1928_Klabund_Borgia.html




        
                                    Klabund
                                     Borgia
                              Roman einer Familie
                                      Prolog
Diese Buchstaben zeichne ich zur Erinnerung auf diese Worte schreibe ich zum
Gedächtnis diese Gedanken denke ich zum Nachdenken diese Handlungen male ich
zum Danachhandeln
    Mein Name ist Johannes Goritz geboren bin ich in Luxemburg im Deutschen
Reich Meines Standes bin ich Supplikenreferent Mein Haus am Forum Trajanum in
Rom steht allen Menschen von Kultur und Bildung offen Vorzüglich die Deutschen
welche nach Rom kommen pflegen mir die Ehre ihres Besuches zu erweisen So
hatte ich die Freude Reuchlin Kopernicus Erasmus Ulrich von Hutten und jenen
nachgerade berühmt oder berüchtigt gewordenen Mönch Martin Luther in meiner
Häuslichkeit willkommen zu heißen und zu bewirten Letzterer war wenn ich mich
recht erinnere ein starker Esser vor dem Herrn einem üppigen Kapaun oder
feisten Schweinebraten barbarisch zugetan Wie überhaupt Mönchisches und
Barbarisches Deutsches und Skytisches sich bei ihm wunderlich vermengten und
so eine Erklärung geben für die übertriebene Ablehnung der Zustände im
»Sündenbabel« Rom Die Erde drehte sich damals schneller um ihre Achse Die
Menschen verloren leicht die Balance Kometen zogen ihre Schweife über den
nächtlichen Horizont Der Saturn zeigte sein böses Licht Vesuv und Stromboli
spien Feuer Der Kriegsgreuel der Revolutions und Religionskämpfe war kein
Ende und der Humanität kein Anfang obwohl jedermann von Humanismus sprach Wie
sollte ausgerechnet Rom in diesem Chaos unverrückbar sein moralisches
Gleichgewicht behalten War es ein Wunder dass Sankt Petri Felsen zu wanken
begann und die heilige Kirche in ihren Grundfesten erschüttert wurde
    Mit eigener Hand habe ich dieses Diarium der römischen Begebenheiten zur
Zeit der Borgia in lateinischer Sprache niedergeschrieben in der freien Zeit
die mir meine ausgedehnten Amtsgeschäfte ließ Als einziges Besitztum habe ich
dieses Manuskript aus der Plünderung Roms a d 1527 gerettet jenes Jahres
unseliger Erinnerung in dem ich all mein Hab und Gut verlor bis auf die Kraft
meines Herzens und die Unversehrteit meines Verstandes Das Schicksal führte
mich in die nächste Nähe jenes denkwürdigen Giganten Alexander Borgia genannt
Ich hatte oft die Gelegenheit seine überaus schöne und anmutige Tochter
Lucrezia sowie Seine Hoheit den Herzog der Romagna Cesare Borgia persönlich
und im vertrautesten Kreise zu sprechen und mir meine eigene Meinung über drei
Menschen zu bilden die zugleich hold und unhold waren und in deren Seelen sich
die größten Gegensätze vereinigten
    Wohl jeder der beispielsweise Cesare Borgia nur nach seinen Taten und den
Pamphleten seiner Feinde deren er unzählige besaß beurteilt macht sich ein
völlig falsches Bild seiner äußeren Erscheinung und seines »öffentlichen
Charakters« Cesare Borgia war immer ein Mann von besonderer Höflichkeit
Zurückhaltung und seltener Bescheidenheit kurz das Idealbild dessen was man
einen Virtuoso und Kortegiano nennt Seine Taten und Pläne stehen auf einem
anderen Blatt Sein persönlicher Charme ja seine Sanftmut vertrug sich durchaus
mit einer sachlichen Härte und Grausamkeit Ohne je lieben zu können war er
stets liebenswürdig und ich weiß noch wie entzückt mir Machiavell von seiner
Begegnung mit ihm erzählte die ihm die Idee seines Traktates über den »Fürsten«
einflößte Und dies zu einer Zeit als Cesare Borgia nur noch eine Ruine seiner
selbst war denn die Franzosenkrankheit hatte ihm furchtbar zugesetzt Auch über
Alexander VI den gewaltigen Schöpfer der Dynastie Borgia  denn um eine
solche handelt es sich  sind völlig unrichtige Legenden im Umlaufe soweit sie
seine sichtbare Erscheinung betreffen jede geschichtliche Persönlichkeit hat
viele Gestalten und oft täuscht eine Facette die aufleuchtet über das
Gesamtbild hinweg In ihm tobte wohl ein Teufel  aber er wurde nie äußerlich
erkennbar Alexander Borgia war einer der schönsten Menschen seiner Zeit
kraftvoll bis in sein spätestes Alter voll heiterer harmonischer Gemütsart und
allen Dämonen der Finsternis abhold Er liebte seine Kinder abgöttisch und war
einzig bedacht die Macht der Borgia voll Umsicht und ohne jede Rücksicht auf
moralische Vorurteile zu mehren Er tat alles was er tat im Angesicht der
Leute verheimlichte nichts und ich habe nie einen Menschen gesehen der so wie
er das Urteil der Welt verachtete Es liegt mir fern eine Apologie der Borgia
zu schreiben ich wäge die Waage der Gerechtigkeit in meiner Hand mag Gott die
Gewichte verteilen es ist nicht meines Amtes das Urteil zu sprechen ich bin
Supplikenreferent ich  referiere
 
                                       I
In jenen Zeiten als es noch keine Zeit gab als ein ewiger Himmel der Himmel
der Ewigkeit über Hellas brannte lebte Ixion ein Mensch
    Smaragdeidechsen Zornnattern Heuschrexken Grillen Schildkäfer Schafe
Hirsche Pferde lebten mit ihm
    Ringel und Äskulapnattern hingen wie kostbare Ketten um seinen Hals die
Eidechsen leckten mit ihren kleinen Zungen seine spitzen Finger
    Er aber liebte am meisten eine junge Wildstute der er keinen Namen gab
Denn wer einen Namen trägt der besitzt schon ein Eigentum das zur Gaff und
Raffgier reizt
    Da er der Stute keinen Namen gab verbarg er sie vor Göttern und Menschen
    Denn niemand vermochte sie zu rufen
    Eines Tages aber sah vom hohen Olymp Zeus der Gott der Götter die Stute an
einer Tränke in einer Waldlichtung
    Er schwang sich in Gestalt eines Adlers zur Erde herab
    Kaum auf der Erde angekommen nahm er den Leib eines Hengstes an
    Die Stute erschrak und floh vor dem brünstigen Gott Die Nüstern schnoben
sie stürmte scheu durch Wälder und Felder
    sie kam an einen Berg
    sie kletterte wie eine Gemse die Felsen empor durch Schlünde und
Schluchten dicht hinter ihr der schnaubende Hengst So galoppierte sie
geradewegs auf den Olymp Auf der Spitze des Berges übermannte sie der Gott
Ixion lief wehklagend vom frühen Morgen bis in die späte Nacht durch die Haine
und Auen
    Er wurde seiner geliebten Stute nicht ansichtig
    Und da er ihr keinen Namen gegeben hatte so schrie er nur
    Ai Ai Ai
    Als er die Stute nach einer Woche nicht gefunden hatte wurde er wahnsinnig
    Er lief auf allen Vieren frass Gras zertrat und zertrampelte Heuschrecken
Grillen Käfer Eidechsen und wieherte wie ein Pferd
    Sein Wiehern vernahm Zeus
    Er hob ihn mit einem Wind zu sich auf den Olymp empor zog ihn an die Tafel
der Götter und nahm die Qual des Wahnsinns von ihm
    Er machte ihn zu seinem Mundschenk  Als Ixion den Pokal seines Herrn am
Brunnen im Hof des Götterpalastes ausschwenkte und spülte hörte er plötzlich
ein vertrautes Wiehern aus einem Stall
    Er ging dem Wiehern nach und entdeckte seine Stute die voller Freude an ihm
emporsprang wie ein Hund und beide Vorderhufe auf seine Schultern legte
    Voller Ingrimm dass Zeus ihm die Stute entführt hatte beschloss er sich an
dem Gott zu rächen und warf ein Auge auf Hera die schöne Gattin des Gottes
    Eines Nachts schlich er zu ihr
    Aber Zeus der Allwissende schickte ihm eine Wolke entgegen der er die
Gestalt der Hera gab
    So vermischte sich Ixion liebend mit der Wolke
Am nächsten Mittag trat Ixion der vermeinte Hera umarmt zu haben an die Tafel
der speisenden Götter und schrie frohlockend
    Ich habe Hera die Gattin des Zeus besessen
    Entsetzt sprangen die Götter auf
    Zeus erbleichte und winkte zwei Dienern Sie fesselten Ixion und banden ihn
auf der Nordseite des Olymps an ein ewig rollendes feuriges Rad
 
                                       II
Nephele die Wolke gebar nach neun Monaten von Ixion einen Sohn der den Namen
Kentauros erhielt
    Schon früh zog es ihn wie seinen Vater zu Pferden
    Er spielte mit der namenlosen Stute im Stall des Zeus und lernte bald auf
ihr nach allen vier Himmelsrichtungen reiten
    Er floh eines Tages auf der Stute aus dem Bereich der Götter und gelangte zu
den Reichen der Menschen Er gewann ein Weib und zeugte sieben Söhne mit ihr
    Seine Söhne vermischten sich da sie in den Waldgebirgen Tessaliens nicht
genug Weiber fanden mit wilden Stuten
    In Steinbrüchen und feuchten Schluchten warfen die Stuten Kinder halb
Mensch halb Pferd Der Oberleib war der eines Menschen der Unterleib der eines
Pferdes Die Hippokentauren wuchsen heran zu wilden lüsternen Geschöpfen
    Sie kämpften mit Tieren Menschen Halbgöttern Selbst ein Herakles hatte in
Arkadien sich mit ihnen zu messen
    In ihrem Trotz und Übermut versuchten sie auch den Götterberg Olympos zu
stürmen Die namenlose Stute zeigte ihnen den Weg Sie galoppierten im Schutz
des Morgennebels die Berghänge empor Aber Zeus von einer aufgescheuchten Eule
benachrichtigt warf Blitze unter sie dass sie bestürzt flüchteten Sie sprangen
die Felsen hinab und der Steinschlag donnerte hinter ihnen her Viele brachen
sich Genick und Rückgrat und die Adler und Geier frassen ihre Herzen und Gedärme
    Einige aber kamen ans Mittelländische Meer stürzten sich in die Wogen und
schwammen zu den anderen Festländern
    nach Afrika
    nach Sizilien
    Zwei gelangten voller Mühsal nach Spanien Und von ihnen so heißt es
stammen die Borgia ab
Die Borgia melden ihre historische Herkunft aus der spanischen Stadt Borja
nicht weit vom Huecha in der Provinz Saragossa gelegen Acht Ritter Borgia
kämpften unter Don Jayme gegen die Mauren und 1238 erscholl zum erstenmal der
Schlachtruf
    Borgia Borgia
    In der Zisterzienserabtei Veruela am Fuß des Moncayo westlich von Borja
gelegen weihten die Borgia ihre Trophäen aus dem Maurenkriege der Heiligen
Jungfrau krumme Säbel Turbane Gürtel Dolche Spangen An einer dieser
Spangen hatte die Maurin Noa gehangen
    Alle acht Borgia liebten sie im winddurchwehten Zelt am heißen Tajo bis sie
der letzte voll Eifersucht dass sieben andere Borgia sie vor ihm gehabt in der
Umarmung erwürgte
    Ein letztes Röcheln aus ihrer Kehle seufzte
    Borgia Borgia
 
                                      III
Im Jahre des Unheils 1455 bestieg der Spanier Alfonso Borgia ehemaliger
Geheimsekretär des Königs Alfonso von Neapel unter dem Namen Kalixtus III den
heiligen apostolischen Stuhl Er war 77 Jahre alt laborierte an einem
chronischen Magenleiden und war wie alle Magenkranken von grämlicher
misstrauischer Gemütsart aus der nur für Momente ein kauzischer Humor wie der
grüne Mond hinter schwarzen Wolken hervorbljetzte Mehr als der Theologie war er
der Juristerei ergeben und studierte Pandekten und Dekretalia eifriger als die
beiden Testamente Es machte ihm Vergnügen spitzfindige juristische Fragen zu
stellen und sie noch spitzfindiger zu beantworten
    Wie der Komet seinen Schweif so zog Alfonso Borgia einen ganzen Tross von
Spaniern hinter sich her nach Rom
    In allen Straßen Palästen Schenken begannen sie sich breit und wichtig zu
machen spanisch zu sprechen und italienisch zu radebrechen Und bei den Weibern
und Frauen stachen die Senors nur gar zu oft die Signors aus Es gab böse
Mienen böses Blut Florettkämpfe unter dunklen Arkaden und eines Tages warf
die empörte Menge einen jungen Spanier den sie bei einer vierzehnjährigen
Schönheit des Stadtviertels Ponte erwischt hatte kurz entschlossen über die
Brücke in den Tiber Es gelang ihm sich ans andere Ufer zu retten Es war der
vierundzwanzigjährige Rodrigo Borgia ein Neffe des Papstes ein auffallend
schöner junger Mensch der wie es hieß die Frauen anzog wie der Magnet das
Eisen Er war ein paar Tage zuvor von Bologna gekommen wo er zum Doktor des
kanonischen Rechts promoviert hatte Noch triefend vor Nässe mit
zusammengebissenen Zähnen ging Rodrigo Borgia zum Vatikan schob die
Hellebarden der wachtabenden Schweizer auseinander und gelangte in das
Arbeitszimmer des Papstes der gerade damit beschäftigt war sich über die
juristische Möglichkeit eines Ehedispenses für den dritten Grad der
Blutsverwandtschaft zu orientieren
    Er sah ärgerlich von seinen Pergamenten auf
    Höre Oheim begann Rodrigo noch immer triefend deine Römerinnen sind sehr
hübsch aber deine Römer verstehen keinen Spaß 
    Sie haben dir Wasser über den Kopf gegossen wie meckerte der Alte
    Scherz beiseite Don Alfonso  Ihr seid ein Borgia und ich bin ein Borgia
Alles andere ist Lumpenpack Es ziemt uns zusammenzuhalten Ich habe Euch einen
Vorschlag zu unterbreiten der mir als ich durch den Tiber schwamm aufstiess 
mit dem Dreckwasser das ich aus Mund und Nase spuckte Wie wäre es wenn Ihr
mir den Purpur der Kardinäle verleihen würdet
    Der Papst weitete seine wasserblauen Augen 
    Was kreischte er du willst Kardinal werden Unter dem Tisch bewegte sich
sein Bauch in lautlosem Gelächter Aber es schien doch als hätte er Angst sein
Hohngelächter über den Tisch hinausgelangen zu lassen Denn dort stand ehern
keine Miene in dem schönen Antlitz verzogen Rodrigo Borgia ein Borgia wie er
aber ein Mann ein Wunsch ein Wille
    Man muss dem Pöbel die eiserne Stirn zeigen sagte Rodrigo Borgia Wer
nachgibt hat schon verloren Wer ihm die Faust ins Gesicht schmettert 
gewinnt
    Dem Papst kamen allerlei juristische Bedenken  er wolle seine Kommentare
Dekretalia etc befragen ob Blutsverwandtschaft 
    Rodrigo schlug mit der kleinen zierlichen aber steinharten Faust auf den
Tisch dass der in Holz geschnitzte Gekreuzigte wie eine Puppe auf und
niedersprang
    Nur Blutsverwandtschaft Oheim rechtfertigt das  und alles andere Die
Verwandtschaft des Blutes ist das heiligste Band das Menschen binden kann Das
gleiche Blut wallt in deinen und meinen Adern Alfonso Borgia So hör es doch
rauschen 
    Und er riss sich sein nasses Hemd auf und presste den Greisenkopf an seine
Brust der in die Tiefe lauschte das Herz der Borgia schlagen zu hören
 
                                       IV
Kalixtus III berief das Heilige Kollegium zusammen Die Kardinale Estouteville
Kapranica Bessarion versuchten sich der Ernennung Rodrigos zum Kardinal zu
widersetzen
    Es half ihnen nichts Kalixtus bestach den Rest mit einträglichen Pfründen
und Abteien
    Kaum saß Rodrigo Borgia im Kollegium als er den schwächlichen und
kränklichen Oheim und alle schwachen Charaktere des Kollegiums zu beherrschen
begann Er veranlasste als erstes dass sofort zwei weitere Borgia hohe
Kirchenämter empfingen Don Luis Borgia wurde Bischof von Segovia und Lea Pedro
Borgia wurde Präfekt der Stadt Rom und machte alsbald den Orsini und Kolonna zu
schaffen
    Männer und Frauen zitterten in Rodrigos Gegenwart und es hieß es schlügen
selbst die Heiligen auf den Gemälden des Vatikans die Augen nieder wenn er
heiter an ihnen vorüberschritt und guten Mutes über sie das Kreuz schlug
    Er las die erste Messe noch kaum der frommen Bräuche kundig Aber wo ihm
ein lateinisches Wort mangelte da setzte er ein Borgia Borgia an seiner
Statt Die Hostie brach er zu früh entzwei und ließ auch zuweilen lässig ein
Stück fallen In seinem ganzen Leben zelebrierte er höchst ungern und nahm es
mit der Hostie nicht genau Auch stimmte es bei seiner Messe nie bald waren die
Kerzen bald die Sänger bald Baldachin oder Weihrauchkessel und bald er selbst
nicht zur Stelle
Höre Oheim sprach er zu Kalixtus es ist recht gescheit von dir den Kreuzzug
gegen die Türken die uns im übrigen ja nichts getan haben zu unterstützen 
denn du machst dich und damit den Namen Borgia populär bei der Christenheit 
aber vergiss nicht das Fundament für die Dynastie der Borgia unverrückbar
festzulegen Du hast mich mit den Pfründen von Benevent und Terracina belehnt
Schön Ich trage das rote Gewand Gut Aber ich habe nunmehr Ambitionen auf das
Amt des Vizekanzlers Es ist das höchste Amt nach deinem  du bist alt
verzeihe wenn ich dich daran erinnere aber es kann dir etwas zustossen  du
musst unsere Stellung und unseren Einfluss für alle Fälle sichern
    Der Papst der ein Glas mit einer grünen Magentinktur vor sich stehen hatte
die er verabscheute schloss die wimperlosen Lider und dachte über seinen Neffen
nach Dann öffnete er sie
    Du hast Recht Ich werde das Nennungsdekret morgen unterzeichnen
    Rodrigo Borgia ging einen Schritt auf ihn zu dass jener sich fast zu
fürchten begann Morgen Heute Oheim heute jetzt in diesem Augenblicke
werdet Ihr das Dekret unterzeichnen das ich selbst um Euch die Mühe des
Schreibens zu ersparen aufsetzen werde »Wir Kalixtus III «
 
                                       V
Auf der Falkenjagd trafen der Kardinal Rodrigo Borgia und der Graf Jean
dArmagnac zusammen Sie zogen die Hüte und beschlossen die Jagd gemeinsam
fortzusetzen
    Beim Picknick als die Korke von den Weinflaschen gesprungen ergab es sich
dass der vom Weine sehr erhitzte Graf dArmagnac den jungen Kardinal der
ebenfalls dem Weine reichlich zugesprochen hatte aber völlig nüchtern geblieben
war um eine Unterredung unter vier Augen bat Sie gingen abseits und an zwei
Bäume gelehnt schwiegen sie sich zuerst eine Zeitlang an ehe der Graf den Mut
zu den ersten Worten fand
    Er schlug mit seiner Reitgerte in das Laub der Bäume
    Ob der hochwürdige Herr Kardinal sich irgendwie mit dem Wesen der Liebe
beschäftigt habe  in der freien Zeit die seine geistlichen Exerzitien ihm
ließ  Der Kardinal lächelte höflich
    Gewiss mehr teoretisch allerdings mehr platonisch wie es einem
Kirchenfürsten gezieme
    Gewiss gewiss Der Graf pflichtete ihm bei Aber gerade auf die Theorie, auf
das Prinzipielle komme es ihm an Nämlich inwieweit Heirat zwischen
Blutsverwandten kirchlich gestattet oder  so wolle er sich ausdrücken 
möglicherweise geduldet würde
    Die Iris in den Augen des Kardinals begann aufzuleuchten
    Dürfe er den Herrn Grafen fragen wen der Herr Graf zu heiraten wünsche
    Der Graf war vor Aufregung fast nüchtern geworden Er bereute seine
Offenherzigkeit dem undurchdringlichen Borgia gegenüber Aber es war zu spät
das Geheimnis zu behalten Er senkte den Kopf wie ein auf unrechtem Pfade
ertappter Schüler
    Ich liebe  meine Schwester
    Der Kardinal schwieg
    Oben in den Bäumen sauste der Wind
    Und im Wind schrie ein Merlan ein Raubvogel
    Hören Sie sagte der Kardinal wie schön wie stark wie ehrlich dieser
Vogel schreit Wir Menschen sind erbärmliche Lügner gegen ihn
    Der Graf blieb stumm Er meinte sich von diesen glühenden schwarzen Augen
die er kaum ertragen konnte abgebljetzt
    Der Kardinal drehte den Ring mit dem Mondstein an seiner linken Hand
    Ein Halbedelstein  aber ein Glücksstein Sie sollten sich und Ihrer
Schwester  Ihrer Geliebten und bald ihrer Gattin  einen Mondstein schenken
    Der Graf fühlte sein Antlitz von Purpurröte übergössen
    
    So beschimpft und verachtet Ihr mich nicht wegen meiner unnatürlichen Liebe
und Leidenschaft
    Der Kardinal lächelte
    Wie kann was in der Natur ist wider die Natur sein
    Und Ihr meint Ihr könntet bei Seiner Heiligkeit Eurem erhabenen Herrn
Oheim ein gutes Wort für einen Dispens einlegen
    Er senkte wieder die Stirn
    Yvonne erwartet in sieben Monaten ein Kind
    Der Kardinal löste sich vom Baum als ob er wie ein Waldgott aus dem Stamm
heraustrete
    Seid unbesorgt Ich selbst werde die Bulle mit dem Ehedispens für Euch
ausfertigen Ihr werdet die Gewogenheit haben meinem Bankier 25000 Dukaten zu
überweisen wovon ein nicht unbeträchtlicher Teil für den Sekretär Seiner
Heiligkeit Herrn Giovanni di Volterra und einen zweiten gegenzeichnenden
Kardinal bestimmt ist
    Und die Unterschrift des Heiligen Vaters
    Der Kardinal lachte schallend
    Der Heilige Vater gibt seine Unterschrift umsonst Kommen Sie Graf unser
Gefolge vermisst uns schon
 
                                       VI
Kalixtus stirbt im Alter von achtzig Jahren
    Die Feinde der Borgia dieser verfluchten katalanischen Eindringlinge atmen
und leben auf
    Im Palast der Orsini die sich die Bekämpfung der spanischen
Nepotenwirtschaft zum besonderen Ziel gesetzt findet ein Fest und Freudenmahl
statt dem Rodolfo Orsini hager und hochmütig präsidiert und an dem auch
Mitglieder der Familie Kolonna teilnehmen Noch nachts empfängt der Orsini einen
seiner vertrautesten Diener einen Franzosen namens Briconnet
    Briconnet wird am nächsten Morgen in der Via Giudea erstochen aufgefunden
    Das Attentat auf Rodrigo Borgia war missglückt Rodrigo Borgia selbst war ihm
zuvorgekommen
    Auf die Kunde des Attentats flohen viele Borgia und Spanier aus Rom und
ließ ihre Häuser im Stich die der Pöbel plünderte Nur Rodrigo Borgia wich
nicht Mit einer Leibwache von zehn schwer bewaffneten Katalanen ging er aus und
besuchte Rodolfo Orsini sich mit ihm sehr artig über die griechischen
Handschriften der vatikanischen Bibliothek zu unterhalten
Pius II besteigt den päpstlichen Stuhl
    Der Kardinal Rodrigo Borgia lag noch zu Bett als man ihm die Ankunft eines
päpstlichen Kuriers meldete Julietta völlig nackt servierte ihm die
Schokolade Korinna nur mit einem silbernen Schleier bekleidet saß auf dem
Bettrand
    Der päpstliche Kurier ein achtzehnjähriger hübscher Junge aus Piemont trat
über die Schwelle des Schlafzimmers und stutzte
    Er versuchte die Augen zuzukneifen
    Dann sah er angestrengt zur Decke empor Aber auch dort fand er nackte
weibliche Gestalten sich zu einem sinnlich aufreizenden Reigen schlingen der
ihn erröten ließ Tritt näher mein Sohn sprach der Kardinal
    Julietta lachte
    Korinna lächelte
    Der Kurier errötete
    Seine Heiligkeit benutzt die Bäder von Petriolo
    Der Kurier nickte
    Er schien sich vorgenommen zu haben kein Wort zu sprechen
    Julietta und Korinna tuschelten zusammen und zeigten ungeniert mit den
Fingern nach dem sehnigen Burschen Der Kardinal riss den Brief auf und las
    Geliebter Sohn Eure Eminenz
    Es ist etwa eine Woche her dass in den Gärten des Signor Giovanni dé Bichi
eine Festlichkeit stattfand und eine große Anzahl als leichtfertig verschriener
Frauen Sienas dort zusammenkamen um sich in Anwesenheit Euer Eminenz
Lustbarkeiten hinzugeben die mit näherem Namen anzuführen mir meine Scham
verbietet Eure Eminenz nahmen von der siebzehnten bis zur zweiundzwanzigsten
Stunde wenig eingedenk Ihres erhabenen Amtes an dem unchristlichen Bachanal
teil Um die Schande vollzumachen waren die Gatten Brüder Väter und Vettern
der jungen Damen von der Teilnahme an dem Gelage ausgeschlossen die Lust Euer
Eminenz und einiger weniger Auserwählter nicht zu stören  Ich vermag meiner
Empörung und meinem Missfallen kaum die geziemenden Worte zu finden Hier in
Petriolo einem von Geistlichen und Laien in der gegenwärtigen Jahreszeit stark
besuchten Bade ist das eines Kirchenfürsten unwürdige zügellose Betragen Euer
Eminenz zum Tagesgespräch geworden Die Kleriker schämen sich Euer Eminenz
Genossenschaft und die Laien abstrahieren von Eurem frivolen Wandel auf das
Leben der Geistlichkeit insgesamt Selbst wir der Stattalter Christi auf
Erden geraten in Gefahr der allgemeinen Verachtung dem Spott und Hohn der
Welt anheimzufallen da wir Euer Eminenz sittenloses Gebaren zu dulden scheinen
Das Maß Unserer Nachsicht ist aber am Überlaufen und wir bitten Euer Eminenz
ein allerletztes Mal in sich zu gehen und Busse nicht nur zu geloben sondern zu
tun Euer Eminenz haben einen Sitz unter den Räten des Heiligen Stuhles wozu
Euer Eminenz Klugheit Tatkraft und Wissen Sie gewisslich befähigen Möge aber
Euer Eminenz bedenken wie sehr die Autorität der Kirche gemindert wird wenn
ein Baumeister ausersehen sie zu stützen fortgesetzt Steine aus ihren Mauern
löst und endlich den Turm selbst zum Einsturz bringen wird Euer Eminenz sind
noch sehr jung 29 Jahre aber nicht mehr so jung um den ganzen Tag auf nichts
als Wollust zu sinnen Wir vermahnen Euch streng aber väterlich und zeichnen
als
Petriolo 11 Juni 1460
                                                                        Pius II
Der Kardinal hatte mit steigendem Unmut gelesen der sich in den Zornesfalten
seiner Stirn ausdrückte Als er geendet hatte warf er sich in die Kissen zurück
und überlegte was zu tun sei Er schrieb mit dem rechten Zeigefinger allerlei
Zeichen in die Luft
    Der Kurier folgte seinen Bewegungen und schien sie entziffern zu wollen
    Endlich fiel des Kardinals Blick auf Julietta Er wandte sich mit einem Ruck
an den Kurier
    Bist du geritten oder hast du einen Wagen mit mein Sohn
    Ich bin geritten Eure Eminenz
    Schön Man wird einen meiner Reisewagen anspannen Du wirst im Wagen
zurückfahren 
    Sehr wohl Eure Eminenz
    Mit meiner Antwort an Seine Heiligkeit  Gott selbst hat sie geformt und
stilisiert  da 
    Und er zeigte auf die nackte Julietta
    Wirf ihr einen Mantel um  nichts weiter  und nimm meine Antwort an Seine
Heiligkeit mit dir  aber hüte dich ihr im Wagen ein Postskriptum anzufügen
Geh mit Gott mein Sohn
    Und zu Julietta die kein Wort fand
    Geh mit Gott meine Tochter
 
                                      VII
Der Bildhauer Umberto arbeitete an einer Statue der Juno
    Rodrigo Borgia sah sie in seinem Atelier
    Er war entzückt
    Er ging auf Zehenspitzen um sie herum
    Er zog den Vorhang am Fenster auf und zu um Licht und Schatten zu
studieren
    Er strich ihr mit der Hand über Wangen und Brüste und streichelte zärtlich
die Knie
    Was willst du dafür haben Umberto
    Umberto wand sich vor Verlegenheit wie ein Regenwurm
    Die Statue ist bestellt Eure Eminenz
    Ich zahle das Doppelte
    Sie ist bestellt  von dem Urbild
    Wie  Juno sitzt Euch Modell
    Der Bildhauer nickte
    Ich zahle Euch das Dreifache  und Ihr könnt die Statue behalten  wenn Ihr
mich einer Sitzung beiwohnen lasst
    Eure Eminenz 
    Hinter dem Teppich dort  oben auf dem Hängeboden oder 
    Es klopfte
    Der Kardinal sprang hinter den Vorhang
    Die Vanozza erschien
    Wir sind allein
    Allein
    Sie warf die Kleider ab
    Zitternd führte der Bildhauer Meissel und Hammer
    Die Vanozza wurde aufmerksam
    Was habt Ihr Umberto Seid Ihr nicht wohl
    Umberto wischte sich den Schweiß von der Stirn
    Es ist heute heiß im Atelier
    Der Teppich verschob sich
    Die Vanozza kehrte sich um
    Nackt wie sie selbst trat Rodrigo Borgia auf sie zu
    Möge Juno verzeihen wenn Zeus ohne Ankündigung seines Besuches sich ihr zu
nahen wagt
    Und zu dem Bildhauer
    Umberto  geht  Ihr müsst neuen Ton besorgen  es gilt ein Duo in Stein zu
schaffen Zeus wirbt um Juno
    Blasser als Marmor schlich Umberto der Bildhauer ohne sich noch einmal
umzusehen aus seinem Atelier
 
