lichtbraunen senkende
Haare und die Rosen darin alles mit Glanze der neigenden Sonne übergossen
machte wirklich eines der schönsten Gemälde Auch ging es nicht verloren denn
nachdem der gute entzückte Künstler so schnell er konnte das Ganze richtig
hinzeichnete besonders die Beleuchtung bemerkte so fing er auch gleich den
zweiten Tag an das Portrait des niedlichen Weibchens zu mahlen Das Stück wird
in Lebensgröße gemacht Er will sagt er sein Meisterstück daran verfertigen
es müsste ihm seine Aufnahme in der Akademie verschaffen und wirklich scheint
es als ob die Musen seine Farben und seinen Pinsel begeisterten so schnell und
vortrefflich wächst das Ganze unter seinen Händen zur Vollkommenheit hinan und
stellt eine ganz einnehmende Gestalt dar die dem Mahler und dem Gegenstande
Ehre macht und dem Auge aller die es jemals sehen werden ein großes Vergnügen
gewähren wird Überhaupt hat dieser junge Mann ganz den Enthusiasmus seiner
Kunst wie ein Poet jemals den Einfluss des Apolls fühlen kann auch geht er
gleich hin sich alles zu bemerken Unser Bild für Latten ist eben so schön
aber im Kleinen genommen Bei Fritzgens Feldgen ist an dem Birnbaum ein
Grasplatz der an den geschonten Traubengeländer hinläuft Dies macht eine Seite
von unserm Gemälde Kleberg in einer leichten Kleidung am Birnbaum gelehnt
bläset die Flöte und ich tanze mit Fritzgen Hanns steht am Geländer und sieht
uns zu in der Ferne sieht man unser Haus und vor diesem einen Teil des
Gartens Das Ganze ist drei Schuh breit und zwei Schuh hoch sieht sehr
freundlich und uns ähnlich
 
                           Hundert und zehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Wir bleiben länger hier als ich dachte Alle Zimmer haben Oefen bekommen denn
Kleberg will erst den ein und zwanzigsten November in die Stadt zurück um wie
er sagt die Natur sich auskleiden und einschlafen zu sehen welches bei dem
ersten Schnee sein wird Er reist doch öfters nach der Stadt und lässt gewiss da
nach seinem herrschenden Baugeiste etwas machen denn ich habe Briefe von
Bauleuten und Tapezierern an ihn gesehen jedoch nicht gelesen weil wir beide
hierinn recht artig miteinander handeln und keine Briefe öfnen nach keinem
fragen und beiderseits mit dem was wir uns davon erzählen zufrieden sind
Dies scheint eine unbedeutende Kleinigkeit unter Ehegatten zu sein und doch
meine Liebe liegt in dieser Bescheidenheit viel Gutes so wie überhaupt an
allen kleinen Fäden der Achtung und Höflichkeit Keine Teile des häuslichen
Glücks hängen daran besonders bei Leuten die einen Teil Eigenliebe neben der
ehelichen Liebe nähren Ein Missvergnügen hatte ich noch meine Freundin
Hannchen verließ mich Obschon Linke seinen Wohnsitz wieder bei uns aufschlug
so ging sie doch mit Julien vorgestern früh in die Stadt Ott aber und seine
Vettern blieben noch hier Julie hat sich zu einem Wochenbette anzuschicken
Meinem Hannchen fehlt etwas sie schien so beklemmt als sie ging und weinte
doch nicht Ihr guter Bruder sieht auch unzufrieden und unruhig aus und bleibt
mehr auf seinem Zimmer als sonst und Madame Guden schreibt mir weniger als
jemals Aber Nichts ist vollkommen die Wagschaale muss notwendig manchmal
steigen oder sinken denn welche Sterblichen blieb sein Schicksal immer im
Gleichgewicht Kleberg vermutet Hannchen wäre entweder über die muntere Niece
der Frau Grafe eifersüchtig geworden weil ich ihr viel Liebe zeigte oder sie
hätte Absichten auf Ottens Vetter und hefte sich daher an Julien Aber ich
widersprach beidem denn ihr Herz ist für Neid und Intriguen zu edel Linkens
Kälte mag sie etwas geschmerzt haben mich dünkt meine Vermutung darüber sei
die richtigste
    Ich nahm meinen Brief Mittags 2 Uhr zurück um Ihnen eine mich sehr freuende
Nachricht zu geben Linke frühstükte gestern bei Ott und kam nachher samt
diesem zu uns Halb munter fragte er warum ist Hannchen fort Ich sagte ich
wüsste es nicht Es hat doch eigene Ursachen Warum wollen sie es dann wissen
Weil es mir leid täte wenn es aus Liebe für Jemand geschehen wäre Und wollten
sie nicht dass Hannchen liebte Ja aber nur mich Husch Linke das ist schnell
gefodert für einen Menschen der so kalt war als das artige Geschöpf hier
lebte Kalt ich war eifersüchtig und beobachtete sie nur aber nie hat mein
Herz eine andere Frau gewünscht und nie werde ich eine andre nehmen Hohlen sie
sie wieder reden sie für mich mein Haus ist bestellt es mag zum Sterben oder
Heiraten sein
    Linke sagte ich sie gefallen mir nur halb bei Allem was sie da sagen und
mit diesem Tone da sollen sie Hannchen nicht haben
    Vergeben sie mir ich fühle dass ich ihre edle Freundschaft beleidigte Aber
ich bin so froh von Ott gehört zu haben dass Hannchen seinen Vetter abgewiesen
hat dass ich für Freuden tolles Zeug sprach Denn gewiss ich werde Hannchen mit
der Hochachtung begegnen die sie verdient
    Nun erzählte er warum er in die Stadt gegangen sei eines teils weil er
wirklich vermutet Herr Stiegen sei Hannchen werter als er und auch um mit
seiner Großmutter über einen Brief zu reden in welchem er ihr von seinen
Absichten auf Hannchen geschrieben hatte um ihren Beifall und eine Beisteuer zu
erhalten denn da er anfing an Hannchens Neigung zu zweifeln konnte er an
seine Großmutter nicht mehr in dem dringendem Tone schreiben und wollte daher
lieber mündlich mit ihr reden um alles auf Schrauben zu setzen die sich wenden
lassen wenn sein Glück sich wendete Also wäre die doppelte Besorgnis dass er
bei der alten Frau sich zu voreilig ausgelassen und seine Eifersucht zugleich
die Ursache von seinem finsteren und wie ich gesagt kalt scheinenden Aussehen
gewesen um so mehr da seine Großmutter alles recht wohl genommen und auch ihm
viel Gutes versprochen hätte doch mit einer Bedingung die ihn besorgt macht
wenn er auch des lieben Mädchens Neigung ganz für sich hätte Ich fragte
begierig nach dieser Bedingung dass wir bei ihr wohnen sollen und sie bei uns
in die Kost gehen will Denn mein Heiratsvortrag kam eben auf einen Tag wo sie
mit ihrer Magd unzufrieden war Und nach dem Lobe welche ich Hannchens
wirtschaftlichen Kenntnissen gab rechnete sie auf geschickte Führung ihrer
Hausangelegenheiten und Küche wobei sie auch sicher sein konnte niemals
verlassen zu werden Es ging setzte er hinzu wie bei den Angelegenheiten der
größten Menschen kleine Nebenideen befördern die Hauptsache Aber nun hilft mir
das alles nichts wenn Hannchen gegen mich geändert ist sagte er traurig und
trübe gegen mich die Augen auf den Platz geheftet wo das liebe Mädchen sonst
in meiner Stube saß
    Kleberg war unvermerkt von uns fortgegangen und hatte den jungen Itten
aufgesucht mit dem er von Linkens Absichten auf seine Schwester sprach und ihn
ersuchte aufrichtig zu sagen ob sie nicht für jemand anders eingenommen sei
und ob sein Freund sich Hoffnung machen könnte mt Achtung in seiner Familie
aufgenommen zu werden Der junge Mann öffnete Klebergen sein Herz und zugleich
das Herz seiner Schwester die gewiss eben so viel Neigung für Herrn Linke als
er für sie habe Sie habe ihrem Bruder alles entdeckt und ihn zu ihrem Aufseher
angenommen damit er sie beobachte ob in ihrem Wesen und Bezeigen nichts ihre
stark werdende Zärtlichkeit verrate damit sie ja in Zeiten auf den Pfad der
sittsamen Zurückhaltung einlenken möge So lang sie hofte war sie stark genug
gleichmütig zu scheinen aber da sie ihn geändert glaubte bekam ihr Kummer die
Oberhand Sie konnte ihn nicht überwältigen und wollte ihn doch auch nicht
sehen lassen deswegen ging sie nach Hause wo sie ruhig weinen konnte Kleberg
erzählte dieses auch mir und ich schrieb ein Billet an Hannchen dass mir ihre
Abwesenheit unerträglich wäre und ich sie morgen wieder hohlen würde Ich ging
auch heut Vormittag wit ihrem Bruder mit welchem Linke gesprochen hatte in die
Stadt um Hannchen mit mir nach Kahnberg zum Mittagsessen zu nehmen wohin sie
und wir geladen waren Sie hatten auch im Hause eine wahre Freude mich zu sehen
ausgenommen Hannchen und ihre Mutter über deren Gesichte eine Wolke von halbem
Weh hing Das war mir nicht möglich lange anzusehen ich bat also beide mit mir
in die kleine Laube von Essigtrauben zu gehen die ich sehr liebe und deren
Blätter nun auch schon die rötliche Farbe annehmen die ich so gern sehe Sie
folgten und da die übrigen bemerkt hatten dass ich diese allein sprechen
wollte so blieben sie zurück Ich setzte mich zwischen Mutter und Tochter die
auch beide etwas zu erwarten schienen und wie ich halb verlegen waren
endlich nahm ich Hannchen bei der Hand Ich wünschte meine Liebe dass sie bei
uns geblieben wären so hätte der gute Herr Linke seinen Antrag und seine Bitte
selbst vorbringen können die er mir aufgegeben bat Hier errötete das gute
Mädchen senkte den Kopf und die Mutter legte ihre Hand auf meinem Arm und
fasste mich mit etwas Zittern aber keine von beiden sprach ein Wort Ich fuhr
fort Sie müssen meine liebe Freundin schon lange bemerkt haben wie wert und
teuer sie unserm Linke sind er suchte ihre Hochachtung zu verdienen eh er
ihnen etwas von Liebe sagen wollte und dann wollte er auch nicht von Liebe
reden ohne zugleich im Stande zu sein ihnen seine Hand und eine hinlängliche
Versorgung anzubieten Das kann er nun meine Liebe und tut es heute durch
mich bei ihnen und ihrer Frau Mutter Sie schwieg noch und ich sagte Sie haben
ihm Achtung gezeigt er fürchtet aber diese vorteilhafte Gesinnung sei durch
die Aufwartung des Herrn Stiege in etwas gestört worden Hier sagte sie schnell
Nein ganz und gar nicht aber Herr Linke änderte sich Gewiss nicht liebes
Hannchen Warum ging er denn fort als meine Eltern kamen die er ja gern sehen
sollte wenn er mich liebte Meine Liebe sie haben ja gesehen was Eifersucht
für ein böses Gespenst ist und uns lauter fürchterliche Sachen vormalt Linke
dachte Herr Stiege würde sich einzuschmeicheln suchen und auch leichter Gehör
finden weil er reicher ist als er Warum hat er diese Vermutung von mir da
er selbst nicht auf Reichtum sieht Nun mein Hannchen ich glaube Herr Linke
wird ihnen in seinem Leben keinen Verdruss mehr machen Wollen sie ihm nicht
diesmal vergeben und ihm erlauben auf ihre Liebe zu hoffen Sie küsste meine
Hand und weinte stillschweigend Ich schlug einen Arm um sie Was ist das liebe
Freundin Warum in Tränen mein Hannchen O glauben sie ich würde nicht eine
Silbe für Linken gesagt haben wenn ich nicht sicher wäre dass sie glücklich mit
seinem Herzen sein würden aber wenn ihres nicht einstimmt mein Kind so wollen
wir von jetzo an die ganze Sache ruhen lassen und wie vorher unsere ruhige
gute Freundschaft fortsetzen Sie versuchte zu reden ihre Stimme wurde aber
durch Weinen erstickt und da fing die Mutter an Nun muss ich reden liebe Frau
Residentin weil ich das Herz meiner Tochter kenne Herr Linke ist ihr nicht
gleichgültig und sein Antrag macht Hannchen und uns allen Ehre und Freude
besonders da Herr Kleberg und sie die Sache gut finden so glaube ich auch dass
unser Kind glücklich sein wird Da standen der Mutter auch Tränen in den Augen
und die meinigen blieben nicht trocken Ich erzählte dann wie Herr Linke schon
über zwei Jahre her Hannchen liebte was er alles getan nur um sie zu sehen
und wie er alles eingerichtet hätte Dies gefiel der Mutter und Tochter Erstere
sagte Siehst du Hannchen dass die Mädchen nicht verliehren wenn man sie fein
im Hause hält Vielleicht wäre deine Haut nicht so rein und weiß geblieben wenn
du oft spazieren und zu besuchen gegangen wärest dann hättest du auch
allerhand fremde Sachen zu essen bekommen die auch die Haut verderben Hannchen
lächelte hier und sagte wobei sie auf mich deutete Ey Mama ich habe ja an
diesem Tisch viel Fremdes gegessen und muss doch nicht schlimmer geworden sein
weil ich Herrn Linke noch so wohl gefalle Ich fiel ein es ist also doch recht
dass sie ihm gefallen Sagen sie Liebe haben sie nichts einzuwenden bedenken
sie sich und sagen mir es nachher oder morgen Sie räusperte sich und war
bemüht das Weinen zu unterdrücken Endlich gelang es ihr mir zu sagen Ich
habe nicht nötig mich zu bedenken denn ich liebe Herrn Linke aufrichtig und
werde ihn immer einen reichern und vornehmern Manne vorziehen Nun weinte die
Mutter und reichte mit ihrer Hand über meinen Schoss hin nach ihrer Tochter da
ich zugleich letztere umarmte und ein herzliches Gott segne sie aussprach
Nach dieser ersten Bewegung war unser Gespräch freier und heiterer Darauf sagte
ich Linke hätte doch noch eine Besorgnis Und das sagte Hannchen schnell Ob
sie wohl gern bei seiner Großmutter wohnen werden die ihnen das ganze Hauswesen
übergeben will Sie zuckte ein wenig O Mama wenn es mir ginge wie ihnen Ich
sagte dann was ich davon wusste und die Mutter sprach ihr Mut zu Unter
andern mein Kind da kannst du am besten die Erziehung beweisen die du durch
mein Beispiel erhalten hast da jedermann wusste was ich ausstund Hannchen
beruhigte sich und ich fragte ob sie mit zu Kahnen wollte »Ja« Nun so
kleiden sie sich an Ich redte noch mit der Mutter die mir herzlich für meine
Verwendung dankte aber dabei sagte sie könnte Hannchen nichts geben als
weißes Zeug Betten und noch ein Kleid zu denen die sie hätte Ich wusste dass
Linke sonst nichts begehrte und bat sie an nichts zu denken als dass ihre gute
Tochter einen guten Mann bekäme Der Bruder hatte unterdessen auch geschwatzt
denn ich bemerkte dass die übrigen Schwestern ihrem Hannchen mit einer Art von
Ehrerbietung begegneten Wie es einer geweihten Sache gebührt sagte Kleberg
als ich ihn davon erzählte Wir trafen in Kahnberg unsere Freunde an Linke kam
schüchtern aber artig zu uns an den Waagen und hob mich heraus Haben sie für
mich gebeten sagt er indem er Hannchen anblickte Ja mein Freund und mein
edelmütiges Hannchen vergibt ihnen ihre Unart und glaubt Gutes von ihnen Er
küsste eine ihrer Hände Tausend Dank bestes Hannchen Sie sollen mich immer gut
finden Wir waren sehr vergnügt und Hannchen erfreute die große Achtung die
ihr Linke bei uns allen bezeigte Er kam als glücklicher Mensch zu uns zurück
und ist wirklich nach der Stadt gefahren um seine Bewerbung zu tun
 
                           Hundert und eilfter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich war weit entfernt zu denken dass die kleine Geschichte unsers guten Hannchen
Ihnen so anziehend scheinen würde um zu wünschen dass sie die nachkommenden
Auftritte des ersten Antrags sogleich erfahren möchten sonst hätten sie sie
schon längst haben sollen da ohnehin der ganze Roman seit drei Wochen geendigt
ist und ich nicht mehr von Hannchen sondern von Frau Linke schreiben muss Aber
ich habe weit nachzuholen und viel zu erzählen Nach meinem letzten großen
Briefe war Linke den Morgen nach dem Kahnischen Mittagsessen in der Stadt und
hielt bei Herrn und Frau Itten um ihre Tochter zu seiner Frau an und legte
ihnen die Papiere vor welche die Einkünfte seines Amts und diejenigen welche
ein vorzügliches Geschenk von seiner Großmutter bezeichneten aber freilich vom
letztern nur in so fern als er und seine Frau sie bei sich versorgen würden Da
war nun zwar kein Überfluss obschon beides zusammen gerechnet wurde aber es
war mehr als die gute Frau Itten mit ihren sechs Kindern jemals gesehen hatte
Also kam es ihnen viel vor und sie freuten sich ihre Tochter um so viel
glücklicher zu sehen als sie nicht gewesen Man bewilligte ihn sein gewünschtes
Hannchen neben der aufrichtigen Eröffnung dass man ihr kein Vermögen mitgeben
könne er solle dies seiner Frau Großmutter nochmals sagen und allen Vorwürfen
vorbeugen Er ging gerade zu der alten Frau hin und diese fasste einen ganz
eigenen Entschluss sie hing nämlich ihren großen Mantel um sich nahm unter
denselben ein kleines Kästchen und eine lederne Brieftasche mit einem eisernen
Schloss verwahrt und sagte zu ihrem Enkel im Herausgehen aus dem Zimmer
Christian komm und führ mich zu deiner Braut Ich will deine Sache selbst
richtig machen sonst wird es mit dem ewigen Geträndel kein Ende Linken ward
angst und bange wie die Ittens wohl diesen plötzlichen Einfall aufnehmen
würden er besorgte auch etwas von dem trotzenden Tone seiner Großmutter Doch
durfte er ihr nicht widersprechen oder Vorstellung tun und empfahl also alles
den lieben Himmel Er ging aber sagte er als auf Dornenspitzen mit bloßen
Füßen und musste der alten Frau immer von Hannchen und ihren Eltern vorerzählen
Als sie gegen das Haus kamen fehlte ihm beinah der Atem er wies es ihr und
ging langsamer damit sie es betrachten und er sich fassen könnte Aber sie
sagte ich kenne es von außen schon lange denn so bald du mir von dem Mädchen
und den Leuten sprachst so ließ ich mich in die Straße führen und beguckte das
Haus wo meine Enkeltochter wohnt Nun musste er klingen und alle seine Vernunft
zusammen fassen um in allem auf seiner Hut zu sein und gleich alles wieder gut
zu machen wo es hie oder da fehlen könnte Die Magd öffnete die Türe bückte
sich schön gegen ihn sah aber die alte Frau mit etwas Staunen an Linke sagt
