Franziska Gräfin zu Reventlow
Der Geldkomplex
Meinen Gläubigern zugeeignet
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Meine liebe Maria
Aus einem eindringlichen Brief von B der mir durch das Konsulat
nachgeschickt wurde sehe ich dass man sich um meinen Verbleib beunruhigt
Es nahm sich vielleicht nicht gerade freundschaftlich aus dass ich so
spurlos verschollen bin und auf nichts mehr antwortete hab noch nachträglich
vielen Dank für Deine verschiedenen Briefe aber glaube mir es geschah zum
Teil aus zarter Rücksicht Erwarte nur ja nicht dass die hiermit wieder
eröffnete Korrespondenz von allzu erfreulichen Tatsachen handeln wird
B meint und Ihr anderen am Ende auch ich hätte längst die berühmte
Erbschaft angetreten und damit das Weite gesucht Nein das stimmt nicht der
alte Herr ist ja noch nicht einmal tot Aber jedenfalls kann es nicht lange mehr
dauern und das ist einer von den Gründen weshalb ich hier bin bitte
erschrick nicht in einer Nervenheilanstalt oder sagen wir lieber Sanatorium
das klingt immerhin noch etwas milder
Sanatorium ich seh Dich und mit Dir alle die anderen verständnislos den
Kopf schütteln Ich bin auch nicht nervenkrank nicht einmal besonders nervös
ich habe nur einen Geldkomplex
Ich hoffe zu Gott Du weißt was ein Komplex in diesem nämlich im
patologischen Sinne bedeutet Etwa so verdrängte nicht ausgelebte Gefühle
Triebe und dergleichen die sich ich glaube im Unterbewusstsein zusammenballen
und einem seelische Beschwerden verursachen Es handelt sich da um irgendeine
neue Nervenheilmetode die man Psychoanalyse nennt Erfunden hat sie der
bekannte Professor Freud in Wien dies nur damit Du verstehst weshalb ihre
Anhänger Freudianer heißen Man möchte sonst glauben es bedeutet irgend etwas
besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes
Aber es gibt eine Menge Leute die Dir das besser auseinandersetzen können
als ich und ich rate Dir Dich lieber an diese zu wenden Ich selbst hatte auch
bisher von diesen Geschichten keine Ahnung und würde mich absolut nicht dafür
interessieren wenn nicht ein Freudianer meinen Geldkomplex entdeckt hätte
Es gibt gewiss nichts Faderes als seine eigene Leidensgeschichte zu
erzählen und ich erzähle im ganzen lieber Freudengeschichten Die
Nervenheilanstalt hat aber sicher in Euren Augen etwas so Blamables dass ich
mich doch rechtfertigen und Dir den trüben Hergang näher erzählen möchte Du
musst halt Nachsicht haben wenn ich dabei etwas weitschweifig und manchmal
konfus werde
Liebe Maria wir haben uns letztes Jahr wenig gesehen da Du meist fort
warst aber Du weißt dass mein Dasein schon vorher nur noch eine einzige
wirtschaftliche Krisis war Wie oft habt Ihr in Eurer Verblendung meinen
Optimismus und meine Todesverachtung bewundert mit Unrecht denn gerade das
ist mein Verderben gewesen Ich habe die Sache mit dem Geld niemals ernst genug
genommen ließ es so hingehen und dachte es würde schon einmal anders werden
Kurz um mich im Freudianerjargon auszudrücken ich habe es entschieden ins
Unterbewusstsein verdrängt und das hat es sich nicht gefallen lassen Bitte
haltet mich nicht für ernstlich gestört aber ich bin tatsächlich dahin
gekommen es das Geld als ein persönliches Wesen aufzufassen zu dem man
eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat Mit Ehrfurcht
und Entgegenkommen könnte man es vielleicht gewinnen mit Hass und Verachtung
unschädlich machen aber durch liebevolle Indolenz verdirbt mans vollständig
mit ihm Und das muss ich getan haben ich ließ es kommen und gehen wie es
gerade kam und ging ach der verfluchte Optimismus den Ihr so nett gefunden
habt Als ich dann merkte dass es anfing sich immer feindlicher gegen mich zu
stellen habe ich es gelockt bin ihm nachgelaufen aber es war schon zu spät
es wollte nicht mehr
Also die wirtschaftliche Krisis erreichte einen nie geahnten Höhepunkt Du
hast ja oft genug bei mir gewohnt Maria und kennst das aus eigener Anschauung
die Wohnung ist gekündigt jedes menschenwürdige Einrichtungsstück gepfändet
oder schon auf Nimmerwiedersehen abgeholt es klingelt beständig aber man
macht nicht mehr auf jedes Poststück das ins Haus kommt beginnt Im Namen des
Königs usw Trotzdem tauchen immer neue Leute auf die Geld wollen Geld
Geld und noch einmal Geld Die ganze Atmosphäre bekommt etwas Überhjetztes
Widernatürliches schwirrt von abnormen Anforderungen Es ist einfach nichts da
und doch hört sieht liest und erfährt man nichts anderes mehr als dass jeder
sein Geld haben will
Du hast dann manchmal behauptet es ginge bei mir wie in den
Lesebuchgeschichten wo fromme Leute eine Kirche oder dergleichen nützliche
Dinge bauen wollen ohne jegliches Kapital aber mit unerschütterlichem
Gottvertrauen Schon wollen sie verzweifeln richten aber gläubig den Blick gen
Himmel sieh da klingelt es und ein anonymer Wohltäter schickt eine
unwahrscheinliche Summe
Das war einmal das war manches Mal aber eben bei jener letzten Krisis
war keine Rede davon Die Wohltäter waren ausgestorben verschwunden verreist
erzürnt oder nicht mehr zu haben Ich hatte auch das blinde Gottvertrauen nicht
mehr und fühlte dass die Kluft die sich zwischen ihm dem Geld und mir
aufgetan hatte nicht mehr zu überbrücken war Es begann sich an mir zu rächen
und das Infame an dieser Rache war dass es mich nicht nur mied sondern eben
durch seine völlige Abwesenheit alle meine Gedanken und Gefühle ausschließlich
erfüllte mich vollständig in Anspruch nahm und sich nicht mehr ins
Unterbewusstsein verdrängen ließ
Es gibt Momente wo Leute anfangen zu beten Und es gab einen Moment wo ich
anfing zu rechnen blind und inbrünstig zu rechnen Ich rechnete beim Aufwachen
und beim Einschlafen rechnete wo ich ging und stand rechnete all die Summen
die ich brauchte in meinem früheren Leben gebraucht hätte und späterhin
brauchen würde zusammen und wieder auseinander kalkulierte alle vorhandenen
und nicht vorhandenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in der Gegenwart
Zukunft und Vergangenheit
Mein ganzes Leben zog wieder an mir vorüber bis in die kleinste pekuniäre
Einzelheit ich sah ein dass ich niemals genug Geld gehabt hatte und
voraussichtlich nie genug haben würde alle verdrängten Begehrlichkeiten alle
gescheiterten Luxusträume wachten wieder auf alles was ich jemals hätte tun
oder kaufen mögen und nicht getan oder gekauft hatte gaukelte mahnend vor
meinem inneren Auge und so ging es fort bis ins Endlose
Dass man in dieser Verfassung nicht sehr umgänglich ist kannst Du Dir
denken Ich fühlte denn auch dass die Bekannten kein besonderes Vergnügen mehr
an meinem Verkehr hatten Sie fanden mich langweilig präokkupiert und zitterten
vor Geldansinnen Darin hatten sie auch vollkommen recht denn war ich mit
Menschen zusammen so tat ich im stillen nichts anderes, als sie taxieren und
geeignete Momente abwarten um sie zu einer Anleihe einer Schiebung oder
Unterschrift zu verlocken
Ich möchte nicht gar zu ausführlich werden um Deinet wie um meiner selbst
willen Denn wenn ich näher darauf eingehe bekomme ich heute noch
Rechenanfälle
Es kam dann schließlich ein Tag so etwa Anfang oder Mitte Mai wo ich
morgens vor die Stadt hinaus ging um auf andere Gedanken zu kommen Aber es
nützte gar nichts gleich auf dem Wege begegnete mir ein Hotelwagen ich las
stumpfsinnig die Aufschrift Zu den vier Jahreszeiten und überlegte mechanisch
was denn eigentlich für eine Jahreszeit sei während ich durch die Wiesen ging
Alles stand in Blüte und Sonnenschein Lerchen sangen und im Teich quakten die
Frösche anscheinend vor Vergnügen Ich beneidete sie Und wieder fingen meine
Gedanken an unaufhaltsam um den einen Punkt zu wirbeln ja es wird wohl
Frühling sein aber was geht mich das an Es gibt keine Jahreszeiten keinen
Sonnenschein und keine Blüten es gibt keinen Lerchengesang und keine Frösche
es gibt nur Geld Das alles tut als ob es glücklich wäre und doch gibt es kein
Glück und keine Tragik denn mit Geld lässt sich jede Tragik aushalten und ohne
Geld geht auch das Glück zum Teufel oder man kann nichts damit anfangen
So strich ich alles durch und setzte dafür Geld Das hatte tatsächlich etwas
Erlösendes bis mir dann wieder aufs Herz fiel dass es in meinem Fall ja eben
keines gab und nun fing alles wieder von vorne an
Ich will mich Deiner erbarmen Maria und es nicht noch weiter ausmalen
Eben an jenem Morgen traf ich dann einen mir flüchtig bekannten Nervenarzt
einen Freudianer Ich wollte mich unbefangen mit ihm unterhalten konnte aber
aus meinem Gedankengang nicht mehr herauskommen Er wurde aufmerksam
interessierte sich tat alle möglichen Fragen dann blieb er mitten im Wege
stehen sah mich entusiastisch an und stellte fest ich litte an einem schweren
Geldkomplex und den könne man nur durch psychoanalytische Behandlung heilen
die er am liebsten selbst übernehmen wollte Im weiteren Verlauf des Gesprächs
schlug er mir vor ich solle mich einstweilen in die Anstalt seines väterlichen
Freundes Professor X begeben er selbst habe die Absicht seine Ferien dort
zu verbringen und werde also nachkommen Dem Professor X möchte ich nur um
Gottes willen nichts von der geplanten Behandlung sagen denn er sei ein
erbitterter Gegner alles Freudianertums Ich könnte mich ja auf irgendeine fixe
Idee hinausreden und ein wenig simulieren
Anfangs war ich etwas unschlüssig und ziemlich erschrocken über den
Gedanken mit einer patologischen Sache behaftet zu sein Das heißt ich hatte
wohl selbst schon geahnt dass es nicht mehr ganz richtig mit mir war
Andererseits aber hatte der Gedanke diesen Zustand wieder loszuwerden vieles
für sich das fürchterliche Rechnen und die beständigen Geldgedanken mussten
mich binnen kurzem ganz zugrunde richten Wenn es in dieser Weise fortging war
ich sowieso nicht imstande mich ernstlich mit der Ordnung meiner Angelegenheit
zu befassen
Als ich kurz darauf die Nachricht von der schweren Erkrankung des alten
Erbherrn bekam war mein Entschluss gefasst denn nun auch noch mit positiven
Kapitalsmöglichkeiten zu rechnen das ging weiß Gott über meine Kraft
So stellte ich meine Angelegenheiten meine Gläubiger und alles übrige in
Gottes Hand fuhr hierher und tat sowohl der Welt wie mir selbst gegenüber als
ob ich nicht mehr existierte
Aber selbst die Erinnerungen greifen mich noch zu sehr an und ich glaube
wir haben für heute beide genug ein andermal mehr
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Wie mir denn hier zumut ist willst Du wissen Einstweilen ist es so ziemlich
die dümmste Situation die mir das Leben bisher serviert hat und mit törichten
Situationen war es freigebig genug
Ich war noch nie in einem Sanatorium und habe noch nicht recht heraus wie
man sich hier zu benehmen hat Der Professor nahm mich natürlich eingehend ins
Verhör und ich war in einiger Verlegenheit was ich ihm sagen sollte Da ich
nun am ersten Abend meine Mitpatienten ziemlich unsympatisch fand gab ich an
ich litte an krankhafter Menschenscheu so konnte ich mich doch wenigstens
ruppig benehmen wenn mir die Leute ernstlich auf die Nerven fielen Aber er
meinte dann wolle er mich lieber vorläufig isolieren Ich sollte die Mahlzeiten
alleine auf meinem Zimmer nehmen usw Nein um Gottes willen das wollte ich
nicht zuviel Alleinsein machte mich vollends verrückt Nun er wolle mir gern
möglichste Freiheit lassen soweit ich nicht störend auf andere einwirkte etwa
die Abneigung gegen meine Mitmenschen in auffallender Weise äußern sollte
Nein nein das würde ich ganz gewiss nicht tun sagte ich voller Überzeugung
er sah mich daraufhin ganz erstaunt an und schüttelte den Kopf Pause
angestrengtes Nachdenken Dann beklagte ich mich über Schlaflosigkeit
Depressionszustände und was mir gerade in den Sinn kam Wie sich die äußerten
nämlich die Depressionen ob ich etwa oft und ohne Grund Neigung zum Weinen
fühle Darüber fiel ich wieder aus der Rolle und musste über dieses merkwürdige
Ansinnen herzlich lachen Aber er hielt das Gott sei Dank für nervös legte
mir väterlich die Hand auf die Schulter und meinte ich hätte am Ende
irgendwelche schwere seelische Erschütterungen durchgemacht ach du lieber
Gott auch ohne den Geldkomplex zu erwähnen konnte ich ihm doch nicht gut
sagen ja gewiss aber sie lagen ausschließlich auf pekuniärem Gebiet ich war
mein Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen nur den
wirtschaftlichen nicht Weder glückliche noch unglückliche Liebe weder Ehe noch
Ehebruch sondern ausschließlich Gläubiger Hausherrn und Lieferanten haben es
dahin gebracht mich psychisch zu zerrütten
Schwerlich hätte der Professor das richtige Verständnis gehabt und ihm
wären höchstens Bedenken über meine Zahlungsfähigkeit aufgestiegen
Dann fuhr es mir plötzlich durch den Kopf Gott im Himmel wenn nun am Ende
ein Wunder geschähe der alte Erbherr sich wieder erholte und ich auch hier
meinen pekuniären Verpflichtungen nicht nachkommen könnte Die Geldgedanken die
ich seit ein paar Tagen fast vergessen hatte fielen wieder über mich her wie
ein Schwarm von Raben Ich war ausserstande etwas zu sagen was der Professor
wohl auf die seelischen Erschütterungen schob und mich voller Teilnahme gehen
ließ
Immerhin hatte ich den Eindruck dass er mich für ziemlich übergeschnappt
hielt
Du musst ja auch selbst sehen Maria wie es um mich steht Ich bin nur noch
ein Schatten meiner selbst habe ich mir früher je Gedanken gemacht wie man
sich am Ende irgendeines Aufenthaltes aus der Affäre ziehen würde Vielleicht
bin ich schon auf dem Wege zum Verfolgungswahn denn ich habe längst angefangen
in jedem Menschen den eventuellen Gläubiger zu sehen Das geht nun auch hier
schon wieder los Der gute Professor ist wirklich sehr nett mit mir aber eines
Tages wird er mir unweigerlich als Gläubiger gegenüberstehen die anderen
Patienten wer weiß ob ich nicht in die Lage kommen werde sie anpumpen zu
müssen und das Personal das sicher fürstliche Trinkgelder erwartet nein
glaubt mir nur die Bestie im Menschen vor der so oft gewarnt wird braucht man
nicht halb so zu fürchten wie den Gläubiger im Menschen
Apropos um die in M habe ich mich nicht weiter bekümmert mögen sie sich
untereinander um meinen Nachlass zerfleischen Die Flüche der Ausgesogenen und
Betrogenen hallen nur manchmal noch auf Umwegen zu mir herüber Einige haben
ihre Forderungen dem Verein Kreditreform übergeben und dieser schlug mir vor
mich gütlich mit ihnen zu einigen sonst käme mein Name auf eine schwarze Liste
die an achtzigtausend Kaufleute versandt würde Es war das einzige Schreiben
dieser Art das mich wirklich sympathisch berührte und ich möchte jenen
menschenfreundlichen Verein dafür segnen Es ist wohltuend zu denken wie
Schulden sich einfach dadurch erledigen dass man auf eine Liste kommt und dass
man mit jenen achtzigtausend Kaufleuten gar nichts zu tun hat sie zum mindesten
nicht auch noch Geld von mir beanspruchen Kurz nach Empfang dieses Schreibens
hatte ich einen Traum ich war in einer Wüste und die achtzigtausend Kaufleute
kamen als Karawane auf mich zu umringten mich boten mir mit mildem Lächeln
alles mögliche an und wollten mir ein Kamel zum Reiten geben Bis dahin war der
Traum sehr schön aber dann bemerkte ich plötzlich dass das Kamel ein
Menschengesicht hatte und zwar sah es aus wie mein letzter Hausherr in M
Darüber erschrak ich so dass ich ganz verstört aufwachte
Du musst wissen dass die Freudianer sich im Interesse der Patienten auch mit
Traumdeutung befassen Dies war jedenfalls ein richtiger Komplextraum und ich
habe ihn mir deshalb notiert um für Baumann Material zu sammeln Womit soll ich
ihn sonst beschäftigen
Vorläufig behandelt mich der Professor nach der hier üblichen Methode mit
Tageseinteilung Ruhestunden Bädern Wickeln und dergleichen mittelalterlichen
Foltern Es ist zum Gottserbarmen und ich möchte wissen ob die Leute ihre
Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden Auf mich wirkt es
gerade umgekehrt ich fange jetzt erst an nervös zu werden
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Aus lauter Verzweiflung habe ich angefangen Bekanntschaften zu machen Man
erzählt sich seine Leiden räsoniert über die Behandlung vergleicht die jedem
zugemessene Anzahl von Bädern und Packungen kurz man fachsimpelt auf Tod und
Leben Ich komme mir zwar immer noch sehr dilettantisch vor Angstzustände
nervöse Herzgeschichten Idiosynkrasien Neurosen und Psychosen die in diesem
Milieu zum guten Ton gehören sind mir bisher böhmische Dörfer gewesen aber ich
lerne doch allmählich mich sachverständig darüber zu unterhalten
Wir haben da einen achtzehnjährigen Pastorensohn der sich zum Ateismus
durchgekämpft und darüber eine Psychose bekommen hat Nun gibt es einen
entlegenen Teil des Gartens mit einem kleinen Holzpavillon und in dem Pavillon
steht ich weiß nicht warum eine Spieluhr Ebendort geht der jugendliche
Ateist ganze Nachmittage im glühendsten Sonnenschein tiefsinnig und barhäuptig
auf und ab Jedesmal wenn er zum Pavillon zurückkommt zieht er die Spieluhr
wieder auf Ich habe ihm ein paarmal schweigend zugesehen und ihm dann
klarzumachen versucht dass diese Betätigung unmöglich heilsam auf seine Nerven
wirken könne Er sollte lieber mit mir ins Dorf hinuntergehen und ein Glas Wein
trinken hier oben sind geistige Getränke verpönt Wir gingen also Wein
trinken unterhielten uns über Religion verständnislose Eltern Vorrechte der
Jugend und andere einschlägige Fragen und es wurde ihm entschieden etwas
besser Darüber versäumten wir irgendwelche abendlichen Duschen und der
Professor bemerkte am nächsten Morgen etwas ironisch meine Menschenscheu
scheine sich ja auffallend zu bessern Trotzdem setzen wir unsere Spaziergänge
fort und ich sehe dass es dem Jungen gut anschlägt Dann ist da ein blonder
Landwirt der behauptet er sei schon von Jugend auf Melancholiker in lichten
Momenten schwärmt er von einer Reise um die Welt die ihn vielleicht auf frohere
Gedanken bringen könne unter anderem möchte er gerne die kalifornische
Schweinezucht aus eigener Anschauung kennenlernen Ferner eine dicke
Baumeisterswitwe die nervenkrank geworden ist weil ihr Mann Bankerott gemacht
und sich dann erschossen hat Sie hat uns die Geschichte gewiss schon fünf
sechsmal mit allen Details vorgetragen und man hat aufrichtiges Mitgefühl Mehr
als alles andere mehr als Tod und Bankerott ist es ihr nachgegangen dass in
einer Zeitung gesagt wurde ihr Mann sei ein unverbesserlicher Baulöwe gewesen
