Ludwig Toma
Der Ruepp
Roman
Erstes Kapitel
Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen denn
es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh und nicht weniger stand bevor Wenn
man durch Weidach ging breitete sich auch diese feiertägliche Rast wohltuend um
die Bauernhöfe aus ein altes Weibl saß auf der Hausbank und stopfte an einem
blitzblauen Socken herum daneben stand die Junge im Putz bei der Nachbarin sie
hatte sich nach dem Rosenkranz noch nicht ausgezogen weil sie ein langer
ausgiebiger Ratsch aufhielt
In den Ställen herrschte die friedlichste Stille wer so einem Ochsen
zuschaute wie er auf dem Stroh lag und nachdenklich wiederkäute der konnte
glauben dass das Vieh den Genuss des Ausrastens am besten verstand Jedenfalls
viel besser wie die Bauern die in der rauchigen Wirtsstube hockten und soviel
tranken dass ihnen die Frühstunde am Montag die wehleidigste der ganzen Woche
werden musste
Die jungen Burschen und Knechte lärmten in der Kegelstatt neben dem
Wirtshaus Vor einer die Kugel auf den Laden setzte fluchte er warf er wenig
Kegel um fluchte er und warf er viele um fluchte er auch
Ein paar Mädeln gingen auf der Straße steckten die Köpfe zusammen und taten
so als bekümmerten sie sich kein bissel um die Burschenschaft obgleich sie
bloß derentwegen vorbeischlichen
Ein Knechtl tat ihnen den Gefallen und pfiff gellend durch die Finger
»D Ecker Zenzi Und d Liebhardt Nanni Da gehts zuawa
Herrgottsaggerament Wiah machts amal gehts zuawa«
Ein paar andere pfiffen durch die Zähne und schnackelten
»Höi Zuawa da«
Die Mädeln gingen zögernd hin nippten an den Bierkrügen die ihnen
zugeschoben wurden und kicherten über die kecken Reden die sie hören mussten
Am lautesten war der Wenger Hartl ein rotaariger Bursch mit einem
blatternarbigen Gesicht ein schiecher Kerl aber ein gefürchteter Raufer und
das frechste Maul weitum
Er verstand es am besten mit den Mädeln und lachte selber am meisten über
seine zotigen Sprüche
»Du spinnst im höchsten Grad« sagte die Liebhardt Nanni zu ihm und wischte
sich mit dem Handrücken den Bierschaum ab
»Lass mi no eini in d Kamma na spinn i dir dein Flachs owa was is«
»Da Seppi hat an Kranz gschoben«
»Ah Herrgottsaggera der Bluatshund der miserablige «
In der Wirtsstube horchten sie hie und da auf wenn es draußen überlaut
wurde und es schüttelte auch einmal einer den Kopf
Früher war das anders meinte er und sich gar so auslassen durfte man als
junger Mensch nicht
Die Alten hättens nicht gelitten und hätten sich Ruh verschafft Aber jetzt
sollte es einmal einer probieren und den Jungen was sagen wie sich die
aufgemanndelt hätten Und wie einem jeder Knecht schon das Maul anhing und
gleich die Arbeit vor die Füße hin schmiss
Früher ließ man so einen gehen und stellte einen andern ein aber die Sache
war jetzt so dass man froh sein musste um einen schlechten Wenigstens in der
Ernte
Bald gab man in der Wirtsstube nicht mehr auf den Lärm acht der von der
Kegelstatt hereindrang da es drinnen selber lebendig wurde
Der Ruepp von der Leiten hatte sich seinen gewohnten Sonntagsrausch
angetrunken und nahm den Stadelscheck einen kleinen Häuselmann in die Arbeit
Wenn der Ruepp einen vor hatte hörte er nicht mehr auf bis der andere
ging oder auch bis er selber hinausgeschmissen wurde
»Dei Vata hat von dem mein zwoahundert Guldn z leicha ghabt«
»Net wahr is«
»Net is wahr Hat mas mei Vata net hundertmal gsagt der alt Stadelscheck
hat er gsagt hat mir zwoahundert Guldn wega gschworn aba hat er gsagt
dem müassn seine Schwurfinga derfäuln«
»Du lüagst «
»I Hat mas mei Vata net gsagt«
»Der ko gsagt hamm was er mögn hat der Leutbetrüaga«
»As Grab eini tatst du mein Vata schimpfn du du «
Der Stadelscheck schlug auf den Tisch dass die Krüge hoch sprangen
»Leutbetrüaga hab i gsagt Lump hab i gsagt «
»Sagst du«
»Der nämli wia du akkrat als wia du «
»Jetza Manndei hast was hörn lassen Jetza kriag i di «
»Hörts amal auf mit enkern Gschroa Es san ander Leut aa no da« sagte der
Lukas der neben dem Stadelscheck saß
Der Kleinhäusler ließ sich durch den barschen Ton einschüchtern denn der
Lukas in Buch war der angesehenste Bauer in der Gemeinde
Aber wie hätte der Ruepp von der Leiten auf seinen heimlichen Feind und
Nachbarn was geben sollen
»Mi bekümmern die andern Leut gar nix« schrie er
»Dös werd si nacha scho aufweisen Mir wolln unsern Ruah hamm«
»Durchaus gar nix bekümmern mi d Leut Und du scho gar net«
»Is scho recht«
Der Lukas hatte eine Ruhe die den andern ganz auseinander brachte
»Is vielleicht it wahr dass ma du vor der Arndt an Knecht ausgspannt
hoscht«
»Geh red it«
»Jo red i Der Eckl Kaschpar waar zu mir kemma und er hat mas scho
ghoassen und na hoscht man du wega gredt du Falschhauser«
»Überleg dirs a weng was d redtst«
»Wahr is An Sunntag vor Jakobi bist beim Eckl hiebei gwen Hat ma di scho
gsehgn Manndei wannst as aa no so hoamli machst Di kenn i guat di«
»I di aa Ruepp Und deswegn gib i mi net ab mit dir Net amal wanns d
nüachtern bist«
»Du protz di vor de andern aber net gegen meiner Von dir woass i allerhand
«
»So viels d magst Kellnerin zahln«
»Zwegn was hat denn selbigsmal dös Hüatermensch so gschwind furt müassen bei
enk Soll i das sagn was d Leut gsagt hamm«
»Red zua «
»Du Feinspinner du schlitzohreter Möcht er oiwei der gar ander sei unds
Muster für de ganz Gmoa und derweil hat eahm sei Bäurins Hüatermensch aussi
ghaut «
Der Lukas hatte gezahlt und stand auf
dabei sagte er mit einer Verachtung die den Ruepp schmerzhafter traf wie
jedes erregte Schimpfwort
»I kannt di jetzt verklagn net Aber du bist der Letzt mit dem i mi vors
Gricht histelln möcht Und weils d scho gsagt hast du woasst allerhand
oans woasst du do net Wias dir selm helfen solltst«
»Brauch i di dazua«
»I waar net zum brauchen Pfüad Good beinand«
Und damit ging der Lukas zur Stube hinaus
Der Ruepp war einen Augenblick still geworden und schaute stier vor sich
hin
Die paar Worte mussten einen schlimmen Sinn haben der ihn nachdenklich
machte
»Brauch i den dazua« murrte er und schob seinen Bierkrug weg »Den
Falschhauser den scheinheiligen«
Nun schrie er schon wieder
Ȇberhaupts bin i vielleicht wem was schuldi da hierin Sollt oana hergeh
und sagn dass i eahm was schuldi bin Und dei glumpeter Vata hat si wega
gschworn von de zwoahundert Guldn «
»Dös sagst net nomal«
»Dös sag i tausad mal«
»Na hascht dös dafür«
Der Stadelscheck gab dem Ruepp einen Faustschlag ins Gesicht dass der
betrunkene Mensch rücklings vom Stuhl fiel
Er raffte sich mühselig vom Boden auf und keuchte
»Jetzt muasst sterbn «
Ein paar Leute hielten ihn als er nach einem Bierkrug langen wollte
Der Wirt kam schnell an den Tisch
»Werd koa Ruah Da hätt i ja an jeden Sunntag de bsuffene Gaudi Du machst
dass d aussi kimmst Stadelscheck«
»Was braucht denn er mi «
»Is scho ausgredt Raffts draußen aber net bei mir herin Aussi sag i«
Der Metzgerbursch fasste den Kleinhäusler unsanft an und drehte ihn durch die
Stube zur Türe hinaus
Derweil nahm der Wirt den Ruepp beim Arm
»Aussi beim Loch«
Der Ruepp wollte sich sträuben
»Dem kimm i grichtsmassi dem Haderlump « stöhnte er
»Heut nimmer Dös kost morgn toa Und jetzt wasch di am Brunna hint ab
«
Aus der Nase floss dem Betrunkenen Blut und tropfte auf Janker und Gilet
herunter
Er ging schimpfend neben dem Wirt her der ihn in den Hof hinaus führte und
an den Brunnentrog stellte
Eine Küchenmagd die neugierig nachgelaufen war musste Wasser pumpen mit
dem sich der Ruepp oberflächlich abwusch
Etliche Buben standen um ihn herum
»Ah der blüat Dem hat oana d Nasn anand ghaut Der bsuffa Ruepp is «
»Machts it dass weida kemmts« schalt der Wirt »Muass i d Goassel holn
und enk hoam jagn«
Sie wichen ein paar Schritte zurück
Derweil richtete sich der Ruepp brummend und schimpfend auf und ging hinter
den Nachbarhäusern herum einem Feldweg zu der durch Kornfelder am Dorfe vorbei
führte
Er war nüchterner geworden und hätte darüber nachdenken können wie gut es
einem verheirateten Manne der erwachsene Kinder hatte anstand wie ein
Handwerksbursche verprügelt und aus der Wirtschaft hinausgeschmissen zu werden
Stellte der Lukas daheim und in der Gemeinde nicht ganz was anderes vor Bei
seiner Bäuerin bei den Kindern und den Ehhalten galt bloß das was er sagte
Drunten im Dorf geschah nichts gegen seine Meinung für die er immer gute Gründe
vorbrachte
Und er der Ruepp Seine Afra war ein gutes Leut und hatte es nicht mit
Schimpfen und Keifen sooft er ihr auch Ursache dazu gab Aber weil sie hinter
seinem Rücken oft was gutmachen musste merkte er wohl dass sich die richtigen
Dienstboten mit ihr gegen ihn verstanden und dass er dabei schon lang sein
Ansehen verloren hatte
Die Kinder waren ihm von klein auf aus dem Weg gegangen wenn er angetrunken
heimkam und blieben scheu gegen ihn auch wenn er nüchtern war
Jetzt wo sie erwachsen waren zeigten sie deutlich dass sie nichts auf ihn
hielten und der Älteste der Kaspar hatte ihm geradeheraus gesagt dass er das
gute Sach heruntergebracht habe
Die Tochter die Leni war ja alleweil mit der Mutter zusammen gesteckt und
wusste es schon als Schulmädel nicht anders als dass sie mitjammern musste über
sein Wirtshauslaufen und Geldausgeben Jetzt als resches Frauenzimmer das in
Haus und Stall die meiste Arbeit traf war sie schärfer wie die Alte und er
ging ihr gern aus dem Wege
Am besten stand der Ruepp noch mit seinem Jüngsten dem Michel der in der
Studi war auf dem Freisinger Gymnasium um geistlich zu werden
Wenn der Ruepp zuweilen an einem geschmerzten Tag fand dass man ihn in der
Gemeinde nicht genug schätzte malte er sich aus wie ihm die Leute einmal doch
alle Ehren erweisen mussten nämlich an dem Tage wo man die Primiz seines Michel
feiern würde Wenn er als Vater des hochwürdigen jungen Herrn beim Altar hiebei
stünde müsste der Lukas so geschwollen er sonst tat neben ihm verschwinden
Ob der Ruepp jetzt auf dem Heimweg wo er unsicher bald einmal links und
bald einmal rechts in einen Kornacker trat und dann wieder stehen blieb um sich
seine blutende Nase abzuputzen an das schöne Zukunftsbild dachte
Jedenfalls erinnerte er sich dunkel daran dass sein Michel gerade heute in
die Vakanz heimkommen sollte und dabei überkam ihn aufs neue die Wut über den
Stadelscheck der ihn so zugerichtet hatte
Aber er wollts ihm schon eintränken dem Fretter dem glumpeten
Gleich den andern Tag oder nein den nächsten Mittwoch wollte er nach
Dachau fahren und die Geschichte advokatisch machen
Und ins Amtsgericht wollte er hineingehen damit dass der grobe Herr
Oberamtsrichter der ein wenig hässlich auf ihn war und ihn schon einmal eine
bsuffene Sau genannt hatte damit dass er den Schmerzensmann selber anschauen
konnte mit seinen Spuren der Misshandlung Wann er die Arbeit sah die wo der
hundshäuterne Kleinhäusler verrichtet hatte musste er erkennen auf welcher
Seite die Gewalt und auf welcher das Leiden gewesen war
»Bürschei zahln lass i di dass d schwarz werst « sagte der Ruepp vor
sich hin und stolperte über den Feldrain
Er fiel mit dem Gesicht ins Kornfeld und wollte sich aufraffen
dabei überkam ihn eine große Müdigkeit und da es ihm in den hochstehenden
Ähren kühl und angenehm vorkam drehte er sich um und wollte schlafen
Ein paar Grillen zirpten neben ihm eine Hummel die er durch seinen groben
Fall aufgescheucht hatte brummte unwillig um ihn herum Vom Dorf herauf drang
das Donnern der Kegelkugel die an die Hinterwand der Bahn krachte
Ein paarmal öffnete und schloss der Ruepp seine Augen Dann schlief er ein
Zweites Kapitel
Die Eisenbahn macht von Schwabhausen einen langen Umweg um den altberühmten
Markt Indersdorf nicht auf der Seite liegen zu lassen und die Bedeutung des
Ortes kommt jedem Fahrgast zum Bewusstsein wenn der Zug dort dreimal so lang
hält wie auf den kleinen Stationen
Und ein ungeduldiger Fahrgast der aufatmet weil die Lokomotive die wie
eine Strassenwalze ausschaut endlich anzieht muss gleich darauf sehen dass er
die Wichtigkeit von Indersdorf alleweil noch unterschätzt hat denn die Maschine
reut es wieder dass sie wegfahren soll und sie pfeift noch einmal einen
Willkommgruss und läuft zurück
Das macht sie zweimal und dreimal und erst wenn es gar nicht mehr anders
geht nimmt sie Abschied aber man hört ihr den Zorn darüber an denn sie
pfaucht und schnauft und reißt die Wagen so unwillig nach dass die Fahrgäste von
ihren Sitzen rutschen
An diesem Sonntag in der Erntezeit konnte sie damit kaum jemand ärgern denn
die alte Puchrainerin von Weidach war eine gottergebene Austraglerin die man
mit einer Grobheit nicht aus der Fassung bringen konnte weil sie nichts anderes
gewohnt war
Und der Ruepp Michel oder um mit mehr Respekt von ihm zu reden der
Studiosus literarum Michael Umbricht hatte bei dem langen Aufenthalt in
Indersdorf noch einen Abschiedstrunk mit seinem Kommilitonen Gregor Finkenzeller
gehalten und war überhaupt so froh über die lange Trennung von der Freisinger
Gelehrsamkeit dass er sich alles gerne gefallen ließ
Er war ein hoch aufgeschossener Jüngling dem die Freisinger Schule wenn
sie das überhaupt vermag nichts von seinem bäuerlichen Wesen abgeschliffen
hatte
Sein rundes etwas sommersprossiges Gesicht zeigte nichts Vergeistigtes und
der Zwicker mit Fenstergläsern den der Michel auf die breite Nase klemmte um
sich im Koupéfenster zu bespiegeln machte nichts besser Im Gegenteil er hob
zugleich das Bäuerliche stärker hervor und verschandelte es wenigstens für den
feineren Kenner der menschlichen Physiognomie zu denen der Studiosus literarum
noch nicht gehören konnte
Er hatte eine ungetrübte Freude an seinem forschen Aussehen und zog die
Krempe seines Hutes auf der einen Seite möglichst weit herunter weil das seinem
Gesichte einen unternehmenden Ausdruck gab
Es war eine Mode die in Altbayern absonderlich von Hilfslehrern und anderen
geistig höher stehenden Jünglingen gepflegt wurde
Leider war niemand im Wagen der den Michel in feinem Glanze hätte bewundern
können Die alte Puchrainerin sah ihn nicht weil sie durch eine Scheidewand von
ihm getrennt war und es ist auch noch die Frage ob ihr der weltliche Reiz an
einem jungen Menschen der auf geistlich studierte gefallen hätte
Die alten Weiber sind mehr für das Heiligmässige und erbauen ihr Gemüt an den
Herren die im Eisenbahnwagen das Brevier herausziehen und beim Lesen die Lippen
deutlich bewegen
So wäre unser Studiosus gänzlich unbeachtet in der Heimat angelangt wenn
nicht in Arnbach zwei dralle Bauernmädeln eingestiegen wären von denen ihn die
eine mit freundlichem Lachen begrüßte
»Ah der Michi Kimmst in d Vakanz hoam«
»Ja Stasi Wie gehts allaweil«
»Guat Arbet gibts in der Arndt Da kunntst mitelfa «
»Recht gern «
»Sagt ma aber de Gstudierten mögn si net plagn«
Die Stasi war eine Tochter vom Lukas und eine Schulkameradin vom Michael
Wenn auch die Alten nicht gut miteinander standen so hatten doch die Kinder
bei dem täglichen Schulgang gute Freundschaft geschlossen
Der Weg von den beiden Höfen ins Dorf hinunter war weit und im Winter oft
mühsam genug Da stapften sie miteinander durch den Schnee oder standen in einem
Holzschuppen unter wenn es der Wind zu arg trieb Ging es aber auf Frühjahr und
Sommer zu dann brauchten sie noch länger zum Heimweg denn es gab unterwegs
allerhand zum Sehen und Bewundern
Keiner von den Buben kletterte flinker auf die Bäume um Krähennester
auszuheben wie der Michel keiner sprang lustiger im Mühlbach herum um die
Forellen aus ihren Schlupfwinkeln herauszujagen und die Stasi hielt bei ihm
aus wenn auch die andern ihr Gewissen heimtrieb So blieben sie ein Jahr ums
andere Kameraden bis der Ruepp auf den Gedanken kam aus seinem zweiten Buben
einen Geistlichen zu machen obwohl der Herr Pfarrer davon abriet
Er hatte weder ein hervorragendes Talent noch einen mächtigen Lerntrieb beim
Michel bemerken können und sagte man solle doch nicht glauben es ließe sich
aus jedem Holze was Besonderes schnitzen
So ein lebfrischer Bub der es gar nicht mit den Büchern habe solle wieder
ein Bauer werden dazu brauche es auch einen aufgeweckten Kopf Das Studium sei
ein langer Weg auf dem schon viele umgekehrt seien und so was Halbes und
Unfertiges lasse sich dann selten noch zu was Ganzem richten
Der Ruepp ließ ihn reden und glaubte fest dass ihm der Pfarrer die Ehre die
auch ihm daraus erwachsen werde nicht gönne
So musste der Michel an einem Herbsttag fort und den Abend zuvor nahm er an
der Lukasleiten von der Stasi die dort die Gänse hüten musste Abschied
Seine treue Kameradin wollte ihn auch wegen seines Aufstiegs zur hohen
Gelehrsamkeit bewundern aber sie kam nicht dazu denn der Michel fing
gottesjämmerlich zu weinen an und da blieb ihr nichts übrig als mitzutun
Er zählte die Freuden auf die er nun nicht mehr mit erleben durfte das
Nussknacken beim Lukas und beim Schuechl die Jagd in Weidach wo er als
Treiberbub mitgegangen war den Kirta mit seinen Genüssen und bei jedem
schmerzlichen Verluste der ihm vor Augen trat schluchzte er aufs neue und
nichts konnte ihn trösten auch nicht das Versprechen der Stasi dass sie ihm
gewiss und wahr ihre Kirtanudeln schicken wolle
Das gute Mädel vergaß vor lauter Mitleid dass es spät wurde und sie kam
ohne ihre Gänse heim denn die waren nicht so weichherzig dass sie sich in ihrer
Ordnung hätten stören lassen und waren allein und ziemlich unwillig schnatternd
heimgewatschelt
Aber wenn die beiden Kinder auch den Schmerz so ehrlich teilten wie ehedem
Äpfel und Birnen die der Michel überall gefunden hatte so war doch jener Abend
auch der Abschied von ihrer Kameradschaft
Die Zeit bringt allerhand aber nichts was sie einmal genommen hat und wie
der Lateinschüler zum erstenmal in die Vakanz heimkam sah er wohl etliche Male
die Stasi aber Gewohnheit die sie einmal verbunden hatte trennte sie jetzt
Sie waren freundlich zueinander doch der Michel fand auf seinem neuen Wege
andere Leute und andere Dinge und verlor die Erinnerung an die Kinderzeit aus
dem Sinne
Jetzt saß er unbeholfen und befangen dem sauberen Bauernmädel gegenüber das
mit jedem gleichalterigen Burschen vom Dorf kecker und lustiger gewesen wäre als
mit ihrem alten Spielkameraden
»Die Gstudierten mögen si net plagen« sagte sie aber der Michel gab ihr
kein Scherzwort zurück sondern versicherte beinahe feierlich dass er die
landwirtschaftliche Arbeit für eine Erholung anschaue
Dadurch verlor auch die Stasi den Faden und redete mit dem andern Mädel
Die zwei kicherten und lachten obwohl ihre Unterhaltung gar nicht lustig
klang
Wenn die Stasi sagte »Der Gidi is beim Kramer hiebei gstandn« hielt sich
die Mariann ihre große Hand vors Maul und lachte hinein und wenn die Mariann
sagte »Am End hat er auf wen gwart« schüttelte es die Stasi her
Da überkam den Michel schier ein Mitleid mit der Dummheit dieser
Weibsbilder und er zog den Zwicker aus der Gilettasche um ihn auf der Nase
festzuklemmen Er sah jetzt durch die Fenstergläser was er vorher nicht gleich
beachtet hatte dass seine Schulkameradin ein festes Trumm Frauenzimmer geworden
war mit bemerkenswerten Potenzen wie die Freisinger Studenten zu sagen pflegen
wenn sie sich ahnungsvoll von der Weiblichkeit unterhalten
Er überlegte wie er einen verfänglichen Diskurs mit den Mädeln beginnen
solle aber es ging ihm wie jedem der darüber erst lange nachdenken muss Es
fiel ihm kein rechter Anfang ein und wenn er schon den Mund öffnete um was
Keckes zu sagen überkamen ihn wieder Bedenken ob er damit nicht übel ankomme
So schwieg er und die Stasi glaubte dass er stolz geworden sei denn sie
wusste ja nicht zu was für einem Lattierl das Seminar einen rüstigen Bauernbuben
erzieht
Der Studiosus nahm sich vor auf dem Heimweg von der Bahnstation seine
Kühnheit zu steigern und malte sich einige Redensarten aus mit denen er das
Gefecht eröffnen wollte Aber wie sie alle in Erdweg ausstiegen fasste die
Puchrainerin unsern Michel ins Auge und rief
»Du bischt ja gar an Ruepp der sei«
Er musste ihr Rede und Antwort stehen und musste es leiden dass die Alte neben
ihm herhatschte indes die Mädeln frischer vorangingen
Und dabei wandte die Stasi öfters den Kopf nach ihm um und schien ihn durch
ihre lustigen Blicke zum Mitkommen aufzufordern
»Jetzt kos na do nimmer lang hergeh bis du de erschten Weicha kriagst«
fragte die zähe Puchrainerin
»Zerscht muass i mitn Gymnasium ferti wern« antwortete der Michel
unwirsch
»Mitn Gimnasi Ja wia lang hoschtn da no z toa«
»Zwoa Jahr allaweil no «
»Zwoa Jahr Marand Josef und bischt scho so lang auf da Studi«
Die Puchrainerin konnte berechnen wieviel Zeit es brauche um ein Kalb zur
nützlichen Kuh herzuzügeln aber sie machte sich keinen richtigen Begriff von
der Ewigkeit die es dauert bis man aus einem Buben einen Hochwürden
schnitzelt
Auch wusste sie nicht und brauchte es nicht zu wissen dass dem Ruepp der
seinige in diesem Jahre zum zweiten Male hocken bleiben musste und jetzt mit bald
einundzwanzig Jahren der würdige Senior der Bildungsanstalt war
»I woass no guat« sagte sie »wias d in d Studi kemma bist Dös is
selbigs Jahr gwen wos beim Langgörgl brennt hat Ja mei Gott wia lang is
jetzt dös scho wieda her«
Es war freilich schon lang her und die Schindeln auf dem neuen Dach vom
Langgörgl hatten mehr Moos wie der Michel Gelehrsamkeit angesetzt
»Ja jetzt pfüad di« sagte er und wollte den Mädeln nacheilen
Aber die Puchrainerin hielt ihn mit einer neuen Frage zurück
»Es werd na do scho it wahr sei was d Pfarraköchin gsagt hat« »Was hat
s gsagt«
»Ja dass du gar it firti machst Und d Weidacher hat s gsagt kinnan auf
di länger wartn wia d Juden aufn Messias sagt s und hat s gsagt de
Kaibin wo zu dera Primiz ghörn solln de wern allsammete als Ochsen
überstandi «
»Sagst ihr an schön Gruass von mir« erwiderte der Michel
Das heißt er sagte es natürlich anders so wie es in bonis artibus et
litteris nicht zu finden ist
Die Puchrainerin erschrak aber nicht über die gröbliche Redensart sie
hatschte eifriger neben dem jungen Menschen her dem sie noch einiges zu
versetzen hatte
»Na pass auf Sie sagt dös gibts ihra Lebtag it dass du mit dem selln
Gimnasi firti werst und sagt s da Hochwürden da Herr Pfarra hats glei
gsagt dass du dös it dermachst dass du z schwach bischt für dös hat s
gsagt und sagt s er hats dein Vatern scho gnua gsagt aber der hat ja it
hörn wolln und sagt s grad mit Fleiß hat er it nachgebn weil er si eahm
dös eibildt hat «
»Was pass denn i auf enkern Schmarrn auf« sagte der Michel jetzt grob und
ging so schnell voran dass die Alte nicht mehr mitkommen konnte
Sie schrie ihm nach »Moanst do du werst no« und dann blieb sie stehen
und verschnaufte sich
Der schwache Student holte die Mädeln ein aber zu dem Anfang den er sich
ausgedacht hatte fehlte ihm jetzt wieder die gute Laune denn was ihm die
Austraglerin vielleicht arglos in ihrer Sorge um die Heiligung des Ortes
Weidach vielleicht auch boshaft nach Altweiberart zu hören gegeben hatte
hinterließ einen Stachel in seiner Brust
»Du hast as aba gnädi ghabt mit der alten Wabn« sagte Stasi
»Der ihra dumms Gred hätt i gern hergschenkt « knurrte Michel
»Ja schau de altn Betschwestern hamms halt mit die geischlinga Herrn
«
»Na soll s wartn bis i oaner bin«
»Vielleicht glangen ihr drei Viertel wann sies net ganz hamm ko Über
unsern Koprater bist du scho weit aussi gwachsen «
»Geh redn ma von was andern i hab mir von dem altn Weibsbild scho gnua
ghört«
»Am End gfreuts di gar nimmas Geischtli wern«
»Woasst denn du obs mi scho amal gfreut hat«
»Für was waarstn nacha furt in d Studi«
»I bin net gfragt worn «
Michel gab der Stasi mit einem Zeichen zu verstehen dass er in Gegenwart der
Mariann nichts mehr darüber sagen wolle und sie erzählte nun dass sie auf
Besuch bei einem Basel in Flinsbach gewesen sei und die Mariann hätte ihr
Gesellschaft geleistet
Ob er denn die nicht kenne Sie sei vom Boz in Schwaigen aber freilich er
sei in der Studi ein wenig stolz geworden und habe sich ja kaum mehr um die
Nachbarschaft bekümmert da kenne er nicht viel Leute
Michel wehrte sich dagegen
Von Stolz könnt man wirklich nicht reden aber er sei halt wenig
herumgekommen in der kurzen Zeit wo er daheim gewesen sei Er fragte so
nebenher um das Gespräch in Gang zu halten wie das Basel in Flinsbach heiße
aber da musste er unversehens auf etwas ganz Lustiges gestoßen sein
Die Mädeln schauten einander an und brachen in ein schallendes Gelächter
aus und wenn die Stasi zu einer Antwort ansetzte konnte sie nach den ersten
paar Worten nicht mehr weiter reden weil die Mariann vor Lachen beinah
erstickte und sich gar nicht mehr zu helfen wusste
Es stellte sich nach und nach heraus dass die Stasi wegen einer Art
Brautschau in Flinsbach gewesen war Die Christlin ihr Basel hatte ihr den
Scharl Gidi von Kemoden vermeint und hatte ihr eine Botschaft zukommen lassen
sie solle auf einen Sonntag herüberkommen und sich den Gidi einmal anschauen
Der war aber den Weg und das Fahrgeld nicht wert gewesen
Er hatte einen Wasserkopf und konnte kaum ein paar Worte lallen und er wär
für den schönsten Bauernhof im ganzen Bezirk eine Dreingabe gewesen die den
Handel unmöglich gemacht hätte
Die Christlin hatte der Stasi schon im voraus zu verstehen gegeben dass sie
ein Aug zudrücken und ein christliches Nachsehen haben müsse aber wie dann der
Gidi in die Stube hereinträppelte und das Maul aufsperrte und für nichts und
wieder nichts zu lachen anfing und wie er hernach sagte »De dann dauberne
Dindel« da wars aus
Die Christlin übersetzte es und sagte es heiße »Dös san saubere Deandel«
aber es half nichts mehr dass sie der Stasi erklären wollte was für ein
begehrenswerter Brocken der Gidi trotz der paar Fehler sei
Die Mariann hatte ihre Kameradin mit dem Ellenbogen angestossen und wie sie
nun alle zwei zu lachen anfingen da patschte der Scharl wie ein kleiner Bub in
die Hände und kreischte vor Freuden mit
Die Mädel nahmen schneller Abschied als es der Christlin recht war und die
Stasi dankte ihrem Basel nicht einmal für die gute Meinung
Als sie zum Hause hinausgingen lief ihnen der Gidi nach und wie sie sich
umdrehten sahen sie ihn beim Kramer stehen in die Hände patschen und Grimassen
schneiden
Sie erzählten jetzt dem Michel ihr Erlebnis und bald nahm die Mariann und
bald die Stasi das Wort
»Na so was Wiar a bei der Tür eina is I ho gmoant mi hauts vom Stuhl
owa «
»Und woasst wia der zahnt hat und na sagt aber De dann dauberne Dindel «
Sie blieben stehen und lachten hell auf
Bei einem Feldweg der nach Schwaigen hinüberführte nahm die Mariann
Abschied und Michel ging nun allein neben seiner alten Schulkameradin her
»Bist du scho öfter auf solchene Bsuach gwen« fragte er
»Ja was glaabst denn I laff do de Mannsbilder it nach «
»Aber «
»Dös is do natürli bal mir mein Basel schreibt dass sie mir a guate Heiret
wisst dass ma da amal nachi schaugt Da plagt oan na do scho d Neugier «
»I hätt mir denkt «
Der Herr Studiosus stockte
»Was nacha«
»I hätt mir denkt du hast scho lang an Schatz «
»Host dir du dös denkt«
»Hast koan«
»Du bist guat was du allssammete wissen mögst«
»Sag mirs halt«
»So fragt ma d Leut aus Was is denn na mit dir«
»Ja mit mir Dös woasst ja a so«
»Da woass i gar nix«
»No halt dass i Student bin und in an Seminar«
»Was is nacha dös«
Michel erzählte wie sie in Freising unter Aufsicht wären
»Dös is ja wia in an Zuchthaus« rief Stasi mitleidig aus »Da glaub is
freili «
»Was glaabst«
»A so halt «
»Na dös muasst mir sagn «
»I sags net«
»Geh Stasi jetzt kenna mir uns so lang und früher hättest mir alls gsagt
«
»Ja früher «
»Dös ko ma do wieda auffrischn wenns aa scho lang her is Schau i hab
mir zerscht aa net richtig redn traut und jetzt weil ma so mit anand
dischkriern gehts ganz leicht und mir kimmts a so vor als wenns nia
anderst gwesen waar «
»Aber in da Eisenboh bist drin ghockt und hast koa richtigs Wartl füra
bracht«
»Grad deswegn schau weil is gar net gwöhnt bin und weil i net gwisst
hab obs dir recht is«
»Dös is do amal gwiss dass ma si gern unterhalt und i hab mir denkt mir
san dir am End net gscheidt gnua dass d gar it redn magst mit ins«
»Ja freili was moanst denn Für so was muasst mi scho net oschaugn«
»I habs aa net gern glaabt weil mir do mit anand in d Schul ganga san«
»Natürli und überhaupts Aber woasst i hab mir denkt wia groß du worn bist
und und so sauber «
»Geh du« Stasi rannte Michel mit dem Ellenbogen an »Jetzt kam er mit dem
daher Dös sagst grad a so «
»Na gwiss is wahr Dös hab i mir denkt und da hats mir d Red
verschlagn«
»Ah du bist oana Zerscht sagt er gar nix und jetzt kam er a so daher«
»Und schau vor der andern hätt i scho gar net redn kinna «
»De hätt di aa it bissen «
»Freili net aber wenn mas halt net gwohnt is Jetzt red i mi viel
leichter«
»Dös scheint si a so«
»Derf i dös net sagen dass d so sauber worn bist«
Das Mädel lachte und Michel bekam einen roten Kopf Er sah seine
Begleiterin auch nicht herausfordernd an sondern ganz zaghaft als fürchtete
er dass sie über seine Verwegenheit entrüstet sein könnte
Das war aber zum Glück nicht der Fall im Gegenteil Stasi drehte neckisch
den Oberkörper herum und streifte ihn mit dem Ellenbogen
»Dös hast gwiss scho mehra gsagt«
»Gwiss net«
»Dass di nacha gar nia um mi bekümmert hast wennst dahoam gwen bist«
»A so halt Schau gar so lang war i net dahoam und es hat si halt net
troffas letzt Jahr woass i gar net dass i di amal gsehgn hätt «
»Jo Amal bist im Berglbauern Holz hinter meiner gwen aber na bist steh
bliebn und bist mir nimma nachi kemma «
»Dös woass i scho no ja Da is aba da Hülfslehra daher kemma auf den han i
gwart dass du dös no woasst«
»I ho mirs halt gmirkt und wias d heut in der Eisenboh aa net
dergleichn to hast han i mir denkt weil du geischtli werst am End derfst mit
an Madel gar it redn«
»Redt do da Pfarra aa mit enk«
»Vielleicht bal s älter san derfan s wieda Aba da Koprata hebt an Kopf
aa glei auf d Seitn und schaugt weg Vielleicht dass dös a Vorschrift is«
Michel wollte der Stasi schon umständlich erklären dass es auch für die
Alumnen keine solchene Vorschrift nicht gebe und dass er überhaupt noch gar kein
Alumne nicht sei da merkte er aber an ihren lustigen Augen dass es ihr mit
diesen Ansichten nicht so ernst war
»I glaab du mögst mi dablecka «
»Na Aber i kenn mi do it aus mit die geischtlinga Herrn «
»Geh hör auf Du woasst recht guat dass i no koana bin «
»Aber wern tuast oana «
»Dös is aa no net gwiss Extra gfreun tuats mi net«
»So Na hamm d Leut do recht«
»Mit was«
»Sie sagn halt aa dass dis Gstudieren net gfreut«
Michel sah seine Begleiterin misstrauisch an Wollte sie es ihm auch wie die
Puchrainerin hinreiben dass man dem Ruepp den Seinigen nicht für gescheit genug
halte
Aber die Stasi schaute viel zu gutmütig aus als dass man ihr eine versteckte
Bosheit hätte zutrauen können
Sein Blick blieb wohlgefällig an dem stattlichen Mädel hängen das von Kraft
und Gesundheit strotzte
Er fasste sie am Arm und fühlte fast erschreckend über seine Kühnheit ihr
pralles Fleisch
Sie wurde nicht unwillig und ließ sich die Liebkosung gefallen
Trotzdem wurde der Studiosus nicht kühner sondern gab ihr schüchtern die
Hand die sie nach einem derben Drucke in der ihren behielt So gingen sie eine
Zeitlang schweigend nebeneinander her und die Kornähren streiften auf dem
schmalen Weg ihre Gesichter
»Dös sell hast mir no net gsagt« bat Michel nach einer Weile
»Was«
»No voring Du hast gsagt nacha glaabst dus freili und hast glacht
Jetzt muasst d mas sagn «
»Ah dös woass i scho nimma «
»Du woasst as recht guat geh sag mas «
»So halt weil du verzählt hast dass ös eingspirrt seids und überhaupts
mit koan Madel it zredn kemmts und da han i mir denkt nacha glaab is scho
no ja halt dass di du a weng dappi gstellst «
»Glaabst dös jetzt no«
Wenn Stasi recht ehrlich hätte sein wollen hätte sie doch ja sagen müssen
denn so keck wie sich der Michel selber vorkam konnte er ihr nicht erscheinen
Aber sie hatte Nachsicht mit ihrem alten Schulkameraden und dachte
vielleicht dass man ihn auf dem Wege zur Besserung nicht entmutigen dürfe
Deswegen gab sie zu dass er ihr jetzt lange nicht mehr so dappig vorkomme
»D Mariann glaabets jetzt a nimma« fügte sie hinzu
»Hat sie gredt über dös«
Stasi nickte lustig mit dem Kopfe
»Sie hat gsagt der muass si scho gar it auskenna und dös is a rechta
Trauminet hat s gsagt«
»Bal ma oane net kennt woass ma net glei was ma redn soll Bei dir is dös
ganz anders«
»Warum nacha grad bei mir«
»Weilst ma du viel besser gfallst« hätte der Michel sagen sollen wenn er
erfahren gewesen wäre und er hätte es auch beinah gesagt aber er schluckte es
wieder hinunter weil er nach seiner Meinung an diesem Tag schon weit genug
gegangen war
»A so halt und weil mir do alte Bekannte san «
»Denkst no a diam dro wia mir mitanand in d Schul ganga san«
»Freili woass is no guat«
»Wias du mitn Zotzn Peter grafft host weil er mi schier in Bach eini
grennt hot«
»Und wias d ma du dei Kletzenbrod gschenkt hast weil mi da Lehra so
herghaut hat «
»Und wia du den letzten Tag vors d in d Studi hast müassen an der
Leitn bei mir gwen bist Woasst no wias d selbigsmal gwoant host«
Und so gingen sie nebeneinander her und die alte Zeit stieg vor ihnen auf
sie hielten sich noch immer bei den Händen und wenn sie an eine Erinnerung
kamen die ihnen besonders gefiel schlenkerten sie sie lustig und vertraut
Mit einemmal blieb Stasi fast erschrocken stehen und rief »Da liegt wer«
Zwei Schaftstiefel schauten aus den Halmen hervor und mit einem scheuen
Blick darauf gingen die jungen Leute schneller vorwärts
Nach etlichen Schritten sagte das Mädel »Am End feit oan was«
Da kehrte Michel um und ging ein paar Schritte ins Kornfeld hinein
Als er die Halme zurückbog sah er seinen Vater schlafend auf dem Rücken
liegen Das Gesicht war verschwollen und mit Blut beschmiert
Er bückte sich erschrocken nieder und rüttelte den Schlafenden an der
Schulter
»Vata Feit dir was«
Der Ruepp schlug langsam die Augen auf und blinzelte im Halbschlaf Er
konnte sich nicht gleich zurechtfinden
»Han Was is Ah du bischts Wia kimmst denn du daher«
»Von da Station halt Aba was is denn mit dir Du bist ja voller Bluat«
»Han I Ah so ja Auf d Nasn bin i halt gfallen «
Er raffte sich mühsam auf und torkelte noch ein wenig
»Herrschaftsaggera Is scho so spat Jetzt han i glei gar gschlafa Ja wia
kimmst denn du auf oamal da her«
»I bin grad mitn Zug kemma und bin da aufa ganga Willst dir nets Gsicht
a weng abputzen«
»Is ja koa Wassa it da dös hat Zeit bis i dahoam bin «
Stasi die den Ruepp erkannte wandte sich um und ging allein ihren Weg
weiter indes ihr Michel mit Bedauern über die Störung nachsah
»Was is denn dös für a Weibsbild da vorn« fragte der Ruepp mürrisch und
verschlafen
»Dös D LukasStasi «
»So Was tuat denn de da«
»Sie is aa von da Bahn aufa ganga «
Dem immer noch halb Betrunkenen dämmerte sein Streit mit dem Lukas auf und
er knurrte
»Bist du mit dera ganga«
»Ja Mir hamm ins halt troffa«
»Mit de Leut will i überhaupts gar nix z toa hamm Durchaus gar it dös
mirkst da «
»Redn werd ma na do no derfa damit«
»Durchaus gar it sag i Von dem gschwollkopfatn Lukas will i amal nix
hörn «
Er brummte noch allerhand Unverständliches vor sich hin
Die allerletzten Beleidigungen tauchten langsam in seiner Erinnerung auf
Geradeso unlustig wie sein Vater tappte auch der Michel auf dem Feldweg
weiter
Er sah die Stasi sich immer weiter entfernen ihr Kopftüchel tauchte
zwischen den Halmen auf und verschwand wieder und mit ihr ging die Freude an
der Heimkehr fort und alle Verdrießlichkeiten die er daheim so oft verlassen
und pünktlich wieder gefunden hatte standen ihm vor Augen Die Kümmernisse der
Mutter die zornigen Reden der Geschwister Streitereien mit den Dienstboten
und da torkelte der Vater halb betrunken vor ihm her und brachte wieder neuen
Verdruss zum alten ins Haus
Herrgott wenn er nicht so angebunden gewesen wäre sondern auch ein
lustiger Bauernbursch wie die andern da hätte er mit der Stasi heimgehen oder
sie wieder einmal treffen können
Aber so
Der Ruepp blieb stehen und wollte seinem innerlichen Zorn ein wenig Luft
machen
»Was is nacha mit dir« fragte er grob »Bist jetzt firti worn dass d do
amal d Weicha kriagst«
»Firti Dös woasst du do Vater dass i no net firti sei ko mitn Gymnasium«
»Nix woass i als dass d ma dus Geld koscht und dass mi d Leut dablecka
weil du so lang brauchscht «
»Hättst mi halt net zwunga «
»Himmi Herrschaftseiten A so muass ma redn Bal mas a so guat moant
mit an Menschen und möchtn was wern lassen nacha schmeissast mas du no für
Hättst mi net zwunga sagt a der Lapp der nixnutzete «
»I bin koa Bua nimmer Vater dass ma so mit oan redt «
»Was bistn nacha Koa geischtlinger Student amal gwiss net wiar oana sei
soll Hats net da Pfarra zu mir gsagt«
»Über dös sollen mir jetzt net dischkriern «
»Net Warum nacha net Hat er net gsagt Ihner Michel sagt er hat nicht
das richtinge Zeug zum Schtudieren hat er gsagt Muass mar i dös sagn lassen
