1740_Loen_redlMann.html




        
                            Johann Michael von Loën
                           Der Redliche Mann am Hofe
                                    Oder die
                      Begebenheiten des Grafens von Rivera
        In einer auf den Zustand der heutigen Welt gerichteten Lehr und
                               StaatsGeschichte
                                   Vorbericht
Gegenwärtige Blätter sind in gleicher Absicht als die Begebenheiten des
Telemachs des Cyrus und des Getos geschrieben ob sie gleich in der Art des
Vortrags so weit davon abgehen als die jetzige Welt von der alten unterschieden
ist Der Verfasser beschreibet hier die Menschen wie sie heut zu Tage sind und
wie er selber hat Gelegenheit gehabt sie kennen zu lernen
    Er hat den Hof als die größte Schule der Welt zu seinem vornehmsten
Schauplatz gemacht andere Stände und LebensArten aber gleichsam als
ZwischenSpiele mit eingeführet damit ein jeder Leser etwas finden möchte das
er sich zueignen könnte Die Laster und Torheiten der Menschen haben nicht
allein etwas trauriges sondern auch etwas lächerliches Ein Heraclytus hatte
ehedessen solche beweinet und ein Democritus belachet Der Verfasser scheint
hier bald der Ernsthaftigkeit des einen bald der Munterkeit des andern zu
folgen und sich in Ansehung des letztern nach dem Geschmack solcher Leute zu
richten die nur zum bloßen Zeitvertreib lesen und denen auf eine andere Art
keine Wahrheit nicht wohl beizubringen ist
    Im menschlichen Leben kommen allerhand Umstände vor der Verfasser hat hier
meistens solche Personen aufgeführet die durch ihr Exempel lehren Der Graf von
Rivera zeigt einer jungen StandesPerson wie sie bei den Erhebungen ihres
Glückes sich mäßigen und ihre Begierden einschräncken soll Er kann in einer so
durchaus verdorbenen Welt vielleicht zum Muster der Unschuld und der Redlichkeit
dienen Dergleichen Menschen sind heutiges Tages rar Man glaubt nicht mehr
dass sich die Tugend noch für artige Leute am wenigsten aber dass sie sich an
Hof schicke Es ist auch wahr dass sie da insgemein eine gar schlechte Figur zu
machen pflegt Die Aufführung des Grafens von Rivera zeigt uns nichts desto
weniger dass sie allenthalben zu Hause sei und dass wo sie nur ein wenig
Klugheit begleitet sie alle und jede Menschen zu ihrer Verehrung zwinget
    Man sieht in dem Charakter der Gräfin von Monteras eine junge Dame von
einer hohen und zärtlichen GemütsArt die eine Krone verachtet um einem
Kavalier ihre Gunst vorzubehalten welchen sie derselben seiner Tugenden halber
am würdigsten schätzet
    Der Einsiedler gibt ein lebhaftes Beispiel von einem ruchlosen Menschen
welcher durch eine außerordentliche Gnade ist bekehret worden und welcher
daher auch im Stand ist die besten Lehren zu geben
    Der Herr von Riesenburg hat dem Ansehen nach etwas leichtsinniges und
flatterhaftes im Grund aber das beste Hertz und eine würckliche Liebe zur
Tugend
    Der Herr von Greenhielm hingegen zeigt etwas gründliches und ernsthaftes
welches zugleich mit einer besonderen Anmut und Lebhaftigkeit begleitet ist
man sieht in seiner Jugend einen Eifer die Welt und die Menschen zu kennen und
in seinen reiffen Jahren
 
                                     Inhalt
                            Inhalt des ersten Buchs
Der Graf von Rivera wird an den Aquitanischen Hof beruffen er entdecket darüber
seine Zweifel dem Herrn von Bellamont welcher ihm solche benimt und durch die
Erzählung seines Lebens ein Beispiel gibt dass man auch durch die
Auffrichtigkeit in der Welt sein Glück machen könnte Der Graf begibt sich darauf
nach Hof findet aber an demselben eine solche Unordnung dass ihm darüber bange
wird Er verirret sich auf einem Spatziergang in einem Wald und kommt zu einem
frommen Einsiedler
                            Inhalt des andern Buchs
Der Einsiedler erzählt seinen LebensLauf Einige Bubenstücke die er verübet
jagen ihn aus seinem Vaterland er begibt sich nach Licatien in KriegsDienste
ersticht einen im Zweikampf und flüchtet nach Aquitanien er kommt durch seinen
Verstand bei Hofe empor missbrauchet ihn aber zu allem Bösen Er vergibt seiner
Frauen mit Gift und verliebt sich darauf in eine tugendhafte Dame welche die
erste Gelegenheit zu seiner Bekehrung ist Er verlässt endlich den Hof fällt in
große Anfechtungen wird von einem Franciscaner zurecht gewiesen und gibt
Anlass zu Erbauung der Königlichen Einsiedelei
                           Inhalt des dritten Buchs
Der König von Aquitanien verliebt sich in die junge Gräfin von Monteras Diese
aber hatte sich schon von dem Grafen von Rivera einnehmen lassen sie erzählt
diese Begebenheit ihrer GesellschaftsFräulein der Graf von Rivera der auf
gleiche Art sich von ihr gerühret fand entdecket an dem König seinen Mitbuhler
Die Gräfin begibt sich auf ihr LandGut nach Prato der König besucht sie
daselbst in Begleitung des Grafens von Rivera Die Hertzogin von Salona eröffnet
einer listigen Frauen Namens Korinna ihre Liebe für den Grafen von Rivera
welche ihr verspricht denselben in ihre Hände zu spielen
                           Inhalt des vierdten Buchs
Der König sendet den Grafen von Rivera als seinen vertauten nach Prato zu der
Gräfin von Monteras der Graf aber wird von ihr auf die Erwähnung des Königs
ziemlich verächtlich empfangen und von einem KammerDiener des Königs
ausgelauret dieser verrät den Grafen bei dem König dass er darüber in Ungnade
fällt und nach der Vestung Rozzomonte gebracht wird Welchen Zufall die Gräfin
von Monteras sich dergestalt zu Gemüte zieht dass sie darüber heftig
erkrancket
                           Inhalt des funften Buchs
Der Graf wird von dem Kommendanten auf der Vestung wohl empfangen und trifft
allda eine lustige Gesellschaft an Korinna tut unterdessen dem Hertzogen von
Sandilien einen Vorschlag den Grafen an die Hertzogin von Salona zu vermählen
um dadurch dem König die Eyfersucht zu benehmen der Hertzog williget darein
und lässt dem Grafen durch den Herrn von Ridelo den Vortrag tun welcher aber
mit allen seinen Vorstellungen nichts bei ihm ausrichten kann
                           Inhalt des sechsten Buchs
Der Graf von Rivera kommt in Bekanntschaff mit dem Freiherrn von Riesenburg
dieser erzählt seine Begebenheit wie er auf der Reise nach Monaco sich in die
Fräulein von Turris verliebet sie vom Kloster abwendig gemacht sich mit ihr
versprochen darauf aber ihren Bruder der diese Heirat nicht zugeben wollte im
Zweikampf erschossen hätte
                          Inhalt des siebenden Buchs
Der König wird von neuem auf den Grafen erzörnet da er vernimmt dass er sich zu
der vorgeschlagenen Heirat nicht verstehen will er suchet deswegen den Grafen
heimlich aus dem Weg zu schaffen und befiehlt dem Graf Lesbo seinem ältesten
Generalen denselben im Krieg der größten Gefahr auszusetzen der Graf wirbt ein
eigen Regiment und führt darin eine treffliche KriegsZucht ein Der General
Lesbo sucht ihm darauf allerhand Schlingen zu legen aus welchen ihn aber die
Vorsehung rettet der General erstickt im Morast auf der Flucht Der Graf im
Gegenteil erhält die völlige Ehre des erfochtenen Sieges Der Freiherr von
Riesenburg rettet ihm das Leben und der Graf dasjenige eines feindlichen
Befehlhabers Welche drei zusammen darauf sich nach Hof verfügen
                            Inhalt des achten Buchs
Unterwegs erzählt der Herr von Greenhielm als des Grafens Gefangener seinen
LebensLauf er findet bei einer seiner Basen eine Zusammenkunft der andächtigen
Leute seine Schwester eröfnet ihm ihre LiebesGeschicht mit ihres Pachters
Sohn der Herr von Greenhielm störet deswegen die Versammlung dieser
ScheinFrommen er führt mit seiner Basen ein nachdenckliches Gespräch von der
wahren Frömmigkeit und erzählt hernach seine getane Reisen seine Beforderung
bei Hofe und seine mit einer Dame unglücklich ausgeschlagene Liebe
                           Inhalt des neundten Buchs
Der Freiherr von Riesenburg erzählt die Begebenheit seines Hofmeisters Der
Graf von Rivera kommt nach Hofe und findet den König kranck er beredet ihn auf
die Einsiedelei zu gehen und bringt ihn durch die Mäßigkeit und durch die
Bewegung wieder zurecht Er führt dabei ein Gespräch mit dem alten Einsiedler
über die Ergötzlichkeiten dieses Lebens etc etc
                           Inhalt des zehenden Buchs
Der Graf verreiset nach Licatien um den Frieden mit dem König dieses Namens zu
schließen Unterwegs kommt er auf ein Dorf wo Kirchweih ist und findet
daselbst die Gräfin von Monteras die Umstände davon wie auch die bisherige
Begebenheiten dieser Gräfin werden erzählt Der Graf eröffnet seine
FriedensVorschläge dem König von Licatien welcher aber den Grafen damit an
seinen StaatsMinister verweiset der Graf kann bei diesem nichts ausrichten und
bedienet sich deswegen anderer Wege um zu seinem Zweck zu gelangen
                           Inhalt des eilften Buchs
Der Graf reist nachdem er den Frieden mit den Licatiern zu Stande gebracht zu
dem Fürsten von Argilia und besiehet den von ihm nach einer vernünftigen und
Christlichen Policei errichteten neuen Ort Christianopolis Der Graf findet im
Gasthause einen verunglückten Kaufmann er rettet ihn von der Verzweiffelung und
komt darauf als ein Artz nach Hof
                          Inhalt des zwölfften Buchs
Der Herr von Güldenblech als ein verunglückter Kaufmann erzählt dem Grafen
seinen LebensLauf er wird in aller Weichlichkeit erzogen und hernach auf hohe
Schulen geschickt Seine Mutter als eine adeliche von Geburt beredet seinen
Vater ihm ein Rittergut zu kauffen die wilde Aufführung der LandJuncker ist
ihm zu wider Die Annehmlichkeiten des StadtLebens bewegen ihn seines Vaters
Handlung zu übernehmen ohneracht aber dass er mit seiner Frauen ein großes Gut
zusammen gebracht so geht solches doch in kurtzer Zeit durch seine kostbare
Hausshaltung und durch die viele Missbräuche welche er weitläuftig erzählt
dergestalt zusammen dass er nach einiger dabei gehabten UnglücksFällen
banckerut wird
                         Inhalt des dreizehenden Buchs
Der Graf erscheinet als ein Königl Abgesandter an dem Argilischen Hof und gibt
sich der Fräulein von Turris als ein Vertrauter von ihrem Geliebten zu
erkennen Die Prinzessin und die Fräulein finden den Grafen den andern Morgen im
Garten diese erzählt ihre Begebenheiten und wie sie an den Argilischen Hof
gekommen wär Der Fürst hält einige nachdenckliche Gespräche mit dem Grafen
worauf ihm dieser seine Absichten wegen der Prinzessin seiner Tochter
entdecket
                         Inhalt des vierzehenden Buchs
Der Graf kommt wieder nach Aquitanien er zeigt dem König verschiedene
Bildnüsse rühmet aber die Schönheit der Prinzessin von Argilia vor allen Der
König geht nach Aquana um solche zu sehen Verräterei eines Fürsten von Kön
Haus der dem Herzog von Sandilien mit Gift vergeben wollte Dieser verspricht
seine Base dem Grafen welcher mit dem König nach Aquana verreiset der König
verliebt sich in die Prinzessin von Argilia Das Beilager wird auf dem Lande in
einem gräfl Schloss gehalten und die Liebe des Hn von Riesenburg und der
Fräulein von Turris wird dabei mit glücklich gemacht
                        Inhalt des fünffzehenden Buchs
Der Ritter von Kastagnetta erzählt dem Graf seine sonderbare Begebenheiten
dessen vernünftige u tugendhafte Erziehung die Zärtlichkeit seines Vaters für
ihn vermehren die Missgunst seines Bruders er geht nach Hof und wird in den
Geschäfften des ersten StaatsMinisters gebraucht Die großmütige Neigungen in
der Liebe und in der Freundschaft bringen ihm Unglück er verwundet den Sohn
des ersten StaatsMinisters in einem gezwungenen Duell Kommt auf seines Vaters
Schloss da dieser eben seinen Geist hatte aufgegeben und geht nach Sizilien
Er bekommt ein Kommando auf der See wird als ein Gefangener nach Tunis
gebracht gewinnet die Gunst des Bay unterredet sich mit ihm vom christlichen
Glauben und erhält endlich dessen Tochter welche aber kurtz darauf in Sizilien
stirbt Er verheiratet sich zum andernmahl aber unglücklich und verlässt
darauf den Hof seine Frau und Sizilien
                        Inhalt des Sechszehenden Buchs
Der König hält mit der neuen Königin in Panapolis einen prächtigen Einzug und
erblickt an einem Fenster die Gräfin von Monteras der Graf hat eine starke
Partei gegen sich und entfernet sich deswegen eine Zeitlang von Hofe Er sucht
die Alpiner welche zu ihm ihre Zuflucht genommen hatten in ihren innerlichen
Misshelligkeiten aus einander zu setzen wobei die üble Ratschläge eines
Bürgerlichen Regiments und ihre unglückliche Folgen vorgestellt werden
                        Inhalt des Siebenzehenden Buchs
Der Graf gewinnet bei Hof die zwei geschickteste StaatsBediente welche ihm
bisher entgegen waren dessen Heurat mit der Gräfin von Monteras wird fest
gestellt Ein lächerlicher Zufall zwischen ihr und dem König beschleuniget
solche Der Graf bezeiget seine Großmut gegen den jungen Edelmann welcher
bisher in seinen Diensten gestanden hatte und freiet ihm die Fräulein von
Bellamont Dieser Edelmann erzählt dem Grafen die Geschichten seiner Vorfahren
Ihrer beider Vermählung geschiehet zugleich auf einen Tag und der Graf erhält
die Würden Güter und Titul des Hertzogs von Sandilien
 
                   Die Begebenheiten des Grafens von Rivera
                                  Erstes Buch
Es wohnte nächst an den Adriatischen SeeKüsten ein junger Graf Namens Menander
von Rivera Die Natur hatte ihm alle große Eigenschaften gegeben welche einen
Menschen über andere erheben Er war von einer überaus angenehmen Bildung von
einer etwas mehr als mittelmäßigen Länge und durchaus schön gewachsen Aus
seinen Augen blitzte so viel Anmut als Ernst Wer ihn sah der fand sich von
etwas gerühret er konnte einem nicht wohl gleichgültig sein Man musste mit ihm
die Annehmlichkeiten teilen wenn er vergnügt war und man empfand nicht minder
eine gewisse Unruh wenn man ihn leiden sah So künstlich flößte die Natur
dasjenige andern ein was bei ihm die Gerechtigkeit und Liebe wirkten Er war
nicht allein in den Wissenschaften des Staats sondern auch in der WeltWeisheit
und schönen Künsten gründlich gelehrt Sein Verstand war zu allem aufgelegt er
besaß so viel Witz als Einsicht und Uberlegung er hatte dabei das beste Herz
und dessen Neigungen waren um so viel reiner und tugendhafter weil sie durch
eine verborgene Gottesfurcht regieret wurden
    Nachdem er einige fremde Länder gesehen und darauf eine Zeitlang sich an dem
Aquitanischen Hof aufgehalten hatte zog ihn die Begierde zu den Studien wieder
nach seiner Herrschaft zurück Er hatte bereits ein Jahr darauf in süssester
Ruhe zugebracht als der König von Aquitanien sich seiner erinnerte und ihn
verlangte bei sich an Hofe zu haben Er übersandte ihm zu dem Ende den güldnen
Schlüssel und machte ihn zu seinem wirklichen KammerHerrn
    Dieses war den Absichten des Grafens ganz entgegen Er liebte die Freiheit
die Bücher und das LandLeben Die Göttliche Vorsehung aber lässt nicht leicht
große Gemüter geboren werden ohne sich ihrer zu wichtigen Sachen in der Welt
zu bedienen Sie hatte den Grafen von Rivera zu einem Werkzeug bestimmet einen
lasterhaften Hof zu verbessern und ein ganzes Reich glücklich zu machen
    Doch wie der Graf wenig von sich selber hielt so waren ihm auch
dergleichen hohe Absichten von Seiten der Vorsehung verborgen Er wurde also
über diesen unverhofften Beruf bestürzt und konnte sich nicht entschließen
sein angenehmes LandLeben zu verlassen Was soll ich sprach er bei sich
selbst am Hofe machen wo man derjenigen Einfalt spottet die ich liebe und wo
Man keine Sitten für verächtlicher hält als die nach der Redlichkeit und Tugend
schmecken O nein geliebtes Feld du vergnügest mich mehr als aller unruhige
Pracht des Hofs und als alle gezwungene Hoheit deiner blinden Anbeter
    In diesen zweifelhaften Gedanken ließ sich der Graf ein paar Pferde sattlen
und ritt in Begleitung eines Dieners nach dem Schloss des Herrn von Bellamont
welches ungefehr zwo Stunden von dem seinigen entfernet lag Dieser Kavallier
war schier von Jugend auf bei Hofe gewesen und besaß nebst der dabei erlangten
Erfahrung alle Eigenschaften eines klugen und aufrichtigen Mannes Der Graf
liebte ihn als seinen Vater er fand ihn längst dem Ufer des Meers in tiefen
Gedanken Er warf sich ihm um den Hals da dieser ihn noch kaum hatte auf sich
zukommen sehen Der Herr von Bellamont empfand darüber einen angenehmen
Schrecken er gab dem Grafen seine Freude über dessen Ankunft mit den
lebhaftesten Ausdrücken zu erkennen und führte ihn darauf nach seinem
WohnSitz
    Man wird nicht leicht in der Welt ein so bequemes LandHaus und eine so
lustreiche Gegend finden man komt dahin durch einen breit ausgehauenen Weg der
einen kleinen Wald durchschneidet Sehr hohe Bäume bedecken den Hof von Seiten
des Mittags In dessen Eingang zeigt sich ein zwar niedliches aber doch nicht
gar kostbares Gebäude welches von hinten nach der AbendSeite über einen
abhängigen LustGarten eine entzuckende Aussicht in die offene See entdecket
    Der Herr von Bellamont brachte den Grafen in einen Saal dessen Fenster bis
zur Erden reichten ein mit grünen Wasen und kraussen Bux zierlich
durchschlungener PomerantzenGarten stieß hier bis an die breite Schwellen des
Saals das sprudelnde Geräusch einiger durch Kunst geleiteten WasserRöhren
welche sich teils in kleine Kumpen von Alabaster teils in einen großen
Behälter mit einem süßen Gemürmel ausstürzten schien diesen stillen Ort
gleichsam zu beleben
    Hier entdeckte der Graf dem Herrn von Bellamont dass ihn der König nach Hofe
berufen und zu seinem KammerHerrn ernannt hätte und dass er deswegen zu ihm
gekommen war in einer so wichtigen Sache sich seines guten Rahts zu bedienen
Der Herr von Bellamont schien über diese Nachricht verwundert zu sein der
König sprach er hat bisher nur lasterhafte und wilde junge Leute geliebt was
ist ihm ankommen dass er den Grafen von Rivera bei sich haben will Er befahl
darauf seinen Leuten ihn mit dem Grafen allein zu lassen und nur ein kleines
AbendEssen für sie beide aufzutragen
    Die Sonne war bereits hinter den Gebirgen Ein lieblichfalbes Grau
schimmerte auf den unbegränzten Tiefen des Oceans Auf dem Lande war es finster
doch glänzte noch auf den Gipfeln der Berge ein Goldgelbes mit Purpur
vermengtes Licht welches nach und nach in rote Strahlen sich verwandelte und
seine Klarheit auf der andern Seite des Horizonts abdruckte Es wurde Nacht Die
Sterne loderten mit einem funckelnden Schein Der Mond stieg als eine feurige
Kugel aus dem weiten Busen des Meers und warf seine auf den Fluten spielende
Strahlen in einer schiessenden Länge bis an das Ufer
    Niemals hatte noch der Graf von Rivera einen lebhaftern Eindruck von der
Schönheit der Natur bei sich empfunden O mehr als angenehmes Land fing er
darüber seufzend an auszurufen O süßes FeldLeben soll ich dich verlassen
Der Herr von Bellamont lachte über diese lebhafte Entzückung des Grafens Meinen
sie denn Herr Graf sagte er der Hof habe nicht auch seine Annehmlichkeiten
Bilden sie sich ein dass die Sonne dort nicht so schön unterging oder dass der
Mond mit weniger Anmut den dunklen ErdenKreis beleuchtete Solten sie nicht
noch andere Belustigungen allda finden welche diejenige die man auf dem Lande
hat noch weit übertreffen Halten sie die schöne Künste und Wissenschaften die
daselbst bis zur Vollkommenheit getrieben werden wie auch die Schauspiele die
Aufzüge dem Umgang mit allerhand Menschen nebst unzehligen Veränderungen und
Lustbarkeiten für eitel solche Dinge die ein Weiser verachten müsse Ich
glaube fuhr der Herr von Bellamont fort wir können hierinnen leicht zu
ernstaft und zu gezwungen sein Man verschmähet insgemein aus Hochmut was
andere preisen Man will sich über alle äußerliche Dinge hinaus setzen und
dadurch die Größe seines Geistes zeigen dessen ganze Tugend doch öfters nur
darin bestehet dass er sich selbst gefällt und deswegen alles andere gering
schätzet was nicht zu seiner eigenen Erhöhung dienet Wie glücklich wären wir
nicht wenn wir in allen Dingen nur das Böse absonderten und das Gute allein uns
zu Nutz zu machen wüssten
    Also raten sie mir fragte hierauf der Graf den Herrn von Bellamont dass
ich dem Beruf des Königs folgen und mich nach Hof begeben soll Allerdings
erklärte sich dieser So sehr ich auch von den Annehmlichkeiten ihres bisherigen
Umgangs eingenommen bin und so wehrt mir auch ihre Freundschaft ist deren
Genuss ich einigermaßen durch dero Abwesenheit verliehren muss so kann ich doch
mit gutem Gewissen ihnen solches nicht wohl abraten Gott hat ihnen allem
Ansehen nach so große und besondere Gaben als sie besitzen nicht zu dem Ende
verliehen dass sie solche auf ihren Gütern vergraben sollen Ich merke allzu
deutlich dass sie zu etwas größeres geschaffen sind Es ist wahr sprach der
Herr von Bellamont weiter das LandLeben hat etwas überaus süßes für einen
Geist welcher die Unschuld die Freiheit und die Ruhe liebt Allein wenn alle
tugendhafte und geschickte Leute nur bloß auf ihre eigene Vergnügung denken und
auf dem Lande leben wollten wer würde in der Welt durch seine Beispiele andere
erbauen Wer würde den Ausbrüchen der wildesten Laster Einhalt tun Wer würde
den Hof das Land und den Staat regieren helfen helfen Ich bin zwar nicht der
Meinung fügte der Herr von Bellamont hinzu dass man sein eigenes Vergnügen
dabei aus den Augen setzen müsse Ich habe vielmehr gefunden dass diese Art zu
denken insgemein einen verborgenen Hochmut zum Grunde hat und die sicherste
Heuchler zu machen pfleget Es ist nichts natürlicher und den Absichten des
Schöpfers gemässer als dass ein jeder Mensch seine Glückseligkeit zu befördern
sucht Es gibt aber auch zugleich einige große Gemüter die das mit für ihre
Glückseligkeit halten wenn sie andre können helfen glückselig machen Man
nennet solche Leute Helden und es ist gewiss dass ihr Eifer von dem Himmel
selbst entzündet wird Man sieht sie mit einem tapfern Mut wider die Bosheit
und Tyrannei sich waffnen und für die Rechte der Menschheit streiten Man
sieht sie immer geschäfftig den einreissenden Unordnungen zu steuren und den
allgemeinen Wohlstand des Staats zu befördern Sie tun desgleichen mein
wertester Herr Graf sie gehen nach Hof sie bewerben sich um die Gunst des
Königs Er hat sich von den Lastern einnehmen lassen machen sie dass er zurück
kehre und die Tugend liebe Mit diesen und dergleichen Gesprächen verbrachten
diese beide Herren den Abend mit dem größten Vergnügen
    Nach einigen Tagen besuchte der Herr von Bellamont nebst seiner Gemahlin und
dessen noch unerwachsenen einzigen Sohn den Grafen und dessen Frau Mutter zu
Rivera Der Graf war ihnen die Hälfte des Wegs entgegen gefahren Er saß auf
einem offenen Wagen den zwei Apfelgraue Hengste zogen welche er selbst
regierte Es war noch nicht Mittag Der Graf nachdem er seine Gäste auf das
freundlichste empfangen hatte bat den Herrn von Bellamont sich zu ihm auf sein
leichtes Fuhrwerck zu setzen und dessen Frau Gemahlin mit einem jungen Vettern
den er bei sich hatte voraus fahren zu lassen
    Bevor ich sie sprach der Graf zu dem Herrn von Bellamont zu meiner Frau
Mutter bringe wird es ihnen gefallen mir noch eine Schwierigkeit zu benehmen
die mich zweifeln macht ob ich noch bei dem Vorsatz nach Hofe zu gehen
verharren soll Bei Hofe muss man sich zu verstellen wissen Ich kann solches
nicht ich mag mir auch die größte Gewalt von der Welt antun meine wahre
Empfindungen zu verbergen sie brechen aus meinen Augen und ich kann mir nicht
so viel Herz geben eine Umwahrheit standhaftig vorzubringen
    Dieses ist in der Tat, sagte der Herr von Bellamont eine GemütsArt die
sich nach der gemeinen Meinung nicht wohl nach Hofe schicket allein ich
unterstehe mich zu behaupten dass diejenige die sich in der Welt der größten
VerstellungsKünste gebrauchen sich öfters noch in weit verdriesslichere
Umstände gebracht sehen als diejenige die gerad durchgehen und sich der
Aufrichtigkeit befleissen Mein eigenes Exempel kann solches einigermaßen
bezeugen Ich hatte von Natur eine solche GemütsArt die beinahe allen den
Schwachheiten unterworfen war durch welche die Menschen sich unglücklich
machen Mein Herz stunde allen Leidenschaften offen ich war empfindlich
leichtsinnig wollustig und ein großer Plauderer ich urteilte frei von allen
Dingen ich mochte sie verstehen oder nicht Ich liebte einen munteren Scherz und
den Umgang mit allerhand Leuten Ich hielte jedermann für aufrichtig und hatte
keine Geheimnisse Wer mit mir umging der wusste schier alles was ich dachte
was ich liebte und was ich suchte Bei allem dem verriet ich niemalen was mir
andere vertraueten und aller meiner Leichtsinnigkeit ungeacht so war niemand
der besser sein Wort hielt und ehrlicher zahlte Viel Leute bedienten sich
dieser meiner Redlichkeit zu ihrem Vorteil doch da meine Sachen so beschaffen
waren dass ich mehr Hilfe bei andern suchen musste als andere von mir erwarten
konnten so war mein Verlust selten von einiger Bedeutung
    Solten sie wohl glauben dass eine so einfältige und bis zur Schwachheit
getriebene Aufrichtigkeit mein Glück gemacht hätte weil ich nach den auf hohen
Schulen erlernten Wissenschaften keine meiner Geburt anständige Bedienung für
mich finden konnte so entschloss ich mich KriegsDienste zu nehmen Polemon ein
so großer General als geschickter StaatsMann nahm mich auf und schenckte
mir eine Fahne Ich war nicht lang unter seinem Regiment als er von mir auf
eine Art sprechen hörte die ihn neugierig machte mich näher zu kennen Er
nötigte mich deswegen öfters bei sich zur Tafel und ich hatte noch kein Jahr
gedienet so bekam ich schon mit der Stelle eines UnterHauptmanns die
Anwartung auf eine Kompagnie Dises war nicht genug Polemon so klug er auch
immer war wurde dennoch von seinen Leuten sehr hintergangen dieses verdross ihn
überaus Er meinte wenn er nur einen redlichen Menschen bei sich hätte dem er
seine Sachen anvertrauen könnte er wollte ihn wie sein eigen Kind halten
    Ich hatte das Glück ihm zu gefallen meine Redlichkeit schien ihm keinen
Argwohn zu geben Er nahm mich zu sich Ich hatte an ihm einen großen
Wohltater aber auch zugleich einen scharfen Zuchtmeister Er ließ mich wenig
von sich befahl mir schweigen zu lernen und junger Leute Umgang so viel es
der Wohlstand litte zu meiden Er besorgte immer sie mögten meiner GemütsArt
missbrauchen und mich zu allerhand Ausschweifungen verleiten
    Ich bekam bald darauf eine Kompagnie und endlich nachdem ich in die funf
Jahr bei ihm gewesen war seine einzige Tochter zur Ehe Es wurde Frieden mein
Schwiegervatter begab sich auf sein LandGut welches ich noch jetzo mit meiner
Frauen bewohne Er hatte damahlen einen Bruder bei Hofe er wollte durch ihn mein
Glück befördern er schickte mich mit seiner Tochter dahin Kinder sagte er zu
uns geht suchet noch dem König und dem Staat zu dienen es ist noch zu früh
für euch die Ruh zu wählen Wir reisten also nach Hof Unser Vetter war schon
alt empfing uns freundlich und weil er keine Kinder hatte so nahm er uns zu
sich ins Haus
    Es währte nicht lange so bat er den König ihn seiner Dienste zu entlassen
und mir dessen Stelle zu geben Der König bewilligte solches Ich wurde also
OberAufseher der Königlichen Gebäude und LustHäuser Ich verwaltete dieses Amt
biss in die zwanzig Jahr Ich bediente mich dabei keiner andern Politic als
meiner natürlichen Aufrichtigkeit ich entbehrte lieber etwas an meinen
Einkünften als dass ich mich im geringsten durch den Genuss gewisser Vorteile
hätte in Verdacht setzen sollen Meine Feinde deren ich wenig hatte und solche
weniger noch kante fanden also keine Gelegenheit mir zu schaden Ich mengete
mich in keine fremde Händel ich schlug mich zu keiner Partie ich diente dem
König allein ich schmeichelte keinem Menschen und zeigte öfters gewissen Leuten
eine etwas raue Stirne wenn sie mich in ihre Banden mit einflechten wollten und
ich ihrer nicht anders als durch mein trockenes Bezeigen los werden konnte
    Sie sehen hier mein wertester Herr Graf einen Hofmann der durch eine den
Höfingen so ungewöhnliche Aufführung sich an einem sonst schlüpfrigen Hof
länger in Günst gehalten hat als andere mit allen ihren Verstellungen und
Künsteleien Ich verheiratete endlich meine älteste Tochter an den Herrn von
Ridelo und erhielte für meinen Tochtermann eben diejenige Vorteile welche mir
ehedessen der alte Vetter übertragen hatte
    Ich genieße nunmehr der Ruh aus dem Lande allwo ich gleichsam zwischen
der Welt und dem Himmel einen MittelStand finde Ich suche mir darinnen die
Angelegenheiten der einen gering und die Bestrebung nach dem andern desto
wichtiger zu machen Meine Feinde haben mich vergessen und meine Freunde haben
meiner nicht mehr nötig Meine Frau und mein noch unerwachsener Sohn nebst
seinem Lehrmeister sind mir zur Gesellschaft genug meine beide Töchter werden
sie zu Panopolis antreffen Wenn man alles in der Welt hätte was man wünschte
so würden sie so weit nicht reisen müssen ihnen diejenige Freundschaft zu
erkennen zu geben damit sie bisher ihren Vatter beehret haben
    Der Graf von Rivera war durch diese Erzählung des Herrn von Bellamont in
seinen redlichen Absichten nicht wenig gestärket er umarmte denselben indem er
ihm und seinem Haus eine beständige Freundschaft schwur
    Sie waren nicht weit mehr fortgefahren so kamen sie in eine Gegend wo die
Natur schiene ihre seltsamste Schönheiten vereiniget zu haben Man sah von der
einen Seiten hohe Gebirge welche unten mit wilden Sträuchen und Gebüschen
bewachsen waren und oben einen kahlen mit allerhand färbigten Steinen bedeckten
Wipfel zeigten Man entdeckte darzwischen tiefe Abgründe und fürchterliche
Hölen wo hin und wieder grose überhängende Stücke Felsen sich abzureissen und
in Grund zu werfen droheten Auf der andern Seiten stürzte sich ein WasserFall
von einer steilen Höle als ein lichter Strahl herunter der hernach über
verschiedene Abhänge mit einem sanften Rauschen sich fortwälzte und endlich
nach einem schlänglichten Umschweif in ein liebliches Tal sich ergosse wo man
in einer halbstündigen Entfernung den schönen WohnSitz des Grafens von Rivera
auf einem flachen LandStrich liegen sah
    Der Graf hatte hier am Fuß der Gebirge unter den weit sich ausstreckenden
Ästen einer alten Ulmen ein offenes Gezelt aufschlagen lassen wo dessen Frau
Mutter und beide Gräfinnen Schwestern der neu ankommenden Gesellschaft
erwarteten Die Gemahlin und der junge Sohn des Herrn von Bellamont waren
bereits da angekommen Die alte Gräfin nachdem sie diese ihre Gäste auf das
freundlichste empfangen hatte gab darauf dem Herrn von Bellamont ihr
Missvergnügen zu erkennen dass er ihren Sohn beredet hätte nach Hof zu gehen Er
entschuldigte sich darüber so gut er konnte Ich erkenne mich gnädige Frau
sagte er in so weit straffällig ich habe dem Herrn Sohn den Rat gegeben der
wahren Ehr und dem Trieb seiner eigenen Tugend zu folgen ich leide aber selbst
darunter weil mich dessen Entfernung der angenehmsten Gesellschaft beraubet
die ich bisher bei meinem LandLeben genossen habe
    Hierauf kamen auch die beide junge Gräfinnen und baten den Herrn von
Bellamont mit denen beweglichsten Gebehrden ihrem Herrn Bruder einzureden dass
er sie nicht verlassen möchte Er wusste sich nicht anders von ihnen losszuwickeln
als dass er ihnen sagte sie hätten ihren Herrn Bruder nicht recht lieb weil sie
ihm sein Glücke nicht gönneten Das ist wohl ein großes Glück versetzte darauf
die älteste Gräfin mit einem verächtlichen Ton hier ist mein Bruder sein
eigener Herr und bei Hof muss er einen Diener abgeben hier steht ihm alles zu
Gebott und dort muss er selbst gehorsamen hier ist er sicher und von uns allen
geliebt und dort schwebet er in täglicher Gefahr gehasst und verfolgt zu
werden Nein nein geliebter Bruder setzte sie mit Tränen in den Augen hinzu
wir lassen euch nicht weg unser Vergnügen ist mit dem eurigen so genau
verbunden dass wir nicht ruhig sein können so lange wir wissen dass ihr in
Gefahr lebt Der Graf schien von den lebhaften Vorstellungen seiner Schwester
gerührt er veränderte aber deswegen sein Vorhaben nicht seinem Beruf zu folgen
und nach Hofe zu gehen
    Das Gespräch wurde darauf allgemein Man setzte sich zur Tafel zwei Jäger
stießen in ihre krumme Hörner wo der Wiederhall ihre Töne nicht allein
nachstimte sondern auch halb verloren wieder zurück brachte Sie
verwechselten solche mit einer neu erfundenen Art von FeldSchalmeien
derenheller Laut zugleich zärtlich und durchdringend war Ein sanftes Murmeln
des nah vorbeifliessenden Bachs welcher zwischen Rohr und Steinen
durchrieselte schiene die gekünstelte Töne der Blasenden noch zu übertreffen
Die stille Bewegungen der hier sich selbst belustigenden Natur verdienten noch
mehr Aufmerksamkeit Von weitem braussete der von den Bergen sich herabstürzende
WasserFall Die in den Gebüschen versteckte Vögel vermengten damit ihre muntere
Kehlen und besangen gleichsam die Ehre des Schöpfers und die Schönheit der
Natur Unsere Zuhörer vergaßen nicht ein so unschuldige Ergötzlichkeit zu
preisen sie beklagten nur die Entfernung ihres geliebten Grafens welche sie
nun als unvermeidlich vor sich sahen
    Man verbrachte auf solche Art nach dem Mittagsmahl noch einige Stunden in
dieser angenehmen Einöde Endlich brach die Gesellschaft auf und begab sich
zusamen nach Rivera Der Herr von Bellamont seine Gemahlin und sein Sohn
hielten sich daselbst einige Tage auf und genossen bei der höflichsten
Bewirtung alle Lustbarkeiten und Veränderungen die man sich an einem so
angenehmen Ort und in der besten Gesellschaft von der Welt versprechen konnte
    Endlich kam die Zeit herbei da der Graf von Rivera seine Reise nach
Panopolis antrat Der Abschied war beweglich er kostete so wohl der alten
Gräfin als ihren beiden Töchtern mehr als tausend Tränen Der Herr von
Bellamont begleitete ihn bis auf das erste Nachtlager Sie schieden voneinander
nachdem sie sich nochmahlen die verbindlichste Versicherungen einer
immerwährenden Freundschaft gegeben hatten
    Der Graf kam glücklich nach Panopolis und trat bei dem Herrn von Ridelo dem
SchwiegerSohn des Herrn von Bellemont ab Dieser sowohl als dessen Gemahlin
empfiengen den Grafen als ob er einer ihrer nächsten Anverwandten wär Der Herr
von Ridelo war kein Mann von großem Ansehen er war einfältig von Gemüt aber
durchdringend von Verstand er redete wenig was er aber sagte war voller Geist
und Nachdenken Er kam nicht nach Hofe als wann ihn seine Geschäffte dahin
forderten Seine Frau hingegen war von einem sehr aufgeräumten Gemüt Sie
liebte die Gesellschaft und alle erlaubte Belustigungen sie schien für die
Menschen ihr Mann aber nur für weise Menschen geschaffen zu sein Ihre
Schwester die junge Mariana war eine von den wachsenden Schönheiten die bei
einem stillen und eingezogenen Wesen doch weder Mangel an Feuer noch Geist
hatte
    In dieser angenehmen Gesellschaft sah sich der Graf von Rivera beständig
so lang er zu Panopolis war die verschiedene GemütsArt dieser dreien Personen
vereinigte sich für denselben in einerlei Hochachtung
    Der Graf begab sich gleich nach seiner Ankunft zu dem König er küsste mit
Demut den Saum seines Rocks dankte ihm für die Gnad dass er ihn zum
Kammerherrn ernennet hatte und wünschte dass demselben seine Dienste angenehm
sein mögten Der König empfing ihn mit der größten Leutseligkeit er sagte dass
er sich selbst seiner erinnert und geglaubt hätte dass eine Person von seinen
Verdiensten so wohl ihm als dem Staat nützlich sein konnte
    Der König war von Natur nicht ganz bösartig Er war zu keinem Tyrannen
geboren Er hatte viel gute Eigenschaften sie waren aber durch eine üble
Erziehung verdorben worden er war der Unordnung der Schwelgerei und den
Wohllüstigen ergeben Er meinte nur deswegen König zu sein um seinen Begierden
desto freier nachzuleben Die RegierungsLast schien ihm zu beschwehrlich Wenn
er in einem Morgen zehen bis zwanzigmal seinen Namen unterzeichnen sollte so
waren dieses allzugrosse Bemühungen für einen König der in den Gedanken stunde
die Lust der Krone sei für ihn und die Last der Regierung für seine Räte
    Der Herzog von Sandilien dessen oberster StaatsMinister hatte alle große
Eigenschaften die ins Auge fallen und bei andern Ehrfurcht und Hochachtung
erwecken Er war von einer ansehnlichen Gestalt und hatte etwas grossmütiges
und glückliches in seiner Bildung seine Gebehrden waren edel und ungezwungen
er war dabei überaus prächtig und wusste sich ungemein wohl zu kleiden Es
mangelten ihm aber diejenige Wissenschaften die zu einem großen
StaatsMinister erfordert wurden Er erhielte sich auf diesem hohen Posten durch
seinen Eifer für den König und durch seine Gefälligkeiten für andere Er ließ
einen jeden tun was er wollte wo zwei StaatsBedienten sich über einige
Vorteile entzweiten da wurde die Sache durch ihn auf Unkosten des Staats
beigelegt Er lenkte sich zu keiner Partei sondern suchte das Haupt von allen
zu sein Auf solche Weise war einer jeden an seiner Erhaltung gelegen
    Die KriegsLeute liebten ihn weil er ihnen viel Freiheit und Mutwillen
verstattete Die StaatsRäte und HofBedienten waren durchgehends mit ihm wohl
zufrieden weil er von ihnen keine Rechenschaft forderte und einem jeden in
seiner Verrichtung freie Hand ließ Die Geistlichkeit verehrte an ihm einen
guten Christen weil er in ihre GlaubensHändel sich nicht mischte Die
Gelehrten auf hohen Schulen fanden auch nichts an ihm auszusetzen weil er ihnen
gute Besoldungen gab und die Dichter die von der Schmeichelei leben müssen
reimten sich ihm zu Ehren fast zu tode weil er ihnen für ihre LobSprüche
stattliche Geschenke reichen ließ
    Nur der Staat litte allein das Land wurde bei Hof verzehret und der
Landmann durch die schwere GeldErpressungen ganz entkräftet begunte an
etlichen Orten den Pflug zu verlassen und sich teils aufs Plündern teils
aufs Bettlen zu legen Die Pachter und Beamten aber welche das arme Volk wie
die BlutIgeln aussogen schleppten ihre feiste Wänste und gefüllete Beutel in
die Städte und wurden zu des Landes Verderben vornehme Herren Schifffahrt und
Handlung lagen darnieder Die Schulden wurden nicht bezahlt der Kauffmann musste
seine Waren borgen und die Handwerker verprassten auf den Sonn und FestTägen
was sie an den Werktägen verdienten
    Den Soldaten war die Zeit und sie dem Staat zur Last sie waren bloße
Müßiggänger und wenn sie etwas taten so geschahe solches zu ihrem und anderer
Leute Verderben Der junge Adel lebte in der größten Uppigkeit wer das Herz
hatte wider alle Gesetze zu handeln und mit der Religion sein Gespött zu
treiben der wurde für den besten Edelmann gehalten
    In den GerichtsHöfen sah es jämmerlich aus viel tausend Wortfechter und
Kausenmacher nährten sich auf Unkosten der unglückseligen Parteien das Recht
selbst wurde durch sie in eine unendliche Verwirrung gebracht das Geld und die
Geschenke trieben allein auf einen günstigen Spruch
    In den Tempeln regierte die eingebildete Weisheit der Schriftgelehrten bis
zum Aberwitz an statt das Volck zu erbauen und zu Gott zu führen zankte man
darin um Meinungen und Auslegungen die niemand verstunde Einige unlehrsame
Köpfe welche diese Mängel sahen wollten es besser machen sie warfen sich
selbst zu neuen Aposteln auf und verließen deswegen als widerspenstige Schafe
ihre stolze Hirten sie schimpften und schmähten auf die äußerliche Kirche
nannten solche einen Götzendienst versammleten sich in ihren Häusern und gaben
Gelegenheit zu allerhand Unordnungen und Schwärmereien Kurz die Unordnung
herrschte in allen Ständen es war schier weder Treu noch Tugend noch Glauben
mehr unter den Einwohnern von Panopolis
    Der Graf von Rivera sah dieses er wurde darüber tiefdenkend ein
angstliches Grauen überfiel seinen sonst standhaften Mut Warum sprach er bei
sich selbst hab ich mein ruhiges Landleben verlassen was soll ich hier bei
Hofe machen Soll ich mich auf diesem gefährlichen Strohm mit fortreißen
lassen Soll ich meinen Eifer für das gemeine Wesen soll ich meine Unschuld und
Liebe zur Tugend zeigen Armseliger Graf was würdest du damit ausrichten man
würde deiner spotten Du bist noch zu jung andere zu unterrichten und dem König
Ratschläge zu geben Wirst du auch den süßen Reizungen der Lüste an einem Hof
widerstehen können wo man nur darauf sinnet die Begierden recht anzufeuren und
ihnen alle Nahrung zu geben Wird dich deine Ehrsucht nicht verleiten wird sie
nicht alles entschuldigen und gut heißen was dem König gefällt damit du bei
ihm dich einschmeicheln und in Gunst setzen mögtest Ach in welcher Gefahr
finde ich mich allhier O Bellamont Bellamont wer wird mir hier Rat
erteilen
    Der Graf von Rivera war in diesen Betrachtungen aus einem der Königlichen
LustGärten in den daran stossenden Wald gegangen er hatte sich darin so sehr
als in seinen Gedanken vertieft Er wurde gewahr dass er sich in den Gebüschen
verirret er rief seinen Leuten allein sie hörten ihn nicht der Graf
verdoppelte desshalben seine Schritte um wieder auf den rechten Weg zu gelangen
er geriet aber immer tiefer ins Gehölz die Nacht überfiel ihn es leuchteten
diesem verirrten Wanderer weder Mond noch Sterne er konnte den Himmel die Erde
und die Bäume kaum mehr unterscheiden doch setzte er seinen Fuß beständig fort
er ließ gleich einem Blinden seinen Stab den Weg suchen und folgte demselben in
sachten Tritten nach
    Endlich erblickte er durch das Gebüsche ein schimmerendes Licht er ging
darauf zu und fand ein kleines Haus er klopfte an ein alter Greiss dessen
Angesicht mit einem langen Bart bewachsen war öffnete ihm die Türe Verzeihet
mir Ehrwürdiger Alter war des Grafens Anrede dass ich euch in eurer Einsamkeit
stöhre ich habe mich in diesem Wald verirret ihr werdet so gut sein und mir
bei euch einen Aufenthalt vergönnen bis der Tag mir verstatten wird wieder
nach Panopolis zurückzukehren Wer sie auch sind mein Herr antwortete der
Alte so haben sie hier bei mir zu befehlen Er nötigte ihn darauf sich an ein
Feuer zu setzen welches im Kamin brante und ließ ihm durch einen jungen
Menschen den er bei sich hatte verschiedene Erfrischungen reichen welche der
Graf hier anzutreffen sich nicht vermutet hatte sie kamen ihm ganz zu rechter
Zeit sein ungewöhnlicher Spatziergang hatte ihm solche doppeltannehmlich
gemacht
    Der Alte konnte den Grafen nicht genug ansehen so viel Jahre er auch in der
Welt gelebet hatte so dünkte ihm doch kein Mensch von solcher Gestalt noch
vorgekommen zu sein Er betrachtete ihn mit einer solchen tiefen Aufmerksamkeit
dass der Graf der solches wahrnahm ihn fragte für wem er ihn hielte Mein
Herr antwortete jener ganz lebhaft ich halte sie für mehr als sie sich selber
halten ihre Kleidung gibt mir wohl einen vornehmen Herrn zu erkennen ihre
GesichtsBildung aber sagt mir noch weit mehr Wie fragte der Graf mein guter
Vater ihr verstehet euch auf die GesichtsBildung In meiner Jugend sprach der
Alte hab ich mich stark auf die verborgene Wissenschaften der Natur den
HimmelsLauff und die Astrologiam judiciariam gelegt und dabei viel besonders
was die Veränderung der Reiche und die Begebenheiten der Menschen betrifft
wahrgenommen Meine langwierige Erfahrung hat auch in vielen Stücken meine
Anmerkungen bekräftiget allein auch dieses mich gelehret dass ein Gott sei
der oft selbst ins Mittel tritt und sich an die Gesetze der Natur davon er
selber HErr ist nicht jederzeit bindet Man muss aber eine erhabene und
Göttliche Seele haben wenn man nicht mehr dem Einfluss der Gestirne und dem
Zusammenhang der natürlichen Ursachen will unterworfen sein Wahre Weisen ziehen
sowohl ihre Kraft zum Guten als ihre ganze davon abhangende Glückseligkeit aus
Gott selbst doch ist niemand mehr als sie darauf beflissen die Ordnung welche
Gott in die Natur gelegt hat zu beobachten weil sie erkennen dass der
Beherscher der Welt darin am deutlichsten seinen Willen ausgedruckt habe
    Dergleichen weise Leute fragte der Graf werden sich wohl schwerlich an der
Königen Höfen befinden warum nicht antwortete der Alte die äußerliche
Umstände machen dabei nichts Gott gebraucht sich dieser Leute in allen Ständen
und wenn er ein ganzes Reich will glücklich machen so bedienet er sich öfters
in dieser Absicht nur eines einzigen Weisen
    Solte aber ein solcher Weiser fragte der Graf weiter bei Hofe nicht
lächerlich werden Mit nichten sprach der Alte die Tugend hat etwas so großes
und erhabenes dass sie alle Menschen ehren müssen sie hat eine geheime Macht
über alle Geschöpfe ihre Einflüsse sind Göttlich und ihre Wirkungen begleitet
ein gewisses Ansehen welches auch die Boshaften schrecket nicht anders wie die
Tiere die sich vor den Menschen fürchten und sich unter ihrer Herrschaft
schmiegen Ich rede aber hier von einer solchen Tugend die aus einer hohen
Weisheit stammet die mit Uberlegung handelt und die sich nicht in solchen
Dingen suchet welche ihr eigentliches Wesen nicht ausmachen Die wenigste
Menschen haben einen rechten Begriff von der Tugend sie nehmen insgemein dafür
einen falschen Schein dieser Schein ist ein blendendes Gewand worunter sich
die Heuchelei verhüllet Man hat der Tugend ein raues unfreundliches und
abgeschmacktes Wesen angedichtet man hat ihr die Augen Katonis und die
Gebehrden der Stoiker gegeben dieses ist ein schädlicher Irrtum nichts hat
uns mehr von der Einfalt im Guten und von der wahren Aufrichtigkeit abgezogen
    Sie haben mein Herr fuhr der Alte fort indem er dem Grafen scharf unter
die Augen sah dasjenige Wesen worinnen sich die Tugend insgemein zu kleiden
pflegt sie haben etwas munteres und doch auch etwas ernsthaftes an sich und
wenn mich meine Wissenschaft in Beurteilung der Menschen nicht betrügt so
werden sie auch davon die Regungen in ihrem Gemüte verspühren Zeit Anfechtung
und Gelegenheit aber werden solche bei ihnen noch deutlicher entwickeln und
durch die Erfahrung auf einen sichern Grund setzen Sie werden sodann auch
erkennen lernen dass die bloße Gaben der Natur uns weder recht weise noch
recht glückselig machen können sondern dass ein höherer Einfluss solche beleben
und uns die Kraft zur Ausübung des Guten erteilen müsse
    Der Graf bewunderte die hohe Weisheit dieses Verehrungswürdigen Greises
sein Herz wurde ihm gleichsam durch dessen Reden aufgeschlossen Er begriff nun
deutlich dass sich die Tugend an alle Örter schicke dass sie etwas großes
erhabenes und göttliches sei und dass sie folglich allen Dingen in der Welt
müsse vorgezogen werden
    Der Graf fragte darauf den Alten um die Beschaffenheit dieser Einsidelei
worauf ihm derselbe berichtete dass dieses ein Werk von der ehmahligen alten
Königin des Königs Frau GroßMutter sei Man sieht hier fuhr er fort die
angenehmste Gegend von der Welt sie werden wenn es Tag ist unweit von hier
eine kleine Kapelle finden in welcher so wohl der König als dessen vornehmste
Bediente ihre Andacht verrichten wenn sie sich wie im Sommer öfters
geschiehet hier aufhalten Der Herr von Ridelo unser OberAufseher gönnet mir
auch zum öfteren die Ehre seines Zuspruchs Hiernechst an dieser Kapelle ist ein
kleines LustSchloss welches längst dem Wald hin auf jeder Seiten sechs kleine
ZeltenGebäude hat die auf Chinesische Art sehr artig eingerichtet sind Hier
hatte ehedessen auch unsere letztverstorbene hochselige Königin ihren
verborgenen Aufenthalt wenn sie von der Unruh des Hofes und der Last der
Geschäffte ermüdet sich ein wenig zu ergötzen suchte und gern für sich allein
sein wollte Ich bin aber derjenige der zu diesem ganzen Werk durch eine
Wundervolle Schickung Gottes Anlass gegeben hat Der Graf bezeigte hierauf ein
Verlangen diese besondere Umstände zu wissen Der Alte ließ sich darzu willig
finden und erzehlte dem Grafen seinen LebensLauf wie folgt
 
                                Das zweite Buch
                       Die Begebenheiten des Einsiedlers
                                  Pandoresto
Mein Leben ist sowohl ein Spiegel der größten Unordnungen als einer
außerordentlichen göttlichen Gnade Ich wurde zu Bessala von vornehmen aber
ruchlosen Eltern geboren Weil sie immerdar mit einander haderten und eines dem
andern nur das Leben recht sauer zu machen suchte so hab ich wohl nicht ihrer
Liebe sondern dem allerunreinesten viehischen Trieb meinen Ursprung zu danken
    Man gab mich gleich nach meiner Geburt einer Frauen auf vom Lande zu säugen
denn meine Mutter wollte sich mit mir keine Mühe machen vielweniger mir selbst
ihre Brüste reichen die sie noch zum Dienst ihrer Lüste gewiedmet hatte
    Ich war ein einziger Sohn und meine Eltern besaßen ein großes Gut
welches sie aber sehr übel verwalteten Man verzärtelte mich überaus und ließ
mir in allen Dingen den Willen man übergab mich einigen Lehrmeistern die mir
wohl zuweilen etwas von Gott und der Tugend vorsagten durch ihre LebensArt und
Beispiele aber mich überzeugten dass sie selbst davon nicht viel glaubten
    Ich war von Natur sehr gelehrt böses zu tun und ich kann sagen dass ich
recht viel Verstand hatte die Laster bis auf einen gewissen Grad zu treiben
dass man meine Scharfsinnigkeit dabei bewundern musste
    Es war keine so unordentliche Haushaltung in der Welt wie die unsrige Mein
Vater und meine Mutter speisten selten zusammen an einer Tafel beide hatten
ihre eigene Gesellschaften und ihre besondere Zimmer sie kamen schier nie
zusammen als wenn sie sich einander ausschelten und ihre Untugenden sich
vorrücken wollten Wenn mein Vater betrunken war welches wenig Tage nicht
geschahe so schalt und fluchte er alles zusammen Meine Mutter im Gegenteil
war dem Putz dem Spiel und der Galanterie ergeben und weil ich mehr ihr als
dem Vater schien nachzuschlagen so wurde ich als ihr Günstling gehalten Ich
musste bei ihr frühzeitig die Karten helfen mischen und dabei manche unzüchtige
Reden mit anhören die ihre Aufwärter ohn alle Scham ihr als Artigkeiten
vorsagten
    Ich war noch kaum in einem Alter da man den Trieb der Begierden empfindet
als ich schon allen WeibsBildern nachlief und ihnen die unverschämteste Dinge
vorsagte Meine Mutter hatte nicht das Herz mich darüber zu bestrafen weil ich
ihr sonsten ihre eigene Freiheiten hätte vorwerfen mögen
    Ich verfiel darauf in das allerunordentlichste Leben von der Welt ich tat
alles was mir gelüstete und wusste dabei nichts vom sündigen weil mir die
Pflichten des Christentums und der Tugend unbekannt waren Ich ging wohl
zuweilen in die Kirchen aber nur um darinnen die Musiken zu hören und die
schöne Weibsbilder aufzusuchen Was geprediget wurde das hielte ich für eine
Unterhaltung gemeiner Leute darüber ich mein Gespött hatte und glaubte von
göttlichen Dingen so viel als nichts In dieser Sicherheit war mir nichts eine
rechte Freude wann es die Sünde nicht abscheulich machte Es wäre teils zu
weitläuftig teils zu unerbaulich von allen meinen verübten Bosheiten hier
Nachricht zu geben ich will nur derjenigen erwähnen die zu den
HauptVeränderungen meines Lebens Anlass gegeben haben
    Es war Winter man hielte Karneval die Masken wurden in der ganzen Stadt
erlaubt vier eben so freche junge Edelleute wie ich machten zusammen eine
Bande um die leichtfertigsten Händel miteinander anzustellen wir steckten uns
als der Abend eingebrochen war in ganz grässliche TeufelsLarven einen aber
kleideten wir wie des Königs BeichtVater er saß auf einem Schlitten ein
anderer hinten drauf ich vorn auf dem Pferd zwei andere ritten neben her mit
brennenden Fackeln in der Hand Wir ranten in diesem Aufzug mit der größten
Geschwindigkeit durch die vornehmsten Straßen der Stadt und als wir den
Kirchhof erreichet hatten löschten wir die Fackeln aus und warfen den Schlitten
in den nah daran stossenden StadtGraben Niemand hatte uns erkannt noch
gesehen wo wir hingekommen waren
    Wir gingen hierauf noch denselbigen Abend mit unsern Teufels Masken hin und
wieder in die Häuser Wir jagten damit manche Sechswöchnerin vor Schrecken aus
ihrem Bette nahmen den Leuten ihr Essen und Trinken weg entführten in der
Geschwindigkeit die junge Mägdgens und machten es allenthalben so bunt dass man
uns endlich die Wache auf den Nacken schickte Weil wir aber wider die
FaschingsFreiheit heimlich mit Waffen versehen waren so stießen wir ein Paar
von der Wache darnieder und schlugen uns also durch Wir hatten damit diesen
Abend noch nicht ausgeraset sondern versamleten uns wieder nachdem wir unsere
Larven abgelegt hatten in einem SpielHaus tractirten dabei einige Weibsbilder
so übel dass eine davon den Geist aufgab Die Wache kam abermahl herbei und
besetzte unten die Türe vom Haus ich entschloss mich also kurz und sprang oben
ein ganzes Stockwerk zum Fenster herunter ich beschädigte mich ein wenig an der
rechten Hand und hatte das Glück auf solche Weise mich zu retten Meine
Kameraden aber wurden von den Bürgern die der Wach zu Hülf gekommen waren
schier tot geprügelt sie wurden darauf eingezogen und gefangen gesetzt weil
sie aber Söhne aus den vornehmsten Häusern waren so kamen sie mit einer starken
GeldBusse davon
    Ich empfand hier das erstemahl ein gewisses Grauen über mein bisheriges
Leben Ich reiste heimlich von Bessala weg und nahm unter dem König von
Licatien KriegsDienste Ich hatte mir vorgenommen hinfüro ehrbarer zu leben
und mich vor Schand und Schaden zu hüten Allein weil ich nicht die geringste
Regungen zur GOttesfurcht und zur Tugend bei mir verspürte so suchte ich nur
äußerlich den Wohlstand zu beobachten und dadurch mein Glück in der Welt zu
machen Ich ging mit lauter Practiken um und weil ich sah dass es andere auch
so machten so hielte ich den für den Klügsten der den andern am besten hinter
das Licht führen konnte Ich legte mich insonderheit auf das Spielen und weil
ich alle geheime Vorteile der Kartenmischerei verstunde so gewann ich viel
Geld ich kaufte mir eine Kompagnie und tate darauf einen Feldzug mit gegen
die Battaver ich wurde auf einen Posten commandirt da ich überaus brav tate
und mir deswegen vest einbildete die ObristWachtmeisterStelle welche ledig
wurde zur Vergeltung meiner Dienste davon zu tragen alleine weil ich der
jüngste Hauptmann war so wurde mir darin der älteste vorgezogen Dieses brachte
mich in eine solche Wut dass ich ihn zum Zweikampf herausforderte und ihn darin
entleibte Ich musste darauf flüchtig werden und begab mich hieher an den
Aquitanischen Hof
    Ich legte mich allhier auf die Erlernung der Wissenschaften und brachte es
dadurch in kurzer Zeit so weit dass ich nicht nur KammerJunker bei dem König
sondern auch Beisitzer im HofGericht wurde Ich war damals noch nicht gar
dreißig Jahr alt Ich lernte nebst andern Wissenschaften den Schlendrian in den
Processen gar bald Ich sah dass es dabei mehr auf eine Kausenmacherei und
leeres Wortfechten als auf die Gerechtigkeit einer Sache selbst ankam Ich
machte mir diese Wissenschaft zu Nutz und ließ es also derjenigen Partei
genießen die am besten spendiren konnte
    Ich bildete mir dabei vieles auf meine Klugheit ein ich konnte plaudern und
den Leuten weiß machen was ich wollte Ich hatte die munterste Einfälle von der
Welt und niemand war sinnreicher als ich einen Menschen lächerlich zu machen
und aufzuziehen Ich sah dass man solche Leute wie ich war an den Höfen
hervor zog und beförderte und diejenige im Gegenteil für einfaltig schalt und
sitzen ließ die sich der Unschuld und Aufrichtigkeit beflissen Ich nahm mich
daher wohl in Acht in dergleichen Schwachheiten nicht zu verfallen Man
gebrauchte mich zu den verwirrtesten Händeln ich wurde an verschiedene Höfe
versandt wo ich alles zum Dienst des meinigen mit List und Betrug glücklich
ausmachte Ich bediente mich darzu bald der herrschenden Sultanin bald eines
geizigen Ministers bald eines hochmütigen oder abergläubischen BeichtVaters
nachdem nämlich die Geschäfte waren die ich zu tractiren hatte und nachdem die
Personen davon ich rede mir darinnen behilflich sein könnten
    Ich hatte mich gleich Anfangs als ich in Diensten kam ziemlich vorteilhaft
geheiratet die Gesetze des Ehstands aber banden mich an nichts ich glaubte
dass solche nur für den Pöbel wären Ich half dem ungeacht manchen wacker
strafen wenn er in diesem Punkt ein wenig über die Schnur gehauen hatte ob er
mir gleich weit größere Verbrechen vorrücken konnte Ich dachte noch nicht
daran dass ein Gott wär der das Böse strafte und das Gute belohnte es ging
mir viel zu wohl als dass ich die Wirkungen des Bösen bei mir hätte wahrnehmen
sollen
    Ich wurde bei Hof für einen Edelmann gehalten der sich zu allen
Ergötzlichkeiten am besten schickte ich war deswegen von allen Partien wo es
lustig hergehen sollte geliebt Unter den frechsten Damen hatte ich den größten
Beifall weil ich sie frei nach ihren Neigungen urteilte und solche durch keine
angenommene Ehrbarkeit in Zwang setzte
    Meine Frau kam wenig nach Hofe sie wusste nichts destoweniger alles was
daran vorgieng sie hatte von allem was ich tate und so gar auch öfters von
meinen Gesprächen genaue Nachricht Ich fand mich einsmahl auff einer
Maskerade Eine Dame von überaus schönem Gewächs und einer sehr wohl
ausgesonnenen Kleidung fiel mir dabei ins Gesicht ich hielte sie für fremd
weil ich kein Merkmahl hatte sie unter ihrer Larve zu erkennen sie hatte einen
schlanken Leib und ihre Gebehrden waren durchaus edel und ungezungen ihre Maske
gab ihr dabei ein holdes und reitzendes Ansehen Sie tanzte mit der größten
Anmut ich hatte selbst sie zweimahl darzu aufgefordert ich fand mich von ihr
gerührt ich sagte ihr die größte Schmeicheleien ich schätzte den Menschen über
alles glückselig der von einer solchen Schönheit geliebt würde sie druckte
mir dafür die Hand und gab mir solche Antworten daraus ich urteilte dass ihr
meine Reden gefielen Ich brachte sie endlich unter dem Schein ihr einige
Erfrischungen reichen zu lassen in ein NebenZimmer Hie nahm sie die Larve vom
Gesicht und zeigte mir meine Frau Undanckbarer redete sie mich an ist dieses
die Aufführung eines verehligten Mannes ich erschrack doch erhohlte ich mich
eben so bald Ich wollte euch Madame sprach ich dieselbige Frage tun es
schicket sich nicht wohl für eine so frome Frau als ihr sein wollt auf einem
öffentlichen Ball die Liebkosungen einer fremden Maske anzunehmen sie sagte
dass sie mich wohl gekant hätte und dass sie deswegen sich auf diesen Ball
gewaget um meine Aufführung selbst mit anzusehen ich behauptete dass solches
nicht wohl sein könnte weil ich mich unter einem Domino versteckt hätte Sie
bewies mir wie sie davon die vollkommenste Nachricht gehabt habe ich setzte
ihr meine Gründe dagegen der Prozess blieb endlich unentschieden und wir mussten
uns in der Güte vergleichen Meine Frau bildete sich unterdessen viel darauf
ein dass sie auf diese Weise mir gezeiget hätte wie sie noch solche
Annehmlichkeiten besäße die sie könnten beobachten machen und bildete sich
vest ein dass ich sie lieben würde wenn sie meine Frau nicht wäre
    Dieser Zwang wurde mir in die Länge unerträglich ich konnte mich durch keine
Gesetze binden vielweniger mir durch eine Frau die mir so abgeschmackt als die
meinige schien LebensRegeln vorschreiben lassen Ich sann also auf Mittel
ihrer bald los zu werden Sie war sehr zum Zorn geneigt sie konnte sich über die
kleinste Dinge dermaßen ärgern dass sie öfters sich dabei nicht mehr kante Ihr
Geblüt wurde darüber entzündet und die Galle in alle Glieder getrieben da
mussten nun die Ärzte raten Diese gaben ihr allerhand niederschlagende Pulver
und zerteilende Artzneien welche sie öfters wieder zurecht brachten und mir
die Hoffnung benahmen meiner Frauen bald los zu werden ich brachte ihr
deswegen bescheiden bei es wäre bei ihr nichts anders als Hypochondrie und
müsste sie deswegen etwas wider die Wind und Blähungen gebrauchen darzu sei
nichts dienlicher als gute abgezogene LuftWasser und Magenstärkende Essenzen
Sie machte sich ohnedem schon eine Verrichtung daraus dergleichen Wasser selbst
zu brennen und sie als Arzneien an die Armen zu verschenken Sie ließ sich
meinen Rat gefallen und nahm wiewohl heimlich wenn sie in ihrem Laboratorio
war ziemlich starke Proben von ihren destillierten Wassern Als ich dieses
merkte spielte ich ihr die starkste Chymische Processe in die Hände darüber
sie erkrankte und durch ihren darauf erfolgten Tod die Zahl meiner Missetaten
vergrössette
    Niemand war froher als ich ein alter Franciscaner der zu mir gekommen war
um mich über das Absterben meiner Frauen zu trösten stöhrte dieses Vergnügen
Diese Leute haben in der Welt wenig zu verliehren Die Strengigkeit ihres Ordens
setzen sie gegen die Begierden reich und vornehm zu werden in Sicherheit Sie
haben demnach nicht solche MaßRegeln zu beobachten wie andere Geistlichen
die öfters den Mantel nach dem Wind hängen und durch ihre Gefälligkeiten damit
sie andern schmeicheln gute Pfründen und hohe KirchenAemter ertangen Der
Franciscaner wusste nichts von diesen Dingen er war gewohnt einem die Wahrheit
trocken unter die Augen zu sagen Ich sehe mein Herr sagte er mir sie sind
über den Verlust ihrer Gemahlin gar nicht betrübt da sie solches zu sein doch
so große Ursach hätten Wann werden sie dann einmal in sich selbst gehen und
anfangen ihre Sünden zu bereuen damit sie bisher den Hof die Stadt und die
ganze Christenheit geärgert haben Sie gebrauchen die Gaben ihres Verstandes
denjenigen damit zu entehren von dem sie solche bekommen haben Es ist hohe
Zeit dass sie ihren Sinn ändern sonst dürfte ihnen der HErr bald zeigen was er
für eine Macht über solche Geschöpfe habe die seiner zu spotten vermeinen
    Diese beherzte Rede hatte etwas das mich verwirrt machte ich wusste bei
aller meiner Lebhaftigkeit ihm nichts darauf zu antworten ich betrachtete
diesen Anachoreten mit Bestürzung die Augen lagen ihm so tief im Kopf dass man
solche kaum sehen konnte seine ganze GesichtsBildung bestunde aus bloßen
Knochen die auf der Stirne mit einigen Runzeln bezeichnet waren ich erschrack
je mehr ich ihn ansah Diese Leute dachte ich bei mir selbst müssten doch wohl
greuliche Narren sein wenn sie sich das Leben so sauer machten nur um andere
Menschen zu betrügen und ihnen eine Religion zu predigen davon sie selbst
keine Uberzeugung hätten Ich gedachte also bei mir selbst dass es noch wohl der
Mühe wert sein möchte diesen Sachen ein wenig nachzudenken Ich fragte deswegen
den Pater was er mir riete vor Bücher zu lesen er antwortete mir die Bücher
der Evangelisten und Apostel Dieses befremdete mich ich nante ihm verschiedene
geistliche Schriften die mir ehedessen meine Frau angepriesen hatte und die
damals unter den andächtigen Leuten stark Mode waren er sagte mir diese Bücher
waren zwar gut doch müsste der Grund des Glaubens zuvor in der Unterweisung des
Heilands selbst geleget werden
    Ich las darauf ein wenig in den Büchern des Neuen Testaments allein ich
blieb darüber zwischen den Meinungen der vielen Ausleger hängen Diese
versperrten einander durch ihr stets anhaltendes Gezank den Himmel nachdem sie
sich einander widersprachen Der größte Böswicht der in der Bekanntnis ihrer
Aufsätze starb der wurde selig gesprochen und der frömmste Mann im Gegenteil
ging nach ihrem Ausspruch verloren wann er einer anderen Partei zugetan
war Dieses verwirrte mich ungemein
    Ich war bei allem dem noch in meinen besten Jahren und hatte dabei die Welt
sehr lieb ich gedachte mir dieselbe nach meiner Frauen Tod erstlich recht zu
Nutz zu machen Ich setzte also mein leichtsinniges Leben weiter fort ich
spührte aber dabei in meinem Herzen gewisse unruhige Bewegungen welche sich
nicht wollten abweisen lassen und die gleich den Wellen wenn sie auf der See
durch einen WirbelWind in die Höhe gezogen werden darin einen Sturm nach dem
andern verursachten
    Es lebte damals eine sehr tugendhafte Witwe onsern Panopolis auf dem Lande
die Königin besuchte sie und nahm mich mit zu ihr ich sah nicht so bald die
Frau von Dusemon so nante sich diese Dame als ich mich erinnerte dass ich sie
ehedessen als eine der lebhaftesten und größten Schönheiten am Hofe gekant
hatte Ihre Sittsamkeit rührte mich dismahl noch mehr als ihre reitzende
Gestalt Ich betrachtete sie mit der größten Verwunderung Ein ungewöhnliches
Stillschweigen band mir gleichsam die Zunge ein tieffes Nachdencken hatte mich
ganz eingenommen
    Die Königin welche eine dergleichen Eingezogenheit an mir nicht gewohnet
war fragte mich was mir wär Seht doch fügte sie im Scherz hinzu wie das
eitle WeltKind heute sich so ernstaft stellt ich denke Pandoresto wird sich
bekehren wollen Die Frau von Dusemon sah mich darüber an es wäre wohl zu
wünschen sagte sie mit einem durchdringenden Auge dass ein so verständiger
Kavalier auch ein wenig Gottesfurcht haben möchte Ich erkühnte mich nicht
anders als mit Ehrerbietung ihr darauf zu antworten
    Ich fuhr damit wieder mit der Königin zurück einer von meinen guten
Freunden sagte mir darauf dass diese Dame sehr gute Meinungen von mir hegte dass
ich ihr nicht so gottlos vorkäme als man mich ihr beschrieben und dass sie an
mir gewisse Merkmahle entdecket hätte die sie versicherten dass ich noch ein
gottsfürchtiger Mann werden würde
    Diese Reden machten mir allerhand Gedanken Ich empfand für diese Dame eine
mit Liebe und Ehrerbietung vermischte Neigung So eitel ich auch war so konnte
ich mir doch nicht einbilden dass ihr an mir etwas sollte gefallen haben ich
spürte bei dieser Gelegenheit eine mir ganz unbekannte Demut ich begriff mich
selbst nicht recht ich wollte gern tugendhafter sein wenn ich dadurch dieser
Dame gefallen könnte Solches wär in der Tat eine schlechte BewegUrsach mich
zu bessern ich erkannte aber daraus dass die Tugend etwas ungleich
Liebenswürdigeres an sich hatte als das Laster
    Ich bekam hierauf die Frau von Dusemon öfters zu sehen meine Aufführung
gegen sie war so eingezogen als ehrerbietig ich war mit mir selbst
missvergnügt dass ich meinen wilden Geist nicht gleich so bändigen und meine
innerste Regungen nach den Empfindungen einer wahren Tugend einrichten konnte
Ich wusste noch nicht dass darzu eine höhere Kraft erfordert wurde
    Die Frau von Dusemon hatte sich endlich durch die Königin sowohl als durch
meine heftige Liebe bewegen lassen mich zu ehligen so bald sie meinen Ernst
sehen würde hinfort ein rechtschaffenes Christliches Leben zu führen sie
hoffte auf diese Weise ein Kind des Verderbens aus den Klauen des Satans zu
reißen und also ein gutes Werk zu tun
    Ich gedachte nun erstlich der glückseligste Mensch auf der Welt zu werden
ich schmeichelte mir der zeitlichen Güter auf eine erlaubte Art zu genießen
allein der HErr menschlicher Schicksale dessen Gesetze und Ordnungen ich
bisher auf das abscheulichste übertretten hatte führte mit mir andere
Absichten Ein solcher Abschaum menschlicher Bosheit und Laster sollte nicht ohne
wirkliche Empfindung seiner Sünden und ohne raue Busse gerettet werden Ich
musste zum wenigsten die Strafen des Bösen tragen zu welchen mich selbst das
Gesetz der Natur verdammte
    Ohneracht ich bisher meiner Geliebten zu Gefallen ein ordentliches und
eingezogenes Leben führte so hatte ich doch das mir von Jugend auf angewöhnte
Fluchen noch nicht ganz lassen können Ich war selbst einer von denenjeniden
Leuten gewesen die darin etwas sinnreiches suchen und die Kunst zu fluchen mit
neuen Erfindungen bereichern
    Ich war schon wirklich mit der Frau von Dusemon versprochen und der Tag
unserer Vermählung war bereits auf die nächste Woche festgestellet als wir uns
Abends bei Hofe in einer sehr großen Gesellschaft befanden Mein eitles Herz
hatte hier was es vergnügen konnte Liebe Ehre Hoheit Pracht Reichtum
Lust alles schien mich mit außerordentlicher Glückseligkeit anzulachen Nur
die Karten waren mir zuwider Ich saß und spielte und verlor Spiele die
erstaunlich waren man sah mir zu und schloss einen Creis um mich herum man
sagte es wäre nicht natürlich dergleichen Spiele zu verliehren Ich geriet
darüber in einen ungemeinen Eifer ich vergaß mich ganz Ich hatte bei nah schon
alle meine Adeliche Fluche nach einander ausgestoßen doch hatte ich meinen
gewönlichsten noch ziemlich lang zurück gehalten welcher war dass mich Gott
verdammen sollte
    Kaum war mir auch dieser vom Munde geflogen so überfiel mich ein todkalter
AngstSchweiß ich erblasste mir bebeten alle Glieder das Herz fing mir an zu
schlagen und zu pochen als ob es mir die Brust durchstossen wollte ich wusste
vor Bangigkeit nicht mehr zu bleiben Ich schmiss die Karten weg stunde schnell
auf hielte mein Schnupptuch vor die Nase durchstrich die Königliche VorZimmer
und lief zu Fuß nach Haus
    Hier schloss ich mich in mein Zimmer warf mich bald auf die Knie bald auf
mein Bette nieder ich schrie ich seufzte ich fand dass ich ein
abscheulicher Mensch war ich hatte ein Grausen vor mir selbst ich bate Gott
er möchte sich mir zu erkennen geben und mich im übrigen strafen wie es seine
Gerechtigkeit erforderte Ich hätte in diesem Zustand gern alles tun und leiden
wollen wenn ich nur die geringste Uberzeugung von Gott hätte haben können denn
was mir am unerträglichsten schien war mein Unglaube
    Ich sah wohl dass mich diese Regungen nicht von ungefehr überfielen ich
urteilte aber zugleich dass sie auch natürlich sein und von einer
aufgebrachten Phantasie herrühren könnten Gleichwohl hatten sie keinen Grund in
meiner bisherigen LebensArt noch in der Unterweisung die man mir von Jugend
auf gegeben hatte sie kamen auch von keinen Vorurteilen Denn alle meine
bisherige Anmerkungen von dem Zustand dieser Welt und über die Sitten der
Menschen waren vielmehr eitel Vorurteile zum Unglauben So leicht man auch aus
der Natur und aus einer richtig schliessenden Vernunft Gott erkennen kann so war
mir doch damals auch dieser gerade Weg verschlossen Ich konnte mir nicht
einbilden dass ein gütiges und allweises Wesen eine Welt sollte geschaffen haben
die nur nach meiner damaligen Meinung von lasterhaften und unglückseligen
Geschöpfen bewohnet würde denn ich hatte noch so wenig tugendhafte und fromme
Leute gekant dass ich schier zu zweiflen begunte ob es auch solche Leute
wirklich gäbe Ich litte grausam unter diesen Vorstellungen meine Vernunft nahm
die beste Gründe an um mich zu verwirren und mein Herz war voll der heißesten
Begierden einen Gott zu lieben der sich mir nicht zu erkennen geben wollte Ich
verbrachte auf solche Weise die unruhigste Nacht von der Welt Mit anbrechenden
Tag ließ ich den alten Franciscaner kommen und entdeckte ihm was mir begegnet
war und in welchem Zustand ich mich befand
    Dieser heilige Mann denn er war solches in der Tat, vergoss darüber
FreudenTränen er pries die Hand des Allmächtigen die wie er sagte mich
gerühret hätte um an mir ein neues WunderWerk seiner Gnade zu zeigen Sie
erkennen nun sprach er auch wider ihren Willen dass ein Gott sei dessen
Gesetze und Ordnungen sie auf die schmählichste Art übertreten haben und dass
sie deswegen ohne alle Hilfe und Trost müssten verloren gehen wo er sich ihrer
nicht erbarmen würde sie ergreiffen deswegen ohne Anstand den Heiland als das
SühnsOpfer für ihre Sünde denn darzu ist Christus in die Welt gekommen um die
Sünder zu Gott zu bringen
    Ach rief ich hier bekümmert aus ihr redet mir von Christo da ich noch
kaum erst anfange einen Gott zu glauben Wir haben Christum bald sagte der
Geistliche wenn es uns einmal ein rechter Ernst ist Gott zu lieben und seine
Gebotte zu halten Es sind hier keine Sachen die sich einander widersprechen
Gott offenbaret sich an unsern Herzen durch Christum wenn wir dieses Geheimnis
gleich nicht verstehen Das Reich Christi ist in der ganzen Welt er nähret er
erhält und schützet seine Untertanen und sie wissen und begreiffen nicht wie
es in dieser göttlichen Haushaltung zugehet aber dieses können sie leicht
wissen dass Christus der Heiland sei Kein Weiser hat uns noch bessere Lehren
und LebensRegeln gegeben welche der Vollkommenheit eines göttlichen Wesens
anständiger und der Glückseligkeit der menschlichen Natur zuträglicher sind
Hier wird der Mensch nicht allein von der Ausübung der Laster abgehalten
sondern auch in seiner inwendigen Gestalt gereiniget und so gar zu den
erhabensten göttlichen Tugenden zubereitet Dessen Geschichten wie man solche
aufgeschrieben findet haben alle Kennzeichen der Wahrheit und sind durch so
viel Zeugen und Wunderwerk bekräftiget worden dass man von den alten Geschichten
gar keine glauben müsste wo man diese in Zweifel ziehen wollte Könte man sich
auch wohl als eine Wahrscheinlichkeit einbilden dass solche einfältige ehrliche
Leute wie die Evangelisten und Apostel waren es mit einander sollten abgeredet
haben die Menschen zu betrügen und mit ihren falschen Legenden die ganze Welt
zu erfüllen Zu einer Zeit da der Witz und die Scharfsinnigkeit des
menschlichen Verstandes bei den Römern Griechen und Juden aufs höchste
getrieben wurde und da man genau verstunde was zum Beweis einer Sache gehörte
Da nun in dem Verfolg der Zeiten die Menschen von der Wahrheit des Evangelii
dergestalt überzeuget und eingenommen wurden dass sie nicht allein alle
Vorteile des Lebens für die Erhaltung derselben willig hingaben sondern auch
mit ihrem Blute unter den grausamsten Verfolgungen und Martern besiegelten so
ist es eben so wenig wahrscheinlich dass dieses lauter im Kopf verrückte Leute
gewesen wären als wenig glaublich es ist dass ein bloßer Wahn der die
menschliche Begierden mit einem so unangenehmen und harten Zwang beleget sich
durch alle Völcker und Zeiten bis auf die heutige Welt beständig sollte
fortgetrieben haben
    Ja wenn alle diese VernunftSchlüsse nicht zulänglich wären sie der
Wahrheit unseres Glaubens zu überzeugen so waren davon allein die unter uns
allenthalben zerstreuete Juden die lebendigste Zeugen sie tragen noch alle die
Mahlzeichen des über sie und ihre Nachkommen ausgestossenen grässlichen Fluchs
auf ihrer Stirne wenn sie sagten Sein Blut komme uber uns und uber unsere
Kinder sie sind die einzige Nation die von derselben Zeit an nirgend das
BürgerRecht haben sondern allenthalben als ein unglückseliges verhasstes Volk
verjagt zerstreut verfolgt und geschmähet werden da sie doch zuvor in dem
alten Bund als das auserwählte Geschlecht vor andern erhaben durch die größte
Wunderwerke von Gott selbst sind erhalten und geschützet worden sie sollen auch
vor dem Ende der Zeiten wiederum zu ihrer vorigen Gnade gelangen Bis dahin aber
müssen sie uns und der ganzen Welt das Evangelium auch wider ihren Willen
predigen Wir sehen keine Juden die uns nicht gleichsam zurufen Christus
lebt Christus ist auferstanden Wir tragen den Fluch um euch solches zu
lehren
    Diese Nachricht von Christo gab mir einen starken Eindruck Ach seufzte
ich mögt ich doch auch diesen liebreichen Heiland kennen Er lässt sich sonst
nicht lange suchen sprach der Geistliche er ist bald da wenn man nach ihm
verlanget ein rechter bussfertiger Sünder ist der wichtigste Vorwurf seiner
Liebe und eine Freude der Heiligen allein sie haben noch Berge zu übersteigen
diese Berge sind die Höhen ihrer Vernunft kämen sie zum Heiland in der Einfalt
wie das Weib bei Luca am 8 so würden sie alsobald die Kraft die aus ihm geht
an sich gewahr werden und sollten sie auch nur den Saum seines Rocks berühren
So aber weiß sich ihre Vernunft noch in diese Einfältigkeit nicht zu schicken
sie haben bisher ihre Stärke nur gebraucht um allen Eindrucken und Empfindungen
des Glaubens bei sich zu widersprechen und ihren Lüsten und Begierden das Wort
zu reden sie dürfte ihnen deswegen noch wohl etwas leiden machen ehe sie zur
rechten GlaubensEinfalt gelangen werden
    Es geschahe mir wie mir der Geistliche gesagt hatte ich fiel in eine tiefe
Melancholie ich suchte die Einsamkeit und floh den Umgang mit allen Menschen
Ich mietete mir an einem abgelegenen Ort nah an einem Wald ein kleines Haus
Niemand wusste etwas von meinem Aufenthalt als mein Franciscaner der von seinem
Kloster zu mir nicht über drei ViertelStunde zu gehen hatte Ich gedachte in
dieser Einsamkeit an nichts mehr als an meine Bekehrung Je mehr ich aber Gott
suchte je mehr schien er sich von mir zu entfernen Ich wurde endlich aller
Andacht aller Hoffnung und alles Trostes beraubet Meine täglich überhand
nehmende Schwermut quälte mich mit den allergrässlichsten Vorstellungen alles
was mich sah drohte mir mit einem abscheulichen Tod ich zitterte wann ich nur
Menschen sah der ich sonst unter allen der verwegenste war Ich floh in die
Einöden und in die dickste Wälder Ich schrie ich seufzte ich wimmerte wie
ein Mensch der alle Augenblick verzagen wollte O welche Abgründe der
Verzweifelung sah ich hier Ich hatte Tag und Nacht keine Ruh die greulichste
Larven und SchreckenBilder erfüllten auch im Traum meine aufgebrachte
Phantasie Ich war darüber öfters ganz erstarrt wann ich aufwachte Nur das
Herz als die Quelle des Lebens bewegte sich noch allein und trieb durch die
nahe Angst des Todes das Leben wieder in die schon erkalte Glieder Ich fiel
endlich ganz vom Fleisch und wurde so unbesorgt um mein Leben dass ich solches
vielmehr tausendmahl wünschte aufzugeben wann ich nur die geringste Empfindung
des Glaubens als den einzigen Trost den ich suchte dadurch hätte erlangen
können
    Mein Geistlicher der mich noch immer fleißig besuchte wünschte mir zu
allen diesen grausamen Anfechtungen und GlaubensUbungen Glück Sie haben mein
Herr sprach er den HErrn der Weisheit und der Liebe so oft und vielmahl von
sich abgewiesen und seiner Allmacht Sohn gesprochen Er zeigt ihnen nun dass er
sich kann Recht schaffen wiewohl diese Ahndung nichts anders ist als eine
Vorbereitung zu derjenigen Uberzeugung welche sie suchen Sie sehen jetzt
deutlich was der Mensch vor eine elende und jämmerliche Kreatur ist so bald
Gott die Hand nur ein wenig von ihm abziehet und ihn in seinem eigenen unreinen
Grunde wühlen lässt Sie empfinden jetzo den Schrecken der Natur wenn der
Geist der in dem Menschen ist seinen Ursprung verleugnen und gegen den
Schöpfer sich empören will Wollen sie noch mehr Uberzeugungen haben worauf
warten sie noch wollen sie dass Gott die ganze Natur verkehren und ihre
OrdnungsKette zerreißen soll um sie durch neue WunderWercke zu überzeugen
oder warten sie bis Gott selbst mit ihnen aus einem feurigen Busche unter dem
Krachen und Blitzen der Elementen reden oder ihnen unter der Gestalt eines
alten Manns oder eines sichtbaren Geistes erscheinen wird O wie übel würden
sie sich dabei finden ihre Vernunft würde es für ein Gauckelspiel der
Phantasie halten oder für eine androhende Verrückung des Gehirns oder für
einen Betrug der Geistlichen wie sie dessen öfters beschuldiget werden Dieses
alles würde sie und ihre grüblende Vernunft noch lange nicht überzeugen
    Lasst uns deswegen fuhr der Geistliche fort ein wenig aufrichtiger und
einfältiger mit Gott handeln Lasst uns in unser eigen Herz eingehen und darin
die Wirkungen des Göttlichen Geistes wahrnehmen Was ist dasjenige das uns da
wir von Natur ganz elend und verdorben sind das Gute wünschen und lieben macht
woher kommt die Regung die uns ein Verlangen nach einem unendlichen Gut
einflöset diesen innern Bewegungen müssen wir Raum lassen und ihrem Ursprung
nachspüren Da findet die Seele bald was sie suchet Hier sind keine bloße
Phantasien und HirnBilder die Liebe zu Gott ist das deutlichste Kennzeichen
dass er uns liebt wo er sie nicht liebte so hätte er sie auch in ihrer vorigen
Sicherheit lassen hingehen sie würden wenig sich darum bekümmern ob ein Gott
wär der die Welt regierte oder sonst ein etwas von ungefähr ob die Tugend
etwas guts oder das Laster etwas böses sei Ob sie Vergebung der Sünden hätten
und glaubig wären oder nicht dieses alles würde sie eben so wenig anfechten
als zuvor
    Ja unterbrach ich hier mit einer außerordentlichen Bewegung ich wollte
herzlich gern in diesem Augenblick sterben wenn ich nur der Gnade Gottes in
Christo bei mir recht versichert werden könnte Wohlan sagte hierauf der fromme
Mönch zum Beschluss wenn sie dann solches mit einer so lebhaften Begierde
wünschen so sterben sie mit einmal der Welt ab dieses ist der Tod durch
welchen sie dasjenige erlangen werden was sie so sehnlich suchen Dieser Tod
wird sie versichern des Todes ihrer Sünden und ihrer Vergebung bei Gott So
wenig sonst Gott von uns verlanget dass wir um seinetwillen uns der Welt und der
weltlichen Geschäfften und Güter entschlagen sollen so nötig finde ich solches
für sie
    Ich meinte der ehrliche Franciscaner würde mir auflegen dass ich mich in
einen strengen Orden begeben sollte Allein er sagte mir dass man in den
Klöstern selten diejenige aufrichtige Andacht fände die man darinnen
anzutreffen vermeinte es gäben so viel böse Mönche in den Klöstern als böse
Menschen in der Welt Der beste Gottesdienst wär dass ein jeder seines Berufs
wartete und darin Gott und Menschen treu wäre Was aber mich anbelangte so
hielte er dafür dass wie ich ein außerordentlicher und mit den größten
Verbrechen beladener Sünder wär so musste auch meine Busse außerordentlich und
von einer sonderbaren Erweckung sein Ich würde demnach wohl tun denjenigen
Menschen die ich durch meine grausame Missetaten geärgert hätte an mir ein
Exempel der wahren Bekehrung und SinnesÄnderung zu zeigen Ich sollte mir zu
dem Ende nah bei der Stadt ein kleines Haus erbauen mich aller Eitelkeiten
entschlagen und mein übriges Gut den Armen geben
    Ich folgte diesem Rat Sie sehen hier mein Herr den glückseligen Platz
meiner Ruhe welchen viel tausend Büss und FreudenTränen mir zu einer andern
Schekina eingeweiht haben wo ich stets die Gegenwart Gottes sowohl in seinen
herrlichen Werken als in meinem armen Herzen finde und wo ich getrost meine
alte Hütte verfallen sehe weil ich durch Ablegung derselben dasjenige von
Angesicht schauen werde was ich hier nur mit den Augen des blosen Glaubens
erreichen kann
    Die Königin sowohl als die Frau von Dusemon wurden durch mein Exempel
gerühret Jene ließ nahe hiebei die schöne Einsidelei erbauen wo sie die meiste
Zeit sich aufhielte und wurde aus einer ganz eitlen Dame eine sehr eifrige
Christin diese aber als meine Verlobte begab sich in die Abtei GnadenTal
und starb darin vor einigen Jahren in dem Geruch der Heiligkeit
                                       
    Der fromme Einsiedler hatte auf diese Weise kaum seine sehr nachdenkliche
und erbauliche Erzählung zu Ende gebracht als man das Trappeln einiger Pferde
hörte die vor dem Hause stille hielten Der Herr von Ridelo trat darauf ins
Zimmer Ich dachte wohl redete er den Grafen an ich würde sie bei unserm
Einsiedler antreffen sie haben uns unterdessen zu Hause keinen geringen
Schrecken verursacht da ihre Bedienten bei später AbendsZeit allein wieder
kamen und ihren Herrn nicht mit zurück brachten Der Graf entschuldigte sich
darüber bei seinem höflichen Wirt so gut er konnte es scheint aber fügte er
hinzu ich habe durch eine besondere Schickung mit diesem ehrwürdigen Greiss
bekant werden sollen um mich durch die Befolgung seiner weisen Lehren ihrer
Freundschaft würdiger und zum Dienst des Königs desto fähiger zu machen
    Der Graf gab sich darauf dem alten Pandoresto zu erkennen und nach einigen
wenigen Reden nahm er von demselben Abschied er dankte ihm für seine gute
Bewirtung und versprach ihn hinfort nicht mehr aus Irrtum sondern mit gutem
Vorsatz zu besuchen Er setzte sich damit nebst dem Herrn von Ridelo in die
Gutsche die 6 Pferde die vorgespannt waren ranten aus allen Kräfften es war
Morgens um 3 Uhr als diese beide Herrn in ihrem Pallast abstiegen die Frau
von Ridelo war noch auf sie kam ihnen entgegen und fragte ihren Gemahl ob er
das verlohrne Schaf wieder gefunden hätte Der Graf sprang damit eilends aus der
Gutsche küsste ihr die Hand und bat sie wegen der Unruh die er in ihrem Hause
verursacht hatte um Vergebung
    Man begab sich darauf zu Bette Dem Grafen wollte die Gestalt des alten
Eremiten nicht aus dem Sinn er bewunderte sowohl dessen sonderbaren
LebensLauf als seine ihm gegebene Lehren er wiederholte solche bei sich
selbst und schlief darüber ein Als er des Morgens wieder erwachte fand er sich
in seiner gefassten Entschließung ungemein stark sowohl einen redlichen
Hofmann als guten Christen abzugeben
 