und habe sich damit zugrunde gerichtet Über diese Beschimpfung kann sie absolut
nicht wegkommen
Ja und so weiter Du siehst es ist keine besonders lustige Umgebung aber
wenn man so dazwischen sitzt gibt sie einem doch allerhand zu denken
Nach meinem Gefühl wären fast alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu
heilen Hätte der rebellische Pfarrerssohn Geld so brauchte er weder zu seiner
Familie zurück noch eine neue Weltanschauung sondern würde sich nach
Herzenslust amüsieren und da schon ein Glas Wein und ein bisschen Geschwätz ihn
aufleben lässt bald geheilt sein Der Landmann könnte um die Welt reisen und
über den Wundern der kalifornischen Schweinezucht seinen Trübsinn vergessen
Auch die Witwe möchte sich sicher über den unverbesserlichen Baulöwen trösten
wenn er ihr ein anständiges Vermögen hinterlassen hätte Aber das sieht wohl
kein Nervenarzt ein und es nützt ja auch nichts wenn er es einsähe Man kann
nicht von ihm verlangen dass er seine Patienten auch noch finanziert
Mein Tischnachbar der Privatdozent Lukas ist Gott sei Dank nur
überarbeitet Ich unterhalte mich gern mit ihm nur ist er mir zu sehr
Reformmann und hat extravagante Ideen über die Erwerbsfähigkeit der Frau er
ist Nationalökonom Gegenüber sitzt eine Medizinstudentin die ihm natürlich
sekundiert ihr Steckenpferd ist das weibliche Gehirn das trotz irgendwelcher
Unterschiede ebenso brauchbar sein soll wie das männliche Über dieses Gehirn
wären wir neulich beinah hart aneinandergekommen Das verblendete Mädchen trat
aufs lebhafteste dafür ein dass möglichst viele Frauen sich den
wissenschaftlichen Berufen zuwenden sollten und dabei bessere Chancen hätten als
in anderen Dr Lukas hielt das Erwerbsleben für noch geeigneter und ich meinte
aus tiefster Überzeugung dass wir überhaupt zu keiner ernstlichen Tätigkeit
taugten nicht einmal zum Schneidern und Kochen denn jeder Schneider oder Koch
macht es immer noch besser Und die sogenannte geistige Arbeit ist vollends
ruinös und schrecklich Ich war den Tag gerade schlechter Laune und es tat mir
wohl meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen um so mehr wenn ich jemanden
damit ärgern konnte Die Medizinerin setzte ihren Zwicker auf und sah mich fast
erschrocken an
»Aber Sie sind doch selbst Schriftstellerin«
Ach Barmherzigkeit wie kommt sie zu dieser Kenntnis Du weißt ja Maria
ich kann das nun einmal nicht vertragen und habe gegen das bloße Wort eine
förmliche Idiosynkrasie So fuhr ich denn auch diesmal auf wie von sechs
Taranteln gestochen und sagte Nein ich sei gar nichts Aber ich müsse hier und
da Geld verdienen und dann schriebe ich eben weil ich nichts anderes gelernt
hätte Gerade wie die Arbeitslosen im Winter Schnee schaufeln sie sollte nur
einen davon fragen ob er sich mit dieser Tätigkeit identifizieren und sein
Leben lang mit »Ah Sie sind Schneeschaufler« angeödet werden möchte
Das verstand sie nicht und sagte etwas von der Befriedigung die alles
geistige Schaffen gewähre
»Nein die kenne ich nicht aber ich habe manchmal davon gehört« wagte ich
hier zu bemerken »was mich selbst in solchen Fällen aufrechterhält ist
ausschließlich der Gedanke an das Honorar«
Daraufhin ließ sie mich nicht aber das weibliche Gehirn fallen und
behauptete immerhin müsse doch auch meines so organisiert sein dass ich etwas
damit leisten könne »Aber ganz im Gegenteil es leidet unendlich darunter Es
gibt doch so etwas wie Gehirnwindungen und ich fühle tatsächlich bei jeder
geistigen Anstrengung wie mein Gehirn sich darunter windet Nein ich glaube
unbedingt an den Schwachsinn des Weibes und zwar aus eigener schmerzlicher
Erfahrung Seien wir nur ehrlich liebes Fräulein Doktor« fügte ich versöhnlich
hinzu »wenn unsere Gehirne wirklich so viel taugten wären wir doch alle beide
nicht hier«
Das aber nahm sie sehr übel und beteuerte ihr Nervenleiden beruhe nur auf
erblicher Belastung
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Du ich fange an wieder an Wunder zu glauben Lach nur nicht man findet ja im
Lauf der Zeit manchen alten Glauben wieder zum Beispiel den an ein zweites
Leben in dem man entweder Geld haben oder keines mehr brauchen wird Ja ich
könnte mich sogar mit dem Tod aussöhnen der mir früher so unsympatisch war
denn selbst wenn nichts anderes mehr käme so wirds doch wenigstens keine
Gläubiger und keine Rechnungen mehr geben Wie gut dass man nicht fromm ist
sonst würde ich mir vorstellen die ewige Verdammnis bestände darin dass sie
einem auch dorthin nachfolgen
Also Eure Gebete sind sichtlich erhört worden lass Dir nur erzählen
Vorgestern ging ich wieder einmal mit dem Ateisten und der Baulöwenwitwe die
sich uns manchmal anschliesst ins Dorf hinunter Wir haben aus lauter
Verzweiflung angefangen dort nachmittags Kegel zu schieben Alle drei fühlten
wir uns etwas unglücklich und jammerten rechtschaffen über unser elendes Dasein
und über unsere Nerven Als wir dann zwischen dem Kegeln eine Erholungspause
machten sah ich im Wirtsgarten einen Herren sitzen der mir merkwürdig bekannt
vorkam Ja nun es war tatsächlich Henry wir hatten uns jahrelang nicht
gesehen und ich war sehr überrascht ihn so unverändert wiederzufinden Damals
als er nach drüben ging dachten alle er würde Karriere machen als Millionär
mit Bauch und Berlocken wiederkommen und uns alle finanzieren Als er dann nie
mehr schrieb gab man ihn wehmütig auf Aber er ist wieder da ist immer noch
derselbe gründet immer noch es geht auch immer noch schief und dann hat er
gleich wieder eine neue und fabelhafte Chance an der Hand
Sein Erstaunen mich hier mit den beiden beim Kegelschieben zu finden war
ebenso groß wie meines und wuchs noch als ich ihm erzählte dass wir droben in
das Sanatorium gehörten Wohl oder übel musste ich dann die anderen an den Tisch
holen Es ging auch ganz gut die Witwe schloss ihn gleich ins Herz und erzählte
von ihrem Baulöwen Henry überlegte sofort wie man die Gläubiger überlisten und
das verkrachte Vermögen retten könne Später gingen die anderen voran um ihre
Abendbehandlung nicht zu versäumen ich blieb noch eine Weile und ließ mir
erzählen Er ist hergekommen um Terrains für eine Fabrik anzukaufen und will
noch eine Weile bleiben weil ihm der Ort gefällt und er dringend etwas Erholung
braucht Im Laufe des Gesprächs fiel mir auf dass er sich doch verändert hat er
ist schweigsamer geworden und manchmal schaut er so merkwürdig vor sich hin in
die Luft und sein Blick wird ganz starr
»Woran denkst du denn Henry«
»Ich rechne«
»Immer«
»Immer«
»Dann hast du auch einen Geldkomplex«
»Was hab ich« er wusste nur von Häuserkomplexen Baukomplexen
Terrainkomplexen Ich erklärte es ihm so gut ich konnte und fürchtete beinahe
er möchte es übelnehmen aber er stürzte sich förmlich darauf wie auf eine neue
Spekulation Vielleicht berührte es ihn auch wie ein heimatlicher Klang eben
weil er beständig mit seinen Häuser Bau usw Komplexen zu tun hat Aber
dieser Mann hat viel mehr Illusionsfähigkeit als ich er fand die Möglichkeit
einer Heilung durch Analyse ganz einleuchtend und will meinen Freudianer
unbedingt kennenlernen sobald er kommt Das ist mir ganz recht so kann ich
mich vielleicht um die Behandlung drücken zu der ich schon längst keine Lust
mehr habe
An dem Abend verspätete ich mich arg und der Professor machte mir einen
richtigen Krach Er hat von unseren Ausflügen Wind bekommen warf mir vor dass
ich den Ateisten zum Weintrinken verführt habe auch die Witwe sei heute abend
ganz außer Rand und Band und meine eigene Behandlung lasse ich überhaupt völlig
außer acht
Ach mir wäre bald die Geduld gerissen und ich war nahe daran in offene
Rebellion auszubrechen zu sagen dass mir ja absolut nichts fehle und man mich
um Gottes willen in Ruhe lassen solle Es ist wirklich hart genug sich auf
Schlaflosigkeit und dergleichen behandeln zu lassen wenn man einen so gesunden
Schlaf hat wie ich und überhaupt
Aber seit der letzten wirtschaftlichen Krisis bin ich völlig charakterlos
geworden ich habe nicht mehr den Mut den Ast abzusägen auf dem ich sitze
das wohlbekannte Gefühl wenn er plötzlich kracht und man drunten liegt nein
das kann ich nicht mehr Jedesmal wenn ich aufbegehren möchte sehe ich wieder
wie in einer Vision den Professor als Gläubiger vor mir und werde sanft wie ein
Lamm
Die Kegelausflüge haben wir also aufgeben müssen dafür habe ich Henry
bewogen als Neurasteniker ebenfalls in das Sanatorium zu ziehen Er findet
sich ganz gut hinein und man macht sich gegenseitig das Leben so angenehm wie
möglich Jetzt im Sommer ist es überhaupt erträglicher man hat den großen
Speisesaal mit der deprimierenden langen Tafel verlassen und nimmt die
Mahlzeiten auf der Terrasse an einzelnen Tischen Henry Doktor Lukas der Knabe
Gottfried und ich haben einen Tisch am oberen Ende wo man alles übersehen kann
und doch etwas für sich ist. Die Witwe wollte sich anschließen aber es war zum
Glück kein Platz mehr So gastiert sie nur bei uns und damit sie nicht allzu
störend wird erziehen wir sie zu unserer Anschauungsweise Kurz wir haben hier
mitten in dieser fremden Welt eine Art eigenes Milieu gegründet
Du kannst Dir denken dass Henry und ich uns viel zu erzählen haben und
endlos von alten Zeiten reden Wir rechneten aus wie lange wir uns jetzt schon
kennen Es sind ungefähr acht Jahre und die Bekanntschaft begann mit einer sehr
schönen sehr langen und sehr kostspieligen Reise von der wir ohne einen Heller
zurückkehrten Er gab dann seine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit auf und
verlegte sich auf Unternehmungen Der erste Anlass dazu war ein Exfreund dem er
ein beträchtliches Kapital ins Geschäft gesteckt hatte und der es nicht wieder
herausrücken wollte Der Exfreund wurde verklagt gepfändet jedoch umsonst Er
hatte vorgesorgt und alles rechtzeitig seiner Tante zediert Aber er hatte
irgendeine vielversprechende Erfindung gemacht das Patent auf diese Erfindung
konnte er wohl nicht gut der Tante zedieren und Henry ließ es beschlagnahmen
Damals lernten wir seine näheren Bekannten ihn bewundern er hatte uns vorher
wohl allerlei Pläne entwickelt aber wir verstanden wenig von solchen Dingen und
hielten sie deshalb für phantastisch Ich sehe ihn noch wie er dann eines Tages
plötzlich auf den Tisch schlug und sagte »Jetzt hab ichs«
Acht Tage später hatte er auf die Erfindung des Exfreundes eine GmbH
gegründet hatte ein elegantes Büro mit zahllosen Plänen Grundrissen und
Gipsmodellen und telefonierte den ganzen Tag Wenn ich mich recht erinnere
handelte es sich um einen feuersicheren Kinemasaal brach aber doch einmal Feuer
aus so würde wenigstens keine Panik entstehen weil er in einer halben Minute
geräumt werden konnte Wie die Geschichte ausging bringe ich nicht mehr
zusammen und es tut auch nichts zur Sache Jedenfalls begann er damit seine
Laufbahn als Gründer Übrigens hat Henry ebenso wie ich einen rätselhaften
Unstern in finanziellen Dingen gehabt er konnte wohl auch nicht die richtige
persönliche Beziehung zum Geld finden Mich hat es dann schließlich ernst
genommen ihn foppte es auf unqualifizierbare Weise Böse Zungen behaupten heute
noch es sei bei all seinen Unternehmungen nie etwas herausgekommen aber das
kennt man ja und soll kein Gewicht darauf legen Einerlei er blieb unbeugsam
fragte man ihn wie steht es denn mit der oder jener Geschichte so hieß es
schlecht gerade im entscheidenden Moment kam etwas dazwischen aber ich habe
jetzt eine neue Sache an der Hand und wenn die nicht einschlägt soll mich der
Teufel holen Manchmal verschwand er auch für eine Weile und man hatte Angst
er sei verkracht aber er war nur rasch in Südamerika oder sonstwo gewesen um
irgendein Unternehmen in die Wege zu leiten Dann tauchte er wieder auf und mit
ihm ein neues Büro ein imponierendes Türschild das wieder eine neue GmbH
verkündete Modelle Telefongespräche und Aktionäre
Du siehst Maria er ist auch diesmal wiedergekommen und hat sich drunten in
unserem Städtchen ein Büro eingerichtet wo er täglich ein paar Stunden mit
seinen Aktionären telefoniert Wir schwelgen in alten Erinnerungen wie ich
einmal Geld hatte wie du einmal Geld hattest oder als es mir damals
ernstlich an den Hals ging
Unsere Schicksale hatten immer eine gewisse Ähnlichkeit miteinander so
musste es wohl auch kommen dass wir uns hier im Sanatorium mit unseren
beiderseitigen Geldkomplexen wiederfanden und doch beide nach altem Brauch auf
eine günstige Lösung warten ich auf meine Erbschaft er auf einen großen
Koup der seiner Meinung nach dieses Mal nicht fehlschlagen kann
Beklag Dich bitte nicht wieder über meine Briefe Maria Aber ich interessiere
mich momentan so grenzenlos für meine eigene Existenz dass nichts anderes
übrigbleibt Auch darin verhext einen die ewige Geldfrage möchtest Dus nur nie
an Dir selbst erfahren Alle schönen Eigenschaften des Herzens alles Eingehen
auf andere geht dabei zum Henker
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Ich fürchte wir haben den armen Privatdozenten angesteckt Anfangs pflegte er
nur friedlich von wirtschaftlichen Fragen zu sprechen während er sich jetzt auf
das lebhafteste für Gründungen und Spekulationen kurz für alle direkten und
indirekten Geldfragen interessiert An unserem Tisch ist von nichts anderem mehr
die Rede die Neurosen und Psychosen haben alle Anziehungskraft verloren Selbst
Gottfried denkt nicht mehr über seine Weltanschauung nach sondern hört
andächtig zu Ich glaube der Verkehr mit uns wird ihn noch völlig heilen Heut
saß ich längere Zeit mit Doktor Lukas allein Wir gaben uns alle Mühe zur
Abwechslung einmal ein anderes Thema anzuschlagen die Hitze die
Persönlichkeit des Professors wie schön es sein müsste jetzt für ein paar
Wochen an die Nordsee zu fahren und wurden dabei aber immer einsilbiger und
langweiliger Dann kam die Witwe einen Augenblick heran und stimmte ihr
gewohntes Klagelied an Tag und Nacht habe ihr verstorbener Mann gearbeitet bis
er ein kleines Vermögen auf der Bank liegen hatte und all das sauer verdiente
Geld sei nun in der Konkursmasse mein Gott mein Gott
Die gute Dame ist etwas ermüdend aber ihre Neurose besteht nun einmal in
dem beständigen Repetieren ihrer Leidensgeschichte und als Mitpatient muss man
Geduld haben
»Eigentlich hat sie ja auch recht« sagte Lukas als sie wieder fort war
»Nein sie ist vollständig auf dem Holzweg weil sie an dem Geld gerade das
Sauerverdiente so schätzt und hervorhebt Es ist ein widerwärtiger Ausdruck und
ein widerwärtiger Begriff Es kann auch auf sauerverdientem Geld kein Segen
ruhen es muss uns hassen weil wir es an den Haaren herbeigezogen haben wo es
vielleicht gar nicht hinwollte und wir müssen es hassen weil wir uns dafür
geschunden haben und im Gedanken an diese Schinderei noch voller Ressentiments
sind Es rächt sich auch immer denn entweder warten schon andere Leute darauf
oder man gibt es in der ersten Reaktion für sinnlose Dinge aus«
»Der Baulöwe hatte es aber anscheinend doch auf die Bank gelegt um sich
später einmal gute Tage zu machen« »Um so schlimmer dann wird es gar noch
zum sauer Ersparten was die Leute bekanntlich immer auf tragische Weise
einbüßen Ich begreife auch dass das Geld sich solche Bezeichnungen nicht
gefallen lässt Sauer erspart sagen Sie es sich nur ein paarmal vor womöglich
mit knarrender Stimme«
Er tat es und musste mir recht geben »Wie Krähen im Herbst« sagte er
Inzwischen war Henry unbemerkt durch die Gartentür hereingekommen und stand
mit einemmal hinter uns
»Was macht Ihr denn da« sagte er aufrichtig erschrocken »mein Gott Herr
Doktor jetzt hat es Sie auch schon Kommen Sie lieber mit hinunter in mein
Büro ich möchte Ihnen etwas zeigen«
Im Büro war ein Arbeiter damit beschäftigt eine große Holzkiste
aufzubrechen und wir waren sehr neugierig auf den Inhalt Henry erzählte uns
derweil ausführlich die Geschichte der südafrikanischen Goldminen um
derentalben er damals fortging Man hatte ihm die Leitung des ganzen
Unternehmens übertragen aber wie gewöhnlich wenn alles einmal glattgehen
konnte machte das Geld eine förmliche Verschwörung gegen ihn Er hatte einfach
keines konnte das aber den Aktionären nicht gut unter die Nase reiben und die
Abreise verzögerte sich verschob sich bis ins Aschgraue Wiederum regten sich
die bösen Zungen und behaupteten er sei monatelang mit einem falschen Bart
herumgegangen um zu verbergen dass er immer noch da war Ich weiß auch nicht
mehr hat es ein halbes oder ein ganzes Jahr gedauert bis er endlich an seiner
Geschäftsstelle anlangte Von dort aus hatte inzwischen ein Herr Alramseder aus
Nürnberg der an der Sache beteiligt war gegen ihn intrigiert und Henry erfuhr
gleich bei seiner Ankunft dass die Gesellschaft ihn schon lange seiner Stellung
enthoben und eben jenen Herrn Alramseder zu seinem Nachfolger gemacht hatte
Dieser liebenswürdige Mann mit dem heimatlichen Namen hatte einen
ausgesprochenen Tropenkoller und schickte ihm ohne weiteres einen Trupp von
sechzehn Kaffern entgegen die ihn verhaften sollten
Die Witwe hörte in größter Spannung zu und fragte fast atemlos »Ja und
was taten Sie da«
»Zuerst fotografierte ich die Kaffern« sagte Henry schlicht und ohne Pose
»Fotografierten die Kaffern«
»Ja um Beweismaterial gegen den Alramseder in der Hand zu haben« Pause
Tatsächlich ist es ihm dann auch gelungen ich weiß nicht ob die Fotografie
der sechzehn Kaffern dabei ausschlaggebend wirkte die leitende Stellung wieder
an sich zu bringen und zu behaupten Die Witwe war ganz begeistert und ist jetzt
überzeugt dass es Henry gelingt mit ihren Gläubigern fertig zu werden und das
Andenken des unverbesserlichen Baulöwen reinzuwaschen
Inzwischen war die Kiste endlich aufgebrochen und Henry hob eine
sonderbare unförmliche Gipsgeschichte heraus die das Minenterrain darstellte
Quer durch geht ein blau angestrichener Fluss Er erklärte uns die geographische
Lage und dass die Goldlager sich unter dem Flussbett befänden
»Und wie bekommt man das Gold da heraus« fragten wir
»Das ist ganz einfach« antwortete er und hob ohne weiteres den blau
angestrichenen Fluss heraus mit einer so überzeugenden Geste dass wir einen
Moment das Gefühl hatten wenn es darauf ankäme würde er es auch in
Wirklichkeit so machen
Nun er hat es uns dann ausdrücklich erklärt wie es gemacht wird aber ich
habe weder aufgepasst noch möchte es von besonderem Interesse für Dich sein
Schließlich kann einen Gold doch nur lebhaft interessieren wenn es schon
wirklich Zwanzigmarkstücke sind und sie einem gehören
6