und ho neun Jahr zahlt wiar a Schmied Ihnen Ihr Michel sagt a Ihnen Ihr
Sohn sagt a der hat nicht das richtinge Zeug I gib dir nacha schos Zeug
Moanst ich fuatter di umasunst neun Jahr her«
»Vata lass s jetzt guat sei Mir san jetzt glei dahoam und es waar do
besser du tatst dir zerschts Gsicht owaschen sunst derschreckt d Muatta
wieder «
»I derschrick bal i di siech und über dös nachdenk dass i di am End neun
Jahr umasinscht her gfuattert ho Aber dös sag i dir jetzt will i bald amal
was inne wern dass du de erschten Weicha kriagst sinscht is gar mitn Zahln
«
Michel antwortete nicht sie waren bei einem kleinen Stauweiher angelangt
der unter dem Hofe lag und er tauchte sein Sacktuch ins Wasser und gab es dem
Vater der sich brummend das Gesicht abputzte
Es blieben aber immer noch Blutspuren zurück so dass die Rueppin nach der
ersten Begrüßung ihren Michel fragte »Was is denn scho wieder mitn Vata
gwen«
»I woass net Er sagt er is auf d Nasn gfalln I habn in an Kornacker
gfundn wia ra gschlafen hat « »O mei Bua is dös a Kreuz Bei uns geht
da Vadruss net aus «
Drittes Kapitel
In dem kleinen Austraghäusel das vom Vater des Ruepp an den Hof angebaut und
ehedem von ihm bewohnt worden war hauste jetzt eine alte Magd Apollonia
Amesreiter
Sie war vor Jahren aus Ortofen zum Ruepp gekommen als die erkrankte Bäurin
sie um Aushilfe gebeten hatte
Sie wurde in dieser Zeit der Rueppin so unentbehrlich dass sie sie nicht
mehr ziehen lassen wollte und weil auch der Bauer zugeben musste dass die Loni
die brauchbarste und billigste Helferin war überredete man das brave
Frauenzimmer zum Bleiben
Das war vor mehr als zwanzig Jahren gewesen und in all der Zeit bewies die
Loni dass man auf dem Ruepphofe mit ihr den besten Treffer gemacht hatte
Den Kindern war sie im Herwachsen eine treue Hüterin gewesen und sie galt
ihnen für eine zweite Mutter Am stärksten hing der Michel an ihr denn er war
weichmütiger wie der Kaspar und viel zutulicher wie die Leni die in den
häuslichen Kämpfen gallbitter geworden war
Seit etlichen Wochen lag die alte Loni krank und die müden Augen in ihrem
mageren gelblichen Gesicht verrieten dass sie wenig Hoffnung auf Gesundwerden
haben durfte
Sie selber hatte keine und sie glaubte nicht wehleidig dass ihr zulieb ein
Wunder geschehen müsste
Sie hatte ihr Bündel geschnürt und am Ende war es nicht groß ausgefallen
denn was sich in fünfzig Jahren harter und treuer Bauernarbeit an Sünden begehen
ließ war nicht gar soviel
Wenn die Loni über die schwere blaukarierte Bettdecke hinweg nachdenklich
zum Fenster hinsah wo ein paar Blumenstöcke standen die sie immer liebevoll
behütet hatte oder wenn sie stundenlang aufmerksam zur Weissdecke hinaufblickte
und wenn sie dabei in Gedanken ihr Erdenleben vorüber wallen ließ erinnerte sie
sich kaum an was anderes, als ans Frühaufstehen und Arbeiten bis in die sinkende
Nacht
Auch die freundlichen Bilder waren nicht frei von Müh und Plag
Kinderwarten Zwischen aller Arbeit in ein paar gestohlenen Stunden den kleinen
Wagen unter den Ahornbaum hinterm Haus schieben dem Michel den Diezel ins Maul
stecken und die Fliegen von ihm abwehren Und dabei gewann sie den winzigen Kerl
lieb der sie aus seinen dicken Backen heraus vergnügt anlachte und seine Finger
um ihre Nase krallte
Über eine Weile kroch er schon auf allen vieren in der Stube herum wenn sie
die Socken stopfte und die Bauernhemden flickte und daneben acht gab dass der
Michel der alles ins Maul steckte was ihm unterkam nichts Unrechtes
verschluckte Wieder vergingen etliche Jahre mit Schneien Regnen und
Sonnenschein und der kleine Kerl saß auf dem Schemel neben ihr und heftete seine
erstaunten Augen auf sie wenn sie ihm Geschichten erzählte Bauernmärchen
handeln nicht von verwunschenen Prinzen und erlösten Prinzesslein sondern von
den Wundern die die Heiligen gewirkt haben und immer noch wirken
dabei ergeht es ihnen nicht immer gut wenn sie auf Erden wallen und Umschau
nach den Leuten halten Der heilige Petrus kriegt einmal Prügel bei einem
habgierigen Bauern weil er nicht gleich zum Arbeiten aufstehen will und er
kriegt Prügel von Zimmerleuten die ihn für einen Spielmann halten und erbost
sind weil er ihnen nicht zum Tanz aufspielen will
Aber der Petrus ist kein sanfter Heiliger der alles demütig hinnimmt Der
Bauer wird für seinen harten Geiz gestraft indem er aus Dummheit seine eigene
Scheune anzündet und für die Zimmerleute müssen alle Nachfolger büßen denn zur
Strafe für ihre Grobheit wachsen die harten Äste an den Bäumen die noch heute
soviel Arbeit machen
Vom heiligen Leonhard dem Schutzpatron des Viehes gibt es viele erbauliche
Geschichten und vom heiligen Koloman und vom Korbinian dem ein Bär das Gepäck
bis auf Rom tragen musste nachdem er das Pferd des Heiligen aufgefressen hatte
Der Loni gingen die Geschichten so viele sie auch wusste immer noch eher
aus wie dem Michel die Wissbegierde und wenn sie meinte es wär genug lehnte
der Kleine seinen Kopf schmeichelnd an sie und bat
»Lonimuatta no was«
Dafür war er aber auch zufrieden und aufmerksam wenn sie eine alte
Geschichte von vorne anfing und seine Fragen blieben sich geradeso gleich wie
ihre Erzählungen
Ob der Bauer den Petrus mit einem Stecken oder mit der Geissel gehauen habe
und ob es weh getan habe
Darin zeigte sich auch seine Bubenart dass er kein Mitleid mit dem Heiligen
hatte sondern herzhaft lachte wenn ihm die Loni vormachte wie schmerzhaft der
Bauer zugeschlagen und wie jämmerlich der Petrus Acherl und Auweh geschrien
habe
Im Bauernhof entwächst ein gesunder Wildfang schnell der weiblichen Hut und
auch der Michel wusste sich bald im Stall und draußen bei den Knechten wo er
reiten oder das Leitseil heben durfte schönere Freuden zu finden als in der
Stube Er kehrte aber immer gerne auf kurze Zeit zur Loni zurück und nahm stets
eine backene Nudel frisch aus der Pfanne mit Anerkennung an
Und als der Abcschütz den ersten bitteren Gang zur Schule antreten musste
schnallte ihm die Loni den Ranzen zu fuhr ihm noch einmal mit der Bürste über
den Janker und schaute ihm nach wie er viel langsamer als sonst den Hügel
hinunter schlich
Drunten am Weiher blieb der Michel stehen und schaute zu dem Hause zurück
aus dem ihn zum allererstenmal eine unumgängliche Pflicht herausgerissen hatte
Es war ihm weinerlich zumut und ebenso war die Alte bedrückt denn wenn sie
auch nicht lange und klug darüber nachdachte so fühlte sie es doch dass jede
Trennung einen Riss gibt den die Zeit erweitert und nie mehr zusammen flickt
Das musste sie ja erst recht erfahren als der Bauer seinen Michel in die Studi
fort haben wollte
Die Loni war ehrfürchtig gegen die Diener der Kirche und hätte den Michel
wohl gerne in dieser schönsten Laufbahn gesehen aber sie hatte auch helle Augen
und einen klugen Sinn der ihr sagte dass ein Bub der jedes Ross im Dorf kannte
und sich keine größere Freude wusste als bei der Arbeit draußen mitzuhelfen
nicht zum studierten Herrn passte
Und was ihr der Bub anvertraute wenn er mit schlechten Noten heimkam wie
so gar freudlos sein Leben in der Schulstube sei das gab ihr recht
Manchmal redete sie mit der Rueppin darüber und meinte sie solle es beim
Bauern durchsetzen dass der Michel ausgespannt werde aber die Bäurin stellte
ihr vor dass ihre Bitten den Ruepp bloß noch halsstarriger machen würden und
sie wusste dass es nicht anders war
An all das dachte die Loni jetzt in den langen Stunden die der Tag für die
Kranke hatte und die Zukunft des Buben machte ihr Kümmernisse Je älter er
wurde desto schwerer war die Umkehr und am Ende war er dann der Arbeit so
entwöhnt dass er nichts mehr Rechtes anzufangen wüsste
Und was hatte er für Aussichten Niemand wusste besser wie die Loni dass der
Ruepp schlecht stand denn etliche Jahre vorher hatte sie ihm auf sein Ersuchen
dreitausend Mark geliehen und hätte ihm später noch einmal ein paar Tausend
leihen sollen
Da hatte sie es ihm aber abgeleugnet dass sie noch zweitausendfünfhundert
Mark erspartes und ererbtes Geld in ihrem Schranke versteckt hielt und sie
hatte sein Drängen damit beantwortet dass sie sich um das alte Darlehen
besorgter stellte als sie war
Wenn sie nun auf dem Krankenbette über das Fortkommen Michels nachsinnierte
stieg der Wunsch in ihr auf dem Buben ihr verstecktes Geld und die Forderung an
den Ruepp zu vermachen
Der nächste Verwandte den sie hatte war auch noch ein weitschichtiger
Vetter und lebte als Schreiber in der Stadt
Sie wollte von ihm nichts mehr wissen seit er vor langen Jahren einmal
wegen einer Schlechtigkeit ins Gefängnis gesteckt worden war
Der Mensch hatte sie einmal aufgesucht und wäre ihr gar liebreich gekommen
aber sie hatte ihm gleich gesagt dass sich die neu erwachte Liebe nicht
austrage weil sie einem unehrlichen Menschen nichts geben würde und wenn sie
noch soviel Geld hätte
Der Herr Aktuar Pfleiderer so schrieb er sich war ihr seitdem aus den
Augen und aus dem Sinn entschwunden
Darum wusste sie nicht was sie hindern hätte können den Michel zu ihrem
Erben zu machen und sie nahm sichs vor das in Ordnung zu bringen
Gleich in den ersten Tagen ihrer Krankheit bat sie die Rueppin man möchte
ihr doch den Notar von Dachau kommen lassen Aber da gerade die Ernte begann
redete sich der Ruepp der wegen seiner Schuld die gerichtsmässige Schreiberei
scheute darauf aus dass vom Hof niemand wegkönne und dass man jeden Gaul
notwendig brauche Es habe ja wohl Zeit bis auf etliche Wochen später denn so
schlimm sei die Loni nicht daran
Die Alte ließ sich vertrösten aber wie ihr die Füße stärker anschwollen
kam sie in große Unruhe und bat die Bäurin wiederholt dass mans nicht länger
hinausschieben möchte
Die Rueppin ging ihren Bauern darum an aber der wurde grob
»Was hat denn de Alt für a Bengserei wegn ihre paar Markl Moanat ma scho
sie lasset den größten Bauernhof zruck dass no ja da Notari gschwind kimmt
Dös kunnt a Testament wern«
Die Rueppin schaute ihn an und er verstand ihren Blick
»Is scho recht Ja Woass scho Was i von ihr hab dös werd ihr zletzt
sicher gnua sei Waar übrigens aa schö wenn sies Geld dort lasset wo sie
zwanzg Jahr dös best Lebn ghabt hat I pfeif ihr ja drauf aba ma sagt bloß
«
»Vielleicht will sies da lassen «
»So Hat sie was gsagt von dem«
»Na aba ihran Reden nach moan i möcht sies an Michel zuaschreibn «
»An Michi Dem braucht s as net zuaschreibn Der hat wohl gnua von mir
kriagt für sei Schtudi «
»Wenn sies eahm gebn will wern s do mir it hindern Sinscht irbts am
End der sell Schreiber der lüaderliche «
»Aba dös sag i dir glei bal sie an Michi de Schuld vermacht na rechn i
zsamm mit eahm«
»No ja er hat do aa was von uns zum kriagn und dös lasst si ja alls amal
spater richtn aba jetzt muass ma do der Loni ihrn Willn toa «
»Sagst ihr bal der Woaz herin is spann i auf da Stell ei und fahr selm auf
Dachau eini und bring an Notari mit «
»Sie glaabt halt es pressiert «
»Auf de paar Täg gehts it zsamm Zerscht muass d Arwat gschehgn sei«
Der Ruepp war nie grossspuriger als wenn er von der Arbeit redete und schon
gar wenn er etliche Tage selber mitgetan hatte
Dann musste man ihn neben dem Wagen hergehen sehen wie er gewichtig
einherschritt und mit der Geissel schnalzte und den Hut bis ins Genick
zurückschob damit es jeder merkte wie sich der Ruepp mit der Arbeit erhitzt
hatte
»Also sagst ihr bal da Woaz herin is fahr i selm eini Werd schö gnua sei
«
Die Rueppin richtete es aus und die Loni verstand dass man ihretwegen nicht
die Arbeit hint lassen wollte obgleich sie wusste dass der Bauer schon um
Geringeres etwa um ein Vergnügen oder eine Saufpartie einen Tag ausgesetzt
hatte Aber ihre Bescheidenheit ließ sie es nicht unbillig finden dass sie
warten musste dabei plagte sie aber eine innere Unruhe von der sie gegen die
Rueppin kein Hehl machte
»Bal is no derwart« sagte sie »A diam moan i schos Wassa druckt mir
geng as Herz aufa und na kannts sei dass is gar nimma beinand hätt bal da
Notari kimmt«
»Ah geh muasst it so verzagt sei Wer woass obs d net wieda aufstehst Da
Dokta hats aa gsagt Da ko ma gar nix wissn hat ers letzt Mal gsagt
Solchane Leut sagt er hamm oft a merkwürdige Kraft «
»Ja freili a Kraft Wo han denn ia Kraft Dös kenn i selm bessa wia da
Dokta Mit mir gehts dahi und is nimma zfruah aa An Michi tat i wohl no gern
sehgn«
»Den siehgst scho der kimmt ja morgn«
»Morgn«
Ein Lächeln flog über das welke Gesicht
»Bal er morgn kimmt na glaab is aa dass ma no mitanand z dischkriern
kemma Hat er dir gschriebn«
»Ja Am Sunntag den achtn Auguscht kimmt er hat er mir zwissen gmacht«
»Woass ers«
»Was Dass du krank bischt«
»Dass s halt dahi geht«
»Na er woass nix davo dass di du legn hast müassn Schau mir san halt aa
net zum Schreibn kemma«
»Freili In der Arndt Aba bal er nur morgn kimmt«
Und dann kam der Michel
Wie sich die Mutter erst ihren Kummer über den Vater ein wenig vom Herzen
heruntergeredet hatte sagte sie ihm dass die Loni drüben in ihrer Kammer liege
und recht schlecht daran sei und auch dass sie so hart auf ihn gewartet habe
Er ging gleich hinüber und hatte er auch noch keinen Menschen im Auslöschen
gesehen so erkannte er doch in ihren verfallenen Zügen die deutlichen Zeichen
des herannahenden Todes
Das griff ihm ans Herz und er legte den Kopf auf den Bettrand und weinte
»Was hoscht denn Muasst it woana Bua «
»Dass s mir nix gschrieben hamm «
»Ah schau sie hamm si halt denkt dass i di scho no derwart und jetzt bist
ja da Wia gehts dir denn Michi«
»Ah mei mir Wenns nur dir besser gang«
»I bin an alts Leut und amal muass dös sei dass s an End nimmt Da
brauchscht do it woana Bua «
»Weil i net dahoam bleiben hab derfa und weil i furt sei muass und jetzt
find i di a so «
»No ja schau weils d no jetzt da bist mir könnan do richti bfüad Good
nehma von anand «
»Und na hab i gar neamd mehr «
»Hast do d Muatta Michi und deine Gschwister «
»Du woasst ja selm «
Ach ja die Alte wusste es wie leer das Haus da drüben war ohne Freude
ohne Zusammenhalten Die Bäurin zermürbt von den Sorgen die Jungen verdrossen
und erbittert über den Zustand dem auch emsige Arbeit keine Heilung brachte
»Schtudierst halt weita« tröstete sie »Und na hockst di amal in a guate
Pfarrei eini und « sie stockte »und wanns da amal schlecht aussi gang
nacha kunntst am End d Muatta no zu dir nehma «
»Ah mei «
»Was denn Gehts it recht damit Hoscht allawei no koa Freud zu da
Schtudi«
»I hab no koan Tag oani ghabt«
»Ja ja I hab scho viel nachdenkt über dös Michi und mir is nia
recht gwen dass ma di zwunga hat«
»Hätten s mi dahoam lassen I waar eahna jetzt a Hülf oder wenns da net
ganga waar hätt i an Platz als a richtiger Knecht und i lasset mi gwiss it
oschaugn und tat mei Sach Aba so « »Hoscht ja allaweil a Freud ghabt zu
da Bauernarwat « »Ja und nacha hats aber sei müassn dass i auf Freising
kimm und mi abracker und do nix füri bring«
»Derpackst as gar it moanst«
»Na Lonimuatta mit dir kann i über dös redn I wer gar nia a
Geischtlicher garnia Und wanns aa mitn Schtudieren leichter gang und wann i
scho firti waar mitn Gymnasium i werat do koana In da letzten Stund kehrat i
no um «
»Aber Bua gar so hart muasst das do it nehma A Pfarra hat wohl des
schönste Macha «
»Vielleicht I woass net Wems gfallt für den kos ganz schö sei Aber i
pass amal net dazua«
»I hans wohl denkt i hans oft denkt«
»Schau wann so gredt werd unter de Schulkameraden und der oa woass dös und
der ander dös was eahm gfallt bei da Geistlichkeit und auf was er si gfreut
na is mir grad als wenn s was redetn was mi von da Welt aus nix ogeht Aber
wann mir spaziern gengan aus der Stadt aussi und i siech oan ackern am Feld
draussd na moan i i derheb mi nimma i muass weg laffa von de Schulbuabn und
wann i oan auf an Fuhrwerk siech möcht i aufspringa und wegfahrn no grad weit
weg dass i nix mehr hörat und sehgat von dem Schmarrn «
»Geh Michi muasst di net versündigen «
»Na i moans net a so dass i was Unrechts sagn möcht i moan de Marterei
mitn Schtudieren Aba dös ander woasst dös bring i aa net zsamm I habs net
mit dera Heiligkeit Oft denk i mir ob anderne de wo i kennt hab am Gymnasium
und de jetzt scho drinna san im Priesterseminar obs dena wirkli so ernst is I
will eahna nix nachsagn aber i verstehs amal net Mir kimmts allaweil so
vor als wann i unserm Herrgott mit da Bauernarbet liaba sei müasst «
Die Loni schaute ihn ernst und bekümmert an und strich mit ihrer mageren Hand
über die Decke
»Über so was han i wohl no weni nachdenkt« sagte sie »und da bin i mir net
gscheidt gnua dass i dir was ratn kunt Aber freili dös sell han i scho lang
kennt dass du für an geischlinga Herrn net passt «
»Ganz und gar net« bekräftigte Michel
»Ma sollts bei die Leut aa kenna zu was dass s ghörn « fuhr die Alte
fort »Und wo s hipassen Wenn mas sogar beim Viech kennt Aber dei Vata hat
sis halt amal eibildt «
»Ja eibildt und nacha muass s ganz oafach geh Und d Muatta hat
mir aa net gholfen«
»Michi schau da muasst koan Vadruss hamm über dös Was hätt dei Muatta toa
solln Sie werd si denkt hamm wanns am End Gotts Willen is dass du bei da
Schtudi zu was kimmst nacha is dei Glück De Eltern derfen net grad fragn was
a Kind mag oder net mag «
»Aber was oans ko sollen s fragn« sagte Michel
»Dös sell freili Und dei Vata hätt an Pfarra glaabn solln Er hat eahm
glei abgredt Ja mei Bua was werd dös no alls wern«
»Dös will i dir scho sagn Lonimuatta I geh in dem Herbst nimma aufs
Gymnasium zruck De Professa hamms aa gsagt dass dös koan Wert net hat «
»Und nacha«
»Ja no da denk i hin und her Wann da Vata anderst waar und wann er
si net a so eispreizn tat nacha hab i mir scho denkt ob i net in de
landwirtschaftliche Schul auf Weihenstephan geh soll «
»Kost dös viel Geld«
»Kostn werds freili was aber net so viel als wann i ins Gymnasium zruck
gang weil i ja danach no lang net firti waar«
»Und da gangs am End no guat naus Michi«
»Freili i kannt amal a guate Stell kriagn als Verwalter und auf a
grössers Guat kemma Aber werst sehgn mitn Vata lasst si über dös net redn«
»Mit eahm wohl net aba Bua sieghst wenn dös net so lang dauert und net
gar soviel Geld kost nacha hilf dir i dazua«
»Du Lonimuatta«
»Ja A bissel was hab i und dös soll dei ghören«
»Na dös muasst du selm ghaltn«
»I I wer bald nix mehr bhaltn kinna«
»Geh an dös muasst it denkn«
»Warum net I hab koa Zeit nimma dass is nausschiab und i hab nix mehr
anderst zum denkn als wia dös«
»Warum solltst du nimma gsund wern«
»Weils gar is Bua Dös kenn i guat und mir is ganz recht a so Da tat mi
ja unser Herrgott strafa wenn i als a Kranker umanand hocka müasst Über dös
redn mir nix mehr I mach die Sach und nacha werst du a richtiger Mensch
Gel«
Die Alte suchte seine Hand Er gab sie ihr und saß lange schweigend neben
ihr
»Koa Sünd werds wohl it sei dass du auf de Weis von der geischtlingen
Schtudi wegkimmst«
»Na i hätt nia ferti gmacht dös braucht dir koa Kümmernis net sei«
»Und i denk mir« sagte die Alte mehr zu sich selber als zum Michel »wann
ma so was net gern werd soll mas ja it wern Aba jetzt gehst ummi zu deine
Leut Michi I muass a weng rastn und sagst da Muatta vielleicht schaugt s
spater no amal her vor s ins Bett geht «
Michel ging und als er die Türe sachte hinter sich zuzog sah er dass die
Alte ihre müden Augen auf ihn gerichtet hielt und ihm zulächelte
Viertes Kapitel
Als Michel am andern Morgen aufwachte stand die Sonne schon ziemlich hoch am
Himmel er sprang rasch aus dem Bett und sah beschämt dass es auf sieben Uhr
ging
In der Küche traf er seine Mutter die allein zurückgeblieben war denn
alle der Kaspar die Leni und die Dienstboten waren vor Tag aufs Feld hinaus
»Dass mi net gweckt habts« sagte der Michel als ihm die Mutter eine
Kaffeesuppe vorsetzte
»Zu was denn wecka Den erstn Tag dahoam hast di do scho ausschlafa
derfn«
»Na Da muass ma si vor de andern schiniern der Kaspar werd mi schö
auszahna«
»Geh zua du bist do koa Bauernknecht«
»Aba wenn d Arwat pressiert möcht ma do aa mitelfa und ös lassts mi in
Tag eini schlafa Is da Vata draußen«
»Na der schlaft no Er muass si wieder auskuriern von sein Sunntag«
Michel löffelte schweigend seine Suppe aus und die Rueppin setzte sich
neben ihn
Als sie wiederholt mit einem »ja ja so is halt amal« und »ja mei Bua«
tief aufseufzte fragte er
»Habts allaweil no Vadruss«
»Der geht bei uns net aus Von an Sunntag wollt i no gar nix sagn obwohl
dass dös aa schiach gnua is wenn er danach an halben Tag und länger seine Räusch
ausschlaft Aba wia oft kimmts vor sogar in der Arndt dass er mitten unta da
Woch wegafahrt auf Dachau eini oder auf Altomünster ummi Da is wohl koa Wunder
dass ma zruckhaust«
»Is scho weit«
»Weit gnua Und is koa Aussicht auf a besser wern«
»Dös versteh i aa net Muatta dass d ma dös net früher gsagt hast«
»Du moanst zwegn an Schtudiern«
»Ja Waar do scho gscheiter gwen i hätt enk net aa nos Geld kost«
»Dös hätts no derleidn müassn und tats aa jetzt derleidn wenn da Vata
dergleichen tat Aba ma siecht si ja net naus bal dös net bessa werd sondern
im Gegenteil allaweil no schlechta Er lasst si in Handelschaften eini ziahgn
de wo er net vasteht und valierts Geld dabei und für alls ko da Hof net
aufkemma«
»Wia kimmt er denn zu dem«
»Im Wirtshaus halt wo alls Guate dahoam is Da kimmt er mit de Handler
zsamm und de schmatzen eahm was auf und ausredn lasst er eahm ja nix Du
kennstn do Da woass eahm der oa a Ross zum verschachern der ander a Holz an
dem gar soviel Geld zum vadeana waar und kimmt er amal gleichauf oder macht a
gar an kloan Profit na is no schlechta Na moant er scho er is da best beim
Handeln und Schachern und fahrt in die Wirtshäuser umanand und hats grad gnädi
und tuat woass Good wia groß und zletzt zahlt er allmal drauf «
»Hilfts Zuaredn gar nix«
»Ah wa I red eahm zua wiar an krankn Ross aba i ko gar nix richtn bei
eahm Net oamal dass er auf mei Redn was gibt Siehgst da han i de vorig Woch
an Bartl auf Dachau eini schicka wolln dass da Notari zu da Loni aussa kimmt An
Deanstbubn ko ma do amal an Tag gratn Aber na Dös geht net er fahrt selm
eini und weil ma an Gaul in der Arndt z notwendi braucht werds verschobn
und de Alt arbet si in da Unruah ganz auf «
»Na fahr i eini «
»Dös is wahr Bua dös tuast «
»Bal mir da Kaspar sei Radl leicht mach i mi nachn Essen aufn Weg«
»So mach mas Du kunntst as so aa glei nehma aba woasst scho da Kaspar is
a bissel eigens Balst jetzt aufs Feld aussi gehst fragstn Und beim
Notari drin machst as pressant de Alt is so viel unruhig heut in da Fruah hat
s mi wieda gfragt und bitt «
»Is recht Muatta und jetzt schaug ia weng zu de Leut aussi «
Als er aufs Feld hinauskam war der Kaspar mit einem Knecht und dem
Dienstbuben noch eifrig beim Mähen hinter ihnen drein banden die Weiberleute
die Garben
Nach einer Weile setzte Kaspar aus wetzte seine Sense und sah den Michel
auf sich zukommen
»Ah der Hochwürden Willst uns an Segn geben zu der Arwat oder willst
bloß zuaschaugn wia ander Leut schwitzen«
»Brauchst mi net föppeln i arwat gern mit wenn mir da Bartl d Sans
gibt«
»Is uns an Ehr mit an gweichten Herrn oder an halbgweichten «
»Geh lasss guat sei und dass i net vergiss aufn Namittag muasst ma dei
Radl leicha I fahr auf Dachau eini«
»Ahan nach der Arbeit ist gut ruhen hoassts bei dir«
»Net zwegn an Vagnüagn I soll an Notari bstelln für d Lonimuatta«
»Will ja der Alt eini fahrn«
»D Muatta sagt aba d Loni hat koa Ruah und bitt allaweil drum und i bin
ja glei drin«
»No ja und dein Vorteil siechst dir ja aa dabei«
»Wia dös«
»De Alt will ja die paar Kreuzer der Geischtlichkeit vermacha «
»Zwegn dem pressierts mir net mitn eini fahrn«
»Na is recht du tuast as bloß für de guat Sach und i leich dirs Radl
dazua da geh her Bartl«
Der Bub kam heran
»Gib dei Sans an hochwürdigen Herrn vielleicht bringt er a Schneid ani
«
Bartl grinste als er Michel die Sense gab und der zog ohne weiteres Reden
Jacke und Gilet aus trat in die Reihe neben seinen Bruder und fing zu mähen an
Die Sonne brannte so heiß herunter dass die Luft flimmerte und auch vom
Boden stieg eine Hitze auf dass Michel wie in einem Backofen schwitzte Er
merkte wohl wie ungewohnt ihm die harte Arbeit war das Kreuz schmerzte ihn
die Arme taten ihm weh und er musste allen Willen zusammennehmen um nicht zu
weit hinter den andern zurückzubleiben Aber wenn er nachgeben wollte dachte er
an die Spottreden seines Bruders und dazu war es ihm als müsste er den Beweis
liefern dass er zur Arbeit tauge So hieb er tapfer ein und schwang bald die
Arme in einem gleichmäßigen Takte bei dem er leichter Atem holte wie anfangs
wo er zu hastig gewesen war
Als sie die lange Mahd bis zum Grenzrain fertig hatten schulterte Michel
wie die andern seine Sense und ging gemächlich zurück sich wohlig dieser kurzen
Rast hingebend die ihm neue Kraft gab Bei der dritten und vierten Mahd hatte
er sich schon ganz an die Arbeit gewöhnt und spürte weniger Müdigkeit wie nach
der ersten
Inzwischen kam der Bartl den man heimgeschickt hatte mit Bier und Brot
zurück und nun kamen alle zum Untern in den Schatten eines breitästigen Ahorns
Michel begrüßte im ZotzenPeter der Dienstknecht war einen alten
Schulkameraden und setzte sich zwischen ihn und die Zenzl die zweite Magd ins
Gras
Er bekam eine Flasche Bier und einen Keil Brot von dem er langsam Stück für
Stück herunterschnitt die Hand war ihm durch die Arbeit schwer geworden und
die Bewegung beim Essen wie er jeden Schnitz bedächtig zum Munde führte
verursachte ihm ein wohliges Gefühl von Kraft und zugleich von Ausrasten
Er sah von seinem Platze aus weitum emsige Menschen auf den Feldern und
suchte mit seinen Blicken die Ackerbreiten des Lukas ab Von fernher blitzten
weiße Kopftüchel auf und er wusste nun wo die Stasi arbeitete und dachte wie
schön es wäre wenn sie jetzt so neben ihm säße wie die Zenzl die gerade ihre
dicken Waden lachend vor den Angriffen des ZotzenPeter versteckte
»Wer kimmt denn da daher« fragte der Kaspar und streckte den Hals
In einer Entfernung von etlichen hundert Schritten ging ein Mann auf dem
Fusswege bald verschwand er hinter dem hoch stehenden Getreide bald war er
wieder frei sichtbar und die scharfen Augen Kaspars hatten gleich erkannt dass
er ein Städtischer sei
Gleich darauf sah er auch dass der Fremde eine Dienstmütze aus dem Kopfe
trug
»Dös waar ja bald « brummte er halblaut vor sich hin und warf einen
bedeutsamen Blick auf Leni die auch unruhig geworden war
Kein Zweifel als der Mann näher kam erkannte man dass er ein
Gerichtsbeamter oder so was Ähnliches sei
Kaspar stand auf und schlenkerte zum Fußweg hinüber und dabei hob er hie
und da ein paar Garben auf und tat so als ob er die Ähren angelegentlich
betrachte
Nun war der Mann auf etliche Schritte herangekommen und es zeigte sich dass
er wirklich ein Amtszeichen auf der dunkelblauen Mütze trug
»Heut is amal a richtigs Wetter zum Arbeitn« sagte er und blieb stehen
»Ja so waars scho recht« antwortete Kaspar
»Heuer kann ma do überhaupts net klagn aber ihr Bauern seids ja nie
zfriedn«
»s Rentamt scheints aa net sunst verlangets net allaweil no mehra «
»s Rentamt« Der Mann lächelte »Da können S recht haben dös hat scho an
weitn Magen«
»Seids ös an oana«
»Na vom Rentamt bin i net Aber sagen S amal gehts da zu einem Bauern
namens Umbricht«
Der Fremde zog ein blaues Heft aus der Tasche schlug es auf und las vor
»Michael Umbricht zum Ruepp auf der Leiten «
»Ja brauchen S bloß allaweil gradaus geh Dös Haus dort droben is «
»Dank schön Also gutn Tag und gute Verrichtung «
Er grüßte und wollte gehen
Da fragte Kaspar
»Sie entschuldigen Sie hamm gsagt Sie san net vom Rentamt Was san S
denn nacha«
»Auch a unbeliebte Persönlichkeit «
»Am End a Grichtsvollzieher«
»Er selber net aber sei Stellvertreter Grüß Gott«
Kaspar sah ihm finster nach und ging langsam zu seinen Leuten zurück Er
nahm gleich die Sense auf und mahnte die andern zum Aufbrechen
»Gehts weida Mir hamm no an schön Fleck zum Abhaun «
Michel merkte beim Aufstehen dass die Zenzl dem Peter einen vielsagenden
Blick zuwarf und dass beide lächelten und es entging ihm auch nicht dass sein
Bruder zornig war er dachte sich wohl dass er mit der fremden Amtsperson irgend
was gehabt habe aber er wollte nicht fragen und ging mit den andern weg
Kaspar blieb mit der Leni so weit zurück dass man ihn nicht hören konnte
»Jetzt hamm mas« sagte er halblaut »Es wird oiwei schöna kimmt da
Grichtsvollzieher scho ins Haus«
»Marand Josef War er dös«
»Ja Nachn Weg zum Ruepp hat er gfragt «
»Was werd dös wieda sei«
»Dös is net schwar zum derratn Schuldn werd er hamm mit seine
Täuschlereien mit seine gottverdammten«
»Was ma da no derlebn müassn«
»Dass ma abi rutschen Ehnder gibt ja der lüaderliche Mensch koan Ruah bis
net alls hi is Herrgottsaggerament am liabern schmeissat i d Sans hi und
gang auf und davo Als Knecht kriagat i do mein Lohn richti und müasst net warten
und rum redn um a jeds Markl Plagt ma si für den Saustall und is und werd do
nix Aba lang tua i nimma mit «
»Muasst ans Sach denka Kaschpar«
»Ja denk no recht dro Es werd a so bald koa Sach nimma da sei zum dro
denka wenn er auf d Gant kimmt der Mensch der nixnutzete «
»Moanst d i soll hoam geh und schaugn«
»Ah Was sehgast denn da« »I hab koan Ruah nimma «
»No ja na schaug hoam ko da Bartl daweil beim Bindn helfa Am End is
gscheita bal du dahoam bist sunst is d Muatta ganz alloa «
»Er schlaft ja zerscht no«
»Da Grichtsvollzieher wecktn scho Nacha ko ern oblinzeln aus seine
versuffan Augn So bin i scho ausglegt dass i aa am liabern hoam gang und
schmeisset eahm alls vor d Füass hi «
Leni eilte heim und traf im Hausflötz ihre Mutter die erschrocken vor dem
Gerichtsmenschen stand
»Da Bauer kimmt glei« sagte sie »Er hat si aufgfalln und is it ganz guat
beianand «
»Was geits denn da« fragte Leni scharf und schaute den Mann zornig an
»Was s gibt« sagte dieser ruhig »Ja hoffentlich a Geld sonst müasst i
was pfänden «
»Jessas Jessas«
»Sei no staad Muatta Vata« schrie Leni in gellendem Ton »Waar do
scho Zeit dass d aussa kamst«
»Ö hö hö« brummte der Ruepp und knöpfte noch sein Gilet zu als er
aus der Schlafkammer heraus kam »Du kunntst ja no bessa schrein «
»Muass vielleicht d Muatta den Dreck wegramma den du hergmacht hast«
»Du redst di a weng gar leicht du «
»Is ja wahr Muass ma si da net z Tod schama bal oan da Grichtsvollzieher
beim helliachtn Tag ins Haus kimmt Und du flackst im Bett und d Muatta woass
si net z ratn und z helfa «
»Dös wer i scho macha deswegn brauchst du it schrein als wiar a
Krattlerin «
»Ja dös woass ma scho wias das du machst «
»Halt s Mäu sag i Was gibts denn da überhaupts« fragte er den
Gerichtsvollzieher in barschem Ton
»Sie ich bitt mir an anderne Sprach aus gel Ich bin hier im Dienst
verstanden Da wern S Ihnen irren wenn Sie glauben dass Sie mir mit
Lackelhaftigkeiten kommen können «
»I wer no fragn derfa was Sie in mein Haus herin wolln«
»Jawoll aber in an andern Ton Ich bin der Stellvertreter des
Grichtsvollziehers Stumbeck und hab bei Ihnen eine Forderung einzutreiben«
Der Ruepp war durch die scharfe Sprache des Mannes der als gedienter
Feldwebel den richtigen Tonfall hatte eingeschüchtert
»I woass nix von koana Forderung« sagte er kleinlauter
»Wissen Sies net so Ich kann Ihr Gedächtnis auffrischen Da is das
vollstreckbare Urteil vom Landgricht München « Er entfaltete ein Papier und
las vor
»Wasserburger gegen Umbricht Sie schulden in Haupt und Nebensache
einschliesslich der Kosten neunhunderteinundvierzig Mark und sechzig Pfennig
Können Sie sich jetzt an die Kleinigkeit erinnern«
»Was Für den frechen Juden da müsst i zahln Dös gibtss durchaus gar it
«
»Wenn Sie nicht zahln wolln oder können dann werd ich eben pfänden «
»Von kinna is koa Red it Für de Bagatelln werd mei Hof no guat sei «
»Also dann nur raus mit die Maxen«
»Was Bal mi der Jud der ausgschamte ganz offenbarig betrogn hat Der
sell Gaul is dampfig gwen und für dös han i de beschtn Zeugn de wo de Sach
richtig sagn kinnan «
»Das hätten Sie früher und beim Gricht sagen müssen Da is ein
Versäumnisurteil und is rechtskräftig und damit fertig«
»Dös gibts na do scho net Wo waar denn da a Vasäumnis bal i gar nix inne
worn bin«
»Sie hamm die Klage zugestellt kriegt Machen S mir nix vor«
»Ko scho sei dass amal was kemma is aba als Landwirt hat ma do koa Zeit in
Summa bei der grösstn Arwat dass mar an jedn Papierfetzn lest«
»Den hätten S scho lesen sollen Jedenfalls mich geht das gar nix an«
»Den verklag i wegn Betrug dös lass i weida geh bis aufs Reichsgricht «
»Schön Aber heut heißts zahln «
»Dös glaab i na do scho net bal dös ganz offenbarig is und bal i de
beschtn Zeugn hab «
»Ich hab net so viel Zeit mein Lieber und Ihr Prozess geht mich gar nix an
Bei mir gibts bloß zahln oder pfänden«
»I bin gar net beim Gricht gwen mit dem Juden mit dem ausgschamten na
kann i aa net verurteilt sei «
»Eben weil Sie nicht dort waren und weil S Ihnen kein Advokaten gnommen
hamm deswegen sind S verurteilt worn Das is ja das Versäumnis «
»Dös werd ma nacha do scho eisehgn beim Gricht dass a Bauernmensch bei da
grösstn Arwat koa Zeit net hat «
»Nein das siecht man nicht ein aber dös siech i ein dass Sie net verstehen
wolln und wahrscheinli auch net zahln «
»I will mei Recht hamm Muass mar i an so an offenbarigen Betrug gfalln
lassn Da muass s Reichsgricht her «
»Also wenn Sie nicht zahln wolln nacha gehn wir jetzt in Stall naus«
»Was recht is wer i zahln «
»Recht is neunhundertundeinundvierzig Mark und sechzig Pfenning I wart fei
jetzt nimmer«
»Dös hat ma aa net allaweil dahoam «
»Ich will Ihnen was sagen Der Doktor Rosenbaum der Vertreter von Ihrem
Gegner schreibt dass er Ihnen acht Tag Frist geben will für den Rest wenn Sie
mir sofort eine größere Summe einhändigen«
»Und bal is net eihändig«
»Pfänd ich Ihnen einen Gaul oder a paar Küh «
»Mehra wia dreihundertfufzg Mark hab i net bei da Hand «
»Schön geben S mir die und in acht Tag zahlen S das andere sonst muss
ich wieder kommen«
»Aber guat sei lass is net und bis zum Reichsgricht muass de Gschicht geh
«
Der Ruepp ging brummend in die Kammer und als er wieder zurück kam zählte
er auf das Fensterbrett dreihundertfünfzig Mark hin
Der Gerichtsvollzieher schrieb ihm eine Quittung und ging
Während des ganzen Vorgangs hatte die Rueppin ihren Mann ängstlich
angeschaut die Leni stand mit untergeschlagenen Armen daneben und machte ein
bitterböses Gesicht
Als der Beamte zur Tür hinaus war sagte die Bäuerin nach einem schweren
Seufzer
»Pfändt wern mir na do it Dass wenigstens des Allerärgst net passiert«
Der Ruepp war schon wieder grossspurig
»Kümmer di um dös it Dem Malafizjuden dem vadächtigen brock ia Suppen ei
«
»De hoscht scho ins eibrockt« sagte Leni grob
»Du nacha mit deina Goschen was gehts denn di o«
»Leider dass s mi was ogeht mir waars scho liaba i waar in an richtinga
Haus«
»Dass s dir fei nimma guat gnua is Na suachst dir a bessers«
»Dös waar net hart zum findn besser is glei oas«
»Nur recht frech sei sag i Tua di no ja net schinniern«
»Waar gscheiter es schinnieret si wer anderer und waar drausd bei der
Arwat und stand net herin bei de Grichtsvollzieher umanand«
»Jetzt lass s guat sei Leni« wehrte die Mutter ab
»Is ja wahr Muass ma si vor de Deanstbotn schama De hamms aa gsehgn
wia der sell mit da Haubn zum Hof zuawa ganga is«
»De wissen an Dreck« sagte der Ruepp grob »Und überhaupts über meine
Prozesssacha wer mi i bekümmern aber du di net Und dös sell wer i scho macha
dass der Betrug offenbarig werd Und zwegn was gehst denn du überhaupts vom
Feld eina I hätt di wohl it braucht da herin «
Leni gab keine Antwort mehr sondern warf die Küchentüre hinter sich zu dass
die Scheiben klirrten
»A so an unguats Luada a so a zahnets« schimpfte der Ruepp hinter ihr
drein
»Sie moants ganz recht« sagte die Bäurin
»Was vasteht denn de von sellane Sacha Dös muass i besser wissen was i z
toa hab «
»Und des allerbest waar wann du gar nix z toa hättest mit de Grichtssacha
«
»Lass dir no Zeit Dem Juden hoaz i ei dass eahm warm werd Und jetza
schaugst dass d mir in da Kuchl a weng was sauers z machen kimmst Dös sell
richt mi wieda zsamm«
Der Ruepp ging in seine Kammer und die Bäurin richtete in der Küche das
Essen für die Leute die bald vom Feld hereinkommen mussten
Die Leni half ihr dabei und wenn sie zornig mit dem Geschirr klapperte
nickte die Rueppin zustimmend mit dem Kopfe und seufzte tief auf
Fünftes Kapitel
Wie der Ruepp in seiner Kammer allein war und auf dem Bettrande sitzend vor sich
hin stierte machten ihn seine Gedanken verzagter als alle scharfen Worte der
Leni
Seine Schulden standen mahnend vor ihm seit ihm eine davon so widerwärtig
in Erinnerung gebracht worden war und er hielt über seine Gläubiger eine
ängstliche Musterung ab
Da war der Pfäffel von Glonn dem er die dreihundertfünfzig Mark die vom
Gerichtsvollzieher weggenommen worden waren fest versprochen hatte und er
wusste dass der Unterhändler sich nicht leicht noch einmal vertrösten lassen
werde
