Gustav Sack
Ein Namenloser
Roman
Der Namenlose
Tote sind es deren Gestalten diese Blätter heraufbeschwören denn auch die
blonde Klaire ist seit mehreren Jahren tot
Dem »verbummelten Studenten« der den Namen meines Mannes bekannt gemacht
hat folgt heute der »Namenlose« Es ist der zweite und letzte abgeschlossene
Roman den er uns hinterlassen hat denn der dritte »Paralyse« ist Bruchstück
geblieben
Der »Namenlose« steht erkenntnisteoretisch zwischen dem in der Philosophie
scheiternden »Studenten« und dem »freien Menschen« der »Paralyse« Von ihm sagt
Sack selbst als er gelegentlich die Entwicklungslinie seiner großen Arbeiten
skizziert
Der Namenlose Der Götterglaube ist völlig überwunden um aber im
Relativismus und Positivismus bestehen zu können Stütze und Verbindung
mit dem Innersten der Natur durch geschlechtliche Liebe
Dieser schonungslos ehrliche Bericht einer sinnlichen Leidenschaft wäre
viel eher noch als Loos und Erichs Verbindung im »Studenten« eine »dumme
Liebesgeschichte« die allenfalls durch einen krankhaften Paroxismus der
erotischen Gefühle sich auszeichnete wenn nicht das Denken die an sich kleinen
Begebenheiten mit unerbittlicher Schärfe durchsetzte und zersetzte Es sind wie
immer bei Sack die Ereignisse im Gehirn die den eigentlichen Gang der Handlung
bilden aus dem an sich leicht trivialen Stoff tragische Kraftvergeudung und
Untergang gestaltend
Sack schrieb den »Namenlosen« in Schermbeck seinem Heimatort Unmittelbar
nach Beendigung des Dienstjahrs in Rostock dessen photographisch getreue
Wiedergabe der Roman ist wurde mit den Vorarbeiten begonnen Von diesen
abgesehen erfolgte die erste gültige Kladdeniederschrift in dem erstaunlich
kurzen Zeitraum vom 5 Dezember 1912 bis zum 17 Januar 1913 Sacks damalige
ungeheure innere und äußere Verlassenheit zeigt die Bemerkung mit der er mir
dann das Manuskript das zunächst den Titel »Mein Sommer 1912« getragen hatte
übersandte dass er auf der Welt niemanden wisse dem er es lieber schicke als
mir Wir hatten zu jener Zeit erst wenige Briefe gewechselt und uns noch nicht
gesehen
Nach der Rücksendung erfolgte sofort die letzte Überarbeitung und
Reinschrift die durchwegs formale Änderungen brachte Bedeutungsvoll war die
Einschaltung der umfangreichen Diskussion der Kameraden auf dem Schiessplatz Sie
ist eine temperamentvolle Auseinandersetzung mit den in Hans W Fischers
»Dreissigjährigem« aufgestellten Theorien Das Buch war ihm inzwischen durch mich
geschickt worden
Im Frühjahr 1913 war der »Namenlose« druckfertig in der heute vorliegenden
Fassung Niemand wollte ihn drucken Es musste 1919 werden ohne Sack bis er den
Weg in die Öffentlichkeit fand Nun stellt er sich neben seinen älteren Bruder
den vielgenannten verbummelten Studenten um mit ihm für den großen Toten zu
zeugen bis auch die übrigen Werke erscheinen und das ernste Bild vollenden
werden
München 8 Februar 1919
Paula Sack
Ein Namenloser
Etwas Grauenhaftes ist ausgebreitet klanglos lichtlos eine finstere Häufung
erboster Atome Hier zu kompakten ruhlos in sich rasenden Klumpen verfilzt
dort von einander sich reißend flüchtig eins des anderen Feind Wahllos stößt
und bebt und kreist und zittert und wirbelt das Durcheins in schauriger
Sinnlosigkeit Wohl schlagen die von einander sich reißenden flüchtigen die
eins des anderen Feind sind zuweilen in fieberndem Rhythmus hin und wider und
als rasende Welle pflanzt sich ihr zitterndes Fieber fort und bringt die
kompakteren ruhlos in sich rasenden zu größerem Rasen Wohl flüchten rollende
Punkte die jene anderen rastlos umkreisen wie eine gehetzte Schar von hier
nach dort von dort nach hier und bringen den Tanz des Chaos zu größerem Chaos
Wohl stößt und prallt und kreist und rollt und zittert und strömt das in sich
unentwirrbar schier jedes der Kreisenden der Gehetzten der Wirbelnden der
Gestossenen und Stossenden nach seinem Gesetz und seiner Art Wohl weiß ich die
Formel dafür wohl kenne ich ihre Geschwindigkeit ihren Weg und ihr Gewicht und
weiß wie ihr Wirbel und Zusammenhang war und sein wird aber es ist Finsternis
und Schweigen finsterster schweigendster Wahnsinn Und einst nimmt auch
dieses die Mannigfaltigkeit der Schwingungsgeschwindigkeit der einzelnen ein
Ende und es ist nichts denn ein rätselhaft grauenhafter Klumpen voll
Gleichartigkeit von ruhlos gleichartig zitternder Globen klanglos lichtlos
zeitlos der lebende Tod Denn die Formel weist t unendlich und die
Intensitätsunterschiede sind hin Die Entropie hat ihr Maximum zu dem sie
strebte erreicht
Das ist deine Welt
Aber sie genügt mir nicht denn abgesehen von der Unbegreifbarkeit der
Atome und der Entstehung des Bewusstseins aus der Bewegung dieser Atome stellt
die Mechanik und Atomistik mittels derer ihr eure Welt eindeutig beschreibt
nur eine Seite des Unergründlichen dar Ihr benutzt formaloptische und
Tastempfindungen haben die ein Vorrecht vor den Empfindungen des Gehörs des
Geruchs und des materialoptischen Sehens Sie sind ebenso berechtigt die
Grundlage eines Weltbildes abzugeben Ihr redet vom topochemischen Sinn wieviel
mehrere solcher Sinne mag es geben und damit wieviel mehrere Seiten der Welt
Und sollte ich alle sollte ich ihre Unzahl kennen so bliebe damit meine Welt
immer nur eine Sinnenwelt eine Vorstellung und ein Bild ein Bild das meine
abstrahierenden und ordnenden an und für sich aus bestimmten Verhältnissen
heraus gewordenen Denkformen aus dem Material der Sinnesempfindungen
geschaffen haben Und über dieses Bild über dieses Produkt meiner Organisation
und des ebenso unergründlichen AußerMir komme ich nicht hinaus Und wer
überhaupt berechtigt mich kausale Beziehungen zwischen diesem Bild und meinen
Sinnen und jener Außenwelt aufzustellen wer beweist mir die Gültigkeit einer
transzendenten Kausalität
Aber ich bleibe bei meinem Phänomenalismus stehen trotzdem ich weiß dass er
als korrelativen Begriff den der Substanz fordert des Dinges an sich Aber
dieses Ding an sich ist ein logisches Unding wenn Alles im letzten Grunde x
ist so kann dieses x nur bestehen durch seinen Gegensatz zu einem y aber
dieses y soll wieder gleich x sein Und versteige ich mich zu jenem extremen
Idealismus und nenne das Allem Zugrundeliegende Geist Wille oder umfassendes
Bewusstsein so begehe ich den gleichen logischen Fehler Wie komme ich da
heraus
Aber auch lachend und brausend wälzt sich die Welle mit grünlichem Gischt zu
mir als schimmernder Kegel schleudert sich der Sonne Licht strahlend vom
spiegelnden Meer in den Raum zurück und Klänge wiegende Klänge zuckt nicht
und tanzt nicht mein Fuß umfluten umflattern mich ein Duft überfällt mich ein
betörender betäubender es knirscht der Sand und ein Leib presst sich an mich
zwei harte Brüste und ein blondes Gelock da wende ich mich
Bljetzte das Brennt die Welt
Ich will von meiner Liebe schreiben von meinem Sommer
neunzehnhundertundzwölf
Aber sei stark mein Herz und bleibe kühl mein Kopf dann taucht sie zu
sichtbar wieder auf vor euch mit ihrem Haargezottel von Gold und ihren Augen von
Ametyst dann flutet mein Blut dann breiten sich meine Arme und meine Augen
brennen und bitten
Klaire hieß sie war zwanzig Jahr blauäugig und blond und ihr Gesichtchen
geschnitten zart wie das einer Gemme ich aber trug damals den Rock der
Füsiliere Und der und mein braunes Gesicht hatte es ihr angetan und meine
Keckheit mit der ich sie am ersten Abend dem Anderen nahm Aber weswegen
flackerte ihr Auge auf und brannte sogleich in meinem fest so fest dass mein
bleicherer Freund mich bat Sieh sie doch nicht ewig an du hast doch die
andere
Die andere war ihre Schwester die eine Freundin für diesen Abend hatte
mitbringen müssen
In der Nacht die diesem in roter Trunkenheit endenden Abend folgte stahl
sie sich den ersten Kuss Einige Tage später es war um Ostern fuhr ich in die
Heimat
Hier verdrängten meine Brüche und Heiden ihr Bild Nur dass ich meinen
Bäumen meinen mürrischen Wacholdern und vergrämten Moorbirken fremder in die
Augen sah War es so weil ihr mächtiger Bruder das Meer mich wieder
angesprochen und angebraust hatte oder zürnten sie mir weil ich wieder im
Begriff stand mit meiner Liebe zu den Menschen zu gehen Ich trug so oft mein
nacktes Herz ratlos zwischen beiden hin und her und es war viel Zürnens viel
zärtlicher Eifersucht und viel Versöhnens zwischen uns
Als ich zurückgekehrt war und zu unserem ersten Stelldichein ging hatte ich
das Gefühl als schöbe hinter mir eine Riesenfaust Nicht wie nachher wo ein
Seil zwischen uns gespannt schien an dem wir uns näher immer näher zu einander
zogen nein zwei Fäuste wie Felsen stießen uns auf einander zu und aus den
niedrigen Abendwolken lugte das Gesicht des Riesen Doch als ich sie kommen sah
mit ihrem wiegenden losen und schlenkernden Gang siehe da zitterte schon das
Seil und beflügelten Schrittes liefen wir nicht eilten wir an ihm auf einander
zu Bis ich ich nehme gerade die grüssende Hand von der Mütze und strecke sie
ihr entgegen zurück geschlagen werde Wie eine feuchtwarme Luft prallt etwas
gegen mich und presst die Lunge aber sie sieht mich fragend an da reiche ich
ihr die Hand
Wie schön dass du kommst Wie gut von dir
Stiess mich ihr fahl vom Lampenlicht beleuchtetes Gesicht zurück Oder war es
ihre unfreie Art der Begrüßung Denn Klaire kommt in einem kleinen Winkel auf
einen zu und schlenkert mit den Armen und bewegt merkwürdig den hübschen Kopf
und sieht wenn sie die Hand reicht an einem vorbei Aber ich will ironisch
sein und von meinem warnenden Guten Geist reden ist doch die ganze
Wissenschaft Ironie Der Gute warnende Geist ist ebenso Forderung und Schöpfung
des Gefühls als es Moleküle und Dynamiden sind Was reden wir von ihnen als ob
wir an sie glaubten und glauben doch nicht an sie
Wir sagten ein paar dumme Worte jedes erste Wort bei der Begrüßung ist
dumm wir wollen Zeit haben uns in uns zu verkriechen und den Mitmenschen
hervorzukehren Dann nahm ich ihren Arm und ging mit ihr in ein Café Hier
setzten wir uns in eine verschwiegene Ecke und Klaire erzählte Und erzählte
mir dass ich der zwölfte oder dreizehnte ihrer Liebhaber sei Und nach diesem
Geständnis legte sie ihre Hand auf mein Knie und lehnte den Kopf an meine
Schulter und schmeichelte
Weswegen soll ich dir nicht die Wahrheit sagen
Hielt sie mich für unerfahren und war schon so klug um zu wissen dass
Mädchen solcher Art auf Neulinge den berückendsten Eindruck machen Oder
kokettierte sie mit der frivolen Weise mit der sie ihre »Verdorbenheit«
eingestand Oder hatte sie mich lieb und wollte gleich am Anfang reine Bahn
zwischen uns schaffen War es ein Gemisch von diesen Drein
Aber sie bezauberte mich und sah wie sie mich bezauberte und schnitt nun
auf und ich ließ es an ähnlichen Beichten und Märchen nicht fehlen und hatte
noch größeren Erfolg denn ich erzählte raffinierter So zeigten wir uns unsere
schlechtesten Seiten gaben uns interessanter als wir waren und verliebten uns
immer mehr dabei
Es war früh und noch nicht Mitternacht als ich die entscheidende Frage tat
und mich gleich über meine Plumpheit ärgerte Es klang so roh in unsere
Verliebteit hinein und sie antwortete nicht darauf sie ging ja von selber mit
Ich liebe diese schweigsamen Heimwege mit ihrem kleinen Bangen und zagenden
Erwarten Es liegt ein so prickelndes Gefühl von etwas Verbotenem von Sünde
darin und wen von uns reizt isoliert und erhebt nicht das bloße Wort Sünde
schon Hätten wir mehrere solcher angenehmen Atavismen
Aber als ich frühmorgens da die Sonne noch schlief zur Kaserne ging war
mir die kleine Blondine gerade nicht zuwider ich wusste schon dass ich nicht so
leicht von ihr lassen konnte aber es war mir als sei ich etwas enttäuscht
Hatte ich sie noch interessanter erwartet Doch nach den ersten Turn und
Exerzierstunden sah ich das Ereignis mit anderen Augen an mein Körper war froh
und leicht ich war ihr dankbar und dachte mit verliebtem Lächeln an sie Und
dieses verliebte Lächeln sah man in der Folgezeit öfter um meine Lippen
»Esst trinkt und liebt denn alles andere
ist keinen Stüber wert«
sagt Sardanapal und der Übersetzer schreibt Tut was euer Magen euch befiehlt
ihr könnt nicht anders folgt dem zu dem die Gattung euch treibt ihr könnt
nicht anders und dann trinkt auf dass ihr beides vergesst Und alles andere was
keinen Stüber wert ist das ist auch nur ein vergeistigter Betäubungstrank Esst
liebt und trinkt Das ist eine Welt
Doch sollte man sie zuweilen nicht fast lieben gerade wegen dieses
Betäubungstrankes
Der Frühling kam und nach beendetem Dienst wandelte ich mit ihr in sein
Kommen hinaus Unter verliebtem Geplauder und verliebteren Dummheiten nahmen wir
das Knospen und Drängen das ahnungsvolle Klopfen und süße Pulsieren des
ungeborenen Sommers in uns auf Je blauer der Himmel und je duftiger der Hauch
einer erwachenden Birke um so verliebter sahen wir uns in die Augen und je
verliebter wir uns in die Augen sahen um so blauer war der Himmel und um so
duftiger der Hauch jener Birke Wir waren der verkörperte Lenz wir dachten der
Nacht die vergangen und sehnten uns nach der kommenden aber unser Geplauder
blieb harmlos wie das zweier verliebter Bachstelzen
Aber sobald die Lampen brannten und wir unter Menschen waren war es aus mit
unserem Bachstelzenidyll Dann war sie das kleine Dirnchen frivol und pervers
und hinter ihren lüsternen Augen saß der Hass Das war wie eine schwüle
Gewitterluft wir hatten uns maßlos gern und wussten uns durch Gleichgültigkeit
und Eifersucht nicht genug zu quälen das war ein wollüstiges Schweben zwischen
Bissen und Tränen Wir jammerten über das Leid das wir uns antaten aber dieses
Leid tat uns so wohl Und unsere Nächte wurden wild Da verschwand das verliebte
Lächeln das man in den ersten Dienststunden auf meinen Lippen zu sehen gewohnt
war meine Augen glühten müde und ich dachte den ganzen Tag mit unruhiger
Sehnsucht an sie
An einem Abend aber da draußen ein warmer Regen fiel und der Wind von Süden
kam lag sie müde und gebrochen in ihrem Stuhl ihre Stimme war weich und tief
und es dünkte mir als leuchte auch ihr Haar weniger keck Sie sah mich mit
ihren blauesten Augen an stützte langsam den Kopf in die Hand und fragte mich
Sage Liebling was hast du eigentlich an mir Weswegen hast du mich so
lieb
Ich habe dich nicht lieb
Nein lass das heute Weswegen hast du mich so lieb
Nun ich habe dich eben lieb
Weswegen
Weswegen hat man wohl ein Mädchen lieb
Du hast doch schon mehrere lieb gehabt Weswegen gerade mich so sehr
Ich habe dich nicht lieber als andere
Doch Doch Du hast mich über alles in der Welt lieb
Ich habe dich lieb weil du unglücklich bist
Liebling
weil du versteh mich recht gerade nicht unglücklich aber doch anders als die
anderen Mädchen bist Ich denke dann wenn wir uns länger kennen kann ich dir
sagen was mich quält und es tut wohl einem sein Herz ausschütten zu dürfen
von dem man weiß dass er auch nicht immer auf Rosen lag Vielleicht ist es das
vielleicht auch nicht Das weiß man ja nie genau
Doch das weiß man
Das weiß man nicht Wenn ich dich nun lieb habe weil du oft so
widerspenstig bist und dann wieder alles tust was ich will Aber vielleicht
liebe ich dich nur weil ich dich einem Anderen weggenommen habe
Aber sie schüttelte den Kopf und lächelte in sich hinein
Wir wollen nun gehen Und nimm es mir nicht übel wenn ich dich nicht ganz
heim begleite Ich muss morgen früh zum Dienst
Du Ich geh mit dir
Da lachte ich und küsste sie und wir stolperten heim
Es dämmert und die Kompagnie steht auf dem Kasernenhof und der Feldwebel vor
ihr und flucht mit meinem Korporal ich aber bin auf der vierten
Korporalschaftsstube bleich und mit einem verliebten Lächeln um den Mund noch
umhüllt von dem Duft ihres Körpers und versunken in die Liebkosungen der Nacht
Mein Putzer schnallt und gürtet an mir wir gehen hinunter und die Kompagnie
rückt ab
Wo magst du sein Schläfst du noch Nachmittags soll ich dich beim
Rückmarsch sehen wo denn noch
Aber die Gedanken verwirren sich werden wirr verfliegen und Bilder
beginnen zu gaukeln Zerwühlte Kissen und weiße Hüften Doch auch die Bilder
verwirren sich werden wirr verfliegen Aus den flüchtenden klingt ein Schrei
so hell er echot hallt matt und matter schwillt leise aus ferner ferner Ferne
an und klingt und stirbt Und jetzt umflutet ihn das Gefühl bildlos wortlos o
du süße tief gesättigte Ruh Ein Duft umflattert ihn noch ein nicht
bestimmbarer süßer zuwidrer Die langen Reihen der Helmspitzen pendeln
taktmässig hin und her auf und nieder wogen die Tornister und gelbbraunen Zelte
Helmspitzen Zelte o du goldbraune purpurne Nacht
Da hält die Kompagnie er prallt auf den Tornister seines Vordermannes sein
Helm kollert zur Erde und er erwacht
Die Marschpause ist hin der Marsch geht fort ja wo geht er denn hin Wie
ein blauschwarzes seidenes Riesentuch liegt zu meiner Rechten die See und trägt
braune und silberne Segel und die Möwenschwärme sind wie weiße auf und nieder
tanzende Staubpunkte auf ihm
Da liegst du unsterblich und selbstgewiss in dir wie ein Gott und bist doch
wie ein ruhloses Raubtier über die Erde gebraust Kein Ort und wäre es der
Mount Everest selbst auf dessen Schnee die Ewigkeit zu wohnen scheint wo du
nicht einmal in deiner blauen Herrlichkeit träumtest und glaubtest zur Ruhe
gekommen zu sein Aber eine Stunde einer größeren Weltenuhr schlug und wie ein
nicht zu sättigender Feind rolltest du fort und warfst dich gierig über ein
anderes Land Wie nah fühl ich mich dir Ich wanderte und wanderte und ruhte
hier und dort und träumte für Sekunden einen blauen Ewigkeitstraum dann riss es
mich weiter ruhelos wie der Hunger das Tier Aber das waren klingende
berauschende Worte in denen ich meine kurze Rast und Ruhe fand das waren
stolze und in die Ewigkeit langende Formeln und nun vergaß ich mich und in
einem Dirnchen verlor ich mich Ein offener Busen und ein lüsternes Lächeln das
ist nun für mich die Rast und das seidenweiche Faulbett auf dem ich die Welt
vergesse Ich weiß und lernte es immer gewisser mit der Zeit dass kein dauernder
Rastort für mich gebaut ist aber ich will mich nicht schlafen legen in einem
Proletariertrieb in einer Herdenlust ich trenne mich von ihr
In Schützenlinien lagen wir und beschossen Kopfscheiben die sich undeutlich
vom Boden abhoben hinter ihnen gleisste weißer Dünensand und wogte das Meer
Tief sog ich die salzige Meeresluft ein und schoss niemals so gut wie damals in
Elsenhorst
Sandwolken und Spritzer fuhren zwischen den Zielen auf die Luft ward
zerschlagen von dem harten peitschenartigen Geknatter durch das singend die
Geschosse schwirrten in den Pausen aber wogte und brauste die See Und Klaires
Bild sank und sank ich dachte nicht mehr an Trennung ich war schon meilenweit
von ihr fern
Eine Barke tauchte am Horizont auf über die Dünen hinweg hielt ich auf sie
hin Der Knall verschwand zwischen den übrigen aber hoch über die anderen erhob
sich das Geschoss wo flog es hin
Wie die Barke an ihrer Stelle stehen blieb still wie ein fernes Gespenst und
ich nicht weiß ob meine Kugel sie erreicht oder wohin sie sich verirrt hat so
steht auch fern wie ein Gespenst das Ziel auf das mein Sehnen fliegt sei frei
Ob mein Pfeil es erreicht oder vorbei ins Leere schwirrt und kraftlos in
die Wasser fällt was gehts mich an Die Richtung war da und meine Sehnsucht
flog
»Morgen marschieren wir
zu dem Bauer in das Nachtquartier
Wenn ich werde scheiden
muss mein Mädel weinen
und wird traurig sein«
Laut und metallisch klingt es und taktmässig hallen die Schritte Die Spaten
und Seitengewehre klappen in den Feldflaschen gluckst es ab und zu taktmässig
ab und zu und die Helmspitzen schwanken nach links nach rechts die Tornister
wogen auf wogen ab
wenn ich werde scheiden
muss mein Mädel weinen
und wird traurig sein
Das ist das Schöne auf diesen Märschen dass man keinen Gedanken halten kann
Immer wieder muss man ihn einfangen immer wieder entschlüpft er und schließlich
ist er fort Der Tornister zieht und zerrt der Schweiß tropft in gleichmäßigen
Abständen Tropfen um Tropfen von der Stirne über den Nasenrücken herab Dort
hängt er und schaukelt und gleisst bald wie ein wasserheller Hyalit bald wie
ein gelblicher Karneol Dann schiebt sich die Unterlippe vor die Brauen ziehen
sich zusammen die Stirne kraust sich ein energischer Hauch und er zerstiebt
und zersprüht Und das wiederholt sich fort und fort die Füße brennen und die
Zunge klebt aber der Gedanke ist fort
wenn ich werde scheiden
muss mein Mädel weinen
und wird traurig sein
Das geht immer fort das klingt mir nicht nur im Ohr das senkt sich durch
alle Poren ins Fleisch und durchdringt rhytmisch den ganzen Leib Und wenn
brütende Stille über den schwankenden Helmen und arbeitenden Lungen liegt nur
der schlurfende hallende Schritt das Knarren und Klappen der Montur uns stumpf
begleitet wenn erst zaghaft einer dann einfallend laut und metallisch der
ganze müde Trupp ein anderes Lied anstimmt mich durchdringt und durchpulst nur
wenn ich werde scheiden
muss mein Mädel weinen
und wird traurig sein
Das zaubert in mir zusammen mit Durst und Müdigkeit dem vorwärts drängenden
Gefühl in das jeder Entschluss körperlich ausklingt und den Nachwehen der Nacht
eine schwermütigsehnsüchtige mich mit ihrer Schwermut und Sehnsucht süß
berauschende Stimmung hervor
Vor uns an einer Wegebiegung blinkt es in der Sonne stechend prallen ihre
Strahlen von den gelb geputzten Hörnern ein kurzes Halten und ein kurzes
Verschnaufen und weiter geht es die Musik spielt und die Beine fliegen
Da steht sie mitten auf dem Weg und weit vor der Stadt die Zeit wurde ihrem
unruhigen Herzchen lang da kam sie uns entgegen nun winkt sie und lacht und
glüht mich an Da ist alles verflogen zerstoben und das Ziel in alle Winde
zersprüht
»Ich weiß nicht was ich könnte sein doch fühl ich ich bin nicht was ich
sollte sein«
Dieses Wort auch von Sardanapal hing mir als ich nach dem Bade mich mit
der Wollust der großen Müdigkeit in meinen Kissen streckte an und ließ den
Schlaf nicht zu mir kommen Da nahm ich ein Buch für das gerade in diesen Tagen
die Zeitungen das große Tamtam schlugen und versuchte zu lesen Und während ich
die Buchstaben mechanisch zu Wörtern und Sätzen zusammenstellte und diese
sinnlos und fremd in die Unendlichkeit an mir vorüber trotten ließ ward ich mir
in tiefster Seelenruhe bewusst dass mein Entschluss von Elsenhorst
zusammengestürzt und der Pfeil meiner Sehnsucht wieder in den Wassern versunken
war Würde ich ihn noch einmal aufnehmen und ins Blaue senden Aber mich
bekümmerte das wenig ich ließ es geschehen sein und war durchdrungen von der
Unschuld des Fatums
Auf der läuferbelegten Treppe glaube ich Schritte zu hören leise
Diebsschritte auf Spitzzehn und ich wundere mich gerade über mich dass ich
ihr Kommen so wenig verwunderlich finde da klinkt sie rasch die Türe meines
Wohnzimmers auf stutzt und sieht sich in dem leeren Zimmer um und wirft sich
dann lachend über mich
Aber Klaire
Du ich konnte doch nicht anders Und du am hellen Tag im Bett
Als ob du das nicht gewusst hättest
Sie sieht mich mit einem bösen Blick an dann streift sie mein Nachtemd
zurück und betrachtet ernstaft die rosafarbenen Ellipsen die ihre Zähnchen in
meine linke Schulter gebissen haben Und diese meine Augen und meinen Mund
bedeckt sie mit stürmischen Küssen und ich kann es nicht hindern dass sie sich
entkleidet und zu mir schlüpft Ich will noch schelten und zürnen aber sie
presst ihren warmen Körper in meine Arme und erstickt mein Zürnen und Schelten in
ihrem roten Blut Die Sonne sah weg und ging hinter die nächsten Dächer und als
sie mit ihren gelben und meergrünen Pinselstrichen über den Himmel fuhr und
braune und goldrote Kleckse auf ihn warf verließ mich Klaire Ich aber kam mir
in dem Augenblick armseliger vor als der Strassenpflasterer da unten über dessen
ruhlos ödes Geklinke wir uns eben noch geärgert hatten
Dann kleidete ich mich in mein bestes Extrazeug und verließ eine Zigarette
zwischen den Lippen und ein sorgloses Lächeln um den Mund meine Wohnung Ich
hatte beschlossen mich am Abend in Likören zu betrinken die geben den
schwersten Rausch und schlagen einen wie mit weichen Beilen zu Boden
Ich bin so oft berauscht gewesen wie der Schaum am Champagnerkelch war ich
trunken und war nüchtern wie der Fisch im kältesten Bergbach ich habe gehasst
mit der Ausschliesslichkeit und Wucht des sinnlosen Triebes und habe in wissenden
Stunden diesen Hass glühend genossen ich habe geliebt mit der brutalsten Gier
und ein anderes Mal mit dem delikatesten Bewusstsein und Selbstgenuss ich bin
großmütig gewesen wie ein Tor und neidisch wie ein hungriger Hund ich habe in
einigen kurzen Minuten rauschlos in einem purpurnen Strudel des Glücks
geschwommen und habe öfter als ich es wissen mag in wortloser Verzweiflung vor
den Toren des Todes gestanden und habe mich dann aus all dem Fremden das mich
zerdrücken und zerquetschen wollte emporgerissen wie von den braunen
Riesenschwingen eines Adlerpaares getragen in einen Himmel der blauesten Poesie
in ein Elysium der süßesten Narkotika ich habe in allem Wissen umhergetastet
und bin an manchen Stellen bis auf den Grund getaucht ach die Meere waren
seicht und was ich aus alledem mitgebracht habe ist das dass ich gelernt
habe dass wir in einem Meer von ewigen Rätseln und Unergründlichkeiten
schwimmen Wir sind nichts denn ein Blitz in der Nacht der einen kleinen
Umkreis in ein fahles trügerisches Licht taucht Was er da fahl und verschwommen
und übergrell mit seinem Lichte beleuchtet mit seinem Lichte schafft das ist
unsere Welt Wir haben nichts wir sind nichts als diese blitzartig
auftauchenden Bilder Und in ihnen ist keine Schuld und keine Güte kein Schön
und Hässlich sie kamen so wie sie kommen mussten Und dass wir die Fähigkeit
haben wir Schaum vom Schaume der Wellen diese Bilder in der Erinnerung wieder
zu schaffen und an ihnen weiter zu leiden dass wir nicht vergessen können und
dabei von einem wilden Hunger nach dem Wissen eines zureichenden Grundes für
alles dieses gepeitscht werden das ist unser Privileg und grundlosestes Leid
Es ist einsam um mich und ich muss weiter von meiner Liebe erzählen Bilder
an Bilder reihen mögen die Menschen sie nennen wie es ihnen beliebt sie
sehen sie durch ihre Brille und lügen ihre eigene Schönheit oder ihren eigenen
Schmutz hinzu o meine Bilder ihr seid jedes für euch eine Welt ihr taucht
auf wie ein Blitz und leuchtet eine Sekunde lang um dann wieder in die Nacht
zurückzusinken aus der ihr gekommen seid und wiederkehren werdet
Während ich mich nun von weichen Rauschbeilen tiefer und tiefer ins
Bodenlose hämmern ließ ging Klaire mit ihrer Freundin in ein Tanzlokal dort
fragte man sie wo ich wäre
Der ist wie alle der gebraucht dich nur zu seinem Vergnügen Seinem Herzen
bist du nichts bilde dir nur nichts ein
Da starrte sie die Fragerin mit großen Augen an und ging fort bleich wie
der Kalk an der Wand
Diese kleine Geschichte erzählte mir am nächsten Morgen an einem Sonntag
einer meiner Kameraden mit denen zusammen ich auf die Ausgabe der Parole
wartete Da stürmte ich fort und ließ Parole Parole sein denn Dinge die mir
ans Herz gehen muss ich mit mir zwischen Bäumen und Wolken abmachen
In noch jungen Jahren wurde sie von ihrer neidischen Schwester verführt und
skrupellos wurde dann die Frucht die sich so leicht hatte pflücken lassen
fortgeworfen Aber da sie arm war und keine tröstenden Phrasen und Gefühlchen
gelernt hatte tröstete sie sich weiter durch den Genuss Und dass sie als sie
vorsichtiger wurde und ein »festes Verhältnis« begann dem typischen Lumpen in
die Hände fiel ist auch die Regel Und dass jener als sie Mutter werden sollte
zu seinen Geschlechtsgenossen ging und sie bat für ihn den gewissen Meineid zu
leisten wer von uns täte es nicht
Dann trat sie in unsere Gemeinschaft zurück und ging nicht den Weg den an
ihrer Stelle Tausende gehen sondern schlug sich durch und hatte nichts als
Elend und Arbeit und ihre Rachbegier und ihren Hass Und fiel sie endlich doch
wieder weil ihr Blut sie trieb und der Hunger wenigstens für Stunden dieses
Elend zu vergessen so möchte ich sie eine Heilige gegen die nennen die durch
richtig spekulierende Romane oder einen neugierigen Kitzel aus Langeweile dazu
getrieben werden Aber der dem sie sich gab war ein patent gekleideter Idiot
Sie will mehr sie sucht es bei dem bei dem sie weiß selber nicht recht was
sie sucht Sie verliert ihre Stellung und schließt die Augen vor sich Nun erst
recht und die Straßen und Tanzlokale haben sie wieder Aber in ihren Augen
ist noch ein Suchen zuweilen glaubt sie es gefunden zu haben dann flackern sie
wohl auf aber es war wieder nichts Und das Suchen und der Glanz erlischt und
ihre Augen werden hart und starr So haben wir sie mit dem besten Gewissen und
unter den allervergnügtesten Scherzen zu einem seelenlosen Ding gemacht zu
einem Geschlechtstier dem wir nicht einmal die Fähigkeit seelisch zu leiden
zutrauen Es liegt etwas in diesen aufgerissenen und hoffnungslos ins Leere
starrenden Augen das nicht ganz durch eure mechanischphysiologische Deutung
der fischaugenähnlichen Starrheit des Dirnenblicks erklärt wird
Leise sang der Wind der von der See her kam in den Zweigen über mir und
ich wanderte weiter bis ich inmitten dunkler Fichten und breitkroniger Kiefern
stand in deren Nadeln die wehende Frühlingsluft seltsam träumerisch rauschte
Profanum volgus Sie liebt mich weil ich sie liebe ihrer armen Seele
wegen Täuschst du dich nicht O du fragwürdiger Seelenschenker Sie liebt mich
weil sie glaubt ich liebe sie ihrer armen Seele wegen O du Gläubige an den
Seelenverschenker
Und ihre Liebe ist Dankbarkeit und die kann sie nicht anders zeigen als
durch Lust Und ihr Leben hat sie mir sogleich enthüllt deswegen weil sie
helläugig sind und zu oft verbrannt diese an seelischer Unterernährung
Leidenden sie wollen sicher gehen sieh so bin ich willst du mich trotzdem
glaubst du trotzdem an meine Seele
O du Seelenschenker Und war ichs nicht so will ichs werden und mich der
Liebe derer freuen die danach hungert dass auch ihrer Seele ihr Recht
geschieht
Die Bäume über mir wurden unruhig und knackten mit den Zweigen und der leise
Wind der nun stärker von der See her kam schickte mich nach Haus
Ich aber glaubte eine Erklärung gefunden zu haben für das Aufflackern ihrer
Augen da sie mich zum ersten Male sah für die Tränen die sie über meine
Briefe und dummen Verse vergossen hatte für ihre eigenen Briefe in denen sie
von einem Glück stammelte das sie durch mich erlangt und doch nie mehr erwartet
hätte und für ihre ewigen nächtlichen Fragen weswegen habe ich dich nur so
lieb Ich fragte mich ob sie jetzt diese Frage sich begrifflich beantworten
könnte
Es war inzwischen Mittag geworden und mein Putzer brachte mir die
Diensteinteilung für den nächsten Tag und die Mitteilung dass die Abfahrt nach
dem Truppenübungsplatz für den kommenden Mittwoch festgesetzt sei Wir hatten
uns des Abends treffen wollen aber jetzt schickte ich einen Boten zu ihr und
bat sie sogleich zu kommen
Dann wartete ich und versenkte mich in mein Seelenschenkertum Aber liebe
ich sie überhaupt Und wenn liebe ich sie wie ein Dichter sein Gedicht ist
Mitleid und Liebe synonym für mich oder ziehen sich unser beider kranke und
müde Seelen an Ich überlegte und fand es nicht Doch eines von diesen sollte es
sein
Ah dieser Rausch wird schon enden wie alle endeten Aber da einer von uns
ihn ernst nimmt wird der Komödie Schluss tragisch sein Denn Alles was wir
ernst nehmen endet tragisch Auch der glücklichste Erfolg ist die Ursache neuer
Anstrengungen und neuer Konflikte und damit weniger wert als der abschliessende
Misserfolg Denn nun hetzt er uns von Stufe zu Stufe von Klippe zu Klippe und
wir verlieren darüber das Glück der Ruhe das Veilchenglück der anima
vegetativa Wir sind blind über blumige Wiesen gerannt sind höher und höher
gestiegen und glaubten in diesem Höhersteigen läge unser Glück bis rings um
uns der Abgrund gähnt hier ist das Dunkel und Nichts und die Blumen und Wiesen
sind weit o du Narr quastu fait de ta jeunesse
Denn die Tragik liegt nicht in der Vernichtung einer wertvollen Kraft durch
das Schicksal Dann wäre die Zertrümmerung der Erde durch einen anderen Stern
da sie doch so viel wertvolle Kraft birgt tragisch Tragisch wäre es wenn ihre
Menschheit nach einem jenseits der Erde liegenden blauen Ziel strebte und wenn
sie es erreicht seine Nichtigkeit und die Unmöglichkeit der Rückkehr einsähe
So war der Weg eines großen Teiles der Menschheit zwei Jahrtausende hindurch
nach den Idealen des Christentums tragisch jetzt haben wir die Katastrophe
jetzt sehen wir die wesenlose Nichtigkeit unserer Ziele und stehen nun da in