ihr sie möchte der Frau Itten melden seine Frau Großmutter wolle sie besuchen
Das Mädchen lief was sie konnte und Linke ging langsam durch den Torweg und
sah nachdenkend aus so dass die Alte sagte Hör was ist es mit dir du bist ja
ganz verwirrt Entweder schämst du dich meiner oder du hast mir zu viel Schönes
von den Leuten gesagt und fürchst ich ertappe deine verliebten Erzählungen auf
der falschen Seite Liebe Frau Großmutter rief er haben sie keinen Verdacht
auf nichts Sie werden finden dass ich wahr geredet habe aber mir ist Angst ob
sie meine Augen für Hannchen haben werden
    Da da sagte sie aber Frau Itten kam mit möglichster Eile herbei die Magd
öffnete die Prunkstube und man führte den Besuch hinein Die alte Frau war sehr
höflich und sah mit Vergnügen um sich her dann kam Herr Itten auch wo dann
die alte Frau gleich anfing »dass sie wohl nicht nötig habe die Ursache ihres
Besuchs zu erzählen weil Linkens Großmutter nur kommen könnte um selbst alles
zu bekräftigen was er von ihren Beitrag zu der Heirat gesagt habe«
    Die Itten sahen sich an Linke erholte sich wieder und dankte ihr Nun nahm
sie Frau Ittens Hand und bat sie ihr die Braut ihre Enkelin sehen zu lassen
Linke wollte sie holen Das ist recht aber du solltest doch erst Vater und
Mutter fragen ob du darfst
    Sie nickten ja und er war fort da sagte sie viel Gutes von ihrem Enkel
Sohn wie er von Jugend auf ein guter Bub gewesen und ihr Mann ihn meist
erzogen habe dass ihre Tochter recht gut mit ihm ankom men würde und dass sie
gegen Gewohnheit der Schwiegermütter mehr auf Hannchens als auf Linkens Seite
sein wolle Hannchen kam etwas zaghaft und verschämt aber sie ging ihr
freundlich entgegen Das ist recht schön sagte sie so sittsam rot zu werden
das ist auch alte Mode wie dieser Teppich und diese Stühle aber meine liebe
Tochter das ist das beste Stück vom Heiratsgut eines braven Kindes Nun
verlangte sie das ganze Hans zu sehen Der arme Linke geriet aus einer
Verlegenheit in die andre über diese Art von Unverschämtheit der alten Frau Er
hatte nicht mehr das Herz aufzusehen Hannchen aber hatte sich gefasst und
führte sie überall hin wiess ihr alles erklärte alles und bot ihr den Arm wo
eine Stufe zu steigen oder sonst eine Beschwerlichkeit war Im Krankenzimmer
faltete die Frau die Hände und war ganz bewegt legte ihre Brieftasche hin
Lieber Gott sprach sie endlich Meine Tochter so ein Zimmer ist das erste für
mich Aber das ist schön sie hielt Hannchens Hand dabei als sie dies sagte
Christian rief sie zweimal denn er war immer etwas zurückgeblieben Er kam
und sie winkte ihm näher Hör mein Sohn Ich wünsche dir Glück dass du in eine
so christliche Familie kommst Ich wollte dass das Versprechen im Zimmer bei den
Spinnrädern sein sollte weil mich die sehr freuten aber diese Stube ist noch
besser Hier legte sie Linkens und Hannchens Hände zusammen Der allmächtige
Gott segne euch herzlich sagte sie liebt euch bis die Auferstehung euer Trost
sein wird auf das Gemälde zeigend und versprecht mir für mich zu sorgen
wenn ich auf dem Krankenbette sein werde
    Diese Anrede und die Wendung welche alles dadurch bekam brachte allen
Tränen in die Augen Hannchen weinte am meisten und küsste ihr die Hände und
die wunderliche Frau fand dies auch neumodisch so wie sie die zinnerne
Waschbecken der guten Ittenschen Mädchen auch gefunden hatte und sich die
Wasserkugel lobte die sie in der Mutter Schlafzimmer und in der Wohnstube
angetroffen über welche das Handtuch herunter hängt und das Waschwasser aus
dem kleinen Krahn in eine zinnerne Muschel läuft Linke hatte Hannchen bei der
Erinnerung des Neumodischen die Hand gedrückt Sie verstunds und sagte lächelnd
Aber liebe Grossmama wie soll ich ihnen dann meine Verehrung und meine Liebe
zeigen durch das Händeküssen geht das am besten und behendesten Drücke sie
meine Hand und gebe sie mir einen freundlichen Namen dabei aber das soll unser
größter Streit gewesen sein setzte sie hinzu und suchte nun die Schlüssel zu
ihrer Brieftasche in ihren Schubsäcken öffnete sie setzte die Brillen auf und
nahm eine Verschreibung von vier tausend Talern die sie Linken zu einer
Aussteuer schenkte Auch zeigte sie die andre damit Itten und seine Frau sehen
möchten dass ihrer Tochter wohl sein würde Nachdem verschloss sie die Tasche mit
den Papieren wieder und ermahnte Linken die Verschreibung immer in dem Papiere
eingewickelt zu lassen worin er sie bekam denn sein Großvater hätte außen
darauf geschrieben wenn er das Geld angelegt und sie auch den Tag da sie es
geerbt sie zeigte dabei alle Linien der Aufschriften und zählte die Jahre
nach wo dieses Kapital angelegt worden und wie sie und ihr Mann das Geld
zusammen gespart hätten Nun nahm sie das kleine Kästgen von Ebenholz zierlich
mit Messing beschlagen und nach der Jahrzahl die oben eingelegt ist hat es
schon ein Alter von hundert und sieben Jahren Es ist von der Größe eines
kleinen Octavbandes und etwa sechs Finger hoch Inwendig mit blauen Atlas
ausgemacht und in drei Fächer geteilt die mit feiner Baumwolle stark überdeckt
waren Daraus nahm sie einen Ring von Tafelstein mit schwarzem Schmelz nach
alter Art gefasst und reichte ihn Linken Da gib deiner Braut den Ring und
bitte sie ihn nicht zu vertauschen und nicht umzufassen denn er ist fast
zweihundert Jahr in meiner Freundschaft aber dies Kreuz und diese Ohrringe sind
nicht so alt denn die hab ich von meiner Mutter Diese gab sie selbst an
Hannchen zum ersten Geschenk von ihr und die Geschichte des Rings und des
Kästchens dabei Ein rundes Balsambüchsgen mit alten farbigen Schmelz in
Blumen inwendig vier Fächer zu viererlei Balsam stark vergoldet aber sie
hatte es nie gebraucht so dass es also noch Funkelneu war das Kreuz und die
Ohrringe waren auch Tafelstein ziemlich schön und ein paar Ohrringe von einer
einzigen großen Perle und schwarzen Schmelz auch in einem silbernen Büchsgen
Das alles zusammen bekam Hannchen Die letzten Ohrringe musste sie gleich
eintun so wie auch die goldenen Handschnallen mit den Sammtbändern die schon
seit sieben und zwanzig Jahren darin sind weil sie solche eben neu anlegte um
auf Christians Taufe Staat zu machen denn hier fuhr sie fort lächelnd zu
Hannchen zu sagen indem sie das Innere von Hannchens Hand heraus drehte und die
Sammtbändchen wies »Hierauf hat ihr Linke von sieben und zwanzig Jahren
gelegen als ich ihn nach der Kirche aus dem Taufzeug hob« Hannchen sah
freundlich auf ihre Armbänder nieder und wurde von der alten Frau darüber
gelobt die ihr ins Gesicht gukte und sagte nicht wahr die alten Bänder sind
ihr nun lieber Die Braut nahm ihr Kästgen unter den Arm Wo tut sie es hin
fragte die Grosmutter In meinem Schrank aber ich zeigte es auch meinen
Schwestern Das wohl aber nicht verschenken setzte sie hinzu Sie ging dann in
den Garten wie im Hause in allen Ecken herum tobte alles und pries immer ihren
Enkelsohn glücklich Hannchen musste dann mit ihr nach Hause gehen und Linke bei
den Ittens bleiben bis sie wieder kämen Da wiess sie ihr auch alles in ihrem
Hause und gab ihr die Schlüssel zu vier Schränken und einer Stube gleich in
Verwahrung weil sie wollte dass sie dort alles so einrichten möge als in ihrer
Mutter Hause Sie zeigte ihr auch zwei Stuben die Hannchen und Linke noch zu
der bekommen sollten die er schon bewohnte Sie müsse aber die alte Einrichtung
in der neuen Stube auch so in Ehren halten wie ihre Mutter in der Prunkstube
getan Sie schenkte ihr auch einen Schreibtisch woran die Türen des oberen
Schranks von Spiegel sind gab ihr alle ihre Spitzen und ein Stück feinen
Indischen geflickten Mousselin das sie schon vor wer weiß wie viel Jahren
von einem Freunde ihres seligen Mannes bekommen hatte Meine Haut sagte sie
war für das dichte weiße Zeug zu braun da hob ichs auf Ihr aber wirds gut
lassen da sie so weiß ist und bei dieser Rede legte sie das halb aufgefaltete
Stück über Hannchens Achsel Dann folgte noch ein Kleid und Rock von grün und
gelben schielenden Gros de tour der an sich schon stark und gut aber noch ganz
mit Flanel ausgefüttert war das möge sie nach ihrer Art und wie es Linken
gefiele zurecht machen Ein zu allem Glück ganz strohgelber guter Damast an
Stücken die zu einem Bette für vornehme Leute zugeschnitten waren und den sie
an einer Schuld annehmen musste wurde zum Brautkleide bestimmt hingegen auch
ein grün und weißes Ras de Siele zum Hochzeit Schlafrock für Linken und endlich
noch für Hannchen eine schöne gestickte Geldtasche mit einem silbern Schloss und
Hacken worin sie eine Nadelbüchse mit oben aufgeschraubten Fingerhut von Silber
und einen GeorgenTaler steckte Damit sie immer Geld im Sack habe soll sie
ihn ja niemal verwechseln und mit einem Löffel den sie hinzu legte solle sie
nun alle Tage essen es wäre ein L darauf gestochen dazu dürfte sie nur ein H
setzen lassen weil sie doch bald Hannchen Linke sein würde
    Im nämlichen Jahr gab sie ihr auch drei schöne seidene Halstücher für ihre
Schwestern führte aber das arme Hannchen mit dem grün und weißen Kleide überem
Arme in Linkens Schlafzimmer wo das gute Mädchen das Kleid auf seinem Bett
ausbreiten und seinen Schlafrock darüber legen musste damit er beim
Schlafengehen es finde und so gleich merken könne wozu es gehöre In dem
Zimmer war es ziemlich unordentlich nun fing sie an aufzuräumen und Hannchen
musste helfen damit er sähe zu wes eine brave Frau nütze Dies war der Braut
herbe weil sie sich da mit alten Kleidern und schwarzer Wäsche des Linken
bekannt machen musste eh sie ihn selbst recht kannte Es blieb ihr auch etwas
von diesem Missvergnügen übrig als sie nach Hause kam und sie vermied mit Linke
viel zu sprechen der dann auf die Vernintung kam seine Großmutter müsste sie
mit etwas beleidigt haben Hannchen war froh als er mit der Frau fort musste
die Abends spät Hännchen einen Pack mit den geschenkten Sachen schickte die
dann ihrer Mutter alles Vorgegangene erzählte welche ihr Mut zusprach und sie
sorgfältig ermahnte die alte Frau in dem guten Humor zu lassen und aufs
geduldigste und sorgfältigste mit ihr umzugehen Sie wieder holte ihn dabei
immer dass sie sich freue sie um viel glücklicher zu sehen als sie in ihrem
Leben nicht gewesen wat Linke erriet nun zu Hause die Ursache der
Verlegenheit worin er seine Braut gesehen war aber so feindenkend nicht viel
davon zu sagen Hannchen machte sich mit ihren Schwestern alle die Kleider und
Hauben zurecht und musste nach dem Eifer der Großmutter sich acht Tage hernach
trauen lassen welches ganz still nach dem Morgengebet in der Pfarrkirche
geschah Gleich den zweiten Tag erinnerte ihre Großmutter sie an die Einrichtung
des ihr anvertrauten Zimmers und der Schränke Ihre Enkelin machte sich ohne
Widerrede an die Arbeit ordnete und schrieb alles auf maass die Stücke
Leinwand säuberte dann die Schränke selbst und fing an einzuräumen Die
Großmutter sagte sie solle alles ablesen dieses tat sie und da auf einer
Seite das Beste und dann das Mittlere usw stund so sagte die alte Frau nun
schreib sie auf
    »Weisses Zeug von Christian und Hanne Linke«
    Das gute Weibgen staunte und dankte ihr mit nassen Augen Das hat sie durch
ihr Spinnrad verdient meine Tochter sagte sie indem sie ihr die Hände
drückte Ein Zimmer darf sie neumodisch einrichten wär es auch nur wegen Herrn
und Frau Kleberg damit die sehen können dass sie nicht so schlecht sei Die
Sanftmut und kindliche Achtung Hannchens freut die Frau ungemein und sie will
nun dass der Sohn einer reichen guten Freundin von ihr eine Schwester Hannchens
heirate und Linke ist unendlich glücklich Ich habe die zweite Schwester zu
mir genommen ob schon Herr Stiegen gern gesehen hätte dass es die dritte
gewesen wäre die ihm nach Hannchen am besten gefiel und wie Ott vorbat so
soll er sie recht wünschen und dann bekommen Die Mutter ließ mir sie nicht
weil sie zu luftig und zu hübsch sei Kleberg hatte die jungen Leute und die
Großmutter selbst abgeholt als sie bei uns in Seedorf das erstemal nach ihrer
Heirat aßen Das gefiel der alten Frau auch sehr und sie sagte nach ihrem
Tone recht gute Sachen Die Aufführung ihrer Enkelin gegen sie ist rührend und
ein Beispiel für alle junge Leute wie die Stärke der Jugend die Schwachheiten
des Alters tragen solle Jeder Tag erwirbt ihr Segen und vermehrt die Liebe
ihres Mannes
    Nun haben sie einen ganzen Roman aus dem Privatstande denn Linke ist nur
zweiter Stadtschreiber
 
                           Hundert und zwölfter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich habe einen neuen merkwürdigen Gast Das ist ein sonderbarer Mann der alte
Stiegen Aber nie sah ich einen so einnehmenden und so geistvollen Alten als
ihn und meinen Oheim jedoch mit dem wesentlichen Unterschied dass da Letzterer
alle seine Ideen zu Taten zu machen suchte er sich mit vieler Klugheit in
seinem Wirkungskreis einschränkte in diesem aber alles ausführte was darin zu
tun war weil er wie er sagt alles sein Feuer nur auf die Tätigkeit lenkte
Hingegen seine Geduld und Sanftmut in seine Vorstellung eines Entwurfs in
seine Unterredungen mit den Leuten und in seine Beurteilungen über andre legte
Durch dieses gewann er sich so viel Vertrauen und Liebe dass er Mitelfer oder
doch wenigstens ruhige Zuschauer bei seinen Unternehmungen hatte Beifall Dank
und Nachahmung erweckte er in seinem Alter Ruhe und Segen genießt er ungestört
und er hat den Beweis gegeben dass wenn also in dem von der Vorsicht ihnen
bestimmten Stunde das Gute täten was ihnen darin vorkommt es wenige sehr
wenige unglückliche oder unzufriedene Menschen geben würde Er erniedrigte sich
nie strebte auch nicht unruhig in die Höhe Er war der Sohn eines Gelehrten und
durchging nach geendigten Schul und Universitätsjahren die Stufen vom
Sekretaire an bis zum Geheimenrat als geschickter sanfter und fleißiger Mann
Sein Freund Stiege kennt und liebt das Gute und Wahre wie er und zum Glück für
ihn selbst kannte er auch sich selbst und die wie er behauptet unbezwingbare
Aufwallungen des Eifers für Recht und Wohl der Menschheit Ehrwürdige
Gesinnungen welche wie mein Oheim sagt ihm bei alten Republiken oder in
Amerika wo eine Neue entsteht einen Teil der gesetzgebenden Macht und der
Vatersorge für das Volk erworben hätte aber in unserm Staate nach dem Gang der
Gedanken nach den Sitten und Wendungen die alles hat setzt sie ihn in den Ruf
eines unverträglichen gewaltsamen und eigensinnigen Mannes Bei dieser
Unterredung sagte mein Kleberg Die weiblichen Tugenden wären glücklicher als
die Tugenden der Männer weil sie zu allen Zeitaltern gewünscht und geliebt
würden Also könnte wohl geduldiges Ertragen der Fehler und das auf so
tausendfache Weise sich zeigende Wohlwollen die einzigen wahren Tugenden der
Menschheit sein und die übrigen nur auf Millionen Bedürfnissen entstehen Das
mag sein aber diese Bedürfnisse haben auch die vielen Zweige der Künste und
Wissenschaften hervor gebracht durch welche Millionen von Freuden und Vergnügen
über unserer Erde ausgegossen worden  Sehen sie Liebe so ist manchmal der
Ton unserer Gespräche der sein Angenehmes um so besser erhält weil er nicht
immer herrscht und wir recht wohl mit andern und mancherlei Gattung von
Menschenkindern umgehen und reden können
    Der alte Stiegen hat sein Zimmer gleich neben meinem Oheim da lassen sie
die Türen des Nachts offen und sprechen noch miteinander aus ihrem Bette bis
einer von ihnen einschläft von alten und neuen Zeiten von Menschen und
Gewohnheiten Es ist höchstrührend wenn sie nun nach dem Frühstück oder
Mittagsessen so ihre Welt und die unsrige vornehmen Stiege mit Eifer die Alte
lobt und vorzieht mein Oheim die jetzige verteidigt und ihre Verdienste
hererzählt Stiege ihm zuhört manchmal mit Lächeln den Kopf schüttelt oder mit
Empfindung ihm zunickt endlich seine Hand ergreift und sagt Nun mein lieber
Eben du bist noch immer der gute Junge der du in Halle warst du verteidigst
jetzt Nationen wie du die Schulfüchse in deinen Schutz nahmst wenn ich und
andre alte Pursche zu derb mit ihnen verfahren wollten
    Mein Oheim erwidert dann auch freundlich Stiegen mit dem Finger drohend
Du hast mich manchmal für dich und andre geängstigt wenn du so deinem wilden
Eifer nachgiengst und da auf den Augenblick alles gebogen oder in Stücken
gebrochen haben wolltest Oft dachte ich mich von dir loszureißen weil du so
unbändig warst aber die Redlichkeit deiner Seele die Wahrheit deines Gefühls
und Liebe jedes Großen und Guten zog mich wieder stärker an dich Eisenkopf als
an alle andre Schön gewiss recht schön glüht bei solchen Anlässen
Freundschaft in ihren Augen ernste Freude lacht in den Falten ihrer
Gesichtszüge und sie genießen noch das schönste und beste Glück der Menschen
wechselseitige Hochachtung und Liebe Der Zufall brachte hier so wie er oft im
Zusammenfluss von ärgerlichen Geschöpfen tut an diesen zwei erlebten Männern
und an uns übrigen in Seedorf gesammleten Leuten eine recht schön gegen
einander stehende und sich doch anschliessende gute Menschenzahl auf einen