Und dem Müller Lenz von Aufhausen war er an die fünfhundert schuldig und
dem Wasserburger pressierte es ganz gewiss mit dem Rest der auch beinahe
sechshundert ausmachte
Der Ruepp dachte an alles mögliche aber bloß nicht daran wie er auf seinem
gefährlichen Wege umkehren und durch Schaffen und Sparen allmählich wieder auf
gleich kommen könne Das ging langsam und mühevoll die Zahlungen aber drängten
Was blieb also übrig als bei andern Hilfe suchen
Unter den Weidachern war keiner der ihm das Vertrauen schenken würde Nicht
ein einziger Was der Lukas geradeheraus gesagt hatte das dachten die andern
und ein Ersuchen von ihm hätte bloß zu heimlichem Gerede geführt die einen
gönnten ihm die Verlegenheit den andern war sie gleichgültig und alle hatten
sie schon lang vorausgesehen
Aber wo wollte er sonst Hilfe kriegen Wieder von einem Unterhändler Das
hieß ein größeres Loch aufmachen um das kleinere zuzuschütten
Und doch In Gotts Namen
Er schaute stumpfsinnig zum offenen Fenster hin und achtete nicht auf den
blauen Himmel der übers Scheunendach zu ihm hereinsah und nicht auf den
Sonnenschein der prall auf der weißen Stallwand lag
Eine Hummel flog herein und brummte wie zornig in der Stube herum
Fauler Bauer was ist denn Hinaus aufs Feld Ist das auch noch eine Art an
einem solchen Tag da herin hocken und über Geldtäuschlereien nachsinnieren
Aber die Gedanken des Ruepp nahmen keine andere Richtung
Es handelte sich bloß darum sich jetzt einmal geschwind aus der Klemme zu
ziehen und wars so weit dann musste er ja auch einmal Glück beim Handeln haben
und konnte alles heimzahlen
Das war genau so wie selbigesmal wo ihm die Loni geholfen hatte
Herrgott ja die Alte
Wenn er es doch noch einmal bei der probierte Er konnte ihr ins Gewissen
reden dass sie soviel Jahre das beste Auskommen bei ihm gehabt hatte und dafür
auch einen Dank schuldig geworden sei Freilich hatte sies ihm hartnäckig
abgeleugnet dass sie noch was habe allein die Sprüche kannte er
Selbigesmal war sie bockbeinig und zuletzt hantig gewesen und sie hatte ihm
ein paar Brocken hingeworfen die er nicht gern verschluckte aber jetzt war sie
krank und die Aussicht auf einen baldigen Tod hatte sie gewiss zugänglicher
gemacht wenn man ihr nur richtig ins Gewissen redete
Der Plan gefiel dem Ruepp immer besser je länger er darüber nachdachte Er
stand auf und öffnete die Kammertüre um zu horchen
Die Leni war mit der Bäurin in der Küche und sonst war niemand daheim so
konnte er unbemerkt zu der Alten hinüber
Er trat leise ein und Loni die über die hohe Bettdecke weg nicht zur Türe
sehen konnte und in Gedanken verloren war meinte es sei die Bäurin die wie
gewöhnlich nach ihr umschaue
Sie erschrak wie der Ruepp ans Bett kam und bei ihrem Anblick ein
freundliches recht mitleidiges Lächeln aufsetzte
Sie sagte aber nichts sondern schaute ihn nur müde an
Was er wollte wusste sie auf der Stelle das nämliche halt was er jedesmal
wollte wenn er alle paar Jahr einmal zu ihr herüber kam
»Wia gehts dir denn Loni« fragte der Bauer und kein Geistlicher hätte es
sanfter vorbringen können
»Schlecht« sagte sie
»Habs wohl ghört habs mit an großen Bedauernis ghört und hos gar it
glaabn wolln D Loni hab i gsagt is a Zache de gibt si so schnell it Aba
no alt bischt halt aa und grackert hast di deiner Lebtag da is na zletzt
koa Wunder«
»Is wohl koa Wunder «
»Gel ja Muatterl sagst aa Aba den Trost hoscht dass d dei Sach allaweil
richtig gmacht hast auf dera Welt und bal ma dös mit Wahrheit sagn derf
braucht ma si nix ferchtn «
»M hm ja bal mas sagn ko « murmelte die Loni und der Ruepp
hätte eine Anspielung darin sehen können wenn er gewollt hätte
Aber dazu war er viel zu barmherzig und mild aufgelegt
»Bal dös überhaupts oani sagn ko bist as du Dös Zeugnis muass dir a jeda
Mensch gebn und zallererscht i Und deswegn glaab is aa du muasst as drent
schö kriagn «
»Des sell mach i liaba mitn Pfarra aus «
»Freili aba mi sagt grad I muass dir alle Ehr gebn und muass dir aa
vergelts Gott sagn für dein Fleiß und überhaupts für allssammete «
»I dank dir schö «
»Is net mehra wia mei Schuldigkeit Du woasst scho was i moan «
»I ko jetzt von dem it redn« sagte die Loni und es klang trotz ihrer
schwachen Stimme mürrisch »Du muasst as scho amal in Richtigkeit bringa« setzte
sie hinzu
»Feit si nix Muatterl Für dös bin i scho da «
»Du host mas aba scho lang ghoassn «
»Scho aba i hab mir denkt du bleibst ja bei ins und mir ghörn zsamm
net Da kimmts auf Zeit net o bals no sicher is «
»M hm ja bals sicher is«
»Werst na do koan Angst net hamm zwegn dem Na na sell derf di gar
it bekümmern Schau für di oder wenns scho Gotts Willn is für den der no
amal erbt is ja der Hof guat da ko ja nix fein «
Die Alte wurde unruhig die Gedanken mit denen sie sich in den letzten
Tagen soviel beschäftigt hatte kamen über sie
Sie zupfte an der Decke und sagte
»An Notari habts mir aa it gholt«
»Deswegn bin i ja zu dir umma kemma « log der Ruepp »Wia mas d Bäurin
gsagt hat han i mir denkt ah was dös pressiert wohl it De alt Loni is halt
a weng schwach und moant glei des Irgste da hats lang Zeit han i mir denkt
Aba weil i jetzt siech dass di de Sach wirkli druckt is was anders und jetzt
sollst sehgn dass i dir zliab alls tua I fahr heunt no auf Dachau eini und
hol an Notari «
»Waar mir scho ganz recht«
»Na na da gibts nix Ob mir jetzt a Fuhr mehra eina bringa oder net
auf dös gehts aa nimma zsamm Du hoscht as wohl vadeant dass ma dir alls
tuat«
»I dank dir schö « sagte die Loni versöhnlicher
»Is gern gschehgn da brauchts koan Dank gar it Na mach mas a so i
fahr heut eini und morgn fruah werd na da Notari aussa kemma Soll i eahm dös
glei ogebn was dar i schuldi bi«
»Na dös sag i eahm scho selm«
»Sagst as eahm selm ganz richti No ja i hab grad gmoant weil du mir
amal gsagt hascht dass du sinscht koa Geld it hascht «
»I hab aa koas «
Die Loni sagte es hastig und abweisend
»Grad desweng schau Muatterl i kannt ja nacha beim Notari zun Protokoi
gebn auf wen dass du de dreitausad Mark übri schreibn lasst Na brauchat er am
End gar it aussa fahrn und waarn de Kostn daspart «
»Na er muass scho aussa kemma «
»Also nacha richt is a so aus dass er moring kimmt Es gschiecht akarat a
so wias das du hamm willst Nacha gilts scho «
Die Loni glaubte dass jetzt genug darüber geredet sei und drehte den Kopf
nach der Wand zu aber der Ruepp zog jetzt gar den Stuhl ans Bett und hockte
sich hin
Sie wusste jetzt dass das eigentliche noch kam
»Ja ja « seufzte der Bauer »So gehts auf dera Welt Mir waars glei
liaba i liegat an deiner Statt und du waarst gsund und frisch auf de Füass
«
Die Loni regte sich nicht
»Was hat ma denn« fuhr der Ruepp fort »Muasst di schindn und plagn und
hast nix als wia Sorgen und Kümmernis An jeden Tag waars mir recht wenns gar
waar I verlangat mir wohl koa längers Lebn Es is nix als wiar a Marterei
«
Die Alte gab keine Antwort
» Ja ja bal si oana rührn kunnt waars was anders aba bal oan
d Händ bunden san bist und bleibst der Narr deiner Lebtag Und kannt ma si oft
mit so weni helfa aber na es helft oan koa Mensch und ma bleibt der Fretter
was hast gsagt«
»Nix «
»I ho gmoant du hast was gsagt Ja mei Muatterl i bin dir neidi ums
Kranksei derfst das gwiss glaabn «
»I glaabs net «
»Warum net Was han i denn davo dass i beim Tag umanand geh mit de Kümmernis
und bei da Nacht it schlaf vor de Sorgn«
»Hättst d bessa ghaust«
»Jetzt hast was gsagt Bessa ghaust No ja ma sagt it vo dem dass ma si a
diam an Pfenning dersparn hätt kinna aba vo dem kimmts net sondern weil oan
d Händ bunden san«
Er schwieg und sah die Alte lauernd an aber sie wandte sich nicht um und
es schien fast als wäre sie eingeschlafen
Da nahm sich der Ruepp einen festen Anlauf und räusperte sich zuerst
»Siehgst Muatterl i sag dirs ganz aufrichti i siech mir koa Hülf
nirgends als wia bei dir«
Das Muatterl rührte sich auch darauf hin nicht
»I hab mir a so denkt siehgst i hab ma denkt wo waar i denn hikemma
wann d ma du selbigsmal net gholfa hättest aba so is guat worn weilst ma du
gholfa hoscht«
Die alte Loni drehte sich jetzt um und schaute den lüderlichen Menschen
ernstaft an
»Was is denn guat worn« fragte sie
»Allssammete Du woasst gar it was du selbigsmal to hoscht für mi und für
ins alle mitanand I waar nimma auf d Füass kemma dös ko dar i sagn so hamm
mi de Wuacherer bei da Gurgl ghabt «
Die Alte wandte den Blick nicht von ihm ab und sie sah viel mehr als der
armselige Lügner glaubte Dass es keine Hilfe gab für einen der so von innen
heraus verfault war wie der sie war so müd und abgeschlagen dass sie seine
Worte kaum verstand aber auch wenn sie bei ihren Kräften gewesen wäre hätte
ihr sein Reden fremd und sinnlos geklungen denn zwischen Redlichkeit und
Unehrlichkeit gibt es kein Verstehen Sie hatte sich auch damals nicht von ihm
täuschen lassen sondern hatte der Bäuerin und den Kindern zulieb geholfen
Der Ruepp glaubte aber dass er das schwache Weibel schon halb herumgebracht
habe und lächelte sie schmerzlich an
»Und heut« sagte er »heut is net viel anderst wia selbigsmal und da woass
i mir koan Ausweg nimmer und muass halt wieda zu dir kemma und fragn schau
Muatterl magst mir denn gar it helfa«
»I hab nix mehr «
»Geh zua bal mi so dro is wia du soll mi an Menschen der wo in seiner
Kümmernis zu oan kimmt net a so abspeisn Schau was hoscht denn davo Bei mir
tuast a guats Werk und tuast as net mir alloa sondern aa der Bäurin und alle
de wo mit dir glebt hamm und san freundli gwen zu dir und hamm dir alls to
Du bischt do im Haus net als wiar a Deanstbot gwen du hoscht do dazua ghört
Folgedessen hats di do ganz anderst oganga was ins betrifft und geht di aa
heut no anderst o «
»I hab nix «
»Dös muasst it sagn «
»Warum net«
»Weils it wahr is schau und weil ma net lüagn soll bal ma amal so dro
is wia du Loni Und was hoscht denn von dem Geld Is dös vielleicht recht
wanns oana kriagt der wo si nia um di bekümmert hat Und de Leut bei dena du
dös beste ghabt hoscht de ganga laar aus Bals a so kimmt Loni was müassen
denn mir von dir denga und was für a Nachred kriagst du auf de Weis bei ins
Macht dös gar nix aus Is dös allssammete gleich«
»Was i hab kriagt koa Fremda und jetzt lass mir amal mei Ruah«
»Kriagt koa Fremder sagst Ja wer kriagts denn nacha D Bäurin hat mir
amal was gsagt dass du an Michi dei Sach gebn mögst Gegen dös sag i ja nix
aba du muasst na do a weng an dös denga was i fürn Michi gleist hab bis
jetzt und wann er amal geischtli werd und für di extra beten und messlesn ko
hoscht du dös net mir zum verdanka Und bal du mir jetzt net hülfst und i ko
eahm net weida studiern lassn hat dös an Sinn Du stehst dir ja selm im Weg
Er solls kriagn aber spater jetzt kunntst du mir damit helfa und durch dös
aar an Michi Du muasst richti denga Muatterl schau «
»Mei Ruah möcht i i bin so viel müad «
»Sagst wohl du mögst a Ruah hamm moanst d i hab oani wann i jetzt furt
geh und siech dass d ma du aar it helfa willst «
»I hab nix «
»I woass anderst Loni I woass dass du a Geld hoscht «
Die Alte hatte sich trotz ihrer scheinbaren Ruhe so aufgeregt dass sie mit
den Händen in fiebriger Hast über die Decke strich es wurde ihr ganz ängstlich
zumute und sie fing zu weinen an
Der Ruepp stand auf Er war doch erschrocken über das was er angerichtet
hatte und da er nicht mehr daran glaubte dass er seinen Zweck erreichen könne
wollte er gehen
Als er sich umwandte stand seine Bäuerin vor ihm er hatte ihr Eintreten
nicht bemerkt und war nun etwas verwirrt
»Was tuast denn du« fragte sie hastig und arg bestürzt
Darüber ärgerte er sich und fand seine Fassung wieder
»Was wer i toa Nachschaugn halt wenns verlaubt is Bals d mir du jeden
Tag vorjammerst dass i eispanna soll und auf Dachau fahrn wer i wohl
nachschaugn derfa obs wirkli so pressiert«
»Hättst du it mi fragn kinna«
»I hab s selm sehgn wolln Verzählt hoscht mas oft gnua«
»Da Dokta hat eigens gsagt ma soll d Loni it aufregn «
»Waar scho an Aufregung bal ma si nach oan erkundigt I hab ihr versprocha
dass i heut auf Dachau fahr «
»Du« »Ja i «
Er sagte das unwirsch und ging schnell zur Türe hinaus das Getu war ihm
zuwider und vor allem wollte er darüber keine Fragen hören warum sich die Alte
so aufgeregt zeige
»Hast du gwoant Lonimuatta« fragte die Rueppin
»I ho mi so gforchtn «
»Vor eahm«
Die Alte nickte und die Bäuerin setzte sich neben sie und streichelte ihre
Hand
»Er is do it grob gwen mit dir«
»Na grob it «
»Aber er hat was wolln«
»Woasst d as ja so«
»Na na i han koa ruhige Stund nimma im Haus An alls hätt i denkt
aber an dös it dass er zu dir umma geht und di plagt «
Jetzt kamen der Rueppin die Tränen und sie wischte sie mit dem
Schürzenzipfel ab
»Was werd no alls über mi kemma« schluchzte sie
»Lass guat sei« tröstete die Alte »Er werd halt wieda Schuldn hamm «
»Wenn oan scho da Grichtsvollzieher ins Haus lafft«
»Da Grichtsvollzieher«
»Ja vor a Stund is er da gwen und grad halt dass er eahm a paar hundert
Mark gebn hat kinna sinscht waarn mir gar no pfändt worn «
»Bist an arms Leut « sagte Loni und hob den Kopf mühsam ans den Kissen
»Du hast aa nix guats derratn «
»Wohl nix guats Ma tat ja alls gern und waar mir koa Arwat net zviel
aba d Schand aushaltn des sell is dös Irgst «
»Jetzt woan net a so Vielleicht gehts do no besser aussi als ma moant «
»I siech koan Ausweg net Er werd net anderst und er gibt koan Ruah bis
net alls hi is «
Die Loni musste ihr nur allzu recht geben und konnte sie nicht trösten
Sie sah zum Fenster hin durch dessen obere Scheibe die Sonnenstrahlen in
die Stube herein fielen
»Hats a schöns Weda für d Arndt« fragte sie um die Bäuerin auf andere
Gedanken zu bringen
»J ja «
»Werd da Kaschpa froh sei «
»Bei ins is neamd froh «
»Du muasst it ganz verzagn Afra Dös machat alls no schlechta und schau
es is nacha do viel wert dass da Kaschpa a ganz an anderner ist Bal an Bauerns
Wassa recht an Kragn geht übergibt er vielleicht und nacha kannt alls no
bessa wern «
»Ja ja bessa «
»Warum it I kannt mir denga dass er an Hof hergab durch dös bal eahm d
Leut scho mitn Gricht kemma «
»Vielleicht ja « die Bäuerin seufzte tief auf »Aber du sollst net so
viel redn und i derf di mit meine Kümmernis net aa no plagn I bin umma
kemma weil i dir sagn hab wolln dass da Michi auf Dachau eini radelt zum
Notari«
»Da Michi« Die Alte lächelte freundlich »Sagst eahm vergelts Gott von
mir«
»Aba jetzt will ja er eini fahrn «
»Dös brauchts nacha nimma bleibt jas Ross für d Arwat dahoam Na na
dös brauchts nacha net sags eahm no dass da Michi einifahrn will «
Loni sprach wieder ganz aufgeregt
»Heb di no staad i sags eahm glei und auf dös gib i aa Obacht dass er
nimma zu dir eina kimmt Brauchst di net ängsten «
»Is mir scho liaba bal er net kimmt«
»I machs scho dös versprich i dir und jetzt pfüad di Good
Lonimuatta«
»Bfüad di und an Michi sagst vergelts Gott «
Die Rueppin traf den Bauern im Hof wie er den zweisitzigen Bernerwagen
herausschob
»Du brauchst it auf Dachau« schrie sie ihm schon auf zwanzig Schritte zu
»Was is«
»Auf Dachau brauchst net eini fahrn Radelt scho da Michi eini«
»Dös werd mei Sach sei was i toa will da Michi soll no draussd a weng
mitelfa i fahr jetzt amal«
»Braucht ma jas Ross z notwendi «
»Dös han i allaweil gsagt und do hascht dagegn gredt Jetzt weil i
nachgebn hab brachtst d as du wieda anderst daher Dös waar ja a
Lipperlgspiel «
»Jawoi is oans wenn der ander mitn Radl eini fahrn ko und du nimmsts
Ross von der Arwat weg Muass ja dir aa recht sei bal mir mitn Einafahrn koan
Aufenthalt hamm«
»Nix da I hos amal gsagt und hos der Altn versprocha und bei dem
bleibts «
»Versprocha ja I woass scho zwegn was du bei da Loni drent gwen
bist Dass di du gar it schamst Bringt er dös alte Leut in de grösst Angst «
»Was is dös für a Gred für a dumms«
»Hat sies net gsagt zu mir dass sie si frei gforchten hat vor deina«
»An Schmarrn hat s Han i net auf dös allerbeste gredt mit ihr Jetzt kam
sie mitn Ferchtn daher de Loas de dappige«
»Schimpf no Du woasst recht guat dass s wahr is Hoscht du dös it gesehgn
dass de Alt gwoant hat Und zwegn was Gel du woasst as guat gnua«
»Nix woass i Bal sie ihra Sach nimma beinand hat und zwegn nixs Woana
ofangt was geht denn dös mi o«
»Ja und bal du ihr a so zuasetzt dass sie dir a Geld gebn soll waars da
a Wunda dass si a kranke alte Person fürcht Derf mas ja gar it sagn was si
de denkt hat«
»Sags no Is oa Dummheit wia de ander Herrgottsaggerament Da hört si do
scho allssammete auf A ganze Woch her muass i de Bengserei hamm geh fahr eini
Geh hol ihr do an Notari Geh tuar ihr do den Gfalln Und nacha bin i da
Lapp und geh ummi und frag s obs ihr wirkli a so pressiert und nacha
brachts der alte Scherbn a so aussa als wann sie si ferchtn hätt müassn Dös
is ja a Narrenhaus«
»Ja bals net no was schlechters is I brauch dir nix sagn und bals d
a schimpfst du woasst as do«
»Nix woass i und jetzt hamm ma ausgredt Herrgottsaggerament«
»Oha Was is denn« fragte Kaspar der mit Michel in den Hof hereingekommen
war
Weiter hinten zeigten sich schon die Dienstboten
»Ah nix« antwortete die Rueppin die keinen Auftritt haben wollte »I hab
an Vata bloß gsagt dass da Michi auf Dachau eini radeln will sinscht waar er
eini gfahrn«
»Gar nix sinscht I fahr eini wiar is gsagt hab«
»Zu was denn« fuhr Kaspar hitzig auf »Zwegn was denn an Gaul nehma bal
der Michels Radl hat«
»Weil is gsagt hab sag i«
»D muass na do scho a Vastand dabei sei beim Sagn Bal mas Ross dahoam
braucht fahrt ma do it zu da Gaudi umanand«
»I gib dir na scho a Gaudi Hat mi net d Muatta sechstausadmal bitt um
dös«
»Bals aber anderst so leicht geht« beschwichtigte die Rueppin
»Heut a so und morgn a so I gib enk koan Narrn net ab« schrie der
Bauer »Jetzt is amal gsagt i fahr und gar is und da Herr bin i da aufn
Hof«
»Ja bal di da Grichtsvollzieher net aussi schmeisst«
Kaspar achtete in seinem Zorn nicht mehr darauf dass die Dienstboten seine
Worte hören mussten
Und jetzt war auch der Ruepp außer Rand und Band
»Bürschei A so kamst du mir Derfst du so was sagn gegn dein Vata Derfst
di du a so ausmanndeln gegen meiner Du Ghörts Sach scho dei«
»Mir net und dir aa bald nimma Aba de Juden oder deine glumpatn
Spiassgselln deine Unterhandla «
»s Mäu haltst«
»Net halt is« schrie Kaspar sinnlos vor Wut und schmiss die Sense an die
Stallwand dass der Stil abbrach »Und jetzt kost dein Dreck selber macha und
eina bringa bals d dir gnua gsuffa hoscht z Dachau drin I gib dir koan
Hanswurschtn ab dir dass d as woasst «
»Aba Kaschba« rief die Rueppin
Der hörte aber nicht auf sie sondern ging ins Haus und polterte über die
Stiege in seine Kammer hinauf wo er sich aufs Bett setzte und voll ingrimmiger
Wut vor sich hin murmelte
»Stehts it da umanand« befahl die Rueppin den Dienstboten »Da gibts nix
zum Schaugn und zum Horcha«
Sie folgten ihr aber die Mägde lachten dabei heimlich vor sich hin und der
ZotzenPeter drehte sich noch einmal an der Tür um und streckte den Hals
neugierig nach dem Bauern hin der neben dem Wagen stand und die Bäuerin und den
Michel finster ansah
»Geh zua« sagte die Zenzl und zog ihn in den Flötz hinein
»Dös kimmt davo« sagte draußen die Rueppin
»Ja vom dumma Redn und bal ma de eigna Kinda aufhetzt«
»I ho s wohl it aufghetzt Dös werst du it behaupten kinna «
»Na sag i Wia stellt si denn der freche Kerl gegen meiner her«
»Dös is net bloß von heut dös woasst du guat Er hat aa Augn im Kopf und
siecht allerhand«
»Was siecht a«
»Wias bei uns abi geht Ko eahm dös gleich sei dass an an solchan Tag als
wia heuts Ross für nix und wieda nix auf Dachau eini gsprengt werd Dös muass do
an Menschen vadriassn «
»Is dös sei Ross oder dös mei«
»Geh zua Da hats Redn koan Wert it bal du oan net vasteh willst«
»Wert hats wohl koan und jetzt fahr i erst recht sinscht moant der
Flegel der grobe er is da Herr und i fürcht mi vor eahm «
»Und d Arwat bleibt liegen«
»Ausgredt is «
Der Ruepp ging in den Stall und zog den Fuchsen heraus den er selber
einspannte
Die Bäuerin wollte ihm noch gütlich zureden aber er gab ihr nicht mehr an
setzte sich auf den Wagen und rappelte zum Hofe hinaus
Michel war während des ganzen Auftritts still beiseite gestanden und sagte
jetzt zur Mutter
»I geh zum Kaschbar aufi und schaug dass in wieda auf gleich bring«
»Hoscht recht Michi D Arwat muass ja do gschehgn und bal ma no so
verzwidert is I hätt s sunst a scho lang hintri schmeissen kinna«
»Lass no guat sei Muatta Mir müassen alle a weng zsammhelfa nacha werds
scho geh «
»Ja ja es werd so geh wias geh muass«
Sechstes Kapitel
Der Ruepp fuhr im scharfen Trab auf der breiten Aichacher Straße gegen Dachau zu
und ließ seinen Fuchsen kaum bergauf im Schritt gehen Immer wieder zog er ihm
eines über dass der Gaul unwillig die Ohren zurücklegte und mit den Hinterbeinen
ausschlug
Es half ihm aber nichts sowie er sich ein wenig Zeit lassen wollte fühlte
er die Schmitze recht schmerzhaft auf der Haut brennen
Vielleicht wollte der Bauer dem neugierigen Geschau der Leute auskommen die
links und rechts auf Feldwegen mit ihren Gespannen hinausfuhren und erstaunt
waren dass einer um die Zeit herum kutschieren mochte
»Is dös net der Ruepp«
»Freili is ers «
»Der fahrt wieda der Arwat davo Und grad pressieren tuats eahm dass sn
nimma derwischt«
Wenn der Ruepp diese Bemerkungen auch nicht hörte so konnte er sie doch aus
dem Benehmen der Leute erraten
Die Mannsbilder lachten und nickten sich zu und die Weiber hielten die
Hände über die Augen und schauten ihm wie einem Meerwunder nach
»Gaffts enk no gnua« brummte er vor sich hin » Wiah«
Eine Wegstunde hinter Weidach lag ein Wirtshaus das einen schattigen Garten
auf die Straße hinaus hatte
Sonst kehrte der Ruepp dort nicht ungern ein aber heute wollte er
vorbeifahren denn an einem Erntetag konnte er nicht auf Gesellschaft rechnen
und außerdem wäre er einer üblen Nachrede sicher gewesen
Aber wie er das dachte hörte er etliche gellende Pfiffe und schaute zurück
Ein dicker Kerl kam eilig aus dem Garten gelaufen und schrie ihm zu
»Moanst net du haltst du Bauernfünfa du ganz abscheiliger Hö sag i
halt staad«
Er ließ ihn herankommen und da war es der Schmuser Schlehlein von Ortofen
dessen rotes sinniges Gesicht vom Laufen glühte
»Was is denn da passiert dass du an Wirtshaus vorbeifahrst San d Schandarm
hinter deiner«
»Mach it lang Sprüch i ho koa Zeit Willscht was«
»Eahm schaug o Koa Zeit hamm Aber pass auf bals d auf Dachau fahrst
lasst mi aufhocka «
»Na mach zua«
»So öh also «
Der Dickwanst kletterte auf den Wagen und ließ sich schwerfällig auf den
Sitz fallen
Er rückte den Hut aus der Stirne und sah den Ruepp mit einem listigen
Lächeln an
»Is da dahoam fad worn Bei dem schöna Weda gang d Arwat nimma aus gel«
»I han a Gschäft z Dachau«
»So Dös werst allemal hamm balst ausruckst dahoam du Feinspinna«
»Ah was Hör mit dem Schmarrn auf«
»Du bist ja guat aufglegt heut Zwickt di da Wasserburger a weng Habs
scho ghört«
»Der werd bal auszwickt hamm der Leutbetrüaga «
»Hoscht an Prozess damit«
»I mag it redn davo Aba bals d zsammkimmst damit sagst eahm den
selln Betrug mit sein Ross den zoag i an Schtaatsanwalt o«
»Du werst do it moana dass i auf dem seiner Seitn bi Den kenn i scho
länger wia du I hab dirs amal gsagt woasst as nimma Z Dachau is gwen beim
Hörhammer Ruepp han i gsagt lass di mitn Wasserburger net ei da bist
ausgschmiert vors d ofangst Aber glaabn teats ja ös nix ös
Luftgselchten«
»Bei enk sagts oana vom andern und bei an jeden is wahr«
»Jetzt hast amal schö gredt Vo wem host denn du dös mehra Geld vadeant
als wia von mir Woasst as nimma de sechshundert Mark mit de Sagprügel vom
Fottner«
»De hoscht scho lang wieda herin«
»Is mir nix bekannt I will s aa gar net Mir is nix liaba wia dös dass
oana was richtigs owa schneidt der wo mit mir handelt«
»Is scho recht nacha «
»Fahrst du zwegn dem Prozess auf Dachau eini«
»Was für an Prozess«
»No ja geng an Wasserburger Dass dn ozoagst«
»Na Zwegn dem versaam i koa Viertelstund«
»Hoscht sunst a Gschäft«
»Ja«
»Du ruckst heut scho gar net aussa mit da Sprach Derf mas net wissen«
»Zu was denn«
»No ja nacha net Mi gehts ja eigentli aa nix o Kaffst was«
»Na «
»Oder hoscht was zum Verkaffa«
»Aa net «
»Na ja na Jetzt Herrgottsaggerament was hoscht denn du für an
Hamur heut Jetzt reuts mi scho bald dass i aufgstiegn bi«
»I hab dir net pfiffa«
»Hoscht du was gegn mi Na sags no pfeigrad«
»Nix hab i Und balst as scho wissen muasst i fahr grad zum Notari eini und
kehr glei wieda um«
»Ah so zum Notari Hoscht was zum Verbriafn«
»Na Aussa kemma soll er Zu an Testament macha«
»Hö hö Hats dei Bäurin so kloa beinand«
»Ah Schmarrn An alts Leut de bei mir is«
»Eppa gar de alt Loni«
»Jawoi Woher kennstn du de scho wieda«
»Net wer i s kenna wo i ihran Vettern guat kenn den Pfleiderer«
»So Woasst du vo dem was«
»Freili er is ja von Ortofen dahoam und hat an Schreiber gmacht z Minka
drin Na hat er amal was aus der Kassa mitgeh lassen und is eigsperrt worn I
glaab über a Jahr«
»Mhm ja D Loni hat amal was erzählt davo und er is aa oamal auf d
Visit kemma Lebt der sell no«
»Der lebt wohl no i habn erst vor a Wochen a vier a fünf in da Stadt
gsehgn Er is bei an Advokaten hat er mir gsagt«
»So No i hab eahm wohl net nachgfragt«
»Der werd halt jetzt ausrutschen wann de Alt a Testament macht«
»Ah mei de werd zerscht nix hamm«
»Zwegn nix lasst ma do net an Notari komma Und i glaab der Pfleiderer
verhofft si no an Brocka Geld«
Der Ruepp horchte auf Es war ihm nicht recht dass er dem Unterhändler
soviel erzählt hatte
»So an altn Deanstbotn« sagte er »kemman a paar hundert Mark aa no wiar
a Vermögn vor Vielleicht vermacht sies da Kircha«
»Oder dir«
»Ja freili A so a Schmarrn«
»I ho mir halt denkt weil du selm eina fahrst is dir z toa um de Sach«
»I ho sunst scho aa no was Dös mitn Notari trifft si grad a so auf«
»Ah so Was nacha«
»Alls brauchst du ja net zwissen Moanst net«
»Von mir aus Stellst d beim Unterbräu ei«
»Ja «
»Da kunnts leicht sei dass mir an Wachinger Seppi treffatn Er hat heut a
paar Ochsen auf Dachau verkafft«
»I willn net treffa i hätt scho koa Zeit net«
»A Maß a zwoa kannt ma do mitanand gurgeln bei dera Hitz«
»Na sag i Bal i beim Notari war fahr i wieder hoam«
»Und balst dös ander Gschäft gmacht hast« sagte der Unterhändler und
setzte wieder sein schlaues Lachen auf
»Ganz richtig Und bal i dös ander Gschäft gmacht hab öh heb
staad«
Sie waren beim unteren Pflasterzolleinnehmer in Dachau angelangt und der
Ruepp wollte seinen Geldbeutel aus dem Sack ziehen
»Lass no«
Schlehlein hatte schon ein Zehnerl aus der Gilettasche geholt und nahm den
Zettel in Empfang
Gleich darauf fuhren sie beim Unterbräu vor und der Hausknecht kam und half
beim Ausspannen
»Gehst net a weng eina« fragte Schlehlein
»Auf a Halbe gehts net zsamm« antwortete der Ruepp »I hab heut a so no
nix Gscheidts gessen«
Und er trat in die Gaststube ein in der es kühler war wie im Freien
Schlehlein ging hinter ihm und begrüßte lärmend zwei Mannsbilder die ihm im
Äußeren und im Benehmen sehr ähnlich waren
»Ah Da Wachinger Seppi Hast de Dachauer ausgschmiert mit deine Ochsen
Und da Zederer is aa do Grüß di Good Xari Was hast denn du für a Lumperei an
Sinn Muasst d wieda Bauern rasiern«
»Jetzt heben s net her san allsammt am Feld draussd «
»Allsammt net« sagte Schlehlein und nickte mit dem Kopf gegen Ruepp hin
der mit der Kellnerin redete
»Ah da Ruepp Da sitz di her Siecht ma do aar amal an Bauern der wo
si ausschnauft bei der Arndt«
»I schnauf mi net gar so viel aus«
»Aba heut do scho Ruck no eina do«
Eine Stunde später saß der Ruepp noch am Tisch und hatte bei der lustigen
Unterhaltung und dem guten Bier seinen Verdruss vergessen
Ein paar Mal schaute er nach der Uhr aber der Schlehlein versicherte ihm
dass er vor drei oder gar vier den Notar nicht antreffe und der Zederer wusste
außerdem dass ein paar Bekannte von ihm auf vier Uhr hinbestellt seien und bis
die fertig wären könnt es halb fünf Uhr werden
So nahm der Ruepp den Vorschlag zu einem scharfen Tarock an denn er spielte
gern hoch und hatte in Weidach keine Gelegenheit dazu
Sein Bedenken dass er nicht genug Geld mitgenommen habe beschwichtigte der
Wachinger der seinen schweren Geldbeutel auf den Tisch schlug und schrie »Nimm
da no aussa soviels d magst Waar ja net übi du bist ma guat gnua«
Er ließ sichs nicht zweimal sagen und ließ sich gleich für alle Fälle
zweihundert Mark geben die er ja auch sonst brauchen konnte
»Schreibst ma so an Babierwisch grad dass mas net vergisst oda bal mi heut
no da Schlag treffat« scherzte der Wachinger und der Ruepp unterschrieb
Die Kellnerin brachte Karten kleine Geldschüsseln und Blöcke und alle
waren kreuzfidel über den schönen Nachmittag
Der Zederer patschte in die Hände und lärmte
»Machts as fei a weng christli Net dass mir d Schmetterling wieda
nehmts wia s letztmal Und da Ruepp is a so a ganz an ausgstochner habs
scho ghört «
Das war eine Schmeichelei die der bescheidene Bauersmann gerne hörte und
sie tat ihm so wohl wie ein Lob seiner Kenntnisse in der Landwirtschaft Am
Anfang ging alles gut und freundschaftlich und vergnügt
Der Ruepp gewann nach der ersten Blockade über dreißig Mark und heimste noch
manchen Lobspruch ein wenn er hartnäckig geschunden oder tapfer geschmiert
hatte
»Is a ganz a Feina« sagte der Wachinger »Ja von de Gscheerten da ko
mas Tarocken lerna tean oiwei als wann s net bis fünfi zähln kunntn und
daweil loachen s di dass dir d Augn tropfen «
Aber die Jovialität ließ nach als die Einsätze höher wurden und auch das
Bier seine Wirkung tat
Der Ruepp hatte einen roten Kopf und sein streitsüchtiger Charakter kam
allmählich in Gang
Als ein Spiel mit hohem Einsatz durch einen Fehler des Herrn Agenten Zederer
an Schlehlein verloren ging hielt er mit seinem Unmut nicht zurück
»A so a Rindviech« schrie er und schlug mit der Faust in den Tisch »Wenns
d mit der Ass steh bleibst kriagn mir sein Zehner Waarn dreiasechzg «
»Net so viel Rindviech« gab der Herr Agent zurück »A jeda spielt nach
seiner Karten und von so an luftgselchten Hammel wer is Tarocka net lerna
müassen «
»Bleibt mar it steh mit der Ass z viert So saudumm han i do no gar nia
spieln sehgn «
»Na hättst du den höchsten Trumpf net bracht du Bauerndada Durch dös host
du mi zum Schmiern aufgfordert «
»Da schmiert ma do koan Ass Hanswurscht dappiger«
»Wer Hanswurscht Was Hanswurscht«
»Vielleicht net Is de Farb no gar it gspielt und er lafft mit der Ass«
»Nimm di a weng zsamm sag i sunst kriagst oani dass d in koan Sarg
nimmer eini passt«
»Von dir nacha«
»Ja von mir«
»Jetzt seids staad« beschwichtigte Wachinger »Dös Kritisiern hat koan
Wert«
»Waarst du it steh bliebn mit der Ass« fragte der Ruepp
»No ja an andersmal bleibt er steh aba du hostn aa verführt mit dein
Trumpf werfa Jetzt is scho amal wias is «
»Und der ander ziahgt dreissg Mark auf mit sein glumpatn Solo«
»Gar so schlecht is net gwen« sagte Schlehlein und lachte herzhaft
»Dös is allemal hi aba bal oana so saudumm «
»Bst Jetzt fang net no mal o Ausgebn is « mahnte Wachinger
Der Ruepp trank in seinen Ärger hinein und wurde immer hitziger Er schlug
die Karten auf den Tisch dass die Gläser klirrten spielte leichtsinniger
verlor und verdoppelte und vervierfachte den Einsatz und verlor wieder Seinen
Gewinn hatte er längst eingebüßt aber auch von den zweihundert Mark lag schon
viel auf den Geldschüsseln der Herrn Agenten die sich unterm Tisch lebhaft mit
den Füßen unterhielten
Der halbbetrunkene Bauer der immer mehr in Hitze geriet merkte davon
nichts aber einmal sah er beim Abheben dass die letzte Karte die er erhalten
musste die Eichelass war Als er die letzten vier Karten aufhob war die Ass nicht
mehr dabei
Er fuhr auf
»Ja Herrgottsaggerament du hoscht ja mei Oachelsau vermankelt«
»Was Oachelsau« fragte der Geber Schlehlein unschuldig
»D Oachelsau is drunt gwen dös hab i amal deutli gsehgn und jetzt waar
der Schellnkini drunt«
»Da hats di täuscht«
»Net wahr is« schrie Ruepp und warf die Karten zusammen »Moanst d i lass
mi bscheissen«
»Gel dös sagst net nomal«
»Tausadmal Bschissen host«
»Ja ja Was fallt denn dir ei Hats dös scho amal gebn dass mir
oana dös sagt«
»Na sag das i Gstell di net a so Überhaupts ös Leutbetrüaga«
»Halt A so geht de Gschicht net« sagte Wachinger ruhig aber mit ernstem
Nachdruck »Dös kam ja beinah so raus als wann du ins alle mitanand «
»Jetzt wer i belzi« schrie Zederer »Schmeiß man aussi den Engländer«
»No zua ös Mankler ös verstohlne«
»Ah ah« machte Schlehlein
»Ruepp du bischt nimma ganz nüachtern« vermittelte der besonnene
Wachinger »Du woasst nimmer was du sagst«
»Net woass is So Hab i net d Oachelsau abghobn Is net d Oachelsau
drunt gwen Und wo is na jetzt«
Bei jedem Wort schlug der Ruepp mit harten Knöcheln auf den Tisch Aber der
Agent Wachinger verlor seine würdige Ruhe nicht
»Was dös mit der Oaschelsau sei soll woass i net es lasst si aa nimmer
nachkontrollieren Aba dös woass i dass bei uns nix Unrechts vorkimmt Für dös
steh i guat «
»Und i für dös« schrie Zederer »dass mir ins z guat san und ins net
schlecht macha lassn von so an krachledern Ihaha «
»Halt auf Gschimpft derf nimma wern Da Schlehlein gibt nomal «
Der Ruepp hatte schon so viel verloren dass er nicht aufhören mochte er
dachte wie die meisten Spieler dass sich das Glück ihm wieder zuwenden müsse
und in seinem Eifer vergaß er das Vorkommnis das ihn deutlich genug hätte
warnen sollen Indes gab er scharf Obacht und sah seinen Mitspielern beim Geben
so misstrauisch auf die Finger dass sich zartere Gemüter verletzt hätten fühlen
müssen
Die Herrn Agenten aber waren abgehärtete Männer und zeigten um so weniger
Empfindlichkeit als der Bauerndada ständig verlor
Es war ein Verhängnis
Auch mit guten Karten konnte er nicht gewinnen seine Mitspieler errieten
jede Schwäche und benützten sie mit staunenswerter Klugheit
Vielleicht war es nicht bloß Kombinationsgabe was ihnen zu merkwürdigen
Erfolgen verhalf Hinter dem Ruepp hing ein kleiner Wandspiegel so hoch dass er
ihn nicht beachtete aber so weit nach vorne dass der Wachinger darin mit einem
flüchtigen Blicke alles sah was ihm dienlich war
Wenn einer von den Herrn Agenten gab schaute er sachverständig und
teilnehmend dem Ruepp in die Karten wischte sich unauffällig über die
Augenbrauen kratzte sich an der Nase oder rieb sich am Ohr
Was sich oben nicht mitteilen ließ gab unterm Tisch ein Druck mit dem Fuße
weiter und das Ergebnis war immer dass der Ruepp selbst die guten Spiele
verlor
Der Nachmittag rückte immer weiter vor und die Bäume vor dem Unterbräu
warfen lange Schatten auf der Straße wurde es lebendig Handwerker kamen aus
ihrer Werkstatt heraus und lobten den schönen Abend Kinder spielten im Freien
und von den Weblinger Feldern fuhren hochbeladene Erntewagen herein
Der Ruepp merkte nichts davon je mehr er verlor desto mehr versteifte er
sich darauf durch ganz unerhörte Glücksfälle den Verlust wieder
hereinzubringen
Die zweihundert Mark waren weg und von den hundert die ihm der Wachinger
nochmals lieh war nicht mehr viel übrig
Er wurde immer aufgeregter und schimpfte über sein Pech und über das Spiel
der andern
Aber dann stand doch einmal ein hoher Einsatz von etlichen vierzig Mark und
der Zederer hatte ihm eine gute Karte gegeben
»Spieln« schrie er
Der Wachinger spielte auch
»Herzen« lärmte der Ruepp der sein Solo nicht verlassen wollte
Aber es hatte wieder eine Schwäche und schon nach den ersten drei Karten
merkte er dass ihn der Wachinger durchschaut hatte
Er zögerte mit dem Auswerfen und fing zufällig einen Blick auf den sein
gefährlicher Gegner in den Spiegel warf
Er drehte sich rasch um und wusste jetzt woher die hellseherische Einsicht
seiner Mitspieler kam
Er warf die Karten hin und hatte mit einem raschen Griff die vierzig Mark
die als Block standen in Sicherheit gebracht
»Ös Diab Ös Falschspieler« schrie er wütend
»Bist narrisch worn Lasst s Geld steh Aussa mitn Geld« brüllten die
andern und diesmal ließ auch der Wachinger seine Würde hinten
Der Zederer hatte den Ruepp an der Brust gefasst und wie sich dieser wütend
dagegen wehrte schlug ihm der Schlehlein eine links und eine rechts auf die
Backen
Und ein wütendes kreischendes Geschrei erhob sich ein Poltern Stampfen
Ringen ging los der Tisch fiel um die Biergläser klirrten in Scherben und
zuletzt kam der Hausknecht und zog den Ruepp der aufgeschwollene Backen und ein
blutunterlaufenes Auge hatte und dem der Hemdkragen zerrissen am Halse hing aus
dem Getümmel
Der Wastl hatte Hände gegen die kein Widerstand nützte er drehte und
zwirbelte den zornschnaubenden keuchenden Bauern zur Türe und tauchte fest an
Da lag der Ruepp wie ein geprellter Frosch im Hausflöz und richtete sich mühsam
wieder auf
Der Unterbräu ein dicker behäbiger Mann kam gerade aus der Küche und
fragte seinen Hausel »Was hast denn da für an Arwat Wastl«
»Den plärreten Ruepp hab i aussi kegelt«
»Hat er scho zahlt«
»I woass net«
»Dös is do d Hauptsach« sagte der Bräu und pfiff durch die Finger