schauerlicher Ratlosigkeit und können mit allen Mühen und Künsten und Schlichen
nicht zurück zu dem festen beglückenden Grund der damals so schmählich
verlassenen Erde Tragik liegt in der Vergeudung einer wertvollen Kraft
Krokos und chinesische Primeln blühen unten im Vorgarten die Schneebeeren
und Flieder und greifbar nahe die Ulmen vor meinem Fenster beginnen zu knospen
eine einsame Wolke schwimmt durch den Himmel sie ist nicht und ist doch sie
fällt und schwindet stetig und hat doch Form und Gestalt Und ich werfe meine
Worte über das Rätseltiefe Worte die so schnell verfliegen und doch dauernder
sind als das was sie umhüllen und doch wieder nichts Und der Rätsel
allergrösstes der Ort wo sogar die Kausalität einen Sprung zu machen scheint
ist das was sich Liebe nennt o du Seelenschenker und des Lebens
Allerschönstes ist der Schlaf
Von schlaflosen Nächten und Frühlingsluft bin ich müde geworden und das
sammetweiche Gefühl geliebt zu sein schläfert mich ein
Eine Spanne Zeitlosigkeit während der die Welt stille stand und doch nicht
stille stand da tappen wieder leise leise Schritte auf der läuferbelegten
Treppe meines Putzers dröhnende Kommissstiefel höre ich nie aber ihre winzigen
Lackstiefelchen wecken mich aus dem tiefsten Schlaf
Sie öffnet ohne anzuklopfen die Tür schließt sie bedächtig indem sie mir
den Rücken zukehrt wendet sich müde wieder um und bleibt nun in halb trotziger
halb verlegener Haltung stehen Ich liege auf dem Sopha und beobachte ihr
Gesicht auf dem sich Scham und Schmerz mit einer kindlichen Hilflosigkeit
streiten
Das ist eine leidige Unart die ich nicht ablegen mag denn sie ist aus
Entsetzen und prickelnder Lust gewebt und ich fürchte dieses ist der einzige
gesunde Zug an mir Es war an einem Augusttage an dem die Hitze wie ein
tückisches weißes Raubtier auf den Straßen lag als ich am Fenster stand und
zusah wie man aus dem Nachbarhaus eine Leiche trug Die Mutter denn die Leiche
war die ihres Sohnes stand am Fenster und sah dem Sarge nach und presste das
Gesicht gegen die Scheiben und verrenkte die Augen um das letzte Ende des
Sarges der um eine Straßenecke bog noch zu verfolgen Ihr Gesicht war vom
Weinen der engen Trauerkleidung und der glühenden Raubtierhitze rot wie eine
Tomate wenn sie anfängt weich zu werden und ich beobachtete nicht nur ich
studierte so gespannt als ob das tiefste Mysterium sich vor mir enthüllen
sollte dieses Gesicht wie sich in diese heiße blutdurchpulste und
aufgedunsene Fleischmasse der herzzerreissende Schmerz eingrub Als der Sarg
verschwunden war brach sie zusammen und schlug mit der Stirn auf das
Fensterbrett Und ich sehe das Gesicht vor mir dass ich es noch heute zeichnen
könnte so grub es sich mir ein
Wir wollen uns trennen es ist besser Hier bringe ich deine Briefe und die
Bücher die du mir schenktest Meine hast du wohl schon zerrissen aber wenn
nicht dann gib sie mir wieder Du brauchst dich wenigstens nicht lustig über
mich machen
Nun quellen endlich die Tränen vor und die Bücher die sie steif in den
Händen gehalten hat purzeln auf die Erde Da stehe ich auf und lege den Arm
um sie und sehe sie lächelnd an
Glaubst du wirklich ich habe dich nicht lieb
Da nimmt sie meinen Kopf in beide Hände und blickt mich an dicke Tränen in
den Augen dann legt sie scheu ihre Lippen auf meinen Mund
Nun Klaire jetzt darfst du drei Tage nicht von mir gehen
Ich gehe nie von dir
denn am Mittwoch fahre ich auf drei Wochen zum Lockstedter Lager
Du kommst ja wieder
Beim Essen überraschten wir uns die wir sonst nur von uns und unserer Liebe
sprachen wie wir mit einer gewissen Sachlichkeit über fernliegende Dinge
plauderten Dann nahm ich ihren Arm und wir gingen zum Strand
Der Himmel ist blau so blau und heiter als wäre er frisch für uns gefegt
Und der leise Wind der von der See her kommt tut es nur um unser weißes Segel
zu blähen und uns fort zu wiegen ins Blaue Goldne in träumende Unendlichkeit
Leise legt sich unser Boot und trägt uns so weich und stet als wüsste es wie es
um unsere Herzen bestellt ist Die Wellen kommen heran blauäugig und sanft
streicheln mit weicher Hand unser Boot murmeln glucksen und plaudern etwas
das klingt wie sie haben sich lieb sie haben sich lieb glucksen und lächeln
und gehen Die Möwen wenn sie in unsere Nähe kommen vergessen ihr misstönendes
Lachen die Menschen wenn sie an uns vorüber fahren sprechen leiser und sehen
uns mit stillen Augen nach während die fernen Ufer mit braunen Schilfsäumen und
grünen Saaten und schwarzblauen Wäldern in gewaltigen Kreisbogen gelassen an uns
vorübergleiten über allem aber hängt der Himmel unergründlich blau und die
Ferne glänzt
Wir sprechen kein Wort wir sehen uns an und lächeln und können nicht reden
Sie sitzt mir gegenüber und lässt die Wellen durch ihre Hand gleiten ihr Haupt
ist leicht geneigt und sinnend und lächelnd sieht sie den enteilenden nach
Meine Blicke aber haften traurig und fragend auf diesem leichterzigen Menschen
der ins Leben gestoßen er weiß nicht weshalb wozu plötzlich sich bewusst
geworden ist dass er eine Seele besitzt der allen Schmutz alle
Oberflächlichkeit und alles Elend womit sie bis heute verdeckt war vergessen
hat und staunt und staunt ich bin ein Mensch und bin geliebt
Aber wie lange werde ich deine Seele behalten Wann ziehst du sie wieder in
dich zurück und begräbst sie mit Alltagsschmutz und Leid
Wird nicht in der Giftluft deiner Freundinnen der Neid an deinem Glück
nagen Denn sie wollen dich wieder zu sich ziehen und wissen dein Glück dir so
zu zerfressen und zu zerspötteln dass du selbst nicht mehr daran glaubst und aus
Leid und Scham und Trotz dich lachend wieder fortwirfst Ich nehms ihnen nicht
übel deinen Freundinnen es ist ihr Selbstbehauptungstrieb Aber wirst du stark
genug sein Ich fürchte ich fürchte
Du siehst mich so traurig an
Ich dachte an die Zeit in der du längst wieder einem Anderen gehörst in
der du längst diese Fahrt vergessen hast wo du dich kaum meines Namens mehr
erinnerst
Sie sieht mich groß an und eine Träne rollt über ihre Wange
Ich sah dich wie du ratlos dastandest irgendwo in der Welt Die die nach
mir in dein Herz sich stahlen haben dir lachend den Rücken gekehrt Nun
breitest du in Reue und Sehnsucht die Arme aus aber ich bin fern ich bin
vielleicht schon lange tot
O quäl mich nicht so
Und wenn du nun so einsam daständest mit deiner Sehnsucht und Reue würde
ich wohl kommen wenn ich dein Rufen hörte
Da verwandelt sich blitzschnell ihr Gesicht und sie sieht mich mit
unschuldigem Lächeln an
Du würdest sicher kommen
Aber wenn ich inzwischen mit anderen Mädchen
Das tust du doch nicht
Wer weiß
dazu hast du mich viel zu lieb
Ja und du
Das ist ganz was anders
Ich würde wohl nicht kommen
Aber als sie mich ungläubig lächelnd ansieht da reiße ich
Bei Gott ich komme nicht
das Steuer herum dass das herumschlagende Segel im Winde knattert und sie zu
Boden schlägt
Dann lächeln wir uns an wir sahen wohl Gespenster und fahren weiter in
die Sonne hinaus und weiter gießt der Himmel sein Gold über uns nur die Wellen
glucksen und schlagen schon lauter an unserem Boot und kühner bauscht sich unser
Segel die See nähert sich
Da als ich gerade kreuzend dem Ausgang zustrebe legt sie ihre Hand auf die
meine
Nein ich würde zu dir kommen Aber was du da sagst kann ja nie geschehen
Ich glaubte ihr ich glaubte ihr nicht dem goldenen Sonnentag zuliebe
glaubte ich ihr
Jetzt hatten wir die Föhrde hinter uns und vor uns wogte das Meer Bei
seinem Anblick seinem salzigen Atem seinem ruhlos rollenden Rauschen verflog
die träumerische Stimmung Es ist zu groß es duldet kein Träumen das Meer regt
auf Da als ich gerade eine mächtige Woge nahm und sie dröhnend unter unserem
Kiel zerbrach trieb mich irgend ein Seegespenst
Würdest du für immer bei mir bleiben Klaire rief ich durch das Brausen und
Lärmen Sie wendete sich nicht sie sah geradeaus in die quirlenden und sich
bäumenden Wogen
Ich würde dich unglücklich machen
Aber du liebst mich doch
Ich würde dich trotzdem unglücklich machen
Dann starrte sie weiter geradeaus auf die ringenden und grollenden
Ungeheuer Während ich Woge auf Woge nahm starrte sie geradeaus krallte vor
Lust die Nägel in die Planken und sah mit aufgerissenen Augen zu wie die grünen
Bestien im wilden Übermut sich rollten und wälzten und bäumten und mit ihrem
dröhnenden Lachen und wütendem Gebrüll die Luft zerrissen Ich sah ihr zu und
setzte von Woge zu Woge und freute mich an ihrer Lust Mögen wir euch auch nie
durchschauen mögt ihr noch immer verborgenere Schlupfwinkel in euch haben mögt
ihr wie das Leben sein ewig rätselhaft und ewig verlockend ich liebe euch wie
ich die Wogen liebe die unberechenbaren schönen Bestien Aber seid nicht zu
stolz auf eure Abgründe und Schlupfwinkel und gefährlichen Lockungen denn dass
ihr so unberechenbar seid und so kompliziert und doch in allem so
unschuldigselbstverständlich wie das Leben selbst das seid ihr nur
unseretwegen und durch uns
Kompakter kamen die Wogen angebraust dröhnender bäumten sie sich hoch
wilder nahmen sie uns auf ihre grünlichen Rücken
Wir wenden
wie ein Flintenschuss knallte das Segel und gleich einem Vogel flogen wir zurück
Es war Abend geworden kalt blies der Wind und blutrot verbrannte die Sonne
Da hüllte ich Klaire in meinen Mantel und zog sie neben mich Durch die grünen
aufgeregten Wasser flogen wir unser prall sich bauschendes Segel begoss die
Sonne mit leuchtendem Rot und dein Goldhaar wehte und flatterte Aber
menschenleer war der Strand ein verfaulter sandverwehter Strandkorb war unser
einziger Bewunderer
Wir hatten die Mole erreicht und ich vertaute das Boot um es am nächsten
Tage abholen zu lassen Als wir zum Bahnhof gingen brauste und dröhnte die See
über der der Sturm erwacht war uns ihr Abschiedslied zu
Werden wir sie je gemeinsam wiedersehen Je wieder auf ihrem grünlichen
Rücken ins Unendliche fahren
Uns fröstelte eine namenlose Trauer überfiel mich wir stiegen in den Zug
und fuhren heim In meinem Arm lag Klaire still und mit träumenden Augen was
träumte sie wohl und ich musste es zufrieden sein dass dieser Tag dieser
träumerische zweiflerische rätselschwangere lösungsreiche und hellseherische
goldene Frühlingstag zu Ende ging
Wir aßen gemeinsam zur Nacht Aber die Musik die uns aufspielte wollte
wenig zu der passen die uns noch rauschend und brausend im Ohr lag und die
Menschen und verschnörkelten Wände kamen uns klein und elend vor wo unser Auge
noch von blauer und grüner Unendlichkeit träumte Wir waren abgespannt wir
sehnten uns nach Einsamkeit und Ruhe und gingen heim
Hier schmiegte sich Klaire fest in meinen Arm sie versuchte zu plaudern
versuchte noch zärtlich zu werden aber müde fiel sie zurück und schlief mit
einem glücklichen Lächeln ein Ich spiele noch gedankenverloren gedankenlos mit
ihrer entblößten Brust dann decke ich sie behutsam zu und betrachte lange ihren
Kopf der fest und schwer in meiner Schulter ruht Ihr Atem geht gleichmäßig und
sanft das selige Lächeln bleibt und schwindet nicht kein hässlicher Traum geht
über ihre kleine Seele
Aber vor den Fenstern draußen rumorte und sang der Frühlingswind und lockte
mich heraus
Ich würde eine Stunde mit dir durch Felder und Wälder laufen und Phantast
sein aber dann mich in eine Frage verrennen und am Ende in deinem Singen und
Brausen nichts als Rätsel und Sinnlosigkeit sehen Ich bleibe hier und höre dir
zu
Dann löschte ich das Licht und lauschte seinem Brausen und Toben bis sie in
meinem Arm erwachte und mein Lauschen störte
Die folgenden Tage zählen zu den vollkommenen in meinem Leben Drei Wochen
Unbekümmerteit drei Wochen ein Leben in Heide und Wald drei lange Wochen
goldne Gedankenlosigkeit und drei Wochen das Bewusstsein, geliebt zu sein Und
das Alles durchpulst von dem stürmisch hervorbrechenden Mai das Alles
ausgebreitet über ein reizvolles Stück Erde musste mir nicht so das Leben
ertragbar sein
Es ist ein elendes Nest wohin mich in diesen Nebel und Regentagen das
Leben verschlagen hat Schiffbrüchig liege ich hier das wüste Meer spie mich
aus in Nebelländer jenseits der Hyperboreer spie es mich aus und ich weiß mich
vor dem Nebel und Regen nicht anders zu retten als dadurch dass ich der
Luftbilder und Inseln gedenke die da im freien gefährlichen Meer blühen Kein
Leben ist um mich und die Menschen die hier hausen und leben von Tran und Kohl
das ist eine böse Mischung von Westfalen und Holländerblut ein misstrauisches
hämisches zanksüchtiges dickschädliges zäh an der Erde klebendes unfrohes
Geschlecht
Ich sehe sie nicht ich meide und fliehe sie ich lebe unter ihnen unfassbar
wie ein Gespenst ich bin nichts als eine Vereinigung der von ihnen erzeugten
bestimmten Folge von Verdickung und Verdünnung der Luft und der von mir nicht
absorbierten Lichtstrahlen ich bin nichts als mein Name
Und was bin ich mir selber anders als ein vorübergehender Zusammenschluss der
Kreuzungspunkte zahlloser Wellensysteme unter einem einzigen Brennpunkt den
eine transzendente Linse schafft dem »Ich« Auch nicht viel mehr als ein
Gespenst das ist noch weniger als der Spuk den die Leute sehen
Auf wie lange Wochen bin ich hier begraben ohne Licht ohne Sonne ohne
Meer und ohne Liebe Wie soll das enden Wie lange soll der Spuk im Nebelland
umgehen
Am letzten Abend vor dem Aufbruch saß ich zusammen mit Klaire und meinen
Kameraden in einem Restaurant Eine Zigeunerkapelle spielte da und wir saßen zu
sieben um einen Tisch Tabakswolken umhüllten uns die man bald als
melancholischen Zirrusstreif bald als cholerischen Kumulus oder phlegmatischen
Stratus hätte deuten können
Ja was wir nicht alles haben möchten
Ein Meerweib möcht ich haben
Ein Meerweib
Ein Meerweib will er haben
Du ein Meerweib willst du haben
Ja ein Meerweib möcht ich haben Grün ist ihr Haar und flutet wie der Tang
blau sind ihre Augen wie die See rank und schlank sind ihre Glieder und voller
Kraft und ihr Sehnen geht dahin einen Felsen zu finden an dem sie zerbricht
und zerschellt Sie denkt nicht sie grübelt nicht sie redet nicht sie
schreibt keine Bücher und macht keine Konversation sie sucht den Felsen an
dem sie zerschellt
Wie sie ihn mit ihren Armen umschlingt ihr Haar ihn überflutet und ihr
schillernder Leib sich an ihn krallt sich über ihn wirft und wie sie stöhnt und
lacht Zerschellt fällt sie an ihm herab und umschäumt und umkost umschmeichelt
und umleckt seinen störrigen Fuß sie umschmeichelt und umlockt ihn Tag und
Nacht bis er zerfällt und in ihre weichen weichen Arme sinkt Ja so ein
Meerweib möcht ich haben so ein Felsen möcht ich sein
Du von einem Meerweib kann ich eine Geschichte erzählen Es war in Sassnitz
da lief mir einer nach der lief mir nach sage ich dir Aber ich mag sie nicht
die einem nachlaufen Er wollte es nicht anders und da bestellte ich ihn auf
Nachts um zwölf zu den Wissower Klinken Und hast du Töne der ging hin Und
dann musst du wissen es wurde schon Herbst und regnete und stürmte und das
Wasser lief bis auf die Promenade herauf Ich habe schön gelacht wie der da in
der Nacht gewartet hat und keine Klaire kam Aber am nächsten Morgen haben sie
ihn am Strand gefunden abgestürzt und beide Beine gebrochen und halb im Wasser
hat er gelegen Was klettert der auch bei den Wissower Klinken herab Oder
meinst du dass er da mit Absicht herunter gesprungen ist Und als ich ihn im
Krankenhaus besuchen musste da hat er in einem fort von seinem Meerweib geredet
Keiner wusste was er damit wollte aber schließlich kam es raus Siehst du da
im Wasser hatte zwischen den Steinen ein toter Seehund gelegen der war schon
aufgegangen da hat es in der Nacht denn wohl so ausgesehen als wäre das der
Leib von einem Meerweib gewesen Verrückt Und hast du Töne wie er nun
wieder humpeln kann kommt er hier angehumpelt und will sich wieder mit mir
verabreden Der na ich hätte fast was gesagt
Aber wo er doch Ihretwegen fast ertrunken wäre
Der der hat ja rotes Haar
Aber heraus bestellt haben Sie ihn trotzdem
Natürlich der wartet jetzt in Warnemünde vor dem Strandhotel Lass ihn
warten da braucht er wenigstens nicht abzustürzen und noch einmal die Beine zu
brechen Nicht wahr mein Liebling
Ja so ein Meerweib muss ich haben Das ist es gerade was das Weib
entschuldigt dass sein ganzes Sinnen auf einen Punkt zielt Das ist das Schöne
an ihm und erklärt und verschönt alle seine Schlangen und Teufelsmoral Und nun
pfuschen wir der Natur ins Handwerk und lassen es Ärztin werden und schicken es
ins Parlament und verheiraten es nicht einmal rechtzeitig wenn es anfängt
Bücher zu schreiben
Und weswegen wir heute so wenig Erfreuliches unter uns finden Man zeige mir
den der ganz leibgewordener Wille zu einem Ziel ist Das ist alles geistiger
Mischmasch und Kitsch so dass als die Erträglichen nur die bleiben die
körperliche Fertigkeiten üben und lehren Der Soldat der Matrose der Flieger
und Polfahrer das geht noch an das andere ist verkümmert und zersplittert ist
trüber Mischmasch und Aufguss und Kitsch
Und weswegen werten Sie den Erzieher des Geistes geringer als den des
Körpers? Sie trennen ja wie die Unteroffiziere Seele und Leib und stellen
vielleicht noch ein Kausal und Rangverhältnis zwischen ihnen her
Gewiss und zwar das von Herr und Knecht Der Körpererzieher arbeitet nicht
mit bewussten oder unbewussten Lügen er weiß klar und eindeutig was er will und
ich kann ihm glauben in dem was er mir verspricht und er erklärt mir offen die
Gründe seiner Methode Aber wenn Sie mir versprechen wollten mir eine
künstlerische Weltanschauung beizubringen ich würde schon vorsichtig sein Weiß
ich doch nicht ob Sie selbst an die Ihre glauben ob sie innerlich
durchgearbeitet und lückenlos ist ob sie die restlose Krönung aller Ihrer
Gedankenkomplexe oder nur ein Ihnen wesensfremder Eindringling ist den Sie
vergeblich sich zu assimilieren suchen ob sie mir die Sie mich nur Ihre
eigene ganz gleichgültig ob sie Ihnen fremd oder wesenszugehörig ist lehren
können nicht schädlich ist ich weiß nicht ob Sie mit Ihrem Unterricht nicht
Hintergedanken verbinden und die Gründe Ihrer Methode Du lieber Himmel
Gewiss es ist vielen ernst mit ihrem Unterrichten wenigstens sagen sie es und
das Klappern gehört zum Handwerk aber wie viele unter ihnen mögen nur eine
Ahnung haben von der Bedingteit den Grenzen und Abgründen ihres Lehrgebietes
Und ganz allgemein was kann er mir denn geben Doch nur dass er mich erkennen
lehrt dass ein Abschluss oder irgend ein definitives Können in geistigen Dingen
unmöglich ist Er lehrt mich Grenzen und innerhalb dieser meine Unfähigkeit
das ist allerdings und gerade heute wo uns die Lösung der Welträtsel für eine
Mark bunt geheftet auf den Tisch gelegt wird sehr viel wert aber was nützt
mir das Verspricht mir aber Mister Suchaone einen guten Boxer Herr Soundso
einen guten Flieger aus mir zu machen dann kann ich unbekümmert mich ihnen
anvertrauen Und wenn ich hier keinen Abschluss erreiche dann weiß ich es lag
an mir und nicht am Unterricht und Stoff Ich pfeife auf das was sich Geist
nennt Das ist Lug Mittel Dunst ich freue mich auf unser Lockstedter
Lagerleben
Dann sind Sie auf dem besten Wege geistig indifferent zu werden und am Ende
zu verrohen
Lieber verroht als vergeistigt
Und die Kunst
Ist einmal nichts als eine Anreizung eine Verlockung und Verführung zu
körperlichem Genuss ein andermal eine Tröstung über entgangene oder
unerreichbare körperliche Freuden letzten Grundes nur eine Medizin
Wollen Sie vielleicht darauf eine Weltanschauung bauen
Eine Weltanschauung Meine Weltanschauung ist mein guter Marsch mein
gutes Fechten und waghalsiges Segeln und diese holde Dame hier
Das ist eine schimmernde Verbohrteit mit Ihrer Erlaubnis ein glänzender
Mist
Und damit denken Sie mich wohl geschlagen zu haben Eine Verbohrteit die
könnte diese »Weltanschauung« doch höchstens in Ihrem Gedankenreich sein was
wissen Sie denn ob sie nicht die notwendige Schlussfolge des meinen ist Wie
kann man eine Weltanschauung überhaupt objektiv beurteilen haben Sie einen
Maßstab eine allgemein gültige Norm für sie ist nicht jede für ihren Besitzer
zweckvoll vollkommen und wahr Meine Verbohrteit hat soviel
Existenzberechtigung und ist so fern vom Absoluten wie Ihre Wahrheit
gleichzeitig ist sie aber auch ebenso ein Ausfluss und eine Erscheinung des
Unzugänglichen und ebenso wirklich ebenso wahr und wertvoll und ebenso
fliegennichtig und sinnlos wie jene Nur für die Unteroffiziere kommt es auf die
Dauerhaftigkeit an und da ist allerdings die Wahrheit das heißt die
verbreitetste geistige Reaktion gegen das Leben älter und dauerhafter
Aber Liebling
Ach ich ärgere mich wenn ich überall und stets und allerorts unseren Kopf
gelobt sehe auf Kosten unseres Unterleibes den jungen Trieb auf Kosten des
uralten Stammes die Gefahr auf Kosten der Sicherheit das schillernde Schweifen
und ratlose Vagabondieren auf Kosten der Ruhe die geniale Krankheit auf Kosten
der philiströsen Gesundheit Nein der Geist ist nie Zweck ist immer Mittel und
Organ und so soll es sein Zweck ist stets unser Leib wird aber jener zum
Zweck so ist die Disharmonie und Krankheit da »Ein Dieb ist der Gedanke am
Leben« genießen sollen wir die Schönheit des Lebens aber nicht über sie
denken und erst recht nicht über sie denken um dann über dieses Denken wieder
zu denken O du Welle die nur lebt um am Felsen zu zerschellen
Ich hatte Sie immer für einen extremen Idealisten in Ihren verrückten
Stunden die wir ja alle haben für einen Solipsisten gehalten und nun
Praktische Philosophie mein Lieber Merken Sie denn nicht dass ich mich für
drei Wochen Lagerleben trainiere Und merken Sie denn nicht dass ich süßer
Zucker gesagt habe Denn wann wäre eine Philosophie nicht »praktisch« gewesen
Sie ist im letzten Grunde doch nichts als eine Trösterin und Berauscherin mag
sie die Erde zu einem Jammertal und das Leben zu einer verneinenswürdigen
Objektivation eines blinden Willens machen oder die Welt so wie sie ist zur
bestmöglichen aller möglichen Welten erklären Sie rangiert nicht viel höher als
Venus und Bacchus und seine spirituösen Untergötter Aber wollen Sie wissen
mit welchen geistigen Taschenspielerkunststücken und grotesken Sophismen ich mir
meinen philosophischen Haustrank braute
Stellen Sie sich eine Fläche vor auf der zweidimensionale Wesen leben
lebende Schatten Und diese Fläche denken Sie sich im dreidimensionalen Raum
bewegt Dann erscheinen die Punkte dieses Raumes den Zweidimensionalen in der
Form der Zeit Der Analogieschluss ist dass das was uns Dreidimensionalen
zeitlich einem Vierdimensionalen räumlich und gleichzeitig erscheint Dem
Einwurf dass das was für den Vierdimensionalen etwa noch eine zeitliche Folge
ist einem Fünfdimensionalen räumlich angeordnet dünkt und so einschachtelnd
fort bis in eine Unendlichkeit begegne ich mit dem Satz dass etwas Unendliches
nicht sein kann da alles Sein auf der Begrenzung beruht Einmal müsste eine
solche Einschachtelungsreihe ein Ende haben Und für den Geist auf dieser Stufe
für den »zeitlosen Intellekt« ist die Welt ein festes zeitloses Gebilde ohne
Werden und Vergehen Für eine gewisse Höhenstufe des Intellekts die wir
analogisch erreichen können sind alle Formen der Welt die sämtlichen Stadien
dieses Rauchringes wie die kleinen Gedanken die die Klaire gerade denkt
zeitlos das heißt ewig unsterblich Es ist das starre Sein die homogene
ruhende Kugel des Parmenides
Wir glauben an die Lehre der Ewigen Wiederkehr an diesen Januskopf wie man
ihn schauerlicher nicht ersinnen konnte Glauben wir vielleicht gerade deswegen
an ihn Können wir dem Unzugänglichen nicht genug Schauerliches andichten
Eine gleiche Konstellation der Kräfte der Ring der Ringe kehrt ewig wieder
Nehmen wir aus diesem Ring vom Standpunkt jenes höheren Intellekts die Zeit und
damit die Wiederkehr so liegt in einem xdimensionalen Raum die Welt die
nichts ist als formgewordene sich in der Form uns darstellende Kraft und
alles was in ihr ist und war und sein wird in ewiger Ruhe da Das ist die
intellektuelle Unsterblichkeit wie es auf dem Etikett meines philosophischen
Haustranks zu lesen stand
Ja mein Lieb wir sind ewig da Immer wieder werden wir uns zum ersten Male
fragend und aufflackernd in die Augen sehen immer wieder werden wir an einem
goldenen Sonnentage ins Unendliche segeln immer wieder werde ich dich mit
unsäglicher Liebe zu mir ziehen und immer wieder wirst du
Ja die Liebe begann der Doktor
Die Liebe kam ihm ein anderer zuvor als ob er das am besten wüsste die
Liebe ist nichts als gekränkte Eitelkeit Sie erwacht immer erst wenn man den
geliebten Gegenstand verloren hat oder er uns verloren zu gehen droht
Wenn man den geliebten Gegenstand
Nun ja auf den man ein ausschliessliches Recht zu haben glaubt Dass gerade
ein solcher Kümmerling mir einem Kerl wie mir das Mädchen weggenommen hat das
wurmt und nagt und beißt Und vorher da war sein ganzes heißes Liebesglück
nichts als befriedigte Eitelkeit die aber als solche nur bestehen konnte durch
ihr drohendes Gegenteil Die ganze Sehnsucht die ganze Liebe pah nichts als
gekränkte Eitelkeit
Sie haben wohl traurige Erfahrungen gemacht Aber Fräulein Klaire was
halten Sie von dem was man Liebe nennt
Da sah sie mich mit nassen Augen an und lehnte ihren Kopf an meine Schulter
Mit einem Sprung setzte die Musik zwischen uns wirbelte mit ihrer
prickelnden Quaste über unsere nachdenklichen Gesichter und zerrte sie wieder in
ihre alten Runzeln und Falten zurück
Jetzt lass das Wasser in deinen Augen trocken werden es ist der letzte Tag
in der Garnison liebe mich lach quäle beisse und locke mich sei wie die
Welle
Der Abend zerflatterte uns unter den Händen Wir ließ uns treiben ach
wann habe ich mich wohl nicht treiben lassen und ich genoss ihren
Abschiedsschmerz wie einen linden Opiumrausch der den Fragegeist zur Ruhe
bringt und das unterirdische gärende Drängen des Willens lähmt und die Welt uns
malt wie ein schönes schweigendes Bild Dann kam die Nacht mit ihrem übervollen
Schoss von Zärtlichkeiten und Tränen
Auf Morgens um einhalb sechs war der Abmarsch festgesetzt um einhalb fünf
verließ mich Klaire Sie spreitete noch sorgsam mütterlich die Kissen über mich
glättete sie und deckte mich liebend zu
Und nun komm so wieder wie du von mir gehst Du weißt was du mir bist
Noch ein Zunicken und tapferes Lächeln und auf drei lange Wochen sehe ich
dich nicht wieder
Ich nehme die Uhr in die Hand und koste noch die letzte Minute der süßen
Erschlaffung in Körper und Sinnen aus Seltsames Leben Ein wirbelndes Meer von
Rätsel und Gefahr und gepeitscht von dem Sturm Notwendigkeit und doch finden
wir Planken und Inseln auf denen wir den kurzen Traum des Glückes träumen
können und träumen müssen wenn wir uns nicht aus Überdruss und Ratlosigkeit in
die unheimlich lockende Finsternis fallen lassen wollen
Nach einigen Stunden stampfte und dröhnte unser Zug in den Mai hinaus und
schwenkte seine Dampffahne weit über die Hügel und Wälder Nach Holstein nach
Holstein ratterten die Räder
Als es Mittag war zog er seine weiße Fahne ein und rollte träg und stoppte
und keuchte wie ein müder Gaul Dann stiegen wir an einem elenden Haltepunkt aus
und sahen uns an
Es geht auf Eins und des Abends erst sollen wir in Lockstedt sein Man zu
Das Lagerleben beginnt
Und es begann bei glühender Sonne und mit Waten in tiefem schwarzen Sand
Und als wir nach mühseligem Marsch und hechtlangen Sprüngen über die endlose
Heide die Baracken erreichten sahen wir aus schwarz wie die Teufel
In Lockstedt angekommen ich sehe aus wie der leibhaftige Mohr schrieb ich
an diesem Abend an Klaire
Wir schliefen mit den Leuten zusammen in den Baracken und für die erste
Nacht war mir mein Lager zwischen den zwei größten Schmutzfinken der Kompagnie
angewiesen Über mir aber wälzte sich ein »einjähriger Lehrer« in seinen
pädagogischen Träumen und unter seinem zwei Zentner schweren Gewicht knackten
und bogen sich die Bretter Als aber da die Lageruhr zehne schlug ein
Unteroffizier das traurige Lämpchen ausblies erhob sich erst zaghaft und leise
dann anschwellend zum dröhnendsten Fortissimo eine unerhörte Musik Das
schnarchte und sägte und stöhnte das prustete und fauchte und keuchte das zog
pfeifend wie ein lungenkranker Gaul die Luft ein und stieß sie wie ein
zerplatzendes Ventil wieder aus das röchelte wie ein Sterbender das lallte im
Schlaf das grunzte in seinem unflätigen Traum das wieherte krankhaft und
schreckhaft auf das hustete und schnaubte und orgelte und ein Dunst kroch aus
der Finsternis stieg aus den aufgerissenen Mündern hoch den Betten von den im
Schlaf entblößten Leibern das stahl sich aus den Spinden von dem Lederzeug und
ranzigen Speck das sickerte von den zum Trocknen an langen Leinen aufgehängten
Strümpfen das puffte wie ein Peletonfeuer und schwoll schließlich als
dämonische Wolke aus den durchschweissten Fusslappen hoch das wälzte sich und
rollte in teuflischen Knäueln vor den verschlossenen Fenstern und warf sich da
es keinen Ausweg fand auf mich da grunzte und schnalzte der Schmutzlümmel zu
meiner Rechten als frässe er Speck ein nackter Fuß schob sich zu mir herüber
schimmerte bleich und verschwommen und krallte vor Lust die Zehen und ein
Geruch löste sich von diesen feuchten Zehen an einer Linde deren schwellende
Knospen ich in dem bleichen Sternenlicht in einem stumpfen Glanz schimmern sah
lehnte ich wie ein weißes Gespenst und spie die Reste meines Abendessens in die
Nacht Dann stürzte ich in die Höhle zurück und raffte meine Kleider zusammen
und kleidete mich im Freien an
Hier schlich ich zwischen den Baracken umher und umkreiste das schlafende
Lager immer auf der Hut und mich vor den Patrouillen duckend bis ich mich
fröstelnd in einen Strauch verkroch Ich zog die Knie hoch und schlang die Arme
um sie rollte mich zur kleinstmöglichen Kugel zusammen und suchte über den
Doppelbegriff der körperlichen Reinheit ins Klare zu kommen Es gelang mir
nicht und da es kälter wurde und ein Wind von der fernen See kam und gemächlich
gen Osten lief rollte ich mich noch fester zusammen und legte den Kopf auf die
Knie und gedachte des weißen Mädchenleibes der sich gestern in meinen Arm
geschmiegt hatte und trotz meiner und seiner moralischen Verkommenheit selig
gewesen war
Als der gelbe Morgen aus den Heidehügeln gelaufen kam hing da eine
ziegelrote Wolke im Osten so groß dass eine Haselnuss die in Armlänge vor dem
Auge hängt sie hätte bedecken können Von der fiel ein Reif auf mich und da er
auf meinen müden Lidern lag verdunstete er in ihrer Wärme und ward ein
Traumbild als schwömme ein Schwan überhaucht von einem leisen Flamingorot
hoch über die Städte und Wälder Aber zwischen seinen aufgebauschten Flügeln
saßen zwei Menschen und tauchten ihre Hände in einen Korb mit Rosen der
zwischen ihnen stand Dann lächelten sie und ließ die Rosenblätter auf die
Erde flattern Wer waren diese zwei Menschen wer war der Schwan dessen
schneeig weißes Gefieder das zarte Flamingorot trug Aber die Wolke löste sich
auf der Morgen trank sie wohl und es schwand mein Traum
Doch ich fürchte ich weiß zu gut was mich zum Weibe zieht Das ist nicht
das Rätsel und nicht die Lust das ist ganz etwas anderes das ist vielleicht
gerade das Gegenteil von beiden Ich fürchte ich weiß es zu gut aber ich will
es nicht wissen und vertusche und verzuckere mir meine bittere Weisheit Aber
schmeckt dieser Zucker nicht süß ist die brandende gischtende Welle nicht
schön
Im Lager begann es sich zu rühren und da die Patrouillen eingezogen wurden
verließ ich mein Strauchlager und wärmte und schmeidigte meine steifen und
kalten Glieder dann ging ich in mein Hotel wo ich mich umkleidete und meinen
Körper in kaltem Wasser wusch und tat dann meinen Dienst wie sonst
Hügeliges Land wars das wir in diesen Tagen die Kreuz und Quer
durchstreiften Heide mit vermoorten Mulden und breiten Höhenrücken auf denen
die Kiefern und Birkenbüsche lagerten wie eine Herde riesiger Dinosaurier und
Diplodoken die sich hier zur Mittagsruhe niedergelegt hat niedriges
Eichengestrüpp kraus und ineins verfilzt wie das Wollhaar einer
Vollblutnegerin alter eben sich begrünender Buchenwald in dessen Schatten man
sich freute aus der zitternden Sonnenglut die draußen über der Heide und ihren
Diplodokenherden lag zu flüchten und Weiden hochgelegene und magere wenn sie
von den Heiderücken ausliefen und überwuchert mit Tymian und duftenden
Kleearten schwarzerdige Sumpfwiesen wenn sie sich aus den Eichen und Erlen
und Rotdorngestrüppen herausschälten düsterrote Sumpfblutaugen glotzten hier
und das Schaumkraut warf dort sein lilafarbenes Wogengekräusel Überreste eines
zerschossenen Dorfes lagen in ihnen und ein Bach floss durch seine Trümmer aus
einem ungangbaren Erlen und Salweidensumpf kam er gelaufen und erzählte sich
