1932_Hofmannsthal_Andreas.html




        
                             Hugo von Hofmannstal
                                    Andreas
                             Die wunderbare Freundin
 Es hat in unsrer Mitte Zauberer
 Und Zauberinnen aber niemand weiß sie
                                                                          Ariost
»Das geht gut« dachte der junge Herr Andreas von Ferschengelder als der
Barkenführer ihm am 7 September 1778 seinen Koffer auf die Steintreppe gestellt
hatte und wieder abstiess »das wird gut lässt mich der stehen mir nichts dir
nichts einen Wagen gibts nicht in Venedig das weiß ich ein Träger wie käme
da einer her es ist ein öder Winkel wo sich die Füchse gute Nacht sagen Als
ließe man einen um sechs Uhr früh auf der Rossauerlände oder unter den
Weissgärbern aus der Fahrpost aussteigen der sich in Wien nicht auskennt Ich
kann die Sprache was ist das weiter deswegen machen sie doch aus mir was sie
wollen Wie redt man denn wildfremde Leute an die in ihren Häusern schlafen 
klopf ich an und sag Herr Nachbar« Er wusste er würde es nicht tun  indem
kamen Schritte näher scharf und deutlich in der Morgenstille auf dem steinernen
Erdboden es dauerte lange bis sie näher kamen da trat aus einem Gässchen ein
Maskierter hervor wickelte sich fester in seinen Mantel nahm ihn mit beiden
Händen zusammen und wollte quer über den Platz gehen Andreas tat einen Schritt
vor und grüßte die Maske lüftete den Hut und zugleich die Halblarve die innen
am Hut befestigt war Es war ein Mann der vertrauenswürdig aussah und nach
seinen Bewegungen und Manieren gehörte er zu den besten Ständen Andreas wollte
sich beeilen es dünkte ihn unartig einen Herrn der nach Hause ging zu dieser
Stunde lang aufzuhalten er sagte schnell dass er ein Fremder sei eben vom
festen Land herübergekommen aus Wien über Villach und Görz Sogleich erschien
ihm überflüssig dass er dies erwähnt hatte er wurde verlegen und verwirrte sich
im Italienischreden
    Der Fremde trat mit einer sehr verbindlichen Bewegung näher und sagte dass
er ganz zu seinen Diensten sei Von dieser Gebärde war vorne der Mantel
aufgegangen und Andreas sah dass der höfliche Herr unter dem Mantel im bloßen
Hemde war darunter nur Schuhe ohne Schnallen und herabhängende Kniestrümpfe
die die halbe Wade bloß ließ Schnell bat er den Herrn doch ja bei der kalten
Morgenluft sich nicht aufzuhalten und seinen Weg nach Hause fortzusetzen er
werde schon jemanden finden der ihn nach einem Logierhaus weise oder zu einem
Wohnungsvermieter Der Maskierte schlug den Mantel fester um die Hüften und
versicherte er habe durchaus keine Eile Andreas war tödlich verlegen im
Gedanken dass der andere nun wisse er habe sein besonderes Negligé gesehen
durch die alberne Bemerkung von der kalten Morgenluft und vor Verlegenheit wurde
ihm ganz heiß so dass er unwillkürlich auch seinerseits den Reisemantel vorne
auseinanderschlug indessen der Venezianer aufs höflichste vorbrachte dass es
ihn besonders freue einem Untertan der Kaiserin und Königin Maria Teresia
einen Dienst zu erweisen um so mehr als er schon mit mehreren Österreichern
sehr befreundet gewesen sei so mit dem Baron Reischach Obersten der
kaiserlichen Panduren und mit dem Grafen Esterhazy Diese wohlbekannten Namen
von dem Fremden hier so vertraulich ausgesprochen flössten Andreas großes
Zutrauen ein Freilich kannte er selber so große Herren nur vom Namenhören und
höchstens vom Sehen denn er gehörte zum Kleinoder Bagatelladel
    Als der Maskierte versicherte er habe was der fremde Kavalier brauche und
das ganz in der Nähe so war es Andreas ganz unmöglich etwas Ablehnendes
vorzubringen Auf die beiläufig schon im Gehen gestellte Frage in welchem Teil
der Stadt sie hier seien erhielt er die Antwort zu Sankt Samuel Und die
Familie zu der er geführt werde sei eine gräflich patrizische und habe
zufällig das Zimmer der ältesten Tochter zu vergeben die seit einiger Zeit
außer Hause wohne Indem waren sie auch schon in einer sehr engen Gasse vor
einem sehr hohen Hause angelangt das wohl ein vornehmes aber recht verfallenes
Ansehen hatte und dessen Fenster anstatt mit Glasscheiben alle mit Brettern
verschlagen waren Der Maskierte klopfte ans Tor und rief mehrere Namen hoch
oben sah eine Alte herunter fragte nach dem Begehren und die beiden
parlamentierten sehr schnell Der Graf selbst wäre schon ausgegangen sagte der
Maskierte zu Andreas er gehe immer so früh aus um das Nötige für die Küche zu
besorgen Aber die Gräfin sei zu Hause so werde man wegen des Zimmers
unterhandeln und auch gleich Leute nach dem zurückgelassenen Gepäck schicken
können
    Der Riegel am Tor öffnete sich sie kamen in einen engen Hof der voll
Wäsche hing und stiegen eine offene und steile Steintreppe empor deren Stufen
ausgetreten waren wie Schüsseln Das Haus gefiel Andreas nicht und dass der Herr
Graf so früh ausgegangen war um das Nötige für die Küche zu besorgen
verwunderte ihn aber dass es der Freund der Herren von Reischach und Esterhazy
war der ihn einführte machte einen hellen Schein über alles und ließ keine
Traurigkeit aufkommen
    Oben stieß die Treppe an ein ziemlich großes Zimmer in dem an einem Ende
der Herd stand an dem anderen ein Alkoven abgeteilt war An dem einzigen
Fenster saß ein junges halberwachsenes Mädel auf einem niedrigen Stuhl und eine
nicht mehr junge aber noch ganz hübsche Frau war bemüht aus dem schönen Haar
des Kindes einen höchst künstlichen Chignon aufzutürmen Als Andreas und sein
Führer das Zimmer betraten und die Hüte abnahmen stob das Kind laut
aufschreiend davon ins Nebenzimmer und ließ Andreas ein mageres Gesicht mit
dunklen reizend gezeichneten Augenbrauen gewahren indessen der Maskierte sich
an die Frau Gräfin wandte die er als Kousine anredete und ihr seinen jungen
Freund und Schützling vorstellte
    Es gab ein kurzes Gespräch die Dame nannte einen Preis für das Zimmer den
Andreas ohne weiteres zugestand Er hätte um alles gern gewusst ob es ein Zimmer
nach der Gasse hin sei oder ein Hofzimmer denn in einem solchen seine Zeit in
Venedig zu verbringen hätte ihm traurig geschienen auch ob er hier in der
inneren Stadt sei oder in der Vorstadt Aber er fand nicht den Augenblick für
seine Frage denn das Gespräch zwischen den beiden anderen ging immer weiter
und das verschwundene junge Geschöpf wippte mit der Tür und rief energisch von
innen heraus da müsste sofort der Zorzi aus dem Bett herausgebracht werden denn
er liege oben und habe seinen Magenkrampf Darauf hieß es die Herren sollten
nur hinaufgehen den unnützen Menschen aus dem Zimmer zu entfernen das würden
schon die Buben besorgen Er werde auf der Stelle ausziehen und das Gepäck des
Ankömmlings dafür hinaufgeschaft werden Sie bat entschuldigt zu sein wenn sie
den Herrn nicht selbst hinaufbegleite sondern dies dem Cousin überlasse denn
sie habe alle Hände voll zu tun weil sie die Zustina zurichten müsse um mit
ihr die Besuche wegen der Lotterie zu machen Es müssten heute sämtliche
Protektoren der Liste nach im Laufe des Vor und Nachmittags besucht werden
    Andreas hätte nun wieder gerne gewusst was es mit diesen Protektoren und der
Lotterie auf sich habe doch da sein Mentor die Sache mit lebhaftem und
beifälligem Nicken als bekannt hinzunehmen schien fand er keine schickliche
Gelegenheit zu einer Frage und man stieg hinter den zwei halbwüchsigen Jungen
die Zwillinge sein mussten die steile Holztreppe hinauf nach Fräulein Ninas
Zimmer
    Vor der Tür machten die Knaben halt und als ein mattes Stöhnen herausdrang
sahen sie einander mit den flinken Eichhörnchenaugen an und schienen sehr
befriedigt Auf dem Bett dessen Vorhänge zurückgeschlagen waren lag ein
bleicher junger Mensch Ein Holztisch an der Wand und ein Stuhl waren mit
schmutzigen Pinseln und Farbtöpfchen besetzt eine Palette hing an der Wand
Gegenüber hing ein klarer sehr hübscher Spiegel sonst war der Raum leer aber
licht und freundlich »Ist dir besser« sagten die Knaben  »Besser« stöhnte
der Liegende  » So kann man den Stein wegheben«  »Ja ihr könnt ihn
wegheben«  »Wenn einer Magenkrampf hat muss man ihm den Stein auf den Magen
heben dann wird er gesund« meldete der eine der beiden Knaben indes der
zunächst Dabeistehende den Stein den abzuheben kaum ihre angespannten vereinten
Kräfte hinreichten von dem Kranken wälzte
    Andreas war es greulich dass man einen leidenden Menschen so um seinetwillen
aus dem Bette warf Er trat ans Fenster und schlug den halbangelehnten Laden
vollends zurück unten war Wasser und kleine besonnte Wellen schlugen an die
breiten Stufen eines recht großen Gebäudes gerade gegenüber und an einer Mauer
tanzte ein Netz von Lichtkringeln Er beugte sich hinaus da war noch ein Haus
dann noch eins dann mündete die Gasse in eine große breite Wasserstrasse auf
der die volle Sonne lag An dem Eckhaus sprang ein Balkon vor mit einem
Oleanderbaum darauf dessen Zweige der Wind bewegte auf der anderen Seite
hingen Tücher und Teppiche aus luftigen Fenstern Über dem großen Wasser drüben
stand ein Palast mit schönen Steinfiguren in Nischen
    Er trat ins Zimmer zurück da war der im Domino verschwunden der junge
Mensch stand auf und beaufsichtigte die Buben die von dem einzigen Tisch und
Stuhl des Zimmers eifrig Farbentöpfchen und Bündel schmutziger Pinsel
wegräumten Er war blass und ein wenig verwahrlost aber wohlgestaltet in seinem
Gesicht nichts Hässliches als eine schiefe Unterlippe nach einer Seite
herabgezogen das gab ihm einen hämischen Ausdruck  »Haben Sie bemerkt«
wandte er sich an Andreas »dass er unter dem Domino nichts anhat als sein Hemd
Auch die Schnallen an den Schuhen weggeschnitten So geht es ihm alle Monat
einmal Nun Sie verstehen wohl was wirds sein Er ist ein verzweifelter
Spieler Was sonst Sie hätten ihn gestern sehen sollen Er hatte einen
gestickten Rock eine Weste mit Blumen zwei Uhren mit Berloquen daran eine
Dose Ringe an jedem Finger hübsche silberne Schuhschnallen So ein Kujon« Und
er lachte aber sein Lachen war nicht hübsch  »Sie werden ein bequemes Zimmer
haben Wenn Sie sonst noch etwas brauchen ich bin stets zu Ihrer Verfügung Ich
kann Ihnen ein Kaffeehaus zeigen hier nahebei wo man Sie anständig bedienen
wird wenn ich Sie einführe Sie können dort Ihre Briefe schreiben Ihre
Bekannten hinbestellen und alles abmachen außer dem was man lieber hinter
geschlossenen Türen abmacht«  Hier lachte er wieder und die beiden Buben
fanden den Witz vortrefflich und lachten laut dabei strengten sie alle Kräfte
an um den schweren Stein aus dem Zimmer zu schleppen ihre Gesichter sahen der
Schwester unten ähnlich
    »Wenn Sie eine Kommission haben die einen vertrauenswürdigen Menschen
erfordert« fuhr der Maler fort »so wird es mir eine Ehre sein wenn Sie mir
sie übergeben Wenn ich nicht zur Hand bin so nehmen Sie nur einen Furlaner
das sind die einzig verlässlichen Dienstmänner Sie finden ihrer am Rialto und an
jedem größeren Platz und werden sie an der bäurischen Tracht erkennen Es sind
zuverlässige Leute und verschwiegen merken sich Namen und erkennen auch eine
Maske an ihrem Gang und an den Schuhschnallen Wenn Sie von da drüben etwas
brauchen so sagen Sie es mir ich bin Maler des Hauses und habe freien Zutritt
zu allen Räumen«
    Andreas verstand dass er von dem grauen Gebäude gegenüber sprach das ihm zu
groß für ein Bürgerhaus zu dürftig für einen Palast erschienen war und vor
dessen Tor breite Steinstufen ins Wasser führten »Ich spreche vom Theater zu
Sankt Samuel dem Haus hier gegenüber Ich dachte Sie wüssten das längst Wir
sind alle da drüben beschäftigt Ich wie gesagt bin Dekorationsmaler und
Feuerwerker Ihre Hausfrau ist Logenschliesserin der Alte ist Lichtputzer« 
»Welcher«  »Der Graf Prampero bei dem Sie wohnen wer sonst Zuerst war die
Tochter Schauspielerin die hat sie alle hineingebracht  nicht diese die Sie
gesehen haben  die Ältere Nina Diese ist der Mühe wert und ich werde Sie
heute nachmittag zu ihr führen Die Kleine tritt im nächsten Karneval auf Die
Buben machen dringende Wege  Jetzt will ich mich aber nach Ihrem Gepäck
umsehen«
    Andreas blieb allein schlug die Fensterläden zurück und hakte sie ein Von
dem einen war der Haken zerbrochen er nahm sich vor ihn sogleich richten zu
lassen Dann räumte er was noch von Farbtöpfen und Büchsen herumstand vor die
Tür und reinigte mit einem Lappen Leinwand der unter dem Bett lag seinen Tisch
von den Farbenflecken bis die polierte Fläche sauber glänzte dann trug er den
bunten Lappen hinaus suchte ein Eck ihn zu verstecken und fand dort einen
Reisbesen mit dem er sein Zimmer kehrte Als dies geschehen war rückte er den
hübschen kleinen Spiegel lotrecht streifte die Bettvorhänge zurück und setzte
sich auf den einzigen Stuhl am Fussende des Bettes das Gesicht dem Fenster
zugewandt Die freundlich bewegte Luft kam herein berührte sein junges Gesicht
mit leisem Geruch von Algen und Meeresfrische
    Er dachte an seine Eltern und den Brief den er im Kaffeehaus an sie
schreiben müsste Er nahm sich vor beiläufig zu schreiben »Verehrungswürdigste
gnädige Eltern  ich melde dass ich in Venedig glücklich eingetroffen Ich
bewohne ein freundliches sehr reines und luftiges Zimmer bei einer adeligen
Familie die es zufällig zu vergeben hat Das Zimmer geht auf die Gasse aber
anstatt des Erdbodens ist unten Wasser und die Leute fahren in Gondeln oder das
arme Volk in großen Trabakeln ähnlich wie Donauzillen die sind statt der
Lastträger Daher werde ichs auch sehr ruhig haben Peitschenknall oder Geschrei
hört man nicht« Er dachte noch zu erwähnen dass es hier Dienstmänner gäbe die
so findig seien dass sie im Stand wären eine Maske am Gang und an den
Schuhschnallen wiederzuerkennen Das würde seinem Vater Vergnügen machen zu
erfahren denn er war sehr darauf aus das Besondere und Kuriose fremder Länder
und Gebräuche zu sammeln Zweifelhaft war ihm ob er berichten solle dass er
ganz nahe einem Theater wohne Das war in Wien immer sein sehnsüchtiger Wunsch
gewesen Vor vielen Jahren als er zehn oder zwölf Jahre alt war hatte er zwei
Freunde die im Blauen Freihaus auf der Wieden wohnten auf der gleichen Treppe
im vierten Hof wo in einer Scheune das »beständige Theater« errichtet war Er
erinnerte sich des Wunderbaren bei denen gegen Abend zu Besuch zu sein
Dekorationen heraustragen zu sehen eine Leinwand mit einem Zaubergarten ein
Stück von einer Dorfschenke drinnen der Lichtputzer das Summen der Menge die
Mandorlettiverkäufer Stärker als alles das Durcheinanderspielen aller
Instrumente beim Stimmen das ging ihm durchs Herz noch heute wie er sich
erinnerte Der Bühnenboden war uneben der Vorhang an einigen Stellen zu kurz
Ritterstiefel kamen und gingen Zwischen dem Hals einer Bassgeige und dem Kopf
eines Musikanten sah man einmal einen himmelblauen Schuh mit Flitter bestickt
Der himmelblaue Schuh war wunderbarer als alles  Später stand ein Wesen da
das diesen Schuh anhatte er gehörte zu ihr war eins mit ihrem blau und
silbernen Gewand sie war eine Prinzessin Gefahren umgaben sie ein Zauberwald
nahm sie auf Stimmen tönten aus den Zweigen aus Früchten die von Affen
hergerollt wurden sprangen holdselige Kinder leuchteten Die Prinzessin sang
Hanswurst war ihr nahe und doch meilenfern alles das war schön aber es war
nicht das zweischneidige Schwert das durch die Seele drang von zartester
Wollust und unsäglicher Sehnsucht bis zu Weinen Bangen und Beglückung wenn der
blaue Schuh allein unter dem Vorhang da war
    Er beschloss bei sich dass er die Nähe des Theaters nicht erwähnen würde
auch nicht den sonderbaren Aufzug des Herren der ihn eingeführt hatte Er hätte
sagen müssen dass er ein Spieler war der alles bis aufs Hemd verspielt hatte
oder diesen Umstand auf künstliche Weise verschweigen So konnte er freilich
nicht von Esterhazy erzählen das hätte die Mutter gefreut Den Mietpreis wollte
er gern erwähnen zwei Zechinen monatlich das war auch nach seinem Gelde nicht
viel  Aber was nützte das wenn er doch durch eine einzige Torheit in einer
einzigen Nacht mehr als die Hälfte seines Reisegeldes eingebüßt hatte Dies
würde er den Eltern nie eingestehen dürfen wozu also prahlen dass er sparsam
wohne Er schämte sich vor sich selber und wollte einmal an die drei
unheilvollen Tage in Kärnten nicht denken aber da stand schon das Gesicht des
schurkischen Bedienten vor ihm und ob er wollte oder nicht musste er sich an
alles erinnern haarklein und von Anfang an so kam es über ihn jeden Tag
einmal früh oder abends
Er war wieder in der Herberge »Zum Schwert« in Villach nach einem scharfen
Reisetag und wollte zu Bett gehen Da schon auf der Treppe präsentierte sich
ihm ein Mensch als Bedienter oder Leibjäger Er er brauche keinen reise
allein besorge sich tagsüber sein Pferd selber nachts täte das schon der
Hausknecht Der andere drauf lässt ihn nicht los steigt Stufe für Stufe mit
immer quer in Frontstellung bis an die Tür tritt dann in der Tür quer auf die
Schwelle dass sie Andreas nicht zumachen kann dass es nicht schicklich wäre für
einen jungen Herrn von Adel ohne Bedienten zu reisen in Italien gäbe das ein
miserables Ansehen da seien sie höllisch proper in diesem Punkt Und wie er
fast lebenslang nichts anderes getan habe als mit jungen Herrn über Land zu
reiten zuletzt mit dem Freiherrn Edmund auf Petzenstein früher mit dem
Domherrn Graf Lodron die werde der Herr von Ferschengelder doch wohl kennen
Wie er bei diesen als Reisemarschall vorausgereist sei alles bestellt alles
eingerichtet dass der Herr Graf vor Staunen nicht habe auskönnen »niemals zuvor
sei er so billig gereist« und es waren die besten Quartiere Wie er das Wälsche
spräche und das Ladinische und Italienisch natürlich mit aller Geläufigkeit und
die Münzen kenne und die Streiche der Wirte und der Postillons da käme ihm
keiner auf jeder sage nur » gegen den Herren den Ihr da habt könne man nicht
an der sei wohlbehütet« Und wie er Rosskaufen verstände dass er jeden
Rosstäuscher übers Ohr hauen könne auch einen ungarischen das seien die
gefinkeltsten geschweige denn einen deutschen und wällischen Und was die
persönliche Bedienung beträfe da sei er Leiblakei und Friseur und
Perückenmacher Kutscher und Jäger und Piqueur Büchsenspanner er verstehe die
hohe wie die niedrige Jagd die Korrespondenz die Registratur das Vorlesen und
Billettschreiben in vier Sprachen und könne dienen als Dolmetscher oder wie man
im Türkischen spräche als Dragoman Es sei ein Wunder dass ein Mensch wie er
frei wäre auch habe der Freiherr von Petzenstein ihn à tout prix wollen seinem
Herrn Bruder zuschanzen aber er habe es sich in den Kopf gesetzt den Herrn von
Ferschengelder zu bedienen Nicht um des Lohnes willen der sei ihm Nebensache
Aber das stünde ihm an einem solchen jungen Herrn der seine erste Reise
machte behilflich zu sein und sich ihm lieb und wert zu machen Das Zutrauen
sei es worauf sein Sinn stünde das wäre der Lohn den ein Diener wie er im
Auge habe Um herrschaftliches Zutrauen diene er und nicht um Geld Deswegen
habe er es auch nicht bei den kaiserlichen Reitern aushalten können denn dort
regiere der Stock und die Angeberei und nicht das Zutrauen  Hier fuhr er sich
mit der Zunge über die feuchte dicke Lippe wie eine Katze
    Nun brachte Andreas hervor er danke ihm schön für den Dienstwillen aber er
wolle hier keinen Diener nehmen Später vielleicht in Venedig einen
Lohnbedienten  und damit wollte er die Tür zumachen  aber der letzte Satz war
schon zuviel die kleine Vornehmtuerei denn er hatte nie daran gedacht in
Venedig einen Lakaien zu nehmen die strafte sich Da spürte der andere am
unsicheren Ton wer in diesem Handel der Stärkere war und stemmte seinen Fuß
gegen die Tür und wie das kam fand dann Andreas nie mehr heraus dass der Kerl
dann schon gleich als wäre das zwischen ihnen abgemachte Sache von seiner
Berittenmachung sprach da wäre heute Gelegenheit die käme nie wieder Diese
Nacht zöge ein Pferdehändler hier durch den kenne er noch vom Domherrn aus
ausnahmsweise kein Jüdl der habe ein ungarisches Pferdchen zu verkaufen das
stünde ihm wie angegossen Wenn er das zwischen die Schenkel bekäme das täte
den Spanischen Tritt binnen heute und einer Woche Das Bräundl koste glaube er
neunzig Gulden für jeden andern aber für ihn siebzig Das schriebe sich aus den
großen Pferdekäufen her die er für den Domherrn gemacht habe doch müsse er
noch heute vor Mitternacht den Handel gutmachen der Händler sei ein
Frühaufsteher So möge der gnädige Herr ihm das Geld gleich aus dem Leibgurt
geben oder ob er hinuntergehen sollte und gar den Mantelsack oder den Sattel
heraufholen da wäre sicherlich ein Kapital in Dukaten eingenäht denn bei sich
trüge ein solcher Herr ja nur das Nötigste
    Wie der Mensch von Geld sprach war sein Gesicht widerlich unter den
frechen schmutzig blauen Augen zuckten kleine Fältchen im sommersprossigen
Fleisch wie kleine Wasserwellen Er kam Andreas ganz nah und über die
aufgeworfenen nassen dicken Lippen rochs nach Branntwein Jetzt schob Andreas
ihn über die Schwelle hinaus  da fühlte der Kerl dass der junge Herr stark war
und sagte nichts Aber Andreas sagte wieder ein Wort zu viel weil ihm das zu
grob war dass er den Zudringlichen so unsanft angerührt hatte  er meinte so
etwas Grobes Handgreifliches würde der Graf Lodron nie getan haben  und so
fügte er noch gewissermaßen zum Abschied bei er wäre halt heute zu müde morgen
vormittag könnte man ja sehen Jedenfalls sei vorläufig zwischen ihnen nichts
abgemacht
    Morgen mit dem frühesten gedachte er ohne weiteres abzureiten Damit aber
drehte er sich den Strick denn am andern Morgen noch ehe es recht hell und
Andreas wach war stand der Kerl schon an der Tür und meldete er habe bereits
für den gnädigen Herrn bare fünf Gulden verdient dem Rosstäuscher das
Prachtpferd um fünfundsechzig abgehandelt es stünde unten im Hof und jeder
Gulden unter fünfundsechzig den der Herr von Ferschengelder verlöre wenn er
das Pferd in Venedig losschlüge der möge ihm von seinem Lohn abgezogen werden
    Andreas sah schlaftrunken vom Fenster aus ein mageres aber munteres
Pferdchen im Hof stehen Da packte ihn die Eitelkeit an dass es doch was anderes
wäre mit einem Bedienten hinter sich in die Städte und Gastöfe einzureiten An
dem Pferd konnte er nichts verlieren das war ein gesicherter Handel Der
kurzhalsige sommersprossige Bursch hatte doch nichts weiter als ein handfestes
und gewitzigtes Ansehen und wenn der Freiherr zu Petzenstein und der Graf
Lodron ihn in ihrem Dienste gehabt hätten so könne er schon nicht der erste
beste sein Denn eine unbegrenzte Ehrfurcht vor den Personen des hohen Adels
hatte Andreas mit der wienerischen Luft im Elternhaus in der Spiegelgasse
eingezogen und was in dieser höheren Welt vorging das war wie Amen im Gebet
    So hatte denn Andreas einen Bedienten der hinter ihm ritt und seinen
Mantelsack übergeschnallt hatte ehe er es recht wusste und wollte Den ersten
Tag ging alles gut aber trotzdem zog auch der jetzt als trüb und hässlich an
Andreas vorüber und es wäre ihm lieber gewesen ihn nicht wieder durchzumachen
Aber da fruchtete kein Wollen
    Andreas hatte wollen auf Spittal und dann durchs Tirol hinarbeiten der
Bediente aber ihn beschwätzt links abzubiegen und im Kärntnerischen zu bleiben
Da seien die Straßen weit besser und die Unterkünfte gar ohne Vergleich auch
mit den Leuten ein ganz anderes Leben als mit den Tiroler Schädeln Die
kärntnerischen Wirtstöchter und Müllerinnen seien apart die rundesten
festesten Busen von ganz Deutschland seien ihre das sei sprichwörtlich und
Lieder gingen darauf mehr als eins Ob denn dies dem Herrn von Ferschengelder
nicht bekannt sei
    Andreas schwieg ihm war heiß und kalt neben dem Menschen da der nicht gar
so viel älter war als er leicht um fünf Jahre  wenn der gewusst hätte dass er
noch nie ein Weib hatte ohne ihre Kleider gesehen geschweige angerührt so
hätte es einen frechen Spott gegeben eine Rede wie er sie gar nicht aussinnen
konnte dann aber auch Andreas ihn vom Pferd gerissen wild auf ihn
dreingeschlagen das fühlte er und das Blut schlug ihm gegen die Augen
    Sie ritten schweigend durch ein breites Tal es war ein regnichter Tag
grasige Berglehnen links und rechts hie und da ein Bauernhof ein Heustadl
hoch oben Wald auf dem faul die Wolken lagen Nach dem Mittagessen war der
Gottelff redselig ob der junge Herr die Wirtin angeschaut hätte Jetzt wäre
freilich nicht mehr so viel an ihr aber Anno 69 also vor jetzt neun Jahren da
wäre er sechzehnjährig gewesen da hätte er die Frau gehabt jede Nacht einen
Monat lang Da wäre das wohl der Mühe wert gewesen Schwarze Haare hätte sie
gehabt bis unter die Kniekehlen dabei trieb er sein Pferdchen an und ritt ganz
dicht an Andreas dass der ihn mahnen musste er solle achtaben nicht
aufzureiten sein Fuchs vertrüge das nicht Am Schluss habe die einen rechten
Denkzettel gekriegt das sei ihr recht geschehen Da habe er es mit einer
bildsauberen gräflichen Kammerjungfer gehalten und davon habe der Wirtin was
geschwant und sie sei vor Eifersucht darüber ganz abgemagert und hohläugig
geworden wie ein kranker Hund Er sei damals nämlich Leibjäger gewesen beim
Grafen Porzia das sei sein erster Dienst gewesen und verwundert genug hätte
man sich in ganz Kärnten darüber dass der Graf ihn mit sechzehn Jahren zum
Leibjäger machte und zum Vertrauten noch dazu Aber der Herr Graf habe schon
gewusst was er tue und auf wen er sich verlassen könnte und da wäre auch
Diskretion nötig gewesen denn der Herr Graf hatte mehr Liebschaften als Zähne
im Mund und mehr als ein Ehemann wäre gewesen der hätte ihm den Tod
geschworen unter den Herrschaften und auch unter den Bauern den Müllern und
Jägern Damals habe es der Graf mit der pormbergischen jungen Gräfin gehabt die
wäre verliebt gewesen wie eine Füchsin und gerade so wie sie in den Herrn
Grafen so die Kammerjungfer eine blonde slowenische in ihn den Gottelff
Da wenn zu Pormberg beim Ehemann die Treibjagd war hätte sich die Gräfin
heimlich zum Stand des Grafen Porzia geschlichen ja auf allen vieren wäre sie
dorthin gekrochen und indessen hätte der Graf ihm die Büchse in die Hand
gegeben und ihm befohlen an seiner Statt zu schießen dass man nichts bemerke
Und da hätte man auch nichts bemerkt denn er sei ein ebenso guter Schütze
gewesen wie der Herr Graf Da habe er einmal mit Rehposten auf einen starken
Bock geschossen vierzig Schritt so beiläufig und durch Jungholz gerade das
Blatt habe er im Dämmern wahrnehmen können Da sei das Wild im Feuer
zusammengebrochen aber zugleich da aus dem Unterholz ein kläglicher Schrei
gekommen als wie von einem Weib Gleich nachher seis aber still geworden als
habe das verwundete Weib sich selber den Mund zugehalten Da habe er seinen
Stand natürlich nicht verlassen können die nächste Nacht aber die Wirtin
aufgesucht und sie im Bett gefunden mit Wundfieber Da sei er flink
dahintergekommen dass die Eifersucht sie in den Wald getrieben habe weil sie
gemeint hatte die Kammerjungfer wäre mit und sie fände die beiden im Unterholz
miteinander Er habe sich den Buckel voll lachen müssen dass sie den Denkzettel
erwischt habe von seiner Hand und habe ihm doch keinen Vorwurf machen können
vielmehr seinen gesalzenen Spott ruhig hinnehmen und den Mund halten müssen vor
jedermann und sich gegen jedermann geradlügen wie sie sei in die Sichel
gefallen und habe sich oberm Knie einen Schnitt getan
    Andreas ritt schneller der andere auch sein Gesicht dicht hinter Andreas
war rot vor wilder frecher Lust wie ein Fuchs in der rage Andreas fragte ob
die Gräfin noch lebe Oh die habe noch manchen glücklich gemacht und sähe heut
noch aus wie fünfundzwanzig Das sei eine von der wisse er manches Stückl zu
erzählen  und überhaupt die vornehmen Weiber hier auf den Schlössern wenn man
die nur richtig zu nehmen wisse wo eine Bäuerin den kleinen Finger gäbe da
gäben die gleich die ganze Hand und das übrige auch dazu Nun ritt er ganz dicht
neben Andreas anstatt dahinter aber Andreas achtete es nicht Der Bursch war
ihm widerlich wie eine Spinne aber von dem Gerede war sein
zweiundzwanzigjähriges Blut aufgeregt und seine Gedanken gingen woanders hin
Er dachte wenn er diesen Abend ankäme auf dem Pormbergischen Schloss und wäre
erwartet und andere Gäste auch Am Abend nach einer Jagd und er der beste
Schütz wo er hinzielt fällt was Die schöne Gräfin in seiner Nähe wie er
schießt spielt ihr Blick so mit ihm wie er mit dem Leben der Waldtiere  Dann
sind sie auf einmal allein ein ganz einsames Gemach er mit der Gräfin allein
klafterdicke Mauern totenstill Ihm graust dass es ein Weib ist und nicht mehr
eine Gräfin auch nicht der junge Kavalier nichts Galantes Ehrbares mehr auch
nichts Schönes sondern ein wildes Tun ein Morden im Dunkeln Der Kerl ist
dicht daneben und schießt mit aufgerissenem Maul seine Büchse auf ein Weib das
im Hemd zu ihm geschlichen ist Er will mit der Gräfin wieder in den Speisesaal
zurück dorthin wo alles fröhlich ist und ehrbar reißt seine Gedanken zurück 
da spürt er dass er sein Pferd pariert hat und zugleich stolpert dem Bedienten
sein Gaul Der flucht Himmelsakrament als wäre das vorn nicht sein Herr
sondern einer mit dem er lebenslang die Säu gefüttert habe Andreas verweists
ihm nicht Er ist jetzt zu schlapp das breite Tal ist ihm widerlich die Wolken
hängen da wie Säcke Er möchte das wäre alles längst vorüber möchte älter sein
und schon Kinder haben und das wäre sein Sohn der nach Venedig ritte Aber ein
ganz andrer Kerl als er ein rechter Mann und alles rein und freundlich wie an
einem Sonntagmorgen wenn man die Glocken hört
    Den nächsten Tag ging die Straße bergauf Das Tal zog sich zusammen
steilere Abhänge hoch oben manchmal eine Kirche ein paar Häuser tief drunten