Die Kellnerin kam eilig aus der Gaststube gelaufen und sagte sie habe nur
geschwind die zerbrochenen Gläser gezählt
»Drei san kaput und oans hat an Sprung dös macht mitanand vier Mark
achtzgi und elf Halbi Bier hast ghabt macht sechs Mark zwölfi und a sauers
Nierl macht sechs Mark zwoaraneunzg und a Brot aa Nacha sans sechs Mark und
fünfaneunzg Pfenning«
»Du werst do it glaabn dass i dir de Halbikrüagl zahl wo de Diab de
Leutbetrüaga zsammgschmissen hamm«
»Oana muass s zahln «
»Na verlangst as von wem d magst i zahl s amal net «
Der Unterbräu mischte sich ein
»De Kellnerin werd an Schaden net tragn müassen wenns ös raffts
Vorderhand zahlst du und mit de andern kost das ausmacha wias d magst «
»Fallt ma gar it ei «
»I lass eahm s Ross net ausn Stall vor er net zahlt hat« sagte Wastl
»So A so machts as ös an Bauernmenschen Zerscht lassts ös zua dass in
enkera Wirtschaft solchane Diab de Leut s Geld stehln und na tats mas Ross
zruckhaltn Dös will i sehgn ob dös geht«
»Heut gehts« entschied der Unterbräu »Bal du de Saufgaudi grichtsmassi
macha willst is dei Sach Da werst na dei Recht scho kriagn Jetzt amal werd
de Kellnerin zahlt «
Der Ruepp sah dass er auf andere Weise nicht zum Einspannen komme und
zählte der Kellnerin schimpfend das Geld auf
»Und advikatisch mach is allaweil« schrie er den Unterbräu an der
unbewegt blieb und an seiner Zigarre schnullte
»Dös muass aufkemma was da herin für Spitzbuam eahna Lager hamm«
»Ja no Zu an Wirt kemman allerhand Leut A diam aa Bauern de wo nix nutz
san «
»So hoasst du mi«
»I hab di nix ghoassn I sag zu mir kemman guate und schlechte Leut I
kann s net ausanand klaubn«
»Und muasst zuaschaugn wia s betrüagn «
»I hab net zuagschaugt i hab net so viel Zeit wia du«
»Is scho recht Es werd si no aufweisn «
»Jetzt mach zua I moa es waar gscheiter wenns d hoamfahrest «
Draußen klapperten Hufe Der Wastl war weggegangen wie der Ruepp bezahlt
hatte und führte jetzt den Fuchs aus dem Stall
»Wer hat denn dirs Eispanna ogschafft I muass no zum Notari ummi«
»Geh no zua Da Gaul bleibt scho steh«
Der Ruepp stolperte die Straße hinauf und mancher missbilligende Blick
folgte ihm bis er am Hause des Notars anlangte
Als er grob an der geschlossenen Türe rüttelte tat sie sich auf und der
Buchhalter kam mit Hut und Stock heraus
»Was wollen denn Sie« fragte er den übel zugerichteten Menschen der stark
nach Bier roch
»An Notari brauch i «
»Brauchen Sie Und der Herr Notar muss für Sie da sein jetzt um sieben Uhr«
»I muass n grad bstelln dass er aussa fahrt «
»Da kommen Sie wenn Bureauzeit is und wenn Sie nüchtern sind und in an
andern Aufzug«
»I muassn heut hamm «
»Jetzt machen Sie dass Sie weiterkommen Sie Flegel Sie unghobelter«
»A B'stellung werd er no onehma kinna«
»Nein Heut nicht mehr Übrigens is der Herr Notar schon weggegangen «
»Jetza so was Fahrt mi eigens eina mitten in der Arndt «
»Jawohl und betrinkt sich und glaubt dann das Amt kann leicht warten Jetzt
sag ichs Ihnen zum letzten Mal machen S dass weiterkommen sonst find ich
Mittel und Weg «
Der Ruepp ging schimpfend und vor sich hin fluchend zum Unterbräu zurück
Es kam ihm doch die Einsicht wie gemein er den Arbeitstag verplempert
hatte
Der Verdruss mit der Bäuerin der Streit mit dem Kaspar und vorher die
Blamasche mit dem Gerichtsvollzieher ein schöner Tag heut
Und das Ross von der Arbeit weggenommen und Geld von den Spitzbuben geliehen
und wieder Streit und wieder einen Rausch und zuletzt die Hauptsach nicht einmal
ausgerichtet
Ah was Er konnte ja daheim sagen dass er den Notar nicht getroffen und dass
er den ganzen Nachmittag auf ihn gewartet habe Und dann konnte der Michel
hereinradeln
Aber der würde am End erfahren was es für einen Spektakel beim Unterbräu
gegeben habe und auch dass er so spät erst zum Notar hingegangen sei Da wars
gescheiter ein paar Tage warten und dann selber in der Früh mit dem Zug nach
Dachau fahren
Er überlegte sich den Plan nicht im stillen sondern redete halblaut vor
sich hin rutschte auch öfter auf dem Pflaster aus und blieb stehen um sich zu
fangen Endlich langte er beim Unterbräu an wo ein Dienstbub bei seinem
Fuhrwerk Achtung gab
Denn der Wastl hatte eine andere hausknechtliche Pflicht erfüllen müssen
Der Bräu war nach seinem Diskurs mit dem Ruepp in die Gaststube gegangen
Die Kellnerin wollte gerade mit drei frisch gefüllten Krügen zu dem Tische
gehen an dem die Unterhändler saßen und sich lachend über den dummen Bauern
unterhielten den sie so schön geschlaucht hatten
»Für wen ghört dös Bier« fragte der Bräu
»Für de Herrn dort«
»Nix da Tragst as wieder zruck Und ös da« sagte er zu den Herrn Agenten
»ös machts dass weiterkemmts I will enk nimmer da herin hamm «
»Oha Den schaugts o« schrie der Zederer
»Du werst net lang schaugn Wastl«
Der Hausknecht stand schon unter der Türe und kam sehr bereitwillig näher
»Wollts geh« fragte der Bräu
»Was waar denn jetzt dös A so a Frechheit« schimpfte der Schlehlein
»Zerscht lasst er oan de grösst Zech hermacha na schmeisset er oan aussi«
»I hätt enk koane macha lassen wenn i dahoam gwen waar Auf de Weis net
Und dös lass i mir net nachsagn dass bei mir falsch gspielt werd und de Leut
ums Geld betrogn wern «
»Könna Sie dös beweisen Dös müassen Sie beweisen kinna « schrie jetzt
der Wachinger
»I brauch koan Beweis mir is gnua dass s gsagt werd Und grafft habts
amal gwiss und an Ruepp gschlagn und zerscht s Geld abgwunna Dös glangt
mir Also aussi sag i«
»Mir genga scho Mir wolln gar it bleibn « schrie der Zederer »Sauf
dein Schäps alloa du Bamperlwirt du gscheerter«
Das war eine Unvorsichtigkeit in Gegenwart eines so rüstigen Mannes wie
Wastl
Im Augenblick fassten ihn fünf Finger wie Eisenklammern zwischen Hals und
Hemdkragen sein Körper kam in Schwung prallte gegen die Türe die nachgab und
lag draußen im Flöz Die beiden andern zogen es vor selbst hinauszugehen und
sie schwiegen vorsichtig wenn sie auch sehr finstere Blicke um sich warfen
Erst auf der Straße ermannte sich der Wachinger zu einem gellenden Geschrei
»Du Saulackl du gscheerter Du Schäpstandler du hoabuachana Di zahln ma
no aus da pass auf«
Der Unterbräu stand ruhig unter dem Haustor und wandte nicht einmal den Kopf
um nach den werten Gästen Da steckte auch der Wastl seine großen Hände unter
den blauen Schurz und versank in eine gemächliche Feierabendstimmung
Die Herren Agenten gingen schimpfend die Straße hinunter und zuweilen
drehte sich einer um und schrie etwas zurück Es war zu weit um es zu
verstehen aber dem Anscheine nach war es wenig Freundliches Derweil kam nun
der Ruepp setzte sich auf seinen Wagen und fuhr ohne Gruß weg
Vielleicht hätte er dem Wastl einen dankenden Blick oder ein Geldstück
geschenkt wenn er die Ereignisse die sich in seiner Abwesenheit zugetragen
hatten gekannt hätte
So schaute er mürrisch vor sich hin riss grob am Zügel und zog den Fuchs
eines über dass er ausschlug und stürmisch anzog
Nach kurzer Zeit holte der Ruepp die Herrn Agenten ein die sich nicht nach
dem rasselnden Wagen umsahn
Da aber der Ruepp nicht wusste dass schon eine Vergeltung geübt war wollte
er das geschwind selber besorgen
Er holte kräftig aus und schlug dem Schlehlein die Peitschenschnur ums
Gesicht dass ihm noch eine Stunde danach die Ohrwaschel brannten
Er sprang in die Höhe und schrie
»Du Hund Du du abghauster Spitzbua dös reut di no « Der Ruepp
fuhr weiter und lachte grimmig vor sich hin
Siebentes Kapitel
»Mir gfallt die Loni gar nicht« sagte etliche Tage später der Pfarrer
Staudacher zur Rueppin als er von seinem Besuche bei der Kranken in den Hof
heraus kam »Sie redt manchmal schon wirr und die Nasen wird spitzig das is
ein schlimmes Zeichen«
»Glauben S Hochwürden dass s so gschwind geht«
»Ja mei ich bin kein Doktor gut is jedenfalls dass sie die Sterbsakrament
schon empfangen hat Übrigens was hat denn die Alte für an Kummer wegn dem
Herrn Notar A paarmal hat sie gjammert danach «
»Dös is a Kreuz I verzwazzel selber vor lauter Unruh oft schaug i ob er
denn no net kummt«
»Der Notar«
»Freili Hochwürden Der Bauer war am Montag eigens deswegn in Dachau drin
dass ern holt aber er hatn selber net troffen und hats eahm hinterlassen dass
er ja glei aussa fahrt «
»Will die Loni noch eine Verfügung treffen«
»Sie wartt ja so hart Frei weh tuats ma wann i s jammern hör drum Und
er kimmt net und kimmt net«
»Die Herren haben manchmal viel z tun das stimmt ja aber auf eine
Sterbende sollte man schon die größte Rücksicht nehmen Wer weiß ob er die Alte
noch beim Bewusstsein trifft«
»Jessas na Wenn er dös aa wieder « Die Rueppin unterbrach sich und fing
zu weinen an
»Wer wieder« fragte der Pfarrer mitleidig und auch ein wenig neugierig
»I moan grad wenn dös aa so auftreffat dass der Notari z spat kam nacha
werat i ganz verzagt«
»No wir wollen hoffen « Er redete nicht weiter weil die Bäuerin immer
heftiger in ihren Schürzenzipfel hinein weinte
»Hm ja ja jetzt nehmen Sies nur net so schwer Rueppin Es ehrt
Sie ja dass Sie ein solches Mitleid mit der Loni haben «
»Es is net bloß wegn dem« schluchzte sie »I hab am Montag unsern Michel
nach Dachau schickn wolln und i woass net aber i bild mirs ei wenn der nei
gfahrn waar hättn mir net umasunst gwart «
»Er wird schon noch kommen Wie gesagt die Herren gehen ein bissel zu sehr
nach der Schnur und wollen ein Geschäft nach dem andern abmachen wie halt die
Reih trifft Sie denken manchmal net dran wie hart ein kranker Mensch wartet
«
»Vielleicht hat ers eahm net richtig ausdeutscht oder er hats net
pressant gmacht oder o mei Herr Pfarrer i hab scho a rechts Kreuz «
»Ich weiß Rueppin das is mir nicht neu Ich hör manches was mir nicht
gfallt sehr viel sogar«
»Ja Hochwürden i hab scho oft gmoant i halts nimma aus und geh auf und
davo«
»So muss ma net redn und so was darf ma net denkn «
»Warum denn grad ia so gstraft sei muass«
»Grad Sie O mei Rueppin ich kenn wenig Weiber die mir net scho
vorgjammert haben die eine ein bissel mehr die ander ein bissel weniger Aber
Beschwerden und Kümmernis bringt eigentlich jede Ehe mit sich No ja der
Ihrige der hat scho einen besonders harten Schädel und seine Streitsucht und
sein Trinken das geb ich zu das bringt viel Unfrieden ins Haus«
»Und Unglück Hochwürden «
»Das wollen wir nicht hoffen dass es bis zum Unglück kommt«
»Es fehlt net weit «
Der dicke gutmütige Pfarrer schüttelte bekümmert den Kopf und suchte nach
einem Trost indes er seine Schnupftabaksdose langsam öffnete
»Ich weiß schon es geht alles rückwärts wenn die Hauptperson nicht nach
dem Rechten sieht aber Rueppin Sie haben erwachsene Kinder die gut geraten
sind und dafür müssen S unsern Herrgott danken Es hätt auch anders werden
können No und jetzt sagen S mir was macht denn der Herr Studiosus Warum
lasst er sich denn bei mir nicht sehen«
»Der Michl Er hilft a weng mit bei der Arwat aber i sags eahm dass er an
Herrn Pfarra glei bsuacht wenns verlaubt is «
»Pressiert net er soll nur recht fleißig mittun bei der Erntearbeit jetzt
wos Wetter so schön ist Und so ein kräftiger Mensch wie der Michel der passt
auch gut zu der Arbeit Was sagt er denn von seinem Studium und so«
»Da sagt a ganz weni Hochwürden«
Um den Mund des Pfarrers spielte ein gemütliches Lachen
»So Wenig No ja euch interessierts auch net was er da zum erzählen
hätt«
Und wieder ernster werdend sagte er »Sehen S das war auch so eine
Bockbeinigkeit von Ihrem Bauern dass er den Michel ins Gymnasium hinein
gezwungen hat Man soll sichs sogar bei denen überlegen die als Kinder eine
Freud dazu äußern oder zeigen weil solche kindliche Ansichten net herhalten
Aber einen der gar net mag und gar net dazu passt mit aller Gewalt zwingen das
ist unverantwortlich Mich dauert der Michel «
»Moanen S net Hochwürden dass zletzt do a Glück fürn Buabn is«
»Nein das ist kein Glück und wird nie eins Übrigens weil Sie Bub sagen
ich hab ihn neulich von der Station her gehen sehen für einen Buben is er schon
recht ausgwachsen und für einen Gymnasiasten auch«
»Er is a fester Mensch worn und freili über zwanzgi is er halt aa scho«
»Das is eine verfehlte Gschicht Rueppin aber Sie können nichts dafür Und
jetzt wollen wir halt hoffen dass der Notar heut noch kommt Wenn er bis am
Abend nicht da ist schicken Sie doch den Michel zu ihm Noch länger warten
könnt schlecht ausfallen «
»Sagen Sies aa geln S Hochwürden I wers an Bauern ausrichtn bal er
zum Mittag macha hoam kimmt und nachgebn tuar i nimma «
»Ganz recht die Loni war gleich ruhiger wenn sie die Sache abgemacht
hätte Man siehts ja deutlich wie sie sich ängstigt also bhüt Gott und
hoffen wir halt das Beste«
Beim Essen sagte die Bäuerin es sei nicht mehr zum anschauen wie sich das
arme Leut drüber abkümmere und der Pfarrer habe es auch gesagt es sei
Christenpflicht ihr zu helfen und der Michel versäume doch nichts und könne
gleich wegradeln
Der Ruepp wollte widersprechen und er hatte seine guten Gründe dafür aber
sein Gewissen hatte ihn die zwei Tage her doch arg gedrückt und da er die
Redensarten der Loni und das mürrische Getue seines Kaspars scheute wollte er
doch nicht schon wieder nach Dachau fahren und den Zorn auf ein neues aufrühren
»Also von mir aus dass de arm Seel an Fried hat« brummte er »Obwohl dass
dös eigentli glangt dass ma oamal nei gfahrn is De tean scho grad was
mögn de Herrn Beamten «
»Vielleicht is eahm net ausgricht worn «
»Ah was Bals ia so gnädi gmacht hab Der sell Schreibergsell waar ja
glei grob gwen mit mir «
»Vors d eini fahrst han i no was z redn mit dir« sagte er zum Michel
»Was nacha« fragte die Bäuerin
»A so halt Weil i wissen möcht warum dass mei Bstellung nix gnutzt hat
«
Er stand gleich nach dem Essen auf und ging mit dem Michel der das Rad
neben ihm her schob
»Du pass auf« sagte er zu ihm »i bin a weng hoass worn mit dem selln
Schreiba so a glatzkopfater is und an Bart hat er du kennstn scho Mit dem
redst du gar nix verstehst sondern du gehst zum Notari selm und sagst bloß
dass er morgn no aussa fahrn soll weil d Loni schlecht dro is Aber mit dem
Schreiba lasst di auf nix ei«
»I kanntn fragn warum ers net ausgricht hat «
»Na du sollstn net fragn i hab scho mein Grund Bal mir dem an
Unglegenheit macha verklagt er mi am End Jetzt sag i dirs nomal du gehst
glei zum Notari eini und sagst überhaupts nix von mir sondern gibst eahm guate
Wort dass er morgn aussa fahrt «
Michel wunderte sich darüber dass ihm der Vater das so eindringlich
anschafte aber er sagte zu und wollte schon aussteigen als ihm der Ruepp
nochmal pfiff
»Halt a weng No was Eikehrn tuast ma fei net beim Unterbräu Mit dem
bin i ganz zkeit und von ins geht koans mehr hi dazua «
»I kehr überhaupts net ei «
»Dös is dei Sach aba wannst a Halbe Bier trinkn willst gehst zu an
andern Wirt«
Michel saß auf und fuhr rasch weg der Ruepp ging mit Kaspar und den
Dienstboten aufs Feld
Da lag nun der Hof in mittäglicher Stille
Der Haushund kroch auf die Schattenseite seiner Hütte legte den Kopf auf
die Pfoten und schaute nur müde blinzelnd den paar Hennen zu die in seiner
Schüssel herumpickten
Hie und da flog mit klatschendem Flügelschlage eine Taube vom Kobel weg zu
den andern aufs Feld hinaus wo es Körner in Fülle gab
Die Hühner wühlten sich Löcher in den warmen Sand und breiteten wohlig die
Federn in der Sonnenhitze aus
Weit draußen war rührige Arbeit doch es drang davon kein Laut zum Hofe
herauf Man sah nur Hemdärmel und weiße Tücher aufblitzen oder in die
abgemähten Felder Wagen fahren die sich mit Garben füllten aber ums Haus blieb
es still und schläfrig
Da schauerten die Blätter des Ahorns fröstelnd zusammen es ging einer
vorbei unsichtbar allen Augen und doch fühlbar denn eine eisige Kälte ging von
ihm aus
Nun stand er am Fenster des Austraghäusels und schaute in die kleine Stube
hinein
Klirrte die Scheibe oder fiel ein Schatten über die Bettdecke
Die alte Loni fuhr erschrocken in die Höhe und starrte zum Fenster hin sie
sah den Fremdling und wusste dass er bei ihr eintreten werde
Seine Knochenhand lag auf der Klinke unhörbar öffnete sich die Türe und
ein kalter alles Leben vernichtender Luftstrom füllte die Stube Da sank die
Alte mit einem Seufzer in die Kissen zurück und war tot
So fand sie die Rueppin die sich nach ihr umsehen wollte Die linke Hand
hatte sie wie abwehrend ausgestreckt und die Augen standen weit offen wie
erstarrt beim Anblicke von etwas Grauenhaftem Eine tiefe Trostlosigkeit überkam
die Bäuerin als sie vor der Alten stand
Ihr Tod erschütterte sie nicht aber der Gedanke dass ihr letzter
sehnlicher Wunsch durch täppischen Widerstand vereitelt worden war fiel ihr
schwer aufs Herz
So war auch da wieder wie so oft das Wichtige versäumt worden Es konnte
im Hause nichts so gemacht werden wie es sich schickte und dem treuen alten
Frauenzimmer durfte die letzte Sorge die sie hatte nicht abgenommen werden
Alles wurde verzettelt hinausgeschoben vertan und diese Gleichgültigkeit
war schlimmer wie Härte
Es war der Rueppin zumut als träfe auch sie die schwere Verantwortung für
das törichte herzlose Versäumnis und als müsste sie die Alte um Verzeihung
bitten Sie drückte ihr die Augen zu faltete ihre Hände zusammen zwischen die
sie ein kleines Kruzifix steckte und bedeckte das Gesicht der Toten mit einem
feuchten Tuche
Nachdem sie noch zwei Kerzen zu Häupten der Loni angezündet hatte ging sie
mit müden Schritten ins Hans zurück
Sie wandte sich nicht um als der Erntewagen in den Hof hereinfuhr neben
dem ihr Bauer mit Wüst ahö und Peitschenknallen herging
Ein Jähzorn stieg in ihr auf gegen diesen schwächlichen Menschen der immer
geschwollene Redensarten machte und immer Gründe für seine Nachlässigkeit hatte
und ein Zorn gegen sich selber weil sie nichts gegen ihn durchsetzte und immer
nachgab
Der Wagen polterte in die Tenne und der ZotzenPeter der auch mit
hereingekommen war lud ihn ab derweil ging der Bauer durch die Küche in den
Keller hinunter um sich eine Flasche Bier zu holen
Als er wieder heraufkam setzte er sich recht erschöpft von der Hitze und
der Arbeit auf einen Hocker und bemerkte jetzt erst dass die Bäuerin nicht da
war
Als er die Flasche ausgetrunken hatte und die Rueppin sich immer noch nicht
sehen ließ pfiff er und schrie
»Hö Was is denn Afra«
Es kam keine Antwort
»Werds wieder bei der Altn drent sei «
Er brauchte sie aber weil er Brot und Bier aufs Feld mitnehmen sollte und
er stand auf um sie zu holen als sie zur Tür herein kam
»Da bist ja Schneids Brod auf und gib mirs Bier für d Leut Was hast
denn du«
»Nix «
»Na sag i weil ma dirs net okennt Was is denn scho wieda net recht«
»Mei Ruah lass mir«
»Hö hö Du bist ja do scho de unguate Stund selm So muass mas oan
macha wann ma von da Arwat kimmt «
»Oh hör mir auf mit deiner Arwat«
»Ja Kreuz Himmi Herrgott jetzt wer i aber do scho belzi Hast
dir dein Hamur wieder amal bei der Altn gholt«
»Ja «
»De sell ko ja nix anders als wia schlecht redn «
»Geh ummi dazua Vielleicht rührt si dei Gewissen «
»Was Gwissen«
»Gstorbn is s dass das woasst«
Der Ruepp verhoffte doch arg wie er das hörte
»Ja wann denn«
»Vor a Stund vielleicht I war aa net drent«
»Dös sell dös sell is aber «
»Und dass ma ihr net amal den letzten Gfalln hat toa kinna dös is dei
Schuld «
»Wer hättn dös denkt«
»I scho mir is de ganz Zeit so umganga dass ma da aa wieder trödelt und
wart und trödelt Und dös is mei Schuld dass mar i alls gfalln lass Waar
i selm eini gfahrn aber na Allaweil lasst ma si wieder bereden und
vertrösten und mit dem werd alls verdummt und verto «
»Nur recht schimpfen Was anders brauchts ja it Was kann denn i dafür dass
der Notar net kemma is«
Die Rueppin sah ihren Mann fest an und er wich ihrem Blick aus
»Vielleicht hat dös sein Grund« sagte sie
»Werd schö gnua sei dass i eini gfahrn bi« knurrte er aber sie gab ihm
keine Antwort mehr sondern ging in den Hof hinaus wo sie Peter den Auftrag
gab er solle gleich den Bartl ins Dorf zum Pfarrer zum Messner und zu der
Seelnonne schicken
Der Ruepp wollte mit dem Wagen wieder aufs Feld hinaus fahren aber dann
überkam ihn die größte Unlust zur Arbeit und es war ihm als müsste er sich von
den Vorwürfen die er sich selber machte frei reden
So ließ er den ZotzenPeter allein wegfahren und blieb daheim
Er fand aber an seiner Bäuerin keine geduldige Zuhörerin wie sonst sie gab
ihm zuerst überhaupt nicht an und als er grob wurde und allem möglichen nur
nicht seiner Liederlichkeit schuld gab sagte sie mit einer Schärfe die er an
ihr noch nicht gekannt hatte dass er es diesmal wie immer gemacht habe und dass
ihm alles wichtiger sei wie das was ihm zukomme Freilich es könnt auch
anderswo geschehen dass eines unvermutet schnell wegsterbe aber anderswo sei es
dann ein Unglück und die Leute könnten es so ansehen Bei ihnen aber passe es
zu allem andern was schon geschehen sei und immer wieder geschehe
Sie wisse freilich nicht warum seine Fahrt nach Dachau nichts genützt habe
aber sie habe eine Ahnung oder schon fast die Gewissheit dass er es an irgend was
habe fehlen lassen
Und wenns so sei dann bleibe diesmal die Strafe nicht aus die sie alle
wie immer mittragen müssten Die Alte hätte den Michel zum Erben eingesetzt und
jetzt könne er dem liederlichen Schreiber die Schuld heimzahlen und ob der
warten werde das würde sich bald zeigen
»Hoamzahln« fuhr der Ruepp auf »Dös Geld brauch i überhaupts it
hoamzahln «
»Du werst do it behaupten dass sie dirs gschenkt hat«
»Gschenkt net aba dös hat sie mir gsagt de dreitausad Mark kann i
zruckzahln wann i mag und wanns amal leicht geht «
»Net wahr is «
»Mögst mi net zletzt du no in a Schlammassel eini redn Dös hat sie
wortwörtli gsagt Du brauchst di nix kümmern Bauer hat sie gsagt i bleib ja
bei enk wanns enk recht is unds Geld brauch i net und bals d di amal
leicht tuast und balst magst nacha gibst mas zruck Genau so hat sie gsagt
Für dös kann i jederszeit schwörn«
»Gschriebn host as ganz anderst«
»Gschriebn I«
»Jawoi Host as halt vagessen wias das Geld ghabt und verto host«
»Was hätt i nacha gschriebn«
»Dass du de dreitausad zruckzahlst a halbs Jahr nachdem dass sies
aufkündt Und dass d Zinsen zahlst host d gschriebn und d Loni hat oft zu
mir gsagt dass sie di net erinnern mag«
»Jetzt waars scho bald a so als wann du an Zeugn gegen mi macha wolltst
Brauchat di bloß wer hörn«
»Es hätt bloß braucht dass du an Notari gholt hättest vor acht Täg«
»Hättst mas selbigsmal gsagt vom Michi «
»I hab dirs gsagt «
»So an altn Weibertratsch hast dahergebracht auf den ma nix gibt«
»Hättst no was drauf gebn vielleicht waarst d no froh drum«
»Dös werd sie aufweisen Und woher du dös woasst dass i dös gschriebn hab
«
»Weil mas de Alt zoagt hat den Schuldschein«
»I hon ihr grad amal so an Wisch gebn weil sie gsagt hat es waar bloß
deswegn dass ma woass wo ihra Geld hikemma is wann s amal sterbat Aber dös
is grad a so gschriebn geltn tuat dös sell was mir ausgmacht hamm und da
hat sie gsagt zu mir und du werst as net anderst behaupten kinna dass i
zruckzahln derf wanns mir passend is«
»Gelten werd dös was gschrieben steht«
»I ko schwörn und dei Gred is für gar nix «
Er schlug die Tür zornig hinter sich zu und ging den Weg zum Weiher
hinunter um noch aufs Feld hinaus zu kommen
Im Hohlweg blieb er stehen
Es ging ihm arg im Kopfe herum was die Bäuerin von dem Schuldschein gesagt
hatte und von dem Schreiber der jetzt als Erbe die Schuld beitreiben würde
Hättst an Notar gholt
Das war jetzt alles umsonst darüber nachgrübeln und sich Vorwürfe machen
Was konnte er denn vorbringen wenn es so deutlich auf dem Schuldschein zu lesen
war Er hatte lang vergessen was er damals schriftlich versprochen hatte und
wenn er jetzt aufs Gericht gehen und Rechenschaft ablegen musste konnte er
leicht in Widerspruch mit seinem Geschriebenen kommen
Hatte nicht die Bäuerin gesagt dass ihr die Loni den Zettel gezeigt habe
Dann war er noch unter ihren Sachen im Schrank
Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los In die Stube der Alten gehen und
geschwind nach dem Schuldschein suchen aber es musste gleich sein denn wenn
erst einmal die Seelnonne im Hause war ging es nicht mehr Jetzt war niemand
daheim außer der Bäuerin und wenn die auch dazu kam was lag daran
Was Unrechtes wars ja nicht wenn er sich Gewissheit verschaffen wollte und
außerdem die Afra sagte es doch niemand
Er kehrte um blieb noch eine Weile stehen und eilte dann den Weg hinauf
Vor dem Austraghäusel zögerte er wieder Sollte er hinein gehen und im
Sterbezimmer den Kasten durchsuchen
Ah was warum denn nicht
Er drückte die Klinke beinahe grob auf und trat ein
Der scheue Blick den er aufs Bett warf zeigte ihm dass das Gesicht der
Alten verhüllt war und das war ihm lieber als wenn er die Tote hätte anschauen
müssen
Den Schlüssel zum Kasten hatte sie wie er wusste unter der kleinen Ofenbank
versteckt er fand ihn gleich und sperrte den Schrank auf
Rechts hingen die Kleider dabei auch der feiertägliche Bollenkittel oben
lag wohlgeordnet die Wäsche
Der Ruepp öffnete hastig ein paar Schubladen eine Florhaube Sacktücher
ein paar Gebetbücher etliche Wachsstöcke waren darin
Er streckte sich und kramte in der Wäsche herum da war auch nichts
Wo sies nur hatte
Auf dem Kastenboden standen zwei Paar Schuhe und daneben waren Strümpfe
aufeinander gelegt Hastig fühlte er mit der Hand ob nichts darunter läge und
richtig da war eine Schachtel aus Pappendeckel Er zog sie heraus und öffnete
sie Ein Gebetbuch und ein vergilbter Blumenstrauß lag darin ein in Papier
eingewickeltes Paket und eine bunte Schachtel die sich gleich schwer anrührte
Als er den Deckel aufhob sah er dass alte und neue Taler darin lagen
Dachte er daran wie hart sie verdient und wie ehrlich sie gespart waren
Vielleicht fiel es ihm doch ein er schloss den Deckel wieder und wickelte das
Papier auf in das jenes Paket eingehüllt war Pfandbriefe zu zwei und
vierhundert Mark einer zu tausend dann ein fettiges Papier Darauf stand in
unbeholfener Schrift »Ich habe am heuntigen von der Apollonia Amesreiter
dreitausend Mark geliehen und verspreche es zurückzuzahlen nach Halbjahr
Aufkündigung und auch zum verzinsen mit vier Prozent wo alle Jahr auf Lichtmess
zum zahlen sind Dies bestätigt Michael Umbricht Rueppbauer Den 14 März 18
«
Mit einem energischen Ruck steckte der Ruepp den Zettel in seine Hosentasche
und wollte schon die Pfandbriefe wieder einwickeln
Ihm konnte es jetzt von seinen Sorgen helfen der liederliche Schreiber aber
würde es bloß verschlampen
Wenn er es nahm und später seinem Michel gab dann hatte er doch eigentlich
sein Versäumnis mit dem Notar gut gemacht
Und außerdem hatte er dem Michel nicht am Ende schon mehr gegeben die
ganzen Jahre her
Aber nein das wollte er nicht alles aufrechnen Einen Teil sollte der
Michel später noch kriegen damit der Alten ihr letzter Wunsch erfüllt werde
Der Ruepp schaute sich um Nichts rührte sich die Alte lag unbeweglich auf
dem Bette und hielt in ihren welken Händen das Kreuz
Mit einer hastigen Bewegung stopfte er die Pfandbriefe unters Gilet und
stellte die Schachtel an ihren alten Platz die Strümpfe legte er wieder darauf
und schloss den Kasten zu Aber wie er den Schlüssel umdrehte glaubte er
Schritte zu hören und da war auch schon jemand an der Türe
Mit einem Satze stellte er sich ans Fussende des Bettes und faltete die
Hände
Die Türe wurde geöffnet und die Rueppin trat ein Sie erschrak als sie
ihren Bauern sah
»Bist du da herin«
»Warum net Ma werd wohl no an Vaterunser betn derfa für oan der so lang
im Haus war«
»So Betn Du waarst as wohl schuldig «
»Fang net auf a neus o« Der Ruepp bekreuzte sich »Namen des Vaters des
Sohnes und heiling Geists «
Dann ging er zur Türe wobei er die linke Hand unauffällig ans Gilet
drückte damit ihm die Pfandbriefe nicht herunterrutschten
Und draußen war er
Die Bäuerin sah misstrauisch in der Stube herum und gleich fiel ihr Blick auf
den Schlüssel der noch im Kasten steckte
»Ah So hat er bett«
Sie öffnete den Kasten aber als sie sah dass nichts in auffälliger
Unordnung war schloss sie wieder ab und versteckte den Schlüssel unter der Bank
Sie wollte noch mit dem Bauern reden und trat in den Hof hinaus
Dort war er nicht und auf dem Wege der zum Weiher hinunter führte war er
auch nicht
Wahrscheinlich im Hause
Sie wollte in der Kammer nachsehen aber die Türe war verschlossen
Als sie daran rüttelte fragte drinnen die grobe Stimme des Ruepp
»Was is denn«
»Mach auf«
»Werd net so pressiern «
»Zu was sperrst denn du di ei Dös is do no nia dagwen«
»Dös is mei Sach «
»Mach amal auf«
Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben und der Ruepp stand vor seiner
Bäuerin die ihn strenge ansah
»Was san denn dös für verruckte Sachen« fragte er aber hinter seiner
Grobheit lag offensichtlich eine starke Verlegenheit »Bin ia Bua dass i in
meina Kamma net toa ko was i mag«
»Du werst scho wissen warums di eigsperrt host«
»Weil i mein Ruah hamm möcht«
»Bei der Loni drent hast an Kastn aufgsperrt is da Schlüssel no dro
gsteckt«
»Was is dös für a Schmarrn«
»Schimpf no es is do net anderst du hoscht im Kasten umanand kramt«
»Und bal i was gsuacht hab«
»Schamst di net Wo sie toter im Bett liegt stierst in ihran Sach rum«
»I habs Recht dazua dass i nachschaug was da is und dass nix wega kimmt
«
»Geh red it«
»Kemman jetzt net fremde Leut ins Haus D Seelnonn und da Sargschreina «
»Deswegn brauchst du net nachschaugn «
»Und zwegn dem andern hätt i aa gern a Nachforschung ghaltn dös laugn
i gar it Weil du so daher gredt hoscht von an Schuldzettl und i woass nix davo
und is mir nix bekannt «
»Baln i gsehgn hab «
»De ko dir leicht was zoagt hamm I wers do wissen ob i an sellan Schein
ausgstellt hab oder net Is ja mir gar it eigfalln weil sie dös ausdrückli
gsagt hat i brauch grad zahln wanns mir guat passt und aufrechna hat sie
gsagt werst aa ziemli was derfen weil i sagt s bei enks Bleibn hab und
ko do nix mehr leistn «
»Du bringst allaweil no mehra daher «
»Bloß dös was wahr is Und dös kimmt mir scho ganz gspassi für dass di du
so gegen meiner setzst Waar scho bald a so als wann du de fremdn Leut helfa
wolltst gegn de eigna «
»Es waar ins alle gholfa gwen bal du «
»Ja wenn wenn i woass scho dös host du heut scho oft gnua gsagt
Aber jetzt is amal a so und da werst du net so dumm daher redn dass der
lüaderliche Schreibergsell auf Schnall und Falls Geld verlangt Und wo er net
amals Recht dazua hat und wo neamd bessa woass als wia du dass sies an Michl
vermoant hat «
»Dös woass i wohl guat und deswegn sag i ja hättest ma du gfolgt nacha
brauchats jetza gar nix «
»Es braucht a so aa nix tua di no net bekümmern I steh für mei Sach hi
und da ko i an jedn Eid leistn Aber natürli da waars weit gfeit bal du so
daher redn tatst «
»Du woasst recht guat dass i zu ander Leut nix sag und dass i nix ausn Haus
trag Da hätt i scho viel zum Redn ghabt «
»Is scho recht ja «
»Bal nur dös recht is Michel was du drent to host bei der Altn «
»Hör ma do auf mit dem Ramasuri«
»Weil i d Angst net wegbring und weil i ma Sünden fürcht dass du ihra Sach
ausanander klaubst und sie is no kaam gstorbn «
»Müassen zerscht fremde Leut drin umanand stiern de wos nix ogeht und
de wo si gar nia bekümmert hamm um de Alt San de mehra Herr in mein Haus als
wiar i«
»Was hoschtn na gfunden«
»Nix weil nix zum Findn war Und jetzt lass mi aussi i muass furt «
Die Rueppin sah ihm mit Blicken nach die ihre Zweifel und Besorgnisse
deutlich verrieten
Achtes Kapitel
Von der Apollonia Amesreiter war in Weidach etliche Stunden nach ihrem
Begräbnisse kaum mehr die Rede und beim Ruepp auf der Leiten machten sie kaum
eine Ausnahme
Der Bauer ging zum Bürgermeister ins Dorf hinunter und überbrachte ihm eine
Pappschachtel die er sorgsam verschnürt hatte
»Es san der Loni ihre Sachen a paar Gebetbüacher und so und aar a Geld«
sagte er »I habs net zählt und will nix z toa hamm damit Zähls no du und
ghalts bei dir Du werst nacha scho wissen wia ma de Gschicht macht dass
alls in Ordnung is und ob ma was grichtsmassig toa muass I liefers bei dir ab
und möcht nix mehr z schaffen hamm damit «
Der Bürgermeister der Ablbauer von Weidach war ein ruhiger Mensch der
kein Wort zuviel sagte und sich nicht übereifrig zeigte
»Wenns d willst nacha zähl is Geld Es waar aber net notwendig gwen es
hätt mir aa glangt wenn du mir gsagt hättest so und so vui is da und na hätt
ma ja gsehgn ob no was übrig bleibt nach de Leichenkostn «
»Wia is na dös mitn Gricht«
»I woass dirs aa net gnau z sagn i muass halt de Todesanzeig eini
schickn und bei dera Glegenheit schreib i dazua ob was da is «
»Ah so jetzt zähln mir amal Mach nu du d Schachtl auf i will da ganz
unbeteiligt sei« sagte der Ruepp und zeigte sich als Ehrenmann der eine
ehrfürchtige Scheu vor fremdem Gut hat
Es machte aber keinen sichtlichen Eindruck auf den Abl der den Spagat
zerschnitt und die Schachtel öffnete
Ein paar Rosenkränze ein paar Gebetbücher dürre Blumen ein Wachsstock
kamen zum Vorschein dann eine bunte Schachtel und ganz zuletzt ein Briefkuvert
Die kleine Schachtel war ziemlich voll
»Mach s no auf und zähl« sagte der Ruepp »I rühr nix o davo«
Der Abl schüttete das Geld auf den Tisch harte Taler einige Goldstücke und
auch kleinere Münze es machte zusammen etwas über hundertundsiebzig Mark aus
Und im Kuvert waren zwei Hundertmarkscheine
»Dös waar also jetzt mitanand dreihundertvierasiwazg Mark und zwoaravierzg
Pfenning Mehra is net da« fragte der Abl
»Was soll denn no da sein« fuhr der Ruepp auf »Du hast ja selm d
Schachtel aufgmacht und hast zählt«
»I frag di ja grad nebenbei Was woass denn i Es kannt ja no a Schachtl da
sei «
»Wenn no oane da waar hätt i dir s bracht net wahr Mi will do nix
zruckhaltn«
»Sagt do koa Mensch Also nacha san dös also dreihundertvierasiewazg Mark
und zwoaravierzg Pfenning Viel is ja net« »Was soll denn a Deanstbot vui
hamm De andern hamm dös net«
»Freili net Natürli « sagte der Abl mit unerschütterlicher Ruhe und er
schien die etwas seltsame Gereiztheit des Ruepp gar nicht zu bemerken
»Da werd aber nix mehr übri bleibn bal de Leichenköstn zahlt san Voraus
net wann ma der Altn a Grabkreuz ausstellt Für an Stoa werds a so nimma
glanga«
»Den übernimm i da gibts nix«
»Dös is a schöns Wort« sagte der Abl der die Geldstücke wieder in die
Schachtel und die Banknoten ins Kuvert steckte »Dös is lobenswert«
»D Loni is a richtige Person gwen und war so lang bei ins dass sie
eigentli zum Haus ghört Da lasst ma si net oschaugn wegn de paar hundert
Markl«
Der Ruepp war recht bieder wie er das sagte und auch ein bissel großartig
»So« sagte der Abl indem er den Deckel auf die Schachtel stülpte »Dös
nimmst jetzt wieder mit«
»Ja i will dös Geld net bei mir hamm «
»I kos scho gar net da ghaltn« erwiderte der Bürgermeister »I zahl do
de Leut net aus de für d Leich was zum verlanga hamm Dös is dei Sach«
»Ja so No ja für dös ko is ja wieda mit hoam nehma Und dass i net
vergiss dös will i aa no ogebn was von der Altn Gwand da is A guats für
d Feiertag und a paar Röck und Spenser für d Werktäg und a weng a Wäsch
Muass i dir a genaus Verzeichnis zsammaschreibn lassen«
»Für mi Gwiss net I sag dir ja mi als Bürgermoasta geht de Gschicht
weida nix o«
»I möcht aber mei Ordnung und möcht a Genauigkeit Da lass i mir nix
nachsagn«
»Ja mei wann Erben da san und du kennst de Betreffenden nacha schickst
eahna halt dös Gwand«
»I woass nix von Erben Es is amal so an abghauster Mensch bei der Altn
gwen aber sie hat selm nix von eahm wissen wolln weil er grad ausn
Zuchthaus kemma is I woass wohl net wo der is oder ob er überhaupts no lebt«
»Nacha lasst as Gwand im Kastn hänga Vielleicht kimmt amal wer«
»Is mir eigentli zwida dass dös net glei richtig gmacht werd«
»I ko mi do erst recht net drum kümmern«
»Mhm ja und nacha schickst du a Schreibets ans Gricht dass du
allssammete richtig befunden host «
»I schreib dass de Loni bei dir im Haus gstorben is dass du mir ogebn
hast es san dreihundert und etla siewazg Mark da und net mehra und dass von
dem Geld höchstens de Leichenköstn zahlt wern kinna«
»Ogebn sagst du I hab dir dos Geld bracht und du host as selm zählt«
»Ganz richti I hab dös zählt was du mir bracht hast Und du hast mir
gsagt dass dös alls sammete ist Net wahr Dös hoasst ma ogebn «
»So No ja mit dena Sachen kenn i mi z weni aus I will gar nix als dass
alls sei Ordnung und sei Richtigkeit hat Und aufs Gricht moanst d brauch
i nacha überhaupts nimma«
»I glaab net Aba wissen tuar is aa net Wanns d eini müassest kriagast
scho a Botschaft «
»Aba ja und na hab i jetzt weiters nix mehr z toa«
»Bei mir net Aba die Schachtl muasst mitnehma «
»Richtig ja zählt is jas Geld net wahr Und nacha bfüad di«
Der Ruepp ging und konnte glauben dass er beim Bürgermeister den Eindruck
eines sorgsamen peinlich genauen Hausvaters und eines ungemein ehrlichen Mannes
hinterlassen habe
Allein es ließ sich nicht sagen ob der Abl das auch so recht hingenommen
hatte denn er war ein trockener Mensch der sich oft ganz hintere Gedanken