hier indem er gemächlich über die Scherben und Ziegelstücke rollte Geschichten
mit einem alten Birnbaum satyrische Geschichten über die Menschen die hier
einst taten als wären sie die Essenz und der Angelpunkt der Welt und wenn sie
gut gelaunt waren so machten sie ihre giftigen Glossen über die
Beobachtungsstände die in der Ferne kauerten wie Riesenpilze oder schwarze
Erdgeschwüre über die kahlen Stangen wie sie tagaus tagein ihre
korbgeflochtenen Bälle ins Blaue reckten über die steinernen Beobachtungstürme
die aussahen als hätte man eine rote Riesentanne in der Höhe ihrer ersten Zweige
geköpft und über die weißen Sandflecke die die krepierenden Geschosse in die
braune Haut der Höhenrücken gerissen hatten und wollten sie an uns ihre Zunge
üben so dachten sie der ineinander verfilzten Eichengestrüppe die ich oben mit
dem Wollhaar einer Vollblutnegerin verglichen habe Über dem allen aber hing
während der ganzen Zeit unseres Aufenthalts ein wolkenloser Himmel aus dessen
Zenit die Sonne ihre brennenden und bräunenden Strahlen auf uns nieder goss
O dieses Schmoren in der Sonne dieses Blinzeln ins Licht wenn wir als
Patrouille weitab von der Kompagnie hinter einer Kiefer oder im hohen Heidekraut
in Deckung gingen Diese Lerchen Tausende eifersüchtiger trillernder Punkte in
der Höh dieser Duft von Tymian der über der ganzen Heide lagerte und in
unsere Sinne einen warmen Taumel von Sorglosigkeit und Heiterkeit warf o dieses
absolute Unbekümmertsein und Aufgehen in nichts als in wohliger Sommerwärme
Dann erhoben wir uns wohl und äugten umher und beobachteten durch das Glas
die ferne einen Höhenrand anstürmenden und ankriechenden Linien merkwürdig war
es dass ich dann auch das Feuer und Hurrarufen deutlicher wahrzunehmen glaubte
aber bald fielen wir wieder zurück und brannten und schmorten und streckten uns
und blinzelten ins Licht
Der Tornister unter dem Kopf ist weicher als ein Daunenkissen und die
struppige Heide elastischer als ein Federbett dann legt man den Helm auf den
Leib und faltet die Hände über der Brust das Gewehr schläft im Arm und man
sieht in den Himmel und schmort
Aber einmal an jedem Tage beginnen die Hügelheidewellen zu wogen und zu
schaukeln ich schwimme und schwimme auf ihnen hinaus und kreuze und schmeichle
um ein winziges gelbes Haus das da ferne an der Ostsee irgendwo an einem Hafen
liegt
Und wurde Halt geblasen klang es aus allen Gebüschen und Mulden von allen
Höhen und sich endlos ins Braungrün verlierenden Flächen so schulterten wir
gemächlich unser Gewehr und gingen dem Lager zu dessen Wahrzeichen der
Wasserturm hoch über die Heide blickte Und da glückte es uns denn wohl erst
bei schon begonnenem oder gar beendigtem Parademarsch der täglich die Übungen
abschloss anzulangen immer aber kehrten wir schweiss und staubbedeckt zurück
und freuten uns der täglich wachsenden Bräune unserer Haut
In unserem Hotel hausten wir zu vieren auf einem Zimmer dessen Ausrüstung
aus vier Betten zwei Kleiderständern zwei Waschtischen und einem Fenstertisch
bestand auf dem sich alles zusammenfand was nicht hängen und nicht recht auf
dem Fußboden stehen konnte Als Badewannen dienten die Waschschalen in die wir
uns hineinstellten und aus Kannen und Karaffen das köstliche kalte Wasser über
uns gossen die Bettkissen benutzten wir als Wurfgeschosse und Hiebwaffen die
Gläser als Geschütze aus denen uns heimtückische Güsse auf den entblößten
Rücken fuhren und auf unseren Betten lagen wir nach dem Essen nackt wie die
jungen Götter und freuten uns unserer Nacktheit und göttlichen Müdigkeit der
Fußboden aber war ein Tummelplatz für Stiefel und Brotbeutel für reine und
schmutzige Wäsche und stellte nach den Kissen und Wasserschlachten einen Ort
des Grauens für ein Schock derber Zimmermädchen dar Unser Getöse empörte zwar
das Haus aber kam uns einer mit offiziellem Blick und energischem Mund so
umflogen ihn Wasserstrahlen und Kissen und so blieben wir denn unbehelligt
Und vor einem Jahr vergrub ich mich in die dämmernden Irrpfade Buddhas oder
wandelte auf den gefährlichen Höhen Zaratustras und sah mir mit einer nicht
geringen wollüstigen Verzweiflung zu wie leicht sich unsere Werte und Begriffe
in nichts auflösten wie die stolzesten Formeln die sichersten Welten und
ehernsten Gesetze nichts wurden als Schall und Rauch und blaue Gespenster als
deren verschämter Vater sich der Wunsch und die Notdurft entpuppte Und jetzt
sollte man es für möglich halten
Des Nachmittags aber saßen wir draußen und sahen zu wie der Mai die
Lindenknospen aufbrach und die wilden Kastanien immer verlangender ihre
knallgrünen Hände in die Sonne streckten und unterhielten uns mit einem
gläsernen zwei Liter fassenden Stiefel dessen goldbrauner Inhalt zugleich als
der konzentrierende Mittelpunkt unseres sorglosen Geschwätzes diente Aber um
die Stunde wo alles stiller ward und die Sonne hinten in die Heide lief ging
ich hinauf und beantwortete deine Briefe
O deine Briefe In ewigen Variationen rührend unbeholfen rührend treffend
die eine Melodie Du bist mein Glück und darum habe ich dich lieb so lieb wie
du nie wieder geliebt werden wirst
Alltägliche Briefe alltägliche Lügen alltägliches Geschwätz Ich war der
Fels den die Welle umbrandet und die Welle wurde geformt und getrieben von dem
Sturm der einen sehr prosaischen Namen führt Sinnlos und wild heult er daher
und wirst Welle auf Welle hoch das hat mit »Liebe« nichts zu tun bei der
Welle nicht und erst recht nicht beim Fels er sucht sie ja nicht
Aber was gab dir trotzdem diese Gewalt über mich Zuweilen glaube ich das
schillernd Unberechenbare und Verdorbene in dir die Gefahr zöge mich an Liebt
der Fels die Welle und seine Gefahr weswegen nur Liebe ich mein Verderben
was treibt mich dazu
Oder ich bin so müde sollte das was mich zu dir zog auch nur Müdigkeit
und Bequemlichkeit sein Und ich bilde mir weswegen denn deine schillernde
Komplizierteit und Gefährlichkeit nur ein
Der Nebel liegt draußen wochenlang liegt er schon da und begräbt mich hier
Es ist als ob die Welt stille steht wo ist sie noch Leise tropft es vom
Dach es ist als ob die Welt weint warum weint sie noch über den Sommer der
nie nie wiederkehrt Es tröpfelt nicht mehr die Welt trocknet ihre Tränen
Ein Hauch tut sich auf hofft die Welt hoffst du mein Herz Aber ich wollte
von meinem Lagerleben schreiben von meinen vollkommenen Tagen und blättere in
vergilbenden Briefen Ich fürchte ich werde in ihnen blättern bis du oder
wird es dein knöcherner Bruder sein sie mir selber aus der Hand nimmst
Aber weswegen blättre ich in ihnen weswegen bohre ich in meiner Wunde
Ist die Welt Kraft dann konstatiere ich in mir eine sinnlose Vergeudung von
Kraft Wie denn sinnlos Vergeudung Ist die Welt auch Kraft so hat sie
deswegen noch kein Ziel und keinen zu messenden Zweck Denn legst du das
bedenke doch an dein Mückendasein überhaupt ein Werturteil so gilt dieses
zugleich dem Universum das dich hochhob wie der Ozean ein Schaumgekräusel Und
traust du dich diesen Ozean von dem du nichts kennst als seine Mechanik zu
bewerten Der Teil will über das Ganze ein Urteil fällen Wenn es umgekehrt
wäre das Ganze über den Teil Und auch dann müsste es erst mit dir einen
bestimmten Zweck verfolgen nach dessen Nützlichkeit für sich selbst es dich
bewerten könnte und glaubst du denn Oder wolltest du damit sagen dass die
Kräfte die sich in dir ein kurzes Stelldichein geben stärker sind als dein sie
betrachtendes und bewertendes Ich so dass du sie dir nicht einfügen und genießen
kannst und sie darum als Vergeudung betrachtest Soll das heißen die welche du
liebst ist deiner nicht wert soll das heißen du bist ein Narr mit deiner
Liebe soll das heißen wirf dich wieder hoch und siehe ein dass du einen
Missgriff tatest da du deinen Wacholdern untreu wurdest und mit deiner Liebe zu
den Menschen gingest Ich glaube das heißt alles nichts anders als dass ich
kleiner war als mein Glück und deshalb verließ es mich
Es ist der zwölfte Dezember und von frohen Tagen wollte ich schreiben und
glaube wieder einmal konstatieren zu dürfen dass das Normale das Umsonst und
das Leiden und nicht der Erfolg und die Abwesenheit des Leidens ist oder
dunkler gesagt dass das Normale das KleinerSein des Ichs als es selber ist Das
ist das Leiden und der Zwiespalt unserer Zeit der aus einer verrückten Laune
gerade in mir sein Hauptquartier aufgeschlagen hat Aber ich will ihn schon
kennen lernen ich will ihm Auge in Auge sehen er soll schon Hals geben dieser
Hund
Mit der aufsteigenden Sonne sind wir heute abmarschiert Nebel lag noch in
den Mulden und hing grau da hinten ganz fern wo der Sumpf liegen muss aus dem
der Bach kommt in den damals die Leute Scherben geworfen haben und der sich
jetzt mit dem alten Birnbaum satyrische Geschichten erzählt Kalt wars und die
Wiesen waren weiß Hin und her sind wir marschiert stundenlang Durch die
Eichenbüsche haben wir uns gearbeitet Mann hinter Mann und die blattlosen
Gerten haben uns das Gesicht zerpeitscht Durch die Kiefernbestände haben wir
uns schweigend vorwärts geschlängelt und kam eine Lichtung dann ist es Gewehr
rechts im Laufschritt hinüber gegangen wobei die Tornister mit einem
glucksenden Ton auf unserem Rücken getanzt haben dazu der Schweiß floss
Kanonenschläge durchschlugen die Luft von irgendwo her da sind wir irgendwo
hin zurückgelaufen und haben uns ich weiß nicht wo geduckt tief in einen
Sumpf Auf Ellbogen und Knien haben wir da gelegen denn es lebten dort
Sphagnummoose die sich in der feuchten Nacht bis zum Platzen voll gesogen
hatten die Trunkenbolde Weiter ist es dann gegangen immer in den feuchten
Tiefen wo der Schweiß nicht verdunsten konnte und unser Körper uns vorgekommen
ist wie ein überhjetzter Kessel dessen Ventile geschlossen sind Immer ging es
am Fuß der weiten tymianduftenden Höhen entlang und immer durchschlugen die
dumpfen Schläge die Luft Seltsam aufregend ist es gewesen und das Reden hat
nicht aufkommen wollen in der würgenden Luft Wieder liegen wir in einem Sumpf
ein ganzes Regiment liegt in dem Sumpf Grossäugige Dotterblumen haben dort
geblüht saftstrotzend saßen sie da und frassen mit ihren dunkelgrünen
Herzblättern die Luft sie öffneten ihre Glieder und prahlten und lockten mit
ihren saftigen goldgelben Genitalien Kalta beata sollte man dich nennen
sagte ich zu der schönsten von ihnen und küsste sie da sie gerade zu meinen
Häupten stand als schon irgendwo Schützenlinien knatterten Dann hieß es mit
einem Male wir sollten Kompagniekolonnen formieren und da hat es denn ein
böses Gehaste gegeben zwischen den Rotdornen und Weiden manches Schimpfwort ist
da gefallen Dann haben wir wieder eine Weile gelegen die Brust keuchte und der
Schweiß troff Neun Uhr ist es gewesen wie wir da gelegen haben Aber wie das
Geknatter immer heftiger geworden ist als es schon angefangen hat wie ein
Uhrwerk zu rasseln und zu rollen da haben wir uns in langen Linien aufgelöst
und sind gemächlich Gewehr unterm Arm die Höhe vor uns angegangen da hat es
mit einem Male Marsch Marsch geheißen und keuchend sind wir oben angelangt und
haben uns zu gleicher Zeit lang hingeworfen
Zwei braungrüne Wellenberge und Heide allerorts Und auf dem anderen Berg
liegt der Feind Doch das Tal zwischen uns und ihm die große Mulde deren Boden
nicht einzusehen ist, ist maßlos breit sehen doch die Kiefern in ihr wie
Wacholdersträuchlein aus und sind doch die roten Flaggen die oben in dem
blauen Waldrand sich eingenistet haben nur durch das Glas zu erkennen Da liegt
der Feind Und fünf Kilometer sind es bis zu ihm die wir mit unseren schnellen
Sprüngen zwingen sollen Glühend hängt die Sonne über uns und zitternd tanzt die
Luft über der Heide Vor uns weit vor uns knattert es zuweilen ab und zu
huschen Linien auf und verschwinden gleich wieder als hätte sie die Heide
verschlungen Die Geschütze die soeben noch dröhnten als wollte ein Knall den
anderen einfangen schweigen auch das Geknatter da vorne stirbt nur die
Grillen zirpen und die Lerchen trillern und das eigene Herz schlägt laut
Das Herz rast Das war ein Sprung bei dem hat es nicht viel an einem
Kilometer gefehlt Die Pulse jagen der Atem pfeift ich hebe das Gewehr und
versuche zu zielen der Helm schiebt sich hoch und ein Strom braungelben
Schweisses gießt von der Stirn da entfällt es mir mit einem Knall und vor mir
stiebt Sand und Heidekraut auf
Die Lerchen trillern und die Luft rollt wie ein unendlicher monotoner
Donner rollt sie aber die Lerchen haben sich an ihn gewöhnt wie sie trillern
Als ob sie ihn gar überstimmen wollen Als ob er ihre tolle Eifersucht noch
aufstachelte wer weiß Dort rechter Hand über dem Knick liegt ein hellgrauer
Rauch und wie ein angekurbelter Motor rattert das herüber Da brüllt wer
Auf das Maschinengewehr rechts schwenkt Marsch Marsch
Da ist der hellgraue Rauch verschwunden und wir schwenken zurück und die
roten Flaggen wachsen schon sie wachsen
Die Sonne glüht O das verfluchte Getriller Nun sind wir heran Da
liegen sie Einen Graben haben sie sich ausgeworfen und mit Heidekraut
maskiert ha
Mein Herz springt mein Atem röchelt Wie die Sonne glüht Fünf
Kilometer im Sprung das mache uns einer nach O das verfluchte Getriller
Allerorten hängen weiße Wolken in der Luft kleine runde Wolken und ein
Singen und Pfeifen ist über mir Da wirst einer die Arme hoch und legt sich auf
die Seite so lieg doch vernünftig Verflucht was stäubt die Erde vor mir auf
Allerorten stäubt sie auf Ach so s ist Ernst
Marsch Marsch träume ich das eigentlich
Wollen Sie nicht mit
Ich bin doch verwundet da bleiben ja viele liegen Wie das Getöse wächst
Wie die weißen Wolken antanzen Das glaub ich Wie sie stolpern und purzeln und
fallen wie die Trunkenbolde purzeln sie Da pflanzen sie die Seitengewehre
auf da muss ich dabei sein Hurra jetzt stechen sie aufeinander los Wie sie
brüllen Wie die Tiere Wie die Knäuel sich wälzen Herrgott wie die brüllen
Da richten sich gähnend die Diplodoken und Dinosaurier hoch und wenden und
pendeln turmhoch mit ihren Schlangenhälsen und recken ihre Vogelköpfe starr
himmelan und beginnen ein Geheule als ließe eine ganze Torpedoflottille ihre
Sirenen heulen
Jetzt haben sie ihn gewürgt jetzt rasen sie hinterher wie die Teufel
hinterher den Berg hinab in den Wald
Scheint die Sonne nicht mehr Das ist als habe der Mond sich vor sie
gestellt das ist als habe einer ein braunes Tuch über sie gehängt Aber was
wandern da für seltsame Lichter in der Heide Was huschen für große Vögel über
den Wald
Schau was will der einsame Kopf Was will der Kopf Da hat ihn nun einer
auf der roten Heide verloren Was ist das das Schlachtfeld Ein einziger Kopf
Was will denn die hier Was will das Weibs hier auf dem Schlachtfeld
He Leichenfleddern
Was schreit denn das Weibs Schrei doch nicht so Blondes Haar hat sie auch
Was brauchst du blondes Haar Blondes Haar trägt nur eine und die ward ne
Hure
Schrei doch nicht so Rufst du mich tolle Vettel
Ja jetzt kommst du zu spät Auf dem Schlachtfeld wolltest du mich suchen
Sieh meinen Kopf haben sie zerschossen meinen armen Kopf Erst ward er
verrückt und nun zerschiessen sie mir ihn es hat nicht mehr nötig getan die
Narren
Was du willst mich wieder beißen Ist das hier wohl der Ort Ja lache nur
das schlägt nicht mehr
Oh nun ist er im Zorn von mir gegangen Da nimmt sie das Seitengewehr und
stößt es sich bis zum Heft in die Brust Die Erde sinkt die rote Heide unter
uns fällt unsere Namen fallen ab wir sind nicht mehr wir Tage Jahre alles
fällt von uns
Bist du es bist du es nicht
Auf einer Wiese gehen wir du bist so rank so jung Du wendest dich zu mir
Weißt du denn nicht dass heute mein Geburtstag ist Ich bin sechzehn Jahr
denk mal wie alt Aber was hast du für eine kuriose Mütze auf
Das ist meine dunkelgrüne Mütze die ich damals auf der Sekunda trug
Komm gib mir deine Hand hier sieht uns keiner
O was du für kleine Händchen hast
Wir gehen weiter ich liege wieder auf der Heide vor mir leuchtet in der
Sonne ein rötlicher Stein und ich sehe uns beide weit und weiter gehen
senkrecht über mir ins Unendliche Schaumkraut blüht auf der Wiese wir werden
kleiner immer kleiner wir werden ein Punkt da schlägt das Schaumkraut wie
eine lila Woge hinter uns zusammen Wo sind wir geblieben
Eine Lerche singt über mir wird kleiner immer kleiner wie ein Punkt hängt
sie im Äther und singt und singt aber wo wo ist sie geblieben
Endlos breitet sich die Heide und der Mittag glüht Im steilen Gleitflug ist
die Lerche aus der Höhe gefallen und die Grillen geigen nicht mehr Das
Schweigen geht um und fasst sich an die Stirne schweige ich rede ich
Da bringt ein Hauch von ferne von ferne etwas Dumpfes Taktmässiges
Wiederkehrendes
Da spielen sie den Parademarsch sage ich zu mir und blinzele ins Licht Ich
springe hoch und sehe mich allein in der Heide über der die Luft in zitternden
Säulen steht Als ein schwarzer Punkt blickt der Wasserturm über den Wald die
ferne ferne Musik hat aufgehört der Parademarsch ist aus
Das war der elfte Mai an dem ich an einem heißen Nachmittag allein aus der
Heide zurückkehrte und unterwegs meines Traumbildes gedachte das in mir
aufgestiegen war während ich wie tot in der glühenden Sonne lag
Aber als ich des Traumbildes vergaß da musste ich mit einem Male der Kalta
gedenken Nicht wahr man ist auch neidisch auf seine Jugend in der man eine
Fähigkeit besaß die man später verlor und die nur noch die Blumen haben die so
dumm und unkompliziert geblieben sind
Und doch will ich die Unergründlichkeit und Komplizierteit lieben da
sitzt ein Haken und der Haken ist der dass ich selbst der Komplizierte bin
Es ist Mitternacht und der Hauch mit dem sich die Nacht vorhinnen die
Augen getrocknet hat ist zum Sturm geworden Sturm im Nebelland Ich kann nicht
denken nicht schlafen mich treibt es hinaus in die Nacht ruhlos in die
ruhlose Nacht
Wo magst du sein Dass dieses Blut nicht ruhen kann
Ich bin zurückgekehrt Doch wie ich vorhinnen unter den jagenden Wolken und
zwischen den Wänden die die Dunkelheit gegen mich schob wie ein Gefangener
lief hier bin ich sicher hier bin ich allein hierhin zwischen Licht und
Bücherschränke wagt sie sich nicht die da draußen wie ein Spuk neben mir stand
ging mit mir sprach mit mir koste mit mir und der Sturm der über mir heulte
und in den Zweigen knackte und die Wolken rollte und sie zu prasselndem Regen
zerschlug peitschte mein Blut ich bin zurückgekehrt ich weiß nichts
Besseres als zu schreiben Worte hinter Worte zu setzen die Feder eilt nicht
so schnell wie die Worte sie jagen Herrgott ich schreibe ja nur um von mir
loszukommen
Um von mir loszukommen Alles Objektive beruhigt und leitet ab ich will
mich in objektive Tintenstriche verwandeln aber auch in diesem
Tintenstrichengewirr nach psychologischen Richtlinien suchen Deswegen schreibe
ich nicht nur um mich zu beruhigen sondern um einen Weg zu finden einen Weg
aus dem Nebelland zur Sonne einen Weg zum Ziel Und dieses Ziel
Eine Nachtübung war angesagt Wir versahen uns mit wärmenden Getränken und
marschierten bei untergehender Sonne ab
Es ist finster geworden der Himmel ist bezogen und es weht ein mürrischer
Wind Ich bin mit meiner Patrouille weit voraus meine beiden Leute habe ich
links und rechts von mir postiert und mich selbst hinter einen Knick der wie
eine kreisförmige Wehr in die Nacht ragt verborgen Lege ich den Kopf auf die
Erde so höre ich Geräusch und Klirren Sie buddeln da hinter uns einen
Schützengraben aus Vor mir blitzen ab und zu schwankende Lichtpünktchen die
Taschenlampen feindlicher Offizierspatrouillen die die Sturmstellung festlegen
Sie haben sich getäuscht ihre Stellung ist zu weit Hin und wieder knallt es
dort unten im Sumpf hin und wieder dringt ein fernes Hurrarufen aus ihm herauf
sie schlagen sich um die Übergänge über den Bach noch vereinzelte Schüsse
fallen und es ist als ob ihr Knall in der stillen Nacht vor sich selber
erschräke dann rasselt nur noch der Wind im Heidekraut Ich raffe mir dürres
Gras zusammen und knie darauf dann stütze ich die Arme auf den Knick und blicke
in die Nacht
Es ist rau und kalt irgend ein Licht liegt noch in der Luft und färbt die
Wolken die streifig und schwammig den Himmel bedecken in fahles Leichengrau
Die Birken die sich auf den Knick gepflanzt haben sind noch nicht belaubt wie
ihre Brüder in der Heide Denn in den Sumpf der da unten liegt fällt
allnächtlich eine dicke kalte Luft und wenn dieser Kältesee kurz nach
Mitternacht beginnt überzuschäumen so kriechen seine weißen Wellen zäh und kalt
an den Höhenrändern hoch da mögen sie noch nicht grünen Kalt durchschauerts
mich Trostlosigkeit und Verlassenheit liegt in der Welt und gleich einem
hoffnungslosen Wanderer der einen endlosen Weg vor sich hat und weiß dass er
unterwegs zusammenbrechen wird stöhnt und taumelt der Wind
Da fällt mir ein Brief Hyperions ein den er schließt
»Ja vergiss nur dass es Menschen gibt darbendes angefochtenes tausendfach
geärgertes Herz und kehre wieder dahin wo du ausgingst in die Arme der Natur,
der wandellosen stillen und schönen«
Falsch Falsch Nicht die Natur ist wandellos still und schön sondern nur
dein Ideal vielleicht ein krankhaftes von dir selbst Und da du es nicht
verwirklichen kannst gibst du der »Natur« diese Epiteta O die lässt sich
viele Namen geben Aber nur die Enttäuschten und Schwachen die Ausgestossenen
und Erfolglosen und Leidenden insgesamt die welche über ihre Komplizierteit
nicht Herr werden »flüchten in die Natur« und hängen ihr jenes Lügenmäntelchen
um jenes unerreichbare Ideal und beten es an Aber in ihrer Ratlosigkeit und
Flucht vor sich selbst beten sie sich selber an und lieben ihren Feind in sich
den sie nicht bewältigen konnten sie jagen nach einem Phantom das sie für
unerreichbar halten und sind es im Grunde doch selbst die Schlange die sich
in den Schwanz beißt und wahnsinnig an zu kreisen fängt Denn die Natur selbst
ist grausam und unerbittlich sie ist weder unwandelbar noch schön sie ist
garnicht für uns erreichbar uns ewig fremd höchstens als Bild ein Haufe
sinnlos rollender Atome Wir sinds wir die ihr Glanz und bunte Masken geben
Und was ists mit uns die wir in jenem Flüchten eine Krankheit und ratlose
Narrheit erkannt haben die wir wissen dass wir nicht aus uns heraus können mit
uns deren jede Sekunde jeder Gedanke und jede Bewegung nichts ist denn der
aufblitzende Brennpunkt zahlloser Kausalreihen und besonders mit uns die wir
uns dieses allen stündlich bewusst sind und nicht mehr zurück können zu dem
unbewussten harmonischen Triebleben des Tiers und glückhaften Philisters
Zwei Wege haben wir uns aus der schwarzen Trostlosigkeit jener Erkenntnis
zu retten entweder wir streben danach die eherne Unerbittlichkeit zu lieben
und können uns nicht Genüge tun ihr überall ihren feinsten und allerfeinsten
Fäden nachzuspüren oder wir sehen von ihr fort und ergeben uns dem Rausch
Nicht jenem dionysischen Rausch der sich austobt in hyperbolischer
Bejahung in ewiger Vernichtung und ewigem Wiederschaffen des Gewordenen er
ist triebhaft und unbewusst sondern dem bewussten Wegsehen und inbrünstigen
Untertauchen in Mitleid Musik und Liebe
Aber das ist ein Symptom von Müdigkeit Überkomplizierteit und
Totgeweihtsein ist Abendröte
O diese mürrische trostlose Nacht O dieser taumelnde Wind
Und diese Straßen sind diametral entgegengesetzt sie sind antipodisch von
Urbeginn oder sollte mein hämischer Verdacht berechtigt sein dass auch jene
erste mit der Zeit umbiegt und in die andere ausfliesst
Es ist grimmiger Neid und ein schielender gelbäugiger Verdacht ich will
meine Straße gehen und meinen Rausch trinken bis zur Hefe will ich meinen
Becher leeren und die goldensten Abendröten bauen
Die Nacht ist mürrisch und der Wind nörgelt und fragt hast du die Kraft
dazu Wenn dir nun einer den Becher nimmt und du nun dastehst Wenn eine
schwarze Böe aufsteigt und dir die Abendröten verjagt und vergräbt
Was will das Gespenst in der Nacht O wo bist du dass du mir mit deinem
goldnen Leichtsinn nicht helfen kannst es fortzuscheuchen O du verfluchte
Nacht Du Grübeltier Du Unholdsschoss
Schatten kriechen im Heidekraut ducken sich nähern sich eine ganze Linie
von ihnen schleicht und gespenstert heran Feuer Feuer Da sind sie wie
weggeblasen Alarm Alarm
Doch da gespensterts und schleichts unabsehbar heran die ganze Nacht
schickt ihre Schatten vor da rollt und rast das Feuer die weite Linie entlang
und die Maschinengewehre spucken unaufhörlich ihre feurigen Zungen in die Nacht
Im Osten beginnt es zu dämmern ein gelbes Rot huscht über den Himmel sieh
trillernd steigt die erste Lerche hoch
Nebenan in der roten Backsteinkirche schlägt die Turmuhr drei Die Wolken
sind zerrissen das Dorf schläft und vier Sterne blicken aus der schwarzen Nacht
zu mir und um acht oder neun erst geht die Sonne auf Aber ein trübgelber Klecks
in den Nebeln das ist in Kolchis die Sonne Je länger ich hier aus meiner
Höhle ich Höhlengrübeltier auf die toten Dächer und zerfetzten Wolken sehe und
in den faulen Schlaf der da draußen schnarcht das will eine Welt sein ein
Spuk ists ein Nebel und Wolkenspuk wenn viel ein unnötiger Traum
Oh die JenseitsderHyperboreer die kommen nicht zum Bewusstsein dass sie
leben und wie sie leben und zu der aberwitzigen Frage warum sie leben und zu
der bitteren Erkenntnis so fliegenunnötig zu leben Sie kommen nicht dazu zu
nachtschlafender Zeit sich in Tintenstrichen objektivieren zu müssen die
Schläfer und steifbeinigen NebelMurmeltiere
Da holt jeder Kristian sich seine Katrine liebt er sie denn er denkt
nicht daran er ist gar kein »er« er ist eine Welle die der Sturm treibt und
welche muss ohne dass sie weiß dass sie muss so nimmt er sich eine Katrine die
ihren Leib im Leben dreimal wäscht und zeugt Junge mit ihr und räsoniert nicht
darüber und schreibt nicht des Nachts um halber Vier
Ich bin kompliziert und suche deswegen das Nichtkomplizierte So ists
Deswegen liebe ich den eindeutigen Trieb in ihr und die Gefahr an ihr ist mir
lieb weil ich im Prädikat das Subjekt wittere Gefahr weil ich weiß dass ich
auf diesem Ruhekissen verfaule und immer weicherer Ruhekissen bedarf und weil
ich weiß divinatorisch weiß dass ich dieses Ruhekissen verlieren werde dass sie
mir nicht treu bleiben wird nicht treu bleiben kann deswegen ist sie ja Trieb
und deswegen liebe ich sie Eine krause Sache glotzt mich nur so an ihr vier
Sterne aber so ists
Und wenn ich glaubte ich liebte die Komplizierteit die Wellenartigkeit an
ihr so ist es dass ich an den Äußerungen dieses Triebes dem Schaum und den
Brechlichtern der Welle meine ästhetische Freude hatte und mich durch sie
hinweg täuschen ließ über den zu Grunde liegenden nackten wüsten Trieb dem ins
Auge zu sehen ich zu schwach bin ich mag es nicht will es nicht ich darf es
nicht ich müsste ihm eigentlich fluchen Ich weiß dass ich in ihr eine gewisse
Ruhe finde ich will es aber nicht wissen Eine seltsame Sache ihr vier Sterne
aber so ists
Ob es mir auch derart mit den Dingen der Welt geht an deren bunten
Erscheinungen in der Form ich mich zuweilen erfreuen ja ihnen die
Unsterblichkeit geben kann wenn ich ihres rätselhaften Untergrundes den ich
mir bildlich antropomorphisch am liebsten auch als einen Trieb vorstelle nicht
gedenke Ihr verschwindet nicht hinter den Wolken ihr vier Sterne
Dann darf ich auch diese interesselose »malerische« Anschauung gerade als
mein rigoroses Wegsehen und meinen Rausch bezeichnen und ich mache mir durch ihn
die Welt ebenso ertragbar wie die Zärtlichkeiten und spielerischen Launen und
Überraschungen mir jenen anderen Trieb verschönern und verhüllen und ertragbar
werden lassen
Wie ich jene Anschauung den Rauschtrank der Erkenntnis, so könnte ich die
Liebe das sich berauschen und von sich weg sehen Wollen des Geschlechtstriebes
nennen Ihr leuchtet noch immer meine vier Sterne
Und nun schwindet mir nicht haben die beiden miteinander etwas zu tun
Könnte eines die Bedingung des anderen sein Wo seid ihr schluckte euch die
Nacht meine vier lockenden Sterne
Nun so will ich nicht darüber denken ich will nichts darüber wissen
obwohl ich doch schon alles weiß
Und meine Komplizierteit was will ich mit dem Wort Es steckt in ihm der
Versuch einer Selbstentschuldigung Es wird nichts anderes sein als der Ärger
in dem Hinundhergerissenwerden zwischen dem Wunsch nach einer positiven
Erkenntnis und dem Wissen ihrer Unmöglichkeit keine endgültige Stellungnahme
treffen zu können entweder finde dich mit jener Unmöglichkeit ab und lebe dem
Nihilismus in dir zum Trotz oder gehe fort mit einem Fluch auf den Lippen oder
berausche dich aber mit gutem Gewissen
Und diese Unfähigkeit entschlossen wenn auch mit geschlossenen Augen
Stellung zu nehmen schiebe ich einer krankhaften vielleicht ererbten in der
Zeit in der Luft liegenden »Komplizierteit« zu Meine Komplizierteit das
ist nichts als Schwäche und atavistischer Ärger über diese Schwäche und das
ÜberwindenWollen dieses Ärgers dadurch dass ich mich vor mir selbst
entschuldige indem ich die Ursache meiner Schwäche in einer Vererbung oder im
Zeitgeist suche
Aber ist das Alles insgesamt nicht schon eine Krankheit ist jede
Selbstkritik nicht das Anzeichen des Niedergangs
Es ist noch immer nachtschlafende Zeit und im roten Backsteinkirchturm
nebenan hat die Uhr noch nicht fünf geschlagen Ich will in die Heide gehen und
dort wie ein Spuk über die Hügel geistern Dann will ich mich mitten auf einen
der braunen Walfischrücken setzen die da zwischen den Wäldern gestrandet sind
die mittlere Eiszeit warf sie wohl dort hin und will den Hut auf die Knie legen
und dem Wind ins Ohr flüstern klopf an ein Fenster hinter dem der
vierschrötigste Hohlkopf haust und dann rufe ihr zu wenn sie erschrocken aus
seinen Armen fährt er lebt noch in Nebel und Regen vergraben lebt er und
verwandelt sich da er nichts Besseres weiß in Tintenstriche lauter schwarze
Tintenstriche Hörst du
Ob sie auch still in seinem Arm ruht ihr Atem leicht und kein hässlicher
Traum über ihre kleine Teufelsseele geht
Ach geh zu deinen Wacholdern und Moorbirken geh in die Heide
Ich bin zurückgekehrt gleich muss die Sonne kommen Draußen in der Heide
wollte ich sie über die Nebelbalken mit ihren langen Strahlenfüssen steigen
sehen aber es ward grimmig kalt da ich auf meinem Hügel saß und auf sie
wartete und ein Schluchzen und Grollen in mir war da ich des blonden
Vierschröters gedachte der nun in ihren Armen schnarcht und da ich gedachte
weswegen ich sie verlieren musste Um zu erkennen was sie mir war deswegen
verlor ich sie Ich verlor sie um zu wissen wo mein Glück und wo meine Gefahr
liegt und sollte ichs glauben meine Gefahr liegt im bunten goldnen Tag der
so tausend Fragen stellt liegt im brausenden Leben das so farbige Rätsel
singt Und mein Glück mein gefährliches Glück ihr Sterne das habe ich
verscherzt weil ich es verscherzen musste die Schwäche treibt mich zu dem was
sich Glück für mich nennt und die Schwäche ists durch die ich es wieder
verlor
Das flüsterte die Heide und raunte der Wind Von Hügel zu Hügel bin ich
gesprungen die Rehe wurden scheu vor dem Heidespuk bis ich keuchte bis ich
der Stimme hinter mit entflohen war und ihrem Hohnlachen so zieh den Schluss und
fluche und geh so gehe fort und zieh die Konsequenz
O die Sonne Wie ein strahlender Brand flog sie damals aus dem Meer jetzt
flüchten die Nebel wie die Heidegeister Ossians vor der glanzlosen Scheibe des
Dämons der gelassen Rätsel auf Rätselrunen auf unsere Erde zeichnet bis wir
in den Fäden und wirren Zickzackstrichen in die wir uns hineingedeutet und
hineingelesen und denen wir zweideutige Worte und sich widersprechende sich in
nichts auflösende und ineinander übergehende Gedanken gegeben haben nicht mehr
vor noch rückwärts wissen und ratlos die Hände zusammenschlagen was ist das
wozu führt das könnten wir wenigstens wieder aus diesem Labyrinth heraus
Darum untertauchen untertauchen um jeden Preis
O der Feigheit o des faulen Schlafs und der Sabbatruh
Der unnötigen Exaltation Da lege ich Werturteile an mich die ein Banause
für einen Banausen schuf Als ob die Arbeit um der Arbeit willen nicht auch ein
Untertauchen und ein Rausch wäre da tue ich einen kleinen Blick in mich und
zürne mir und schäme mich
Ich will nun einmal müde sein und in einer braunen Wolke von Sabbaten und
Narcoticis unmerklich unter die Schwelle meines Bewusstseins sinken
Wieviel Unruhe und Schlaflosigkeit wieviel Worte um eine untreue Kokotte
Auch meinem Körper ist elender zu Mute als vor einem Jahr wenn er nach der
verregnetsten Nachtübung hungrig und durchnässt und mit wunden Füßen
heimstolperte
Es ist Nachmittag wir liegen auf unseren Betten und rauchen und ich lese
einen Brief in dem Klaire mir von ihrer Treue erzählt bis jemand meint wir