So nun habe ich endlich einmal eine Sensation zu verkündigen die Sensation
der alte Herr ist sanft entschlafen wie mir gestern ein Telegramm meines
Miterben meldete Ich war ihm dankbar dass er sich so taktvoll ausdrückte und
gebe mir alle Mühe dem Entschlafenen gegenüber ebenfalls taktvoll zu empfinden
In dem Moment wo jemand tot ist wird einem das ja auch immer relativ leicht
Also erwartet jetzt bitte kein ordinäres Freudengeheul von mir mir ist
vielmehr zumut als ob ich vorläufig sehr viel Haltung bewahren müsste
Erstens wissen wir über das Testament und vor allem über den Besitzstand des
Verstorbenen noch nichts Genaueres und da er Ausländer war kann sich das alles
noch etwas hinziehen Zweitens habe ich den Glauben an das Geld an alles Geld
verloren und kann ihn nicht von heute auf morgen wiederfinden Bis es nicht
tatsächlich vor mir auf dem Tisch liegt und wer weiß ob es mich jetzt für
hinlänglich geläutert hält um sich wirklich auf meinen Tisch zu legen Wie oft
habe ich erlebt dass es schon auf dem Wege zu mir war und unter irgendeinem
fadenscheinigen Vorwand wieder umkehrte Selbst dadurch dass es einem gehört
hat man es noch nicht so halte ich es für geboten es vorläufig möglichst zu
ignorieren und um keinen Preis kopfscheu zu machen
Bitte verhaltet auch Ihr Euch in diesem Sinne sprecht nicht davon freut
Euch nicht schlagt keinen Lärm und gratuliert mir nicht
Nein diese Botschaft an sich kann mich noch nicht von meinem
Geldkomplex erlösen es kommt nur allmählich wieder ein Gefühl von
Daseinsberechtigung über mich das ich mittlerweile ganz verloren hatte Lass Dir
sagen liebe Maria es sind nur zwei Dinge die einem dies Gefühl geben Geld
und Liebe Soll es ganz richtig sein so sind es beide zusammen aber wann ist
wohl das Leben einmal ganz richtig Und fehlt eines von den beiden so kann man
sich immerhin mit dem anderen trösten Fehlen aber beide wie jetzt wie hier
nun alles in allem ist es doch ein etwas trüber Aufenthalt Mit Geld könnte ich
fortgehen aber es ist keines da mit Liebe könnte ich hierbleiben aber es
fehlt jedes geeignete Objekt Der Ateist ist mir zu jung Lukas zu seriös und
mit Henry bin ich allmählich zu gut befreundet In den Arzt verliebt man sich
nur wenn man hysterisch ist und unser würdiger Professor eignet sich wenig
dazu
Ich fahre erst heute fort Der Miterbe war hier man hat sich ernst und
korrekt die Hand geschüttelt und doch ein wenig wie zwei Überlebende nach einem
Schiffbruch die nun nähere Bekanntschaft miteinander machen Man widmete dem
Verstorbenen einige geziemende Worte und das war wirklich anständig denn er
hat bei seinen Lebzeiten wenig Sympatie für uns an den Tag gelegt und unser
beider Treiben soweit es ihm bekannt wurde meistens gemissbilligt Aber wir
waren jetzt einig ihm das nicht mehr nachzutragen Dann war vom Begräbnis die
Rede Der alte Herr will in seiner Familiengruft beigesetzt werden und das ist
ungemein schwierig weil wir die beiden einzigen Nachkommen im Moment nicht
über die Mittel verfügen ihn dorthin zu geleiten Diese Frage bleibt also noch
ungelöst Dagegen wird morgen am Sterbeort eine Einsegnung stattfinden Ich
sollte durchaus mitfahren habe mich aber geweigert Nie in meinem Leben habe
ich solche Sachen mitgemacht ich habe einen patologischen Horror davor Gott
weiß ob der Alte sich nicht auch darüber ärgern würde Ich habe Angst davor
ihn noch nachträglich zu verstimmen und üble Folgen über mein Haupt
heraufzubeschwören
Allmählich kamen wir dann auch auf die Erbschaft selbst zu sprechen Er hat
das Testament vor einigen Jahren selbst eingesehen und nach dem was er sagt
käme eine Summe in Betracht die uns beiden das Herz höher schlagen lässt Nun
machte aber der alte Herr vor anderthalb Jahren nachdem er unglücklicherweise
von unserem Kontrakt erfahren vermutlich durch seinen schnöden Advokaten der
ihn gemacht hat und den wir nicht zahlen konnten eine verdächtige Reise in
seine Heimat um seine Angelegenheiten zu ordnen Der Miterbe der eigentlich
Bescheid wissen müsste behauptet zwar nach dem dortigen Gesetz könne man ihn
als den einzigen direkten Nachkommen falls er nur verheiratet sei nicht
verkürzen So hat man sich darüber wieder beruhigt Natürlich muss er sich
gründlich um die Sache bekümmern meint aber in wenigen Monaten könne alles
erledigt sein
Monate Maria in Monaten kann alles mögliche passieren man kann krank
werden sterben verunglücken oder den Verstand verlieren In Monaten hat das
Geld alle Musse die ausgefallensten Schikanen zu ersinnen Monate sind eine
schreckliche Zeit wenn man sie mit Warten zubringt Ich male mir alle schlimmen
Möglichkeiten aus das ist immer das beste um ihnen vorzubeugen Ängstigt man
sich zum Beispiel es sei jemand ertrunken oder abgestürzt so kommt er sicher
heil zurück erwartet man ihn aber unbefangen zum Abendessen so wird er
womöglich vom Blitz erschlagen
Du siehst ich habe mein System vollständig geändert und wehre mich ebenso
verzweifelt gegen jeden Optimismus wie ich ihm früher huldigte Und doch wenn
ich morgens aufwache und mich noch nicht genügend beherrsche denke ich mit
scheuer Verliebteit an dies ferne Geld das so Gott will über kurz oder lang
zu mir in Beziehung treten wird
Natürlich habe ich nur den männlichen Tischgenossen davon erzählt vor der
Witwe hatte ich Angst sie möchte mich an ihr Herz ziehen Tränen vergießen und
wieder von ihrem Baulöwen anfangen
Henry nahm es mit derselben Seelenruhe auf wie die sechzehn Kaffern des
Herrn Alramseder und der gottlose Pfarrerssohn meinte sein Vater würde in
solchem Falle sicher sagen was hilfe es dem Menschen wenn er die ganze Welt
gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele
»Oder was kann der Mensch geben dass er seine Seele wieder löse«
vollendete Lukas
»Ach wie gerne wollte ich Schaden an meiner Seele nehmen wenn ich
Reichtümer damit gewinnen könnte«
»Und ich bin fest überzeugt« sagte Henry »dass man mit Geld seine Seele
ohne weiteres wieder auslösen könnte«
Gottfried lächelte fröhlich seine neue Weltanschauung befestigt sich immer
mehr Henry hat nämlich vor ihn in Afrika bei den Goldminen unterzubringen so
braucht er nicht mehr unter das väterliche Dach zurückzukehren und könnte seine
Psychose ruhig aufgeben
Doktor Lukas aber wollte ganz genau wissen wie mir jetzt zumut sei Er ist
etwas enttäuscht denn er hat es sich wohl so vorgestellt wie in den
Zeitungsgeschichten von Flickschustern die das große Los gewinnen und dann vor
freudigem Schrecken die Treppe hinunterfallen oder vom Schlag gerührt werden
Und wie ich mir nun die Zukunft denke
Ich denke nach die Zukunft ist noch nicht da und die Vergangenheit wirkt
noch zu stark in mir nach Mir ist als sei ich mein halbes Leben Jongleur in
einem Zirkus gewesen wollten die Kugeln nicht mehr richtig fliegen so warf man
mit Flaschen Tellern oder Messern Wollte es mit den Händen nicht mehr gehen
so stellte man sich auf den Kopf und jonglierte mit den Füßen weiter dabei
immer die verdammte Unsicherheit ob man Herr der Situation bleiben wird oder
nicht bis dann eines schönen Tages die Dinge wirklich streikten Kugeln
Flaschen Teller Messer herunterrasselten und die Zuschauer mich auspfiffen
unter den Zuschauern stellte ich mir meine Gläubiger vor die bei der Vorführung
durchaus auf ihre Kosten kommen wollten
Nein ich wollte lieber gar nicht über das Geld reden ehe es da ist Aber
Lukas ließ nicht locker Wie alle Privatdozenten hat er natürlich ein kleines
Vermögen von dem er bescheiden und sicher leben kann Der Umgang mit uns hat
nun zwar in letzter Zeit seine Begriffe etwas verwirrt aber manchmal wird er
wieder rückfällig und ist nun geradezu besorgt ob ich mich zu der veränderten
Sachlage richtig einstellen werde So macht er alle möglichen Pläne wie ich das
Geld am besten anlegen solle
»Anlegen«
»In Goldshares« rät Henry »in wenigen Jahren gibt es vermutlich enorme
Dividenden«
»Ja um Gottes willen Sie Phantast wenn Sie Ihren Fluss herausgehoben
haben«
»Und dem Alramseder einmal definitiv auf den Kopf spucken kann denn damit
steht und fällt die ganze Sache« sagte Henry ernst
Der Privatdozent rang die Hände
»Nein ich bitte Sie machen Sie mir die gnädige Frau nur nicht wieder
vollends«
»Sprechen Sie ruhig aus« sagte ich melancholisch »es hat jetzt wirklich
keine Gefahr mit mir Wenn das Geld nur erst da ist werde ich sicher wieder
ganz normal«
»So normal dass Sie vernünftig damit umgehen Sagen wir zum Beispiel das
Kapital nicht angreifen falls Sie mit den Zinsen auskommen können und dass
Sie sich nicht auf Spekulationen einlassen die davon abhängen ob Ihr Freund
Henry dem Herrn Alramseder oder sonst jemandem auf den Kopf spuckt«
»Sie Lukas haben heute wieder einen schrecklichen Rückfall in Ihre
nationalökonomischen Komplexe Leute die von ihren Zinsen leben sind viel
anomaler Denken Sie nur plötzlich sterben zu müssen was jedem passieren kann
und das ganze Kapital liegt noch da mit dem man sich unendliches Pläsier hätte
verschaffen können Mir würde dieser Gedanke alle Seelenruhe nehmen Man sollte
vielleicht taxieren wie lange man ungefähr noch zu leben wünscht und danach
die Summe einteilen Bedenken Sie doch auch meinen Geldkomplex wie soll ich den
jemals loswerden wenn ich mir nicht eine ausgiebige Revanche für alle bisher
erlittene pekuniäre Unbill leisten darf«
»Bitte hören Sie auf« bat Lukas »ich möchte sonst noch Ihrer eigenen
Auffassung vom weiblichen Gehirn beistimmen und Sie vom wirtschaftlichen
Standpunkt aus völlig aufgeben«
»Vor allem ist das Geld ja wirklich noch nicht da« bemerkte Henry mit
unerschütterlicher Miene
»Erlauben Sie mir wenigstens noch die Frage wie der Herr nun Ihr Herr
Miterbe darüber denkt seinen Namen haben Sie uns übrigens immer noch
vorenthalten«
»Er trägt denselben Namen wie ich auch da wir miteinander verheiratet
sind«
Hätte ich nur lieber geschwiegen aber es fuhr mir so heraus und nun musste
ich natürlich eine Flut von Aufklärungen geben Worauf der arme Lukas so
angegriffen war dass er sich für den Rest des Abends zurückzog Du weißt ich
rede nicht gern von dieser Heirat wenn es nicht unbedingt notwendig ist weil
es mich gar so langweilt immer wieder den Zusammenhang erläutern zu müssen Wir
leben nicht zusammen wir kennen uns kaum wir sind keine Ehe sondern nur ein
Kontrakt und unser einziges gemeinsames Interesse ist eben diese Erbschaft
Manche begreifen das nicht andere nehmen Ärgernis daran und ich selber
vergesse inzwischen manchmal vollständig dass ich eigentlich verheiratet bin
Der Professor erwartet einen neuen Patienten es ist ein russischer Fürst und
wir sind sehr gespannt auf ihn Russischer Fürst klingt so angenehm nach Geld
und Spleen
7
Nein ich weiß immer noch nichts Näheres Die Testamentseröffnung soll erst
nächste Woche stattfinden Inzwischen hat der Miterbe wenigstens Mittel und Wege
gefunden um selbst hinzufahren und gleichzeitig die sterblichen Überreste des
alten Herren zu überführen Einstweilen war er immer noch im Bahnhof deponiert
Henry hielt das für sehr bedenklich weil es immerhin einen Anstrich von
Rücksichtslosigkeit hatte aber es war beim besten Willen nicht zu ändern
Dass Ihr die Sache äußerst spannend findet begreife ich kann aber Eure
Empfindungen nicht teilen Ich lasse mich grundsätzlich auf keine Spannung mehr
ein sie schadet mir und beeinflusst die Dinge immer nur ungünstig
Es war eine glückliche Fügung dass ich hierherkam Ich muss die Segnungen
dieses Aufenthalts immer mehr anerkennen und kann nur sagen ein Sanatorium ist
doch der einzige geeignete Ort um auf Erbschaften zu warten Von der Kur habe
ich mich ziemlich emanzipiert es war nicht mehr zum Aushalten So habe ich dem
Professor auseinandergesetzt meine Schlaflosigkeit hätte sich in das Gegenteil
verkehrt und ich litte jetzt vielmehr an einer veritablen Schlafsucht damit
er mich nur mit seinen Wickeln und Duschen verschont Außerdem möchte er mir
etwas mehr Bewegungsfreiheit gewähren denn ich hätte einen verwickelten
Erbschaftsprozess und müsse deshalb öfter in die Stadt um mit einem Anwalt zu
beraten Er gab schließlich nach aber seine Sympatie für mich die wohl nie
sehr heftig war nimmt immer mehr ab Ich glaube sogar er möchte mich fort
haben denn er machte ziemlich brutale Anspielungen ob ich nicht zur Nachkur
noch in ein Seebad gehen wollte Henry meint er hielte mich am Ende für eine
Schwindlerin Es ist schon möglich denn dass meine Nerven völlig intakt sind
hat er längst durchschaut vielleicht auch dass es mit meinen Geldverhältnissen
nicht der Fall ist. Der Freudianer hat ihn ja damals brieflich darauf
vorbereitet dass ich erst am Ende meines Aufenthalts zahlen würde
Erbschaftsprozesse und dergleichen klingt immer etwas nach Schwindel kein
Mensch glaubt an Erbschaften die noch in der Luft hängen kurz er wird in
meiner Vorstellung immer mehr zum Gläubiger und das ist ungemütlich Vielleicht
ist es auch ein Fehler dass ich nie die Rechnung beanstande sie wird einem jede
Woche ins Zimmer gelegt und ich sehe dass andere Patienten die regelmäßig
zahlen jeden Augenblick Krakeel machen Das ist eine Gewohnheit aus schlechten
Zeiten Ist man selbst überzeugt dass man doch nicht wird zahlen können so
kommt es nicht in Betracht wie hoch die Rechnung wird Ich kann ihm also sein
Misstrauen nicht übelnehmen wie oft war man schon in ähnlicher Lage und
brannte dann irgendwie durch das mag in Sanatorien ebenso oft vorkommen wie in
Hotels
Um wenigstens etwas glaubhafter dazustehen habe ich mir einen Rechtsanwalt
von ihm empfehlen lassen und bin auch wirklich hingegangen Was er für mich tun
soll ist vorläufig noch ganz unklar aber ich bereite ihn darauf vor dass es
eventuell etwas zu tun geben wird und befrage ihn um tausend Dinge die ich
entweder schon weiß oder gar nicht zu wissen brauche Im Anschluss daran kann man
sich wenigstens etwas herumtreiben ins Café gehen und dergleichen längst
entbehrte Freuden genießen Mittlerweile ist auch der schon erwähnte russische
Fürst hier aufgetaucht das heißt zur allgemeinen Enttäuschung ist er kein
Fürst sondern nur Grossgrundbesitzer und heißt Balailoff Den erhofften Spleen
aber hat er im höchsten Masse und so kommt es auf eins heraus Wir haben ihn
gleich in unseren Kreis gezogen und sind durchaus zufrieden mit ihm Der Spleen
zerfällt in zwei Teile einmal will er sich den Alkohol abgewöhnen lassen
zweitens hat er eine Braut mit und will hier heiraten
Dieser Balailoff ist eine gute Ablenkung denn er erzählt beständig von
seinen Angelegenheiten und wenigstens in seiner Gegenwart müssen wir unsere
Geldgespräche suspendieren schon weil er augenscheinlich über schwindelhafte
Mittel verfügt und unsere Komplexe nicht verstehen würde Statt dessen drehen
wir uns mit um seine Heiratsangelegenheiten und seinen Alkoholismus Mit der
Braut dagegen haben wir vergebens versucht uns in Fühlung zu setzen Sie bewohnt
einen Extrapavillon zieht sich sehr zurück und weiß uns nicht zu schätzen Es
macht den Eindruck als ob sie ihn zu dieser Entziehungskur veranlasst hätte und
beständig mit dem Professor komplottiert Er selbst schimpft bei jeder
Gelegenheit darüber dass er hier so überwacht wird und für die Momente, wo er
es nicht mehr aushalten kann hat er sich schon eine Art Weinkeller in Henrys
Büro eingerichtet Die beiden haben sich nämlich in einem großen
Spekulationsobjekt gefunden Balailoff hat wie so viele Russen auf
irgendwelche Weise sein Anrecht auf einen Platz verwirkt kann deshalb nicht
mehr nach Russland zurück und möchte seine dortigen Ländereien verkaufen Da wie
er erzählt ergiebige Petroleumquellen in der Gegend sind riet Henry ihm statt
dessen eine Aktiengesellschaft zu gründen und er ist Feuer und Flamme dafür
Sie sitzen beständig im Büro machen Kostenanschläge und rechnen Kommen sie
dabei zu einem Resultat das sie besonders begeistert so wird es auf Balailoffs
Verlangen begossen und wir haben dann unsere liebe Not ihn so weit zu zähmen
dass der Professor und die Braut nichts merken Sie begleitet ihn nur selten bei
seinen Ausgängen sondern sitzt in ihrem Pavillon spielt Klavier und verachtet
uns alle miteinander
8
Ich hab Euch verwöhnt Maria mit meinem vielen Schreiben Wenn ich einmal
vierzehn Tage schweige seid Ihr schon unzufrieden Denkt nur nicht dass es
immer so fortgehen wird Ich bin gewiss Dir und Euch allen so zugetan wie immer
und war es auch in Zeiten wo man überhaupt nichts voneinander hörte aber dass
ich jetzt so endlose Briefe schreibe geschieht wohl mehr mir selbst zuliebe und
weil ich so viel überflüssige Zeit habe Habe ich aber zur Abwechslung einmal
keine Lust so lasst mich in Ruhe
Ja also kurz nach meinem letzten Schreiben kam ein Telegramm vom Miterben
»Beisetzung erfolgt Testamentseröffnung verschoben da selbes noch nicht
aufgefunden Anwalt meint vierhunderttausend pro Kopf«
Dieser unleidliche Privatdozent tut nun wirklich als hätte ich das große
Los gezogen Ich finde ja auch es sind recht angenehme Aussichten aber durch
die Schwierigkeiten der letzten Jahre sind meine Ansprüche ins Ungeheuerliche
gewachsen und es gibt keine Summen mehr die ich als überwältigend empfinden
würde Das Revanchebedürfnis ist eben zu groß geworden
Lukas handelt mit mir wie Abraham mit dem lieben Gott um die Gerechten von
Sodom wieviel ich festlegen soll und wieviel ich verjubeln darf Ich höre
andächtig zu und träume dabei von einer Reise nach Siam ich weiß nicht warum
mich gerade das so besonders lockt von Kleidern Pferden Landhäusern kurz
ich übersetze mir die Zahlen in erfreuliche Wirklichkeiten Vor einem halben
Jahr hätte der Gedanke an ein gesichertes Dasein noch etwas Verlockendes für
mich und Lukas vielleicht mehr Glück mit seinen Mahnungen gehabt sich
rangieren auskommen Ruhe haben Aber das Geschick hat den Bogen zu sehr
überspannt Existenz wirtschaftliche Basis und dergleichen sind mir zu
fratzenhaften Begriffen geworden unter denen ich mir nichts mehr vorstellen
kann Sie haben mich so greulich verhöhnt dass ich nur noch in derselben Tonart
antworten kann Meinst Du ich wäre je wieder imstande ohne die qualvollsten
Zwangsvorstellungen eine Wohnung zu mieten mit einem Hausherrn zu verhandeln
Möbel zu kaufen Dienstboten zu engagieren Milchfrauen Petroleum und
Kohlenmänner ins Haus kommen zu sehen Ich fürchte ich werde überhaupt nie
wieder wohnen können nur mehr logieren ganz oberflächlich vorsichtig und ohne
Zusammenhang In der Beziehung ist etwas in mir gebrochen was nie wieder ganz
werden kann...