ein rauschendes Wasser Die Wolken waren bewegt manchmal fuhr ein Sonnblick wie
ein Schuss bis hinab an den Fluss zwischen Weide und Haseln leuchteten die Steine
fahl weiß auf das Wasser grün Dann wieder Dunkelheit leichter Regen Nach den
ersten hundert Schritt lahmte das frisch gekaufte Pferd seine Augen waren trüb
der Kopf viel älter das ganze Tier sah aus wie ausgewechselt Der Gottelff zog
los das wäre kein Wunder wenn abends wo die Pferde müde in den Beinen wären
einer seinen Gaul auf der halbdunklen Landstraße ohne Grund zusammenrisse mir
nichts dir nichts dass der hintere Reiter ins Stolpern kommen müsse So eine
Manier sei ihm noch nicht vorgekommen bei den kaiserlichen Reitern werde das
mit Krummschliessen gestraft
    Andreas verwies es ihm wieder nicht der Mensch versteht was von Pferden
dachte er dünkt sich verantwortlich für den Braunen davon geht ihm die Galle
über  Aber dem Freiherrn von Petzenstein hätte ers doch nicht in dem Ton
gesagt Geschieht mir recht Da ist halt ein gewisses Ding um einen solchen
großen Herrn vor dem hat ein Lakai Respekt Bei mir ists nichts wollte ichs da
erzwingen es stünde mir nicht an Bis Samstag nehme ich ihn mit dann verkaufe
ichs Pferd mag auch das halbe Geld dabei verloren sein lohn ihn ab ein Bursch
wie der findet sich zehn Dienste für einen aber er braucht eine andere Hand
über sich
    Bald mussten sie Schritt reiten sah des Pferdes Kopf trübselig und
abgefallen aus so des Gottelff Gesicht gedunsen und grimmig Er zeigte auf
einen großen Bauernhof vor ihnen seitlich der Straße dort wird abgesessen
einen stockkrummen Gaul reite ich keinen Schritt weiter
Das Gehöft war mehr als stattlich Ums Ganze lief eine steinerne Mauer im
Viereck an jeder Ecke ein starker Turm das Tor in Stein gefasst darüber ein
Wappenschild Andreas dachte es müsse ein Herrensitz sein Sie stiegen ab
Gottelff nahm die beiden Pferde in die Hand den Braunen musste er durch das Tor
mehr ziehen als führen Im Hof war niemand als ein schöner großer Hahn auf dem
Mist mit vielen Hennen auf der anderen Seite lief ein kleines Wasser vom
Brunnen ab hatte einen Abzug unter der Mauer zwischen Nesseln und Brombeeren
da schwammen kleine Enten Eine ganz kleine Kapelle stand da Blumen daran
hinten in Holzgittern das alles innerhalb der Mauer Der mittlere Weg durch den
Hof war gepflastert die Hufe der Pferde klapperten darauf Der Weg führte
mitten durchs Haus ein mächtig gewölbter Torweg die Stallungen mussten hinterm
Haus sein
    Jetzt kamen zwei Knechte herzu auch eine junge Magd dann der Bauer selber
ein Hochgewachsener dem Anschein nach kaum viel über vierzig dabei schlank und
mit einem schönen Gesicht Den Fremden wurde ein Stall gewiesen für die Pferde
dem Andreas eine freundliche Stube im Oberstock alles in der Art eines
wohlhabenden Hauses wo man nicht verlegen ist wenn auch ungemeldete Gäste
kommen Der Bauer warf einen Blick auf den kleinen Braunen dann trat er hin
sah dem Pferd zwischen den Vorderbeinen durch sagte nichts Die beiden Fremden
wurden geheißen gleich zum Mittagstisch zu kommen
    Die Stube war stattlich gewölbt an der Wand ein geschnitzter Heiland am
Kreuz mächtig groß In der einen Ecke der Tisch die Mahlzeit schon
aufgetragen Die Knechte und Mägde schon den Löffel in der Hand zuoberst die
Bäuerin eine große Frau mit einem geraden Gesicht aber nicht so schön und
freudig wie der Mann und daneben die Tochter so groß wie die Mutter aber doch
noch wie ein Kind ebenmässig die Züge wie die der Mutter aber alles freudig bei
jedem Atemzug aufleuchtend wie beim Vater
    An der Mahlzeit die jetzt kam würgte Andreas in Erinnerung wie an einem
argen Bissen der doch den Schlund hinunter musste Die Leute so gut so
zutraulich alles so ehrbar und sittlich arglos das Tischgebet schön
vorgesprochen vom Bauer die Bäuerin sorglich zu dem fremden Gast wie zu einem
Sohn die Knechte und Mägde bescheiden und ohne Verlegenheit ein freundliches
offenes Wesen hin und her Dazwischen hinein aber der Gottelff wie der Bock im
jungen Kraut frech und oben herab mit seinem Herrn unflätig und herrisch mit
den Knechtsleuten ein Hineinfressen Angeben Prahlen Andreas schnürt es die
Kehle alles was der Kerl sich vergibt und nach links und rechts sich überhebt
mit Frechheit und Albernheit geht ihm zehnfach durch den Leib Er spürts als
fasse seine Seele jeden der Knechte und Bauer und Bäuerin dazu Der Bauer
scheint ihm so still um die Stirn der Bäuerin Gesicht streng und hart geworden
 er möchte auf und dem Gottelff so tun die Fäuste ums Gesicht schlagen dass
der blutend zusammenfiele man ihn aus dem Zimmer schleppen müsste die Füße
voraus
    Endlich ist es so weit das Danksprüchel gebetet wenigstens heißt er ihn
gleich in Stall und nach dem kranken Pferd schauen zuvor Mantelsack und
Felleisen auf sein Zimmer tragen und das so scharf und bestimmt dass der
Bediente ihn erstaunt anschaut und wenn schon mit einem schiefen Maul und bösem
Blick doch sich sogleich aus dem Zimmer hebt Andreas ging auf seine Stube 
wollte hinunter nach dem Pferd sehen wollte es auch sein lassen nur dass er den
Gottelff nicht zu sehen brauche Stand im Torweg unterdem ging eine angelehnte
Tür trat das Mädchen Romana hervor fragte ihn wo er hinginge Er er wisse es
nicht sich die Zeit vertreiben auch nach dem Pferd sehen müsse er ob man
morgen werde abreiten können Sie »Müsst Ihr euch die vertreiben mir vergeht
sie schnell genug oft ist mir angst«  Ob er schon im Dorf gewesen sei die
Kirche sei gar schön sie wolle sie ihm zeigen Dann wenn sie heimkämen könne
er nach dem Pferd sehen dem habe sein Reitknecht unterdessen Umschläge gemacht
von frischem Kuhmist
    Dann gingen sie hinten zum Hof hinaus da war zwischen dem Kuhstall und der
Mauer ein Weg und neben dem einen Eckturm führte ein kleines Pförtchen ins
Freie Auf dem kleinen Fußweg durch die Wiesen aufwärts sprachen sie viel Sie
fragte ihn ob seine Eltern noch am Leben ob er Geschwister gehabt  da täte
er ihr leid so ganz allein sie habe zwei Brüder sonst wären ihrer neun wenn
nicht sechse gestorben wären die wären alle als unschuldige Kinder im Paradies
Die Brüder wären mit zwei Knechten oben in dem Klosterwald holzmachen da wäre
es lustig in der Holzhütte leben eine Magd wäre auch mit da dürfe nächstes
Jahr sie hin es sei ihr von den Eltern versprochen
    Indem waren sie ans Dorf gekommen Die Kirche lag seitwärts sie waren
eingetreten sprachen leise Romana zeigte ihm alles einen Schrein mit einem
Fingerglied der heiligen Radegundis in goldener Kapsel die Kanzel mit
pausbackigen Engeln die silberne Trompeten bliesen ihren Platz und der Eltern
und Geschwister die waren in der vordersten Bank und seitlich der Bank ein
metallenes Schildchen darauf stand Vorrecht des Geschlechts Finazzer Nun
wusste er den Namen
    Zu einer anderen Seite traten sie aus der Kirche hinaus da war man auf dem
Kirchhof Romana ging zwischen den Gräbern um wie zu Hause sie führte Andreas
zu einem Grabhügel da waren mehrere Kreuze hintereinander eingesteckt »Hier
liegen meine kleinen Geschwister Gott hab sie selig« sagte sie und bückte sich
und jätete zwischen den schönen Blumen das wenige Unkraut Dann nahm sie das
kleine Weihwasserbecken vom vordersten Kreuz ab und sagte »Ich muss ihm frisches
Weihwasser eintun die Vögel setzen sich fleißig drauf und schmeissens um«
Indessen las Andreas die Namen ab da waren die unschuldigen Knaben Aegydius
Achaz und Romuald Finazzer das unschuldige Mädchen Sabina und die unschuldigen
Zwillingskinder Mansuet und Liberata Andreas schauderte in sich dass sie so
früh hatten hinwegmüssen keiner auch nur ein Jahr hier geweilt der eine nur
einen Sommer einen Herbst gelebt Er dachte an das warmblütige freudige Gesicht
des Vaters und begriff dass der Mutter ihr ebenmässiges Gesicht härter und
blässer war Da kam Romana mit Weihwasser in der Hand aus der Kirche zurück sie
trug das kleine Becken mit ehrfürchtiger Achtsamkeit keinen Tropfen zu
verschütten Gerade in ihrem bedachten Ernst war sie ein Kind im Unbewussten
aber und in der Lieblichkeit und Größe eine Jungfrau  »Hierum liegen lauter
meinige Verwandte« sagte sie und sah mit den leuchtenden braunen Augen über die
Gräber es war ihr wohl hier zu sein wie ihr wohl war bei Tisch zwischen
Vater und Mutter zu sitzen und den Löffel in den wohlgeformten Mund zu führen
Sie schaute wo Andreas hinsah ihr Blick konnte so fest sein wie eines Tieres
und den Blick eines anderen wo der hinschweifte gleichsam nehmen
    In der Kirchenmauer hinter den Finazzergräbern war ein großer rötlicher
Grabstein eingelassen darauf die Gestalt eines Ritters gewappnet von Kopf zu
Fuß den Helm im Arm zu seinen Füßen ein kleiner Hund so lebendig als schliefe
er nur dessen Pfoten rührten an ein Wappenschild Sie zeigte ihm das Hundel
das Eichkatzel mit Krone in den Pfoten und selber gekrönt als Helmzier »Das
ist unser Urahn« sagte Romana »derselbig ist ein Ritter gewesen und von
Wälschtirol hierher angesessen«  »So seid ihr adelig und das Wappen das ob
der Sonnenuhr ans Haus gemalt istist euer« sagte Andreas  »Schon« sagte
Romana und nickte »daheim ist im Buch alles abgemalt und das heißt man den
Kärntnerischen Ehrenspiegel Das ist aus der Zeit vom Kaiser Maximilian dem
Ersten das kann ich Ihnen zeigen wenn Sie es sehen wollen«
    Daheim zeigte sie ihm das Buch und ihre Freude war groß wie die eines
wahrhaften Kindes über die vielen schönen Helmzierden Die Flügel springende
Böcklein Adler Hahn und ein wilder Mann  nichts entging ihr aber das eigene
Wappen war das schönste das Eichhörnchen mit der Krone in der Hand es ist
nicht das schönste aber es ist ihr das liebste Sie drehte Blatt für Blatt für
ihn um und ließ ihm Zeit »Schaun jetzt das« rief sie jedes Mal »Der Fisch
sieht zornig aus wie eine frischgefangene Forelle  der Bock ist arg«
    Dann brachte sie ein anderes dickes Buch da waren die Höllenstrafen
verzeichnet die Martern der Verdammten waren angeordnet nach den sieben
Todsünden alles in Kupfern Sie erklärte Andreas die Bilder und wie jede Strafe
aus der Sünde genau hervorgehe sie wusste alles und sprach alles aus ohne Arg
und ohne Umschweif es war Andreas als schaue er in einen Kristall in dem lag
die ganze Welt aber in Unschuld und Reinheit
    Sie saßen miteinander in der großen Stube auf der Bank die ins Eckfenster
hineingebaut war da horchte Romana auf als könnte sie durch die Wand hören
»Jetzt sind die Geißen daheim kommen Sie sie anschaun« Sie nahm Andreas bei
der Hand der Geissbub hatte den Milchkübel hingestellt die Geißen drängten sich
um ihn jede wollte das volle Euter über dem Kübel haben Es waren ihrer
fünfzig der Bub war ganz fest eingeschlossen von ihnen Romana kannte jede zu
ihr wandten sie sich um unschlüssig ob dahin oder dorthin Sie zeigte Andreas
die bösartigste und die guterzigste die langhaarigste und die am meisten Milch
gab die Geißen kannten auch sie und kamen willig zu ihr An der Mauer dort war
ein grasiger Fleck das Mädchen legte sich flink auf den Boden so stand eine
Geiß sogleich über ihr sie trinken lassen und wollte nicht ungesogen von ihr
fort bis Romana hinter einen Leiterwagen sprang und Andreas bei der Hand
mitzog Die Geiß fand nicht den Weg und meckerte kläglich hinter ihr drein
    Indem stiegen Romana und Andreas in dem einen Turm der gegens Gebirge hin
stand die Wendeltreppe empor Oben war ein kleines rundes Gemach da hockte auf
einer Stange ein Adler Über sein versteintes Gesicht in dem die Augen wie
erstorben lagen flog ein Licht er hob in matter Freude die Schwingen und
hüpfte zur Seite Romana setzte sich zu ihm und legte eine Hand auf seinen Hals
Den habe der Großvater heimgebracht noch fast nackt Denn Adlerhorst ausnehmen
das sei dem Großvater sein Sach gewesen sonst habe er bereits nichts getrieben
aber oft weit reiten dann herumsteigen Horst aufspüren wo im Gewänd die Leut
von dort aufbieten Senner und Jäger die längsten Kirchenleitern
aneinanderbinden lassen hinauf und ein Nest ausnehmen oder an einem Strick
sich herablassen kirchturmtief Das sei sein Sach gewesen und schöne Frauen
heiraten Das habe er viermal getan und nach jeder Tod allemal eine noch
schönere und allemal aus der Blutsfreundschaft denn habe er gesagt übers
Finazzersche Blut gehe ihm nichts Wie er den Adler da gefangen sei er schon
vierundfünfzig gewesen und an vier Kirchenleitern neun Stunden über dem
schrecklichsten Abgrund gehangen darauf aber seine letzte Frau gefreit Die
wäre eines Vetters junge Witwe gewesen und hätte immer nach dem Großvater
gelangt niemanden anders angeschaut als diesen und sich fast gefreut wie  vor
einem scheuen Ochsen  ihr Mann sich totfiel von dem sie ein schönes kleines
Mädl hatte eine hochschwanger gehende Frau damals So waren der Vater und die
Mutter zusammengebrachte Kinder gewesen die Mutter ein Jahr älter als der
Vater Darum hingen sie auch gar so sehr aneinander weil sie vom gleichen Blut
waren und von Kindheit an miteinander aufgewachsen Wenn der Vater verritte
nach Spittal oder ins Tirol hinüber Vieh einkaufen und wäre es auch nur auf
zwei oder drei Nächte so ließe ihn die Mutter kaum los da weinte sie allemal
und jedesmal wieder hing lang an ihm küsste ihm den Mund und die Hände und
hörte nicht auf mit Winken und Nachschauen und Segennachsprechen So wollte sie
auch einmal mit ihrem Mann zusammenleben anders wollte sies nicht
    Indem waren sie über den Hof gegangen neben der Hoftür war eine Holzbank
inner der Mauer dort zog sie ihn hin und hieß ihn neben sie setzen Andreas war
es wunderbar wie das Mädchen so ungehemmt alles zu ihm redete als ob er ihr
Bruder wäre Indessen war Abend geworden das graue Gewölk auf einer Seite aufs
Gebirg herabgesunken auf der andern Seite eine durchdringende Helligkeit und
Reinheit einzelne goldene Flocken da und dort am Himmel alles in Bewegung auf
dem dunkelblauen Himmel der Tümpel mit den aufgeregten Enten wie sprühendes
Feuer und Gold der Efeu drüben an der Mauer der Kapelle wie Smaragd ein
Zaunschlüpfer oder Rotkehlchen glitt aus dem grünen Dunkel hervor überschlug
sich mit einem süßen Laut in der webend leuchtenden Luft Das Schönste waren
Romanas Lippen die waren von leuchtendem durchsichtigem Purpurrot und ihre
eifrig arglosen Reden kamen dazwischen heraus wie eine Feuerluft in der ihre
Seele hervorschlug zugleich aus den braunen Augen ein Aufleuchten bei jedem
Wort
    Auf einmal sah Andreas drüben im Haus in einem ausgebauchten Fenster im
Oberstock die Mutter stehen und auf sie herabschauen Er sagte es zu Romana
Durchs bleigefasste Fenster schien ihm das Gesicht der Frau trüb und streng er
meinte sie müssten jetzt aufstehen und ins Haus gehen die Mutter würde sie
brauchen oder sie wollte nicht dass sie so beisammen hier säßen Romana nickte
nur froh und frei zog ihn an der Hand er solle sitzen bleiben die Mutter
nickte dazu und ging vom Fenster weg Das war Andreas fast unbegreiflich er
wusste nichts anderes gegenüber Eltern und Respektspersonen als gezwungenes und
ängstliches Betragen er konnte nicht denken dass der Mutter ein solcher freier
Umgang anders als missfällig wäre wenn sie es schon nicht ausspräche Er setzte
sich nicht wieder sondern sagte er müsse doch jetzt nach dem Pferde sehen
    Als sie in den Stall kamen hockte die junge Magd bei einem Feuer ihr Haar
hing in Strähnen über die erhitzen Backen der Bediente mehr auf ihr als neben
ihr sie schien in einem eisernen Topf was zu brauen »Soll ich noch um
Salpeter Herr Wachtmeister« sagte die Dirne und kicherte als stecke da was
Großes dahinter  Als Andreas eintrat und Romana hinter ihm nahm der Lümmel
mit Not eine manierliche Stellung an Andreas hieß ihn den Mantelsack der noch
im Stroh lag gleich auf sein Zimmer tragen und das Felleisen auch »Schon gut«
sagte der Gottelff »erst muss das da fertig sein Das wird ein Trank der kann
ein krankes Ross gesund und einen gesunden Hund krank machen« dabei drehte er
sich gegen Andreas um und sah ihm recht frech in die Augen  »Was ist mit dem
Pferd« sagte Andreas und tat einen Schritt in den Stand hinein stockte aber
ehe er den zweiten Schritt tat weil er wusste er verstands nicht und der Braun
trübselig dreinschaute  »Was soll sein morgen früh ist er gesund und
abgeritten wird« erwiderte der Bursch und drehte sich wieder zum Feuer aber
hinten im Maul lachte er dabei
    Andreas nahm den Mantelsack und tat als hätte er vergessen was er dem
Burschen anbefohlen hatte Er grübelte selber vor wem er so tat vor sich vor
dem Kerl oder vor Romana Diese ging hinter ihm drein die Treppe hinauf Er ließ
die Stubentür hinter sich offen warf den Mantelsack zur Erde das Mädchen trat
herein sie trug das Felleisen und legte es auf den Tisch
    »Das ist meiner Großmutter ihr Bett darin hat sie Kindbett gehalten Sehen
wie schön das gemalt ist aber meiner Mutter und Vater ihr Bett ist noch schöner
und weit größer da sind oberkopf der heilige Jakob und Stefan draufgemalt und
unterfuss noch schöne Blumenkränz Dies ist das kürzere weil die Großmutter kein
großes Weib war Ich weiß nicht obs für Sie die Länge haben wird ist gar kurz
Wir sind in der Länge gleich müssen probieren ob eins da ausgestreckter
schlafen kann Schief und quer schlafen ist kein Schlafen Das meinige ist lang
und breit hätten zwei Platz«
    Flink schwang sie die großen leichten Glieder in das Bett und lag der Länge
nach darin und berührte mit der Fussspitze einen Leisten der unteren Bettstatt
Andreas war über sie gebeugt So fröhlich und arglos lag sie unter ihm wie sie
sich auch unter die Geiß hingestreckt hatte Andreas sah auf ihren halboffenen
Mund sie streckte die Arme nach ihm aus und zog ihn leise an sich dass seine
Lippen die ihren berührten Er hob sich auf es durchfuhr ihn dass es der erste
Kuss in seinem Leben war Sie ließ ihn und zog ihn wieder sanft zu sich und nahm
und gab wieder einen Kuss und dann auf die gleiche Weise zum dritten und vierten
Mal Der Wind bewegte die Tür Andreas war es als habe wer hereingeschaut Er
ging hin trat auf den Gang hinaus da war niemand Romana kam gleich hinter ihm
drein er ging die Treppe hinunter ohne ein Wort zu sprechen sie ebenso hinter
ihm her ganz leicht und unbeschwert
    Unten stand ihr Vater und gab dem Altknecht Befehl wie das letzte Grummet
einzufahren sei wo zuerst was trocknet Sie lief zutraulich zu ihm hin lehnte
sich an ihn der schöne Mann stand neben dem großen Kind wie ein Bräutigam
    Andreas ging nach dem Stall als hätte er dort wichtig zu tun Der Knecht
kam eilfertig aus dem Halbdunkel heraus stieß fast an ihn rief »Oha« als
hätte er seinen Herrn nicht erkannt und gleich sprudelte ihm Rede vom feuchten
Mund Das sei ein prächtiges Mensch die helfe ihm fleißig das Pferd kurieren
Die sei auch nicht von hier sondern aus dem Unterland und habe die Bauersleut
alle im Sack Aber dem Herrn brauche er nichts zu erzählen der verstehe die
Sache ganz wohl der habe sich eine junge und saubere ausgesucht Ja so sei es
eben in Kärnten das sei ein Leben Da seien sie schon mit fünfzehn keine
Jungfrauen mehr da lasse des Grossbauern Tochter ihre Kammertür ebenso gern
unverriegelt wie die Kuhmagd die ihre heute dem morgen jenem so komme ein
jeder auf seine Rechnung  Dem Andreas war eine Hitze in der Brust und stieg
gewaltsam die Kehle herauf aber keine Rede löste sich ihm von der Zunge er
hätte dem mit der Faust ums Maul schlagen wollen  warum tat er es nicht Der
andere spürte was und trat einen halben Schritt zurück Aber Andreas war
woanders seine Augäpfel zitterten er sah Romana im Hemd im Finsteren auf ihrem
reinen Bett sitzen die nackten Füße hinaufgezogen und auf die Klinke schauen
Sie hatte ihm ihre Kammertür gezeigt und dass daneben ein leeres Zimmer war und
von ihrem Bett geredet das alles ging vor ihm hin wie ein Bergnebel Er wollte
den Gedanken nicht nachhängen sich davon abwenden  unwillkürlich kehrte er dem
Kerl nun den Rücken und da hatte der wieder gewonnenes Spiel
    Beim Nachtmahl wars Andreas wie nie im Leben alles wie zerstückt das
Dunkel und das Licht die Gesichter und die Hände Der Bauer griff gegen ihn
nach dem Mostkrügel Andreas erschrak ins Innerste als suche eine richtende
Hand die Ader seines Herzens Unten am Tisch gluckste die Magd ihr »Herr
Wachtmeister« heraus Andreas fragte bös und herrisch »was ist das für ein
Mann« Die Stimme schien ihm so fremd und ihm war wie einem Träumenden der aus
dem Traum spricht Von weit her starrte der Bediente ihn an weiß und struppig
 verbissen
    Später war Andreas allein in seinem Zimmer Er stand am Tisch schnürte an
seinem Mantelsack herum Feuerzeug lag da er brauchte keine Kerze der Mond
fiel stark durchs Fenster alles zerschied sich in schwarz und weiß Er horchte
auf die Geräusche im Haus die Reitstiefel hatte er ausgezogen  er wusste nicht
auf was er wartete Und wusste es doch und stand auf einmal draußen im Gang vor
einer Zimmertür Er hielt den Atem an zwei Menschen die beisammen im Bett
lagen sprachen miteinander gedämpft und zutraulich Seine Sinne waren
geschärft er konnte hören dass die Bäuerin unterm Reden ihr Haar flocht und
zugleich wie unten der Hofhund gierig an etwas frass Wer füttert jetzt in der
Nacht den Hund dachte es in ihm und zugleich war ihm zumut als müsse er
nochmals zurück in seine Knabenzeit als er noch das kleine Zimmer neben den
Eltern hatte und sie durch den in die Wand eingelassenen Kleiderschrank musste
abends reden hören er mochte wollen oder nicht Er wollte auch jetzt nicht
horchen und hörte doch dazwischen aber hörte er auch seine Eltern reden die
waren freilich älter als der Bauer und die Bäuerin doch nicht viel zehn Jahr
etwa Ist das so viel  dachte er  sind sie dem Tod so viel näher abgelebt
Es ist bei jedem Wort als könnts auch ungeredet bleiben eine Rede eine
Gegenrede und das wahre Leben vorbei Bei den Zweien da drin alles so
zutraulich und warmblütig wie bei ganz Neuvermählten
    Auf einmal traf es ihn wie wenn ihm ein kalter Tropfen mitten aufs Herz
gefallen wäre Sie sprachen von ihm und dem Mädchen aber auch das war arglos
Was immer das Kind täte sagte die Frau sie ließe ihrs angehen denn sie wüsste
hinterm Rücken löffeln würde ihr das Kind nie Dazu sei sie zu freimütig das
habe sie von ihm wie er allezeit ein feuriger Freund und glückliebender Mensch
gewesen so sei es jetzt durch Gottes Güte das Kind geworden  Nein sagte der
Mann das habe sie von ihr weil sie dieser Mutter Kind sei darum könne nichts
Falsches und Verstohlenes an ihr sein  Da habe er aber jetzt ein altes Weib an
ihr wo schon die Tochter einem fremden Mann nachgehe da müsse er sich bald
schämen zu ihr zu sein wie ein Liebhaber  Nein da bewahre Gott ihm sei sie
alleweil die gleiche nein vielmehr immer die Liebere und keine Stund noch hätte
es ihn gereut diese achtzehn Jahre  So auch sie keine Stund noch Ihr sei nur
um ihn und gab seine schöne Stimme zurück ihm sei nur um sie und die Kinder
das wäre ein Einziges mit ihr zusammen  die welche da seien und die anderen So
seien doch die zwei alten Leut glücklich zu preisen die der angeschwollene
Schwarzbach im April mitgenommen habe Zusammen seien sie auf einer Bettstatt
dahingeschwommen hielten einander bei den Händen und mitsammen hätt sies in
einen Tobel hinuntergerissen und ihr weißes Haar hätte geleuchtet wie Silber
unter den Weiden Das gebe Gott halt denen die er ausgewählt hätte das sei
jenseits von Wünschen und Bitten
    Indem wurde es ganz still im Zimmer man hörte ein leises Sichbewegen in den
Betten ihm war als küssten sich die beiden Er wollte weg und getraute sichs
nur nicht um der vollkommenen Stille willen Es legte sich schwer auf ihn dass
es zwischen seinen Eltern nicht so schön war kein so inniger Umgang zwischen
ihnen obwohl doch jeder stolz war auf den andern und sie gegen die Welt fest
zusammenstanden und empfindlich jedes des anderen Ehre und allgemeine Achtung
wahrten Er konnte sichs nicht auflösen was seinen Eltern fehlte da fingen die
beiden drinnen an mitsammen das Vaterunser zu beten Andreas schlich sich fort
    Jetzt zog es ihn erst recht zu Romanas Tür unwiderstehlich aber anders als
früher alles war auseinandergetreten in Weiß und Schwarz Er sagte sich das
ist einmal mein Haus meine Frau so lieg ich neben ihr und rede von unseren
Kindern Er war jetzt sicher dass sie ihn erwartete ganz in der gleichen Weise
wie er jetzt zu ihr ging für viele unschuldige feurige Umarmungen und ein
heimliches Verlöbnis
    Er ging mit sicheren schnellen Schritten bis zu der Tür sie war nur
angelehnt gab seinem Druck lautlos nach Ihm war als säße sie wachend im
Dunkeln glühte vor Erwartung Er stand schon mitten im Zimmer da merkte er
sie regte sich nicht Ihr Atem ging so lautlos dass er den seinigen anhalten
musste in gespanntem Horchen und nicht wusste ob sie wach war oder schlief Sein
Schatten lag wie festgewurzelt auf dem Fußboden fast hätte er vor Ungeduld den
Namen geflüstert kam dann keine Antwort sie mit Küssen geweckt  da durchfuhr
es ihn wie ein kaltes Messer In einem anderen Bett über das ein großer Schrank
schwarzen Schatten warf regte sich ein anderer Schläfer seufzte auf suchte
eine andere Stelle Der Kopf kam dem Mondlicht nahe weiße gesträhnte Haare es
war die alte Magd die Ausgeherin Nun musste er hinaus zwischen jedem Schritt
und dem nächsten lag eine endlose Zeit Betrogen ging er leise wie träumend den
langen mondhellen Gang hinweg in seine Stube
    Ihm war so heimlich so wohnlich wie nie in seinem Leben Er sah auf den
rückwärtigen Hof hinaus über dem Stall hing der Vollmond es war eine
spiegelhelle Nacht Der Hund stand mitten im Licht er hielt den Kopf sonderbar
ganz schief drehte sich in dieser Stellung immerfort um sich selber Es war
als erduldete das Tier ein großes Leiden vielleicht war er alt und dem Tode
nah Andreas fiel eine dumpfe Traurigkeit an ihm war unmäßig betrübt zumut über
das Leiden der Kreatur wo er doch so glücklich war als werde er in diesem
Anblick an den nahe bevorstehenden Tod seines Vaters gemahnt
    Er trat vom Fenster weg nun konnte er wieder an seine Romana denken nur
jetzt noch wahrer und feierlicher da er eben in solcher Weise an seine Eltern
gedacht hatte Er war schnell ausgezogen und zu Bett und in seiner Einbildung
schrieb er an seine Eltern Die Gedanken strömten ihm alles was ihm einfiel
war unwiderleglich einen solchen Brief hatten sie von ihm noch nie bekommen
Sie mussten fühlen dass er nun kein Knabe war sondern ein Mann Wäre er eine
Tochter statt eines Sohnes  so beiläufig fing er an  so wäre ihnen schon
lange das Glück zuteil gewesen in noch rüstigen Jahren Enkel zu umarmen und
Kinder ihrer Kinder heranwachsen zu sehen  durch ihn hätten sie auf dieses
Glück allzulange warten müssen das doch einer der reinsten aller Glücksfälle
des Lebens sei und gewissermaßen selber ein erneutes Leben  Die Eltern hätten
immer zu wenig Freude an ihm gehabt  er dachte dies so lebhaft als wären sie
tot und er müsste sich auf sie legen sie mit seinem Leib erwärmen  Nun hätten
sie ihn auf eine kostspielige Reise in fremdes Land ausgeschickt  wozu um
fremde Menschen kennenzulernen fremde Landesgebräuche zu beobachten um sich in
den Manieren zu vervollkommnen Dies alles aber sind nur Mittel und abermals
Mittel zum Zweck Wie viel besser stünde es wenn sich dieser höchste Zweck
selber der nichts anderes sei als das Glück des Lebens mit einem raschen
Schritt für immer erreichen lasse Nun habe er ja durch Gottes plötzliche Fügung
das Mädchen gefunden die Lebensgefährtin die sein Glück verbürge Von jetzt an
gebe es für ihn nur ein Trachten an der Seite dieser durch die eigene
Zufriedenheit auch die Eltern zufriedenzustellen
    Der Brief den er in Gedanken schrieb war weit über dieser dürftigen
Inhaltsangabe die beweglichsten Worte kamen ihm ungesucht die schönen
Wendungen hingen sich kettenweise aneinander Er redete von dem schönen Besitz
der Familie Finazzer und von ihrer altadeligen Abstammung ohne Prahlerei auf
eine Weise die ihn selbst zufriedenstellte nebenhin und doch mit Nachdruck
Hätte er nur ein Tintenfass und eine Feder zur Hand gehabt er wäre aus dem Bett
gesprungen und der Brief wär in einem Schwung geschrieben So aber fing die
Müdigkeit an ihm die schöne Kette auseinanderzulösen andere Vorstellungen
drängten sich dazwischen und lauter widerwärtige und ängstliche
    Es mochte Mitternacht vorüber sein Er sank in einen wüsten Traum und aus
einem in den anderen Alle Demütigungen die er je im Leben erfahren hatte
alles Peinliche und Ängstigende war zusammengekommen durch alle schiefen und
queren Situationen seines Kindes und Knabenlebens musste er wieder hindurch
dabei floh Romana vor ihm in seltsamen halb bäurischen halb städtischen
Kleidern blossfüssig unterm schwarz gefältelten Brokatrock und es war in Wien in
der menschenbelebten Spiegelgasse ganz nahe dem Haus seiner Eltern Angstvoll
musste er ihr nach und musste doch dies Nacheilen wieder ängstlich verbergen Sie
drängte sich durch die Menschen durch und wandte ihm ihr Gesicht zu das hölzern
und verzogen war Wie sie weiterhastete waren ihr die Kleider unordentlich vom
Leibe gerissen Auf einmal verschwand sie in einem Durchhaus er ihr nach
soweit es der linke Fuß erlaubte der unendlich schwer war und sich immer wieder
in Spalten des Pflasters verfing Nun war er endlich auch in dem Durchhaus aber
er hatte langsam zu gehen und hier blieb ihm keine schreckliche Begegnung
erspart Ein Blick den er als Knabe gefürchtet hatte wie keinen zweiten der
Blick seines ersten Katecheten schoss durch ihn hindurch und die gefürchtete
kleine feiste Hand fasste ihn an Das widerwärtige Gesicht eines Knaben der ihm
in dämmernder Abendstunde auf der Hintertreppe erzählt hatte was er nicht hören
wollte presste sich gegen seine Wange und wie er dieses mit Anstrengung zur