müssten beginnen Abschied vom Lager zu feiern Wir sind es zufrieden und kleiden
uns an
Die Luft ist so weich Die Lindenknospen hat der Mai schon lange zu flachen
Herztellern auseinander gefaltet und die Wilden Kastanien zünden schon seit
einigen Tagen ihre Kerzen an In den schattigen Buchenwäldern in welche im
Osten die Heide übergeht wächst Waldmeister und nach einer Weile weicht der
goldbraune Stiefel einem dickbauchigen Gefäß aus dem der komprimierte Mai uns
entgegen duftet
Und während draußen in der Heide die Lerchen trillern und ihr Gesang wie ein
ganz leises verlorenes Klingen uns umschwebt beginne ich von Klaire zu erzählen
und schütte wie in einer knabenhaften Begeisterung mein Herz aus Weswegen Um
mein Fliegenglück verstärkt zu genießen indem ich versuchte einen kleinen Neid
zu erregen und mich an meiner übertreibenden Schilderung nochmals freute
Ein verdächtiges Zeichen Der Renommist glaubt nicht an sein Glück hat es
noch nicht deswegen phantasiert er von ihm Ist nicht das meiste was wir Glück
nennen nicht viel mehr als nur der ehrliche und gläubige Wunsch und die
Bereitschaft zum Glück Denn des echten Glückes sind wir so wenig gewohnt dass
ich wenigstens vorausgesetzt dass ich es überhaupt könnte mich hüten würde von
ihm zu erzählen ich fürchte schon die Mienen derer die mir zuhörten würden
es beschmutzen und dann flöge es mir davon
Das Leiden dagegen ist das Gewohnte und man spricht nicht vom Alltäglichen
und das Mitleid das wir erregen könnten widert uns an Denn reden wir doch von
ihm so tun wir es in einer spöttischen und zynischen Weise wir wollen die
Mitleidsfanatiker schon fern halten und wollen immer stärker gelten als wir
sind
Was sagen Sie denn zu unserer Lyrik die nichts ist als ein illustrierter
Katalog unserer kleinen und kleinsten Leiden
Der Dichter will weniger Mitleid erregen als sich von seinem Leiden
befreien Schon durch einfache Mitteilung unseres »Kummers« gelingt uns das
mehr noch innerhalb der festen Regeln eines Gedichts wo wir unser Leiden als
ästetisches oder moralisches Phänomen betrachten und uns als den Typus des
Leidenden erkennen und alles Erkennen ist im Grunde bejahend und erregt Lust
Und ich glaube alle Dichtkunst derart als Heilungsprozess auffassen zu dürfen
Denn subjektiv ist sie durch und durch vom läppischsten Liebesgedicht bis zum
objektivsten Roman
Aber nun seht euch diese Helden an diese Ichromane die keine sein wollen
diese verschämten Selbstschilderungen mit Schönheitspflästerchen Dieses
verzwickte Steuern zwischen Wohlanständigkeit und pastoraler Pikanterie dieses
verzweifelte Lavieren zwischen Staatsbürgertreue und Fortschrittsdusel dieses
virtuosenhafte Vorgaukeln tiefster Probleme und meisterliche Verhüllen einer
grandiosen Nichtssagenheit Diese Skribler sind feige sie haben nicht den Mut
zu ihren Fehlern und Lastern und Oberflächlichkeiten und zeichnen uns Buch für
Buch ihre drei kümmerlichen Tugendideale und als Paprika vielleicht noch ein
Lasterchen dazu
Schämen sie sich ihrer Schmutzigkeit und Nichtigkeit ihrer Faulheit und
unglaublichen intellektuellen Gewissenlosigkeit Als ob sie schuld an ihnen
wären Sie sollen sie zeichnen so nackt und wahr sie können denn dadurch
überwinden sie sie vielleicht und wir lernen durch sie Das sollte das einzige
Motiv sein wenn sie schreiben um zu schreiben wenn sie mit ihrer Feder
hausieren gehen
Und das Schauspiel
Das soll nichts sein als eine psychologische Studie
Und wo bleibt die Poesie
Wo der Pfeffer wächst Sie hat ihre Aufgabe als Rauschbeere und Wegweiserin
zum Rausch erfüllt Ich weiß jetzt welch betäubender Genuss in dem
InsichAufnehmen fremdartiger Schönheiten liegt aber ich weiß auch dass dieses
fortwährende InsichAufnehmen eine Krankheit ist Will man aber von diesem Gift
nicht lassen so tue man es auf eigene Gefahr und empfehle und verbreite dieses
Narcoticum nicht weiter als die höchste Manifestation des menschlichen Geistes
Wir wissen nun wie wir zu diesem süßen Rausch gelangen können und damit wollen
wir es genug sein lassen Aber wer noch von diesem Rauschzustand zu reden
weiß der ist noch nicht ganz berauscht Will ich mich einmal in der »Natur«
berauschen dann will ich das schweigende Hochmoor sehen und keiner soll mir
von der Schönheit dieser Trunkenheit reden ich am allerwenigsten denn dann
fliegt mir mein Glück davon
Ich begreife nicht wie ein »Dichter« von der Pracht eines flammenden
Sommertages von der Schönheit seiner Geliebten und der Tiefe seines Glückes
reden kann Wer etwas glühend beschreibt der hat es noch nicht der ist noch
nicht ganz trunken von ihm Ich würde den Nebel das gramgraue Elend und die
Wintertage die uns wie ein Katakombengewölbe einschliessen und nur dieses
»besingen« um es zu überwinden Mein ganzes Dichten dürfte nichts sein als
ein Objektivieren und ZuüberwältigenSuchen trüber Stimmungen aber will und
muss ich mich einmal berauschen dann bin ich im Sommer selber Sommer dann gehe
ich in der Schönheit meiner Geliebten und der Tiefe meines Glückes restlos auf
dann genieße ich ein rauschendes Meer und einen glühenden Sommertag bis in die
feinsten Fasern da bleibt gar kein Raum sie durch Worte die jeder Oberlehrer
in den Mund nimmt zu profanieren
Wenn ihr wüsstet wie ich mich betrinken kann
Was sind mir dagegen eure Reime und Rhytmen und eure klimpernden
Wortpoesien
Und wo sie sonst noch als Heilerin und Trösterin gespenstern mag da
empfehle ich an ihrer Statt die psychologische Selbstanalyse Die lässt uns klar
über uns werden sie zeigt uns wohin wir gehen und lässt uns diesen Weg wenn
wir nicht einen anderen einschlagen wollen schneller und konsequenter gehen
Und alles andere was der Tag und die Straße Poesie nennt alle Dichterei um der
bloßen Form willen und der Zurschaustellung des eigenen Könnens das ist
Handwerkerware das benebelt nur und schlägt die Langeweile tot das berauscht
ja nicht denn es ist nicht aus dem Rausch geboren
Dann ist auch die Liebe wie Sie sie pflegen ein Rausch Vaccinium
uliginosum nicht wahr Wächst in Mooren und auch an den finnischen Seen und die
Finnen brauen sich einen Rauschetrank draus Aber weswegen suchen Sie sich zu
diesem Kult eine Heerstraße warum kein Hochmoor und Meer
Sie dürfen sie gerne eine Heerstraße nennen Jedenfalls suche ich auch hier
wie im Moor und Meer das Eindeutige und Unverhüllte unverschnörkelt
unverkümmert unverkünstelt durch Bildung und nicht krank und unsittlich gemacht
durch eine haarsträubende Moral
Die Verdrehungen und Krankhaftigkeiten die jene Moral verschuldet blasen
wir schon fort und gerade dieses Fortblasen und Entkleiden ist vielleicht der
prickelndste Reiz Was heißt denn verdorben und rein Das ist nichts als Folge
des Temperaments und der Umgebung da genügt eine rote Nacht um aus dem
besterzogenen Geheimratstöchterchen das süßeste Dirnchen zu machen Und verdamme
ich sie deswegen so müsste ich mit ihr Alles verdammen finde ich sie deswegen
meiner nicht würdig so dürfte ich nichts meiner würdig finden
Und die Bildung Ich habe noch keine Frau getroffen vor deren Bildung ich
nicht fortgelaufen wäre Ich habe noch keine Frau gefunden die metaphysische
Probleme verstanden hätte geschweige denn dass sie ihr das Herz verbrannt
hätten Die Frau ist der typische fadeste Positivist und weiß es nicht und
glaubt es nicht sie ist in geistigen Dingen das Faseltier par excellence sie
verhimmelt Spinoza schwärmt für Karlyle liest mit prickelnder Wollust
Nietzsche schreibt über alle drei ein Essay und betitelt es Goethes Christentum
und bricht darin eine Lanze für das einjährigfreiwillige Dienstjahr der Frau
Das sind wieder Ihre bekannten Lagerhyperbeln
Hyperbeln Nur in Hyperbeln steckt Wahrheit Dass wir übrigens mehr lügen als
es nötig ist und feiger sind als es erträglich ist und nachsichtiger als es
klug ist werden Sie mir zugeben
Das gebe ich zu Aber wissen Sie Ihre Verteidigung der Heerstraße sieht
verteufelt nach Augenzudrücken und verzweifelter Selbsttäuschung aus
Mit anderen Worten: ich bin ein Waschlappen Aber das macht nichts mein
Lieber das macht nichts Übrigens gibt es auch eine Konsequenz der
Waschlappigkeit die abgesehen von ihrem Wert für mich ein souveräneres
Hinwegsetzen über die Affenmeinung der Masse verlangt als die der heroischen
Dickköpfigkeit
Nun möchte ich aber die Wurzel Ihrer Paradoxien kennen lernen Sagen Sie
mir hat das Leben für Sie überhaupt einen Wert
Als ob das Leben etwas über sich aussagen oder gar sich selbst bewerten
könnte Dann müsste es doch seine eigene Wertung auch wieder bewerten Den Wert
unseres Lebens könnte nur der bestimmen dessen Teile oder Tätigkeiten wir
wären der also den Zweck unseres Lebens kennte
Und da wir eben diesen außer ihm liegenden Zweck des Lebens nicht wissen
müssen wir es aus seinen eigenen Äußerungen dh aus seinen Tätigkeiten
bewerten
Der Wert eines einzelnen Lebens kann nicht nach seinen Tätigkeiten bestimmt
werden; wir können nur die einzelnen Tätigkeiten eines Lebens in sich nach ihren
Zwecken bewerten Mit der Rangordnung der Zwecke kann ich dann eine Rangordnung
der Tätigkeiten festsetzen nicht der Existenzen nicht eines Lebens überhaupt
Das Leben selbst kann sich nicht bewerten ebensowenig wie ich den Wert eines
anderen Lebens bestimmen kann Ich kann höchstens von mir ausgehend durch
Analogie die Tätigkeiten eines anderen Lebens nach ihren Zwecken einschätzen
wie wichtig ist dieser Zweck für das Leben des Andern und wie weit erreicht die
darauf gerichtete Tätigkeit ihr Ziel mehr kann ich nicht fragen
Aber die Tätigkeiten eines einzelnen Lebens insgesamt müssen doch einen Wert
haben nach welchem ich es einschätze
Einen Wert für wen Für das Leben selbst, oder für die Anderen
Nicht für das Leben selbst und nicht für die Anderen sondern in sich
Damit kommen wir nicht weiter Jedes Ding hat seinen Wert in sich kein Ding
hat in sich einen Wert Zum Begriff Wert gehört die In-Beziehung-Setzung eines
Dinges zu einem anderen Wir müssen einen Maßstab haben
Nehmen Sie den der Zahllosen den Nutzen des Einzelnen für die Gesamtheit
Es gibt nun aber keine organische Gesamtheit der Lebewesen für die das
Einzelne mit Bewusstsein und Absicht tätig wäre jedes ist eine abgeschlossene
Welt für sich und nur tätig für sich die Gesamtheit ist sekundär nicht viel
mehr als ihre Zahl Allerdings können die Äußerungen des einzelnen Lebens
mittelbar für andere mehr oder weniger nützlich sein
Danach wäre es denn »nützlicher einen Morgen Land mit Weizen zu bebauen
als eine Ilias zu dichten denn ohne Poesie kann man leben ohne Brot nicht«
»Folglich ist ein Hufner mehr wert als Homer« wollen Sie schließen Wir
haben nichts anderes von wo aus wir den Wert einer Tätigkeit bestimmen können
als ihren Zweck Und da nun auch die Schwierigkeit nach der vielleicht einer
eine Handlung messen wollte ein subjektiver und damit unbrauchbarer Maßstab
ist betrachten wir Ihren Dichter Für ihn ist die Tätigkeit die auf die
Beruhigung seines aufgewühlten Gemütslebens hingeht und diese Beruhigung
erreicht er durch die Darstellung seines Leidens wertvoller als die auf die
Befriedigung leiblicher Notdürfte gerichtete Ist sein Geist vom Übermaß eines
Leides zerstört so nützt ihm auch die reichste Kornkammer und der gefüllteste
Geldbeutel nichts Goethe wäre zu Grunde gegangen hätte er nicht den Werter
schreiben können Und diese Tätigkeit war nützlich weil sie ein sehr
begründetes Bedürfnis befriedigte Die Nützlichkeitswertung macht keineswegs die
Menschen gleich Jedes Leben wirkt für sich und dort wo die stärksten
Reaktionen vor sich gehen zur Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts
fällt sorglos eine Menge Segen und Unheil ab für andere Diese Wertung
schafft keine Demokratie aber auch keine Aristokratie sie schafft überhaupt
keine Krateia Denn wenn jedes Leben sich auf seine Weise gegen die Außenwelt
wehrt und gerade sich so und nicht anders wehren muss und nun eines so geworden
ist dass seine Abwehrhandlungen auch anderen zugute kommen können so ist dessen
Träger für mich noch kein Aristos er ist komplizierter und feiner organisiert
er ist empfindlicher und kranker als das Mittelmass weiter nichts Aber er ist
dadurch nicht weiser und klüger und willensstärker oder gar wertvoller er ist
krank und die Anderen sind gesünder Das ist die letzte Scheidung
Ich sehe wo Sie hinaus steuern aber ich folge Ihrer Bahn nicht die am
Ende in eine Negation sämtlicher Werte zugunsten der »gesunden« triebhaft
hinvegetierenden Masse ausläuft Ich setze eine objektive Wertung und
prinzipielle Scheidung fest und zwar die nach dem »Ausdruckswert der Leistung
des Einzelnen« »Und Ausdruckswert ist nur vorhanden wenn der Mann das was in
ihm steckt aus sich heraus gestalten kann Wer das nicht vermag gehört
winzige Abstufungen zugegeben zum Pöbel«
Eine Leistung für wen frage ich Sie wollen mich nicht glauben machen
dass irgend eine Leistung eine Staatsgründung eine Parkeinrichtung eine
Statue ja das simpelste Liebesgedicht um ihrer selbst willen geschaffen werde
Um seiner selbst willen werden ist willkürliches Werden alle Leistungen
geschehen weil sie notwendig so geschehen müssen Aber ihre Notwendigkeit liegt
nicht in ihnen selbst sie geschehen nicht notwendig um ihrer selbst willen
hier fehlt mir der zureichende Grund Sondern das Leben bringt sie notwendig
hervor um sich zu erhalten Damit fällt die mystische Sonderstellung die Sie
ihnen geben Wissen Sie das auf den Kasuarinen Madagaskars bäumt sich ein
seltsames Wesen vor Ihnen auf Armlang kakhifarben mit mattgelben Binden und
palmgrünen Pusteln geziert so sieht es aus wenn es schläft Gelber die Binden
und breiter die Kakhifarbe vertieft in ein dunkles Olivengrün und durchzogen
mit hellen Netzen und gesprenkelt mit schwarzen Punkten so sieht es aus wenn
es wacht Und das dunkle Olivengrün verstärkt zum Schwarz die palmgrünen
Pusteln umgewandelt in leuchtendes Weiß und die Binden glühend im satten
Dottergelb so sieht es aus im Zorn Aber eine ovale weiße phantastische
Riesenscheibe mit senkrecht zum Kopf gestellten Hinterhauptslappen wie die
aufgerichteten Ohren eines zornigen Elefanten bebend und zitternd am ganzen
Leibe den Rachen weit aufgesperrt und fauchend und zischend und nun hebt sich
diese groteske Masse Lebens auf den Hinterbeinen hoch und streckt Ihnen den
Leib wie von Fieber geschüttelt die Vorderbeine wie flehende Hände entgegen
das ist das Chamaeleon melleri wenn die Liebe es toll macht und es geht zu
Grunde wenn es nicht zur Begattung gelangt Denn das Sperma ist ein dem
Organismus fremdes Element und es stellt doch konzentriert bis ins feinste die
Eigenart seines Wirtes dar Jede seiner Zellen drückt in die winzigen
Chromosomen ihre Einzigartigkeit ab und doch ist es dem Ganzen fremd und drängt
mit heißer Notwendigkeit aus ihm heraus Und wie die Begattung nicht erfolgt
ihrer selbst wegen nicht um der neuen Generation willen nicht um die
Persönlichkeit des Liebenden im Kind außer sich darzustellen sondern nur um
fremde quälende Elemente auszustossen so ist es mit dem Kunstwerk Das ist die
Notwendigkeit der Zeugung gereinigt von jeder mystischen Verdeckung und das ist
die Notwendigkeit auch des künstlerischen Schaffens gereinigt von jeder
mystischen Sonderstellung Als ob das Leben seine Rechtfertigung finde nur in
der objektiven Hervorbringung einer Leistung in dem unvollkommenen
Abklatsch von sich selbst Die Rechtfertigung des Lebens wenn wir dieses
hochmütigste Wort das je geprägt worden ist, überhaupt in den Mund nehmen
wollen besteht in seiner harmonischen Befriedigung und weiter nichts Und die
sehe ich darin dass jedes Ereignis jedes Glück und jedes Leid und jedes von
außen herantretende Problem restlos und harmonisch im Organismus sich einfügt
sich auflöst ohne sich in ihm zu schwärenden Herden anzusammeln Wie bei den
produktiven Naturen in denen sich eine Empfindungs oder Gedankensumme
ansammelt bis sie zur unerträglichen Qual geworden als wesensfremde Masse
ausgeschieden wird in der objektiven Darstellung Der starke Mensch wird mit
allem fertig er verdaut alles die schwächere angekränkelte Natur ist
dyspeptisch sie wird mit nichts fertig und produziert Das ist die Leistung
Sie ist durchaus nicht der Extrakt des Lebens sie sammelt durchaus nicht alles
was in einem Menschen eigene Kraft war durchaus nicht alles was ihn persönlich
und einzig machte sie scheidet heterogene Elemente aus und scheidet sie um so
gründlicher aus je klarer und eindringlicher sie darstellte wie der
Betreffende ein Leid oder Problem anfasste Das ist das eigenartige und
persönliche eines Werkes dass es völlig und erschöpfend die Durchtränkung die
ein Ereignis gedanklicher oder gemütlicher Art in seinem Schöpfer annahm
behält Es gibt kein allgemeines Problem jedes Problem nimmt in verschiedenen
Geistern verschiedene Gestalt an und ich scheide es wenn es mir wesensfremd
ist und in mir nicht aufgehen will um so restloser aus mir aus je reicher ich
alle seine Beziehungen zu den anderen in mir vorhandenen Gedankenkomplexen
darstellte je tiefer ich seinen letzten Wurzeln folgte die es versuchte in
mein Seelenleben zu schlagen je persönlicher ich es gestalte je mehr
Ausdruckswert ich ihm gebe Und die »Nichtskönner« sind entweder Leute mit
gutem Magen Leute die mit allem fertig werden ohne dass es sich zu eiternden
Massen anhäuft oder Dickhäuter Oberflächliche denen jedes Leid und Problem
nur die Haut der Seele zu ritzen vermag Würde sich in diesen beiden ein solcher
Fremdkörper bilden können so würde sich das Leben schon gegen diesen wehren und
zum produktiven Künstler oder Philosophen oder Heroen werden Kunst ist eben
nicht um ihrer selbst willen da ihr Zweck besteht nicht darin »die letzte
Tiefe und die ganze Fülle des Mannes kondensiert und sinnfällig für wen
darzustellen« sondern sie ist ein patologischer Prozess Krankheit und Medizin
zugleich Und wenn wir noch einmal unterscheiden wollen so könnte man mich
fragen bist du pachyderm das wünsche ich dir von Herzen oder zählt man dich
zu der Unzahl der Dyspeptiker nun es ist eben eine Unzahl oder aber darf man
dich eupeptisch nennen man mag es tun aber weißt du ich traue dir und deinen
Lobrednern in diesem Fall nicht recht du siehst mich ungläubig an nun bist
du denn von gestern oder übermorgen lebst du nicht heute
Das mag ja nach etwas klingen und so weit ich Sie kenne stellen Sie Ihre
Sätze auch nur des Klingens wegen auf
Und berausche mich an meinem eigenen Klang
Das würde wenigstens nicht im Widerspruch stehen mit Ihrem Liebesrausch und
Ihren anderen braunen Getränken ich wüsste auch für diesen schon ein apartes
Wort vorhinnen übrigens bezeichneten Sie die Poesie als Rauschbeere und
Wegweiserin zum Rausch und wünschten sie dahin wo der Pfeffer wächst Und jetzt
wird sie zur notwendigen Medizin
Und ich glaube mit Recht Zum Teufel aber wünsche ich sie weil wir in der
Selbstanalyse eine schnellere Heilerin haben als in der anscheinend objektiven
Darstellung des Leidens wozu ich auch das Überwältigtwerden von Problemen
Ideen und heroischen Trieben rechne Nur ist das Begleitgefühl dieser Prozedur
anderer Art als das der objektiven Darstellung ist dieses warm und berauschend
so ist jenes kalt und deprimierend allerdings mag ihm auch ein kleiner Rausch
der Erkenntnis beigemischt sein denn ohne diesen süßen Nebel scheint es einmal
bei uns nicht gehen zu können ich möchte überhaupt wissen wieviele Stunden
wir im Leben völlig nüchtern sind
Dann sollte aber auch die Kunst eine Rauschbeere sein deren betäubenden
Saft der Kranke also Ihre produktive Natur immer wieder zu sich nimmt Er
sollte doch froh sein den Fremdkörper ausgeschieden zu haben weswegen schafft
er sich mit Absicht einen neuen an
Ich möchte hier unterscheiden zwischen akuten und chronischen Künstlern
Zu den akuten zähle ich Goethe er erkrankte oft fand sich aber immer wieder zu
seinem kräftigen Gleichgewichtszustand zurück zu den chronischen die große
Überzahl das sind die typischen Dichter die ganze romantische Bande von
Kalderon an über Shakespeare bis zu unseren heutigen Literaten die fast
durchweg krank sind Aber das ist das Groteske dieser Sache wäre ich Dichter
ich müsste mich ebenfalls zu jenen zählen denn ich bin meiner selber satt und
berausche mich gern Und hier ist der Punkt jener Heilungs und
Ausscheidungsprozess ist mit einem ängstlichsüßen Rauschzustand verbunden den
alle die deren seelisches Gleichgewicht durch jenen ersten Krankheitsfall oder
schon von Geburt an zerstört ist sich immer wieder zu verschaffen suchen Sie
wollen nicht mehr zur Besinnung und zu sich selber kommen sie sind ihrer
Zerrissenheit müde und nehmen nun fortwährend Fremdkörper eben jene Probleme
und Gefühle in sich auf durchtränken sie schmerzlichwollüstig mit ihrem Blut
und scheiden sie mit dem gleichen ängstlichsüßen Rauschgenuss wieder aus nur um
diesen zu genießen und wieder Raum für neue zu schaffen Sie sind eben ihrer
selbst müde sie wollen nicht zu ihrer zerrissenen Nacktheit zurück sie wollen
nicht nüchtern sein und betrinken sich Führen Sie von diesem Wort aus den
Vergleich durch so haben Sie auch meine Würdigung der ganzen Sippschaft deren
Mitglieder sich in ihrem Delirium für Hammernaturen und Schöpfer neuer Werte
ausgeben während sie im Grunde arme Narkotiker sind Ich negiere in den Grund
Ihre Wertung der Ausdrucksleistung denn sie ist eine metaphysische Wertung
Ebenso wie jene unbekannten Kräfte und Gründe transzendente Gespenster sind
Metaphysische Ausdrucksgesetze Transzendente Ausdrucksnotwendigkeiten Ihre
Wertung ist ein Postulat und in ihm sehe ich den Schatten des toten Gottes
Des Gottes den ich mühsam in mir erwürgt habe und dessen andere Schatten und
Verwesungsdünste als Ding an sich als Substanz und als die definitiven
Wahrheiten mir noch immer den Horizont verdüstern Ich will mir keinen neuen
Gegner schaffen in dem transzendenten Wert der künstlerischen Leistung Das ist
der tiefe allerpersönlichste Grund weswegen ich Ihre Deutung die keine Deutung
sondern eine kategorische Setzung ist und Ihre Wertung die keine Wertung
sondern ein Postulat ist ablehne Ich will es Ihnen verraten Sie schmuggeln
mir in die Notwendigkeit der Leistung eine höhere Kausalität ein und haben wir
deren zwei so haben wir eben keine Wenn das gelten sollte dass hier andere
notwendigere höhere tiefere göttlichere Gesetze walten so wäre damit eine
gottlose Wissenschaft unmöglich Ich weiß wohl leider weiß ich es zu wohl wie
kläglich es mit dieser Wissenschaft insbesondere mit ihrem Hauptorgan dem
Kausalitätsgesetz bestellt ist aber sie hat doch das eine große Verdienst dass
sie die Erscheinungen insgesamt ordnet und eindeutig ohne Zuhilfenahme
metaphysischen Spuks beschreibt Stellen wir aber die Persönlichkeit außer
dieser Reihe und geben ihr andere Gesetze und ihrer Leistung einen anderen Wert
als den natürlichen aus dem kausalen Zweck bestimmbaren so tappen wir wieder im
dicksten metaphysischen Nebel Bleibt mir mit euren Vergöttlichungen vom Leibe
Putzt mir eure Eintagswerke die ihr schaffen müsst aus der gleichen
Notwendigkeit die die Drüse die Sekretion vollziehen heißt nicht zu
selbsterrlich funkelnden Sternen auf die hoch und unberührt über dem trüben
Strom des Kausalitätsgesetzes schimmern Übrigens möchte ich wissen wie Sie
die Frau werten wollen Sie fahren hier einfach fest denn die Wertung der Frau
nach der erziehenden und in ihren Söhnen ihre Eigenart ausprägenden Mutter
können Sie nicht durchführen und so bleibt Ihnen nichts übrig als die
Absurdität das einzig wirklich fertige und erfreuliche das Meisterstück der
Schöpfung zum Pöbel zu rechnen denn eine Frau die ihre letzte Tiefe und ihre
ganze Fülle außer sich in Begriffen darstellen wollte wäre nichts als der
Gegenstand eines unauslöschlichen Gelächters
Es ist möglich dass Ihrer Eigenart diese Auffassung angemessen ist sollte
sie aber auch allgemeine Berechtigung haben so werden Sie mir doch den Wert
einer ausgeprägten Kultur gegenüber der unfertigen Formlosigkeit und bloßen
Zivilisation zugeben Und wer sind die Schöpfer der Kultur Die sich in ihren
Werken ausdrückenden Männer der Tat Kunst und Philosophie Darin muss ihr Wert
liegen gegenüber den Massen die ihre Prägung annehmen
Wenn der Begriff der Kultur in der Durchdringung und Beseelung des Wissens
und der Erzeugnisse der Zivilisation mit einer bestimmten Weltanschauung Sitte
und Kunst oder anders gesagt in einer gewissen festen Gleichförmigkeit aller
Lebensäusserungen und Erzeugnisse einer Zeitepoche und in einem sie alle
durchdringenden eigenartigen Zug liegt der mit einer Art souveräner
Selbsterrlichkeit auftritt so ist es allerdings gerade dieses Zuges wegen
dieses gewissermaßen Persönlichen einer ganzen Epoche verlockend eine bestimme
Kultur als das Werk einer bestimmten oder mehrerer gleichgesinnten
Persönlichkeiten aufzufassen Wäre dem so dann stünde der überragende Wert
dieser Männer und ihrer Leistungen fest ganz gleichgültig welcher selbstische
Zweck diese Leistungen geboren hat Aber dem ist eben nicht so Jene »großen
Männer« sind nicht die Schöpfer sondern die glänzenden Vorläufer einer neuen
Kultur Sie nehmen die da und dort aus der verwesenden alten aufspriessenden
jungen und darum frischesten und gehaltreichsten Keime der neu sich bildenden
Epoche in sich auf und scheiden das ihnen so Wesensfremde in glänzender
Darstellung aus während jene Erstlinge außer ihnen langsam und verborgen in und
mit der großen Masse weiter wachsen und sie mit der Zeit durchdrungen haben ehe
sie es selbst gemerkt hat bis jetzt sind alle größeren Kulturen unbewusst aus
der Masse aus dem Stamm der Nation hervor gewachsen und das bewusste und
beschleunigte Aufbauen einer neuen Kultur ist darum immer ein sehr missliches
Unternehmen Glauben Sie wirklich dass Jesus das Christentum geschaffen hat
dass das Christentum das Extrakt seines Lebens darstellte Allerorten tauchten
damals jene Ideen auf und die Zeit schuf jene nach ihrem ersten Opfer genannte
Weltanschauung und Lebenspraxis Denn jene Ideen drangen in seine zu kleine
Seele die wurde nicht mit ihnen fertig und so richteten jene sie zu Grunde Die
Schöpfer der Kultur sind das Wissen und Empfinden zuweilen einer kleinen
abgesonderten Kaste zumeist aber der großen Masse aus ihnen aus der
erdgeborenen Masse dem Erzeugnis von Temperatur und Barometerstand und der
geologischen Eigenart ihres Landes kristallisiert sich die Kultur heraus Als
ob der epileptische Phantast von den trockenen Hochebenen Arabiens der Schöpfer
der sizilianischen Kultur unter dem großen Hohenstaufen gewesen wäre Als ob in
dieser Kultur nur ein Hauch von seiner finsteren Eigenart steckte Und stehen
die Richtlinien einer neuen Kultur einmal fest und geht sie dann in ihnen ihren
Lauf glauben Sie dass jene produktiven Naturen ihn vielleicht fördern und
beschleunigen oder ihn gar in abzweigende Wege leiten könnten Dass sie dann doch
die Marksteine und Förderer und Beschleuniger ihres Siegeslaufes wäre Sie
stehen abseits und nehmen von ihm auf soweit sie ihn sehen und soviel sie von
ihm fassen können und traben dann schreiend wie die Gassenjungen neben ihm her
Seht Seht Sie kommt sie kommt unsere neue Kultur In einsamen Nächten haben
wir sie mit Hämmern geschmiedet und unser Blut unser blutiges Blut war es das
wir gehämmert haben Seht Seht sie kommt Aber
»Kennt er die Zeit so kenn ich seine Laune
Was soll der Krieg mit solchen Schellennarren«
Und das will sagen was der da vom ehernen Gang der Zeit mit seinem
Sperlingskopf zu fassen vermag das muss er wieder von sich geben unter seinem
Narrenschellengeklimper Das ist der Ausdruckswert das ist die Leistung das
ist der produktive Mann das ist der Poet eine Narrenschelle Und das hat
Shakespeare gesagt und der weiß was er sagt besonders wenn Brutus spricht
Aber Sie sollen mich nicht ganz zu Ihrem Pöbel zählen ich bin auch zuweilen so
eitel und angenehm einseitig eine prinzipielle Schranke aufzurichten Soll ich
sie Ihnen verraten Zum Pöbel gehört für mich der der sich nicht selbst
Gegenstand werden kann, der nicht zu trennen weiß zwischen seinen Wünschen und
Begierden und der Idee von sich der sich nicht jeden Tag einmal bewusst wird des
ungeheuren Rätsels in dem er wie der Nebeltropfen im Raum hängt Alles
Unbewusste und Triebhafte ist pöbelhaft nun wächst schon der Pöbel wie Sand am
Meer und eine große Zahl Ihrer Produktiven rollt mit in den trägen Dünen Und
jetzt halte ich nur noch die des Ehrentitels der Freien und Vornehmen würdig
die das Herz voll Staunens und Fragens doch sorglos und heiter über das große
Rätsel dahin wandern wie über jungem elastischem Eis unter dem das Grauen das
Dunkel und der Tod lauert Aber auch sie taumeln zuweilen zu den Milliarden
Sandkörnern am Strand dann wenn ihr Herz übervoll des Wunderns und Leidens und
Fragens geworden ist und sie produktiv werden denn allem Schaffen hängt
Triebhaftes und Unbewusstes an und ein pöbelhaftes Verallgemeinern und
Hinwegsehen über Vieles Aber dann eilen sie wieder zurück und gleiten sorglos
über der elastischen leise klingenden Decke leicht und frisch wie der junge
Morgen der aus dem purpurnen Osten steigt Aber das ist ja alles dummes Zeug
Wisst ihr was Klaire mir gestern geschrieben hat
Sagen Sie ist das Ihre Überzeugung
Meine Überzeugung Wenn ich eine Überzeugung hätte dann würde ich einmal
sie hier nicht auf der Straße vortragen und zum andern würde ich Ihnen nichts
von dem kleinen Herzen einer Klaire erzählen können
Dann weiß ich aber weswegen Sie meine Wertung bekämpft haben soll ich
Ihnen den Grund sagen Er war wohl persönlicher als jener allerpersönlichste
Oder sollten Sie auch den schon wissen
Lassen wir das mein Lieber ich kenne ihn sehr gut Aber jetzt hört einmal
zu
Es lief gerade die Sonne hinten in die Heide aber ich schrieb heute keinen
Brief sondern las aus ihrem Brief und erzählte weiter von ihr und ihrem kleinen
Herzen Von irgendwo her kam schon Fliederduft der machte uns mehr trunken als
es sieben Bowlen vermocht hätten Drei lange Wochen waren wir hier der Mai lag
uns im Blut und der Flieder duftete was werden wir an dem Abend noch für
närrisches Zeug geredet haben
Wenn der wilde Denker einen Baum seine Blätter bewegen lässt so hat er ihm
eine Seele eingelegt oder er hat eine Introjektion vollzogen Eine spätere Zeit
hat dieser Seele die zuvor nichts war als ein feinerer Baum die Gestalt der
trauernden Dryas gegeben sollte ich der Heide die wir drei Wochen lang bei
glühender Sonne und in dunklen Nächten durchstreift haben eine Seele
introjizieren müssen und der dann eine Gestalt geben so soll es die der Lerche
sein Eine kleine sorglos und verliebt in den Himmel hinauftirillierende dann
atemlos schweigende und des Nachts sich müde und verträumt auf die Erde duckende
Lerche
Was sang das Lied das sie in das ewige Blau tirillierte Welcher atemlose
Gedanke durchzitterte ihr Schweigen Welcher heimliche Traum geisterte durch die
Nacht Ein kleines Wort sechs Buchstaben nur ich glücklicher Narr
Wieder stampfte und dröhnte unser Zug und ließ seine weiße Fahne über die
Hügel und Wälder rollen aber zu ihr zu ihr ratterten die Räder Zu dreißig
saßen wir in einem Güterwagen frisch fegte die Luft durch die offenen Türen
voll schien die Sonne herein und er stampfte und stieß und dröhnte und
schaukelte und rollte er ächzte und stöhnte in seinen Fugen aber fahr zu
fahr zu sie wartet sie steht ja schon lange da Herrgott ist das eine süße
Geschichte
Des Nachmittags langten wir endlich an und zogen gebückt unter der Last des
Tornisters und steif von der langen Fahrt im hallenden Gleichschritt durch die
Straßen aber ich ging an ihr vorbei und sah sie nicht In Aufregung und
hastigem Suchen sah ich über sie hin die mich mit der Hand hätte berühren
können Ein Sonnabend war es ein solcher wie er sich für den Pfingstsonnabend
gehört unter schattigen Bäumen marschierten wir sahen Blumen und lachende
Mädchengesichter und der Urlaub winkte aber weswegen wartete sie nicht auf
mich weswegen hält sie nicht ihr Wort
Die Schenken und Quartierwirte haben in unserer Straße geflaggt Wirte und
Kellner und Dienstmädchen stehen vor den Türen unter den dichtbelaubten Ulmen
geht es sich wie unter einer Laube und wie zwei Mauern umsäumt uns der liebe
Pöbel missfarbig und grau hat er ausgesehen als wir fortzogen jetzt leuchtet
und lacht er mit seinen hellen Hütchen und Fähnchen und die Musik tobt und
schreit aber weswegen war Klaire nicht da Nachdenklich suchte ich meine
Wohnung auf
Wo früher am Nachmittag die pralle Sonne gelegen hatte empfängt mich jetzt
ein grünes Dämmern seltsam traut und anheimelnd sind meine Zimmer und mein
Wirtstöchterlein hat Fliedersträusse aufgestellt Aber weswegen wartete sie
