1748_58_Hume_Verstand.html








    Die MoralPhilosophie oder die Wissenschaft der menschlichen Natur kann auf

zwei verschiedene Weisen behandelt werden von denen jede ihren besonderen Werth

hat und zur Unterhaltung Belehrung und Verbesserung der Menschheit beitragen

kann Nach der einen ist der Mensch zum Handeln geboren und wird in seinen

Maßregeln durch Geschmack und Gefühl bestimmt er verfolgt den einen Gegenstand

und vermeidet den anderen nach dem Wert den diese Gegenstände zu haben

scheinen und nach dem Lichte in dem sie sich darstellen Da die Tugend

anerkanntermaßen das Werthvollste von Allen ist so malen die Philosophen

dieser Gattung sie in den lieblichsten Farben entlehnen von der Dicht und

Redekunst deren Mittel und behandeln ihren Gegenstand in jener leichten und

fasslichen Weise welche die Phantasie anregt und das Interesse erweckt Sie

wählen die treffendsten Bemerkungen und Beispiele aus dem täglichen Leben und

bringen die unterschiedenen Charaktere in den richtigen Gegensatz Sie locken

durch die Aussichten auf Ruhm und Glück in die Pfade der Tugend und erhalten

darin durch gesunde Grundsätze und glänzende Beispiele Sie lassen den

Unterschied zwischen Tugend und Laster fühlen sie erwecken und regeln die

Empfindungen und indem sie so in dem Herzen die Gesinnung für Rechtschaffenheit

und wahre Ehre wach rufen glauben sie den Endzweck ihrer Anstrengungen ganz

erreicht zu haben

    Die Philosophen der zweiten Gattung betrachten den Menschen mehr in dem

Lichte eines denkenden als handelnden Wesens sie suchen mehr seinen Verstand zu

bilden als seine Sitten zu bessern Die menschliche Natur gilt ihnen als ein

Gegenstand philosophischer Prüfung sie untersuchen sie mit ängstlicher

Sorgfalt um die Grundsätze zu entdecken welche unsern Verstand leiten unsere

Empfindungen erwecken und uns zum Lob oder Tadel der Dinge der Handlungen und

des Benehmens veranlassen Sie halten es für eine Schmach der Wissenschaft dass

die Philosophie noch nicht die Grundlagen der Moral des Denkens und Urteilens

unzweifelhaft festgestellt hat dass sie von Wahrheit und Irrtum von Tugend

und Laster von Schönheit und Hässlichkeit fortwährend spricht ohne die Quelle

dieser Unterschiede bezeichnen zu können Sie unternehmen diese schwierige

Aufgabe und lassen sich durch keine Hindernisse abschrecken Von besonderen

Fällen gehen sie zu allgemeinen Sätzen fort und ruhen nicht bis sie die

obersten Grundsätze erreicht haben welche in jeder Wissenschaft die Grenze der

menschlichen Erkenntnis bilden Ihre Untersuchungen erscheinen dem gewöhnlichen

Leser trocken ja unverständlich aber ihr Streben geht auf die Beistimmung der

Kenner und Weisen und sie halten sich für die Anstrengungen eines ganzen Lebens

genügend entschädigt wenn sie einige verborgene Wahrheiten entdecken welche

zur Belehrung der kommenden Geschlechter beitragen

    Unstreitig zieht die Menge jene leichte und verständliche Philosophie dieser

strengen und tiefen vor und Viele werden sie nicht bloß für angenehmer sondern

auch für nützlicher als die andere erklären Jene fügt sich mehr dem

gewöhnlichen Vorstellen sie erregt das Herz und die Empfindung sie behandelt

die Grundsätze welche das Handeln bestimmen bessert so das Benehmen der

Menschen und bringt sie ihrem Muster von Vollkommenheit näher Die strenge

Philosophie stützt sich dagegen auf eine Geistesrichtung welche in das

Praktische und Tätige sich nicht einlässt sie verschwindet wenn der Philosoph

die Dämmerung verlässt und in das Tageslicht tritt und ihre Grundsätze können

nicht leicht einen Einfluss auf das Handeln und Benehmen erlangen Die Gefühle

des Herzens die Erregungen der Leidenschaften die Gewalt der Affekte machen

alle Folgerungen solcher tiefsinnigen Philosophen zu nichte und bringen sie auf

die gleiche Stufe mit jedem gewöhnlichen Menschen wieder herab

    Man muss auch anerkennen dass jene leichte Philosophie den dauerhaftesten

und gerechtesten Ruhm erworben hat und dass jene tiefsinnigen Denker bisher nur

eines vorübergehenden Rufes bei ihren eigensinnigen und unwissenden Zeitgenossen

sich haben erfreuen aber ihn bei der gerechten Nachwelt sich nicht haben

erhalten können Der tiefsinnige Philosoph begeht in seinen Schlussfolgerungen

leicht ein Versehen ein Missgriff hat beim Weiterschreiten andere notwendig

zur Folge auch schreckt er vor keinem Ergebnis zurück selbst wenn es

sonderbar erscheint oder der Volksmeinung widerstreitet Aber ein Philosoph der

nur das Gemeinverständliche in schönen und anziehenden Farben wiedergeben will

geht nicht weiter wenn er zufällig in einen Irrtum gerät er kehrt in die

richtige Bahn zurück und schützt sich vor jeder gefährlichen Täuschung indem er

sich wieder auf den gesunden Verstand und die natürliche Empfindung beruft Der

Ruhm Ciceros blüht noch heute während der von Aristoteles verloschen ist La

Bruyère tönt über das Meer und bewahrt noch seinen Ruf während der Ruhm von

Malebranche auf seine Nation und sein Zeitalter beschränkt geblieben ist und

Addison wird vielleicht noch mit Vergnügen gelesen werden wenn Locke ganz

vergessen sein wird

    Der strenge Philosoph ist ein Charakter welcher der Welt meist nicht genehm

ist man meint dass er weder zum Nutzen noch zum Vergnügen der Gesellschaft

etwas beitrage denn er lebt fern vom Verkehr mit Menschen und ist in Regeln und

Begriffe vertieft welche dem Verständnis dieser fern liegen Auf der andern

Seite wird reine Unwissenheit noch mehr verachtet und in einem Zeitalter und

Volke wo die Wissenschaften blühen gilt es als ein sicheres Zeichen der

Rohheit keinen Geschmack für diese edlen Beschäftigungen zu besitzen Man sucht

meist den vollkommenen Charakter zwischen diesen beiden Extremen ein solcher

besitzt gleiches Geschick und Geschmack für Bücher Gesellschaft und Geschäft

er bewahrt sich in der Unterhaltung die Schärfe und Feinheit welche aus der

Pflege der schönen Wissenschaften entspringen und im Geschäft die Rechtlichkeit

und Genauigkeit welche das natürliche Ergebnis einer guten Philosophie sind

Um solche vollkommene Charaktere zu bilden und häufiger zu machen sind Werke im

leichten Stile die nützlichsten Sie ziehen nicht zu sehr vom Leben ab

verlangen für ihr Verständnis keine tiefe Anstrengung oder Einsamkeit und geben

ihren Zögling der Menschheit zurück erfüllt mit edlen Gefühlen und weisen

Vorschriften die für alle Lagen des menschlichen Lebens anwendbar sind

Vermittelst solcher Werke wird die Tugend liebenswürdig die Wissenschaft

angenehm die Gesellschaft belehrend und die Einsamkeit unterhaltend

    Der Mensch ist ein vernünftiges Wesen und als solches empfängt er seine

wahre Nahrung von der Wissenschaft Aber die Schranken des menschlichen

Verstandes sind so enge dass man hier weder mit der Ausdehnung noch mit der

Gewissheit des Erwerbes zufriedengestellt wird Der Mensch ist aber nicht bloß

ein vernünftiges sondern auch ein geselliges Wesen dennoch kann er nicht immer

angenehmen und unterhaltenden Umgang genießen und nicht immer die

Empfänglichkeit dafür sich bewahren Der Mensch ist auch ein tätiges Wesen er

muss wegen dieser Anlage und wegen der mannichfachen Bedürfnisse des

menschlichen Lebens sich dem Geschäft und der Arbeit unterziehen aber die Seele

verlangt nach Erholung und kann nicht fortwährend die Last der Sorgen und

Anstrengungen ertragen Die Natur scheint daher ein gemischtes Leben als das dem

Menschen angemessenste zu bezeichnen sie warnt ihn sich keiner dieser

Neigungen zu sehr hinzugeben und dadurch die Fähigkeit für andere

Beschäftigungen und Vergnügen einzubüßen »Folge deinem Trieb nach Wissen«

spricht sie »aber dein Wissen bleibe menschlich und in Verbindung mit dem Leben

und dem Handeln ich verbiete nutzlose Gedanken und grüblerische Untersuchungen

ihre Strafe sei das trübsinnige Grübeln zu dem sie dich führen die endlose

Ungewissheit in die sie dich verwickeln und die Kälte mit der deine

angeblichen Entdeckungen bei deren Mittheilung aufgenommen werden Sei ein

Philosoph aber bleibe mitten in all deiner Philosophie ein Mensch«

    Begnügte man sich die leichte Philosophie der eindringenderen und tieferen

Philosophie nur vorzuziehen ohne letztere zu tadeln oder zu verachten so möchte

diese allgemeine Ansicht immer zulässig sein und Jedem frei stehen sich nach

seinem Geschmack und Sinne zu unterhalten Aber man geht oft weiter und verwirft

schlechthin jede tiefere Untersuchung oder sogenannte Metaphysik Wir wollen

daher das in Betracht ziehen was für sie spricht

    Der nächste erhebliche Vorteil der strengen und tiefer eindringenden

Philosophie ist ihre Unterstützung der leichten und gemeinfasslichen welche

ohne jene in ihren Begriffen Grundsätzen und Beweisen niemals den

erforderlichen Grad von Genauigkeit erreichen kann Alle schönen Wissenschaften

sind nur Schilderungen des menschlichen Lebens in seinen mannichfachen Zuständen

und Verhältnissen sie erfüllen uns nach der Beschaffenheit der von ihnen

gebotenen Gegenstände mit mancherlei Gefühlen des Lobes oder Tadels der

Bewunderung oder des Spottes Ein Künstler kann hier nur auf größeren Erfolg für

sein Werk rechnen wenn er nicht bloß feinen Geschmack und schnelle Auffassung

besitzt sondern auch eine genaue Kenntnis der inneren Werkstatt der

Tätigkeiten des Verstandes der Wirkungen der Leidenschaften und der

verschiedenen Empfindungen durch die sich Laster und Tugend unterscheiden Wenn

auch diese inneren Nachforschungen und Untersuchungen mühsam werden so sind sie

doch für denjenigen gewissermaßen unentbehrlich welcher mit Erfolg die

äußerlichen und sichtbaren Erscheinungen des Lebens und der Sitte beschreiben

will Der Anatom zeigt dem Auge die hässlichsten und unangenehmsten Gegenstände

aber seine Wissenschaft nützt dem Maler selbst bei einer Venus oder Helena

Während dieser die üppigsten Farben seiner Kunst benutzt und seinen Gestalten

die zierlichsten und reizendsten Stellungen gibt muss er immer dabei den

inneren Bau des menschlichen Körpers beachten und die Stellung der Muskeln die

Einrichtung der Knochen und den Gebrauch und die Gestalt jedes Teils und Organs

kennen Genauigkeit hilft immer der Schönheit und richtiges Denken der zarten

Empfindung Es ist vergeblich das Eine durch Erniedrigung des Andern heben zu

wollen

    Überdem zeigt sich dass in jeder Kunst und jedem Geschäft selbst in

solchen die dem Leben und Handeln am nächsten stehen der Geist der

Genauigkeit wie er auch erworben sei sie alle der Vollkommenheit näher bringt

und den Interessen der Gesellschaft dienlicher macht Mag daher der Philosoph

auch den Geschäften fern bleiben so muss doch der Geist der Philosophie wenn

er von Einzelnen sorgsam gepflegt wird sich allmählich durch die ganze

Gesellschaft verbreiten und in jede Kunst und jeden Beruf eine ähnliche

Genauigkeit einführen Der Staatsmann wird in Teilung und Ausgleichung der

politischen Mächte vorsichtiger und scharfsichtiger werden der Rechtsgelehrte

wird für seine Ausführungen mehr Methode und schärfere Gründe gewinnen und der

Feldherr mehr Regelmäßigkeit für seinen Dienst und mehr Vorsicht in seinen

Plänen und Unternehmungen Die Festigkeit der modernen Staaten in Vergleich zu

den alten und die Schärfe der modernen Philosophie sind in gleichem Grade

gewachsen und dies wird auch in der Zukunft stattfinden

    Selbst wenn keine andere Frucht aus diesen Studien reifte als die

Befriedigung einer unschuldigen Wissbegierde so wäre auch dies nicht zu

verachten denn sie vermehrt jene wenigen heilsamen und harmlosen Freuden

welche dem Menschengeschlecht zugeteilt sind Der sanfteste und unschädlichste

Gang dieses Lebens führt durch die Pfade der Wissenschaft und Erkenntnis

Jeder der ein Hindernis von diesen Pfaden wegräumt oder eine neue Aussicht

eröffnet muss als ein Wohltäter der Menschen gelten Diese Untersuchungen

mögen peinlich und ermüdend sein aber es verhält sich hier mit der Seele wie

mit dem Körper sind sie mit Kraft und üppiger Gesundheit ausgerüstet so

verlangen sie nach anstrengenden Übungen und finden ihr Vergnügen in dem was

den meisten Menschen schwer und mühevoll erscheint Die Dunkelheit ist für den

Geist so schmerzlich wie für das Auge Licht aus der Dunkelheit zu entnehmen

sei diese Arbeit auch noch so schwer muss notwendig erfreulich und ergötzend

sein

    Man hat indes diese Dunkelheit der tieferen und eindringenderen Philosophie

nicht bloß als peinlich und ermüdend getadelt sondern auch als eine Quelle

unvermeidlichen Schwankens und Irrtums dargestellt Dies ist allerdings der

gerechteste und annehmbarste Vorwurf gegen einen großen Teil der

metaphysischen Untersuchungen man sagt sie seien keine wahre Wissenschaft

sondern nur das Ergebnis nutzloser Anstrengungen menschlicher Eitelkeit welche

in Gegenstände eindringen will die entweder dem Verstand unzugänglich oder das

Werk eines listigen Aberglaubens sind welcher auf ebenem Boden sich nicht

vertheigen kann und deshalb in dieses verworrene Gestrüpp sich verkriecht um

seine Blöße zu decken und zu schützen Verjagt vom freien Felde fliehen diese

Räuber in den Wald und liegen auf der Lauer um durch jeden unbewachten Zugang

in den Geist einzubrechen und ihn durch religiöse Furcht und Vorurteile zu

überwältigen Der stärkste Gegner wird besiegt wenn er einen Augenblick in

seiner Wachsamkeit nachlässt und Viele öffnen aus Feigheit und Torheit den

Feinden die Thore und empfangen sie freiwillig mit Ehrfurcht und Unterwürfigkeit

als ihre legitimen Herrscher

    Ist dies indes ein hinreichender Grund für den Philosophen um von solchen

Untersuchungen abzustehen und den Aberglauben in den Besitz seiner Schlupfwinkel

zu lassen Folgt daraus nicht umgekehrt die Notwendigkeit dass man den Kampf

in die geheimsten Schlupfwinkel des Feindes übertragen muss Vergeblich ist die

Hoffnung dass der Mensch durch häufige Täuschungen endlich zum Verlassen dieser

luftigen Forschungen bestimmt werden und das wahre Reich der menschlichen

Vernunft entdecken werde Viele sind bei der steten Wiederaufnahme solcher

Forschungen sichtlich interessiert und blinde Verzweiflung darf vernünftiger

Weise in den Wissenschaften nie Platz greifen da trotz der Erfolglosigkeit

früherer Versuche immer Raum für die Hoffnung bleibt dass die Anstrengung das

gute Glück und der gesteigerte Scharfblick der folgenden Generationen zu

Entdeckungen gelangen werde die der Vorzeit unerreichbar waren Jeder kühne

Geist wird den schwierigen Preis zu gewinnen suchen und die Fehlschläge seiner

Vorgänger werden ihn eher reizen als entmutigen er hofft dass ihm allein der

Ruhm aufbewahrt sei eine so schwere Aufgabe zu lösen Das einzige Mittel um

die Wissenschaft mit einem Male von diesen nutzlosen Versuchen zu befreien ist

die Natur des menschlichen Verstandes streng zu untersuchen und durch eine

genaue Erforschung seiner Kräfte und Fähigkeiten zu zeigen dass er für solche

entlegene und verborgene Gegenstände durchaus nicht geeignet ist Man muss sich

dieser Arbeit unterziehen um nachher in Ruhe zu leben und man muss die wahre

Metaphysik mit Sorgfalt treiben um die unwahre und verfälschte zu zerstören

Die Trägheit welche Manchen vor dieser trügerischen Philosophie bewahrt wird

samt Anderem durch die Wissbegierde überwogen und die Verzweiflung die zu

manchen Zeiten hervorbricht weicht später übertriebenen Hoffnungen und

Erwartungen Genaue und richtige Untersuchungen sind hier die einzigen und

allgemein gültigen Heilmittel für Jedermann und jede Frage sie allein können

jene unverständliche Sprache aus der Philosophie und Metaphysik entfernen

welche sie in Verbindung mit dem Aberglauben für unbefangene Forscher

undurchdringlich macht und ihr den Schein von Wissenschaft und Weisheit

verleiht

    Neben dem Vorteile dass man nach sorgfältiger Untersuchung sich des

unsichersten und lästigsten Theiles der Gelehrsamkeit entledigt gehen aus einer

sorgfältigen Untersuchung der Kräfte und Fähigkeiten der menschlichen Natur auch

viele positive Vorteile hervor Die geistigen Tätigkeiten haben das

Merkwürdige dass sie obgleich am innigsten uns gegenwärtig doch in Dunkelheit

gehüllt scheinen wenn das Nachdenken sich auf sie richtet Das Auge kann nicht

leicht die Linien und Grenzen erkennen welche sie sondern und unterscheiden

Diese Gegenstände sind zu fein um immer denselben Anblick und dieselbe Lage zu

bieten sie müssen augenblicklich erfasst werden mittelst einer höheren

Einsicht welche Naturgabe ist und durch Übung und Nachdenken sich steigert Es

ist deshalb schon eine beträchtliche Aufgabe der Wissenschaft die verschiedenen

Tätigkeiten der Seele kennen zu lernen die einen von den andern zu sondern

sie in die passenden Abtheilungen zu bringen und die anscheinende Verwirrung zu

lösen in welcher sie sich befinden wenn sie zum Gegenstande der Untersuchung

und des Nachdenkens gemacht werden Dieses Ordnen und Unterscheiden was in

Bezug auf äußere Dinge und Gegenstände der Sinne kein Verdienst ist steigt im

Wert wenn es sich auf diese Tätigkeiten der Seele richtet und zwar im

Verhältnis zur Schwierigkeit und Mühe welche der Ausführung anhaftet Sollte

man auch nicht über diese geistige Geographie und Abgrenzung der verschiedenen

Theile und Kräfte der Seele hinauskommen so gewährt schon dies Genugtuung Je

selbstverständlicher solche Wissenschaft erscheinen mag aber sie ist es

durchaus nicht desto größere Schande trifft die welche sie nicht kennen und

doch auf Gelehrsamkeit und Philosophie Anspruch machen

    Auch bleibt kein Raum für den Vorwurf dass diese Wissenschaft unsicher und

chimärisch sei man müsste denn an einer Zweifelsucht festhalten welche alles

Nachdenken und selbst alles Handeln zerstört Man kann nicht bestreiten dass

die Seele mit gewissen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet ist dass diese

Kräfte sich von einander unterscheiden dass das für die unmittelbare

Wahrnehmung wirklich Verschiedene durch Nachdenken gesondert werden kann und

dass daher Wahrheit und Irrtum an allen Fragen dieses Gebietes haftet und zwar

eine solche Wahrheit und ein solcher Irrtum die nicht jenseits des Bereichs des

menschlichen Verstandes liegen Es gibt viele naheliegende Unterscheidungen

dieser Art wie zwischen Wollen und Verstand Phantasie und Leidenschaften

welche von jedem menschlichen Wesen begriffen werden Die feinen und

philosophischen Unterscheidungen sind nicht weniger wirklich und gewiss wenn

sie auch schwerer zu fassen sind Einzelne namentlich neuerliche Erfolge bei

diesen Untersuchungen können einen bessern Begriff von der Gewissheit und

Festigkeit in diesem Gebiet der Erkenntnis gewähren Sollte es denn die allein

würdige Aufgabe für einen Philosophen sein das wahre System der Planeten

festzustellen und die Ordnung und die Stellung dieser fernen Körper zu

ermitteln Sollte man die Männer nicht beachten welche mit so viel Erfolg die

Gebiete der Seele erforschen wobei doch Jedermann so innig beteiligt ist

    Weshalb sollte man nicht hoffen dass die Philosophie bei sorgfältiger

Pflege und ermutigt durch die öffentliche Aufmerksamkeit in ihren

Untersuchungen immer weiter kommen und endlich gleichsam die verborgenen

Springfedern und Kräfte entdecken werde welche die menschliche Seele in ihrer

Tätigkeit stützen und leiten Die Astronomen hatten sich lange begnügt aus den

sichtbaren Erscheinungen die wahre Bewegung Ordnung und Größe der

Himmelskörper zu beweisen bis sich endlich ein Philosoph erhob welcher durch

ein glückliches Nachdenken auch die Gesetze und Kräfte bestimmte durch welche

der Lauf der Planeten geleitet und in Ordnung gehalten wird Das Gleiche ist in

andern Gebieten der Natur vollbracht worden Und man hat keinen Grund an einen

gleichen Erfolg bei den Untersuchungen der Kräfte und der Einrichtung der Seele

zu verzweifeln wenn mit gleicher Fähigkeit und Vorsicht vorgegangen wird Es

ist wahrscheinlich dass die eine Kraft und der eine Vorgang in der Seele von

dem andern abhängt welche wieder auf allgemeinere zurückgeführt werden können

und vor ja selbst nach einem sorgfältigen Versuch wird es schwer sein genau zu

bestimmen wie weit man mit solchen Untersuchungen gelangen könne Sicherlich

werden solche Versuche tagtäglich selbst von denen gemacht welche am

nachlässigsten philosophieren und nichts ist notwendiger für den Eintritt in

ein solches unternehmen als die höchste Sorgfalt und Aufmerksamkeit damit

wenn das Ziel im Bereich des menschlichen Verstandes liegt es endlich erreicht

werde und wo nicht mit Zuversicht und Sicherheit aufgegeben werden könne

    Diese letzte Ansicht ist sicherlich nicht wünschenswert und darf nicht zu

voreilig angenommen werden Denn wie viel müsste von der Schönheit und dem

Wert dieser Art der Philosophie nachgelassen werden wenn man dies zugeben

wollte In der Moral suchte man bisher gegenüber der großen Mannigfaltigkeit

und Verschiedenheit der Handlungen welche Billigung oder Missbilligung

hervorrufen nach irgend einem allgemeinen Grundsatz von dem dieser Unterschied

der Urteile sich ableitete Und obgleich man aus Liebhaberei für Prinzipien

dies oft zu weit getrieben hat so verdient es doch sicherlich Entschuldigung

wenn gewisse allgemeine Regeln gesucht werden auf die sich alle Laster und

Tugenden mit Grund zurückführen lassen Ähnliches hat man in der Kunst in der

Logik in der Staatswissenschaft versucht und zwar nicht ohne Erfolg obgleich

vielleicht nur längere Zeit größere Sorgfalt und ausharrenderer Fleiß diese

Wissenschaften ihrer Vollkommenheit näher bringen kann Wollte man mit einem

Male all diese Unternehmen zurückstellen so wäre dies sicherlich voreiliger

unüberlegter und eigenwilliger als die dreisteste und absprechendste

Philosophie welche je ihre rohen Gebote und Grundsätze den Menschen

aufzudringen versucht hat

    Wenn aber diese Untersuchungen der menschlichen Natur zu hoch und

unverständlich erscheinen so darf man dies doch nicht als einen Grund für ihre

Unwahrheit geltend machen Es scheint vielmehr natürlich dass das nicht so

augenfällig und leicht sein kann was bisher so vielen weisen und gründlichen

Philosophen entschlüpft ist Trotz aller Mühe welche diese Untersuchungen uns

kosten sollten werden wir uns sowohl in Bezug auf Nutzen wie Annehmlichkeit

für hinreichend belohnt halten wenn wir damit den Vorrat von Kenntnissen über

Gegenstände von so unsäglicher Wichtigkeit etwas vermehren könnten

    Trotz alledem bleibt das tiefere Denken in welchem solche Untersuchungen

sich bewegen keine Empfehlung sondern eher ein Nachtheil für sie Vielleicht

kann diese Schwierigkeit durch Sorgfalt und Geschick und durch Vermeidung aller

überflüssigen Ausführlichkeit überwunden werden Und so habe ich in der

folgenden Untersuchung einiges Licht über Dinge zu verbreiten gesucht deren

Unsicherheit den Weisen und deren Dunkelheit den Unwissenden bisher

zurückgeschreckt hat Wohl mir wenn es mir gelingt die Trennung der beiden

Arten zu philosophieren dadurch zu beseitigen dass ich die Gründlichkeit mit der

Klarheit und die Wahrheit mit der Neuheit versöhne

    Noch glücklicher würde es mich machen wenn ich durch solche leichtere Weise

der Behandlung die Grundlagen jener dunklen Philosophie erschüttern könnte

welche bisher nur dem Aberglauben als Schutz und dem Unsinn und Irrtum als

Deckmantel gedient hat

 
 



                                 



    Jedermann wird einräumen dass ein erheblicher Unterschied zwischen den

Vorstellungen der Seele besteht je nachdem man den Schmerz einer

außerordentlichen Hitze oder das Vergnügen einer mäßigen Wärme fühlt oder je

nachdem man diese Empfindung nur nachher in das Gedächtnis zurückruft oder im

Voraus sich vorstellt Diese Vermögen können die Wahrnehmungen der Sinne

nachahmen oder abbilden aber sie können niemals die ganze Kraft und

Lebhaftigkeit der ursprünglichen Empfindung erreichen Das Höchste was selbst

bei ihrer stärksten Äußerung man von ihnen sagen kann ist dass sie ihren

Gegenstand in so lebhafter Weise darbieten dass man beinahe meint ihn zu

fühlen oder zu sehen Aber niemals können sie Fälle der Geistesstörung durch

Krankheit oder Irrsinn abgerechnet einen solchen Grad von Lebhaftigkeit

annehmen dass man diese Vorstellungen nicht von einander zu unterscheiden

vermöchte Der Dichter kann selbst mit den glänzendsten Farben seiner Kunst

einen Naturgegenstand nicht so ausmalen dass man seine Beschreibung für eine

wirkliche Landschaft hält Der lebhafteste Gedanke erreicht hier die dunkelste

Empfindung nicht

    Ein gleicher Unterschied zieht sich durch alle anderen Vorstellungen der

Seele Ein Mensch der von Zorn ergriffen ist benimmt sich ganz anders als

der welcher nur an einen solchen Affekt denkt Wenn man mir sagt dass Jemand

verliebt ist so verstehe ich es leicht und bilde mir eine richtige Vorstellung

von seinem Zustande aber ich kann niemals diese Vorstellung mit den wirklichen

Neigungen und Aufregungen dieser Leidenschaft verwechseln Denkt man an

vergangene Empfindungen und Erregungen so ist das Denken ein treuer Spiegel

der seinen Gegenstand genau wiedergibt aber die benutzten Farben sind blass

und matt in Vergleich zu denen in welche die ursprünglichen Empfindungen

gekleidet waren Es bedarf keines Scharfsinns und keines metaphysischen Geistes

um den Unterschied zwischen beiden anzugeben

    Man kann deshalb alle Vorstellungen der Seele in zwei Klassen oder Arten

teilen die sich durch den verschiedenen Grad von Stärke und Lebhaftigkeit

unterscheiden Die wenigst starken und lebhaften nennt man gewöhnlich Gedanken

oder Vorstellungen Für die andere Art hat die englische wie die meisten anderen

Sprachen kein Wort wahrscheinlich weil von philosophischen Zwecken abgesehen

das Bedürfnis fehlte sie unter einem allgemeinen Ausdruck oder Namen zu

befassen Ich nehme mir die Freiheit sie Eindrücke zu nennen indem ich dies

Wort in einem von dem gewöhnlichen etwas abweichenden Sinne gebrauche Mit dem

Worte Eindruck meine ich also alle unsere lebhaften Zustände wenn wir hören

oder sehen oder fühlen oder hassen oder wünschen oder wollen Die Eindrücke

bilden den Gegensatz zu den Vorstellungen welche jene weniger lebhaften

Zustände bezeichnen deren man sich bewusst ist wenn man an eines jener obigen

Gefühle oder Erregungen zurückdenkt

    Nichts erscheint auf den ersten Blick so schrankenlos als das menschliche

Denken es entzieht sich nicht allein aller menschlichen Macht und Autorität

sondern überschreitet auch die Grenzen der Natur und der Wirklichkeit Ungeheuer

zu bilden und widerstreitende Gestalten und Erscheinungen zu verbinden kostet

der Einbildungskraft nicht mehr Mühe als die Vorstellung des natürlichsten und

bekanntesten Gegenstandes Während der Körper auf einem Planeten beschränkt ist

auf dem er mühsam und schwerfällig herumkriecht kann das Denken uns in einem

Augenblick in die entferntesten Gegenden des Weltalls tragen ja selbst darüber

hinaus in das grenzenlose Chaos wo die Natur in gänzlicher Verwirrung liegen

soll Was man nie gesehen oder gehört kann man sich doch vorstellen kein Ding

ist der Macht der Gedanken entzogen mit Ausnahme dessen was einen unbedingten

Widerspruch einschließt

    Obgleich indes unsere Gedanken diese unbegrenzte Freiheit zu besitzen

scheinen zeigen sie sich doch bei näherer Untersuchung in Wahrheit in sehr enge

Grenzen eingeschlossen All die schöpferische Kraft der Seele ist nichts weiter

als die Fähigkeit den durch die Sinne und die Erfahrung gewonnenen Stoff zu

verbinden zu umstellen zu vermehren oder zu vermindern Wenn wir uns ein

goldenes Gebirge vorstellen so verbinden wir nur zwei bereits vorhandene

Vorstellungen Gold und Gebirge die uns von früher bekannt sind Ein

tugendhaftes Pferd kann man sich denken weil man die Tugend aus seinen eigenen

Gefühlen kennt man verbindet sie mit der Gestalt und dem Aussehen eines

Pferdes was ein bekanntes Thier ist Kurz aller Stoff des Denkens ist von

äußeren oder inneren Wahrnehmungen abgeleitet nur die Mischung und Verbindung

gehört dem Geist und dem Willen oder um mich philosophisch auszudrücken alle

unsere Vorstellungen oder früheren Empfindungen sind Nachbilder unserer

Eindrücke oder lebhafteren Empfindungen

    Zum Beweise dessen werden hoffentlich die zwei nachstehenden Gründe

ausreichen Erstlich finden wir bei der Trennung unserer Gedanken und

Vorstellungen wenn sie auch noch so verwickelt und erhaben sind immer dass

sie sich in solche einfache Vorstellungen auflösen welche das Abbild eines

früheren Gefühls oder Empfindens sind Selbst die Vorstellungen welche bei dem

ersten Blick am weitesten von diesem Ursprung entfernt scheinen zeigen sich bei

näherer Untersuchung als daraus abgeleitet Die Vorstellung von Gott welche ein

allwissendes weises und gutes Wesen bezeichnet bildet sich aus den

Vorstellungen von unseren geistigen Tätigkeiten und aus der Steigerung dieser

Eigenschaften der Güte und Weisheit ins Grenzenlose Man mag diese Untersuchung

noch so weit fortführen immer wird man finden dass jede Vorstellung bei ihrer

Prüfung sich als das Abbild einer gleichen Empfindung darstellt Die Gegner

welche diesen Satz nicht allgemein und ohne Ausnahme zulassen wollen haben

eine und zwar leichte Art ihn zu widerlegen sie mögen eine Vorstellung

beibringen welche nach ihrer Meinung nicht aus dieser Quelle geschöpft ist

Dann wird es mir zur Verteidigung meiner Ansicht obliegen den Eindruck oder

die lebhaftere Erregung darzulegen welche ihr zu Grunde liegt

    Wenn zweitens ein Mensch wegen eines Fehlers im Organe für eine Art von

Empfindung nicht empfänglich ist so ergibt sich dass er dann auch ebenso

wenig die Vorstellung davon fassen kann Ein Blinder kann keine Vorstellung von

Farben ein Tauber kann keine von Tönen sich bilden Wenn Jeder den ihm

fehlenden Sinn zurück erhält so ist mit der Öffnung dieses neuen Kanals für

seine Empfindungen auch ein Kanal für seine Vorstellungen eröffnet und es ist

ihm leicht die betreffenden Bestimmungen sich vorzustellen

    Ebenso verhält es sich wenn der Gegenstand der Empfindung noch niemals an

das Organ gebracht worden ist Ein Lappländer oder Neger hat keinen Begriff von

dem Weingeschmack Dasselbe gilt wenn auch in geringerem Grade wenn Jemand

eine seiner Gattung eigentümliche Empfindung oder Leidenschaft nie gefühlt hat

oder deren unfähig ist obgleich solche Fälle geistiger Gebrechen selten oder

niemals vorkommen Ein gutmütiger Mensch kann sich keine Vorstellung von

eingewurzelter Grausamkeit und Rache machen und ein selbstsüchtiges Herz kann

sich nicht leicht die höchsten Opfer der Freundschaft und des Edelmuts

vorstellen Man gibt zu dass andere Wesen Empfindungen von Dingen haben mögen

von denen wir keine Vorstellung haben weil uns diese nie auf dem Wege zugeführt

worden sind durch den allein eine Vorstellung in die Seele eintreten kann dh

durch wirkliches Fühlen und Empfinden

    Es gibt indes eine dem entgegenstehende Erscheinung welche die

Möglichkeit beweisen könnte dass Vorstellungen auch unabhängig von den ihnen

entsprechenden Eindrücken entstehen können Man wird sofort zugeben dass die

verschiedenen Vorstellungen der Farben welche durch das Auge eintreten oder

die der Töne welche das Ohr zuführt von einander wirklich unterschieden und zu

gleicher Zeit einander ähnlich sind Ist dies von verschiedenen Farben richtig

so muss es auch von verschiedenen Schattierungen derselben Farbe gelten Jede

Schattierung erzeugt eine bestimmte Vorstellung welche von den übrigen

unabhängig ist Wollte man dies leugnen so könnte man durch eine allmähliche

Abstufung die Schattierung einer Farbe unmerklich in die ihr geradezu

entgegengesetzte umwandeln Will man keinen Unterschied für die Mittelfarben

anerkennen so muss man dasselbe auch für die Extreme gelten lassen wenn man

sich nicht widersprechen soll Man nehme nun einen Menschen der dreißig Jahre

lang sein Gesicht gehabt und mit allen Arten von Farben bekannt geworden ist

eine einzige Schattierung zB von Blau ausgenommen welche er zufällig niemals

gesehen hat Wenn man diesem nun alle Schattierungen dieser Farbe mit Ausnahme

dieser einen vorlegt die allmählich von der dunkelsten zur hellsten ansteigen

so wird er offenbar eine Lücke bei dieser fehlenden Schattierung bemerken und er

wird empfinden dass hier die nächsten Farben mehr von einander abstehen als

sonst wo Ich frage nun ob es ihm möglich sein wird aus seiner

Einbildungskraft diese fehlende zu ergänzen und sich die Vorstellung von dieser

besonderen Schattierung zu bilden obgleich seine Sinne sie ihm niemals zugeführt

haben Ich glaube nur Wenige werden sagen dass er es nicht könne

    Dies kann als ein Beweis gelten dass die bloßen Vorstellungen nicht immer

und überall von ihren entsprechenden Empfindungen sich ableiten Indes ist

dieser Fall so vereinzelt dass er kaum Beachtung verdient und ich brauche

seinetwegen den allgemeinen Grundsatz nicht zu ändern

    Hier ist also ein Satz der nicht allein in sich einfach und verständlich

ist sondern der auch bei richtiger Anwendung jede Streitfrage verständlich

macht und all jenes Kauderwelsch beseitigt welches seit lange die

metaphysischen Untersuchungen beherrscht und widerwärtig gemacht hat Alle

Vorstellungen insbesondere die begrifflichen sind von Natur matt und dunkel

die Seele hat nur einen schwachen Halt für sie sie werden leicht mit anderen

verwandten Vorstellungen verwechselt hat man oft ein Wort gebraucht ohne einen

bestimmten Sinn damit zu verbinden so bildet man sich zuletzt ein dass eine

bestimmte Vorstellung daran geknüpft sei Umgekehrt sind alle Eindrücke dh

alle Empfindungen sowohl äußere wie innere stark und lebhaft ihre

Unterschiede treten bestimmter hervor und man kann bei ihnen nicht leicht irren

oder sie verwechseln Hat man daher Verdacht dass ein philosophischer Ausdruck

ohne einen bestimmten Sinn oder Begriff gebraucht werde was nur zu häufig

geschieht so möge man nur fragen Von welchem Eindruck ist diese angebliche

Vorstellung abgeleitet Kann ein solcher nicht nachgewiesen werden so wird dies

den Verdacht bestätigen Indem ich die Vorstellungen hiermit in ein so

deutliches Licht gestellt habe ist damit hoffentlich aller Streit beseitigt

welcher sich über ihre Natur und Wirklichkeit erheben könnteA1

 
 



 


    Offenbar besteht eine Regel für die Verknüpfung verschiedener Gedanken oder

Vorstellungen der Seele bei ihrem Eintritt in die Erinnerung oder Phantasie

führt die eine die andere nach einer gewissen Methode und Regelmäßigkeit mit

sich Bei ernstem Nachdenken oder Sprechen ist dies so auffallend dass jeder

ungehörige Gedanke welcher die regelmäßige Folge oder Kette der Vorstellungen

unterbricht sofort bemerkt und zurückgewiesen wird Aber auch in den wildesten

und schwärmerischsten Träumereien ja selbst bei wirklichen Träumen zeigt die

Beobachtung dass die Einbildungskraft nicht ganz abenteuerlich sich bewegt

sondern dass zwischen den verschiedenen Vorstellungen welche sich folgten

immer eine Verknüpfung bestand Könnte man das loseste und ungebundenste

Geschwätz gleich niederschreiben so würde man sofort bemerken dass bei allen

Sprüngen doch etwas da war was sie verknüpfte Sollte dies nicht der Fall sein

so wird die Person welche den Faden der Untersuchung abbrach immer angeben

können dass in ihrer Seele eine Folge von Gedanken statt gehabt welche sie

allmählich von dem Gegenstand der Untersuchung abgeführt hat In verschiedenen

Sprachen selbst da wo nicht die geringste Verbindung oder Mittheilung

vorausgesetzt werden kann zeigen Worte welche sehr verwickelte Vorstellungen

bezeichnen doch große Übereinstimmung ein sicherer Beweis dass die

einfachen darin enthaltenen Vorstellungen durch ein gewisses allgemeines Gesetz

verknüpft worden sind welches seinen Einfluss bei jedem Menschen übt

    Obgleich diese Verbindung verschiedener Vorstellungen zu augenfällig ist um

nicht bemerkt zu werden so hat doch kein Philosoph so viel ich weiß

versucht diese Gesetze der Verbindung sämtlich aufzusuchen und zu ordnen und

doch ist der Gegenstand von Interesse

    Nach meiner Ansicht bestehen nur drei Gesetze der Gedankenverbindung sie

sind die Ähnlichkeit die Berührung in Zeit oder Raum und die Ursachlichkeit

    Dass diese drei Gesetze zur Verbindung der Gedanken dienen werden glaube

ich Wenige bezweifeln Ein Gemälde führt unsere Gedanken ganz natürlich auf das

Original Ähnlichkeit die Erwähnung eines Zimmers in einem Hause führt ganz

natürlich die Gedanken oder das Gespräch auf das andere Zimmer Berührung und

wenn man an eine Wunde denkt so kann man es kaum verhindern dass man nicht

auch an die Schmerzen denkt die ihr folgen Ursache und Wirkung).