                                      VIII
Von oben bis unten ist der Kardinal mit Blut befleckt Er sieht wie ein Metzger
aus der einen Ochsen schlecht geschlachtet hat Sein feistes öliges aber
schönes Gesicht verzieht sich zwischen Grinsen und Greinen
    Die Soutane ist hin denkt er der Stoff  von Bontempoli in Mailand  war
gut Aber zu teuer zu teuer Ich werde es einmal mit einem kleinen jüdischen
Restehändler in der Via Veneto versuchen Der Mann soll äußerst preiswert
liefern Spare ich am Meter drei Groschen so 
    Er verlor sich in komplizierte Berechnungen Plötzlich fiel sein Blick auf
die Vanozza der er Geburtshelferdienste geleistet hatte Auf der Piazza Prizzi
di Merlo hatte er ihr in der Nähe seines Palastes ein Haus eingerichtet Es
fehlte nichts an der Einrichtung Nicht einmal ein Mann Er verheiratete sie mit
Giorgio de Croce einem nachgiebigen käuflichen Herrn den er zum Vater seiner
Kinder bestimmte  Die Vanozza lag nach der Qual der Wehen in tiefen Schlaf
versunken auf dem Lager Arzt und Hebamme liefen lautlos wie zwei Eichhörnchen
auf dem Teppich hin und her Im Hintergrund am Fenster saß ein spanischer
Astrologe mit seinen Instrumenten und Karten sah nach dem Himmel und stellte
dem Kind das Horoskop
    Die Hebamme hatte das Kind gebadet Sie brachte es in einem reinlichen
Steckkissen das sie dem Vater vor die dicke mit Sommersprossen bedeckte Nase
hielt
     Es ist ein Mädchen sagte sie
    Rodrigo Borgia fuhr mit dem rechten Zeigefinger über die Stirn des winzigen
Wesens und schlug mechanisch das Kreuz Ein Mädchen dachte er Ich hatte einen
Knaben erwartet Davon kann man nie genug haben Stammhalter Borgia Aber es
sei Juan und Cesare sind ja schon eingetroffen Man sagt dass es einen Knaben
gibt wenn der Mann mehr liebt und ein Mädchen wenn die Frau mehr liebt 
    Er sah von dem Kind zur Mutter hinüber Was müsste es da eigentlich geben
wenn weder Vater noch Mutter liebten
    Er grübelte
    Das Kind verzog jetzt sein verwittertes greisenhaftes Gesicht noch mehr so
dass es aussah als ob eine unsichtbare Hand ein Paket Pergamentpapier
zerknittere Dann öffnete es plötzlich die verklebten Augen einen kleinen Spalt
Es schien zwischen den Lidern hindurch den fetten großen Mann der vor ihm
stand prüfen und ergründen zu wollen
    Du bist mein Vater fragte es erstaunt Hast du irgendwelche Vorstellungen
von mir gehabt als du mich schufst Wolltest du einen Menschen deines unreinen
Blutes  oder wolltest du vielleicht etwas Liebliches Schönes Sanftes Zartes
Edles    alles Eigenheiten die dir und deiner Familie fremd sind Wolltest
du dich selber überdauern  einen Hauch Ewigkeit in den Sturm der Zeit blasen 
oder bin ich dir nur zufällig so entwischt  wie du nach dem Essen dich zu
erleichtern einen Dampf aus dem Darm fahren lässt 
    Die Augen des Kindes hinter den Lidern fragten ohne eine Antwort zu
bekommen Sie glitzerten in einem unbestimmten silbrigen Glanz und es war noch
nicht zu erkennen ob es blaue braune oder schwarze Augen geben würde
 
                                       IX
Am siebenten Geburtstag Cesares erscheint Rodrigo Borgia in seines Sohnes
Zimmer um ihn mit einem väterlichen Kuss zu wecken
    Adriana Mila die Tante trägt einen Maiskuchen in dem sieben Kerzen
stecken die eine verdächtige Ähnlichkeit mit Phallen haben Rodrigo dreht eine
Pergamentrolle in der Faust
    Der Knabe noch ganz verschlafen streckt die Hände danach aus
    Sollst du haben mein Söhnchen sollst du haben und alles was auf dem
Papier geschrieben steht dazu
    Und Rodrigo Borgia entfaltet die Rolle und beginnt zu lesen
    Alle Einkünfte der Präbenden und Kanonikate des Domes von Valencia fallen
Signor Cesare Borgia zu  Der Signor Cesare Borgia bist du sagt stolz der
Vater und tippt dem Knaben auf die Stirn  Er wird zum Schatzmeister von
Kartagena ernannt
    Der Schatzmeister von Kartagena das bist du
    Rodrigo lacht dass seine etwas feisten Wangentaschen scheppern
    Der Knabe wird böse
    Lach nicht Papa Das Leben ist ernst
    Don Rodrigo hält inne stutzt Dann streichelt er den Sohn zärtlich mit der
päpstlichen Bulle
    Du hast recht Cesarino bist sieben Jahre alt und so klug so klug Wirst
es weit bringen Er geht und lässt das Pergament
    Der Knabe springt aus dem Bett Ihn kommt ein natürliches Bedürfnis an Er
zieht ein silbernes Nachtgefäss unter dem Bett hervor Und da es ihm an Papier
mangelt zerreißt er die päpstliche Bulle Sixtus IV die ihn soeben zum
Schatzmeister von Kartagena ernannte
 
                                       X
Lucrezia wird als Prima Donna dItalia von ihrer Tante Adriana zusammen mit
Julia Farnese genannt »die Schöne« aufgezogen
    Die beiden jungen Mädchen wetteifern miteinander an Schönheit und Grazie
    Jeden Abend wenn die Tante zu Bett gegangen treten sie nebeneinander nackt
vor den Spiegel
    Sie beobachten wie ihre Brüste sanft sich zu runden beginnen wie immer
dichter der Flaum zwischen ihren Schenkeln sprosst
    Jede ist auf die andere eifersüchtig und jede preist verlogen die Schönheit
der andern Julia sagt
    Wie wunderschöne kornblonde Haare du hast Lucrezia
    Lucrezia sagt
    Wie zart die Wölbung deiner Brüste Es sind die beiden Hälften der Erdkugel
die aus dir hervorquellen
    Sie funkeln sich hasserfüllt an
    Julia sagt spitz
    Wie meinst du das mit dem »Hervorquellen« Bin ich dir vielleicht zu dick
    Lucrezia kräuselt die Lippen
    Aber Julia Du bist schlank wie ein Knabe  so schlank wie Cesare
    Julia wird rot wie ein Hummer
    Also bin ich zu mager wie
    Sie fährt auf Lucrezia los und ihr mit dem Kamm ihrer Finger durch das
gelöste blonde Haar
    Lucrezia schreit auf und beißt Julia in die Schulter dass das Blut rinnt
    Julia lässt los
    Du bist grob
    Und du bist schlecht erzogen
    Genau wie du  von Tante Adriana
    Sie sehen sich unter Tränen an
    Dann lächeln sie plötzlich
    Sie stürzen sich in die Arme und selig spürt jede den nackten heißen Leib
der andern
Lucrezia ließ sich aus diplomatischen Gründen ohne Widerrede und ohne dass sie
ihn auch nur gesehen hätte fünfzehnjährig mit Giovanni Sforza in absentia
vermählen
    Wenn er kein Borgia ist so ist ein Mann wie der andere Wenn er einmal die
Woche badet sich zweimal täglich den Mund spült und dreimal des Nachts seine
eheliche Pflicht erfüllt wird sich mit ihm leben lassen
    Einige Wochen nach der Hochzeit verfolgte sie auf einem Spaziergang rechts
des Tibers ein stattlicher junger Mann dem sie nicht zu entgehen vermochte
    Sie floh in einen Olivenhain
    Der Jüngling folgte ihr
    Da er ihr gefiel gab sie sich ihm hin
    Erst später als er sich vorstellte zeigte es sich dass es Giovanni Sforza
ihr Mann war mit dem sie ohne es zu wissen die Ehe vollzogen hatte
    Diese Ehe sollte nicht lange dauern Die Gründe die Rodrigo zu dieser Ehe
bewogen hatten bestanden bald nicht mehr
    Die Sforza konnten ihm nicht mehr von Nutzen sein
    Er hatte sich getäuscht
    Er korrigierte sich sofort
    Er ließ von einem Kardinalskollegium die Ehe der Lucrezia Borgia und des
Giovanni Sforza wegen »impotentia coeundi« des Ehemannes trennen
 
                                       XI
Cesare wird vom Vater zum geistlichen Stand bestimmt während Juan der
Erstgeborene die weltliche die politische Karriere einschlägt
    Cesare soll in Perugia der Hauptstadt Umbriens Jura und Theologie
studieren Als Hofmeister wird ihm der Spanier Francesco Remolino beigegeben
    Cesare bildet sich zum vollkommenen Kortegiano zum Mann von Welt aus
    Er reitet schwimmt tanzt
    Er liest die griechischen und lateinischen Klassiker vor allem Cäsar
Livius und Herodot
    Er ficht Florett und Degen
    Er springt ringt singt
    Man muss so sagt er zu Francesco Remolino sein Leben als schönes Kunstwerk
leben Hässliche Dinge lässt man die anderen tun
    Sein liebster Umgang war ein verwachsener Zwerg namens Gabriellino den er
unterwegs auf der Reise wie eine vom Baum gefallene Nuss aufgelesen hatte
    Sie gab ihm manches zu knacken
    Eure Herrlichkeit sind wohl nach Perugia gezogen um eine Grabstatt für dero
Herrn Vater ausfindig zu machen Zum Begraben ist Perugia gar nicht so
ungeeignet
    Der Jüngling runzelte die Stirn
    Wie meinst du das
    Nun Perugia ist der bevorzugte Friedhof der Päpste Innozenz III Martin
IV Benedikt XI liegen hier im Dom begraben Die beiden ersten sogar Wange an
Wange dh Staub an Staub in der gleichen Urne Ich habe mir schon oft gedacht
was das am Jüngsten Tag wenn die Posaune ertönt für ein Durcheinander geben
wird Die beiden werden sich in ihrem Staub miteinander nicht mehr auskennen
Vielleicht werden sie als Wunderpapst ein Papst mit zwei Köpfen auferstehen
    Cesare lachte
    Du hattest mir für den Abend ein hübsches Mädchen versprochen Geh hol sie
mir
    Der Zwerg griente
    Ich werde Euch ein weibliches Wundergeschöpf vorstellen Zwei wunderschöne
Schwestern  zwei Leiber  und kein Hirn zwei Seelen  und kein Gedanke Euer
erlauchter Bruder der nicht umsonst den Namen Don Juan trägt würde 
    Schweig unterbrach ihn zornglühend Cesare schweig mir von meinem Bruder
Ich will nichts von ihm wissen
    Und ungelesen zerriss er einen Brief Juans den er soeben erhalten hatte
    Der Zwerg watschelte davon
                                      XII
Zwischen Tiber Pincio und dem Kapitol drängt sich in einem Tal Rom die ewige
die heilige Stadt
    Die Straßen sind eng schmutzig schlecht gepflastert Bei Regenwetter
versinkt man ohne hohe Stiefel im Morast
    An der Piazza Giudea liegen die Handelshäuser Im Rione di Ponte
domizilieren die Handelsherren und Bankiers Im Rione di Tarione hausen
Prälaten Buchhändler Literaten Künstler Kurtisanen
    Es gibt keine Nachtbeleuchtung Zwischen dunstigen ärmlichen Häusern
steigen plötzlich üppige Paläste und stolze Kirchen empor
    Die Ruinen der Vergangenheit begegnen einem auf Schritt und Tritt
    Auf dem Forum weiden Gänse und Ziegen Um die Trajanssäule haschen sich die
Kinder 50000 Einwohner zählt Rom  den dritten Teil von Venedig
Durch ein Seitentor verließ Rodrigo Borgia seinen zwischen Engelsbrücke und
Kampo dé Fiori gelegenen Palast völlig unkenntlich nur ein paar Lumpen
umgehängt aber unter den Lumpen den Toledaner Dolch Er strich durch das
Viertel Ponte
    An Kirchentüren blieb er stehen und bettelte
    Wie war die allgemeine Volksstimmung  für oder wider den Papst Sixtus IV
    Die Orsini waren für ihn
    Die Kolonna und Savelli gegen ihn
    Hehe  und die Borgia
    Er drückte seinen zerrissenen Kalabreser Hut tiefer in die Stirn
    Hier in Ponte auf dem Monte Giordano herrschten die Orsini
    Rodrigo Borgia schlich um die Torre di Nona und den Monte Giordano wo
Adriana Orsini wohnte wie der Kater um den heißen Brei
    Man müsste die Vanozza vor den Orsini schützen  aber auch vor den Margana
Palle Savelli Cesarini Barberini
    Für sie hatte es nur Borgia zu geben große und kleine Sie selbst war dazu
da Borgia zu gebären Denn es sollte ein Geschlecht erzeugt werden fähig Rom
und alle Tore der Erde aus den Angeln zu heben Außer ihm Rodrigo Borgia dem
Ahnherrn der Borgia und Schöpfer einer neuen Welt waren bereits durch ihre und
Gottes Hilfe Juan Cesare und Lucrezia Borgia in dieses Leben getreten
ausersehen es bunt und prächtig zu gestalten und alle niederen menschlichen und
tierischen Wesen zu regieren und zu leiten mit Hochherzigkeit Kühnheit
Klugheit Schönheit aber auch mit unerbittlicher Strenge und Härte bei
unbotmässiger Auflehnung
    Gegen Gott und Borgia darf niemand löken Juan Cesare Lucrezia Ihr werdet
Borgias Bannerträger sein
    Für euch für Borgias Ruhm habe ich allen meinen Reichtum gescharrt und
gekratzt und gehäuft Valencia und Kartago sind meine Bistümer und senden mir
Tribut und hundert Abteien Spaniens und Italiens Warum habe ich das Amt eines
Vizekanzlers usurpiert Um euch jährlich zehntausend Goldgulden sammeln zu
können
    Zehntausend Goldgulden murmelte er vor sich hin und drehte bettelnd seinen
Hut vor Santa Maria del Popolo
    Dann trat er in eine Osteria  in eine der Osterien deren Pächterin noch
von früher die Vanozza war
    Er trank einige Viertel Barberino und fing dann zu grölen an
    Die Vanozza ist eine Hure Wovon lebt sie he Von der Hurerei mit diesem 
und er spuckte dreimal aus  sogenannten Kardinal Rodrigo Borgia einem hol
mich Gott verdammten spanischen Intriganten Es wird kein gutes Ende nehmen 
mit ihr nicht und mit ihm nicht Warum rennt ihm ihr hochachtbarer Gatte Signor
Giorgio di Croce nicht ein kaltes Eisen zwischen die Rippen
    Rodrigo Borgia zog unter den Lumpen seinen Dolch hervor und fuchtelte damit
herum
    Wenn ich diesem  er spuckte wieder aus  Borgia einmal allein begegne so
werde ich ihm mit diesem Messerchen ein wenig die Gedärme kitzeln Der Kerl soll
an mich denken 
    Von allen Seiten in der Schenke machte es Psst Psst Psst
    Er schrie so laut dass mans bis auf die Straße hörte
    Jeder soll es hören schrie er dass der Kardinal Rodrigo Borgia ein Lump und
die Vanozza eine Kapitalshure ist Jeder Meint Ihr sie betrüge ihren
hochachtbaren Gatten nur mit diesem Borgia Weit gefehlt Da haben wir einmal
die spanischen Senores Juan López Marades und Taranza die bei ihr verkehren 
hihi verkehren  Auch von den edlen Familien der Barberini Cesarini Orsini
Torcari dürfte mancher männliche Spross schon Wurzeln in ihr geschlagen haben 
    Jetzt ists aber genug du Lästermaul schrie der riesige Wirt der Taverne
Du bringst mir noch meine hochangesehene Schenke mit deinem greulichen Gebrüll
bei allen ehrenwerten Bürgern in Verruf Was gehen mich die Vanozza und der
Kardinal Borgia an Hinaus
    Und er packte Rodrigo Borgia um die Hüften und warf ihn hinaus auf das
Pflaster wo er einige Sekunden wie tot liegen blieb sich humpelnd erhob und
erst hinter einigen Strassenecken in seinen gewöhnlichen schlendernden Gang fiel
 
                                      XIII
Rodrigo Borgia sitzt mit feistem festem Arsch unter fünf Päpsten auf dem Stuhle
des Vizekanzlers
    Er ist nicht herunterzukriegen
    Er hockt wie eine brütende Ente  er brütet die Zukunft der Borgia  er
sitzt und wartet
    Der Humanist Pius II versucht den Sultan Mohammed brieflich zum
Christentume zu bekehren und stirbt
    Hehe 
    Der eitle Paul II versteht wenig Latein sammelt Münzen und Bilder um
hinter den Medici nicht zurückzustehen und stirbt
    Hihi 
    Der jähzornige Sixtus IV baut die Sixtinische Kapelle führt Kriege auch
mit Florenz und den Medici die unüberwindlich scheinen und stirbt
    Oho
    Rodrigo Borgia beginnt aufzumerken Sixtus ist ein Mann der es mit der
kirchlichen Seite des Papsttums nicht mehr sehr genau nimmt Er drückt ihm ganz
den Stempel des Politischen auf
    Mit scheinbar schläfrigen Augen sieht Rodrigo Borgia umher nach
Kardinalsgenossen die ihm helfen könnten
    Er tut dem und jenem diesen und jenen »Gefallen« schenkt ihm eine Perle
einen persischen Teppich eine Pfründe und verspricht ihm das Tausendfache
    Dieser Innozenz VIII haha lebt ja wohl nicht ewig Ein erbärmliches
feiges Hündchen aber er zeigt wie mans machen muss Er gibt Absolution und
Pardon selbst bei Mord und Totschlag gegen entsprechende Taxen
    Er stirbt
    Rodrigo steht an seinem Sterbebett und fühlt seine Zeit gekommen
    Er drückt ihm die Augen zu
    Er richtet sich hoch auf als er von dem Toten geht Es scheint allen als
sei er plötzlich gewachsen Seine Augen sprühen Feuer
Das Konklave beginnt
    Rodrigo Borgia ist Spanier
    Die meisten italienischen Kardinale sind der Meinung dass die Tiara einem
Italiener gebühre
    Sie sind gegen den »Ausländer«
    Schon sind drei Skrutinien ohne positives Ergebnis vorübergegangen
    Zwischen Kardinal Kosta und Kardinal Karaffo scheint die Entscheidung zu
liegen Es wurden Wetten auf sie abgeschlossen Auch Borgia selbst ließ unter
der Hand hohe Wetten abschließen Auf sich selbst
    Golden aus schwarzem Hintergrund trat plötzlich der Borgia hervor Er geht
von einem Kardinal zum andern und trägt auf seinen Händen alle Reichtümer der
Welt bereit sie unter sie zu streuen Er ist der große Verführer Er führt sie
auf die Hügel um Rom und zeigt ihnen Rom zeigt ihnen Italien zeigt ihnen die
Welt
    Du Orsini bekommst das Bistum Kartagena Du Kolonna die Abtei Subiaco
Savelli mein Freund dir gebührt Civita Kastellana und das Bistum Maiorca Das
Bistum Pamplona üppig wie sein Name ist dir vorbehalten Pallavicini Riario
Sanseverino Ihr werdet alle zu dem Euren kommen Du Ascanio Sforza du bist
der Edelste Einflussreichste Würdigste Dich will ich überschütten mit Gold und
Gnade  wenn erst die Tiara mein Haupt schmückt Meinen eigenen Palast sollst du
haben mein ertragreiches und bequemes Amt des Vizekanzlers das Bistum von
Erleu das dir 10000 Golddukaten mindestens bringt  und viele andere Benefizien

    So ging der Borgia von einem zum andern und gewann vierzehn Stimmen
    Vierzehn Stimmen
    Er frohlockte Nur eine einzige fehlt mir noch  und ich bin der Papst der
papa di Roma ein Borgia der Stellvertreter Christi auf Erden ein Borgia wird
Gott
    Aber zu wem er nun noch ging Piccolomini Zeno der junge Giovanni di
Medici den er fast liebte  sie drehten ihm den Rücken
    Karaffa und Kosta bei Beginn des Konklave die aussichtsreichsten
Kandidaten waren enttäuscht dass die Tiara ihnen entschwebte und wollten nichts
von ihm wissen
    Es blieb schließlich nur einer der unschlüssig war auf welche Seite er
sich schlagen solle Es war der fünfundneunzigjährige Kardinal Gherardo
    Rodrigo Borgia stand vor ihm und sah ihm in die gierig gespannten
Habichtaugen die aus einem Haufen zerknitterter Haut hervorsahn
    Der Mann ist alt dachte Rodrigo Borgia uralt Er hat sein Schäfchen schon
im Trockenen Was könnten ihm ein paar Pfründen und Benefizien noch nützen Gar
nichts Es verlohnt nicht sie ihm anzubieten Er würde ihn auslachen Ist er
Kunstliebhaber Ein hübsches Bild  eine Statue  Er kam davon ab Diesem
alten halbtoten Mann musste man etwas Lebendiges versprechen Das Leben selbst
Und wer war das Leben selbst Wer anders als eine junge Frau ein junges
Mädchen Eine Fleischblüte Ein Nelkenmund Zwei Schlingarme Zwei Brustknospen
Ein moosiger Schoss Der Kardinal Borgia zog den Kardinal Gherardo zu sich heran
er flüsterte ihm ins Ohr
    Wenn Ihr mir heute im Konklave Eure überaus wertvolle Stimme gebt so wird
morgen kurz nach Mittag 
    Die weiteren Worte verliefen sich im Ohr des Gherardo und sie schwollen erst
wieder hörbar an gegen Schluss des Satzes
    So wahr mir Gott helfe
    Die Habichtaugen des Greises funkelten den Borgia an
    Durch messerscharfe Lippen pfiff es wie ein Vogelpfiff
    Amen
 
                                      XIV
In der Frühe des 11 August 1492 sprang das Konklavefenster auf
    Rodrigo Borgia war als Alexander VI zum Papst gewählt worden
    Alexander VI verkündete sofort dass er für Santa Maria del Popolo die ihn
beschirmt und geführt einen neuen Altar und eine Orgel stifte
    Das Volk applaudierte Er erteilte von der Benediktionsloggia urbi et orbi
den feierlichen Segen
    Ich segne die Stadt
    Ich segne das Land
    Ich segne Italien
    Ich segne die Welt
Um zwei Uhr nach dem Mittagessen draußen brütete die Augustsonne drinnen im
Palast hatte alles die Fensterläden heruntergelassen und schlief
ging Lucrezia Borgia die Tochter des Papstes
    durch die dunklen Gänge des Vatikans
    durch die da und dort grüngoldene Lichter blitzten
    in die Gemächer des Kardinals Gherardo Sie ging ruhig mit zarten aber
festen Schritten
    Vor der Tür zögerte sie nur einen Moment und trat dann ohne Anklopfen ein
    Der uralte Kardinal erhob sich aus seinem Lehnstuhl Eine purpurne Röte
schoss in seine Stirn um sofort einer Totenblässe Platz zu machen
    Er hob mit Anstrengung nochmals die Augenlider das Wunder von Mensch das
Wunder von Mädchen vor sich zu betrachten
    Sie hatte nur einen kleinen Brokatmantel umgeschlungen der ihr kaum bis auf
die Knie ging
    Sie öffnete ihn und stand nackt vor ihm Da blühte sie die schönste Blüte
der Natur: die Blume Frau Ein Nelkenmund Zwei Brustknospen Ein moosiger
Schoss
    Er hob noch einmal die Arme
    Dann brachen ihm die Knie
    Er fiel in den Ledersessel zurück
    Der Kopf schlug hölzern auf die Tischkante
    Lucrezias Augen öffneten sich zuerst ein wenig erstaunt Dann schloss sie den
Mantel und trat auf den toten Kardinal zu Sie schloss ihm mit leichter fast
zärtlicher Handbewegung die Augen
    Sie machte das Kreuz über ihn nahm von den Näschereien die in einer
kleinen silbernen Schüssel augenscheinlich für sie bestimmt auf dem Tisch
lagen und ging mit zarten aber festen Schritten wie sie gekommen war
 
                                       XV
Alexander VI ist außer sich vor Glück Er hat das höchste Spiel mit dem
höchsten Einsatz gewonnen
    Wir sind im Anmarsch wir Borgia Im Anmarsch Gott zu Deinem Thron Wir
haben die erste Sprosse der Jakobsleiter schon betreten
    Nun geht es aufwärts unaufhaltsam aufwärts durch Wolken und Winde
Gewitter und Hagel Blitz und Sterne hindurch
    bis zu Dir denn Du bist der Vater im Himmel
    und der Vater der Borgia
    Wenn wieder ein Gottessohn auf die Erde steigen wird die Menschheit zu
erlösen so wird es ein Borgia sein
    Rom machte Cäsar groß aber nun hebt Alexander
    kühn es zum Gipfel empor Mensch jener  dieser ein Gott
    So jubelte und lästerte der Papst
    Ich werde Juan zum weltlichen Herrscher Italiens machen Cesare soll bald
den Kardinalshut bekommen und mir einmal als Papst nachfolgen Ich will den
päpstlichen Thron erblich machen Er soll in alle Zukunft den Borgia gehören
Cesare muss der dritte Borgiapapst werden
    Füttere Tauben Kindchen sagte er zu Lucrezia die neben ihm auf dem Balkon
des Vatikans stand und hinunter auf den Petersplatz sah wo ein Hund und eine
Hündin die sich eben geliebt hatten nicht auseinander kamen und sich schon zu
hassen begannen  füttere Tauben Die Taube ist der mystische Vogel der
Heiligen Dreifaltigkeit Wir müssen ihm was zu picken geben
Der Stier ist das heraldische Tier der Borgia Pinturicchio muss in den
Wohngemächern des Papstes Fresken malen die die Prozessionen der Apisstiere
darstellen Rodrigo Borgia nunmehr Papst Alexander VI veranstaltet zu Ehren
seiner Wahl und zur Freude des italienischen Volkes und Pöbels
    eine Korrida
    einen Stierkampf
    in den Ruinen des Kolosseums das zur Plaza de Toros wird
    Ich bin ein Spanier sagt der Papst Ich will meine spanischen Vergnügungen
nicht mehr missen Lange genug habe ich sie entbehren müssen Ich will den
Römern eine festa di Borgia geben Cesare Borgia sein Sohn schritt in
spanischer Tracht als Toreador an den Tribünen vorbei mit gesenktem Degen und
die Herzen der schönen Frauen schlugen stärker wo er vorbeikam
    Che bellezza
    Lucrezia warf ihm gelbe Rosen zu
    Sie saß links neben dem Papst in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen
Prunkloge Rechts neben ihm saß Julia Farnese in ihrer neunzehnjährigen
Schönheit die ihn bis zur Raserei entzündete Sie versagte sich ihm noch immer
Der Papst hatte schon seine Zuflucht zur Mandragora zum Liebestrank genommen
den sein Leibarzt aus einer von einem schwarzen Hund bei Vollmondschein aus der
Erde gezogenen Alraunwurzel gewonnen hatte Aber der Trank hatte bisher nicht
gewirkt
    Lucrezia wandte sich an den Papst
    Höre papa di Roma e papa di Borgia der Stier tut mir so leid Gib ihm doch
vor dem Tod noch eine Kuh Es stirbt sich dann leichter
    Der Papst lachte
    Julia errötete
    Dein Wille geschehe  wie im Himmel also auch auf Erden
    Er ließ drei Kühe in die Arena treiben und alle drei besprang der rasende
tobende Stier
    Die Galerie brüllte
    Julia hielt die Augen geschlossen
    Dann wurden die Kühe hinausgetrieben und die Picadores ritten in die Arena
Sie reizten mit kurzen Lanzenstichen vom Pferd herab den Stier der sie mit
gesenkten Hörnern schnaubend anging
    Es kam der Schwarm der Banderilleros zu Fuß sie stießen dem Stier die mit
Widerhaken versehenen Banderillas ins schon zuckende und blutende Fleisch Mit
dem Schwarm der Banderilleros kamen Schwärme von Fliegen die sich in die Wunden
des Stieres krallten oder ihn surrend umschwirrten
    Durch Schwingen roter Mäntel suchten Kapeadores den Stier von einem
gefährdeten Picador abzulenken
    Zu spät
    Der Stier hatte seinem Pferd schon die Hörner in den Bauch gebohrt und warf
Pferd und Reiter wie Bälle in die Luft
    Mit seinen erhobenen Hörnern fing er den Picador auf dem sie in den Rücken
drangen Dann schleuderte er ihn in den Sand der sich rot zu färben begann
    Ein Entsetzensschrei brach aus dem Publikum da kam Cesare Borgia gelaufen
    In der Linken trug er einen Stock an dem ein Fetzen rotes Tuch flatterte
und mit dem er im Zickzack den Stier hier und dorthin lenkte
    In der Rechten hielt er fest die Espada
    Als der rasende Stier gerade vor ihm stand und die Hörner senkte stieß
Cesare ihm plötzlich den Degen zwischen den Hörnern durch
    Der Stier schwankte und zitterte
    Er hob den Kopf und sah mit glasigen Augen in die grelle Sonne
    Er fühlte noch einmal die wohlige Wärme des göttlichen Gestirns dann brach
die ewige Dunkelheit in seine Augen
    Er stürzte von der riesigen Faust des Todes niedergedrückt platt zu Boden
    Cesare hob den Degen und grüßte zur Papstloge
    Lucrezia war blass vor Angst
    Der Papst war in der Erregung des Kampfes aufgestanden
    Jetzt klatschte er besessen in die Hände und alles Volk fiel applaudierend
ein
Am nächsten Tag wurde Cesare gegen den Willen des Kollegiums mit dem Purpur
des Kardinals geschmückt obwohl er nie die Weihen empfangen hatte
    Cesare ging zum Barbier
    Scher mir eine Tonsur Aber nicht zu groß Damit ich sie bald wieder
zuwachsen lassen kann
 