nicht auf mich weswegen hält sie nicht ihr Wort
Auf dem Tisch liegt ein in Seidenpapier eingeschlagenes Bukett und aus den
Maiglöckchen fällt mir ein Kuvert entgegen das ich aufreisse und lese
Herzlich willkommen ruft dir deine Klaire zu
Da fällt alles was mich mit der Welt verbindet und sie mir unerträglich
macht von mir ab ihre Herzlosigkeit und eisige Gleichgültigkeit ihr
unüberwindliches Missverstehen und ihre viehische Lust an der Anderen Leid und
hilflosen Ratlosigkeit ihre unbedingte Vielheit und nie zu heilende
Zerrissenheit ihre nicht auszudrückende Nichtigkeit und nicht zu beschreibende
Sinnlosigkeit all ihre Fragwürdigkeit all ihre Rätselhaftigkeit all ihre Qual
sinkt ins Wesenlose ein warmer roter Schauer strudelt in mir und ich fühle als
wäre ich neu geboren meine makellose Reinheit und dann ist es als drückte der
Konvallarienduft mich weich und süß in einen Sessel und raunte mir zu das ist
das Glück
Ich weiß nicht wie lange ich so gesessen habe
Dann habe ich ein Bad genommen und bin lange bei meinem Friseur geblieben
und dann wir haben nicht die Zeit verabredet noch Ort fliegen wir auf
einander zu
Da haben sie einen Klub gegründet sie nennen sich die Positivisten Die
haben auf ihre Fahnen geschrieben und haben viel Lärm dazu gemacht die Welt ist
unsere dh des gewöhnlichen Mannes Wirklichkeit die uns nichts Anderes zeigt
als Beziehungen der Dinge zu einander und diese Dinge sind Eigenschaften die
sich gegenseitig tragen ohne einer stützenden materiellen Substanz zu bedürfen
Das ist wie ein Meer ohne Ufer und ohne Grund wer mag in ihm schwimmen
Und sie zerblasen dir die Substanz und das Ding und die ganze Metaphysik und
lassen sich nicht widerlegen wenn du an die Logik glaubst das ist wie das
Meer das ist wie ein Blatt im Orkan
Da habe ich einen Riss durch mein Leben getan und bin gläubig geworden und
glaube an die Substanz und lache über meinen Glauben und glaube an die Welt als
Vorstellung trotzdem ich weiß dass das Ding an sich Chimäre ist und glaube an
die Materie als an die Schöpfung meiner Sinne und des Dinges an sich trotzdem
ich weiß dass es dreimal bewusste Lüge ist Aber ich muss die Lüge glauben muss
eine Insel im Meer haben will ich nicht der ratlose Schwimmer und das Blatt im
Orkan sein
Denn obwohl ich skeptisch bin wie es sich gehört bin ich doch zu schwach
die Konsequenz meiner Skepsis zu ziehen und seh ich sie gezogen so flüchte ich
wieder in die Schatten Gottes die ich vorher bekämpfte zurück und sehne mich
wieder aus ihnen heraus
Ich glaube an die Substanz, mag ich sie kraftbegabten Stoff Energie oder
Geist und ihre Einheiten Atome Dynamiden oder Monaden nennen in jener
unendlichen Nacht in jenem schweigenden Ozean pendelnder Atome ballt sich eine
Anzahl Einzelheiten zu einem Komplex zusammen Die Wellen die dieser ewig in
sich zitternde und pendelnde aussendet und empfängt dieses Wellenbad in dem er
stetig schwimmt das ist seine Welt Da kommt von irgendwo auf jenem Ozean ein
anderes Gekräusel und die beiden Wellensysteme diese zwei zitternden und
schlagenden Etwas um einen kompakteren Kern berühren sich durchkreuzen und
verfangen sich zwei Welten so bunt und märchenhaft nähern sich und gehen in
einander über und flammen zu einer lodernden Fackel hoch und leuchten und
glänzen um schnell wieder in die ewige Nacht zurück zu fallen
Und wir spielen mit diesem Ausserordentlichen wir werden uns dieses
flammenden Wunders nicht einmal bewusst wir Kinder und blinde Augenblicksnarren
nennen es Liebe und lüsteln und spielen damit
In dieser Stunde haben wir nicht viel reden können Klaire hing schwer in
meinem Arm ihr Gesicht war bleich und sie schwankte und kam mir vor als habe
ihr Körper Halt und Kraft verloren Ich hatte Mitleid mit ihr und mir Und von
dem Abend weiß ich nichts mehr als dass sie mir erzählte sie habe sich sagen
lassen in welcher Himmelsrichtung unser Übungsplatz läge und sei dann des
Nachmittags wenn die Sonne schon hinter die Linden ging täglich weit nach
Westen hinaus gewandert
Oh ich war nicht bei Sinnen ich wollte zu dir
Gern aber möchte ich wissen was wir an diesem Abend gedacht haben ohne dass
es uns zum Bewusstsein kam wir Kinder und Narren wir Fackel in der Nacht Oder
schlief auch unser Denken an dem Tag und wir waren nichts als eine rote Flamme
Glück
Denkst du an diesen Tag Leuchtet er nicht wie ein schönes Licht durch dein
armes zerfahrenes Leben du schöne gischtende Welle du Leben ohne Seele du
Sehnsucht nach einer Seele
Ich denke an ihn und in der Flamme die da in der Nacht tanzt und zuweilen
so märchenschöne Welten in sich baut glüht nur noch der Gedanke an die die
einmal ihre Welt mit der ihren mischte Dann flackert sie nicht mehr dann
brennt sie ruhig und stet denn sie hat ein Ziel
Und wie dieses Ziel zu mir kam und der Wille zu diesem Ziel Gestern war
es als ich in den Nebel sah der wieder da draußen hängt o ich weiß weswegen
er da hängt dieser Bauch der Schwermut dieser lauernde Sarg da hörte ich
wie die Stille die um mich war eine absolute Grabesstille immer näher und
drohender gegen mich rückte so dass ich kleiner und kleiner wurde und es mir
war als schrumpfte ich zu einer braunen Fratze zusammen die aus weiten
entsetzten Augen ins Leere stierte und da flüsterte die Grabesstille mir zu
Siehe so wirst du nun immer und ewig wieder hier sitzen und in den Nebel
sehen du wirst immer wieder in deinen Erinnerungen graben und immer wieder an
deine Schläfen fassen o setz dir ein Ziel Es gilt die Ewigkeit
Ich sehe mein Ziel
Und das für alle Ewigkeit
Ja das für alle Ewigkeit
Siehe unter Nebelwolken unter dem Bauch der Schwermut und unter dem
lauernden Sarg kam mir mein Mittag
Flieder und Maiblumenduft liegt in meinem Zimmer es geht gegen Morgen und
das Licht ist unnötig geworden Zwischen Schlaf und Wachen liegst du mir im Arm
du küsst mich wohl und beginnst zu plaudern dann lächelst du und schmiegst dich
wie eine schnurrende Katze an mich Da hebst du dein Gesichtchen mit dem wirren
Haar
Du Was ist das
Das sind die Ulmen sie sind grün geworden und nun rauschen ihre Blätter im
Wind
Da schlingst du wieder einen Arm um mich und legst dein Raubtiergesichtchen
an meine Brust
Dann habe ich dich heim gebracht durch den Duft und Gesang des
Pfingstmorgens brachte ich dich heim Weißt du wie wir am frühen Morgen durch
den Jahrmarkt strolchten der da am Strand aufgebaut war Als ich zurück
gekommen war lehnte ich mich ins Fenster und sah dem Blühen da draußen zu und
lauschte den Amseln die unaufhörlich von ihrer kleinen Liebe in den Morgen
schrien Auf der Straße gingen Leute meiner Kompagnie vorüber sie fuhren auf
Urlaub und winkten zu mir herauf ein wenig bedauernd ein wenig schadenfroh
denn mir waren wegen wiederholter Dienstversäumnis zwei Tage vom Urlaub
gestrichen worden Ich lächelte ihnen nach und hörte weiter den Amseln zu und
konnte an diesem Morgen des Wunderns und Staunens nicht satt werden über meine
farbige klingende Welt Mir war wie dem Schwimmer der ein bergendes Gestade
gefunden hat und zwischen Blumen und Gräsern liegend in das Branden und wilde
Wogen schaut
Es ist Abend und wir sitzen in einem Garten am Strand Die Wellen plätschern
dicht an unseren Fuß und die Boote kehren zurück Müde rollen die Segel herab
träge schaukelt der Kahn aber die Augen der Heimkehrenden leuchten nach See und
Unendlichkeit Es ist kühl geworden und die letzten Gäste gehen Da setze ich
mich neben dich und fasse deine Hände und du lehnst dich an mich müde und
schwer Wir blicken in den Abend hinaus in den goldbraunen Himmel und die
schimmernden Wasser über die wie große traurige Schwäne die letzten Segel
gleiten von ferne von irgendwo ferne über den Wassern kommt ein weicher Gesang
und da beginnen wir von unserer Liebe zu reden Die erste Freude die uns lähmte
und sprachlos machte ist vorüber und jetzt können wir die Fülle unseres Glückes
nicht mit Händen fassen und möchten weinen vor Seligkeit Kühler wird es und
dunkler wölbt sich der Himmel über den dunkleren Wassern
Du weißt nicht was es heißt wenn unser Gott das Nichts wird und dann in
unser Leben die Liebe fällt Wenn die Worte alle zerfallen und die Grenzen alle
verschoben sind und es uns im Haltlosen umhertreibt und wir nicht wissen wohin
wozu Wenn Alles Lüge wird und Sinnlosigkeit und Fragwürdigkeit und Nichtigkeit
und Alles weniger als Staub nur du nur du Du weißt nicht was es heißt den
Grund unter sich verlieren über dem Bodenlosen hängen wo das schwarze
Nachtgevögel der Zweifel und Rätsel um uns huscht kein Grund kein Ziel nur
du nur du Du weißt nicht was es heißt vor sich selber fliehen müssen du
weißt nicht was Zerrissensein heißt nicht glauben können und doch mit
hungerndem Herzen glauben müssen an ein Festes in diesem wüsten Meer das
Urälteste und Gewisseste das was stand wie Granit herab gerissen und an seiner
Stelle ein grinsendes Rätsel ein schauerliches Nichts sehen müssen nur du nur
du
Da schwindet wie durch Zauber das Grauen und entsetzliche Verlassensein die
Fragwürdigkeit und das ewige Rätsel sinkt der Abgrund das gähnend Bodenlose
das schwarze Nachtgevögel ist nicht mehr die Flucht hat ihr Ende erreicht und
ich bin geborgen ich habe Grund und Ziel und suche nicht mehr Ich bin nicht
mehr ich ich bin vielleicht du oder ein seliges Nichts ich bin verloren in
schluchzender Glückseligkeit ich bin ein Hauch der dich umspielt der nichts
weiß als dich zu umspielen und ewig zu umgaukeln O du O du
Du weintest leise an meiner Brust am Himmel begannen die Sterne zu funkeln
und zu unseren Füßen plätscherte und schmeichelte das Meer mit seinem schwarzen
Wellengezottel
Aber am nächsten Morgen zweifelte ich plötzlich an meinem Glück ich
zweifelte plötzlich an meinem Rauschtrank Ich hielt es mit einem Male für Genuss
und dessen höchste Stufe für erreicht so dass ich mich jetzt von ihr trennen
müsste um die Schönheit der Erinnerung zu bewahren Denn wenn sie auch ein Weib
war das sich herzlich geliebt glaubte und das der Neid der anderen zu immer
neuer Liebe trieb dauern konnte ihre Liebe doch nur wenn ich täglich einen
neuen Fels einen kleinen neuen Eigenwillen und Stolz eine trotzige
Gleichgültigkeit und Untreue aus mir wachsen ließ die sie mit ihrer Liebe
bestürmen und in sich begraben könnte Aber ich war schwach und müde und weich
ich wollte den stillen Ruheort ich war einmal von der Welle niedergerissen und
wollte nun weiter in ihrem weichen Schoss ruhen
War das Rausch war das Genuss Ich glaubte mir nicht und traute mir nicht
und wollte ein Ende machen Und zudem war es mir als sei trotz unserer
Zärtlichkeit etwas Unwahres an unserer Liebe als stehe sie auf einem falschen
und morschen Grund
Aber am Abend da ich in einem obskuren Tanzlokal Patrouille stand kam sie
plötzlich und setzte sich still in eine Ecke und half mir bis Mitternacht über
die drei Stunden in solchem Lokal und unter solchem Pöbel hinweg
Mein Misstrauen raunte mir zu
Weswegen kommt sie Hat sie Furcht vor sich sie könnte mir untreu werden
und mich dadurch verlieren
Weswegen fürchtet sie es Des angenehmen Neides der anderen wegen den sie
damit einbüßen würde Weswegen liebt sie denn sonst gerade mich
Aber ich mochte meinem Misstrauen nicht trauen und war doch plötzlich
schwankend und als ich dies merkte befangen und ratlos geworden
Weil ich aus irgend einem Grunde mich von ihr trennen wollte und doch meine
Unfähigkeit dazu fühlte Und nun einen Trennungsgrund suchte
Am Ende aber kam aus meiner Ratlosigkeit meinem Misstrauen und meinem Ärger
über dieses Misstrauen meinem Entschluss mich von ihr zu trennen und dem
Gefühl ihn doch nicht ausführen zu können und meiner Dankbarkeit dass sie
ungebeten mir hier Gesellschaft leistete ein merkwürdiges aufregendes
Stimmungsgemisch hervor das sich nach außen in einer närrischen lauten
Verliebteit zeigte
Den Anlauf aber zu einem Versuche mich von ihr los zu lösen habe ich doch
getan Mich von ihr los zu lösen aber nicht durch eine einfache Trennung
sondern durch eine Überwindung Welcher Art jedoch diese Überwindung werden
sollte
Als wir kurz nach Mitternacht jenes Tanzlokal verlassen hatten und zur
Kaserne gingen um uns auf der Wache abzumelden ging Klaire auf dem Bürgersteig
nebenher sie wartete vor meiner Wohnung bis ich mich in Ruhe umgekleidet
hatte und darauf machten wir einen Rundgang durch die Restaurants und Kafés der
Stadt und kamen erst nach einigen Stunden heim
Und in dieser Nacht war es das erste Mal dass ich ihre übergrosse
Zärtlichkeit beobachtete dass sie mir wie ich sie beobachtete peinlich wurde
und ich mich ihr zu entziehen suchte Es war nicht ein körperliches oder
ästetisches Missbehagen das mich dazu trieb sondern der schlichte Gedanke du
bist nicht wert ganz das Sinnen und Denken eines Menschen auszumachen
Aber da sah sie mich mit einem seltsam halb fragenden halb drohenden Blick
an und fiel als ich mit Absicht eine kalte und abweisende Miene aufsetzte mit
einer mänadischen Wildheit über mich Ich aber lag gelassen da und ward
traurig ob ihres leidenschaftlichen Tobens und zärtlichen Rasens Dann nahm ich
sie in meinen Arm und sie legte ihren Kopf wieder in meine Schulter und begann
mit offenen Augen zu träumen während ich in einer wundersamen Melancholie ins
Licht starrte die sich rasch verstärkte zu dem Gefühl eines namenlosen
unermesslichen Leidens das mir Tränen in die Augen trieb
Draußen raschelte und rauschte der Wind in den Ulmen ein einzelner Stern
flackerte unruhig durch das Laub und ein verspäteter Zecher taumelte und sang
durch die Nacht wie traurig klang mir das einsame Gegröhle dieses Trunkenen
Da schwand der Stern der Pfingstwind atmete leise und leiser und der Zecher
hatte sich irgendwo hin verloren das Fenster klinkt Etwas Schattiges steigt
vor ihm hoch etwas Faltiges Nächtiges es steigt und steigt es klinkt
gemächlich das Fenster auf es schiebt bedächtig die Flügel auseinander jetzt
steigt es vom Fenster herab stützt sich auf den Stuhl und sieht mich an Da
reiße ich dich schreiend an mich und berge meinen Kopf an deiner Brust
Die Einsamkeit hatte mich angesehen
Als ich wieder aufblickte brannte die Lampe fahl und gelb aber die Ulmen
raschelten und rauschten wieder und ein gelbgrauer Morgenhimmel schimmerte durch
das Laub Da fasste ich mit beiden Händen in dein Haar
Nun lösche das Licht Deine Haut sieht im Dämmern am weissesten aus nun
lösche das Licht und hab mich lieb
Nein wie ich nicht zur Erkenntnis tauge tauge ich auch nicht zur Liebe und
zum Genuss Es ist weder Liebe noch Genuss es ist Flucht und VergessenWollen
Wäre es Liebe so hätte ich die Kraft gehabt sie durch eine Art
Selbstüberwindung zu vertiefen dadurch dass ich mich von der Geliebten trennte
Denn Liebe wie ich sie will wird beschmutzt durch den Genuss und sucht das
Geliebte auf einem himmelstürmenden GedankenStaffelbau unerreichbar hoch zu
heben Und gerade der Blick auf die blendende Höhe und die unendliche
Entfernung die ich selbst zu ihr gebaut habe das ist das was für mich der
Rausch der Liebe sein könnte
Wäre es Genuss wäre ich ein Lebenskünstler ein Geniesser wie er sich gehört
dann hätte ich jetzt eine Trennung herbei geführt ich hätte meinen Schmerz und
um des Schmerzes willen acht Tage lang brennen lassen um ihn dann in den Armen
einer Anderen zu vergessen
Als sie mich um elf Uhr des Morgens verließ verabredeten wir dass sie mich
nach dem Essen wieder treffen sollte Ich musste bei ihr sein ich musste ihre
blauen Augen mich streicheln fühlen ich musste mich weiter von ihr lieben
lassen
Aber worin bestand mein Rausch Ich finde nichts anderes, als in dem
Bewusstsein von ihr geliebt zu werden und der Ruhe in Geist und Gemüt die damit
über mich kam
Hätte ich sie geliebt und meine Liebe bis zur Selbstüberwindung der Liebe
gesteigert so wäre das auch ein Rausch gewesen aber aktiver Art Wie der
Gläubige sich berauscht an seinem Gott der nichts ist als sein in immer weitere
Ferne projiziertes Ich Aber ich bin passiver und nicht aktiver Natur ich bin
ein Höhlengrübeltier eigener Art ich flüchte in die Höhle nicht um mich meinem
Grübeln und meinen Meditationen ungestört hingeben zu können sondern um in
ihrem Dämmerlicht das Gefühl zu genießen von ihnen befreit zu sein und mich
kindlich freuen zu können nun bin ich dem bösen Tag da draußen endlich
entflohn Nun lockt er mich nicht mehr mit seinen schillernden Rätseln und
funkelnden Fragen der gleissende Versucher der lockende Verderber der böse
leuchtende Tag
Sie und ihre Liebe das sind für mich Weihrauch und Klosterzelle und
einlullende Litanein Ich bin ein moderner Anachoret und meine Zelle und mein
Gott ist der Leib und die Liebe eines Dirnchens Seltsame Sätze aber wegen
ihrer Seltsamkeit wahr wenigstens für mich nun das versteht sich von selbst
du Narr
Auch in der Nacht die diesem Nachmittag folgte schliefen wir zueins Aber
es lag eine eigentümliche Trauer und Scham über unserer Lust und als sie mich
des Mittags verließ meinte sie
Du bist so seltsam zu mir Du hast mich nicht lieb
Zwei Tage darauf betrog sie mich ich aber reiste zu Verwandten und schrieb
ihr von da aus einen Bettelbrief
Wenn der Nebel noch länger so vor meinem Fenster hängt schieße ich mir eine
Kugel durch den Kopf Alles was mich von Klaire ablenken könnte habe ich fort
getan Ich fasse kein Buch an ich halte meine Gedanken im Zaum nur in jenem
Sommer dürfen sie mir grasen ich richte meine Spaziergänge ein dass ich den
Menschen nicht begegne ich spreche in diesen acht Wochen kein Wort ich bin in
diesen acht Wochen stumm in Heiden und Moore nur gehe ich und auch nur auf
Schleichwegen in einen dichten Fichtenbestand durch den ein Moorbach fließt
den ich liebe weil er mir mein tägliches Bad gibt Ich grabe mich wie eine
Wühlmaus in meine Erinnerung ein denn in ihrer Liebe und der Art wie ich sie
verlor muss auch der Weg vorgezeichnet sein wie ich sie wiedergewinne Aber der
Nebel soll fort Das ist als rückten seine Wände näher auf mich von Tag zu Tag
das ist als sarge es mich schon bei Lebzeiten ein das ist als hörte ich schon
die Hammerschläge Ohne Form und Bild ohne Grenzen und Ruhepunkte liegen sie um
mich diese NebelLeichentücher Darin mag es einem weisen WinkelGrübelwesen
behagen dessen Rausch ein abstrakter Begriff und eine blutlose Formel ist aber
das ist Gift für mich der ich danach dürste den wildesten wütendsten
urwüchsigsten Trieb den Sturm der die Wellen formt und vorwärts peitscht
wieder auf mich zu lenken damit ich in ihm Ruhe finde O wenn dieser Nebel
nicht bald vor meinem Fenster schwindet jage ich mir eine Kugel durch den Kopf
Ein wolkenloser Sonnentag lag schläfrig über dem uckermärkischen
Landstädtchen das mich für einige Tage beherbergte Ich hatte mich soeben in
Helm und Mantel bei dem Reiterregiment angemeldet das dort liegt hatte mir das
Schloss angesehen das inmitten seiner altertümlichen Gartenanlagen eingeschlafen
ist und von selbsterrlichen Markgrafenvergangenheiten träumt war in den
schattigen Laubengängen des hundertjährigen Gartens umher gewandelt und saß nun
träumend und still wie das Schloss und sein hundertjähriger Garten auf einer
Bank Vor mir floss breit und vom Schilf umsäumt die Oder so ruhig und träg dass
man im Zweifel sein konnte wohin sie floss Am Horizont aber räkelten sich
weiche Höhen und blinzelten verschlafen und sonnenmüde aus weißen Sandflecken
herüber und stachen mit ihren Kirchturmspitzen wie mit kleinen neugierigen
Fingern in die Luft und rings im stillen Garten schmetterten die Finken ich
aber hatte nichts zu tun als geruhsam meine Zigarette zu rauchen und mich auf
ein gutes Mittagessen zu freuen
Und nach dem Essen wird zur besseren Verdauung geschlafen und nach dem
Schlafen wird der Kaffee getrunken und nach dem Kaffee wird Konversation
seichte seichte gemacht und danach gehen wir zu Geheimrats wo ich ein junges
hübsches Mädchen kennen lernen werde Aber da darfst du nicht wieder von solchen
philosophischen Sachen reden hast du nicht gestern gesehen wie der Oberlehrer
ironisch lächelte der arbeitet nämlich in Philosophie und macht vielleicht
sogar seinen Doktor darin Und morgen früh gehst du dann mit Vetter in den Park
in die Kirche gehst du Schlingel ja nicht und da bestimmt ihr Vögel es gibt
so viele Vögel in dem alten königlichen Park Und mittags gibt es denn
Ach ja Das ist aber auch ein Rausch nur ist er behördlich und kirchlich
empfohlen erlaubt und kultiviert Und die Oder fließt so ruhig und träg man
weiß wahrhaftig nicht wohin sie fließt
Aber ich passe nicht in eure Welt und mir widersteht euer Rauschaufguss Ich
sah mit zu hellen Augen ins Leere und Haltlose ich brauche einen schärferen
Trank einen der etwas nach Hautgout und Laster riecht
Ist das ein neuer Faden in meinem Tintenstrichgewirr Untreu ward sie mir
schon und ein Dirnchen ist sie immer gewesen aber deswegen brauchte ich unsere
Liebe vielmehr mein notwendiges Behagen an ihrer Liebe nicht Laster nennen
Ich tat soeben nur nachdem ich alle Kultur und herkömmliche Sittlichkeit von
ihr abgestreift und das triebhaftunschuldige Tier habe so wie ich es brauche
als Würze zu meinem Trank einen Tropfen Lasterbegriff eine kleine abschreckende
Dosis Lasterchen hinzu Um den meinen ganz von dem euren zu trennen Um ihm das
Air des Verbotenen und Absonderlichen und Krankhaften zu geben Und tat ich
das aus Schamgefühl
Dann müsste ich ihr den Seitensprung schon verzeihen und wollte ich
konsequent sein sogar mich über ihn freuen
Schweigen nicht die Vögel in dem stillen Garten Sie sollten mich auslachen
dass ich mich durch die alten Jahrhunderte die hier noch zwischen den Bäumen
hängen geblieben sind habe düpieren lassen und mich meines Rausches und meiner
Welle habe schämen wollen
Nun nun ich verzeihe dir schon denn eben war ich feige Aber wer wird
nicht feige wo so ehrwürdige Gespenster über einem in den Bäumen hängen
Als ich den Brief geschrieben hatte einen Brief von dem mir ein Bekannter
sagte ich hätte mich in ihm prostituiert blieb ich noch einige Tage in diesem
Städtchen und saß jeden Vormittag in dem stillen Garten an dem die Oder
vorbeifliesst so träge dass man nicht weiß wohin sie fließt
Und als ich ging blieb ich hätte es nicht geglaubt eine kleine Wehmut
zurück und ich musste an die Jahrhunderts denken die da zwischen den alten
Bäumen hängen
Wie es einem Opiumraucher und Ätertrinker zu Mute ist wenn er einen
Musensohn seinen Kummer im braunen Bier ertränken sieht habe ich mir erzählen
lassen aber dass ein christlicher Missionar nicht mit der gleichen Wehmut
sondern mit Entrüstung den Fetisch betrachtet der auf der braunen Haut seiner
Jüngerin hängt verstärkt mich in meiner Verachtung der Lehre die zerlumpte
Fischerknechte und epileptische Fanatiker asiatischen Auswurfs auf die Akropolis
und das Forum Roms zu tragen wagten
Aber als die Dampfbahn wieder über die Felder rollte und die Räder wieder
ratterten schalt ich auf den stillen Garten und die Oder die so träge fließt
und fragte mich nur ob ich sie wiedergewinnen würde
Im Jahrmarktstrubel war sie untergetaucht und mitten in ihm erreichte sie
mein Brief Da hatte sie sich losgerissen und sich eine Stellung besorgt Hinter
dem Bahnhofsbüfet stand sie zierlich und blond eine Glutwelle stieg ihr in die
Wangen als sie mich erblickte Da atmete ich auf und zu Hause fand ich Briefe
von ihr mit Bitten und Beteuerungen So hatte ich sie wiedergewonnen und sie
hatte mich lieber als zuvor
Weil sie mir ein Opfer gebracht hatte da sie sich ihrer Freiheit begab und
die Nächte hindurch in einem rauchigen Wartesaal stand
Weil ihre Untreue ihr die Gefahr mich zu verlieren deutlicher gemacht
hatte
Jedenfalls nicht aus Reue und sicherlich nicht weil ich ihr verziehen
hatte
Sie hatte mir ein Opfer gebracht und die Stellung genommen aus Furcht
anderenfalls mir wieder untreu werden zu können Das wars Und ihre neue Liebe
beruhte auf dem Glauben jetzt ein gewisses Recht auf mich zu haben
Und dass dem so war fühlte ich bald und fühlte mich so wohl dabei ein
Ding sein das einem Anderen gehört das ist das feinste Untertauchen und der
feinste Rausch
Jetzt gehörst du mir Daher ihre Eifersucht ihre täglichen Briefe und
stündlichen Karten daher die Glut von Zärtlichkeit in die sie mich hüllte Ich
war ein eigenartiges Spielzeug das sie sich erworben hatte und das sie Tag und
Nacht nicht aus den Händen ließ
Bis sie es in und auswendig kannte bis sie sich bewusst ward dass es ihr
Spielzeug war und nichts weiter und ihr nichts Neues mehr sagen konnte Bis die
Welle den Felsen zermürbt hatte und er weich in ihrem Schoss lag und sie dann
ausging einen anderen zu suchen an dem sie wollüstig zerschellte und den sie
wieder zerreiben und in sich begraben konnte
Jetzt aber noch rankte sie sich so an ihrer Liebe hoch dass wir die Rollen
vertauschten und sie die Gebende wurde Sie legte Gefühl und Innigkeit in unser
Verhältnis sie träumte Tag und Nacht von den wenigen Stunden die wir
wöchentlich zusammen sein konnten und spielte in diesen mit mir wie ein Knabe
mit einem blanken Kiesel ein Mädchen mit seiner geliebtesten Puppe eine junge
Mutter mit ihrem Kind spielt Ich wollte einmal Seelenschenker sein und ich weiß
jetzt weswegen ich es sein wollte und noch besser weiß ich was ich ihr damals
geschenkt habe ich gab ihr das Selbstgefühl und die Spannkraft zurück die
Welle wurde elastisch und schön aber würde sie wenn sie mich überwunden
hatte nicht wieder aufschnellen und einen anderen Felsen suchen Es war ein
gefährliches Geschenk was ich ihr und mir da gab Aber jetzt hatte sie zu
verzeihen denn ich ward gleichgültig und begann die Äußerungen ihrer Liebe
hinzunehmen wie jeden anderen Genuss
Nur der Augenblick und die intensive körperliche Lust beglückt und Masshalten
ist nur soweit erlaubt als es zum Zweck der Erhaltung der Genussfähigkeit
erforderlich ist Es wird zwar nur so sein dass jeder unserer Zustände mag er
relativ noch so leidensvoll sein den höchstmöglichen Genuss darstellt den der
Körper in diesem Augenblick erreichen kann weil er ihn erreichen muss Aber
esst liebt und trinkt Ja ich bin wieder in der Garnison und »spiele den
Lustigen den Trinker den Possenreisser den Bonvivant den Narren den
Pousseur treibe mich in verliebten Abenteuern umher und mache Schulden gelte
als Nihilist und bin Nihilist und habe im Grunde auch alle zum Narren« aber
nitschewo das macht nichts
Woher kam dieser Umschwung in mir
Weil ich sie nicht liebte sondern nur von ihr geliebt sein wollte und mich
über die Massen geliebt sah Und was ihr Gleichgültigkeit und NichtLiebe schien
war dass ich ihrer Liebe aus Sinnlichkeit und Trieb höchstens eine solche aus
Dankbarkeit entgegen bringen konnte die nicht in dem Masse wie jene nach der
Lust strebte die für sie die Krone der Liebe die Liebe an sich war Sie merkte
es wohl und ward oft traurig darüber
Und ich trank und würfelte und spielte den Narren und überfiel sie zuweilen
mit stürmischen Forderungen meiner Sinnlichkeit weil ich meinem Rausch noch
immer nicht glauben wollte ich schämte mich seiner und betäubte mich über
meinen Rausch Nur wenn die Gefahr kam sie zu verlieren musste mein Wille sich
diesen Ruheort und Ruhegarten zu bewahren wieder erwachen das heißt für sie
meine Liebe wieder sichtbar werden
Meinem Stabilitätsbedürfnis war genügt ich schämte mich meines Genügens und
vertrank meine Scham
Die Hammerschläge sind verklungen der NebelSargdeckel fiel dröhnend zu und
die Schwermut hämmerte ihn fest In ihm trieb ich über die Schwelle des neuen
Jahrs und merkte es nicht war doch ein Tag so neblig wie der andere Und ich
zerpflücke und zerdeutele mir meine Liebe es tut so wohl Ich bin ja nur mein
eigener Anatom um den größeren Schmerz der bunten Erinnerung zu fliehen ich
suche ja nur objektiv zu sein um nicht subjektiv bleiben zu müssen
Aber heute hat es der Nebelsarg und Regen da draußen der aus den feuchten
Sargdeckeln tropft darauf abgesehen mir so bunte Liebes und Sonnentage herauf
zu beschwören dass ich die quälenden Zauberinnen nicht anders überwinden kann
als dadurch dass ich sie in Tinte verwandele nur müssen es helle farbige Kleckse
sein und nicht die schwarzen Striche in die ich sie sonst zu zerlegen pflege
Der zweite Juli war es am Morgen machten wir einen Marsch über Warnemünde
und Doberan und jetzt saß ich im Vorgarten meiner Wohnung und blätterte in
einem Seglerhandbuch Das waren mir damals die liebsten Bücher Skifahrer
Luftschiffer auch wohl solche rein technischer Art Ich erinnere mich in der
Zeit ein Buch über Wasserkraftmaschinen gelesen zu haben Und da es gerade an
dem Tag ein Segelwetter war wie es sich gehört vertiefte ich mich in die
Theorie und die mechanischen Grundlagen des Segelns dabei trank ich denn
soeben hatte mich Klaire durch ein Telegramm gebeten sie des Abends zu
erwarten und ich hatte mir angewöhnt angetrunken zu unserem Stelldichein zu
kommen
Wollte ich verhindern dass ich Einzelheiten sah oder hörte Kleinigkeiten
die eine Illusion zerstören konnten Ist es denkbar dass ich so sehr ich sie
gerade so haben wollte wie sie war doch einer Illusion bedurfte Das klingt
paradox das ist es deswegen aber noch nicht
Es ist 8 Uhr Abends und das Seil zittert durch die Straßen unsichtbar
unstofflich wer weiß aber es hängt da und zittert und wartet elastisch wie
ein Gummiseil Nun schlägt es seine Angelhaken in uns und zieht und zieht bis
ich sie kommen sehe wiegend ein wenig schlenkernd im weißen flachen Hut Acht
Tage haben wir uns nicht gesehen Wir geben uns nicht die Hand aber wie wir uns
erreicht haben schmiegt sie sich mit Schulter und Hüfte an mich für einen
Augenblick nur das war auf der belebtesten Straße aber ich weiß es hat keiner
gesehen denn es konnte keiner sehen das war schnell wie ein Blitz und
durchschlug uns wie ein warmer roter Schlag Dann gehen wir ins Freie und gehen
unter Linden die in ihrer letzten Blüte stehen
Du hast wieder getrunken Liebling
Verzeih aber der Nachmittag wurde so lang
Sieh nun hattest du doch keinen Dienst und wir treffen uns am Abend erst O
du das ist nicht recht von dir Ich freue mich so unbändig auf dich und nun
knauserst du mir noch von den paar armseligen Stunden ab O du bist garnicht
wert dass ich dich so liebe Ich weine oft die ganze Nacht um dich Warum weine
ich nur immer wenn ich an dich denke Ich bin überhaupt immer traurig wenn ich
mit dir gehe Warum nur Du warum Du hast mich doch so lieb da brauchte ich
doch nicht traurig sein Aber ich glaube wenn man einen so recht lieb hat dann
ist man eigentlich traurig Komisch
Vielleicht bist du traurig weil ich traurig bin
Du und traurig Aber weißt du was ich wohl möchte Wenn du mich so ganz
lieb hast du weißt dann möchte ich mit einem Male sterben
Wollen wir uns heute Nacht totschiessen Klaire
O ja
Wäre es aber nicht schade um uns beide
Nun wenn wir beide zusammen tot sind dann ist es doch gerade so als ob
wir lebten Aber wenn wir aufhören uns lieb zu haben nicht Bitte bitte
Aber sage mir weswegen denn jetzt schon
Ich fürchte ich bleibe dir nicht treu Ich weiß nicht woher das kommt Du
bist so merkwürdig Ich glaube öfter du hast nur dich lieb und mich hast du
lieb weil ich dich lieb habe Du hast mich eigentlich garnicht meinetwegen
lieb sondern nur deinetwegen Aber das ist ja Unsinn Denn wenn du mich
deinetwegen lieb hast dann hast du doch auch mich meinetwegen lieb Du Sieh
auf so dumme Gedanken kommt man Ach das kommt von den dummen Bäumen die
riechen so Und dann habe ich immer eine reine Angst dass ich dir wieder untreu
würde O es ist so traurig dass ich dich nicht so lieben kann wie ich möchte
Ich glaube du bist zu gut zu mir Aber ich bin schlechter als du denkst und
ich will auch schlechter sein
Komm Klaire die Linden machen uns toll
Aber einen Zweig lass uns für die Nacht mitnehmen
Wozu denn
Das ist so ein schönes Gefühl wenn Nachts welke Blumen auf dem Tisch
liegen
Wie ist sie auch kompliziert Es wird der Lindenduft gewesen sein Es hört
sich so an als ob sie etwas Richtiges ahnte aber es war nur eine sentimentale
Plauderei Es wird der Lindenduft gewesen sein
Siehst du sagte sie als sie des Nachts sich über mich geworfen hatte und
mein Gesicht in beide Hände nahm wie sie es gern tat ich möchte nun so
anfangen dich aufzuessen Zuerst deine Augen nein nicht deine Augen Oder
noch lieber du wärst mein Kind wenn es noch nicht geboren ist Dann gehörtest
du ganz mir
Aber Klaire
Was ist denn dabei Das kann man doch ruhig sagen Oder darf man das nicht
Das dürfen nicht alle sagen das darfst nur du sagen mein kleines Lieb
Nicht wahr Und wenn du dann geboren wärst siehst du dann dürftest du mir
nur denken was ich denke Dann würden wir beide nur über dich denken Ach du
Und als sie des Morgens um Sieben da die Sonne schon heiß auf den Straßen