machte aber sie alle heimlich bei sich behielt
Auf dem Heimweg ließ der Ruepp recht viel von seiner Grossartigkeit nach und
hörte auf seine innere Stimme die ihm Zweifel und Befürchtungen vorhielt
Hätte er nicht sagen sollen dass ihm die Alte Geld geliehen hatte
Und gleich dazusetzen dass ers nach der Vereinbarung heimzahlen könne wenn
es ihm gut passt
Wenn er das erst hinterdrein vorbrachte nachdem seine Schuld auf andere
Weise offenbar geworden war dann fand es am Ende keinen Glauben mehr
Wenn ers jetzt gleich frischweg angegeben hätte dann wär sicherlich wegen
des andern Geldes kein Verdacht aufgekommen und es hätte besonders ehrlich
ausgesehen wenn er sich selber gemeldet hätte obwohl kein Schuldschein
vorhanden war
Aber halt auf Hernach hätte er doch zum Gericht gehen müssen und wenn man
ihm das mit der beliebigen Heimzahlung nicht geglaubt hätte wenn der
Zuchtäusler einen Streit angefangen hätte was dann
Außerdem da war noch etwas
Hätte er dem Ablbauern eingestehen sollen dass er Geld von einem Dienstboten
geliehen habe Dann wars im Dorf herumgekommen Nein da wars schon viel
besser abwarten ob ers überhaupt angeben musste und wenn nachher bloß beim
Gericht und nicht beim Bürgermeister der ihn darum schief angeschaut hätte
Vielleicht blieb die ganze Geschichte verschwiegen und vergessen
Das wär freilich das Beste gewesen und auch das Richtige
Der Ruepp war ein feiner Denker der einer Sache schon auf den Grund gehen
konnte
Es war doch gewiss und ausgemacht dass der letzte Wille der Loni der war ihr
Sach dem Michel zu hinterlassen und vor allem es dem schlechten Kerl nicht zu
geben
Das mit dem Michel gab sich leicht und dem andern hatte er jedenfalls das
Bargeld aus den Zähnen geräumt
Und er hatte wenn er das genau überlegte das Gefühl einer guten Tat oder
doch ein ähnliches und das bewirkte dass er alle Bedenken überwand und
lebfrisch und zuversichtlich dahinschritt
Er wollte auch seiner Bäuerin den Kopf zurechtsetzen denn ihr wortkarges
und verdrossenes Wesen das sie seit dem Tode der Loni angenommen hatte passte
ihm gar nicht
Sie ging ihm aus dem Weg gab ihm beinahe nicht an wenn er was sagte und
er war viel gesprächiger wie jemals
Aber sie vermied es mit ihm allein zu sein sie ging aus der Kuchel wenn
er sie gerade einmal ohne die Leni antraf oder sie rief der Magd und machte
sich was zu schaffen
Ganz auffällig war es wie sie jedes Gespräch mit ihm vermied oder mit
mürrischen Worten abwies
Er musste mit ihr auf gleich kommen und so trat er jetzt daheim recht sicher
und laut auf wie er die Bäuerin allein in der Küche antraf
Sie griff schon wieder nach einem Wasserschaff und wollte in den Hof hinaus
»Halt Halt Da bleibst«
»I muass zum Brunna aussi«
»Nix da Dös kost danach aa toa Mir hamm jetzt amal was zum Dischkrieren
mitanand«
»I wußt nix «
»I habs Geld wieda mitbracht vom Burgermoasta «
»s Geld«
Sie fragte es mit einer sonderbaren Betonung
»Jawohl s Geld« wiederholte er grob »Du werst scho so guat sei und werst
mi amal ohörn Also dass is glei sag de Schachtel von der Altn de hebst
jetzt du auf «
»I«
Sie schrie es beinahe
»I rühr de Schachtel ne to Mit koan Finga«
»Wos host denn du «
»I rühr s net o «
Sie ging zur Türe aber der Ruepp stellte sich ihr in den Weg
»Jetzt lass amal mit dir redn Dös is ja grad als wann mir it
zsammghörn tatn «
»Mit dem hab i nix z toa «
»Mit was«
»Über dös ko ma gar it redn «
»Jo du muasst redn dös verlang i «
»I mag net «
Sie war so aufgeregt dass er ihr jetzt sanft zuredete
»Hock di her und horchst amal mit Ruah auf dös was i sag «
Sie setzte sich widerwillig auf eine Bank und man sah es ihr an dass sie
nicht im Sinne hatte zu bleiben
»Siehgst dass mir dös Malör ghabt hamm leider dass de Alt so gschwind
weggstorbn is durch dös siehgst müassen mir do schaugn dass alls a so
geht wia sies wolln hat und bal mir trachten dass ihr Willn gschiecht
nacha tean do mir nix Unrechts sondern im Gegenteil net wahr Was sagst«
Sie sagte nichts
Sie hörte bloß deutlicher wie sonst dass er log dass alles falsch war was
er sagte
Der Ruepp stellte sich an den Herd und war zu einer langen eindringlichen
Rede aufgelegt
Unterm Sprechen fielen ihm neue Gründe ein lauter schöne und ganz
unwiderlegliche
Er war jetzt der Mann nicht wahr der alles was halt in Gottes Namen
versäumt worden war wieder so richten musste dass es noch gut wurde und den
Absichten der Loni entsprach Sie solle sich ruhig auf ihn verlassen und den
Kopf nicht verlieren und vor allem sie dürfe über die ganze Geschichte keinen
Schnaufer tun dann komme alles ins rechte Geleis Dafür sei schon er da und er
garantiere dafür Sie zwei müssten jetzt zusammenhelfen
Die Rueppin stand auf sie konnte ihm nicht mehr zuhören jedes Wort
peinigte sie und es kam ihr so vor als zöge er sie mit hinein in die
Schlechtigkeit
Nochmals vertrat er ihr den Weg
»Hoscht du gar koa Antwort auf dös was i sag«
»Na «
»Dös waar scho bald a so als wann du gegen mi arbetn mögst «
»Lass mi geh «
»An Antwort sollst d mir gebn «
»Deine Lüagereien mag i nimmer hören «
»Meine «
»Ja jeds Wort is derlogen «
Er wollte sie zurückhalten aber da kam die Leni zur Türe herein und er
ging an den Herd zurück und tat so als suchte er was einen Span oder ein
Zündholz
Die Leni warf ihm einen misstrauischen Blick zu sie merkte dass er mit der
Mutter einen Streit oder eine zuwidere Aussprache gehabt hatte und sie war
immer bereit gegen ihn Partei zu nehmen
Da brummte er was vor sich hin und ging hinaus
Neuntes Kapitel
Michel machte sich weniger Gedanken über das Fehlschlagen seiner Aussichten als
darüber wie er es dem Vater beibringen könnte dass es mit dem Gymnasium und der
geistlichen Laufbahn aus sei
Er verschob sein Geständnis von einem Tag zum andern und wusste immer wieder
Gründe dafür dass es damit nicht pressiere Derweil fand er immer mehr Gefallen
an dem ungebundenen Leben daheim das er nicht mehr mit der Freisinger
Gefangenschaft vertauschen musste und dem er sich darum ganz anders hingeben
konnte als in den Jahren vorher wo jede Freude durch den Gedanken an das
Einrücken im Herbste vergällt war
Der ZotzenPeter an den er sich anschloss war Mitwisser und er gab ihm
recht darin dass er die Lernerei und das Stubenhocken mitsamt der geistlichen
Gaudi wie der Peter sagte aufgeben wollte
Er war Berater und Führer in dem neuen Leben das dem Michel jetzt aufgehen
sollte in dem der Peter aber schon manche Erfahrungen gesammelt hatte
So reichliche dass er billig erstaunt war über die Anschauungen seines
Schulkameraden der die Weiblichkeit scheu aus der Ferne bewunderte und der
nicht einmal die derben Anspielungen der Zenzi verstand oder gar erwiderte
»Dass du gar it dergleicha tuast« fragte der Peter
Da schilderte ihm der Michel sein bisheriges Leben und gestand dass er sich
nicht getraue mit einem Mädel so frei zu reden
»Da waar a no was dabei Kreuzteifi überanand De san ja grad froh bal ma
mit eahna an Unterhaltung hat«
»Ja Unterhaltung« meinte der Michel »aber bal ma no ja bal ma si zweit
aussa lasst dös nimmt oane do leicht in übel «
»Ja was waar denn net dös Übi nehma aa no Des sell gibts überhaupts net
«
»Es is aber do net a jede gleich«
»I ho no koan Ausnahm net gfundn Überhaupts was willst denn für an
Dischkursi hamm mit de Weibaleut«
»Glaabst du dass zum Beischpiel « fragte der Michel und blieb wieder
stecken
»Ob i was glaab«
»Dass i zum Beischpiel mit da Lukas Stasi so redn derfat wia du voring mit
da Zenzi gredt host«
»Warum denn net Waar scho guat Wart no bals amal a Tanzmusi gibt nach
der Arndt nacha dischkriern ma mit ihr Hättst du gern a weng an Handel
damit«
»Na dös net I frag grad a so weil mir jetzt koa anderne net eigfalln
is «
Peter lachte
»I moan allaweil es hat do a weng was Bal oan oane gern eifallt woasst
«
»Gwiss net I bin bloß neuli wiar i hoamkemma bin von da Bahn aufa
ganga mit ihr und mit ihrer Freundin I glaab vom Boz war s in Schwaigen«
»A ja d Mariann de sell is a Trumm Weibsbild«
»No ja und wiar i mit eahna ganga bin hab i mir halt aa denkt wann i
jetzt dös sagt oder dös ob s beleidigt waarn «
»Koa Bröckei net Da denkt ma do gar it lang und sagt allssammete was oan
eifallt«
»I hätt ma net traut «
»Ja mei da fehlts weit Michi Bals d a so daher kimmst und bal di du
net traust Des sell is nix ja mei Mensch«
»Schau Peter i brings gar it aussa Wann i scho beinah was sagn möcht
nacha is grad als wanns ma d Stimm verschlaget Ganz heiserig wer i «
»Ja mei Mensch«
»Host di du allaweil traut«
»I scho i «
»Von Ofang o«
»Ja Wiar i no schier gar a Bua gwen bi da bin i beim Seppen Damma
eigstanden und da is a Mitterdirn gwen scho ziemli an alte Von dera han i
viel glernt und na hab i koan schinierst mi überhaupts nimma kennt «
»Ja schau du host halt aa nix aufzpassen ghabt «
»Freili net Und di hamm s dahoam scho auf de Gaudi dressiert und z
Freising erst recht Da werd halt da Mensch dappig Aber lass dir was sagn du
gehst jetzt amal mit mir an an Samsta auf Riad ummi Beim Holzböck woass ia
Dirn zu dera genga mir ans Kammafenschta «
Michel bekam einen roten Kopf und es verschlug ihm schon bei dem bloßen
Gedanken an ein solches Unternehmen den Atem
»Moanst du dös geht«
»Leicht gehts D Loata woass i scho du steigst aufi und i wart daweil
herunt «
»Aba wann sie Spetakel macht bal s mi gar it kennt«
»Ah was Spetakel So gnau nimmts de it Sagst ihr halt dass i drunt steh
auf da Pass«
»Aber bals wer spannt im Haus«
»Was is denn nacha Da schliafst wieda aussa beim Fensta und schiabst o I
halt dir scho d Loata «
»Peter i woass net ob i mir dös traun derf«
»Geh scham di do Bist a so a Trumm Mannsbild her und kimmst allaweil mit
dein trauminet Was willst denn Oamal muasst di ja do traun« »Dös is
eigentli wahr «
»Natürli is wahr und schau da is grad recht wenn i dabei bin Alloa bist
da du no z weni «
Das leuchtete dem Michel ein und er verstand dass er dem Peter Dank und
Vertrauen schulde
Aber je näher der Samstag kam desto ängstlicher war ihm zumut Vor
Raufereien und Schlägen und vor den Burschen von Ried fürchtete er sich nicht
aber vor dem Mädel das von ihm eine Keckheit erwarten musste die er nicht
hatte
Er besann sich auf Ausreden die ihn von dem schweren Gang befreien sollten
aber wenn er mit dem ZotzenPeter beisammen war schämte er sich über seinen
Kleinmut und schwieg
Am letzten Tag als ihn bloß mehr etliche Stunden von dem Wagnisse trennten
ging er mit seinem Lehrmeister hinter dem Wagen her der das letzte Fuder Haber
heimbrachte
Sie hatten bis zum späten Nachmittag bei großer Hitze geschafft und die
erquickende Abendkühle ließ dem Michel Ruhe nach harter Arbeit als das
allerschönste erscheinen
Statt dessen sollte er eine Stunde weit laufen und sich in ein Abenteuer
stürzen das ihm fremd und schreckhaft vorkam
Schon öffnete er den Mund um es dem Peter einzugestehen dass ihm das Kreuz
weh tue und dass er sich gleich nach dem Essen ins Bett legen wolle
Aber sein Kamerad blinzelte ihm lustig zu und fragte ihn halblaut damit es
die Zenzi die zu oberst auf dem Fuder saß nicht hören sollte »Also bist
d grichtt Michi«
Da schluckte er wieder und zum letzten Male seine Bedenken hinunter und
sagte so munter als er es herausbrachte »Dös glaab i «
»Bleib a bissel zruck na kinna mir allerhand ausdischkriern «
dabei blieb der Peter stehen und ließ den Wagen ein gutes Stück vorfahren
»Pass auf« sagte er dann »a paar guate Haselnussstecka hab i ogschnittn
und hinterm Stall vasteckt De nehma mir mit weil ma do net woass ob net am End
oana von de Riaderer zwegn kimmt«
»Is scho recht «
»D Hauptsach is woasst Michi für den Fall dass oana kam net lang
schaugn und reden durchaus gar nix Glei übern Kopf eini haun dassn draht
Bis er si bsinnt san mir scho dahi Denn vastehst bal mir den oan net glei
niederschlagn holt er si anderne und na laffen s zsamm und mir waarn
mitten in da Schar und wurdn sauber hergschlagn «
»Du bal dös a so is da kunntn mir aber in a böse Gschicht einikemma «
»Ah was gibts ja durchaus gar it Z Riad denken s ja an nix und es
kannt höchstens sei dass oana zuawa kam der wo aa ans Kammafenschta möcht Den
selln haun ma recht brav am Kopf aufi dass a d Stern tanzen siecht na iss
scho gwunna« »Ja no aba «
»Du werst do d Riaderer it scheucha«
»Scheucha net i moan bloß ma kannt in a Schlammassel einikemma bals am
End raus kimmt «
»Ja freili Dös geht viel z gschwind mei liaba Mensch Der muass moana da
Blitz hatn gstroaft Was moanst denn wia gschwind dös geht Der hat koa Zeit
nimma zum schaugn und bis er si d Augn auswischt san mir scho wieda halbat
dahoam du werst do koa Angst net hamm«
»Na na Angst hab i net«
»I moanets halt aa Dös is ja grad luschti bal si a weng was rüahrt Mir
is allaweil dös liabest bal beim Fensterln no a kloani Gaudi dabei is«
»Is dir scho öfta passiert«
»Ja mei Bua was glaabst denn wia viel Stecka dass i scho oghaut hab A
Ster glangt ja kaam «
»Und bist nia vors Gericht kemma«
»Na oda dass is recht sag an etla Mal scho Indem dass i mi halt am
Ofang a weng dumm gstellt hab weil i mi no net a so auskennt hab mit dera
Gaudi Da werst halt aa erst nach und nach gscheiter Aba jetzt woass i mir
leicht z helfa und bal i bei dir bin da brauchst di nix zkümmern «
Michel seufzte »Bals no guat naus geht Peter«
»Lass di net auslacha da ko ja gar nix fehln Alloa wenns d waarst nacha
hätts scho seine Nüss natürli «
»Ja alloa da lasset is wohl bleibn «
»Amal müassast an Ofang macha und drum is gscheiter bal i dabei bin Und
jetzt pass auf nachn Essen da druck i mi glei und du tuast gar net dergleicha
und bleibst no a weng hocken I wart am Brünnl drunten auf di und de Stecken
de hab i scho dabei de hol i zerscht hinterm Stall
Du sagst eahna dahoam guat Nacht und schliafst aussi und nacha genga mir
staubaus auf Riad Mach mas a so gel«
»Ja « erwiderte Michel und seine Stimme klang gepresst aber der Peter
gab nicht acht darauf weil er dem Wagen nachlief der eben in den Hof einfuhr
Beim Essen war Michel auffallend still und er zeigte so wenig Hunger dass
ihn die Rueppin besorgt fragte ob ihm was fehle
Er gab eine kurze Antwort dass er nur müd sei von der Hitze und sie
glaubte es gerne dass ihm die ungewohnte Arbeit zugesetzt habe
Der Peter streifte ihn mit einem beifälligen Blicke Er war zufrieden mit
seinem Schützling der sich so schlau eine gute Ausrede zurecht machte um
möglichst bald angeblich ins Bett zu kommen
Er selber hieb tapfer ein schleckte seinen Löffel ab und ging gleich nach
dem Beten weg
Wenn er geahnt hätte dass sich der Michel immer noch den Entschluss zum
Daheimbleiben abringen wollte und dass er beinahe ärgerlich auf den Freund war
der ihn zu mühevollen und gefährlichen Wegen zwang hätte er ihn wohl herzlich
verachtet
»s Gsicht hats dir ganz aufbrennt und an Hals« sagte die Rueppin
bedauernd »Du bischt de Arwat it gwohnt und hättst di a weng zruckhaltn
solln «
»Zwegn was I bin ja grad froh dass i mi recht rührn hab derfa In da
Stubn bin i mir lang gnua ghockt «
»I moan grad weils d gar nix gessen host Soll i dir an Kaffee macha«
»Na na brauchts it I geh ins Bett und schlaf mi aus«
»Guat Nacht Michi«
»Guat Nacht Muatta Guat Nacht beinand«
Kaspar der noch eine Flasche Bier trank sah ihm spöttisch nach Der
verzärtelte Hochwürden hatte doch einmal in den letzten Wochen kennen gelernt
wie Bauernarbeit die Leute hernimmt Der kriegte gleich gar das Fieber davon
Der Ruepp selber war nicht daheim er war schon den Nachmittag ins Dorf
hinunter gegangen um sich für die glücklich heimgebrachte Ernte zu belohnen und
um lehrreiche Reden über die ansgestandenen Mühen zu halten
Die Rueppin aber ging mit der Leni und der Magd in die Kuchel um für den
Sonntag aufzuräumen
So konnte Michel ungehört zur Türe hinaus ins Freie kommen
Er schlich den Berg hinunter und sagte mit einem Seufzer vor sich hin
»Eigentlich is a Dummheit «
Aber doch war auch eine Neugierde und eine Erwartung in ihm die ihn
vorwärts trieb
Ein leiser Pfiff
»Michi «
»Ja bist as du Peter«
»Freili Jetzt tretn mir aber auf dass ma net zspat hi kemman Net dass
scho oana von de Riaderer drin is in da Kamma«
»Da müassatn mir umkehrn«
»Ja aussa schmeissen kunntn mir den selln net dös gab z viel
Spetakel«
»Wenn mas wissat kunntn mir uns den Weg sparn «
»Na na da werd nix gspart I sag ja bloß a so dass dös mögli waar
Wern mas scho sehgn «
Sie gingen auf einem Fußweg zwischen Wiesen und abgeräumten Feldern dahin
Im Weiher unterm Ruepphof quakten die Frösche denen andere in Pfützen und
Teichen antworteten
Als sie unterm Lukas vorbei kamen bellte der Hofhund weiter drüben gab ein
zweiter und ein dritter an
»De Bluatshund de mistigen« schimpfte Peter »De selln san zum scheucha
wann ma ans Kammafensta geht Net grad oamal dass mi so a Schinderviech
aufbracht hat«
»Na werds uns beim Holzböck net guat geh « erwiderte Michel
»Der sell hat an ganz an altn Schnauzer dens Belln nimma gfreut Und a
Nudel hab i aa dabei Bal i eahm de zua da Hüttn zuawi schmeiss gibt er leicht
an Ruah«
Michel musste sich eingestehen dass sein Kamerad ein umsichtiger Anführer
war der an alles dachte
Er tappte hinter ihm drein und versuchte sich vorzustellen was sich etwa in
dieser verhängnisvollen Nacht alles ereignen könne
dabei übersah er ein Brett das über einen Graben gelegt war trat mit einem
Fuße daneben und fiel der Länge nach hin
»Deifi überanand wenns no net gar so finsta waar « fluchte er
»Dös is ja das Best« belehrte ihn Peter »Nix schlechter wia Mondliacht da
waarn mir schnell verratn Geh no hinter meiner mir kemman a so glei aufs
Strassl na fehlt dir nix mehr«
»Beim Eitel is no wer auf« sagte er nach einer Weile und deutete nach
rechts hin wo in weiter Entfernung ein Licht schimmerte »Da waar a oane de
net uneben is Aber es is schlecht zuawi kemma zu dera«
»Zwegn an Hund«
»D Hauptsach is der alt Vater der schlaft z weni bei da Nacht Wiar a
was hört plärrt er scho beim Fensta aussa und machts Haus rebellisch Amal hat
er glei gar aussa gschossen der Hundling I hab d Schröt im Kerschbaam
platschen hörn aber da bin i groast mei Liaba «
»Der hätt di derschiassn kinna «
»Na na er hat grad so aussi blädert zum Derschrecka und zum Leut aufwecka
so jetzt san ma aufn Strassl und hamm nimma z weit«
Michel der neben seinem Kameraden ging hatte Herzklopfen bei dem Gedanken
wie nahe das Abenteuer herangerückt war
»Du Peter pass auf « Er atmete schwer
»Was«
»Du pass auf was muass i denn eigentli sagn zu dera«
»Da sagscht gar it viel An d Fenstascheiben klopfst und nacha macht sie
auf und nacha schliafst eini «
»Sie kennt mi do gar it«
»Brauchts ja net No vielleicht fragt s di was du für oana bischt Na
sagst i bin der gar ander der Nussbrocka von Weichs oda sagst du muasst vom
Bezirksamt aus d Flöh fanga oder so eppas Dumms halt wias d Madeln gern
hamm«
»Ja wenn is so daher bringa kunnt wia du«
»Dös lernt sie scho und fürs erstmal tuats leicht was Und d Rosl redt
it viel i kenn s ja guat«
»Muass i ihr net sagn dass du dabei bist«
»Zu was denn Dös geht ja de gar nix o der welcha dass herunt passt«
»I woass net aber dös kann i scho gar net glaabn dass dös alls so leicht
geht Am End schreit s um Hilf «
Peter blieb stehen und lachte
»Na so dumm is de net und so gschrecki aa net Du stellst dir alls hart
vor und derweil is gar nix dabei Dös waar aa no a Kunst mit so an Madel
dischkriern Für was studierts denn ös eigentli«
Nun musste auch Michel lachen obwohl ihm ein Knödel im Halse saß der mit
der Annäherung ans Ziel wuchs
»Auf so was studiern mir net«
»Scho aba ma woass si do bessa z helfa mitn redn«
»Na da bist du scho weitaus besser « wehrte Michel bescheiden ab
»Ssst jetzt müassn mir a weng staader sei Da drunt unterm Bergl is
scho dös erst Haus und mir reiben ins ums Dorf umma zwegn de Hund Geh aufm
Gras Michi dass ma d Schritt net so hört«
»Bleib an Augnblick steh i muass mi verschnaufa« keuchte der Studiosus
dem das Herz zur Kehle herauf schlug
»Du hast ja gar koa Luft nimma zwegn dem bissei Weg«
»Na es is halt a so woasst weils dös erstmal is«
»Treibts di recht um No ja mir lassen uns recht schö Zeit« sagte Peter
halblaut »Und pass auf dass i dirs no amal sag Wann i was vadächtigs mirk
nacha pfeif i und bleib aba bei da Loata steh Da koscht di drauf valassen Wia
du mein Pfiff hörst derfst di nimma aufhaltn lassen sondern du schliafst auf
da Stell beim Fensta aussa An Tremmel nimmst mit und legstn wohi wos dn glei
wieda host Beim Aussaschliafn muasstn dabei hamm weil ma net woass ob net
herunt oana zuawa kimmt Und bal oana kimmt glei niedaschlagn Woasst d jetzt
alls«
» Ja «
»Muasst allaweil no so schnaufa«
»Es vergeht scho «
»Also nacha genga ma «
Sie kamen an einen Hohlweg der sich steil ins Dorf hinuntersenkte blieben
aber oberhalb auf der Wiese auf der sie lautlos in einem größeren Bogen zu den
Häusern hinunterstiegen
Michel stieß an einen Markstein an und stolperte
Ein Hund gab Laut
»Herrgottsaggerament« fluchte Peter blieb stehen und hielt Michel am Arme
zurück »Staad sag i « flüsterte er
Der Hund bellte ein paarmal knurrte und bellte wieder
»Schinderviech wann i no di vergiftn kunnt«
Sie blieben eine Zeitlang regungslos stehen
Eine Kette klirrte wahrscheinlich war der Hund wieder in seine Hütte
zurückgeschloffen
»Jetza« kommandierte Peter »Mir machn an größeren Bogen halt di no
allaweil hinter meiner«
So behutsam sie konnten schlichen sie abwärts und kamen bald an die
Einfahrt vom Holzböck
»Lass mi voro und bleib derweil steh net dass uns der alte Hund aa no
Spetakel macht«
Als sich Peter nach diesen Worten in der Dunkelheit verloren hatte schaute
Michel ängstlich auf das hochgieblige Haus vor dem er stand und er wurde sich
seiner Hilflosigkeit bewusst
Wenn sich aus der Finsternis jemand auf ihn stürzen würde
Es war leicht zu sagen dass er jeden niederschlagen solle aber er hatte
ganz gewiss nicht den Mut dazu
Jedes Geräusch erschreckte ihn das leise Rauschen der Blätter die der
Nachtwind bewegte machte ihn ängstlich
Er kam sich wie mitten unter Feinden vor die beim leisesten Geräusch
erwachen und über ihn herfallen würden
Da
Überm Hof drüben knurrte ein Hund dann wars wieder still
Jetzt wars als ob jemand daher schlürfte immer näher
Eine beklemmende Angst schnürte ihm die Brust zusammen
Er wollte schreien Peter oder Obacht aber er war so heiser dass er
keinen Ton hervorbrachte
Schon wollte er umkehren und einfach in die Nacht hineinlaufen da hörte er
seinen Namen
»Michi bst ah da bist hamm ma s scho «
»Was hast«
»Staader sag i D Loata hab i jetza schleich di no her so «
Michel folgte willenlos
Aus dem Gebäude heraus tönte ein halblautes Schnattern
»De Saggeramentsgäns« fluchte Peter »De selln hamm an Deifi glei san
s wach de Luada de abscheiligen so aba jetza hamm mas scho «
Er lehnte die Leiter die er unterm Arm geschleppt hatte an die Hauswand
»Da steigst jetzt aufi «
»Aufi«
»Ja mach no Drobn siehgst net Da iss Fenschta Es scheint ma dass s
halbert offen is klopfst a weng ans Glas oda ruafst ihr ganz staad Rosl
sie hört di glei «
»Ja moanst do «
»Tua net lang um und schliaf auffi«
Michel trat zögernd auf die erste Sprosse dann auf die zweite Der Stecken
rutschte ihm aus der Hand und fiel auf den Boden
»Jessas Jessas Gstellst di du« knurrte Peter »Steig no weida i ghalt
dein Tremmi heruntn sunst kimmt er dir no unter d Füass«
Michel nahm wieder etliche Sprossen und tastete mit den Händen nach dem
Fensterkreuz
Peter hatte recht gesehen das Fenster war halb offen und ein warmer Dunst
ein unbestimmbarer Geruch wie von Haaren drang heraus
Über den zaghaften Studiosus kam jetzt auf einmal eine merkwürdige Ruhe oder
Entschlossenheit Jetzt wollte er das Abenteuer bestehen
Er schob das Fenster weiter hinein und klopfte behutsam auf das
Fensterbrett
»Bsst Rosl Bsst«
Ein Geräusch
Dann eine leise Stimme »Was geits«
»Rosl«
»Ja «
Michel bohrte seine Blicke in die Dunkelheit und sah wie sich jemand
langsam aus dem Bett schob
Nun kam eine weiße Gestalt heran und eine derbe Hand fasste nach der seinen
»Bischt as du Lenz«
»Na «
»Ah da Sepp is «
»Na «
Michel hielt sich mit der linken Hand am Fensterkreuz fest mit der andern
tappte er nach dem vollen runden Arm der Rosl
Er atmete schwer vor Aufregung
»Wer bischt denn nacha« fragte das Mädel
»Halt aa oana «
»Was willst denn da«
»Eini möcht i zu dir «
»Ah du bischt oana Kimmt er da daher mittn bei da Nacht Du bischt gar it
von Riad gel«
»Na Derf i net a weng eini kemma «
»Bsst« mahnte die Rosl »Du muasst staad sei der Blasi schlaft danebn «
»I bin scho staad«
»Hoscht d Stiefl auszogn«
»Na de hab i net ausziahgn kinna«
»Ja bal s knarrezn hört di da Blasi «
»Der hört mi net «
»Ah du bischt oana Du bischt scho ganz vawegn Wo bischtn du her«
»Halt aa«
»Bischt gwiss von Langwaid drent«
»Na «
Michel hatte seine Hand auf die nackte Schulter des Mädels gelegt und
krampfte in der Aufregung seine Finger ein
»Ah du tuast ma glei gar weh «
»Derf i net in d Kamma eini «
»Bals d recht staad bischt «
»I gib scho acht «
Er stieg noch eine Sprosse höher und wollte sich mit Kopf und Schultern
durch das Fenster zwängen
»Herrgott is dös eng«
»Ssst Was moanscht denn Ma hört di ja«
»Deifi Dös is z eng«
»Du muasst höher aufa steign und mit de Füass voro eina schliafn «
Michel folgte der erfahrenen Rosl und indem er sich mit der Linken fester
hielt schob er ein Bein nach dem andern durch und saß schon auf dem
Fensterstock dabei war er aber ein paarmal ans Glas gekommen das klirrte
»Heb di do staad« mahnte das Mädel
Und nun wollte er eben den Oberkörper durchzwängen als eine grobe Stimme
zum Fenster nebenan herausschrie
»Heda Was is da Herrgottsaggera «
»Jessas Da Blasi« flüsterte Rosl erschrocken
Und in diesem Augenblicke pfiff unten der Peter
»Wart dir hilf i« drohte der Blasi
Michel klammerte sich ans Fensterkreuz und zog unbekümmert um den Lärm
hastig die Füße zurück
Die Stiefel kratzten über das Fensterbrett und kratzten an der Hauswand
hinunter und suchten die Sprossen
Als Michel eben einen festen Stand gefunden hatte schlug ihm ein derber
Stock über Arm und Schulter ein zweiter Hieb traf ihn auf den Kopf und es war
gut dass der Hut die Wucht milderte
Ein Prügel sauste neben Michel gegen das Fenster aus dem sich der Blasi
herausbeugte um den Eindringling noch ein paarmal zu treffen
»Dir schmeiss ich dein Gipskopf ausanand du Stier du miserabliger«
Der Prügel schlug dicht neben Blasi an die Wand und krachte wieder herunter
ein Hund bellte heiser über den Hof und riss wütend an der Kette und Michel
verfehlte in der Hast eine Sprosse und rutschte und fiel unsanft auf den Boden
»Jetzt is Zeit« rief Peter »Laff was d kost «
Er sprang voran in die Dunkelheit aber sein Schutzbefohlener kam ihm nicht
nach Er hatte sich den rechten Fuß verprellt und hinkte mühsam hinterdrein
»Mach mach Druck di« schrie Peter schon aus größerer Entfernung
zurück und schon blinkte ein Licht drüben im Hause auf und noch eines gerade
gegenüber im Rossstall
»Wart Luada Halts n auf« brüllte es von der Haustüre her und noch ehe
Michel ein paar Schritte weitergehumpelt war fasste ihn wer von hinten und riss
ihn zu Boden
Der Blasi war der erste im Hof heraussen gewesen und hatte den Fremdling
niedergeworfen Da kam auch schon ein zweiter Knecht herzugelaufen und hinter
ihm drein ein Dienstbub
Michel wollte sich vom Boden aufraffen aber der Schmerz am Fuße war ihm
hinderlich und der Blasi war zudem ein fester Bursch
»Lassts mi aus Was wollts denn von mir« keuchte Michel
»Was hoscht denn du bei da Nacht im Hof herin ztoa I gib das scho beim
Fenschta einisteign «
Aber wo war denn der Peter
Der stand vor dem Hofe hinter einem Schupfen und überlegte ob er seinem
Kameraden zu Hilfe eilen sollte
Zu seiner Ehre muss es gesagt werden dass er es schon im Sinne hatte ja dass
er schon näher schlich um sich dann im plötzlichen Anprall auf die Feinde zu
stürzen
Aber da sah er das zitternde Licht einer Laterne das sich vom Hause her
näherte Es kam noch wer dazu wahrscheinlich der Bauer und nun war die
Übermacht doch gar zu groß
Für den Michel war es aber ein Glück dass der Holzböck selber eingriff denn
die Knechte schlugen im Geräufe mit den Fäusten zu und er verspürte mehr wie
einen schmerzenden Hieb »Was habts da für oan« fragte der Bauer
»I kenn an it Bei da Rosl is er am Kammafenschta gwen « antwortete
der Blasi
»Am Kammafenschta Na hörts mitn schlagn auf I hab scho gmoant ös
habts an Einbrecha dawischt «
»I will ja gar nix lassts mi do aus« bat Michel
»Also auslassen« kommandierte der Holzböck und die Knechte gaben ihr Opfer
widerwillig frei
Der verunglückte Abenteuerer erhob sich mühsam und der Holzböck leuchtete
ihm mit der Laterne ins Gesicht
Die Haare hingen dem Michel ins Gesicht und das linke Auge war
verschwollen
Er sah nicht vorteilhaft aus als er jetzt den Bauern angstvoll anstarrte
»Was bischt denn du für oana« fragte dieser barsch »Koa Hiesiger bischt
net«
»I ho ja gar nix wolln «
»Ja ja dös kennt ma scho De sell Loas bracht alle Augenblick an andern
daher aber de schmeiss i morgn aussi Und du sagst mir jetzt wers d bischt«
»I «
»Ja tua no net lang ummanand «
»Vom vom Ruepp bin i «
»Vo der Leitn«
»Ja «
»A Bua davo«
»Ja «
»Aba da Kaschba bist net Den kenn i «
»I bin da Michel «
»Der wo auf Geischtli studiert Jetzt is s recht «
»I ho ja gar nix wolln «
»Ah so bischt zum Rosenkranz Betn herkemma Mandei dös sell lasst
bleibn dös kannt dir no schlechta aussi geh als wia heut«
Die Knechte lachten und Blasi sagte »Da hamm ma ja an ganz an schwarzn
Kater dawischt«
Der Bauer bot ab
»Lassts as guat sei Und du machst dass d weida kimmst und nimm dirs für a
Lehr Dös steht dir net o so was«
Der Dienstbub hatte Michels Hut vom Boden aufgehoben und gab ihn grinsend
dem armen Kerl der ihn aufsetzte und sich dann schweigend abwandte um zum Hofe
hinaus zu humpeln
Er war noch nicht weit gekommen als plötzlich der Peter neben ihm stand
»Hamm s di recht hergschlagn« fragte er
»I habs ja zerscht gwisst dass s schlecht ausgeht « murrte Michel
»Es waar ganz guat ganga wann du a weng gschwinder gwen waarst I hab mir
scho oiwei denkt für was dass d so lang auf da Loata steh bleibst und net eini
schliafst beim Fenschta Mei liaba Mensch so derf ma si net Zeit lassn Da hat
di ja der damische Kerl hörn müassn «
»Ah was Hergeh hätt i net solln « sagte Michel unwirsch
»Warum denn net Waar ja net aus Dös sell muass di jetzt net a so vadriassn
An andersmal gehts bessa«
»Koan andersmal gibts nimma «
»Ja freili «
»Na Dass ma dasteh muass wia r Einbrecha au«
»Was hoscht denn Tuat dir was weh«
»Da Fuass und d Achsel i ko mein Arm beinah net rührn «
»Herrgottsaggerament überanand Dös zahl i aba dem Blasi hoam I kenn an a
so den Stier den lüaderlichn Der kimmt ma net aus Bal Markt is z
Altomünsta dawisch in scho aba nacha lass in umma den Der derf si
gfreun«
»Dös helft mir nix «
»Geh sei net a so vazagt Amal dawischts an jedn da liegt ja gar nix dro
«
»Und was wern meine Leut sagn«
»De wissn nix «
»Dös sehgn s do Is mir jas ganz Aug verschwolln und geh konn i schier
net Was soll i denn sagn woher dass dös kimmt«
»Da findn ma scho was« tröstete Peter
»M hm au Herrgott i bleibt am liabern da auf der Wiesn hocka«
»Halt di a weng ei und na rastn mir wieda Es geht scho Aba wart no dem
Blasi dem schlag is Kreuz o dös is gschworn «
»Mir war liaba i waar dahoam und i lieget im Bett«
»Mir kemman scho hoam «
»Ja und was sag i morgn wenn i nimma aus de Augn aussa schaugn ko«
»Woasst was Mir sagn ganz oafach i und du net mir han a weng auf Erdweg
ummi ganga weil d Arndt herin is hättn mir no gern a Maß Bier trunkn und
pass auf beim Hoamweg sagn mir da hamm ins a paar a drei opackt De müassen
ins für anderne ghaltn hamm und durch dös san mir ganz unschuldigerweis ins
Raffa kemma und mir hamm wohl de andern verjagt sagn ma aba natürli durch
dös hamm mir aa Schlag kriagt und indem dass du an Friedn hoscht stiftn
wolln bischt du bei dem Brettl überen Graben ansgrutscht und hoscht dir an
Fuass verknaxt und a so sagn mir Dös glaaben s nacha scho «
»Von mir aus glaabn s as aa net Wann i no in meim Bett lieget «
»Mir hamm nimma weit «
Und Peter tröstete den Michel und half ihm und stützte ihn bis sie endlich
daheim anlangten
»Dös muass di net vadriassn« mahnte Peter noch einmal als ihm sein
Schützling Gute Nacht sagte und eben doch sehr verdrossen und müde in seine
Kammer schlich
Zehntes Kapitel
»Ja Bua was is denn mit dir passiert Um da Gotts Willn wia schaugst denn
du aus« rief die Rueppin als der Michel am andern Morgen in die Küche hinkte
»Was werd denn passiert sei« knurrte er »A Dummheit Eigentli is gar net
wert dass ma davo redt«
Und er erzählte beinahe wortgetreu alles was sich der erfinderische
ZotzenPeter als beste Erklärung ausgedacht hatte
»Waar ja net aus« jammerte die Bäuerin »Bei da Nacht d Leut opacka und
ganz frei herschlagn obwohl dass mi gar it bekannt is So was ausgschamts
muass no gar it dagwen sei «
Der Ruepp der die Sache gleich großartig mit Gericht und Advokaten und
Schandarmerie angehen wollte hatte freilich auch einiges zu tadeln denn was
andere anbetraf hatte er strenge Ansichten und die Gelegenheit sie
aufzuweisen ließ er nicht aus
»De Burschen wern ma scho kriagn« sagte er »da gib i net nach bis dös
offenbarig werd Aba dös muass i aa sagn als Vata ghörn tuat si dös net dass
du mit an Knecht in de Wirtschaft umanandaziahgst «
»Er hat ja grad a Maß in Erdweg drent trunka« widersprach die Bäuerin »Es
werd eahm halt dürscht hamm nach dera Hitz und nach der Arwat «
»Dös is gleich Ma muass allaweil wissen wer ma is und mit wem dass mas z
toa hat Es passt si amal net für an Schtudierten dass er bei de Knecht hockt oda
gar a Freundschaft hat damit Waarst mit mir zum Wirt abi ganga waar di nix
passiert «
»No « machte die Rueppin
Aber der Bauer ließ sie nicht zum Wort kommen
»I sag dös ma muass wissen bei wem dass ma is und ma derf nia vagessen wer
ma selm is I hab dirs scho a paarmal sagn wolln unter der Arndt du solltest
net gar so Kamerad sei mitn Peter «
»Bals do mitanand in d Schul ganga san «
»Dös ghört da it her I sag ma muass wissen wer ma is Und jetzt lassts
amal an Petern einakomma dass er mir a weng an Auskunft gibt i geh nacha zum
Kommadanten «
»Zu was denn« brummte Michel »Da werd nacha bloß s Gred no grössa «
»Dös is gleich Aber i leids amal net dass so was vorkimmt Wo is denn da
Peter«
Die Rueppin ging in den Hof hinaus um den Knecht zu holen und in der
Zwischenzeit machte Michel noch einmal den Versuch seinen Vater von der Anzeige
abzubringen
Aber der Ruepp hatte seine Grundsätze bei denen er fest blieb
Jetzt kam auch der ZotzenPeter in die Küche und stellte sich mit dem
gleichgültigsten Gesichte neben die Türe
»Ös seids gestern in Erdweg gwen«
»Ja «
Sein Blick streifte unauffällig zu Michel hinüber Der hatte also seine
Ausrede vorgebracht und jetzt kam das Lügen an ihn
Schon recht Darin konnte man sich auf ihn verlassen
Und er log auch tapfer und standhaft wie es sich für einen Kameraden
gehört und wie es ein tüchtiger Mensch fertig bringt
Das Ergebnis war sehr dürftig denn der Peter wusste nichts hatte keinen
Verdacht und konnte sich nichts denken
Das hielt den Ruepp ab sogleich ins Dorf hinunter zu gehen und die
Schandarmerie in Bewegung zu setzen
Einen Tag später war ihm nicht mehr viel daran gelegen und wieder etliche
Tage danach war schon das Gerücht von dem wirklichen Begebnisse durch die
Dörfer und Weiler der ganzen Gegend gelaufen
Eine Geschichte von Prügeln die einer beim Kammerfenster erhalten hatte
war an sich schon volkstümlich aber der Umstand dass der Betroffene ein
geistlicher Student war gab erst die rechte Würze und in allen Wirtshäusern
erzählte man sich lachend dass beim Holzböck ein schwarzer Kater eingefangen
worden sei die Mädeln steckten es sich kichernd zu und die Bäuerinnen die in
allem die Frömmeren sind waren bekümmert darüber dass es so was auch gebe
Der erste der es auf der Leiten inne wurde war der Kaspar den im Feld
draußen der Sexer darum anredete
Das heißt er fragte ihn teilnehmend wie es dem Bruder gehe und ob er sich
doch nicht den Haxen gebrochen habe wie er in Ried von der Leiter
heruntergefallen sei Wenn einer so was als erster einem andern den es angeht
brockenweise zumessen kann ist es ihm ein Genuss
Der Kaspar lehnte das herzliche Bedauern das der Sexer zeigte schroff ab
er machte auch daheim kein Wesen daraus aber der Leni erzählte ers
»Unser Hochwürden macht si «
»Was is damit«
»Am Kammafenschta is er gwen z Riad beim Holzböck und da hamm sn
dawischt und recht her gschlagn«
»Ah ah na is dös gar it wahr dass er in Erdweg opackt worn is «
»Dös is alls derlogn Beim Fensterln hamm sn a so zuagricht Der werd
amal richti als Pfarra«
»Der werd zerscht koana«
»Mir kimmts aa so vor aba von dem werd scheints it gredt was dös Geld
kost hat und waar jetzt alls umasunst aussi gschmissen«
»Mir gfallt scho lang nix mehr« sagte Leni »Bal oana wirkli auf geischtli
tracht na gstellt er si do ganz anderst o als wia da Michi Der tuat ja gar