Fleck Nehmen sie den eben so empfindlichen als vernünftigen Ott meinen fertig
liebenden und fein denkenden Mann die sanfte zärtliche Julie mich Linken
Hannchen Latten und die junge und ältere Frau Grafe den herrlichen würdigen
Pfarrherrn und die so gute Bauern von Seedorf Ja die Gegend umher unsere und
der Landleute Wohnungen den Wald die Berge und den Bat alles fasst sich in
eine schöne Reihe glücklicher wohltätiger Kinder der Erde beseelter und
unbeseelter  
    Ich komme so eben aus der gewohnten Dankpredigt die am Ende und nach
Einsammlung jedes Herbstes gehalten wird Alles was ich da fühlte und sah ist
recht eigentlich dazu gemacht an meine vorherige Gedanken angereihet zu werden
Die Kirche war voll und schon dies freute mich das Gedränge zum Danken war
der Beweis dass sie den erhaltenen Segen mit Freuden fühlten Alle Kleider alle
Gesichtszüge waren festlich Die Kirche wird ohnehin durch die Aufsicht des
Pfarrherrn sehr rein und gut gehalten Die Predigt o meine Liebe wie gerne
sagte ich es sei eine Engelszunge gewesen die alle Herzen in Bewegung setzte
Wie einfach die Sprache und Ausdrücke wie innig redete er die Alten die
Jüngern und Kinder an da er ihnen das Bild der Erndte von ihrer Hände Arbeit
und des von Gott darauf gelegten Segens darstellte Auch in den rauhesten
Gesichtsbildungen erschien Empfindung »Alte Hausväter Hausmütter Ihr hebt
eure durch lange Arbeit kraftlos gewordenen Hände gewiss mit herzlichem Dank zu
Gott dass ihr die Schemen die ihr für Kinder bautet voll Früchte seht die
euer gesunder fleißiger Sohn mit fleißiger männlicher Stärke anpflügte und
säete Junge Väter junge Hausmütter freut euch im Herrn dass ihr eure euch
von Gott zugeschriebenen Berufsgeschäfte treulich nach der noch sehr lebendigen
Kraft eurer Jahre verrichtet habt sorgt durch euer Exempel für eure kommenden
alten Tage auch noch Freudentränen aus halb geschlossenen Augen zu weinen
wenn eure jetzt noch spielenden und auf eurem Schoss sitzenden Kinder zu
rechtschaffenen Landleuten herangewachsene Söhne und Töchter hinter vollen Wagen
nach Hause kommen werden Ach sorgt dass ihr redliche Hände zu Gott erheben
könnt und ihr lieben Kinder die ich alle getauft und von dortan als treuer
Seelsorger durch Unterricht zu Gott geführt und durch tägliche Fürbitte seiner
Gnade empfehle ohne Sorge und Mühe genießt ihr jetzt Nahrung und Kleidung aus
der fleißigen Hand eurer Eltern aber alle Tage wachset ihr den Jahren zu wo
ihr Aecker und Wiesen auf denen ihr jetzt jugendlich spielt und hüpft mit den
Schweise eures Angesichts werdet anbauen müssen Freuet euch darauf Es ist
schön von unserer mütterlichen Erde durch treue Verwendung der Kräfte und
Geschicklichkeit Brodt und Kleidung zu verdienen Folgt euren guten Eltern
euren guten Schulmeister und dem was ich euch durch Gottes Gnade immer Gutes
lehren will damit wir alle das größte Glück der Menschen das Zeugnis eines
guten Gewissens genießen mögen nämlich dass wir treulich alles getan haben
wozu uns Gott in unserm Stande angewiesen hat«
    Er sprach in eben dem Tone und auch kurz mit den Handwerkern dem Gesinde
und den Armen die er tröstete und ermunterte endlich allen andern Landleuten
der ganzen Welt auch Gutes wünschte wozu eine so gute Oberherrschaft und
Beamten zu rechnen wäre wie sie hätten Sie sollten auch daher die Pflichten
als Untertanen gerne erfüllen und gedenken um wie viel glücklicher sie auch
dadurch wären als viele Tausende ihrer Mitbrüder in allen vier Weltteilen
Unbeschreiblich ganz und gar unbeschreiblich ist der Ausdruck der auf den
einfachen Gesichtszügen lag wie die alten Hände voll Falten und Schrunden
zitternd erhoben wurden und die starke fleischige Hand jüngerer Männer sich
fester schloss Die Knaben und Mädchen kindisch halb aufmerksam halb nachlässig
treuherzig den Pfarrer Ahnen Väter und Mütter beguckten so wie sie angeredt
wurden sich nach den Handwerkern Knechten Mägden und Armen umsahn Aber
gewiss obschon leicht und flüchtig wie die Jugend ist ging auch Rührung und
Vorsatz des Guten über ihre Stirnen Unser Kirchenstuhl ist nahe an der Orgel
und vergittert aber alle Augen waren dahin geheftet als der Pfarrer meinen Mann
so rühmlich meinte und dem Himmel sei Dank in keinem Gesicht war ein Funke von
Zweifel über das von ihrem Beamten gesagte Gute Mein Oheim dessen Tränen
haufenweis in seinen vorgehaltenen Hut flossen fasste Klebergs Hand und drückte
sie ihm Mein Mann fühlte es und küsste diese väterliche Hand dankbar in Hause
Gottes der ihn an dieser Hand zu Ehren und Glück geleitet hatte Ich o
Mariane wie war ich bewegt Ich kann sagen jeder Atemzug war Gebet und
Fürbitte für mich und für die ich sah ach wie leicht ists gut zu sein Wie
süß ist es vom Guten reden wie lieb war mir mein Mann wie heilig wie
ehrwürdig der Pfarrer der so Gott und der Tugend die Herzen zu öfnen weiß Was
war der Austritt aus der Kirche für mich nachdem Ott die Orgel zu dem Te Deum
gespielt und mein Kleberg und Oheim Otte und die jungen Stiegen nebst mir dem
Chor gesungen und Ott am Ende noch einige schöne in die Seele tönende Läufe
gespielt hatte Der ganze Kirchhof war voll von den Bauersleuten alle sahen so
liebend so vertraut und vergnügt auf meinen Mann und ihren Pfarrer der aus der
Sakristei heraus kam Kleberg ging mit schönen schnellen Schritten auf ihn zu
eichte schon noch eine Strecke von ihm nach seiner Hand und sagte Lieber Herr
Pfarrer Gott segne sie für ihre Predigt Aber wie kamen sie darzu auf mich zu
deuten Er antwortete Gott sei Dank dass ich es mit dem Zeugnis der ganzen
Gemeinde tun konnte Nicht alle Pfarrer können es und es war die Frage von den
göttlichen Wohltaten für die Landleute und ein Beamter wie sie gehört
darunter Dies sprach der Mann noch so laut im Kalzeton und mit so einem
Ausdruck in seinem Auge dass mein Kleberg auch bewegt sagte indem er sich zu
den Bauern wandte Gewiss meine lieben Seedorfer ihr dankt Gott auch mit mir
dass wir einen solchen Seelsorger haben Wir wollen ihm auch alle treulich
folgen Ich gab ihnen setzte er mit nochmaliger Darreichung seiner Hand an den
Pfarrer hinzu mein Wort und das Wort von meinen braven Landleuten dazu Nicht
wahr sagt er alle anblickend und ihnen mit seiner ganzen edlen Gestalt und
offener Miene zulächelnd ein redliches Ja wurde gehört und Freude wahre
Gottes und Menschenfreude war in allen Gesichtern O der schöne glückselige
Tag möge er durch seine Erinnerung immer Gutes und Vergnügen in alle die Herzen
zurückrufen Ich musste mich führen lassen so sehr war ich von allen diesen
seligen Empfindungen erschüttert Nun lässt Kleberg Schinken Käse und mürbes
Brod auf morgen Nachmittag bestellen und gibt bei der Linde Jungen und Alten
ein Herbstvesperstück Bier Wein und Musik Der alte Stiegen behauptete mein
Oheim hätte dem Pfarrer die Predigt vorgeschrieben und vorgesagt denn er hätte
ganz den Geist seines Freundes darin gesehen Adieu und Dank dass sie mich
lieben und lesen
 
                         Hundert und dreizehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich bin wirklich sehr böse über mich denn da ich mein Briefbüchelchen nachsehe
so sind es so viele Tage dass ich Ihnen Antwort und einen Brief schuldig bin
Meine Abwesenheit trug was zu dieser Verzögerung bei aber es ist doch nicht
recht ich hätte aus dem Hause der Frau Grafe schreiben können Doch meine
Nachlässigkeit ist genug bestraft da ich so lange Zeit ohne eine Unterhaltung
mit Ihnen zugebracht habe und dann erinnere ich mich dass Sie ein Paarmal mir
sagten dass Sie in späteren Briefen von mir eher das sehen was meinem Verstand
und Empfindungen am meisten gefallen habe als gleich anfangs wo die Umstände
mein zur Schwärmerei geneigtes Gefühl überraschen und manches schöner als wahr
darstellten Bei erfolgter Ruhe aber rufte ich nur das in mein Gedächtnis
zurück was meinem eigentlichen Selbst am meisten Vergnügen gegeben hätte und
Sie glauben dass Sie in meiner Art Sachen zu denken zu beurteilen und Entwürfe
zu machen nicht nur mein Inneres mehr sehen sondern dass auch meine
wunderbaren Aufzüge von Leuten und Sachen in Ihrem einsamen Aufenthalt die
entfernte Menschenwelt in einem gefälligen Licht erscheinen macht   Ich habe
das Beste und Edelste was in mir liegt meinem Oheim und Ihnen zu danken Mit
ihnen beiden habe ich mein Bilderbuch von guten Menschen angefangen und da ich
so glücklich war auf dem bisherigen Wege meines Lebens so viel Gute
anzutreffen so will ich fortmalen und bei ihnen meine Probe und Meisterstücke
aufstellen Es muss einst in erlebten Jahren süßes Vergnügen für mich sein
diese Sammlung durchzusehen und am Ende meiner Bahn durch die moralische Welt
lauter Ideen um mich zu haben die der Beweis eines wohlwollenden Herzens sind
    Das ist nun eine lange Vorrede zu zweien vielleicht sehr kleinen Gemählden
die Sie schon vermuten und ich will sie nun geschwind auspacken Wir wurden
von Frau Grafe gebeten noch ein paar Tage in Rehberg bei ihr zuzubringen sie
hätte ohnehin Fremde die uns gewiss gefallen würden Wir gingen auch vor sechs
Tagen hin und trafen zwei Frauenzimmer und zwei Herren die alle einen durch
Bücher und Menschenwelt ausgebildeten Geist zeigten Wenigstens sagt Kleberg
müsste viel Schönes und Merkwürdiges von ihnen vorbeigegangen sein Ich glaube
er will damit sagen dass er ihnen keine gründlichen Kenntnisse zuschreibt Es
mag sein es liegt doch wahre Verehrung jedes Verdienstes in ihnen und eines
der Frauenzimmer kennt die Gesinnungen der Freundschaft gewiss ganz denn es ist
ihr Heiligtum in dem sie mir als Priesterinn erschienen ist und Frau Grafe
behauptet vor diesen Fremden ein schöneres Stück Philosophie gelernt zu haben
als Sie und van Guden mir jemals mitteilten Es war die Frage von Tadel und
Verleumdung welche so vieles Misvergnügen über unsere besten Tage verbreiten
Die Fremde sprach diese Gewalt lasse ich bösen Menschen nicht Einmal suche ich
Fehler zu vermeiden um innerlich mit mir zufrieden zu sein und dann gönne ich
ihnen großmütig die Freude mich zu tadeln ohne mir Hass und Rache dagegen zu
erlauben dadurch erhalte ich meine Ruhe und meine Menschenliebe unverletzt Das
ist aber sehr schwer sagte jemand mit dem Lächlen des Zweiflens Sie haben
recht erwiderte sie aber es ist schön etwas schweres zu versuchen Jeder
Schritt zu einer Anhöhe ist beschwerlich aber man wird auch belohnt Sie hassen
also nicht so sehr als sie lieben können Nein denn ich achte es für eine eben
so große Pflicht Fehler zu vergeben als Tugenden zu lieben Ja aber wenn man
sie übel beurteilt ihren guten Namen ihre Ruhe und ihr Wohlsein unterbricht
was tun sie da sagte einer der zwei Fremden Ich verwahre mich gegen den
Schaden ohne dem Beleidiger weh zu tun Sie wissen meine Grundsätze darüber
denen ich getreu sein werde Verschiedene Denkungsart bringt immer Entfernung in
den Gemütern hervor und was mich gleichgültig macht kann das Herz eines
andern zum Hass bewegen wenn ich ihn nur nicht verdiene wie der edle Amerikaner
sagte »den Schmerz den sie mich fühlen machen soll durch mich niemand
fühlen« und vergesse alles denn was würde aus dem Leben guter Menschen werden
die den Tag über an Verläumder und Feinde und die Nacht an Gespenster und Diebe
dächten So lang ich wache sind meine Kinder meine Arbeit meine Freunde
Bücher Ideen von Schönen und Guten in der Welt vom Wohl das die Vorsicht mich
genießen lässt wechselsweise in meinem Kopfe und Herzen Des Nachts freut wich
die Ruhe und Stille der Natur und die von meinem Zimmer und meiner Seele Ich
danke und bitte für mich und die Meinigen und wünsche allen alles Gute was sie
bedürfen und so fassen sich meine Stunden bei der Hand bis die letzte mit
Lächeln den Reihen unterbrechen wird und sagte sie zu den nämlichen fremden
Manne die letzte Stunde kann nicht lächeln wenn sie uns mit dem Andenken des
Hasses und der Beleidigungen unsers Nächsten erscheint Sie küsste dann mit einer
Träne im Auge einen aus Haaren geflochtenen Ring Gutes tun und Gutes glauben
will ich Julie bis ich dich sehe um der Freundschaft deiner edlen Seele wert
zu bleiben Sie können denken dass ich sie hier aufmerksam anblickte und sanft
sagte ich mich gegen sie biegend darf ich den Ring sehen der ihnen so wert
ist Gern aber nicht anrühren Er ist Reliquie und die ganze Erde hat nichts
ähnliches mehr Dann erzählte sie mir von einer schweizerischen Dame deren Tod
sie seit einem Jahr beweint und durch ihre innige Liebe und Verehrung für diese
außerordentliche Person macht sie sich selbst hochachtungswürdig
    Diese Dame hieß Julie Bondeli ein wie die Fremde sagt für alle die sie
kannten heiliger geliebter Name weil er ihnen Größe des Geistes und der Seele
in einem Bilde darstellt Kenntnisse Tugend und jeder Reiz des Verstandes und
der Güte lagen in ihr vereint
    Sie gab uns dann Briefe von ihr zu lesen O meine Mariane diese Freundin
hätten Sie haben Sie kennen sollen Unsere Männer bewunderten den Scharfsinn
ihrer Einsichten die Richtigkeit ihrer Urteile und Ausdrücke neben der
schönen Schreibart Ihre Feder hat alle Grazie ihres Geschlechts und ihr Geist
alle Stärke des unsern sagte Kleberg Die Frewde lächelte vergnügt und
erwiderte Sie sind sehr nah bei dem Gedanken von J J Rousseau der meine
verewigte Freundin kannte und zu schätzen wusste Dieser sagte von ihr »dass sie
zwei der seltensten Vorzüge in sich vereinige unsers Leibnitz Geist und
Voltairs Feder« Mariane unsere Männer alle zuckten zurück so wie es bei jähen
Einfällen eines Lichtstrals auf unsere Augen geschieht und mein Kleberg hatte
nach Frau Grafens Vermutung die Miene als ob er das was er gesagt zurück
haben möchte Vielleicht tu ich ihn Unrecht fuhr sie fort aber ich habe
manchmal bemerkt dass Eitelkeit uns an den Gedanken eines großen Mannes
anschließen und dann ists bei andern ein Stück Stolz wie ihr Kleberg hat der
uns lieber schweigen heißt als einen guten Gedanken mit einem andern zu
teilen Diese Bemerkung mag richtig sein aber sie missfiel mir Vielleicht
weil sie den Mann traf dessen Namen ich trage Die Fremde hatte während unserm
Flüstern noch einige Briefe aufgesucht die dann vorgelesen wurden Und gewiss
alle Feinheit des Gefühls und Geschmacks liegt darinnen Die Fremde sog mit
Entzücken und Wehmut im Auge die Lobsprüche ein die wir ihrer Freundin gaben
Sie sagte aber dabei O wie viel mehr als dies war die Güte Sanftmut und
Menschenfreundlichkeit ihrer Seele Wir wünschten alle dass diese Briefe
gedruckt werden möchten Aber der edlen Toten zuweit getriebene Bescheidenheit
verbot es So wie sie alle Briefe und Papiere verbrannte die sie von Freunden
erhalten oder selbst aufgesetzt hatte Es ist gewiss schön so lieben zu können
wie diese Frau gewiss glücklich eine Julie Bondeli zu seiner Freundin gehabt zu
haben und für mich ist es immer wahr dass wenn in den besten Stunden unsers
Lebens das durch Unterricht und Nachdenken erhaltene Bild der Weisheit und
Tugend von uns tritt wir immer die Arme danach ausstrecken und wünschen ihn
ähnlich zu sein weil wir fühlen dass Einigkeit in ihm liegt In diesen Stunden
machen wir unserm göttlichen Urheber Ehre und empfinden dass wir für
unsterbliches Glück und für die Tugend geschaffen sind Jede Faser unsers
Herzens ist dann Bestreben nach edlen Taten Wir empfinden Willen und Kräfte
dazu freilich erlöschen und verschwinden diese Vorstellungen wieder aber sie
zeigen sich mit Macht wenn wir in irgend einer Geschichte oder in einem
lebenden Menschen einige von den Eigenschaften erblicken die wir in seligen
Stunden uns selbst wünschten und gewiss wer edle gute Menschen herzlich lieben
kann ist ganz nahe dabei selbst so zu werden Ich denke also in meiner Neigung
für diese Fremde nicht zu irren und es freute sie als ich ihre Julie mit ihr
beweinte
    Kleberg und Ott behaupten dass unsere Julie seit diesem Tage einen geheimen
Stolz auf ihren Namen hätte und sie will dass ihr nähestes Mädchen Julie
Bondeli getauft werden soll Mir sagte sie Dann wird Latten finden dass ich
noch mehr Engländerin bin als du weil diese ihren Kindern so gar die
Familiennamen ihrer geliebten Freunde geben Das jüngere Frauenzimmer war eine
artige Brunette niedlich gebaut hatte schöne schwarze Augen und war voll
Verstand und Empfindung Sie hat unschuldige Munterkeit wie ein Kind ob sie
schon mit drei und zwanzig Jahren selbst schon Mutter von drei Kindern ist
Kleberg sprach gern mit ihr weil sie ihm voller Witz zu sein schien aber er
fand mehr wie er sagt da jede Liebenswürdigkeit blühend und ungekünstelt in
ihr ist wie die Insel Finian von dem Genius der Natur ohne Ordnung und
Scheerschnitt des Gesuchtens Pflanzens und Formens angenehmer Gestalt Blumen
und Früchte von selbst tragend hie und da nur bemerke man Spuren von gleichsam
zufälliger Aussaat durch Menschen Hand die in dem vortrefflichen Grund leicht
zur Vollkommenheit anwuchsen Sie erzählt allerliebst und war mit so viel
zärtlicher Achtsamkeit um unsern Kahnberg herum dessen Blindsein sie äußerst
rührte Sie freute sich auch so treuherzig ihren schätzbaren Mann wieder zu