                                Das dritte Buch
Der König hatte bereits die drei und zwanzig Jahr zurück geleget er wollte sich
noch nicht bereden lassen dem Reich eine Königin und der Krone rechtmäßige
Erben zu geben Er hatte sich bisher von den Lüsten seiner Jugend und einer
trägen Sorglosigkeit dergestalt einnehmen lassen dass er sich um nichts
bekümmerte als wie er sich täglich neue Veränderungen und Ergötzlichkeiten
machen möchte Er verabscheute deswegen alle Verbündnisse einer ordentlichen
Liebe er bildete sich ein der Zwang und die Ordnung schickten sich für keinen
König der wohl andern Gesetze geben könnte selbst aber solche zu halten nicht
verbunden wäre
    Gleichwohl erforderte es des Reichs Wohlstand dass der König sich vermählen
sollte Er hatte sich um diese Zeit in die Gräfin von Monteras eine Base des
Hertzogs von Sandilien und einzige Tochter seines verstorbenen Bruders
verliebet welche sich seit einigen Monaten in dem Pallast ihres Vettern
aufgehalten hatte
    Diese Neigung war bei dem König von einer solchen Heftigkeit dass sie
denselben auf einmal von seinem wanckelmütigen Herumschweifen zurück zoge Die
Gräfin von Monteras war eine von denen lebhaften und glänzenden Schönheiten die
gleich im ersten Anblick gefallen und welche sowohl durch ihren ungemeinen
Verstand als durch die holdseligste Sitte diejenige Eindrücke am längsten
erhalten die sie so hurtig zu geben wissen Ihre Gestalt hatte alle Reizungen
der Liebe und in ihrem Gemüte herrschten die stärkste Empfindungen einer
wahrhaftig hohen und tugendhaften Seele
    Der König wurde Anfangs bei ihr bloß allein durch die Annehmlichkeiten ihrer
Gestalt gerühret Diejenige Schönen welche er zuvor geliebt hatte waren von
einer solchen eigenschaft dass sie bei ihm wohl die sinliche Lust rege machten
das Herz aber selbst unempfindlich ließ Er wusste noch nicht dass in dem
Geist des Menschen etwas verborgen war welches hauptsächlich seinen Einflus in
das Gemüt hatte und welches eigentlich nur allein den Namen der Liebe
verdient
    Hier hätte also der König eine ihm noch unbekannte Neigung gefast er meinte
die Base seines ersten Ministers müsste es sich gleich andern zur Ehre rechnen
wann er sich für ihren Liebhaber erklären würde er suchte Gelegenheit sich ihr
als ein solcher zu erkennen zu geben Die vornehmste Damen des Hofs hielten eine
um die andere ihre Gesellschaften Der König fand sich insgemein mit dabei Die
Gräfin von Monteras konnte sich aus Wohlstand nicht entbrechen bei diesen
ordentlichen Zusammenkünften mit zu erscheinen Hier suchte der König
Gelegenheit sie zu sprechen um ihr seine Neigung zu offenbahren Die Gräfin
aber entzog sich mit der größten Sorgfalt sowohl seinen Blicken als seiner
Unterredung
    Endlich fand er sie einsmahl ganz allein in ihrem an den Sandilischen
Pallast stossenden Garten sie hatte ihre Augen auf einer mit allerhand Blumen
und raren Gewächsen besetzten Gallerie nach dem unten vorbeifliessenden Strohm
gerichtet und war dabei in so tiefen Gedanken dass sie des Königs nicht eher
gewahr wurde als bis er ihr die Hand ergriff und solche zum Munde fuhrte sie
erschrack darüber heftig doch fasste sie sich bald und begegnete dem König als
eine Fraulein die vollkommen wohl zu leben wusste
    Hier musste sie sich es gefallen lassen des Königs LiebesErklärung
anzuhören sie antwortete ihm darauf mit untermengter Schamröte dass sie für
denselben alle schuldige Ehrerbietung hätte dass sie aber dabei nicht absehen
könnte wozu demselben ihre Liebe dienen sollte denn ihre Geburt setzte sie zu
weit unter den Königlichen Thron und ihr Gemüt zu weit über das Glück seiner
Königlichen Buhlerin
    Die Gräfin brachte diese Worte mit einem so edlen und großmütigen Wesen
vor dass der König so geschwind nicht wusste was er ihr darauf antworten sollte
Je mehr er dieselbige betrachtete je mehr fand er an ihr Reizungen sie zu
lieben und ernsthafte Gebehrden sie zu ehren Schönste Gräfin brach er
endlich heraus sie würden meine Neigungen nicht verdammen wenn sie ihre reine
Absichten betrachten wollten sie schenken mir nur ihr Herz es wird mich niemand
hindern ihnen als meiner Gemahlin die Hand zu geben und als meiner Königin die
Krone aufzusetzen Die Gräfin die sich auf einen so wichtigen Antrag von Seiten
des Königs nicht versehen hatte schlug darüber die Augen schamhaftig nieder
und suchte mit einer demütigen Bescheidenheit das Anerbieten einer so hohen
Liebe von sich abzulehnen sie sagte dass sie darzu viel zu gering wäre dass sie
der Himmel nicht hätte zu Cron und Szepter lassen geboren werden und dass sie
ihm notwendig missfallen müsste wann er sehen sollte dass sie sich durchaus dazu
nicht schicke
    Der König schmeichelte ihr ganz mit dem Gegenteil er rühmte ihren
ungemeinen Verstand er sagte dass ihre Tugenden und Vollkommenheiten sie schon
allein des Trones würdig machten und dass er noch keine gebohrne Prinzessin
gesehen hätte die denselben mehr zieren könnte Allein diese Reden so
verbindlich sie auch waren vermochten die Gräfin nicht zu rühren eine
vorgefaste Neigung war bei ihr viel stärker als die Ehrsucht Königin zu werden
sie hatte über ihr eigen Herz nicht mehr zu befehlen der König kam zu spät um
solches in Besitz zu nehmen
    Der König war nicht gewohnt die Damen an seinem Hofe so kaltsinnig für ihn
zu finden die Krone hat allzuschimmerende Eigenschaften als dass sie nicht die
Augen der Schönen verblenden sollte Er fand sich darüber beleidigt er konnte
sich aber deswegen nicht entschließen etwas zum Nachteil seiner Liebe zu tun
Er suchte den Herzog von Sandilien Dieser war nicht weit er fand ihn in seinem
Pallast
    Mein lieber Herzog redete er ihn an ich komme von eurer Base ich habe ihr
gesagt dass ich sie liebte sie hat mir aber kein Gehör geben wollen ob ich ihr
gleich sagte dass ich sie zur Königin machen wollte Ew Majestät versetzte
hierauf dieser verschmitzte Hofmann belieben mit meiner Basen zu schertzen Es
muss eine Prinzessin aus Königlichem Geblüt es muss die vollkommenste Fürstin von
der Welt das Ehbett meines Königs und dero Thron besteigen und es wird ein
Glück für meine Base sein wann sie derselben als eine Magd wird aufwarten
können
    Was habt ihr aber dagegen fragte der König wenn ich eure Base selbst zu
meiner Gemahlin verlange Allergnadigster König antwortete der Hertzog mit
einer ganz demütigen Gebehrdung ich suche keine andere Hoheit und keine andere
Glückseligkeit als diejenige von Ew Majestät Der Glanz welcher davon durch
dero mir geschenkte Gnade auf mich und mein Haus abstrahlet ist mir genug und
ich werde als ein getreuer Diener von meinem König nimmer zugeben dass derselbe
etwas zum Nachteil seiner Krone tun sollte wann es auch gleich zur größten
Ehre meines Hauses gereichen würde
    Auf diese Weise fuhr der König im Eiffer heraus bin ich mehr dem Zwang
unterworfen als der geringste meiner Untertanen Allzubeklagenswürdiger
Fürst der nicht einmal die Freiheit hat sich eine Gemahlin nach seinem
Wohlgefallen zu wählen meint ihr dann nicht sagte der König zu dem Hertzog
dass ich im Stand war euch und euer Haus zu schützen Ich habe euch zum Herzogen
gemacht warum sollte ich eure Base nicht auch zu einer Königin machen können
Eure Geburt ist edel und eure Ahnen sind ehedessen durchlauchtig gewesen
welche große Niederträchtigkeit sollte ich demnach begehen wenn ich mich an
eine Fräulein aus eurem Hause vermählen sollte deren Tugenden des Trones so
würdig sind Es ist wahr fuhr der König fort ihr seid mein Untertan alleine
mehr die Gewohnheit als ein vernünftiges Gesetz haben bisher die Könige
bewogen mit auswärtigen Fürstinnen sich zu verloben Die Folgen davon wie ihr
mir oft selbst erzählt habt sind mit nichten allezeit so glücklich gewesen
besonders in diesem Reich wo die ausländische Prinzessinnen die
Landverderblichste Kriege und das größte Unheil verursacht haben
    Der Herzog konnte sein Vergnügen nicht genug bergen da er den König also
reden hörte er schrieb solches den glücklichen Unterweisungen zu womit er
bisher sich hatte angelegen sein lassen dem jungen König einige Begriffe von
den Sachen des Staats beizubrigen Er suchte sich nichts destoweniger bestens zu
verstellen und den König zu bereden dass er sich mit der ältesten Prinzessin des
Königs der Arbaten vermählen und zu dem Ende einige Gesandten an dessen Hof
abschicken sollte
    Der Herzog hatte nicht so bald von dieser Heirat Meldung getan so geriet
der König darüber in einen ungemeinen Eiffer Ich sprach er voller Verachtung
soll eine Prinzessin zur Gemahlin nehmen deren blose Vorstellung mich mit Eckel
erfüllt und deren Vater mir als ein Hofmeister vorschreiben würde wie ich
meine Regierung einrichten sollte Gedenket nicht mehr daran Herzog suchet die
Sache mit diesem Hof auf eine andere Weise zu schlichten und wann ihr mich
liebt so beweget eure Base den Thron so ich ihr anbiete nicht auszuschlagen
    Der Herzog war hierinn dem König gehorsamer als er sich darzu hatte
verbindlich gemacht Werteste Base redete er die Gräfin an als sie aus dem
Garten wieder in den Pallast zurück kame ich hoffe ihr liebt mich ein wenig
ihr wisst dass ich mir aus eurem Glück das größte Vergnügen mache und dass ihr
dermaleins weil ich keine Kinder habe die einzige Erbin aller meiner Güter
sein werdet Darf ich mir nicht in einer wichtigen Sache euren Gehorsam
versprechen die Gräfin erblasste über diesen Vortrag ihr Herz sagte ihr
sogleich den Inhalt der ganzen Rede welche ihr Vetter aus einem so rührenden
Ton angefangen hatte Sie antwortete deswegen nichts und erwartete von
demselben die Erklärung des Gehorsams welchen er von ihr forderte
    Der Himmel fuhr er fort hat euch ein tugendhaftes Gemüt und eure Frau
Mutter eine recht glückliche Erziehung gegeben eure Aufführung hat euch bisher
die Hochachtung des ganzen Hofs erworben der König selbst liebt euch Nun komt
es auf euch an liebste Base eurem Haus die höchste Ehr und den größten Glanz
beizulegen Der König bietet euch seine Krone an ich habe ihm diese Gedanken
suchen auszureden alleine ich hoffe ihr werdet solche durch euren klugen
Verstand und durch eure liebreizende Gestalt noch nehr zu befestigen wissen
last mich auf eine angenehme Art gezwungen werden dergleichen Bündnis dem König
einzugestehen so sehr ich auch äußerlich ihm solches werde wiederraten
müssen
    Die Gräfin schien über diesen Vortrag des Herzogs verwundert zu sein sie
schlug die Augen nieder und wusste nicht was sie darauf antworten sollte Ihr
schweiget liebste Base sagte er zu ihr was habt ihr vor einen Anstand euch zu
erklären rühret euch die Ehre eures Hauses nicht Macht euch die Liebe eines
jungen und huldreichen Königes nicht empfindlich Ach gnädiger Herr ließ sich
endlich die Gräfin vernehmen was soll ich ihnen antworten ich bin voll
Verwirrung ich bin ihnes allen schuldig ich liebe ich verehre sie als meinen
Vater allein darf ich mich erkühnen denenselben mein Gemüt frei zu entdecken
ich bin von Natur zu einer stillen und ruhigen LebensArt geneigt Ew Gnaden
haben mich zu sich genommen und mit unzehligen Wohltaten überschüttet Sie
haben mir öfters selbst den Verdruss entdecket welchen ihr Gemüt über die
Unordnungen des Königs empfunden hat Dessen Ausschweiffungen und Schwelgereien
haben solchen täglich erneuert Ich habe dadurch mein Gemüt gewöhnet den König
nicht anders als einen lasterhaften Menschen zu betrachten Ich habe mich
gefürchtet ihn anzusehen und wann ich mir seine böse Neigungen zusamt seiner
Hoheit und Gewalt vorstellte so erzitterte ich in dem innersten meines Herzens
Ich beklagte die Menschen die seine Untertanen waren ich beklagte sie
liebster Herr Oheim dass sie das Verhängnis zu dessen ersten StaatsRat
erhoben und nun beklag ich uns beide zusammen dass meine wenige Gestalt die
unglückliche Reizungen gehabt dem König zu gefallen Ich möchte gern aus
tiefster Ehrerbietung und Liebe für sie in alle dero Absichten eingehen Allein
sie verzeihen mir ich kann mich nicht verstellen ich liebe den König nicht er
würde solches bald merken er würde bald die Liebe in Hass verwandeln und unsere
Feinde sollten sodann leicht die Gelegenheit finden uns beide zu stürtzen
    Der Herzog ließ seine Base ganz ruhig ausreden Seid ihr fertig mein liebes
Kind fragte er sie darauf Ich finde euch sehr klug ihr habt alles wohl
überlegt allein je mehr ihr mich durch eure Vorstellungen von meinen
Anschlägen abzubringen suchte je mehr befestiget ihr solche euer Verstand
überzeuget mich dass ihr euch vollkommen zu einer Königin schicket Ihr werdet
dem König solche Neigungen einzuflösen wissen die sowohl mit den Absichten
eurer Tugend als mit der Aufnahm eures Hauses überein stimmen Liebt ihr den
König nicht so habt ihr doch keine Ursach ihn zu hassen Der Thron den er euch
anbietet hätte auch Annehmlichkeiten genug wenn ihn gleich kein so
Liebenswürdiger Fürst als unser König ist begleitete Dessen bisherige
Ausschweifungen sind nur Kleinigkeiten und allgemeine Fehler der Jugend vor
welchen euch so sehr nicht eckeln muss Man verzeihet solche dem jungen Adel
warum nicht einem noch jungen König dem niemand zu befehlen hat Ihr meint 
die Verstellung würde euch zu viel kosten besinnet euch doch setzte er
scherzend hinzu dass ihr von einem Geschlechte seid dem die Verstellung so
natürlich ist
    Dieses Gespräch wurde durch den Hofmeister unterbrochen der dem Herzog
meldete wie man bereits zur Tafel gedienet hätte Dieser gab also der Gräfin
die Hand und führte sie in den SpeiseSaal Bei dem AbendEssen musste die Gräfin
von dem Hertzog sich noch wegen ihrer Unschuld und Redlichkeit aufziehen lassen
wozu eine gewisse Dame welche der Gräfin ihre GesellschaftsFräulein besucht
hatte und sich bei der Tafel befande das Ihrige mit beitrug Die Gräfin
verdross solches heimlich doch ließ sie ihrem Oheim zu Gefallen sich solches
nicht merken
    Dieses Weib hies Korinna ob sie gleich ihre Jugend schon vorlängst zurück
gelegt hatte so wollte sie doch noch gerne gefallen weil ihr aber ihr bejahrtes
Fell darin zuwider war so suchte sie dieses Unglück auf eine andere Art zu
ersetzen sie legte sich auf lauter Practiken und meinte dadurch die Vorteile
ihres Verstandes gelten zu machen sie hatte einen verschmitzten Kopf und konnte
mit ihrer schnellen Zunge hundert Leute ineinander verwirren sie war eine
lebendige Chronik von allem was sich bei Hofe und in der Stadt zutrug sie
hatte dabei einen starken BriefWechsel und gab sich dadurch das Ansehen eines
geheimen StaatsMercurii Sie lies sich zu allen Händeln gebrauchen und war eine
ungemein schädliche Frau für diejenigen die ihre Klugheit nicht bewundern noch
ihren Ratschlägen sich anvertrauen wollten
    Der Herzog konnte sich nicht wohl ihres Umgangs entschlagen so eine große
Verachtung er auch heimlich für sie hatte Er musste ihren Bottschaften Gehör
geben und sie selber öfters als eine Ausspäherin gebrauchen Solchem
grausamen Zwang sind öfters diejenige unterworfen die das Glück über andere
Menschen so weit erhoben hat dass es scheint als ob sie mehr ihnen zu
befehlen als sich vor ihnen zu fürchten hätten
    Die GesellschaftsFräulein Namens Asmenie liebte ihre Gräfin aus einer
natürlichen Neigung sie war bei zehen Jahr älter als sie und hatte einen
guten Anteil mit an ihrer Erziehung sie war von Hertzen vergnügt dass ihre
Gräfin keinen Gefallen an der Korinna fand sie nahm deswegen Gelegenheit
dieselbe vor dergleichen schwatzhaften und gefährlichen WeibsBildern zu warnen
wobei sie zugleich ihr mit anriet solchen doch jederzeit höflich zu begegnen
um sich dadurch gegen ihre giftige ZungenBisse einigermaßen in Sicherheit zu
setzen
    Von der Korinna kamen sie auf den König zu sprechen So viel ich bisher
wahrgenommen sagte Asmenie zu der Gräfin so haben dieselbe an dem König einen
Liebhaber bekommen und wenn ich mich nicht betrüge so ist er bei ihnen in
seiner Neigung nicht gar glücklich Ich sehe sie meine liebste Gräfin seit
einigen Tagen immer in Gedanken sie seufzen heimlich sie haben ein verborgenes
Anliegen welches sie mir verhölen sie lieben und schämen sich es mir zu
sagen ich möchte sie gerne wieder ruhig sehen ich leide mit ihnen und weiß
gleichwohl die Ursach ihres Leidens nicht Die Gräfin errötete über diese
Worte sie fiel der Asmenien um den Hals und hielte mit Gewalt die Tränen
zurück die ihr in den Augen stunden Liebste Asmenie rief sie dabei aus was
soll ich ihnen sagen etwas das ich mir noch selbst nicht gestehen mag doch
es ist billig dass ich ihnen entdecke was in meinem Herzen vorgehet
    Es sind noch keine vierzehen Tage da ich in der Gesellschaft bei der
Herzogin von Salona einen Kavallier fand den ich zuvor an unserm Hofe nie
gesehen hatte man spielte ich kam an einen Tisch zu sitzen der einem mit
Lichtern erhellten SpiegelGlas gegenüber stund Der Fremde war an einer andern
SpielTafel und kehrte seitwärts das Gesicht ebenfalls nach diesem Glase er sah
mich und ich sah ihn doch keines von beiden sah sich darinnen selbst so oft
wir die Augen aufschlugen so oft traffen auch unsere Blicke auf einander ich
errötete darüber und wusste endlich nicht vor Verwirrung wo ich meine Augen
hinwenden solle Ich verlor dabei die größte Spiele und diejenige die mit mir
spielten beschuldigten mich nicht ohne Wahrscheinlichkeit dass ich mit meinen
Gedanken abwesend wär Dieses verursachte dass ich einem Kavallier mein Spiel
gab und mich zu der Hertzogin verfügte welche ebenfalls ihr Spiel einer von
ihren Fräulein gegeben hatte Ich wollte mich bei ihr nach obgedachtem Fremdling
erkundigen allein sie wusste gleichsam alle meine dahin gehende Fragen mit
Vorsatz abzuleiten und sprach mir so viel von andern Dingen dass ich darüber
hätte mögen ungedultig werden Das Spiel ging damit zu Ende und die
Gesellschaft auseinander Der Fremde führte die Dame mit welcher er gespielt
hatte auf ihren Wagen und ich sah niemand mehr bei dem ich mich nach
demselben mit Wohlstand hätte erkundigen können
    Ich schäme mich ihnen zu bekennen liebste Asmenie dass mir der Anblick
dieses Kavalliers einige Unruh gemacht und dass ich darüber in meinem Hertzen
eine mir nie zuvor bekannte Regung empfunden Allein wenn sie wüsten wie sehr
ich solche bei mir bestritten und welche harte Gesetze ich mir darüber
vorgeschrieben hätte so würde ich dadurch nichts von ihrer Hochachtung
verliehren
    Wie gros aber war meine Bestürtzung da ich den andern Tag darauf diesen
Fremdling bei der Frau von Ridelo antraf Ich konnte ihr kaum als ich zu ihr
ins Zimmer trat die gewöhnliche Höflichkeiten sagen das Blut drang mir mit
einer schnellen Gewalt ins Gesicht und das Hertze schlug mir in der Brust dass
ich meinte man müsste es hören können Die Frau von Ridelo möchte meine
Verwirrung nicht wahrgenommen oder meine Errötung dem geschwinden Gehen damit
ich die Treppen aufgestiegen war zugeschrieben haben Sie hatte sich nicht
sobald mir in die Arme geworfen so sagte sie zu mir indem sie den Fremden bei
der Hand fasste ich habe die Ehre der schönsten Gräfin auch den
vollkommensten Kavallier hier vorzustellen Es ist der Herr Graf von Rivera der
beste Freund meines Vaters Der König hat ihn zum Kammerherrn gemacht und wir
werden das Glück haben ihn an unserm Hofe zu behalten
    Mittlerweile dass mir dieses alles die Frau von Ridelo mit ihrer
gewöhnlichen Lebhaftigkeit sagte und der Graf mich begrüste hatte ich Zeit
mich wieder zu erhohlen Ich antwortete ihnen beiden dass ich schon die Ehre
gehabt hätte diesen Kavallier gestern in der Gesellschaft bei der Herzogin von
Salona zu sehen und dass es mir lieb wär an ihm einen Freund des Herrn von
Bellamont kennen zu lernen von dem ich jederzeit so viel rühmliches gehört
hätte dass man von seinen Freunden nichts anders als gute Meinungen haben
könnte
    Der Graf schien vergnügt zu sein dass ich mich seiner erinnerte er sagte
mir mit der verbindlichsten Art von der Welt dass er sich nimmer so viel
geschmeichelt hätte von einer Person wie ich wär beobachtet zu werden er
hätte nichts so sehr beklagt als dass er keine Gelegenheit gehabt mir seine
Ehrerbietung zu erkennen zu geben Kurtz ich sah oder schmeichelte mir
wenigstens damit dass ich ihm nicht ganz missfiel Wir sprachen darauf von
allerhand Dingen Ich fand dass der Graf nicht weniger Verstand als äußerliche
Annehmlichkeiten besaß seine Reden hatten etwas freies und doch bescheidenes
er widerlegte unsre Meinungen und sagte uns gleichwohl alles was wir gern
hörten die Art womit er eine Sache vorbrachte zwang uns zum Beifall wo wir
solches am wenigsten gedachten Ich gab ihm deswegen in meinem Hertzen einen
gewissen Rang vor andern MannsPersonen ich fühlte bei mir ein heimliches
Verlangen ihm so sehr zu gefallen als er mir gefiel
    Ich hatte ihn darauf nur einmal wieder allein gesprochen als wir vor
einigen Tagen auf des Königs GeburtsFest bei Hofe uns antraffen Er tantzte
mit mir und zog mich darauf an ein Fenster um ein wenig Kühlung zu schöpfen er
hatte mir kaum einige Schmeicheleien vorgesagt die mir eine Neigung für mich zu
erkennen gaben als zu meinem Unglück der König zu uns trat Er hatte schon
vorher wenn ich mich in Gesellschaft fand mir etlichmahl scharf unter die
Augen gesehen und mich allein zu sprechen gesucht dissmahl konnte ich ihm nicht
ausweichen er betrachtete mich mit der größten Aufmercksamkeit und gab mir
sehr deutlich zu verstehen dass er etwas an mir fand so ihm gefiel Er forderte
mich zum Tantz auf der Graf schien mir darüber betrübt zu sein er fliehet seit
dem meine Gegenwart da im Gegenteil der König mit seiner Liebe mich verfolget
    Ach Asmenie fuhr die Gräfin seuffzend fort was macht mir diese
Kaltsinnigkeit des Grafens vor Unruh ich mag den König nicht ansehen meine
Augen suchen nur den Grafen die Seinigen aber verweisen mich an den König
Diese Aufführung verschmähet mich ungemein ich wollte ihm bei verschiedener
Gelegenheit wieder um meine Kaltsinnigkeit zeigen aber er tut nicht einmal
als ob er solches merkte
    Ich bin deswegen auf nichts mehr bedacht als diese Torheiten mir aus dem
Sinn zu schlagen und den hochmütigen Grafen zu vergessen
    Es wird ihnen dieses meine liebste Gräfin antwortete Asmenie schwerer
fallen als sie sich solches einbilden dergleichen Leidenschaften gehen nicht
so hurtig weg als sie kommen Der Graf von Rivera hat etwas greiffendes und an
sich ziehendes in seinem Wesen sie erkennen schon allzuviel dass er
Liebenswürdig ist wär der König nicht mit ins Spiel gekommen so würde ich
ihnen selbst raten ihrer Neigung für ihn Gehör zu geben er könnte sie allem
Ansehen nach glücklich machen und sie könnten an unserm Hofe keine MannsPerson
würdiger lieben allein der König ist eine wichtige Hindernüs und wenn er für
sie meine liebste Gräfin eine wahre Zuneigung heeget so können sie ihm nicht
entgegen sein
    Ich glaube offenherzig von der Sach zu reden erklärte sich hierauf die
Gräfin wenn ich den Grafen von Rivera nicht gesehen hätte so würde ich
vielleicht so viel Ehrsucht haben den König zu lieben nun aber ist mein Hertz
von einer andern Neigung eingenommen Cron und Szepter scheinen mir nicht so
annehmlich als die Zuneigung die der Graf für mich hat spühren lassen
    Die Gräfin als sie auf solche Art der Asmenien ihr Geheimnüs gestund wurde
darauf voller Scham und Verwirrung sie wollte es nicht gesagt haben sie bat
ihr nichts mehr davon zu reden sie nahm sich gänzlich vor den Grafen zu
vergessen sie umfieng darauf Asmenien und begab sich zur Ruh
    Der Hertzog von Sandilien war unterdessen mit der Aufführung seiner schönen
Base nicht wohl zufrieden weil er sie aber sehr liebte so wollte er auch ihre
Neigung nicht zwingen er schmeichelte sich vielmehr der König würde durch die
Kaltsinnigkeit seiner Basen desto mehr Feuer fangen und sich um so vielmehr
angelegen sein lassen derselben zu gefallen
    In der Tat gab der Gräfin ihr ernsthaftes Bezeigen dem König einen neuen
LiebReitz Er wurde durch ihre Sittsamkeit weit heftiger gerühret als durch
die freche Gefälligkeiten anderer Schönen Seine Hoheit fand hier noch etwas zu
übersteigen das ihn niedriger machte Die großmütige Tugend der Gräfin bewegte
denjenigen selbst zur Ehrerbietung den sonst alle Menschen mit der größten
Ehrfurcht betrachteten Alle Lustbarkeiten bei Hofe wurden ihr allein zu Ehren
angestellt Der König richtete sich darin ganz nach ihrer GemütsArt man sah
in den Schauspielen eine gewisse Ehrbarkeit herrschen die man zuvor darin
nicht wahrgenommen hatte Der König selbst lebte eingezogener und mäßiger Die
Gräfin merkte bald dass der König ihr durch diese Aufführung zu gefallen suchte
sie litte darunter und wünschte oft selbst etwas für den König zu empfinden
welches seinen Absichten gleichförmig sein möchte allein die Liebe hat ihre
Eigensinnigkeiten sie herrschet wo sie einmal sich eingeschlichen und bindet
sich an nichts
    Der Herzog quälte die Gräfin täglich mit den wichtigsten Vorstellungen dass
sie die Liebe des Königs nicht ausschlagen sollte täglich sah sie sich deswegen
von dem König selbst verfolget er tat alles in der Welt um sich ihr gefällig
zu machen er rührte ihr Mitleiden dieses war alles zu mehr konnte er sie nicht
bewegen
    Ein solcher Zustand war beides für sie als für den König unerträglich der
Gräfin ihre Gesundheit litt darunter ihr verborgenes Anliegen beunruhigte sie
noch mehr sie wurde unpässlich die Aertzte brauchten ihr gegen allerhand Ubel
die sie nicht hatte und ihr neue zuzogen sie verlangte deswegen zu ihrer Frau
Mutter auf das Land um aus allen diesen Verwirrungen sich zu retten Ihr Oheim
vermochte sie nicht länger davon abzuhalten sie nahm von ihm Abschied und
verreiste
    Der König empfand ihre Abwesenheit mit vieler Unruh Das LandGut ihrer Frau
Mutter war nur eine TagReise von Panopolis Der König sandt schier täglich
dahin sich ihrer Gesundheit halben zu erkundigen diese hatte sich gebessert
so bald sie von der HofLuft entfernet und den Aerzten aus den Händen gekommen
war Weil sie aber besorgte der König möchte ihren ruhigen Aufenthalt auf dem
Lande zu bald wieder stöhren so hielt sie sich noch immer auf ihrem Schloss sehr
eingezogen
    Doch da sie in der Länge ihre Gesundheit vor ihren Leuten nicht konnte
verborgen halten so hatte der König auch bald davon Nachricht er machte sich
auf den Weg bei ihr einen Besuch abzulegen und sandt einen Edelmann voraus um
solchen bei ihr anzumelden
    Er hatte niemand als den Grafen von Rivera bei sich dieser war in kurtzer
Zeit bei dem König zu solcher Gunst gelanget dass er ihn immer um sich hatte
Des Königs Liebe für die Grafin war ihm kein Geheimnüs der König vertraute ihm
alles und wollte dass er ihm auch hierinn raten sollte So sehr der Graf allhier
von gleicher Neigung eingenommen war so hielt er doch nicht für geziemend
seines Königs Mitbuhler zu sein er gab deswegen seiner Vernunft alle Stärke
deren sie fähig war um seine Neigung für die Gräfin zu unterdrucken und die
Gewogenheit seines Herrn mit äußerster Treu zu erwidern Er sah mit einer
vergnügten Bewunderung die glückliche Veränderungen welche diese Liebe bei dem
König verursachte er urteilte daraus dass die Vorsehung hier etwas würken
wollte die Laster des Königs und seiner Höflinge zu verbessern Dieses bewog ihn
um so vielmehr dieser tugendhaften Neigung des Königs beizupflichten und ihm
selbst die beste Anschläge zu geben wie er der Gräfin Gunst erlangen möchte
    Die Gräfin als sie den König von dem Grafen von Rivera begleitet auf sich
zukommen sah konnte darüber ihre Bestürzung nicht bergen Diese beide Personen
waren ihrer Ruh bisher allzunachteilig gewesen als dass sie ihren Anblick ohne
große Bewegung hätte vertragen können Sie empfing nichts destoweniger den
König mit aller Wohlanständigkeit Er sagte ihr bei dieser Gelegenheit alles
was die heftigste Leidenschaft demselben in den Mund legte die Gräfin suchte im
Gegenteil allen ihren Verstand zu gebrauchen um dem König diese Neigung
auszureden sie versicherte denselben der allerehrerbietigsten Hochachtung sie
sagte dass sie sich für unglücklich hielt weil sie nicht diejenige
Eigenschaften besäße die notwendig darzu erfordert würden einen so großen
König zu vergnügen sie fügte hinzu dass sie demselben gern ihren äußersten
Gehorsam bezeigen wollte allein ihr Hertz litte keine Verstellung sie könnte
sich nicht überwinden noch diejenige Furcht sich benehmen die ihr bei
Annehmung einer Krone zu welcher sie nicht geboren wär mit der größten Gefahr
drohte
    Der König musste sich mit dieser Erklärung begnügen er konnte mehr nicht aus
ihr bringen Er erzehlte dem Grafen unterwegs da sie wieder nach Panopolis
zurück kehrten seine mit der Gräfin gehabte Unterredung Der Graf welcher die
Gräfin ohneracht aller Gewalt die er sich antat noch immer heimlich liebte
fand ihre Reden mit nichten so hart als der König sich solche vorstellte Nur
noch ein wenig anhaltende Beständigkeit sprach er so haben Ew Majestät
gewonnen Die Gräfin bekennet für dieselbe die größte Hochachtung sie ist um
nichts mehr besorgt als dass sie dieselben nicht vergnügen möchte wann sie Dero
Gemahlin werden sollte sie ist darin mehr demütig als kaltsinnig ja wo ich
nicht irre so ist sie mehr in Sorgen sich die Gunst ihres Königs
beizubehalten als die ihrige demselben strittig zu machen
    Man muss selbst lieben und von einer verborgenen Eifersucht eingenommen sein
so sinnreich die Antworten einer geliebten Schönen zum Vorteil eines
Mitbuhlers auszulegen In der Tat waren solches nicht die Meinungen der Gräfin
sie ehrte den König und gedachte nur durch diese verbindliche Reden sich von
demselben loszuwickeln Der König merkte es auch wohl wie man aber leicht zu
bereden ist etwas zu glauben was man wünschet so ließ sich auch der König von
dem Grafen mit dieser Hoffnung schmeicheln
    Bisher war alles für den Grafen von Rivera sehr gut gegangen er sah sich
nicht allein in des Königs Gnade sondern wurde auch schier von jederman geehret
und geliebt Der Neid knirschte darüber heimlich die Zähne und suchte
Gelegenheit sich öffentlich gegen ihn heraus zu lassen Keine Vorsichtigkeit
keine Unschuld und keine Tugend kann dessen Nachstellungen entgehen Einem
Menschen den man will fehlen sehen kann man leicht eine Sache zum Verbrechen
machen Hier musste auch so gar die Treue des Grafens dessen Würckung erfahren
    Die Hertzogin von Salona hatte so gute Augen als die Gräfin von Monteras
sie fand an dem Grafen von Rivera alle die Annehmlichkeiten welche diese Gräfin
an ihm entdecket hatte sie stund damals eben gegen über dem Grafen als er
seine Augen so beständig nach ihrem großen SpiegelGlas hinwarf welches diese
schier auf die Gedanken brachte dass er als ein andrer Narciss in seine eigene
Gestalt verliebt sein müsste Wie sehr aber war sie nicht verwundert da sie als
sie sich darauf hinter ihn stellte nicht ihn sondern die Gräfin von Monteras
im Spiegel erblickte sie sah wie diese Schöne ihre Augen bald mit einer
Entzündung auf dieses Glas hefftete bald aber mit einiger Schamröte wieder
niederschlug
    Die Hertzogin von Salona war in der Tat damals die beste Partie in
Panopolis sie besaß noch eine frische Schönheit ohneracht sie bereits die
dreißig Jahr zurück geleget hatte Sie war noch nicht lang Wittbe und hatte
kaum noch ihren TrauerFlor mit einem bunten Aufsatz verwechselt Ihre
Einkünfte sowohl als die Stelle eines Obristen Feldherrns die ihr verstorbener
Gemahl begleitet hatte gaben ihr den ersten Rang bei Hofe Es fehlte ihr weder
an Feuer noch Verstand allein von den Empfindungen die eine edle Seele
ausmachen hatte sie wenig Ihre Art zu dencken war gemein Wie ihr die Sachen
am ersten vorkamen so glaubte so fasste sie solche Weiter durchdrang sie
nichts Die Liebe gab ihr noch ein wenig Geist ihr Stand und ihre Aufführung
aber machte dass man ihr noch weit mehr als sie hatte zuschriebe
    Sie hatte seit dem den Grafen öfters bei Hof und in den Gesellschaften
gesehen er schien ihr noch immer Liebenswürdiger zu sein sie suchte deswegen
alle ihre Reitzungen ins Feld zu stellen um ihn ins Garn zu locken Der Kopf
wurde auf die sinnreichste Art geschmücket Ihre HaarLocken spielten auf ihrem
blancken Hals um welchen bald eine Schnur der auserlesensten Perlen bald ein
köstliches Geschmeide von doppeltgeschliffenen Diamanten bald aber ein anders
von flammigten Rubinen und Saphyren gläntzete Die halb entblöste Brust schien
von den geheimen Regungen aufgequollen damit sie das Hertz ihres Geliebten zu
entzünden suchte in ihren Augen brannte das stärckste Feuer wann sie auf den
Gegenstand ihrer Liebe traffen sie hatten mehr Beredtsamkeit als ihre Lippen
welche noch eine gewisse Schamhaftigkeit verschlossen hielte
    Der Graf erkannte bald die Neigung der Hertzogin durch dessen demütige
Bescheidenheit aber hielt er sie zurück sich ihm näher zu erklären Er sagte
ihr alles was die Höflichkeit einen artigen Hofmann kann sagen machen Der
Hertzogin aber schienen alle seine Reden kaltsinnig sie waren ihr nicht
verbindlich genug sie beobachtete dass er dergleichen auch andern Damen sagte
sie empfand darüber alles was eine verschmähte Liebe einem hochmütigen Herzen
kann empfindlich machen
    Korinna wurde endlich in dieser Angelegenheit zu Rat gezogen Kluge
Korinna sprach sie zu ihr wer sollte denken dass ich die Schwachheit hätte in
dem Grafen von Rivera einen Undankbaren zu lieben Ich schmeichelte mir sein
Glück zu machen allein weder mein Stand noch meine Liebe noch die
ansehnliche Güter die ich besitze vermögen ihn zu rühren meine Augen haben
für ihn keinen Liebreitz er fliehet meine Blicke die ihm das Geheimnüs meines
Herzens zu entdecken suchen und außer einigen Höflichkeiten die ihm der
Wohlstand abnötiget würde ich sagen dass er mich verachte
    O gnädige Herzogin unterbrach hier die mitleidige Korinna sie sehen mir
eben so aus als ob man sie verachten könnte Wie eine Herzogin wie Ew Durchl
sind die alle Vollkommenheiten in der Welt besitzet und welche die größte
Fürstin um sich könnte seufzen machen die sollte sich einbilden dass man sie
verachte O das geht zu weit
    Ich hatte mir selber geschmeichelt fuhr die Herzogin fort der Graf von
Rivera würde meine GunstBezeugungen für ein Glück halten allein ich komme zu
spät sein Herz ist bereits von einer andern Schönheit eingenommen Er liebt
die Gräfin von Monteras und scheuet sich nicht einen Mitbuhler seines Königs
abzugeben
    Wie fing Korinna an der Graf von Rivera liebt die Gräfin von Monteras O
was hör ich sonder Zweiffel wird er auch von ihr geliebt die Herzogin
erzehlte hierauf der Korinna was sie ehedessen in der Gesellschaft bei ihr mit
eigenen Augen wahrgenommen hatte Dieses waren für ein Weib wie Korinna
ungemeine Neuigkeiten sie schienen ihr so wichtig dass sie dafür hielte sie
könnte ihren Verstand nicht würdiger beschäftigen als wenn sie sich mit in
dieses Spiel mengte
    Die Gräfin von Monteras ließ sich ihre plauderhafte Zunge vernehmen ist
eben keine Närrin Der Graf ist ein schöner Herr er ist artig und kann
schwätzen was er will wenn ich noch jung wär so gefiel er mir auch Denn wenn
man es recht betrachtet was ist doch eine Krone wie war nicht unsre Hochselige
Königin eine geplagte Frau musste sie nicht ihr Leben in stetem Zwang in
tausend Sorgen und Unruh zubringen dann waren einheimische dann auswärtige
Händel bald musste sie mit Geistlichen bald mit Weltlichen zu Rate geben Sie
musste sich immer verstellen Leuten freundlich sein die sie nicht leiden konnte
und mit denen die ihr lieb waren verbot ihr die Hoheit vertraulich umzugehen
Sie hatte zwar alles in Uberfluss aber dieser Uberfluss machte ihr mehr Sorgen
als andern Dürfftigkeit O man schencke mir keine Krone aber ein solcher Graf
wär mir recht Doch besann sich endlich das schwätzhafte Weib wo gerat ich
hin was red ich ich wollte sagen die hochmütige Gräfin von Monteras schicke
sich besser für den König Ew Durchlaucht aber welche die Güte und
Freundlichkeit selber sind besser für den Grafen und ich muss nicht Korinna
heißen wenn ich ihn nicht in ihre Hände spiele
    Mit dieser lebhaften Versicherung nahm die dienstfertige Korinna ihren
Abschied von der Hertzogin welche sich fest einbildete sie würde durch die
Geschicklichkeit dieses Weibes in ihrem Wünschen glücklich werden
    Korinna stund mit dem ersten Kammerdiener des Königs und mit dessen Frau in
naher Bekantschaft Diese waren gleichfalls von der Art Leute die ihr Glück
durch lauter Praticken zu machen pflegten Korinna erzehlte ihnen die
Mutmaßungen welche sie von der Gräfin von Monteras und dem Grafen von Rivera
hatte man beschloss deswegen diesen beiden allenthalben auf den Dienst zu
lauren Gefährliche Ausspäher die allenfalls wo sie nur einen Schatten fanden
etwas wesentliches daraus zu machen wussten
 
                                Das vierte Buch
Die Frau von Ridelo hatte unterdessen die Neigung des Grafens ausgeforscht er
konnte ihr solche nicht länger verbergen das Frauenzimmer hat insgemein in
solchen Sachen besondere scharfe Einsichten Die Angelegenheiten der Verliebten
sind demselbigen die wichtigsten es entdecket solche leicht und menget sich
auch gerne mit hinein doch hatte der Graf die Vorsichtigkeit nicht eher der
Frau von Ridelo sich zu vertrauen als bis er sowohl ihrer Verschwiegenheit als
ihrer Redlichkeit versichert war
    Diese Dame hatte viele von den guten Eigenschaften ihres Vaters sie war
vernünftig liebreich und von einem immer gleich aufgeräumten Wesen sie brachte
die Annehmlichkeit und die Freude mit sich wo sie hinkam Niemand wüste etwas
artiger zu erzählen und sinnreicher auszudrucken sie war dabei aufrichtig und
verschwiegen welche Tugend man nicht immer diesem Geschlecht zuzuschreiben
pflegt
    Die Freundschaft ihres Vaters für den Grafen von Rivera hatte sich auch
ihrem Gemüte mit eingedruckt sie liebte ihn als ihren Bruder und wünschte
nichts mehr als denselben durch eine Heirat mit der schönen Gräfin von
Monteras glücklich zu sehen Sie wusste sich zu dem Ende auf eine sehr anständige
Art in die Vertraulichkeit dieser Schönen zu bringen und den Grafen dermaßen
fest in ihre Gunst zu setzen dass sie demselben ihr ganzes Herze wiedmete
allein in diesen schmeichelenden Umständen für den Grafen äußerte sich die
Liebe des Königs für die Gräfin der Graf musste demnach einem so mächtigen
Mitbuhler aus dem Weg gehen als er eben im Begriff war mit der Gräfin sich
völlig zu erklären
    Eine heimliche Schwermut hatte denselben eingenommen seit dem er mit dem
König zu Prato bei der Gräfin von Monteras gewesen war Er sah dass nun für ihn
keine Hoffnung mehr übrig wär weil die Liebe des Königs begunte ernsthafter zu
werden Er fand die Gräfin allzureitzend und seinen Verlust allzuempfindlich Er
kam in dieser traurigen Verfassung seines Gemüts zu seiner lebhaften Wirtin
Wie Herr Graf redete ihn diese an wie hängen sie den Kopf wo ist die
WeltWeisheit ich meinte der Graf von Rivera wär über alle Empfindungen
starker Leidenschaften schon weit hinaus
    Ach gnädige Frau lies sich der Graf vernehmen wir sind insgemein gute
WeltWeise wenn wir keine Versuchungen haben die gut Lehren und LebensRegeln
machen sich im Kopf bis Leidenschaften aber im Herzen Ich find mich in den
verwirrtesten Umständen von der Welt der König raubet mir die Gräfin von
Monteras und macht mich zugleich in dieser Angelegenheit zu seinem Vertrauten
dieses ist noch nicht genug Graf spricht er ihr habt die Gabe die Leute zu
bereden die Gräfin scheint euch gewogen zu sein geht reist nach Prato und
macht derselben alle ersinnliche Vorstellungen dass sie meine Liebe annehmen und
meine Gemahlin werden möchte Ich hatte gut ihm dagegen vorzustellen dass ich
mich zu einem solchen Geschäfte am allerwenigsten schickte dass die Gräfin sich
mir darin nicht anvertrauen würde dass er sich darzu am besten ihres Oheims
des Herzogs von Sandilien bedienen würde der König blieb einmal bei seiner
Meinung ich sollte nach Prato gehen und das Gemüt seiner Geliebten gegen ihn
auszuforschen suchen
    Ew Gnaden fuhr hierauf der Graf fort urteilen wie mir hierbei zu Mut
sein müsse Die Frau von Ridelo konnte nicht leugnen dass der Graf sich in
schlüpfrigen Umständen gesetzt fände sie suchte ihn aber um desto mehr
aufzumuntern Große Gemüter sprach sie haben auch große Anfechtungen Man
hat in der Welt nicht was man will die stärkste Neigungen sind nicht allezeit
die glücklichsten sie treten deswegen dem König dasjenige mit guter Art ab was
sie doch gegen ihn nicht behaupten können die ganze Welt hat noch Schönen für
sie ihr Herze ist nicht allein für die Monteras geschaffen Erinnern sie sich
nur bei ihrer jetzigen Neigung dass der König ihr Mitbuhler ist und dass das
geringste was sie ihm aufzuopfern haben ihre Liebe sei
    Der Graf verreisete hierauf nach Prato so bald aber war derselbe nicht vor
den Toren der Stadt so hatte sich auch Silon auf den Weg gemacht und kam
vermittelst seines guten Pferds und weil er die Fusssteige ritte noch vor dem
Grafen daselbst an er hatte sich in einen ForstKnecht verkleidet und mit
falschen Haaren bedecket dass ihn also niemand auch von des Grafens Leuten
erkannte Er nahm sogleich bei seiner Ankunft das Schloss in Augenschein und
bemerkte alle dessen Zugänge er fand hinten an dem Garten der mit einem
trockenen HaynGraben umgeben war in dem Zaun eine kleine Öffnung da man mit
leichter Müh durchbrechen und sich den Fenstern des Schlosses unvermerkt nahern
konnte
    Es war Winter der Abend hatte alles mit Dunkelheit überzogen und auf dem
Schloss herschte eine so tieffe Stille dass es schien als ob es unbewohnet war
Nur von Seiten des Gartens sah man unten zur Erden einige Zimmer erhellet Die
alte Gräfin war eine Gottsfürchtige Dame sie unterhielt sich mit ihrer Tochter
und Asmenien in einem erbaulichen Gespräch als ein Diener ins Zimmer trat und
die Ankunft des Grafens von Rivera meldete Sowohl die Gräfin als ihre Tochter
waren darüber erschrocken Asmenie aber stund hurtig auf und suchte das nötige
zu diesem Besuch zu veranstalten
    Man ließ dem Grafen wissen dass er würde angenehm sein Asmenie empfing ihn
und führte ihn in ein NebenZimmer wo sich gleich darauf auch die junge Gräfin
einfand weil jene sich bald wieder weg begab so sahen sich der Graf und die
Gräfin allein Sie waren beide zusammen in ziemlicher Verwirrung und wusste der
Graf lange nicht wie er der Gräfin seinen Vortrag tun sollte
    Welchem Zufall fing endlich die Gräfin an haben wir denn das Glück zu
danken den Herrn Grafen bei uns in unserer Einsamkeit zu sehen Ew Gnaden
antwortete dieser können sich nicht wohl einen Ort in der Welt zu ihrem
Aufenthalt erwählen wo sie nicht die Menschen nach sich ziehen werden und wenn
sie auf solche Weise die Ruhe suchen wollten so müssten sie zuvor alle die
Annehmlichkeiten ablegen welche anderen ihre Ruhe stören Die Gräfin errötete
über diese verbindliche Worte des Grafens ihre Augen gaben ihm darüber ihr
heimliches Vergnügen zu erkennen dann sie glaubte nicht anders als er wollte
hier von sich selbst reden Ich dachte nicht Herr Graf war ihre Antwort dass
sie so viel nach meinem jetzigen Aufenthalt fragen würden weil ich mich
erinnere dass sie eine Zeiter sich meiner Gegenwart gleichsam als mit Fleiß
entzogen haben Gnädigste Gräfin versetzte der Graf wo Könige hinkommen da
darf sich kein Untertan melden Was hat aber unterdessen fragte der Graf
derjenige von Ew Gnaden zu hoffen der dieselbe mit der größten Beständigkeit
verehret Ich glaubte erklärte sich die Gräfin mit einem liebreitzenden Blick
dass ihnen meine Meinung bekant sein werden Der König aber fuhr jener fort ist
damit nicht zufrieden er hat gehofft seine für dieselbe hegende ganz
ausnehmende Liebe verdiene ein wenig mehr Erkänntlichkeit Darüber unterbrach
die Gräfin haben sich ja der Herr Graf von Rivera nicht Ursach zu beklagen Der
Graf von Rivera wiederholte dieser hat nun nichts mehr zu hoffen es bleibt
ihm nichts übrig als die tiefste Ehrerbietung für die Geliebte seines Königes
er vergisset bei dieser grausamen Pflicht alles dasjenige womit die Hoffnung
eines allzuhohen Glücks bisher seinen Neigungen geschmeichelt hat Ich komm und
bitte Ew Gnaden meinen König zu lieben
    Wie undanckbarer Graf fuhr hier die bestürtzte Gräfin voller Bewegung
heraus soll meine ihnen bezeigte Freundschaft darzu dienen dass sie mich zu
einem mir verhassten Bündnis bereden wollen Solcher Niederträchtigkeit hätt ich
mich von dem Grafen von Rivera nicht versehen Die Gräfin wollte damit von ihrem
Stuhl aufstehen und suchte mit einem Tuch die Tränen zu verbergen die ihr
darüber in die Augen drangen Der Graf aber warf sich zu ihren Füßen küste ihr
die Hände und wusste vor empfindlichen Schmerzen nicht was er ihr sagen sollte
    Ach schönste Gräfin waren endlich seine Worte hören sie mich doch ich
bin wenigstens so unschuldig als unglücklich Sie erinnern sich welcher
grausame Wohlstand damals noch ihre Zunge band sich völlig für mich zu
erklären als der König kam und uns in unserem Gespräch verstöhrte Die Neigung
des Königs blieb nicht lang verborgen der ganze Hof merkte solche mein Hertz
empörte sich dagegen allein ich sah bald dass mein Seufzer vergebens waren
und dass Könige nur zu gebieten haben Das Vertrauen so mir unterdessen in
dieser Sache mein König bezeiget gibt mir gleichsam einen Anteil mit an dero
würdigsten Erhöhung Solches geht so weit dass er mir anbefohlen hat mich
anhero zu verfügen um dieselbe durch meine aufrichtige Vorstellungen zur
Annehmung der Krone zu bewegen Ich will also mich für glückselig achten wann
ich nur meinen König und meine Gräfin vergnügt sehen werde
    Die Gräfin hörte alle diese Reden des Grafens mit einer kaltsinnigen
Verachtung an ich bin nicht so ehrsüchtig sagte sie mit einer verstellten
Gelassenheit eine Krone zu verlangen noch so scharfsinnig allhier die
Großmut des Herrn Grafens zu bewundern Sie würdigte ihn schier darauf keiner
Antwort mehr und ging etlichmahl nach der Tür des Vorgemachs um ihre Leute
zu fragen ob es noch nicht bald Zeit wäre zur Tafel zu gehen und ob Asmenie
nicht bald wieder kommen würde
    Diese erschien endlich und fand ihre Gräfin in einer ganz andern Stellung
als sie solche verlassen hatte sie fragte dieselbe was ihr wäre die Gräfin
aber schützte eine kleine Unpässlichkeit vor und nötigte darauf den Grafen das
Gespräch in Gegenwart der Asmenien zu verändern bis man ihnen andeutete dass
die Tafel bereit wär
    Der andere Tag wurde meist bei der alten Gräfin zugebracht welcher der Graf
die Absichten des Königes in Ansehung ihrer Gräfin Tochter entdeckte Sie hatte
Anfangs vieles darwider einzuwenden welches aber hauptsächlich dahin auslief
dass ihre Tochter in der Einsamkeit wär erzogen worden und sich besorglich
deswegen nicht allzuwohl für eine Königin schicken möchte und hernach dass der
König nicht ihres Glaubens wär
    Auf das erste antwortete der Graf dass ihre Gräfin Tochter alle hohe
erforderliche Eigenschaften besäße welche den Thron zieren und eine
vollkommene Königin ausmachen könnten An Ansehung der Religion aber sei der
Unterscheid nicht so groß als man meine Der Streit wär nur unter den
Gelehrten da immer einer es besser als der andere wissen wollte Die
verschiedene Zeremonien und Kirchen Gebräuche machten auch keinen wirklichen
Unterscheid in dem Glauben selbst welcher keinen andern Grund hätte als die
einfältige Lehren Christi die von beiden Teilen angenommen würden Der Hertzog
von Sandilien nebst vielen andern vornehmen Herren seien ebenfalls ihrer Kirche
zugetan und litten deswegen doch nicht die geringste Beeinträchtigung Wie
vielmehr fügte der Graf hinzu wurde es ihren GlaubensGenossen zu statten
kommen wenn sie erstlich eine ihrer Religion zugetane Königin haben sollten
    Wenn man endlich noch dieses zu hoffen hätte ließ sich die für ihren
Glauben eiffrende alte Gräfin hierüber vernehmen so wäre die Sache wegen meiner
Tochter noch zu überlegen Ach gnädige Frau Mutter unterbrach allhier die junge
Gräfin ganz erschrocken wäre mir dann dabei nicht auch erlaubet meine eigne
Neigung mit zu Rat zu ziehen allerdings antwortete der Gräfin Frau Mutter
mit einem liebreichen Wesen ich bin aber der Meinung es dürffte euch meine
Tochter nicht schwer ankommen den König zu lieben und den Thron zu besteigen
Die Gräfin errötete über diese Worte und warf mit einem tiefgehohlten Seufzer
einen durchdringenden Blick auf den Grafen
    Die Könige lies sich dieser darauf vernehmen haben allzuviel
Eigenschaften die sie können lieben machen und man wird wenig Exempel finden
dass eine Schöne ihr Hertz einem Monarchen sollte verweigert haben Ich weiß
nicht versetzte die junge Gräfin ob sich Könige und Fürsten dessen mehr als
andere zu rühmen haben unser Geschlecht ist ein wenig eitel und liebt
insgemein an hohen Häuptern mehr den äußerlichen Glantz und ihre Erhebung als
derselben ihre eigene Personen Ich wollte sagen gnädige Gräfin erwiderte der
Graf beide Stücke wären allhier dergestalt mit einander verbunden dass man das
eine nicht wohl ohne das andere lieben könnte Ew Gnaden fuhr er deswegen fort
machen davon die Probe und lassen mich kein unglücklicher Bote eines
liebenswürdigsten Königs sein
    Man ging darauf zur Tafel der Gräfin HofPrediger speiste mit an
derselben er war ein sachtsinniger und frommer Mann Die Gräfin erzehlte
demselben wie sich der Graf bei ihr so gleichgültig über die Religion erkläret
hätte Sie begleitete diese Erzählung mit demjenigen Eiffer der ihr natürlich
war wenn sie von ReligionsSachen redete Der Geistliche an statt ihre Partie
gegen den Grafen zu nehmen billigte mit einer demütigen Bescheidenheit dessen
Meinungen er fügte hinzu dass nur eine wahre Kirche sei diese gründete sich
auf einen einfältigen Glauben und auf die Treu mit welcher man Christo im Leben
und Wandel zugetan wär Diese Kirche als die unsichtbare hätte ihre Glieder
und Bekenner in der ganzen Welt sie sei weder an das alte noch neue Rom
gebunden Hieraus aber folge nicht dass nicht auch eine äußerliche Kirche in
der Christenheit start finden müsste solche wäre zur Unterhaltung guter Zucht
und Ordnung auch notdürftiger Unterweisung ganz unentbehrlich er wünschte nur
fügte er hinzu dass solche mehr nach Apostolischer Lehr eingerichtet und in eine
reinere und den Absichten Gottes gemasere Verfassung möchte gebracht werden so
wurde um so viel leichter das anhaltende Gezänck darin gehoben und die durch
so viele Spaltungen getrennte Gemeinen unter ihrem einzigen Herrn und Haupt
vereiniget werden können
    Der Abend wurde hierauf von dieser Gesellschaft teils mit allerhand
Gesprächen teils auch mit einem kleinen Spiel vergnügt zugebracht Der Graf
von Rivera unterhielte sich die meiste Zeit mit der jungen Gräfin bei einem
KaminFeuer allein Nachdem er derselben wegen des Königs Liebe alle nur
mögliche Vorstellungen getan hatte und die Gräfin in keinerlei Vorschläge sich
einlassen wollte so fragte sie endlich der Graf was dann ihr Befehl wär dass er
dem König ihrentwegen sagen sollte Sagen sie ihm Herr Graf war ihre Antwort
dass ich sehr eigensinnig wär dass ich mich zu nichts weniges als zu einer
Königin schickte und dass sie deswegen Sr Majest rieten seine hohe Neigungen
auf einen würdigern Gegenstand zu lenken
    Der Graf hatte sich keiner andern Erklärung von der Gräfin vermutet Seine
Beredtsamkeit blieb hier ohne Nachdruck seine Gegenwart selbst half ihre sonst
gewöhnliche Wirkung hintertreiben Ach kommen sie doch lange nicht wieder Herr
Graf sagte sie zu ihm wenn sie mir nur immer von der Liebe des Königs reden
wollen Mein Gemüt ist für solche hohe Dinge viel zu niedrig gestellt wann
dieses ein Zeichen ihrer Freundschaft sein soll dass sie mich darzu bereden
wollen so erlaub ich ihnen mich ein wenig zu hassen Wie nun der Graf sah dass
die Gräfin durchaus auf ihrer Meinung beharrte und sich nichts mehr wollte
einreden lassen so nahm er wiewohl nicht ohne lebhafte Empfindung von
derselben Abschied und reiste den andern Tag wieder nach Panopolis
    Man hatte unterdessen dem Grafen bei Hofe die gefährlichste Netze gestellt
Silon war zu gleicher Zeit mit dem Grafen zu Prato gewesen und hatte in dem
SchlossGarten sich an die Fenster des UnterSaals geschlichen worinnen der Graf
und die Gräfin sich befanden er hatte nicht allein ihr ganzes Gespräch mit
angehöret sondern auch durch eine kleine Oefnung im Vorhang die Gräfin in der
äußersten Bewegung und den Grafen zu ihren Füßen gesehen Dieses war seinem
Bedünken nach genug dem Grafen seinen Fall zu bereiten Er säumte sich nicht
länger sondern ging nach dem WirtsHaus das im Flecken war zurück ließ
sich eilends sein Pferd sattlen und ritte damit bei dunkler Nacht wieder nach
Panopolis zurück
    Er kam des Morgens bei guter Zeit nach Haus sogleich wurde mit der Korinna
und seiner Frauen Rat gehalten Silon elzehlte ihr was er zu Prato gesehen und
gehört hatte Die Sache schien der Korinna für den Grafen gefährlich sie hatte
denselben der Herzogin von Salona versprochen deswegen war sie allhier darauf
bedacht wie sie den Grafen aus dieser Schlinge ziehen und die Sache dahin
vermitteln möchte dass sie der Hertzogin ihr Wort halten könnte Silon aber der
solche MaßRegeln nicht zu beobachten hatte und den Grafen zu stürzen suchte
wollte sich hierinn nichts einreden lassen er nahm die Treue für seinen König zu
seinem Vorwand und vergiftete alle Umstände von dieser Begebenheit Korinna bat
ihn so sehr sie immer konnte seinem Eifer gegen den Grafen ein wenig Einhalt zu
tun sie stellte ihm vor dass derselbe bei Hofe einen großen und mächtigen
Anhang hätte dass er des Königs Liebling wäre dass man ihm die Sache leugnen
könnte dass alles was er gesehen und gehört hätte eine ganz unschuldige
Auslegung litte und endlich dass indem er den Grafen um den Kopf bringen
wollte er den seinigen dabei in Gefahr setzen würde allein alle diese
Vorstellungen wollten bei dem falschen Silon nichts verfangen er hielt den
Grafen für seinen Feind weil er dem König gute Ratschläge gab und die
Unordnungen bei Hof abzuschaffen suchte worin dieser seinen größten Nutzen
fand Er blieb demnach auf seinem wilden Kopf der König müsste alles wissen es
möchte auch daraus entstehen was da wollte
    Es war Nachmittag als Silon nach Hofe ging er lauerte die Gelegenheit ab
dem König bei der Tafel vor das Gesicht zu kommen Der König sah ihm bald und
weil er denselben Tag bei ihm nicht die Aufwartung hatte so fragte er ihn wo
er herkäme und warum er so sträubig um den Kopf herum aussähe Ich bin gab er
dem König zur Antwort diese Nacht mit Erlaubnis des Herrn OberCämmerers
einige Meilen von hier auf dem Lande gewesen und wann es Ew Majestät nach der
Tafel allergnädigst erlauben so werde ich deroselben von meinen Verrichtungen
untertänigsten Bericht abstatten Der König war nicht so bald von der Tafel
aufgestanden so ging er mit Silon in sein Kabinet da dieser ihm alles
erzehlete was er zu Prato gesehen und gehört hatte
    Der König war in diesem Punkt wie alle große Herren mehr als empfindlich
er geriet darüber in eine Wut die dem guten Grafen wenn er wäre zugegen
gewesen das Leben würde gekostet haben Zu gutem Glück kam gleich darauf der
Hertzog von Sandilien nach Hofe Der König fragte ihn voller Eiffer bei dem
Eintritt ins Zimmer was wohl ein Kavallier verdient hätte dem er bisher die
höchste Gunst erwiesen und der sein ihm bezeigtes Vertrauen mit der größten
Verräterei belohnte Der Hertzog war über diese Frage sowohl als über das
aufgebrachte Wesen des Königs sehr bestürtzt ich wüste antwortete derselbe
keinen solchen in Euer Majestät Diensten und ich fürchte billig demjenigen die
größte Beleidigung anzutun den ich darüber argwohnen sollte Es ist der Graf
von Rivera brach der König mit einem entflammten Zorn heraus Ich bitte Ew
Majestät alleruntertänigst warf der Hertzog dagegen ein sie wollen sich
nicht übereilen und dero Eiffer bis zu näherer Untersuchung der Sache mäßigen
der Graf von Rivera wird für den klügsten und aufrichtigsten Kavalier des Hofes
gehalten man kann Ew Majestät unrecht berichtet haben Was unrecht berichtet
fuhr der König heraus Der Untreue der Verräter ich habe mich durch seinen
lebhaften und schmeichelenden Verstand einnehmen lassen ich habe geglaubet
wie er alle Leute bereden könnte was er wollte so würde er auch eure Baase
dahin bringen können mich zu lieben und meine Gemahlin zu werden Ich habe
denselben in dieser Absicht nach Prato gesandt Silon aber der einige Spuren
entdecket hatte dass der Graf mit der Gräfin von Monteras ein geheimes
Verständnis haben sollte suchte in dieser Sache eine nähere Gewissheit zu
erlangen und reisste zu gleicher Zeit in verstellter Kleidung dem Grafen nach
er schlich bei dunckler Nacht sich vor die Fenster eines Saals worin sich eure
Baase mit dem Grafen allein befand Der Graf nötigte sie zwar Anfangs sich für
mich zu erklären als ihm aber dieselbige ihr Missfallen mit einigem Eiffer zu
erkennen gab und ihn einen Undanckbaren schalt so warf der Graf sich zu ihren
Füßen küste ihr die Hände und gab ihr alle Merckmahle einer äußersten Liebe
    Indem der König dieses also dem Hertzog erzehlte sah er mit einem
ergrimmten Blick nach dem Kammerdiener Silon sprach er Silon es kostet dir
den Hals wo du mich hier mit einiger Unwahrheit berichtest Dieser zitterte vor
dem Hertzog bekräftigte aber gleichwohl vor demselben dasjenige was er dem
König gesagt hatte indem er jenen deswegen zugleich auf das demütigste um
Verzeihung bat
    Der Hertzog war über diese Nachricht so voller Bestürzung dass er nicht
gleich wusste was er sagen sollte Der Graf von Rivera war einer der angenehmsten
und liebenswürdigsten Kavallier und seine Base schien ihm eben kein Herze zu
haben das unempfindlich wär Er urteilte hieraus dass die Begebenheit die man
dem König hinterbracht hätte wohl wahr sein könnte Dem Grafen Gewalt anzutun
und die Sache dadurch ruchtbar zu machen hielt er nicht für ratsam seine
Base dacht er würde auf solche Weise beschimpfet der Anhang des Grafens wider
ihn aufgebracht und sein Vorhaben um so vielweniger erreichet werden
    Nach dieser kurzen Uberlegung bat er den König ihm diese ganze Sache zu
überlassen mit der Versicherung dass er darunter seines Königs Ehre schon würde
zu retten wissen Der König fiel ihm darauf um den Hals nannt ihn seiner
Gewohnheit nach seinen Vater geht sprach er denkt dass man mich
beleidigt dass ich König bin und dass ich eure Base liebe Damit ging der
König wieder in sein Kabinet und wollte niemand weiter vor sich kommen lassen
    Als den folgenden Tag darauf der Graf von Rivera wieder von Prato nach
Panopolis kam so fuhr er alsobald nach Hofe um dem König noch bei dem
AbendEssen die Aufwartung zu machen Er war nicht wenig verwundert da er alle
Zimmer auf der Burg dunkel und leer von Menschen fand er fragte den Hauptmann
von der LeibWach was dieses zu bedeuten hätte dieser berichtete ihm dass der
König sich nicht wohl auf befänd und dass er deswegen heute niemand würde zu
sich lassen Der Graf wollte dem ungeachtet sich dem SchlafGemach des Königs
nähern als Silon der nebst einem KammerJunker vor der Türe stund demselben
entgegen kam und ihm andeutete dass er diesen Abend den König nicht sprechen
könnte Den Grafen verdross die hochmütige Art womit dieser Mann ihm solches
anzeigte er fragte ihn ob er ausdrücklichen Befehl vom König hätte auch ihn
nicht einzulassen der KammerJunker bekräftigte solches dieses machte dem
Grafen einiges Nachdenken er begab sich also ohne ein Wort weiter zu reden
wieder nach Haus
    Den andern Morgen meldete sich bei ihm ein Befehlshaber von des Königs
LeibRegiment und kündigte ihm an dass er ohne fernerer Erlaubnüs nicht aus
dem Haus gehen sollte Dem Grafen war dieses ein Rätsel er war sich nicht des
geringsten Verbrechens bewust er tröstete sich also mit seiner Unschuld er
gedachte dass er keiner bessern Verteidigung als dieser würde vonnöten haben
er bildete sich ein dass ein bloßes Missverständnüs hierunter verborgen sein
müsse und dass eine nähere Untersuchung alles klar machen würde
    Nachmittag kam ein Königl GeheimSchreiber und befahl dem Grafen im Namen
des Königes sich fertig zu machen um so bald es Nacht sein würde von
Panopolis aufzubrechen und sich als ein StaatsGefangener nach der Vestung
Rozzomonte bringen zu lassen Ihr Majestät der König setzte der
GeheimSchreiber hinzu wollte nicht gern mit dieser Gefangennehmung des Grafens
ein Aufsehen machen weil er dessen was er beschuldiget würde noch nicht
überführet wär der König auch solches selbst nicht glaubte gleichwohl aber
wären die Umstände also beschaffen dass der König nicht anders könnte als bis
zu der Sachen näheren Untersuchung ihn nach besagter Vestung zu schicken
woselbst er mittlerweile alle die Bequemlichkeiten wie in seiner eigenen
Behausung finden würde Ein Befehlshaber von der LeibWache würde mit einigen
Reutern vor dem Tor seiner warten und ihn begleiten
    Der Graf von Rivera so verwundert er auch war sagte zu allem diesem
nichts als er würde seines Königes Befehl wissen nachzuleben und sollten Ihr
Majestät seinetwegen sich nur nicht beunruhigen lassen
    Die Nacht kam herbei die PostPferde wurden vor des Grafens ReisWagen
gespannt und der Graf nahm von seinem bisherigen lieben Wirt dem Herrn von
Ridelo wie auch von dessen Gemahlin und der jungen Marianen Abschied
    Die Frau von Ridelo konnte nach ihrer natürlichen Lebhäfftigkeit ihren
Schmerzen über diesen Unfall des Grafens nicht zurück halten Die Tränen
flossen ihr aus den Augen Sie rung die Hände sie schrie Ach mein Vater wie
wird ihm zu Mute sein wenn er dieses Unglück vernehmen wird welches seinen
liebsten Freund betrifft wie sehr wird er sich betrüben dass er ihm den Rat
gegeben hat nach Hofe zu gehen Ach Hof Ach unglückseliger Hof fuhr sie mit
gleicher Bewegung fort du kanst keine tugendhafte du kanst keine redliche
Gemüter leiden Es sind kaum noch zehen Monate verflossen dass der Graf sich
hier befindet und derselbe muss bereits die Falschheit deines so wanckelmütigen
Glückes erfahren O Verhängnüs wie kanst du so viel Bosheit dulden
    So lebhaft wusste die würdige Töchter des Herrn von Bellamont denjenigen
Kummer auszudrücken welchen sie bei dem Unrecht so der Graf leiden musste
empfand Die junge Mariane war bei diesem Abschied gleichfalls sehr bewegt sie
sagte nichts sie weinte nur Der Herr von Ridelo wollte den Grafen begleiten
dieser aber bat ihn solches nicht zu tun weil sie beide die Ursach seiner
Ungnade noch nicht wüsten er umarmte sie damit alle drei als ob sie seine
leibliche Geschwister wären setzte sich damit in seinen Wagen und hinterließ
sie alle sehr traurig
    Der Hertzog von Sandilien hatte den Tag zuvor schon einen geschwinden Boten
nach Prato gesandt mit dem Befehl dass seine Base sich eilends wieder bei ihm
einfinden möchte weil ihre Gegenwart in Panopolis unumgänglich erfordert würde
Der Bote kam eben des Morgens an als kurtz vorher der Graf von Rivera
aufgebrochen war
    Sowohl die Gräfin als ihre Frau Mutter waren über diesen so gemessenen
Befehl erschrocken es ahndet mir nichts Gutes sagte die alte Gräfin mit
Seufzen wollte Gott ihr hättet meine Tochter den Hof nie gesehen Diese
stille Triften wären genug gewesen euch zu einem glücklichen Aufenthalt eines
unschuldigen und vergnügten Lebens zu dienen Worzu nutzet doch der Pracht und
die Hoheit des Hofes als dass er denjenigen die darin ein Vergnügen suchen
nur destomehr Sorgen verursacht und sie zu allerhand Sünden und Torheiten
verleitet wohl dem der davon entfernet bei einem Gottgefälligen eingezogenen
Wandel seine Tage in Ruh und Zufriedenheit hinbringen kann
    Der jungen Gräfin war diesesmahl eine solche SittenLehre nicht völlig nach
ihrem Geschmack es sei dass die Hoffnung ihren geliebten Grafen desto eher
wieder zu sehen ihr schmeichelte oder dass die Jugend bei ihr noch ihr Recht
behauptete als welche ihr die Welt und ihre Eitelkeiten noch nicht so sehr als
ihrer Frau Mutter verleitet hatten Es kam ihr zum wenigsten dismahl leichter
an als zuvor sich nach dieser Reise nach Panopolis zu entschließen
    Es war bei dunckler AbendsZeit als sie in der Vorstadt von Panopolis
anlangte Ihr begegnete allhier gleich vor dem Tor eine mit sechs PostPferden
bespannte Gutsche welche mit Reutern umgeben war ein Bedienter der neben her
ritt und eine brennende Fackel in der Hand hatte gab ihr des Grafens
ReisWagen und einen vornen auf sitzenden LibereiDiener von demselben zu
erkennen sie wurde über diesen Anblick nicht wenig bestürtzt O Himmel was seh
ich rief sie hier voller Schrecken aus dieses ist der Graf von Rivera
Asmenie die bei ihr in dem Wagen saß suchte ihr diese Einbildung auszureden
allein sie waren nicht so bald in dem Sandilischen Pallast abgestiegen so
vernahmen sie davon die Gewissheit
    Noch mehr aber vermehrte sich der Gräfin ihre Bestürtzung als ihr der
Hertzog sagte dass der Graf von Rivera gefangen und dass sie daran Ursach wär
Diese Nachricht setzte ihr Gemüt in solche grausame Bewegung dass ihr alle
Glieder zitterten Der Herzog wollte ihr dieses Rätsel erstlich nach der Tafel
erklären Die Gräfin aber an statt sich ein wenig umzukleiden und bei der
Tafel zu erscheinen legte sich zu Bette und empfand einen heftigen Anstoß vom
Fieber
    Der Herzog als er solches vernahm begab sich alsobald zu ihr und weil er
glaubte die eingezogene Nachricht von des Grafens Gefangenschaft möchte sie zu
sehr aufgebracht haben so suchte er ihr die Sache viel gelinder beizubringen
er erzehlte derselben die Begebenheit des Grafens mit den allergleichgültigsten
Umständen er fügte hinzu dass es alles nichts zu sagen hätte und dass die ganze
Sache bei näherer Untersuchung bald ein anderes Ansehen gewinnen würde
    Die Gräfin aber die leicht mutmaßen konnte das man einen Kavallier wie
den Grafen von Rivera nicht ohne die wichtigste Ursachen gefangen führen würde
geriet darauf in die allerheftigste Bewegungen welcher Verräter brach sie
heraus hat hier den Grafen in dieses Unglück gestürzet wem solt ich eine so
abscheuliche Bosheit immermehr zutrauen
    Ach der Graf fuhr sie mit gleichem Eifer fort ist unschuldig Ich allein
gnädiger Herr ich allein sagte sie voll rührender Zärtlichkeit und indem sie
sich im Bett aufrichtete ich bin an allem schuld ich nur ich habe wider den
König gesprochen der Graf hat mir seinetwegen alle ersinnliche Vorstellungen
getan  der König hat keinen getreuern Diener als ihn  er ist allzuredlich
für einen solchen König  Ach grausamer König  gehen sie doch liebster
Herr Oheim gehen sie doch und retten dem armen Grafen das Leben Ich sterbe
wann er solches meinetwegen verliehret
    Der Herzog erkannte aus dieser bangen Sprache seiner Basen mehr als zu viel
welche Leidenschaft ihr solche in den Mund legte Er furchte die Hitze möchte
bei ihr überhand nehmen er suchte ihr deswegen alles dasjenige was solche
vermehren konnte aus dem Sinn zu reden und ihr Gemüt so viel als möglich zu
beruhigen Allein es war bereits zu spät die Krankheit nahm bei ihr überhand
und der Herzog geriet darüber in den äußersten Schrecken
 
                               Das fünfte Buch
Mittlerweile dass die Gräfin von Monteras zu Panopolis sich so übel befand war
der Graf von Rivera binnen vier und zwanzig Stunden vermittelst beständiger
Abwechselung der PostPferde glücklich auf der Vestung Rozzomonte angekommen
Er sah hier mehr ein irrdisches Paradies als ein Gefängnüs
    Die Vestung liegt auf einem ziemlich hohen Felsen dessen obere Fläche man
in einer halben Stunde kaum umgehen kann rings umher entdeckte man ein weit
offenes Land und in der Ferne einen breiten Arm von der Abendländischen See
welchen ein daran stossendes blaue Gebirge in einen unvergleichlichen Schatten
setzte ein breiter Strohm der unten an dem Fuß des Bergs vorbei floss
zerteilte sich durch das platte Land in viele kleine Gewässer Man bemerkte
hier die angenehmste HimmelsGegend man sah allenthalben bebaute Felder grüne
Weiden fette Triften lustige Gehölze und schöne Gärten das ganze Land war
voller Einwohner wo ein Flecken sich endigte da fing ein andrer an eine
HofStädte eine Meierei lag hier bei der andern Kurz es war gleichsam dieses
die einzige Landschaft von dem ganzen Königreich welche die allgemeine Not
nicht mit empfand und deren Einwohner sich dagegen durch ihren AckerBau und
durch ihre gute Wirtschaft noch geschützet hatten
    Auf der Vestung selbst war ein vortrefflicher Garten er umringte den Hof
und die Gebäude ihn selbst aber bedeckten die VestungsWerke Auf den kleinen
Wällen sah man die schönste BaumAlleen
    Die Gemächer waren meist Königlich ausgezieret und schien mehr für die
glücklichste Menschen als für Gefangene zu sein welche in des Königs Ungnade
gefallen waren Was noch mehr so beherrschte diese Vestung ein General welcher
alle Eigenschaften besaß seinen Gefangenen die Wiederwärtigkeiten ihres Glückes
auf die angenehmste Weise zu versüßen er war schon alt er hatte aber einen
desto munteren und aufgeweckten Kopf je schwächer bei ihm die Füße waren
    Er empfing den Grafen von Rivera als ob er ihm längst wäre bekant gewesen
er fiel ihm um den Hals Ihr Unglück mein Herr redete er ihn an welches sie
sonder Zweifel hieher bringt ist mir leid doch haben sie nur einen guten
Mut ich werde suchen ihre Gefangenschaft ihnen nicht beschwerlich zu machen
    Der Offizier welcher den Grafen begleitet hatte überreichte hierauf diesem
Obersten Befehlshaber ein Schreiben von dem Hertzog von Sandilien
    Als der General solches gelesen umfieng er den Grafen aufs neue und konnte
ihm seine Freude nicht bergen die er hatte ihn kennen zu lernen zumahl da er
aus dem Brief des Hertzogs von Sandilien so viel ersehen konnte dass dessen
Verbrechen von ganz keiner Bedeutung sein müsse
    Der General stützte darauf seinen baufälligen Körper auf seinen Stecken und
führte den Grafen mit halbgebrochenen Schritten durch die vornehmste Gemächer
des Schlosses unter welchen er denselben bat die annehmlichsten sich zu seinem
Quartier zu wählen Der Graf tat solches und als er darauf etwas von Speisen
zu sich genommen hatte begab er sich mit einem gelassnen Sinn zur Ruh
    Die arme Gräfin von Monteras hatte keine so gute Nacht als der Graf Man
hatte ihr zur Ader gelassen dem ungeacht war die Hitze bei ihr dergestalt
gestiegen dass sie irrte Der Hertzog schien darüber untröstbar und Asmenie
konnte nichts als weinen man schickte eilends nach ihrer Frau Mutter sechs der
besten Pferde aus dem Hertzoglichen Stall wurden ihr mit einem Gutscher und
ReitKnecht nach Prato gesandt die Pferde liefen bis dahin in einem Traben die
alte Gräfin warf sich voller Schrecken auf die erhaltene Nachricht von dem
Zustand ihrer Tochter in ihre Gutsche sie fuhr in einem Rennen und so schnell
die Pferde laufen konnten nach Panopolis Auf der Helffte des Wegs wurden sie
mit einem frischen Gespann verwechselt die eben so hurtig vom Weg trabten als
die vorige
    Die Gräfin fand ihre Tochter noch abwesend die Aertzte hatten ihr ein
gewisses Pulver beigebracht welches die unordentliche Hitze und Wallungen im
Geblüt zu dämpfen pflegte solches tat seine Wirkung Sie ruhte darauf einige
Stunden und da sie die Augen wieder aufschlug war sie wieder bei sich selbst
Hier wurde sie mit innigster Freude ihrer Frau Mutter gewahr die unten bei ihr
auf dem Bette saß sie ergriff alsobald derselben ihre Hand führte sie nach dem
Mund und wollte sich aufrichten allein ihre Mattigkeit ließ solches nicht zu
ihre Frau Mutter küste sie auf das zärtlichste woher kommt euch liebste
Tochter redete sie dieselbe an ein so heftiger Zufall man hat mir gesagt
eine außerordentliche GemütsBewegung habe solchen bei euch verursacht ach
setzte sie hinzu Hab ich euch nicht immer ermahnet euch davor in acht zu
nehmen
    Aber liebste Frau Mutter ließ diese sich mit schwacher Stimme vernehmen
wenn ich daran Ursach ware dass der unschuldigste Mensch von der Welt um sein
Leben kommen sollte Lasst euch mein Kind diese Furcht aus den Gedanken
reden antwortete der Gräfin Mutter Man bringt einen Kavallier wie der Graf
von Rivera ist so hurtig nicht ums Lebens Euer Oheim der Hertzog hat ihn
bereits der ersten Wut des Königs entrissen und denselben in völlige
Sicherheit gebracht Ach gnädige Frau Mutter versetzte darauf die beängstigte
Gräfin ich kenne die Eifersucht des Königes ich habe Ursach alles von ihm zu
fürchten
    Als die Gräfin dieses sagte trat der Hertzog ins Zimmer und da er sah dass
sie sich besser befand kont er ihr seine Freude darüber nicht genugsam
ausdrucken Er berichtete ihr um sie völlig zu beruhigen dass dem König seine
Ubereilung mit dem Grafen von Rivera leid wäre dass er ihm bekannt hätte wie er
sich in dieser Sache zu hurtig habe aufbringen lassen Noch mehr sei ihm die
Nachricht von ihrer Unpässlichkeit an das Hertze gedrungen Er hätte deswegen
seinen LeibAerzten befohlen für dieselbe so viel Sorgfalt als für sein eigen
Leben zu haben Auch sollte der Graf von Rivera wo sie es verlangen würde
wieder auf freien Fuß gesetzt werden es wär aber fügte er hinzu nicht
ratsam sich dieser Gefälligkeit des Königes zum Vorteil des gefangenen
Grafens zu bedienen denn die Ehre und Majestat des Königes litte darunter wenn
der Graf so bald wieder sollte frei gesprochen und die Gerechtigkeit des
Monarchens gleichsam dadurch eines Fehltritts beschuldiget werden Der Hertzog
versicherte dabei seine kranke Base dass er den Grafen an einen so guten und
sichern Ort hätte bringen lassen dass er nirgendwo besser sein könnte
    Diese Nachrichten waren der betrübten Gräfin so angenehm dass solche ihr
besser als alle bisherige Arzneien zuschlugen ihre Augen wurden munterer ihre
schier erblasste Wangen durchzogen wieder ein wenig Farbe ihre Lippen rührten
sich zu einer holden Schmeichelei sie ergriff den Hertzog bei der Hard und
führte solche mit einer zarten Bewegung nach dem Mund Der Hertzog beantwortete
ihr diese Liebkosung indem er ihr Haupt mit einem durchdrungenen Gemüt an seine
Brust drückte Ach werdet nur wieder gesund werteste Tochter sprach er zu
derselben das übrige soll sich alles geben
    Die schlaue Korinna war unterdessen dass die Gräfin ihrer Unpässlichkeit
halber nicht aus dem Zimmer kam auf allerhand Streiche bedacht wie sie den
Grafen wiederum in Freiheit setzen und ihn der Hertzogin von Salona zuspielen
möchte Sie kam deswegen zu dem Hertzog von Sandilien sie entdeckte ihm mit
einer listigen Bescheidenheit wie sie von allen Begebenheiten des Grafens von
Rivera Wissenschaft hätte und wie sie auf einen Anschlag gekommen wär den
König mit guter Art von einem so gefährlichen Mitbuhler zu befreien Der Herzog
wollte sich anfänglich gegen dieses Weib nicht heraus lassen noch dieselbe
glauben machen als ob seine Absichten mit seiner Basen bis auf den Thron
gingen allein Korinna sah hier dem Herzog tiefer ins Herz als er solches
meinte sie erklärte sich deshalben so schmeichelhaft dass gleichwohl die ganze
Welt die würdige Wahl des Königs billigte und dass es endlich ihm selbst von dem
König dürfte übel genommen werden wenn er sich darin seiner Neigung
wiedersetzen wollte Kurz der Herzog ließ sich mit ihr ein sie offenbarte ihm
ihre Anschläge den Grafen der Herzogin von Salona zu freien Der Herzog fand
solches wohl ausgedacht er versprach ihr eine reiche Belohnung wenn sie diese
Heirat zu Stand bringen würde
    Die verschmitzte Korinna hatte ihm nicht gesagt dass die Herzogin von Salona
des Handels bereits einig wäre sie ersann hundert Schwierigkeiten um die
Verdienste ihres Verstandes desto größer zu machen wenn sie die Herzogin darzu
würde bereden können Der Herzog im Gegenteil zweifelte gar nicht der Graf
würde ein solches Glück welches das größte wär so er in der Welt machen könnte
mit beiden Händen ergreiffen er hoffte dadurch die größte Hindernüs zu heben
welche seine Base bisher noch gehindert hätte ihre Liebe dem König zu wiedmen
    Korinna kam nach einigen Tagen wieder zu dem Herzogen und berichtete ihm
dass die Sache mit der Herzogin von Salona so gut als richtig wär dieselbe hätte
zwar Anfangs sagte sie ihren Vortrag sehr verächtlich angehöret sie hätte
ihren hohen Rang den Wohlstand ihres Geschlechts nebst andern Schwierigkeiten
vorgeschützet dem ungeachtet aber war sie doch so glücklich gewesen dieselbe
zu bereden dass sie sich entschlossen hätte den Grafen von Rivera zu ihrem
Gemahl anzunehmen wenn nur der König ihm die Gnade tun würde demselben eines
von den OberAemtern bei Hof zu geben weil sie sonst als eine Dame die den
Vortritt bei Hofe hätte sich ohne Verletzung des Wohlstandes an einen bloßen
Kammerherrn nicht vermählen könnte sie zweifelte auch nicht der König würde
solches in Betrachtung der ganz besonderen Verdiensten dieses Kavalliers gar
leicht gewähren wo anders ihre Durchlaucht der Herzog von Sandilien sich
dieser Sache annehmen wollte
    Wenn wir sonst keine Schwierigkeit werden zu heben finden als diese
antwortete hierauf der Herzog so soll unser Anschlag bald einen guten Fortgang
gewinnen Er befahl damit der Korinna die Verschwiegenheit und versicherte sie
nochmals aller Erkentlichkeit
    Der Herzog verfügte sich darauf zum König Dieser war nicht zum besten auf
seine LeibÄrzte hatten an seiner Gesundheit angefangen zu künsteln und bei
den rauen WinterTagen ihm verboten nicht aus seinem Zimmer zu gehen Dem König
fiel damit die Zeit lang diese Langeweile machte ihn immer an seine Liebe
denken und dieses stete Denken worinnen sich Argwohn Eifer und Sehnsucht
mischten verursachte ihm allerhand Beschwerlichkeiten
    Der Herzog fand den König in einem solchen Zustand da er ihm seinen
Vorschlag eröfnete Er hatte aber kaum noch ausgeredet als der König voller
Zorn und Unmut heraus fuhr wie Hertzog solt ich mich noch des Treulosen
Grafens von Rivera annehmen und seine Verräterei mit den höchsten Aemtern
meines Hofs vergelten wo denkt ihr hin würde dieses nicht auch andere hinfort
verleiten mich ohn alle Scheu und Ehrfurcht zu beleidigen
    Ich habe alles wohl überlegt allergnädigster König antwortete hierauf der
Hertzog Meine Base hat mir aufrichtig das ganze Gespräch welches sie mit dem
Grafen zu Prato gehabt erzählt Sie ruft den Himmel zum Zeugen an dass der
Graf nicht allein unschuldig sondern dass er auch Ew Majestät eifrigster und
getreuster Diener wär Der Herzog berichtete bei dieser Gelegenheit dem König
den eigentlichen Verlauf dieser Sache worauf der König sich zwar etwas ruhiger
bezeigte gleichwohl aber daraus auch so viel erkannte dass wo der Graf ihn
nicht hintergangen hätte derselbe wenigstens doch von der Gräfin geliebt
würde Dieses machte ihn den Vorteil erkennen den er durch die vorgeschlagene
anderwärtige Vermählung des Grafens mit der Herzogin von Salona erlangen würde
er gab deswegen dem Herzog von Sandilien freie Macht dieses Geschäft so bald
als möglich hinaus zu führen und dem Grafen nicht nur die vorige Königliche
Gnade sondern auch die OberFalkenirerStelle anzubieten im Fall er sich
entschließen würde die Herzogin von Salona zu heiraten
    Der Herzog als er wieder in seinen Pallast zurück kam wusste lange nicht
wem er sich in diesem Geschäfte anvertrauen noch durch wen er dem Grafen von
seinen Absichten die Eröfnung sollte tun lassen er sann hin und her endlich
fiel er mit seinen Gedanken auf den Herrn von Ridelo Vielleicht sprach er bei
sich selbst ist dieses Herrn seine Freundschaft für den Grafen so groß dass er
ihm zu gefallen sich wohl entschließen dürfte diese Reise anzutreten er fuhr
deswegen zu ihm nach seinem Pallast Herr Intendant redete ihn der Herzog an
nachdem ihn dieser in sein Kabinet geführet ich weiß dass sie ein aufrichtiger
Freund von dem Grafen von Rivera sind Sie können ihm davon eine neue Probe
geben wenn sie sich wollten gefallen lassen zu ihm nach der Vestung Rozzomonte
zu reisen und demselben einen gewissen Vortrag zu tun den ich sonst niemand
wohl als ihnen anzuvertrauen wüste
    Ich und mein Haus erklärte sich hierauf der Herr von Ridelo sind
dergestalt dem Grafen von Rivera mit Hochachtung und Freundschaft verbunden dass
ich keine Gelegenheit verabsäumen werde demselben alle nur möglichste Dienste
zu erweisen und dieses um so viel mehr wenn Ew Durchlaucht selbst darzu mich
auffordern sollten
    Sie wissen mein Herr Intendant fuhr darauf der Hertzog fort dass unseres
Grafens Ungnade von einem unglücklich gefassten Argwohn des Königs herrühret und
dass wo ich ihn nicht noch dem Eifer des Königs zu rechter Zeit entzogen hätte
es übel mit ihm würde ausgesehen haben Ich muss gestehen fuhr er fort dass ich
etwas an diesem jungen Kavallier gefunden das mir gleich im ersten Anblick für
denselben eine besondere Hochachtung gab Ja wann ich es sagen darf so hätte
ich niemand lieber als ihm meine Base gegönnet wo nicht zu meinem Verdruss
der König darzwischen gekommen wär Indessen wurde mir von sicherer Hand
entdeckt dass die Hertzogin von Salona ihm nicht ungeneigt wär ich hab es auch
bei ihr durch eine geheime Unterhandlung so weit gebracht dass sie sich wirklich
erkläret hat ihn zu ihrem Gemahl anzunehmen Der König gibt darzu seine
Einwilligung und damit er dieser hohen Partie nicht unwürdig scheinen möchte
so will ihn derselbe zum OberFalkenier ernennen welche Stelle von unsern
HofAemtern den vierten Rang führt Niemand als sie mein Herr kann dieses
Geschäfte besser zu Stande bringen Und weil wir den Grafen von Rivera
beiderseits hochschätzen so wird es ihnen mein Herr Intendant auch
hoffentlich nicht misfallen dass ich in dieser Angelegenheit mich niemand
anders als ihnen anvertrauen mag
    Der Herr von Ridelo bezeigte sich dafür dem Hertzogen verbunden und ob er
gleich des Grafens Meinung wusste und in dieser Sache wenig bei ihm auszurichten
hofte so begab er sich doch dem ungeacht gleich den folgenden Tag darauf nach
Rozzomonte
    Der Graf von Rivera war auf das angenehmste bestürzt als er den Herrn von
Ridelo bei sich sah Er fragte ihn nachdem sie sich einander zärtlich umarmet
hatten wo er herkäme und ob er einen Gefangenen besuchen wollte deme seine
Gefangenschaft so süße gemacht würde dass er schier seiner Freiheit darüber
vergässe ob man gleich sonst zu sagen pflegte dass es keine schöne Gefängnisse
gäben Es mag leicht sein antwortete ihm der Herr von Ridelo dass sie allhier
ruhigere Stunden genießen als ihre Freunde zu Panopolis die bisher
ihrentwegen nicht wenig in Sorgen leben Ich bring ihnen unterdessen viel Gutes
Herr Graf sprach er zu demselben ich furchte nur sie mögten nicht alles
annehmen sie sind frei und wieder in voriger Gnade bei dem König er erkläret
sie zugleich zum OberFalkenier ja sie sollen so gar die erste Heirat bei
Hofe tun und die Hertzogin von Salona zur Gemahlin bekommen Der Hertzog von
Sandilien fügte er hinzu hält dieses letzte vor das einzige Mittel die
Eifersucht des Königes zu besänftigen und das Glück des Herrn Grafens
vollkommen zu machen
    Der Graf fand sich durch dieses Anerbieten äußerst beehrt er dankte dem
Herrn von Ridelo dass er sich die Mühe genommen hätte deswegen zu ihm zu
reisen und erklärte sich dahin dass er noch zur Zeit seiner Ehrsucht wüste
Gränzen zu setzen und dass es ihm eine große Last sein sollte sich schon zu
verheiraten ob er gleich gestehen müsste dass solches nicht vorteilhafter
geschehen könnte als es ihm vorgeschlagen würde Was aber des Königs Eifersucht
beträffe so müsste er zwar aufrichtig bekennen dass er sich von der Gräfin von
Monteras habe einnehmen lassen so bald aber der König gleiche Neigung für sie
hätte blicken lassen so wär er darin seinem Verhängnüs gewichen und hätte alle
Pflichten der Ehrerbietung des Wohlstandes und der Aufrichtigkeit gegen seinen
König beobachtet
    Was wird also fragte der Herr von Ridelo bei dieser Sache zu tun sein
schlagen der Herr Graf diejenige Partie aus welche man ihnen als das größte
Glück so sie an unserm Hof erwarten können anbietet so wird dadurch des
Königs auf sie geworfene Eifersucht dem Schein nach gerechtfertiget und auf
das höchste getrieben werden dessen Ungnade ist ihnen sodann gewiss Wohlan
sprach der Graf er lasse mich auf dieser Vestung oder verweise mich auf meine
Herrschaft und verbiete mir auf Lebenslang den Hof die Strafe wird für mich
süße und der Gerechtigkeit des Königs gemäß sein Ach die Gefahr liebster
Herr Graf redete ihm der Herr von Ridelo ein ist für sie größer als sie sich
solche einbilden der König ist ein junger jähzorniger Herr die Verschmähung
der außerordentlichen Vorteile die er ihnen anbieten lässt wird dessen
Argwohn auf das grausamste vermehren und ihnen vielleicht gar das Leben kosten
    Er ist Herr darüber antwortete der Graf mit Gelassenheit ich bin sein
Untertan Könige können tun was sie wollen wenn sie keinen Gott und keine
Gerechtigkeit über sich erkennen Ach verfolgte der Herr von Ridelo sie lassen
sich doch besser raten und geben den Regungen ihrer feurigen Jugend nicht
allzuviel Gehör es ist öfters die grossmütigste Standhaftigkeit mit einem
gewissen Eigensinn verschwistert der zwar unsrer Tugend schmeichelt aber
alsdann nicht mehr zu entschuldigen ist wenn er uns bloß deswegen unglücklich
macht weil wir uns vorgenommen haben darin nichts nachzugeben ihr Leben ist
viel zu edel als dass sie es nicht höher achten sollten sie sind solches den
Wünschen ihrer Freunden der Liebe ihrer Angehörigen und der Erwartung eines
ganzen Volkes schuldig
    Was raten sie mir dann fragte hierauf der Graf das ich tun soll Ich
würde wann ich an ihrer Stelle wär die Gnade des Königs annehmen antwortete
jener und darin der Schickung des Himmels folgen Wann die Vermählung mit der
Hertzogin unterbrach dieser nicht davon die Bedingung machte so würde ich es
selbst glauben und ihrem Rat folgen alleine ich halte nicht dafür dass
dergleichen blose StaatsHeiraten Gott wohlgefällig sein können
    Man sagt aber erwiderte der Herr von Ridelo dass die Herzogin von Salona
tugendhaft und Liebenswürdig wäre es kann sein versetzte jener ich liebe sie
aber nicht was kann ich dafür dass mein Herz so unartig ist Sie sehen sich vor
Herr Graf redete der Herr von Ridelo weiter dass eine unglückliche Liebe sie
nicht dahin verleite eine allem Ansehen nach glückliche auszuschlagen Wo ist
der kluge WeltWeise würde meine Frau wieder ausrufen wann sie hier zugegen
wär Heist dieses seine Affecten beherrschen und von der Liebe sich nicht
einnehmen lassen
    Ach was sagen sie mir mein wertester Herr Intendant war hierauf des
Grafens Antwort heist dieses von der Liebe sich einnehmen lassen wenn man
dasjenige was man mit der größten Zärtlichkeit verehret der allergrausamsten
Schuldigkeit aufopfert So bald hatte ich nicht die Liebe des Königes für die
Gräfin von Monteras wahrgenommen so tat ich meinem Herzen alle nur ersinnliche
Gewalt die für sie gefaste Neigung noch in ihrer ersten Geburt zu ersticken
Ich vermiede mit der größten Sorgfalt alle Gelegenheit sie alleine zu sprechen
ich sah dass mir ihre Augen wann ich sie in Gesellschaft fand einen
verborgenen Kummer entdeckten sie schien mir damit meinen Wankelmut
vorzuhalten sie seufzte wenn ihr ungefär meine Blicke begegneten ich
entschuldigte damit gleichsam bei ihr meine Aufführung indem ich sie auf den
König wiese sie tat als ob sie mich verstünde und als ob sie deswegen
betrübt wäre Dieses war nicht genug ich musste zu Vermehrung meiner Pein nicht
allein das Unglück haben dass der König mein Mitbuhler wurde sondern er machte
mich auch zum Vertrauten seiner Liebe was sag ich gar zu seinem Unterhändler
Ich habe geglaubt ich hätte meiner Pflicht damit ein Genügen getan dass ich
meine eigene Regungen unterdruckte und die Gräfin dahin zu bewegen suchte den
König zu lieben Ach grausame Pflicht was hast du meinem Herzen nicht vor
unsagliche Marter gekostet sollte man mich auch noch verbinden wollen einer
Person die Hand zu geben welche ich nicht lieben kann
    Sie sind mein wertester Herr Graf antwortete hierauf der Herr von Ridelo
bei allen ihren großen Eigenschaften nicht wenig zu beklagen sie machen dass
man sie lieben muss sie gefallen der vollkommensten Dame an unserm Hofe ihre
Tugenden haben bei ihr mehr Reizungen als die Königliche Krone sie bewegen sie
auch wider ihren Willen dass sie dem König kein Gehör gibt der König weiß um
die Ursach dieser Kaltsinnigkeit er muss denjenigen notwendig hassen dem die
Gräfin von Monteras in ihrem Herzen einen solchen empfindlichen Vorzug gibt
Könige sind gewohnt über alles zu herrschen und wer ihrer Gewalt etwas in den
Weg leget oder vor ihnen sich einigen Vorzug erwirbet der ist ihr Feind und
der hat sich allenthalben in acht zu nehmen dass er nicht das Opfer ihrer
beleidigten Hoheit werde
    Ich verstehe sie hochgeschätzter Freund erklärte sich hierauf der Graf
ich beklage von Herzen dass ich meinem König dem ich sonst mit äußerster Treu
und Liebe zugetan bin Anlass gegeben habe auf mich ungnädig zu werden Bitten
sie doch deswegen den Herzog von Sandilien dass er zur Beruhigung des Königes
mich auf dieser Vestung lasse sagen sie ihm dass ich ihm für eine so süße
Gefangenschaft verbunden wäre und dass ich so lang ich lebe ein aufrichtiger
Diener von ihm und seinem ganzen Hause bleiben werde oder will man einen
Unschuldigen nicht mit dem Verlust seiner Freiheit strafen so verbiete man mir
auf allezeit den Hof und lasse mich davon entfernet in der Verborgenheit auf
meinen Gütern leben ich werde dem König auch abwesend meine Ehrfurcht meinen
Gehorsam und meine Redlichkeit zeigen
    Nach dieser Erklärung des Grafens trat der alte General ins Zimmer und
bewillkomte den Herrn von Ridelo nach seiner gewöhnlichen Höflichkeit Meine
Herren sprach er darauf zu ihnen es ist bald Mittag gefällt es ihnen allein
oder mit der Gesellschaft zu speisen Der Herr von Ridelo wollte das erste
wählen allein der Graf fiel ihm in die Rede Nein wertester Herr Intendant
sagte er zu ihm sie müssen sich dismahl nach unserer Weise bequemen und auch
sehen wie hier die Gefangene leben Auf dieser Vestung fuhr er fort herschet
ein eigener Stern der lauter muntere und angenehme Einflüsse hat die
unglückseligste Menschen vergessen hier ihren Kummer die Strafe der
Gefangenschaft womit sie die Gerechtigkeit oder ein widriges Schicksal
beleget verwandelt hier ihre sonst gewöhnliche Härte in eine ganz vergnügte
LebensArt Sie werden sich gefallen lassen davon einen Zeugen abzugeben
    Der General musste von Herzen über des Grafens Einfälle lachen dieser alte
Soldat hatte denselben binnen den vierzehen Tagen als er sein Gefangener war
ungemein lieb gewonnen es schienen gleichsam seine Kräfte sich zu verjüngen um
sich nach dessen Jugend einzurichten und ihrer Anmut sich mit teilhaftig zu
machen Der König hätte keinen sinnreichern Mann finden können diejenige
aufzumuntern welche den Verlust ihrer Freiheit beklagten und öfters fürchten
mussten um alle Vorteile dieses Lebens zu kommen
    Der General führte darauf seine beide vornehme Gäste in einen großen
SpeiseSaal welcher eigentlich eine Art des GewächsHauses war wohin im Winter
die PomeranzenBäume gebracht wurden Dieser hatte viel merkwürdiges in sich
die vier JahrsZeiten waren darin auf eine besondere sinnreiche Art entworffen
In der Mitten zeigte sich der Winter mit einem großen Kamin darin weil noch
die Kälte regierte ein starkes Feuer brante Die Aufsätze auf den Gesimsen
bestunden aus verschiedenen kleinen Figuren welche die kalte NordLänder
vorstellten die teils mit Renntieren auf Schlitten fuhren teils mit
SchrittSchuhen schliffen teils Holz teils Felle von allerhand Tieren
trugen in der Umfassung stunden verschiedene Geschirre von feinem Porcellan
und das darin entaltene Gemähld zeigte auf eine sehr künstliche Art die
vornehmste Beschäftigungen und Kurzweile die man zu WintersZeit vorzunehmen
pfleget
    Zur Rechten Seiten dieses Saals sah man den Frühling in einem ordentlichen
Winter und LustGarten vorgestellt welcher mit einer zierlichen Balustrade von
dem Saal unterschieden war Man sah hier das schönste BlumenStück mit
untermengten Taxis Lorbeer Pomeranzen und CitronenBäumen welche teils
zwischen krausgezogenen Bux und einem von Muscheln Sand und Kohlen
bundfärbigten Grund aus der Erden wuchsen teils in Kasten und Geschirren nach
der Ordnung mit eingeschoben waren und durch verborgene eiserne Röhren welche
der Rauch aus gehejetzten Oefen warm hielte vor der Kälte geschützet wurden In
der Mitten dieses in vier Ländergen eingeteilten Stuben und WinterGartens
sah man ein Springwerk welches mit einem schlorfenden Zischen in die Höh
spielte und mit einem schallenden Rausch in einen kleinen Behälter
niedersprudelte
    Der Sommer zeigte sich auf der andern Seiten in einer kleinen Landschaft
welche eine feine DratArbeit von dem Saal absonderte Es war hier alles grün
die Bäume bestunden aus Tannen Fichten Taxis und WachholderGesträuchen in
der Vertiefung sah man ein künstlich erhabenes Gebirge mit Sand Steinen und
Mos bedecket von dessen Höhe ein kleiner WasserFall herunter lief der hernach
auf einem von Blei verfertigten Kanal als ein klarer Bach zwischen den
Gesträuchen und einem frisch belegten WasenGrund durchfloss Das Zwitsern und
Singen der hier unter einander fliegenden Vögel belebten diesen durch die Kunst
verfertigten Wald auf eine Art dass man auch die Schönheit der Natur in der
blosen Abschilderung bewundern musste
    Der TrinkTisch welcher dem Kamin gegen über stund war eine Abbildung des
Herbsts man sah in der Mitten Bachum mit Epheu und TraubenBlättern becränzet
und sich auf Silenen stützen um ihn herum waren die WaldGötter mit den kleinen
BachusKindern welche teils Trauben und TrinckGeschirre trugen teils auf
Sackpfeifen und Dudelsäcken spielten Unten zeigte sich ein kleines Grottenwerk
mit einem alabastern Kumpen worinnen zum Ausspülen der Gläser aus einem Kranen
beständig das Wasser spritzte
    Mitlerweile der Graf von Rivera alle diese Erfindungsreiche Seltenheiten
den Herrn von Ridelo hatte beobachten machen kamen nach und nach auch die
Kostgänger des Kommendanten herbei welche als Gefangene von einem gewissen
Rang von demselben gewöhnlich mit zur Tafel gezogen wurden
    Der erste war ein vornehmer Geistlicher er kam mit abgemessenen Schritten
und einem steifzurückgeschlagenen Haupt in den Saal getreten seine Stirne
zeigte einen stolzen Ernst und aus seinen Augen leuchtete ein Feuer welches
allen denjenigen Zorn und Rache drohte die seinen Meinungen sich widersetzen
wollten Nachdem er die Anwesende mit einer gezwungenen Demut begrüsset hatte
fragte der Herr von Ridelo heimlich den Kommendanten wie doch dieser ehrwürdige
Mann auf die Vestung kommen sei Der Kommendant berichtete ihn dass dieser
Prälat seinen ganzen Sprenkel aufgewiegelt und die Leute durch seine
StreitPredigten dergestalt in einander gehetzet hätte dass darunter die gemeine
Ruh und Sicherheit wäre verletzet worden Man hätte ihn deswegen hier auf diese
Vestung gebracht dass er unter Leuten die vom Krieg ihr Handwerk machten den
Frieden lernen sollte
    Der Herr von Ridelo fragte darauf weiter wer ist dann dieser muntere Alte
der bei seinem elenden und mageren Körper doch einen so vergnügten Mut bezeiget
Es ist antwortete der Kommendant unser berühmter Goldmacher der die Kammer
unter dem Vorwand die gemeine BergErze durch den Mercurium zu lösen und in
lauter Silber zu verwandeln um etliche Tonnen Gold gebracht hat er ist sonst
der ehrlichste Mann von der Welt und es wird nicht lang anstehen so wird er
ihnen sein Vergnügen über die Entdeckung eines neuerfundenen Geheimnisses
offenbaren
    Indem sie sich noch bei diesem Goldmacher aufhielten kam ein
ObristWachtmeister von einem DragonerRegiment er hatte ein trotziges und
wildes Ansehen es schien als ob er auf die andere nur seine Blicke warf um
sie vor ihm in Furcht zu setzen Dieser Tersites hatte sich bei seinem Regiment
nicht Friedliebender als der obgemeldte Prälat in seinem Kirchspiel
aufgeführet und etlichmahl wider das Königliche DuellMandat sich
herumgebalget
    Es kam darauf ein vierter welcher die Freundlichkeit selbst zu sein schien
er machte allen Anwesenden zehen Reverenze für einen fragte wie sie sich
befänden wie sie geruhet hätten was sie neues wüsten und dergleichen dem
Herrn von Ridelo aber kont er seine Freude nicht genugsam ausdrücken dass er die
Ehre hätte demselben hier seine Aufwartung zu machen Dieses war der Ritter
Bonadi der deswegen dem Herrn Kommendanten in die Kost war gegeben worden weil
er sich zur Schande seines Hauses welches jetzo mit einem Herzoglichen Titul
pranget an eine leichtfertige Metze gehängt und dieselbe geheiratet hatte
    Ein fünfter unterbrach diesen Ritter welchen der Herr von Ridelo alsobald
für den Freiherrn von Riesenburg erkannte er umarmte ihn als einen Kavallier
der ehedessen eine Zeitlang bei Hofe gewesen war und der zuweilen auch in den
Gesellschaften bei seiner Frauen sich mit eingefunden hatte So lieb es mir ist
mein Herr Baron sagte der Herr von Ridelo sie zu sehen so wünschte ich doch
nicht dass ich diese Ehre an einem Ort haben möchte wo ich sie ihrer Freiheit
beraubet finde Ich hoffe antwortete ihm dieser solche bald wieder zu
erlangen und ich werde nach Tisch mir die Erlaubnis ausbitten ihnen meine
ganze Begebenheit umständlich zu erzählen
    Zuletzt kamen noch einige Offiziers von der auf der Vestung liegenden
Besatzung nebst ihrem RegimentsKaplan Die Tafel war rund und das Gespräch
allgemein Der Goldmacher weil er nebst dem Ritter Bonadi am aufgeräumtesten
war musste dismahl darzu den Stoff hergeben Unser Herr von Auertor so nannte
sich derselbe wird sonder Zweifel sagte der Kommendant wieder ein gutes
Experiment gemacht haben dann er sieht mir heute ungemein vergnügt aus Ja
antwortete ihm dieser ihre Excellenz geben mir wohl Kohlen und Tiegel aber die
Ducaten die Ducaten sind ihnen noch zu lieb aus nichts aber kommt nichts
Unterdessen sollen doch heute Ew Excellenz an einem gewissen Prozess von
WeinGeist ihren Wunder sehen den ich dermaßen geläutert habe dass er wenn er
angebrannt wird nebst den allerglänzendsten Farben auch gewisse CreuzFiguren
vorspiegelt welche man ohne die äußerste Andacht nicht betrachten kann
    Darf ich mir fragte ihn hier der Herr von Ridelo dieses Chymische
KunstStück mit anzusehen die Erlaubnis ausbitten ich bin ehedessen auch ein
Liebhaber dieser edlen Kunst gewesen Wie gewesen wiederhohlte hierüber der
Herr von Auertor ganz bestürzt Ew Excellentz verzeihen mir wer einmal sich
mit der geheimen Philosophie als ein Liebhaber eingelassen der kann so lang er
lebt nicht aufhören ein solcher beständig zu sein Ich bin es auch noch
versetzte darauf der Herr von Ridelo um den schier erzürnten Weisen wieder zu
begütigen Es ist noch nicht gar lang fuhr er fort dass ich selbst ein
Particular erfunden Venerem in veram lunam vermittelst eines Mercurialischen
Menstrui zu verwandeln es fehlt mir noch an einem guten Fermento
    Der Herr von Auertor war ganz entzückt an dem Intendanten einen solchen
Kenner seiner Wissenschaften anzutreffen denn man hatte bisher seine geheime
RedensArten nicht verstanden obgleich der General ihm zur Kurzweil Oefen
Brennkolben Tiegel und Kohlen nach Verlangen herbeischaffen ließ Nunmehr aber
winkte er dem Herrn von Ridelo mit einem freundlichen Blick und versprach ihm
hernach in seinem Laboratorio Dinge zu zeigen darüber er erstaunen sollte Unter
andern rühmte er sich auch dass er eine geschwinde Generation des Salpeters
erfunden darüber er bereits dem Herrn Kommendanten die Eröffnung getan hätte
Dieser musste bekennen dass man nicht leicht ein schöneres Gemengsel von
allerhand elementarischen FeuerFarben sehen könnte als wenn man dem Herrn von
Auertor ein Paar Ducaten in den Tiegel schmiss der Rauch allein von diesem
glänzenden und Wunderswürdigen Chaos sei nicht nachzumahlen und gäbe genugsam
zu erkennen dass die Natur den Menschen nicht umsonst ihre verborgene
Schönheiten zeigte
    Uber diesem Gespräch wurde der General geruffen er beurlaubte sich deswegen
von seinen Gästen und bat sie seinetwegen sich nicht zu stöhren Man war einer
solchen Freiheit auf dieser Festung gewohnt dass ein jeder tat was er wollte
einige blieben noch bei dem Wein an der Tafel andere aber machten sich vor das
Kamin rauchten eine Pfeiffe Toback und ließ sich dabei mit Kaffee und Tee
bedienen Weil aber der Herr von Ridelo begierig war die Begebenheit des
Freiherrn von Riesenburg zu vernehmen so begab er sich mit ihm auf des Grafens
von Rivera Zimmer da dann jener seine Erzählung folgendergestalt anfing
 