    Dagegen ist der Beweis für die Vollständigkeit dieser Aufzählung und dass

keine weiteren Gesetze daneben für die Gedankenverbindung bestehen schwer

sowohl in Bezug auf den Leser als auf die eigene Beruhigung Alles was man in

solchen Fällen tun kann ist die verschiedenen Einzelfälle durchzugehen genau

die Gesetze zu erforschen welche in ihnen die mehreren Gedanken verbinden und

dabei das Gesetz so allgemein als möglich zu machen1 Je mehr solche Fälle man

prüft und je mehr Sorgfalt man anwendet desto mehr wird man sich überzeugen

dass die von mir gegebene Aufzählung Alles umfasst und vollständig ist

 
 






    Alle Gegenstände des menschlichen Denkens und Forschens zerfallen von Natur

in zwei Klassen nämlich in Beziehungen der Vorstellungen und in Tatsachen Zur

ersten Klasse gehören die Wissenschaften der Geometrie Algebra und Arithmetik

mit einem Wort jeder Satz von anschaulicher oder zu beweisender Gewissheit

Dass das Quadrat der Hypotenuse gleich ist den Quadraten der beiden Seiten ist

ein Satz welcher die Beziehung zwischen diesen Figuren ausdrückt Dass dreimal

fünf gleich ist der Hälfte von Dreißig drückt eine Beziehung zwischen diesen

Zahlen aus Sätze dieser Klasse können durch die reine Tätigkeit des Denkens

entdeckt werden ohne von irgend einem Dasein in der Welt abhängig zu sein Wenn

es auch niemals einen Kreis oder Dreieck in der Natur gegeben hätte so würden

doch die von Euklid dargelegten Wahrheiten für immer ihre Gewissheit und

Beweiskraft behalten

    Tatsachen der zweite Gegenstand der menschlichen Erkenntnis werden nicht

in derselben Weise festgestellt und unsere Überzeugung von ihrer Wahrheit ist

war groß aber doch nicht von derselben Art wie bei den ersten Das Gegenteil

einer Tatsache bleibt immer möglich denn es ist niemals ein Widerspruch es

kann von der Seele mit derselben Leichtigkeit und Bestimmtheit vorgestellt

werden als wenn es genau mit der Wirklichkeit übereinstimmte Dass die Sonne

morgen nicht aufgehen werde ist ein ebenso verständlicher und

widerspruchsfreier Satz als die Behauptung dass sie aufgehen werde Man würde

vergeblich den Beweis ihrer Unwahrheit versuchen Könnte man sie widerlegen so

müsste sie einen Widerspruch enthalten und gar nicht deutlich von der Seele

vorgestellt werden

    Es ist deshalb von wissenschaftlichem Interesse die Natur der Gewissheit zu

untersuchen welche uns von der wirklichen Existenz und von Tatsachen

überzeugt so weit sie über das gegenwärtige Zeugnis unserer Sinne oder die

Angaben unseres Gedächtnisses hinausgeht Dieser Teil der Philosophie ist wie

man bemerkt sowohl bei den Alten wie bei den Neueren nur wenig gepflegt worden

man wird deshalb unsere Zweifel und Irrtümer bei der Verfolgung einer so

wichtigen Untersuchung um so mehr entschuldigen als der Weg auf sehr schwierige

Pfade führt wo Richtung und Führer fehlen Diese Zweifel können selbst nützlich

werden weil sie die Wissbegierde wecken und jenen unbedingten Glauben und jene

Sicherheit zerstören welche das Gift alles Forschens und aller freien

Untersuchung ist Wenn in der gewöhnlichen Philosophie Mängel bestehen und

entdeckt werden so darf nach meiner Meinung dies nicht entmutigen sondern

muss vielmehr antreiben etwas Vollständigeres und Genügenderes zu erreichen

als man bis jetzt dem Publikum geboten hat

    Alles Schließen in Bezug auf Tatsachen scheint sich auf die Beziehung von

Ursache und Wirkung zu gründen Nur durch diese Beziehung allein kann man über

das Zeugnis unseres Gedächtnisses und unserer Sinne hinauskommen Wenn man

einen Menschen fragt weshalb er eine Tatsache die nicht wahrnehmbar ist

glaubt zB dass sein Freund auf dem Lande oder in Frankreich ist so wird er

einen Grund angeben und dieser Grund wird irgend eine andere Tatsache

enthalten etwa einen Brief den er von ihm empfangen hat oder die Kenntnis

seiner früheren Entschlüsse und Zusagen Wenn man auf einer wüsten Insel eine

Uhr oder eine andere Maschine findet so wird man Schließen dass einmal

Menschen dort gewesen sind Alle unsere Folgerungen in Bezug auf Tatsachen sind

von derselben Beschaffenheit es wird hier beständig vorausgesetzt dass

zwischen der gegenwärtigen Tatsache und der auf sie gestützten eine Verknüpfung

besteht Bände sie nichts zusammen so wäre der Schluss ganz willkürlich Hört

man in der Dunkelheit eine artikulierte Stimme und ein vernünftiges Gespräch so

vergewissert uns dies von der Gegenwart einer Person Weshalb weil jene die

Wirkungen menschlicher Bildung und Tätigkeit und eng mit ihnen verknüpft sind

Untersucht man alle anderen Schlüsse dieser Art so wird man finden dass sie

sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung stützen und dass diese Beziehung

bald nahe bald entfernt bald hinter einander bald gleichzeitig statt hat

Hitze und Licht sind gleichzeitige Wirkungen des Feuers und man kann von dem

einen richtig auf das andere Schließen

    Will man daher in Bezug auf die Natur der Gewissheit über Tatsachen etwas

Befriedigendes erreichen so muss man untersuchen wie man zur Kenntnis von der

Ursache und Wirkung gelangt

    Ich wage es als einen allgemeinen und ausnahmslosen Satz hinzustellen dass

die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Falle durch ein Denken a priori

erreicht wird sondern dass sie lediglich aus der Erfahrung stammt wenn sich

ergibt dass einzelne Gegenstände beständig mit einander verbunden sind Man

gebe einem Manne von noch so gutem Verstande und Fähigkeiten einen Gegenstand

der ihm ganz neu ist und er wird selbst bei der genauesten Untersuchung seiner

sinnlichen Eigenschaften nicht im Stande sein eine seiner Ursachen oder

Wirkungen zu entdecken Adam von dem man annimmt dass seine Verstandeskräfte

anfänglich ganz vollkommen waren konnte doch aus der Durchsichtigkeit und

Flüssigkeit des Wassers nicht Schließen dass es ihn ersticken würde ebenso

wenig aus dem Licht und der Wärme des Feuers dass es ihn verzehren würde Kein

Gegenstand entdeckt durch die Eigenschaften welche den Sinnen sich bieten die

Ursachen welche ihn hervorgebracht haben und die Wirkungen welche aus ihm

entstehen werden und unsere Vernunft kann ohne Hilfe der Erfahrung keinen

Schluss auf das wirkliche Dasein und auf Tatsachen machen

    Dieser Satz dass die Ursachen und Wirkungen nicht durch die Vernunft

sondern nur durch Erfahrung erkennbar sind wird leicht für solche Fälle

zugestanden werden wo man sich entsinnt dass sie einmal ganz unbekannt waren

denn man ist sich da der gänzlichen Unfähigkeit bewusst irgend vorher zu sagen

was aus ihnen entstehen werde Man gebe einem Menschen der keine Kenntnis von

der Physik hat zwei geglättete Marmorplatten und er wird nimmer entdecken

dass sie in der Weise mit einander zusammenhängen dass ihre Trennung in gerader

Linie große Kraft erfordert während sie der seitlichen Verschiebung nur

geringen Widerstand entgegenstellen Von solchen Vorgängen welche mit dem

gewöhnlichen Laufe der Natur wenig Ähnlichkeit haben räumt man auch

bereitwillig ein dass man sie nur durch Erfahrung kennen lernen kann und

Niemand bildet sich ein dass die Gewalt des entzündeten Pulvers oder die

Anziehung eines Magneten jemals durch Gründe a priori hätte entdeckt werden

können

    Ebenso wenig bestreitet man bei Wirkungen welche von einer verwickelten

Maschinerie oder von einer geheimen Zusammenstellung der Theile abhängen dass

man die Kenntnis derselben nur der Erfahrung verdankt Wer will behaupten dass

er einen von der Erfahrung unabhängigen Grund angeben könne weshalb Milch und

Brod ein passendes Nahrungsmittel für den Menschen aber nicht für den Bären

oder Tiger sei

    Diese Wahrheit hat aber anscheinend nicht die gleiche Gewissheit bei

Vorgängen mit denen wir seit unserem Eintreten in die Welt vertraut geworden

sind welche mit dem ganzen Lauf der Natur große Ähnlichkeit haben und die

vermeintlich nur von einfachen Eigenschaften der Dinge abhängen und nicht von

einem verborgenen Zusammenhange der Theile Hier meint man durch die bloße

Tätigkeit des Verstandes und ohne Erfahrung die Wirkungen entdecken zu können

Man meint dass wenn man plötzlich in die Welt gestellt worden wäre man sofort

hätte Schließen können dass eine Billardkugel durch Stoß einer anderen ihre

Bewegung mittheilen könne und dass man nicht nötig gehabt auf den Erfolg zu

warten um dies mit Sicherheit aussprechen zu können So stark ist die Macht der

Gewohnheit gerade da wo sie am größten ist verdeckt sie nicht bloß unsere

natürliche Unwissenheit sondern verbirgt auch sich selbst sie scheint nicht

vorhanden zu sein gerade weil sie im höchsten Maß besteht

    Aber die folgenden Betrachtungen werden vielleicht genügend zeigen dass

alle Naturgesetze und alle Bewegungen der Körper ohne Ausnahme lediglich durch

die Erfahrung kennen gelernt werden Wenn ein Gegenstand uns gebracht wird und

wir sollen die von ihm ausgehende Wirkung angeben ohne frühere Beobachtungen zu

Rat zu ziehen so frage ich wie soll die Seele hierbei verfahren Sie muss

sich eine Folge ausdenken oder erfinden welche sie der Sache als Wirkung

zuschreibt und es ist klardass diese Angabe nur ganz willkürlich sein kann

Die Seele kann unmöglich die Wirkung in diesem Falle ausfindig machen selbst

bei der genauesten Untersuchung und Prüfung Denn die Wirkung ist von der

Ursache ganz verschieden und kann deshalb niemals in dieser aufgefunden werden

Die Bewegung von der zweiten Billardkugel ist ein ganz anderer Vorgang als die

Bewegung in der ersten und es ist nichts in dem Einen was den leisesten Wink

für das Andere gäbe Ein in die Höhe gehobener Stein oder Metallklumpen fällt

sofort wenn man die Stütze wegnimmt betrachtet man aber die Sache a priori

ist da etwas darin enthalten was eher die Vorstellung von einer Bewegung nach

unten erzeugen könnte als nach oben oder nach der Seite

    So wie bei allen Naturvorgängen die erste Vorstellung oder Erfindung einer

bestimmten Wirkung ohne Rückfrage bei einer Erfahrung willkürlich bleibt so

gilt dasselbe für das angenommene Band oder die Verknüpfung zwischen Ursache und

Wirkung, welche sie zusammenbindet und es unmöglich macht dass eine andere

Wirkung aus der Wirksamkeit dieser Ursache hervorgehen kann Wenn ich zB eine

Billardkugel sich gerade gegen eine andere bewegen sehe so mag mir vielleicht

der Gedanke kommen dass die Bewegung der zweiten das Ergebnis der Berührung

oder des Stoßes sei aber kann ich nicht ebenso gut hundert andere Wirkungen

aus dieser Ursache voraussetzen Könnten beide Kugeln nicht in völliger Ruhe

bleiben Kann die erste Kugel sich nicht gerade zurück bewegen oder in irgend

einer Richtung seitlich von der zweiten abspringen Alle diese Annahmen sind

möglich und denkbar Weshalb soll man da der einen den Vorzug vor der anderen

geben die ebenso möglich und denkbar ist wie jene Alle unsere Gründe a priori

können uns nie einen Anhalt für einen solchen Vorzug bieten

    Kurz jede Wirkung ist von ihrer Ursache verschieden sie kann deshalb in

dieser nicht gefunden werden und jede Erfindung oder Vorstellung derselben a

priori muss völlig willkürlich bleiben Und selbst wenn die Wirkung gekannt ist

bleibt die Verbindung ihrer mit der Ursache gleich willkürlich weil es eine

Menge anderer Wirkungen gibt welche dem Verstande ebenso möglich und denkbar

erscheinen Es ist deshalb vergeblich wenn man meint ohne Hilfe der

Beobachtung und Erfahrung irgend eine Wirkung bestimmen und eine Ursache oder

eine Folge ableiten zu können

    Daher kommt es dass kein vorsichtiger und bescheidener Philosoph es je

unternommen hat die letzte Ursache von irgend einem Naturvorgang anzugeben oder

die Wirksamkeit der Kräfte bestimmt darzulegen welche in der Welt irgend eine

Wirkung herbeiführt Alles was anerkanntermaßen die Vernunft vermag ist die

für die einzelnen Erfahrungen geltenden Regeln auf eine größere Einfachheit

zurückzuführen und die vielen besonderen Wirkungen aus wenigen allgemeinen

Ursachen abzuleiten und zwar mit Hilfe der Analogie Erfahrung und Beobachtung

Aber die Ursachen dieser allgemeinen Ursachen zu entdecken ist vergeblich und

keine Erklärung derselben wird hier zufriedenstellen Die letzten Kräfte und

Prinzipien sind der menschlichen Wissbegierde und Forschung gänzlich

verschlossen Elastizität Schwere Zusammenhang der Theile Mittheilung der

Bewegung durch Stoß sind vielleicht die letzten Ursachen und Prinzipien die

man in der Natur entdecken kann und man muss sich glücklich schätzen wenn

durch sorgfältige Untersuchung und Überlegung die besonderen Erscheinungen sich

bis auf diese allgemeinen Prinzipien oder bis nahe zu ihnen zurückführen lassen

Die vollkommenste Philosophie der Natur schiebt nur unsere Unwissenheit ein

Wenig weiter zurück und ebenso dient vielleicht die vollkommenste Metaphysik

und Moralphilosophie nur dazu größere Stücke von unserer Unwissenheit bloß zu

legen So ist menschliche Schwäche und Blindheit das Ergebnis aller

Philosophie bei jeder Wendung treffen wir auf sie trotz aller Versuche sie zu

beseitigen oder zu umgehen

    Selbst wenn die Naturphilosophie die Geometrie zu Hilfe nimmt kann diese

trotz der mit Recht gepriesenen Schärfe ihrer Beweise diesen Mangel nicht

beseitigen und die Kenntnis der letzten Ursachen nicht verschaffen Jeder Teil

der angewendeten Mathematik setzt für die Wirksamkeit der Natur gewisse Gesetze

als gültig voraus und das reine Denken hilft nur der Erfahrung bei der

Auffindung dieser Gesetze oder bei Bestimmung ihres Einflusses in den einzelnen

Fällen wo dieser von einer genauen Bestimmung der Entfernung oder Größe

abhängt So besteht das durch die angewandte Erfahrung aufgefundene Gesetz dass

die Kraft jedes in Bewegung sich befindenden Körpers sich verhält wie die

verbundenen Momente seiner Masse und seiner Schnelligkeit so wird eine schwache

Kraft auch ein großes Hindernis überwinden oder eine große Last heben wenn

man durch irgend eine Einrichtung oder Maschinerie die Schnelligkeit dieser

Kraft so vergrößern kann dass sie die Übermacht über ihren Gegner erhält Die

Geometrie hilft bei Anwendung dieses Gesetzes sie gibt die richtigen Maße

für alle Theile und Gestalten die für irgend eine Maschine nötig sind aber

die Entdeckung des Gesetzes selbst verdankt man doch nur der Erfahrung und

alles reine Denken der ganzen Welt hätte nie einen Schritt weiter zur Kenntnis

desselben geführt Bei dem bloßen Denken a priori und bei dem bloßen

Betrachten eines Gegenstandes oder einer Ursache wie sie dem Verstande

erscheint ohne Rücksicht auf Erfahrung kann nie der Begriff eines

unterschiedenen oder anderen Gegenstandes gewonnen werden der als Wirkung

gelten müsse noch weniger dass beide untrennbar und ausnahmslos verknüpft

seien Der Mensch müsste wunderbar scharfsinnig sein der durch bloßes Denken

entdecken könnte dass die Kristalle die Wirkung der Hitze und das Eis die

Wirkung der Kälte seien ohne vorher mit der Wirksamkeit dieser Bestimmungen

bekannt zu sein

 
 





    Bis hier ist indes noch keine genügende Antwort auf die im Anfang gestellte

Frage gewonnen worden Jede Lösung erweckt neue Fragen so schwierig wie die

früheren und treibt zu weiteren Nachforschungen Auf die Frage Was ist das

Wesen aller Begründung in Bezug auf Tatsachen erscheint als richtige Antwort

dass sie auf die Beziehung von Ursache und Wirkung sich stützt Auf die weitere

Frage Was ist die Grundlage aller Beweise und Schlüsse aus dieser

Beziehungsform kann man mit dem Wort Erfahrung die Antwort geben Fragt man

aber in solcher sichtenden Stimmung wieder Was ist die Grundlage von allen

Schlüssen aus der Erfahrung? so trifft dies einen schwer zu lösenden und zu

erklärenden Punkt Philosophen mit der Miene höherer Weisheit und

Selbstbewusstsein bestehen eine harte Probe wenn sie auf Personen treffen die

gern fragen und die sie aus jedem Winkel in den sie sich zurückziehen wieder

aufjagen sicher sie zuletzt in ein gefährliches EntwederOder zu drängen Der

beste Schutz gegen solche Beschämung ist Bescheidenheit in unseren Ansprüchen

man lege lieber selbst die Schwierigkeit dar als sie sich vorhalten zu lassen

Dadurch kann man sogar seine Unwissenheit zu einer Art von Verdienst erheben

    Ich werde mich in diesem Abschnitt auf ein leichtes Geschäft beschränken und

nur eine verneinende Antwort auf die gestellte Frage geben Ich sage dass

selbst nachdem man die Erfahrung von der Wirksamkeit der Ursachen und Wirkungen

gewonnen hat die Schlüsse aus dieser Erfahrung sich nicht auf Vernunft oder

einen Vorgang innerhalb des Denkens stützen Diese Antwort habe ich zu erläutern

und zu verteidigen

    Man muss zugestehen dass die Natur uns von ihren Geheimnissen fern hält und

uns nur die Kenntnis einiger äußerlichen Eigenschaften der Dinge verstattet

während sie uns die Kräfte und Prinzipien verbirgt von denen die Wirksamkeit

der Dinge abhängt Unsere Sinne belehren uns über die Farbe das Gewicht und den

Stoff des Brotes aber weder die Sinne noch die Vernunft können uns über die

Eigenschaften belehren welche es für die Ernährung und Unterhaltung des

menschlichen Körpers geschickt machen Das Gefühl und das Gesicht geben eine

Vorstellung von der wirklichen Bewegung der Körper aber von der wunderbaren

Kraft oder Macht welche einen bewegten Körper immer in einer steten Veränderung

des Ortes erhält und welche ein Körper nur durch Mittheilung an andere

verliert kann man sich nicht die entfernteste Vorstellung machen Aber trotz

dieser Unkenntnis der natürlichen Kräfte2 und Prinzipien setzt man bei

Wahrnehmung gleicher Eigenschaften immer die gleichen verborgenen Kräfte voraus

und erwartet den Eintritt von Wirkungen welche den früher wahrgenommenen

gleichen Wenn eine Sache von gleicher Farbe und Beschaffenheit mit dem früher

gegessenen Brot uns geboten wird so wiederholen wir ohne Bedenken den Versuch

und erwarten mit Gewissheit gleiche Ernährung und Erhaltung Dieser Vorgang in

der Seele oder im Denken ist es von dem ich die Grundlage kennen lernen möchte

Jedermann gesteht zu dass man keine Verknüpfung zwischen den sinnlichen

Eigenschaften und geheimen Kräften kennt und dass deshalb die Seele durch

nichts was sie von deren Natur kennt veranlasst wird eine solche regelmäßige

und bestimmte Verbindung zwischen denselben anzunehmen Was frühere Erfahrung

anlangt so kann man einräumen dass sie unmittelbare und gewisse Auskunft

genau über die Gegenstände und den Zeitpunkt den sie umfasste gibt weshalb

soll aber diese Erfahrung auch auf andere Dinge ausgedehnt werden die so viel

wie wir wissen jenen nur in der äußeren Erscheinung gleichen Dies ist die

oberste Frage die ich stelle Das früher verzehrte Brod hat mich ernährt dh

ein Körper von diesen sinnlichen Eigenschaften war zu dieser Zeit mit dieser

verborgenen Kraft ausgerüstet folgt aber daraus dass ein anderes Brod zu

anderer Zeit mich ebenfalls ernähren muss und dass die gleichen sinnlichen

Eigenschaften mit gleichen geheimen Kräften immer verbunden sind Diese Folge

ist durchaus nicht notwendig wenigstens muss man anerkennen dass hier eine

Folgerung besteht die von der Seele gezogen wird dass hier ein Schritt getan

wird ein Vorgang im Denken und eine Folgerung besteht welche der Erklärung

bedarf Die zwei Sätze sind durchaus nicht dieselben Ich habe gefunden dass

dieses Ding immer mit dieser Wirkung verbunden gewesen ist und Ich sehe

voraus dass andere scheinbar ähnliche Dinge mit scheinbar ähnlichen Wirkungen

verbunden sein werden Ich erkenne wenn man will an dass der eine Satz von

dem anderen richtig abgeleitet werden mag ich weiß auch dass diese Ableitung

tatsächlich geschieht wenn man aber behauptet dass diese Ableitung durch eine

Kette von Gründen geschieht so möchte ich diese Begründung kennen lernen Die

Verbindung zwischen beiden Sätzen ist nicht anschaulicher Art es ist ein Mittel

notwendig welches die Seele zur Ziehung eines solchen Schlusses befähigt wenn

er überhaupt auf Vernunft und Gründen beruhen soll Nun gestehe ich dieses

Mittel übersteigt meinen Verstand man soll es mir zeigen wenn man behauptet

dass es wirklich bestehe und der Ursprung aller unserer Schlüsse über

Tatsachen sei Dieser verneinende Einwand wird sicherlich allmählich

überzeugend werden wenn scharfsinnige und geschickte Philosophen ihre

Untersuchung auf diesen Punkt richten und Keiner ein Gesetz der Verknüpfung

oder einen vermittelnden Schritt wird nachweisen können auf welche der Verstand

bei dieser Folgerung sich stützt Da indes diese Frage noch eine neue ist so

wird nicht jeder Leser seinem Scharfsinn vertrauen und annehmen wollen dass

kein Grund bestehe weil er ihn nicht finden kann Es wird deshalb nötig sein

noch eine schwierigere Aufgabe zu wagen und durch Aufzählung aller Zweige des

menschlichen Wissens zu zeigen dass Keiner einen solchen Grund beschaffen kann

    Alle Begründungen zerfallen in zwei Arten nämlich 1 in beweisende dh in

solche welche sich auf Begriffe und moralische Gründe stützen und 2 in

Begründungen von Tatsachen und Dasein Dass hier keine Beweise bestehen

scheint offenbar denn es ist kein Widerspruch dass der Naturlauf wechselt und

dass ein Ding welches anscheinend einem früher wahrgenommenen gleicht mit

anderen oder entgegengesetzten Wirkungen verbunden ist Kann ich mir nicht klar

und deutlich vorstellen dass ein Ding was aus den Wolken fällt und überall

sonst dem Schnee gleicht doch wie Salz schmeckt und wie Feuer brennt Ist etwas

verständlicher als die Behauptung dass alle Bäume im Dezember und Januar blühen

und im Mai und Juni kahl werden Nun enthält aber das was man verstehen und

deutlich vorstellen kann keinen Widerspruch und kann niemals a priori durch

einen Beweis oder eine begriffliche Folgerung widerlegt werden

    Wenn daher uns Gründe veranlassen früheren Erfahrungen zu vertrauen und sie

zum Maßstab unseres Urteils über Vergangenes und Kommendes zu nehmen so

können diese Gründe nur Wahrscheinlichkeit haben oder sich nach der obigen

Einteilung nur auf Tatsachen und wirkliches Dasein beziehen Aber auch ein

Grund dieser Art kann hier nicht bestehen wenn meine Erklärung über diese Art

der Begründung als zuverlässig und genügend erscheint Es ist bereits dargelegt

worden dass alle Gründe in Betreff der Existenz sich auf die Beziehung von

Ursache und Wirkung stützen dass unsere Kenntnis von dieser Beziehung sich

lediglich aus der Erfahrung ableitet und dass alle unsere Erfahrungsschlüsse

von der Voraussetzung ausgehen dass das Kommende dem Vergangenen gleichen

werde Ein Beweis des letzten Satzes der sich auf die Wahrscheinlichkeit und

ExistenzGründe stützt dreht sich daher offenbar im Zirkel und nimmt das für

zugestanden an was den Kern der Frage bildet

    Alle Erfahrungsbeweise gründen sich in Wahrheit auf die Ähnlichkeit welche

man zwischen verschiedenen Gegenständen bemerkt und welche ähnliche Wirkungen

wie die erwarten lässt welche man früher als Folge von solchen Gegenständen

bemerkt hat Obgleich nun nur ein Narr oder ein Wahnsinniger das Ansehen der

Erfahrung in Zweifel ziehen oder diesen großen Führer durch das menschliche

Leben von sich weisen wird so wird man doch einem Philosophen die Frage nach

dem Prinzip gestatten welches der Erfahrung dieses mächtige Ansehen gibt und

Nutzen aus der Ähnlichkeit ziehen lässt welche die Natur zwischen mehreren

Gegenständen stattfinden lässt Von ähnlichen Ursachen erwartet man ähnliche

Wirkungen Darauf laufen alle Erfahrungsbeweise hinaus Stützte sich nun dieser

Schluss auf die Vernunft so müsste er bei dem ersten Male und für einen Fall

ebenso vollkommen gelten als nach einer langen Reihe von Einzelfällen aber

dies ist durchaus nicht so Nichts gleicht sich so wie Eier aber Niemand

erwartet wegen dieser anscheinenden Ähnlichkeit denselben Wohlgeschmack bei

allen Nur nach einer langen Reihe gleichförmiger Vorgänge irgend einer Art

erreichen wir in Beziehung auf einen bestimmten Fall Gewissheit und Vertrauen

Wo ist nun das Verfahren der Vernunft welches von einem Fall einen ganz anderen

Schluss zieht als von hundert Fällen die in keiner Weise von jenem Einzelnen

unterschieden sind Ich stelle diese Frage nicht bloß der Belehrung wegen

sondern auch der Schwierigkeit wegen Solch ein Verfahren der Vernunft kann ich

nicht finden noch mir vorstellen Aber mein Ohr steht jeder Belehrung offen

die mir Jemand zu geben vermag

    Sagt man dass wir aus der Anzahl gleicher Fälle auf eine Verknüpfung der

sinnlichen Eigenschaften mit geheimen Kräften Schließen so scheint mir dies

dieselbe Schwierigkeit zu sein nur in andere Worte gehüllt Immer kehrt die

Frage nach den Beweisen wieder auf die sich dieser Schluss gründet Wo ist das

Mittelglied der zwischenliegende Gedanke welcher so weit getrennte Sätze

verbindet Man gibt zu dass die Farbe die Masse und die übrigen sinnlichen

Eigenschaften des Brotes nicht von selbst eine Verknüpfung mit den verborgenen

Kräften der Ernährung und Erhaltung haben denn sonst könnte man diese Kräfte

aus der ersten Erscheinung der sinnlichen Eigenschaften abnehmen man brauchte

keine Erfahrung was gegen die Ansicht aller Philosophen und gegen die klaren

Tatsachen streiten würde Hier ist also der Ort der natürlichen Unwissenheit

rücksichtlich der Kräfte und Wirkungen aller Dinge Wie hilft die Erfahrung ihr

ab Sie zeigt uns bloß eine Anzahl gleichförmiger Wirkungen von gleichen Dingen

und lehrt uns dass diese einzelnen Dinge in diesen einzelnen Fällen mit solcher

Kraft ausgerüstet waren Kommt ein neues Ding mit gleichen sinnlichen

Eigenschaften so erwartet man die gleiche Kraft und gleiche Wirkung Von einem

Körper gleicher Farbe und Bestandteile wie Brod erwartet man gleiche Ernährung

und Erhaltung Ein solcher Schritt ein solches Verfahren der Seele bedarf aber

sicherlich der Erklärung Wenn Jemand sagt Ich habe in allen früheren Fällen

solche sinnliche Eigenschaften mit solchen verborgenen Kräften verbunden

gefunden und wenn Jemand sagt Gleiche sinnliche Eigenschaften werden immer mit

gleichen verborgenen Kräften verbunden sein so sagt er nicht dasselbe und

beide Sätze sind nicht identisch Man erwidert Der eine ist von dem andern

abgeleitet aber man muss entgegnen dass diese Ableitung nicht wahrgenommen und

nicht bewiesen werden kann Welcher Art ist sie also Nennt man sie Erfahrung

so ist dies keine Lösung Denn alle Erfahrungsbeweise ruhen auf der Grundlage

dass das Kommende dem Vergangenen gleichen werde und dass gleiche Kräfte mit

gleichen sinnlichen Eigenschaften verbunden sein werden Entsteht ein Verdacht

dass der Lauf der Natur sich ändern und dass das Vergangene keine Regel für das

Kommende sein werde so wird alle Erfahrung nutzlos und dient zu keiner

Folgerung oder Ableitung Keine Erfahrung kann deshalb diese Gleichheit zwischen

Kommendem und Vergangenem beweisen denn alle Gründe stützen sich auf die

Annahme dieser Gleichheit Wenn auch der Lauf der Dinge bisher noch so

regelmäßig gewesen ist so beweist dies für sich allein und ohne einen

besonderen Grund nicht dass dies auch in Zukunft so sein werde Man irrt wenn

man meint die Natur der Dinge aus vergangenen Fällen erkannt zu haben Ihre

verborgene Natur und folglich alle ihre Wirkungen können sich ändern ohne dass

ihre sinnlichen Eigenschaften wechseln In einzelnen Fällen und bei einzelnen

Dingen geschieht dies weshalb kann es nicht immer und für Alles geschehen

Welche Logik welcher Beweis spricht gegen diese Annahme Man sagt Die Praxis

widerlegt die Zweifel Aber dies trifft nicht den Sinn der Frage Als Handelnder

bin ich in diesem Punkt ganz zufriedengestellt aber als Philosoph mit etwas

Wissbegierde wo nicht Zweifelsucht verlange ich nach dem Grunde dieser

Ableitung Kein Buch kein Nachdenken hat bis jetzt die Schwierigkeit heben oder

mich in einem so wichtigen Punkte zufriedenstellen können Was kann ich Besseres

tun als die Frage dem Publikum vorlegen obgleich ich wenig Hoffnung habe sie

gelöst zu bekommen Wir werden auf diese Weise wenigstens unserer Unwissenheit

inne wenn wir auch unser Wissen nicht vermehren

    Es ist gewiss eine unverzeihliche Anmaßung zu behaupten dass kein Grund

bestehe weil man bis jetzt keinen gefunden habe Ebenso voreilig würde es sein

deshalb weil alle Forscher in verschiedenen Zeiten vergeblich danach gesucht

haben zu folgern dass der Gegenstand alle menschliche Fassungskraft

übersteige Selbst wenn man alle Quellen unseres Wissens untersucht und sie für

diesen Gegenstand ungeeignet findet so bleibt doch das Bedenken ob die

Aufzählung vollständig oder ob die Untersuchung erschöpfend gewesen In

Beziehung auf die vorliegende Frage bieten sich indes einige Erwägungen welche

diesen Vorwurf der Anmaßung und den Zweifel ob man sich nicht irre wohl

beseitigen

    Es ist Tatsache dass die unwissendsten und dümmsten Bauern ja die Kinder

ja selbst die unvernünftigen Tiere durch Erfahrung klüger werden und die

Eigenschaften der natürlichen Dinge durch Beobachtung ihrer Wirkungen kennen

lernen Wenn ein Kind den Schmerz aus der Berührung eines brennenden Lichtes

gefühlt hat so wird es sorgfältig seine Hände von der Flamme fern halten denn

es erwartet die gleiche Wirkung von einer Ursache mit gleichen Eigenschaften und

Äußerem Meint man dass der Verstand des Kindes auf diesen Schluss durch

einen Beweis oder eine Tätigkeit der Vernunft geführt werde so bitte ich mir

diesen Beweis darzulegen eine so billige Frage wird man nicht abweisen können

Man darf nicht einwenden dass der Gegenstand schwierig sei und sich der

Nachforschung entziehe wenn man anerkennt dass die Fähigkeit eines Kindes

dafür hinreicht Wenn man daher zaudert und sich besinnt und dann eine

verwickelte oder dunkele Auseinandersetzung beibringt so gibt man die Sache

verloren und erkennt an dass kein Grund uns bestimmt um anzunehmen dass das

Vergangene dem Kommenden gleichen werde und dass gleiche Wirkungen aus

äußerlich gleichen Ursachen hervorgehen werden Dies ist der Satz den ich in

diesem Abschnitt habe hervorheben wollen Habe ich Recht so will ich damit

nicht behaupten etwas Großes entdeckt zu haben habe ich Unrecht so muss ich

mich selbst für einen sehr ungelehrigen Schüler halten weil ich einen Grund

nicht finden kann der mir doch schon ganz geläufig war noch ehe ich die Wiege

verließ

 
 



                                 



    Die eifrige Beschäftigung mit der Philosophie zielt wie die mit der

Religion auf Verbesserung unserer Sitten und Vertilgung der Laster ab aber bei

einem unvorsichtigen Verfahren kann sie leicht irre führen eine vorherrschende

Neigung verstärken und die Seele noch entschiedener nach der Richtung

hindrängen wohin schon das Übergewicht und der Hang des natürlichen

Temperaments zu stark hinzieht Während man nach der großherzigen Sicherheit

eines philosophischen Weisen strebt und seine Genüsse ausschließlich auf die

geistigen zu beschränken versucht kann man aus unserer Philosophie nur zu

leicht wie Epiktet und die Stoiker zeigen ein verfeinertes System des Egoismus

machen und sich selbst aus aller Tugend und allen geselligen Freuden

herausvernünfteln Während man aufmerksam die Eitelkeit des menschlichen Lebens

erforscht und alles Denken auf die eitle und vergängliche Natur des Reichtums

und der Ehre richtet schmeichelt man vielleicht immittelst der eigenen

natürlichen Trägheit welche den Lärm der Welt und die Plage mit Geschäften

hasst und nach einem vernünftigen Vorwand sucht um sich ganz unbeschränkt gehen

zu lassen Indes gibt es eine Art von Philosophie welche diesem Fehler

weniger ausgesetzt ist weil sie sich keiner ungezügelten Leidenschaft der Seele

fügt und sich keiner natürlichen Neigung oder Vorliebe hingibt Dies ist die

akademische oder skeptische Philosophie Der Akademiker spricht immer vom

Zweifel vom Zurückhalten des Urteils von der Gefahr voreiliger Entschlüsse

von enger Begrenzung der Untersuchungen des Verstandes und von Abweisung aller

Spekulationen die nicht innerhalb der Grenzen des gewöhnlichen Lebens und

Handelns sich halten Nichts widerspricht jener lässigen Trägheit des Geistes

jenen voreiligen Anmaßungen jenen stolzen Ansprüchen und jenem abergläubischen

Vertrauen mehr als diese Philosophie Sie unterdrückt jede Leidenschaft mit

Ausnahme der Liebe zur Wahrheit und diese Leidenschaft ist und kann nie auf

einen zu hohen Grad getrieben werden Man muss sich deshalb wundern dass diese

Philosophie die beinah überall harmlos und unschuldig auftritt zum Gegenstand

so vieler grundlosen Vorwürfe und Nachreden gemacht worden ist Vielleicht ist

gerade ihre Unbefangenheit das was sie hauptsächlich dem öffentlichen Hass und

Widerwillen aussetzt Da sie den ungezügelten Leidenschaften nicht schmeichelt

so gewinnt sie keine Freunde da sie sich vielen Lastern und Torheiten

entgegenstellt so erweckt sie eine Menge Feinde gegen sich die sie der

Ausgelassenheit Unheiligkeit und Gottlosigkeit beschuldigen

    Man braucht auch nicht zu fürchten dass diese Philosophie welche unsere

Untersuchung auf das gewöhnliche Leben zu beschränken sucht die Grundlagen

dieses Lebens unterwühlen und dass sie ihre Zweifel so weit treiben könnte um

alles Handeln wie Forschen zu zerstören Die Natur wird immer ihr Recht

behaupten und zuletzt die zu tiefen Betrachtungen jeder Art überwinden Obgleich

man zB nach dem Früheren anerkennen muss dass in allen von der Erfahrung

ausgehenden Schlüssen die Vernunft einen Schritt tut welcher durch keinen

Beweis oder aus dem Denken entlehnten Grund gerechtfertigt werden kann so hat

es doch keine Gefahr dass solche Schlüsse auf denen beinahe alle Kenntnisse

beruhen durch diese Entdeckung erschüttert würden Wird die Seele nicht durch

Gründe zu diesem Schritt bestimmt so muss es durch ein anderes Prinzip von

gleichem Gewicht und Ansehen geschehen und dieses Prinzip wird seinen Einfluss

bewahren so lange die menschliche Natur sich nicht ändert Welches Prinzip dies

sei dies zu ermitteln lohnt sich gewiss der Mühe

    Man nehme an ein Mensch von vorzüglichem Verstande und Überlegung trete

plötzlich in die Welt Er würde sofort eine stetige Folge von Dingen und

Ereignissen wahrnehmen aber nichts weiter Er würde durch kein Überlegen die

Vorstellung von Ursache und Wirkung sogleich gewinnen können weil die Kräfte

durch welche alle Naturvorgänge sich vollziehen den Sinnen sich nicht darbieten

und ebenso wenig ist ein Grund zu der Annahme da dass bloß deshalb weil ein

Umstand dem andern vorhergeht deshalb der eine die Ursache der andere die

Wirkung sei Ihre Verbindung kann beliebig und zufällig sein es ist kein Grund

vorhanden von der Erscheinung des einen auf das Eintreten des andern zu

Schließen kurz ein solcher Mensch ohne weitere Erfahrung würde nie

Vermutungen oder Folgerungen über Tatsachen anstellen und Mehr für gewiss

halten als was seinen Sinnen oder seiner Erinnerung unmittelbar gegenwärtig

wäre

    Man setze nun dass er mehr Erfahrung gewonnen habe und dass er so lange in

der Welt gelebt habe um zu bemerken dass ähnliche Dinge oder Vorgänge immer

mit einander verbunden sind was folgt aus dieser Erfahrung Er schließt sofort

von der Erscheinung des einen auf das Eintreten des andern Dennoch hat er mit

all seiner Erfahrung keine Vorstellung oder Kenntnis von den geheimen Kräften

gewonnen durch welche das eine das andere hervorbringt Auch ist er durch

keinen Grund seiner Vernunft genötigt diesen Schluss zu ziehen dennoch findet

er sich bestimmt ihn zu ziehen und obgleich er überzeugt ist dass diese

Vernunft kein Teil an diesem Schließen hat so wird er doch in dieser Weise zu

denken verharren Es besteht also ein anderes Prinzip was ihn zu dieser

Folgerung bestimmt

    Dieses Prinzip ist die Gewohnheit oder Übung Überall wo die Wiederholung

einer einzelnen That oder Handlung eine Neigung auf Wiederholung dieser That

oder Handlung erweckt ohne dass irgend ein Vernunftgrund dazu bestimmte nennt

man diese Neigung die Wirkung der Gewohnheit Mit diesem Wort will ich nicht

gerade die letzte Ursache für diese Neigung angegeben haben ich bezeichne nur

ein Prinzip der menschlichen Natur was allgemein anerkannt wird und das durch

seine Wirkung wohl bekannt ist Es ist möglich dass man die Forschung nicht

weiter treiben und die Ursache von dieser Ursache nicht ermitteln kann dass man

also damit als dem äußersten Prinzip sich begnügen muss auf welches alle

Erfahrungsschlüsse sich zurückführen lassen Man kann froh sein dass man so

weit kommt und braucht sich über die Schranken unserer Fähigkeiten nicht zu

betrüben denn sie bringen uns nicht weiter Und sicherlich haben wir hiermit

einen sehr verständlichen Satz aufgestellt sollte er selbst unwahr sein wenn

wir behaupten dass man in Folge der beständigen Verbindung zweier Dinge wie

Hitze und Flamme Gewicht und Masse durch Gewohnheit bestimmt werde mit

Eintritt des einen das andere zu erwarten Diese Voraussetzung löst allein die

Schwierigkeit weshalb wir von tausend gleichen Fällen einen Schluss ziehen den

wir von einem nicht ziehen können obgleich er in keiner Beziehung von jenen

sich unterscheidet Die Vernunft ist eines solchen Schwankens nicht fähig Die

Folgerungen die sie aus der Betrachtung eines Kreises zieht sind dieselben

die sie aus der Prüfung aller Kreise der Welt ziehen würde Aber kein Mensch

der nur einmal gesehen hat wie der Stoß eines Körpers einen andern in Bewegung

setzt kann Schließen dass jeder andere Körper bei gleichem Stoß sich

ebenfalls bewegen werde Alle Schlüsse auf Grund der Erfahrung sind deshalb

Wirkungen der Gewohnheit und nicht des VerstandesA2

    Die Gewohnheit ist daher der große Führer im Leben Dieses Prinzip allein

macht unsere Erfahrung uns nützlich und lässt uns in der Zukunft einen gleichen

Lauf der Ereignisse erwarten wie in der Vergangenheit geschehen Ohne die Kraft

der Gewohnheit wären wir über alle Tatsachen unwissend die nicht den Sinnen

oder der Erinnerung gegenwärtig wären Wir würden nie Mittel für Zwecke

benutzen noch unsere natürlichen Kräfte zur Hervorbringung einer Wirkung

gebrauchen können Alles Handeln sowohl wie der größte Teil der Forschungen

hätte ein Ende

    Hier ist indes die Bemerkung am Orte dass unsere Folgerungen aus der

Erfahrung uns zwar über die Erinnerung und Wahrnehmung hinausführen und uns

Gewissheit von Dingen geben die in den entferntesten Orten oder frühesten

Zeiten sich zugetragen haben allein irgend eine Tatsache muss immer den Sinnen

oder dem Gedächtnis gegenwärtig sein von der bei Ziehung dieser Schlüsse

auszugehen ist Wenn Jemand in einer Wüste die Überbleibsel prachtvoller

Bauwerke antrifft so kann er Schließen dass das Land in alten Zeiten von

einem zivilisierten Volke bewohnt worden ist hätte er aber nichts der Art

angetroffen so hätte er nie einen solchen Schluss machen können Wir erfahren

die Ereignisse früherer Zeit durch die Geschichte aber zu dem Ende müssen wir

die Bücher lesen in denen diese Belehrung enthalten ist und von da mit unsern

Schlüssen von einem Zeugnis zu dem andern fortschreiten bis wir zu den

Augenzeugen und Zuschauern dieser fernen Ereignisse gelangen Kurz wenn man

nicht von einer den Sinnen oder dem Gedächtnis gegenwärtigen Tatsache ausgeht

so bleiben unsere Folgerungen reine Voraussetzungen wenn auch die einzelnen

Glieder gut mit einander verbunden sind so wird doch die ganze Schlusskette von

nichts getragen und man kann durch sie niemals zur Kenntnis eines wirklich

Daseienden gelangen Wenn ich dich frage weshalb du die Tatsache welche du

erzählst glaubst so musst du mir einen Grund angeben und dieser Grund wird

eine andere Tatsache sein die mit ihr verknüpft ist Da dies aber nicht ohne

Ende fortgehen kann so musst du endlich mit einer Tatsache endigen welche dem

Gedächtnis oder den Sinnen gegenwärtig ist oder du musst einräumen dass dein

Glaube ohne allen Grund ist

    Was ist nun das Ergebnis von alledem Ein einfacher Satz der allerdings

den gewöhnlichen Lehren der Philosophie ziemlich fern steht Aller Glaube an

Tatsachen oder wirkliches Dasein beruht lediglich auf einem Gegenstand der dem

Gedächtnis oder Sinnen gegenwärtig ist und auf einer gewohnheitsmäßigen

Verbindung zwischen diesen und andern Gegenständen oder mit andern Worten hat

man gefunden dass in vielen Fällen zwei Dinge wie Flamme und Hitze Schnee und

Kälte immer mit einander verbunden gewesen sind so treibt die Gewohnheit die

Seele wenn sie Schnee oder eine Flamme sieht Kälte oder Hitze zu erwarten und

zu glauben dass eine solche Eigenschaft existiert und bei größerer Annäherung

sich ergeben wird Dieser Glaube ist das notwendige Ergebnis sobald die Seele

in solche Verhältnisse kommt In solcher Lage ist dieser Vorgang in der Seele

ebenso unvermeidlich als das Gefühl der Dankbarkeit wenn man Wohltaten

empfängt oder des Hasses wenn man beleidigt wird Alle diese Vorgänge sind

eine Art natürlicher Instinkt welchen die Überlegung oder das Nachdenken des

Verstandes weder zu erwecken noch zu hindern vermag

    An diesem Punkte könnte ich wohl meine Untersuchung abbrechen In den

meisten Fragen kann man keinen Schritt weiter kommen und bei allen

Untersuchungen muss man zuletzt hier endigen wenn man auch noch so anstrengend

und eifrig die Forschung begonnen hat Indes wird man den Eifer vielleicht

entschuldigen ja loben der mich zur Fortsetzung der Untersuchung und zur

genaueren Prüfung der Natur dieses Glaubens und dieser gewohnten Verbindung

treibt von der er sich ableitet Auf diese Weise werden vielleicht einige

Erläuterungen und Analogien gewonnen welche wenigstens für alle die von

Interesse sein weiden die strenge Wissenschaft lieben und sich an Erörterungen

erfreuen auch wenn sie bei aller Genauigkeit nicht zur vollen Gewissheit

führen Für andere Leser ist das Folgende in dieser Abtheilung nicht berechnet

auch ist es für das Verständnis des Späteren nicht notwendig

 
 