lag ging verabredeten wir dass sie zu den Schiessständen hinaus fahren und mich
dort treffen sollte
Dort wollen wir uns ins Gras und in die Sonne legen
Die Sonne glüht und hebt den Horizont in dem wie ein weißer Strich der
Leuchtturm von Warnemünde steht Ein kühlender Wind kommt von der See und über
ihm und ihm entgegen segeln die krausen Wolken Ich aber habe mein Haupt in
deinen Schoss gelegt da warfst du meine Feldmütze weit ins Gras und spieltest in
meinem Haar Und die Sonne steigt und glüht von den Schiessständen fällt Schuss
auf Schuss und immer noch steht wie ein weißer Strich der Leuchtturm am Horizont
eine Hummel läutet im Gras und eine Esche will uns nicht stören und raschelt nur
leise mit ihrem ruhlosen Laub
Klaire ich weiß du hast mich unglaublich gern und ich war oft hässlich zu
dir Nun verspreche ich dir dich immer mehr zu lieben
Da beugtest du dich herab und küsstest mein Haar und so bin ich denn
eingeschlafen Mitten in der hohen Sonne und dem Duft von Gräsern und Klee
schliefen wir ein Ein Lächeln war auf unseren Lippen das nahm der Wind und
zerstreute es über die Welt und segnete sie
Lotus procumbens und corniculatus wuchsen dort und viel blassgelbes
Leinkraut und ein bunter Eichelhäher glaube ich lachte aus der Tiefe des
Waldes an dessen Rand wir schliefen
An einem Abend jedoch als sie mich bat die Nacht bei mir bleiben zu
dürfen da sie sonst nicht wüsste wohin schlug ich es ihr ab Durch eine
trunkene Laune von mir da ich sie eines Abends nicht von mir gehen ließ hatte
sie ihre Stellung verloren und scheute sich zu ihren Eltern zu gehen Nun musste
sie mich durch Drohungen zwingen sie mit mir zu nehmen Es war dieses der Tag
vor einer Felddienstübung die früh morgens begann und uns erst am übernächsten
Mittag zurückbrachte
Sie liebt mich und ich gehöre ihr das war ja mein Rauschbeerentrank
Und sie Sie erwartete mich am übernächsten Tag draußen vor der Stadt und
besuchte mich des Nachmittags in meiner Wohnung wie sie mich nach jenem
Scharfschiessen besucht hatte Ich ließ es geschehen und dankte ihr nicht
Aber als ich sie verlieren sollte und sie gereizt durch meine störrische
Gleichgültigkeit trunken und auf Anstiften ihrer Freundin im Begriff war mit
einem Andern vom Tanzboden zu gehen riss ich sie mit Gewalt zurück und schleppte
sie mit und bat sie mit Tränen und heißen flehentlichen Beteuerungen mich nicht
zu verlassen
Du nimmst ja meine Seele meinen Garten mit
Und die Stunden die diesen Tränen und wilden Bitten und der endlichen
Versöhnung folgten waren so voll von leidenschaftlicher Wut dass meine Wirtin
und mein Putzer mein Korporal und Feldwebel nicht viel hätte gefehlt und der
Leutnant kam vergeblich an meiner Türe klopften ich hatte sie wieder und
schlief und wurde am nächsten Tage mit zweiundsiebzig Stunden Arrest bestraft
und während ich in meinem Arrestzimmer die Blätter einer Linde zählte deren
Wipfel und ein Stück blauen Himmels ich durch das vergitterte Fenster sah der
Schlaf auf der hölzernen Pritsche mich floh und Hunger und Kälte kam und ich
allmählich begann mit einer kaum noch niederzuhaltenden Wut zwischen den vier
Wänden zu rasen trank und tanzte sie und lächelnd überreichte ich ihr nach den
drei Tagen die zwei Knöpfe mit den mecklenburgischen Ochsenköpfen va banque
der Possen ich will meinen Rausch
Nach einigen Tagen erhielt ich einen Brief in dem sie mir schrieb es sei
ihr »als wäre eine Wand zwischen uns getreten was ist das nur« Ich wusste es
mir so wenig zu erklären wie sie
Sie hatte wegen meiner »Bestrafung« zu der sie den indirekten Anlass gegeben
hatte von mir Zorn und Vorwürfe erwartet und damit von einem neuen Felsen
geträumt den sie durch ihre Liebe würde besiegen können Aber nun lächelte ich
und verzieh
Und wir wussten es nicht und staunten dass wir uns hiernach nicht noch lieber
hatten als zuvor
Es ist Nacht die Uhr geht auf Zwölf und ich sitze oben auf der Mauer die
die Kasernengebäude umschließt denn meine Strafe besteht außer dem dreitägigen
Arrest und dem Verlust der »Gefreitenknöpfe« in der Einkasernierung So muss ich
mich allnächtlich wenn alles schnarcht und schläft aus der Stube in der ich
zusammen mit meiner Korporalschaft schlafen soll heraus stehlen muss sachte
über den Hof schleichen und heimlich über die Mauer ins Freie klettern Dann
steht sie draußen hinter einer Ulme und wartet auf mich
In weissgrauen Lachen und Seen liegt der Nebel rings und wie eine
blankgeputzte Ampel hängt über mir der Mond Die Kaserne schläft aus ein zwei
Zimmern dringt durch die Vorhänge ein rötliches Licht und die nägelbeschlagenen
Stiefel der vier patrouillierenden Posten stapfen hart und hallen dumpf und
monoton über den öden Platz während wie rote tückische Kakerlakenaugen die
Lichter einer Bahn aus den weißen Nebelleibern glummen Da schwinge ich mich
über die Mauer und lasse mich vorsichtig an ihr nieder fallen
Was kommst du spät Ich warte schon so lange und es ist kalt und unheimlich
hier Aber ich friere und bin müde lass uns schlafen gehen
Ich habe vorher Wein bestellt und zwei Wachskerzen brennen auf dem
Nachttisch neben uns und es ist warm und schwül im Zimmer Im blauen
Waffenrock mit rotem Kragen roten Aufschlägen und blanken Knöpfen liege ich
auf dem Bett dann entkleidete sie sich ganz und nackt und setzte sich
rittlings auf mich Ich nehme ihre Hände und biege sie mit leiser Gewalt zurück
bis ich ihre Augen gefunden habe
Ist es nicht wie in einer Kirche wenn vor den Heiligenbildern die
Wachskerzen brennen und der Weihrauch sich wie eine süße Wolke in den dämmernden
gotischen Bogen verfängt Siehst du nicht das tiefe unheimliche Leuchten in dem
roten Wein
Sahst du wie draußen der Mond gleich einer leuchtenden Ampel in der Nacht
hing So hänge auch ich ratlos und einsam in der Welt in ihrem Rätsel und
ihrer ewigen Brutalität Ich fluche ihr nicht weiß ich doch mein Fluch ist
bedingt und ich bin zu klug und zu schwach zum Fluchen ich bin zu helläugig
geboren und mein Wille zergeht in dem Licht meiner Augen er verliert seine
freudige Blindheit und damit seine Wucht ich baue mir aber auch nicht auf
diesem Fundament von zerflatternden Rätseln und harten Brutalitäten ein hohes
helles Haus ich gehe abseits und suche einen Garten ich vergesse die
Fragwürdigkeit der Welt im Rausch und finde ihn in dir in dem Aufgehen in
deinem nackten weißen Leib
Willst du nicht trinken Sieh der Wein ist so rot Rot und herb wie die
purpurnen Knäufe deiner Brüste
Mein Garten bist du in dem wie eine letzte allerletzte blaue Aster die
Möglichkeit für mich blüht mich an der Welt zu erfreuen als an einem Gemälde
dessen Farbenglanz ich auf mich wirken lasse ohne nach seinem Schöpfer einem
Zweck und Sinn und der Zusammensetzung der Farben zu fragen
Du süße Aster du meine Geliebte du roter Wein und schwerer Rausch
Da ließ ich deine Hände die ich noch immer mit sanfter Gewalt zurück bog
los und da sankst du über mich so dass mein Kopf gerade zwischen deinen Brüsten
zu liegen kam
Sieh da im Westen hat einer in den Himmel gestochen und nun fließt das
Blut das rote rotgoldne goldene Blut Über die welligen Höhn und Zacken der
blauen Wolkengebirge rollt es hin um die Inseln dort im grünlichen Meer und die
Nehrungen die auslaufen wie Nadeln sein schäumt es auf und kräuselt über sie
Sieh in Flocken und Schaum stäubt es über das ganze Firmament
So verbrennt sie Tag für Tag in stiller unnahbarer und gleichgültiger
Pracht wirft Gold über die Welt und achtet es wenig und nichts achtet des
nichts was sie schuf ihr Werk sind wir sind nichts ohne sie sie aber
schwindet gelassen als gings sie nichts an
Sie des alten Orients Gott und Rausch und Garten und Ruhepunkt und meiner
ein Aufgeben meiner selbst an ein Dirnchen Das ist die Reihe
Jetzt sehen wir uns noch sieben arme Mal und dann reise ich fort
Und ich reise dir in fünf mal sieben Tagen nach
Du willst mich besuchen O tue es nicht tue es nicht Ich weiß nicht aber
es ist mir als ob ich dich warnen sollte Du hast mich zu lieb Ich kann das
nicht ertragen Das ist als ob mich das oft zerreißen wollte
Wie die Abendwolken dort die Abschiedsglut der Sonne die sie in sich
aufgenommen haben nicht ertragen können und deswegen zerflattern und zerreißen
So mags wohl sein O komme nicht nach tu es nicht tu es nicht
Da küssten wir uns und unsere Lippen wollten sich nicht trennen während das
Abendrot sein letztes rotes Gold über uns warf und traurig wurde dass es sein
letztes war und es alles andere schon vergeudet hatte
Als wir uns getrennt hatten und ich heimwärts ging prägte ich ein Wort
oder tat ichs erst heute für das was mir als letzte und höchste Stufe übrig
blieb ich nannte es meine Selbstauflösung in ihr
Von nun an gingen wir täglich hinaus die Abendröte zu sehen sieben Male
gingen wir hinaus
Und da wir zum siebenten Mal hinausgingen und auf einem Hügel standen der
dort frei aus der Ebene ragt fiel schon die Sonne steil zum Horizont und
schickte sich an unter den Mittelpunkt des sie umgebenden hellen Scheines zu
gleiten des Scheines dessen oberer und seitlicher Rand ma chère in zarteren
Rosafarben schimmert als der erste Gedanke einer neuen Liebe der sich auf Ihre
Wangen malt während sein der Erde zugewandter Teil in goldbraunen Tinten
schwimmt die sogar den Schimmer Ihres unvergleichlichen Haares an samtener
Sättigung übertreffen
Aber gelassen durchsinkt die Sterbende den farbig umrandeten Schein vom
frühen Nachmittag an hat er sie getragen nun aber wenn sie als gewaltige doch
schon nicht mehr leuchtende Scheibe von einem tiefen Orangerot in die dem
Horizont auflagernde Nebelbank einsinkt zieht sich dieser vorher noch einmal
hell Aufschimmernde und sich breit Ausdehnende in ein gelblich glänzendes Oval
zusammen und schwebt so gleich einem Sarge o ma chère aus dem die Leiche fiel
verlassen und einsam über der Gruft in die jene versank
Nun sehen Sie nun lauschen Sie nun wird es klingen Nun gelangen die
Trauerlieder die der Himmel anstimmt an Ihr Ohr Hören Sie wie aus der
Nebelbank Ton auf Ton auf goldenen Stufen emporsteigt Das ist kein schwarzer
MönchsRabenGrabgesang das ist ein gemessen schreitendes goldgeschichtetes
Lied das sich gelassen und wuchtig vertieft zu einem brausenden Rot das von
Stufe zu Stufe steigt um gehalten auszuklingen in der weissblauen Wölbung der
Abendkuppel
Aber Sie hören schon das Lied das die Erde singt Sie wenden sich und hören
den tiefblaugrauen Streifen Sie lauschen dem Schattenlied das die Erde klagend
an den Ostimmel wirft Und hören Sie nicht o wenn Sie lauschen wollten
wie die Gegendämmerung hellrosenrot aus dem Schattenlied der Erde aufsteigt und
jetzt jetzt mit schnellen rosafarbigen Fingern in den Himmel greifend tönt
Hörte je einen solchen Ton Ihr kleines Ohr
Aber Sie wenden sich wieder Sie haben schon das rauschende Leuchten im
Westen gehört Ihre märchenschönen Augen weiten sich um das rote Brausen zu
trinken Ihre stolzen Brüste dehnen sich knistert nicht die Seide über ihnen
Ihr ranker Leib reckt sich umschwebt mich da nicht ein Duft wie von blühenden
Tamarinden Oder ist es nicht der blühender Edelkastanien O ma chère der Sarg
der weiße Sarg aus dem die Sonne fiel Hören Sie denn hören Sie denn nicht die
süße Mollserenade seines weißen hellen Gelbs Wird es nicht um einen Hauch
dunkler Wie ein Primelngelb Empfinden Sie denn nicht o öffnen Sie Ihre Augen
weit wie die Luft erfüllt ist wie von dem Sammetduft eines Primelnstrausses
Sehen Sie in das goldne Stufenlied sind rauschende Orgeltöne gedrungen Hören
Sie flammend rot steigen sie über die langgestreckten Stufen Sehen Sie aus
dem dämonischen Ockergelb quillen sie hoch aus der gelben glummenden Schicht
die gleich zusammengeschweissten Gewittern über den bräunlich schwälenden Dunst
des Horizontes lagert Hören Sie die gebändigten Donner Sehen Sie die
gefesselten Blitze O ma chère ma chère Ihr Atem stockt und zwischen Ihre
junonischen Brauen hat ein Blitz eine zürnende Falte geschlagen
Aber glätten Sie Ihre kleine Stirne getrost sehen Sie nicht die
Antistrophe Sehen Sie den herben meergrünen Streifen wie er widerstreitet dem
rauschenden warmen Rot und dieses und die gebändigten Donner zugleich abschliesst
von dem weißen klagenden Dämmerungsschein der über dem ganzen Westen liegt
Hören Sie das Alles zueins und fühlen Sie auch wie die rosenfarbige
Gegendämmerung nach ihrem letzten lauten Aufleuchten in einem schwachen blassen
Violett leise schnell verklingt nachdem schon der Erdschatten in dem Getöse der
düster heraufrollenden Nacht versunken war
Still hörten Sie den ersten Fanfarenklang Sehen Sie wie er dort oben hoch
hoch im hellen Blau hoch über den Stufen des Goldliedes und über den
Orgeltönen die wuchtig über sie schreiten auf roten Wogen heranschwimmt Sehen
Sie hören Sie schon den kommenden Purpur aus ihm Oh nun wird die knisternde
Seide über Ihren stolzen Brüsten reißen Nun werden Ihnen Schauer auf Schauer
über den göttlichen Schwung Ihres marmornen Nackens rinnen Das Purpurlied Oh
meine Göttliche das Purpurlied Sehen Sie wie es sich leuchtend und unter
brausenden Fanfaren niedersenkt Auf den Sarg aus welchem die Sonne fiel Oder
fuhr vielleicht die brausende Flamme aus dem Sarg hervor Der Sarg brennt Der
Sarg sinkt donnernd hinab hinter den Stufen des Goldlieds und ihren tobenden
Orgelklängen Und aus seinen klaffenden Spalten fährt nicht das Feuer in roten
Fetzen hervor Und wandelt das goldne Gelb in glühendes Orange das Orange in
heißes Zinnoberrot und das Rot in düster karmoisinrote Glut Die flammt und
schleudert ihre zischende Lohe heulend hoch der Himmel brennt
Marienkäferchen flieg
dein Vater ist im Krieg
dein Mutter ist im HoldaLand
HoldaLand ist abgebrannt
Marienkäferchen flieg
Aber Klaire
Ich weiß nicht ich musste das singen das kam so über mich O sei mir
nicht böse deshalb
Dann gingen wir heim schweigend und befangen Sie schämte sich ihres Liedes
o du süße Törin O wie sehr kenne ich den Grund meiner Selbstauflösung in dir
Am nächsten Morgen denn es war der erste September an einem Sonntag ging
ich mit Rosen zur Bahn deren Blätter der Meltau befallen hatte es ist nämlich
eine Eigentümlichkeit des Meltaues dass er gerade die Blätter der dunkelroten
Rosen befällt So fuhr sie hin und nahm meine Rosen mit ich aber begann an das
Manöver zu denken denn die Manöver sollten in diesem Jahr im östlichen Holstein
abgehalten werden sie aber fuhr an jenem Morgen nach Kiel
»Die Wolken fliehn der Wind saust durch die Blätter ein Regenschauer zieht
durch Wald und Feld« kahl schon werden die Ulmen und die Rosen verblühn und
gelbe Ulmen und rote Ampelopsisblätter knäuelt der Wind und rollt sie hin
dunkel ists noch und der Regen stiebt und nach Holstein rattern die Räder und
Holstein ist Wind und See und kalte Höhe und fegende Regenfransen zur Rechten
ein See die Wolken gehen tief und der Wind hat über Nacht die Pappeln gebrochen
an unserem Weg zur Linken ein See wir kommen aus Plön Nacht ists und es
knattert und prasselt der Regen und Stoppelfelder und schwälende Biwaksfeuer
und die Zähne klappern in der feuchten Nacht in der Buchenwaldschlucht und
Hunger und Durst und Marschieren immer Marschieren da steht sie in Kiel ein
Trupp zieht vorüber noch einer und mehr sie steht auf dem Stuhl auf dem
Bürgersteig und sucht nach mir und winkt und schreit nach mir uns trommelt
indes der Regen auf dem Helm im Süden in Oldesloe Marschieren Marschieren
da schneuzt sich ein Stern da duckt sich das Lager vor dem Arm der eisig aus
dem Weltenraum langt der Arm ist Gottes Eiszapfen sein Haar sein Blick ist
Hohn und wehrlos glimmt in seiner Hand die Kugel Welt Kältetod ist sein Name
der frisst den Raum den dein Auge durchbljetzt und dein Geist umfliegt und die
Zahl bezwingt samt seinen Sonnen und Erden und irrem Weltenstaub in einer
Sekunde dir auf der Frostpolyp der Kältekrake der den Raum umkrallt und in
ihn seine eisigen Arme streckt ich fühl seinen Arm und schauere und krümme mich
gleich dem Wurm die Kraft ist ewig wo alles zum Ausgleich strebt und die
Kälte lauert Wärme ohne Gefälle ist keine Kraft »ein Klumpen Tod ein Chaos
harten Tons«
Es ist grimmig kalt Zu zehn oder zwölfen liegen wir dicht aneinander
gepresst um das schwälende Feuer zuweilen wälzt sich stöhnend und leise fluchend
einer von uns herum und dreht der Glut eine andere Seite zu Auf den
verkohlenden und verglimmenden Scheiten steht ein mächtiger russiger Kessel es
brodelt in ihm und ein beissend aromatischer Geruch steigt von ihm hoch es
sollen am Morgen die Feldflaschen aus ihm gefüllt werden Nun bricht eines der
Scheite mit einem leisen Knistern zusammen Funken stieben und gefährlich neigt
sich der Kessel als wollte er seinen braunen kochenden Inhalt über mich gießen
Aber er wird schon stehen bleiben Nun dreht sich der Wind und treibt mir den
stechenden Rauch in die Augen da wälze ich mich langsam herum und lasse meinen
Rücken braten Den Kopf stütze ich in die Hand schmiege meinen Leib fest gegen
die Seite eines schlafenden Reservisten platt liegt er auf der Erde und
schnarcht und blicke in die Nacht Es ist dunstige Luft ein paar Sterne zähl
ich ein paar wulstige Baumschatten kauern am Horizont und rings um mich glühen
trübrot die Feuer und werfen wenn der Nachtwind die schweren bläulichen
Rauchfahnen zur Seite schiebt ihre düsteren Lichter über die Zelte dann tritt
ein unförmiger schwarzer Klumpen aus der Nacht hervor ein dumpfes Stimmengewirr
schallt dann wohl herüber und die Lichtscheine huschen über eine wagerechte
Reihe gespenstisch geröteter Gesichter der MarketenderWagen und ein paar
nimmermüde Zecher die Narren Einige Schatten stehen hier und da schwarz und
verschwommen wie aus der Erde gewachsen wenn sie eine Zeit lang gestanden
haben fangen sie an schwerfällig zwischen den Zelten hin und her zu tappen
das Stiefelleder ist hart wie Holz und die Füße sind wund dann stehen sie
plötzlich vor einem Feuer dösen stumpfsinnig in die Glut wackeln wieder auf
ihrem Patrouillengang fort und verschwinden lautlos als hätte sie die Nacht
gefressen
Ich möchte wohl Soldat bleiben man vegetiert so hin Und diese prächtige
Müdigkeit nach jedem Tag und diese herrliche Massensuggestion man ist nie
selbst man kommt nie zu sich Man nimmt niemals Gifte ein man scheidet niemals
Gifte aus Was habe ich damals in Lockstedt für dummes Zeug geredet ich habe
mich wohl sogar ereifert Wozu Ich Narr
Was soll nun nächstens aus mir werden Arbeiten Ich könnte ja wohl einmal
ein Buch schreiben über die zum Glück zureichende Dummheit denn daraufhin
läuft schließlich alle Schreiberei hinaus wenigstens die ehrliche Aber wozu
Ich habe ja Klaire Ich will mich noch ein paar Jahr von ihr lieben lassen ich
will noch ein paar Jahr ein herziges Spielzeug sein Bis ihre feine Haut welk
wird Und dann will ich das Extrakt meines Lebens ziehen In einem Sonett
einem einzigen Sonett einem braunen Sonett Das soll sich anfühlen so weich und
fremd wie brauner Zunderschwamm Ein ganzes Jahr will ich an ihm arbeiten Das
soll ein Sonett werden Alles alles soll es aus mir ausscheiden was sich in
diesen langen toten Jahren angehäuft hat jede Zeile ein Buch Und dann Dann
kommt die Probe aufs Exempel vielleicht könnte ich dann leben leben Oder
dieser Eindringling dieses aberwitzige Sehnen nach einer definitiven Wahrheit
vor dem ich schon Rettung suchte im Rausch der Liebe hätte mich zu Grunde
gerichtet und damit würde auch aus dem Sonett nichts werden die Drüse ist
erstickt sie sekretiert nicht mehr
Aber es ist kalt grimmig kalt und der Wind hat sich wohl schon wieder
gedreht Hoppla schnarchen Sie nur weiter
Marschieren Marschieren und schwälende Biwakfeuer und ein Brief fliegt
herüber ein süßer ein wilder und jetzt noch drei Tage die Stiefel nicht aus
und das Koppel nicht ab und die Gesichter sind schwarz und die Bärte sind
wild und die Augen sind rot und das Manöver ist aus
Das riecht nach verdörrtem Sommerlaub das riecht auf den Straßen nach
Herbst und meine Ulmen sind kahl doch mein Herz ist still mein ruhiges müdes
Herz ist still wie der goldene Herbst und zählt und zählt die Tage dann rufen
die Räder zu ihr zu ihr Der Dienst ist aus das Jahr ist um
Ich lieb unendlich diese blauen Nebel
die herbstlich still den Wald umgeben
wie wenn ein Bahrtuch einen Sarg umwebt
ich lieb unendlich diese goldnen Schimmer
die über Stoppelfeldern schweben
wie eine Krone über Toten schwebt
ich lieb unendlich diese bleiche Sonne
ich seh in ihren müden Blicken
das goldne Glück das auch aus meinen blickt
Der ruhlose wilde Spuk der Geist ist unendlich und reitet auf seinen
Ziffern und Buchstaben in seine Unendlichkeit die Welt ist endlich ist eine
Kugel die in der Kälte schwimmt und ihr Inhalt ist Herbst ist ein Kunstwerk
das sich selber anschaut wie heute der Tag sich nicht genug tun kann in sich
selber zu sehen und zu schluchzen vor seinem kleinen goldnen Glück o herbstendes
Glück o Lächeln im Winkel o rote goldne Eutanasie
In den Nächten aber trank ich und hockte in Bars mit einem roten
Holsteiner der eines Abends so gewaltig Rheinwein und Burgunder trank dass ihm
über den hilflos ins Leere starrenden Augen der Schweiß in hellen Perlen auf der
Stirne stand und kam alltäglich erst am hellen Vormittag heim Suchte ich den
Rausch den der Tag mir geboten hatte mit gröberen Mitteln fortzusetzen Oder
ich trage ungern goldne Geschenke in mein Zimmer ich zerpflücke sie mir da zu
leicht ich gehe mit ihnen unter Menschen und spiele da heimlich mit dem Glück
wie es leise in mir klingt so fühle ich es mehr so weiß ich dass es mein und
mein eigen ist und trinke um dieses Gefühl und die Traumstimmung und das
leise Schaukeln zu verstärken und fest zu halten
Eines Tages aber war ich in Zivil und trug eine Aster im Knopfloch
Der Himmel ist tiefviolett und die Hügel auf denen die versprengten Kiefern
wie Pinien stehen sind ziegelrot und die Buchen und Eichen huschen wie glimmende
Feuer vorüber Jetzt steigt ein Rot wie von Heckenrosen gestreift in das tiefe
Violett das umstreichelt mich wie weicher Samt und der Zug wiegt so leicht und
federt so sanft und die Eichfeuer und Buchen mit ihren herbstenden Goldblättern
leuchten so rot und die Birken so gelb so fahr ich zu ihr so fahr ich nach
Kiel
Der Sarg zerbarst Der Nebel ist fort Eisblumen hat die Nacht an mein
Fenster geworfen und nun heult der Ost Tot ist die Welt und mein Herz ist leer
da nimmt es der Wind und wirbelt es über die Gassen zermürbts zerkrümelts
Staub auf staubigen Straßen
Aber weißt du der Schmerz der Hoffnungslosigkeit ist auch ein Rausch Doch
der taugt nicht für dich denn er ist nicht skeptisch genug und bejaht ein Ideal
und findet am Ende den Grund für dessen Nichterfüllbarkeit in der Metaphysik
Und lange genug sassest du in Buddhas windstillem Hain dort wächst die Moral
Aber nicht als moralische als künstlerische Erscheinung erträgst du die Welt
Aber glaubst du dass dein Selbstzergrübeln und schmerzlich buntes Erinnern
allein den Garten dir wiederbringt in dem jene Blume wächst
Und warst du nicht in diesen Nebelwochen schon daran aus deinem
Nihilismus dir einen Rausch zu brauen Ganz sachte und heimlich über Nacht die
Grundlagen einer eigenartigen Metaphysik zu legen die das Ding an sich im
Nichts und der Hoffnungslosigkeit sieht Und fühlst du nicht welche Moral dir
da erblühen würde Das Mitleid mit allen das Erbarmen mit allen mit den allen
die du doch so herzlich und von Grund aus verachtest Dann wärst du mir bald in
Kirchen und Klöster gelaufen Zwinge dich zu deinem echten Rausch Hänge deinen
Garten dir hoch Male ihn dir so märchenschön du weißt alle Malerei
übertreibt denn sie setzt das Geschilderte als etwas Eindeutiges Unabhängiges
und Fürsichbestehendes In jeder Schilderei steckt ein Wunsch
Hänge deinen Garten hoch Denk an den Lenz Er kommt er kommt und dann
Hinter den Werften und Docks den angelnden Riesenarmen der Kräne und den
dröhnenden Eisengerüsten verblassen die letzten Fetzen des Morgenrots und
gelbrote Reflexe laufen über die opalisierenden Wasser und spielen um die
stählernen Kriegskolosse weissgrau eisengewordener Wille und Wucht liegen sie
da Kühl ists von den alten Linden fallen die letzten Blätter und lang war die
Nacht
Habe ich dir schon erzählt was ich in dieser Nacht geträumt habe Du warst
wohl noch wach da fiel mitten in einem Kuss den ich auf eine deiner Brüste
drückte der Schlaf auf mich Da löste sich meine Seele aus mir und stieg an
seiner Hand durch deine linke Brust Stufe über Stufe hinab in dein Herz Hier
in dem purpurnen Zimmer setzte ich mich auf einen sammetbeschlagenen Thron und
während ich dort saß und den Strömen deines Blutes lauschte wie es draußen sang
und brauste öffneten sich die Türen des Zimmers und Kobolde die sich in
gelbroten Taffet gekleidet hatten traten herein und trugen auf silbernen
Schüsseln deine Gedanken Sie stellten sich im weiten Kreis um mich her und ihr
Sprecher trat vor und sagte Hier bringen wir dir du König unserer Gebieterin
unseren Tribut Und aus seiner Schale erhob sich jeder Gedanke und sprach zu mir
und sagte wer er sei So hast du mich lieb Aber mit einem Male flogen
donnernd die Türen des Zimmers auf und eine schäumende Flut Blutes brach herein
riss die Kobolde fort stürzte den Thron und ich schwamm und kämpfte in den
gischtenden Blutwogen bis sie mich in einem ekelhaften warmen schweren Tod
erstickten
Sie schwieg und krauste die Stirne
Lass uns frühstücken gehen Wie kannst du nur so etwas träumen
Am Abend fiel eine kalte Luft auf den Hafen und breitete eine Bank von Dunst
über ihn und da die Sonne ihre Glut in ihn warf lag er über ihm wie ein
feinkörniger roter Dampf Bäume und Masten verschwanden in ihm die Erde verflog
und es war als habe ein Gott uns in eine Abendwolke gehüllt und trüge uns fort
Da lehntest du dich an mich und drücktest meine Hand
Wie wunderbar Sieh und nun beginnen die Schiffe zu sprechen Was mögen die
sich wohl erzählen O du in Kiel Du bei mir
Deinen Garten o hänge ihn hoch Es kommt der Lenz und dann
Wie der Ostwind das strähnige Zigeunerhaar der Birken peitscht Aber im
Nebel und Wind sie rüsten sich zum Lenz Und was für sie die blinkenden
Stärkekörner sind die sie hinverfrachten wo es ein Grünen und Blühen werden
soll das ist für dich das stoffgewordene Mittel der stoffgewordene Geist
die stoffgewordene Macht ist Geld Blinkende Stärkekörner und Geld
Es nebelte den Tag und da es begann zu dämmern bestellte ich Wein und
lehnte meinen Kopf auf deinen Schoss
Nun bist du schon acht Tage hier acht Tage schon wohnen wir hier und wissen
von nichts und kümmern uns um nichts Ich glaube wenn wir länger beisammen
blieben vergässen wir die Welt
Da kam die Sonne hinter einem Haus hervor und warf abermals Gluten in den
Nebel der da auf der Straße lag
O sieh den Nebel Wieder roter Nebel Das sieht aus wie rotes Blut
Da zog ich dich nieder und haspelte so lange in deinem Haar bis es als
goldne Welle über mich fiel und mich begrub und ich begraben lag in einem Sarg
von Frauenhaar und Blut
Acht Wochen nur dann kommt der Lenz
Ich muss eine Erfindung machen Eine Erfindung wie sie sich gehört ist das
zielbewusste Suchen und Finden einer neuen Nutzbarmachung einer der vorhandenen
Kräfte Eine Kraft wird nutzbar durch Umwandlung latenter in bewegte Kraft und
durch Schaffung eines Gefälles Alle Erscheinungen der Kraft soweit sie
mechanisch sind nutzen wir aus vom chemischen Prozess und elektrischen »Strom«
bis zu Wasser und Wind ausgenommen den Luftdruck und die Schwerkraft im engeren
Sinne Diese aber scheidet aus sie ist das physikalische Rätsel an sich
vielleicht nur ein metaphysisches Problem wir können kein Gefälle für sie
schaffen keinen schwerkraftlosen Raum Und jener tritt nur abgesehen von den
meteorologischen Erscheinungen in Wirkung gegenüber dem luftleeren Raum Der
als die Bedingung des Gefälles müsste dauernd gewahrt bleiben In ihm treibt er
das Wasser zehn Meter hoch und aus dieser Höhe muss ich es entfernen ohne dass
ich den luftleeren Raum der sein Heraufsteigen ermöglicht vernichte Die Frage
ists Zwei Monate nur
Als ich heute Morgen mein Bad in dem Moorbach nahm dort wo er durch das
Tannendickicht über gelbroten eisenhaltigen Sandboden rollt formte ich weiter
an meiner Frage während das eiskalte Wasser meine Knie umspülte und ich
gemächlich das Eis zerschlug das wie fein durchbrochene Spitzenmanschetten von
den Ufern über das Wasser gewachsen war
Das ist keine Phantasterei und kein perpetuum mobile das stetig die Kraft
aus sich erneut das will die gegebene Kraft des Luftdrucks wirksam werden
lassen Wie Wärme nur wirksame Wärme ist bezogen auf einen weniger warmen
Körper so der Druck der Luft nur bezogen auf einen Raum von geringerem Druck
Dieser muss bewahrt bleiben und trotzdem das Wasser dessen neun Meter starkes
Gefälle ich haben will aus ihm in dieser Höhe entfernt werden
Und das muss geschehen durch seine eigene Kraft und diese Kraft muss größer
sein als der Druck der Luft der es sonst wieder in das Vakuum zurücktriebe
In einem luftleeren neun Meter hohen Rohr das in seinem oberen Ende zweimal
umgebogen ist steigt das Wasser hoch und fällt darauf in einen Behälter der
sich an dem nach unten gebogenen Ende des Steigrohres befindet aus diesem
Behälter muss ich es entfernen wozu ich entweder die bewegte Kraft des aus dem
Rohrende fallenden Wassers benutze oder den Druck der gesamten oder eines Teiles
der gesamten schon in dem Behälter ruhenden Wassermasse
Da begann es zu schneien und ich wanderte durch den stöbernden Schnee
stundenlang durch den Wald durch das schilfbraune Moor über die Heidehügel
und gleich einem alten Zaubermeister zeichnete ich in den Schnee dort wo er
glatt und eben lag wie eine Tafel Röhren und Würfel und Schaufelräder und
Kugelventile Und warf mir der Wind der sich nach Süden drehte seine Flocken
in die Augen
Du Narr leg dich hin ich decke dich zu lege dich nur hin es sieht schon
keiner
so suchte ich mir eine dichte Kiefer wie sie windgedrückt auf den Hügelhöhen
stehen einen Wacholderring oder ein Rotdorngestrüpp in deren Windschatten ich
wie auf einer weißen RiesenSchiefertafel weiter meine Kreise zog Es muss Es
muss
Auf der Landstraße hatte der Wind der schnurstracks über ihr blies dort wo
Gebüsch zu beiden Seiten war Schneewellen gebaut Vier gute Schritte waren von
Berg zu Berg und eine starke Hand breit waren sie hoch Und dort wo das Gebüsch
zurücktrat und der Schnee über den freien Feldern wie ein Nebel flog war auf
der Höhe der basaltgewalzten Straße eine Rille freigeblieben über die der
stäubende Schnee in schmalen schlängelnden Strähnen lief als ob zahllose kleine
Dampffähnchen vor mir her huschten Ich versuchte Schritt mit ihnen zu halten
aber schnell wie kleine Schlangen liefen sie mir fort
Wir sind lustiger und leichter als du du Tölpel und Grübeltor der sich
sein schönes Leben selber zerschneidet und unsere Mutter besiegen will weil ihm
sein lockeres Glück entflog so ein lockeres loses Dirnchenglück Wir
Schneeeidechsen und kristallenen Kinder der Luft wir huschenden Flämmchen von
stiebendem Schnee
Nachmittag wars als ich heimkehrte verschneit und verklammt aber eines
brachte ich mit es wird eine Art selbsttätiger Druckpumpe sein müssen die das
Wasser aus dem Behälter presst und auf deren freiem Hebelarm wirkt als Kraft der
Druck des aus dem Steigrohr fallenden und auf dem Hebelarm in einem Gefäß
aufgefangenen Wassers
Nun habe ich Linien um Linien gezogen phantastische Pumpen und rollende
Ventile gezeichnet und viel Zahlen und Formelnkrams dazu gemalt jetzt will es
dämmern und zögernd fallen die Flocken Wir sprachen damals oft vom Schnee
jetzt sitzt sie mit dem Andern in einer Dorfschenke und schäkert mit ihm und
freut sich auf die Heimkehr und Schlittenfahrt Und ich vergrabe mich hier und
schreibe schreibe von Dingen, die nicht mehr sind und doch noch sind und
vielleicht jetzt erst das sind was sie damals schienen denn jetzt erst sind
sie eindeutig fest und in sich rund damals waren sie ein Hauch der
vorüberjagenden Wirklichkeit Ich bilde und schaffe sie ich umschlinge mit des
Kältekraken Armen die Welt die Kugel glimmenden Staubs ich reite verwegen über
sie hinaus ins Nichts und atme auf wenn der Nachtwind mahnend an mein Fenster
klopft um mich wieder zu finden in einer absoluten Einsamkeit Eben noch
genoss ich mich in einem gefährlichen Spiel und nun bin ich nichts als ein
trauriges Taumeln zwischen dem glühenden schmerzlichen Wunsch nach ihr und dem
Gedanken an den Tod der immer verführerischer zu locken und zu flöten weiß Und
kein Ruhepunkt ist zwischen ihnen kein stützender ablenkender tröstender
Gedanke und die Menschen Ich sprach schon seit zwei Monden kein Wort ich