sehen sprach so gern von jeder guten Eigenschaft die er besitzt von seiner
Liebe für sie von ihren Kindern so dass sie uns auch dadurch unendlich lieb
wurde
    Sie waren alle vier Tage mit uns zu Rehberg und dies sind wirklich
Göttertage für mich gewesen Denken sie sich den Hausherrn und Frau die Kallen
die Kahnberge Otten der herrliche Rat Franke unserer Grafe Bruder und feine
artige Frau wir Kleberge und meinen Oheim dieser und mein Mann freuten sich
ungemein über die Erneuerung vieler halb erloschenen Bilder die ihnen durch
diese wieder fremde vorkamen wie sie auch durch Nachrichten ganz kurz
entstandener Ideen und Sachen Schriftsteller und Arbeiter in dem Gebiet der
Wissenschaften und Künste die sie auf ihrer Reise sahen unserer Kenntnisse
bereicherten Wir haben auch durch sie eine große Liste von Büchern und
Kupferstichen Namen von Kaufleuten und Fabrikanten wo schöne und artige Sachen
neuer Erfindung zu haben sind erhalten Unsere Männer lieben alle dies und
haben nun viel Stoff zu neuen belebten Unterredungen über Mechanik Musik und
andern Künsten woraus wir Weiber auch Nutzen für unsern Kopf ziehen und dadurch
unser Leben verschönern
    Für mich war dieser Aufenthalt noch viel mehr als für die andern weil er
die ersten reizenden Tage in mein Gedächtnis zurück rief die ich in Redberg
verlebt habe Der vortreffliche Pfarrer lebt nicht mehr durch den ich Henriette
von Effen kennen lernte aber sein jüngerer Bruder hat die Stelle und die
Einwohner von Effenhofen sind durch Herr T sehr glücklich sagte Herr Kallen
dessen Gut hier in Rehberg liegt Mein Mann ließ mich nicht nach Effenhofen
gehen weil er mich von starken Gemütsbewegungen bewahren will Hier genießt
man Frühlings und Herbstaussichten besser als in Seedorf Das Schloss liegt auf
einem Berg das Dorf an der Anhöhe desselben Da ist im Frühjahr die
verschiedene Blüte der Obstbäume und jetzo die vielerlei Farben der absterbenden
Blätter das welkende Grün der Wiesen und die noch frisch aussehende Tannen
dagegen ein sehr angenehmer Anblick Der Zufall hatte mich und die Ottens gerad
in die Zimmer gegen das Tal angewiesen wo wir zweimal während dem starken
Nebel der in dem Tal lag und dem heitern Himmel mit Sonnenschein auf dem
Berg uns vorstellten als ob wir von einem Felsengebäude das Meer betrachteten
und eine Idee seiner Unermesslichkeit war vor uns Unsere Männer Ott und Kleberg
erzählten uns dabei von ihren Seereisen und es ist wohl in langer Zeit nicht
bei einem Frühstück und Aussicht auf Nebel so viel Nutzen und Vergnügen genossen
worden als die zwei Tage Adieu Beste Teuerste
 
                         Hundert und vierzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Nun ist die zweite Ittensche Tochter ganz bei mir Sie ist ohne Schönheit
höchstgefällig von mittler Größe schlank weiß etwas Pockennarbigt Wangen
und Lippen fein rot der Mund groß aber schöne Zähne und die Bewegung im
Reden und Lachen ganz artig Anstand in allem was sie tut Sie fasst alles
leicht bewegt sich und geht leicht denkt und spricht gut ist freundlich edel
und dienstfertig Wie innig das holde Mädchen sich an mich heftet kann ich
ihnen nicht genug sagen Sie lauscht sieht und horcht nach mir wenn ich mich
wende komme oder rede Aber eben so aufmerksam ist Ott auf sie Letzt sagte sie
mir in seiner Gegenwart Sie wolle meine mir ganz ähnliche Tochter werden Da
fasste er ihre Hand und sprach ganz lebhaft O wie glücklich machten sie uns
alle meine Liebe wenn dies geschähe Was will er damit Ich ward rot und das
liebe Mädchen sagte so treuherzig warum ist ihnen an einer Rosalie nicht genug
dass sie dazu noch eine Julie haben wollen Er antwortete Sein sie ruhig Liebe
und suchen nur so viel sie können Wiederschein von diesem strahlenden Bilde zu
werden wobei er auf mich deutete Ich nähte emsig fort weil mich der Inhalt
dieses Gesprächs verlegen machte Ott hatte sonst nie keine Art von Schöntun
bei mir gezeigt Ich will es auch nicht dann wahre Freundschaft besteht nicht
mit diesem Getändel und der schätzbare Mann sah so ernst und nachdenkend dabei
aus dass er mir fast missfiel Aber nun ist meine Pflicht des guten Beispiels
doppelt geschärft gute Eltern vertrauen mir jungen Frau ihr Kind und die
truglose Seele des Mädchens hält mich für so verdienstvoll dass sie für ihre
eigene Liebenswürdigkeit nichts bessers zu tun siebt als mir nachzuahmen und
der Ott nimmt den feierlichen Ton und Miene an um ihr dieses Nachahmen recht
wichtig zu machen Dem Himmel sei Dank dass der natürliche Gang meiner Seele
nach einem guten Ziele gelenkt ist sonst würde mir die Idee einer Nachfolgerinn
sehr beschwerlich werden weil ich sie mir immer zugleich als Aufseherin denken
musste Ich lehrte sie die französische Sprache Des Morgens wenn wir ganz
allein sind lieset sie und sagt mir das Wenige so sie in der Gramaire gelernt
auswendig vor und dann geht sie mit mir in Haus und Hof umher und muss wann
wir bei unserer Zimmerarbeit zurück sind mir was sie sah und mich reden hörte
wiederholen und dann wird es übersetzt und manche schöne Betrachtung gemacht
Die Gute wie zärtlich ist sie Aber meine eigene Erfahrung und die noch ganz
neue über eine Fremde gemachte Betrachtung überzeugt mich dass die Fähigkeit zu
lieben uns nicht sehr glücklich macht weil die geringste Störung im Genuss
dieses Wohls den bittersten Kummer über uns ergießt Denken sie was ich bei
Klebergs vermeinter Änderung litte Ich will mich selbst und das liebe Mädchen
zu stählen suchen Helfen sie mir zu einem sichern Mittel das uns gegen zu
starke Anfälle der Empfindsamkeit schützen kann Ich mag das Rezept meines
mutwilligen Klebergs nicht dass »wenn man sich in allen Augenblicken höher
als alle andre Menschen schätzte und liebte vermeide man sicher alle starke
Anhänglichkeit und sei daher auch vor dem Leiden der Trennung und des
Verliehrens bewahrt« Meine gute große Tochter bat mich ihr zu versprechen dass
sie mich um alles fragen dürfe und ich ihr auch sagen wolle was ich an ihrer
Stelle denken oder tun würde Dieses hat zu manchen recht köstlichen
Unterredungen Anlass gegeben Das Mädchen ist ein herrliches Geschöpf So wahr in
Allem und so rein in ihrer Seele O Karoline nie werde ich vergessen dass du
gestern an meiner Brust die schönsten Tränen der edlen Empfindung weintest
Rein sollen deine Gesinnungen bleiben und dich einst glücklich machen Sie will
nicht lieben will auch für den besten Mann nur etwas mehr als bloße
Freundschaft haben Männerstolz will sie erniedrigen und ihnen zeigen dass man
ohne Verbindung mit ihnen glücklich sein kann Ich sagte ihr da von dem
Widerspruch der in diesem Vorsatz und ihrer Phantasie läge mich in Allem
nachzuahmen weil das Beste so sie jetzo von mir sehen könne eine gute
liebende Frau sei »Ja« sagte sie »das ist auch die einzige Unvollkommenheit
in ihnen dies will ich auch nicht lernen aber sonst alles«
    Eine Begebenheit von diesem Morgen muss ich Ihnen noch erzählen Wir gingen
nach dem Frühstück zu dem neuen Bauernhause das bei dem ausgetrockneten Stück
Moon erbauet wurde und versuchten das erste Brodt so aus dem zum erstenmal da
gewachsenen Korn gebacken worden Mein Kleberg war glücklich als er aus dem
kleinen Hause ging und die Anlage von Aeckern Wiesen und Baumstücken sah die
durch ihn aus einem öden Sumpf entstanden waren und nun einen ehrlichen
Landmann mehr nährten Bei einem kleinen Umwege in das Dorf zurück fanden wir
an einer Hecke eine Bettlerfamilie sitzen die etliche Brodkrumen in dem
Queersack zusammen suchten und zum Einweichen in einen Topf mit Milch warfen
In der Kötze welche die Frau auf dem Rücken getragen saß ein Kind und spielte
mit einem zahm gemachten Raben Der ältere Knabe von zehen Jahren hatte ein gelb
und weiß scheckiges Hündgen mit einem Strick voller Knoten an seinem Gürtel
gebunden Die Frau war ordentlich und redte als gute Mutter mit ihren Kindern
auch recht vernünftig von dem Tode ihres Mannes und wo sie nun hinwollte und
bat um etwas altes Leinen Kleberg wollte den Raben kaufen Die Frau sah ihn
bedenklich an und sagte Ja Herr wenn ihn mein Kind gern hergibt Aber wenn
es weint ach Herr ich kann ihm keine Freude machen da will ich ihm diese
nicht nehmen Aber geben sie Sie wiess dem Kinde das drei Jahr alt sein mochte
Geld und sagte das ist dein gib den Herrn den Raben und wollte ihn nehmen
Das Kind hatte das Geld gefasst als aber die Mutter den Vogel nehmen wollte
ließ es das Geld schrie und fasste den Vogel mit beiden Händen Er fragte dann
den älteren Knaben der traurig auf seinen Bruder und den Raben blickte ob er
seinen Hund nicht auch verkaufen wolle Er ging zu seiner MutterMutter sagt
er der Hund wacht so treu wenn wir auf dem Felde oder in einer Scheune
schlafen Ex isst kein Brod als wenn mir ihm geben O Mutter behalt den Bello
er gautzt sich tot um mich ich will weniger essen lass mir doch den Hund Aber
Jörg der Herr will dir ja einen großen Taler geben Denk wie arm wir sind du
kriegst schon wieder einen andern Bello Der arme Junge sah auf den Taler in
Klebergs Hand weinte und murmelte O kein Bellon krieg ich nimmer Er fing an
mit verdrüsslichem Gesicht den Knoten des armen lumpigen Stricks loszumachen mit
dem der Hund an feinen Lenden fest gebunden war und ließ den Strick fallen Da
sagte er und lief hinter die Ecke des Bauerngartens Der Hund lief ihm nach Er
stieß ihn mit einem Fuß von sich aber als der Hund schrie so zog er ihn an
und liebkosste ihn Meine liebe Itten und ich hatten Tränen in den Augen und
blickten auf Kleberg und Ott Ersterer tat nicht als ob er es achtete Aber
Ott sah auf meine junge Freundin und sie flüsterte ihm zu Ach mein Gott wenn
ich reich wäre so gäbe ich dem armen Jungen den Taler zu seinem Hunde weil er
als Bettler für seinen Dienstboten besser sorgt und ihn mehr liebt als
vornehme glückliche Menschen die lieben die für sie wachen und arbeiten Ich
umarmte sie und Ott gab ihr einen Taler Da Gute befriedigen sie ihr edles
Herz Kleberg schenkt ihnen den Hund Nicht wahr Mein Mann lächelte Ja Schnell
lief sie zum Buben und rief ihm schon von weitem zu Bube guter Bube bind den
Hund wieder an dich er ist dein und den Taler da gib deiner Mutter Nun kam
der Junge küsste ihr die Hände dankte uns mit noch roten Augen und ließ
seinen Hund aufwarten Er schüttelte an seinen Schubsäcken wandte sie um und
ließ den Hund die Brosamen darin weglecken nach welchen das arme Tier dazu
noch recht hoch hüpfen musste Die Frau war sehr froh über das Geld und die
Kinder über ihre Freunde den Hund und den Vogel Mein Oheim fragte nach dem
Namen des Orts wo sie hinginge und sagte ihr wenn er Gutes von ihr hörte so
würde er ihr auch noch Gutes tun Ich schickte ihr noch einen Bündel altes
Leinen worüber sie große Freude bezeigte Die junge Itten sagte auf dem
Heimwege zu meinem Manne O wie viel Angst haben sie mir gemacht als sie den
armen Kindern die Tiere abkaufen wollten Ich war böse über alle Reiche dass
sie glauben Geld sei alles wert Bettler müssen doch auch eine Freude haben
dachte ich und fürchtete auch die Mutter würde die Kinder zum Verkauf zwingen
denn die kennt freilich den Nutzen des Geldes wie junge Leute die Süßigkeit des
Vergnügens
    Ich musste sie hier freundlich anblicken und sie sagte mir aber warum sagten
sie nichts Sie sind sonst so gut gegen die Armen Ich musste erst sehen ob es
meinem Kleberg mit dem Kauf der Tiere Ernst sei Sie antwortete mit sanftem
Ton Der Kummer von den armen Kindern war doch sehr ernstlich Ott sagte da mit
Rührung gegen mich Herrliches Mädchen ach wenn Seine Blicke auf mich und auf
meine junge Freundin waren so bedeutend dass ich nicht wusste was ich daraus
machen sollte denn ich wiederstrebte den Vermutungen die sich schon ein
paarmal in mir erhoben hatten Die Anmerkung von Karolinen über mein zögerndes
Mitleiden hatte mich schon etwas düster gestimmt und vielleicht war dies die
geheime Feder welche den Gang meiner widrigen Vermutungen beschleunigte Denn
da ich auf einer Seite von der jungen Itten getadelt wurde so war ich gewiss
mehr geneigt auch andre zu tadeln Mein Kleberg bemerkte dass Etwas besonders
in mir lag und ich gestund ihm meine Verlegenheit über Ott in Ansehung meiner
jungen Freundin und mir Er lachte mit einer Art satyrischen Mutwillen Salie
sagte er gewiss liegt die Idee einer Lisettengeschichte in dir Ich zuckte ein
wenig zurück vor dem Andenken und vor dem Scharfsinn des Mannes Er kam gegen
mich Sei ruhig meine Liebe und lass das Mädchen alles werden was sie nach dir
werden kann Ott will sie für Latten so haben und es wird ihm wohl gelingen
Nun reute mich der Schritt und alles was ich geargwöhnt hatte weil das Bilden
nach mir noch so viel Anhänglichkeit in dem jungen Manne zeigte und ich wohl
denken konnte von meinem Kleberg doppelt beobachtet zu werden Aber der
Entschluss den ganz geraden Weg zu gehen half mir wie er immer helfen muss Ich
änderte nichts in meinem ganzen Tun und behielt dadurch mein natürlich es
Wesen und hatte nichts zu besorgen obschon ich bekenne es Ihnen ganz
ungesucht alles in mein Gedächtnis zurückkam was Latten an mir gelobt hatte
und gewiss auch alles dies in mein Bezeigen eingeschaltet wurde Das Fritzgen
besorgte ich besonders vor Karolinen und gab ihr immer eine Beschäftigung mit
ihm sie zeigt dem Kinde auch viel Zärtlichkeit
    Nun schicken wir uns an zur Rückreise in die Stadt und mein Oheim sagt
unser Besuch bei dem sogenannten Moorbauren sei ein Abschiedsbesuch gewesen Er
hat mich diesen Abend sehr bewegt da er mit mir auf dem kleinen Altane stund
der über unserer Haustüre ist Es waren viel leichte Wolken am Himmel die in
einer Menge schöner Farben abwechselten Er sah sie sanft ernstaft an Da sie
etwas falb wurden nahm er meine Hand Liebe Salie du dein Mann und eure
Freunde ihr habt den Abend meines Lebens eben so erheitert wie diese Wolken
die letzten Stunden dieses Tages vielleicht seh ich keine mehr auf diesem
Platze neben dir Ich werde glücklich sein wenn meine letzten Augenblicke in
eine sanfte Düsterheit verhüllt unter deiner zärtlichen Sorgfalt verschwinden
Bleib meine Beste auf dem Wege deines Herzens Es wachsen dir gewiss bei jedem
Schritt innere Ruhe Liebe und Achtung aller Zeugen deines Lebens auf und mein
Segen mein Kind sagte er mit Tränen mich an sich drückend da ich
schluchzste und seinen Arm gefasst hatte mein Segen wird um dich sein wenn ich
über die Wolken auf die er deutete erhoben sein werde O Mariane dieser
feierliche Abschied von der Natur und mir von diesem väterlichen Freunde
zerriss mein Herz mit traurigen Ahndungen Gott erhalte ihn mir noch lang lang
 
                         Hundert und funfzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Mariane Sie die immer alles was mich quälte und freute mit mir teilten
nehmen Sie heut den Überfluss dessen was ich gestern fühlte und gewiss es freut
Sie mit mir
    Gestern Abend zogen wir wieder in die Stadt und wirklich ist unser
Gartenhaus zu leicht gebaut um uns genug gegen die Nordwinde zu schützen
meine Leute gingen schon des Morgens nach dem Frühstück ab Wir aßen bei dem
Pfatrer zu Mittag und es wurde bis zu unserer Ankunft in die Stadt so spät und
dunkel das schon in allen Häusern die Lichte angezündet waren Kleberg hatte
Karolinen zum Namenstag einen blauen Reiserock und Kappe mit weißem Pelz
ausgeschlagen machen lassen wie meine gelbe Kleidung ist Wir mussten beide
diese Kleider anziehen teils weil es kalt und duftig war teils auch weil es
uns beiden sehr gut stund Sie denken sicher dass uns letztere Ursache eben so
wohl gefiel als erstere und dass wir uns in der Kutsche selbst sein gerad
hielten um unsere schöne Taille immer in guten Licht zu halten ob es schon
dunkel war Die Stadt die Straßen und Häuser hatten etwas neues für mich
bekommen weil ich den ganzen Sommer nur einmal da war um mit Hannchens Eltern
wegen ihrer Heirat zu sprechen Ich sah also während dem Fahren immer mit einer
Art Neugierde die Gassen hin und her staunte aber gar sehr als ich ein Haus in
der Nachbarschaft des unsrigen in beiden Stockwerken außerordentlich
beleuchtet sah Bei der Räherung unserer Kutsche da wir bei diesem Haus um die
Ecke mussten wo unser Hoftor ist bemerkte ich einen Saal mit Wand und
Hängeleuchtern mit vielen Wachslichtern und mehrere Personen an den Fenstern
die mir sogar Bewegungen des Grüssens zu machen schienen Ich sagte es meinem
Mann indem ich zugleich hastig fragte wer wohl da wohnen möchte Er drückte
mir etwas zitternd die Hand und antwortete rechte gute Freunde von uns mein
Kind mit denen wir zu Nacht essen werden Wenige Augenblicke darauf hielt der
Wagen still ich dachte Ott und Julie hätten ihre Wohnung verändert oder die
Kallen wären in die Stadt gezogen Aber ein Bedienter den ich nie sah und ein
Soldat erschienen mit Lichtern an der Türe und gleich darauf kam ein artiger
Offizier in Russischer Uniform und bot mir die Hand mein Oheim half Karolinen
aus der Kutsche denn mein Mann war heraus gesprungen und hing an dem Hals