                                      XVI
Julia die Schöne liebte Orso den einäugigen den Sohn der Adriana
    Als der Papst davon erfuhr richtete er ihnen eine prächtige Hochzeit und
traute sie höchstselbst
    Alexander Farnese Julias Bruder ernannte er zum Kardinal Der Volksmund
pflegte ihn bald Kardinal Fregnese zu nennen
    Der Papst veranlasste dass das junge Ehepaar im Palaste San Martinelli
Wohnung nahm der dicht beim Vatikan gelegen ist Eine Pforte führte von ihm in
die vatikanischen Gärten
    In einer Vollmondnacht ohne Alraunwurzel und schwarzen Hund ergab sich
Julia die Junge Alexander dem Alten
    Orso der Einäugige erblindete
    Alexander Borgia ließ Julia Farnese als lebendige Heilige in feierlicher
Prozession im Reliquienkasten einhertragen
Alexander Borgia hatte das Vertrauen auf die Mandragora verloren und beschloss
in Zukunft wie bisher nur an sich selbst zu glauben und jedem andern Glauben
abzusagen
    Während die Menschen seiner Zeit in Aberglauben verrannt waren machte es
Alexander Borgia von nun an Vergnügen alle Dämonen der Unterwelt und Oberwelt
keck herauszufordern
    Sein Schlafzimmer hing voll ausgestopfter Unglücksvögel voll Eulen
Kuckucken Fledermäusen
    Eine weiße Rose die Totenblume lag jeden Abend auf seinem Kopfkissen
    Er liebte es im Kreise von dreizehn Personen zu speisen Die Bestecke bei
Tisch waren kreuzweise übereinandergelegt Bei Beginn des Mahles pflegte er
scheinbar unachtsam Wein auf das Tischtuch zu vergießen
    Er liebte es wenn ihm Katzen über den Weg liefen
    Und freute sich wenn er einer hübschen Nonne begegnete
    Meist nahm er sie gleich mit in den Vatikan oder wenn es zu weit war ging
er mit ihr in die nächstgelegene Kirche in einer Seitengalerie sich mit ihr zu
vergnügen
    Der Deutsche Dr jur et teol Johannes Burcardus aus Hasslach bei Strassburg
schrieb über den neuen Papst ein Flugblatt in gemeiner deutscher Sprache das in
Deutschland weiteste Verbreitung fand und dem Papst viele Freunde gewann
    »Der neue babst ist ein man groß gemüets und großer klugheit Er ist ein
nachfolger babst Kalixti seines  vetters seliger gedechtnus in Weisheit tugent
und aufrichtigem leben In ime ist holdseligkeit glawbwirdigkeit
gottesdienstlichkeit und kundschaft aller der ding die zu einem solchen hohen
stand gepürlich sind Wir hoffen dass er dem gemaynen christlichen stand
fürderlich und nutzper sein und über die geferlichen meerfelsen wandern und die
himmlische glori ergreifen werd«
    Johannes Burcardus wurde alsbald vom Papst an den päpstlichen Hof zum
Schreiber im päpstlichen Zeremonienamt und zum Hofzeremonienmeister berufen
    Die Schriftsteller sind es die den Ruhm machen sagte er zu Cesare
    Johannes Burcardus war dem Papst devotest zugetan und untertan und führte
ein schlichtes ehrliches deutsches Tagebuch der täglichen vatikanischen
Begebenheiten
    Er aß und trank gern gut besonders rote Weine und zog sich neben der Gunst
des Papstes eine dunkelrote Barberinonase und den Spottnamen Johannes der Säufer
zu
    Aber in besonders wichtigen und diskreten Angelegenheiten traute der Papst
auch ihm nicht In solchen Fällen pflegte Alexander Borgia ihm zwei drei Briefe
mit dem entgegengesetzten Inhalt zu diktieren und er ließ ihn im Ungewissen
welchen er schließlich abschickte
                                      XVII
Einige Tage nach seiner Wahl zum Papst beschied Alexander Cesare und Lucrezia in
sein Schloss von Nepi
    Er schickte für einen Nachmittag sämtliche Bedienstete fort und es blieb
niemand im Haus als die drei Borgia
    Sie saßen im großen Saal um den großen Tisch auf dem die Karte Italiens
ein Globus und ein Totenkopf lagen
    Niemand lauschte ihnen als die dicken Mauern
    Ein Sonnenstrahl fiel durch das schmale Fenster auf den Scheitel Lucrezia
der hell aufleuchtete
    Mit Wohlgefallen betrachteten sie Alexander und Cesare
    Im Strahl tanzte eine grüne spanische Fliege
Als der Papst die erste offizielle Messe las bestiegen mit ihm die schönsten
Frauen Roms die Sitze der Chorherren von Sankt Peter Ich will die Priester
diese grauen Raben nicht zu dicht vor mir sehen sie riechen auch schlecht die
ungewaschenen Heiligen mir und Gott wohlgefälliger sind die wohlduftende Julia
Farnese meine innigst Geliebte meine Madonna die ich malen lassen werde mich
selbst davor in Anbetung versunken Lucrezia mein Töchterchen und all die
anderen reizenden Rotkehlchen Nachtigallen und Kolibris
    Sie zwitscherten und lächelten und lachten in seine Messe hinein
    Sie lächelten nach oben er nach unten
    und Julia Farnese warf eine Kusshand in sein Amen 
    Unter dem Publikum das die Kirche füllte und diese Messe mit Erstaunen
teils und teils mit Abscheu sah befand sich der Florentiner Mönch Fra Girolamo
der während der unheiligen Handlung ohnmächtig zu Boden stürzte und von seinen
Nachbarn hinaus ins Freie getragen werden musste Sie ließ ihn zwischen den
Säulen der Vorhalle liegen
    Als er erwachte und aus einem wahnwitzigen Traum zu erwachen glaubte
    stand er auf
    und lehnte sich an eine Säule
    Die Tränen rannen ihm als er wieder zu sich kam und er umarmte die Säule
und küsste sie
    O Säule Wie froh bin ich dass du kein Mensch bist Sei auch du dessen froh
Du hast keine Augen die Schande Roms und der Welt zu sehen Du hast kein Herz
die Qual dieses Lebens zu empfinden
    O Stein o kühler Stein o lieber Stein Kühle meine heiße Stirn hinter der
das Fieber brennt und die Simsonsehnsucht dich und alle Säulen dieser Kirche an
mich zu reißen dass Sankt Peter über den Papst und seinen Päpstlingen krachend
zusammenstürze
    Aber ach  er presste seufzend die Säule an seine Brust  ich bin zu
schwach
    Zu schwach und zu feige
 
                                     XVIII
Audienz beim Papst
    In langer Reihe vom Magister ceremoniarium Hof und Zeremonienmeister
Burkhard geleitet einem dürren phlegmatischen Mann der unfähig war sich zu
wundern und alle Ereignisse des Lebens mit dem gleichen Gleichmut an sich
vorüberziehen ließ 
    so auch diese Reihe Menschen
    zogen sie vorüber und küssten auf türkische Art den Boden zu Seiner
Heiligkeit Füßen  Geistliche Nonnen Ritter Bauern Frauen Damen Huren
    Auf letzteren weilte das Auge des Papstes mit besonderem Wohlgefallen
    Er sprach mit der einen und andern ein paar halblaute Worte nannte eine
jede Magdalena und bestellte sie in den Vatikan die eine um vier die andere um
fünf die dritte um sechs
    Man kann nicht zuviel von einem Gang vertragen Abwechslung macht die Küche
reizvoll Ein Schnepfchen ein Hühnchen ein Täubchen Das schmeckt Aber drei
Täubchen  die verderben einem den Magen Als letzter der Reihe der Papst
wollte sich schon zurückziehen trat der Florentiner Mönch Fra Girolamo auf ihn
zu
    Er warf sich nicht wie die andern zu Boden Er küsste nicht den Saum seines
Mantels oder seine Sandalen
    Er blieb stehen und in seinen glühenden Augen brannte eine Forderung mehr
als ein Wunsch
    Der Papst räusperte sich
    Ja  also  du bist der Letzte Was willst du mein Sohn
    Der Mönch erwiderte
    Du bist der Erste  und siehe an  denke nach was du tust
    Der Papst
    Willst du ein philosophisches Gespräch mit mir führen Ich habe keine Zeit
Mein hohes Amt 
    Du hast keine Zeit  und willst die Ewigkeit erringen und begreifen die aus
nichts als Zeit und Zeit und Zeit besteht Man muss Zeit haben um die Ewigkeit
zu haben Der Mönch sprach in einem singenden melodischen Tonfall der den
Papst einzulullen begann
    Ja ich höre sagte der Papst ich höre Und er hörte den römischen Brunnen
des vatikanischen Gartens rauschen
    Weißt du fuhr der Mönch fort wie tief du dein hohes Amt erniedrigt hast
    So tief dachte der Papst so tief  er war auf eine sonderbare Art bewegt
den Anklagen des Mönches widerstandslos beizupflichten
    Durch schändliche Simonie hast du die Tiara erworben   durch Stimmenkauf
 o Schande über die Kardinale die sich kaufen ließ Du handelst mit
Kardinalshüten wie ein Mützenmacher mit Hirtenstäben wie ein Schreiner Du
buhlst mit allen Huren Roms und nachts schläft der Teufel in weiblicher Gestalt
bei dir Du streust den verfluchten Samen der Borgia in alle Himmelsrichtungen
Zahllos und unzählbar sind deine Töchter und Söhne Es gelüstet dich auch sie
zu verführen Töchter und Söhne du stillst deine Triebe ja nicht nur bei den
Weibern  auch junge Burschen und Mönche und Ziegen und Hennen sind dir
erwünscht Es steht eine junge Stute in deinem Stall sie wird in Milch gebadet
und mit Wein abgerieben Es ist deine Geliebte
    Borgia Borgia Steig hernieder vom angemassten Thron und erweise Gott dem
Herrn und Herrscher wieder die Ehre die ihm gebührt Lass freiwillig fahren was
deine Gold und Machtgier sich angemasst Geh mit Cesare mit Lucrezia und den
Deinen aus freien Stücken in die Verbannung Dann mag ein ökumenisches Konzil
über den verwaisten Papsttron beschließen und ihm den würdigen Nachfolger Petri
geben
    Der Papst hatte sich vom Sessel erhoben Dann fiel er vor dem Mönch nieder
und küsste den Saum seiner Soutane
    O  welch ein herrliches Gefühl war in ihm  wie süß einmal erniedrigt zu
sein  die Wonnen der Erniedrigung zu schmecken getreten zu werden beschimpft
und bespien
    wie einst Christus als er sein eigenes Kreuz zur Richtstätte schleppte
    Ja zertritt mich schrie er zum Mönch empor bespei mich geissle mich mit
Dornen und Ruten Ich will tun wie du gesagt Von dannen gehen in die Wüste
fliehen Erhebe doch die Faust und lass sie auf meinen tonsurierten Kopf
niedersausen wie einen Hammer Ich will dein Amboss sein Speichel lief ihm aus
den Mundecken
    Er fühlte wie er der Erlösung nahe war  ah  jetzt  jetzt 
    Apage Satanas schrie entsetzt der Mönch schlug das Kreuz und floh
    Er sah nicht wie der Papst sich erhoben hatte und ihm lächelnd eine
geballte Faust nachsandte
Auf den Korridoren des Vatikans begegnete Lucrezia dem Mönch wie er umherirrte
Er fand den Ausgang nicht 
    aus dem Vatikan nicht 
    und nicht aus den Irrwegen seiner Seele
    Sie hielt ihn an
    Wo willst du hin Zum Heiligen Vater
    Ich komme von ihm
    Nun und jetzt
    Er verstummte
    Ihre Schönheit brannte wie eine Fackel in der Dämmerung vor ihm auf
    Möchtest du nicht auch der unheiligen Tochter des Heiligen Vaters deine
Aufwartung machen
    Sie lächelte ihm zu
    In diesem Lächeln war Gewähren noch ehe er verlangt hatte Erfüllung noch
vor der Sehnsucht Liebe noch vor der Begierde
    Sie sah den Gang nach links und rechts schnell herauf
    Komm  und sie zog den nicht Widerstrebenden in eine Seitenkammer die
voller Gerümpel war alte Bilder Kommoden Fahnen Gipsabdrücke
    Sie riegelte ab
    Im Halbdunkel sah er eine nackte weiße Figur vor sich
    Es war ein Gipsabguss nach einer Statue die Umberto von Lucrezia gemacht
hatte
    Willst du den Stein lächelte Lucrezia oder willst du mich Du darfst
wählen
    O Stein o kühler lieber Stein
    Und er barg den Kopf in den Schoss der steinernen Lucrezia
 
                                      XIX
An Mariä Verkündigung zog der Papst im feierlichen Zug der Kardinale Prälaten
und Adeligen nach Santa Maria sopra Minerva
    Er hielt das Hochamt und schenkte nach alter Sitte hundertfünfzig armen
Mädchen die Aussteuer
    Sie mussten nach Vollzug der feierlichen Handlung an Alexander vorüberziehn
ein Zug des Harmes des Leides der Hässlichkeit und Schönheit
    Alexander musterte sie sehr aufmerksam Die fünf Schönsten beschied er zur
Privataudienz in den Vatikan
    Auf dem Rückweg harrten die Juden an der Tiberbrücke geduckt und demütig des
Papstes Sie waren aus den dunklen Winkeln ihres Ghettos gekrochen wie
Maulwürfe
    Sie standen dichtgedrängt wisperten und flüsterten
    Als der Papst über die Brücke geritten kam warfen sie sich alle vor ihm
nieder
    Der Älteste der Judenschaft ein gewisser Ephraim trat hervor und
überreichte ihm die jüdische Gesetzesrolle den in Gold gebundenen Pentateuch
    Er bat in devoten wimmernden Worten den Juden das Gesetz Mose zu
bestätigen Der Papst nahm die Rolle betrachtete einen Augenblick wohlgefällig
das Gold zögerte sprach
    Konfirmamus sed non consentimus  und ließ die Rolle in den Staub fallen
    Dann ritt er weiter
    Am Nachmittag des gleichen Tages mussten die Juden mit Pferden Eseln
Büffeln um die Wette laufen
    Die Rennbahn ging vom Arco Domiziano bis zur Kirche San Marco
    Manche der Juden wurden vorher betrunken gemacht oder vollgestopft wie
Mastgänse so dass sie während des Rennens zu kotzen und zu scheissen begannen
    Der Papst saß am Ziel bei der Kirche San Marco und lachte dass ihm die
Tränen über die Wangen liefen
    Den ersten Preis ein Stück rotes Tuch gewann ein Jude der sich an den
Schwanz eines Pferdes gekrallt hatte und kurz vorm Ziel auf das Pferd und über
den Hals des Pferdes gesprungen war so dass er als erster ankam
    Er wurde in einer gnädigen Laune des Papstes zum Fusskuss zugelassen
Es wurde im Vatikan ein Kind geboren von dem nach außen weder der Name der
Mutter noch der des Vaters verlautbart wurde Es erhielt in der heiligen Taufe
die der Papst selbst vornahm den heidnischen Namen Narziss und wurde im Volke
bald der römische Infant genannt
    Das Kind hatte sich der Gunst und Zärtlichkeit aller Borgia zu erfreuen
    Lucrezia hielt es oft auf den Armen trug es im Garten umher und spielte mit
ihm
    Cesare blieb wenn es ihm mit der Amme begegnete im Gang stehen und fuhr
mit seiner schmalen Hand dem Kind fast innig über den zart beflaumten
Hinterkopf
    Der Papst selbst kroch als der Knabe älter wurde mit ihm auf allen Vieren
auf dem Fußboden herum ließ ihn auf sich reiten und schnitzte ihm aus
Weidenruten Flitzbogen und Pfeile mit denen der kleine Narziss nach den
Heiligenbildern schoss und manchen Sankt Paulus und Sankt Johannes in einen Sankt
Sebastian verwandelte
    Im römischen Volk kam bald das Gerücht auf der geheimnisvolle römische
Infant sei der Sohn Lucrezias ihrem blutschänderischen Verkehr mit Alexander
oder Cesare entsprossen Denn mit beiden so munkelte man unterhalte sie ein
widernatürliches Liebesverhältnis das spanische Blut rase und glühe in den
Borgia bis zur Siedehitze und treibe sie einander zu wie brünstige Stiere zur
brünstigen Kuh Und so maßlos sei ihre verzehrende Gier dass sie nur
untereinander Erfüllung und Befriedigung fänden So dass nur ein Borgia eine
Borgia völlig zu lieben vermöge
 
                                       XX
Um diese Zeit sollte Lucrezia mit dem erlauchten Herrn Gasparro aus dem Hause
Proscida vermählt werden
    Es gingen allerlei Gerüchte über die Art wie der Plan dieser Eheschliessung
zustande gekommen sei und dass Lucrezia nach ihrem Vater mit dem Dolch geworfen
habe
    Sie bildeten auch die stoffliche Veranlassung zu dem ersten großen gegen
die Borgia gerichteten Pamphlet das in Flugblättern in Rom Neapel Florenz und
bis nach Deutschland und Frankreich Verbreitung fand
Der Titel lautete
                                IDYLL IM VATIKAN
                            Ein lustiges Trauerspiel
                                      von
                              einem der nicht den
                                  Ehrgeiz hat
                             genannt und  gehängt
                                   zu werden
                                        
                              Garten des Vatikans
                                        
 Lucrezia auf einer Schaukel Ihre Gouvernante Julia Alexander Borgia sitzt an
   einem Steintisch mit allerlei Dokumenten vor sich Gänsefeder schreibt
              rechnet isst währenddessen aus einem Korb Kirschen
ALEXANDER aufblickend Du solltest nicht so unzart schaukeln Lucrezia  du hast
ja fast nichts an  du bist ja halbnackt
LUCREZIA Die Nymphen  waren noch nackter 
ALEXANDER Da hast du recht  aber damals war die Nacktheit etwas Natürliches
und damals gingen die jungen Mädchen auch noch nicht darauf aus ihre Brüder und
sogar Väter zu verführen
LUCREZIA Was soll das heißen
ALEXANDER Das heißt was es heißt 
LUCREZIA schaukelt Ich fliege  fliege 
JULIA Bis in den Himmel 
LUCREZIA Bis in die Hölle 
ALEXANDER aufblickend Was soll das heißen
LUCREZIA Das heißt was es heißt 
ALEXANDER Willst du es mir nicht erklären
LUCREZIA Wozu
ALEXANDER Man beantwortet nicht eine Frage mit einer zweiten Frage 
JULIA zu Lucrezia Durchlaucht behnehmen sich gegen Seine Heiligkeit
unqualifizierbar  unqualifizierbar 
LUCREZIA Beiss dir nicht die Zunge ab Julia 
ALEXANDER Wenn du dich schon gegen mich schlecht benimmst so gewöhne dir gegen
deine Erzieherin gefälligst ein anderes Betragen an
LUCREZIA schaukelt
ALEXANDER Was hast du da vorhin gemeint mit der Hölle
LUCREZIA Dass wir alle einmal hineinkommen 
ALEXANDER Wer  wir alle
LUCREZIA Wir Borgia  an der Spitze Seine Heiligkeit Papst Alexander der
Sechste  Schaukelt
JULIA Das  ist  ja  unerhört  Tragen Seine Heiligkeit einer armen
Piemonteserin nicht die grenzenlose Unerzogenheit Ihrer Durchlaucht nach Ich
bin zuweilen machtlos
ALEXANDER Das sind wir alle gegen dieses  Geschöpf 
LUCREZIA Seine Heiligkeit haben mich ja  geschaffen hätten mich eben anders
machen sollen 
JULIA Lucrezia  Sie sind ein Teufel 
LUCREZIA Um so besser dann brauche ich nicht erst einer zu werden  wie 
ALEXANDER Wie
JULIA Nun 
LUCREZIA springt von der Schaukel Wie Cesare Zu Alexander Geben mir Eure
Heiligkeit ein paar Kirschen ab  ich esse sie am liebsten leicht angefault 
sind sie vergiftet Ich hoffe nicht Spuckt Julia einen Kern ins Gesicht
JULIA Eure Heiligkeit  ich bitte devotest um Entlassung aus dem päpstlichen
Dienst  meine Menschenwürde wird hier in unqualifizierbarer Weise mit Füßen
getreten 
ALEXANDER blickt auf Lucrezia Mit sehr hübschen Füßen 
LUCREZIA Schau Julia sei gescheit und bleib hier Was soll das heißen du
willst aus unsern Diensten treten Glaubst du dass du lebend nach Piemont
zurückkehrst Dann kennst du uns schlecht Du weißt zuviel von uns Julia um
uns nicht bei unsern Feinden gefährlich werden zu können Seine Exzellenz Cesare
Borgia und Seine Heiligkeit dort am Tisch würden dich nicht weit kommen lassen
An der ersten Tiberbrücke schon würde dir ein bedauernswerter Unfall zustossen 
kannst du schwimmen Sicher nicht Bleib bei mir Julia Ich rate dir gut Ich
behandle dich schlecht aber ich lass dich wenigstens leben Ja ich hab dich
sogar gern Weil ich dich gern hab muss ich dich quälen Aber um dich quälen zu
können muss ich dich am Leben haben Streichelt sie Weine nicht Julia Greift
wieder in den Kirschenkorb Mit uns Borgia ist nicht gut Kirschen essen
ALEXANDER Für deine Jugend sprichst du wirklich anmassend 
LUCREZIA Soll ich damit warten bis ich so alt bin wie Seine Heiligkeit Ich
hoffe bis dahin weniger anmassend zu sein
ALEXANDER Wem soll ich dich eigentlich zwecks Bändigung überantworten Einem
Mann
LUCREZIA Eure Heiligkeit waren Manns genug mich zu machen Eure Heiligkeit
sollten auch Manns genug sein mich  zu bändigen
ALEXANDER nimmt sein Käppi ab und wischt sich die Glatze Nein  nein  Lucrezia
 damals als ich dich machte bin ich mit dir fertig geworden  seitdem straf
mich Gott nicht mehr
LUCREZIA Ja Gott hat dich gestraft Mit Cesare und mit mir
ALEXANDER Hast du einmal daran gedacht dich zu verheiraten
LUCREZIA Oft
ALEXANDER Mit wem wenn man fragen darf
LUCREZIA Mit Cesare 
ALEXANDER Mit Cesare Bist du ganz von Sinnen Cesare ist dein Bruder 
LUCREZIA Nun  und warum nicht Er gefällt mir von allen Männern am besten
ALEXANDER Kein Kompliment für mich Hüte dich ihm das auch nur zu sagen Er
ist sowieso schon grössenwahnsinnig und eingebildet genug 
LUCREZIA Eure Heiligkeit sind auch nicht uneitel Ich meine wir Borgia sollten
ganz unter uns bleiben  wir sollten auch nur von uns selbst Kinder bekommen 
Borgia  immer nur Borgia  kein Tropfen fremdes Blut sollte in das unsere
dringen  ich liebe auch Cesare nicht  auch Seine Heiligkeit nicht  aber die
andern Menschen  die  die hasse ich  ja ich hasse sie  und je mehr ihrer
vernichtet werden um so besser Möchten Eure Heiligkeit nicht mir zuliebe einen
kleinen Krieg anfangen Geld ist doch in der Kasse und wenn Geld da ist 
finden sich auch Menschen die sich dafür totschlagen lassen  geben mir Eure
Heiligkeit ein paar tausend Dukaten und ich führe selbst Krieg  ich weiß Eure
Heiligkeit sind geizig  leihen mir Eure Heiligkeit das Geld  ich zahle es von
den Plünderungen zurück 
ALEXANDER Du bist entsetzlich Lucrezia  und du weißt es nicht 
LUCREZIA Eure Heiligkeit bekommen moralische Anwandlungen O O Eure
Heiligkeit sind vergesslich
Darf ich Sie erinnern
ALEXANDER hält sich die Ohren zu Sei still 
                                 Cesare kommt
CESARE Gut geschlafen Alterchen Morgen Lucrezia 
ALEXANDER Schlecht geschlafen  dieses  Kind  da macht mir so viel Sorgen
dass ich nachts stundenlang wach liege
CESARE Unsere kleine Lucrezia Aber Lucrezia du solltest Papa nicht solche
Sorgen machen 
LUCREZIA Wenn ich Seiner Heiligkeit keine Sorgen mache so macht sie ihm jemand
anders Das kommt auf eins heraus Seine Heiligkeit sind Hypochonder
ALEXANDER Sie nimmt mich nicht ernst Cesare Ein Kind das seinen Vater nicht
ernst nimmt Furchtbar Die Welt ist reif zum Untergang
LUCREZIA Wir Borgia tun jedenfalls alles um sie dafür reif zu machen
CESARE Wenn sie dich nicht ernst nimmt darfst du ihr auch nicht die Ehre
erweisen sie ernst zu nehmen Papa
ALEXANDER jammernd Sie nicht ernst nehmen  heißt sie komisch nehmen  und
damit tut man ihr nur wieder einen Gefallen  denn sie wird die tollsten Dinge
anstellen unter dem Vorwand dass das alles komisch gemeint sei Schließlich
wird sie alle Kardinäle bezaubern oder bestechen  sie werden sie zum Papst
wählen  zur Päpstin Lucrezia  meine Wahl wird für ungültig erklärt werden 
sie wird uns noch alle unter die Erde bringen 
CESARE Wenn wir es nicht vorziehen sie vorher unter die Erde zu bringen 
LUCREZIA lacht
ALEXANDER Lach nicht
LUCREZIA lächelt
ALEXANDER Lächle nicht Dieses süffisante Lächeln macht mich ganz nervös
LUCREZIA Eure Heiligkeit sollten wegen Ihrer Nervosität Ihren Leibarzt
konsultieren
ALEXANDER Cesare  hör dir dies an  so muss sich der oberste Hirte der
christlichen Herde von seinem letzten Schaf behandeln lassen
CESARE Lucrezia  man müsste dich schlagen
LUCREZIA blitzend reißt ihm seinen Dolch aus dem Gehenk Wags Setzt ihm den
Dolch an die Kehle wirft den Dolch fort
ALEXANDER Sie muss heiraten Sie hat zu hitziges Blut
CESARE Du hast recht Es gibt nur zweierlei sie vergiften  oder sie
verheiraten
ALEXANDER Hier  hier ist die Liste der römischen und ausserrömischen Edelleute
 ich ging sie gerade durch um zu sehen ob nicht der eine oder andere zu
höherer Steuer an den päpstlichen Stuhl veranlagt werden könnte  Wer kommt als
Mann für Lucrezia in Betracht Ein Barberini Ein Malatesta Ein Sforza  haben
wir schon gehabt  ein Medici  sind heruntergekommen  ein Orsini  sind mit
uns böse  ein Kolonna  dito  ein Este  hätte was für sich  ein Aragon  war
nicht so übel verwandt mit dem Königshaus von Neapel  ein Rovere  ein
Proscida 
LUCREZIA hat den Dolch wieder aufgehoben Ich mache Euch einen Vorschlag Wir
wollen das Gottesurteil sprechen lassen Cesare halte die Liste der Adeligen
dort an den Baum 
CESARE Weshalb
LUCREZIA Du wirst sehen Va bene So und jetzt werf ich mit dem Messer nach
der Liste und wen ich treffe  den heirate ich
CESARE Und wenn er schon verheiratet ist
LUCREZIA Wird Seine Heiligkeit die erste Ehe kraft seiner apostolischen
Machtvollkommenheit trennen und die zweite Ehe segnen 
ALEXANDER Sie verfügt über mich wie über ein Stück Vieh 
LUCREZIA Ein Stück Vieh  das du bist  Wirft das Messer und trifft Alexander
der neben dem Baum stand in die Brust
ALEXANDER Hilfe Ich bin ermordet Sinkt ohnmächtig zu Boden
CESARE Lucrezia
LUCREZIA läuft zu Alexander kniet nieder Ist er tot Ist er tot Oh wie ich
ihn hasse der mich in dieses Leben hineingestossen hat  ohne mich zu fragen ob
ich seine Tochter werden wollte  o Gott im Himmel  wenn du bist  und wenn du
den Schrei einer Borgia hörst  und dir vor ihm nicht die Ohren verstopfst  o
lass ihn tot sein  lass ihn nicht mehr aufwachen zu neuen Schandtaten und neuen
Greueln  o ich bin schon ganz behangen mit Schmerzen wie mit Perlenschnüren 
ich bin ja ganz elend Gott ganz schlecht weil er so schlecht ist der mich
schlecht gemacht hat  gestern Nacht ist er zu mir gekommen  zu mir geschlichen
auf seinen feisten Sohlen  mich  mich wollte er vergewaltigen  seine Tochter
 o Cesare Bruder wie hab ich nach dir gerufen und gewünscht dass du mein Mann
wärst ihm den Degen durch den fetten Bauch zu rennen  Cesare  hilf mir doch 
er ist ja gar nicht schwach  er tut nur schwach  er heuchelt selbst seine
Schwäche um uns zu belügen  um mit uns zu spielen  wie er mit allen Menschen
spielt 
ALEXANDER schwach Cesare 
LUCREZIA Er lebt 
CESARE Vater 
ALEXANDER Was ist mit mir geschehen
CESARE Nichts  nichts Schlimmes  Lucrezia wird sofort den Leibarzt rufen 
der Dolch ist nur in die obere Brust gefahren  über dem Herzen  ein paar Tage
Ruhe  und alles ist wie zuvor 
LUCREZIA Und alles ist wie zuvor 
ALEXANDER Wie ist denn das Messer in meine Brust gekommen Sind Meuchelmörder
im Palast
CESARE Keine Meuchelmörder Nur gute Freunde 
ALEXANDER Und wer hat das Messer geworfen
LUCREZIA Ich 
CESARE Ja  Lucrezia  Lucrezia hat das Messer geworfen 
ALEXANDER Lucrezia  
CESARE Es war ein schreckliches Versehen das Gott im Himmel sei Dank noch
glimpflich abgegangen Lucrezia hat mit dem Messer sich ihren Gatten stechen
wollen  und hat dich getroffen 
LUCREZIA Verzeihen mir Eure Heiligkeit 
ALEXANDER Ich segne dich mein Kind mit dem päpstlichen Segen
LUCREZIA küsst die Hand die segnete
ALEXANDER Und wen geben wir dem Kind zum Mann Denn es muss schleunigst einen
Mann haben  nach dem es künftig das Messer werfen kann  wenn sie die Lust dazu
anwandelt 
CESARE Ja  müsste man nicht Lucrezia nach ihren etwaigen Wünschen befragen 
LUCREZIA Hier ist ein Tropfen Blut auf die Liste gesprjetzt  auf den Namen des
Gasparro Proscida Ihn werde ich heiraten Denn wir sind Blutsverwandte geworden

ALEXANDER Ist er verheiratet 
CESARE Er ist Junggeselle 25 Jahre  reich an Einfluss und Vermögen schön an
Gesicht edel an Gestalt  Lucrezia du konntest nicht besser wählen 
ALEXANDER Man soll einen Geheimkurier aus der vatikanischen Kanzlei mit unserm
strengen Befehl sogleich an ihn senden sich hier einzufinden und um die Hand
unserer geliebten einzigen Tochter Lucrezia anzuhalten Zu Lucrezia Bist dus
zufrieden Kind
LUCREZIA Ich bins Zu dem auftretenden Kurier Seine Heiligkeit ist durch
Gottes unerforschlichen Ratschluss soeben aus schwerer Lebensgefahr gerettet
worden Lasst alle Glocken der Heiligen Stadt zum Dank ein Tedeum läuten
ALEXANDER Amen
                          Glocken beginnen zu läuten
 