                               Das sechste Buch
                Die Begebenheiten des Freiherrn von Riesenburg
Es ist bereits ein halbes Jahr da ich in gewissen Geschäften meines Vaters
eine Reise nach Monaco tun musste Ich hatte mich mit meinem eignen Geschirr bis
auf die nechste Post bringen und meinen Kammerdiener mit dem Gepäck auf der
Landgutsche nachkommen lassen ich hatte niemand als einen Diener bei mir und
ritte die Post es wurde Nacht ich war in einem Wald und hörte von weitem ein
ängstliches Geschrei Ich befahl meinem Postillon still zu halten Ich hörte
dass es Weibsleute waren deren kläglicher Ton durch das weite Gehölz erschallte
Ich hatte ehedessen den Don Quichott gelesen und dachte hier an den ehrlichen
Mann wie bereitwillig er sich bei solcher Gelegenheit erzeigte den
Notleidenden beizuspringen ich wollte nicht weniger großmütig sein ich
ergriff deswegen eine von meinen Pistolen rannte damit voraus und ermahnte
meine beide Gefährden mir nachzufolgen diese zitterten vor Furcht und ich sah
wohl dass ich mit ihnen schlechte HeldenTaten verrichten würde
    Es war dunckel ehe ich michs versah stieß ich auf Pferde welche dadurch in
Unordnung gerieten ich hörte mich mit einem entsetzlichen Fluch und einem
kräftigen Streich einer klatschenden Peitsche bewillkommen dass dich dieser und
jener hohl klungen ungefär die mit einer rauen Kehle ausgestossene Worte wer
rennet mir da in die Pferde ich merkte bald dass ich hier meine Pistolen nicht
würde nötig haben ich steckte sie deswegen wiedeer an ihr Ort und fragte was
da zu tun wäre Seht ihr dann nicht war die Antwort dass hier eine Gutsche
umgeworfen ist
    Ich sprang auf diese Nachricht hurtig vom Pferd und ging nach der Gutsche
hin woraus so viel ich in der Finsternis erkennen konnte drei Frauensleute
nach einander oben aus dem Schlag gehoben wurden ich leistete ihnen in dieser
ängstlichen Bemühung hülfreiche Hand und empfing dafür von ihnen die
höflichste Dancksagungen die Gutsche wurde darauf wieder in die Höh gebracht
ich ritte an derselben her wir kamen in einer kleinen Stunde an den Ort wo die
Post wechselte das in der Gutschen befindliche Frauenzimmer stieg aus und
fragte nach einem guten Quartier ich hatte auch nicht Lust die Nacht weiter zu
reisen sondern ließ mir gleichfalls in demselben Hause ein Zimmer einräumen
Der Wirt fragte mich ob ich mit dem Frauenzimmer mit dem ich angekommen wäre
speisen würde ich sagte dass er sie deswegen um Erlaubnis fragen sollte ich
erhielte solche wiewohl sich die beide Damen entschuldigten dass sie in ihren
NachtKleidern wären das Frauenzimmer pfleget dergleichen Formalien nie zu
vergessen sie hatten nebst einem Kammermägdgen und einem Diener auch einen
Missionarium Apostolicum bei sich Ich fand an der jüngsten eine
außerordentliche Schönheit sie nannte die Alte ihre Mutter ich vernahm dass
sie die FreiFrau von Turris war welche in der Absicht nach Monaco reiste um
ihre schöne Tochter allda in ein adeliches JungfrauenKloster zu bringen ich
fragte deswegen die Fräulein indem ich ihr scharf unter die Augen sah ob sie
denn so große Lust zum KlosterLeben hätte sie errötete darüber und konnte
einem Seufzer den sie mit Gewalt zurück halten wollte nicht verwehren mir die
wahre Beschaffenheit ihres Herzens zu entdecken sie warf dabei ihre Augen auf
ihre Frau Mutter und ließ sie für sich antworten
    Diese berichtete mir hierauf dass ihr Sohn die StammGüter von dem
Turrischen Geschlecht besäße Ihre älteste Tochter wäre bereits mit einem
Kavallier verheiratet dem sie aus den ParapharnalGütern und was sie etwa
eigenes ihrem seligen Herrn zugebracht hätte einen kleinen BrautSchatz
zusammen gemacht und mitgegeben hätte doch sollte dem ungeacht auch diese ihre
ledige Tochter noch eine feine Mitgift ins Kloster bekommen damit sie darinnen
an nichts Mangel haben möchte
    Die Damen erkundigten sich darauf auch nach mir ich hatte meine Ursachen
mich ihnen nicht völlig zu erkennen zu geben ich sagte ich wär ein
Austrasischer Edelmann hieße Rossan und wollte nach Monaco reisen
    Die Frau von Turris sagte dass sie sich erfreute an mir einen
ReisGefährden zu haben weil sie ebenfalls ihren Weg dahin nehmen würde Ich
weiß nicht was derselben an mir gefiel sie hatte eine Geheimnisvolle Bildung
ihre Stirn war voller Strich und Runzeln die Augen lagen ihr tief im Kopf ihr
Gesicht bestund aus Haut und Knochen man sah an ihr nicht den geringsten
Uberbleibsel dass sie jemals wäre schön gewesen Saturnus herrschte in ihrer
ganzen Bildung der plauderhafte Mercurius aber auf ihren Lippen wir hatten in
diesem Stück einerlei Planeten sie sprach gern und ich blieb nicht leicht eine
Antwort schuldig meine Gesellschaft war ihr also angenehm Sie nötigte mich
den andern Morgen einen Platz in ihrer Gutsche zu nehmen und das Kammermägdgen
musste sich bequemen mir ihre Stelle einzuräumen und sich unten im Schlag zu
meinen Füßen zu setzen
    Ich hatte hier die schöne Fräulein beständig im Gesicht man wird nie
hurtiger zusammen vertraulich als auf der Reise eine jede Meile die wir
zusammen zurück legten war für uns so viel als ein Jahr Bekantschaft Die
Fräulein welche ich auf alle Weise aufzumuntern suchte wurde immer trauriger
ihre Augen die sie öfters mit einer schamhaftigen aber durchdringenden Art
auf mich heftete suchten bei mir ein Mitleiden zu erwecken welches ich schon
hatte Die Mutter so finster sie auch unter der Stirne aussah war um desto
aufgeräumter sie hatte die artigste Einfälle und ihre Lebhaftigkeit forderte
gleichsam die meinige heraus
    Ach hatte meine Hand in der Gutsch an einem Riemen hangen ich merkte dass
die Frau von Turris mit ihren Augen dahin sah ihre Raschetten Herr von
Rossan sprach sie sind recht gut sie werden ein alter Mann werden als sie
dieses sagte reichte ich ihr meine Hand und bat sie möchte mir etwas gutes
prophezeien sie besah darauf meine Lineamenten allein nachdem sie meinen
montem Solarem und die Satellites mit fürchterlichen Blicken durchgangen
schüttelte sie den Kopf und sagte mir ich möchte mich vor dem Frauenzimmer in
acht nehmen dann eine gewisse Konjunction des Martis drohte mir in der Liebe
mit Unglück Wir scherzten darüber ich besah darauf auch der Fräulein ihre
Hand ich muss bekennen dass ich die Tage meines Lebens keine schönere gesehen
Alle HauptLineamenten zeigten etwas großes und glückliches Ich gab mir das
Ansehen eines ErzWahrsagers alle Worte dieser geheimen Wissenschaft waren mir
bekannt und was noch mehr ich verstunde mich ein wenig auf die Augen Ich
prophezeite also der Fräulein ganz das Gegenteil von dem was mir ihre Mutter
angedeutet hatte Ihr Mons Veneris fing ich an schönste Fräulein ist von
einer unvergleichlichen Erhöhung und ich sterbe wenn sie die Planeten zu etwas
anders als zu der vollkommensten Liebe gezeuget haben Die gute Fräulein wollte
mir solches nicht glauben sie sagte mit Seufzen ihr Beruf ging ins Kloster
und die Planeten könnten in den Wegen der Vorsehung nichts ändern
    Wir kamen damit an den Ort wo wir das Mittagmahl hielten man setzte sich
zu Tische Die zum Kloster gewidmete Schöne hatte wahrgenommen dass ich mich
nicht wie sie nach verrichtetem stillen Gebet mit dem Creuz segnete Wie sind
sie so wenig andächtig sprach sie zu mir mit einem unschuldigen Wesen sie
schämen sich vielleicht sich fromm zu stellen oder sind sie wohl gar ein
Ketzer Ich lächelte darüber und sagte nichts sie erkant daraus dass ich nicht
von ihrer Kirchen war dieses verursachte bei ihr ein trauriges Nachdenken
davon sie die Empfindlichkeit nicht bergen konnte Mir saßen kaum zusammen
wieder in der Gutsche als ich wieder mit der schönen Fräulein anband Ich
fragte sie ganz ernstlich was sie doch gedächte im Kloster zu machen ich
werde sprach sie mit einer Errötung darin tun was einem geistlichen
OrdensFrauenzimmer geziemet ich fragte sie weiter ob sie denn einen solchen
geistlichen Beruf wirklich bei sich empfände und dessen überzeugt wäre sie sah
darüber aber mahl ihre Frau Mutter an und überließ ihr darauf zu antworten
diese schien über meine Fragen böse zu werden und sagte mir ich sollte ihre
Tochter ungequält lassen
    Gnädige Frau fuhr ich fort sie verzeihen mir sie sind eine so kluge Dame
ich kann mir nicht einbilden dass sie bei ihrer Fräulein Tochter einen
KlosterBeruf sollten entdecket haben sie ist viel zu schön geschaffen als dass
man mit gutem Gewissen sie in einen Schleier verhüllen und in die vier Mauren
einsperren sollte Die Natur hat mit ihr dergleichen Absichten nicht gehabt
unglückliche hesliche Missgeburten die derselben in der Zeugung misslungen und
andern Menschen nur zum Spott zum Ärgernis und zur Straffe leben die sollte
man in die Klöster sperren und solche nicht zur Schande ihres Geschlechtes auf
den SchauPlatz der Welt ausstellen
    Die Frau von Turris musste so sehr sie sich auch zwingen wollte über meine
Einfälle lachen ihre Fräulein hingegen war noch immer traurig ich sagte ihr
deswegen sie sollte nicht ins Kloster gehen sie würde darinnen nur die
Geistlichen in ihrer Andacht stöhren und dadurch mehr Sünde tun als wenn sie
in der Welt bleiben wurde ja was noch mehr sie würde alle erlaubte
Ergötzlichkeiten dieses Lebens im Kloster verliehren und dagegen noch alles
Böse so die Menschen unglücklich macht darinnen finden
    Der Missionarius wusste seinen Eifer über diese meine freie Reden nicht länger
zurück zu halten So mein Herr sprach er indem er einen erzörnten Blick aus
seinem schwarzgelben Gesicht auf mich schießen ließ Sie wollen nur Gott was
gebrechlich und untauglich ist zu seinem Dienste wiedmen Wir leben war meine
Antwort nicht mehr unter den schweren Satzungen des alten Bundes der neue hat
uns davon befreit wir sollen im Glauben ein ehrbares Christliches Leben
führen einen andern Dienst verlanget Gott heutiges Tages nicht von uns was
könnten wir arme Geschöpfe einem so vollkommenen Wesen geben von dem wir alles
haben und erwarten müssen Er hat uns geschaffen um uns glückselig zu machen
wir werden solches wenn wir seine Gebotte halten und in seine Absichten
eingehen alles bestehet bei ihm in der Ordnung er hat das Weib geschaffen dass
sie soll eine Gehülfin des Mannes sein folglich ist das Ehlose KlosterLeben
ein ungebührliches Joch welches man jungen Leuten nur zum Schein der Heiligkeit
pflegt aufzubürden
    Sie lesen mein Ehrwürdiger Herr Missionarius fuhr ich ganz gelassen fort
sie lesen in den KirchenGeschichten wenn und wie die Klöster und die Gelübde
der Keuschheit sind aufgekommen Es waren Anfangs einige gutschichtende aber
schwermütige Leute welche die Einsamkeit liebten und den Hass der Welt so weit
ausdehnten dass sie sich des Umgangs mit allen Menschen zu entschlagen suchten
sie krochen in die dickste Wälder baueten sich Hütten an einsamen abgelegenen
Oertern und wurden deswegen für heilige Leute gehalten Endlich taten sich
einige solche Einsiedler zusammen baueten sich kleine Kapellen stifteten
besondere Orden schrieben sich gewisse strenge Regeln vor und weil der Umgang
mit dem andern Geschlecht ein so gar gefährlich Ding in der Welt ist so wurde
solches am ersten von der Heiligkeit dieser OrdensBrüder abgesondert
    Die Frauensleute welche nicht weniger Eifer hatten den Namen der
Heiligkeit zu verdienen und die Männer an starker EinbildungsKraft noch
übertraffen zeigten den Feinden ihres Geschlechts nicht minder Verachtung sie
bauten ihnen und der Natur zum Trotz ebenfalls solche Zellen in den Einöden
und verbotten den Mannsleuten darinnen den Fuß zu setzen Diese hätten
unterdessen die Rechte des Altars sich vorbehalten womit sie nachgehends auch
die OhrenBeicht verknüpften Die andächtige Schwestern mussten sichs also
gefallen lassen und sich gewisse OrdensGeistliche wählen die ihnen Mess lesen
Beicht abnehmen und sie absolviren konnten Auf diese Weise gerieten also die
andächtige Brüder zu den andächtigen Schwestern Der Satan ist nie geschäftiger
als wenn die Leute auf eine außerordentliche Weise wollen heilig werden und
man sagt für gewiss dass öfters die Vertraulichkeit hier so weit gegangen sei
dass man die geistliche Liebe ziemlich stark in die Empfindungen des Fleisches
getrieben hätte
    Diese letzte Worte waren kaum ausgesprochen so fing der unwissende
Missionarius an vor Eifer zu schnaufen und mich einen Unglaubigen und Ketzer zu
schelten in der Tat waren ihm die Länder der KirchenGeschichten sehr
unbekant Ich meinte ihn noch weiter auf der ReligionsKarte zurecht zu weisen
allein die Frau von Turris ersuchte mich in diesem Streit nicht weiter zu
gehen
    Meine Reden taten indessen eine Wirkung deren ich mich nicht versehen
hatte wir kamen Abends spät nach Monaco Die Fräulein als ich sie nach ihrer
Frau Mutter aus der Gutsche hub druckte mir die Hand und sagte mir heimlich
ins Ohr dass ich sie in ihrer Religion ganz irre gemacht hätte ich sollte mich
aber in Monaco in acht nehmen und nicht so frei von KirchenSachen reden Ihre
Frau Mutter bedankte sich darauf für meine Gesellschaft versicherte mich ihrer
Hochachtung und bat mich bei ihr einzusprechen Ich sagte auch unserm
geistlichen ReisGefährden einige Höflichkeiten und entschuldigte bei ihm meine
Freiheit im Reden Er beantwortete solche mit einer gezwungenen Freundlichkeit
ich entdeckte aber in seinen schwarzdunkeln Augen etwas das mir zu erkennen
gab dass er nicht gut zu beleidigen war
    Ich nahm mein Quartier unweit den Jesuiten und ging den andern Tag ein
wenig in der Stadt herum es war Abend als ich in dem GastHause zurück kam
ich hörte in der nah dabei gelegenen Kirche Musik ich ging dahin die Kirche
war wegen eines vorgefallenen Festes mit kostbaren Tapeten ausgeschmücket und
ganz mit Lichtern erhellet die anmutigste Stimmen erklungen in den Chören und
hinter den Altären ich fand bei allen diesen Dingen eine würckliche Andacht
mein Gemüt war beweget ich spürte einen heimlichen Zug Gott auch in dieser
sinnreichen Pracht der Menschen zu loben ich ging in einen Stuhl wo sich vor
den Knien ein Bret fand auf welchem man solche füglich biegen und ein anders
worauf man die Hände stützen konnte ich setzte meinen Leib in eine solche
andächtige Stellung und schickte meine Seufzer ohne Heuchelei in diesem mir
fremdem Gottesdienst gen Himmel niemand kante mich hier und ich fand dass ein
zierlicher Tempel und eine wohlklingende Harmonie sich nicht übel zur Andacht
schicken
    Ein wohlgekleidetes Frauenzimmer das vom Altar herkam und zur Türe hinaus
gehen wollte erblickte mich in dieser Stellung sie stund ein wenig still und
ging damit auf mich zu sie warf sich neben mir auf die Knie tat ein kurzes
Gebet wand hernach die Augen auf mich und sagte zu mir wie Herr von Rossan
ist es ihr Geist oder sind sie es selbst was machen sie hier in unsrer
Kirchen ich erkannte sie sogleich für die Fräulein von Turris ich wollte
aufstehen und ihr meine Ehrerbietung bezeigen sie aber bat mich in meiner
Stellung zu bleiben sie sagte so gefiel ich ihr wohl und sie wünschte nichts
mehr als mich hier in Ernst andächtig zu sehen ich versicherte sie dass ich
solches wär und dass ich mich glücklich schätzte sie dabei zum Zeugen zu haben
    Ach mögt ich sie doch bekehren sagte sie zu mir aus dem besten Herzen von
der Welt was wolt ich nicht darum geben dieses ist sehr großmütig gnädige
Fräulein war meine Antwort allein würden sie sich auch meines zeitlichen
Wohlseins gleichfalls annehmen sie erklärte sich darauf dass es ihr leid wär
mir in diesem Fall mit nichts anders als mit ihrem Gebet dienen zu können So
wollen sie denn doch eine Nonne werden fragte ich sie weiter Sie kehrte
hierauf ihre Augen nach mir und seufzte ich verwies ihr dieses Stillschweigen
sie fragte was ich ihr denn riete zu tun sie hätte außer mir in der Welt
noch niemand gefunden der ihr diesen Beruf schwer gemacht hätte
    Diese Worte rührten mich ich konnte mich länger nicht zurückhalten ihr
meine Liebe zu erkennen zu geben Wohlan schönste Fräulein sagt ich ihr so
bleiben sie denn für mich in der Welt und lieben mich Diese Erklärung setzte
das gute Kind in eine ungemeine Bewegung sie reichte mir mit Zittern ihre
rechte Hand und sagte mir mit dem allerernstlichsten Blick ich beschwöre sie
bei dem Gott den wir beide hier verehren dass sie meiner Neigung die ich ihnen
auch wider meinen Willen zeige nicht missbrauchen An statt ihr darauf zu
antworten neigte ich meinen Mund und küste ihre Hand sie zog solche mit ihrem
Schnuptuch in die Höh wischte damit die Tränen ab welche ihr in die Augen
drangen und bat ich sollte mich in acht nehmen weil man uns beobachten könnte
    Wir stunden auf ich hatte mit der Fräulein abgeredt uns einander hinführo
mehr an diesem Ort anzutreffen Ich führte sie damit auf ihre Gutsche ich
besuchte darauf auch ihre Frau Mutter Mein Kammerdiener war unterdessen mit
meinen Sachen angekommen ich ging also zu einigen Hofräten bei welchen ich
das Geschäfte meines Vaters zu treiben hatte ich versprach ihnen in seinem
Namen eine nachdrückliche Erkenntlichkeit wenn sie ihm bald würden Recht
wiederfahren lassen diese Herren lobten meine Höflichkeit und binnen 14 Tagen
hatte ich meine Ausfertigung
    So lang ich konnte hielt ich meinen wahrhaften Namen bei der Frau von
Turris und ihrer Fräulein Tochter verborgen ich bediente mich keiner Gutsche
und keiner prächtigen Kleidung ob ich gleich deren welche mit mir genommen
hatte um bei Hofe zu erscheinen ich machte mich bei ihnen so klein und so
unvermögend als es immer der Wohlstand leiden mochte ich wollte dadurch die
Fräulein und ihre Frau Mutter auf die Probe stellen ob sie mir auch aufrichtig
wohl wollten
    Ich hatte das Vergnügen dass mir die Mutter antrug mich wenn ich Lust
hätte an dem Monackischen oder auch an dem Licatischen Hofe in Diensten zu
bringen weil sie wie sie sagte wichtige Freunde an diesen beiden Höfen hätte
Ich küste ihr für diese großmütige Sorgfalt die Hand ich sagte ihr aber
zugleich dass ich wohl wüste dass man an diesen Höfen keine Kertzer in Diensten
nehme Ja antwortete sie halb im Scherz Monsier Rossan müsste sich bekehren
Bekehren wiederholte ich gnädige Frau mich bekehren von einer Secte zur
andern was würde dadurch mein Herz gebessert werden dem ungeacht setzte ich
darzu wollte ich mich allenfalls so betragen dass ich niemand keinen Anstoß
geben würde
    Sie ließ mich darauf mit ihrer Tochter allein ich fragte sie ob sie den
Rossan noch ein wenig liebte nur allzuviel für meine Ruh gab sie mir zur
Antwort wenn ich denselben aber könnte glücklich machen so würde ich so
vergnügt sein als viel ich jetzo leide wie so werteste Fräulein erwiderte
ich wenn sie mich lieben so ist mein Glück schon gemacht denn ich suche bei
ihnen nichts anders Was wollen wir aber anfangen fuhr sie seufzend fort wie
sie sagen so haben sie kein Vermögen und obgleich meine Frau Mutter ihnen
bereits gesagt hat dass ich von ihr besonders aber von ihrer Schwester der
Gräfin von Iserlo noch etwas zu hoffen hätte so ist doch die Unbarmhertzigkeit
und der Eigennutz meiner beiden Geschwister dermaßen groß dass sie mich
deswegen ins Kloster tun wollen um dermahleinst die Erbschaft unter sich
allein zu teilen Meine Frau Mutter fügte sie hinzu könnte ihnen allenfalls
wohl zu einem Dienst bei Hofe verhelfen allein sie sind nicht von unsrer
Religion und also wird es damit schwer hergehen wollten sie mir zu Liebe ihren
Glauben ändern so weiß ich nicht was mich zurück hält ihnen solches zu
raten es scheint mir dieses für einen verständigen Edelmann wie sie sind zu
niederträchtig zumahl da sie die Irrtümer von unsrer Kirchen wissen und mir
zu aufrichtig scheinen sich zu verstellen
    Das erhabene Gemüt und die reine Vernunft welche mir meine geliebte
Mariane so nannte sich die Fräulein bei dieser Gelegenheit blicken ließ
machten mich zum zärtlichsten Liebhaber von der Welt Wir waren beiderseits von
der Heftigkeit unserer Leidenschaft dermaßen eingenommen dass wir uns einander
eine immerwährende Treue schwuren es möchte auch kommen wie es wollte Ich konnte
mich nicht enthalten diese Versicherungen mit einigen Liebkosungen zu
begleiten
    Die Frau von Turris trat eben ins Zimmer da ich ihre Tochter umarmte Wie
sprach sie meine Tochter wie seid ihr mit dem Herrn von Rossan so
vertraulich sie wollte uns darüber ihre Verachtung zu erkennen geben als wir
beide uns zu ihren Knien warfen und sie mit den beweglichsten Gebehrden
ersuchten unserer unschuldigen Liebe nicht zuwider zu sein
    Ihr Kinder fing sie darauf mit einem besänftigten Wesen an eure Liebe
verblendet euch dergleichen Sachen lassen sich so geschwinde nicht tun Es ist
nicht genug mein lieber Herr von Rossan dass sie meine Tochter als ein
tugendhafter Edelmann lieben wovon wollen sie leben sie werden schwerlich ihre
Religion verändern wollen und ohne dieses Mittel sehe ich keine Hoffnung sie
hier am Hofe unterzubringen
    
    Die größte Schwierigkeit ist fuhr sie fort dass ich meinem Sohn und meiner
ältesten Tochter das Wort gegeben habe Marianen allhier ins Kloster zu bringen
Mein Sohn ist insonderheit ein gar wilder und ungestümmer Mensch der keine
Vernunft und keine Billigkeit verstehet Mariane im Gegenteil ist das beste
Gemüt von der Welt man hat von Jugend auf bei ihr eine gewisse Gottesfurcht
und Sittsamkeit gespüret woraus man geschlossen dass sie sich für nichts anders
als für das Kloster schicke sie war bei meiner Schwester in der Einsamkeit und
in lauter AndachtsUbungen erzogen worden sie kante also die Welt nicht und
meinte deswegen auch darin nicht viel zu verliehren ich merkte aber bald dass
sie ein heimlicher Kummer nagte und als die Zeit herbei kam dass ich sie hieher
bringen wollte um ihr ProbJahr anzufangen so bekannte sie mir mit Ausstürzung
vieler Tränen dass sie einen Abscheu vor dem Kloster hätte Meine Mariane
dauerte mich von Herzen ich konnte mich nicht entschließen ihr die geringste
Gewalt anzutun ich furchte mich nur vor meinem unartigen Sohn
    Ich brachte sie also hieher in der Absicht sie zwar in das Kloster zu
führen unterdessen aber mit meiner Schwester auf Mittel zu sinnen wie wir sie
vor ihrer Einkleidung von einem ihr so verhasten Gelübde noch befreien mögten
Ich glaubte der Himmel habe mir solche durch sie mein lieber Herr von Rossan
entdecken wollen sie haben Verstand und Wissenschaften ich hätte ihnen hier
bei Hofe Freunde und Schutz erwerben wollen allein so sind sie nicht von
unserer Religion dieses verwirret mir alle meine gemachte Anschläge
    Ich dankte der Frau von Turris auf das verbindlichste für diese so gütige
Erklärung ich sagte ihr Herr Sohn würde sich gleichwohl müssen weisen lassen
wenn man seine Gerechtsame nicht antasten würde Ach liebster Herr von Rossan
sagte Mariane sie kennen meinen Bruder nicht er ist ein ganz abscheulicher
Mensch und sie werden hier kaum sicher sein wann er erfahren sollte dass sie
bei uns einen so freien Zutritt hätten
    Wir nahmen darauf unsere Abrede dass ich so bald mein Geschäft bei Hofe zu
Ende sein würde mich wieder nach Haus begeben die Fräulein aber zum Schein
einige Wochen ins Kloster gehen sollte Nach Verfliessung einiger Wochen sollte
sich die Fräulein beklagen dass sie sich nicht wohl befände und dadurch ihre
Frau Mutter nötigen sie wieder nach ihrer Schwester der Gräfin von Iserlo zu
bringen Biss dahin sollte ich mich bei meinem Hof um einen guten Dienst bewerben
und alsdan ihre Tochter bei obgemeldeter Gräfin abholen
    Also war mein Handel mit dieser Fräulein geschlossen da ich kaum noch drei
Wochen in Monaco mich aufgehalten hatte Ich glaubte dass es nun Zeit sein
würde mich derselben näher zu entdecken
    Ich ließ zu dem Ende für mich eine prächtige Gutsche mieten nahm zu meinem
Leibdiener noch einen LehnLaquayen und gab ihm gleiche Liberei mit dem
meinigen sie war rot mit buntfärbigen und silbernen Schnüren reich besetzt
ich hatte ein Kleid welches für eines der schönsten und kostbarsten auch selbst
zu Panopolis gehalten wurde Eh ich also nach Hof fuhr ließ ich mich des
Morgens bei der Frau von Turris unter meinem rechten Namen melden Weil mein
Vater OberBefehlshaber in Australien ist so waren wenig Leute vom Stande in
Monaco die meinen Namen nicht kanten Die Frau von Turris erschrack demnach
wie man ihr sagte der Freiherr von Riesenburg hielte vor ihrer Tür und wollte
bei ihr seine Aufwartung machen
    Weder sie noch ihre Tochter waren also angekleidet dass sie sich vor einem
fremden Kavalier wollten sehen lassen sie schlugen deswegen meinen Besuch ab
und baten sich die Ehr auf ein ander mahl aus Ich war aber schon ausgestiegen
und ging der Treppen hinauf die Bedienten erkannten mich ich winkte ihnen sie
sollen nichts sagen ich trat also in der Frau von Turris ihr Zimmer sie aber
floh zu der einen und ihre Tochter zu der andern Tür hinaus beide setzten sich
an ihren NachtTisch und suchten erstlich vor ihrem Spiegel sich zu beraten
ob sie vor einem so kühnen Fremdling sich wollten sehen lassen
    Mariane war noch in dieser Bestürzung als das Kammermägdgen bei ihr
anklopfte und sie bat aufzumachen sie rief mit leiser Stimme es wär gar ein
schöner Herr da sie wollte sie hurtig aufsetzen damit sie sich könnte sehen
lassen die Fräulein machte ihr in der Ungedult auf und wollte sie eben darüber
ausschelten dass sie einen fremden Herrn wider ihren Befehl herauf gelassen
hätte als ich ihr um den Hals fiel Erkennet mich liebste Mariane redete ich
sie an ich werde euch ja unter dem Namen von Riesenburg nicht abscheulicher
vorkommen als unter dem von Rossan Wie fragte sie ganz bestürzt Rosson ist
nicht Rossan mehr er kann mich betrügen o unglückselige Mariane
    Sie setzte sich darauf auf einen Stuhl legte ihr Haupt in ihre Hand auf den
Tisch und wollte mich nicht ansehen ich setzte mich neben sie was wollen sie
sagen meine werteste Fräulein sprach ich zu ihr Ich habe mir eingebildet
sie liebten mich und nicht meinen Namen Ich erzehlte ihr darauf alles was
meinen Zustand betraff ich vermeinte sie dadurch in eine angenehme Verwunderung
zu setzen allein die Tränen kamen ihr in die Augen sie weinte ich wusste
nicht was ich ihr sagen sollte Ich habe gehofft mein Herr fing sie an ich
würde ihr Glück machen und sie dadurch so fest an mich verbinden dass sie
notwendig dafür mich lieben müssten Mit dieser süßen Hoffnung hab ich mir nun
vergeblich geschmeichelt Rossan ist nicht Rossan mehr er kann sich verstellen
er kann eine andere Person annehmen der Freiherr von Riesenburg wird sich nun so
viel Mühe nicht mehr um mich machen
    Die Tränen rollten ihr noch von ihren schönen Wangen als ihre Mutter zu
uns kam Wie Monsieur Rossan redete sie mich verwundernd an was soll dieses
bedeuten wie so prächtig und unter welchem Namen erscheinen sie hier Gnädige
Frau war meine Antwort nachdem sie mir die Gnad erwiesen und mir die
unvergleichliche Mariane versprochen haben so kann ich nicht wohl geringer
aufziehen eine kleine Herrschaft Rossan davon ich mich bisher genannt wird
ihnen verhoffentlich den einzigen Sohn das Freiherrn von Riesenburg
OberBefehlshaber in Australien nicht zuwider machen Ich erklärte ihr darauf
dieses Geheimnis deutlicher und sie schien mit dieser kleinen Erhöhung ihres
zukünftigen Tochtermanns nicht übel zufrieden zu sein zumahl da sie dadurch
der Sorgen entsetzet wurde mich an einem Hof unterzubringen und um meine und
ihrer Tochter Lebsucht sich zu bekümmern
    Ich fuhr darauf nach Hof man erwies mir daselbst viel Ehre Die übrige Zeit
verbracht ich meistens bei meiner liebsten Marianen ich fuhr etlichemahl des
Abends mit ihr spazieren sonst aber hielten wir unsern Umgang so geheim als
es möglich war Nachdem ich also 6 Wochen in Monaco mit gröstem Vergnügen
zugebracht hatte machte ich Anstalten zu verreisen
    Ich nahm von Marianen Abschied Ich erinnere mich dessen nie ohne äußerster
Bewegung sie blieb ganz erstarret vor mir stehen sie sprach kein Wort sie
vergoss keine Tränen die Säfte waren in ihren Augen wie vertrocknet ich hätte
sie lieber weinen sehen ich küste sie und sie druckte mir die Hand darin
bestunde ihre ganze Bewegung Ich schlich mich unvermerkt von ihr weg die Frau
von Turris war so erweicht dass sie weinen musste sie begleitete mich bis an
die Treppe ich empfahl ihr Marianen und verreiste
    Das Herz war mir so dick und ich fühlte in der beklemten Brust eine solche
ungewöhnliche Unruh dass ich nicht sah wo ich hinfuhr Ich kam den andern Tag
glücklich zu meinem Vater der sich damals auf seiner Herrschaft unweit
Auracum befand Dieser wollte Anfangs meine Liebe zu der Fräulein von Turris
durchaus nicht guteissen er hatte mit mir andere Absichten die beste Gründe
gelten nicht wo einmal der Verstand mit Vorurteilen eingenommen ist dem
ungeacht so bracht ich es endlich durch meine Vorstellungen so weit dass er auf
gewisse Bedingungen darein willigte
    Mein darüber empfundenes Vergnügen dauerte nicht lang ich hatte an die
Fräulein von Turris gleich nach meiner Ankunft geschrieben und von ihr noch
keine Antwort bekommen Dieses war unserer gepflogenen Abrede ganz zuwider ich
sandt deswegen meinen Kammerdiener nach Monaco dieser kam nach einigen Tagen
weil er die Post geritten war wieder zurück und brachte mir die grausamste
Zeitung von der Welt dass die Fräulein von Turris von ihrem Bruder wär
entführet worden und dass niemand auch sogar ihre Frau Mutter nicht wüste wo
er sie hingebracht hätte Diese Dame war darüber in Verzweiffelung und ließ
mich bitten so bald es mir möglich sein könnte nach Monaco zurück zu kommen
    Ich war über diese Nachricht dermaßen bestürzt dass ich alle Müh von der
Welt hatte einen Entschluss zu fassen der meinem Mut und meiner Pflicht gemäß
war Ich befahl meinem Kammerdiener nichts von allem dem was er wüste meinem
Vater zu entdecken einige Stunden hernach ließ ich mir meine beste Pferde
satlen ich sagte ich wollte auf die Jagd reiten mein Kammerdiener ein Jäger
und ein Reitknecht mit einem HandPferd begleiteten mich ich nahm meinen Weeg
gerade nach Monaco ich kam spät in ein Nachtlager ich fand unten in der
GastStuben einen Bedienten welcher die Turrische Liberei hatte ich fragte
ihn wem er zugehörte er sagte dem Freiherrn von Turris auf mein ferneres
Fragen wo er hin wollte gab er mir die Nachricht dass sein Herr morgen früh da
eintreffen und seine Reise weiter bis nach Auracum fortsetzen würde Ich
zweiffelte hierauf nicht dass mich der Herr von Turris aufsuchen wollte
    Ich hatte diese Nacht wenig geschlaffen hundert verwirrte Vorstellungen
beunruhigten meine ganz auseinander gebrachte Fantasie ich schwur dem Räuber
meiner Schönen bald den Tod bald dachte ich auf Mittel ihn zu gewinnen Ich
stund mit anbrechendem Tag von meinem Lager auf und war von den vielen Träumen
ganz entkräftet
    Ich machte mich damit auf den Weg ich war kaum etliche Stunden
fortgeritten so begegnete mir ein junger Mensch zu Pferd mit einem Jäger er
hatte ein unglückliches und wildes Ansehen als ich ihn begrüste sagte er mir
ganz trotzig großen Dank und rührte dabei kaum den Hut Ich hatte keiner
weitern Nachricht nötig dass er der Herr von Turris sei wie dacht ich bei
mir selbst wer sollte diesen Menschen für einen Bruder der allerhuldreichsten
und anmutigsten Schönheit ansehen seine seltsame Gebährdung sein
aufgeworfenes Maul seine große Augen womit er mich anblickte hatten in der
Tat etwas barbarisches ich wagte es unterdessen ihm meinen Diener
nachzuschicken um ihn zu befragen ob er der Baron von Turris wär in welchem
Fall ich mir die Ehre ausbitten wollte ihn zu sprechen
    Mein Kammerdiener näherte sich demselben mit der größten Bescheidenheit er
hatte ihm aber auf sein Befragen nicht so bald entdecket wer ich wär so kam
er als ein Rasender mit aufgespanneter Pistole auf mich zugerant Da er mich
erreichet druckte er den Hut tief in den Kopf Ha Verräter war seine Anrede
find ich dich allhier hast du meine Schwester können verführen so zeige nun
auch ob du eben so leicht dein Leben verteidigen kanst
    Ich wollte ihm auf diese tolle Anrede mit Vernunft antworten ich betrachtete
ihn als den Bruder meiner geliebten Marianen Mein Herr sagt ich zu ihm ganz
gelassen last uns einander nicht schimpfen ich liebe ihre tugendhafte Fräulein
Schwester als ein ehrliebender und redlicher Kavalier Was Ketzer schrie
dieser voller Wut sprich mit deiner Pistole wenn du Herz im Leibe hast
anders begehr ich nicht mit dir zu reden indem er dieses sagte schoss er auf
mich dass mir die Kugel am Kopf hinsauste ich machte mich darauf so hurtig
wehrhaft als ich konnte Gilt dieses Bösewicht fuhr ich im Zorn heraus und
schenkte ihm eine Kugel die ihn vom Pferd herunter stürzte
    Ich rief alsobald meine Leute und seinen eigenen Kerl bei dieser Handlung
zu zeugen dass ich zu diesem Zweikampf wäre gezwungen worden Wir suchten darauf
dem verwundeten Leichnam dieses unglückseligen jungen Edelmanns noch zu Hilfe zu
eilen allein ich hatte ihn mitten durch die Brust geschossen er war Knall und
Fall tot
    Sein Knecht hielte ihm allhier eine kurze LeichenRede Der Inhalt davon war
dieser Ihr Kaplan sprach er hätte immer gesagt Gott war ein gerechter Gott
der das Böse nicht ungestraft ließ sein Herr hätte ein so gar ruchloses böses
Leben geführet dass schier kein ehrlicher Mensch mehr bei ihm hätte dienen
wollen er wär selbst noch denselben Tag Willens gewesen von seinem Herrn
wegzulauffen nun hätte derselbe seinen verdienten Lohn von meiner Hand
bekommen Gott möchte seiner armen Seel genädig sein
    Ich ließ darauf den ertödteten Leichnam nach dem nächsten Dorf bringen und
reiste wieder zurück nach Haus Ich empfand über diese traurige Begebenheit in
meinem Gemüte einen so beisenden Schmerzen dass ich mich nicht zu trösten
wusste Was wird sprach ich bei mir selbst die Frau von Turris sagen dass ich
ihren Sohn entleibet habe wie wird meiner armen Marianen darüber zu Mute sein
wird sie ohne Grausen und Entsetzen an ihren BruderMörder gedenken wird sie
denselben auch noch lieben können Und wenn gleich in diesem Fall wie ich
glaube auch ihre Regungen für mich die Oberhand behalten sollten würden ihr
jemals der Wohlstand und die Gesetzen erlauben demjenigen die ehliche Hand zu
geben der die seinige mit dem Blute ihres einzigen Bruders bespritzet hat
    Mit diesen Kummervollen Gedanken kam ich wieder auf meines Vaters Schloss
Die Sache mit dem Baron von Turris wurde allenthalben ruchtbar der Zweikampf
war noch binnen den Gräntzen dieses Königreichs geschehen Ich wollte darüber
mich den Wirkungen des väterlichen Zorns nicht aussetzen mein Vater ist wie
bekant ein rauer heftiger Mann Ich hatte Ursach mich vor ihm zu fürchten In
meinem Gewissen fund ich mich unschuldig ich wollte deswegen nicht das
Königreich räumen ich verließ mich auf Gott und meine gerechte Sache ich begab
mich deswegen als ein freiwilliger Gefangener auf diese Vestung und verhoffe
nachdem die Sache nunmehr mit allen gerichtlichen Untersuchungen und Abhörungen
der Zeugen nach Hofe ist versandt worden bald wieder zu meiner vorigen
Freiheit zu gelangen weil es hie ganz offenbar ist dass ich in den Umständen
einer unumgänglichen Notwehr mich befunden hatte
    Mein Vater vernahm so bald ich ohne Abschied von ihm gereist war den
ganzen Handel ich bat ihn deswegen in Briefen mit den demütigsten und
zärtlichsten Ausdrückungen um Verzeihung und hofte er würde sich meiner
annehmen er verwies mir aber nicht allein die ohne seinen Willen und Rat
unternommene Reise nach Monaco sondern versagte mir auch sogar allen Schutz und
Beistand Doch wie ein Vater allzeit Vater ist so vernehm ich jetzo dass er
sich ins Mittel geschlagen hat und dass also mein Prozess ehestens zu Ende gehen
werde
 
                               Das siebende Buch
Nachdem der Herr von Riesenburg hiemit seine Erzählung zu Ende gebracht hatte
verfügte sich der Herr von Ridelo mit dem Grafen auf sein Zimmer und
wiederhohlte demselben alles was er ihm bereits bei seiner Ankunft eröffnet
hatte mit beigefügter Bitte er möchte sich die Nacht wohl darüber beschlafen
und ihn morgen mit einer guten Antwort abfertigen
    Der andere Tag erschien aber nicht zu des Herrn von Ridelo vermeinter
Abreise Der General hatte sich denselben noch ausgebeten und diesem Herrn zu
Ehren eine große Gesellschaft des benachbarten Adels auf das Schloss bitten
lassen Man speisete Mittags in einem großen Saal dessen Wände mit feinem
Wachstuch bekleidet waren worauf man die vornehmste Schlachten und
KriegsTaten der vorigen Königen sehr kunstreich abgemahlet sah Unter
währender Tafel ließ sich eine vortreffliche Musik hören die Gesellschaft war
sehr zahlreich es befanden sich darunter allerhand Menschen von beiderlei
Geschlecht man blieb bis in die Nacht beisammen man belustigte sich teils
mit Spielen teils mit Tanzen teils aber mit allerhand Gesprächen
    Der Graf von Rivera ging von einem Hauffen zum andern er vernahm allerhand
Urteile und Meinungen er sah dass unter so viel Personen sich wenige fanden
die von einer Sache sich richtige Begriffe machen konnten und die folglich
vermögend waren eine Wahrheit gründlich einzusehen Die Einbildung die ein
jeglicher von sich selbst und seiner eigenen Vortreflichkeit hatte war die
Quelle woraus auch bei dieser Zusammenkunft die meiste Reden flossen es suchte
immer einer den andern in die Schule zu führen oder gar lächerlich zu machen
und wer am meisten sprach und durch seine Torheiten andere lachen machte der
gab sich selbst die Stimme dass er unstreitig der Klügste von allen sei O
unglückseliger Verstand seufzte hier der Graf bei sich selbst ist dieses der
würdige Gebrauch einer so edlen Gabe damit uns Gott von den unvernünftigen
Tieren unterschieden hat
    Der Herr von Ridelo machte sich ehe er den Grafen verließ noch einmal an
denselben er setzte seinen vorigen BewegGründen damit er ihn zur Unterwerfung
in des Königs Willen zu bereden suchte noch andere hinzu allein es war
umsonst der Graf sagte ihm er wollte sich gern in allen Stücken weisen lassen
und dem König seinen Gehorsam erzeigen sein Herz aber litt durchaus keinen
Zwang er hielt dafür ein redlicher Mann müsste sich nicht anders als aus
Neigung heiraten der König hätte über alle seine Handlungen zu befehlen die
nicht wider die Aufrichtigkeit des Herzens stritten er hielt die Eh für einen
Stand worin nicht nur die genaueste Liebe und Vertraulichkeit herrschen
sollten sondern wo zugleich auch die notwendigste Pflichten der menschlichen
Gesellschaft zu beobachten vorkämen Es könnte sein setzte er hinzu dass diese
Art zu denken nach der heutigen Welt etwas gemeines und niederträchtiges
hätte Unterdessen aber könnte er um so viel weniger andern LebensRegeln folgen
weil sie ihm noch weit gefährlicher als diese schienen
    Der Herr von Ridelo beklagte die Unschuld des Grafens so sehr als er dessen
Tugend bewunderte Er nahm von ihm Abschied und als er sich seine beständige
Freundschaft ausgebeten und ihn auf das zärtlichste umarmet hatte reiste er
ziemlich missvergnügt wegen seiner schlechten Verrichtung wieder nach
Panopolis
    Gleich nach seiner Ankunft fuhr er zu dem Herzog von Sandilien Dieser war
übel zu frieden da er hörte dass sein Anschlag nicht glücklicher von statten
gehen wollte Der eigensinnige Graf stieß er aus Unmut heraus ist selber
Schuld an seinem Unglück Ich habe es recht gut mit ihm gemeint ich weiß nicht
wie ich die Sache dem König soll vorbringen dass er darüber nicht von neuem
wider ihn aufgebracht werde ja ich besorge anjetzo die Ausbrüche seines Zorns
noch mehr als zuvor weil der Graf dessen größte GnadenBezeugungen so trotzig
ausschlägt und dadurch den König destomehr in seinem gegen ihn gefasten Argwohn
stärket Der Herr von Ridelo suchte alles in der Welt zu des Grafens
Entschuldigung anzuführen er bat und beschwur den Herzog diesen tugendhaften
Kavalier in seinen Schutz zu nehmen und verließ ihn nicht eher als bis ihm der
Herzog solches versprach
    Der König verlangte sehr zu vernehmen was der Herr von Ridelo bei dem
Grafen von Rivera würde ausgerichtet haben Der Herzog von Sandilien suchte
demselben die Sache so glimpflich als es ihm nur möglich war vorzutragen
allein der König liebte er war eifersüchtig und hatte es Ursach zu sein
Dieses bedrohete den Grafen mit der äußersten Gefahr
    Der Herzog wusste nicht wie er sich diese Begebenheit bei seiner Base zu
Nutz machen sollte er hatte den Herrn von Ridelo gebeten die Sache verborgen zu
halten und weil der sonst plauderhaften Korinna selbst daran gelegen war dass
davon nichts bekant würde so suchte er seine Base glauben zu machen der Graf
würde sich mit der Herzogin von Salona vermählen Er hofte sie dadurch zu
bewegen dass sie sich desto leichter für den König erklären sollte Die Gräfin
von Monteras aber schützte ihre fortdauernde Unpäslichkeit vor und begab sich
wieder nach Prato zu ihrer Frau Mutter
    Des Königs Zorn wuchs durch die Kaltsinnigkeit der Gräfin und durch ihre
Abreise Dessen Eifersucht gegen den Grafen von Rivera ging so weit dass er auf
Mittel sann ihn heimlich aus dem Weg zu räumen das Blut eines Untertanen ist
in den Augen eines Königs etwas geringes wenn er sich von ihm beleidigt zu
sein glaubt Nur wusste der König nicht wem er sich in dieser Sache vertrauen
sollte zu dessen Ausführung er sich keines andern Menschens als eines
Verräters bedienen konnte Silon kam ihm darüber in die Gedanken er fand ihn zu
solchen Verrichtungen die durch List und Betrug mussten getrieben werden
überaus geschickt er entdeckte ihm sein Anliegen und fragte ihn wie er dieses
ihm so verhasten Mitbuhlers am besten los werden könnte Dieser hatte darzu
sogleich hundert verwegene Anschläge der König aber der heimlich noch etwas
von einem guten Grund in sich hatte konnte sich zu keinem derselben
entschließen
    Endlich ereignete sich eine Gelegenheit wobei der König glaubte seine
Absichten in Ansehung des Grafens am ersten zu erreichen Es hatte sich
zwischen ihm und dem König von Licatien ein Krieg entsponnen Dieser war ihm
wegen einer gewissen Grafschaft darauf er Anspruch machte mit einem Heer von
25000 Mann ins Land gefallen
    Man hatte sich dieses feindlichen Einbruchs so bald in Aquitanien nicht
versehen alles was man dabei tun konnte war dass man die Vestungen mit Volk
besetzte und ein tüchtiges KriegsHeer zusammen zu bringen suchte solches dem
Feind entgegen zu stellen Der Schrecken und die Verwirrung war ungemein es
fehlte an allem keine Mannschaft war auf den Beinen kein Geld in der
SchatzKammer die meisten Untertanen waren arm und die Reichen schützten
meistenteils ihre Freiheiten vor wenn sie zur gemeinen Sache etwas mit
beitragen sollten
    Der König erinnerte sich bei diesen Umständen des Grafens von Rivera
welcher ihm öfters vom Krieg und der Notwendigkeit eine ordentliche und
wohlgeübte Mannschaft beständig auf den Beinen zu halten gesprochen und dass
ihm darin der General Lesbo stark wiedersprochen hatte Der König vermeinte
also dem Grafen ein Netz zu stellen wenn er ihn zu einem Befehlshaber bei
seinem KriegsHeer bestellen und ihm die gefährlichste Posten würde anvertrauen
lassen
    Als der König dieses Vorhaben dem Herzogen von Sandilien entdeckte merkte
dieser bald wohin der König zielte so ehrsüchtig er auch war so konnte er doch
nicht grausam sein er machte dem König deswegen allerhand Einwürfe er sagte
ihm unter andern dass der Graf bei dem Krieg nicht wäre hergekommen dass er in
solchen Sachen keine zulängliche Erfahrung hätte und dass die alte Offiziers
nicht gern unter ihme dienen würden
    Der König antwortete hierauf dem Herzogen dass des Grafens Geburt ihn zu den
obersten KriegsAemtern fähig machte dass er in dem Hesperischen Krieg als ein
Freiwilliger einige FeldZüge mitgetan hätte dass er die KriegsBauKunst aus
dem Grund verstünde dass also kein Offizier sich es dürfte missfallen lassen
unter ihm zu dienen
    Der Herzog von Sandilien konnte hierwider nichts einwenden er sandt demnach
auf des Königs Befehl einen Königlichen GeheimSchreiber an den Grafen und ließ
demselben nicht nur des Königs Gnade durch ihn ankündigen sondern auch das
Patent eines GeneralWachtmeisters überbringen Weil es in Aquitanien etwas
gewöhnliches ist dass der hohe Adel in KriegsLäuften mit zu Felde zieht und
eigne Regimenter anwirbet so kam dieser kriegerische Beruf dem Grafen nicht so
gar fremde vor er bedankte sich für die besondere Gnade und das darunter ihm
bezeigende Vertrauen des Königs Er hofte demselben in diesem Krieg gute Dienste
zu tun Die Natur hatte ihm einen gesunden Leib ein männliches Ansehen und ein
tapferes Herz gegeben Er hatte die Wissenschaften die zum Krieg gehören von
Jugend auf gerlernt und war stets mit erfahrnen KriegsLeuten umgegangen Der
König hatte ihm auf Anhalten des Herzogs von Sandilien zugleich auch die
Erlaubnis gegeben sich ein eigenes Regiment anzuwerben welches den Grafen von
den guten Meinungen des Königs völlig zu überzeugen schien
    Der Graf nahm also von seiner bisherigen GefängnisGesellschaft Abschied
Der alte Kommendant wünschte ihm zu dem bevorstehenden Feldzug tausendfaches
Glück und beklagte nur dass ihm seine alte gebrechliche Hütte nicht mehr
gestatten wollte an seiner Seiten zu fechten er schloss ihn darauf mit
herzlicher Liebe in seine Arme der Freiherr von Riesenburg war noch mehr über
den Abschied des Grafens bewegt er hatte mit ihm die genaueste Freundschaft
aufgerichtet er versprach ihm weil er erster Tagen wieder auf freien Fuß
kommen sollte unfehlbar nach der Armee zu folgen
    Der Graf ging nicht nach Hof man hatte ihm solches widerraten er
verfügte sich geraden Wegs auf seine Herrschaft Dessen unvermutete Ankunft
verursachte daselbst bei seiner Frau Mutter und beiden Gräfinnen Schwestern wie
auch bei dem Herrn von Bellamont ein überaus großes Vergnügen er hatte ihnen
aber nicht so bald die Ursach davon entdecket so verschwand solches auf
einmal Die alte Gräfin hielt ihren einzigen Sohn für verloren und ihre beide
Töchter warfen mit einer betrübten Empfindung die Schuld alles Ungemachs
welches ihren Bruder bedrohete auf den Herrn von Bellamont weil er allein ihm
geraten hatte nach Hofe zu gehen Ihm war selbst nicht wohl zu Mut bei der
Sache er kante die Welt und konnte leicht mutmaßen dass man bei solchen
Umständen dem Grafen mehr ein Netz zu stellen als ihn zu erheben suchte Er gab
diesen Argwohn seinem liebsten Grafen zu erkennen er bat ihn deswegen sehr bei
dieser ihm bevorstehenden Gefahr auf seiner Hut zu sein und ein wenig
mistrauischer zu werden
    Diese beide Herren waren immer beisammen das neue Regiment war bald
angeworden sie fanden allein auf ihren beiden Herrschaften bei zwei hundert
Mann auserlesen Volk Die übrige Befehlshaber waren auf verschiedene WerbPlätze
ausgeteilet der Name des Grafens von Rivera war allenthalben beliebt seine
Vorfahren hatten sich bereits im Krieg sehr hervorgetan und erfüllten seine
AhnenTafel mit den tapfersten Helden das Volk lief häufig zu in Zeit von ein
paar Monaten war das ganze Regiment auf den Beinen und im Stand zu marschiren
Die Armut auf dem Land war durchgehends so groß dass sich Soldaten genug
fanden wo nur Geld war
    Der Graf hatte in dem KriegsWesen verschiedene Dinge beobachtet die er bei
seinem Regiment zu ändern und zu verbessern suchte er hatte insonderheit
wahrgenommen dass die so nötige KriegsZucht fast durchgängig versäumet wurde
und dass man dem Soldaten sowohl auf Zügen als im Feld allen Mutwillen und
alle Leichtfertigkeit verstattete wodurch die Unordnung die Schwelgerei die
Trägheit die Grausamkeit und die Verachtung der wahren Ehre eingeführet mithin
der Soldat besser abgerichtet wurde die Menschen zu plagen als zu beschützen
Diesem Unheil suchte der Graf auf alle Weise abzuhelfen und durch die
Einführung einer rechtschaffenen KriegsZucht bei seinem Regiment andern ein
glückliches Beispiel zur Nachahmung zu geben
    Bei der Musterung schoss er alle Pursche aus die nicht wohl gewachsen waren
oder die ein wildes und viehisches Ansehen hatten Denen die zu seiner Fahne
schwuren ließ er durch den Regimentse Richter den Eyd nicht allein vorlesen
sondern auch auf das deutlichste erklären er selbst ermahnte sie bei dieser
Gelegenheit dass sie sich als rechtschaffene redliche KriegsMänner aufführen
und stets bedenken sollten dass das Leben eines meineidigen und ehrlosen
Menschens viel abscheulicher sei als der Tod
    Seine Leutseligkeit und MenschenLiebe fesselte bald die Herzen seiner
Soldaten er fragte einen jeden ob er auch in seinem Dienst vergnügt wär ob er
seine Besoldungen seine Kleider sein Brod und alles was ihm gehörte richtig
empfing diesem fügte er immer einige AufmunterungsWorte mit hinzu dass man
sich sollte wohl halten und dem König getreu und mit gutem Herzen dienen Er
sprach auf diese Weise mit allen seinen Soldaten er besuchte sie wie ein
Freund den andern er ging in seinem Lager von Zelt zu Zelt dieses waren seine
angenehmste SpatzierGänge den Kranken reichte er Arznei und Geld den Gesunden
aber gab er zuweilen ein kleines Fest und etwas auf seine Gesundheit zu
vertrinken alle Spiele um Geld waren unter ihm bei ernstlicher Straf verbotten
hingegen ließ er seine Leute im Lauffen Rennen Schießen Werfen
Ballschlagen Kegeln und dergleichen sich üben weil diese Bewegungen der
Gesundheit zuträglich sind den Müßiggang unterbrechen den Geist munter die
Glieder lenksam und den ganzen Leib geschickt hurtig und stark machen Es
wurden dabei den Soldaten gewisse Stunden des Tags ausgesetzt darinnen sie ihr
ordentliches Gebet verrichten mussten und noch andere da man ihnen etwas aus
den KriegsGeschichten vorlas und darüber allerhand Urteile fällte bei welcher
Gelegenheit ein jeder seine Meinung frei entdecken oder gewisse Fragen auf die
Bahn bringen konnte Die AndachtsUbungen hielte der FeldKaplan die anderen
aber ein jeder der Lust und Wissenschaft hatte etwas nützliches zu lesen und
vorzutragen
    Nebst dem Mangel der KriegsZucht hatte der Graf unter den Königlichen
Truppen noch andere Fehler bemerket die er gleichfalls bei seinem Regiment
abzustellen suchte darunter rechnete er auch das große Geschlepp von Dienern
Weibern Marketendern Trossbuben und Pferden welche den Soldaten insgemein die
nötige LebensMittel vor dem Munde wegzehren und die Züge noch einmal so
schwer und unordentlich machen Er wollte deswegen nicht zugeben dass ein
Unterhauptmann und Fähndrich mehr als ein Pferd und ein Hauptmann mehr als zwei
bis drei mit ins Feld nehmen sollte Wegen des Gepäcks aber wurden von ihm die
Anstalten gemacht dass man solches meistenteils auf eine gewisse Anzahl Pferd
und Maultiere lud womit man die Geburge leicht besteigen und der vielen Wägen
und VorspannFuhren entbehren konnte
    In dieser Verfassung kam der Graf mit seinem neugeworbenen Regiment in das
Königliche Lager Der Fürst von Voltera als Oberster Feldherr empfing ihn auf
das freundlichste der Graf Lesbo aber der unter diesem Fürsten die Armee
commandiren sollte machte ihm eine ziemlich spröde Mine Dieser General war bei
den Waffen grau worden und verstund den Krieg nach der bisherigen verdorbenen
Einrichtung nicht übel er hatte deswegen bei dem König über die neue Vorschläge
des Grafens von Rivera welche die Verbesserung des SoldatenStandes betraffen
ehedessen das meiste Gespött getrieben er war sonst ein rauer boshafter und
listiger Mann Der König hatte ihm heimlich zu verstehen gegeben dass er den
Grafen von Rivera ein wenig in die Schule führen und zu gefährlichen
Unternehmungen brauchen sollte Er hatte genug an diesem Unterricht er wusste
schon wie die Karten bei Hofe gemischet waren
    Die Eifersucht dieses Generals war ungemein als er das überaus schöne
Regiment des Grafens von Rivera ankommen und in das angewiesene Lager einrücken
sah WaffenRüstung Mannschaft Kleidung alles war leichter sauberer
ordentlicher und kriegerischer als man solches bisher an andern wahrgenommen
hatte
    Der Fürst von Voltera war falsch und schmeichlerisch er hatte für niemand
eine wahre Freundschaft er suchte nichts als seine eigene Hoheit er war ein
UrEnkel des großen Nicanors der seinen GroßVater mit einer Beischläferin
gezeuget hatte Weil der König noch unvermählet und dabei von schwächlicher
Natur war so richtete er schon von weitem seine Gedanken auf den Thron er
konnte den Herzog von Sandilien nicht leiden seine Feindschaft gegen denselben
hatte sich schon bei verschiedenen Gelegenheiten bloß gegeben Die Ursach dieses
Hasses machte dem Herzog viel Ehr sie haftete auf dessen Treu gegen den König
die verstorbene Königin hatte ihm denselben auf ihrem Todtbett anbefohlen und
ihn zugleich mit Genehmhaltung der Stände und ihres geheimen Rats zum Vormund
des Königs bestellt dem Fürsten aber Lucodun zu seinem Aufenthalt angewiesen
Dieser Fürst sah demnach hier den Grafen von Rivera zum erstenmahl er
bewunderte dessen vortreffliche Eigenschaften er urteilte daraus dass dessen
Glück nicht mittelmäßig bleiben würde und suchte ihn deswegen zu seinem Freud
zu machen
    Es stund darauf dass die Licatier weiter in das Königreich einbrechen und
die GrenzVestung Minopel wegnehmen wollten Die Aquitanier fanden deswegen für
nötig einige tausend Mann in das Geburge zu legen und ihnen dadurch den Pass
abzuschneiden
    Der Graf von Lesbo auf welchen alles hauptsächlich ankam gedachte hier dem
Grafen von Rivera die erste Falle zu stellen Er zog aus allen Regimentern den
zehenden Mann und trug demselben darüber das Kommando auf Dieser merkte bald
dass der General für ihn keine günstige Absichten hatte Er verbarg aber seinen
geschöpften Argwohn und folgte dem Befehl Doch bat er den Fürsten ihn
allenfalls mit nötiger Mannschaft zu unterstützen
    Er postirte sich sehr vorteilhaft er hatte hinter sich eine Höhe mit einem
dichtbewachsenen Gehölz und von vornen steile Abhänge die bis in ein tiefes
Tal herunter gingen Der Grund war hart und felsigt man konnte mit der
Schauffel nicht durchkommen Der Graf ließ deswegen ungesäumt die größte Steine
zusammen lesen und damit auf beiden Seiten sich eine kleine Brustwehr machen
welche er mit einigen FeldStücken die er bei sich hatte bedeckte
    Es währte nicht lang so gab es Lermen man hörte von weitem das Rufen der
Fuhrleute und das Glatschen ihrer Peitschen in den hohlen Tälern erschallen
Die Vorwachen des Grafens gaben zu gleicher Zeit ihre Losung ein paar hundert
Reuter wurden ausgesandt um nähere Kundschaft einzuziehen Der Graf vernahm
dass es feindliche PackFuhren wären die nur eine kleine Bedeckung bei sich
hätten hinter welchen aber über fünftausend Mann im Anzug wären der Graf
merkte bald die Absicht dieser feindlichen Völker und dass sie ihn deswegen mit
seinen Leuten in das Gepäcke verwickeln wollten um ihn hier zu überfallen und
dessen Lager zu hestürmen er ließ deswegen mit seinen Völkern zwar den Pass
besetzen jedoch mit dem ausdrücklichen Befehl dass kein Soldat aus seinem Glied
rücken sondern nur auf die vorbeifahrende Karren Feuer geben sollte
    Als darauf die feindliche Hauffen selbst anmarschiret kamen stund der Graf
in völliger SchlachtOrdnung und erwartete den Angriff die Licatier aber wie
sie den Grafen in einer so guten Verfassung sahen wollten solches nicht wagen
sie suchten dagegen eine gewisse Höhe einzunehmen von welcher sie die
Aquitanier mit ihren Kanonen erreichen konnten der Graf wollte solches
verhindern damit kam es zum Gefecht die Begrüßung von beiden Teilen war
feurig man fochte lang und blutig die Licatier behaupteten endlich den Posten
und besetzten den unten im Tal zwischen den Bergen durch fließenden Bach mit
ihren Vorwachten Der Graf sah bald dass er hier ohne Entsatz schwerlich
ungeklopft davon kommen würde er hatte bereits verschiedene Boten deswegen an
den Fürsten abgesandt allein es kam keine Hilfe Seine Leute dauerten ihn
sein Ruhm war in Gefahr er schien von dieser ersten Probe die man von seiner
Tapferkeit erwartete abzuhängen Seine Tugend hatte ihn in Betrachtung der
Ehre noch nicht unempfindlich gemacht die Herzhaftigkeit dachte er bei sich
selbst wird mir nichts helfen die Feinde sind mir weit überlegen man schickt
mir keine Hilfe ich werde schändlich fliehen oder mit einem verzweiffelten
Mut mich und meine Leute der Feinde Schwert aufopfern müssen Was Rats wie
soll ich hier meine Pflicht meine Ehre und meine Leute retten der einbrechende
Abend schützet mich durch seine dunkle Schatten Morgen aber werd im mich noch
vor Aufgang der Sonne von dem Feind umringet sehen
    Dieses waren unter währendem Treffen die traurige Uberlegungen des Grafen
es wurde finster man zog sich beiderseits wieder zurück Der Graf befand sich
nicht so bald in seinem Lager so befahl er in der Still das meiste Gepäck
aufzuladen und solches voraus nach dem HauptQuartier gehen zu lassen Er
teilte darauf seine Völker in drei Teile einige versteckte er in das Gehölze
die andere ließ er im Lager mit den übrigen besetzte er den Pass
    Es wurde zum Aufbruch geblasen und alles vorrätige Heu und Stroh in Brand
gesteckt die Dunkelheit der Nacht wurde dadurch erhellet die Flammen
umleuchteten als Fackeln die ganze Gegend Die Licatier ließ sich durch
dieses Feuerwerk aus ihrem Lager locken sie wollten den Grafen so nicht davon
ziehen lassen sie dachten ihn auf der Flucht zu erhaschen und fielen ihm damit
zu gleicher Zeit in den Hinterhalt und in das Lager
    Der Graf war bei diesem Angriff voller Mut und zweiffelte nicht sein
Anschlag würde glücklich von statten gehen Brüder sprach er zu seinen
Soldaten ihr seid von verschiedenen Fahnen wir dienen aber alle einem König
lasset uns brav tun so werden uns andere beneiden dass man uns ihnen hat
vorgezogen um dem Feind die erste Schläge anzubringen
    Die feindliche Reuterei stürmte mit einem starken Feuer auf den Grafen er
wehrte sich tapfer gleich darauf aber fielen die im Lager hinterlassene Völker
dem Feind in Rücken und machten damit dem Grafen Luft Wie der Feind sah dass
die Aquitanier ihr Lager vollig verlassen hatten fiel er darauf los Die
Soldaten in Hoffnung Beute zu machen wichen aus ihren Gliedern und
zerstreueten sich zwischen den noch zurückgebliebenen Zelten und Wägen Als die
in dem Gehölz versteckte Aquitanier solches sahen brachen sie hervor und hieben
alles darnieder Hier hatte der Graf gewonnen Spiel der Soldat fochte mit Lust
unter einem Anführer dessen Beispiel sie zur größten Tapferkeit anfrischte
alle Befehlshaber taten ihre Schuldigkeit man drang den Feind zusammen und
brachte eine Horte durch die andere in Verwirrung teils warfen sich in die
Flucht teils wurden niedergehauen die wenigsten erreichten ihr Lager die
darin zurück gebliebene Besatzung durch die Hauffen der Flüchtigen geschreckt
tat schlechten Widerstand der Graf bemächtigte sich derselben ohne Müh und
nachdem er einen vollkommenen Sieg erfochten hatte kam er mit seinen Leuten
wieder zurück in das HauptLager
    Niemand war darauf übler zu sprechen als der General von Lesbo er nannte
diesen Sieg ein Versehen des Feindes und ein ungefähres Glück des Grafens
welches aber doch keinen Nutzen hätte weil der Graf seinen Posten nicht
behauptet sondern gleichsam vor seinem überwundenen Feind geflohen wär
    Der Graf beklagte sich hingegen bei dem Fürsten von Voltera dass er ihm die
versprochene HülfsVölker nicht gesandt hätte Der Fürst zuckte darüber die
Achseln und warf die Schuld auf den Grafen von Lesbo welcher solches deswegen
nicht hätte für gut befunden weil er dafür gehalten die Feinde suchten nichts
anders als sie mit einem Teil ihrer Armee in das Gebirge zu locken und auf
solche Weise ihre Macht zu trennen gleichwohl antwortete der Graf hierauf mit
einiger Empfindlichkeit hat man für gut gefunden mich mit drei tausend
ehrlichen Männern dahin zu senden welche man zusammen in die Pfanne würde
gehauen haben wenn ihnen Gott und ihr Mut nicht durchgeholfen hätte
    Die Feinde welche unterdessen den Pass durch die Gebirge offen fanden
ließ wenig Tage darauf ihr grobes Geschütz darüber setzen und rückten mit
ihrer ganzen Macht vor Menipol
    Im KriegsRat wurde gefragt ob man den Feind mittlerweil dass er mit
Eröfnung der LaufGräben beschäftigt wär angreiffen und ihm eine Schlacht
liefern sollte die meisten rieten solches der Herr Graf von Rivera fing
einer der ältesten Obristen an hat uns einmal die Bahn gebrochen und den
Licatiern gewiesen dass sich die Aquitanier nicht vor ihnen fürchten man muss
ihnen mutig unter die Augen rücken weil sie die Schläge noch fühlen und nicht
warten bis sie selbst kommen solche an uns zu rächen So verdrießlich dem
General Lesbo diese Anmerkung in den Ohren schallte so konnte er doch nichts
dagegen einwenden schier alle Befehlshaber stimmten damit überein die ganze
Armee rückte also dem Feind entgegen
    Es war eine große Fläche auf welcher die beide Heere füglich sich
ausbreiten und einander nach allen Regeln der Kunst herum treiben konnten beide
zeigten sich in SchlachtOrdnung sie stunden einander sich lange im Gesicht
ohne dass weder der eine noch der andere Teil die mindeste Bewegung machte
Endlich sahen die Aquitanier dass ein Teil des feindlichen linken Flügels sich
nach einem Flecken hinzog hinter welchem das Licatische Lager stund Dieser
Flecken wurde für einen Posten gehalten dem nicht wohl beizukommen war Ein
breiter Teich mit einem dichtbewachsenen Hayn umschlung denselben bei nahe
rings herum Das Erdreich war wegen der vielen Sümpfen hin und wieder mit
tiefen Kanälen durchschnitten und schien die Annäherung einiger Truppen
unmöglich zu machen
    Nichts destoweniger so wurde dem Grafen von Rivera aufgetragen er sollte den
Feind mit einigen Regimentern von diesem Posten abzutreiben und solchen zu
behaupten suchen Schwere Unternehmung welche auch den erfahrensten
KriegsObristen würde zu schaffen gemacht haben
    Er hatte dismahl meist alte Truppen und lauter Offiziers die ihm zugetan
waren nebst seinem eignen Regiment bei sich er besetzte alsofort nachdem er
zuvor die Lage von der ganzen Gegend aufgenommen hatte alle Zugänge nach dem
Flecken und legte einen Teil seines FußVolks in die Gebüsche Der Eingang des
Orts war mit spanischen Reutern und mit Karren gesperret Der Graf wusste solche
hurtig in Brand zu stecken und darauf mit drei FeldStücken den Pass sich völlig
zu öfnen
    Der Feind als er hier ein wenig das Feuer ausgehalten zog sich zurück und
besetzte einen starkummauerten Kirchhof Das Gefecht wurde hier ernstaft und
blutig kein Teil wollte dem andern weichen es blieben beiderseits viel Leute
Der Graf bejammerte den Verlust einiger seiner besten Officierer Er selbst
bekam eine leichte Wunde am rechten Backen und verlor ein Pferd unter dem
Leibe Endlich zwang er den Feind ihm diesen Posten einzuräumen Kaum aber dass
er solchen behauptet hatte so schickte ihm der Fürst von Voltera seinen
Adjutanten und ließ ihm sagen dass er sich eilends zurückziehen sollte um den
lincken Flügel zu unterstützen
    Neue Schwierigkeit neue Verwirrung für einen so jungen Befehlshaber Der
Graf seufzte heimlich dass er einen Posten verlassen sollte den er mit so
vielem Blut erfochten hatte Dieser Abzug erforderte so viel Kunst und Klugheit
als der gefährlichste Angriff So viel Glieder sich zurück zogen so viel Feuer
mussten sie aushalten Der Feind schloss sich immer hinten an sobald aber hatte
der Graf nicht das freie Feld gewonnen so ließ er seine Reuter dem
nachsetzenden Feind sich entgegen stellen und seinen Völkern damit den Rücken
bedecken
    Er stieß damit glücklich wieder zu dem linken Flügel dieser stund in vollem
Feuer und wehrte sich tapfer Des Grafens Soldaten waren ziemlich abgemattet
viele gingen nur mit verdrosnen Mut wieder an den Feind Brüder sagte er
deswegen zu ihnen wir dürfen heute nicht eher ruhen als bis wir gesieget
haben darum müssen wir fechten aller bisher bezeigter Mut würde vergebens
sein wo wir das Feld räumen sollten
    Der Graf ließ darauf seine FußVölker sich in viereckigte Haufen schließen
und die Bajonetter aufstossen er selbst aber unterstützte mit seiner Reuterei
diejenige Regimenter welche am meisten Not litten Die Feinde hielten solches
für einen Entsatz und suchten sich deshalben in so guter Ordnung als sie
konnten zurück zu ziehen
    Der Graf da er sah dass der linke Flügel nichts mehr zu befürchten hatte
kam eben zu dem Fürsten von Voltera da dieser die Nachricht erhielt dass der
ganze rechte Flügel geschlagen und in voller Flucht begriffen wär Der Graf
der mehr auf den Sieg erhitzet als durch die Strapazen ermüdet schien bat den
Fürsten ihm einen Teil von seiner Reuterei welche noch gar nicht gefochten
hatte zu vertrauen er wollte damit die Flüchtigen aufhalten und sie wieder
suchen an den Feind zu bringen Der Fürst bewilligte solches und gab ihm nebst
seinem Regiment Dragoner auch drei Kompagnien vom Königlichen Hause
    Wer nie die Regungen einer großmütigen Tapferkeit in seinem Busen gefühlet
hat der kann sich auch keine Vorstellung von dem lebhaften Vergnügen machen
welches der Graf bei dieser Gelegenheit empfand Seinem darnieder liegenden
Verfolger zu Hilfe zu kommen die beste Truppen anzuführen und damit dem Feind
den schier erfochtenen Sieg wieder aus den Händen zu reißen dieses waren
solche Umstände deren Annehmlichkeiten nur allein die Seelen großer Helden
kennen
    Das ganze Feld bedeckte bereits eine Menge teils gewürgter teils noch
sterbender Körper viele die sich durch die Flucht zu retten suchten und in
vollem Schrecken den Fusssteigen zueilten schwammen hier teils durch die Kanäle
und Teiche teils blieben in den Sümpfen und Morästen stecken die meisten aber
stießen auf den mit frischen Völkern anrückenden Grafen Wie Verzagte schrie
er ihnen mit männlicher Stimme entgegen wo wolt ihr hin seid ihr Soldaten und
wollt euch lieber durch eine schändliche Flucht retten als euer Leben für den
König wagen
    Dieses beherzte Zureden tat eine gewünschte Wirkung der Graf sammlete
allenthalben die zerstreuete Hauffen und brachte sie wieder unter ihre Fahnen
sie bekamen alle einen neuen Mut zu fechten keiner weigerte sich dem Grafen zu
folgen Er setzte sich an die Spitze und führte sie an den Feind
    Der General Lesbo hatte sich unterdessen zu seinem Unglück mit einigen
vornehmen Befehlshabern bereits in die Flucht geworfen er war mit ihnen in
einen schwarzen Sumpf geraten einige feindliche Husaren welche hinter ihnen
drein jagten schossen auf sie eine Kugel traff den unglücklichen General und
stürzte ihn vom Pferd welches von der Bürde seines schweren Reuters nicht
sobald sich befreit fand so suchte es sich durchzuarbeiten und trat in dieser
ängstlichen Bewegung seinen eignen Herrn in den Sumpf
    Der feindliche linke Flügel hatte inzwischen durch die Begierde Beute zu
machen an einigen Orten schon die Glieder gebrochen Es währte aber nicht lang
so setzte er sich wieder und weil er ebenfalls mit frischer Mannschaft
unterstützet wurde so fiel er mit verdoppeltem Mut auf den Grafen er fand
aber dismahl einen ganz andern Widerstand Die Aquitanier hielten das Feuer aus
als ob sie dessen bereits gewohnet wären Der Graf hatte unterdessen dem Fürsten
die Nachricht geben lassen dass es nun Zeit sein würde mit einigen Regimentern
dem Feind in die Flanken zu gehen und ihm damit Luft zu machen Da nun der
Fürst dieses mit gutem Fortgang tat so brachte man den Feind dadurch in
völlige Unordnung
    Nur ein Hauffen war noch übrig der nicht weichen noch wanken wollte Der
Graf stieß darauf mit einigen freiwilligen Edelleuten welchen die EhrBegierde
Lust zum Fechten gab Der Anführer dieses feindlichen Truppes schien darüber
ganz kaltsinnig er sah dass diese mutige Streiter ihrem Volk das ihnen
folgte ziemlich weit vor rannten er spielte ihnen deswegen einen Streich
dessen sie sich nicht vermutet hatten Er ließ sie in die Mitte seines Hauffens
sich einstürtzen und damit hurtig wieder die erste Glieder sich schließen Da
sich der Graf in dieser Falle sah war er äußerst betroffen er suchte sich mit
dem Degen in der Fast durchzuschlagen allein seine Gefährden hatten bereits den
Mut verloren er wollte deswegen nicht als ein Unsinniger fechten sondern gab
sein SeitenGewehr einen von den Befehlshabern der ihm solches mit der größten
Bescheidenheit abforderte
    Der Graf bereuete hier seine Ubereilung ohne deswegen Mutlos zu werden Er
richtete die Augen nach seinen anrückenden Völkern und hoffte sie würden ihn
durch ihre Tapferkeit befreien doch ehe noch diese kamen brach von der Seiten
ein Trupp Reuter ein dieses geschah mit einem solchen Mut und mit einer so
schnellen Gewalt dass der ganze Hauffen dadurch erschüttert wurde Der Graf nahm
hier den kurzen ZeitBlick in acht und riss einem neben ihm haltenden
UnterOffizier der die Augen furchtsam nach den einbrechenden Reutern
hinschlug den Degen aus der Faust Ein Cuirassierer der dieses wahrnahm zuckte
deswegen sein Schwert auf ihn und würde ihm damit den Kopf gespalten haben wo
der eindringende Fremdling nicht zum guten Glück ihm entgegen gerannt und mit
seinem Degen den Sreich aufgefangen hätte Der Graf schlug eben die Augen nach
ihm und meinte ihn zu erkennen als die Unordnung und die Hitze des Gefechts
den einen hier den andern dahin trieb Die andringende Völker des Grafens
brachen zu gleicher Zeit ein es ging allenthalben an ein grausames Würgen und
Niedermetzeln Das Pulver war meist verschossen hier galt nichts als eine
hurtige Faust und ein beherzter Mut so bald aber erklärte sich nicht der Sieg
für den Grafen so rief er seinen Soldaten zu schonet o ihr tapfere
Aquitanier schonet eure überwundene Feinde und vergiesset nicht unnötig
MenschenBlut
    Indem er dieses sagte sprengte er mit seinem Pferd einem Dragoner entgegen
und unterbrach einen Streich den derselbe auf einen feindlichen Befehlshaber
gezogen hatte Dieser fochte nur um mit dem Degen in der Faust zu sterben sein
Pferd war bereits von vielen empfangenen Wunden schon niedergesunken ein ihm an
der Seiten fechtender junger Offizier schrie deswegen dem Grafen mit
ängstlicher Stimme entgegen ach großmütiger Uberwinder ach schützen sie
doch meinen General und retten ihm das Leben Der Graf erkannte diesen Herrn
sogleich für denjenigen Anführer dessen Gelassenheit er vor der Spitze seiner
Truppen bewundert hatte Mein Herr rief er ihm zu sie schonen ihres Lebens
und gönnen mir die Ehre mein Gefangener zu sein Alsobald reichte ihm derselbe
seinen Degen und dieses mit einem so gelassenen Wesen dass der Graf dadurch in
dem Innersten seines Gemüts gerühret wurde er befahl diesen Herrn und den ihn
begleitenden jungen Offizier seinen Leuten und verfügte sich mit gleicher
Geschwindigkeit zu den übrigen Hauffen
    Alles war noch in der jämmerlichen Beschäftigung Blut zu vergießen Der
Graf tat solchem aller Orten Einhalt und ließ die Uberwundene zu
KriegsGefangenen machen Die Feinde bedeckten teils das Feld teils wurde
ihnen auf der Flucht nachgehauen Die Nacht brach darüber ein die Aquitanier
hatten nicht nur den Sieg erfochten sondern auch viele Beute gemacht Die
Licatier zogen sich zwar wieder in ihre Linien allein der Tag war noch kaum
angebrochen so packten sie auf und suchten ihre Sicherheit in den Gebürgen
    Nachdem der Graf allenthalben bei seinen Völkern die Ordnung hergestellet
sah verfügte er sich noch denselben Abend zu dem Fürsten von Voltera und
wünschte ihm Glück zu der gewonnenen FeldSchlacht Der Fürst umarmte ihn mit
den liebreichsten Gebehrden er sagte zu allen umstehenden Herren und
Befehlshabern dass sie nechst Gott dem Grafen von Rivera den Sieg zu danken
hätten Man bewillkommte sich einander bei dieser Gelegenheit als ob man lange
Zeit von einander wär abwesend gewesen der Graf fiel aus einen Armen in die
andere Seine Freunde und dieses waren meist alle Befehlshaber ermüdeten ihn
gleichsam aufs neue durch ihre Umhalsungen Nie war ein Soldat mehr geliebt
worden nie war auch einer liebreicher gewesen Man drang sich um ihn herum man
gab ihm tausend Lobsprüche Jeder wollte ihm zeigen wie viel er auf ihn hielte
Der Graf von Lesbo hingegen wurde wenig beklagt er war ein unfreundlicher und
hochmütiger Mann gewesen der sich nur hatte fürchten aber nicht lieben
gemacht
    Der Graf fand unter allen denen die ihn begrüsten denjenigen nicht
welchen er mit der größten Sehnsucht zu sehen verlangte er rühmte deshalben
öffentlich den großmütigen Beistand den ihm ein Unbekanter erwiesen hätte und
bat indem er sich an die Umstehende richtete derselbe möchte sich ihm zu
erkennen geben Ein Hauptmann der eben von ihm kam sagte man habe ihn in des
Grafens Gezelt gebracht weil er stark verwundet wär Der Graf erblaste über
diese Nachricht und eilte nachdem er sich bei dem Fürsten beurlaubet hatte zu
diesem tapfern Fremdling
    Er fand ihn auf einem RuhBett und die WundÄrzte um ihn herum der
Fremdling hatte sich verblutet und war sehr matt so bald er den Grafen sah
reckte er die beide Aerme nach ihm hin und wollte sich aufrichten Der Graf
erkannte ihn alsobald für den Freiherrn von Riesenburg den er in der Hitze des
Gefechts und in seinen kurzen Haaren sogleich nicht erkant hatte Er warf sich
mit innigster Bewegung um seinen Hals und wusste nicht ob er mehr der Freude
einen so werten Freund hier zu finden oder dem Schmerzen ihn so hart verwundt
zu sehen bei sich Raum lassen sollte Die WundÄrzte gaben indessen gute
Hoffnung weil sich keine Wunde tötlich fand sie sagten aber dass man dem
Verwundeten müsste Ruh lassen
    Der Graf wollte hierauf auch noch seinen großmütigen Gefangenen sehen man
berichtete ihm aber dass nachdem man ihm einige leichte Wunden verbunden hätte
er vor Mattigkeit eingeschlafen sei Der Graf war ebenfalls sowohl durch das
viele Wachen als durch die heftige Strapazen des so lang gedauerten Gefechts
ermüdet er ließ sich deswegen auskleiden und begab sich nachdem er etwas
weniges zu seiner Erquickung genossen zur Ruh
    Den andern Morgen fand er sein Vorzelt voll der vornehmsten Herren und
Befehlshaber er entdeckte darunter sogleich seinen Gefangenen er umarmte ihn
mit der größten Höflichkeit Sie fanden beide an einander etwas welches ihrer
Hoachtung würdig schien
    Der Ruhm von den Taten des Grafens von Rivera erfüllte darauf das ganze
Königreich er erschallte bei Hof und kam zu den Ohren des Königs Dieser hörte
ihn allenthalben loben und bewundern er hätte ihn lieber schelten hören doch
das unglückselige Ende des Grafens von Lesbo verursachte bei ihm einiges
Rachdenken er meinte durch ihn den Grafen von Rivera aus dem Weg zu räumen das
Verhängnis aber erhub diesen mit der größten Ehre und stürzte jenen mit
äußerster Schande Der König fand sich durch diesen besonderen Zufall gerühret
er faste bei sich den Entschluss hinfort keinen Verfolger mehr eines Menschen
abzugeben für den die Liebe des Volks und der Schutz des Himmels sich
erklärte Er befahl deswegen dass der Graf wieder nach Hof kommen sollte
    Der Graf trat seine Reise um so viel vergnügter an weil er seinen liebsten
Freund den Freiherrn von Riesenburg so gut als wieder hergestellet sah er
empfand auch nicht minder eine ganz besondere Annehmlichkeit in dem Umgang mit
dem gefangenen General dem er das Glück gehabt hatte in der Schlacht das Leben
zu retten und an welchem er täglich mehr vortreffliche Eigenschaften entdeckte
die ihn dieses Dienstes ungemein würdig machten Diese beide Herren baten den
Grafen sie mit nach Panopolis zu nehmen Der Graf hätte sich keine angenehmere
ReiseGefährden wünschen können Sie beurlaubten sich zusammen bei dem
Kommandirenden Fürsten und kamen in dreien Tagen vermittelst der Post nach
Panopolis
    Unterwegs hatten sie sich einander ihre Begebenheiten erzehlt und es war
nachdenklich dass drei unter ganz verschiedenen HimmelsGegenden gebohrne Herren
in dem Grund ihres Gemüts so gleiche Neigungen und Absichten führten so wenig
auch ihre äußerliche Bildung mit einander überein kam
    Der Graf von Rivera war in einer warmen WeltGegend geboren er hatte einen
schlanken Leib schwarzbraune Augen und eine weiß ins braun gemengte Farbe
seine Gebehrden waren lebhaft und zugleich holdselig alles was er tat
begleitete ein mutiger Eiffer welchen doch eine gewisse Sittsamkeit und
männliche Anmut zu mildern schien
    Das Vaterland des Herrn von Riesenburg war hundert und zwanzig Meilen weiter
von dem Mittägigen SonnenStrich und lag mitten zwischen den Nördlichen
AbendLändern wo der Herr von Greenhielm so nannte sich der gefangene General
zu Hause war Er hatte ein ganz Jovialisches Temperament seine Gestalt war
fleischigt die Farbe rot und weiß untermengt die Haare Aschfärbig in seinen
Augen lachte die Freude die Liebe und ein munterer Ernst sie waren hell groß
und Lichtblau alles regte sich an ihm er hatte das beste Herz allein nur
ein wenig zu leicht zu hurtig und zu übereilend
    Der Herr von Greenhielm im Gegenteil war von starken Gliedmaßen blasser
Farbe mittelmässiger Länge wohl gewachsen doch mehr schlank als gesetzt er
hatte Lichtbraune lange Haare dunkelgraue Augen und ein ernstliches Ansehen
er war frei und aufrichtig geboren und konnte sich weder verstellen noch
schmeicheln Diese GemütsArt hatte ihm verschiedene widrige Zufälle zugezogen
Was er davon seinen beiden ReiseGefehrden erzehlete war folgendes
 