eines Fremden Ich blickte mit Verlegenheit und Unruhe nach meinem Oheim in
dessen Gesicht ich die Auflösung dieses Räzels lesen wollte Er verstund mich
lächelte freundlich und sagte fasse dich Salie du wirst mehr als eine Freude
finden Karoline stund denn mit dem kleinen Fritzgen an der Hand neben mir der
Knabe versteckte sich bei den vielen Fremden in meinen Rock Kleberg rief ihm zu
und den Augenblick schrie der Kleine innig Papa Papa verließ Karolinen und
mich um in Lattens Arme zu eilen welches der Fremde an Klebergs Hals war der
während den ersten Küssen des Kindes flüchtige aber sehr bedeutende Blicke auf
mich und die gute Karoline warf Ich bewillkommte ihn nur mit der Bewegung
meiner rechten Hand indem ich die Auffoderung des Offiziers folgen musste der
mich gegen die Treppe führte die sich von einer Seite in einen Winkel dreht wo
man einige Schritte nach der ersten Hälfte zu ruhen hat ehe man die zweite zu
steigen anfängt und dort einen schönen Vorplatz sieht Den nämlichen Augenblick
wo ich die Augen dahin wandte und nur noch vier Stufen zu steigen hatte sah ich
ein Frauenzimmer zu einer Türe heraus eilen und mit ausgestreckten Armen gegen
die Treppe laufen Und o liebe liebe Mariane es war van Guden die mich an
ihre Brust drückte und eben so wenig reden konnte als ich Wir taumelten mit
verschlungenen Armen in ein Kabinet wo Freudentränen unsere gepressten Herzen
erleichterten wo wir uns fassten und über den Gedanken entzückt waren den
ganzen Winter mit einander zu leben Sie dankte meinem Mann und Oheim die in
allem so gut für das Haus gesorgt hätten und ich fand darin die Ursache warum
Kleberg die letzte Herbstzeit so oft in die Stadt ritte ohne mir je etwas von
seinen Geschäften zu sagen Nun waren die andern auch in den Saal gekommen mein
Oheim klopfte an die Kabinetstüre und bat mich ihn der Frau Guden
vorzustellen Diese zwei würdigen Personen umarmten sich indem van Guden sagte
der väterliche Freund von Rosalien und ihre mütterliche Freundin könnten sich
auf keine andre Art bewillkommen Hierauf stellte sie mir den Offizier als den
jüngsten Bruder von Frau Wolling die zwei Pindorfischen Kinder den Karl
Wolling Meta und Wilhelm Moos vor Dieser Herr auf Latten deutend sagte sie
wird ihnen nicht fremd aber unerwartet und etwas neu vorkommen Lattens Aug
betrachtete mit Nachdenken meine Gestalt die durch mütterliche Hoffnungen etwas
verändert war Er bückte sich nach seinem Fritzgen den er an sich schloss dann
meinen Mann an der Hand fasste mit dem er in ein Fenster ging O möchten sie
doch sehen was in der Einöde von Wollinghof aus den Pindorfischen Kindern
geworden ist Reiner Wuchs edle Offenheit der Seele in allen Zügen alle Anmut
freier jugendlicher Bewegung der Ton der Stimme lauter Liebe und Leben
vertraute zärtliche Blicke auf van Guden als ihre Freudengeberin zuweilen
Anhängen und leichtes Weghüpfen von ihr Meta Moos wie hold wie so voll
jungfräulichem Anstand und Sittsamkeit neben dem Ausdruck von Geist und Glück
ihrer Jahre Wilhelm Moos zu einem Freund Lehrer und Vorgänger gebildet
Bescheidenheit und Selbstbewusstsein in der lebhaften Jünglingsmiene
Aufmerksamkeit und Anbetung im Auge so oft er van Guden ansah oder sie mit ihm
sprach Gustav und Henriette alle edle Kennzeichen ihres Standes in ihrem
feinen gefälligen Bezeugen und dann Unschuld Einfalt und Wissen wechselweiss auf
ihren hübschen Gesichtern Wir speissten höchstvergnügt beisammen zu Nacht Wie
die Kinder schlafen gingen und von Frau van Guden angewiesen wurden mich
Tanne Kleberg zu heißen Fritzgen aber nach seiner Gewohnheit mich Mama Salie
nannte und an mir hing so wurde mein Herz zu Tränen erweicht Mein Oheim der
neben mir saß bemerkte es mit Rührung und fasste meine Hand du gute halbe
Mutter auf wie vielerlei Weise wurde heut deine Seele bewegt ich wünsche
herzlich dass es einen unauslöschlichen Eindruck auf die keimende Fähigkeiten
deines Kindes machen möge und das dich Gott die Freude genießen lasse es
aufgewachsen zu sehen denn es muss gewiss ein menschenfreundliches edles Geschöpf
an Leib und Seele werden Ich sank hier aus Übermaass von verschiedenen
Empfindungen an den Busen meiner Freundin und im nämlichen Augenblick sprangen
Kleberg und Latten zugleich von ihren Stühlen auf weil sie dachten ich sei
ohnmächtig geworden Kleberg kam zu mir Latten aber hielt sich mit krampfigen
Fingern an seinen Stuhl fest war etwas blass und sah starr auf mich da ich
gerad mein glühendes Gesicht erhob um die Hand meines Oheims zu küssen und
meinen Mann zu beruhigen der äußerst ängstlich nach meinem Befinden fragte
Unsere gute Karoline Itten hatte wie mir van Guden sagte viel zu sehen denn
sie blickte mit Freundes Augen auf mich aber mit Staunen auf Lattens starre
Augen mit Beifall auf Klebergs Bemühungen um mich und mit etwas Unmut auf
meinen Oheim der Ursach an dem Auftritt gewesen Der Offizier beobachtete sie
und redte den Latten an der einen ziemlich artigen Rückweg zu dem Aussehen der
Freundschaft nahm indem er Karolinen ins Ohr flüsterte das der gute alte Mann
unsere Freude durch einen Schreck unterbrochen habe Er habe auf seinen Reisen
gesehen wie sehr gefährlich auch sanfte Empfindungen in meinen Umständen werden
könnten wenn sie zu stark wären Meinem Kleberg war nichts von Lattens Bewegung
entgangen er drückte seine Hand als er sich wieder zu ihm setzte und sagte
auf Englisch Mein lieber Freund wie viel Schmerz ist bei Wünschen und Genuss
des Glücks Latten ging ehender weg als wir Kleberge da wurde mir erzählt
dass ihm Ott geraten hätte nach Wollinghof zu gehen und der Frau Guden ganz
freimütig den Zustand seines Herzens zu eröfnen Das hätte er getan und sich
bei der Verordnung recht viel von seiner Liebe zu reden sehr wohl befunden da
Frau Guden ihn angehört mitgesprochen und durch weises Nachgeben und
Teilnehmen dahin gebracht habe die Idee seines Glücks in zärtlicher
Freundschaft mit uns und in der Verbindung mit einem liebenswerten Mädchen zu
suchen deren Glück er machen würde und so sei er wieder zurück gekommen Er
würde aber in der Vorstadt wohnen wo er eine Fabrik von striefigen Leinen
aufrichten wolle das teils für Weibskleidungen teils aber zu Hausgerät
bestimmt werden solle Sehen sie wie in diesem Brief alles verwirrt unter
einander läuft Der Freudentaumel ist noch in mir Ich habe auf nichts denken
noch weniger von dem Offizier erzählen können aber ich hohl es nach und will
ihnen nur ganz kurz den Auftritt mit Latten beschreiben der bei uns
frühstückte und sein Fritzgen besuchte Er schien mir etwas blässer und hagerer
als er bei seiner ersten Ankunft bei uns nicht war Ott hatte ihn begleitet und
fragte mich ob ich nicht recht zufrieden sei auch diesen guten Menschen in
unserer Stadt erst zu sehen Ich versicherte es dankte ihm auch dass er gleich
den jungen Wolling mit in den Plan seiner Geschäfte genommen habe und hörte nun
auch dass sein Haus schon völlig eingerichtet sei Nebengebäude aufgeführt wären
und ein Vorrat von Hanf und Flachs daliege um Spinnereien zu errichten und
Weber und Färber zu beschäftigen Es wurde dann von Karolinen Itten gesprochen
und ich aufgefodert von ihrem Herzen und Kopf zu reden weil Frauenzimmer sich
einander mehr Vertrauen bewiesen als ein Mann jemals von ihnen erhalten würde
Ich malte dann ganz getreu das Bild meiner Freundin bis auf die kleinsten Züge
aus Latten trank während ich sprach sieben Tassen Tee ohne aufzusehen
endlich sagte ihm Ott Ey Bruder du schwemmst ja das artige Bild wieder völlig
aus deiner Seele weg nun soll unsre Rosalie trinken nachdem sie so lang
geredet hat Ich sagte Das will ich auch tun aber ich möchte vorher wissen
ob unser lieber Latten mit meinem Gemälde zufrieden ist Er ergrif meine Hand
drückte sie sanft zwischen seinen Händen und sagte mit seiner so wohltönenden
Stimme Sie haben meine teure Freundin sich und Karolinen in mein Herz
gegraben Ich denke wohl dass ihre schöne Seele Zusätze machte aber ich fühle
zugleich das ein rechtschaffener Mann mit Karolinen glücklich leben kann wenn
auch nur die Hälfte des Guten wahr ist das sie sagten Geben sie nun ihrer
Freundin auch eine günstige Idee von mir so will ich mich freuen die Achtung
und Zärtlichkeit meiner Gattin von ihnen erhalten zu haben Ja mein Bruder
Latten ich will Karolinen den ganzen Wert des Glücks zeigen das sie mit ihrer
Hand und ihrer Liebe erwartet aber aber sie müssen sie lieben ganz lieben
das gute herrliche Mädchen würde ja elend wenn sie ihrem schätzbaren Mann
gleichgültig wäre Das ist sie mir nicht und wird es nicht werden ich wäre
ohrfähig um sie zu werben Nun war alles gut Wir sprachen dann vom Glück der
Freundschaft von dem Vergnügen eine nützliche Beschäftigung zu haben und auch
durch dieses Beispiel etwas zu dem gemeinen Wohl beizutragen wir sagten dann
dass unser Haus das Grafische die Kallen Kahnberge Ittens Linke und Otten
wirklich für Fremde und Einheimische als so vielerlei Art von Verdienst und
Glück angesehen werden könnten keines zu viel Schimmer alle einen Grad
Wohlstand der ihnen den mäßigen Genuss der feinen Freuden des Lebens erlaubt
Nun kommt Latten dazu und seine Fabrik gibt uns eine neue Art Paste denn wir
Weiber und Mädchen alle sollen des Jahrs zweimal seiner Karoline helfen an die
gerollte und zubereitete Stücke Leinen die kleinen Zieraten und
Handlungszeichen nähen wo er uns dann in dem leeren Verlagszimmer einen reichen
Kaufmannsschmauss geben wolle Die Frankfurter Messe schafft uns diesen Past Wie
froh bin ich dass Latten ruhig ist
                         Hundert und sechszehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ja meine Liebe der Offizier hat uns alles selbst erzählt und Sie würden auch
ohne Bitten einen kleinen Auszug der Geschichte dieses schätzbaren jungen Mannes
erhalten haben Aber eines müssen Sie tun Mariane In meinen älteren Briefen
nachzusuchen wo die Frau Wolling der van Guden ihre Geschichte erzählt denn
dort werden Sie einen jüngeren Bruder finden der Charlotten und ihren Karl
unendlich liebte aber mit 17 Jahren von dem väterlichen Hause wegkam und
gleich in Kriegsdienste trat Sein schwanker richtig gebauter Körper sein mit
sanftem Feuer viel Geist versprechendes Auge das gute Herz und die
Gefälligkeit welche in seinem Lächeln und in dem Ton seiner Stimme bemerkt
wurden gefielen dem Obristen seines Regiments so gut dass er sich gleich
vorsetzte eine besondere Sorgfalt auf die Ausbildung dieses Jünglings zu
verwenden indem er sich Hoffnung machte nicht nur einen schönen sondern auch
einen verdienstvollen Mann an ihm zu ziehen Er gab ihn unter die Aufsicht eines
erfahrnen alten und eines vortrefflichen jungen Offiziers von denen er den
Dienst und die Kriegsbaukunst erlernte Edle Ehrbegierde und Dankbarkeit für
seinen Gönner und seine Lehrer sporten ihn zu unausgesetztem Fleiß an und er
wurde einer der brauchbarsten und schätzbarsten Leute Es ist äußerst angenehm
diesen bescheidenen meist nur andern mit Achtung zuhörenden jungen Mann mit so
vieler Wärme und überfliessendem Herzen von seinen Freunden sprechen zu hören
besonders von dem Offizier der ihn in dem ersten Winterquartier vollkommen
Zeichnen und Mathematik lernte
    Der Sturz seines Vaters das verringerte Vermögen seiner Familie eine Art
von Beschämung die er darüber fühlte machte ihn wünschen recht weit von
seinem Vaterlande wegzukommen und es gelang ihm in russische Dienste
aufgenommen zu werden und daselbst unter der Anführung und dem Beispiel eines
deutschen Generals 2 von großem Geist seine angebohrne Talente und
Rechtschaffenheit in vielen Gelegenheiten zu zeigen Er sagte uns der Genius
seines Generals und die wahre große Kaiserseele seiner Monarchin hätten ihn
angefeuert die Verdienste zu erwerben durch welche er würdig geworden sei
unter den Befehlen dieses Mannes für diese Frau zu sterben Er befliss sich
deswegen auch besonders auf die Sprache des Landes und auf Kenntnis des
Nationalkarakters um den Weg zu der Liebe und dem Vertrauen des gemeinen Mannes
zu finden wodurch man in Friedenszeiten für das gemeine Beste arbeiten und im
Krieg wichtige Unternehmungen ausführen könne Als er nun des Beifalls und der
Gnade seines Generals versichert war und sich durch seine Lebensordnung auch
etwas erspart hatte so suchte er um die Erlaubnis an nach Deutschland zu
reisen indem es ihm unerträglich geworden in den seltenen Briefen seines
Bruders so wenig Deutliches von dem Schicksal seiner Mutter und Geschwister zu
hören denn setzte er hinzu je größer und sicherer ich mein Glück vor mir
sah je mehr wünschte ich auch von dem Wohlstand meiner geliebten Verwandten
gewisse Nachrichten zu haben und genoss in dem immerwährenden Zweifel und Unruhe
darüber mein eigenes Wohlsein nur halb Er kam also vor drei Monaten auf ein
Jahr in sein Vaterland und besuchte zuerst seinen Bruder den Secretair welcher
aber eben verreisst war Da ging er zu seiner älteren Schwester der Frau
Hofrätin H bei dieser hörte er die Erzählung von dem Tode seiner so
geliebten Mutter Er wartete sodann auf Nachrichten von Charlotten mit
ängstlichem Herzen weil er fürchtete sie lebe auch nicht mehr da ihr Name von
keiner Seele genannt wurde und man ihm nur von den Umständen der Familie so
ganz überhaupt Nachricht gab Sein Bruder welcher ihn den zweiten Tag dort
aufsuchte sagte ihm ein weites und breites von den Rechnungen über das
Vermögen so sich alles dahin endigte wie er ihm nichts mehr geben könnte
indem das lange Krankenlager der Mutter so viel gekostet habe und dass er
verbunden gewesen die zwei vornehme Schwäger am ersten zu befriedigen weil er
ihnen viele Unterstützung in seinem Dienst zu danken hätte Dem guten Offizier
war alles recht und er versicherte seinen Bruder dass er mit seinem Besuche
nichts anders wollte als die Freude seine Verwandten wieder zu sehen ihr
Wohlsein und ihre Liebe sei alles was er sich wünschte Nun war sein Bruder
sehr zufrieden und munter aber ihm schien Charlottens Tod gewiss und schon lange
vorbei zu sein weil sie von allen Leuten so vollkommen vergessen war dass sie
gar nicht mehr gezählt wurde Es schmerzte ihn sehr aber er schwieg war über
diesen Gedanken in sich selbst gekehrt und ging diesen Tag nebst den folgenden
Morgen tiefsinnig umher tadelte sich aber dass er den lebenden Geschwistern
wegen der Toten mit so viel Kälte begegnete Er sagte sich sie können ja
nichts dafür Tod und Sterben ist Anordnung der Vorsicht  Gott nahm das gute
Geschöpf ihr ist wohl   Mit diesem Gespräch in sich selbst kam er zum
Mittagsessen nach Hause heiterte sich auf und suchte einem jeden durch
freundliches Bezeugen zu ersetzen was er ihnen so ungerecht entzogen zu haben
glaubte Sie waren auch alle sehr froh ihn so aufgeweckt zu sehen und
wetteiferten in ihrer Bemühung um ihn herum seine zweite Schwester und ihr Mann
waren auch gekommen man hatte noch Gäste gebeten die mit dem russischen Herrn
Bruder speisen sollten Der Tisch war in einem großen Zimmer gedeckt in
welchem einige Familienbildnisse hiengen man wiess ihm endlich das seinige als
Knaben Hier erinnerte er sich dass Charlottens Bild neben dem seinigen auf dem
nämlichen Blatt gemalt gewesen und dass das ganze größer gewesen war Er fand
auch dass etwas abgeschnitten worden und sagte es fragte auch wo denn das
Bild der guten Charlotte hingekommen sei Warum man es abgeschnitten habe Er
wolle es für sich haben  Der Wein und die Lustigkeit des Schmauses hatten den
älteren Bruder und die zwei Schwäger schon so weit gebracht dass sie ohne alles
Nachdenken dem ruhigen Wassertrinker über seine Charlotte loszogen Er staunte
erst dann sagte er mit einer Träne im Auge Ach lasst sie in ihrem Grabe ruhen
und gebt mir ihr Bild das neben dem meinen war ihr mögt sagen was ihr wollt
sie ist ein gutes holdes Mädchen gewesen Nun schrien die rauen Leute
zugleich Ich wollte sie wäre tot so beschimpfte sie uns doch nicht mehr mit
ihrer Bettelzucht auf dem Mohnheimer Berg Der arme Hauptmann fuhr auf Was
Charlotte lebt hat Kinder ist im Elend und ihr Ihr seid Brüder und
Schwestern Er hatte seinen Stuhl unigestossen und wollte voll Unmut und
Schmerz aus dem Zimmer gehen sie hielten ihn und erzälten von dem Gärtner
Karl der sie verführt und unglücklich gemacht habe Mehr hörte er nicht an riss
sich los und gab seinen Bedienten Befehl ihm zwei Pferde zu schaffen und
eilte mit Heftigkeit in sein Zimmer indem er auf seine Brust schlug und sagte
Charlotte Karl ihr habt noch einen Bruder an mir Da man ihm nachgienge und
ihm Vorstellungen über die jähe unfreundliche Abreise und endlich auch wegen der
nahen Nacht Einwendungen machte so drohte er bei Einpackung seiner Sachen er
würde sich seinen Weg mit seinen Pistolen frei machen wenn sie ihm die
mindeste Hindernis vorlegten und reisste nach Mohnheim ab wo er aber erst den
zweiten Tag anlangte indem er selbst in der Nacht krank wurde und auch die
Pferde ruhen lassen musste Er wünschte anzukommen und fürchtete sich zugleich
vor dem Anblick zweier Personen die ihm immer so wert gewesen Er ließ den