                                      XXI
Lucrezia und ihr präsumptiver Bräutigam begegnen sich zum ersten Male Er
ergreift ihre kleine schmale Hand
    Darf ich diese schöne Hand für ewig halten Ewig ist ein großes Wort 
    Lebenslang 
    Welches Leben lang Es gibt Leben die sehr kurz währen Wollen Sie nicht
Platz nehmen Fürst
    Ich danke Prinzessin Wollen Sie mir gestatten stehen zu bleiben
    Sie werden ermüden
    Nicht so leicht Principessa ich hörte vor einer halben Stunde von Ihrem
Wunsche mich zu heiraten
    Wird Ihnen die Erfüllung dieses Wunsches schwer
    Es wird mir schwer die Wahrheit zu sagen
    Warum 
    Man hat sich heutzutage leicht an die Lüge gewöhnt
    Wer
    Wir alle 
    Sie meinen niemand sagt mehr die Wahrheit
    Nein niemand 
    Auch ich nicht
    Ich masse mir nicht an der Schönheit den Spiegel der Wahrheit
entgegenzuhalten
    Ich heiße nicht Bella und nicht Vera sondern Lucrezia
    Und sagen Sie die Wahrheit
    Leider nein
    Weshalb nicht
    Weil man die Wahrheit nicht sagen darf 
    Und wer verbietet Ihnen die Wahrheit zu sagen
    Die Vernunft.
    Beten Sie zur Göttin der Vernunft?
    Ich treibe keinen Götzendienst Aber angenommen ich ginge Ihnen mit gutem
Beispiele voran
    Voran  wohin
    Den Weg der Wahrheit  würden Sie folgen
    Wenn er keine Fallen  keine Wolfsgruben enthält  vielleicht 
    Vielleicht
    Lucrezia sieht ihn lange an
    Er lenkt ein
    Nein sicher Ich würde Ihnen sicher folgen wenn ich Ihnen  vertrauen
dürfte 
    Nun Sie dürfen 
    Sie wollten vorangehen 
    Gut Also hören Sie
    Lucrezias Augen begannen aufzuleuchten Ich habe Sie zu meinem Gatten
erwählt nicht weil ich Sie liebe Ich kenne Sie gar nicht Und liebe Sie so
wenig wie einen andern Menschen Ich liebe nicht einmal mich Aber ich wollte
ein Ende machen mit diesem Leben hier im Vatikan Ich wollte hinaus aus dieser
Atmosphäre der Borgia Das ist nichts für schwache Naturen Und ich bin schwach
Es ergab sich eine Gelegenheit Ich griff zu  und halte Sie  Sie hält seine
Hände die er ihr entzieht
    Sie drängt
    Jetzt sind Sie an der Reihe
    Er beginnt stockend
    Nun denn  so werde ich Ihnen die Wahrheit sagen  Als die Botschaft Ihres
Vaters kam  da erschrak ich  mein Name und mein Vermögen stehen längst auf der
Proskriptionsliste  mein Tod würde ihm nur gelegen kommen  ihm und seinem
Sohn Ich dachte es ginge zu Ende Ich nahm zuhause Abschied von den Meinen
als ginge es zum Tod Ich komme hierher und erfahre zu meiner Verwunderung dass
die Einladung keine Falle ist dass keine Dolche und Kantarellas auf mich lauern
 dass ich Sie wirklich heiraten soll Welche Ehre Aber ich weiß den Grund
nicht weshalb ich ihrer gewürdigt werde denn ich glaube Ihnen nicht Sie sind
eine Borgia Das Volk fürchtet die Borgia Das Volk hasst die Borgia 
    Gehören Sie zum Volk
    Und ich ich verachte die Borgia Ja ich verachte sie 
    Er atmete tief auf und sah ihr klar in die Augen die sich mit Tränen
füllten
    Sie haben recht uns zu verachten Wir werden ja wie  wie Geisseln über der
Menschheit geschwungen Aber man schwingt uns Sie haben recht  ich bin es
nicht wert Ihren Namen zu tragen 
    Sie demütigen sich vor mir  aber ich kann Ihrer Demut nicht trauen Wenn
die Borgia demütig tun steckt eine Perfidie dahinter Besitzen Sie gar die
Perfidie  die Wahrheit zu sagen
    Lucrezia
    Nein  ich habe vorhin gelogen  jetzt will ich die Wahrheit sagen Ich
liebe Sie Ich liebe Sie Weil ich Sie liebte  längst liebte  habe ich Sie zum
Gatten gewählt  habe ich diese unwürdige Komödie gespielt 
    Der Prinz war verblüfft
    Aber Sie kannten mich doch gar nicht
    Lucrezia stammelte
    Doch  doch  von meinem Fenster habe ich Sie beobachtet wenn Sie jeden
Morgen vorüberritten
    Aber ich bin nie an Ihrem Fenster vorübergeritten 
    So nehmen Sie mich doch in Ihren Arm Warum küssen Sie mich nicht
    Sie lügen jetzt  wie Sie vorher gelogen haben Man befiehlt mir Sie zu
heiraten Gut Sie zu lieben kann keine Gewalt der Erde mich zwingen
    So hassen Sie mich
    Ich bedaure Sie Ich habe Mitleid mit Ihnen 
    Mitleid So schwach bin ich nicht Aber es ist wahr Ich habe gelogen Ich
habe den ganzen Tag gelogen Und jetzt will ich Farbe bekennen Ich habe mir
einen Scherz erlaubt Einen Spaß wie wir Borgia ihn uns erlauben Ich wollte
Sie auf die Probe stellen Sie konspirieren gegen uns Sie stecken mit den
Orsini und den Kolonna unter einer Decke Sie sind ein Rebell
    Ich fürchte den Tod nicht
    Keine Angst So einfach rächen wir Borgia uns nicht Sie sollen am Leben
bleiben
    Lucrezia klatschte in die Hände Die alte dicke Amme Julia erschien Julia 
darf ich dir deinen Verlobten den Herrn Gasparro Proscida vorstellen Er hat
bei mir um deine Hand angehalten Er ist versessen nach dir Er kann den
Hochzeitsabend nicht erwarten Ich selbst werde euch das Brautbett bereiten und
Seine Heiligkeit der Papst in eigener allerhöchster Person wird euch mit dem
apostolischen Segen segnen
    Julia war tief errötet und sah verlegen zu Boden
    Der Fürst war erbleicht
    Wenn der Teufel sich bemühen wollte Donna Lucrezia in Euch zu fahren  er
würde keinen Unterschlupf finden So seid Ihr voller Teufeleien 
    Der schon aufgesetzte Ehevertrag zwischen Lucrezia und Don Kaspar wurde am
10 Juni für null und nichtig erklärt Am 20 Juni wurde der Ehevertrag zwischen
Lucrezia und dem Prinzen Alfonso von Aragon geschlossen
 
                                      XXII
Dschem ein blutjunger türkischer Prinz ein Bruder des Sultans geriet in die
Hände des Papstes die sofort zupackten und ihn festielten
    Man weiß nie wozu man ihn einmal verwenden kann
    Um Lösegeld zu erpressen
    Um ihn als Geisel zu verwenden
    Chi sa
    Dem römischen Volk ein Schauspiel zu bieten ließ er den Türken in Rom
feierlich einziehen
    Der Prinz ritt auf einem edlen kostbaren Kamel und verneigte sich
zeremoniell nach allen Seiten wo der Pöbel stand und Scherzworte und Gelächter
zu ihm emporwarf
    Dem Prinzen folgten von türkischen Wächtern geführt Giraffen Löwen und
Leoparden
    Ein kleiner Gepard lief aus der Reihe und haschte sich mit einem schmutzigen
weißen Spitz
    Im Vatikan wurde der Prinz zeremoniös empfangen
    Das Statut hatte Johannes Burkhard ausgearbeitet denn es gab kein Präjudiz
dafür
    Der Prinz trat auf Lucrezia zu verneigte sich und sprach Selam  y
aleiküm  Güselzin
    Lucrezia lächelte hilflos
    Ich verstehe Euch nicht
    Dschem fragte
    Naszyl
    Und auf Cesare deutend
    Bu adam kim dir
    Cesare rührte sich nicht und Dschem knirschte etwas zwischen den Zähnen wie
Aerbijeszis Und rief
    Asikar düsman gisli düsman  dann ejidir
    Der Papst der sah wie der Prinz hilflos zwischen Cesare und Lucrezia hin
und herschwankte sagte
    Die türkische Sprache hab ich mir melden lassen kennt keinen grammatischen
Geschlechtsunterschied Deshalb kann Dschem wohl Mann und Frau nicht
unterscheiden Nun man wird es ihm in Rom vielleicht bald beibringen Er ist ja
noch jung genug
 
                                     XXIII
Nach Florenz zurückgekehrt begann Fra Girolamo von der großen Buhlerin Rom vom
Pfuhl alles Übels zu predigen Wir müssen so verkündete er bei uns selbst
anfangen Wir können von der Welt keine Besserung verlangen wenn wir uns selbst
nicht bessern Wollen wir die Kirche reformieren an Haupt und Gliedern  so
müssen wir mit der Reformation bei uns bei dem Orden der Dominikaner beginnen
Und so groß war seine geistige Gewalt dass das Kloster San Marco und alle
Dominikanerklöster Toscanas aus freien Stücken eine Reinigung der Sitten und
Gebräuche unternahmen
    Fra Girolamo predigte zuerst in einer kleinen Gasse danach auf einem Platz
Danach in der Kirche von San Marco und als diese zu klein wurde für die Fülle
der Hörer im Dom von Florenz
    Zu seinen eifrigsten Zuhörern gehörte der junge Michel Angelo Buonarotti
ein Bildhauer seines Zeichens und Lehrling in der von Lorenzo di Medici
errichteten Kunstschule Die apokalyptischen Predigten des Frate kamen seiner
melancholischen Natur entgegen Er zeichnete am liebsten das jüngste Gericht
    Lorenzo von Medici il magnifico selbst kam eines Tages Fra Girolamo zu
hören kniff die kurzsichtigen Augen zusammen und lauschte
    Einige Wochen darauf lag er in Kareggi im Sterben
    Er ließ Fra Girolamo rufen
    Ich kenne keinen wahren Mönch außer dir Erteile mir die Absolution
    Fra Girolamo sprach Drei Dinge musst du haben  erstens den wahren und
lebendigen Glauben zum zweiten die Idee des ewigen Friedens und zum dritten den
unbeugsamen Willen zur Verwirklichung der Freiheit
    Da sah ihn Lorenzo der Tyrann starr an und drehte sich zur Wand
    Ohne ihm die Beichte abgenommen und ihm Absolution erteilt zu haben kehrte
Fra Girolamo nach Florenz zurück
 
                                      XXIV
Der eitle und kränkliche Piero di Medici folgt Lorenzo in der Regentschaft von
Florenz
    Sein Hauptvergnügen besteht darin, in den öffentlichen Straßen mit seinen
Kavalieren und Kurtisanen Ball zu spielen
    Eines Tages fällt ein Ball von Piero di Medici geschleudert durch ein
Fenster von Kirche Santa Maria del Fiore wo Fra Girolamo gerade predigt
    Der Frate ergreift den Ball und zertritt ihn auf dem steinernen Fußboden der
Kirche
    So wird Gott Florenz zertreten wenn du dich nicht ermannst Volk von
Florenz Wie lange willst du noch mit dir spielen lassen 
    Piero kann die Zügel des Regimentes nicht halten
    Sie schleifen ihm am Boden nach
    Das Bankhaus der Medici gerät in Schwierigkeiten
    Piero kündigt zahlreiche von seinem Vater angesehenen Florentinern
eingeräumte Kredite
    Es sind schlechte Handelszeiten
    Viele achtbare Kaufleute gehen fallit
    Die Armen und Ärmsten beginnen zu hungern
    Es gab eine Missernte Bauern zogen scharenweise in die Stadt Arbeit zu
suchen die sie nicht fanden
    Die Getreidepreise stiegen von Tag zu Tag
    Der Stajo kletterte von 34 auf 60 Soldi Die Abneigung gegen Piero wächst
    Als die Hungersnot kein Ende nahm predigte Fra Girolamo und befahl »den
Tag des Almosens« abzuhalten in Santa Maria del Fiore in Santa Maria Novella
und in Santo Spirito
    In allen Kirchen war ein besonderer Altar errichtet der »Altar der Armut«
Und es kamen die wohlhabenden Bürger und Bürgerinnen vom Frater in ihrem
Gewissen aufgerüttelt und lieferten auf dem Altar der Armut ab Perlen
Brillanten Goldketten und Ringe silberne Schüsseln Seidenkleider Samt und
Wollstoffe
    Aber Piero di Medici war nicht unter denen die Almosen gaben
    Da zog das Volk vor seinen Palast und schrie
    Liefere ab liefere ab 
    Liefere deine Waffen ab 
    Liefere deine Krone ab 
    Liefere deine Regentschaft ab 
Die apokalyptischen Predigten und düsteren Prophezeiungen des Fra Girolamo
hatten eine gewaltige Wirkung auf das florentinische Volk
    Die Mädchen und Frauen legten ihre bunten Gewänder ab und statt Rot Grün
Violett Gelb sah man nur noch Grau und Schwarz auf der Piazza
    Viele Männer gingen in braunen leinenen Kutten manche mit einem Strick um
den Hals um zu zeigen dass sie im Grunde ihrer Seele demütig waren und vor Gott
nichts anderes verdienten als aufgehängt zu werden
    Wenn Fra Girolamo in Santa Maria del Fiore predigte wies er Männern und
Frauen getrennte Plätze an Sie durften sich nicht miteinander vermischen
    Es kamen auch viele Männer in ihrer Not zu den Wundärzten gelaufen mit der
Bitte sie zu kurieren Sie hatten sich mit rohen Instrumenten Küchenmessern
und spitzen Feldsteinen selbst kastriert und sich schlechteilende Wunden
beigebracht
 
                                      XXV
Der Papst der von den »Unglücksprophezeiungen« Fra Girolamos und seinen
geharnischten Predigten »wider den Antichrist« womit er Alexander Borgia
meinte durch seine Spitzel vernahm und erfuhr wie er die Gemüter der Gläubigen
erschüttere trommelte nervös mit den Fingerknöcheln an das Fenster seines
Arbeitszimmers im Vatikan
    Dieser Savonarola Ein Lügner
    Ich hätte mich für die Kirche nicht eingesetzt Habe ich nicht persönlich
für Santa Maria del Popolo eine Orgel und einen Altar gestiftet und die rissige
Decke in Santa Maria Maggiore erneuern lassen Und habe ich nicht die Macht der
Kirche befestigt indem ich die Engelsburg mit Festungswerken Gräben
Schiessscharten großen und kleinen Türmen versehen habe
    Die Engelsburg das Zentrum des Vatikans ist uneinnehmbar
    Unverrückbar steht Petri Felsen auf dem sie errichtet ist
    Ich könnte aber einigen reichen Bankiers und Handelsherren hier in Rom die
aus Florenz stammen die Hölle heiß machen indem ich ihnen mit Konfiskation
ihres Vermögens drohe falls sie nicht ihren ganzen Einfluss bei ihren
Florentiner Mitbürgern aufbieten diesen wahnsinnigen Dominikanerpater zu ducken
und unschädlich zu machen 
    Es kam ihm aber noch ein lustiger ein listiger Gedanke den Pater zu
bekämpfen und er musste so lachen dass er sich in einen Sessel fallen ließ
    Das Volk liebt grässliche Prophezeiungen ob sie nun eintreffen oder nicht
Ihm gruselt gern Wir werden jemand nach Florenz schicken der noch viel
entsetzlichere Unglücksfälle voraussagt als dieser biedere Hund Gottes
    Und er schickte einen gutmütigen dicken etwas astmatischen
Franziskanerpater Domenico da Ponzo nach Florenz und erwirkte ihm die
Erlaubnis von der Domkanzel zu predigen
    Prophezeite nun Fra Girolamo in der Kirche eine Wassersnot so weissagte Fra
Domenico schwer atmend gleich darauf im Dom eine baldige Sintflut Weissagte
Fra Girolamo den Untergang Italiens und den Einzug eines fremden Königs in
Italien eines neuen Cyrus so tat es Fra Domenico nicht unter einem
Weltuntergang Der Franziskaner vermochte aber noch ein übriges die Florentiner
über Fra Girolamo aufzuklären Woher Fra Girolamo seine Prophezeiungen und
Weisheiten hat das will ich euch sagen ganz einfach durch den Bruch des
Beichtgeheimnisses Die Brüder seines Ordens erzählen ihm von den Beichten ihrer
Beichtkinder und er hat dann diesen leichtgläubigen Schafen leicht erzählen
was wunders er von ihnen wisse Und so kommt er in den Geruch der Allwissenheit
E vero  Das Volk lief von Fra Girolamo zu Fra Domenico und von Fra Domenico zu
Fra Girolamo und wusste bald nicht mehr aus und ein vor lauter Trübsal bis Piero
di Medici das Auftreten beider Prediger für eine Zeitlang verbot
Die Florentiner vertrieben Piero di Medici der ihr Herr gewesen war nach
Lodovico Fra Girolamo hatte seine Herrschaft als teuflisch und tyrannisch
gegeisselt und gepredigt dass Florenz eine freie Republik sein müsse in der das
Volk sich selbst gebiete und gehorche
    Er arbeitete selbst eine Verfassung aus und legte sie der Signoria vor die
sie auch akzeptierte
    Das Motto war
                               Popolo e libertá
Und in allen Gassen von Florenz gab bald ein Echo das andere
                               Popolo e libertá
 
                                      XXVI
Fra Girolamo predigte Es kommt ihr Brüder nur auf den Glauben an den
Glauben der Berge versetzt  und Gold und Edelsteine um dafür des himmlischen
Goldes teilhaftig zu werden Wissen ist ein Ding des Tages und der Stunde Was
ich heute weiß weiß ich morgen schon nicht mehr die Wissenschaft findet heute
Gesetze die ewig gültig zu sein scheinen  und morgen findet sie andere
Gesetze die den ersten diametral entgegengesetzt sind Welches Gesetz gilt nun
Das von gestern oder das von heute Es gilt das von vorgestern und das von
übermorgen ihr meine Brüder Das Gesetz Gottes der christliche Glaube Ein
altes Weib das im christlichen Glauben verharrt weiß mehr von der Welt als
Plato und Aristoteles zusammengenommen Ein unwissendes kleines Kind weiß mehr
als alle Weisheit der Philosophen Warum das Weil es rein ist Denn die
Reinheit ist der Erde Richtmass Wenn die Kinder das Regiment der Welt ergriffen
haben werden wird Christus zurückkehren Er wird im Triumph zu euch
zurückkehren gewiesen von den Kindern geführt von den drei christlichen und
den vier Kardinaltugenden
    In einem Schiffwagen wird er dahergefahren kommen gezogen von den vier
mystischen Tieren Patriarchen Propheten und Apostel gehen zu beiden Seiten
Dem Wagen folgen die Märtyrer und Heiligen dann die Priester und dann das
unabsehbare Volk der Christen
    Aber als letztes wird im Zug schreiten ein schwarzes Pferd schwarz
schabrackiert Das wird den entseelten seelenlosen Leichnam des Antichrists
schleifen den Leichnam Alexander Borgias dessen Seele der Teufel geholt
    Wir müssen einen Scheiterhaufen auf dem Signorenplatz aufrichten und alle
Symbole einer verrotteten und verlorenen Zeit verbrennen
    Aber nur reine unbefleckte Hände dürfen die unsittlichen und unzüchtigen
Gebilde in Empfang nehmen und dem reinigenden Feuer überantworten
    Es sind die Hände der Kinder
Auf die Predigt Fra Girolamos gingen Hunderte von Kindern von Haus zu Haus und
forderten »allen Tand der irdischen Welt« für den Scheiterhaufen
    Sie fuhren in kleinen Handkarren zum Signorenplatz Karnevalsmasken und
Karnevalskleider Spiegel Harfen Schachbretter Spielkarten Gemälde nackter
und halbnackter Frauen darunter auch eines von Lucrezia Borgia Dann Bücher der
zu verdammenden Dichter Boccaccios Dekameron Petrarcas Sonette Ovids Ars
amandi Tibulls Elegien Katulls Liebeslieder 
    Unter Gesang warfen die Kinder alles in den flammenden Scheiterhaufen und
tanzten einen Ringelreihen darum
    Fra Girolamo selbst warf als der Scheiterhaufen schon halb niedergebrannt
war noch ein Porträt des Papstes Alexander in die glühende Asche
    Fahre zur Hölle Satanas
    Das Bild loderte hell auf
 
                                     XXVII
Bei Fra Girolamo der im Gebet verloren in karger Zelle auf seinem Schemel
kniete ließ sich ein junger anonymer Römer melden der ihn dringend unter vier
Augen zu sprechen wünsche
    Fra Girolamo öffnete die Tür seiner Zelle und bat den jungen Mann
einzutreten
    Der junge Mann wartete höflich bis der Frater ihn zum Sitzen eingeladen
    Es war nur ein Schemel in der Zelle Girolamo setzte sich auf den Bettrand
    Der junge Mann der einen offenen klaren Blick eine hohe Stirn und ein
feines zurückhaltendes Benehmen zeigte eröffnete das Gespräch
    Ich muss Ihnen zuerst meinen Namen nennen Denn ich kenne Sie  aber Sie
kennen mich nicht Ich heiße Cesare Borgia Fra Girolamo fuhr vom Bettrand auf
Cesare hob seine schöne schlanke Hand Erschrecken Sie nicht Ich bin inkognito
in Florenz Ihretwegen Ich fresse Sie nicht Ich habe auch keine Waffe bei mir
    Der Pater wehrte ab
    Ich fürchte Sie nicht
    Cesare verneigte sich höflich
    Um so schlimmer für Sie Ich unterschätze Sie nicht
    Fra Girolamo ging einmal in der Zelle auf und ab und blieb vor dem Kruzifix
und der ewigen Lampe stehen
    Das Licht der Ewigen Lampe zitterte unruhig
    Dann wandte er sich plötzlich Cesare zu
    Was wünschen Sie von mir
    Cesare
    Friede Friede zwischen Ihnen und den Borgia
    Girolamo begehrte heftig auf
    Wer hat den Frieden gebrochen Wer hat Italien die Welt in Unordnung
gestürzt Wer hat die ewigen Sittengesetze auf den Kopf gestellt Wer herrscht
infolge Krieg und Kriegsgreuel Wer hetzt alle Menschen gegeneinander  um aus
ihrer Zerrissenheit Nutzen zu gewinnen
    Cesare blieb sehr ruhig
    Sie sind ein Phantast Frater Wir Borgia sind Realisten Die Moral ist ein
ganz hübsches Gängelband für die Schwachen die ihrer bedürfen Aber sie ist so
zeitgebunden wie die Mode Man kann keine Weltanschauung darauf bauen Sie
selbst Frater stehen so gut außerhalb der heutigen  Mode wie die Borgia
    Girolamo drängte
    Was ist der Zweck Ihres Besuches
    Cesare schlug seinen Handschuh übers Knie
    Mein Vater schickt mich Sie haben Seine Heiligkeit schwer gekränkt und
beleidigt Wäre Sie nicht so grosszügig  seine Stimme wurde hart  so würde sie
Ihnen einen Galgen anbieten Statt dessen bietet Sie Ihnen  Fra Girolamo sah
erwartungsvoll auf die Lippen des Borgia Dieser schloss
    den Kardinalshut
    Fra Girolamo lachte hell auf
    Der Kardinalshut pflegt bei Seiner Heiligkeit zehnbis zwanzigtausend
Dukaten zu kosten Ich bedaure 
    Cesare unterbrach
    Sie haben das Gelübde der Armut abgelegt Sie erhalten den Purpur unter
einer Bedingung 
    Die wäre
    Sie stellen den Kampf gegen Seine Heiligkeit sofort ein
    Der Mönch donnerte
    Nie Nie Nie Das Gewissen der Menschheit und mein Gewissen verlangen
diesen Kampf von mir Es gibt nur eine Möglichkeit der Verständigung und des
Friedens zwischen dem Papst und mir Der Papst gelobt Reue Busse Besserung und
geht an eine sofortige Reformation der Kirche
    Cesare Borgia erhob sich
    Er sagte leise
    Nie Nie Nie Sie haben einen harten Kopf und ein steifes Rückgrat Aber
bedenken Sie folgendes Der Kopf Seiner Heiligkeit ist nicht nur hart sondern
auch klug Und sein Rückgrat ist die Kirche während Sie sich nur an die
brüchigen Wände eines Florentiner Klosters lehnen können Aber wie Sie wollen 
    Der Borgia stand auf zog sich die Handschuhe an verneigte sich und ging
 
                                     XXVIII
Karl VIII König von Frankreich brach mit einem wohlbewaffneten
wohldisziplinierten Heer nach Italien auf um seine Ansprüche auf den Thron von
Neapel sicherzustellen Der Papst erliess ein Sendschreiben gegen ihn
    Die Heere der italienischen Städte und Fürsten zusammengewürfelte Haufen
von Mietlingen und Landsknechten zerstoben vor ihm wie Spreu
    Karl VIII zog in Florenz ein Und das Volk erinnerte sich dass Fra Girolamo
die Ankunft eines neuen Cyrus prophezeit habe Klein unansehnlich rotaarig
krummnasig bucklig mit Triefaugen und einer fliehenden Stirn einen Riesenkopf
auf einem winzigen Leib saß der König wie ein Jahrmarktsäffchen auf einem
Apfelschimmel zusammengekauert
    Seine kurzen dicken spornlosen Beine hingen wie Uhrpendel links und rechts
herunter Er ritt die Lanze an der Hüfte durch ein Spalier erstaunter
Florentiner Männer Weiber und Kinder
    Ein Kind das von seinem Vater hochgehoben wurde um besser sehen zu können
schrie in die Totenstille
    Das soll ein König sein
    Gelächter prasselte gegen die einmarschierenden Franzosen
    Aber die Italiener sollten bald merken dass jene Missgeburt in der Tat ein
König war 
    Der Papst hatte sich gegen ihn erklärt Das verdross ihn
    Er ließ sich über die inneren Zustände von Florenz referieren ließ an das
Volk Weissbrot verteilen und bat Savonarola zu sich Savonarola erschien
    Der König gewohnt im Gehen zu reden zog Kreise und Spiralen um ihn
    Es sah aus als führe der kleine buntwämsige Mann um den großen schwarzen
Mann einen modischen Tanz auf
    Ja  also gut  ja  ch  t  er hatte die Angewohnheit seine Rede mit
sinnlosen Konsonanten zu spicken  Ihr seid  Fra Girolamo  ungekrönter König 
ch  t  dieser  dieser Republik  oder so 
    Savonarola wehrte ab und wollte etwas erwidern aber der König trat ihm 
versehentlich  auf den Fuß
    Ja  ch  t  was machen wir da  Seine Heiligkeit  soidisant  ja  in
Rom  ch  t  legt mir Schwierigkeiten in meinen Weg nach Neapel  bedroht mich
 ja  ch  t  eventualiter  mit dem Bann  wollte  ja  soidisant  Eure
Meinung über den casus  ch  t  vernehmen 
    Er war vor Fra Girolamo stehengeblieben und sah angestrengt nach oben
    Savonarolas Stirn hatte sich verfinstert
    Majestät sind über das Wesen und Unwesen dieses  dieses Teufels der sich
durch Simonie den Papsttron angeeignet unterrichtet
    Der König wippte von einem Fuß zum andern
    Bin  bin 
    Nun denn  Fra Girolamo atmete tief auf Ihr habt die Macht der
Christenheit und zugleich Euch den größten Dienst zu erweisen  den größten
Dienst der ihr je hat erwiesen werden können 
    Der König zappelte
    Und  und
    Fra Girolamo sprach stark
    Setzen Sie Majestät wenn Sie in Rom einziehen den Papst ab berufen Sie
ein allgemeines Konzil ein das sein angemasstes durch Simonie erlangtes
Pontifikat für ungültig erklärt und Italien Europa die Welt wird Ihnen
zujubeln als ihrem Befreier
    Der König nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf
    Ja  also  soidisant  ich danke Euch  werde alles erwägen  Erwägung
gemäß handeln  ch  t  Ihr könnt gehen 
    Fra Girolamo ging
    Als er draußen war sprang der König wie ein Kind auf die Fensterbank und
sah unten den schwarzen Mönch in der prallen Sonne über den Platz gehen
    Er klatschte amüsiert mehrmals in seine Hände und war ungewiss ob er dem
Mönch ob er sich selbst applaudiere
    Ja  ch  t  dachte er ich habe auch von einigen römischen Kardinälen
besonders von einem gewissen  ch  t  Giovanni Battista Orsini  Briefe
bekommen  die sich in  ch  t  ähnlicher Richtung bewegen wie dieser  dieser
Mönch  ja  man muss alles erwägen  und  dann das Richtige tun  ch  t 
Fra Girolamo kniete in seiner Zelle vor dem Kruzifix
    Herr Herr  ich danke dir für deine Gnade und deine herrliche Hilfe O
erleuchte das Hirn des Königs von Frankreich mit deiner ewigen Ampel Der Tempel
des Antichrists in Rom wankt  er wird stürzen  ich ahne es weiß es aus deinen
himmlischen Zeichen O lass mich Simson sein der die Säulen des Tempels stürzt
    Sein Antlitz verklärte sich
    Ich spüre ein großes Beben der Erde  der rote Teufel auf Sankt Petri Thron
erbleicht kalkweiss  er fällt  er bricht zusammen  ich setze ihm den Fuß auf
den Nacken 
 