                                Das achte Buch
                  Die Begebenheiten des Herrn von Greenhielm
Mein Geschlecht ist eines der ältesten in Scandinavien meine Vorfahren haben
seit vielen Jahren in diesem Königreich die ansehnlichste Güter besessen Ich
kam auf die Welt zu Königsholm mein Vater war einer der vornehmsten Räte ich
war noch nicht gar zwei Jahr alt so verlor ich meine Mutter Diese hatte sich
durch ihre Gestalt noch mehr aber durch ihre seltene Tugenden ein ganz
besonderes Ansehen erworben Jedermann beklagte darüber meinen Vater und hielte
dessen Verlust für unersetzlich Er verheiratete sich deswegen nicht wieder
mir und meinen Geschwistern ging es desto übler unserer waren vier Brüder und
eine Schwester Weil meinem Vater die größte Last der Geschäften auf dem Halse
lag so konnte er auf unsere Erziehung nicht diejenige Sorgfalt wenden die wir
vonnöten gehabt hätten
    Ich war der jüngste von meinen Brüdern der älteste kam aus der Welt ehe er
noch recht angefangen hatte zu leben er wurde in seinem achtzehenden Jahr in
einem Zweikampf erschossen Der andere kam nach Hof als Edelknabe und weil er
keinen Verstand hatte etwas zu lernen so machte ihn der König zu seinem
HofJunker da denn seine meiste Verrichtungen darin bestunden dass er den
Fremden zutrinken musste Er wurde bei einem so lustigen Leben doch nicht alt
und starb noch vor unserm Vater Mein dritter Bruder schien sich auf eine gute
Seite zu legen man tat uns beide zusammen zu einem Geistlichen auf das Land
Dieser pflanzte in unsere zarte Gemüter die Liebe zur Tugend und mit derselben
gewisse Eindrücke einer Gottesfurcht die bei meinem Bruder sehr weit gingen
ohneracht aber derselbe viel eingezogener stiller und andächtiger war als ich
so hielte mich doch der Geistliche für aufrichtiger ich wusste mich in nichts zu
verstellen ich bekannte meine Fehler die ich begieng ganz offenherzig und
ohne solche viel zu bemänteln da im Gegenteil mein Bruder nichts wollte auf
sich kommen lassen wann wir auch gleich einerlei Schuld hatten
    Wir waren also bei den Empfindungen die man uns von der Religion gegeben
hatte von einem verschiedenen Wesen er floh und ich suchte die Menschen er
geriet unter gewisse Leute die man bei uns ihrer gezwungenen Frömmigkeit und
eigenen Meinungen halber Pietisten nennet ich bezeigte im Gegenteil eine
große Begierde die Welt zu sehen und darin mein Glück als ein ehrlicher Mann
und als ein würdiger Sohn meines Vaters zu machen
    Dieser starb als ich noch bei dem Geistlichen war ich hatte noch nicht gar
mein sechszehendes Jahr erreichet Eine meiner Basen die meine Schwester
auferzogen hatte nahm darauf auch meinen Bruder zu sich mich aber schickte man
auf die nechstgelegene Universität wo ich bei einem gelehrten Mann im Hause
war und zü Tische ging
    Ich habe dieses unter die glückselige Begebenheiten meines Lebens zu setzen
dass ich von einem frommen Geistlichen in die Schule eines der größten
WeltWeisen gekommen war Dieser bekräftigte nicht allein die Neigungen zum
Guten in meinem Herzen sondern überzeugte mich auch ihrer Notwendigkeit durch
vernunftige Schlüsse und wies mir den Zusammenhang der Religion mit dem
zureichenden Grund einer von der Natur in uns gelegten Erkenntnis So bald fand
ich nicht diese Ubereinstimmung des offenbahrten Gesetzes mit dem Recht der
Natur so ließ ich mich über diese Materie öffentlich auf dem Juristischen
LehrStuhl vernehmen und verteidigte meine Sätze mit einer gewissen
Freimütigkeit die weder mein Alter noch meine Wissenschaften unterstützten
    Ich kam von dieser hohen Schule nach Königsholm zurück zu meiner Basen
diese hatte meinen Bruder und meine Schwester bei sich Ich fand bei ihr eine
seltsame Haushaltung ich sah schier darin nur gemeine HandwerksLeute von
verschiedenem Alter und Geschlecht aus und eingehen Vom Morgen bis Abend und
öfters bis in die Nacht wurde darin nichts getan als disputiret gelesen
gesungen und BetStunden gehalten Alle die mich sahen und mit mir redeten
sagten dass ich mich auch wie mein Bruder und meine Base bekehren sollte sie
nannten mich einen natürlichen Menschen der nichts vom Heiland wüste und
setzten mich ohne alle Höflichkeit unter die Leute die in das Reich des Satans
gehörten sie hatten ganz besondere Meinungen von dem Christentum und
bedienten sich darzu auch ganz besonderer RedensArten Die Vernunft hatte bei
ihnen an allen den herrlichen Vorzügen deren sie sich rühmten nicht den
geringsten Anteil und sie bedeuteten mir deswegen dass ich weder Erkentniss
noch Gnade bei Gott zu hoffen hätte wo ich solche nicht als ein Spiel des
Feindes aller Wahrheit völlig in den Bann tun würde
    Mir wurde ganz von Herzen bange über diese Reden es kam mir vor als ob man
auf diese Art leichter närrisch als bekehrt werden könnte Ich bat Gott mir
meine Vernunft zu erhalten und die Augen meines Verstandes durch sein Licht
noch täglich mehr zu erleuchten Ich konnte damit die hohe und in die blose
EinbildungsKräfte einschlagende LehrArt dieser Leute nicht reimen Ich
verlangte deswegen sehr meine Schwester alleine zu sprechen dann es war mir
bedenklich vorkommen dass man mir nicht auch von ihr sagte dass sie bekehrt wär
sondern nur dass sie noch in der Arbeit stünd weil ich darzu in dem Hause
meiner Basen nicht wohl gelangen konnte indem darin die ungeziemende Gewohnheit
herrschte dass man von einem Zimmer ins andere ohne einige Vormeldung ging
man mochte auch gekleidet sein wie man wollte so ließ ich mir durch meinen
Diener eine Gutsche mieten und bat meine Schwester mit mir spazieren zu
fahren
    Diese hatte nicht minder Verlangen mit mir als ich mit ihr zu sprechen
Liebste Schwester redete ich sie an da wir alleine waren was habt ihr vor
seltsame Leute im Hause seid ihr auch willens eine von den Heiligen zu werden
die den ganzen Tag nichts tun als beten singen lesen und die Brüder und
Schwestern besuchen Wertester Bruder sagte sie darauf Gott ist mein Zeuge
dass ich gern recht fromm sein wollte allein ich fürchte dass ich noch eher den
Verstand verliehren als die Lehren dieser Leute fassen werde ichkann euch
fuhr sie fort nicht aussprechen was ich nun seit einem Jahr her gelitten habe
Unsere Base ist voll von den Gaben des Geistes wie man bei uns zu reden pflegt
sie ist wiedergebohren sie ist erleuchtet sie hat Offenbahrungen sie ist
heilig sie sündiget nicht mehr sie kann die Geister prüfen dem ungeacht keift
und zankt sie den ganzen Tag sie sieht die Fehler ihres Nechstens viel besser
als andere Leut ein großer Teil von ihrer Andacht bestehet darin dass sie
darüber seufzet und sich glückselig preiset dass sie kein natürlicher Mensch
mehr ist
    Ich bin insonderheit so unglücklich dass ich mich weder nach ihrem Sinn
demütig genug kleiden noch in meinen Reden wie sie es haben will deutlich
ausdrücken kann Unser Bruder macht zwar keinen solchen Lermen wie sie er
rühmet sich weder außerordentlicher Gaben noch besonderer geistlicher
Einflüsse aber er ist doch gleichwohl von ihr so eingenommen dass er alles
glaubt und tut was sie und ihre geistliche Geschwister ihm sagen
    Wie ich sehe war meine Antwort so ist die Vertraulichkeit dieser
geistlichen Brüder und Schwesterschaft ziemlich stark unter einander doch
sagt mir wenn ihr solchergestalt immer ohne Unterscheid mit einander umgehet
setzt es denn unter Leuten von beiderlei Geschlecht nicht auch zuweilen solche
Geschichten daraus man schließen könnte dass nicht bloß der Geist allein
verliebt wäre
    Meine unschuldige Schwester errötete über diese Frage sie schlug die Augen
nieder und wusste nicht gleich was sie mir antworten sollte rettet mich mein
Bruder sagte sie mit einem schamhaftigen Eifer rettet mich ich bitte euch
aus dieser Leute Händen Die Tränen stießen ihr damit aus den Augen dass sie
nicht weiter reden konnte
    Ich wurde dadurch desto begieriger von ihr zu erfahren was sie allhier vor
ein besonderes Anliegen haben möchte Ich bat ich beschwur sie mir nichts zu
verhölen Ach ich schäme mich mein Bruder sagte sie euch solches zu eröfnen
Die Unordnung dieser Leute fuhr sie fort geht allzuweit Man redet immer von
der Liebe man betrachtet dabei weder Stand noch Geschlecht man liebt sich
nicht allein geistlich sondern man macht auch Heiraten da heist es vor Gott
wären wir alle gleich der Satan hätt den Hochmut und dieser den Unterscheid
der Stände in die Welt gebracht
    Vor einigen Wochen heiratete der Bruder Anton ein feiner frommer
SchuhmachersGesell der aber nunmehr ein Lehrer ist die andächtige Frau Doctor
Baldersin und nun o Schande dass ich es euch sagen muss hab ich einen
Liebhaber an dem jungen Christoph unseres ehmahligen Pachters des tauben
Nicolasen Sohn den auch die Andacht in dieses Haus getrieben hat
    Das Blut wallete mir in meinen Adern als mir meine Schwester diese letzte
Begebenheit entdeckte Ich bat sie vortzufahren Ich hatte redete sie weiter
diesen Menschen wohl leiden können er schien mir ehrlich und Gottsfürchtig zu
sein Er kam immer zu mir um an meiner Bekehrung zu arbeiten Er fragte mich um
alles wie mir zu Mut wär was ich dächte und was ich fühlte
    Ich sagte ihm viel einfältiges Zeug darüber ich wurde endlich vor lauter
Prast und Unruh krank und meinte nun würde mir bald das Pünctgen wie man bei
uns redet aufgeschlossen werden
    Mein Liebhaber kniete vor meinem Bette nieder bestürmte den Himmel mit den
heißesten Gebetern und weinte dabei als ob er verzweiflen wollte Er ging so
lang meine Unpäslichkeit dauerte mit lauter Aechzen und Seufzen im Hause herum
er wusste öfters nicht was er tat und schien einer Leichen ähnlicher als
einem beseelten Körper zu sein
    Ich wurde wieder besser und hatte keine andere Empfindungen als zuvor dem
ungeacht blieb mir mein Liebhaber beständig Er tat mir unlängst einen kleinen
Dienst dafür ich ihm Dank sagte und ihm meine Hand reichte er küste mir
solche mit einer ungemeinen Bewegung Ich merkte bei dieser Handlung das
erstemahl dass die geistliche Liebe aus ihrem Zircul gewichen war Ich ließ es
so hingehen und sagte nichts Der gute Christoff wurde dadurch beherzter Ich
saß einsmahl an meinem Tisch hielte meinen Kopf in der Hand und las in einem
Buch indem sah ich mich von hinten her von ihm mit beiden Armen umfangen
welches mir eine mehr als geistliche Liebkosung zu sein schien Ach wie lieb
ich sie sprach der entzückte Heilige und war ganz außer sich Ich erschrack
über diese Tat zum höchsten und der Liebhaber kam wieder zu sich selbst
    Hiebei blieb es nicht vor einigen Tagen da ich mich ankleidete und vor
meinem NachtTisch saß kam er in mein Zimmer lief mit ausgestreckten Armen auf
mich zu umhalsete und küsste mich ehe ich es ihm verwehren konnte und machte
mir darauf eine völlige LiebesErklärung
    Ich dachte der Mensch wäre närrisch worden ich wollte ihm seine
unverschämte Tat verweisen allein er sagte mir mit einer lächlenden Mine es
würde nicht lang mehr währen so würde ich ganz anders reden vor Gott wären wir
alle gleich und so bald würde ich nicht bekehret sein so würde zugleich auch
alle meine StandesHoheit und irdischgesinnte Ehrsucht wegfallen
    Meine Schwester fügte dieser Erzählung ihre vorige Bitte mit Tränen hinzu
ich möchte sie unverzüglich aus dieser Verwirrung bringen oder sie stünde in
Gefahr ein armseliges Mensch zu werden
    Ich brachte sie also nicht wieder nach Hause zu unserer Base sondern führte
sie zu einem bekanten frommen Geistlichen der eine Tochter von ihrem Alter
hatte Ich kehrte darauf allein wieder zurück da meine Base eben mit ihren
sogenannten Kindern Gottes ihre gewöhnliche AbendBetStunde hielt Ich trat ins
Zimmer ein Leineweber tat den Vortrag alles schlug die Augen nieder die
Zuhörer schienen in leblose BildSäulen verwandelt zu sein die abgezogenste
Stille die andächtigste Entzuckung unterbrach nur zuweilen ein Seufzer Man
fasste die Worte dieses außerordentlichen Lehrers mit einer solchen Begierde von
seinem Munde weg als ob sie von Gott selbst ausgesprochen würden Der Vortrag
währte über eine Stunde lang er wiederholte zehenmahl eben dasselbige und
sagte immer einerlei er tat darauf mit vielen Verzuckungen und Verwendungen
der Augen ein von seiner eignen Heiligkeit zeugendes Gebet Als er damit fertig
war trat ich hervor und bat mir von dieser andächtigen Versammlung gleichfalls
ein kurtzes Gehör aus
    Ich ermahnte meine Zuhörer weil ich nicht glaubte dass sie allesamt
Heuchler wären noch vielweniger dass sie sich und andere Leute mit Vorsatz
betrügen wollten sich zuforderst wohl zu prüfen warum sie hier zusammen kämen
und was sie bei ihren ReligionsNeuerungen vor Absichten führten ob sie
meinten Gott dadurch einen Dienst zu tun wann sie dessen Ordnung stöhrten
ihr Gewerbe fahren ließ und sich dagegen eines Apostolischen Berufs
anmassten um die Leute zu bekehren und ihnen eine neue Lehre vom Glauben zu
predigen die auf eine leere Einbildung der bewegten Fantasie hinaus lief
    Ich verwies sie zuletzt wegen ihres Müssiggangs und unordentlichen faulen
Lebens an das Exempel und an die Ermahnung Pauli und las ihnen einige Versicul
aus dem 23 Kapitel Mattäi worin die Heuchelei mit lebendigen Farben
abgeschildert wird
    Die Bestürzung meiner Zuhörer über einen so unvermuteten Vortrag war
ungemein Niemand unterstund sich mir zu widersprechen sie sahen bei mir einen
Ernst der ihnen nach ihrer Art ganz nicht geistlich schien sie machten sich
einer nach dem andern wiewohl nicht ohne Seufzen und Urteilen über einen so
bösen Menschen zum Haus hinaus
    Meine Base stürmte darauf mit einem ganz ergrimmten Gesichte auf mich los
Vetter sprach sie voller Eifer wer hat euch so kühn gemacht meine
HausAndacht zu stöhren und mir LebensRegeln vorzuschreiben Gnädige Frau gab
ich ihr mit einem gelassenen und demutigen Wesen zur Antwort ich bitte
dieselbe gehorsambst weil sie doch eine erleuchtete Christin sein wollen dero
menschliche Affecten ein wenig beiseit zu setzen und mich wenigstens anzuhören
Meine Schwester hat mir alles erzählt wie es seit einem Jahr in dero Haus
hergegangen sei und was sie insbesondere dabei erlitten Ich habe sie deswegen
so lang zu einem frommen Priester ins Haus gebracht bis ich mit Gottes Hilfe
meiner gnädigen Frau Basen bessere Meinungen werde beigebracht haben
    Der andächtigen Leute Zorn ist nichts weniger als sanftmütig sie machen
alsobald aus ihrer Sache eine Sache Gottes und in dieser Betrachtung
überschreitet er alle Gränzen Meine Base durch gleichen Eifer aufgebracht
schalt mich ein Kind des Verderbens und wenn man noch etwas abscheulichers als
die Hölle wüste so hätte sie ohn alles Erbarmen mich dahin verwiesen
    Ich ließ sie ihre Galle völlig ausschütten und hörte sie ganz ruhig an sie
warf das hundert ins tausend sie vermengte ihre Reden mit so vielen wider
einander lauffenden Sätzen dass es mir schwer fiel daraus den geringsten
Entwurf ihrer Begriffe zu machen Endlich hemmte der Eifer die Bewegung ihrer
schnellen Zunge die Worte erstickten ihr im Munde sie wurde müd sie schwieg
und die Reih zu reden kam an mich
    Gnädige Frau fing ich ganz bescheiden an ich erkühne mich keineswegs
dero gute Absichten zu tadeln ich nehme mir nur allein die Freiheit ihnen
dazutun dass sie solche auf bisherige Art nicht erreichen werden Das wahre
Christentum welches sie zu befördern trachten ist seiner Natur nach ganz
einfältig und ungekünstelt Es beruhet auf wenig ganz deutlichen LehrSätzen
Geheime Sachen gehören für Gott das Gesetz aber ist den Menschen gegeben
Christus sagt wir sollen den Willen tun seines Vaters im Himmel diesen hat er
uns selbst zum deutlichsten erkläret Tue das spricht er so wirst du leben
Ein einfältiger Bauer der von dem neuen Prozess der Wiedergeburt von dem
BussKampf von der Zeugung von den GeburtsWehen von dem Durchbruch und von
dergleichen besonderen Geheimnissen die man bisher in ihren HausVersammlungen
gelehret im geringsten nichts weiß noch je davon etwas hat reden hören der
ist nichts destoweniger wenn er Gott fürchtet und recht tut dem HErrn
angenehm
    Ja erinnerte hier meine Base wir müssen aber doch gleichwohl wissen wenn
die neue Geburt in uns vorgegangen ist wir müssen doch solches in uns empfinden
und gewahr werden Dieses wissen wir gab ich zur Antwort wenn wir die Gnade
haben vor dem HErrn in einem redlichen und aufrichtigen Herzen zu wandeln und
das Gute wozu wir von Natur ganz untüchtig sind im Glauben zu vollbringen
denn an den Früchten sagt Christus soll man die Glaubigen erkennen und daran
wird es offenbar ob wir Kinder Gottes oder Kinder des Teufels sind wenn wir
recht oder nicht recht tun wie uns die Schrift solches deutlich lehret
    Meine Base tat mir hierauf die Frage ob ich dann wohl noch solche Leute
gesehen hätte an welchen die Früchte des Glaubens klärer und deutlicher sich zu
erkennen gäben als an den teuren Seelen welche täglich in ihrem Hause
zusammen kämen und sich einander in der Wahrheit die da ist nach der
Gottseligkeit zu erbauen suchten
    Müßiggänger Tagdiebe und Heuchler sind wohl die meisten wenn ich etwas
lieblos urteilen dürfte war hierauf meine Erklärung ich berief mich hiebei
auf die Worte Pauli 2 Tess 3 da er von solchen Leuten spricht die da
unordentlich wandeln da sie doch nämlich die Apostel nicht umsonst das Brod
von jemand genommen sondern Tag und Nacht gearbeitet hätten um niemand
beschwerlich zu sein ferner dass eben dieser Apostel befohlen hätte dass ein
jeder sein eigen Brod essen und dass der wer nicht arbeitet auch nicht essen
sollte
    Nun liebe Frau Base fuhr ich fort zehlen sie einmal wie viel andächtige
Kostgänger sie haben welche alle gute starke gesunde Brüder und Schwestern
sind für welche sich das Arbeiten viel besser schicken sollte als dass sie so
herum spatziren das Evangelium predigen und täglich ihre gute Mägen an fremden
Tafeln zu Gaste bitten Wie viel Geld hat ihnen dieses herumziehende Volk nicht
schon gekostet welches sie außer Zweifel besser an arme elende
gebrechliche Leute ausgeteilet hätten deren wir leider in unserer Stadt mehr
haben als es Christen geziemet
    Welche Unordnung welche Verwirrung ist durch das stets anhaltende Besuchen
dieser außerordentlichen GlaubensBekehrer nicht in ihrem ganzen Hausswesen
entstanden Heist es dann nicht dass Gott ein Gott der Ordnung sei und dass wie
er durch dieselbe die ganze Welt regieret also will er auch dass eine jede
Obrigkeit den Staat und ein jeder Hausvater sein Hauswesen regieren soll
    Wenn wir alle nichts anders tun wollten als lesen beten singen
herumziehen und Versammlungen halten was würde daraus vor eine Verwirrung
entstehen wenn eine solche LebensArt die Freiheit der Frommen wär so würden
sie der Erden ein Fluch und der menschlichen Gesellschaft zum Verderben sein
    Ein jeder soll also seines Tuns warten und einen ordentlichen Wandel
führen Man kann deswegen doch dabei seine Andacht haben gute Bücher lesen und
mit seinen Hausgenossen täglich eine Sing und BetStunde halten Dieses alles
sagte ich wär ganz gut wenn es ohne Heuchelei und zu rechter Zeit geschähe
Denn unser ganzes Leben müsste in einem steten Zusammenhang der Andacht und der
Ausübung der Christlichen Pflichten bestehen
    Ich sah dass die Stirne meiner Basen sich gleichsam wieder aushellte als
ich von Sing und BetStunden Meldung tat denn sie machte sich nicht gern
viele Geschäfte in der Haushaltung allein Singen Beten Lesen und
Versammlungen halten das war ihr Leben sie liebte diese Dinge nicht aus einer
gewissen Wahl oder Absicht sondern weil sie solche liebte und wie man sonst
auf etwas fällt sie gefiel dabei sich selber wohl und hielt sich für so viel
besser als andere Leute
    Kurz meine Base erlaubte mir nach so vielen Vorstellungen auf einige Tage
ihren geistlichen GeschwisterBesuch abzuweisen wenn ich ihr anders meine
Schwester wieder wollte ins Haus bringen und mit ihr des Abends BetStunden
halten Ich bewilligte beides mit dem größten Vergnügen Ich ließ den andern Tag
meine Schwester wieder zurück kommen und meinen Diener stellte ich vor das
Tor um die gewöhnliche Visiten abzuweisen
    Nachmittags nahm ich eine Gutsche und fuhr mit meiner Basen und meiner
Schwester in den SchlossGarten spazieren Jene machte allerhand Crimassen den
Anblick der eitlen Welt wieder zu vertragen sie wusste auch über die
unschuldigste Dinge etwas zu sagen alle Leute waren in ihren Augen natürliche
unbekehrte unwiedergebohrne Menschen ich brachte sie den Abend zu einer unsrer
Verwandten da wir nach Hause kamen speiseten wir ein wenig und ich hielt
darauf mit ihnen und dem HausGesind die versprochene AbendBetStunde
    Ich las ein Kapitel aus dem Neuen Testament ich machte darüber einige
Anmerkungen was ich nicht verstund da bekant ich meine Unwissenheit ich
ermahnte dabei meine Zuhörer zur Treue und Aufrichtigkeit vor Gott und Menschen
und dass sie in GlaubensSachen bei keinen bloßen Meinungen sich aufhalten
sondern einfältig in der Kraft des Glaubens zu wandeln sich befleissen sollten
wir beschlossen darauf diese Andacht mit einem KirchenLied und einem kurzen
Gebet
    Ich gewann endlich auch in so weit meinen Bruder dass er der herumvagirenden
Heiligen müßig ging weil er aber keinen Gefallen an dem Umgang mit der Welt
hatte so überließ ich ihm unser väterliches LandGut welches ungefehr zehen
Meilen weit von Königsholm an der Baltischen See gelegen ist Wir drei
Geschwister teilten darauf auch unser übriges väterliches ErbGut ich legte
meine Kapitalien teils in die Königliche Bank teils auf sichere Einsätze
Mein Bruder aber zog mit meiner Basen und meiner Schwester auf sein Gut
    Ich ging meiner Neigung nach in die weite Welt meine Begierde allerhand
Menschen und Völker zu sehen schien mir nicht zu ersättigen Ich zog von Norden
nach Westen von Westen nach Süden und von Süden nach Osten Ohn ein hitziges
Fieber welches mich in Pannonien überfiel als ich mit einem Brittannischen
Bottschafter auf der Reise nach Bisanza der HauptStadt der Ottomannen
begriffen war würde ich vermutlich einen großen Teil von Asien
durchstrichen und die übriggebliebene Denkmahle der Arabischen und Egyptischen
Altertümer in Augenschein genommen haben Ich war bald wieder genesen mehr
durch Hilfe meiner wirkenden Natur als durch den Gebrauch der Arzneien
    Der Krieg fiel darüber in Pannonien ein ich tat deswegen ein paar
FeldZüge unter einem gewissen vornehmen General der mein Landsmann und mit
mir etwas verwandt war Ich hatte das Glück dabei ein wenig Ruhm zu erlangen
der König ließ mir deswegen schreiben ich sollte zurück kommen er wollte mich
selbst in seinen Diensten brauchen ich nahm also meinen Weg nach Haus
    Es war im strengsten Winter ich reiste über Schnee und Eis und als ich
über den Belt setzen wollte geriet ich in augenscheinliche LebensGefahr zwei
große EisStücker kamen auf das Schiff worin ich war angeflossen ich
rettete mich zusamt dem Volk so darauf war auf den Boot welchen wir auf das
Eis zogen wir sahen kurz darauf die beide große EisStücker zusammen stoßen
und hörten mit einem entsetzlichen Krachen unser Schiff zu trümmern gehen Ich
war in einen guten Pelz gewickelt ich legte mich samt dem geborgten Volk auf
Stroh damit wir das Boot ausgefüllet hatten und ließ uns in Gottes Namen
auf dieser schwimmenden EisInsul forttreiben Wir fanden endlich dass sie sich
nicht mehr bewegte wir hatten damit Hoffnung an Land zu kommen
    Es war Nacht einige BootsLeute machten sich Fackeln von Stroh und gingen
bei nah eine gute ViertelMeile auf dem Eise fort es war abgeredt uns ein
gewisses Zeichen zu geben wenn wir ihnen nachkommen sollten wir hörten diese
Losung und machten uns darauf hinter unser Boot welches wir immer weiter fort
stießen bis es Tag wurde wir hatten uns stets Nordwärts gehalten Ein
anhaltendes SchneeGestöber hatte Erd und Meer für einander unkentlich gemacht
Die sich an einander abgeschliffene Eissschollen hatten öfters einen Strich von
einer Höhe formiret auf welche der Wind den Schnee so hoch zusammen getrieben
dass man solches für ein Gestade hielt
    Endlich sahen wir eine KirchSpitze und nechst derselben ein kleines Dorf
wir leerten damit unsern Boot aus und jeder schleppte was er gerettet hatte
auf das Land Wir fragten die Einwohner wo wir wären sie nanten uns den Namen
einer kleinen Insul von welcher wir wie sie sagten in einigen Stunden auf
Schlitten gemächlich über das Eis nach Nicopia kommen könnten Ich säumte mich
nicht und ließ mich mit diesem schnellen Fuhrwerk dahin bringen Ich kam den
andern Tag nach Königsholm und fand daselbst meine beide Geschwister wiederum
bei meiner Basen
    Mein Vergnügen war ungemein sie nach so viel ausgestandener Gefahr wieder
zu sehen ich fand ihre LebensArt sehr geändert meine Schwester fuhr nach
Hofe mein Bruder ging mit den verständigsten Leuten um meine Base empfing in
ihrem Hause die ansehnlichste Besuche alle lebten dabei auf eine ehrbare und
Christliche Weise die meiste Gespräche die bei den Besuchen vorfielen waren
wo nicht erbaulich doch von unschuldigen Dingen man hörte weder die Leute
durchlassen noch über die Religion spotten sie genossen der zeitlichen Güter
nach der Ordnung Gottes und betrachteten solche als Gaben darüber sie ihm
Rechenschaft geben müssten
    Ich kam nach Hofe und wurde dem König vorgestellt er liebte die Soldaten
gelehrte Leute aber waren bei ihm in Verachtung er hatte in seinen jungen
Jahren greuliche Pedanten zu Lehrmeistern gehabt daher war ihm die Einbildung
geblieben dass er meinte die Gelehrten glichen allen seinen Lehrmeistern Ich
weiß nicht was dem König an mir gefiel er schenkte mir aus eigener Bewegung
eine HauptmannsStelle dieses war etwas ganz ungewöhnliches denn die größte
Gnade die er einem Jungen von Adel zu erzeigen pflegte war diese dass er ihm
eine Fahne gab und musste man noch darzu von unten auf dienen ich wurde von
allem befreit meine in Pannonien getane zwei FeldZüge wurden mir für getane
Dienste angerechnet
    Ich hatte von Natur eine große Neigung zum Krieg ich tat meine Dienste
mit Freuden ich gedachte hier gutes zu stiften und den gemeinen Meinungen
welche statt der wahren Tapferkeit und Großmut die Unbarmherzigkeit den
Frevel und die TollKühnheit zur Tugend machten allmählig durch den Sinn zu
fahren ich furchte mich nur allein vor solchen Händeln die auf einen Zweikampf
hinaus liefen ich hielt solchen durchaus nicht für erlaubt betrachtete ich ihn
von Seiten der Religion so stund das Anatema darauf hielt ich ihn gegen die
burgerliche Gesetze so war er verbotten urteilte ich davon nach der Vernunft
so fand ich diese Handlung toll und unsinnig prüfte ich solchen nach der wahren
Ehre so bedünkte mich nichts schändlicher zu sein als etwas zu tun das wider
die Religion wider die Gesetze und wider die Vernunft stritte ich verabscheute
demnach eine Tat die mir durchaus unchristlich frevelhaft und närrisch
schien Ich bat mir deswegen in solchen Fällen die ich doch mit aller
möglichsten Sorgfalt zu vermeiden suchte des Königs besonderen Schutz aus und
verursachte damit zugleich dass die DuellVerbotte bei uns sehr geschärfet
wurden
    Nebst meiner HauptmannsStelle machte mich der König auch zu seinem
KammerJunker dass ich mich also bei Hofe aufhalten musste ich hatte bereits
meine fünf und zwanzig Jahre zurückgeleget als meine Base und meine beide
Geschwister mich zu bereden suchten dass ich mich verheiraten sollte Ich war
bisher nach meinem freien Wesen welches mir durch meine Reisen noch natürlicher
worden mit allerhand Frauenzimmer umgegangen ich hatte aber keines darunter
gefunden welches meinem Herzen eine wahrhafte Leidenschaft geben konnte
    Ich liebte etwas grossmütiges und zärtliches Unsere blanke Nordische
Gesichter hatten wenig von dieser GemütsArt sie waren wohl schön genug es
mangelte ihnen aber an Geist Ich konnte mich dabei nicht lang aufhalten mein
Herze blieb gar zu ruhig und ich stund in dem Wahn wenn ich mich heiraten
sollte so müsste es aus Liebe geschehen Diese Einbildung kam mir hoch zu stehen
    Meine Base hatte eine junge Anverwandtin Namens Philirene sie war
eigentlich aus einem Kattischen Geschlecht sie hatte alle Zärtlichkeiten der
Liebe samt dem geistreichen Feuer einer Aquitanerin Meine Base riet mir
diese Schönheit nicht aus Händen zu lassen um so vielmehr weil sie bei ihren
vielen reitzenden Eigenschaften auch dermahleins ein großes Vermögen von ihren
Eltern zu gewarten hatte allein es sei dass ich zu derselben Zeit noch die
Freiheit zu sehr liebte und also keine Lust hatte eine Frau zu nehmen ich
schlug wenigstens darauf keine ernstliche Gedanken ehe ich michs versah
hohlte sie ein andrer weg und ich dachte nicht daran dass es mir sollte leid
tun
    Eine gewisse ausländische junge Gräfin kam unterdessen mit ihrem Vater nach
Hofe Die Neuigkeit rührte mich sie gefiel mir sobald ich sie sah sie war ein
einziges Kind und eine große Partie es fanden sich Freunde die uns zusammen
bringen wollten allein ich zauderte auch hier und wollte meinen Roman nicht da
anfangen wo andre den ihrigen endigen
    Philirene hatte ihren Mann noch kein Jahr gehabt so ging er mit Tot ab
sie wurde also eine junge zwantzigjährige Wittbe Dorante einer meiner besten
Freunde hatte sie schon vor ihrer Heirat geliebt weil er aber gewisser
Geschäften halber nach dem Gedanischen Hof verreisen musste und sich nicht
einbildete dass sie sobald sich verheiraten würde so hatte er derselben
damals seine Neigung nicht völlig zu erkennen gegeben Er war unstreitig einer
der artigsten Edelleuten er sah wohl aus besaß große Güter und hatte etwas
so einschmeichelndes und verführisches in seinem Wesen dass er sich bei einer
Dame nur zeigen durfte wann er ihr gefallen wollte
    Dieser vernahm nicht so bald dass Philirene war eine Wittbe worden so
eröfnete er mir seine Neigung für dieselbe wir hatten wochentlich Briefe von
einander er übersandt mir ein Schreiben an sie darin er ihr sein Beileid über
den frühzeitigen Verlust ihres Gemahls bezeigte Ich hatte bei derselben einen
freien Zutritt ich überlieferte ihr den Brief von Dorante und vergaß nicht
alle dessen gute Eigenschaften aufs beste herauszustreichen Philirene
antwortete mir darauf jederzeit sehr kaltsinnig und gab mir zu verstehen dass
diejenige Hochachtung die sie für mich hätte nicht eben sich auch auf meine
Freunde erstreckte Dieser Vorzug rührte mich ich sah mich in Gefahr sowohl
meinem Freund als meiner Geliebten untreu zu werden Ich setzte mich zwar einer
solchen Regung mit aller Macht entgegen und empfand unterdessen die größte
Marter einer doppeltgefassten Liebe Das Verhängnis richtete endlich die Sachen
dahin dass ich ohne der einen untreu zu werden der andern mein Herze schenken
konnte Der Graf von  versprach seine Tochter einem der vornehmsten Cimbrischen
Herren er wusste nichts von unser beider Verständnis der König selbst hatte die
Heirat gemacht es währte nicht vierzehen Tage so wurde sie vollzogen und die
Gräfin von ihrem jungen Gemahl nach Cimbrien gebracht
    Die Freundschaft mit Dorante bestritte demnach noch allein meine Liebe für
Philirenen es setzte damit weit mehr Hindernis Ich war nicht entschlossen
etwas zu ihrem Nachteil zu tun ich suchte auf alle Weise Doranten in den
Augen dieser Schönen schätzbar und annehmlich zu machen allein ich richtete
dadurch nichts anders aus als dass sie mir desto mehr Gunst bezeigte
    Dorante kam darüber von seiner Reise zurück ich entdeckte ihm meine
zurückgegangene Heirat mit der Gräfin von  Er erschrack darüber ich kenne
sagte er zu mir euer Herz es kann nicht wohl müßig sein es muss eine
Beschäftigung haben Lasst mir nur Philirenen Im übrigen so mögt ihr alle
Schönen in der ganzen Welt lieben Ich errötete über diese Worte ich war zu
ehrlich um mich zu verstellen ich nahm deswegen ein ernsthaftes Wesen an und
riet meinem Freund einen andern als mich zum Unterhändler seiner Liebe zu
machen
    O Himmel rief hier Dorante voller Bestürzung aus was hör ich Solte wohl
mein bester Freund dem ich alles in der Welt anvertraut habe an mir zum
Verräter werden Solte wohl der redlichste Mensch in der Welt mich hintergehen
können Auf keinerlei Weise liebster Dorante erklärte ich mich ich bin zur
Aufrichtigkeit geboren es ist wahr ich finde Philirenen Liebenswürdig
allein ich werde deswegen nichts wider unsere Freundschaft tun ich fügte
hinzu dass ich um ihn dessen zu überzeugen eine Zeitlang auf das Land zu
meinem Bruder gehen wollte
    Dorante als er sah dass ich ihm dieses in Ernst sagte wollte mir nicht
weniger Großmut zeigen er schloss mich in seine Arme mein wertester
Greenhielm sprach er ich kenne euch allzuwohl ihr würdet Philirenen nicht
lieben wo sie euch nicht liebte Bleibet nur ich sehe mein Unglück lasset
mich nicht zum SiegesZeichen eures Triumphes dienen
    Es äußerte sich hier ein Streit zweier Freunden mit welchen man die
Schauspiele auszieren könnte an statt des Hasses und der Eiffersucht die in
dergleichen Fällen sich ereignen so behauptete einer des andern Vorzüge und
erklärte ihn für würdiger die Gunst der schönen Philirenen zu erhalten Wir
beklagten die Vollkommenheit unserer Freundschaf die sich auch allhier bei uns
in dem zärtlichsten Umstand von der Welt durch eine unglückliche
Ubereinstimmung der Gemüter offenbahrte wir waren nicht gesonnen über die
Liebe unsere Freundschaft zu brechen wir meiten die größte Untreu zu begehen
wenn wir nicht fortführen gegen einander gleich aufrichtig zu sein Wir
entschlossen uns also beide zusammen zu Philirenen zu gehen derselben unsre
Neigungen zu entdecken und von ihr selbst den Ausspruch unseres Glückes zu
erwarten Ein jeder von uns beiden sagten wir hat es jederzeit für eine große
Torheit gehalten eine Person zu lieben die uns einen andern vorziehet lasset
uns also Philirenen unter uns beiden wählen und ohne Eiffersucht das Glück
unsrer Liebe ihrem Ausspruch unterwerfen
    Wir ließ uns hierauf bei Philirenen melden ein jeder hatte sich aufs
prächtigste gekleidet wir waren beide von unserer EigenLiebe aufgebracht die
Großmut und die Freundschaft wurden gleichsam auf eine Zeitlang von uns
beurlaubet Philirene empfing uns beide mit gleicher Höflichkeit Unsere Augen
spielten auf sie und wollten in den ihrigen die Entscheidung unseres
Verhängnisses lesen Die Liebe gab uns Geist und Beredsamkeit Ein jeder mahlte
seine Empfindungen mit fremden Farben ab man stellte sich selbst unter einer
andern Gestalt vor Ich erzehlte eine Geschichte die zweien guten Freunden
begegnet wär und diese Geschicht war unsere eigene Philirene verstund alles
sie erklärte ihre Meinungen ohne dadurch den Wohlstand ihrer Trauer zu
verletzen wir verstunden sie gleichfalls Dorante war darüber misvergnügt
Philirene sprach er zu mir im Weggehen hat ihr Geheimnis stark verraten die
Freundschaft die sie ganz offenherzig für euch bekennet ist nur ein Schleier
darunter ihre Schamhaftigkeit die größte Liebe verstecket Seine Empfindungen
seine Schmerzen und seine Klagen waren darüber so lebhaft dass sie mir durchs
Herze schnitten
    Die Liebe zu Philirenen hatte mich noch nicht so sehr bemeistert dass ich
nicht mich stark genug gefunden hätte solche nach meinem Willen zu beherrschen
das unzertrennliche Band der Ehe machte mir noch immer ein heimliches Grauen
ich liebte meine Freiheit und war Doranten mit äußerster Freundschaft
verbunden Ich konnte mir es nicht verzeihen dass er um meinetwillen in seiner
Liebe unglücklich sein sollte kein Mensch auf der Welt schien mir würdiger
geliebt zu werden und ich schwöre dass ich aller Eigenliebe ungeacht so viel
Demut behalten hatte ihn mir selbst vorzuziehen Nichts schien mir gerechter
zu sein als ihm Philirenen zu überlassen und mich deswegen auf eine Zeitlang
von Königsholm wegzubegeben
    Ich machte wirklich Anstalten zu verreisen als Philirene meine Base
besuchen kam diese sagte ihr von meinem Vorhaben mit dem Zusatz dass niemand
wüste wo ich hinwolte dieses war genug Philirenen aufs äußerste neugierig zu
machen Sie hatte vermutet mich bei meiner Basen zu sehen ich war aber um
ihre Gegenwart zu meiden nicht zu ihr gekommen Diese Kaltsinnigkeit wie auch
die Nachricht dass ich verreisen wollte verursachten bei ihr allerhand Gedanken
    Einige Tage darauf ging ich zu Philirenen um von ihr Abschied zu nehmen
sie fragte mich wo ich hin wollte ich machte ihr daraus ein Geheimnis welches
sie zu erforschen um desto begieriger wurde Die List scheint dem weiblichen
Geschlecht natürlich zu sein sie begunte mir im größten Vertrauen von ihren
eignen Angelegenheiten Nachricht zu geben und wusste dabei mit der
künstlichsten Art die Reden so zu wenden und zu drehen dass sie auf ein Fragen
warum und wohin ich verreisen wollte hinaus liefen
    Ich entschuldigte mich dass ich ihr darüber nichts gewisses sagen könnte
Dieses muss ein sonderbahres Geheimnis sein erwiderte sie allem Vermuten
nach wird wohl eine fremde Schönheit die Ursach von dieser Reise sein Ich
meinte setzte sie mit einem zärtlichen Auge hinzu unsere Freundschaft wär so
groß dass ich mir dieses Geheimnis zu wissen ausbitten dürfte Unsere
Freundschaft selbst unterbrach ich würde vielmehr darunter leiden Und wie
sollte das zugehen forschte sie weiter weil mir solches versetzte ich dero
Ungnade zuziehen würde O fuhr sie darauf heraus wenn es nichts anders ist
als dieses so redet was ihr wollt ich kann euch lieber Vetter nichts übel
nehmen
    Dieses war so viel als mein Geheimnis mit einer süßen Gewalt mir vom Munde
reißen Lasst werteste Base lasset einen Undankbaren sagte ich mit der
größten Bewegung der die Schwachheit begangen hat die unvergleichliche
Philirene für einen andern zu bestimmen da doch ihre Vollkommenheiten sein
eigen Herz hätten einnehmen sollen Eure Augen schönste Base haben mich dafür
gestrafet und die meinige werden den Fehler büsen indem sie euch nicht mehr
sehen sollen
    Philirene wurde ganz ernstaft auf diese Erklärung sie wollte sich das
Ansehen geben als ob sie durch eine so freie Entdeckung meiner Liebe sich
beleidigt fand Sie sagte dass die Betrachtung ihrer hohen Trauer mich hätte
zurück halten sollen ihr von dergleichen Dingen zu reden Ich entschuldigte
mich mit ihrem Befehl und dass sie mir versprochen hätte nichts übel zu nehmen
sie erinnerte sich dessen und sagte mir mit Lachen dass ihr meine Ursach zu
verreisen sehr abenteuerlich vorkäm Sie versicherte mich wo ich keine andere
hätte als diese dass ich besser tun würde meine Reise einzustellen Weil
Dorante sich um sie allezeit vergeblich bemuhen würde
    Sie stellte sich dabei als ob sie nicht glauben könnte dass es mein Ernst
wär sie zu lieben die Zeit sprach sie würde mich bald wieder anders reden
machen Dieses Misstrauen war mir genug was hätte sie mehr sagen sollen sie war
noch kaum drei Monat eine Wittbe Nur Dorante dauerte mich ich hatte für ihn
alles getan was in meinem Vermögen war mehr kont ich nicht
    Nach einigen Tagen ging ich wieder zu Philirenen ich fand sie gegen das
vorigmahl ziemlich kaltsinnig sie war beschämt dass sie sich bei ihrer letzten
Unterredung zu weit gegen mir bloß gegeben hatte sie wollte deswegen den
Wohlstand wieder retten sie gebott mir nichts mehr von der Liebe zu reden ich
sollte mich mit ihrer Freundschaft begnügen Ich war mit ihr noch in einem
starken WortWechsel als man ihr ein Packet brachte welches sie ohne es zu
eröfnen mit einer unachtsamen Mine vor mir auf den Tisch hinlegte
    Ich warf darauf die Augen und beobachtete des Dorantens Pittschaft ich
wurde darüber bestürzt und wusste nicht was ich sagen sollte
    Philirene sah mich an und lächelte Nicht wahr mein guter Vetter sagte
sie ihr verwundert euch über meinen BriefWechsel mit Doranten Ich bekräftigte
ihre Mutmaßung Sie erzehlte mir wie dieser vor einigen Tagen sie hätte
bitten lassen ihr eine gewisse gedruckte Schrift welche das Geschlecht ihres
vorigen Gemahls beträffe zu lehnen sie hätte keinen Vorwand gehabt ihm diese
Gefälligkeit abzuschlagen er schickte ihr solche nun wieder das wär alles
Dorante war meine Erinnerung wird nicht ermangeln seine Danksagung dafür in
diesem Packet abzustatten weil er solches gewiss in keiner andern Absicht
verlanget hat als um dadurch eine Gelegenheit zu bekommen einen Brief mit
beizuschlagen Ich will euch meine Base fuhr ich fort nicht verhindern
denselben durchzulesen und so lange mich nach eurem Kabinet verfügen Wenn ihr
diese Meinung habt sagte sie so öfnet selbst das Packet und leset den Brief
welchen ihr darin vermutet
    Ich ließ mir dieses nicht zum andernmahl sagen ich riss die Siegel auf und
fand nebst der gedruckten Schrift einen überaus nett und wohlgeschriebenen
Brief in welchem Dorante seine Liebe auf das geistreichste und beweglichste
vorstellete zugleich aber auch über meine Untreu sich zum heftigsten
beschwerte Diese Beschuldigung ging mir nah ich meinte solche nicht verdient
zu haben ich war Doranten auf vielfältige Art verbunden und es schien mir
unerträglich dass er mich für undankbar halten sollte Philirene suchte mich
dieser Zärtlichkeit halber zu trösten indem sie mir zu erkennen gab dass es
nicht in meiner Macht stünd ihr Herz wem ich wollte zuzuwenden
    Nachdem sechs Monate seit dem Absterben ihres Gemahls verflossen waren
machte sie sich kein Bedenken mehr sich mit mir zu versprechen Sie befahl mir
aber unser Bündnis vor allen Menschen so lang geheim zu halten bis die Gesetze
des Wohlstandes uns erlauben würden solches bekant zu machen Wir sahen
unterdessen einander fast täglich Ein Jahr verfloss auf diese Weise
    Es hatte sich unterdessen in unserer Liebe eine große Hindernis ereignet
Der Vatter von Philirenen wollte das mit seiner Tochter getroffene Bündnis
durchaus nicht gut heißen er hasste mich so sehr als mich seine Tochter
liebte Er war ein rauer und eigensinniger Mann
    Einsmahl da Philirene bei ihm war und mit der äußersten Demut ihn um
seine Einwilligung in unsere Heirat ersuchte ließ er sich von seinem Zorn
dermaßen übernehmen dass er ein Messer bei der Tafel ergriff und indem er ihr
solches zeigte sie bedrohete ihr lieber den Hals damit abzuschneiden ehe er
zugeben wollte dass sie meine Frau werden sollte
    Sie wurde darüber vor Schrecken krank und gab mir den folgenden Tag davon
Nachricht sie druckte mir dabei ihre Schmerzen mit so lebhaften und beweglichen
Worten aus dass ich mich an ihrem Vater im ersten Eifer würde gerochen haben
wenn er nicht ihr Vater gewesen wär
    Sie erfuhr indessen dass der König mich beständig verlangte bei Hofe zu
haben und dass er zu dem Ende mit der Tochter eines seiner ersten StatsRäten
welche bei der Königin war mich verehligt sehen wollte Dieses machte Philirenen
ein großes Nachdenken es verdross sie dass ich ihr solches verschwiegen hatte
sie wollte alle Umstände davon wissen ich sagte ihr solche und sie erklärte
sich darauf dass sie mich durchaus nicht von einem weit würdigern Glück als ich
bei ihr zu hoffen hätte abhalten wollte sie tat auch von derselben Zeit an
wirklich kaltsinniger gegen mir um mich desto eher zu bewegen das mir
angebotene Glück nicht auszuschlagen Wir sprachen darüber mit der größten
Gelassenheit und weil der Hof damals sich abwesend auf einem der Königlichen
LustSchlösser befand so sollte ich dahin reisen
    Es vergiengen acht es vergiengen vierzehen Tage und ich konnte mich darzu
noch nicht entschließen endlich ging ich zu ihr in Meinung von ihr Abschied
zu nehmen Die Art mit welcher sie in meine Reise nach Hof willigte hatte
etwas so gleichgültiges und trockenes dass ich mich dadurch beleidigt fand ich
beklagte mich deswegen bei ihr sie schien mir darüber unbewegt sie antwortete
mir mit einer solchen Kaltsinnigkeit die mir den Frost in die Glieder und die
Wut ins Herze jagte ich sagte ihr darauf alles was einem der Zorn die Rache
und die Verzweiflung in den Mund zu geben pflegt ich schalt sie eine
Wankelmütige eine Ungetreue eine Meineidige sie hörte mich gelassen an sie
sagte kein Wort ich fuhr in meinem tobenden Eifer fort ihr mein Bildnis meine
Briefe und was sie sonst von mir empfangen hatte abzufordern Sie langte
darauf ein Kästgen eröffnete darin verschiedene kleine Behälter und legte mir
daraus alles vor die Augen auf den Tisch
    So bald erblickte ich nicht diese zärtliche Unterpfänder unsrer Liebe so
verließen mich die Sinnen meine Augen starrten mein Mund konnte sich nicht
mehr bewegen und der Schmerz erstickte mir gleichsam die Brust Ich fiel auf
einen Sessel und wusste nichts mehr von mir Philirene war darüber vor Angst und
Schrecken außer sich sie nahm mich in ihre Arme sie schrie sie weinte sie
bat ich solt ihr verzeihen sie schwur dass sie mich weit heftiger als jemals
liebte und dass sie ohne mich nicht leben könnte Ich schlug die Augen wieder
auf ich weiß nicht dass ich je geweinet hatte hier aber stürzte sich auf
einmal ein ganzer Strohm von Tränen aus meinen Augen Philirene versprach mir
hierauf Himmel und Erden zu bewegen um ihres Vaters Einwilligung zu unsrer
Heirat zu erlangen
    Wir entdeckten unsern Zustand einem von unsern Verwandten der bei demselben
vieles galt er ging hin und tat demselben unsertwegen einige Vorstellungen
Er fand bei ihm nicht nur Gehör sondern auch so wenig Widerspruch dass er uns
Hoffnung machte wie sich alles nechstens nach unserm Wunsch fügen würde Wir
waren über eine so gute Bottschaft vor Vergnügen außer uns Niemahls hat man
eine so lebhafte Freude empfunden allein unsere Glückseligkeit war zu groß um
lang zu dauern
    Philirene fuhr einige Tage darauf zu ihrem Vater sie hofte ihn nun ganz zu
gewinnen sie hatte bei sich die stärkste BewegGründe abgefasst allen dessen
Einwürfen zu begegnen sie meinte nicht dass ihm noch das geringste im Weg
bleiben sollte allein es kam zwischen ihr und ihm zu keiner solchen Erklärung
Er schmiss alle ihre Vorstellungen mit einem ungestümmen Zorn darnieder Er
schalt nicht nur auf unsre Liebe sondern belegte auch solche mit dem
allergräslichsten Fluch Alles Einreden war vergebens er hörte sie nicht als
um seiner Wut desto mehr Raum zu lassen
    Philirene wurde dadurch erschüttert sie verlor auf einmal allen Mut Die
grauen Haare ihres ergrimmten Vaters machte ihr zartes Herze beben Siehe
sprach er zu ihr indem er ihr solche mit einer mehr vor Eifer als Alter
zitterenden Hand zeigte diese wirst du mit Gram unter die Erde bringen und du
wirst dafür die traurige Schicksale eines Kindes erleben welches den Tod seines
Vaters verursachet
    Philirene kam darauf mehr sterbend als lebend wieder nach Haus So bald sie
sich ein wenig erhohlet schrieb sie mir einen langen Brief worin die
allerstärkste Leidenschaften die jemals ein zärtliches Gemüt empfunden hat
auf das lebhafteste ausgedrücket waren Ich wusste nicht wie mir war als ich
davon die erste Zeilen las ich konnte vor heftiger Bewegung denselben kaum
auslesen die äußerste Liebe war darin dem Gehorsam eines Kindes entgegen
gestellt Pflicht Gottesfurcht und Entsetzen zerrissen hier die allerzärteste
Bande des Herzens und stürzten sich endlich in eine andächtige Verzweiffelung
aus Sie schloss mit diesen Worten
    Lebet wohl  mein Geliebter  und wo ihr mir noch das letzte Kennzeichen von
eurer Neigung geben wollt  damit ihr mich über alle Verdienste erhoben so
bittet Gott  dass er diejenige bald von dieser Welt nehmen wolle  welche die
unglückseligste von allen Kreaturen ist
    Ich wusste bei diesem Zufall nicht ob ich mich über den Himmel über
Philirenen oder über mich selbst beklagen sollte Die Abwechselung und der
Widerspruch meiner Affecten riss mein Gemüt in die äußerste Verwirrung meine
Empfindungen darüber waren so unordentlich und heftig dass sie alle
Ausdrückungen überstiegen Ich hielt mich dabei auf eine Art beleidigt welche
nur allein der größten Wut bei mir die Oberhand ließ Gerechter Himmel ach
verzeihe hier die Ausschweiffungen eines damals zu sehr aufgebrachten Gemüts
Ich hätte die ganze Sache mit Glimpf und Bescheidenheit vermitteln können ich
hätte durch ein zartes Mitleiden die unschuldige Philirene bei den heftigen
Verfolgungen eines grausamen und unerbittlichen Vaters trösten und ihren ganz
darniedergeschlagenen Mut wieder aufrichten sollen allein ich hatte damals
keine Uberlegung ich war noch jung feurig hochmütig und ein schlechter
Christ
    Ich setzte mich also voller Zorn und Verachtung nieder und schrieb an
Philirenen eine Antwort welche mir nur allein diese beide Affecten in die Feder
gaben dieses war noch nicht genug ich sandt ihren ganzen Brief in Abschrift an
ihren wider mich erbosten Vater und begleitete solchen mit den
allerspöttlichsten Anzüglichkeiten
    Philirene geriet über diese unwürdige Merkmahle meiner Verachtung in einen
Zustand dass man nicht anders glaubte als sie würde darüber des Todes sein
Meine Base die sie besuchte um bei ihr sich zu erkundigen was uns beide zu
einem so unglücklichen Bruch Anlass gegeben hätte sagte mir bei ihrer
Zurückkunft dass Philirene sterben würde und dass ich daran Ursach wär
    Philirene wurde nichts destoweniger wieder besser und ich ging nach Hofe
ihr Vater starb einige Monate hernach er wollte seine Tochter vor seinem Ende
noch versorget sehen er versprach sie deswegen auf seinem Todtbett mit einem
andern und als er dieses seiner Meinung nach erbauliche Werk gestiftet hatte
verschied er Philirene hielte sich durch dieses Bündnis zu nichts verpflichtet
Sie begab sich in die Einsamkeit auf das Land und starb einige Jahre darauf in
dem Geruch der reinsten Andacht Ich vernahm ihren Tod mit äußerster Betrübnis
und tat ein Gelübde mich nimmer zu heiraten
    Ich hatte unterdessen mein Glück bei Hofe verscherzet Ich tat deswegen
eine Reise an auswärtige Höfe und erhielt von dem König dass mir gewisse
Geschäfte daran zu tractiren anvertraut wurden Es erhub sich nachgehends auch
ein Krieg mit unsern Nachbarn den Gedanern ich wurde zurück gefordert und
musste einigen Feldzügen mit beiwohnen
    Weil ich nicht viel schmeicheln noch mich den Großen bei Hofe
niederträchtig unterwerfen konnte so stund ich vielmahl in Gefahr bei dem König
in Ungnade zu fallen ich wurde auch etlichmahl bei den Beförderungen der hohen
Kriegs und HofAemter vorbei gegangen Dieses sowohl als der Betrug und die
Falschheit der Menschen die ich täglich mehr erkennen lernte machte mich an
meine Ruh denken Ich war wirklich schon im Begriff den Hof zu verlassen und
mich auf das Land zu begeben als der König mir das Kommando über diejenige
Völcker auftrug welche er den Licatiern gegen die Aquitanier zu Hilfe gesandt
    Ohne einen so großmütigen Erretter endigte hier der Herr von Greenhielm
seine Geschicht indem er seine Worte an den Grafen von Rivera richtete hätte
ich in diesem Feldzug das Ziel meines Lebens gefunden
 
                                Das neunte Buch
Nachdem der Herr von Greenhielm seine Erzählung geendiget hatte bewunderte der
Graf die Eigensinnigkeiten der Liebe und den besonderen Charakter der Philirene
Der Herr von Riesenburg aber sagte dass ihm die LiebesHistorie des Bruders
Christophs noch besser gefallen hätte Dieselbe macht mich fuhr er fort an
meinen ehmahlig andächtigen Hofmeister gedenken der auch vom Schlag dieser
Leute war ich will meinen Herrn solche erzählen
    Ich war ungefehr 18 Jahr alt als ich mit diesem andächtigen Menschen auf
die hohe Schul nach Argentea kam wir machten eine abenteuerliche Figur mit
einander er schlug die Augen immer vor sich nieder redete nie ohne vorher zu
seufzen und sah bei seinen demütigen Gebehrden so finster aus dass man immer
meinte er würde einschlafen nun setzen sie mein Bildnis neben dieses so
werden sie finden dass wir ein recht artiges Paar müssen ausgemacht haben mein
natürliches Wesen litt unterdessen einen nicht geringen Zwang unter der
Anführung eines Menschen dessen Eigenschaften von den meinigen so weit
entfernet waren ich ehrte nichts destoweniger in ihm die Wahl meines Vaters
der mir solchen zum Aufseher mit gegeben hatte und würde mich gern ihm zu
gefallen ein wenig verstellet haben wen ein Gemüt wie das meinige  darzu
geschickt wäre
    Ich leugne ganz nicht dass ich mich gerne lustig mache wenn es ohne
Verletzung der Ehrbarkeit geschehen kann Nach meiner Meinung ist der Mensch mehr
zur Freude und zum Vergnügen als zur Traurigkeit geboren Mein Hofmeister
glaubte das Gegenteil und ein jeder bezeigte sich hierinn nach seinem
Temperament
    Ich verliebt mich damahlen in eine junge Gräfin diese Neigung aber hatte
nichts von einer großen Leidenschaft Wir gefielen uns nur und hatten ein
Vergnügen uns solches einander zu sagen Dieses schmeichelte ein wenig unsrer
kleinen Eitelkeit Die Annehmlichkeiten ihrer Person rejetzten mich mohl ihr
einige Liebkosungen zu machen allein die Ehre und ein bissgen Tugend welche
ich liebte setzten unsern weitern Begierden ihre Grenzen und hielten uns von
den unglücklichen Ausschweiffungen der Liebe zurück
    Diese junge Gräfin hatte eine Hofmeisterin die auch eine von den
andächtigen Leuten war welche viel von Verläugnung der Welt von der
Creutzigung des Fleisches und von dem pur innern geistlichen Leben zu sprechen
wusste sie war schon weit über die dreißig hinaus und nah an den Jahren der
Verzweiflung ihre noch übrige Begierden durch das Sakrament der Ehe ohne Sünde
zu vergnügen sie war in ihrer Meinung dermaßen bekehrt dass sie es nicht für
möglich hielt in eine kleine LiebesSchwachheit zu verfallen Mein Hofmeister
der auch für nichts anders als einen Wiedergebohrnen wollte angesehen sein
machte mit ihr Bekantschaft diese fromme Leute empfanden bald für einander eine
innigste Hochachtung Die Gleichheit vereiniget die Naturen aller Geschöpfe
warum nicht auch die Andächtigen die Herzen unserer beiden Hofmeisterschaft
branten weit heftiger als diejenige der WeltLeuten die geistliche Liebe hatte
solche entzündet die Arbeit des Körpers in den Geist ist nicht so stark als
die Arbeit des Geistes in den Körper das macht weil der Geist durch nichts
anders als die EinbildungsKräfte wirken kann werden nun diese erhitzt und rege
gemacht so steht die Materie unter dem Gehorsam
    Unsern beiden Verliebten war es auch so der Anfang ihrer Liebe war ganz
geistlich wann sie alleine waren so druckten sie sich einander zum Zeichen
ihrer zärtlichen HerzensFreundschaft an die Brust der Gräfin Hofmeisterin trug
solche allezeit bedeckt doch so bedeckt dass leicht die geringste Bewegung das
Halstuch ein wenig verrücken und beide über die Entblösung eines kleinen
Fleckgens konnte seufzen machen Diese Bewegungen kamen oft Bei dem Umarmen
setzte es auch Küsse aber Küsse in aller Andacht keine Schwachheiten wenn es
ihnen beliebt wer wollte so böses denken sie küssten einander nur die beide
Backen Zuweilen machte es wohl bei ihr eine kleine Schamröte wenn der Freund
im Feuer der Liebe des einen Backens verfehlte und von ungefehr neben auf den
Mund ausglitschte Der Weg wie sie wissen ist in dieser Gegend etwas unsicher
man verirrt sich leicht Wenn dieser Irrtum sich zutrug so bat er die Schöne
sogleich um Vergebung und küsste ihr dafür die Hand Sie wurden dadurch in dem
innersten bewegt diese Bewegung hemmte ihre Sprach sie blieben oft ganz stumm
beisammen ihre Herzen waren geprest sie mussten stark Atem holen und dieses
ließ natürlich als ob sie seufzten Bei diesem anhaltenden Stillschweigen
besprachen sich die Augen denn diese sind die Sprach der Geister Was sie sich
einander mögen gesagt haben  ist mir unbekant sie begriffen es selbst nicht
recht sie spürten davon nur die Wirkung die Brust war beklemmt der Puls ging
schneller der Mund war trocken und ein inwendiger Brand drohte sie zu
verzehren Sie wollten vermutlich keines so grausamen Todes sterben was aus
heftiger Liebe geschiehet schlossen sie bei sich selbst das kann nicht böse
sein Kurz nach einem halben Jahr hieß es der Gräfin Hofmeisterin wär
schwanger
    Man schaffte sie hurtig aus dem Hause niemand hatte Anfangs den frommen
Menschen meinen Hofmeister darüber in Verdacht Das arme Mägden konnte es gar
nicht begreiffen wie es wär zugegangen sie sagte sie wär bezaubert worden
sie ließ sich solches nicht ausreden und ich hätte die Wahrheit von dieser
Geschichte nimmer erfahren wenn nicht diese unglückselige Liebhaberin in ihrem
äußersten Elend zu mir ihre Zuflucht genommen hätte ihr mit ein wenig Geld an
die Hand zu gehen Weil mir die junge Gräfin schon etwas von der Vertraulichkeit
meines Hofmeisters mit ihrer Gubernantin entdeckt hatte und allenthalben das
Gespräch ging dass er dieselbe zum Fall gebracht hätte so verfügte ich mich
heimlich selbst zu ihr in ein elendes abgelegenes Häusgen und wollte ihr nicht
eher meinen Beistand zeigen bis sie alles haarklein mir würde gebeichtet haben
    Sie wollte lange nicht mit der Sprach heraus sie sagte immer der Satan wär
mit im Spiel gewesen es wär nicht natürlich zugegangen allein ich ließ mich
damit nicht abweisen Kurz die Not machte sie schwätzen sie nante mir mit
Tränen und Händeringen meinen Hofmeister Wie bestürzt wurde ich nicht
darüber als ich hörte dass dieser ehrbare Mensch das Werkzeug dieser
übernatürlichen Zauberei sollte gewesen sein Ich konnte ihn nicht mehr vor meinen
Augen sehen nicht deswegen weil er gesündiget hatte dieses hätte mich zum
Mitleiden bewogen sondern weil er durch seine Scheinheiligkeit Gott und
Menschen zu betrügen suchet
    Ohnerachtet aller Beweis auf ihn fiel und ihn völlig überzeugte so läugnete
er doch beständig er schalt auf Verleumdung und böse Mäuler und setzte seine
Heuchelei also noch immer fort Ich berichtete unterdessen diese Begebenheit
meinem Vater Wir mussten darüber wieder zurück nach Hause kehren nachdem ich
nicht viel über zwei Jahr in Argentea gewesen war Mein Vater verwies meinem
Hofmeister seine Aufführung und gab ihm hernach seinen Abschied
    Der Herr von Greenhielm lenkte hierauf das Gespräch auf die Religion Es ist
leider sprach derselbe auch darin eine gewisse Mode neue Meinungen und
Lehren haben jederzeit die Menschen wie die neue Kleidertrachten zur Nachahmung
verleitet Dieses kommt vermutlich daher weil die wenigste wissen worin
eigentlich der Grund der Religion bestehet das unerbauliche Gezänk in der
Kirchen verwirret solche noch immer mehr und mehr Ein jeder hält sich selbst
für klug er will andere bekehren und unterweisen und hat doch nichts als seine
eigene Einbildung damit er seine vermeinte Gaben kann rechtfertigen
    Ich habe neulich in einem Buch sagte der Graf von Rivera eine artige
Geschicht gelesen die sich nicht übel hieher schicket Ein frommer Nazarener
der die Wahrheit liebte solche aber in der Aufführung der Christen so wenig als
bei seinen Glaubensgenossen fand kam einsmahl auf der Reise in ein großes
GastHaus worinnen Christen von allerhand Secten waren sie machten sich alle
an ihn und wollten ihn bekehren Nur einer saß still und hörte ihnen zu Der Jud
war verwundert dass dieser mit den andern nicht gleichen Eifer zeigte ihn zur
Annehmung seiner Religion zu bereden er machte sich deswegen von den andern
los setzte sich zu diesem Menschen befragte ihn ob er nicht auch ein Christ
wär und warum er ihn nicht ebenfalls zu bekehren suchte dieser antwortete ihm
dass er noch selbst erstlich dahin trachtete ein rechter Christ zu werden Wie
fragte der Hebräer seid ihr denn nicht ein gebohrner Christ Ja versetzte
jener ich bin wohl von Eltern geboren die sich Christen nanten aber dieses
macht deswegen noch keinen Christen es gehört mehr darzu Ich verstehe euch
nicht fuhr der Jude fort von welcher Religion oder Secte seid ihr denn Ich
suche einzig und allein erklärte sich dieser ein rechter Christ zu werden
ohne mich darum zu bekümmern zu welcher Secte ich mich schlagen soll denn die
Zänkereien und Trennungen die man unter ihnen wahrnimmt zeigen wohl welcher
Secte aber nicht welcher Religion sie zugetan sind Nun ist nur eine
Religion diese lässt sich nicht trennen Der Jude war ganz verwundert einen
Christen von dieser Art anzutreffen und forschte deswegen bei ihm weiter ob
denn wenn ein Jude gedächte ein Christ zu werden er nicht notwendig zu einer
von ihren Secten sich schlagen und gegen die andre sich erklären müsste Wie man
ehedessen antwortete darauf jener hätte ein Christ sein können ehe noch die
Secten aufgekommen wären so könnte man auch noch heutiges Tages ein solcher
sein ohne sich zu einer Secte zu schlagen Man muss fuhr er fort das
Christentum nicht nach dem äußerlichen Rock urteilen worin sich eine jede
Secte kleidet es ist an und für sich selbst ganz einfältig und bestehet nicht
in solchen besonderen Meinungen womit man solches beschränken will sondern
darin dass man mit aller Aufrichtigkeit des Herzens den Lehren des Evangelii
suchet nachzuleben
    Ja das ist wohl gut erinnerte hiebei der Herr von Greenhielm aber man muss
doch auch wegen der Ordnung Zucht und Unterweisung sich nochwendig zu einer
äußerlichen Kirche mit bekennen weil sonst die Verwirrung beides im
Geistlichen als Weltlichen zu sehr überhand nehmen würde Der Graf gab ihm
darin Beifall Nur wünschte derselbe dass man sich bei dem öffentlichen
Gottesdienst mehr nach dem gemeinen Mann als nach der Spitzfindigkeit der
Gelehrten richten möchte damit die Tempel wenigstens Schulen der Andacht und der
Tugend sein mögten wenn man gleich darin die verschiedene Begriffe und
Meinungen nicht zusammen vergleichen könnte
    Mit diesen und dergleichen Gesprächen unterhielten sich diese drei Herren
auf ihrer Reise sie wurden ein paar Stunden vor Panopolis von dem Herrn von
Ridelo eingehohlet in dessen Pallast sie abstiegen der Graf von Rivera bezog
darin sein voriges Quartier seine beide ReiseGefehrden aber mieteten sich
einige Zimmer in der Nachbarschaft Den andern Morgen war das VorGemach des
Grafens von den vornehmsten Herren und Bedienten des Hofs angefüllet welche
sich darin versammelt hatten um ihn zu bewillkommen und bei demselben ihre
Glückwünsche abzulegen
    Der Graf verfügte sich darauf nach Hofe er fand den König krank die
Medicinische HofFacultät stund um ihn herum ihr ängstliches Beratschlagen
ihre zweideutige Gesichter ihre lange Recepten die sie verschrieben alles
dieses machte dem König bang er meinte dass er nun sterben müsste und diese
Furcht vermehrte seine Krankheit
    Weil es in der HerbstZeit war und zuweilen ein raues Lüftgen wehete so
ließ ihn seine LeibÄrzte nicht aus seinem Zimmer kommen und aller Luft
darin den Eingang verbieten Die Fenster wurden nicht allein mit Läden
verwahret sondern auch allenthalben mit Vorhängen bezogen Wer zur Tür herein
trat dem wurde furchtsam entgegen gewinket sich nicht lang darunter zu
verweilen und solche hurtig wieder zuzumachen
    Der Graf von Rivera welcher der vollen Luft gewohnet war suchte aus der
hohlen Brust sich den Otem heraufzuziehen der ihm in diesem Zimmer schien
kürzer zu werden Der König tat als ob er ein wenig ruhte der Graf setzte
sich deswegen auf einen Stuhl in das VorGemach wo die Herren Leib und
HofÄrzte ihre Geheimnisse zu Papier gebracht hatten Er nahm ein Pülvergen und
ein Gläsgen nach dem andern in die Hand und las die daran geheftete Zettel mit
Schrecken die Ungedult übernahm ihn Aber wie meine Herren sprach er zu den
Aerzten wollen sie den König gesund machen und brauchen ihm alle diese
Arzneien Er sagte diese Worte mit einen so erhabenen Ton dass der König fragte
wer da wäre der Graf von Rivera antwortete der Kammerherr der die Aufwartung
hatte Der Graf von Rivera wiederhohlte der König indem er sich im Bette
aufrichtete lasst ihn herein kommen Der Graf kam und küsste dem König die Hand
mit der gröstem Demut und bezeigte ihm sein tiefes Mitleiden dass er denselben
unpässlich fänd Der König winkte dem Kammerherrn dass man ihn mit dem Grafen
sollte alleine lassen hier versicherte der König den Grafen seiner Gnade und
bat ihn das geschehene zu vergessen
    Er klagte ihm darauf seine Not und wie er fürchtete dass er sterben müsste
der Graf aber redete ihm einen Mut ein und versprach ihn mit Gottes Hülf
wieder zurecht zu bringen wenn er sich seiner Cur anvertrauen wollte Wie
sprach der König wie wolt ihr mich zurecht bringen ihr seid ja kein Doctor
Ich kenne nichts destoweniger Ew Maj Natur und Temperament besser als wenn
ich ein Doctor wär erwiderte der Graf Ew Majestät erlauben mir dass ich meine
Gedanken darüber dero zweiten LeibMedico entdecken möchte
    Der Graf stund damit auf ging in ein NebenZimmer und ließ den Herrn
Hippon so nante sich der LeibArzt zu sich kommen Mein wertster Herr Doctor
redete er ihn an ich habe die Ehre sie als einen sehr vernünftigen und
gelehrten Mann zu kennen ich kann mir deswegen nicht einbilden wie sie mit den
andern Herren LeibAerzten übereinstimmen sollten den König auf eine solche Art
zu tractiren die seiner ganzen Natur entgegen ist und solche wohl gar
aufreiben dürfte wenn sie damit fortfahren sollten Der Herr Hippon zuckte
darüber die Schultern und bekannte dem Grafen dass er mit seinen Herren Kollegen
nicht einerlei Meinung wäre er sei aber überstimmet Der Aelteste unter ihnen
gab sich in seinen Aussprüchen das Ansehen der Unfehlbarkeit der andere wär
sein Schüler der durch ihn sein Glück gemacht hätte und nehm sich deswegen
wohl in acht ihm nicht zu widersprechen Also sprach der Graf übet ihr Herren
eure Kunst auf des Königs Gefahr um das Ansehen eurer Wissenschaften zu
erhalten Was wollen aber der Herr Graf fragte Hippon dass man bei der Sache
tun soll Ich will ihnen erwiderte der Graf meine Meinung sagen und wenn
wir wie ich vermute darin übereinstimmen so lassen sie mich machen
    Dass sich der König so übel befindet fuhr der Graf fort kommt von dreierlei
Ursachen Erstlich von einem unordentlichen und unmässigen Leben zweitens von
verschiedenen heftigen GemütsBewegungen und drittens von dem stets
anhaltenden Gebrauch vieler Arzneien Was daraus mein Herr wenn diese Dinge
zusammen kommen in dem menschlichen Körper vor Unheil entstehet wissen sie
besser als ich Wir müssen also nach meiner einfältigen Philosophie zuforderst
die Ursachen der Krankheit so viel möglich aus dem Wege zu räumen und den
schädlichen Einfluss derselben abzuleiten trachten
    Ich meine der ehrliche Hippocrates habe gesagt wer einen kranken Körper
nähret der nähret nur die Krankheit erfüllt ein zähes und dickes Blut die
AdernGänge und böse schleimigte Säfte verhindern die Verdauung des Magens so
lehret uns die Natur dass eine freie Luft und eine gemässigte Bewegung besser
sei das Geblüt zu verdünnen und den Magen seiner Pflicht zu erinnern als
warme Bette gehejetzte Stuben und zugesperrte Zimmer Ich kenne Leute die
deswegen keine geschlossene Gemächer wenn sie voller Menschen sind vertragen
können weil bei ihnen eine volle Luft erfordert wird um der Bewegung in ihrer
Lunge den ersten Andruck zu geben und vermittelst dieses TriebWerks das Blut
durch alle Adern durchzudrängen
    Ich weiß nicht ob ich mich hier Medicinisch erkläre fragte hiebei der Graf
den LeibArzt gar wohl sprach dieser der Herr Graf sprechen als ob sie von
unserm Handwerk wären Wenn sie mich nur verstehen fuhr der Graf weiter fort
meine Meinung wär also diese Man ließ dem König Luft und hielt ihn zur Diät
und einer mäßigen Bewegung viele Arzneien machen die Natur in ihrer Würksamkeit
nur irre Man müsste dabei sein Gemüt mit allerhand unschuldigen Abwechselungen
und Ergötzlichkeiten unterhalten alle verdrießliche Sache aber so lang vor ihm
verborgen halten bis er wiederum eine gewisse Stärke erlanget hätte Wann sie
dieses mein Herr Hippon für gut halten so will ich alsbald darzu Anstalt
machen den König morgen nach der Einsiedelei zu bringen
    Hippon billigte alle des Grafens Anschläge und versprach ihm darin
behilflich zu sein sie gingen darauf wieder zu dem König Ew Majestät seien
gutes Muts redete der Graf ihn an morgen so Gott will werd ich die Gnade
haben dieselbe nach der Einsiedelei zu begleiten für das übrige lassen sie
mich sorgen Der König meinte der Graf wär nicht wohl bei Sinnen wie sprach
er soll ich mich in die Luft wagen wo soll ich Kräfte hernehmen eine solche
Reise zu tun Hippon sagte darauf dem König er könnte des Grafens Anschlägen
ohne Gefahr sich anvertrauen es würde schon alles gut gehen der Graf
beurlaubte sich damit bei dem König
    Er fand unter andern Bedienten auch den Silon im VorGemach mein lieber
Silon redete er ihn an indem er ihm die Hand reichte ich weiß dass er dem
König getreu ist und dass er deswegen mich hat suchen bei ihm in Ungnad zu
bringen ich verzeih ihm solches von Herzen er hat wohl getan dass er auf
meine Aufführung die ihm verdächtig schien ein wachsames Auge gehabt ich will
mir jetzo seine Freundschaft ausbitten wir wollen beiderseits unsere Treue für
den König vereinigen ich werde Gelegenheit haben ihm allen von mir geschöpften
Argwohn zu benehmen Silon wusste sogleich dem Grafen hierauf nicht zu antworten
er hatte sich einer so freundlichen Ansprach von demselben nicht versehen er
wollte sich wegen des vergangenen bei ihm entschuldigen der Graf aber druckte
ihm die Hand und sagte es wär schon alles vergessen
    Er machte darauf hurtig Anstalten den König nach der Einsiedelei zu
bringen Er fuhr mit anbrechendem Tag in Gesellschaft seines Wirts des Herrn
von Ridelo zu dem alten Einsiedler der ihn mit FreudenTränen empfing er
entdeckte ihm sein Vorhaben der Einsiedler fand solches wohl ausgedacht der
Herr von Ridelo lies darauf die unter seinem Befehl stehende Aufseher der
Königlichen LustHäuser in geschwindester Eil zusammen kommen und die Gemächer
in der Einsiedelei mit nötigen Tapeten Bettungen und andern Gerätschaften
versehen
    Der Graf von Rivera kam gegen Mittag wieder nach Hofe der König saß auf
einer Ruhbank und hatte seinen Kopf in ein Küssen gesteckt Der Graf von Rivera
fragte ihn wie er sich befänd Der König antwortete ihm schlecht er hätte die
Nacht über nicht geschlafen Ich hoffe versetzte der Graf Ew Majestät sollen
diese Nacht besser ruhen Was wolt ihr denn mit mir anfangen fragte ihn der
König Ew Majestät sagte der Graf werden sich gnädigst gefallen lassen
diesen Nachmittag nach der Einsidelei zu verreisen Ich glaube Graf erwiderte
der König ihr seid nicht klug wie soll ich denn hinkommen Ich nehm
antwortete der Graf diese kleine Reise von Ew Majestät auf meine Gefahr und
ich weiß dass sie dero Gesundheit zuträglich sein wird Als nun Hippon darzu mit
einstimmte so ließ sich endlich der König bereden Die andere beide LeibÄrzte
wollten mit dieser Unternehmung des Grafens nichts zu tun haben Dem ungeachtet
so fasste dieser den König unter den linken Arm mittlerweile dass derselbe sich
mit dem rechten auf einen Kammerherrn stützte und brachte ihn solchergestalt in
einem guten PelzMantel eingewickelt in die Gutsche
    Es war zu gutem Glück einer von den schönen HerbstTagen die der
angenehmsten SommersZeit nichts nachgaben Der König hatte noch kaum das freie
Feld erreichet so warf er schon seinen Pelz von sich und bekam ein wenig
Farbe man hatte die Gläser an der Gutschen bisher zugehalten die Sonne
brannte von außen durch dieselbe dass der König anfing warm zu werden Der
Graf ließ deswegen das Fenster auf der Seiten wo er saß herunter und dem
König bekam die Luft nicht übel
    Die Pferde lieffen unterdessen in einem starken Trab fort so sanft auch die
Gutsche in Riehmen und in Federn hing so machte sie doch einige
Erschütterungen zuweilen setzte es auch ein wenig unsanfte Stöße Nicht wahr
fragte der Graf im Scherz den Herrn Hippon welcher neben ihm gegen über dem
König saß diese Stöße sind gut man findet eine solche Arznei nicht in allen
Apoteken Der König musste darüber lachen Ihr seid mir wahrhaftig ein
possierlicher Doctor sprach er zu dem Grafen ich finde mich wirklich ein wenig
leichter nur ist mir der Kopf etwas schwindelich das macht erwiderte der
Graf weil Ew Majestät sich bisher der Luft entwöhnet und lange nicht aus dero
Zimmer kommen sind doch kann man jetzo ein wenig sachte fahren Er rief damit
einem an dem Schlag reitenden Edelknaben und befahl dass der Gutscher die
Pferde nur einen Schritt sollte gehen lassen
    Nachdem der König anderthalb Stunden gefahren war ließ der Graf ein wenig
halten und dem König zur Erfrischung einen Trunk von einem roten Wein welcher
in der Gegend von Bontacko wächset und für den gesundesten gehalten wird mit
einem Biscuit reichen Der König ließ sich solches gut schmecken und wurde
immer munterer
    Im Fahren beobachtete der König die schöne Gegend besonders war er sehr
vergnügt längst dem breiten Strohm unter einer langen BaumAllee nach Bellahai
zu fahren Als sie den Garten dieses prächtigen Schlosses erreichten fragte der
Graf den König ob er nicht Lust hätte ein wenig auszusteigen der König sagte
ja wenn es ihm anders der Graf als sein außerordentlicher LeibDoctor
erlauben würde Er stieg damit aus der Gutsche lehnte sich im Gehen auf den
Grafen und bedankte sich für dessen guten Rat indem er sich weit besser
befände als die vorige Tage
    Man trug eben die rare Gewächse und PomeranzenBäume in ihre
WinterBehausung der König freute sich darunter einige zu bemerken die so
voll der schönsten Früchten hiengen dass ihm solches kaum natürlich schien Der
Gärtner und seine Leute sahen nicht so bald den König ankommen so liefen sie
hinzu und brachten ihm allerhand rare Gewächse und Blumen entgegen Die Freude
und Entzückung womit sie solches taten und die übelgesetzte aber
wohlgemeinte Wünsche die sie für des Königs Gesundheit ausstiessen gefielen
demselben wohl er befahl ihnen dafür ein Geschenke zu reichen
    Der Graf ließ unterdessen die Wasser springen Ein Chor der besten
Waldhornisten die er voraus gesandt hatte stießen nach der Kunst in ihre
Hörner und wechselten darauf ihre lang samgezogene Töne mit dem
helldurchdringenden Klang der Klarinetten welche mit dem angenehmen Rauschen
der spielenden Wasser eine süße Harmonie machten
    Es war noch eine kleine Stunde von diesem LustSchloss bis nach der
Einsiedelei Die Demmerung begunte einzubrechen und die Abende waren bereits
kühl Der Graf erinnerte demnach den König die Reise weiter fortzusetzen und
seinen PelzMantel wieder um sich zu schlagen
    Sie kamen damit nach der Einöde welche aus einem HauptGebäude einer
Kapelle und zwölf kleinen Häusern bestund deren jedes nur einen VorSaal ein
Zimmer und ein Kabinet hatte Das Schloss lag in der Mitte auf einer kleinen
Anhöhe es war mit einem WasserGraben und einer breiten Gallerie umgeben eine
schier unendlich scheinende Aussicht in eine ganz offene Landschaft schilderten
den Augen die entzückenste Gegend von hinten war das Königliche Gehege welches
mit vielen Schneesen bis nach Bellahai durchhauen war Das Gebäude hatte in der
Mitte ein großes rundes Dach durch welches das Licht in einen achteckigten
Saal herunter fiel auf diesen Saal stießen vier Zimmer mit eben so viel
Kammern welche allesammt auf die sinnreichste und anmutigste Art ausgezieret
waren
    Der König war beides sowohl von dieser unvergleichlichen Aussicht als von
den gemachten Anstalten des Grafens angenehm gerühret er sah den Untergang der
Sonnen und die einbrechende Nacht mit vergnügten Augen an die anmutige Stille
so in dieser Gegend herrschte war ihm eine süße Abwechselung mit dem unruhigen
Getöse seines Hofes der Graf bat ihn sich auf eine Ruhbank zu legen und seine
Sinnen so lang in einen angenehmen Schlummer zu versenken bis es Zeit sein
würde zur Tafel zu gehen der König ließ sich alles von seinem neuen LeibArzt
gefallen er streckte seine Glieder auf dieses gemächliche Gestelle es brannte
ein kleines Feuer im Kamin einige WachholderStauden krachten darinnen mit
einem blitzenden Funkeln und durchdrangen mit ihrem lieblichen Geruch die noch
übrige Feuchtigkeiten des Königlichen SchlafGemachs
    Alles war still niemand kam in das Zimmer worin der König lag doch stund
die Tür davon offen wo im VorGemach ein Kammerdiener aufwartete Der König
war in einen tiefen Schlaf gefallen und genoss einer so süßen Ruh als er in
langer Zeit nicht gehabt hatte Es war noch eine Stunde vor Mitternacht der
König schlief noch immer Man fragte den Grafen ob man ihn nicht zur
AbendMahlzeit aufwecken sollte Mit nichten sagte dieser der Schlaf ist dem
König gesunder als das beste Essen Endlich erwachte derselbe eine Stunde nach
Mitternacht er fragte sogleich nach dem Grafen und als dieser kam rief er ihm
entgegen er hätte unvergleichlich geschlafen und fänd sich nun ganz erquickt
er fügte hinzu dass er wohl etwas essen möchte Wenn Ew Majestät war darauf des
Grafens Erinnerung sich für dissmahl mit einer Tasse Schocolad und einem
Biscuit begnügen wollen so geschähe mir eine Gnade Ey Ey sprach der König
was seid ihr vor ein unbarmherziger Doctor Ich muss euch nun wohl folgen Der
Graf riet ihm darauf mit einem kleinen Spiel sich so lang zu belustigen bis
der Schlaf wieder kommen würde Der König aber bat den Grafen ihm einige
Umstände von dem letztern FeldZug zu erzählen
    Der Graf war erfreut dass der König durch diesen Befehl ihm Gelegenheit gab
seine gute Meinungen und Absichten demselben zu erkennen zu geben Doch wusste er
seine Reden so geschickt einzurichten dass sie mehr ein Gespräch als eine blose
Erzählung waren Er sagte dem König das wenigste von sich selbst und von dem
was er verrichtet hatte er zeigte ihm wo man gefehlet und wie dergleichen
Fehler hinfüro könnten vermieden werden Dem König mangelte es weder an Verstand
noch Einsicht die Bescheidenheit des Grafens gefiel ihm wohl er wusste wie
sehr er demselben wegen seiner erwiesenen Tapferkeit und Klugheit verbunden war
    Der König wollte etlichmachl von der Gräfin von Monteras zu sprechen
anfangen allein das Andenken davon war ihm noch zu empfindlich er konnte ohne
äußerste GemütsBewegung sich nicht wohl ihrer erinnern Der Graf gab ihm
endlich selbst Anlass von ihr zu reden Ich wär nun sagte er wegen Ew Majestät
Gesundheit außer Sorgen wenn ich nur auch hoffen könnte deroselben GemütsRuh
wieder in guter Verfassung zu sehen
    Ich versteh euch Graf versetzte der König wo ihr hinzielet ihr werdet
mir verzeihen was mich meine heftige Liebe zu der Gräfin von Monteras in
Ansehung eurer hat tun machen Wie ich höre so ist sie auf einem ihrer
LandGüter und lebt von der Welt in einer abgezogenen Stille dergestalt dass
sie ganz nicht mehr soll zu bewegen sein einigen Besuch weder von mir noch
meinen Kavallieren anzunehmen
    Dieses sollte mich glauben machen antwortete darauf der Graf dass Ew
Majestät sich desto leichter entschließen würden dero Königliche Neigung auf
eine Prinzessin zu wenden welche mit mehr Erkäntlichkeit als die Gräfin von
Monteras die Gunst eines so großen Königs zu verehren weiß
    Die Gräfin von Monteras erwiderte der König mit einem Seufzer scheint
mir allzu liebenswürdig als dass ich sie so leicht sollte vergessen können Wenn
dieselbe Ew Majestät auch vergnügt machen könnte war des Grafens Antwort so
wolt ich deroselben diese Neigung keineswegs wiederraten allein so ist
dieselbe aller ihrer Vorzügen und guten Eigenschaften ungeacht doch weder von
einer solchen Geburt noch von einer solchen GemütsArt dass sie sich auf den
Aquitanischen Thron schicken sollte Könige und Fürsten pflegen immer hierinn
einen gewissen Wohlstand zu beobachten welche ihrer Hoheit und denen Umständen
eines Königlichen Hauses gemäß ist
    Ich versteh euch Graf von Rivera unterbrach hier der König mit einiger
Bewegung ihr wolt sagen die Gräfin schicke sich besser für euch Ich sage
dieses nicht erklärte sich hierauf der Graf ich denke jetzo nur allein auf das
Vergnügen meines Königes Ich leugne nicht dass ich die Gräfin liebe allein
ich kenne die Pflicht womit ich Ew Majestät verbunden bin ich werde nichts
tun was derselben zuwider ist
    Weil der Graf vermerkte dass dieses Gespräch des Königs Empfindlichkeit noch
allzuzärtlich rührte so lenkte er solches auf die Angelegenheiten des Staats
Ew Majestät sagte er würden wohl tun wenn sie einen Gesandten an den
Licatischen Hof zu schicken sich gnädigst wollten gefallen lassen Es ist
nötig dem König dieser uns benachbarten Völcker gewisse für beide Kronen
vorteilhafte FriedensVorschläge zu tun bevor die Sachen noch in größere
Weitläuftigkeiten ausbrechen und die Licatier durch neue Bündnisse zu mächtig
werden mögten Der Graf um dem König zu zeigen dass er nur darauf bedacht sei
ihm und dem Staat zu dienen bat denselben dieses Geschäfte ihm anzuvertrauen
    Der König ließ sich zwar den Vortrag des Grafens gefallen doch bezeigte er
ihm auch dass er seiner Gegenwart nicht gerne lang beraubet sein möchte und dass
er nicht eher ihm erlauben könnte diese Reise anzutreten als bis er wieder zu
seiner völligen Gesundheit gelanget sein würde
    Gegen Morgen empfand der König wieder eine Neigung zum Schlaf man kleidete
ihn aus und legte ihn zu Bette er schlief wiewohl nicht so gut als auf der
Ruhebank Nach 10 Uhr stund er wieder auf Der Graf war bald bei der Hand Nun
kommen Ew Majestät allmählig wieder in die Ordnung sprach er zu dem König Der
Tee mit einigen frischeingemachten PomeranzenSchalen war zum Frühstück
bereit Der König ging dabei im Schlafrock in diesem kleinen LustGebäude
herum er sah von außen die anmutigste Gegend und von innen die sinnreichste
Gemälde welche mit den nachdrücklichsten Sinnbildern und LebensRegeln
bezeichnet waren Der Graf machte den König unter andern folgende beobachten
    Ein springendes Wasser dessen in die Luft schiessender Strahl eine Krone in
der Höhe erhält mit dieser Unterschrift Er erhält Vermutlich weiset dieses
Sinnbild sagte der Graf auf die Göttliche Vorsehung welche gecrönte Häupter
durch ihre verborgene Macht in der Höh erhält ohne welche sie sonst leicht zu
Boden stürzen
    Ein von einem Felsen sich herabstürzender Bach welcher ein MühlRad
treibet mit den Worten Lebendige Wasser treiben Der Graf erklärte dieses
Sinnbild dass das Leben und die Gesundheit des Menschen in einer fortdauernden
Bewegung und in dem steten Zufluss reiner und frischer Säfte bestünde Stille
Wasser sprach er haben insgemein schädliche Dünste da im Gegenteil
rauschende Bäche die sich von hohen Felsen in die Täler ergießen für die
gesundeste gehalten werden Immer stille liegen macht den Menschen dickblütig
immer rennen und laufen erschöpfet die Kräfte In einer ordentlichen Bewegung
aber bestehet das Geheimnis der Gesundheit Die GemütsRuh müssen wir in uns
selbst suchen sie können von außen nicht in uns Angenehme Zufälle erfreuen
widerwärtige betrüben beide aber stöhren nicht leicht unsere GemütsRuh wenn
einmal das Triebwerck unserer Natur in Ordnung ist
    Das dritte worüber der König selbst eine Auslegung verlangte war ein Feld
voll allerhand Waffen und Rüstungen in dessen Mitte ein geharnischter Plock
stunde wobei sich Pallas in den Wolken zeigte mit der Umschrift Was nutzen
diese  wo jene abwesend ist
    Dieses erkläret sich leicht antwortete der Graf die Waffen bedeuten Macht
und Stärke wo aber die Weisheit welche hier durch die Pallas vorgestellt
wird abwesend ist da kann mit allen Waffen und verkehrten Anstalten nichts
ausgerichtet werden Dieses neben stehende will fast eben dieses sagen Es ist
ein mit vollen Seegeln durch die MeeresWellen streichendes Schiff welches nur
von einem Steuermann regieret wird die Worte sind Einer regieret alles Dieses
kann unmittelbar von Gott mittelbar aber von einem Regenten verstanden werden
wo das Versehen eines einzigen Menschen oft viele tausend unglücklich macht
nicht anders als ein unverständiger Steuermann der sich mit so viel Menschen
und Gütern die er auf seinem Schiffe hat in den Grund seegelt
    Was bedeutet dann forschte der König weiter dieses vortreffliche Geschirr
da so viel Leute nach einander kommen und was sie in ihren Gefässen tragen
hineinschütten welches aber alles unten wieder durchläuft und von Kröten
Eidexen Schlangen und anderem Ungeziefer aufgelecket wird Die Unterschrift
lautet Wir füllen vergebens Dieses allergnädigster König hat wohl eine
nachdenkliche Bedeutung Der schöne Topf den Ew Majestät hier sehen ist dero
SchatzKammer die Leute die Most und Öl hinein schütten sind dero
Untertanen das Loch wo unten alles durchlauft zeigt eine üble Haushaltung
und die daherum sich einfindende Ungeziefer sind die viele Schlemmer und
Müßiggänger die sich an dero Königl Hofe befinden
    Genug Graf sprach der König ihr solt mir heut kein Sinnbild mehr
auslegen ich sehe ihr seid ziemlich aufgeräumt mir die Wahrheit zu sagen
Wolte Gott versetzte der Graf mit einer demütigen Gebehrdung ich könnte Ew
Majestät nur so viele und wichtige Wahrheiten sagen dass sie mögten gesünder
ruhiger und der glückseeligste Monarch in der Welt werden dieses ist der
einzige Zweck von meinen freien Reden Der König druckte hierauf den Grafen mit
einer herzlichen Bewegung an seine Brust redet nur mit mir sprach er als mit
eurem Freund ich sehe wohl dass ihr aufrichtig seid und es gut mit mir meint 
    Nachdem der König hierauf mit dem Grafen ein paar Partien auf dem Biliard
gespielt hatte kam Herr Hippon mit seinen Magenstärkenden Tropfen und bat
den König solche einzunehmen
    Als dieses geschehen ließ der König sich ankleiden und ging wieder in den
großen Saal darin seine bei sich habende HofBedienten nebst einigen Herren
und Räten sich befanden Der König aber behielte weil er Churmäßig leben
sollte niemand bei sich zur Tafel als den Grafen von Rivera und den
Kammerherrn der die Aufwartung hatte Die Tafel war klein und mit wenig
Speisen besetzt Fette Suppen Fricasseen Pasteten Torten Fische
MehlMilchBack und Zuckerwerk zusammt dem Obst welches der König überaus
liebte imgleichen dicke süße und schwere Weine die jenseit der Gränze von
Itrurien wachsen und von keiner leichten volatilischen Natur sind alles dieses
war hier nicht zu finden
    Der König als er diese so magerbesetzte Tafel mit Nachdenken betrachtete
und seine liebste Speisen nicht mit dabei fand fragte den MundKoch wer die
Küche so schlecht bestellt hätte dieser antwortete der Herr Graf von Rivera
habe ihm den KüchenZettul gegeben und der Herr Doctor Hippon hätte selbst ihm
kochen helfen Der König musste über diese Nachricht die der MundKoch mit einer
ganz trocknen Art heraus sagte von Herzen lachen und als Hippon darauf seine
gewöhnliche Stelle hinter ihm bei dem Mundschenk einnehmen wollte befahl ihm
der König weil er die Küche so Medicinisch besorget hatte dass er auch mit
essen sollte Die andere Herren wurden angewiesen in einem von den sogenannten
Pavillons zu speisen
    Der König aß ohneracht der wenigen Tractamenten mit so großen Appetit
dass seine beide GesundheitsRäte ihm darin Einhalt tun mussten Nach der Tafel
ließ sie weil es gut Wetter war des Königs JagdWagen anspannen und fuhren
mit ihm nach dem Wald wo der Graf einiges Wild hatte zusamen treiben lassen im
Holz ließ sich die Jäger mit ihren JagdHörnern hören und der König schoss
ein paar Rehböck Den Abend hatte der Graf ein paar vortreffliche Sängerinnen
nebst einigen Königlichen Virtuosen zu einer KammerMusik bestellt wobei der
König sich überaus vergnügt bezeigte
    Der Graf unterhielt sich bei dieser Gelegenheit eine Weile mit dem alten
Einsidler in seinem Zimmer allein Er empfing von ihm die beste Lehren und
fragte ihn in den wichtigsten Dingen um Rat Der Einsidler warnete ihn
insonderheit vor der Ehrsucht als der allergefährlichste Neigung großer
Geister sie müssen sich sprach er zu demselben als ein Werkzeug in der Hand
der Göttlichen Vorsehung betrachten ohne sich selbst deswegen im mindesten
etwas von dem guten Fortgang einer Sache zuzuschreiben noch sich darüber selbst
zu schmeicheln Dann dieses trennet den Menschen von Gott und außer Gott ist
der Mensch eine arme und elende Kreatur
    Der Graf war in diesem Fall nicht wie andere junge Leute die wenn sie ein
blindes Glück erhoben solches ihrer eigenen Vortrefflichkeit zuschreiben und
in dieser Einbildung so weit gehen dass sie meinen sie wüsten bereits alles
und hätten deswegen nicht nötig dass man sie noch unterrichte So große
Eigenschaften auch in dem Grafen sich beisammen fanden so hatte er dennoch an
sich selbst und an seinen Verrichtungen noch vieles auszusetzen er bekannt
solches dem frommen Einsiedler Ich habe wohl sprach er gute Meinungen und
Absichten allein ich bin noch weit vom Ziel ich bin oft mit mir selbst so
wenig zufrieden dass ich schier darüber den Mut verliehre
    Dieses ist wohl mein liebster Graf antwortete ihm Pandorest in gewissen
Absichten gut allein sie müssen sich dabei wohl in acht nehmen dass dieses
Misfallen ihrer selbst nicht zu weit gehe es steckt öfters ein subtiler
Hochmut darunter verborgen welcher nur deswegen mit sich selbst nicht
zufrieden ist weil uns gewisse Gaben und Vollkommenheiten mangeln damit man
gerne sich groß machen und sich selbst wohlgefallen möchte Die währe Weisheit
entdecket uns die Abhänglichkeit von Gott und unser eigen Nichts sind wir
einmal so weit gekommen so wird es uns wenig Kummer machen ob wir wenig oder
viel Gaben besitzen wir sind zufrieden so lang wir uns einfältig und
aufrichtig an Gott halten er mag uns zu etwas großes oder auch zu nichts in
dieser Welt gebrauchen seine Absichten sind die Regeln unseres Lebens und wie
er uns solche zu erkennen gibt so müssen wir uns ihnen auch hingeben Die
Einflüsse von oben welche alles Gute in uns beleben und hervorbringen mangeln
niemals bei einem rechtschaffenen Eifer der die Redlichkeit unseres Herzens
zum Grunde hat
    Als diese beide Herren also mit einander redeten erschallte im großen Saal
die Musik Der Graf nahm daher Anlass den Einsiedler zu fragen was er von den
gewöhnlichen Lustbarkeiten des Hofes hielte und ob er wohl meinte dass ein
guter Christ ohne Verletzung seines Gewissens daran mit Anteil nehmen könnte
Wenn dergleichen Ergötzlichkeiten an und für sich selbst unschuldig sind
antwortete dieser so seh ich nicht was man dadurch bei Gott verdienen sollte
wenn man sich ihrer entäussern wollte Ein jedes Alter und ein jeder Stand aber
hat seine gewisse Ergötzlichkeiten die ihm eigen sind je älter man wird je
mehr verliehret man davon den Geschmack Die Sinnen nutzen sich nach und nach
ab und werden stumpf das zärtliche Gefühl die Empfindungen der Lust die
Stärke der EinbildungsKraft verschwinden und man kann mit dem alten Barsillai
die Stimme der Sänger und Sängerinnen nicht mehr unterscheiden Unterdessen aber
gönnte dieser doch solche Freude noch gerne seinem Sohn und ließ ihn auch mit
dem König David nach Hofe ziehen
    Es sind fuhr Pandoresto fort verschiedene Arten der Belustigungen einige
sind ihrer Natur nach unschuldig und werden nachdem man sich derselben
bedienet entweder gut oder böse Sie sind gut wann sie die Gesundheit des
Leibes befördern den Geist ermuntern und das Herz mit edlen und großmütigen
Regungen erfüllen sie sind böse wenn sie das Gegenteil wirken und diejenige
heilige Ordnung stöhren welche Gott in allen unsern Handlungen will beobachtet
wissen Die beste Sachen in der Welt können durch einen verkehrten und
unordentlichen Gebrauch böse werden die Strafen folgen hier dem Verbrechen auf
dem Fuße nach Gott strafet dergleichen Laster und Ausschweifungen nicht sie
rächen sich selbst und strafen die Ubertreter der Göttlichen Unordnungen mit
einem ihrem Verbrechen gemässen Leiden Lasterhafte Leute machen auch die
unschuldigsten Ergötzlichkeiten böse ihnen ist nichts eine Lust wo die Sünde
solche nicht schärfet und abscheulich macht Die Natur eines vernünftigen
Menschen ist ihnen darzu nicht empfindlich genug sie müssen dabei die
Menschheit ausziehen die Vernunft verliehren und darüber zu einem Vieh werden
Es ist gewiss dass die unschuldige Belustigungen die sündliche mehr verhindern
als verursachen um aber solche zu kennen muss man weise und tugendhaft sein
und die Künste und Wissenschaften lieben
    Wie kommt es aber fragte der Graf weiter dass es so viele fromme Leute
geben die schier alle Belustigungen für sündlich halten und solche deswegen
keinem Christen gestatten wollen Diese Leute erklärte sich Pandoresto sind
entweder in der Tat, oder nur zum Schein fromm Die Erste irren im Begriff den
sie vom Bösen und vom Guten haben sie wissen nicht was Gott was der Mensch
und was die Welt ist Der Grund ihres Irrtums hat nichts destoweniger etwas
gutes sie wollen sich an Gott nicht versündigen sie fürchten sich deswegen vor
der Gelegenheit wer wollte diese Leute wegen der Zärtlichkeit ihres Gewissens
tadeln das sei ferne Ich halte das Tanzen und Spielen in gewisser Maß für
eine erlaubte Lust ich wollte aber keinem der sich daraus ein Gewissen macht
darzu raten Viele gehen deswegen nicht in die SchauSpiele ohneracht diese
Are von Ergötzlichkeit wenn sie wohl und vernünftig eingerichtet würde mit
unter die nützlichsten und erbaulichsten könnte gerechnet werden Ich sehe
daraus dass die Belustigungen nicht allen Menschen gleich durch erlaubet sind
Zeit Alter Stand Gefahr und das Gewissen eines jeden Menschen lehren uns
wie weit wir darinnen gehen dürfen
    Was die ScheinFrommen anlangt die unter der Larve der Heiligkeit die
größte Heuchler abgeben so pflegen dieselbe insgemein aus gewissen heimlichen
Absichten sich der äußerlichen Lust und Ergötzlichkeit zu entschlagen sie
halten sich wegen des Zwangs den sie sich hier antun auf eine Art schadlos
dass sie solchen gegen andere Vorteile reichlich auf Wucher legen Die heimliche
Lust ist ihnen empfindlicher als die öffentliche Freude das Ansehen der
Weisheit und der Frömmigkeit nähret ihren Hochmut und die Sparsamkeit ihren
Geitz Sie sind diejenige welche der Heiland Mückenseiger und
KameelVerschlucker nennet weil sie aus allen Kleinigkeiten große Sünden
machen von außen rein scheinen inwendig aber voller Unreinigkeit und böser
Tücke sind Dieses sind in der Tat die gefährlichste Leute in der Welt die
indem sie wie die Pharisäer sich durch ihre Scheinheiligkeit über alle die
gemeine Schwachheiten erheben nicht einmal leiden können dass sichs andre wohl
sein lassen Sie machen dem Christentum bei Leuten die Vernunft haben nur
ein böses Ansehen indem sie die Empfindungen der Natur und der Billigkeit
übernhauffen werfen ohne Gott und der Religion dadurch die gerinste Ehre zu
erweisen
    DGer raf verfügte sich darauf in den Saal und Pandorest blieb Abends auf
des Königs Befehl bei der Tafel er fand solche nicht Königlich aber gut und
mäßig besetzt eine Suppe mit ein wenig gestoften WurzelWerk und einigen
Braten von zarten Lämmern und Wildpret wobei an statt des Backwerks und der
NebenSchüsseln eingemachte Citronen und Pomeranzen mit Biscuiten sich
befanden dieses war alles Pandorest nahm deswegen Gelegenheit allhier eine
LobRede der Mäßigkeit zu halten er unterstützte seine Gründe mit einem
lebendigen Beweis an seiner eignen Person Ich habe bereits sagte er 87 Jahr
in dieser Welt gelebet und ich empfinde noch nicht die gewöhnliche
Schwachheiten eines so hohen Alters Mein magerer Körper hat keinen Mangel an
Säften ich nähre darin keine überflüssige Feuchtigkeiten und entzünde nicht
das Geblüt durch starkgewürzte Speisen und hitzige Getränke die einfältige
Natur bestellt meine Tafel und die Furcht vor dem Allmächtigen schützet mein
Herz vor unordentlichen Leidenschaften
    O selige Einfalt fuhr er fort warum sind wir so weit von dir abgewichen
Wir jagen jetzo uns selbst den Tod in alle Glieder unsere Köche bereiten uns
darzu den süßen Gift der unsern Geschmack reitzet mehr zu essen als die Natur
verarbeiten kann was diese noch verschonen verdirbt die Unwissenheit der
Ärzte und das künstliche Gemengsel der Apotheker Unsere Zärtlichkeit ist so
groß da sie kaum ein raues Lüftgen mehr vertragen kann es scheint als ob das
menschliche Geschlecht mit uns aussterben wollte die geringste Bemühung ermattet
unsern schwächlichen Leib und ein wenig Ungemach wirft uns darnieder wir haben
die wunderlichste Krankheiten welche den Alten unbekant waren und wenn wir
alles im Uberfluss besitzen so naget uns die Trägheit die lange Weil und die
Schwermut Die Arbeit ist uns eine Pein die Zeit eine Last und das Leben
unerträglich Unsere prächtige Palläste sind zu Hospitälern und die weichste
PflaumenFedern zu Lägern der Kranken worden Wir sind zu allen großen Taten
durch welche die Helden der vergangenen Zeiten sich vergöttert haben
untauglich Wir sinken schon zur Erden wenn man uns nur die gewohnte
Gemächlichkeit die weiche Küssen und die niedliche Speisen entziehet Unsere
Kräfte sind bereits verschwunden ehe wir noch in das rechte männliche Alter
kommen und unsere GemütsBewegungen werden desto stärker je zärtlicher wir
den Körper pflegen Gegen alle diese Feinde unseres Lebens unserer Ruh und
unserer Glückseligkeit schützet uns nichts als die Mäßigkeit
    Pandoresto setzte diesen Anmerkungen welche uns eine traurige Erfahrung
lehret die Geschichte eines berühmten Adriatischen Edelmanns hinzu von welchem
er erzehlte dass er bis in die vierzig Jahre der elendeste und kränklichste
Mensch von der Welt gewesen wär und der nichts destoweniger nachdem ihn schon
alle Ärzte verlassen hatten nechst Gott durch das einzige Mittel der
Mäßigkeit sein Leben in beständiger Gesundheit in allem Vergnügen und bei
einem vortrefflichen Verstand über hundert Jahre hingebracht hätte
    Diese Exempel gefielen dem König wohl allein die Nachfolge machte ihm Qual
es kam ihm überaus schwer an sich unter den Zwang einer solchen Tugend zu
setzen zu deren Ubertrettung ihn alles zu reitzen schien Dem ungeachtet so
wusste es der Graf von Rivera durch seine lebhafte Vorstellungen und artige
Manieren bei dem König dahin zu bringen dass er sich den Regeln der Mäßigkeit
unterwarf
    Der König fand sich in kurzer Zeit dadurch so wohl als er je zuvor gewesen
war Der Graf brachte damals auch seine beide Freunde den Herrn von Greenhielm
und den Herrn von Riesenburg welche nebst dem Herrn von Ridelo ihn zu besuchen
gekommen waren vor den König Dieser empfing sie auf das leutseligste und
befahl dass man dem Fremden alle ersinnliche Ehre bei seinem Hof erweisen sollte
Den Herrn von Riesenburg aber erklärte er wegen seiner im letzten Feldzug
bezeigten Tapferkeit zu seinem wirklichen Kammerherrn und gab ihm dabei die
Anwartung auf das nechste Regiment Er wollte sie damit an die MarschallsTafel
verweisen mit dem Zusatz dass er sie gerne bei der seinigen behalten wollte sie
würden aber jene besser bestellt finden Der Graf von Rivera sagte hierauf
dass wo der König diesen Herren sonst die Gnade tun wollte sie mit sich an
seiner Tafel speisen zu lassen so würde die mittelmäßige Bestellung derselben
sie nicht hindern dieser Ehre zu geniesen Der Graf aber hatte dismahl ein paar
Trachten mehr aufsetzen lassen dieweil sie unverfänglich waren dem König nicht
übel bekamen zumahl da er den Nachmittag darauf in Begleitung dieser und
anderer Herren sich mit Jagen belustigte
    Diese Kennzeichen der wiederherstellten Gesundheit des Königs machten dass
sich nach etlichen Tagen der Graf bei demselben beurlaubte und wieder nach
Panopolis sich verfügte um daselbst mit dem Herzog von Sandilien wegen seiner
vorhabenden Reise und dem mit dem König von Licatien zu schliessenden Frieden
die nötige Ratschläge zu pflegen
    Dieser oberste StaatsMinister war dem Grafen von Natur nicht abhold er war
nur deswegen ihm nicht völlig gewogen weil er verursachte dass seine Base nicht
Königin werden wollte Die Entfernung des Grafens schmeichelte demnach seinen
Absichten besser als wenn er beständig bei Hofe und bei dem König bleiben
würde Er lobte deswegen seinen Eifer für den Dienst des Königs und hies alle
dessen Ratschläge gut Er gab ihm dabei alle Kennzeichen einer wahren
Freundschaft und Hochachtung Der Graf wusste schon wie weit er diesen
Versicherungen des Herzogs zu trauen hatte Doch erinnerte er sich dass ihm der
Herzog das Leben bei dem König gerettet hatte er ließ ihm deswegen ein so
aufrichtiges und von der lebhatesten Erkänntlichkeit durchdrungenes Gemüte
sehen dass der Herzog wenn er auch gewolt hätte ihn nicht hassen konnte
    Als der König hierauf sich wiederum mit völlig hergestellter Gesundheit
zu Panopolis eingefunden hatte trat der Graf seine Reise nach Licatien mit
Vergnügen an Er empfahl dem König den Freiherrn von Riesenburg als einen
Kavalier auf dessen Eifer und Treu er sich verlassen könnte Den Herrn von
Greenhielm aber welchen der König seiner Gefangenschaft entlassen und noch
darzu mit einem kostbaren Degen beschenket hatte nahm er mit sich zu seinem
ReiseGefährden
 
                               Das zehende Buch
Der Graf von Rivera hatte noch nicht viel über vierzehen Meilen zurück geleget
als er den Tag nach seiner Abreise auf ein Dorf kam wo die Post wechselte Es
war allda Kirchweih Der Graf hatte ein kleines Mittagmahl bestellt und ging
mittlerweile dass darzu die Anstalten gemacht wurden mit seinem ReiseGefehrden
nach der Wiesen wo die junge Bauern und Bäuerinnen ihren Reihen tanzeten Sie
hatten Kränze auf den Häuptern und hüpften mit so natürlichen Sprüngen und
Bewegungen um den Dudelsack und ein paar kreischende FeldSchalmayen herum dass
der Graf solches mit Vergnügen ansah ein paar Ducaten die er einem alten
Greisen in den Hut warf um dieses Fest damit zu verherrlichen machten dass man
ihm den ersten Platz einräumte und ihn mit Verwunderung betrachtete denn das
Gold war an dasigem Ort keine gar bekannte Münze
    Der Graf kam mit dem Herrn von Greenhielm nicht weit von zwei Frauenzimmern
zu stehen Ihre vortreffliche Gestalt und ungemein nette Kleidung machte dass er
sie näher betrachtete sie verbargen aber ihre Gesichter mit ihren Fächern weil
sie in der Sonne stunden der Graf warf insonderheit seine Augen auf die
jüngste er hatte nie einen niedlichem Aufputz gesehen ein kleiner Hut von
schwarzem Samt mit einem weißen Federbusch bedeckte das mit langen
Haarlocken gezierte Haupt ein von Lichtblauen Samt über den Leib
dichtangeschlossenes Kleid reichte bis unter die Hüften worunter ein von
blassRosenfarb mit silbernen Zügen und Bendelwerk gestickter Rock sich zeigte
welcher nicht so gar lang war dass er nicht zugleich den schönsten Fuß hätte
sehen lassen
    Alles dieses fiel dem Grafen mit solcher Verwunderung in die Augen dass er
sich nicht entbrechen konnte dieser Person sich zu nähern Sie hatte ihn aber
kaum erblickt so tat sie einen lauten Schrei verlor auf einmal ihre Farbe
und sank der andern Dame die neben ihr stund in die Arme
    Dieses verursachte unter dem Volk ein schnelles Zusammenlauffen man trug
sie mehr als man sie führte und brachte sie in ein nahgelegenes Haus Der
Graf drang mit dem Volk dahin Ein Jäger stellte sich vor die Tür und wollte
niemand einlassen der Graf aber welchen ein verborgener Trieb aufgebracht
hatte fragte ihn nicht lang er fasste ihn bei dem Arm und schlenkerte ihn so
hurtig von seinem Posten weg dass dieser nicht wusste wie ihm geschah Er kam
damit in das Zimmer wo diese Schöne der andern Dame im Schoose lag wie groß
war nicht dessen Bestürzung als er hier die Gräfin von Monteras und Asmenien
erkannte Der Hut war der Gräfin abgefallen ihre Haare hiengen in einer
natürlichen Unordnung um ihr erblasstes Angesicht Die Brust war etwas mehr als
sonst entblöset Niemahls hat man etwas reitzendres niemals etwas schöners
gesehen der Graf war für Entzückung außer sich er lag zu ihren Füßen und
hatte sie an ihre beide Hände gefasst auf welche sein Mund alle Leidenschaft
die er empfand abzudrucken schien Die Gräfin kam darauf wieder zu sich selber
ihre halbgebrochene Augen öffneten sich Ach Herr Graf sagte sie mit einer
schwächlichen Stimme warum kommen sie an diesen Ort Ich meinte sie nimmer
wieder zu sehen
    Gnädige Gräfin gab der Graf zur Antwort ein unerforschliches Schicksal
und nicht einiger Vorsatz führt mich hieher um ihnen vor meiner Abreis aus
diesem Königreich noch diejenige Ergebenheit zu bezeigen damit ich dieselbe
unendlich verehre Wie Herr Graf versetzte die Gräfin voller Verwunderung
wie schicket sich denn diese Reise für einen Verlobten der Herzogin von Salona
Ich antwortete der Graf ich ein Verlobter der Herzogin von Salona wer hat Ew
Gnaden dieses Gedichte vorgesagt die Gräfin antwortete Mein Oheim der Herzog
von Sandilien welcher mich zugleich versichert der Herr Graf würden nach
geendigtem Feldzug unfehlbar mit dieser Herzogin sich vermählen Der Graf
beteuerte ihr dass er von keiner Verbindung weder mit der Herzogin von Salona
noch mit einer andern etwas wisse und dass es ihn wunder nehme wie die Gräfin
nicht besser von den Neuigkeiten des Hofes unterrichtet wär Die Herzogin von
Salona sei mit einem Alemannischen Prinzen versprochen ihn selbst aber
hinderte eine grausame Pflicht ihr von dem Zustand seines Herzens nähere
Nachricht zu geben
    Der Graf hatte seine meiste Leute mit dem Gepäck voraus geschicket sein bei
sich habendes Gefolg bestund nur aus einigen LeibDienern bei diesen erkundigte
sich das neugierige Volk nach ihrem Herrn der Graf aber hatte ihnen bereits
verbotten dass sie ihn nicht sollten zu erkennen geben
    Weil es Mittag war wollte das LandVolk gern ihre Gräfin speisen sehen Jung
und Alt hatten sich darauf gefreuet man verehrte sie wegen ihrer Leutseligkeit
in der ganzen Gegend nicht weniger als die Heiden eine ihrer Gotteiten Der
Graf und die Gräfin hatten sich einander so viel zu erzählen dass sie nicht so
bald sich wieder trennen wollten sie gingen deswegen zusammen in dasjenige
Haus wo man für die Gräfin das Mittagmahl bereitet hatte Die junge
Bauerndirnen lieffen mit ihren Eltern neben her Ach was ein schöner Herr ach
was ein schönes Paar hörte man sie von allen Seiten ausrufen
    Es war für die beide frembde Herren mit aufgedeckt Der Herr Kaplan und ein
Beamter hatten die Ehre die Gräfin an der Tafel zu bedienen Diese sowohl als
der Graf konnten ihre Neigungen vor so vielen Augen die auf sie gerichtet
waren kaum verbergen sie waren allzuvergnügt beisammen zu sein ihre Blicke
sagten sich solches einander mit einer ungemeinen Lebhaftigkeit Der Kaplan der
ein starker wohl ausgemästeter Bruder war und dem die Wollust aus seinem dicken
roten Kopf mehr als die Geistlichkeit leuchtete beobachtete diese geheime
Verständnis er bekümmerte sich deswegen am meisten zu erforschen wer dieser
vornehme Herr wär Er erfuhr aber weiter nichts als dass er ein Befreundter von
der Gräfin sei
    Die DorfMusik mit ihrem Dudelsack ließ sich darauf vor dem Hause hören man
stund von der Tafel auf die vergnügte BauernJugend schloss wieder ihren Reihen
und sang darunter mit Freuden ihre unschuldige HirtenLieder
    Während dieser Kurzweil bezeigte der Graf ein großes Verlangen von der
Gräfin zu vernehmen wie es ihr seit der Zeit ergangen wär als er sie zum
letztenmahl in Prato gesehen hätte und was sie bewegte so einsam in dieser
Gegend auf einem abgelegenen MeyerHof ihr Leben zuzubringen Die Gräfin hatte
gleiche Begierde auch des Grafens Begebenheiten zu wissen sie erzehlten sich
solche einander der Graf vergaß nicht einige Umstände mit in seine Erzählung
zu setzen daraus die Gräfin die Beständigkeit seiner Liebe urteilen konnte die
Gräfin aber hielt ihre Schamhaftigkeit zurück dem Grafen alles dasjenige zu
entdecken was sie bisher seinetwegen gelitten hatte Asmenie nahm deswegen hier
das Wort
    Nachdem meine Gräfin begunte dieselbe ihre Erzählung von ihrer Krankheit
wieder so gut als genesen war und nur verlangte wieder zu ihrer Frau Mutter
nach Prato zu gehen so brachte ihr der Herzog von Sandilien die Nachricht dass
zwischen dem Herrn Grafen und der Herzogin von Salona eine Heirat im Vorschlag
wär damit dem König die auf sie geworfene Eifersucht aus dem Sinn möchte
gebracht werden
    Wir hörten kurz darauf von eben demselben dass diese Heirat so gut als
richtig sei Meine Gräfin könnte darüber ihre Empfindung nicht bergen sie liebt
den Herrn Grafen auf eine Art dass ich solches ihre einzige Schwachheit nennen
müsste wenn dieselbe einer so ausnehmenden Hochachtung weniger würdig wären Sie
suchte nichts destoweniger in dieser Neigung sich zu überwinden und den Herrn
Grafen aus ihren Gedanken zu schlagen Die Liebe des Königs dünkte ihr eine
würdige Rache zu schenken sie stellte sich solche mit allen denen
Annehmlichkeiten vor Augen welche sie begleiteten und die so leicht ein junges
und hochmütiges Herz zu rühren fähig sind
    Die zarte Regungen die sonst ihr Gemüt mit Huld und Güte durchdrangen
verwandelten sich bei ihr in eine stolze Heftigkeit Sie fand in ihrer
vermeinten Verachtung gegen den Herrn Grafen etwas edelmütiges und großes
Wohlan leichtsinniger Graf sprach sie kostet es ihn so wenig sein Herz einer
andern zu schenken so soll das meinige nicht niederträchtiger sein Ich will
dem König Gehör geben er ist meiner um so viel würdiger weil er mich liebt
    In dieser Entschließung kam sie zu dem Herzogen sie wollte ihm die hurtige
Veränderung ihres Gemüts entdecken allein die Liebe lachte über dieses
Vorhaben Die Gräfin wusste nicht dass sie nur deswegen so sehr aufgebracht war
weil sie von einer starken Leidenschaft beherrschet wurde diese hatte allein
das Feuer in ihrer Brust entzündet Der Eifer war zu groß für ein Herz das sich
von der Liebe frei machen wollte
    Der Herzog vermerkte ihre Unruh wenn werd ich euch liebste Base sagte er
zu ihr wieder ruhig sehen wo ist das muntere und vergnügte Wesen das euch
ehedem belebet hat Ach lasset euch doch einreden vergesset den Grafen von
Rivera ihr verdient noch wohl einen beständigen Liebhaber Ich gnädiger Herr
antworte sie ihm mit einer verächtlichen Mine ich sollte mich noch um den
Grafen von Rivera bekümmern nachdem er sich entschlossen hat die Herzogin von
Salona zu heiraten Nein fürwahr Sie haben auch gar zu geringe Meinungen von
mir Wohlan erwiderte der Herzog so wird es euch also nicht ferner mehr
schwer ankommen den König zu lieben Die Gräfin errötete auf diese Worte ihr
ganzes Vorhaben verschwand mit einmal da der Herzog eine solche Erklärung von
ihr verlangte sie war verwirrt und wusste nicht was sie sagen sollte allein der
Herzog entwickelte leicht ihr ganzes Geheimnis Gehet sagt er meine Tochter
ihr habt für den Grafen von Rivera noch keine solche Verachtung wie ihr euch
einbildet ihr würdet sonst nicht so sehr den König fürchten der euch die Ehr
antut euch zu lieben mittlerweile dass der Graf so wenig nach euch fraget
    Diese letzte Worte schnitten meiner Gräfin durchs Herz Die Schönen in der
Welt sind nicht darzu geboren dass sie sich können verachtet sehen und wenn
sie einem alles verzeihen so übersteiget ihre größte Gütigkeit doch niemals
die Beleidigung einer verschmäheten Liebe Die Augen der holdseligen Gräfin
wurden von einem fremden Feuer entzündet Die Wangen durchlief ein wallendes
Blut welches ihr ganzes Gesicht mit Purpur färbte sie schämte sich vor ihrem
Oheim dass er ihr so niederträchtige Empfindungen vorhielt sie wollte lieber aus
Grosmut ehrsüchtig als aus Liebe schwach scheinen Sie versicherte deswegen
ihren Oheim mit einem stolzen Eifer dass wenn sie so leicht den König lieben
als den Grafen von Rivera vergessen könnte so würde sie den Absichten die man
mit ihr hätte ferner nicht widerstreben
    Nach diesem Gespräch begab sich die Gräfin in ihr Zimmer die
zurückgehaltene Bewegung der stärksten Leidenschaften brach hier auf einmal
aus das Herze war davon ganz beklemmt die Augen öfneten also ihre verborgene
Quellen und stürzten die Schmerzen ihres Gemüts in einen Bach von Tränen aus
sie weinte heftig Glückselige Tränen die den sonst nicht erträglichen Kummer
zerteilen und der bedrängten Brust Luft und Erleichterung verschaffen
    Das Gemüt der Gräfin geriet auf die Vergiessung so vieler Zähren in eine
sanfte Stille Die Traurigkeit wurde bei ihr an statt des vorempfundenen
Leidens ein mit Ruh und Schwermütigkeit vermengter Zustand sie suchte die
Einsamkeit alle Menschen waren ihr zuwider kaum dass sie mich noch um sich
leiden mochte
    Asmenie sagte sie zu mir ich bin der Welt müde liebt ihr mich ein wenig
so redet mir von nichts anders als wie man sich von ihr absondern und sie
verachten soll Wir wollen wieder nach Prato gehen und daselbst uns dem Umgang
aller Menschen entziehen Wir wollen uns den Sommer über auf unsern
nahgelegenen MeyerHof begeben und uns daselbst von den peinlichen Eitelkeiten
des Hofs zu befreien suchen Wir wollen unser süßes SaytenSpiel bald in den
Waldern erklingen lassen bald unsre Stimmen mit dem hellen Laut der singenden
Vögel vermengen Bald sollen uns die junge Hirtinnen ihre Reihen tanzen und die
Hirten darzu ihre Flöten spielen wir wollen zuweilen den großen Teich dessen
breiter Kanal bis nach Prato leitet mit einem kleinen Kahn beschiffen und den
gestrickten Hahmen in den Grund senken um Fische zu fangen zuweilen wollen wir
uns auf einen leichten Wagen von zween Rädern setzen und damit die Wälder und
Auen durchfahren Vor allen Dingen wollen wir gute Bücher mitnehmen und uns
bald mit anmutigen Geschichten bald mit guten Lehren unterhalten der Welt
ihre Torheiten aber von weitem belachen
    Ich ließ meine Gräfin diese sie vergnügende Fantasien ruhig entwerfen ich
war froh dass sie etwas gefunden hatte damit sie ihr Gemüt ein wenig beruhigen
konnte Ich setzte selbst noch einige anmutige Bilder mit in den süßgemachten
Entwurf dieser uns vorgenommenen neuen LebensArt worunter ich auch den Scherz
mit einmengte dass wir gleichwohl eine gewisse Verfassung machen müssten wenn
ungefehr ein Kavalier wie der Graf von Rivera in unseren einsamen Gefildern
sich verirren möchte wie wir denselben empfangen wollten denn fügte ich hinzu
da wir das alte Arcadien bei unserm LandLeben wieder einführen wollen so
könnte uns auch leicht der Possen wiederfahren dass ein getreuer Schäfer bei uns
sich einschleichen und das zarte Herz meiner schönen Gräfin in neue Gefahr
setzen möchte
    Sie versicherte mich dass sie dieses am wenigsten zu fürchten hätte weil
sie nimmermehr von einer so unglückseligen Neigung wie die Liebe wär sich
wieder einnehmen lassen würde Wie werden wir aber von Panopolis wegkommen
fragte ich sie weiter Meine anhaltende Unpässlichkeit sagte sie wird mir zu
einem hinlänglichen Vorwand dienen wieder nach Prato zurückzukehren Meine Frau
Mutter wird mir sodann leicht vergönnen mich von da nach unserem MeyerHof zu
begeben um dadurch sowohl den Zuspruch des Königs als seiner Höflinge zu
vermeiden
    Die Gräfin eröffnete darauf dieses Vorhaben dem Herzogen er willigte
ungerne darein sie wieder von sich zu lassen denn er liebete sie sehr sie
wusste ihm aber solche Vorstellungen zu machen und sich dabei so mutlos zu
gebehrden dass er sie endlich wegreisen ließ Er hat uns seit dem öfters in
unsrer Einsamkeit besucht und seiner Basen da er gesehen dass ihre Gesundheit
sich hergestellet hatte des Königs halber sehr angelegen allein sie bat ihn
beständig ihre Ruhe nicht zu stöhren und stellte ihm dabei vor dass ihre
GemütsArt sich zu nichts weniger als zu einer Königin schickte Der Herzog
sah wohl dass dieses nur bloße Ausflüchte waren er musste sich aber damit
abweisen lassen Je hochmütiger sich hierbei ihr Herz gegen den König erklärte
desto gütiger war solches wenn sie des Herrn Grafens sich erinnerte Dieses
geschah so oft dass ich öfters darüber mit ihr scherzte sie sprach von nichts
lieber sie erkundigte sich um alles was man von ihnen sagte und was ihnen
begegnete
    Wir erhielten einsmahl die Nachricht dass sie bei dem letzten HauptTreffen
in großer LebensGefahr gewesen wären wir lasen solches in den gedruckten
Zeitungen Dieses setzte die Zärtlichkeit meiner Gräfin in ungemeine Bewegung
Ach seufzte sie wenn nun der Graf geblieben wär würde ich mir die Schuld
davon nicht beizumessen haben er wär nimmermehr solcher Gefahr ausgestellt
worden wenn des Königs Eifersucht ihn nicht suchte aus dem Weg zu räumen Ach
unglücklicher Graf fügte sie hinzu hätte ich ihn doch nie geliebt
    Als sie nun bei ihrer Zurückkunft die Nachricht erhielt dass sie an die
Herzogin von Salona sich würden trauen lassen so hatte sie wieder eine andere
Art von Bekümmernis und allem Ansehen nach wird das Vergnügen welches sie
jetzo empfindet den Herrn Grafen noch frei zu wissen sie doch nicht völlig
beruhigen
    Die Gräfin und der Herr von Greenhielm gesellten sich darauf wieder zu dem
Grafen dieser hätte gern die Gräfin bis auf ihren MeyerHof begleitet allein
die Umstände wollten es nicht erlauben Er ging deswegen mit ihr und Asmenien
nur bis ein Stückwegs vor den Flecken die Luft war nach der damaligen Zeit
schon ziemlich rau diese beide Damen aber waren derselben nicht mehr so
entwöhnet als das Frauenzimmer in den Städten Der Graf und die Gräfin konnten
sich einander bei dieser Gelegenheit ihre Regungen nicht bergen O wie beredt
waren hier ihre Augen wie schön schmeichelte die Liebe wie schmerzte der
Abschied wie grausam schien ihnen der Zwang damit sie sich verstellen mussten
der Graf küsste darauf der Gräfin die Hand und brachte sie auf ihre Gutsche sie
hatte die Augen voll Tränen und in dieser mehr als zärtlichen Bewegung
schieden sie von einander
    Der Graf war unterwegs immer in tiefen Gedanken der Herr von Greenhielm
scherzte darüber mit ihm Der Graf bekannte ihm seine Empfindlichkeit er hielt
dafür dass wir Menschen über die Regungen unseres Herzens nicht Meister wären
doch müsste die Tugend und die Redlichkeit allen unordentlichen Ausschweiffungen
Maß und Ziel setzen
    Endlich kamen diese beide Herren nach Toscana allwo sie unter den
zärtlichsten Versicherungen einer immerwährenden Freundschaft und Hochachtung
von einander Abschied nahmen Der Herr von Greenhielm verfolgte seine Reise nach
Scandinavien der Graf aber nachdem er in Toscana die nötige Pässe erhalten
begab sich an den Licatischen Hof nach Mönnisburg
    Er wurde von dem König auf das leutseligste empfangen und hatte das Glück
sich über eine Stunde lang allein mit ihm zu unterreden Der König verwunderte
sich dass der Graf in verschiedenen Umständen besser als er selbst von den
Angelegenheiten seines Reichs unterrichtet war
    Ich komme sagte der Graf zu demselben Ew Majestät gleiche Vorteile vor
dero Reiche und Völker anzutragen als ich für diejenige meines allergnädigsten
Königs zu erlangen suche Ich weiß dass die Rechte der Majestäten heilig sind
und dass der Krieg für das einzige Mittel gehalten wird ihre Streitigkeiten aus
einander zu setzen dieses Mittel aber ist immer der größten Gefahr unterworfen
man muss endlich doch wieder Friede machen und diese Notwendigkeit zwinget
sodenn die streitende Machten dasjenige nach vielem Blutvergießen einzugehen
was sie zuvor mit weit geringeren Kosten und mit Erhaltung der gemeinen Ruh
hätten tun können
    Dass die öffentliche VersammlungsPlätze wo man die Zwistigkeiten der
Potentaten zu erörtern pflegt nicht allemahl einen gewünschten Ausgang haben
solches zeigt die Erfahrung Es sind insgemein dabei zu vielerleiy Leute die
darunter ihren Nutzen finden wenn sie die Tractaten fein weit hinaus spielen
die Herren RechtsGelehrten kommen auch dabei mit in die Anfrage und wo diese
erst mit einander sich in einen FederKrieg verwickeln da ist der Knote nicht
anders mehr als durch einen Gordianischen SchwertStreich zu lösen Bei solchen
Tractaten muss man über dem stets neue Berichte von den Höfen einholen der Rang
und die Vorrechte der hohen Häupter verursachen auch öfters ein unnützliches und
weitläuftiges Gezäncke wodurch die Gemüter der Regenten mehr zum Krieg als
zum Frieden gereitzet werden Es kommen unterdessen auch allerhand
ZwischenFälle welche die Unterhandlungen verwirren oder doch wenigstens
aufhalten Zeit und Unkosten gehen darüber verloren und keiner weiß woran er
ist
    Diese und dergleichen Umstände fuhr der Graf fort haben meinen
allergnädigsten König bewogen an Ew Königl Majestät mich in möglichster Eile
abzusenden und mich dahin zu bevollmächtigen dass alles was ich in dero
höchsten Namen mit Ew Königlichen Majestät schließen würde für genehm und
ausgemacht sollte gehalten werden
    Der König bezeigte hierauf dem Grafen dass es ihm lieb wär dass der
Aquitanische Hof ihm wegen der mit ihm obschwebenden Streitigkeiten einige
FriedensVorschläge wollte tun lassen und war ihm darzu die Person des Herrn
Grafens um so viel angenehmer weil er bisher viel gutes und rühmliches von ihm
gehört hätte
    Als nun der Graf darauf seinen Vortrag getan und dessen Vorstellungen auch
dem König einzuleuchten schienen so bat er den König solche näher zu überlegen
und ihm die Gnade zu erweisen die Sache selbst nach seiner eignen hohen
Einsicht mit ihm abzutun allein der König wollte sich darauf in keine Wege
mit dem Grafen einlassen sondern verwies ihn disfalls lediglich an seinen
obersten StaatsMinister den Fürsten von Kärndtenburg
    O ihr stolze Beherrscher dieser Erden dachte hier der Graf bei sich selbst
seid ihr denn nur deswegen der Völker Herr und Haupt um eure Tage in Wollust
und Müßiggang zuzubringen Er bedauerte heimlich diesen Monarchen dem die Natur
Vernunft und Gaben genug verliehen hatte seine Staaten selbst zu beherrschen
und der aus bloßer Weichlichkeit welche von der Gewohnheit und einer üblen
ErziehungsArt herrührte sich aller Geschäften entschlug und nur deswegen
König war weil auch seine Vorfahren waren Könige gewesen gleich als ob man mit
der bloßen Geburt zugleich auch die Weisheit bekäm Völker zu regieren
    Der Graf von Rivera musste sich also gefallen lassen mit seinen
FriedensVorschlägen zu dem Fürsten von Karndtenburg zu gehen Dieser hatte zwar
Einsicht und Verstand allein noch weit mehr Einbildung und Hochmut ein
stolzes aufgeblasenes Wesen begleitete alle seine Handlungen seine Geburt sein
Glück sein Gestalt seine Würde und sein Pracht gaben ihm das Ansehen einer
ungemeinen Hoheit welche so wohl der Hof als das Volk verehrte und die
gewisser maßen der König selbst fürchtete Niemand unterstund sich also ihm
entgegen zu reden was er wollte das musste geschehen Man konnte noch sicherer
den König selbst beleidigen als ihn
    Weil der Graf ihn gleichsam war vorbei gegangen indem er sich mit seinen
Vorschlägen gerad an den König gemacht hatte so gedachte jetzo der Fürst
demselben die Wichtigkeit seiner Person recht in die Augen zu stellen Der König
hatte den Grafen mit der größten Leutseligkeit empfangen hier aber machte ihm
der Minister eine spreustige Mine er warf den Kopf welcher in einer großen
auf beiden Seiten über den Bauch herunter hängenden StaatsPerrucke eingehüllet
war aus Hochmut so weit zurück als die Majestät des Monarchens aus
Freundlichkeit vor dem Bevollmächtigten eines großen benachbarten Königs sich
geneiget hatte Der Graf zeigte dem Fürsten hierüber nicht die geringste
Empfindlichkeit seine Gebehrden waren von Natur frei und ungezwungen er konnte
so wenig niederträchtig als lächerlichhochmütig sein Er sah bald dass er
bei diesem Minister nicht viel ausrichten würde Der Geist dieses Fürsten kam
ihm um so viel kleiner vor je größer und schwülstiger derselbe sich seinen
Augen darstellte Selten dass ein so aufgeblasener Körper die Herberge einer
weisen Seele ist
    Der Graf durchgieng dem ungeacht mit ihm die Ursachen die den Krieg
zwischen den beiden Kronen veranlasst hatten und zeigte ganz natürlich wie
solche am leichtsten zu heben und ein dauerhafter Friede möchte geschlossen
werden allein der Fürst wollte alles besser wissen und konnte nicht leiden dass
sich der Graf anmassete so viel Verstand zu haben er verwarf dessen ganzen
Plan und wollte durchaus in allen Stücken nachgegeben haben
    Der Graf musste also hier auf andre Mittel sinnen seinen Zweck zu erreichen
er sah wohl dass in solcherlei Geschäften ganz ohne List nicht wohl
fortzukommen war Der Endzweck macht öfters eine Sache gut oder bös Der Graf
hatte die beste Absichten von der Welt Er wollte niemand schaden sondern
vielmehr wenn es in seiner Macht stünde aller Menschen Wohlfahrt befördern
helfen
    Er war nicht der Meinung seinem König fremde Völker zu unterwerfen er
suchte es nur dahin zu bringen dass er seine eigne in Ruh und Friede beherrschen
möchte Er hielt den EroberungsGeist der Monarchen für den größten Verderber des
menschlichen Geschlechts O ihr Könige pflegte er zu sagen ist es nicht
genug dass ihr eure eigene Untertanen durch eine böse RegierungsArt in das
Verderben stürzet müsst ihr auch noch andere Menschen suchen eurer
Tyrannischen Bottmässigkeit zu unterwerfen gleich als ob die höchste Ehre
gecrönter Häupter darin bestünde dass sie viele Länder beherrschten und viele
Völker unglücklich machten
    Des Grafens Endzweck ging also bloß allein auf die Erhaltung der gemeinen
Ruh er suchte solche durch unumstössliche Bündnisse mit den benachbahrten
Staaten zu befestigen Er war zu dem Ende darauf bedacht ihnen allen Argwohn zu
benehmen als ob man ihre Gerechtsame verletzen oder nicht aufrichtig mit ihnen
handeln wollte er suchte es mit der Zeit dahin zu bringen dass bei entstehenden
Zwistigkeiten der Nachbarn der Aquitanische Hof sich ins Mittel schlagen und
sich dadurch das Ansehen eines SchiedsRichters erwerben könnte In welchem Fall
nicht allein die Macht seines Königs und die Ruhe seines Reichs gesichert wär
sondern auch unsägliche Kosten könnten erspahret werden die zu vielerlei
KriegsRüstungen Gesandtschaften Bestechungen anderer Höfen und dergleichen
aufgewandt würden
    Der Graf erkundigte sich in diesen Absichten genau um den Zustand des
Licatischen Hofes weil dieses Königreich nebst Hesperien das größte und
wichtigste war welches an die Aquitanische Gränzen stieß so kam es vornehmlich
darauf an die Sicherheit des Königreichs gegen zwei so mächtige Nachbarn zu
bewahren
    Er machte zu dem Ende mit allen Großen des Licatischen Hofes Bekanntschaft
und suchte sie durch allerhand Mittel zum Vorteil seiner Absichten zu stimmen
er fand überhaupt dass der König übel bedienet war Alle dessen Befehlshaber vom
obersten bis zum untersten suchten nichts als ihren eignen Nutzen auf Unkosten
des Staats alle misbrauchten schier der Güte ihres allzuviel nachsehenden
Königes es war kein Hof in der Welt der so viel vornehme Bedienten ernährte
welche gleichsam die öffentliche SchmelzTiegel der Reichtümer und Schätze des
Landes waren
    Der Graf hatte einen jungen Edelmann bei sich der ein Cheruscer von Geburt
war und die vornehmste Europäische Sprachen verstund er besaß viele
Wissenschaften und hatte dabei einen aufgeweckten und verschmitzten Kopf
dieser ging in die vornehmste Kaffee und SpielHäuser und war in allen
Gesellschaften angenehm er hörte was die Leute sprachen und urteilten er
gab sein Bedenken mit darzu und machte sie dadurch treuherzig auch gegen ihn
sich desto vertraulicher heraus zu lassen er brachte auf diese Weise dem Grafen
täglich eine Menge dienlicher Nachrichten nach Haus welche ihn allesamt
versicherten dass das Licatische Volk über die bisherige große Auflagen
äußerst schwierig und dergestalt gegen die Regierung aufgebracht wär dass
solches wenn es nur noch ein wenig stärker angegriffen würde allem Vermuten
nach sich empören und alle Anschläge des Hofes zu nichte machen dürfte
    Der Graf schrieb deswegen an seinen König dass man in ganz Aquitanien neue
KriegsRüstungen machen frische Völker anwerben und mit einigen benachbarten
Höfen gewisse Bündnisse schließen möchte auf erforderenden Fall eine Anzahl
HülfsVölker zu stellen man folgte seinem Rat die Drommel wurde durch das
ganze Königreich gerühret die Flotten wurden ausgerüstet und in See gebracht
die GränzVestungen mit neuen Werken versehen die Hetrurier Cheruscer
Hermundurer Battaver und Britannier setzten sich in Waffen man hörte aller
Orten von nichts als einem abscheulichen Krieg
    Nur der Graf von Rivera dachte an den Frieden er war versichert ihn durch
dergleichen Drohungen und Anstalten am hurtigsten zu erlangen Er hatte an dem
Licatischen Hof allenthalben seine heimliche Agenten welche die Gemüter des
Volks mit Furcht und Schrecken erfüllten Der Hof stack in großen Schulden die
Haushaltung war in Unordnung das KriegsHeer wurde übel bezahlt die Soldaten
suchten deswegen bei dem armen Landmann sich zu erholen und griffen zu wo sie
etwas fanden Die Befehlshaber waren gezwungen ihnen durch die Finger zu sehen
denn es hies Der Soldat müsste leben Dieses verursachte allenthalben ein
jämmerliches Klagen alle Zeitungen waren voll von den KriegsRüstungen in
Aquitanien Der Graf selbst ließ unter der Hand einige zu seinen Absichten
dienliche Schriften in Toscana drucken und sie heimlich in Mönnisburg
ausstreuen Dem Volk wurde darin die bevorstehende Gefahr des Kriegs vor Augen
gemahlet es begunte dadurch noch immer schwieriger zu werden und desto
eifriger nach dem Frieden zu schreien
    Das Misvergnügen mehrte sich allenthalben durch den großen GeldMangel
Nicht dass nicht Geld genug noch wär im Land gewesen sondern es war solches
unter lauter solchen Leuten ausgeteilet die mit gewissen Freiheiten versehen
waren zum Behuf der gemeinen Not nichts beizuschiessen Diese waren der Adel
und die Geistlichen die Regierung wagte es dem ungeacht von solchen eine
außerordentliche Beisteuer zu fordern welche man auf gewisse Summen anschlug
dieses aber war so viel als in ein WespenNest stöchern Bisher hatte nur der
gemeine Mann geschrien wobei der Adel und die Geistlichkeit schwiegen und auf
ihre Vorzüge stolz waren da man aber auch diese beide Stände mitnehmen wollte
da hies es allenthalben es litte die Religion es litte der ganze Staat
    Der BeichtVater des Königs war der erste welcher seinen andächtigen Eifer
vor den König brachte und ihn ermahnte der KirchenGüter zu schonen er sagte
dass sie von milden Stiftungen herrührten welche der Macht des weltlichen Arms
mit nichten unterworfen wären er vermahnte deswegen den König solche ja nicht
anzutasten sondern vielmehr wie er bisher getan als ein würdiger Beschützer
der Kirchen sich fernerhin zu erzeigen Er fügte seiner Rede die Drohungen des
Himmels und des Vaticans hinzu und bedeutete dem König dass noch alle
Monarchen die sich unterstanden hätten dergleichen Eingriffe in die Geistliche
Rechte zu tun sich den Fluch des Himmels auf den Hals gezogen und weder Glück
noch Seegen bei ihrer Regierung gehabt hätten davon er ihm hurtig alle
denkwürdige Geschichten die sich ungefehr hieher schicken mochten aus den
GeschichtBüchern anzuführen wusste
    Auf diesen so strengen GewissensPrediger folgte der LandMarschall mit den
Abgeordneten von der Ritterschaft Dieser stellte ebenfalls dem König vor dass
bisher die treugehorsamste Stände alles getan hatten was in ihrem Vermögen
gewesen wär um der Königlichen Kammer zu dem verwichenen Feldzug den
benötigten Vorschub zu tun und die siegreiche Waffen des Königs gegen seine
Feinde zu unterstützen allein die bisherige Durchmarsche und stete
Einquartirungen auf ihren Gütern und Dorfschaften zusammt dem erlittenen
Miswachs der FeldFrüchten hätten ihre Kräfte dermaßen ausgesogen dass sie
nicht im Stand wären ein mehrers zu bewilligen als wozu sie bereits sich
verstanden hätten Ihr Majestät der König möchte solches alles in mildeste
Erwegung ziehen und dem schon vorhin genug gepresten Adel dero fernerweitigen
allergnädigsten Königlichen Schutz huldreichst angedeihen lassen
    Der König wollte den Adel sowohl als die Geistlichkeit klaglos stellen der
Fürst von Kärndtenburg aber wusste keine andere Mittel zu ergreiffen um Geld
aufzubringen als diese beide Stände mit in die neue Anlage zu setzen Er hatte
gern auch das gemeine Volk noch mit mehreren Abgaben beschweret und neue Zölle
und Accisen angelegt allein Handel und Wandel lag bereits ohnedem schon in
diesen Ländern darnieder und wenn man den Landmann noch härter angesetzt hätte
so würde ihm kaum sein Fuhrwerk noch übrig geblieben sein damit die nötigste
LebensMittel in die Städte zu bringen
    Wie nun alle Dinge wenn sie bis zu einem gewissen Grad gestiegen sind
entweder sich biegen oder brechen so ging es auch allhier Der Graf von Rivera
hatte sich wirklich bei dem König beurlaubet alle dessen Vorstellungen waren
bisher vergeblich gewesen der König verließ sich auf seinen StaatsMinister
und dieser wollte durchaus in einer Sache nicht nachgeben die ihm einmal sein
Eigensinn zur Regel gemacht hatte
    Die Anstalten zur Abreise des Grafens machten unterdessen sowohl bei Hof
als bei dem Volk ein großes Aufsehen solche war schon auf den andern Tag
festgestellet Der Graf war gesonnen an einen nechstgelegenen Alemannischen
FürstenHof sich zu begeben unterdessen aber seinen Cheruscischen Edelmann zu
Mönnis burg zu lassen weil er aus den Umständen worin er den Licatischen Hof
sah leicht urteilen konnte dass er sich bald näher zum Ziel legen würde
    Dieser Zeitblick war bereits vor der Tür eine große Menge Volks sammlete
sich gegen den Abend vor dem Pallast des Fürstens von Kärndtenburg Dem Fürsten
kam solches gleich Anfangs verdächtig vor und sandt deswegen auf die
Hauptwache allein ehe man ihm noch zu Hilfe kommen konnte so hörte man ein
dunkles und durchdringendes Geschrei Es lebe der König  und sterben alle böse
Ratgeber Diese Losung wurde zugleich mit einem Hagel von Steinen begleitet
welche kein Fenster an dem Pallast des Fürstens auf der Straßen ganz ließ
und wo man nicht bei guter Zeit die Toren des Pallasts geschlossen hätte so
wär ohne Zweifel dieser Tumult auf eine völlige Plünderung desselben hinaus
gelauffen wobei die Person des Fürstens am wenigsten Sicherheit würde gefunden
haben dann die Erbitterung des gemeinen Volks gegen ihn war überaus groß
    Der wütende Pöbel wurde zwar darauf von der herannahenden Wache wieder
auseinander getrieben er sammlete sich aber von neuem auf dem großen
BurgPlatz und wiederhohlte daselbst aus voller Kehle doch mehr mit einem
fürchterlichen Gebrüll als vernehmlichen Ton die vorige Losung Es lebe der
König  und sterben alle böse Ratgeber Und da er auch hier von der
aufgebotenen Besatzung aus einander gejagt wurde so hörte man doch die ganze
Nacht durch diese Worte von einzeln kleinen Hauffen noch hin und wieder in den
Straßen erschallen
    Der StaatsSekretarius als er sah wo die Sachen hinaus wollten fuhr noch
denselben Abend zu dem Grafen von Rivera Er bat ihn morgen noch nicht zu
verreisen er sagte dass er in den Aspecten seines Hofs einen guten Planeten
entdeckte und dass sie würden Friede machen
    Der andere Tag war kaum erschienen so wurde der StaatsSekretarius nebst
den andern StaatsRäten zu dem König gerufen mittlerweile dass der Fürst von
Kärndtenburg um der Wut des Pöbels zu entgehen sich heimlich aus der Stadt
gemacht hatte Der König befragte den versammleten geheimen Rat was bei so
gestalten Sachen zu tun wäre dieser riete zum Frieden nachdem er zuvor dem
König die allgemeine Not und das Misvergnügen aller Stände des Reichs aufs
beweglichste vorgestellt hatte
    Der König ließ darauf den Grafen von Rivera nach Hofe bitten man
beratschlagte sich mit ihm aufs neue wie man die Sache auseinander setzen und
die noch strittige Puncten vergleichen möchte Der Graf aber wollte durchaus von
seinem Plan der auf einen beständigen Frieden zielte nicht abweichen Man fand
endlich dass die Absichten des Grafens Grund hatten dass sie der Billigkeit
gemäs waren und dass sie den Wohlstand beider Reiche schützten Die Articul von
dem Frieden und dem darauf sich gründenden Bündnis wurden demnach zu Papier
gebracht ausgefertiget und unterzeichnet
    Die Abreise des Grafens litt also hierdurch noch einigen Aufschub Der König
fand ein Vergnügen mit demselben sich in vertrauliche Unterredungen
einzulassen Er verehrte ihm darauf nebst andern Kostbarkeiten sein Bildnis
welches reich mit Diamanten besetzt war und versicherte ihn dabei seiner
besonderen Gnade und Hochachtung
 