Recht ungeschickt kam gerade in diesen Tagen Doktor Baumann der Freudianer
hier an Ich hoffte er sei selbst etwas erholungsbedürftig und würde sich erst
ausruhen wollen Aber nein er brennt vor Tatendurst und wollte mich sofort
seiner Analyse unterziehen Ich meinte darauf wir sollten jetzt doch lieber die
Entwicklung der Dinge abwarten dann wäre es vielleicht gar nicht mehr nötig
aber er lässt sich nicht überzeugen Im übrigen ist er sehr nett und man freut
sich hier über jeden Zuwachs der Gesellschaft so muss ich denn wohl oder übel in
den sauren Apfel beißen und mich von ihm behandeln lassen Nachdem er mich hier
untergebracht und akkreditiert hat ich mich außerdem andauernd schlecht benehme
und dem Professor ein Dorn im Auge bin kann ich jetzt unmöglich sagen Lassen
Sie mich in Ruhe ich halte Ihre Behandlung für einen Schmarrn und bin mehr als
je überzeugt dass mein Leiden nur durch positives Geld zu heilen ist Im
Gegenteil ich bin einfach verpflichtet auch diesen Kelch zu leeren wie ich
vorher die Wickel und Duschen über mich ergehen ließ Wirtschaftliche Kräche
haben manchmal unübersehbare Folgen weiß der Himmel was alles für Kuren an
Leib und Seele ich noch durchmachen muss bis die Erbschaft fällig ist
Ich fand es anfangs ganz hübsch und stilvoll einen Komplex zu haben man
konnte vor sich selbst und anderen sich immer darauf berufen anstatt einfach zu
sagen ich bin verzweifelt außer mir schlechter Laune usw Aber ich finde es
hart sich nun deshalb so anstrengen zu müssen und es ist wirklich ein Stück
Arbeit bis man all diese verwickelten Sachen begriffen hat Verlange nur nicht
dass ich dir einen populär verständlichen Vortrag darüber halte Mein Wunsch geht
mehr dahin Euer Mitgefühl zu erwecken als Euer Wissen zu bereichern Wie schon
die Bezeichnung Psychoanalyse sagt man analysiert die Psyche wie wir einst in
der Schule deutsche Grammatik analysierten ohne jemals zu begreifen wozu das
gut sei In diesem Fall analysiert natürlich der Arzt und man hat nur darauf
einzugehen Er fragt fragt und fragt und ich soll nur antworten aber eben das
ist gar nicht so leicht
Die Komplexe kommen angeblich dadurch zustande dass man die betreffenden
Dinge Gedanken Wünsche und ähnliches von sich weggeschoben mit dem
technischen Ausdruck verdrängt hat natürlich immer ins Unterbewusstsein Das
lassen sie sich unter Umständen nicht gefallen sondern brechen aus und toben
dann im Oberbewusstsein herum
Nun ist er beständig unzufrieden weil ich nicht das antworte was er
möchte Er begann seine Erörterung damit fast jeder Komplex beruhe auf
verdrängter Erotik mir schien als erachte er ihn nur dann für vollwertig und
wolle auch in meinem Falle versuchen ihn auf diesen Ursprung zurückzuführen
Etwa so wenn jemand sein ganzes oder halbes Leben lang vor allem nach Geld
trachtet muss er viele andere lebendigere Regungen wie vor allem die
erotischen unbedingt verdrängen
Dass ich in der Verdrängung der Erotik Erhebliches geleistet habe konnte ich
nun wirklich beim besten Willen nicht behaupten im Gegenteil es wäre mir und
meinen Finanzen sicher besser gewesen ich hätte es mehr getan Die Sache
stimmte also nicht und wir konnten uns nicht recht einigen Ich musste ihm dann
einiges über meinen Lebensgang sagen was ihn wiederum enttäuschte denn er
konnte mir durchaus nichts Anomales Psychotisches Neurotisches und wie das
alles heißen mag nachweisen Wieder mein altes Pech dass ich zu unkompliziert
bin es wird einem in so manchen Kreisen und Lebenslagen übelgenommen besonders
wenn man erst Hoffnungen auf das Gegenteil erweckte
Was für eine Rolle das Geld in meiner Kindheit und ersten Jugend gespielt
hätte Auf diese Zeit sollen die meisten Komplexbildungen zurückgehen Gar
keine absolut gar keine Du weißt es gibt interessante Kinder die stehlen
oder schwindeln ohne es nötig zu haben zum Beispiel Scheine entwenden und in
Gold umwechseln um damit zu spielen aber ich fand nichts Derartiges in meinen
Erinnerungen Wir hielten es als Kinder für überflüssig und armeleutehaft sich
um Geldfragen zu bekümmern und sahen verächtlich auf andere herab die
gegenseitig das Vermögen ihrer Eltern taxierten und darüber Bescheid wussten Und
späterhin war es eigentlich dasselbe Geldnot Das kann doch nicht Ernst
sein und selbst welches herbeischaffen müssen Ein schlechter Scherz zu dem
man gute Miene macht solange es nicht überhand nimmt
»Und mit starken Unlustgefühlen verknüpft« schaltete der Doktor ein
»Allerdings«
Gut er kam allmählich auf die Spur Es war eben umgekehrt als wie er
anfänglich gemeint hatte Das Geld selbst war verdrängt worden nicht die
anderen Dinge und ich war also doch etwas anomal Gott sei Dank ich hab so
gern wenn die anderen mit mir zufrieden sind
Man stellte also einen Geldkomplex in absoluter Reinkultur fest mit Erotik
hatte er gar nichts zu tun Dann ging es ungefähr so weiter dass in den meisten
Fällen durch nervöse in meinem durch akute finanzielle Erkrankung die einst
verdrängten Dinge plötzlich bewusst und nun überbetont werden siehe
wirtschaftliche Krisis Mir wurde ganz elend dabei all diese Erinnerungen
wieder aufzuwühlen aber es half nichts die Vorgänge die den Komplex bewirkt
haben müssen reproduziert das heißt noch einmal bewusst erlebt werden damit
der Arzt sie einem dann ausreden kann
Dann fing ich meinerseits an zu fragen »Wenn nun die Erbsache doch noch
schiefginge man kann ja nie wissen wie soll ich mich dann mit dem Professor
auseinandersetzen Glauben Sie dass er sich als Gläubiger«
»Aha da haben wir die für den Komplex charakteristischen
Angstvorstellungen« sagte Baumann befriedigt
»Ja und die habe ich auch in bezug auf Sie«
»Auf mich«
»Natürlich Sie haben doch hier gewissermaßen die Verantwortung für mich
übernommen und offen gesagt mich plagt der Gedanke dass Sie damit hereinfallen
könnten wenn«
Er hat sich dann ausführlich nach der Erbschaft und ihren näheren Umständen
erkundigt und man vertiefte sich so in dieses Thema dass es zu spät wurde um
mit der Behandlung fortzufahren
Aber unerbittlich nimmt er mich jeden Tag eine Weile vor Es ist ein
Kreuz und ich muss doch tun als nützte es etwas Die Heilung soll nämlich
dadurch geschehen dass man dem Patienten eine andere Einstellung gibt Bei mir
gibt es nur zwei Möglichkeiten und man braucht eigentlich keinen Psychiater um
das einzusehen Nämlich entweder müsste man die durch Faulheit Bequemlichkeit
usw verdrängte Energie wieder mobil machen und auf irgendeine zweckmässige Weise
zu Geld kommen oder aber sich darauf einstellen es unwichtig zu finden und
entbehren zu können Das ist natürlich nur ein unvollkommen wiedergegebener
Extrakt im Munde des Arztes klingt es ganz schön ausführlich umständlich und
einleuchtend Aber was soll man damit anfangen das alles kann ich mir ebensogut
selbst vorerzählen und ändere doch nichts damit
Lieber schwätze ich über andere Sachen mit ihm und hetze ihn und Henry
möglichst aufeinander Henry kann es viel besser als ich er nimmt es mit
ähnlichem Ernst wie seine Spekulationen Ich habe das Gefühl dass er nach allen
Seiten hin erwägt wie man ein zerrüttetes Nervensystem sanieren etwas Neues
darauf gründen oder einen unhaltbaren inneren Zustand liquidieren könnte
Genug und übergenug davon Ich fürchte sonst entdeckt Ihr gar noch Eure
eigenen Komplexe und wollt immer mehr darüber wissen Und ich bin doch
schließlich nicht im Sanatorium um über die Qualen die ich hier ausstehen muss
auch noch Abhandlungen zu schreiben
9
Wieder ein Telegramm des Miterben Der Anwalt habe sich geirrt es könne sich
doch wohl höchstens um dreihunderttausend handeln
Seine Berichte sind neuerdings ein wenig konfus und bestehen zumeist in
telegraphischen Vermutungen Gott weiß ob sie das Testament nun wirklich
gefunden haben und ob es überhaupt wahr ist dass man es nicht gleich fand Uns
kommt das etwas merkwürdig vor aber die Sache spielt sich in so weiter Ferne
ab dass man unmöglich näheren Einblick gewinnen kann Eröffnet kann es
jedenfalls noch nicht sein sonst müsste er doch Genaueres wissen
Lukas findet das sehr beunruhigend er traut dem Miterben wie allen
anderen die damit zu tun haben nicht recht und bot mir sogar eine Leihsumme
an um selbst hinzufahren
Nein ich danke ich werde mich hüten das Geld durch meine persönliche
Einmischung noch rebellischer zu machen Wie man sieht haben schon
hunderttausend rebelliert eben die hunderttausend die nach Lukas Aufstellung
zu meiner freien Verfügung bleiben sollten
Er fand das schon vollkommen wahnsinnig
»Jetzt müssen Sie aber unbedingt das Ganze auf Zinsen legen« erklärte er
beinah zornig »und die Reise nach Siam streichen«
»Warte erst einmal ab wie die Petroleumgeschichte sich gestaltet« warf
Henry ein »Ist die Gegend wirklich so ergiebig wie wir annehmen so werden die
Aktien in kurzem horrend in die Höhe gehen und alles wird sich darum reißen
Jedenfalls muss man sich rechtzeitig eine gute Anzahl sichern sobald die
Gesellschaft konstituiert ist«
Lukas warf einen Blick gen Himmel Das ist ihm schon ganz zur Gewohnheit
geworden sobald er Henry reden hört
»Wollen Sie sich nicht bald einmal von Doktor Baumann analysieren lassen
lieber Henry« fragte er
»Oh wir haben schon damit angefangen«
»Findest du es nützt etwas« fragte ich beklommen
Gerade als er sich darüber auslassen wollte kam Baumann selbst und Lukas
wandte sich sofort an ihn
»Ich bin wie Sie wissen nur Laie« sagte er »die Psychiatrie ist ein
Gebiet das mir völlig fern liegt Gelingt es Ihnen aber diese beiden
Herrschaften zur Vernunft zu bringen so gehöre ich von Stund an zu Ihren
fanatischen Anhängern und mache enorme Propaganda für Sie« Lukas ist dort wo
er doziert eine einflussreiche Persönlichkeit und hat glänzende Beziehungen
Baumann brennt darauf Karriere zu machen und selbst eine Anstalt zu übernehmen
wo nach seiner Methode wunderbare Heilungen gemacht werden
Er Baumann lächelte so geschickt dass keiner der Beteiligten sich verletzt
fühlen konnte Henry aber meinte
»Besser Sie lassen sich erst einmal von mir gründen ich habe da von einer
verkrachten Aluminiumgesellschaft einige Terrains an der Hand die sich ungemein
billig stellen würden und die Aktionäre haben wir bald beisammen Balailoff
geht zum Beispiel todsicher mit sobald die Petroleumsache gedeichselt ist«
Sein Blick nahm allmählich jene sonderbare Starrheit an die ihm manchmal eigen
ist er rechnete machte Überschläge erlag seinem Komplex Und Baumann
meinte es sei der geeignete Moment für eine analytische Seance worauf wir
anderen uns diskret entfernten
Das ist schon wieder ein paar Tage her Henry ist gestern nach Russland gefahren
um das Petroleumgebiet in Augenschein zu nehmen Balailoffs Sekretär begleitet
ihn als Dolmetscher Balailoff hat nämlich ein Gefolge bei sich das aus eben
diesem Sekretär zwei Dienern und einem alten russischen Popen seinem früheren
Erzieher besteht Dieser letztere wird hier ebenfalls saniert ob auch wegen
Alkoholismus haben wir noch nicht feststellen können Er ist ein friedlicher
würdevoller Herr der fast nie aus seinem Zimmer herauskommt und außer Russisch
keine lebende Sprache spricht Lukas und die Ärzte reden lateinisch mit ihm und
ich suche manchmal in meiner Erinnerung aus den Grammatikstunden meiner Brüder
oder aus der Religionsstunde um ihm etwas Liebenswürdiges zu sagen Aber es
stimmt meistens nicht recht Gottfried wurde letzten Mittwoch aus der Kur
entlassen um nach Hause zu fahren Statt dessen hat er sich in der Stadt
versteckt gehalten und jetzt heimlich mit Henry die Petroleumfahrt angetreten
er war überglücklich Seine Eltern haben schon dreimal telegraphiert und kein
Mensch begreift wo er geblieben ist Dummerweise bekam ich nun gerade eine
Depesche aus Finnland »Endlich aufgefunden Eröffnung noch durch Formalitäten
verzögert« Der Professor bat mich dringend zu gestehen dass das Telegramm
mit dem vermissten Jungen zusammenhinge Ich beteuerte mit gutem Gewissen Nein
Er glaubte mir nicht und nur um ihn zu beruhigen gab ich es ihm schließlich
zu lesen Dadurch wurde die Sache nun noch schlimmer er war jetzt vollkommen
überzeugt dass es sich um Gottfried handle dass man eben ihn in Finnland
aufgefunden er Selbstmord begangen habe oder verunglückt sei und Eröffnung
durch Formalitäten verzögert seziert werden solle In seiner erhitzen
Medizinerphantasie schien ihm das vollkommen klar Aber die Unterschrift der
Miterbe trägt als mein Gatte bekanntlich denselben Namen wie ich und das
Rätsel wieso ich diese Nachricht an mich selbst aus Finnland telegraphiere
konnte er denn doch nicht kleinkriegen und ich verfiel darüber in ein solches
Gelächter dass er immer zorniger wurde Schon vor Wochen hätte ich ihm von
einem Erbschaftsprozess erzählt und nun sollte das Testament noch nicht einmal
eröffnet sein Und mit diesem Herrn verheiratet bisher hätte ich mich doch
immer als geschiedene Frau ausgegeben und könne nun wirklich nicht verlangen
dass man mir noch ein einziges Wort glaube Es war eine recht nette Szene und
mir blieb schließlich nichts übrig als zu gestehen dass ich wüsste wo der Junge
sich aufhielte und dass er es seinen Eltern demnächst selbst mitteilen wolle
Der Professor war zuletzt sprachlos und schickte mir später einen Brief aufs
Zimmer In dem Brief schlug er mir vor ich möchte mich doch lieber in ein
anderes Sanatorium begeben falls ich es überhaupt noch für nötig halte Nun
Baumann hat die Sache dann mit vieler Mühe wieder ins Geleise gebracht und ich
war ihm sehr dankbar Wo hätte ich auch hingehen sollen Ich bleibe also da und
gebe mich nachdem der Sturm ausgetobt hat einer wohlverdienten Ruhe hin
Es herrscht hier jetzt eine gewaltige Sommerhitze Da keiner von uns etwas
zu tun hat sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse Morgens ist man
noch halbwegs munter liest Zeitungen oder unterhält sich Nachher liegt alles
wie tot in den Klappstühlen umher und hält sich gegenseitig für mehr oder minder
vertrottelt So behauptet Lukas es mache ihn schon nervös wenn unten auf dem
See Dampfschiffe vorbeifahren oder Möwen flattern Er empfindet das als eine
unerhörte Kraftvergeudung An ganz besonders schwülen Tagen verständigt man sich
nur durch Pantomimen oder in der Hitzsprache das heißt man lässt alle
irgendwie entbehrlichen Worte und Silben weg oder markiert sie nur
Das geistige Niveau ist dabei etwas gesunken Unsere Hauptunterhaltung
besteht darin, die anderen Patienten zu beobachten und sich über sie zu
mokieren wofern sie auch nur den geringsten Anlass dazu bieten So empfanden wir
es als wahres Glück als letzthin ein neuer Patient auftauchte der allerhand
Eigentümlichkeiten hat Er zieht sich selbst bei der unerhörtesten Glutitze
immer schwarz an hat außerdem schwarze Haare schwarzen Bart und kohlschwarze
Augen die ersten Male wenn er plötzlich die weiße Steintreppe heraufkam
wirkte er wie der leibhaftige Gottseibeiuns Aber in dem Moment wo er an seinem
Platz saß und seine Mahlzeit serviert bekam fiel uns sein wirklich verblüffend
intelligenzloser Ausdruck auf Wir meinten einstimmig noch nie gesehen zu
haben dass jemand Gegenstände oder Personen so überaus dumm anschauen könne wie
dieser Herr mit dem dämonischen Exterieur den servierenden Diener oder auch
seinen Teller und die Apollinarisflasche Außerdem hat er die Gewohnheit ehe er
anfängt zu sprechen immer erst ein paarmal langsam und bedächtig mit den
Kinnladen zu klappen Kurz er macht uns inniges Vergnügen Wir haben ihn den
schwarzen Idioten genannt und genießen es mit wahrer Andacht wenn er mit seinem
leeren stupiden Blick zu uns herüberschaut er scheint sich sehr für uns zu
interessieren und möchte sicher gerne nähere Bekanntschaft mit uns machen
Ja so gehen die Tage hin und wir ersehnen Henrys Rückkehr denn Balailoff
macht uns viel zu schaffen Wie ich Dir schon erzählte will er heiraten und
bildet sich ein das sei hier an der italienischen Grenze leichter zu
bewerkstelligen als anderswo Ich fürchte er irrt sich darin denn sie sind
beide Ausländer und zwar in so hohem Maß dass es fast unmöglich scheint mit
den Papieren jemals ins reine zu kommen Vor allem hat er keinen Pass und es
besteht nur eine schwache Möglichkeit durch persönliche Verbindungen und in
absehbarer Zeit wieder einen zu erwirken Die Braut ist angeblich in einem Hotel
auf Spitzbergen geboren und weiß nicht wo ihre Eltern beheimatet waren Man
bemüht sich also immer noch vergeblich ihre Staatsangehörigkeit festzustellen
Da er nun kein Wort Italienisch versteht und im Verkehr mit Behörden ungemein
reizbar ist appelliert er beständig an uns Tag für Tag müssen wir die
Angelegenheit von A bis Z mit ihm durchnehmen auf neue Mittel und Wege sinnen
Briefe oder Gesuche aufsetzen und was sonst noch dazugehört Ich versuchte
vergebens ihn auf meinen Rechtsbeistand abzuschieben der das alles sicher
besser machen könnte Mit eben diesem Rechtsbeistand ist es allmählich auch eine
dumme Situation Um für ein paar Stunden aus der Anstalt zu entrinnen muss ich
ihn zwei oder dreimal in der Woche aufsuchen und überflüssige Fragen an ihn
richten er hält mich sicher schon für die größte Gans auf Gottes Erdboden
Balailoff aber hat einen ausgesprochenen Anwaltskomplex behauptet alle
Advokaten seien Gauner und Schurken und arbeiteten nur in ihre eigene Tasche Er
scheint reizende Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben vielleicht liegt es
auch an den russischen Zuständen
Man hat es nicht leicht auf der Welt liebe Maria und mit diesem
Stossseufzer will ich für heute abbrechen
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Teufel der alte Herr hat uns aufs Pflichtteil gesetzt
Auf den Gedanken war überhaupt noch keiner von uns gekommen aber ich sehe
auch Erben gehört zu den Sachen die man erst lernen muss
Das Telegramm kam als wir gerade einmütig auf der Terrasse saßen Henry
ist auch wieder da
Ich behaupte ja glücklicherweise bei schlechten Nachrichten meine Haltung
immer besser als bei guten und es ist draußen so heiß dass man sich nicht auf
Emotionen einlassen kann Immerhin fühlte ich mich doch unangenehm berührt und
gab die Depesche gleich an Lukas weiter Der sprang trotz aller Hitze auf und
ging wie ein zorniger Löwe hin und her Ja er war beinahe gereizt gegen mich
weil seine Ratschläge mit dem festgelegten Kapital jetzt definitiv vereitelt
sind und ich nicht umhinkonnte wenigstens über diesen Umstand ein wenig zu
triumphieren Dann aber war er schamlos genug zu sagen in diesem Falle müsse
ich mir unbedingt eine Leibrente kaufen um doch wenigstens irgendwie gesichert
zu sein
»Pfui nein das bloße Wort« Baumann lächelte »Sie wissen lieber
Doktor ich leide überhaupt an Wortidiosynkrasien Leibrente klingt mir nach
Leibweh Leibbinde Kamillentee alten Tanten es hat etwas durchaus
Degradierendes«
»Diese Wortidiosynkrasie fügt sich dem Geldkomplex vollkommen ein
Vermutlich fühlten Sie sich als Kind degradiert und eingeengt wenn man Sie mit
einer Leibbinde und Kamillentee womöglich noch unter Obhut einer alten Tante
ins Bett steckte Aus dieser Erinnerung heraus machen Sie nun eine
Ideenassoziation mit dem Wort Leibrente um das eingeengte Dasein was eine
solche bieten würde abzulehnen«
»Sie fangen an mich zu überzeugen«
»Und ich fühle immer weniger Veranlassung für Ihre Lehre Propaganda zu
machen« warf Lukas wütend hin
»Ich spreche als Psychiater und nicht als Moralist«
»Tue ich das etwa« Und sie gerieten sich ein wenig in die Haare weil
keiner Moralist sein wollte
Henry hatte seine stille Freude daran und meinte als sie ausgetobt hatten
es sei doch unvorsichtig gewesen den alten Herrn so lange im Bahnhof
stehenzulassen Ich musste dem widersprechen denn das Testament hat er
jedenfalls schon vorher gemacht und ein postumer Fluch wenn er auch noch so
kräftig war konnte nichts mehr daran ändern Und nachdem man diese
Schändlichkeit erfahren hat lag wirklich kein Grund zu übertriebener
Rücksichtnahme mehr vor All unser Takt ist verschwendet gewesen
Sodann erwogen wir ohne jede innere Überzeugung ob das Testament am Ende
gefälscht unterschoben oder irgend etwas Ähnliches sein könnte Und alle
rieten es doch auf jeden Fall anzufechten Dann könnte ich wenigstens meinen
Rechtsbeistand beschäftigen Ich will es mir immerhin überlegen
Balailoff hatte da lebhaft durcheinander geredet wurde nur die Hälfte und
auch die falsch verstanden Er meinte entschieden es handle sich um ein
besonders frohes Ereignis und schlug vor es zu begiessen Folglich brach man
auf begab sich ins Bureau und begoss dort gleich alles miteinander das
Pflichtteil Henrys Erfolge in Russland und die Zukunft im allgemeinen Das