Seite schob lag vor der Tür durch die er jetzt Romana nach musste ein Wesen
und setzte sich gegen ihn in Bewegung es war die Katze der er einmal mit einer
Wagendeichsel das Rückgrat abgeschlagen hatte und die solange nicht hatte
sterben können So war sie noch nicht gestorben nach soviel Jahren kriechend
mit gebrochenem Kreuz wie eine Schlange kommt sie ihm entgegen und er fürchtet
über alles ihre Miene wenn sie ihn ansieht Es hilft nichts er muss über sie
weg Den schweren linken Fuß hebt er mit unsäglicher Qual über das Tier dessen
Rücken in Windungen unaufhörlich auf und nieder geht da trifft ihn der Blick
des verdrehten Katzenkopfes von unten die Rundheit des Katzenkopfes aus einem
zugleich katzenhaften und hündischen Gesicht erfüllt mit Wollust und Todesqual
in grässlicher Vermischung  er will schreien indem schreit es auch drin im
Zimmer er muss sich durch den Wandschrank winden der voll von den Kleidern der
Eltern ist Immer grässlicher schreit es drin wie ein lebendes Wesen das ein
Mörder abtut Es ist Romana und er kann ihr nicht helfen Es sind der
abgetragenen Kleider zu viel die Kleider von den vielen Jahren die nicht
weggegeben worden sind: schweisstriefend windet er sich durch  mit klopfendem
Herzen lag er wach in seinem Bett Es war schon halb hell aber noch vor Tag
    Unruhe war im Haus Türen gingen im Hof war ein Geräusch von laufenden und
einander zurufenden Menschen Da setzte der Schrei aufs neue ein der seine
träumende Seele aus der Tiefe des Traums an das fahle Licht emporgezogen hatte
Es war das durchdringende Weinen und Klagen einer Frauenstimme ein gellendes
Jammern unaufhörlich stossweise sich erneuernd Andreas war aus dem Bett und zog
sich an aber dabei war ihm zumut wie einem Verurteilten den das Rufen des
Henkers geweckt hat der Traum hing noch zu sehr an ihm die gestrige Nacht 
ihm war als habe er etwas Schweres begangen und nun komme alles ans Licht
    Er lief die Treppe hinab der Stimme nach die im ganzen Haus grässlich
hallte Wenn er dachte es könne Romana sein so erstarrte ihm das Blut Dann
war ihm wieder solche Töne könnten aus ihr nicht herauskommen auch wenn sie
als eine Märtyrerin auf dem Rost liege
    Unten im Erdgeschoss lief ein kleiner Gang seitlich der stand voller Knechte
und Mägde die zur offenen Tür einer Kammer hineinstarrten Andreas trat unter
sie und sie ließ ihn durch Auf der Schwelle zu der Kammer blieb er stehen
Rauch und Gestank von Angebranntem schlug ihm entgegen An den Bettpfosten war
eine fast nackte Weibsperson gebunden aus deren Mund die unaufhörlichen
gellenden Klagen oder Anklagen hervorbrachen die mit einem Klang wie aus der
höllischen Verdammnis bis in die Tiefe von Andreas Traum hinuntergelangt
hatten Der Bauer war um die Tobende die Bäuerin halb angekleidet der
Altknecht schnitt mit dem Taschenmesser den verknoteten Strick durch der ihre
Fussknöchel mit dem Bett verband Die Handfesseln schon durchschnitten und ein
Knebel lagen auf der Erde Die Obermagd goss Wasser aus einem Krug auf die
glosende Matratze und die hinteren verkohlten Bettpfosten und trat die
glimmenden Funken in dem Stroh und Reisig aus das vor dem Bett aufgehäuft war
    Nun erkannte Andreas in der schreienden Gebundenen die junge Magd die sich
gestern mit seinem Bedienten gemein gemacht hatte und nun ahnte er einen
grässlichen Zusammenhang dass es ihn heiß und kalt überlief Das Schreien ließ
nach der Zuspruch des Bauern und der Bäuerin schien allmählich auf das vor
Angst halb wahnsinnige Geschöpf zu wirken Zuckend lag sie der Obermagd im
Schoss die sie mit einer Pferdedecke umwickelte Sie fing an auf die Fragen des
Bauern Antwort zu geben das verschwollene Gesicht nahm einen menschlichen
Ausdruck an aber jede Antwort wurde wieder zu einem die Seele zerreissenden
Schreien das aus dem aufgerissenen Mund drang und durchs Haus hin schallte Ob
der Mensch sie durch einen Schlag oder sonstwie betäubt habe und dann ihr erst
den Knebel in den Mund getan habe fragte der Bauer welcher Art das Gift
gewesen sei das er für den Hund zusammengemischt habe und ob zwischen diesem
und dem Augenblick da sie den Knebel aus dem Mund kriegen und schreien konnte
eine kurze oder lange Zeit verstrichen sei  aber aus dem Mund des Geschöpfes
kam nichts andres heraus als dass das Entsetzen sie heulen ließ damit ein
strafender Gott es höre sie so angebunden und vor ihren sehenden Augen das
Feuer angemacht und dann hinausgegangen und sie von außen eingeriegelt und
durchs Fenster auf sie hereingegrinst und ihrer in ihrer Todesangst gespottet
Hinein mischte sie flehentliche Bitten ihr die schwere Sünde zu verzeihen Ein
Name wurde nicht genannt aber Andreas wusste nur zu gut von wem die Rede war
Traumartig als hätte er nun hier gesehen was er wollte ging er durch die
Knechte und Mägde durch die ihm stillschweigend Platz machten da stand hinter
allen in eine Türnische geduckt Romana halb angezogen mit bloßen Füßen und
zitternd Fast so wie ich sie im Traum gesehen habe sagte es in ihm Als sie
ihn gewahr wurde nahm ihr Gesicht den Ausdruck masslosen Schreckens an
    Er trat in den Stall ein junger Knecht war leise hinter ihm dreingegangen
vielleicht aus Misstrauen Der Stand worin gestern Andreas Fuchs gestanden
hatte war leer der Braun stand auf den Beinen und sah jämmerlich drein Der
hochgewachsene junge Knecht der ein offenes Gesicht hatte sah Andreas an und
dieser entschloss sich zu fragen »Hat er sonst noch was mitgehen lassen« 
»Derzeit scheints nicht« sagte der Knecht »es sind ihm unser etliche nach
aber sein Pferd ist wohl das schnellere und er mag leicht zwei Stunden
Vorsprung haben« Andreas sagte nichts Sein Pferd war dahin und mehr als die
Hälfte seines Reisegeldes das in den Sattel eingenäht war Das aber schien ihm
das geringere vor der Schmach wie er jetzt dastünde vor den Bauersleuten denen
er dies scheussliche Greuel ins Haus gebracht hatte Das Sprichwort »Wie der Herr
so der Knecht« fiel ihm ein und blitzschnell die Umkehrung dass er wie von Blut
übergossen vor dem ehrlichen Gesicht des Burschen dastand  »Das Pferd da ist
auch bei uns gestohlen« sagte dieser und zeigte auf den Braun »der Herr hats
gleich gewusst aber er hats Ihnen vorerst nicht sagen wollen«
    Andreas antwortete nicht er ging die Treppe hinauf und ohne das Geld zu
zählen das ihm geblieben war nahm er so viel zu sich als ihm nötig schien um
dem Finazzer sein gestohlenes Gut wieder zu erstatten Und da er keinen Anhalt
hatte wieviel ein Klepper wie der Braun unter den Bauern wert sein könnte so
steckte er auf jeden Fall so viel zu sich als er in Villach dafür bezahlt
hatte Dann stand er eine ganze Weile in unbewussten Gedanken vor dem Tisch in
seinem Zimmer und endlich ging er hinunter das Geschäft abzumachen
    Er musste warten bis er mit dem Bauern reden konnte denn es waren eben die
drei Knechte eingeritten und berichteten was sie ausgespäht und was sie von
begegnenden Hirten und Landhegern in Erfahrung gebracht hatten aber es gab
wenig Aussicht dass man des Halunken werde habhaft werden können. Der Bauer war
freundlich und gelassen Andreas um so verlegener  »Wollen Sie denn das Pferd
behalten« fragte er »und mir aufs neue abkaufen denn ich weiß wohl dass Sie
ehrlich bezahlt haben werden«  Andreas verneinte  »Wenn nicht wie soll ich
von Ihnen Geld nehmen« sagte er »Sie haben mir ein gestohlenes Gut ins Haus
zurückgebracht und mich überdies ein schlechtes Stallmensch kennengelehrt dass
ich sie aus dem Haus und vor die Gerichte bringen kann bevor sie mir Ärgeres
anstellt Sie sind ein unerfahrener junger Herr und unser Herrgott hat sichtbar
seine Hand über Sie gehalten die Magd hat eingestanden sie hat beim
Zusammensein auf der Schulter des Halunken ein Brandmal gesehen und sie meint
hätte er ihren Blick nicht aufgefangen über den er im Augenblick bleicher wurde
als die Wand so hätte er ihr nicht so viehisch mitgespielt Danken Sie Ihrem
Schöpfer dass er Sie davor bewahrt hat mit diesem entsprungenen Mordbuben eine
Nacht im Wald zu verbringen Wenn Sie weiter nach Italien wollen wie Sie
gestern gesagt haben so kommt heute abend ein Fuhrmann hier durch der bringt
Sie bis Villach und von dort findet sich eine Gelegenheit ins Venezianische
hinunter einen Tag über den anderen«
Der Fuhrmann kam erst den nächsten Abend und so verbrachte Andreas noch zwei
Tage auf dem Finazzerhof  Es war ihm schlimm dass er dem Bauern nach dieser
Sache noch zu Last liegen musste ihm war zumut wie einem Gefangenen Er schlich
im Haus herum die Leute gingen ihrer Arbeit nach auf ihn achtete niemand Den
Bauern sah er von weitem durchs Fenster aufsitzen und wegreiten die Bäuerin kam
ihm nicht zu Gesicht Er ging aus dem Haus und die Wiese hinan hinterm Gehöft
Die Wolken hingen regungslos ins Tal hinein alles war trüb und schwer öde wie
am Ende der Welt Er wusste nicht wohin gehen setzte sich auf einen Stoß
geschichteter Balken die da lagen Er wollte sich ein anderes Wetter denken
ihm war als könne dies Tal hier nur so aussehen Und doch war ich gestern hier
so glücklich sagte er und wollte sich Romanas Gesicht hervorrufen konnte es
nicht und ließ es auch gleich sein So etwas kann nur dir passieren hörte er
die Stimme seines Vaters sagen so scharf und deutlich als wäre es außer ihm
Er stand auf tat ein paar träge Schritte die Stimme sagte es noch einmal Er
blieb stehen er wollte sich dagegen auflehnen Warum glaub ich es selbst
grübelte er und ging langsam mit widerstrebendem Fuß den Pfad hinauf und doch
war es ihm fürchterlich weil er ihn gestern gegangen war Darin war kein
Gedanke an Romana nur das unerträglich scharfe Gefühl des Gestern der
Nachmittagsstunde auf die dann der Abend die Nacht und diese Morgenstunde
gefolgt waren »Warum weiß ichs selber dass mir das hat passieren müssen«
darüber grübelte er und hie und da warf er auf die bewaldeten Abhänge drüben
an denen der Nebel herumhing einen Blick wie ein Gefangener auf die Wände
seines Kerkers
    Zwischen diesem dumpfen Grübeln zählte er die Ausgaben der vier Reisetage
von Wien bis Villach zusammen die ihm jetzt außer allen Massen groß erschienen
dann die Ausgabe für das zweite Pferd und den gestohlenen Betrag Dann rechnete
er die übrige Summe aus österreichischem in venezianisches Geld um in Zechinen
erschien sie ihm dürftig genug aber in Dublonen gar so bettelhaft dass er
verzagt stehenblieb und vor sich hinsann ob er umkehren sollte oder
weiterreisen Nach dem wie ihm zumute war wäre er umgekehrt aber das hätten
die Eltern nicht vergeben so viel Geld war ausgegeben und für nichts und wieder
nichts Er meinte zu fühlen dass es den Eltern nicht um ihn ging und dass es ihm
Freude machte sondern um die Repräsentation und das Ansehen Die Gesichter der
Bekannten und Verwandten tauchten ihm auf es waren hämische und aufgeblasene
darunter und gleichgültige und auch freundliche aber nicht eines bei dem ihm
die Brust weiter geworden wäre
    Der Großvater Ferschengelder fiel ihm ein der Andreas geheißen hatte wie
er und wie der einst einmal vom väterlichen Hof weg die Donau hinab gegen Wien
marschiert war mit nicht mehr als einem Silbersechser im Schnupftuch und es zum
kaiserlichen Leiblakai und zum »Edlen von« brachte Es war ein schöner Mann
gewesen und der Andreas hieß es hätte von ihm die Statur aber bei weitem
nicht das Auftreten Der Vorwurf fiel ihm ein vom Großvater auf dem der Stolz
der Familie ruhte habe er wenig an sich aber der Onkel Leopold schlage ihm ins
Genick Der sei auch als Kind grausam gegen die Tiere gewesen und habe sich dann
zu einem gewalttätigen unglückseligen Menschen ausgewachsen der das Vermögen
verringerte die Familienehre nicht zu wahren wusste und über alle die mit ihm
zu tun hatten nichts als Kummer und Beschwerden brachte
    Die stämmige Figur des Onkel Leopold stand vor ihm das rote Gesicht die
kugeligen Augen er sah ihn aufgebahrt auf dem Totenbett liegen und das
Ferschengelderwappen auf ein Holz gemalt lehnte zu Füßen des Bettes Bei der
einen Tür die der Bediente aufriß trat die kinderlose rechte Frau herein die
geborene della Spina ein Taschentuch in ihren schönen vornehmen Händen bei der
anderen halb offenen Tür drückte sich die andere illegitime herein die
bäurische mit dem runden Gesicht und dem hübschen Doppelkinn hinter der ihre
sechs Kinder einander bei der Hand hielten und ängstlich an der Mutter vorbei
auf ihren toten Herrn Vater hinschauten  Und wie es Betrübten und
Verfinsterten zu gehen pflegt in der Erinnerung beneidete Andreas den Toten
    Im Herabgehen fing er wieder zu rechnen an um wieviel das
Ferschengelderische Anteil sich geschmälert hatte er rechnete nach welchen
Teil vom jetzigen Jahreseinkommen seine Reise verschlinge und machte sich
hypochondrische Gedanken Am Mittagstisch fand er seinen Platz bereit aber
zuoberst saß heute die alte weisshaarige Magd und teilte aus nicht nur der Bauer
fehlte auch die Bäuerin und Romana Andreas war er habe es immer gewusst und
er fühlte dass er Romana nicht mehr sehen werde Er aß schweigend die
Dienstleute redeten untereinander aber keiner berührte das Geschehnis der Nacht
mit einem Wort Nur dass der Bauer auf Villach geritten sei um bei dem
Gerichtshalter vorzusprechen wurde erwähnt Der Altknecht sagte indem er
aufstand über den Tisch zu Andreas der Bauer lasse ihm sagen es sei möglich
dass der Fuhrmann auch erst morgen durchkäme in diesem Fall möge sich Andreas so
lange gedulden und vorliebnehmen
    Es war ein trüber stiller Nachmittag Andreas hätte was gegeben für einen
einzigen Windstoß Aus dem Nebel hatten sich große und kleine Wolken geballt
sie hingen da regungslos wie von Ewigkeit zu Ewigkeit Andreas ging wieder den
Pfad hinauf gegen das Dorf Hinunterzugehen ekelte ihn den Rückweg berghinauf
den Finazzerhof vor sich hätte er nicht ertragen Auf der anderen Talseite
wusste er keinen Weg Hätte er einen Gefährten gehabt nur einen Bauernhund oder
irgendein Tier Das habe ich mir für alle Zeiten verwirkt dachte er Ihm kam
kein anderer Gedanke als ein quälender Er sah sich als zwölfjährigen Knaben
sah das Hündlein das ihm zugelaufen war ihm auf Schritt und Tritt folgte Die
Demut mit der es in ihm dem ersten Begegnenden seinen Herrn erblickte war
unbegreiflich die Freude die Seligkeit mit der es sich bewegte wenn er es
nur ansah Meinte es sein Herr zürne so warf es sich auf den Rücken zog die
Beinchen angstvoll an sich gab sich ganz preis mit einem unbeschreiblichen
Blick von unten her Eines Tages sah es Andreas in der gleichen Stellung vor
einem großen Hund die er geglaubt hatte es nehme sie einzig gegen ihn ein um
seinen Zorn zu beschwichtigen und sich seiner Gnade zu empfehlen Die Wut stieg
in ihm auf er rief das Hündlein zu sich Schon auf zehn Schritte wurde es seine
zornige Miene gewahr Und es kam kriechend heran den zitternden Blick auf
Andreas Gesicht geheftet Er schmähte es eine niedrige und feile Kreatur unter
der Schmähung kam es näher und näher Ihm war da habe er den Fuß gehoben und
traf das Rückgrat von oben mit dem Schuhabsatz Das Hündlein gab einen kurzen
Schmerzenslaut und knickte zusammen aber es wedelte ihm zu Er drehte sich jäh
um und ging weg das Hündlein kroch ihm nach das Kreuz war gebrochen trotzdem
schob es sich seinem Herrn nach wie eine Schlange bei jedem Schritt
einknickend Er blieb endlich stehen da heftete das Hündlein einen Blick auf
ihn und verschied wedelnd Ihm war unsicher ob er es getan hatte oder nicht 
aber es kommt aus ihm So rührt ihn das Unendliche an Die Erinnerung war
martervoll trotzdem wandelte ihn ein Heimweh an nach dem zwölfjährigen Knaben
Andreas der das begangen hatte Alles schien ihm gut was nicht hier war alles
lebenswert außer der Gegenwart Er sah unten einen Kapuziner die Straße wandeln
An einem Kreuz kniete er nieder Wie wohl musste dieser unbeschwerten Seele sein
Er flüchtete mit seinen Gedanken in die Gestalt bis sie ihm an einer Wendung
der Straße entschwand Dann war er wieder allein
    Das Tal war ihm unerträglich er kletterte zum Wald empor Zwischen den
Stämmen war ihm wohler feuchte Zweige schlugen ihm ins Gesicht er sprang
dahin auf dem Boden unter ihm knackten morsche Äste Er richtete seine Sprünge
so ein dass er sich jedesmal hinter starke Stämme verbarg zwischen den Tannen
waren schöne alte Laubbäume Buchen und Ahorn hinter jedem dieser versteckte er
sich dann sprang er weiter  endlich war er sich selber entsprungen wie einem
Gefängnis Er stürmte in Sprüngen dahin er wusste nichts von sich als den
Augenblick Bald meinte er er wäre der Onkel Leopold der wie ein Faun im Wald
sprang einer Bauerndirn nach bald er wäre ein Verbrecher und ein Mörder wie
der Gottelff dem die Häscher nachsetzten Aber er verstand sich zu retten 
ein Fussfall vor der Kaiserin 
    Auf einmal fühlte er dass wirklich ein Mensch in der Nähe war der ihn
beobachtete Auch das wurde vergällt er duckte sich hinter einen Haselstrauch
und blieb regungslos wie ein Tier Der Mensch auf der kleinen Waldblösse fünfzig
Schritt vor ihm spähte in den Wald hinein Als er eine Weile nichts hörte fuhr
er in seiner Arbeit fort Er grub Andreas sprang ihn an von Baum zu Baum Wenn
ein Zweig knackte sah der draußen von seiner Arbeit auf aber Andreas kam ihm
schließlich ganz nah Es war einer von den Knechten aus Kastell Finazzer Er
begrub den Hofhund warf dann die Erde wieder in das Grab glättete es mit der
Schaufel und ging weg
    Andreas warf sich auf das Grab und blieb lange liegen in dumpfen Gedanken
Hier sagte er vor sich hin hier das viele Herumlaufen ist unnütz man lauft
sich selber nicht davon Bald ziehts einen dorthin bald zerrts einen dahin
mich haben sie diesen weiten Weg geschickt endlich endet er auf irgendeinem
Fleck halt auf diesem  Zwischen ihm und dem toten Hund war was er wusste nur
nicht was so auch zwischen ihm und Gottelff der schuld an dem Tod des Tieres
war  andrerseits zwischen dem Hofhund und jenem anderen Das lief alles so hin
und her daraus spann sich eine Welt die hinter der wirklichen war und nicht
so leer und öd wie die  Dann staunte er über sich wo komme ich her  und ihm
war da läge ein anderer in den müsste er hinein habe aber das Wort verloren
    Der Abend war eingefallen ohne einen Streifen Rot am Himmel ohne irgendein
Zeichen in dem die Schönheit der wechselnden Tageszeit sich auswirkt Aus den
hängenden Wolken trat ein ödes schwärzliches Dunkel hervor und es fing aus der
Nebelluft still auf den Daliegenden zu regnen an Ihn fror er hob sich auf und
ging hinab
    In seinem Traum der gleichen Nacht schien die Sonne er ging tiefer und
tiefer in den hohen Wald hinein und fand Romana Der Wald leuchtete je tiefer je
mehr im mittelsten wo alles am dunkelsten und leuchtendsten war fand er sie
sitzen auf einer kleinen Inselwiese die von leuchtendem Wasser umronnen war
Sie war im Heuen eingeschlafen Sichel und Rechen lagen nah bei ihr Als er über
das Wasser stieg saß sie auf und sah ihn an aber fremd Er rief sie an
»Romana siehst du mich«  so leer ging ihr Blick »O ja freilich« sagte sie
mit einem sonderbaren Blick »weißt du ich weiß nicht wo der Hund begraben
liegt«  Ihm war seltsam er musste lachen über ihre Rede so witzig schien sie
ihm Sie ging ängstlich vor ihm zurück übertrat sich mit den Füßen ins
aufgehäufte Heu und sank halb zu Boden wie ein verwundetes Reh Er war dicht
bei ihr und fühlte sie hielt ihn für den bösen Gottelff und doch wieder nicht
für den Gottelff Ganz sicher war auch ihm nicht wer er war Sie flehte zu
ihm er solle sie doch nicht nackt vor allen Leuten ans Bett binden und sich
nicht davonmachen auf gestohlenem Pferd Er fasste sie er nannte sie zärtlich
beim Namen ihre Angst war grässlich Er ließ sie los da rutschte sie auf den
Knien ihm nach »Komm nur wieder« rief sie flehentlich »ich gehe mit dir und
wärs unter den Galgen Der Vater will mich einsperren die Mutter hält mich die
toten Brüder und Schwestern wollen sich auch anhängen aber ich mache mich los
ich lasse sie alle und komme zu dir« Er wollte zu ihr da war sie verschwunden
    Verzweifelnd stürzte er in den Wald da kam sie ihm entgegen zwischen zwei
schönen Ahornbäumen fröhlich und freundlich als wäre nichts geschehen Ihre
Augen leuchteten seltsam ihre nackten Füße glänzten auf dem Moos und der Saum
ihres Rockes war nass »Was bist du denn für eine« rief er ihr staunend
entgegen  »So eine halt« sagt sie und hält ihm den Mund hin »nein so eine«
ruft sie wie er sie umfassen will und schlägt mit dem Rechen nach ihm Sie
traf ihn an der Stirn es gab einen scharfen hellen Schlag wie gegen eine
Glasscheibe  er fuhr auf und war wach
    Er wusste dass er geträumt hatte aber die Wahrheit in dem Traum durchfuhr
ihn mit Glück bis in die letzte Ader Romanas ganzes Wesen hatte sich ihm
angekündigt mit einem Leben das über der Wirklichkeit war Alles Schwere war
weggeblasen In ihm oder außer ihm er konnte sie nicht verlieren Er hatte das
Wissen noch mehr er hatte den Glauben dass sie für ihn lebte Er trat in die
Welt zurück wie ein Seliger Ihm war sie stand vielleicht unten hatte einen
Stein an die Glasscheibe geworfen ihn dadurch geweckt Er lief ans Fenster da
war ein Sprung in der Scheibe im Fensterrahmen lag ein toter Vogel Er ging
langsam zurück den Vogel in der Hand den er auf sein Kopfkissen legte Der
kleine Leichnam durchströmte seinen Puls mit Wonne ihm war er hätte leicht dem
Tier das Leben zurückgeben können wenn er es nur an sein Herz genommen hätte
Er saß auf dem Bette in tausend strömenden Gedanken er war glücklich Sein Leib
war ein Tempel in dem Romanas Wesen wohnte und die verrinnende Zeit umflutete
ihn und spielte an den Stufen des Tempels 
    Im Haus war zuerst alles still im grauenden Morgen und der Regen fiel Als
er aus seiner träumenden Entrückteit hervorstieg war es hoch am Tag und hell
Im Haus war alles geschäftig Er ging hinunter ließ sich ein Stück Brot geben
und trank am Brunnen Er strich im Haus herum niemand beachtete ihn Wo er ging
und stand war ihm wohl seine Seele hatte einen Mittelpunkt Er aß mit den
Leuten der Bauer war noch nicht zurück von der Bäuerin und Romana redete
niemand Nachmittags kam der Fuhrmann er war bereit Andreas mitzunehmen aber
nach dem Gang seiner Geschäfte musste er noch vor Abend aufbrechen übernachten
würden sie im nächsten Dorf talab
    Ein frischer Wind blies zum Tal herein schöne große Wolken zogen querüber
und draußen gegens Land war es leuchtend hell Ein Knecht trug den Mantelsack
und das Felleisen hinunter zum Wagen Andreas folgte ihm Unten an der Treppe
kehrte er wieder um und eine Stimme sagte ihm jetzt stünde Romana wartend oben
in seinem leeren Zimmer Als er über die Schwelle trat und sie nicht da war
konnte er es kaum begreifen er sah in alle Ecken als könnte sie sich in der
getünchten Wand verborgen haben Mit gesenktem Kopf ging er wieder hinunter
Unten stand er lange unschlüssig und horchte draußen redeten die Knechte die
dem Fuhrmann einspannen halfen Andreas fühlte ein Engerwerden um die Brust
Ohne seinen Willen trugen ihn die Füße in den Stall Der Braun stand da und frass
mit trübseligem Gesicht und zurückgelegten Ohren ein paar von den Bauernpferden
drehten sich in ihrem Stand nach dem Eintretenden um Andreas stand eine
unbestimmte Zeit in dem dämmernden Raum und horchte auf ein Zwitschern  da fuhr
durch das kleine vergitterte Fenster ein goldener Strahl schräg hindurch bis
gegen die Stalltür und blieb so eine Schwalbe glitt aufleuchtend hindurch und
hinter ihr Romanas Mund offen feucht und zuckend vor unterdrücktem Weinen
Kaum begriff er dass sie jetzt leibhaftig vor ihm stand aber er begriff es
doch und die Überfülle lähmte alle seine Glieder Sie war blossfüssig die Zöpfe
hinunterhängend als wäre sie aus dem Bett gesprungen zu ihm gelaufen Er
konnte und er wollte nicht fragen nur seine Arme hoben sich ihr halb entgegen
Sie kam nicht auf ihn zu sie wich ihm auch nicht aus sie war ihm so nah als
wäre sie in ihm dabei schien es wieder als sähe sie ihn gar nicht Jedenfalls
blickte sie ihn nicht an auch er tat nichts um sich ihr zu nähern Aus ihrem
Mund wollte ein Wort hervor aus ihren Augen die Tränen Sie riss unablässig an
ihrer dünnen silbernen Halskette als ob sie sich erdrosseln wollte und entzog
sich ihm dabei völlig es war als ob der Schmerz jetzt mit ihr ein Spiel
spielte darüber sie die Nähe Andreas gar nicht fühlte Endlich riss die Kette
ein Stück glitt ihr ins offene Hemd das andere blieb ihr in der Hand Dieses
drückte sie Andreas von oben her auf den Handrücken ihr Mund zuckte als müsste
ein Schrei heraus und könnte nicht sie lehnte sich gegen ihn ihr Mund der
feucht und zuckend war küsste den seinen  da war sie davon
    Das Stück silberne Kette war von Andreas Hand hinabgeglitten Er hob es aus
dem Stroh  er wusste nicht sollte er ihr nach alles ging in der Welt vor und
zugleich mitten in seinem Herzen wo noch nie ein Fremdes ihn durchschnitten
hatte  da hörte er die draußen suchten ihn wer wurde nach ihm die Treppe
hinaufgeschickt Nun musste sich alles entscheiden Jetzt alles umstossen dachte
er blitzschnell sagen ich bleibe da das Gepäck abnehmen lassen die Knechte
bedeuten ich habe mich anders besonnen Wie war denn das möglich und wie
konnte er vor den Finazzer auch nur vor die Bäuerin hintreten mit welcher
Rede mit was an Begründung Wer hätte er sein müssen um sich eine solche
Handlungsweise zu erlauben und sich dann in einer solchen blitzartig veränderten
Lage zu behaupten
    Er saß schon auf dem Frachtwagen die Pferde zogen an er wusste nicht wie
Eine Zeit muss vergehen hierbleiben kann ich nicht aber wiederkommen kann ich
dachte er und bald als der Gleiche und als ein Anderer Er fühlte die Kette
zwischen seinen Fingern die ihn versicherte dass alles wirklich war und kein
Traum
    Der Wagen rollte bergab vor ihm war die Sonne und das erleuchtete weite
Land hinter ihm das enge Tal mit dem einsamen Gehöft das schon im Schatten
lag Seine Augen sahen nach vorn aber mit einem leeren kurzen Blick die Augen
des Herzens schauten mit aller Kraft nach rückwärts Die Stimme des Fuhrmannes
reißt ihn aus sich der mit der Peitsche nach oben zeigte wo in der reinen
Abendluft ein Adler kreiste Nun wurde Andreas erst gewahr was vor seinen Augen
lag Die Straße hatte sich aus dem Bergtal herausgewunden und jäh nach links
hingewandt hier war ein mächtiges Tal aufgetan tief unten wand sich ein Fluss
kein Bach mehr dahin darüber aber jenseits der mächtigste Stock des Gebirges
hinter dem noch hoch oben die Sonne unterging Ungeheure Schatten fielen ins
Flusstal hinab ganze Wälder in schwärzlichem Blau starrten an dem zerrissenen
Fuß des Berges verdunkelte Wasserfälle schossen in den Schluchten hernieder
oben war alles frei kahl kühn emporsteigend jähe Halden Felswände zuoberst
der beschneite Gipfel unsagbar leuchtend und rein
    Andreas war zumut wie noch nie in der Natur. Ihm war als wäre dies mit
einem Schlag aus ihm selber hervorgestiegen diese Macht dies Empordrängen
diese Reinheit zuoberst Der herrliche Vogel schwebte oben allein noch im Licht
mit ausgebreiteten Fittichen zog er langsame Kreise der sah alles von dort wo
er schwebte sah noch ins Finazzertal hinein und der Hof das Dorf die Gräber
von Romanas Geschwistern waren seinem durchdringenden Blick nahe wie diese
Bergschluchten in deren bläuliche Schatten er hinabäugte nach einem jungen Reh
oder einer verlaufenen Ziege Andreas umfing den Vogel ja er schwang sich auf
zu ihm mit einem beseligten Gefühl Nicht in das Tier hinein zwang es ihn
diesmal nur des Tieres höchste Gewalt und Gabe fühlte er auch in seine Seele
fließen Jede Verdunklung jede Stockung wich von ihm Er ahnte dass ein Blick
von hoch genug alle Getrennten vereinigt und dass die Einsamkeit nur eine
Täuschung ist Er hatte Romana überall  er konnte sie in sich nehmen wo er
wollte Jener Berg der vor ihm aufstieg und dem Himmel entgegenpfeilerte war
ihm ein Bruder und mehr als ein Bruder Wie jener in gewaltigen Räumen das zarte
Reh hegte mit Schattenkühle es deckte mit bläulichem Dunkel es vor dem
Verfolger barg so lebte in ihm Romana Sie war ein lebendes Wesen ein
Mittelpunkt und um sie ein Paradies nicht unwirklicher als dort jenseits des
Tales sich entgegentürmte Er sah in sich hinein und sah Romana niederknien und
beten sie bog ihre Knie wie das Reh wenn es sich zur Ruhe bettet die zarten
Ständer kreuzt und die Gebärde war ihm unsagbar Kreise lösten sich ab Er
betete mit ihr und wie er hinübersah war er gewahr dass der Berg nichts
anderes war als sein Gebet Eine unsagbare Sicherheit fiel ihn an es war der
glücklichste Augenblick seines Lebens
Als er zu seinen Hausleuten herunterkam fand er das Mädchen Zustina in eifrigem
Handel mit einem kleinen Mann in mittleren Jahren dessen Gesicht durch eine
fast halbmondförmig gekrümmte Nase ein verwegenes und besonderes Aussehen
erhielt und der in einem baumwollenen Schnupftuch etwas in der Hand trug wovon
das Zimmer mit Fischgeruch erfüllt war »Nein es geht wirklich nicht was Sie
sich von den Leuten aufschwätzen lassen« hörte er sie sagen »Wenn es ein
anderer Tag wäre würde ich es vor der Mutter verantworten Aber heute müssen
Sie mir wieder herunter Und vergessen Sie dann auch den Tapezierer nicht
Verhandeln Sie es mit ihm Punkt für Punkt genau so wie ich gesagt habe
Tapezierer sind verschlagene Leute und ohne Gewissen aber ein Mann der sich
auszudrücken versteht wie Sie sind muss jedem gewachsen sein Die Ziehung ist
genau eine Woche nach Mariä Geburt also muss am Abend vorher der Altar geliefert
sein Fehlt das geringste so wird ihm ein halber Silberdukaten abgezogen Genau
wie einen Fronleichnamsaltar will ichs haben vorne eine Draperie mit Girlanden
und in die Mitte zwischen frischen Blumenarrangements kommt die Urne aus der