                                Das eilfte Buch
Der Graf von Rivera nahm darauf von Mönnisburg seinen Weg durch den großen
Hercynischen Wald nach einem Cheruscischen Fürsten der zu Argilia eigentlich
seinen WohnSitz hatte sich damals aber an seinem neuerbauten Ort
Christianopolis aufhielt
    Der Fürst der Ort und die Einwohner hatten etwas so einnehmendes und
ungewöhnliches dass der Graf durch die Beschreibung welche ihm sein
Cheruscischer Edelmann davon machte bewogen wurde alles selbst in Augenschein
zu nehmen
    Der Fürst war ein Herr nahe bei die fünfzig Jahren er hatte einen Prinzen
und zwei Prinzessinnen davon ins besondere die älteste von ungefehr achtzehen
Jahren ein Ausbund aller Schönheit und Tugend war die Fürstin ihre Frau
Mutter hatte derselben sowohl als ihren andern beiden Kindern die beste
Erziehung gegeben sie war selbst ein Muster einer tugendhaften Frauen Der
Fürst übertraff dieselbe noch in der Stärke des Geistes in dem Mut und in den
Wissenschaften
    Er war geboren mit allen Vorzügen des Leibes und des Geistes welche wir
der Natur zuschreiben die aber bei ihm nichts anders als besondere Gaben einer
gütigen Vorsehung waren denn an statt dass überhaupt die Menschen mit einer
angeböhrnen Neigung zum Bösen auf die Welt kommen so machte bei ihm die Neigung
zum Guten seine ganze GemütsArt aus Wer wollte sagen dass Gott nicht auch
zuweilen obgleich sehr selten dergleichen Menschen lies ans TagesLicht
kommen wenn er durch sie besondere Dinge zu wirken vor hat
    Diese vortreffliche GemütsArt wurde bei ihm durch eine nicht weniger
glückliche Auferziehung formiret Man zeigte ihm wie er alle seine Gaben bloß
allein zur Verherrlichung seines Schöpfers und zum Dienst anderer Menschen
anzuwenden verpflichtet wär Man unterwies ihn zu dem Ende in allen solchen
Wissenschaften welche ihn zur Erkäntnis Gottes der Welt und der Menschen
führten zu der ersten brachten ihn die Lehren vom Glauben zu der andern die
WeltWeisheit und zu der dritten die Erfahrrung Seine getane Reisen an die
meiste Europäische Höfe sein Umgang mit allerhand Leuten und endlich sein
Fleiß in den Wissenschaften und in den Geschäften selbst vermehrten um ein
großes was Gott durch die Natur in ihn gelegt hatte
    Es hafteten dem ungeacht in seiner Seel gewisse Zweifel in Ansehung der so
vielerlei Secten und Meinungen in der Christenheit welche ihn oftmals sehr
beunruhigten er wusste lang nicht was er davon denken und zu welcher er sich
eigentlich halten sollte er hatte zwar unter allen hier und dar noch gute
aufrichtige Leute gefunden sie waren aber gegen die Bösen so viel als nichts zu
rechnen Das Verderben war allgemein und es schien als wollte darin keine
Kirche und kein Volk dem andern einige Vorzuge gönnen
    Als sein Herr Vater starb hatte er noch kaum das zwei und zwantzigste Jahr
erreichet er musste sich also der RegierungsLast unterziehen in einem Alter
welches andere FürstenKinder den bloßen Lüsten und Ergötzlichkeiten wiedmen
Er und sein Land waren der protestirenden Kirche zugetan Er wollte bei dem
Antritt seiner Regierung und bei seinen noch jungen Jahren keine Neuerungen
anfangen gleichwohl aber schien ihm der Hass der in seinem Lande gegen andere
ReligionsVerwandte herrschte weder Christlich noch vernünftig Er konnte nicht
leiden dass man sich im Christentum über bloße KirchenGebräuche und Meinungen
trennen und deswegen einander alle Christliche Liebe versagen sollte da sie doch
allesamt einen Gott einen Heiland und einerlei Gesetz erkannten Er hielt
dafür dass ein Christ ein weit geduldigeres liebreicheres und einfältigeres
Wesen haben müsste und dass alle diejenige welche so heftig gegen einander um
die Wahrheit des Evangelii stritten dieselbe am wenigsten kennen müssten indem
sie schnurstracks das Gegenteil täten was uns Christus und seine Apostel
lehreten
    In diesen Betrachtungen war er lang unschlüssig wie er in seinem Land ein
solches KirchenWesen nach dem Sinn des Evangelii ohne Spaltung und Sectirerei
einführen möchte Es fanden sich in seinem Lande eine gewisse Art Leute die sich
für besser und heiliger als andere hielten und deswegen mit denen die da
kirchlich das ist dem äußerlichen GottesDienst zugetan waren keine
Gemeinschaft haben wollten Diese hoften der Fürst würde ihren Einbildungen
Glauben beimessen und sich zu ihnen schlagen Anfangs hatte auch der Fürst sich
wirklich von dem Schein ihrer äußerlichen Frömmigkeit einnehmen lassen zumahl
weil sie wider alle Sectirereien sich erklärten und blosserdings an die Lehren
des Heilandes sich zu halten vorgaben Es war aber nicht lang so erkannte der
Fürst bei näherer Untersuchung dass diese Leute selbst die größte Sectirer
waren und dass sie zugleich solche Unordnungen und Verwirrungen im gemeinen
Wesen stifteten dass er sich vor ihnen mehr als vor allen andern zu fürchten
begunte
    Sein wichtigstes Anliegen war also eine Gemeine von solchen Leuten
aufzurichten welche nach den pur lautern Lehren Christi ihr Leben und ihren
Wandel zu führen Vorhabens wären sie mögten auch von einer Secten sein wie sie
wollten Allein es ereigneten sich gleich Anfangs dabei solche Schwierigkeiten
dass er alle Hoffnung verlor seine Absichten jemals in dieser Sache zu
erreichen Es waren insonderheit die Geistlichen ihm darin sehr entgegen sie
nanten die Einführung einer solchen Eintracht Syncretisterei und
Gleichgültigkeit der Religion
    Der Fürst war kein Feind der Geistlichen er hielt vielmehr ihren Stand vor
andern hoch doch dieses verdross ihn dass so viele unter ihnen das Ketzermachen
nicht lassen konnten sondern bei allen und jeden Gelegenheiten mehr auf ihre
blinde Satzungen als auf die Kraft des Glaubens selbst sahen So gern er auch
diesem Unheil gesteuert und die Liebe die Sanftmut und die Verträglichkeit bei
der Evangelischen Kirche in seinem Lande eingeführet hätte so konnte er es doch
wegen einiger unruhigen Köpfen nicht dahin bringen einen Frieden aber in der
Kirche durch neue Empörungen und Zänkereien zu stiften hielt er nicht für
ratsam
    Er brachte seine Klagen darüber vor den HErrn der allein solches ändern
konnte er befahl auf eine Zeitlang seine RegierungsGeschäfte seiner Gemahlin
und seinen Räten und verfügte sich nach einem in den Hercynischen Wäldern
vier Stunden von seinem HofSitz gelegenen JagdHaus um in dieser Einsamkeit
auf die so nötige Verbesserung des KirchenWesens desto ruhiger seine Gedanken
zu richten
    Er hatte bereits vier Wochen in dieser abgezogenen Stille mit dergleichen
Gedanken sich unterhalten auch schon verschiedene Einwürfe zu Papier gebracht
als ein paar Vandalische Männer sich bei ihm anmeldeten
    Gnädigster Fürst war ihre Anrede wir haben vernommen dass Eure Durchleucht
ein weiser und frommer Herr seien Wir sind nebst einigen unserer Mitbrüder aus
unserm Vaterland um der Wahrheit willen die wir nach den Lehren des Evangelii
einfältig bekennen von andern die auch Christen sein wollen vertrieben
worden Wir suchen bei Ew Durchleucht Schutz wir verstehen den AckerBau und
die Viehzucht ein kleiner Raum wird genug sein um uns zu nähren
    Was habt ihr dann vor Meinungen in eurem Glauben fragte der Fürst weil man
euch aus eurem Vaterland vertrieben hat Wir sind Christen antworteten sie und
wollen mit Gottes Gnade in diesem Glauben auch leben und sterben Wir halten uns
darin einzig und allein an die uns hinterlassene Offenbarung der göttlichen
Schriften und lassen uns keine fremde Auslegungen noch GlaubensArticul
aufbürden weil geschrieben steht dass man nichts soll darzu noch davon tun
Ja unterbrach der Fürst verstehet ihr dann die Schrift Was wir nicht
verstehen gnädigster Fürst sprachen sie das lassen wir so lang unerörtert
bis der Geist Gottes darüber unser Verständnis aufschliesset denn wir wissen
dass nicht alle Menschen gleiche Begriffe und Einsichten haben und dass wir
deswegen verbunden sind uns einander in Liebe zu tragen Mittlerweile dringen
wir allesammt scharf darauf denen deutlichen Lehren Christi durch die Kraft
des einfältigen Glaubens in unserm Leben und Wandel zu folgen Was bedienet ihr
euch dann fragte der Fürst weiter vor einer Ubersetzung der Heil Schrift Die
wenige Gelehrten die wir unter uns haben war ihre Antwort bedienen sich der
GrundSprache worinnen die Bücher der H Schrift anfänglich sind verfasset
worden auf deren gründliche Wissenschaft sie mit allem Ernst und Fleiß sich
legen was aber den gemeinen Mann betrifft so begnügen wir uns mit einer sehr
schlechten und unvollkommenen Ubersetzung in unsrer gemeinen Sprache die aber
wie unsre Gelehrten sagen alle die HauptArticul des Christlichen Glaubens mit
hinlänglicher und genugsamer Deutlichkeit erkläret
    Der Fürst war angenehmbestürzt diese Leute also reden zu hören Er
erkundigte sich wo sie dann eigentlich den Ursprung ihrer Kirchen herrechneten
und ob sie von andern sich getrennet oder diese GlaubensEinfalt von langen
Zeiten her unter sich erhalten hatten
    Unsere Vorfahren berichteten die beide Fremdlinge die sich bis auf die
erste Zeiten der Kirchen hinaus rechnen haben nie keinen andern Lehren
beigepflichtet als den einfältigen Lehren des Heilandes sie haben nie keinen
bloßen MenschenSatzungen in GlaubensSachen sich unterworfen sie haben
weder die Heiligen anrufen noch die Macht eines geistlichen Stattalters Gottes
auf Erden erkennen wollen und da die Griechische Bischöffe in den ersten
Jahrhunderten anfiengen sich eine unerlaubte Herrschaft über die Gewissen
anzumassen und solche unter das Joch fremder Meinungen und Zeremonien zu
zwingen so verließen unsere Vorfahren die Hellespontische Ufer und zogen sich
nach den Dalmatischen und Sclavonischen Gefildern Als hierauf die Griechische
von der Lateinischen Kirche sich trennte und eine solche Finsternis den ganzen
KirchenHimmel überzog dass man das Christentum auch nicht mehr unter den
Christen fand so errichteten unsere Väter unter sich eine geistliche
Brüderschaft welche die Erhaltung der reinen Apostolischen Wahrheit in der
Einfalt und die würkliche Ausübung der Lehren Christi zum Grund hatte
    Als sie aber auch hier von der herrschsüchtigen Klerisei verfolget wurden
zogen sie sich nach Pannonien Sarmatien Hercinien und dasige Gegenden von
dannen einige noch weiter bis in die Occidentalische Länder drungen sich aber
meistens in großer Armut in Wäldern und rauen Gebürgen aufhalten und sich
darin eine Zeitlang mit Wurzeln Kräutern und Baumfrüchten nähren mussten
    Da es nun endlich im vierzehenden Jahrhundert in dem Europäischen WeltTeil
wieder ein wenig Licht zu werden begunte so kam es auch so weit dass sie als
Bekenner des Christlichen Glaubens an vielen Orten aufgenommen wurden ein
eigenes KirchenWesen aufrichteten sich ihre eigene Bischöffe Ältesten und
Vorsteher wehleten und viel andere von dem beschwerlichen Joch des
Occidentalischen KirchenRegiments los machten
    Diese ihre Glückseligkeit aber war von keiner langen Dauer Der Stuhl zu Rom
tat sie in den Bann man überzog sie hin und wieder mit starken KriegsHeeren
teils ergriffen die Waffen sich ihren Feinden zu widersetzen teils flohen in
einsame Gegenden noch andere blieben wo sie waren und verehrten Gott im
Verborgen Die ersten machten ihre Sachen nicht gut sie wurden überwunden
gefangen getötet und zerstreuet An den Orten wo unsre Vorfahren sich
aufgehalten hatten ließ man sie eine Zeitlang in Ruh Man hat uns keinem
fremden Gottesdienst gezwungen wir haben uns still für uns gehalten und uns
dabei als getreue Untertanen in allem was nicht die Freiheit unseres
Gewissens verletzet der weltlichen Obrigkeit und guter Policei unterworfen
Weil aber durch unsern Wandel und durch die Bücher der Heil Schrift die wir
verborgen bei uns hatten viele unserer Nachbarn gerühret wurden dergestalt
dass sie die Irrtümer ihres vermeinten Gottesdienstes einsahn folglich davon
sich frei und loszumachen suchten so wurde dadurch die Geistlichkeit wider uns
aufgebracht Man zog uns ein und weil wir die Sache nicht leugnen mochten so
ergieng endlich an uns das Urteil dass wir unsere Güter binnen drei Monaten
verkauffen und hernach das Land räumen sollten welches wir auch ohne alles
Murren taten und uns hieher verfüget haben in der Hoffnung Ew Hochfürstl
Durchleucht werden nicht allein uns sondern auch unsere Brüder deren noch
viele im Lande zurück geblieben sind gnädigst aufzunehmen und einen freien
Gottesdienst uns zu verstatten geruhen
    Der Fürst von Argilia sagte diesen Leuten sie sollten sich morgen wieder bei
ihm melden er wollte die Sache überlegen Er hatte über dasjenige was er
vernommen ein tiefes Nachdenken er fand dass diese Leute so dächten und
glaubten wie er ihm blieb also kein Zweiffel übrig eine Gemeine nach Art
dieser Vandalischen Männer aufzurichten Er entwarf davon den Plan und als sie
wieder kamen erklärte er ihnen sein Vorhaben
    Ihr sollt meine liebe Freunde sprach er zu ihnen nicht allein bei mir
den verlangten Schutz sondern auch eine solche GewissensFreiheit genießen
dass ihr einen Tempel eurem Gott welcher auch der meinige ist zu Ehren hier
auf diesem Platz bauen sollt Hier habt ihr Holz so viel ihr wollt hauet die
Bäume um verbrennet ihre Wurzeln bauet euch Häuser Scheuren Stallungen
Gärten und Felder zieht euch Wiesen für euer Vieh grabet euch Brunnen und
leitet das Wasser aus dem nah vorbeifliessenden Bach durch eure Höfe einige
Stunden von hier werdet ihr auch Kalk Sand und Steine finden ich will euch die
Plätze anweisen wohin ihr bauen sollt ich will euch selbst alles entwerfen
und angeben und wann ihr solche Christen seid als ihr von euch sagt so will
ich meine Wohnung selbst unter euch aufschlagen und mit euch denselben Gott
verehren der euch zu mir gebracht hat
    Die Vandalische Männer dankten dem Fürsten und ließ alles auf den Willen
Gottes dessen Knechte sie wären ankommen
    Die Zahl dieser aus ihrem Land vertriebenen Wanderer belief sich ungefehr
auf zehen bis elf HausGefäß Der Fürst hatte vier bis fünfhundert müßige
Soldaten diese ließ er zusammt so vielen Landleuten aufbieten und durch
dieselbe auf zwei bis drei Meilen den Wald aushauen Die zum Bau tüchtige Stamme
ließ er auf Haufen legen und dabei allen und jeden von seinen Untertanen wie
auch Fremden auf zehen Jahr Freiheit von allen Abgaben verkündigen welche
sich an diesem Ort häuslich niederlassen und der neuen Policei sich mit
unterwerfen wollten Wobei er ihnen das benötigte Holz samt andern in dasiger
Gegend befindlichen BauMaterialien umsonst abfolgen ließ
    Es meldeten sich darauf so wohl Handwerker als LandLeute denen er die
Plätze und die Art wie sie bauen sollten anwies Die erste bekamen zu ihren
Häusern weniger Raum als die andern welche wegen ihres FeldBaues und der
darzu gehörigen Viehzucht auch einen größeren Platz als jene vonnöten haben
Alle Häuser wurden zwei Stockwerk hoch aufgeführet und zu zwei Haushaltungen
eingerichtet zwischen jeder Wohnung wurde nach der Straßen zu ein Platz zu
einem Hof gelassen an welcher von hinten ein Garten von einem Viertel oder
halben Morgen sties
    Mitten durch die Straßen wurden kleine Wasserleitungen gezogen die ihren
Abfluss in einen großen Kanal hatten welcher zu der HauptStraße dieses Orts
bestimmet war dieser Kanal hatte sechszig WerkSchuh in der Breite die auf
beiden Seiten herlauffende Straßen waren jede von ebenmässiger Breite und
längst dem Kanal mit gleichstämmigen jungen LindenBäumen besetzt die Häuser
die dahin gebaut wurden waren für wohlbegüterte Leute und für den Adel an
jedes von diesen Gebäuden konnte man nebst einer völligen Hofraite auch Gärten
von drei bis vier Morgen in die Länge anlegen dergestalt dass die Häuser nach
der Straßen zu das Ansehen einer schönen Stadt nach dem Feld zu aber die
Annehmlichkeit der lustigsten LandGüter hatten
    Am Ende dieses Kanals sah man den Fürstlichen Pallast er war vordeme nur
ein JagdHaus nun aber zeigte sich solcher mit zwei prächtigen SeitenFlügeln
vergrößert und wurde von der ganzen Fürstlichen Familie bewohnet Ein dickes
Gehölz bedeckte diese Burg zur rechten und zur linken Seiten von hinten aber
hatte sie über einen großen wohl angelegten Garten die schönste Aussicht bis
nach Argilia
    Der Fürst lies diesen Ort Christianopolis oder ChristenStadt heißen Es
waren noch kaum drei Jahre verflossen so stunden bereits auf diesem zuvor öden
Platz über zweihundert Wohnhäuser eine Kirche eine Schule und ein ArmenHaus
Der Zulauf des Volks von allen Enden und Orten war ungemein Man sah daselbst
allerhand Menschen und Secten ruhig beisammen wohnen
    Es war nichts erbaulichers als ihre Versammlungen ihre Lieder enthielten
die deutlichste Begriffe von den Wahrheiten der H Schrift ihre öffentliche
Reden waren kurz und nachdrücklich sie hätten keinen andern Endzweck als das
Volk in der Einfalt des Glaubens zu unterrichten und solches zu der genauesten
Beobachtung der Christlichen Pflichten zu ermahnen Blosse StreitFragen und
hohe über die gemeine Begriffe der Menschen hinstreichende Geheimnisse wurden da
nicht erörtert Die Lehrer selbst waren fromme sanftmütige und demütige
Leute die nicht in der Absicht predigten um ihre zusammenstudierte
Wissenschaften anzubringen sondern um zu erbauen um zu rühren und um ihre
Zuhörer gleichsam mit einer verborgenen Gewalt des Geistes zu Gott zu führen
    Man sah deswegen auch unter den Einwohnern dieses neuen Orts eine solche
brüderliche Eintracht und Liebe die ganz etwas besonders hatte Die Unschuld
die Treu die Redlichkeit blickte aus allen ihren Handlungen es herrschte bei
ihnen in allen Dingen eine solche Ordnung dass man den Zwang davon nicht spürte
weil sie der Ruh und der Glückseligkeit eines jeden überhaupt gemäß war Man
beobachtete die Pflichten eines redlichen Burgers indem man als ein Christ
lebte und das Christentum fand nirgends eine bessere Aufnahme als bei solchen
Leuten die ehrlich und aufrichtig waren ihre Tugenden waren nicht die
Wirkungen eines strengen Gesetzes sondern ein Ausflus der reinen Liebe Gottes
welche die Neigung zu allem Guten den Gemütern einflöset
    In ihrer äußerlichen Aufführung hatten sie nichts besonders sie lebten und
kleideten sich wie andere Menschen ein jeder nach seinem Stand und Vermögen
Nur waren sie mäßiger bescheidener und demütiger Sie beobachteten so wohl
die gemeine Gebräuche als die Höflichkeit in Sitten und Gebehrden der
Wohlstand war bei ihnen eine Tugend weil er die Ordnung unterstützte Sie
hielten dafür dass die Auszeichnung in solchen nichts bedeutenden Dingen einen
gewissen Eigensinn und heimlichen Hochmut entdecke der mit der Einfalt und
Aufrichtigkeit eines guten Herzens nicht übereinkomme
    Man fand bei ihnen alle Ergötzlichkeiten des menschlichen Lebens sie
nahmen solche an wenn sie unschuldig waren und wenn sie solche haben konnten
sie lidten im Gegenteil alles was ihnen die Natur leiden machte mit einer
großmütigen Standhaftigkeit und trösteten sich mit der unfehlbaren Hoffnung
einer ewigen Glückseligkeit
    Ein jeder lebte von seinen eigenen Mitteln oder von dem Verdienst welchen
ihm seine Hantierung brachte Ein jeder blieb in seinem Stand und in seinen
Würden und wurde danach von andern geehret und geachtet doch da immer einer
dem andern in der Demut und Bescheidenheit suchte zuvor zu kommen und keiner
sich vor dem andern etwas heraus nahm so gaben es auch unter ihnen keine
unziemliche Erhebungen und RangStreite
    Sie nahmen niemand unter sich auf als nach einer genauen Prüfung deren die
Vornehmen so wohl als die Geringere sich unterwerfen mussten wann sie die
Vorteile einer so glückseligen LebensArt mit genießen wollten Man erforschte
der neuAnkommenden ihre GemütsArt ihre Absichten und ihre Aufführung auf das
genaueste und wann sie Fremde waren so erkundigte man sich danach durch
Briefe und durch Einziehung unverdächtiger Nachrichten
    Ubel berüchtigte wilde lasterhafte müßige unruhige und zänkische Leute
wurden daselbst weder gelitten noch aufgenommen Denn dieser Ort sollte ein
Aufenthalt der Unschuld des Friedens und der Tugend sein
    In Ansehung des Glaubens verlangte man von denen neuAnkommenden nichts
weiters als die einfältige Bekäntnüs zum Christentum und einen aufrichtigen
Vorsatz danach sein Leben und Wandel einzurichten Darinn bestund alles der
Nachdruck aber von dieser Verbindung war von einer wichtigen Folge und lidte
eine solche Ausdehnung dass sie der ganzen Aufführung eines Menschen auch in
den geringsten Kleinigkeiten Maas und Ziel setzte
    Alle und jede Verbrechen welche die Obrigkeit strafet zogen den Verlust
des BürgerRechts nach sich man verkaufte der Verbrecher ihre liegende Haab
gab ihnen dafür das Geld und ließ sie damit ihren Stab weiter setzen Eine
unordentliche üppige und boshafte Aufführung wurde mit nicht weniger Schärfe
geahndet doch gebrauchte man zuvor gegen diese Art Leute allen Glimpf und alle
Sanftmut man ermahnte man warnte man strafte sie mit Worten so lang und so
viel bis man sah dass alles vergeblich und keine Besserung zu hoffen war da
man ihnen dann gleich andern Ubeltätern den Schutz aufkündigte und sie als
ungesunde Glieder von der Gemeine trennete
    Die übrige Schwachheiten aber ertrugen sie an einander mit Liebe Sanftmut
und Geduld sie bestraften mit vieler Nachsicht und Gelindigkeit die wirkliche
Fehler wenn man solche bereuete und mit einer ernstlichen Buse zu verbessern
versprach Die Laster aber welche sie gar nicht dulteten waren die Lügen der
Betrug die Falschheit die Verleumdung die Heuchelei die Zanksucht der Zorn
die Rachgierde die Unversöhnlichkeit kurz alles was wider die Liebe Gottes
und des Nächsten lauffet
    Sie hielten dafür dass wer ein rechter Christ werden wollte ohne im Grund
des Herzens aufrichtig zu sein der würde in die Luft bauen und keinen Grund
haben denn es sei nach dem neuen Bund nicht genug dass man bloß gesetzlich
wäre die Lehren Christi sagten sie gingen auf den innern Menschen auf die
Verbesserung des Herzens und auf die Lauterkeit des Willens
    Alle vorkommende Zwistigkeiten und StreitSachen wurden bei ihnen durch
SchiedsRichter oder durch die Ältesten und Vorsteher der Gemeinen beigelegt
es sei dann dass sich ein schwerer RechtsHandel von Wichtigkeit ereignete der
ohne gründliche Wissenschaft der Rechten nicht wohl konnte entschieden werden
in solchem Fall setzte man die Sache mit allen Umständen zu Pappier sandte
solche nach dem hohen Tribunal nach Argilia und ließ dieses oberste
LandGericht darinnen sprechen Mit diesem Spruch wurde der ganze Prozess auf
einmal zu Ende gebracht Glückselige Völcker welche auf diese Weise keine
Advokaten und Procuratores vonnöten haben
    Wie nun hierdurch die Ruhe der Friede und die Eintracht in dem Bürgerlichen
Leben erhalten wird also herrschen solche auf gleiche Weise auch in der
Religion welche sonst aller Orten ein Vorwurf des größten Haders und der
betrübtesten Spaltungen ist Hier werden die Geistlichen und Schriftgelehrten
durch den Eifer ihre Meinungen gegen einander zu verteidigen nicht aufgehetzt
Hier werden die Läyen nicht durch die Menge der vielen StreitFragen und
GlaubensArtikel verwirret Ihre Lehrer sind weise fromme Leute die nicht für
ihre eigene Aufsätze Krieg führen noch ihre fanatische Grillen zum Glauben
machen Das Predigen ist bei ihnen kein Handwerk und die Kanzel nicht die
Werkstatt davon sie sich nähren Sie leben von ihren eigenen Gütern oder von
ihrer HandArbeit die sie gleich andern besorgen geraten sie aber dabei in
einigen NahrungsMangel so hilft ihnen die Gemeine und besorget allenfalls ihre
Notdurft sie halten dafür dass man nach Aufhebung des AltTestamentischen
Gottesdienstes der ordentlichen Priester und OpferKnechten die sich vom Altar
nähren mussten nicht mehr vonnöten hätte ihre ganze Hierarchie bestehet in
nichts anders als in einer Christlichen Ordnung da ein Glied dem andern
unterstellet ist so wohl zur Besorgung des öffentlichen Gottesdienstes als zur
Erhaltung guter Zucht und Policei
    Die Gelehrten die der Schrifft und der Sprachen kundig sind werden überaus
hochgehalten wie dann zur Unterweisung der Jugend besondere Schulen angelegt
sind darinnen sie in allen guten Künsten und Wissenschaften unterwiesen wird
    Wegen Tauf und Abendmahl pflegte man es zu halten wie bei den andern
Protestanten auch doch so dass man die unter diesen äußerlichen Zeremonien
verborgen liegende Geheimnisse dabei nicht erörterte sondern darüber einem
jeden seine Begriffe wie er solche fassen oder nicht fassen konnte frei lies
    Die übrige Policei zu Christianopolis bestund in der Billigkeit des
NuturRechts wie solches eine durch die Lehren des Heilandes gereinigte
Vernunft insonderheit das Hauptgesetz der Liebe ganz deutlich an die Hand
gibt
    Die Belustigungen an diesem Ort waren nicht allein unschuldig sondern auch
so viel es sein konnte erbaulich die GartenLust den Feldbau die
SpatzierGänge und die Musik hielten sie vor andern hoch weil sie so wohl für
das Gemüt ergötzend als der Gesundheit des Leibes zuträglich waren Man sah
besonders zur Abendzeit eine Menge dieser glückseligen Einwohner von allerhand
Stand und Alter unter den Bäumen längst dem großen Kanal oder in dem daran
stossenden fürstlichen Garten auf und nieder gehen man fand um diese Zeit die
meiste Häuser leer und es waren diese SpazierGänge gleichsam eine Art von
einer öffentlichen Versammlung wo man die annehmlichste und Lehrreicheste
Gespräche hörte
    Auf gleiche Weise besonders zur WintersZeit kamen die Einwohner dieses
Orts auch in gewissen darzu eingerichteten VersammlungsHäusern zusammen da man
nebst allerhand Gesprächen bald mit der Musik bald mit einem unschuldigen
Spiel bald auch mit Essen und Trinken sich ergötzen konnte
    Die Christianopolitaner waren in allen Dingen die an und für sich selbst
nichts böses hatten ganz nicht eigensinnig noch in ihrer SittenLehre so hoch
geschraubt dass sie aus der Unterlassung der Ergötzlichkeiten sich eine Religion
machen sollten Diejenige Leute sagten sie die so urteilen wüsten nicht was
Religion sei Gott hätte die Menschen zur Glückseligkeit geschaffen und
deswegen in dieser Welt so viel anmutiges und schönes hervorgebracht damit der
Mensch dessen genießen und in diesem Genus den Schöpfer preisen und
verherrlichen sollte Sie hielten es für eine so große Undankbarkeit die Gaben
der göttlichen Güte Weisheit und Allmacht gering zu schätzen und sich davon
nicht rühren zu lassen als sie es für eine viehische Unart schalten wenn man
derselben mit Unmässigkeit und Unfläterei genoss welche Ausschweiffungen deswegen
auch insgemein den Sünder am hurtigsten straften sie wussten dass man Gott nicht
besser und reiner verehren konnte als wenn man alle Dinge nach derjenigen
Absicht anzuwenden und zu gebrauchen suchte wozu er solche geschaffen hat
    Ihr munteres Wesen ihre Zufriedenheit ihre Ordnung in allen Dingen ihr
freundlicher und liebreicher Umgang mit allen Menschen ihre Gelassenheit in dem
göttlichen Willen ihre Stärcke des Glaubens und die Zuversicht eines ewig
glückseeligen Lebens alles dieses machte dass sie dem Leibe nach gesund dem
Gemüte nach ruhig und dem Verstande nach voller Weisheit und göttlicher
Erkäntnüs waren
    O glückseliger Ort warum findet man dich nicht auch auf der LandKarte
desjenigen WeltTeils welchen dem Namen nach die eifrigste Christen beiwohnen
und die sich einbilden dass sie dadurch ihren Glauben genugsam an Tag legten
wann sie darüber mit andern ein liebloses Gezäncke führten
    Der Graf von Rivera war ungemein verwundert als er hier ein solches Volk
fand welches sich weniger darum bekümmerte scharfsinnig von der Religion zu
denken als einfältig wie Christen zu leben Er hatte seine Leute zu Argilia
gelassen und war um nicht erkannt zu werden nur in Begleitung seines
Kammerdieners nach Christianopolis gereifet Er war daselbst in dem allgemeinen
Gasthaus eingekehret Man gab ihm ein sauberes Zimmer er speisete Abends mit
einer ziemlich grosen Gesellschaft bei Tische hatte nach hergebrachter
Gewohnheit ein Vorsteher der Gemeine die Aufsicht dieser sorgte dass die
Speisen rein und sauber aufgetragen wurden er legte solche vor bediente die
Fremden mit aller Höflichkeit und gab acht dass keine Unordnung vorgieng
    Der Graf beobachtete unter andern einen gewissen Fremdling bei Tische
dessen Ansehen ihn aufmercksam machte er war überaus wohl gekleidet hatte
feine Wasche eine blonde Perruke und Stiefel an den Füßen Seine
GesichtsBildung hatte etwas vornehmes und weichliches seine Gebehrden und
Minen zeigten einen überaus grosen Kummer Diejenige die neben ihm fassen
suchten ihm einen Mut einzusprechen sie sagten ihm vieles von den verborgenen
Führungen Gottes dass die UnglücksFälle die Gott über uns Menschen verhängete
nicht böse wären sondern nur dahin zielten unser Gemüt von der allzugrossen
Liebe des Zeitlichen abzuziehen und solches mit edleren und bessern Neigungen zu
erfüllen sie hielten in dieser Betrachtung den Verlust der Reichtümer für
einen Menschen der solche mit allzugroser Anhänglichkeit besessen für eine
grose Wohltat Gottes weil es ihm sonst schwer würde angekommen sein GOTT für
das einzige wahre Gut zu erkennen Vielen ließ Gott deswegen die
Beschwerlichkeiten und Unruhe welche die Verwaltung groser Güter nach sich zög
mit stetem Verdrus empfinden andern schenkte er im Gegenteil dabei die Gaben
der Weisheit dass sie wüsten wie sie sich und andern damit sollten Gutes tun
    Das wahre Glük eines Christen bestünd also darin dass er Gott alles
heimstellte und mit seinem Zustand zufrieden lebte
    Der Graf von Rivera hörte die erbauliche SittenLehren dieser Leute mit
entzücktem Herzen an er tat ihnen nicht die geringste Frage um sie desto
ungestöhrter fortreden zu lassen Besonders aber richtete er seine Augen auf
denjenigen Fremdling den die andern schienen in der Unterweisung zu haben
    Nach geendigter AbendMahlzeit begleitete man so wohl den einen als den
andern in sein angewiesenes Zimmer Der Graf hatte sich zu Bette gelegt und
war ruhig eingeschlafen ihm traumete dass einige wilde Tiere von einer
grässlichen und ihm ganz unbekanten Gestalt den Fremdling mit dem er zu Nacht
gespeist hatte anfielen und denselben zu zerreisen droheten Er spührte
darüber im Schlaf eine so heftige Bewegung dass er voller Schrecken aufwachte
Das Herz schlug ihm im Leibe er fand sich ganz aufgebracht er hörte ein
klägliches Seufzen und Wimmern in der benachbarten Kammer welche eine Tür von
der seinigen unterschied er besann sich ob er noch träumete oder wachend wär
je mehr er aufmerkte je deutlicher vernahm er die Stimme des neben ihm
einquartirten Fremdlings Nein es ist vergebens hörte er ihn mit einer
unordentlichen Bewegung sagen Ach ich bin verloren  ich weiß keinen Trost
für mich  Die Menschen haben mich verraten und betrogen  Gott kennet
mich nicht und ich kenne ihn auch nicht  ach wer soll mir helfen
    Diese Reden welche eine GemütsBeschaffenheit andeuteten die zur
Verzweiffelung gestellt war rührten alsobald des Grafens Mitleiden Er stund
hurtig auf schlug seinen SchlafRock um sich rief seinem Kammerdiener ließ
sich ein Licht bringen und klopfte an der Tür des Fremdlings dieser hatte sich
eingesperrt und fragte wer da wäre Der Graf antwortete ihm Er möchte die
Gütigkeit haben ihm aufzumachen Er hätte ihm etwas zu sagen Der Fremdling
machte damit auf sah aber dabei so grass und fürchterlich aus den Augen dass
sich der Graf darüber entsetzte
    Mein Herr sprach der Graf zu ihm sie tun mir den Gefallen und legen sich
zu Bette ich habe sie lange in ihrem Zimmer hören auf und niedergehen sie
finden sich nicht wohl ich habe Mitleiden mit ihnen ich versteh ein wenig die
Arznei sie werden mir erlauben dass ich einen WundArzt bestelle um ihnen zur
Ader zu lassen Der Fremdling der vollkommen wohl zu leben wusste bedankte sich
für eine so großmütige Sorgfalt er hatte sich von seiner heftigen Bewegung
wieder ein wenig erholet er bat den Grafen um Verzeihung dass er denselben in
seiner Ruh gestöret hätte und bezeigte ihm eine solche Ehrerbietung als ob er
wüste wer er wär
    Der WundArzt nebst dem Gastalter waren bald bei der Hand Der Graf ließ
ihn nach der Aderlass ein wenig Tee trinken und bat ihn sich ruhig zu halten
bis an den Morgen da er ihm etwas den Magen zu reinigen wollte eingeben Er
hatte wahrgenommen dass dieser Fremde den Abend zuvor immer in Gedanken stark
drauf gegessen und wenig dabei getrunken hatte
    Er fand bei ihm eine ganz verzärtelte Natur welche durch ein unordentliches
Leben und durch heftige GemütsBewegungen sehr aus ihrem Zirkel gekommen war
Dem ungeacht entdeckte er bei diesem Fremden doch ein gutartiges Wesen und
einen nachsinnenden Verstand seine Melancholie entstund also nur aus einer
starken Empfindung seiner widrigen Zufallen
    Der Graf hatte in seiner ReisApotheke einige gute Arzneien er gab ihm
gegen Morgen etwas den Magen von der darin sich ergossenen vielen Galle zu
reinigen und den unordentlichen Umlauf des Geblüts wieder herzustellen es waren
Tropfen sie bekamen dem Fremden wohl Er ging darauf den Tag über mit ihm in
diesem neu angelegten Ort herum sie wurden von demselben Vorsteher der Gemeine
welcher die Aufsicht im GastHof hatte allenthalben hin begleitet
    Der Graf beobachtete alle die Anstalten dieses Orts mit vieler Verwunderung
er machte solche ebenfalls seinem schwermutigen Gefährden der immer wieder in
seine eigene Gedanken zurück fiel mit einer lebhaften Aufmunterung
beobachten Aller Orten wo der Graf hin kam machte er die Leute aufmerksam
seine Bildung seine Gebehrden und seine Reden zeigten etwas groses edles und
scharfsinniges Er hatte seinem Kammerdiner im GastHaus befohlen weil er
zufälliger Weise einen Arzt hätte abgeben müssen so sollte er auch die Leute
die ihn dafür hielten bei dieser Meinung lassen
    Das Gerücht von diesem fremden Arzt hatte sich unterdessen durch den ganzen
Ort ausgebreitet man rühmte denselben bei dem Fürsten man sagte dass dessen
Weisheit jederman in Verwunderung setzte Der Fürst befahl deswegen dass man ihm
alle Ehr erweisen und den Abend nach Hof bringen sollte Es war bereits über 1
Uhr Nachmittag Der Graf wollte nicht mit der Gesellschaft speisen sondern ließ
für sich und seinen Patienten etwas weniges auf das Zimmer bringen Er öffnete
hernach wieder sein ReisApotekgen gab seinem Gefährden daraus einige Tropfen
und nachdem sie ein Stündgen geruhet hatten gingen sie wieder aus
    Es war ein schöner Abend eine Menge von Menschen hatte sich längst dem
grosen Kanal versammelt Der Graf bewunderte hier die durchgängig herrschende
Zucht und Ehrbarkeit Die MannsLeute hatten ein ernstliches und vergnügtes
Wesen Die vom andern Geschlecht zeigten etwas holdseliges und liebreiches
welches so weit von der Frechheit als einer blöden Schamhaftigkeit entfernet
war ihre Kleidungen und Gebehrden hatten nichts üppiges und nichts gezwungenes
sie gefielen ohne dass es schiene dass sie gefallen wollten Die junge Leute
scherzten mit einander in klugen und artigen Reden Die so geheiratet und von
einem gewissen Alter waren sprachen von der Religion von der Haushaltung von
der KinderZucht von neuen Begebenheiten und allerhand WeltHändeln Die
Weisheit die Demut die MenschenLiebe und die GottesFurcht leuchtete aus
allen ihren Reden Kurz man sah dass sie vergnügt waren und dass dieses
Vergnügen von ihrer frommen Unschuld herrührte
    Es wurde Abend man sagte dem Grafen ob er nicht Lust hätte nach Hof zu
gehen Der Graf verlies damit seinen Gefährden und befahl ihn der geistlichen
Sorgfalt eines Lehrers und eines Vorstehers welche ihn nach dem GastHof
begleiteten Er versprach demselben vor SchlafensZeit wie der bei ihm zu
sein
    Als der Graf nach der Burg ging fand er so wohl die Strafen als den Hof
mit WindLichtern erhellet Man führte ihn durch einige Zimmer in einen Saal wo
er die annehmlichste Stimmen mit einer durchdringenden Anmut erklingen hörte
Es schien als ob ein ganzes Chor der besten Sänger und Sängerinnen die reinste
Töne nach einer abgezeichneten Singweise mit einander vereinigte Der Graf
fragte was dieses zu bedeuten hätte Man sagte ihm der Fürst hielt diesen
Abend seine gewöhnliche Andacht welches die Woche zweimal zu geschehen pflegte
Der Graf fragte weiter ob ihm nicht erlaubet wär derselbigen mit beizuwohnen
Man berichtete ihm dass der Fürst insgemein selbst dabei den Vortrag tät und
deswegen nicht gern Fremde darzu ließ
    Der Graf wurde durch diese Nachricht desto begieriger dieser Andacht mit
beizuwohnen und bat deshalben seinen Führer er möchte ihn mit dahin bringen
Dieser war darzu leicht zu bereden Der Graf kam in ein Zimmer das voller
Menschen war Der Fürst saß hinter einem kleinen Tisch worauf die Bibel und ein
GesangBuch lag neben ihm zur Rechten war die Fürstin seine Gemahlin mit dem
Prinzen den beiden Prinzessinnen und einigen HofDamen zur Linken fand sich der
junge Prinz mit seinem Hofmeister und andern StandsPersonen Die Bedienten
nebst andern Leuten saßen auf Stühlen und Bänken hinter welchen der Graf sich
hinstellte Man wurde aber seiner so bald nicht ansichtig so nötigte man ihn
mit aller Höflichkeit sich vorn hin auf einen von den Stühlen zu setzen welche
noch leer warm Er weigerte sich nicht lang sondern begab sich nach dem
angewiesenen Platz
    Der Graf meinte nicht dass ihm noch Aufmerksamkeit für den Vortrag des
Fürstens übrig bleiben würde so sehr hatten ihn die verschiedene Gestalten die
ihm hier in die Augen fielen eingenommen Er sah unter andern die älteste
Prinzessin mit Verwunderung an er betrachtete sie mit einer Art die ihr
ungewöhnlich schien sie errötete darüber und empfand in ihrem Gemüte etwas
so ihr selbst unbekant war
    Die Gesänge davon man dem Grafen ein Buch gereichet hatte gingen über
diesen Betrachtungen zu Ende Der Fürst begunte seine Rede er tat solches mit
einem überaus natürlichen und ungezwungenen Wesen er las einige Sprüche aus der
zwölften Epistel Pauli an die Römer und machte darüber unter andern folgende
Anmerkungen
    Die Menschen sagte er hätten insgemein einen sehr ungleichen und falschen
Begriff von dem Wort Gottesdienst Gott sei ein vollkommenes und sich selbst
genugsames Wesen dem wir eigentlich durch nichts einen Dienst erweisen könnten
Seine Absichten in Ansehung der Menschen gingen bloß dahin sie einer
immerwährenden Glückseligkeit teilhaftig zu machen In diese Absichten müssten
wir eingehen Gott dienen hieß also nichts anders als sich ihm darstellen in
einem reinem Gehorsam seinen Willen zu tun und ihn als das höchste Gut zu
verehren und zu lieben Durch diese inwendige Neigung des Herzens hielt sich der
Mensch in einem steten Zusammenhang mit GOTT und zög durch seinen Geist aus ihm
alles Licht alle Weisheit und alle Tugend die zu seiner Glückseligkeit
erfordert würde nicht anders als wie das natürliche Leben durch das
beständige Atmen und Ziehen der Luft sich fortführte
    GOTT wirke in der ganzen Natur nach einer unwandelbaren Ordnung darzu alle
geschaffene Dinge ein jedes nach seiner Art ihre Bewegungen einrichten müssten
so lange die Menschen dieser Ordnung gemäß lebten so lange blieben sie auch in
der Ubereinstimmung mit dem Göttlichen Willen und wären glückselig so bald sie
aber durch ihre Unordnungen und Ausschweiffungen sich von ihm abwendeten so
verfielen sie auch in die Strafen damit die Natur diejenigen plagte welche die
Ordnung ihres Schöpfers verkehrten
    Der wahre Gottesdienst wär also nichts anders als die Beobachtung unserer
Pflichten gegen Gott gegen seine Geschöpfe und gegen uns selbst nichts wär
unserer Natur zuträglicher und angenehmer als in dem Dienst eines solchen Herrn
zu stehen der uns nur suchte glückselig zu machen
    So zerstreuet Anfangs die Aufmerksamkeit des Grafens war so enge zog sie
dieser Vortrag zusammen Die Art womit der Fürst sich vernehmen ließ schien
mehr einem vertraulichen Gespräch als einer voraus studirten Rede ähnlich Das
leutselige eindringende und aufrichtige Wesen damit dieser grosmütige und
fromme Herr sein Fürstliches Haus und seinen ganzen HofStaat zu erbauen und zu
unterrichten suchte hatte etwas ganz ungemeines
    Der Fürst ging darauf in sein Zimmer nachdem er alle seine Zuhörer mit
einer holden Freundlichkeit begrüsset hatte Gleich darauf kam ein Kavalier zu
dem Grafen von Rivera und fragte ihn in Aquitanischer Sprach ob er der
Halycidonischer Doctor wär Ich bin ein Halycidonier antwortete ihm der Graf
Ich bin sonst von Adelicher Geburt dabei aber zufälliger Weise auch ein Arzt
worden Wolten sie nicht fragte der Kavalier weiter meinem Herrn die Ehr
geben und ein wenig zu ihm kommen Der Graf wurde über dieses Zumuten ein
wenig verwirrt er wollte sich nicht gern dem Fürsten bei solchen Umständen zu
erkennen geben er erwartete den andern Tag seine Leute er hatte unterdessen
keinen Vorwand die angebottene Ehre um den Fürsten zu sprechen von sich
abzulehnen
    Der Fürst empfing ihn mit der größten Leutseligkeit Er befragte ihn um ein
und andre Neuigkeiten des Aquitanischen Hofs wie auch ob er den in kurtzer
Zeit so berühmt gewordenen Grafen von Rivera nicht kennete Der Graf errötete
über diese schmeichelhafte Erwähnung seiner Person Er verwünschte in diesem
Augenblick alle Verstellung Ich kenne sprach er den Grafen von Rivera so
wohl wie mich selbst Er wird erster Tagen hier sein Ich bin voraus gegangen
um dessen Ankunft Ew Durchleucht zu melden und die Erlaubnis bei Deroselben
auszubitten dass er einem so grosen und weisen Fürsten seine Ehrerbietung
bezeigen möchte Der Fürst war über diese Nachricht so erfreut dass er solche
seiner Gemahlin welche noch in demselben Zimmer war zu wissen tat
    Der Graf wurde darauf mit zur Tafel genötigt Das Gespräch bei derselben
war teils von ihm selbst und von dem mit dem König von Licatien geschlossenen
Frieden teils von dem Kranken welchen er im GastHause unter seine Chur
genommen hatte Die älteste Prinzessin sagte hierauf halb im Schertz Sie hätte
hier auch eine MilzSchwester bei sich sie bat deswegen den Herrn Doctor sich
ihrer ein wenig anzunehmen Indem sie dieses sagte winkte sie mit den Augen
einer Fräulein die neben dem Grafen saß und trank ihr mit einem vertraulichen
Lächeln die Gesundheit zu Es lebe Riesenburg
    Diese Fräulein hatte keine gar gute Farbe ob sie gleich von einer überaus
schönen Bildung war Sie wurde rot als die Prinzessin diesen Namen Riesenburg
aussprach Der Graf sah darüber die Fräulein an und zweifelte nicht dass sie
die Fräulein von Turris sein musste als von welcher er bereits Nachricht
eingezogen hatte dass sie sich an diesem Ort finden sollte Er konnte darüber sein
Vergnügen kaum bergen Schönste Fräulein fing er ganz ernstaft an Sie haben
ein Anliegen welches sonst nicht die Ärzte zu curiren pflegen Ich hoffe
nichts destoweniger denselben wenn sie mir folgen wollen wieder zu ihrer
vorigen Gesundheit zu verhelfen Der Fürst sah darüber den Grafen an
schüttelte den Kopf und wusste nicht was er von ihm denken sollte Sie scheinen
mir sprach er zu ihm ein ganz außerordentlicher Medicus zu sein Gleichwohl
antwortete jener ist nichts ordentlicher und natürlicher als die Art womit
ich meine Patienten zu tractiren pflege Ich werde fügte er hinzu in kurtzer
Zeit die Gnade haben Ew Durchleucht davon ganz unverdächtige Proben zu zeigen
    Der vermeinte Arzt fasste darauf die Fräulein bei der Hand Ihr Puls geht
sehr schnell sagt er sie sind beweget Ich werd ihnen ein Pulver geben die
Wallungen in ihrem Geblüt niederzuschlagen Morgen wird ihnen besser sein Man
stund damit von der Tafel auf Ich sehe sagte der Fürst zu dem verstelleten
Grafen dass sie heut mit unserm Frauenzimmer werden zu tun haben Morgen werd
ich mir auch eine Stunde ausbitten mit ihnen zu sprechen Er ging damit nebst
der Fürstin seiner Gemahlin und dem jungen Prinzen in sein Zimmer und ließ
den Grafen mit seiner ältesten Prinzess in und der Fräulein in dem Vorgemach
    Diese beide Damen fanden den vermeinten Arzt freier als die Ärzte sonst in
diesen Ländern zu sein pflegten Er sah vollkommen wohl aus Er scherzte mit der
größten Anständigkeit und hatte dabei solche Manieren die ganz vornehm waren
    Ihr Gnaden redete er die Fräulein an werden mir etwas zu gut halten Die
Medici bei uns sind sehr freie Leute sie werden mir ein wenig beichten müssen
Ich sehe dass Ihr Durchleucht die Prinzessin sie lieb haben sie wollen dass
ich ihnen helfen soll man kann aber kein Ubel aus dem Grunde heben dessen
Ursprung man zuvor nicht wohl weiß Indem er dieses sagte ergriff er wieder der
Fräulein ihre Hand und besah darin ihre Lineamenten Ist es nicht wahr schöne
Fräulein fuhr er fort sie lieben einen gewissen Kavalier und sind in ihrer
Liebe nicht wie sie es wünschen glücklich Die Fräulein schien über diese
allzu grose Freiheit des fremdem Doctors ungedultig zu werden und wollte ihre
Hand wieder zurück ziehen allein der Graf hielt solche fest Nein nicht so
gnädige Fräulein sprach er zu derselbigen mit Ungedult werden sie meiner nicht
los und weil sie mir nichts bekennen wollen so will ich ihnen selbst die gute
Wahrheit sagen Werden sie mir aber solches ungnädig nehmen so dürften sie
damit mit ihr Geblüt noch mehr erhitzen und also ihre Cur desto schwerer
machen
    Die Prinzessin lachte von Herzen über dieses Spiel und bat den vermeinten
Arzt darin weiter zu gehen Der Graf fuhr also fort und sagte der Fräulein
sie möchte sich verstellen wie sie wollte so säh er doch so viel aus ihren
Lineamenten dass ihr eigentlicher Beruf gewesen wär in ein Kloster zu gehen
dass sie aber durch eine darzwischen gekommene Neigung für einen vornehmen
Kavalier darin sei gestöret worden O das ist nicht natürlich rief darüber
die Prinzessin aus Der guten Fräulein zitterten die Hände sie sah den Grafen
mit ganz erschrockenen Augen an und fing an sich vor ihm zu fürchten
    Der Graf merkte solches er lachte heimlich darüber Nur ein wenig Mut
gefasst gnädige Fräulein sprach er zu derselben ich bin so gefährlich nicht
als sie meinen Hie Haben sie fuhr er fort als er ihr wieder in die Hand sah
einen zwar widerwärtigen Planeten sie haben ihren Liebsten vermutlich durch
einen Zweikampf verloren Allein dem ungeacht so verspricht ihnen die
Vereinigung des Saturni mit der Venere noch vieles Glück Ihr Liebster lebt
noch sie werden ihn auch wieder finden und wenn sie mir glauben wollen so
soll er durch meine Kunst erfahren wo sie sich aufhalten und sich selbst hier
vor ihren Augen stellen
    Der guten Fräulein wurde über diesen Reden noch banger sie konnte kein Wort
sprechen sie zweifelte gar nicht dass der vermeinte Doctor ein Zauberer sein
müsste Der Graf versicherte sie dagegen dass alles ganz natürlich zugieng und
sollte morgen oder übermorgen der Graf von Rivera selbst für ihn gut sprechen
    
    Darf ich mich nun auch unterstehen sagte hierauf der Graf indem er sich zu
der Prinzessin wand und Ew Durchleucht ungemein glückliche Planeten welche ich
auf dero schönen Stirn erblicke in dero hohen Hand bewundern Sie sind Herr
Doctor antwortete sie ihm mit einer freundlichen Mine ziemlich verwegen sie
zeigte ihm damit wiewohl nicht ohne einige Schamröte und Verwirrung ihre
Hand
    Hier machte der Graf grose Augen und tat als ob er lange nicht recht mit
der Sprach heraus wollte endlich senkte er das eine Knie zur Erden O grose
Prinzessin rief er aus mit einem Geheimnüsvollen Ton Ich sehe hier eine der
größten Königinnen der Welt vor mir stehen Ew Durchleucht erlauben mir
Deroselben meine tiefste Ehrerbietung zu erkennen zu geben Sie werden den
machtigsten Thron beherrschen ihren Gemahl und ihr Volck glückselig machen und
ihre Durchleuchtigste Nachkommen bis auf die späteste Zeiten fortpflanzen Dero
Weisheit Dero Tugend Dero Gottesfurcht werden auch schon hier in diesem Leben
ihre reiche Belohnung finden Sie werden die Vollkommenste unter den Königinnen
wie die Schönste unter den Frauen sein
    Eine so schmeichelhafte Prophezeiung und die edle Gebehrden womit der Graf
solche aussprach verursachten bei der Prinzessin allerhand Nachdenken Solte
wohl gedachte sie bei sich selbst ein vornehmer Herr mir diese Maskerade
spielen Ja ja ganz gewiss ist unter diesem verkappten Arzt eine andere Person
verborgen Die Prinzessin hatte deswegen für denselben eine gewisse Ehrerbietung
die sie sich nicht entbrechen konnte ihm auch darin zu erkennen zu geben dass
sie ihm seine allzufreie Aufführung nicht allein nicht verwies sondern auch im
Scherz ihm diese Antwort gab dass wo er ihr die Wahrheit gesagt hätte so sollte
er ihr erster HofArzt werden
    Der Graf nachdem er sich bei der Prinzessin beurlaubet hatte verfügte sich
nach dem allgemeinen GastHaus von da er durch einen ihm mitgegebenen
Fürstlichen LeibDiener der Fräulein das versprochene Pulver aus seiner
ReisApotheke zusandt Sein anderer Patient war noch auf und las in einem Buch
welches von der Zufriedenheit und wie man solche bei Gott suchen müsste
handelte Der Graf fand ihn sehr ruhig Der Fremde sagte dass ihm so wohl wär
als er solches in langer Zeit nicht gewesen Das macht versetzte der Graf weil
man sie hier in diesem Ort zu dem rechten Arzt gewiesen hat welcher so wohl dem
Leib als dem Gemüt am besten aufhelfen kann wenn man anders mit einem
aufrichtigen Herzen zu ihm seine Zuflucht nimmt und die Mittel zur Genesung
gebrauchet die er uns vorgeschrieben hat
    Der Graf so wohl als der Fremde empfand noch keinen Schlaf Der Graf
ersuchte deswegen seinen Patienten wenn es ihm anders zur Erleichterung des
Gemüts dienen sollte und sonst kein Geheimnüs darunter verborgen wär ihm seine
Begebenheiten zu erzählen Dieses alles antwortete der Fremde würde gar zu
weitläuftig fallen Der Graf sagte er würde ihn damit verpflichten und wann
sie allenfalls darüber schläfrig werden sollten so könnten sie das übrige morgen
nachholen
 
                               Das zwölfte Buch
                  Die Begebenheiten des Herrn von Güldenblech
Ich bin begunte der Fremde seine Erzählung aus Budorgis und heise Güldenblech
Meine Vorfahren sind meist angesehene HandelsLeute gewesen Mein Vatter aber
hatte aus Gefälligkeit für meine Mutter weil sie von einem adelichen Geschlecht
war unsern Namen mit dem Beiwort von bereichern lassen Es ist solches bei uns
nichts neues dass die Kaufleute sich adeln lassen weil man den Adel um guten
Preis haben kann so läst man diese Ehre auch öfters die längst vergrabene
Knochen seiner Vorfahren mit genießen und solche noch in der Gruft bis auf
sieben Ahnen mit adeln Wiewohl der Neid der Land Junkern allhier so groß ist
dass sie uns nicht für Stift und Turniermäßig halten wollen wenn wir gleich
öfters gegen sie noch so gute Figur machen
    Ich wurde als ein einziger Sohn von meinen Eltern in aller Weichlichkeit
erzogen dergestalt dass mir auch nicht die geringste Bemühung weder im Lernen
noch auf meines Vatters SchreibStube zugemutet wurde Wenn meine Lehrmeister
über mich klagten so wurden sie von meiner zärtlichen Mutter mit dem
sorgfältigen Bescheid abgewiesen sie sollten das arme Kind nicht zu viel mit dem
Lernen quälen ich würde doch einmal Brod zu essen haben Meine
Ausschweiffungen wurden unterdessen für kleine Artigkeiten und Wirkungen eines
munteren Geistes gehalten
    Nachdem ich solcher Gestalt mein achtzehendes Jahr erreichet hatte fand man
für gut mich auf eine benachbarte Universität zu schicken man gab mir einen
sogenannten Hofmeister mit der ein sehr dummer und furchtsamer Mensch war
Meine Mutter hatte ihn deswegen vor andern erwehlet dass er desto behutsamer auf
mich acht geben sollte
    Die Lehren die sie unter andern mir mit auf die Weg gab waren diese
Lieber Sohn sprach sie du gehest nun auf Universitäten ich habe bereits
Sorge getragen dass du daselbst bei einem Professor an einen der besten Tische
gehen sollst doch hat man mir gesagt dass es zuweilen etwas mager bei denen
Herren Professoren in der Kost aussähe du kanst deswegen an mich schreiben dass
dein Vater nichts davon weiß ich will dir schon Geld schicken dass du auch
nebenher dir einen guten Bissen bei den Gastaltern kanst holen lassen Hier
hast du eine kleine Börse da kauf dir etwas und sage es Papa nicht dass ich
dir Geld mit auf die Reise gegeben hätte er wird schon auch für dich sorgen
Lerne etwas dass du Ehr davon haben mögest studir aber auch nicht zu viel du
mögst mir sonst krank werden oder dich gar überstudiren Geh auch fleißig in
die Kirchen hüte dich aber ja dass du kein BetBruder wirst denn ich kann die
Pietisten nicht leiden
    Mein Vater hielte mir einen etwas ernstlichern Discurs er sagte mir ich
sollte keinen Mangel leiden aber ich müsste mich auch der Sparsamkeit befleissen
die Zeiten wären schlecht das Geld wäre schwer zu verdienen ich müsste suchen
etwas zu lernen sonst würde ich in der Welt nicht wohl zurecht kommen
    Mit diesen Vätter und Mütterlichen Ermahnungen reiste ich nebst meinem
Hofmeister auf die Universität Meine Mutter hatte mir selbst eingepackt ich
fand in einem Koffer nebst etlichen Pfund Kaffee und Tee eine Menge von
Zuckerwerk und eingemachten Sachen imgleichen verschiedene Gläser von
Ungarisch Wasser und Aquavit nebst einer großen Schachtel mit allerhand
Arzneien welche allesamt auf einen verdorbenen Magen gerichtet waren
    Ich streuete an diesem Ort zum Saamen künftiger Weisheit binnen drei
Jahren über sechs tausend Taler aus Meine Eltern erhielten währender Zeit von
mir die allerbeste Nachrichten es hieß ich machte dem ganzen Güldenblechischen
Hause die größte Ehre ich sei der artigste und galanteste Kavalier auf der
Universität und würde dermahleinst eine Zierde unserer ganzen Stadt abgeben
    Zu mehrerer Bekräfftigung dieser annehmlichen Berichten ließ mir einer der
vornehmsten Professoren keine Ruh ich sollte mich öffentlich auf dem Katheder
zeigen und eine grose Disputation von dreißig Bögen stark zu verteidigen
übernehmen So eitel ich auch sonst mochte gewesen sein so hatte ich doch nicht
Hoffahrt genug mich ohne Müh zu einer dergleichen Probe zu verstehen dem
Professor aber war es um ein gutes Geschenk zu tun welches er sich von meinem
Vater vermutete wenn er unter dem Namen seines Sohnes dessen gelehrte Arbeit
ihm zuschriebe Das Mittel mich zu einem Respondenten zu machen war von ihm
leicht ausgesonnen Er hatte schon wie er mich dessen versicherte manche
Doctores gemacht die lange nicht so viel verstanden hätten wie ich Dieses gab
mir wirklich einen gewissen Hochmut dass ich glaubte es könnte auch wohl
möglich sein dass ich mehr wüste als ich mir einbildete
    Die Disputation wurde überaus prächtig auf meine Unkosten gedruckt und mit
einem nicht gemeinen Titul meinem Vatter zugeignet Die Zeit kam herbei dass ich
den Katheder besteigen sollte ich hatte die Disputation nicht einmal ganz
durchlesen und wusste von ihrem Inhalt und was ich den Opponenten antworten
sollte kein einziges Wörtgen allein ich hatte alles sehr künstlich im Hute
liegen was ich vorzutragen und zu reden hatte
    Ich machte die Eröffnung von dem ganzen Gepränge dann anders war es nichts
mit einer sehr zierlichen Anrede welche der Herr Professor aufgesetzet hatte
ich las solche mit einem grosen Ansehen von dem Katheder herunter Meine zu
dieser Handlung erbetene Gegner ließ sich darauf gleichfalls mit einem wohl
ausgesonnenen Glückwunsch vernehmen sie priesen an mir den Wert solcher
Wissenschaften die ich nicht hatte und ich verlas ihnen hinwiederum dagegen
solche Höflichkeiten die sie eben so wenig als ich die ihrigen verdienten
Alle unsere Sätze und GegenSätze die wir uns einander machten waren mit
Numern bezeichnet auf Numero eins antwortete ich Numero ein auf Numero zwei
mit zwei und so fort und wenn ja auch einer eine Numero verfehlet so blieb
deswegen der andere doch in seiner Ordnung es mochte auf einander passen oder
nicht es hatte solches nichts zu sagen dann wegen des hin und wieder
lauffenden jungen Volks und des Geräusches welches sie mit ihrem Plaudern und
ihren Reverenzen machten konnte man kaum das wenigste von diesem gelehrten
StreitSpiel vernehmen Als auch dabei ein außerordentlicher Wiedersacher sich
meldete so wies der Professor denselben für mich ab
    Nach diesen abgelegten Proben meiner Gelehrsamkeit lies ich den Abend
darauf die meiste Professores den vornehmsten Adel zunebst meinen Opponenten
und TischPurschen in einen Garten bitten und tractirte sie daselbst aufs
beste Ich kann sagen dass ich dabei noch mehr Ehr einlegte als auf dem
Katheder ich hatte mir den besten Wein darzu von Hause kommen lassen es wurden
eine Menge Speisen aufgetragen der ganze Garten war mit Lichtern erhellet wir
hatten Paucken Trompeten Musik und kleine Kanonen Die Professores weil sie
stark mit dem Kopf zu arbeiten pflegen konnten den Wein nicht so wohl wie die
Studenten vertragen sie wurden am ersten trunken Es fand sich darunter ein
Lehrer der Griechischen und Römischen Altertümer der sich zu Ehren der alten
Weltweisen deren Gesundheiten man ihm zubrachte ganz viehisch besoff Andere
trunken vor lauter Vertraulichkeit Brüderschaft mit uns und dass an diesem
Schmauss ja nichts fehlete so gab es auch zuletzt Händel man hatte aber aus
nötiger Vorsicht die Degen schon bei Seiten geschafft Da also einer der
jungen Helden seinem vom Wein erhitzen Mut an seinem Wiedersacher nicht kühlen
konnte so mussten es die Teller und die Gläser entgelten die er teils auf die
Erden teils in die Fenster schmiss
    Ich kam darauf wieder nach Haus und wurde von den Meinigen als im Triumph
eingeholet meine Mutter war mit mir ungemein vergnügt und hatte deswegen mit
meinem Vatter ein hartes WortGefecht weil er sich kurz darauf bei Tisch
unterstanden hatte mir zu sagen ich hätte gleichwohl ein wenig besser
haushalten sollen dann sechs tausend Taler die ich in drei Jahren hätte
darauf gehen lassen wären so geschwinde nicht verdient und müsste er manchen
Brief dafür schreiben
    Es ist doch gleichwol sagte sie unter andern nichts groses und
edelmütiges in einer Kaufmännischen Seele was ist doch verächtlicher und
niederträchtiger als ein solcher Mensch der nicht weiß wie man für sein Geld
sich Ehre machen soll Fritz hat schon ein höheres Gemüt als sein Papa er hält
auch mehr auf die Ehre als auf das Geld und darin schlägt er seiner Mama nach
Meine Vorfahren haben nur auf Ehr und Adel gesehen Es ist wahr dass sie durch
ihr grossmütiges Wesen sind Güterlos worden Allein sie hatten dagegen
allenthalben den Ruhm dass sie zu leben wüsten und wenn sie hätten voraus sehen
sollen dass eins von ihren Nachkommen dermaleinst so unglücklich sein würde wie
ich und einem Kaufmann heiraten sie hätten sich darüber halb zu tot
gegrämet
    So lebhaft wusste sich bei dieser Gelegenheit der adeliche Schmerzen meiner
Mutter auszudrucken
    Mein Vater der nur von einer alten guten StadtFamilie entsprossen war
unterstund sich nicht in einer so wichtigen StreitSache meiner Mutter zu
wiedersprechen er war dergleichen Zänkereien bei ihr gewohnet er trug also
sein Creutz mit Geduld
    Ich hatte unterdessen auch meine Reisen getan welche ihm so teuer als
meine StudentenJahre zu stehen kamen Ich war damals ungefehr vier und
zwantzig Jahr alt und weil meine Mutter wollte ich sollte an statt die Handlung
meines Vaters fortzusetzen einen LandJunker abgeben so ließ sie demselben
keine Ruh biss er einen Teil von seinem Vermögen dahin verwandt und mir ein
RitterGut kauffte
    So ein großes Verlangen auch meine Mutter hatte wieder eine recht gnädige
Frau zu werden so erlebte sie solches doch nicht sie fiel in ein hitziges
Fieber und starb Mein Vater lies darüber keinen gar großen Kummer spüren er
war zu aufrichtig dem Wohlstand zu gefallen sich zu verstellen
    Das erkauffte RitterGut warf indessen schlechte pro Centen aus und es
kamen Jahre da uns der Pachter eine neue Art zu rechnen lernte bald waren es
Heerzüge bald DurchMarsche bald HagelSchlag und Misswachs bald Unterhalt
Bau und BesserungsUnkosten bald andere Dinge welche meinem Vater das null
von null geht auf in seine Bücher tragen lehrte Er verwünschte deswegen von
ganzem Herzen den Landadelichen Wind und beklagte so sehr als seine
Flegmatische Gelassenheit es zulies den dadurch verursachten Abgang seiner
bisherigen HandelsGeschäfften Mein Sohn sagte er bei dieser Gelegenheit zu
mir lass dich den RitterWurm nicht betören überlass dergleichen WahnWitz den
stoltzen LandJunckern die lieber hochmütig auf ihrem Mist herum traben und
ihre HochAdeliche Schweine füttern als mit Demut und Vernunft die Städte
bewohnen und ihre Kapitalien in der Handlung herum laufen lassen
    Ich hatte so viel Verstand oder vielmehr Empfindung von einem uns alle
Gemächlichkeiten dieses Lebens verschaffenden Reichtum dass ich meinem Vater
beipflichtete Hierzu kam auch dieses dass wann ich auf unserm Gut mich befand
selten ein Tag vergieng dass nicht eine Anzahl ausgehungerter Edelleuten aus der
Nachbarschaft sich bei mir versamleten welche so bald sie nur den Schornstein
von weitem rauchen sahen wie die Sperlinge bei einer Scheuer darin
ausgedroschen wird auf meinen Hof einfielen und was sie nicht selbst
verzehrten ihre Knechte und Pferde auffressen liesen sie soffen das Bier den
Wein und den Brandewein unter einander wie den Kovent damit sie sonst ihre
dürre Gurgeln zu befeuchten pflegten wobei sie den stärksten Toback rauchten
und mich der ich sie hatte nötigen sollen selbst zum mit machen heraus
forderten meine Natur aber konnte dieses alles nicht vertragen ich war von
denen zärtlichen Wohllüstlingen welche die grobe Schwelgereien dieser rauen
Ritter deswegen verabscheueten weil sie allerhand Schmerzen verursachten Ich
suchte mich deswegen von einem so wilden Geschlecht los zu machen allein diese
rostige KrippenReuter wurden meiner Eingezogenheit nicht so bald gewahr so
begunten dieselbe auf die StadtJunkern zu sticheln und es währte nicht lang
so sah ich mich bald dahin gebracht dass ich mich schier mit ihnen allen hätte
herum rauffen oder mich entschliesen müssen zu ihrer liederlichen Zunft mich
zu gesellen zuvor aber mich rein auffressen zu lassen um mich dieser
Stiftsmäsigen Vorzüge würdig zu machen
    Ich war demnach froh als ich wieder in die Stadt in meines Vaters Hause
kam und dieser war eben so vergnügt dass ich meine junge RitterHörner so
glücklich auf unserm Gute abgestoßen hatte Meine Belustigungen waren hier von
einer ganz andern Natur Hier kont ich mir eine Gesellschaft von jungen Leuten
wählen wie ich selber wollte Hier kont ich täglich in die Sing und
SchauSpiele gehen Der Umgang mit dem artigsten Frauenzimmer ihre öffentliche
Zusammenkünfte der Zutritt in die beste und vornehmste Häuser alles dieses
stunde mit offen man ergetzte sich hier auf unzehlige Arten und nachdem die
JahrsZeiten solches mit sich brachten Kurz ich genoss in der Stadt so viele
Annehmlichkeiten als ich auf dem Lande Verdruss Langeweil und Ungemächlichkeit
empfunden hatte
    Ich lag demnach meinem Vater selber an diesen mir so verhasst gewordenen
RitterSitz wieder zu verkauffen und das Geld dafür in der Handlung zu
gebrauchen Mein Vater tat solches und verlor darauf etlich tausend Taler
Zehn bis zwanzig glückliche Unternehmungen ersetzten diesen Verlust mit
verdoppeltem Gewinn
    Ich verheiratete mich unterdessen an eine der besten Partien unserer
Stadt Meine Frau hatte ihre Annehmlichkeiten ich nahm sie aber bloß des Gelds
wegen Ihr Vater war sonst von einem guten Hause und hatte nebst einem Sohn
der am Hofe war nur diese einzige Tochter Er trachtete nach Geld und Gut die
Mittel darzu zu gelangen galten ihm gleich viel Die Natur hatte ihn zu einem
Bauern das Glück zu einem reichen Mann und der Reichtum zu einem Edelmann
gemacht Die Natur ließ sich dem ungeacht ihr Recht nicht nehmen sie herrschte
über den Reichtum und über den Adel sie blickte aus allen seinen Gebehrden er
dachte wie der Pöbel und sprach wie der Pöbel
    Seine Frau hatte etwas mehr Ehrgeitz Sie beobachtete den Wohlstand wo er
nicht viel kostete und bat immer viel Zeugen zusammen wenn sie einen kleinen
Aufwand machte Sie und ihr Mann haderten stets zusammen So bald sie sich nur
sahen so entdeckten sie an einander ihre Fehler welche eines an dem andern
weder ertragen noch an sich selbst ablegen wollte
    So sahen meine SchwiegerEltern aus Meine Frau aber war von einer ganz
andern GemütsArt Ihr Bruder hatte sie stolz gemacht Ihre ganze Aufführung
war gros sie wusste zu leben sie hatte gute Manieren sie spielete das Klavier
sie sang sie redete Aquitanisch und Ligurisch sie kleidete sich wohl Kurz
ich hatte eine galante Frau und wusste nicht dass ich sie hatte ich hasste sie
nicht dann sie war nicht zänckisch ich liebte sie aber auch nicht weil sie
meine Frau war sie hätte können leichtfertig sein ohne dass ich viel würde
danach gefragt haben dann ich hatte mich einmal mit ihr auf einen solchen Fuß
gesetzt dass wir uns das Leben nicht wollten einander sauer machen sie sollte
ihre Gänge und ich die meinige gehen Wir hielten den schlimsten Frieden auf
diese Art für besser als den gerechtesten Krieg Wir lebten bei diesem
Vergleich zusammen ziemlich vergnügt Die Aufhebung des Zwangs und der
Verstellung gab uns für einander eine gewisse Zuneigung die unsern Ehstand
glücklich machte
    Das erste Jahr waren wir noch bei ihren Eltern allein da ich es bald mit
meinem wunderlichen SchwiegerVatter bald mit der SchwiegerMutter bald mit
beiden zugleich aufnehmen und mich mit ihnen herumkeiffen musste Ich fing gleich
darauf meine eigene Haushaltung an und bezog meines Vaters Haus der mir
zugleich mit demselben auch seine ganze Handlung übergab und einige Jahre
hernach mit Tod abgieng
    Meine SchwiegerEltern machten es auch nicht lange der Vatter hatte
beständig das Podagra und wurde dadurch verhindert seiner Frauen aus den Augen
zu kommen und auf seinem Hof den er bei der Stadt hatte zu leben Er saß in
seiner und die Frau in ihrer Stube doch aßen sie mit einander da denn der
erste bis zum letzten Bissen mit Zank und Disputiren in den Magen gestoßen
wurde Dem Alten kam darüber die Gicht in die Gedärme dass er starb Meine
SchwiegerMutter lebte darauf noch etliche Jahre bei uns im Haus und ärgerte
sich grausam da sie sah wie wir so vornehm Haus hielten
    Ich war damals durch den Tod meines Vaters und SchwiegerVaters ein Mann
von einem überaus großen Vermögen Wann ich auch meine Einkünfte jährlich nach
meinen Kapitalien nur zu vier vom Hundert anschlug so hatte ich dennoch bei
zehen tausend Taler einzunehmen
    Ich dachte demnach nicht dass meine Ausgaben und kostbare Haushaltung den
Grund eines so großen Vermögens erschöpfen noch vielweniger mich gar überen
Haufen werfen sollten O wie große Ursachen haben nicht die Alten uns vor der
Unordnung und Verschwendung zu warnen
    Ich hatte noch kaum fünf bis sechszehen Jahre in der Eh gelebet so stieß
ich auf den Grund und mein HausWesen ging gleich einem vollbeladenen
Schiff zu scheitern
    Wie dieses zugieng wusste ich bei den ersten Stösen selber nicht ich habe
nur seit dem ich mich flüchtig von Haus Hof Güter Weib und Kinder machen
müssen die Zeit gehabt solches zu überlegen und mir die Sache begreiflich
vorzustellen
    Da ich neun Jahr geheiratet war hatte ich acht Kinder einen
HausPräceptor eine Französin vier Mägde drei Bedienten auf der
SchreibStube und nebst dem Gutscher noch zwei Diener in Liberei die Näherin
und andere Beiläuffer nicht zu rechnen Als hierauf auch der älteste von meinen
Söhnen begunte die zehen Jahre zu erreichen so kamen darzu die SprachMusik
und ExercitienMeister Auf meinem Hof hatte ich einen Verwalter mit Weib und
Kindern Einen Gärtner mit Weib und Kindern Einen WingertsMann mit Weib und
Kindern ohne das andere Gesind zu rechnen Alle diese Leute hatten wieder
andere Leute an sich alle nährten sich aus meinem Beutel und verliesen sich
auf ihren guten Herrn Ich und meine Frau liebten die Gesellschaften und die
Lustbarkeiten Wir hatten also genug zu sorgen wie wir uns und die Kinder
kleiden wie wir tractiren und die Zeit sonst vergnüglich hinbringen wollten Auf
diese Weise lebten wir beständig fort Der Zirkel unserer Ausgaben vergröserte
sich mit dem Anwachs unserer Kinder
    Meine Frau war in allen galanten Wissenschaften erfahren aber sie verstund
keine Haushaltung Ihre Eltern keiften ehedessen vom Morgen bis an den Abend mit
ihrem Gesinde sie niemals es war ihr alles recht sie wollte dass alles
vergnügt sein sollte und konnte nicht einmal leiden dass das Gesind
untereinander zankte Nun nun sagte sie Kinder seid nicht so böse vertragt
euch ich will euch lieber etwas schenken
    So viel WeibsLeute ich im Hause hatte so viel Liebhaber musste ich auch mit
unterhalten Die Freiheit der Müßiggang der Uberfluss machte sie allesamt
üppig Nur die Französin hatte ihr Alter züchtig aber auch dagegen eigennützig
gemacht Sie sah die Unordnungen in meinem Hause schwieg darzu still und
fischte im Trüben ich musste ihr solches als eine Höflichkeit bezahlen dann sie
sagte sie schonte der Ruh der Madame und möchte ihr nicht alle
Verdrieslichkeiten vorbringen
    Wir hatten solchergestalt das beste Gesind in der Stadt man stellte uns
allen Herrschaften zum Exempel vor Knechte Mägde und Laqueien errichteten nach
der Art wie wir es hielten ihre neue RechtsVerfassungen und
GesindsOrdnungen
    Meine Bedienten auf der SchreibStube taten auch was sie wollten Mein
Buchhalter schnitt die beste Rohren für sich er teilte die gute Posten mit
mir und schrieb mir die bösen allein auf Der Kassirer war ein HauptVogel er
brachte mir die schlimste MünzSorten in die Einnahm verwechselte mit Vorteil
die guten die er empfangen hatte blieb der Kassa bei jeder Abrechnung etwas
schuldig und machte sich also ein artiges Kapital Meine andere zwei Bedienten
hiengen an liederlichen WeibsLeuten denen sie alles zusteckten was sie teils
vom Postteils vom KostGeld zurück legten Kurz mein ganzes Hauswesen war so
beschaffen dass ich nach einer Matematischen Ausrechnung keine gewissere Mittel
hätte gebrauchen können um zu verderben
    Es war um diese Zeit als ich grosen Verlust durch allerhand Zufälle und
Banckerutten litt dergestalt dass ich meine Kasse auf einmal erschöpfet sah
Hier bekam ich die erste Empfindung von einer Furcht Ich fing an zu glauben
dass es nicht unmöglich wär mit meinem grosen Reichtum zum Fall zu kommen
Diese Vorstellung machte bei mir keinen geringen Schrecken
    Ich ging in dieser Bestürzung zu einem alten Vetter den ich zuvor wegen
seiner geringen Aufführung wenig geachtet hatte und begehrte von ihm einen
Vorschuss von zehen tausend Talern Er hatte sich durch seine ordentliche
Haushaltung und glückliche Verrichtungen ein groses Geld gesamlet Er hätte mir
am besten helfen können er schlug mir aber meine Bitte ab ich wurde darüber
verwundert Wie fing ich an der Herr Vetter will mir nicht einmal zehen
kahle tausend Taler auf einige Monate Sicht gegen meinen WechselBrief
creditiren Der Herr Vetter wird excusiren war seine Antwort meine Kasse ist
dermahlen mit einer so grosen Summe Geldes nicht versehen Ey Herr Vetter
sagte ich wie kann das möglich sein Noch viel möglicher versetzte jener als
dass des Herrn seine Kasse nicht stärker als meine sollte beschossen sein denn
nach dessen Aufführung muss er weit mehr Geld haben als ich Ich bin nur ein
schlechter Mann ich halte weder Gutsch noch Pferde noch Laquayen noch
Hofmeister und Mamesellen wie der Herr Vetter ich gehe nur mit gemeinen Leuten
um und kleide mich weder in Samt noch Seiden weder in Gold noch Silber ich
habe kein Kabinet von Mahlereien Antiquitäten Büchern Kupferstichen
Medaillen und dergleichen ich habe keine Palläste und kostbare Gärten ich
tractire keine grose Herren wer mit mir essen will der muss mit bürgerlicher
HausmannsKost vorlieb nehmen Kurz Herr Vetter ich bin gegen ihn zu rechnen
nur ein schlechter Mann und ich muss es für einen Scherz aufnehmen dass er Geld
bei mir suchen will
    Dergleichen Pillen gab mir dieser ehrliche Vetter ganz trocken zu
verschlucken ich konnte kaum alle einnehmen noch vielweniger darauf antworten
sie waren mir gleichsam auf die LuftRöhre gefallen Ich setzte mich hurtig
wieder in meinen Wagen und fuhr nach Haus
    Meine Frau die leichtsinnigste aber beste Kreatur von der Welt sah mich
mit verblasten Angesicht und niedergeschlagenen Augen in mein Kabinet gehen sie
konnte niemand betrübt sehen sie folgte mir nach die Gefälligkeiten die ich
für sie hatte und die Zeit die wir zusammen in vergnügter Ehe gelebt hatten
gaben ihr für mich eine Art von Freundschaft die wenn sie mich leiden sah
auch etwas zärtliches hatte was ist dir Fritz so nannte sie mich wie siehst
du so fürchterlich aus geh du machst mir angst was ist dir begegnet Lotte
sagte ich zu ihr wir müssen anders haushalten oder wir sind verloren Nichts
als dieses gab sie mir zur Antwort ich dachte es wäre dir sonst ein Unglück
begegnet Was wilt du denn noch mehr als verderben fragte ich sie Wie so
sprach sie bist du denn so viel schuldig Man ist mir zwar noch mehr als ich
andern schuldig fuhr ich fort allein die Gelder bleiben mir aus und ich soll
zahlen Kanst du denn nicht fragte sie weiter so lange borgen bis dir die
Gelder eingehen Dein Oheim Lipsart der reiche Geitzhals fuhr ich ungedultig
heraus hat mir den Kredit rund abgeschlagen und mich noch darzu mit meiner
Haushaltung weidlich hergenommen
    O erwiderte meine Frau das hätte ich dir wohl voraus sagen wollen es ist
keine so Jüdische und niederträchtige Seele in der Welt er hat mich nie leiden
können Ich weiß dir einen bessern Anschlag Gestern war der Jud Amschel bei
mir und hatte unvergleichliche Perlen unter andern zeigte er mir zwei
Armbänder die ganz auserlesen und mit Brillanten nach einer Art die ich noch
nie gesehen habe durchzogen waren er forderte dafür zwei tausend Taler ich
sagte das wäre teuer ich hätte jetzt kein Geld Au weh ihr Gnaden kein
Geld sprach der Jude wolt ihr zwanzig tausend und mehr Taler haben den
Augenblick sollen sie da sein
    Ich kennte den Juden und ließ ihn den andern Morgen kommen er brachte
seinen ganzen Cram von Juwelen mit Amschel sagte ich zu ihm ich soll einem
gewissen grosen Herrn zwölf tausend Taler schießen ich brauch aber mein Geld
in der Handlung wisst ihr mir keinen Anschlag der Jud erklärte sich wenn der
große Herr für ein paar tausend Taler Juwelen annehmen und ich den
Wechselbrief indosiren wollte so könnte er die übrige zehen tausend Taler bald
schaffen Der Handel wurde richtig ich nahm für zwei tausend Taler Juwelen
doch mit dem Beding dass er solche allenfalls mit zwei hundert Taler Verlust
wieder an Zahlung zurück nehmen sollte Ich ersann den Namen von einem fremden
Grafen der den Wechselbrief sollte ausgestellet haben und setzte als ob ich
solchen erhandelt hätte meinen Giro drauf Der Wechsel hatte sechs Monat zu
laufen ich hatte indessen einige Kapitalien eingezogen da er also wieder
zurück kam zahlte ich solchen und gab dem Juden seine Jubelen wieder
    Nach diesem gehabten Schrecken nahm ich mir ernstlich vor mein Hauswesen
anders einzurichten ich brachte meine Frau dahin dass sie darein willigte
Allein unser Gesind war einmal an die Unordnung und dass alles in unserm Haus
voll auf ging gewohnet Es gedachte wir wären doch gleichwohl so reiche
Leute und es schicke sich gar nicht für uns dass wir auf alle Kleinigkeiten
sollten sehen es schob also neben her was es konnte und wenn man es drüber zur
Red setzte so gab es lose Worte es meinte alle Kisten und Kasten wären bei
uns mit Geld angefüllet und glaubte wohl gar man täte Gott einen Dienst
daran wenn man solches unter die Leute bringen und damit unsern Geitz
bestrafen hilfe
    Meine Frau konnte das Wort Geitzig nicht leiden man hätte sie lieber sonst
was gescholten Wenn man geitzig ist waren öfters meine GegenVorstellungen so
zehret man nicht immer vom Kapital Wir haben bisher unser Gesind so wohl
gehalten dass sich unsere Nachbaren über uns beschweret wir verdürben ihnen das
ihrige und führten in der Stadt alle Missbräuche ein Wir erweisen allen Leuten
Höflichkeiten wir tractiren wir leben kostbarer als andere wir schenken hier
wir schenken dort und dennoch werden wir für geitzig gescholten wir müssen
wohl in einem seltsamen Zeichen geboren sein
    Nichts tut mir leider beklagte sich hier meine Frau als dass mein eigener
BeichtVatter der Herr Magister Ulrich seit einem Jahr mir immer den Geitz
vorwirft Wann ich ihm sage wir lebten viel stiller und eingezogener als vor
dem so spricht der andächtige Mann was ist aber daran schuld meine liebe Frau
von Güldenblech ist es nicht der liebe Geitz er weiset mich darüber in mein
eigen Herz er will ich soll mich darüber prüfen ich besinne mich ich
erschrecke ich denke weil der fromme Mann es sagte so könnte es auch wohl
sein dass ich geitzig wäre ohne dass ich es wüste Dieses macht mir eine
abscheuliche Furcht denn ich möchte nicht gern zu dem reichen Mann kommen
davon er mir so oft das Evangelium vorhält
    Ey Lotte sprach ich du und dein SeelSorger ihr seid beide nicht klug Es
schickt sich wohl für ihn dich des Geitzes halben zu bestrafen der du die
größte Verschwenderin bist Er selbst ist für den größten Geitzhals in dieser
Stadt ausgeschrien man sagt er habe den ganzen Keller voll Wein und ganze
Böden mit Früchten und wuchere damit trotz allen Wippern und Kippern er tut
kein Kapital unter sechs vom hundert aus und läst sich die Zinse voraus geben
Noch neulich hat er einen armen Mann von Haus und Hof getrieben dass sich die
ganze Christenheit darüber ärgern möchte Zahlt einer nicht auf Stund und Ziel
so jagt er die Notarios die ihm umsonst dienen hinter ihm drein da ist keine
Barmherzigkeit Zahlung oder Execution Die Richter schämen sich oft selbst über
dessen unchristlichen RechtsEifer O welch ein schädlicher Mann ist ein solcher
BauchPriester
    Dieser Mann der doch noch immer seinen fetten BeichtPfennig von uns bekam
tat uns viel Schaden ohne dass ich eine andere Ursach davon zu geben wüste als
dass wir ihn nicht mehr so fleißig wie sonst zur Tafel hohlen ließ dann er
liebte einen guten Bissen und trug seinen gesunden Appetit gern zu Gaste Er
machte uns schier alles Gesinde aufrührisch Wenn ihm eines davon begegnete
oder solches zu ihm ins Haus geschickt wurde so fragte er solches aus wie es
ihm ging und brachte demselben die Gedanken bei wann es solche noch nicht
hatte dass es bei kargen Leuten diente Ja ja sagte er zu ihnen Kinder ich
weiß schon wie es in eurem Hause aussiehet Doch habt Geduld und versündiget
euch nicht Es ist schwer seufzte er dabei dass ein Reicher ins Himmelreich
komme ihr aber seid arm Armut hat eine grose Verheißung Armut schändet
nicht Aber der Geitz der Geitz ist eine Wurzel alles Ubels
    Dieses Evangelium war unsern Dienstboten recht sie taten ohnedem schon was
sie wollten Wir dienen nicht als Sklaven sagten sie man muss uns auch eine
kleine Veränderung gönnen Was der Mund verzehret ist nicht gestohlen Der Herr
Informator und die Frantzösin hatten immer Zuspruch diese hatte die Schlüssel
zu Küch und Keller also konnte sie vielen Leuten etwas zu gute tun Diener
Mägde Lackayen Hof und BauersLeute alle wünschten ihr tausend Glück und
Seegen wegen ihrem guttätigen Herzen Meine Frau aber und ich wurden mit den
sinnreichesten Lasterungen angestochen wenn wir uns so viel heraus nahmen und
uns nach ein und dem andern zu fragen unterstunden
    Die Mägde gingen nicht mehr als Mägde sondern als wohlhabende
BurgersTöchter gekleidet sie wollten deswegen auch nicht mehr Mägde heißen
Ich versah es einmal gröblich da ich zu einem Diener sagte er sollte eine Magd
rufen das KinderMensch hörte solches die Magd wiederholte sie spöttisch ich
heise nicht Magd sie kam damit ganz murrisch ins Zimmer meine Frau merkte
bald dass ihr was fehlte sie sagte deswegen zu mir als das Mensch wieder weg
war heise doch das arme Ding nicht Magd Wie fragte ich voll Verwunderung ist
sie denn keine Magd Ja sprach sie aber es klingt den hochmütigen Dirnen zu
hart sie können nicht leiden wenn man sie so nennet sie sprechen sie wären
nicht leibeigen Wie soll man sie dann nennen fragte ich weiter bei ihren
Namen antwortete meine Frau Dosgen Fickgen Louisgen und dergleichen Ich
konnte mich in diese Sachen nicht mehr schicken Ich sah dass meine Leute dabei
sich ihrer gewöhnlichen Arbeit zu schämen begunten also dass man ihnen andere
Leute darzu halten musste
    Ich hatte sowohl in der Stadt als auf dem Land kostbare Gebäude geführet
meine LustGärten kosteten mich viel zu unterhalten und brachten nichts ein
ich hatte in meinem Hause täglich mehr als dreißig Menschen die aus meiner
Küche zehrten ohne die Gäste Beiläuffer ReibWaschNäh und SudelWeiber zu
rechnen
    Hierzu kamen noch so viel andere Leute die alle keinen Pfennig ins Haus
brachten sondern nur immer haben wollten darunter waren auch diejenige welche
die Rechte und die Gesundheit der Menschen studiret hatten Ich war in meinen
Handlungen nicht vorsichtig genug gewesen ich hatte zu viel Zerstreuungen und
andere Gedanken im Kopf Ich trauete zu leicht und wurde oft betrogen dieses
verdross mich ich wollte Recht haben ich klagte darauf so bald aber gerieten
nicht die Sachen unter die Advokaten so ging insgemein das Kapital verloren
und ich musste noch jährlich die Zinsen davon mit samt den ProzessKosten zu
Ehren der eingeführten GerichtsOrdnungen nachsetzen
    Die Ärzte und Apotheker gingen bei mir auch nicht leer aus Die
unordentliche LebensArt und die Unmässigkeit meiner Leute machten mein Haus zu
einem halben Spital Ich hatte beständig kranke Kinder und krankes Gesinde sie
sahen so blass und so mager aus dass es einen erbarmte Der Doctor kam schier
alle Tage er verschrieb die köstlichste Artzneien und GoldTincturen Die
WundÄrzte vergossen des Jahrs über eine Menge Blut in meinem Haus Die
ApothekerZettul wurden zu ganzen Büchern man schrieb mir zu Ehren alles
teurer auf als andern Leuten es hies der kans bezahlen
    Bald waren Hochzeiten bald Leichen bald Kindtaufen bald
Gevatterschaften bald Gastereien bald andere Zeremonien bei mir In allen
milden Steuren und Kollecten wurde mein Namen oben an gesetzt Ich hatte über
alles dieses von halb Jahr zu halb Jahr schier an alle Gattungen von Künstlern
und HandwercksLeuten Rechnungen zu zahlen sie übersetzten meistens darin ihre
Arbeit wolt ich ihnen etwas abziehen so klagten sie sie wären arme Leut die
Arbeit würde ihnen sauer ich wär ein reicher Herr es hiese wohl je reicher
je karger
    Anfangs ging mir in meiner Haushaltung so vieles nicht drauf da ich aber
hernach anfing zu bauen und viel auf kostbaren Hausrat auf Jubelen
SilberGeschirr Mahlereien und dergleichen zu verwenden so schmolzen binnen
sechs Jahren über fünf und zwanzig tausend Taler vom Kapital wobei wenigstens
eine gleiche Summa auch nach und nach in der Handlung verloren ging Die
Ausgaben wurden immer gröser die Einnahmen kleiner und die Zeiten schlechter
In den folgenden Jehren gingen wieder zwanzig bis dreißig tausend Taler
drauf und blieben mir wohl eben so viel zweiffelhaffet und böse Schulden
zurück Das Unglück kam hernach mit den BancoBriefen worüber der Krieg
einfiel und damust ich wieder ein groses Kapital mir abschreiben
    Als ich hierauf anfing und wollte meine kostbare Haushaltung ein wenig
einziehen so hatte ich wohl noch hundert tausend Taler übrig allein die
Helft davon stack in Haus und Gütern und allerhand Effecten die ich nicht
benutzen konnte Das übrige lief zwar noch in der Handlung herum ich hatte mich
aber dabei sehr versteckt fünf und zwanzig tausend stunden noch bei dem Fürsten
von Sardost und ich hatte kaum das Drittel mehr einzunehmen als ich ausgeben
musste Dem ungeacht hätt ich noch eine Zeitlang fortkommen oder durch eine
gänzlich verbesserte Einrichtung meines Hauswesens mir wieder aufhelfen können
Allein so starb zu meinem Unglück der Fürst von Sardost Der Fürst zahlte sonst
überaus richtig er hätte mich nimmer fallen lassen so bald aber war er nicht
tot so hieß es der Prinz wär noch minderjährig und die Kammer könnte nicht
zahlen
    Die von dem Fürsten ausgestellte WechselBriefe liefen demnach aus Mangel
der Zahlung zurück andere Briefe wurden dagegen auf mich gezogen die ich
zahlen musste Meine Kasse wurde damit leer Ich hatte Kredit nötig ich stellte
deswegen meine eigne Wechsel aus und ließ solche auf den vornehmsten
HandelsPlätzen herum laufen Dieses Mittel tat gut aber nicht lang nach
Verfliesung eines halben Jahrs kamen meine Briefe wieder auf mich zurück ich
sollte zahlen Es war unterdessen kein Geld weiter eingekommen man gab mir acht
man gab mir vierzehen Tage Sicht Die Zahlung mangelte Die Wechsel wurden
protestirt die Sache wurde ruchtbar das Gerücht ging von einer SchreibStube
zur andern es durchstrich die Börse und von da die nechste HandelsPlätze
Meine Glaubiger trieben zum Koncurs und ich rettete mich auf meinen Hof Meine
Freunde die bei mir die meiste Höflichkeiten genossen hatten konnten teils
wollten mir nicht helfen Meine Bedienten gingen auseinander Jeder machte sich
seine Rechnung selbst und nahm was er meinte dass ich ihm schuldig wär Meine
Frau wollte verzweifeln Niemand war der sich ihrer und der Kinder annahm Man
sagte es geschähe uns recht Gott hätte uns gestraft weil wir uns unsers
Glückes zu sehr überhoben hätten ich glaubte es selbst Man suchte mich
handfest zu machen ich entfloh und wusste nicht wohin Weib und Kinder
dauerten mich ich reiste von einem Ort zum andern ich wusste lange nicht wo
ich bleiben sollte Endlich kam ich hieher zu dem Fürsten und bat ihn um Schutz
Er nahm mich gnädig auf er sagte mir wenn ich mich hier niederlassen und meine
Sachen mit den Kreditoren ausmachen wollte so sollte ich ihm lieb sein er
zweifle nicht dass nach der Vellejanischen Klausul leicht für meine Frau noch so
viel übrig bleiben würde dass ich mit ihr und meinen Kindern an einem so
wohlfeilen Ort und wo man der Eitelkeit so sehr nicht als zu Budorgis ergeben
wär gemächlich leben könnte Ich würde fügte er hinzu deswegen hier keine
Verachtung leiden weil ich wär unglücklich gewesen Nur sollte ich zuforderst
dahin trachten meine Sachen so viel möglich in Ordnung zu bringen und meine
Schulden zu bezahlen Er befahl mich darauf einigen Vorstehern der Gemeine die
mir so wohl im Geistlichen als Weltlichen raten und mir in meinen weiteren
Absichten behilflich sein sollten
    Prast Unruh Gram und Verzweifelung nagten darauf meinen ganz
niedergeschlagen Mut Ich war nur der guten Tagen und keiner Widerwärtigkeiten
gewohnt Die Veränderung meines Zustandes war zu schnell zu gros und für ein
verzärteltes Gemüt wie das meinige zu abscheulich Eine schwarze Melancholie
verdunkelte meine Sinnen ich sah vor mir einen Abgrund unendlicher Qual
Tausend Larven und SchreckenBilder beängstigten meine in Unordnung gebrachte
LebensGeister Alles drohte mir entweder den Tod oder ein elendes Leben O
grausame Vorstellung ich war der unglückseligste Mensch von der Welt der
Schmerz drang mir durch die Seele und machte mich verwirrt ich fand bei mir
weder Rat noch Trost ich hielt mich verloren
    In diesem gepressten und Jammervollen Zustand hatten mich die Vorsteher
dieser Gemeine welche sie mein Herr gestern Abend mit bei Tische fanden
bestens aufzurichten gesucht Dero mir darauf erwiesene Grosmut und Hilfe
woll ihnen der HErr als ein reicher Vergelter alles Guten mit einer
beständigen und unendlichen Glückseligkeit belohnen
    Hiermit endigte der Herr von Güldenblech seine Erzählung Der Graf bemerckte
dabei das allgemeine Verderben der Menschen auch in dem gemeinen Bürgerlichen
Leben Er entdeckte die betrübte Würckungen einer übelen Auferziehung und die
daraus entstehende unglückliche Folgen in dem ganzen menschlichen Leben Er
tröstete darauf den Herrn von Güldenblech Sie haben mein Herr sprach er
ohneracht aller ihrer Widerwärtigkeiten nicht Ursach den Mut zu verliehren
Ihr Glück war außer Gott der Zusammenhang verschiedener Zufälle hat sie
erhoben und auch wiederum gestürzet
    Nun lernen sie auf einen bessern Grund bauen Der fromme Fürst hat ihnen
solchen angewiesen sie folgen seinem weisen Rat sie können nichts bessers
wählen sie werden leicht von dem Ihrigen noch so viel übrig behalten um an
diesem Ort ein ruhiges und ehrbares Leben mit ihrer Familie zu führen Es
gehört so viel nicht darzu um vergnügt zu sein aber man hat alles genug wenn
man solches ist Mit diesen kurzen Ermahnungen verließ der Graf den Herrn von
Güldenblech darauf sie sich einander eine gute Nacht wünschten und sich zur Ruh
begaben
 