Petroleumunternehmen hat er inzwischen tatsächlich in die Wege geleitet und
sagte mir im Vertrauen es sei eine der besten Sachen die er jemals an der Hand
gehabt habe wenn sie so ausschlüge wie man mit gutem Recht annehmen könne
Ganze Berge von Zeichnungen und Schriftstücken hat er mitgebracht die sie nun
mit Enthusiasmus zusammen durchsehen und bereden Dafür hat er den Sekretär als
Aufseher dortgelassen womit Balailoff nicht ganz einverstanden war und
Gottfried ist dageblieben um wiederum den Sekretär zu beaufsichtigen
Das Bureau hat allmählich etwas Heimatliches bekommen das uns allen
wohltut einige gemütliche Stühle der Goldfluss auf seinem schwarzen Postament
auf der einen Seite des ungeheuren Schreibtisches die Gläser und Flaschen die
man zum Begiessen braucht an der anderen Henry und Balailoff vor ihren
Papieren In unsere gedämpfte Unterhaltung fallen Bruchstücke der ihren
hinein wie Dividenden ausschütten Gewinn und Verlustkonto
Reservefonds
Baumann examiniert mich ein wenig über die Wirkung dieser letzten Nachricht
Ich möchte ihm so gerne interessantes Material darüber liefern kann aber nur
sagen dass es mich zu meiner eigenen Verwunderung ziemlich kalt lässt Viel oder
wenig ich will nur endlich einmal Geld sehen momentanes Geld das wirklich da
ist Vielleicht bin ich mit dem Pflichtteil sogar besser dran weil es für ein
Existenzprogramm eben doch wieder nicht langt und das Rechnen und Kopfzerbrechen
ganz zwecklos sein würde
Andererseits bestätigt sich wieder einmal meine Ahnung dass es das Geld
nichts mehr mit mir zu tun haben will Die Tatsachen reden deutlich genug von
einer Art Kapital ist es erst um ein Viertel zurückgegangen dann auf
Pflichtteil Was kann nun noch kommen Vielleicht verwandelt es sich aus Rubeln
in Kopeken und aus Kopeken in Sand und Steine
»Und vielleicht gelänge es Ihnen dann eher aus Sand und Steinen eine
wirtschaftliche Basis zu schaffen« sagte Lukas niederträchtig »denn es möchte
das umgekehrte Wunder bewirkt werden dass Ihr Wille endlich einmal wach würde
Denken Sie nur einmal an die ungeheure Anzahl von Mädchen und Frauen die mitten
im Berufsleben stehen und sich ihr Brot selbst verdienen anstatt darüber zu
philosophieren dass und warum sie kein Vermögen haben«
»Der Beruf der Frau ist in erster Linie Gattin und Mutter« erklärte ich
nicht ohne Patos »und dem bin ich nach besten Kräften nachgekommen Ich bin
nun schon zum zweitenmal verheiratet und habe ein Kind aus erster Ehe Es ist
vorläufig bei Bekannten untergebracht bis meine Geldverhältnisse sich wieder
etwas gelichtet haben Aber alles das wollen Sie natürlich nicht als soziale
Leistung anerkennen sondern denken lieber darüber nach wie Sie mir zu
irgendeiner entsetzlichen Stellung im Berufsleben verhelfen könnten Ich habe
den größten Respekt vor jenen Mädchen und Frauen die sich selbst durchbringen
wenngleich ich es für eine bedauerliche Verirrung der Vorsehung halte dass sie
dazu gezwungen sind Sie sind überhaupt der ungerechteste Mensch der mir jemals
begegnet ist sonst müssten Sie doch zugeben dass ich das wirtschaftliche Problem
auf meine Weise auch gelöst habe Ich hatte nie ein festes Einkommen nie
einen bestimmten Beruf sondern nur vorübergehende Tätigkeiten bei denen nicht
viel herauskam und doch habe ich eine ganze Reihe von Jahren existiert
vielleicht sogar besser und angenehmer gelebt als manche andere mitsamt ihrem
Beruf«
»Das Endresultat war aber doch«
»Das kann jedem passieren das Endresultat steht immer in Gottes Hand
Erinnern Sie sich nur an den Baulöwen«
»Der Baulöwe war meiner Ansicht nach ein Hochstapler«
»Aber ein schlechter« sagte Henry vom Schreibtisch herüber mit einem tiefen
Seufzer »Wenn schon denn schon Aber er hat konsequent zu tief gestapelt Ich
habe mir alle Mühe gegeben mit den Gläubigern zusammen seine verkrachte
Zementfabrik neu zu gründen aber nichts zu machen Die Witwe ist jetzt selbst
überzeugt dass er ein unverbesserlicher Baulöwe war«
»Dann ist sie wenigstens ihren Komplex los ohne sich analysieren zu
lassen« meinte ich nicht ohne heimlichen Neid »Er wird schon wiederkommen
gnädige Frau« antwortete Baumann zuversichtlich
Henry vertiefte sich wieder in seine Papiere und ich hoffte vergebens
Lukas sei von seinem Thema abgelenkt
»So viel glaube ich jetzt doch von Doktor Baumann gelernt zu haben« fuhr er
unerbittlich fort »Sie leisten geradezu Hervorragendes in der Verdrängung alles
dessen was Ihnen nicht passt So wollen Sie jetzt wieder das Endresultat Ihrer
Pardon etwas merkwürdigen wirtschaftlichen Betätigung mit allgemeinen
Redensarten beiseite schieben Das Endresultat war eben doch dass Sie abermals
Pardon gnädige Frau vollständig am Ende Ihrer Weisheit und Ihrer ökonomischen
Möglichkeiten angelangt waren Wäre der alte Herr nicht gestorben«
»Er ist aber doch gestorben und ich führe hier ein ganz annehmbares Leben
ja ich hatte schon lange nicht mehr in diesem Maß das Gefühl einer geordneten
Existenz Meine Gläubiger wissen nicht wo ich bin man kann mir nichts mehr
nehmen da ich keine eigene Einrichtung mehr besitze Der Professor wagt nicht
mich hinauszuwerfen weil sein Gutaben dann zweifellos nie mehr beglichen
würde Er bekümmert sich sogar darum ob ich gut schlafe was noch nie ein
Gläubiger tat Man bringt mir morgens den Kaffee ans Bett«
»Das ist jedenfalls die Hauptsache« sagte er mit bitterem Hohn
»Es fällt wenigstens sehr ins Gewicht«
»Und wenn nun eines Tages die raue Wirklichkeit wieder an Sie herantritt
das Pflichtteil verbraucht ist«
»Lassen Sie es doch um Gottes willen erst einmal da sein Aber so machen Sie
es mir mit Ihren wirtschaftlichen Komplexen noch vollends kopfscheu« Baumann
lächelte beifällig er hat neulich schon zugegeben dass Lukas zum mindesten
stark konstelliert ist
»Ja Sie bringen mir sicher Unglück mit Ihrem ewigen Disponieren Wer weiß
ob Sie mir nicht die ursprüngliche Summe nur dadurch wegdisponiert haben Ich
möchte Sie beinah dafür verantwortlich machen«
Er fühlte sich doch wohl etwas schuldbewusst und murmelte nur etwas
Unwilliges vor sich hin
Am Schreibtisch zwischen Henry und Balailoff wurden ungeheure Zahlen hin und
her gerollt es hat beinah etwas Weihevolles dem zuzuhören
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Ich fürchte eine gute Weile wird man sich noch in Geduld fassen müssen Wie man
mir schreibt kann der Nachlass erst allmählich liquidiert werden und es sind
noch unendliche Formalitäten zu erfüllen Was für Formalitäten und wer sie zu
erfüllen hat kümmert mich wenig man muss es halt abwarten
Auch hier geschehen allerhand Dinge mit denen wir nicht ganz einverstanden
sind aber zum Teil sind wir wohl selbst schuld daran
Balailoff kam neulich an einem ungewöhnlich heißen Vormittag auf die
Terrasse und forderte uns auf ihn nach N zu begleiten Das ist ein Bergnest
hier in der Nähe wo die Trauung stattfinden soll In der Stadt wäre es viel
einfacher gewesen aber das war ihm nicht einzureden Es mache dort zuviel
Aufsehen schon weil er im Sanatorium wohne kurz es ist ein Komplex von ihm
Nun war er wieder einmal seiner Papiere wegen zum dortigen Bürgermeister
befohlen wir kannten diese Expeditionen schon und fürchteten sie wie den Tod
Da nun auch unsere Sprachkenntnisse sehr schwach sind mussten wir stets alle
vier mit um uns zu ergänzen NB Der Professor hat es längst aufgegeben
unseren Freiheitsdrang zu hemmen und lässt uns gehen wohin wir wollen So habe
ich auch dem Rechtsanwalt meine Vollmacht unter nichtigen Vorwänden wieder
entzogen
Um das Bergnest zu erreichen muss man eine gute Stunde steigen eine weitere
pflegt zu vergehen bis man den Bürgermeister in seinen Weinbergen aufgestöbert
hat und er endlich mit der Sichel in der Hand erscheint dann noch eine halbe
bis seine Frau den Schlüssel zur Amtsstube gefunden hat Nun erst beginnt die
Unterhandlung die sehr viel Witz und Geistesgegenwart erfordert Das
schriftliche Material ist in allen möglichen Sprachen abgefasst Bis man sich
nun einigt was wohl ungefähr darin stehen mag was es bedeutet und an welche
Behörden oder Konsulate wieder zu schreiben ist vergeht abermals beträchtliche
Zeit Die Braut weigert sich mitzugehen und würde auch gar nichts nützen da sie
in Lissabon aufgewachsen ist und nur Portugiesisch kann Es ist also jedesmal
ein Martyrium Ein paarmal haben wir es murrend über uns ergehen lassen aber
bei dieser Temperatur streikten wir einfach Henry der sonst ein Mann der Tat
ist sah Balailoff nur vorwurfsvoll an deutete mit einer großen Geste auf die
Sonne und sagte »Sie steht wirklich schon zu hoch« Dann sank er matt in seinen
Sessel zurück Baumann sah von einem zum anderen und äußerte er müsse als
Mediziner auch sagen es ginge einfach nicht
Balailoff war außer sich die Sache litte keinen Aufschub Wir wurden
schließlich gereizt und so ging es eine Weile hin und her Da erhob sich
plötzlich der sogenannte schwarze Idiot der an einem Nebentisch Zeitungen las
beständig zu uns herübersah und schon eine ganze Weile vorbereitend mit den
Kinnladen geklappt hatte kam heran stellte sich vor und erbot sich aufs
höflichste Balailoff zu begleiten Er habe sowieso dort zu tun was sicher
gelogen war spreche sowohl Russisch wie Italienisch und hoffe ihm dienen zu
können Sie wurden wahrhaftig einig was wir Balailoff etwas übelnahmen und er
uns ebenfalls denn er verabschiedete sich ziemlich ungnädig und zog mit dem
Schwarzen ab
Erst spät am Nachmittag kamen sie zurück Der schwarze Idiot der schon
lange nach unserer Bekanntschaft strebte schien sehr beglückt dass das Eis nun
endlich gebrochen sei während wir es unverschämt fanden dass er es für
gebrochen hielt Er kam ohne weiteres an den Tisch und wollte ein Gespräch
anfangen aber Henry wies abermals auf die Sonne und sagte ablehnend »Später
wenn sie untergegangen ist« Darauf sah er uns der Reihe nach verständnislos
an und es hätte sicher eine peinliche Szene gegeben wenn Balailoff ihn nicht
mit sich fortgenommen hätte Wir waren uns eigentlich keiner Schuld bewusst Man
hatte Übermenschliches von uns verlangt und wir hatten uns geweigert Deshalb
begriffen wir nicht recht warum Balailoff uns grollte aber er tat es Den
ganzen Abend ließ er sich nicht mehr blicken und das gemütliche Einvernehmen
ist seitdem erheblich gestört Denk Dir nur unseren Schrecken ein paar Tage
später stellt Balailoff uns diesen Typ als seinen Privatsekretär vor und
seitdem belästigt er uns in den kühleren Stunden in den heißen hat er doch
nicht den Mut dazu mit seiner Gesellschaft Statt an seinem früheren Platz wo
wir aus sicherer Entfernung unser Vergnügen an ihm hatten sitzt er mit an
unserem Tisch schaut entgeistert von einem zum anderen findet alles was wir
reden äußerst interessant und klappt mit den Kinnladen wenn er selbst etwas
sagen will Das wäre noch das wenigste obwohl wir sehr darunter leiden aber
wir befürchten vor allem dass er seinen neuen Chef auch in geschäftlichen Dingen
beeinflussen wird da er in allem und allem so ungeheuer sachverständig ist
neuerdings sogar in bezug auf Petroleum und sich in alles auch in
Petroleumfragen hineinzumischen sucht Henry und er sind schon verschiedene
Male heftig darüber aneinandergekommen Überhaupt er spielt einfach die Rolle
des Intriganten im Teaterstück und Balailoff die des gutmütigen aber schwachen
Fürsten der sich immer gerade von den verkehrten Leuten beeinflussen lässt
Was der Mann eigentlich ist und was er sonst auf dieser Welt zu schaffen
hat ahnen wir nicht ebensowenig weshalb er sich hier sanieren lässt
Vielleicht will er sich nur seinen Schwachsinn und das Klappen mit den Kinnladen
abgewöhnen lassen
Baumann beobachtet ihn angestrengt kann aber auch nichts herausbringen
Sein wissenschaftlicher Eifer hat sonst zu meiner Erleichterung ziemlich
nachgelassen ich habe ihn auch gebeten mich eine Zeitlang zu schonen Der
Geldkomplex plagt mich nicht mehr so seit wieder Geld in der Luft ist leider
immer noch in der Luft Ich habe mich wenigstens zu einer wohltuenden Apathie
durchgerungen und das beständige Wiederaufwühlen könnte höchstens einen
Rückfall verursachen Und Henry Henry rechnet neuerdings mit solcher
Intensität dass nichts mehr mit ihm anzufangen ist
Ich habe ganz vergessen Dir für Deinen Brief zu danken Ja gewiss man muss die
Feste feiern wie sie fallen Ein schlechter Trost aber es soll ja eigentlich
auch keiner sein Nach Siam werde ich unter diesen Umständen wohl kaum fahren
geschweige denn Euch alle mitnehmen aber vielleicht nach Monte Karlo Man muss
doch irgendeine Methode finden um das Pflichtteil auf seine vorigen Dimensionen
zurückzuführen Ich habe auch Henry vorgeschlagen dass er mitkommen soll Er
findet es sei besser damit zu warten bis alle Stränge reißen Ich dagegen
meine es ist besser solange noch etwas da ist
In bezug auf Balailoff sind wir sehr beunruhigt Er war schon mehrere Tage
nicht im Bureau kam aber trotzdem abends stark angeheitert nach Hause Es liegt
auf der Hand dass er mit dem Schwarzen gekneipt hat und sich dann von ihm um den
Finger wickeln lässt
Du musst wissen für Henry hängt viel vielleicht alles davon ab dass
Balailoff hier bleibt bis das Petroleumunternehmen endgültig organisiert ist
Leute wie Balailoff sind auf die Entfernung nicht sehr zuverlässig Baumann und
Lukas sind ebenfalls als Aktionäre vorgemerkt und wer weiß ob ich mich nicht
auch noch beteilige Es liegt also im allgemeinen Interesse ihn so lange wie
möglich hier festzuhalten Die Braut aber strebt nur danach bald fortzukommen
weil ihr der Aufenthalt hier odios ist vor allem in unserer Gesellschaft Wir
haben deshalb immer möglichst darauf gesehen dass die Heirat nicht überstürzt
wird haben ihn immer wieder veranlasst sich abwartend zu verhalten und die
Behörden nicht nervös zu machen Zum Teil geschah es übrigens aus rein
freundschaftlichem Gefühl denn diese Ehe fällt ja sicher todunglücklich aus
Der angenehme Privatsekretär aber fasst es ganz anders auf und an er tut
was er kann um die Heirat zu beschleunigen Auch das spricht deutlich für sein
Idiotentum denn normalerweise ist doch anzunehmen dass sein Posten damit
abläuft Nun ist er kürzlich auf die unselige Idee gekommen das Paar solle sich
hier naturalisieren lassen denn damit sei die leidige Frage der
Staatsangehörigkeit aufs einfachste erledigt Lukas welcher auf diesem Gebiet
einige Erfahrung besitzt meinte man müsse doch auch in diesem Fall seine
Nationalität nachweisen
Der Idiot aber lächelte etwas pfiffiger als sonst und behauptete Gott
bewahre man brauche nur eine schriftliche Erklärung abzugeben Er wisse auch
wie die hiesigen Beamten zu behandeln seien und würde sich schon mit ihnen
einigen Dann hat er sich ein Pferd gemietet reitet kreuz und quer im Lande
herum verhandelt mit Behörden und besticht angeblich Beamte Oder er sitzt mit
Balailoff zusammen setzt Briefe und Eingaben auf in die wir nicht mehr
eingeweiht werden Auch die Braut kommt jetzt öfters mit auf die Terrasse und
man sucht sich an sie zu gewöhnen
Balailoff strahlt im Gedanken an das nähergerückte Ziel und der Idiot
versucht manchmal Geschichten aus seiner entbehrungsreichen Jugend zu erzählen
findet bei uns aber wenig Anklang damit Dann verstummt er wieder und starrt
entgeistert seinen Teller oder seine neue Gebieterin an die ihn ziemlich
huldvoll behandelt
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Schon Anfang August Gott wie lange bin ich schon hier Bald kann ich mir
überhaupt keine andere Daseinsform mehr vorstellen und werde dermaleinst gar
nicht wissen wie ich mich wieder daran gewöhnen soll Ebensowenig aber kann ich
mir ein Bild davon machen wie lange das hier noch so fortgehen wird Immer
wieder muss ich Baumann vorschieben damit er von Zeit zu Zeit den Professor
beruhigt Der hat ihm neulich wieder einmal sein Herz ausgeschüttet und gesagt
es ginge einfach nicht dass man ihm das Sanatorium so auf den Kopf stellt Wir
wären doch alle keine richtigen Patienten Henry käme nur zu den Mahlzeiten wie
ein Tourist Balailoff betränke sich fortwährend trotz seiner Abstinenzkur und
es liege auf der Hand dass wir ihm dabei Vorschub leisteten ich habe ihm von
Anfang an einen fragwürdigen Eindruck gemacht zum Beispiel die Geschichte mit
Gottfried kurz er ist sehr besorgt dass wir seine Anstalt diskreditieren
Bei jedem von uns liegt aber irgendein Grund vor weshalb er ihn eben doch
dabehalten möchte An Henrys Terrainspekulationen ist er stark interessiert
Balailoff bringt ihm mit den vielen Zimmern die er innehat mit Extrapavillons
und Gefolge ein Bombengeld ein und bei mir muss er eben warten bis Geld da ist
Nur Lukas sei durch und durch ein Ehrenmann hat er gesagt und es sei geradezu
unbegreiflich dass er ausschließlich mit uns verkehre
Baumann ist nun auf den guten Gedanken gekommen ihm zu raten er solle die
ganze Gesellschaft etwas mehr von den normalen Patienten isolieren So hat man
uns in einem entlegenen Teil des Gebäudes untergebracht was sehr viel für sich
hat Gegen den Idioten hat Baumann auf unsere Bitte aber vergeblich zu
intrigieren versucht Er hat infolge seines vertrottelten aber äußerst
gesitteten Benehmens einen ganz besonderen Stein im Brett und der Professor
erklärte ihn im Gegensatz zu uns anderen ebenfalls für einen Ehrenmann Es ist
aber wenigstens erreicht worden dass er sein bisheriges Zimmer behalten hat und
nicht mit in den Separatflügel gekommen ist Er steht sich zu gut mit dem
Professor und hätte beständig spioniert Statt dessen habe ich jetzt Balailoffs
friedlichen alten Priester als Nachbarn
Unser Flügel hat einen Ausgang durch den man über einen wenig
frequentierten Seitenhof auf die Straße gelangt Es ist eine große Wohltat
nicht mehr wie Pensionszöglinge aufpassen zu müssen ob man kontrolliert wird
Es haben sich im Lauf der Zeit allerhand Privatinteressen ergeben die bisher
nur unter großen Schwierigkeiten verfolgt werden konnten jetzt aber um so
eifriger gepflegt werden Baumann ist uns gewissermaßen als ärztlicher Aufseher
gesetzt worden Da er nun selbst eine kleine Freundin in der Stadt hat lässt er
mit sich reden Henry und ich haben ebenfalls einige Bekannte unter den
Schauspielern des Sommerteaters etwas anderes gibts hier nicht Man ist
natürlich sehr vorsichtig hält auf den Ruf der Anstalt und auf den eigenen und
ich finde man sollte das anerkennen anstatt uns wie es leider von
verschiedenen Seiten geschieht schief anzusehen
Schade dass Du nicht auch hier bist das heißt verzeih mir diesen
Egoismus und begreife ihn es hat so viel für sich die einzige Frau in einem
Kreise zu sein dass ich doch nicht gerne teilen möchte Bitte missverstehe das
nicht Die vorhin erwähnten Privatinteressen bringen es mit sich dass unser
Familienleben intakt bleibt und eben dadurch ergibt sich eine sympatische
Atmosphäre die einen Stich in alles mögliche hat Lukas ist sozusagen stiller
Teilhaber er ist noch nicht lange und sehr glücklich verheiratet und steht auch
in dieser Beziehung auf demselben Standpunkt wie mit der wirtschaftlichen Basis
dabei lässt er wenn nicht mit sich reden so doch mit sich zanken denn es ist
klar dass weder Henrys noch meine Privatinteressen Gnade vor seinen Augen
finden Meines ja siehst Du Maria die hiesigen Möglichkeiten beschränken
sich eben auf die Mitglieder des kleinen Theaters das nur für ein paar Monate
hier gastiert und ich muss beschämt gestehen dass es sich um einen Tenor
handelt Seine Stimme reicht kaum hin um ihn zu rechtfertigen und seine
Mitteilungen geschehen manchmal auf wild marmoriertem manchmal auf azurblauem
Briefpapier mit eingepresstem weißem Schwan Das mag schlimm sein aber ich kann
mir nicht helfen es hat für mich etwas Ergreifendes und im übrigen ist er
wirklich was man einen lieben Kerl nennt Seine Manieren sind zum Ärger der
anderen, die ihn nicht billigen völlig einwandfrei er weiß eben von der
Bühne her wie man sich unter Leuten von Welt zu benehmen hat denn bei dem
Mangel an Personal spielt er auch die Lebemänner in modernen Stücken Henry der
sich mit der jugendlichen Heroine in gleicher Verdammnis befindet hat immer
noch das nötige Verständnis dafür aber die Blicke unseres Privatdozenten wenn
er persönlich auftritt oder wieder eines seiner Schwanenbilletts morgens neben
meinem Teller liegt sind unbeschreiblich Ich gebe gerne und willig zu dass es
eine Verirrung ist aber das reizt ihn nur noch mehr Ja er greift in blindem
Eifer zu den stärksten Mitteln um mich davon abzubringen und meinte neulich
als Jugendtorheit könne so etwas ja noch hingehen aber für eine Frau die
Verlegenheitspause über dieses Stadium doch allmählich hinaus sein dürfte