die Lose gezogen werden Für die Aufstellung darf er nichts separat rechnen Er
hats ins Haus zu liefern beim Zurichten und Dekorieren muss Zorzi helfen Jetzt
gehen Sie und richten es so aus dass man Sie beglückwünschen muss und lassen Sie
mir Ihr Ausgabenbuch da ich werde es durchsehen«
    Der Alte entfernte sich als Andreas eintrat »Da sind Sie ja« sagte
Zustina »Ihr Gepäck liegt schon unten Zorzi wird Leute holen die es
heraufschaffen Dann wird er Ihnen ein gutes Kafeehaus zeigen und Sie wenn Sie
wollen zu meiner Schwester begleiten die sich sehr freuen wird Ihre
Bekanntschaft zu machen  Zu solchen Diensten ist er gut« setzte sie hinzu
»im übrigen ist es durchaus nicht nötig dass Sie gleich Ihren Vertrauten aus ihm
machen Das ist übrigens Ihre Sache es gibt allerlei Menschen auf der Welt und
jeder muss sehen wie er sich durchfindet Ich sage man muss die Welt nehmen wie
sie ist« Sie lief zum Herd sah in der Röhre nach begoss den Braten ein paar
Kleidungsstücke die der Mutter und dem Bruder zu gehören schienen verschwanden
in einem großen Schrank Sie jagte die Katze vom Speisebrett und besorgte einen
Vogel der im Fenster hing »Eines wollte ich Ihnen auch sagen« fuhr sie fort
und blieb einen Augenblick vor Andreas stehen »ich weiß nicht ob Sie eine
größere Summe Geldes bei sich haben oder einen Brief an einen Herrn Bankier
Wenn es das erstere ist so geben Sie es einem Geschäftsfreund oder wen immer
Sie hier in der Stadt kennen zum Aufheben Nicht als ob es unehrliche Leute im
Hause gäbe aber ich will keine Verantwortung haben Ich habe genug zu tun das
Haus in Ordnung zu halten meine zwei Brüder zu unterrichten und für meinen
Vater zu sorgen denn meine Mutter ist meist auswärts beschäftigt Auch können
Sie denken dass mir die Vorbereitung für die Lotterie Mühe und Denken genug
kostet Wie leicht beleidigt man   Sie müssen entschuldigen dass es uns
nicht möglich ist Ihnen ein Los anzubieten obwohl Sie bei uns wohnen aber Sie
sind ein Fremder und in einem solchen Punkt sind unsere Protektoren sehr genau
Der zweite Preis ist auch sehr anständig es ist eine goldene emaillierte Dose
ich werde sie Ihnen zeigen sobald der Juwelier sie abliefert«
    Sie rechnete unterweilen stehend das kleine Ausgabenbuch nach und bediente
sich dazu eines winzigen Bleistifts den sie in irgendeiner Locke ihres Toupets
verborgen gehabt hatte denn sie war frisiert wie zu einem Ball mit einem hohen
Toupet und trug Tuchpantoffel einen Taffetrock mit Silberspitzen oben aber
eine karierte Hausjacke die ihr viel zu weit war und den reizenden schlanken
aber gar nicht kindlichen Hals völlig zeigte Ihre Augen gingen unterm
halblauten Rechnen mit dem sie ihre Rede unterbrach bald auf Andreas bald auf
den Herd bald auf die Katze Auf einmal schoss ihr etwas durch den Kopf sie
flog ans Fenster bog sich weit hinaus und rief durchdringend hinunter »Graf
Gasparo Graf Gasparo Hören Sie mich noch Ich möchte Ihnen noch etwas sagen«
    »Hier bin ich« sagte der Herr mit der Hakennase und den Fischen und trat
unvermutet durch die Tür ins Zimmer »Was schreist du nach mir durchs Fenster 
hier stehe ich« und er wandte sich zu Andreas »ich habe soeben unten erst
vernommen dass Sie der ansehnliche junge Fremde sind den ich die Ehre habe als
meinen Gast zu begrüßen Ich wünsche Ihnen und uns es möge Ihnen unter unserem
bescheidenen Dache wohlergehen Sie bewohnen die Zimmer meiner Tochter Nina Sie
kennen sie noch nicht und so können Sie den Beweis der Hochschätzung und des
Vertrauens noch nicht ermessen den wir Ihnen geben indem wir dieses
Appartement zu Ihrer Verfügung stellen Das Zimmer eines solchen Menschen ist
wie das Kleid eines Heiligen an dem Kräfte haften Was immer Sie in dieser
Stadt erleben werden  und Sie sind hergekommen um Erlebnisse und Erfahrungen
zu sammeln  in diesen Wänden wird die Ruhe des Gemüts und das Gleichgewicht
der Seele Ihnen zurückkehren Die Luft selber in diesen Zimmern atmet wie soll
ich sagen eine unüberwindliche Tugend Lieber zu sterben als diese Tugend zu
opfern war der eherne Vorsatz meines Kindes Ich mein Herr« er berührte
Andreas mit seiner Hand die weiß und außerordentlich wohlgeformt nur zu klein
für einen Mann und dadurch unerfreulich war »war weder imstande meine Tochter
in einer solchen Gesinnung zu bestärken noch sie dafür zu belohnen Ich bin
eine gescheiterte Existenz herabgestürzt in Stürmen von der Höhe meiner
Familie« Er trat zurück und ließ die Hand mit einer unnachahmlichen Gebärde
sinken Mit einer Verneigung verließ er das Zimmer
    Zustinas Gesicht strahlte vor Bewunderung über die Rede des Grafen Wirklich
war die Art wie er die wenigen Sätze vorgebracht hatte ein Meisterwerk von
Anstand und Abstufung Würde mischte sich in ihr mit Menschlichkeit Ernst und
Erfahrung war durch Zutrauen gemildert Der Ältere sprach zum Jüngeren der
Hausherr zu seinem Gast der vom Leben geprüfte Greis väterlich zum ungeprüften
Jüngling und ein venezianischer Edelmann zum Edelmann  das alles war darin
»Was sagen Sie dazu wie mein Vater sich ausdrückt« fragte sie Über dem
aufrichtigen und kindlichen Vergnügen das sie empfand schien sie vergessen zu
haben dass sie den Vater um irgendeiner Sache willen zurückgerufen hatte »So
findet er in jeder Lage« rief sie mit leuchtenden Augen »das richtige Wort Er
hat viel Unglück gehabt und viele Feinde aber seine großen Talente kann ihm
niemand abstreiten« War sie früher quecksilbern und eifrig gewesen aber dabei
trocken so war sie nun erst ganz belebt von innen heraus ihre Augen
leuchteten und ihr Mund bewegte sich mit einem unbeschreiblichen kindhaften
Eifer Etwas in ihr ließ an ein Eichhörnchen denken doch war sie eine resolute
brave kleine Frau
    »Nun kennen Sie also auch meinen Vater und ehe eine Stunde vergeht werden
Sie meine Schwester kennenlernen und sicher auch einige ihrer Freunde Der
vornehmste darunter ist der Herzog von Kamposagrado der spanische Gesandte Er
ist ein so großer Herr dasswenn der König von Spanien mit ihm spricht so
setzt er seinen Hut auf Erschrecken Sie nicht wenn Sie ihn sehen er sieht aus
wie ein wildes Tier aber er ist ein sehr großer Herr Da hat sie einen unter
ihren Freunden der mir selbst gefiele  aber wozu von mir sprechen Es ist ein
österreichischer Hauptmann ein Slawonier das heißt er besitzt ein
österreichisches Hauptmannspatent und hat Privilegien die Vieheinfuhr für
ungarische und steirische Ochsen über Triest ein schönes Geschäft und er ist
auch ein schöner Mann und in Nina verliebt über alle Begriffe Denken Sie dass
er nie von Tisch aufsteht ohne auf ihr Wohl zu trinken und dass er dann jedesmal
sein Glas durch die Scheiben in den Kanal oder gegen die Mauer wirft wenn es
aber ein besonderer Tag ist so zerschlägt er in der gleichen Weise alles Glas
was auf dem Tisch ist und alles Nina zu Ehren Natürlich bezahlt er dann die
Gläser Ist das nicht eine Bestialität  aber in seinem Land ist das größte
Höflichkeit Er ist ein großer Spieler  nun Sie werden ihn selbst kennenlernen
und werden leben wie die andern Wäre er mein Mann würde ich ihms schon
abgewöhnen Eines aber« fuhr sie fort und sah ihn ernstaft und wichtig an mit
einem reizenden Ausdruck »wenn Sie Händel bekommen Missverständnisse Zank und
Streit so setzen Sie Ihren Willen durch Lassen Sie sich nicht durch Tränen
herumkriegen weder durch die Tränen von Weibern noch von Männern Das ist eine
läppische Schwachheit die ich nicht leiden kann Aber ich spreche nicht von
Ninas Tränen Ninas Tränen sind echt wie Gold Wenn sie weint da ist sie wie
ein kleines Kind Man hat nicht das Herz ihr zu versagen was sie sich wünscht
denn sie hat ein zehnmal besseres Herz als ich obwohl sie schon einundzwanzig
ist und ich noch nicht sechzehn Aber was kann das Sie interessieren« setzte
sie mit einem schelmischen Blick hinzu indem sie den Vogel am Fenster
versorgte »mich über mich reden zu hören  dazu sind Sie nicht nach Venedig
gekommen Gehen Sie hinunter Zorzi wird unten stehen und auf Sie warten«
    Andreas war schon auf der Treppe als sie ihm nachkam »Noch eins  es ist
mir nur so durch den Kopf gegangen Sie sehen gutmütig aus und einen Guten muss
man beim ersten Schritt warnen Lassen Sie sich niemals von einem andern Wechsel
zum Akzeptieren aufschwätzen wenn er Ihnen auch zur Deckung andere zugleich
anbietet die vor den seinigen fällig sind niemals verstehen Sie mich« Einen
Augenblick legte sie ihre Hand leicht auf Andreas Arm  es war ganz die gleiche
Gebärde die vorhin der Vater gehabt hatte aber wie wahr ist das Sprichwort
wenn zwei dasselbe tun ist es nicht dasselbe Es war eine so reizende kleine
Hand und die mütterliche frauenhafte Gebärde bezaubernd  Sie war schon wieder
drin und als Andreas die Treppe hinabging hörte er sie auf der andern Seite
durchs Fenster Zorzi zurufen
    »Ist sie nicht eine allerliebste kleine Frau« sagte Zorzi der unten stand
als hätte er erraten womit sich Andreas Gedanken beschäftigten  »Aber was
hat es mit der Lotterie auf sich« fragte Andreas nach den ersten Schritten
»wer gibt die Preise aus und was hat die Familie damit zu schaffen es sieht ja
aus als wären sie selber die Veranstalter« Der Maler antwortete nicht
sogleich »Das sind sie auch« sagte er indem er seine Schritte an einer
Straßenecke verlangsamte und Andreas an sich herankommen ließ »Warum soll ich
es Ihnen nicht sagen die Lotterie geht in einem kleinen Kreise von vornehmen
und reichen Herren vor sich und der erste Preis ist die Kleine selber«  »Wie
sie selber«  »Nun ihre Jungfernschaft wenn Sie ein anderes Wort wollen Sie
ist ein gutes Geschöpf und hat sich in den Kopf gesetzt ihren Leuten aus dem
Elend zu helfen Sie sollten hören wie schön sie über die Sache redet und
welche Mühe sie sich mit der Subskription gegeben hat Denn bei ihr muss alles
nett und ordentlich zugehen Ein großer Herr der ein alter Gönner der Familie
ist hat das Protektorat übernommen« hier dämpfte er die Stimme »  es ist der
Patrizier Herr Sacramozo der zuletzt Gouverneur von Korfu war Ein Los kostet
nicht weniger als vierundzwanzig Zechinen und es ist kein Name auf die
Subskriptionsliste gesetzt worden der nicht von Herrn Sacramozo gebilligt
worden wäre«
    Andreas war plötzlich heftig errötet so dass die Sehkraft seiner Augen durch
ein Flimmern geschwächt war und er über einen zertretenen Paradeisapfel der vor
seinen Füßen lag fast ausgeglitten wäre Der andere sah ihn im Gehen von der
Seite an »Eine solche Sache« fuhr er fort »kann sich im Kreis von vornehmen
Leuten abspielen und die den Anstand haben nichts davon verlauten zu lassen
andernfalls würde die Behörde sich dreinmischen So wird von den hiesigen Herren
nicht gern ein Fremder in eine Verabredung dieser Art hineingezogen Wenn Ihnen
aber sehr viel daran liegt so will ich mir Mühe geben und vielleicht kann ich
Ihnen indirekt ein Los verschaffen ich meine in der Weise dass einer der
Subskribenten Ihnen gegen eine Abfindung die nicht wenig sein wird seine
Chance abtritt ohne dass Ihr Name genannt wird« Andreas wusste nicht was er
antworten sollte und ging schnell auf etwas anderes über indem er sein
Erstaunen darüber aussprach dass die ältere Tochter keinen besseren Weg wüsste
ihrer Familie beizuspringen und es der kleinen Schwester überließ sich in
dieser ungewöhnlichen Weise aufzuopfern
    »Nun etwas so Ungewöhnliches ist es ja nicht was sie tut« erwiderte der
andere »und von Nina ist nicht viel zu erwarten das weiß die Kleine selber am
besten Nina ist keine Wirtschafterin und was Sie ihr heute schenken zergeht
ihr morgen zwischen den Fingern Sie ist eine Schönheit aber an Kopf kann sie
sich mit Zustina nicht messen Schaun Sie wie sie ist einmal will ich ihr einen
reichen vornehmen Herrn aus Wien vorstellen den Grafen Grassalkowicz  der
Name wird Ihnen nicht fremd sein Und Sie werden wissen was es bedeutet die
Bekanntschaft dieses Herrn zu machen der wie Sie wissen zwei Palais in Wien
und eins in Prag hat und dessen Güter in Kroatien so groß sind als der ganze
Besitz der Republik Wie heißt der Mensch sagt sie und lässt sich den Namen
wiederholen dabei zieht sie die Nasenflügel nach oben wenn sie das tut ist
bei ihr nichts zu machen so wenig wie bei einem stützigen Pferd Der Name sagt
sie klingt wie ein recht gemeiner Fluch und wie der Name so wird auch der
Träger sein Führe ihn wohin du willst ich mag nichts von ihm wissen Da haben
Sie die ganze Nina«
    Andreas dachte es sei keine so ungewöhnlich große Auszeichnung als er
bisnun angenommen hatte durch diesen Freund bei Fräulein Nina eingeführt zu
werden aber er behielt seine Gedanken bei sich
    Sie waren auf einem freien Platz angekommen vor einer kleinen Kaffeebutik
standen im Freien hölzerne Tischchen und Strohstühle an einem schrieb ein Herr
der ganz in Schwarz gekleidet war Briefe An einem andern saß ein plumper Mann
mit bläulicher Rasur in mittleren Jahren der einen fremdartigen langen Rock mit
Verschnürung trug und hörte in bequemer Stellung und mit unbewegter Miene einem
jungen Mann zu der in ihn hineinredete dabei nicht wagte seinen Stuhl an den
Tisch zu ziehen ja sich kaum wirklich niederzusitzen getraute dass Andreas ihn
nicht ansehen konnte ohne Mitleid und Unruhe zu spüren
    »Sehen Sie dort die zwei« flüsterte Zorzi und schob die Schokolade an sich
die Andreas für ihn hatte kommen lassen »Es ist ein reicher Grieche und sein
Neffe Der Alte ist Millionär und der arme Bursch sein einziger Verwandter Aber
er ist mit ihm unzufrieden weil der Junge gegen seinen Willen geheiratet hat
und er erlaubt ihm nicht einmal sein Haus zu betreten Dem Jungen geht das
Wasser bis an den Hals und er ist in den Händen von jüdischen und christlichen
Wucherern und läuft dem Onkel auf Schritt und Tritt nach Sehen Sie unauffällig
hin der Alte würdigt ihn kaum eines Blickes geschweige denn einer Antwort Er
raucht und lässt ihn reden  bemerken Sie wie der unglückselige Bettler sich
krümmt nichts von dem Rauch mitzurauchen Und nach einer Weile merken Sie auf
 er wird seinen Kaffee zahlen und fortgehen am Schluss wird der Junge vor ihm
auf die Knie fallen der Alte wird so wenig darauf achten als wenn es ein Hund
wäre Er wird sich an sein Gewand hängen der Alte wird ihn abschütteln und
seines Weges gehen als wenn er allein wäre Dasselbe Schauspiel können Sie
mehrmals im Tag sehen morgens vor der Börse hier und abends auf der Riva Ist
es nicht unterhaltend wie bestialisch die Menschen einander mitspielen und wie
beharrlich sie in ihrer Bosheit sein können«
    Andreas hörte kaum zu so sehr beschäftigte ihn die Erscheinung des
schreibenden Herrn Es war ein überlanger schmaler Körper der sich schreibend
über das kleine Tischchen bog unter welchem die langen Beine keinen Platz
fanden als durch Bescheidenheit überlange Arme die sich notdürftig
unterbringen konnten überlange Finger die den schlechten ächzenden Federkiel
führten Die Stellung war unbequem und beinahe lächerlich aber nichts hätte das
Wesentliche des Mannes schöner enthüllen können als diese Unbequemlichkeit und
wie er sie ertrug besiegte ihrer nicht gewahr wurde Er schrieb hastig die
Zugluft zerrte an dem Blatt er hätte müssen ungeduldig sein und doch war eine
Beherrschung in allen seinen Gliedern eine  so seltsam das Wort klingen mag 
Verbindlichkeit gegen die toten Gegenstände die ihm so mangelhaft zu Dienst
standen ein Hinwegsehen über die Unbequemlichkeit der Lage das unvergleichlich
war Ein starker Luftzug warf eines der Blätter zu Andreas hinüber Andreas fuhr
auf und beeilte sich dem Fremden das Blatt zu reichen der sich selbst ohne
Hast seitlich gebückt hatte mit einer halben Neigung das gereichte in Empfang
nahm wobei Andreas der Blick seiner dunklen Augen traf die ihm schön schienen
obwohl sie in einem Gesicht saßen das niemand für schön halten konnte Der Kopf
war bei weitem zu klein für die Gestalt und die gelbliche etwas leidende Miene
so seltsam verzogen dass Andreas der ungereimte Gedanke an das vertrocknete
Gesicht einer toten Kröte durch den Sinn fuhr
    Er hätte mögen viel von diesem Manne wissen  aber gerade nichts durch
Zorzi der sich zu ihm herüberlehnte und ihm zuwisperte »Ich werde Ihnen sagen
wer das ist sobald er weggegangen ist Ich will jetzt den Namen nicht nennen
Er ist der Bruder eben  des großen Herrn den ich Ihnen vorhin als Protektor
der Familie bei der Sie wohnen genannt habe Sie verstehen mich als den
unter dessen Ägide die Lotterie vor sich geht Es ist ein Malteser« fuhr er
dann fort hielt aber sogleich inne als der Schreibende den Kopf hob »  trägt
aber wie Sie sehen auf seinen Kleidern nicht das Kreuz das zu tragen er nicht
nur berechtigt sondern auch verpflichtet ist Er hat große Reisen gemacht man
sagt er sei im Innersten von Ostindien oder gar an der Chinesischen Mauer
gewesen und soll nach den Reden der einen im Dienst der Jesuiten stehen nach
den andern nicht viel anderes als ein Freimaurer sein«
    Der reiche Grieche und sein bettelarmer Neffe standen auf  die plumpe
Herzenshärte des einen die hündische Demut des anderen waren abscheulich In
beiden schien die Menschennatur entwürdigt Für Andreas war es außer der
Begreiflichkeit dass ein so gemeines Schauspiel sich in solcher Nähe eines
Wesens wie der Ritter ihm dünkte abspielen konnte ja als nun beide
gegeneinander in einer Art von Fauchen der eine und Winseln der andere ihre
Stimmen erhoben meinte er dazwischenspringen und sie mit dem Stock zur Ruhe
bringen zu müssen Einen Augenblick sah der Malteser auf aber er blickte über
die beiden Menschen hinweg als wären sie nicht da und nickte im Aufstehen den
Brief verschliessend einem jungen Burschen zu der nun vorsprang und mit einer
Verbeugung den Brief in Empfang nahm und damit abging indessen der Ritter sich
nach der anderen Seite entfernte
    Als er um die Ecke verschwunden war schien Andreas der Platz verödet Zorzi
bückte sich und brachte unter dem Tisch ein gefaltetes Briefblatt hervor »Da
hat uns der Wind etwas von der Korrespondenz des Herrn Ritter Sacramozo unter
die Füße geworfen« sagte er »entschuldigen Sie mich für einen Augenblick ich
will dem Ritter es nachtragen«  »Lassen Sie mich es ihm zurückgeben« fuhr es
aus Andreas Mund ihm war als hätte seine Zunge es aus eigener Macht gesagt
und schon hatte er das Blatt angefasst Ihm lag unendlich an der Erfüllung dieses
Wunsches er zog das Papier dem andern aus den Fingern und lief in einem engen
Gässchen hinter dem Malteser drein
    Es war mehr als Grazie eine wahre unnachahmliche Vornehmheit mit der der
Ritter ihn anhörte und das Blatt entgegennahm und Andreas glaubte niemals eine
wunderbarere Übereinstimmung zwischen der Haltung eines Menschen und dem Klang
seiner Stimme wahrgenommen zu haben Die Worte »Sie sind sehr freundlich mein
Herr« kamen deutsch und in der besten Aussprache von seinen Lippen Sein
herzenswarmes und zugleich seelenvolles Gesicht schien eine tiefe aus der Seele
dringende Freundlichkeit auszudrücken In der Spanne eines Augenblickes fühlte
sich Andreas mit Wohlwollen empfangen in eine jede Fiber seines Wesens
erhöhende Atmosphäre aufgenommen und wieder verabschiedet Er stand vor dem
Fremden wie entseelt sein Körper kam ihm plump und seine Haltung bäurisch vor
Aber jedes Glied seines Körpers wusste um jedes Glied und führte das Bild der
hohen in nachlässiger Bestimmtheit in herablassender Verbindlichkeit sich
leicht gegen ihn neigenden Gestalt ins Innere wie eine Flamme auf Flamme bebte
    Er ging zurück und war schon in sich dumpf bemüht den Ausdruck dieser
Augen den Klang dieser Stimme festzuhalten als wäre es für die Ewigkeit ein
Verlorenes  fragte sich hab ich den schon früher gesehen wie könnte mir
sonst das Bild im Augenblick so tief eingedrückt sein von mir selbst kann ich
über ihn erfahren  Wie staunte er aber als er einen schnell und leicht ihm
nacheilenden Schritt mehr fühlte als hörte der kein anderer als der des
Maltesers sein konnte als er sich eingeholt sah und ihm mit der gleichen
einnehmenden Stimme in der verbindlichsten Weise bedeutet wurde er müsse sich
geirrt haben »Der Brief den Sie so gütig waren mir zu geben ist weder von
meiner Hand mein Herr noch ist er an mich gerichtet Er muss Ihnen selbst
gehören  jedenfalls muss ich Sie bitten darüber zu verfügen«
    Andreas war verlegen und verwirrt einige undeutliche Gedanken kreuzten sich
in ihm die Furcht zudringlich zu erscheinen durchfuhr ihn wie eine heiße
Nadel In der Verwirrung schien es ihm leichter welches Bestimmte immer zu
sagen als etwas Unbestimmtes für das er niemals die Wendung gefunden hätte 
er errötete über eine unbeherrschte Gebärde seiner Hände die schon nach dem
Briefblatt wieder gegriffen hatten um so entschiedener beteuerte er nun dass
der Brief ganz sicher nicht ihm gehöre er in keiner Weise darüber zu verfügen
habe Die Miene mit welcher der Malteser sich sogleich zufrieden gab war mehr
die eines Mannes der sich unter keiner Bedingung aufdrängt als die eines von
einem Irrtum Überzeugten und der unmerkliche Schimmer eines Lächelns überflog
sein Gesicht oder nur seine Augen als er nochmals mit Verbindlichkeit grüßte
und sich abkehrte
    »Es ist Zeit« rief Zorzi »wenn Sie wünschen die schöne Nina heute
kennenzulernen Sie wird auf sein und wenn wir Glück haben noch keinen Besuch
bei sich haben Später fährt sie aus oder sie hat ihre Freunde zu Tisch 
Nun« fragte er im Gehen »haben Sie die Bekanntschaft des Ritters gemacht und
ihm seinen Brief zurückgegeben Denken Sie der Narr schreibt täglich zwei und
drei solche Briefe von zehn Seiten an ein und dieselbe Person und dabei sieht
er sie fast jeden Tag und ist trotz allem glaub ich nicht einmal ihr
Liebhaber Denn sie ist eine Halbnärrin und liegt entweder krank im Bett oder
auf ihren Knien in irgendeiner Kirche Sie hat weder einen Mann noch einen
Verwandten Der Ritter ist der einzige Mensch der zu ihr kommt und da sie
nicht unter die Leute geht hat er nicht einmal den Spaß für ihren Kavalier zu
gelten dabei versteckt er aber die Geschichte vor jedermann als ginge es um
ein junges Mädchen oder eine Nonne«  »Wie kommen Sie dazu die Geheimnisse
aller Leute zu wissen« fragte Andreas verwundert  »Ach man erfährt
allerlei« gab der andere zurück mit dem gleichen Lachen das Andreas schon so
missfallen hatte »  aber hier ist das Haus Wir gehen einfach hinauf oder
warten Sie lieber eine Minute ich springe hinauf und sehe wie es steht und ob
man Sie vorlassen will«
    Es verging nun eine Spanne Zeit deren Dauer Andreas nicht hätte mit
Sicherheit bestimmen können Vielleicht blieb der Maler nur so lange aus als es
natürlicherweise bedurfte um die Treppen hinaufzusteigen sich selber anmelden
zu lassen und einen Besuch anzukündigen vielleicht hatte man ihn oben warten
lassen und es verfloss eine viel längere Zeit
    Andreas entfernte sich ein paar Schritte von dem Haus durch dessen Tür
Zorzi verschwunden war und ging bis ans Ende der ziemlich engen Gasse Sie
endete in einem Schwibbogen unter diesem aber führte seltsamerweise eine
Steinbrücke über einen Kanal auf einen kleinen eiförmigen Platz hinüber auf dem
eine kleine Kirche stand Andreas ging wieder zurück und war ärgerlich dass er
nun schon nach wenigen Minuten unter den ziemlich einfachen und gleichartigen
Häusern das richtige nicht wiedererkennen konnte Die Tür des einen dunkelgrün
mit einem bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Delphins schien ihm die zu
sein durch welche Zorzi verschwunden war doch war die Tür geschlossen und
Andreas meinte jenen noch vor sich zu sehen wie er durch eine offene Tür in
einen Hausflur trat Immerhin war keine Gefahr dass sie einander verfehlten
wenn Andreas nochmals bis an die Brücke vorging und den kleinen Platz mit der
Kirche in Augenschein nahm Gasse und Platz waren völlig menschenleer man musste
einen Schritt hören geschweige einen Ruf oder wiederholte Rufe wenn Zorzi ihn
suchte So überschritt er die Brücke unter ihr hing auf dem dunklen Wasser eine
kleine Barke angebunden nirgend war ein Mensch zu sehen oder zu hören der
ganze kleine Platz hatte etwas Verlorenes und Verlassenes
    Die Kirche war aus Backsteinen niedrig und alt vorn gegen den Platz zu
hatte sie einen Aufgang der wenig zu ihr passte breite Stufen trugen eine
Kolonnade aus weißem Marmor einen antiken Giebel mit einer Inschrift An den
lateinischen Worten waren einzelne der vergoldeten Buchstaben groß Andreas
versuchte sich daraus eine Jahreszahl zusammenzusetzen
    Als er die Augen wieder senkte stand in beträchtlicher Entfernung von ihm
seitlich neben der Kirche eine Frau die ihn ansah Er konnte sich nicht recht
erklären wo sie hergekommen war aus einer Seitentür der Kirche konnte sie
nicht wohl hervorgetreten sein denn sie stand so als wollte sie vielmehr auf
die Kirche zu und wäre unschlüssig oder wie erschrocken über Andreas Gegenwart
stehengeblieben Tritte eines den Platz Überschreitenden oder Herankommenden
hatte er nicht gehört Und er fand sich nachdenkend ob sie zu ihrer anständigen
einfachen Tracht Hausschuhe trug die ihre Schritte lautlos gemacht hatten und
er verwunderte sich selbst dass ihn dieser Gedanke beschäftigte Denn es war
doch nichts weiter als eine anscheinend junge Frau aus den bescheidenen Ständen
mit dem schwarzen Tuch über Kopf und Schultern aus deren ziemlich blassem aber
wie es schien recht hübschem Gesicht zwei dunkle Augen allerdings mit
sonderbarer wenn die Entfernung nicht trog ängstlicher Spannung unverwandt auf
den Fremden gerichtet waren  mit der gleichen Spannung das fühlte er ob er
sich nun das Ansehen gab die Kapitelle der korintischen Säulen zu betrachten
oder ob er den Blick erwiderte Immerhin war kein Grund hier zu verharren und
schon setzte er den Fuß auf die unterste Steintreppe und war nun aus dem
Gesichtsfeld der Stehenden verschwunden
    Aber als er den schweren Vorhang hebend in die Kirche eintrat so war die
Frau zu gleicher Zeit durch eine Seitentür eingetreten und ging auf einen
Betstuhl zu der vorn gegen den Altar zu stand Nun kam von ihr für Andreas der
bestimmte Eindruck es handle sich um eine durch Krankheit sei es am Leibe sei
es an der Seele bedrückte Frauensperson welche hier im Gebete Linderung ihrer
Leiden suche
    Er wünschte jetzt nichts anderesals die Kirche so leise als möglich wieder
zu verlassen denn es schien ihm die Frau sehe sich manchmal ängstlich nach ihm
um als nach einem ungewünschten Zeugen ihrer schmerzvollen Einsamkeit Nun war
in der Kirche verglichen mit dem Platz auf dem der grelle Sonnenschein lag
Halbdunkel auch hing in der kühlen eingeschlossenen Luft noch ein wenig
Weihrauchduft und Andreas hielt seinen Blick da er um alles nicht beobachten
sondern nur den Raum verlassen wollte sicher nicht völlig scharf nicht spähend
auf die Betende gerichtet  aber abgesehen davon das ist sicher er hätte
geschworen sie habe sich nun mit gerungenen flehentlich erhobenen Händen nicht
gegen den Altar sondern nirgend anders als gegen ihn hin gewandt ja sich auf
ihn zuzubewegen gestrebt mit einer Hemmung aber als wäre ihr Körper von den
Hüften hinab mit schweren Ketten umwunden Zugleich glaubte er ein Stöhnen wenn
auch leise doch außer jeder Sinnestäuschung deutlich gehört zu haben Im
nächsten Augenblick freilich musste er wenn nicht die Gebärde so doch jeden
Bezug auf seine Person als Einbildung ansehen Denn die Fremde war nun wieder in
dem Betstuhl zusammengesunken und blieb völlig still
    Er tat lautlos die wenigen Schritte die ihn vom Ausgang trennten und
bestrebte sich den Vorhang so wenig zu heben dass kein Strahl vom grellen Licht
hineindringend die heilige Dämmerung in welcher er die Bekümmerte zurückließ
verstörte dabei ging sein Blick unwillkürlich noch zum Betstuhl zurück und was
er nun wahrnahm erstaunte ihn freilich so dass er in den Falten des Vorhangs
selber und atemlos stehenblieb  dort saß jetzt genau an der gleichen
Stelle eine andere Person saß nicht mehr sondern war im Betstuhl
aufgestanden kehrte dem Altar den Rücken und spähte auf Andreas hinüber duckte
sich nach vom und sah sich dann wieder verstohlen nach ihm um In ihrem Anzug
unterschied sich diese Person nicht allzusehr von der früheren welche sich mit
einer fast unbegreiflichen Schnelle und Lautlosigkeit entfernt haben musste Auch
die Neue trug sich in den gleichen bescheidenen dunklen Farben  so hatte
Andreas auf dem Wege die kleinen Bürgersfrauen und Mädchen in einer anständigen
Gleichförmigkeit sich kleiden sehen  aber diese hier hatte kein Kopftuch Ihr
schwarzes Haar hing in Locken zu s des Gesichtes und ihr Gehaben war von
der Art dass es nicht möglich war sie mit dem gedrückten und bekümmerten Wesen
zu verwechseln dessen Platz sie plötzlich und geräuschlos eingenommen hatte Es
war etwas Freches und fast Kindisches in der Art wie sie sich mehrmals unwillig
umblickte und dann geduckt über die Schulter die Wirkung ihres zornigen
Umblickens ausspähte Sie konnte ebenso im Sinn haben einen Neugierigen
fortzuscheuchen als einen Gleichgiltigen neugierig zu machen ja als sich
Andreas nun wirklich wegwandte um zu gehen so war ihm sie habe hinter seinem
Rücken her mit offenen Armen ihm zugewinkt
    Er stand auf dem Platz ein wenig geblendet da kam jemand hinter ihm aus
der Kirche herausgetreten und streifte mit schnellen Schritten so dicht an ihm
vorbei dass er den Luftzug fühlte Er sah die eine Seite eines jungen blassen
Gesichtes das sich jäh von ihm abkehrte die Locken flogen dabei dass sie fast
seine Wangen streiften in dem Gesicht zuckte es wie von verhaltenem Lachen Der
rasche fast laufende Gang dies dichte Vorüberstreifen und jähe Abwenden alles
war viel zu gewaltsam um nicht absichtlich zu sein aber schien viel mehr der
Übermut eines Kindes als die Frechheit einer erwachsenen Person Dennoch war es