                             Das dreizehende Buch
Der Graf von Rivera sandt den andern Morgen mit anbrechendem Tag einen Botten
nach Argilia und ließ seinen Leuten befehlen sich sogleich von dannen
aufzumachen und nach Christianopolis zu kommen Es war eine Stunde nach Mittag
als sie da anlangten Der Graf ließ sich darauf als ob er mit ihnen gekommen
war bei Hofe melden Der Fürst sandt sogleich einen Kavalier zu ihm denselben
in seinem Namen zu bewillkommen und ihm das Quartier bei Hofe anzubieten Der
Graf der solches vorher vermutet hatte war deswegen mit seinem Cheruscischen
Edelmann ausgegangen Sein Sekretarius aber empfing die Bottschaft des
Fürstens und hinterbrachte ihm solche
    Der Fürst schickte darauf gegen Abend seinen mit sechs Pferden bespannten
StaatsWagen nebst noch zwei einspännigen Gutschen mit einigen Kavalieren vor
den GastHof um den Grafen abzuholen Dieser kleidete sich aufs beste seine
Leute gingen in kostbarer Liberei vorher und er fuhr auf diese Art in einem
ansehnlichen Gepränge nach der Burg Der junge Prinz empfing ihn unten im Hof
an der Treppe und oben erwartete ihn der Fürst Der Graf wollte ihm den Rock und
darauf die Hand küssen der Fürst aber ließ beides nicht zu sondern schloss ihn
in seine Arme
    Die Bestürzung des Fürstens war ungemein als er in der Person des Grafens
den vermeinten Halycidonischen Arzt erblickte Er gab ihm solche zu erkennen
Ew Durchleucht entschuldigte sich der Graf werden mir meine gestrige
Verstellung zur Gnade halten weil mich ein Zufall so unvermutet zu einem
Doctor gemacht hatte und ich nicht glaubte die Gnade zu haben in diesem
Karacter vor Ew Durchleucht zu erscheinen
    Der Fürst brachte darauf den Grafen zu seiner Gemahlin und den Prinzessinnen
diese waren nicht weniger als der Fürst verwundert den gestrigen Doctor so
hurtig in den Grafen von Rivera verwandelt zu sehen Die Damen saßen in einem
grosen mit Lichtern erhellten Zimmer Die Kavaliers aber fanden sich meistens
bei dem Fürsten und dem jungen Prinzen im Vorsaal wo eine schöne Musik sich
hören ließ Die älteste Prinzessin errötete als ihr der Graf seine Ehrerbietung
bezeigte Sie konnte einem gewissen Eindruck welchen ihr derselbe bei dem ersten
Anblick gegeben hatte nicht widerstehen sie glaubte dass er nicht ohne
besondere Absichten an ihres Herrn Vaters Hofe gkommen sei ihr Herz sagte ihr
heimlich dass sie daran einigen Anteil hatte doch konnte sie diese Regungen bei
sich selbst nicht entwickeln noch sich eigentlich vorstellen was sie
mutmaßen sollte Sie fragte den Grafen nachdem sie ihn als einen Königlichen
Abgesandten bewillkommet wer sich nun ihrer armen Marianen annehmen würde weil
er derselben schwerlich mehr Recepten verschreiben dürfte Der Doctor ohne den
Grafen von Rivera war dessen Antwort hätte dieser liebenswürdigen Fräulein
wenig zu ihrer Genesung behilflich sein können
    Der Fürst hatte dem Grafen zu verstehen gegeben dass er sich an seinem Hof
einer völligen Freiheit bedienen könnte Ich habe jederzeit sprach er zu
demselben den Zwang und ein nichts bedeutendes Ceremoniel gehasst weil ich
gefunden dass dabei die Aufrichtigkeit leidet und die größte Anmut in der
menschlichen Gesellschaft gehindert wird Dieses waren auch die Meinungen des
Grafens Er hatte an dem Licatischen Hof darüber lang genug leiden müssen um
sich nach dem daselbst eingeführten steifen Gepränge zu richten Dieser Zwang
war seinem natürlichen Wesen sehr zuwider Er nahm deswegen die Freiheit welche
ihm der leutselige Fürst anbot mit aller Bescheidenheit an doch hielt er sich
meistenteils aus Wohlstand um dessen Person
    Nach geendigtem Konzert führte der Graf die Fürstin zur Tafel Sie bestund
aus den Fürstlichen Personen wobei nur des Prinzen Hofmeister und die Fräulein
von Turris sich befanden
    Nach ein und andern Gesprächen bei der Tafel sagte die Fürstin dass sie
nicht begreiffen könnte wie der Graf durch seine verborgene Wissenschaften die
Begebenheiten der Fräulein von Turris hätte entdecken können Es ist solches
ganz natürlich zugegangen erklärte sich dieser hierauf Ihr Durchleucht die
Prinzessin tranken gestern Abend über Tafel der Fräulein von Turris mit einem
heimlichen Winken die Gesundheit zu Es lebe Riesenburg Ich wurde solches
gewahr Der Name Riesenburg machte mich aufmerksam Wie dachte ich bei mir
selbst sollte dieses wohl die Fräulein von Turris sein Ich betrachtete sie
darauf genauer ich erkannte an ihr diejenige Züge wie mir der Freiherr von
Riesenburg solche beschrieben hatte Dieser Kavalier ist mein bester Freund in
der Welt Er hat mir mein Leben in der Schlacht bei Philippol gerettet Ich weiß
um alle seine Geheimnisse und wie er aus Not wär gezwungen ihren wilden
Bruder im Zweikampf erschossen hat
    Nun ist sein gröstes Anliegen sie in der Welt auszuforschen Ich selbst
habe mir bisher deswegen alle ersinnliche Müh gegeben Ich erfuhr in Mönnisburg
von einem Kavalier der die Ehre hat ihr verwandt zu sein dass sie sich hier
aufhalten sollte Ew Durchl urteilen demnach von meinem Vergnügen da ich
allhier dieselbe so glücklich entdecket habe
    Die Fräulein von Turris war durch diese Erzählung auf das heftigste
gerühret ihr Gesicht umzog auf einmal eine starke Röte die Tränen rollten
von ihren Wangen sie getrauete sich ihre Augen kaum empor zu heben
    Die älteste Prinzessin war über diese angenehme Begebenheit schier so sehr
als die Fräulein selbst bewegt Die ganze Gesellschaft wünschte dieser schönen
Fräulein zu einer so frohen Nachricht Glück Sie warf endlich selbst einen
holden Blick auf den Grafen der ihm so viel sagen wollte dass sie was sie
empfände nicht auszusprechen wüste Man redete von nichts als von der
Geschicht des Freiherrn von Riesenburg und der Fräulein von Turris Der Graf
und die Fräulein konnten über alles was man sie darüber fragte nicht genug
Antwort geben
    Man stund endlich von der Tafel auf die Prinzessin und die Fräulein hätten
gern mit dem Grafen wieder allein gesprochen der Fürst aber verließ ihn nicht
als bis es Zeit war schlafen zu gehen ihr Gespräch war von der Beschaffenheit
der vornehmsten Europäischen Höfen der Graf bewunderte hier die hohe
StaatsEinsichten des Fürstens Der HofMarschall nebst einem KammerJuncker und
dem HausHofmeister begleiteten darauf den Grafen nach den vor ihn zubereiteten
Zimmern welche sehr prächtig ausgezieret waren
    Die angenehme FrühlingsZeit eröfnete sich damals mit sehr lieblichen Tagen
Des Grafens Zimmer stießen auf ein kleines LustGehölze worinnen die
Nachtigallen und andere Vögel sich auf die anmutigste Weise hören ließ Er
war kaum erwacht so lockte ihn dieses liebliche Spiel der Natur an das Fenster
Er begleitete solches mit seinen Gedanken und ging endlich selbst hinunter in
den Garten
    Er kam als er eine Weile darin fortgegangen war in einen mit jungen Buchen
dicht bewachsenen Hayn er fand hier verschiedene GrasBänke die einen runden
Behälter umzogen aus dessen Mitte das Wasser sich beständig in die Höhe trieb
nechst dabei stund ein erhabenes mit Moos und Gras bedecktes Gemäuer über
welches ein kleiner Bach mit einem sanften Rauschen durch verschiedene Abfälle
sich in den Behälter ausstürzte Man sah darin als in einem klaren Spiegel die
daherum stehende Gebüsch und Bäume nach dem Leben abgeschildert Die Kunst
hatte hier mit Hand angeleget nicht zwar wie sie sonsten pfleget die Natur zu
zwingen sondern nur ihre Annehmlichkeiten desto mehr ins Auge zu setzen
    Der Graf betrachtete diese holdselige Einöde mit Entzücken der Geist der
DichtKunst welcher in diesen Haynen wohnet überfiel ihn alle seine Gedanken
flossen von sich selbst in leichte Reimen er nahm seine Schreibtafel und hatte
kaum einige Worte nieder geschrieben so zeigte sich die Prinzessin vor ihm sie
war von der Fräulein von Turris begleitet Der Graf als er ihrer gewahr wurde
sprang hurtig von seiner Stelle auf und bezeigte der Prinzessin seine
Ehrerbietung indem er aber seine Schreibtafel einstecken wollte lies er solche
ins Gras fallen Mariane hub solche auf Der Graf bot unterdessen der Prinzessin
die Hand Die Neugierigkeiten ist dem weiblichen Geschlecht natürlich Mariane
blätterte in der Schreibtafel hin und wieder sie bedeckte solche vor den Augen
des Grafens mit ihrem Fächer indem sie hinter ihm her ging sie ärgerte sich
gewaltig dass sie darin eine SchreibArt fand die sie nicht verstund es waren
meist Ziefer und fremde Buchstaben nebst einigen Sinn und Aufschriften in
Lateinischer und Ligurischer Sprach Endlich kam sie auf folgende Reimen
Ich liebe  was mich selbst der Himmel lieben macht 
Wo Geist und Tugend herrscht  wo holde Schönheit lacht
Doch  ein zu groses Glück muss hier mein Unglück sein 
Was Iris macht zu gros  das macht mich allzuklein
    Diese Reimen waren anfangs der Marianen ein Rätsel sie legte solches dahin
aus dass der Graf eine hohe Person lieben müsste welche er zu erlangen keine
Hoffnung hatte sie geriet darüber auf die Gedanken dass solche die Prinzessin
wäre dann sie hatte so wohl an ihr als an dem Grafen eine sonderbare Bewegung
beobachtet als sie einander zum erstenmahl waren ansichtig worden Die Menschen
urteilen ins gemein andere nach sich selbst und wer etwas empfindet der
bildet sich solches leicht auch von andern ein
    Die Prinzessin war sonst von einem hohen und ernstaften Wesen sie wusste
nichts von den Schwachheiten der Liebe sie hatte zwar ein zärtliches Herze
aber auch eine gleiche Stärke des Geistes die allen Anfällen der Liebe
gewachsen war und wo sie nicht das Mitleiden für andere und die grosmütige
Neigung sie glücklich zu machen bewegte so würde sie von keiner leidenden
GemütsBeschaffenheit bisher etwas gewust haben So sah die Prinzessin aus wie
der Graf nach Hofe kam sie empfand etwas für ihn welches sie nicht zu nennen
wusste Liebe konnte es nicht sein denn er erschien als ein Arzt sie war eine
Prinzessin sie wusste es sie empfand noch mehr da er als ein Graf und als ein
Abgesandter eines grosen Königs sich ihr vor Augen stellte doch war diese
Empfindung mehr eine Hochachtung als eine Leidenschaft sie dachte nicht daran
dass sie Gefahr hätte von den Reitzungen der Liebe sich einnehmen zu lassen
    Sie kam nach einem kleinen Spatziergang mit dem Grafen in die Einöde zurück
Mariane hatte hier des Grafens Schreibtafel wieder unvermerkt ins Gras geworfen
die Prinzessin erblickte solche was seh ich hier sprach sie indem sie danach
sich bücken und solche aufheben wollte Der Graf aber kam ihr hurtig darin zuwor
und war nicht wenig bestürzt an einem solchen Ort seine Schreibtafel zu finden
    Der Graf bat darauf die Fräulein ihm von ihren bisherigen Begebenheiten
Nachricht zu erteilen in Hoffnung die Prinzessin würde noch so lange mit ihr im
Garten verweilen Die Prinzessin ließ sich solches gefallen sie setzten sich
zusammen auf eine GrasBank welche von hohen LindenBäumen überschattet wurde
und Mariane begunte ihre Erzählung folgender Gestallt
                                       
So bald hatte nicht der Freiherr von Riesenburg in Monaco von mir Abschied
genommen so fand ich mich in einem Zustand der durchaus betrübt war Ich wusste
nichts von mir man hatte mich zu Bette gebracht und mir eine Ader geöfnet
worauf ich wieder zu mir selbst kam Meine Mutter hatte Mitleiden mit mir doch
wie sie von einem standhaften Wesen war so redete sie mir auch ernstlich ein
dass ich mich nicht also von der Liebe müsste verzärtlen lassen Man hat in dieser
Welt sprach sie gar mancherlei Zufälle und Wiederwärtigkeiten auszustehen ich
müsste mich so nicht stellen dieses wär ein schlechter Anfang vor eine Person
welche die Welt dem Kloster vorziehen wollte und sich folglich noch gar vieler
Gefahr aussetzen würde Sie tadelte zwar nicht dass ich den Herrn von Riesenburg
liebte sie sagte er wäre solches wert sie selbst wäre ihm von Herzen
gewogen allein es wäre eine Schwachheit in dieser Neigung so weit zu gehen
dass darunter so wohl der Leib als das Gemüt in Gefahr gesetzet würde alle gar
zu heftige Leidenschaften taugten nicht wenn auch ihr Ursprung gleich noch so
rein und unschuldig wär Kurz meine Mutter die mir in einem Augenblick eine
ganze SittenLehre hersagte überzeugte mich wohl meiner Schwachheit allein sie
befreiete mich dadurch nicht von meinen Empfindungen
    Meine aufgebrachte Sinnen wurden endlich nach und nach durch die süse
Vorstellung besänftiget dass Riesenburg mich liebte und dass ich mir mit seiner
Beständigkeit schmeichlen konnte Meine Mutter reichte mir darauf sein Bildnüs
welches er ihr bei seiner Abreis eingehändiget hatte dieses gab mir mehr Trost
als alle SittenLehren Ich schrieb an ihn was ich nur zärtliches wusste und
wartete mit Verlangen auf seine Briefe allein solche kamen nicht Es waren
schon drei Wochen verflossen und ich hatte von Riesenburg noch keine Nachricht
O wenn sie je geliebt hätten so wüsten sie wie einem bei solchen Umständen zu
Mute wär
    Ich hatte unterdessen unserer Abrede gemäs mich in das Adeliche
JungfrauenStift begeben Ich fand darin unter den jungen geistlichen
Schwestern ein sehr freies und ungebundenes Leben Es waren wenige die nicht
ihre Liebhaber hatten Eine von den lebhaftesten und schönsten Kindern schenkte
mir gleich bei dem ersten Eintritt ins Kloster ihre Freundschaft und
entdeckte mir dass sie einen gewissen jungen Edelmann liebte sie bat mich dass
ich ihm erlauben möchte zuweilen bei mir einzusprechen und sie auf meinem
Zimmer zu besuchen weil es mit mir da ich noch nicht eingekleidet wär so viel
nicht als bei ihr zu sagen hätte Ich hatte mit allen Verliebten ein
natürliches Mitleiden und weil mich meine Freundin glauben machte ihr Umgang
mit besagtem Edelmann sei ganz ehrbar und unschuldig so verstattete ich ihnen
ohne groses Bedenken bei mir die verlangte Zusammenkunft ich hatte aber bald
Ursach diese Gefälligkeit zu bereuen
    Der Liebhaber erschien er machte meiner Gespielin ein Kompliment das nicht
in den Regeln ihres Ordens war Er fiel ihr um den Hals und küste sie ohne dass
sie sich im geringsten dagegen setzte Diese Freiheit missfiel mir noch mehr
aber da der junge Ritter auch an mich kam und mir gleiche Höflichkeiten
erweisen wollte was ist dann das für ein Engel sagte er indem er mit
ausgespannten Armen auf mich zueilte und seine Bekanntschaft mit mir auf eine
so vertrauliche Art anfangen wollte Ich zitterte darüber von Schaam und Zorn
und stieß ihn verächtlich zurück Ha ha fing er darüber lachend an sie ist
noch in ihrem Novitiat sie wird schon zahmer werden Hiermit ging er wieder
auf meine Gespielin los und suchte sich meiner Verachtung halber an ihr zu
rächen sie machten sich einander die unverschämteste Liebkosungen weder ihre
Reden noch ihre Gebehrden schienen mir erträglich zu sein ich ermahnte sie
deshalben diejenige Zucht und Ehrerbietung die sie mir schuldig wären nicht
aus den Augen zu setzen oder ich würde mich darüber bei der Priorin beschweren
    Meine geistliche Schwester fiel mir darauf mit vielen Schmeicheleien um den
Hals sie bat mich es nicht übel zu nehmen noch vielweniger sie zu verraten
sie wäre sagte sie bereits ehe sie ins Kloster gekommen wär mit diesem
Edelmann versprochen gewesen man hätte sie gezwungen geistlich zu werden sie
könnte aber deswegen ihr Herz so leicht nicht wieder zurück nehmen nachdem sie
solches einmal diesem Edelmann geschenket hätte sie wär es nicht allein
setzte sie hinzu die in diesem Kloster dergleichen LiebesVerständnüsse noch
unterhielt und ich würde mir die meiste Schwestern zu Feindinnen machen wenn
ich davon eine Verräterin abgeben wollte
    Dieses machte mir einen völligen Abscheu vor dem KlosterLeben dann ich muss
ihnen mit eben der Sffenherzigkeit damit ich ihnen meine Schwachheit entdeckte
auch zugleich bekennen dass ich von Herzen alles dasjenige hasse und
verabscheue was die Ehre und ein gutes Gewissen verletzet
    Ich erzehlte diese Begebenheit den andern Tag meiner Mutter ich sagte ihr
dass der Herr von Riesenburg auf unserer Reise hieher wohl Recht gehabt hätte
die Sitten der OrdensGeistlichen in den Klöstern uns verdächtig vorzumahlen
und mich deswegen von einem solchen Leben abzuhalten ich bat sie darum mit
Tränen mich nicht wieder ins Kloster zu schicken sondern mich so lang wieder
zu sich zu nehmen bis wir von dem Herrn von Riesenburg würden Nachricht
erhalten haben da ich hernach zu ihrer Schwester der Gräfin von Iserlo mich
begeben wollte Meine Mutter bewilligte solches
    Wir sandten einen Boten nach Austrasien dieser war kaum abgefertiget so
kam mein Bruder nach Monaco er bezeigte sich dismahl wider seine Gewohnheit
sowohl gegen mich als meine Mutter sehr freundlich Wir sagten ihm dem
ungeachtet nichts von unserm Vorhaben allein der Böswicht wusste mehr als wir
er hatte seine Spionen in Monaco und lies alle Briefe von dem Herrn von
Riesenburg die an mich gestellt waren auffangen dadurch ihm also unser
ganzes Geheimnüs offenbahr wurde Er war von Natur eines rauen und wilden
Ansehens er durfte sich also nicht verstellen wenn er etwas Böses im Sinn
hatte
    Den andern Abend als er bei uns angekommen war nötigte er mich mit ihm
ein seiner Gutschen nach der Kirche und von da ein wenig spazieren zu fahren
Ich lies mir solches gefallen Wir waren kaum eine halbe Stunde von der Stadt
so wurden durch seinen VorReuter der unserer wartete noch vier Pferde
vorgespannt
    So bald ich seine Absicht merkte verlor ich alle Empfindung ich hatte
weder mein KammerMägdgen noch einen Diener mitgenommen ich schien von Gott
und Menschen verlassen Mein Bruder war ein Barbar er wusste nichts von
Mitleiden und Güte
    Der Zustand worin ich war hätte auch den wildesten Menschen gerühret er
aber blieb unbeweglich Ich kam wieder zu mir selbst Wo wolt ihr mit mir hin
grausamer Bruder fragte ich ihn Er sagte mir er wollte mich mit auf seine
Herrschaft nehmen weil er erfahren hätte dass meine Mutter an statt des mit ihm
geschlossenen Vergleichs mich mit einem Ketzer verheiraten wollte Ich mochte
bitten flehen weinen wehklagen und die Hände ringen es half alles nichts
ich musste mit ihm fort
    Wir kamen mit anbrechendem Tag auf ein altes BergSchloss welches ihm
zugehörte hier nahm er mich aus der Gutsche Schwester sagte er zu mir ich
geb euch hier vierzehen Tage Zeit euch zu besinnen ob ihr euer Leben in diesen
verfallenen Gemäuern oder in einem Kloster welches ich euch selbst zu wählen
die Freiheit lasse hinbringen wollt Er übergab mich darauf seinem Verwalter
und sagte dass sein Leben darauf stünde mich wohl zu verwahren Mit diesen
Worten verlies er mich und reiste weiter nach seinem WohnSitz welcher nur
eine Stunde Wegs von dannen lag
    Ich konnte vor abscheulicher Bestürzung kein Wort reden ich sah mich unter
den Händen eines Mannes und einer Frauen welche alle Merkmahle zeigten dass sie
der böse Feind zusammen gebracht hätte um durch sie mit vereinigtem Nachdruck
desto mehr übels zu tun Sie brachten mich unten zur Erden in ein Zimmer
welches mehr einem dunkelen Gefängnüs als einem SchlafGemach ähnlich sah Es
hatte nur ein kleines Fenster welches von außen mit einem eisernen Gegitter
inwendig aber mit gelb verrauchten Papier an statt der GlasScheiben verwahret
war Ein Bett mit einer alten Matrazze sollte mir darin zum Lager dienen Ich
fand hier weder Leinwand noch NachtKleider Alles war unrein und modericht Man
brachte mir zum FrühStück eine Suppe von warmer Milch mit dicken BrodBrocken
ich ase davon aus Furcht ich möchte das Ansehen haben als wollte ich an der
göttlichen Hilfe verzweiflen und mich selbst ums Leben bringen
    Wie dachte ich hier bei mir selbst ist Liebe Sünde so hab ich noch mehr
verdient dann ich habe Riesenburg allzulieb ich lieb ihn aber tugendhaft
und so wie man mir gesagt dass es in der Ordnung Gottes wär einen Menschen zu
lieben Wie soll ich mich in diesen Umständen trösten ich bin jung unschuldig
einfältig und ohne Erfahrung und Gott setzt mich auf eine so grausame Probe
doch kommt mir solche von ihm so muss ich seinen Willen anbeten und leiden Es
wird ihme ein leichtes sein mich zu retten Ich fand mich durch diese
Vorstellung ziemlich beruhiget
    Ich hatte die vorige Nacht nicht geschlafen ich war vom Schrecken dermaßen
gerühret worden dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte ich sank
vor Mattigkeit auf das Bette nieder meine LebensGeister schienen sich zu
trennen ich wollte schlafen allein da ich das Bett betrachtete sties mich ein
unüberwindlicher Eckel an ich machte mich so stark ich konnte und rief der
Verwalterin ich bat sie für mich die Barmherzigkeit zu haben und mir ein
sauberes BettTuch zu geben sie brachte mir eines das aber sehr grob war
Diese erste Hilfe tröstete mich ein wenig ich hatte unter weges meine Jubelen
aus den Ohren und von meinem Halse abgetan und hatte auch zu gutem Glück
etwas weniges von Gelde bei mir Gehet doch meine liebe Frau sagte ich zu dem
abscheulichen Gesicht und lasset mir auch in dem nahgelegenen Markflecken eine
neue Kolder kauffen um mich damit zu decken hier habt ihr Geld dieser Dienst
soll euch von meiner Mutter wohl belohnet werden Behaltet nur euer Geld fuhr
das verwildete Weib heraus ich darf euch nichts holen es sei dann dass solches
der gnädige Herr erlaubt Nun gute Mutter sagt ich mit einer schier heiligen
Gelassenheit so geht dann und bittet ihn deswegen für mich Sie ging hin
und kam nach ein paar Stunden wieder und brachte mir eine saubere Decke damit
war ich zufrieden Ich legte meinen KopfPutz ab umschlung meine Haare mit
meinem Schnupftuch zog meinen ReifRock aus und wickelte mich mit samt meinen
übrigen Kleidern in das leinen Tuch die Decke aber weil es noch des Tages über
ziemlich warm war legte ich über meine Füße
    Es moderte alles ich fühlte solche Unkräften dass ich mir einbildete ich
legte mich hier lebendig ins Grab ich glaubte nicht anders als Gott würde mich
hier auflösen oder mich durch ein Wunder retten ich suchte mich deswegen nur
recht in eine solche Verfassung des Gemüts zu bringen damit ich seinem Willen
beides heimstellen möchte Ich nahm im Geist von meinem geliebten Riesenburg und
von meiner Mutter Abschied Die Augen fielen mir darüber zu Ich tat nichts als
beten und also war ich eingeschlafen
    Wer sollte denken dass mein Geist bei solchen Leidenschaften einiger Ruhe
wäre fähig gewesen Ich hatte nicht nur einen sanften Schlaf sondern erwachte
auch nicht eher als den andern Tag Mein Bruder erschien mir gegen Morgen im
Traum Er bedrohete mich mir einen Dolch den er in der Hand hielt ins Herz zu
stoßen indem aber sah ich ihn mit einem erblassten Angesicht und mit halb
geschlossnen Augen ganz im Blute vor mir liegen Ich fuhr über dieses
schreckhafte TraumBild dermaßen auf dass ich erwachte Als ich die Augen
öffnete stund ein Bedienter von meinem Bruder mit einem Mägdgen vor mir
    Gnädige Fräulein redete mich der Diener an Ich habe hier ein kleines
Fuhrwerk mit einem Pferd gemietet Ihr Herr Bruder ist verreiset Ich habe dem
Verwalter und seiner Frauen gesagt ich hätte Befehl sie nach den Minoriten zu
bringen Sie machen sich deshalben hurtig auf ich wag es dieselbe in Freiheit
zu setzen Als die Verwalterin hierauf in das Zimmer kam redete dieser Mensch
hart und etwas unehrerbietig mit mir damit sie keinen Verdacht auf ihn werfen
möchte
    Ich hatte ganz keinen Anstand diesem Menschen mich anzuvertrauen Er war
mit in Monaco gewesen und schien mit Verdruss einem so wilden Herrn wie mein
Bruder war zu dienen Ich glaubte Gott hätte ihn mir zu meiner Rettung
zugesandt Ich kleidete mich also an und setzte mich zu dem WeibsBild auf die
Schäse Wir fuhren in möglichster Geschwindigkeit bis auf die nechste Post Der
Diener hatte die Vorsichtigkeit gehabt und solche voraus bestellen lassen Wir
fanden also die Pferde schon auf uns warten
    Der Diener und das Mägden erzehlten mir unterwegs das ärgerliche und
gottlose Leben meines Bruders Sie sagten dass er mit drei von seinen Leuten
diesen Morgen nach den Gränzen von Austrasien verreiset wär und vor drei Tagen
schwerlich wiederkommen dürfte Sie hätten sich deswegen seine Abwesenheit zu
Nutz machen wollen um sich aus den Händen eines solchen Unmenschen zu retten
Sie fragten mich darauf wo ich wollte dass sie mich hinbringen sollten Ich
meinte nach Monaco zu meiner Frau Mutter Der Diener aber widerriet solches
weil ich daselbst meinem Bruder am ersten wieder in die Hände geraten würde
Sie müssen sich gnädige Fräulein sprach derselbe an einen ganz fremden und
unbekanten Ort begeben maßen ihr Herr Bruder alles in der Welt tun wird sie
auszuforschen und wieder in seine Gewalt zu bekommen Das Mägdgen gab mir darauf
folgenden Anschlag
    Ich habe fing sie an ehedessen bei einer Herrschaft gedienet wo eine
Magd aus Vandalien war diese erzehlte mir vieles von einem neu angelegten Ort
nechst an dem Hercynischen Wald wo viele ihrer Befreundten sich hätten
niedergelassen die des Glaubens halber aus ihrem Land wären vertrieben worden
Dieser Ort hieß Christianopel und sei eine Zuflucht für alle Fremde die sich
eines ehrbaren frommen Lebens beflissen Ihr sei unterdessen der Dienst bei dem
Freiherrn von Turris als sehr einträglich angetragen worden sie wär aber noch
keinen Monat als Beschlieserin in diesem gottlosen Hause gewesen so hätte sie
um alles Gut und Geld darin nicht länger verbleiben mögen Der gegenwärtige
Bediente hätte sich dabei an sie gemacht um mit ihr in verbottener Liebe
zuzuhalten sie hätte ihm aber ins Gewissen geredt und durch die Vorstellung
des ganz abscheulichen Lebens das sowohl der Herr als das Gesind in der größten
Sicherheit führten ihn so weit gebracht dass er sie nach Christianopel zu
bringen versprochen hatte wo sie sich einander heiraten wollten Weil sie nun
bei diesem Vorfall zugleich mir einen wichtigen Dienst zu leisten hoften so
hätten sie keinen Anstand gehabt solches in Gottes Namen zu wagen
    Ich konnte mich auf diese Reden so gleich nicht entschließen was ich tun
sollte Die Vorstellung meine liebe Mutter in der sie meinetwegen betroffenen
grosen Bekümmernüs zu verlassen schien mir ganz nicht mit meiner Schuldigkeit
überein zu stimmen wenn ich aber dabei die grose Gefahr mir vor Augen stellte
worin ich sie und mich von neuem stürzen würde wenn ich wieder nach Monaco
zurück kehren sollte so fand ich für ratsamer mich zuvor in Sicherheit zu
bringen und hernach an dieselbige zu schreiben
    Ich entschloss mich also meinen Führern zu folgen sie brachten mich an
diesen mir so sehr gepriesenen Ort ich fand hieselbst was ich suchte und mehr
als ich jemals hoffen konnte Ihre Durchleucht der Fürst und die Fürstin
empfiengen mich nachdem ich ihnen meine Begebenheiten erzählt mit solcher
Leutseligkeit und Liebe dass ich solches in meinem ganzen Leben mit zulänglicher
Dankbarkeit nicht zu erkennen weiß Ich hatte darauf das unverdiente Glück dass
mir meine gnädigste Prinzessin ihre besondere Gewogenheit schenkte dadurch sie
mein ganzes Herz mit solchen zärtlichen Banden an sich verknüpfet hat dass ich
nunmehr bei aller meiner zu hoffenden Glückseligkeit doch niemahl recht ruhig
sein werde wenn ich von ihr entfernet leben muss
    Die Prinzessin küsste hier die schöne Mariane zum Zeichen ihrer herzlichen
Liebe welche ihrer Erzählung noch dieses hinzu fügte dass sie sich bisher
vergeblich nach dem Herrn von Riesenburg hätte erkundigen lassen weil
vermutlich dessen Herr Vater der ihrer beider Heirat nicht gern sähe die
Briefe müsste unterschlagen haben Sie wär auch so bald nicht hier angekommen so
hätte sie ihrer Frau Mutter wie auch der Gräfin von Iserlo ihrer Base von
allem was ihr begegnet wär ausführliche Nachricht gegeben und dagegen von
ihrer Frau Mutter den traurigen Tod ihres Bruders vernommen sie hätte die arme
Seel dieses unglücklichen Menschen beweinet zugleich aber auch die
Gerechtigkeit Gottes bei diesem Zufall bewundert Ihr Schwager sei darauf mit
ihrer Schwester der Mutter ins Haus gefallen und habe alles darin unter Siegel
legen lassen dabei sie ihr dermaßen übel begegnet wären dass diese vor Gram
und Prast kurz darauf den Geist aufgegeben hätte Ihre Schwester habe sich
sogleich in den Besitz aller Güter gesetzt und sowohl den Hof als die
Geistlichkeit auf ihre Seiten gebracht weil sie vorgeben sie sei von ihrer
Religion abgefallen Wo sich also Ihr HochFürstlichen Durchleucht der
Prinzessin Herr Vater nicht eher annehme so würde sie wenig von der reichen
Hinterlassenschaft der Ihrigen zu hoffen haben
    Nach dieser Erzählung stund die Prinzessin auf und indem sie dem Grafen die
Hand bot um nach der Burg sich zurück zu begeben fragte sie ihn unterwegs wie
es doch komme dass man den Herrn von Riesenburg nicht auf der Verzeichnüs des
Aquitanischen Hofs fänd Es ist noch nicht lang antwortete der Graf dass dieser
Herr sich bei Hofe aufhält an welchem er nicht anders als unter dem Namen eines
Marggrafen von Luccaille bekant ist Ich habe versetzte die Fräulein von
Turris ihm auch unter diesem Namen zugeschrieben und dem ungeacht nie keine
Antwort erlangen können Ich kann meine schöne Fräulein versichern dass er nicht
die geringste Nachricht von ihnen hat erhalten und steht deswegen ganz sicher
zu vermuten dass sowohl ihre Briefe an ihn als seine an sie von dessen Herrn
Vater seien aufgefangen worden welches er als Befehlshaber von Austrasien
durch welche Provinz alle Briefe von hier nach Panopolis laufen müssen um so
viel leichter hat tun können
    Unter diesen Gesprächen kam die Prinzessin bis an ihr Zimmer wo sich der
Graf von ihr beurlaubte und sich nach den Seinigen verfügte Er fand unter
andern vornehmen Herren die dahin gekommen waren ihm die Aufwartung zu machen
auch den Herrn von Güldenblech Dieser hatte unterdessen dass sein vermeinter
Arzt sich in einen Grafen verwandelt zu Argilia die angenehme Nachricht
bekommen dass nach gemachter Inventur seiner Habseligkeiten und Abzuge seiner
Schulden ihm noch wohl dreisig tausend Taler heraus kommen dürften womit er
und die Seinigen einen stattlichen Grund zu einer neueren und bessern Haushaltung
zu legen Hoffnung hätte Der Graf wünschte ihm darzu von Herzen Glück und
empfing dagegen von demselben die lebhafteste Danksagung für die an ihm
erwiesene glückliche Chur
    Es war denselben Tag ein groses Fest bei Hofe alles erschien daran im
besten Aufputz Die Fürstliche Tafel war mit vier und zwanzig und die
MarschalsTafel mit mehr als dreißig Personen besetzt Man hörte dabei die
schönste Musik Die Speisen die Geschirre die Bedienung alles war prächtig
schön und wohl ausgesonnen Man hatte die niedlichste Speisen und die
herrlichste Getränke allein man nötigte niemand davon mehr zu geniesen als
er selber wollte Der Graf welcher die unmässige Art Tafel zu halten schon
ehedessen auf seinen Reisen an verschiedenen Höfen beobachtet hatte vergaß
nicht in dieser Sache die vernünftige Aufführung des Argilischen Hofes zu
preisen Der Fürst antwortete ihm darauf dass ihm jederzeit nichts unsinniger
wär vorgekommen als wenn er hätte sehen mussen dass die Menschen in solchen
Dingen eine Lust suchten wo doch die Empfindung der Lust aufhörte und im
Gegenteil die Empfindung der Schmerzen anfing Er hielt solches für einen
ganz unerforschlichen Grund des menschlichen Verderbens dass sie lieber die
abscheulichste Laster begiengen und dadurch ihr Leben elendig machten als durch
die Beobachtung der einfältigsten Tugend ihre Glückseligkeit beförderten
    Was ihn und seine Leute beträffe fügte er hinzu so wären sie allesamt
darauf beflissen als vernünftige Menschen und als Christen zu leben denen alle
und jede Gattungen von Unmässigkeit verbotten wären und stünden sie dissfalls
sowohl als die geringste Einwohner dieses Orts unter ihrer allgemeinen
KirchenZucht welche nicht allein die grobe Verbrechen sondern auch die
Sitten so der Ehrbarkeit und dem Christentum zuwider wären zu ahnden pflegte
Dieses gab dem Grafen Anlass den Fürsten zu fragen wie es dann in dieser neuen
Gemeine in Ansehung des Ehestands gehalten würde
    Es darf bei uns berichtete hierauf der Fürst nicht ein jedes nach eigenem
Gutdünken heiraten Wir betrachten den Ehestand als eine Sache daran dem
gemeinen Besten am meisten gelegen ist Wir wissen dass daraus viel Böses
entstehen kann wenn er nicht nach den Absichten der Göttlichen Einsetzung
geführet wird Wir halten die damit verknüpfte Haushaltung und KinderZucht für
die sicherste Mittel vernünftige Menschen redliche Bürger und gute Christen zu
ziehen Wer sich also bei uns in den Ehstand begeben will der wird angesehen
als ein Mensch der ein EhrenAmmt verlanget Man untersucht ob er auch die
darzu erforderliche Tugenden und Eigenschaften habe Diese bestehen in einem
gesunden Leib in einem ehrbaren Christlichen Wandel in einem zulänglichen
Verstand ein Hauswesen mit Weib Kindern und Gesind wohl zu regieren und in
einer gewissen Hantierung sie ehrlich zu ernähren
    Wenn demnach ein Freier seine Neigung auf eine Person geworfen hat und sie
beide des Handels einig sind so müssen sie zuvor ehe sie mit einander
öffentlich getrauet werden bei den vier zu den EhSachen besonders verordneten
Ältesten der Gemeine sich melden Dieses sind weise und sowohl in Gottes Wort
als gemeinen Rechten wohl erfahrne Männer welche diejenige Personen die
gesonnen sind sich in den Stand der Eh zu begeben nach allen Umständen des
Leibes und des Gemüts als auch ihrer zeitlichen NahrungsGeschäften genau
untersuchen ob sie auch also für einander sich schicken dass von ihnen eine
gute friedliche und erbauliche Ehe zu hoffen sei Wo nicht so werden sie mit
ihrem Vorhaben entweder ganz oder bis auf eine gewisse Zeit darin sie die an
ihnen gefundene Mängel verbessern können abgewiesen
    Wie Wir nun besorget sind allen bösen Ehen so viel als wir können durch
obgemeldte Anstalten vorzubauen so sehr sind wir auch darauf bedacht die
zwischen EhLeuten aus Missverstand oder Gebrechen eingerissene Zwietracht und
Uneinigkeit zu heben Hier gibt es nun leider auch unter uns wegen der allen
Menschen anklebenden Schwachheiten und Mängeln noch viel zu tun Allein die
glückliche Einrichtung und allgemeine nachbarliche Verträglichkeit unserer
Einwohner schlichtet dergleichen Misshellichkeiten ohne dass man es viel gewahr
wird Kommt es damit zu öffentlichen Ausbrüchen und Aergernissen so werden sie
vor das EhGericht welches aus den vier obigen Ältesten bestehet gefordert
und gestalten Umständen nach wenn sie nicht in der Güte sich vergleichen
wollen zu Tisch und Bett geschieden In welchem Fall ihnen eine besondere
Ordnung wegen der Teilung ihrer Güter wegen der Auferziehung ihrer Kinder und
wegen ihrer ganzen LebensArt zu beobachten vorgeschrieben wird
    Es ereignen sich auch wohl gewisse Fälle und Umstände da zwei
beeinträchtigte EhGatten gänzlich als wären sie nie getraut gewesen von
einander geschieden werden Diese Ursachen aber müssen überaus erheblich und
wichtig sein Wie wir dann von einer solchen EhScheidung ungefähr vor einem
Jahr das erste Exempel hie erlebet haben
    Wir halten im übrigen scharf auf Zucht und Ordnung und weil wir grobe
Verbrechen hier gar nicht dulden so suchen wir solchen durch eine gute
Auferziehung der Jugend und durch ein vernünftiges friedliches Betragen der
Ehleuten so viel als möglich ist vorzubauen Wir halten dafür dass es nicht
nur für Ehleute selbst ein groses Unglück sei wenn sie übel miteinander leben
sondern dass der Wohlstand des gemeinen Wesens gleichfalls mit darunter leide
weil derselbe sich auf eine gute Haushaltung der Verehlichten gründet
    Der Graf bewunderte diese kluge Anstalten welche der Fürst wie er sagte
nur zur Probe einer Möglichkeit entworfen hätte um damit ein Exempel zu geben
wie noch viele Sachen in dem gemeinen Wesen zur Befolgung der Göttlichen
Absichten und zur Glückseligkeit der Menschen in diesem Leben könnten verbessert
werden wo anders unsere Vorurteile nicht zu stark wären und sich bei den
Menschen mehr aufrichtiger Eifer zum Guten fände
    Der Graf antwortete hierauf dass zur Verbesserung der Zeiten und der
Menschen zuforderst ein allgemeiner Friede in der Christenheit zum Grund müsste
geleget werden in Ansehung dass es mit der innern Verfassung eines Staats zu
keinem ruhigen Bestand kommen könnte so lange man noch immer die Waffen in
Händen haben müsste um sich gegen auswärtiger Gewalt zu schützen Nach der Tafel
unterhielt sich der Fürst ins geheime mit dem Grafen und verlangte von ihm zu
wissen wie und auf was Weise er dafür hielt dass ein allgemeiner Friede in
Europa aufzurichten wär Der Graf erklärte sich hierauf dass dieses unter andern
ein Geschäfte sei welches ihn nebst der Begierde einem so grosen und weisen
Fürsten persönlich aufzuwarten an seinen Hof gezogen hätte Er für sich hielt
die Sache nicht für ganz unmöglich wenn nur einige der mächtigsten Fürsten und
Staaten zusammen tretten und die Sache in reiffe Uberlegung ziehen wollten
Dann es wäre gewiss dass der Krieg den wenigsten noch sei vorteilhaft gewesen
und stünd daher zu vermuten dass ihnen allen der Friede lieber sein würde
    Der Graf überreichte hierauf dem Fürsten seinen hierüber gemachten Plan
davon der HauptInhalt am Ende dieses Werks wird zu finden sein
    Der Graf meinte die Teutonische Fürsten sollten unter sich den Anfang von
einem solchen Bündnüs machen weil sie bei ereignenden Fällen wenn ihre
benachbarte Könige zu mächtig werden sollten am ersten dürften mit untergesteckt
werden Er riet ihnen deshalben sich auf das genaueste mit den Licatischen
Virinischen Cimbrinischen und Scandinavischen Höfen zu verbinden in welchem
Fall er gleichfalls die Sachen an dem Aquitanischen Hof dahin zu bringen hofte
dass sein König als einer der Mächtigsten diese Bündnüs mit eingehen und solche
aufs beste unterstüzen sollte da sie sodann ganz Europa das Gewichte geben und
andere Völker in solche Umstände setzen könnten dass sie froh sein müssten wenn
man auch sie in dieses Bündnüs mit einschliesen wollte
    Der Fürst als er diesen Plan des Grafens mit vielem Nachsinnen durchgangen
hatte sagte er zu demselben seine Vorschläge wären gut allein es stünden
solchen ganz unüberwindliche Hindernisse im Weg die er schwerlich würde heben
können Ich meine erklärte sich der Fürst die Menschen selbst Diese
widerstreben aus einer unerforschlichen Quelle des Verderbens ihrem eignen
Wohlsein und stürzen sich gleichsam vorsetzlich ins Verderben
    Ich will ihnen aber Herr Graf fuhr der Fürst fort unterdessen zeigen dass
ich sie liebe und ihre Ratschläge hoch schätze Der Fürst von Kalesia als das
Haupt unsers Hauses ist einer der mächtigsten Fürsten des Teutonischen Reiches
Er kann im Fall der Not über sechszehen tausend Mann ins Feld stellen Er hegt
viele Freundschaft für mich und lässt sich öfters auch meine gutmeinende
Ratschlage gefallen Ich will ihn und unsere andere durchs Blut oder
ErbVerbrüderung verwandte FürstenHäuser zu einem solchen Bündnüs als sie
vorschlagen zu bereden suchen und dann wird es auf den Herrn Grafen ankommen
uns den Schutz und die Verbindung ihres Hofes zu wegen zu bringen
    Es ereignet sich hierzu atwortete der Graf eine ganz erwünschte
Gelegenheit So lange mein König nicht vermahlet und das Königliche Haus nicht
mit rechtmäßigen CronErben besetzet ist lasset sich mit uns kein festes
Bündnüs schliesen denn wir haben in unserm Reich wo der König ohne
LeibesErben zu hinterlassen mit Tod abgehen sollte nichts als Verwirrung und
innerliche Kriege zu gewarten Meine Absichten gehen also vornehmlich da hinaus
um meinem König eine würdige Gemahlin aus einem alten FürstenHaus zu suchen
Man hat mir vieles von Dero Durchleuchtigsten ältesten PrinzessinTochter gesagt
Ich habe aber noch mehr fürtrefliche Eigenschaften an derselben entdecket als
der Ruhm von ihr ausgebreitet hatte Mich dünket sie sollte sich nicht übel für
unsere Königin schicken Durch dieses Mittel könnten Ew Durchl nicht nur Dero
Hohes Haus zusamt den Höfen Dero Durchleuchtigsten Anverwandten mit dem Unsrigen
verbinden sondern auch dadurch zur Beförderung der allgemeinen Ruh in Europa
nicht wenig mit beitragen
    Ihr Vortrag Herr Graf erklärte sich darauf der Fürst betrifft ein sehr
wichtiges Geschäft es kommen dabei viele Umstände zu betrachten vor ich muss
ihnen frei bekennen ich liebe meine älteste Tochter sehr ich möchte sie nicht
gern zu einem gewöhnlichen StaatsOpfer machen Ich würde sie für glücklicher
halten sie an einen vermögenden Fürsten oder ReichsGrafen als an einen so
mächtigen König vermählt zu sehen
    Ich will aber diese Zärtlichkeit bei Seite setzen wenn sich eine besondere
Absicht der göttlichen Vorsehung hierinnen äußern sollte man hat mir sonsten
gesagt der König liebte eine gewisse Gräfin die eine nahe Verwandtin des
Obristen StaatsMinisters wär und dass der König sie zu heiraten gedächte es
dürfte also mein Kind schwerlich so viele Annehmlichkeiten besitzen demselben
eine galante Aquitanerin aus dem Sinn zu bringen
    Es ist wahr sagte hierauf der Graf dass der König diese Dame geliebt Man
hat ihm aber die Vermählung mit derselben wiederraten sie selbst liebt mehr
die Einsamkeit als den Hof sie lebt auf einem ihrer Meierhöfen ganz still und
eingezogen bei ihrer Frau Mutter
    Sie soll sehr schön sein sagte hierauf der Fürst und dürfte also der
zukünftigen Königin unfehlbar Eintrag tun wenn sie wieder nach Hof kommen
sollte So schön sie auch immer ist antwortete der Graf so wird sie doch den
Vorzug Ew Durchl PrinzessinTochter auf keine Weise strittig machen Sie
kennen Herr Graf warf der Fürst lächeld ein diese Dame sehr genau Der Graf
errötete über diese Anmerkung des Fürstens mein König sagte er hat sich seit
einem Jahr her sehr geändert er ist der gütigste und leutseligste Monarch er
lebt nun als ein weiser Fürst er hat die besten Absichten von der Welt Nur
fehlt es ihm noch an einer tugendhaften Gemahlin welche dessen gute Neigungen
unterhalten und sein Herz allein mit ihren Tugenden und Annehmlichkeiten
ausfüllen könnte Ich suche gnädigster Fürst eine solche Gemahlin für meinen
König ich habe kein größeres Anliegen in der Welt als dieses ich finde darzu
die würdigste Schönheit in der Person Ew Durchl ältesten Prinzessin Ich hoffe
dieses hohe Bündnüs unter göttlichem Beistand möglich zu machen wo anders Ew
Durchl darein willigen und die Veranstaltungen die ich zu machen vorhabens
bin gnädigst guteisen wollen
    Meine Tochter erwähnte der Fürst ist in einer andern Religion erzogen und
wird sich nimmermehr entschließen die bisher erkannte Einfalt des Christlichen
Glaubens gegen einen fremden Gottesdienst zu verwechseln Dieses wird auch
nicht nötig sein antwortete der Graf denn wir sind an unserm Hof weder zum
Aberglauben noch zur ReligionsVerfolgung geneigt Viele Großen bei uns sind
GlaubensGenossen von Ew Hochfürstl Durchl und genießen einer vollkommenen
GewissensFreiheit
    Es ist Ew Hochfürstl Durchl nicht unmöglich gewesen fuhr der Graf fort
einen solchen Ort aufzurichten wo die Unschuld die Tugend und die Frömmigkeit
herrschet es ist leichter etwas nachzumachen als anzugeben Wir werden uns
also in Aquitanien die Ehre der Nachahmung vorbehalten Wenn wir nur in einer
jeden Provinz eine solche Gemeine nach so weisen und vernünftigen Gesetzen
aufrichten könnten so wär kein Zweifel das ganze Königreich würde dadurch als
von so viel neuen Lichtern durchstrahlet werden
    Ihre Gedanken Herr Graf sind gut sie reden wie sie es gerne hätten Wir
müssen das unsrige tun und unsern Posten wahrnehmen die Welt mag davon
urteilen wie sie will sie ist durchgehends böse und kann das Gute nicht
vertragen wir können nicht mehr tun als GOTT uns Kräfte gibt Wir sind wie
die Taglöhner die auf den Befehl des Herrn bald niederreissen bald bauen bald
pflanzen bald ausrotten ja öfters so leicht etwas verderben als gut machen
    Die folgende Tage brachte der Graf mit dem Fürsten in allerhand
Beratschlagungen zu welche die Vermählung des Königs von Aquitanien mit der
Prinzessin von Argilia betraffen Des Grafens Meinung ging dahin die Fürstin
sollte mit der Prinzessin sich nach den Aquitanischen Bädern verfügen er wollte so
dann auch seinen König zu bereden suchen um dieselbe Zeit sich gleichfals da
einzufinden da sich dann das übrige schon zeigen würde Der Fürst lies sich
diesen Vorschlag gefallen doch bat er den Grafen der Prinzessin von diesem
Vorhaben noch nichts zu sagen
    Der Graf ging einige Tage darauf wieder in den Garten spazieren er hatte
vernommen dass die Prinzessin mit der Fräulein von Turris sich dahin verfüget
hatten Er suchte sie in der Einöde als er sie aber daselbst nicht fand setzte
er seinen Fuß weiter fort und kam in eine lange Allee deren Wände von
geschnittenen Buchen nicht anders als ein glatter grüner Stoff anzusehen war
einige Bedienten von der Prinzessin die er hier antraf wiesen ihm dem Ort wo
sich solche aufhielt sie war in einem kleinen Portal welches auf einen breiten
Teich sties und von hinten mit einem Gebüsch bedecket war Ein kurz geschorener
Wasen leitete bis dahin und lief um den ganzen Teich mit zierlichen Abschnitten
und Erhöhungen herum Man konnte einen auf diesem GrasWeg im Portal nicht eher
sehen als bis man wirklich davor stund
    Der Graf als er noch ungefehr vier Schritt davon entfernet war hörte die
Prinzessin diese Worte sagen Aber liebste Mariane er ist kein ReichsGraf und
darzu eines andern Glaubens Die Fräulein von Turris wollte eben darauf
antworten weil es aber der Graf für etwas unanständiges hielt sie zu belauern
so ging er ohn verweilen auf sie zu Die Prinzessin die ihn nicht so nah
vermutet hatte konnte ihre Bestürzung über seine Ankunft nicht bergen sie
wusste nicht gleich was sie auf seine Höflichkeiten ihm antworten sollte sie
gingen darauf mit einander spazieren
    Ihr Gespräch war von Seiten der Prinzessin ganz furchtsam sie redete nur
von gleichgültigen Dingen ihre Augen sahen ihn dabei mit einer gewissen
Schamhaftigkeit an die ihm so viel zu verstehen gab als ob sie glaubte dass er
etwas von ihren Reden im Portal vernommen hätte
    Die Fräulein von Turris als sie von dem Grafen Abschied nahm sagte ihm
heimlich ins Ohr er möchte morgen vor der Tafel sie besuchen kommen der Graf
stellte sich um die bestimmte Zeit bei ihr ein Es ist billig Herr Graf sprach
sie zu ihm dass ich auch etwas von ihren Geheimnüssen wisse nachdem sie alle
die meinigen erfahren haben Die genaue Freundschaft zwischen ihnen und meinem
geliebten Riesenburg gibt mir einen Anteil an Dero Vergnügen und ein Recht
mich nach Dero Zustand ein wenig zu erkundigen Die Fräulein fragte ihn hierauf
wegen seines Herkommen und ob er an dem Aquitanischen Hofe zu bleiben gedächte
Der Graf unterrichtete sie wegen des ersten wegen des andern aber sagte er
dass es nicht bei ihm stünde einen König zu verlassen der ihm die größte Gnade
und ein ganz besonderes Vertrauen bezeigte
    Die Fräulein forschte darauf weiter ob er nie geliebt hätte Der Graf
lächelte über diese Frage und wollte mit der Sprache nicht heraus Sie werden
wohl fuhr die Fräulein fort ein Herze haben wie andere Menschen auch und wo
ich mich nicht irre so lieben sie und machen aus dieser Neigung ein Geheimnüs
es möchte wohl sein erklärte sich der Graf halb im Scherz wie gefället ihnen
denn unsere älteste Prinzessin fragte jene weiter könnten sie solche nicht
lieben Es müssen sich für dieselbe erklärte sich der Graf alle meine
Neigungen in der tiefsten Ehrerbietung versenken Sie sind Herr Graf nicht
offenherzig mit mir lies sich hierauf die Fräulein vernehmen Riesenburg muss
ihnen von mir nicht so viel Gutes gesagt haben als es nötig ist ihnen zu mir
ein Vertrauen zu geben Ich weiß dass sie meine Prinzessin lieben und solches
mir verhehlen aber ihre Augen und diejenige der Prinzessin haben mir solches
verraten Meine Prinzessin kann für sie wenigstens ihre Hochachtung nicht bergen
ihre oftmahlige Errötungen wenn sie solche scharf ansehen die Vergnügung
welche sie hat mit ihnen umzugehen und ihr ganzes Wesen gibt mir eine
besondere Gewogenheit für den Herrn Grafen zu erkennen
    Der Graf war über diese Reden so bestürzt dass er nicht wusste was er der
Fräulein von Turris darauf antworten sollte Ich sehewohl Herr Graf fuhr
deswegen die Fräulein fort was ihnen im Wege steht
                       Was Ido macht zu gros  das macht
                               mich all zu klein
Der Graf erschrack hierüber noch mehr er erkannte dass die Fräulein von Turris
seine Schreibtafel müsste durchblättert und obige Reimen darin gelesen haben
die Fräulein aber ließ ihm nicht Zeit sich darüber mit ihr zu erklären sondern
fuhr fort es ist wahr meine Prinzessin ist aus einem der größten
FürstenHäuser das macht sie dem Ansehen nach für sie zu gros allein es ist
bei uns etwas gewöhnliches dass unsere Fürstinnen an Grafen sich vermählen wenn
sie aus altem Gräflichem Stamm herkommen
    Wie nun der Herr Graf von Rivera das Glück einer solchen Geburt haben so
dürfen sie auch um so viel weniger hierbei den Mut verliehren weil diese
StandesUngleichheit mit so vielen andern grosen Eigenschaften von ihnen
ersetzet wird Ja sie dürfen nur ihrem König ein Wort davon sagen so wird er
sie zu einem Fürsten und Herzogen machen
    Des Grafens Verwunderung über diesen unvermuteten Vortrag der Fräulein von
Turris vermehrte sich noch mehr als er hörte wie sie alle diese Sachen in
ihren Gedanken schon so leicht und möglich gemacht hatte Er heegte für die
Prinzessin die vollkommenste Hochachtung Er fand sie würdig den Königlichen
Thron zu besteigen und ganz Aquitanien zu beherrschen Zu dieser Erhöhung
wollte er das Werkzeug abgeben sein ganzes Herz war mit einem so großen und
wichtigen Geschäffte eingenommen Er suchte den König durch die Prinzessin und
diese wiederum durch jenen glücklich zu machen in diese Glückseligkeit aber
seine geliebte Gräfin von Monteras mit einzuflechten
    Bei diesen Absichten sah sich endlich der Graf verbunden der Fräulein von
Turris sich zu erkennen zu geben er sagte ihr dass sie sich irrte wenn sie
die in seiner Schreibtafel gefundene Reimen auf ihre Prinzessin deuten wollte
dass er die Prinzessin zwar unendlich verehrte aber sich dabei auch wohl zu
bescheiden wüste dass sie sich besser für seinen Herrn und König als für einen
geborenen Untertanen schickte Er entdeckte hierauf der Fräulein von Turris
seine Anschläge und bat sich zugleich darin ihren Beistand aus er sagte ihr
dass er dem Fürsten bereits davon Eröfnung getan hätte dass derselbe aber für
gut fände solches vor der Prinzessin noch geheim zu halten
    Die Fräulein von Turris war mit den Absichten des Grafens nur halb
zufrieden Ach sprach sie wozu sollen die Kronen sie sind schwer zu tragen
Könige haben keine wahre Freunde man fürchtet sich vor ihnen und sie fürchten
sich wieder vor andern Ihre Hoheit verblendet sie man schmeichelt ihnen sie
haben die stärkste Leidenschaften und indem sie allen genug tun wollen
vergnügen sie keinen
    Ich halt dafür versetzte der Graf eine Krone hat auch ihre Annehmlichkeit
Es ist für ein grosmütiges Herz kein geringes Vergnügen in einer solchen
Erhöhung zu leben darin man so viel andere Menschen kann glücklich machen Es
scheint die Vorsehung habe unsere vortreffliche Prinzessin zu einer Königin
lassen geboren werden Es leuchtet aus ihren Augen etwas so Majestätisches und
Groses hass man darin eine geheime Ubereinstimmung der Natur entworfen sieht
    Die Fräulein von Turris hatte bei diesem Tausch nichts zu verliehren Es
schmeichelte nicht wenig ihrer Eitelkeit ihre Prinzessin Königin von Aquitanien
zu sehen Sie fand sich dadurch selbst mit erhöhet Ihre Demut konnte sie nicht
hindern sich daraus eine Vergnügung zu machen Sie hielt das ihr anvertraute
Geheimnüs nicht lang verborgen Wem bin ich näher dachte sie in der Welt
verbunden als meiner Prinzessin Sie ging zu ihr und offenbarte ihr alles Die
Prinzessin wurde darüber bestürzt Ach seufzte sie der Himmel macht es nicht
wie wir wollen Doch ich kenne meine Pflicht und weis was ich Gott und meinem
Vater schuldig bin
    Der Graf von Rivera verreiste darauf nach einigen Tagen von Christianopolis
Der Fürst versicherte ihn seiner äußersten Hochachtung und Freundschaft Er
schloss ihn mit vieler Zärtlichkeit in seine Arme Lebet wohl mein liebster
Graf sprach er zu demselben und erinnert euch oft der guten Nachschlägen die
wir mit einander gepflogen haben
    Gegen die Prinzessin lies sich der Graf verlauten dass er würde den Freiherrn
von Riesenburg bis nach Aquana begleiten woselbst er hofte die Gnad zu haben
ihr wieder aufzuwarten Sie gab dagegen dem Grafen zu verstehen dass sie seine
Absichten mit ihr wüste und dass sie deswegen diese Reise nicht ohne besondere
Furcht antretten würde
 
                             Das vierzehende Buch
Der Graf kam glücklich wieder nach Panopolis Er fand den König noch immer in
der besten Neigung für ihn und wurde von demselben mit einer lebhaften Freude
empfangen Ach liebster Graf sprach er indem er ihn herzlich umarmte wie
sehr hat mich verlanget euch wieder zu sehen Der Graf gab darauf dem König
Nachricht von seinen gehabten Verrichtungen und rühmte ihm die Schönheit
verschiedener Prinzessinnen deren Bildnisse er dem König vorzeigte
    Ohneracht die Mahler ihr bestes getan hatten die Durchlauchtige
Schönheiten in ihren stärcksten Reitzungen vorzustellen so wollte doch keine
darunter dem König recht gefallen Er sagte schier über eine jede Es ist noch
keine Gräfin von Monteras Der Graf nahm hierbei Gelegenheit ihm die
Annehmlichkeiten der Prinzessin von Argilia vor allen andern zu rühmen Er machte
dadurch den König um so viel begieriger auch das Bildnüs dieser so
hochgepriesenen Schönheit zu sehen allein der Graf hatte solches nicht mit
gebracht Der König war deswegen überaus ungeduldig Der Graf entschuldigte
sich dass er solches nicht hätte habhaft werden können und riet deswegen dem
König das Original selbst in Augenschein zu nehmen weil er sodann von dem
gewöhnlichen Betrug der Mahler und der Farben welche insgemein die Gesichter
schöner machten als sie wären nichts zu befahren hätte Er fügte hinzu dass
diese Prinzessin sich in wenig Wochen mit ihrer Frau Mutter nach den Aquanischen
Bädern begeben würde wo der König das Vergnügen haben könnte sie zu sehen
    Der Graf verfügte sich hierauf zu dem Herzog von Sandilien Er fand ihn auf
einem Ruhbette die Gräfin von Monteras saß neben ihm und las ihm etwas aus
einem Buch Der Anblick dieser beiden Personen rührte den Grafen ungemein Der
Herzog hatte das Ansehen eines recht krancken Mannes und die Gräfin schien ihm
schöner als jemahl Der Herzog empfing ihn mit einer ganz vertraulichen Art
und indem er die Arme um seinen Hals schloss sagte er zu ihm Ich habe mein
wertester Graf Stunden und Tage bis zu ihrer Wiederkunft gezehlet Ich liebe
sie als wenn sie mein Sohn wären und gebe ihnen die Erlaubnüs meine Base zu
umarmen Der Graf gehorsamte einem so süßen Befehl Zucht Scham Zärtlichkeit
und Ehrerbietung gaben hier der Liebe ein wunderschönes Ansehen Die Wangen der
Gräfin färbten sich mit rot und in ihren Augen brandte ein so starckes Feuer
dass es einige Tränen welche sie nicht zurück halten konnte zu löschen
schienen
    Der Graf erkundigte sich darauf nach des Herzogen Zustand und der Ursach
seiner so merklichen Unpäslichkeit Es sind ungefähr acht Tage antwortete der
Herzog dass ich Abends bei dem Fürsten von Voltera der eine Zeitlang sich hier
aufgehalten zu Nacht speiste Ich war kaum nach Haus gekommen so empfand ich
ein heftiges BauchGrimmen welches dermaßen stark überhand nahm dass ich
eilends den Herrn Hippon zu mir kommen lies alle Nerven und Adern zuckten in
mir mit einem nie empfundenen Schmerz alle innere Teile wurden dadurch
zusammen gezogen Ich krümte mich als ein Wurm und litt die abscheulichste
Marter Herr Hippon kam und fragte sogleich was ich gegessen hätte ich nannte
ihm solches und da alles unverfänglich war schüttelte er den Kopf und sagte
man müsste mir etwas schädliches beigebracht haben Er gab mir deswegen ein
GegenGift welches er immer bei sich führte Ich musste solches mit warmen Öl
einnehmen worauf ein starckes Erbrechen folgte und als dadurch mein Blut in
eine kochende Wallung geriet so wurde mir zur Ader gelassen Die Schmerzen
ließ damit nach Ich wurde aber dermaßen entkräftet dass ich seitdem kaum
meine Glieder regen noch vielweniger mich aufmachen kann
    Der Graf fragte hierauf den Herzogen was er von diesem Uberfall
mutmassete und ob er glaubte dass man ihm Gift beigebracht hätte Dieses ist
außer Zweiffel sagte darauf der Herzog Wer sollte aber forschte der Graf
weiter der Anstifter einer solchen grausamen Bosheit sein Wann ich meinen
Argwohn hier entdecken soll erklärte sich der Herzog so ist solcher der Fürst
von Voltera selbst Es ist nicht das erstemahl dass er mich seinem auf mich
geworfenen Groll aufzuopfern und heimlich aus dem Weg zu räumen trachtet weil
er weis dass ich seinen herschsüchtigen Anschlägen die Krone auf sich und sein
Haus zu bringen nimmer beistimmen werde Er ist sonst dem Ansehen nach der
gütigste und leutseligste Herr allein wenn es die CronFolge betrifft so ist
ihm keine Missetat keine Verräterei und kein MeuchelMord abscheulich genug
zu seinen Absichten zu gelangen
    O böse Welt o veräterisches Geschlecht rief allhier der Graf voller
Bestürzung aus Ist dann eine Krone die doch an und für sich selbst so schwer
zu tragen ist solcher verruchten Streiche wert Ich hätte mir fürwahr fuhr
der Graf fort diesen Herrn nie so boshaftig eingebildet Doch ich hoffe es
werde der Königliche Stamm bald in ächtere Zweige sprossen und der König mit
nechstem eine Gemahlin bekommen
    Das Gespräch fiel darauf auf die Prinzessin von Argilia davon der Graf dem
Herzogen bereits durch Briefe die nötige Eröfnung getan hatte Der Graf
versicherte den Herzogen dass sie sich vollkommen für den König schicken würde
Die Gräfin von Monteras hatte dabei den Grafen vieles zu fragen Allein der
Herzog erinnerte denselben dass es Zeit wäre sich wieder nach Hof zu begeben
    Der Graf speiste denselben Abend ganz allein mit dem König Ihr habt mir
sprach dieser mit euren Erzehlungen von der Prinzessin von Argilia einiges
Nachdencken erweckt Ich bin sehr übel mit euch zufrieden dass ihr mir nicht ihr
Bildnüs habt mit gebracht Der Graf wiederhohlte seine vorige Entschuldigungen
er sagte dass der König nichts dabei verliehren könnte Ich finde fuhr er fort
dass die Mahler wohl hessliche und mittelmäßige Gesichter aber keine vollkommene
Schönheit abbilden können Es pfleget solche ein gewisser Geist zu beleben der
über alle PinselStriche ist Man muss dergleichen Schönheiten sehen man muss sie
sprechen man muss ihre Bewegungen ihre Gebehrden und die Spielung ihrer Augen
wahrnehmen wenn man von ihren Annehmlichkeiten ein Urteil fällen will Der
König entschloss sich auf diese Vorstellungen die Reise nach Aquana vorzunehmen
und überließ dem Grafen von Rivera die Sorgfalt darzu die nötige Anstalten zu
machen
    So bald hatte man nicht in Panopolis die Nachricht dass die Fürstin von
Argilia mit ihrer ältesten Prinzessin zu Aquana angekommen war so reiste der
König gleichfalls dahin Er hatte nebst dem Grafen von Rivera und dem Freiherrn
von Riesenburg niemand bei sich als seinen LeibArzt und drei bis vier
Edelleute Die meiste Bedienten nebst einem Teil der LeibWache waren voraus
gegangen Der Zulauf des Volcks als der König zu Aquana anlangte war ungemein
Es fand sich eine Menge des benachbarten Adels daselbst ein Niemahls hatte man
an diesem Ort mehr gesunde ChurGäste gesehen
    Den Freiherrn von Riesenburg hatte die Ungedult seine liebste Mariane zu
sehen schon beim Absteigen in seinen ReiseKleidern zu ihr hin getrieben Er
überfiel sie in Gegenwart der Prinzessin von Argilia Er warf sich ihr mit der
feurigsten Regung um den Hals und vermerckte nicht dass er die Ehrerbietung
welche er der Gegenwart einer so großen Prinzessin schuldig war durch diese
Freiheit verletzete Die Fräulein von Turris erinnerte ihn daran und wickelte
sich deswegen aus seinen Armen Er kam damit aus seiner Entzückung wieder zu
sich selbst Er nahte sich mit Demut der Prinzessin Er küste ihr den Rock und
bat sie ihm den begangenen Fehler zu verzeihen Die Prinzessin entschuldigte
solchen leicht Sie versicherte ihn mit der leutseligsten Art dass es ihr ein
großes Vergnügen wär ihn und ihre liebste Mariane beisammen zu sehen und dass
sie an dieser längst gewünschten Begebenheit selbst mit Anteil nehme
    Die sonst muntere Fräulein von Turris musste hier der Stärcke ihrer
Empfindung weichen sie konnte für großer Bewegung ihres Gemüts nicht reden
sie sah ihren Geliebten den sie nimmer wieder zu sehen geglaubet hatte sie sah
ihn getreu beständig glücklich und in der süßen Hoffnung wieder ihn nicht
mehr zu verliehren Diese Betrachtungen erfülleten allzusehr ihr zartes Hertze
als dass sie dabei auch ihrem Verstand viel Raum hätte lassen sollen sich
darüber auszudrücken
    Die Prinzessin unterhielt also das Gespräch als der Graf von Rivera sich
meldete um bei ihr und ihrer Frau Mutter die Aufwartung zu machen Die
Prinzessin veränderte ein wenig die Farbe da sie denselben auf sich zukommen
sah sie wusste wozu er sie bestimmet hatte ihr Herz empfand darüber eine
heimliche Empörung allein sie war Meister von dessen Regungen sie empfing ihn
viel freundlicher als sie bei einer andern Gelegenheit nicht würde getan
haben Diese Freundlichkeit aber wollte in Betrachtung ihres Gemüts weit weniger
sagen als die schamhaftige Eingezogenheit womit sie ehedessen an ihres Herrn
Vatern Hofe ihn kaum recht anzusehen getrauete
    Nach ein und andern Reden welche der Wohlstand an die Hand gab verfügte
sich die Prinzessin zu der Fürstin ihrer Frau Mutter um die Vertraulichkeit
zwischen dem Grafen von Rivera dem Freiherrn von Riesenburg und der Fräulein
von Turris durch ihre Gegenwart nicht länger in Zwang zu setzen Der Graf
fragte bei dieser Gelegenheit den Herrn von Riesenburg wie ihm die Prinzessin
gefiel Sie ist unvergleichlich antwortete dieser und der König müsste keine
Empfindung haben wenn er sie ohne gerührt zu werden ansehen könnte denn
fügte er hinzu solchen Wuchs solche Gebehrden solche Bildung und solche Augen
hab ich noch nie gesehen
    Wie mein lieber Riesenburg scherzte hierauf der Graf ist dieses nicht
sehr unbescheiden in Gegenwart einer Geliebten gesprochen die selbst so viele
Annehmlichkeiten besitzet O mein wertester Herr Graf erwiderte Riesenburg
ich würde der Fräulein von Turris unrecht tun wenn ich ihre bloße Gestalt
zum Vorwurf meiner Liebe machen wollte ihr gut Herz ist allein dasjenige was
mich ihr mit einer unendlichen Neigung verknüpft Ich werde ihrer Schönheit am
ersten gewohnt werden und ihrer am wenigsten achten wenn ihr angenehmer Geist
und ihr vortrefliches Gemüt bei einer näheren Verbindung mir täglich neue
Schätze und Tugenden entdecken werde
    Der Graf hatte sich unter diesem Gespräch bei der Fürstin melden lassen und
bekam zur Antwort dass sein Zuspruch derselben angenehm sein würde Er fand sie
mit der Prinzessin allein in ihrem Gemach man sprach von dem König und wenn es
der Fürstin gelegen sein würde ihn bei sich zu sehen die Zeit wurde dazu
gleich auf den folgenden Tag bestimmt Der Graf begab sich damit wieder zu dem
König der Herr von Riesenburg aber blieb bei der Fürstin des Abends zur Tafel
    Der Tag welcher einen so wichtigen Ausschlag in der Liebe des Königs geben
sollte erschien Die Prinzessin von Argilia lies sich dazu aufs beste ankleiden
Nicht allein ihre KammerFrauen waren um sie geschäftig die Fräulein von
Turris selbst machte sich eine Arbeit mit ihrem KopfPutz sie winkte ihr dabei
hundert vergnügte und aufmunternde Dinge zu weil sie vor ihren Leuten sich
nicht frei erklären mochte Die Prinzessin verstund alles sie musste lachen und
verlor darüber eine gewisse Bangigkeit welche sie bei der Vorstellung dass sie
heute zur Schau sollte gebracht werden in ihrem Gemüt empfand Ihre Augen die
aus angeregter Ursach die Nacht nicht viel geschlafen hatten bekamen wieder
ihre Lebhaftigkeit ihre Farbe wurde frisch und ihre ganze Gestalt da sie
angekleidet war hegte so viel Glanz und Anmut dass die Natur die Vorzüge der
Kunst würde beneidet haben wenn sie nicht hier die größte Ehre vor sich
behalten hätte denn aller Schmuck aller Aufputz alle funckelnde Diamanten
waren bei dieser schönen Fürstin nur wie eine bloße Einfassung um ein schönes
Bild
    Der König kam die Prinzessin mit der Fräulein von Turris und den
Argilischen HofDamen empfiengen ihn gleich unter der Tür Eine angenehme
Bestürzung überfiel den König als er hier in der Person der Prinzessin von
Argilia die größte Schönheit erblickte Er begrüste sie mit vieler Ehrerbietung
Er faste sie darauf bei der Hand und führte sie die Treppen hinauf er wurde
oben von der Fürstin die ihm einige Stufen herunter entgegen kam auf das
freundlichste empfangen Im Zimmer fanden sich zwei LehnSessel auf welche sich
der König und die Fürstin niederliessen Die Prinzessin aber setzte sich auf
einen kleinen Stuhl Der Graf von Rivera der den König begleitete stund ihm
zur Seiten er lenkte dabei das Gespräch auf solche Sachen davon er für gut
hielt dass bei dieser Gelegenheit gesprochen würde und welche die Prinzessin mit
konnten reden machen Denn ihre Annehmlichkeiten gewannen einen doppelten Glanz
wenn sie etwas erzehlte Der König empfand ihre bezaubernde Macht mit allen
Regungen welche der Graf an ihm zu sehen wünschte er war davon auf einmal so
eingenommen dass er sich bei dem Abschied erklärte der Graf hätte ihm noch
lange nicht so viel von den Vollkommenheiten der Prinzessin gesagt als ihre
Gegenwart ihm hätte zu erkennen gegeben
    So bald war der König nicht von der Fürstin zurück gekommen so fiel er dem
Grafen um den Hals Liebster Graf sprach er die Prinzessin gefällt mir wie
fangen wir die Sache weiter an Es wird sich wohl alles fügen antwortete der
Graf mit einer etwas gleichgültigen Mine Ja fragte der König wie lang aber
wird es noch währen es gibt immer so viele Umstände und Weitläuftigkeiten bei
dergleichen Geschäften könnte man damit nicht einen kürzern Weg einschlagen Der
Graf musste heimlich über diese Ungedult des Königs lachen er nahm daher
Gelegenheit bei demselben einige nützliche Wahrheiten anzubringen Es ist gut
sprach er dass die mächtigste der Erden zuweilen auch ein wenig spühren dass
nicht alles bloß von ihrer Gewalt abhänget Die Art womit sie eine Sache
verlangen komt mit ihrer Hoheit überein es soll alles gleich da sein sie
wollen nicht warten sie müssen aber so wohl wie andere Menschen sich den
Gesetzen der Möglichkeit unterwerfen sie können weder das Verhängnüs noch die
Gemüter zwingen
    O wie verdrieslich Graf fiel ihm hier der König in die Rede ist mir
diesesmahl eure SittenLehre Ich frage jetzo nicht ob ich mich den Gesetzen
der Möglichkeit unterwerffen soll das weis ich ohne dem Ich frage nur wie
bald ihr meint  die Sache mit der Prinzessin zu Stand zu bringen
    Ew Majestät antwortet der Graf halten mir meine Freiheit zur Gnade
Dergleichen Geschäfte lassen sich nicht wohl übereilen weil die Glückseligkeit
eines so großen Königs und die Wohlfart so vieler Länder damit verknüpfet ist
Glauben dann Ew Majestät fragte der Graf den König dass sie schon die
Prinzessin liebten und dass diejenige Empfindung welche ihre Schönheit in dero
Gemüt verursacht nicht ein schnell angezündetes LaufFeuer sei welches wenn
es einmal seine Wirkung getan mit einmal in die Luft verdämpfet
    O Graf erwiderte der König voller Ungedult ihr seid heute ganz
unerträglich Ich sage euch die Prinzessin gefällt mir und ich liebe sie weil
sie mir gefällt ich will sie zu meiner Gemahlin nehmen ihr selbst habt mir
darzu geraten was soll ich mich erstlich noch lang untersuchen ob meine Liebe
für sie ein LaufFeuer oder sonst etwas sei
    Ich sehe wohl fuhr der Graf hierauf fort dass es Ew Majestät ein Ernst
ist mit dieser schönen Prinzessin sich zu vermählen der Himmel gebe seinen
Segen darzu Man wird also in möglichster Eil eine Gesandschaft an den
Argilischen Hof schicken müssen um dem Fürsten daselbst die hohe Meinung Ew
Majestät zu entdecken und bei ihm um dessen Prinzessin Tochter die gewönliche
Anwerbung zu tun Hernach muss die Sache dem geheimen Rat von Ew Majestät
vorgetragen und dessen Gutdüncken darüber eingeholet werden wie man in ein und
andern Dingen sich dabei zum Nutzen des Staats zu verhalten und die Tractaten
in einer so wichtigen Verbindung danach einzurichten habe
    O Himmel unterbrach der König hier abermahl wie plagt ihr mich doch
anheute Darf ich dann keine Gemahlin nehmen ohne meinen geheimen Rat darüber
zu befragen soll ich mich oder soll sich der Staat verheiraten
    Gleichwol fuhr der Graf in seinem gelassenen Wesen fort werden sich Ew
Majestät doch müssen allergnädigst gefallen lassen jemand an den Argilischen
Hof abzufertigen um wenigstens die Einwilligung des Fürstens einzuholen
kürtzer ist doch die Sache unmöglich zu fassen Hernach müssen auch die nötige
Anstalten zu dero Königlichem Beilager zu Panopolis gemacht werden welche
Zeremonien von dero höchst glorwürdigsten Vorfahren jederzeit mit einem
Königlichen Pomp und äußerster Pracht sind vollzogen worden
    Auf diese Art erwiderte der über diese so vielerlei Vorstellungen des
Grafens ganz misvergnügte König ist kein Mensch übeler dran als ich wer wollte
sich wohl eine Krone wünschen wenn uns solche unter den harten Zwang so vieler
nichts bedeutenden Dinge setzt Meine Vorfahren sprach er dachten nicht wie
ich sie hatten eine Freude an dergleichen Weitläuftigkeiten und unnützen
Geprängen welche öfters zu nichts weiter dienten als ihre SchatzKammer zu
entkräfften und das Volck zu beschweren ich glaube sie hätten Macht gehabt
solches zu unterlassen wie ich mich befugt halte darin nach meiner Weise zu
verfahren
    Ew Majestät sind Herr erklärte sich hierauf der Graf Wenn sie sich an
eine Untertanin ihres Reichs vermählen wollten so könnten sie darin nach dero
höchsten Gutdüncken verfahren allein die Prinzessin von Argilia ist aus einem
der Durchläuchtigsten Häuser in der Welt Ew Majestät können hier den Wohlstand
nicht ganz aus den Augen setzen Doch fügte der Graf hinzu ich werde trachten
die Sachen zu Ew Majestät allergnädigsten Wohlgefallen einzurichten und alles
auf das kürtzeste zu fassen Er verlies darauf den König und verfügte sich
wieder zu der Fürstin von Argilia
    Er hat dem König nicht gesagt wie weit er schon in diesem Geschäfft
gekommen war der König hätte sonst den Wohlstand und die Ehrerbietung gegen die
Prinzessin zu sehr aus den Augen setzen mögen Er hinterbrachte der Fürstin dass
die Prinzessin dem König gefallen hätte und dass solchem nach seine bisherige
Unterhandlungen ihre Richtigkeit hätten wo anders wie er hofte die Prinzessin
bei sich keinen Wiederwillen gegen den König verspürte Die Prinzessin veränderte
über diese Frage ein wenig die Farbe und überlies ihrer Frau Mutter solche zu
beantworten Meine Tochter sprach diese wird sich in dieser Sache den
Ratschlüssen des Himmels ohne welche sich die Kronen nicht vergeben und dem
Willen ihres Herrn und Vaters unterwerfen
    Auf diese Erklärung sandt der Graf alsobald einen hurtigen Boten nach dem
Fürsten von Argilia und einen andern nach dem Hertzog von Sandilien um beiden
von dem Fortgang dieser Sache Nachricht zu geben und sie zugleich zu bitten die
HeiratsTractaten wie solche unter ihnen wären verabredet worden
auszufertigen Diese Boten kamen den sechsten Tag wieder zurück und brachten
die Tractaten unterschrieben mit
    Der König und die Prinzessin sahen sich unterdessen einander täglich er
hatte ihr seine Neigung gleich den ersten Abend zu erkennen gegeben und speiste
darauf bei der Fürstin zu Macht Diese nebst der Prinzessin aßen hinwiederum
den andern Tag bei dem König Abends wurde Spiel und Ball gegeben Auf diese
Weise ging eine Woche vorüber
    Der König wurde bald ungedultig er sah die Prinzessin täglich ihre
Schönheit rührte seine Sinnen und ihre Eingezogenheit machte ihn leiden Er kam
in dieser Empfindung zu dem Grafen Ihr habt mir lang versprochen sagte er zu
ihm mich durch eine würdige Gemahlin glücklich zu machen und jetzo hat es das
Ansehen als ob man gar nicht auf meine Vergnügung dächte
    Der Graf der die Ungedult des Königs voraus gesehen hatte zu dem Ende alle
Anstalten zu des Königs Beilager in Zeiten zu machen angefangen
    Einige Stunden von Aquana wohnte ein reicher Graf auf einem sehr großen und
wohlgebauten Schloss diesen hatte der Graf von Rivera ersucht solches auf
einige Tage dem König und seinem Gefolge einzuräumen Der Graf fand sich durch
dieses Zumuten beehrt es wurden in möglichster Geschwindigkeit die besten
Zimmer für den König und dessen bei sich habende HofStaat zurecht gemacht Der
Graf bat darauf den König sich nach diesem Schloss zu erheben weil er daselbst
ein gewisses Fest der Prinzessin von Argilia zu Ehren angestellet hätte Wobei er
zugleich wenn es ihm gefiel sein hohes Beilager halten könnte
    Mit der Fürstin und der Prinzessin war alles bereits abgeredet Der König
fuhr einige Stunden voraus um seine Gäste zu empfangen Er war zum höchsten
verwundert wie er alles auf diesem Schloss in ungemeiner Bewegung fand er sah
viel tausend Lampen und Lichter zu einer AbendBeleuchtung aufstecken der ganze
Garten zusamt dem Schloss wurde damit bestellt
    
    Man arbeitete noch in dem großen LustHaus an einer Tafel auf welcher in
der Mitte ein mit verguldten Blei beschlagener Bassin mit springendem Wasser
sich zeigte Rings herum waren die schönsten BlumenBette welche durch zart
ineinander geschlungenen Buchs die artichste Züge machten und durch weiß rot
und gelben MuschelSand unterschieden waren Auf diesem kleinem BlumenStück
fanden sich allerhand artige Gefäse mit raren Gewächsen und kleinen
ZwergStämmen von Pomeranzen und Citronen die voller Blüt und Früchte hiengen
    Alles war hier mit einer solchen Hurtigkeit beschäfftiget dass es dem König
gleichsam eine halbe Zauberei zu sein schien Der Graf half selbst alles mit
angreiffen alles wurde durch seinen Geist belebet und in einer ordentlichen
Bewegung herum getrieben nicht anders als in einer künstlich verfertigten
Maschine davon er das Triebwerk war
    Ehe noch der Abend herbei kam stund vor dem Schloss eine von gemahlten
Säulen aufgerichtete und mit allerhand Grünigkeiten und Sinnbildern
durchschlungene EhrenPforte Auf den Garten stieß ein großer Teich an dessen
Ufer sechs kostbar ausgezierte Schiffe hielten welche man auf einem Kanal von
Toscana dahin gebracht hatte sie waren gelb und blau bemahlet auf den Kanden
und dem Schnitz verguldt und mit gleichfärbigten Flaggen und Bändern gezieret
Dasjenige so darunter für den König und die Fürstliche Personen gewidmet war
hatte auf Illyrische Art in der Mitten eine prächtige HimmelDecke mit
Vorhängen von blauen Damast und goldenen Schnüren und Quasten Das ganze Boot
war auf diese Art ausgeschlagen die BootsLeute zeigten sich in gleichem Stoff
gekleidet sie hatten gelbseidene Scherffen um den Leib und reiche von Gold
durchwürckte Bänder auf den Mützen Ein großes Schiff war vor die Musik und die
Bedienten ausgerüstet Es hatte oben eine Gallerie mit kleinen Böllern besetzt
Auf dem Teiche schwammen eine Menge zahm und wilde Enten deren viele mit
roten Federn auf den Kämmen gezeichnet und zu einer WasserJagd bestimmet
waren
    So bald lies sich die Fürstin mit der Prinzessin und ihrem Gefolg nicht in
der Nähe sehen so wurden die kleine Böller auf dem Schiff losgezündet Der
König empfing solche an einem nechst an dem Teich aufgeschlagenen Zelte und
führte dieselbe darauf in das für sie zubereitete Königliche Boot die übrige
Schiffe wurden von ihrem Gefolge eingenommen Man sties von Land die Trompeten
und Paucken ließ sich mit untermengter Musik hören Man fuhr auf dem Teich
herum und stieg darauf im Garten an das Land
    Der Abend kam herbei das ganze Schloss so wohl als der Garten wurde mit
Lichtern erhellet es war bald Zeit an die Tafel zu gehen Der Graf von Rivera
meldete sich hier er redete den König an Ew Majestät sprach er haben mir
gnädigst befohlen alle Weitläuftigkeiten bei dero hohen Vermählung
abzuschneiden Ich hab alles was möglich war getan Hier sind die Tractaten
von dem Durchläuchtigsten Fürsten von Argilia wie auch von dero Obersten
StaatsMinister im Nahmen dero ganzen geheimen Rats unterzeichnet Es fehlt
weiter nichts als dass Ew Majestät und Dero Durchlauchtigste Braut Dero
höchsten Namen mit darunter setzen
    Als dieses der Graf dem König und der Prinzessin vorgebracht hatte ließ er
die Tractaten auf einem kleinen mit roten Samt bedeckten Tischgen worauf ein
silbernes Schreibzeug stund vor den König bringen dieser ergriff sogleich die
Feder sprieb seinen Namen darunter und reichte solche hernach auch der
Prinzessin welche wiewohl mit zitternder Hand dergleichen tat
    Hierauf wurden in dem nechstanstossenden Saal auf einmal die Türen
geöfnet Die Königliche Kapelle mit einem großen Chor von Sängern und
Sängerinnen ließ sich darin mit einer entzückenden Harmonie hören Ein Bischoff
von dem nechsten Aquitanischen KirchenSpiel zeigte sich mit den Königlichen
HofKaplanen hinter einer Tafel auf welcher ein Kruzifix stund Nach geendigter
Musik hielt der Bischoff eine kurtze Rede und darauf geschah die Trauung Der
König war über alle diese Anstalten des Grafens mit einem so lebhaften Vergnügen
durchdrungen dass er demselben darüber nicht genug seinen Wohlgefallen
ausdrucken konnte
    Den andern Tag brachte der Graf den Freiherrn von Riesenburg und die
Fräulein von Turris vor den König und bat ihn gnädigst zu erlauben dass die
Liebe dieses edlen BrautPaars an Dero zweiten VermählungsTag mit glückselig
und denckwürdig möchte gemacht werden Dem König gefiel dieser Einfall Gemeldtes
Paar wurde damit von dem anwesenden Bischoff zusammen gegeben und an der Tafel
nechst dem König und der Königin oben an gesetzt
    Dieses glückliche Fest wurde mit den lieblichsten Stimmen und nettesten
Liedern besungen Die Freude die Anmut und der Uberfluss herrschte auf dem
ganzen Schloss Es litten darunter weder die Ordnung noch gute Sitten Man
spürte an nichts keinen Mangel weil man alles zu rechter Zeit aus der
benachbarten Stadt Toscana herbei geschafft hatte
    Den dritten Tag wurde auf einer kleinen Schaubühne welche von WasenBäncken
und LaubWercken mit allerhand vergüldeten SchnitzWerck und andern Zierraten
aufgeführet war ein musicalisches SchäferSpiel vorgestellt Man konnte dieses
ganz des Grafens sein Werck nennen weil er nicht nur die Erfindung und die
Auszierung sondern auch die Worte selbst darzu gegeben hatte Die Größe seines
Geistes zeigte sich auch in solchen Kleinigkeiten womit er die Ernsthaftigkeit
der wichtigsten Geschäfte zu verwechseln und denjenigen heimlichen Kummer zu
erleichtern suchte welchen ihn seine Liebe für die Gräfin von Monteras
empfinden machte
    Der vierte Tag wurde zu einer WasserJagd auf dem großen Teich gewiedmet
Man bestieg nach eingenommener MittagsMahlZeit die darzu verfertigte Kähne
Man schoss die darauf schwimmende zahme und wilde Enten Auf dem großen Schiff
ließ sich die Musik und die kleine Kanonen hören welche in dem daran
stossenden Wald einen überaus angenehmen Wiederschal gaben Man bracht bei
anderthalb Stunde zu bis man den großen Teich überschiffete Man stieg darauf
an Land und begab sich in eine am Ufer neu angelegte Meierei welche ein
fremder Edelmann daselbst in einer sehr lustreichen Gegend erbauet hatte
    Dieser MeyerHof so schlecht er auch anzusehen war hatte nichts
destoweniger etwas dass man ihn mit Vergnügen betrachten musste Es war ein
kleines Gebäude von einem Stockwerck mit zwei Flügeln welche einen
viereckigten Hof formirten Man sah in dessen Mitten ein springendes Wasser mit
jungen KastanienBäumen dicht umstellet Einige WasenBäncke liefen rings umher
Die Sonne konnte mit ihren Strahlen hier nicht durchdringen Von fornen war der
Hof mit einem zierlich von Eisen verfergtigten Stangwerck geschlossen Und
hinter dem Haus sah man einen durchaus wohl angelegten Garten an dessen
Schönheit die Ordnung und die Natur mehr Anteil hatten als die Kunst Der
lincke Flügel sties auf einen Hof darinnen allerhand FederVieh aufbehalten
wurde und der rechte Flügel ging in einen GrasGarten wo man nebst den
Lämmern auch verschiedenes zahm gemachte Wild untereinander weiden sah
    Der Edelmann so diese anmutige Einöde bewohnte war ein Herr von
außerordentlichen GemütsGaben dem aber die größte UnglücksFälle in der Welt
darzu haben dienen müssen dass er hier die Annehmlichkeiten eines stillen und
ruhigen Lebens den Eitelkeiten des Hofs hatte vorziehen lernen
    Der Graf hatte hier längst dem Ufer welches mit einigen Treppen von Wasen
erhöhet war ein künstliches LustGebäude von kleinen Latten mit frischem
Laubwerck durchwunden verfertigen lassen welches nach den Regeln der Bau
Kunst durch ordentliche Gallerien mit andern dergleichen Sälen auf den Ecken
zusammen hing und mit zwei langen Flügeln bis auf den Teich hinreichte
    In der Mitten war ein groser Saal mit grün verguldten WachsTuch bedecket
rings umher hiengen WandLeuchter von Cristal und SpiegelGläser alles war mit
BlumenKräntzen Festonen SinnBildern und Verguldungen ausgezieret Der König
setzte sich allhier zur Tafel nachdem man sich vorher mit einigen Spielen und
Spatziergängen belustiget hatte
    Es waren sehr warme Tage Die Abende selbst wurden noch von einer schwühlen
Luft durchdrungen und hemmten dadurch in dem Menschen die Munterkeit der
LebensGeister Der Graf hatte deswegen eine besondere Erfindung gebraucht
allenthalben das Wasser durch blecherne Röhren um dieses LustGebäud herum zu
führen welches an den Wänden hin und wieder spritzte und gleich dem stärcksten
Regen die angenehmste Kühlung verursachte
    Nach der Tafel wurde nach der Scheibe geschossen so oft einer das Schwartze
traff stieg eine Rakete in die Höh Der ganze Weg bis dahin war mit Lampen und
Lichtern besetzet welche sehr artig an die von Gebüsch gemachte Wände auf Art
einer Schaubühne geheftet waren Die Scheibe selbst hing an einem ganz
lichthellen und nach der Baukunst verfertigten Portal welches nach vollendetem
Schießen mit einmal in lichte Flammen geriet und unter einem anhaltenden
KunstFeuer eine weile fortbrandt Der ganze Teich war dabei rings umher mit
kleinen HolzFeuern erleuchtet welches im Perspectiv eine ungemeine Wirkung
tat Die Musik und die abwechselnde Losungen der Paucken Trompeten und
Kanonen die mit den Böllern und Waldhörnern auf den Schiffen erschallten
schienen da herum die ganze Gegend lebendig zu machen
    Der König war bei allen diesen Lustbarkeiten so munter und so vergnügt dass
er den Grafen zum Zeichen seiner Erkentlichkeit vielmahl umfieng und an seine
Brust druckte Die neue Königin hatte etwas so huldreiches gefälliges und
angenehmes in ihrem Wesen dass sie sich von dem König in der Vertaulichkeit des
Ehstandes noch immer mehr lieben machte
    Nachdem nun der Graf dem König gezeiget hatte dass er eben so geschickt sei
ihm allerhand Veränderungen zu machen als gute Ratschläge zu erteilen so gab
er ihm bescheiden zu erkennen dass es nun Zeit wär sich wieder in die vorige
Ordnung zu setzen damit dessen kostbare Gesundheit fernerhin möchte erhalten
werden Er riet ihm deswegen auf Gutbefinden des Hern Hippons noch vierzehen
Tage lang in Aquana zu bleiben und sich daselbst des Bades mit einer gewissen
Mäßigung zu bedienen Herr Hippon schrieb dabei dem König unter dem Schein
dieser Cur gewisse LebensRegeln vor deren Beobachtung insgemein bessere
Wirkung tut als der Gebrauch der Bäder selbst
    Der ganze Hof kehrte darauf von dem Schloss des Grafens von Sylva wieder nach
Aquana zurück Der Graf von Rivera aber blieb noch einen Tag länger bei dem
fremden Edelmann welchem der lustige MeyerHof zugehörte
    Derselbe hatte sich die ganze Gewogenheit des Grafen von Rivera erworben
Man bemerckte in seinen Reden und Handlungen alle Züge einer hohen Weisheit und
Tugend Er hatte eine überaus feine Bildung Seine Kleidung war nett und sauber
aber schlecht ohne Gold und Silber Er trug seine eigene Haare welche ihm
ohne alles künstliche kraussen in ihren natürlichen Locken um die Schultern
hiengen
    Der Graf von Rivera hatte das größte Vergnügen in seiner Gesellschaft
Gleiche Gemüter kennen sich einander im ersten Anblick Es ist etwas
verborgenes in der Natur, durch welche widerwärtige Dinge sich scheiden und
gleichförmige sich vereinigen Die Verwunderung war von beiden Teil ungemein
da einer immer so dacht und so redete wie der andere Ihrer beider EigenLiebe
empfand hier dasjenige schmeichelnde Vergnügen welches man spüret wann Leute
die Verstand haben unsern Empfindungen und Meinungen beipflichten Hieraus
entstund von beiden Seiten eine Hochachtung die nur wenig Tage nötig hatte zu
einer würcklichen Freundschaft zu werden Der Graf suchte ihn zu bereden mit
ihm nach Hof zu gehen Allein der Fremde erklärte sich darauf dass er die Welt
allzuviel hätte kennen lernen um sich wieder in ihre Eitelkeiten einzulassen
    Der Graf von Rivera bezeigte ein großes Verlangen dessen Begebenheiten zu
wissen Sie setzten sich zu dem Ende bei stiller AbendZeit da der volle Mond
mit seinen Strahlen den ganzen Teich erhellte an das mit WasenBäncken belegte
Ufer allwo der Fremde seinen LebensLauf folgender maßen erzehlte
 