                                      XXIX
Im Triumph zog Karl VIII durch Italien Er gelangt vor die Tore Roms In aller
Eile verschanzt sich Alexander in der Engelsburg Jetzt kommt es ihm zustatten
dass er tausende abertausende Dukaten und Ablasspfennige zu ihrer Befestigung
verwandt hat
    Karl VIII schließt die Engelsburg ein und plant einen Sturmangriff
    Er muss einsehen dass er bei der Stärke der Bastionen nicht viel Chancen hat
Auch hat er die Kraft des Papstsymbols unterschätzt Seine Soldaten murren
    Sie wollen nicht gegen den »Stattalter Christi« kämpfen
    Es bleibt beiden Parteien nichts anderes übrig als einen Vertrag zu
schließen
    Johannes Burkhard der päpstliche Zeremonienmeister ritt dem König von
Frankreich entgegen um die Zeremonien für seinen Empfang festzulegen
    Der König schüttelte den Kopf
    Lassen wir  ch  t  den Pomp Ich komme wie ich komme
    Johannes Burkhard sah auf seine gepflegten Fingernägel das einzige was er
pflegte da er Waschen für ungesund hielt und sich nur mit Salben und Puder
reinigte
    Seine Heiligkeit bittet Eure Majestät ihr eine Persönlichkeit auszuliefern
die dem Herzen Seiner Heiligkeit nahesteht und die Eurer Majestät durch einen
unglücklichen Zufall bei einem Spazierritt in die Hände fiel 
    Der König meckerte
    Durch einen  ch  t  glücklichen Zufall Ich bitte um bare dreitausend
Dukaten und Ihr könnt  soidisant  die Persönlichkeit gleich mitnehmen
    Johannes Burkhard zog einen Beutel Geld den der Papst ihm mitgegeben hatte
und begann die Dukaten aufzuzählen
    Der König zählte eifrig mit
    Es stimmt  Er rieb sich die knolligen Hände Ihr könnt Madonna Julia
Farnese mit einer Empfehlung an Seine Heiligkeit gleich mitnehmen Sie hat sich
schon die Augen ausgeweint Die schönen Augen
Karl VIII fordert vom Papst als Geisel für genaue Vertragserfüllung seinen Sohn
Cesare und den türkischen Prinzen Dschem auf sechs Monate
    Erst ist Alexander empört
    Nach einer Unterredung mit Cesare unter vier Augen gibt er lächelnd seine
Zustimmung
    Papst und König stehen im vatikanischen Garten beide barhäuptig sich
gegenüber und messen sich
    Der König neigt dreimal das Knie und wirft den Kürbiskopf ganz in den
Nacken um zum Papst hinaufsehen zu können der an Stelle der Hand des Königs
seine eigene Hand küsst
    Dieses Lächeln denkt Karl gefällt mir nicht Ich muss auf der Hut sein
    Und Papst Alexander sieht den König hässlich grinsen
    Und denkt das Gleiche
    Eure Majestät wird mich sagt der Papst langsam jedes Wort sorgsam wählend
morgen bei einem öffentlichen Konsistorium im Beisein der Kardinäle als wahren
Papst und rechtmäßigen Stattalter und Nachfolger Petri anerkennen und mir den
Treueid leisten
    Der König zaudert einen Moment
    In des drei Teufels Namen meckert er
    Cesare Borgia der Schöne ritt im Kardinalspurpur auf einem Maultier neben
Karl VIII dem Hässlichen die Straße nach Neapel
    Aber schon nach wenigen Miglien ließ er den König scheinbar voller
Devotion vorausreiten Ihm war leicht übel geworden denn Karl VIII roch aus
dem Mund
    Dem Borgiakardinal folgten dreißig mit Gepäck belastete Maulesel und
neunzehn Wagen voller Koffer und Kisten
    In Marino wird zum ersten Male übernachtet
    Cesare Borgia wünschte dem König eine gesegnete Nacht und lehnte die
Kartenpartie die ihm dieser anbot höflich ab
    Am nächsten Morgen als ein Adjutant des Königs den Kardinal in seinem Zelt
wecken wollte war dieser nicht aufzufinden
    Er war noch vor Mitternacht in der Tracht eines Pferdeknechtes entflohen und
nach Rom zurückgaloppiert
    Karl VIII schlug vor Wut den Offizier der ihm die Nachricht brachte mit
der Reitpeitsche ins Gesicht
    Und die vielen Koffer und Kisten sein ganzes kostbares Gepäck lässt er mir
nichts dir nichts zurück
    Er befahl die Koffer und Kisten aufzubrechen Sie enthielten nur Stroh und
Feldsteine
 
                                      XXX
Ohne Widerstand zu finden marschierte Karl VIII in Neapel ein
    König Alfons II von Neapel hatte sich aus dem Staube gemacht
    Der französische König triumphierte
    Er stand auf dem Posilip sah die Stadt Neapel zu seinen Füßen im Westen
das blaue Meer mit den Inseln Kapri und Ischia im Süden den Vesuv um dessen
Haupt eine Rauchwolke lag
    Er fuhr mit seiner kleinen dicken mit zahlreichen Warzen bedeckten Hand
flach über die Landschaft
    Ich habe den Höhepunkt meiner Macht erreicht
    Dies alles  ist mein
    Mir dem Hässlichen ist diese schöne Landschaft untertan
    Und wunderlich fühlte er der Ungeliebte Lieblose sich zur Liebe angeregt
    Er ließ einige Fischermädchen aus Santa Lucia kommen und vergnügte sich mit
Laura der schönsten einer jungen sechzehnjährigen Kapreserin bis in den
frühen Morgen Halb ohnmächtig vor Ekel taumelte sie nach Santa Lucia zurück
fuhr in einem winzigen Boot nach Kapri hinüber und stürzte sich von der
geliebten Heimaterde bei den Faraglioni in das ersehnte heimatliche Meer
    Delphine tanzten um ihren sinkenden im grünen Wasser phosphoreszierenden
Leichnam
    Ein Sägefisch durchschnitt ihr barmherzig die Brust und ein junger Hai frass
zärtlich ihren rechten Arm
    Dann nahm die friedvolle Tiefe sie auf Meerspinnen schritten leicht und
doch gewichtig über sie dahin In ihren Augenhöhlen richteten sich Krebse
wohnlich ein Ein Tintenfisch ruhte nach einem unentschiedenen Kampf mit einem
Hummer sich bei ihr aus
Cesare Borgia flog stürmisch in die Arme seines Vaters
    Gerettet
    Der Papst strich ihm zärtlich über den Hinterkopf
    Ich bin nicht müßig gewesen Wir bringen eine »Heilige Liga zur
Aufrechterhaltung der Würde des Heiligen Stuhles« zusammen Warte ein halbes
Jahr der Kaiser in Deutschland der König von Spanien und die Mehrzahl der
italienischen Fürsten und Städte werden unserm Bund gegen Gewährung von
Sonderablässen Steuernverzicht Gewährung von Subsidien beitreten Trionfo
Borgia
    Trionfo Borgia wiederholte Cesare und fasste an den Dolch in seinem
Wehrgehenk
Karl VIII wurde des Besitztums von Neapel nicht froh
    Mit dem geflohenen Borgia hatte ihn sein Glück verlassen
    Prinz Dschem die türkische Geisel starb wenige Tage später wie offiziell
verlautbarte an einem verdorbenen Tunfisch Es gab aber nicht wenige die den
Verdacht äußerten der Borgia habe ihm noch vor seiner beschleunigten Abreise
ein weißes Pulver in den Abendtrunk geschüttet
    Ratlos umstanden Arzt und Krankenpfleger sein Sterbelager
    Niemand verstand Türkisch
    Der König schrie ihn mit erregten Gestikulationen an
    Hilflos wie ein sterbendes Tier riss der Türke die entzündeten Augen auf
    Seine letzten Worte waren
    Hajwan ölür Szemeri Kalyr inszamölür ady Valyr 
    Unter dem Einfluss des heißen neapolitanischen Klimas lockerte sich nach und
nach im Heere Karls bedenklich die Disziplin
    Die französischen Soldaten gerieten in einen Taumel von Hurerei Am
hellichten Tag stolperte man in dunklen Gassen und auf Treppen über
verschlungene und verkrampfte Paare
    Es brach in der französischen Armee eine Epidemie aus die man die
Franzosenkrankheit nannte und die Tausende von Soldaten hinraffte
    Karl war verzweifelt
    Er erhielt durch reitende Kuriere die Nachricht vom Zusammenschluss der
»Heiligen Liga zur Aufrechterhaltung der Würde des Heiligen Stuhles« und von der
Weigerung des Papstes trotz Vertrag ihn mit Neapel zu belehnen
    Die Würde dieses päpstlichen Stuhles wollen sie aufrechterhalten Ch  t 
Auf einen Wort und Vertragsbruch mehr kam es diesem  er fand kein
Schmähwort niedrig genug nicht an
    Karl trat den Rückzug von Neapel an mit einer dezimierten deprimierten
Soldateska Rom hatte der Papst vorsichtigerweise verlassen und hielt sich in
Orvieto verborgen Karl fand ihn nicht vor
    Bei Fortenuovo stand das Heer der Liga bereit Karl völlig zu vernichten
    Durch einen Trugmarsch gelang es ihm die Schlacht zu vermeiden und die
französische Grenze zu überschreiten
    In Paris angekommen brach er zusammen Er wollte keinen Menschen mehr
sehen
    Ein Rabe ein Affe und ein schwarzer Hund leisteten ihm bei seinem Tode
Gesellschaft Ludwig XII bestieg den französischen Thron
 
                                      XXXI
Der Papst meinte
    Die Florentiner sind Verfassungsnarren Sie geben sich alle Augenblick eine
andere Verfassung und befinden sich trotzdem immer in schlechter Verfassung Sie
gehen nicht vom lebendigen Leben vom Menschen aus sondern von einer Fiktion
»Politik« und konstruieren rein matematisch Parlamente und Räte und Wahlrechte
und was weiß ich Dieser Fra Girolamo ist ja auch nichts anderes als ein
Konstruktor Er will eine Herrschaft »der Besten« Von den sechzehn
Stadtvierteln der Stadt Florenz soll jeder »die Besten« seines Viertels wählen
die sechzehn Besten wieder den Besten unter sich Wer glaubst du wohl Cesare
wird schließlich zur Macht kommen
    Cesare lächelte sein höfliches Lächeln
    Derjenige Allerbeste der die übrigen fünfzehn aufknüpfen lässt
Seine Heiligkeit Papst Alexander VI an den Prior und die Brüder des Klosters
San Marco des Predigerordens der Dominikaner zu Florenz
    Meine geliebten Söhne Gruß und apostolischen Segen zuvor
    Wir haben zu unserem Entsetzen und zu unserer tiefen Betrübnis vernommen
dass ein gewisser Fra Girolamo Savonarola aus Ferrara der aus eurer Mitte
stammt sich zum Verkünder teuflischer Irrlehren Ketzereien und aufrührerischer
Bestrebungen aufgeworfen hat Er behauptet gotteslästerlicherweise von Gott
selbst erleuchtet zu sein Aber es ist die Fackel des Teufels die über ihm
brennt und die derselbe als erster in den Scheiterhaufen schleudern wird den
ein gerechtes Gericht ihm errichten wird Denn der Teufel kennt keine
Dankbarkeit und lässt hohnlachend die von ihm verführten Seelen im Stich
    Ich habe mit apostolischer Geduld gewartet und geharrt er werde sich seines
eingebildeten Prophetentums bewusst werden und reumütig zu dem Kreuze Christi
kriechen das wir ihm sehnsüchtig entgegenstreckten Mit nichten Ich habe mich
getäuscht Von Gott dem Herrn beauftragt das Gebäude Christi vor allen
Erschütterungen zu bewahren sehe ich mich zerrissenen Herzens gezwungen um der
Kirche den ersehnten Frieden und Eintracht wiederzugeben die Erledigung der
leidigen Angelegenheit dem Generalvikar Bruder Sebastian von Brescia zu
übertragen dem bei Androhung der sofortigen Exkommunikation im Fall der
Aufsässigkeit unbedingter und bedingungsloser Gehorsam zu leisten ist
    Gegeben und gesiegelt
                                                                    Rom  etc
Der Papst empfing einige Briefe von Fra Girolamo
    Er öffnete sie nicht und las sie nicht
    Er drehte Papierkügelchen aus ihnen und schoss von einem Fenster des Vatikans
mit dem Blasrohr nach den Spatzen
 
                                     XXXII
Der Brief des Papstes tat seine Wirkung
    Es lief bald das Gerücht durch die Gassen von Florenz der Papst habe über
Fra Girolamo den Bann verhängt
    Es kamen auch Nachrichten dass der Papst im Kampf gegen Karl VIII der
gekommen war ihn seines hohen Amtes zu entsetzen obgesiegt
    Und Zweifel und Kleinmut begann sich der Bürger von Florenz zu bemächtigen
    Der Papst mag er sein wie und was er wolle  er ist immerhin der Papst Er
hat seine Gewalt von Gott dem Herrn Und alle Priester haben sie erst wiederum
von ihm dem Papst
    Er mag ein großer Sünder sein  aber sind wir es nicht allzumal wie Fra
Girolamo selbst predigt Und wenn er als Mensch fehlt braucht er darum als
Papst zu fehlen Ist er als Papst nicht das Gefäß Gottes  der seine Weisheit
und Erkenntnis darein geusst Darf ein Priester wider die päpstliche
Priesterschaft löcken War nicht vielleicht das plötzliche Auftreten der Pest in
Florenz eine Strafe Gottes für das lästerliche und ketzerische Treiben des Fra
Girolamo
    Kaum war vom Papst der Kirchenbann gegen ihn geschleudert öffentlich
verkündet von den Kanzeln in Santo Spirito und Santa Maria Novella als einige
Tage später im Borgo di Ricoboli zuerst die Pest ausbrach Es starben den
ersten Tag 60 Personen den zweiten achtzig den dritten schon zweihundert
Viele reiche Leute flohen
    Fra Girolamo blieb besuchte die Kranken und predigte der Exkommunikation
nicht achtend
    Es sterben durch Gottes Ratschluss die Erwachsenen die sich der Sünde dieser
Welt teilhaftig gemacht
    Aber Gott lässt die Kinder leben damit ein neues Geschlecht heranwachse
unbelastet von der Schuld der Väter 
    Und in der Tat starb an der Seuche kein Kind und kein junger Mensch unter
zwanzig Jahren
    Aber die Florentiner glaubten seinen Prophezeiungen nicht mehr
    Der Bann des Papstes war stärker als der Bann der Persönlichkeit des Fra
Girolamo
    Auf den Straßen fielen Spaziergänger tot um und die Träger mit der Bahre
kamen und trugen sie schweigend davon
    Im Juli verfinsterte sich plötzlich die Sonne und es wurde dunkle Nacht am
hellen Tag Und als es wieder licht wurde waren die Straßen besät mit Leichen
An den Haustoren standen etliche die waren im Stehen gestorben Auf dem Mercato
Nuovo an einer Wechselbank saß ein alter jüdischer Wechsler den Kopf in die
Hand gestützt über eine Rolle Dukaten gebeugt
    Er schien zu schlafen
    Es hieß dass der Teufel nachts in den Straßen von Florenz sein Unwesen
treibe Alle Tage meldete sich jemand der ihn gesehen haben wollte mit
rotglühenden Augen in Gestalt eines aufrechtschreitenden Fuchses den langen
buschigen Schweif elegant wie eine Schleppe überen rechten Vorderfuss geschlagen
    Selbst der von Fra Girolamo so innig geliebten und gerühmten Jugend begann
sich Verwirrung und Aufsässigkeit zu bemächtigen
    Eines Nachmittags zog ein Haufen zehn bis zwölfjähriger Kinder auf die
Piazza della Signoria
    Sie schleppten ein Kreuz mit sich Hammer und Nägel und hätten einen der
ihren einen kleinen Idioten von sieben Jahren regelrecht gekreuzigt wenn
nicht zwei Stadtpolizisten des Weges gekommen und sie daran gehindert hätten
    Aber diesen zwei Polizisten zwei stämmigen toskanischen Burschen ging es
übel genug indem der Idiot sie in die Hände biss und die Kinder wie wahnsinnig
mit dem Kreuz auf sie einschlugen Nur mit Mühe konnten die Kinder überwältigt
werden
    Fra Girolamp war erschüttert
    Er stellte noch einmal seine Tesen auf und schlug sie an die Tür des Domes
    »Gottes einige und einzige Kirche bedarf der völligen inneren und
innerlichen Erneuerung
    Gott wird sie züchtigen
    Gott wird sie erneuern
    Florenz wird gezüchtigt werden
    Florenz wird erneuert werden
    Die Heiden Türken Ungläubigen werden sich zu Christus bekehren
    All das wird in unsern Zeiten geschehen
    Die von Seiner Unheiligkeit dem Herrn Antipapst gegen den Bruder Fra
Girolamo ausgesprochene Exkommunikation ist null und nichtig
    Wer sie nicht beachtet sündigt nicht 
    Eigenhändig geschrieben und unterzeichnet
    Florenz Kloster des San Marco
                                                                  Fra Girolamo«
In seiner Verzweiflung schrieb er Briefe an Kaiser Maximilian an die Könige von
Spanien Frankreich England Ungarn und flehte sie an gegen den Antichrist
aufzutreten und ein Konzil zu berufen Vor dem Konzil wolle er gegen den
falschen Papst eine wohlbegründete Anklagerede halten Der Papst solle ihm und
dem Konzil dann Rede und Antwort stehen
    Wider den ausdrücklichen Befehl der Signoria wagte Fra Girolamo nochmals
die Kanzel von San Marco zu besteigen
    Er hatte kaum den Mund aufgetan als ein ohrenbetäubendes Geschrei gegen ihn
anhub
    Er kam zu keinem Wort
    Seine Freunde wagten nicht mehr für ihn einzutreten und schlichen beschämt
einer nach dem andern aus der Kirche
    Die Kinder auf der Straße entzogen sich ihm unwillig wenn er über ihre
Stirne streichen und sie streicheln wollte
    Der kleine Idiot der sich hatte ans Kreuz schlagen lassen wollen spuckte
vor ihm aus Und einige andere warfen nach ihm mit Pferdemist der an seiner
Kutte kleben blieb
 
                                     XXXIII
Die Mandatare des Papstes waren die Venezianer Giocchino Turriano General des
Dominikanerordens und der Spanier Francesco Remolino
    Höre mein Sohn so nahm der Papst den kleinen bösartig liebenswürdigen
Francesco Remolino den ehemaligen Erzieher Cesares beim Abschied zur Seite 
ich rede als Spanier zu dir Von Spanier zu Spanier Du bist wie ich ein
Liebhaber der Korrida des Stierkampfes Es gibt kleine widerhakige Speere die
man den Stieren in den Leib stößt um sie bis aufs Blut zu reizen Stoß dem
Frater Girolamo solche Spieße in den Bauch Spiel den Picador Foltere ihn bis
er bekennt was du willst Er muss sterben und wäre er Johannes der Täufer
redivivus
    Geht es nicht anders so musst du ihn zum Geständnis verlocken und verführen
Versprich ihm wenn er gesteht so solle er nur eine Woche im Gefängnis bleiben
Du hältst strikt dein Wort  lässt ihn nach einer Woche aus dem Gefängnis  aber
nur um ihn aufzuhängen Versprich ihm auch ruhig das Leben  ein anderer wird
das Todesurteil sprechen Man muss sich immer an die Wahrheit halten Ein naiver
Mensch wird solche Metoden als ränkevoll und hinterhältig bezeichnen Aber was
meint der Apostel Paulus anderes wenn er sagt »Da ich schlau war habe ich sie
mit List gefangen«  Wir müssen schlau sein Francesco Remolino
    Der Spanier verbeugte sich ölig lächelnd
    Eure Heiligkeit werden mit mir zufrieden sein
Der Spanier ließ sofort nach seiner Ankunft in Florenz in der Kürassmacherzunft
ein dickes Seil mit einem Flaschenzug aufstellen Er ordnete die
Folterinstrumente und folterte ihn in der rechten Reihenfolge Er setzte ihm
zuerst die Daumenschrauben an danach die Handschrauben danach die spanischen
Stiefel danach den spanischen Bock Es folgten die Knöchelfolter die
Rutenfolter die Fusszehenfolter das Schnüren die Strickfolter
    Der Spanier selbst band Fra Girolamo an den Folterstrick und zog ihn an den
Armen vierzehnmal auf und nieder Die Füße waren mit Steinen beschwert
    Bekenne lächelte der Spanier bekenne
    Muskeln und Sehnen zogen sich knarrend und rissen Beim dreizehntenmal das
Blut schoss ihm aus Mund Nase und Ohren bekannte er alles was die
Folterknechte von ihm bekannt haben wollten Der gespickte Hase und die
Stachelwiege traten nicht mehr in Funktion Es war auch nicht nötig zur
Eruierung der Wahrheit jene gerichtlich angestellten Ziegen herbeizuziehen die
die künstlich wundgemachten Fusssohlen des Delinquenten in die man Salz streute
zu belecken hatten
    Turriano selbst protokollierte des Fraters Aussagen der sich jeglicher
Ketzerei und Teufelei »aus freien Stücken« beschuldigte
    So wahr mir Gott helfe
    Er habe nur dem Teufel gedient und alle seine Prophezeiungen seien ihm vom
Teufel eingeblasen worden der ihn auch zum Aufstand wider den heiligen Stuhl
aufgepeitscht mit einer Geissel aus Feuerstrahlen
Als das Volk von Florenz vernahm dass Fra Girolamo unter der Folter seine sieben
Todsünden gestanden habe da wandte es sich verächtlich ganz von ihm 
    Wenn er ein wahrer Prophet wäre hätte er nicht widerrufen Auch unter der
Folter nicht
    Und einer nach dem andern seiner Freunde fiel von ihm ab
    Und die ihm am nächsten gestanden hielten sich am fernsten
    Und wenn man sie fragte
    Ihr wart doch mit diesem Fra Girolamo auf du und du 
    da öffneten sie groß ihre Augen und sagten
    Wie Dieser Ketzer Girolamo Das muss ein Irrtum sein Ich kenne ihn nur ganz
flüchtig und von weitem  von seinen verfluchten ketzerischen Predigten her
    Auf der Piazza della Signoria war der Scheiterhaufen errichtet und eine
Zuschauertribüne mit komfortablen Sitzplätzen Es kostete der erste Platz eine
Lira der zweite Platz zwei Quattrini der dritte Platz fünf Denare Auf den
Stehplätzen gingen die Henkersknechte mit Tellern sammeln
    Viel Volk aus Florenz und Umgebung hatte sich versammelt darunter viele
Männer Frauen Kinder die ihn geliebt hatten und ihrer Liebe untreu geworden
waren in der Zeit der Prüfung
    Aber niemand hob die Hand für ihn Nur einige Frauen schluchzten und ein
kleiner elfjähriger Junge warf mit Steinen nach dem Henker
    Fra Girolamo wurde mit allen Insignien seines Ordens bekleidet auf den
Richtplatz geführt
    Domherren Priester Ratsherren Beamte Hauptleute erwarteten ihn
    Der General der Dominikaner trat auf ihn zu und riss ihm ein Insignium nach
dem andern herunter mit den Worten
    Separo the ab ecclesia militante non triumphante
    Fra Girolamo erwiderte ihm ruhig
    Militante non triumphante hoc enim tuum non est
    Die Henker fesselten ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und führten ihn
zum Scheiterhaufen wo er in der Mitte an einem dicken Baum gebunden wurde
    Auf dem letzten Wege drängte sich ein Buckliger ein zudringliches Mitglied
der Kompagnia di Santa Maria del Tempio an ihn heran deren Amt es sonst war
die zum Tod Verurteilten zu trösten und zu begraben
    Willst du Trost Frater Kostet eine Lira  Einen kleinen Trost Kostet nur
ein paar Soldi 
    Sie entzündeten den Reisighaufen Am Himmel hatte sich ein Gewitter
gesammelt Es begann zu tröpfeln zu donnern und zu blitzen
    Fra Girolamo brannte und wurde in der Flamme verzückt
    Ich sehe einen Engel vom Himmel herabschreiten der ist mit einer Wolke
bekleidet ein Regenbogen ist um seine Stirn gebunden Er trägt Gottes feuriges
Schwert in der Rechten und wird es fürchterlich über den Menschen schwingen
    und seine Stimme ist der Donner und sie tönt gewaltig über die Erde
    und seine Linke trägt die Schale des Zorns ihn auszugiessen über die Erde
    Wehe wehe der großen Stadt Babylon Das Gericht ist bald gekommen
    Gold Edelsteine Seide Purpur Elfenbein Marmor Ebenholz
    Wein Weizen Vieh Mensch alles wird vergehen in einer Stunde
    O Engel des Herrn entführe mich dem Untergang
    Stoß dein brennendes Schwert in mein dir entgegenbebendes Herz
    Ich flamme Ich brenne Ich leuchte in der Liebe Gottes
    O ich Fackel Gottes Ich leuchte über alle Meere und Länder in die
Dunkelheit der Erde
    Und er begann zu singen
    Lasciatemi morire
    e che volete
    che mi conforte
    in così dura sorte
    in cosi gran martire
    Lasciatemi morire
    Zwei Stunden brannte der Frater
    Zuerst fiel ihm der linke dann der rechte Arm ab
    Als er verbrannt war nahmen die Henker die Asche sammelten sie und
schütteten sie in den Arno damit nicht ein Stäubchen von ihm bliebe dass der
Nachwelt als Reliquie dienen könne
    Jener Knabe aber der mit Steinen nach den Henkern geworfen hatte sprang in
den Fluss und erreichte schwimmend ein Stück Kohle nahm es wie ein Hund einen
Stock apportiert in den Mund und schwamm zurück ans Ufer wo er alsbald im
Gewirr der Gassen verschwand
Im Juni danach machte eine merkwürdige Art von schwarzen Raupen die man bisher
noch nie dort gesehen die Wiesen von Florenz unsicher
    Sie hatten menschenähnliche Köpfe deren Gesichtsform die Züge des Paters
Savonarola zu zeigen schien
    Sie frassen nur das niederste und unnützeste Unkraut den Dornstrauch
    Es gab eine vortreffliche Getreideernte und der Stajo fiel auf dreißig
Soldi
 
                                     XXXIV
Mein Söhnchen sagte Alexander der nach Rom zurückgekehrt war zu Cesare wir
haben jetzt nachdem wir diesen Karl VIII und diesen närrischen Dominikaner Fra
Girolamo los sind Zeit uns ein wenig mit unsern inneren Feinden den Baronen
der Romagna den Orsini und Kolonna zu beschäftigen Juan der Herzog von
Gandia mein geliebter Sohn und Generalkapitän des Kirchenstaates wird den
Oberbefehl gegen die unbotmässigen Ritter übernehmen Erteile ihm deinen Segen
als Bruder und Kardinal
    Cesare verließ wortlos das Zimmer
    Juan zog ins Feld und erlebte eine klägliche Niederlage gegen die Orsini
die alle ihre Burgen behaupteten
    Die Vanozza gab in ihrem Weinberg in Vincoli bei Sankt Peter ein kleines
Fest zur Feier der Weinlese und der Belehnung des Herzogs von Gandia mit den
Besitzungen Benevent und Terracina
    Der Papst war erschienen es kamen Lucrezia Juan Gioffredos schöne Gattin
Sancia Cesare Borgia und einige römische Adlige aus dem Bekanntenkreis der
Borgia
    Auch waren zur Erheiterung der Tafel einige Affen Spassmacher und
Fresskünstler zugezogen Einer von ihnen begann sein Mahl mit dreißig
hartgekochten Eiern um ihnen sofort eine ganze Salamiwurst folgen zu lassen um
die er sich mit einem Affen balgen musste
    Der Mönch und Narr Arlotto erzählte unzüchtige Witze Zum Beispiel
behauptete er dessen Geilheit bekannt war dass der Papst und er mit dem
gleichen Mittel zu siegen verstünden Der Papst fragte belustigt womit Mit dem
Bullensiegel Aber er nehme es auch mit Demostenes auf Worin  Mit der Zunge
Juan fiel vor Lachen hintenüber
    Lucrezia vergnügte sich damit Trauben von den Stöcken zu reißen und die
Beeren den Gästen einzeln in den Mund zu werfen
    Der Papst lachte und hustete er hatte sich an einer Beere verschluckt
    Cesare biss die Lippen zusammen die Beeren fielen zur Erde
    Sancia sah ihn von der Seite an
    Juan schnappte äußerst geschickt
    Er brachte es auf dreizehn Beeren und wurde von Lucrezia zum Sieger im
»Beerenwurf« erklärt
    Später sang sie spanische Lieder und tanzte die Tarantella
    Zärtlich folgte der Papst jeder ihrer graziösen Bewegungen
    Um Mitternacht brach man auf
    Der Papst und Lucrezia ritten mit Fackelreitern und Bedienten in einer
Kompagnie
    Cesare und Juan der Herzog von Gandia bildeten den zweiten Trupp
    Beim Palast des Ascanio Sforza trennte sich Juan mit einem fröhlichen Addio
von seinen Kameraden um einem kleinen Abenteuer nachzugehen
    Er wurde am nächsten Tag dicht beim Ausfluss der Hauptkloake aus dem Tiber
gefischt
    Sein aufgeschwollener Leib zeigte einen Dolchstich mitten überem Herzen
    Der Papst schloss sich in sein Zimmer ein und hier wo ihn niemand sah ließ
er seinen Tränen freien Lauf
    Er weinte zum erstenmal in seinem Leben Juan Borgia der Generalkapitän der
Kirche der zukünftige König von Neapel von ganz Italien  ausgelöscht wie
eine Fackel im Sande
    Ich will Busse tun schrie er Herr ich bereue tief mein vermaledeites
Leben Geuss einmal noch deine Gnade über mich Ich will deine geliebte Kirche
reformieren ich selbst Ich will 
    Er aß trank und schlief drei Tage nicht fieberte und meditierte
    Am vierten Tage besuchte ihn Cesare
    Der Papst fuhr ihn bissig an wie eine Dogge
    Wer hat den Herzog von Gandia getötet
    Cesare antwortete nicht
    Wer hat Juan Borgia erdolcht und in den Tiber gestürzt
    Cesare antwortete mit einer Gegenfrage
    Wer hat mich zum geistlichen Beruf gezwungen obwohl ich der ältere war und
zu weltlicher Würde wohl berufener als er der sich im Feldzug gegen die Orsini
mit Schande und Lächerlichkeit bedeckt hat Und wer hat mich zum Kardinal
gemacht obwohl mir der Kardinalshut nicht besser passt als eine Nachtmütze Wer
will etwas aus mir machen was ich nicht bin
    Alexander trat auf ihn zu und legte ihm beide Hände schwer auf die
Schultern
    Er wollte sie niederdrücken aber es gelang ihm nicht
    Der schmale schlanke Mensch stand unverrückbar
    Der Papst seufzte
    Was soll ich nun mit dir machen he
    Cesare zuckte die Achseln
    Willst du mir in die Suppe spucken Der Speichel der Borgia ist schon Gift
genug Du brauchst die Kantarella nicht bemühen 
    Alexander ging schweigend hin und her Nach zehn Minuten machte er wieder
vor Cesare halt
    Man bereitet mir die größten Unannehmlichkeiten Der Tod des poveretto
Giovanni macht alle meine Pläne zuschanden
    Cesare sagte ruhig
    Mach neue Pläne
    Alexander schrie auf
    Ich habe ihn geliebt Weißt du das
    Cesare
    Er ist tot Gott hab ihn selig 
    Er schlug das Kreuz
    Der Papst schlug ihm die Hand herunter
    Cesare fuhr fort
    Er ist tot Ich lebe Wirf die Liebe die du für ihn hattest zu der Liebe
die du für mich hast Dann bin ich beglückt Liebe mich Vater
    Alexanders Antlitz hellte sich auf
    Zum erstenmal sagst du Vater zu mir Komm an meine Brust Sohn Sohn
Der Papst gestattete dem Kardinal Cesare Borgia der die ordentlichen Weihen der
Priesterschaft ja nie empfangen den Kardinalspurpur abzulegen
    Cesare warf den Kardinalsmantel aus dem Fenster auf die Straße wo der Pöbel
sich um ihn zu raufen begann
    Im Nu war der Mantel in tausend Stücke zerrissen
    Sie zerrissen den Mantel und meinten den der ihn getragen
 