weiß nicht mehr wie meine Stimme klingt ich bin ja stumm bin ein helläugiger
Spuk und ein kluges Gespenst nur mein Name
Zwei Tage darauf da der rote Nebel sich zu Regen verdichtet hatte fuhr sie
nach ihrer Heimatstadt zurück wo ich sie nach den Universitätsferien wieder
treffen wollte Ich konnte aber nicht so lange von ihr getrennt sein ich reiste
nicht in meine Heimat sondern blieb noch einige leere wüste Tage in Kiel und
fuhr ihr schließlich nach und suchte sie am gleichen Abend auf
Ich bin dir untreu geworden in der Trunkenheit geschahs O verzeih
Ich verzieh und acht Tage lebten wir noch zusammen Mir gingen die Mittel
aus und wir lebten auf Borg In einem Hotel in dem wir übernachteten ließ ich
eines Morgens meinen Mantel als Pfand Dann mietete ich mir eine Wohnung in
ihrer Nähe und Nachmittags kam sie zu mir wir taten sehr verliebt und
schmiedeten Pläne es lag aber etwas über uns das uns hinderte uns und unseren
Plänen recht zu glauben und des Abends kam es regelmäßig so dass wir uns
betranken Die Grundlüge die in unserer Liebe lag da jeder im Anderen Anderes
suchte drängte sich aus irgend einer Ursache hoch meine Geldnot verstärkte das
Missbehagen das uns ohne dass wir seinen Grund klar sahen quälte und so
suchten wir es im Trinken zu vergessen um wenigstens unsere plötzlich
gewaltsam und roh aufschiessende Sinnlichkeit ungetrübt genießen zu können
Missbehagen und Betäubung darf ich über diese acht Tage schreiben
Bis ich eines Abends da ich nicht mehr das Porto für meine Briefe bezahlen
konnte ihr meine Lage gestand Sie versprach mir Geld zu besorgen und kam
nicht zurück
Da ging ich in ein Lokal dessen Wirt ich kannte und nach einigen Stunden
kam sie in Begleitung von vier Herren in dasselbe Lokal Ich sah dass sie
betrunken gemacht wurde und ging zu ihrem Tisch hinüber und rief sie heraus
Sie folgte mir da sie sich aber weigerte sofort mit mir nach Hause zu gehen
gingen wir wieder hinein und tranken weiter ich und sie Nach einer Stunde ging
ich abermals hinüber und fragte sie ohne mich um die dasitzenden auch schon
betrunkenen Kavaliere zu kümmern Da sie tat als hörte sie mich nicht setzte
ich mich wieder an meinen Tisch und wir tranken weiter sie und ich Als sie mit
ihren Herren mit ihren vier patenten selbstgefälligen Nichtsen ging trottete
ich hinterher Als einer dieser Herren in seine Wohnung ging um einen Schirm zu
holen und sie vor seiner Türe wartete wartete ich mit Aber als ich sie mit
mir ziehen wollte drohte sie zu schreien Dann kam der Herr mit dem Schirm und
nahm ihren Arm und brachte sie nach Haus sie aber lehnte ihren Kopf zärtlich an
seine Schulter und ich lief wie ein Trottel nebenher Als sie sich vor ihrer
Haustüre die beiden Trunkenbolde küssten stand ich dabei und sah zu und rührte
nicht die Hand Dann entschuldigte ich mich bei dem Herrn mit dem Schirm blieb
noch vor ihrem Hause stehen und rief da auf ihrem Zimmer Licht angezündet
wurde dreimal laut ihren Namen und als daraufhin sofort das Licht erlosch
ging ich in eine Bar und betrank mich bis zur Besinnungslosigkeit
Am nächsten Morgen kam sie und bat mich sie freizugeben hätte ich es
getan dann säße ich jetzt nicht hier und lauschte dem Wind wie er an den
Telegraphendrähten pfeift sondern läge warm in ihrem Arm
Lass mich doch frei Ich kann dir nicht mehr treu bleiben
Liebst du mich nicht mehr
Ich glaube nein
Also alles alles gelogen
Ich hatte dich einmal sehr lieb aber jetzt sie zuckte die Achseln und
schnippte mit den Fingern
Schämst du dich nicht
Muss es gleich sein
Du liebst mich doch noch Du weißt es nur nicht Das ist garnicht anders
möglich Das kann das darf garnicht anders sein Du täuschst dich hier über
dich selbst Du weißt nicht was du sagst Du bist nicht bei Sinnen Du bist
garnicht du Du bist noch betrunken O mein liebes Lieb
Hier begann ich zu bitten zu betteln bis sie nachdenklich wurde und mir
versprach am Nachmittag wieder zu kommen
Sei ruhig liebes Herz Sie war nur betrunken sie wird sich wieder
zurückfinden Wäre es doch erst Fünf Weswegen habe ich sie denn jetzt nur gehen
lassen Nur ruhig ruhig
Als sie nicht kam rannte ich im Trab durch die Hafengassen zu ihrer Wohnung
und schickte einen Jungen hinauf Sie war nicht zu Hause Da rannte ich im Trab
Herrgott wenn sie inzwischen bei mir gewesen ist zurück Es regnete
damals glaube ich Da sah ich jemanden durch das Dunkel und den Regen kommen
in einem wiegenden losen und etwas schlenkernden Gang Da wartete ich auf sie
vor meiner Tür und ging mit ihr auf mein Zimmer
Hier weinte sie und legte den Kopf an meine Brust
Vergib Ich weiß nicht wie das kam Vergib mir nur und gib acht es wird
alles wieder gut Ich gehe jetzt nach Hause und um Elf wenn sie schlafen
komme ich zu dir Dann wollen wir alles bereden
Ich verzieh ihr und glaubte ihr sie blieb noch eine Zeit dann ließ ich sie
gehen weswegen ließ ich sie nur gehen und legte mich früh zu Bett und
wartete Ich verschränkte die Arme hinter den Kopf und lauschte dem Stieben des
Regens draußen und dem leisen Summen der Lampe und sah zu wie sich eine Spinne
an ihrem Faden langsam langsam von der Decke herunter ließ aber mein Blut
strömte und brauste und gärte in mir als wollte es mich jeden Augenblick wie
einen Ballen aus den Betten schleudern Die Uhr schlägt Elf Da fahre ich hoch
und lehne mich im Nachtemd ins Fenster eine geschlagene Stunde bis die
Turmuhren eine nach der andern Zwölf schlagen Noch einmal tasten meine Blicke
durch das Dunkel an den Strassenlampen vorbei die mich aus dem Nebelregen wie
große verweinte Augen anstieren ich schauerte vor Kälte ich schloss das
Fenster ich ließ das Licht brennen ich legte mich wieder hin
Wenn man gerne weinen möchte und das salzige Nass will und will nicht kommen
dann muss man den Rücken krümmen und die Knie anziehen und nicht vergessen die
Zehen einzukrallen dann grabe man die drei äußersten Finger jeder Hand in den
Daumenballen und presse die Zähne aufeinander besser noch man zerreißt mit
ihnen die Kissen und spanne alle Muskeln krampfhaft an dann pressen sich
vielleicht doch drei Tränen aus den Augen
Es mag richtig sein dass »bei jeder lebhaften Erregung der Hirntätigkeit ein
Strom von positiven oder negativen Wirkungen mittels der vegetativen und
motorischen Nerven durch den ganzen Körper läuft und wir erst indem wir von den
dadurch in unserem Organismus bewirkten Veränderungen mittels der sensiblen
Nerven wieder Rückwirkung erhalten unsere eigene Gemütsbewegung empfinden« es
mag richtig sein dass ich durch jenes bewusste krampfhafte Zusammenreissen aller
Muskeln jene Veränderungen in meinem Organismus betäuben und ersticken will
jedenfalls braucht man sich zu solchen Erregungen der Hirntätigkeit nur dreimal
zu zwingen zu zwingen durch ein unausgesprochenes kleines Wort sechs
Buchstaben nur und sich nur dreimal zu zwingen zu diesem gewaltsamen
Erstickungsversuch und die sympatischen motorischen und sensiblen Nerven
haben es satt und du liegst da wie ein Klumpen Blei der plötzlich beginnt
tief tiefer mit rasender Geschwindigkeit ins Bodenlose zu fallen
Am nächsten Morgen war ich wieder vor ihrer Wohnung und schickte einen
Jungen hinauf Sie war nicht zu Hause gewesen Gott weiß wo sie gewesen ist
Dreimal lief ich an dem Tage zu ihrer Wohnung im Trab durch die
Hafengassen die Strassenjungen kannten mich schon und die Hafenarbeiter
grinsten vor Hohn und viehischem Vergnügen drei Stadttelegramme schickte ich
ihr an dem Tage ins Haus beim zweiten sah mich der aufnehmende Beamte an und
lächelte beim dritten zog er die Brauen zusammen und blickte mich argwöhnisch
an dann betrank ich mich Zwanzig Stunden lang und am nächsten Vormittag sah
man mich geschmückt mit einem Kranz von Stechpalmblättern und Immortellen auf
dem Ross eines Abfuhrwagens durch die Straßen reiten
Und gerade in dieser Nacht hatte sie mit Steinchen die sie an mein Fenster
warf mich zu wecken gesucht Polizisten denen sie sagte sie wohne hier
hatten ihr dabei geholfen und erzählten es mir als sie mich am nächsten Mittag
wegen Unfugs zur Stadtwache bringen wollten
Als ich das hörte gab ich ihnen meinen Namen und fand dabei meine Taschen
voll von Visitenkarten von Leuten die ich in der Nacht angerempelt und
geohrfeigt hatte und lief zu ihrer Wohnung und da ich sie da nicht fand
begann ich wieder zu trinken und suchte sie in allen Kneipen Der müde Pessimist
und Seelenschenker auf der Suche nach seiner verschenkten Seele Ihre Seele
wollte ich ihr wiedergeben nun habe ich ihr meine gegeben und trinke und suche
sie von Kneipe zu Kneipe Meine arme Seele meinen stillen Garten meine müde
Aster meine Möglichkeit das Leben zu ertragen als künstlerisches Phänomen in
einem Tanzlokal fand ich sie
Betrunken saß sie da mit einer betrunkenen Null die mich höhnisch und doch
ängstlich aus ihren kleinen Augen angrinste Er fühlte sich seiner Beute noch
nicht sicher war höflich o so zuckerhöflich zu mir und ließ ihr Glas nicht
leer werden Aber ich hatte mich zu ihnen gesetzt und blieb bei ihnen und trank
auf sein Wohl ich war so klein und ratlos und feig und reichte ihr einen Brief
den ich vorher geschrieben hatte Sie zerriss ihn ohne ihn geöffnet zu haben
vor meinen Augen Aber ich blieb bei ihnen und trank mit ihnen sie sprach nicht
mit mir aber ihre Augen ruhten mit einer seltsamen Starrheit auf mir
Dann taumelte ich heim und krallte die Zehen und zerbiss die Kissen
Lacrimae Christi das waren Tränen des Glücks und ein wohlfeiles Nass er gab
sein Leben für sein Idol wenn es auch im Grunde sein Leben nahm und ihn
verdarb aber er war so glückhaft blind und fühlte sich stark und freute sich
und genoss sich doppelt da er es zu geben wähnte
Und ich es ist mir in diesen Tagen nicht der Schatten eines Gedankens
gekommen sie der »Untreue« zu zeihen weil ich sie nicht als Einzelwesen
liebte sondern als die typische und nackte Vertreterin des eindeutigen
unkomplizierten Triebs So konnte ich ihr aus ihrer »Untreue« keinen Vorwurf
machen denn Treue ist das Festalten und immerwährende Betonen des eigensten
Selbst und das musste ich ihr absprechen Sie war personifizierter Trieb aber
deswegen noch keine Persönlichkeit als welche allein sie hätte Treue bewahren
können Sie war ihrem Triebe treu
Ich haderte in diesen Stunden nicht mit ihr sondern mit jenem Trieb und der
unseligen Tatsache dass in ihm mein Garten blühen musste Ich haderte mit der
Welt und mir
Der wilde Schmerz der mich hinwarf und ins Bodenlose fallen ließ wie einen
Klumpen Blei ist vorüber aber es zittert noch in mir der Groll warum warf
mich das in eine Welt die zu erkennen mir unmöglich ist Und warum nimmt mir
das dann den Ort von dem aus ich sie als Bild ansehen kann
Aber der Garten soll wieder blühen die Abendröten sollen wieder leuchten
so sicher wie die Luft von deren Stärke die spöttischen Schneezünglein
sprachen bezwungen werden wird
Am nächsten Tag trabte ich wieder durch die Hafengassen ich weiß nicht wie
oft Ich war nichts als fiebernder rasender Wunsch Lief ich nicht so lag ich
im Fenster und spähte aus lag ich nicht im Fenster so stürmte und tobte ich in
meinem Zimmer wie ein gekäfigtes Tier Suchte ich meine Bekannten auf dann
stieß sie mein ruhloses bald brütendes bald exaltiertes Wesen zurück so
fanden sie einen Grund und drückten sich der Pöbel Freunde Freunde habe ich
nie gehabt ich bin nicht nach der Schablone zu der Dirne gehöre ich und die
Dirne mag mich nicht so wüte ich gegen mich selbst und es ist mir als sollte
mein Leib der mich nun schon fast dreißig Jahre getragen schreiend in Fetzen
auseinander fliegen Wo ist sie Zu Hause war sie nicht man wusste nicht wo
sie war Am Abend erfuhr ichs Bei einer Freundin war sie deren Einfluss auf
sie ich kannte Blieb sie länger bei der so war sie auch ohne ihren neuen
Kavalier für mich verloren
So lief ich hin zu der und erfuhr sie sei soeben zu ihren Eltern gegangen
um sich Wäsche zu besorgen So blieb ich und wartete Nach einer Weile kam ihr
Kavalier von gestern nichtssagend unfrei und dick und blond er ging etwas
gebückt und den Kopf in die Schultern gezogen einen niedrigen Klappkragen sie
waren damals »Mode« trug er um seinen feisten Hals und ein Grinsen lag auf
seinem schwammigen Gesicht Ich begrüßte ihn und reichte ihm die Hand und fragte
nach seinem Befinden Er sah mich erstaunt an und ich wusste nicht was ich
tat Ich hatte das dumpfe Gefühl du machst dich unglaublich lächerlich und
benimmst dich Leuten gegenüber die du sonst mit einer Handbewegung zur Seite
geschoben hättest wie ein Kind und markloser Kastrat aber dann kam wieder der
Gedanke an sie und die unheimliche Furcht sie zu verlieren und wischte alles
fort
Jetzt warteten wir beide Zum Lachen wars er saß breitbeinig und sorglos
auf dem Sofa ich lief ruhlos von Zimmer zu Zimmer und redete vom Wetter
Als sie kam sah sie mich groß an setzte sich der blonden Null auf den
Schoss und tätschelte und küsste sein rundes Gesicht Ich sah zu Dann ging ich zu
der Freundin in ein Nebenzimmer und redete ich weiß nicht was
Mein Herr tun Sie was Sie nicht lassen können
Ich habe ihr wahrscheinlich von Giften und Pistolen geredet Als ich in das
erste Zimmer zurücktrat ging Klaire heraus und tuschelte mit der anderen
nebenan Dann kamen sie beide zurück sie setzte sich wieder der Null auf den
Schoss und küsste sein Mondgesicht und die Freundin höhnte mich fort
Dann darf ich wohl Adieu sagen
Bitte
Die Null machte eine tiefe Verbeugung die Freundin grinste wie nur ein
schadenfrohes Weib grinsen kann und sie sah mich starr aus großen blauen Augen
an
Kein Zweifel sie war noch betrunken Betrank sie sich mit Absicht oder
wurde sie mit Absicht betrunken gemacht
Ich aber torkelte wie ein Trunkener heim und lief und rannte und hastete
ruhlos sinnlos in meinen Zimmern Und die Nacht Ich weiß nicht wie ich sie
überwand Vielleicht betrank ich mich vielleicht krümmte ich meinen Rücken und
spannte alle Muskeln krampfhaft an vielleicht bat ich auch ihre Schwester ein
gutes Wort für mich zu reden Vielleicht auch tat ich dieses alles zusammen und
hing über dem Nichts
Das schneit und stöbert wieder den ganzen Tag der Wind ist nach Norden
zurück gesprungen und bläst nun wie ein Frostriese in den stiebenden Schnee Ich
gehe ihm entgegen und freue mich wie er mit seinen leise singenden Kristallen
meine Haut peitscht Oben auf einem Hügel bin ich gestanden der da verschneit
aus verschneiten Feldern ragt rund und weiß wie eine volle Frauenbrust Hier
rüttelte und riss die Luft auf ihrer brausenden Fahrt vom Pol zum Süd an mir als
wollte sie mich aufnehmen und mit fliegendem Mantel in die verschlafenen Felder
tragen
Aber ich meistere dich doch Gerade du die du mich jetzt in zorniger Wut
umfegst sollst mir Sklave sein meinen Lenz und Garten zu bauen O ich sehe
sie in einem Zimmer wohin sie nicht gehört es ist Morgens gegen Elf da kämmt
sie ihr blondes Haar oder breitet über den liebesmüden Liebsten zu dem sie
nicht gehört die Decken und spreitet und glättet sie
Aber braust nur und tobt und lächelt und glättet ich zwinge euch doch
Dann zog ich mein Notizbuch hervor und schrieb während meine Augen
zeitweise vom Schnee verklebt waren und ich ihn entfernen musste und dem Sturm
prüfend in die Augen sah wie er Wolke auf Wolke gegen mich schickte
Der Behälter in den das Wasser aus dem Steigrohr fällt besteht aus zwei
Teilen die durch ein Rohr in welchem zwei Kugelventile lagern verbunden sind.
Im oberen Teil ist eine Druckpumpe angebracht an deren kürzerem Hebelarm
ein Kolben in dem in den unteren Behälterteil hineinragenden Pumpenrohr hängt
und dessen Gewicht allein genügt um das Wasser aus dem unteren Raum gegen den
auf der Ausstossöffnung liegenden Druck heraus zu pressen
Auf dem anderen mehrere Male längeren Hebelarm befindet sich ein
Auffanggefäss für das aus dem Steigrohr stürzende Wasser so dass das Gewicht des
aufgefangenen Wassers multipliziert mit der Länge des Hebelarmes gleich dem
Gewicht des Druckkolbens multipliziert mit der Länge seines Hebelarmes ist
Bei weiterem Zufluss sinkt das Auffanggefäss unter die Gleichgewichtslage und
hebt den Kolben bis bei einem gewissen Tiefpunkt die Wände des Gefässes sich
automatisch öffnen und das aufgesammelte Wasser entlassen das erleichterte
Gefäß hochschnellt und gleichzeitig der niederfallende Kolben mit seinem Gewicht
das im unteren Raum befindliche Wasser das die Kugelventile hindern in den
oberen Behälterteil zu dringen wieder durch ein Ventil in einen Nebenbehälter
presst aus dem es ein Heber entfernt
Während der Kolben von dem sich in dem Auffanggefäss wieder ansammelnden
Wasser gehoben wird strömt das in dem oberen befindliche Wasser durch die
Ventilöffnungen des Verbindungsrohres in den unteren Behälterteil
Der Kreislauf ist geschlossen Die Luft ist bemeistert und die Macht kommt
zu mir Einen Niagara bau ich an jedem Ort
Da brüllte der Wind und fasste mich und hob mich und hüllte mich in eine
stiebende Wolke Schnees und warf mich herab von der weißen HügelFrauenbrust
Und der Schnee der mich in kompakten heulenden Massen heimbegleitete höhnte
mir zu
Das Dings mit dem du uns meistern willst ist nur ein Gedankending ein
Bild und Wunsch
Ich bau ein Modell
So spottete der Wind blendete mich mit seinem stäubenden Schnee und trieb
mich blindlings durch rostbraune Gageln und Heckenrosen durch wirr verfilztes
Kreuzdorngestrüpp und langfingrige Holunderbüsche und ihr dürres vorjähriges
Hopfen und Winden und zähes Waldrebengeschlinge tiefer und tiefer in
raschelndes Schilf Da verblasste das Bild des Niagara an jedem Ort und mein
Garten schwand und triumphierend brüllte der Schneesturm über mir der ich
starr und ratlos in dem gespenstischen Klingeln des braunen Rohres stand
Dort hinten hinter den peitschenschlanken Binsen wo im Sommer die Mummeln
und Seerosen blühen nun warum denn nicht Der See ist tief und plaudert nicht
und sein Eis einen Strohhalm stark nun warum denn nicht
Aber ich riss mich fort und ging und lief und arbeitete mich eilends zurück
durch das jetzt unheimlich klingelnde Schilf und durch die Gageln und
widerspenstigen Heckenrosen
Und als ich wieder auf meinem Zimmer saß und meine Zeichnungen betrachtete
und in ihren Briefen blätterte und dann meiner Flucht gedachte die mich in
dieses Nebelland verschlagen hat verzweifelte ich an allem und sah totmüde zu
wie draußen der Schnee die zum Überwintern umgebogenen Rosen begrub
Weswegen bin ich nicht zu den Mummeln und Seerosen gegangen
Aber wenn der Garten verblasst und das Ziel mich nicht mehr selber treibt
soll etwas Anderes auf meinem Rücken die hurtige Peitsche schlagen Ich grabe
nicht umsonst in meiner Erinnerung ich bohre nicht zwecklos in meiner Wunde
In den drei folgenden Tagen lief ich vergeblich durch die Hafengassen und
suchte Tanzlokale und Schenken ab Sie blieb verschwunden Und zu der Freundin
bei der sie wahrscheinlich Tags über steckte wagte ich mich nicht hin Ich
trieb mich wahllos umher planlos seelenlos Eines Tages bändelte ich mit einer
Dirne an und nahm sie mit auf meine Wohnung Aber als sie anfing zärtlich zu
werden warf ich sie auf die Straße
Ich war nun von allen Mitteln entblößt ich konnte es aber nicht über mich
bringen die Stadt zu verlassen Schickte man mir Reisegeld so vertrank ich es
in einer Nacht und sonst wusste ich mir auf andere Weise Geld zu verschaffen In
den Augen der Welt was man so Welt nennt war ich ein moralischer Lump in
meinen nichts als ein elender Stümper Ich hatte eben den Halt verloren und ward
nun auch in dieser Beziehung zum Blatt im Orkan
Wäre ich damals zum Totschläger geworden um sie mir wenn auch nur für
Stunden wiederzugewinnen ich hatte ja zu mir gesagt Aber was ich jetzt tat
hatte keinen Sinn und führte zu nichts das machte mich klein und hässlich und
»schlecht« und entfernte mich damit nur mehr von ihr und meinem Ziel
Auf das einzig Richtige jedoch auf das was so nahe lag und das jeder
Knecht und Strassenfeger getan hätte ihrem Geliebten die Faust unter die Augen
zu halten du oder ich darauf kam ich nicht Und es war nicht Feigheit was
mich davon abhielt Es war das ratlose tatlose Staunen und Starrwerden das uns
vor dem unerwartet Unabänderlichen ergreift Wir fragen nicht einmal wie kam
das wie konnte das kommen wir staunen es an und sind starr und stumm
Dieses plumpe Wegangeln eines betrunkenen Mädchens eine eherne Tatsache und
etwas Unabänderliches und HändeLähmendes Nicht für alle aber für mich Nun
das versteht sich wohl von selbst du Narr Denn ich bin zu sehr Gedankenmensch
trotzdem ich den Gedanken hasse es fließt zu viel Hamletblut in mir und mein
Handeln kommt spät Und besonders spät musste es hier kommen weil ich als
denkender und nicht als im reinen Sinne liebender Mensch dieser Liebestatsache
gegenüber trat Hätte ich nur geliebt so hätte die Liebe schon ohne dass ich
überlegte und wollte mich über mich hinweg zu Taten fortgerissen Und ich
hätte dir dann nicht wünschen mögen mein Bürschchen mir unter die Finger zu
kommen
Und plötzlich einbrechenden ehernen Tatsachen gegenüber bleibt als einziges
dem bangen Herdenvieh und der ratlosen Masse der Glaube eine noch stärkere
eherne Tatsache durch Bitten zu ihrem Beistand zwingen zu können
Und ich konnte nicht warten bis die Starrheit in mir nachließ und mir
Raum zu Fragen und Überlegungen gab ich sank hinab in diese Masse
Ich habe in einer dieser Nächte gebetet
Gib mir ihre Liebe wieder und ich glaube fortan an dich
Das war das Blatt im Orkan katexochen das war intellektuelle und moralische
Verkommenheit das war seelischer Bankerott
Und als ich das erkannte wuchs mir der Preis meines Gartens o meines
stillen Gartens riesengross
Und fragst du mich hier du neugieriger Leser dem der Gott mag wissen
welcher Zufall dieses Blatt in die Hände gespielt hat aber fass es vorsichtig
an es ist mein blutiges Blut meine nackte Seele was stellte deinen Garten
dar bevor dich dieses Dirnchen liebte
Da war mein Rausch und Garten in den ich flüchtete vor dem Zwiespalt meiner
Welt der Glaube an die endliche Erkennbarkeit dieser Welt Der aber schwand
Denn ich verbessere mein Wort von damals wo der müde Wind unter den
leichenfahlen Wolken taumelte und die Maschinengewehre unaufhörlich ihre
feurigen Zungen in die Nacht spukten auch jenes Verfolgen der feinsten Fäden
der Kausalität auch die pure allerobjektivste Wissenschaft ist Rausch denn sie
glaubt
Der rauschlose Mensch der freie Mensch wie er sich gehört ist der der
der Unerklärbarkeit und vollkommenen Haltlosigkeit lachend ins Auge sieht der
sie keinen Augenblick vergisst der ihr zum Trotz lebt der in uferlosen Meeren
mit Freuden schwimmt der keines Ruheortes für sein kurzes Sonnendasein der
keines Glückes bedarf es müsste denn gerade sein Trotz und sein Wandern auf Eis
sein Glück sein Aber er nennt es nicht Glück er ist zu stolz man verschwendet
ihm dieses Wort auf zu Vieles und er verachtet Abendröten und Astern und blaue
Veilchenglücke Er sagt gebt mir noch uferlosere Meere noch kälteres Eis In
sein Auge möchte ich sehen aber wo gäbe es solchen Herrn der Welt
Wie würde er höhnen über das violette Glück meiner vegetativen Seele das
sich in windstille Gräben und Winkel drückt Wie würde er es mit seinen Füßen
beiseite stoßen und mit seinen Augen nach Firneneis und Gletschern suchen
Ich mache mich schon so klein und werde vor mir kleiner mit jedem Tag Aber
das ist einmal die Peitsche die mich treiben soll ich will wenigstens das
blaue Veilchen sein und nicht untergehen und verschwinden im Volk der Gräser und
in Rübenfeldern und zum andern das ist wie wenn ein Pilot sein Flugzeug
zerlegt um den Fehler zu finden der ihn vorzeitig zur Erde brachte
Ich mache noch einen Flug und mitten in die Abendglut hinein
Da kam sie eines Mittags zu mir ich weiß nicht ob auf Zureden ihrer
Schwester oder bestimmt durch einen Brief von mir die ich ihr täglich ins Haus
schickte Ich war in den Tagen abgemagert und sah wüst und verkommen aus Sie
ist frisch und unbekümmert wie stets Wann sieht eine liebende Frau auch wohl
schlecht aus Das Leben ist schön daran ist garnicht zu deuteln nur darf man
eben nicht selber drin stecken oder muss über ihm schweben doch das ist mir
eben versagt Ich muss in seinem Angelpunkt sitzend mich selber erst vergessen
und verlieren um seine Schönheit überhaupt bemerken zu können
Ich komme um dir Adieu zu sagen Wir wollen als Freunde auseinander gehen
Als Freunde Hahaha Als Freunde Du mein Freund Lass dich nicht auslachen
Aber sei wieder mein Lieb O Klaire lass dich bestimmen komm zur Vernunft
Denk doch einmal über dich nach
Was ist da viel nachzudenken Nein wir müssen uns trennen es muss sein Es
ist etwas geschehen ich könnte auch wenn ich wollte nicht mehr zu dir
zurück
Ich habe dir immer noch verziehn
Du warst eben viel zu gut zu mir
Da begann ich zu bitten zu betteln zu betteln wie ein Hund und erzählte
von der haltlosen Welt und dem Chaos in mir
Du Armer wie kann man nur Es gibt doch so viele Weiber und sie laufen dir
nach Warum denn gerade mich So n dummes Mädchen
Da begann ich die Schleusen meiner Beredsamkeit aufzuziehen wie ein sich
eine fette Pfründe erpredigender Pfaff
Aber es ist doch etwas geschehen Ich kann und darf es dir nicht sagen
wir dürfen nie nie mehr so ganz zusammen sein Und ich hab ihn auch gerne
Und dieser Mensch
Er sagte es mir auch gleich nachher Er hat mich doch so lieb
O du kleines Schaf Das hat er nur gesagt Gesagt um dich an sich zu
binden
Meinst du Nein nein Es ist so
Und deine Briefe Deine tausend Beteuerungen Dein ganzes Glück und neues
Leben von dem du mir immer schriebst
Ja jetzt liebe ich doch ihn
Wenn du so fortfährst bist du bald wieder auf der Straße
Du ich bin ihm treu geradeso wie ich dir treu war
O so wirst du noch dem Hundertsten treu sein
Aber ich kann doch nicht anders Es tut mir selber oft leid dass ich so sein
muss Ich muss zu ihm Du und er hat mich auch so lieb Herzchen sagt er
Sieh das ist eine Locke von ihm O komm komm es ist Zeit Lass mich gehen Und
zu den Andern sagen wir einfach wir hätten uns beide erzürnt Nicht Komm
Da versuchte ich sie zu küssen und begleitete sie dann nach der Wohnung
ihres neuen Geliebten Vor seiner Tür verabschiedete ich mich von ihr
Mannrausch nannten unsere Alten das Weib die Verführerin zum
MitFüßenTreten jeder Distanz zur Selbsterniedrigung par excellence nenn
ichs
Und doch ist dieses Kriechen im Kot die Hyperbel aller Weltbejahung Ein
famoses Leben das sich so bejaht und weiter führt
Ich verneine das Leben und doch benutze ich die Liebe die Bejaherin des
Lebens dazu um mir das Leben ertragbar zu machen Darin steckt der tragische
Knoten Und ist das Leben denn überhaupt wert dass wir nach seiner Ertragbarkeit
streben Doch das sind törichte Worte
Aber wie löse ich jenen Knoten Ich müsste mich zwingen sie so zu lieben
wie sie mich liebte Aber dadurch würde ich das Leben bejahen und sieh will
ich vielleicht das Leben verneinen will ich es als unerklärbar sehen will ich
im Haltlosen hängen
Ich frage nicht weiter das könnte mich zu bösen Schlüssen führen Ich lasse
die Hand davon
Ich bin über den Stadtwall gegangen wo ich zuweilen an Sommerabenden mit
ihr ging nun bin ich zurückgekehrt und sitze auf meinem Zimmer in dem noch das
Parfüm liegt das sie mit einem Mal in diesen Tagen trug und mein Geburtstag
ist just Sieh kam sie deswegen zu mir
Aber ich will mir eine kleine Feier machen Ich will mich ein wenig mit mir
unterhalten Und weswegen sollen es nicht einmal Verse sein
Aber das sind ineinander gefilzte und sich jagende Gedanken das sind mir zu
viel Interpunktionen die klettern mir an ihren Fragezeichen in zu krause
Labyrinthe Das sind mir miserable Verse
Merkwürdig wenn mich das einmal packt was sich Denken heißt dann lässt mich
das nicht mehr los und ich grabe mich wie ein Maulwurf ein
Gewiss er ist ein griesgrämiger Gesell und mag die Sonne nicht sehen Das
Volk sagt er ist blind und es hat so unrecht nicht
Und ebenso merkwürdig ist es dass mich das stets zu Schlüssen führt die
mich verkleinern
Gewiss vielleicht die Verzweiflung um der Verzweiflung willen oder das
Machtgefühl und der wohlfeile Selbstgenuss auf Trümmern zu stehen
So
Gewiss vielleicht auch die letzten Folgerungen der Begriffe selbst die zu
einer Zeit geschaffen wurden die mit der deinigen wenig gemein hat und die
jetzt aus irgend einem Grunde schärfer angefasst und zu Ende gedacht sich in
Nichts auflösen Und du fühlst dich verkleinert weil du den Gefühlswert der
ihnen anhing nicht mit überwinden konntest
Und du meinst in diesem Gefühlswert liegt eine Bejahung
Gewiss Aber lassen wir das Du zählst heute siebenundzwanzig Jahr ein Fazit
wollen wir nicht ziehen es soll ja eine Geburtstagsfeier sein und in die
Zukunft wollen wir auch nicht sehen es soll ja eine Feier sein wir wollen
von einem echten Geburtstagstema plaudern von der Ewigen Wiederkehr
Ich beginne an ihr zu zweifeln
Gelt ein verschämter Wunsch
Sie ist nur als Lehre und Erziehungsmittel als metaphysische Grundlage
eines Wertsystems von ihrem Lehrer aufgenommen und neu gepredigt
Gewiss
Und wenn letzten Endes sich alle Bewegung in Wärme verwandelt so ist es
unzweifelhaft dass schließlich die Kälte des Raumes sie frisst Woher sollte der
neue Anstoß kommen
Gewiss
Und wäre sie auch die Wahrheit an sich sie bliebe immer eine menschliche
Wahrheit Wir könnten mit der gleichen Berechtigung das Gegenteil vermuten
Gewiss und wenn wir unsere Vermutung nur glauben auch beweisen meinst du
So meinte ichs wir Wortanbeter und Tagsgespenster deren Geist nichts als
ein grundsuchender Anker ist
Nun dann ziehe den Schluss und durchhaue den Knoten den du dir da aus Liebe
und Verneinen geschlungen hast
Gib mir Zeit Einmal noch möchte ich in meinem Garten stehen Gib mir ein
viertel ein halbes Jahr Zeit und dann dann soll mir kein Gemsenjäger oder
Osterglockengeläute hindernd in den Weg treten
So Und wenn du dann so faul und weich mitten in deinem Garten liegst
Vielleicht vielleicht auch dann Aber einmal noch möcht ich die herbstende
Welt sehen Lass mir die Hoffnung Es ist ja mein Geburtstag just
Ich verlobe mich mit ihr Ich schreibe ihr ich biete ihr meine Hand Ich
heirate sie ich gehe noch heute mit ihr aufs Standesamt und wenn sie will
mache ich den Mummenschanz mit und lasse mich mit ihr trauen
Und ich schrieb den Brief
Und es liegt nicht an mir dass ich zur Stunde nicht Hausvater und
Winkeladvokat bin sondern in einsamen Nächten versuche in meiner heiligen
Narrenseele zu lesen und nebenbei die Luft bezwinge Aber es ist gut dass es so
kam Denn ich war im Begriff eine Sünde wider den heiligen Geist zu begehen
Denn jetzt begehrte ich nicht ihre Liebe welche für mich den Rausch darstellte
sondern ihren gesetzlich bestätigten körperlichen Besitz Geblendet und betäubt
durch die Furcht sie zu verlieren griff ich nach etwas was sie gar nicht war
Ich wollte den Trieb und griff nach einer menschlichen Klausel ich wollte
heiße mich wie eine wilde Welle überstürzende Liebe und rief jene Institution
zu Hilfe die ich der preußische Referendar nicht genug zu verachten weiß die
menschliche Gerichtsbarkeit
Ich habe mir nicht vorgesungen und vorgelogen dass mit der Zeit ihre Liebe
wieder erwachen würde ich wusste zu gut dass die jenem Bleichgesicht
nachflattern würde aber in der Verzweiflung ward ich zum Betrüger gegen mich
selbst
Ich hätte sie gewiss auf Händen getragen und wäre aus Sorge für sie zur
unheimlichen Winkelspinne geworden die den verschämten Klienten die sich in
ihre Höhle wagten den letzten roten Heller aus der Tasche gezogen hätte Aber
ob ich ihr liebes Spielzeug ihr Eigentum und Ding wieder geworden wäre
Und dass sie sich nicht fortwarf dass sie meine Hand die tausende ihrer und
nicht nur ihrer Art mit Freuden ergriffen hätten ausschlug beweist dass sie
der Trieb und die Welle war als welche ich sie liebte
Nun muss ich warten bis sie den Felsen den sie jetzt umschäumt zermürbt
hat und werde dann vor sie treten als ein Neuer als einer der die Luft
bezwungen hat und in seinen Händen die stoffgewordene Macht trägt das Geld
Denn als Schwächling ging ich von ihr und ein Weib wie ich es will kann
den nicht mehr lieben den sie um ihre Liebe winseln sah wie einen Hund
Fange ich nicht allmählich an auch dieser Episode meines taumelnden Lebens
dankbar zu sein Fange ich nicht allmählich an zu gestehen es ist gut dass
alles so gekommen ist Denn blickte ich nicht tief hinein in mich fand ich
nicht fest und klar umrandet den Ort auf dem allein mein Glück blühen kann
wuchs nicht in mir die Kraft schnurstracks und unbeirrt auf mein Ziel zu gehen
und bezwang ich nicht die Luft
Sehe ich nicht wieder dass nur der Schmerz der Freund des Menschen ist Oh
mein närrisches zerrissenes und immer wieder verharschtes heiliges Herz halte