die Gestalt einer solchen ja so seltsam die kecke Freiheit des Körpers, als sie
nun die schlanken Beine werfend dass die Röcke flogen vor Andreas auf die
Brücke zusprang dass Andreas einen Augenblick dachte er habe mit einem
verkleideten jungen Mann zu tun der mit ihm als einem augenscheinlich Fremden
seinen Übermut treibe Doch sagte ihm dann weiter ein Etwas über allem Zweifel
dass er ein Mädchen oder eine Frau in dem Wesen vor sich habe das nun auf der
kleinen Brücke selber standhielt wie um ihn zu erwarten In dem Gesicht das
ihm hübsch genug schien glaubte er einen frechen Zug zu sehen das ganze
Betragen schien ihm völlig dirnenhaft und doch war etwas dabei das ihn mehr
anzog als abstiess Er wollte der jungen Person nicht auf der schmalen Brücke
begegnen einen andern Weg zurück in das Gässchen hatte er nicht So drehte er
sich jäh um und stieg in die Kirche zurück und dachte damit dem Frauenzimmer ein
entschiedenes Zeichen der Abwehr gegeben zu haben und sie los zu sein Sonderbar
genug war es ihm dass er nun in der stillen Kirche die andere Person nicht
wieder vorfand Er ging ganz vorn bis an den Altar warf einen Blick in die
kleinen Kapellen links und rechts sah hinter die Pfeiler  nirgends eine Spur
es war als hätte der Steinboden sich geöffnet und die Bekümmerte eingezogen an
ihrer Stelle aber jenes andere sonderbare Geschöpf hervorgelassen
    Als Andreas wieder auf den Platz heraustrat sah er zu seiner Erleichterung
dass die Brücke frei war Er ging in das Gässchen zurück und fragte sich ob er
nicht doch indessen Zorzis Heraustreten versäumt habe und dieser ihn nicht etwa
in der Richtung aus welcher sie gekommen waren suchen gegangen sei Ein
reinliches Haus neben dem mit dem messingnen Türklopfer schien ihm nun das
richtige weil hier die Tür offen stand Er trat ein wollte an irgendeiner Tür
im Erdgeschoss klopfen und nach Fräulein Nina fragen dann selbst hinaufgehen und
sich nach dem Verbleib des Malers erkundigen Dieses alles tat er um so rascher
als ihm gewesen war als habe etwa vom zweiten Haus nach Überschreiten der
Brücke an sich ein leichter Schritt und die Bewegung eines Kleides wieder an
seine Fersen geheftet Vom Hausflur führte die Treppe nach oben doch ließ
Andreas diese noch unbetreten und trat in den Hof nach der Wohnung des
Hausmeisters oder sonst eines lebenden Wesens zu suchen Der Hof war klein
zwischen Mauern und in eine ziemliche Höhe ganz mit Weinlaub überrankt die
schönsten reifen Trauben von einer dunkelrötlichen Sorte hingen herein starke
Holzpfeiler stützten das lebendige Dach an einen derselben war ein Nagel
geschlagen an welchem ein Vogelbauer hing An einer Stelle war in dem Rebendach
eine Lücke groß genug um ein Kind durchklettern zu lassen Von hier aus fiel
der Abglanz des strahlenden Droben in den Raum und die schöne Form der
Weinblätter zeichnete sich scharf auf dem Ziegelboden ab Der nicht große Raum
halb Saal halb Garten war erfüllt von lauer Wärme und Traubenduft und tiefer
Stille dass man das ruhelose Hüpfen des Vogels hörte der unbekümmert um
Andreas Hinzutreten von einer Sprosse zur andern sprang
    Plötzlich fuhr der zutrauliche Vogel in jähem Schreck gegen eine Seite
seines Käfigs die Tragbalken des Rebendachs wankten die Öffnung hatte sich jäh
verfinstert und es blickte in Manneshöhe über Andreas Kopf ein menschliches
Gesicht herein Schwarze Augen an denen das Weiße blitzend hervortrat starrten
von oben in seinen erschrockenen Blick ein Mund halboffen vor Anstrengung
Erregung  dunkle Locken drangen zu einer Seite zwischen den Trauben herab Das
ganze blasse Gesicht drückte eine wilde Gespannteit aus und eine
augenblickliche fast kindisch unverhohlene Befriedigung Der Körper lag
irgendwie über dem leichten Lattendach vielleicht hingen die Füße an einem
Haken der Mauer die Fingerspitzen an dem Ende eines der Pfeiler Nun veränderte
sich der Ausdruck des Gesichtes in einer rätselhaften Weise mit einer
unendlichen Teilnahme ja Liebe ruhten die Augen auf Andreas Die eine Hand
drang durch das Blattwerk als wollte sie seinen Kopf erreichen sein Haar
streicheln Die vier Finger waren an der Spitze blutig die Hand erreichte
Andreas nicht ein Blutstropfen fiel auf seine Stirn das Gesicht droben
erblasste »ich falle« rief der Mund  die unsäglichste Anstrengung hatte nur
diesen einen Augenblick erkauft Das blasse Gesicht riss sich weg der leichte
Körper schnellte sich nach oben glitt dann über die Mauer zurück  wie er
jenseits den Boden erreichte konnte Andreas nicht mehr hören er lief schon
nach vorne der Rätselhaften den Weg abzuschneiden Das Haus zur Rechten musste
es sein entweder sie kam dort heraus oder sie verbarg sich in dem Hof in
welchen sie hinabgesprungen war Er stand vor der Haustür es war die mit dem
Delphin sie war verschlossen und gab seinem Druck nicht nach
    Schon hob er den Türklopfer da glaubte er drinnen Schritte zu hören die
sich näherten sein Herz pochte man hätte es durch die Tür hören müssen Ihm
war zumute wie kaum je im Leben zum erstenmal bezog sich ein Unerklärliches aus
jeder Ordnung heraustretend auf ihn er fühlte er werde sich nie über dieses
Geheimnis beruhigen können er sah das Mädchen die kahlen Mauern emporklimmen
mit den Spitzen der Finger sich in den Fugen emporreissen um zu ihm zu gelangen
er sah sie mit blutigen Händen in einen Winkel des Hofes gedrückt vor ihm
fliehen wollen er ihr nach  weiter reichten seine Gedanken nicht ein
schneller Schritt der auf die Tür zuging raubte ihm fast die Besinnung Die
Tür ging auf es war Zorzi der vor ihm stand
    »Sagen Sie mir um alles in der Welt wen habe ich gesehen« rief ihm Andreas
entgegen und lief ehe Zorzi antworten ehe er fragen konnte an ihm vorüber ans
Ende des Flurs  »Wohin wollen Sie« fragte ihn Zorzi  »In den Hof  lassen
Sie mich«  »Das Haus hat keinen Hof hier stößt ihm eine Feuermauer entgegen
dahinter fließt der Kanal daran grenzt der Garten des Redemptoristenklosters«
 Andreas begriff nichts Die Lokalität verwirrte sich ihm er erzählte und sah
dass er nichts erzählen konnte dass er das Entscheidende von dem was er erlebt
hatte nicht zu erzählen verstand  »Wer immer diese Person ist« sagte Zorzi
»seien Sie sicher wenn sie sich noch einmal in diesem Stadtviertel blicken
lässt ich kriege heraus wer sie ist sie entgeht mir nicht ob es nun ein
verkleideter Mann ist oder eine öffentliche Person die sich einen Spaß gemacht
hat«
    Wie gut wusste Andreas dass weder das eine noch das andere der Wahrheit
nahekam Er konnte sich nichts erklären und doch wies er im Innersten jede
Erklärung zurück Wie gerne wäre er noch einmal in die Kirche zurückgeeilt
seine geheimnisvolle Feindin und Freundin vielleicht nicht die unbändige
seltsame die an Mauern emporkletterte sich von oben herab auf ihre Beute warf
 ihre Gefährtin musste zu finden sein Denn jetzt schien es ihm unmöglich dass
die beiden Wesen von denen eines an der Stelle des anderen aufgetaucht war wie
das Glas mit rotem und mit gelbem Wein aus der Hand des Taschenspielers dass sie
nichts voneinander wissen sollten Er war sich selber unbegreiflich dass er an
diesen Zusammenhang nicht früher gedacht hatte Ihm war er habe die Kirche
leichtsinnig durchsucht er hätte eine Spur finden müssen eine Mauerspalte
eine Falltür  wie gern wäre er wieder dahin zurückgekehrt wäre er allein
gewesen Der Zwang suchen und finden zu müssen hätte ihn jetzt und dann ein
drittes und viertes Mal zurückgetrieben war es ihm nicht oft so gegangen ein
verlegter Brief ein Schlüssel von dem wir wissen wir haben ihn  aber
Zorzi ließ ihn nicht aus »Lassen Sie jetzt Ihr kletterndes Mannweib  in
Venedig werden Ihnen noch ganz andere Dinge begegnen  und kommen Sie schnell
zu Nina sie erwartet Sie Was da oben wieder passiert ist lässt sich gar nicht
sagen Der Herzog von Kamposagrado ihr Protektor hat in einem Anfall von Wut
und Eifersucht einen seltenen Singvogel den ihr der jüdische Verehrer Herr
dalle Torre tags zuvor geschickt hatte lebendig in den Mund gesteckt und den
Kopf abgebissen Den ungarischen Hauptmann hat er auf den er Ninas wegen einen
Verdacht hatte halb totprügeln lassen und zwar wie es scheint aus Versehen
einen Unrichtigen so dass jetzt die Sbirren hinter ihm her sind und bei ihr
alles durchsucht haben Kurz es geht alles drunter und drüber das ist gerade
der richtige Augenblick wo bei ihr immer ein Ankömmling sein Glück macht«
    Andreas hörte alles nur mit halbem Ohr Die Treppe war eng und dunkel bei
jeder Wendung glaubte hoffte er die Unbekannte irgendwo hervortreten zu sehen
noch oben vor Ninas Tür erwartete er sie würde vorüberhuschen Jetzt erschien
es ihm über jeden Zweifel sicher dass zwischen beiden Gebärden ein
geheimnisvoller Bezug geherrscht hatte auch der flehentlich wie beschwörend
gehobene Arm der Bekümmerten ihm ebenso wie der Wink der Jungen gegolten hatte
Die Spannung die Ungeduld dieses unbegreifliche Wesen zu entziffern war kaum
erträglich nur eines beruhigte ihn sie hatte um einen Augenblick mit ihm
allein zu sein auf eine unbegreifliche Weise den Weg gefunden eine hohe Mauer
unter der vielleicht das Wasser dahinfloss hatte sie nicht abgehalten das zu
machen was außer einer Katze jedem Geschöpf versagt schien und aus ihren
Fingern das Blut fließen zu lassen war ihr nicht zu viel gewesen Sie würde ihn
an jedem Ort und zu jeder Stunde wieder zu finden wissen
    Sie fanden Fräulein Nina auf einem Sofa in einer sehr bequemen und hübschen
Stellung Alles an ihr war hell und von einer allerliebsten zarten Rundheit Ihr
Haar war hellblond wie verblichenes Gold und sie trug es ungepudert Drei
Dinge die in reizender Weise gekrümmt waren und ganz zueinander gehörten ihre
Augenbrauen ihr Mund und ihre Hand hoben sich mit dem Ausdruck von gelassener
Neugierde und großer Liebenswürdigkeit dem eintretenden Gast entgegen
    Ein Bild ohne Rahmen lehnte verkehrt an der Wand durch die Leinwand lief
ein Schnitt wie von einem Messer Zorzi nahm es vom Boden auf und besah es
kopfschüttelnd »Wie finden Sie übrigens die Ähnlichkeit« fragte er und hielt
Andreas der sich zu Ninas Füßen auf ein Taburett niedergesetzt hatte das
Gemälde hin Das Bild war was ein grobes Auge sprechend ähnlich finden mochte
es waren Ninas Züge aber kalt gemein Ihre leicht nach oben gekrümmten Brauen
waren darum so reizend weil sie in einem fast zu weichen Gesichtchen saßen
ihren Hals hätte ein strenger Beurteiler zu wenig schlank finden können  aber
wie der Kopf auf ihm saß war ein bezauberndes Ichweißnichtwas von
Hilflosigkeit und Frauenhaftigkeit Auf dem Porträt waren die Augenbrauen von
einer gemeinen Bestimmtheit der Hals den der Messerstich durchschnitt üppig
und dirnenhaft Die Augen hafteten mit frechem kaltem Feuer auf dem Beschauer
Es war eines von jenen peinlichen Porträts von denen man sagen kann dass sie
das Inventarium eines Gesichtes enthalten aber die Seele des Malers verraten
Andreas wandelte ein innerlicher Schauder an
    »Räum es mir aus den Augen« sagte Nina »es erinnert mich nur an Ärger und
Brutalität«  »Ich werde dieses wieder herstellen« sagte Zorzi »und ein
zweites machen und es nicht in der venezianischen Art sondern in der flämischen
untermalen Es wird noch besser werden und ich werde es mir von den beiden
Herren zweimal bezahlen lassen Ich müsste ein Vieh sein wenn es mir nicht
gelingen sollte es mir von beiden bezahlen zu lassen«
    »Nun wie finden Sie es« fragte sie als der Maler mit seinem Werk
verschwunden war  »Ich finde es recht ähnlich und recht hässlich« sagte
Andreas  »Da machen Sie mir ein schönes Kompliment«  Er schwieg  »Nun sind
Sie erst einen Augenblick bei mir und haben mir schon etwas Unfreundliches
gesagt Meinen Sie denn auch dass den Männern ihre größere Kraft ihr schärferer
Verstand ihre stärkere Stimme nur gegeben sind um uns armen Weibern das Leben
schwer zu machen«
    » So meine ich es nicht« beeilte sich Andreas zu sagen »wenn ich Sie malen
sollte so käme ein anderes Bild heraus das dürfen Sie mir glauben«  Er sagte
es und hätte gerne viel mehr gesagt denn sie schien ihm unsäglich reizend Aber
der Gedanke dass Zorzi jeden Augenblick wieder ins Zimmer treten werde machte
ihn befangen und er schwieg Vielleicht hatte er genug gesagt aber er wusste es
nicht Denn es kommt nicht auf die Worte an sondern auf einen Ton einen Blick
    Nina sah wie zerstreut über ihn hin auf ihrer Oberlippe die geschwungen
war wie ihre Augenbrauen und gleichsam wie in etwas das kommen würde ergeben
schwebte die Andeutung eines Lächelns und schien auf einen Kuss zu warten
Andreas neigte sich unbewusst vor und sah benommen auf diese halboffenen Lippen
Das Bauernmädchen Romana tauchte herauf um sich gleich wieder in Luft
aufzulösen Er fühlte wie etwas Entzückendes zugleich Bangmachendes sich sanft
auf sein Herz niedersenkte sich dort zu lösen
    » Nun sind wir allein« sagte er » aber wer weiß wie lange« Er griff nach
ihrer Hand und nahm sie doch nicht denn er glaubte Zorzis Hand in der Türklinke
zu fühlen Er stand auf und trat ans Fenster
    Andreas sah durchs Fenster und gewahrte unter sich einen hübschen kleinen
Dachgarten Auf einer flachen Terrasse standen Orangen in Kübeln Lilien und
Rosen wuchsen aus hölzernen Behältern und Kletterrosen bildeten einen Gang und
eine kleine Laube Ein Feigenbaum in der Mitte trug sogar einige reife Früchte
Er fragte »Gehört der Garten Ihnen«  »Er gehört nicht mir wie gerne möchte
ich ihn mieten« gab Nina zurück »aber ich kann den geldgierigen Leuten nicht
so viel geben als sie haben wollen Hätte ich ihn so ließe ich ein Bassin und
einen kleinen Springbrunnen machen  Zorzi sagt man kann das  und eine Laterne
in die Laube«
    Andreas sah sich bei den Nachbarsleuten eintreten das Geld für die Miete
auf den Tisch zählen er sah sich dann mit dem Mietskontrakt zu Fräulein Nina
zurückkommen In seiner Phantasie gab er schon die Anordnung das Gitter um den
Dachgarten zu erhöhen Kletterrosen und Winden liefen an leichten Stäben
aufwärts und machten den kleinen Raum wie ein lebendes Zimmer in das von oben
die Sterne hereinblickten Der leichte Nachtwind trat spielend hindurch die
zudringlichen Blicke der Nachbarn waren abgehalten Auf kleinen Tischchen
standen Früchte in Schalen zwischen Lichtern unter Glasglocken Nina lag in
einem leichten Umhang auf einem Sofa fast so wie sie hier wirklich vor ihm lag
Aber wie anders stand er dort vor ihr  traumartig fühlte er jenes andere
Selbst er war kein zufälliger Besuch den jedes Knarren einer Tür aufschreckte
dem eine ungewisse zerstreute Viertelstunde zugewiesen war er war der
berechtigte Freund der Herr dieses Zaubergartens und der Herr seiner Herrin Er
verlor sich in ein unbestimmtes Gefühl von Beglückung als schlüge der Ton einer
Äolsharfe durch ihn hindurch  Er wusste nicht wie wenig es eines solchen
Umweges bedurfte ja dass der nächste Moment ihm vielleicht das Glück geschenkt
hätte
    »Was haben Sie« fragte Nina und in ihrer Stimme lag der Ausdruck einer
leichten Verwunderung die ihr so nah lag Die Stimme zog ihn ins Bewusstsein
zurück Ihm fiel ein dass man von dem Dachgarten aus müsste auf jenes Dach aus
Weinlaub hinabschauen können das sich von einer Feuermauer zur andern spannte
auf den Kanal der sich zwischen jenem Hof und dem Garten des
Redemptoristenklosters hinzog Der Gedanke an seine Unbekannte fiel ihn an aber
wie ein Schreck Dieses Wesen war in der Welt darin lag etwas das
unentfliehbar war Die Brust wurde ihm enger ihm war als müsse er Schutz
suchen er trat ins Zimmer zurück er stützte sich auf die Lehne des Sofas und
beugte sich über Nina Ihre Oberlippe die zart gekrümmt war wie ihre
Augenbrauen hob sich in leichtem Erstaunen nach oben
    »Ich habe daran gedacht dass ich in Ihren früheren Zimmern wohne und dass
ich allein dort wohne  und dass Sie hier wohnen« sagte er aber die Worte
wurden ihm schwer »Wenn Sie den kleinen Garten da drunten hätten und die Laube
mit der Lampe drin so möchte ich dort mit jemandem wohnen  aber schon recht
gern  freilich nicht mit der die der da hinausgetragen hat Mit der möchte
ich in keinem Haus in keiner Laube und auf keiner Insel wohnen Und Sie haben
ja keine Laube und keine Lampe drin«
    Er wäre gerne vor ihr niedergekniet und hätte seinen Kopf in ihren Schoss
gelegt aber er sagte alles und insbesondere den letzten Satz in einem kalten
und beinahe finsteren Ton denn er glaubte dass eine Frau alles erraten müsse
was in ihm vorging Wenn er nun hart und spöttisch von jener Nina auf dem Bild
sprach so musste sie wissen dass eine andere ihn näher und er ihr näher war als
sich mit Worten sagen ließ und dass alles an ihm bereit war die Umstände
herbeizuführen deren Nichtvorhandensein er hart und trocken hervorhob Zugleich
aber überkam ihn eine sonderbare und trübe Vorstellung es war die Erinnerung an
alte wie ihm in diesem Augenblick schien und bis zum Ekel oft geträumte
Kinderträume hungrig hatte er sich in die Vorratskammer geschlichen sich ein
Stück Brot abzuschneiden er hatte den Laib Brot an sich gedrückt das Messer in
der Hand aber schnitt es wieder und wieder an dem Brot vorbei ins Leere
    Seine Hand hatte ohne Verwegenheit ja ohne Hoffnung Ninas Hand erfasst die
reizend ohne Magerkeit und zart war ohne klein zu sein Sie ließ sie ihm ja er
glaubte zu fühlen wie sich die Finger mit einem leichten beharrenden Druck um
die seinigen zusammenschlossen Ihr Blick verschleierte sich und das Innere
ihrer blauen Augen schien dunkler zu werden die Ahnung eines Lächelns lag noch
auf ihrer Oberlippe aber ein vergehendes beinah angstvolles Lächeln schien
einen Kuss dorthin zu rufen Nichts konnte ihn tiefer und jäher erschrecken als
diese Zeichen die einen andern vielleicht kühn ja frech gemacht hätten Er war
verwirrt über die Massen Wie konnte er fassen was so einfach und so nahe war
Er dachte nicht an die über die er gebeugt war sondern an ihr Leben
Blitzschnell sah er die Mutter den Vater die Schwester die Brüder er sah den
jähzornigen Herzog aus der Kulisse um das Sofa auftauchen den blutigen Kopf
eines Papageien in der Hand daneben schob sich der Kopf eines jüdischen
Verehrers lautlos hindurch er sah aus wie der Bediente aber ohne Perücke und
der ungarische Hauptmann dessen Haar in Zöpfe geflochten war hob mit wilder
Gebärde ein krummes Messer Er fragte sich ob seine ganze Barschaft hinreichen
würde Fräulein Nina völlig von all diesen Gestalten loszumachen  und er musste
sich sagen vielleicht für eine Woche für drei Tage Und was war ein einmaliges
Geschenk wenn es ihn auch zum Bettler machte wo wie es ihm schien der
Anstand es verlangte eine Rente auszusetzen ja vielleicht eine Wohnung oder
gar ein Haus neu einzurichten Dienerschaft herbeizuschaffen zumindest 
überschlug er  eine Jungfer und Diener Die Miene des Bedienten Gottelff
grinste ihm entgegen der schöne Moment war zerronnen Er fühlte dass er Ninas
Hand auslassen müsste er tat es mit einem sanften Druck Sie sah ihn an ihrem
Ausdruck war wieder etwas wie Verwunderung beigemischt aber kühler als vorhin
Er hatte Abschied genommen und wusste nicht wie und hatte um die Erlaubnis
gebeten wiederzukommen
    Drunten fand er Zorzi der das Bild in ein Papier gehüllt unterm Arm hatte
und auf ihn zu warten schien Er verabschiedete sich schnell es reute ihn sehr
dass er diesem Menschen von der Unbekannten gesprochen hatte er war froh dass
Zorzi nicht davon anfing um alles hätte er gerade ihn nicht dürfen auf diese
Spur bringen von dessen Blick er sich und alles belauert fühlte Er sagte ihm
dass er Fräulein Nina demnächst wieder besuchen werde  er glaubte selbst nicht
daran Kaum dass Zorzi mit seinem Bild sich entfernt hatte ging Andreas durch
das Gässchen unter dem Schwibbogen durch über die Brücke nach der Kirche
    Der Platz lag menschenleer da wie vorhin unter der Brücke hing regungslos
die leere Barke und Andreas glaubte darin ein Zeichen zu sehen das ihn
ermutigte Er ging wie im Traum und zweifelte eigentlich nicht er dachte nichts
anderesals dass die Bekümmerte dasitzen und wie er hereinträte die Arme
angstvoll und wie flehend gegen ihn heben würde Dann würde er zurücktreten und
wissen dass in seinem Rücken die andere sich von dem gleichen Betstuhl erhob um
ihm zu folgen Dies Geheimnisvolle war für ihn nichts Vergangenes sondern ein
Etwas das sich kreisförmig wiederholte und es lag nur an ihm in den Kreis
zurückzutreten dass es wieder Gegenwart würde
    Er trat in die Kirche es war niemand da Er ging wieder zurück auf den
Platz er stand auf der Brücke und sah in jedes Haus und fand niemanden Er
entfernte sich durchstreifte ein paar Gassen kam nach einer Weile wieder auf
den Platz zurück trat durch die Seitentür in die Kirche ging durch den
Schwibbogen zurück und fand niemanden
 
              Venezianisches Reisetagebuch des Herrn von N 1779
Ich erinnere mich an die Dinge ganz genau hatte immer sehr gutes Gedächtnis
bekam bei den Schulbrüdern das große Fleisskreuz weil ich die österreichischen
Regenten vor und rückwärts aufsagen konnte Auch alle Dienstmädchen meiner
Mutter habe ich mir gemerkt und alle Mineralien meines Großvaters und die Namen
des Sternbilds Orion
    Gründe der Bildungsreise Maler große Namen Paläste Sitten im Salon
Entréegespräche Scheinen Gefallen Vorher von Venedig gewusst Onkel hatte
Bekannten dessen Verwandte in oubliettes gestürzt mit Nägeln und Rasiermesser

    Ankunft Morgengrauen hungrig kühl will sich um Unterkunft umschauen
Schauspielergesellschaft am Strand wartend Eine kokettiert mit ihm vom Schoss
ihres Kollegen herab
    Gehe durch ein paar Gassen der halbnackte Herr er hat einen Hut mit Maske
und grobem Spitzenschleier überem Arm ein feines aber sehr gestückeltes Hemd
er begrüßt ihn sagt er kennt Wien nennt ein paar Namen erklärt er habe
alles beim Spiel verloren Ich leihe ihm meinen Mantel er spricht sehr schön
von Freigebigkeit von vergangenen Zeiten der Herr erzählt wie er eine galante
Dame beim Grassalkovich vorgestellt habe habe sie gesagt »brutto nome pare
una bestemmia« und ihn nicht zum Liebhaber haben wollen Wie er angezogen ist
hat er einen viel gesellschaftlicheren Ton viel weniger gehoben
    Speisengeruch der Fremde will ihn nicht hier frühstücken lassen
verspricht ihm eine Wohnung bei einem Edelmann zu verschaffen geht mit ihm
    Die Edelfrau der Edelmann der Alte Ich gebe Geld damit ein Frühstück
kommt Bekomme das Zimmer der abgereisten Tochter Alle sind mit dem Theater
zusammenhängend Stöhnen von oben der Maler hat Magenkrämpfe gehe mit hinauf
der Stein wird abgehoben indessen bringt der Edelmann im Schnupftuch der
Tochter die kleinen Fische essen ein echt venezianisches Gebackenes frittura
    Nochmals hinauf zum Maler er zeigt mir ein Bild einer schönen Person für
dalle Torre verspricht mich zu ihr zu führen Erzählt auf dem Weg die
Geschichte der zwei Bilder des Herzogs Kamposagrado wie die Brüder ihm das
ihrige schicken lacht er unmäßig und weist eine Summe Geld an damit sie ihm
den Goya schicken die Tintorettos copieren Maler verspricht mich dem Herzog
vorzustellen
    Kommen zu der schönen Dame Vogel im Käfig schönes Porzellan vorne
Hyazinten Kamposagrado gegenwärtig Details über das Pyrenäendorf wo der
Herzog Gerichtsherr
    Die junge Dame mit ihm im anderen Zimmer Kamposagrado sehr zornig
verschlingt den Vogel und geht Ich werde eingeführt benehme mich
zurückhaltend Die Alte supponiert mir ein Geschenk zu machen Ich ziehe mich
zurück habe keine Leichtigkeit Jetzt müsste man entweder ein allesvergessender
Lump sein oder ein geschickter Schwindler Ich lade sie zum Nachtmahl ein
    Gehe auf die Piazza Versäume einen Aufzug sehe einen Patrizier der eben
ein Harlekingewand anzieht gehe ins Theater die verschleierte maskierte
Dame Brief auf der Piazzetta empfangen
    Der Ritter Sacramozo setzt sich zu mir seine Erscheinung der Diener mit
dem Brief Der Diener scheint den Ritter zu kennen Sage dem Ritter dass ich die
Kourtisane eingeladen Er ist erstaunt dass es wieder stimmt  Gehe schlafen
Mücken
    Nächster Morgen rendezvouz mit dem Kavalier zu der Dame die bei der
Morgentoilette werde zunächst in ein Nebenzimmer gelassen indessen sich die
Dame mit dem Kavalier zurückzieht die Dame kommt entschuldigt sich etwas
cavaliermässig Der Ritter geht mit mir frühstücken erzählt mir seine Auffassung
der Liebe die frühere Passion für die Kourtisane sein Selbstmordversuch
    Nachmittag kommt der Edelmann zurück meinen Mantel bringen führt mich zum
Notar
    Abends in der Nähe der Madonna dellorto Die schöne Dame an einem Fenster
    In der Kirche Kamposagrado mit Dienern die ihm leuchten geht allein
zurück ein Hund geht ihn an Er besteht den Hund mit den Zähnen
 
                  Das venezianische Erlebnis des Herrn von N
Andreas zwei Hälften die auseinanderklaffen  Andreas Charakter nicht
vorneherein feststehend er muss sich in diesen Situationen erst finden seine
Scheu sein Stolz  alles noch unerprobt  Ungewissheit über einige Zustände
immer zu viel  zu wenig Zweifel ob er jenes Verbrechen an dem Hund wirklich
begangen
    Andreas Hauptrichtung Mut  der Mut den die Atmosphäre Venedigs
inkorporiert Mut in der Sturmnacht Moral Mut
    Schuld an der Reise der berechnende snobism des Vaters
    Wie Andreas das Leben großer Herren sieht aus den Erzählungen des
grossväterlichen Kammerdieners auch aus eigenen Erfahrungen von der
Hirschbrunft ins Schloss umkleiden frisieren lassen eine Maitresse abholen in
die Oper Armida
    Andreas geht hauptsächlich wenn er auf den Grund geht darum nach Venedig
weil dort die Leute fast immer maskiert sind Nach dem Abenteuer mit der
hochmütigen Gräfin auf dem Land die ihn wie einen Bedienten behandelt hatte
ist in ihm halb geträumt die Vorstellung entstanden dass dies Abenteuer
herrlich gewesen wäre wenn er maskiert gewesen wäre Überhaupt quält ihn jetzt
der Unterschied zwischen Sein und Erscheinung zum Beispiel wenn er
Strohmanderln sieht die wie Bäuerinnen mit Hüten oder wie Mönche ausschauen und
ihn unheimlich und feierlich impressionieren und doch eigentlich nichts
Gescheites sind Kapiteleinteilung provisorisch I Kastell Finazzer II
Ankunft III Drei Bekanntschaften IV Der Malteser V Doppeltes Leben VI Ein
Gespräch VII Dämonie VIII Abreise
    Kap I Ende Die Berggegend  er verlangt sich nicht hier zu wohnen er
hat mehr als der Ersteiger mehr als der Bewohner in diesem Augenblick er
braucht keinen Bezug auf Romana  es ist ganz Selbstgenuss aber nur durch sie
möglich War es da  so war auch der Besitz Romanas verbürgt
    Kamposagrado ein breiter Mensch an einem Ohr einen Perltropfen worin ein
Stückchen von der Hostie Kapitel V Der neue Freund Der Malteser
    Andreas war in einen Zustand geraten der nichts Erfreuliches hatte Der
Gedanke an die Heimat vergällte ihm das Hier das Hier machte ihn traurig an die
Heimat denken
    Er gab den Brief ab und hörte die Herrschaft wäre tot Der Geschäftsfreund
verreist Er fragte nach seinem Koffer und es ist Sehnsucht von zuhaus etwas
zu erfahren Das Brot schmeckt ihm nicht Karossen und Elégance gehen ihm ab
die Leute ihm so gleichgültig verglichen mit Graben und Kohlmarkt das
Aussteigen einer Dame in Wien
    Er versucht es Nina zu sehen ohne rechte Hoffnung Zorzi sagt ihm der
Malteser wolle seinen Namen wissen fragt ob er Wünsche habe Andreas lehnt ab
 Das was in ihm zu ihr will gefällt ihm nicht Er wird abgewiesen
    Abends Gespräch mit Zustina auf der Treppe Er fragt sie warum sie nicht
heiraten wollte Wie konnte sie ahnen dass er von sich sprach Sie weist ihn
zurück Ihre Rechtfertigung »es sind vornehme Leute ein jeder wird etwas Gutes
sein Die Mutter von einem Dummen hat für ihn ein Los genommen«
    Er eifersüchtig auf Glückliche Er sagt er werde wahrscheinlich abreisen
Es lässt sie kalt  Ihr Weltbild Familientyrannen oder Spieler aller Art Sie
entfernt sich von ihm
    Verschiedentlich Besuche bei Nina ein zweites Mal den übernächsten Tag
darauf ein drittes Mal  aber immer Hindernisse Einmal jemand bei ihr ein
andermal sie ausgegangen oder krank  einmal wird er vorgelassen hört sie im
Nebenzimmer sie hat aber ausgehen müssen Er wird aber immer aufgefordert
wiederzukommen  Die Sache wird ganz unlösbar dadurch dass Zustina ihm sagt
»Nina tut es so leid dass Sie sie vernachlässigen«  Gefühl der Ohnmacht
    Sehenswürdigkeiten Gerichtsverhandlung Prozession Jesuiten Kirchen
Bilder Tintoretto Vornehmheit Kühnheit Selbstgefühl
    Neid gegen alle Menschen Hypochondrie wachsende Unlust an Menschen zuviel
Menschen er hätte sie wollen von sich wegstreifen Sehnsucht nach Bäumen einen
Baum umarmen Hinüberblicken nach Bergen Rückdenken an jenen Augenblick
Melancholie Er wird unordentlicher und unreinlicher in seinem Denken
    Meerungeheuer für zehn soldi aus Creta seltsames Interieur Um die Leere
seines Innern auszufüllen tritt er nicht in die Kirche sondern in die Bude
Die Spanierin die Maske
    Der Meermann »welch Schauspiel  aber ach ein Schauspiel nur« gibt ihm
alles was das Theater ihm schuldig geblieben obwohl er ein Tier kaum ein
wirkliches Andreas Schmerz dass der Meermann ihm mehr Eindruck macht als ein
wirkliches Theater
    Die Maske ihr Arm liegt auf seinem zärtliches Reden der Maske »unsere
erste Begegnung war ein schönes Fest Ich war gerade angekommen von einem recht
hässlichen Aufenthalt Ihr Gesicht war das erste wie hätte es mir nicht gefallen
sollen  ich war zu allem frei hätte mich von oben herabschwingen mögen
sicher fliegen zu können Ahnen Sie denn was es heißt gefangen liegen«  er
denkt an die Bleidächer
    Er zweifelt Sie »ich rede vom Wirklichen spüren Sie es nicht« ihr
Händedruck  Er versichert damals bei Nina habe er nur an sie gedacht  »und
bei den späteren Besuchen«