    Nichts ist freier als die Gedanken des Menschen Obgleich sie den

ursprünglichen Vorrat von Vorstellungen welche der innere und der äußere Sinn

beschafft nicht überschreiten können so haben sie doch eine unbeschränkte

Gewalt in Mischung Verbindung Trennung und Teilung dieser Vorstellungen nach

allen Richtungen des Beliebens und der Phantasie Der Mensch kann sich eine

Reihe von Ereignissen bilden die allen Anschein der Wirklichkeit haben er kann

sie in eine bestimmte Zeit und Ort stellen sie als wirklich nehmen und sie mit

allen Nebenumständen ausmalen welche zu einem solchen historischen Ereignis

gehören an das man mit der größten Gewissheit glaubt Worin besteht nun der

Unterschied zwischen einer solchen Dichtung und der Gewissheit Er liegt nicht

in irgend einer besonderen Vorstellung welche solchen Gedanken anhaftet die man

für wahr hält und welche jeder bloßen Dichtung abginge Denn die Seele hat

Macht über alle ihre Vorstellungen und könnte daher diese besondere Vorstellung

mit jeder Dichtung verbinden und so dahin kommen das zu glauben was ihr

beliebte während die Erfahrung doch lehrt dass dies nicht stattfindet Wir

können in unserm Vorstellen den Kopf eines Menschen mit dem Leibe eines Pferdes

verbinden aber es steht nicht in unserer Gewalt zu glauben dass ein solches

Thier existiert habe

    Deshalb muss der Unterschied zwischen Dichtung und Glauben in einer

Empfindung oder einem Gefühle liegen welches zwar mit diesem aber nicht mit

jener verbunden ist und was weder von dem Willen abhängt noch beliebig zu

Diensten steht Es muss wie alle Gefühle durch die Natur erweckt werden und

aus dem besonderen Zustande hervorgehen in dem sich die Seele unter Umständen

befindet Jeder Gegenstand der sich den Sinnen oder dem Gedächtnis bietet

treibt durch die Macht der Gewohnheit die Einbildungskraft zur Vorstellung des

Gegenstandes welcher gewöhnlich mit ihm verbunden ist und diese Vorstellung

ist von einem Gefühl oder einer Empfindung begleitet die sich von den bloßen

Träumen der Phantasie unterscheidet Darin besteht das Wesen des Glaubens Denn

da es keine Tatsache gibt die man so fest glaubt dass man sich nicht das

Gegenteil vorstellen könnte so gäbe es keinen Unterschied zwischen

Vorstellungen die man für wahr und solchen die man für unwahr hielte wenn

nicht ein Gefühl die eine von der andern unterschiede Wenn ich sehe wie eine

Billardkugel auf einer glatten Fläche sich gegen eine andere bewegt so kann ich

mir wohl vorstellen dass sie bei der Berührung stillstehen werde Diese

Vorstellung enthält keinen Widerspruch dennoch empfinde ich bei dieser

Vorstellung ganz anders als bei der wo ich mir den Stoß und die Mittheilung

der Bewegung von einer zur andern vergegenwärtige

    Wollte ich eine Definition dieser Empfindung versuchen so würde dies

schwer vielleicht unmöglich sein ebenso als wenn ich das Gefühl der Kälte

oder die Leidenschaft des Zornes einem Menschen definieren wollte der diese

Gefühle nie empfunden hat Glauben ist das wahre und richtige Wort für dieses

Gefühl und Niemand ist über den Sinn dieses Ausdrucks in Zweifel weil

Jedermann zu jeder Zeit sich des damit bezeichneten Gefühles bewusst ist Indes

ist eine Beschreibung dieses Gefühls vielleicht zweckmäßig man gelangt dadurch

vielleicht zu Vergleichungen welche eine vollkommenere Einsicht gewähren Ich

behaupte also dass der Glaube nur eine lebhaftere lebendigere stärkere

festere ausharrendere Vorstellung von einem Gegenstande als die ist welche

die Einbildung allein erreichen kann Diese Menge von Beiworten die

unphilosophisch scheint soll nur jenen Akt der Seele bezeichnen der das

Wirkliche oder dafür Gehaltene mehr als das Eingebildete vergegenwärtigt im

Vorstellen gewichtiger macht und ihm einen stärkeren Einfluss auf die

Leidenschaften und die Gedanken gibt Sind wir über die Sache einverstanden so

brauchen wir uns über die Worte nicht zu streiten Die Einbildungskraft gebietet

über alle ihre Vorstellungen und kann sie auf alle mögliche Arten verbinden

mischen und vertauschen Sie kann Erdichtungen mit allen zeitlichen und

örtlichen Nebenumständen machen Sie kann sie uns gleichsam vor Augen stellen

mit ihren wahren Farben wie sie existiert haben mögen Aber es ist unmöglich

dass diese Einbildungskraft allein je den Glauben bewirkt der Glaube kann

deshalb nicht eine besondere Art oder Ordnung der Vorstellungen sein sondern

ist eine besondere Art wie sie entstehen und in der Seele empfunden werden Ich

räume ein dass es unmöglich ist dieses Gefühl oder diese Art der Entstehung zu

beschreiben Man kann Worte benutzen die etwas Ähnliches ausdrücken aber der

wahre und richtige Name dafür ist Glaube ein Wort was Jeder im gewöhnlichen

Leben versteht Auch in der Philosophie kann man nicht weiter als zu dem Satze

kommen dass der Glaube ein Gefühl in der Seele ist wodurch sie die Aussagen

ihres Urteils von den Geschöpfen ihrer Einbildungskraft unterscheidet Dies

Gefühl gibt jenen mehr Gewicht und Einfluss lässt sie wichtiger erscheinen

zwingt sie der Seele auf und macht sie zu den Grundsätzen für das Handeln Ich

höre zB jetzt die Stimme eines Menschen der mir bekannt ist und der Ton

kommt aus dem nächsten Zimmer Dieser Eindruck auf meinen Sinn führt unmittelbar

mein Denken auf diesen Menschen mit allen ihn betreffenden Nebenumständen Ich

male sie mir als jetzt existierend aus mit denselben Eigenschaften und

Verhältnissen wie ich sie früher bei ihm gekannt habe Diese Vorstellungen

fassen schneller festen Fuß in meiner Seele als die Vorstellung von einem

verzauberten Schloss Sie sind ganz anders in der Empfindung und haben in jeder

Art einen größeren Einfluss sowohl für Erweckung von Lust wie Schmerz Hoffnung

wie Sorge

    Fasst man Alles hier Gesagte zusammen so erhellt dass die Wissensart des

Glaubens nur ein innerlich stärkeres und festeres Vorstellen im Vergleich zu den

bloßen Schöpfungen der Einbildung ist und dass diese Wissensart sich aus der

gewohnten Verbindung zwischen einem Gegenstand und einem den Sinnen oder dem

Gedächtnis gegenwärtigen Etwas sich bildet Mit dieser Annahme werden sich

leicht andere ähnliche Geistestätigkeiten auffinden und diese Erscheinungen

auf allgemeinere Grundsätze sich zurückführen lassen

    Es ist bereits erwähnt dass die Natur einzelne Vorstellungen verknüpft hat

und dass wenn die eine in das Denken eintritt sie sofort die ihr zugehörige

mit einführt und ihr unsere Aufmerksamkeit durch eine leise und unfühlbare

Bewegung zuwendet Die Regeln für diese Verknüpfungen oder Vergesellschaftungen

haben wir auf drei zurückgeführt nämlich Ähnlichkeit Berührung und

Ursachlichkeit Sie sind die einzigen Bande welche unsere Vorstellungen

vereinigen und jenen regelmäßigen Lauf des Denkens oder Sprechens erzeugen

welcher mehr oder weniger unter allen Menschen stattfindet Hier erhebt sich nun

eine Frage von deren Lösung die vorliegende Schwierigkeit abhängt Geschieht es

bei all diesen Verbindungsformen dass wenn ein Gegenstand den Sinnen oder

Gedächtnis zugeführt wird die Seele nicht bloß die andere zugehörige sich

vorstellt sondern dies auch in einer stärkeren und festeren Weise tut als sie

es sonst vermocht hätte Dies scheint mit dem Glauben welcher aus der Beziehung

von Ursache und Wirkung entspringt der Fall zu sein Ist dies nun auch mit den

beiden andern Verbindungsformen der Fall so muss es als ein allgemeines Gesetz

für alle Tätigkeiten der Seele gelten

    Als erster Versuch kann für unsern Zweck der Fall dienen dass bei dem

Anblick des Bildes eines abwesenden Freundes unsere Vorstellung von ihm durch

die Ähnlichkeit offenbar lebhafter wird und dass jedes von dieser Vorstellung

wachgerufene Gefühl sei es Freude sei es Sorge dadurch neue Kraft und Stärke

erhält Bei der Hervorbringung dieses Erfolges wirken sowohl die Beziehung wie

der gegenwärtige Eindruck

    Wäre das Bild nicht ähnlich oder nicht von ihm abgenommen so würde es nie

unsere Gedanken zu ihm hinleiten und wäre es ebenso abwesend wie die Person

so würde die Seele wenn sie auch an das eine oder andere dachte ihre

Vorstellungen durch diesen Wechsel eher geschwächt als gestärkt fühlen Wir

sehen gern das gegenwärtige Bild eines Freundes ist es aber nicht da so denken

wir lieber geradezu an ihn als vermittelst eines Bildes was ebenso fern und

dunkel ist

    Auch die Gebräuche der katholischen Religion können als hierhergehörende

Beispiele gelten Die Anhänger dieser Religion führen gewöhnlich zur

Verteidigung der Zeremonien die man an ihr tadelt an dass sie die guten

Wirkungen dieser äußeren Bewegungen Stellungen und Handlungen fühlen dass ihre

Andacht dadurch tiefer und ihr Eifer stärker werde während diese sinken würden

wenn sie bloß auf entfernte und unsichtbare Gegenstände gerichtet würden Wir

machen sagen sie einen Schattenriss von diesen Glaubensgegenständen wir

machen wahrnehmbare Formen und Bilder und vergegenwärtigen durch diese Formen

jene uns mehr als wir durch rein geistige Beschauung und Betrachtung vermögen

Sichtbare Dinge haben immer eine größere Wirkung auf das Vorstellen als andere

dieser Einfluss geht schnell auf die Vorstellungen auf die sie sich beziehen

und denen sie gleichen über

    Ich will an diesen Gebräuchen und ihrer Rechtfertigung nur darlegen dass

die Wirksamkeit der Ähnlichkeit auf die Verstärkung der Vorstellungen sehr

häufig ist Da in jedem Falle eine Ähnlichkeit und ein gegenwärtiger Eindruck

zusammentreffen müssen so hat man für den Beweis der aufgestellten Regel

Beispiele die Menge

    Die Stärke dieser Gründe kann durch verschiedene andere erhöht werden wenn

man die Wirksamkeit der Berührung in Betracht zieht Die Entfernung mindert

offenbar die Stärke jeder Vorstellung nähern wir uns dem Gegenstande so wirkt

er obgleich er sich den Sinnen noch nicht darstellt schon einen Einfluss auf

die Seele welcher einem unmittelbaren Eindruck ähnelt Die Vorstellung irgend

eines Gegenstandes führt die Seele sofort zu dem ihm Angrenzenden aber nur die

wirkliche Gegenwart eines Gegenstandes tut dies mit größerer Lebhaftigkeit

Wenn ich nur wenige Meilen von meinem Hause entfernt bin so ergreift mich alles

darauf Bezügliche mehr als wenn ich zweihundert Meilen davon entfernt bin

wenngleich selbst bei dieser Entfernung die Vorstellung jener Äußerlichkeiten

die Vorstellung meiner Freunde oder Familie wach ruft Im letzten Falle sind

beide Gegenstände nur Vorstellungen und obgleich der Übergang von der einen

zur andern leicht geschieht kann er doch der einen dieser Vorstellungen keine

größere Lebendigkeit geben weil der unmittelbare Eindruck fehlt3

    Die Ursachlichkeit hat ohne Zweifel denselben Einfluss wie die beiden andern

Beziehungen der Ähnlichkeit und Berührung Abergläubische Leute halten auf

Reliquien von Heiligen und frommen Männern aus demselben Grunde weshalb sie

nach ihren Gestalten und Bildern verlangen sie wollen ihre Andacht steigern und

den Gedanken an deren exemplarisches Leben was sie nachahmen wollen tiefer und

kräftiger machen Offenbar ist eine der besten Reliquien welche ein Andächtiger

sich verschaffen kann die Handarbeit eines Heiligen wenn seine Kleider und

Geräte ebenso geschätzt werden so geschieht es weil sie einst zu seiner

Verfügung standen und von ihm getragen und gebraucht wurden Sie gelten als eine

unvollständige Wirkung und erscheinen durch eine kürzere Kette von Folgen mit

ihm verbunden als alles Andere woraus man die Wirklichkeit seiner Existenz

abnehmen könnte

    Wenn der tote oder abwesende Sohn eines Freundes vor uns erschiene so

würde er offenbar die damit verbundenen Vorstellungen wach rufen und alle

vergangenen Vertraulichkeiten und Freundschaften lebendiger in unser Denken

zurückbringen als es sonst geschehen wäre Dies ist ein anderer Vorgang

welcher die obige Regel zu bestätigen scheint

    Bei diesen Fällen wird der Glaube an den bezogenen Gegenstand immer

vorausgesetzt ohnedem kann die Beziehung nicht wirksam sein Die Wirkung des

Gemäldes verlangt dass wir glauben unser Freund habe einmal existiert Die

Nachbarschaft kann unsere Vorstellung von der Heimat nur erwecken wenn man

glaubt dass letztere wirklich besteht Ich behaupte nun dass wenn dieser

Glaube über das Gedächtnis oder die Wahrnehmung hinausgeht er die gleiche

Natur und den gleichen Ursprung hat wie der hier erklärte Übergang der

Gedanken und die Lebhaftigkeit des Vorstellens Wenn ich ein Stück trockenes

Holz in das Feuer werfe so treibt es mich offenbar zur Vorstellung dass es die

Flamme nicht auslöscht sondern vermehrt Dieser Fortschritt der Gedanken von

der Ursache zur Wirkung geht nicht von der Vernunft aus sondern beruht gänzlich

auf Gewohnheit und Erfahrung Da er mit einem den Sinnen gegenwärtigen

Gegenstande beginnt so macht er die Vorstellung der Flamme stärker und

lebendiger als der bloße schwankende Traum der Einbildung Jene Vorstellung

erhebt sich plötzlich das Denken wendet sich augenblicklich ihr zu und gibt

ihr alle Stärke des Wissens die sich von dem sinnlichen Eindruck ableitet Wenn

man ein Schwert gegen meine Brust zückt trifft mich da die Vorstellung von

Wunden und Schmerzen nicht stärker als wenn man ein Glas Wein vor mir erhebt

selbst wenn jene Vorstellung mit der Wahrnehmung des letzteren eintreten sollte

    Was Anderes kann nun in diesem Gebiete eine so starke Vorstellung erzeugen

als ein gegenwärtiger Gegenstand und der gewohnte Übergang zur Vorstellung

eines andern Gegenstandes welchen man mit dem ersten zu verbinden sich gewöhnt

hat Dies ist der einfache Vorgang in unserer Seele bei allen unsern Schlüssen

von Tatsachen und Dasein Es ist von Werth einige ähnliche Verhältnisse

aufzuzeigen welche ihn erläutern Die Gegenwart des Gegenstandes von dem der

Übergang ausgeht gibt der zweiten Vorstellung immer die Stärke und

Festigkeit Hier besteht also eine Art von voraus bestimmter Harmonie zwischen

dem Lauf der Natur und der Folge unserer Vorstellungen und obgleich die Macht

und Kräfte welche in ersterer herrschen uns ganz unbekannt sind so sehen wir

doch dass unsere Gedanken und Vorstellungen denselben Lauf nehmen wie die

Werke der Natur Gewohnheit ist das Prinzip welches diese Vorstellungen

bewirkt sie ist für den Bestand unseres Geschlechts notwendig und leitet in

allen Verhältnissen und Vorkommnissen des Lebens unser Benehmen Erweckte nicht

die Gegenwart eines Gegenstandes sofort die Vorstellung der mit ihm gewöhnlich

verbundenen Dinge so wäre all unser Wissen auf den engen Kreis des

Gedächtnisses und der Wahrnehmung beschränkt wir würden keine Mittel für Zwecke

zurichten noch unsere natürlichen Kräfte benutzen können um Gutes zu erreichen

und Übles zu meiden Wer an der Entdeckung und Betrachtung der letzten Ursachen

Vergnügen findet hat hier volle Gelegenheit zum Staunen und zur Bewunderung

    Zu mehrerer Bestätigung der hier dargelegten Auffassung lässt sich noch

geltend machen dass diese Tätigkeit der Seele wodurch man gleiche Wirkungen

von gleichen Ursachen ableitet und umgekehrt in Anbetracht dass sie so

wesentlich für die Erhaltung des Menschengeschlechts ist nicht wohl den

trügerischen Begründungen unserer Vernunft anvertraut werden konnte Deren

Wirksamkeit ist langsam in den ersten Jahren der Kindheit ist sie kaum

bemerklich und im besten Falle ist sie zu allen Zeiten und Perioden des Lebens

dem Irrtume und Versehen sehr ausgesetzt Es entspricht mehr der allgemeinen

Weisheit der Natur eine so notwendige Tätigkeit der Seele durch Instinkt oder

einen mechanischen Trieb zu sichern welcher in seiner Wirksamkeit frei vom

Irrtum bleibt gleich beim Beginn des Lebens und Denkens sich geltend macht und

von den mühsamen Begründungen des Verstandes unabhängig ist So wie die Natur

uns den Gebrauch unserer Glieder gelehrt hat ohne uns die Kenntnis der Muskeln

und Nerven durch die sie erfolgt zu geben so hat sie auch einen Instinkt uns

eingepflanzt welcher die Gedanken in derselben Richtung führt die sie für

äußere Gegenstände festgestellt hat obgleich wir die Macht und Kräfte von

welchen dieser regelmäßige Lauf und Folge der Gegenstände abhängt durchaus

nicht kennen

 
 



 


    Obgleich es in der Welt nichts der Art wie Zufall gibt so hat doch unsere

Unkenntnis der wirklichen Ursache eines Ereignisses denselben Einfluss auf den

Verstand und erzeugt eine gleiche Art von Glauben oder Meinung

    Es gibt allerdings eine Wahrscheinlichkeit die aus der Mehrzahl der Fälle

auf einer Seite sich bildet und wenn diese Mehrzahl wächst und die

entgegengesetzten übertrifft so nimmt die Wahrscheinlichkeit verhältnismäßig

zu und erzeugt für die Seite wo die Mehrzahl Statt hat einen höheren Grad von

Glauben oder Zustimmung Wenn ein Würfel auf vier Seiten mit derselben Figur

oder Zahl von Zeichen versehen ist und auf den zwei andern mit einer andern

Figur so würde das Werfen jener Figur wahrscheinlicher sein als letzterer und

hätte er 1000 Seiten in derselben Weise gezeichnet und nur eine mit einer andern

Figur so würde die Wahrscheinlichkeit noch viel grösser und dieser Glaube oder

die Erwartung des Ausganges noch fester und sicherer sein Diese Art von Denken

oder Schließen scheint vielleicht längst bekannt und selbstverständlich aber

bei näherer Betrachtung bietet sie Stoff zu interessanten Untersuchungen

    Offenbar betrachtet die Seele bei Berechnung des Erfolgs eines solchen

Würfelns das Werfen jeder einzelnen Seite als gleich wahrscheinlich Es ist das

Wesen des Zweifels dass er alle einzelnen Fälle die er einschließt völlig

gleich macht Wenn aber eine größere Zahl von Fällen denselben Erfolg mit sich

führen als die andern so kommt die Seele öfter auf diese Erfahrung zurück und

trifft ihn öfter bei Durchgehung der verschiedenen Möglichkeiten oder Zufälle

von denen das Endergebnis abhängt Dieses Zusammentreffen mehrerer Erwägungen

in demselben Ergebnis erzeugt unmittelbar durch eine unerklärliche

NaturEinrichtung die Wissensart des Glaubens und gibt diesen Erfolg den

Vorzug vor seinem Gegner der nur von einer geringem Zahl von Erwägungen

unterstützt ist und der Seele sich nicht so oft darbietet Wenn man zugibt

dass der Glaube nur eine festere und stärkere Vorstellung eines Gegenstandes in

Vergleich mit bloßen Erdichtungen der Einbildung ist so wird dies den hier

betrachteten Vorgang erklären Das wiederholte Eintreten derselben Aussichten

oder Einblicke steigert die Vorstellung gibt ihr eine höhere Stärke und Kraft

macht ihren Einfluss auf Leidenschaften und Erregungen fühlbarer und erzeugt

mit einem Worte diese Zuversicht oder Gewissheit welche das Wesen des Glaubens

und Dafürhaltens ausmacht

    Es verhält sich mit der Wahrscheinlichkeit der Einzelfälle wie mit dem

Zufall Es gibt Vorgänge welche in ihrer bestimmten Wirkung völlig

gleichförmig und beständig sind und man kennt kein Beispiel von einem

Ausbleiben oder einer Ausnahme bei denselben Das Feuer hat den Menschen immer

verbrannt und das Wasser immer erstickt Die Erzeugung der Bewegung durch Stoß

und Schwere ist ein allgemeines Gesetz das bis jetzt keine Ausnahme gestattet

hat Aber es gibt andere Vorgänge die sich unregelmäßiger und unsicherer

zeigen so hat der Rhabarber nicht immer purgiert und das Opium nicht jeden

Menschen der es eingenommen hat eingeschläfert Allerdings suchen Philosophen

in solchen unregelmäßigen Fällen den Grund nicht in der Unregelmäßigkeit der

Natur sondern sie nehmen an dass irgend eine geheime Ursache in der besonderen

Verbindung der Theile den regelmäßigen Vorgang gehemmt hat Unsere

Betrachtungen und Schlüsse bei einem solchen Vorgange werden jedoch durch dieses

Prinzip nicht betroffen Indem man gewöhnt ist das Vergangene auf das

Zukünftige bei allen Schlüssen zu übertragen so erwartet man da wo die

Vergangenheit ganz regelmäßig und gleichförmig gewesen ist den Erfolg mit der

größten Zuversicht und gibt der entgegengesetzten Annahme keinen Raum Wo aber

verschiedene Wirkungen aus anscheinend genau gleichen Ursachen angetroffen

worden sind da müssen all diese verschiedenen Wirkungen auch der Seele bei

Übertragung der Vergangenheit auf die Zukunft vorkommen und in die Betrachtung

eintreten wodurch man die Wahrscheinlichkeit des Ausganges bestimmen will

Obgleich man den der am häufigsten befunden worden den Vorzug gibt und an

das Eintreten dieser Wirkung glaubt so kann man doch die andern Wirkungen nicht

übersehen und muss jeder nach Verhältnis ihres öfteren oder selteneren Eintretens

ein besonderes Gewicht und Ansehen beilegen So ist es für alle Länder Europas

wahrscheinlicher dass im Januar einiger Frost eintritt als dass den ganzen

Monat weiches Wetter anhält obgleich diese Wahrscheinlichkeit nach

Verschiedenheit des Klimas wechselt und in den nördlichen Ländern sich der

Gewissheit nähert Hier zeigt es sich deutlich dass man bei Übertragung der

Vergangenheit auf die Zukunft um die Wirkung einer Ursache zu ermessen alle

verschiedenen Folgen in demselben Verhältnis überträgt wie sie in der

Vergangenheit bemerkt worden sind Man nimmt zB an dass die eine hundertmal

die andere zehnmal und die dritte nur einmal eingetreten ist Da eine große

Zahl von Erwägungen hier auf denselben Erfolg zusammentrifft so verstärken und

befestigen sie ihn in dem Vorstellen erzeugen die Empfindung welche man

Glauben nennt und geben ihm den Vorzug vor dem entgegengesetzten Erfolg der

nicht durch eine gleiche Zahl von Erfahrungen unterstützt wird und dem Denken

bei der Übertragung der Vergangenheit auf die Zukunft nicht so oft sich

darstellt Wenn Jemand versuchen will diese Vorgänge der Seele aus irgend einem

der vorhandenen philosophischen Systeme zu erklären so wird er die

Schwierigkeit bemerken Ich bin für meine Person zufrieden wenn die

gegenwärtigen Andeutungen das Interesse der Philosophen erwecken und sie

erkennen lassen wie mangelhaft alle bisherigen Systeme diese interessante und

bedeutende Frage behandelt haben

 
 