                                      XXXV
Um die Vanozza bekümmerte sich der Papst in Zukunft nicht mehr
    Sie hatte ihm wie es ihre Pflicht war Borgias geschenkt und damit ihre
Mission erfüllt
    Als er eines Tages erfuhr sie sei schwer an Malaria erkrankt schickte er
ihr seinen Leibarzt Torella
    Der gab ihr eine Spritze die zur Folge hatte dass sie in einen tiefen
Dauerschlaf versank Sie schlief dreizehn Jahre bis zu ihrem Tode Und erwachte
nur jeden Tag und jede Nacht für ein paar Minuten in denen sie nur halb bei
Besinnung war
    Sie verlernte ganz die Sprache und konnte sich schließlich nur noch auf ein
Wort besinnen
    Borgia
    Der Papst schwenkte ein Pergament in der Hand
    Trionfo Borgia Der neue König von Frankreich bittet mich seine erste Ehe
zu scheiden und ihm die Eingehung einer zweiten zu gestatten Ich habe zugesagt
 unter einer Bedingung 
    Cesare
    Spanne mich nicht auf die Folter
    Alexander
    Das haben wir bereits mit diesem Savonarola getan Scherz beiseite Cesare
unter der Bedingung dass du eine französische Prinzessin zur Gattin erhältst
    Cesare knirschte vor Freude mit den Zähnen
    Und er hat zugesagt
    Der Papst jubelte
    Ja Er schlägt Charlotte dAlbret die Schwester des Königs von Navarra
vor  Kindchen Söhnchen fuhr Alexander Borgia fort du musst in Frankreich
nobel auftreten Wir brauchen für dich Gespanne Reisewagen Pagen Läufer
Reiter Samt Seide Gold Brokat Perlen in Hülle und Fülle 
    Und woher nehmen wir das was in Summa zweibis dreihunderttausend
Golddukaten betragen dürfte lächelte bescheiden Cesare
    Söhnchen Kindchen der Papst tätschelte zärtlich seine Wange du musst etwas
gegen deine Sommersprossen tun sie entstellen nur dein hübsches Gesicht ja 
was ich sagen wollte  es sind einige reiche der Ketzerei verdächtige Personen
wie beispielsweise Pedro de Aranda Bischof von Kalahorro  wenn wir ihnen
keinen Prozess machen werden sie gern und willig ein Sümmchen zahlen Und wozu
sind die Juden da Wir verurteilen sie wegen gottlosen Wuchers zu schweren
Gefängnisstrafen die sie dann mit Geld ablösen können Beruhige dich Söhnchen
die zweihunderttausend Taler haben wir in einer Woche zusammen Ich werde
übrigens auch eine Borgiabank errichten Eine Bank wo man gegen feste Taxen
Ablass erhält Mord kostet sagen wir fünfhundert Dukaten Diebstahl
Unterschlagung und bis zu Kindsabtreibungen und Verleumdungen entsprechend
weniger
    Cesare witzelte
    Du selbst hast ja genug Betriebskapital einzuzahlen
    Alexander Borgia überhörte die Bemerkung
    Von jeder Einzahlung gehen 20 Prozent direkt an die päpstliche Kammer das
heißt an uns Wir können damit unsere Kasse beträchtlich auffüllen denn die
Sünder sterben Gott seis gelobt nicht aus
    Cesare lächelte
    Und nicht die Dummen
    Alexander prustete
    Amen  Übrigens was ich bei der Gelegenheit sagen wollte
    Ein Prinz von Aragon von Neapel kann uns nach unsern letzten Erfolgen
nicht mehr viel nützen Die Ehe Lucrezias mit ihm war eine Torheit Wir müssen
sie wiedergutmachen
Alfonso wurde eines Abends als er im Vatikan seine Gattin besuchen wollte von
Vermummten überfallen und mit Dolchstichen traktiert
    An Kopf Armen und Schenkeln blutend floh er in die Kammer Lucrezias die
ohnmächtig an ihm dahinsank
    Der Papst erteilte ihm die Absolution Aber wider Vermuten erholte sich
Alfonso
    Er wurde von Lucrezia sorgfältig und zärtlich gepflegt die ihm alle
Getränke selbst zubereitete und von allen Speisen zuerst kostete ehe sie sie
ihm reichte
    Eines Nachmittags in der milden Abendsonne er war schon Rekonvaleszent
stand Alfonso am offenen Fenster und sah Cesare Borgia durch den Garten gehen
    Es wurde ihm rot vor den Augen Er riss den Dolch aus dem Wehrgehenk und warf
nach ihm
    Der Dolch fiel vor Cesare zu Boden
    Cesare hob ihn auf ohne nach dem Fenster zu blicken Er betrachtete einen
Augenblick das Wappen der Aragon am Knauf
    Dann warf er ihn nach einem Olivenbaum wo er im Stamme stecken blieb
    Am selben Abend machte Cesare einen Besuch bei Alfonso und erkundigte sich
freundlich nach seinem Befinden
    In der Nacht stieg Michelotto eine Kreatur Cesares heimlich im Zimmer
Alfonsos ein und erwürgte ihn im Schlaf
    Cesare spielte diese Nacht eine Partie Schach mit dem Papst
    Während er ihm mit der Dame Schach bot sagte er so nebenbei
    Der Weg für eine Heirat Lucrezias mit dem Prinzen Este von Ferrara ist frei
    Der Papst ließ den König fallen den er gezogen hatte
    Ich bin müde sagte er wir wollen schlafen gehen
Lucrezia war außer sich als sie von der Ermordung Alfonsos hörte Zum ersten
Male wurde sie an ihrer eigenen Sippschaft irre Ihre Lippen weigerten sich den
Namen Borgia auszusprechen und sie erbrach ihn vor Ekel mit grüner Galle
    Sie weigerte sich Cesare zu empfangen und ließ auch Alexander nicht vor ihr
Angesicht Sie wollte allein sein und nie mehr einen Borgia sehen
    Sie verhängte in ihrem Zimmer alle Spiegel um sich nicht selbst sehen zu
müssen Nachts lief sie tief verschleiert in das Nonnenkloster von San Sisto
und flehte um Aufnahme
 
                                     XXXVI
Der Kardinal la Grolaye hatte Lucrezia von dem jungen dreiundzwanzigjährigen
Florentiner Bildhauer Michel Angelo erzählt
    Sie bat ihn eines Tages zu sich ins Kloster
    Sie betrachtete ihn neugierig wie ein Kind Türken und Inder betrachtet
    Ihr seid Bildhauer
    Jawohl Madonna
    Adliger
    Aus edelstem Geschlecht 
    Versteht Ihr Euer Handwerk
    Ich hoffe Madonna
    Macht Ihr ein Gewerbe aus Eurer Kunst
    Ich mache eine Kunst aus meinem Gewerbe
    Könnt Ihr Pferde machen  oder noch besser Pferdemenschen Kentauren
    Den Kampf der Kentauren und Lapiten Ich will es versuchen Madonna
    Einen sterbenden Adonis 
    Ich werde darüber nachsinnen 
    Interessiert Ihr Euch für die Ausgrabungen aus der Antike Alle Augenblicke
findet man eine schöne Statue eine Göttin oder einen Silen Da könnt Ihr viel
lernen  wenn Ihr wollt
    Es ist der Inhalt meines Lebens Madonna
    Was habt Ihr denn schon Vortreffliches geleistet
    Eine Gruppe Madonna
    Was stellt sie dar
    Die Pietà 
    Ihr müsst sie mir zeigen
    Ich bitte über mich zu verfügen
Lucrezia kam in sein Atelier von der Äbtissin von San Sisto begleitet Sie war
sehr guter Laune und knabberte unaufhörlich Datteln
    Sie sah einen Kentauren in Lehm angefangen
    Er trug die Züge Alexander Borgias
    Sie sah einen sterbenden Adonis
    Er trug die Züge Alfonsos von Aragon
    Sie wandte sich melancholisch lächelnd zu Michel Angelo
    Und was wollt Ihr aus mir machen
    Sie stand plötzlich vor der Pietà Und all ihre Heiterkeit zerbrach in einem
Augenblick dem Augenblick den sie mit der Pietà tauschte Diese Pietà das ist
keine qualvoll gealterte Mater dolorosa  es ist ja eine ganz junge leidende
Frau die mir ähnlich sieht  und Christus  trägt er nicht die Züge jenes in
Florenz verbrannten Fra Girolamo  jenes unseligen Ketzers 
    Laut sagte sie
    Ihr habt Savonarola gekannt
    Der Bildhauer nickte wortlos
    Er ist gar nicht tot so scheint es Er schläft ja nur 
    Ja sagte Michel Angelo er schläft nur
    Mein Gott dachte sie ich muss weinen Ich spüre wie mir schon die Tränen
aufsteigen Ich muss schleunigst gehen
    Aber es war schon zu spät
    Die Tränen stürzten ihr aus den Augen
Michel Angelo geriet als sie von ihm gegangen war in einen ekstatischen
Rausch Er warf den Meissel beiseite und begann eine Reihe leidenschaftlich
sinnlicher Gemälde zu malen
    Leda vom Schwan geliebkost
    Venus von Amor geliebkost
    Leda und Venus trugen die Züge der Lucrezia Borgia Er begann Verse zu
schreiben an die Donna aspera e bella
    Und nannte sie
    La donna mia nemica 
    Meine schöne Feindin 
    Er träumte von ihrer Nacktheit
    Und begann ein christliches Gemälde zu skizzieren in dem die Muttergottes
der Heiland Sankt Peter und Sankt Johann alle in heidnischer Nacktheit durch
eine florentinische Landschaft wallten
Lucrezia kehrte in den Vatikan zurück vom Papst zärtlich herbeigerufen
    Sie erzählte ihm von dem Bildhauer Michel Angelo
    Der Papst dachte nach
    Er soll mir einen Entwurf machen für mein Grabmal Für ein Grabmal das
berufen sein wird alle Borgia dermaleinst zu vereinen Er sandte Michel Angelo
in die Steinbrüche von Karrara den geeigneten Marmor brechen zu lassen
    Michel Angelo stieß an der Küste auf einen Berg der von Meer und Land
weithin sichtbar war
    Ich werde aus dem Berg eine Kolossalstatue meisseln  wozu Karrara nach Rom
tragen Die Leichen der Borgia müssen von Rom nach Karrara geschafft werden und
unter diesem kolossalen Steinblock ruhen dem ich die Gestalt eines gigantischen
Kentauren geben werde
 
                                     XXXVII
Der Himmel wölbte sich wolkenlos über den Borgia
    Die Sonne schien nur über die Ungerechten
    Cesare Borgia vermählte sich mit einer französischen Prinzessin
    Als sie ihn in der Hochzeitsnacht zum ersten Mal ohne Helm und Stirnband
sah erschrak sie und war einer Ohnmacht nahe
    Der Borgia trug auf der Stirn unverkennbar das Zeichen der
Franzosenkrankheit
    Madame lächelte der Borgia dieses Mal an der Stirn stammt von Gott und
Frankreich Sie werden es mich nicht entgelten lassen Ich bin bereit die Ehe
mit Ihnen vorerst nur in effigie zu vollziehen
    Und er setzte sich auf den Bettrand nahm eine Laute und begann Charlotte
dAlbret römische Volkslieder vorzusingen bis sie in die Hände klatschte und
lachend den Refrain mitsang
    Cesare der nach Italien zurückkehrte hat seine Gattin in der Folge nie
wiedergesehen
Die Franzosen verbanden sich den Borgia Die Kolonna unterwarfen sich
freiwillig
    Die Türken waren nach dem Tode Dschems in Italien eingefallen und hatten
venezianische Häfen überrumpelt
    
    Der Papst predigte einen Kreuzzug um bald mit den Türken insgeheim Frieden
zu schließen
    Inzwischen führte Cesare mit der Rückendeckung des französischen Königs
seinen Krieg gegen die italienischen Städte und Fürsten Mittelitaliens
    Eine Stadt nach der andern fiel ihm anheim
    Ein Fürst nach dem andern fiel im Feld oder floh
    Er war auf dem Wege zur italienischen Königskrone Auf dem Wege  zu sich
    Sein Wahlspruch auf seinem Degen eingraviert lautete Aut Cesare aut
nihil
Cesare Borgia liebte es elegant und korrekt nach der letzten Mode gekleidet in
die Feldschlacht zu ziehen Er war mit seinem Schneider unzufrieden
    Du Hund von einem toskanischen Kleiderpfuscher brüllte er ihn an du hast
mir die ganze Schlacht bei Forli versaut Fünf grelle Farben hast du mir überen
Leib gezogen dass ich wie ein Arlecchino ausgesehen habe Meinst du vielleicht
so ein Krieg sei ein Karneval he
    Der Schneider raffte sich zu einer Erwiderung auf
    Sehr viel anderes ist der Krieg auch nicht Nur fließt hier Blut und beim
Fasching fließt Wein
    Verschone mich mit deiner bilderreichen Philosophie Du bist nicht dazu da
um zu denken sondern Röcke zuzuschneiden und wenn du mir noch einmal ein solch
jämmerlich verpatztes Kostüm lieferst wie es das letzte war schneide ich dir
mit deiner eigenen stumpfen Schere die Nase und das ab was dir zwischen den
Beinen hängt und ihr ähnlich sieht  Mund halten Maß nehmen Schluss
Cesare belagerte die Burg Forlì
    Er belagerte darin Katerina Sforza
    Katerina Sforza hatte Vater Bruder Gatten und Geliebten durch Mord und
Gift verloren Sie trug einen Kettenpanzer und ein eisernes Herz Sie schlug
sich für ihren kleinen Sohn Ottaviano
    Sie stand auf der Burgmauer und forderte Cesare zum Zweikampf Sie höhnte
ihn und warf ihm eine Brennesselstaude ins Gesicht Er begehrte sie aber er
ließ es sich nicht merken
    Er ließ ihr sagen er sei bereit mit ihr zu kämpfen  im Olivenhain vor
Forli  aber ohne Zeugen
    Sie lachte sie fürchte sich nicht
    Am nächsten Morgen trafen sie sich im Hain Er schlug ihr im ersten Gang den
Degen aus der Hand
    warf seinen Degen zu ihrem Degen ins Gras umarmte sie und zwang sie ihm zu
Willen zu sein
    So wurde sie seine Gefangene Leibes und der Seele
Mit dem kleinen Ottaviano spielte Cesare Murmeln
    Als er eine von den bunten Glaskugeln gewann in denen das Universum sich
feurig drehte schrie der Kleine zornig auf und schlug ihn mit der geballten
Faust ins Gesicht
    Cesare rieb sich die leicht gerötete Wange Du bist der einzige Mann der
Cesare Borgia hat erröten machen Ich werde dir die Glaskugel wiedergeben Und
später wenn du erwachsen bist sogar Forli 
Cesare beugte sich über eine Karte von Italien Er fuhr mit nervösen Fingern die
Ströme und Gebirgszüge entlang
    Er hieb auf die einzelnen Städte ein  und sein Finger krümmte sich wie ein
Geierschnabel
    Siena Navarra Genua Neapel überall herrschen andere Leute
    Er dachte »andere Leute« denn im Grunde hatte es nur die einen Leute zu
geben die zum Herrschen berufen waren die Borgia Diese anderen die
Flachköpfe Hohlhirne Fettbäuche zitternden Bohnenstangen  hatten stumm zu
dienen schweigend zu gehorchen
    Niedergeworfen waren die Riarier von Imola und Forli
    Und alsbald neigten sich wie die Ähren vor dem Winde alle Fürsten Italiens
vor Cesare Borgia Herzog von Valence der heiligen Römischen Kirche
Bannerträger und Generalkapitän
    Es neigten sich Kolonna und Orsini und sogar die Este und Gonzaga brachen
ins Knie 
    Cesare kehrte nach Rom zurück denn er brauchte Geld Geld und wieder Geld
für seine Kriegsfahrten
    Er zog als Triumphator in Rom ein im Triumph Cäsars
    Auf einem Wagen führte er eine schöne nackte Frau mit sich die wie ein
Fisch in einem Netz zappelte
    Es war die Italia
    Von der Loggia Benedizione segnete der Papst den Einzug des siegreichen
Sohnes und seine segnend erhobene Rechte zitterte vor Stolz
 
                                    XXXVIII
Pesaro Rimini Imola Forli waren gefallen
    Die Gonzaga und Este obwohl nicht Vasallen des Kirchenstaates bemühten
sich um die Gewogenheit Cesares und Alexanders Jetzt stand Cesare von Faenza
Faenza war der Schlüssel zu Ravenna und Venedig
    Die Stadt wehrte sich heroisch
    Als der Widerstand der Männer nachzulassen begann war es die
siebzehnjährige Diamante Jovelli die ihn wieder aufstachelte Sie ging auf den
Wällen umher brachte dem einen Becher Wasser jenem ein Wort der Stärkung
schleppte Munition und Faschinen Ihr Beispiel ermunterte die übrigen Frauen und
nach einer Woche war Diamante Jovelli Kapitän eines Weiberbataillons
    Sie ließ auf der Umwallung eine weiße Fahne aufpflanzen die ein Mädchen im
Kettenpanzer zeigte welches auf einen Totenkopf tritt
    Was aber Diamante Jovelli die schwarzlockige von Gestalt zarte
Gerberstochter tat das tat sie aus Liebe zu dem achtzehnjährigen Astorre
Manfredi dem Fürsten von Faenza dessen Mutter Francesca ihren Gatten Galetto
Manfredi wegen Untreue hatte erdolchen lassen
    Sieben Stunden den Tag feuerte Cesare Borgias Artillerie auf Faenza Die
sechzig Pfund schweren Steinkugeln prasselten auf Mauern und Wälle
    Die am Tag zerschossenen Wälle wurden nachts unter Führung Diamante Jovellis
wieder aufgefüllt
    Die Belagerung leitete als Cesares Oberingenieur ein gewisser Lionardo da
Vinci ein trefflicher Erfinder mannigfaltiger Kanonen und Wurfgeschütze der
vor Faenza eifrig den Flug der Vögel studierte weil er eine Maschine die dem
Menschen das Fliegen ermöglichen sollte zu erfinden gedachte In seinen
Mussestunden pflegte er Bilder zu malen die von Kennern der hohen Malkunst
wohlwollend beurteilt wurden 
    Cesare Borgia kam nicht vorwärts Er bot der Stadt Faenza einen für sie und
den Fürsten sehr günstigen Vertrag an
    Astorre Manfredi ging nachts waffenlos in Cesares Hauptquartier
    Vergeblich hatte Diamante Jovelli unter Tränen ihn zurückzuhalten versucht
    Du gehst in dein Verderben Astorre Traust du dem Schwur eines Borgia
    Astorre lächelte sein schönes Knabenlächeln
    Er ist ein Herr wie ich Er wird seinesgleichen das Wort nicht brechen
    Cesare erstaunte als er Astorre im Schein der Fackeln erblickte
    Es flog ihn ein Gefühl der Rührung an wie wenn ein Nachtfalter gegen seine
Stirn schlug
    Er ist der schönste Jüngling den ich je sah Welche Festigkeit im Gang und
welche Anmut der Bewegung. Welches Feuer in den schwarzblauen Saphiraugen Wie
herrisch und kindisch zugleich er das blonde Haar in den Nacken wirft Und diese
hohe kluge Stirn
    Cesare bewilligte Astorre alles was dieser forderte jedem Faentiner wurde
Leben und Besitz verbürgt die Stadt würde durch Cesares Truppen nicht besetzt
werden Der Familie Astorres wurde freies Geleit wohin immer sie wolle
zugesagt
    Beglückt kehrte Astorre heim
    In dieser Nacht gab sich Diamante Jovelli ihm hin denn ihr Herz zersprang
fast vor Freuden als sie ihn wiederkommen sah und endlich in den Armen hielt
    Astorre Manfredi küsste sie zart
    Siehst du man muss Vertrauen haben Der wahrhaft Edle zahlt mit gleicher
Münze zurück
    Wer ist »ein wahrhaft Edlen«
    Cesare 
    Der Borgia
    Ja 
    Ihr Gesicht verfinsterte sich Sie wollte etwas sagen aber sie schwieg als
sie in seine aufleuchtenden Augen blickte
Cesare Borgia hatte den jungen Astorre Manfredi eingeladen ihn in Rom zu
besuchen Astorre folgte einige Wochen später der Einladung
    Er wohnte in Cesares Palast und es ging das Gerücht dass eine
widernatürliche Liebe die zwei verbände Man sah sie oft umschlungen auf dem
Monte Pincio wandeln Zu Ehren Astorres fand unter anderen Lustbarkeiten ein
Armbrustschiessen statt bei dem es einen bedauerlichen Unfall gab
    Ein unachtsamer Schütze schoss daneben und der Bolzen fuhr dem Fürsten von
Faenza so unglücklich in den Hals dass er versehen mit den heiligen
Sterbesakramenten wenige Stunden später seinen Geist aufgab Seine letzten
Worte waren
    Borgia Borgia
    welche so gedeutet wurden dass er dem Papst der sich selbst zur letzten
Ölung herbeibemüht mit ihnen für seine sorgende Güte habe Dank sagen wollen
Karneval
    Auf dem Kampo de Fiori und bei den Banchi tollten und schwärmten wie
Mückenschwärme Tausende von Masken
    Arlecchinos Kolombinen Türken Neger Soldaten Stelzenläufer
Bauernmädchen Viele aber hatten scheussliche abschreckende Masken über den Kopf
gestülpt als wären für einen Tag die bösen Dämonen ihrer Seele ans Licht
gelangt und hätten Gesicht und Gestalt gewonnen Manche trugen riesige Phallen
als Nasen Pfeifer und Trompeter zogen tirilierend umher Kunstvoll schlugen die
Trommler das Kalbfell bald zart bald kräftig
    Bei einem einsamen Spaziergang geriet Alexander Borgia der Papst mitten
unter sie Sie erkannten ihn nicht und hielten ihn für einen der sich als Papst
verkleidet hatte
    Du Dicker schrien sie komm tanz mit uns Und sie zogen ihren Kreis
tanzten und sangen rhytmisch vinum bonum vinum bonum und der Papst tanzte
lachend mit ihnen bis der Reigen abbrach die Kette sich löste und Alexander
Borgia allein auf dem Platze zurückblieb
    Ihm war heiß
    Die Frühlingssonne stach
    Er trocknete mit einem kleinen Tuch sich den Schweiß von der Stirn
    Und fast hätte er sich die Perücke herunterreissen wollen als ihm einfiel
dass es ja echte Haare waren
    Ja schnaufte er alles echt an den Borgia alles echt
 
                                     XXXIX
Nicolo Macchiavelli aus einer einfachen Popolanenfamilie stammend humanistisch
gebildet Sekretär des florentinischen »Rates der Zehn« wird in
außerordentlicher Botschaft zu Cesare Borgia gesandt
    Florenz zu schwach um einem drohenden Angriff des Fürsten zu widerstehen
will sich gütlich mit ihm einigen 
    Nicolo Macchiavelli lebte auf einem kleinen Landgute bei Florenz
    Er stand früh am Tage auf jagte Krammetsvögel betätigte sich in seinem
kleinen Wäldchen als Holzhauer saß den halben Tag im Wirtshaus um mit dem
Wirt mit dem Bauern Gismondo Buonarotti einem Bruder des Bildhauers Michel
Angelo Buonarotti mit Metzger Bäcker Fuhrherrn und Ziegelbrenner zu
schwatzen und Cricca oder TrickTrack zu spielen
    Er stritt sich mit ihnen um jeden Quattrino und man hörte ihr Geschrei die
Landstraße auf und ab eine halbe Meile
    Abends bei Einbruch der Dämmerung stapfte er nach Hause zog den
Bauernkittel aus und im bloßen Hemd saß er an seinem Schreibtisch las Dante
und Petrarca Tibull und Ovid
    Er las Ovids Ars amandi und seufzend gedachte er seiner eigenen früheren
Liebschaften
    Das war vorbei
    Er hatte eine Frau und vier Kinder und nur hin und wieder trieb ihm der
günstige Wind in seinem Wäldchen eine Bauernfrau oder Magd ins Gehege
    Wenn er des Ovid überdrüssig war klappte er ihn zu und seine Schreibmappe
auf und setzte seine Studien fort »sul arte del stato« »über die »Staatskunst«
    Er konnte sein Bauernanwesen kaum verwalten aber über Republiken und
Monarchien regierte souverän sein Geist
    Der Geist eines klugen scharfsichtigen scharfsinnigen unbestechlichen
Menschen bestechlich nicht durch Gold und nicht durch Schmeichelei
unbeeinflussbar durch Sympatien und Antipatien
    Ihn bewegte die »Politik an sich« ihre Metodologie Und das Maß seiner
Massstäbe gab allein der Mensch der Politik und Geschichte macht
    Wie war das Wesen des niedrigen Menschen beschaffen Er war dumm feige
selbstsüchtig treulos 
    Wie war das Wesen des höheren Menschen beschaffen
    Er war klug tapfer selbstisch und sich selbst treu Seine Klugheit gebot
die Dummheit der andern zu benutzen seine Tapferkeit ihre Freiheit zu
unterwerfen seine Treue gegen sich selbst konnte als Treulosigkeit andern
gegenüber in Erscheinung treten Töricht wer Wortbrüchigen Wort hielt dumm
wer Klugen dumm kam feige wer vor Meuchelmord zurückschreckte  wenn die
andern ihm schon den Gifttrank bereitet und den Galgen errichtet hatten Es kam
darauf an der erste zu sein bei einer Frau bei der Politik
    Früh zu Bett gehen  und früh aufstehen  wenn die andern erwachten musste
die Hälfte des Tagwerks schon getan sein
    Er hatte dann schon sieben Krammetsvögel gefangen  und Cesare Borgia sieben
verräterische Kondottieri
    Die Florentiner wussten was sie taten als sie Macchiavelli zu Cesare Borgia
sandten Es war nicht das erste Mal dass der bäurische Kerl mit der Seele eines
Staatsmannes ihnen in wichtigen Missionen diente
Im Palast Cesare Borgias fand jenes denkwürdige Gespräch zwischen Cesare und
Macchiavelli statt das dem Florentiner die Anregung zu seinem Traktat über den
»Fürsten« geben sollte
    Es war noch sehr früh am Tag Dämmerung hing noch im Zimmer Cesare hatte
Macchiavelli um sechs Uhr früh zur Audienz gebeten Seit Monaten zeigte sich der
Borgia nicht mehr bei Tageslicht
    Die Krankheit hatte sein Gesicht mehr und mehr verwüstet Es war von
eitrigen Pusteln über und über bedeckt Die Nase war angefressen Nur seine
hellen blauen Augen funkelten unversehrt und herrisch
    Nehmen Sie Platz sagte der Borgia Er setzte seinen Gast so dass dessen
Gesicht im Licht war während er selbst im Dunkeln blieb
    Macchiavelli nahm Platz in einem tiefen Sessel in dem der kleine beleibte
Herr fast ganz verschwand
    Cesare lachte
    Ja da haben Sie gleich ein Beispiel meiner politischen Methode Ich zwinge
meine Gäste immer tief unter mir in einem weichen Lehnstuhl zu versinken Das
macht sie mir »untertänig« und ihren Verstand weich und nachgiebig Ich selbst
pflege auf einem harten hohen Holzstuhl zu sitzen
    Macchiavelli sah von unten nach oben und sprach dorthin wo er im Dunkeln
den Borgia vermutete
    Ich bewundere Sie Hoheit
    Der Borgia fragte
    Was macht Florenz Man ist uns nicht besonders wohl gesinnt dort Seiner
Heiligkeit und mir
    Macchiavelli versuchte eine abwehrende Handbewegung zu machen
    Cesare fuhr fort
    Man sieht es nicht gern dass ich mich in Umbrien und der Romagna festsetze
dass ich mit Ludwig XII von Frankreich daccord bin Man schimpft mich den
Grausamen Aber diese Grausamkeit hat die Romagna zusammengehalten während die
überaus gerühmte Milde der Florentiner die Zerstörung von Pistoja auf dem
Gewissen hat Wer ist nun in Wahrheit grausamer Meine Grausamkeit hat in der
Romagna vielleicht fünfzig Menschen getötet Aber die Milde der Florentiner in
Pistoja zweitausend
    Und er zitierte Virgil
    Res dura et regni novitas me talia cogunt Moliri et lati fines custode
tueri
    Macchiavelli
    Es muss das Bestreben von Florenz sein sich als autonomer Staat in dem
Wirrwarr der Zeit zu behaupten solange 
    Der Borgia
    Nun solang 
    Macchiavelli fuhr vorsichtig fort
    Solange sich diese Zeit nicht geändert hat
    Der Borgia lachte leise
    Nun diese Zeit ist ein abstrakter Begriff
    Sie wird sich nicht selbst ändern Wir sind berufen sie zu ändern Wir
Menschen
    Ja schmeichelte Macchiavelli Ihr Menschen ihr großen Menschen Ihr
Borgia
    Cesare wandte sich einen Moment angewidert ab
    Hat Florenz Sie gesandt mir Weihrauch zu schwingen und Zuckerstücke wie
einem tanzenden Jahrmarktsbären zu reichen Ich verabscheue beides
    Der Rat der Zehn von Florenz schickt mich Ihnen seine Hochachtung zu
bezeigen  auch wenn zwischen Ihren und seinen politischen Überzeugungen ein
Abgrund klafft
    Borgia
    Was für ein Abgrund
    Macchiavelli
    Wir Florentiner sind Republikaner
    Der Borgia lächelte
    Ich nicht Ich bin Borgia
    Macchiavelli
    Ob Republik ob Monarchie  gute Gesetze sind das Fundament des Staates
    Cesare
    Gute Gesetze können nicht bestehen ohne ein gutes Heer
    Macchiavelli
    Ein gutes Heer bedarf vor allem der Disziplin also wiederum  des Gesetzes
    Cesare
    Ein gutes Heer setzt sich aus guten Soldaten zusammen Gute Soldaten sind
eigentlich nur Landeskinder das heißt Menschen die ihre Heimat lieben die
ausziehen ihren eigenen Grund und Boden ihr Gewerbe ihre Frauen und Kinder zu
verteidigen
    Macchiavelli
    Aber Sie haben sich oft der Söldner und fremder Kriegsknechte bedient 
    Cesare
    Die Not zwang mich dazu Das Ideal eines Heeres ist das Nationalheer Nur
aus diesem Grunde konnte Karl VIII von Frankreich Italien so schnell
überrennen weil seinem disziplinierten französischen Heer unsere zügellosen
Haufen Mietlinge und Knechte aller Länder nicht gewachsen waren
    Macchiavelli
    Aber wie kann ein Nationalheer ohne Nation aufgestellt werden
    Cesare sprang auf und nun glänzte sein fahles Gesicht plötzlich grell im
stärker einströmenden Morgenlicht
    Sie haben recht Hier liegt der Kardinalpunkt der italienischen Politik
Italien muss eine Nation werden Das ist mein und meines erlauchten Vaters
innigstes Ziel Ein geeintes Italien ein einiges italienisches Heer
    Macchiavelli unterbrach höflich
    Und ein König
    Cesare stand jetzt am Fenster und sah einer Amsel zu die den Morgentau aus
ihrem Gefieder stäubte
    Jawohl 
    Macchiavelli fragte zögernd
    Und wer soll dieser König sein
    Cesare
    Ein  ein  er brach den Gedanken ab  ein schöner Tag wird heute 
    Macchiavelli erhob sich
    Ein Borgia Hoheit wollten Sie sagen
    Cesare schnitt das Gespräch mit einem Hieb der Reitgerte ab die er durch
die Luft sausen ließ
    Wir werden sehen kommt Zeit kommt Rat 
    Macchiavelli
    Kommt Borgia 
    Cesare
    Nach Florenz
    Macchiavelli
    Ich habe die Ehre Eurer Hoheit ein Bündnis der Stadt Florenz anzubieten
Sie würde sich glücklich schätzen Eure Hoheit als Kondottiere als
Truppenführer zu gewinnen Sie bietet Eurer Hoheit ein Jahresgehalt von 36000
Golddukaten
    Cesare geleitete den Gesandten der florentinischen Republik bis an die
innere Tür
    Ich bitte Sie mir im Namen der Signoria einen Vertragsentwurf vorzulegen
Ich habe mich vortrefflich mit Ihnen unterhalten besuchen Sie mich gelegentlich
wieder
    Macchiavelli verneigte sich tief
Macchiavelli ging erschüttert von dem Gespräch durch den frühen Morgen
    Er lief planlos durch die Gassen und stieg dann auf den Monte Pincio die
Stadt Rom im Morgenglast zu betrachten
    Er dachte Ein Ungeheuer  wenn man will  und wenn man die eine Seite der
Medaille sieht  aber dreht man sie um ein Genie  ein politisches Genie wie
sein Vater  sie tun alles nur für sich aus einem fanatischen sacro egoismo
Aber siehe ihre Gedanken und Taten münden organisch in das große Weltgeschehen
    Er will die Einigung Italiens  für sich  um König zu werden  aber ist
sie nicht das größte und würdigste Ziel eines heutigen Italieners
    Seine Gedanken sind scharf wie spanische Klingen
    Auch was sein Vater tut und plant  die hypertrophische Machtübersteigerung
des Heiligen Stuhls  ist nur gedacht im Sinne Borgias Aber später einmal
werden seine Nachfolger noch davon zehren dass er dem Papsttum an sich das feste
politische Fundament gelegt Wo sind sie hin die Orsini die Kolonna die
generationenlang den Papst in seiner eigenen Stadt zur Ohnmacht verdammten
Nein dumm sind diese Borgia nicht es sind  es sind 
    und er suchte nach einem Wort da hörte er eine Amsel
    Es sind Genies der Amoralität Sie wissen nicht was böse oder gut ist Sie
kennen nur den Nutzen einer Sache soweit sie sie selbst betrifft
    Der Kentaure Chiron ist ihr Lehrer gewesen halb Mensch halb Tier und sie
selbst sind Kentauren geworden
    Sie empfangen ihre Bestimmung und ihr Licht vom Sternbild des Kentauren
    Vier Jahre braucht das Licht um vom Kentauren zur Erde zu gelangen
    Eine Ewigkeit dauert es um von den Borgia Licht und Wärme zu empfangen
    Sie haben ihr Herz hundertfach umpanzert 
    Er neigte sich zur Erde
    Sieh da Eine Blüte der Centaurea Was haben die Kentauren die Borgia damit
zu tun  Es gibt eine Art der Centaurea deren bittere Wurzel als Gegenmittel
gegen  Gift angewendet wird 
    Und er begann sich Notizen auf ein paar Zettel zu schreiben die er aus dem
Rock kramte
    Die Borgia verstehen sich darauf beide Naturen die menschliche und die
tierische gut zu verwenden weil eine ohne die andere nicht lange besteht Sie
verstehen sich darauf Bestien zu sein und nehmen vom Fuchs und Löwen was
ihnen passt Die Fuchsgestalt ist nötig um die Schlingen kennen zu lernen die
Löwenmaske um die Wölfe zu verjagen Wer nur den Löwen spielt versteht seine
Sache nicht
 