    Zärtliches Reden der Maske sie redet von Nina er kombiniert »sie ists« 
das Blut strömt ihm zum Herzen
    Die Maske »ich habe eine gewisse Person gezwungen nach Ihrem Namen zu
fragen Seit heute und damals liegt ein ganzes Leben«
    Andreas beschliesst Zustina Verschiedenes zu fragen um sich über die Familie
aufzuklären tuts wieder nicht es ist ihm zu mühsam
    Im Haus »Ihre gute Bekannte hat nach Ihnen gefragt«  ein Weinblatt mit
einem Blutstropfen
    Einsamer hier unter Menschen als dort auf dem Grab des Hundes
    Eine Maske will ihn wohin führen wo gespielt wird Er verweigerts kehrt im
Vorzimmer noch um will wenigstens wissen wer sie ist und wohin sie ihn bringen
will Die Maske hat ihm erzählt es gäbe verschiedene Leute die sich hier für
ihn interessierten außer dem Malteser  mindestens zwei Personen Woher weiß
sie das  Auf der Treppe glaubt er zu sehen es wäre jene Spanierin oder
sonstige junge Person aus Ninas Haus sie weiß auch von seinen Besuchen bei
Nina
    Eintritt in eine Kirche hofft die Spanierin zu sehen wird gehoben in
traumartige Höhe aber nur kurz Jemand kniet hinter ihm und seufzt als wäre
das ein ihm ausgeliefertes Wesen das Wesen lehnt am Rand der Stufe sieht in
die Ferne
Am nächsten Tage abermals nach der Dogana Brief über den Zustand der Kaiserin
Missbehagen Alles so arg puppenhaft
    Jemand in einer Gondel fährt ihm nach erreicht ihn der Malteser Dieser
sagt er habe ihn in dem kleinen Kaféhaus gesucht Dem Malteser wurde ein
ähnlicher Brief wie jener erste ins Haus geworfen »Sollten Sie davon nicht
wissen wenn ich Sie bitten dürfte über die Personen nachzudenken mit denen
Sie gesellschaftlich zusammengekommen sind Es gibt nichts Einzelnes Alles
vollzieht sich in Kreisen Vieles entgeht uns und doch ist es in uns und wir
müssten es nur hervorzuarbeiten verstehen Eine Person der ich sehr ergeben bin
ist in großer Aufregung über diese Sache Ich will Ihnen sagen was in dem
Briefe stand Haben Sie Verwandte in Italien« Verwandtschaftsfluidum Andreas
»Ich wollte Ihnen gern so viel Kenntnis meiner Person verschaffen dass Ihr
Verdacht erlischt«  sonderbarer Mangel an Selbstgefühl dass ihm selbst sein
Wort nicht hinzureichen scheint zugleich eine Todesangst wenn jener Verdacht
erloschen werde er dem Malteser gänzlich uninteressant sein Wie wohl war ihm
als der Mann bei ihm saß Staunen dass auch dieser Mann von etwas gequält wird
    Behagliches Schlendern dann nachher Malteser »versäumen Sie nicht nach
Murano zu fahren man hört die beste Musik Ihr Gesandter ist auch oft dort«
    Indes bringt der Einarmige einen Brief für Andreas »Von wem«  »der Herr
weiß es«  Staunen des Maltesers wegen Koincidenz Er bittet den Malteser
mitzugehen Malteser lehnts ab Ist ägriert nimmt an Andreas habe sich lustig
gemacht »Sie empfangen den Sendboten von dem ich Ihnen spreche«
Erster Anblick des Maltesers ein geahnter harmonischer Kontrast zwischen
Erscheinung und Geist Etwas Witziges um ihn eben dieser Kontrast
    Im Anfang ist Andreas Haupteinwand gegen den Chevalier die Zufälligkeit
der Bekanntschaft »der kann doch nichts Rechtes sein dass er gerade Zeit hätte
sich mit mir abzugeben «
    Die Stunden mit Sacramozo waren das Leuchtende in seinen Tagen Wie war er
erstaunt als dieser ihn angeredet hatte Es ärgerte ihn dann dass der Chevalier
dadurch verblasste
    Wie der Chevalier für ihn immer schöner wird aus einem hässlichen und er
allmählich ahnt dass das Wesen dieses Menschen ganz Liebe oder ganz Form ist
Das Doppelte seiner Natur wenn er von mystischen Gegenständen spricht  wozu
für ihn im richtigen Zusammenhang alles auf der Welt auch die gewöhnlichsten
Bezüge und Verrichtungen gehören können  ist er offen der Vereinigung
zugänglich nur menschlich von sich mitteilend durch Enthusiasmus zugänglich
    Wenn er sich in gewöhnlichen Verhältnissen findet ist er durch Höflichkeit
völlig abgesondert undenkbar dass er zu berühren zu beeinflussen zu erreichen
wäre Es ist unmöglich wenn er in diesem Zustande ist ihn an den andern
erinnern zu wollen Er übt hier eine ebenso starke coercitive Kraft aus wie
andererseits eine inducierende Manchmal erscheint er Andreas in der weltlichen
verschlossenen Verfassung noch merkwürdiger der Begriff »Kraft der
Verzweiflung« auf ihn in dieser Situation anzuwenden
    Begegnungen mit dem Malteser Dieser allein concentriert ihn zugleich
verwirrt er ihn durch sein Zuhausesein in dieser Welt durch seine Diskretion
alles als selbstverständlich Nehmen  Andreas Angst in unvollkommenen
Momenten an Sacramozo sei alles nur Fassade
    Malteser lädt ihn nicht zu sich scheint als selbstverständlich anzunehmen
dass er Bekannte hat dass er weiß wo die Bilder zu sehen sind usw
    Sein Wesen die Geheimnisse deutet sie durch minus dicere nicht durch plus
dicere an Sein Wesen ein Wissen um das Geheimnis der menschlichen Organisation
Gespräche mit Sacramozo
    Andreas steckt voller Vorurteile die schlimmsten gegen sich selber die
Geldvorurteile die Vorurteile inbezug auf die Welt  auf sich selbst meint
sein Glück verscherzt zu haben alles wird schlechter alles ist schon
vorgegessen Brot  Sacramozo »Sie sind reich an verborgenen Kräften  Sie
schließen das Außerordentliche aus  Sie haben Unrecht Sie reden von Glück
wie vermöchten Sie es zu genießen  fragen Sie sich noch mehr wer ist es ders
genießt« Sacramozo lehrt ihn an Ariost die Funktion der Poesie erkennen die
Poesie hat es ganz und gar nicht mit der Natur zu tun Die Durchdringung der
Natur des Lebens beim Dichter ist Voraussetzung
    Gelegentlich Ariost das Unmögliche ist das eigentliche Gebiet der Poesie
der Jüngling dessen Leib sich durch den Harnisch durchbewegte
    Poesie als Gegenwart Das mystische Element der Poesie die Überwindung der
Zeit 
    Das Hohe erkennt man an den Übergängen Alles Leben ist ein Übergang 
    Man muss alles nach Vorbildern tun das ist das Große am Christentum 
Ungeistige Christen betrügen Gott Schmutz hinterm Altar 
    Sein Element kennen man lebt wirklich nur unterm Auge des uns Liebenden
Sacramozo »Aufmerksamkeit ist soviel wie Liebe  Ich bitte Sie dass Sie meine
Seele mit Aufmerksamkeit behandeln Wer ist aufmerksam der Diplomat der
Beamte der Arzt der Priester   keiner genug Jenes Wort ich habe nichts
vernachlässigt  wer darf es von sich mit gutem Gewissen sagen«
    Woran man wirklich teilzunehmen vermag dem ist man schon zur Hälfte
vereinigt Sacramozo über Teilnahme von Negern an Freude ihres Herrn er hat
gefunden was er suchte  er hat einen Brief erhalten
    Sacramozo erklärt den Abscheu der Seele vor dem vor kurzem Gelebten
    Inwiefern einem Menschen wie Sacramozo nichts mehr Furcht macht doch alle
Schrecken nahe sind durch das Leiseste heraufberufbar was Angst Schreck
Ängstlichkeit bedeuten
    Inwiefern für Sacramozo jede Materie die Materie zu Göttlichem  Andreas
grübelt »warum gerade mit mir«  darüber muss Andreas hinweg  Sacramozo
»überall ist Alles aber nur im Augenblick«
    Inwiefern jemanden um Verzeihung bitten zu können eine erreichte hohe Stufe
bedeutet
    Wozu ein Mann wie Sacramozo von nun ab unfähig ist darin liegt seine
Herrlichkeit
    Sacramozo beanstandet Wort und Begriff »in die Tiefe dringen«  man sollte
es ersetzen durch »gewahr werden«  »sich erinnern«
    Der Geist ist einerlei Im Geistigen gibt es keine Stufen nur Grade der
Durchdringung Der Geist ist ein Tun vollkommen oder minder vollkommen Sie
halten die Welt an einem Teil auf zu denken Die Menschen sind die Leiden und
Taten des Geistes.
    Durch Sacramozo erkennt Andreas er liebe Romana Finazzer
    Sacramozo glaubt an die Zweizahl So erzählt er die zwei ausschlaggebenden
Erlebnisse seines Lebens »man muss eine sehr geniale Natur sein wie Franz von
Assisi um durch ein einziges Erlebnis für immer bestimmt zu werden Der
gewöhnliche Mensch wird sich wenn eine furchtbare Erfahrung ihm den Weg nach
einer Seite verlegt nach der anderen Seite hinziehen «  auch pflegen wir
ein Individuum aus einem Typus hervorzubringen indem wir eine zweite Reihe ihn
durchkreuzen lassen Narciss ist ein Lump aber ein ordentlicher Musiker cf
Goethe »Anmerkung«
    Malteser »Sie erwähnen sehr oft Ihren Onkel in einer gewissen Weise  er
muss Ihnen wichtig sein« mehr Aufforderung ist bei Sacramozo undenkbar 
Andreas wurde rot Die Geschichte vom Onkel Leopold und die beiden
Entscheidungstage Im Sterbezimmer die Witwe die zweite Familie Bauernjungen
Zehenter Die della Sphina »wir beide haben viel verloren liebe Frau« 
indem Andreas erzählt kommt ihm Kastell Finazzer jener traurige Tag zurück 
der Malteser mit einem warmen Blick »Sie haben das schön erzählt
Menschenleben ist in Ihnen gediegen enthalten und löst sich schön ab«  Sein
Vorschlag zum Besuch
    Kap VI Ein Besuch
    »Wer kennt sein eigenes Element«
    In der Gesellschaft des Maltesers ja nur durch einen Bezug auf diesen
verfeinert und sammelt sich Andreas Existenz Begegnet er diesem so kann er
sicher sein nachher etwas Merkwürdiges oder wenigstens Unerwartetes zu erleben
Seine Sinne verfeinern sich er fühlt sich fähiger im andern das Individuum zu
genießen fühlt sich selber mehr und höheres Individuum Liebe und Hass sind ihm
näher Die Bestandteile der eigenen Natur sind ihm interessanter er ahnt hinter
ihnen das Schöne In dem Malteser ahnt er eine Meisterschaft im Spiel von dessen
eigener Rolle Es gibt keine Situation in der er ihn sich nicht vorstellen
könnte An dem Malteser tritt ihm die höchste Empfänglichkeit für eigene Natur
entgegen
    Er sagt sich das alles selbst aber in hypochondrischen Selbstvorwürfen
»was bin ich für ein Mensch der erste beste vornehmere Mensch wirkt so stark
auf mich«
    Anfang Malteser kommt ihm nach auf der Riva dei Schiavoni »wie gut dass
ich Sie finde« Andreas hat ein unbestimmtes Gefühl dorthin getrieben »Fast
hätte ich nach Ihnen geschickt Man will Sie sehen «
    Geheimnis um Maria beim ersten Besuch Andreas macht sie eine ganz kleine
hilflose Bewegung nach einer dunklen Ecke hinter ihrem Sofa mit einer
Unfreiheit um die Mitte des Leibes  und in diesem Augenblick ahnt Andreas dass
es ein für ihn unauflösliches Geheimnis hier gibt dass er diese Frau nie kennen
wird und fühlt dass ihn hier die Unendlichkeit mit einem schärferen Pfeil
getroffen als je ein bestimmter Schmerz er hat drei oder vier Erinnerungen die
alle diese pointe acérée de linfini in sich tragen die Begegnung mit der alten
Frau und dem Kind am ersten Morgen  fühlt diesen ungefühlten Schmerz ohne zu
wissen dass er in diesem Augenblicke liebt
    Beim ersten Besuch sagt Maria »Man wird Ihnen wieder schreiben« Einmal
bekommt er einen Brief von Maria der leidenschaftlich ja beinahe cynisch ist
er eilt hin findet sie nicht Später findet er sie Sie ist verstört »man hat
mich von dem Brief unterrichtet «  sie muss sich zu einem halben Geständnis
entschließen »meine Hand ist verhext sie handelt gegen meinen Willen Ich bin
nahe daran mich zu verstümmeln aber das ist gegen das fünfte Gebot « 
Problem inwiefern bin ich für meine Hand verantwortlich 
    Elégance und Vornehmheit die Phantome denen Andreas nachgelaufen ist sind
in Maria in ihrer höchsten Form verkörpert als seelischer Adel Jetzt kommen
ihm die Wiener Gräfinnen nur als Marionetten vor deren Bewegendes die Rasse
ist
    Sacramozos Verhältnis zu Maria ist dies, dass er sie unterhalten will um sie
im Leben zu erhalten weil sie allein ihm noch das Leben lebenswert macht  so
wenig er im übrigen von ihr fordert erwartet Sacramozo hat zu Maria »Religion
nicht Liebe« Novalis  der Chevalier »ich fand sie in Genua schlechte
Menschen behaupteten Anrechte auf sie zu haben Ich schützte sie  und ich
vermochte sie hierher zu bringen Ja aber ich stehe ihr darum nicht näher als
Sie Ich halte jeden Tag für den letzten Ich denke von Tag zu Tag sie wird dir
entschwinden«  Andreas »Meinen Sie sie wird in ein Kloster gehen« 
Chevalier »Sie war nahe daran Aber sie scheint es aufgegeben zu haben Sie
sagte mir sie habe Briefe bekommen die sie davon abgebracht hätten«
    Maria mit dreizehn Jahren einem bösen Mann vermählt Sie ist Witwe ihr Mann
war grausam  Die religiöse Krise die Schuld an der Spaltung Marias war Ein
Gebet dies erzählt Sacramozo dem Andreas  Maria betrachtet es als Strafe
dafür dass sie Christus als Helfer für ihre Liebesabenteuer herabgefleht und
dadurch gelästert habe  Seiter Maria von Ekel erfüllt vor dem eigentlichen
Akt sie hat die vage Ermüdung ein ihr entsetzliches physisches Wissen von der
Sache
    Ihr Astralleib bestehend aus ihren Gedanken Ängsten Aspirationen der oft
mit immenser Sensibilität von etwas was einer sagt ja von einer bloßen
Nachricht einem »stummen Niederfallen ferner Sterne« tangiert wird  dies
Ganze empfindet sie als ihr Ich dies Ganze muss selig werden dies Ganze wäre
nie fähig gewesen sich in der Liebe hinzugeben dies Ganze kann Andreas niemals
umklammern dies Ganze ist ihre Last und ihr Leiden
    Ein mittlerer Aspekt von Maria  wo sie am meisten als Dame wirkt dass in
ihr noch nicht alles zusammengekommen ist dass sie weder resigniert noch
erschöpft ist dass die Möglichkeiten des Märtyrertodes ebenso wie des Erstarrens
in aristokratischer morgue vor ihr liegen
    Sacramozo weiß aus Konfidenzen dass sich Maria zuweilen verliert Seine
Vermutungen über den Zustand
Die Dame Maria und die Kocotte Mariquita sind beide Spanierinnen sie sind
Spaltungen ein und derselben Person die sich gegenseitig trucs spielen Die
Kocotte schreibt ihm die Briefe Die Kocotte hasst den Sacramozo und die ganze
sentimentale Tuerei Einmal begegnet Andreas der Kocotte wie er die Dame
verlässt einmal verwandelt sich die gute Dame vor dem Spiegel in die böse
Kocotte Die Kocotte fürchtet sich vor Sacramozo glaubt er hat den bösen Blick
auch fürchtet sie er könne sie umbringen wirklich rennt er mit dem Messer
hinter ihr her  Dadurch wird Andreas viel verliebter in die Dame und begreift
den Platonismus des Sacramozo gar nicht mehr Einmal schläft er bei der Kocotte
in der Früh ist das Bett leer er hört ein Aufstöhnen und mit den Zeichen
grässlichster Verwirrung läuft die andere fort Während dieser wirren Zeit findet
er einmal in seinem Felleisen das Brusttuch der kleinen Finazzer  Die Kocotte
gibt an sie müsse zeitweise zu einem reichen Alten
    Porträt von Maria und Mariquita im Tagebuch mit Maria zu sein heißt dem
feinsten und tiefsten Begriff des Individuums nachgehen nach dieser Richtung
ist Marias religiöser Ästetismus orientiert Ihr kommt es auf die Einheit, auf
die Einzigkeit der Seele an  aber an dem Leib wird sie zuschanden Es wäre
unmöglich ihr ein Kompliment über ihre Schönheit oder ein Detail ihrer Gestalt
zu machen Sie hält daran dass kein Baum keine Wolke ihresgleichen haben Ihr
graut vor der Liebe welche mit Verwechslung arbeitet sie erinnert an die
Prinzessin im »Tasso«
    An Mariquita ist es jedes körperliche Detail was einzig und ewig scheint
das Knie die Hüfte das Lächeln Sonst kümmert sie sich wenig um Einzigkeit
sie glaubt nicht an die Unsterblichkeit der Seele Ihr Reden ihr Argumentieren
ihr Denken selbst ist ganz Pantomime ganz potentielle Erotik kein Wort darin
über den Moment hinaus gemeint  sie buhlt immerfort mit allem was sie umgibt
    Durch einen kleinen kurzatmigen King CharlesHund namens Fidèle ein
misstrauisches und hochmütiges Tier der im Hause von Maria immer versteckt ist
bis auf einmal hängen Maria und Mariquita zusammen es ist wiederum das
Grundproblem von »Gestern« Treue Beharren und Wechsel  Dunkel ahnt Maria das
Chaotische in sich das was sie mit Mariquita gemein hat So haben sie das
Hündchen gemein
    ad Maria und Mariquita die Ansicht des Franziskanerpaters über den Fall
die Ansichten des Medicus materialistisch La Mettrie Kondillac die Anekdote
von dem Mann der durch einen Unfall zerstört durch den anderen
wiederhergestellt wurde  »was folgern Sie daraus« fragte der Malteser
    Maria immer in Halbhandschuhen immer kalte Hände Mariquitas Hände immer
wie von flüssigem Feuer durchströmt
    Hemmungslosigkeit das Wesen von Mariquita Hemmung das Wesen der Gräfin Die
Gräfin spricht von den hundertpfundschweren Ketten mit denen der Himmel die
Seinigen prüfe Man ist für mehr als sich selbst verantwortlich  Das
Beschwerte in den Liebesbriefen der Gräfin
    Bei Maria lernt Andreas die Freiheit des Wesens preisen bei Mariquita
graust ihm vor der absoluten Freiheit Bei Mariquita muss er sich nach dem
universalen Bindemittel sehnen bei Maria nach dem Lösungsmittel so muss ihm
seine eigene Natur offenbart werden
    Maria ist fabelhaft gut angezogen Mariquita liebt Schmutz und Unordnung
    Maria verträgt Blumenduft sehr schlecht eines Tages findet Andreas sie halb
ohnmächtig und umgeben von stark riechenden Blumen diese Blumen hat Mariquita
morgens auf dem Gemüsemarkt gekauft und durch einen Furlaner an Maria geschickt
    Maria ist Christin mit mystischen molinistischen penchants Sacramozo ist
indifferent Galiani Mariquita ist Heidin sie glaubt an den Moment an sonst
nichts
    Mariquitas Ansichten über Maria gelegentlich brieflich oder in Monologen
sie hasst sie sieht alles Unvollkommene an ihr findet sie feig so wie
Michelangelo sich feig findet im Gegensatz zu Savonarola und doch ist sie ihr
eigenster der einzige interessante Gegenstand Sie beneidet sie um ihre
Distinktion ohne sich recht klar zu werden was diese Distinktion ist was das
ist das jeder von Marias Handlungen einen königlichen unrealen Wert gibt
gleich dem Horn auf der Stirn des Einhorns wie ein Turm im Mond ja sie
versucht Maria selbst diesen ihren Vorrang verdächtig zu machen sie in das
Gemeine unterzutauchen wodurch sie freilich selbst am unglücklichsten werden
würde  sie schreibt ihr »deine gestrige Träumerei dass es das Gemeine nicht
gibt dass dies alles völlig überwunden werden kann, dass man in einem ewigen élan
leben kann ohne jenes Danebenhocken in der Ecke  das ist eine Vorspiegelung
deiner bodenlosen Eitelkeit deiner stupiden Unfähigkeit das Wirkliche zu
erkennen«
    Mariquitas Erzählungen über Maria bald als wäre sie eine alte Hexe
dann » das war nur figürlich zu nehmen Man muss die Menschen überhaupt nur
figürlich nehmen Sie ist eine ganz hübsche Person aber ein rechter Teufel ist
sie doch Gerade darum weil sie für einen Engel gehalten werden will Aber das
kann ich sagen so durchschaut wird auf der Welt keine Frau wie ich die
durchschaue Meine Blicke gehen unter die Haut«
Mariquita die verschiedenen Aspekte des Dämons intrigant scharfsinnig
cynisch ruhelos gottlos frech libertine Angst vor Kirchen neugierig ohne
Maß geistreich ingénue durchgehends Vergesslichkeit
    Das Zusammenhängende in allen ihren Phasen etwas Aktives
Gliedermännisches Sie will etwas vorwärtsbringen die Ruhe das Versinken ist
ihr verhasst  da fürchtet sie sich in die andere aufzulösen
    Einmal rutscht es Mariquita zu der Duenna heraus  Andreas stellt sich
schlafend »die Verfluchte sie möchte mich ins Kloster sperren weil ich es
ihr zu bunt treibe ich muss ihr durch den da ein bisschen zusetzen lassen « 
Duenna »könntest du ihr nicht etwas eingeben dass sie ganz verschwindet« 
Mariquita »sie hat eine verfluchte Kraft nicht nur wenn sie betet sondern
auch sonst eine Art sich innerlich zu erheben da fühl ich mich wie wenn mir
übel würde und ich bin ganz schwach gegen sie«  Duenna »könntest du nicht
machen dass während sie betet ihr eine von deinen stärksten Stellungen
einfiele«  Mariquita »dann fühlt sie mich kommen und drückt mich hinunter
das sind meine widerwärtigsten Momente Da hass ich sie wie der ewig Verdammte
Gott hassen muss«
    Mariquita macht über ihr Verhältnis zu Maria erst ganz allmähliche
Erfahrungen im Anfang hofft sie bald ganz freizukommen
    Szene wo Mariquita sehr aufgeregt darüber dass Maria ins Kloster gehen
will von Andreas verlangt dass er Maria verführe  ihr unheimlicher hündischer
Blick bei dieser Szene In Andreas der Verdacht dass die Zauberin etwas mit
Experimenten zu tun habe ähnlich jenen welche zu den »Moreau horros« geführt
haben dass sie etwa Lieferantin für einen solchen Experimentator sei
    Indem Andreas in Mariquita die Seele zu wecken verlangt gefährdet er
Mariquita in ihrem Leben ihrem Sonderdasein wovon sie ängstliche Andeutungen
macht So schließt sie ihn einmal in die Arme und erklärt sich Tränen im Auge
bereit sich dem Glück das er mit einer anderen finden könnte aufzuopfern Er
fühlt dass sie es in Wahrheit meint
    Mariquita dämonisch bis zum Hexenhaften Succubus Schläft einmal mit zwei
Männern zugleich sie sagt »wenn ich mit einem einen Tag sechs Stunden zwei
Stunden eine halbe Stunde zehn Minuten nach dem anderen geschlafen hätte 
na also«
    Mariquita hasst den Begriff »die Wahrheit«  »wenn ich nur das dumme Wort
nicht hören müsste wenn ihr mich nur mit eurer Philosophie verschonen wolltet 
da die Welt doch sozusagen essbar ist«
    Ihr düsteres Bild von dem Malteser seine Lebenschiffre flösst ihr Grausen
ein Wenn sie von ihm spricht verfärbt sich ihr Gesicht
    Mariquita schreibt nie schickt immer nur mündliche Posten das Schreiben
ist nur zu embrouillieren und compromittieren
    Die Wohnung Mariquitas in einem halbverfallenen Palast in zwei Zimmern in
größter Unordnung In einem großen Hinterzimmer haust die Duenna eine alte
Hexe Das helle Zimmer offen wie ein Vogelhaus wo Mariquita badet isst und
empfängt Draußen ein Gärtchen der reiche jüdische Verehrer dalle Torre
Mariquita behandelt Andreas zuerst schlecht dann lädt sie ihn sogleich wieder
ein in einem Brief voll Anspielungen auf Maria wie sie bemerkt dass Maria ihn
gerne sieht sie hofft mit ihm Maria endlich zu verführen
    Am selben Tage wo Andreas den einladenden Brief bekommt bekommt Sacramozo
einen insultierenden Brief man sei seiner müde und werde sich um einen anderen
Freund umtun
    Mariquita bei dem ersten Besuch obwohl sie ihn schlecht behandelt spielt
buhlerisch mit seiner Hand und sagt »schöne Hand schade dass du einem kalten
geizigen Herrn gehörst« Sie sagt ihm warum man ihn liebt sein schweres
zurückhaltendes Wesen man ahnt nicht wie er sein wird man kann nie sicher
sein ihn ganz zu haben
    Mariquita eine Art Schwindel des Daseins sie unternimmt mit Andreas nachts
eine Eilpostfahrt Embrouilleuse alles geht schief das Undurchblickbare
heillos Verwickelte aller Dinge eine ganze Kette von unglücklichen
Einteilungen alles stimmt nicht Café in Mestre im Wagen ist sie eine andere
Hier tut sie als hielte sie ihn für einen Kasanova imputiert ihm Zusammenkünfte
mit der Gräfin mit allem Detail psychologisch und realistisch dann endlich
»verzeih mir« dann heftig »und warum denn nicht warum nimmst du sie nicht«
Er will sich losreißen da deutet sie auf ein Geheimnis verspricht bald ihre
Seele zu offenbaren
    Mit Mariquita ein Abenteuer in einer Sturmnacht Sie will den betäubten
durch Andreas Schlag betäubten Gondolier ins Wasser werfen
    Die Kourtisane will den Waldmenschen verführen zu diesem Zweck wird eine
Landpartie unternommen Andreas ganz verschiedene Gefühle in Gegenwart der zwei
Frauen Marias Nähe beglückt ihn macht ihm die Welt schöner Mariquita macht
ihn finster sich anspannend wild  nachher verdrossen ermüdet
    Es erscheint undenkbar die Hand von Maria in einer wollüstigen Bewegung zu
sehen zu fühlen Der Fuß von Mariquita erwidert den Druck wie eine Hand
umrankt presst wie eine weiche blindere noch wollüstigere Hand
    Andreas sein Gefühl für Maria wachsend so dass ihm schwindlig wird bei dem
Gedanken an eine Intimität  nur die Hand auf ihrem Knie zu haben ja bei dem
bloßen intensiven Denken daran dass sie eine Frau ist er wird eifersüchtig auf
Sacramozo Indem er dringend wird ermöglicht er die Erscheinung von Mariquita
    Andreas und der Begriff »elegant« die eleganten Menschen sind ihm was dem
Michelangelo der Savonarola oder ein in sich verschlossener junger Edelmann war
Die Liebe der eleganten Dame das ist ihm zunächst sein Ziel er glaubt darin
umgewandelt zu werden wie sein Großvater durch die Gunst der Erzherzogin Er
sagt sich »wenn ich ihr Liebhaber wäre «  aber er kann sich noch nicht
recht hineindenken es ist ihm als ob er dann ein anderer wäre einen
Augenblick glaubt er der Chevalier hielte ihn für den Liebhaber  allmählich
ahnt ihm dass Maria für ihn in der Sphäre des Unberührbaren steht und es ahnt
ihm dass hier sein Schicksal liegt dass er gleichsam hier vor etwas steht von
dessen Spitze er immer etwas abbrechen muss Er ahnt dass Marias Liebe sich auf
etwas beziehen muss was ihm selbst in sich unerreichbar seiner Eitelkeit wie
seiner Unruhe wie seinem Bewusstsein ganz entrückt ist
    Andreas ist Maria gegenüber von der äußersten Schüchternheit so vollkommen
ist ihre Gesprächsführung Bei dem bloßen Gedanken sie etwas Intimes zu fragen
zB ob sie von der Existenz der illegitimen Schwester etwas wisse ist ihm so
wie bei dem Gedanken dass es möglich sei die Heimlichkeit ihres Leibes zu
berühren  der Kopf dreht sich ihm Bei Maria ist die Seele wie ein Schleier
über dem Leib
    Seine Beziehung zu Maria ist schließlich die dass er auf die
»gegenstandslose« Freundschaft Sacramozos qualvoll eifersüchtig ist
    Sein Staunen dass es Menschen dieser Art gibt alles ist weicher und härter
alles hässlicher und gewissenhafter alles im Großen gefasster im Einzelnen
feinfühliger  Ihm ist als müssten ihm neue Sinne entstehen um dies zu
begreifen Dass unseren Sinnen etwas Zufälliges anhaftet ahnt ihm  Ihm wird
bewusst wie er sich nur durchtreibt wie ein Schwein in einem hochgehenden
Wasser
    Er fühlt wie der Malteser ihn trägt und hebt jedes Wort von ihm releviert
er kommt sich ganz als Geschöpf Sacramozos vor aber ohne Gedrückteit Er weiß
nicht ob er sich über diese Frau mehr erstaunen soll als über diesen Mann
Letztes Buch
    Was Sacramozo fehlt um diese Frau zu gewinnen ist hohe Selbstliebe
Religion zu sich selbst
    Sacramozo schreibt sich den Tod einer geliebten Person zu Mariquita
behauptet direkt er habe eine vergiftet Sacramozo gibt sich schuld an der
Geisteszerstörung einer liebenswürdigen jungen Person die nun wie ein
genäschiges Tier dahinlebt
    In ihren Augen die »andere« zu sehen  das hat ihn zum Philosophen gemacht
Ebenso war sein Vater kurz vor seinem Tode so merkwürdig verändert So kommt er
darauf die Masken das Unterscheidende zu finden In diesem Sinne sagt er dass
weder Goldoni noch Molière einen Charakter im Individuum geschaffen haben
    Er wirft sich besonders vor dass er mit der Person wie sie schon »eine
Irrsinnige« war noch geschlafen hat Möchte sie eine Muschel besitzen in der
die Stimme ihres toten Geliebten enthalten wäre auch die Doppelheit der Schrift
von Maria kommt in diesem Zusammenhang zur Sprache
    Beim Sacramozo Bild der Sternkreuzordensdame Gräfin Welsberg seine
Mutter  Sacramozo über die Worte seiner deutschen Mutter er verbietet sich
sich ihrer zu erinnern später wird er sich ihrer um so völliger erinnern
dürfen  Sacramozo hat die Fügung mit der Wiederkehr des Vetters verstanden und
hat sich exilieren gelernt in Welsberg hätte seine niedrige Natur prävaliert
die höhere Entwicklung seiner Natur wäre gehindert gewesen  Sacramozo wollte
die Burg Welsberg kaufen Sein Übernachten in dem Zimmer an dessen Wand die
Lebenspyramide gemalt ist seine Gedanken vielfach über die Lebensalter sein
93jähriger Oheim  Sacramozo nimmt als selbstverständlich an dass von zwei
Träumen der spätere den früheren aufklärt  so verhält sich alles Spätere zu
allem Früheren  nach allen Richtungen  Der Welsberger Traum im zweiten ist
er Landpfleger als solcher unerkannt der an allem schuld ist der das
Todesurteil verhängen musste usw
    Sacramozo Glaube und Aberglaube in der Zeit in Stunden der Exaltation ist
er sicher nur er habe den wahren Schlüssel der Welt alle anderen gleiten an
dem Geheimschloss vorbei  alles dient ihm auch eine einmal gesehene
Landschaft ein Pfuhl dunklen Wassers in Westindien Er wäre wahnwitzig wenn er
nicht recht hätte Er hat in allem recht auch dass er der Gräfin den Andreas
zubrachte Seine Kenntnisse er weiß dass der Körper nichts vergisst ebenso der
Weltkörper der große Körper  Er kennt Marias Leben wie nicht die
Beichtväter  Sacramozos Geschick der Schlüssel Salomonis in Hebbels Epigramm
    Das Symbolische an den Rosenkreuzern ist ihm sympathisch der unbedingt
symbolische also die Welt überspringende Wortgebrauch Denn in der Seele sagt
er ist alles alles Beschwörende auch alles zu Beschwörende »Jedes Wort ist
eine Beschwörung ein welcher Geist ruft ein solcher erscheint« Novalis
    So ist ihm das Eigentliche der Poesie fassbar das Magische der
Zusammenstellungen Goldoni  die Welt Zustinas das völlig Unmetaphysische
ist ihm furchtbar Molière bedeutet ihm nicht viel der Mimus ist ihm
gleichgültig auf die incantatio kommt es ihm an Die wahre Poesie ist das
arcanum das uns mit dem Leben vereinigt uns vom Leben absondert Das Sondern 
durch Sondern erst leben wir  sondern wir so ist auch der Tod noch
erträglich nur das Gemischte ist grausig eine schöne reine Todesstunde wie die
Stillings  aber wie das Sondern ist auch das Vereinigen unerlässlich  die
aurea catena Homeri  » separabis terram ab igne subtile a spisso suaviter
magno cum ingenio« Tabula smaragdina Hermetis
    Sacramozo kennt die Gewalt des Schöpferischen »Wir wissen nur insoweit wir
machen Wir kennen die Schöpfung nur inwiefern wir selbst Gott sind wir kennen
sie nicht insofern wir selbst Welt sind« Novalis Sacramozo weiß die Dinge
sind nichts anderesals wozu die Macht einer menschlichen Seele sie immerfort
macht Die unaufhörliche Creation Die Beziehungen zwischen zwei Wesen als von
ihnen geborene Sylphe Rosencreuzer
    Er sucht das Leben dort wo es zu finden ist im Zartesten in den Falten
der Dinge.