    Der große Vorteil den die mathematischen Wissenschaften über die

moralischen haben ist dass die Vorstellungen der ersten wahrnehmbar und

deshalb immer klar und deutlich sind deshalb wird der kleinste Unterschied bei

ihnen sofort bemerkt und dieselben Worte bezeichnen immer dieselben

Vorstellungen ohne Zweideutigkeit oder Schwanken Ein Oval verwechselt man nie

mit einem Kreise und eine Hyperbel nicht mit einer Ellipse Das gleichseitige

und ungleichseitige Dreieck sind durch Grenzbestimmungen getrennt schärfer als

die zwischen Laster und Tugend Recht und Unrecht Wenn ein Ausdruck in der

Geometrie erklärt ist so setzt die Seele leicht und von selbst in jedem Falle

die Vorstellung an Stelle des erklärten Wortes Und selbst da wo man keine

Erklärung anwendet kann der Gegenstand wahrnehmbar und dadurch fest und klar

erfassbar gemacht werden

    Aber die feineren Empfindungen der Seele die Vorgänge im Denken die

mannichfachen Erregungen der Gefühle entgehen uns trotz ihres wirklichen

Unterschiedes leicht wenn sie innerlich betrachtet werden auch können wir

hier den ursprünglichen Gegenstand nicht herbeischaffen wenn die Veranlassung

zu seiner Betrachtung vorhanden ist Deshalb sind solche Erörterungen nach und

nach zweideutig geworden ähnliche Gegenstände werden leicht als gleiche

behandelt und die Schlüsse entfernen sich oft weit von ihren Vordersätzen

    Indes kann man dreist behaupten dass bei genauer Betrachtung die Vorteile

und Nachtheile dieser Wissenschaften sich ausgleichen und beide einander gleich

stellen Wenn die Seele die geometrischen Begriffe leichter klar und deutlich

erfasst so muss sie doch eine längere und verwickeltere Kette von Schlüssen

ziehen und sehr entfernte Begriffe mit einander vergleichen um die tieferen

Wahrheiten dieser Wissenschaft zu erfassen Wenn dagegen Moralbegriffe ohne

große Sorgfalt dunkel und verworren bleiben so sind doch hier die Folgerungen

immer kürzer und die Mittelsätze welche zu jenen Schlusssätzen führen nicht

so zahlreich als in den Wissenschaften welche die Größe und die Zahl

behandeln In der That gibt es bei Euklid keinen noch so einfachen Lehrsatz

der nicht aus mehr Gliedern bestände als irgend ein moralischer Satz mit

Ausnahme von Hirngespinsten und Täuschungen Wo man nur weniger Mittelsätze für

Gewinnung der Prinzipien bedarf kann man mit dem Fortschritt zufrieden sein

wenn man erwägt wie bald die Natur einen Schlagbaum vor alle unsere

Untersuchungen von Ursachen zieht und uns zum Anerkenntnis unserer Unwissenheit

nötigt Das Haupthindernis des Fortschrittes in moralischen und metaphysischen

Wissenschaften liegt deshalb in der Dunkelheit der Begriffe und Zweideutigkeit

der Worte Die Hauptschwierigkeit bei der Mathematik liegt dagegen in der Länge

der Folgerungen und dem Umfange der Vorstellungen deren man zum Beweise bedarf

Unser Fortschritt in der Naturwissenschaft ist vielleicht durch den Mangel

besonderer Versuche und Erscheinungen gehindert welche meist zufällig entdeckt

werden und selbst durch die emsigste und vorsichtigste Untersuchung dann nicht

angetroffen werden wenn man sie braucht Da die moralischen Wissenschaften

bisher weniger vorgeschritten sind als Mathematik und Physik so erhellt dass

wenn letztere Wissenschaften in dieser Beziehung sich unterscheiden die

Schwierigkeiten welche sich dem Fortschritt der ersten entgegenstellen

größere Sorgfalt und Fähigkeit zu ihrer Überwindung fordern

    Die Metaphysik hat keine dunkleren und unsicheren Begriffe wie die der

Macht der Kraft der Wirksamkeit oder notwendigen Verbindung von denen man

bei jeder Untersuchung fortwährend Gebrauch machen muss Ich werde deshalb in

dieser Abtheilung so viel als möglich die genaue Bedeutung dieser Worte zu

bestimmen suchen um damit einen Teil der Dunkelheit zu beseitigen über

welchen man in diesem Theile der Philosophie so viel klagt

    Der Satz wird nicht bestritten werden dass alle unsere Begriffe nur

Abbilder der Eindrücke sind oder dass mit andern Worten wir uns nichts

vorstellen können was wir nicht vorher innerlich oder äußerlich aufgenommen

haben Ich habe diesen Satz zu erklären und zu beweisen versucht und hoffe dass

man bei richtigem Gebrauche desselben eine größere Deutlichkeit und Schärfe in

philosophischen Untersuchen erreichen wird als bisher möglich war

Zusammengesetzte Begriffe kann man leicht durch ihre Definition verständlich

machen indem die Bestandteile oder einfachen Merkmale derselben aufgezählt

werden Hat man aber das Definieren bis zu den einfachsten Begriffen fortgesetzt

und bleiben dann immer noch Zweifel und Dunkelheiten welche Mittel hat man

dann Durch welche Erfindung kann man diese letzten Begriffe erleuchten und dem

geistigen Auge scharf und bestimmt darstellen  Man suche nach den Eindrücken

und ursprünglichen Empfindungen welche diese Begriffe abbilden Diese Eindrücke

sind sämtlich stark und fühlbar Sie sind nicht zweideutig Sie sind nicht

allein selbst völlig hell sondern auch im Stande ihr Licht den entsprechenden

Begriffen mitzuteilen die in der Dunkelheit liegen Dadurch erreicht man

gleichsam ein neues Vergrößerungsglas oder optisches Instrument welches die

zartesten und einfachsten Begriffe der Moralwissenschaft so vergrößert dass

sie schnell in die Wahrnehmung fallen und dann so leicht wie die gröbsten und

sinnlichsten Vorstellungen die unserer Untersuchung aufstoßen zu fassen sind

    Um deshalb mit dem Begriff der Macht oder notwendigen Verknüpfung genau

bekannt zu werden muss man den ihr zu Grunde liegenden Eindruck untersuchen

und um diesen Eindruck sicher zu finden muss man nach ihm in allen Quellen

suchen aus denen er herkommen kann

    Wenn man sich unter äußeren Gegenständen umsieht und die Wirksamkeit der

Ursachen betrachtet so kann man für den einzelnen Fall niemals eine Macht oder

notwendige Verknüpfung entdecken keine Eigenschaft zeigt sich da welche die

Wirkung an die Ursache bände und die eine zur untrüglichen Folge der andere

machte Man bemerkt nur dass das Eine tatsächlich und wirklich dem Andern

folgt Dem Stoß der einen Billardkugel folgt die Bewegung der zweiten Dies

allein nehmen die äußeren Sinne wahr Die Seele hat keine Empfindung oder inneren

Eindruck von dieser Folge der Gegenstände Das einzelne Beispiel einer Ursache

und Wirkung hat deshalb nichts an sich was den Begriff von Kraft oder

notwendiger Verknüpfung darbieten könnte

    Bei dem ersten Auftreten eines Gegenstandes kann man nie die aus ihm

hervorgehende Wirkung wissen Wäre die Kraft oder Wirksamkeit einer Ursache der

Seele erkennbar so könnte man auch ohne Erfahrung die Wirkung vorhersehen und

vermittelst der bloßen Kraft des Denkens und Schließens schon bei dem ersten

Male sich mit Gewissheit darüber aussprechen

    Aber in Wahrheit bietet keine Tatsache in ihren wahrnehmbaren Eigenschaften

eine Kraft oder Wirksamkeit noch gibt sie einen Anhalt für das was sie

hervorbringt oder was ihr folgt und was man ihre Wirkung nennen kann

Undurchdringlichkeit Ausdehnung Bewegung alle diese Eigenschaften sind in

sich vollständig und bezeichnen kein anderes Ereignis was aus ihnen

hervorgehen könnte Die Erscheinungen wechseln fortwährend in der Welt und

Eines folgt dem Andern in ununterbrochener Reihe aber die Macht oder Kraft

welche die ganze Maschine bewegt ist uns völlig verborgen und zeigt sich in

keiner wahrnehmbaren Eigenschaft der Körper Wir wissen dass tatsächlich die

Hitze ein beständiger Begleiter der Flamme ist was aber das Bindende zwischen

beiden ist dafür haben wir nur das weite Feld der Vermutungen und

Voraussetzungen Der Begriff der Kraft kann deshalb von der Betrachtung der

Körper in den einzelnen Fällen ihrer Wirksamkeit nicht abgeleitet werden denn

kein Körper zeigt eine Kraft welche das Urbild zu diesem Begriff abgeben

könnte5

    Wenn daher die äußeren Gegenstände wie sie den Sinnen erscheinen uns

keinen Begriff von der Kraft oder notwendigen Verknüpfung bei ihrer Wirksamkeit

in dem einzelnen Falle bieten so muss man sehen ob dieser Begriff seinen

Ursprung nicht in einer Selbstbetrachtung der Tätigkeit der eigenen Seele hat

und also das Abbild eines inneren Eindrucks ist Man kann behaupten dass man

jederzeit einer inneren Kraft sich bewusst ist weil man bemerkt dass man durch

das einfache Verlangen des Willens die Glieder des Körpers bewegen und die

Vermögen der Seele leiten kann Ein einzelnes Wollen bewirkt die Bewegung in

unsern Gliedern oder weckt eine neue Vorstellung in unserm Denken Dieser

Einfluss des Willens ist uns durch das Selbstbewusstsein bekannt Davon bekommen

wir den Begriff der Kraft oder der Wirksamkeit und wir sind sicher dass wir

selbst und alle vernünftigen Wesen Kraft besitzen Diese Vorstellung ist deshalb

eine durch Selbstbetrachtung gewonnene Vorstellung sie entspringt aus der

Betrachtung der Seelentätigkeit und des Einflusses welchen der Wille über die

Glieder des Körpers und die Vermögen der Seele ausübt

    Wir wollen diesen Satz näher untersuchen zunächst rücksichtlich des

Einflusses des Willens auf die Glieder des Körpers Dieser Einfluss ist offenbar

eine Tatsache welche gleich allen andern natürlichen Vorgängen nur durch

Erfahrung erkannt werden kann aus keiner wahrnehmbaren Wirksamkeit oder Kraft

in der Ursache kann er im Voraus entnommen werden die sie mit ihrer Wirksamkeit

verknüpfte und die eine zur untrüglichen Folge der andern machte Die Bewegung

unsers Körpers erfolgt auf den Befehl unsers Willens Dessen sind wir uns

jederzeit bewusst Aber die Mittel wodurch dieses geschieht die Kraft

mittelst deren der Wille eine so außerordentliche That vollbringt sind dem

unmittelbaren Bewusstsein so sehr entzogen dass sie für immer sich der

genauesten Nachforschung entziehen

    Denn gibt es erstens in der ganzen Natur ein geheimnisvolleres Prinzip

als die Verbindung von Seele und Leib Eine geistige Substanz erlangt dadurch

einen solchen Einfluss über eine körperliche dass der feinste Gedanke im Stande

ist den gröbsten Stoff zu bewegen Könnten wir durch einen leisen Wunsch Berge

versetzen oder die Gestirne in ihren Laufbahnen aufhalten so wäre diese große

Macht doch nicht außerordentlicher und unbegreiflicher Könnten wir durch

Selbstbewusstsein eine Kraft in dem Willen bemerken so wäre diese Kraft und

ihre Verbindung mit der Wirkung bekannt ebenso das geheime Band zwischen Leib

und Seele und die Natur beider Substanzen wodurch die eine in so vielen Fällen

auf die andere einwirken kann

    Zweitens Wir können nicht alle Theile des Körpers mit der gleichen Kraft

bewegen obgleich man abgesehen von der Erfahrung keinen Grund für einen so

auffallenden Unterschied angeben kann Weshalb hat der Wille Macht über die

Zunge und die Finger und nicht über das Herz und die Leber Diese Frage würde

uns nicht in Verlegenheit setzen wenn das Bewusstsein im ersten Falle die Kraft

darböte und in dem andern nicht Wäre dies so würde man auch ohne Erfahrung

einsehen weshalb die Macht des Willens über die Organe des Lebens in so feste

Grenzen befasst ist Man wäre dann mit der Kraft oder Macht durch welche er

wirkt genau bekannt und würde wissen weshalb sein Einfluss gerade nur so weit

und nicht weiter reichte

    Ein Mensch der plötzlich am Beine oder Arme gelähmt worden ist oder der

diese Glieder kürzlich verloren hat versucht anfänglich oft sie zu bewegen und

in der gewohnten Weise zu gebrauchen Hier ist er sich der Kraft seine Glieder

zu regen ebenso bewusst als Jemand in voller Gesundheit sich der Kraft die in

ihren natürlichen Zustand verbliebenen Glieder zu bewegen bewusst ist Aber das

Bewusstsein täuscht niemals Folglich sind wir weder in dem einen noch in dem

andern Falle uns irgend einer Kraft bewusst Nur aus der Erfahrung lernen wir

den Einfluss unsers Willens kennen und nur die Erfahrung lehrt uns welches

Ereignis beständig einem andern folgt aber ohne uns über die geheime

Verknüpfung die sie an einander bindet und untrennbar macht zu belehren

    Drittens Die Anatomie lehrt uns dass der unmittelbare Gegenstand der Kraft

bei freiwilliger Bewegung nicht das bewegte Glied selbst ist sondern gewisse

Muskeln und Nerven der Lebensgeister und vielleicht noch etwas Feineres und

Unbekannteres durch welches sich die Bewegung fortsetzt ehe sie das Glied

selbst erreicht dessen Bewegung der unmittelbare Gegenstand des Wollens ist

Gibt es einen starkem Beweis dass die Kraft durch welche der ganze Vorgang zu

Stande kommt anstatt durch inneres Gefühl oder Bewusstsein geradezu und voll

erkannt zu sein vielmehr im höchsten Grade geheimnisvoll und unerkennbar ist

Die Seele will einen bestimmten Erfolg unmittelbar entsteht aber ein anderer

Erfolg der uns unbekannt und gänzlich von dem gewollten verschieden ist dieser

Erfolg bewirkt einen andern ebenso unbekannten bis endlich nach einer langen

Reihe der verlangte Erfolg hervortritt Hätte man die ursprüngliche Kraft

wahrgenommen so hätte man sie gekannt dann hätte man auch die Wirkung gekannt

weil alle Kraft sich auf die Wirkung bezieht Umgekehrt ist die Wirkung

unbekannt so kann auch die Kraft nicht bekannt und wahrgenommen sein Wie kann

man in Wahrheit sich einer Kraft über die Glieder bewusst sein wenn man keine

solche hat sondern nur eine solche zur Erregung gewisser Lebensgeister welche

zwar zuletzt die Bewegung des Gliedes hervorbringen aber dabei doch in einer

für uns ganz unbegreiflichen Weise wirksam sind

    Aus alledem kann man nicht voreilig sondern mit Gewissheit Schließen dass

unser Begriff der Macht nicht das Abbild einer Empfindung oder Selbstwahrnehmung

der Macht ist wenn wir eine Bewegung unternehmen oder unsere Glieder nach

ihrer Bestimmung und Einrichtung gebrauchen Dass deren Bewegung den Befehlen

des Willens folgt ist ein Gegenstand der gemeinen Erfahrung wie bei andern

natürlichen Vorgängen aber die Kraft oder Wirksamkeit wodurch dies geschieht

ist ebenso wie bei andern natürlichen Vorgängen unbekannt und unbegreiflich6

    Soll man nun behaupten dass wir uns einer Kraft oder Wirksamkeit in der

Seele bewusst sind wenn wir auf Geheiß unsers Willens einen neuen Gedanken

fassen die Seele in dessen Betrachtung festhalten ihn nach allen Seiten wenden

und zuletzt wenn wir glauben ihn hinlänglich betrachtet zu haben ihn wegen

einer andern Vorstellung fortschicken Ich glaube dieselben Gründe ergeben

dass auch ein solches Geheiß des Willens uns keine wirkliche Vorstellung von

der Kraft und Wirksamkeit gewährt

    Erstens muss man einräumen dass wir wenn wir die Macht kennen dann gerade

den Umstand in der Ursache kennen welcher sie befähigt die Wirkung

hervorzubringen denn Beides ist gleichbedeutend Wir müssten also dann sowohl

die Ursache und Wirkung, als auch ihr Verhältnis zu einander kennen Wer will

aber behaupten mit der Natur der menschlichen Seele oder mit der Natur einer

Vorstellung oder mit der Einrichtung der einen zur Begründung der andern

bekannt zu sein Hier ist eine wirkliche Schöpfung eine Hervorbringung aus

Nichts Dies scheint auf den ersten Blick eine so große Macht einzuschließen

dass sie über den Bereich jedes endlichen Wesens hinausgeht Man muss wenigstens

anerkennen dass eine solche Kraft nicht gefühlt wird nicht bekannt ist ja für

die Seele unbegreiflich ist Wir empfinden nur den Erfolg nämlich das Dasein

einer Vorstellung in Folge des Geheißes des Willens aber die Art wie dieser

Vorgang sich vollzieht die Kraft durch welche er hervorgebracht wird geht

über unser Begreifen

    Zweitens die Macht des Willens über die Seele ist ebenso beschränkt wie

die über den Leib und diese Schranke lernt man nicht durch die Vernunft oder

durch eine Kenntnis der Natur von Ursache und Wirkung kennen sondern nur durch

Erfahrung und Beobachtung wie bei allen anderen Naturereignissen und Vorgängen

der äußeren Körper Unsere Macht über unsere Gefühle und Leidenschaften ist

viel früher als die über das Vorstellen und selbst diese Macht ist in sehr enge

Grenzen gefasst Kann Jemand den letzten Grund für diese Schranken angeben oder

zeigen weshalb die Macht in einem Falle versagt und in dem andern nicht

    Drittens Diese Macht über sich selbst ist zu verschiedenen Zeiten sehr

verschieden Ein gesunder Mensch besitzt sie in stärkerem Maß als ein durch

Krankheit geschwächter Wir sind am Morgen mehr Herr unseres Denkens als am

Abend mehr in nüchternem Zustande als nach einer reichlichen Mahlzeit Kann

man einen anderen Grund als Erfahrung für diesen Unterschied angeben Wo

bleibt also die Kraft deren wir uns bewusst sein wollen Sollte hier nicht ein

geheimer Mechanismus oder Bau der Theile aus geistiger oder körperlicher

Substanz oder aus beiden bestehen von dem die Wirkung abhängt ein Bau der

uns unbekannt ist und deshalb die Kraft oder Wirksamkeit des Wollens so

unbekannt und unbegreiflich bleiben lässt

    Das Wollen ist unzweifelhaft ein Vorgang in der Seele, den man genau kennt

Man schaue auf ihn und betrachte ihn von allen Seiten Zeigt sich dabei irgend

eine solche schöpferische Kraft welche eine neue Vorstellung aus Nichts erhebt

und mit einem Es werde die Allmacht des Schöpfers mit Erlaubnis nachahmt

welcher alle diese mannichfachen Erscheinungen der Natur in das Dasein rief Wir

sind durchaus ohne Wahrnehmung dieser Wirksamkeit des Willens vielmehr gehört

solche Erfahrung wie wir sie besitzen dazu um die Überzeugung zu gewinnen

dass solche außerordentliche Wirkungen aus einem einfachen Akt des Willens

hervorgehen

    Die meisten Menschen finden es nicht schwer die gewöhnlichen und bekannten

Vorgänge der Natur zu erklären zB den Fall schwerer Körper das Wachsen der

Pflanzen die Erzeugung der Tiere und die Ernährung des Körpers durch

Lebensmittel Man meint in all diesen Fällen die wahre Kraft und Wirksamkeit

der Ursache einzusehen wodurch sie mit dem Erfolge verknüpft und in ihrer

Wirksamkeit untrüglich ist Man nimmt durch lange Gewohnheit eine solche Weise

des Denkens an dass man bei dem Eintritt der Ursache seinen gewöhnlichen

Begleiter unmittelbar und sicher erwartet und dass man sich kaum vorstellen

kann wie ein anderer Erfolg daraus hervorgehen könne

    Nur bei Wahrnehmung außerordentlicher Ereignisse wie Erdbeben Pest

Wunder aller Art findet man sich in Verlegenheit wenn eine Ursache und die Art

bezeichnet werden soll wie die Wirkung daran geknüpft ist Gewöhnlich nimmt man

in solchen schwierigen Fällen seine Zuflucht zu einem unsichtbaren geistigen

Prinzip als unmittelbarer Ursache eines solchen überraschenden Vorganges man

meint dass ein solcher nicht von den gewöhnlichen Naturkräften abgeleitet

werden könne Aber weiter denkende Philosophen bemerken leicht dass diese

Wirksamkeit der Ursache in den bekanntesten Vorgängen ebenso unerkennbar ist als

in den seltensten und dass man durch Erfahrung nur die häufige Verbindung von

Gegenständen kennen lernt ohne doch die wahre Verknüpfung beider irgend

erfassen zu können Viele Philosophen halten sich deshalb aus Vernunftgründen

verpflichtet für alle Fälle dasselbe Prinzip aufzunehmen was die große Masse

nur bei wunderbaren und übernatürlichen zu Hilfe ruft Sie nehmen an dass die

Vernunft und der Geist nicht allein die letzte und ursprüngliche Ursache aller

Dinge sei sondern auch die unmittelbare und einzige Ursache von jedem

natürlichen Ereignis Sie behaupten dass die Dinge welche man gewöhnlich

Ursachen nennt in Wahrheit nur Gelegenheiten sind und dass das wahre und

unmittelbare Prinzip jeder Wirkung nicht eine Kraft oder Macht in der Natur,

sondern ein Wollen des höchsten Wesens ist welches bestimmt dass solche

besondere Gegenstände für immer mit einander verbunden sein sollen Anstatt zu

sagen dass eine Billardkugel die andere durch eine von dem Urheber der Natur

überkommene Kraft bewegt ist es nach ihnen die Gottheit selbst welche durch

ein besonderes Wollen die zweite Kugel bewegt indem sie zu dieser Handlung

durch den Stoß der ersten Kugel bestimmt wird und zwar in Folge der

allgemeinen Gesetze welchen sie sich selbst in ihrer Regierung der Welt

unterworfen hat Indes bemerken Philosophen die in ihren Untersuchungen weiter

gehen bald dass so wenig wie die Kraft bekannt ist durch welche Körper auf

einander wirken es ebensowenig die Kraft ist von welcher die Wirksamkeit der

Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele abhängt Man kann weder durch

äußere noch innere Wahrnehmung das letzte Prinzip in dem einen Falle näher

angeben als in dem andern Die gleiche Unwissenheit treibt zu der gleichen

Folgerung Jene behaupten dass die Gottheit die unmittelbare Ursache der

Verbindung von Seele und Leib ist Nicht die Sinnesorgane sollen durch ihre

Erregung von äußeren Gegenständen die Empfindung in der Seele hervorbringen

sondern ein besonderes Wollen unseres allmächtigen Schöpfers welcher in Folge

einer solchen Erregung des Organs eine solche Empfindung erweckt Ebenso ist es

nicht die Willenskraft welche die örtliche Bewegung der Glieder veranlasst

sondern Gott selbst welchem es beliebt unser an sich ohnmächtiges Wollen zu

unterstützen und jene Bewegung zu gebieten die man irrtümlich der eigenen

Kraft und Wirksamkeit zuschreibt Auch begnügen sich die Philosophen nicht mit

dieser Annahme sie dehnen zum Teil diesen Einfluss auf die inneren Vornahmen

der Seele aus Unsere geistigen Anschauungen oder Begriffe sollen nur eine

Offenbarung sein welche der Schöpfer uns macht Wenn wir freiwillig unsere

Gedanken auf einen Gegenstand richten und sein Bild in das Wissen aufnehmen so

soll nicht der Wille diesen Begriff erzeugen sondern der Schöpfer der Welt

welcher ihn der Seele enthüllt und vergegenwärtigt

    So ist nach diesen Philosophen jedes Ding von Gott erfüllt Sie begnügen

sich nicht mit dem Ausspruch dass Alles nur durch seinen Willen und die Kraft

nur durch seine Zulassung besteht sie nehmen auch der Natur und allen

erschaffenen Wesen jede Macht um ihre Abhängigkeit von Gott noch ersichtlicher

und unmittelbarer zu machen Sie bedenken nicht dass sie durch diese Lehre die

Größe jener Eigenschaften die sie so hoch erheben wollen vielmehr verkleinern

statt vergrößern Denn es zeigt offenbar mehr Kraft in der Gottheit an wenn

sie einen gewissen Grad von Kraft den niederen Wesen überweist als wenn sie

Alles durch ihren unmittelbaren Willen vollbringt Es zeigt mehr Weisheit wenn

der Bau der Welt mit so vollkommener Voraussicht eingerichtet ist dass sie von

selbst und durch ihre eigene Tätigkeit den Zwecken der Vorsehung dient als

wenn der Schöpfer jeden Augenblick genötigt ist ihre Theile zurecht zu stellen

und durch seinen Atem alle Räder dieser ungeheuren Maschine zu beseelen

Verlangt man indes eine mehr philosophische Widerlegung dieser Lehre so werden

vielleicht die zwei folgenden Erwägungen genügen

    Erstlich scheint es mir dass diese Lehre von der allgemeinen Wirksamkeit

und Beihilfe des höchsten Wesens zu plump ist um Jemand zu überzeugen welcher

die Schwäche der menschlichen Vernunft und die engen Grenzen in die sie bei

ihrer Tätigkeit eingeschlossen ist genügend erkannt hat Wenn auch die zu

dieser Lehre führende Schlusskette noch so logisch wäre so kann man doch

meinen wenn nicht geradezu behaupten dass sie uns weit über das Gebiet unserer

Fähigkeiten hinausführt insofern sie zu so außerordentlichen und vom

gewöhnlichen Leben und Erfahrungen so weit abliegenden Schlüssen leitet Wir

sind schon in das Feenland noch vor den letzten Schritten dieser Lehre

eingetreten und da kann unseren gewöhnlichen BeweisMethoden nicht mehr

vertraut werden unsere gewöhnlichen Analogien und Wahrscheinlichkeiten haben da

keine Geltung Die Leine des Senkbleis ist zu kurz um den Boden eines so

unendlichen Abgrundes zu erreichen Wenn man sich auch schmeichelt dass eine

gewisse Wahrscheinlichkeit und Erfahrung den Führer bei jedem Schritt den man

tut abgibt so hat doch diese vermeintliche Erfahrung sicherlich bei

Gegenständen keine Geltung welche überhaupt außerhalb des Kreises der

Erfahrung liegen Wir werden später hierauf zurückkommen In Abschnitt XII

    Zweitens kann ich die Beweise auf welche diese Lehre sich stützt nicht als

überzeugend anerkennen Wir kennen allerdings nicht die Art in welcher Körper

auf einander wirken ihre Kraft und Wirksamkeit ist uns ganz unverständlich

aber ist uns die Art und Kraft nicht ebenso unbekannt wodurch ein Geist und

selbst der höchste Geist auf sich oder einen Körper wirkt Ich frage woher

nehmen wir die Vorstellung davon In uns haben wir keine Empfindung oder

Bewusstsein von dieser Kraft Wir wissen von dem höchsten Wesen nur was wir

durch die Rücksicht auf die eigenen Vermögen von diesen ableiten Wäre daher

unsere Unwissenheit ein genügender Grund um Alles zurückzuweisen so würde man

eher auf das Prinzip kommen alle Wirksamkeit ebenso bei dem höchsten Wesen wie

bei dem gröbsten Stoff zu leugnen denn wir verstehen die Wirksamkeit des Einen

so wenig wie die des Andern Ist es schwerer sich vorzustellen dass die

Bewegung vom Stoß entspringt als dass sie vom Wollen entspringt Alles was

wir wissen ist nur unsere gänzliche Unwissenheit in beiden FällenA3

 
 






    Es wird Zeit mit dieser Untersuchung die schon zu lang geworden zu Ende

zu kommen Wir haben vergeblich nach dem Begriff einer Kraft oder notwendigen

Verbindung in all den Quellen gesucht aus denen sie möglicherweise abfließen

könnte Es erhellt dass wir bei den einzelnen körperlichen Vorgängen auch

selbst bei der größten Genauigkeit nur die Folge des Einen auf das Andere

wahrnehmen aber keine Kraft oder Macht erfassen durch welche die Ursache

wirkt und kein Band zwischen ihr und der angenommenen Wirkung Dieselbe

Schwierigkeit zeigt sich bei Betrachtung der Wirksamkeit der Seele auf den

Körper wir sehen dem Wollen der ersten die Bewegung des letzteren folgen aber

können das Band welches Bewegung und Wollen verknüpft oder die Wirksamkeit

wodurch die Seele diese Bewegung hervorbringt nicht wahrnehmen oder erfassen

Die Gewalt des Willens über seine eigenen Vermögen oder Gedanken ist nicht um

ein Haar begreiflicher kurz in der ganzen Natur zeigt sich nicht ein einziger

Fall von Verknüpfung den man erfassen könnte Alle Ereignisse erscheinen völlig

lose und getrennt Eines folgt dem Andern aber niemals können wir ein Band

zwischen ihnen wahrnehmen Sie scheinen verbunden aber nie verknüpft Da man

keinen Begriff von einer Sache haben kann welche weder äußerlich noch

innerlich wahrgenommen wird so scheint notwendig zu folgen dass wir überhaupt

keinen Begriff von Verknüpfung oder Kraft haben und dass diese Worte sowohl im

philosophischen Untersuchen wie im gewöhnlichen Leben ohne Sinn sind

    Indes bleibt noch ein Weg um dieser Folgerung zu entgehen und eine

Quelle die wir noch nicht untersucht haben Es ist ohne Erfahrung trotz allen

Scharfsinns unmöglich von einem natürlichen Gegenstande oder Ereignisse seine

Folge zu entdecken oder nur zu erraten man kann mit dem Wissen nicht über den

Gegenstand hinauskommen der dem Gedächtnis oder den Sinnen unmittelbar

gegenwärtig ist Selbst nach einem Falle oder Versuche wo die besondere Folge

bemerkt worden hat man noch kein Recht eine allgemeine Regel daraus zu bilden

oder das vorauszusagen was in gleichen Fällen eintreten werde Es gilt mit

Recht als eine unverzeihliche Dreistigkeit von einem einzelnen wenn auch noch

so genauen und gewissen Versuche auf den Lauf der Natur zu Schließen Ist aber

eine besondere Art von Ereignissen immer und in allen Fällen mit einander

verbunden gewesen so ist man nicht länger bedenklich beim Eintritt des Einen

das Andere vorauszusagen und diese Denkweise zu benutzen welche uns allein über

Tatsachen und Dasein Gewissheit geben kann Man nennt dann das Eine die Ursache

und das Andere die Wirkung man nimmt eine Verknüpfung zwischen ihnen an und

eine gewisse Kraft in dem Einen durch welche das Andere unfehlbar

hervorgebracht wird und welche mit der größten Gewissheit und strengsten

Notwendigkeit wirkt

    Der Begriff einer notwendigen Verknüpfung gewisser Vorgänge entspringt

daher aus einer Anzahl ähnlicher Fälle welche diese beständige Verbindung

darlegen der einzelne Fall kann diesen Begriff nie zuführen wenn man ihn auch

von jeder Seite beleuchtet und prüft Eine Anzahl von Fällen hat aber nichts

Unterscheidendes von dem einzelnen Fall welcher als völlig gleich vorausgesetzt

worden ist ausgenommen dass in Folge der Wiederholung solcher gleichen Fälle

die Seele durch Gewohnheit veranlasst wird beim Auftreten des einen seinen

gewöhnlichen Begleiter zu erwarten und zu glauben dass er ins Dasein treten

werde Diese Verknüpfung welche wir in der Seele fühlen dieser gewohnte

Übergang des Vorstellens von einem Gegenstande zu seinem gewöhnlichen Begleiter

ist also eine Empfindung oder ein Eindruck und daraus wird der Begriff der

Kraft oder notwendigen Verknüpfung gebildet Weiter enthält der Fall nichts

Man betrachte die Frage von allen Seiten man wird keinen andern Ursprung dieses

Begriffes entdecken Dies ist der einzige Unterschied zwischen einem einzelnen

Falle aus welchem man nie den Begriff einer Verknüpfung gewinnen kann und

einer Anzahl gleicher Fälle welche ihn zuführt Wenn Jemand das erste Mal die

Mittheilung der Bewegung durch Stoß wahrnimmt zB zweier Billardkugeln so

kann er nicht sagen dass das Eine mit dem Andern verknüpft sei sondern nur

dass sie verbunden waren Erst wenn er mehrere Fälle wahrgenommen hat sagt er

dass sie verknüpft sind Was hat sich nun ereignet um diesen neuen Begriff der

Verknüpfung zu erwecken Nichts als dass er nunmehr fühlt wie diese Ereignisse

in seinem Vorstellen verknüpft sind so dass er bei dem Eintritt des Einen die

Existenz des Andern gleich voraussehen kann Wenn man daher von der Verknüpfung

zweier Gegenstände spricht so meint man nur dass sie im Vorstellen eine

Verbindung gewonnen haben und damit die Folgerung des Einen auf das Andere

wachrufen Ein solcher Schluss scheint allerdings etwas sonderbar aber er

besitzt doch genügende Beweiskraft und diese wird auch nicht durch allgemeines

Misstrauen in den Verstand oder skeptische Zweifel gegen eine neue und

ungewohnte Folgerung geschwächt Solche Folgerungen sind dem Skeptizismus die

willkommensten sie decken die Schwäche und engen Grenzen der menschlichen

Vernunft und Vermögen auf

    Und welcher stärkere Beweis als dieser konnte für die merkwürdige Schwäche

und Unwissenheit des Verstandes beigebracht werden Wenn irgend eine Beziehung

zwischen Dingen vollkommen zu kennen für uns von Bedeutung istso ist es die

von Ursache und Wirkung. Darauf stützen sich alle unsere Schlüsse über

Tatsächliches und Dasein Dadurch allein erreichen wir Gewissheit über Dinge

welche von dem gegenwärtigen Zeugnis des Gedächtnisses und der Sinne weit

abliegen Der einzige unmittelbare Nutzen aller Wissenschaften besteht darin

dass sie uns lehren wie man kommende Ereignisse durch ihre Ursache beherrschen

und leiten kann Unser Vorstellen und Nachdenken ist fortwährend mit dieser

Beziehung beschäftigt Und doch sind die Begriffe die man von ihr bildet so

unvollkommen dass man keine richtige Definition der Ursache geben kann wenn

man nicht ein ihr Äußerliches und Fremdes mit hineinzieht Ähnliche

Gegenstände sind immer mit ähnlichen verknüpft Dies sagt uns die Erfahrung Dem

entsprechend kann man die Ursache definieren als einen Gegenstand dem ein

anderer folgt und wo alle dem ersten ähnlichen Gegenstände solche die dem

zweiten ähnlich sind zur Folge haben Oder mit anderen Worten: wo wenn das

erste Ding nicht gewesen wäre das zweite niemals hätte entstehen können Der

Eintritt einer Ursache führt die Seele durch einen gewohnten Übergang immer zur

Vorstellung der Wirkung Dies lehrt die Erfahrung ebenfalls Man kann danach

noch eine andere Definition der Ursache geben als eines Gegenstandes dem ein

anderer folgt und dessen Eintritt immer die Gedanken auf diesen anderen führt

Obgleich beide Definitionen von Umständen die der Ursache fremd sind entlehnt

sind kann man doch diesem Übelstand nicht abhelfen noch eine bessere

Definition geben welche den Umstand in der Ursache bezeichnet der sie mit

ihrer Wirkung verknüpft Man hat keine Vorstellung von dieser Verknüpfung ja

nicht einmal einen bestimmten Begriff von dem was man damit fordert So gilt

zB das Zittern der Saite als die Ursache des Tones Aber was versteht man

unter diesem Satz Man meint entweder dass der Ton der Schwingung nachfolgt

und dass allen ähnlichen Schwingungen ähnliche Töne gefolgt sind oder dass

diese Schwingung von dem Ton gefolgt ist und dass bei dem Eintritt jener die

Seele den Sinnen vorgreift und unmittelbar die Vorstellung des ihr folgenden

bildet Man kann die Beziehung einer Ursache und Wirkung in ein oder der anderen

Weise auffassen aber darüber hinaus hat man keinen Begriff von ihrA4

    Um daher das in diesem Abschnitt Gesagte zusammenzufassen so ist jede

Vorstellung von einem vorgehenden Eindruck oder Empfindung abgenommen wo man

keinen Eindruck finden kann da ist sicherlich auch keine Vorstellung da In

allen Fällen, wo Körper oder Seelen wirksam sind erweckt nichts den Eindruck

einer Kraft oder notwendigen Verbindung und kann deshalb auch die Vorstellung

einer solchen nicht zuführen Wenn aber mehrere gleiche Fälle eintreten und

derselbe Gegenstand immer von demselben Erfolge begleitet ist so beginnt man

den Begriff von Ursache und Wirkung zu bilden Man fühlt dann einen neuen

Eindruck oder Empfindung und so eine gewohnte Verbindung im Denken und

Vorstellen zwischen einem Gegenstand und seinem gewöhnlichen Begleiter und

diese Empfindung ist das Urbild zu dem Begriff den wir fühlen Dieser Begriff

geht nur aus einer Anzahl gleicher Fälle und nicht aus einem einzelnen Falle

hervor also muss er aus dem entspringen was die Anzahl von dem einzelnen Fall

unterscheidet Diese gewohnte Verknüpfung und dieser Übergang innerhalb des

Vorstellens ist das Einzige worin beide sich unterscheiden in allem Anderen

sind sie gleich Der erste Fall wo man die Mittheilung der Bewegung durch den

Stoß von zwei Billardkugeln wahrnimmt um zu diesem deutlichen Beispiel

zurückzukehren ist genau jedem später vorkommenden Falle gleich ausgenommen

dass man bei dem ersten Male von dem einen Ereignis nicht auf das andere

Schließen konnte was wir jetzt nach einer langen Reihe gleicher Erscheinungen

im Stande sind Ich weiß nicht ob der Leser diese Darstellung leicht fassen

wird wollte ich noch mehr Worte verwenden oder den Gegenstand in

mannigfacheres Licht stellen so fürchte ich ihn nur dunkler und verworrener

zu machen In allen tieferen Untersuchungen gibt es einen Gesichtspunkt der

wenn er glücklich getroffen wird den Gegenstand besser erläutert als alle

Beredsamkeit und aller Wortreichtum der Welt Diesen Gesichtspunkt habe ich zu

gewinnen versucht den Schmuck der Beredsamkeit überlasse ich Denen die dazu

geschickter sind

 
 



                                



    Man sollte billig erwarten dass in Fragen welche seit dem Bestehen der

Wissenschaften und Philosophie mit Eifer erwogen und verhandelt worden sind

wenigstens über den Sinn der Worte unter den Streitenden Übereinstimmung

herrschen und dass die Anstrengungen von zweitausend Jahren wenigstens

ermöglicht hätten von den Worten zu dem wirklichen und wahren Streitgegenstand

überzugehen Es scheint ja so leicht genaue Definitionen der in der

Untersuchung gebrauchten Ausdrücke zu geben und diese Definitionen und nicht den

leeren Schall der Worte zum Gegenstand der Untersuchung und Prüfung zu machen

Tritt man indes der Sache näher so ergibt sich das Entgegengesetzte Ist eine

Streitfrage schon lange verhandelt und noch heute unentschieden so kann man

sicher abnehmen dass irgend eine Zweideutigkeit im Ausdrucke besteht und dass

die Kämpfer den in ihrem Streite gebrauchten Worten einen verschiedenen Sinn

unterlegen denn die Seelenkräfte gelten von Natur bei Allen als gleich sonst

wäre alles Begründen und Streiten vergeblich Wenn die Menschen daher denselben

Sinn mit den Worten verbänden so könnten sie unmöglich so lange verschiedener

Meinung über ein und dasselbe sein besonders wenn sie sich ihre Ansichten

mittheilen und jeder Teil nach allen Richtungen Beweisgründe aufsucht um den

Sieg über den Gegner zu gewinnen Wenn man allerdings Fragen verhandelt die

ganz außerhalb des Bereiches menschlicher Fähigkeit liegen zB über den

Ursprung der Welt oder über die Einrichtung des Geisterreichs so mag man lange

den fruchtlosen Streit erschallen lassen und nie zu einem bestimmten Schlusssatz

gelangen Betrifft aber die Frage irgend einen Gegenstand des gewöhnlichen

Lebens und der Erfahrung so können sicherlich nur zweideutige Ausdrücke den

Streit so lange unentschieden hinhalten nur diese können die Gegner in einer

gewissen Entfernung von einander halten und sie nicht zum Ringen kommen lassen

    Dies ist der Fall in dem langen Streit über Freiheit und Notwendigkeit

gewesen Es ist dies um so auffallender als wenn ich nicht sehr irre sich

ergeben wird dass in dieser Frage Jedermann der Gelehrte wie der Ungelehrte

derselben Ansicht gewesen ist und einige wenige verständliche Definitionen dem

ganzen Streite ein Ende gemacht haben würden Der Streit ist so vielfach von

aller Welt geführt und hat die Philosophen in ein solches Wirrsal dunkler

Sophisterei verwickelt dass man sich nicht wundern darf wenn verständige Leser

sich wegwenden und von einer Erörterung dieser Frage nichts mehr hören mögen

die weder Unterhaltung noch Belehrung verspricht Indes wird die hier folgende

Darstellung vielleicht die Aufmerksamkeit erregen da sie neu ist die

Entscheidung des Streites verheißt und das Behagen des Lesers nicht durch

verwickelte und dunkle Ausführungen stören wird

    Ich hoffe also klar zu machen dass alle Menschen in der Lehre von der

Freiheit und Notwendigkeit eines Sinnes gewesen sind sobald man diesen Worten

einen vernünftigen Sinn unterlegt und dass der ganze Streit sich bisher nur um

Worte gedreht hat Ich werde mit Prüfung der Lehre von der Notwendigkeit

beginnen

    Man erkennt allgemein an dass der Stoff in all seinen Gestaltungen durch

eine notwendige Kraft geleitet wird und dass jede natürliche Wirkung so genau

durch die Wirksamkeit ihrer Ursache bestimmt wird dass keine andere Wirkung

unter diesen Umständen daraus hervorgehen kann Das Maaß und die Richtung jeder

Bewegung ist durch die Naturgesetze mit solcher Schärfe vorgeschrieben das eher

ein lebendes Wesen aus dem Stoß zweier Körper hervorgehen kann als eine

Bewegung von anderer Stärke und Richtung als die wirklich hervorgebrachte Will

man daher einen richtigen und genauen Begriff von der Notwendigkeit sich

bilden so muss man sehen woher der Begriff kommt wenn man ihn auf körperliche

Vorgänge anwendet

    Wenn alle Naturvorgänge in der Weise Statt hätten dass keine zwei einander

irgend ähnlich wären sondern jeder ein eigentümlicher für sich ohne

Ähnlichkeit mit irgend einem früheren so wurde man dann offenbar den Begriff

der Notwendigkeit oder der Verknüpfung dieser Gegenstände nie gebildet haben

Man könnte dann wohl sagen dass eine Sache der andern gefolgt sei aber nicht

dass die eine die andere hervorgebracht habe Die Beziehung von Ursache und

Wirkung wäre dann dem Menschen ganz unbekannt Schlüsse und Begründungen in

Bezug auf Naturvorgänge hätten dann sogleich ein Ende und das Gedächtnis und

die Sinne würden die einzigen Kanäle sein durch welche das Wissen um ein

wirkliches Dasein möglicherweise in die Seele eintreten könnte

    Unser Begriff einer Notwendigkeit und Verursachung entspringt also

lediglich aus der wahrgenommenen Gleichförmigkeit in der Natur, in welcher

gleiche Dinge immer mit einander verknüpft sind und die Seele durch Gewohnheit

bestimmt wird von dem einen auf das andere zu Schließen Diese beiden Umstände

bilden das Wesen von jener Notwendigkeit welche wir dem Stoffe beilegen Ohne

die beständige Verbindung gleicher Dinge und der richtigen Folgerung des einen

aus dem andern hätte man keinen Begriff von Notwendigkeit und Verknüpfung

    Sollte sich zeigen dass Jedermann immer ohne Zaudern und Zweifeln anerkannt

hat dass diese beiden Umstände bei den freiwilligen Handlungen der Menschen und

bei den Vorgängen in der Seele bestehen so folgt dass Jedermann in der Lehre

der Notwendigkeit gleichen Sinnes gewesen ist und dass man sich bisher nur

gestritten hat weil man sich nicht verstanden hat

    Was den ersten Umstand die feste und regelmäßige Verbindung gleicher

Ereignisse anlangt so werden die hier folgenden Betrachtungen genügenden

Aufschluss gewähren Man gesteht allgemein zu dass eine große Regelmäßigkeit

im menschlichen Handeln bei allen Völkern und zu allen Zeiten besteht und dass

die menschliche Natur in ihren Gesetzen und Vorgängen sich gleich bleibt Die

gleichen Beweggründe führen zu denselben Handlungen die nämlichen Wirkungen

folgen den nämlichen Ursachen Die Ehrsucht der Geiz die Selbstliebe die

Eitelkeit die Feindschaft der Edelmut der öffentliche Geist all diese

Leidenschaften haben in verschiedenen Mischungen und Austeilungen unter den

Menschen von Beginn der Welt und noch heute die Quelle aller Handlungen und

Unternehmen unter den Menschen gebildet Will man die Gedanken Neigungen und

den Lebenslauf der Griechen und Römer kennen so muss man sorgfältig das

Temperament der Franzosen und Engländer studieren Man wird wenig fehlgreifen

wenn man die meisten dieser Beobachtungen auf Jene überträgt Die Menschen sind

in allen Zeiten und Orten so sehr dieselben dass die Geschichte uns hierin

nichts Neues oder Fremdes bietet Ihr Hauptnutzen liegt in der Aufdeckung der

festen und allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur indem sie die Menschen in

den verschiedensten Verhältnissen und Lagen darstellt und so den Forscher mit

Material versorgt woraus man die Regeln ziehen und die Kenntnis der

regelmäßigen Springfedern menschlichen Handelns und Benehmens gewinnen kann

Die Berichte über Kriege Intriguen Verteidigungen und Revolutionen sind

ebenso viel Sammlungen von Versuchen aus welchen der Staatsmann oder

Moralphilosoph die Grundsätze seiner Wissenschaft ableitet gerade wie die

Naturforscher und Naturphilosophen durch die Versuche mit der Natur der

Pflanzen Mineralien und anderer Gegenstände bekannt werden Die Erde das

Wasser und die anderen Elemente welche Aristoteles und Hippokrates untersucht

haben sind den heutiges Tags untersuchten nicht ähnlicher als die von Polybius

und Tacitus geschilderten Menschen denen welche jetzt die Welt regieren

    Wenn ein Reisender aus einem fernen Lande zurückkehrte und uns von Menschen

erzählte die ganz verschieden von allen uns bekannten wären die von Ehrsucht

Geiz und Rachsucht ganz frei wären denen nur Freundschaft Edelmut

Opferwilligkeit für das Allgemeine als Genuss gelte so würde man sogleich an

diesen Umständen die Unwahrheit erkennen und ihn für einen Lügner erklären und

zwar so gewiss als wenn er seine Erzählung mit Geschichten von Zentauren und

Drachen Wundern und Ungeheuerlichkeiten aufgeputzt hätte Will man irgend eine

Verfälschung der Geschichte herausbringen so kann man kein überzeugenderes

Mittel benutzen als nachzuweisen dass die der Person zugeschriebenen

Handlungen geradezu gegen den Lauf der Natur sind und dass unter solchen

Umständen kein menschlicher Beweggrund zu einem solchen Benehmen geführt haben

könne Die Wahrhaftigkeit von Quintus Curtius ist ebenso verdächtig wo er den

übernatürlichen Muth Alexanders beschreibt und ihn allein auf große Massen

losstürzen lässt als wo er die übernatürliche Kraft und Behändigkeit

beschreibt mit der er seinen Gegnern zu widerstehen vermochte So leicht und

allgemein erkennt man an dass in den Beweggründen und Handlungen des Menschen

dieselbe Gleichförmigkeit wie in den Bewegungen der Körper besteht

    Darauf beruht der Nutzen der Erfahrungen die man durch ein langes Leben und

mannichfache Tätigkeit und Gesellschaft sammelt sie lehrt uns die Gesetze der

menschlichen Natur und regelt unser künftiges Benehmen und unsere Pläne Mit

diesem Führer lernen wir die Neigungen und Beweggründe der Menschen aus ihren

Handlungen Reden und Gebärden erkennen vermittelst der Kenntnis ihrer

Beweggründe und Neigungen unternehmen wir die Erklärung ihrer Handlungen Die

Regeln welche man aus langer Erfahrung sich bildet geben den Schlüssel zur

menschlichen Natur und mit ihnen kann man ihre Verwickelungen entwickeln

Vorwände und Schein täuschen dann nicht mehr Öffentliche Erklärungen gelten

dann für Beschönigung des Sachverhalts Und obgleich man der Tugend und Ehre

ihren Werth und ihre Geltung zugesteht sucht man doch diese so oft vorgeführte

vollkommene Selbstlosigkeit nicht in der Menge und in den Parteien nur selten

in ihren Führern und kaum hie und da in einzelnen Männern von Rang und

Bedeutung Bestände nicht diese Gleichförmigkeit im menschlichen Handeln und

wäre jeder hier angestellte Versuch regellos und ungleich so könnte man keine

allgemeine Regeln über Menschen aufstellen und selbst die noch so sehr

durchdachte Erfahrung hätte keinen Nutzen Weshalb ist der alte Bauer

geschickter in seinem Geschäft als der junge Anfänger nur weil eine gewisse

Regelmäßigkeit zwischen den Wirkungen der Sonne dem Regen der Erde und dem

Wachstum der Pflanzen besteht und weil die Erfahrung dem alten Praktiker die

Regeln gelehrt hat wodurch dieser Einfluss bestimmt und geleitet werden kann

    Man darf indes nicht meinen dass diese Regelmäßigkeit menschlichen

Handelns so weit gehe dass Alle unter denselben Umständen genau in gleicher

Weise handeln ohne Rücksicht auf den Unterschied des Charakters der

Vorurteile und Meinungen Eine solche bis in das Kleinste reichende

Regelmäßigkeit zeigt sich in keinem Theile der Natur Man kann aber aus der

Mannigfaltigkeit des Benehmens Mehrerer eine größere Anzahl von Regeln bilden

welche immer noch einen Grad von Gleichförmigkeit und Regelmäßigkeit beweisen

    Sind nicht die Sitten der Menschen in verschiedenen Zeiten und Ländern

verschieden Daraus erhellt die große Macht der Gewohnheit und Erziehung sie

bearbeiten die Seele von der Kindheit ab und bilden sie zum festen Charakter

Ist das Benehmen und die Aufführung der Männer nicht sehr von der der Frauen

verschieden Dies zeigt den Unterschied der Charaktere welche die Natur den

beiden Geschlechtern erteilt hat und die sie beharrlich und gleichmäßig

beibehält Sind nicht die Handlungen desselben Menschen sehr verschieden nach

den verschiedenen Perioden seines Lebens nach Kindheit und Alter Daraus können

viele Kegeln über den allmählichen Wechsel unserer Empfindungen und Neigungen

abgeleitet werden und über den Unterschied der Grundsätze welche in den

verschiedenen Lebensaltern des Menschen die Oberhand haben Selbst der

individuelle Charakter zeigt Regelmäßigkeit in seiner Wirksamkeit sonst könnte

man aus der Kenntnis der Personen und der Beobachtung ihres Benehmens nicht auf

ihre Absichten Schließen und das eigene Benehmen danach einrichten

    Ich gebe zu dass man Handlungen aufzeigen kann welche keine regelmäßige

Verbindung mit einem bekannten Beweggrunde haben und eine Ausnahme zu allen

Regeln des Benehmens bilden welche für die Leitung des Menschen aufgestellt

worden sind Wenn man aber die Urteile über solche unregelmäßige und

ausnahmsweise Handlungen kennen lernen will so muss man auf die Ansichten

zurückgehen die über unregelmäßige Erfolge sich bilden welche im Laufe der

Natur und bei den Vorgängen der äußeren Gegenstände sich zeigen Alle Ursachen

sind nicht mit gleicher Regelmäßigkeit mit ihren Wirkungen verknüpft Ein

Handwerker der nur einen rohen Stoff verarbeitet kann in seiner Absicht ebenso

irregeführt werden als ein Staatsmann der die Wirksamkeit geistiger und

empfindender Kräfte leitet

    Die Menge welche die Dinge nach ihrer ersten Erscheinung beurteilt

schreibt die Unsicherheit des Erfolges der Ungewissheit in den Ursachen zu

deshalb sollen sie in ihrem Einfluss manchmal fehlgreifen wenn auch kein

Hindernis ihrer Tätigkeit entgegentritt Aber Philosophen bemerken dass

beinah in allen Gebieten der Natur eine große Mannigfaltigkeit von wirkenden

Kräften und Prinzipien besteht welche wegen ihrer Kleinheit oder Entfernung

nicht bemerkt werden und erkennen es wenigstens als möglich an dass der

Unterschied der Erfolge nicht von einer Zufälligkeit in der Ursache sondern von

den geheimen Wirkungen der Gegenursachen herrührt Fortgesetzte Beobachtung

verwandelt diese Möglichkeit in Gewissheit man bemerkt bei genauer Untersuchung

immer dass der unterschied der Erfolge einen Unterschied in den Ursachen

verrät und aus deren wechselseitiger Hemmung entspringt Ein Bauer kann wenn

die Uhr stehen bleibt keinen Grund dafür angeben als dass sie meist nicht

richtig gegangen sei aber der Sachverständige weiß dass dieselbe Kraft der

Feder oder des Pendels immer dieselbe Kraft auf die Räder übt und dass diese

gewohnte Wirkung hier vielleicht nur wegen eines Sandkornes ausbleibt welches

die Bewegung aufhält Aus der Beobachtung verschiedener gleichlaufender Fälle

entnehmen die Philosophen den Grundsatz dass die Verknüpfung zwischen allen

Ursachen und Wirkungen gleich notwendig ist und dass die anscheinenden

Ausnahmen in einzelnen Fällen nur von geheimen Gegenwirkungen anderer Ursachen

herkommen

    Wenn zB bei dem menschlichen Körper die gewöhnlichen Zeichen von

Gesundheit und Krankheit das Urteil täuschen wenn die Medizin nicht in

gewöhnlicher Weise wirkt wenn unregelmäßige Erfolge sich an eine Ursache

knüpfen so ist der Philosoph und Arzt nicht darüber verwundert sie bestreiten

deshalb im Allgemeinen nicht die Notwendigkeit und Gleichförmigkeit der

Prinzipien welche das tierische Leben regieren Sie wissen dass der

menschliche Körper eine außerordentlich verwickelte Maschine ist dass viele

geheime Kräfte in ihm lauern von denen man keine Vorstellung hat dass er in

seiner Wirksamkeit oft unregelmäßig erscheinen muss und dass deshalb diese

unregelmäßigen Folgen welche sich äußerlich zeigen nicht beweisen dass die

Naturgesetze nicht die größte Regelmäßigkeit in ihrer inneren Wirksamkeit und

Wirkung innehalten

    Will der Philosoph folgerecht sein so muss er dasselbe von den Handlungen

und dem Wollen verständiger Wesen gelten lassen Die unregelmäßigsten und

unerwartetsten Entschlüsse eines Menschen werden von dem verstanden der alle

Einzelheiten seines Charakters und seiner Lage kennt Ein gutmütiger Mensch

gibt eine mürrische Antwort aber er hat Zahnschmerzen oder hat noch nicht zu

Mittag gegessen Ein dummer Mensch zeigt eine ungewohnte Lebhaftigkeit in seinem

Benehmen aber es ist ihm plötzlich etwas Angenehmes begegnet Selbst wenn für

eine Handlung zu Zeiten keine genügende Erklärung weder von dem Handelnden

selbst noch von Andern gegeben werden kann, so bleibt die Regel dass die

Charaktere der Menschen bis zu einem gewissen Grade unbeständig und

unregelmäßig sind Dies ist gewissermaßen der feste Zug in der menschlichen

Natur insbesondere gilt er für Solche welche keine Regel in ihrem Benehmen

festhalten sondern sich in einer fortlaufenden Reihe von Eigensinn und

Unbeständigkeit bewegen Trotz dieser anscheinenden Unregelmäßigkeit können die

inneren Prinzipien und Beweggründe regelmäßig wirken wie man ja auch bei dem

Winde dem Regen den Wolken und anderem Wechsel des Wetters feste Gesetze für

ihr Eintreten voraussetzt die nur der menschliche Scharfsinn und die

Beobachtung nicht leicht entdecken können

    So zeigt sich dass die Verbindung zwischen Beweggrund und Handeln ebenso

regelmäßig und gleichförmig ist wie die zwischen Ursache und Wirkung in allen

Gebieten der Natur Diese regelmäßige Verbindung wird von Jedermann anerkannt

und ist weder im Leben noch in der Philosophie bestritten worden Da nur frühere

Erfahrung die Unterlage für alle Schlüsse auf die Zukunft abgibt und da man

annimmt dass Gegenstände die man immer verbunden angetroffen hat auch immer

verbunden bleiben werden so ergibt sich von selbst dass diese wahrgenommene

Gleichförmigkeit des menschlichen Handelns die Quelle ist ans der wir die

Schlüsse für dasselbe ableiten Um indes die Untersuchung nach allen Seiten

abzuschließen will ich zu diesem letzten Punkte noch Einiges bemerken

    Die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen in allen Gemeinschaften derselben