Ich konnte darauf nur erwidern man sei nun einmal nicht mehr jung und
tausendmal wichtiger sei es die dritte vierte fünfte und so weiter Jugend
auszukosten als die erste und zweite Er war etwas entwaffnet und genierte sich
nachträglich dass er umsonst und ohne jeden Erfolg eine Taktlosigkeit gesagt
hatte
Natürlich hat auch Lukas den üblichen Alterskomplex von einer bestimmten
Grenze an soll man vorsorgen Leibrenten kaufen und stetiger in seinen Neigungen
werden Ich halte das für einen Irrtum und sehe gerade den einzigen Vorzug des
Älterwerdens darin dass die Zukunft einen weniger interessiert und der Moment
immer wichtiger wird Solange mir noch Tenöre von Sommerteatern himmelblaue
Billetts schreiben sehe ich nicht ein warum ich darauf verzichten soll dabei
habe ich es ganz gern wenn mir jemand Moral predigt mich ärgert und ich ihn
wieder ärgern kann Mehr Verständnis hat der alte russische Priester ich
kollidierte neulich in einem etwas ungeschickten Moment mit ihm auf dem
Korridor Nachher saß er im Mondschein auf seinem Balkon als ich dann auf den
meinen hinauskam und wir unseren gewohnten Gruß austauschten war ich doch etwas
verlegen und suchte nach einem erlösenden Wort wir haben uns inzwischen etwas
besser verständigen gelernt aber mir fiel nichts anderes ein als pater
peccavi Er lächelte milde anscheinend erfreut und antwortete Te absolvo
und noch irgend etwas was ich nicht verstand
Ach Gott Maria ich muss doch immer wieder darauf zurückkommen und wenn
es auch langweilig wird zum die Wände hinauflaufen wie könnte das Leben schön
sein ohne die Geldfrage Und wie ist es möglich dass Menschen mit Geld jemals
wirklich unglücklich sind
Schau ein gewisser Grad von Komfort einige nette Leute und etwas
Durcheinander eine dumme Liebesgeschichte ohne höhere Ansprüche Mondschein
und ein wohlwollender alter Priester und ich wäre schon wieder imstande für
das Dasein zu schwärmen wenn nicht immer die Geldgedanken wie eine schwarze
Wand hinter allem ständen Ob nun das Pflichtteil endlich einmal tatsächlich in
meine Hände gelangt oder nicht früher oder später wird doch einmal der Moment
kommen wo ich wieder rechnen oder darüber nachdenken muss und der Komplex mich
von neuem umnachtet
Ich tue ja mein Bestes um das Jetzt als Ferienzeit aufzufassen wie man als
Kind die großen Sommerferien festlich beging Sie schienen endlos und doch
wurde man die Gespenster nicht ganz los Lehrer Schulstunden und
Strafarbeiten und wusste ganz genau davor war die Hölle und dahinter lauerte
auch wieder die Hölle wie könnte man es nur anfangen darum herumzukommen
Nein das gibts eben nicht einmal wird man doch wieder in die Schule müssen
und wieder nachsitzen weil man die Rechenaufgaben nicht in den Kopf kriegen
kann Es kommt mir jetzt recht symbolisch vor dass ich früher wegen jeder aber
auch jeder Rechenaufgabe nachsitzen musste War sie einmal richtig so hatte ich
entweder abgeschrieben und dann gab es erst recht Strafe oder es beruhte auf
einem Zufall an den niemand glauben wollte Wie das den Charakter verdirbt
man kann sich schließlich nur damit trösten dass auch der Lehrer infolge seiner
eigenen Infamie um seinen freien Nachmittag kommt Und später was hatte ich
von Haus aus für einen sympatischen Charakter und wie sehr hat er unter den
Geldkamalitäten gelitten Es gibt gewiss keine Gemeinheit die ich nicht mit
Vergnügen beginge wenn sie sich rentierte aber es gibt zu wenig Gelegenheit
die wirklich rentablen Gemeinheiten kommen immer nur in Romanen vor Wenigstens
die sich mir bisher boten waren nicht der Mühe wert Ich hätte beispielsweise
einmal jemandem mit zwanzigtausend Mark durchbrennen können und die drei Tage
wo ich sie in Obhut hatte waren qualvoll genug Aber wie weit wäre ich damit
gekommen über kurz oder lang hätte ich doch wieder umkehren müssen Wären es
hunderttausend gewesen so hätte ich eher die moralische Kraft dazu gefunden
Ich will mich lieber nicht weiter in diesen Gegenstand vertiefen Henry gab
uns gestern ein kleines Souper man war etwas zu lustig und ich habe heute ein
wenig Katzenjammer Dann fallen einem alle möglichen trüben Dinge wieder ein
Lieber hör ich auf
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Schlimme Nachrichten Maria Meine neulichen Abendbetrachtungen waren Vorahnung
Wie ich dieses zweite Gesicht verwünsche aber ich habe es nun einmal
Also zuerst was mich selbst betrifft Ich weiß nicht ob ich Dir erzählte
dass der Miterbe schon einmal verheiratet war Dass er mit dieser ersten Frau
denselben Kontrakt auf Erbteilung gemacht hat wie mit mir wusste ich allerdings
nicht Sie hat sich dann schlecht bewährt und er ließ sich von ihr scheiden
Jetzt aber nach dem Tode des alten Herrn ist sie wieder aus der Versenkung
aufgetaucht will ihre Ansprüche geltend machen und droht durch ihren Anwalt die
Erbschaft mit Beschlag belegen zu lassen Im besten Falle gibt es also wieder
eine Verzögerung im minder günstigen aber ich ziehe es vor diesen Gedanken
vorläufig noch zu verdrängen Lukas ist jetzt ganz kleinlaut und meint dass
wirklich von s des Schicksals rätselhafte Dinge gegen mich vorliegen
müssen
Er der Miterbe gedenkt nächstens zurückzukommen und will mich dann hier
aufsuchen Einstweilen hat er immer noch Formalitäten zu erfüllen
Wenn das alles wäre aber auch um die Petroleumsache sind wir in schweren
Sorgen Balailoff gerät immer mehr unter den Einfluss des schwarzen Idioten der
sich übrigens in letzter Zeit lauter weiße Anzüge angeschafft hat wir waren
schon unschlüssig ob man ihn nicht umtaufen müsse und sprach schon davon ihn
auf eine Inspektionsreise nach Russland zu schicken da letzthin ungünstige
Berichte von dort einliefen Es hieß das Gebiet sei doch nicht so ergiebig wie
man anfangs angenommen und so weiter Henry behauptet auf Grund seiner gewiss
vielfältigen Erfahrungen das passiere bei jedem derartigen Unternehmen und man
brauche einstweilen kein Gewicht darauf zu legen Das Konsortium pflege einmal
dieses und einmal jenes Gerücht auszusprengen um Stimmung zu machen oder was
weiß ich ich konnte seinen Auseinandersetzungen nicht recht folgen und
Balailoff versteht es sicher noch weniger als ich Der Idiot aber will jetzt
plötzlich auch über Petroleumgewinnung besser Bescheid wissen als alle anderen
nachdem er vorher nur in Heiratspapieren kompetent war Bei jedem anderen
Gespräch verstummte er und klappte ratlos mit den Kinnladen
Einstweilen ist er hier noch unentbehrlich denn die Heiratsangelegenheit
scheint trotz all seiner Bemühungen nicht vom Fleck zu rücken Balailoff ist
manchmal sehr nervös und klagt darüber dass die Beamtenbestechung
unwahrscheinliche Summen verschlinge
Wir anderen trauen dem schwarzen Kerl nicht über den Weg Bei Tisch setzt er
sich nach wie vor zu uns ist auf keine Weise loszuwerden sondern sitzt da
starrt uns an und erzählt wenn man ihn überhaupt zu Wort kommen lässt von
seinem angeblich bewegten Leben Anfangs brachte man ihn rasch zum Schweigen
aber wir lassen ihn jetzt manchmal gewähren um gelegentlich eine Handhabe gegen
ihn zu gewinnen Bis jetzt haben wir aber nur festgestellt dass er unerhört lügt
und höchstens in Balailoffs Gegenwart seine Erzählungen etwas glaubhafter hält
Von uns nimmt er wohl an dass wir alles glauben da wir immer schweigend zuhören
und nie den leisesten Zweifel äußern
Es scheint beinah dass wir unserem Ziel näher kommen und eine wichtige
Entdeckung gemacht haben mittels deren wir ihn vielleicht stürzen können
Neulich abends waren wir alle in Henrys Zimmer der Pavillon der Braut liegt
nahe an unserem Separatflügel und man hört sie allabendlich Klavier spielen
war aber so daran gewöhnt dass man nicht weiter darauf achtete Balailoff ist um
diese Zeit nie vorhanden sondern treibt sich allein in der Stadt herum
An diesem Abend nun unterhielten wir uns ganz friedlich Henry hatte Wein
aus dem Bureau heraufgeschaft und Baumann der einen ziemlichen Schwips hatte
sagte auf einmal nachdenklich »Hört nur das ist wirklich merkwürdig sie
spielt ja vierhändig« Wir schwiegen und hatten so unsere Gedanken dabei
während Baumanns Freundin ihn im tiefen Ernst zu überzeugen versuchte dass es
unmöglich sei allein vierhändig zu spielen Natürlich wollten wir in ihrer
Gegenwart unseren Verdacht nicht äußern aber als sie fort war machten wir das
Licht aus und warteten gespannt am Fenster bis das Klavierspiel verstummte
Kurz nachher sahen wir denn auch den Privatsekretär vorsichtig durch den Garten
schleichen
Aber was nun Darüber wurde lang hin und her beraten Man kann die beiden
doch nicht einfach verklatschen es ist schließlich ihre Privatsache
Andererseits ist Balailoff wenn er sich auch neuerdings schlecht benimmt
sozusagen unser Freund während wir die Braut nicht ausstehen können und den
Idioten los sein möchten Sollte einer von den Männern den Ahnungslosen
aufklären was da vor sich geht es nimmt sich eventuell doch schlecht aus
und die beiden würden zweifellos leugnen Gott weiß ob sie nicht auch wirklich
nur zusammen Klavier spielen Und doch meinte Henry wäre es beinahe
Christenpflicht ihn aufmerksam zu machen denn wenn der Idiot ihm mit seiner
Braut Hörner aufsetzt wird er ihm auch mit dem Petroleum Hörner aufsetzen
sobald es ihm gelingt seine Pfoten dahinein zu bekommen und die ganze
Geschichte geht für uns zum Teufel
Zunächst haben wir also nur versucht den Schwarzen aufs Glatteis zu führen
Ich fragte ihn gleich am nächsten Morgen in aller Harmlosigkeit ob es bei
starker musikalischer Begabung möglich sei alleine vierhändig zu spielen
Balailoff schlug ein schallendes Gelächter an er ahnt also nichts von den
nächtlichen Konzerten die Braut verfärbte sich sie hat jedenfalls ein
schlechtes Gewissen Der Idiot aber behielt seine Fassung und hielt mir einen
längeren Vortrag über Klaviertechnik sowie über Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten Es war ein ausgesprochener Missgriff denn nun sind sie gewarnt
und spielen nicht mehr zusammen
Darauf versuchten Henry und Baumann der Privatdozent gab sich nicht dazu
her der Braut auf Tod und Leben die Kour zu machen um den Idioten
auszustechen Sie reagierte in keiner Weise und man erreichte nur dass
Balailoff noch verstimmter auf uns ist
Nun haben wir noch einen Plan im Hinterhalt wir wunderten uns nämlich
schon lange darüber dass weder Balailoff noch die Braut auf den Gedanken
gekommen sind die Ehe in England zu schließen Er selbst weiß am Ende gar
nichts von dieser segensreichen Einrichtung bei einem Russen mit Spleen wäre
das gar nicht so unmöglich und sein Faktotum wird sich hüten ihn auf den
Gedanken zu bringen da die Angelegenheit dadurch zu einem rascheren Abschluss
käme Das liegt selbstverständlich nicht in seinem Interesse
Uns selbst geht es offen gesagt ebenso Wir konnten uns nie besonders für
die Heirat erwärmen und hofften immer dass sie noch möglichst hinausgezogen
würde bis das Petroleum Denn daran sind wir alle aufs lebhafteste
interessiert und wollen mit hineingehen sobald eine gewisse Garantie gegeben
ist Lukas hat trotz seiner nationalökonomischen Weisheit Blut respektive
Petroleum geleckt und möchte sein bescheidenes Kapital vermehren Baumann mit
fast gar nichts eines gewinnen und ich nun wenn irgend möglich das Unglück
mit dem Pflichtteil wieder gutmachen
Wäre nur Henry für einen Gründer nicht viel zu anständig ich begreife
allmählich dass es eben das ist was ihn immer wieder um den Erfolg bringt Wie
oft hätte er mit mehr Schwindel schon etwas erreichen können aber er will
nicht Er schlägt statt dessen auf den Tisch und sagt »Teufel es muss auch so
gehen« Glaubst du er wäre auch nur imstande einen Wechsel zu fälschen
Aber man versteht es ja auch Es hat etwas gegen sich und man will nicht aus
seiner Sphäre herausfallen
So steht es nun auch wieder im Fall Idiot Balailoff Henry hält es für
unfair sich direkt einzumischen und will abwarten bis der Idiot auf Grund der
göttlichen Gerechtigkeit in seine eigene Grube fällt Ich dagegen bin überzeugt
dass das gerade diesem Typus niemals passieren wird
Die Braut ist sehr vorsichtig geworden Es hat den Anschein als sei der
Flirt zwischen den beiden ganz abgebrochen sie begegnen sich nur noch mit
kühler Höflichkeit Aber es liegt auf der Hand dass sie gegen uns intrigieren
denn Balailoff wird immer unliebenswürdiger
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Nun inzwischen ist die Bombe geplatzt und diesmal scheint Henry recht zu
behalten dass die gute Sache durch sich selbst siegen muss
Die Spannung wurde immer peinlicher und der Idiot immer anmassender So rang
man sich schließlich zu dem Standpunkt durch er oder wir Wir beschlossen den
einzigen Trumpf auszuspielen der uns zur Verfügung stand und Balailoff auf die
Eheschliessung in England aufmerksam zu machen Mochte er dann in Gottes Namen
heiraten wenn es uns nur gelang den Schwarzen zu stürzen oder wenigstens zu
diskreditieren Henry bat also Balailoff um eine Unterredung bei der Lukas und
ich ebenfalls zugegen waren Balailoff kam und war anfangs etwas reserviert Als
Henry ihm aber die Sache mit viel Beredsamkeit vortrug dabei erwähnte dass wir
schon vor längerer Zeit in Gegenwart seines Sekretärs über einen ähnlichen Fall
gesprochen hätten da wurde er sehr nachdenklich Dann fragte er warum wir
ihn nicht eher darauf aufmerksam gemacht hätten Nun man habe sich erst
vergewissern wollen ob es wirklich so einfach sei und sich des näheren
erkundigt Henry nahm ein Bündel Briefe aus der Tasche schwenkte sie
bedeutungsvoll und steckte sie dann wieder ein Inzwischen sei aber jener
schwarze Herr aufgetaucht und seit Balailoff ihm in solchem Masse sein
Vertrauen geschenkt fühle keiner von uns mehr den Wunsch sich in seine
Angelegenheiten einzumischen
Es sei das auch jetzt nicht unsere Absicht wir wollten ihm nur die Frage
vorlegen ob die Beamtenbestechungen und anderen Manöver seines Sekretärs wohl
Aussichten hätten schneller zum Ziel zu führen
Der arme Balailoff ich glaube er ist im Grunde horndumm aber jetzt
schienen ihm doch einige Schuppen von den Augen zu fallen Außerdem ging ihm
plötzlich das Herz über und er gestand dass er dem Sekretär verschiedene
Geldangelegenheiten übertragen habe ohne sich weiter darum zu kümmern Wenn der
Mann den er bisher dafür gehalten am Ende doch nicht ganz zuverlässig sei
hier folgten einige russische Flüche worauf er Henry bewegt umarmte Lukas und
mir die Hand schüttelte uns alle für seine wahren Freunde erklärte und
lebhaftes Verlangen nach Alkohol äußerte So wurde nach langer Entfremdung der
erneuerte xxxFreundschaftsbund die Eheschliessung in England und daneben auch
wieder einmal die Petroleumaffäre begossen
Seit diesem bedeutungsschweren Abend ist er also wieder unser und eifrig
dabei seine Anordnungen für die Reise nach England zu treffen Den Sekretär
wollte er nicht Hals über Kopf entlassen um alles Aufsehen zu vermeiden lässt
ihn aber durch einen Detektiv überwachen und es scheinen da noch allerhand
Schwindeleien in größerem Maßstab herauszukommen Aber er hat ihn vorläufig in
seinem Dienst behalten und verwendet ihn nur noch für unwesentliche
Kommissionen Der Idiot ist etwas konsterniert und weiß nicht recht was er
denken soll Er schaut immer noch dumm genug drein aber sein Gesicht hat doch
etwas mehr Ausdruck bekommen nämlich einen gespannten Es ist beinah als
betrachte er uns mit einer Art schmerzlicher Ironie Die Braut ist öfters wieder
am Tisch aber man wird nicht recht aus ihr klug sie behandelt uns nach wie vor
wie Luft Wir gehen ihr möglichst aus dem Weg sitzen wieder in tiefem
Seelenfrieden auf der Terrasse und lassen die immer noch schwülen Tage an uns
vorübergehen Abends kommen unsere Freunde sie haben jetzt auch Balailoff
kennengelernt der sich uns immer mehr anschliesst und entzückt von ihnen ist
Schauspieler und Russen sind immer entzückt voneinander
Am zehnten August soll die Fahrt nach England angetreten werden Er plagt
uns dass wir mitfahren sollen als Trauzeugen Aber wir mochten weder die
geschäftlichen Dinge noch unsere Privatinteressen im Stiche lassen noch auch
das Sanatorium an dem wir wirklich mit Heimatliebe hängen Andererseits ist ja
noch zu erwägen ob es nicht unzweckmässig ist ihn so ganz aus den Augen zu
lassen Er schwört zwar er käme wieder zurück
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Der Entschluss ist uns erspart geblieben dafür hat es einen sogenannten Skandal
gegeben Nur schade dass wir nicht soviel Spaß daran haben können wie die
anderen Patienten die ihn in vollen Zügen genießen
Balailoff war auf einige Tage fortgefahren und hatte die Braut mitnehmen
wollen aber sie drückte sich unter dem Vorwand leidend zu sein Am zweiten
Morgen nachdem er fort war klopfte sein Diener der uns immer das Frühstück
heraufbringt verzweifelt an sämtliche Türen Wir waren spät aufgewesen und
niemand hatte Lust sich schon zu ermuntern so rief man ihm von allen Seiten
zu er möge alles in den Korridor stellen und uns schlafen lassen Aber er
bestand darauf irgend jemand persönlich zu sprechen Wir beschieden ihn also
mit sämtlichen Frühstücken in den gemeinsamen Salon und versammelten uns in
rasch improvisierter Toilette Das Klavier stand noch offen und überall
Weingläser vom vorigen Abend es war die richtige ungemütliche Morgenstimmung
mit einigem Katzenjammer
Und nun erfuhren wir dass die Braut über Nacht mit dem Herrn Idioten wie
der brave Iwan sich höflich ausdrückte davongegangen war unter Mitnahme alles
beiderseitigen Gepäcks also anscheinend um nicht mehr wiederzukehren Iwan
der seinem Herrn sehr ergeben ist war ganz außer sich Wir setzten gleich ein
Telegramm an Balailoff auf und schickten ihn damit weg
Eine halbe Stunde später erschien der Professor wollte wissen was wir
wüssten und war ungemein aufgeregt Glücklicherweise hatten wir in der
Zwischenzeit aufräumen lassen und saßen ordentlich und zivilisiert jeder vor
seinem Kaffee nur Lukas hatte einen etwas sonderbaren Schlafrock an Wir waren
diesmal wirklich mehr als unschuldig was er uns anfänglich nicht glauben
wollte Aber dann drehte Henry den Spieß um und erklärte er habe Balailoff in
diesem Punkt nie begriffen und ebensowenig dass man ein solches Subjekt so
lange hier geduldet hätte Dem Mann sei doch auf der Stirne geschrieben gewesen
dass er ein Schwindler war In diese Ausführungen stimmten wir alle lebhaft ein
Jedoch wir haben nun einmal das Pech auf diesen verbohrten alten Professor
nicht überzeugend zu wirken Er sah sich um als ob die Niedertracht nur so auf
Stühlen und Tischen herumläge fragte dann ob wir mit den Zimmern zufrieden
wären es sei aber möglich dass auch in diesem Flügel bauliche Veränderungen
vorgenommen würden und wir noch einmal umziehen müssten Auch Baumann bekam bei
dieser Gelegenheit einige bissige Bemerkungen der Chef hat irgendwie erfahren
dass er psychoanalysiert und das hat ihn sehr unangenehm berührt Es darf jetzt
wirklich nichts Auffallendes mehr passieren
Schließlich ging er dann wieder und wir frühstückten nachdenklich weiter
Leider mussten wir einstimmig zugeben dass der schwarze Idiot doch entschieden
intelligenter gewesen war als wir alle zusammen Eine deprimierende Einsicht
aber wer weiß vielleicht kann gerade die Begebenheit noch zum Heil der
Petroleumsache ausschlagen Henry wenigstens meint es komme nur darauf an
Balailoff jetzt richtig anzufassen Aber Henry ist ein Illusionist
Nun ja da war nicht viel richtig anzufassen Balailoff kam auf unser
Telegramm hin sofort zurück Seine Wut war anfangs unbeschreiblich und es blieb
nichts anderes übrig als ihn beständig unter Alkohol zu setzen was Henry mit
wahrem Löwenmut auf sich nahm Gleichzeitig wurde nach allen Himmelsrichtungen
recherchiert und man brachte in Erfahrung dass die Flüchtlinge sich nach
England gewandt haben Das hat ihn fast noch am meisten getroffen Außerdem hat
der Idiot es verstanden ganz beträchtliche Summen auf Balailoffs Namen zu
erheben und sie mitzunehmen Sonst wäre es ja eigentlich nicht zu bedauern dass
die beiden spurlos verschwunden sind Es ist viel gemütlicher ohne sie
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Ihr müsst nicht so neugierig sein und nicht so ungeduldig Maria Nehmt Euch doch
endlich ein Beispiel an der christlichen Ergebung mit der ich selbst die
Entwicklung der Dinge abwarte Versteht man es nicht mit Ausdauer und
Beharrlichkeit gute Miene zum bösen Spiel zu machen so wird man nervös Diese
schwere Kunst habe ich nun allmählich mit vieler Mühe üben gelernt und Ihr
dürft mich nicht immer darin stören
Die Feste feiern wie sie fallen das Petroleumfest das zu so schönen