it dergleicha «
»Und lafft zu de Menscha glei a Stund weit bis auf Riad treibts n ummi
den geischtlinga Herrn«
»I sags aba da Muatta und auf da Stell weil sie scho gar nix mehr kennt
als wia grad Michi hi und Michi her «
»Sags ihr no Is gscheidter sie hörts von dir als wia von ander Leut
In der ganzen Gegend hamm s eahna Gaudi damit hat mir da Sexer gsagt «
»Bei ins passt alls zsamm «
Leni war kaum allein in der Küche mit der Rueppin da fing sie schon an
»Jetzt host as mit dein braven Michi «
»Was hab i«
»Weils d a so net woasst was d eahm alls otoan muasst zwegn seine
Schmerzen de wo er so unschuldigerweis leidt «
»Is dös vielleicht nix wenn er hinterrucks überfalln werd«
»Ja überfalln Von da Loata hamm sn aba gschmissen wiar a bei so an
lüaderlichen Weibsbild am Kammafenschta war «
»Was redst du daher«
»Dös was wahr is Beim Holzböck in Riad hamm sn vertrieben den sauberen
Herrn Bei dera Glegenheit hat er seine Schläg kriagt und d Leut lachen recht
darüber «
Die Rueppin musste sich niedersetzen
»Dös gibts ja gar it «
»Fragn selber Vielleicht bsteht er dirs ei«
»Wo is er denn«
»Im Hof war er voring drausst beim Peter De zwoa steckan ja a so allaweil
beinand«
Leni schaute zur Türe hinaus und rief
»Michi Zu da Muatta solltst eina kemma «
»Ahan « sagte der ZotzenPeter der gerade einen Pflug herrichtete
»Jetzt wissens de aa scho «
»Solln s as wissen «
»Red di auf mi aus und sag i waar am Kammafenschta gwen und du bischt
bloß mitganga «
»Ah was da liegt mir gar nix mehr dro« sagte Michel und ging ins Haus
»Du was dLeni verzählet gel dös is it wahr« rief ihm die Rueppin zu
»Was hat s denn verzählt«
»Dass dös alls a Schwindel war was du gsagt hast von Erdweg« fiel Leni
ein »Dass s di beim Kammafenschta ghaut hamm dös hab i da Muatta gsagt«
»Wann d no du was ausanand bringa kost da hoscht ja du dei Freud dabei«
»Weils d Leut überalln verzähln i trags net weida und habs net
aufbracht«
»Aba Michi du werst do dös it gmacht hamm« jammerte die Mutter
»Gar so weit werds net gfeit sei bal mar amal an Gspass macht«
»Dös is an sauberna Gspass für oan der wo amal an Pfarra spieln möcht «
fiel Leni wieder ein
»Hoscht an dös gar it denkt Da nehman s di am End gar nimmer« sagte die
Rueppin
»Dös waar mir dös liaba «
»Ja Bua«
»Na Muatta jetzt sag i dirs pfeilgrad i waar zerscht nimma zruck ganga
ins Gymnasium«
»So Unds Geld nacha dös wo ma an di hinghängt hot« keifte Leni
»Von dir hab i koans kriagt«
»Net Geht dös vielleicht net an dem unsern ab was du verto host Von dir
hab i koans sagt er und mir müassen de ganz Zeit zuaschaugn wia mar eahms
Geld schickt und mir dahoam kemman in d Verlegenheit und gar no in d
Schuldn«
»Für dös konn i gar nix «
»Jo «
»Net wahr is Wenn da Vata oa Wort gsagt hätt oder d Muatta na waar i
scho Jahr und Tag dahoam und hätt tausendmal liaba mitgholfen als Knecht «
»Ja wers glaabt Zerscht treibt er si de längst Zeit als Schtudent
umanand der wo nix schtudiert und na hoassets auf oamal i waar liaba a
Knecht Mit der Arwat tandeln so hättest as vielleicht im Sinn «
»Jetzt hör amal auf« bot die Rueppin ab »Mitn Streitn is gar nix
gricht und du Michi du werst di wohl no bsinna «
»Schau Muatta dös hat koan Wert gar nimma Z Freising hamm s zu mir
gsagt dass i z alt wer und schau bal i jetzt no zwoa Jahr hi häng und es
werd do nix «
»Ja Bua was is denn aba bals d it firti machst«
Michel wollte ihr seinen Plan mit der Weihenstephaner Schule erklären
zögerte aber vor der Leni und sagte »I hätt scho was in Sinn und es kunnt no
alls recht wern «
Derweil schlug der Hofhund an und man hörte Schritte im Hausflötz
Die Rueppin schaute hinaus
»Dös is ja da Mesner «
»S Good beinand« sagte der Schwaiger ein Kleingütler der den
Mesnerdienst verrichtete »I hab d Rechnung für der altn Loni ihra Leich
Pressiert aba net bal da Bauer net da is er ko s leicht amal zahln wann er
abi kimmt«
Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und holte einen Zettel daraus hervor
den er der Bäuerin gab
»Na werds da Bauer scho am Sunntag recht macha «
»Ja ja feit da nix und no eppas hätt i zun ausrichte fürn
Michi «
»Für mi« Der Studiosus bekam einen roten Kopf als er fragte
»Ja an schön Gruass soll i sagn vom Herrn Pfarra und Sie solln morgn
nach da Kircha vielleicht um a neuni zu eahm komma «
»Is recht i kimm scho Hat er net gsagt zwegn «
Michel stockte
»Zwegn was« sagte der Schwaiger »Na von dem hat er nix gsagt «
dabei blinzelte er aber mit dem linken Auge was dem Michel andeuten sollte
dass er ihm allein schon was verraten könnte
»Von dem hat er nix gredt« wiederholte er »Es werd halt was zwegn da
Schtudi sei oder a so Er hat bloß gsagt bals d heut zum Ruepp aufi kimmst
sagt er nacha richt an Herrn Schtudenten aus dass er mi morgn bsuacht Nach
da Kircha hat er gsagt und mehra woass i wohl it«
»Werst na do scho a Nudel mögn und an Kerschgeist« fragte die Rueppin
»Da sag i net na «
Es schien dem Michel ewig lang zu dauern bis der Schwaiger seinen Schnaps
ausgetrunken und etliche Dorfneuigkeiten ausgekramt hatte
Er schlich sich unauffällig aus der Küche und wartete hinterm Austraghäusel
bis der Mesner endlich den Heimweg antrat
Als er ihn unter der Haustüre Abschied nehmen sah ging er den Hohlweg
hinunter und setzte sich beim Brünnl auf einen Baumstamm
»Ah da is ja da Michi « sagte der Schwaiger
»Ja i hätt gern gfragt wegn an Herrn Pfarra Was will er mir denn«
»Was er will Hm Gsagt hat er ja nix aba i denk ma halt zwegn dera
Gaudi da «
»In Riad drent«
»Freili « Der Schwaiger blinzelte lustig »Es is eahm halt aa z Ohrn
kemma Natürli d Leut redn davo und bal amal so was aufmahrig is nacha
laffan ja de Betschwestern in Pfarrhof eini als wann eahnas Feuer unterm Rock
brennat De erst war de alt Puachrainerin und nacha is d Nottensteinerin daher
gschwanzt und d Rauscherin und a Getua hamm s ghabt und a Jammerei als
wann eahna selm dös grösst Unrecht gschehgn waar und als wann s de Straf
Gottes herbetn müasstn «
»Was bekümmerts denn de «
»Sag i aa allaweil Aba da Deifi is ja nix geng an alts Wei und natürli
vagunna tean de altn Luada de junga Leut überhaupts nix «
»Was hat da Herr Pfarra gsagt«
»M mei net vui der reißt si deswegn koan Haxen aus Er hot s halt
oghört net weil er s ohörn muass«
»Deifi dös is mir scho so zwida«
»No mei da is no net alls aus Vorläufi net san S no amal net geischtli
und mei Gott hamm ma sogar scho Koprata ghabt wo ma si allerhand vazählt hat
und überhaupts a junga Mensch dös woass ma do «
»Dös zwiderst is dass mi eigentli de Gschicht gar nix ogeht I bin bloß
mit an Kameradn in da Begleitung mitganga «
Michel erinnerte sich rechtzeitig an die Lüge die ihm sein Lehrmeister
angeraten hatte Ob sie aber der Schwaiger glaubte war nicht deutlich zu
erkennen denn er blinzelte wieder stärker mit den Augen als wenn ihm die
Abendsonne weh täte
»A so is de Sach Grad in da Begleitung No ja nacha is ja eigentli gar nix
dabei« sagte er
»A Dummheit is und bleibts« antwortete Michel
»Aba a himmiweita Untaschied« rühmte der Schwaiger »Bal mi mit an
Kameradn geht und der sell lasst si net abbringa von sein Plan für dös ko ma do
nix «
»Mitgeh hätt i halt net solln «
»Mei Gott dös is Gschmacksach Aba nacha is dös aa net wahr mit de «
Schwaiger deutete mit dem Stecken Hiebe an »mit de Schmiergel«
»Na dös hoasst a bissel in a Rafferei bin i scho eini kemma «
»A freili a so halt als Begleiter natürli da hilft ma sein
Kameradn «
Er blinzelte wieder stärker
»No ja « sagte er dann »An Kohlrabi reißt Eahna da Herr Pfarra net aba
und bal er schimpft sagen S eahm halt dös dass Sie ganz unbeteiligterweis
zuawi kemma san Dös glaabt er na scho Und jetzt bfüad Good Herr Michi
ausgricht hab i mei Sach adjes«
Michel ging langsam heimzu und er ließ den Kopf gedankenschwer hängen
Derweil saß drunten beim Wirt der Ruepp und fing allgemach zu krakeelen an
wie ers im Brauch hatte wenn er schon eine Halbe über den Durst getrunken
hatte
»Du ghörst aa zu dena« schrie er zum Langwaider hinüber der sich wohl
nicht ohne Absicht an einen andern Tisch gesetzt hatte »I woass gut du bischt
aa bei de selln wo sis Maul zrissen hamm über mi Di kenn i guat Manndei«
»Mein Ruah lass ma«
»Lassts ma ös zerscht de mei Aba dös sag i dir da vaderbn zerscht no
vui z Weidach vor i vadirb Dös sagst eahna de gar andern de wo meine
Schuldn zsammzähln möchtn Vor i vadirb vaderbn no ganz anderne und i bin
no koan Weidacher was schuldi bliebn Da waar i mir scho z guat dazua dass i
mi von dena Hungaleider oschaugn liass Pfüad di Good sag i und so gscheit
wia de ganz andern bin i no lang Waar ma scho gnua sag i
Herrgottsaggerament Und du bischt aa dabei bei de selln «
»I trink mei Bier und will mein Fried«
»Ja dein Fried Aba da stehts zsamm und redts oan recht schlecht
und waar ja scho bald a so als wann i an Weidacher was schuldi waar Da
seids ma ös z weni ös Hungaleider ös ganz notigen«
»Geh drah net a so auf es steht dir net o«
»I sag mei Sach und s Mäu lass i mir von enk net vabiatn dass das woasst
Und i vadirb no lang it dös mirkst da und da vaderbn zerscht ganz anderne
«
»Was is denn« fragte der eintretende Wirt
»Was werd sei Der Ruepp is halt wieda bsuffa « sagte der Langwaider
»Was bin i Was woasst du dass i bsuffa bin«
»Net z weni Und überhaupts bal ma da eina geht und aufn Feierabend sei
Halbe Bier mit Ruah trinkn möcht muass ma si da d Ohrn voll plärrn lassn
und si Grobheitn sagn lassn«
»Du haltst jetzt dei Mäu« entschied der Wirt kurz und drohte dem Ruepp mit
dem Finger »Du woasst guat dass du da herin koa Bleibn it hoscht bals du
aufdrahst«
»I trink mei Sach und i zahl mei Sach und i sag mei Sach Und dös Recht
wer i hamm wia r a jeda und i sag mei Sach und i zahl mei Sach«
»Und mi lasst d in Ruah« sagte der Langwaider
Da schrie aus der Ofenecke heraus eine scharfe Stimme die dem Austrägler
dem alten Mader Lenz zugehörte »Überhaupts kümmer di um di und um dein Buabn
Da hoscht di z kümmern gnua«
»Was Bua Wer Bua Über mein Kaschpar werst du nix sagn kinna « »Du
woasst scho dass i den andern moan«
»An Michi Vo dem werst du erst recht nix wissn «
»Dös nämli wia alle Leut «
»Ös müassts ja allsammete amal froh sei bal enk mei Michi an Segn gibt I
gaabn enk gwiss it«
»Den müasst ma zerscht mögn gel Und überhaupts derf a sellana gar it
gweicht wern Da werd da Babscht aa no was drei redn «
»A sellana Was für a sellana Dir schlag i s Kreuz o du Bettelmo du ganz
schlechter«
»Hö hö Net gar so grob Gel« mischte sich der Wirt ein
»Derf er mein Michi an sellan hoassn der wo it gweicht werd Muass mar i
dös gfalln lassen«
»No ja über dös derf ma no redn bal dei Bua von de Kammafenschta verjagt
werd Dös steht eahm schlecht gnua o « »Net wahr is«
Der Wirt zog gleichgültig die Achseln hoch
»Dös werd öffentli verzählt«
»Wer derf dös sagn«
»Da Holzböck hats selm verzählt da herin vor alle Leut dass d as woasst
Und jetzt hörst mitn plärren auf gel«
»Und a sellana derf it geischtli wern« sagte der Mader Lenz »Dös werd da
Babscht it zuagebn«
Der Ruepp verstand dass es der Wirt ernstaft meinte und die Beschuldigung
machte einen solchen Eindruck auf ihn dass er beinahe nüchtern wurde
Er zahlte und stand hastig auf ohne sein Bier auszutrinken
Als er mit unsicheren Schritten bis an die Türe gekommen war sagte er »Von
dem woass i gar nix und bals it wahr is nacha mach is advikatisch und na
müassen s aba her de Falschhauser de wo auf ins aufi lüagn Kenna tua i s
allsammete «
Da ihm niemand mehr angab stolperte er zur Haustüre hinaus und stieß dabei
mit dem Postboten zusammen der gerade herein gehen wollte
»Hö Zeit lassen« rief dieser »Ah da Ruepp Dös is recht dass i di triff
Für di hab i was na brauch i nimma aufi zu dir «
»Was hast«
»A Zuastellung vom Gricht «
»An mi«
»Ja «
»I ho mitn Gricht nix z toa«
»Werd do a so sei« sagte der Postbote und gab dem Ruepp das Amtsschreiben
Der steckte es achtlos in die Tasche aber schon nach ein paar Schritten
zwang ihn ein unbestimmtes Gefühl das Schreiben wieder hervorzuholen und zu
öffnen
Die Schrift verschwamm ihm vor den Augen aber ein paar Worte setzten sich
doch fest
Nachlass der verstorbenen Apollonia Amesreiter
Halt auf Kam da etwas nach
Eine heiße Angst stieg in ihm auf und er las noch einmal
Nun standen die Buchstaben fester und drohender vor ihm und er brachte
heraus dass er auf den 18 September vorgeladen war um Auskunft über den
Nachlass zu geben
Elftes Kapitel
Auf dem Ruepphof war am andern Morgen eine trübselige Stimmung
Die Bäuerin ging mit verweinten Augen herum die Leni rappelte in der Küche
mit dem Geschirr und der Michel wusste nicht wo er sich vor den lauten und
stummen Vorwürfen verschliefen sollte
Vor dem Vater hatte er allerdings Ruhe denn der lag im Bett und grübelte
vor sich hin wie er sich beim Gericht am sichersten aus der Verlegenheit helfen
könne Darüber hatte er alles andere vergessen und die Lust verloren seinen
ungeratenen Sohn ins Gebet zu nehmen
Gleich nach dem Frühstück machte sich der Michel auf den Weg um in die
Kirche und dann in den Pfarrhof zu gehen
Außer dem Hause wars ihm wohler zumut und der klare Spätsommermorgen
flößte ihm fröhliche Zuversicht ein
Wie blinkte der Tau in den Grashalmen wie glitzerte er in den wunderfeinen
Spinngeweben die zwischen den jungen Fichten hingen
Und wie arbeitsfroh konnte einem zumut werden wenn die Luft vom Geruch der
frischgepflügten Erde voll war
Mit der drückenden Heimlichkeit war es jetzt aus und wenn sich die Klarheit
auch nicht auf die allerschönste Weise eingestellt hatte jedenfalls war sie da
und sie wussten daheim dass er nicht mehr in die Gefangenschaft zurückkehren
wolle und könne
Das Letzte war gleich noch das Bessere denn es war unumstösslich und schnitt
alle langen Reden ab
Der Michel hob den rechten Fuß auf und schnalzte mit den Fingern ganz
übermütig war er wie es ihm so vor Augen stand dass er frei und ledig war
»Wüah hö wüah«
Rechts vom Wege pflügte der ZotzenPeter und er schrie wohl so laut damit
ihn der Freund hörte
Der ging auch gleich seitab auf ihn zu und wartete am Feldrain bis der
Peter herankam
»Gehst du scho abi«
»Ja Zerscht gehn i in d Kircha und danach muass i halt eini in d
Pfarrhof«
»Sag no «
»Na i lüag nimma lang umanand und sags an Herrn Pfarra pfeilgrad dass
mitn Schtudieren gar is und na bekümmertn ja dös ander nix«
Peter sah seinen Kameraden beinahe mit Bewunderung an Der hatte einmal
Schneid und er schaute so fidel aus als wenn er auf den Tanzboden ginge
»Jetzt host amal recht« sagte er »Bal du koa Gschtudierter nimma bist na
is ja überhaupts de Gschicht anders Und woasst was na probiern mas heunt
beim Eitel «
»Du hoscht aba do verzählt «
»Ah allaweil schiasst der alt Depp net der werd amal schlaffa aa Genga ma
halt spater zuawi«
»Woasst wenn jetzt nomal was passieret «
»Ja no ausprobiern muass ma de Gschicht und d Schneid derfst dir net
abkaffn lassen«
»Halt net so gschwind hinteranand sollt s sei Sinscht gibts ja a
schiachs Gred «
»Lass s redn De hörn scho wieda auf«
»I will dir was sagn Peter dös überleg i mir no «
»Is recht und i red amal mit da Nanni wia mas am gscheitern macha dass
der Alt nix spannt «
Ein scharfer Pfiff unterbrach das Gespräch
Oben auf der Höhe hatte der Kaspar zum Rande hergeackert und die beiden
erblickt
Er drohte mit der Faust und schrie man verstand aber nicht alles bloß das
Wort »Bazi« drang herunter
»Dir gib i scho an Bazi « murrte Peter »Aba jetzt bfüad di Good sinst
koppt da Kaschbar wieda an ganzen Tag wüah öh hott hott«
Michel ging langsam auf den Weg zurück
dabei sah er auf dem Gangsteig der vom Lukas zum Bach hinunterführte ein
Weibsbild daherkommen anscheinend war es jung denn es ging einen raschen
Schritt und der Rock blähte sich im Morgenwind
Jetzt trat der Michel auch besser aus und erst wie er am Bachrand angelangt
war wo der Gangsteig in den größeren Weg einmündete ließ er sich Zeit blieb
auch am Wasser stehen und sah so angelegentlich hinein als wollte er die Fische
zählen
dabei spähte er unauffällig wie er meinte nach dem Frauenzimmer das immer
näher herankam
Es war wirklich die Stasi und der Michel war schon wieder ängstlich und
voller Zweifel ob er sie anreden sollte und er sagte in Gedanken eine Anrede
her
Das Mädel lachte aber nicht so freundlich wie damals in Erdweg sondern
zeigte eine ernsthafte oder gar verdrossene Miene
»Ah « machte der Michel und lüpfte den Hut »ah «
»Guad Morgn« sagte die Stasi und war schon vorüber
Der Michel hielt Schritt neben ihr und räusperte sich
»Wia gehts denn Stasi«
»Guat«
»Host « Es fiel ihm nichts mehr Rechtes ein und außerdem das Mädel ging
so schnell dass sich eine Unterhaltung schlecht machte
»Warum laffst denn a so« fragte der Michel
»Weil i in d Kircha geh «
»Da is do no Zeit gnua Über a halbe Stund «
»So« »Is dir net recht dass i mitgeh«
»I ko dirs net vabiatn Der Weg is für alle Leut da «
»Ah so No ja i ko aa hint bleibn aba gar so unfreundli brauchast
d aa net sei«
»I hab do nix gsagt«
»Grad weils d nix sagst selbigsmal bist d ganz anderst gwen«
»M hm Und deswegn hast di du so viel bekümmert um mi «
»I Schau i waar ja gern aba i hab net gwisst schau es hat si
halt net gebn «
»Is scho recht ja Und für de schlechtn Weibsbilda laffst Stunden weit
umanand De selln woasst du scho zfinden «
»Ah geh dös is ja alls net a so « Stasi blieb stehen und schaute ihren
alten Schulkameraden zornig an
»Wias di no net schaamst dass di wegn so an Schlampen ins Gredt bringst
Da waar i mir do scho z guat dafür«
»I kenn s ja gar it«
»Net kenna Und laffst bis auf Riad ummi Dös muasst wem andern vazähln«
»Gwiss net Stasi Schau es is halt so a Gspass gwen i i «
»Dös is de Lüaderlichste in der ganzen Gegend Was de scho für Stückl
gliefert hat dös mag mi ja gar it sagn Aba natürli wia s was schlechts
wissen da lassen de Burschen zuawi und da Herr Schtudent muass aa dabei sei So
was gräuslichs da tat i mi schaama «
»I bin halt dazua kemma und hab gar net gwisst wia und was «
»Ja freili Und auf d Loata bist im Schlaf aufi gstiegn «
»Balst mi vazähln lasst nacha sag i dirs ganz aufrichti wias gwen is
«
»Mi gehts ja nix o und i möcht mi scho gar net bekümmern um so was Waar
ma scho gnua«
Aus Stasis Augen blitzte die Neugierde als sie sich so heftig gegen die
Mitteilung wehrte aber das sah der Michel nicht er wollte sich bloß gegen die
schlechte Meinung seiner Spielkameradin wehren
»Mir hamm halt gmoant mir möchtn amal no ja «
»Wer mir Da ZotznPeter natürli den kennt ma scho und vo dem host di du
aufredn lassen Da hättest do du da Gscheiter sei müassn«
»I bin do gar nix bekannt da umanand schau Und von dem selln Madel hab i
meiner Lebtag nix ghört ghabt «
»Und da habts ös ausgmacht dass s oafach higehts dazua«
»No ja a so halt net «
»Was aba dös für oani is zu der ma mittn bei da Nacht zuawi lafft dös
host dir du net denkn könna gel na«
»Da han i gar net viel nachdenkt über dös Weil da Peter gsagt hat
no ja und weil i halt no gar nia dabei gwen bi bei so was «
»Und da muass ma do dabei sei net Weil dös scho was is«
»Intressiert hätts mi halt schau «
»Wia ma no so was sagn mag Und na bist oafach nüber glaffa«
»Ja «
»Und host gar it denkt wia schlecht dass dir so was osteht«
»Denkt han is scho I waar aa liaba umkehrt«
»Dös sagst d jetzt«
»Na Stasi gwiss is wahr Koa Freud hab i an dera Gschicht überhaupts net
ghabt und bei jedem Schritt hab i mir denkt geh lass s guat sei Kehr um
Aba natürli na hab i mi do wieda gschaamt«
»Über dös hättst di net schaama braucha«
»No ja schau dass ma halt ausglacht werd hab i mir denkt «
»Na ös seids Leut Von de Burschen is do oana wia der ander Mitn
schlecht sei prahlt si jeda und mitn Anstand schaamt sie oana«
Michel nickte beistimmend zu den tüchtigen und richtigen Ansichten der Stasi
und dachte nun habe er seine Beichte würdig beschlossen
Aber das Mädel hatte seine Scheu vor dem gräuslichen Begebnis ganz verloren
und wollte die Partie bis zum Schluße miterleben
»Und nacha seids also ummi« fragte sie
»Freili nacha san ma ummi«
»Und is zerscht da Peter aufi dazua«
»N na da bin scho i aufi«
»Und hoscht nix gwisst von ihr und hoscht as nia gsehgn ghabt«
»Na «
»Ja is dir dös ganz gleich gwen was sie für oane is und wia sie
ausschaugt«
»Dös sell net aba no ja da Peter hat d Loata gholt und i bin amal
aufigstiegn und dös ander han i mir denkt dös ander wer i nacha scho sehgn
«
»Ja wia ma no so sei ko Und wias d as gsehgn hoscht hats dir da net
graust«
»Na graust net Überhaupts han i s gar net richti gsehgn weils
ganz dunkel war und no ja weils na a so glei dahi ganga is «
»In d Kamma«
»Na in d Kamma bin i wohl net eini kemma Hat ja scho da Knecht auf mi
her gschlagn «
»Nacha bischt überhaupts net eini«
»Na«
Wenn Michel mehr Erfahrung gehabt hätte wäre ihm vielleicht aufgefallen
dass die Stasi in ihrer Strenge nachließ und freundlicher wurde
Aber er merkte es nicht und er wollte nur das was an jenem Abend erfolgt
war mit Stillschweigen übergehen
»Net bischt eini«
»Na «
»Warum it Hats di am End do no greut«
»Na Dös kann i eigentli net sagn «
Michel war zu ehrlich oder zu wenig vertraut mit der Art wie man wieder
eine Brücke schlagen kann zum Vertrauen und zur Verzeihung eines braven Mädels
Wie leicht hätte er es gehabt zu sagen dass sein besseres Ich im
allerletzten Augenblick doch noch gesiegt und ihm den Fuß zurückgehalten habe
als er schon einsteigen wollte
Aber er blieb ganz unklug bei der Wahrheit
»Na waarst d wirkli eini« fragte Stasi und der Verdruss stieg schon wieder
in ihr auf
Da hatte aber der Michel doch den guten Einfall und sagte
»I glaab net «
»Warum glaabst it«
»No ja a so halt überhaupts hats mi gar it recht gfreut und i
hätt ja a so net gwisst was i na sagn hätt solln «
»Geh hör auf«
»Na gwiss iss wahr I hab mi so hart gredt damit weil i s do it kennt
hab und da is mir na gar nix eigfalln «
»Ja es waar dir scho was eigfalln «
Michel schüttelte den Kopf und bekam zufällig mit seiner rechten Hand die
linke der Stasi zu fassen Sie zog sie nicht zurück sondern schlenkerte sie
vertraulich mit der seinen hin und her wie in alten Zeiten als jedes noch den
Schulranzen auf dem Buckel hatte
»Dös sagst du grad a so« begann sie wieder »Du bischt halt a wia de
andern und am End hättst du dem abscheilinga Weibsbild recht schö to «
»Mit dem kenn i mi do gar it aus I hab ja no mit koana über so was
gredt «
Stasi sah ihn von der Seite an und sein unbeholfenes und schüchternes Wesen
sagte ihr deutlich dass er nicht gelogen habe
»Dös waar a schöner Ofang gwen« sagte sie vorwurfsvoll
»Ja no «
»Aber i woass scho schuld is grad der ZotzenPeter Dem hat dös passt dass
er di auf so was bringt Der is ja bekannt für dös «
Michel gab seinen Freund preis
»Ja bal der net gwen waar mir waars freili net eigfalln I hätt mi
überhaupts net traut dass i zu an Madel was sag «
»Traun Bal s a richtige is derf ma si traun gnua aber da muass ma do
an Unterschied macha «
»Aba «
»Was«
»I moan weil du sagst a richtiges Madel da ko ma do scho gar it higeh
dazua «
»Warum it«
»No ja Da ko ma si do scho gar it traun «
»Geh«
»Hättst «
Er blieb stecken
»Was willst d sagn« fragte Stasi und scklenkerte heftiger mit der Hand
»Hättst du mir dös verlaubt dass i zu dir kemma waar«
Sie lachte herzhaft
»So amal gwiss net Dass du grad bei da Nacht daher gschloffen waarst und
ans Kammafenschta klopft hättst«
»Siehgst as « sagte Michel kleinlaut
»Dös werd aa net sei müassn Zerscht muass ma do scho redn mit anand und
no ja zerscht muass ma do scho ganz anderst bekannt sei mit anand
Und überhaupts« fügte sie hinzu »bei ins gang dös scho gar it Was glaabst
denn wann da Vata was spannet Jessas Da mag i gar it dro denkn «
»Ja freili «
»Ma braucht do it ans Kammafenschta kemma ma ko ja aa so mit anand redn
«
»I hab di nia gsehgn net amal von der Weitn«
»Ja no in der Arndt da hat mi koa Zeit Aba «
Diesmal blieb Stasi mitten im Satz stecken
Der Michel half ihr nicht darauf und sie musste schon allein die Fortsetzung
finden
»Jetza wos nimma gar so viel Arwat gibt kannt ma si scho amal treffa «
»Aber wo« fragte der unbeholfene Mensch statt dass er gleich lichterloh in
die Höhe gebrannt wäre
»No ja da gibts allerhand Platz I muass a so de nächst Woch Tannazapfn
klaubn hat d Muatta gsagt «
»Tannazapfen «
»Ja im Weiherer Hölzl«
»Da kannt i ja a weng mitklaubn«
»Warum net Du muasst halt geh vor d Muatta kimmt dass di neamd siecht
zwegn der dumma Feindschaft «
»Ah ja dös wenn net war nacha kannt i aa hie und da in Hoamgartn komma«
»Bei ins werd eigentli von dem gar nix gredt« sagte Stasi »aba dei Vata
warmts allaweil wieda auf und nacha is halt der inser aa belzi«
»Aber ins Weiherer Hölzl derf i kemma Wann denn«
»Wann Ja i moan am Deanstag «
»Gilt scho Stasi «
»Aba dös sag i dir glei bals d no amal mitn Peter umanand ziahgst
schaug i di fei nimmer o « »Gwiss nimma «
»Jetzt lass aus da vorn sehgat ins de alt Puchrainerin de specht an ganzen
Tag aus ihran Fensta und bfüad di Good bal oan de in der Reissen hat «
Michel gab ihre Hand frei vor sie ums Eck kamen und vom ersten Hause aus
gesehen werden konnten
Er blieb stehen und ließ Stasi allein voran gehen
Als er ihr nachfolgte sah er richtig die Puchrainerin wie eine Hexe hinter
ihrem kleinen Fenster hocken
Kaum war er vorbei so huschte sie aus dem Zuhäusel heraus und schaute dem
sündhaften Studenten über den Zaun nach
Und gegenüber kam die Rauscherin unter die Türe und verfolgte auch den
abtrünnigen Menschen mit ihren Blicken
Gleich nachher standen die zwei Alten beisammen und wisperten sich ihre
Meinungen zu
»Da Herr Pfarrer werd eahm vorgladen hamm Moanst it«
»Freili Hat mas ja d Fräuln Anna gsagt dass da Mesmer gestern zum Ruepp
aufi ganga is «
»Jessas Da werds was gebn«
»I woass it Puachrainerin Da Pfarra is koa scharfa D Fräuln Anna sagts
aa dass er viel z lau is Gehst d jetzt in d Mess Na geh i mit«
Sie gingen miteinander durchs Dorf und wenn der Wind die Zipfel ihrer
Kopftücher fasste sah es aus als flatterten ein paar schwarze Zungen in der
Luft
Nach der Kirche ging Michel in den Pfarrhof sein Herz war bedrückt und die
fröhliche Zuversicht die ihn am Morgen erfüllt hatte war gleich verflogen als
er an der Glocke zog
Die Pfarrerköchin die im Dorfe als Verwandte des hochwürdigen Herrn d
Fräuln Anna genannt wurde öffnete selber
Sie war ein rundliches gutmütiges Frauenzimmer das bloß als Wächterin
aller Heiligkeit ein wenig Schärfe und im Umgange mit den eifrigsten
Betschwestern des Ortes richterliche Strenge angenommen hatte
»Ah da Herr Schtudent« sagte sie »Lassen S Ihnen doch auch amal im
Pfarrhof sehn«
»Ja i waar ich wär schon lang kommen aber i hab halt bei der Arbeit
mitgholfen«
»Natürli das geht vor no ja wollen S jetzt zum Herrn Pfarrer
nauf«
»Ich bin so frei wenn er daheim is «
»Er hat Ihnen doch herbstellt net Freilich is er daheim Gehen S nur
naufs Zimmer wissen S ja noch net«
Michel machte eine linkische Verbeugung und schlich behutsam über die Treppe
hinauf
Vor der Türe des Studierzimmers schnaufte er noch einmal tief auf und
klopfte
»Herein«
Der Pfarrer Holderied ein hochgewachsener dabei aber ziemlich beleibter
Herr schrieb an seinem Stehpulte und wandte sein freundliches Gesicht dem
Eintretenden zu
»Ahan Der Studiosus No Michel jetzt setz dich amal aufs Kanapee Die
Bücher kannst ja wegschieben so und jetzt lass dich amal anschauen Groß
bist worn und eine Breiten hast d kriegt Du musst ja in deiner Klass drin
stehen wie der Gulliver unter den Zwergen In der wie vielten bist d jetzt«
»In der siebenten «
»Siebenten also zweiten Gymnasialklass älterer Ordnung Da bist d aber
schon ein sehr ausgewachsener Sekundaner «
Michel räusperte sich und setzte zu einer Rede an die er sich ausgedacht
hatte
»Ich wollte dem Herrn Pfarrer nur mitteilen dass indem ich wegen meiner
Jahre indem mir der Herr Rektor gesagt hat dass ich das Alter überschritten
habe und nicht noch einmal repetieren darf «
Der Pfarrer zog die Luft hörbar durch die Zähne
»Auweh hats wieder was Net aufsteign dürfen«
Michel nickte bejahend und wollte fortfahren »Dadurch dass mir der Herr
Rektor mitgeteilt hat dass ich zu alt sei «
»Auf deutsch sie lassen dich nimmer repetieren in Freising Und mitn
Studium is s aus«
»Leider «
»No leider «
»Oder wenn der Herr Pfarrer erlauben möcht ich sagen ich bin eigentlich
froh indem dass «
»Jawohl Indem dass du nie dazu passt hast Is ja eine Schinderei an Buben
mit Gwalt abrichten wollen Da herin in dem Zimmer hab ichs deim Vater
gsagt und habn gwarnt Is ja ein Unsinn Weil sichs der Alte einbildt muss
der Junge studieren Sonst brauchts ja nix Und jetzt sin mir so weit wie mir
vor Jahren hättn sei können Was sagt denn der Vater jetzt dazu«
»Da Vata Der weiß no gar nix« sagte Michel der sich recht erleichtert
fühlte
»Der muss es aber doch zu allererst wissen «
»I hab gmeint wenn vielleicht da Herr Pfarrer die Güte haben möchten «
»I Also i soll ihm diese Hiobspost beibringen Aber ich mein doch Michel
das is deine Pflicht und Schuldigkeit dass du offen mit ihm redst und ihm
Rechenschaft ablegst«
»Ja aber entschuldigen Herr Pfarrer ich glaub mich lasst er gar net
richtig ausreden und nachher ich hätt was vor und da glaubt er mir net dass
es mir Ernst is «
»Vorhaben tust was No darf ma das net wissen«
»Ja eigentlich weiß ich natürlich auch net ob es das Richtige is aber ich
mein halt weil ich jetzt doch so lang in der Schul war und indem dass ich das
heißt damit vielleicht doch noch was rausschaut dabei hätt ich gmeint ob ich
net anderthalb Jahr oder zwei in die landwirtschaftliche Schul gehen sollt«
»Ein Landwirt willst werden Das is fei gar net so unvernünftig«
»Wenn mir der Herr Pfarrer helfen möchten Ich hab alleweil dazu Freud
ghabt und zu dem andern da hab ich halt gar net passt«
»Das kann ich dir bestätigen mein lieber Michel Vom ersten Tag an hab ich
gsagt es ist Unsinn Ah Es ist schon wirklich strafbar dumm einen jungen
Menschen so hermartern Deine Zeugnis in den ersten Jahren haben einem das ja
gezeigt Was hab ich deim Vater zugredt aber nein Er muss und muss«
»Vielleicht wenn der Herr Pfarrer jetzt mit ihm reden «
»Hm No jedenfalls kann ich amal deim Vater sagen dass s mit dem
Studieren aus und gar is Die Gewissheit haben wir«
»Jawohl« bestätigte Michel
»Schön Und damit kommt die Frage was gschieht jetzt Will er nix mehr
tun und du musst gleich einen Bauernknecht machen nachher sind die ganzen neun
Jahr verloren Kann und will er dich nach Weihenstephan gehen lassen so is das
ein Ausweg der beste und vielleicht der einzige Ich wills ihm vorstellen
Obs bei deim Vater was hilft natürlich das weiß ich nicht«
»Mehr schon als wann d Mutter was sagt oder ich «
»Bis dato hab ich noch wenig Erfolg ghabt Das werden wir also abwarten
müssen Tja und jetzt haben wir noch was miteinander zreden«
Michel wollte den Pfarrer fragend oder erwartungsvoll ansehen aber er
fühlte wie er brennrot wurde und schlug die Augen nieder
Dem geistlichen Herrn der sich an das Stehpult lehnte huschte ein leises
Lächeln um die Mundwinkel und vielleicht hatte er wie jener Hellene mehr
Wohlgefallen an Jünglingen die erröten als an jenen die erbleichen
Er trommelte leise mit den Fingern aufs Pult und ließ eine wirkungsvolle
Pause herrschen
Dann fragte er »Hast d vielleicht ein bissel eine Ahnung«
»Ja « kam es leise zurück
»Mir sind wahre Räubergschichten erzählt worden von einem Herrn Studenten
der unsern Burschen beim Fensterln Konkurrenz macht und mit eifersüchtigen
Knechten wahre Schlachten liefert Ist da was Wahres dran«
»Verzeihen Herr Pfarrer ich hab mich allerdings verleiten lassen «
»Verleiten Das is ein Wort das ich net gern hör Da steckt so was drin
als wollt man die eigene Schuld auf einen andern abwälzen Ich bin der Ansicht
wenn man was verbrochen hat muss man selber dafür einstehen«
Der Vorwurf saß
Im Michel schoss blitzartig die Erinnerung daran auf wie gutmütig der
ZotzenPeter bereit gewesen war alle Schuld auf sich zu nehmen und er sah
sogleich dass er im Begriffe gewesen war die Kameradschaftlichkeit auf eine
recht jämmerliche Art zu erwidern
Er verstand dass sich dieser Rückfall in gewisse unschöne Seminarmanieren
kläglich ausnahm und er gab sich einen Ruck
»Wenn Herr Pfarrer erlauben ich möcht es nicht auf einen andern schieben«
»Das erlaub ich sehr gern Also gfensterlt haben wir«
»Ja «
»Und sind dabei erwischt worden«
»Ja «
»Den weiteren Verlauf kann ich mir schon denken Nach Ortsbrauch Prügel hin
und Prügel her «
»Ich bin nicht dazu kommen «
»Zum Austeilen Also bist du bloß leidender Teil geworden«
»Eigentlich schon«
»No dann hast du ja schon eine nachdrückliche Belehrung gekriegt und das
was ich dir sagen will hinkt sozusagen hinterdrein Jetzt sag mir aber warst
du schon öfter in Ried drüben«
»Nein «
»Oder hast sonstwo so Leiterübungen gmacht«
»Gwiss net Herr Pfarrer Ich hab überhaupt «
»Was überhaupt«
»Ich hab gar net recht gwußt was ich tu «
»So No ungefähr wirst ja eine Ahnung ghabt haben Jetzt lass dir was
sagen Wenn du noch im Sinn hättst ins Gymnasium zurück z gehen dann wär
die Gschicht sehr schlimm Denn wenn ich auch darüber geschwiegen und keine
Anzeige gemacht hätte wär es doch kaum zu vertuschen gewesen Es gibt Leute
männliche und weibliche die ihren Eifer damit beweisen wollen dass sie die
Sünden ihrer Nebenmenschen nicht durchgehen lassen und die unbedingt eine Sühne
haben wollen für das was andere verbrechen Ich bin überzeugt dass dein Rektor
mehr wie eine Zuschrift kriegt in der deine Geschichte mit den allergrellsten
Farben geschildert wird Ich weiß das weil man mir selber die Sache zugetragen
hat Die Leute hier haben in dir schon einen halben Geistlichen gesehen und
auch die Gutmütigen die Wohlmeinenden haben von dir eine Aufführung erwartet
die unserm Stande entspricht Die andern und an denen fehlts nicht haben sich
natürlich mit einer wahren Freude auf diese Sache gestürzt Die sind immer
dabei unserm Stand was anzuhängen und tun ja so nichts als aufpassen ob sie
nicht ein Mäkelchen an uns finden Darin sehen sie ihre besondere Frömmigkeit
und ein großes Verdienst Außerdem weißt du ja dein Vater hat es den Leuten
immer unter die Nase gerieben dass er besser sei wie sie weil sein Sohn einmal
Geistlicher werde Wenn sie ihm jetzt diese Hoffnung vereiteln könnten hätten
sie noch ein Extravergnügen Es ist sehr hässlich dass es solche Charaktere in
einer kleinen Gemeinde gibt aber es gibt sie und ich weiß davon genug dass ich
es behaupten darf
Kurz und gut deine Verfehlung hätt dir wahrscheinlich oder gewiss die
Laufbahn versperrt denn was im Gymnasium erfolgt wäre das weißt du ja selber
Jetzt schau amal an Wann du wirklich selber Lust zu unserm Berufe hättst wär
alles verscherzt wegen einer flüchtigen Laune Weil du nicht die Kraft gehabt
hast einer Versuchung zu widerstehen
Das kannst du dir für dein ganzes Leben merken Mit einer einzigen Dummheit
mit einer flüchtigen Schwäche kann die Frucht vieler Jahre verloren gehen und
kann ein ganzes Leben zerstört werden Nun ist der Fall bei dir ja anders und
wenigstens in seinen Folgen net so schlimm Du willst Landwirt werden und für
den Beruf ist die Geschichte nicht so verhängnisvoll und die Leute werden sie
auch anders beurteilen wenn sie wissen dass du den geistlichen Rock nicht
tragen willst Aber schön ist sie deswegen auch nicht Man tut net alles was
einem grad einfallt man legt sich Rechenschaft ab und verweigert sich das was
man nach der Stimme seines Gewissens als unrecht erkennt Wenn du Landwirt wirst
und auf einem größeren Gut lernst da kommt die Versuchung oft an dich heran
Gibst du nach dann verlierst du die Achtung von deinen Vorgesetzten und den
Respekt bei deinen Untergebenen
Man muss in jedem Stand ein reinlicher Mensch sein der seine Pflicht
erfüllt So das hab ich dir sagen wollen und jetzt denk nach darüber und
wegen dem andern da will ich sehr bald mit deinem Vater reden Ich wünsch dir
alles Gute für deine künftige Laufbahn Und wenn ich dich so anschau muss ich
sagen du passt auch besser dafür als Studiosus warst du mir schon gar zu
ausgewachsen Adje«
Michel zog nach ehrerbietigen Verbeugungen die Türe hinter sich zu und sah
wieder nicht wie der Herr Pfarrer Holderied von seinem Stehpulte aus ins Grüne
hinaussah und lächelte
Als er durch den gewölbten Gang schritt schellte die Glocke und wie er die
Haustüre öffnete stand die Puchrainerin davor
»Gelobt sei Jesus Chrischtus ah dös is ja der Michi Bischt du beim
Herrn Pfarrer gwen Hoscht d gwiss «
Er gab ihr keine Antwort und ging an ihr vorbei ins Freie
»Der muassn schö zsammputzt hamm« murmelte die Alte vor sich hin und ging
rasch in die Küche wo sie von Fräulein Anna die aufregendsten Neuigkeiten
erwartete
Zwölftes Kapitel
Der Rueppbauer fuhr in seinem Bernerwägerl den Dachauer Berg hinauf am
Unterbräu vorbei Er schielte hinüber und sah den Wastl breitbeinig unterm
Haustor stehen und ihm nachschauen
»Schaug no zua« brummte er vor sich hin »Lackl vadächtiga du hast dös