ist so groß dass kaum irgend eine menschliche Handlung in sich selbst so

abgeschlossen und ohne Beziehung auf die Handlungen Anderer ist dass ohne diese

die Absicht des Handelnden erreichbar wäre Der ärmste Handwerker der für sich

allein arbeitet hofft mindestens auf den Schutz der Obrigkeit um ihm den

Genuss der Früchte seiner Arbeit zu sichern Ebenso erwartet er dass er wenn

er seine Waren zu Markte bringt und billige Preise stellt Käufer finden werde

und dass er mit dem gelösten Gelde Andere wird bestimmen können ihn mit dem

was er zu seinem Lebensunterhalte bedarf zu versehen Je weiter die Menschen

ihre Tätigkeit ausdehnen und je verwickelter der Verkehr mit Andern wird

desto grösser wird bei ihren Plänen die Mannigfaltigkeit der Handlungen welche

nach den besonderen Beweggründen mit den ihrigen sich verbinden sollen Bei

allen diesen Übergängen fasst man seine Maßregeln nach früheren Erfahrungen

wie bei den Erwägungen rücksichtlich äußerer Gegenstände und man ist

überzeugt dass die Menschen ebenso wie die Elemente in ihrer Wirksamkeit genau

so bleiben werden wie man sie immer gefunden hat Ein Fabrikant rechnet auf die

Arbeit seiner Leute für die Fertigung seiner Waren ebenso sicher wie auf die

Wirksamkeit der Werkzeuge welche er dabei benutzt und er würde ebenso

überrascht sein wenn er dort in seinen Erwartungen getauscht würde Kurz

dieses Schließen aus Erfahrung auf die Handlungen Anderer dringt so in das

Leben ein dass Niemand im wachen Zustande auch nur einen Augenblick davon

ablässt Kann man daher nicht mit Recht behaupten dass alle Menschen in der

Lehre von der Notwendigkeit nach der obigen Definition und Erläuterung

derselben immer übereingestimmt haben

    Selbst Philosophen haben in diesem Punkte keine von der gemeinen

abweichende Ansicht denn abgesehen davon dass beinahe jede Handlung ihres

Lebens von dieser Ansicht ausgeht ist sie auch für jede tiefere Untersuchung in

den Wissenschaften unentbehrlich Was sollte aus der Geschichte werden

vertraute man nicht der Wahrhaftigkeit des Geschichtsschreibers nach der

Erfahrung die man über die Menschen besitzt Wie könnte die Politik eine

Wissenschaft sein wenn die Gesetze und Verwaltungsformen nicht einen

gleichmäßigen Einfluss auf die Gesellschaft übten Wo bliebe die Grundlage der

Moral wenn bestimmte Charaktere nicht die sichere und bestimmte Macht hätten

bestimmte Entschlüsse hervorzurufen und wenn diese Entschlüsse nicht eine

regelmäßige Wirksamkeit auf die Handlung hätten Und mit welchem Rechte könnte

man die Kritik über einen Dichter oder ästhetischen Schriftsteller üben wenn

das Benehmen und die Gesinnungen seiner Personen nach ihren Charakteren und

Verhältnissen weder für natürlich noch unnatürlich erklärt werden könnten Man

kann sich daher weder mit einer Wissenschaft noch mit einer Handlung befassen

ohne die Lehre von der Notwendigkeit und die Schlussfolgerungen vom Beweggrunde

auf die Handlung und vom Charakter auf das Benehmen anzuerkennen

    Betrachtet man wie eng die Gewissheit in natürlichen und in moralischen

Dingen mit einander verkettet sind und zusammen nur eine Reihe von Schlüssen

bilden so wird man sicherlich anerkennen dass sie gleicher Natur sind und aus

denselben Prinzipien sich ableiten Ein Gefangener welcher weder Geld noch

Einfluss hat erkennt die Unmöglichkeit seiner Flucht sowohl wenn er den

Widerstand seines Wächters bedenkt als wenn er die Mauern und Einfassungen

betrachtet Bei allen Freiheitsversuchen arbeitet er noch eher gegen Stein und

Eisen der letzteren als gegen die unbeugsame Natur des ersten Wenn dieser

Gefangene zum Schaffot geführt wird so weiß er dass die Gewissheit seines

Todes ebenso durch die Festigkeit und Treue der Wächter als durch die

Wirksamkeit des Beils und Rades bedingt ist Seine Gedanken bewegen sich in

einer bestimmten Reihe von Vorstellungen als die Weigerung der Soldaten ihn

entwischen zu lassen die Handlung des Scharfrichters die Trennung des Kopfes

vom Rumpfe das Verbluten die krampfhaften Zuckungen und der Tod Hier sind

natürliche Ursachen und willkürliche Handlungen verkettet aber die Seele macht

beim Übergang von dem einen zum andern keinen Unterschied zwischen ihnen und

sie ist des kommenden Erfolges ebenso sicher als wenn dieser Erfolg nur mit

Dingen die dem Gedächtnis gegenwärtig sind durch eine Reihe von Ursachen

verknüpft wäre die man die physische Notwendigkeit zu nennen pflegt Eine

durch die Erfahrung bekannte Verbindung wirkt gleich stark auf die Seele mögen

die verbundenen Dinge Beweggründe Wollen und Handlungen oder Gestalten und

Bewegungen sein Wir können wohl die Namen der Dinge andern aber niemals deren

Natur und Wirksamkeit auf die Seele

    Kommt ein mir als ehrlich und reich bekannter und mir befreundeter Mann in

mein Haus wo ich von meinen Leuten umgeben bin so bin ich so sicher dass er

mich nicht vor seinem Fortgehen erstechen wird um mein Silberzeug zu rauben als

ich sicher bin dass mein neues und fest gebautes Haus nicht einfallen wird 

Aber er könnte von einem plötzlichen Wahnsinn befallen werden  Nun so kann

auch plötzlich ein Erdbeben entstehen mein Haus erschüttern und über meinen

Kopf zusammenstürzen lassen Ich will deshalb die Voraussetzungen ändern Ich

werde sagen dass ich gewiss bin er werde seine Hand nicht in das Feuer halten

und warten bis sie verbrannt ist Und dies meine ich kann ich mit derselben

Sicherheit voraus sagen als jenes dass wenn er aus dem Fenster springt und

keinen Anhalt findet er nicht einen Augenblick in der Luft sich schwebend

erhalten wird Kein Verdacht eines unbekannten Wahnsinns kann das erste

Ereignis welches allen bekannten Gesetzen der Menschennatur widerspricht im

Geringsten wahrscheinlich machen Wer an einem Nachmittag seine mit Gold

gefüllte Börse auf das Pflaster von Charing cross legt kann ebenso gut

voraussetzen dass sie wie eine Feder davonfliegen wird als dass er sie eine

Stunde später noch unberührt dort wiederfinden werde Über die Hälfte der

menschlichen Folgerungen enthält Schlüsse ähnlicher Art die für mehr oder

minder gewiss gelten je nach unserer Erfahrung von dem gewöhnlichen Benehmen

der Menschen in solchen besonderen Verhältnissen

    Ich habe oft nach dem Grunde gesucht weshalb Jedermann obgleich er die

Lehre der Notwendigkeit ohne Zaudern in seinem Handeln und in seinem Denken

anerkennt doch so schwer sich entschließt sie in Worten anzuerkennen und zu

allen Zeiten eher zur entgegengesetzten Meinung sich bekennt Die Sache kann

vielleicht so erklärt werden Wenn man die Wirksamkeit der Körper und die

Hervorbringung der Wirkungen aus ihren Ursachen untersucht so findet sich dass

all unser Denken uns in der Kenntnis dieser Beziehung nicht weiter bringt als

zu der einfachen Bemerkung dass gewisse Dinge beständig mit einander verbunden

sind und dass die Seele durch einen gewohnten Gedankengang bei dem Eintritt des

einen zum Glauben des andern bestimmt wird Obgleich dies Ergebnis menschlicher

Unwissenheit sich aus der genauesten Untersuchung der Frage ergibt so neigen

die Menschen doch sehr zu der Meinung dass sie tiefer in die Kräfte der Natur

eindringen und etwas gleich einer notwendigen Verknüpfung zwischen Ursache und

Wirkung erkennen Wenden sie sich dann zur Betrachtung der Vorgänge in ihrer

eigenen Seele und fühlen sie da keine solche Verknüpfung zwischen Beweggrund und

Handlung so entnehmen sie daraus dass ein Unterschied in den Wirkungen

besteht je nachdem sie aus körperlicher Kraft oder aus Gedanken und Einsicht

entspringen Ist man aber einmal überzeugt dass man nichts weiter von der

Ursachlichkeit jeder Art kennt als bloß die beständige Verbindung von Dingen

und folgeweise die Folgerung von dem Einen auf das Andere in die Seele und

findet man dass diese zwei Umstände allgemein bei Handlungen Statt haben so

wird man geneigter sein auch hier dieselbe Notwendigkeit wie bei allen andern

Ursachen anzuerkennen Und obgleich diese Darstellung dem Systeme vieler

Philosophen widerspricht insofern es den Entschlüssen des Willens

Notwendigkeit zuschreibt so ergibt sich doch bei näherer Betrachtung dass

man nur in Worten aber nicht in dem Sinne von einander abweicht Die

Notwendigkeit in dem hier dargelegten Sinne ist nie und kann meines Erachtens

nie von einem Philosophen zurückgewiesen werden Man kann höchstens behaupten

dass die Seele bei äußerlichen Vorgängen eine weitere Verknüpfung zwischen

Ursache und Wirkung erkennen kann und dass diese Verknüpfung bei freiwilligen

Handlungen vernünftiger Wesen nicht stattfindet Ob dies sich so verhält oder

nicht kann nur die Untersuchung entscheiden und es liegt diesen Philosophen

ob ihre Behauptung zu beweisen und jene Notwendigkeit zu definieren zu

beschreiben und in der Wirksamkeit der körperlichen Ursachen aufzuzeigen

    Es scheint wirklich dass man diese Frage über Freiheit und Notwendigkeit

am verkehrten Ende anfasst wenn man mit der Untersuchung der Seelenvermögen

dem Einfluss des Verstandes und der Wirksamkeit des Willens beginnt Man muss

mit einer einfacheren Frage beginnen nämlich mit der Wirksamkeit der Körper und

des vernunftlosen Stoffes und ermitteln weshalb man hier einen Begriff von

Ursachlichkeit und Notwendigkeit bilden kann der mehr ist als regelmäßige

Verbindung der Dinge und folgeweise Schluss der Seele von einem auf den andern

Wenn diese Bestimmungen in Wahrheit den ganzen Inhalt der Notwendigkeit

ausmachen welche bei körperlichen Dingen angenommen wird und wenn diese

Bestimmungen wie Jedermann anerkennt auch bei der Wirksamkeit der Seele

bestehen so ist der Streit zu Ende oder er ist wenigstens dann nur noch ein

Wortstreit So lange man aber voreilig annimmt dass man bei den Vorgängen der

äußeren Gegenstände noch einen weitem Begriff von Ursachlichkeit und

Notwendigkeit habe während man doch in den freiwilligen Handlungen der Seele

nichts Weiteres finden kann bleibt es unmöglich die Frage zu einer bestimmten

Entscheidung zu bringen da man von irrtümlichen Voraussetzungen ausgeht Der

einzige Weg sich nicht zu täuschen ist höher zu steigen den geringen Umfang

der Wissenschaft in Bezug auf körperliche Ursachen zu untersuchen und sich zu

überzeugen dass Alles was wir von ihnen wissen sich auf die beständige

Verbindung und die obenerwähnte Schlussfolgerung beschränkt Es wird uns

vielleicht schwer dem menschlichen Wissen so enge Schranken zu setzen aber

wenn man diese Lehre auf die willkürlichen Handlungen ausdehnt wird man keine

Schwierigkeiten mehr finden Denn da diese Handlungen offenbar eine regelmäßige

Verbindung mit den Beweggründen Umständen und Charakteren haben und da wir

fortwährend von dem Einen auf das Andere Schließen so muss man selbst in

Worten sich zu der Notwendigkeit bekennen die man bereits in jeder Überlegung

des Lebens und in jedem Schritt des eigenen Benehmens und Handelns anerkannt

hatA5

    Um in diesem versöhnlichen Unternehmen über die Freiheit und Notwendigkeit

der bestrittensten Frage in der bestrittensten Wissenschaft nämlich der

Metaphysik fortzufahren wird es nur weniger Worte bedürfen um zu beweisen

dass die Menschen in der Lehre der Freiheit ebenso derselben Meinung wie bei der

Notwendigkeit gewesen sind und dass der ganze Streit auch hier sich nur um

Worte gedreht hat Denn was versteht man unter Freiheit bei willkürlichen

Handlungen Man meint sicherlich nicht dass die Handlungen so wenig mit den

Beweggründen Neigungen und Umständen verbunden seien dass nicht das Eine mit

einer gewissen Gleichförmigkeit auf das Andere folgte und dass das Eine keinen

Anhalt biete um auf die Existenz des Andern zu Schließen denn das sind klare

und anerkannte Tatsachen Man kann deshalb unter Freiheit nur die Macht

verstehen zu handeln oder nicht zu handeln je nach dem Beschluss des Willens

dh wenn wir uns ruhen wollen so können wir es und wenn wir uns bewegen

wollen so können wir es auch Diese bedingte Freiheit wird allgemein bei Jedem

anerkannt der nicht ein Gefangener und in Ketten ist Hier ist also kein

Streitgegenstand

    Welche Definition der Freiheit man auch aufstelle immer muss man zwei

Umstände beachten erstens dass sie mit den Tatsachen übereinstimme und

zweitens dass sie mit sich selbst übereinstimme Beachtet man Beides und macht

man die Definition verständlich so wird sich sicherlich ergeben dass alle Welt

hierbei einerlei Meinung ist

    Man gibt allgemein zu dass nichts da ist ohne Ursache für sein Dasein und

dass Zufall im strengen Sinne nur eine Verneinung ist und keine wirkliche Kraft

bezeichnet die irgend ein Dasein in der Natur hätte Aber man behauptet bei

gewissen Ursachen dass sie notwendig seien und bei anderen dass sie es nicht

seien Hier zeigt sich nun der Nutzen der Definitionen Man möge nur eine

Ursache definieren ohne die notwendige Verknüpfung mit der Wirkung als einen

Teil der Definition darin aufzunehmen man zeige genau den Ursprung des

Begriffs welcher durch die Definition ausgedrückt ist gelingt es so will ich

mich sofort für besiegt erklären Ist man aber der obigen Erklärung beigetreten

so erhellt dass ein solches Unternehmen unausführbar ist Ohne regelmäßige

Verbindung der Dinge unter einander hätten wir nie den Begriff von Ursache und

Wirkung bekommen und diese regelmäßige Verbindung führt zu dem Schluss des

Verstandes welcher die einzige Verknüpfung ist die man begreifen kann Jeder

Versuch die Ursache zu definieren ohne diese Bestimmungen aufzunehmen muss

entweder in unverständliche Ausdrücke geraten oder in solche welche nur in

Worten von dem zu definierenden Gegenstand verschieden sindA6 Wenn man aber die

oben gegebene Definition anerkennt so ist die Freiheit als Gegensatz der

Notwendigkeit und nicht des Zwanges dasselbe wie Zufall von dem man allgemein

anerkennt dass er nicht besteht

 
 



                                 



    Nichts ist in Streitfällen gebräuchlicher und doch tadelnswerter als der

Versuch eine Behauptung dadurch zu widerlegen dass man sagt sie sei von

gefährlichen Folgen für Religion und Moral Führt eine Behauptung auf

Ungereimtheiten so ist sie sicherlich falsch aber sie ist es keineswegs wegen

ihrer gefährlichen Folgen Solche Wendungen sollte man daher ganz vermeiden sie

führen nicht zur Entdeckung der Wahrheit sondern machen nur die Person des

Gegners verhasst Ich führe dies nur im Allgemeinen an ohne einen Vorteil

davon ziehen zu wollen Ich unterwerfe mich offen einer solchen Prüfung und wage

dreist zu behaupten dass die oben dargelegten Sätze über Notwendigkeit und

Freiheit sich nicht allein mit der Moral vertragen sondern eine wesentliche

Stütze derselben bilden

    Die Notwendigkeit kann auf zwei Arten definiert werden nach den zwei

Definitionen der Ursache von der sie einen wesentlichen Bestandteil bildet

Sie besteht entweder in einer beständigen Verbindung gleicher Dinge oder in dem

Verstandesschluss von dem einen auf das andere Nun hat man allgemein wenn auch

schweigend in den Schulen auf der Kanzel und im Leben anerkannt dass die

Notwendigkeit in beiderlei Sinn im Grunde ist es nur einer im Wollen des

Menschen besteht und Niemand hat bis jetzt geleugnet dass man Schlüsse aus

menschlichen Handlungen ziehen kann und dass diese Schlüsse sich auf die

Verbindung stützen welche zwischen denselben Handlungen und denselben

Beweggründen Neigungen und Umständen wahrgenommen wird Der einzige Punkt

worüber man verschiedener Meinung sein kann ist entweder dass man sich nicht

entschließen mag dieser Eigenschaft des menschlichen Handelns den Namen

Notwendigkeit zu geben so lange indes als man im Sinne einig ist kann das

Wort keinen Schaden tun oder dass man meint noch etwas Weiteres in der

Wirksamkeit der Körper entdecken zu können Welche Folge dies nun auch auf

Naturphilosophie und Metaphysik haben mag auf die Moralität und Religion hat es

offenbar keine Man kann sich irren wenn man behauptet dass kein anderer

Begriff von Notwendigkeit oder Verknüpfung in der Wirksamkeit der Körper

besteht aber der Wirksamkeit der Seele schreibt man gewiss nichts zu als was

Jeder bereitwillig anerkennt und anerkennen muss Ich verändere nichts in dem

feststehenden orthodoxen System rücksichtlich des Willens sondern nur

rücksichtlich der körperlichen Dinge und Ursachen Keine Lehre kann deshalb

unschuldiger als diese sein

    Da alle Gesetze auf Lohn oder Strafe gestützt werden so gilt als

fundamentales Prinzip dass diese Beweggründe einen gleichförmigen und

regelmäßigen Einfluss auf die Seele üben und sowohl die guten Handlungen

veranlassen wie die schlechten verhindern Man nenne diesen Einfluss wie man

wolle da er regelmäßig mit der Handlung verbunden ist so muss er als eine

Ursache gelten und als ein Beispiel von der Notwendigkeit angesehen werden wie

ich hier sie behaupte

    Der allein wahre Gegenstand des Hasses und der Rache ist eine mit Verstand

und Bewusstsein begabte Person oder Wesen und wenn irgend verbrecherische oder

verletzende Handlungen diese Gefühle erwecken so geschieht es nur durch ihre

Verknüpfung mit einer Person oder in Beziehung auf sie Die Handlungen sind aber

ihrer Natur nach vergänglich und vorübergehend sobald sie nicht aus irgend

einer Ursache im Charakter oder der Gesinnung der handelnden Person hervorgehen

so können die guten ihr nicht zur Ehre und die schlechten ihr nicht zur Schande

gereichen Die Handlungen selbst können tadelnswert und allen Segeln der

Religion und Moral zuwider sein aber der Mensch ist für sie nicht

verantwortlich und da sie aus nichts Beständigem und Beharrlichem in ihm

hervorgehen und nichts der Art hinter sich zurücklassen so kann er unmöglich

ihretwegen zum Gegenstand einer Strafe oder Rache werden Nach dem Prinzip

welches die Notwendigkeit und folglich die Ursachen leugnet ist ein Mensch

nach Begehung des abscheulichsten Verbrechens so rein und fleckenlos als wie im

Augenblick seiner Geburt Sein Charakter ist dann in keiner Weise bei seinen

Handlungen beteiligt denn sie gehen nicht aus ihm hervor und die

Schlechtigkeit des Einen kann nie als Beweis für die Verdorbenheit des Andern

dienen

    Man tadelt Niemand wegen solcher Handlungen welche er unbewusst und

zufällig begeht was auch die Folgen derselben sein mögen Weshalb nicht Weil

die Prinzipien dieser Handlungen nur momentan sind und in ihnen endigen Man

tadelt Jenen weniger der heftig und unvorsichtig handelt als Den der mit

Überlegung vorgeht Weshalb Weil ein heftiges Temperament obgleich es ein

beständiges Prinzip oder eine Ursache in der Seele ist doch nur zeitweise sich

äußert und nicht den ganzen Charakter ansteckt umgekehrt wäscht Reue jedes

Verbrechen aus wenn sie sich mit einer Besserung des Lebens und Benehmens

verbindet Wie lässt sich dies erklären Nur dadurch dass Handlungen den

Menschen nur strafbar machen so weit sie ein Zeichen strafbarer Grundsätze der

Seele sind Hören sie durch einen Wechsel dieser Grundsätze auf solche sichere

Zeichen zu sein so sind sie auch nicht mehr strafbar Aber ohne die Lehre von

der Notwendigkeit sind sie niemals zuverlässige Zeichen und folglich niemals

strafbar

    Ebenso leicht und mit denselben Gründen lässt sich zeigen dass die Freiheit

in dem obigen Sinne worin Alle übereinstimmen der Moralität ebenso wesentlich

ist und dass keine menschliche Handlung der sie abgeht als eine moralische

gelten oder Gegenstand von Lob und Tadel sein kann Denn da die Handlungen nur

insoweit der Gegenstand unserer moralischen Gesinnung sind als sie die Zeichen

des inneren Charakters der Leidenschaften und Affekte sind so können sie weder

zu Lob noch Tadel Anlass geben wenn sie nicht aus diesen Quellen abstammen

vielmehr durch äußere Gewalt veranlasst sind

    Ich behaupte nicht dass ich alle Einwendungen widerlegt oder beseitigt

habe die man gegen diese Lehre von der Notwendigkeit und Freiheit erheben

kann ich setze andere Einwürfe aus Gebieten voraus die hier nicht haben

berührt werden können Man kann zB sagen dass wenn die freiwilligen

Handlungen denselben Gesetzen der Notwendigkeit unterliegen wie die Vorgänge

der Körper so bestehe eine fortlaufende Kette notwendiger Ursachen welche

voraus bestimmt und voraus angeordnet sei und welche von der ersten Ursache von

Allem bis zu dem einzelnen Wollen jedes einzelnen menschlichen Geschöpfes

reiche Nirgends in der Welt sei dann Zufall nirgends Unbestimmtheit nirgends

Freiheit Wenn wir handeln sind wir gleichzeitig der Gegenstand eines Handelns

der letzte Urheber aller unsrer Entschlüsse ist der Schöpfer der Welt der

dieser ungeheuren Maschine zuerst Bewegung mittheilte und allen Wesen die

bestimmte Stellung gab ans der alle späteren Vorgänge mit unerbittlicher

Notwendigkeit sich ergeben mussten Menschliche Handlungen können deshalb

niemals moralisch schlecht sein da sie von einer so guten Ursache kommen oder

sind sie schlecht so verwickeln sie den Schöpfer in dieselbe Schuld da er

anerkanntermaßen die letzte Ursache und der Urheber derselben ist So wie ein

Mensch der eine Mine anzündet in gleicher Weise für die Folgen einstehen muss

mag der Zündfaden lang oder kurz gewesen sein ebenso muss beim Dasein einer

fortlaufenden Kette notwendiger Ursachen das endliche oder unendliche Wesen

welches die erste Ursache bildet auch als der Urheber der übrigen gelten und

sowohl den Tadel tragen als das Lob erhalten das ihnen gebührt Unsere klaren

und unveränderlichen moralischen Begriffe erheben diese Regel zu einer

unzweifelhaften bei Betrachtung der Folgen menschlicher Handlungen diese Gründe

gelten aber in noch höherem Maß für das Wollen und die Absichten eines

allweisen und allmächtigen Wesens Unwissenheit und Ohnmacht mag ein so

beschränktes Geschöpf wie den Menschen entschuldigen aber bei unserem

Schöpfer bestehen diese Mängel nicht Er übersah er bestimmte er beabsichtigte

all diese Handlungen der Menschen welche man so vorschnell für strafbar

erklärt Daraus folgt dass sie entweder nicht strafbar sind oder dass die

Gottheit aber nicht der Mensch dafür verantwortlich ist Da aber jeder dieser

zwei Sätze verkehrt und gottlos ist so folgt dass die Lehre aus der sie sich

ergeben unmöglich wahr sein kann denn alle diese Einwürfe treffen dann auch

sie Verkehrte Folgen wenn sie wirklich aus einer Lehre sich ergeben beweisen

die Verkehrtheit dieser ebenso wie strafbare Handlungen die ursprüngliche

Ursache strafbar machen wenn die Verbindung zwischen beiden notwendig und

unvermeidlich ist

    Dieser Einwurf besteht aus zwei Teilen die wir jeden für sich betrachten

wollen Der erste ist dass wenn man menschliche Handlungen durch eine

notwendige Kette auf die Gottheit zurückführen kann sie nie strafbar sein

können und zwar wegen der unendlichen Vollkommenheit des Wesens von denen sie

abgeleitet werden und welches nichts wollen kann als was gut und löblich ist

Oder zweitens wenn sie strafbar sind so muss man die Eigenschaft der

Vollkommenheit zurücknehmen welche man der Gottheit beilegt und ihn als den

letzten Urheber der Schuld und des Bösen in all seinen Geschöpfen anerkennen

    Die Antwort auf den ersten Einwurf scheint augenfällig und überzeugend

Viele Philosophen folgern nach einer genauen Untersuchung der

Naturerscheinungen dass das Ganze als Einheit betrachtet in jedem Zeitpunkte

seines Daseins mit vollkommener Güte angeordnet sei und dass deshalb das

höchste mögliche Glück allen Geschöpfen zu Teil werde ohne Beimischung eines

wahrhaften und positiven Übels oder Elendes Jedes natürliche Übel ist nach

dieser Ansicht ein wesentlicher Teil des wohlwollenden Systems und konnte

selbst durch die Gottheit nicht beseitigt werden wenn man sie als weise

anerkennt ohne größeres Übel einzuführen oder größeres Gute als Folge davon

auszuschließen Aus dieser Lehre entnahmen mehrere Philosophen unter Andern

die alten Stoiker einen Trostgrund bei allen Leiden indem sie ihren Schülern

lehrten dass diese Übel unter denen sie litten in Wahrheit Güter für das

Ganze wären und dass für den weiten das ganze System der Natur umfassenden

Blick jedes Ereignis zum Gegen stand einer Freude und Lust werde Indes zeigte

sich diese Auffassung trotz ihrer Erhabenheit und Annehmbarkeit doch für die

Praxis bald als schwach und unwirksam Man würde sicherlich einen Menschen der

unter stechenden Gichtschmerzen leidet mehr erbittern als beruhigen wenn man

ihm die Richtigkeit dieser allgemeinen Gesetze vorhielte welche die bösen Säfte

in seinem Körper veranlagst und sie durch ihre Kanäle zu den Sehnen und Nerven

geführt haben wo sie die heftigen Qualen veranlassen Dieser umfassende

Standpunkt wird für einen Augenblick den Geist des Denkers erfreuen der sich

behaglich und sicher fühlt aber diese Gründe können keine Festigkeit in seiner

Seele gewinnen selbst wenn Schmerz und Leidenschaft sie nicht stören noch

weniger können sie das Feld behaupten wenn solche Gegner sich erheben Die

Gefühle treiben zur engem und ungezwungenem Auffassung der Dinge In Folge einer

Einrichtung welche der Schwäche der menschlichen Seele mehr entspricht sieht

man dann nur die Wesen ringsum und wird durch solche Ereignisse erregt welche

dieser beschränkten Auffassung gut oder schlecht erscheinen

    Der Fall ist derselbe für das moralische wie für das physische Übel Diese

weitgreifenden Betrachtungen können wenn sie bei dem Einen von so geringer

Wirksamkeit befunden sind keine stärkere bei dem Andern haben Die menschliche

Seele ist von Natur so eingerichtet dass sie bei dem Auftreten von Charakteren

Plänen und Handlungen unmittelbar das Lobens oder Tadelnswerte daran

empfindet und keine Erregung ist ihrer Bildung und Einrichtung so wesentlich

als diese Die Charaktere welcher unser Lob erwecken sind hauptsächlich

solche welche zu dem Frieden und der Sicherheit der menschlichen Gesellschaft

beitragen die Charaktere welche den Tadel wachrufen sind vorzüglich solche

welche auf allgemeinen Schaden und Störung absehen Das moralische Urteil

entspringt daher offenbar bald mittelbar bald unmittelbar aus einer Rücksicht

auf diese entgegengesetzten Interessen Was vermögen da philosophische

Betrachtungen welche die entgegengesetzte Ansicht oder Vermutung aufstellen

dass Alles in Beziehung auf das Ganze recht sei und dass die Eigenschaften

welche der Gesellschaft schaden in der Hauptsache wohltätig seien und der

ursprünglichen Absicht der Natur mehr entsprechen als solche welche ihr Glück

und ihre Wohlfahrt geradezu befördern Können solche unsichere und

weitschweifende Erwägungen jener Empfindung die Wage halten welche aus der

unmittelbaren und natürlichen Auffassung der Dinge entspringt Wird der dem

eine beträchtliche Summe gestohlen worden ist seinen Ärger über den Verlust

durch diese erhabenen Betrachtungen in irgend einer Weise gemindert finden

Weshalb sollte seine sittliche Empörung über das Verbrechen damit unverträglich

sein Oder weshalb sollte nicht das Anerkenntnis eines wirklichen Unterschiedes

zwischen Laster und Tugend sich mit allen tiefem Systemen der Philosophie

vereinigen lassen Ebenso wie der wirkliche Unterschied zwischen persönlicher

Schönheit und Hässlichkeit Diese Unterschiede gehen aus den natürlichen

Empfindungen der menschlichen Seele hervor und diese Empfindungen lassen sich

durch keine philosophische Theorie oder Spekulation regeln oder ändern

    Der zweite Einwurf gestattet keine so leichte und genügende Antwort es ist

nicht möglich deutlich zu erklären wie die Gottheit die mittelbare Ursache

aller menschlichen Handlungen sein kann ohne damit der Urheber von Sünde und

Bösem zu werden Dies sind Geheimnisse für deren Erörterung die natürliche und

sich selbst überlassene Vernunft allein unfähig ist Welches System sie auch

erfasst so wird sie bei jedem Schritt in solchen Fragen sich immer in unlösbare

Schwierigkeiten ja Widersprüche verwickelt finden Die Versöhnung der Freiheit

und Zufälligkeit des menschlichen Handelns mit der Allwissenheit oder die

Verteidigung unbedingter Ratschlüsse wobei die Gottheit doch nicht als der

Urheber des Bösen gilt haben bisher alle Kraft der Philosophie überschritten

Wohl ihr wenn sie daran ihre Verwegenheit erkennt in diesen erhabenen

Mysterien zu grübeln wenn sie ein Gebiet voll Dunkelheit und Verwickelung

verlässt und mit der ihr gebührenden Bescheidenheit zu ihrem eigentlichen und

wahren Gebiete zurückkehrt dh zur Erforschung des gewöhnlichen Lebens Sie

wird hier Schwierigkeiten genug für ihre Untersuchungen antreffen ohne dass sie

sich in ein so grenzenloses Meer von Zweifeln Ungewissheiten und Widersprüchen

zu stürzen braucht

 
 



                                 



    Alles Schließen in Bezug auf Tatsachen stützt sich auf eine Ähnlichkeit

die uns bestimmt von einer Ursache denselben Erfolg zu erwarten den man aus

ähnlichen Ursachen hat hervorgehen sehen Ist die Ähnlichkeit vollständig so

ist die Analogie vollkommen und die darauf gestützte Folgerung gilt als sicher

und beweisend

    Niemand zweifelt bei dem Anblick eines Stück Eisens dass es schwer und fest

sein werde gerade wie andere Stücke die ihm früher vorgekommen sind Haben die

Gegenstände aber keine volle Gleichheit so ist die Analogie weniger vollkommen

und der Schluss weniger überzeugend obgleich er einige Kraft nach Verhältnis

der Ähnlichkeit und Übereinstimmung behält Die anatomischen Beobachtungen

die man bei einem Tiere macht werden durch diese Art der Begründung auf alle

ausgedehnt und wenn zB der Blutumlauf bei einem Geschöpf voll erwiesen ist

wie bei dem Frosch oder Fisch so ergibt dies eine starke Vermutung dass

dieser Blutumlauf überall Statt habe Diese Schlüsse der Analogie kann man

weiter selbst bis zu der hier behandelten Wissenschaft ausdehnen und jede

Lehre welche die Vorgänge innerhalb des Denkens oder den Ursprung und die

Verbindung der Gefühle beim Menschen erklärt wird in ihrer Gültigkeit steigen

wenn sich ergibt dass nur diese Lehre dieselben Erscheinungen auch bei andern

lebenden Geschöpfen erklärt Wir wollen eine solche Probe mit der Hypothese

machen durch welche im Vorgehenden die Erklärung aller Erfahrungsschlüsse

versucht worden ist Hoffentlich dient dieser neue Gesichtspunkt zur Bestätigung

der früheren Ausführung

    Erstens scheint es ausgemacht dass die Tiere so gut wie die Menschen von

der Erfahrung lernen und von ihr annehmen dass dieselben Wirkungen immer

denselben Ursachen folgen Durch diese Regel werden sie mit den nächsten

Eigenschaften der äußeren Gegenstände bekannt und sammeln allmählich von ihrer

Geburt an einen Schatz von Kenntnissen über die Natur des Feuers des Wassers

der Erde der Steine der Höhen der Tiefen usw so wie über die Wirkungen

welche daraus hervorgehen Die Unwissenheit und Unerfahrenheit der Jungen kann

man leicht gegen die Vorsicht und Klugheit der Alten unterscheiden die durch

lange Beobachtung gelernt haben das Schädliche zu vermeiden und das Angenehme

und Nützliche zu suchen Ein an das Freie gewöhntes Pferd wird mit der

bestimmten Höhe bekannt die es überspringen kann und wird nichts versuchen was

seine Kraft und Fähigkeit übersteigt Ein alter Windhund wird den

anstrengendsten Teil der Jagd dem jungem überlassen und sich selbst so stellen

dass er auf den Hasen bei dessen Schwenkung trifft seine Voraussetzungen bei

solchen Gelegenheiten stützen sich lediglich auf seine Beobachtung und

Erfahrung

    Dies erhellt noch deutlicher aus den Wirkungen der Zucht und Erziehung der

Tiere welche durch die passende Anwendung von Belehrungen und Strafen zuletzt

eine Reihe von Handlungen lernen welche ihrem natürlichen Instinkt und Neigung

geradezu zuwider sind Ist es nicht die Erfahrung weshalb ein Hund Schmerz

fürchtet wenn man ihm droht oder die Peitsche zum Schlag erhebt Ist es nicht

die Erfahrung welche ihn auf seinen Namensruf antworten und Schließen lässt

dass man mit einem solchen willkürlichen Laut eher ihn als seinen Kameraden

meine und das man ihn rufen wolle wenn man diesen Laut in einer gewissen Weise

und mit einem bestimmten Tone und Accent ausspricht

    In all diesen Fällen folgert das Thier offenbar eine Tatsache über das

hinaus was seine Sinne trifft und diese Folgerung stützt sich nur auf frühere

Erfahrung indem das Thier von demselben Gegenstand dieselben Folgen erwartet

die es bei seinen Beobachtungen aus ähnlichen Gegenständen früher hat

hervorgehen sehen

    Zweitens Unmöglich kann diese Folgerung des Tieres sich auf einen

Beweisgrund und einen Vorgang Innerhalb der Vernunft gründen wodurch es

schlösse dass gleiche Folgen sich mit gleichen Gegenständen verbinden und dass

die Natur in ihren Vorgängen immer regelmäßig sei Denn wenn wirklich

Beweisgründe dieser Art bestehen sollten so liegen sie doch für die Beobachtung

und für einen so schwachen Verstand zu versteckt nur die äußerste Sorgfalt und

Aufmerksamkeit eines philosophischen Geistes kann sie entdecken und bemerken

Die Tiere werden deshalb bei diesen Folgerungen nicht durch Vernunftgründe

geleitet so wenig wie die Kinder und die meisten Menschen bei ihren

gewöhnlichen Handlungen und Folgerungen ja selbst die Philosophen nicht welche

für den tätigen Teil des Lebens sich in der Hauptsache von der Menge nicht

unterscheiden und nach gleichen Regeln verfahren Die Natur musste für ein

breiteres allgemeiner anwendbares und nutzbares Prinzip sorgen und ein

Verfahren von so ungeheurer Wichtigkeit für das Leben konnte nicht den unsicheren