Boten und seinen Bedienten im Dorf zurück weil er das Elend seiner Charlotte
ohne Zeugen sehen wollte und ritt allein auf Mohnberg zu Mein Pferd sagte er
keuchte nicht so sehr darüber meine Last Bergauf zu tragen als ich unter den
Druck meines Kummers um Charlotten der so lang verwundene einsame Weg des
Waldes schwärzte meine traurige Gedanken noch mehr und als ich nah an
Wollinghof kam und das schöne Haus fand so dachte ich irre geritten zu sein
und es verdross mich so glückliche reiche Leute auf einem Berge zu sehen wo ich
meine Schwester im Elend finden würde Ich rief einer Magd die ein artig Kind
auf dem Arm hatte sehr trotzig zu mir zu sagen wohin ich zu der Hütte des
Gärtners von Mohnberg kommen könnte ich wäre sein Verwandter und wolle für ihn
sorgen Das Mensch lief ohne ein Wort zu sagen fort und ich ritte den Torweg
hinein da kam Wolling mit Eile den Gang her Ich erkannte ihn wohl aber das
Bild von Armut war so in mir dass ich nicht glauben konnte was ich sah und nur
steif ihn anguckte Er erkannte mich sicherer O mein Freund Heinrich rief er
mich noch auf dem Pferde umfassend willkommen o Gott willkommen Ich kam aus
meinen Steigbügeln und von dem Sattel ich weiß nicht wie und lag in
Wollingsarmen alles war um uns versammelt Meine Lotte wurde vor Freuden
ohnmächtig und ich beinah krank vor inniger Erschütterung des jähen Wechsels
der Angst mit Entzücken Ach wie oft fragte ich sie Kinder wie ist das ist es
gewiss das Haus euer der Wohlstand euer man sagte mir von Armut und Jammer 
Ach was erzählten sie mir dann von der Erscheinung der van Guden von dem
Zustand in welchem diese Frau sie fand was sie tat und wie sie nun mit ihnen
lebte Dann führten sie mich im Triumph zu dem Engel der dieses Paradies für
sie geschaffen hatte O was war der Anblick dieser Gestalt für mich sagte er
auf van Gudens Bildnis zeigend denn sie wollte nicht dabei sein als er den
Auftritt erzählte Wolling und Charlotte nannten mich bei dem Eintritt in das
Zimmer da ging sie mir eilend mit einer ausgestreckten Hand entgegen ich fiel
auf meine Knie umarmte ihre Füße küsste sie und benetzte sie mit Tränen Es
war nicht soldatisch aber brüderlich van Guden war mir eine wohltätige
Gottheit ich betete vor ihr so wie ich vor dem lebendigen Gott gebetet hätte
ich war außer mir und vor Seligkeit beinah erschöpft Die edle Frau weinte aus
Rührung über mich gebeugt und sagte dass sie unendlich glücklich sei einen
solchen Bruder auf der Erde zu wissen sie winkte den andern stille zu sein und
mich gehen zu lassen Das leise sanfte Zureden von ihr brachte mich nach und
nach zur Ruhe und zur Teilnehmung an ihr und aller Süßigkeit in Wollinghof
Die Kinder meiner Lotte die Hütte in welcher die ältere geboren waren der
Platz wo die van Guden zu den Kindern gekommen das jetzige Haus alles hatte
etwas übermenschliches für mich es war immer in mir der Frau Guden auf den
Knien nachzukriechen immer zu danken und zu beten Ich schätzte meinen Bruder
Wolling auch sehr wegen der Sorgfalt mit welcher die Hütte in allem erhalten
wird wie sie war und dass er immer das Gärtgen pflegt und pflanzt das neun
Jahre hindurch mit seinem Schweiß und Tränen benetzt ihm Frau und Kinder
ernähren half So wie auch Frau Guden mir ehrwürdig ward dass sie bei Erbauung
des neuen Hauses nicht einen Stein des zerfallenen Schlosses wegnahm sondern
dass sie noch auf den großen Seckelstein des Hauptpfeilers die Aufschrift graben
ließ
    Schloss Mohnberg durch adelichen Wohlstand der edlen Mohnheimer erbaut
durch adeliche Wut im Faustkriege verstört dennoch schützten meine Überreste
neun Jahre lang die zu mir geflüchtete Unschuld und Tugend einer ganzen Familie
die mich nun als Denkmal der göttlichen Güte betrachtet Möge ich für ihre
Nachkommen ein Stein der Erinnerung werden dass Gottesfurcht Fleiß und
Rechtschaffenheit die wahren Grundlagen des Glücks sind
    Als er dies aus seiner Schreibtafel vorgelesen hatte fuhr er fort zu sagen
dass er während der ganzen Zeit die er in Wollinghof zugebracht immer ein
Gefühl in sich getragen als ob er in einem großen Tempel herum gienge in
welchem die wahreste und Gott gefälligste Religion gepredigt würde Er habe auch
Gottes Segen so sichtbar in allem gefunden die Menschen Tiere und Gewächse so
gut so glücklich dass er oft im Wald bei der Hütte oder dem Stein seiner
Mutter ausgerufen hätte O das ist Elysium Die größte irrdische Belohnung die
er sich für unsere van Guden denken kann ist dass sie verdiene bei seiner
Kaiserin zu leben Ich belohnte ihn für den herrlichen Morgen den er uns durch
seine Erzählung gegeben hatte mit der Erlaubnis das Pack Briefe abzuschreiben
welche ich von Frau Guden aus Mohnberg erhielt worin er also alle das Gute
findet welches sie von den Wollingen sagt Er hat die Ruinen von Mohnberg die
Hütte das Gärtgen und das neue Haus abgezeichnet und in Dusch gebracht das
glebt nun ein herrliches Heft welches er immer bei sich tragen will weil er es
als ein untrügliches Mittel ansieht sich in seiner Liebe und Verehrung der
Vorsicht zu stärken und den Glauben an Menschenliebe und Menschentugend fest zu
halten Er übersetzt es auch in die russische Sprache denn er wünscht dass die
ganze Welt wissen möchte was die Tugend des Armen und die Edelmütigkeit des
Reichen für herrliche Früchte hervorbringen
    Es ist ein hochachtungswürdiget Mann Wir haben ihn malen lassen ehe er
nach Wollinghof zurück ging Sie werden also bei uns sein Bild sehen
 
                        Hundert und siebenzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
In drei Wochen keinen Brief Schreiben Sie nimmt van Guden alles gehört ihr
alles 
    Ja meine Beste Sie haben Ursache zu klagen dass ich so lange schwieg aber
hören Sie mich und Sie werden sehen dass van Guden von dieser Zeit an nicht
mehr erhielt als ihr gebührte Ich nähere mich einem wichtigen Zeitpunkt meines
Lebens und die vielen obschon angenehmen Bewegungen der Seele die ich einige
Wochen durch zu tragen hatte machten mich vermuten dass ich von einer frühen
Niederkunft überrascht werden könnte da führte ich also mit einer Art
Aemsigkeit alle das aus was ich mir auf diesen Fall vorgenommen hatte das ist
nicht nur die nötige Zubereitung der Betten und weißen Zeuges denn das war
alles fertig aber eine mich stärker angreifende Beschäftigung Briefe an Sie
meine Liebste an meinen Oheim meinen Mann an van Guden die Ottens und alle
die ich schätzte diese waren in dem Ton der Vermutung gedacht dass der
Augenblick wo mein geliebtes Kind gesund zur Welt käme wohl der sein möchte
in welchem seine zärtliche Mutter sie verlassen würde und da wollte ich nun
dass nach meinem Tod alle meine Freunde noch ein Kennzeichen meines Danks für
ihre Liebe und den letzten Beweis meiner zärtlichen Verehrung erhalten sollten
Sie können sich die Stimmung denken in welche mein Kopf und Herz bei jedem
dieser Briefe kam ich durfte mich auch nicht immer dabei aufhalten weil ein
Ausdruck von Trauer auf meinem Gesicht bei Klebergen und meinem Oheim jedes
Vergnügen stört ja sogar der junge Itten und meine Leute niedergeschlagen
werden wenn ich weniger heiter bin als gewöhnlich und jemehr diese
Teilnehmung und mein Einfluss auf sie alle mich freut um somehr halte ich mich
verbunden ihnen alle ihre Stunden angenehm und den Dienst leicht zu machen
Denn wie möchte ich jemand eine freundliche Miene versagen wenn ich weiß dass
diese Miene einen guten Menschen einen Augenblick seines Lebens verschönert Ich
hoffe meine beste edelste Freundin tadelt mich nicht wegen diesem Teil meiner
Zubereitung denn es ist mir nun recht wohl da ich diese Briefe meine
Rechnungen und Verzeichnis alles Hausgerätes in Ordnung da liegen habe und
mir auf allen Fall nichts zu tun übrig ist Nun sollen Sie das hören was seit
diesen drei langen Wochen mit van Guden und den übrigen vorgieng zuerst aber
die Nachricht welche Sie von dem Besuch in der Vorstadt verlangen
    Ich und andre wären gerne mit dabei gewesen aber van Guden wollte es nicht
sie glaubte es würde eine Art Prunk für sie und etwas niederdrückendes für die
guten Leute sein wenn so viel stattliche Herren und Frauen mit ihr durch die
Straße zögen und sie nahm ganz allein unsern Latten mit sich der auch ihr Haus
bewohnt worin er eine kleine Leinenfabrik aufrichtet und welchen sie bei
dieser Gelegenheit den Leuten bekannt machen wollte Er holte sie in der Frühe
ab und sie ging in dem nämlichen braunen Kleib das sie ehemals trug zu ihren
alten Freunden von denen sie mit Liebe und Verehrung aufgenommen wurde Latten
bewunderte ihr höchst feines Gefühl mit welchen sie mit den Leuten sprach und
umgieng als ob sie nur eine teilnehmende Freundin und nicht ihre Wohltäterin
gewesen wäre Sie gab dem erhaltenen Guten ihren Beifall als ob es die Anstalt
derer gewesen die es genossen oder derjenigen die es besorgten Sie
antwortete auf Bitten auf Dank oder Vorstellung mit der Bescheidenheit einer
Person die selbst nur Fürbitterin bei einer andern ist Manches war nicht mehr
in dem schönen heilsamen Stande worein sie es gesetzt hatte und in vielen
Häusern sah man kaum die Spuren der von ihr eingerichteten Ordnung und
Reinlichkeit aber sie ahndete nichts bestrafte nichts besonders da sie
bemerkte wie ihre Blicke auf das Handwerksgeräte und Hauswesen umher die Augen
der Frau oder des Mannes zur Erde schlugen oder auch Entschuldigungen suchen
machten Eine Beobachtung gab ihr vieles Vergnügen nämlich dass in den Häusern
worin die Knaben und Mädgen waren welche der Schulmeister und seine Frau ihr
gelobt hatten die Ordnung am besten erhalten schien das tröstete sie über
alles Missfällige bei den andern Weil sagte sie die Macht der Gewohnheit der
Jugendjahre die Väter und Mütter auf den alten Weg der Nachlässigkeit und des
Schmutzes geführt habe so würde die nemliche Gewalt die Kinder auf der neuen
Bahn der Ordnung fest halten Sie will nicht oft in die Vorstadt gehen sondern
den Herrn Latten den Einfluss benutzen lassen den ihm seine Fabrike und der für
die Einwohner daraus hoffende Gewinnst neben dem Reiz der Neuheit geben würden
Sie sagte dabei zu uns Ich war bei meiner ersten Erscheinung Trost und
Erleichterung für diese guten Leute ich würde nur durch Vorwürfe oder strenges
Anhalten an meine Vorschriften ihre Last vermehren wobei ich doppeltes Unrecht
hätte weil wirklich bei den Bauern und Bürgern dies was unsern verwöhnten
Ideen von Anstand und Feinheit als rau hart und unrecht vorkommt einen Teil
des Glücks von ihrem Stande ausmacht indem ein gewisser Grad von
Empfindlichkeit für das Schöne und Beste eine Weichlichkeit und einen Ekel
hervorbrächte welche in den Umständen des gemeinen Mannes nicht zu befriedigen
wären und ihm seine schwere Arbeiten schlechte Kleidung Bett und Nahrung
unerträglich machen würden  Als wir nun dieses Entschuldigen der Leute an ihr
lobten und bewunderten so sagte sie sehr artig Was für schöne Farben die
Freundschaft allen Sachen gibt denn was ich da sagte war doch nichts als
Pflicht gerecht zu sein und vielleicht war meine Eigenliebe mit darunter
beschäftigt mir dadurch einen verdrießlichen Gedanken zu benehmen Darüber
musste sie nun den Wunsch ertragen dass sich alle Menschen ihr Missvergnügen über
andre auf eben diese Art benehmen möchten Die Unterredung wurde fortgesetzt in
der Frage wie weit wohl Zierlichkeit und feiner Geschmack unter dem Volk
verbreitet werden sollte und welches das sicherste Mittel dazu sein möchte Man
fand dazu doch nichts bessers als öffentliche Schulanstalten in denen immer
den Kindern ein gemeinsamer Geist und ein gemeinsamer Bug gegeben würde und
ihnen da nur Bilder des wahren Schönen dargestellt werden dürften um den Grund
des guten Geschmacks zu legen so würden auch große Nähschulen für Mädchen wo
sie angehalten würden in allem recht neu und ordentlich zu sein den Grund zu
reinlichen Hauswirtinnen legen zudem aus zahlreichen allgemeinen Schulen nicht
nur ein Nationalgeist entstünde sondern auch der Zweig der stolzen Sonderlinge
abgeschnitten würde welche unausbleiblich im Privatunterricht entstünden wo
jeder Hauslehrer sich besser als der in einem andern Hause dünkte der andern
Lehrart tadelte und diesen Eigendünkel auch seinen Zöglingen mitteilte die
sich dann immer als Vorbilder betrachteten und die meisten eitele feindselige
Menschen würden Latten hat was Sonderbares er hasst die Idee von Verfeinerung
und möchte immer lieber die von Simplicität im Gang sehen Er behauptete bei
einem hohen Grad Verfeinerung der Ideen ging die Wahrheit und Größe der Seele
verloren so wie in materiellen Dingen die Stärke nach dem Maß des
Niedlichmachens verloren gehe Jedes von uns äußerte seine Gedanken nach
seinen Kenntnissen Van Guden die nachdem mit mir am Fenster stund sagte mir
da sie zugleich mit Mutterliebe mich an der Hand fasste Suchen sie nie meine
Liebe nie in andern sich selbst wieder Es ist immer vergeblich und nach dem
Gang der Menschheit wohl gar eine ungerechte Erwartung Wir drechseln und
künsteln alle an dem Bilde des Glücks und der Verdienste und wollen dabei immer
unser Modell auf den Altar des allge  meinen Beifalls und der Nachahmung
setzen Zählen sie nie meine Beste nie darausselbst bei keinem Kind bei
keinem Geliebten nicht und heften sie nie das innige einzige Glück ihres Lebens
an den Gedanken einer vollkommenen Übereinstimmung der Gesinnungen Sie werden
es nur in Büchern finden weil die Menschen in diesen immer das Beste an den Tag
geben Bauen sie ihren eigenen Garten so schön und vollkommen als sie können
Lieben sie und gefallen sie sich in dem was sie säeten und pflanzten da wo
sie Meister über den Boden sind bei andern übersehen sie gerne das Fehlerhafte
und genießen das Gute so wie man niedrige Blumen der benachbarten Wiese das
reiche Ackerfeld und die schönen Bäume des Waldes eines fremden Gebietes durch
das Vergnügen ihres Anblicks genießt ohne dass man überall Rosen und Nelken
finden will und vergessen sie nicht meine liebe Rosalie dass ihre van Guden
diese Wahrheiten auf dem Wege alle des Kummers fand den ihr das Anhängen an der
Idee des vollkommenen Geliebten uns des vollkommenen Glücks der Liebe bereitete
Sie und ich schaffen uns gerne Ideale Ich weiß wie süß es ist unter den
schönen Bildern herum zu wandeln wir wollen sie aber in Zukunft nur als
Zeichnungen aufbewahren und uns manchmal daran ergötzen aber nicht böse werden
wenn in dem Zirkel unserer Bekanntten kein Gesicht und keine Figur so schön ist
als wir das Schöne uns denken können Durch dieses meine Liebe werden wir
zeigen dass Kenntnisse des Geistes und ein edles Herz eben so menschenfreundlich
als glücklich machen und setzte sie mit einer aus Gutherzigkeit und Spott
vermischten Miene hinzu den angenehmen Gedanken dass wir zwei Ideale von der
besten Gattung sind muss man uns immer lassen Sie sehen meine Mariane wie
getreu diese Frau ihren einmal bekannten Grundsätzen folgt da sie behauptete
Reichtum des Geistes müsste mit eben so viel Großmut genossen und ausgeteilt
werden als der vom Gold man müsse nicht stolz auf die Armen blicken sondern
auf eine liebreiche Art geben was man an Geld und Lehre nehmen wolle Sie
würden sehr zufrieden mit ihr sein wenn Sie sie stundenweiss stillschweigend um
uns sähen und in ihrem so bedeutenden Gesicht bald das feine Lächeln des
Beifalls bald den Blick des Wohlwollens oder Ausdruck der wahresten
Hochachtung bemerkten Sie arbeitet immer wenn Leute um sie sind und Henriette
Pindorf hat ihren Platz in einem Fenster neben ihr wo das holde Mädchen an
ihrem artigen eigenen Tischgen sitzt und auch arbeitet Vormittags aber von Frau
Guden Unterricht bekommt Nachmittags ehe Besuche kommen ließ sie mit ihrem
Bruder etwas bei ihrem Lehrmeister worüber sie dann der Frau Guden Rechenschaft
geben muss um sie von nützlichen Sachen gut und ohne Gepränge reden zu lernen
Mitlerweile schreibt oder liest van Guden sieht nach ihrem Hause nach ihren
Rechnungen Sie speist wie wir simpel aber der Tisch wird mit der äußersten
Reinlichkeit besorgt und nie auch wenn wir alle beisammen sind mehr als acht
Schüsseln gegeben Wir alle und Fremde sind mit dem größten Vergnügen in ihrem
Hause Das Gesellschaftszimmer ist mit feinem Grün ausgeschlagen und eine
einzige Reihe Kupferstiche der schönsten englischen Gärten darinnen und dann in
zwei Ecken die vortreflichsten Abgüsse von zwei Geniis in Größe achtjähriger
Knaben Der Ofen ist von Porcellan ganz weiß wovon der untere Teil einen
alten Altar vorstellt auf welchem eine große Urne ruht die mit schön
gearbeiteten und vergoldeten Lorbeerblättern umwunden ist von denen zwei Zweige
noch über den Altar herunter hängen Zwei Kanapee und viele Stühle von grün und
weißen Zeug sind umher und schöne porzellanene Blumentöpfe voll Blumen vor den
Spiegeln welche von ihr von Meta und Moos gezogen und gepflegt werden Man
kommt geht spielt und spricht bringt Fremde mit ohne Zeremonien zu machen
und alle Abende können sechs Personen bei Tische bleiben wo dann die