fest an dich und gehe deinen Weg
An diesem Abend blieb ich zu Hause und ging früh zu Bett Eine kleine Ruhe
war über mich gekommen ein kleiner Hoffnungsschimmer schien und die Starrheit
wich Und jetzt drängten sich die Fragen hoch nach den Ursachen des Ereignisses
das uns so unerwartet überfallen hatte
Wie kam es dass sie jenen lieben und mich verlassen musste Verliess sie mich
weil sie ihn liebte oder liebte sie ihn weil sie mich verlassen konnte
Mit großen Flügeln flatterte wieder die Einsamkeit über mir und die Nacht
die draußen unter den Geisselhieben des Windes stöhnte und das Licht das
träumerisch singend auf meinem Nachttisch stand erbarmten sich meiner und
sprachen mit mir und halfen mir
Sieh du bist niemals eifersüchtig gewesen Begann jemand den du liebtest
einen Anderen zu lieben so hieltest du es für eine Dummheit deswegen jenem
Anderen zu grollen Und für ebenso dumm hieltest du es ihm zu zürnen wenn er
den von dir geliebten Gegenstand sich gewinnen wollte
Weil ich dann der ganzen Welt hätte zürnen müssen in deren Verknüpfung von
Ursachen und Wirkungen oder in deren Bedingteiten und Funktionen es lag dass
er ihn zu gewinnen suchen musste Und ich würde auch durch das Interesse das ich
ihm mit meinem Argwohn und Zorn gewidmet hätte sein unfreiwilliger
Bundesgenosse gegen mich geworden sein
Und für ebenso sinnlos hieltest du es deiner Geliebten gram zu sein wenn
sie begann einen Anderen zu lieben
Dann schloss er nämlich so sie ist jetzt nicht mehr die als welche ich sie
liebte Ich liebte sie als die mich Liebende nun aber müsste mir eigentlich ihre
neue Liebe und damit sie selber gleichgültig sein
Aber jedes liebende Weib verlangt die Eifersucht riefen mir beide unisono
zu
Und ihr seht dass ich nicht eifersüchtig sein kann
Sieh das ist wieder eine Verhedderung die aus dem Knoten folgt den du dir
knüpftest aus Liebe und Verneinen aus Denken und Gefühl
Darum sah ich es nie wenn sie neben mir mit dem und jenem kokettierte
Außer wenn du zu viel getrunken hattest
Wenn der Alkohol deine Überlegung eingeschläfert hatte liebtest du wie der
Pöbel
Dann liebte er geschlechtlich und da erwachte die Eifersucht
So ließest du es geschehen dass sie an dem Abend da du aus Kiel kamst mit
jenem Mondgesicht das da irgendwo vor seinem Bierkrug kauerte Blicke tauschte
Du fühltest dich ja so sicher
Und in jenen Tagen wo er sagte er ging seine arme Seele suchen und sich
betrank hat jener Andere irgendwo seine Liebste getroffen und der Bursche
mit seinem pfiffig dummen Bauerngesicht
seinem strohgelben Haar
und seinem fetten Bauch
und seinem Klappkragen und mecklenburger Hals wusste das was ihm sonst an
Anziehendem fehlte zu ersetzen dadurch dass er sich als den
Bemitleidenswürdigen gab
Er bestach nicht wie du Hansnärrchen so gerne tust er rührte sie
Er hat sie
die inzwischen unter dem Einfluss ihrer neidhündischen Freundinnen in jenen
missbehagten Tagen an ihrer Liebe irre ward
gleich gefesselt indem er ihr gestand dass er wegen einer widrigen Sache
aus seiner Verbindung gestoßen sei
bei den Mädchen kein Glück habe und von seinen Freunden gemieden werde
und nun völlig einsam dastände
Einsam riefen wir da im Chor als ob Einsamkeit verscheucht werden könnte
wenn man Menschen um sich sammelt Einsamkeit rühre uns keiner mit profanen
Händen an dieses Wort Der meisten Einsamkeit ist Langeweile
Dann hat er sie betrunken gemacht und mit sich genommen
und ihr am anderen Morgen gebeichtet er sei krank und durchseucht
Aber nur seine große Liebe habe ihn verleitet sich so weit zu vergessen
Das war alles so pöbelhaft plump und so maßlos gemein
aber für ein Mädchen wie sie ebenso maßlos interessant
Denn weißt du »man rühmt das Mitleid als die Tugend der Freudenmädchen«
Und weißt du mit der Möglichkeit, Mitleid zu üben gab er ihr schneller
eine Seele als du du Seelenschenker
O wie war er rührend interessant
Und ich war zu schwach dieses Interesse das er ihr eingeflößt hatte zu
übertrumpfen
Hättest du diesen miserablen Lumpen mit Fusstritten bedacht und wärst dadurch
als der Stärkere und noch Interessantere und wieder Neue vor sie getreten so
wäre sie dir selig in die Arme gefallen
Er erregte ihr Interesse und deine Schwäche war schuld dass dieses Interesse
zur Liebe ward
Und erst recht zur Liebe ward wo er routinierter Weise ihr die Wahl gab
zwischen sich und dir dir der um ihre Liebe bettelte und winselte und ihm
der trotz seiner Liebe und Verlassenheit zurücktreten und auf den Genuss
verzichten wollte denn du hättest sie ja so lieb
So liebte sie ihn also weil sie mich verlassen konnte
So ists Er war der neue Fels
Da schwiegen wir drei eine Turmuhr schlug und ein Schiff heulte im Hafen
Dann ward es still gespensterhaft still mit einem Schreck fuhr ich hoch da
begann wieder die Nacht zu stöhnen und träumerisch summte das Licht
Aber blieben denn gar keine Erinnerungen und Mahnungen in ihr
Die machte sie schweigen durch den Gedanken des Mitleids Sie sagte sich
ich will dem armen Verstossenen Stütze und Trost sein
er hat so wenig Glück bei den Mädchen und dir laufen die Weiber ja nach
Und er
Alles Berechnung Alles Manöver
Aber hatte nicht vielleicht auch er ein Bedürfnis nach Rausch War er nicht
vielleicht auch ein Sucher nach stillen Gärten Dann müsste ich dem glücklicheren
Leidensbruder der sich in allem Wirrwarr und Rätselsturm die unangekränkelte
Freiheit und skrupellose Rigorosität des Handelns bewahrt hätte die Hand
drücken und still beiseite gehen Aber Gerechtigkeit um jeden Preis
das ist auch ein Vacciniumtrank und zwar recht vulgärer Art
Nein der Garten den sie für mich darstellte war sie nicht für ihn Dazu
war er
zu dumm
Sein Rausch lag da wo Pöbelräusche liegen als da sind
Liebe Gott und Vaterland
Bildung und Bier
und anderes mehr
und vieles andere mehr
Er war aus seinem Kreis gestoßen
und zwar aus dem gleichen Grund weswegen du ihn hättest mit Fusstritten
bedenken sollen
nun gewann er sich mit diesem Grund ein neues Weib
und suchte bei ihr nichts als Unterhaltung und Vergessenheit Aber nicht
Vergessenheit wie ein ruhloses Gespenst sie sucht nicht Flucht und Rettung aus
einem uferlosen Meer
nein dieser perfide Hohlkopf Hohltopf war kein Blatt im Orkan
Ein trauriges Resultat das wir zu dreien hier finden
Aber wenn du nicht lieben kannst wie der Pöbel liebt mit Wut und
Eifersucht so lass die Hand davon trommelte der Regen an die Scheiben und
höhnte die stürmische Nacht und glotzte mich aus vergrämten Augen an
Aber ich brauche diese Liebe und kann sie nicht halten Der plumpste
Tölpel der schmutzigste Idiot stiehlt sie mir und ich stehe dabei
und bitte gib mir sie wieder
und frage wie kam es dass du sie mir nehmen konntest
und finde sie ging zu ihm weil sie zu ihm gehen musste
Eine wohlfeile Weisheit lachte die Nacht und klatschte mit einem Regenguss
gegen das Glas
Da löschte ich das Licht und wühlte mich in die Kissen und hörte noch wie
die Nacht vor dem Fenster flüsterte
Und ist dein Rettungsplan für dich nicht ebenso perfid wie der mit dem
sich jener bleiche Lump deinen Garten stahl Du rechnest darauf sie sei auch
nicht frei von der kalten Berechnung und Hochschätzung fauler Bequemlichkeit
die ihr euren Weibern angezüchtet habt Du hältst dich an dieses Ankertau Gib
acht es reißt Sie wird schon der Advokatenfrau die Geliebte eines
interessanten und skrupellosen Ausgewiesenen eines dummpfiffigen Lumpen
vorziehen Gib acht
Da fuhr ein heulender Schrei durch die Nacht über die Dächer an den Türmen
vorbei durch den Sturm und Regen und die glotzende Dunkelheit fuhr dreimal laut
um die Stadt um hoch über ihr in einem schmerzlichen Wimmern und Winseln zu
enden
Am Vormittag kam ihre Schwester zu mir
Sie ist zu Hause Geh hin aber mach schnell dass du sie triffst und lass
sie dann nicht los Wenn sie den Anderen wieder sieht ist alles aus
Da kleidete ich mich eilends an und lief durch die Hafengassen
Ihre Mutter öffnete mir
Verzeihen Sie dass ich so bei Ihnen hereinstürme Sie wissen weswegen ich
komme Haben Sie den Brief gelesen den ich Ihrer Tochter schrieb
Ja aber
Sie meinen meine Verwandten würden dagegen sein Das wird sich schon
machen Doch Doch Das geht Geben Sie mir Ihre Tochter Sie soll es gut haben
Wo ist Klaire
Sie zieht sich an
O sagen Sie ihr sie soll schnell machen Ich muss sie sehen Und das andere
das geht Das geht bestimmt O glauben Sie mir doch
Da sah sie mich mit einem merkwürdig klugen und bedauernden Blick an und
ging in ein Nebenzimmer und ich hörte wie sie drinnen mit Klaire sprach
Wird sie wird sie nicht Sie wird sie wird Du Narr sie wird dich
auslachen
Nach einer Weile kam sie nachlässig angekleidet im Unterrock und mit
offenem Haar über die Schultern und bloßen Arme hatte sie ein Tuch geworfen
Ihr Gesicht war gelblich und bleich graublaue Schatten lagen unter den Augen
und die oberen Fingerglieder ihrer linken Hand waren nussbraun vom
Zigarettenrauchen
Klaire
n Tag
Sie lächelte und setzte sich auf das Sofa ich saß auf einem Stuhl nebenan
und wollte ihre Hand ergreifen
Bitte nicht anfassen
Hast du meinen Brief gelesen Und was sagst du darauf
Sie lächelte wieder und schüttelte den Kopf
Klaire willst du nicht meine Frau sein Stoß dein Glück doch nicht mit
Füßen fort
So lachte sie und stieß einen Gummiball der auf dem Boden lag mit dem Fuß
fort
Nein nichts zu machen Und hör mal du musst nun aufhören mit solchen
Sachen Es wird Zeit dass du an zu arbeiten fängst
Bist du verrückt
Du verbummelst mir sonst Ja sieh einmal er ist erst drei Semester so
jung Du der weiß noch von nichts Und du Was denkst du eigentlich vom Leben
Du kannst dich doch nicht immer amüsieren
Ich mich amüsieren
Hast du vielleicht bis jetzt etwas anderes getan
Herrgott ich will ja für dich arbeiten Tag und Nacht
Ja um dich mit mir amüsieren zu können Nein nein es ist aus Tut mir
leid
Dann nestelte sie an einer Schnur ein Medaillon hervor das an ihrer Brust
hing und spielte damit indem sie es hochwarf und auffing und öffnete und den
gelben Haarbüschel küsste der darin lag
Du jetzt singen sie und sie nannte irgend einen Operettentext oder was
es war und begann ihn vor sich hin zu trällern
Klaire denk an unseren Sommer An Kiel Wie kann man das nur vergessen
Ich habe es nicht vergessen ich werd es auch nie vergessen aber jetzt
nein doch Es gibt doch tausend Weiber und ganz andere als mich
Da hast du recht
Aber es ist besser Sie gehen jetzt Es hat ja keinen Zweck
Du weißt nicht was du tust aber ich fahre morgen komm noch einmal zu
mir Heute Nachmittag ich bitte dich
Ja ich komme Adieu
Als ich die schmale Treppe hinunterging kam mir die grimmige Lächerlichkeit
meiner verunglückten Werbung nicht zum Bewusstsein Ich dachte überhaupt nichts
ich kam mir merkwürdig frei und leicht vor denn ich war wohl auf dem Wege
wahnsinnig zu werden
Als ich des Nachmittags an ihrer Wohnung vorüber ging stand sie am Fenster
und rief mir zu ich möchte sie in einer Stunde bei mir erwarten
Und als sie kam schlang sie die Arme um meinen Hals und legte ihren Kopf
auf meine Schulter
Nein ich darf dich nicht verlassen Aber willst du mich jetzt noch So wie
ich jetzt bin Deine Frau werden Lass es Liebling ich mache dich unglücklich
Du hast ja nun gesehen was für eine ich bin Aber ich kann einmal nicht anders
sein es ist ja grässlich dass ich so sein muss das ist oft so als wäre ich
garnicht ich als risse mich etwas mit aber ich will auch nicht anders sein
Sieh das war immer so wenn ich an dich denke dann muss ich weinen Das war
meine ganze Liebe Mach es doch wie es alle machen die amüsieren sich und
nachher werden sie vernünftig
Ja mein Amüsement und Vernünftigwerden ist eben eigener Art Mein
Vernünftigwerden ist gerade der Entschluss nie aufzuhören »mich zu amüsieren«
Ach dass du mich nicht verstehen kannst Aber du darfst mich ja nicht verstehen
ich will dich ja ganz so wie du bist
Aber dann trieb mir die Hoffnung des Glücks die Worte wie die Wasser eines
Springbrunnens hoch und sie lag wieder mit träumenden Augen wie sonst an meiner
Brust und küsste mich wie sonst und vergoss viel Freuden und Reuetränen und
versprach mir alles was ich wollte und gab alles zu und wir verabredeten dass
ich am nächsten Morgen fahren und sie mir in vier Tagen nachkommen sollte
Aber was wird Herzchen sagen Der weint sich tot Du ich muss ihn um acht
Uhr treffen
Klaire
Doch das muss ich
Gut dann bereite ihn langsam vor
Sie küsste mich und da es acht Uhr wurde ging sie und ich war so dumm und
ließ sie gehen
Nun bin ich wieder allein die Nacht liegt schwarz und lauernd vor dem
Fenster und die Lampe will jeden Augenblick ihren monotonen Singsang in bittere
Worte verdichten
Aber ich zünde mir eine Zigarette an da verschwindet das beängstigende
Lauern der Nacht und der monotone Singsang der Lampe ist nichts als ein
glimmender Petroleum fressender Docht
Aber der narkotische Rauch verfliegt und nach einer Stunde packen sie mich
doch
Sollte das wirklich keine Berechnung sein Sollte das Liebe sein aus
Mitleid
Aus Mitleid geliebt bis dahin fiel ich nicht das danke ich mir Aber es
ist ein bitterer Dank
Aber hätte ichs ihr denn wehren können Hätte sie nicht wenn ich diese
Liebe aus Mitleid abgewiesen hätte mich noch mehr geliebt Und mich am Ende
doch bezwungen wie die Welle den Fels
Oder sollte sie mich doch noch lieben wie einst ihre Reue echt und meine
Überlegung von gestern und was die hämische Nacht und dies neidische Licht mir
einflüsterte Wortkram nichts als Wortkram sein
Am Ende wusste ich mich aus den Fragen und spinnfadenfeinen Abwägungen nicht
anders zu retten als dass ich mich an die vier Worte klammerte und sie gleich
einem irrsinnigen Lamaisten gleich einem Gebetfähnlein das auf einer steinigen
Halde ruhlos seine vier heiligen Worte in die Winde knattert ewig wiederholte
ich habe dich lieb om mani padme hum
Das war auch ein Rauschtrank aber einer der nicht recht trunken macht von
ihm aus kann ich keine Abendröten bauen aber er war von dem Tage an mein Halt
bis heute wo ich die Luft bezwang und nun bald ausgehen werde mir meinen
echten schweren Trank zu holen du wilde sprühende gischtende mich weich
begrabende Welle du wirst mich schon finden denn ich fange an das »ich habe
dich lieb« zu überwinden und wieder ein Fels zu sein
Nun liegen die Zeichnungen fertig vor mir die Patentansprüche für jeden
Teil auch für den Nebenbehälter in den die Druckpumpe das Wasser presst und aus
dem es ein Heber entfernt sind aufgestellt an einen Feinmechaniker wandte ich
mich schon der soll mir das Modell bauen und dann suche ich mir Kapitalisten
und Banken zu gewinnen Und dann halte still mein Herz
Das war heute des Morgens um Acht und totenstill Dunst umlagerte den Himmel
und Dunst lag über dem Schnee über den das Auge streifte kaum einen Steinwurf
weit Die Stille aber die hinter dem Dunst lauerte und ihn und mich umkrallte
wie eine Schlange oder ein Ring langte zuweilen mit der Hand hervor und stieß
einen Kiefernzweig an auf dass er eine Hand voll Schnee mit einem unterstickten
dumpfen Ton und einem nachfolgenden heimlichen Rascheln fallen ließ und wir ihre
Nähe nicht vergässen
Das war des Morgens um Acht und so totenstill wie damals als die Einsamkeit
in mein Fenster kletterte
Die Quecksilbersäule mag einen Strich unter dem Nullpunkt gezeigt haben
aber die Luft deuchte mir warm und der Schnee reichte mir stellenweis bis zum
Knie Ich watete und watete in ihm und wollte nicht fort kommen vom Ort meine
Glieder waren wie von Blei und mein Atem ging schwer und ich wusste nicht wohin
wozu
Ich blieb stehen ich zeichnete mit dem Stock in den Schnee und als ich
hinsah wars ein großes N da zuckte es in meinem Arm der Ring der Stille
stieß mich wohl an und als ich wieder hinsah stand da ein großes NICHTS Da
legte ich mich in den Schnee und lag so lange da bis die Stille leise zu mir
trat Hinter dem Stamm einer Kiefer unter der ich lag trat sie hervor weiß
und vergrämten Gesichts und sah mich sinnend an Dann begannen wir miteinander
zu reden müde und gleichgültig wie zwei Greise von einer fernen Zukunft reden
Soll ich Soll ich nicht
Wir führten gelassen Gründe und Gegengründe vor aber da ich gegen die drei
Gründe Das ist das Leben das den Rausch erfordert und dir die Kraft nicht
gibt den Rausch zu halten und weißt du denn ob du nun trotz allem der Fels
sein wirst und wenn wie lange du der Fels sein wirst und weißt du denn ob du
überhaupt für sie noch der Fels sein magst und kannst da ich gegen die
nichts aufzuführen wusste streckte ich mich aus und wollte die Augen schließen
In dem Augenblick trat die Sonne aus den Dünsten trüb und orangerot und
sah mich an Lange sahen wir beide uns an nachdenklich wie man vor dem
Abschiednehmen nachdenklich ist
Ich zürne dir nicht Ich bitte dich nur fortan mich schlafen zu lassen
hörst du ewig schlafen zu lassen Du missfarbene Apfelsine
Von der Kiefer unter der ich einzuschlafen begann fiel ein Ballen Schnee
auf meine Nase Eine Hand voll weißer kalter Kristalle von dem frohen Gesang
eines Zaunkönigs aus der Ruhe gebracht und von der Schwerkraft bewegt diese
plumpe Tatsache und elegante Formulierung des Rätsels das hinter Allem liegt
und lauert und wie ein Harlekin lacht führte mich dem Leben zurück
Danke ichs ihr Dank ichs ihr nicht
Und müde stapfte ich wieder durch den Schnee der reichte mir stellenweise
bis zum Knie Es war so still und meine Glieder waren schwer wie Blei
Ein Schwarm Krähen zankte sich um einen Fleischbrocken den der Jagdaufseher
zum Vergiften der Füchse ausgelegt hatte und die Spuren der Hasen und Wiesel
die über den Weg in die Felder liefen sahen hellrot in der orangefarbenen Sonne
aus
Jetzt bin ich heimgekehrt und fahre in meiner Erzählung fort es ist nicht
mehr viel zu erzählen
Ich fuhr am nächsten Tage nicht sondern ging nach dem Mittagessen zu ihr
Ihre Schwester und deren Liebhaber waren im Zimmer und sie stand vor dem
Spiegel und machte sich fertig zum Ausgehen
Du noch hier Ich dachte dich schon lange fort
Ich musste dich noch einmal sehen Kannst du nachher
Nein nein ich habe keine Zeit
Und gestern
Ja ja Ich gebe dir mein heiligstes Ehrenwort dass ich nachkommen werde In
vier Tagen Aber jetzt lass mich
Da pfiff jemand unten wie man einem Hund pfeift
Da ist er schon
Und ich trat mit ihr ans Fenster und sah meinen Gartendieb und Practicus
lumpacius der mit verlorenen Kouleurringen und Spirochäten sich ein Weib
gewinnt auf der Gasse stehen Im schwarzen Überzieher den Kopf zwischen die
Schultern gezogen und rund und feist wie ein sorgloses Schwein stand er da und
blinzelte herauf
Der ist doch nicht hübsch sagte ihre Schwester
Ich finde ihn aber hübsch
Dann hastete sie und eilte ohne mich eines Blickes zu würdigen fort
Kein Zweifel sie »liebt« ihn
Ich blieb noch eine Weile und sprach mit ihrer Mutter und Schwester und
deren Liebhaber und ließ mir von ihnen versichern alles für mich zu tun Dann
ging ich auch
Und fuhr nach jenem Gehölz wo die Schiessstände sind und im Sommer das
blassgelbe Leinkraut blühte dessen Unterlippen so rot und trotzig sind wie
reiner Frauen Lippen Ein Gartenlokal lag dort und es sollte da an dem Abend
getanzt werden So hoffte ich sie hier noch einmal zu sehen
Und als der Tanz begann setzte sich ihr Geliebter auf eine Rampe die da im
Saal war hockte dort krumm und zusammengekauert freute sich diebisch und sah
ihr aus seinen Schweinsäuglein nach wenn sie an ihm vorübertanzte
Als sie beide herein kamen hatte er mich tief begrüßt während sie mich
erstaunt ansah und leicht mit dem Kopf nickte Dann setzten sie sich so dass sie
mir den Rücken zuwandten sie lehnte ihren Arm auf den seinen und er vergaß
nicht unaufhörlich neuen Likör für sie anfahren zu lassen
Ich sah zu und blieb tatlos sitzen
Noch einmal tanzte sie an mir vorbei sie tanzt so leicht Ich trank noch
einen Blick aus ihren Augen die mich in diesen Tagen so starr ansehen und log
mir vor heute etwas wie Kummer in ihnen zu lesen vergiss mich doch ich muss ja
so handeln ich bin wie die Welle Dann ging ich fort und wusste sie wird
nicht kommen denn sie kann es nicht hier ist etwas gegen das alles Bitten und
Lieben und Wollen machtlos ist
Die Herbststürme waren auf dem Meer erwacht und streiften nun mit ihrem
tobenden Wirbel die Küsten und holten sich das letzte braune Laub und spielten
Fangball mit ihm auf den Feldern Aus den zerrissenen Wolkenbrocken lugte der
Mond und glitzerte auf den Pfützen wie Katzengold Ich grub die Hände in die
Taschen und ging fürbass Der Lindenweg wars auf dem wir an jenem Juliabend
gingen und sterben wollten
An einer Weghöhe wo der Wind gleich einem jagenden Reitergeschwader über
ihn setzte blieb ich stehen und sah ihm ins Gesicht In dem bleichen Licht
dämmerte zur Linken der Wald wo damals der Sommer um uns duftete und der
Leuchtturm von Warnemünde wie ein kleiner weißer Strich am Himmel stand Jetzt
tastete er mit seinen langen Lichtfingern über die schwarze See die fahlen
Wolken und die windzerzausten Wälder und spielte auf ihnen seine wüste
Rhapsodie
Dröhnender setzte das Reitergeschwader an mir vorüber Regenböen ihre
flatternden Fahnen und unter ihren brausenden Hufen stoben die Blätter Mir
wars als stöbe und rollte und flatterte ich mit ein verdorrtes zerknittertes
windzerfressenes Blatt
Ein trübes Licht rot und drohend hing und zuckte über der Stadt Das wird
eine böse Nacht die wird keinen braunen Mohnsaft auf mich gießen
Ich irrte noch manche Stunde in den Straßen umher bis ich merkte dass ich
vor dem Hause ihres Geliebten stand in dessen Zimmer bis in den Morgen das
Licht brannte
Des Vormittags um Zehn da es leicht gefroren hatte fuhr ich ab
Es war inzwischen November geworden In einer westdeutschen
Universitätsstadt schlug ich mein Heim auf und wusste in den Tagen nichts
Besseres zu tun als Tag für Tag ihr zu schreiben Viel unglaublich närrisches
Zeug schrieb ich da Und sonst sah man mich ruhlos auf den Straßen laufen oder
stumpfsinnig in Kafés hocken oder ich brütete schwermütig auf meinem Zimmer und
war nichts als ein Spuk und mein Name
Als der vierte Tag kam wusste ich dass er sie mir nicht bringen würde Aber
ich schmückte mein Zimmer mit Blumen und putzte sogar einen alten Schläger
blank dann erwartete ich sie zu dem Zuge den ich ihr angegeben hatte Sie kam
nicht und auch keine Antwort kam Ich schrieb und schrieb in diesen Tagen hing
der Wahnsinn über mir und betastete stündlich mit seinen weichen Fingern mein
Haupt Von ihrer Schwester erfuhr ich schließlich dass sie krank bei jener
Freundin läge So war es denn aus Aber ich schrieb weiter Tag um Tag und
stärkte dadurch nur ihre Liebe zu jenem Andern Und da keine Antwort kam
schickte ich auch diesem einen Brief in dem ich an seinen Edelmut appellierte
und ihn bat sie frei zu geben da ich sie zu meiner Frau machen wolle
Aber als ich mich am nächsten Morgen im Spiegel sah kaufte ich mir eine
Hundepeitsche und reiste mit dem nächsten Zug ab um in dem Anblick der
Striemen die ich in sein Gesicht peitschen wollte mich wieder vor mir rein zu
waschen Doch in Bremen stieg ich aus und fuhr mit dem andern Zuge der da schon
wartete wieder zurück
Ich sehe mich ja in diesem Handel mit den Augen an mit denen jener Lump
mich ansehen muss und erhöhe ihn noch mehr wenn ich mich in den seinigen
rehabilitieren wollte Der Erfolg dieses Briefes der nichts ist als ein
ratloses Flehen an ein imaginäres Ding von Edelmut der nichts anderes ist als
jenes Gebet gegenüber einer ehernen Unerbittlichkeit und der nichts anderes ist
als das Zeichen meiner völligen Zernichtung wird nur der sein dass ich ihre
Liebe zu ihm nun zu hellen Flammen geschürt habe
Aber als ich von dieser Fahrt heimgekehrt war konnte ich nicht mehr mit mir
allein sein ich musste meine Bekannten aufsuchen und des Nachts verbannte ich
meine entsetzliche Einsamkeit durch das Lesen von Spukgeschichten und lasziver
Literatur
Und die Antwort auf dieses Alles war dass mir eines Abends ein Kuvert
gebracht wurde in dem auf einem halben Briefbogen mit Bleistift wörtlich
geschrieben stand
»Möchte dich bitten nicht mehr zu schreiben Ich habe mich gestern so
mit mein Verhältnis verkracht und möchte mich doch nicht erzürnen So
lieb du mich hattes so unglaublich bin ich jetzt in Herrn verliebt
Es ist so schlecht von mir aber ich kann nicht anders Also unterlass
das Schreiben«
Als ich das gelesen hatte kniff ich die Lippen zusammen und begann da ich
das Gefühl hatte als müsste ich jeden Augenblick aufbrüllen wie ein gequälter
Stier unaufhörlich zu trinken aber ich ward nicht trunken es war als hätte
ich ein Viperngift eingenommen Am nächsten Tage flüchtete ich in dieses Dorf
jenseits der Hyperboreer und vergrub mich hier während der Dezembernebel vor
meinem Fenster hing und nicht rücken und weichen wollte dieser Bauch der
Schwermut Und ward stumm wie ein Fisch und unfassbar wie ein Gespenst Bis der
erlösende Frost und Schnee kam und mit ihnen der Gedanke Herr zu werden über
die Luft und der Wille wieder ein Fels zu sein Geschrieben habe ich ihr in
diesen Tagen nicht mehr ich will den Felsen nicht weiter stärken und die Welle
bei ihrer Arbeit nicht hindern
Zwei Monde sitz ich nun hier und in einem Mond bezwang ich die Luft
Während ich mich selbst zerschnitt erkannte ich mein Ziel und im Schmerz fand
ich den Weg zu ihm
Mit Wissen und Willen gehe ich nun abseits Ich kenne nicht das was auf den
Straßen schreit ich kenne nicht das was von den Katedern fließt ich kenne
nicht das wovon die Weisheit der Welt träumt ich kenne nicht das was der
Gedanke spinnt was der Zweifel glaubt und der Glaube zweifelt ich kenne nur
das was der Körper fühlt und das Auge sieht Am Meer wollen wir wohnen dort
wo es am reinsten ist und dort will ich dein sein dein süßes Spielzeug und
lieber Tand Unter einem Ölbaum in unserem Garten wollen wir sitzen und auf das
Meer sehen das noch blauer ist als der Himmel über ihm Des Nachts aber soll
dein Haupt wieder in meiner Schulter ruhen und kein hässlicher Traum über deine
kleine Seele gehen Und leise rauscht das Meer der Himmel wölbt sich über ihm
Stern an Stern und eine weiße Möwe schwimmt zwischen Himmel und Erde still
ist die Welt und schön wie ein Traum
Nun sind die ersten lauten Briefe über meine Erfindung in die Welt
geschickt Ein Mechaniker ist mit seiner Werkstatt nebenan und baut das Modell
Heute Mittag langten die Antworten an das Geld liegt bereit Die Arbeit
die widrige beginnt Das Reden und Überlegen mit Menschen deren Reden und
Überlegen mir fremd ist das Anstrengen und Rechnen und Tüfteln und Kombinieren
das Erwerben um des Erwerbens willen das mir alles von Herzen widersteht Aber
im breiten Strom strömt schon die Macht zu mir leise hör ich ihr Rauschen
Und diese Blätter die ich in zwei Monden schrieb um acht böser Wochen Herr
zu werden die werden wir am Ostersonntag wenn sie lachend und weinend in
meinem Arm liegt Bogen auf Bogen zu einem Scheiterhaufen aufbauen und mit ihnen
das halbe Jahr verbrennen das über unsere Liebe fiel wie ein Spuk und Reif Sie
sollen nicht leben bleiben denn ich fürchte es ist neben der Narrheit zu viel
Selbstbetrugs in ihnen sie sind wahr wie nur ein Ding wahr sein kann aber nur
für den der sie schrieb und nur in den Stunden in denen sie geschrieben sind
Schon jetzt wenn ich in ihnen blättere kommen sie mir vor wie eine fremde
unheimliche Welt
Der Januar geht die Tage werden schon länger und unter dem Schnee lauert
der Lenz er kommt er kommt
Und nun die Frage die über mich entscheiden soll und die ich bisher
niederhielt weil ich sie niederhalten musste
Wie ist es mit dem Rausch Sollte die Möglichkeit die Fragwürdigkeit der
Welt zu vergessen in interesseloser Anschauung und passivem Genießen das ist
mein Rausch wirklich für mich gebunden sein an das Bewusstsein, von einem
Dirnchen geliebt zu werden von dem ich fürchten muss dass es mich in jeder
freien Stunde betrügt
Sollte diese Verkettung wirklich vorhanden und notwendig oder gar nur
möglich sein Könnte da nicht eine Selbsttäuschung liegen ein zufälliges
zeitliches Zusammentreffen das ich mir kausal gedeutet habe
Ich will nur nach der Möglichkeit dieser Verknüpfung fragen
Mein Wille kommt in ihr als in dem entgegenkommenden eindeutigen Trieb zur
Ruh Aber auch mein fragender suchender Geist
Flüchtet auch er vor dem Vieldeutigen zu ihr Der Geist zum Trieb Zum
Willen Sollte er nicht vielmehr Ruhe finden in einer Formel einem Symbol und
Bild Und sollte sie der unzweideutige und in seinen Äußerungen doch so
mannigfache und rätselhaft schillernde Trieb für ihn ein Symbol sein
Ein Symbol für die Eindeutigkeit der vieldeutigen Welt an deren Bunteit
und unendlichen Rätselhaftigkeit er sich nun da er sich ihrer Eindeutigkeit
bewusst bleibt erst erfreuen kann
So kann es sein
Ein Fehler bleibt trotzdem Denn ich sehe keinen Grund weswegen der Geist,
den ich zwar nicht ohne Absicht zum Diener des Willens gemacht habe gerade
in demselben Gegenstand sein Symbol sehen muss in dem sein Herr zur Ruhe kam Er
könnte in jedem fremden Gewächs und Tier das Symbol sehen Warum gerade in ihr
Warum gerade in dem liebenden Weib Warum gerade im Trieb Warum gerade im
konzentriertesten Leben
Und bedarf er überhaupt des Symbols Ist für ihn dieser Umweg nötig Kann
nicht für ihn die einfache Erkenntnis wenn sie in ihrem Ausdruck und nicht
nur in ihrem Ausdruck auch immer bildlich bleibt genügen
Und bedarf er des Symbols doch so kann ich höchstens ein zufälliges
Zusammentreffen beider Richtungen des ruhesuchenden Willens und symbolsuchenden
Intellekts in jenem einen Wesen annehmen ein zufälliges Zusammentreffen im
Knotenpunkt des Lebens
Aber zufällig das heißt hier und in meinem Mund soviel wie eine Flucht zum
Glauben und Wunder Hier steckt der Fehler Die Möglichkeit der Verknüpfung ist
da aber meine Deutung dieser Möglichkeit ist falsch
Und der Fehler steckt in der Trennung von Körper und Geist von Wille und
Intellekt wie er ebenso steckt in jenem Knoten den ich mir geknüpft haben
wollte aus Denken und Gefühl ich brauche ihn garnicht so gewaltsam mit Pulver
und Blei zu durchhauen er steckt in meiner Trennung von Ich und Welt er
steckt in meinem Rausch und meinem Bedürfnis nach Rausch er steckt in meiner
Müdigkeit die doch zugleich etwas Aktives heftig Abwehrendes ist er steckt in
meiner Schwäche die doch auch meine Stärke ist in meiner Krankheit die doch
zugleich meine Gesundheit ist in meinem Pessimismus der andererseits
Optimismus ist er steckt in meiner ganzen Haarspalterei der Liebe in dem
SichselbstAufgeben und Auflösen das doch gerade so gut ein gewaltsames
Zusammenraffen und Konzentrieren ist in meinem Wunsch geliebt zu sein der aber
seinerseits keine Liebe sein will in meiner Liebe die keine sinnliche sein
will aber doch Liebe ist zu der mich sinnlich Liebenden er steckt in allen
Begriffen mit denen ich bisher operierte denn er steckt in der Sprache
selbst die willkürlich trennt und Grenzen setzt wo alles grenzenlos ist und
fließt die die Dinge meistern will während sie von den Dingen getrieben wird
die Dinge haben eben keine Grenzen es ist alles Bedingteit Verkettung und
Strom das Denken ist Stückwerk und Dunst und ewige Gefahr das Wort ist Trug
und die Schrift ist Gift der Satz ist eine Schlange und giftige Verführerin und
das Buch ein Knäuel von ihnen Bild und Körper das ists und die goldne Ruh
Und so ist es gut dass ich nicht nötig habe weil es zwecklos ist über
die Möglichkeit dieser Verknüpfung und die Tatsächlichkeit des Rausches weiter
nachzugrübeln Zwei Augen blau wie die See die Locken blond wie Gold und ein
Gesichtchen geschnitten zart wie das einer Gemme das sei das Ziel der Wunsch
der Trieb das Glück die Ruh der Frieden
Über den verschneiten Feldern schwindet der Tag und hinter dem letzten
Hügel der da aufragt wie eine volle Frauenbrust ging die Sonne und wirft
flockigen Schaum auf Der stäubt in bleichem Pfirsichrot über das Meergrün des
Himmels Der Wind schweigt und die Kälte kommt still ist die Welt schläft
sie stirbt sie vielleicht Aber auf purpurnen Fittichen leuchtend und brausend
fliegt mein Sehnen über ihr mein leuchtendes brausendes Sehnen die wieder zu
umarmen die meines Lebens Glück und Elend ist
Am Tage vor Ostern fuhr er nach seiner früheren Garnison Aber er sah sie
nicht mehr die er suchte sie hatte sich und ihren Geliebten nachdem sie auch
ihm untreu geworden war vor einigen Wochen erschossen So irrte er den Tag über
in den Straßen umher und erhängte sich gegen Sonnenuntergang draußen in einem
Gestrüpp Dort fand man ihn Seine Taschen waren voll von Wertpapieren und zu
seinen Füßen lagen diese Blätter vom Nachtwind über das Gras gestreut an
dessen Halmen der Tau in hellen Tropfen hing
Dann rollte die Sonne herauf und die Drehorgel ging ihren alten Gang
Ende