                             Das fünfzehende Buch
                 Die Begebenheiten des Ritters von Kastagnetta
Ich bin von Geburt ein Lampurdaner aus dem Geschlecht der Marggrafen von Santa
Kolumba de Queralto Weil ich der dritte von meinen Brüdern und der jüngste vom
Hause war so nante man mich den Ritter von Kastagnetta Mein anderer Bruder
wurde wegen seines schwächlichen Leibes zum Kloster gewidmet Ich war nicht so
bald den Händen des Frauenzimmers entkommen und männlicher Zucht untergeben so
bezeigte mein Vater eine ganz besondere Sorgfalt für meine Erziehung
    Als ich mein fünfzehendes Jahr bei nah zurück geleget hatte nahm er mich
einsmahl vor sich Lieber Sohn sprach er zu mir es ist nun Zeit dass du lernest
deinen Verstand gebrauchen und aus eigener Uberzeugung das Gute wählen Du wirst
in der Welt meist unglückselige Menschen finden weil sie in dieser Wahl fehlen
und durch eitel ScheinGüter sich betrügen lassen Es ist nur ein Weg zur
Glückseligkeit dieses ist der Weg der Tugend und der Weisheit die GOTT
denjenigen mitteilet die ihn suchen und lieben Du tust nun mein Sohn die
erste Tritt in die Welt Alles locket und reitzet dich darin zum Bösen Die
Wohllust wird sich dir auf allen Ecken mit ihren schönen und verführischen
Angesicht zeigen Die RuhmSucht wird sich bei dir unter dem Schein der wahren
Ehre einschmeicheln Sie wird den Namen der Tafferkeit der Grosmut und der
Freigebigkeit entlehnen Ich aber sage dir Fliehe die Lüste meide den
Ehrgeitz und hüte dich für der Verschwendung so wirst du finden dass die
Tugend ihre selbst eigene Belohnung wie das Laster seine selbst eigene Straffe
mit sich führt
    Indem mein Vater dieses sagte schloss er mich mit innigster Zärtlichkeit in
seine Arme Ich küsste ihm die Hände die ich mit meinen Tränen benetzte und
war so bewegt dass ich nicht reden konnte Meine Gebehrden aber sprachen für
mich und versicherten den besten Vater dass ich ihm dasjenige was er von mir
verlangte mehr mit dem Hertzen als mit dem Mund zusagte
    Er ließ darauf auch meinen Hofmeister ins Zimmer kommen und befahl mich
seiner Treu und Sorgfalt mit sehr andringenden Worten Dieser war ein stiller
und gelehrter Mensch Viel Geist hatte er nicht Ein anhaltender Fleiß und ein
gutes Gedächtnüs brachten ihn nichts destoweniger sehr weit Wir gingen kurtz
darauf nach Tolosa wo damals die berühmteste Leute in allen Wissenschaften
sich befanden
    Ein so großer Ort und eine solche Menge von allerhand Menschen hatte für
mich etwas neues Ich war von Natur sehr eitel Ich wollte immer in
Gesellschaften und in die Schauspiele gehen Ich bekam eine Neigung mich nett
und kostbar zu kleiden Ich bildete mir ein ich gefiel Diese Einbildung war
mir nicht zu verdencken Ich kante die Welt noch nicht Alle Leute die mit mir
umgiengen sagten mir tausend Schmeicheleien Ich wusste nicht dass man einem
dergleichen Dinge vorsagte ohne dass man auch solche glaubte
    Nach drei Jahren kam ich wieder zurück nach Haus ich tat hernach in
Begleitung meines Hofmeisters auch meine Reisen und fand bei meiner Wiederkunft
meinen Bruder verheiratet Dieser war von einem neidischen und eigennützigen
Gemüt Er betrachtete mich nur wie den Kadet vom Hause und konnte nicht wohl
leiden dass ich mir das Ansehen gab als ob ich mir auch ein Recht darin
anmaste
    Mein Vater wusste solches Er war darüber sehr betrübt Ich behielt dich
mein liebster Sohn sprach er einsmahl zu mir gern noch eine Weile bei mir ich
werde baufällig und darf über einige Jahre zu leben nicht mehr hinaus rechnen
Wie vergnügt wolt ich sterben wenn du mir köntest die Augen zudrücken Allein
ich sehe mit bekümmertem Hertzen dass dich dein Bruder nicht liebt Wir können
doch nicht immer beisammen bleiben Lasst uns deswegen voneinander scheiden
ehe der Tod uns trennet Entziehe dich der Verachtung deines Bruders folge
einem höheren Beruf begib dich nach Hof diene dem König und dem Staat ich
habe an dem ersten StaatsMinister zu Novarena dem Herzog von Albamar noch
einen alten Freund ich will dich zu ihm schicken ich zweifle nicht er werde
sich deiner annehmen
    Wir schieden kurz darauf nicht ohne grose Bewegung von einander Ich kam
nach Novarena Der Herzog von Albamar empfing mich mit der größten
Freundschaft Er brachte mich vor den König Dieser war ein kluger Fürst und
liebte die Künste und Wissenschaften Ritter redete er mich an ihr habt
studiret ich werde euch gebrauchen können ich mach euch zum Edelmann von
meiner Kammer Der Herzog von Albamar kann euch dabei etwas zu tun geben Ich
bog darauf nach Hesperischer Art die Knie der König reichte mir die Hand ich
küste solche und von derselben Zeit an erschien ich täglich bei Hof
    Der Herzog von Albamar bediente sich meiner in seiner GeheimSchreiberei
ich kam zuweilen ganze Nächte nicht ins Bette nachdem die Geschäffte eine
schnelle Ausfertigung erforderten Er sah dass ich arbeitsam und verschwiegen
war Dergleichen Leute waren ihm angenehm er hatte zwei Söhne und eine Tochter
wir sahen uns einander schier täglich der älteste von den Söhnen hies Don
Diego der andere Don Juan und ihre Schwester Donna Leonora
    Ich lebte mit Don Juan in der genauesten Freundschaft unsere beide
Gemüter hatten zusammen eine große Ubereinstimmung der Vater brauchte ihn
wie mich in seinen Geschäften wir halffen einander redlich und machten uns
hernach zusammen auch wider allerhand Ergötzlichkeiten Er führte mich in die
beste Gesellschaften und brachte mich unter andern auch in das Haus des
Fürsten von Alfaresch
    Dieser war ein rauer unfreundlicher und hochmütiger Mann er lachte nie
als wenn er böses im Sinn hatte er redete sehr wenig und wenn er redete so
waren alle seine Worte abgemessen nichts war steiffer langweiliger und
verdrießlicher als sein Umgang Diesen Mangel aller Leutseligkeit ersetzte seine
noch junge Gemahlin Der Fürst hatte sie erstlich geheiratet nachdem er schon
eine lange Zeit war Wittwer gewesen Er hatte eine einzige Tochter von der
ersten Ehe Namens Elvira diese lebte mit ihrer StiefMutter in ziemlich gutem
vernehmen Die Mutter war nicht viel älter als sie und besaß nicht weniger
Geist als Schönheit Sie war aber dabei von derjenigen Eitelkeit eingenommen
dass sie glaubte sie müsste sich bessere Kenner als die Augen ihres abgelebten
Gemahls wählen um von dem Wert ihrer Annehmlichkeiten zu urteilen Die
allzustrenge Beobachtung der Ehelichen Treu schien ihr eben kein Sakrament zu
sein ihr Verstand musste ihr dazu dienen allen Ausschweiffungen ihres Herzens
das Wort zu reden Die Vernunft selbst schien ihr Ausflüchte an die Hand zu
geben wann die Religion sie verbinden wollte einen Mann zu lieben der so wenig
liebens würdig war
    Donna Elvira hiengegen hatte ein ganz unschuldiges Wesen sie war noch sehr
jung ihr Geist begunte sich kaum wie ihre Schönheit gleich den ersten
FrühlingsRosen zu entblättern Ich wurde von ihr im ersten Augenblick gerührt
und empfand für sie eine Neigung welche der Liebe nicht unähnlich sah Ich
hatte einen MitBuhler an Don Ferdinand von Orihuela Er war ein Sohn des
Herzogen dieses Namens ansehnlich reich und von einem der mächtigsten Häuser
in Hesperin Ich wusste dass die Liebe ihre eigene Gesetze hatte allein dass man
solchen im Heiraten insgemein am wenigsten zu folgen pflegte Ich war ein Kadet
von einem MarckGräflichen Hause der mit Don Ferdinand auf keinerlei Weise zu
vergleichen war Ich konnte nicht närrisch hochmütig sein noch mir einbilden
dass man mich der ich so wenig in der Welt zu bedeuten hatte dem Don Ferdinand
vorziehen würde
    Ich ging einsmahl voll trauriger Gedanken nach dem Pallast des obersten
StaatsMinisters Donna Leonora die aus der Gutsche stieg und mich ankommen
sah bot mir die Hand sie hinauf zu führen ich brachte sie auf ihr Zimmer Sie
kam von der Donna Elvira sie lebten beide zusammen in großer Vertraulichkeit
Wisst ihr sagte sie zu mir dass Don Ferdinand Elviren liebt Dieses ist
richtig war meine Antwort ich wusste aber noch nicht dass Don Juez ein Sohn
des Herzogs von Sandossa die Donna Lecnora heiraten werde wenn ich mit darzu
gehöre antwortete diese so ist die Sach noch weit entfernet Don Juez gibt
sich meinetwegen viel Mühe er hat bereits bei meinem Vater um mich anhalten
lassen allein ich habe mich zu nichts erkläret ich will hören was sie mir
raten Wie fragte ich mit Verwunderung ich soll ihnen raten folgen sie dem
Trieb ihres Herzens fuhr ich fort wenn sie glücklich sein wollen So wird
nichts daraus erwiderte sie mit einem tief geholten Seufzer ich werde ledig
bleiben müssen weil ich sehe dass die Liebe mir nicht günstig ist
    Sie begleitete diese Worte mit einem Blick der mir bis in die Seele fuhr
ich verstund sie Ich schlug die Augen nieder ich war verwirret ich verwies
mir als eine Untreu dass ich ihr meine Liebe zu der Donna Elvira bisher
verschwiegen hatte ich wusste dass Donna Leonora mir wohl wollte und dass ich ihr
bisher durch die Kennzeichen meiner Hochachtung zugleich die Meinung beigebracht
hatte als ob ich auch einer zärtlichen Neigung gegen sie fähig wär
    Ich warf mich deswegen voller Schaam und Verwirrung zu ihren Füßen
werteste Leonora sprach ich zu ihr verzeihet einem undanckbaren ich bin der
Gunst welche ihr mir erzeiget ganz unwürdig Ich liebe Elviren und ich habe
euch bisher dieses Geheimnüs verborgen da ich doch nach unserer genauen
Freundschaft euch solches zu offenbahren war verbunden gewesen
    Ich konnte nach dieser kurzen Geständnüs nicht weiter reden Leonora schien
darüber für Bestürtzung außer sich Wie sprach sie ihr liebt Elviren und
man hat mir dieses Geheimnüs verborgen O unglückseelige Freundschaft wie hast
du mich betrogen Was aber fuhr sie mit gleicher Bewegung fort was hat euch
veranlasst mir solches zu verschweigen Ich bat sie deswegen tausendmahl um
Vergebung und zeigte ihr dabei einen so tiefen Kummer dass sie mich beklagte
    Nur nicht den Mut verloren mein lieber Marggraf sagte sie mit einem
großmütigen Wesen man ist nicht Meister von seinem Herzen Ihr habt mich
bisher für eure beste Freundin gehalten ich will euch zeugen dass ihr euch an
mir nicht betrogen habt Nur sagt mir wie ihr Elviren liebt und doch bei ihr
das Wort für den Don Ferdinand euren Mitbuhler redet sie selbst hat mir davon
Eröfnung getan und schien darüber eben so verwundert zu sein als ich
    Ich war noch kaum einen Monat an diesem Hof erklärte ich mich hierauf so
wurde ich von Elviren eingenommen sie lies mir so oft ich sie zu sehen bekam
eine gewisse Güte sehen die meiner EigenLiebe schmeichelte sie schenckte mir
auf eine Art ihre Freundschaft die mir von ihrem Herzen auch etwas zärtliches
zu versprechen schien Ich wiederstund anfangs dieser Einbildung allein ihre
Augen hatten für mich die allerverführischte Beredsamkeit Ich unterstund mich
dem ungeacht niemals mich ihr deutlich zu erklären nur meine Blicke und meine
Gebehrden gaben ihr mein heim iches Leiden zu erkennen meine Neigungen waren zu
demütig mir zu liebkosen und zu stark solche zu überwinden Sie hatten
etwas das Elviren gefiel und wenn sie sah dass ich darüber den Mut verlor
so zeigte sie mit ein gewisses Mitleiden das mich auf einmal wieder mit neuer
Hoffnung belebte Mein seltsames Verhängnüs machte mir auch ihre Stiefmutter
gewögen ich gewann dadurch zwar einen desto freiern Zutritt in ihrem Haus
allein ich geriet dadurch auch zugleich in ein solches Labyrinth daraus ich
mir nicht helfen konnte Ich musste der Mutter schmeicheln um die Tochter zu
sehen und war in steter Gefahr bald die Freundschaft der einen oder der
andern zu verliehren
    Die größte Verwirrung kam noch darzu als Don Ferdinand weil er sah dass
mir diese beide Damen wohl wollten mir seine Neigung für Elviren entdeckte und
sich dabei meine Freundschaft ausbat Ich kont ihm solche nicht versagen doch
wolt ich ihm auch nicht bergen dass ich selbst die Donna Elvira liebte Er war
über diese meine Erklärung damit ich mich eben so offenhertzig gegen ihn als
er sich gegen mich heraus lies ungemein bestürtzt Ich beruhigte ihn aber
damit dass ich ihm sagte ich liebte ohne Hoffnung und gönte ihm deswegen
Elviren vor einem andern
    Ich nahm in der Tat hierauf bei ihr dessen Partie ich rühmte seine gute
Gestalt seine ernsthafte Tugend sein redliches Gemüte seine gründliche
Vernunft und mehr als alles dieses seine große Reichtümer Die Mutter war
mir dafür verbunden die Tochter aber zeigte mir zu meinem heimlichen Vergnügen
darüber ihre Verachtung
    Dieses sind werteste Leonora endigte ich hier meine Erzählung die
Umstände worin ihr mich seht Ich liebe Elviren ich liebe sie ohne alle
Hoffnung
    Donna Leonora wurde durch diese Nachricht sehr gerühret sie schien mit
vielem Nachdencken dasjennige zu überlegen was sie von mir gehört hatte sie
schlug die Augen vor sich hin sie seuffzete Ich bemerckte bei ihr einen
innerlichen Streit Die Großmut siegte O ich törichte fing sie an dass ich
dieses Spiel nicht besser eingesehen doch ich habe mich verbunden euch meine
Aufrichtigkeit zu zeigen ich will euch Wort halten und morgen solt ihr wissen
was ihr bei Elviren zu hoffen habt
    Die Umstände worin ich mich fand waren die wunderlichste von der Welt
Eine Dame die mich selber liebte suchte mich bei ihrer Mitbuhlerin glücklich
zu machen und ich sprach bei meiner Geliebten für einen Mitbuhler Hat die
Liebe auch wohl jemals ihre Neigungen seltsamer verwirret
    Donna Leonora fuhr den andern Tag zur Donna Elvira Diese wollte sich anfangs
gegen ihr nicht heraus lassen Endlich gab sie sich durch ihren Eifer bloß sie
meinte wann ich sie liebte so würde ich nicht für den Don Ferdinand reden
Donna Leonora sagte mir dieses wieder Sie schmeichelte mir mit der süsesten
Hoffnung als gleich darauf ein unglückseliger Zufall mich derselben auf einmal
entsetzte
    Ich fand mich in einer großen Gesellschaft bei der Herzogin von Tabosa
ich stund an einem Fenster welches in Garten ging und unterredete mich mit
dem Fürsten von Piscara Der Graf von Pradez gesellte sich zu uns Er sprach von
der genauen Freundschaft die sich einige Zeit her unter mir und Don Ferdinand
geäußert hätte er nannte mich einen feinen Hofmann weil ich diesen meinen
Mitbuhler dergestalt an mich gebunden hätte dass er keinen Schritt ohne mich
tun könnte Ich bat ihn nicht so unbescheiden von Don Ferdinand zu reden der
Fürst von Piscara aber der ein Vetter des Don Ferdinand war und der eigentlich
diese Heirat zu machen suchte knirschte darüber für Eifer die Zahne und ging
stehenden Fußes zu seinem Vettern welcher in einem andern Zimmer mit einigen
Damen spielte er bat ihn sein Spiel einem andern zu geben und verfügte sich
mit ihm auf einen Balcon vor dem Saal
    Der Graf von Pradez hatte sich unterdessen zu seinem Glück weggemacht es
währte nicht lang so kam Don Ferdinand wieder in das Zimmer getreten der Zorn
flammte ihm aus den Augen Wo ist der plauderhafte Pradez redete er mich an
ich will sehen ob er auch das Herze haben wird mir dasjenige ins Gesicht zu
sagen was er sich gegen euch und meinen Vettern hat verlauten lassen Ich
suchte ihn darauf mit den glimpflichsten Reden zu besänftigen ich hielt ihn
zurück als er dem Pradez nachfolgen und ihn aufsuchen wollte er erhitzte sich
darüber noch mehr Don Diego der unsern starken WortWechsel hörte nahete
sich zum größten Unglück zu uns er wollte die Ursache wissen warum wir beide so
aufgebracht wären Don Ferdinand ohne ihm solche zu entdecken bediente sich
gegen mich einiger RedensArten die sehr anzüglich waren Ich tat als ob ich
solche nicht auf mich zög dem Don Diego aber der sehr stolz und jähzornig
war wollte meine Sanftmut nicht einleuchten er hielt solche für eine
Zaghaftigkeit
    Ich ging darauf mit ihm und seinem Bruder dem Don Juan nach dem großen
Garten wohin wir unsere Leute bestellt hatten Unter Wegs stichelte Don Diego
beständig auf mich Er sagte dass er alle Freundschaft für mich hätte allein
dass er nicht leugnen könnte wie ihm meine allzugrosse Eingezogenheit damit ich
Don Ferdinand seine Reden beantwortet hätte schimpflich vorkäm Ich machte
darüber seinen Bruder zum Richter und erzehlte ihnen beiden die ganze
Begebenheit Don Juan gab mir Beifall und rühmte meine Vorsichtigkeit dieses
verdross seinen Bruder ungemein der Zorn übernahm ihn er schalt uns beide
zaghaft
    Ich spürte dass sich das Blut bei mir in allen Adern regte der Odem wurde
mir kürzer und das Feuer stieg mir wie Strahlen nach dem Haupt Haltet ein Don
Diego sagt ich mit einem erhabenen Ton haltet ein mit euren Beleidigungen
oder ihr werdet mich zwingen euch einen Mut zu zeigen an welchem ihr
zweifelt Ich hatte diese Worte kaum ausgesprochen so stieß mich Don Diego mit
einem ergrimmten Auge auf die Seiten ich faste aber denselben in gleicher
Bewegung mit dem Elnbogen und schmiss ihn überen Hauffen Wir zogen damit beide
von Leder Don Diego drang als ein Verzweiffelter auf mich ein Ich war also
gezwungen mich gegen den Bruder von Don Juan und von Leonoren zu wehren in
dieser Betrachtung suchte ich alle seine Stöße zu pariren und ihn mehr als
mich selbst zu schonen Meine Meinung war ihn zu entwafnen ich gab ihm
deswegen eine Blöse über meinen rechten Arm und streckte mit steiffer Hand die
Klinge nach ihm hin mein Gegner aber war von seiner Wut geblendet er sah
weder seinen Vorteil noch meinen Degen Er rannt in meine Klinge welche ihm
durch die Brust ging und fiel als tot zur Erden nieder
    Ich war der erste der ihm zu Hülf eilte sein Bruder aber riss mich von ihm
weg und bat mich um Gottes Willen auf meine Sicherheit zu gedenken und als
ich noch nicht mich entschließen konnte einen so unglücklichen Platz zu
verlassen so warf er mich mit Gewalt in einen LehnWagen und befahl dem
Gutscher mich auf einen gewissen Hof der eine Meile von der Stadt lag zu
bringen
    Ich war noch keine viertel Stund daselbst so kam mein KammerDiener mir
nachgerannt Er war für Schrecken außer sich alle Glieder zitterten ihm Ach
gnädiger Herr sprach er was haben sie angefangen Ich erzehlte ihm mein
Unglück und bat ihn mir einen guten Rat zu geben Sie sind hier war seine
Antwort keinen Augenblick sicher Der Herzog von Albemar dessen Sohn sie
entleibet haben denn man zweiffelt an seiner Aufkunft wird nicht ruhen an
ihnen die vollkommenste Rache zu nehmen Don Juan der an Grosmut seiner
unvergleichlichen Schwester nichts nachgab und um so viel mehr Mitleiden mit
mir hatte weil er ein Zeuge meiner Unschuld war hatte aus Vorsichtigkeit
meinem KammerDiener nebst einigen ReiseKleidern auch so viel Geld
mitgegeben als ich zu einer schnellen Flucht vonnöten hatte
    Er schrieb mir dabei folgende Zeilen Mein bis auf den Tod verwundeter
Bruder fordert euer Blut von meinen Händen Die Gerechtigkeit aber und das Band
unserer Freundschaft wollen  dass ich euch wie mein Leben schütze Welcher
Regung soll ich folgen Ich kann euch nicht wieder sehen  ohne euch meine
Feindschaft anzukündigen  und kann nicht einen Bruder rächen  ohne den Himmel
zu beleidigen  fliehes deswegen vor einem Feind  der euch liebt  und vor
einem Freund  der euch hassen soll
    Ich machte mich also auf die Reise Ich blieb mit meinem KammerDiener auf
keiner LandStraße Wir durchstrichen die dickste Wälder und schliefen des
Tages unter den Bäumen um die Nacht desto sicherer über den Weg zu kommen Nach
dreien Tagen erreichten wir die Aquitanische Grenzen Wir hielten uns in einem
Flecken auf Mein Kummer und die Heftigkeit meiner Leidenschaften schienen mich
alles Trostes unfähig zu machen Ich litte grausam Auf einmal alles was Glück
und Liebe und Freundschaft mich hoffen lies zu verliehren und noch über dem
einen Vater zu betrüben vor dessen Vergnügen ich allein mein Leben würde
aufgeopfert haben dieses waren für ein Gemüt wie das meinige solche
Umstände die es notwendig niederschlagen mussten
    So gros mir auch immer die Gefahr schiene wann ich mich zu meinem Vater
begeben würde so konnte ich doch unmöglich dem zärtlichen Trieb länger
widerstehen mich zu dessen Füßen zu werfen und ihn um Vergebung zu bitten
Ich wagte es also und reiste nach Hause
    Ich war noch kaum unten im Hof vom Pferde gestiegen so kamen mir einige von
seinen Bedienten mit weinenden Augen entgegen und sagten mir dass er diesen
Augenblick verschieden wär Diese Nachricht erschütterte mich so heftig dass
ich ohne ein Wort zu sprechen meinem KammerDiener in die Arme sanck und als
ein Mensch den seine LebensGeister verlassen hatten in das nechste Zimmer
gebracht würde Als ich wieder zu mir selber kam sah ich einen Bruder vor mir
der nicht wusste wie er seine Kaltsinnigkeit und seine Verachtung mir genugsam
verbergen sollte
    Mein frommer Vater hatte ihm noch auf feinem Todbette vieles zu meinem
besten anbeföhlen Allein diese Zärtlichkeit hatte bei meinem Bruder keine
andere Wirkung als dass er sich gegen mich desto unempfindlicher und härter
bezeigte Er nahm alles unter seine Schlüssel und machte mit mir was er wollte
Er gab mir dabei unter der Hand zu verstehen dass ich bei ihm nicht sicher wär
weil man mich bereits bei ihm hätte aufsuchen lassen
    Ich kante meinen Bruder und wusste dass es ihm nicht zu viel wär mich
selbst zu verraten Ich verlies also Bruder Freunde Güter Königreich und
alles Ich ging nach dem nechsten Hafen und segelte mit dem ersten Schiff nach
Sizilien So bald war ich nicht zu Palermo angekemmen so erhielt ich von
Novarena die traurigste Nachrichten Don Diego schrieb mir sein Bruder ist
noch an seiner Wunde kranck und dürfte schwerlich vollkommen genesen Der König
wär deswegen auf mich ungnädig Sein Vater aber beklagte mich mehr als er mich
hasste Seine Schwester wär aus Unmut in ein Kloster gegangen und wollte von der
Wett nichts mehr sehen noch hören Donna Elvira hätte sich Anfangs meinen Zufall
sehr zu Gemüt gezogen und lies deswegen Don Ferdinand als die Ursach meines
Unglücks nicht mehr vor sich kommen Unterdessen aber so ging das Gespräch
sie würde den Prinzen von Oviedo heiraten
    Hierbei bekam ich auch von einem andern Freund aus Novarena die Nachricht
dass mein unwürdiger Bruder daselbst um die Belehnung meiner Herrschaft
Kastagnetta hätte anhätten lassen und solche auch durch die Bestechung einiger
Minister wirklich erhalten In dem erneuerten DuellMandat war zwar unteren
andern Strafen diese mit enthalten dass die Verbrecher wann sie LehenMänner
wären auch ihrer LehenGüter verlustig sein sollten allein es dachte niemand
bei Hofe daran dass ich durch den mit Don Diego zufälliger Weis gehabten
Zweikampf eine gleiche Strafe sollte verdient haben Nichts destoweniger so
wusste mein Bruder die Sache selbst rege zu machen und zu seinem Vorteil zur
Ausfertigung zu bringen
    Dieser heimtückische Streich ging mir um destomehr zu Herzen weil ich
dadurch in Ansehung der nötigsten UnterhaltungsMittel von meinem Bruder
allein abhängig gemacht wurde welcher mir es noch für eine Gnade anschriebe
dass er mir von einer Herrschaft die jährlich über vier tausend Taler auswarf
eintausend zu meiner Leibzucht wiedmete So teuer kam mir also ein
unglückseliges Gespräch in welches ich ganz unschuldig mit eingezogen wurde zu
stehen und so kann öfters ein einziger unglücklicher Zufall durch einen
fortlauffenden Zusammenhang der Ursachen da immer ein Ubel aus dem andern
entstehet gar hurtig die ganze Wohlfahrt eines Menschen zu Boden werffen Bei
so gestalten Umständen wusste ich keinen bessern Trost als in den Lehren der
Weisheit zu finden die noch durch meines Vaters Geist in meinem Hertzen lebten
allein weil ich noch in dem stärcksten Feuer meiner Jugend war so konnten sie
mich auch nicht völlig beruhigen
    Ich fand unterdessen an dem Sicilianischen Hof eine Gelegenheit mich bekant
zu machen
    Dieser hatte immer mit den Barbarischen SeeRäubern zu tun welche
beständig auf den Sicilianischen Küsten herum kreuztten und alles was sie
antraffen wegkaperten Ihr Vorteil bestund in ihren leichten Schiffen damit
sie mit einer ungemeinen Behendigkeit die See durchschnitten
    Ich hatte mich von Jugend auf mit der Seefahrt und der SchiffbauKunst
erlustiget Man hatte von meines Vaters Schloss nicht über drei kleine Stunden
bis nach dem Hafen Sanrivo welcher durch nichts als seinen SchiffBau berühmt
ist Hier verbracht ich in meinen jungen Jahren die angenehmste Stunden Ich
hatte immer einige leichte Jagden damit ich von meines Vaters Schloss bis nach
dem Hafen auf und nieder segelte und mich zu einem Spiel der Wind und Wellen
machte ja ich wagte zuweilen mich damit so weit in die See dass ich öfters
darüber unsere Küsten aus den Augen verlor
    Mein Vater als er diese starke Neigung an mir entdeckte ließ mich in
allen Matematischen Wissenschaften auf das gründlichste unterrichten Man
hatte dergleichen Leute an dem Sicilianischen Hofe nötig Ich konnte also meine
Wissenschaften hier gelten machen Der König ließ einige Galeren nach meinem
Entwurf verfertigen solche ausrüsten und in See gehen Er machte mich darüber
zum Befehlshaber Ich suchte damit die SeeRauber auf allein es war als ob
sie auf einmal verschwunden wären Ich kam etlich mahl wieder in die
Sicilianische Häfen zurück ohne feindliche Schiffe entdeckt zu haben
    Mein Volck war damit nicht zufrieden Man hatte ihm gute Beute versprochen
Es nötigte mich also etlich mahl bis an die Küsten von Algir und Tunis zu
kreuzten
    Man lauerte uns endlich auf den Dienst Wir erblickten einsmahlen auf der
hohen See zwei grose Schiff mit Battavischen Flaggen Wir gaben uns einander den
gewöhnlichen Grus und strichen weiter fort Indem wandten sich die beide fremde
Schiffe steckten Tunesische Flaggen auf und suchten uns in die Mitte zu
fassen Wir hatten solche vor KauffardeiSchiff gehalten und meinten nicht dass
sie außer den Matrosen auch Volck an Boord hätten Wir wollten dem ungeacht
nicht fliehen Wir ließ sie unserm Schiffe nähern und gaben dem einen unsere
ganze Lage Mittlerweile aber dass wir mit diesem zu tun hatten suchte das
andere uns zu endtern Wir sahen ihren Boord auf einmal mit Volck bedeckt sie
bemeisterten sich bald unseres Schiffes Meine Soldaten schlug der Schrecken
nieder Ich suchte sie vergebens durch mein Exempel zum Fechten aufzumuntern
sie streckten ihr Gewehr von sich und gaben sich gefangen
    Wir wurden nach der Barbarei geführet Der Befehlshaber dieser als
SeeRauber beschrienen Völcker begegnete mir nicht allein höflich sondern
übertraff auch in der Leutseligkeit noch die meiste Christliche SchifsKapitäne
Er sprach vollkommen gut Illorisch und ich war nicht misvergnügt in seiner
Gesellschaft nach Tunis zu segeln
    Wir stiegen daselbst den andern Morgen an Land man brachte mich für den
Bei Ich bin dein Gefangener mächtiger Bei sprach ich zu ihm Ich habe das
Vertrauen zu deiner Grösmut du werdest mich und meine Leute so lange wohl
halten bis wir aus Sizilien Nachricht haben können dass wir sollen ausgelöset
werden
    Man hatte ihm gesagt wer ich wär Er empfing mich deswegen wohl und
befahl mir und meinen Leuten in der Stadt ein Quartier anzuweisen wo wir für
unser Geld bis zu unserer Auslösung zehren könnten
    Ich suchte meinem Gemüt in dieser fremden Welt alle mögliche Veränderungen
zu geben um solches von den traurigen Betrachtungen meiner bisher so schnell
auf einander gefolgten UnglücksFälle abzuziehen Ich besuchte öfters den
Aquitanischen Konsul der ein sehr redlicher Mann war Es fanden sich auch in
Tunis einige Misionarien deren listige Art aber die ChristenSklaven aszulösen
mir so wenig als die Methode womit sie das Christentum lehrten gefiel Die
verwüstete Denckmahle von Kartago welche ich an diesem Ort beobachtete hatten
etwas das meinen Geist besonders rührte Man entdeckte hier kaum noch die
Spuren dieser ehmahls prächtigen Mitbuhlerin des alten Roms Die Zeit hatte
schier alles in Staub und Graus verkehret
    Ich sah mich dem Namen nach unter Barbaren welche gleichwohl sich rühmen
dorften ehrlicher und aufrichtiger zu sein als die Christen selbst Ich bin nie
der Meinung gewesen dass nicht auch andere Völcker die Gründe der Menschheit in
sich haben sollten Ich halte dafür dass nur die Religion die Auferziehung und
die verschiedene RegierungsArt den Unterschied mache Die Bosheit und das
Verderben aber unter den Menschen äußert sich allenthalben Ich fand solches in
Tunis wie in meinem Vaterland Ich seufzte heimlich darüber als ich sah wie
wenig wir vor diesen Barbarischen Völckern voraus hatten
    Wir entsetzen uns über ihre Grausamkeit damit sie die ChristenSklaven
tractiren und nehmen es gleichwohl vielen unserer Europäischen Fürsten kaum
einmal übel wenn sie öfters ihren eigenen Untertanen mit gleicher Härte
begegnen Das Recht welches die Korsaren über ihre KriegsGefangene gewinnen
scheint ihr unbarmhertziges Verfahren gegen dieselbe noch einigermaßen zu
entschuldigen allein ich sehe in dem ganzen NaturRecht nichts das unsern
Fürsten zum Vorwand dienen könnte diejenige zu plagen und zu peinigen um deren
Sicherheit und Wohlfart zu schützen sie Fürsten sind
    Wann auch der BekehrungsEifer bei uns für recht und gut gehalten wird so
sind darin die Tuneser noch weit frömmer als wir Sie bekehren die Menschen
welche sie für unglaubig halten nicht durch Schärgen Hencker und Dragoner sie
locken sie durch Freundlichkeit und Liebe und geben oft geringen Sklaven wenn
sie gute Eigenschaften besitzen die artigste und reicheste Weiber
    Der Bei vernahm nicht so bald durch den Aquitanischen Konsul dass ich von
vornehmer Geburt sei und so wohl in der KriegsBanKunst als in andern
Wissenschaften erfahren wär so ließ er mich öfters zu ihm bringen Er bezeigte
mir eine besondere Hochachtung welche endlich so lebhaft wurde dass er mir
versprach mich zum glücklichsten Menschen von der Welt zu machen wenn ich bei
ihm bleiben und zu der Mahomedanischen Religion übertreten wollte Dieses zeigt
uns wie ein jeder sich einbildet den besten Glauben zu haben und wie der
Eifer andere zu bekehren allenthalben in der Welt Mode ist
    Der Bei hatte ein besonderes Vergnügen mit mir von der Religion zu
sprechen Er war der Meinung die Seinige wär die beste Ich hatte eine leichte
Sache ihm das Gegenteil zu erweisen Der Bei hatte Verstand und Einsicht er
hatte viel gelesen und wusste was zu einem richtigen Schluss gehörte
    Ich sagte ihm seine ganze Religion wär auf das Ansehen eines einzigen
Menschen gegründet welche man entweder mit oder ohne Vernunft annehmen müsste
wär es das erste so dürfte man sie untersuchen dörfte man sie untersuchen so
würde man bald finden dass sie die Eigenschaft der Göttlichkeit nicht hätte
dürfte man sie aber nicht untersuchen so hätte Numa Pompilus so viel Recht als
Mahomed gehabt eine Religion nach seinen Absichten zu schmiden
    Der Bei meinte dass wir ebenfalls keinen andern Beweis von der Warheit
unserer Religion hätten als das Ansehen von Mose und Christo allein ich zeigte
ihm dass diejenige Religion welche uns dieselbe lehrten sich gar nicht auf
menschliches Ansehen sondern auf die Warheit selbst gründete und daher auch
alle Untersuchung litte Sie lehrte uns von Gott auf eine der Göttlichkeit
gemässe Art dencken sie schickte sich für unsern Leib indem sie uns zur
Mäßigkeit und zur Gesundheit anwies sie schikte sich für unsern Geist indem
sie dessen Begierden nach einer ewigen Weissheit und Glückseligkeit mit Erkäntnüs
und Trost erfüllete sie schikte sich für den Staat und für die bürgerliche
Gesellschaft indem sie die Gerechtigkeit und die Ordnung zum Grund setzte
    Wie aber steht es um eure Geheimnisse fragte hier auf der Bei Geheimnisse
war meine Antwort haben wir in unserer Religion eigentlich keine aber in
Ansehung unserer Begriffe sehr viele Unser Glaube fuhr ich fort macht uns
aus nichts Geheimnisse er entdecket uns vielmehr die Tiefen der Gottheit und
die allerverborgenste Weisheit Wir sind aber gleichsam noch wie die Frucht in
Mutterleibe die erstlich soll geboren werden wir leben noch in einem dunckeln
Ort und sehen nur das Licht von ferne So bald wir aber anfangen weise zu
werden so kommen wir von einer Klarheit zur andern und wachsen unendlich in
aller Erkänntnüs Wahrheit und Heiligkeit
    Die Himmlische Körper Sonn Mond und Sterne scheinen in unsern Augen durch
die unermessene Tiefe nur kleine Lichter Sie sind uns nicht verborgen als
Geheimnisse unsere Augen reichen nur nicht so weit wir sind wegen ihrer
Entfernung nicht fähig ihre Größe zu messen und ihre Körper recht zu erkennen
Solche Beschaffenheit sagte ich hat es auch mit den vermeinten Geheimnüssen
unserer Religion
    Wie kommt es aber unterbrach der Kadi dass ihr in eurer Religion gleichwohl
so viele GlaubensArtickel habt die ihr selbst nicht verstehet und darüber ihr
doch mit solcher Wut und Grausamkeit euch einander hasset und verfolget ja gar
um Leib und Leben bringt
    Hier antwortete ich dem Bei mit Schaam und Seufzen die Christen sagte ich
machen es hierin nicht viel besser als wie die Schüler des Alcorans deren
einige den Auslegungen des Ali die andere dem Omar folgen und hernach wieder
in unzehliche andere Secten sich zerteilen Dieses ist ein allgemeines Ubel
unter den Menschen Nachdem sie einmal die wahre Aufrichtigkeit verloren so
sind sie auf ein unnützes und sinnloses Geschwäz verfallen sie haben sich in
ihre eigene Weissheit verliebet und der weltliche Arm hat die Ehre ihrer
Einbildungen unterstützen helfen Christus hat uns den Glauben ganz anders
gelehret seine Worte waren Kraft und Leben es bestund alles bei ihm in der
Liebe in der Sanftmut in der Demut und in dem Frieden Es wäre zu
weitläuftig alle Gespräche die ich über dergleichen Materien mit dem Bei
gehabt hier anzuführen
    Das Geld um mich und meine Leute auszulösen war unterdessen angekommen
Ich hatte das Glück dem Bei gewisse Vorteile begreiflich zu machen wenn die
Tuneser mit den benachbarten Sicilianern in gutem Vernehmen leben würden Er
brachte solches vor den Divan und gab mir darauf Befehl mit meinem Hof über ein
und andere Artickel welche das gute Verständnüs dieser beiden Völcker und ihre
Handelschaft betraffen zu tractiren Ich zweiffelte nicht in diesem
Geschäffte glücklich zu sein allein da die Zeit herbei kam dass ich von Tunis
verreisen sollte so musste mich der Bei daran erinnern
    Er hatte eine Tochter mit Namen Roxelane welche eine der ausbündigsten
Schönheiten war die ich je gesehen hatte Ihr Vater liebte sie ungemein sie
war schier immer bei ihm wenn er sich mit mir in Gesprächen unterhielt Ihre
Blicke hatten einen unüberwindlichen Liebreitz so bald schlug ich nicht meine
Augen in die Höh so blitzten mir die ihrigen entgegen und trieben mir die
Röte ins Angesicht der Bei bekam deswegen öfters von mir solche verkehrte
Antworten dass er mir die Abwesenheit meiner Gedanken vorwarf Er merkte bald
dass die Gegenwart seiner Tochter solches bei mir verursachte er hatte darüber
ein heimliches Vergnügen er fragte mich endlich ob mir seine Tochter gefiel
ich bekannte ihm solches er sagte mir dass es nur auf mich ankäme alles was
ich wollte von ihm zu erlangen
    Ich erklärte mich wenn es eine Möglichkeit wär seine Hochachtung und
Roxelanen zu besitzen ohne meinen Glauben zu verändern so würde ich in der
Welt nichts höher schätzen Seid nicht so eigensinnig versetzte der Bei
hierauf wenn euch meine Tochter und meine Freundschaft lieb ist so könt ihr
euch ja leicht zu unserm Glauben bekennen weil wir mit euch doch einen Gott
verehren wir erkennen dabei euren Christum für einen großen Propheten Warum
wolt ihr unserm Mahomed nicht gleiche Ehre erweisen Christus und Mahomed war
meine Antwort sind in ihrer Person und in ihren Lehren allzuweit von einander
entfernet als dass man sie jemahl gegen einander sollte vergleichen können Der
Bei seufzte darüber und schlug die Augen gen Himmel Gott sprach er geb uns
zu erkennen wer von uns beiden den rechten Glauben hat
    Ich fühlte unterdessen bei mir ein außerordentliches Leiden bis schöne
Mahomedanerin hatte mir ein allzuchristliches Gesichte ich meinte sie sollte
sich deswegen viel besser für meinen Glauben schicken wo in einer tugendhaften
Ehe eine reine ungeteilte Liebe herrschte Ich unterhielt mich mit diesen
Gedanken als ich einsmahls kurtz vor meiner bestimmten Abreise da ich nach
meiner Gewohnheit längst dem Ufer des Meers spazieren ging eines Schwartzen
gewahr wurde der mir auf dem Fuß nachfolgte er überreichte mir ein Papier ich
eröffnete solches und fand darin diese Worte
 
                            Tugendhafter Fremdling
    Ihr wollt verreisen und ich liebe euch ich möchte gern deswegen euch
alleine sprechen Folget diesem Sklaven  er wird euch sicher zu mir bringen
                                                                       Roxelane
    Diese Zeilen machten mich bestürtzt ich wusste nicht was ich tun sollte
Ich sah in dieser Sache nichts als Gefahr vor mir die Liebe gab indessen den
Ausschlag Ich folgte dem Schwartzen er brachte mich in den Garten worin ich
öfters Roxelanen mit ihrem Vater gesehen hatte Er hieß mich hier warten und
verlies mich
    Roxelane erschien eine angenehme Demmerung welche den Glantz des Mondes
erhellete gab mir ihre Schönheit vollkommen zu erkennen sie war auf eine Art
gekleidet die mir alle Reitzungen davon entdeckte ein lichter SilberFlor
hing von ihrem Haupt herunter ihre Haare waren künstlich in Locken gelegt und
mit großen Orientalischen Perlen durchflochten ein dreieckigt gebogenes
SilberBlech mit doppelt geschliffenen Diamanten besetzt gläntzete auf ihrer
Stirne ihre Brüste waren nur mit einem dünnen Schleier bedeckt und zeigten
zugleich den feinsten Wuchs des schönsten Leibes Kurz ihr ganzes Wesen hatte
etwas so einnehmendes und entzückendes dass ich als ein Mensch der außer sich
war vor ihren Füßen niedersanck Ich küste ihre Hände ich umfaste ihre Knie
ich seufzte und konnte kein Wort zum andern bringen
    Roxelane schien nicht weniger gerührt Mein Vater sagte sie mit einer
schwachen Stimme hat euch zu meinem Bräutigam erwehlet und mein Herz hat
dessen Wahl gebilliget eure Augen haben mich beredt ihr wäret damit zu
frieden und nun wolt ihr verreisen dieses verschmähet mich Ich kann euch meine
Empfindlichkeit darüber nicht bergen entdecket mir davon die Ursach Liebet ihr
mich nicht so will ich euch nicht nötigen hier zu bleiben es wäre mehr meine
Schuld als eure wann ich euch nicht gefiel Liebet ihr mich aber wie mich
dessen eure Augen und eure Gebehrden so oft beredet haben warum wolt ihr mich
verlassen
    Dürfte ich o himmlische Roxelane war meine Antwort keinen andern
Gesetzen als den Bewegungen meines Herzens folgen so würde ich mein Leben für
mehr als glücklich schätzen wann ich es auch nur als ein Sklave in euren süsen
Banden zubringen könnte allein ich bekenne mich zu einem Glauben welchen man
hier verabscheuet Ich bin ein Christ und achte es für meine höchste Ehre ein
solcher zu sein ich würde tausendmahl lieber den schmählichsten Tod leiden als
eine Wahrheit verleugnen deren mich der HErr Himmels und der Erden zu
überzeugen gewürdiget hat
    Euer Eiffer großmütiger Christ sagte Roxelane gefällt mir wohl er
schickt sich für eine so edle Seele ich liebe die Leute die nach ihrer Art
Gott mit einer solchen Aufrichtigkeit verehren Dieses zeigt ein Herz auf
dessen Treu man sich verlassen kann Saget mir aber geliebter Freund fuhr sie
fort verbietet euch dann euer Glaube eine Mahomedanerin zu heiraten die mit
euch einen Gott verehret nämlich den Schöpffer der Welt der uns durch seine
Propheten den Weg der Tugend hat lehren lassen
    Was mir hierinn erklärte ich mich meine Religion erlaubet verbietet euch
die eurige Euer Vater schönste Roxelane hat mir eine Bedingung vorgeleget
ich soll meinen Glauben verleugnen und den seinigen annehmen dieses hies euch
für einen ehrlichen Mann einen Heuchler geben der wenn er an Gott untreu ist
sich auch kein Gewissen daraus machen würde solches gegen euch und euren Vater
zu sein
    Roxelane beantwortete diese Rede mit einem tiefen Seufzer Sie schlug ihre
Augen aus welchen einige Tränen flossen beweglich gen Himmel Ach rief sie
aus du einiger Gott warum trennet dasjenige dein Gesetz was doch die Liebe
und die Tugend verbindet
    Sie schwieg hierauf still und schien demjenigen was ihr die Liebe für mich
eingab tief denckend nachzusinnen Wohlan mein Freund brach sie endlich
heraus Ich will mit euch diese Ufer verlassen und euch noch mehr als eine
geborene Christin lieben Das sei ferne versetzte ich hierauf dass ich die
Wohltaten des großen Beis eures Vaters mit einer solchen Untreu belohnen
und ihm das liebste was er hat dafür entführen soll Dieses ist auch nicht
meine Meinung erwiderte Roxelane ich hoffe meinen Vater mit gutem darzu zu
bereden denn ich fühle in meiner Brust eine unwiderstrebliche Regung eine
Christin zu werden ich habe verschiedene von euren Büchern gelesen eure
Gespräche mit meinem Vater haben mich darauf völlig überzeuget Ich habe ihm
solches entdeckt Er hat mich auch darüber bestraffet allein ich hab Ursach zu
glauben dass ihm solches nicht von Herzen geht und dass er vielleicht selbst
ein Christ werden würde wenn er nicht zuviel dabei zu verliehren hätte
    Indem sie dieses sagte hörten wir eine Tür im Seraglio aufgehen und sahen
den Bei auf uns zukommen O Himmel sprach er indem er sich uns näherte und
zugleich die Hand an seinen Säbel legte was sehe ich hier Ach Vater schrye
ihm Roxelane voller Schrecken entgegen indem sie sich zu seinen Füßen warf
mässiget euren Zorn ist meine Tat gleich ungewöhnlich so ist sie doch
unschuldig Wie vermessener Ausländer redete er mich darauf an ist dieses
diejenige Tugend damit ihr die Vortreflichkeit eures Glaubens beweisen wollt
Entrüstet euch nicht geliebter Vater unterbrach hier abermahl Roxelane indem
sie ihm noch fest an den Knien lag hört mich und wo ihr ein Verbrechen
findet so wendet allen euren Zorn gegen mich ich nur ich allein bin
schuldig
    Roxelane erzehlte ihm hierauf wie sie mich hätte zu ihr in Garten kommen
lassen und wie großmütig und tugendhaft ich mich gegen sie erkläret hätte Der
Bei wurde darüber bewegt ich schelte euch nicht meine Tochter sagte er zu
ihr mit einem besänftigten Wesen dass ihr diesen Ausländer liebt ich selbst
bin ihm gewogen allein mein Freund fuhr er fort indem er sich zu mir
wendete ihr wisst meine Meinung ohne ein Mahomedaner zu werden könnt ihr
meine Tochter nicht besitzen Wollet ihr diese Bedingung nicht eingehen so
verlasset uns und stürzet uns beide nicht ins Unglück Er reichte mir darauf
zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand welche ich mit Ehrerbietung küste und
lies mich wieder durch lange Gallerien aus dem Seraglio bringen
    Die Liebe zu Roxelanen verursachte bei mir eine recht peinliche
Leidenschaft sie schien mir eine allzuschöne Seele zu haben als dass ich zu
ihrer völligen Bekehrung nicht alles wagen sollte gleichwohl sah ich mich durch
eben die Gesetze des Christentums gebunden in dieser Sache mich keiner andern
Mittel zu bedienen als die mit der wahren Aufrichtigkeit übereinkamen Meine
Liebe zu Roxelanen wurde durch die mindeste Absicht beflecket die nicht mit der
Reinigkeit des Christentums übereinstimmte
    Der Bei sand mir den andern Morgen nicht nur das ihm gezahlte LöseGeld
wieder zurück sondern begleitete solches auch mit ansehnlichen Geschencken
Wobei er mir zugleich andeuten lies dass eine Gallere für mich fertig hielt
mich samt meinen Leuten nach Sizilien zu begleiten Dieses war ein Befehl ich
konnte solchem nicht entgegen handeln Ich nahm also von dem Bei Abschied und
zeigte ihm für seine mir erwiesene Grosmut die lebhafteste Danckbarkeit
    Es wurde mir nicht erlaubt Roxelanen noch einmal vor meiner Abreise zu
sehen Ich hielt deswegen einen Brief an dieselbe fertig in Meinung solchen dem
Schwarzen einzuhändigen wenn er sich noch einmal bei mir melden würde Ich
betrog mich nicht in meiner Hoffnung meine Leute waren bereits an Boord ich saß
noch auf einem niedrigen Gemäuer an dem Hafen und hatte meine Augen beständig
nach dem Seraglio hingewandt Die Segel wurden aufgezogen die Ancker gelöst
und man kam mir anzudeuten dass man bereit wär vom Land zu stoßen und die hohe
See zu gewinnen Ich stund mit schwerem Herzen von meiner Stelle auf und ging
mit langsamen Schritten nach dem Boot welches mich in mein Schiff bringen
sollte Indem erblickte ich den Schwarzen er kam und überreichte mir ein
Kästgen Ich gab ihm dagegen nebst einem kleinen Geschenck einen Brief an
Roxelanen darin ich diese schöne Africanerin meiner ewigen Liebe versicherte
und sie zugleich ersuchte mir von ihrem Zustand und den Fortgängen ihres
Christentums Nachricht zu geben
    Ich ging damit zu Schiff und verließ das Tunesische Gestade mit weit mehr
Unruh als ich war dahin gekommen So bald ich alleine war öffnete ich das von
Roxelanen mir überschickte Kästgen und fand darin nebst einigen Kleinodien
ihr mit Diamanten eingefastes Bildnüs ich betrachtete solches mit einer
entzückenden Freude ich fand dabei ein gefaltenes Papier und las darin
folgende Zeilen
                               Geliebter Freund
    Ich sehe euch verreisen ich begleite euch mit meinen Tränen Ihr verlasset
mich  nachdem ihr mein Herz mit der zärtlichsten Liebe für euch  und mit dem
sehnlichsten Verlangen euren Glauben anzunehmen  erfüllt habt Was soll ich
nun anfangen werd ich euch jemals wieder sehen O vergesset nicht eine
unglaubige  die mit solchem Eifer sucht glaubig zu werden Schreibt mir durch
den Armenischen Kaufmann Karajutz von Damasco Seine Frau wird die richtige
Bestellung eurer Briefe besorgen Verschmähet unterdessen nicht die Abbildung
von einem WeibsBild  welches euch eurer Tugend halben liebt Mein Herze sollte
euch vielleicht besser gefallen wann ihr solches kennen würdet Ich bin eure
getreue Roxelane
                                                                     Lebet wohl
    In vier und zwantzig Stunden kam ich mit meinem Volck glücklich wieder nach
Sizilien Der Hof war über meine Verrichtungen so schlecht sie auch waren doch
nicht missvergnügt Ich rühmte die Grosmut des Bei und hatte das Glück dass die
FriedensTractaten wie ich solche mit den Tunesern verabredet hatte
unterschrieben und durch mich ausgefertiget wurden Ich sandt solche an den Bei
und bat mir keine geringere Vergeltung dagegen aus als Roxelanen
    Ich schrieb zugleich an dieselbe Ich bat sie ihren Vater mit guter Art zu
seiner Einwilligung in unsere Heirat zu bereden Es verflossen bei nah fünf
Monate ehe der Bei der Liebe seiner Tochter nachsehen wollte Er wurde endlich
durch das Lesen guter Bücher und durch die beständige Gespräche des Armeniers
Karajutz von den Wahrheiten der Christlichen Religion dergestalt überzeuget
dass er mir seine Tochter bewilligte und dabei heimlich den Endschluss fasste mit
der Zeit seine höchste Stelle in der Regierung abzudancken und sich zu uns nach
Sizilien zu begeben
    Ich erhielt diese Nachricht mit einer unaussprechlichen Freude Roxelane
meldete mir dabei wie auf was Art und zu welcher Zeit ich sie zu Pessara von
meinen Leuten in Türckischer Kleidung sollte empfangen lassen
    Ich kam ihren vorsichtigen Erinnerungen in allem nach Ich hielt bereits
acht Tage mit meiner Gallere in besagtem Hafen Ich begunte zu fürchten man
möchte unsern Anschlag entdecket haben weil ich binnen dieser Zeit nichts von
Roxelanen vernahm Wenn man liebt so ist einem das Warten in dergleichen
Fällen die größte Marter zumahl wenn die Furcht darzu kommt dasjenige was
man liebt zu verliehren
    Endlich ließ sich auf der hohen See ein großes Tunesisches Fahrzeug sehen
welches einen Boot nach dem Hafen schickte und sich nach Griechischen
KaufLeuten die nach der Levante segeln sollten erkundigte Meine Leute waren
gleich an Boord es fand sich keiner von denen die mit mir zu Tunis waren
darunter Sie fuhren nach dem Tunesischen Schiff Roxelane wurde ihnen mit
verdecktem Angesicht von einigen Tunesern als eine vorgegebene Braut eines
Bassa in der Levante überliefert Meine Leute taten darauf als ob sie nach
Kopern segeln wollten so bald aber hatten sie nicht das Tunesische Schiff aus
dem Gesicht verloren so kehrten sie nach dem nechsten Hafen von Sizilien
wieder zurück derselbe lag nur drei Meilen von Pessara Ich hatte mich mit
einer kleinen Jagd dahin begeben es war bereits Nacht als Roxelane da ankam
Die Freude die wir empfanden uns wieder zu sehen litte keine Ausdruckungen
Ich bin nun ganz die eure sprach Roxelane indem sie mich in ihre Arme schloss
und ich werde nun solche ewig bleiben
    Sie brachte mir so viel Geld und Jubelen mit dass ich meine Dienste bei Hof
abdanckte und mir in der anmutigsten und fruchtbarsten Gegend von Sizilien
ein schönes LandGut kaufte Ich gedachte hier mein Leben in der süßesten
Vereinigung mit meiner liebenswürdigsten Tuneserin zuzubringen Aber ach wie
eitel sind der Menschen Anschläge
    Ich liebte Roxelanen allzuheftig als dass ich mich dadurch nicht so sehr an
eine bloße Kreatur sollte gebunden haben dergleichen innigste Vereinigung
findet man nicht in dieser Welt Sie war ein Vorschmack des Paradieses wenn sie
nicht die Furcht der Sterblichkeit beunruhigte Es vergieng nicht leicht ein
Tag da wir uns dieses nicht vorstellten und darüber eine gewisse Traurigkeit
empfanden die uns bei dem Genuss des größten Vergnügens seufzen machte Wir
hatten eine Ahndung dass wir nicht lang beisammen bleiben würden Es ist ein
verborgener Zusammenhang in der Natur, und wie eine Säyte die man an einem Ende
beweget ihre Rührung zugleich am andern Ende empfinden lässt so spüret öfters
unser Geist ein ihm unbekantes Gefühl von dem was uns vorstehet Meine
Glückseligkeit war zu gros für eine Welt darin die meiste Menschen nur zum
Leiden scheinen geboren zu sein
    Es geschah auf Befehl des Bei dass wir unsern WohnSitz so nah bei der
Barbarei genommen hatten Seine Absichten gingen dahin seine Würde
niederzulegen und bei uns verborgen als ein Christ die übrige LebensJahre
zuzubringen Das Schloss welches wir bewohnten lag unweit einem kleinen
MeerPort Wir hatten eine treffliche ViehZucht und nebst der feinsten Seide
auch die reinste Wolle Die benachbarte Tuneser und Algierer kamen in der Menge
herüber gefahren um solche aufzukauffen Wir wurden von ihnen bald
ausgekundschaftet Der verkehrte ReligionsEifer kann in der Welt nichts anders
als Böses stiften Ein Tuneser wusste unter andern bei mir und meiner Frauen
ungemein sich einzuschmeicheln Dieser Böswicht war von den Dervis abgeschickt
um meine Frau aus der Welt zu schaffen Ihr Vater hatte um eben diese Zeit ein
gleiches Schicksal gehabt Die Mahomedaner halten dieses für ein Gesetz alle
diejenige die von ihrem Glauben abfallen aus dem Weg zu räumen
    Der Verräter stellte sich als ob er dem Exempel der Roxelanen folgen
wollte welche gleich nach ihrer Ankunft den Christlichen Glauben mit der größten
Begierde angenommen hatte Diese Verstellung machte dass wir ihn zu uns nahmen
und ihm alles vertrauten Man behält noch immer eine natürliche Zuneigung zu
solchen Leuten die mit uns unter einerlei HimmelsGegend in diese Welt
gekommen sind und so zu sagen mit uns einerlei Luft und Speise genossen haben
Roxelane liebte insonderheit ein gewisses kühlendes Getränck woran sie von
Jugend auf gewohnet war Ihr treuvermeinter LandsMann konnte solches ungemein
nach ihrem Geschmack verfertigen Er nahm Gelegenheit ihr damit zu vergeben
und machte sich darauf heimlich weg Damit ich aber auch wissen möchte wo der
Streich herrührte so hinterlies er folgende Nachricht Roxelane hat ihren
Glauben verläugnet Der große Prophet hat allenthalben seine Abgesandten Sie
wird dafür den Tod leiden  und ich schätze mich selig  dass ich zu einem
Werkzeug der Göttlichen Rache habe dienen können
    Das Gift tat zwar langsam seine Wirkung Roxelane aber spürte bald den Tod
in ihren Gliedern wühlen Sie verbarg mir was sie darüber leiden musste Ich
habe mir sprach sie wohl vorgestellt dass wir nicht lang beisammen bleiben
würden Unsere Liebe ist zu vollkommen Etwas vollkommenes aber hat keinen
Bestand in dieser Welt Wir müssen scheiden und ich sterbe als eine Christin
Voll Verlangen und Sehnsucht bei demjenigen Heiland zu sein der sich mir auf
eine so außerordentliche Weise hat zu erkennen gegeben Nur das einzige quälet
mich dass ich euch verlassen soll Meine Empfindlichkeit würde darüber mehr als
grausam sein wenn ich nicht wüste dass der Tod nur unsern Leib nicht aber
unsern Geist trennet
    So stark sie auch ihr Glauben machte so konnte sie doch allhier ihrer
Zärtlichkeit nicht vermehren einige Tränen zu vergießen Ich war durch diesen
Zufall dermaßen gerühret dass ich einem Sterbenden ähnlicher sah als Roxelane
Mein Schmertz und meine Empfindung ging so weit dass ich mit ihr sterben wollte
Ich konnte in etlichen Tagen nicht die geringsten Speisen zu mir nehmen Ich
erfüllte das ganze Haus mit einem jämmerlichen Seufzen und Wehklagen Ich ging
aus einem Zimmer in das andere und konnte in keinem bleiben Der Verlust von
Roxelanen schien mir unerträglich
    Diese als sie mich in diesem traurigen Zustand sah suchte alle ersinnliche
TrostGründe hervor um mich ein wenig aufzurichten Warum wollt ihr doch mein
lieber Mann sprach sie mir den Tod noch schwerer machen Seid ihr dann nicht
auch ein Christ Seid ihr nicht das Mittel gewesen dass ich eine Christin worden
bin Habt ihr mir nicht selbst gesagt Jenes Leben sei unaussprechlich besser
als dieses Zweiffelt ihr nun daran Missgönnet ihr mir solches O nein Ich
weiß dass ihr mich liebt und dass euch deswegen meine Seligkeit erfreuen muss
    Einige Tage darauf richtete sich meine sterbende Frau in ihrem Bette auf
Sie hatte den Tod auf ihren Lippen ihre Augen aber waren voller Glantz Es
belebte sie gleichsam ein himmlisches Licht Fahret wohl mein geliebter Gemahl
sagte sie zu mir indem sie mich an ihre Brust mit größter Bewegung druckte
fahret wohl fasset euch ich werde scheiden Wir haben uns auf ewig zusammen
verbunden Der Tod will dieses Band zerreisen allein seine Macht ist vergebens
er mag den Leib immer hinnehmen dasjenige was euch in mir liebt ist
unsterblich Wir haben uns hier auf Erden nur kennen lernen um in jenen
Wohnungen der seligen Geister auf ewig mit einander zu leben
    Meine Frau redete diese Worte als eine Seele die bereits in einer
Göttlichen Entzückung lag und deswegen einen höheren Strahl des Lichts genosse
weil die unordentliche Bewegungen ihres Körpers aufhörten und den Geist in der
Beschauung des neuen Lebens dem sie entgegen rückte nicht weiter hinderlich
waren Ich fragte sie deswegen ob sie dann vollkommen versichert stürbe dass
unsere Liebe auch in der Ewigkeit noch statt haben würde
    Mein lieber Mann erklärte sich die Sterbende Ich weiß seitdem ich eine
Christin bin dass man im Himmel sich nicht freien noch freien lassen wird Ich
weiß aber auch durch eben den Geist der uns solches offenbaret hat dass
diejenigen die sich hier im Herrn geliebt haben ihre Liebe auch in jener
seligen Ewigkeit fortsetzen und unzertrennlich mit einander verbunden bleiben
werden Ja diese Vereinigung wird sich nicht nur allein auf treue Ehgatten
sondern auch auf alle diejenige erstrecken die wir allhier in tugendhafter und
reiner Neigung so wohl dem Blut als dem Gemüte nach geliebt haben Dann
unsere Tugend bleiben nicht in dieser Welt sie sind weder dem Tod noch der
Verwesung unterworffen sie folgen uns nach und vereinigen uns wieder mit Gott
als ihrem Ursprung Die Liebe ist die größte unter allen sie ist die Quelle
woraus alle andere herkommen sie ist eine Ausfluss des Göttlichen Wesens und
fliesset auch wieder in das Göttliche Wesen ein Sie vergöttert unsere Natur
sie verkläret uns in dasselbige Bild und macht uns Göttlicher Eigenschaften
teilhaftig
    Die Liebe zu den Kreaturen und die Liebe zu Gott wird alsdann nicht mehr
getrennet sein sondern einerlei Neigung ausmachen Wir werden alles in Gott
und Gott wieder in allem lieben Wir werden in seine Absichten eingehen und
dabei seine Allmacht seine Weisheit und seine Liebe bewundern Das Böse wird
aufhören und das Gute ewig bleiben Unsere Liebe wird sich mit ihrem reinen
Ursprung verbinden und aus dieser unendlichen Quelle ihre Anmut ihre Nahrung
und ihre Ewigkeit schöpfen sie wird noch immer vollkommener glückseliger und
Göttlicher werden
    Als sie hierauf ein wenig still geschwiegen und gleichsam frischen Otem
geschöpfet hatte endigte sie mit diesen Worten Ich empfinde nun für euch
sprach sie mein Liebster zum letzten mahl die Schwachheiten einer leidenden
Natur Es tut mir zärtlich weh dass ich von euch scheiden muss Diese Empfindung
wird mit dem Körper sterben Unsere Geister aber werden sich nach diesem Leben
auf ewig vereinen Lebet wohl mein Gemahl Liebet mich auch nach dem Tode wann
es der Zustand von jener Welt und die mir noch unbekannte Ordnung des großen
Schöpfers leiden wird so soll euch mein Geist von seinem Zustand wie er von
dem Leibe abgeschieden lebt einige Nachricht erteilen
    Sie reichte mir hierauf die Hand und verschied ohne die allergeringste
Bewegung mehr als ein Engel der verschwindet als ein Mensch dessen
LebensBande sich mit Schmerzen trennen
    Ich war noch kein so starker Christ diesen allzu herben Riss der Natur mir
Standhaftigkeit zu ertragen Ich sanck darüber zu Boden Ich litte alle
Schmerzen des Todes und musste leben um solche zu empfinden Ich fiel darüber
in einen so tieffen Kummer dass ich wie eine Leiche herum ging alle Menschen
floh und mich den ganzen Tag hindurch in einem dunckeln Wald der hinter
meinem Garten lag verborgen hielt
    Ich fand mich in einem Stand der Entblössung worin ich die Nichtigkeit
meiner eignen Weisheit und Stärcke musste erkennen lernen Es war mir alles
entzogen womit sich sonst die Menschen trösten können Die Welt und alles war
mir zuwider Der König der von meinem Zustand Nachricht eingezogen hatte sandt
mir seinen LeibArtzt nebst einem von meinen guten Freunden Ich war ganz
Leutscheu worden und fühlte deswegen einen heimlichen Schauer da ich dieser
beiden Herrn ansichtig wurde Diese Bewegung aber verlor sich bald sie suchten
mich zu bereden mit ihnen nach Hof zu gehen sie stellten mir vor dass nichts
mein Gemut von seinem anhaltenden Leiden hurtiger abziehen würde als die
Veränderung der Vorwürffe
    Ich ließ mir raten ich wollte nicht eigensinnig sein ich wusste wie
schädlich diese GemütsArt war Die Bewegung der Reise die Veränderung der
Luft die gute Gesellschaft vornehmlich aber der Entschluss mich ganz und gar
der Göttlichen Schickung zu überlassen machten dass ich ziemlich wohl zu
Palermo ankam
    Der König erzeigte mir viel Gnad und nötigte mich endlich gar zum Zeichen
seiner Gunst eine junge Dame zu heiraten die aus einem der größten Häuser von
Sizilien war Sie war jung lebhaft und schön Ich weiß nicht warum Gott diese
andere Heirat über mich verhänget hat Vermutlich sollte mir dadurch alle Welt
und KreaturenLiebe völlig verleidet werden
    Ich hatte noch kaum einige Wochen in dieser Ehe zugebracht so entdeckte ich
an meiner Gemahlin eine zu allen Ausschweiffungen geneigte Seele Ihre Laster
machten mich an die Tugenden der Roxelanen dencken das Verlohrne schien mir
unschätzbar das Gegenwärtige unerträglich Meine Frau hatte eine dermaßen üble
Erziehung gehabt dass sie nicht einmal wusste was Ehre was Tugend und was
Religion war
    Sie fand sich sehr beleidigt da ich zum ersten mahl es wagte ihr einige
Vorstellungen zu tun Wie Mein Herr sagte sie bilden sie sich ein dass sie
mich hofmeistern wollen O diesen Lusten lassen sie sich vergehen sie haben
keine Barbarische Tuneserin mehr vor sich Ich habe mich deswegen nicht
geheiratet um unter der Botmässigkeit eines Mannes zu stehen von dem ich mir
eingebildet dass er mir zu Gefallen leben würde Alle meine Ermahnungen waren
also bei ihr vergebens Sie sagte dass ihr meine SittenLehren missfielen und
dass sie nach ihrer Weise leben wollte Damit war unser Verständnis auf einmal
aufgehoben da wir kaum noch vier Monate geheiratet waren Wir begegneten uns
einander ganz fremde und speiseten selten zusammen an einer Tafel
    Meine Frau ergab sich allen Unordnungen Sie war bei allen Lustbarkeiten des
Hofs Jedermann schmeichelte ihr dieses war ihre HauptBegierde sie wollte
gefallen und suchte ihr Vergnügen in der Menge ihrer Anbeter und Liebhaber Von
den Pflichten eines vernünftigen Weibes wusste sie nichts Sie hatte nicht
einmal Zeit daran zu dencken Sie war allzu sehr in ihren Eitelkeiten und
Wollüsten zerstreut
    Hätte ich mich darüber beklagen wollen so würde man mich für einen
wunderlichen und eigensinnigen Mann gehalten haben Man lebte nicht anders in
der großen Welt Es war nicht mehr Mode dass sich die Weiber ehrbar und die
Männer weise stellten Die Ehe war ein Sakrament für den Pöbel und ein Stand
der Freiheit für den Adel Ich hatte davon andere Begriffe ich liebte die
Tugend ich sah ihren Fortgang ewig und das Ende der Laster mit Schrecken Ich
musste mich unterdessen verstellen ich wollte mich weder lächerlich machen noch
viel weniger über eine Sache einen RechtsStreit anfangen wo der Gebrauch die
Gesetze aus der Ubung gebracht hatte Ich befand mich in diesen Umständen und
dachte ihnen nicht ohne betrübter Empfindung nach als ich einmals darüber in
einen tiefen Schlaf fiel
    Mir träumete ich wär in einem düstern Wald wo ein braussender Wasserfall
sich von einem wilden Gebürg herunter stürtzte und zwischen ungeheuren Felsen
und Klippen durchrauschte Ich empfand hier eine Verachtung gegen alle
Schönheiten dieser Erden Ich entschloss mich ein Feind der Menschen und ihrer
Ergötzlichkeiten zu sein Ich sah allerhand wilde Tiere die vor mir flohen
und hörte an statt der lieblichen Töne die sonst in den Wäldern erschallen
nichts als ein zischendes Pfeiffen der Uncken und Hammelmäusgen und das Rufen
der Kautzgen und NachtEulen Man muss schon zu einem hohen Grad der Träumerei
gelanget sein wenn einem solche Dinge mehr anmutig als fürchterlich vorkommen
Ich fühlte bei mir eine Melancolie welcher ich nachhieng ich war traurig und
wollte es sein mein Kummer war mir angenehm und mein Leiden ein Vergnügen
    Auf einmal wurde in diesem Wald alles lichte nicht anders wie in den
Schauspielen wenn man den Vorhang aufziehet Ich fand mich in der schönsten
Gegend ich beobachtete keinen Strich der Himmel und Erden schied ich sah ihre
Tiefen mit Erstaunen ein unendliches Licht erfüllete den unendlichen Raum ich
hörte Stimmen welche die reinste Töne ausstiessen ich fühlte eine Luft die
meine Brust mit der süßesten Empfindung bewegte und deren Hauch alles mit dem
lieblichsten Geruch durchdrang ich sah Geschöpffe von ungemeiner Schönheit die
teils den Menschen teils den gemahlten Cherubinen glichen Aus ihren Augen
strahlte die Liebe die Anmut und die Holdseligkeit Ich kam darüber in eine
Entzückung darin ich bald mit Menschen bald mit Engeln mich vermenget sah
ich erblikete darunter Roxelanen ihre Gestallt war in einen hellgläntzenden
Schleier verhüllet dadurch ich bald ihren ganzen Leib bald aber nichts als
ein bloses Licht erblickte dessen Strahlen so scharff und durchdringend waren
dass ich darüber die Hände vor die Augen halten musste endlich erschien sie vor
mir in ihrer gewöhnlichen Kleidung in ihren Augen lachte ein himmlisches Feuer
sie winckte mir mit der Hand verbot mir aber sie nicht anzurühren
    Ich bin selig sagte sie zu mir aber diese Seligkeit ist unaussprechlich
Die Gegenwart Gottes erfüllt alles die Seelen der Gerechten sind davon
durchdrungen doch finden sich in diesen Wohnungen unzehlich viele und
verschiedene Gegenden Die untersten wo die Seelen wann sie erst von dem Leibe
scheiden hinkommen sind weder finster noch lichte den meisten tut die
Absonderung von ihrem Körper leid sie sehnen sich deswegen doch eine mehr als
die andere noch immer nach ihren vorigen Hütten Die Geitzigen zehlen noch ihr
Geld die Hochmütigen sinnen noch auf Pracht und die Wollüstigen seufzen noch
nach ihrer vorigen Lust ihr Zustand ist noch immer nach denen Neigungen
eingerichtet welche sie mit aus der Welt bringen Diejenige Seelen aber welche
bereits sich durch den Glauben und die Weissheit mit Gott bekannt gemacht haben
die dringen hier mit einer ungemeinen Begierde und einer schnellen Erhebung
durch alle ZwischenRäume hurtig durch und gelangen also zu der Gemeinschaft
Gottes welche die Seligkeit ist mittlerweile dass hingegen die noch irrdisch
gesinnte Seelen so lang und so viel durch ihre böse Neigungen und Torheiten
herumgetrieben werden biss sie endlich solche selbst erkennen und verfluchen
lernen da sie dann von einer Läuterung zur andern und von Grad zu Grad
erhöhet des Einflusses des göttlichen Lichtes fähig werden Bis endlich
Christus als das Haupt aller Glaubigen sein Reich beginnen unsere Leiber
wieder mit dem Geist vereinigen und Licht und Recht nach den Absichten Gottes
in der Schöpfung vollkommen herstellen wird Sonst wissen eigentlich die Seelen
hier nichts von dem was sich auf der Erden begibt Es wird ihnen aber zuweilen
vergönnet wenn sie die Liebe zu den Hinterlassenen allzuheftig dringet einen
Blick dahin zu tun sie versencken sich so dann in den Glanz des höchsten
Lichtes welches aus Gott strahlet und worin sie als in einem Traum dasjenige
sehen und zu wissen bekommen was sonst niemand als Gott allein wissen kann Mehr
kann kein irrdischer Verstand von diesen Dingen fassen Trachte unterdessen in
der Welt so zu wandeln dass dir deine gute Wercke nachfolgen können und dass ein
aufrichtiges Verlangen nach Gott deiner Seele den Weg bahnen möge durch alle
Wohnungen der irrdischen Geister hurtig durchzu dringen und des göttlichen
Lichtes teilhaftig zu werden Fliehe unterdessen den Ort der deiner Tugend
gefährlich ist rühre nichts unreines an verlass deine Ehebrecherin begieb dich
in ein Land wo dich niemand kennet Lebe daselbst entfernet von den Torheiten
dieser Welt Nahe dich immer näher und näher zu Gott durch die Weisheit die
von oben kommt so werden deine Jahre ruhig verschleissen und dein Ausgang aus
der Welt wird dein Eingang in den Himmel sein
    Hierauf verschwand der schöne Geist der Roxelanen und ich erwachte Ich
hielt sonst nichts auf Gesichter und Träume Hier aber schien mir der Traum von
etwas mehr als einer menschlichen Fantasie herzurühren Ich ging mit mir selbst
zu Rat und fand in mir eine starke Uberzeugung dasjenige ins Werck zu
richten was mir Roxelane im Schlaf angedeutet hatte
    Ich verlies Sizilien den Hof und meine ungetreue Gemahlin ich nahm weiter
nichts mit mir als etwas weniges an Gold nebst den Kleinodien von Roxelanen
Ich hatte niemand bei mir als meinen Kammerdiener Ich reiste damit durch ganz
Illyrien und kam bis an diesen Ort ich fand eine Neigung in dieser Einöde zu
bleiben ich erblickte in der Ferne das Schloss des Grafens von Sylva ich
meldete mich bei ihm und fragte ihn ob ihm nicht ein Stück Landes jenseit des
großen Teiches feil wäre Der Graf betrachtete mich mit besonderer
Aufmerksamkeit er erkundigte sich wo ich her käm und ob ich auch Geld hätte
ein LandGut zu kauffen Ich antwortete ihm auf das erste dass ich ein
Lampurdaner wär der wegen eines gehabten Unglücks außer seinem Vaterland leben
müsste wegen dem andern zeigte ich ihm eine Handvoll Perlen und Juwelen die ich
nebst dem Bildnüs meiner Roxelanen bei mir führte Der Graf schien darüber
verwundert und lies mir nicht undeutlich einen Argwohn blicken als ob ich
diese Schätze nicht auf eine rechtmäßige Art besjetzte solches beleidigte mich
nicht ich begnügte mich damit ihn einfältig zu versichern dass ich ein
ehrlicher Mann wär und ersuchte ihn zugleich meine Kostbarkeiten in Verwahrung
zu behalten Die Art womit ich ihm dieses sagte benahm ihm alles Mistrauen er
begegnete mir darauf nicht nur höflich sondern als einer Person seines Standes
Er überließ mir diese kleine Länderei welche sie hier von mir angebauet sehen
 
                             Das sechzehende Buch
Der Ritter von Kastagnetta endigte damit seine Erzählung Der Graf von Rivera
danckte ihm dafür auf das verbindlichste Er freute sich in einer so durchaus
verdorbenen Welt noch hier und da einige Menschen zu finden welche die Weisheit
liebten und ihren Ursprung kenneten Er wusste aber nicht was er von dem
nachdencklichen Traum des Ritters und den Offenbarungen der schönen Roxelanen
urteilen sollte Die Schrift sprach er hat uns nichts von dem eigentlichen
Zustand der abgeschiedenen Seelen entdecket und wenn die unvergleichliche
Roxelane bei ihren Lebzeiten die Bücher der Platonischen Weltweisen gelesen
hätte so würde ich glauben sie hätte diese Meinungen von ihnen mit in das
Reich der Geister genommen
    Der Ritter von Kastagnetta merkte bald wo der Graf mit seiner Erinnerung
hinzielte er versicherte den Grafen dass er damals noch nichts von den
Platonischen Schriften gelesen hätte Es wär ihm aber aus den Büchern der
Offenbahrung dieses als eine beständige Warheit bekannt dass die Seelen der
Gerechten in Gottes Hand wären wo sie keine Quaal berühren könnte da im
Gegenteil die Seelen der Gottlosen in einen Ort der Quaal und der Finsternüs
kämen wo der Verlust ihrer Seeligkeit und die Verstossung von Gottes Angesicht
ihre größte Marter ausmachte
    Es ist gewiss fuhr der Ritter fort dass die Ungerechtigkeit so wenig wird
ungestrafft als die Tugend unbelohnet bleiben Die Geister welche in dieser
Welt andere plagen werden in jener Welt wieder von andern geplaget werden Es
wird darin die genaueste Gleichförmigkeit der Strafen mit den Verbrechen sich
äußern und man wird darin die göttliche Gerechtigkeit so sehr wie seine
Liebe bewundern so wenig wir auch in diesem Leben die Art und Weise davon
einsehen und begreiffen können
    Diese beide Herren schieden darauf mit den zärtlichsten Versicherungen
einer immer währenden Freundschaft von einander Der Graf verfügte sich zu dem
König nach Aquana er hielt sich aber daselbst nur einige Tage auf weil der
König wollte dass er voraus nach Panopolis gehen und daselbst die Anstalten zu
der Königin Einzug machen sollte Der König folgte bald nach und hielt sich mit
der Königin so lang zu Bellahai auf bis die Zeit zum Einzug herbei nahete
    Dieser war überaus prächtig Alle hohe und niedere Bedienten nebst den
verschiedenen LeibWachen des Königs wurden zu dem Ende aufgeboten diesen Pomp
zu verherrlichen Der Zug begunte des Morgens und währte bis gegen Abend Die
Reuter vom Königlichen Hause in rot mit Silber reich besetzter Kleidung
machten den Anfang ihnen folgten über dreihundert HandPferde welche an
Schönheit die Kostbarkeit ihres Aufputzes noch übertraffen darauf kamen die
Vornehmste StallJägerei und HofBedienten nach diesem die Königliche
Edelleute von der Kammer nebst den OberHof und KriegsBeamten
    Der König ritt auf einem weißen Zelter sein Ansehen war Majestätisch und
das Volck jauchzte vor Freuden da es seinen Herrn so gesund und leutselig
erblickte Neben ihm zur Rechten etwas hinterwärts sah man den Herzog von
Miran als OberHofmeister und zur Lincken den Graf von Rivera als
OberCämmerer der Fürst von Alesso aber als OberStallmeister ritt gleich
hinter ihm vor dem Wagen der Königin
    Diese fuhr in einer mit lichtblauen Sanmmet überzogenen und mit Gold und
Edelgesteinen reich besetzten StaatsGutschen Ihre lebhafte Schönheit blitzte
noch mehr in die Augen des Volcks als der herrliche Glanz der vielen Diamanten
womit sie allenthalben umgeben war Acht IsabellFarben Pferde mit
Lichtblausammeten und reichvergüldeten Geschirren schnauften vor dem Wagen
mit stoltzen Tritten in einer gleichsam abgemessenen Bewegung Acht Königliche
Bereuter gingen neben her und hielten sie bei den Zäumen damit sie nicht zu
wild und unbändig sich gebehrden möchten
    Nach der Königin folgten die HofDamen nebst dem andern FrauenZimmer vom
ersten Rang hierauf kamen die Abgesandten welche der Herzog von Sandilien und
der OberZeremonienMeister aufführte ferner die Geheime StaattsHof und
KriegsRäte allesamt in Gutschen mit sechs Pferden bespannet und von einer
Menge bundfärbig gekleideter Edelknaben und Leibdiener umgeben Den Schluss
machten die Königliche Kürassirer ihre Kleidung war lichtblau mit rotsammeten
Aufschlägen und goldenen Borden sie trugen das Aquitanische Wappen in Form
eines Kürasses von Silber verguldet auf der Brust und hatten eine Art von
SturmHauben mit roten FederPüschen auf den Häuptern
    Die Bürger stunden längst den Straßen mit klingendem Spiel und fliegenden
Fahnen im Gewehr und die Soldaten die zu Panopolis in Besatzung lagen hatten
das Tor und den BurgPlatz besetzt Der StadtMagistrat trug die HimmelDecke
über den König und die Trabanten mit ihren Partisanen gingen neben her zu Fuß
Zwischen jedem Zug ließ sich Paucken und Trompeten hören Die Häusser waren
allenthalben mit kostbaren Teppichen auch hin und wieder mit schönen Gemählden
und Blumen Geschirren vor den Fenstern ausgezieret Alle Glocken in der Stadt
wurden geläutet und alle Kanonen auf den Wällen losgezündet Dieses
untereinander schallende Getöss erfüllte die Luft und bewegte die Gemüter der
Menschen mit einer gleichsam fürchterlichen Freude
    Die Gräfin von Monteras welche bisher noch nicht bei Hof erschienen war
fand sich in einem Haus unweit der Burg und vermeinte unter der unzehlichen
Menge der Zuschauer welche allenthalben die Häusser und Straßen erfüllten
diesen Einzug der Königin unbekannt mit anzusehen Sie liebte den Grafen von
Rivera viel zu sehr als dass sie nicht bei einer solchen Gelegenheit suchen
sollte die Wahl ihres Hertzens gegen alles was hier Aquitanien großes und
schönes zeigte zu rechtfertigen Was sie sah schien ihr reich prächtig und
Königlich es bewegte sie aber nichts Ihre Augen hatten sich bereits müde
gesehen als sie endsich nach so vielen sinnreichen Erfindungen des
menschlichen Hochmuts den Grafen von Rivera erblickte sie erzitterte in dem
innersten ihres Hertzens da sie ihn an des Königes Seiten beobachtete sie
konnte zwei Personen die bisher ihrer Ruh so gefährlich gewesen waren nicht
ohne Schrecken so nah bei einander sehen
    Die Gräfin richtete schon von weitem ihre Augen nach der Königin sie
wünschte bei derselben eine Schönheit zu entdecken die ihre eigene übertreffen
möchte ein Wunsch den noch wenig Schönen in der Welt getan haben Der König
stöhrte sie in dieser Betrachtung er erkannte sie als er vorbei ihrem Fenster
ritt Seht sprach er zu dem Grafen von Rivera in dem er den Zügel seines
Pferdes an sich zog seht hier die Gräfin von Monteras Dem Grafen schlug
darüber das Herz die Röte stieg ihm ins Angesicht er warf mit Furcht einen
Blick nach demjenigen Fenster wo die Gräfin war der König grüste sie alle
Herren die um ihn waren nahmen darauf die Hüte ab und bezeigten derselben
ihre Ehrerbietung Dieses machte ein großes Aufsehen
    Die Königin welche gleich hinten drein fuhr beobachtete solches sie
fragte die Oberhofmeisterin die gegen ihr über saß wer diese schöne Dame wär
es ist antwortete dieselbe die Gräfin von Monteras die Königin entfärbte sich
darüber sie hatte die Augen stark nach ihr hingewandt eine heimliche
Eifersucht wollte sich darauf in ihrem Gemüt regen da sie ihre unschuldige
Mitbuhlerin so liebreitzend und so schöne fand allein der Gräfin ihr demütiges
Neigen und ein Auge voller Unschuld und Güte welches ihr gleichsam ihre
Freundschaft abforderte flösete ihr eine ganze andere Empfindung ein
    Die Gräfin kam den folgenden Tag nach Hof und machte der Königin ihre
Aufwartung sie wurden beide mit der größten Verwunderung eingenommen da eine
an der andern so viel Anmut so viel Geist und so viel Hoheit des Gemüts
entdeckte Sie billigten beiderseits die Wahl des Königs und waren eben im
Begriff sich einander die Kennzeichen ihrer Hochachtung zu geben als der König
in das Zimmer trat und sie in ihrem Gespräch verstöhrte Die Gräfin beurlaubte
sich deswegen bald und ging wieder nach Prato
    Der Graf von Rivera besuchte sie allda öfters sie waren mit Bewilligung des
Königs zusammen versprochen einige wichtige Ursachen aber machten dass ihre
Vermählung noch auf etliche Monate ausgestellet wurde Der Graf welchen der
König an des verstorbenenen OberCämmerers Stelle erhoben hatte übergab
demselben um diese Zeit einen Plan der die Verbesserung seines Staats die
Einrichtung seiner Finanzen und das allgemeine Wohlsein aller Stände betraf
Seine Vorschläge hatten nichts hochgekünsteltes sie waren ganz einfältig und
der Natur gemäß Sie hatten bloß die Ordnung und die Gerechtigkeit zum Grund
    Dieser Plan gefiel dem König und dem Herzogen von Sandilien sie wollten
solchen zur Wircklichkeit gebracht sehen allein so bald wurde derselbe nicht
den vornehmsten Ministern und Räten mitgeteilet und darüber ihr Gutachten
begehret so regte sich allenthalben Eifersucht Missgunst und Verachtung
    Unter den StaatsRäten fanden sich zwei die der Graf wegen ihren großen
Verdiensten besonders hochschätzte Der eine war der KammerPresident und der
andere der StatsSekretarius Der erste hatte einen durchdringenden Verstand
und eine ungemeine StaatsWissenschaft welche sich auf eine langwierige
Erfahrung gründete Sein Umgang war angenehm und leutselig er konnte einem die
Fehler sagen ohne dass man dadurch beleidigt würde Er gab einem öfters selbst
die Entschuldigungen an die Hand und machte dadurch dass seine Verweise mehr
gütig als beissend waren Er brachte einen auf solche Art zur Erkänntnüs und
man blieb ihm dafür verbunden Er liebte die Künste und Wissenschaften er war
ein Gelehrter ein SaatsKündiger ein Hofmann und was am meisten zu bewundern
ein KammerPresident ohne EigenNutz
    Der StaatsSekretarius war von keinem großen Herkommen seine bloße
Verdienste hatten ihn erhoben diese waren gemeiner als sein Glück Die Natur
hatte ihm ein edles Ansehen gegeben seine Gebehrden waren ernstaft und
abgemessen doch ohne Aufgeblasenheit und Zwang Man ehrte ihn wenn man ihn nur
sah Er besaß eine tieffe Einsicht Seine Begriffe waren deutlich und seine Art
sich auszudrücken überzeugend Seine Gründlichkeit machte ihn behutsam und
seine Behutsamkeit schützte ihn gegen alle Übereilung Er konnte die Absichten
von andern leicht entdecken seine eigene aber desto künstlicher verbergen Der
Hertzog von Sandilien tat nichts wichtiges ohne ihn Im Kabinet war er sein
Ratgeber und in der Ausführung seine rechte Hand
    Der Graf hatte diesen beiden würdigsten StaatsMännern seine Anschläge zu
erst entdeckt sie schienen ihm gewogen zu sein allein sie hatten gegen ihn
noch etwas zurückhaltendes und misstrauisches welches sie verhinderte gegen ihn
so offenhertzig sich heraus zu lassen als er es wünschte Diese Kaltsinnigkeit
hatte für den Grafen etwas so empfindliches dass er alle seine Demut auffordern
musste um sich darüber zu trösten
    Die GemütsEigenschaft des Grafens hatte hier etwas besonders Er unterließ
nicht in seiner Hochachtung gegen Leute die Verdienste hatten fortzufahren
wenn sie ihm gleich die Ihrige versagten Er ließ ihre GeringSchätzung sich
darzu dienen dass er seine Einbildungen von sich selbst desto genauer
einschränkte und seinem Verstand nicht zu vieles zutrauete
    Den König und den Hertzog von Sandilien verdross im Gegenteil die Aufführung
der obbemeldten beiden StaatsRäten destomehr weil sie dem Grafen gewogen
waren Sie wollten dass man dessen Anschlagen folgen sollte allein der
GroßKantzlar der sich zu dem Haupt der Missvergnügten machte hielt den
Fortgang derselben zurück
    Dieser war ein Mann von dem größten Ansehen Er war schlau listig
eigennützig und schmeichlerisch Er suchte die Leute die seiner Hilfe nötig
hatten nur mit höflichen Worten herumzuführen und sich nachgehends zu
beklagen dass er ihnen nicht dienen könnte Diejenige aber die seine verborgene
Absichten wussten die suchten ihn auf eine Art zu verpflichten welche zwar
keiner Bestechung ähnlich sah aber doch gleiche Wirkungen bei ihm
hervorbrachte Er empfing die Dienste von andern als die Einkünfte von seiner
Vortreflichkeit und wenn er sich dagegen erkenntlich zeigen sollte so ergriff
er die erste Gelegenheit über einen missvergnügt zu werden und brachte einen
dahin dass man noch froh sein musste wenn er einen entschuldigen wollte
    Er war freundlich bis zur Niederträchtigkeit und grausam unter dem Schein
des Glaubens und der Gerechtigkeit Er konnte weinen wenn er von unglücklichen
Zufällen oder von großen Missetaten reden hörte Er tröstete aber so wenig
die eine als er die andern entschuldigte Die allgemeine Not rührte ihn nicht
bei den Unordnungen der Menschen hatte er etwas zu gewinnen und bei ihren
Verbrechen etwas zu straffen Er betrog alle Menschen durch seine Heuchelei und
betrog sich selbst indem er seine Laster nicht kannte Dieser Fehler war der
einzige der seine andere noch in etwas entschuldigte
    Der Kantzlar bekam bald einen stärckern Anhang als der Graf Man liebt
selten an Höfen dergleichen SittenLehrer Der Graf würde sich dadurch
verächtlich gemacht haben wo er nicht zugleich durch dessen Artigkeit und
munteres Wesen sich so viel Bewunderung als durch seine Tugend Ehrerbietung
erworben hätte
    Der Graf von Rivera meinte es mit allen Menschen gut Er beleidigte niemand
Man bemerckte an ihm keinen Hochmut keinen Eigennutz keine Missgunst und keine
Falschheit Er machte nichts aus sich selbst Er betrachtete sein Glück als ein
Mittel andere glücklich zu machen Er hasste alles gezwungene und aufgeblasene
Wesen Er war gegen alle Menschen Leutselig und aufrichtig Man priess deswegen
seine Redlichkeit so sehr als seinen Verstand und schätzte seinen Beifall für
denjenigen der klügsten Leuten Der Soldat der Gelehrte der Künstler der
Bürger überhaupt alles erhub den Wert seiner großen Eigenschaften
    Nur die Geistlichkeit erklärte sich gegen ihn weil er dem König eine
Gemahlin von einer andern Religion zugeführet hatte und eine gewisse Kühnheit
zeigte ihre Ausssprüche nicht alle für Göttlich zu halten Er kante ihre Fehler
und drohte solche zu verbessern Die Partie des GroßKantzlars wurde durch sie
um so viel wichtiger Es fanden sich darunter schlimme Ratgeber Dem Grafen
wurde auf verschiedene Art nachgestellet Die Gräfin von Monteras bekam davon
Nachricht Sie war seinetwegen in steter Furcht Sie bat ihn sich der
Verfolgung seiner Feinde zu entziehen und auf eine Zeitlang von Hofe zu
entfernen
    Es ereignete sich darzu eine besondere Gelegenheit Alpina ein kleiner
Staat disseits der Aventischen Gebürgen an dem Fluss Danoro gelegen war mit
sich selbst uneins geworden Er sandt deswegen einige Abgeordneten nach
Panopolis Diese nahmen ihre Zuflucht zu dem Grafen von Rivera und baten ihn
sich auf eine kurtze Zeit in Person nach ihrer Stadt zu verfügen sie hoften er
würde ihnen Mittel und Ratschläge an Handen geben dem völligen Untergang ihre
Staats noch vorzubeugen
    Alpina lag unweit der Herrschaft des Grafens Er war ohnedem Willens seine
alte Frau Mutter und den Herrn von Bellamont zu besuchen Er bat deswegen den
König ihm diese kleine Entfernung auf ein paar Monate zu erlauben Er hofte
die Sachen würden sich mittlerweile bei Hofe näher zum Ziel legen und die
aufgebrachte Gemüter etwas von ihrem Eifer gegen ihn fahren lassen Die Gräfin
von Monteras betrübte diese abermahlige Scheidung des Grafens nicht wenig Sie
tröstete sich aber mit derselben Notwendigkeit Sie wusste dass die große
Eigenschaften ihres Geliebten noch einen höheren Beruf hatten als nur einen
vollkommenen Liebhaber in dieser Welt abzugeben
    Der Graf kam glücklich nach Alpina Er fand hier einen verwirrten Zustand
man wusste nicht eigentlich wer in diesem Ort zu befehlen hatte Bald herrschte
der Rat bald das Volck bald beide zugleich Zwietracht Misstrauen und
Unordnung aber beständig
    Die bequeme Lage der Stadt zur Handlung und die Freiheit so wohl in
Glaubens als Bürgerlichen Sachen hatten ehedessen viele Menschen dahin
gezogen Es fanden sich darunter sehr wohlhabende und begüterte Leute Es wurden
allerhand Fabricken angelegt und starke Handelschaften getrieben Das gemeine
Volck bekam dadurch Nahrung und wurde von dem müßigen Leben dem es zuvor
ergeben war zur Arbeit gebracht Allein Hochmut Neid ReligionsHass
Uppigkeit und Unordnung nahmen in kurtzer Zeit daselbst aus Mangel guter
Policei dergestalt überhand dass dadurch der Zustand zu Alpina desto
gefährlicher wurde je mehr er an Kräften und Menschen zugenommen hatte nicht
anders wie die vollblütige Körper welchen die Kranckheiten immer tödtlicher zu
sein pflegen als andern
    Dieser Ort stund mit den Sequanern im Bündnis welche von mehr als drei
hundert Jahren her ein freies Volck ausmachten Die aber weil sie von demselben
entfernet lagen ihn nicht sonderlich schützen konnten Er sah sich demnach
öfters gezwungen seine Zuflucht zu dem König von Aquitanien zu nehmen und
durch dessen Schutz sich gegen die gewaltsame Einfälle der benachbarten
Sabloneser sich zu halten Alpina gräntzte zugleich an Aquitanien und hatte
demnach seine Freiheit mehr der Eifersucht dieser beiden mächtigen Staaten als
seiner eigenen Verfassung zu dancken
    Es äußerten sich damals zu Alpina verschiedene zusammenstossende Ubel Die
Romaner hatten auf Anhalten des Königs von Aquitanien die Freiheit bekommen
sich in der Stadt Ringmauren einen Tempel zu erbauen Die Geistlichen wurden
dadurch aufgebracht ihre Meinung war nicht über ihren Sprengel zu schreiten
aber eine neue Kirche bauen sagten sie das geht uns an wir sind zu Wächtern
in Israel bestellt wir können darzu nicht schweigen dass man diesen Feinden
unseres Glaubens eine öffentliche Kirche aufführen lasse
    Allowiss ein junger ehrgeitziger Ratsherr wusste dass die Geistlichkeit den
Pöbel stimmen konnte wie sie wollte Er suchte sich durch sie einen Anhang zu
machen und die oberste Stelle im Rat zu erlangen Er gab deswegen dem
geistlichen ReligionsEifer Beifall und ließ sich öfters verlauten dass wo er
in Alpina etwas mehr zu sagen hätte die Sache mit den Romanern bald ein anderes
Ansehen gewinnen sollte Dieser Allowiss war sonst ein Sohn des weisen Humfrids
Ein Mann der sich ehedessen durch seine Redlichkeit und kluge Ratschläge um
diese Republick sehr verdient gemacht hatte Allein die den Vätern anhangende
Blindheit ihrer Kinder Fehler zu unterscheiden mochte auch dem alten Humfrid
eigen gewesen sein Allowiss war überaus verzärtelt seine ganze Erziehung war
auf den Ehrgeitz gegründet welche man ihm als die Eigenschaft großer Leute
angepriesen hatte von den Gründen der Tugen wusste er nichts Er meinte man
müsste ihn in Ansehung seines Vaters und seiner eignen Einbildung allen andern
seines gleichen vorsetzen Er betrachtete die Bürger fast wie seine Untertanen
und hatte einen kleinen SelbstHerrscher im Kopf
    Wie der Pöbel leicht zu bereden istso ist solches auch das weibliche
Geschlecht Wir leben in betrübten Zeiten sprachen einige der eifrigsten
Seelsorger Die Romaner nehmen bei uns überhand sie werden uns bald gar
ausbeissen und ihren GlaubensGenossen den Aquitanern oder Sablonesern
verraten Dieser so gefährlich lautende Bericht schlich von Mund zu Mund von
Ohren zu Ohren Die Weiber sprachen davon in ihren Gesellschaften und selten
wurden die Karten ehender ergriffen bevor der Artickel ausgemacht war dass man
die Romaner aus der Stadt jagen sollte
    Eine verborgene Eifersucht hatte vielleicht an diesem harten Ausspruch auch
ein wenig Anteil Das Romanische Frauenzimmer kleidete sich wohl Ihre Männer
waren meistenteils KaufLeute die durch einen hurtigen Gewinn auf einmal viel
Geld erworben hatten und deswegen eilten sich ihres guten Glücks zu bedienen
weil es insgemein nicht lange dauerte da ihm Gegenteil die alte Geschlechter
auf ihre Erhaltung bedacht waren und deswegen sparsamer zu Marckte gingen
    Der Pöbel von der Klerisei aufgehetzt ging endlich in seiner Wut so
weit dass er den neu erbaueten Tempel der Romaner stürmte Türen und Fenster
einschmiss Stühl und Bäncke in Stücken schlug und das Altar plünderte Allowiss
sah hier die gewünschte Gelegenheit vor sich seinen Ehrgeitz zu vergnügen Der
Pöbel welcher sich täglich zusammen rottete verlangte man sollte den Romanern
durchaus keinen offentlichen Gottesdienst verstatten ihre Geistlichen aus der
Stadt schaffen und die Bürger gegen die Fremde schützen
    Der Rat wollte sich auf diese Weise keine Gesetze vorschreiben lassen Er
suchte sein Ansehen zu behaupten Er ließ die Soldaten und die Bürgerschaft
aufbieten die vornehmste Posten in der Stadt besetzen und einige Stücke aus dem
Zeughauss vor das Rathauss pflantzen
    Die Bürger schlugen sich teils zu den Aufrührern teils zu der Partie des
Rats Jene klagten man wollte sie um ihre Gerechtsame und um ihre Freiheit
bringen Sie sagten der Rat war nicht befugt die Soldaten die er auf
gemeiner Stadt Kosten unterhielt gegen die Bürgerschaft zu gebrauchen Der Rat
hingegen betrachtete sie als Aufwiegler und Störer der gemeinen Ruh Die Sache
würde also übel für die Bürger abgelauffen sein wo sich Allowiss nicht zu ihrem
Oberhaupt aufgeworffen hätte
    Dieser kam mit einigen vornehmen Herrn des Rats und des Adels die ihm
zugetan waren auf das RatHaus Er ließ ohne einmal einen RatSitz
abzuwarten die Stücke wieder abführen und in das Zeughauss bringen Er tröstete
das daselbst versammlete Volck Er versprach solches zu schützen und bei seinen
Rechten und Freiheiten zu handhaben Das Volck rief darüber ein frohes Vivat
aus Den folgenden Tag wurde er von wenig anwesenden RatsHerrn mittlerweil
das RatHaus vom Pöbel umgeben war zum StadtAmtmeister erwehlet Die andere
RatsHerrn waren aus Furcht man möchte sich an ihnen vergreiffen zu Hause
geblieben Alle redliche Patrioten sahen dass man dem gemeinen Wesen übel
vorstund da man aus einer niederträchtigen Furcht dem Allowiss die erste Stelle
im Senat einräumte Was wollten sie aber tun Sie mussten dem Sturm ausweichen
und auf bessere Zeiten hoffen
    Hier ging es der Alpinern wie einem der an einem heftigen Fieber kranck
gelegen und dem ein unerfahrner Artzt solches auf einmal durch den starken
Gebrauch der China vertrieben hatte Die wütende Anfälle blieben aus allein
ein schleichendes Ubel durchwühlte die Glieder und drohte den ganzen Körper
mit der Auszehrung
    Allowiss suchte sich in allen Dingen bei dem gemeinen Volck gefällig zu
machen Den Romanern wurde der öffentliche Gottesdienst untersagt Die Soldaten
welche in der Stadt Sold stunden wurden abgeschafft und die Posten der Stadt
mit Bürgern besetzt die aus bloßem Müßiggang Soldaten spielten ihre Nahrung
darüber fahren ließ und weder KriegsZucht noch Ordnung beobachteten
    Eine Menge von allerhand Fremden welche sich bisher zu Alpina aufgehalten
hatten um der Freiheit und der Annehmlichkeit dieses Orts mit zu genießen
wurden genötigt von dannen weg zu ziehen weil man ihnen Schuld gab dass sie
nur Teurung in der Stadt verursachten und die beste Bissen den Bürgern vor dem
Mund wegspeisten Es hieß sie trügen keine Lasten und wären von allen Anlagen
frei Man dachte nicht dass Leute die nichts taten als dass sie das Ihrige
verzehrten der Stadt Nahrung brachten und den Umlauf des Gelds befördern
halffen welches gleichsam die Seele der gemeinen Wolfahrt ist
    Viele von dem fremden Adel hatten sich zu Alpina an die reichste Töchter
verheiratet Diesen kam es nicht sauer an mit ihren Männern einen Ort zu
verlassen der auf einmal begunte einsam und traurig zu werden Man merkte
bald dass die reiche Einwohner daselbst sehr abnahmen Man schenckte also um
diesen Verlust zu ersetzen vielen nichtswürdigen Leuten das BürgerRecht und
vermehrte durch sie und ihre Kinder den Anwachs der ArmenHäuser und Hospitäler
Nahrung Geld und Uberfluss ging damit aus der Stadt Mangel Not und Elend
aber blieben zurück
    Die Ergötzlichkeiten verloren sich von sich selbst man sah weder Sing
noch LustSpiele mehr Die SchauBühne die durch ihre lebhafte und rührende
Vorstellungen viel Lehrreiches hatte wurde geschlossen Die Dichter die
Redner die Mahler die Sängerinnen und Virtuosen wurden arm und mussten ihr
Brod an andern Orten suchen Die Musik wurde kaum noch in den Tempeln gehört
Die große Versammlungen des Adels versperrten nicht mehr die Straßen durch die
Menge ihrer Gutschen Die SpatzierGänge waren leer alle Freiheit alle Anmut
aller Umgang schien aufgehoben zu sein Die Reisende fanden in Alpina nichts
mehr das sie bewegen konnte den Einwohnern etwas von ihrem Geld zu
hinterlassen und sich bei ihnen länger als einen Tag aufzuhalten
    Die RitterSchule die nicht allein jährlich eine große Anzahl des
benachbarten und fremden Adels nebst anderer wohlhabender Leute Kinder in die
Stadt zog wurde wo nicht aufgehoben doch so elendig und mit so schlechten
Leuten bestellt dass sie von sich selber eingieng Auf der ReitBahn sah man
kaum noch ein Paar alte steiffe Pferde zum Andencken dass ehedessen allda eine
Schul gewesen sei Das Tanzen hielt man für sündlich die Musik für zu
weichlich das Fechten für gefährlich das Mahlen für eitel die Sprachen und
schöne Wissenschaften aber für unnötig
    Indem man also von diesen Dingen urteilte hatte man nicht ganz unrecht
die Art und der Endzweck wie und wozu man eine Sache gebrauchet macht
dieselbe entweder gut oder böse  Es sind in allen diesen Dingen gewisse Vorteile
vor die Gesundheit und für die Geschicklichkeit des Leibes für die
Wohlanständigkeit der Sitten und für eine vernünftige GemütsErgötzung die
aber allesamt durch ihren verkehrten Gebrauch böse ja überaus böse werden
können
    Man sah also in kurtzer Zeit diesen Ort zwar ganz ortodox allein zugleich
auch in völliger Abnahme Handel und Wandel lag darnieder der Müßiggang und
die Trägheit verdarben vollends die Einwohner Man besuchte die Kirchen mehr aus
Langerweil als aus Andacht Man betrachtete die Geistlichen wie die Spielenden
welche ihre Rolle auswendig lerneten Man lobte an dem einem die gute Stimme an
dem andern das herrliche Gedächtnüs und an dem dritten die große
Gelehrsamkeit weiter spührte man davon keinen Nutzen in dem gemeinen Leben Die
Leute wurden weder frommer noch tugendhafter Was die Obrigkeit nicht strafte
hielt man für keine Sünde Unter der Larve einer äußerlichen Ehrbarkeit
versteckte die Heuchelei die größte Laster Die Jugend formirte sich nach dem
Beispiel der Alten und die Auferziehung war eine Wissenschaft darauf sich
niemand legte die guten Sitten waren aus der Mode gekommen Man war ehrsüchtig
ohne wahre Ehre und geizig ohne den Nutzen der zeitlichen Güter zu kennen man
wusste weder was man mit dem Geld noch was man mit der Zeit machen sollte Alle
Ergötzlichkeit der Alpiner bestund nur in Essen und Trincken Diese Lust wurde
von ihnen so weit getrieben dass sie darüber teils faul und liederlich teils
seltsam u hypochondrisch wurden Man sah fast nirgend mehr ein gesundes Blut
einen munteren Geist und ein vergnügtes Herz
    In den Häussern der Reichen fanden sich kleine Apotecken magere Körper und
fette Küchen Kam man auf die Straßen so begegneten einem allenthalben arme
elende und gebrechliche Menschen welche wie die Schatten auf den Gräbern herum
wanderten Wo sich jemand ein wenig wohl gekleidet sehen lies da verfolgten ihn
die BettelLeute von einer Tür bis wieder zur andern
    Es waren auch Juden in der Stadt welche in einer besonderen Straße wohnten
und sich vom Betrug näherten weil man ihnen kein ander Handwerck erlaubte Ihre
Nahrung ging schlecht sie lebten kümmerlich sie übertraffen an Unreinigkeit
auch die hesslichste Tiere und regten sich in ihrem Kot und Unflat wie das
Ungezieffer in den Morästen trauriger Anblick von Kreaturen welche die Natur
wie uns zu Menschen gemacht hat
    Der Adel verrostete mit dem Glanz seiner Ahnen er war zu seinem Unglück so
unwissend als hochmütig Die Armut druckte ihn wie den gemeinen Burger sein
Vermögen steckte in LandGütern und Häussern Jene trugen nichts mehr ein und
diese stunden teils leer teils gaben nur schlechte Zinnsen Alpina schien
noch etwas von außen inwendig aber glich es einem krancken Baum der seine
letzte Kräffte noch in die schwancke Äste trieb Es war den Einwohnern von der
Glückseligkeit ihrer Freiheit schier nichts übrig als die Freiheit zu
verderben
    Die StadtBeamte die Geistlichen die RechesGelehrten und die Aertzte
waren bei nahe die einzige welche die gemeine Not noch verschonte die erste
zogen ihre Besoldungen beständig fort und die andere näherten sich von dem
allgemeinen Elend Die Trägheit machte die Menschen kranck und die lange Weile
haderhaftig Die Processe gehörten mit zu dem wichtigsten ZeitVertreib der
Alpiner ihr Müßiggang machte sie darinnen zu ihrem Verderben subtil und ihre
Zancksucht veranlaste täglich neue Entdeckungen in der Römischen
RechtsGelahrheit
    Der Rat war unter sich in verschiedene Banden zerteilt und die
Burgerschaft wusste selbst nicht recht was sie wollte Einer hatte diese ein
anderer jene Anschläge Man kam zusammen man sprach von der allgemeinen Not
ein patriotischer Eifer wollte durchdringen ein jeder aber hatte dabei etwas zu
erinnern der Widerspruch erhitzte die Gemüter man disputirte man zanckte und
ging im Tumult wieder aus einander Diejenige welche auf den Aemtern saßen
machten sich unterdessen diese Umstände zu Nutz sie fischten im trüben sie
nahmen das Geld ungezehlet und sparten sich dadurch die Müh solches zu
verrechnen Man verkauffte die EhrenStellen wie das Recht und wer einen guten
Dienst haben wollte der musste ihn bezahlen dagegen dorffte er auch wieder
allen Nutzen davon ziehen welcher möglich war ohne jemand Rechenschaft
darüber zu geben
    In diesem Zustand war Alpina als der Graf von Rivera daselbst ankam Man
hatte in den Pallast des verstorbenen Allowiss eingeräumt Der Graf bewunderte
dessen Pracht und sinnreiche BauArt er urteilte daraus dass ehedessen an
diesem Ort vortreffliche Künstler und BauLeute mussten gewesen sein
    Der sämtliche Rat und die vornehmste Häupter der Bürgerschaft
bewillkommten ihn mit großen Zeremonien Man setzte ihm eine Wache von vierzig
Burger vor das Haus Diese kamen zwar mit ansehnlichen Befehlshabern aufgezogen
allein die bewafnete Männer selbst sahen so betrübt aus dass sie den Grafen zum
Mitleiden bewegten ihm dünckte dass sie sich besser in die Hospitäler als zur
Parade schickten Der Graf wollte deswegen ihre Aufwartung doch nicht
verschmähen er sann vielmehr auf Mittel wie er sie ein wenig erquicken und
ihnen etwas zu gute tun möchte
    Der Rat hatte ihm gewisse Gelder zu seiner Unterhaltung angewiesen Diese
wurden darzu angewandt seine täglich abwechselnde vierzig Mann in einem großen
Saal mit einander zu speisen und den bedürfftigsten mit heimlichen Allmosen
beizuspringen Er setzte sich zuweilen zu ihnen und hörte ihre Klagen an Er
gab ihnen bei dieser Gelegenheit allerhand gute Lehren er ermahnte sie zur
Bescheidenheit zum Fleiß zur Ordnung und zum Gehorsam gegen ihre vorgesetzte
Obrigkeit
    An seiner Tafel speissten täglich die ansehnlichsten Leute so wohl aus der
Burgerschaft als aus dem Rat Einige Geistlichen wurden gleichfalls mit darzu
gezogen Der Graf ehrte und liebte diese Leute ungemein wenn sie nebst ihren
Wissenschaften und Einsichten in göttlichen Dingen auch selbst sich zu Exempeln
guter Lehren dem Volck darstellten er wusste die Wichtigkeit ihres Amts und dass
sie dadurch die beste Gelegenheit hatten das Gute zu befördern
    Es fand sich unter den Ratsherrn ein nichtswürdiger Mann Er wollte gern
reich und vornehm sein Das Glück und die Geburt hatten ihm solches versagt er
war von schlechtem Herkommen er hatte keine Mittel Dagegen hatte ihm die Natur
einen verschmitzten Kopf und ein verräterisches Hertz gegeben Er wurde von
niemand hochgehalten destomehr aber hielt er von sich selbst er wusste um alle
Geheimnisse des Staats und mengte sich in alles Er wollte bei dieser
Gelegenheit Alpina dem König von Aquitanien in die Hände spielen Er eröffnete
darüber seine Vorschläge dem Grafen von Rivera Dieser berichtete zwar dessen
treulose Anschläge noch Hofe um sich in keine Verantwortung zu setzen er fügte
aber sein redliches Bedenken mit bei warum er nicht riet sich dermahlen des
Staats von Alpina zu bemächtigen Es heist sonst man liebt die Verräterei und
hasset die Verräter der Graf aber hasset beide Er wollte seinen König nicht zu
einem Herrn eines kleinen Staats machen der in seiner äußersten Not die
Zuflucht zu ihm genommen hatte und dessen Bemächtigung ihm neue Unruh und neues
Mistrauen von Seiten seiner Nachbarn würde zugezogen haben Er sann vielmehr auf
Mittel den armen Alpinern seines Königes Schutz und Hilfe auf eine Art wie sie
solche von ihm wünschten angedeien zu lassen
    In diesen Absichten setzte er seine Unterhandlungen so wohl mit den
Abgeordneten des Rats als der Burgerschaft fleißig fort er konnte aber so
verschiedene wieder einander lauffende Ratschläge darunter ein jeder nur
seinen eigenen Nutzen suchte unmöglich mit einander vergleichen noch alle
insbesondere vergnügen
    Er ließ deswegen die Vornehmste von der Burgerschaft zusampt dem Rat
zusammen auf das Rathauss kommen O ihr Bürger von Alpina redete er sie an ihr
köntet die glücklichste unter den Einwohnern des Erdbodens sein wenn ihr eure
Glückseligkeit erkennen und die einfältigste Mittel gebrauchen woltet sie zu
erhalten Ich sehe aber dass meine bisherige Ratschläge lange nicht zulänglich
sind einen jeden unter euch vollkommen zu vergnügen ich finde solches
unmöglich Es ist also hier die Frage ob ihr die Unterhandlung deswegen
abbrechen und euch eurem weitern Schicksal bei euren fortdauernden
Misshelligkeiten überlassen oder ob ihr gutem Rat folgen und eure gemeine
Wohlfart besorgen wollt Der Graf schwieg hierauf still um zu vernehmen
wessen man sich gegen ihn erklären würde Man stimmte endlich mit einander ein
dass man alles dessen kluger Einsicht überlassen wollte Der Graf bat sich darauf
einige Bevollmächtigten aus mit welchen er die Sache zum Schluss bringen könnte
    Diese wurden bald gewehlt der Graf gab keiner Parteilichkeit Gehör seine
Vernunft durchdrang eine Sache bis auf den Grund er lies sich kein Blendwerck
vormachen er suchte Frieden zu stifften dieser findet sich leicht wenn man
ihn verlanget
    Man legte die alte Verfassung welche den Staat in Aufnahm gebracht hatte
zum Grund der neuen Einrichtung die Ordnung der Hausshaltung und der
verrechneten Dienste wurde sicher gestellt Handel und Wandel von allen
außerordentlichen Auflagen befreit dem fremden Adel wie auch Gelehrten
Künstlern und andern Leuten die keine bürgerliche Hantierung trieben wieder
erlaubet ohne bürgerliche Lasten zu tragen sich in der Stadt aufzuhalten die
GewissensFreiheit verstattet eine gewisse Anzahl regulirter Soldaten zu halten
beschlossen KirchenPoliceiKleiderGesind und andere gute Ordnungen
einzuführen gebilliget Damit man aber hinfüro bei allen und jeden sich
ereignenden Missverständnüssen nicht mehr nötig haben möchte Rat und Hilfe
bei den Nachbarn zu suchen und dieselbe von der Schwäche ihrer Stadt zu
unterrichten So sollten hinfüro beständig vier der redlichsten und klügsten
Männer von der sämtlichen Bürgerschaft als SchiedsRichter darzu erwehlet
werden
    Auf diese Weise wurden die unglückselige Zwistigkeiten zu Alpina durch die
Sanftmut und Weissheit des Grafens von Rivera glücklich beigelegt und dessen
Wohlstand wieder auf einen sichern Grund gesetzt Die Alpiner betrachteten den
Grafen als ihren SchutzGott und stiffteten ihm ein unsterbliches Andencken in
ihren GeschichtsRegistern Er hatte in seinem Herzen dafür dasjenige Vergnügen
zur Vergeltung welches große Gemüter empfinden wann sie etwas gutes zu Stand
gebracht haben
 