Unterhaltung voll sanfter Munterkeit und feinem Scherz bis zehn Uhr dauert
 
                         Hundert und achtzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Sie wollen von dem gesellschaftlichen Leben so vieler gescheuten Männer und
Weiber mehr wissen besonders da ich Ihnen von einem Entwurf schrieb der für
unsern Winter gemacht wurde Das trieb sich sattsam umher weil der mutwillige
Kopf meines Mannes den Vorschlag gemacht hatte dass man eine Zusammenkunft
halten und gemeinsam darüber sprechen sollte
    Wir saßen alle in van Guden Gesellschaftssaal umher Glücklicher Weise
hatten wir Frauenzimmer alle unsere Arbeit bei uns so wie Mutter Guden an ihrem
Tapetenrahme beschäftigt war sonst würden wir lächerlich ausgesehen haben Denn
beinah wussten unsere Männer nicht ganz was sie für eine Gattung Gesichter
machen sollten indem sie da höflich aber doch vorzüglich klug zu Werk gehen
wollten die Weiber sehr bescheiden sein aber doch zugleich vorsichtig genug
um keinen von ihren Wünschen zu verliehren und wie Frau Grafe bemerkte so
wollten die Männer keine Gesetze vorschreiben und die Weiber schienen auch
nicht geneigt in dieser Gelegenheit welche anzunehmen Es wurde lang von
ausländischen Gesellschaften und Winterbelustigungen gesprochen wobei Ott
Latten und mein Kleberg wegen ihren Reisen in neueren Zeiten sehr viel Artiges
zu erzählen wussten so wie mein Oheim etwas von den Erinnerungen vorsuchte die
ihm vom Hof des letzten Herzogs von Lotringen geblieben waren weil er zu Nanci
und Lüneville studiert hatte Stiege sprach von alter deutscher Sitte in dieser
Jahreszeit und unsere van Guden ward aufgefordert uns von Holland zu erzählen
Das nahm einige Zeit weg Unsere muntere Frau Grafe hörte immer aufmerksam zu
schüttelte manchmal den Kopf und da Frau Guden gar keinen Vorschlag machen
sondern nur von ganzem Herzen einen jeden eingehen wollte der uns alle am
meisten freuen würde so fing Frau Grafe endlich an Weil die Frage von
leiblichen Freuden und Vergnügen wäre so dächte sie ein Recht zu haben das
erste Wort in der Gemeine zu führen von den schönen Kenntnissen welche unsere
gereisten Herren hier stund sie auf und verneigte sich tief auf alle umher
sehend gesammlet hätten möchte sie nur dies gebrauchen dürfen Dass wir Weiber
den Ton der Belustigungen angäben wie es in dem belobten Frankreich üblich
wäre hier war wieder eine Reverenz auf allen Fall aber müssten wir uns sogar
die Fastnachtskappe nach unsern Köpfen zurecht schneiden Sie wünsche dass man
gute alte Gewohnheiten und artige Neuerungen mit einander verbinden möchte
deswegen sollten die Vormittage unangetastet bleiben um die nötige Zeit zu
Hausordnung und Schlaf für die Weiber für die schöne Gesichtsfarbe und Putz der
Mädchen wie für das nötige Studieren der jungen Leute und die Regierung der
Welt für die Männer zu haben Mittags speiste man mäßig zu Hause sammlete sich
bis Nachmittags vier Uhr etwas artige Gedanken für die Gesellschaft und käme
die Woche zweimal zu Frau Guden um zu ihren Füßen die liebreiche Weisheit der
Weiber zu lernen und mit ihr den Abend hinzubringen Dann gienge man einmal zur
Frau Kleberg und ergötzte sich an dem artigen Wettstreit zwischen dem guten
Geist der Frau und dem achteckigen auf allen Seiten fein geschliffenen Kopf des
Mannes Den Tag der Komödie käme man zu ihr weil sie immer sorgen wolle dass
wir ein artiges Nachspiel ihrer Erfindung in ihrem Hause finden möchten Bei Ott
und Julchen würde eine Gattung Ruhetag gehalten werden um durch ihr sanftes
Wesen und die Musik ihres Mannes alles wieder harmonisch zu machen was sich in
dem ersten Teil der Woche verstimmt haben sollte Den Fremden aber müsste
allerwegen der Zutritt und Teilnehmung gelassen werden Sie wollte nun für
unser geduldiges Zuhören danken aber wir klatschten ihr alle unsern Beifall und
Einstimmung zu Nachdem aber hatte sie sich über die kleinen Angriffe zu
verteidigen die sie während ihrer Rede auf uns gemacht hatte und dies war
sehr artig Dann wurde auch der Entwurf zu einer Schlittenfahrt nach Rehberg
gemacht sobald wir einen schönen Wintertag und gute Schneewege haben würden
und der alte Stiegen versprach ein Feuerwerk auf den Stiegenhof zu geben wenn
wir dazu helfen wollten dass seines Neffen Hochzeit mit der jungen Itten auf den
letzten Tag im Jahr veranstaltet würde Das Versprechen und die Bedingung kam
uns allen so drollig vor dass wir herzlich lachten aber doch versprachen zu
Erfüllung seines Wunsches beizutragen Mein Oheim kam mit der Idee dazu auf den
Tag meines glücklichen Vorgangs Seedorf zu beleuchten und einen Ball zu geben
Wie oft doch die Leute alle von diesem Zeitpunkt reden und wie leicht weg da
mich immer ein kleiner Schauer ergreift über alle das was in diesem Fall
möglich ist ob ich schon glaube dass die Mutter Natur mir nicht mehr Leiden
machen wird als andern und weniger zu leiden verdiene ich nicht und fodre es
nicht Getreu zärtlich und mutig will ich sein ganz ganz Mutter für mein
Kind mit meinem Kind leben und sterben Gott lasse mich nur den besten
Erziehungsplan durch mein tägliches gutes Beispiel ausführen Im übrigen mag es
Menschenund Erdegang gehen mit mir und ihm
    Diese durch meines Oheims Vorsatz geweckte Ideen hatten mich in van Gudens
Kabinet geführt wohin mir meine liebe Karoline Itten folgte weil ihr fein
fühlendes Herz die Bewegung des meinigen sehr deutlich mit empfunden hatte und
das gute Mädchen auch für sich selbst froh war aus der Gesellschaft zu kommen
weil der zu der Verheuratung ihrer jüngeren Schwester bestimmte Tag natürlicher
Weise den Wunsch in ihr rege machte dass ihre Hoffnungen auf Lattens Herz und
Hand eben so fest eben so bestätigt sein möchten und das holde gute Geschöpf
wurde durch diese zärtlichen Wünsche so bewegt dass sie sich nicht getraute
aufzusehen Ihre Sorge um mich floss also mit der Selbstsorge für die Ruhe ihres
eigenen Herzens zusammen und vermehrte aber auch die Rührung in welche sie
durch Lattens Eintritt in das Kabinet gebracht wurde Er näherte sich uns mit
der edlen bescheidenen Miene die alles begleitet was er tut Er fasste eine
Hand von Karolinen nachdem er nur einen flüchtigen aber unaussprechlichen Blick
auf mich geworfen hatte Das arme Mädchen zitterte und ergrif eine Hand von
mir da Latten anfing Karoline es sind mehrere Gelübde gemacht worden um
glückliche Tage zu feiern mein Herz machte auch eines Ich will auf den Tag wo
Sie mir ihre Hand geben werden vier Waisenkinder versorgen Sie sah ihn an
fasste seine Hand mit ihren beiden Händen fing an zu weinen und legte ihren
Kopf auf meine Brust Ich umarmte sie drückte sie an mich und der vortreffliche
junge Mann blickte mit einem unbeschreiblichen Gefühl auf sie und mich Karoline
erhob ihren Kopf legte Lattens Hand in meine und sagte so innig Rosalie Ihre
Hand soll mir den Mann meines Herzens geben Latten kniete zu uns hin in der
größten Bewegung aber er fasste sich und sagte zu ihr Karoline ich habe zwei
Engel geliebt und dieses geweihte Herz ist nun Ihnen ganz eigen Ich will mich
bestreben Sie so glücklich zu machen als Sie liebenswürdig sind und küsste
ihre und meine Hand indem er sich mit vielem Anstand erhob und der nun ganz
glücklich gewordenen Karoline die mit Rosenröte übergossen war auch Mut
zusprach und ihr die selige Aussicht zeigte die aus der Vereinigung so vieler
rechtschaffenen Menschen entstünde Ich verließ das glückliche Paar und sagte
den übrigen was vorgegangen sei Alles freute sich herzlich Frau Grafe sagte
dann O ich will auch eine Heirat stiften das weis ich Ott Kleberg und der
junge Stiegen entfernten sich kamen aber bald wieder Ott brachte Linken und
seine Frau Kleberg aber den Herrn Itten und sie und Stiegen natürlicher Weise
seine schöne Braut Vater und Mutter konnten nicht reden hielten sich bei der
Hand sahen um sich mit tränenden Augen ihre Karoline suchend welche noch mit
Latten und der van Guden im Kabinet war Frau Grafe ging mit Eile die Ankunft
der Eltern zu vermelden Karoline kam mit dem schönen Latten bis an die Türe
wo sie umsank und von ihrer Mutter und Liebhaber unterstützt bei dem Segen des
Vaters sich wieder erholte nachdem auch den Jubel und die Wünsche ihrer
Geschwister genoss welche zu dem Verlöbnissfest gerufen wurden Unsere edle van
Guden war über den Anblick dieses Familienzirkels ganz entzückt sie sagte mir
Ich glaube dass dieser Abend für den Himmel selbst ein schöner Abend ist denn
das Band der Tugend das uns vereinigt ist auch der Grund unserer hoffenden
Seligkeit mit den vollkommenen Wesen der andern Welt Gute Eltern gute Kinder
Ehegatten und Freunde um mich liebe Rosalie o wie süß ist das Teilnehmen an
der Freude edler Menschen Kurz darauf nahm sie Linke mit einer trüben Miene an
der Hand und bat sie ihn auf einige Augenblicke anzuhören Sie folgte ihm in
das andre Zimmer wo sie den braven jungen Mann mit Erstaunen in eine Art Jammer
ausbrechen hörte dass seine geliebte Frau mit ihm nicht so viel Ansehen und
Glück erhalten habe als ihre zwei jüngeren Schwestern erreicht hätten Er könne
sein Hannchen nicht ansehen ohne dass sein Herz durch diesen Gedanken gepresst
würde Van Guden lobte dieses feine Gefühl seiner Liebe sagte ihm aber dabei
dass er doch den Charakter seiner Frau so gut kennen müsste um sicher berechnen zu
können ob der mehrere Glanz in dem Schicksal ihrer Schwestern ihr einen Neid
oder Kummer machen würde Da kam seine Frau an die Türe um zu fragen ob ihrem
Linken nicht wohl sei denn er habe etwas geändert geschienen Van Guden
erzählte ihr seinen Jammer Lieber Mann sagte sie zärtlich und ernstaft wie
wenig kennest du deinen Wert und mein Herz und wie traurig ist es mir dass ich
nun nichts zu sagen weis womit ich dir diese unangenehmen Gedanken benehmen
könnte Stelle dir mein ganzes Wesen und alle meine Wünsche dar es liegt gewiss
nichts in mir das nur im geringsten nach Glanz und Höhe trachtet Ich wäre
unglücklich mein Bester wenn dein Stand und Vermögen sich änderte Dich haben
dich behalten so wie du warst als ich dich kennen lernte als du mir Liebe
zeigtest dies mein Linke dies ist mein Glück Dein Haus die nemliche Stube
für meine Kinder wo du ihr geliebter Vater auch als Kind warst als guter
Knabe aufwuchsest als edler Jüngling an mich dachtest und als rechtschaffener
Mann mich so unaussprechlich glücklich machst Linke was soll ich mehr Meine
häuslichen Beschäftigungen alles alles ist mir lieb Gott erhalte mir dieses
alles übrige drückte mein Herz nieder Wenn du mir nicht glaubst wenn mein
vergangnes Leben und meine Gesinnungen dir nicht Bürge sind o so machst du mich
elend Mögen meine geliebten Schwestern ihr Wohl fühlen und genießen wie ich
das meinige denn der Unterschied ist für sie weil auch der Unterschied in
unsern Gemütern ist Glaube mein Lieber weder Rang noch Reichtum könnte mir
geben was ich durch dich und in dir habe Lass mir deine Liebe und dich glaube
an die meinige und sei dadurch eben so glücklich als ich Nun hing er an ihrem
Hals weinte mit ihr und freute sich van Guden umarmte beide und schätzte sie
als das glücklichste Paar Menschen und Linke behauptet er sei an diesem Abende
noch viel glücklicher geworden als an dem Tage wo ihm Hannchen an dem Altar
gegeben wurde Wie oft lernen wir das Beste und Nötigste erst durch den Zufall
kennen Dieser Mann da ward von den herrlichen Gesinnungen seiner Frau erst an
dem Verlöbnistag seiner Schwägerinnen überzeugt Frau Grafe sagte aber da ich
ihr den Auftritt beschrieb Es sei ihr Beweis von dem innern Ehr und Geldgeiz
des Hrn Linke denn wenn er nicht selbst so vielen Wert darauf legte so würde
er das große Aufheben über die Genügsamkeit seiner Frau nicht gemacht haben Sie
mag doch unrecht haben denn wir beurteilen den Nächsten nicht immer allein
nach uns sondern sehr oft nach andern und tun ihm um so mehr unrecht
 
                         Hundert und neunzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S
Ich sagte es Klebergen gleich dass Sie gewiss mit der Einteilung unserer Tage
nicht ganz zufrieden sein würden ob Sie schon versichert wären dass selbst
unser Scherz immer das Gepräge der Güte des Herzens und eines feinen Verstandes
tragen würden so möchten Sie doch eine etwas ernsthafte Beschäftigung unsers
Kopfs mit untergemischt sehen Das geschieht auch meine Beste nur ist es nicht
so allgemein für alle weil Berufsgeist und Geschäfte so wie Umstände und
Erziehungsgewohnheiten wenn ich so sagen kann natürlicher Weise darin
verschiedene Wirkungen machen Zum Beweis Weltgeschichte und Bemerkungen über
Höfe über große Handlungszweige Krieg Frieden und alle in die große
Menschenhaushaltung gehörige Dinge werden von meinem Onkel von Kleberg Ott und
den Fremden auf allen Seiten gefasst beurteilt gelobt und getadelt auch
Vermutungen geäußert daher liegen immer große Folianten von Landcharten in
unserm Ansprechzimmer in welchen bei Zeitungen und Briefen nachgesucht wird
Mein Mann war bei Gesandschaften Mein Oheim ist geheimer Rat eines großen
Fürsten Ott hat viele Reisen gemacht Sie besitzen alle einen Teil
Gelehrsamkeit daher kommt das begierige Wesen mit dem sie sich an den
politischen und gelehrten Zeitungstagen aufsuchen wodurch auch unser sonst so
sanfter und meist nur auf Empfindungen lauschender Latten auch angezogen wird
Die Zusammenkunft ist zu meiner größten Freude bei uns weil die edlen jungen
Männer alle so viele Achtung für meinen alten Oheim haben und zu ihm kommen Da
sitze ich mit meiner Arbeit und höre was Menschen tun und wie Menschen die
Handlungen der andern teils nach vorgeschriebenen teils nach willkührlichen
Maßregeln beurteilen Die Artickel der Naturgeschichte der schönen Künste und
der Moral werden bei van Guden gelesen die Kupferstiche Gipsabdrücke
Gartenbaukunst neue mechanische Erfindungen die Verordnungen zum Besten des
Volks und edle Taten alles dieses kommt bei ihr vor und macht schöne Tage
für meinen Geist Zu den städtischen und landwirtschaftlichen Sachen werden
Linke und die beiden Stiegen gerufen weil der erste Stadtschreiber und die zwei
andern Besitzer von Landgütern und Landbeamte sind So wie mein Oheim zum
Durchlesen eines jeden neuen Bandes von der unserm Deutschland so viel Ehre und
Nutzen schaffenden Berliner Bibliothek bald einen Geistlichen bald einen Arzt
oder einen Rechtsgelehrten zum Mittagsessen bittet und die Stücke ihres Fachs
mit ihnen durchgeht Schullehrer ein paar vortreffliche Kaufleute und unser
Wundarzt alle haben ihren Tag bei ihm über alles was ihre Hauptbeschäftigung
ist zu sprechen auch junge Leute werden dazu geladen und ich kann Sie
versichern dass diese Art gelehrte Anzeigen zu genießen und mitzuteilen ganz
gewiss die beste ist denn ich bemerke es nicht nur an mir dass ich wirklich von
Woche zu Woche meinen Kopf gebessert habe sondern auch bei den Männern selbst
bestärken sich die Urteile und die Zweifel Die Fragen werden schärfer
tiefsinniger weiter um sich fassend und das moralische Gefühl öfters geweckt
Für mich ist aber auch besonders angenehm so ganz in der Stille zu sehen wie
die innere Anlage des Herzens der erworbenen Wissenschaft des Kopfs Falten und
Wendungen gibt wie oft auch das Gefühl den Gang des Geistes aufhält und
unterbricht oder auch eine zufällige Kleinigkeit den ganzen Faden der
Betrachtungen entweder abreisst oder verwirrt Ich habe wohl schon gedacht dass
die Gegenstände der Unterredung wieder einen Rückeinfluss auf den Ton und auf den
Charakter der Gedanken haben Geistliche welche die Sache und Gebote Gottes zu
verwalten haben dünkten mich oft einen Strahl der Allmacht in ihre
Beleuchtungen ein zumischen Dem Rechtsgelehrten entflohen manchmal Züge der
Herrschsucht der Härte der Unempfindlichkeit für Gemütsleiden wie es den
Aerzten in Ansehung der körperlichen Schmerzen geschieht Weltweisheit nährte
den Stolz der Seele Naturgeschichte machte gut besonders das Pflanzenreich
sanft die schönen Künste weich und machen zu oft den innern Gehalt der äußern
Forme aufopfern Kleberg und Ott haben viele Kunstkenntnisse In dieser
Gelegenheit seh ich gar zu deutlich den Unterschied zwischen dem Scharfsinn des
Verstandes und dem überfliessenden Gefühl des Herzens denn wenn nun eine Rolle
oder ein Kasten Kupferstiche ausgelegt wird so empfinde ich den Eindruck der
Seele des Bildes so viel der Künstler darstellte zum Beweis bei einer
Landschaft strömt der Einfluss von Schönheit Größe und Ruhe der Natur in mich
weil ich allein das Gefühl meines Herzens geübt habe Kleberg und Ott aber sehen
gleich die Kunst und zergliedern diese zuerst So geht es auch immer bei
Menschenbildern bei historischen Stücken wo nur der moralische Ausdruck mir
auffält und mich beschäftigt Frau Grafe sagte einmal Klebergs Kopf hätte sein
Herz gefressen der Platz sei leer es erschiene nur hie und da in heiligen
Zeiten das Gespenst eines Herzens an der Stelle Dies sei die Ursache warum sie
immer von einem Schauer ergriffen würde wenn Herr Kleberg von Empfindungen
spreche Wir lieben alle die kleinen Neckereien welche sie mit meinem Mann hat