                                       XL
Wir brauchen einen Heiligen unter uns einen heiligen Borgia Weißt du keinen
fragte der Papst als er eines Tages in der Legenda aurea blätterte den Sohn
Cesare
    Cesare lachte hell auf um sich sofort zu fassen
    Ich bitte für mein unziemliches Verhalten um Vergebung Man darf die Form
nie außer acht lassen  sagte der Glockengiesser aber da war es schon zu spät
und die Glocke war verpatzt Ja  wen soll ich dir da empfehlen Kalixtus macht
keine besondere Figur Der Herzog von Gandia ist zwar tot aber nicht heilig zu
kriegen
    Lucrezia  wäre eine schöne Heilige  aber sie lebt ja noch Ebenso dieser
Knabe Narziss Warten wir ein paar hundert Jahre Papa di Roma Wenn wir Borgia
uns ausgetobt haben werden wir auch noch einen Heiligen zustande bringen Und
er wird genauso heilig sein wie wir unheilig waren Denn ein Borgia tut nichts
Halbes Addio Rodrigo
    Er nannte seinen Vater nur in besonders zärtlichen Momenten Rodrigo
    Der Papst sah ihm innig nach
    Ein kluger Kopf dieser Cesare 
    Er rieb die Hände aneinander
    Er fror zum erstenmal in seinem Leben Ich werde alt
    Draußen war Juni Der 27 Juni 1500
    Er befahl im Kamin Feuer zu machen
    Es war ein uralter Kamin an dem schon Kalixtus III seinen Borgiacorpus
gewärmt hatte
    Wann war das gewesen
    Vor  vor etwa fünfzig Jahren  dachte der Papst erstaunt
    Das sind schon fünfzig Jahre her
    Er lehnte sich an den Kamin
    Und plötzlich war ihm als ob der Kamin ein feuerspeiender Krater sei
    Die Erde begann zu zittern
    Mit donnerndem Gepolter brach der Sims des Kamins über ihn zusammen
    Lucrezia fand ihn und schrie laut um Hilfe Ihre Zofe und einige Soldaten
der Schweizergarde zogen ihn unter dem Schutt hervor Für den Bruchteil einer
Sekunde hatte sie den Wunsch der alte Mann dort ihr Vater der sie in dieses
Leben gezerrt hatte  er möchte tot sein ganz und für immer tot Aber er war
bärenstark stierkräftig Der Kamin hatte seinen Schädel nur geschrammt Er
hatte ihn nicht zerschlagen können
    Lucrezia pflegte ihn
    Nach seiner Wiedergenesung zelebrierte er ein Hochamt in der Kirche Santa
Maria del Popolo
    In seinen noch zitternden Händen hielt er einen mit dreihundert Dukaten
gefüllten Pokal und schüttete ihn vor dem Altar der Jungfrau aus
    Dreihundert drei  hun  dert Dukaten opfere ich dir als Dank für meine
Genesung allerheiligste allerjungfräulichste allergnädigste Madonna 
    Die Dukaten rollten über die Altarstufen hinab
    Des Nachts aber überkam ihn plötzlich die Reue
    Er fuhr aus Träumen auf zumal er abends eine schwer verdauliche
Langustenpastete gegessen hatte
    Dreihundert Dukaten dachte er Die Madonna wäre auch mit zweihundert
zufrieden gewesen Oder  hundertfünfzig
    Schweiß stand ihm vor der Stirn
    Er klingelte
    Aber der wachtabende Offizier der Schweizergarde im Vorzimmer schlief
    Der Papst knüpfte sich einen Knoten in sein Bettuch und beschloss sofort am
nächsten Tag zweihundert Dukaten von der Santa Maria del Popolo zurückholen zu
lassen
    Als er sich schlaflos von einer Seite auf die andere wälzte machte er
nochmals Licht griff zu seinem Notizbuch und begann sich allerlei zu notieren
    Mein Ziel ist  die Autorität des Kirchenstaates unter meinem Zepter
unverrückbar zu gestalten
    Wer sich von den Fürsten mir entgegenstellt den zerschmettere ich Meine
Feinde sind dem Untergang geweiht Ich fluche ihnen mit dem päpstlichen Fluche
Vide Karl VIII und Fra Girolamo
    Die Orsini und Kolonna meine inneren Feinde in Rom werden im Jenseits eine
Ewigkeit an mich zu denken haben
    Die Unterwerfung der Este zu Ferrara gelingt nicht Gut wird Lucrezia einen
Este heiraten und wir gewinnen sie so und borgisieren sie auf diese Weise
    Man muss die Menschen gegeneinander ausspielen die italienischen Fürsten und
Städte gegen die ausländischen Mächte und umgekehrt Innen beständig sein aber
sich nach außen nicht festlegen Das heißt Politik Im Klaren die Angel werfen
und im Trüben fischen Alles versprechen und den Teil halten den man zu eigenem
Nutzen halten muss Mag Italien dabei mager werden wir Borgia mästen uns
Italien muss in Unordnung gebracht werden damit wir in unserer Ordnung
verbleiben
    Und er stand auf schlüpfte in seine Pantoffeln und schlürfte in den Keller
hinab wo er sich eine Zelle als seine Schatzkammer hatte herrichten lassen
    Niemand durfte sie betreten Auch Cesare und Lucrezia nicht
    Die Schränke an den Wänden waren gefüllt mit Säcken voll Dukaten Kästen
voll Edelsteinen Smaragden Rubinen Saphiren goldenen Schalen Kreuzen
Figuren Altargeräte Abendmahlpokale standen auf Regalen Der Papst schüttete
einen Sack Dukaten auf den Tisch und wühlte darin
    Von seinen Lippen troff Speichel dazwischen Seine Augen öffneten sich
gierig wie die eines Habichts der einen Hasen erspäht
    Und vor Wollust des Besitzes und Geizes ergoss er seinen Samen in ein
goldenes Gefäß
    Alexander rief Lionardo da Vinci den bekannten Militäringenieur und
Erfinder der in Diensten Cesares stand zu sich
    Lionardo der gerade an einer Federzeichnung »Der Gehängte« strichelte kam
sehr unwillig
    Der Borgia ließ sich vernehmen
    Ja die Erde kenne ich nun
    Berge Täler Städte Dörfer Männer Weiber
    Du hast mir einen Globus verfertigt
    er steht auf meinem Schreibtisch
    und manchmal fährt meine Hand zärtlich über die Rundung der Kugel
    als wäre es eine Frauenbrust
    Dies alles
    ist mir tributpflichtig
    zollt mir Achtung Ehre Gut und Geld
    Italiener Spanier und wie ich höre sogar Deutsche und Mohren
    Nun aber will ich einmal Sterne um mich haben
    Bau mir ein Planetarium
Und als das Planetarium gebaut war saß der Borgia unter den Sternen unter
Uranus Neptun Saturn Sonne Mond unter Planeten und Fixsternen
    Er griff mit seinen immer leicht schweissigen Händen danach und sie ließ
sich in die Hand nehmen wie kaum flügge Vögel
    Dann ließ er sie wieder los
    Flieg Sonne
    Flieg Mond
    Und sie kreisten in edler Ellipse um seine Stirn
 
                                      XLI
Bevor Lucrezia nach Ferrara abreiste rief sie den römischen Infanten der
inzwischen fünf Jahre alt geworden war zu sich
    Mit Tränen in den Augen verabschiedete sie sich von ihm
    Ich kann dich nicht mitnehmen mein liebes Kind Ich muss dich hier beim
Heiligen Vater und beim unheiligen Bruder lassen Narziss Sie werden dich
schützen und behüten und ein Erzengel wird über dich wachen
    Der Knabe sah mit großen Augen zu Madonna Lucrezia auf und begriff nicht
warum sie weinte
    Ich werde nie nach Rom zurückkehren Behüte dich Gott wenn er einen Borgia
behüten mag Der Heilige Vater hat dich auf meinen Wunsch heute zum Herzog
ernannt und dir das Lehen von Nepi verliehen Narziss Herzog von Nepi Aber das
begreifst du alles noch nicht und wirst es erst später begreifen  Leb wohl
mein kleiner Herzog
    Sie hob den Knaben an ihre Brust und küsste ihn stark auf den Mund
Es war drei Uhr nachmittags als Lucrezia Rom verließ
    Sie ritt auf einem Schimmel Ihr Kleid mit Hermelin besetzt war von roter
Seide und floss schillernd an den Flanken des Pferdes herab
    Ihr blondes Haar zitterte im Wind
    Den Reisehut hatte sie herabgerissen und hielt ihn mit den Zügeln an den
Hals des Pferdes gepresst
    Alle Kardinäle viele Adelige viel Volk gab ihr bis zur Porta del Popolo
das Geleite Links neben ihr ritt auf einem Falben Cesare
    Vor dem Tore richtete er sich im Steigbügel auf und reichte ihr die Hand
    Sie nahm sie nicht an und blickte ihm nur düster ins Auge
    Er blieb mit den andern Römern zurück und noch lange sah er ihr blondes
Haar in der Nachmittagssonne glitzern
    Wie Herbstfäden dachte er Die Herbstfäden der Borgia
    Sie deuten auf baldigen Winter 
    Zwanzig Miglien von Ferrara entfernt vor dem Kastell Bentivoglio begegnete
Lucrezia ein Jäger zu Pferd Er hatte Hasen am Sattel hängen und sie ließ durch
einen Ritter ihres Gefolges ihn bitten ob er nicht zur Abendmahlzeit ihr ein
paar Hasen ablassen wolle
    Der Jäger zeigte sich mit größter Artigkeit dazu bereit
    Er lüftete den Hut
    Man stellte sich vor
    und es stellte sich heraus dass der Jäger Don Alfonso Erbprinz von Ferrara
war der ihr eben in absentia angetraute Gemahl Überrascht aber dann schnell
gefasst um sich vor dem Gefolge keine Blöße zu geben musterten sich die
Ehegatten die sich vorher noch nie gesehen hatten
    Lucrezia war dem Erbprinzen von Ferrara aufgezwungen worden aus politischen
Gründen
    Es genügten zehn Minuten höflichen oberflächlichen Gespräches und er war
von Lucrezia bezaubert wie jeder Mann zuvor
Der Einzug Lucrezias in Ferrara bot eines der prächtigsten Schauspiele jener
Zeit
    Es ritten voran fünfundsiebzig Bogenschützen zu Pferde gekleidet in den
Farben des Hauses Este weiß und rot Danach kamen hundert Trompeter und
Pfeifer Hinter ihnen ritt ganz allein Don Alfonso der Bräutigam gekleidet
in roten Samt ein schwarzes Samtbarett mit einer goldenen Agraffe auf dem Kopf
schwarze Samtgamaschen und schwarze Stiefel
    Es folgten die Adeligen Ferraras auf kostbar aufgezäumten Pferden dann
Pagen spanische Granden Bischöfe die Abgesandten Roms
    Drei Hofnarren Lucrezias kobolzten nun einher an der Spitze eines Zuges von
dreißig Zwergen die alle fortgesetzt Rad schlugen und andere Possen trieben
    Dann kamen zehn auserlesen schöne Pagen in den Farben des Regenbogens
gekleidet Und dann
    Lucrezia
    die Braut
    auf ihrem Lieblingsschimmel
    Sie trug ein glattes schwarzes Samtkleid mit goldenen Borten besetzt über
das Kleid einen Mantel von Goldbrokat
    Ihr volles blondes Haar war in ein schleierartiges Netz von dünnem Gold
gehüllt so dass man die Haarfäden und Goldfäden nicht unterscheiden konnte Eine
Sonne flammte über ihrer Stirn
    Sie ritt unter einem purpurnen Baldachin den die ordentlichen Professoren
und Doktoren der Universität Ferrara trugen da es an Dienern mangelte
    Der Gesandte Frankreichs ritt hinter ihr neben dem Herzog Ercole von Este
Es folgten wieder Prinzen Edle und Pagen und dann in vierzehn Galakarossen die
Ehrendamen und Hofdamen des Hofes von Ferrara
    Sechsundachtzig Maultiere darunter zwei weiße führten die Garderobe der
Braut
    Mit vielen Ahs und Ohs bewunderten die gaffenden Weiber Ferraras die
kostbaren Gewänder Teppiche Schmuckgegenstände
    Aber manch ein Bauer und Bürger stand am Weg und dachte
    Dies sind die Steuern und Abgaben die eine heilige Kirche von uns erpresst
hat  für die Borgia 
    Da  da  auf dem Rücken der Maultiere ziehen sie dahin meine und deine
»Sankt Peterspfennige« Aus Pfennigen werden Gulden aus Gulden Dukaten und
viele Dukaten machen jene breitärmelige Kamorra von grünem Samt oder jene
fünffach um den Hals des einen weißen Maultiers geschlungene Kette von Rubinen
und Perlen Neben den beiden weißen Maultieren schritt auch ein roter Stier das
Wappentier der Borgia
    Er wurde von der Volksmenge gehänselt und gestichelt da sie sich an die
Borgia selbst nicht wagten
    Aber stolz unnahbar schritt er vorüber den Kopf gesenkt um die Menschen
die er verabscheute nicht sehen und riechen zu müssen
Auf dem Domplatz wo Seiltänzer die zwischen zwei Kirchtürmen tanzten sie
begrüßten stieg Lucrezia vom Pferd
    Der Rektor der Universität Professor Nicolò Leoniceno Ordinarius für
Mathematik ein alter kurzsichtiger Herr hielt ihr die Steigbügel
    Pfeifer Trompeter Trommler Pauker Posaunisten begannen mit den Glocken
der Kirchen um die Wette zu lärmen
    Lucrezia der alles Laute verhasst war zog ein wenig den Mund schief ließ
aber dann ein Lächeln um ihre Lippen spielen das jedermann entzückte
    Im Empfangssaal nahmen Lucrezia und Alfonso auf den rosengeschmückten Thron
Platz
    Nach alter Sitte durfte die Braut einen Wunsch äußern der sofort erfüllt
wurde Lucrezia bat sämtlichen Gefangenen der Stadt Ferrara die Freiheit zu
schenken
    Spanische Buffoni begannen sie anzusingen Als erster Orator begrüßte sie
der Dichter Ariost
    O Rom O armes Rom in Nacht gestürzt
    Da dich die Sonne Borgias jäh verließ
    Und in Ferrara nun ihr Licht entzündet
    Lucrezia holdestes Gestirn erkoren
    Uns künftig Flamme Wärme Glück zu spenden 
    O geuss den Krug des Feuers auf uns hin
    Und brenne uns zu Fackeln Königin
    Dass wir zu deiner Ehre himmlisch brennen
    Und noch als Asche uns zu dir bekennen
    Unnatürlich bleich verneigte sich der junge siebenundzwanzigjährige Dichter
und trat mit linkischer Grandezza zurück
    Lucrezia sandte ihm einen sanften Blick nach  aus ihren occhi bianchi 
ihren hellblauen Augen
    Noch am gleichen Abend in seine einsame Kammer zurückgekehrt schrieb er
den Vers
    Das Weib ist ein gefährliches großes Kind
    sie hat die Augen der Taube und den Griff der Panterin
Das Hofteater von Ferrara im Saal des Podestà fasste dreitausend Personen
    Es war am Abend der Festvorstellung zu Ehren der Vermählung des Erbprinzen
überfüllt
    Vor Beginn der Vorstellung traten sämtliche Schauspieler an die Rampe und
stellten sich dem Publikum devotest vor
    Der Direktor verkündete das zu spielende Stück
    Ariost hatte seine »Kassaria« eingereicht aber sie war als zu modern
abgelehnt worden Der Herzog und das Publikum waren für »das Klassische«
    Die Vorstellung begann damit dass Plautus selbst auftrat und es mit
besonderer Freude begrüßte dass eine seiner Komödien gespielt werden sollte
    Man spielte den Epidicus
    Der größte Teil des Publikums langweilte sich und wurde erst bei den
Balletts munter die zwischen die Akte eingeschoben wurden
    Da tanzten zehn Neger mit Kerzen im Munde Da tobte ein Gladiatorenkampf
Besonders applaudiert wurde ein feuerspeiender Drache und eine schöne nackte
Jungfrau auf einem Einhorn
    Zum Schluss aber gab es ein unbeholfenes frühchristliches Legendespiel von
der Hetäre Tais das Lucrezia im innersten Herzen erregte
 
                                      XLII
                                     Tais
                                        
                           Marktplatz von Alexandrien
DER FROMME VATER PAPHNUTIUS tritt auf Ich habe von dem und jenem Wanderer
vernommen dass in Alexandria ein Mädchen weile die sei über alle Beschreibung
hold und liebreizend derart dass alle Jünglinge Alexandrias sie umschwärmten
wie die Bienen die Bienenkönigin und keiner sich ihrer verführerischen Anmut zu
entziehen vermöge
   Die anwesenden Jünglinge schweigen zuerst betreten Danach spricht einer
JÜNGLING Du hast recht tugendhafter Greis uns Jünglingen von Alexandria
Leichtsinn und Buhlerei vorzuwerfen Und wir wissen wen du meinst Es ist
Tais die Hetäre die uns verzaubert hat dass wir unsrer Sinne nicht mehr
mächtig sind Ganz Alexandria hat sie in Brand gesteckt Männer verlassen ihre
Ehefrauen ihretwillen und bartlose Knaben stehlen die Kleinodien aus ihrer Väter
Schrein um Tais zu gefallen und ihre Stirn mit dem goldenen Reif zu schmücken
PAPHNUTIUS Wo wohnt sie Ich habe eine Botschaft an sie
JÜNGLING Ihr Haus ist nahebei In jener Gasse dort Wenn du es wünschest so
wollen wir dich geleiten denn wir kennen den Weg nur allzu gut
PAPHNUTIUS Ich ziehe vor allein zu gehen Gott mit euch ihr Jünglinge
JÜNGLINGE Gott mit dir ehrwürdigster Vater
                                       
                                        
                                 Haus der Tais
                     Der Teufel in Gestalt eines Jünglings
TEUFEL Schenk ein Tais Mich dürstet Wenn das rote Rebenblut mir die Kehle
herunterrieselt stell ich mir vor es sei Menschenblut
THAIS Mich schaudert es wenn du so lästerlich sprichst
TEUFEL Ich scherzte meine Süße
THAIS Dies sind arge Scherze wie du sie treibst
TEUFEL Umarme mich so wollen wir bessere treiben
THAIS Ich bin zu Scherzen welcher Art auch immer heute nicht aufgelegt
TEUFEL Warum so spröde mein Täubchen
THAIS Ich hatte die Nacht einen Traum und dieser Traum macht mich nachdenken
TEUFEL Du machst mich lächeln Tais Du glaubst an Träume Lässt dir die Laune
von Imaginationen verderben die du dir selber schufst weil du am Abend vorher
vielleicht zu viel und zu fett gegessen oder zu schnell getrunken Ich hätte
dich für klüger gehalten
THAIS Mir träumte von einem Wald in dem ich einst gehaust als ich noch gut
und glücklich war
TEUFEL Gut  gut  was besagt das Es kommt nicht darauf an gut zu sein
sondern das Leben zu genießen es zu schlürfen wie ich diesen Trunk jetzt
schlürfe
THAIS Allzu oft und allzu leicht hab ich mich durch dich stets verleiten und
verlocken lassen Mir brennt die Scham in den Wangen denk ich daran dass ich
das Kind die Frucht unserer unzüchtigen Beziehungen einem schmutzigen alten
Weibe in der Vorstadt zur Aufzucht und in Pflege gab um hier im Haus in meinem
buhlerischen Treiben und wildem Wandel nicht behindert zu sein Wie mag es dem
Kinde gehen Ich träumte von ihm
TEUFEL Dich sollte das Kind nicht bekümmern Sei froh dass es dir hier nicht
zwischen den Beinen herumläuft und dir durch sein Geschrei die Besucher verjagt
Vestigia terrent Es würde manchem zarten Jüngling die Lust verschlagen sähe er
die Folgen liebenswürdigen Leichtsinns so leibhaftig vor sich
THAIS Mir träumte der Wald entreisse sich seiner Wurzeln und käme gewandert wie
ein Mensch zu mir 
                             Es klopft an der Tür
THAIS schrickt zusammen Wer ists
TEUFEL Die Störung kommt mir nicht gelegen
EINE STIMME Gut Freund schöne Tais öffnet getrost
Tais öffnet herein tritt Paphnutius die Kapuze seines Pilgermantels über den
                  Kopf geschlagen so dass er unkenntlich ist
THAIS Wer seid Ihr Ich atme eine reine klare Luft seit Ihr im Zimmer weilt
Duft von Tannen ist um Euch Wie wird mir
TEUFEL Ich kann den Gestank nicht ertragen Der Kerl deucht mich bekannt Tritt
herzu fährt zurück Es ist der verfluchte Christ 
PAPHNUTIUS macht das Zeichen des Kreuzes
TEUFEL schief und gebückt durch die Tür ab Hüte dich Tais vor ihm  wenn du
mir getreu bleibst  vor mir wenn du ihm verfällst
PAPHNUTIUS Wer war der Mann der dich soeben verließ schöne Tais
THAIS Ein Jüngling aus Alexandria und mein Freund  Ihr seid hierzulande
fremd wie es scheint
PAPHNUTIUS Ich komme weit von hier durch die Wüste von den Wäldern Tebens
THAIS Mein Traum
PAPHNUTIUS O Tais o Tais welch weiten Weges Mühsal hab ich durchwandert um
zu dir zu gelangen
THAIS Ihr hattet Sehnsucht  und nach mir  und kanntet zuvor mich doch gar
nicht
PAPHNUTIUS Alle Straßen der Welt sind voll vom Ruhm deiner Schönheit
THAIS Da Ihr solches Verlangen nach mir bezeigt so will ich mein Antlitz nicht
länger vor euch verhüllen und mich entschleiern Tut es
PAPHNUTIUS Tais Tais 
THAIS So schlagt auch Ihr den Mantel vom Haupt damit ich erkenne mit wem ich
spreche Ob es ein Jüngling oder ein Greis sei der meine Liebe begehrt
PAPHNUTIUS fasst sich an sein Herz
THAIS Was ist mit Euch Ihr zittert
PAPHNUTIUS Ich schaudre weil ich deines Schicksals denke und ich beweine dein
Verderben
THAIS Welche Stimme  Die Tränen des Fremdlings rühren mein tiefstes Herz 
Ihr kennt mein Schicksal nicht Was weint Ihr Fremdling über eine Fremde Ich
bin Euch fremd Ihr seid mir fremd Vor einer Stunde kanntet Ihr mich noch nicht
und wußt ich nichts von Euch
PAPHNUTIUS Immer bin ich bei dir gewesen Tais mit der Kraft meines Gebetes
Du hast mich  ich habe dich nie verlassen
THAIS Ich habe seit Jahren nicht mehr gebetet Fast habe ich den Namen Gottes
vergessen
PAPHNUTIUS Du nanntest ihn Doch sprich von welchem Gott sprachst du
THAIS Vom einzigen Gott
PAPHNUTIUS So glaubst du an ihn
THAIS den Kopf senkend Ich glaube an ihn
PAPHNUTIUS So glaubst du auch er sei allwissend
THAIS Ihm ist mein Wandel nicht verborgen
PAPHNUTIUS Und glaubst du dass er nach Recht und Gerechtigkeit richte
THAIS Ich glaube dass er mit gerechter Waage unsre Taten wägt 
PAPHNUTIUS O Jesus Christus wie übst du unendliche Geduld in deiner
unsäglichen Gnade und Langmut und weisest den Weg der Reue auch dem
Verfehmtesten Für sich Herunter vom Haupt die Hülle
THAIS im Aufschrei Mein heiliger Vater 
PAPHNUTIUS Du hast gelitten Tochter
THAIS Leid über Leid
PAPHNUTIUS Wer hat dich betört verführt und hintergangen
THAIS Der welcher Adam und Eva betörte dass sie des Paradieses verlustig
gingen
PAPHNUTIUSWo ist der engelreine Wandel den du geführt
THAIS Dahin dahin
PAPHNUTIUS Wo ist deine Jungfräulichkeit deine Zucht und Sitte Wohin die
goldene Enthaltsamkeit
THAIS Entschwunden meinem Sinn
PAPHNUTIUS Hat je ein Mensch ohne Fehl gelebt außer der Jungfrau Sohn
THAIS Nie
PAPHNUTIUS Menschlich ist es Sünde zu begehen Aber teuflisch in der Sünde zu
verharren Bereust du
THAIS kniend Weh mir ich Unselige Ich bereue
PAPHNUTIUS Mit Worten Mit den Lippen
THAIS Mit der Tat Mit der Seele Mit meinem ganzen Sein Ich büsse Ich büsse
Ich bin nicht wert den Staub von deinen Füßen zu küssen
PAPHNUTIUS Steh auf meine Tochter Zur Umkehr ist es nie zu spät
THAIS Mich drückt ein Übermaß an Sündenschuld
PAPHNUTIUS Erhebe dich Im Namen des dreieinigen Gottes des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes spreche ich dich aller deiner Sünden ledig
Steh auf meine Tochter und wandle im Herrn
THAIS Möge es dem Herrn gefallen mich wieder in ein ehrlich Menschen und
Gotteskind zu verwandeln
PAPHNUTIUS Unwandelbar ist die Substanz des Höchsten Doch ist es ein geringes
ihm die unsre zu wandeln Sei getrost und glaube
 