                            Das siebenzehende Buch
Der Graf von Rivera besuchte auf seiner Rückreise von Alpina seine Frau Mutter
und den Herrn von Bellamont seine älteste Schwester aber nahm er mit sich nach
Panopolis diese Gräfin war ungefähr dreißig Jahr alt sie besaß dem ungeacht
noch allen Liebreitz der Jugend und hatte dabei die Klugheit eines reiffen
Alters Die gezwungene Verstellungen ihres Geschlechts damit es öfters einen
scheinheiligen Eckel gegen das Heiraten vorschützet waren nicht die Ursachen
ihres ledigen Standes sie urteilte davon mit Vernunft und schätzte sich für
glücklicher ihre Freiheit einem Stand vorzuziehn welchen die meiste Menschen
mit Verlangen suchen und mit Unzufridenheit beleben
    Die Gräfin von Monteras empfand ein ungemeines Vergnügen diese Tugendvolle
Schwester ihres geliebten Grafens bei sich in Prato zu sehen Sie war seit
dessen Abwesenheit nicht nach Hofe kommen Nun aber wollte der König dass ihre
Vermählung mit dem Grafen nicht ferner sollte ausgesetzt bleiben Der Graf selbst
begunte endlich nach dem glückseligen Augenblick zu seufzen der ihn mit seiner
Geliebten durch ein unzertrennliches Band auf ewig verknüpffen sollte
    Es waren unterdessen dass der Graf zu Alpina sich befand der
KammerPresident und der StaatsSekretarius mit dem Hertzogen von Sandilien
dergestalt verfallen dass sie sich von Hofe entfernen und ihre Aemter in des
Königs Hände zurück geben wollten Der Graf aber schlug sich ins Mittel er
wusste wie nötig diese beide Ministers dem König waren er suchte sie deshalben
wieder auf gute Meinungen zu bringen er stellte ihnen vor wie leid es ihm wär
dass er zu diesem Missverständnüs Anlas gegeben hätte und dass er nichts mehr
wünschte als ihre Weissheit und ihre Erfahrung sich zu Nutz zu machen Er bat
sie deswegen sich die Mühe zu nehmen und die von ihm dem König übergebene
Vorschläge von Punkt zu Punkt mit ihm durchzugehen
    Die konnten ihm wohl dieses nicht abschlagen sie erklärten ihm ihre
Zweiffel ihre Schwierigkeiten und was sie sonst dabei zu bedencken hatten Der
Graf nahm allhier die Stelle eines Menschen der nur wollte unterrichtet sein er
besaß aber die Kunst sich zu erklären und richtige Schlüsse zu machen Es war
bei ihm kein Eifer eines hitzigen Widerspruchs der die Einbildung derer die
sich für klüger hielten beleidigen konnte er gönte andern diesen Vorzug wann
nur die Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht darunter litte durch diese
bescheidene Aufführung gewann er endlich den völligen Beifall obberührter
StaatsMinister ohne welche der Graf nichts mit Nachdruck hinaus zu führen sich
getrauete
    Mit dem GroßKantzler aber wollte der Graf nichts zu tun haben er wusste
dass er ein falscher und boshaftiger Mann war Es war ihm unmöglich sich vor
solchen Leuten zu schmiegen selbst die Höflichkeit die ihm sonst natürlich
war hatte hier etwas zurückhaltendes und fiel ihm schwer so wenig konnte der
Graf heuchlen und ein so schlechter Hofmann war derselbe wann er sich ein
wenig verstellen sollte
    Den GroßKantzler verdross diese Aufführung des Grafens er war gewohnt dass
man sich vor ihm demütigte und alle seine Handlungen mit den größten
Schmeicheleien erhub Der Graf war dazu nicht geboren die Natur hatte ihn zu
einem redlichen Mann gemacht und die Religion überzeugte ihn dass man in allen
Umständen des menschlichen Lebens aufrichtig sein müsste
    Der GroßKantzlar unterließ dagegen nicht dem Grafen bei aller Gelegenheit
die Wirkungen seines heimlichen Grolls zu erkennen zu geben Er tadelte alle
seine Unternehmungen und hatte bald an seiner Aufführung bald an seinen
Meinungen etwas auszusetzen Er tat solches mit einer sehr spitzfindigen und
heimtückischen Art Dem Grafen wär es ein leichtes gewesen ihn dafür in des
Königs Ungnade zu bringen allein sein grossmütiges Hertz war so weit entfernet
die Ursach an eines Menschen Unglück zu sein dass er vielmehr den König bat
diesen alten Minister die wenige Zeit die derselbe noch zu leben hätte bei
seinen Würden und Einkünften zu lassen doch riet er dabei dessen Macht und
Ansehen dergestalt einzuschräncken dass sie den guten Absichten des Königs nicht
hinderlich sein mögten
    Mittlerweile dass diese Sachen bei Hofe vorgiengen ereignete sich mit der
Gräfin von Monteras ein artiger Zufall Die Königin hatte sich schon einige
Wochen zu Bellahai aufgehalten und der König belustigte sich mit der Jagd auf
der Einsiedelei Sie suchte hier von der vielen Unruh des Hofs ein wenig sich zu
erholen und ihr eigen zu sein Alle Damen die von Panopolis sich meldeten um
ihr die Aufwartung zu machen wurden zurück gewiesen Es hieß die Königin war
unpässlich und ließ niemand vor sich In der Tat so befand sie sich auch nicht
wohl Ihr übel Aufbefinden aber war ein Zeichen von etwas Guts Sie trug die
Hoffnung des ganzen Reichs unter ihrem Hertzen Die Königinnen haben in
dergleichen Sachen keine Freiheit von der Natur um weniger als andere Frauen zu
leiden
    In diesen Umständen da die Königin niemand als ihre Vertraute die Frau von
Riesenburg oder wie man sie nannte die Marggräfin von Luccaille um sich
hatte und diese ihr immer von den liebenswürdigen Eigenschaften der Gräfin von
Monteras so vieles vorsagte bekam dieselbe eine ungemeine Begierde die Gräfin
bei sich zu sehen Die Marggräfin musste demnach ihr schreiben und sie bitten
dass sie die Königin möchte besuchen kommen Mit dem Zusatz dass dieselbe ganz
alleine zu Bellahai sich befänd und dass der König von ihrem Zuspruch nichts
erfahren sollte
    Die Gräfin von Monteras kam Die Königin empfing sie mit allen Merckmahlen
einer besonderen Hochachtung Sie hatte ein Vergnügen bei ihr den
beschwerlichen Rang der Hoheit abzulegen und die Freundschaft dieser Schönen
auf die natürlichste und aufrichtigste Art sich auszubitten Die Gräfin konnte
dagegen ihrem Hertzen den edlen Hochmut nicht verwehren sich in diesem Stück
ihrer Königin gleich zu stellen und ihr eine solche Erkenntlichkeit zu zeigen
die dasjenige schien gleich zu machen was die Königin voraus hatte und sie
selber hätte haben können Je länger sie beisammen waren je mehr sie sich
einander gefielen Die Königin hatte ihr und der Marggräfin von Luccaille ein
Bett in ihrem Kabinet eingeraumet worin sie sonst in Abwesenheit des Königs
wegen der lieblichen Aussicht selbst zu schlafen pflegte
    Der König belustigte sich unterdessen noch immerfort auf der Einsidelei als
aber drei bis vier Tag herum waren da er die Königin nicht gesehen hatte sagte
derselbe Abends spät zu dem Grafen dass er mit ihm in aller Stille ohne dass es
seine Leute gewahr würden nach Bellahai fahren sollte weil er ein Verlangen
hätte die Königin allda im Schlaf zu überfallen Der Graf ließ zu dem Ende die
Pferd vor seinen Wagen spannen und tat als ob er allein nach dem AbendEssen
wegfahren wollte Der König war von der Tafel aufgestanden man begleitete ihn
nach seinem SchlafGemach und ein jeder begab sich zur Ruh Der König aber an
statt sich zu Bett zu legen setzte sich mit dem Grafen in die Gutsche und fuhr
mit ihm nach Bellahai
    Der König stieg mit dem Grafen vor dem SchlossHof ab Er ging ganz leise
durch die Vorzimmer der Königin Einige Trabanten und KammerBedienten welche
die Wache hatten und teils auf den Stühlen eingeschlafen waren ließ den
König ungehindert fortgehen Der König kam bis ins Kabinet er vermeinte die
Königin durch einen Kuss aufzuwecken Indem aber hörte er mit einer ängstlichen
Stimme sich entgegen ruffen Ach der König der König Er fühlte zugleich
einen Arm der ihn mit der größten Heftigkeit von sich stieß Der König zog
damit den Vorhang weg und erblickte die Gräfin von Monteras Man urteile von
ihrer beiden Bestürzug
    Die Marggräfin von Luccaille die gleich auf den ersten Schrei der Gräfin
munter wurde richtete sich hurtig auf und erkannte den König Sie konnte über
diesen Zufall sich des Lachens nicht enthalten Der König wusste für Verwirrung
nicht was er sagen sollte Er konnte sich erst gar nicht einbilden wie die
Gräfin von Monteras allhier in der Königin Bett gekommen sei Er wollte wissen
wie dieses zugieng und wer ihm dieses Spiel gemacht hätte Die Marggräfin
versprach ihm alles zu erzählen nur bat er ihre SchlafGesellin welche sich
unterdessen ganz unter die Küssen versteckt hatte nicht ferner durch seine
Gegenwart zu ängstigen Die Königin wurde durch diesen kleinen Lermen
aufgeweckt Einige KammerFrauen waren gleich bei der Hand und wiesen den König
zurecht Die ganz erschrockene Gräfin von Monteras ließ sich darauf ein wenig
ankleiden und mit Zittern in das Gemach der Marggräfin von Luccaille bringen
    Die Königin vermerckte bei dem König über diesen Zufall eine stark
aufgebrachte GemütsBewegung Wenn das Hertz einmal gewohnt ist über gewisse
Sachen gerührt zu werden so kann es dergleichen Eindrücke auch nur durch die
Länge der Zeit und durch die Macht anderer Vorwürffe verliehren Der König war
besorgt die Königin möchte seine Verwirrung wahrgenommen haben und sich
darüber unangenehme Gedanken machen Die Königin aber tat als ob sie sich
deswegen ganz nicht beunruhigte Sie schertzte vielmehr mit dem König und
wollte dass er ihr verbunden sein sollte weil sie ihm die Gelegenheit gemacht
hätte bei der schönen Gräfin von Monteras einen unschuldigen Kuss so wohl
anzubringen
    Der Morgen kam herbei die Marggräfin von Luccaille welche die Nacht über
so wenig als die Gräfin von Monteras geschlafen hatte schickte so bald sie
beide angekleidet waren zu dem Grafen von Rivera und ließ ihn bitten gleich
zu ihr zu kommen Sie wollte hier den Grafen ein wenig zum besten haben sie bat
zu dem Ende die Gräfin sich hinter den Vorhängen des Bettes zu verbergen und
ihr Gespräch mit dem Grafen anzuhören So wenig auch der Gräfin ihr Sinn zum
Schertzen gestellt war so musste sie doch hierinn der Marggräfin zu Willen
sein
    Als der Graf von Rivera ins Zimmer trat fragte ihn die Marggräfin ob er
die Gräfin von Monteras lange nicht gesehen und was er von ihr für Nachricht
hätte Dieser antwortete Er wär vor acht Tagen in Prato bei ihr gewesen und
wüste auch dass sie allhier bei der Königin ihre Aufwartung gemacht hätte
Morgen gedächte er sie wieder zu besuchen O kaltsinniger Liebhaber rief hier
die Marggräfin aus Wenn ich die Gräfin von Monteras wär ich wollte sie nicht
halb so viel lieben In acht Tagen sich nicht nach einer Geliebten zu
erkundigen welche binnen dieser Zeit die größte Gefahr ausgestanden hat in
eines andern Hände zu geraten solches ist in der Tat eine Unachtsamkeit die
einem so getreuen Liebhaber wie der Herr Graf sein wollen kaum für gut zu
halten ist
    Der Graf veränderte über diese Nachricht die Farbe Wie sprach er ganz
bestürtzt ist meiner Gräfin etwas ungleiches wiederfahren und wer sollte sich
wohl unsterstanden haben ihr etwas zu Leid zu tun Nichts zu Leide unterbrach
die Marggräfin sondern etwas zu Liebe denn es ist so weit gekommen dass sie
der König schon wirklich in seine Arme gefasst und ihr einen Kuss geraubet hat
    Wie fragte hier der mehr als bestürtzte Graf Wie der König Ich bin ja
keinen Augenblick seit dem von ihm gewesen als im Schlaf und eben im Schlaf
fuhr die Marggräfin fort hat sich diese Begebenheit mit der Gräfin zugetragen
Was mögen doch Ew Gnaden sagte hierauf der Graf zu der Marggräfin für Ursach
haben so unbarmhertzig mit mir zu schertzen Sie wissen wie zärtlich ich die
Gräfin liebe Das ist erwiderte jene davon ein schlechtes Kennzeichen dass
sie nicht einmal wissen wo dermahlen ihre Geliebte sich befindet und was ihr
seit dem wiederfahren ist Ich muss sie noch viel lieber haben dann ihr Geist
hat sich diese Nacht bei mir gezeiget und mir alles erzählt Wenn sie nicht
erschrecken wollen so will ich ihn citiren
    Indem sie dieses sagte und der Graf nicht wusste ob die Marggräfin nicht
einige Anfälle von einem hitzigen Fieber hätte zog sie mit einem Stab einen
Krayss Komm schöner Geist sagte sie ich beschwöre dich im Namen deines
Geliebten zu erscheinen Diese Worte waren noch nicht aussgesprochen so kam die
Gräfin von Monteras hervor getretten O sprach sie Marggräfin ihr Schertz
geht zu weit Hier ist nicht nur mein Geist ich selbst bin hier zugegen
    Der Geist dieser schönen Gräfin hätte dem Grafen nicht so bange gemacht als
ihre leibliche Gegenwart Wie find ich sie hier meine Gräfin fragte er ganz
furchtsam was soll dieses Spiel bedeuten die Marggräfin erzehlte ihm hierauf
die ganze Begebenheit welche ihm keines wegs so lächerlich schien die Gräfin
war darüber in gleicher Furcht und verlangte sehr wieder nach Prato zurück zu
kehren
    Sie waren noch in dieser Uberlegung als der König und die Königin zu ihnen
ins Zimmer traten Ich komme redete der König die Gräfin an sie um Vergebung
zu bitten dass ich sie diese Nacht in ihrer Ruhe gestöret und damit solches
nicht mehr geschehe so befehl ich hiermit dem Grafen von Rivera sich hinführo
besser nach ihrem SchlafGemach zu erkundigen
    Nachdem sich also der Schrecken bei der Gräfin von Monteras durch ein
vergnügtes Lachen endigte so wiederhohlte der König seinen Befehl dass ihr
Beilager ohne ferneren Aufschuf vor sich gehen sollte die Gräfin beurlaubte sich
damit bei dem König und der Königin und reiste nach Prato der Hof aber begab
sich wenig Tage darauf wieder nach Panopolis
    Es ereignete sich um diese Zeit noch eine andere Begebenheit welche dem
Grafen Gelegenheit gab sein gutes und grossmütiges Herz zu zeigen Der
Cheruscische Edelmann den er bisher bei sich gehabt und in den wichtigsten
Geschäfften gebrauchet hatte wurde von den Annehmlichkeiten der jungen Fräulein
von Bellamont welche ihre Schwester die Frau von Ridelo bei sich erzogen
hatte dermaßen gerühret dass er für sie die allerstärckste Leidenschaft
empfand Er war mit dem Grafen in einem Haus wo er sie schier täglich zu sehen
bekam und sie blickte ihn mit solchen Augen an dass er daraus schließen konnte
er müsste ihr nicht gleichgültig sein Allein Ehrfurcht Unvermögen und der
geringe Stand worin er sich sah erlaubten ihm keine Hoffnung in dieser Liebe
glücklich zu sein Der Graf welchem er diente hielt die Fräulein von
Bellamont wie sein eigen Kind Der Herr von Ridelo ihr Schwager ob er gleich
von Geburt nicht besser als der Cheruscer war besaß eine von den obersten
Stellen bei Hofe und lebte als ein großer Herr Diese Umstände machten den
Cheruscer nicht wenig seufzen
    Er wurde aus dem lebhaftesten Menschen dermaßen tiefdenckend traurig und
zerstreuet dass der Graf welcher ihn sehr liebte dieser Veränderung an ihm
bald gewahr wurde Er sah ihn etlichmahl in Gegenwart der Fräulein von Bellamont
dergestalt erblassen dass es schien als ob er sich übel befänd Als nun der
Graf dabei merkte dass die Fräulein öfters mit halb verstohlenen Blicken nach
ihm hinsah so hatte er das Geheimnüs weg
    Der Cheruscer war von gutem Adel und aus dem Geschlecht derer von Kantwitz
allein von armen Eltern Der Graf fand demnach bei dieser Sache nichts das der
Wohlanständigkeit einer Heirat zwischen diesen jungen Leuten im Weg stehen
sollte Er entschloss sich demnach sie beide glücklich zu machen Er schrieb
darüber seine Meinung an seinen alten Freund den Herrn von Bellamont welcher
alles seinem Gutdüncken heimstellte als er aber auch der Frau von Ridelo dieses
Vorhaben eröfnete so fand sich diese dadurch ganz verschmähet So wenig können
die tugendhafteste Frauen über den Gipffel ihrer Hoheit und über das was
werden die Leute sagen sich empor setzen Der Cheruscer war ein Bedienter des
Grafens es schien ihr also empfindlich zu sein dass der Graf durch eine solche
Heirat ihre Schwester in die Gleichheit einer solchen Niedrigkeit ziehen wollte
Diesen Mangel der Ehrerbietung konnte sie ihm kaum verzeihen der Graf aber wusste
sich dieserwegen artig an ihr zu rächen
    Ihr könt schweigen mein lieber Kantwitz sagte er einsmahls zum Cheruscer
jetzt aber solt ihr reden und euch nicht scheuen mir die Wahrheit frei zu
bekennen Saget mir wie gefällt euch die Fräulein von Bellamont Kantwitz
errötete über dieser Frage Gnädiger Herr antwortete er mit einiger
Verwirrung die Fräulein ist unvergleichlich wem sollte sie nicht gefallen es
fehlt mir nur ein höheres Glück so wolt ich sagen dass ich sie liebte Die
Neigung zwar ist frei allein die Hoffnung wär verwegen
    Ihr seid erwiderte der Graf von Geburt nicht geringer als die Fräulein
von Bellamont das Glück teilt die Würden und die Güter aus ihr habt diese
Vorteile noch zu gewarten Ich werde mir daraus die größte Freude machen euch
darzu den Weg an unserm Hof zu bahnen Kantwitz wollte für diese großmütige
Erklärung dem Grafen die Hände küssen Der Graf aber schloss ihn in seine Arme
Mein lieber Herr von Kantwitz sprach er zu demselben lasset uns hinführo als
gute Freunde mit einander leben Es wird sich alles schicken zuvor aber wird es
nötig sein dass sie mir noch einige Umstände von ihrem eigentlichen Herkommen
und dem gegenwärtigen Zustand ihres Hausses erzählen damit ich allenfalls das
nötige darüber möchte antworten können
 
                                       
Wenn man gnädiger Herr fing darauf Kantwitz an in meinen Umständen ist so
ziemet es sich nicht wohl eines vornehmen Herkommens sich zu rühmen ich müsste
ihnen sonst sagen dass der Ursprung meines Geschlechts gräflich sei allein eine
lange Folge von wiedrigen Zufällen und innerlichen Unruhen hat meine Vorfahren
nach und nach so weit herunter gebracht dass sie in der Gegend von Toscana wo
ehemahls die von Kantwitz ein großes Land beherrschet haben kaum noch etliche
Edelhöfe und Meiereien besaßen Ein abscheulicher Krieg der über hundert Jahre
lang schier beständig fortdauerte und einen großen Teil von Battavien
verheerte machte dass mein UhrGrossvatter seine Sicherheit in Britannien
suchte Er war aber nicht so bald von seinen Gütern entfernet so trugen ihm
solche nichts mehr ein dessen wenige Barschaften und Kleinodien die er mit
sich genommen hatte waren nicht zulänglich ihn Standsmässig zu unterhalten Er
wollte nicht der menschlichen Gesellschaft zur Last leben noch aus einem
närrischen Hochmut lieber ein Hochadelicher Müßiggänger als nützlicher Bürger
sein Er war also der erste welcher sich entschloss gleich andern die mit ihm
ihr Vatterland verlassen hatten den Rest seines Vermögens auf Handelschaft zu
legen Er suchte deswegen seine Güter in Battavien zu Gelde zu machen und sich
in Brittannien fest zu setzen allein die Wut des fortdauernden Kriegs machte
dass die LandGüter nichts galten er und sein Sohn starben und die Güter kamen
noch bis auf meinen Vater der sie endlich nach dem alle Hoffnung erlosch dass
jemals das Land wieder an seine alte Regenten und zu seiner vorigen Freiheit
gelangen würde um ein geringes Geld verkauffte
    Mein UhrGroßvater war in der Handlung glücklich er hatte Schiffe auf der
See gehen und wurde ein sehr wohlhabender Mann er hinterließ einen Sohn der
weil er mehr Eitelkeit hatte die Handlung niederlegte und bei Hof in
ziemlichen Ansehen lebte Mein Vater wurde in allen Vorzügen des Adels
auferzogen und man betrachtete ihn als den Erben eines großen Guts
    Ich muss hier die Schrancken des Wohlstandes überschreiten und meinen Vater
Ew Gnaden als einen vollkommen ehrlichen Mann beschreiben sein Ansehen war
liebreich und grosmütig sein Verstand zeigte sich so wohl in seinen
Wissenschaften als in seiner ganzen Aufführung Er hatte einen solchen Grund
von Frömmigkeit dass er sich auch scheute die geringste Laster zu begehen Er
verband sich schon in seiner Jugend es koste was es wolle weder von der
Wahrheit noch Aufrichtigkeit jemals abzuweichen
    War mein Vater tugendhaft so war er auch nicht weniger unglücklich wann
man anders einen Menschen unglücklich nennen kann der mit Gelassenheit alle
Widerwärtigkeiten dieses Lebens hat ertragen lernen und der nach einem ruhigen
Alter als ein Christ gestorben ist
    Mein Vater war schon in seiner Jugend seiner Güte halben geliebt bewundert
und betrogen Er war kein Verschwender die Laster brachten ihn um nichts
Mitleiden Redlichkeit und zu leichtes Trauen schier um alles
    Er hielt es mit der Partei des Königs Kamiris nicht weil sie die
glücklichste war sondern weil sie ihm die redlichste dünckte weder die
Aufführung der Großen welche dem Printzen Frido beipflichteten noch der Eifer
der Geistlichkeit mit welcher sie den Hof und die Religion verwirrten schien
ihm aufrichtig und gerecht zu sein er redete dagegen nach seiner gewöhnlichen
Freiheit und zog sich dadurch den Hass und die Verfolgung auf den Hals welche
insgemein dergleichen Offenherzigkeiten verursachen Frido kam nicht so bald auf
den Thron welchen Kamiris ihm einräumen musste so fand mein Vater für sich in
Brittannien keine Sicherheit mehr er begab sich nach Albanien und brachte ein
stattliches Vermögen mit sich Der König bediente sich seines Rats in
verschiedenen Geschäfften
    Es war an diesem Hofe eine üble Haushaltung die Unordnung herrschte in
allen Ständen Die Laster hatten das Ansehen der Artigkeit gewonnen und die
Tugend schien beinahe lächerlich Mein Vater den sein Eifer gegen das Böse und
die Redlichkeit das Gute zu befördern allenthalben ausbrachte konnte hier nicht
schweigen Er schalt auf die ruchlose Sitten er tadelte die Unmässigkeit und
Ausschweiffungen der Höflingen er verachtete ihren närrischen Hochmut er
heuchelte niemand Er sprach mit dem König auf eine sehr freie Art er bediente
sich nicht der gewöhnlichen HofSchmeichelei um dessen Laster zu Tugenden zu
machen Den König befremdete eine solche Freiheit die ihm öfters ganz
verwegen schien Mein Vater kehrte sich daran nicht er war bereit sein ganzes
Glück einer Tugend aufzuopffern die ihm die würdigste schien die Eigenschaft
eines ehrlichen Manns auszumachen
    Der König hatte immer Mangel an Geld Er hatte Einkünfte genug allein sie
wurden zehenmahl gezehend ehe sie in seine Koffer kamen es waren zu viele
Hände durch welche solche durchgiengen es blieb in einer jeden etwas kleben
Mein Vater hatte dem König vorgeschlagen eine offene Banck nach Art derjenigen
in GroßBrittanien aufzurichten Solches geschah Er schoss darzu eine große
GeldSumme die Sache schien einen guten Fortgang zu gewinnen der König hatte
alles unter seinem Siegel und Nahmen ausfertigen lassen und verbürgte sich
daselbst für die allgemeine Sicherheit Die Kapitalisten welche in seinem Lande
waren hatten ein Vergnügen ihre Gelder sicher unterzubringen und solche in
die Banck zu legen Die Handlung die Seefahrt und der offentliche Kredit
wurden dadurch stattlich befördert Allein es waren kaum sechs bis sieben Jahre
verflossen so ereignete sich ein Krieg der König brauchte hurtig Geld er
griff darüber die Banck an die Zahlungen fehlten man gab den Leuten papierne
Anweisungen und als auch diese in kein geprägtes Gold oder Silber sich
verwandeln wollten so wurden sie mit Verlust verhandelt und verloren endlich
gar allen Wert Der König entschuldigte sich mit der Not und die Banck war
damit aufgehoben Mein Vater verlor dabei einen großen Teil von seinem
Vermögen Er nahm sich dafür die Freiheit dem König desto nachdrücklicher die
Wahrheit zu sagen
    Wie der König keine Schulden zahlte so folgten diesem hohen Beispiel auch
dessen vornehmste Bedienten Es war nicht nur am Albanischen Hofe keine Schande
mehr wan man viel Schulden hatte sondern man trieb die Großmut daran auch so
weit dass man sich der Zahlung wegen im geringsten nicht bekümmerte wer
ordentlich haushielt und noch ein wenig Geld hatte der wurde als ein Geitzhals
beschrien wer aber sich und sein Haus aller Mittel entblöset und halb vom Raub
und halb vom borgen lebte dessen edles Gemüt und große Freigebigkeit wurden
mit Bewunderung erhoben Man lebte also mit wenig Sorgfalt auf Unkosten der
gemeinen Not und vermehrte solche unendlich durch die edle Furcht für der
Kargheit
    Was also der König meinem Vater noch gelassen hatte nahmen ihm diese
großmütige Leute weg Er fand kein Recht Man hielt ihn für reich und machte
sich daraus eine Ehre seine Schuldner die liederlich waren gegen ihn zu
schützen Es schien als ob er sich mit seinem Geld nur die Verachtung der
Menschen und den Hass derer denen er geborget erkauft hätte
    Er war an eine junge Dame verheiratet die Anfangs durch ihre Eitelkeiten
und Verschwendungen den Grund seines Vermögens auch ziemlich mit aufrütteln
half Sie besaß viele Annehmlichkeiten Sie war lebhaft munter
schmeichlerisch und kleidete sich überaus wohl Mein Vater der für sie die
Nachsicht eines Liebhabers und die Gefälligkeiten eines Mannes hatte der seine
Frau nicht missvergnügt sehen konnte ließ ihr machen was sie nur wollte Sie
hatte den Fehler junger Leute die von armen Eltern sind und die deswegen nicht
wissen was Geld ist noch wie man solches zu verwalten pflegt Es war ihr
nichts kostbar und nichts schön genug und wenn es auf das Zahlen ankam so
sprach sie Ist es doch nur Geld Worzu hat man solches als um sich damit zu
vergnügen
    Ein Zufall machte unterdessen bei ihr auf einmal eine große Veränderung
Sie war mit einer Dame auf den großen Platz spatziren gefahren wo sich
insgemein gegen Abend viel hundert Gutschen versammleten und die Schönen sich
gleichsam in ihren besten Aufputz zur Schau herum führen ließ Es war schon
etwas dunckel wie sie von dieser Dame nach Hause fuhr Ihr Wagen war in Form
eines Phaetons rings herum offen und oben nur mit einem kleinen Baldachin
bedecket Ihre funckelnde Diamanten die an ihrem Halse hiengen hatten sich bei
dieser Gelegenheit einen Liebhaber erworben welcher da er ihren spielenden
Reitzungen nicht widerstehen konnte einen kühnen Anschlag machte diesen Schatz
zu entführen Er war dem Wagen nachgefolgt und als die Diener bei dem Hause
absprangen um das Tor zu eröffnen so wagte der DiamantenLiebhaber einen
frechen Sprung nach ihr und riss ihr die Jubelen vom Halse Weil aber solche
sehr vest angemacht waren so litt sie bei diesem Anfall solche Gewalt dass sie
der Dieb schier verdrosselt hätte Man hub sie halb tot aus ihrem Phaeton Der
Täter aber hatte sich unterdessen mit der Beute fortgemacht Sie legte sich
darauf zu Bette und bekam ein hitziges Fieber
    Da sie besser wurde bezeigte sie einen überaus großen Eckel an allen
Eitelkeiten Sie wollte nur Geistliche um sich haben und sprach von nichts als
von Busse und Bekehrung Mein Vater der jederzeit eine reine Gottesfurcht in
sich hegte wünschte seiner Frauen zu diesen guten Regungen Glück und dachte
nicht dass sie auf einem so guten Weg sich verirren sollte Sie wurde aber
darüber schwermütig und ließ sich bloß durch ihre aufgebrachte Fantasie
regieren
    Es sind in Albanien so wie hier und anderer Orten gewisse Leute welche nur
diejenige allein für Kinder Gottes hatten die sich aller Annehmlichkeiten
dieses Lebens mit Fleiß entschlagen und durch eine grausame Art von Andacht
und Gottesfurcht den Leib siech den Geist verwirret und das Hertz voll Kummer
machen Dieses Creutz dieses Leiden diese Verschmähung der Welt bemercken sie
als Kennzeichen ihres wiedergebohrnen und bekehrten Zustandes und betrachten im
Gegenteil andere die noch der Güter dieser Welt genießen wenn es auch gleich
nach den Absichten des Schöpffers geschiehet für Unglaubige Diese Leute
meldeten sich bald bei einer solchen nach ihrem Sinn bekehrten Frauen Sie
priesen ihren Zustand glückselig allein das gute Hertz meines Vaters wurde
dadurch zum äußersten Mitleiden bewegt Er sah dass meine Mutter sich unpässlich
fand und dass ein dickes Geblüt bei ihr der Grund einer verkehrten Andacht war
Er wünschte desshalben dass sie genesen den reinen Eifer aber zur Tugend und zur
Gottesfurcht behalten möchte
    Er fasste hierauf den Endschluss sich mit ihr auf das Land zu begeben Er
hofte ihre Gesundheit sollte in einer frischen Luft bei einer täglichen
Bewegung und durch die verschiedene Abwechselungen des LandLebens die so
annehmlich als unschuldig sind sich völlig wieder herstellen und ihr Gemüt zur
vorigen Munterkeit gelangen Er selbst war der Welt und ihrer Falschheit von
Hertzen müde und glaubte er könnte nichts bessers tun als wenn er eine
LebensArt erwehlte wo er Gott in Ruh verehren und seine Kinder zur Weissheit
und zur Tugend in einer glücklichen Entfernung von bösen Exempeln erziehen
könnte Sein großes Vermögen war ihm unterdessen durch oberwähnte Umstände
dergestalt zusammen geschmoltzen dass er Müh hatte so viel noch zusammen zu
bringen als vonnöten war ein nur mittelmässiges LandGut zu erkauffen
    Er wehlte sich solches unweit dem Hercynischen Wald sechs Stunden von
Kalesia Das Land die Einwohner und ihre LebensArt schienen ihm nach seinen
Absichten zu sein Das Schlössgen so er bewohnte lag auf einem Berg und hatte
hinter sich den Wald Von fornen aber sah man ein großes offenes Land welches
den Cheruscischen Fürsten zugehörte Die Luft daherum war rein und gesund Meine
Mutter fand sich kaum einige Wochen hier so war sie als eine verneuete Kreatur
Mut und Kräfte kamen wieder Die Aertzte künstelten nicht mehr an ihrer
Gesundheit und die Köche rejetzten durch ihr seltsames Gemengsel nicht ferner
einen Appetit der sich mit den naturlichsten und einfach zugerichteten Speisen
begnügte Wir hatten Fisch und Waydwerck mein Vater ging selbst und schoss die
Braten im Wald und meine Mutter machte sich die Muh solche zuzurichten Sie
lebten bei dieser Einfalt der Natur in süßer Ruh und verloren alle starke
Leidenschaften womit sonst die Eitelkeit die Ehrsucht der Geitz und die
unersättliche Begierde zur Lust die Vornehmste unter den Menschen zu martern
pflegen So wenig als ehedessen meine Eltern bei Hof das Geld geachtet hatten
so genau mussten sie nun auf ihrem Gut hausshalten sie hatten zu leben aber
weiter nichts Sie hinterliessen sieben Kinder Davon ich das letzte bin Unser
Erbteil war ihr Seegen und das kleine LandGut welches wir nicht in sieben
Teile teilen konnten ließ wir dem ältesten Bruder
    Dieses war ungefähr die Nachricht von dem Herkommen und dem
GeschlechtsZustande des Herrn von Kantwitz
    Der Graf hatte noch nicht Gelegenheit gehabt diesen tugendhaften Cheruscer
bei dem König bekannt zu machen Er hatte wohl zu verschiedenen mahlen von ihm
gesprochen und dessen Verdienste gerühmet allein der König hatte darauf weiter
keine Gedanken geschlagen Er suchte deswegen demselben die Geschicklichkeit
dieses Edelmanns näher ins Auge zu stellen Er beurlaubte sich auf acht Tage um
nach Prato zu gehen und erhielt von dem König dass der Cheruscer ihm dasjenige
vortragen möchte was in währender Zeit von Geschäften vorfallen dürfte
    Der Cheruscer tat solches zu seinem größten Vorteil Die Natur hatte ihn
zu einem Redner gemacht Er war wohl gebildet Die Jugend lachte noch aus seinen
Augen Seine Gebehrden waren edel und demütig Er hatte noch kaum das zweite
mahl dem König im Namen des Grafens von Rivera ein und anders Geschäfte
vorgetragen so war der König von ihm eingenommen Er bewunderte die anständige
Lebhaftigkeit seiner Reden so sehr als seine Klugheit Kantwitz sprach er zu
ihm Ich hab ein gnädiges Wohlgefallen an euch der Graf von Rivera hat mir die
gute Dienste gerühmet die ihr mir bisher geleistet habt Ich mache euch zu
meinem KammerJuncker und werde auf eure fernerweitige Beförderung in meinen
Diensten bedacht sein
    Der Graf von Rivera empfand in dem Grund seines Hertzens eine solche
Zufriedenheit das Glück dieses jungen Edelmanns zu veranlassen dass er daraus
sein eigenes schätzen lernte Er achtete seine Verdienst vor nichts so lang er
nicht sah dass er auch andern Menschen damit nützlich war Man kann sagen dass
darin sein größter Eigennutz bestund Er verehrte dem neuen KammerJuncker ein
schönes Gespann Pferde nebst einem sehr netten Geschirr und mietete zugleich
für ihn eine schöne Wohnung welche er mit ganz neuen Haussrat auf das
zierlichste versehen ließ
    Die Gräfin von Monteras wurde unterdessen zu ihrem VermählungsFest vier
Tage zuvor eingeholet Es waren über zwantzig Gutschen mit sechs Pferden
bespannet welche ihr entgegen fuhren Sie kehrte in dem Pallast des Hertzogs
von Sandilien ein und wurde daselbst von den vornehmsten Herrn und Damen
bewillkommet Den folgenden Tag fuhr sie nach Hof Der König sagte ihr mit der
verbindlichsten Art von der Welt dass er nun hofte Gelegenheit zu haben die
Treu des Grafens von Rivera zu belohnen und sie beide seiner wahren Hochachtung
zu überzeugen
    Den Abend darauf hatte der Graf von Rivera die Vornehmsten des Hofs nebst
den fremden Gesandten in des Herrn von Kantwitz Wohnung zusammen auf ein
Musicalisches SingSpiel bitten lassen Der König und die Königin erwiesen ihm
die Ehre mit dabei zu erscheinen Man fand die Zimmer des Cheruscers überaus
niedlich aufgeputzt Das ganze Haus war mit Lichtern erhellet Alles war neu
zierlich und wohl ausgesucht Der Herr von Kantwitz erschien dabei als Wirt in
einer prächtigen Kleidung Die Frau von Ridelo und ihre Schwester die Fräulein
von Bellamont wussten für Bestürtzung nicht was sie sagen sollten da er sie
beide empfing und deswegen sein Glück für vollkommen priess weil er die Ehre
hätte ihnen in seiner Behausung aufzuwarten Sie antworteten ihm dass der Graf
von Rivera sie in seinem Namen zu sich in diese seine neue Wohnung hätte bitten
lassen und dass sie also nicht verstünden wie der Herr von Kantwitz ihren
Zuspruch auf seine Rechnung zu nehmen beliebte Der Graf war bald bei der Hand
als sich diese beide Damen zeigten Er wollte das Vergnügen haben die Frau von
Ridelo und ihre schöne Schwester in ihrer ersten Verwirrung zu sehen Ich freue
mich von Hertzen redete er sie an dass sie meinem Cheruscer die Ehre gönnen
die von ihm erbetene hohe Gesellschaft durch die ihrige noch ansehnlicher zu
machen Es wird nicht lang währen so wird er auch die Gnade haben den König
und die Königin hier bei sich zu sehen
    Die Frau von Ridelo stutzte über diese Anrede des Grafens noch mehr doch
wie sie von einem durchdringenden Verstand war so merkte sie bald wo er
hinzielte Ich seh wohl sprach sie man will mir heute zeigen was der Herr
Graf von Rivera vermag Die Frau von Ridelo hatte dieses noch kaum ausgeredt so
warf sich ihr die Gräfin von Monteras in die Arme Liebste Freundin sagte sie
zu derselben gönnet heute meinem Grafen das Vergnugen dass er euch sein gutes
Hertze zeige und glaubt dass alles was die Aufnahme eures Hauses und euer
Vergnügen betrifft uns beiden hinführo wie unser eigenes sein wird
    Mehr konnten sie sich einander nicht sagen Es fanden sich noch immer mehr
Personen ein Die vier Zimmer des Herrn von Kantwitz wurden angefüllet In
einigen wurde gespielt In dem Saal aber erklung eine vortreffliche Musik Die
besten Virtuosen des Königs ließ sich dabei hören Es wurden die artigste
Lieder abgesungen So wohl der König als die Königin fanden sich dabei ein und
bezeigten ein hohes Wohlgefallen über die Großmut des Grafens weil sie
wussten dass er alles dem jungen Cheruscer und der Fräulein von Bellamont zu
Ehren angestellet hatte Sie begnügten sich nicht allein Zuschauer dieses Festes
abzugeben sondern speisten auch an einer kleinen Tafel mit einigen wenigen
Damen daselbst zu Nacht worauf sie dem Ball mit beiwohnten
    Die Liebe erhielt an diesem glücklichen Abend ganz besondere Vorteile Der
König warb selbst bei der Frau von Ridelo für den Cheruscer um ihre Schwester
die Fräulein von Bellamont und als diese Schöne von ihm um ihren Beifall
befragt wurde so konnte sie kaum dabei die Neigung ihres Hertzens verbergen
dieser Gehorsam sprach sie kostet mich allzuwenig Ew Majestät die tiefste
Ehrerbietung meines Hertzens zu erkennen zu geben
    Der Tag zu dem bestimmten Beilager des Grafens von Rivera mit der Gräfin von
Monteras kam endlich herbei Die Liebe des Cheruscers mit der Fräulein von
Bellamont wurde zugleich mit glücklich gemacht Der sinnreiche Pracht die
artige LustSpiele und die vielerlei Feste die darauf erfolgten wären zu
weitläuftig hier zu beschreiben Wann am Ende eines SchauSpiels die
HauptPersonen zur Heirat schreiten so gehen die Zuschauer schon auseinander
Die schönste Vorstellungen scheinen alsdann überflüssig Diesen Schluss hat die
Gewohnheit und ein allgemeiner Beifall der Menschen zur Regel gemacht Wir
wollen auch hier solche beobachten und den Leser nicht länger aufhalten
    Wir endigen also mit der Vermählung des Grafens von Rivera Das Glück dieser
edlen HeldenLiebe war vollkommen Man sah die Freundschaft die Tugend die
Treu und die Verdienste von der Gerechtigkeit des Himmels belohnet Aquitanien
wurde durch die weise Ratschläge und durch die Aufrichtigkeit des Grafens in
einen blühenden Wohlstand gesetzt Die Laster welche bisher den Hof vergiftet
hatten verloren ihre Macht unter einem Monarchen der sich selbst zum Muster
der Gerechtigkeit der Güte und der Ordnung ausstellte Die Glückseligkeit
seiner Untertanen machte dass die benachbarte Staaten sich gleiche Vorteile
und gleiche Regenten wünscheten
    Der Hertzog von Sandilien übergab seinem neuen Vettern mit des Königs
Bewilligung das bisher geführte Ruder am Regiment Er verlangte nichts mehr in
der Welt als seine Neigungen zwischen dem König seiner Basen und dem Grafen
von Rivera zu teilen Er betrachtete sich als ein glücklicher Vater dem das
Heil seiner wohlgeratenen Kinder die einzige Freude macht die er noch in
dieser Welt verlanget Der Graf überkam mit dessen Herrschaften auch seine
Herzogliche Titel Wappen und Vorzüge Diese Erhebung welche bis zur Krone
reichte vertilgete nicht bei ihm denjenigen Grund der Demut und der
Abhänglichkeit von Gott auf welchen er alles bauete und von dem er alle
Weissheit alle Stärcke und alle Tugend die er zu der Wichtigkeit seines hohen
Berufs vonnöten hatte zu erlangen suchte
 
                                Freie Bedancken
                        Von der Verbesserung des Staats
                                 Von dem Hofe
Vor Zeiten hatte der größte König kaum so viel Leute an seinem Hofe als heut zu
Tage ein mittelmässiger Fürst an dem seinigen unterhält Der Adel erschien
daselbst nicht ehender als bis man RitterSpiele hielt oder wichtige
Ratschläge pflog Er wurde nicht besoldet dass er im Müßiggang und in Uppigkeit
lebte und durch seine Unordnungen den Staat den Hof das Land und sich selbst
verdarb
    Ein Kantzler einige Räte und ein paar geheime Schreiber waren zu den
Geschäften des Staats genug Die übrigen Beamten fassen in den Dicasterien Der
König und das Reich waren ruhiger bei wenig Bedienten Der Hof hatte zwar seine
Aemter sie wurden aber nicht unter so viele OberAemter geteilet dass ein
jedes wieder einen besonderen Hof ausmachte Diese Bedienten mussen abermahl
wieder so viele andere Bediente haben welche wiederum so viel Aufwärter
Leibdiener und Gesinde nach sich ziehen dass die größte Einkünfte eines Staats
kaum zulänglich sind so viele müßige Leute zu ernähren
    Dieses Ubel herrschet auch bei den Armen im Felde Ein jeder Befehlshaber
führt einen großen Schweiff von unnötigen Bedienten mit sich Diese fechten
nicht sondern verzehren nur was die arme Soldaten entbehren müssen Sie
beschweren die Züge bringen den Mangel ins Lager und schaden dadurch der
gemeinen Sach
    Wie diese Unordnung nicht auf einmal sondern nach und nach entstanden ist
so kann sie auch nicht wohl auf einmal wieder aufgehoben werden Die Zeit das
Alter der Tod geben von sich selbst darzu die Gelegenheit Man schafft keine
alte Bedienten nicht ab man nimmt nur keine neue mehr an und macht keine
unnötige Aemter um müßige Leute unterzubringen
    Viele StaatsDiener taugen zu nichts als dass sie die Macht eines Fürsten
schwächen den Staat verwirren allerhand Zwiespalt erregen ihre Banden und
ihren Anhang auf Unkosten des gemeinen Bestens empor treiben und öfters selbst
dem Regenten Gesetze vorschreiben Die Geschichten sind voll davon
    Wer mehr Bedienten hält als er vonnöten hat der macht sich dadurch viel
Geschäfte und Verdruss zugleich Es ist nichts übler zu regieren und in Ordnung
zu halten als Leute die voll auf leben und nichts zu tun haben Sie sind
sich und dem Staat zur Last Ein Fürst muss demnach für seine Leute die Gnade
haben und ihnen nicht nur Brod sondern auch Arbeit geben
    Die Majestät braucht keines erborgten Glantzes Sie macht sich durch sich
selbst verehren Der unordentliche Schwarm der vielen geputzten Menschen welche
den Hof zieren und das Land arm machen ist keine wahre Grosheit Man überlasse
diese kleine Ehre Parade zu machen der LeibWache den KriegsBeamten und dem
jungen Adel welcher letztere eine Zeitlang den Hof besuchen sollte um daselbst
die Höflichkeit und gute Sitten zu lernen
    Durch die Einziehung der vielen unnötigen Bedienten kann ein König des Jahrs
über ein Million ersparen und dadurch seine Regierung desto ruhiger und
glücklicher machen
 
                            Von den GerichtsHöfen
Ein auszehrendes und jämmerliches Ubel ist heut zu Tage die Unordnung und
Weitläuftigkeit der Processen Hier dienet die Gerechtigkeit zu einem Handwerck
ihre Verwalter zu ernahren und diejenige die bei ihr Hilfe suchen zu
verderben Es würde eine große Glückseligkeit für alle Völcker sein wenn man
die Weitläuftigkeit der RechtsHandel so wohl als die abscheuliche
Zungendreschereien der Gewissenslosen Advokaten abstellen könnte
    Es wär solches nicht unmöglich Eine ordentlich eingerichtete
LandesOrdnung darin alle HauptFälle und RechtsFragen auf das
allerdeutlichste in gemeiner LandesSprache verfasset würden Ein Gericht aus
redlichen vernünftigen und Rechtskündigen Männern die keinen weitern Nutzen
von einem Prozess zu gewarten hätten als dass sie ihn kurtz und gut ausmachten
und dann die Abschaffung aller GerichtsSporteln Formalien Fatalien und
dergleichen oftmahls recht kindischen Umständen die nur darzu ersonnen sind um
die Gerechtigkeit zu verwirren und eine Menge unnötiger GerichtsDiener zu
unterhalten Diese drei Dinge würden zur Verwaltung der Gerechtigkeit einen viel
leichtern Weg bahnen
    Ein jeder Kläger könnte auf diese Art entweder seine Sache mündlich oder
schriftlich selbst vortragen und darüber ein Urteil erwarten Geschähe solches
gleich nicht allemahl förmlich und nach einer ausgekünstelten
RechtsGelehrteit so könnte man doch daraus desto besser die Wahrheit erkennen
ein geschickter Referent mit weniger Müh einen kurzen Verlauf der Sachen
speciem facti entwerffen und ohne weitere Umstände den Spruch heraus bringen
    Würde dabei nicht jederzeit die Form Rechtens beobachtet so wär dieses nur
ein kleines Ubel wenn das Recht nicht selbst darunter leidet ja sollte auch
dieses zuweilen darunter leiden so wär doch dieses Ubel nicht so
Grundverderblich als die abscheuliche Weitläuftigkeit der Processe
    O verkehrte Welt O Jammer der Zeiten Der Unschuldige leidet man drückt
ihn man bringt ihn um einen Teil von seinem Vermögen Er denckt die Obrigkeit
mag richten Gott hat sie darzu eingesetzt Er klaget man hört ihn aber seine
Klage ist nicht förmlich Er muss einen Advokaten annehmen Dieser hat auf den
Schlendrian geschworen und der Schlendrian ist dagegen erkenntlich Er
schmeltzt ihm seine Suppen Er macht seinen Schornstein rauchen Der Klient
verlässt sich auf seine gerechte Sache und der Advokat auf seinen guten
Klienten Sie gehen mit einander die Formalien durch Es kommt kein Spruch der
Klient will ungedultig werden Der Advokat aber tröstet ihn er spricht seine
Sache stünd gut es kommt ein communicetur nach dem andern dann werden Zeugen
abgehöret dann Eyde erkannt dann über jeden Punkt neue Erläuterungen und
Beweise gefordert der andere excipirt replcirt duplicirt triplicirt
quadruplicirt  Endlich erscheint ein Dekret Der Klient zahlt mit Freuden dem
Advokaten seine lange Rechnung Er denckt mein Prozess ist zu Ende Ich habe
gewonnen Der Gegenteil appellirt da geht der Prozess von neuem an hier kann
der Advokat allein nicht helfen hier müssen Agenten und Procuratoren
angenommen werden hier gilt so viel pro arrha so viel pro honorario so viel
für deservit so viel für Briefe und dergleichen  Der Klient erschrickt über
alle diese Dinge Aber wie spricht er ist dann kein Gott ist dann kein Recht
Der Prozess wird indessen eifrig fortgesetzt Der Richter findet immer noch etwas
zu erinnern Die Sache will nicht fort Ein Jud ein altes Weib oder ein
verdorbener Banckeruttirer kommt zu dem Klienten und gibt ihm einen Anschlag
seinen Prozess zu gewinnen Dieser besteht darin dass er spendiren soll nicht
dem Referenten nicht dem Richter sondern hier und da und dort Der Klient
denckt der Prozess habe ihm schon so viel gekost er wolle auch noch dieses dran
wagen Der Spruch kommt Der Prozess ist wieder gewonnen Nun Gott Lob und Danck
spricht der ehrliche Mann dass ich doch endlich wieder zu meinem Geld komme
Allein vergebliche Freude Neues Weh Die GegenPartie sucht restitutionem in
integrum Sie wird erkannt und warum nicht Die GerichtsOrdnung bringt es ja
so mit sich Es kommen Revisiones actorum Leuterationes dilationes etc Der
Klient kriegt darüber die Auszehrung die Kräfte sincken der Mut schwindet Er
borget Geld um seinen Prozess fortzuführen Er erlebt davon nicht das Ende
seine so lang geführte RechtsKlage wird eine traurige Erbschaft für seine
Kinder darin beruhet ihr ganzes Vermögen ihre Not ihr anhaltendes
Uberlauffen zwingen endlich den Richter zur Ungedult und zu einem Spruch Die
Execution wird erkannt allein sie reget sich nicht sie hat steiffe Hände sie
können sich nicht bewegen Die GoldEssentz damit man sie schmieret fehlt
die Klienten haben den Prozess gewonnen und bleiben arm
    Wer sich einbildet man trieb allhier die Sache zu weit der gehe nur an die
vornehmste GerichtsHöfe und lasse sich daselbst eine Verzeichnis der Processen
geben die über 50 ja gar über hundert Jahr vor Richter und Recht geschwebet
er wird mit gerührtem Mitleiden wo nicht mit Graussen und Entsetzen die
traurige Schicksale solcher unglückseligen Partien hören und bekennen müssen
dass sie wären glücklicher gewesen wenn sie auch gleich bei der ersten Instantz
ihren Prozess verloren hätten
    Noch eins sollte man den Schlendrian abschaffen was würde man hernach mit
den vielen Juristischen Büchern machen Solten die Buchhändler solche alle ins
Maculatur schlagen Die meisten dürften vielleicht keiner größeren Ehre würdig
sein doch finden sich darunter auch viel gute und vortreffliche Schriften die
man nicht genug in Ehren halten kann teils sind sie auch nötig Denn dass ein
Richter ein RechtsGelehrter wie der Geistliche ein frommer Mann und der Artzt
ein Naturkündiger sein soll ist wohl keine Frage Ein Richter muss also die
Gründlichkeit und die Ordnung einer Wissenschaft besitzen welche ihn fähig
macht die verwickelste Vorfälle zu entscheiden und über die verworrenste
StreitFragen ein geschicktes Urteil zu fällen Die wohl ausgearbeitete
Ratschläge berühmter RechtsGelehrten dienen hierzu Sie sind billig als
Schätze einer so nötigen Wissenschaft aufzusammlen Auch sind die Römische
GesetzBücher mit nichten hindan zu setzen die Römer waren kluge Leute sie
hatten trefliche Einsichten Sie waren geschickt Gesetze und Ordnungen zu
machen Wir können uns in gleichen Fällen ihrer Aussprüche noch mit gutem
Vorteil bedienen Nur darin gehen wir zu weit wenn wir bei unserer heutigen
Verfassung die so weit von der Römischen entfernet ist da wir andere Sitten
andere Gebräuche und eine andere Religion haben alles auf Römisch schlichten
und ausmachen wollen
    Wie nun die größte Schwierigkeiten bei den Prozessen dadurch gehoben wurden
wenn ein jeder seine Klagen einfältig ohne RechtsAllegationen und ohne
Einstreuungen der Vorurteilen und BewegUrsachen zu decidiren selbst in
Person oder schrifftlich dem Richter vortragen und darüber sein Urteil
erwarten müsste also sollte auch ferner nicht wenig zur Erleichterung des
JustitzWesens mit beitragen wenn alle Kaufleute Künstler und Handwercker
imgleichen alle KirchSpiele Universitäten KriegsAemter und dergleichen ihre
gewisse Ordnungen und Gesetze unter sich hätten darüber mit Nachdruck hielten
und ihre Streitigkeiten als bei ihrer ersten Instantz durch ihre Ältesten und
Vorsteher ausmachen ließ wobei ihnen auch zu verstatten wär alle und jede
Unordnung und Verbrechen welche nicht in die peinliche Rechte liefen mit
gewissen GeldBussen und willkührlichen Straffen zu ahnden
    Auf diese Weise würden die Richter nicht über alle und jede Kleinigkeiten
so oft und viel angelauffen werden und die meiste Sachen welche bei den
OberDicasterien wegen der Menge der Klagenden und der weitläufftigen
ProzessOrdnung öfters gar liegen bleiben könnten zum Besten der streitenden
Parteien weit kürtzer und mit weniger Müh ausgemacht werden
 
                                Von der Policei
Die Policei ist das einzige Mittel im bürgerlichen Leben Ruh Ordnung und gute
Sitten zu unterhalten Es ist nicht genug dass man einen Staat gegen auswärtige
Feinde schützet und darin die Nahrung zu befördern sucht Ein Volck das bei
seinem Uberfluss keine Policei hat ist wie ein wohlgefüttertes Pferd welches
nicht zu beritten ist es lässt sich schwer regieren und geht öfters mit
seinem Reuter durch wenn es ihn nicht gar herunter wirfft
    Bei den alten Deutschen galten nach dem Zeugnüs eines Römischen
GeschichtSchreibers die gute Sitten mehr als die Gesetze Betrübtes
Andencken Nun gelten schier weder die eine noch die andere mehr Wir leben bei
allem Druck der Gewaltigen in einer Sorglosen Freiheit Ein jeder tut was er
will wir wagen alles wir setzen alles aufs Spiel Geräts so geräts wer
verdirbt der verdirbt Man schilt auf böse Zeiten man wirfft die Schuld auf
die Regenten wo nicht gar auf die göttliche Vorsehung Dieses ist die
allgemeine Philosophie so urteilt der Pöbel so denckt der Burger so vermisst
sich der Adel Was Wunder dass die alte Redlichkeit verloschen ist dass die
Bosheit herrschet dass die Unordnungen überhand nehmen und die Laster schier zu
Tugenden geworden sind
    Billig sollte man die Policei in den Tempeln suchen Billig sollte die
Religion selbst uns zu ihrer Beobachtung anhalten billig sollten die Begriffe
von Gott der alles durch Weissheit und Ordnung regieret auch die Menschen
bewegen all ihr Tun gleichfalls nach dieser Regel einzurichten Weil aber die
Religion ihre Krafft und die Tugend ihr Ansehen bei den Menschen verloren hat
so ist nötig sie wenigstens durch eine gute Policei von den gröbsten
Ausschweiffungen und Lastern abzuleiten und wann es möglich wär sie auch zum
guten zu zwingen
    Ihre HauptAbsicht geht demnach dahin Ruh und Ordnung Zucht und
Sicherheit Nahrung und Billigkeit im gemeinen Wesen zu erhalten Sie dultet
nicht dass einer sein Gut verprasse noch dass er dessen Verlust auf den Umschlag
der Karten und Würffel setze sie dultet nicht dass sich die Leute ohne alle
Vernunft heiraten und nachgehends ihre Ehen mit Zanck und Hader führen sie
dultet nicht dass man die Kinder übel erziehe und im Luder und Mässiggang
aufwachsen lasse sie dultet nicht dass einer den Adel und große Titul kauffe
den keine Verdienste darzu würdig machen Sie setzt dem Hochmut Schrancken
und macht keinen Hochgebornen der in der Werckstatt oder in der CramBude
jung worden ist Die Policei lässt das Gesinde nicht Herr sein noch dem Pöbel
die Freiheit Gesetz und Gebräuche zu machen sie gestattet nicht dass sich
Leute in Samt in Seiden in Gold und Silber kleiden die das Geld dazu
borgen oder die von solchem Stande sind dass sie auch Wolle und Leinwand
zierten Sie vergönnet der wilden Jugend nicht ihre unordentliche Begierden in
verbottenen Winckeln abzukühlen sie überliefert den Balger dem BlutGericht
als einen Todschläger und den Banckeruttirer dem Kercker als einen Dieb sie
spannet die liederliche Müßiggänger in Karn und schliesset das leichtfertige
böse Gesindel in die ZuchtHäusser sie hält die Straßen von LandStreichern
und Bettlern rein und versorget die Armen und Notleidende in den Hospitälern
sie erfüllt die Magazinen mit Vorrat und kauffet nicht erst die Früchte auf
wenn sie schon teuer sind sie gibt den nötigsten LebensMitteln ihren
gemessenen Preis und lässt nicht den Fremden von den Gastwirten das Messer an
die Gurgel setzen Die Krancke werden nicht durch unerfahrne Aertzte nach der
Methode und durch die Quacksalber ohne Methode ums Leben gebracht die
HandwercksLeute erfrechen sich nicht wenn sie einem etwas verdorben für diese
Bemühung noch die Zahlung zu fordern und dem Kaufmann geht es so leichte nicht
hin wenn er einem verdorbene Waren vor gute verkaufft
    Die Policei hemmt das Gezäncke in den Kirchen und die Missbrauche in den
Schulen sie erlaubet nicht einem jeden Gelehrten alles was ihm einfällt
drucken zu lassen sie beschräncket diese allzugrosse Freiheit durch
vernünftige Regeln und lässt nichts in die Buchläden kommen als was
nützlich was gut was angenehm und was erbaulich ist
 
                            Von dem SoldatenStand
Der SoldatenStand ist ein nötiges Ubel Wären die Menschen ordentlich gerecht
und vernünftig so brauchten sie keine solche gestrenge Beschützer der gemeinen
Sicherheit In einer so durchaus verdorbenen Welt aber kann man dieser Leute
nicht entbehren Nur ist es nötig dass man ihre Verfassung mehr nach derjenigen
Absicht einrichte warum sie gehalten werden
    Der Soldat hat in Ansehung der Zucht und Ordnung noch etwas voraus und
würde deswegen auch leichter als andere zu verbessern sein Die Ehre um welche
er dienet ist allein fähig ihn zur Beobachtung seiner Pflichten anzuhalten man
muss ihm nur einen rechten Begriff von der Ehre beibringen Man muss nicht die
Tollkühnheit zur Tapfferkeit den Frevel zum Heldenmut die Leichtfertigkeit
zur Freiheit und den Mutwillen zur Artigkeit machen Der Soldat soll der
menschlichen Gesellschaft nicht zur Quaal und zum Schaden sondern zum Schutz
und zur Sicherheit leben dieses ist die eigentliche Ehr seines Berufs und
darin bestehet seine ganze Würde
    Allein so lange man darzu allerhand liederliches und ehrloses Gesindel aus
allen Winckeln der Erden zusammen wirbet so lange man darzu nur wilde müßige
und viehische Pursche nimmt die sonst zu nichts taugen als dass sie das
SchiessGewehr handtiertn den Ranzen schleppen und den LandMann plagen
können so lange die Befehlshaber selbst weder den Krieg verstehen noch die
wahre Ehre kennen so lange der Soldat überhaupt die verkehrte Einbildung heget
er dörffte nichts lernen und hätte mehr Freiheit als andere Menschen wieder
alle Gesetze und gute Sitten zu handeln So lang ist er der Erden ein Fluch und
die Schande des menschlichen Geschlechts Denn das blose rauben plüdern
sengen brennen morden würgen und Menschen schlachten ist fürwahr keine
Hantierung die sich für ehrliche Leute schicket wo nicht die gemeine
Sicherheit und die Umstände eines gerechten Kriegs ein solches Opfer von
MenschenBlut erfordern
    Soll demnach der SoldatenStand das wahre Metier dhonneur oder
EhrenHandwerck sein so müssen solches Leute bekleiden die Vernunft
Großmut Güte und Taferkeit besitzen und die als SchutzEngel vor ihre
MitBürger und die gemeine Wohlfahrt wachen
    Dass bisher zu den Unordnungen des KriegsStandes die im Sold gedungene
Soldaten meistens Ursach gegeben haben ist wohl eine unter vernünftigen Leuten
ausgemachte Sache man weiß solches schon lange Es will aber dem ungeacht
keiner von unsern Potentaten damit den Anfang machen um solche abzuschaffen
sie sind vielmehr darauf desto eifriger geworden dergleichen aus allen Nationen
zusammen gerafftes müssiges Gesindel zum Verderben ihrer Lånder in noch
größerer Anzahl als je zuvor geschehen ist beständig auf den Beinen zu
halten So lange aber Vernunft und Erfahrung gelten so wird man schwer zu
bereden sein dass dieses zum besten dess Landes geschehe
    Wenn man natürlich von der Sache urteilen soll so wär es wohl besser man
schaffte die um Sold gedungene Soldaten ab und errichtete dagegen eine
ordentliche National und LandMilitz Dieses könnte auf eine Art
bewerckstelliget werden dass darunter weder die Kammer noch das Land beschweret
der Zweck aber zu welchem die Soldaten dienen sollten weit vollkommener
erhalten würde
    Man suche nämlich so wohl in den Städten als auf dem Lande die gesundeste
und tüchtigste Leute aus die Lust zu dienen haben und darzu Mut Geist und
Geschicklichkeit besitzen Diese lasse man in allen zum Krieg gehörigen
Wissenschaften wohl unterrichten man gebe ihnen eine gleichförmige saubere
Kleidung nebst einem kleinen Gehalt welchen man nach Notdurfft vermehret
wenn sie ins Feld rücken in FriedensZeiten aber lasse man einen jeden bei
seinem Handwerck und in seiner Nahrung Man teile sie nach denen Städten und
Provinzen in Kompagnien und Regimenter ein und lasse sie von Zeit zu Zeit
nachdem es die Umstände leiden auf gewisse Plätze zusammen kommen und sie ihre
KriegsUbungen machen man gebe ihnen tüchtige und ansehnliche Männer zu
Befehlshabern und gönne ihnen alle die Ehre Freiheiten und Vorzüge die sonst
rechtschaffene KriegsLeute zu gemessen haben Man halte in den GräntzVestungen
eine gewisse Besatzung welche von halb Jahr zu halb Jahr mit andern könnte
abgewechselt werden damit wenigstens alle zwei Jahr jeder Soldat ein halbes
Jahr wirklich Dienste tun müsse Die VestungsPlätze könnten zugleich die hohe
Schulen für den jungen Adel für die Kadets und andere Soldaten abgeben wo sich
beständig ein Kern der ältesten und besten Offiziers nebst andern geschickten
und erfahrnen Leuten aufhalten müssten
    Durch eine solche Verfassung des SoldatenStandes könnte ein Fürst mit weit
weniger Kosten die besten Truppen beständig auf den Beinen haben und jederzeit
auf den ersten Winck wenn es die Not erfordert ins Feld rücken lassen sie
würden weder durch ihre Liederlichkeit noch durch ihren Müßiggang noch durch
ihre Bubenstück ferner dem Staat zur Last fallen sie würden so wohl nützliche
Bürger im Frieden als tapffere Streiter im Krieg abgeben Sie würden nicht wie
insgemein der im Sold geworbene Soldat bei dem ersten Feuer durchgehen oder
wohl gar zu dem Feind überlauffen Sie würden die wahre Ehre den Fürsten die
Ihrigen lieben Sie würden ihr Vaterland schützen und ihren Feinden ein
Schrecken sein
 
                                 Von dem Adel
Der Adel ist an und vor sich selbst nichts wirckliches Er hat in der
bürgerlichen Gesellschaft keinen andern Vorteil als dass er mit etwas weniger
Narrheit darf stoltzer und hochmütiger als andere Menschen sein Alle seine
Titel Wappen StammTafeln und AhnenRegister wären sie auch noch so schön und
durchleuchtig machen ihn weder vernünftiger noch glücklicher Der Bauer ist so
wohl geboren wie der Edelmann Die Natur gibt beiden gleiche Rechte Nur
alsdann hat der Adel etwas voraus wenn er Geld und Güter besitzet wenn er wohl
erzogen ist und wenn er bessere Sitten hat als der gemeine Mann
    Hieraus erhellet dass der wahre Adel nicht in einer edlen Geburt bestehet
sondern in einem edlen Leben Er ist eine Frucht der Tugend und schreibet sich
aus dem Geschlecht der wahren Ehre Der ist der beste Edelmann den Treu und
Mut und Witz zum Ritter schlagen Alles ubrige womit der gebohrne Adel sich
brüstet ist Wind und Wahn und Einbildung Er schändet die Vortrefflichkeit
seiner Ahnen durch seine Niederträchtigkeit und durch seine Laster
    Die Beschäftigungen des Adels müssen nichts niederträchtiges nichts
unreines und nichts pöbelhaftes haben Die Gewohnheit hat deswegen alle
Mechanische Hantierung dem Adel für unanständig erkläret und ihm dagegen die
Wissenschaften den Hof den Krieg die MagistratsWürden nebst der
LandOeconomie zu seiner Beschäftigung angewiesen
    Die Handlung ins Große hat nach dem Zeugnis der klügsten Völcker nichts
das dem Adel zuwider ist In den ältesten Zeiten sind dergleichen HandelsLeute
wenn sie große Reichtümer besaßen für edel gehalten worden Es ist auch der
Natur gemässer dass Leute die durch ihre große Handelschaften so vielen
Menschen Nahrung geben und sich dem Adel gleichförmig aufführen auch dessen
Vorzüge genießen doch gönnt ihnen das Herkommen und der Gebrauch in der Welt
nur den untersten Grad des Adels und erlaubet ihnen nicht sich höher
aufzuschwingen als bis sie die Handlung niederlegen und eine von den
LebensArten davon oben Meldung geschehen ist ergreiffen
    Wer Geld und Güter hat und sich damit weiß auf eine anständige und beliebte
Art heraus zu setzen der kann den Adel viel besser führen als ein armer
Juncker den die Bauern Ihr Genaden heißen und ihm das Brod borgen müssen
    Ehedessen galt der Adel viel nicht weil er edel geboren war sondern weil
die Geburt ihn veranlasste sich durch Tugend und Tapfferkeit von dem gemeinen
Mann zu unterscheiden Er ehrte die Wissenschaften und die Wissenschaften
ehrten ihn Er sprach und urteilte anders als der Pöbel Er begieng nichts
niederträchtiges Er lebte nicht wie unsere heutige DorfJunckern im Luder und
im Müßiggang Er bekleidete die ersten Stellen bei Hof Er half die Städte und
Länder regieren Er machte sich eine Ehre aus der Gottesfurcht Seine Andacht
riss ihn zu den Füßen des Altars und seine Tapfferkeit machte seine Feinde
beben Der Fürst brauchte keine Soldaten Wer ein Ritter sein wollte der setzte
sich mit seinen reissigen Knechten auf und eilte damit seinem LandesHerren und
seinem Vatterlande zu Hilfe So war der Adel so war die Ritterschaft der alten
Zeiten
    Wenn man den heutigen Adel beschreiben wollte so würde es vielleicht ein
Gespötte heißen man müsste ihn lächerlich abmahlen und die Wahrheit würde
machen allzu natürlich treffen Wir wollen lieber schweigen unsere Schande
bedecken uns raten lassen und uns bessern
 
                            Von dem gelehrten Stand
Der gelehrte Stand ist eigentlich kein besonderer Stand Es ziemet allen
Menschen etwas zu wissen Wir sollten alle nach den Absichten des Schöpffers
verständige Kreaturen und Schüler der Weissheit sein Wir sollten uns ein jeder
nach seinem Stand und nach der Fähigkeit die er besitzet in allerhand
nützlichen Künsten und Wissenschaften unterrichten lassen Denn wo der Weisen
viel sind da ist des Volckes Heil
    Allein was findet man nicht unter den Gelehrten für seltsame Menschen Man
sollte es in der Tat für keine Glückseligkeit halten etwas zu wissen wenn uns
die Erlernung der Wissenschaften in Gefahr setzt die elendeste unter den
vernünftigen Geschöpffen zu werden Ehedessen hielt man auf bloße Weissheit und
man lernte die Wissenschaften in keiner andern Absicht als um weise zu werden
Heutiges Tages machen wir daraus ein Handwerck die Menschen und den Staat damit
zu verwirren Wir zwingen die Leute Meinungen anzunehmen die sie nicht fassen
können und lassen ihnen übrigens alle Torheiten und Aussschweiffungen frei Die
wenigste Lehrer erfüllen die Pflichten eines Berufs dessen Wichtigkeit sie
selbst nicht kennen Die meisten lassen sich darzu aus Not gebrauchen weil sie
nicht besser unterkommen können Großes Unglück Man sollte darzu die
vortreffliche Männer ausssuchen und sie deswegen vor andern ehren und wohl
halten
    In den alten Zeiten hatten die größte Weltweisen ihre eigene Schulen Alt
und Jung kamen darin zusammen Die Redner waren die größte Leute in der
Republick und es war einem Helden eben so anständig vor dem Volck zu reden als
Schlachten zu gewinnen Diese Zeiten sind nicht mehr Die Würde eines Lehrers
beflecket nun die Würde des Adels und die Unwissenheit ist das Kennzeichen
einer vornehmen Geburt
    Drei Sachen haben zu unsern Zeiten die Gelehrten in der Welt verächtlich
gemacht Ihre ungesittete LebensArt Ihr närrischer Hochmut und die viele
Bücher die sie drucken lassen Es ist natürlich dass Leute die an statt mit
Menschen umzugehen schier immer zu Hause über ihren Büchern sitzen und sich da
in ihre eigene Weissheit und Vortrefflichkeit verlieben nach und nach unbelebt
finster und lächerlich werden Deswegen ehedessen ein gewisser Fürst auf
Befragen warum er keine HofNarren hielt zur Antwort gab dass er wenn er
lachen wollte ein paar von seinen Professoren zu sich auf das Schloss kommen und
sie wacker zusammen disputiren ließ Man hat also Ursach die Wissenschaften zu
fliehen wenn sie aus Vernünftigen Unwissenden albere Gelehrten und seltsame
Menschen machen
    Ich bin nie der Meinung gewesen dass die Erfindung der Buchdruckerei der
menschlichen Gesellschaft großen Nutzen sollte gebracht haben Unter wenig guten
Büchern die dadurch den Menschen gemein worden sind ihnen unzehlich viel
schlechte in die Hände kommen Wir werden dadurch von den reinen Quellen der
Wissenschaften abgeführet und die Zeit die edle Zeit die wir anwenden könnten
die gründlichste Sachen zu lernen geht mit Lesung so vieler nichtswürdigen
Dinge verloren Der Verstand welcher die schönste Wahrheiten in seiner ersten
Unterweisung am leichtsten fassen könnte wird dadurch nur verwirrt und
aufgehalten Vorurteile unrichtige Schlüsse und das Ansehen der Lehrer welche
die Bücher schreiben umnebeln gleichsam seine BeurteilungsKraft und er
findet desto mehr Müh das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden und seine
Begriffe auszuheitern
    Wie viel Unordnung wie viel Zwiespalt wie viel Blutvergießen haben nicht
bei uns die ReligionsStreitigkeiten schon verursachet Wir machen einen
abscheulichen Lermen um die Erhaltung der Wahrheit Ein jeder behauptet dass er
solche hätte man streitet man disputiret darüber man schilt man verdammet
man verfolget sich einander Dieses ist noch nicht genug man schmeisset sich
auch wohl gar wenn man kann einander darüber tot Solte man nicht die
Wissenschaften verwünschen und verbannen die in dem menschlichen Geschlecht
solche Unordnungen und solchen Jammer verursachen Solte man nicht vielmehr
diejenige glückselige Unwissenheit und Einhalt preisen die Treu und Redlichkeit
erhält und die Menschen zusammen in einer süßen Eintracht verbindet
    Dieses Ubel würde sich nie so weit ausgebreitet haben wenn der Missbrauch
einer so edlen Kunst als die Buchdruckerei ist nicht darzu noch mehr
Gelegenheit gegeben hätte Die Zänckereien der Gelehrten würden unter den
Gelehrten geblieben sein und nicht zugleich auch das Volck in ihre Sectireien
und Banden mit eingeflochten haben Es würden nicht so viele cursus Teologiæ
und Katechismi durch den Druck heraus gekommen sein die indem sie die Stärcke
ihrer Verfasser zeigen sollten ihre Schwåche und Blöse entdecken Wie es dann
leicht zu beweisen stünde dass dergleichen jetzo in einem halben Jahrhundert
mehr als in der ganzen Zeit von Christi Geburt an zu rechnen heraus gekommen
sind daraus man mit wenig Müh und durch die Kunst der Folgen eines Satzes aus
dem andern wieder so viele besondere Religionen machen könnte Der ungeheuren
Menge der StreitSchriften welche mit der größten Wut und Schmähsucht
geschrieben sind nicht einmal zu gedenken
    In der RechtsGelährteit ist dieser Missbrauch des Bücherdruckens auf einen
gleichen Grad gestiegen doch mit dem glücklichen Unterscheid dass darin die
verschiedene Meinungen nicht solche Zerrüttungen und Spaltungen im gemeinen
Wesen als die ReligionsStreitigkeiten nach sich gezogen haben
    Ob man in den übrigen Teilen der Gelehrsamkeit durch die Erfindung der
Druckerei weiter als die Alten gekommen sei lässt sich daraus urteilen indem
wir meistens nur dasjenige wieder aufwärmen was jene durch ihre
Scharfsinnigkeit ausgedacht und der Nachwelt hinterlassen haben Wir bedienen
uns bei allem eingebildeten Fortgang der Wissenschaften doch noch immer dieser
verjahrten Wegweiser und wenn es einer unter uns im Bücher schreiben sehr weit
gebracht hat so erlanget er doch daraus erstlich den größten Ruhm wenn man ihm
die Ehre erweiset dass man seine Schriften mit denjenigen der alten Griechen und
Lateiner vergleichet welche unstreitig die Geschicklichkeit besaßen mit einer
Zeile mehr zu sagen als wir öfters mit vielen mühsam auf einander gearbeiteten
Worten nicht auszudrücken vermögen
 
                          Von dem bürgerlichen Stand
Unter dem Wort Bürger werden im allgemeinen Sinn alle und jede Glieder eines
gemeinen Wesens verstanden Hier aber ist nur die Rede von einem Bürger der
sich entweder mit Kaufmannschaft oder mit einem Handwerck nähret und in einer
Stadt wohnet
    Die Kaufmannschaft ist wegen ihrer Nutzbarkeit und Notwendigkeit besonders
hoch zu schätzen und deswegen auch in allen ihren Freiheiten und
Bequemlichkeiten mit möglichster Sorgfalt zu erhalten Sie gibt einem Land
Nahrung Sie erhält darin den nötigen Umlauf des Geldes und ist das sicherste
Mittel solches reich und mächtig zu machen
    Unter allen Lastern die in einer Republick im Schwang gehen hat keines
eine glücklichere Bedeutung als wenn die KaufLeute stoltz werden und prächtig
leben dieses aber verstund vor einiger Zeit ein sicherer Fürst unrecht Er
hatte verschiedene zur Handlung wohl gelegene Plätze Es zogen sich viel
KaufLeute dahin Sie erwarben durch ihre Handelschaft und Schiffart großen
Reichtum
    Wo Geld ist da zeigt sich auch Mut Die KaufLeute wurden hoffärtig sie
lebten wohl sie taten sich hervor Der Adel wurde darüber eifersüchtig Der
Fürst meinte er wollte die Eitelkeit dieser Leute einschräncken Ein wenig
Policei hätte solches tun können allein der Fürst wollte auch dadurch seine
Einkünfte vermehren Er drückte die Handlung mit neuen Auflagen er verdoppelte
die Zölle und belegte alle fremde Waren mit einer unerträglichen Accis Der
Umschlag mit den Ausländern hatte ein Ende Handel und Wandel gerieten dadurch
in Abnahm Der Kaufmann wurde demutiger und das Land arm Der Vertrieb der
einheimischen Manufacturen war verstopfft das Geld mangelte Der Fürst wurd es
am ersten gewahr Seine Einkünfte die er verbessern wollte kamen sparsamer
ein Das Volck klagte Die Nahrung war gehemmt Man wollte die Handlung wieder
einführen allein vergebens sie war einmal weg nicht anders wie ein Flug
Vögel welchen ein Jäger mit einem Schuss zerstreuet
    Man muss also der Handlung Freiheit lassen nur darin muss man sie
einschräncken dass Treu und Glauben Wahrheit und Gerechtigkeit dabei
gehandhabet und dagegen diejenige Missbräuche welche schädlich sind
sorgfältigst aus dem Wege geräumet werden
    Eines der größten Ubel in der Handlung ist der ausgelassene Frevel der
Banckeruttirer Diese sind gleichsam heut zu Tage privilegirte Diebe Sie
stehlen unter dem Schein eines ehrlichen Mannes Sie machen Figur mit anderer
Leute Geld Sie erwerben sich Freunde mit dem ungerechten Mammon Sie sind die
beste Männer denn sie schencken alles ihren Weibern wenn sie hernach nicht
weiter können so geben sie ihren ehrlichen Namen mit samt der Handlung auf Sie
zahlen niemand Es heist sie wären unglücklich gewesen sie wären um alles
kommen und leben hernach von dem Vermögen ihrer Frauen eben so gemächlich als
zuvor
    O schädliches Recht das solchergestalt den Grund aller Gerechtigkeit
durchwühlet und alle ihre GrundSätze umstürtzet man verdammt denjenigen zum
Galgen der aus Not stiehlet und ein Banckeruttirer der tausend wagt
darunter öfters kaum zehen sein eigen sind und der für Ubermut nicht weiß wie
er genug verprassen soll dem sollten die Gesetze noch zu Hilfe kommen und ihm
an statt der wohl verdienten Straffe noch gemächliche Tage verschaffen O
Zeiten O Sitten
    Dieses Ubel in der menschlichen Gesellschaft ist wichtiger als man sich
solches vorstellet Die Folgen davon sind abscheulich Wo die Handlung blühen
soll da muss der Kredit da muss Treu und Glauben unterhalten werden sonst wird
die Kaufmannschaft ein Handwerck der sogenannten Chevaliers dindustrie um es
höflich zu geben da es darauf ankommt wer den andern am listigsten betrügen
und um das Seinige bringen kann
    Die Handwercker haben ihre Zünfte diese sind nicht ohne Nutzen wenn sie
dadurch Zucht Ehrbarkeit und gute Ordnungen unter sich erhalten Ihre Gebräuche
aber müssen nicht närrisch sein noch andern Menschen zum Nachteil gereichen
Von dieser Art ist das verkehrte Recht dessen sich die HandwercksLeute in
gewissen Städten anmassen dass man alles bei ihnen müsse arbeiten lassen dabei
sie ihre Arbeit über den Wert schätzen sie mag geraten sein oder nicht
Dieses ist wider alle Vernuft und Billigkeit Der Betrug der Ubermut und die
Liederlichkeit der HandwercksLeute wird dadurch genähret Sie vernachlässigen
darüber ihre Arbeit und dencken man müsse ihnen solche doch bezahlen Man ist
deswegen übel mit diesen Leuten dran Sie meinen sie müssten gleichwohl mehr
verwohnen Es sei kostbar in den Städten zu leben Sie müssten solches auf ihre
Arbeit schlagen Allein welchen Nutzen hat das gemeine Wesen davon dass solche
Leute nur in den Städten sich aufhalten Was verbindet sie für ein Gesetze dass
sie mehr ausgeben und üppiger leben als die Leute auf dem Lande Warum soll man
ihnen ihre Arbeit um so viel teurer bezahlen meint man die Städte würden
dadurch in Abnahm kommen Wie dass die größte Städte in Europa Nahrung genug
haben ohne dass man darin den HandwercksLeuten einen solchen ganz ungereimten
Vorzug verstattet
 
                             Von dem BauernStand
Ehedessen war der Feld und GartenBau eine Beschäftigung großer Leute Fursten
waren Hirten und Helden pflantzten Bäume Heut zu Tage ist der LandMann die
armseligste unter allen Kreaturen Die Bauern sind Sklaven und ihre Knechte
sind von dem Vieh das sie hüten kaum noch zu unterscheiden
    Man kommt auf Dörffer wo die Kinder halb nackend laufen und die
Durchreisende um ein Allmosen anschreien Die Eltern haben kaum noch einige
Lumpen auf dem Leib ihre Blöse zu bedecken Ein Paar magere Küh müssen ihnen
das Feld bauen und auch Milch geben Ihre Scheuren sind leer und ihre Hütten
drohen alle Augenblick über einen Hauffen zu fallen Sie selbst sehen verkahmt
und elend aus und man würde noch mehr Mitleiden mit ihnen haben wann nicht ein
wildes und viehisches Ansehen ein so hartes Schicksal an ihnen zu rechtfertigen
schien Wehe den Fürsten die durch ihre grausame Tyrannei und durch ihre üble
Hausshaltung den Jammer so vieler Menschen verursachen
    Der Bauer wird wie das dumme Vieh in aller Unwissenheit erzogen Er wird
unaufhörlich mit FrohnDiensten BotenLauffen TreibJagen Schantzen Graben
und dergleichen geängstiget Er muss von Morgen bis Abend die Aecker durchwühlen
es mag ihn die Hitze brennen oder die Kälte starr machen Des Nachts liegt er
im Felde und wird schier ein Wild um das Wild zu scheuen dass es nicht die
Staat plündere Was dem WildZahn entrissen wird nimmt hernach ein rauer
Beamter auf Abtrag der noch rückständigen Schoss und SteuerGelder weg
    Wann nun hier der nicht minder boshafte als gequälte BauersMann seinem
Herrn etwas unterschlagen und mit List entweden kann so tut er solches mit dem
besten Hertzen von der Welt und bildet sich ein die Gerechtigkeit sei nur ein
ausgedachter Vorteil der Großen damit sie alles sich zueignen könnten wenn
ihm also die Furcht der Straffe nicht bang machte so würden die zehen Gebotte
ihn schwerlich von den gröbsten Missetaten zurück halten
    Solche traurige Beschaffenheit hat es heutiges Tages mit demjenigen Stande
der an und vor sich selbst der allerunschuldigste und nützlichste ist So sehr
aber darin wider alle natürliche Billigkeit gehandelt wird da man durch eine
unumschränckte Gewalt den größten Teil der Menschen ins äußerste Elend
stürtzet so wenig Vorteil entstehet auch daraus dem Staat Ein armes Land ist
gleich den mageren FeldGütern die kaum die Helft so viel Nutzen ihrem Herren
abgeben als wenn sie in gehörigem Bau unterhalten werden
    Ein großer Fürst dessen Weissheit ihn noch mehr als seine Krone erhoben
hatte pflegt ehedessen zu sagen Er hätte weder Mangel an Geld noch an
Soldaten so lange seine Bauern noch silberne Knöpffe auf den Kleidern trügen
Was kann richtiger sein als dieser Schluss So lang der Untertan etwas im
Vermögen hat so lang kann er auch sein Hausswesen ordentlich bestellen seiner
Nahrung nachgehen seine Felder mit Nutzen bauen und von allem die Gebühr
seinem LandesHerren desto ordentlicher entrichten
    Versiehet er etwas gegen die Gesetze so hat er etwas dass man ihn dafür
bestraffen kann ohne dass man ihn deswegen darf von seiner Nahrung wegnehmen und
ins Gefängnis sperren Bedrohet ein feindlicher Einbruch das Land zu verheeren
so hat er etwas dabei zu verlieren Er ergreifft selbst die Waffen um sein
Vatterland seinen Herren und sein eigen Gut zu vertaidigen Braucht der Fürst
Geld so kann er solches bei seinen eigenen Untertanen aufnehmen und hat nicht
nötig Land und Leute dafür mit hohen Zinsen und großer Gefahr an seine
Nachbarn zu versetzen Endlich hat der Untertan etwas im Vermögen so kann er
seinen Kindern auch etwas lernen lassen Er kann auf diese Weise dem Staat
vernünftige Einwohner getreue Bürger und gute Hausshälter erziehen
    Diese wichtige Gründe wollen heut zu Tage wenig Fürsten mehr einsehen sie
plündern ihr eigen Land sie folgen jener Königin welche zu sagen pflegte Der
Bauer sei reich genug wenn er eine aus Binsen geflochtene Matrazze zum Lager
und einen groben leinenen Kittel zur Kleidung hätte weil er sonst als die
boshaftigste von allen Kreaturen nicht zu bändigen wär allein was richtete sie
damit aus als dass ihre Bauern endlich den Pflug verließen dem Raub und dem
Plündern nachgiengen und das ganze Land unsicher machten
    O unselige Fürsten die ihr euch Helden SchutzEngel und LandesVäter
nennen lasset seid ihr nicht vielmehr wann ihr solchen grausamen Regungen
folgt und eurer Untertanen Schweiß und Blut eurem Ubermut eurer Wollust
und eurer Uppigkeit aufopffert der Bezüchtigung jenes Räubers unterworffen der
dem Macedonischen Alexander vorwarff er sei noch ein weit größerer Räuber als
er Solte nicht wenn ihr ja noch einen Gott glaubt die Vorstellung desjenigen
Gerichts euch erschüttern da nach dem gerechtesten Maas einem jeden soll
vergolten werden was er hier in dieser Welt gutes und böses getan habt
    Die Verbesserung eines Staats ist mit nichten so schwer als man sich solche
einbildet Ein kluger Regente darf nur vom Mitleiden gerühret werden so viele
Menschen unter feiner Bottmässigkeit im Elend zu sehen so ist diese Empfindung
schon genug ihm gute Ratschläge an die Hand zu geben
 
                               Von der Religion
Die Religion ist eine Erkänntnüs von Gott und göttlichen Dingen Sie ist der
Grund von aller Glückseligkeit des Menschen ohne Religion ist kein ehrlicher
Mann keine Tugend keine Weissheit kein wahres Gut und gleichwohl sollte man
sagen stifftet die Religion so viel böses sie stöhret die Eintracht und den
Frieden sie trennet die Gemüter sie erreget Hass und Feindschaft Krieg und
Blutvergießen sie macht die Menschen verwirrt sie erhitzt ihre Einbildung mit
den seltsamsten Vorstellungen sie entfernet endlich Gott von uns und uns von
Gott Es gibt also eine gute und auch eine böse Religion Bei den Verkehrten
ist sie verkehrt bei den Gerechten aber gerecht
    Die wahre Religion hat zum Vorwurff die Liebe Gottes die Reinigkeit unsers
Hertzens und die Verbesserung unsers Willens die falsche aber ist ein Werck
unserer eingebildeten Weissheit und gründet sich auf leere Begriffe und
Meinungen
    Die Religion ist für alle Menschen keiner der Vernunft hat kann leugnen
dass ein Gott sei Keiner der eine Empfindung hat kann das Gute hassen und das
Böse lieben keiner der ein Gefühl hat kann bei sich den heimlichen Richter
schweigen machen der ihn bestraffet wenn er böses tut keiner der ein
Verlangen hat glückselig zu sein kann sich zurück halten solche bei demjenigen
Wesen zu suchen welches der Ursprung von ihm und allen Dingen ist
    Diese Bilder diese Regungen hat die Natur unserer Seelen eingedruckt sie
kann sie nicht von sich ablegen sie sind ihr immer gegenwärtig sie leben sie
regen sich in ihr Wer nicht davon die Spuren bei sich entdecket der ist ein
Unmensch Sie sind der Saamen woraus die weitere Begriffe der göttlichen Dinge
keimen sie sind der Grund worauf auch die geschriebene und offenbahrte
Warheiten in der Religion sich beziehen Wir können keine andere Begriffe
annehmen als die damit übereinstimmen wir können nicht zu gleich etwas glauben
und nicht glauben
    Die Erkenntnis Gottes zieht also ihren Ursprung aus der Natur wie die
Natur ihren Ursprung zieht aus Gott diese Erkenntnüs Gottes aus der Natur aber
wird kräfftig vermehret und in ein helleres Licht gesetzt wenn wir Gott
lieben und ihn deswegen näher zu erkennen suchen Hieraus kommt der Glaube
welcher darin bestehet dass wir uns der Regierung Gottes und den Einflüssen
seines Geistes gänzlich überlassen unser Vertrauen auf ihn setzen die
Wahrheit des Evangelii für Wahrheit erkennen Christum zu unserm Heiland
annehmen und seinen Lehren nachfolgen
    Dieser Glaube aber ist eine verborgene Wirkung des Geistes wir können uns
solchen weder geben noch nehmen er kommt von oben sein Ursprung ist ganz
göttlich Mit zancken und disputiren wird er nicht erlangt durch bloße
menschliche Vernunft und durch vieles scharffsinnige Nachdencken auch nicht
GOTT zeigt dadurch dass der Glaube nicht ein Werck unsers Verstandes sei Wie
sehr muss ihm also unser Gezäncke missfallen da wir also mit einem schwachen
Lichtgen wie unser Verstand ist seine Wercke seine Absichten und seine ganze
Hausshaltung beleuchten und das allergröste Wesen nach unsern allerkleinsten
Begriffen abmessen wollen Der Hochmut aber lässt nicht nach er ist das Gift
so wir noch aus dem Paradies gebracht haben es steckt noch in allen
AdamsKindern Der Verstand des Menschen ist etwas göttliches er unterscheidet
ihn von den Tieren er will deswegen sich mit dieser Gabe vor allen andern
brüsten man ist auf nichts eifersichtiger man will dass andere Menschen diesen
Vorzug an uns erkennen bewundern ja gar wenn wir etwas zu sagen haben sich
solchem unterwerffen sollen O toller Aberwitz wohin verleiten uns noch die
Einbildungen von unserer eigenen Weissheit
    Man kann also die Menschen wohl mit Gewalt zu den Pflichten der Religion
zwingen weil sie dem Gesetz der Natur der Vernunft und dem Wohlstand eines
bürgerlichen Wesens gemäß sind aber die Begriffe der Religion müssen wir einem
jeden frei lassen Dann die Menschen selbst sind davon nicht Meister sie können
nicht dencken und empfinden wie sie wollen sie haben darzu nicht alle eine
gleiche Fähigkeit der eine hat viel der andere wenig Verstand der eine hat
deutliche der andere verwirrte und der dritte gar keine Begriffe das Gesetz
der Liebe verbindet uns mit eines jeden Gebrechen und Schwachheiten Geduld zu
haben warum nicht auch mit den Mängeln des Verstandes
    Die äußerliche Religion macht keinen Christen Es kommt darauf an wer den
Willen Gottes tut und im Glauben wandelt Unsere Spaltungen und Zänckereien in
der Kirche sind noch immer Früchte unsers Unglaubens Der Glaube wircket
Sanftmut Liebe Demut Geduld Man hasset man verfolget sich deswegen nicht
einander man jaget keinen darüber von Haus und Hof Man spannet niemand darüber
auf die Galeeren und schmeisset auch niemand darüber tot Mein Reich ist nicht
von dieser Welt  spricht der Heiland Er braucht darzu keine Legionen keine
Ross und Reuter keine Spiese Schwert und Bogen Sein Reich ist ein geistlich
Reich
    Die beste Gemeine ist demnach wohl diese worin wenig GlaubensArtickel
wenig Zeremonien wenig StreitFragen und dagegen viel Liebe viel Einfalt und
viel gute Wercke als Früchte des Glaubens sich finden
 
                   Von einem beständigen Frieden in Europa1
Viele Dinge sind nur deswegen in der Welt unmöglich weil sie die Menschen nicht
möglich machen wollen Was wäre leichter als einen allgemeinen Frieden in
Europa aufzurichten Alleine der EroberungsGeist die Heldensucht und der
schier mehrenteils müßige Adel hätte nichts mehr zu tun man brauchte keine
Soldaten mehr um Länder zu gewinnen und Städte zu erobern Die Kronen wären
auf den Häuptern derer die sie tragen und auf ihren Nachkommen gesichert Die
freie Staaten blieben freie Staaten und ein jedes Volck wurde durch seine
eigene Gesetze regieret
    Man könnte einen allgemeinen VersamlungsOrt erwählen und darin einen
beständigen FriedensRat von ungefehr vierzig biss fünffzig FriedensRichter
unterhalten diese müssten aus allen denjenigen Völckern die mit in dem
allgemeinen Bündnüs stünden durch eine vorhergehende Wahl gezogen werden sie
müssten die vortrefflichsten Männer ihres Landes sein und mit einer gründlichen
Vernunft und Einsicht auch eine gründliche Kenntnüs des Natur und
VölckerRechts verbinden sie müssten eine genaue Wissenschaft der Europäischen
Staaten und ihrer politischen Verfassung besitzen sie müssten der vornehmsten
Sprachen kündig insonderheit aber der Lateinischen vollkommen mächtig sein
weil in derselben alles müsste tractiret und ausgefertiget werden sie müssten vor
allen Dingen das Lob der Redlichkeit und einer unverletzlichen Treue haben
    Diesen zur allgemeinen FriedensVersamlung bestimmten Ort müssten die in
Europa sich zusammen verbundene Staaten durch ihre Gesandten beschicken und
durch sie die Angelegenheiten ihrer Höfe vortragen lassen Dis FriedensRichter
hingegen müssten solche mit aller Unparteilichkeit untersuchen rechtsmässig
erörtern oder in Ermanglung zulänglicher Urkunden und Beweisen durch gütliche
Vergleiche schlichten Diese Entscheidungen der FriedensRichter müssten nach den
meisten Stimmen gelten und dadurch ihre völlige RechtsKrafft erlangen
    Der Ort hierzu müsste groß wohl erbauet gesund wohlgelegen und mit allen
nötigen LebensMitteln leicht sicher und wohlfeil zu versehen sein Auch müsste
derselbe in keinem mächtigen Königreich sondern in einem freien Staat sich
befinden und zu einem allgemeinen niemand in der Welt unterworffenen
FriedensPlatz von den verbundenen Staaten besonders darzu erkaufft und
gleichsam der Hof von ganz Europa werden Das Regiment und die Policei daselbst
könnte unter der Aufsicht der FriedensRichter ein gemeiner StadtMagistrat
versehen
    Wegen dem Rang der Potentaten und Republicken und daher rührenden Vortritt
der Gesandten könnte man sich dahin vergleichen dass man den ältesten und in
einer ununterbrochenen Abstammung von Königlichem Geblüt besetzten Tronen wenn
sie zugleich auch die mächtigsten sind den Rang vor andern die entweder nicht
so alt oder nicht so mächtig sind gestattete diejenige welche wohl eben so
alt aber nicht so mächtig oder so mächtig und nicht so alt sind als jene
behielten zwar mit ihnen gleiches Ansehen und gleiche Hoheit ihre Gesandten
aber wichen den Gesandten der ersten aus Höfflichkeit ohne deswegen der Macht
und Würde ihrer eigenen Kronen etwas zu vergeben diejenige von der ersten
Gattung müssten im Ceremoniel wo ein Vortritt sich äußern sollte mit einander
umwechseln und wo ja ein Gesandter dem andern zufälliger oder vorsetzlicher
Weise vorgehen sollte so müsste doch dadurch dem einen weder etwas genommen noch
dem andern etwas vergeben werden In Betrachtung dass ein vor allemahl die
Gleichheit unter ihnen reguliret wär
    Die andere Kronen würden des Rangs halber nach obiger Regel leicht zu
vergnügen sein dann wo die Macht und das Altertum zusammen stehen da machen
sie auch einen gewissen Vorzug welchen die andere denen entweder das eine
oder das andere mangelt sich vernünftig bescheiden würden an ihnen zu
erkennen Und dieses um so viel ehender weil sie dadurch an und vor sich selbst
an ihrer Hoheit nicht das mindeste verlieren in Erwegung dass das ganze
CeremonielWesen nachdem einmal eingerichteten Frieden nur eine Sache des
blosen Wohlstandes und der Ordnung wär
    Alle und jede Sachen wie sie bei dieser allgemeinen FriedensVersammlung
durch Urteil und Recht von den darzu bestimmten Richtern entschieden und
abgetan würden müssten ohne allen Widerspruch für gültig angenommen und
vollzogen werden Im VerweigerungsFall aber wär eine gewisse
ExecutionsOrdnung aufzurichten vermög welcher die Aussprüche der
FriedensRichter zur Vollziehung müssten gebracht werden wobei man diejenige für
allgemeine Feinde u FriedensStörer zu achten und anzusehen hätte die sich
dieser einmal beliebten Ordnung mit Frevel Empörung und Gewalt wiedersetzen
wollten
    Alle und jede Erbfolgen und GräntzScheidungen als woraus die meiste Kriege
entstehen müssten auf eine sichere und beständig fortdauernde Art mit und unter
allen Staaten vorher ausgemacht und reguliret werden also und dergestalt dass
man vor einem jeden sich ereignenden SterbFall bereits voraus wissen könnte auf
welche Person oder StammLinie dieses oder jenes Reich Fürstentum oder Land
fiel Wie dann zu dem Ende keine Heirat unter den Durchläuchtigen und
regierenden Häussern könnte und müsste geschlossen werden bevor die Erbfolgen der
Staaten und Länder festgesetzt und davon der FriedensVersammlung als von
einer Sache welche die Erhaltung der gemeinen Ruhe betrifft die nötige
Eröffnung geschehen sei
    Die Handelschaft der Völcker in die entlegene Länder die freie Seefart
welche sich einige vor den andern anmassen die Rechte der Zölle des Stapels
des Strandes der Kontrebanden und dergleichen wären auch noch solche Puncten
die vorher wüsten ausgemacht und reguliret werden
    Die Verbindung einiger mächtigen Häusser in Europa könnte dergleichen
Vorschläge möglich machen sie könnten sich dadurch gesamter Hand gegen fremde
Gewalt einander schützen ihre eigene Staaten u Provinzen aber in Ruhe
beherrschen
    Dass im übrigen diese kurtze Vorschläge welche die Verbesserung des Staats
betreffen einer weitläufftigern Ausführung bedürffen ist man nicht in Abrede
Man müsste aber sodann einen gewissen Staat allein zum Vorwurf haben und die
Zueignung darauf ins besondere richten Gott bessere unterdessen die Menschen
und die Zeiten
                                     ENDE
 
                                    Fußnoten
1 Diesen Entwurff soll ehedessen der Abbé de S Pierre in einem Tractat Projet
pour rendre la paix eternelle weitläufftig ausgeführet haben