es verbreitet meist einen großen Teil Munterkeit über uns Letzt war sie dabei
als von den Unruhen gesprochen wurde welche die Einführung des neuen
Gesangbuchs in gewissen Landen hervorbrachte Sie lachte zuckte die Achseln
und sah mit halben Staunen halben Mitleiden auf die Männer umher wobei sie mir
und der van Guden zuzischelte Was doch die weisen Leute für Widersprüche in
sich fassen Letzt wollten sie mit Macht eine Kleiderordnung für den gemeinen
Mann haben der soll einfach unverziert seinem Stand und Erwerb gemäß
Kitteljacke und Halstuch tragen Man lobte die Zeit wo das bürgerliche
Brautkleid von einem Stof genommen wurde welcher die ganze Lebenszeit der Frau
ihr Festkleid bliebe Der Pracht vermische die Stände verderbe die Sitten
usw Nun wollen die guten Bürger ihre alten einfachen KirchenMorgen und
Abendlieder behalten Da nun wie die gründlichen Herren sagen die Worte und
Ausdruck das Kleid unserer Gedanken sind so will man ihren Kopf und ihre
Empfindungen neumodisch einkleiden nach dem verfeinerten Geschmack von uns
schönen Damen und Herren und verbietet hingegen den Schnitt der Mütze nach der
unsern zu formen und wir werden mit den Liedern der alten Minnesänger
heimgesucht müssen sie kosten lernen und herrlich finden da doch diese
Minnesänger nichts anders haben als dass sie ihre Liebchen in der nämlichen
alten simplen Sprache liebkossten und lobten in welcher die alten Kirchengesänge
den lieben Gott preissten und anbeteten Was soll dem Bürger die zierliche
Gedankenform des Redners und des Poeten für seinen Geist wenn er die Augen und
den Geschmack für die Erfindungen der schönen Formen der übrigen bildenden
Künste verschließen soll Ich fürchte unsere Enkel werden zu tun haben die
moralische Wirkung der Zierlichkeit wieder fortzubringen   Hätte ich das
Geschicke gehabt auch die Äußerungen der Männer über diese Gedanken der Frau
Grafe im Gedächtnis zu behalten so müsste dieser Brief eine Wichtigkeit haben
die er nun allein durch ihre eignen Betrachtungen erlangen wird Die launige
Art mit welcher diese muntere aber in allen Stücken schätzbare Frau sich über
diesen Gegenstand ausgelassen hatte war doch der Anlass zu ganz vortrefflichen
Sachen die von den Männern gesagt wurden welche gewiss nicht erschienen wären
wenn der drollige Tadel über einen Teil ihrer Gesetzgebung sie nicht gereizt
hätte Frau Grafe war überhaupt herrlich gestimmt denn da sie von Latten
gefragt wurde wie sie auf diesen Ton der Ideen gekommen sei da sagte sie auf
der Stelle wo sich alle meine Lieblingsideen befinden O da möchte ich mich
einmal umsehen sagte Latten  O mein guter Freund da fänden Sie alles anders
wie hier denn der Untergebene ist mehr geschätzt als sein Gebieter der Bauer
mehr als der Kunstgärtner der Zimmermeister höher als der Schreiner der
Zuckerbecker sitzt an der Türschwelle dessen der uns Brod knetet der Schmidt
steht über dem Goldarbeiter und der Tuch und Leinenweber weit über dem der
goldene Borten und seidene Stoffe würkt der gute Mensch über dem witzigen und
der Arbeiter über dem Redner so wie der Schuhmacher dem Tanzmeister vorgezogen
wird Er lächelte und fragte sie Wo ist denn Ihre Magd Mein feiner Herr ich
habe gar keine sondern nur eine Freundin die mir einen Teil meiner täglichen
Last tragen hilft welcher ich noch dazu nur das leichteste aufbürde indem ich
jede Verantwortung und die Gefahr des Tadels und Schadens auf mich allein nehme
Er küsste ihre Hand O Frau Grafe wie viel Güte und Weisheit ist in Ihrem
Mutwillen Das lautete schön antwortete sie aber möchten Sie wohl Ihre
Karoline so gestimmt haben Er war verlegen und sagte nur Sie ist noch zu jung
dazu Und erwiderte sie es störte Ihre Oberherrschaft ein wenig nicht wahr
Nun war ihr Mutwille böse  
 
                         Hundert und zwanzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S
Frau Grafe hat Wort gehalten Sie stiftetete wirklich eine recht artige Heurat
zwischen unsern guten jungen Itten und der liebenswürdigen Meta Moos die mit
van Guden hierher kam Es war ganz besonders dass wir alle nichts bemerkten
indem Meta selten aus dem Hause geht und der junge Mann niemals zu van Guden
kam als mit Kleberg wo er dann entweder mit uns in dem Gesellschaftssaal sich
aufhielt oder bei dem jungen Pindorf und seinem Lehrer Moos auf der Stube war
Bei unsern kleinen Koncerten sang Meta und bei den Gesprächen war sie neben der
kleinen Henriette oder mit den Ittenschen Töchtern beschäftigt aber nie hatte
der junge Mensch eine besondere Unterredung mit dem lieben Mädchen gesucht Frau
Grafe aber behauptet dass ihre ersten Vermutungen aus dem Stillschweigen des
jungen Itten aus seinem starr vor sich Hinsehen gereizt wurden der Ursache
nachzuforschen da habe sie nun auch bemerkt dass Meta sich in acht nahm den
Herrn Itten anzublicken und nach diesem sei die große Freundschaft von ihr zu
den Schwestern und von ihm für dem Bruder entstanden woraus sie die ganze
Geschichte des furchtsamen Liebhabers und des edlen bescheidenen Mädchens
erraten hätte Der Verlöbnistag von Latten und Stiegen habe auf den guten
Gesichtern der Meta und des Itten die geheimen Wünsche ihrer Herzen so deutlich
gezeigt dass sie mit der Frau Guden darüber gesprochen und darauf durch ihren
Mann für Itten die Amtmannsstelle zu Rebberg erhalten habe Frau Guden statte
ihre Meta als Tochter aus und so wäre dieser Roman zu Ende gekommen ehe irgend
jemand an den Anfang gedachte Mutter Guden habe auch Beobachtungen gemacht und
an Meta einen verdoppelten Fleiß und Dankbezeugungen gefunden die alle einer
Bitte gleich gesehen hätten Da nun die Sache wegen des Beamtendienstes richtig
war so ging Frau Grafe zu van Guden und erzählte ihr diese Neuigkeit mit einer
umständlichen Beschreibung der Einkünfte der artigen Wohnung und der Freude
die sie fühle dieser so schätzbaren Familie einen neuen Zusatz von Glück
verschafft zu haben Sie sprach eilig und abgebrochen wie jemand der nur
geschwind weiter gehen will und tat nicht als ob noch jemand anders im Zimmer
wäre  Die arme Meta saß da hörte alles schlürfte jedes Lob von des neuen
Amtmanns Geist und Herzen von den Tugenden der Familie und auch von den
vorteilhaften Umständen dieser Landstelle mit ein Ihr Herz freute sich über
alles nahm Anteil an den Wohlergehen der Tugend Wünsche und Furcht kamen auch
an die Reihe Sie schien lange von Ittens Liebe versichert aber nun zweifelte
sie Er hatte noch nichts gesagt und seine Eltern würden auch wohl andre
Absichten haben  Diese Bilder tanzten auf ihrem Nähküssen umher Tränen die
sie zu zerstreuen suchte rollten in ihren Augen die Stiche wurden ungleich
und sie hätte alles gegeben wenn sie nur geschwind umgesehen aus dem Zimmer
hätte kommen können Die zwei Frauen stunden in einem Fenster und van Guden
bemerkte währender Erzählung der Frau Grafe zwischen dem Fenstervorhang hindurch
jede Bewegung der guten Meta Frau Grafe ging ohne sich setzen zu wollen
hinweg und sagte noch Jetzt will ich dem neuen Beamten auch um eine artige
Frau sehen und mit diesen Worten war sie zu der Türe hinaus Meta aber aus
aller Fassung denn nun weinte sie stark Van Guden eilte zu ihr und hielt sie
am Arm weil sie mit abgewandtem Kopf auch aus dem Zimmer schleichen wollte Was
fehlt dir meine Tochter warum weinest du sagte sie ihr mit aller Liebe Meta
betroffen und ängstlich konnte ihr nichts anders antworten als durch einen
Tränenguss und durch das Umschlingen eines Arms der van Guden den das liebe
Mädchen mit beiden Händen an ihre Brust drückte und ihr Gesicht über die Hand
ihrer mütterlichen Freundin beugte Frau Guden wurde gerührt und umfasste ihre
Meta mit Zärtlichkeit Komm meine Liebe komm mit mir in mein Kabinet sag mir
da den Kummer deines Herzens denn du musst Kummer haben bei diesen Tränen
Glaube mein Kind was deine Mutter Guden tun kann wird sie tun Meta
sträubte sich etwas sie wollte nicht in das Kabinet hing sich aber an den Hals
der van Guden und ließ sich endlich von dieser wegführen Als sie beisammen auf
dem Sopha saßen wurde sie von der Guden auf das neue um die Ursache ihres
Weinens gefragt Nun sagte sie dass die Nachricht von dem Glück der Ittenschen
Familie sie so bewegt hätte Van Guden küsste sie und sagte Diese Tränen einer
teilnehmenden Freude sind schön meine Liebe aber etwas zu stark Liegt nicht
auch ein Gedanke dabei dass du einen deiner Brüder oder Schwestern eben so
glücklich versorgt sehen möchtest O nein liebe Mutter es ist gewiss kein
Gedanke von Neid in mich gekommen Das wäre auch kein Neid gewesen meine Liebe
wenn du einem Bruder das nemliche Gute wünschtest das der junge Itten erhielt
Mein älterer Bruder ist ja versorgt und Wilhelm denkt an nichts Es wäre mir
leid wenn die Ittens nicht in allem glücklich wären Du bist mein edles gutes
Mädchen sei auch meine aufrichtige Tochter Ich will dich was fragen Nun
zitterte und glühte das gute Geschöpf und sah zur Erde indem sie kaum Atem
hohlte Liebe Meta hat der junge Itten dir niemals von Liebe vorgesprochen Es
dünkte mich oft wenn du sangest oder Henrietten bei einer Arbeit etwas
lehrtest auch wenn du mit seinen Schwestern in Unterredung warst dass seine
Augen voll reiner Liebe und Verehrung auf dich geheftet waren Ein lächelnder
Zug von Vergnügen flog über Metas Gesicht als van Guden dies sagte doch
antwortete sie Ich habe ihn nicht oft angesehen Das habe ich auch bemerkt
mein Kind und es schiene mir um aufrichtig mit dir zu sprechen nicht ganz
natürlich Du bist sonst so freimütig so voll unschuldiger Offenherzigkeit 
in deinen schönen Augen Da kam nun wieder eine Anwandlung von Angst aber sie
sagte van Gudens Hand küssend Liebe Mutter ich habe ihn deswegen nicht oft
angesehen weil ich ein paar mal auch gedacht hatte dass er mich zärtlich
anblickte Sie blieb auf van Gudens Hand liegen die ihr liebreich sagte Wäre
dir denn die Liebe dieses tugendhaften Jünglings nicht angenehm gewesen Leise
und mit äußerster Bewegung sagte sie O ja es hätte mich schon gefreuet aber
 zu was hilfe es nun Wie das meine Liebe es wäre jetzt besser als jemals da
er dir mit seinem Herzen zugleich seine Hand und eine gute Erhaltung anbieten
könnte Ein neuer Strohm von Tränen floss über ihre den Augenblick blass werdende
Wangen Ach liebe Mutter sprach sie haben Sie denn nicht gehört dass Frau
Grafe sagte sie wolle sich nun nach einer artigen Frau für Herrn Itten umsehen
und da er den Dienst durch sie erhielt so ist ja billig dass er ihr in allem
folgt sie gibt ihm gewiss ein artiges und auch ein reiches Frauenzimmer und es
wird sich keine lang bedenken des Herrn Ittens Frau zu werden  Frau Guden
umarmte sie lobte ihre Gesinnungen und dankte ihr für die Eröfnung ihres
Herzens Meine Meta nun habe ich die süße Hoffnung eine der besten
Familienvereinigung zu stiften eine Tochter von Moos und ein Sohn der Ittens
nie ist mehr stille und wahre Tugend verbunden worden Nun lag Meta vor ihr auf
den Knieen weinte und küsste van Gudens Hände Ach Mutter englische Mutter
sonst konnte sie nichts sagen Indessen hatten wir auch eine Szene in unserm
Hause denn Frau Grafe kam von van Guden gerade mit einem glänzenden Gesicht
voll guter Laune zu uns und brachte das Fürstliche Dekret für den jungen Itten
auf Rehberg und sagten mein Mann möge die Stelle die er dem jungen Menschen
zugedacht habe jemand anders geben Das war nun eine herzliche Freude unter
uns besonders auch da Kleberg den jungen Itten aufsuchte umarmte und zu
unsern Glückwünschen in mein Zimmer brachte Die innerliche Freude des jungen
Mannes war ein anfangender Rausch der die Sprache hemmt und die Füße wanken
macht Er bewegte uns außerordentlich indem er mit zusammengefalteten Händen
ausrief nach dem Hause seines Vaters hinübersehend O meine lieben Eltern was
muss der Name von Kleberg für euch sein Einer von euren Kindern so glücklich so
sehr glücklich durch dies edle Haus Nun ergriff er eine meiner Hände und eine
von Frau Grafe und küsste sie Ewigen Dank ewigen Seegen stammelte er und
schwankte Kleberg umfasste ihn und sagte auch auf unsern Erker weisend Mein
lieber Freund Sie machen mir dieses Fenster recht lieb weil ich da schwur dass
ich mir den Eingang in ihr Haus verschaffen wollte  Frau Grafe blieb bei mir
während dass Kleberg mit dem jungen Mann am Arm zu den Ittens eilte um das Glück
anzukündigen Er sagte O keine Seligkeit der Erde kann dieser gleichen welche
gute Eltern bei dem Glück und der Tugend ihrer Kinder empfinden Es war heiliges
Entzücken bei der Frau Itten als sie ihren Sohn umarmte und mit ihrem
mütterlichen Segen zu seiner Stelle einweihte Ihr Dank gegen Frau Grafe und
mich war Ergiessung der besten Gefühle der Menschheit Mein Kleberg und mein
Oheim waren äußerst gerührt denn sie hatten bei weitem diese hohe Freude bei
der Versorgung ihrer Töchter nicht geäußert
    Nun stimmte Frau Grafe wieder zu dem Muntern und da sie mich von ihren
Absichten unterrichtet hatte so winkte sie dem Herrn Amtmann von Rehberg zu
uns und sagte ihm mit etwas ernstem Ton er müsse sich nun auch bald nach einer
guten artigen Frau umsehen Er lächelte errötete sagte aber ganz bescheiden
Er glaubte zuerst verbunden zu sein einen Beweis zu geben dass er die Stelle
verdiene eh er es wage eine ganze Haushaltung auf Rehberg zu führen Ihre
Bescheidenheit steht ganz schön aber Sie denken doch Herr Grafe musste wissen
dass Sie der Mann für den Plan sind und ich will jetzt für eine Frau dazu
sorgen Itten blieb staunend bei mir sprach nichts sah vor sich hin nur auf
einmal wandte er um und ging fort kam aber in einigen Augenblicken wieder und
gab mir ein Heft Papier mit einer sehr bedenklichen Miene und furchtsam sagte
er Sie hatten immer viele Güte für mich lesen sie dieses Heft und verhindern
Sie um des Himmels willen jeden andern Vorschlag oder  stockend setzte er
hinzu lassen sie mir das Amt wieder nehmen Er entfernte sich ehrerbietig und
ging zu den Männern ich aber in mein Schlafzimmer Als ich unter der Türe den
jungen Itten noch einmal anblickte machte er eine bittende Bewegung gegen mich
und ich wurde um so viel begieriger auf sein Papier Da fand ich einen Auszug
von van Gudens Briefen die er für sie abschreiben musste und dieser Auszug
betraf nur die Stellen in denen van Guden von ihrer Meta Meldung tut und
immer war am Ende eines Absatzes ein Wunsch dass er einmal diese Meta sehen
möchte oder ein Gebet für das Glück dieses herrlichen Mädchens Bei dem Tag
ihrer Ankunft mit van Guden steht die Beschreibung ihrer Gestalt und des
Eindrucks den sie auf ihn gemacht hatte kurz ein Tagebuch über alles was er
an ihr bemerkte und was er fühlte Sehnsucht nach Glück um es mit ihr zu
teilen Der Vorsatz niemals zu reden um die unschuldsvolle Ruhe des Engels
nicht zu stöhren jeder Blick den sie ihm gegönnt jedes Wort jeder Ton ihres
Gesangs alles war angemerkt Einmal hatte er die Hand ihres Bruders gefasst
gerade in dem Augenblick als Meta sie lossliess Er fühlte noch die sanfte Wärme
des Drucks der Schwesterliebe und er war nur zu glücklich  Ich weinte über
dem Heft aus zärtlicher Bewegung die das Bild dieser reinen Flamme eines
tugendhaften Mannes mir gab Ich freute mich über die Sicherheit seines Glücks
und kam wieder in die große Stube mit meinem Mantel Itten blickte mich an
machte mir die Türe auf und ich sagte ihm nur Ich geh zur Frau Guden edler
junger Mann hoffen Sie alles Ich brachte sein Heft zu van Guden die mir den
Auftrit mit ihrer Meta erzählte und dem guten Mädchen das Tagebuch ihres
Geliebten zum lesen brachte Als wir dachten dass sie fertig sein könnte ging
van Guden zu ihr und fand sie auf ihren Knien betend Liebe Mutter segnen Sie
mich und meinen Itten O wie glücklich bin ich und o mein Gott ich will gut
sein mein ganzes Leben sagte sie mit gefaltenen Händen Van Guden hob sie aus
und sagte ihr Frau Grafe hätte an keine andre Frau gedacht als an sie und
spreche nun wirklich mit Ittens Eltern darüber welche den Abend mit uns bei ihr
speisen würden Der junge Mann wurde kurz darauf gerufen und Frau Guden führte
ihn selbst zur Meta indem sie ihm sagte Meine liebe Tochter und ich haben Ihr
Heft gelesen Meine Meta liebt Sie und ich segne Euch beide Mit diesem schloss
sie die Hände der zwei jungen Leute in ihre küsste beide und kam zu mir Bald
darauf kam Itten kniete nur einen Augenblick und dankte van Guden und mir
eilte zu seinen Eltern um mit diesen zu sprechen und Abends war Meta als
seine Braut erklärt die Frau Guden als ihre Tochter ausstattet
                               Um 10 Uhr Abends
Mariane ich bin nicht wohl vielleicht  doch ich habe noch einen schönen Abend
gelebt ich sah das Glück und die Freude guter Menschen sah Hr von Pindorfs
Entzücken für seine Kinder und seine Freundin denn er kam noch unvermutet
    Mariane ich bin Mutter habe meinen Sohn in meinen Armen Welch ein
unaussprechliches Gefühl ich lebe O bete um Gesundheit und Tugend für mein
Kind und mich
                                    Fußnoten
1 Sternheim 1 Teil S
2 von Baur