Folgerungen aus Gründen und Beweismitteln anvertraut werden Sollte dies bei dem

Menschen noch zweifelhaft sein so ist es doch bei der unvernünftigen Schöpfung

unfraglich und wenn dieser Satz in dem einen Falle vollständig gelten muss so

hat man nach den Regeln der Analogie allen Grund zur Annahme dass er allgemein

und ohne Ausnahme und Vorbehalt gelte Nur die Gewohnheit ist es welche die

Tiere veranlasst bei jedem wahrgenommenen Gegenstande dessen gewöhnlichen

Begleiter zu erwarten diese führt ihr Vorstellen bei dem Auftreten des Einen

zur Vorstellung des Andern in der besonderen Weise welche ich Glauben nenne

Keine andere Erklärung ist von diesem Vorgange möglich und dieses gilt sowohl

für die hohen wie niederen Klassen der lebendigen Wesen so weit wir sie kennen

und beobachtenA7

    Obgleich indes die Tiere einen großen Teil ihres Wissens durch Erfahrung

erlangen so verdanken sie doch einen andern Teil der ursprünglichen Verleihung

der Natur Er ist der welcher den Grad ihrer Fähigkeiten für gewöhnliche Fälle

übersteigt und wo die längste Übung und Erfahrung sie wenig oder gar nicht

weiter bringt Man nennt diesen Teil Instinkt und bewundert ihn als etwas

Außerordentliches was durch keine Untersuchung unseres Verstandes erklärt

werden kann Indes wird diese Bewunderung vielleicht aufhören oder sich

vermindern wenn man bedenkt dass das Folgern aus Erfahrung was wir mit den

Tieren gemein haben und von welchem alles Verhalten im Leben abhängt nur eine

Art von Instinkt oder mechanischer Kraft ist welche in uns und zwar uns selbst

unbewusst tätig ist und in seiner Hauptwirksamkeit nicht durch solche

Beziehungen und Vergleichungen der Begriffe geleitet wird welche den

eigentlichen Gegenstand unserer geistigen Fähigkeiten ausmachen Die Instinkte

sind vielleicht verschieden aber es ist ein Instinkt welcher den Menschen

heißt das Feuer zu meiden wie es ein Instinkt ist welcher dem Vogel die

richtige Art des Brütens und die Einrichtung und Ordnung in Aufziehung seiner

Jungen zeigt

 
 






    Dr Tillotsons Schriften enthalten einen Beweisgrund gegen die wirkliche

Gegenwart des Leibes Christi bei dem Abendmahl welcher so kurz so fein und

schlagend ist als man von einem Beweisgrund gegen eine Lehre verlangen kann

die so wenig eine ernste Widerlegung verdient »Man erkennt von allen Seiten

an« sagt der gelehrte Geistliche »dass das Ansehen der heiligen Schrift und der

Tradition sich lediglich auf das Zeugnis der Apostel stützt welche Augenzeugen

von den Wundern unsers Erlösers waren durch welche er seine göttliche Sendung

dartat Unsere Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion sind deshalb

schwächer als die Beweise für das von unseren Sinnen Wahrgenommene denn diese

waren selbst bei den ersten Gründen unserer Religion nicht stärker und mussten

offenbar bei dem Übergange zu ihren Schülern abnehmen Niemand kann auf sie

mehr als auf das unmittelbare Zeugnis der Sinne vertrauen Ein schwächerer

Beweis kann aber nie den stärkeren aufheben und wenn daher auch die Lehre von

der wirklichen Gegenwart noch so klar in der Bibel offenbart wäre so würde es

doch die Regeln alles Beweisens verletzen wenn man ihr zustimmen wollte Sie

widerspricht den Sinnen obgleich sowohl die Bibel wie die Tradition auf welche

sie sich stützt nicht so viel beweisen wie die Sinne so lange man nämlich sie

nur als äußere Beweismittel ansieht welche nicht durch die unmittelbare

Wirksamkeit des heiligen Geistes in Jedermanns Brust eingepflanzt sind«

    Nichts ist willkommener als ein so entscheidender Beweisgrund welcher die

anmasslichste Frömmelei und Gläubigkeit wenigstens zum Schweigen bringen und uns

von ihren unverschämten Forderungen befreien muss Ich schmeichle mir einen

ähnlichen Beweisgrund aufgefunden zu haben welcher wenn er richtig ist bei

den Einsichtigen und Gebildeten einen dauernden Schutzwall gegen alle Art von

abergläubischer Täuschung bilden und deshalb seinen Nutzen so lange die Welt

steht behalten wird Denn so lange werden meines Erachtens in allen heiligen

und weltlichen Geschichtsbüchern die Erzählungen von Wundern und übernatürlichen

Vorgängen angetroffen werden

    Obgleich die Erfahrung unser einziger Führer bei der Ableitung von

Tatsachen istso ist doch dieser Führer nicht ganz unfehlbar er kann uns in

einzelnen Fällen zum Irrtum führen Wenn in unserm Klima Jemand in einer Woche

des Juni besser Wetter als in einer Woche des Dezember erwartet so urteilt er

richtig und der Erfahrung entsprechend und doch kann es sich treffen dass der

Erfolg ihn Lügen straft Indes wird er in solchen Fällen keinen Grund haben

sich über die Erfahrung zu beklagen denn sie belehrt uns im Voraus über diese

Unsicherheit welche aus den entgegengesetzten Erfolgen bei genauerer

Beobachtung hervorgeht Nicht alle Wirkungen folgen mit gleicher Gewissheit

ihren angeblichen Ursachen Einzelne Vorgänge sind nach dem Befund aller Länder

und Zeiten immer mit einander verknüpft gewesen andere haben gewechselt und

mitunter die Erwartungen getäuscht Deshalb bestehen in unsern Folgerungen über

Tatsachen alle möglichen Grade des Fürwahrhaltens von der höchsten Zuversicht

bis zur niedrigsten Art moralischer Gewissheit

    Ein kluger Mann bemisst daher seinen Glauben nach den Beweisen Bei

Folgerungen die auf einer untrüglichen Erfahrung ruhen erwartet er den Erfolg

mit der höchsten Gewissheit und betrachtet die früheren Erfahrungen als einen

vollen Beweis für das kommende Dasein dieses Ereignisses In andern Fällen geht

er vorsichtiger zu Werke er erwägt die entgegengesetzten Erfahrungen er

untersucht welche Seite die Mehrzahl der Fälle für sich hat dieser Seite neigt

er sich zweifelnd und zögernd zu und wenn er endlich sein Urteil fällt so

überschreitet seine Sicherheit nicht das was man gewöhnlich Wahrscheinlichkeit

nennt Jede Wahrscheinlichkeit findet deshalb einen Gegensatz in den Erfahrungen

und Beobachtungen wo die eine Seite die andere überwiegt und ein dem

entsprechendes Maaß von Sicherheit hervorbringt Hundert Beispiele und Fälle

auf der einen Seite und fünfzig auf der andern geben nur einen unsicheren Anhalt

über den Ausgang steht aber nur ein Fall jenen hunderten gegenüber so

erzeugen diese natürlich einen ziemlich starken Grad von Gewissheit Immer

müssen die entgegengesetzten Fälle so weit sie dies sind erwogen und die

kleinere Zahl von der größeren abgezogen werden um den Grad der höheren

Gewissheit genau zu erkennen

    Um diese Grundsätze auf ein Beispiel anzuwenden so gibt es keine Art von

Folgerungen die gebräuchlicher üblicher und für das Leben notwendiger ist

als die welche sich von dem Zeugnis der Menschen und den Berichten der

Augenzeugen und Zuschauer ableitet Man kann vielleicht bestreiten dass diese

Art von Folgerung auf die Beziehung von Ursachen und Wirkung sich stütze und ich

will über das Wort nicht streiten Es genügt die Bemerkung dass unsere

Gewissheit in all diesen Fällen sich nur aus dem Grundsatz ableitet dass

menschliches Zeugnis von uns als wahr befunden worden und die Berichte der

Zeugen gemeinhin mit den Tatsachen übereingestimmt haben Da es ein allgemeiner

Grundsatz ist dass die Dinge keine wahrnehmbare Verknüpfung mit einander haben

und dass alle Schlüsse von dem Einen auf das Andere sich lediglich auf die

Erfahrung von deren regelmäßigen und beständigen Verbindung stützt so kann man

offenbar keine Ausnahme von diesem Grundsatze zu Gunsten des menschlichen

Zeugnisses machen dessen Verknüpfung mit einem andern Umstande an sich selbst

so wenig wie bei andern Beispielen notwendig ist Wäre das Gedächtnis nicht

bis zu einem gewissen Grade treu wären die Menschen nicht durchschnittlich der

Wahrheit und den Grundsätzen der Ehrlichkeit zugetan schämten sie sich nicht

auf einer Lüge entdeckt zu werden wäre dies Alles nicht durch die Erfahrung als

Eigenschaften der menschlichen Natur erkannt so würde man nicht das geringste

Gewicht auf menschliches Zeugnis legen Ein Irrsinniger oder als lügnerisch und

niederträchtig bekannter Mensch findet niemals Glauben

    Und da die Gewissheit die von Zeugnissen und Berichten abgeleitet ist sich

auf frühere Erfahrungen stützt so wechselt sie mit dieser Erfahrung und gilt

entweder als voll bewiesen oder wahrscheinlich je nachdem die Verbindung

zwischen einer Art von Berichten und einer Art von Tatsachen beständig oder

wechselnd befunden worden ist Man muss bei allen Urteilen dieser Art eine

große Zahl von Umständen berücksichtigen und der letzte Maßstab nach dem

alle darüber entstehenden Streitigkeiten zu entscheiden sind wird immer der

Erfahrung und Beobachtung entnommen Wo diese Erfahrung nicht ganz gleichförmig

ist besteht immer ein unvermeidlicher Gegensatz in unsern Urteilen ein Kampf

und eine gegenseitige Aufhebung der Gründe wie bei jeder andern Art von

Beweisen Man schwankt oft bei den Berichten Anderer man erwägt die

gegenseitigen Umstände welche den Zweifel und die Ungewissheit veranlassen

Findet sich ein Übergewicht auf der einen Seite so neigt man dahin aber immer

mit einer der Stärke des Gegners entsprechenden mindern Sicherheit

    In dem vorliegenden Falle entspringt der Gegensatz der Beweise aus

verschiedenen Gründen aus dem Widerspruch entgegengesetzter Zeugnisse aus dem

Charakter und der Zahl der Zeugen aus der Art wie sie ihr Zeugnis

überliefern und aus der Verbindung all dieser Umstände Wir schöpfen in Bezug

auf eine Tatsache Verdacht wenn die Zeugen sich widersprechen wenn es nur

Wenige und von zweifelhaftem Charakter sind wenn sie einen Vorteil von ihrer

Aussage erwarten wenn sie ihr Zeugnis zaudernd oder mit zu heftigen

Beteuerungen ablegen Es gibt auch noch andere besondere Umstände welche die

Kraft eines Beweises der sich auf menschliches Zeugnis stützt vermindern oder

vernichten

    Man nehme zB an dass die Tatsache welche der Zeuge bekundet zu den

außerordentlichen und wunderbaren gehöre Dann erfährt die Beweiskraft eines

solchen Zeugnisses eine größere oder kleinere Verminderung je nachdem die

Tatsache mehr oder weniger ungewöhnlich ist Der Grund warum man Zeugen oder

Geschichtsschreibern Glauben beimisst leitet sich nicht von einer Verknüpfung

ab welche man a priori zwischen Zeugnis und Wirklichkeit erkennt sondern weil

man gewohnt ist eine Gleichförmigkeit zwischen Beiden anzutreffen Ist aber die

bezeugte Tatsache uns selten vorgekommen so erhebt sich ein Streit

entgegengesetzter Erfahrungen von denen die eine die andere so weit zerstört

als ihre Kraft reicht und die stärkere kann auf die Seele nur noch mit der

übriggebliebenen Kraft wirken Dasselbe Prinzip der Erfahrung welches uns den

Berichten von Zeugen gewissermaßen vertrauen lässt gibt uns in einem solchen

Falle auch einen Grad von Gewissheit gegen die Tatsache welche sie feststellen

wollen Aus diesem Widerspruche entspringt notwendig ein Gegensatz und eine

gegenseitige Zerstörung des Glaubens und Vertrauens »Ich würde dies nicht

glauben selbst wenn es mir Cato erzählte« war in Rom schon zu Lebzeiten dieses

philosophischen Staatsmannes eine sprichwörtliche Redensart Man ernannte dass

die Unglaubwürdigkeit einer Tatsache selbst eine so große Autorität

erschüttern könnte7

    Der indische Prinz welcher den ersten Erzählungen über die Wirkungen des

Frostes nicht glauben wollte verfuhr ganz richtig und es bedurfte natürlich

sehr starker Zeugnisse um seine Zustimmung zu Tatsachen zu gewinnen welche

aus Naturbedingungen hervorgingen die ihm ganz unbekannt waren und so wenig den

Vorgängen glichen von denen er eine beständige und gleichförmige Erfahrung

hatte

    Wenn sie auch seinen Erfahrungen nicht widersprachen so stimmten sie doch

nicht damit übereinA8

    Um aber die Wahrscheinlichkeit gegen die Ansicht der Zeugen zu steigern

nehme man an dass die Tatsache welche sie bekunden nicht bloß

außerordentlich sondern wahrhaft wunderbar sei ferner dass das Zeugnis an

sich betrachtet vollständig beweisend sei In diesem Falle steht Beweis gegen

Beweis der stärkste wird überwiegen aber mit einer Verminderung seiner Kraft

im Verhältnis zu der seines Gegners

    Ein Wunder ist eine Verletzung der Naturgesetze Da nun eine feste und

unveränderliche Erscheinung diesen Gesetzen zu Grunde liegt so ist der Beweis

gegen das Wunder aus der bloßen Natur der Tatsache so stark wie irgend ein

der Erfahrung entnommener Beweis nur gedacht werden kann Weshalb ist es mehr

als wahrscheinlich dass alle Menschen sterben müssen dass das Blei sich nicht

von selbst in der Luft schwebend erhalten kann dass das Feuer das Holz verzehrt

und von Wasser gelöscht wird offenbar weil diese Erfolge mit den Gesetzen der

Natur übereinstimmend befunden sind und eine Verletzung dieser Gesetze dh in

anderen Worten ein Wunder nötig ist um sie nicht eintreten zu machen Nichts

gilt als Wunder was im gewöhnlichen Lauf der Dinge geschieht Es ist kein

Wunder wenn ein anscheinend gesunder Mann plötzlich stirbt weil eine solche

Todesart zwar seltener als andere ist aber doch oft beobachtet worden ist Aber

es wäre ein Wunder wenn ein toter Mensch wieder lebendig würde weil dies zu

keiner Zeit und in keinem Lande vorgekommen ist Es muss deshalb eine allgemeine

Erfahrung jedem Wunder entgegenstehen sonst würde das Ereignis nicht diesen

Namen verdienen Und da die allgemeine Erfahrung einen vollen Beweis abgibt so

ergibt hier die Natur der Tatsache selbst einen genauen und vollen Beweis

gegen das Dasein dieses Wunders Dieser Beweis kann nur aufgehoben und das

Wunder glaubwürdig gemacht werden wenn man einen stärkeren Beweis gegen ihn

beibringtA9

    Die einfache Folge ist und es ist ein allgemeiner Grundsatz der aller

Aufmerksamkeit wert ist »dass kein Zeugnis zureicht ein Wunder

festzustellen es müsste denn das Zeugnis der Art sein dass seine Falschheit

wunderbarer wäre als die Tatsache welche es bekundet und selbst in diesem

Falle besteht eine gegenseitige Aufhebung der Gründe der stärkere gibt nur

noch eine Sicherheit nach dem Grade der Stärke welche nach Abzug des

schwächeren übrig bleibt« Wenn nun Jemand erzählt er habe gesehen dass ein

Toter wieder lebendig gemacht worden sei so überdenke ich sogleich bei mir ob

es wahrscheinlicher sei dass ein Mensch betrügt oder betrogen ist oder dass

das erzählte Ereignis sich wirklich zugetragen habe Ich wiege ein Wunder gegen

das andere ab und je nach dem Übergewicht was ich bemerke entscheide ich

mich und verwerfe immer das größere Wunder

    Wäre die Unwahrheit seines Zeugnisses ein größeres Wunder als das

berichtete Ereignis dann und nur dann kann er auf meinen Glauben oder

Zustimmung Anspruch machen

 
 



 

    In der obigen Betrachtung habe ich angenommen dass das Zeugnis worauf das

Wunder gestützt wird volle Beweiskraft erreiche und dass seine Unwahrheit in

der That unerhört sei indes kann ich leicht zeigen dass ich in meinen

Zugeständnissen zu bereitwillig gewesen bin und dass kein Wunder je auf einen

vollen Beweis gestützt worden ist

    Denn erstens befindet sich in keinem Geschichtswerk ein Wunder auf eine

genügende Zahl von Personen gestützt deren gesunder Sinn Erziehung und

Kenntnisse so unanfechtbar wären dass man gegen alle Täuschung derselben sich

geschützt halten könnte deren Rechtschaffenheit so unbedenklich wäre um sie

über allen Verdacht des Betruges zu erheben deren Glaubwürdigkeit und Ansehen

in den Augen der Menschen gefährdet worden wäre wenn man sie bei einer Lüge

ertappt hätte und die sich in einem so besuchten Orte der Erde befunden dass

die Entdeckung unvermeidlich gewesen wäre Und doch sind alle diese Umstände

nötig um dem Zeugnisse eines Menschen volle Zuverlässigkeit zu geben

    Zweitens zeigt sich in der menschlichen Natur ein Prinzip was bei genauer

Untersuchung die Zuversicht außerordentlich mindern muss welche man bei

Wundern auf das Zeugnis der Menschen setzen könnte Die Regel nach der wir uns

selbst beim Überlegen entscheiden lautet dass Dinge die man nicht kennt

denen gleichen die man kennt dass das was als das Häufigste erscheint auch

das Wahrscheinlichste ist und dass bei widerstreitenden gründen man den Vorzug

dem geben muss der sich auf die größte Zahl gleicher Fälle stützt Allein wenn

man auch nach dieser Regel keine Tatsache annimmt welche im gewöhnlichen Grade

ungewöhnlich und unglaublich ist so hält man doch bei dem weiteren Fortgange

diese Regel nicht fest sondern wenn etwas ganz Verkehrtes und Wunderbares

behauptet wird so wird eine solche Tatsache um so leichter zugelassen und

zwar gerade wegen des Umstandes der den Glauben an sie hindern sollte Die

Leidenschaft für Überraschung und Staunen welche das Wunder befriedigt ist

eine angenehme Aufregung und treibt sichtlich zu dem Glauben der Dinge an

welche sie sich heftet Dies geht so weit dass selbst die welche dieses

Vergnügen nicht unmittelbar genießen und die erzählten wunderbaren Ereignisse

nicht glauben können doch gern an dem Genuss aus zweiter Hand oder durch

Rückschlag Teil nehmen und einen Stolz und ein Vergnügen darin setzen bei

Andern Staunen zu erwecken

    Mit welcher Begierde hört man nicht auf die wunderbaren Geschichten der

Reisenden auf ihre Beschreibung der See und LandUngeheuer auf ihre Berichte

von außerordentlichen Begegnissen seltsamen Menschen und wilden Sitten

Verbindet sich nun noch die religiöse Gesinnung mit dieser Liebe zu Wundern so

hat es mit dem gesunden Verstande ein Ende und menschliches Zeugnis verliert

unter diesen Umständen allen Anspruch auf Glaubwürdigkeit Ein Gläubiger kann

sich begeistern und sich einbilden das Unwirkliche zu sehen er kann wissen

dass seine Erzählung falsch ist und doch um eine so heilige Angelegenheit zu

fordern mit der besten Absicht dabei verharren Selbst da wo solche Täuschung

nicht Statt hat wirkt die durch eine so starke Versuchung geweckte Eitelkeit

mächtiger auf ihn als auf alle Anderen in gewöhnlichen Verhältnissen und ebenso

wirkt sein eigenes Interesse mit gleicher Kraft Seine Zuhörer haben vielleicht

oder haben wirklich nicht die genügende Urteilskraft um sein Zeugnis zu

prüfen sie geben in so erhabenen und geheimnisvollen Dingen grundsätzlich ihr

eigenes Urteil gefangen und selbst wenn sie es gebrauchen wollten stören

Leidenschaft und erhitzte Phantasie dessen regelmäßige Wirksamkeit Ihre

Leichtgläubigkeit erhöht seine Unverschämtheit und seine Unverschämtheit

überwältigt ihre Leichtgläubigkeit

    Die Beredsamkeit auf ihrer Höhe lässt wenig Raum für Verstand und

Nachdenken wendet sie sich aber ganz an die Phantasie und deren Affekte so

nimmt sie die gutwilligen Zuhörer gefangen und überwältigt ihren Verstand

Glücklicherweise wird diese Höhe selten erreicht Was aber ein Tullius und

Demosthenes bei einer Römischen oder Athenischen Versammlung kaum erreichen

konnten das vermag jeder Kapuziner jeder herumziehende oder sesshafte Prediger

über die meisten Menschen und in höherem Maß durch Erweckung dieser groben

und niedrigen Leidenschaften

    Die vielen Beispiele von geschmiedeten Wundern Prophezeiungen und

übernatürlichen Ereignissen die zu allen Zeiten entweder durch Gegenbeweise

entdeckt worden sind oder die sich durch ihre eigene Widersinnigkeit verraten

sind ein genügendes Zeichen für die große Neigung der Menschen zum

Außerordentlichen und Wunderbaren sie genügen um Verdacht gegen alle Berichte

dieser Art zu erwecken Diese hier geschilderte Weise des Fürwahrhaltens zeigt

sich selbst bei den gemeinsten und wahrscheinlichsten Ereignissen So entsteht

zB kein Gerücht so leicht und verbreitet sich namentlich auf dem Lande und in

kleinen Städten so schnell als das über Heiraten zwei junge Leute gleichen

Standes können sich kaum zweimal sehen ohne dass die ganze Nachbarschaft gleich

ein Paar aus ihnen macht Das Vergnügen eine interessante Neuigkeit zu

erzählen zu verbreiten und der Erste dabei zu sein bringt solche Nachricht

schnell herum Dies ist so allgemein dass kein verständiger Mann auf solche

Gerüchte etwas gibt ehe nicht stärkere Beweise sie unterstützen Sind es nicht

dieselben Leidenschaften und andere noch stärkere welche die Masse der Menschen

alle religiösen Wunder mit der größten Heftigkeit und Zuversicht glauben und

erzählen lässt

    Drittens bildet es eine starke Vermutung gegen die Berichte von

unnatürlichen und wunderbaren Ereignissen dass sie hauptsächlich nur unter

unwissenden und rohen Völkern in Menge sich finden Wenn ein gebildetes Volk

dergleichen zugelassen hat so zeigt sich dass es dieselben von unwissenden und

rohen Vorfahren empfangen hat von diesen sind sie mit all der unverletzlichen

Beglaubigung und dem Ansehen überliefert welche sich immer mit alten Meinungen

verbinden Wenn man die Anfänge der Geschichte bei alten Völkern nachliest so

meint man in eine andere Welt versetzt zu sein wo alle Gestalten der Natur

verändert sind und jedes Element seine Wirksamkeit in einer anderen Weise als

gegenwärtig vollbringt Schlachten Revolutionen Pestilenz Hungersnot und

Tod sind da niemals die Wirkungen der uns bekannten Ursachen Wunder

Vorzeichen Orakel Aussprüche verdunkeln vollständig die wenigen natürlichen

Ereignisse die dazwischen eingeschoben sind Da indes dergleichen mit jeder

Seite abnimmt die den aufgeklärten Zeiten näher führt so ersieht man dass das

Wunderbare und Übernatürliche nicht existiert sondern nur aus der bekannten

Neigung der Menschen zum Wunderbaren entspringt Wenn auch diese Neigung

mitunter von den Sinnen und der Wissenschaft einen Schlag erhält so kann sie

doch nie aus der menschlichen Natur ausgerottet werden

    Es ist sonderbar wird ein vorsichtiger Leser bei diesen wunderbaren

Geschichten sagen dass solche wunderbaren Dinge sich jetzt gar nicht zutragen

Aber es ist doch nicht sonderbar meine ich dass die Menschen zu allen Zeiten

lügen Man hat ja genug Proben von dieser Schwäche erlebt man hat gehört wie

Manche von diesen wunderbaren Berichten erst angestaunt und nachdem sie mit

Spott von allen klugen und vernünftigen Leuten behandelt worden zuletzt selbst

von der Menge aufgegeben worden sind Man sei versichert dass diese berühmten

Lügen welche zu einer solchen ungeheuerlichen Höhe verbreitet und

aufgeschwollen sind aus ähnlichen Anfängen entstanden sind sie waren aber in

einen passenderen Boden gesät und wuchsen so zu Ungeheuern auf die beinahe

denen gleichen die sie erzählen

    Es war eine kluge Berechnung des falschen Propheten Alexander der jetzt

zwar vergessen aber einst berühmt war dass er zur ersten Scene seiner

Betrügereien Paphlagonien wählte wo das Volk außerordentlich unwissend und

töricht war und selbst die gröbsten Betrügereien bereitwillig verschlang Leute

in der Ferne welche schwach genug sind die Sache ernst zu nehmen haben keine

Gelegenheit bessere Nachrichten zu bekommen Die Geschichten kommen durch

hundert Nebendinge vergrößert zu ihnen Die Narren beeifern sich den Betrug zu

verbreiten während der kluge und vernünftige Mann in der Regel sich begnügt

den Unsinn zu belachen ohne sich um die besonderen Umstände zu bekümmern durch

die er leicht widerlegt werden könnte So konnte jener Betrüger mit den

unwissenden Paphlagoniern beginnen dann bis zur Aufnahme von Schülern selbst

aus den griechischen Philosophen ja den vornehmsten und ausgezeichnetsten

Männern in Rom vorschreiten Selbst der weise Kaiser Marc Aurel schenkte ihm

insoweit Aufmerksamkeit dass er auf seine lügnerischen Prophezeiungen den

Erfolg eines militärischen Unternehmens baute

    Die Vorteile sind so groß wenn ein Betrug bei einem unwissenden Volke

begonnen wird dass selbst wenn der Betrug zu grob ist um allgemein zu

täuschen was obgleich selten mitunter der Fall ist), er doch eine weit

größere Aussicht auf Erfolg in fernen Ländern hat als wenn die erste Scene in

einer Stadt beginnt die in Kunst und Wissenschaft berühmt ist Die Dümmsten und

Rohsten jener Barbaren tragen das Gerücht nach Außen keiner ihrer Landsleute

hat weitere Verbindungen oder genügendes Ansehen und Zutrauen um dem Betruge zu

widersprechen und ihn niederzuschlagen Die menschliche Neigung zum Wunderbaren

hat volle Gelegenheit sich zu entfalten Und so gilt eine Geschichte welche an

dem Orte wo sie zuerst ausgestreut wurde Jedermann von sich weist in einer

Entfernung von hundert Meilen als gewiss Hätte Alexander seinen Sitz in Athen

genommen so würden die Philosophen dieses berühmten Sammelpunktes der

Gelehrsamkeit ihre Ansicht in der Sache sofort durch das ganze römische Reich

verbreitet haben und diese Ansicht würde durch die Stütze solcher Autoritäten

und durch die Kraft der Vernunft und Beredsamkeit in ihrer Darlegung allen

Menschen die Augen geöffnet haben Allerdings hatte Lucian als er zufällig

Paphlagonien durchreiste eine gute Gelegenheit diesen Dienst zu leisten aber

es trifft sich nicht immer dass jeder Alexander einen Lucian findet der bereit

ist seinen Betrug aufzusuchen und bloß zu legen

    Ich kann noch als vierten Grund gegen die Glaubwürdigkeit der Wunder

anführen dass es selbst für solche die nicht als Betrug entdeckt worden sind

kein Zeugnis gibt dem nicht eine Anzahl anderer Zeugnisse entgegenstände das

Wunder hebt deshalb nicht bloß die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses sondern

dieses sich selbst auf Zu mehrerer Verständlichkeit erwäge man dass in

Religionssachen jeder Unterschied auch ein Widerspruch ist und dass die

Religionen vom alten Rom von der Türkei von Siam und China unmöglich alle auf

festem Grunde errichtet sein können Mithin hat jedes Wunder wovon diese

Religionen erzählen und sie wimmeln alle von Wundern indem es das besondere

System zu dem es gehört begründen will zugleich die wenn auch nur indirekte

Kraft jedes andere ReligionsSystem umzustürzen Mit Umstürzung der anderen

Systeme zerstört es aber auch die Glaubwürdigkeit der Wunder auf welche jene

errichtet waren Deshalb müssen die Wunder der verschiedenen Religionen als

widersprechende Tatsachen gelten und die Beweiskraft derselben sei sie stark

oder schwach hebt die eine die andere auf Folgt man dieser Auffassung so hat

man für den Glauben an die Wunder Mahomeds und seiner Nachfolger das Zeugnis

einiger rohen Araber als Bürgschaft und auf der anderen Seite die

Glaubwürdigkeit von Titus Livius Plutarch Tacitus und aller Schriftsteller und

Zeugen unter den Griechen Chinesen und Katholiken welche die Wunder für ihre

Religion berichten Ich sage man muss ihr Zeugnis ebenso betrachten als

hätten sie die Wunder von Mahomed erwähnt und ihnen mit derselben Bestimmtheit

widersprochen mit der sie ihre eigenen Wunder erzählen Diese Art der

Beweisführung erscheint vielleicht gesucht und spitzfindig aber sie ist in der

That gleicher Natur mit der eines Richters welcher ausführt dass die

Glaubwürdigkeit zweier Augenzeugen eines Verbrechens durch das Zeugnis zweier

anderer aufgehoben werde welche versichern dass der Täter in der Zeit wo das

Verbrechen begangen sein soll fünfzig Meilen davon entfernt gewesen sei

    Eines der best bezeugten Wunder in der ProfanGeschichte ist das was

Tacitus von Vespasian erzählt der einen Blinden in Alexandrien mittelst seines

Speichels und einen Lahmen durch die bloße Berührung seines Fußes heilte in

Folge einer Erscheinung des Gottes Serapis welcher ihnen aufgegeben hatte sich

wegen dieser Wunderkuren an den Kaiser zu wenden Man kann diese Geschichte bei

diesem klassischen Schriftsteller nachlesen 8 Alle Umstände vereinigen sich um

diese Nachricht zu beglaubigen dies könnte mit aller Kraft der Beredsamkeit und

Beweisführung weiter dargelegt werden wenn Jemand noch ein Interesse hätte die

Zeugnisse für diesen erloschenen und götzendienerischen Aberglauben zu

verstärken Dahin gehören der Beruf die Ruhe das Alter und die

Rechtschaffenheit eines so großen Kaisers welcher während seines ganzen Lebens

mit seinen Freunden und Hofleuten vertraulich verkehrte und niemals den

außerordentlichen Schein göttlichen Wesens sich beilegte wie Alexander und

Demetrius Ebenso war der Geschichtsschreiber ein Zeitgenosse und wegen seiner

Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit bekannt er war vielleicht der größte und