letzte Fufzgerl von mir kriagt«
Gewiss ahnte der Wastl die unfreundliche Gesinnung denn der Ruepp hatte seit
Jahren bei ihnen eingestellt und wenn er jetzt vorüberfuhr und sich einen
andern Unterstand suchte war es leicht zu erraten dass er belzig war
Aber das schuf ihm keine Reue denn er war ein Mann der Gerechtigkeit auf
der Welt haben wollte und wenn einer hinausgeschmissen werden musste nach
Verdienst und Recht dann schmiss er ihn hinaus
Da gab es keine langen Erwägungen und keine kleinlichen
Geschäftsrücksichten
Er tat nicht dergleichen und vielleicht ging das Ereignis überhaupt spurlos
an ihm vorüber denn wie gleich darauf der Unterbräu herauskam und sich neben
ihn stellte und dabei nach seiner Gewohnheit die langen Lappen seiner
Ohrwascheln in die Muscheln einkniff sagte der Wastl kein Wort davon dass der
Ruepp so abweisend an ihm vorbeigefahren sei
Oben auf dem Berge wo eine Straße zum Amtsgerichte abzweigte hatte der
Ruepp noch eine andere unangenehme Begegnung
Vom Gerichte herunter kam der Unterhändler Schlehlein und neben ihm ging
eifrig redend und gestikulierend ein städtisch gekleideter Mensch der dem Ruepp
bekannt vorkam Er hatte nicht lange Zeit ihn zu beobachten denn die beiden
hatten ihn nun auch erblickt und steckten die Köpfe zusammen
Der Schlehlein nickte zu irgendeiner Bemerkung bestätigend mit dem Kopfe und
lachte höhnisch
Die hatten von ihm geredet und plötzlich fiel es dem Bauern ein wo er den
andern schon gesehen hatte
Das war ja der Pfleiderer der Zuchtäusler der Verwandte von der alten
Loni
So so
Da steckten also die zwei beisammen
Freilich selbiges Mal aus der Fahrt von Schwabhausen her hatte ihm ja der
Schlehlein erzählt dass er den Menschen gut kenne Und er hatte ihm damals
gesagt dass er für die Loni den Notar zum Testamentmachen holen wolle
Herrgott wie dumm das gewesen war Gegen so einen Spitzbuben war doch jedes
Wort zuviel Und hernach freilich hernach hatte er ja beim Heimfahren dem
betrügerischen Haderlumpen die Peitsche um die Ohrwaschel geknallt
Und jetzt steckten sie beisammen
So so
Dann hatte der Schlehlein dem andern allerhand zugetragen und ihn
aufgeredet
Der Ruepp war sehr verdrießlich und nachdenklich als er beim Zieglerbräu
ausspannte
Die zwei gingen an ihm vorüber zum Hörhammer hinunter und drehten sich ein
paarmal nach ihm um und jedesmal lachte der Schlehlein recht dreckig
»Lach no Wern ma nacha scho sehgn obs ös was machn könnts Waar ja
net übi wenn ma si vor so a paar Gauner aa no ferchtn tat«
Er war aber doch recht beklommen als er gleich darauf den Berg zum
Amtsgericht hinaufging
»Wegn einer Verlassenschaft« fragte ihn der Gerichtsschreiber »Da müssen
S übern Gang nüber ins erste Zimmer Was«
»Ja muass i da «
»Dös wird Ihnen schon der Herr Amtsrichter sagn was S müssen I hab koa
Zeit «
Drüben klopfte der Ruepp an
»Herein«
Ein dicker Herr sah über seinen Zwicker weg auf den Eintretenden
»I kumm wegen dera Sach«
»Was für eine Sache« fragte der Amtsrichter unwirsch
»Weil i vorgladen bin zwegn der alten Loni«
Ein Schreiber der in der Ecke saß und eifrig kritzelte wandte sich halb um
und sagte es handle sich vermutlich um die Sache Amesreiter
»Ja zwegn dera is «
»Ach so Das müssen Sie halt gleich sagen zum Erraten hab ich keine Zeit
«
Der Amtsrichter zog einen Akt aus anderen hervor und blätterte darin
»Sind Sie der Michael Umbricht Rueppbauer«
»Jawoi«
»Hm so übrigens Sie sind auf zehn Uhr vorgeladen jetzt ist es erst
halb«
»I hab mir denkt vielleicht dass i was derfrag weil i net woass zwegn
was dass i da eina muass «
Der Richter wollte den Ruepp schon abweisen als irgend etwas seine
Aufmerksamkeit erregte
»Bei Ihnen hat diese Apollonia Amesreiter gewohnt«
»Freili Guatding zwanzg Jahr «
»War sie bedienstet bei Ihnen«
»Ja In da letztn Zeit wia sie alt worn is und krank da hamma s a so
ghalten«
»So Mhm Sie haben beim Bürgermeister angegeben dass kein Vermögen da
sei «
»Jo Dreihundertvierasiewazg March und eppas Pfenning Hats da Burgamoasta
selm zählt«
»Dreihundertvierundsiebzig m richtig «
»I ho de Schachtel überhaupts it aufgmacht De hat da Burgamoasta vor meina
aufgmacht«
»Was für eine Schachtel«
»Da Loni de sei A so a Pappadeckelschachtel is gwen und mit an Spagat
zuabundn «
»Die haben Sie vorher nicht geöffnet«
»Na Für dös is da Burgamoasta Zeugen«
»Wieso Zeuge Der kann doch nicht wissen was Sie daheim mit der Schachtel
angestellt haben«
»I ho durchaus gar nix ogstellt I hab s eahm akrat a so bracht wia s
im Schrank drin gwen is«
»So Und da waren dreihundert Mark drin«
»Dreihundertvierasiewazg March und eppas Pfenning«
»Und der Bürgermeister hat vermerkt dass der Betrag kaum hinreiche zur
Deckung der Beerdigungskosten und der Bezahlung eines Grabsteines «
»Den Grabstoa lass i setzen Dös hab i an Burgamoasta scho gsagt und bei
dem bleib i steh «
»So «
»Weil sie a richtige Person gwen is und weil i mir nix nachsagn lass«
»Das klingt sehr schön aber da kommt noch was nach Es hat sich nämlich ein
Erbe gefunden ein Verwandter der Verstorbenen «
»Was waar na dös für oana«
»Das werden Sie gleich hören Ein gewisser Simon Pfleiderer Aktuar oder
Schreiber in München«
»Der Bazi«
»Unterlassen Sie solche Ausdrücke Die schicken sich nicht da herin«
»Mi derf do sagn dass oana a Lump is der zwegn an Stehln im Zuchthaus
war Durch dös hat ja de alt Loni a Testament macha wolln«
»Ein Testament Also Da deckt sich ja Ihre eigene Aussage mit der des
Pfleiderer Jetzt erklären Sie mir einmal wenn nichts da war wegen was hat
denn die Amesreiter ein Testament machen wollen«
»Durch dös weil sie net wolln hat dass der sell Lump eppas kriagt Dös hat
sie schriftli macha wollen«
»Wenn nichts da war Das ist ja Unsinn«
»Sie hat dös ausdrückli gsagt dass sie mit dem Menschen durchaus gar nix z
toa hamm will Da san Zeugen da für dös «
»Dann muss sie doch etwas besessen haben Sonst ist es ja lauter Blödsinn«
»In dera Schachtel war net mehra wia dreihundertvierasiewazg March und
eppas Pfenning Dös muass da Burgermoasta aufweisen«
»Sie reden immer von der Schachtel War nicht anderswo Geld aufgehobn«
»Da war nix vorhanden«
»Keine Pfandbriefe Keine Schuldscheine«
»Koan Schuldschei hab i überhaupts it aus gstellt«
»Sie haben keinen ausgestellt Also sind Sie oder waren Sie was schuldig«
»De dreitausad Mark de wo sie mir gebn hat «
Der Amtsrichter stand von seinem Stuhle auf und schaute den Ruepp unwillig
an
»Was sind denn Sie eigentlich für ein hinterhältiger verdruckter Mensch
Beim Bürgermeister haben Sie kein Wort davon gesagt und jetzt «
»Er hat ja mi gar it gfragt «
»Unterbrechen Sie mich nicht Und jetzt muss man Ihnen jedes Wort
herauspressen und da kommt nach und nach das Geständnis dass die Verlebte eine
Forderung von dreitausend Mark an Sie hatte «
»Bal mi da Burgamoasta gfragt hätt nacha hätt is eahm aa gsagt«
»Stellen Sie sich nicht so dumm Sie haben recht gut gewusst dass Sie die
dreitausend Mark jetzt an die Erben zahlen müssen«
»Na dös hab i net gwisst und zahlen muass is überhaupts it«
»Was«
»Na weil dös ausgmacht war dass i dös Geld zruckzahln ko wann i mag und
bal is leicht zahln ko« »So«
»Ja Dös hat de alt Loni net grad oamal gsagt und für dös hon i Zeugen«
»Das werden Sie mit dem Erben auszumachen haben«
Es klopfte und zur Türe schob sich der Aktuar Pfleiderer herein der sich
mit zur Schau getragener Unterwürfigkeit verbeugte hinter ihm kam der
Unterhändler Schlehlein der sein Maul zu einem höhnischen Lachen verzog als er
den Ruepp sah
»Was wollen Sie« fragte der Amtsrichter
»Wenn Herr Oberamtsrichter entschuldigen mein Name ist Pfleiderer und komme
«
»Sie sind vorgeladen und Sie«
»Schlehlein is mein Name Ich bin quasi als Zeugen mitganga indem ich gegen
den Angeklagten eine Zeugschaft ablegen kann «
»Da herin gibt es keinen Angeklagten und keinen Zeugen«
»Indem dass ich bestätigen kann dass dieser betreffende Ruepp zu mir gsagt
hat dass er an Notari holen will «
»Sie haben gar nichts zu bestätigen und verlassen jetzt das Zimmer Ich kann
Sie da herin nicht brauchen«
»Indem dass ich aber «
»Ich sags nicht nochmal gelt Sie gehen hinaus«
Schlehlein entfernte sich zögernd und warf seinem Freunde Pfleiderer noch
einen vielsagenden Blick zu
Dieser dienerte wieder ein paarmal und sagte
»Der Herr Oberamtsrichter werden entschuldigen wenn ich mir in betreff
dieses Zeugen eine Bemerkung erlaube «
»Sie haben jetzt gar nichts zu bemerken«
Der Amtsrichter dem der schielende unterwürfige Mensch sichtlich zuwider
war blätterte im Akt herum und räusperte sich
»Nach den Ausweisen sind Sie der nächste Verwandte der verstorbenen
Apollonia Amesreiter«
»Jawohl wenn Herr Oberamtsrichter gestatten meine Mutter war sozusagen die
einzige Schwester der Erblasserin«
»M hm ja Andere Verwandte sind nicht vorhanden«
»Nein wenn Herr Oberamtsrichter gestatten«
»Sie haben geltend gemacht dass Vermögen vorhanden sein müsse«
»Jawohl Sozusagen ein größeres Vermögen indem die Erblasserin seinerzeit
viertausend Mark aus ihrem elterlichen Anwesen in Ortofen erhalten hat Dafür
sind die Nachweise zu erbringen wenn Herr Oberamtsrichter gestatten und wenn
ich mir die Bemerkung erlauben darf indem nämlich die Rubrikatin diese
Amesreiter lange Jahre im Dienst war und sozusagen anzunehmen ist dass sie
ihren Lohn ersparte«
»Fürs Gwand braucht mi na gar nix« unterbrach ihn der Ruepp in grobem
Tone
»Sie sind jetzt nicht gefragt«
Der Richter wandte sich wieder an Pfleiderer
»Also Sie wollen sagen dass sich die Verlebte zu den viertausend Mark noch
weitere Ersparnisse gemacht habe«
»Jawohl und indem von der beklagtischen Seite die Behauptung ausgestellt
ist dass sozusagen überhaupt nichts vorhanden war so wirft dies natürlich ein
schiefes Licht auf den Betreffenden«
»Ja da ist inzwischen eine Aufklärung erfolgt Der Umbricht gibt an dass
ihm seinerzeit wann war das eigentlich Wann haben Sie das Geld bekommen «
»Dös woass i nimma so gnau A vier a fünf Jahr werds her sei« brummte der
Ruepp »Aber sie hat dös ausgmacht «
»Das kommt später Also der Umbricht erklärt dass er dreitausend Mark als
Darlehen erhalten habe«
»Ahan« rief Pfleiderer
»Erhalten habe und er gibt weiter an dass die Amesreiter die Rückzahlung in
sein Belieben gestellt habe Jedenfalls besteht die Forderung und gehört zum
Nachlass Vielleicht einigen Sie sich darüber wann und wie das Kapital
zurückgezahlt werden soll«
»Nacha waars a so dass s der kriagat«
»Allerdings «
»Und bal i Zeugen für dös herbring dass de Alt durchaus wolln hat dass dös
Geld auf mein Buabn ummigschriebn werd«
»Wenn kein Testament vorliegt ist der gesetzliche Erbe Ihr Gläubiger«
»Wia ko denn dös gsetzli sei bal i eigens um an Notari gfahren bi und
dös woass ja der ander der Schlehlein weil er bei mir aufghockt is und da hab
is eahm gsagt«
»Das kann stimmen oder nicht stimmen jedenfalls ist es ganz gleichgültig«
»So Da derf na a Mensch sein Willn it hamm Und dös kann i beweisn dass
d Loni an öften gsagt hat der Zuchtäusler derf nix kriagn«
»Wenn Herr Oberamtsrichter entschuldigen aber ich lass mir keine Invektiven
durchaus nicht bieten von einem Menschen der wo als Erbschleicher gewissermaßen
eruiert ist «
»Nur Ruhe Net wahr Da herin dulde ich keine Streiterei«
»Indem er mir sozusagen mein Unglück vorwirft «
»Is vielleicht it wahr dass d in Zuchthaus gwen bischt Is it wahr dass di
de Alt ausgwiesen hat«
»Sie sind ruhig und zwar sofort«
»Bals amal wahr is«
»Das spielt hier keine Rolle Ob der Pfleiderer vorbestraft ist oder nicht
auf jeden Fall ist er der gesetzliche Erbe und hat Anspruch auf den Nachlass«
»Dös waarn Gsetza Bal mi amal gwiss woass dass de Loni den ah also
den da grad deszwegn enterbt hat weil er ihr z schlecht war «
»Reden Sie nicht immer das nämliche Wenn die Amesreiter ihren Verwandten
enterben wollte musste sie ein Testament machen Wenn sie keines gemacht hat
kommt die gesetzliche Erbfolge das ist einmal so «
»Wenn Herr Oberamtsrichter entschuldigen möchte ich betreff dieser Strafe
sagen dass ich mir mein Brot ehrlich verdiene und für den Fall dass ich durch
Leichtsinn in eine gewisse Kalamität geraten bin so ist dieses eine
Jugendsünde durch die ich genug gelitten habe«
»Is schon recht ja Ich sag Ihnen ja mich geht das gar nichts an Also
wollen Sie sich wegen der dreitausend Mark einigen Ja oder nein«
»I zahls überhaupts it« schrie der Ruepp
»No das werden Sie sich noch überlegen Und was ist mit Ihnen Pfleiderer«
»Ich kann mich nicht einverstanden erklären auch wenn der Rubrikat
gewissermaßen Zahlung leistet indem noch viel mehr dagewesen sein muss«
»Außer den dreitausend«
»Jawohl wenn Herr Oberamtsrichter gestatten indem noch bedeutende
Ersparnisse da waren und das elterliche Vermögen schon viertausend war «
»Was sagen Sie Umbricht«
»I sag dass i dem durchaus gar nix zahl «
»Bestreiten Sie dass außer dem unbedeutenden Barbestand und außer dieser
Forderung an Sie noch weiteres Vermögen vorhanden war«
»Was soll denn da gwen sei Sie hat ja do aa was braucht«
»Nun wenn sie bis zuletzt bei Ihnen im Dienst war «
»Sie kos ja aa hergschenkt hamm Was woass denn i Und überhaupts mach i
mei Gegenrechnung In de letztn Jahr hat de Alt nix mehr garbet Da wer i s
net umasunst gfuattert hamm «
»Geht jetzt alles nicht daher Antworten Sie mir auf meine Frage war
außerdem noch Vermögen da«
»Durchaus nix «
»Bestreiten Sie also Schön Dann haben Sie« wandte sich der Richter an
Pfleiderer »das Recht den Umbricht zum Offenbarungseid vorzuladen«
»Da kann i jedn Tag schwörn«
»Stellen Sie den Antrag«
»Gewiss wenn Herr Oberamtsrichter gestatten und ich möchte auch dass die
Frau den Offenbarungseid leistet«
»Das können Sie verlangen Also Umbricht Sie und Ihre Frau «
»D Afra Zwegn was müasst den de schwört De woass do gar nix«
»Das kann sie ja dann auf Eid erklären aber schwören muss sie«
Der Ruepp wurde unruhig Er stellte sich von einem Fuß auf den andern und
drehte den Hut mit den Händen
»Dös brauchts na do scho net dass zletzt no dös ganz Haus aufs Gericht
eina müasst wegn dem do «
Der Amtsrichter gab ihm keine Antwort sondern blätterte in seinem Kalender
und diese Gelegenheit benützte der schielende Schreiber um den Ruepp höhnisch
und herausfordernd anzugrinsen
Er verzog sein Gesicht gleich wieder zu einem würdigen Ernst als der
Richter aufsah und sagte
»Den Termin setze ich fest auf heut in vierzehn Tagen Ihre Frau wird
schriftlich geladen«
»Ja muass dös sei dass ma d Afra da eina sprengt«
»Das muss sein jawohl Und für heut sind wir fertig Adje«
»Dös gelangt do bal i alloa schwör «
»Nein Ihre Frau kommt mit Adje «
Pfleiderer entfernte sich nach vielen höflichen Bücklingen der Ruepp aber
blieb noch immer unschlüssig stehen als hätte er noch was zu sagen und erst
wie ihm der Protokollführer warnend zunickte ging er schwerfällig und langsam
hinaus
Auf der Gasse sah er wieder den Schlehlein eifrig mit dem Zuchtäusler
redend vor sich hergehen
»Lachts no ös «
Aber die Lumpen hatten ihm doch ein Bein gestellt und eine mahnende Stimme
in seinem Innern sagte ihm dass er leicht darüber stolpern könnte
Die Afra schwören
Er wusste wie ängstlich sie war und er ahnte dass sie von der Geschichte
von der verfluchten dummen Geschichte mehr wusste als sie bis jetzt gesagt
hatte
Herrgott wenn er selbigsmal gleich zum Notar gegangen wäre
Alles wär anders gekommen alles wär gut geworden
Der schlechte Kerl da vorn hatte ihn verführt Wenn der nicht dazu gekommen
wär Aber das half jetzt nichts mehr
Verdrossen setzte er sich beim Zieglerbräu an einen Tisch Es schmeckte ihm
kein Essen und kein Trinken
Und kaum eine Stunde später rasselte sein Wagen die steinige Straße hinunter
und aus Dachau hinaus
Dreizehntes Kapitel
Der Ruepp kam am besten über seine Kümmernisse weg wenn er sie übers Heute auf
ein Morgen und Übermorgen hinausschob
Da wollte er daran denken und fest dahinter gehen und schon eine Hilfe
finden wenn er sich das vorgenommen hatte warf er die Last die auf ihm lag
ab und säuberte sich den gegenwärtigen Tag von allen grauen Sorgen
Und wars dann heller um ihn wusste er sich einen Lohn für seine festen
Vorsätze zu finden indem er zum Wirt hinunterging und am Ofentisch über
allgemeine Beschwernisse Reden anhörte und führte
So saß er auch jetzt täglich beim Bier und wenn die drei oder vier andern
die zum Abendschoppen kamen gegangen waren blieb der Langgörgl bei ihm hocken
Der war vor Jahren ein guter Bauer in der Nachbarschaft in Kemaden gewesen
und durch liederliches Wirtschaften von Haus und Hof gekommen
Seine Frau hatte ein kleines Gütl in Weidach geerbt man hieß es Beim
Langgörgl
Dort hauste jetzt der ehemalige Schaffler von Kemaden fuhrwerkte mit einem
Paar Ochsen und brachte sich als Taglöhner fort kümmerlich und wenig geachtet
weil er sich aus seiner guten Zeit nichts erhalten hatte wie seinen Durst und
seine Faulheit
Wenn die andern nach dem Gebetläuten heimgingen blieb er beim Ruepp sitzen
und ließ sich eine Maß und zwei zahlen die er sich mit Lobreden und Schmeicheln
verdiente
»Siehgst as i habs allaweil gsagt der Ruepp sag i is mir der Liaber in
der ganzen Gmoa Mit dem sag i ko ma über alls redn und der hat an
Vastand De andern Büffi de tean recht gschwolln weil sie a Glück ghabt
hamm und unseroans ins Unglück kemma is und sag i de hamm ja koan Begriff von
dera Sach Da best Mensch is gar nix bal er koa Glück net hat und kost no so
füri schiabn und füri trachtn bal da Karrn von selm hinter si geht helft da
nix Dös kost aba net an jedn vazähln da ghört a Vastand dazua Und
siehgst Ruepp i sag dös mit Wahrheit du bischt mir da Liabast da umanand und
bischt aa da Gscheitest Da is da Lukas zum Beischpiel Ja mei Gott Wo waar
denn der hikemma bal eahm sei Bäurin net den Haufa Geld zuabracht hätt und
wann er net so an ausgschamts Glück bei dem selln Holzhandel ghabt hätt «
»Wia ra mit die Juden s Moarholz kafft hot in Irzenhamm hint« bestätigte
der Ruepp
»Ja z Irzenhamm Aba der woass wohl nimma dass er sei Geld grad an Zuafall
zum vadankn hot Und i sag dös a jeda möcht den Profit gar it Dass er dera
Wittiberins Holz so billi odruckt hätt I woass gwiss du hättst di auf den
Handel net einlassen und dös gfallt mir vo dir siehgst I sag dirs
pfeigrad weils wahr is Und oft denk i mir bal si da Lukas gar a so protzt
als wann er da allerbest waar protz di no denk i mir aba vo dem sagst du wohl
nix wo du dei Geld her host «
»Magst d no a Maß Langgörgl«
»I sag net na «
»Wia Kellnerin schenk eahm no oani ei«
»Ja ja Ruepp a so is auf dera Welt Mit da Redlichkeit kimmst zu nix und
bal mi no a so spart und no a so tracht da helft dir alls nix Aba d Leut
muasst betrüagn und koa Gewissen derfst hamm na gehts ehnder Und grad de
Leut de wos d rüberzogn host de reschpektiern di nacha am mehreren und de
andern de wo si durchi frettn mit da Ehrlichkeit de san am wenigschten
gacht Is vielleicht net a so«
»Recht hoscht Und dös derfst glaabn Langgörgl den selln Handel in
Irzenhamm den hätt i aa macha kinna Warum denn net Aba mögn han i net weil
ia Gwissen hob«
»Für dös kenn i di Ruepp da brauchst d mir gar nix sagn I habs oft
scho gsagt da herin an dem Tisch han is gsagt reds zua sag i und reds
was mögts da Bessa is do da Ruepp in da ganzen Gmoa und a richtiga Mensch
der wo an Vastand hot und den Kloan aa was geltn lasst «
Bei solchen Gesprächen blieb der Ruepp lange hocken und wenn er genug Bier
getrunken hatte konnte er sich selber auf dem Heimweg einreden dass alles lang
nicht so gefährlich sei wie es ihm in der ersten Angst vorgekommen war
Wissen was man richtig wissen heißt tat die Afra nichts von dem Geld das
er weggenommen hatte Vielleicht dass sie einen Verdacht hegte weil er damals
in der Kammer war aber das konnte er ihr ja ausreden und außerdem von ihrem
Verdacht brauchte sie doch nichts zu sagen und sie konnte ruhig schwören dass
sie nichts wisse
Was man wissen heißt also genau wenn man was gesehen hat
Die Loni freilich die hatte am Ende schon mit ihr geredet denn sie hatte
vor der Bäuerin keine Geheimnisse gehabt und ob sie das verschweigen konnte
Ah Papperlapapp Wenn er ihr zuredete musste sie doch ihm mehr glauben und
dann war halt das so eine Rederei von der Alten die ihr Gedächtnis nicht mehr
so genau beisammen gehabt hatte
Das wollte er schon machen die Afra hatte ihm zuletzt immer nachgegeben und
nie hartnäckigen Widerstand geleistet
Wart nur gleich morgen wollte er mit ihr reden und ihr alles richtig
vorstellen
Aber am andern Morgen sah sich wieder alles viel grauer und zweifelhafter
an
Dann saß er auf dem Bettrande und horchte nach der Küche hin wo er seine
Bäuerin arbeiten hörte
Sollte er hinausgehen und Zwiesprach mit ihr halten
Pressierte ja nicht Es waren noch zehn Tage noch neun Tage bis zu dem
Mittwoch
Es war gescheiter zu warten denn wenn sie es zu früh wusste hatte sie Zeit
zum Nachdenken und dann kamen ihr erst recht allerhand Bedenken
Er hörte Schritte im Flöz und eine Stimme Der Michel wars Ah ja mit dem
hatte er auch noch was zu reden er hatte es ganz vergessen über seinen eigenen
Sorgen
Er schloff in die Pantoffel und wollte schon hinausgehen aber er blieb an
der Türe stehen
Zu was Verdruss aufrühren solang das andere nicht in Ordnung war
Und gleich darauf saß er wieder auf dem Bettrand und stierte vor sich hin
auf den Boden
Im Hof draußen pfiff der Kaspar vor sich hin und spannte den Gaul ein
Arbeiten
Ja wenn man arbeiten könnte und wenn man nie was anderes gewusst hätte wie
das
Aber so wars als hielte ihm jemand die Hände oder als wären sie so schwer
geworden dass er sie kaum aufheben konnte
Als wie gelähmt war der Ruepp
Nun gab er sich doch einen Ruck und ging in den Hof
»Wo aus« fragte er den Kaspar
»Ins Riadfeld hintri«
»Was toa«
»Siehgst ja Mist fahrn«
»I hätt heut selm gern gackert «
»Du«
Kaspar fragte es so höhnisch dass im Ruepp der Zorn aufstieg
»I Ja i Was is denn dös für a saudumms Fragn«
»Dös werd ma no derfa bals oan seltsam vorkimmt«
»Ja seltsam Und morgn acker i amal gwiss«
»Wo nacha«
»Dös is mir wurscht In da Broatn hint«
Kaspar lachte
»De hamm i und da Peta am Samsta scho firti gmacht«
»s EckhoferFeld han i sagn wolln« verbesserte sich der Ruepp
»Von mir aus gnua kost d heut hintri fahrn «
»I dank da schö für d Erlaubnis aber i hab gsagt morgn und na bleibts
bei dem«
Kaspar trieb den Gaul an und ging neben dem Wagen her ohne dem Vater
nochmal zu antworten
Er kannte diese Laune die ihn hie und da zur Arbeit trieb und die nie
länger wie einen Tag oder zwei anhielt und er wusste dass nach dem Lärm den der
Alte dabei machte wieder das Faulenzen und Saufen kam
Der Ruepp schaute ihm verdrossen nach Er fühlte gut wie wenig Respekt sie
im eigenen Hause vor ihm hatten und auch dass das seine guten Gründe hatte
Aber er wollte ihnen noch zeigen dass er auch anders konnte wenn nur erst die
dumme Geschichte vorbei war
Ja dann wollte er noch einmal das Regiment führen und Ordnung schaffen
daheim etliche Jahre und hernach übergeben
Er gähnte und wollte ins Haus zurück als er den Postboten den Hohlweg
heraufkommen sah
Der Kaspar drehte sich auch nach diesem um
Früherszeiten da war selten eine Post heraufgekommen aber seit Jahr und
Tag ging das nicht mehr aus Alle Daumen lang hatte der Postbot was zum
unterschreiben Ladungen und Mahnbriefe
Wenn sies anderswo in der Nachbarschaft nicht gemerkt hätten dass es auf
dem Ruepphof hinter sich ging dann wusste es doch der Postbot und konnte es den
Leuten erzählen
Mit der Lüderlichkeit mit der verdammten Wiah hö
Der Ruepp ging dem Manne entgegen
»Hast d was für mi«
»Für di Na eigentli für d Bäurin Aba i kos dir aa glei gebn«
Er kramte ein Schreiben hervor und füllte ein gedrucktes Formular aus indem
er es auf seine Tasche legte
»So jetza hamm mas« sagte er und gab dem Ruepp das zusammengefaltete
Papier »An schön Herbst hamma da werds as Kraut bald eina bringa«
»Werd nimma lang dauern wanns a so weita geht «
»A Kraut und a Schweiners dazua auf dös gfreu i mi scho lang Guat
Morgn Ruepp«
Dieser versteckte das Schreiben und ging langsam in seine Kammer Hier
öffnete er es
Richtig Es war die Vorladung der Afra Umbricht zur Ableistung des
Offenbarungseides
Mittwoch den 3 Oktober
Wie eine drohende finstere Mahnung stand der Tag vor ihm Mechanisch zählte
er an den Fingern ab wie lange es noch bis dahin sei Deanstag Mittwoch
Donnerschtag noch acht Tage
Ob er nicht jetzt gleich zu seiner Bäuerin hinausgehen sollte Er öffnete
leise die Türe und horchte
Die Leni war bei ihr in der Küche da gings nicht und er musste es
verschieben
Aber auf wann
Die Unruhe trieb ihn den ganzen Vormittag im Hof herum bald war er im
Stall bald in der Tenne und überall ohne zu wissen was er eigentlich wollte
Es kam ihm alles wie fremd vor als hätte er damit nichts mehr zu schaffen als
hätte er kein Recht mehr darauf
Beim Mittagmachen saß er schweigend am Tisch und vergaß beinahe aufs Essen
Der ZotzenPeter erzählte dass beim Schaffler in Buch ein paar Ochsen
versteigert würden
»Wann waar nacha dös« fragte der Kaspar
»Am drittn Oktober hat da Heiss gsagt «
Dem Ruepp gab es einen Riss
Mittwoch den 3 Oktober
Der Tag stand vor ihm als wär er mit großen Buchstaben an die Wand gemalt
Geschah an dem Tag noch irgend etwas außer dem einen das ihm so
zentnerschwer auflag
Er stand auf und ging ohne Gruß hinaus
»Was hat a denn« fragte die Bäuerin
»Was werd er hamm« brummte der Kaspar grob Er wollte schon sagen dass ihm
vielleicht der Postbote wieder eine Überraschung gebracht habe aber vor den
Dienstboten unterdrückte er es
Kaum hatte die Zenzi das Vaterunser vorgebetet ging die Rueppin in die
Kammer wo sie den Bauern suchte
Er war nicht da war auch nirgends zu finden Ohne recht zu wissen wohin er
gehen wollte war er in Gedanken verloren hinter das Austraghäusel geschlichen
Er sah durch das verstaubte Fenster in die Stube Hinten stand das Bett in dem
die Alte gelegen war und da vorne links war ihr Kleiderkasten
Alles noch wie an dem Tag
»Was treibst denn da«
Er wandte sich um Die Bäuerin stand vor ihm und sah ihn mit einem scheuen
Blick an
»Nix Schaugn tua i halt «
»I suach di überalln und derweil bist du da Is was gschehgn«
»Was soll denn gschehgn sei I bin ganz zuafälli da hintri kemma und hab
halt amal eini gschaugt«
»Dass du was hoscht dös kenn i do guat«
»No ja eppas z redn hätt i scho mit dir «
»Mit mir«
»Ja aba alloa in d Kuachl kimmt all Augnblick wer«
»Was werd na dös scho wieda sei Willst d da eina«
Der Ruepp zögerte ein wenig
War es nicht seltsam dass er gerade in der Loni ihrer Kammer über das reden
sollte
Aber er gab sich einen Ruck
»Warum denn it«
Sie traten ein Ein paar dürre Blätter lagen auf dem Tisch und die stammten
wohl von einem Kranze für die Verstorbene
»Was hoscht na z reden mit mir«
»No ja du kost das leicht denkn «
»Is wegn da Loni was«
»Ja I bi z Dachau drin gwen und hab dös richtig ogebn wias is
zwegn de dreitausend Mark de wo mir de Alt gliecha hot und wia mas
ausgmacht hamm dass is zruckzahln derf bal i mi leicht tua und no ja
du woasst as ja so «
»Vo dem woass i gar nix «
Die Rueppin sagte es hart und abweisend
»Was woasst d net«
»Weil i net eini kemma mag in de Gschicht I will gar nix z toa hamm
damit durchaus gar nix «
»Tua no net gar a so Über so was red ma do mitanand «
»Na und i misch mi net ei «
»Vo mir aus brauchatst di aa net eimischen i lasset di wohl in Ruah damit
aba «
»Was«
»Der sell Ding is aa da gwen der sell Zuchtäusler «
»Was will denn der«
»Der Ambsrichta sagt dass er irbt «
»Siehgst as Jetzt gehts a so wiar i mirs denkt ho Und du bist schuld
«
»Über dös kinnan mir net allaweil streitn I hätt ja an Notari gholt und
dass er net kemma is für dös kon i nix «
»Ja i «
»Lass mi halt ausredn Dersell Lump hätt jetzt gar behauptn mögn dass no
mehra Geld da gwen waar als wia de dreihundertvierasiewazg Mark und da hamm
mir gstritten gegn anand net und da Ambsrichta hat gsagt i müasst auf dös
schwörn «
»Michi«
»Was hast d denn narrisch«
Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen richteten sich so starr auf ihn dass
er die seinen zu Boden schlug
»I ko auf dös leicht schwörn dass it mehra da war in dera Schachtel«
Sie wollte eine hastige Antwort geben hielt sich aber mit Gewalt zurück
dabei strich sie sich mit der Hand über Augen und Stirne
Es war eine seltsame Unruhe in der sonst so stillen und zurückhaltenden
Frau
Der Ruepp der das wohl merkte fuhr zögernd fort
»Und da Ambsrichta hat gsagt weil dös a so Gsetz waar sagt er und weil
also dös amal gsetzmaassig is ah also durch dös weil mi vaheirat san
dass du aa schwörn muasst hat er gsagt «
Er hatte die letzten Worte hastig hervorgestossen und schwieg jetzt
Nach einer Pause fragte die Rueppin »Dös tatst du von mir verlanga«
»I net aba der sell bsteht drauf und der Ambsrichta sagt dass s sei muass
«
Jetzt schrie sie
»Du woasst recht guat dass i net schwörn ko Neamd woass s bessa wia du
«
»Sei do staader Müassens d Deanschtbotn hörn Du brauchst ja bloß
schwörn auf dös dass d nix woasst «
»Wenn is aba woass«
»Was denn«
»Geh tua net a so I ho wohl nix gsagt weil i mi gschamt hab für di
Weil mi gar it redn mag von so was So weit is kemma «
»Was nacha«
»Muass i von dem redn Moanst d i habs net gnau gwisst wia viel dass d
Loni gehabt hat In de ersten Täg von ihra Krankheit hat sie mirs zoagt und hat
gsagt dass dös an Michi ghörn soll und jetzt sollt i mei Seligkeit
verschwörn Aba zu dem kriagst mi net«
»Mi muass do schaugn wia ma de Gschicht aussi bringt Du kost do mi net an
Stich lassen«
»I geh it aufs Gricht i geh net «
»Bal ma mit dir net redn ko «
»Na i will nix hörn I will nix hörn und nix wissen davo Mei Seligkeit
verschwör i net «
»Pass auf lass dir sagn «
»Nix « Sie hielt sich die Ohren zu und stampfte den Fuß auf den Boden
»Bitt hab i di zuagredt hab i dir nia hab i dir a schiachs Wort gebn
und jetzt is so weit Aba zu dera Schlechtigkeit kriagst mi net «
»Afra mir müassen «
Sie war aber schon zur Türe geeilt öffnete sie und lief über den Hof
Der Ruepp schaute ihr mit blöden Augen nach
Vierzehntes Kapitel
Der Rechtsanwalt Lachermayr ein junger Anfänger in seinem Berufe saß dem Ruepp
gegenüber und redete eifrig auf ihn ein
»Eigentlich versteh ich Sie nicht warum Sie lieber tausend Mark zahlen
wollen als schwören das heißt wenn Sie ein gutes Gewissen haben«
»I kannt jedn Tag histeh und schwörn «
»Also «
»Aber d Afra mag it Sie scheuchts a so sagt s und liaba is ihr dös
Geld hi «
Der junge Herr zog die Achseln in die Höhe
»Tja aber der Pfleiderer geht nicht darauf ein Da is sein Brief «
Er las dem Ruepp vor »Ich erkläre et cetera dass ich mich auf keinen
aussergerichtlichen Vergleich einlasse und kein Angebot annehme indem ich darauf
bestehe dass die Wahrheit zutage kommt Hochachtungsvollst et cetera und
dann kommt noch eine Nachschrift die ist allerdings sehr bezeichnend Da heißt
es nämlich Höchstens wenn der obengenannte Umbricht sogleich die Forderung der
Verstorbenen also dreitausend Mark und außerdem weitere dreitausend Mark
bezahlt «
Der Ruepp sprang vom Stuhle auf
»A so an ausgschamter Lump Aba i woass guat wer da dahinta steckt Dös is
der sell Schlehlein«
»Ich habs Ihnen ja gleich gesagt « antwortete der Anwalt »Ich war
gleich dagegen dass man dem Pfleiderer was anbietet Diese Art Leute kenn ich
Der glaubt Sie sind in einer Zwangslage «
»Was waar na dös«
»Dass Sie nicht schwören können «
»I ko aba schwörn«
»Sie können sagen Sie und wenn wir dann weiter reden sagen Sie Ihre Frau
kann nicht oder vielmehr sie will nicht «
»Weil sie it füri steh mag weil sies a so scheucht «
»Ja gut ich weiß zwar nicht warum man sich scheut das was wahr ist
auch zu beschwören Aber wo stehen wir jetzt Der Mensch nützt die Situation aus
und verlangt von Ihnen das Sechsfache «
»Dös is do an offenbariger Wucher «
»Ah was Wucher In gewissem Sinn ist es eine Erpressung aber keine
strafbare Was wollen Sie jetzt tun«
»Ja i zahl do net sechstausend Mark Wo nahm i denns Geld her Und
überhaupts is ja dös so ausgschamt dass ma gar it redn ko«
»Schön aber dann gibt es eben nur den einen Ausweg dass Sie schwören«
»I schwör scho aba Sie müassens halt a so drahn dass d Afra net mit
muass«
»Das kann ich nicht Das hab ich Ihnen schon ein dutzendmal gesagt«
»Bal sie aba nix woass«
»Dann soll sie in Gotts Namen ihr Nichtwissen bestätigen«
»Wia is dös«
»Dass sie nichts weiß muss sie sagen aber um den Eid kommt sie nicht herum
Reden Sie halt mit Ihrer Frau Der Termin is auf meinen Antrag verlegt worden
auf den 10 Oktober In diesen acht Tagen besprechen Sies nochmal vielleicht
halten Sie auch eine Nachsuche und wenn der Zufall will dass sich noch was
findet nicht wahr dann kann ja Ihre Frau mit dem besten Gewissen erklären So
das ist alles und mehr war net da und das kann ich auf meinen Eid nehmen «
Der Ruepp der gut verstand wo der Advokat hinaus wollte fragte zögernd
»Bal si was fand«
»M ja net wahr wenn man recht sorgfältig sucht geht oft noch was
her was man zuerst übersehen hat oder gar net bemerkt hat «
»Bal si aba nix find«
»No ja dann hat eben die gewissenhafteste Prüfung nichts ergeben«
»Und muass d Afra na aa schwörn«
Herr Lachermayr wurde ungeduldig
»Jaa Jetzt sag ichs zum letztenmal Schwören muss sie unter allen
Umständen ob was da ist oder nicht «
»Am zehnten hamm S gsagt«
»Ja heut über acht Tag «
»Und aa und «
Der Ruepp drehte seinen Hut in der Hand und überlegte
»Bal ma vielleicht dem Schreiberspitzbuabn sagt ma legt no an etla
Hundert drauf wann ers guat sei lasst«
» Ich hab Ihnen ja vorgelesen wieviel er verlangt Und wenn Sie jetzt
mit ihm handeln wollen wird er natürlich erst recht glauben dass Sie sagen
wir in Verlegenheit sind Wenn Sie nicht gleich eine große Summe opfern wollen
mit den kleinen Angeboten richten Sie nichts aus Höchstens das eine dass Ihre
Sache recht unsicher ausschaut «
»Koa große Summe kann i net zahln und überhaupts brauchts as it «
»Also dann in acht Tagen Adje«
Als der Ruepp in seinem Wagen saß und auf der Landstraße dahin klepperte
dachte er darüber nach wie oft er jetzt schon die Fahrt gemacht hatte die ihm
eine einzige erspart hätte
Ja wenn und wenn und hätt ich für die Reu gibt der Jud nichts
Was der Advokat vom Finden gesagt hatte fiel ihm ein Der traute ihm auch
nicht und gab ihm heimlich den Rat das Geld herzuschaffen
Aber wie denn
Mit den paar tausend Mark hatte er die drückendsten Schulden bezahlt und
damit wars fort wie weggeblasen
Sonst wär er schon selber so gescheit gewesen
Wo er hinsah es gab keinen Ausweg Es war als wenn ein Zaun um ihn herum
gezogen wäre aus dem er nicht hinaus schliefen konnte und der sich immer enger
und enger zusammenschloss
Eins war ganz gewiss dass die Afra nicht schwören wollte Noch zweimal hatte
er davon angefangen aber sie hatte wie närrisch getan und ihn kaum angehört
»Ich tus net Ich machs Arge net no ärger und verspiel mei Seligkeit dazu
und wenns d mir koa Ruah lasst geh i zum Pfarrer abi und bittn dass er mir
hilft«
Das war keine leere Drohung Die Afra war ganz auseinander und hatte ihr
leidsames Wesen verloren
So bockig und verbissen war sie und so verzweifelt tat sie gleich
Hatte sie am End nicht recht
»Na« brummte der Ruepp vor sich hin Denn sie hätts ihm ja gleich sagen
können dann hätt er das Geld nicht weggegeben schon weil er sich vor ihr
scheniert hätte
Er hätt so getan ja er hätt so getan als hätt er das Geld bloß zum
Aufheben genommen
Nur weil er geglaubt hatte dass keine Menschenseele was davon wisse hatte
er sich verleiten lassen bloß deswegen
Jetzt musste er es herschaffen gings wies wollte
Unbedingt
Zu leihen nehmen Das gab ihm niemand
Darin konnte er sich selber nicht anlügen weil er es zu oft ausprobiert und
gesehen hatte wie es immer schwerer ging bloß etliche hundert Mark zu kriegen
Aufs Anwesen das schon mit drei Hypotheken verpflastert war gab ihm kein
Mensch was
Vielleicht konnte er was verkaufen
Schlagbares Holz hatte er nicht mehr Vieh stand niedrig im Preise es blieb
nichts übrig wie etliche Tagwerke Grund verschachern
»Oeh «
Der Gaul zog so scharf an dass er dem nachdenklichen Ruepp beinahe die Zügel
aus der Hand riss
Ein Wagen war in gutem Trab vorgefahren und der Lukas saß darin mit dem
Kooperator von Altomünster
Der verstand es mit allen Geistlichen und Amtsleuten stand überall gut und
war angesehen
Der Ruepp hielt seinen Gaul der nach wollte mit grobem Zerren zurück
»Fahr zua Tropf scheinheiliga «
Aber die alte Feindseligkeit kam heute nicht recht in ihm auf
Vor Jahren hatte ihn einmal der Lukas wissen lassen dass er den Acker am
Weiherer Holz der ihm passend lag kaufen oder gegen ein anderes Grundstück
eintauschen wolle
Damals hatte er den Klöckl der unter der Hand für den Lukas sachte anfrug
mit barschen Worten abgewiesen
Ob es nicht jetzt ginge
Es waren freilich Jahre mit offenen und heimlichen Feindseligkeiten darüber
vergangen und der Lukas hatte ihm mehr wie einmal Abneigung und
Despektierlichkeit gezeigt Aber was machte das bei einem Handel aus