                                     XLIII
Noch in der gleichen Nacht das Brautpaar hatte längst das Lager aufgesucht und
ein Notar hatte die Vereinigung festgestellt  schrieb der Herzog Ercole von
Ferrara einen Brief an den Papst in Rom
    Heiligster Vater und ehrwürdigster Herr Eurer Heiligkeit erlauchteste
Tochter ist glücklich in Ferrara angekommen Sie hat die Ehe mit meinem Sohn
vollzogen und sich im Sturm die Herzen der schwer zu erobernden Ferrarer und
Ferrarerinnen gewonnen durch ihren Liebreiz ihre Anmut ihre Tugend und ihre
Klugheit Seien Eure Heiligkeit versichert dass mein Sohn und ich sie als das
Teuerste bewahren werden was wir auf Erden besitzen
    Als der Papst diesen Brief in Händen hielt da leuchteten seine Augen auf
um sich alsbald mit einem feuchten Schimmer zu überziehen
    Träne auf Träne tropfte plötzlich auf das Schreiben nieder
    Zum zweitenmal in seinem Leben weinte Rodrigo Borgia
    Mein Kind schluchzte er mein geliebtestes Kind Du bist glücklich Ich bin
glücklich wenn du es bist Mein Borgiaherz  Werde selig schon auf Erden Ich
habe alles getan dir diese Seligkeit vorzubereiten Teppiche habe ich vor deine
Füße gelegt damit du nicht auf Steinen zu wandeln brauchtest Ich habe dich vor
Kälte und Hitze geschützt du kühler edler Stein O bionda mia bionda
biondinella damor 
    Der Papst befreite Ferrara von der Kirchensteuer was einem Erlass von
zweihunderttausend Golddukaten entsprach und versicherte den Herzog von Ferrara
seiner besonderen Gewogenheit
Cesare empfing diesen Brief Alexanders
    Mein teurer Sohn mit steter Aufmerksamkeit verfolge ich Deine
Unternehmungen Mögen sie Dir in letzter Zeit nicht immer zum Guten ausgegangen
sein so darfst du deswegen nicht den Kopf hängen lassen Versuche es einmal mit
dem Kopf hängen lassen anderer Es ist kein Zweifel wir müssen mit dieser
verfluchten Familie der Orsini die auch die Hauptschuld an deinen neuerlichen
Misserfolgen trägt Schluss machen Sie sind unsere Feinde seit Beginn der Welt
und waren es schon zuvor und werden es danach wieder sein Wir werden ihnen noch
im Himmel oder in der Hölle wiederbegegnen Der Kondottiere Paolo Orsini hat
Dich samt seinem Neffen Fabio Orsini und Vitellozzo und Oliverotto auf das
schmählichste verraten Du musst versuchen ihrer durch List habhaft zu werden
Ich werde zu gleicher Zeit Karlo Orsini und den Kardinal Giovanni Battista
Orsini die aus Furcht vor mir Rom verlassen haben in einem zärtlichen Brief
bewegen zurückzukehren Haben wir sie alle in der Hand so schließen wir die
Hand und sie mögen insgesamt ersticken und verrecken
    Bilsenkraut Belladonna Wasserschierling Fingerhut und Hexenwurz sind
brauchbare Pflanzen und Arsenik Bleisäure und Quecksilber erforschenswerte
Mineralien Von einem Venenum atterminatum halte ich nichts
    Gottes Segen über Dich
                                                Dein Dich liebender alter Vater
PS Lucrezia befindet sich wohl Der Kardinal Giovanni Borgia kann seinen
Amtspflichten nicht mehr nachkommen malum gallicum habens Ich habe ihn immer
vor dieser neapolitanischen Sciantosa gewarnt
Der Kardinal Giovanni Battista Orsini folgte der liebenswürdigen Einladung des
Papstes Er hatte um so bestimmtere Hoffnung in völliger Gnade empfangen und
wieder aufgenommen zu werden als Paolo Orsini sich Cesare Borgia wieder zur
Verfügung gestellt und für ihn Sinegaglia mit stürmender Hand genommen hatte
    Er glaubte Träger einer dem Papst höchst erwünschten Botschaft zu sein als
er im Vatikan auf einem weißen Maultier einritt Er wurde ohne vor den Papst
gekommen zu sein vom Maultier gerissen und von Bewaffneten in die Engelsburg
geschleppt Es war an dem gleichen Tag an dem Cesare Borgia die Kondottieri
Paolo und Fabio Orsini Vitellozzo und Oliverotto in die Falle lockte und auf
der Stelle erwürgen ließ
    Kaum vernahm die Mutter des Kardinals Orsini von seiner Verhaftung als sie
vom Papst eine Audienz erbat
    Die Audienz wurde ihr verweigert Aber aus purer Menschlichkeit gestattete
ihr der Heilige Vater ihren ungeratenen Sohn einmal täglich zu besuchen
    Er ließ hinzufügen wenn sie wolle könne sie ihm ja persönlich das
Mittagessen bringen Der Kardinal habe ein unbegründetes Misstrauen gegen die
vatikanische Küche geäußert Sie sei für seinen verwöhnten Geschmack  den
Geschmack der Orsini  wohl zu einfach und ungewürzt Übrigens begreife er das:
selbst sein Sohn Cesare und die jungen Kardinale ässen ungern an der frugalen
päpstlichen Tafel
    Jeden Mittag trug mit eigenen Händen Madonna Orsini die vornehmste Dame der
römischen Aristokratie ihrem Sohn Giovanni das Essen ins Gefängnis Sie reichte
es ihm durch die Gitterstäbe wo er auf einer Pritsche saß in einem Breve las
oder mit sich selber Schach spielte
    Giovanni flehte sie was ist deine Schuld Der Kardinal sah ihr in die
Augen
    Dass ich ein Orsini bin Mutter
    Eines Tages nahm der Gefängniswächter Madonna Orsini die Schüssel schon am
Tor ab und schüttete die Minestra in den Rinnstein
    Dein Sohn Mütterchen braucht nichts mehr zu fressen Ist heute nacht an
einer Verdauungsstörung sanft entschlafen Der Papst selbst hat ihm gestern
abend die heilige Hostie gereicht  aber sie ist ihm nicht gut bekommen
    Er wollte ihr die Schüssel zurückgeben Sie fiel ihr aus den Händen auf die
Fliesen und zerschellte klirrend
    Schreiend lief sie durch die mittäglich leeren Straßen
    Überall waren an den Fenstern Decken und Rolläden heruntergelassen
    Die Sonne brannte kaum erträglich
    Niemand sah niemand hörte die alte schwarzgekleidete Frau
    In der grellen Sonne taumelte sie im Zickzack wie ein Schmetterling ein
Trauermantel
 
                                      XLIV
Auf die Nachricht vom Tod des Kardinals Giovanni Battista Orsini empörten sich
in Rom und Umkreis alle Orsini gegen den Papst
    Giulio Orsini brach mit einem Heerhaufen von Ceri auf Giovanni Giordano
Orsini von Bracciano
    In Eilmärschen kehrte Cesare nach Rom zurück dem Vater zu Hilfe
    Wieder gelang es ihm die Orsini entscheidend zu schlagen und zu demütigen
    Der Sieg Cesares veranlasste den französischen König Ludwig XII Cesare und
sein Heer für eine Wiedererwerbung Neapels zu gewinnen
    Das für den Feldzug nötige Geld wurde vom Papst beschafft indem er neue
Kardinäle ernannte deren jeder für den Kardinalshut 15000 bis 20000 Dukaten
zu zahlen hatte
    Ferner luden sich der Papst und Cesare bei dem sagenhaft reichen Kardinal
Adriano zu Gast Es musste ein Vergnügen sein ihn zu beerben
    Der Papst sonst den kulinarischen Genüssen wenig hold interessierte sich
lebhaft für das Menü
    Er ging selbst in die Küche des Kardinals Er band sich eine Schürze um und
man sah ihn sich mit der Zubereitung eines Fasans befassen Der Fasan wurde
gesäubert der Papst löste vorsichtig die Haut von der Brust Darauf hackte er
ein viertel Pfund Spickspeck eine Trüffel fünfzig Gramm Schweinefleisch
zusammen und stopfte es zwischen Brust und Haut Nun umwickelte er den ganzen
Fasan mit Speck
    Der Kardinal hatte ein delikates Mahl vorbereiten lassen frische Spargel
Forellenschnitten in brauner Butter mit Krebspastetchen Fasan auf
SchnepfenCroutons mit in Rahm angemachtem Salat Ananas in Johannisbeermus und
warmes Käsegebäck
    Der Papst der aus Geiz bei sich im Vatikan eine kärgliche Küche führte
sprach den Speisen lebhaft zu
    Er und Cesare waren in glänzender Laune Es ging vortrefflich mit den
Borgia immer vorwärts immer weiter manchmal nur wie bei einer
Springprozession zwei Schritt zurück dann drei vor Gott war mit ihnen der
Teufel und Fortuna die Göttin des Glücks
    Der Papst überlegte gerade ob er der heidnischen Göttin Fortuna nicht einen
Tempel oder wenigstens Altar errichten und ob man nicht eine katholische Heilige
aus ihr machen könne als Cesare sich zum Trinkspruch erhob
    Er nahm von dem hinter ihm stehenden Mundschenk mit dem er einen schnellen
Blick des Einverständnisses wechselte die Gläser reichte eines dem Papst
eines dem Kardinal eines sich selbst schwenkte sein Glas und sprach zum
Kardinal gewandt Auf die Gesundheit Eurer Eminenz
    Alle tranken die Gläser bis auf den Grund leer
    Kaum hatten sie getrunken als der Papst und Cesare von heftigem Erbrechen
befallen wurden
    Sie mussten schleunigst in den Vatikan gebracht werden
    Der Mundschenk eine Kreatur Cesares hatte die Becher vertauscht
    Diamante Jovelli die junge Gerberstochter von Faenza die Geliebte Astorre
Manfredis hatte ihn durch das Versprechen einer Liebesnacht dazu vermocht
 
                                      XLV
Alexander versuchte noch am nächsten Morgen eine Messe zu lesen Der Kopf fiel
ihm seitwärts an die Schulter eines Kardinals der ihn stützte 
    In seinem Bett wand sich Alexander vor Schmerzen
    Er hatte ein brennendes Gefühl das vom Kehlkopf über die Speiseröhre bis in
den Magen ging
    Die Haut schuppte sich
    Pusteln traten hervor
    Er erbrach grüngelbe Galle 
    Er ließ sich von seinem Leibarzt das Blut eines jungen Mannes einspritzen
der an Verblutung zugrunde ging
    Es half nichts
    Gift  dachte er  er hat mich vergiftet 
    er selbst Cesare mein Kindchen mein Söhnchen
    hat mich vergiftet 
    oder  wer sonst
    Cesare soll zu mir kommen
    Der Diener brachte den Bescheid der Herzog läge selbst schwer krank
danieder
    Der Papst dachte
    er lügt er simuliert
    Das Fieber breitete sich in rosa und dann in feuerroten Wolken über ihn aus
    Plötzlich trat im langen schwarzen Rock und gesteifter weißer Krause halb
wie ein Arzt halb wie ein Richter anzusehen der Tod durch den roten Nebel ins
Zimmer
    Der Papst fuhr aus den Kissen
    Quid mors seva petis
    Der Tod sprach
    Te
    Me  quis jure
    Quod hora en properat
    Heu mihi 
    Quid luges
    Parum vixisse
    Lucrezia  Cesare  er hatte sie plötzlich vergessen
    Wo war Julia Julia me miserum non defendis amavi si the corde magis Julia
ich habe dich von Pinturicchio als Madonna malen lassen  mich selbst in
Anbetung davor versunken So hilf mir doch jetzt Madonna Julia
    Nemo potest the juvare
    Ergo mihi moriendum est
    Est
    Ich will dir beichten 
    Lass du brauchtest ein neues zweites Leben zur Beichte So viel Zeit habe
ich nicht Beichte dem Teufel  
    Ein Weib schrie der Papst als er aus langer Ohnmacht erwachte ein Weib
wird mich gesund machen
    Auf einem Weibe liegend traf im Spiegelzimmer den Papst der Herzschlag
    Die Spiegel warfen seinen letzten Lebensblick hundertfach in den Raum
zurück
    Schreiend floh seine letzte Geliebte eine junge Wäscherin die ihm ihre
Mutter zugeführt hatte
    Der mächtige Leib des gewaltigen Greises wollte nicht sterben
    Als schon die Seele ihn verlassen schäumte der Mund noch wie ein Kessel
überem Feuer und der Bauch schwoll mächtig an
    Seine Füße auch zuckten als ob sie sich noch einmal anschicken wollten
diese Erde zu betreten
    Solange man nicht sicher war ob er nicht noch lebe und wieder aufstünde
wagte sich niemand im Guten oder Bösen an sein Lager
    Als aber die Ärzte seinen Tod unwiderruflich bestätigten da gab es keinen
Halt mehr
 
                                      XLVI
Das Volk von Rom jubelte und wie jm Karneval tobten Masken durch die Straßen
    Mit Sturmeseile durchlief die Kunde vom Hinscheiden des »Antichrists« die
heilige Stadt
    Die Leute rannten auf die Straße
    Fremdeste umarmten sich
    Mütter holten ihre Kinder in die Sonne
    Es ist wieder rein das Licht seitdem es das Ungeheuer nicht mehr
bescheint
    In die Wohnungen der verschiedenen Borgia brachen Volkshaufen und plünderten
sie
    Der Pöbel von Rom war ganz besoffen von Chianti und Freude über den Exitus
des Papstes
    Sie veranstalteten einen fröhlichen Leichenzug
    Ein abgestochenes Schwein das den Leichnam des Borgia symbolisierte wurde
in einem mit Papiergirlanden bekränzten offenen Sarg von zwei Juden und zwei
Mauleseln dahergezogen
    Heulend glucksend quietschend brüllend folgten die Trauergäste Bettler
Maroniverkäufer ausgediente Landsknechte Huren Ziegeleiarbeiter Astrologen
Musikanten Vagabunden Rompilger
    Im Zuge schritten auch ein Aussätziger der den Namen Cesare Borgia eine
schöne blonde Hure die den Namen Lucrezia Borgia an der Stirn geschrieben trug
    Auch wurde in einem Handkarren eine Art Friedensgöttin mitgeführt eine
halbnackte Frauensperson die eine Lilie in der Hand schwenkte und ihren
ungewaschenen Fuß auf rostige Harnische Hellebarden und Helme setzte
    Die Stadtpolizei drückte beide Augen zu und ließ den Pöbel rasen
    An Alexander Borgias Leiche zogen von den Schweizer Hellebardieren nicht
gehindert Tausende vorbei Kleriker Bauern Landsknechte Arbeiter Bürger
die ihren Hass unverhohlen kundtaten Ja wenn die Schweizer Gardisten nicht
hinsahn spie ihm der eine oder andere ins Gesicht wo der Schleim ihm auf
immer die Augen verklebte Es war aber nicht eine einzige Frau die an seiner
Leiche vorbeiging Die Frauen hatten ihn geliebt und wollten sich das Andenken
des schönen wohlgeformten Mannes nicht durch den Anblick der verunstalteten
Leiche schänden lassen 
    Julia Farnese vernahm von seinem Tod als sie im Bad saß Sie wurde
ohnmächtig und wäre ertrunken wenn nicht eine junge Mohrin ihre Zofe zufällig
nach ihr gesehen hätte
    Sie ließ sich mit kölnischem Wasser besprengen und saß den ganzen Tag
regungslos im Erker Unten tobte das Volk vorbei und hin und wieder warf einer
eine höhnische Kusshand zu ihr nach oben
    Der Teufel hat ihn geholt schrie ein Schuhmacher vom Petersplatz Er hatte
einen Pakt mit ihm der ihn auf den Papsttron gebracht hat zwölf Jahre vier
Tage dürfe er Papst sein  danach gehöre seine dreckige Seele ihm dem
Beelzebub so galt der Vertrag Gestern war seine Frist abgelaufen Ein Rudel
schwarzer Hunde heulte seit vorgestern in den Korridoren des Vatikans Das waren
der Oberteufel und zwölf Unterteufel
    An der Bahre Alexander Borgias ging auch der Dichter Ariost vorüber Jemand
hatte einen Zettel daran befestigt Ariost las
    Quis jacet hic
    Sextus
    Quis funera plangit
    Erynnis
    Quis comes in tanto funere obit
    Vitium
    Er blieb stehen und betrachtete lange den unförmigen Koloss ihm sein
Geheimnis zu entlocken
    Vergeblich seufzte er es ist vergeblich
    Vielleicht sann er wird er im Fegfeuer brennen Aber das Feuer wird ihm
nichts anhaben denn es ist sein Element Reue Nein Reue kannte er nicht Er
wird auch im Fegfeuer nicht bereuen und wenn wir einst hinunter müssen wird er
noch brennen  und viele Tausende Geschlechter noch bis ihn vielleicht eines
Tages oder Nachts Gott der Herr erlöst und als Gestirn an den Himmel versetzt
dort mag er dann weiter brennen und sich brennend zum Dienst an Licht und
Wärme läutern
    Aber das wird die einzige Reue sein die wir von ihm erwarten dürfen
    Und er legte dem toten Borgia eine weiße Rose zwischen die wulstig
aufgegangenen Lippen
    Die weiße Rose die Lucrezia ihm aufgetragen hatte
    Kein Priester segnete die Bestattung ein
    Keine Litanei wurde gesungen
    Die Totengräber hatten Mühe die geschwollene Leiche Alexander Borgias in
den Sarg zu schaffen Sie stopften die Fleischmasse hinein mit groben Fäusten
wie Gansfüllung in eine ausgenommene Gans
 
                                     XLVII
Es zeigte sich dass auch Cesares Reich nur von der Autorität des päpstlichen
Vaters zusammengehalten worden war
    Stück für Stück brach aus Cesares Krone
    Die von Cesare vertriebenen Fürsten kehrten von der Bevölkerung jubelnd
begrüßt in ihre Hauptstädte zurück Sforza nach Pesaro Guidobaldo nach Urbino
Varano nach Kamerino  und so fort
    Cesare lag noch immer schwerkrank zu Bett in allen seinen Entschlüssen und
Taten gelähmt und gehemmt Macchiavelli stattete ihm einen Krankenbesuch ab
    Ich habe an alles gedacht seufzte Cesare aber dass ich in dem Moment wo
mein Vater stirbt schwer krank daniederliegen würde  daran habe ich nicht
gedacht Ich bin ohnmächtig ich bin ganz hilflos 
    Nur die Romagna hielt noch zu ihm
    In Ferrara zitterte Lucrezia um Cesare
    Ihre Stellung war durch ihre Schönheit Klugheit und Vorsicht unantastbar
Sie erreichte dass der Herzog Cesare Truppen sandte um ihm die Romagna zu
erhalten 
    Piccolomini wurde als Pius III zum Papst gewählt
    Cesare frohlockte Der Piccolomini war ihm gewogen Cesare hatte einige
Kardinale zu seinen Gunsten bestochen
    Schon nach drei Wochen starb Pius III Cesare brach zusammen
    Es ging zu Ende mit den Borgia Sie hatten kein Glück mehr Fortuna die
ihnen fünfzig Jahre zugelächelt hatte wandte ihr Antlitz von ihnen Woher sie
gekommen waren aus dem Dunkel aus dem Nichts dahin kehrten sie wieder zurück
in das Nichts in das Dunkel
    Cesare ritt durch die Stadt sich sein Grab selbst auszusuchen Er fieberte
noch immer Aber er nahm die Fiebermittel nicht die ihm sein Leibarzt
verschrieb Er goss sie unters Bett
    Wen würden sie zum Papst wählen
    Er verfluchte sich dass er seinerzeit den Kardinalspurpur so leichten
Herzens abgelegt hatte
    Heute hätte er ihn brauchen können
    Vielleicht war der Rovere noch der brauchbarste Papst für die Borgia
    Er verschafte ihm die Stimmen der spanischen Kardinäle
    Der Rovere setzte sich als Julius II die Tiara aufs Haupt
    Julius II sprach
    Ich will nicht in den Räumen wohnen wo der Borgia wohnte der das heilige
Ansehen der Kirche geschändet hat wie nie einer zuvor Er hatte den päpstlichen
Thron nicht rechtmäßig inne sondern usurpierte ihn mit Hilfe des Teufels Und
ich verbiete bei Strafe den Namen Borgia in Rom künftig verlauten zu lassen
Sein Name sei durchstrichen ausgelöscht und vergessen Alle Bilder der Borgia
sollen mit schwarzen Tüchern verhängt werden Alle Grabsteine der Borgia sollen
umgedreht werden die Inschriften herausgemeisselt
Julius II forderte von Cesare Borgia die Übergabe der befestigten Plätze in der
Romagna Cesare sah ein dass Widerstand nutzlos war Er floh In Ostia bestieg
er ein Segelboot
    Als er in Neapel landete wurde er verhaftet und ins Kastell von Ischia
geworfen
    Er brach aus und gelangte nach Spanien
    Zerlumpt wie ein Matrose betrat er die spanische Erde die Erde die ihn
und alle Borgia hervorgebracht
    Julius II hatte seine Besitztümer konfiszieren lassen
    In einer Spelunke Sevillas wo er mit allerlei zweifelhaften Subjekten
verbotenem Spiel oblag wurde er wiederum verhaftet und ins Kastell Medina del
Kampo geschafft Er rief den König von Frankreich um Hilfe an
    Es kam keine Antwort
    Er schrieb an Lucrezia
    Der Brief wurde unterschlagen
    Er wusste nicht dass sie inzwischen Herzogin von Ferrara geworden war
    Ercole war gestorben Alfonso hatte den Thron bestiegen
    Es gelang Cesare nochmals zu entfliehen 
    Er trug einen tödlichen Hass gegen Julius II im Herzen
    Hass ist gut dachte er Aber er darf nicht gefühlvoll basiert sein Es muss
ein systematischer Hass sein ein nüchtern matematischer Ich hasse Julius zu
heiß
    Die Flucht wurde nach Italien berichtet und setzte den Papst in Schrecken
    Ein furchtbarer Mann dieser Cesare Borgia Wir haben uns des kühnsten
Wagemutes von ihm zu versehen Sein Name allein genügt Heere aufzustellen
    Es geht noch immer eine mystische Kraft von ihm aus 
    Er beschloss ihm Halt zu bieten
    Bei Pamplona hinterhältig angegriffen sank Cesare einunddreissig Jahre
alt unter den Dolchen von Meuchelmördern Sieben hatten ihn überfallen
    Sechs verwundete er noch tödlich ehe der siebente ihm den Todesstoss
versetzte
    Dieser siebente war ein Mohr Voll Hochachtung betrachtete er den toten
Feind
    Tapferer Mann tapferer Mann Aber gut dass er tot und ich noch lebe
    Tausend Dukaten winkten ihm und die Heimkehr nach Afrika zu seiner schwarzen
Gattin
    Voller Sehnsucht leckte er sich die dicken Lippen als er das blutige Messer
am Kleid des Borgia abwischte
 
                                     XLVIII
Lucrezia empfing die Nachricht vom Tode ihres Bruders die man versucht hatte
ihr zu verheimlichen als sie in den Wehen lag
    Sie schrie einmal zum Himmel auf
    um dann nie mehr eine Klage von sich zu geben
    Sie genas eines toten Sohnes
    Das Leben der Borgia ist zu Ende sann sie Der Faden ist ihnen für immer
abgeschnitten
    Auch ich bin dieses Lebens müde und satt
    Im Kindbettfieber verflackernd schrieb sie noch einen letzten Brief
    an den Papst in Rom
    Heiligster Vater und innigst zu verehrender Herr
die Seele einer Sterbenden neigt sich vor Euch und küsst Euch in aller schuldigen
Ehrfurcht die heiligen Füße Diese Sterbende ist eine Sünderin und eine Borgia 
und also eine Sünderin doppelt und vielfach Alle Sünden und Laster dieser Welt
sind in meinen armseligen bejammernswerten Leib eingegangen  jetzt da ich
schier verblutet bin an meiner Entbindung sind sie mit meinem Blut wohl alle
wieder hinausgeflossen O habt Erbarmen und bittet Gott um Gnade für mich und
alle Borgia Sie waren ausgestattet mit den höchsten Gaben des Geistes und
Körpers Sie waren bestimmt die Welt zu leiten Aber sie selbst haben sich von
Teufeln und Dämonen leiten lassen Ihre Seelen waren nicht klein auf das
Kleinliche gerichtet Die Geschichte wird ihrer gedenken in Verwunderung und
Abscheu aber nicht ohne Erkenntnis ihres Schicksals und ihrer Talente O
erteilt mir die Heilige Benediktion Heiligster Vater  ich bin Euer getreues
und demütiges Kind vom Baume Borgias der letzte und unscheinbarste Spross zum
Welken und Verdorren bestimmt
    Geschrieben in Ferrara in der vorletzten Stunde meines Menschenlebens
Euer Heiligkeit
                                niedrigste Magd
                                                                Lucrezia Borgia
Dämmerung im Zimmer
    Lucrezia träumt das Märchen vom verdorrten Mandelbaum der unter dem Blick
eines reinen Menschen wieder zu blühen beginnt
    Sie blüht auf
    Sie gewinnt eine neue Jungfräulichkeit und Keuschheit des Wesens.
    Wer sie sieht ist betroffen von so viel lieblicher Anmut und seelischer
Demut
    Sie entzündet die Dichter die ihr Verse voll Leidenschaft und Verehrung
widmen Ariost Giraldi Antonio Tebaldeo Marcello Filosseno vergleichen sie
mit Minerva Helena und Venus
    Sie wird zum Vorbild einer treuen tugendsamen Gattin
    Michel Angelo erhebt sie auf einen Sockel und meisselt sie als Pietà
    Alle Lüste und Laster sind längst von ihr abgeglitten Wie Anadyomene steigt
sie neugeboren aus dem Meer des Lebens
    Sie hat alle Briefe des Vaters und des Bruders verbrannt  sogar ihre
früheren kostbaren Kleider
    Sie trägt eine einfache graue Kutte
    Sie lebt nach rückwärts
    Sie erinnert sich plötzlich
    Damals als Alexander 
    Damals als Cesare 
    Damals als Alfonso 
    Aus den Gräbern steigen die Borgia
    Viele tragen einen Dolch in der Brust
    manche haben den Kopf unterm Arm
    Sie tanzt ihnen zu Ehren einen spanischen Tanz
    Ein Mönch schlägt dazu das Tamburin des Mondes
    Die toten Borgia sehen ihr zu
    Sie tanzt bis sie ohnmächtig hinfällt
    Als sie aufwachte war es im Zimmer dunkel geworden
    
    Das Dunkel spie Gespenster aus
    Gespenster in ihr 
    Gespenster außer ihr 
    Eine schwefelgelbe Flamme schlug vom Himmel in ihr Herz
    Ein kleiner buckliger Mann tänzelte plötzlich vor ihr und es war ihr
widerlich ihn nicht gehen sondern affektiert und aufdringlich mit einem
übertriebenen Steiss wackeln und tänzeln zu sehen
    Plötzlich verschwand er in der Mauer als ob dort eine Tür wäre
    Aber es war keine Tür da
    Nur ein kleines Loch in dem eine Kröte saß und Lucrezia mit goldbraunen
Augen anglotzte
    Die Sonne war längst untergegangen behangen mit einem violetten
Wolkenmantel
    Nun stiegen die Sterne an
    Es wurde licht
    immer lichter
    Ein Brausen ist um sie und Sausen von Licht Ein Strom von Glanz
    Sie lächelt
    Da erfriert ihr Lächeln
    es wird zum Entsetzen
    Der Glanz beginnt zu brennen Jede Pore
    ihres Leibes brennt
    Es wird heiß immer heißer
    sie ist im Fegefeuer
Auf ihrem Grabstein fand man diese Inschrift die drei Tage zu lesen war bis
sie der Regen verwusch
Hier ruht Lucrezia  dem Namen nach
Sie häufte Greuel auf Greuel und Schmach
auf Schmach
Sie war des eigenen Vaters Frau und Schnur
Des Gatten Mörderin des Bruders Hur
 
                                     Epilog
Luis war der Vater von Rodrigo
Rodrigo war der Vater von Pedro
Pedro war der Vater von Alfonso
Alfonso war der Vater von Juan
Juan Borgia war Oberjägermeister und Oberstallmeister am Hofe Karls V
    Er liebte Isabella die Königin von Spanien und als sie starb geleitete er
ihren Sarg bis Granada zur Beisetzung in der königlichen Gruft
    Nach alter Sitte wurde der Sarg noch einmal geöffnet und Juan Borgia trat
heran zu beschwören dass die Leiche die da liege die der schönen und edlen
Königin Isabella sei
    Er hob die Hand  aber die Hand blieb ihm reglos in der Luft hängen
    Dies schon in Verwesung bis zur Unkenntlichkeit übergegangene Stück Fleisch
sollte Isabella sein die schöne Isabella das Wunder von Frau
    Er weigerte sich den Schwur zu schwören und seine geballte Faust schien
Gott zu fluchen
    Er stürzte hinweg und kam zum Schloss Tordecillas
    Er traf eine irre Greisin die greulich vor ihm die Tarantella tanzte
    Es war Johanna die Mutter Karls V
    Er flieht und begegnet in Jarandilla Karl V der voller Ekel seinem Thron
entsagt hat
    Da geht Juan Borgia zu den Jesuiten und wird im Jahre 1565 ihr General
    Um den Fluch und die Schande vom Namen Borgia zu nehmen wird er von der
Kurie nach seinem Tode als Bester der Borgia heiliggesprochen
San Francesco Borgia
    Armer Heiliger  wer ruft zu dir in seiner Not wer weiht dir Wachsherzen
und Kerzen Wer trägt dein Medaillon auf der Brust
    Niemand ruft nach dir
    Niemand betet zu dir
    Einsam stehst du abseits von allen andern Heiligen am Thron Gottes
    Eine Träne blinkt in deinen seraphischen Augen wenn du die Gesänge zu Ehren
der andern Heiligen brausen und klingen hörst Poveretto Borgia
    Du trägst einen schwarzen Namen den selbst Gottes Huld nicht blank zu
putzen vermochte
    Du Borgia
    Das war eine Zeitlang ein Schimpfname wie Lump und Schinder und selbst ein
Mörder ließ sich nicht ungestraft Borgia rufen
    Eines Tages trat San Francesco Borgia zu Gott und bat
    Nimm den Heiligenschein den deine heilige Kirche mir aufgesetzt von mir
Es ist niemand der ihn mir glaubt Die Menschen nicht und nicht deine Engel
Lass mich zu den Teufeln gehen in die Hölle dort wo die Borgia hingehören 
    Und Gott sah den heiligen Ernst im Antlitz des Heiligen und seufzte tief auf
und sprach Geh  geh zu den Deinen
    Und der Borgia verneigte sich zog aus die Uniform des Jesuitengenerals und
ging langsam die neunhundertneunundneunzig Stufen hinab zur Hölle
    Und er klopfte an das Höllentor Luzifer in Person öffnete
    Wer bist du
    Ein Borgia
    Das Gesicht des Teufels hellte sich auf
    Ah sehr gut Neunundneunzig Borgia sind schon drin Du bist der hundertste
Sei mir willkommen Zahle das Eintrittsgeld und du darfst eintreten
    Der Borgia verwunderte sich
    Das Eintrittsgeld Wieviel
    Weil du es bist tausend Dukaten
    Der Borgia
    Ich habe keine tausend Dukaten
    Der Teufel
    Nun sagen wir fünfhundert
    Der Borgia
    Ich habe auch nicht fünfhundert
    Der Teufel
    Ja bei Gott was hast du denn
    Der Borgia
    Keinen Pfennig 
    Der Teufel fuhr empört auf
    Was du ein Borgia willst kein Geld haben Du lügst Du bist nur ein
schmutziger Geizhals oder hast dein Vermögen im Himmel angelegt weil Gott der
Herr dir mehr Zinsen versprochen hat Mit Hunderttausenden von Dukaten sind
deine erlauchten Anverwandten hier eingetroffen Als Alexander Borgia kam haben
meine Bediententeufel acht Tage lang Kisten mit Gold geschleppt Scher dich zum
Himmel wenn du den höllischen Zoll nicht zahlen kannst oder willst Und schlug
ihm das Höllentor vor der Nase zu
                      Zwischen Himmel und Hölle nirgends
                         beheimatet irrt ruhelos umher
                               der letzte Borgia