    Der Abgrund in einem Menschen wie Sacramozo die Verzweiflung des
Beschauenden der sich fragen muss »bin ich überhaupt wenn ich hinweg muss 
werde ich gewesen sein hab ich HassLiebe gekannt  oder war alles nichts«
    Was will ein Mensch wie Sacramozo  ein rasender Zorn der Impotenz 
»Dero Hochunvermögen«
    Er lässt es geschehen dass die Sylphe geboren aus Andreas und der Gräfin
als die mächtigere die schwächere tötet deren Vater er ist
    Sacramozo über die mystischen Glieder des Menschen an die nur zu denken
die schweigend zu bewegen schon Wollust ist Traum der Maria
    Über die Mächte der welcher zu beten vermag »Vermöchte die Gräfin zu
beten wäre sie geheilt« Sacramozos mystische Liebe zum Kind als welches
Mensch nicht Mann noch Frau sondern beides in einem
    Andreas hat vom Malteser zu lernen das Erkennen des Wesenhaften die
Überwindung des Gemeinen  alles Österreichische gemein die Masse der
Kämmerer Häufung in allem In Wien kommt es jedem darauf an etwas
vorzustellen Sacramozos pessimistische Auffassung ob ich ein Christ oder ein
Ateist ein Fatalist oder ein Skeptiker bin darüber werde ich mich
entscheiden sobald ich weiß wer ich bin wo ich bin und wo ich zu sein
aufhöre
    Sacramozo »die Hoffnung und die Begierde des Menschen in seinen früheren
Zustand zurückzukehren ist wie die Gier der Motte nach dem Licht« Lionardo
Der Blick den er auf seine Jugendbekannten heftet Frauen unterhalten ihn mehr
Männer rühren ihn tiefer Sacramozo  das ist sein Frevel  hält es für möglich
ein zweites Leben zu führen worin alles Versäumte eingeholt alles Verfehlte
verbessert wird  »Vierzig Jahre ich habe nichts mehr zu gewinnen aber ich
darf nichts mehr verlieren«
    Sacramozo erkennt den Moment welcher der Vereinigung Andreas mit Maria
günstig ist diesen Moment wählt er für den freiwilligen Tod  seiner
Wiederkunft und Vereinigung mit der umgewandelten Maria sicher er weiß dass
auch Elemente sich verwandeln Dass Andreas ihm dann wird weichen müssen  in
welcher Weise darüber denkt er absichtlich nicht nach  erfüllt ihn für diesen
mit wehmütigem Mitleid
    Er hat immer gewusst dies werde ihm in seinem vierzigsten Lebensjahre
begegnen Er teilt sein Leben so ein drei Perioden zu zwölf die erste
Erfüllung Offenbarung die zweite Verwirrung die dritte Verdammnis oder
Prüfung Dann drei Jahre des Operierens dann das vierzigste annus mirabilis
»Der echte philosophische Akt ist Selbsttötung« Novalis  Selbsttötung
einerseits als der sublimste Akt des Selbstgenusses das wahrhaftige Disponieren
des Geistes über den Körper zweitens als die sublimste Kommunion mit der Welt
endlich kontrastierende Übereinstimmung mit dem letzten Wort östlicher
Philosophie Neuplatoniker über den Selbstmord
    Nur im Kleinsten im zartesten Detail wie der Körper zu überreden darin
liegt das Geheimnis und die Schwierigkeit Anknüpfend die Aufmerksamkeit und
Verehrung des NichtWiederkehrenden
    »Den Satz des Widerspruchs zu vernichten ist vielleicht die höchste Aufgabe
der höheren Logik« Novalis  »Allmähliche Vermehrung des inneren Reizes ist
also die Hauptsorge des Künstlers der Unsterblichkeit« Novalis
    Gespräch mit Maria über den Selbstmord »  vor allem müsste man sicher
sein sich ganz zu zerstören«  Hier lächelt Sacramozo
    Sacramozo »Jeden Morgen geht die Sonne über Millionen Menschen auf aber wo
ist unter Millionen das eine Herz das ihr rein entgegenklingt wie die
Memnonssäule  ich stand mit Zehntausenden auf einem Hügel eine Wallfahrt etc
 aber mein Herz war von den ihren abgetrennt  Wann hat mich die Morgensonne
wirklich beschienen einmal vielleicht in jenem kurzen Traum Aber ich werde
dorthin gehen wo mich ein jungfräuliches Licht an jungfräulichen Ufern treffen
wird«  » Aller Anfang ist heiter Heil dem der stets aufs neue anzufangen
versteht«
Sacramozos Todestag
    Die Vorbereitung Fasten Aspekt der Welt Anwandlung von Zweifel
Ängstlichkeit der Entschluss wankend wieder befestigt
    Letztes Gespräch mit Maria Abschied und Wiedersehen die Kraft dieses
Gespräches über sie
    Der letzte Nachmittag Abend  Die Gedanken währenddem Die Tropfen das
Wissen von Tropfen zu Tropfen innehalten zu können Auflösende Wollust  wie
sie fahl wird unter dem Gedanken des Innehaltens der Aspekt der Welt zwischen
Leben und Tod die Heiligung der Wollust durch das Definitive Ein ungeheures
Ehren Gottes in seinen Geschöpfen ein Eingehen in den Tempel Gottes Anwandlung
von Todesfurcht Paroxysmus Verklärung
    Vor dem Tode hört ein Wasser rauschen hätte jedes Wasser das er jemals
rauschen gehört nun heraufrufen mögen
    Stadien der Auflösung ein wunderbares Nahekommen jedem Wesen das ein
sanfter leuchtender Strom ihm hervorbringt die Wesen kommen wie Schwimmer aus
einem heiligen Wasser er weiß dass er nichts im Leben umsonst getan Die
Nahekommenden einzeln wie ein auflösender Kuss der Seele  die Bläue eines
Gewandes der Hauch einer Lippe eine Vogelstimme  die Objekte im Zimmer
himmelblauer Stoff eine Maske silberne Leuchter Blumen Früchte
Wasserschalen  er nimmt es für ein Vorgefühl einer unaussprechlichen
Vereinigung und weiß nun er kann nicht mehr zurück
    Das Sterbezimmer des Maltesers mit Alabasterlampen und Blumen Sein
beseligter Abschiedsbrief AllLiebe Ihm scheints kein vages Zerfliessen
sondern sublimstes Wahren der Person
Zur selben Zeit gewinnt Andreas Zustina in der Lotterie Sie will sich ihm
geben hofft ihn so zu gewinnen dass er ihr Mann bleibt Gesteht ihre List ihn
gewinnen zu machen die sehr gut erfunden war Ihre Tränen und ihre Fassung
Evidenz dass auch Nina in ihn verliebt ist  Nachricht von Romana  Zustina
spricht über die Art von Ninas Liebe im Gegensatz zu der ihrigen leitet beide
sehr scharf und zart aus dem physischen Naturell ab In dieser Stunde ist
Zustina außerordentlich schön Zustina »wenn Nina verliebt ist so hört sich
für ihre Seele alles auf die ganze Welt ist anders  sie begreift nicht wie
sie gestern hat leben können Ich war bisher nicht verliebt  und wenn es kein
anderes Verliebtsein gibt als Ninas so kenne ich bis heute die Liebe nicht
Denn die Welt bleibt für mich immer die Welt obwohl sie ein Wesen enthält dem
zu begegnen köstlich ist«
Letztes Kapitel
    Wie Andreas flüchtet und wieder bergauf fährt ist ihm als ob zwei Hälften
seines Wesens die auseinandergerissen waren wieder in eins zusammengingen
    In St Vito findet er einen Knecht der nachts heimfährt Wie er den
nächsten Tag nach Kastell Finazzer kommt ist Romana nicht da Allmählich hört
er sie sei seinetwegen auf die Alpe geflohen dann sie habe ein furchtbares
Fieber gehabt immer von ihm gesprochen dann habe sie gelobt ihn nie mehr zu
sehen er komme denn von Wien sie als Frau heimzuholen die Scham nun so ins
Unendliche gesteigert wie damals die Unbefangenheit
    Er hinterlässt einen entscheidenden Brief für Romana Letztes Kapitel er
geht bei Tagesgrauen Bei Sonnenaufgang kommen sie an Mit der Mutter hinauf
nach der Alm Romana verkriecht sich in den letzten Winkel droht endlich von
droben nach außen hinabzuspringen
 
                           Die Dame mit dem Hündchen
Übersicht ungefähr 12 IX 1912 Aussee
    I Ankunft Wohnung Lotterie Besuch bei der Kocotte Erste Begegnung II
Der Malteser Gespräch Besuch bei der Gräfin vorher noch einmal bei Nina III
Entwicklung der Dinge mit der Witwe Zärtliche Freundschaft mit der Gräfin
Eifersucht auf den Malteser IV Die Gräfin gerührt ihre Geschichte Die Witwe
feurigste Gegenwart koboldhaft Wissen um die »Andere« V Beginnendes
Zurückziehen der Gräfin Wechsel der Beichtväter Abendbesuch Der Zettel mit
der Drohung VI  VII  Abendbesuch beim Hinaufgehen in Andreas das
Gefühl wie völlig er verwandelt sei Das Schwergewicht des Erlebens nichts
davon könnte ungeschehen bleiben
Andreas  Grund ihn auf die Reise zu schicken schwierige schleppende
Rekonvaleszenz nach einer seelischen Krise Spuren von Anhedonia von Verlust
des Wertgefühles Verwirrung der Begriffe.
    Einfluss eines Pater Aderkast der für Andreas das Leben aufgehoben
illusorisch gemacht hat Aufführungen von Kalderon  Die Begegnung mit dem
Pater Aderkast der süsslich auf ihn losgeht  ihm ist als ginge seine ganze
Vergangenheit unentrinnbar auf ihn los verflochten mit einem Abenteuer mit
Mariquita je zerstreuter Andreas durch die wiederholten Begegnungen mit Pater
Aderkast dessen Dringlichkeit er sich kaum erklären kann umso reizender
scheint er für Mariquita zu sein
    Andreas glaubt nicht recht an seine Erlebnisse das was er gerade er
erlebt wird doch nichts sein er ist maßlos einerseits nach dem Sinnlichen
andererseits nach dem Idealen  Er nimmt immer an man müsse wissen was in ihm
vorgeht  Er verlangte leise und nicht dringend und war mit Wenigem zufrieden
    Andreas Lehrzeit das Dasein des Höheren erkennen den Gehalt des Lebens
erkennen
    In den Erinnerungen der Kinderzeit bleibt etwas peinlich Verwickeltes das
aufzulösen kaum das ganze Leben hinreicht Mit seiner Kindheit versöhnt sterben
Tagebuch »ich möchte mit meiner Kindheit versöhnt sterben«
    Der Großvater Fährknecht bei Spitz herabgestiegen aus dem Waldviertel
Überfahrt der Prinzessin Braunschweig die ihn bemerkt und statt eines
Erkrankten als Reitknecht annimmt Der Kaiser reitet ihr mit hundert Kavalieren
entgegen lässt sich ihr unter dem Incognito Graf Falkenstein als letzter
vorstellen drückt ihr aber beim Handkuss die Hand worüber sie vor Schreck
aufspringt ihm in die Arme fällt er ihr nun abwechselnd beide Hände küsst
dies 1716 der Großvater geboren 1699 Andreas Vater geboren 1731 jetzt 48
Jahre alt  Spanisches Wesen aus diesen Erzählungen
Als Abschluss der Reisekapitel Begegnung mit der »Frau an der Aar«  das
Abenteuer der untröstlichen Witwe
    Abschied vom Finazzerhof er glaubt sich nicht er bildet die Gestalt eines
andern in sich aus der wiederkommen wird Erschrocken nun in dem Haus am Fluss
wo ihm die trauernde Witwe entgegentritt mit ihrem »Du selber du bist es
selbst dir entrinnst du nicht«  Die Stimmung höchster Gehobenheit anhaltend
von dem Moment mit dem Berg durch mehrere Tage umschlagend bei jenem Abenteuer
mit der Witwe die Hand der Witwe nachts auf seiner Brust
    Eine deutschredende Witwe aus dem Tiefstgelegenen der Sette Kommuni Das auf
Papier gemalte Bild des Unglücks daran der Ehering Schickt ihr 16 jähriges
Mädchen an den Strom knien und weinen Ihr Husten hysterisch von ihr selbst
gesteigert  zuweilen erzählt sie es ausführlicher Das Bild ist ihr Gebetbuch
und alles  Eindruck auf Andreas » ein Augenblick«  von hier aus vermag er
zu beten das trifft ihn dazwischen Kaufmannsdiener Aufmerksamkeit auf sein
Gepäck jäh vom Gebet weg Ein eitles leeres Schwätzen mit einem Mitreisenden
über den Adel der terra ferma  Die Klagen und Selbstgespräche der Witwe
unablässig seit l7 Jahren die ungerührte Art der Tochter es ganz kalt zu
detaillieren zu sagen in schleppendem müden Ton »nichts freut sie die Welt
ist ihr wie ein Sarg«  wo die Mutter das Gleiche sagt aber in a raving way
wodurch doch in der Qual etwas vom Hauch Gottes bleibt von der
Unerschöpflichkeit der Natur und des Lebens Wogegen an der Tochter schon die
Körperhaltung furchtbar das gleichgiltige sichHinschleppen neben der Mutter
gleichgültig Antworten »ja ja«  nach der Seite Hinsehen gleichgültig Sagen
»nun ist der Vater schon seit achtzehn Jahren tot und sie hört nicht auf sie
wird nie herauskommen als bis sie in der Erde liegt«  Hier wird Andreas
aufmerksam darauf welch ein geheimnisvolles Verhältnis zwischen dem Augenblick
und dem Jahr ja dem Augenblick und dem ganzen Leben obwaltet wie ein
Augenblick etwa ein ganzes Leben in sich hineinschlingen kann  etwas Ähnliches
dann im Schicksal der Gräfin
    Er hört sie reden vom Weinen unterbrochen sie will ins Wasser Die Tochter
hart über ihre Jahre Ihm ahnt dass auf einem gesunden Selbstgefühl das ganze
Dasein ruht wie der Berg Kaf auf einem Smaragd  Nach allen diesen
Vorstellungen fühlt er sich mit Romana untrennbar verbunden wahrhaft vermählt
    Die Szene wo die Tochter die Mutter wegzerren will damit sie den Fremden
nicht belästige indem sie der Mutter die an der Brust des Fremden hängt die
bittersten eisigsten Wahrheiten sagt »das ist ein fremder Mensch der Zufall
den er verwünschen wird hat ihn hier übernachten gemacht Was dir widerfahren
istist ihm gleichgültig er verwünscht den Aufenthalt und dein Geschrei das
ihm in den Ohren gellt Kaum ist seine Chaise um die Ecke so hat er dich und
mich vergessen wie Ungeziefer in einer unreinen Herberge«  Andreas furchtbar
zerrissenes Gefühl innerstes Nichtgenügen vor diesem Jammer diesem schlechtin
Unendlichen  er verachtet sich um jeder Bequemlichkeit willen   hier
brechen die Reiseerinnerungen jäh ab
    Er dachte nicht an jedes Einzelne dieser Erlebnisse und doch waren sie alle
in ihm gegenwärtig jedes war irgendwie immerfort da sein Inneres war wie eine
zitternde Magnetnadel alle diese Dinge lenkten sie fortwährend vom Pol ab er
war leer und überlastet Sehnlich bedurfte seine Natur der Leidenschaft die
uns indem sie uns mitfortreisst die Last unseres Selbst abnimmt
    Das Haus an dem Fluss mit der untröstbaren Witwe in allen Räumen Schuppen
etc ihn völlig umfangend  In ihrem verhärmten Gesicht ein plötzliches
Lichtwerden die Augen freundlich der Mund hübsch das Reinste und Wahrste des
Natürlichen an ihr  Gedanke ob die Existenz seiner Eltern nicht eine
verkappte Hölle
    Andreas schwermütiges Herumgehen diese ganz kleinen Details das Aufnehmen
eines Zweiges zärtlich ihn wegwerfen aber sanft nicht weit von sich ihn noch
fühlen wie er dort liegt Ablecken von Halmen vor Freude
    Er hat der Witwe in anderer Weise zugehört als alle anderen Leute seit
langem darum kommt sie in der Nacht zu ihm rührt seine Brust an  wo sie
einmal wieder nach langer Frist menschliches Fühlen spürt wache und lebe etwas
von ihrem Verlorenen
    Abends beim Nachtmahl ihr Auf und Abgehen phantasierend von dem
Verstorbenen Die Tochter sagt »es ist Südwind«  Sie nimmt den Fremden bei
der Hand »o nehmen Sie das nur das von mir dass ich es aus voller Absicht
getan habe aus ganzem Bewusstsein heraus  stehe ich nicht wie der Stein in der
Mauer alles möchte stürzen gerade dadurch muss es bleiben  können Sie mich
fassen Mordlust imp of the perverse ist nichts dagegen  aus starrem Grausen
über die Welt habe ich es getan«  gleich sich widersprechend sich der
teuflischen Selbstsucht anklagend  Furchtbare Stockung wo alles bleibt alles
starrt auch die Bewegung.  Die Tochter drängt sie weg »dem Herrn sein
Nachtmahl ist gerichtet lass ihn in Ruh«  wie jung die Mutter aussieht im
gequältesten Moment  die Tochter der Pfarrer weist sie aus dem Beichtstuhl
als eine halsstarrig verzweifelte
    Andreas bei einem allgemein plumpen dumpfen Zustand gewisse Subtilitäten
gewisse unwahrscheinliche Lieblingszusammenstellungen denen der Geist immer
wieder nachgeht die er als das Eigentliche empfindet wogegen er das übrige
Leben niemals entmischt gewahr wird Ein solches Anwandeln des Eigensten an
jenem Abend an dem Fluße wo das Haus der betrübten Witwe steht seltsames
Erlebnis dann nachts wie die Halbirre auf seiner Brust kniet Er identifiziert
sich vorher mit jenem Toten ihm ist er hätte jenen Blick geworfen Im Bette
heftiges Denken an Romana
    Er setzt später die Rollen vertauschend sich an die Stelle der
unglücklichen Mörderin Romana an die Stelle des Mannes Er ist hypochondrisch
genug sich das Herabstossen vorzustellen Aller Kleinheitswahn fließt hier
zusammen er malt sich aus was in Romana er alles zerstört er lässt sie nicht
ganz tot sein sondern als einen freudlosen Geist fortleben  dadurch erst wird
ihm der Reichtum ihres Lebens klar er fühlt sich mit ihr verbunden wie nie
zuvor der Gehalt des Lebens geht ihm auf  er ist selig  »Wodurch werden wir
bewegt von welcher Kraft von welchem Punkt aus« fragt er sich und ihm graut
vor der Unbekanntschaft mit der Macht die über allem ist
    Die beständige Erhöhung der Materie Romana durch alles was sich begibt er
kann Romana erst besitzen wenn er sie glaubt
    Im Hause der Witwe Am Fenster bei Sonnenaufgang Wolken überem Fluss
Stärkstes Erlebnis Ahnung aller und keiner Liebe in sich selbst Ahnung es
kann dir nichts geschehen du kannst nicht zu kurz kommen Vorher stufenweise
stärkste Anfechtungen hauptsächliche Apprehension um das Eigentliche um den
Gehalt des Lebens betrogen zu werden  Zu sich »wer immer du bist fromm oder
unfromm Kind oder Vater  du kannst nicht verworfen werden dich hält etwas«
Er meint er kann dies Etwas fassen Wessen er sich nicht würdigte was er nicht
für möglich hielt wozu er hypochondrisch die Möglichkeit sich absprach  in
der Vergangenheit erschien es ihm möglich im Traum war es sein eigenster
Besitz  Ihm war eines vor allem schwer zu sich selber zu gelangen und an
dieser Schwere erfüllte sich sein Wesen
Andreas Weg zuerst liebesfähig werden dann lernen dass Geist und Körper eines
sind Er hat an dem Dualismus fortwährend gelitten bald war ihm das eine bald
das andere an ihm selbst nichts wert Nun lernt er hinter dem einen das andere
immer das eine als Träger des anderen fühlen
    Wie Romana in ihm zu leben anfängt einzelne Züge ein Lächeln wie im
Einverständnis mit ihm Dies ihr Aufleben in ihm ist immer mit Ängstigungen
verbunden die wieder mit Heiterkeiten abwechseln Einmal glaubt er sie an der
Riva auf einem Koffer sitzen zu sehen sie schickt sich an auszupacken Er wagt
nicht heranzutreten
    Kapitel I Schluss Andreas auf dem Bett sitzend es könne ein Kamel eher
durch ein Nadelöhr gehen als er zu einer richtigen Liebschaft kommen mit der
Spanierin der Zustina der Nina  jeder andere könne es eher  Jetzt in
Gedanken an Romana schön aufleuchtend der Spaziergang Vier Luftschlösser in
denen er mit jeder von den vieren wohnt
    Episode der Bürgersfrau  zur gleichen Zeit Entfremdung mit dem Malteser
Die Frau eines Schneiders die mit ihm verheiratet sein möchte Der
Flickschneider sieht ihr durch die Finger Niedrig bürgerliche Welt voll
Adelsklatsch auch bezüglich Durchreisender Antrag ihm zu willen zu sein und
auch andere ihm zu verschaffen zugleich höchste Achtung für die Tugend Ganz
elementarisches Volksdasein der niederen Antike gleich Die Schneidersfrau hat
16 Geschwister Freundliche Augen und ein hübscher Mund accomodant bei der
ersten Begegnung nimmt sie ihn für einen großen Herrn dann mehr für
ihresgleichen Der Mann stirbt Die Kinder der Frau der ernste Knabe wie er
ihn anschaut dabei sich selbst zu vergessen scheint das anschmiegende Mädchen
mit etwas falschem Blick
    Hier ist Andreas gewissermaßen zuhause bei der Gräfin ist ihm als lebte er
nicht sondern träumte nur er fragt sich ob er jemals gelebt habe Durch
dieses Leben in dem Bürgerhause wovon er gegen niemand Erwähnung tut glaubt er
ein Lügner und Verräter zu sein  In dieser Zeit sitzt Andreas dem Zorzi zu
einem Porträt bricht tückisch ab Zorzi macht ihm Angst vor Intervention der
Behörden Die Katastrophe durch den Tod des Mannes die Veränderung der Kinder
gegen ihn ihre Bitterkeit Selbstvorwürfe Andreas »darf ich sagen ich stehe
bei jemand«  die Bilder in den Kirchen ihm unleidlich sie demütigen ihn durch
die Mannhaftigkeit der dargestellten Figuren Ihn ekelt über seine Fähigkeit
sich in alle sogar den Spion Zorzi dann einen alten buckligen Zubringer etc
mit Verständnis hineinzufühlen Er will dem Malteser das Geständnis dieser
Selbstverachtung machen unterlässt es wieder der Malteser durchblickt seinen
Zustand erkennt an einer veränderten wegwerfenden Art zu reden dass er mit
sich zerfallen sei
    Der Malteser gibt ihm den Ariost zu lesen um der wunderbaren »Welt« welche
darin ist Er liest ihn nicht in rokokomässigem Sinn Er versteht die Bemerkung
des Maltesers dass es nichts Vergangenes gäbe alles was existiert ist
gegenwärtig ja wird im Augenblick geboren Gefühl beim Anhören Bachscher Musik
    Für Andreas Im Einzelsten vollzieht sich das Geschick im Einzelsten
sitzt die Macht Nichts was magisch wirken soll ist irgend vag allgemein
sondern Besonderstes Augenblicklichstes Liebe  entzündet durch einen
drolligen Zwischengedanken eine Ungeschicklichkeit eine Zögerung wie durch
eine Gebärde des Mutes der Freiheit Das gewöhnliche »Ich« eine unbedeutende
Aufrichtung eine Vogelscheuche
    Andreas und die beiden Frauen »das Wesen der Welt erschöpft sich in
Polarität und Steigerung« Goethe achtzigjährig  einerseits von jeder von
beiden sich von Mal zu Mal mehr verlangend  wohin der Takt im Wesen des
Maltesers verkörpert  andererseits Ahnung der Polarität in jeder liebt er
die andere aufs zarteste und reinste wird dadurch gewiesen in der Welt nichts
Unbedingtes zu suchen
    Andreas Angst in Maria oder Mariquita das andere Wesen wahrzunehmen
darüber das Einzige des geliebten Wesens zu verlieren Er ist nahe daran
Mariquita töten zu wollen um Maria für sich zu retten die Versuchungen denen
seine Schwäche hier ausgesetzt ist  »lerne zu leben«
    Andreas bescheidener Wunsch mit Mariquita ehelich verbunden zu sein
allmähliches Hervorkommen der Unmöglichkeit dessen Brief an die Eltern im Kopf
gewälzt diesen Plan anzukündigen
Maria und Mariquita  Novalis »alles Übel und Böse ist isoliert und
isolierend es ist das Prinzip der Trennung«  durch Verbindung wird die
Trennung aufgehoben und nicht aufgehoben aber das Böse Übel als scheinbare
Trennung und Verbindung wird in der Tat durch wahrhafte Trennung und
Vereinigung die nur wechselseitig bestehen aufgehoben
Maria Mariquita
wünscht sich eine hat Furcht vor dem
Greisin zu sein Altwerden
stellt sich gern Furcht vor dem Tod
als gestorben vor
hierin trifft sie
sich mit Sacramozos
Überwindung der Zeit
liebt alte Leute sieht nicht gern alte Leute
hat Furcht vor Kindern zieht Kinder um sich
Marias Rührung über eine alte Frau deren Haut zu berühren niemand begehrt
    Mariquita gourmande und Kochkünstlerin Maria isst auch gern gut unterdrückt
es aber und versteht nichts von der Küche Mariquitas Begierde zu erleben
masslose Neugier den Fuß überallhin zu setzen in alle möglichen Situationen zu
kommen alle Spelunken zu betreten Alles was Andreas vorbringt von der
Schönheit fließenden Wassers usw nimmt sie gesteigert auf Sie hört wovon
die Leute reden wo jetzt etwas los ist etwas zu sehen ist der Gemüsemarkt
gegen Morgen der Fischmarkt Kellerphantasien Postfahrten auf dem festen
Lande Episode der Seiltänzer
    Mariquita eine ganz ungreifbare Person sie lässt sich küssen mehr nicht
lässt durchblicken sie sei eine anständige Frau aber einen Geliebten habe sie
wohl  Er führt sie in Spielsäle in andere Unterhaltungsorte manchmal ist sie
ihm plötzlich vom Arm verschwunden manchmal wird sie krampfhaft starr sieht
ihn dann plötzlich mit dem Gesicht Marias an  Bei der Gräfin kommt es ihm als
etwas Ungeheures gar nicht im Ernst zu Denkendes vor dass sie sich geben könne
bei Mariquita als etwas Ungeheuerliches dass sie es nicht tut In beidem geht er
zu weit beides sind Trichter durch die er hinaus ins Bodenlose fällt Er sehnt
sich mit dem Malteser darüber zu sprechen begegnet statt dessen dem Herzog
der sich mit den Hunden herumbeisst
    Mariquita zu Andreas »ich bin in dich vernarrt weil du der erste warst
den ich bei meiner Befreiung gesehen habe Ich weiß dass du nichts so Besonderes
bist aber ich seh dich immer noch mit so verzückten Augen  es ist halt alles
Zufall«  »an jenem Tage war ich zum ersten Mal ganz heraussen  vorher
verstand ich schon Briefe zu schreiben«  die Kraft Abenteuer anzuknüpfen
weil sie unbedingt frei ist
    Mariquita empfängt in einer sonderbaren Wohnung angeblich ihrer Herrschaft
die sie sich unter erlogenen Vorwänden ausgeliehen hat sie fingiert
Gesellschafterin zu sein oder was immer Andreas Gewissenskonflikt sie zu
heiraten da er ihrer allerdings reizenden Fehler gewahrwird  Das
Absichtslose manchmal an ihrem Schwätzen das Verträumte  »werd ich dich ganz
haben« fragt Andreas  »Ganz und noch eine dazu«
    Wie Mariquita ihre Bekanntschaften macht als Gouvernante sich vorstellend
sammelnd für religiöse Werke Immerfort Ausflüge sie hat immer was erkundet
Auf den Ausfahrten bringt sie Andreas in allerlei Gesellschaft wo er Spott und
Hohn zu leiden hat auch verwirrt übertölpelt und beschämt wird »Ihr wollt ein
Beamter werden«  Mariquita lässt sich gern die Geschichte vom Onkel Leopold
erzählen  Sie führt Andreas unter anderen zu einem Irren dessen Nichte oder
Haushälterin sie zu sein vorgibt der kommt herein redet für sich ohne die
Anwesenden zu sehen  Einmal weiß sie sich nichts Besseres als ihm die Andere
in ein sonderbares Haus locken ihn dann mit der verwirrten beschämten anderen
nach Hause gehen zu lassen Die Andere spricht kein Wort scheint zu Tode
beschämt und geängstigt so dass Andreas sie verlässt
    Ihre schönsten Augenblicke ihre Fähigkeit auch im scheinbar Hässlichen die
reinen Elemente zu gewahren auf dem Fischmarkt auf dem Gemüsemarkt beim
Einkaufen einer Mahlzeit  Er will mit Mariquita eine Reise machen nach dem
Hause der Witwe dazu kommt es nicht mehr nach langen Komplikationen Sie will
kein Mal wieder mit ihm nach demselben Ort wo sie das frühere Mal zusammen
waren Dadurch trennt sie das Gewebe jedesmal wieder auf  Andreas »wenn ich
nur um deine Einsamkeit wüsste wie bist du denn da«
    Mariquita fragt gerne Andreas über den Malteser aus es ist fast als
schwanke sie manchmal zwischen beiden »was würde er da sagen oder tun ah ist
er so  bewundern Sie ihn sehr würde er mich mögen«
    Mariquita sieht den Malteser während er mit Maria verliebt und bewegt
spricht Sie ihr Widerstrebendes hindert Maria den Malteser wahrhaft zu
lieben
    Mariquita behauptet alles von der Gräfin zu wissen bis in ihr erstes
Lebensjahr zurück so erzählt sie einen Teil der Biographie  nie ihre eigene
Andreas fragt »und was war mit dir wie du Kind warst«
    Mariquita einmal durch einen Schrecken ohnmächtig geworden verwandelt sich
in Maria  bei dem Sturmabenteuer am Quai in einem fremden Hause wo er sie
hineingetragen hat Sie war an diesem Tage müde unausgeschlafen ein schöner