Wenn er die vier Tagwerk verkaufte war er über das Schlimmste weg
Der Gedanke setzte sich in ihm fest und lange vor er heimkam war der Ruepp
entschlossen den sauren Gang zum Lukas hinüber zu machen
Er wusste es gab sonst keinen Ausweg
Einen Haken hatte es Seine Hypotekgläubiger mussten mit der Verkleinerung
des Anwesens einverstanden sein sonst gings nicht
Das hatte er vor einem Jahre zu seinem Verdrusse erfahren als er eine Wiese
am Schleifbach hatte verkaufen wollen
Aber wenn er dem Schmauss das Eckhofer Feld abhandelte das war um etliche
Tagwerk größer und dann war ja sein Anwesen nicht verringert
Er wusste dass es ihm feil war und es ließ sich schon so einrichten dass er
den Kaufpreis etliche Wochen schuldig blieb und derweil hatte er sich mit dem
Bargeld vom Lukas geholfen
Nur schlau sein dann war man nicht gar so leicht unterzukriegen Der Ruepp
straffte sich wie er nur wieder einen Plan hatte Da war halt doch ein Loch im
Zaun durch das er hinausschliefen und wieder ins Freie gelangen konnte
Er sah den Kaspar seitab im Feld Mist breiten hinter ihm den Michel War
denn die Vakanz nicht aus
Da fiel ihm ein dass ihm die Afra gesagt hatte der Bub könne nicht mehr
nach Freising zurückgehen oder wolle nicht mehr
Und die Geschichte die er im Wirtshaus gehört hatte tauchte in seiner
Erinnerung auf
Die letzten zwei Wochen wars ihm gewesen als ging ihn das alles nichts
mehr an frei vergessen hatte er es und auch die Bäurin hatte in ihren Ängsten
nichts mehr davon gesagt
»He du Michi«
Michel steckte seine Mistgabel in den Boden und kam langsam heran
»Nur a weng gschwinder gel Was is denn mit dir Bleibst du ganz oafach
dahoam und i wer gar it gfragt«
»I hab ja mitn Vata redn wolln «
»Wolln is dös a Furm Dös muass do z allererscht mir recht sei Und
überhaupts brauchts da gar nix als dass ma sagt jetzt hör i auf Und dös ganz
Geld waar aussi gschmissen«
»Wann mi da Vata amal ohörn möcht i hätt ja scho lang gern gredt aba am
Freitag hab i gar koan Antwort it kriagt und da Vata hat gsagt dass er koa
Zeit hat für dös «
»Weil mi gar it redn mag über so an Aufführung Oa Jahr ums ander dös
sündteure Geld koschtn und nix wia faulenzen und dahoam bei de Menscha umanand
laffen Schama tat i mi aba wart no mir wachsen no zsamm «
»Wann mi da Vata heut ohörn will «
»I wers scho sagn wanns mir passt und dös sag i dir jetza scho mir
wern gschwind mitanand firti sei wüah«
Der Wagen rollte weiter
Michel ließ den Kopf hängen als er zurückging
Da kam auch der Kaspar auf ihn zu
»I gib eahm it leicht recht« sagte er »Aba dös Mal lasst si nix dagegn
sagn Du tuast dir scho a weng leicht du«
»Leicht Wann du wissest wia schwar dass i tragn hab an dem«
»An was nacha«
»Dass i von dahoam furt hab müassn und i habs nia anderst glaabt als dass
s do nix werd «
»So is recht Dös hättst du vor fünf und sechs Jahr net aa sagn kinna«
»Da bin ia Bua gwen auf den ma net ghört hat«
»Es muass dir na do scho passt hamm sinscht hättst di scho bessa grührt
Und was hoscht na jetzt an Sinn«
»Dös woass i net «
»Is dös aa no a Red für an ausgwachsna Menschen Er woass it was er tuat
Er hockt halt amal dahoam ander Leut auf da Suppenschüssel «
»Dir hock i net drauf «
»Na sag i «
»Vorläufi amal net und Rechenschaft bin i dir aa koane schuldi«
»Waarst mas no schuldi gwen i hätt dirs scho vatriebn de Faulenzerei
«
Er ging brummend weg wieder an seine Arbeit und auch der Michel stocherte
unmutig und verdrossen im Mist herum
Die Ungewissheit lag ihm ganz gewiss schwerer auf wie dem unguten Kerl dem
Kaspar
Aber seit zwei Wochen war daheim alles wie verkehrt der Vater ließ sich
kaum mehr beim Essen sehen und wenn er mit der Mutter reden wollte gab sie ihm
keine richtige Antwort hatte immer gleich nasse Augen und seufzte
»O mei Bua i ko jetzt gar nix denkn über dös Wia werds uns no alle
mitanand geh«
Wenn er fragte was sie denn so bedrücke und ob es seinetwegen wäre
schüttelte sie den Kopf
»Dös waar no dös allergringst und wenn dös ander net waar «
Aber eine Auskunft gab sie nicht immer nur so unklare Andeutungen
»Mi woass wohl es hamm ander Leut aa Sorgn und Vadruss aber wenn no oans
net is na ko alls recht wern wenn no oans net is «
Was das war
Wahrscheinlich hatte sich der Vater tiefer in Schulden hinein gearbeitet
als sie alle geglaubt hatten und er sah sich jetzt nicht mehr hinaus
So war seine Zukunft ganz und gar aufs Ungewisse gestellt und diese Sorge
mit der Reue um die verlorenen Jahre drückte ihn nieder
Ein Tag um den andern verging und anscheinend kümmerten sie sich daheim
nicht einmal darum dass die Zeit wo er hätte einrücken müssen herankam und
vorbeiging bis ihn jetzt der Vater grob anfuhr
Manchmal dachte er sich ob es nicht das beste wäre auf und davongehen und
irgendwo bei einem Bauern einstehen
Aber wenn er sich das überlegte standen schon gleich wieder die
Schwierigkeiten vor seinen Augen
Wer nahm ihn so wie er war ohne rechte Kenntnisse und wer glaubte ihm
dass es ihm Ernst sei mit der Arbeit
Sein eigener Bruder verhöhnte ihn ja damit und machte sich lustig über den
lateinischen Knecht der keine Sense und keine Gabel richtig in die Hand nahm
Es war ja auch bloß eine halbe Sache so wie er es jetzt trieb er tändelte mit
der Arbeit und ging den andern im Weg um
Eine so bleierne Müdigkeit kam über ihn dass er die Gabel wegwerfen und
heimgehen wollte
Drüben am Weg kam gerade der ZotzenPeter vom Ackern heim
Der Kaspar pfiff ihm und ging langsam zu ihm hinüber er gab ihm den
Auftrag mit dem Mistbreiten weiter zu machen und trieb selber die Ochsen heim
Der Peter griff flink zu und kam bald dem Michel näher
»Nimm net so vui auf d Gabel und gib eahm grad an Schlenzer Siehgst a so
« sagte er
»Du kost as halt bessa «
»Dös lernt si leicht so jetza feit dir was«
»Mir Na «
»Weils d a Gsicht machst als wann dir d Hennas Brot gstohln hättn
Hoscht am End gar Zeitlang auf Freising«
»Gwiss net«
»Dös moanat i halt aa Pass no auf im Winta balst dableibst mach mas ins
luschti «
»Ja dös hab i grad voring gsehgn wia lustig dös wern kunnt«
»Hoscht d mitn Kaschbar was ghabt«
»Der hat mas jetzt scho vorgworfen dass i no dahoam bin «
»Ja i kenn an scho dös is a müahsama Deifi a müahsama Grad bengsn und
knauzn an ganzen Tag Aba auf den passn ja mir gar it auf vastehst Zwegn
dem brauchst de Trentschn net hänga lassn «
»Mi freut überhaupt nix mehr «
»Hö hö Gar so weit werds do scho net gfehlt sei Lass da sagn mit da
EitelNanni han i scho gredt ihr is scho recht hat s gsagt bal mir ummi
kemma und dös han i ausgmacht i stell an Strohbuschn auf bei da Bruckn
hiebei und durch dös woass sie dass mir kemman und sperrt an Hund in Stall
Probiern mas de nachstn Tag«
»Na Peta «
»Warum denn net«
»Mi gfreuts net I bin amal net aufglegt dazua«
»Geh weita A lebfrischa Mensch muass do allaweil aufglegt sei «
»I ko mi net zwinga und i hab meine Gründ i sag dirs scho amal «
»Na gehn i alloa ummi sinscht kennt si ja d Nanni gar it aus «
»Geh no «
Der Peter wandte sich ab und brummte vor sich hin
Es war halt doch so dass der Pfarrer dem Michel die Schneid abgekauft hatte
denn seit der Zeit brachte er immer Ausreden vor wenn er ihn zu einem Besuch in
die Nachbarschaft überreden wollte
Es war aber ein bissel anders
Die ernsten Ermahnungen des geistlichen Herrn hatten nicht so viel Kraft
gehabt wie die bösen und guten Worte der Stasi die gerade an diesem Tag wieder
mit ihm zusammen treffen wollte an der Lukasleiten und die ihm gesagt hatte
dass sie ihn nie mehr aber durchaus nie mehr anschauen möchte wann er noch
einmal zu so einem schlechten Weibsbild ans Fenster ginge
Und die Freundschaft eines sauberen Mädels das Gehorsam und Treue zu
belohnen weiß ist allemal stärker wie die beste Kameradschaft
Der ZotzenPeter hätte es leicht herausbringen können was seinem Einfluss so
entgegen wirkte wenn er dem Michel nachgegangen wäre der sich nach der
Heimkunft aus dem Hause schlich und so rasch er konnte zur Lukasleite
hinübereilte
Er stellte sich am Waldrande hinter einen Baum und brauchte nicht lange zu
warten so kam ein Frauenzimmer mit rüstigen Schritten die Anhöhe herunter
Es war die Stasi die einen kleinen Korb trug für eine Ausrede wenn sie
daheim wer gesehen und gefragt hätte Es war ihr aber gelungen unbemerkt zu
entkommen und sie begrüßte jetzt den Michel mit freundlichem Lachen
»I ko fei gar it lang bleibn S letztmal hat mi d Muatta scho gfragt wo
i gwen bi und i hab gsagt i hätt grad no a weng Tannazapfn klaabt Aber
allemal glaabt s mirs net«
»Jetzt bleib nur a weng Wer woass wia oft mir no zsammkomma «
»Warum Gehst du furt«
»I woass net « antwortete er zögernd
»Nach Weihenstephan«
»M mei mit dem werds a so nix und dahoam kann ia net bleibn «
»Was hast denn Michi«
»Schlecht gehts ma So ver so verleidt is mir alls dass i gar it
woass was i ofanga soll «
»Ah geh jetzt woanst d gar wer werd denn woana Balst it aufhörst
na muass i ja selm ofanga «
Das gute Zureden des Mädels stimmte den Michel noch weichmütiger die Tränen
liefen ihm die Backen herunter und wie sie immer reichlicher kamen zog er sein
Sacktuch heraus und wischte und wischte und dabei stieß es ihn und alle
Bitterkeit und Hilflosigkeit der letzten Wochen brachten ihn zu einem
fassungslosen Weinen
»Ja geh ja Bua da ko mi ja gar it anders «
Die brave Stasi setzte den Korb zur Erde und schluchzte und schnupfte auf
und dabei fuhr sie mit der Hand dem langen Burschen liebkosend übers Haar
»Sag mas halt was dir feit Schau muasst it so woana «
»Bei ins is gar nix mehr Stasi «
»Tean deine Leut recht schiach weils mit da Schtudi nix mehr is«
»N na net amal I bin i bin no gar it zredn kemma über dös aber
alls is bei ins ausanand und und i woass grad dass i für gar nix bin und de
andern bloß im Weg umgeh «
»Aba schau bals d auf Weihenstephan kimmst wias d gsagt hast und
bals d nacha Verwalta werst «
»Ja wenn «
Er fasste sich ein wenig und trocknete sich die Tränen ab
»I glaab nimma dass was draus werd «
»Warum denn net«
»Dir derf is ja sagn Stasi bei uns muass was net in Richtigkeit sei da
Vata redt nix und deutt nix und fahrt allbot nach Dachau und d Muatta geht
voller Kümmerniss dahoam umanand I glaab dass er in d Schulden eini kemma is
und dass er si nimma z helfa woass Und durch dös is halt mit Weihenstephan aa
nix mehr «
»Wer woass Vielleicht gehts wieder umma «
»Na da hab i gar koa Hoffnung «
»Aber de alt Loni hats dir do versprochn «
»Ja wenn s no a Testament machn hätt kinna «
»Na so an Unglück «
Der Michel sah schweigend auf den Boden Aber warum sollte er dem guten
Mädel nicht alles sagen was er auf dem Herzen hatte
»Siehgst da is aa da Vata schuld I habs dahoam gar net verzähln mögn
was i in Dachau drin derfragt hab «
»Was is na dös«
»Selbigsmal hätt mi d Muatta nach Dachau einigschickt und es waar aa no
Zeit gwen Aber da hat er mi net weg lassen und is selber eini gfahrn und in
Dachau drin is er ins Saufen kemma und hat an Notari verpasst und dahoam hat er
nix gsagt davo und na wars z spaat«
»Jessas Ja wiar a si no net Sünden fercht Und durch dös hast dus Geld
verlorn«
»Ja und jetzt schimpft er mi no dass i dahoam hock «
»Ja so was Da tat is eahm aba sagn «
»Was helft dös Da gibts bloß a Schimpferei und na sagt er mir
höchstens dass i eahm so viel kost hab «
»Du host ja net wolln «
»Vo dem redt jetzt neamd mehr Na es is scho a so Stasi i woass ma nimma
z ratn «
»Werst d sehgn es geht bessa wias d moanst De paar Jahr kimmst d
scho auf Weihenstephan «
Er schüttelte den Kopf
»Na i glaab nix mehr I muass no umanand betteln dass mi a Bauer als Knecht
nimmt «
»Du muasst jetzt net glei an Muat valiern Bals d as dein Vata richti
vorstellst nacha ko er ja gar it anders «
»I hab dir ja gsagt i glaab nimma dass er ko wann er will «
»Dös woass mi do net «
Michel seufzte tief auf
»Und bal i als Knechtl wo unterschliaf schaugst mi du aa nimma o «
»Geh wer werd denn so was sagn Warum nacha net«
»Weil mi ja do a jeda über d Achsel oschaugt und überhaupts wer woass wo
i hi kimm Da umanand nimmt mi neamd «
»Über dös tat i mi jetzt net so viel bekümmern Du werst sehgn es geht no
alls bessa aussi Und bals d na firti bist mit dera Schul und bals d na
Verwalter werst wer woass ob du mi nacha no oschaugst «
»Jo Stasi «
»Dös sagst d halt a so «
»Na gwiss is wahr I denk ja so bloß deszwegn so viel dro weil i an dös
ander aa denk «
»An was nacha«
»A so halt schau I stell mir dös a so für wann i an Postn kriagat
und nacha kannts am End do was wern «
Die Stasi wusste schon was aber es war so viel schön es zu hören dass sie
weiterfragte
»Was kunnt was wern«
»Du woasst as scho «
»Na «
»No ja i moan halt i und du «
»Ah du derbleckst mi ja grad «
»Gwiss net Stasi Dös waar mir dös allerliaba «
»Ja und bals d an recht an schön Postn hättst passet it am End gar it
hi «
»Du passetst überalln hi Wenn nur i so weit waar und grad a weng an
Aussicht hätt «
Die Aussicht redete ihm nun Stasi ein und wie sie eng beieinander auf einem
Baumstumpf saßen erschien dem Michel eine gute Zukunft möglich und
wahrscheinlich und zuletzt noch ganz gewiss
»Bst Da kimmt wer« flüsterte das Mädel nach einer guten Weile
Schwere Schritte kamen auf dem Fußsteig heran die beiden verhielten sich
still da sie nur ein kleines Gebüsch davon trennte
In der Dämmerung erkannten sie den Mann der achtlos an ihnen vorbeiging und
halblaute Worte vor sich hinsprach
»Da Vata « flüsterte Michel
»Wo kimmt denn der her«
»I glaab er war bei ins drobn«
»Bei enk«
»Ja wiar i voring von dahoam weg bin hab i gmoant dass in vorn an der
Haustür gsehgn hab I hab aba ganz vergessen dass i dirs gsagt hätt «
Sie vergaßen auch jetzt wieder darauf über dem was ihnen wichtiger war
Fünfzehntes Kapitel
Die Stasi hatte recht gesehen Wie sie unbemerkt zur Küchentüre hinausging kam
der Ruepp vorne herein und fragte nach dem Lukas
Die Bäuerin die sich in der Stube was zu schaffen gemacht hatte sah ihn
erstaunt an denn seit Jahren war der Nachbar nicht mehr herüben gewesen und
sie wusste dass er mit ihrem Bauern eine Feindschaft hatte
Sie sagte aber freundlich dass sie ihn holen wolle und ging in den Rossstall
hinüber wo sie ihren Mann antraf
»Du der Ruepp is drent «
»Wer«
»Der Ruepp I ho mi aa gwundert aber er sagt dass er mit dir was z redn
hätt «
»Mit mir So no mir wern ja sehgn was dös is «
»Er werd do scho net zum Streitn aufa kemma sei« fragte die Bäuerin
ängstlich
»Ah na streitn tuat er bloß im Wirtshaus Er werd was braucha sinscht
kam er wohl net«
Gleich darauf stand der Lukas vor dem Ruepp
»S Good Was geits na«
»I hätt mit dir a weng was z redn«
»Z redn Geh ma halt in d Stuben eini«
Er ging voran der Ruepp hintnach
»Siehgst« fing der an »i hab mir scho an öften denkt jetzt haust mi so
nah beinand und hat a Feindschaft «
»I hab koane «
»No ja «
»Na i net I leg koan Menschen was in Weg«
»Dass mi ins halt zkriagt hamm «
»De Wirtshausgschichten genga mi da herobn gar nix o I bekümmer mi um mei
Sach aber net um ander Leut «
»Do hoscht recht Lukas bal ma auf d Leut hört werd alls ärger gmacht
und vo dem kimmts aa«
»I lass dir wohl dei Ruah und leg dir nix in Weg Ruepp «
»Und i bin aa net anderst gsinnt derfst mas scho glaabn Lukas «
»Ja und was willst d ma na sagn«
»Sagn Siehgst du hoscht mir amal z wissen gmacht dass dir mei Feld am
Weiherer Holz hintn guat ostand Selbigsmal i sags aufrichti hab i net
mögn wegn da Feindschaft aber jetzt hon i mir denkt geh zua denk i mir
fürn Lukas hätt dös Feld an ganz an andern Wert als für di net weils dir
viel bessa glegn is und denk i mir gehst ummi dazua und gibst as eahm «
»I dank dir schö Ruepp für dei guate Meinung aba i sag dirs wias is
i mogs nimma«
»Du bist halt no zorni weil i selbigsmal net mögn ho «
»Na Zwegn dem schlaget i an Handel net aus wann mir der Handel selm
passet Aba i kaff bei der jetzigen Zeit überhaupts nix mehr zuawi«
»s Feld is it schlechta worn dös muasst do selm sagn ehnder s Gegenteil
«
»No bessa is aa net worn aba dös macht mir nix aus I brachts leicht in
d Höh «
»Dös brauchst it in d Höh bringa schaug di o wia da Habern dös Jahr
gstanden is «
»Gar so schö war er net aba wia gsagt mi bekümmerts net weil is Feld
ja do net kaff «
»Zwegn de altn Gschichtn solltst du an Profit it hint lassen«
»Lasst i aa net gwiss net Aba siehgst selbigs mal wias du net mögn
host hab i mir de Kreuzbroatn vom Wirt kafft und du werst scho wissen dass de
a schöns Geld kost hot und san aa bei an acht Tagwerk Und na hab i no wia da
Eckl ztrümmert worn is net ganz zehn Tagwerk vom Juden kafft und es is mir
dös schier gar zviel Hot mi beinah greut i sag dirs aufrichti und hat aa
d Bäurin gmamst und jetzt kimmt no dazua dass mir älter san Wia lang gehts
her na übergib i an Schorschl und woasst scho da is ma froh um s Bargeld
dös wo ma si dahaust hot und waar do dumm wann is für Grundstück ausgab de
wo i do net ghalt und an Buam gebn muass«
»Du kunntst dir ja an Austrag um dös bessa macha «
»Na da bhalt i scho liabas Geld Was macht dös aus beim Austrag für de
paar Tagwerk«
»So schnell werst du net übergeben I denk aa no net dro «
»Da hülft mirs Denkn weni Ma muass scho wenn da Bua hergwachsen is und
gspürn tuat mas Alter aa «
»Überleg dirs guat Lukas Wann is an andern gib reuts di «
»Na dös ko mi net reun I sag dir ja mir is eh scho zviel worn de
Kafferei «
»Gibst halt dafür was anders her was dir net so glegen is Was du dir vom
Eckl zuawi kafft host is a so zweit weg«
»Vor etla Jahr hätt i mirs überlegt aba jetza seit dem dass i scho an d
Übergab denk iss zspat I dank dir schö aba es geht nimma «
»Is dös dei letzts Wort«
»Ja i bleib dabei weils anderst koan Sinn hot Dir kos ja aa gleich sei
du bringst den Fleck leicht o«
»An wen nacha«
»Dös woass i net in Augenblick aba du findst scho oan«
»Muass ja net sei i kos leicht selm ghaltn I ho mir bloß denkt dass i
dir am End an Gfalln tat«
»Is mir recht und mir hamm ja leicht redn kinna über dös aba es geht halt
amal net «
»Vielleicht ah vielleicht kunntn mirs anderst macha«
»Wia anderst«
»No ja i ho mir denkt net also zum Beischpiel vielleicht
dass dös gang net wahr dass du mir a Geld gabst auf a Monat oder zwoa und zum
Beischpiel net wahr bal i dirs net aufn Tag zruckgab ghört dir mei
Feld «
Der Lukas sah mit seinen stahlgrauen Augen den Mann ruhig an
Es war etwas Hastiges und Unsicheres in ihm was ihm schon gleich
aufgefallen war und jetzt kam er mit dem Eigentlichen heraus
»So was mach i net Ruepp i will di net beleidinga und möcht di net
verzürna i sag dirs aba schnurgrad auf solchane Sachen lass i mi net ei I hab
koa Geld net zum Herleiha«
»Für dös wer i dir no guat sei «
»Na net amal i sag dir nix nach aba wanns d mi scho fragst schneid i
aa net lang um «
»Du gehst halt aa dem Gred nach I woass guat dass allerhand gsagt werd
als wann i in die Schuldn drin steckat «
»Gsagt werds dös is wahr und dass i mir meine Gedanken mach wann du mit
an solchan Vorschlag zu mir umma kimmst dös is gwiss aba dös hat koan Bezug
auf dös I lasset mi auf so was net ei und wann du no so guat standst bei de
Leut A sellas Gschäft steht mir net o«
»A jeda ko amal in a Verlegenheit kemma und i hätt gmoant a Nachbar kunnt
dem andern helfa «
»I glaabs net dass dir gholfen waar na und von da Nachbarschaft da
hab i net viel gspannt bis jetzt«
»No ja nacha net Nimmt mas von an Fremden dös is scho so da Brauch «
»Für so oan is a Gschäft für mi waars a Verdruss und da is mir der erst
liaba wia da letzt « »Also bfüa Good «
»Adje und oans möcht i no sagn Ruepp Vo dem was mir heut gredt
hamm derfragt von mir koa Mensch was «
»Von mir aus «
»Na dös is it gleichgültig I woass warum is sag Wanns a Gred gibt na
bist du ganz gwiss dass s von mir net ausgeht «
Der Ruepp brummte was Unverständliches vor sich hin und ging
»Was hat er denn wolln« fragte die Lukasin neugierig wie ihr Bauer in die
Küche kam
»Ah nix Wegn an Grenzstoa hats a si ghandelt aba mi hamm ins ganz
freundli gredt mitanand «
»Grenzstoa So«
Sie sah ihren Bauern recht zweifelhaft an aber sie wusste dass sie mit
Fragen nichts ausrichten konnte was der nicht gleich sagen wollte sagte er in
Jahr und Tag nicht
Der Ruepp ging hastig vom Hof weg als fürchtete er jetzt erst dass ihn wer
sehen und seinen vergeblichen Bittgang erraten könnte
Er sprach vor sich hin
»Also nix wieder nix du kost di leicht prahln du bal ma koa
Sorg und koa Kümmernis hat Da ko ma für an Menschen histeh und recht groß
toa I mag solchane Gschäften net Ja du machest as aa net anderst wann
dirs Wassa so hoch raufsteiget «
Der Ruepp war froh dass ihn daheim niemand mit Fragen anging und dass ihm
die Bäuerin auswich Am andern Tag blieb er noch im Bett liegen als die Sonne
schon hoch stand
Er hatte keinen Willen zur Arbeit mehr und ohne dass er sich Rechenschaft
darüber gab war es ihm als hätte sie keinen Sinn für ihn und er kein Recht auf
sie
Er fasste Pläne die er wieder aufgab suchte Auswege und fand dass ihm alle
verschlossen seien
Er schlenderte im Hof herum ging in den Stall und wusste nicht was er darin
suchte er sah den Zotzen und den Kaspar vom Felde heimkommen und wunderte
sich dass die noch etwas schafften denn alles kam ihm nutzlos und leer vor
Er sah finstere und scheue Blicke auf sich gerichtet und hatte nur den einen
Wunsch ihnen auszuweichen sich vor ihnen zu verstecken
Beim Essen redete er kein Wort Leni setzte die Schüssel so hart auf den
Tisch dass ihr Unmut deutlich wurde und beim Vaterunser sagte die Bäuerin das
»Führe uns nicht in Versuchung« so laut aus den andern Bitten heraus dass es
allen auffiel Sie schwiegen aber und die Löffel klapperten auf den Tellern
Es war als säße ein Fremder am Tische oder ein Ausgestossener mit dem
niemand Gemeinschaft haben wollte
Der ZotzenPeter sagte der Zenzi halblaut etliche Dummheiten die das
Weibsbild zum Lachen reizten sie hielt aber die Hand vors Maul und kicherte in
sich hinein als wäre alles laute Wesen verboten
Nach dem Essen lief der Ruepp weg es war nicht zum Aushalten daheim wo die
Stille um ihn herum mit Fragen und Vorwürfen geschwängert war Er holte sich
nicht einmal Hut und Janker in der Kammer damit niemand sein Fortgehen merkte
War er noch Herr im Hause War er nicht wie ein liederlicher Knecht der
blau macht wie ein Bub der auf verbotenen Wegen ging
So warm war es wie an einem Sommertag und doch so viel schöner Vom
tiefblauen Himmel herunter lachte die Sonne und ihr Schein legte sich mild auf
die Stoppelfelder
Wo Leute arbeiteten sah es sich gemächlich und friedlich an so wie Arbeit
am Abend kurz vor dem Feiern geschieht
Auf den Höhen und drunten im Tale streckten sich die Bauernhöfe wohlig im
Lichte als fühlten sie sich mit ihren vollen Scheunen geborgen nach mühseligen
Tagen
Manchmal drang ein tiefes Brummen vom Orte herauf und zeigte an dass eine
Maschine die reiche Ernte ausdrosch
Der Ruepp sah nichts hörte nichts er ging mitten durch den Segen wie
einer den er nichts anging Er war in Gedanken verloren rechnete mit falschen
Zahlen und suchte hilflos nach einem neuen Betrug der den alten unschädlich
machen konnte
Was wollte er eigentlich in Weidach
Sich ins Wirtshaus hocken und sein Nichtstun zur Schau stellen
Davor scheute er sich und er machte einen Umweg
Aus seinem Hof heraus grüßte ihn der Höchtl der Kartoffel ablud
»Wo aus«
»A Gschäft han i «
»Ah so «
Der Höchtl schulterte seine Schaufel und kam näher
»Hast d Erdäpfi scho dahoam«
»Ja «
»De hamm heuer dagebn Sagst as net aa«
»San ganz guat worn ja «
»Du pass auf lass da sagn is dös wahr was neuling a Unterhandla beim Wirt
verzählt hat«
»Was hat der verzählt«
»Dass de alt Loni ziemli a Geld ghabt hat und dass du dös aussa zahln
muasst«
»Was waar na dös für an Unterhandla gwen«
»Der plattete Schlehlein glaab i hoasst a«
»Der muass s ja wissen der Leutbetrüaga «
»Is it wahr gel«
»A Schmarrn is bfüad di Good i muass weida «
Der Höchtl grüßte Wie er zurückging lachte er verschmitzt
»I moan allaweil di druckt was Manndei Gar so a Schmarrn werds net sei
«
Der Ruepp bog vor dem nächsten Hof ab
Es hatte sich also schon herumgesprochen im Dorfe und wer ihm jetzt
begegnete und freundlich grüßte schaute ihm schadenfroh und hämisch nach Darum
wars besser keinem begegnen
Weiter hinaus zu waren ein paar kleine Häuser in denen Taglöhner wohnten
Das letzte mit einem verwahrlosten Vorgarten in dessen Umzäunung verschiedene
Latten fehlten andere zerbrochen waren gehörte dem Langgörgl
Ein Weibsbild stand unter der Türe und hielt ein Kind auf dem Arme dessen
schmutziges Gesicht durch Rufen entstellt war
Der Ruepp blieb stehen und fragte
»Wo is denn da Langgörgl«
»Wo werd er sei Drinna hockt er«
Die Antwort klang unfreundlich aber der Bauer trat ohne recht zu wissen
warum ins Haus
In der Stube saß der Taglöhner auf einem Kanapee dessen Überzug zerrissen
war vor ihm auf dem Tische stand eine Bierflasche in der Fuselschnaps war von
dem es in dem niedrigen unaufgeräumten Zimmer stank
»Ah da schau her da Ruepp Was schaffst«
»Nix I bin grad a so eina kemma weil mi da Weg vorbeiführt hat«
»Dös is recht Hock di a weng her«
Der Bauer setzte sich auf den wackligen Stuhl der vor dem Tische stand
nachdem er vorher einen schmierigen Janker der darauf lag entfernt hatte
Der Langgörgl erhob sich langsam und holte aus einem kleinen Wandschrank in
dem alles mögliche durcheinander lag ein verschmutztes Schnapsglas
»Magst a Stamperl«
Der Ruepp nickte zustimmend
»I hätt heut beim Schnacken helfa solln Ruabn aussa toa aba mir is gar it
recht extra gwen da bin i dahoam bliebn und kurier mi a weng aus Bei dem
Regn am Deanstag muass i mi vakält hamm aba jetzt is ja wieda dös allerschönste
Weda Is schier gar schad dass ma da herin hockt aba morgn is aa no Zeit De
Ruabn bringa ma leicht hoam «
»Ja ja «
Der Langgörgl schwätzte gleichgültiges Zeug und der Ruepp hörte kaum was
er sagte
Er stürzte hastig ein paar Gläser Branntwein hinunter und stierte vor sich
hin
Von der Straße klang hie und da lustiges Peitschenknallen herein und die
Sonnenstrahlen ließ sich durch die schmutzigen Fensterscheiben nicht
aufhalten als wollten sie den Bauern herauslocken aus der Stube
Wie kam er da herein Wenn ihm einer vor Jahr und Tag gesagt hätte dass er
am hellen Werktag mit dem übel berufenen Menschen zusammenhocken und Schnaps
saufen würde er hätte es nicht geglaubt
Und jetzt war er beinahe froh bei ihm Ruhe vor seinen Gedanken und Sorgen
zu finden
»Trink ma no oans Ruepp weils scho gleich is Oha jetzt is d Flaschen
laar Hansgirgl«
Er schrie noch ein paarmal da kam sein mürrisch dreinschauendes Weib zur
Türe herein
»Was willst d an Buabn«
»An Schnaps soll er holn«
»Es is koa Geld im Haus «
»Was Herrgottsaggerament Da geht er halt ohne Geld zum Kramer aufi«
»Der gibt eahm nix «
»I schlag dir s Kreuz o du «
»Lass guat sei« sagte der Ruepp und legte ein Zweimarkstück auf den Tisch
das der Langgörgl an sich nahm
»Also da Jetzt schickst an Buam eina aba gschwind sag i «
Die Frau warf einen verächtlichen Blick auf die zwei Männer und ging
Bald darauf humpelte ein zwölfjähriger Bub herein der trotz seines
verkrüppelten rechten Fußes flink genug war Er nahm Geld und Flasche mit einem
frechen Grinsen und kam nach kurzer Zeit wieder zurück
»Hast d nix aussakriagt« fragte der Vater grob
»Na «
»Was I beutel di do scho glei dass dir Hörn und Sehgn vageht Kost d
Flaschen it mehra wiar a Mark«
»Da Krama hat gsagt dös ghalt er zruck für dös ander «
»s Mäu halt Und mach dass d aussikimmst Und an Krama zoag is scho ob
mir der a Geld zruckhaltn ko «
Der Bub humpelte gleichmütig hinaus und schnitt unter der Türe eine Fratze
»So ausgschamte Leut als wia z Weidach muass s net glei wieda gebn«
schimpfte der Langgörgl »Weil mar amal Unglück ghabt hat treten s auf oan
umanand Mir is ja ganz wurscht aba dir sag is weil du a richtiga Mensch
bist der wo oan vasteht«
Und er erzählte dem Ruepp der ihn zuweilen mit gläsernen Augen anglotzte
die Geschichte wie er der Schaffler von Kemaden ein Ehrenmann auf und auf
durch die Hinterlist der Menschen und durch die eigene Gutmütigkeit von seinem
Sach gekommen war
»Ja mei Liaba so hamm s as mir gmacht und jetzt gab mir so a Haderlump
net amal aufs Geld aussa und a jeda möcht mi verachtn Aba du bischt anderst
gsinnt und deswegn steh i aa auf deiner Seiten und derfst mas scho glaabn
i helf zu dir bal aa de andern sagen du hättst von an altn Deanstbotens
Geld druckt «
Der Ruepp fuhr auf »Wer sagt dös«
»I sags net de andern brachtens a so aussa aba i steh auf deiner Seiten
mei Liaba und da gibts nix «
»Was scher i mi um dös Gred«
»Da hoscht amal recht um dös bekümmerst di gar nix und bals wieda oana zu
mir sagt dem selln zünd ia Liacht auf «
»Hör auf vo dem«
»Na pass auf lass da sagn i loos da it zua Was sag i an Ruepp möchts
ös schlecht macha und a so bringts as daher sag i als wann er an arma
Weibsbild de wo zerscht nix ghabt hat sag i seine paar Groschen nahm «
»I will nix hörn davo «
»Pass no auf i red ja für di Hab beim Wirt aa für di gredt wia der sell
Bazi den wo i scho von frühers her kenn wia der gsagt hat dass s beim
Gricht anskemma waar und dass s di auf an Schwur hitreibn «
»Moanst d vielleicht i schwör it«
»Freili schwörst und lass da sagn wias i dem higriebn hab Di kennt
ma sag i und neamd kennt di so guat als wian i und da Ruepp sag i über den
werst du wohl nix behaupten kinna und sag i dös is an Ehrenmann Der braucht
von so oan wia du bischt koan Leumund durchaus net und du werstn eahm aa it
nehma kinna So hab i gsagt mei Liaba Da trink no oans«
»I mag nimma «
»Ah werst do net auf de Leut aufpassen De kinnan ja di gar it moana und
du stellst di ganz oafach hi und schwörst und bal di oana schlecht redt da bin
i scho da Du helfst zu mir und i helf zu dir «
Der Ruepp schob das Glas zurück und stand auf
»I geh jetzt «
»Bleib do no da «
»Na Bin i was schuldi«
»Geh zua Hoscht ja du an Schnaps zahlt «
»Ah so ja hab i an Schnaps zahlt hab i «
Er schwankte und konnte sich kaum aufrecht halten
Und es war ihm gottesjämmerlich zumut der Dunst in dem kleinen Zimmer und
der ekelhafte Fuselgeschmack im Munde kamen ihm unerträglich vor
Er wankte hinaus hielt sich an der Türpfoste ein und draußen drehte sich
alles um ihn
Wie er auf der Straße vorwärts wankte und sich bald an einem Zaune bald an
einem Wagen der im Wege stand einhalten musste liefen ihm die Buben lachend
und schreiend nach
»Ah Da Ruepp «
Ein paar Weiber zogen sich scheu zurück wie er vorbei kam und traten
wieder unter die Türen um ihm nachzuschauen
»Na so was Am helliachtn Werktag«
Ausserhalb des Dorfes setzte er sich auf einen Feldrain und war bald
eingeschlafen
So sahen ihn etliche Leute die von der Arbeit heimgingen
Eine Magd wollte ihn aufwecken aber der Knecht der neben ihr ging hielt
sie zurück
»Lass den bsuffen Kerl schlafn «
»Aufn Abend zua werds eahm do z kalt bal so Nebel aufsteign «
»Ah was Wann dem so was schadet waar er scho lang hi «
Er wurde aber doch geweckt
Vom Dorf her kam eine Frauensperson die erschrocken stehen blieb wie sie
den Schlafenden sah und die ihn heftig an der Schulter rüttelte
»Was is Wer sagt dass i ah du bischt es «
Der Ruepp sah in das zornige Gesicht seiner Bäuerin
»Wo kimmst denn du her« fragte er verschlafen und verdrossen
»I möcht wissen wo du gwen bist Wia du nach Schnaps stinkst Schamst di
gar it«
»Mir is alls gleich «
»Es scheint si Da Herr Pfarrer hat aa gsagt Sie hamm einen schweren
Stand Rueppin «
»Da Pfarrer Bist du beim Pfarrer gwen«
»Ja mi hats dahoam nimma glittn dass d as woasst «
»Unta da Woch zum Pfarra laffa« brummte er und richtete sich langsam auf
»Du woasst guat was mi hitriebn hat Aba jetzt geh zua is ja a Schand
wia du da ghockt bist vor alle Leut Jetzt woass i warum der Ecklknecht so dumm
glacht hat wiar a mir voring begegnet is«
»Was liegt denn da mir dro«
»Dir liegt an nix was dös is leider wahr«
Sie ging etliche Schritte voran und das Herz schwoll ihr so von Erbitterung
an dass sie ihm am liebsten ins Gesicht geschrien hätte wie seine
Liederlichkeit alles aber auch alles zu Grund gerichtet habe
Allein als sie sich umwandte und sah wie er schwerfällig und müde mit
unsicheren Schritten hinter ihr herwankte kam sie wieder Mitleid an und sie
schwieg
Er rief ihr halblaut nach
»Afra«
»Was denn« »Laff mir net davo«
Sie blieb stehen und wie er bei ihr war brach er in Schluchzen aus und
die Tränen liefen ihm herunter
»I bin der gar Neamd mehr I bin scho der Allerschlechtest «
»Hör do auf mitten am Weg«
»D Leut wissens eh scho Sie sagens im Wirtshaus und redn dahoam davo I
bin der Allerschlechtest weit umanand «
»Nimmst das halt anderst für«
»Nix helft mir neamd helft mir I bin da gar Neamd «
»Geh zua Michi dös hat jetzt koan Wert gar it da auf da Straßen «
Er griff hastig nach ihrer Hand in die er sich ganz verkrallte
»Afra du muasst mir helfa «
»Dös woasst scho dass ma dir hilft «
»Na na du hoscht mas ja abgschlagn aba du muasst as toa sinst is
alls hi «
Sie blieb stehen und sah sich um ob niemand in der Nähe sei
»Schwörn moanst du«
»Es muass sei Afra «
»Dös werd nia« sagte sie bestimmt doch ohne Heftigkeit
»Bitt di gar schö «
»Lass guat sei Wann i wollt kunnt i net I fallet um wann i d Hand
aufhebat «
»Bitt di gar schö «
»Na es muass anderst aa geh Michi und mei Seligkeit verschwör i net wegen
dem lumpeten Geld «
»Bitt di gar schö «
Er lief neben ihr her und als sie ihre Hand losriss hielt er sich an ihrem
Rock fest Wie ein Schulbub bettelte er
»I ko net und i ko amal net« sagte sie fest
Er ließ los und blieb wieder etliche Schritte zurück dabei murmelte er
undeutlich vor sich hin und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab
Im Hohlweg wartete sie bis er herangekommen war
»Du legst di jetzt ins Bett und i mach dir a warme Suppen und morgn redn
mir anderst von dera Sach «
Er antwortete nicht und folgte ihr willenlos und ließ sich von ihr in die
Kammer hineinschieben
In der Küche sagte die Rueppin zur Leni »Wir müassen an Vater a Suppen
ausschmalzen er is it recht beinand«
»Ja beinand Was dem feit woass i scho Stinkt ja da ganz Flötz nachn
Schnaps«
»Jetzt sei it so unguat«
»Is ja a Schand Bei ins werds allaweil no schöner «
Leni riss die Herdringe zornig auf und machte Feuer die Mutter half mit und
wie die Suppe fertig war trug sie den dampfenden Teller in die Kammer
Die Kammer war leer
»Wo is denn Leni«
»Was«
»Da Vata is it da «
»Er werd it weit sei «
Aber die Rueppin war von einer großen Unruhe befallen über die sie sich
keine Rechenschaft geben konnte
Sie ging in den Hof hinaus und rief Niemand gab Antwort Dann kam sie in
die Küche zurück und fuhr die Leni heftig an
»So schaug do wo da Vata is«
»Wo soll i denn schaugn Er werd scho wieda kemma «
Aber er kam nicht
Da lief die Bäuerin in den Stall hinüber
»Is denn neamd da Zenzi Peta «
Die Zenzi tauchte auf sie war gerade beim Melken
»Wos geits«
»Is da Bauer net herin gwen« »Na «
»Wo is denn da Michel Wo san de andern«
Die Zenzi schaute verwundert die Bäuerin an die immer aufgeregter wurde
»De wern scho da sei «
Im Hof draußen kam der Michel zu ihr
»Host du an Vater it gsehgn«
»An Vater Na warum «
»Frag it lang und steh it umanand Suachn halt«
Aber alles Suchen war umsonst
Der Ruepp war in Haus und Hof nicht zu erschreien und nicht zu finden
Der Kaspar kam später weil er den einen Gaul zum Beschlagen geführt hatte
»Is dir da Vata it begegnt Dass er am End nomal ins Dorf abi is«
»Na mir is neamd begegnt Was tuast denn so narrisch Der is scho öfta
ausbliebn «
Michel musste ins Dorf hinunterlaufen und im Wirtshaus nachschauen
Er kam unverrichteter Sache zurück
Da setzte sich die Rueppin auf einen Küchenschemel und fing zu weinen an
»Dös geht it guat aus «
Michel tröstete sie die andern waren unwirsch dass sie hatten aufbleiben
müssen
Als sie dann ins Bett gingen blieb die Bäuerin in der Küche immer wieder
ging sie zur Haustüre hinaus und spähte und horchte Es rührte sich nichts
Als der Tag graute weckte sie alle
»Da Vata is it hoamkemma es is an Unglück gschehgn i woass gwiss «
Eine halbe Stunde später klopfte ein Mensch aufgeregt ans Küchenfenster
»Jessas«
Es war ein Knecht vom Lukas der in aller Früh durchs Weiherer Holz gefahren
war und den Ruepp gefunden hatte
»I möchts enk liaba it sagn « stotterte er
Die Bäuerin schrie auf die andern drängten sich um den Knecht
»Was denn «
»Ja «
Der Ruepp hatte sich nur ein paar Schritte vom Weg an einer Buche
aufgehängt
Es bleibt wenig mehr zu erzählen
Kaspar dem die verstörte Mutter das Anwesen übergab konnte es mit dem
Gelde das er sich erheiratete gerade noch erhalten und kam jahrelang nicht
recht in die Höhe Der Michel aber nahm Dienst bei einem Bauern in Weichs und
hatte Mühe sich Anerkennung zu verdienen
Man hieß ihn den »lateinischen Knecht« und blieb lange misstrauisch gegen
ihn
Er ließ sich nicht irre machen und schaffte redlich weiter doch kam er
nicht in die Höhe und blieb ein Dienstbot sein Leben lang
Die Stasi vom Lukas heiratete nach Jahr und Tag den Moosrainer in Aufhausen
und wurde eine rechtschaffene Bäuerin