scharfsinnigste Kopf des ganzen Altertums und so frei von jeder Neigung zur

Leichtgläubigkeit dass er den entgegengesetzten Vorwurf der Gottlosigkeit und

Weltlichkeit sich zugezogen hat Die Personen auf deren Ansehen er das Wunder

erzählt waren sicherlich von anerkannter Wahrhaftigkeit und Urteilsfähigkeit

sie waren Augenzeugen der Tatsache und wiederholten ihr Zeugnis als die

Flavische Familie die Herrschaft verloren hatte und als Preis der Lüge keine

Belohnung mehr austeilen konnte Alle die dabei waren sagt Tacitus erzählen

es noch jetzt wo die Lüge keinen Lohn mehr zu hoffen hat Nimmt man die

Öffentlichkeit des erzählten Vorganges hinzu so kann es nicht leicht einen

stärkeren Beweis für eine so grobe und offenbare Unwahrheit geben

    Auch der Kardinal von Retz erzählt eine merkwürdige Geschichte die unsere

Aufmerksamkeit verdient Bei seiner Flucht nach Spanien um der Verfolgung

seiner Feinde zu entgehen kam dieser intriguante Staatsmann nach Saragossa der

Hauptstadt von Aragonien wo man ihm in der Kathedrale einen Mann zeigte

welcher sieben Jahre als Türhüter gedient hatte und der jedem Einwohner

welcher in dieser Kirche gebetet hatte wohl bekannt war Er hatte die ganze

Zeit nur ein Bein gehabt aber durch Einreibung des Stumpfes mit heiligem Öl

hatte er das andere wieder bekommen und der Kardinal versichert dass er ihn

mit zwei Beinen gesehen habe Dies Wunder wurde von allen Domherren bestätigt

und die ganze Bürgerschaft wurde zur Versicherung der Tatsache angerufen der

Kardinal fand dass sie bei ihrem frommen Eifer vollständig an das Wunder

glaubten Hier ist der Berichterstatter ebenfalls ein Zeitgenosse des

angeblichen Wunders er ist von ungläubigem und sittenlosem Charakter aber auch

von scharfem Geiste Das Wunder ist so eigener Natur dass ein Betrug kaum

möglich war und die Zeugen waren zahlreich und gewissermaßen Zuschauer der

Tatsache welche sie bekundeten Was aber die Kraft des Beweises noch erheblich

steigert und die Verwunderung über diesen Fall verdoppeln muss ist dass der

Kardinal der sie erzählt sie anscheinend selbst nicht glaubt Man kann ihn

daher nicht als der MitHilfe bei diesem heiligen Betruge verdächtigen Er

urteilte richtig dass um eine solche Tatsache zu verwerfen es nicht gerade

darauf ankomme die Zeugnisse zu widerlegen und ihre Falschheit durch alle Züge

von Leichtgläubigkeit und Schlechtigkeit zu verfolgen welche sie zuwege

brachten Er wusste dass dies schon bei einem geringen Abstande nach Zeit und

Ort unmöglich wird und dass selbst da wo man unmittelbar gegenwärtig ist es

in Folge des Aberglaubens der Unwissenheit Pfiffigkeit und Gemeinheit eines

großen Theiles der Menschen sehr schwer fällt Er schloss deshalb wie ein

vernünftiger Mann dass solche Beweise die Unwahrheit schon auf ihrer Stirne

trügen und dass jedes auf menschliches Zeugnis gestützte Wunder mehr ein

Gegenstand des Spottes als der Widerlegung sei

    Niemals ist eine größere Zahl von Wundern Jemand zugeschrieben worden als

die welche in Frankreich auf dem Grabe des Abt Paris des berüchtigten

Jansenisten geschehen sein sollten mit dessen Heiligkeit das Volk so lange

betrogen wurde Die Heilung von Kranken die Wiedererlangung des Gehörs bei

Tauben und des Gesichts bei Blinden wurden überall als Wirkungen dieses

heiligen Grabes erzählt Aber noch viel wunderbarer ist es dass viele von

diesen Wundern gleich an Ort und Stelle festgestellt worden sind und zwar vor

Richtern von unzweifelhafter Rechtlichkeit auf das Zeugnis von glaubwürdigen

und angesehenen Personen in einem aufgeklärten Zeitalter und auf der

hervorragendsten Schaubühne der jetzigen Welt Dies ist aber noch nicht Alles

Ein Bericht davon wurde gedruckt und überall verbreitet und die Jesuiten waren

nicht im Stande ihn bestimmt zu widerlegen oder den Betrug aufzudecken

obgleich diese gelehrte Körperschaft von der Obrigkeit unterstützt wurde und

eine erklärte Feindin der Ansichten war zu deren Gunsten die Wunder geschehen

sein solltenA10

    Wo gäbe es wohl eine solche Zahl von Umständen die zur Bestätigung einer

Tatsache so zusammenträfen wie hier und was könnte man einer solchen Masse von

Zeugen entgegenstellen wäre es nicht die unbedingte Unmöglichkeit der

wunderbaren Natur der berichteten Ereignisse Aber dies wird sicherlich in den

Augen aller vernünftigen Leute als genügende Widerlegung gelten

    Der Schluss ist nicht richtig dass weil menschliches Zeugnis in gewissen

Fällen von der höchsten Gültigkeit und Kraft ist wenn es zB die Schlacht von

Philippi oder Pharsalus berichtet deshalb jede Art von Zeugnis in allen Fällen

gleiche Kraft und Gültigkeit haben müsse Man nehme an dass die Parteien des

Cäsar und Pompejis jede den Sieg in diesen Schlachten für sich beansprucht

hätten und dass die Geschichtsschreiber jeder Partei ebenso ihrer eigenen den

Vorteil zugeschrieben hätten wie hätte da die Menschheit bei solcher

Entfernung die Entscheidung treffen können Der Widerspruch ist aber ebenso

stark bei den Wundern die Herodot und Plutarch erzählen und die Mariana Beda

und andere Mönche berichten

    Der Weise schenkt einem Bericht nur sehr zweifelhaften Glauben wenn er den

Leidenschaften des Berichterstatters schmeichelt sei es zum Ruhme seines

Landes seiner Familie oder seiner selbst oder im Interesse einer seiner

Neigungen und Schwächen Welche größere Versuchung gibt es aber als für einen

Sendling einen Propheten oder Abgesandten des Himmels gehalten zu werden wer

fürchtet Gefahren und Schwierigkeiten wenn es gilt einen so erhabenen

Charakter zu gewinnen Wenn Jemand mit Hilfe seiner Eitelkeit und erhitzten

Phantasie erst sich selbst zu einem Gläubigen gemacht hat und ernstlich auf die

Täuschung eingegangen ist so wird er vor keiner frommen Betrügerei

zurückschrecken die eine so heilige und verdienstvolle Sache unterstützen soll

    Der kleinste Funke kann hier zur großen Flamme werden weil die Stoffe dazu

immer bereit liegen Das avidum genus auricularum9 die staunende und stierende

Volksmasse erfasst begierig und ohne Prüfung Alles was dem Aberglauben

schmeichelt und Wunder zu Stande bringt

    Wie viele solche Geschichten sind nicht zu allen Zeiten entdeckt und gleich

in ihrer Kindheit ausgemerzt worden Wie viele andere sind nicht für eine Zeit

lang gepriesen worden und dann in Vergessenheit und Vernachlässigung geraten

Wo mithin solche Erzählungen herumgetragen werden da liegt die Lösung des

Vorganges auf der Hand und man bleibt in Übereinstimmung mit den Regeln der

Beobachtung und Erfahrung wenn man sie auf die bekannten und natürlichen

Ursachen der Leichtgläubigkeit und Täuschung zurückführt Und soll man anstatt

zu einer so natürlichen Lösung zu greifen lieber eine wunderbare Verletzung der

festesten Naturgesetze annehmen

    Ich brauche nicht die Schwierigkeit bei Aufdeckung einer Unwahrheit zu

erwähnen welche für Privat und selbst öffentliche Erzählungen schon an dem

Orte besteht wo das Ereignis stattgefunden haben soll sie wird noch grösser

wenn die Scene wenn auch nur um ein Geringes abrückt Selbst ein Gerichtshof

ist trotz seines Ansehens seiner Genauigkeit und Sorgfalt oft in Verlegenheit

wenn er zwischen Wahrheit und Irrtum bei ganz natürlichen Vorgängen entscheiden

soll Aber die Sache kommt nie zum Austrag wenn man sich nur der gemeinen Weise

des Streitens Zankens und den umlaufenden Gerüchten anvertraut vorzüglich

wenn die Leidenschaften auf beiden Seiten sich einmischen

    Während der Kindheit einer neuen Religion halten kluge und gelehrte Leute

die Sache gewöhnlich ihrer Aufmerksamkeit und Berücksichtigung nicht wert

Später wenn sie den Betrug gerne aufdecken möchten um die Menge aus der

Täuschung zu befreien ist die gute Zeit vorüber und die Zeugen und Urkunden

welche die Sache aufklären könnten sind unwiederbringlich verloren

    Keine Mittel der Aufdeckung bleiben dann übrig als die welche aus den

Aussagen der Berichterstatter selbst hervorgehen und welche dem Verständigen

und Unterrichteten genügen aber für das Verständnis der Masse meist zu fein

sind

    Im Ganzen erhellt dass kein Zeugnis für irgend ein Wunder es kaum zur

Wahrscheinlichkeit geschweige zur Gewissheit bringen könne selbst wenn es

möglich wäre würde ihm die andere Gewissheit entgegenstehen welche sich aus

der Natur der Tatsache von selbst ergibt die bewiesen werden soll Nur die

Erfahrung gibt dem menschlichen Zeugnis Glaubwürdigkeit aber dieselbe

Erfahrung vergewissert auch von den Gesetzen der Natur Stehen daher diese

beiden Arten von Erfahrung einander entgegen so kann man nur die eine von der

andern abziehen und entweder die Ansicht der einen oder andern Seite mit der

Zuversicht annehmen welche sich aus dem Überrest ergibt Nach den hier

dargelegten Grundsätzen verwandelt sich bei allen Volksreligionen diese

Subtraktion in eine gänzliche Aufhebung und man kann es daher als Grundsatz

aufstellen dass kein menschliches Zeugnis ein Wunder beweisen und zur

Grundlage eines Religionssystems machen kann

    Ich bitte die hier gemachte Einschränkung nicht zu übersehen wenn ich sage

dass kein Wunder so bewiesen werden kann um zur Grundlage eines

Religionssystems zu dienen Denn ich gebe zu dass sonst vielleicht es Wunder

und Verletzungen des gewöhnlichen Naturlaufs solcher Art geben mag welche durch

menschliches Zeugnis beweisbar sind obgleich es vielleicht unmöglich sein

wird irgend ein solches in einer Geschichtsurkunde aufzufinden So nehme man

zB an dass alle Geschichtsschreiber in allen Sprachen darin übereinstimmten

dass am 1 Januar 1600 eine vollständige Finsternis über der ganzen Erde acht

Tage lang verbreitet gewesen sei man nehme an dass die Überlieferung dieses

außerordentlichen Ereignisses noch im Volke stark und lebendig sei dass alle

aus fremden Ländern zurückkehrenden Reisenden dieselbe Überlieferung brächten

ohne die geringste Veränderung oder Widerspruch so würden offenbar unsere

heutigen Philosophen anstatt die Sache zu bezweifeln sie als gewiss annehmen

und die Ursachen aufsuchen müssen welche sie veranlasst haben könnten Der

Rückgang die Verderbnis und die Auflösung der Natur wird durch so manche

Analogien wahrscheinlich gemacht dass ein nach dieser Katastrophe hin zielendes

Ereignis innerhalb des Beweises menschlichen Zeugnisses fällt wenn die

Bekundungen zahlreich und gleichlautend sind

    Man setze aber alle Geschichtsschreiber Englands stimmten darin überein

dass die Königin Elisabeth am 1 Januar 1600 gestorben sei dass sowohl vor als

nach ihrem Tode sie von ihren Ärzten und dem ganzen Hofe gesehen worden sei

wie bei Personen ihres Ranges dies gebräuchlich ist dass ihr Nachfolger vom

Parlament anerkannt und ausgerufen worden sei und dass Jene einen Monat nach

ihrem Begräbnis wieder erschienen sei den Thron wieder bestiegen und England

noch drei Jahre regiert habe Ich würde dann allerdings über das Zusammentreffen

so vieler Umstände betroffen sein aber nicht im Geringsten geneigt sein ein so

wunderbares Ereignis zu glauben Ich würde den vorgeblichen Tod und das was

sich nachher öffentlich zugetragen hat nicht bezweifeln ich würde nur

behaupten dass der Tod bloß vorgegeben worden sei und kein wirklicher gewesen

sei und gewesen sein könne Man würde mir vergeblich entgegnen dass es schwer

ja unmöglich sei die Welt in einer so wichtigen Angelegenheit zu hintergehen

auch die Weisheit und das sichere Urteil dieser berühmten Königin so wie der

geringe Nutzen den sie aus so einem erbärmlichen Kunststück hätte ziehen

können  Alles das würde mich nur stutzig machen aber ich würde immer

erwidern dass die Schlechtigkeit und Torheit der Menschen so gewöhnliche Dinge

sind dass ich eher an außerordentliche Ereignisse aus deren Zusammentreffen

glauben als eine so offenbare Verletzung der Naturgesetze zulassen könnte

    Hängt aber das Wunder mit irgend einem neuen Religionssystem zusammen so

sind die Menschen zu allen Zeiten durch lächerliche Geschichten der Art so sehr

betrogen worden dass dieser Umstand allein die Täuschung beweisen und dies für

alle vernünftigen Leute genügen würde um nicht allein die Tatsache zu

verwerfen sondern es selbst ohne weitere Prüfung zu tun Sollte auch das

Wesen dem das Wunder zugeschrieben wird in solchem Falle allmächtig sein so

wird letzteres deshalb doch nicht um ein Haarbreit wahrscheinlicher da es für

uns unmöglich ist die Eigenschaften und Handlungen eines solchen Wesens anders

als aus der Erfahrung kennen zu lernen die wir aus deren Äußerungen in dem

gewöhnlichen Laufe der Natur entnehmen Dies nötigt zur Vergleichung früherer

Beobachtungen und Fälle wo menschliches Zeugnis die Wahrheit verletzt hat mit

solchen wo die Naturgesetze durch Wunder verletzt worden sind um zu

entscheiden welches von beiden wahrscheinlicher ist Da nun bei religiösen

Wundern die Verletzung der Wahrheit durch Zeugnis gewöhnlicher ist als bei

andern Gelegenheiten so muss das die Glaubwürdigkeit jener sehr vermindern und

zu dem allgemeinen Entschluss führen ihm niemals Aufmerksamkeit zu zollen sei

es auch noch so sehr mit scheinbaren Vorwänden ausgestattet

    Lord Bacon scheint denselben Grundsatz angenommen zu haben »Man sollte«

sagt er »eine Sammlung oder besondere Geschichte machen von allen Ungeheuern

und wunderbaren Geburten oder Erzeugnissen kurz von allem Neuen Seltenen und

Außerordentlichen in der Natur. Dies müsste aber mit der größten Sorgfalt

geschehen damit man sich nicht von der Wahrheit entferne Vor Allem muss jede

Erzählung als verdächtig gelten welche in irgend einer Weise mit der Religion

zusammenhängt wie die Wunder bei Livius und nicht minder von Allem in den

Schriften über natürliche Magie oder Alchemie und bei solchen Schriftstellern

welche ein unüberwindliches Verlangen nach Unwahrheit und Fabeln verraten«

Novum Organon Buch II Satz 29

    Diese Auffassung gefällt mir um so besser als sie vielleicht jene

gefährlichen Freunde und verkappten Feinde der christlichen Religion verwirren

hilft welche ihre Verteidigung mit Grundsätzen der Vernunft versucht haben

Unsere allerheiligste Religion stützt sich auf den Glauben und nicht auf die

Vernunft und es heißt sicherlich sie gefährden wenn man sie auf eine solche

Probe stellt die sie in keinem Falle bestehen kann Um dies klar zu machen

will ich einige der in der Bibel erzählten Wunder untersuchen Um nicht zu weit

abzuschweifen will ich mich auf die Wunder in den fünf Büchern Mosis

beschränken ich werde sie nach den Grundsätzen jener angeblichen Christen

prüfen also nicht als Gottes Wort und Zeugnis nehmen sondern als den Bericht

eines menschlichen Schriftstellers und Geschichtsschreibers Hier haben wir

zunächst ein Buch was von einem rohen und unwissenden Volke uns überliefert

ist was zu einer noch roheren Zeit und wahrscheinlich nach den erzählten

Tatsachen abgefasst ist es wird durch kein gleichzeitiges Zeugnis bestärkt

und ähnelt den fabelhaften Erzählungen wie sie jedes Volk von seinem Ursprunge

besitzt Beim Lesen zeigt sich dieses Buch voll von Wundern und

Ungeheuerlichkeiten Es erzählt von einem Zustande der Welt und Menschen der

von dem gegenwärtigen ganz abweicht von dem Verlust dieses Zustandes von

Menschen die beinah tausend Jahre alt geworden von der Zerstörung der Erde

durch die Sündflut von einer willkürlichen Erwählung eines Volkes als des vom

Himmel begünstigten dies Volk sind die Landsleute des Verfassers er berichtet

von ihrer Befreiung aus der Knechtschaft durch die erstaunlichsten Ereignisse

Nun bitte ich dass Jeder die Hand auf sein Herz lege und nach einer ernsten

Überlegung erkläre ob nach seiner Meinung die Wahrheit eines solchen Buches

was auf solche Zeugnisse sich stützt nicht außerordentlicher und wunderbarer

sein würde als alle die Wunder die es berichtet Dennoch müsste dies sein wenn

man es nach den oben dargelegten Regeln der Wahrscheinlichkeit zulassen will 

    Was hier von Wundern gesagt worden ist gilt ebenso von Prophezeiungen In

der That sind alle Prophezeiungen wirkliche Wunder und nur als solche können

sie als Beweise für die Offenbarung gelten Überschritte die Vorhersagung

künftiger Ereignisse nicht die Kräfte der menschlichen Natur so wäre es

verkehrt die Prophezeiung als Grund für die göttliche Sendung und das

himmlische Ansehen zu benutzen Hieraus ergibt sich dass überhaupt die

christliche Religion nicht bloß im Anfange von Wundern begleitet war sondern

dass sie auch heutiges Tages von Niemand ohnedem geglaubt werden kann Die

bloße Vernunft vermag nicht uns von ihrer Wahrheit zu überzeugen und wen der

Glaube bestimmt ihr beizustimmen der ist sich eines fortwährenden Wunders in

seiner Person bewusst welches alle Regeln seines Verstandes umstößt und ihn

treibt gerade das zu glauben was der Gewohnheit und Erfahrung am meisten

widerspricht

 
 



                                 