Sonnenuntergang dann Gewitter
Geschichte Marias nach massloser Liebe verlassen heiratet einen ungeliebten
Mann der sie nur einmal besitzt der wird schwer krank sie pflegt ihn auf der
Landstraße in einem Wirtshaus  da kommt der Treulose ans Fenster 
Grundgedanke Marias das Unendliche  wie ist es möglich einen mit einem
anderen zu vertauschen
    Das Seelenleiden datiert von dem Tag wo sie ihren ungeliebten Mann
pflegend nach dem Tode ihres Kindes des Geliebten Ungetreuen unerwartet
ansichtig wurde »Mich hat das Leben auseinandergerissen nur Gott im Himmel
kann mich wieder zusammensetzen«
    Das Erlebnis sie beantwortet allmählich doch einige Briefe des Liebhabers
geht darauf ein ihm einmal zu begegnen Sie denkt dabei nicht über die Wollust
des Begegnens hinaus  in diese aber stürzt sie sich hinein ohne Grenzen es
ist ihr anders als jenes häufige ihn vorbeigehen Sehen die Begegnung ist ihr
wie das Plastische gegenüber dem Visuellen ein Mehr Dagegen wird ihr der Mann
immer mehr flächenhaft Kurz vor jener Begegnung hält sie inne kehrt um geht
nach Hause Ihr ist als säße der Mann an ihrem Stickrahmen wartete auf sie
träfe sie mit seinem Blick Wie sie nach Hause geht fühlt sie den Liebhaber
sich im Rücken wendet sich aber nicht hat die Kraft bis an die Schwelle zu
kommen Sie geht die Treppe hinauf öffnet die Tür da sitzt der Mann wirklich
am Stickrahmen den Blick auf sie aber tot
    In der Ehe hatte sie eine Anwandlung vom Absterben des Wertgefühls Die
Gräfin einmal allein sieht im Spiegel wie sie sich verwandelt nachdem alles
in ihren Gedanken Vergangenheit Gott Reinheit ein anderes Gesicht angenommen
hat Der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht kämpft mit dem triumphierenden dann
erhebt sich Mariquita und schleicht die Treppe hinab
    Einmal während Maria zu Andreas und dem Malteser spricht von spanischen
Titeln und Sukzessionen bewusst langweilig weil sie sich nicht erregen will
verliert sie sich das andere Gesicht tritt hervor sie spricht in einem ganz
anderen Ton ihre Augen schwimmen ein feuriger Blick trifft Andreas  dann ist
es wieder vorbei sie wird totenblass findet mühsam den Faden Während dieses
Aufglühens sagt sich Andreas »ich bin besessen meine Einbildungskraft spiegelt
mir die andere vor«  er wird rot vor Scham und hat Tränen in den Augen  Auf
die Gleichheit der Hände gestattet sich Andreas nicht einzugehen er will einen
Unterschied finden
    In Maria subliminares Grauen vor allem auf der Gasse sich Zutragenden
zunehmende Unlust auszufahren die der Malteser zu bekämpfen sucht
Purifikation Einäscherung des Herzens Verherrlichung der Abtötung Interesse
für den Platonismus des Maltesers Neigung zum Molinismus
    Die Predigt die sie an diesem Nachmittag gehört hat über die Tätigkeit der
Würmer am menschlichen Leichnam und gleichzeitig das Vergessenwerden auch von
den nächsten Angehörigen wie dagegen keine Rettung sei als bei Gott
    Beichtvater Spanier zu diesem hat Mariquita ein sonderbares Verhältnis
sie schreibt auch an ihn sie droht ihm Maria auf einen anderen Weg zu bringen
Sie widersteht seinem Blick  Starke Wünsche von Mariquita empfindet Maria als
Impulse
    Mariquita über Maria sie wollte keine rechte Frau sein  wollte nicht
Christus vergessen
    Andreas  Maria es kommt bis zum Mieten eines Zimmers seine Furcht davor
sie zu besitzen  ihm selbst unbewusst  Maria fühlt sich durch eine Stimme
gewarnt spricht tonlos nach was vermeintlich die Stimme ihr vorsagt »tus
nicht tus nicht«
    Geständnisse der Kranken scheinbar fiebernd doch fiebert sie nicht wie
Mariquita ihr die Füße vom Leib gehauen und sie versteckt habe  Andreas stürzt
bei der Erzählung aus dem Zimmer Er bekommt jetzt unaufhörlich Briefe von den
beiden Schließlich geht die Dame ins Kloster
Der Malteser  Er bewegt sich in einer Zeit die nicht völlig Gegenwart und an
einem Ort der nicht völlig das Hier ist  Für ihn Venedig Fusion der Antike
und des Orients Unmöglichkeit von hier ins Kleinliche Nichtige
zurückzusinken Morosin Peloponnesiaco sein Urgroßvater Besitz einiger Antiken
darunter ein früher Torso
    Mehrere Menschen in ihm wenn er Gärtnerei treibt draußen an der Brenta in
Hemdärmeln bürgerlich 1840 anticipiert die Ahnung für Andreas wie auch seine
eigenen Enkel existieren werden
    Verbundenheit Alleinsein mit dem Kind Aufschauen des Kindes »aus der
Substanz, die ich nicht suchen darf  denn ich habe sie  bauen sich alle
Himmel und Höllen aller Religionen auf  deren Wegwerfen die finsterste Nacht
wäre  Der Blick des Kindes verbindet mich die Worte in meinem Mund mit
diesen Mauern deren Schutz und dem Selbstverständlichen «  »Impavidum ferient
ruinae«  eine Interpretation ein Hinaufrufen innerer Kräfte sich auf
Ressourcen nur das Kataklysma offenbart höchste Wollust
    Sacramozos zwei Träume in der Amtsstube in Bruneck am Schreibtisch I Er
wohnt allein im Schloss Hahnenschrei ein zweiter ein Läuten Er steht auf
blossfüssig fühlt durch die Fusssohlen alles bis hinunter in den Berg Die
Müllerstochter am Tor macht Feuer an tränkt das Vieh im Rittersaal  lauter
symbolische Zeremonien Er vermählt sie dann in der Laube mit seinem Sohn
Gegenüber aus der Bergwand treten silberne Ahnen so schön dass er träumend
ausruft ich träume 
    II Alles zweideutig er ist Landpfleger aber niemand darf es wissen Im
Hausflur ein Feuer Mägde an die Wand gekettet der Gefangene Verleugnen
Jedesmal dazwischen durchfliegt er die Landschaft Bäche Friedhöfe  dahin
dorthin Schon matten Fluges glaubt er muss er finden wer der andere ist  es
ist wie ein verlegter Schlüssel Der Gefangene »kennst du mich denn« nun kräht
der Hahn Er weiß es ist zum dritten Mal und weiß er hat seinen Heiland
verraten  Der wirkliche Pfleger herantretend »ich muss Ihnen die seltsamste
Begebenheit erzählen der Graf von Welsberg ist zurück aus dem Türkenkrieg« 
man glaubte ihn bei der Veteranischen Höhle gefangen geköpft von Janitscharen
    Seine Hypochondrie unsagbare Abhängigkeit von der Luftbeschaffenheit sein
Hochmut diesen Dingen gegenüber Verschlossenheit  Antipathie gegen rohes
Geschrei Hundegebell
    Das Streben nach Vollkommenheit muss fromm machen Seine Erklärung was ihn
gelehrt habe das sinnlich Vollkommene obwohl er dafür sensibel sei gering zu
achten  jenes sinnlich Vollkommene wie es sich beim Veronese im Verhalten
eines vollkommenen Weiß zu einer entblößten Kehle ausspricht desgleichen beim
Korreggio  der Zustand des Verfalls von Venedig hat ihn die Eitelkeit aller
Dinge gelehrt
    Perfektomanie Ausdenken prunkvoller Feste führt dazu kein Fest vollkommen
zu finden als das Begräbnis eines Kartäusermönches
    Sein Schlüssel dass er die Gesinnung der Menschen zu durchschauen vermag
die Natur wie für einen Frommen alles abgetan ist wenn er den andern gottlos
weiß unfähig Gott zu suchen so ist bei ihm alles erledigt wo er kein
unbeteiligtes und einheitliches Streben nach oben fühlt er hält sich an das was
er das Menschliche nennt er durchblickt mit Raschheit das nur Partielle  » was
nützt ein verworrenes Bestreben eine vereinzelte gute Eigenschaft  das Fass
der Danaiden das Rad des Sisyphus halt ich mir vom Leibe«
    Sacramozos Interpretation des Schriftwortes »suchet erst das Reich Gottes
und alles andere wird euch zugegeben werden«  hier in den Geschöpfen sucht er
das Reich Gottes »das Ergon« sagt die Fama »ist die Heiligung des inneren
Menschen die Goldmacherkunst ist das Parergon«  solve et coagula das
universelle Bindemittel Gluten das universelle Lösemittel Alkahest  in der
Liebe ist beides In der Liebe immer sublimieren verflüchtigen das Leben den
Moment aufopfern für das daraus herzustellende Höhere Reinere  dieses Höhere
Reinere zu fixieren suchen
    Malteser ein Motto »le plus grand plaisir de tous les plaisirs est de
sortir de soimême« in »Amours dEumène et de Flora« bei v Waldberg
»Geschichte des Romans« Die ganz schlimme Stimmung die bei ihm einer Krise
vorausgeht er ist dann ganz unangenehm eigentlich unausstehlich sogar
unhöflich Der Blick der Verachtung auf alles auch auf Andreas der
vernichtende Spott über Andreas er annulliert ihn förmlich sowie sich selber
die verzehrende Ironie und quälende Unruhe die ihn umhertreibt In einem
solchen Zustand coinzidiert seine Krise mit einer entscheidenden Krise von
Maria Mariquita spricht plötzlich zu ihm verhöhnt ihn Er läuft fort hat eine
Krise tiefster Selbsterniedrigung aus der er sich zur höchsten Reinheit und
freudigen Überwindung erhebt Vorher läuft er an verschiedene Orte auch zu
Nina wo er Rückschläge und Demütigungen erleidet  »Wie kann« fragt er sich
»aus der unwerten Substanz die würdige Substanz werden aus dem Chamäleon der
Adler aus dem Unflat der Edelstein«
    Malteser der völlige Zusammenbruch des Mannes von vierzig Jahren Er kann
nicht mehr erwarten dass noch Aufklärung rettende Offenbarungen kommen und
kann nicht bei den älteren als er selbst ressourcen vermuten die ihm
vorbehalten sind er darf niemandem bittend zutraulichschülerhaft nahen an
ihm ist das der Erlösung Fähige sein Werk der junge Mann da vor ihm  Er ist
selber die oberste Instanz im Leben steht er nicht mehr mit Neugierde sehr
viele Verhältnisse sind nicht mehr möglich Dies alles erkannt hypochondrisch
gesteigert er findet sich nicht recht drein in dem Alter das er wirklich hat
Zu der Gräfin steht er schülerhaft diese Aufgabe geht über seine Kräfte alles
was er ihr tut ist ein ScheinTun furchtbarste Zweifel hier die jedesmal
abzubrechen und im Tun fortzufahren er den Anstand hat  Sein Schatz das
Wissen um die Einzigkeit Das ist der heroischeste aller menschlichen Zustände
siehe Friedrich II
    Wer könnte ihn maßlos weinend maßlos werbend denken  ihm fehlt jener
Beisatz von Schauspielerwesen der dem Priester dem Propheten nötig ohne den
dieser nicht bestehen kann Wie überhaupt jede Kraft zu ihrer Existenz den in
ihr latenten Gegensatz zu sich selber nötig hat der unsagbare Reiz der
Schamhaften zu denken wie sie die Scham überwinden der Hochmütigen Kühlen
sie sich erglühend vorzustellen  So in jedem Reiz zum Nehmen der tiefe Anreiz
zum Nichtnehmen das Geheimnis in Grillparzers Verhältnis zu Kati  die
Zweiheit Person geworden in Maria und Mariquita  Mit Aufschlüssen ähnlicher
Art verwirrt Sacramozo gelegentlich Andreas so einmal nach einem gemeinsamen
Ausgehen Souper Kasino wo Sacramozo viele Leute begrüßte
    Sacramozos Form zu erzählen  anstatt »ich war einmal in Japan mit Pilgern
« sagt er »gehen Sie nach Japan Sie werden drei fünf Tage mit einem
Pilgerzug wandern   die Frage ist ob Sie die Sonne werden rein aufgehen
sehen «
    Malteser »beachten Sie dass jeder an dem andern nur das ihm selbst Gemässe
eigentlich gewahr wird wir formen rings Statuen nach unseren Massen Problem
worin liegt Vereinigung mit einem Wesen im Erkennen im Besitz im Ansprechen
« Hauch indischer Spekulation
    Malteser zu Andreas »weiß denn ein junger Mensch was er fordert was er
sich wünscht«  »die vielen Beziehungen  und ob sie zu etwas führen  hiezu
bedarf es einer Führung von oben«  Malteser hat den Begriff der Gewalt inne
den Andreas erst erwerben muss
    Der Malteser und Andreas  verglichen  Andreas Autoritätsglaube durch und
durch bis ins Äußerste des peripherischen Daseins verästelt dass er alles was
er erlebt analog einem Eigentlichen aber diesem nicht identisch empfindet so
auch sein Tun  wo anders sind die richtig Tuenden ihm eigen seine Hemmungen
ihm eigen die Naivetät dem Leben gegenüber Malteser zweifelt nicht an sich
sondern an seinem Schicksal Er hatte im Genuss im Leiden das Ganze Zweiseitige
beisammen aber alles blieb ihm partiell wogegen Andreas die Ahnung hat wie
alles zusammenkommt nur nicht the grasp to get it Malteser weiß mein Befehl
ist Befehl mein Lächeln hat werbende Kraft im allgemeinen  aber was nützt es
en somme  beim Malteser nicht das Flackernde wie bei Andreas nicht die
Zweifel Anwandlungen nicht der »schlechte Film«  er ist der Resultate sicher
aber er kann leicht mit ihnen im luftleeren Raum sich finden »eh bien was
weiter« sagt der Doppelgänger »aha na ja was weiter«
    Andreas aufdämmernder Gedanke dass für den Malteser der mit jedem Menschen
zu reden weiß vor dem sich alle Schranken öffnen es doch auch eine Hemmung
gibt Dieser Gedanke hat fast etwas zu Tränen Rührendes für ihn
    Die Briefsache Kapitel V  Zorzi »hier hat der Malteser einen Brief
liegen lassen« Andreas »lassen Sie mich ihn zurückgeben«  fast als hätte es
seine Zunge selbstmächtig gesagt ihm lag unendlich an der Erfüllung dieser
Bitte Läuft nach Malteser steckt ihn ein unvergesslicher hastiger Gang
Malteser kommt nach ein paar Minuten »Sie irren der Brief gehört nicht mir« 
Andreas »bestimmt mir nicht«  Kapitel VI nach paar Tagen Malteser fährt ihm
nach »ich muss Sie bitten mir zu sagen was Sie bewegen konnte mir damals
jenen Brief zu geben Es gibt Zusammenhänge die einen nicht ruhen lassen Der
gefaltete Brief hatte außen eine andere Schrift als innen ich glaubte er
gehörte mir«  er errötete bei dieser Rede Andreas schwört sich die Worte
schön und hässlich mit Vorsicht zu gebrauchen
    Malteser winkt einer Gondel um den Brief zu lesen fängt an indessen der
Gondolier die Gondel richtet vergisst einzusteigen Der Gondolier wagt nicht
ihn aufmerksam zu machen Er steht schnell auf und steckt schnell den Brief ein
Steigt ein versucht über den Brief hinwegzukommen Begeht einige Irrtümer in
Wohnungen fühlt sich dann maßlos unheimlich in der eigenen Wohnung will den
Brief verbrennen  Ahnung des Todes durch diesen Brief
    Er glaubt dass der eine oder der andere seiner beiden Diener den Brief
weggeschafft haben muss  aus welchem Grunde etwa der Alte um ihn zu schützen
der Junge um den Alten zu schädigen  Endlich findet er den Brief überlistet
ihn er findet ihn unter Reiseaufzeichnungen wohin seine Hand ihn
schlafwandelnd gelegt an einer besonderen Stelle bei einer Aufzeichnung
bedeutungsvoller Art aus Japan  Sein Grad des Mitgefühls und dadurch
Verstehens seiner beiden Diener Es ist ihm unmöglich den älteren Diener bei
dem Verwandtenbesuch ist zu stören deshalb ist er die vordere Treppe
hinaufgegangen fällt ihm dann ein Er denkt selbst darüber nach seine Diener
in Japan fallen ihm dabei ein wo er ihrer vierzehn hatte Männer und Frauen Er
bemerkt flüchtig dass er in sich eine ganze Gedankenkette ausbildet die sich
ständig mit diesem Diener beschäftigt  sein alter Diener zwischen ihm und dem
Diener stimmt es nie der junge Diener der mit dem alten immer im Streit liegt
 Der Malteser sperrt den Brief ein und sucht ihn gleich darauf
    Nach dem Brief der Malteser sucht seinen inneren Aufruhr durch Vernunft zu
durchblicken die entfesselten Assoziationen nach Lockes System zu ordnen er
offenbart in sich selber Kourtoisie Grazie Schamhaftigkeit Die
unerschöpflichen inneren Kräfte  vertrauensvoll  Engelsscharen die er
heraufruft Eines Menschen ganzes Wesen muss bei einem solchen Kampf mit innerer
Zerrüttung an den Tag kommen die gewohnten Bahnungen die
Lieblingsassoziationen Subtile Assoziation an eine Reiseerinnerung Wallfahrt
mit Japanern Gewahrwerden des Lichtes Er hatte sich vorgenommen jeden Tag das
Kommen der Sonne zu feiern  warum kann er es nicht immer feiern  er versucht
jetzt die Assoziationen auf etwas Hohes und Reines hinaus zu ordnen er weiß
dass nur Unzulänglichkeit dem Kosmos entgegensteht Er kniet nieder betet zu dem
höchsten Wesen Das Chaos der Tod weht ihn an dem Erliegen nah gleicht er dem
zarten Knaben der er war mit einer fliegenden Röte auf den Wangen
Eine Begegnung zwischen dem Malteser und Andreas auf einem vor Anker liegenden
Schiff Einladungen ziemlich geheimnisvoll durch den Kapitän Kourtisanen auch
eine völlig verschleierte Mariquita Sacramozo sichtlich verlegen gemacht
durch die Verschleierte er führt zwar mit Sicherheit die Konversation ihn
interessiert sehr ein Inder der teilnimmt aber abseits isst  Alles auf
Mariquitas Betreiben »ich wollte euch einmal miteinander sehen« Dies ist das
einzige Mal wo Mariquita und Sacramozo zusammen sind Beim Nachhausefahren
sprechen sie nichts über die ganze Sache nichts über die Einladung Andreas
fühlt dass der Malteser es für möglich hält es könne die Gräfin gewesen sein
Ihr Gespräch dreht sich um Schicksal und Tod In dieser Nacht zum ersten Mal
lädt Sacramozo den Andreas ein ihn zu besuchen
    Das Fest eine feierlich symbolische Veranstaltung Andreas Einweihung Es
bleibt geheim in welcher Gestalt Sacramozo selbst an dem Feste teilgenommen
habe Anklang Verhältnis Hafis zu dem KnabenSchenken den er aus Flammen seiner
Liebe zu Suleika heraus beglückt  Mittelpunkt des Festes eine Art Begegnung
von Maria und Mariquita oder Transmutation von Maria die im magnetischen Schlaf
hereingebracht wird es geht schlimm aus
    Dem Malteser vorschwebend »der größte Zauberer ist der welcher sich
zugleich selbst zu bezaubern vermöchte« Novalis Dies als Ziel da ihn
bedroht Verworrenheit nicht mehr Verstehen des Nächsten Verlieren der Welt
und seiner selbst,  dies alles in seinem Verhältnis zu Maria  Maria nährt
aber zugleich unwillkürlich in ihm das Wissen jener anderen Seite der Welt 
nämlich Mariquita hat es sich vorgesetzt dadurch den Malteser von Maria
wegzulocken dass sie ihn die Seite von Maria ahnen lässt die Andreas zugekehrt
ist Dieses Spiel hält sie vor Andreas durchaus verborgen Denn Mariquita
fürchtet den Malteser als den stärksten Halt Marias im Leben
    Malteser »eigentlich weiß man nur wenn man wenig weiß mit dem Wissen
wächst der Zweifel« Goethe  »es gibt Menschen die ihr Gleiches lieben und
aufsuchen und wieder solche die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehen«
Goethe  aber sind denn Menschen wie der Malteser in dem Falle ein Gleiches
und ein Gegenteil zu haben  dass er alle Menschen nicht mehr versteht  je
weniger er versteht desto mehr fühlt er wie Andreas Fühlen Ahnen und
Erkennen sich erweitert  dem entgegen das arcanum er hat einen gefunden der
liebend verstehen wird So wird sein Rückzug lieblich wie der in den Spiegel
geht sich mit seinem Bruder zu vereinigen Der Kreis wird ihm bedeutungsvoll
Das Vorwalten des Kreises in den Werken und Aufzeichnungen Lionardos  Wenn die
Sonne tief steht leben wir mehr in unserem Schatten als in uns selbst
    Das Allomatische das Dürftige des irdischen Erlebnisses An der Gräfin
zieht ihn an dass das Andere in ihr für sie so bedeutend sei  er vermutet eine
auf dem Weg der Verwandlung weit vorgeschrittene Seele An Andreas ist ihm
anziehend dass dieser von den Andern so beeinflussbar der andern Leben ist in
ihm so rein und stark vorhanden wie wenn man einen Tropfen Blutes oder
ausgehauchte Luft eines andern in einer Glaskugel dem starken Feuer aussetzt 
so in Andreas die fremden Geschicke Andreas ist wie der Kaufmannssohn im
»Märchen der 672 Nacht« der geometrische Ort fremder Geschicke Die Lucerna
oder Lebenslampe eine Kugel aus Alabaster worin das Blut eines ferne
Abwesenden das durch Bewegungen und Leuchten anzeigt wie es diesem ergehe bei
Unglück aufwallt oder finster glüht beim Tode erlischt oder das Gefäß
zersprengt
    Sacramozo und Andreas das allmähliche an seine Stelle Setzen des andern
dies anknüpfend an Andreas Widerwillen sich des Erlebnisses mit Gottilff
immer wieder zu erinnern Vor dem Zurückliegenden graust nur dem der auf
niedriger Stufe stehend annimmt es hätte anders kommen können »War ich als
jenes Wesen mich zuerst küsste irgend einer,  so wird alles schal war ich der
Einzige mit Anticipation aller Stunden bis zum Tode so ist es erhaben« Liebe
ist Vorwegnahme des Endes im Anfang daher Sieg über das Vergehen über die
Zeit also über den Tod  Bemerkung von Novalis über die mystischen Kräfte der
Selbstschöpfung die wir den Frauen zutrauen dass wir ihnen zumuten den ersten
besten lieben zu können Thema der »Sobeide« und auch des »Tor und Tod«  Liebe
ist die Anziehung welche jene belebten Gegenstände auf uns ausüben mit denen
wir zu operieren berufen sind Operieren heißt einen belebten Organismus durch
Verwandlung zur Vollkommenheit führen  in Bezug auf Maria die Kraft finden
die Kette der Erlebnisse von sich aus als notwendig zu empfinden egozentrisch
der höheren Stufe
    Der Malteser hofft nicht mehr mit Maria Kinder zu haben Andreas könnte ihm
ein Sohn ohne Mutter werden
    Sacramozo sagt von Maria »es bestand wohl die irdische Möglichkeit dass sie
sich mit mir vermählt hätte aber nicht die höhere« Für ihn ist Maria
Mitarbeiterin durch die Lauterkeit ihres Wesens Das Zusammenführende in ihm er
will Andreas und Maria zusammenführen Diese sollen jetzt ein Paar sein  dann
die wiedergeborene Maria mit dem wiedergeborenen Sacramozo in welchem auch
Andreas ist  Er muss die Wahrheit wissen so weiß er das Leben Marias  aber
von Wert für ihn ist nur das Lebensgeheimnis jedes Wesens Da nun das Leben an
der Oberfläche und in der Tiefe ist so kann das Lebensgeheimnis nur durch die
Vereinigung beider erfasst werden
    In allem mag er es versehen haben seine Haltung rechtfertigt ihn 
Selbstgenuss höchster reinster  Sacramozo sucht ihn die Vereinigung mit sich
selbst Identität völlige Übereinstimmung von SichWollen und SichWissen Er
sucht diesen Zustand Andreas zu vermitteln diesem hilft die Liebe Die Gräfin
ist dieses Zustandes freilich aus patologischen Ursachen teilhaftig jeder
Anstoß der von Mariquita ausgeht ist für Maria durchtränkt von der Atmosphäre
der in Geheimniszustand erhobenen Selbsteit  ebenso ist Maria für Mariquita
das einzig Erlebenswerte sie liebt und hasst sie Marias Geständnis welche
Wollust sie aus dem Versinken in die »andere« ja aus dem bloßen Anklingen
dieses Zustandes schöpfe das erstere ist ihr eine mit Grauen gemischte Wollust
 dass ihr dies das Leben des Lebens sei ja dass jede Süßigkeit jedes Vorgefühl
der Vereinigung mit Gott sie in diesen Zustand hinüberzuführen drohe Gespräch
mit dem spanischen Beichtvater hierüber unter Selbstvorwürfen Sie fühlt sich
verantwortlich für mehr als sich selbst Der Jesuit beruhigt sie ad Sacramozo
»quod petis in the est ne quaesiveris extra«  Herr unseres Selbst sein hieße
alles auch das Subliminare präsent haben
    Ein Wesen mit stärkster Präsenz kann nie Furcht empfinden außer in der
realen Gefahr weil Furcht immer sonst etwas Eingezwängtes nicht Präsentes
voraussetzt Magier der ein unsichtbares Glied zu regen meint Was ist dies,
als seinen Willen spüren sich zusehend als einen Wollenden spüren nicht in der
Materie wie Napoleon sondern im Geist
    Sacramozo »das heiligste Verhältnis ist das zwischen der Erscheinung und
der Wesenheit  und wie unablässig wird es verletzt man kann denken Gott habe
es unter Stacheln und Dornen verborgen  Wir besitzen ein Arsenal von
Wahrheiten welches stark genug wäre die Welt in einen Sternennebel
zurückzuverwandeln aber es ist jedes Arkanum im eisernen Tiegel verschlossen 
durch unsere Starrheit und Dummheit unsere Vorurteile unsere Unfähigkeit das
Einmalige zu fassen«
    Der Malteser und die Welt zu denken dass Alles Alles verhüllt ist Das
verschleierte Bild von Sais steht überall sein brennendes Verlangen nach der
Reinheit aller Dinge
    Sein anderes Gesicht das nur er sieht so kindisch auch schwach
unzulänglich möchte sich aus dem Dasein wegwischen fühlt sich von Maria
geprüft durchschaut Ihre Hemmung  darin sieht er seine Unzulänglichkeit
Einsamkeit und Vermischung mit den Menschen sind eins
    Die Antinomie von Sein und Haben für ihn im Geistigen wo es sich um
Führerschaft Auserwählung handelt wie für Andreas im Menschlichen Seine große
Liebe zu einer der schönsten Frauen die er besaß
    In Sacramozo fester und fester der Glaube sein Scheindasein als Sacramozo
hindere die letzte Entfaltung von Andreas zum kühnen Liebenden von Maria um
die er das »Andere« wie eine Aura herumschweben sieht zur seligen Geliebten
    Malteser »knien  wie einer kniet um von einem göttergleichen verehrten
Lehrer Belehrung zu empfangen  diese Gebärde ich werde gestorben sein ohne
sie auf meinem Lebensweg gefunden zu haben Wird dieser Junge der sein der zu
knien vermag«  er führt die Figur durch alle Situationen durch die ihm den
Weltinhalt erschöpfen »und werde ich den Weg finden er zu sein  dies nicht
indem ich seine Unzulänglichkeit umgehe sondern indem ich sie absorbiere«
    Über das Sterben »aus dem Theater fort müssen bevor der Vorhang einmal
aufgegangen war«
    Die angestrebte Auflösung ist die Beruhigung über das eigene Sein über Groß
oder Klein Beschränkt oder Mächtig Aufgenommen oder Ausgeschlossen  worin
zugleich die Beruhigung über die eigene Lebenszeit und die Zeitepochen und das
symbolischSehen auch die Beruhigung über das Dasein der Armen und Elenden
    Der Malteser groß in seinem allseitigen Unterliegen ein Wesen das um sein
Schicksal ringt er findet in Andreas Vereinigung mit der verwandelten Maria
alles in einem Glaube Liebe Erfüllung
    Andreas vor dem Bett worin die Leiche Sacramozos ruht muss ahnen jener
könne in einem höchsten Sinn recht gehabt haben
Andreas  Resultat des venezianischen Aufenthaltes er fühlt mit Schaudern dass
er in die eingeschränkte Wiener Existenz gar nicht zurück kann er ist ihr
entwachsen Aber der gewonnene Zustand beängstigt ihn mehr als er ihn erfreut
es scheint ihm ein Zustand in welchem nichts bedingt nichts erschwert dadurch
aber auch nichts vorhanden ist. Alles erinnert nur an Verhältnisse es sind
keine Alles ist schon vorgekostet nirgends ist etwas zu suchen dadurch kann
auch nichts gefunden werden  Gedanke ob sich diese Steinchen im Kaleidoskop
neu ordnen können Neidvolles Zurückdenken an die Ausfahrt des Großvaters
donauabwärts die ersten Stellen Erfolg durch Gesundheit und Mut Frömmigkeit
Treue dabei eine gewisse gesunde Selbstsucht und Schlauheit Andreas
Rückreise  Er war was er sein konnte und doch niemals kaum jemals war Er
sieht den Himmel kleine Wölkchen über einem Walde er sieht die Schönheit wird
gerührt  aber ohne das Gefühl des Selbst auf welchem wie auf einem Smaragd
die Welt ruhen muss  mit Romana sagt er sich könnte es sein Himmel sein