Erwartungen berechtigte ist gründlich ins Wasser gefallen und zwar gerade in
dem Moment wo man dachte es nun ungestört feiern zu können Der schwarze Idiot
soll so ungeheuerliche Summen defraudiert haben dass Balailoff rundweg erklärte
er müsse sein Kapital zurückziehen und seine Ländereien verkaufen Vergebens
suchte Henry ihn zu überzeugen er könne sich durch dieses Unternehmen am besten
wieder rangieren und die Sache sei schon so weit gediehen dass er auch im
Interesse der übrigen Beteiligten nicht mehr zurücktreten dürfe Vergebens
suchten wir ihn aufzuheitern indem wir allabendlich unsere Freunde aus der
Stadt versammelten manchmal hatten wir fast die ganze Truppe da und saßen auf
Kohlen dass der Spektakel sämtliche Patienten aufwecken möchte Balailoff
betrank sich nur und war er wieder nüchtern so beteuerte er immer wieder
durch die Geschichte mit seinem Sekretär habe er den Glauben an die Menschheit
verloren und wolle von nichts mehr wissen weder von Braut noch von Petroleum
Es war nichts dabei zu machen Henry und er haben sich schließlich endgültig
überworfen Dann beschwerte er sich bei dem Professor dass er es nicht fertig
gebracht habe ihm das Trinken abzugewöhnen an all seinem Unglück sei nur der
Alkohol schuld Daraufhin kamen sich die beiden auch noch in die Haare und
Balailoff hat unter Protest das Sanatorium verlassen
Lukas meint wir hätten es von Anfang an falsch gemacht indem wir seiner
Neigung zum Trunk Vorschub leisteten Man hätte ihn ruhig dem Professor
überlassen und nur in nüchternem Zustande mit ihm verhandeln sollen Vielleicht
wäre dann so etwas wie ein Kontrakt zustande gekommen auf dem man jetzt fussen
könnte Baumann dagegen hält es für ein schweres Versäumnis dass er ihn nicht
analysiert hat Auf diesem Wege wäre es sicher möglich gewesen ihn von seinem
Heiratskomplex zu heilen und die ganze Geschichte mit dem schwarzen Idioten zu
vermeiden
Henry beteiligte sich nur wenig an diesen nützlichen und erbaulichen
Diskussionen Er ist nachdenklich aber durchaus nicht niedergebeugt durch den
neuen Fehlschlag »Vielleicht ist es besser so« sagte er mit voller
Überzeugung »man zersplittert sich so leicht wenn man zuviel um die Ohren
hat Ich müsste jetzt abwechselnd nach Südafrika Russland und Norwegen fahren wo
wir demnächst«
»Schon wieder ein neues Projekt« fragte Lukas entsetzt
»Bei dem sich in wenigen Jahren ein Bombengeld verdienen lässt aber darüber
reden wir ein anderes Mal«
»Ja bitte« murmelte Lukas mit schwacher Stimme
Nach all diesen Aufregungen sind wir etwas marode und es hat eine Art Sinn
bekommen dass wir in einer Nervenanstalt sind
Darüber wird es nun allmählich Herbst die Schauspieler sind fort es war
halt nur ein Sommerteater So sind auch die Feste im Separatflügel
eingeschlafen und wir stille Patienten geworden ein wenig abgespannt ein wenig
reizbar also gerade wie es sich gehört Der Professor behandelt uns wieder auf
unsere Nerven hin Baumann behandelt unsere Komplexe Henry und ich sind uns
längst klar darüber dass es völlig zwecklos ist denn der beiderseitige
Geldkomplex steigert sich seit Balailoffs Verschwinden bedenklich Wird mir hier
oben die Welt zu eng so flüchte ich zu ihm ins Bureau Er sitzt am
Schreibtisch rechnet rechnet macht Überschläge und murmelt Zahlen ich sehe
die Sanatoriumsrechnungen durch die immer mehr anwachsen und Lukas sitzt
resigniert dabei
»Keine Nachricht von Ihrem Herrn Gemahl«
»Gemahl nein ja doch er wird nächstens hier eintreffen« Ich bin zu
sehr in die Rechnungen vertieft und kann mich nicht gleich besinnen
»Sie sollten sich aber doch daran gewöhnen den betreffenden Herrn mit
seinem rechtmäßigen Titel zu bezeichnen Oder gedenken Sie ihn hier schlechtin
als Miterben einzuführen« »Keine Ahnung wie ich das machen soll Dass wir
verheiratet sind glaubt ja doch niemand Wir nennen uns Sie und ich weiß von
seinem Leben so wenig wie er von meinem Es möchte sich doch sonderbar
ausnehmen wenn wir uns bei jeder Gelegenheit erst gegenseitig darüber aufklären
müssen«
»Führen Sie ihn als Ihren Vetter ein«
Ich fand den Vorschlag ganz gut aber Henry war übler Laune und warf mir
vor ich wollte immer nur Films veranstalten und diese ganze Heirat sei schon
Film genug Sehr mit Unrecht denn was kann ich dafür Du weißt ja ungefähr wie
die Sache war Er wollte heiraten weil er fürchtete sonst enterbt zu werden
und setzte die Hälfte seines Erbes als Preis dafür aus Ich saß gerade in Paris
und wusste nicht recht was ich tun sollte als gemeinsame Bekannte mir den Fall
unterbreiteten und ziemlich hohe Ziffern dabei spielen ließ Lebhaft erinnere
ich mich wie man in einem kleinen MontmartreCafé saß und beriet soll sie es
tun soll sie es nicht tun Ich selbst wurde eigentlich kaum um meine
Ansicht gefragt Aber ich gab dann schriftlich mein Jawort und fuhr dorthin wo
mein zukünftiger Eheherr sich aufhielt Man hatte ihn mir als degenerierten
Baron geschildert und auch das lockte mich Aber er sah aus wie ein Seeräuber
in Zivil und seine Degenerierteit bestand nur darin dass er trank Die Familie
verhielt sich etwas skeptisch und wollte vor allem wissen ob ich Vermögen
hätte Nein aber später eines zu erwarten was ja im Falle unserer Heirat auch
der Wahrheit entsprach Alles Weitere entwickelte sich dann merkwürdig
günstig die unwahrscheinlichsten Umstände kamen mir zu Hilfe so dass ich kurze
Zeit hindurch selbst in den Augen seines Vaters eben des alten Herrn der
jetzt das Zeitliche gesegnet hat mit Glück die Rolle des guten Engels spielte
An diesen Glanzpunkt meiner Laufbahn denke ich immer noch mit Wehmut zurück und
muss mir selbst alle Anerkennung zubilligen denn weder andere noch ich hätten
das jemals für möglich gehalten Es dauerte denn auch nicht lange eben bis es
gar zu auffallend wurde dass wir keinen gemeinsamen Haushalt gründeten dass
unsere beiderseitigen Niederlassungen sich vielmehr an entgegengesetzten
Endpunkten des Inoder Auslandes befanden und falls es gelegentlich in Frage
kam keiner über den Aufenthalt oder die Schicksale des anderen auf dem
laufenden war Schließlich kam dann auch noch die Geschichte mit dem Kontrakt
auf
Das alles musste ich Lukas noch einmal eingehend schildern wie auch die
Persönlichkeit meines Gatten und Miterben Wir einigten uns dann dahin ihn doch
lieber in der Stadt wohnen zu lassen Der Professor hat sicher vorläufig genug
von Alkoholikern und soweit ich diesen kenne ist er von ungemein aufrichtigem
Charakter und wäre nicht imstande den Wunsch nach einer Entziehungs oder
anderen Kur auch nur vorzutäuschen
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Habe ich wirklich einen ganzen Monat nicht geschrieben Was soll ich denn auch
schreiben immer wieder dasselbe es ist noch nicht da ich warte
Tröste Dich damit dass ich meine sämtlichen Korrespondenzen schon lange so
gut wie abgebrochen habe Niemand wusste mehr den Ton anzuschlagen den ich
vertragen konnte Die einen wollten mich mit dieser Erbschaft die niemals
kommt aufziehen und schienen zu meinen dass das Ganze nur ein Witz sei Andere
gratulierten mir zu dem unverdienten Glück das mir so mühelos in den Schoss
gefallen wäre Wenn ich nur das nicht mehr hören soll Es begreift wohl niemand
was für eine ungeheuerliche Leistung dieses Warten bedeutet und niemand hat
auch nur eine Ahnung was für Leiden ein Geldkomplex mit sich bringt
Seit etwa zwei Wochen beginnt es allmählich zu tagen Es hat wenigstens den
Anschein ich will mich lieber noch vorsichtig ausdrücken
Der Miterbe ist wohlbehalten hier eingetroffen ich betone das
wohlbehalten denn wie leicht hätte ihm bei der langen Reise etwas zustossen
können Bei den verschiedenen Zwangsvorstellungen die mich plagen kam es mir
äußerst wahrscheinlich vor
Er hat mir nun weitläufig erklärt was alles noch geschehen müsse bis es an
die hiesige Bank überwiesen wird Die erste Frau hat sich mit einer mäßigen
Summe abfinden lassen und die Beschlagnahme zurückgezogen Im übrigen war er
anfangs etwas verstimmt gegen mich Es scheint aus hinterlassenen Briefen
hervorzugehen dass er auch ohne Heirat hätte Universalerbe werden können und
ohne den verhängnisvollen Kontrakt jedenfalls nicht wäre gepflichtteilt worden
Er fühlt sich nachträglich wieder solidarisch mit dem toten Vater und hätte
jetzt lieber mit ihm gegen mich intrigiert wie er vorher mit mir gegen ihn
intrigierte Wenigstens glaubt Baumann seine Gefühle für mich in dieser Richtung
auslegen zu dürfen
Natürlich ist es aber jetzt zu spät und in Anbetracht dessen entwickelt
sich eine durchaus friedliche Beziehung zwischen uns Ich finde ihn sogar in
seiner ganzen Art ganz sympathisch ein wenig Balailoff der Zweite nur wirkt er
noch russischer obwohl er kein Russe ist und nur die Stammgüter seiner Familie
in Finnland liegen Balailoff war nur spleenig und trank ohne dass es ihm oder
anderen Freude schuf Dieser trinkt auch aber seine Räusche sind produktiver
und er weiß sie glückhafter auszugestalten
Er wohnt im Hotel drunten am Marktplatz hat da die Ankunft des
Pflichtteils jetzt auch dem Laien außer Frage steht unbeschränkten Kredit hält
sich ein Mietauto mit dem er den ganzen Tag herumsaust und lässt abends eine
italienische Musikbande kommen die ihm bis nach Mitternacht vorspielen muss
Ferner kauft er sich alle möglichen Schiessgewehre er braucht die nicht denn
er ist kein Jäger aber sie machen ihm Vergnügen ebenso wie seine Tiere drei
Bernhardiner und ein Wolfshund Tagelang ist er mit dem Auto unterwegs gewesen
bis er diese Meute zusammengebracht hat Die Bernhardiner sitzen oder liegen
dekorativ vor dem Hotel herum und verursachten anfangs Volksaufläufe da man
hier noch nie dergleichen Tiere gesehen hatte Der Wolfshund dagegen zeichnet
sich durch unbändiges Temperament aus und richtet allnächtlich ein Hotelzimmer
zugrunde er zerreißt die Betten beißt die elektrischen Drähte ab und
ähnliches Aber mein rauer Gatte lacht sich vor Vergnügen halbtot wenn man ihm
die Rechnung dafür präsentiert und fordert alle auf das Benehmen dieses
Teufelskerls zu bewundern Um ihn nicht zu kränken stimme ich aus vollem Herzen
bei solange er ihn nicht ins Sanatorium bringt Der Hotelbesitzer ist
ebenfalls Feuer und Flamme für das Tier wie für seinen Herrn weil er auf diese
Weise sämtliche Zimmer neu hergerichtet bekommt Man weiß natürlich in der
Stadt dass wir verheiratet sind und dass große finanzielle Ereignisse uns
umwittern Da hier sonst wenig Sensationelles passiert sind wir mytische
Persönlichkeiten und ungeheuer populär Allzu oft lasse ich mich zwar nicht
blicken aber es kommt doch manchmal vor dass ich an der Seite meines Gemahls
mich dem erstaunten Volk zeige
Mit den anderen habe ich ihn nicht erst bekannt gemacht er passt nicht zu
ihnen und ist ausgesprochen menschenscheu Er ist überhaupt sehr merkwürdig und
spricht wenig Was andere sagen pflegt er zu überhören und reagiert nur selten
darauf Will ich also etwas von ihm wissen er zitiert mich manchmal zu einer
wichtigen Besprechung so heißt es ruhig dasitzen und abwarten bis er davon
anfängt Er lässt Wein bringen die Musikanten warten immer schon an der nächsten
Straßenecke bis man sie herbeiwinkt Dann stehen sie auf der Piazza vor dem
Hotel und spielen er wirft ihnen Geld zu und lässt ihnen zu trinken geben Ich
spende ihnen hier und da ein huldvolles Lächeln und warte darauf dass er mit der
Besprechung beginnen wird Irgendwann kommt denn auch der Moment wo er sich
daran erinnert und mit der Hand unter seine Lederjacke fährt er hat einen
merkwürdigen Kleidungskomplex denn ich habe ihn noch nie in einem anderen
Kostüm gesehen als Schaftstiefel Kniehosen und lederne Jacke er sucht eine
Zeitlang fördert ein arg zerknittertes Schreiben oder Aktenstück zutage und
teilt mir das Wissenswerte daraus mit Das Wissenswerte ist immer nur eine neue
Verzögerung oder Schwierigkeit
Ich äußere meine Besorgnis dass immer noch und immer noch Er hört kaum
darauf hin und sagt mit gewaltiger Stimme
»Ich verstehe den Krempel ja auch nicht ich verstehe überhaupt nichts von
Geldgeschichten aber seien Sie nur ruhig gnädige Frau es wird schon alles
gut werden«
Dann vertieft er sich wieder in die Vorzüge seiner Hunde fragt mich ob die
Leute gut spielen zeigt mir einen neuen Revolver den er für besser hält als
den vorigen trinkt ein Glas nach dem anderen und man hat den Eindruck als ob
er sich recht glücklich fühle
Selten selten gelingt es mir ihn etwas redseliger zu machen ich bin
jetzt auch selbst so konstelliert meine Gedanken kreisen wieder einmal wie in
einem monotonen betäubenden Wirbel immer um dasselbe wann kommt das Geld So
ist dieser Mann zweifellos die gegebene Gesellschaft für mich
Aber wie gesagt es kommt auch vor dass er ein wenig mehr auftaut Fragmente
von sich selbst erzählt oder fragmentarische Ansichten über Menschen und Dinge
äußert
Die über Menschen sind kurz und bündig Von Männern lässt er nur den Typus
Teufelskerl gelten der ungeheuer trinken spielen oder sonst etwas kann Die
anderen interessieren ihn nicht Findet er einen solchen so bewundert und
protegiert er ihn stopft ihm die Taschen voll Geld sofern er selber welches
hat usw Er selbst ist in seiner Jugend von der Schule durchgebrannt um Matrose
zu werden und späterhin jahrelang Goldgräber gewesen Sobald das Pflichtteil da
ist will er in den Ural gehen und wieder graben Aber vor allem müsse man dazu
Geld in der Tasche haben sonst käme nichts dabei heraus
Ob ich ihn nicht doch mit Henry bekannt mache Und in dieser Umgebung
unter Matrosen und Goldgräbern habe er Teufelskerle kennengelernt Ob er sich
selbst als vollgültigen Teufelskerl ansieht ist mir nicht ganz klar jedenfalls
ist es sein heimlicher Ehrgeiz und er ist vielleicht nur zu bescheiden sich
den Titel beizulegen
Die Frauen verachtet er ziemlich gründlich zum Teil ist wohl seine erste
Ehe daran schuld Denn als ich einmal flüchtig jene Frau erwähnte gab es eine
lange Pause Mindestens dreiviertel Stunden trank er schweigend weiter und sagte
dann plötzlich voll ingrimmiger Überzeugung »Die Weiber sind alle Halunken«
Ich hatte längst vergessen wovon die Rede war und sah ihn wohl etwas
erstaunt an denn er setzte milder hinzu »Nein Sie meine ich nicht gnädige
Frau«
Damit war die Konversation für diesen Tag beendigt Ich glaube es war eines
der größten Komplimente die mir jemals gemacht wurden und weiß es auch
vollkommen zu würdigen wie überhaupt diese Flitterwochen nicht ohne Stimmung
sind Meine Bekannten im Sanatorium haben ihre Freude daran und kommen manchmal
zur Stadt um sich die Sache aus der Ferne anzusehen Nur der Professor glaubt
immer noch nicht dass ich mit diesem Mann der soviel von sich reden macht und
anscheinend über beträchtliche Mittel verfügt verheiratet bin Sonst hätte er
ihm als meinem Arzt doch längst einen Besuch gemacht und könnte ebenso gut meine
Rechnung zahlen wie Auto fahren und sich eine Meute halten Diese und andere
gehässige Bemerkungen sind mir von einer Patientin hinterbracht worden und geben
mir wieder einmal zu denken Herr wie lange noch
Ich mag auch keine Briefe mehr abschicken wahrscheinlich ist das eine Art
Neurose Henry hat etwas Ähnliches er kann sich nicht entschließen Briefe
aufzumachen weil er die Zwangsvorstellung hat es möchte etwas Unangenehmes
darin stehen Es ist momentan wirtschaftliche Krisis bei ihm er wartet auf eine
wichtige Nachricht die alles mit einem Schlage ändern soll und ehe die nicht
da ist rührt er kein Schriftstück mehr an Auf seinem Schreibtisch ist ein
Extrafach wo die uneröffneten Korrespondenzen hineinkommen Es sind Briefe aus
allen Weltgegenden darunter auch eingeschriebene und Eilbriefe Manchmal
vergisst er es und schimpft dass man von dieser oder jener Sache gar nichts mehr
hört
»Aber es ist seit drei Wochen ein eingeschriebener Brief da mach ihn doch
endlich auf«
» Nein das kann ich nicht«
Hier und da sitzen wir vor diesen Briefen betrachten sie und malen uns aus
was wohl darin stehen mag Soll man sie öffnen Soll man sie liegenlassen Und
wie lange Sollen wir den Moment bestimmen oder abwarten bis er sich von selbst
ergibt Ich glaube wir sind im Grunde überzeugt dass sie durch das Lagern
besser werden und dass Nachrichten die bei voreiligem Öffnen noch ungünstig
lauten würden sich vielleicht mit der Zeit in eine gute verwandeln Das wagt
aber natürlich keiner dem anderen einzugestehen
Drei sind da von Gottfried und die lasten uns beiden auf dem Gemüt Wir
wollen sie aufmachen sobald es da ist Eher können wir ihm doch nicht helfen
und es würde uns nur unnötig das Herz zerreißen zu wissen dass es ihm schlecht
geht
Früher war es immer Lukas der den Kopf schüttelte und Blicke gen Himmel
warf jetzt schüttelt auch Baumann Er hält uns allmählich für schwere Fälle
vor denen die Wissenschaft, wie er sich ausdrückt einstweilen haltmachen muss
Das heißt er hat es aufgegeben uns in dem gegenwärtigen Stadium weiter zu
behandeln und wir sind todfroh darüber Von Komplexen Analyse und vor allem
Geld darf nach stillschweigendem Einkommen überhaupt nicht mehr gesprochen
werden Seitdem herrscht eine präokkupierte Grabesstille an unserer Tafelrunde
und es gibt nichts mehr worüber wir uns unterhalten könnten
Soll ich nun abschicken oder nicht Warten bis nein ich bringe es nicht
mehr über die Lippen und nicht mehr aus der Feder dieses fürchterliche bis
und wenn ich darauf warte dauert es vielleicht noch länger
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Es ist da Maria das heißt noch nicht ganz aber so gut wie Letzten Mittwoch
fing es an
Der Miterbe war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden oder ließ sich
verleugnen Man brachte nur in Erfahrung dass er den ganzen Tag mit Auto und
Hunden unterwegs war in den verschiedensten Ortschaften der Umgegend
Teufelskerle um sich versammelte und bewirtete und abends bei seiner Rückkehr
nicht mehr vernehmungsfähig sei
Wir schlossen darauf mit gutem Grund dass das Pflichtteil nähergerückt oder
etwas Verhängnisvolles damit passiert sein müsse Denn er pflegt sowohl freudige
wie trübe Erregungen auf diese Weise auszuleben und man muss solche Zustände
vorübergehen lassen ehe man sich wieder ins Einvernehmen mit ihm setzt
Schließlich erschien er dann eines Morgens in eigener Person hier oben was
noch nie vorgekommen war Den Wolfshund hatte er an der Leine aber der riss sich
los rannte verschiedene Patienten fast über den Haufen und verursachte eine
Panik Der Professor kam aus seinem Sprechzimmer um zu sehen was da vorginge
Mein Gatte war außer sich vor Entzücken über das Temperament seines Hundes
drohte ihn zum Scherz mit dem Revolver und fragte ein Mal über das andere ob er
nicht ein Teufelskerl sei
Der Professor aber meinte wohl dass dieser Ehrentitel sich auf ihn beziehe
und hielt den Miterben für einen tobsüchtigen neuen Patienten den ich ihm
zuführen wollte Mit dem Professor gibt es eben immer Missverständnisse und ich
hatte viele Mühe ihm bei dem Höllenspektakel den Zusammenhang zwischen mir dem
Mann und dem Hund begreiflich zu machen Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll
immer mehr an ich glaube er war nahe daran selber einen Tobsuchtsanfall zu
bekommen was für das Sanatorium gewiss keine gute Reklame wäre
Als dieser Zwischenfall erledigt war kam das Geschäftliche an die Reihe
Der raue Gatte durchsuchte sämtliche Innentaschen seiner Lederjacke und
förderte schließlich ein imposantes Dokument zutage den Depositenschein der
finnischen Bank die uns das Pflichtteil abzuliefern hat Es besteht einstweilen
noch nicht in barem Geld sondern in Eisenbahnobligationen
Wir beratschlagten eine Weile gingen dann in die Stadt hinunter zur Bank
und gaben Auftrag die Papiere sofort telegraphisch zu verkaufen Dann machten
wir eine größere Spazierfahrt mit sämtlichen Hunden
Die anderen hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen und konnte ihnen erst
beim Abendessen Bericht erstatten Lukas legte Messer und Gabel hin als ich auf
unsere Aktion bei der Bank zu sprechen kam und vergaß alle Höflichkeit »Ja
haben Sie denn ganz den Verstand verloren Telegraphisch und en bloc verkaufen«
»Wir können wirklich nicht mehr warten« wendete ich kleinlaut ein
»Das muss wieder rückgängig gemacht werden Was sind es denn für Papiere«
Ich nannte sie ihm stolz darauf dass ich es wusste und mir keine Blöße zu geben
brauchte
Er jammerte dass es einen Stein erbarmen könnte und wir sind alle ganz
hingerissen vor Mitgefühl Man hätte die Obligationen herschicken sollen sie
deponieren nach und nach verkaufen und was weiß ich ich verstehe nichts von