    Ich unterhalte mich täglich mit einem Freunde der skeptische Paradoxen

liebt Obgleich ich vielen seiner Behauptungen nicht beistimmen kann so sind

sie doch interessant und betreffen jene Kette von Beweisen welche in der

gegenwärtigen Untersuchung benutzt worden sind Ich werde sie daher aus der

Erinnerung so genau als ich vermag wiedergeben damit der Leser selbst

urteilen möge

    Ich begann die Unterhaltung indem ich das besondere Glück der Philosophie

bewunderte Sie fordert sagte ich volle Freiheit als ihr höchstes Recht und

erblüht nur aus dem freien Kampfe der Ansichten und Beweise Wie glücklich

daher dass sie zu einer Zeit und in einem Lande der Freiheit und Toleranz zur

Welt kam wo sie selbst bei ihren ausschweifendsten Lehren nie durch

Glaubenssätze Bekenntnisse und Strafgesetze eingezwängt wurde Denn mit

Ausnahme der Verbannung des Protagoras und den Tod des Sokrates welcher zum

Teil andere Veranlassungen hatte gibt es in der alten Geschichte kaum ein

Beispiel von der überfrommen Eifersucht von welcher die jetzige Zeit so zu

leiden hat Epikur lebte bis zu hohem Alter friedlich und ruhig in Athen und

seine Schüler wurden sogar als Priester zugelassen um bei dem Altar und in den

heiligsten Gebräuchen der geltenden Religion mitzuwirken Lucian im Symposian

und Dio Ebenso wurden Gehalte und Pensionen durch die Weisesten der römischen

Kaiser den Lehrern aller philosophischen Sekten zur allgemeinen Anregung

erteilt Wie sehr die Philosophie einer solchen Behandlung in ihrer frühen

Jugend bedurfte kann man daraus abnehmen dass sie noch jetzt wo sie doch

härter und stärker geworden sein muss nur schwer die Rauheit der Zeit und die

auf sie einbrechenden scharfen Stürme der Verleumdung und Verfolgung ertragen

kann

    Sie sehen das als ein Glück der Philosophie an sagte mein Freund was

vielmehr das Ergebnis des natürlichen Laufs der Dinge ist und in keiner Zeit

und bei keinem Volke vermieden werden kann Diese hartnäckige Frömmelei über

welche sie sich beklagen weil sie der Philosophie so verderblich ist sie

entspringt vielmehr aus letzterer selbst verbindet sich mit dem Aberglauben

trennt sich dann ganz von ihrer Mutter und wird ihr ausdauernder Feind und

Verfolger Tiefsinnige Religionssätze welche jetzt so wütenden Streit

veranlassen konnten in den frühesten Zeiten von den Menschen weder begriffen

noch festgehalten werden sie mussten bei ihrer Unwissenheit die religiösen

Vorstellungen ihrer schwachen Fassungskraft anpassen und ihre heiligen

Glaubenssätze nach solchen Erzählungen bilden welche mehr der Gegenstand eines

überlieferten Glaubens als das Ergebnis von Beweisgründen und Streitigkeiten

waren Als daher der erste Schreck vorüber war welcher die neuen Paradoxien und

Grundsätze der Philosophen veranlassten scheinen diese Lehrer im Altertum

immer in großer Eintracht mit dem bestehenden Aberglauben gelebt und die

Menschen zuletzt unter sich verteilt zu haben die ersteren nahmen die

Gelehrten und Gebildeten und der letztere das gemeine ungebildete Volk

    Sie scheinen erwiderte ich die Politik ganz aus dem Spiele zu lassen und

anzunehmen dass eine weise Obrigkeit über gewisse Sätze der Philosophie wie

die des Epikur nicht besorgt zu werden brauche obgleich diese das Dasein eines

Gottes und folglich seine Vorsehung und ein künftiges Leben nicht anerkennen

damit in starkem Maß die Bande der Moralität lockern und deshalb als für den

Frieden der bürgerlichen Gesellschaft gefährlich erachtet werden können

    Ich weiß erwiderte er dass diese Verfolgungen allerdings zu keiner Zeit

von der ruhigen Vernunft ausgegangen sind auch nicht davon dass man die

verderblichen Folgen der Philosophie durch Erfahrung kennen gelernt Sie

entspringen lediglich aus Leidenschaften und Vorurteil Wie aber wenn ich

weiter ginge und behauptete dass Epikur im Falle er durch einen Schmeichler

oder einen Denunzianten des jetzigen Schlages vor dem Volke angeklagt worden

wäre sich leicht hätte verteidigen und beweisen können dass die Sätze seiner

Philosophie ebenso heilig seien als die seiner Gegner obgleich sie mit so viel

Eifer ihn dem öffentlichen Hass und Misstrauen preiszugeben suchten

    Ich wünschte sagte ich Sie versuchten Ihre Beredsamkeit für einen so

ungewöhnlichen Gegenstand und hielten eine Rede für Epikur welche nicht bloß

den Pöbel von Athen befriedigte wenn sie erlauben dass diese alte und

gebildete Stadt einen Pöbel gehabt hat sondern auch dem philosophischeren Teil

seiner Zuhörer welche im Stande waren seine Beweisführung zu verstehen

    Unter solchen Bedingungen erwiderte er ist dies nicht schwer Gefällt es

Ihnen so will ich für eine kurze Zeit mich zu Epikur und Sie zu dem Volk von

Athen machen und solch eine Verteidigungsrede zum Besten geben dass die Urne

nur mit weißen Bohnen sich füllen soll und keine schwarze meine boshaften

Gegner erfreuen soll

    Sehr schön Beginnen Sie unter diesen Voraussetzungen

    Ich komme hierher o Athener um in Eurer Versammlung das zu verteidigen

was ich in meinem Hörsaal gelehrt habe aber anstatt mit ruhigen und

leidenschaftslosen Richtern zu streiten finde ich mich von wütenden Gegnern

angeklagt Eure Beratungen welche von Rechts wegen den Fragen des öffentlichen

Wohles und den Interessen des Staates zugewendet sein sollten werden auf die

Prüfung einer tiefsinnigen Philosophie abgeleitet und diese großartigen aber

vielleicht fruchtlosen Untersuchungen nehmen die Stelle Eurer gewöhnlicheren

aber nützlicheren Beschäftigungen ein Soweit es auf mich ankommt will ich

diesem Missbrauch zuvorkommen Wir wollen hier nicht über den Ursprung der Welt

streiten wir wollen nur untersuchen inwiefern solche Fragen das öffentliche

Interesse berühren und wenn ich Euch überzeugen kann dass sie für den Frieden

des Staates und die Sicherheit der Gesellschaft ganz ohne Bedeutung sind so

hoffe ich Ihr werdet mich gleich in die Hörsäle zurückschicken um dort in

Muße die erhabenste aber auch schwierigste Frage aller Philosophie zu

erörtern

    Die gottesfürchtigen Philosophen begnügen sich nicht mit den

Überlieferungen der Voreltern und mit der Lehre Eurer Priester bei der ich

mich gerne beruhige sondern geben einer voreiligen Neugierde nach und

versuchen wie weit sie die Religion auf die Gesetze der Vernunft zu gründen

vermögen Somit erwecken sie Zweifel anstatt sie zu befriedigen Zweifel die

aus einer sorgfältigen und genauen Untersuchung hervorgehen müssen Mit den

herrlichsten Farben malen sie erst die Ordnung Schönheit und weise Einrichtung

der Welt dann fragen sie ob eine solche glänzende Entfaltung von Einsicht je

aus zufälligen Verbindungen der Atome hätten hervorgehen können oder ob Zufall

das hervorbringen könne was der größte Geist nicht genug bewundern könne Ich

werde die Richtigkeit dieses Grundes nicht untersuchen Ich werde zugeben dass

er so zureichend sei als meine Gegner und Ankläger nur wünschen können Es

genügt wenn ich gerade durch diesen Grund darlegen kann dass diese Frage

durchaus dem tiefem Nachdenken angehört und dass wenn ich in meinen

philosophischen Untersuchungen eine Vorsehung und ein zukünftiges Leben leugne

ich nicht die Grundvesten der Gesellschaft unterwühle sondern nur Grundsätze

geltend mache welche Jene selbst in ihren Beweisen wenn sie konsequent sein

wollen als fest und genügend anerkennen müssen

    Ihr meine Ankläger habt also selbst anerkannt dass der wichtigste oder

einzige Beweis eines göttlichen Daseins was ich nie in Frage gestellt habe

sich aus der Ordnung der Natur ableitet In ihr bestehen solche Zeichen von

Verstand und Absicht dass Ihr es für unsinnig haltet den Zufall oder die

blinde und ungeleitete Kraft des Stoffes als deren Ursache zu behaupten Ihr

gesteht zu dass dieser Beweis von der Beziehungsform der Ursachlichkeit

entlehnt ist Ihr folgert aus der Anordnung des Werkes dass es von einem

Werkmeister entworfen und vorbedacht worden sein müsse Könnt Ihr diesen Punkt

nicht festhalten so erkennt Ihr an dass Euer Schluss verfehlt ist auch wollt

Ihr den Schluss nicht in größerer Ausdehnung ziehen als die Naturerscheinungen

ihn rechtfertigen Dies sind Eure Zugeständnisse Nun merkt auf die Folgen

    Wenn man eine bestimmte Ursache aus einer Wirkung folgert so muss man die

eine der andern anpassen und darf niemals der Ursache Eigenschaften zuteilen

die zur Hervorbringung der Wirkung nicht genau nötig sind Wenn ein Gewicht von

zehn Loth sich in einer Waagschale hebt so beweist das dass das Gegengewicht

von der andern schwerer ist aber der Fall ist kein Grund dass das Gegengewicht

über hundert Loth schwer ist Ist die für eine Wirkung angenommene Ursache

unvermögend sie hervorzubringen so muss man entweder die Ursache verwerfen

oder ihr solche Eigenschaften zusetzen die der Wirkung genau entsprechen Gibt

man ihr aber noch andere Eigenschaften oder die Fähigkeit noch andere Wirkungen

hervorzubringen so gibt man nur dem Spiel der Vermutungen nach und behauptet

ohne Grund und Anhalt bloß nach Belieben das Dasein von Eigenschaften und

Kräften

    Diese Regel gilt ebenso bei dem unvernünftigen und unbewussten Stoff wie

bei vernünftigen und einsichtigen Wesen sofern man sie als Ursachen betrachtet

Wird die Ursache nur aus der Wirkung abgeleitet so darf man ihr nie mehr

Eigenschaften zuteilen als zur Hervorbringung der Wirkung gerade nötig ist

und ebensowenig darf man nach den Regeln der gesunden Vernunft nun wieder von

der Ursache ausgehen und ihr Wirkungen zuschreiben die über die uns bekannten

hinausgehen Niemand konnte wenn er nur ein Gemälde von Zeuxis sah daraus

entnehmen dass er auch ein Bildhauer und Baumeister war und in Stein und

Marmor so geschickt wie in Farben Nur die Talente und der Geschmack der in

dem besonderen Werke vor uns enthalten ist können mit Sicherheit von dem

Künstler ausgesagt werden Die Ursache muss der Wirkung entsprechen und wenn

wir sie ihr genau anpassen so wird man nie Eigenschaften in ihr finden die

weiter führen oder einen Schluss auf neue Absichten und Taten gestatten Solche

Eigenschaften gehen über das hinaus was die untersuchte Wirkung zu ihrer

Erzeugung erfordert

    Räumt man also ein dass die Götter die Urheber von dem Dasein und der

Ordnung der Welt sind so folgt dass sie genau das Maaß von Macht Einsicht

und Güte besitzen was in ihrem Werke enthalten ist aber nichts weiter kann

damit bewiesen werden wenn man nicht die Übertreibung und Schmeichelei zu

Hilfe nehmen will um die Mängel des Beweises und der Begründung zu ergänzen So

weit als die Spuren einer Eigenschaft sich jetzt zeigen so weit kann man auf

das Dasein dieser Eigenschaften Schließen Die Annahme weiterer Eigenschaften

ist reine Willkür und noch mehr die Annahme dass in fernen Räumen und Zeiten

noch eine glänzendere Entfaltung dieser Eigenschaften und eine solche

Einrichtung der Verwaltung gewesen ist oder sein wird welche solchen

eingebildeten Tugenden mehr entspricht Es ist niemals zulässig von der Welt

als Wirkung zu Jupiter als Ursache aufzusteigen und dann wieder abwärts von

dieser Ursache neue Wirkungen abzuleiten als wenn die vorhandenen Wirkungen

nicht ganz dem Wert jener ruhmvollen Eigenschaften entsprächen die wir dieser

Gottheit zuschreiben Wenn die Kenntnis der Ursache nur allein aus der

Kenntnis der Wirkung entlehnt ist so müssen sie genau auf einander passen und

das eine kann nie weiter führen und nicht die Grundlage für neue Schlüsse und

Folgerungen abgeben

    Ihr bemerkt Erscheinungen in der Natur. Ihr sucht nach einer Ursache oder

einem Urheber Ihr meint ihn gefunden zu haben Allmählich werdet Ihr so

verliebt in diesen Sprössling Eures Gehirns dass Ihr meint er müsse noch

Größeres und Vollkommeneres hervorbringen als den gegenwärtigen Schauplatz

dieser Welt die so voll von Übel und Unordnung ist Ihr vergesst dass dieser

höchste Verstand und Güte nur eingebildet sind oder mindestens ohne vernünftige

Grundlage und dass Ihr nicht berechtigt seid ihm weitere Eigenschaften

zuzuteilen als die welche in seinen Werken sich wirklich entfaltet und

wirksam darstellen Lasst deshalb Ihr Philosophen Eure Götter dem

gegenwärtigen Zustand der Natur entsprechen und unternehmt nicht diesen

Zustand durch willkürliche Zusätze zu ändern um ihm die Eigenschaften

anzupassen die Ihr so gern Euern Gottheiten zuteilt

    Wenn Priester und Dichter durch Euer Ansehen o Athenienser unterstützt vom

goldenen oder silbernen Zeitalter sprechen welches dem jetzigen Zustand von

Laster und Elend vorhergegangen sei so höre ich auf sie mit Aufmerksamkeit und

Ehrfurcht wenn aber Philosophen welche das Ansehen der Person nicht gelten

lassen wollen und die Vernunft verehren dieselbe Sprache führen so zolle ich

ihnen wie ich einräume nicht dieselbe gehorsame Unterwürfigkeit und fromme

Hochachtung Ich frage was sie in diese himmlischen Regionen geführt hat wer

sie in den Rath der Götter zugelassen hat wer ihnen das Buch des Schicksals

geöffnet hat um so voreilig versichern zu können dass ihre Gottheiten ein Ziel

über das wirklich Wahrgenommene hinaus vollführt haben oder vollführen werden

Wenn sie mir sagen dass sie mittelst der Stufen oder allmählichen Erhebung der

Vernunft und durch Rückschlüsse von den Wirkungen auf Ursachen zu dieser Höhe

aufgestiegen sind so beharre ich dabei dass sie die Erhebung der Vernunft mit

den Flügeln der Phantasie unterstützt haben sonst hätten sie nicht in dieser

Art ihre Folgerungen ändern und von Ursachen zu Wirkungen übergehen können Sie

setzten voraus dass ein vollkommeneres Werk als die jetzige Welt solchen

vollkommenen Wesen wie den Göttern mehr entspreche und vergaßen dass sie

diesen himmlischen Wesen keine Vollkommenheit oder Eigenschaft beilegen dürfen

die nicht in der jetzigen Welt gefunden wird

    Daher kommt all der fruchtlose Eifer die schädlichen Erscheinungen der

Natur zu rechtfertigen und die Ehre der Götter zu retten während wir doch das

Dasein dieser Übel und Unordnung von denen die Welt überfließt anerkennen

müssen Man sagt uns dass die widerspenstigen und unhandlichen Eigenschaften

des Stoffes oder die Erhaltung der allgemeinen Gesetze oder ein Anderes der

Art allein die Ursache gewesen sei welche die Macht und Güte des Jupiter

beschränkte und ihn nötigte die Menschen und alle lebenden Geschöpfe so

unvollkommen und unglücklich zu schaffen Es scheint also dass diese

Eigenschaften in der weitesten Ausdehnung im Voraus für zugestanden angenommen

worden sind und ich gebe zu dass dann solche Annahmen vielleicht als leidliche

Entschuldigung übler Zustände zugelassen werden könnten Aber ich frage wieder

Weshalb soll man diese Eigenschaften als gewiss annehmen und mehr Eigenschaften

in die Ursache verlegen als in der Wirkung hervortreten Weshalb quält Ihr Euer

Gehirn um den Lauf der Natur unter Voraussetzungen zu rechtfertigen die meines

Wissens nur eingebildet sind und von denen keine Spur in dem Naturlauf

angetroffen wird

    Diese religiöse Hypothese mag deshalb als eine eigentümliche Weise gelten

um die sichtbaren Erscheinungen der Welt zu rechtfertigen aber kein

Verständiger wird daraus irgend einen besonderen Umstand ableiten und die

Erscheinungen im Einzelnen verändern oder vergrößern Wenn Ihr meint dass die

wahrgenommenen Dinge solche Ursachen beweisen so mögt Ihr einen Schluss auf das

Dasein solcher Ursachen ziehen In solchen verwickelten und erhabenen Fragen mag

Jeder sich in Vermutungen und Beweisen frei ergehen Aber hier müsst Ihr

anhalten Wenn Ihr umkehrt und aus Euren gefolgerten Ursachen rückwärts

beweiset dass etwas Anderes in der Natur bestanden habe oder kommen werde was

zur volleren Entfaltung besonderer Eigenschaften diene so erinnere ich Euch

dass Ihr Euch von der dem Gegenstande zukommenden Beweismethode entfernt habt

und der Ursache an Eigenschaften etwas über das was die Wirkung zeigt

zugesetzt habt sonst hättet Ihr niemals in erträglicher und passender Weise der

Wirkung etwas hinzufügen können um sie der Ursache würdiger zu machen

    Wo ist also das Hassenswerte meiner Lehre die ich in meinem Hörsaal

verkündige oder vielmehr in meinen Gärten erörtere Findet Ihr in der ganzen

Frage etwas was das Bestehen der Sittlichkeit oder der gesellschaftlichen

Ordnung und Ruhe im Geringsten gefährdet

    Ihr sagt dass ich die Vorsehung und den obersten Leiter der Welt leugne

welcher den Lauf derselben bestimmt den Lasterhaften mit Schande und

Fehlschlägen straft und den Tugendhaften mit Ehre und Erfolg seiner

Unternehmungen belohnt Aber ich leugne sicherlich nicht den Lauf der Dinge

selbst welcher der Untersuchung und Prüfung eines Jeden offen liegt Ich

erkenne an dass in der jetzigen Ordnung der Dinge die Tugend mit einer größeren

Seelenruhe verbunden ist als das Laster und eine günstigere Aufnahme von der

Welt erhält Ich weiß sehr wohl dass nach dem was man bis jetzt von den

Menschen erfahren hat die Freundschaft der Hauptgenuss des Lebens und die

Mäßigkeit die einzige Quelle von Ruhe und Glück ist Ich schwanke nie zwischen

dem tugend und lasterhaften Leben und weiß dass für ein gutgeartetes Gemüt

aller Vorteil auf der Seite des ersten ist Und was könnt Ihr mit all Euren

Voraussetzungen und Folgerungen mehr sagen Allerdings sagt Ihr mir dass diese

Einrichtung der Dinge aus Weisheit und Absicht hervorgegangen sei Aber möge die

Quelle sein welche sie wolle die Anordnung selbst von der unser Glück und

Elend und folglich unsere Führung und Verhalten im Leben abhängt bleibt immer

dieselbe Es steht immer mir wie Euch frei mein Benehmen nach meiner früheren

Erfahrung zu regeln Und wenn Ihr behauptet dass bei Annahme der göttlichen

Vorsehung und einer höchsten verteilenden Gerechtigkeit im Weltall ich über den

gewöhnlichen Lauf der Dinge noch einen besonderen Lohn für das Gute und Strafe

für das Böse erwarten müsse so finde ich hier dieselbe Täuschung die ich oben

aufgedeckt habe Ihr bleibt bei der Einbildung dass wenn ich jene göttliche

Existenz für welche Ihr so ernstlich streitet zugebe Ihr dann getrost

Folgerungen ziehen und der wahrgenommenen Ordnung der Natur vermittelst der

Euren Göttern zugeschriebenen Eigenschaften etwas zusetzen könnt Ihr vergesst

dass alle eure Beweise nur von Wirkungen auf Ursachen gehen und dass deshalb

jede RückFolgerung von den Ursachen auf die Wirkung notwendig eine große

Täuschung enthalten muss weil Ihr nur das von der Ursache wissen könnt was Ihr

vorher in der Wirkung nicht vermutet sondern deutlich wahrgenommen habt

    Was soll ein Philosoph von den eitlen Schwätzern denken welche nicht den

gegenwärtigen Schauplatz der Dinge zu ihrem alleinigen Gegenstand der

Betrachtung nehmen sondern den Lauf der Natur so ganz verkehren dass ihnen

dieses Leben nur als ein Durchgang zu etwas Weiterem gilt als ein Portal was

zu einem größeren und ganz verschiedenem Bauwerk führt als ein Prolog welcher

das Stück nur einführen und es nur anziehend und passender machen soll Woher

glaubt Ihr dass solche Philosophen ihre Begriffe über die Götter entnehmen

Gewiss von ihrer eigenen Einbildung und Phantasie Denn wenn sie sie von den

gegenwärtigen Erscheinungen ableiteten so kämen sie nicht weiter sondern

müssten sie diesen genau anpassen Dass die Gottheit möglicherweise

Eigenschaften besitze deren Äußerungen wir niemals wahrgenommen haben dass

sie in ihrem Handeln von Grundsätzen geleitet werde deren Geltendmachung wir

nicht entdecken können alles dies kann man getrost einräumen Aber es ist eben

nur Möglichkeit und Voraussetzung Wir haben niemals einen Grund auf eine

Eigenschaft oder auf einen Grundsatz in dem Handeln der Gottheit zu Schließen

deren Äußerung und dessen genügende Verwirklichung wir nicht erkennen

    Gibt es in der Welt ein Zeichen für eine verteilende Gerechtigkeit Wenn

Ihr mit Ja antwortet so Schließe ich dass die Gerechtigkeit wie sie hier

sich äußert auch sich genügt wenn Ihr Nein sagt so Schließe ich dass Ihr

dann keinen Grund habt die Gerechtigkeit in unserm Sinne den Göttern

zuzuschreiben Wollt Ihr Euch in der Mitte zwischen Ja und Nein halten und

sagen dass die Gerechtigkeit der Götter sich jetzt zwar zum Teil aber nicht

in ihrem vollen Umfang äußere so antworte ich dass Ihr kein Recht habt ihr

eine andere Ausdehnung zu geben als in der Ihr seht dass sie selbst jetzt sich

geltend macht

    So bringe ich o Athener den Streit mit meinen Gegnern zu einem schnellen

Ende Der Lauf der Natur liegt offen vor meinen Augen wie vor den ihrigen Die

wahrgenommene Folge der Begebenheiten ist der große Maßstab nach dem wir

Alle unser Benehmen einrichten Nichts weiter kann in das Feld oder in die

Beratung geführt werden Von nichts Anderem darf man im Hörsaal und im Zimmer

hören Unser beschränkter Verstand kann diese Grenze nicht durchbrechen die für

unsere verwöhnte Phantasie zu enge ist Wenn wir aus dem Lauf der Natur den

Beweis entnehmen und eine besondere verständige Ursache folgern welche die

Ordnung in der Welt gründete und forterhält so stellen wir ein Prinzip auf was

sowohl ungewiss als nutzlos ist ungewiss weil es ganz jenseits menschlicher

Erfahrung liegt nutzlos weil unsere Kenntnis dieser Ursache lediglich von dem

Naturlauf abgeleitet ist und wir daher nach den Regeln der gesunden Vernunft

nicht rückwärts von der Ursache neue Folgerungen ableiten und neue Grundsätze

für ihr Benehmen und Führung dadurch gewinnen können dass zu dem gewöhnlichen

und wahrgenommenen Lauf der Natur Etwas hinzugesetzt wird 

    Ich sehe sagte ich wie er seine Rede geendet hatte dass Sie das

Kunststück der alten Demagogen benutzen Da es Ihnen beliebte mich zum Volke zu

machen so suchen sie meine Gunst dadurch zu gewinnen dass sie Grundsätze

verteidigen welchen ich mich wie sie wissen immer gern angeschlossen habe

Aber wenn ich Ihnen gestatte die Erfahrung wie ich denke dass Sie getan zum

alleinigen Maßstab unseres Urteiles über diese und alle andern Tatfragen zu

machen so möchte es doch gerade mittelst der Erfahrung auf die Sie sich

berufen möglich sein die Beweisführung zu widerlegen welche Sie dem Epikur in

den Mund legen Wenn Sie zB ein halb fertiges Bauwerk mit Haufen von Ziegeln

Steinen und Mörteln und allem Maurerhandwerkzeug sehen können Sie da nicht aus

der Wirkung entnehmen dass es ein Werk der Absicht und Überlegung ist Und

können Sie dann nicht rückwärts von dieser erschlossenen Ursache neue Zusätze

für die Wirkung ableiten und Schließen dass das Gebäude bald beendet sein und

alle die weitern Verbesserungen erhalten werde welche die Kunstfertigkeit ihm

erteilen kann Wenn Sie am Meeresufer die Spur eines Fußtapfens sehen würden

Sie nicht Schließen dass ein Mensch diesen Weg gegangen sei und dass er auch

die Spuren von seinem andern Fuß zurückgelassen habe obgleich sie durch das

Spülen des Sandes oder das Überströmen des Wassers verlöscht worden sind

Weshalb wollen Sie also nicht dieselbe Beweisführung für die Ordnung der Natur

zulassen Weshalb wollen Sie nicht die Welt und das jetzige Leben nur als ein

unvollendetes Bauwerk betrachten von dem man auf einen höheren Verstand

schließt und weshalb wollen Sie nicht den Rückschluss von diesem höheren

Verstande der nichts unvollkommen lassen kann auf eine vollkommenere Absicht

oder Plan ziehen der seine Erfüllung in einer entfernteren Zeit und Ort erhalten

wird Sind dies nicht Beweisführungen die einander ganz gleich sind Aus

welchem Grunde kann man deshalb die eine annehmen und die andere verwerfen

    Der ungeheure Unterschied in dem Gegenstand erwiderte er ist ein

genügender Grund für diesen Unterschied in meinen Folgerungen Bei menschlichen

Werken und Einrichtungen ist es gestattet von der Wirkung auf die Ursache zu

Schließen und rückwärts aus dieser neue Folgerungen in Betreff der Wirkung zu

ziehen und die Veränderungen zu prüfen die sie vielleicht erlitten hat oder

noch erleiden wird Denn was ist hier die Grundlage dieser Folgerungen einfach

die dass der Mensch ein Wesen ist das wir aus Erfahrung kennen mit dessen

Beweggründen und Absichten wir vertraut sind und dessen Pläne und Neigungen

eine gewisse Verbindung und Zusammenhang mit den Gesetzen haben welche die

Natur für die Leitung eines solchen Geschöpfes festgesetzt hat Findet man also

dass ein Werk von der Geschicklichkeit und Tätigkeit eines Menschen herrührt

so kann man eine Menge Folgerungen über das daraus ziehen was man von ihm zu

erwarten hat weil die Natur dieses Wesens bereits von anderwärts her bekannt

ist und alle diese Folgerungen sich auf Erfahrung und Beobachtung stützen

Kennte man aber den Menschen nur aus dem einzigen Werke welches man vor sich

hat so wäre es unmöglich in dieser Weise zu Schließen Da alle Kenntnis der

Eigenschaften die man ihm zuteilt in diesem Falle nur aus diesem Werke

abgeleitet würde so könnten sie unmöglich zu etwas Neuem führen und zur

Grundlage neuer Folgerungen dienen Die Fußspur im Sande kann für sich allein

nur beweisen dass ein ihr entsprechender Körper dagewesen ist der sie

hervorgebracht hat aber die Spur eines Menschenfußes beweist außerdem nach

unserer sonstigen Erfahrung dass wahrscheinlich ein zweiter Fuß dagewesen ist

welcher auch eine Spur hinterlassen hat die nur die Zeit oder andere Umstände

verlöscht haben Hier steigen wir allerdings von der Wirkung zur Ursache und

Schließen wieder rückwärts von der Ursache auf Änderungen in der Wirkung Aber

dieses ist keine Fortsetzung derselben einfachen Schlusskette Wir fassen in

diesem Falle eine Menge Erfahrungen und Beobachtungen rücksichtlich der

gewöhnlichen Gestalt und Glieder dieser Art von Geschöpfen zusammen ohne

welches dieses Beweisverfahren als trügerisch und spitzfindig gelten müsste

    Der Fall ist bei unsern Folgerungen aus Werken der Natur nicht derselbe Wir

kennen die Gottheit nur aus ihren Werken sie ist in der Welt nun einmal da und

kann nicht unter eine Art oder Gattung begriffen werden aus deren

wahrgenommenen Eigenschaften und Bestimmungen man mittelst der Ähnlichkeit auf

eine Eigenschaft oder Bestimmung in jener Schließen könnte Da das Weltall

Weisheit und Güte zeigt so folgern wir Weisheit und Güte Da es ein bestimmtes

Maaß dieser Vorzüge zeigt so folgern wir ein solches Maaß derselben was

genau den erprobten Wirkungen entspricht Aber weitere Eigenschaften oder ein

größeres Maaß derselben ist man nach den Regeln des richtigen Schließens zu

folgern oder anzunehmen nicht berechtigt Sind aber solche Annahmen nicht

gestattet so können wir mit der Ursache nicht weiter kommen und keine andere

Zustände in der Ursache folgern als die unmittelbar wahrgenommenen Größere

von diesem Wesen hervorgebrachte Güter müssen einen höheren Grad von seiner Güte

beweisen eine unparteiischere Austeilung von Lohn und Strafe muss aus einer

größeren Berücksichtigung der Gerechtigkeit und Billigkeit hervorgehen Jeder

bloß willkürlich angenommene Zusatz zu den Werken der Natur gibt zwar einen

Zusatz zu den Eigenschaften des Urhebers der Natur da er aber durch keinen

Grund oder Beweis unterstützt ist so kann er nur als leere Vermutung und

Voraussetzung geltenA11

    Die große Quelle des Irrtums und der schrankenlosen Freiheit von

Vermutungen der wir in solchem Falle nachgeben ist dass wir stillschweigend

uns an die Stelle des höchsten Wesens setzen und folgern dass es überall sich

ebenso benehmen werde wie wir selbst es in solcher Lage für ratsam und

vernünftig halten würden Aber schon der gewöhnliche Lauf der Natur belehrt uns

dass beinahe jedes Ding durch Kräfte und Regeln bestimmt wird die von den

unsrigen sehr abweichen und außerdem widerspricht es allen Regeln der

Analogie aus den Absichten und Plänen eines Menschen auf die eines so

verschiedenen und so viel höheren Wesens zu Schließen In der menschlichen

Natur besteht ein bekannter Zusammenhang der Absichten und Neigungen so dass

wenn man aus einem Umstand die Neigung des Menschen entnommen hat es vernünftig

ist nach der Erfahrung weiter zu Schließen und eine lange Reihe von

Folgerungen über sein vergangenes und künftiges Benehmen zu ziehen Aber diese

Schlussweise gilt nicht bei einem so entfernten und unbegreiflichen Wesen

welches den andern im Weltall weniger ähnelt als die Sonne einer Wachskerze

und welches sich nur durch einige schwache Spuren und Züge erkennbar macht über

die hinaus wir ihm keine Eigenschaft oder Vollkommenheit beilegen können Was

wir für eine höhere Vollkommenheit halten kann in Wahrheit ein Mangel sein und

selbst wenn es eine Vollkommenheit wäre so kann man sie doch dem höchsten Wesen

nicht zuteilen wenn ihre volle Äußerung in seinem Werke nicht wahrzunehmen

ist dies würde mehr nach Schmeichelei und Lobhudelei schmecken als nach einem

richtigen Schließen und nach gesunder Philosophie Alle Philosophie der Welt

und alle Religion die ja nur eine Art der Philosophie ist kann uns nicht über

den gewöhnlichen Lauf der Erfahrung hinaus heben oder uns einen Maßstab für

unser Benehmen und Betragen geben der von dem aus der Betrachtung des

gewöhnlichen Lebens entnommenen abweicht Aus der religiösen Hypothese kann

keine neue Tatsache gefolgert kein Ereignis vorher gesehen und vorher

verkündet keine Strafe oder Belohnung gefürchtet oder gehofft werden über das

hinaus was Erfahrung und Beobachtung ergeben Meine Verteidigung des Epikur

bleibt deshalb fest und genügend die politischen Interessen der Gesellschaft

haben keinen Zusammenhang mit den philosophischen Erörterungen über Metaphysik

und Religion

    Einen Umstand erwiderte ich scheinen Sie doch übersehen zu haben Ich gebe

Ihre Vordersätze zu aber ich leugne den Schluss Sie folgern dass religiöse

Lehren und Erörterungen keinen Einfluss auf das Leben haben können weil sie

keinen haben sollen und erwägen nicht dass die Menschen nicht so wie Sie

Schließen sondern Vieles aus dem Glauben an ein göttliches Wesen ableiten und

dass sie annehmen es werde dieses Strafen über das Laster verhängen und den

Lohn der Tugend erteilen über das hinaus was der gewöhnliche Lauf der Natur

ergibt Es ist gleich ob diese Folgerung richtig ist oder nicht der Einfluss

auf ihr Leben und Benehmen bleibt derselbe und wer es unternimmt sie von

diesen Vorurteilen zu befreien ist meines Erachtens wohl ein guter Logiker

aber kein guter Bürger und Politiker denn er befreit die Menschen von einem

Zügel ihrer Leidenschaften und erleichtert ja ermutigt in gewisser Hinsicht

zur Verletzung der bürgerlichen Gesetze

    Nach Allem trete ich Ihnen also in Ihrem allgemeinen Ausspruche zu Gunsten

der Freiheit wohl bei aber aus anderen Vordersätzen als die Sie dazu benutzen

Ich meine der Staat muss jede philosophische Lehre zulassen und es gibt kein

Beispiel dass eine Regierung durch solche Nachsicht in ihren politischen

Interessen gelitten hätte Unter den Philosophen herrscht keine Begeisterung

ihre Lehren sind nicht verlockend für das Volk und man kann ihre Erörterungen

nicht ohne Nachtheil für die Wissenschaften und selbst für den Staat

beschränken denn man ebnet damit den Weg für Verfolgung und Unterdrückung auch

in solchen Dingen bei denen die Menschheit mehr beteiligt und tiefer

interessiert ist

    Indes treffe ich hier fuhr ich fort bei Ihrem Hauptsatze auf eine

Schwierigkeit die ich nur berühre ohne darauf besonderen Werth zu legen damit

wir nicht in zu feine und zarte Erörterungen geraten Kurz ich muss

bezweifeln ob es überhaupt möglich ist eine Ursache aus ihrer Wirkung zu

erkennen wie Sie immer angenommen haben oder dass etwas von so

eigentümlicher und besonderer Beschaffenheit sei dass es keine Vergleichung

oder Analogie mit andern Ursachen oder Dingen gestatte welche in der Erfahrung

je vorgekommen sind Nur wenn zwei Arten von Dingen immer verbunden angetroffen

werden kann man von dem Einen auf das Andere Schließen Ist aber eine Wirkung

ganz eigentümlich und unter keine bekannte Art zu befassen so lässt sich

überhaupt keine Vermutung oder Folgerung in Betreff ihrer Ursache aufstellen

Wenn Erfahrung Beobachtung und Analogie in Wahrheit die einzigen Führer sind

denen man in Erkenntnis der Natur sich anvertrauen kann so muss eine bestimmte

Wirkung und Ursache andern bekannten Wirkungen und Ursachen gleichen die in

vielen Fällen verbunden angetroffen worden sind

    Ich überlasse es Ihrem eigenen Nachdenken den Folgen dieses Grundsatzes

nachzugehen Ich sollte meinen dass wenn die Gegner des Epikur annehmen das

Weltall als eine ganz besondere und unvergleichliche Wirkung beweise das

Dasein der Gottheit also eine nicht weniger eigentümliche und unvergleichliche

Ursache Ihre Bedenken gegen solche Folgerungen sicher alle Berücksichtigung

verdienen Es besteht allerdings eine Schwierigkeit für den Rückschluss von der

Ursache zur Wirkung und für eine Veränderung oder Vermehrung der letzteren

vermittelst Folgerungen aus Vorstellungen über die erstere

 
 



 


    Keine Frage ist philosophisch mehr und häufiger erörtert worden als die über

die Beweise für das Dasein Gottes und die Widerlegung der Irrtümer der

Atheisten Dennoch streiten die frommen Philosophen noch immer ob ein Mensch so

verblendet sein und durch tieferes Denken zum Atheisten werden könne Wie soll

man diese Widersprüche aussöhnen Die fahrenden Ritter welche umherzogen um

die Welt von Drachen und Riesen zu reinigen bezweifelten wenigstens nie das

Dasein solcher Ungeheuer

    Die Skepsis ist noch ein anderer Feind der Religion welcher natürlich den

Unwillen aller geistlichen und ernsten Philosophen erregt obgleich sicherlich

noch Niemand einen so verrückten Menschen getroffen oder mit Jemand verkehrt

hat der gar keine Meinung und gar keinen Grundsatz über irgend etwas

festgehalten hätte sei es im Handeln sei es im Untersuchen Dies veranlasst

natürlich die Frage Was versteht man unter einem Skeptiker Und wie weit kann

dieses philosophische Prinzip des Zweifels und der Ungewissheit getrieben

werden

    Es gibt eine Art von Skeptizismus welcher jedem Studium und jeder

Philosophie vorausgeht Descartes und Andere haben ihn als ein oberstes

Schutzmittel gegen Irrtum und übereiltes Urteilen empfohlen Descartes fordert

allgemeinen Zweifel nicht bloß an unsern früheren Meinungen und Grundsätzen

sondern selbst an unsern Vermögen wir müssen uns nach seiner Meinung von

deren Wahrhaftigkeit vielmehr durch eine Reihe von Gründen vergewissern welche

von einem obersten Prinzip ausgehen das nicht mehr falsch und irreführend sein

kann Aber es gibt weder ein solches ursprüngliches Prinzip was den Vorrang

über andere ebenso selbstverständliche und überzeugende hätte noch könnten

wir wenn es bestände einen Schritt mit ihm tun ohne die Vermögen zu

gebrauchen denen man doch nicht vertrauen mag Die Cartesianischen Zweifel

wären daher wenn sie überhaupt einem Menschen möglich wären was offenbar nicht

der Fall ist) ganz unheilbar und keine Ausführung könnte dann je über irgend

Etwas Gewissheit und Überzeugung verschaffen

    Aber ein solches Zweifeln in mäßiger Weise kann allerdings in einem

verständigen Sinne vorgenommen werden und ist dann eine notwendige Vorbereitung

zu dem Studium der Philosophie Es erhält die Unparteilichkeit des Urteils und

befreit den Geist von den Vorurteilen die er durch Erziehung und vorschnelles

Absprechen eingesogen hat Mit klaren und selbstverständlichen Grundsätzen zu

beginnen mit vorsichtigen und ängstlichen Schritten vorzugehen die Schlüsse

wiederholt zu prüfen und alle ihre Folgen sorgfältig zu überdenken solche

Mittel gestatten allerdings nur einen langsamen und allmählichen Fortschritt in

unserem Systeme aber sie sind der einzige Weg auf dem man hoffen kann die

Wahrheit zu gewinnen und eine angemessene Festigkeit und Gewissheit in unsern

Ansichten zu erreichen

    Es gibt eine Art von Skeptizismus welcher der Wissenschaft und

Untersuchung nachfolgt wenn man entweder das UnbedingtTrügerische der

geistigen Fähigkeiten entdeckt zu haben meint oder ihre Unfähigkeit irgend eine

feste Bestimmung in all jenen interessanten Fragen der Spekulation zu erreichen

für die man sie zu benutzen pflegt Selbst unsere Sinne sind durch eine Gattung

von Philosophen in den Streit gezogen worden und die Regeln des gewöhnlichen

Lebens sind ebenso angezweifelt worden wie die tiefsten Prinzipien und

Folgerungen der Metaphysik und Theologie Da diese paradoxen Sätze im Fall man

sie Sätze nennen will bei einzelnen Philosophen angetroffen werden und Andere

sie zu widerlegen versucht haben so lässt dies nach den Gründen fragen auf die

sich beide stützen

    Ich brauche mich hier nicht bei den allbekannten Gründen aufzuhalten welche

von den Skeptikern aller Zeiten gegen das Zeugnis der Sinne vorgebracht worden

sind sie sind aus der Unvollkommenheit und den bei vielen Gelegenheiten

vorkommenden Täuschungen der Organe hergenommen zB von dem gebrochenen Ruder

unter dem Wasser von dem verschiedenen Aussehen der Gegenstände nach ihrer

verschiedenen Entfernung von den Doppelbildern bei dem Druck des Auges und von

vielen andern Erscheinungen ähnlicher Art Diese skeptischen Gemeinplätze

beweisen nur dass man sich auf die Sinne allein nicht verlassen kann sondern

dass ihr Zeugnis durch die Vernunft und durch Betrachtungen berichtigt werden

muss welche sich aus der Natur des Mediums aus der Entfernung des Gegenstandes

und aus dem Zustande des Organs ableiten nur dann können sie in ihrem Gebiete

als sichere Kennzeichen des Wahren und Falschen gelten Es gibt indes noch

tiefere Bedenken gegen die Sinne die sich nicht so leicht beseitigen lassen

    Offenbar werden die Menschen durch einen natürlichen Instinkt oder eine

Voreingenommenheit getrieben ihren Sinnen zu glauben Ohne alle Beweise und

selbst vor dem Gebrauche der Vernunft nehmen wir schon eine Welt außer uns an

welche nicht von unserer Wahrnehmung abhängt sondern bleiben würde wenn auch

wir und jedes sinnliche Wesen entfernt oder vernichtet würden Selbst die Tiere

werden von der gleichen Meinung geleitet und zeigen in all ihrem Vorstellen

Wollen und Thun diesen Glauben an äußere Gegenstände

    Es ist also offenbar dass die Menschen im Dienste dieses blinden und

mächtigen NaturInstinkts die ihnen durch die Sinne zugeführten Bilder immer auf

äußere Gegenstände beziehen und keinen Zweifel hegen dass das Eine nur die

Vorstellung des Andern sei Von diesem Tische dessen Weiße wir sehen und

dessen Härte wir fühlen glauben wir dass er unabhängig von unserer Wahrnehmung

existiert und dass er etwas außerhalb der Seele ist welche ihn wahrnimmt

Unsere Gegenwart gibt ihm nicht das Dasein und unsere Abwesenheit vernichtet

ihn nicht er bewahrt sein Dasein gleichförmig und ganz unabhängig von der

Stellung verständiger Wesen welche ihn wahrnehmen oder ihn betrachten

    Aber diese allgemeine und ursprüngliche Überzeugung aller Menschen wird

durch eine oberflächliche Philosophie leicht zerstört die uns lehrt dass der

Seele nur ein Bild oder eine Vorstellung gegenwärtig sein könne und dass die

Sinne nur Kanäle seien welche diese Bilder einführen ohne einen unmittelbaren

Verkehr zwischen der Seele und dem Gegenstande zu haben Der Tisch den wir

sehen scheint mit unserer Entfernung kleiner zu werden aber der wirkliche

Tisch welcher unabhängig von uns besteht erleidet keine Änderung es war

deshalb nur sein Bild was der Seele gegenwärtig war Dies sind die offenbaren

Annahmen der Vernunft und kein Denkender hat je bezweifelt dass die

Gegenstände welche wir betrachten wenn wir sagen: dies Haus und dieser Baum

nur Vorstellungen der Seele sind und flutende Bilder oder Darstellungen von

Gegenständen welche gleichförmig und selbstständig bleiben

    Insoweit sind wir durch die Vernunft gezwungen dem ursprünglichen

NaturInstinkt zu widersprechen oder ihn zu verlassen und ein neues System in

Bezug auf das Zeugnis unserer Sinne anzunehmen Hier gerät aber die

Philosophie in große Verlegenheit sobald sie dieses neue System rechtfertigen

und die Einwürfe und den Spott der Skeptiker widerlegen will Sie kann nicht

mehr auf den untrüglichen und unwiderstehlichen NaturInstinkt zurückgehen denn

dieser führt uns zu einem ganz andern System was als unzuverlässig ja als

irrtümlich anerkannt ist und die Rechtfertigung des angeblichen

philosophischen Systems durch eine Reihe von klaren und überzeugenden Gründen

nicht nur der Schein einer solchen Begründung übersteigt alle menschliche

Fähigkeit und Kraft

    Mit welchem Grunde kann bewiesen werden dass die Vorstellungen der Seele

die Wirkungen äußerer Gegenstände seien die zwar ganz verschieden von ihnen

doch ihnen gleichen wenn dies möglich ist und dass sie weder aus der

Wirksamkeit der Seele selbst noch aus der Zuführung eines unsichtbaren und

unbekannten Geistes oder aus irgend einer andern uns noch nicht bekannten

Ursache entspringen Bekanntlich entstehen tatsächlich viele dieser

Vorstellungen nicht von äußeren Gegenständen wie dies im Traume in der Raserei

und andern krankhaften Zuständen der Fall ist. Nichts ist unerklärlicher als die

Art in welcher ein Körper auf die Seele wirken soll um ein Bild von sich einer

Substanz von so verschiedener ja entgegengesetzter Natur zuzuführen

    Es ist eine Tatfrage ob die Wahrnehmungen der Sinne durch äußere ihnen

gleichende Gegenstände hervorgebracht werden Wie will man diese Frage

entscheiden Offenbar durch Erfahrung wie bei allen andern Fragen dieser Art

Aber hier schweigt die Erfahrung und muss es Die Seele hat immer nur die

Vorstellung gegenwärtig und kann nie deren Verknüpfung mit den Gegenständen

durch Erfahrung erreichen Die Annahme einer solchen Verknüpfung hat deshalb

keinen Vernunftgrund für sich Die Zuflucht zur Wahrhaftigkeit eines höchsten

Wesens um daraus die Wahrhaftigkeit unserer Sinne zu beweisen ist ein

überraschender Irrweg Wenn jenes Wesens Wahrhaftigkeit hier überhaupt

beteiligt wäre so müssten unsere Sinne ganz untrüglich sein weil es ja auch

nicht einmal betrügen darf Ich will nicht einmal erwähnen dass wenn die

äußere Welt einmal in Frage steht wir schwerlich Gründe finden werden um das

Dasein eines solchen Wesens oder einer seiner Eigenschaften zu beweisen

    Dies ist daher ein Gebiet in welchem die gründlicheren und tiefer

blickenden Skeptiker immer triumphieren werden wenn sie einen allgemeinen

Zweifel über alle Gegenstände des menschlichen Wissens und Forschens erheben

Wollt ihr dem Instinkt und dem Naturtrieb folgen werden sie sagen und der

Wahrhaftigkeit der Sinne zustimmen Aber diese führen euch zu dem Glauben dass

die bloße Vorstellung oder das empfundene Bild der äußere Gegenstand sei

Verleugnet ihr diesen Grundsatz um die vernünftigere Meinung anzunehmen dass

die Empfindungen nur die Vorstellungen von irgend etwas Äußerlichem seien

Dann verlasst ihr euren Naturtrieb und die unmittelbare Empfindung und könnt

doch eure Vernunft nicht befriedigen welche niemals einen überzeugenden Grund

aus der Erfahrung dafür entnehmen kann dass die Empfindungen mit äußeren

Gegenständen verknüpft seien

    Es gibt noch eine andere ähnliche skeptische Wendung die sich aus der

tiefsten Forschung ableitet und die unsere Aufmerksamkeit verdiente wenn es

nötig wäre so tief zu tauchen um Gründe und Beweise zu entdecken die doch

für einen ernsten Zweck von so geringem Nutzen sind Alle neuern Forscher

erkennen einstimmig an dass die sinnlichen Eigenschaften der Gegenstände wie

Härte Weichheit Hitze Kälte Weiße Schwärze usw nur von mittelbarer

Natur sind nicht in den Dingen selbst bestehen sondern bloß als Vorstellungen

in der Seele, ohne dass ein äußeres Urbild oder Muster ihnen entspricht Wenn

dies für diese Eigenschaften anerkannt wird so muss es auch von den angeblichen

ursprünglichen Eigenschaften der Ausdehnung und Undurchdringlichkeit gelten und

letztere haben nicht mehr Recht auf diesen Namen als die ersteren Die

Vorstellung der Ausdehnung wird nur durch Sehen und Fühlen erworben und wenn

alle von den Sinnen wahrgenommenen Eigenschaften nur in der Seele und nicht in

dem Gegenstande sind so gilt derselbe Schluss auch für den Begriff der

Ausdehnung welcher ganz von den Wahrnehmungen oder Vorstellungen der

mittelbaren Eigenschaften abhängig ist

    Nichts kann uns vor diesem Schlusse schützen als die Behauptung dass die

Vorstellungen dieser Ureigenschaften durch reines Denken gewonnen werden eine

Meinung welche indes bei genauerer Untersuchung als unverständlich ja

widersinnig sich ausweist Eine Ausdehnung welche weder sichtbar noch fühlbar

ist kann nicht gedacht werden und eine fühlbare oder sichtbare Ausdehnung

welche weder weich noch hart weder weiß noch schwarz ist geht ebenso über die

menschlichen Begriffe Ein Mensch soll versuchen sich ein Dreieck überhaupt

vorzustellen welches weder gleichseitig noch ungleichseitig weder in der

Länge noch in dem Verhältnis der Seiten bestimmt ist und er wird bald die

Widersinnigkeit der scholastischen Begriffe von reinem Denken und allgemeinen

Vorstellungen bemerkenA12

    Also beruht der erste philosophische Einwand gegen das Zeugnis der Sinne

oder gegen die Annahme äußerer Gegenstände darauf dass eine solche Meinung

wenn sie auf den NaturInstinkt gestützt wird der Vernunft widerspricht und

wenn sie auf Vernunft gegründet wird dem NaturInstinkt zuwider ist und dabei

keinen genügenden Beweisgrund mit sich führt um einen unparteiischen Forscher

zu überführen Der zweite Einwand geht weiter und zeigt dass diese Meinung

sogar der Vernunft widerspricht wenigstens wenn es als Vernunftsatz gilt dass

alle sinnlichen Eigenschaften nur in der Seele und nicht in dem Gegenstande

seien Nimmt man aber dem Gegenstande alle seine fassbaren Eigenschaften

überhaupt sowohl die ursprünglichen wie die vermittelten so ist er

gewissermaßen vernichtet und es bleibt nur ein gewisses unbekanntes und

unsagbares Etwas als Ursache unserer Wahrnehmungen ein Begriff der so

mangelhaft ist dass kein Skeptiker ihn des Streites wert halten wird

 
 



 


    Es scheint ein übermütiges Unternehmen wenn die Skeptiker die Vernunft

durch Gründe und Beweise widerlegen wollen und doch ist dies das große Ziel

ihrer Untersuchungen und Kämpfe Sie suchen Einwürfe sowohl gegen die reinen

VernunftBeweise wie gegen die welche die Tatsachen und das Dasein betreffen

    Der Haupteinwand gegen alle aus dem bloßen Denken entnommenen Beweise wird

von der Vorstellung des Raumes und der Zeit entlehnt Beides sind Vorstellungen

welche im gewöhnlichen Leben und bei sorgloser Auffassung völlig klar und

verständlich erscheinen aber bei einer gründlichen wissenschaftlichen

Untersuchung deren Hauptgegenstand sie sind führen sie zu durchaus verkehrten

und widersprechenden Folgerungen Es gibt keinen priesterlichen Glaubenssatz

der zur Zähmung und Unterjochung der widerspenstigen Vernunft erfunden worden

und der den unbefangenen Sinn mehr als die Lehre von der unendlichen

Teilbarkeit des Raumes mit seinen Folgen verwirrt so pomphaft sie auch von den

Mathematikern und Metaphysikern mit Triumph und Jubel entwickelt werden Eine

wirkliche Größe die unendlich kleiner ist als jede bestimmte Größe und die

unendlich kleinere Größen als sie selbst in sich enthält und so fort ohne Ende

 das ist ein so dreistes und wunderbares Werk dass jeder Beweis für seine

Unterstützung zu schwach bleibt denn es verletzt die klarsten und natürlichsten

Grundsätze der menschlichen VernunftA13 Was aber die Sache noch mehr

verwickelt ist dass dieser anscheinend widersinnige Satz auf eine Reihe der

natürlichsten und klarsten Beweisgründe gestützt werden kann und dass man die

Vordersätze nicht zugeben kann ohne auch die Folgerung anerkennen zu müssen

Nichts kann überzeugender und genügender sein als die Beweise für alle Lehrsätze

über Kreise und Dreiecke Erkennt man aber diese an so kann man nicht

bestreiten dass der Winkel zwischen der Kreislinie und ihrer Tangente unendlich

kleiner ist als jeder geradlinige Winkel dass ferner bei einer Vergrößerung

des Durchmessers des Kreises ins Unendliche dieser Berührungswinkel immer

kleiner wird und zwar ohne Ende und dass der Berührungswinkel zwischen andern

krummen Linien und ihren Tangenten noch unendlich kleiner sein kann als der

zwischen der Kreislinie und ihrer Tangente und so immer fort ohne Ende Der

Beweis dieses Satzes erscheint ebenso unerschütterlich als der dass die drei

Winkel eines Dreiecks zwei rechten gleich sind obgleich der letztere Satz

natürlich und leicht ist und jener voll Widerspruch und Verkehrtheit Die

Vernunft scheint hier in eine Art von Staunen und Beklemmung versetzt zu sein

auch ohne die Angriffe des Skeptikers kann sie sich selbst und dem Boden auf

dem sie wandelt nicht mehr vertrauen Sie sucht ein helles Licht was bestimmte

Stellen erleuchtet aber dieses Licht grenzt an die tiefste Dunkelheit zwischen

beiden steht sie selbst so verblendet und verwirrt dass sie kaum noch über

irgend Etwas sich gewiss und mit Überzeugung auszusprechen vermag

    Das Widersinnige solcher dreisten Behauptungen der strengen Wissenschaften

wird bei der Zeit wo möglich noch greifbarer als bei dem Raume Eine unendliche

Zahl von wirklichen Zeittheilen die einander folgen und wo einer den andern

vernichtet erscheint als ein so offenbarer Widerspruch dass man meinen sollte

kein Mensch mit gesundem Verstande könnte ihn je zulassen und doch wird er

durch die Wissenschaft bewiesen

    Dennoch kann die Vernunft nicht ruhen und still stehen selbst in Bezug auf

den Skeptizismus in den sie durch diese anscheinenden Widersprüche und

Verkehrtheiten gedrängt wird Es ist völlig unbegreiflich wie ein klarer

Begriff Bestimmungen enthalten könne die ihm selbst oder einem andern klaren

Begriffe widersprechen es ist dies ein so widersinniger Satz als sich nur

erdenken lässt Es gibt daher nichts Skeptischeres nichts Zweifelhafteres und

Bedenklicheres als den Skeptizismus selbst der aus einigen paradoxen Sätzen

der Geometrie oder GrößenLehre entspringtA14

    Die Skeptischen Einwürfe gegen die moralische Gewissheit oder gegen die

Beweise von Tatsachen sind entweder populär oder philosophisch Die ersten

werden aus der Schwäche des menschlichen Verstandes abgeleitet ferner aus den

widersprechenden Meinungen verschiedener Zeiten und Völker aus dem Wechsel

unsers Urteils nach Krankheit und Gesundheit Jugend und Alter Glück und

Unglück aus dem fortwährenden Widerspruch in jedes Einzelnen Meinungen und

Ansichten und aus mancherlei andern Erwägungen gleicher Natur Bei diesen

Einwürfen brauche ich mich nicht lange aufzuhalten sie sind nur schwach Im

gewöhnlichen Leben urteilen wir fortwährend über Tatsachen und Dasein und

können ohne diese Hilfe nicht bestehen deshalb vermögen jene Einwürfe so

verständlich sie auch sind doch diese Überzeugung nicht zu entkräften Was den

Pyrrhonismus oder die auf das Äußerste getriebenen Grundsätze des Skeptizismus

niederschlägt ist das Handeln die Tätigkeit und die Beschäftigung des

gewöhnlichen Lebens In den Hörsälen mögen diese Sätze blühen und triumphieren

wo ihre Widerlegung schwer oder unmöglich ist sobald sie aber die Dämmerung

verlassen und durch die Gegenwart der wirklichen Dinge die unsere

Leidenschaften und Empfindungen erwecken mit den mächtigsten Prinzipien unserer

Natur in Gegensatz geraten verschwinden sie wie Rauch und lassen den

entschiedensten Skeptiker in gleicher Lage wie andere Sterbliche

    Der Skeptiker tut deshalb besser in seinem Gebiete zu bleiben und die

philosophischen Einwürfe darzulegen welche aus der tieferen Untersuchung sich

ergeben Hier hat er reiche Gelegenheit zu Triumphen hier kann er mit Recht

zeigen dass alle unsere Gewissheit über Tatsachen welche über das Zeugnis

der Sinne und das Gedächtnis hinaus liegen sich nur aus der Beziehung von

Ursache und Wirkung ableitet dass man keinen andern Begriff von dieser

Beziehung habe als den von zwei Dingen die häufig mit einander verbunden sind

dass kein Beweisgrund dafür besteht weshalb Gegenstände die erfahrungsmäßig

häufig mit einander verbunden gewesen sind auch in andern Fällen ebenso

verbunden sein werden dass nur die Gewohnheit oder eine Art NaturInstinkt zu

solcher Annahme führt Allerdings kann man solchem Instinkt nur schwer

widerstehen aber er kann wie andere Instinkte täuschen und betrügen Hält

sich der Skeptiker innerhalb dieser Betrachtungen so zeigt er seine Kraft oder

vielmehr seine eigene und unsere Schwäche und zerstört wenigstens zur Zeit

alle Gewissheit und Überzeugung Man könnte diese Erörterung noch weiter

fortsetzen wenn sie zu einem dauerhaften Vorteil oder Nutzen für die

Gesellschaft führte

    Denn es ist der wichtigste und niederschlagendste Einwand gegen den

übertriebenen Skeptizismus dass kein dauerhafter Nutzen aus ihm hervorgehen

könne wenn er sich in seiner vollen Stärke und Kraft erhält Man braucht einen

solchen Skeptiker nur zu fragen was er wolle und was er mit all diesen

sinnreichen Erörterungen beabsichtige Er wird dann sofort in Verlegenheit

geraten und keine Antwort haben Ein Kopernikaner oder Ptolemäer der Jeder

sein eigenes astronomisches System vorträgt kann hoffen seinen Zuhörern eine

feste und bleibende Überzeugung beizubringen Ein Stoiker und Epikureer

entwickelt Grundsätze welche nicht allein vorhalten sondern auch ihre Wirkung

auf Benehmen und Betragen äußeren Aber ein Pyrrhonianer kann von seiner

Philosophie weder einen bleibenden Einfluss auf die Seele erwarten noch dass

dieser Einfluss wenn er Statt hätte ein wohltätiger für die menschliche

Gesellschaft sein würde Im Gegenteil er muss anerkennen wenn er überhaupt

etwas anerkennen will dass wenn seine Grundsätze allgemein und dauernd zur

Herrschaft kämen alles menschliche Leben untergehen müsste Jede Rede jede

Handlung würde sofort erlöschen und die Menschen würden in gänzlicher Betäubung

verharren bis die unbefriedigten Bedürfnisse der Natur ihrem elenden Dasein ein

Ende machten Man braucht allerdings einen so schrecklichen Ausgang nicht zu

fürchten die Natur ist immer mächtiger als das Denken Ein Pyrrhonianer kann

sich und Andere eine Zeit lang durch tiefe Beweise in Staunen und Verwirrung

bringen aber der erste und einfachste Vorfall des Lebens wird alle seine

Zweifel und Bedenken verjagen und ihn im Punkte des Handelns und Beschließens

mit den Philosophen aller andern Sekten so wie mit denen die sich nie mit

philosophischen Untersuchungen abgegeben haben gleich stellen Wenn er aus

seinem Traum erwacht wird er der Erste sein der in das Gelächter über sich mit

einstimmt und der anerkennt dass alle seine Einwürfe nur unterhaltend sind und

nur die launische Natur des Menschen offenbaren Der Mensch muss handeln

folgern und glauben obgleich er trotz der sorgfältigsten Untersuchung sich über

die Grundlagen dieser Tätigkeiten nicht vergewissern noch die gegen sie

erhobenen Einwürfe zu widerlegen vermag

 
 





    Es gibt in der That einen milderen Skeptizismus oder eine akademische

Philosophie die sowohl dauerhaft wie nützlich ist und zum Teil aus diesem

Pyrrhonismus oder übertriebenen Skeptizismus hervorgeht wenn seine maßlosen

Zweifel durch natürlichen Verstand und Überlegung in einem gewissen Grade

berichtigt werden Die meisten Menschen neigen von Natur zu absprechenden und

entschiedenen Aussprüchen sie sehen die Gegenstände nur von einer Seite denken

nicht an die Gegengründe und erfassen so die ihnen zusagenden Grundsätze mit

Heftigkeit und ohne Nachsicht für Die welche anderer Ansicht sind Das Zögern

und Erwägen verwirrt ihren Verstand verstößt gegen ihre Leidenschaften und

hemmt ihr Handeln Sie verlangen deshalb mit Ungeduld aus einem ihnen so

lästigen Zustande herauszukommen und meinen durch Heftigkeit ihrer Behauptungen

und durch Hartnäckigkeit in ihrem Glauben sich nicht weit genug davon entfernen

zu können Könnten solche Leute bei ihrem hartnäckigen Streiten die merkwürdigen

Schwächen des menschlichen Verstandes selbst in seinem vollkommensten Zustande

und in seinen genauesten und vorsichtigsten Bestimmungen bemerken so würden sie

natürlich mit mehr Bescheidenheit und Vorsicht auftreten und es würden die

Überschätzung ihrer selbst und ihre Vorurteile gegen ihre Gegner sich mindern

Der Ungelehrte sollte sich den Zustand des Gelehrten vergegenwärtigen welcher

trotz allen Gewinns aus Studium und Nachdenken in seinen Ansichten meist

vorsichtig bleibt Dagegen werden Gelehrte die von Natur zu Hochmuth und

Hartnäckigkeit neigen durch eine schwache Färbung von Pyrrhonismus in ihrem

Stolze nachlassen wenn man ihnen zeigt dass ihre paar Vorteile über die

Mitarbeiter nur gering erscheinen wenn man sie mit der allgemeinen der

menschlichen Natur anhaftenden Unordnung und Verwirrung vergleicht Sicherlich

sollte ein gewisser Grad von Vorsicht Zweifel und Bescheidenheit bei allen

Arten von Untersuchungen und Entscheidungen den wahren Forscher nie verlassen

    Eine fernere dem Menschen nützliche Beschränkung des Skeptizismus geht aus

den Pyrrhonianischen Zweifeln und Bedenken dann hervor wenn man seine

Untersuchungen nur auf Dinge richtet die zu den schwachen Fähigkeiten des

menschlichen Verstandes sich am besten eignen Die Phantasie des Menschen treibt

von Natur nach Oben sie freut sich an dem Entfernten und Außerordentlichen und

stürzt sich ohne Vorsicht in die fernsten Orte nach Raum und Zeit, um den

gewohnten und allbekannten Gegenständen zu entgehen Ein gesunder Verstand wählt

den entgegengesetzten Weg vermeidet alle weitgehenden und tiefen Untersuchungen

und beschränkt sich auf das gewöhnliche Leben und auf solche Dinge die zur

täglichen Übung und Erfahrung gehören Er überlässt jene erhabeneren Gebiete

den Dichtern und Rednern die sie ausschmücken mögen oder den Künsten der

Priester und Politiker Nichts hilft mehr zu solchem heilsamen Entschluss als

die feste Überzeugung von der Gewalt Pyrrhonianischer Zweifel und dass nur die

Kraft des natürlichen Instinkts davon befreien kann Wer zur Philosophie neigt

wird trotzdem seine Untersuchungen fortsetzen denn neben dem Vergnügen an

solchen Beschäftigungen weiß er dass philosophische Sätze nur die geregelten

und berichtigten Betrachtungen über das gewöhnliche Leben sind aber er wird nie

in die Versuchung kommen darüber hinauszugehen sobald er die Unvollkommenheit

der dazu dienlichen Vermögen ihren engen Bereich und ihre ungenauen Wirkungen

erwägt Wir können keinen genügenden Grund dafür angeben weshalb wir nach

tausend Proben glauben dass der Stein fallen und das Feuer brennen wird wie

können wir daher hoffen irgend eine zufriedenstellende Erkenntnis über den

Ursprung der Welt und den Zustand der Natur von Anfang bis in alle Ewigkeit zu

erreichen

    Diese enge Schranke für unsere Untersuchungen ist in jeder Beziehung so

klar dass schon die oberflächlichste Untersuchung der natürlichen Kräfte der

Seele und ihre Vergleichung mit den Gegenständen genügt sie uns zu empfehlen

Dann wird man erst die wahren und geeigneten Gegenstände der Wissenschaft und

Untersuchung auffinden

    Die einzigen Gegenstände der Vernunftwissenschaft oder der strengen Beweise

scheinen die Größe und die Zahl zu sein alle Versuche diese vollkommene Weise

der Erkenntnis über diese Grenze auszudehnen wird zur reinen Spitzfindigkeit

und Täuschung Da die Theile aus welchen die Größe und die Zahl sich

zusammensetzen einander ganz ähnlich sind so werden ihre Beziehungen

mannichfach und verwickelt und nichts ist unterhaltender und nützlicher als

durch verschiedene Mittel ihre Gleichheit und Ungleichheit in ihren

verschiedenen Erscheinungen zu verfolgen Alle anderen Begriffe sind dagegen von

einander unterschieden und scharf getrennt man kommt deshalb hier selbst bei

der genauesten Nachforschung nicht weiter als zur Erkenntnis dieses

Unterschieds und zu dem selbstverständlichen Satze dass das eine Ding nicht das

andere sei Zeigen sich hier noch Schwierigkeiten so entspringen sie nur aus

dem unbestimmten Sinn der Worte welche durch richtige Definitionen verbessert

werden können Den Satz dass das Quadrat der Hypotenuse gleich ist den

Quadraten der beiden anderen Seiten kann man selbst bei dem genauesten

Verständnis der Worte ohne eine Reihe von Gründen und Betrachtungen nicht

einsehen aber zum Beweis des Satzes dass wo kein Eigentum ist es auch keine

Ungerechtigkeit gibt genügt die Definition der Worte und die Erklärung dass

Ungerechtigkeit in der Verletzung des Eigentums bestehe Ein solcher Satz ist

eigentlich nur eine unvollkommene Definition Ebenso verhält es sich mit den

sogenannten Schlüssen und Beweisen in allen Gebieten des Wissens mit Ausnahme

der Größen und ZahlenLehre welche meines Erachtens getrost als die

alleinigen Gegenstände der Erkenntnis und des strengen Beweisens aufgestellt

werden können

    Alle anderen Untersuchungen beziehen sich nur auf Tatsachen und Dasein

welche offenbar nicht strenge bewiesen werden können

    Was ist kann auch nicht sein Die Verneinung einer Tatsache enthält keinen

Widerspruch Das Nichtsein von Etwas ist ohne Ausnahme eine ebenso bestimmte und

deutliche Vorstellung als das Dasein desselben Der Satz welcher aussagt dass

es nicht ist mag falsch sein aber er ist ebenso begreiflich und verständlich

wie der welcher das Sein aussagt Anders verhält es sich mit den eigentlichen

Wissenschaften Da ist jeder unwahre Satz auch verworren und unverständlich

Dass die Kubikwurzel von 64 gleich ist der Hälfte von 10 ist ein falscher Satz

und kann nicht deutlich vorgestellt werden Aber dass Cäsar oder der Engel

Gabriel oder sonst ein Wesen niemals existiert haben mag falsch sein aber

bleibt immer vollkommen begreiflich und enthält keinen Widerspruch

    Das Dasein eines Dinges kann daher nur durch Gründe bewiesen werden welche

von seiner Ursache oder Wirkung entnommen sind und diese Gründe stützen sich

lediglich auf Erfahrung Beginnt man die Untersuchung a priori so scheint jedes

Ding fähig jedes andere Ding hervorzubringen der Fall eines Steines kann dann

die Sonne verlöschen oder eines Menschen Wunsch den Lauf der Planeten

verändern Nur die Erfahrung lehrt uns die Natur und Grenzen von Ursache und

Wirkung; nur sie befähigt uns von dem Dasein des einen Dinges auf das andere zu

schliessenA15 So verhält es sich mit der Grundlage der moralischen Gewissheit

welche den größten Teil des menschlichen Wissens bildet und die Quelle alles

menschlichen Handelns und Benehmens ist

    Solche Untersuchungen betreffen entweder besondere oder allgemeine

Tatsachen Zu den ersten gehören alle Überlegungen im Leben und alle

Untersuchungen der Geschichte Chronologie Geographie und Astronomie

    Die Wissenschaften welche allgemeine Tatsachen behandeln sind die

Politik die NaturPhilosophie die Physik die Chemie usw wo die

Eigenschaften Ursachen und Wirkungen von einer ganzen Gattung von Gegenständen

untersucht werden

    Die Gotteslehre oder Theologie welche das Dasein einer Gottheit und die

Unsterblichkeit der Seele darlegt ist eine Untersuchung teils von einzelnen

teils von allgemeinen Tatsachen Sie hat eine Grundlage in der Vernunft

soweit sie sich auf Erfahrung stützt aber ihre beste und festeste Grundlage ist

der Glaube und die göttliche Offenbarung

    Die Moral und die Ästhetik sind nicht eigentlich Gegenstände des

Verstandes sondern des Geschmacks und Gefühls Sowohl die moralische wie die

natürliche Schönheit wird mehr gefühlt als begriffen Denkt man über sie nach

und will man einen Maßstab für sie gewinnen so betrachtet man eine neue

Tatsache dh den allgemeinen Geschmack der Menschen oder etwas Ähnliches

was dann den Gegenstand des Nachdenkens und der Untersuchung bilden kann

    Wenn man von solchen Grundsätzen erfüllt die Bibliotheken durchsieht

welche Verwüstung müsste man darin anrichten Nimmt man zB ein theologisches

oder streng metaphysisches Werk in die Hand so darf man nur fragen Enthält es

eine dem reinen Denken entstammende Untersuchung über Größe und Zahl Nein

Enthält es eine auf Erfahrung sich stützende Untersuchung über Tatsachen und

Dasein Nein Nun so werfe man es ins Feuer denn es kann nur Spitzfindigkeiten

und Blendwerk enthalten

 

                                     Ende