solchen Sachen Wer von uns denn auf diese glorreiche Idee gekommen sei
»Alle beide wir haben uns überlegt wie es am schnellsten ginge«
»Anstatt erst irgendeinen vernünftigen Menschen um Rat zu fragen«
»Nein jetzt tun Sie mir Unrecht Ich habe mich durchaus sachverständig
benommen und den Bankdirektor gefragt ob es nicht besser sei vorläufig nur
einige von den Papieren zu verkaufen Aber er riet mir zu es gleich en bloc zu
machen«
Achselzucken Schweigen
»Ist das nicht der große Blonde den wir öfters im Café sahen und der immer
so unglücklich aussieht« fragte Henry
»Ja er ist entschieden Melancholiker Als ich erwähnte es eile weil ich
auf Reisen gehen wollte sagte er ganz ergriffen Gott wer doch auch reisen
könnte weit fort reisen Kommen Sie mit sagte ich um ihn etwas
aufzuheitern aber er hat nur traurig den Kopf geschüttelt«
»Nehmen Sie ihn nur mit« sagte Lukas mit schwacher Stimme »ein
melancholischer Bankdirektor ist gerade die rechte Gesellschaft für Sie«
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Vor meiner Abreise kam ich nicht mehr dazu Dir Nachricht zu geben und kann
auch heute nur kurz schreiben
Begreife ich weiß noch nicht recht wie mir ist Das Sanatorium ist
vergessen und versunken wie ein alberner Spuk War ich denn jemals in einem
Sanatorium Habe ich jemals durch Ewigkeiten hindurch auf Geld gewartet Hatte
ich wirklich einmal einen Geldkomplex den man mir weganalysieren wollte Und
ist er jetzt tatsächlich ganz fort
Das Maria ist eine große Frage die ich heute noch nicht zu beantworten
wage Mir scheint beinahe er hat sich nur verändert Denn seit es da ist dreht
sich alles was ich empfinde doch wieder ausschließlich um Geld wenn auch
diesmal in positivem Sinn aber es dreht sich Dreht sich um greifbar vorhandene
Banknoten Goldstücke Schecks Kreditbriefe Möglichkeiten Einkäufe und so
weiter
Es ist immer noch zu persönlich es erfüllt mich noch zu sehr ich muss
immerfort daran denken Zum erstenmal in meinem Leben habe ich eine Nacht nicht
schlafen können weil es wirklich da war
Baumann sagt aber ich habe noch verschiedenes nachzuholen
Am Tage nachdem der Depositenschein präsentiert wurde und wir der Bank
unsere Order erteilten haben wir denn auch Henrys Korrespondenz eröffnet Es
ergab sich daraus unter anderem dass Herr Alramseder definitiv unschädlich
gemacht worden ist, indem seine eigenen Kaffern ihn gelyncht haben ferner dass
Gottfried einsam und verzweifelt das Petroleumgebiet beaufsichtigt ohne jede
Nachricht von Balailoff und auf unser Einschreiten hofft und schließlich dass
Henry eine Geschäftsreise nach Spanien zu machen hat die sich mit einer
gemeinsamen Vergnügungsfahrt sehr gut verbinden ließe
Gottfried haben wir dann gleich telegraphisch ausgelöst und mitgenommen da
er sehr erholungsbedürftig war und Baumann hat sich angeschlossen weil wie er
behauptet die Weiterentwicklung unserer Komplexe ihn lebhaft interessiert
Der Miterbe ist dort geblieben sein Hotelwirt und er können sich nicht mehr
voneinander trennen
Übrigens war das Geld noch nicht wirklich angekommen als wir abfuhren aber
die Bank gab Vorschuss Wir hatten die Schiffsbilletts schon bestellt und wollten
nicht länger warten Dummerweise verfehlten wir das Schiff trotzdem da es jeder
Tradition zuwider fahrplanmässig abgefahren war und auf der Bahnlinie
GenuaMarseille wurde gestreikt man konnte auch damit nicht weiterkommen Das
Pflichtteil rebelliert also immer noch Wie oft hat man eine Reise unterlassen
weil man sie sich nicht leisten konnte Jetzt konnten wir uns einen Extrazug
nehmen aber die Bahnlinie streikte Kein Mensch wird mir einreden dass es
wirklich die Eisenbahner sind die ihre Arbeit niederlegen
Die anderen schlugen vor sich angenehm in Genua zu etablieren und
abzuwarten aber ich bin ausserstande noch auf irgend etwas zu warten und halte
es für besser die Dinge zu überlisten wenn sie einen schikanieren wollen So
haben wir uns da vorläufig kein anderes Schiff in der gewünschten Richtung
fuhr auf einem kleinen spanischen Frachtdampfer einquartiert und hoffen dass
wenigstens dieser irgendwann in See stechen wird Unterwegs kann man dann
vielleicht wieder wechseln oder in die Bahn steigen Es sollen noch zwanzig Kühe
eingeschifft werden und das hat seine Schwierigkeiten räumliche und
bureaukratische wir sind darüber noch nicht ganz im Bilde Einstweilen steht
nur soviel fest dass die Abfahrt spät abends oder in aller Herrgottsfrühe vor
sich gehen soll und der Steward riet uns dringend deshalb schon auf dem Schiff
zu wohnen Auf Passagiere die nicht zur Stelle seien könne man unmöglich
warten nachdem man schon so lange auf die Kühe gewartet habe
Die Kabinen wie das ganze übrige Fahrzeug sind nichts weniger als
komfortabel und man muss die ersehnten Luxusgefühle vorläufig noch verdrängen
wenigstens für die Nacht Bei Tag gehen wir natürlich an Land erholen uns
schlemmen und kaufen
Unausstehlich ist Baumann er will immer dabei sein analysiert jede Ausgabe
und die Art wie sie gemacht wird Ich möchte ihn ans Ende der Welt schicken
aber es geht nicht schließlich verdanke ich doch nur ihm dass ich so lange im
Sanatorium bleiben konnte
Ich habe viel zu tun Unter anderem muss Gottfried angezogen werden er sah
so aus dass wir uns selbst auf dem Schiff mit ihm genierten
Eben sind die Kühe angekommen sie werden jetzt verladen und abends fahren
wir ab Von unterwegs Weiteres
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Die anderen schimpfen wie wahnsinnig dass ich sie zu dieser Fahrt verlockt habe
Es hat gleich ein heilloser Sturm eingesetzt und sie liegen alle todkrank in
ihren Kabinen Der Steward der nicht an Passagiere gewöhnt ist rupft
seelenruhig Hühner anstatt sie zu bedienen
Ich selbst werde nie seekrank mir wird höchstens schlecht wenn aber die
Zeiten sind ja glücklich vorüber
Über das Deck soweit von einem solchen die Rede sein kann geht eine
Sturzsee nach der anderen. Bei der Kajütentreppe ist ein kleiner geschützter
Raum und da sitze ich auf einem Liegestuhl den man mit Stricken festgebunden
hat Ganz allein und dieses Alleinsein koste ich in vollen Zügen aus Es ist
als sei die ganze Welt versunken und nichts zurückgeblieben als Himmel Meer und
Geld
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Seit ich von unterwegs den letzten etwas flüchtigen und durchgerüttelten Gruß an
Dich abschickte ist mehr als eine Woche vergangen Wir sind immer noch an Bord
Durchschnittlich jeden anderen Tag legen wir in irgendeinem Hafennest an um zu
löschen oder weil die Kühe einen Ruhetag brauchen Diese Tiere können nämlich
an der Seekrankheit sterben und das Wetter ist andauernd stürmisch Ich habe
dem Kapitän verschiedentlich angeboten alle zwanzig zu kaufen und sie dann an
der nächsten Landungsstelle auszusetzen damit wir nun einmal vom Fleck kommen
nicht meinetwegen denn von mir aus könnte die Reise ewig dauern aber die
anderen sind so ungeduldig Er wollte jedoch nicht darauf eingehen
Ob wir jemals ankommen oder am Ende noch mit dieser Baracke untergehen
Es ist ja klar dass das Geld mich immer noch foppen will Seit es mir nicht
mehr entrinnen kann kommt immer wieder eine Situation zustande die ein
intensives Ausgeben unmöglich macht Entweder war keine Zeit mehr wie in Genua
oder keine Gelegenheit wie jetzt Und ich habe doch so sehr das Gefühl es müsste
endlich einmal ein Exempel statuiert werden damit es mich als Herrin anerkennt
Die Taschen meiner Begleiter und meine eigenen ich habe einen Reisemantel mit
vielen und geräumigen Taschen platzen vor Geldscheinen und sie werden nicht
weniger es ist manchmal als ob sie mich höhnisch angrinsten »Gib uns doch
aus wenn du kannst«
Diese Art zu reisen ist hoffnungslos billig und wie schon erwähnt ich kann
nicht einmal die Kühe kaufen weil der Kapitän so halsstarrig ist
Wir haben alles versucht um einen protzigen Ton einzuführen es gelingt nur
halb Zu Tisch machen wir Toilette die Herren im Smoking aber das kostet
nichts und ist einigermaßen deplaciert Die Leute halten uns für mehr als
übergeschnappt schon weil wir überhaupt mit ihnen gefahren sind Sie haben
sonst nie Passagiere erster Klasse und es ist ihnen nur lästig weil sie lieber
Essvorräte in den Kabinen aufbewahren Das Leben ist doch verdreht kaum ist man
aus dem Sanatorium heraus so halten einen alle für verrückt
dabei müssen wir uns dem Bordkomment fügen um zehn Uhr früh zu Mittag
essen und um fünf zu Abend Extramahlzeiten werden nicht serviert Es geht uns
also ähnlich wie dem hungernden Araber der einen Sack Perlen in der Wüste
fand Der beklagenswerte Gottfried hat zum Beispiel immer noch keinen Mantel
weil sich damals in der Eile nichts Passendes fand und muss elend frieren oder
sich an Deck in eine Wolldecke einwickeln
Nach dem Souper telegraphieren wir Der Funkapparat ist der einzige
Luxusgegenstand auf unserem Dampfer
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Monte Karlo
Zwei Briefe von Dir habe ich hier bekommen sei nicht böse dass ich nicht
schrieb aber ich denke Du wirst wenigstens einige Funktelegramme erhalten
haben
Wir sind nicht wie zu erwarten stand mit Mann und Maus untergegangen
sondern tatsächlich eines Tages in Barcelona angekommen und die Kühe wurden
noch in unserer Gegenwart gelöscht Das ganze Schiff und wir mit interessierte
sich zuletzt ausschließlich für ihr Befinden so dass es fast zu einem neuen
Komplex wurde
Dann aber haben wir alle weiteren Reisegedanken buchstäblich über Bord
geworfen in Barcelona nur gefrühstückt und sind mit dem nächsten Zug nach Monte
gefahren Es war wie eine plötzliche Erleuchtung dass wir dahin müssten Und die
Fahrt ging ohne jeden Zwischenfall vor sich Nichts streikte kein Zug
entgleiste kein Hotel ging in Flammen auf
Hier bin ich vollkommen und wunschlos glücklich Maria mir ist als hätte
ich die Heimat gefunden und alles was dazugehört Man wohnt nicht man ist im
Hotel und am Spieltisch gibt es keine Vergangenheit keine Zukunft und keine
Gegenwart mehr keine Spannungen und keine Gedanken Denn ich muss bemerken das
Jeu hat für mich nichts Aufregendes es wirkt im Gegenteil beruhigend man sieht
nur Geld hört nur Geld fühlt nur Geld und das ist gerade das was mir nottat
Einmal gehört es mir einmal nicht es rollt fort schiebt sich wieder vor mich
hin es muss sich passiv verhalten kann sich keine eigenen Launen mehr leisten
sondern muss sich denen des Roulette fügen Und ich tyrannisiere es denn ob ich
spiele und wie hoch oder wieder aufhöre steht in meiner Macht
Übrigens spielen nur Henry und ich Gottfried darf nicht ins Kasino weil er
noch nicht mündig ist und Baumann geht von Tisch zu Tisch und sammelt Material
um eine Abhandlung über Geldkomplexe zu schreiben Meiner behauptet er sei
jetzt erst auf dem Höhepunkt angelangt Aber das interessiert mich nicht mehr
Morgen schreibe ich weiter ich habe vor einen Tag auszusetzen Die anderen
wollen einen Ausflug machen und um des lieben Friedens willen gehe ich mit
Wozu eigentlich Landschaft und dergleichen gibt es überall Ich will hier nur
Geldluft atmen
Und dann muss ich mich endlich einmal um Gottfrieds Paletot kümmern er
behauptet allein könne er solche Einkäufe nicht machen Man hat ihn neulich
schon für einen Selbstmörder gehalten weil er frierend in den Anlagen
herumschlich
Vorige Woche haben wir enorm gewonnen aber die letzten Tage ebenso arg
wieder verloren und ich habe sicherheitshalber an den melancholischen
Bankdirektor telegraphiert Er muss mir jetzt auch endlich die Abrechnung über
die eingetroffenen Gelder schicken
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Das war vorgestern Unser Ausflug verlief sehr nett aber der Mantelkauf wurde
darüber wieder versäumt Dieser Mantel geht mir allmählich auf die Nerven Hätte
man doch lieber den ganzen Gottfried zu Hause gelassen
Heute früh nun saßen wir arglos beim Frühstück und waren gerade besonders
aufgelegt mit neuen Kräften weiterzuspielen Für Henry war ein ganzer Haufen
Briefe angekommen Er wollte sie unbesehen in die Tasche schieben aber ich
beredete ihn törichterweise sie aufzumachen Gleich der erste enthielt eine
lästige Nachricht nämlich dass die Terraingeschichte wackelt Der Professor hat
sein Kapital herausgezogen Mir fiel dabei aufs Herz dass ich ihm meine Rechnung
immer noch nicht gezahlt habe und er sich vielleicht dafür rächen will Ich
fühlte mich damals einfach unfähig gleich wieder Rechnungen zu zahlen und mich
mit Gläubigern zu beschäftigen
Henry sah sorgenvoll aus und wollte von den anderen Briefen nichts mehr
wissen Es war aber einer von Lukas dabei und ich bat ihn wenigstens den noch
zu lesen Er tat es und seine Miene verfinsterte sich noch mehr
»Was soll das nun wieder heißen Lukas bittet mich zu veranlassen dass du
sofort zurückkommst«
Wir ergingen uns in Vermutungen was es bedeuten könne Ist es am Ende
wirklich ein Racheakt des Professors wegen der unbezahlten Rechnung Lukas
erwähnt auch die Terraingeschichte und scheint ganz aus dem Häuschen Hat er
vielleicht in unserer Abwesenheit auf eigene Hand angefangen zu spekulieren und
kann ohne uns nicht damit fertig werden Will er uns nur aus liebevoller
Fürsorge aus der Spielhölle fortlocken Oder aber hat der Miterbe Unheil
angerichtet etwa die Stadt in Brand gesteckt
In keinem von diesen Fällen leuchtet mir ein weshalb meine persönliche
Betätigung nötig sein sollte Gerade jetzt hier abbrechen wo die Beziehung
zwischen dem Pflichtteil und mir anfängt sich zu einer wahrhaft herzlichen zu
gestalten Es benahm sich schon manchmal als ob es mich wirklich gern hätte und
bei mir bleiben wollte denn es kam immer wieder wenn wir auch noch so
leichtsinnig setzten Nur gerade die allerletzten Tage
Schmerzlich genug dass Henry abfahren will ich bleibe hier Mögen die
Terrains wackeln der Miterbe alles auf den Kopf stellen der Professor mit
Geld lässt sich ja alles wieder arrangieren zum Beispiel indem man seine
Rechnungen zahlt die Terrainsache stützt usw
PS Henry ist abgefahren und depeschiert wie ein Wahnsinniger ich möchte
sofort nachkommen Schreib also wieder an die alte Adresse Nervenheilanstalt
und so weiter Ich hätte wahrhaftig nicht gedacht dass ich sie noch einmal
wiedersehen würde
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Ja Maria wie soll ich Dir das erzählen damit du es nicht für einen dummen
Witz hältst Eigentlich ist es auch einer aber das Schicksal hat ihn gemacht
nicht ich Höre nur
Die Bank hat falliert ausgerechnet unsere Bank
Wir hatten uns ja alles mögliche ausgemalt was geschehen sein könnte aber
auf diesen phantastischen Gedanken war keiner von uns gekommen
Jetzt verstehen wir auch weshalb der Direktor so melancholisch war und
gerne reisen wollte dass er keine weiteren Summen und keine Abrechnung schickte
und das Geld sich während der Reise manchmal noch ironisch benahm Es hat
natürlich alles vorausgewusst
Wie ich diesem Ereignis gegenüberstehe wirst Du fragen
Aber das weiß ich selbst noch nicht recht Es hat mich wohl überrascht und
ich wollte lieber es wäre nicht geschehen Ich habe vorläufig gar keine Lust
darüber nachzudenken Es wirkte gerade in diesem Moment so absolut
kinematographisch und Du weißt ja wenn das Leben filmt ist man immer noch
ganz lustig Wir sind auch einstweilen noch so von der Finanzstimmung in Monte
erfüllt dass sich selbst über die ersten dunklen Stunden ein festlicher Schimmer
legte
Lukas empfing mich natürlich mit tragischer Miene und einigen vorwurfsvollen
Bemerkungen über unseren letzten Aufenthalt Es stört ihn dass wir dort jeuten
und jubilierten während hier die letzte Chance einer sicheren Zukunft in die
Brüche ging Und der alte Zank beginnt von neuem
»Es hätte ja doch nicht gereicht«
»Es hätte gereicht wenn Sie eine Leibrente«
»Nein wenn du sofort Goldshares« unterbricht Henry
»Ja natürlich und Sie dem Herrn Alramseder«
»Ist nicht mehr nötig denn Alramseder hat ausgejobbert« bemerkt Henry
feierlich und endlich kann ich wieder zu Wort kommen um einen vernichtenden
Trumpf auszuspielen
»Hätten Sie Lukas nur telegraphiert anstatt einen Brief zu schreiben aus
dem niemand klug werden konnte so wäre der ganze Schaden überhaupt wieder
gutgemacht Es ist einzig und allein Ihre Schuld dass ich heute wieder ohne
wirtschaftliche Basis dastehe«
»Stimmt« sagt Henry und Lukas ist einen Augenblick sprachlos
»Meine Schuld«
»Allerdings denn drei Tage vorher hatten wir schwindelhafte Summen gewonnen
und hätten wir damals aufgehört«
»Oder wären dageblieben um weiterzuspielen« ergänzt Henry und Lukas
erklärt auf das bestimmteste er würde morgen abfahren es sei ihm unmöglich
noch länger unter einem Dach mit uns zu bleiben und mit anzuhören was wir alles
getan hätten Baumann dagegen gedenkt geradezu analytische Orgien zu feiern
Dann habe ich den Miterben aufgesucht Er saß mit einer Flasche Rotwein vor
dem Hotel äußerte keinerlei Überraschung mich hier zu sehen und blickte
ziemlich verstört drein Nachdem wir eine volle halbe Stunde schweigend
dagesessen hatten erzählte er mir dass sein Wolfshund vorgestern plötzlich
gestorben sei Er mutmasst nun man habe das Tier vergiftet und hat eine
bedeutende Summe als Preis für die Auffindung des Täters deponiert sämtliche
verfügbare Polizisten sind schon eifrig an der Arbeit
Dann kam sein Auto er ließ den toten Hund hineinlegen und fuhr ab um in
der nächsten Stadt das Tier sezieren und die Todesursache feststellen zu lassen
Der Hotelbesitzer kam heraus und schüttelte mir ergriffen die Hand Er soll der
einzige hier im Städtchen sein der durch den Bankkrach nicht ruiniert ist und
erzählte mir es habe sich herausgestellt der verendete Hund sei überhaupt kein
Hund sondern ein zahmer Wolf gewesen den irgendein Teufelskerl aus einer
Menagerie gestohlen und meinem Herrn Gemahl verkauft habe
Ob diese Geschichte wahr ist oder ob sie zu den pittoresken Myten gehört
mit denen man uns hier umgibt möchte ich dahingestellt sein lassen Ich muss
sagen dass mich nichts mehr in Erstaunen zu setzen vermag
Gegen Abend des nächsten Tages kam der Gemahl zurück und war etwas
enttäuscht denn die tierärztlichen Autoritäten haben festgestellt der Hund sei
eines natürlichen Todes gestorben Somit hat man die Verfolgung des Mörders
wieder eingestellt und der Hotelbesitzer mag erleichtert aufgeatmet haben
Dann ist er zornerfüllt abgereist wohin weiß man nicht Wir haben uns
wortkarg aber doch herzlich voneinander verabschiedet und Gott allein weiß ob
unsere Wege sich in diesem Leben noch einmal kreuzen oder ob wir uns scheiden
lassen
Er weiß vielleicht auch wie sich nun die Dinge weiter entwickeln werden
Ich selbst habe keine Ahnung
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Für deinen Brief und Deine Teilnahme herzlichsten Dank
Nur keine übertriebene Sorge ich befinde mich im ganzen recht wohl
Unser Dasein steht hier natürlich im Zeichen des Bankerotts und auch das
hat seinen Charme
Henry ist ebenfalls schwer betroffen denn seine Terraingesellschaft ist im
Zusammenhang mit der Bank vollständig aufgeflogen Er rechnet viel ist aber
voller Zuversicht dass sich gerade auf diesen Zusammenbruch hin ganz neue
Gründungsperspektiven eröffnen
Auf jeden Fall bleiben wir hier Wir fühlen uns allmählich immer mehr mit
diesem Ort verwachsen
Unter der Bevölkerung herrscht eine trübe und erregte Stimmung jeder Tag
bringt neue Hiobsposten von verkrachten Unternehmungen schurkischen
Aufsichtsräten die durchgebrannt sind oder sich noch rasch erschossen haben
ruinierten Aktionären und dergleichen mehr Man fraternisiert mit anderen
Mitverkrachten und ist beständig von Leuten umringt die über Hypotheken
Bodenwerte Aktien gestohlene Depositen sichere und unsichere Papiere reden
Die ganze Atmosphäre hat eine kapitalistische Note bekommen die ungemein
wohltuend ist Unsere Popularität ist ins Ungeheure gestiegen wir gelten zum
mindesten für Millionäre weil wir unsere Verluste mit Würde tragen und haben
schrankenlosen Kredit So lässt sichs ganz gut leben
Lukas ist nicht mehr da Und Baumann hofft immer noch mich einmal
weiteranalysieren zu können aber ich glaube es ist nicht mehr nötig Denn mein
Geldkomplex
Ich gehöre jetzt selbst zu den Gläubigern der verkrachten Bank natürlich
und das gibt dem Geld gegenüber einen ganz anderen Gesichtspunkt Wer weiß ob
es mich nicht doch noch respektieren lernt wie es eben nur Gläubiger
respektiert und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt wie es sich
verabschiedet hat
Leb wohl ich will mit Gottfried zum Schneider Es schadet meinem Ansehen
dass er immer und immer noch ohne Überzieher herumläuft Und um vier Uhr muss ich
zu einer Gläubigerversammlung